Horaz Horazens Satiren aus dem Lateinischen übersetzt und mit Einleitungen und erläuternden Anmerkungen versehen von C. M. Wieland Inhalt: Zueignungsschrift der ersten Ausgabe An den Leser   Erstes Buch: Erste Satire Zweite Satire Dritte Satire Vierte Satire Fünfte Satire Sechste Satire Siebente Satire Achte Satire Neunte Satire Zehnte Satire   Zweites Buch: Erste Satire Zweite Satire Dritte Satire Vierte Satire Fünfte Satire Sechste Satire Siebente Satire Achte Satire Zueignungsschrift der ersten Ausgabe Dem Durchlauchtig Hochgebornen Herrn, Herrn Wenzel Anton des H. R. R. Fürsten von Kauniz, Grafen zu Rietberg etc. etc. Ritter des goldnen Vlieses, und des Königl. St. Steph. Ordens Großkreuz, Sr. Römisch Kaiserl. und Königl. Apostol. Majestät Würklichem Geheimen Rate, Staats- und Konferenz-Minister, Haus- Hof- und Staatskanzler der auswärtigen Geschäfte, auch jener der Österr. Niederlande und der Lombardei, des Militarischen Marien-Theresien Ordens Kanzler, etc. etc.   Gnädigster Herr! Wenn ich der Welt gestehen darf, daß ein auffordernder Wink von Eu. Hochfürstl. Gnaden , den von mir übersetzten Briefen des Horaz auch dessen Satiren beizufügen, mich veranlaßte, die gegenwärtige Arbeit auszuführen: so wird sie es vielleicht eher für Pflicht als Zudringlichkeit ansehen, daß ich mich erkühne, Eu. Hochfürstl. Gnaden ein Werk zuzueignen, das nur durch das fremde Verdienst des ersten Urhebers der Ehre würdig sein kann, unter Höchstdero Namen und Schutze aufzutreten. Welcher Schriftsteller würde nicht seine schönste Belohnung in dem Gedanken finden, in Augenblicken der Erholung dem erhabenen Geiste zur Unterhaltung zu dienen, dem die immer angestrengte Sorge für das Glück und die Ruhe von Europa nur Augenblicke im Schoße der Musen auszuruhen übrig läßt. Dies war es, worauf einst Horaz stolz sein konnte, indem er den größten Teil der sinnreichen Gedichte, die man seine Satiren zu nennen pflegt, zur Unterhaltung jenes großen Staatsmannes aufsetzte, dem die damalige Welt die bewunderte Regierung Augusts, und die Nachwelt einen Virgil und Horaz zu danken hat. Unter allen den Männern von Talenten, die das goldne Jahrhundert der römischen Literatur verewiget haben, war Horaz der vorzügliche Liebling dieses edeln Beschützers der Musenkünste; und gewiß muß er dieses Vorzugs würdig gewesen sein, da ihm vor allen das schöne Los zu Teil wurde, in jedem großen Manne der folgenden Zeiten seinen Mäcenas wieder zu finden. Dieses Verdienst eines Geistes, dem achtzehn Jahrhunderte nichts von der Schönheit und Anmut rauben konnten, wodurch er die Edelsten seiner Zeit bezauberte, macht das Vergnügen begreiflich, das Eu. Hochfürstl. Gnaden an seinen Werken finden, und rechtfertigt den Wunsch, unsre Literatur durch eine Übersetzung bereichert zu sehen, worin die Liebhaber des Originals wenigstens die unverlierbarsten Schönheiten desselben wieder zu finden glauben könnten. Hätte der Einfluß des Gedankens, für wen ich arbeitete, hätte die Begierde ein mir so ehrenvolles Zutrauen nicht zu täuschen, den Mangel meiner Kräfte ersetzen können: so würde Horaz weniger verloren haben, und ich weniger schüchtern sein, diese unvollkommne Arbeit Eu. Hochfürstl. Gnaden zu Füßen zu legen. Doch es ist der großen Denkart eines Kauniz gemäß, auch die noch schwachen Versuche der vaterländischen Musen nicht abzuschrecken. Der Kenner und Schützer eines jeden Talents betrachtet in ihnen nicht sowohl was sie sind, als was sie werden können, und begünstiget zum voraus eine bessere Zeit, indem Er die Bestrebungen der gegenwärtigen mit nachsichtvollen Blicken aufmuntert. Die Muse der Geschichte ist die einzige, die sich des Rechtes anmaßen darf, Eu. Hochfürstl. Gnaden erhabenen Eigenschaften und Verdiensten ein würdiges und ewigdaurendes Denkmal zu setzen. Ihren übrigen Schwestern ist es Ehre genug, in den seltnen Augenblicken der Ruhe, zum Vergnügen des großen Staatsmannes, der für die Ruhe so vieler Völker wacht, etwas beizutragen: und möchte dieses geringe Werk nur so lange dauern können, um den Enkeln ein Zeichen der Dankbarkeit, womit sie den Wert dieser Ehre empfanden, und ein Opfer der tiefen ehrfurchtsvollen Verehrung zu sein, womit der Verfasser um Erlaubnis bittet sich nennen zu dürfen Eu. Hochfürstl. Gnaden untertänigst gehorsamsten Diener, Wieland . An den Leser Ich glaube voraussetzen zu können, daß das wenige, was sich von der Satire der Römer überhaupt, und von den Vorgängern des Horaz in diesem Fache ins besondere, mit Zuverlässigkeit sagen läßt, den meisten meiner Leser bereits aus dem zweiten Bande von Flögels Geschichte der komischen Literatur bekannt sei. Es würde also um so überflüssiger sein, was schon von andern gesagt worden, hier wieder zu sagen, da ohnehin die Satiren und Episteln des Horaz beinahe die einzige Quelle sind, woraus jene Kenntnisse geschöpft werden können. Was ich über den Charakter der Horazischen Satiren ins besondere zu sagen hatte, glaubte ich, mit besserm Nutzen des Lesers, in den Einleitungen, die jedem Stücke vorgesetzt sind, so wie sich die Veranlassung dazu anbot, beibringen zu können. Es bleibt mir also hier nichts übrig, als ein paar Worte über die Versart, in welcher ich diese Satiren, so wie ehmals die Briefe des Horaz, zu übersetzen versucht habe. Ich hatte zwei Ursachen, wovon jede für sich schon hinlänglich wäre, das Jambische Metrum dem Hexameter vorzuziehen. Die eine ist die gerechte Besorgnis, in einer Zeit von mehr als 25 Jahren die Kunst deutsche Hexameter zu machen ziemlich verlernt zu haben. Es ist mit den verschiedenen Versarten beinahe wie mit den musikalischen Instrumenten; wer eines derselben gut zu spielen weiß, muß sich täglich darauf üben; und selbst ein ausgemachter Virtuos (was ich in der Hexametrischen Kunst nie gewesen bin) würde es nicht mehr wagen, sich auf seinem Instrumente hören zu lassen, wenn er es viele Jahre lang ganz bei Seite gesetzt hätte. Wenn aber auch dieser Umstand nicht in Betrachtung käme, würde ich doch den freien Jambus bloß aus diesem Grunde vor dem Hexameter gewählt haben, weil der letzte künstlicher ist, und, wenn er anders wohl klingen soll, für die musam pedestrem des Horaz einen zu prächtigen Schritt in unsrer Sprache hat; da hingegen (wenigstens meinem Ohre nach) der freie Jambus geschickter scheint, dem Leser einen Begriff von der Leichtigkeit, Kunstlosigkeit und oft mit Fleiß gesuchten Nachlässigkeit des Horazischen Hexameters zu geben, und ungefähr dieselbe Wirkung auf deutsche Ohren, wie die Verse des Originals auf lateinische, zu machen. Ich sage mit Bedacht, der freie Jambus: eine Versart, worin ich zehen- und eilfsilbige Verse häufig mit zwölf- und dreizehnsilbigen (soviel möglich ohne Abschnitt nach der sechsten Silbe) vermische, und dadurch ein Silbenmaß erhalte, das der Prosa sehr nahe kommt, und, ohne so ungebunden zu sein wie das Metrum der lateinischen Komödienschreiber, doch frei genug ist, um sich beinahe jedem Gedankenschwunge, jeder Wendung des Ausdrucks, wie von selbst anzuschmiegen, und (wenn man anders die Kunst sie recht zu lesen versteht) dem Ohre, zu eben der Zeit, da es eine kunstlose Rede in dem gewöhnlichen Gange der Sprache des Umgangs zu hören glaubt, gleichwohl das kleine Vergnügen, das aus leiser und ununterbrochner Wahrnehmung des Rhythmus entsteht, in einem desto höhern Grade gewähret, je mehr Mannichfaltigkeit und Abwechselung dadurch in diese Art von Silbentanz gebracht wird. Man sieht hieraus, ohne weitere Erklärung, warum ich dieses freie Metrum dem regelmäßigen zehnsilbigen Jambus vorgezogen habe. Es würde aber, auch ohne diese Rücksicht, bloß aus dem einzigen Grunde schon geschehen sein, weil dieses Metrum mir für die Horazischen Satiren schon zu künstlich scheint, einen zu ernsten und zu feierlichen Schritt hat, und in der Tat dem freien Gange der Gedanken in einer Schreibart, die der Prose so nah als möglich kommen soll, noch weit hinderlicher ist als der Hexameter. Acht- und neunsilbige Verse habe ich mir nur wenn ich sie nicht zu vermeiden wußte, und daher sehr selten, – den Anapästischen Schritt aber (meines Wissens) niemals erlaubt, als wo er in den eilf- und dreizehnsilbigen Versen, durch Verbindung der übrigbleibenden Endsilbe mit dem ersten Jambus des folgenden Verses, von selbst entsteht. Selten, und in der Tat seltner als ich gewünscht hätte, ist (nach Miltons Beispiel) zu Anfang des Verses ein Trochäus statt des Jambus gebraucht worden; wodurch, im Fall der vorgehende Vers eine sogenannte weibliche Endung, d. i. eine kurze Endsilbe mehr hat als der fünf- und sechsfüßige Jambus, in dem zweiten Schritte des nächstfolgenden ein Anapäst entsteht; wie z. B. welches ich hier nur darum bemerke, damit man nicht für eine Härte halte, was mir, wenn es nicht zu häufig vorkommt, den Jamben eine größere Anmut zu geben scheint. Der Gedanke, den lateinischen Text zugleich mit der Übersetzung zu geben, wird hoffentlich bei dem größern Teile der Leser, denen die Vergleichung der Kopei mit dem Originale dadurch erleichtert wird, Beifall finden. Ich habe ihn durchgehends nach der Bentleyischen Ausgabe abdrucken lassen, bis auf wenige Stellen, wo mir die gemeine Lesart den fast immer scharfsinnigen, aber doch nicht immer glücklichen Verbesserungen dieses gelehrten Mannes vorzuziehen schien. Geschrieben zu Weimar, den 1sten Mai 1786.   Zur neuen Auflage Ich habe bei dieser Auflage nichts zu erinnern, als daß ich (um so mehr da sie wahrscheinlich von der letzten Hand ist) alle mir mögliche Aufmerksamkeit angewandt habe, meine Arbeit von allen, auch den unerheblichsten Unrichtigkeiten und Flecken, die ich in der ersten Ausgabe wahrnahm und für solche erkannte, zu reinigen. Jedoch habe ich nicht vergessen, daß wer ein Werk dieser Art nach achtzehn Jahren zu verbessern unternimmt, viel mehr Gefahr läuft zu viel als zu wenig zu tun, und also das weise manum de tabula nie vergessen darf. Weimar den 10ten Januar 1804. W. Der Horazischen Satiren Erstes Buch Erste Satire Einleitung Die herrschende Idee in diesem poetischen Diskurse, und das Resultat der Betrachtungen, die unser Dichter darin über die Inkonsequenz der Menschen in dem was ihre wichtigste Angelegenheit ist, anstellt, macht gewissermaßen den Inhalt seiner meisten Satiren und Briefe, und einiger seiner schönsten Oden aus. Es ist der Geist seiner Philosophie, der Mittelpunkt aller seiner moralischen Begriffe und Gesinnungen, der feste Grund seines eigenen Lebens, und das einzige, was unter allen Umständen und in allen Lagen, unter den Ungewißheiten der menschlichen Dinge, den Zweifeln der Vernunft, und den Unbeständigkeiten des Glückes, für ihn immer wahr und unveränderlich blieb. Es ist das goldene LAETUS SORTE TUA VIVES SAPIENTER das er seinem Arist zuruft Epist. 10. L. I. v. 44. ; es ist die freundschaftliche Ermahnung an den ehrlichen Bullatius , der die Krankheiten seines Gemütes durch Luftveränderung und Reisen zu heilen hoffte, – Nimm du jede frohe Stunde die Gott dir schenkt mit Dank an, und verliere nie das Gegenwärt'ge durch Entwürfe für ein künftiges Vergnügen, sondern richte so dich ein, daß, wo du immer lebst, du gern gelebt zu haben sagen könnest – Horaz. Briefe, T. I. 11. . Kurz, es ist der große Grundsatz der Philosophie des Sokratischen Aristipps: das was wir suchen ist immer in unsrer Gewalt, es ist hier oder nirgends . Horaz war so überzeugt von dieser Wahrheit, und von der ganzen praktischen Lebenstheorie, wovon sie das Prinzipium ist, daß er weder philosophieren noch satirisieren konnte, ohne davon auszugehen, oder dahin zurückzukommen. Es ist also in diesem moralischen Diskurse nicht um neue Wahrheiten, sondern um solche zu tun, die nicht oft genug gesagt werden können, und die man den Menschen, als die einzige Seelenarznei, die ihnen wirklich Gutes tun und ihre selbst gemachten Leiden lindern, ja, wenn sie es nicht selbst verhindern, von Grund aus heilen könnte, immer und unaufhörlich wieder in einer andern Gestalt und Zubereitung anbieten muß. Dieses letztere macht die Kunst des philosophischen Dichters aus, und eben in dieser Kunst des Vortrags wird man an dem unsrigen in allen seinen Sermonen nicht einen desto größern Meister finden, je geschickter er sie unter dem Schein ungesuchter, zufällig entstandener Gedanken zu verbergen gewußt hat. Die fast allgemeine Epidemie der Römer seiner Zeit war die nämliche, woran wir heutzutage die vornehmsten Staaten in Europa krank liegen sehen, eine unmäßige Sucht sich zu bereichern . Rom hatte die Herrschaft der ganzen damaligen Welt an sich gerissen; und was jetzt Bengalen für die Engländer ist, war Europa, Asia und Afrika für die Römer . Ihre ungeheure Republik war noch unter zwei Oberhäupter, Cäsar Octavianus und Marcus Antonius , geteilt. Jedermann hing dem einen oder dem andern an. Leute von geringer Bedeutung hatten auf diesem Wege ein unermeßliches Glück gemacht; tausend andere waren dadurch angereizt worden, es gleichfalls zu versuchen; niemand wollte zurückbleiben, jeder den Voreilenden den Rang ablaufen und den ersten so nahe kommen als möglich. Diese Wut, womit die obersten Klassen angesteckt waren, drang, wie natürlich, gar bald auch zu den untersten ein; und so verlor sich in kurzer Zeit der edle alte Nationalcharakter der Römer in dieser unersättlichen Habsucht, welche Horaz in allen seinen Werken bald mit dem zürnenden Eifer eines Archilochus angreift, bald im lachenden Tone der attischen Komödie bespottet, bald mit Sokratischer Kaltblütigkeit ihrer Torheit und Inkonsequenz zu überweisen sucht. Dies letztere ist es, was in gegenwärtigem Diskurse seine Hauptabsicht zu sein scheint: wo die Frage, »warum so wenige mit dem, was sie sind und was sie haben, zufrieden, und also diejenigen so selten sind, die, wenn die Zeit zum Abscheiden kommt,                         – – wohl gelebt zu haben versichern, und, vergnügt mit ihrem Anteil von Leben, wie ein Gast von einem Mahle, gesättigt aufstehn –« nicht sowohl das Problem , welches er auflösen will, als der Faden ist, an welchem seine Gedanken über diesen Gegenstand fortlaufen . Denn einen eigentlich künstlichen Plan und eine dialektische Genauigkeit im Zusammenhange des ganzen Räsonnements muß man hier nicht suchen. Der Gang seiner Gedanken ist auch hier, wie beinahe in allen seinen Werken, einem Spaziergang ähnlich, wo man sein Vergnügen daran findet kleine Umwege zu nehmen; wo man sich von jedem Gegenstande, der unsre Aufmerksamkeit erregt, aufhalten läßt, und am Ende entweder da, wo man hin wollte, angelangt, oder wieder dahin zurückgekommen ist, wo man ausgegangen war. Daß aber gleichwohl ein feinerer Zusammenhang in dieser Satire zu finden sei, als einige Ausleger gesehen haben, wird die folgende kurze Analyse beweisen. »Die meisten Menschen, sagt Horaz, sind mit ihrem Stand und Glück übel zufrieden, und preisen andere glücklicher, mit welchen sie doch, wenn es Ernst gälte, nicht tauschen würden. Erste Inkonsequenz! aber weder die einzige noch die größte, die man in dem Bestreben nach Glückseligkeit begeht. Hier ist eine noch größere. Alle diese Leute, die sichs so sauer werden lassen, nach einem Glücke zu jagen das immer vor ihnen flieht, machen einen Zustand der Ruhe und des Genusses zu ihrem Ziel; alle setzen sich vor, des Lebens noch einst froh zu werden: aber wir müssen doch, sagen sie, erst dafür sorgen Brot zu haben : oder sollten wir uns von der Ameise an Vorsicht beschämen lassen? Unter dieser, Vorwand häufen sie unermüdet Vorrat auf Vorrat, und finden endlich so großes Vergnügen am Aufhäufen, daß sie des Beispiels der Ameise, und des Endzwecks warum sie sammeln wollten, ganz vergessen, und, aus Furcht ihren Haufen kleiner zu machen, kaum das Herz haben sich satt zu essen. Zudem mischt sich noch Eitelkeit, Neid und Eifersucht ins Spiel: man will nicht weniger haben als andre, und beneidet jeden der mehr hat. Man kann also nie aufhören zu sammeln, man versagt sich allen Genuß des Lebens, man wird von den grämlichsten Leidenschaften verzehrt, man hat selbst keine fröhliche Stunde und macht andern keine, verliert alle Zuneigung der Seinigen, alle Achtung der Welt, und geht endlich, oft noch gar durch die unrechte Tür, wieder aus dem Leben hinaus, ohne sich selbst sagen zu können, ich habe gelebt.« – Dies ist die Gedankenfolge in diesem Stücke, etliche kleine Abschweifungen abgerechnet, worunter die beträchtlichste der Dialog mit dem Geizigen ist, den der Dichter in der Äsopischen Manier seiner Torheit zu überführen sucht; eine Digression, die so nah am Wege liegt und dem Hauptzwecke so wenig im Lichte steht, daß sie diesen Namen kaum verdient. Der herrschende Ton in diesem Diskurs ist mehr ernsthaft als komisch, und demjenigen völlig gleich, der in den Episteln an Scäva, Lollius , u. a. herrschst. Doch zeigen sich überall Spuren der guten Laune , die unsern Dichter auszeichnet, und der Urbanität , die gleichsam seine eigene Grazie ist. Noch verdient vielleicht die Klugheit bemerkt zu werden, womit er für eine Satire, die einem Mäcenas zugeeignet werden sollte, einen Inhalt auswählte, wobei die Eigenliebe desselben nicht nur nicht ins Gedränge kam, sondern vielmehr ihre Rechnung fand. Mäcenas lebte, ungeachtet seiner Gunst bei Augustus, bis an seinen Tod im Privatstande, mit der angeerbten Würde eines römischen Ritters zufrieden; und niemand machte einen glänzendern Gebrauch von seinen großen Reichtümern als Mäcenas. Eine Satire auf die Unzufriedenheit der Menschen mit dem was sie sind, und auf den Geiz, wurde also, an ihn gerichtet, zu einem indirekten Lobe. Wenn man auch dies Schmeichelei nennen will, so muß man wenigstens gestehen, daß es eine sehr anständige und unschuldige Art zu schmeicheln ist, die dem Verstand unsers Dichters Ehre macht, ohne seinem Herzen Schande zu bringen. Von der eigentlichen Zeit, wann dieses Stück geschrieben worden, läßt sich nichts Gewisses sagen. Daraus, daß es das erste in diesem Buch ist, folget nicht, daß es auch der erste Versuch unsers Dichters in dieser Gattung war. Vielleicht vertritt es bloß die Stelle einer Zueignungsschrift, und ist also eher das letzte in der Zeitfolge. Wenigstens läßt sich keine nähere Veranlassung darin entdecken. Woher, Mäcenas , mag es kommen, daß mit seinem selbsterwählten oder vom Geschick ihm zugeworfnen Lose niemand sich begnügt, und jeden, der auf einem andern Pfade das Glück verfolgt, für neidenswürdig hält? »Wie glücklich ist der Kaufmann!« ruft ein alter von vieler ausgestandner Not und Arbeit gebrochner Krieger aus; der Handelsmann hingegen, dessen Schiff in Stürmen treibt, preist den Soldatenstand – »Was ists denn auch? Man trifft zusammen, und in einem Stündchen ists entschieden, Siegeswonne, oder rascher Tod!« Der Advokat, wenn sein Klient beim Ruf des frühen Hahns ihn aus dem Schlafe pocht, lobt sich des Landmanns Leben, während dieser, wenn ein Termin zu ungelegner Zeit aus seiner Wirtschaft in die Stadt ihn zieht, die Städter für die einzigen Glücklichen     Qui fit, Maecenas, ut nemo, quam sibi sortem seu ratio dederit seu fors obiecerit, illa contentus vivat, laudet diversa sequentes? »O fortunati mercatores«, gravis annis \<5\> miles ait, multo iam fractus membra labore; contra mercator, navim iactantibus austris: »Militia est potior; quid enim? concurritur; horae momento cita mors venit aut victoria laeta.« Agricolam laudat iuris legumque peritus, \<10\> sub galli cantum consultor ubi ostia pulsat. Ille datis vadibus qui rure extractus in urbem est solos felices viventes clamat in urbe. auf Erden ausruft. Dies durch alle Klassen und Stände fortzuführen würde selbst den Schwätzer Fabius Wer dieser Fabius eigentlich gewesen sei, (wahrscheinlich, seines vornehmen Namens ungeachtet, ein Mensch von weniger Bedeutung) genug, daß aus dieser Stelle selbst erhellet, daß er ein großer Schwätzer war. Der namenlose alte Scholiast , der sein eigenes (verloren gegangenes) Buch von den Namen, die im Horaz vorkommen , so oft zitiert, will Nachricht haben, daß es einem gewissen Fabius aus Narbonne gegolten habe, der ein Anhänger vom Pompejus gewesen sei, einige Bücher über die Stoische Sekte geschrieben, und große Händel mit unserm Dichter gehabt habe. Das mag ihm glauben wer will, sagen wir mit Torrentius : aber die Vermutung des letztern, daß es der Fabius Maximus gewesen sei, von welchem Quintilian L. VI. 3. ein scherzhaftes Wort, so ihm über den August entfahren war, anführt, ist noch weit unwahrscheinlicher. Dieser Fabius Maximus war, ohne allen Zweifel, ein Anhänger und Freund des Augustus; und der Scherz: man sollte Präsente, welche Augustus seinen Freunden zu machen pflegte, nicht Congiaria , sondern Heminaria nennen Die Geschenke, welche bei besondern Gelegenheiten von den Kaisern dem römischen Volke oder auch der Armee gemacht wurden, hießen Congiaria , von Congius, einem römischen Maße, welches den achten Teil einer Amphora enthielt. Diese Congiaria bestunden teils in einer gewissen Portion Getreide, Fleisch, Öl u. dergl., teils in barem Gelde. Außerdem pflegte man auch die Geschenke, welche die damaligen großen Herren in Rom zuweilen an ihre sogenannten Freunde , oder vielmehr Höflinge und Klienten machten, Congiaria zu nennen. Augustus, der in seinen Spenden an das Volk sehr freigebig war, pflegte hingegen seine Freunde mit kleinen Geschenken abzufinden. Daher sagte Fabius im Scherz: man sollte sie statt Congiaria, Heminaria nennen. Denn Hemina (ebenfalls ein römisches Maß) war nur der zwölfte Teil des Congius . , war so unschuldig, daß ihn August selbst hören durfte. Wie sollte nun ein Horaz, um sich dadurch beim August einzuschmeicheln , einen von den vornehmsten Römern und einen Freund desselben wegen eines solchen unbedeutenden Scherzes öffentlich beschimpft haben? – Zudem müßte es, wenn es diesem Fabius hätte gelten sollen, dicacior , nicht loquacior heißen: Horaz aber zielt hier augenscheinlich auf einen Schwätzer , nicht auf einen unzeitigen Spötter. Ich habe mich bei dieser Kleinigkeit bloß darum aufgehalten, um an diesem Beispiele zu zeigen: wie selbst gelehrte Kommentatoren zuweilen mit dem guten Horaz umgehen, und was für Albernheiten ihm aufgebürdet werden, bloß um ihn, dem alten und (wie es scheint) nicht auszurottenden Vorurteile zu Gefallen, mit aller Gewalt zu einem niedrigen Schmeichler des Augusts zu machen. ermüden. Also, um dich nicht aufzuhalten, höre gleich wo ich hinaus will. Wenn ein Gott nun käm' und spräche: »Gut, ich will euch geben was ihr begehrt; du, Krieger, sollst ein Kaufmann, du, Rechtsgelehrter, sollst ein Bauer sein! Fort, tauschet eure Rollen! Nun? was zaudert ihr?« So würde keiner wollen. Und sie konnten doch so glücklich werden! – Wäre solches Volk nicht wert, daß Zeus mit beiden aufgebausten Backen sie grimmig ansäh' und sich rund erklärte, er wolle nicht so zahm mehr sein, die Ohren zu albernen Gebeten herzuleihen? Doch, – um nicht nach der Possenspieler Weise mein ganzes Stück in diesem Ton zu geben, (Wiewohl, wer wehret uns die Wahrheit lachend zu sagen? so wie milde Pädagogen die kleinen Zöglinge durch Honigplätzchen Cetera de genere hoc, adeo sunt multa, loquacem delassare valent Fabium. Ne te morer, audi \<15\> quo rem deducam. Si quis deus, »en ego«, dicat, »iam faciam quod vultis; eris tu, qui modo miles, mercator, tu, consultus modo, rusticus: hinc vos, vos hinc mutatis discedite partibus. Eia! Quid statis?« nolint. Atqui licet esse beatis! \<20\> Quid causae est, merito quin illis Iupiter ambas iratus buccas inflet, neque se fore posthac tam facilem dicat, votis ut praebeat aurem? Praeterea, – ne sic, ut qui iocularia, ridens percurram (quamquam ridentem dicere verum \<25\> quis vetat? ut pueris olim dant crustula blandi doctores, elementa velint ut discere prima) zum Abc verführen) – Laß uns jetzt von einer ernsten Sache ernsthaft sprechen Vermutlich zielt Horaz durch Iocularia auf die Art von Possenspielen , welche man damals Exoden hieß, und wovon die Intermezzi der Italiener mit ihren verschiedenen lustigen Personen oder Masken unstreitig die Überbleibsel sind. Da diese Possenspiele zuvor Satirae genennt wurden, und zu den Satiren des Lucilius die Veranlassung und den Namen gegeben haben, so ist leicht zu sehen, warum Horaz ihrer hier erwähnt; nämlich gleich im ersten seiner poetischen Sermonen oder Diskurse (die er wegen einiger Ähnlichkeit mit den Lucilischen Satiren unter diesem letzten Namen zu publizieren anfing) der Meinung zuvorzukommen, als ob es darin etwa bloß auf Spaß und Persiflage angesehen sei. Seine Erziehung und sein Aufenthalt in Athen hatte ihm für die Sokratische Manier zu philosophieren, welche Humanität und Urbanität so schön mit einander verbindet, einen so entschiedenen Geschmack gegeben, daß wir sie in allen seinen Sermonen, den Satiren und den Episteln, herrschen sehen. Da ihm alle feinen Kunstgriffe und Wendungen dieser Methode geläufig und gleichsam natürlich waren: so behält er sich zwar auch das Recht die Wahrheit lachend zu sagen vor – ridendo dicere verum quis vetat? – Aber er bestimmt sogleich den Gebrauch desselben durch den Zweck ; und diesen hätte er nicht feiner und richtiger angeben können, als durch das Gleichnis: ut pueris olim dant crustula blandi doctores . Das Verfahren der Pädagogen mit ihren kleinen Abcschützen, und des Äsopischen oder Sokratischen Sittenlehrers mit seinen Zuhörern oder Lesern, ist das nämliche, weil die Abneigung der letztern vor strafenden und bessernden Wahrheiten eben so groß ist, als die der erstern vor dem leidigen Abcbuch. Sie müssen also auf ähnliche Art, nämlich durch eine Art von süßer Lockspeise, jene zur Wahrheit, diese zum Abc gleichsam betrogen werden. Der moralische Dichter und der Pädagog verbergen beide ihre wahre Absicht: die kleinen Kinder meinen, es sei bloß um die Honigkuchen, die großen , es sei bloß um Spaß und Belustigung zu tun; ihnen ist es auch um nichts anders: aber, wenn der Dichter seinen Zweck nicht selbst vergißt, so erhält er ihn, quasi aliud agendo , so gut wie der Pädagog. Der Zuhörer erfährt lachend seine Wahrheiten, wird unvermerkt zum Nachdenken veranlaßt, und bessert sich – wenn anders noch etwas an ihm zu bessern ist. Dies ist das circum praecordia ludere , ( dem Leser ums Herz herum spielen ) welches Persius mit einem so glücklichen Ausdruck zu einem Hauptzug des Charakters unsers Dichters macht. .   Der Pflüger, der sichs sauer werden läßt sein Feld zu bau'n, der hinterlist'ge Krämer Ich habe caupo hier, mit Batteux , durch Krämer übersetzt, wiewohl es gewöhnlich einen Wirt bezeichnet. Daß das Wort aber auch jene Bedeutung habe, beweiset das davon abgeleitete cauponari , welches in einer von Cicero ( de Offic. I. I2 ) angeführten Stelle aus einem Trauerspiele des Ennius unleugbar die Bedeutung handeln, Krämerei treiben hat: non cauponantes bellum, sed belligerantes. , der Kriegsmann, und der Schiffer, den Gewinnsucht durch alle Meere jagt, versichern alle, sie unterziehen sich so vieler Plage bloß um einst, im Alter, ihres Lebens noch in Ruhe froh zu werden, wenn sie erst fürs Brot gesorgt: so wie die Ameis, (ihr gewöhnlich Beispiel) – ein so kleines Tierchen, und doch an Fleiß so groß! – in ihrem Munde herbeischleppt was sie kann und ihrem Haufen zuträgt, um auf die vorgefühlte Zukunft sich bei Zeiten zu versorgen. Gut! wenn aber aus seinem umgestürzten Kruge nun der Wassermann die traur'ge Jahrszeit schüttelt, kriecht sie nicht mehr heraus, und ist so weise mit dem Erworbnen gütlich sich zu tun Der Dichter fällt hier den Geizigen, die er redend einführte, auf einmal, ohne eine neue Periode anzufangen, in die Rede, um das Beispiel der Ameise, womit sie ihre Leidenschaft fürs Zusammenscharren und Aufhäufen so gerne beschönigen, gegen sie selbst anzuwenden, und zu ihrer Beschämung zu gebrauchen. : da dich hingegen weder Sonnenglut noch Winterfrost, noch Sturm noch Schwert und Feuer sed tamen amoto quaeramus seria ludo. Ille gravem duro terram qui vertit aratro, perfidus hic caupo, miles, nautaeque per omne \<30\> audaces mare qui currunt, hac mente laborem sese ferre, senes ut in otia tuta recedant, aiunt, cum sibi sint congesta cibaria: sicut parvula (nam exemplo est) magni formica laboris ore trahit quodcumque potest, atque addit acervo \<35\> quem struit, haud ignara ac non incauta futuri: quae, simul inversum contristat aquarius annum, non usquam prorepit, et illis utitur ante vom Wucher abzubringen je vermag, nichts dich erschreckt, wenn nur kein andrer reicher wird. Wozu der ungeheure Haufen Gold und Silber, wenn du furchtsam, wie gestohlnes Gut, ihn in die Erde scharrst? – Du sprichst: »Er müßte, wenn täglich was hinweggenommen würde, zum Pfenning endlich doch herunterschmelzen.« Doch, nimmst du nichts, was wäre denn noch Schönes an deinem Haufen? Hätten deine Tennen auch hundert tausend Scheffel ausgedroschen, dein Magen wird darum nicht mehr als meiner fassen: wie, unter einem Trupp von Sklaven, der den Brotsack trägt darum kein größer Stück empfängt. Und was verschlägt es dem, der innerhalb der Grenzen der Natur lebt, ob er hundert, ob tausend Morgen ackert? – »O! es ist doch angenehm von einem großen Haufen zu nehmen«, sagst du. – Wenn du uns erlaubst von unserm wenigen soviel zu nehmen als du von viel, so seh ich eben nicht quaesitis sapiens: cum te neque fervidus aestus dimoveat lucro, neque hiems, ignis, mare, ferrum: \<40\> nil obstet tibi, dum ne sit te ditior alter. Quid iuvat immensum te argenti pondus et auri furtim defossa timidum deponere terra? »Quod si comminuas vilem redigatur ad assem.« At, ni id fit, quid habet pulchri constructus acervus? \<45\> Milia frumenti tua triverit area centum, non tuus hoc capiet venter plus ac meus: ut si reticulum panis venales inter onusto forte vehas humero, nihilo plus accipias quam qui nil portarit. Vel dic, quid referat intra \<50\> naturae fines viventi, iugera centum, an mille aret? – »At suave est ex magno tollere acervo.« Dum ex parvo nobis tantumdem haurire relinquas, was deine Böden dir mehr helfen sollten als unsre Kasten uns. Es ist, als wenn du einen Kübel oder Becher Wassers brauchtest, und sprächst: ich möchte doch aus einem großen Fluß ihn lieber als aus diesem Quellchen füllen. Da kömmts dann gerne so, daß einen, der an größerm Überfluß, als recht ist, Freude hat, der schnelle Waldstrom samt dem morschen Ufer davon führt: da hingegen, wer nicht mehr begehret als das bißchen was er braucht, dafür auch weder leimicht Wasser trinken noch einen nassen Tod befürchten muß Diese Stelle gibt ein schönes Beispiel das zu erläutern, was ich oben mit der Äsopischen Manier Sittenlehren einzukleiden, die unserm Autor eigen und vornehmlich das ist, was ihn in seinen versifizierten Diskursen zum Dichter macht, sagen wollte. Nichts kann zugleich sinnreicher und doch dem Anschein nach kunstloser sein als dieses Beispiel, wodurch er die Wahrheit, »daß der karge Reiche im Grunde nicht mehr hat, als der Arme« dem gemeinsten Menschenverstand einleuchtend macht; aber es ist mehr Kunst in der Art, wie er es behandelt, als man beim ersten Anblick denken sollte. Kurz, es ist der Embryon einer sehr schönen Äsopischen Fabel ; welcher nichts als der epische Vortrag , oder die Erzählung fehlt, um von jedermann dafür erkannt zu werden. Daß dem also sei, mag der Augenschein beweisen. Hier ist die Fabel. Die beiden Knaben, welche Wasser holen wollten Zwei Knaben, die sich an einem warmen Tage mit Laufen und Spielen erhitzt hatten, gingen hinaus um frisches Wasser zum Trinken zu holen. Nicht weit von ihrem Hause sprudelte aus einem Felsen ein kleines Quellchen hervor; und etwa hundert Schritte weiter floß ein rascher Waldstrom vorbei. Der eine Knabe lief zu der kleinen Quelle und hielt sein Becherchen unter. Fi, sagte der Größere spottend, wer wollte aus einem so armseligen Quellchen schöpfen? ich gehe an den Fluß dort; da ists doch eine Freude seinen Becher zu füllen, wo man einen solchen Überfluß vor sich sieht! Der jüngere Knabe ließ sich die alberne Rede seines Bruders nicht anfechten; er füllte seinen Becher aus der kleinen Quelle mit einem Wasser, so hell wie Kristall, und labete sich an den, reinen frischen Trunk. Der andere lief an den Fluß; das Ufer war abschüssig, und vom öftern Austreten des Stroms in Regenzeiten, ziemlich locker; indem nun der Junge mit Mühe hinunter kletterte, und sich bückte, um seinen kleinen Becher zu füllen, brach der morsche Boden mit ihm, und er fiel hinab. Hätte er sich nicht noch zu gutem Glücke im Herabglitschen an einer jungen Weide fest gehalten, der Strom würde ihn ohne Rettung mit sich fortgerissen haben. Aber so kam er noch mit der bloßen Angst und viel Wasser in den Schuhen davon, und brachte wenigstens seinen Becher voll zurück: aber wie er ihn an den Mund setzte, war das Wasser so trüb und leimicht, daß er es nicht einmal trinken konnte. Der Geizhals mag die Moral aus dieser Fabel ziehen! . Allein, ein guter Teil der Menschen, angekörnt von falscher Gierde Ich habe dieses Wort gewagt, um damit mehr als mit dem Wort Begierde zu sagen. Wir haben das Beiwort gierig , welches nach Herrn Adelung so viel ist als eine sehr heftige ungeordnete Begierde empfindend ; warum sollten wir nicht auch das dazu gehörige Hauptwort zu haben suchen? Wehe dem Dichter, der mit vier oder fünf Worten sagen muß, was er mit einem einzigen sagen sollte und möchte! Hier kommt vieles zu Gunsten des armen Wortes, welches ich an Kindesstatt angenommen habe, zusammen. 1) Es ist schon in der Sprache; oder wo wäre das Wort Begierde her, in welchem die Silbe Be ein bloßes Vorwörtchen ist; 2) es drückt einen Begriff aus, den wir mit keinem andern einzigen Worte darstellen können; es ist also 3) ein nützliches; 4) wenigstens dem Dichter kaum entbehrliches, und 5) gleichwohl kein so fremde klingendes Wort, daß nicht jeder Leser gleich aufs erstemal seine Bedeutung sollte erraten können. Ich hoffe also, da so viele Gründe für dasselbe sprechen, daß die Mehrheit der Stimmen (die in solchen Fällen doch wohl entscheidet) ihm das hochdeutsche Bürgerrecht, um welches ich hiemit für dasselbe bitte, nicht versagen werden. , spricht: »Nichts ist genug! Was einer hat das gilt er, und nicht mehr!« Was ist mit solchen Leuten anzufangen? Laß sie doch elend sein, wofern sie es so gerne sind: Denn manchem gehts vielleicht wie jenem reichen Knauser zu Athen Ob hier die Rede von einer wirklichen, oder nur von einer dramatischen Person in irgend einer verloren gegangenen Komödie des Menander oder eines andern griechischen Komödienschreibers sei, wird wohl immer unausgemacht bleiben. Die Note des Scholiasten, daß auf Timon den Menschenfeind hier angespielt werde, ist so abgeschmackt, daß sie kaum der Erwähnung verdient. Torrentius meint: es könnte wohl dem Augur Cneus Lentulus gelten, von welchem Seneca ( de Benefic. II. c. 27. ) meldet, er sei der reichste Mann seiner Zeit gewesen; »denn er sah (sind Senecas Worte) einst vier hundert Millionen Sesterzien (zwölf Millionen Taler) sein; ich sage, sah im Wortverstande, denn er hatte nichts davon, als daß er sie sah.« Hätte dieser gelehrte Bischof (dem wir eine der besten Ausgaben des Horaz zu danken haben) zwei oder drei historische Umstände vor Augen gehabt und mit einander verglichen: so würde er gesehen haben, daß Horaz diesen Principem civitatis nicht meinen konnte. Er brauchte nämlich nur ein paar Zeilen im Seneca weiter fortzulesen, so fand er: daß dieser nämliche Lentulus alle seine Reichtümer der Gunst des Augustus zu danken gehabt, als zu welchem er nichts als eine unter der Last einer edeln Geburt arbeitende Armut ( paupertatem sub onere nobilitatis laborantem ) gebracht habe . Als Lentulus sich zur Partei des Augustus schlug, war er noch ein junger Mann; wie schon daraus erhellet, weil er noch eine Zeitlang unter der Regierung des Tiberius lebte, der ihn aus der Welt schaffen ließ, um sein Erbe zu sein. Nun schrieb Horaz, aller Wahrscheinlichkeit nach, die in diesem ersten Buch enthaltenen Diskurse zwischen seinem 26sten und 29sten Jahre, sieben oder acht Jahre vor der Schlacht bei Actium; kurz, zu einer Zeit, wo Lentulus sein Glück durch August noch nicht gemacht haben konnte , sondern erst zu machen anfing. Die Vermutung also, daß hier von ihm die Rede sei, und daß Horaz ihn nur darum nach Athen versetzt habe, ut callidius irrideret tale divitiarum mancipium , hat gar keinen Grund; und kann zu nichts dienen, als zu einer Warnung für die Ausleger, nicht immer mehr Sinn in einem Autor finden zu wollen, als er selbst in seine Worte gelegt hat. , der, wenn er hörte wie man in der Stadt cur tua plus laudes cumeris granaria nostris? Ut, tibi si sit opus liquidi non amplius urna \<55\> vel cyatho, et dicas: magno de flumine malim quam ex hoc fonticulo tantumdem sumere. Eo fit, plenior ut si quos delectat copia iusto cum ripa simul avulsos ferat Aufidus acer: at qui tantuli eget quantum est opus, is neque limo \<60\> turbatam haurit aquam, neque vitam amittit in undis. At bona pars hominum, decepta cupidine falso, »Nil satis est«, inquit, »quia tanti, quantum habeas, sis. Quid facias illi? iubeas miserum esse, libenter quatenus id facit: ut quidam memoratur Athenis \<65\> sordidus ac dives, populi contemnere voces von seinem Geize spreche, naserümpfend zu sagen pflegte: immer zische mich der Pöbel aus, ich klatsche desto mehr mir selbst zu Hause, wenn ich meine Füchse in der Kiste betrachte. Tantalus schnappt ewig dürstend dem Wasser nach, das seine dürren Lippen vorbeifließt Wie? du lachest Man könnte fragen, was denn so Lächerliches in dem Bilde eines Menschen sei, der dazu verdammt wäre, ewig bis an die Lippen im Wasser zu stehen, und doch ewig den peinlichsten Durst zu leiden? Der alte Scholiast, dem dieser Skrupel auch auffiel, meint, man müsse bei dieser Stelle durch den Ton, worin man sie lese, nachhelfen ( commendandum est hoc pronuntiatione ) d. i. man müsse den Vers, Tantalus a labris sitiens fugientia captat flumina , so komisch lesen, daß der Geizhals, mit welchem der Dichter dialogieret, darüber lachen müsse; um ihn hernach fragen zu können, was lachst du? – Über den alten Scholiasten! – Man braucht sich nur der Stelle in Ciceros Rede für den Cluentius zu erinnern, wo er vor öffentlichem Gerichte die Erzählungen von den Höllenstrafen der Gottlosen für alberne Märchen erklärt Nisi forte ineptiis ac fabulis ducimur, ut existimemus illum apud inferos impiorum supplicia perferre. Cic. pro Cluent. c. 61. ; und der Verse des Juvenal , Sat. II. 149. s.: Esse aliquid Manes et subterranea regna et pontum et stygio ranas in gurgite nigras nec pueri credunt, nisi qui nondum aere lavantur zu erinnern, um die wahre Antwort auf die obige Frage zu finden. Zu Horazens Zeiten glaubte niemand mehr an die Homerische Hölle, an die Strafen des Tantalus, des Ixion, der Danaiden, u.s.w., man lachte über diese Dinge, als über läppische Fabeln, womit man keinem vernünftigen Menschen aufgezogen kommen müsse. Wie also Horaz ganz ernsthaft anfängt: Tantalus schnappt ewigdurstend dem Wasser nach, das seine dürren Lippen vorbeifließt – so lacht ein Harpax, weil er nicht an den allegorischen Sinn der Fabel denkt, und nicht erwartet, daß ihm der Dichter zurufen werde: was lachst du? ist die Fabel nicht unter anderm Namen deine eigene Geschichte? ? Ist die Fabel nicht unter anderm Namen deine eigene Geschichte? Da du über deinen Säcken, mit allenthalben hergescharrtem Golde gefüllt, unruhig und halbwachend schlummerst, genötigt, sie wie Heiligtümer sorgsam zu schonen, oder nur, wie an Gemälden, die Augen dran zu weiden? – Weißt du denn nicht was das Geld gilt? Nicht wozu es gut ist? Daß Brot, Gemüse und ein Quärtchen Wein dafür zu haben ist, und manches andre was sich die menschliche Natur nicht gern versagen läßt? Wie? sollte dir's soviel Vergnügen machen, Tag und Nacht, entseelt vor Angst und ohne Schlaf, vor Dieben und Feuersbrünsten dich zu fürchten, und sic solitus: populus me sibilat, at mihi plaudo ipse domi, simul ac nummos contemplor in arca. Tantalus a labris sitiens fugientia captat flumina: quid rides? mutato nomine de te \<70\> fabula narratur. Congestis undique saccis indormis inhians, et tamquam parcere sacris cogeris, aut pictis tamquam gaudere tabellis. Nescis quo valeat nummus? quem praebeat usum? Panis ematur, olus, vini sextarius; adde \<75\> queis humana sibi doleat natura negatis. An vigilare metu exanimem noctesque diesque vor deinen eignen Sklaven, daß sie dich nicht überfallen, und mit deinem Gelde davon gehn? O! wenn Reichtum uns nichts Bessers zu geben hat, so wünsch' ich bettelarm zu sein! Doch – wenn ein Fieber oder sonst ein Zufall dich aufs Lager heftet, hast du für dein Geld doch jemand wenigstens der bei dir aufsitzt, dir warme Tücher umschlägt, und den Arzt beschwört dich zu erhalten und den lieben Deinen wieder zu schenken? – Umgekehrt! Dein Weib, dein Sohn sind Feinde deines Lebens; Nachbarn und Bekannte, Bübchen und Mädchen, wünschen dir den Tod. Und darfst du dich's noch wundern lassen, du, dem seine Kasse über alles ist, wenn niemand eine Liebe, die du nicht verdienen magst, dir schenket? Meinest du, Verwandte, welche die Natur dir ohne dein Zutun gab, an dich zu ziehen und zu Freunden dir zu machen, wäre so verlor'ne Müh', als wenn du einen Esel formidare malos fures, incendia, servos ne te compilent fugientes, hoc iuvat? Horum semper ego optarim pauperrimus esse bonorum. \<80\> At si condoluit temptatum frigore corpus, aut alius casus lecto te affixit, habes qui assideat, fomenta paret, medicum roget, ut te suscitet, ac reddat natis carisque propinquis? Non uxor salvum te vult, non filius, omnes \<85\> vicini oderunt, noti, pueri atque puellae. Miraris, cum tu argento post omnia ponas, si nemo praestet, quem non merearis amorem? An, si cognatos, nullo natura labore quos tibi dat, retinere velis servareque amicos, \<90\> infelix operam perdas, ut si quis asellum die Schulen lehren wolltest? Kurz, des Scharrens muß doch einst ein Ende sein. Je mehr du hast, je minder darf vor Dürftigkeit dir grauen. Du hast nun was du giertest: laß es dann dabei bewenden, daß dirs nicht zuletzt wie dem Ummidius Man weiß von diesem Ummidius nichts als was Horaz von ihm erzählt, wiewohl sein Name, als Geschlechtsname einer plebejischen Familie, aus Münzen und anderswoher bekannt ist. ergehe, dessen Geschichte, weil sie kurz ist, ich dir doch erzählen muß. Der Mann war, wie man sagte, so reich, daß er sein Geld mit Scheffeln maß, und auch so filzig, daß er nie sich besser als seine Sklaven kleidete. Bis an sein Ende war Hungers sterben seine einz'ge Furcht. Was meint ihr daß sein Ende war? Sein liebes getreues Kebsweib, ehmals seine Sklavin, hieb ihm, wie eine zweite Klytemnestra Fortissima Tyndaridarum . Die Tyndariden ( Tyndaridae ) sind die Kinder des Tyndarus , Kastor und Pollux, Helena und Klytemnestra. Horaz nennt die Beischläferin des Ummidius, weil sie ihm den Kopf mit einem Beil spaltete, wie die berühmte Klytemnestra ihrem Gemahl Agamemnon getan hatte, scherzweise die tapferste der Tyndariden , oder eine zweite Klytemnestra. – Der Qual, welche das Wort Tyndaridä den Grammatikern verursachte, hat Bentley glücklich ein Ende gemacht. , mit einer Zimmeraxt den Kopf entzwei. »Wohlan! Was soll ich tun? ein Mänius , ein Nomentanus Ob man Mävius, Nävius oder Mänius lesen müsse? könnte uns so gleichgültig sein, als dem unbekannten Schatten desjenigen, den Horaz hier verewigt hat, die Ehre oder Schande, die ihm dadurch zuwächst. Indessen, da hier offenbar die Rede von zwei Schlemmern und lüderlichen Gesellen ist; und da Mävius und Nävius in dieser Qualität ganz unbekannte Namen sind, Mänius hingegen aus der 15ten Epistel unsers Dichters als ein berüchtigter Taugenichts, der – all sein Erbgut, mütterlichs und väterlichs, baldmöglichst durch die Gurgel gejagt – werden?« – Also immer von einem Äußersten zum andern! Um kein Filz, muß man ein Taugenichts, ein Schlemmer sein! Vom glatten Tanais zum Schwiegervater in campo doceat parentem currere frenis? Denique sit finis quaerendi, quoque habeas plus, pauperiem metuas minus, et finire laborem incipias, parto quod avebas! ne facias quod \<95\> Ummidius quidam, (non longa est fabula) dives, ut metiretur nummos; ita sordidus, ut se non umquam servo melius vestiret; ad usque supremum tempus, ne se penuria victus opprimeret, metuebat. At hunc liberta securi \<100\> divisit medium, fortissima Tyndaridarum. »Quid mi igitur suades? ut vivam Maenius? aut sic ut Nomentanus?« – Pergis pugnantia secum frontibus adversis componere? Non ego, avarum cum veto te fieri, vappam iubeo ac nebulonem. Visells Dies müssen damals bekannte Personen gewesen sein. Uns sind sie es nicht mehr, und wir würden nicht mehr bei diesem Verse denken können, als wenn Horaz den einen A und den andern B genannt hätte, wofern uns nicht der alte Scholiast berichtete: Tanais , ein Freigelaßner des Mäcenas, sei ein Kastrat gewesen, und der ungenannte Schwiegervater des Visellius habe einen Bruch gehabt. Zwischen diesen beiden, sagt Horaz, d. i. zwischen zu wenig und zu viel , liegt etwas in der Mitte, nämlich, eben recht. Die Linie des Wahren, Schönen und Guten, die zwischen Exzeß und Defekt gleichsam mitten durch geht, ist die Formel, in welche unser Dichter seine ganze Philosophie einzuschließen pflegt. Alle Philosophischen Sekten, die aus der Sokratischen Schule entstanden, trafen in diesem Punkte zusammen. , liegt, denk' ich, etwas in der Mitte. Halt Maß in allem, denn in allem gibt's ein Mittel, dessen Linie das Rechte bezeichnet; dies- und jenseits wird gefehlt. Ich kehre nun dahin zurück, woher ich ausging: nämlich, daß, dem Geiz'gen gleich, niemand mit seinem Los zufrieden ist, nur jene lobt, die einen andern Weg im Leben gehn, wenn eines andern Ziege mehr Milch gibt, gleich die Schwindsucht kriegen möchte, nie mit dem großen Haufen Ärmerer sich mißt, und diesem oder jenem stets zuvor zu kommen eifert, immer also dem reich zu werden Eilenden ein Reicherer im Weg ist: Wie, sobald das rasche Rennpferd aus den offnen Schranken die Wagen reißt, der Wagenführer nur die Rosse, die den seinigen zuvor geflogen sind, zu überholen strebt, hingegen der zurückgebliebenen nicht achtet Ich hoffe den Tadel der Kenner nicht zu verdienen, daß ich in der Übersetzung aus dem Texte von den Worten nemon' ut avarus bis zu reperire queamus , nur eine einzige Periode gemacht, das a in obstat in e verwandelt, und die admirationem pronuntiantis , die der alte Scholiast in der Wendung der Worte nemon' ut avarus se probet! etc. sehr richtig bemerkt hat, in dem zweiten Teile meiner Periode angebracht habe, anstatt daß sie im Texte zu Anfang steht. Der Sinn des Horaz verliert nicht nur nichts dadurch, sondern wird vielmehr in ein helleres Licht gestellt. Die Konstruktion wird runder, und das Resultat des ganzen Diskurses in den Worten: inde fit ut raro, etc. fällt schöner in die Augen: Kurz, es ist unleugbar, daß Horaz das habe sagen wollen, was ich ihn sagen lasse. Hätte ich Bentleys Gelehrsamkeit und Ansehen, so würde ich der Versuchung nicht haben widerstehen können, diese kleine Veränderung in den Text selbst hineinzubringen: aber invitis codicibus darf nur ein Bentley so etwas wagen.   Zusatz bei dieser neuen Ausgabe Diese Stelle lautete in der ersten Ausgabe wie folget: »Nun wieder auf den Weg zurückgekommen, (besser: ich lenke nun dahin, woher ich ausging, ein ) wenn, gleich dem Geizhals, jeder, unzufrieden mit seinem Lose, immer nur das Glück bei andern sieht, und falls des Nachbars Ziege mehr Milch gibt, gleich vor Neid die Schwindsucht kriegt, nie mit dem großen Haufen Ärmerer sich mißt und immer diesem oder jenem zuvorzukommen strebt; wie, wenn die Wagen im Wettlauf aus den Schranken sich gestürzt, die Renner mit verhängten Zügeln jeden, der ihnen vorgesprungen, einzuholen (besser: der ihnen vorgeeilt, zu überholen ) wetteifern, den der hinter ihnen bleibt verachten: ists denn Wunder, daß der Mann so selten ist, u.s.w.« . Daher also, daß der Mann so selten ist, der wohl gelebt zu haben \<105\> Est inter Tanaim quidquam socerumque Viselli. Est modus in rebus, sunt certi denique fines, quos ultra citraque nequit consistere rectum. Illuc unde abii redeo. Nemon' ut avarus se probet, at potius laudet diversa sequentes, \<110\> quodque aliena capella gerat distentius uber tabescat, neque se maiori pauperiorum turbae comparet, hunc atque hunc superare laboret! Sic festinanti semper locupletior obstat, ut, cum carceribus missos rapit ungula currus, \<115\> instat equis auriga suos vincentibus, illum versichert, und, vergnügt mit seinem Anteil, vom Leben wie ein Gast von einem Mahle, gesättigt weggeht Lambinus bemerkt, daß Horaz hier offenbar auf den Vers des Lukrez ( L. III. 951. ) anspiele, wo er die Natur redend einführt und zum Menschen sagen läßt: Cur non ut plenus vitae conviva recedis? ? – Soviel sei genug! Und nun, damit ich nicht die Schränke des triefäugigen Crispin geplündert zu haben scheinen nicht ein Wörtchen mehr Dieser Crispinus (den man weder mit dem Präfectus Prätorio dieses Namens unter dem Kaiser Claudius, noch mit dem Heiligen Crispinus, dem Patron der Schuster, verwechseln muß) wird uns noch öfters in den Horazischen Satiren aufstoßen. Er war, so viel man daraus abnehmen kann, ein armer Schlucker von einem Mittelding zwischen einem der Natur mißlungenen Poeten und einem Philosophaster, der sich auf seine Geschwindigkeit im Verseschmieden viel einbildete (s. die 4te Satire) und (nach dem Berichte des alten Scholiasten) ein Buch in Versen über die Stoische Sekte geschrieben hatte. Er spielte, wie damals viele seines gleichen, den Stoiker oder Cyniker, und schwatzte so viel und vermutlich so langweilig von der Tugend , daß ihm der Name Aretalogus (Tugendlehrer) als ein Spottname angehängt wurde. – Die Ursache warum Bentley in dieser Stelle lippi , das auf den Crispin geht, in lippum verwandelt, ist eben so frostig Es wäre Unsinn, meint er, wenn Horaz, der selbst triefäugig gewesen, sich über Crispins Triefaugen aufgehalten hätte. Als ob Horaz, weil er in seinen ältern Jahren an den Augen litt, im 27sten schon lippus gewesen sein müßte! als Baxters dreiste Versicherung, daß der arme Crispin, bloß darum, weil ihn Horaz triefäugig nennt, einer von den Sittenlehrern gewesen sei, qui Curios simulant et bacchanalia vivunt, Die sich wie Curier stellen und Bacchanalien leben Die Urbanität in dieser Art auf einmal mit einem Scherz abzubrechen, die den Weltmann verrät, und am Schluß eines moralischen Diskurses an einen Mäcenas so sehr am rechten Orte angebracht ist, scheint keiner von beiden gemerkt zu haben. Wenigstens ist es lächerlich, wenn Baxter meint, er habe sich durch diesen Stich auf die Stoiker den Epikuräern suaviter empfehlen wollen. Als ob ein Scherz über so einen Menschen, wie Crispinus war, den Stoikern gegolten hätte? oder als ob ein Horaz nicht, seiner eignen Laune gemäß, sich im Vorbeigehn über einen Crispinus lustig machen könnte, ohne die schmarotzerische Nebenabsicht zu haben, sich den Epikuräern dadurch zu empfehlen ; wiewohl sie damals in Rom den größten Teil derjenigen ausmachten die zu essen gaben. ! praeteritum temnens extremos inter euntem. Inde fit, ut raro, qui se vixisse beatum dicat, et exacto contentus tempore vitae cedat, uti conviva satur, reperire queamus. \<120\> Iam satis est! Ne me Crispini scrinia lippi compilasse putes, verbum non amplius addam. Zweite Satire Einleitung Auch dieses Stück beginnt mit einem Ausfall über die gemeine Inkonsequenz der Menschen, und über ihre Neigung entweder auf der einen oder andern Seite auszuschweifen; und es kann in so fern als eine Fortsetzung des vorgehenden angesehen werden. Aber hier gilt es einer ganz andern Art von Toren: denn der Hauptzweck des Dichters ist, den vornehmen Römern seiner Zeit, welche von Liebeshändeln mit verheurateten Frauen Profession machten, einleuchtend zu machen, daß es Unsinn sei, eine Befriedigung des Bedürfnisses oder der Sinnlichkeit, die man anderswo wohlfeiler und besser haben könne, mit Gefahr Leibes und Lebens, oder doch wenigstens mit unzählichen Beschwerden, Unannehmlichkeiten und Nachteilen zu erkaufen, – eine Moral, wobei man ihm wenigstens nicht vorrücken kann, daß er sich den edeln Römerinnen seiner Zeit habe suaviter empfehlen wollen! Um unserm Dichter über die Vorstellungsart und die Maximen, die in diesem Stücke herrschen, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß man nicht vergessen, daß er ein Römer aus Augustus Zeiten war, und daß die Religion und die Gesetze des damaligen Roms ihm die Ausschweifungen, wovon hier die Rede ist, nicht mit dem Lichte zeigten, worin sie uns vermöge unsrer Religion und unsrer Eh- und Polizei-Gesetze erscheinen. Indessen bin ich doch versichert, daß der Hauptgrund, warum Horaz das Laster, worüber er hier satirisiert, bloß von seiner törichten und unsinnigen Seite darstellt, mehr in den sehr verdorbenen Sitten der damaligen Hauptstadt der Welt, als in dem wenigen Einfluß der heidnischen Religion auf das sittliche Verhalten derer, welche sie glaubten, zu suchen sei. Denn, wenn gleich ein komische Dichter schon zu den Zeiten eines Lälius und Cato Maior , wo die Sitten noch unendlich besser waren, einen leichtsinnigen jungen Menschen, der im Begriff ist, in der Verkleidung eines Eunuchen einen schelmischen Anschlag gegen ein schönes junges Mädchen auszuführen, bei Betrachtung eines Gemäldes von Jupiter und Leda , sagen läßt: Das tat der Gott, der des Olympus Spitzen mit seinem Donner schüttelt, und ich kleines Menschlein ich sollte das nicht tun? – Terent. Eunuch. Act. III. Sc. 5. so ist darum doch nicht weniger wahr: daß dies nur Spaß, und von Seiten des Dichters vielleicht gerechter Spott über die griechischen Göttermärchen ist; daß kein vernünftiger Grieche oder Römer die ärgerliche Geschichte des poetischen Himmels für etwas anders hielt als wir; daß die heidnische Religion, ihrer Natur nach, einen guten Einfluß auf das sittliche Verhalten der Menschen hatte, so lange sie wirklich geglaubt wurde Zum Beweise diene jetzt nur diese einzige Stelle des Cicero, deren Inhalt allen Religionen, die jemals unter polizierten Nationen geherrscht haben, zum Grunde liegt: »Vor allen Dingen also sollen unsre Bürger überzeugt sein, daß die Götter die Oberherren und Regenten aller Dinge sind; daß alles was geschieht, aus ihrer Kraft und unter ihrer Regierung und Vorsehung geschehe; daß sie dem menschlichen Geschlechte unendlich viel Gutes erweisen; daß sie aufmerksam darauf sind, was für ein Mensch jeder ist, was er tut, und mit welcher Gesinnung und Aufrichtigkeit er die Religionspflichten ausübt, und daß sie zwischen frommen und gottlosen Menschen einen großen Unterschied machen.« u.s.w. Cicero de Legibus. L. II. 7 , und daß noch zu Cicerons Zeiten die Heiligkeit der Matronen Petulanter facimus, si matremfamilias secus quam matronarum sanctitas postulat, nominamus. Cic. pro Coelio c. 13. , oder des Standes verheurateter Frauen, ein althergebrachter Begriff war, den selbst die große Ausgelassenheit der damaligen Sitten noch nicht aus der gemeinen Vorstellungsart seiner Zeitgenossen hatte austilgen können. Wenn also unser Dichter einen Gegenstand, wie den Ehebruch, leichtsinniger zu behandeln scheint als schicklich ist; wenn er, ohne den mindesten Abscheu vor der sittlichen Schändlichkeit dieses Lasters zu bezeugen, bloß die Gefahren und Unannehmlichkeiten desselben berechnet , und einen Cupiennius oder Longarenus nicht als Verbrecher abscheulich , sondern als Toren lächerlich, oder als Unsinnige des Tollhauses würdig findet: so kam dies wohl vornehmlich daher, weil er in der ersten und größten Stadt der Welt für eine Klasse von Menschen schrieb, welche auf diesen letztern Ton gestimmt waren, und denen durch diese Vorstellungsart, durch eine Darstellung der Sache in diesem Lichte, eher als durch eine andere beizukommen war. Ganz gewiß herrschte unter den ländlichen Nachbarn unsers Dichters, den wackern Sabinern und Apuliern , deren Weiber er in der zweiten Epode wegen ihrer Unschuld und häuslichen Tugenden rühmt, über diese Dinge die nämliche Art zu denken, die noch unter uns in allen kleinern Städten und auf dem Lande herrschst, wo die gute alte Sitte von dem Strome der Verderbnis, der sich aus den großen Hauptstädten ergießt, noch wenig gelitten hat; und so wird es auch wohl in diesem Stücke zu Horazens Zeiten gewesen sein, wie es noch heutiges Tages ist. Aber nicht nur über das Licht , worin Horaz seinen Gegenstand betrachtet, und über den Ton , worin er davon spricht, selbst über das, was er, in Aphrodisischen Dingen, für erlaubt, ziemlich , und wohlgetan hält, scheint es der Billigkeit gemäß zu sein, ihn nicht nach den erhabenen Grundsätzen einer Religion, welche die höchste Reinigkeit des Herzens und des Lebens bezielt und bei Strafe des ewigen Feuers anbefiehlt, oder nach unsern auf diese Religion gegründeten Gesetzen, sondern nach denjenigen zu beurteilen, die unter den Griechen und Römern herrschend waren. Wer sich die Mühe geben will, die Grundsätze des weisen Sokrates S. Xenophons Sokratische Denkwürdigkeiten I. B. 3. Kap. über diesen Punkt mit den Maximen unsers Dichters zu vergleichen, wird ihn auch hierin so Sokratisch , oder, wenn man lieber will, so Aristippisch finden, als er es in seiner ganzen Sittenlehre ist. Bei allem dem vermute ich nicht, daß es mir von irgend einem Leser, der das Original versteht, übel genommen werden könne, daß ich Bedenken getragen habe, diese Satire ganz zu übersetzen. Weniger schüchtern als Batteux , der schon bei dem Verse, pastillos Rufillus olet, Gorgonius hircum, aufhört, habe ich mich zwar bis zum 63sten durchgearbeitet: aber hier, ich gestehe es, war nicht weiter fortzukommen, und ich sah kein Mittel, die Prosopopöie des seltsamen Interlocutors , den er mit quid vis tibi etc. gegen den Villius aufstellt und sprechen läßt, und alles was darauf folgt, auf eine erträgliche Art zu verdolmetschen. Weder unsre Sitten noch unsre Ohren würden diesen Grad von altrömischer Freiheit, und die etwas Cynische Laune, welcher Horaz hier den Zügel schießen läßt, ertragen können; wiewohl ich versichert bin, daß (den jungfräulichen Virgil vielleicht ausgenommen) niemand an Mäcens Tafel saß, oder den Zutritt zu seiner vertrautem Gesellschaft hatte, dem der Witz und die Laune in diesem ganzen Stücke eine Schamröte abgejagt hätte. Die Rücksicht auf das, was ein Schriftsteller unsrer Zeiten der Ehrbarkeit und Anständigkeit schuldig ist, hat mir selbst in der Hälfte, deren Übersetzung ich gewagt habe, mehr als einmal in Wendungen und Ausdrücken weniger Treue, als ich mir sonst erlaube, zur Pflicht gemacht. Die Ambubajen-Chöre, Scharlatane, Zigeuner, Tänzerinnen, Pflastertreter Es scheint von Scaligern und andern hinlänglich erwiesen zu sein, daß die Ambubajen ihren Namen nicht von Ambu und Bajä , sondern von dem syrischen Worte Abub oder Anbub , welches eine Art von Flöten bezeichnet, bekommen haben. Es waren Truppen herumziehender syrischer Pfeiferinnen, die neben ihrem musikalischen Gewerbe noch ein anderes trieben, das nicht unter dem Schutze der Musen steht; daher sie Sueton im 27sten Kapitel seines Nero mit den Priesterinnen der Venus volgivaga ohne Bedenken in eine Reihe stellt. Pharmacopolä waren zu Horazens Zeiten nicht was wir Apotheker nennen, sondern Quacksalber, die sich für Ärzte gaben, mit Arcanis , Universalarzneien, Mithridat, Rattengift, Mitteln gegen die Würmer, und dergleichen auf den Märkten herumzogen, und vermutlich, wie die Ambubajen , neben ihrer Haupt-Profession noch andere trieben, wodurch sie sich dem Virtuosen Tigellius empfahlen. – Unter den Mendicis (Bettlern) versteht Torrentius nicht unwahrscheinlich die angeblichen Isis-Priester, Chaldäer, Wahrsager, Geisterseher und dergleichen Gesindel, wovon es schon damals zu Rom und in ganz Italien wimmelte, und die gewöhnlich die Bettler-Profession nebenher trieben. Ich habe also, nicht unschicklich wie ich hoffe, Zigeuner dafür gesetzt. Endlich bedarf das Wort Balatronen , (welches ich durch Pflastertreter ersetzt habe) noch einer Erklärung. Der Scholiast Akron scheint zu glauben, Horaz habe hier einem gewissen Servilius Balatro (einem von den Parasiten, denen wegen ihres Talents im Spaßmachen die Tafel des Mäcens offen stand) die Ehre angetan, seinen Namen zum allgemeinen Geschlechtsnamen oder Ehrentitel aller Schmarotzer und lustigen Tischräte zu machen. Einige Ausleger berufen sich dagegen auf den Varro de Re rustica , wo dieses Wort in der Bedeutung heilloser Buben von Sklaven, denen mit der Peitsche gedroht wird, vorkommt. Aber dies allein beweiset um so weniger gegen Akron, weil Varro sein Werk von der Landwirtschaft ungefähr um eben die Zeit schrieb als Horaz seine Satiren publizierte; und also wohl möglich wäre, daß das Wort Balatronen , durch den Gebrauch, den unser Dichter davon macht, und in dem Sinne, worin er es nimmt, eben so gäng und gebe geworden wäre, als bei uns vor einiger Zeit die Wörter Abderitenstreich, Bonzengift , und dergleichen. Indessen, da balatro (nach dem Festus ) ein altes lateinisches Wort war, das eigentlich die Kotklunkern bezeichnete, die sich an die Schuhe ansetzen, wenn man bei schlechtem Wetter durch die Straßen geht: so ist mir viel wahrscheinlicher, daß es schon vor Horazens und Varrons Zeiten verächtlicherweise von Schmarotzern gebraucht worden, Denn daß Horaz, dessen Sache Übermut und Skurrilität gar nicht war, einen Menschen, den Mäcenas wohl leiden mochte, und der vermutlich um diese Zeit nicht selten sein Tischgenosse an den Tafeln der Großen und Reichen war, (wie beides aus der letzten Satire des zweiten Buches sich schließen läßt) auf eine so empfindliche Art beleidigt haben sollte, seinen Zunamen, wenn er nicht bereits das Äquivalent von Tellerlecker gewesen wäre, erst zu einem Schimpfworte zu stempeln, und mit H**n und Bettlern zusammenzustellen, ist mir auf keine Weise glaublich. , und was in diese saubre Zunft gehört, sind durch Tigellius , des Sängers, Tod Dieser Virtuose, dessen ganzer Name Marcus Tigellius Hermogenes war, spielte (wie einige seiner Profession in unserm Jahrhundert) keine kleine Rolle in den Zeiten, in welche die Jugend unsers Dichters fiel. Die Schönheit seiner Stimme und die höfische Geschmeidigkeit seines Charakters hatten ihn schon bei dem Diktator Julius Cäsar in solche Gunst gesetzt, daß ihn Cicero in einem Briefe an Fabius Gallus (wiewohl nicht um dem Diktator Ehre dadurch zu machen) unter die familiarissimos desselben setzt. Cicero hatte sich damals die Ungnade dieses Sängers zugezogen, und der ganze Brief handelt von nichts als dieser Sache, die dem großen Konsularen nicht so gleichgültig war, als er das Ansehen haben wollte. »Selbst in jenen Zeiten (schreibt er) da unser Ansehen und Einfluß allvermögend schien, ( cum regnare existimabamur ) wurde uns von niemand so der Hof gemacht, wie von den Günstlingen und Vertrauten Cäsars, diesen einzigen Tigellius ausgenommen; aber ich halte es für Gewinn, mit einem Menschen übel zu stehen, der noch verpesteter ist als die Luft seines Vaterlandes.« (Tigell war ein Sardinier.) Vermutlich machte dieser Mensch sein Glück bei Cäsarn und seinem Neffen, dem nochmaligen Augustus, durch eben die sittlichen Eigenschaften, wodurch er einem Manne wie Cicero verächtlich werden mußte. Genug, er war einer von den Glücksbastarden, die in den heillosen Zeiten der Triumvirate durch angenehme Talente, und durch das einträglichste unter allen, das Talent sich alles gefallen zu lassen und zu Diensten, wozu sich kein ehrlicher Mann brauchen läßt, brauchbar zu sein, das Mittel fanden, sich bei den Großen in Gunst zu setzen, eine Figur zu machen, in den besten Gesellschaften willkommen zu sein oder doch geduldet zu werden, und Reichtümer zu erwerben, welche sie eben so leicht verschwendeten als erworben hatten. Wie Tigellius mit den seinigen wirtschaftete, davon braucht es keinen redendern Beweis als die allgemeine Trauer, in welche, wie Horaz sagt, sein Tod, der um diese Zeit (wie es scheint) erfolgt war, alle Tänzerinnen und Pfeiferinnen, Baladins, Scharlatans und Pflastertreter in Rom, versetzte, die in ihm einen so gütigen Patronen und Wohltäter verloren hatten. Quippe benignus erat! in großes Leid versetzt. – »Es war ein gar so güt'ger Herr!« – Hingegen würd' ein andrer, aus Furcht für einen Prasser ausgeschrien zu werden, einem armen Freunde in seiner größten Not nicht soviel geben, um Frost und bittern Hunger abzutreiben. Fragt den, warum er seiner Ahnen rühmlich erworbnes Gut undankbarlich verprasse, und hohe Zinsen gebe, um nur alles was eßbar ist auf seinem Tisch zu haben? so sagt er, es gescheh', um nicht für einen Knicker und Mann von kleinem Geiste zu passieren. Das heißt durch seiner Tafelfreunde Lob sich für den Tadel aller übrigen entschädigt halten! Ein Fufidius hingegen, den bösen Ruf von einem Taugenichts     Ambubaiarum collegia, pharmacopolae, mendici, mimae, balatrones, hoc genus omne maestum ac sollicitum est cantoris morte Tigelli; quippe benignus erat! Contra hic, ne prodigus esse \<5\> dicatur metuens, inopi dare nolit amico, frigus quo duramque famem depellere possit. Hunc si perconteris, avi cur atque parentis praeclaram ingrata stringat malus ingluvie rem, omnia conductis coemens obsonia nummis? \<10\> sordidus atque animi quod parvi nollet haberi respondet. Laudatur ab his, culpatur ab illis. und Prasser scheuend, legt sein Geld zugleich an Gründe und auf hohe Zinsen an, drückt seinen Schuldner desto mehr, je tiefer er steckt, und dient besonders gar zu gern auf Wechsel, gegen fünf pro Zent des Monats, gleich abgezogen, jungen Herr'n von Stande die über harte Väter klagen Ich habe hier, wie man sieht, eine kleine Versetzung vorgenommen, die aber dem Sinne des Autors vollkommen gemäß ist, und (wie mich deucht) den Effekt des Bildes vermehrt. Übrigens bin ich, was den Sinn der Worte quinas capiti mercedes exsecat betrifft, dem Torrentius gefolgt. Fufidius nahm fünf Prozent vom Kapital voraus; und weil nach römischer Gewohnheit alle Monate Zins gegeben werden mußte, und diese 5 Prozent also jährlich 60 Prozent ausmachten: so fehlte es den jungen Herren in Rom nicht an Gelegenheit, ihres Erbteils noch bei Lebzeiten ihrer Väter bei ihm und seines gleichen los zu werden. . Großer Zeus! ruft wer dies hört. – Doch (denkt man) wenigstens wird einer, der so viel gewinnt, dafür was auf sich selber wenden? – Weit gefehlt! Ihr könnt nicht glauben, wie der Mann so wenig sein eigner Freund ist! Jener komische Selbstquäler in Terenzens Lustspiel, dem sein Sohn entlief, bestraft nicht grausamer des Buben Unart an sich selbst. – Was ich mit allem diesem wolle, fragst du? – dies! Wenn Narren sich vor Lastern hüten wollen, so laufen sie in die entgegenstehenden. Malchinus zieht in ungeschürzten Röcken Wer sollte sich vorstellen, daß es Ausleger gegeben hat, die auf das Wort eines alten Scholiasten für eine ganz ausgemachte Sache annahmen, daß Horaz unter diesem Malchinus oder Malthinus (wie einige Handschriften lesen) den Mäcenas habe lächerlich machen wollen? Baxter scheint nichts natürlicher zu finden als einen solchen Spaß, und hat die Albernheit, dieses für eines von den Beispielen anzusehen, welche Persius im Auge gehabt, da er sagt: Omne vafer vitium ridenti Flaccus amico tangit, et admissus circum praecordia ludit. Das wäre eine feine Schlauheit an Horaz gewesen, und Mäcen hätte es wohl sehr lustig finden müssen, von einem Dichter, den er liebte, den er mit seinem vertrautern Umgang beehrte, den er mit Beweisen seiner Zuneigung überhäufte, kurz von dem er die stärkste persönliche Ergebenheit zu erwarten so viele Ursache hatte, so geradezu und öffentlich für einen Narren erklärt zu werden! – »Aber (sagen die schlauen Leute, die sich so gut darauf verstehen wie ein Horaz mit einem Mäcenas scherzt) dieser Zug paßt doch völlig auf den Mäcenas: denn, versichert nicht Vellejus Paterculus , Maecenatem otio et mollitiis paene ultra feminam fluxisse , er habe sein Leben in mehr als weibischer Weichlichkeit vertändelt ? und wirft ihm Seneca nicht ausdrücklich vor, daß er immer solutis tunicis (welches mit demissis einerlei ist) in der Stadt herumgegangen sei? Und dies sogar in den Zeiten, da er Statthalter des abwesenden jungen Cäsars (Augusts) in Rom gewesen?« Epist. 114. – Und was ist das Äußerste, was man hiemit beweisen kann? Allenfalls: Daß Mäcenas sich in dieser Stelle habe getroffen finden können, und daß Horaz freimütig genug gewesen, ein Betragen, das gegen den Wohlstand anstößig war, zu tadeln, wiewohl dieser Tadel auch einen Mäcenas traf. Dies ließe sich noch begreifen und entschuldigen; vorausgesetzt, daß Malchinus , auf den der Tadel geradezu geht, eine wirkliche damals lebende Person war. Aber nichts hätte den Horaz entschuldigen können, wenn er, unter dem erdichteten Namen eines Malchinus, auf seinen Wohltäter und Freund gestichelt hätte, der eben damals eine der ersten Personen im römischen Reiche vorstellte. Sein Kopf und sein Herz müßten eines so schlecht gewesen sein als das andere, um einer solchen Skurrilität fähig zu sein. Ich stelle mir die Sache so vor. Mäcenas , der, bei aller seiner Neigung zu asiatischer Weichlichkeit , einer der feinsten Staatsmänner und selbst ein tapfrer Offizier war, (wie er in der Schlacht bei Actium und bei andern Gelegenheiten bewies) konnte in den Augen seiner Freunde, und in seinen eigenen, berechtigt scheinen, in Dingen, die bloß seine eigene Person angingen, etwas Besonderes zu haben; ja, es konnten (wie anderswo Horaz. Briefe, I. T. S. 31f. schon bemerkt worden ist) unter allem dem, was ihm Seneca so übel auslegt, politische Rücksichten verborgen sein, die einem so scharfsichtigen Menschenkenner, wie Horaz, kein Geheimnis waren. Aber was dem Mäcenas wohl anstand, oder ihm wenigstens von seinen Freunden zugut gehalten wurde, ziemte deswegen nicht einem jeden; und so konnte Horaz, ohne seinen großen Freund zu beleidigen, einen Pflastertreter, wie Malchinus vermutlich war, eben darum züchtigen, weil er sich einbildete, was Mäcenas tun könne, sei auch ihm anständig. Aber wenn man auch diese Erklärungsart nicht annehmen will, läßt sich sehr wohl begreifen, wie Horaz , ohne an den Mäcenas zu denken, den Malchinus habe tadeln können. Die Rede ist von Narren, die in das eine Extremum fallen, weil sie das andere vermeiden wollen. Der Mittelweg oder das Gewöhnliche bei den Römern war, die Tunicam angusticlaviam , deren sich die vom Ritterstande sowohl als die gemeinen Bürger bedienten, mit einem Gürtel mehr oder weniger aufzuschürzen, so daß sie nie bis an die Knöchel, und meistens nur – unter die Wade reichte. Diese Art sich zu schürzen zeigte einen geschäftigen und hurtigen Menschen an, und gehörte, in den Zeiten wo Horaz lebte, zur guten alten Sitte. Die Tunica ungegürtet über die Knöchel herabhangen zu lassen, war vermutlich damals eine neue asiatische Mode, die von Leuten, welche vornehm tun und zeigen wollten, daß sie das Recht müßig zu gehen hätten, affektiert wurde. Horaz nennt den Malchinus , nicht als ob er der einzig, gewesen wäre, der sich so getragen hätte: sondern vermutlich, weil es ein Mensch war, den man nennen konnte, ohne daß es viel zu bedeuten hatte. Andere, die diese Mode weibisch und lächerlich fanden, die aber gleichwohl auch faceti ( des Elegans ) Daß dies die wahre Bedeutung des Wortes facetus sei, beweiset Quintilian L. VI. c. 3. sein wollten, trieben's bis zur andern Extremität, und schürzten sich, wie Horaz sagt, so weit auf, daß sie, nach der damaligen Art sich zu kleiden, keiner Dame mit Anständigkeit auf der Straße hätten begegnen können. Horaz führt also beides als törichte Exzesse einer vermeinten Eleganz an, und Mäcenas , der ohne Gürtel ging, weil es ihm bequem war, oder weil es ihm so beliebte , hatte sich dessen nichts anzunehmen. wie eine Frau daher: ein anderer, Fufidius vappae famam timet ac nebulonis, dives agris, dives positis in fenore nummis: quinas hic capiti mercedes exsecat, atque \<15\> quanto perditior quisque est, tanto acrius urguet, nomina sectatur modo sumpta veste virili, sub patribus duris, tironum. Maxime, quis non, Iupiter, exclamat, simulatque audivit! At in se pro quaestu sumptum facit? – Hic, vix credere possis, \<20\> quam non sit sibi amicus: ita ut pater ille, Terenti fabula quem miserum nato vixisse fugato inducit, non se peius cruciaverit atque hic. Si quis nunc quaerat: quo res haec pertinet? Illuc, dum vitant stulti vitia, in contraria currunt. \<25\> Malchinus tunicis demissis ambulat, est qui um unscheniert zu sein, schürzt seinen Rock bis übers Knie hinauf. Gorgonius bockelt, Rufillus riecht nach Bisam Baxter, der, um die Feinheit seiner Nase zu beweisen, immer mehr riecht als andere, vermutet, daß diese beiden, Rufillus und Gorgonius , Leute von Bedeutung gewesen, weil aus einer Stelle in der vierten Satire erhelle, daß dieser Vers pastillos Rufillus olet etc. dem Horaz übel genommen worden sei. Daß dies ungegründet ist, wird sich in der vierten Satire zeigen. Indessen ist es wohl möglich, daß es hier dem nämlichen Cajus Gorgonius gegolten haben kann, den Cicero ( de Clar. Orator. c. 48. ) für den ersten Rabulisten aus dem Ritterstande seiner Zeit erklärt. Ein alter, vermutlich in Verfall gekommner Rabulist, der in der Gesellschaft noch durch seine Unreinlichkeit beschwerlich fiel, war wohl nicht so vornehm, daß ein Dichter, den Mäcenas und Cäsar in ihren Schutz genommen hatten, sich nicht die Freiheit hätte nehmen dürfen, die beleidigten Nasen seiner Mitbürger an ihm zu rächen. ; niemand hält die Mittelstraße. Mancher rührte euch das schönste Weib nicht an, wenn die Besetzung an ihrem Rocke nicht die Knöchel deckt: ein anderer hingegen keine, für sein Leben, als die im muffichten Gewölb' auf Käufer laurt. »So! Bravo!« rief der weise Cato einst Die Redensart, inquit sententia dia Catonis , anstatt inquit Cato , ist eine Nachahmung der nämlichen Art zu reden, die in einer Satire des Lucilius vorkommt, Valeri sententia dia . – Horaz scheint mit allem Fleiß zuweilen dergleichen Kleinigkeiten von seinem Vorgänger Lucil geborgt zu haben, wie man ohne Bedenken eine Prise Tabak aus der Dose eines guten Freundes nimmt. – Das Histörchen, worauf er hier anspielt, soll, nach dem alten Scholiasten, dem bekannten M. Cato Censorius , auch Cato Major genannt, mit einem jungen Menschen von seiner Bekanntschaft begegnet sein. Der Scholiast setzt noch einen Umstand hinzu, der des Anführens wert ist. Der Jüngling hatte das Bravo! das ihm Cato zugerufen, unrecht verstanden, und den Ort, woraus ihn der alte Censor sich herausschleichen sah, gar zu fleißig besucht. »Ei, ei, junger Mensch, sagte Cato, der dies bemerkte: ich lobte dich in der Meinung, du kämest nur zuweilen hieher; ich wußte nicht, daß du hier wohnest .« dem Jüngling, der beschämt ihm auswich, nach: »Noch immer besser, wenn die Ungeduld des strengen Triebs der Jugend Adern schwellt, sich hier erleichtern als nach fremden Weibern wiehern!« »Ich danke meines Orts für solch ein Lob«, spricht Cupiennius , der langen weißen Röcke Die verheurateten römischen Frauen trugen eine Art langer Tuniken , welche Stolen hießen und unten mit einem breiten Falbala ( instita ) garniert waren, und über diese einen weiten Mantel, Palla genannt, der sie vom Kopfe bis zu den Füßen einhüllte. Den gemeinen Weibspersonen, die mit ihrer Person Gewerbe trieben, war in diesen Zeiten nur eine Toga erlaubt, die sich von dem männlichen Oberkleide wenig unterschied; und eine Matrone, die der Verletzung des ehelichen Gelübdes gerichtlich überwiesen war, mußte die Stola ablegen, und wurde zur Toga verdammt. Daher ist togata unserm Autor soviel als prostibulum . – Der Cupiennius , der in diesem Verse einen kleinen Stich bekommt, ist vielleicht der nämliche, an den Cicero schrieb, um ihm eine Geldangelegenheit seines Freundes Atticus zu empfehlen Ad Atticum Ep. 16. L. XVI. . Der Scholiast sagt, er habe Cupiennius Libo geheißen, sei bei August besonders wohl gelitten, und ein gewaltiger Matronen-Jäger gewesen. Das Beiwort Albus , dessen Sinn in diesem Verse problematisch zu sein schien, hat einige Ausleger in große Unkosten von Witz gesetzt, weil Octavius Ferrarius in seiner Kompilation de Re vestiaria Veterum zuversichtlich behauptet, wiewohl meines Erachtens nicht hinlänglich beweiset, daß die Stolen und Tuniken aller römischer Matronen außer der Trauer niemals weiß, sondern von Purpur gewesen seien. Dieser Ferrarius beliebt De Re Vestiar. Vet. L. III. c. 17. in Graevii Thes. Antiquit. Roman. vol. VI. p. 755. das unübersetzbare Wort in dem Verse – mirator cunni Cupiennius albi , im eigentlichen Sinne zu nehmen, und meint: entweder habe ihm Horaz das Beiwort weiß deswegen gegeben, quia hic locus matronis albior puriorque esset quam publicarum libidinum receptacula (als ob alle Libertinae solche Kloaken gewesen wären!) oder, was ihm noch wahrscheinlicher vorkömmt, weiß bedeute hier soviel als alt und grau , vetulus ac canescens, quod scilicet ille matronarum sectator, veluti sepulcrorum incola, vetularum noctibus testamenta captaret: – eine sehr gezwungene Auslegung, die vermöge des ganzen Zusammenhangs in unserm Texte nicht den mindesten Grund hat! Der schlaue Baxter wundert sich, daß den Auslegern nicht eingefallen sei, daß albus auch felix und beatus bedeute ; und Geßner endlich (der das unnennbare Wort auch eigentlich nimmt) meint, Horaz habe bloß teneritatem et mollitiem stolatarum, pulveris ac solis impatientium , durch das Beiwort albus andeuten wollen. Und alle diese gezwungenen Auslegungen, bloß einer unerweislichen Behauptung des Ferrarius zu Gefallen! Denn, wenn es auch seine Richtigkeit hätte, daß alle Damen von Stande das ganze Jahr nichts als Purpurkleider getragen hätten: wer, dem der damalige hohe Preis des Purpurs bekannt ist, wird sich einbilden, daß auch die Matronen von geringeren Stande, daß alle Ingenuä (Freigeborne) das nämliche getan haben könnten? Oder, weil es doch auch schlechte und wohlfeilere Gattungen von Purpur gab, gesetzt die Stola, in welcher sich die Matronen öffentlich sehen ließen, wäre immer von Purpur gewesen: folgt daraus, daß sie zu Hause keine weiße Stolen getragen, oder daß nicht wenigstens die Tunika intusiata , die unter der Stola getragen wurde, weiß gewesen sei? Aber, alles dies auch bei Seite gesetzt, kann sich in Sachen dieser Art nicht in einem einzigen Jahrzehend sehr viel verändern? und war dies nicht gerade in demjenigen, worin Horaz diese Satire schrieb, mit der Kleiderpracht der Römerinnen der Fall gewesen? Hatte nicht Julius Cäsar während seiner Diktatur den Aufwand durch scharfe Gesetze eingeschränkt, und unter andern auch den Matronen (mit gewissen Ausnahmen) selbst die geringere Gattung von Purpurzeug, die man vestem conchyliatam hieß, verboten? Warum sollten wir also nicht den Scholiasten Akron und Porphyrion glauben, die uns ausdrücklich sagen, die Matronen hätten damals meistens weiße, die Libertinä und Meretrices hingegen schwarze (oder braune) Kleider getragen? Daß es übrigens in einer Stadt wie Rom, und unter einer so gelinden Regierung wie Augusts nach dem Treffen bei Actium war, nicht lange bei einer solchen Einschränkung geblieben; und daß die Begierde zu gefallen, die Üppigkeit und der Reichtum bald wieder alle Arten von Purpur und anderer Farben gemein gemacht habe, ist leicht zu ermessen; und es erhellet (ohne andere Beweise aufzuhäufen) schon aus der Stelle im 3ten Buche von Ovids Liebeskunst (wo er seine Schülerinnen ermahnt, die Wahl der Farben ihrer Kleidung für keine gleichgültige Sache anzusehen), daß die Kunst, der Wolle alle mögliche Farben zu geben, damals schon auf einen hohen Grad gestiegen sei. Quot nova terra parit flores, cum vere tepenti     vitis agit gemmas pigraque fugit hiems, lana tot aut plures succos bibit. Elige certos,     nam non conveniens omnibus unus erit.   Soviel Blumen im Lenz die verjüngte Erde gebieret,     wenn in wärmlicher Luft Augen die Rebe gewinnt, soviel Farben und mehr trinkt zarte Wolle. Drum wähle!     Denn gleich vorteilhaft ist allen die nämliche nicht. Bewunderer. Indessen ists für jeden, der kein Int'resse hat den Ehebrechern viel Gut's zu gönnen, wohl der Mühe wert zu sehn, wie schrecklich sauer diese Leute sichs werden lassen müssen, und wie schlecht das bißchen seltne Lust die große Mühe inguen ad obscaenum subductis usque facetus; pastillos Rufillus olet, Gorgonius hircum. Nil medium est. Sunt qui nolint tetigisse nisi illas, quarum subsuta talos tegat instita veste: \<30\> contra alius nullam nisi olenti in fornice stantem. Quidam notus homo cum exiret fornice, »macte virtute esto!« inquit sententia dia Catonis: »Nam simulac venas inflavit taetra libido, huc iuvenes aequum est descendere, non alienas \<35\> permolere uxores.« »Nolim laudarier«, inquit, »sic me«, mirator cunni Cupiennius albi. Audire est operae pretium, procedere recte qui moechis non vultis, ut omni parte laborent, und die Gefahren lohnt, womit man sie erjagen muß. Der ward genötigt sich vom Dach herabzustürzen, dieser auf den Tod gegeißelt; jener fiel im Fliehen in eine Räuberbande, dieser mußte was er verwürkt mit schwerem Gelde lösen; Stallbuben ward ein andrer preis gegeben, ja einem armen Teufel ging es gar wie jenem Fuchse, der den Kopf zu retten, das, was ihr wißt, zurücke lassen mußte. »Wie recht ist!« rufen alle: Galba nur ist andrer Meinung Galba negabat . Dieser Stich (sagt der alte Scholiast) galt dem Rechtsgelehrten Servius Galba , und gibt zu verstehen, daß er seine persönlichen Ursachen gehabt haben möge, warum er mit den Langsamen , die sich ertappen ließen, nicht so streng verfahren lassen wollte; da doch, nach der gemeinen Meinung, die Gesetze in diesem Falle dem beleidigten Ehemann alles gegen den Beleidiger erlaubten. . – Wie viel bessern Kaufs kommt einer in der zweiten Klasse weg! Die Freigelaßnen mein ich: freilich nicht wofern ihr den Sallust zum Muster nehmet Außer dem Torrentius sind alle mir bekannte Ausleger der Meinung, daß der Sallustius , welchen Horaz hier einer bis zum Unsinn ausschweifenden Leidenschaft für die Nymphen aus der zweiten Klasse beschuldigt, kein andrer als der berühmte Geschichtschreiber C. Sallustius Crispus sei. Diese auch von den Biographen des Sallustius angenommene Meinung hat keinen festern Grund, als 1) das bloße Vorgeben des Scholiasten des Cruquius in seiner Note zu den Worten: tutior at quanto etc. 2) den Umstand, daß man keinen andern Sallustius kennt, auf welchen diese Stelle gezogen werden könnte; und 3) das allgemein herrschende Vorurteil gegen die Sitten des Geschichtschreibers dieses Namens. Die Ehre und der Nachruhm eines vortrefflichen Schriftstellers ist, meiner Meinung nach, auch alsdann, wenn ihm selbst nichts mehr daran gelegen ist, der Menschheit keine gleichgültige Sache. Sie ist, so zu sagen, eine unverletzbare Hinterlage, deren Bewahrung der Redlichkeit und Sorgfalt der Nachwelt anvertraut ist ; und, wenn es von jeher bei allen Völkern für ein Verbrechen gegen die Humanität angesehen worden ist, die Gebeine eines Verstorbenen zu mißhandeln oder seine Asche zu beunruhigen: wie viel mehr ist es unedel und grausam, den Nachruhm eines Mannes, dessen Verdienste um die Welt noch immer fortdauren, durch Schändung seines sittlichen Charakters, den er selbst nicht mehr verteidigen kann, zu besudeln? Es sei mir also erlaubt, den Gehalt der Gründe zu würdigen, auf welchen die Meinung beruhet: C. Sallustius Crispus , der sich durch seinen Catilina und Jugurtha als einen Geschichtsmaler gezeigt hat, dem Quintilian in der historischen Kunst vor dem Thucydides selbst den Vorrang gibt, sei derjenige Sallustius, von welchem in dieser Stelle unsers Dichters die Rede ist. Daß der erste Grund, nämlich das bloße unbewiesene Vorgeben eines unbekannten Notenmachers, auf der Waagschale der Kritik kein Gewicht habe Das wenige Gewicht dieses Scholiasten ist unter den Gelehrten eine ziemlich ausgemachte Sache. Als ein Beispiel, mit welcher Sorglosigkeit seine Scholien hingeschmiert sind, will ich nur dieses anführen, daß er ganz dreist versichert, die Ode des Horaz an C. Crispum Sallustium sei an den Geschichtschreiber Sallust gerichtet, der doch damals schon lange tot war. Denn daß diese Ode nicht vor dem Jahre der Stadt Rom 734 geschrieben sein könne, ist aus dem Verse redditum Cyri solio Phraatem klar. ( v. Masson., Vita Horat. p. 303. ) Des Geschichtschreiber Sallusts Tod hingegen erfolgte im Jahre 719, also 15 Jahre wenigstens eher, als Horaz eine Ode an ihn geschrieben haben soll. Was für einen Glauben kann ein so unwissender und unachtsamer Kommentator verdienen? , braucht keines weitern Beweises. Es leuchtet von selbst in die Augen. Ein Zeuge, dessen Glaubwürdigkeit wir nicht untersuchen können; den man nicht einmal fragen kann, wie er heiße? wie alt? und wie er zu seinem Zeugnis gekommen sei? – ein solcher Zeuge ist soviel als gar keiner. Der zweite Grund hat nicht mehr Gewicht. Man kennt nur zwei Salluste aus der Zeit, worin Horaz lebte: den Schriftsteller , der, ehe er sich in seine berühmten Gärten und in seine schöne Tiburtinische Villa zurückzog, um in einer edel beschäftigten Ruhe sich dem Dienste der historischen Muse zu ergeben, Tribunus Plebis, Quästor, Prätor und Präfectus von Numidien gewesen war; und seinen Schwestersohn, gleiches Namens, den er an Kindesstatt angenommen, der, nach dem Zeugnis des Tacitus ( Annal. III. c. 3o. ) so lange Mäcenas lebte ihm der nächste, und nach dessen Tode der erste in der Gunst und dem engesten Vertrauen des Augustus und der Livia war, und an welchen Horazens zweite Ode des zweiten Buches gerichtet ist. Die Sallustische Familie war aus der kleinen Sabinischen Munizipalstadt Amiternum gebürtig, und, vor diesen beiden Sallusten, ohne alle Illustration; wiewohl der Altdorfische Professor Moller in seiner i. J. 1684 herausgegebenen Dissertation de C. Sallustio Crispo ohne einigen Beweis vorgibt, Sallustiorum gentem Romae quondam fuisse amplissimam . Es ist zu vermuten, daß sie um diese Zeit wenig zahlreich war: indessen bleibt doch möglich, daß der Geschichtschreiber Sallust noch einen andern Geschlechts- und Namens-Verwandten hatte, der sich durch nichts als seine Ausschweifungen bekannt gemacht, und welchen, da er von Seiten des guten Namens nichts zu verlieren hatte, Horaz also um so weniger zu schonen brauchte. Dies ist freilich eine bloße Vermutung: aber wie viel oder wenig man sie auch gelten lassen will, immer bleibt gewiß, daß sich daraus , »weil der hier gemeinte Sallustius nicht anderswoher bekannt ist«, nicht beweisen läßt, es müsse notwendig der Geschichtschreiber Sallustius gemeint sein. Es ist also nur noch zu untersuchen, worauf sich der dritte Grund, nämlich das allgemeine Vorurteil gegen den sittlichen Charakter des Geschichtschreibers, stütze? Ich nenne es allgemein , weil, außer dem einzigen Corte , (der sich durch eine vortreffliche Ausgabe um die Werke desselben verdient gemacht, und eine Apologie seiner Sitten im Sinne gehabt , aber nicht ausgeführt hat) alle ältern und neuern Lebensbeschreiber, selbst Moller, Vossius und Le Clerc (von ihren Abschreibern nichts zu sagen) ihn einhellig als einen Menschen von den schändlichsten Sitten und dem schlechtesten moralischen Charakter abschildern. Bei so bewandten Umständen möchte es wohl, da es hier um seine Restitution in Integrum zu tun ist, nötig sein, den Prozeß ganz von neuem zu instruieren, und vor allen Dingen die Glaubwürdigkeit der Zeugen, die man gegen ihn auftreten läßt, und ihre Aussagen, die man bisher auf ihr bloßes Wort gelten ließ und für Wahrheit nachsagte, etwas schärfer zu untersuchen. Es ist ungereimt, wenn neuere Lebensbeschreiber des Sallust sich auf einen Pomponius Lätus berufen, der 1600 Jahre später lebte als Sallust, und selbst ein bloßer Kompilator war; und eben so wenig kann man den Deklamator Lactantius für einen Zeugen gelten lassen Quod non fugit hominem nequam Sallustium, qui ait: sed omnis nostra vis in animo et corpore sita est; animi imperio, corporis servitio magis utimur. Recte, si ita vixisset, quemadmodum locutus est. Servivit enim foedissimis voluptatibus, suamque ipse sententiam vitae pravitate dissolvit. Lactant. Instit. II. 12. , wiewohl er nur 400 Jahre später in die Welt kam: zumal, da sein Ausfall gegen die Sitten Sallusts sich auf keine angeführte, viel weniger erwiesene Tatsache stützt, sondern die Sache, die man dadurch bekräftigen will, schon als notorisch voraussetzt – ein Umstand, der aber meinem Klienten nicht zum Präjudiz gereichen kann, da wir bald erfahren werden, wie wenig Achtung diejenigen verdienen, die ihm eine so schlimme Reputation gemacht haben. Horaz kann nicht als Zeuge auftreten, weil erst noch zu erweisen ist, daß er von Sallust dem Geschichtschreiber spreche; und sein Scholiast beweiset nichts, wie wir schon gesehen haben. Diese also, wie billig, abgerechnet, bleiben nur vier Zeugen übrig, die wir noch zu untersuchen haben, und auf deren Aussage eigentlich alles das Böse, was von Sallust gesagt wird, beruhet. Es sind: 1) der berühmte M. Terentius Varro , dessen Treue und Glauben für das einzige Faktum, das gegen die Sitten des Sallusts namentlich angeführt werden kann, die Gewähr leistet. 2)  Dion Cassius , der im 40sten Buche seiner Römischen Geschichte berichtet, daß Sallustius von den Zensoren Appius Claudius Pulcher und Lucius Piso wegen von ihm selbst eingestandenen Ehebruchs aus dem Senat gestoßen worden. 3) Ein gewisser Lenäus , der ein Pasquill gegen den Sallust geschrieben, woraus noch einige Blümchen, zur Probe, auf uns gekommen sind. Und endlich 4) der unbekannte Verfasser einer unter Cicerons Namen laufenden Declamatio in Sallustium . Die Anekdote, die auf der Glaubwürdigkeit des Varro beruht, war in seinem Traktat Pius oder de Pace zu lesen, der nicht mehr vorhanden ist. Aber Gellius oder Agellius , ein Gelehrter aus den Zeiten des Kaisers Marcus Antoninus, hat sie daraus abgeschrieben, und in seine unter dem Namen Attische Nächte bekannte Miszellanien eingetragen, wo sie das kleine 18te Kapitel des 17ten Buches ausfüllt. Sie lautet dahin: »C. Sallustius, der nachmalige Geschichtschreiber, sei vom Annius Milo in flagranti ertappt worden, und nach einer tüchtigen Geißelung nicht anders als gegen Erlegung einer großen Summe mit dem Leben davon gekommen.« Ich habe zuviel Achtung für das Wort eines Mannes wie Varro, und das Vergehen, das dadurch auf unserm Sallust ersitzen bleibt, war damals eine zu alltägliche Sache, als daß ich versucht sein könnte, es bezweifeln zu wollen. Nur höre man, was sich, mit genugsamem historischem Grunde, zu Verringerung seiner Schuld sagen läßt. Die Gemahlin des Milo, von welcher hier die Rede ist, war die schöne Fausta , die würdige Tochter des Diktators Sulla ; eine Dame, die an Hoheit der Geburt niemand über sich, und an Ausgelassenheit, wie an Reizungen, wenige ihres gleichen hatte. Fausta war keine Frau, deren Tugend ein Liebhaber seinen Wünschen im Wege fand; und, wiewohl eine Matrone vom ersten Rang, war sie doch, was ihre Ausschweifungen betrifft, wenig besser als eine Togata. Unter der römischen Jugend, der sie ihre Netze stellte, hatte auch der junge Sallustius das Unglück darin hängen zu bleiben. Ich verlange ihn, wiewohl ich seine Apologie unternommen habe, für keinen keuschen Joseph auszugeben. Er lief nicht davon, als die schöne Fausta nach seinem Mantel griff. Aber welcher junge Römer von Stande in den damaligen Zeiten wäre davon gelaufen? Kurz, Sallust wurde von Milo überrascht, und mußte mit seiner Haut und mit seinem Vermögen bezahlen. Vermutlich schreibt sich der Vorwurf, der ihm in der bekannten Deklamation gemacht wird, »daß sein väterliches Vermögen schon in seiner frühen Jugend ein Opfer seiner Ausschweifungen geworden,« lediglich von diesem Vorfalle her. Aber jeder billigdenkende Leser mag urteilen, wer von beiden mit ewiger Schande gebrandmarkt ist: der Jüngling, der den verführerischen Reizen einer Fausta unterliegt? oder ein Mann vom ersten Range in Rom, der sich für die Schande seines Ehebettes mit klingender Münze bezahlen läßt, und einen ins Netz gefallnen Unglücklichen dahin bringt, sein Leben, oder was ihm eben so lieb war, mit dem größten Teile seines zukünftigen Erbgutes loszukaufen? Die Makel, welche sich Sallust durch diese Begebenheit, und (wie ich nicht zweifle) durch andre Ausschweifungen dieser Art in seiner Jugend zuzog, war ihm beinahe mit allen jungen, und mit vielen alten Römern seines Standes gemein. Es wäre daher abgeschmackt, seine Verstoßung aus dem Senat auf Rechnung seiner Sitten zu schreiben, und sich einzubilden, er müsse (wie er im Pasquill des Lenäus genennt wird) ein Ungeheuer von Lastern gewesen sein, weil ihn die Zensoren Appius und Piso unter dem Vorwande seines ausgelaßnen Lebens aus dem Senat ausgestrichen hätten. Dieses letztere erfolgte im Jahre 702 der Stadt Rom; und wer die damaligen römischen Angelegenheiten etwas genauer aus der Geschichte kennt, wird nicht unwahrscheinlich finden, daß der wahre Grund, warum es geschah, nicht in dem großen Eifer eines selbst so tadelhaften Mannes wie Appius Man sehe hierüber in den Briefen des M. Cölius an Cicero den 12ten und 14ten. Epist. ad Familiar. L. VIII. für die Reinigkeit der Sitten in einer solchen Sentina malorum wie das damalige Rom, sondern in dem Hasse der Partei des Milo und Cicero gegen ihn, zu suchen sei. Die Sache hing, deucht mich, so zusammen. Der Streit zwischen Pompejus und Cäsar um die Oberherrschaft war dem letzten entscheidenden Ausbruch nahe; aber mehrere Jahre zuvor hatte er im Innern der Republik gegärt, und ganz Rom war in die Faktionen dieser zwei großen Männer geteilt. Denn die Herren, welche dafür angesehen sein wollten, als ob sie bloß die Partei der Republik hielten, stunden auf des Pompejus Seite. Milo und Cicero , beide von der letztern Partei, waren durch große Verbindlichkeiten, die der letztere dem erstern hatte, sehr genaue politische Freunde geworden; und zwischen ihnen und Clodius, einem eifrigen Anhänger Cäsars, hatte eine tödliche Feindschaft geherrschet, von welcher Clodius das Opfer wurde. Milo, ein sehr brutaler Sterblicher, ermordete ihn, indem sie auf der Via Appia an einander stießen, zu eben der Zeit, da er, Milo, von den Pompejanern aus allen Kräften unterstützt, und von Clodius und der ganzen Partei Cäsars auf alle mögliche Weise gehindert, sich um das Konsulat bewarb. Milo hätte seine Zeit nicht schlechter zu dieser Heldentat nehmen können; denn eben damals war Sallustius, der beides, seinen Rücken und seinen Beutel, an ihm zu rächen hatte, Tribunus Plebis ; und, da er sich vermöge dieses Amtes an der Spitze des Volkes befand, und überdies von der Cäsarischen Partei unterstützt wurde, so konnte der Kriminal-Prozeß, der wegen der Ermordung des Clodius gegen Milo geführt wurde, aller angestrengten Bemühungen des Cicero ungeachtet nicht anders als unglücklich für ihn ausfallen. Allein Sallustius hatte sich durch die Rolle, die er in diesem Handel gespielt, alle Gegner des Clodius und Cäsars und alle Freunde und Kreaturen des Cicero und Pompejus zu Feinden gemacht; und kaum war sein Tribunat vorüber, so ließ man ihn, bei der ersten Gelegenheit, die sich dazu darbot, die Wirkung davon empfinden. Appius Pulcher, der im J. R. 703 Zensor wurde, hatte eben damals die Freundschaft des Cicero in seinen eignen Angelegenheiten nötig; Cicero und alle Freunde Milons waren auf den Sallust erbittert; wie wahrscheinlich also, daß – zu einer Zeit, wo in Rom alles durch Kabalen ging, und Privat-Leidenschaften oder Privat-Absichten die wahren Springfedern aller öffentlichen Handlungen waren, – auch die Ausstoßung des Sallusts aus dem Senat das Werk einer solchen Kabale gewesen sei? Immer bleibt es lächerlich, sich einzubilden, daß sein ärgerlicher Lebenswandel ihm diese Schmach zugezogen. Die damaligen Römer waren auch die Leute, die sich an so was ärgerten! Und was würde aus dem Senat geworden sein, wenn man alle hätte ausstoßen wollen, die in diesem Punkte sträflich waren? Nach dem, was ich von den Ursachen, wodurch sich Sallustius den Haß der Pompejanischen Faktion zugezogen, gesagt habe, ist es wohl kein Wunder, daß ein Freigelaßner des Pompejus (der nach seines Herren Tod den Schulmeister zu Rom machte, und es für Pflicht gegen die pios manes desselben hielt, sie an einem respektwidrigen Ausdruck zu rächen, der dem Sallust gegen den Pompejus entfahren war) was Wunder sage ich, daß dieser Mensch, Lenäus genannt, ein Pasquill gegen ihn schrieb, worin er ihn mit Schimpfnamen überschüttet, die nur aus dem Munde oder der Feder eines so niedrigen Menschen kommen konnten S. Sueton. Vit. Gramm. Lat. c. 15. ? Hier ist wohl sonst nichts zu bewundern, als wie man noch itzt, nach so vielen Jahrhunderten, um das armselige Vergnügen zu haben, von einem Manne wie Sallust Böses zu sagen, sich auf die Überbleibsel eines Pasquills von einem solchen Furcifer berufen kann. Was endlich die bekannten Deklamationen des Sallust gegen Cicero , und des Cicero gegen Sallust betrifft, die unter dem Namen des einen und des andern den Ausgaben ihrer Werke angehängt zu werden pflegen, so ist es unter den Gelehrten ausgemacht, daß sie, des nachgeahmten Stils ungeachtet, diese berühmten Namen fälschlich an der Stirne führen. Beide sind der edlen Männer, denen man sie angedichtet hat, ganz unwürdig; sie sind kaum eines römischen Karrenschiebers aus jenen Zeiten würdig; und wenn man auch glauben könnte, daß Sallust und Cicero das, was sie dem Senat und sich selbst schuldig waren, so gänzlich hätten vergessen können: wer kann sich einbilden, daß der Senat Geduld genug gehabt hätte, so niedrige den Staat gar nichts angehende Schmähreden anzuhören? Die gemeine Meinung ist, daß diese Deklamationen einen gewissen Porcius Latro oder Vibius Crispus zu Verfassern haben könnten, welche Schulen der gerichtlichen Redekunst hielten; wahrscheinlich ist es wenigstens, daß es nichts als ein paar Schul-Exerzitien sind, wodurch irgend ein damaliger Meister der Sykophanten-Kunst seine Zöglinge vor Gericht schimpfen lehren wollte; und wozu die gemeine Sage von der Feindschaft, die zwischen Cicero und Sallust wegen der Milonischen Händel obgewaltet, Gelegenheit gegeben haben mag. Wie dem aber auch sein mag, vor welchem Gerichte in der Welt könnte eine solche Schmähschrift, wie die vergebliche Deklamation des Cicero gegen Sallust, als ein Dokument gegen die Ehre des letztern angeführt werden? Und was muß man also davon denken, wenn man einen Gottfried Ephraim Müller in seiner historisch-kritischen Einleitung zur Kenntnis der lateinischen Schriftsteller, ohne alle Kritik, und in einem Tone als ob er gegen den Sallust gedungen wäre, alle die schimpflichen Beschuldigungen gegen den Charakter desselben, welche keinen andern Gewährsmann als diesen pseudonymen unbekannten Deklamator haben, sorgfältig zusammentragen, und zum Beweise diese unterschobene vaterlose Hirngeburt anführen sieht? Übrigens verdient noch bemerkt zu werden, daß man der Wahrheit sehr verfehlen würde, wenn man sich die Feindschaft zwischen Cicero und Sallust so vorstellen wollte, wie sie der Verfasser der beiden Deklamationen vorausgesetzt hat. Braucht es hievon wohl einen stärkern Beweis als diesen, daß man in allen Schriften des Cicero des Sallustius mit keinem Worte gedacht findet? und daß hingegen Sallust in seinem Catilina dem Cicero (der den Ruhm seines Konsulats beinahe einzig auf die von ihm entdeckte und unterdrückte Catilinarische Verschwörung gründete) alle mögliche Gerechtigkeit widerfahren läßt? Wenn dieses dem Charakter des Sallust, als Geschichtschreiber und als Mensch, Ehre macht: so beweiset jenes wenigstens soviel, daß Ciceros Haß gegen ihn weder sehr heftig noch von langer Dauer gewesen sei; denn es wäre sonst kaum zu begreifen, wie auch nicht ein Wort davon in seine Briefe ad Familiares und an Atticus (welche doch größtenteils in der Periode zwischen dem J. R. 696 und 710 geschrieben sind) eingeflossen wäre. Wenn nun, aus der vorstehenden Untersuchung der Zeugen und Dokumente, auf welche sich die allgemein angenommene Meinung von dem moralischen Charakter des Sallustius gründet, deutlich genug erhellet, daß seine jugendliche Intrigue mit der schönen Fausta das einzige ist, was ihm mit Wahrheit vorgeworfen werden kann; eine Jugendsünde, die ihm mit Tausenden seines gleichen gemein war, und für die unter Zehntausenden vielleicht nicht einer jemals so strenge büßen mußte: so ist es nun wohl Zeit, sich, zu Bestätigung der bessern Meinung, die mir dieser Schriftsteller als Mensch zu verdienen scheint, auf seine Werke, in denen sich durchaus ein edler, gesetzter und männlicher Charakter ausdrückt, und besonders auf die introduktorischen Kapitel seines Catilina und Jugurtha zu berufen. Ich verlange diesem Argumente nicht mehr Gewicht beizulegen als es hat: aber man lasse es auch gerade soviel gelten als es wiegt. Entweder Sallust war der verächtlichste Heuchler, der je gewesen ist, oder er war ein besserer Mann als wofür ihn seine Biographen ausgaben, und der Widerspruch seines Lebens mit seinen Grundsätzen, den ihm Lactanz vorwirft, ist ein unbilliger Vorwurf, da er keinen andern Grund hat als Jugendfehler, die ich nicht entschuldigen will, aber wovon selbst unter den edelsten und größten Menschen aus seiner Klasse wenige jemals frei gewesen sind. Was in der Welt hätte einen Mann wie Sallust, einen Mann von seinem Rang und Vermögen, der in seiner wahren Gestalt, wie cynisch oder grob epikurisch sie auch gewesen sein möchte, nichts zu befürchten hatte, und dem eine solche tartüffische Gleisnerei nichts eintragen konnte; den sie, wenn sein Leben im Widerspruch mit ihr gewesen wäre, der Welt nur noch verächtlicher gemacht hätte: was hätte ihn bewegen können, die Gesinnungen eines Curius zu affektieren, wenn er Bacchanalien gelebt hätte? Man lese die ersten Kapitel seines Catilina, und frage sich: wozu hatte er nötig die Heuchelei so weit zu treiben? In einer Stadt und zu einer Zeit, wo selbst ein Metellus Pius sich nicht scheuen durfte, ein rühmliches Leben, das einen ganz andern Ausgang erwarten ließ, mit Bacchanalien zu beschließen? Er wollte sich bei der Nachwelt dadurch in eine bessere Meinung setzen als seine Zeitgenossen von ihm gehabt hatten, kann man sagen. Ich glaube selbst, daß er dies wollte: aber auch diesen Gedanken hat kein schlechter Mensch, – so wenig, als ein Wüstling in den glänzendsten Glücksumständen seine Muße mit Anstrengung des Geistes und edeln Arbeiten für die Nachwelt zubringt. Mich dünkt, dieser innere psychologische Beweis für den Charakter des Sallustius wäre allein schwer genug, zehn solche Anekdoten, wie die Varronische , und zwanzig Pasquille wie die Deklamation des unbekannten Rhetors an den Waagebalken springen zu machen. Doch, meine Absicht ist nicht, selbst eine Deklamation für ihn zu schreiben; und ich habe genug gesagt, damit die Leser fortdenken, und ein billiges Urteil fällen können. Immerhin mag die Moral gegen die Jugend des Sallust, gegen sein öffentliches Betragen in der Republik, gegen die großen Reichtümer, die er durch Julius Cäsars Gunst in wenigen Jahren erworben, vieles einzuwenden haben. Ich sage nicht, daß man ihn als ein Tugendbild aufstellen soll; ich behaupte nur, daß es unrecht sei, ihn ohne hinlängliche Gründe, auf bloße Vermutungen, und sogar auf offenbare Pasquille hin, noch in unsern Zeiten zu einem Lotterbuben und Bösewicht zu machen. Wir wissen sehr wenig von seinem Leben; lassen wir es also dahingestellt sein, und halten uns an das, was er uns hinterlassen hat. Er lebt für uns in seinen Werken ; und in Rücksicht auf die Nachwelt sind Werke wie die seinigen tugendhafte verdienstliche Handlungen , und wahrlich von einem ganz andern Werte, als die häuslichen Tugenden aller uns unbekannten guten Bürger von Minturnum , welche jemals lebten, Weiber nahmen, und starben , wie unsträflich auch ihr Lebenswandel gewesen sein mag. Wiewohl diese Erläuterung bereits zu einer kleinen Dissertation angewachsen ist, so muß ich doch um Erlaubnis bitten, sie noch zu verlängern. Denn, nachdem ich die Schwäche der Gründe dargetan habe, um derentwillen andere Gelehrte diese Stelle auf Sallustius den Geschichtschreiber ziehen: bin ich noch die Gründe schuldig, welche mich überzeugen, daß Horaz nicht an ihn gedacht haben könne. Es sind folgende. Erstlich: Horaz spricht hier in der gegenwärtigen Zeit von dem was Sallustius tue, als diese Satire geschrieben wurde. Er spricht von seiner Leidenschaft für die Mädchen aus der Klasse der Freigelassenen, als einer notorischen Ausschweifung, welche Sallustius bis zur Raserei treibe, und wodurch er sich um guten Namen und Vermögen bringe; und der Ton, wie er ihn deswegen züchtigt, ist derjenige, worin man mit einem jungen Sausewind spricht; ein Ton, wodurch sich ein Dichter, der selbst ein Weltmann ist, lächerlich machen würde, wenn er ihn gegen einen Mann vom ersten Rang an Stande und Vermögen annehmen wollte. Dies letztere war aber Sallustius, als Horaz diese Satire schrieb; er lebte zwar von Staatsgeschäften entfernt, aber als ein Vir Praetorius und ehmaliger Freund Cäsars, in otio cum dignitate , mit der römischen Geschichte beschäftigt, und im Besitze großer Reichtümer. Ein Beweis davon waren sein Haus auf dem Quirinalis und die herrlichen Gärten, die er an demselbigen angelegt hatte Die Gärten des Sallustius waren ihres Umfangs und ihrer Schönheit wegen so vorzüglich, daß sie nach dem Tode des jüngern Sallustius, der sie von seinem Oheim dem Geschichtschreiber geerbt hatte, an die Kaiser kamen, und noch zu Ulpians Zeiten zu den Domänen derselben gerechnet wurden. , und seine Villa zu Tibur. Wie paßt nun das alles auf den Sallustius des Horaz? – Man müßte daher, um den Dichter von einer so offenbaren Absurdität zu retten, sich mit der Ausflucht behelfen: er rede von dem was Sallustius ehmals getan, und habe hier nur die gegenwärtige Zeit statt der vergangenen gesetzt, weil eine solche Zeitverwechslung den Dichtern sehr gewöhnlich ist. Die Grammatiker, die für alle Fälle immer ein Kunstwort bei der Hand haben, um sich und ihrem Autor aus der Not zu helfen, nennen das eine Enallage temporis . Aber (ohne hier die Unschicklichkeit einer solchen Enallage aus andern Gründen Um nur einen zu berühren: so beweiset, deucht mich, das auf diese Stelle, wo vom Sallustius in der gegenwärtigen Zeit gesprochen wird, unmittelbar folgende ut quondam Marsaeus, amator Originis , ganz augenscheinlich, daß in jener de praesenti und in dieser de praeterito die Rede sei. Denn aus dem Quondam ist klar, daß Marsäus nicht mehr lebte, wiewohl der Dichter per Enallagen donat und inquit von ihm sagt. zu zeigen) welche Wahrscheinlichkeit, daß Horaz, mit seiner liberalen Art zu denken, und, was hier sehr entscheidend ist, in seiner Lage , in seinen Verhältnissen , fähig gewesen sein sollte, einem Sallust, der ein eifriger Anhänger und Vertrauter des Divus Julius gewesen war, und nur bloß aus diesem Grunde, wo nicht die Freundschaft, doch gewiß die Achtung des jungen Octavius Cäsars besaß, welche dieser allen Freunden seines Vaters zu erweisen pflegte, – welche Wahrscheinlichkeit, sage ich, daß Horaz fähig gewesen sein sollte, einem solchen Manne, unter solchen Umständen die Ausschweifungen seiner jüngern Jahre auf eine so beleidigende und impertinente Art vorzurücken? Ich müßte mich sehr betrügen, wenn dieses Argument nicht ganz allein hinlänglich wäre, jeden Vernünftigen zu überzeugen, daß der Sallustius des Horaz und der Geschichtschreiber Sallustius zwei sehr verschiedene Personen sein mußten. Aber zu allem Überfluß ist hier noch ein anderes, das (wie man zu sagen pflegt) ex visceribus causae hergenommen, und meines Erachtens ganz entscheidend ist. Des Dichters Zweck in dieser Satire ist, wie oben schon gesagt worden, die Liebhaber der Intriguen mit verheurateten Frauen ihrer Torheit zu überzeugen, und ihnen zu zeigen, daß sie das, was sie bei den Matronen suchten, mit unendlich mal weniger Gefahr und mehr Vergnügen bei den Freigelassenen finden könnten. Aber freilich, setzt er hinzu, kann ein junger Tor, der weder Ziel noch Maß zu halten weiß, sich auch mit diesen zu Grunde richten; und es ist Unsinn, wenn z. B. Sallustius, den seine Liebschaften aus dieser Klasse zu einem eben so verderblichen Aufwand verleiten, als wenn es Damen vom ersten Rang wären, sich noch ein Verdienst daraus machen will, daß er keiner Matrone zu nahe komme. Horaz setzt also hier offenbar den Sallustius, von dem er spricht, den moechis entgegen, und das matronam nullam ego tango ist ein Beweis, daß sein Sallust von dieser Seite keinen Vorwurf zu befürchten hatte. Das aber war nun gerade nicht der Fall des Geschichtschreibers Sallustius. Denn wir haben oben gesehen, daß seine Intrigue mit der schönen Fausta, Milons Gemahlin, der einzige Vorwurf ist, der durch die Aussagen des Varro und Dion Cassius auf ihm ersitzen bleibt. Es ist also offenbar, daß Horaz von einem ganz andern Sallustius reden muß; und daß die Gelehrten, die so eifrig gewesen sind, das Vorurteil von dem schlechten Charakter des Geschichtschreibers Sallustius zu verewigen, sehr Unrecht gehabt haben, sich auf das Zeugnis unsers Dichters zu berufen. , dem seine Tollheit für die Nymphen dieser Art so hoch zu stehen kommt, als manchem jener Matronen-Jäger seine edle Passion. Doch, das ist seine Schuld! Denn wollt' er nur nicht mehr, als sichs verlohnt und ihm die Klugheit rät, darauf verwenden, wüßt' er seine grenzenlose Freigebigkeit zu mäßigen, so könnt' utque illis multo corrupta dolore voluptas, \<40\> atque haec rara cadat dura inter saepe pericla. Hic se praecipitem tecto dedit; ille flagellis ad mortem caesus; fugiens hic decidit acrem praedonum in turbam; dedit hic pro corpore nummos; hunc perminxerunt calones; quin etiam illud \<45\> accidit, ut cuidam testes caudamque salacem demeterent ferro: »iure« omnes, Galba negabat. Tutior at quanto merx est in classe secunda! Libertinarum dico, Sallustius in quas non minus insanit quam qui moechatur. At hic, si \<50\> qua res, qua ratio suaderet, quaque modeste er sich die Zeit vertreiben, ohne Schaden an Ehr' und Gut zu nehmen. Aber das ist seine Laune nun, da tut er sich noch viel zu Gute mit, und meint, wie viel ihm Lob und Dank dafür heraus gebühre, daß die Matronen vor ihm sicher sind . So einer war Marsäus , der sein ganzes vorelterliches Erbgut, Haus und Hof der Tänzerin Origo angehängt Man weiß nichts von dieser Origo und ihrem Liebhaber, als was Horaz von ihnen sagt. Sie scheint, wie Cytheris und Arbuscula (deren Cicero in seinen Briefen erwähnt) ein paar Jahrzehende vor der Zeit, da Horaz schrieb, eine berühmte Mima oder Ballett-Tänzerin gewesen zu sein. Die Virtuosinnen ihrer Gattung trieben damals (wie die Guimards, Dumenils , u.s.w. in unsern Zeiten) eine doppelte Profession. Sie waren die Idole des Publikums; sie lebten auf einen großen Fuß; und es fehlte nicht an vornehmen und reichen Toren, die sich eine Ehre daraus machten, sich mit ihnen zu Grunde zu richten. Wir sehen aus einer Stelle eines Briefs von Cicero an Pätus , daß sogar ein Mann wie Cicero zuweilen in den Fall kam, mit einer Cytheris zu soupieren. Denn die Römer hatten um diese Zeit griechische Sitten angenommen, und ließen, wie in vielem andern, auch in den Ausschweifungen der Üppigkeit ihre Meister gar bald weit hinter sich. ; »der Himmel soll vor andrer Leute Weibern mich wohl bewahren«, sprach er. – Tor! was hilfts? Dafür verzehren Tänzerinnen dich, und feile Dirnen, die mit deinem Gelde dich noch um deinen guten Namen bringen! Was liegt an der Person dir, wenn du nicht vermeidest was dir schadet, was und wo es immer sei? In bösen Ruf sich setzen, des Vaters Gut verschlemmen, ist nicht mehr noch weniger ein Übel, ob es nun mit einer Dame, Sklavin, oder Frei- gelassenen geschieht. – munifico esse licet, vellet bonus atque benignus esse: daret quantum satis esset, nec sibi damno dedecorique foret: verum hoc se amplectitur uno, hoc amat, hoc laudat, »Matronam nullam ego tango!« \<55\> Ut quondam Marsaeus, amator Originis, ille qui patrium mimae donat fundumque laremque. »Nil fuerit mi«, inquit, »cum uxoribus umquam alienis!« Verum est cum mimis, est cum meretricibus, unde fama malum gravius quam res trahit. An tibi abunde \<60\> personam satis est, non illud quicquid ubique officit, evitare? bonam deperdere famam, rem patris oblimare, malum est ubicumque. Quid inter- est, in matrona, ancilla, peccesve togata? Dritte Satire Einleitung Der größte Teil dieses poetischen Diskurses ist gegen eine sehr gemeine, aber das gesellschaftliche Leben nicht wenig verbitternde Untugend gerichtet, nämlich gegen die Geneigtheit, die man an den meisten wahrnimmt, die Eigenschaften und Handlungen der Personen, mit welchen sie leben, wenn sie nur einigermaßen zweideutig scheinen oder einer nachteiligen Auslegung fähig sind, lieber in einem ungünstigen als milden Lichte zu betrachten, ihre wirklichen Fehler aber zu vergrößern, und besonders wenn sie selbst dadurch, so wenig es auch sein mag, beleidigt werden, eine Empfindlichkeit zu äußern, welche mit dem Vergehen des Freundes in keiner Proportion steht, und, indem sie den andern reizt uns mit gleicher Strenge zu behandeln, die notwendige Folge hat, den echten Geist der Geselligkeit , und mit ihm alles Vergnügen, das Menschen an einander haben könnten, aus dem gesellschaftlichen Leben zu verbannen. Es ist nicht zu zweifeln, daß unser Dichter irgend eine unmittelbare Veranlassung gehabt habe, gerade diese Materie zum Gegenstande eines eigenen Diskurses zu machen. Indessen ist in dem Gedichte selbst nichts davon zu entdecken; man müßte denn nur, aus den wenigen an Mäcenas gerichteten Versen, ( v. 63–66 ) schließen wollen, daß eigene Erfahrungen von der Tadelsucht seiner Nebenbuhler oder Mißgünstigen ihm Gelegenheit gegeben, den Stachel seines Witzes gegen diese, vermutlich damals sehr gemeine, Unart seiner Mitbürger zu richten. Sollte sich aber nicht in den besondern Umständen und Sitten seiner Zeit diese nähere Veranlassung am besten finden lassen? Wie wenn das Laster, welches er hier bestreitet, so nahe an eine politische Tugend der ehmals freien Römer grenzte, daß es in dem unabhängigen Rom weder so häßlich schien, noch so schädlich war; aber nun, da der Staat sich unvermerkt in eine Monarchie verwandelte, unter so sehr veränderten Umständen, so zu sagen bösartig zu werden anfing, und also die Aufmerksamkeit eines Schriftstellers verdiente, der die Absicht hatte, etwas zur Verbesserung und Verschönerung der Sitten seiner Mitbürger beizutragen? Das gesellschaftliche Leben in dem freien und in dem unterjochten Rom war, vermöge der Natur der Sache, sehr wesentlich verschieden. Die freien Römer, besonders in den letzten Zeiten der Republik, kannten wenig von den Annehmlichkeiten des häuslichen und des geselligen Lebens. Eine rastlose Ambition machte ihre Augenblicke zu kostbar, um ihnen Muße und Ruhe genug zum Genuß des letztern zu lassen. Ihre Freundschaften waren politische Verbindungen , die sich immer auf die Republik, und auf das, was jeder beim Betrieb seiner eigenen politischen Absichten von dem andern zu hoffen oder zu fürchten hatte, bezogen. Solche Freundschaften konnten, zumal in einer so ungeheuer großen Republik, mit allen Fehlern der Ungeschliffenheit, und mit aller der Malignität, womit in Freistaaten einer den andern zu belauren pflegt, sehr wohl bestehen. Die besten Freunde sagten einander im Senat oder vor Gerichte die empfindlichsten Dinge in den derbesten Ausdrücken; und die gröbsten Beleidigungen, wie die größten Verbindlichkeiten, wurden in einem Augenblicke vergessen, sobald politisches Interesse aus Feinden Freunde, oder aus Freunden Feinde machte. Man verzieh einander alles – oder nichts, je nachdem es augenblickliche Verhältnisse und Absichten, oder das Interesse der Faktion, von der man war, erforderte. Besonders unterhielt die gerichtliche Beredsamkeit , und die fast unbeschränkte Freiheit, die man sich herausnehmen durfte, Leidenschaften und Persönlichkeiten dabei ins Spiel zu ziehen, die republikanische Gewohnheit, einander aufs schärfste zu beobachten. Denn, weil man auf allen Fall nicht Waffen genug gegen seinen Feind oder Gegner in Bereitschaft haben konnte, und jeder, selbst der beste Freund, morgen der Ankläger unsers Klienten, oder zu unsrer Gegenpartei übergegangen, und also nun unser Gegner geworden sein konnte: so war nichts notwendiger, als immer mit allem, wodurch man einander in Verlegenheit setzen, verunglimpfen, und verhaßt oder verächtlich machen konnte, aufs reichlichste versehen zu sein. Wer sieht nicht, daß eine solche Verfassung das Laster, welches Horaz in dieser Satire angreift, ganz besonders aufmuntern mußte, und, daß es in dem freien Rom wo nicht die Natur eines Lasters ganz ausgezogen hatte, doch gewiß unter einer ganz andern Gestalt erschien, und die Folgen nicht hatte, die es in eben dieser Stadt haben mußte, nachdem bei weitem der größte Teil der Römer, selbst derjenige, der jetzt den Adel ausmachte, in unbedeutende Privatpersonen verwandelt war, deren Politik nun bloß in der Kunst, den Großen die Aufwartung zu machen, einträgliche Stellen durch ihre Gunst zu erhaschen, und überhaupt durch alle mögliche Mittel sich zu bereichern, bestand. Natürlicher Weise mußte sich mit einer so großen Staatsrevolution auch die Sittenverfassung wesentlich ändern, und das gesellschaftliche Leben eine ganz andere Gestalt gewinnen. Eine Menge sehr begüterter und müßiger Leute, die bloß des Lebens zu genießen wünschten, auf der einen Seite; eine ungleich größere Menge von solchen, die ihr Glück erst zu machen hatten, oder sich auf Unkosten der Reichen zu füttern suchten, auf der andern; eine unendliche Menge Menschen also, welche Reichtum und Dürftigkeit, Hunger und Sättigung, Langeweile und Durst nach Vergnügen, Talente jene zu vertreiben und diesen zu stillen, kurz die manchfaltigsten und verschiedensten Bedürfnisse in eine große Gesellschaft zusammendrängten und von einander abhängig machten, – mußten nun ganz andern Maximen folgen und ganz andere Sitten annehmen, um angenehm mit einander zu leben, und einander das zu sein, was jeder in dem andern zu finden wünschte. Die Urbanität , die ehmals nur für eine Zierde eines edeln Mannes galt, die Sanftheit und Gefälligkeit der Sitten, die von den strengesten Republikanern beinahe zum Laster gemacht wurde, war nun die Tugend des neuen Roms. Politur wurde das Unterscheidungszeichen edler Menschen von schlechten, und wer die gefälligsten Sitten hatte, hatte die besten. Aber die Sitten eines Volkes lassen sieh nicht so schnell umbilden, als sich seine Staatsverfassung umkehren läßt; und es währte lange, bis die Römer in Absicht auf Geselligkeit und Politesse das wurden, was sie zu den Zeiten des jüngern Plinius, unter dem Trajan und seinen nächsten Nachfolgern gewesen zu sein scheinen. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich in den meisten Werken unsers Dichters die Absicht, zu dieser Umbildung der römischen Sitten mitzuwirken, wahrnehme. Und so, denke ich, wäre auch ein ganz einleuchtender Grund gefunden, warum Horaz, dessen Sache wohl nicht war, sich bloß für die Langeweile auf Gemeinplätzen herumzutummeln, auf den Gedanken kam, die Unart, »sich selbst alles zu verzeihen, andere hingegen ohne alle Schonung mit der unbilligsten Strenge zu behandeln«, in einer eigenen Satire von ihrer ungereimten und lächerlichen Seite darzustellen Nitsch in seinen bereits angezogenen Vorlesungen sagt: die Absicht, die ich Horazen bei diesem Diskurs zuschreibe, dünke ihn vor der Hand auf alle Weise zu früh zu sein. Er meint, »der Dichter sei im Jahr der Stadt Rom 715 oder 16 noch zu jung und noch ein zu feuriger Patriot gewesen, habe die alte Verfassung noch zu sehr geliebt und noch zu stark auf ihre Wiederherstellung gehofft, um die Absicht, die ich ihm andichte, gehabt zu haben.« Ich gestehe, daß ich von allem diesem nichts weiß, und im Gegenteil überzeugt bin, daß Horaz auch damals schon viel zu verständig war, und den sittlichen Zustand der Stadt Rom (welche schon mit Marius und Sulla wirklich frei zu sein aufgehört hatte) viel zu gut kannte, um nach dem Tode der letzten Römer Brutus und Cassius die Wiederherstellung der alten Verfassung für möglich zu halten. Die große Staats- und Sittenrevolution, die dies unmöglich machte, war schon lange zuvor unter dem ersten Triumvirat vorgegangen, und Horaz, nachdem ihn das unglückliche Treffen bei Philippi decisis humilem pennis entlassen, d. i. nachdem der kurze republikanische Rausch verdunstet war, hätte sehr blind sein müssen, wenn er sich im J. 715, zumal als Klient Mäcens und Cäsars, noch von Wiederherstellung der alten Verfassung hätte träumen lassen. . Diese Unart, die in den vorigen Zeiten ein natürlicher Fehler der Freiheit und der Verfassung, und daher unendlich weniger anstößig, ja beinahe notwendig scheinen konnte, war nunmehr ein Laster , welches die Ruhe und das Vergnügen des gesellschaftlichen Umgangs und die Dauer freundschaftlicher Verbindungen zerstörte, und also nicht unter die Fehler gehörte, welche Schonung verdienen. Sogar die Stoische Philosophie – die zu Athen nur in Hörsälen und Gymnasien um müßige Ohren schallte, zu Rom hingegen von den eifrigsten Verfechtern der alten Verfassung in das Forum und in die Ratsversammlungen eingeführt worden war, sogar die Stoische Philosophie, weil sie Grundsätze und praktische Maximen hatte, die mit dem was im geselligen Leben der gute Ton war, allzu stark kontrastierten, konnte in dieser Rücksicht nicht geschonet werden, Ihre Spitzfindigkeit in der Theorie, ihre Strenge in der Ausübung, ihre übertriebnen Lieblingssätze, welche sie selbst Paradoxen nannte, und auf welche einige aus ihrer Sekte lächerliche Ansprüche zu gründen schienen, ihre nahe Verwandtschaft mit dem in die tiefste Verachtung gesunkenen Cynismus , alles dies paßte nicht mehr zu dem Geiste der Zeit, und war mehr als es brauchte, um den Witz und die Laune eines Aristippischen Dichters zu reizen, der die Weisheit als die Kunst zu leben, und die Tugend als das Mittel zwischen zweien Extremitäten betrachtete. Daher kommt es, daß Horaz, nachdem er vom 21sten bis zum 95sten Verse das Haupt-Thema in seiner gewöhnlichen Manier ausgeführt, von der übertriebnen Strenge gegen geringe Fehler oder Vergehungen Anlaß nimmt, die Stoiker wegen ihres paradoxen Satzes: omnia peccata esse aequalia (alle Abweichungen von der Regel des Rechts seien gleich groß und strafwürdig) anzugreifen, und sich in eine förmliche Art von Untersuchung gegen sie einzulassen: die eine Abschweifung von seinem Wege zu sein scheint, aber im Grunde seine vorgehenden Betrachtungen und praktischen Maximen unterstützt und ihm Gelegenheit gibt, den Stoiker, seinen Gegner, vermittelst eines andern Paradoxons seiner Sekte lächerlich zu machen, und den ganzen Diskurs in dem scherzhaften und leichten Torte zu enden, worin er angefangen war. In der Tat ließ der Anfang nichts weniger erwarten als das, warum es dem Dichter eigentlich zu tun war; und die Schilderung des unbeständigen und inkonsequenten Charakters des Sängers Tigellius hat keine nähere Beziehung auf das Folgende. Sie steht für sich, und scheint bloß darum da zu sein, um dem Dichter durch die Frage, die er sich machen läßt, »und du, der über andere spottet, hast denn du keine Fehler?« zum Übergang zu seinem Vorhaben Gelegenheit zu geben. Der ganze Diskurs scheint daher eine planlose Gedankenfolge, und wie ein zufälliges Gespräch zwischen dem Autor und einem Ungenannten zu sein, den er zum Contradictor aufstellt, um dem Stücke mehr Lebhaftigkeit zu geben und das Langweilige und Abschreckende einer mit lehrmeisterlicher Anmaßlichkeit monologisch vorgetragenen Sittenpredigt zu vermeiden. Es ist ein eignes Laster aller Sänger, daß sie, ersucht, sich unter Freunden hören zu lassen, immer keine Stimme haben; hingegen wenn kein Mensch sie hören mag, des Singens gar nicht müde werden können. Tigell , der Sarder Wir sind mit diesem Virtuosen bereits in der vorgehenden Satire in Bekanntschaft gekommen, und die Abschilderung, die uns Horaz im Eingang der gegenwärtigen macht, ist eine Biographie wert. Das Beiwort Sardus ille ist hier nichts weniger als müßig. Die Sardinier standen bei den Römern schon von alten Zeiten her in bösem Rufe. Als Sempronius Gracchus im Jahre der Stadt Rom 514 diese Insel eroberte, wurden beinahe alle Einwohner nach Rom geschleppt, und als Leibeigene verkauft; und da die Ware in so großer Menge vorhanden und dabei sehr schlecht war, so entstand das Sprüchwort: Sardi venales, alius alio nequior – Sardinier zu verkaufen! einer schlechter als der andere! , hatte diese Mucke. Wenn Cäsar , der ihn zwingen konnte, ihn bei seines Vaters Freundschaft und bei seiner eignen beschworen hätt', es half nichts! Kam hingegen die Fantasie ihn an, so ließ er euch sein Jo Bacche ! von den Eiern an bis zu den Äpfeln , ohne Maß noch Ziel durch alle Töne um die Ohren gellen. Nichts war sich selbst an diesem Menschen gleich: bald lief er auf der Straße wie vorm Feinde, bald ging er wie die Körbeträgerinnen Aus dieser Stelle und aus der Anmerkung des alten Scholiasten ist zu vermuten, daß auch am Feste der Juno Prozessionen üblich waren, wobei die Canephori (Körbeträgerinnen) eine Rolle zu spielen hatten. Ursprünglich wurden die priesterlichen Jungfrauen so genannt, die zu Athen an den Festen der Minerva und der Ceres gewisse zu ihren Mysterien gehörige symbolische Dinge in Kisten oder Körbchen auf dem Kopfe trugen. Weil diese Attitude sehr geschickt ist, eine schöne jugendliche Figur zu ihrem Vorteil zu zeigen, so übten sich die geschicktesten Bildhauer daran; und Cicero erwähnt, in der Liste der schönen Bildsäulen, welche Verres als Prätor von Sizilien mit List oder Gewalt an sich gebracht, auch zweier Canephoren des Polykletus von ausnehmender Schönheit. Act. in Verrem, IV. 3.     Omnibus hoc vitium est cantoribus, inter amicos ut numquam inducant animum cantare rogati, iniussi numquam desistant. Sardus habebat ille Tigellius hoc. Caesar, qui cogere posset, \<5\> si peteret per amicitiam patris atque suam, non quicquam proficeret: si collibuisset, ab ovo usque ad mala citaret »Io Bacche!« modo summa voce, modo hac resonat quae fidibus ima. Nil aequale homini fuit illi: saepe velut qui \<10\> currebat fugiens hostem, persaepe velut qui an Junons Feste. Heute wimmelte sein ganzes Haus von Sklaven, morgen ließ er sich an zehn begnügen: hatte bald den Mund voll Potentaten und Tetrarchen, da war ihm nichts zu groß; bald hieß es: »Laßt mir nur ein schlichtes Tischchen auf drei Füßen, mit einer Muschel reinen Salzes drauf, und einen Rock, so grob gewebt er sei, der mich vor Kälte schützt, was brauch ich mehr?« Nun, hättst du diesem mit so wenigem Zufriednen eine Million gegeben, in minder als sechs Tagen war davon kein Heller übrig. Wenn die ganze Welt sich schlafen legte, ward es Tag bei ihm; hingegen ging er, wie der Morgen graute, zu Bett', und schnarchte den ganzen langen Tag. Mehr mit sich selbst in Widerspruch war nie ein Mensch als dieser. Nun fragt jemand mich vielleicht: »Und du, der andrer spottet, hast du etwa keine Fehler?« Allerdings, nur andere und kleinere vielleicht. Als der bekannte Mänius Dieser Mänius ist ohne Zweifel der nämliche Taugenichts, den unser Dichter in der Epistel an Numonius Vala schildert. Er eilte soviel er konnte, sein väterliches Erbgut durch die Gurgel zu jagen. Der Scholiast erzählt noch folgende Anekdote von ihm: Einsmals hörte ihn jemand am ersten Tage des Jahres im Capitol mit lauter Stimme beten, daß er vierzig Tausend schuldig sein möchte, und bezeugte ihm seine Verwunderung über eine so sonderbare Bitte. Ich würde noch immer hundert Prozent dabei gewinnen, wenn mich Jupiter erhören wollte, sagte Mänius; denn ich bin achtzig Tausend schuldig. einst von einem gewissen Novius hinter seinem Rücken Iunonis sacra ferret; habebat saepe ducentos, saepe decem servos: modo reges atque tetrarchas, omnia magna loquens; modo: »Sit mihi mensa tripes et concha salis puri, et toga quae defendere frigus, \<15\> quamvis crassa, queat.« Decies centena dedisses huic parco paucis contento; quinque diebus nil erat in loculis. Noctes vigilabat ad ipsum mane, diem totum stertebat; nil fuit umquam sic impar sibi. Nunc aliquis dicat mihi: »Quid tu? \<20\> Nullane habes vitia?« Immo alia et fortasse minora. Maenius absentem Novium cum carperet: »Heus tu«, unglimpflich sprach, fiel jemand ihm ins Wort: »Und du, seit wenn bist du dir selbst so fremd geworden? Oder glaubst du uns als unbekannt was weis zu machen?« – »O, das ist was anders«, versetzte Mänius, » mir nehm' ich nichts vor übel!« So eine unverschämte Art sich selbst zu lieben ist freilich ahndungswürdig. Wie? du hast für deine Fehler immer trübe Augen, und nur für andrer ihre siehst du schärfer als Falk' und Schlange? Nun, so rechne drauf, daß wir auch dir nichts übersehen werden. Was ists nun mehr, wenn einer deiner Freunde leicht über Kleinigkeiten aufbraust oder für die feinen Nasen dieser Herr'n zu schlicht ist, sein Haar zu bäurisch um die Ohren hängt, sein Rock nicht zierlich sitzt, sein Schuh nicht knapp genug am Fuße schließt? – Er ist dafür ein Biedermann, so daß du einen bessern vergebens suchtest, ist dein Freund, und unter der plumpen Außenseite steckt ein großer Geist. Und endlich schüttle doch ein jeder nur sich selber aus; er wird wohl manchen Fehl quidam ait, »ignoras te? An ut ignotum dare nobis verba putas?« »Egomet mi ignosco«, Maenius inquit. Stultus et improbus hic amor est, dignusque notari! \<25\> Cum tua pervideas oculis mala lippus inunctis, cur in amicorum vitiis tam cernis acutum quam aut aquila aut serpens Epidaurius? At tibi contra evenit, inquirant vitia ut tua rursus et illi. Iracundior est paulo? minus aptus acutis \<30\> naribus horum hominum? rideri possit eo quod rusticius tonso toga defluit, et male laxus in pede calceus haeret? At est bonus, ut melior vir non alius quisquam, at tibi amicus; at ingenium ingens inculto latet hoc sub corpore. Denique te ipsum entdecken, den entweder die Natur ihm eingepflanzt hat, oder er sich selbst durch böse Angewohnheit zugezogen. Denn ungebautes Land wird, wenn die Flamme nicht dem Unkraut wehrt, gar bald von Heide strotzen. Der Punkt, auf den hier alles ankommt, ist: Wer wahrhaft liebt, hat keine Augen für die Mängel der Geliebten; oder wird er sie zuletzt gewahr, so wandelt sie der Liebe süßer Wahn in neue Reize, und ihn ergötzt, was andern Ekel macht, wie Hagnas Polypus den zärtlichen Balbin . Wie glücklich, wenn wir in der Freundschaft uns auf gleiche Weise täuschten, und die Tugend mit einem schönen Namen diesen Irrtum deckte! Wir sollten es hierin mit unsern Freunden, wie Väter es mit ihren Kindern, halten; der Knabe sei so schielend als er will, krummbeinig, höckricht, oder zwergiger als der unzeit'ge Sisyphus es war Dieser Sisyphus war ein Lieblingszwerg des Triumvirs M. Antonius, und (wenn dem Scholiasten zu glauben ist) nicht völlig zwei Fuß hoch. Die Gewohnheit Zwerge, aus Liebhaberei oder zum Staat, zu unterhalten, scheint um diese Zeit unter den Großen in Rom schon ziemlich gemein gewesen zu sein; denn Sueton bemerkt es als etwas Besonderes am August, ( c. 83. ) daß er die Zwerge nicht habe leiden können. Es scheint aber, daß hier eigentlich von mißgestalteten Zwergen die Rede sei. Wenigstens hatte seine Enkelin Julia einen ägyptischen Zwerg Man sieht aus einer Stelle des Statius ( Silvar. V. 5. ) und mehrern andern, daß Ägypten vorzüglich fruchtbar an dergleichen Zwergen war, die besonders ihrer außerordentlichen Lebhaftigkeit wegen gesucht wurden. , Canopus genannt, in deliciis , (wie Plinius Hist. Nat. L. VII. c. 16. Die Ursache, warum diese ägyptische Knäblein den Damen und Herren in Rom so angenehm waren, findet man beim Martial ( L. IV. Ep. 42. ). Si quis forte mihi posset praestare locanti,     audi quem puerum, Flave, locare velim. Niliacis primum puer hic nascetur in oris:     Nequitias tellus scit dare nulla magis. sagt) der nicht über zwei Fuß und einen Palm hoch war, und seine Gemahlin Livia ( Iulia Augusta ) eine Freigelassene, namens Andromeda , von ähnlicher Größe. , stets wird die Vaterlieb' ein mildernd Wort \<35\> concute, num qua tibi vitiorum inseverit olim natura, aut etiam consuetudo mala; namque neglectis urenda filix innascitur agris. Illuc praevertamur: amatorem quod amicae turpis decipiunt caecum vitia, aut etiam ipsa haec \<40\> delectant, veluti Balbinum polypus Hagnae, vellem in amicitia sic erraremus, et isti errori nomen virtus posuisset honestum. At pater ut gnati, sic nos debemus amici si quod sit vitium non fastidire: strabonem \<45\> appellat paetum pater; et pullum, male parvus si cui filius est, ut abortivus fuit olim für sein Gebrechen finden Da es unsrer Sprache an solchen mildernden Worten fehlt, so habe ich mich begnügen müssen, nur den allgemeinen Sinn dieser Stelle zu geben, ohne die Beispiele, welche Horaz anführt, übersetzen zu können. Ein Vater, sagt er, nennt seinen zwergichten Knaben pullus , den krummbeinichten varus , den kurzbeinichten scaurus , den schielenden oder unfreiwillig mit den Augenlidern nickenden paetus . Da wir kein Wort für scaurus haben, so mußte ich auch das Wort balbutit fallen lassen, das im Original eine besondere Anmut deswegen hat, weil Horaz die väterliche Gewohnheit, wenn sie mit ihren Kleinen reden, ihr kindisches Stammeln und Schnarren nachzuahmen, dadurch ausdrückt. Es ist in keines Übersetzers Macht, zu verhindern, daß nicht Schönheiten dieser Art zuweilen verloren gehen sollten. . Lebt dir einer zu kärglich? nenn' ihn einen guten Wirt. Macht jener sich zu wichtig, drängt sich auf? nenn's Eifer, seinen Freunden sich gefällig zu zeigen. Ist der Mann, im Gegenteil, ein Polterer, und nimmt sich mehr heraus als Höflichkeit und guter Ton erlauben? heiß' es Geradheit, Stärke, Biedersinn! Ist er zu rasch, zu hitzig? zähle ihn den Feuergeistern zu. Dies, denk ich, ists, was Freunde knüpft und fest zusammenhält. Wir machens umgekehrt. Wir kehren selbst die Tugenden von unsern Freunden um, und suchen sie, gleich einem lauteren Gefäß, mit einem Lack zu überziehn, der, was hineingegossen wird, verfälscht. Gutherzig heißt uns schwach , bedächtlich stumpf . Ist einer, der in einer Lage lebt, wo Mißgunst und Verleumdung auf ihn lauern, stets wohl auf seiner Hut, damit er nie der Bosheit eine nackte Seite zeige, Sisyphus; hunc varum distortis cruribus; illum balbutit scaurum, parvis fultum male talis. Parcius hic vivit? frugi dicatur. Ineptus \<50\> et iactantior hic paulo est? concinnus amicis postulat ut videatur. At est truculentior atque plus aequo liber? simplex fortisque habeatur. Caldior est? acres inter numeretur. Opinor, haec res et iungit, iunctos et servat amicos. \<55\> At nos virtutes ipsas invertimus, atque sincerum cupimus vas incrustare. Probus quis nobiscum vivit? multum est demissus homo; illi tardo cognomen pingui damus. Hic fugit omnes insidias, nullique malo latus obdit apertum: und tut damit nichts mehr als jedem klugen, nicht unvorsicht'gen Manne ziemt) uns heißt er falsch und ränkevoll . Ein andrer, der seiner Bonhommie (was mir, Mäcenas , gern mit dir begegnet) falls er etwa dich bei einem Buche oder in Gedanken antrifft, ganz unbekümmert daß er dir vielleicht beschwerlich fallen könnte, mit dem ersten was in den Mund ihm kömmt, dich unterbricht: Dem, sagt man, fehlt's sogar an Menschensinn. So rasch sind wir, zu unserm eignen Schaden ein wenig billiges Gesetz zu geben! Denn wer von uns wird fehlerlos geboren? Der ist der Beste, den die kleinsten drücken. Es wäg' ein Freund, wie billig ist, mein Gutes an meine Fehler, und schlägt jenes vor, so neige seine Liebe sich dorthin. Gefällt es ihm auf diesen Fuß von mir geliebt zu sein, so werd' ich ihn auf gleicher Waage wägen. Verzeihe selbst, wenn du Verzeihung brauchst, \<60\> (cum genus hoc inter vitae versetur, ubi acris invidia atque vigent ubi crimina) pro bene sano ac non incauto, fictum astutumque vocamus. Simplicior quis, et est qualem me saepe libenter obtulerim tibi, Maecenas, ut forte legentem \<65\> aut tacitum impellat quovis sermone, molestus: communi sensu plane caret, inquimus. Eheu, quam temere in nosmet legem sancimus iniquam! Nam vitiis nemo sine nascitur: optimus ille est qui minimis urguetur. Amicus dulcis, ut aequum est, \<70\> cum mea compenset vitiis bona, pluribus hisce, (si modo plura mihi bona sunt) inclinet. Amari si volet hac lege, in trutina ponetur eadem. und soll ich deinen Höcker übersehen, so halte meine Warzen mir zugut. Wofern uns aber nebst den übrigen Gebrechen unsres albernen Geschlechts der Zorn nicht gänzlich ausgeschnitten werden kann: warum bedienet die Vernunft dabei sich ihres Maßes , ihrer Waage nicht, und ahndet jegliches Vergehen nur so viel die Sache wert ist, und nicht mehr? Wenn jemand seinen Knecht, der aus der Schüssel, die abzutragen ihm befohlen war, die halbgegeßnen Fische samt der lauen Brühe verschlungen hätte, gleich dafür ans Kreuz zu schlagen befähle, würde wer bei Sinnen ist ihn nicht wahnsinniger als Labeo nennen Alle Handschriften die man noch gefunden hat, lesen Labeone , und die alten Scholiasten, welche eben so gelesen haben, stimmen darin überein, daß dieser Hieb ( Labeone insanior ) dem M. Antistius Labeo , einem unter den Rechtsgelehrten berühmten Namen, gelte; einem Manne, dessen Vater in den Zeiten, da Roms Freiheit die letzten Zuckungen tat, ein eifriger Anhänger der Cäsars-Mörder gewesen, und, weil er nach der unglücklichen Schlacht bei Philippi die Republik nicht überleben wollte, den Tod des Brutus und Cassius gestorben war. Labeo, der Sohn, hatte von dem Freiheitssinne seines Vaters soviel geerbt, daß er nach dem Ausdruck des Tacitus Annal. III. 75. sogar unter Augusts Oberherrschaft eine freie unverdorbene Seele erhielt; wiewohl er zur Zeit, da Brutus und die Pompejanische Partie noch den letzten Versuch tat die römische Freiheit zu retten, noch zu jung war, um selbst auf dieser Seite zu fechten. Er lag, wie es scheint, damals noch den vorbereitenden Studien ob, oder übte sich bereits unter dem berühmtesten der damaligen Rechtsgelehrten, C. Trebatius , in der Wissenschaft und Praxis des römischen Rechtes, worin er es in der Folge auf einen so hohen Grad von Stärke brachte, daß er und Atejus Capito für die ersten Männer in diesem Fache angesehen wurden. Beide, Labeo und Capito , waren, nach dem Ausdruck des Tacitus ( l. c. ) duo pacis decora (zwei Zierden des Zivil- Standes) unter Augusts Regierung. Sed Labeo incorrupta libertate (setzt er hinzu) et ob id fama celebratior: Capitonis obsequium dominantibus magis probabatur: Labeos unbestechliche Freiheit erwarb ihm mehr Ruhm und Popularität; den Capito hingegen machte seine gefällige Geschmeidigkeit den Gewalthabern angenehmer . Labeo, dem Charakter eines echten altrömischen ICtus getreu, lebte in dem Fesseltragenden Rom, als ob er nichts davon wüßte, daß sein Vaterland die Freiheit, die ihm von Rechtswegen zustund, de facto verloren hätte: und wiewohl dies kein Mittel war sich dem August angenehm zu machen, so war es doch, bei einem so furchtsamen Usurpator, dem es so sehr am Herzen lag, seiner Domination das Ansehen einer gesetzmäßigen, popularen und liebenswürdigen Regierung zu geben, ein unfehlbares Mittel, sich in Achtung zu setzen. Ein auffallender Beweis davon ist, daß, als August im Jahre der Stadt Rom 735 den Senat zu reinigen und gleichsam umzuschaffen nötig fand, Labeo einer von den dreißig Männern war, welche, unter eidlicher Verpflichtung, das Recht erhielten, jeder fünf Senatoren zu erkiesen. Bei dieser Gelegenheit war es, daß er die beiden Probstücke von Ungeschmeidigkeit ablegte, welche ihm sein Nebenbuhler Capito in einer vom Gellius aufbehaltnen Stelle eines seiner Briefe Gell. Noct. Att. XIII. 12. so übel nimmt. Jeder Römer wußte, wie verhaßt dem August der alte Lepidus war, sein ehmaliger Kollege im Triumvirat, den er aber aller Gewalt beraubt, aus Rom verbannt, und ihm nichts als die Würde eines Pontifex Maximus gelassen hatte, die ihm wenigstens persönliche Unverletzlichkeit gewährte: und Labeo hatte nichts Dringenders als, dem August gleichsam zum Trotz, diesen Lepidus in den neuen Senat zu wählen. August konnte sich in der ersten Bewegung nicht enthalten, ihm hierüber seinen Unwillen mit großer Hitze zu bezeugen; und warf ihm vor, daß er durch Ernennung eines so unwürdigen Mannes wie Lepidus seinen Eid gebrochen habe. Jeder hat das Recht nach seiner Einsicht zu urteilen, antwortete Labeo ganz kaltblütig: warum sollte ich einen Mann, den du Pontifex Maximus sein lässest, nicht zum Senator gut genug finden Dion. Cass. Hist. Rom. L. 54. c. 15. Sueton. in Aug. c. 54. cf. Vincent. Gravina, de O. et P. Juris Civil. §. 73. ? Dies schien (sagt Dion ) ein Wort zur rechten Zeit, und August beruhigte sich. Bald darauf wurde, zur Sicherheit der Person des Augusts, gegen welchen eine neue Verschwörung entdeckt worden war, im Senat vorgeschlagen: daß immer, der Reihe nach, einer von den Senatoren in seinem Vorzimmer wachen sollte. Was mich betrifft, sagte Labeo, ich tauge nicht zu diesem Amte; denn ich schnarche im Schlafe. Sueton scheint es dem August zum Verdienst anzurechnen, daß er diese und andere dergleichen Reminiszenzen der alten republikanischen Freiheit ungeahndet habe hingehen lassen. Indessen ist gewiß, daß Labeo sich dadurch nicht beliebter bei ihm machte; und Tacitus sagt ausdrücklich: August habe den Atejus Capito um so schleuniger zum Konsulat befördert, damit er durch diese Würde (welche damals, ungeachtet sie im Grunde ein bloßer Titel war, das höchste Ziel der Ambition eines Römers ausmachte) dem Labeo, der in der Rechtsgelehrsamkeit den Vorzug über ihn behauptete, wenigstens im Rang vorginge; und er gibt sehr deutlich zu erkennen, daß Labeo bloß wegen seiner altrömischen Denkart und Affektation einer Freiheit, die nicht mehr in diese Zeiten paßte, nicht höher als bis zur Prätur gestiegen sei; wiewohl der Rechtsgelehrte Pomponius sagt, August habe in der Folge auch ihm das Konsulat angetragen, er habe sich aber diese Ehre verbeten V. Joh. Bertrand, de Jurisperitis. L. I. p. 60. . Ich mußte diese historische Notiz, welche alles enthält was wir von der Lebensgeschichte dieses berühmten Rechtsgelehrten wissen, vorausschicken, um die Leser in den Stand zu setzen, die Frage: ob wohl der Labeo, von welchem Horaz hier als einem notorischen Tollhäusler spricht, und dieser M. Antistius Labeo eine und eben dieselbe Person sein könne? auf einen Blick zu entscheiden. Der alte Scholiast, (dessen geringes Ansehen schon mehrmal bemerkt worden ist) sagt ganz dreiste ja , und versichert: »weil M. Antistius Labeo, gewesener Prätor, und ICtus , der Freiheit, worin er geboren war, eingedenk, sich (wie man sage) ziemlich viel gegen den August in Worten und Werken herausgenommen; so habe ihn Horaz, um Augusten seine Cour dadurch zu machen , wahnsinnig genannt.« Unzählige gelehrte Männer, und unter diesen alle Kommentatoren des Horaz, und beinahe alle Biographen der alten römischen Rechtsgelehrten, haben dies dem unbekannten Notenschmierer ohne mindestes Bedenken nachgesagt; und der Verfasser der Mémoires de la Cour d'Auguste Vol. III. et L. XIV. p. 367. Horace même eut la foiblesse, pour plaire à cette cour servile, de lancer des traits pinquans contre Labeo, Cassius et Varron. Sa complaisance à cet égard ne fait pas honneur au poëte, à lui surtout, qui, comme eux, avoit autrefois été partisan de la bonne cause etc. macht unserm Dichter »eine so niederträchtige Schmeichelei oder Gefälligkeit gegen den Usurpator« zu einem desto größern Verbrechen, da er selbst so gut wie Labeo ehmals für die gute Sache gefochten habe. Der gelehrte und scharfsinnige Bentley ist, meines Wissens, der einzige unter den Kommentatoren, dem es auffiel, daß Horaz auf das bloße Wort eines elenden Scholiasten einer so niedrigen Handlung beschuldiget werden sollte, und dem es unerträglich war, diese Verleumdung auf ihm ersitzen zu lassen. Er wendet alles an, um zu zeigen, daß es moralisch unmöglich sei, daß unser Dichter, auch nur als ein Mann von Welt und Lebensart, fähig gewesen sein sollte, die Achtung, die er einer Person von Labeons Geburt, Würde, Ansehen und Verdiensten schuldig war, so gröblich aus den Augen zu setzen. Es wäre, meint er, nicht nur unedel, sondern selbst unpolitisch gewesen, dem August auf eine so schändliche Art den Hof machen zu wollen: kurz, Horaz müßte selbst toller als toll gewesen sein, um eine Person von solchem Charakter und Ansehen einen Tollkopf zu schelten. Und warum? Um dem August zu schmeicheln, der sich doch durch die edle und keinesweges unanständige Freiheit, welche Labeo sich zuweilen gegen ihn erlaubte, so wenig beleidigt fand, daß er ihm vielmehr die Prätur, das Prokonsulat des Narbonensischen Galliens Dieses Prokonsulat muß wohl aus der Titulatur unsers Labeo ausgestrichen werden. Bentley scheint mit Joh. Bertrand ( l.  c.) durch eine mißverstandene Stelle des Plinius ( Hist. Nat. XXXV. c. 4. ) verleitet worden zu sein, unsern Antistius Labeo mit einem andern Atejus Labeo zu vermengen. Parvis gloriabatur tabellis , sagt Plinius, exstinctus nuper in longa senecta Ateius Labeo, praetorius, etiam proconsulatu provinciae Narbonensis functus . Mir ist unbegreiflich, wie ein Bentley hier Antistius lesen konnte. Wenn man auch annehmen könnte, daß unser Labeo über hundert und zehn Jahre alt worden wäre; (welches freilich nicht unmöglich ist) so ist doch beinahe ungereimt zu glauben, daß er ein Miniaturmaler , und noch dazu ein schlechter gewesen sein sollte. Denn, daß Plinius mit dem Worte gloriabatur soviel habe sagen wollen, als: diese kleine tabellae seien eine Grille des alten Mannes gewesen, der aus Liebhaberei in die Kunst gepfuschet habe, ist doch wohl deutlich genug. und eine Stelle unter den dreißig Senatoren, denen er die Besetzung des Senats auftrug, als eben so viele Beweise seiner Achtung und seines Vertrauens erteilte. – Mich dünkt, man müßte ganz außerordentlich an der schlimmen Reputation hangen, die unserm Dichter von seinen naseweisen Scholiasten und von Gelehrten, deren einer immer der Nachhall eines andern ist, gemacht worden, um über diesen Punkt nicht Bentleys Meinung zu sein. Indessen gestehe ich, daß ich noch einen von ihm nicht berührten Grund habe, warum ich überzeugt bin, daß der tolle Labeo des Horaz nicht der ICtus M. Antistius Labeo sein kann: und dieser ist, daß dieser weder ein Vir Prätorius , noch einer von den dreißig Wählern des neuen reformierten Senats vom Jahre 735, noch ein in hohem Ansehen stehender und verdienstvoller Mann, sondern noch ein sehr junger Mensch war, als Horaz diese Satire schrieb. Wir wissen zwar weder das eigentliche Jahr, wann er geboren wurde, noch wann er gestorben ist. Aber als sein Vater bei Philippi umkam, hatte er noch nicht einmal das Alter, worin ein junger Römer die ersten Kriegsdienste tat; oder wer könnte glauben, daß er seinen Vater, der unter den Häuptern der republikanischen Partei war, bei einer solchen Gelegenheit nicht begleitet haben würde? Daß er dies aber nicht getan habe, ist aus dem Stillschweigen des Dion, bei der umständlichen Beschreibung, die er von dem Tode Labeons, des Vaters, macht, mehr als nur wahrscheinlich. Das Alter, das ich unserm Labeo gebe, bestätigt sich auch aus dem Umstande, daß vor dem Jahre 735 gar keine Erwähnung von ihm geschieht. Wahrscheinlicherweise war er mit seinem Rival Capito ungefähr von gleichem Alter; Capito aber, wiewohl er beim August ganz vorzüglich in Gnaden stund, gelangte erst im Jahre 758 zur konsularischen Würde, und lebte bis ins Jahr 774. Man kann also sicher annehmen, daß die glänzende Periode dieser beiden Männer in die dreißig letzten Regierungsjahre des Augustus fällt; und daß Labeo, wenn er auch bei seiner Ernennung zu einem von den Wählern des neuen Senats bereits 40 Jahre gehabt hätte, doch nicht viel eher als um das Jahr 696 geboren sein konnte, und also zur Zeit, da Horaz diese Satire schrieb (d. i. um das Jahr 715 oder 16) noch viel zu jung war, um unter den damaligen Umständen, und nach der gänzlichen Unterdrückung der Partei, für welche sein Vater gestorben war, den Titel eines Tollkopfes durch sein öffentliches Betragen im Staate zu verdienen. Daß er ihn aber durch andere Jugend-Ausschweifungen verdient haben könnte, ist mit dem Charakter, den er in der Folge behauptete, eben so unverträglich, als mit Horazens Denkart, einen noch unbedeutenden jungen Mann bloß deswegen öffentlich zu beschimpfen, weil er vielleicht der Sache des Octavius Cäsar, die ihm das Leben seines Vaters kostete, weniger günstig war. Nimmt man nun alles dieses zusammen, so ist, deucht mich, wahrscheinlich genug, daß die Note des alten Scholiasten keine Aufmerksamkeit verdiene, und daß der tolle Labeo , von welchem Horaz spricht, irgend einer von den andern Labeonen gewesen sein müsse, deren es damals eine Menge gab. Denn Labeo war ein Beiname sehr vieler römischen Familien, die einander nichts angingen; und außer der Familie Antistia , von welcher ein jüngerer Zweig sich durch diesen Beinamen ( Labeo ) von den Antistiis Veteribus unterschied, finden sich Ateii oder Atinii , Asconii , Cethegi , Cornelii , Fabii , Pomponii und Segutii, welche alle den Beinamen Labeo führten. Aller Wahrscheinlichkeit nach war der Labeo, von welchem hier die Rede ist, physisch toll , oder toll zum Anbinden; und es war ohnezweifel eine so notorische Sache, daß Horaz sogleich einem jeden verständlich war, indem er sagt: Wenn einer seinen Sklaven, wegen einer solchen Kleinigkeit, ans Kreuz schlagen ließe, würden ihn alle Leute, die bei ihren Sinnen sind, für toller als den Labeo, d. i. für einen Unsinnigen, der ins Tollhaus gehört, halten . Wäre dieser Labeo nur ein moralischer Narr gewesen, so könnte, deucht mich, nichts frostiger sein als dies Labeone insanior , da von einer Handlung die Rede ist, deren man keinen seiner Sinne mächtigen Menschen fähig halten kann. ? Und doch, wie viel wahnsinniger, einen Freund, weil ers in einer Kleinigkeit versah, die nur ein Mensch, mit dem gar nicht zu leben ist, ihm nicht verzeihen konnte, gleich dafür zu hassen und zu fliehen Ich zweifle, ob es möglich wäre etwas zu ersinnen, das zu gleicher Zeit die Macht allgemeiner National-Vorurteile, selbst über die besten Menschen, und die entsetzliche Abschätzigkeit eines Sklaven bei den alten Römern, auffallender zu fühlen gäbe, als diese Stelle; wo ein so humaner Sterblicher als Horaz, mit so kaltem Blute, die Unmenschlichkeit, einen Sklaven deswegen zu kreuzigen weil er aus einer abgetragenen Schüssel genascht hat, in Vergleichung mit der Unbilligkeit und Unklugheit, einem Freunde irgend einen geringen Fehler nicht zu übersehen, für eine Kleinigkeit erklärt. , wie den Ruso Qui ne tuberibus propriis offendat amicum postulat, ignoscet verrucis ipsius. Aequum est \<75\> peccatis veniam poscentem reddere rursus. Denique, quatenus excidi penitus vitium irae cetera item nequeunt stultis haerentia: cur non ponderibus modulisque suis ratio utitur, ac res ut quaeque est, ita suppliciis delicta coercet? \<80\> Si quis eum servum, patinam qui tollere iussus semesos pisces tepidumque ligurrierit ius, in cruce suffigat, Labeone insanior inter sanos dicatur. Quanto hoc furiosius atque maius peccatum est – paulum deliquit amicus \<85\> quod nisi concedas habeare insuavis, acerbus odisti et fugis ut Rusonem debitor aeris; sein Schuldner flieht; der, wenn die traurigen Kalenden gekommen sind, entweder Hauptgut oder Intressen (komm' es nun woher es wolle) herbeizuquälen, oder seinen Hals wie ein Gefangener den bitterbösen Geschichten, die er vorliest, darzurecken genötigt ist Der Scholiast macht, nach seiner Gewohnheit, eine Anmerkung zu dieser Stelle, die uns nichts mehr von der Sache sagt, als sich aus Horazens Worten schließen läßt. Octavius Ruso (sagt er) acerbus faenerator fuisse dicitur, item historiarum scriptor, ad quas audiendas significat solitum fuisse cogere debitores suos . Daß dieser Ruso ein Mann gewesen sein mußte, der Gelder auslieh und langweilige Historien schrieb, sagt der Dichter deutlich genug, daß es uns der Notenmacher nicht wieder zu sagen brauchte. Aber, daß Ruso seine Schuldner gezwungen habe, seine Historien anzuhören, sagt Horaz nicht. Sie zwangen sich wohl selbst , wenn sie nicht bezahlen konnten, ihm wenigstens durch diese Gefälligkeit, worauf er einen großen Wert legte, die Cour zu machen. Es ist ein eben so witziger als beißender Hieb, im Vorbeigehen, auf einen elenden Autor, der die Wut hatte, seine Werke vorzulesen. Man weiß, daß die Gewohnheit, alle seine Freunde und Bekannten zu solenner Vorlesung seiner Werke einzuladen, damals schon eine ziemlich gemeine Mode war, und daß es unter die Pflichten der Höflichkeit und Freundschaft gerechnet wurde, bei solchen Gelegenheiten zu erscheinen. Man zwang die Leute nicht zu kommen, sondern man lud sie ein . Entschuldigte sich wer konnte, wenn der Vorleser ein langweiliger Autor war! Aber Klienten und Schuldner , die um Aufschub baten, kamen freilich so leicht nicht weg; die mußten wohl erscheinen, wenn sie sich ihrem Patron oder Gläubiger nicht mißfällig machen wollten; und so stellten sie sich denn, wiewohl ungern genug, von selbst ein. Das ist alles, was der Leser wissen oder sich einbilden muß, um den Witz in diesem drolligten Scherz ganz zu fühlen . . Ein Freund hat trunknerweise was Menschliches begangen, hat vielleicht ein Näpfchen, von Euanders Hand gedreht Die Ausleger sind uneins, ob hier von dem alten König Euander , den wir aus Virgils Äneis kennen, oder von Euander dem Künstler die Rede sei, der (wie der alte Scholiast, auf das Zeugnis derer qui de personis Horatianis scripserunt , berichtet) nach dem Tode des Triumvirs Antonius unter andern Gefangenen nach Rom gebracht worden sein und diese Hauptstadt der Welt mit einer Menge schöner Arbeiten bereichert haben soll. Bentley und Winkelmann sind der letztern Meinung; und Junius , in seinem Kommentar über das 34-, 35- und 36ste Buch des Plinius , vermutet, daß der Antonius Euander gemeint sei, von welchem Plinius meldet, daß er zu einer Statue der Diana von dem berühmten Bildhauer Timotheus, die damals im Tempel des Palatinischen Apollo stand, einen neuen Kopf gemacht habe. Man weiß, daß die Römer mit Schüsseln von künstlicher Arbeit großen Luxus trieben. Vielleicht waren diejenigen, welche Euander machte, eine Art von ägyptischem Porzellan, und wurden der schönen Arbeit und Form wegen besonders gesucht. Saumaise hat bewiesen Salmas. in Solin. p. 289. , daß das Wort tritum soviel als tortum oder tornatum , gedreht, heißen könne; und so paßte sowohl dieses Wort, als der Zorn des Hausherrn über den Gast, der unvorsichtigerweise ein zerbrechliches Gefäß von solchem Werte vom Tisch herabgestoßen, sehr gut auf eine Art von feiner Töpferarbeit. – Diejenigen, welche diesen catillum Euandri manibus tritum lieber zu einer Antiquität aus des uralten Hirtenkönigs Euanders Küche machen wollen, berufen sich auf ein Epigramm des Martial ( L. VIII. 6. ) wo ein gewisser alter Geck, Euctus , sich viel mit dem hohen Altertume seiner Trinkgeschirre weiß und lauter berühmte Namen aus der Heldenzeit als ehmalige Besitzer derselben nennt; aber freilich waren seine Trinkgeschirre von Silber: König Euander hingegen vermochte schwerlich andere als hölzerne oder irdene Becher. Tritum bedeutete dann soviel als abgenutzt . Der Sinn scheint mir aber bei dieser Auslegung so gezwungen, daß ich in der Übersetzung lieber Bentleys seiner gefolget bin. , vom Tisch herabgestoßen: soll er mir deswegen, oder weil er etwa hungernd ein Hühnchen aus der Schüssel sich gelangt das mir vorüberlag – soll er darum mir minder lieb sein? Nun, was könnt' ich tun, wenn er gestohlen oder vor Gericht mir seine Handschrift abgeleugnet hätte? Die Herren, die an Gleichheit aller Sünden Belieben tragen, finden, wenn's um Wahrheit gilt, viel Schwierigkeit: Gefühl und Sitten stehn entgegen; ja selbst das Nützliche, das als die Mutter von Recht und Billigkeit gewissermaßen betrachtet werden kann Hier fängt die Disputation mit den Stoikern an, deren bekanntes Paradoxon, »alle Handlungen sind, insofern sie recht oder unrecht sind, gleich recht oder unrecht« , Horaz bei dieser Gelegenheit in dem Geiste und Tone eines echt Sokratischen Dichters bestreitet, welcher dialektischen Subtilitäten gemeinen Menschenverstand entgegensetzt, und seine Begriffe von menschlichen Dingen vielmehr aus der Erfahrung und den Jahrbüchern der Welt geschöpft, als aus ontologischen Abstraktionen abgeleitet hat. Sein Räsonnement über diese Sache ist folgendes. Der allgemeine Menschensinn, ( Sensus communis ) das, was bei allen polizierten Völkern Sitte ist, ( mores ) und das allgemeine Interesse, ( utilitas ) stehen dem Stoischen Grundsatze, der hier bestritten wird, gleich stark entgegen. (v. 97. 98.) Am Ende ist es doch bloß das was der ganzen Gattung nützlich ist, was die Menschen in Bestimmung des Unterschiedes zwischen Recht und Unrecht geleitet hat, und worauf es bei der Entscheidung dessen, was recht und billig sei, in den vorkommenden Fällen ankam. Als die Menschen noch in ihrer ersten natürlichen Roheit in den Wäldern der ungebauten Erde herumzogen, hatten sie noch keine Begriffe von Gesetzen und Pflichten. Sie suchten bloß ihre Naturtriebe zu befriedigen, und wenn Kollisionen entstanden, entschied die Stärke . Die natürlichste Folge davon war ein allgemeiner Krieg , ( bellum omnium contra omnes ) der sich mit Aufreibung der ganzen Gattung hätte endigen müssen, wenn nicht etwas in dem Menschen wäre, dessen Entwicklung ihm eben so natürlich ist, als das Wachstum seines Körpers und die Entfaltung seiner tierischen Kräfte. (v. 98–103.) Dieses Etwas entwickelt sich in den Menschen, so wie sie, durch einen ebenfalls natürlichen Trieb, eine Sprache erfunden haben, mittelst welcher sie ihre Begriffe festhalten, ihre Gefühle zu Gedanken erheben, und ihre Gedanken einander mitteilen können. Von diesem Augenblick an gewinnt das menschliche Leben eine andere Gestalt; die tierische Wildheit verschwindet; das Gefühl des unendlichen Ungemachs, das sie in jenem Zustande erlitten, leitet sie auf die Idee einer gesellschaftlichen Einrichtung. Sie sehen, daß sie um ihres eigenen Bestens willen ihren Trieben Schranken setzen, ihren Leidenschaften Zügel anlegen lassen müssen; und so wird die Furcht vor dem Unrecht , d. i. das Verlangen von den verderblichen Folgen einer gesetzlosen Freiheit befreit zu werden, die Mutter des Rechtes , oder der ersten positiven Gesetze , welche die Vernunft den Menschen gibt, und wodurch alle gewalttätigen Handlungen oder Beschädigungen eines andern, weil sie mit der Ruhe und dem gemeinschaftlichen Wohlstande der Gesellschaft geradezu unverträglich sind, für unrecht oder für Beleidigungen erklärt und einer gemeinschaftlichen Rache unterworfen werden. (v. 103–112.) Diese Rache, welche die Gesellschaft an ihren Beleidigern nimmt, konnte, ohne in das alte Ungemach zu verfallen, nicht der Willkür der einzelnen beleidigten Personen überlassen werden: denn die Natur allein lehrt den Menschen das, was in jedem Falle Recht oder Unrecht ist, nicht eben so sicher unterscheiden, als sie jeden durch das bloße Gefühl lehrt, was ein Übel oder ein Gut für ihn ist; im Gegenteil, der Zorn, der uns bei einer erlittenen Beleidigung erhitzt, würde in der Rache immer die Grenzen der Billigkeit überspringen. Die Gesetze müssen es also sein, die das Strafamt in der Gesellschaft verwalten; und da es bei Bestimmung der Strafen hauptsächlich auf die Beschädigung ankommt, welche die Gesellschaft oder auch der unmittelbar beleidigte Teil erlitten hat; und kein Mensch von gesundem Verstande in dieser Hinsicht behaupten wird, daß es gleich viel sei, ob einer eine Rübe aus des andern Garten auszieht, oder ob er einen Tempel beraubt, ob er jemanden eine Beule in den Kopf geschlagen, oder seinen eigenen Vater erdrosselt hat: so kann auch mit Vernunft nicht behauptet werden, daß diese Verbrechen gleiche Strafe verdienen; und so ist klar, daß Strafgesetze nötig sind, welchen die Billigkeit zur Grundlage dient, vermöge deren die Verbrechen nach dem Verhältnisse des Schadens, den sie der Gesellschaft tun, bestraft werden. (v. 113–129.) . Als aus dem neu- qui, nisi cum tristes misero venere Calendae mercedem aut nummos unde unde extricat, amaras porrecto iugulo historias, captivus ut, audit. \<90\> Comminxit lectum potus, mensave catillum Euandri manibus tritum deiecit; ob hanc rem, aut positum ante mea quia pullum in parte catini sustulit esuriens, minus hoc iucundus amicus sit mihi? Quid faciam, si furtum feccrit? aut si \<95\> prodiderit commissa fide? sponsumve negarit? Queis paria esse fere placuit peccata, laborant, cum ventum ad verum est: sensus, moresque repugnant, atque ipsa utilitas, iusti prope mater et aequi. erwärmten Erdenschlamm die ersten Menschentiere, ein stummes ungestaltes Vieh, hervor gekrochen kamen Horaz, wiewohl seine Moralphilosophie gewöhnlich einen Lehrling und Freund der Sokratischen Schule verrät, (an welche sich auch Epikur in der Moral sehr genau anschloß) scheint, was seine Begriffe vom Weltall und vom Ursprung der Dinge betrifft, die Vorstellungsart der Epikuräer von diesen Dingen, die über unsern Horizont gehen, ( quae supra nos , in welche sich Sokrates entweder gar nicht einließ, oder, wenn er es ja tat, nur auf eine sehr populäre Art, und ad hominem darüber philosophierte) für die natürlichste, und vielleicht für die bequemste für ihn gehalten zu haben. Es ist daher um so weniger zu verwundern, daß er sich den Ursprung der Menschen eben so gedacht hat wie Lukrez : da beinahe alle kultivierten Völker gestanden haben, und gestehen mußten, daß eine Zeit war, wo ihre Vorfahren in Wäldern irrten, Eicheln aßen, und, weil sie noch keine positiven Gesetze kannten, in allen Fällen, wo ihre Leidenschaften in Zusammenstoß gerieten, durch das physische Gesetz, kraft dessen der Stärkere den Schwächern überwältigt, ( abusive oder zum Scherz das Recht des Stärkern genannt) den Handel zu Ende brachten. Der Dichter mußte übrigens in seiner Deduktion gegen die Stoiker so weit ausholen, weil er gegen sie zu beweisen hatte: daß die Theorie von Recht und Unrecht eine Folge und Frucht der Kultur , oder (mit andern Worten) daß sie dem Menschen nicht natürlicher und angeborner sei, als Sprache, Kleidung, Wohnung, gesellschaftliche Verbindung, Kunstfleiß, und alles übrige, wodurch er sich von den sprachlosbleibenden Tieren unterscheidet: als welches alles zwar in der Anlage der menschlichen Natur enthalten ist; aber doch nicht anders, als nach und nach, langsam, und mit Hülfe einer Menge befördernder Umstände zum Vorschein kommt und zu einem gewissen Grad von Vollkommenheit gebracht wird. , kämpften sie um Eichelmast und um ein Lager erst mit Faust und Klauen, mit Knitteln dann, hernach mit andern Waffen, womit Gebrauch und Kunstfleiß sie versah: bis sie zuletzt, statt wilder Töne, Worte, und zu Bezeichnung dessen was sie fühlten die Sprach' erfanden. Nun begannen sie vom Kriegen abzulassen, und in friedlicher Gemeinschaft Städte zu befesten, und Gesetze zu geben, die dem Diebstahl und dem Ehbruch wehrten. Denn lange vor Helenen war – ein Weibchen der Gegenstand und Zunder wilder Fehden; (nur daß, sie zu besingen, kein Homer sich damals fand.) Sie fielen namenlos, die, wenn (nach andrer wilden Tiere Art) erhitzte Brunst sie wiehernd auf die erste die beste Sie, die ihnen aufstieß, sprengte, der Stärkere, gleich dem Stier in einer Herde, zu Boden stieß. Zieht die Annalen nur Cum prorepserunt primis animalia terris, \<100\> mutum et turpe pecus, glandem atque cubilia propter unguibus et pugnis, dein fustibus, atque ita porro pugnabant armis, quae post fabricaverat usus; donec verba, quibus voces sensusque notarent, nominaque invenere. Dehinc absistere bello, \<105\> oppida coeperunt munire, et ponere leges, ne quis fur esset neu latro neu quis adulter. Nam fuit ante Helenam cunnus taeterrima belli causa: sed ignotis perierunt mortibus illi, quos, Venerem incertam rapientes more ferarum, \<110\> viribus editior caedebat, ut in grege taurus. der ersten Welt zu Rat, ihr werdet mir gestehen müssen, daß die Furcht vor Unrecht das Recht erfand. Wenn also die Natur allein uns nicht, so wie was gut und böse , was zu meiden , was zu begehren ist, so auch in jedem Falle das Recht vom Unrecht unterscheiden lehrt; und die subtilste Dialektik nie uns überzeugen wird, daß einen Kohlstrunk in eines andern Garten abzubrechen und einen Tempel nächtlich auszurauben gleich große Sünden sind: so braucht es doch wohl einer Vorschrift , die auf jede Sünde nach Billigkeit gemeßne Strafen setze; damit du den mit Geißeln nicht zerfleischest, der kaum der mildern Peitsche würdig war. Denn daß du je die Rute statt des Beils ergreifest, ist von dir nicht zu besorgen, du, welcher Dieberei und Straßenmord in eine Reihe stellst, und groß und klein mit gleicher Sense niederhiebest, wenn die Menschen dich regieren lassen wollten. Iura inventa metu iniusti fateare necesse est, tempora si fastosque velis evolvere mundi. Nec natura potest iusto secernere iniquum, dividit ut bona diversis, fugienda petendis: \<115\> nec vincet ratio hoc, tantundem ut peccet idemque, qui teneros caules alieni fregerit horti et qui nocturnus divum sacra legerit. Adsit regula, peccatis quae poenas irroget aequas: ne scutica dignum, horribili sectere flagello. \<120\> Nam ut ferula caedas meritum maiora subire verbera, non vereor, cum dicas esse pares res furta latrociniis, et magnis parva mineris Wiewohl, was brauchtest du zu wünschen was du hast? Denn, wenn der Weise , als ein solcher, reich, ein guter Schuster, und alleine schön ist, warum nicht auch ein König ? – »Wie ich sehe (erwidert er) verstehst du schlecht was Vater Chrysippus , der unmittelbar nach dem Kleanthes den philosophischen Lehrstuhl des Stifters der Stoischen Sekte, Zenon , behauptete, heißt hier Vater Chrysippus, weil er bei den Stoikern in so hohem Ansehen stand, daß man von ihm zu sagen pflegte: ohne Chrysippus würde keine Stoa sein . Er war im eigentlichsten Verstande ein Doctor subtilissimus , und einer der schärfsten Gegner der Epikuräischen Sekte. Allein, mit allem Ansehen, worin er bei den Seinigen stand, ist doch von den 705 Büchern, die er geschrieben haben soll, kein einziges bis auf uns gekommen; und es scheint nicht, daß die Welt viel dabei verloren habe. Chrysippus sagt: wenn gleich der Weise nie sich Stiefeln machte, noch die Schuhe sich besohlte, ist der Weise doch ein Schuster.« Wie so? – »Gerade wie Hermogenes auch wenn er schweigt ein großer Sänger ist, und wie der pfiffige Alfen Die gemeine Meinung der Ausleger, welcher auch die Lebensbeschreiber der alten ICtorum , die Kommentatoren des Pomponius, und eine Menge anderer Gelehrten folgen, ist, daß die Rede hier von dem berühmten Publ. Alfenus Varus , einem der eminentesten Rechtsgelehrten des Augustischen Zeitalters, sei. Diese Meinung hat keinen andern Gewährsmann als den alten Scholiasten und seine Abschreiber, deren Gültigkeit wir bereits kennen Seine Worte sind: Urbane satis (Horatius) illum irridet, qui abiecta sutrina, quam in municipio suo Cremonensi exercuerat, Romam venit, magistroque usus M. Sulpicio, ICto, ad tantam pervenit scientiam, ut et consulatum gereret et publico funere efferretur. . Mir ist nicht unwahrscheinlich, daß uns dieser Scholiast hier wieder seinen gewöhnlichen Streich gespielt hat. Er wußte nicht, wer der Alfenus des Horaz war: aber der ICtus, P. Alfenus Varus von Cremona, (der mit dem P. Alfinius des Dion , und dem P. Alfinius, der im J. 754 Konsul war, eine und eben dieselbe Person ist) war ihm desto bekannter: er zweifelte also nicht, daß Horaz von diesem Alfenus rede, und nun meldet er uns, daß dieser Rechtsgelehrte ehmals zu Cremona das Schusterhandwerk getrieben habe, als ob ihm diese Anekdote anderswoher bekannt wäre, ungeachtet er sie bloß aus dern Horaz selbst genommen hat. – Nun wäre es zwar nicht unmöglich, daß eines Cremonesischen Schusters Sohn in seiner ersten Jugend eine Zeitlang die Profession seines Vaters getrieben hätte, und weil er sich nicht zum Schuster berufen gefühlt, nach Rom gegangen, ein Schüler des Serv. Sulpicius, ein großer Rechtsgelehrter, und endlich Konsul geworden wäre. Es ist aber eben so möglich, daß Horaz einen ganz andern Alfenus gemeint hat. Man konnte ein Schuster gewesen sein, das Handwerk aufgegeben haben, und hundert andere Dinge treiben, ohne daß es gerade Juristerei sein mußte. Aber nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich, ja beinahe augenscheinlich ist es, daß der Dichter einen andern Alfenus im Sinne hatte. Alfenus , der Rechtsgelehrte, überlebte unsern Dichter um viele Jahre; dieser aber spricht von seinem Alfenus als einem, der damals nicht mehr lebte , erat ; welches erat einen ungereimten Sinn gäbe, wenn Alfenus noch gelebt hätte. Denn da wäre schlechterdings notwendig gewesen, est zu setzen, weil gerade darauf die Spitze des Stoischen Arguments steht: »der Weise ist ( virtualiter ) ein Schuster, auf eben die Art, wie ein Schuster, der das Handwerk aufgegeben hat, noch immer Schuster ist , weil er es wirklich sein kann, sobald er will.« Man könnte hier einwenden: wie denn Horaz unmittelbar vorher vom Tigellius anstatt erat : est habe sagen können, da doch Tigellius auch nicht mehr lebte? Ich antworte: 1) Man kann in diesem Zusammenhang wohl est für erat setzen, wenn die Rede von einem Verstorbenen , aber nicht erat für est , wenn die Rede von einem noch Lebenden ist. 2) Hermogenes steht hier nicht eigentlich für sich selbst, sondern für jeden großen Sänger ; so wie man ein Apelles, ein Lysippus , für: ein großer Maler oder Bildhauer, zu sagen pflegt. – Eben da ich dieses geschrieben habe, sehe ich, daß der berühmte Utrechtische Antecessor , Everard Otto , in seinem P. Alfenus Varus ab injuriis veterum et recentiorum liberatus (Thesaur. Jur. Rom. Vol. V. c. 3. p. 1643) das nämliche Argument geltend gemacht und überhaupt so gute Gründe beigebracht hat, die ehrsame Schuster-Innung aus dem ungerechten Besitz der Ehre, die ihnen bisher durch diesen fast allgemeinen Irrtum der Gelehrten zugewachsen, herauszuwerfen, daß es überflüssig wäre, noch ein Wort darüber zu verlieren. – Übrigens scheinen mir die von Bentley beigebrachten Gründe hinreichend, statt des gewöhnlichen sutor , des Scholiasten ungeachtet, tonsor (Barbier) zu lesen. , nach weg- geworfnem Bartzeug und geschloßner Bude doch Barbier war: eben so ist auch allein der Weise Meister jeder Kunst, mithin auch König.« – O gewiß! nur Schade, daß die Gassenjungen nichts von deinem Rechte zu wissen scheinen, wenn sie, ohne Scheu, auf offner Straße dich beim Barte zupfen, und, wie du auch dich sträubst und um dich bellst Eine mutwillige Anspielung auf die nahe Verwandtschaft der Stoischen Sekte mit der Cynischen oder Hündischen . , falce recisurum simili te, si tibi regnum permittant homines. Si dives qui sapiens est, \<125\> et sutor bonus et solus formosus; et est rex, cur optas quod habes? – »Non nosti, quid pater (inquit) Chrysippus dicat: Sapiens crepidas sibi numquam nec soleas fecit, sutor tamen est sapiens.« – Quo? – »Ut quamvis tacet Hermogenes, cantor tamen atque \<130\> optimus est modulator: ut Alfenus vafer, omni abiecto instrumento artis clausaque taberna, tonsor erat: sapiens operis sic optimus omnis est opifex solus, sic rex.« – Vellunt tibi barbam lascivi pueri; quos tu nisi fuste coerces, dich so zusammendrücken, daß du bersten möchtest, und ihrer los zu werden, deine Majestät den Knotenstock zuletzt erheben muß. Doch, laß uns enden. Du, Herr König, ohne Hof, und von dem Plaudermatz Crispin Horaz charakterisiert den Crispinus (den wir schon aus dem Schluß der ersten Satire kennen) mit dem Beiworte ineptus , wofür unsre Sprache so wenig als (nach Ciceros Bemerkung) die griechische ein völliges Äquivalent hat. »Dieses Wort«, läßt er in seinem orator L. II. c. 4. den Cäsar sagen, »hat mir immer eines der bedeutungsvollesten in der lateinischen Sprache geschienen, und der Gebrauch hat ihm einen sehr weiten Umfang gegeben. Denn wer im Reden nicht auf Zeit und Umstände sieht, wer zuviel schwatzt und sich selbst zu gern hört, oder prahlt, oder nicht Acht darauf hat, was sich für die Würde der Personen, mit denen er es zu tun hat, schickt, oder ob das, was er ihnen sagt, sie interessieren kann, oder ob es ihnen auch gelegen ist, ihn zu hören; kurz, wer, auf welche Art und bei welcher Gelegenheit es sein mag, unschicklich, wortreich und langweilig spricht, heißt uns ineptus . Ein Fehler, womit vornehmlich die hochgelehrten Griechen ( eruditissima illa Graecorum natio ) bis zum Übermaß begabt sind. Daher kommt es vermutlich, daß sie für diese Unart, deren Häßlichkeit ihnen nie aufgefallen ist, auch kein Wort in ihrer Sprache haben. Unter allen Ineptiis aber, deren Menge unzählbar ist, ist meines Erachten, schwerlich eine größere, als (wie sie zu tun pflegen) ohne mindeste Rücksicht auf Ort, Zeit, und Personen, über die abstraktesten und unnötigsten Dinge von der Welt, mit der subtilsten (und langweiligsten) Spitzfindigkeit zu disputieren.« – Weil es mir wahrscheinlich scheint, daß Crispinus (den uns Horaz, wo er seiner erwähnt, als einen albernen, abgeschmackten Pedanten schildert) besonders in dieser letzten Art von Ineptien stark war: so habe ich für das, was er durch ineptus hier vornehmlich auszudrücken scheint, kein schicklicheres Wort gefunden, als Plaudermatz , welches zwar nicht edel und nur aus dem gemeinen Leben genommen ist, ( vox de medio sumpta , wie unser Dichter dergleichen Wörter v. 243. der Art. Poeticae nennt) aber eben darum, was er hier sagen soll, desto kräftiger sagt. Im Französischen würde vieux radoteur dieses ineptus besser ausgedrückt haben, als das zu allgemeine Wort sot , dessen sich Batteux bedient hat. allein begleitet, geh und laß im nächsten Bade dich um einen Quadrans Eine kleine Kupfermünze, die ungefähr einen Pfennig unsers Geldes betrug. Gemeine Leute, die sich der öffentlichen Bäder bedienten, zahlten dafür nicht mehr als einen Quadrans. scheuern: ich will unterdessen so oft ich was aus Torheit fehle, wie bisher, auf meiner Freunde Nachsicht rechnen, wie auch sie hinwieder auf die meine zählen können; und hoffe besser mich als ein gemeiner Mann dabei zu stehn, wie du bei deinem Königreiche. \<135\> urgueris turba circum te stante, miserque rumperis, et latras, magnorum maxime regum. Ne longum faciam, dum tu quadrante lavatum rex ibis, neque te quisquam stipator, ineptum praeter Crispinum sectabitur: et mihi dulces \<140\> ignoscent, si quid peccaro stultus, amici, inque vicem illorum patiar delicta libenter, privatusque magis vivam te rege beatus. Vierte Satire Einleitung Seit Lucilius , dessen Leben die erste Hälfte des siebenten Jahrhunderts der römischen Republik ausfüllte, hatte sich niemand mehr in das Feld der Satire gewagt, in welchem jener sich so viel Beifall erworben hatte, wiewohl die immer zunehmende Verschlimmerung der Sitten diese Art von Arzenei mehr als jemals nötig zu machen schien. Die ersten Versuche unsers Dichters in diesem Fache scheinen daher viel Aufsehens unter demjenigen Teile des römischen Publikums gemacht zu haben, das sich um dergleichen literarische Erscheinungen bekümmerte. Man stutzte über die Freiheit, die er sich nach dem Beispiel seines Vorgängers in seiner ersten und zweiten Satire genommen hatte, lebende Personen mit ihrem eigenen Namen zu nennen; und man fürchtete sich, wie leicht zu erachten ist, desto mehr vor einem solchen Sittenrichter, je mehr Witz und Salz man schon in seinen ersten Proben fand, und je weniger das Lächerliche von seiner Laune Schonung erwarten zu dürfen schien. Wie die Furcht sich die Gefahr immer größer einzubilden pflegt, als sie ist: so machten sich auch diejenigen, die Horazen nicht genauer kannten, eine schlimmere Vorstellung von ihm, als recht war. Eine gewisse Gattung von Leuten (und gerade die zahlreichste in der Gesellschaft) ist aus einem dunkeln Gefühl ihrer Schwäche immer geneigt, Personen, die sich durch Witz und scherzhafte Laune auszeichnen, wenig Gutes zuzutrauen; und selbst die Bekannten oder sogenannte Freunde eines solchen Mannes, sind, je nachdem sie mehr oder weniger zu jener Klasse gehören, selten ganz ohne Sorge, und halten sich um so weniger für sicher, da es freilich nicht an Witzlingen in der Welt fehlt, – die, um sich nur die Haut recht voll zu lachen, keines Freundes schonen. Horaz fand also (ungeachtet er sich durch seine dritte Satire von dieser Seite schon hinlänglich gedeckt hatte) für nötig, sowohl über die verschiedenen Urteile, die ihm seine ersten Versuche zugezogen, als über seine eigene Art zu denken, und über die Entstehungsart seiner Satiren, sich ein für allemal gegen seine Leser zu erklären. Dies tut er in dem gegenwärtigen Stücke, mit der liebenswürdigsten Offenheit und Gutmütigkeit, auf eine Weise die ihm das Herz aller edeln Menschen gewinnen und dem Publico überhaupt eine bessere Meinung von ihm geben mußte, aber auch zugleich sehr geschickt war, seinen Neidern und hämischen Tadlern, besonders denen aus der zahlreichen Versemacher-Zunft, zu zeigen, daß wenig an ihm zu gewinnen sei, und daß sie besser tun würden, ihn ungeneckt zu lassen. Es gehört unter die unserm Dichter eigenen feinen Wendungen, daß er immer wie von ungefähr auf das, warum es ihm vornehmlich zu tun ist, zu geraten scheint. Ich überlasse dem Leser das Vergnügen, den Gang seiner Gedanken in diesem Stücke (das, meinem Gefühle nach, unter seine schönsten gehört) selbst zu verfolgen, und zu bemerken, mit welcher Leichtigkeit, Feinheit und Gewandtheit er von einem Gegenstande zum andern, von den Dichtern der alten griechischen Komödie zum Lucilius, von diesem auf die geschwinden Poeten, und auf die Mittel sich mit wenig Kosten einen Namen zu machen, von diesen auf die Ursachen warum er seine Schriften nicht öffentlich vorlese, und hievon unvermerkt auf die apologetische Erklärung übergeht, welche die eigentliche Absicht des gegenwärtigen Stückes war. Es scheint, es sei ihm von den Leuten, die sich von ihm beleidigt hielten, oder denen sonst an Verkleinerung seiner Vorzüge gelegen war, unter andern auch der Vorwurf gemacht worden, »daß nichts leichter sei als solche Verse wie die seinigen zu machen«. – Er beantwortet diesen Vorwurf zuerst auf eine indirekte Art, indem er gerade die Geschwindigkeit im Versemachen an dem alten Lucil tadelt, und einen Stegreifs-Poeten seiner eigenen Zeit, von welchem er sich auf eine scherzhafte Art herausfodern läßt, ohne weiters für seinen Meister in diesem Talent erkennt: aber eben dadurch (ohne daß es seine Absicht scheint) den Leser auf den großen Unterschied zwischen seinen mit dem größten Fleiße polierten Versen, und der Sudelarbeit dieser Herren, die ihre poetische Diarrhöe für Leichtigkeit halten, aufmerksam macht. Um aber aller Kollision mit den Dichtern vom Handwerk auf einmal los zu werden, erklärt er sich ( v. 39.  seqq. ) geradezu, daß er seiner Satiren wegen gar keinen Anspruch auf den Ehrennamen eines Dichters mache. Bei dieser Veranlassung überläßt er sich einer kleinen Abschweifung über die Frage: ob die Komödie, mit welcher die Satire so nah verwandt ist, den Namen eines Gedichtes verdiene oder nicht. Er läßt sie aber, ohne etwas zum Behuf der bejahenden Meinung zu sagen, bald wieder auf der Seite liegen, um auf den Hauptpunkt zu kommen und seine Leser zu überzeugen, wie wenig er den Vorwurf eines bissigen und gallsüchtigen Spötters verdiene, und wie wenig irgend jemand, der sich rein wisse, von ihm zu befürchten habe. Die Wendung, die er dabei nimmt, gibt ihm die ungezwungenste Gelegenheit, im Vorbeigehen die Eitelkeit der Poeten, die ihre Werke vorlasen, zu bespotten; leitet ihn aber bald auf den wesentlichen Unterschied zwischen seiner Satire und der Quelle aus welcher sie fließe, und zwischen der verdeckt boshaften Art, wie die meisten im gemeinen Leben sich kein Bedenken machen, auf Unkosten anderer ihren vermeinten Witz spielen zu lassen, oder über diejenigen, für deren Freunde sie sich doch ausgeben, hämisch zu urteilen, und öfters unter dem Scheine, als ob sie Gutes von ihnen reden oder ihre Partei nehmen wollten, ihnen unvermerkt die giftigsten Wunden beizubringen. Er erklärt sich, daß seine Schriften (wie sein Herz zuvor) stets rein von diesem Gifte bleiben sollten; und bittet mit einer naiven Lafontänischen Treuherzigkeit (welche wirklich in seinem Charakter war und sich mit Genie und Witz sehr wohl verträgt) es ihm zu Gute zu halten, wenn ihm in der Unschuld und Fröhlichkeit seines Herzens manchmal ein zu freies Wort entfahre. Die liberale Art, wie er von seinem guten Vater erzogen worden sei, habe es ihm zu einer Angewohnheit gemacht, auf das Tun und Lassen der Menschen um ihn aufmerksam zu sein; nicht mit einem Schalksauge, um Fehler zu suchen über die er spotten, oder wovon er zu ihrem Schaden heimlich Gebrauch machen könne: sondern in der Absicht, über sich selbst zu reflektieren und durch andrer Beispiel klüger und besser zu werden. Dieser Erziehung habe er es zu danken, daß er (einige verzeihliche Fehler ausgenommen) von gröbern und hassenswürdigen Lastern immer frei geblieben sei; von ihr komme es aber auch, daß er, in seinen einsamen Stunden, immer und überall mit sich selbst und zu seinem eigenen Vorteil dialogiere und moralisiere und, wenn er dann nichts Bessers zu tun habe, mache er sich einen Zeitvertreib daraus, diese mentalen Gespräche zu Papier zu bringen. Dies, setzt er hinzu, sei einer von den verzeihlichen Fehlern , deren er sich schuldig gegeben habe, und die man ihm hoffentlich auch übersehen werde; widrigenfalls würde er genötigt sein, die ganze Poetenzunft unter Gewehr zu setzen, um einen so ungefälligen und übellaunischen Leser durch ihre große Überlegenheit zur Raison zu bringen. In der Tat, die Römer hätten sehr übellaunisch sein müssen, um einem Dichter von diesem Charakter das Versemachen nicht zu Gute zu halten! Kratinus, Eupolis und Aristophanes nebst allen andern Dichtern von der alten Komödie, nahmen sich die Freiheit, jeden, den böse Sitten oder Übeltaten der Ahndung würdig machten, auf die Bühne zu stellen; und kein Taugenichts, kein Dieb, kein Ehebrecher und kein Mörder war vor ihrem Strafamt sicher. Dies Verdienst hat sich bei uns Lucilius gemacht, als der, die Versart ausgenommen, sich genau an jene Muster hielt; ein Mann von Witz und feiner Nase, nur ein harter Verseschmied. Der Fehler lag bloß darin, daß er oft in einer Stund', und (falls es eine Wette gegolten hätt') auf einem Beine stehend, zweihundert Verse wegdiktierte, und auf diese Fertigkeit, als etwas Großes, viel zugut sich tat. Kein Wunder, wenn's ihm dann so trübe floß und seinen Versen immer was abzuwischen ist! Der gute Mann     Eupolis atque Cratinus, Aristophanesque poetae atque alii, quorum comoedia prisca virorum est, siquis erat dignus describi, quod malus, aut fur, quod moechus foret aut sicarius, aut alioqui \<5\> famosus, multa cum libertate notabant. Hinc omnis pendet Lucilius, hosce secutus, mutatis tantum pedibus numerisque: facetus, emunctae naris, durus componere versus. Nam fuit hoc vitiosus: in hora saepe ducentos, \<10\> ut magnum, versus dictabat, stans pede in uno. Cum flueret lutulentus, erat quod tollere velles; war etwas schwatzhaft, und zu arbeitscheu zum Schreiben; gut zu schreiben, mein' ich; denn daß er viel schreibt, streit' ich ihm nicht ab Die Fragmente der Satiren des Lucilius, welche Janus Dousa aus den alten Schriftstellern, die hier und da einzelne oder mehrere Verse von ihm anführen, zusammengetragen hat, sind, ihrer Menge ungeachtet, nicht beträchtlich genug, daß wir mit völliger Kenntnis der Sache selbst urteilen könnten, wiefern Horaz Recht hat, wenn er ihn beschuldigt, daß man seinen Versen die wenige Mühe, die sie ihm gekostet, gar zu sehr ansehe, daß sie oft dick und trübe flössen, und des Reinigens und Ausputzens sehr vonnöten hätten. Mich deucht aber, man könne sich hierüber auf das Urteil eines Mannes von so feinem Geschmacke wie er, gänzlich verlassen: wenigstens ist die Härte , die er diesem alten Dichter vorwirft, und der Mangel an der Rundung und Politur, welche ein so ausgezeichnetes Verdienst seiner eigenen Werke ist, etwas, das in den besagten Fragmenten einem jeden auffallen muß. Wie leicht sich Lucil das Verseschmieden gemacht habe, kann man schon daraus schließen, weil er sich so oft die Freiheit nimmt, um nur mit seinen Hexametern recht bald fertig zu werden, zwei-, ja dreimal in einem Verse, ein  s wegzuwerfen, wie z. B. Tum laterali' dolor certissimu' nuntiu' mortis, ingleichem daß er die Erlaubnis der Elision, ohne alle Schonung der Ohren seiner Leser, so ungemessen mißbraucht, wie in folgenden: Hunccine ego umquam Hyacintho hominem Cortinipotentis deliciis contendi? d. i. Wie? einen solchen Menschen sollte ich jemals mit dem Liebling Apollos, Hyacinthus, verglichen haben? Wahrlich, wenn man, so oft es einem nur bequem ist, unu' statt unus , spurcu'st statt spurcus est , suppus statt supinus , lymphorem statt lympham sagen, und einen Hexameter so ausrunden darf, wie z. B. diesen: verrucam, naevum pictum, dentem eminulum unum; so möchte es wohl was Leichtes sein, ihrer zweihundert auf einem Beine stehend zu diktieren; zumal wenn man es auch mit der Anständigkeit nicht so genau nehmen und z. B., wenn von einer saugenden Frau die Rede ist, ohne Bedenken sumen (Euter) für mamma setzen darf. – Da also das Urteil des Horaz von Lucilius sich, selbst aus den noch übrigen Fragmenten, hinlänglich bestätiget: so ist schwer zu begreifen, wie ein so scharfsinniger Kunstrichter als Quintilian Instit. Orat. L. X. c. I. 94. schreiben konnte: er gehe eben so weit von Horaz ab, welcher meine , » Lucil fließe trübe, und es finde sich an seinen Versen manches zu reinigen« als von denjenigen, die kein Bedenken trügen, ihn allen andren Dichtern vorzuziehen : und mir ist dies um so unbegreiflicher, da Quintilian, zum Beweise dieser verdeckten Beschuldigung unsers Dichters nichts anders beibringen oder am Lucil rühmen kann, als was ihm Horaz an mehr als einem Orte seiner Schriften mit Vergnügen zugesteht, nämlich, daß er viel Kenntnisse und Gelehrsamkeit, viel Freimütigkeit, Schärfe und Salz habe ; gleichwohl aber unmittelbar darauf selbst bekennen muß, Horaz sei multo tersior et purus magis . Bloß der Mangel an diesen beiden Eigenschaften ist es ja, was dieser an ihm aussetzt, nicht Mangel an Gelehrsamkeit, Witz und Freimütigkeit! Aus dem Umstande, daß Lucilius noch zu Quintilians Zeiten, d. i. mehr als hundert Jahr nach unserm Dichter, Liebhaber hatte, die ihn nicht nur dem Horaz, Persius und Juvenal, sondern allen Dichtern ohne Ausnahme vorzogen, läßt sich der Schluß machen, wie beliebt er bei dem Publico seines eigenen und des nächstfolgenden Alters gewesen sein müsse. Cicero selbst, in dessen Epoke doch die Sprache, Literatur und Verfeinerung der Römer beinahe ihren höchsten Punkt erstieg, gedenkt des Lucilius nie, ohne seine Urbanität anzurühmen; wiewohl sich dieser Dichter gegen Ciceros Zeit ungefähr so verhielt, wie Opiz gegen die unsrige, und (ohne die Rauheit seiner Verse und die Fehler seiner Schreibart in Anschlag zu bringen) bloß durch die veralteten Wörter und Redensarten, wovon er wimmelte, von dem was damals die schöne Sprache und der gute Konversations-Ton war, ungemein abstechen mußte; – er, der schon, in Vergleichung mit der Menandrischen Eleganz der Sprache des Terentius , seines jüngern Zeitgenossen, um ein Jahrhundert älter als dieser zu sein scheint! Aber, was ihn den Römern so angenehm machte und so lange in Achtung erhielt, war teils der ihm eigene individuelle Schwung von Witz und Laune, teils ein gewisser Geschmack nach seinem Jahrhundert, den glücklichen Zeiten eines Scipio, Lälius, Cato Major , u.s.w. – Zeiten, deren Andenken den Römern immer werter wurden, je weiter sie sich von den ihrigen entfernten. Es war dieser sapor vernaculus , diese antiqua et vernacula festivitas , diese Romani veteres atque urbani sales , welche Cicero den Attischen selbst vorzieht, und worüber er seinem liebenswürdigen Freunde Pätus das Kompliment macht: Te cum video, omnes mihi Granios Cicero, de Clar. Orator. c. 46. Ego memini T. Tincam, hominem facetissimum, cum familiari nostro.Q. Granio, praecone, dicacitate certare. – Sed Tincam non minus multa ridicula dicentem, Granius obruebat nescio quo sapore vernaculo etc. , Lucilios, vere ut dicam, Crassos quoque et Laelios videre videor: moriar, si, praeter te, quemquam reliquum habeo, in quo possim imaginem antiquae et vernaculae festivitatis agnoscere Cic. ad Famil. L. IX. Ep. 15. . – »Wenn ich dich sehe, ist mirs, ich sehe alle Granios, Lucilios , ja, die Wahrheit zu sagen, auch die Crassos und Lälios des vorigen Jahrhunderts: ich will des Todes sein, wenn ich, außer dir, noch einen einzigen habe, in welchem ich das Bild unsrer altrömischen eigentümlichen Festivität Ich kenne kein deutsches Wort, das den ganzen Nachdruck des lateinischen Festivitas ausdrücken könnte. Das französische Enjouement ist etwas davon, aber noch nicht alles. Es bezeichnet auf einmal alles, was wir mit gutlaunig, munter, drollicht, scherzhaft, gefällig und anmutig sagen wollen; wie mir niemand leugnen wird, der den Gebrauch, den die Römer von dem Worte festivus und festivitas machten, aus ihren besten Schriftstellern kennt. erkennen könnte.« – Kurz, das, was den Lucilius auch den spätern und unendlich mehr verfeinerten Römern empfahl, und weswegen viele, die mehr Nase als andere haben wollten, ihn dem Horaz selbst vorzogen, war das nämliche, was in und außer Frankreich die Verse des Marot und die Prose des Montaigne und Amyot Personen von Geschmack noch immer so angenehm macht; und weswegen viele den Plutarch und die Amours pastorales des Letztern lieber lesen als die neuen Übersetzungen. Man begreift hieraus, warum unserm Dichter sein Urteil über Lucil so übel genommen wurde, daß er sich in einem eigenen Stücke deswegen entschuldigen mußte. In der Tat war Horaz, der seinen Geschmack zu Athen gereinigt hatte und seine Sprache selbst, gewissermaßen, an griechischen Mustern bildete, weit weniger nach dem Gaumen des großen Haufens als der alte Lucil; ungefähr aus eben dem Grunde, warum die oft groben und platten, aber meistens wohl gesalznen und lustigen Pickelhärings-Späße des Plautus den feinern Scherzen und der attischen Urbanität des Terenz noch im Augustischen Jahrhundert von den meisten vorgezogen wurden – und sogar in dem unsrigen die Majorität erhalten würden. . Crispinus fodert mich heraus: »Nimm«, sagt er, »wenn du willst, ein Buch Papier, ich auch; man geb' uns Ort und Stunde auf, und Wächter, und es wird sich zeigen, wer am meisten von uns beiden schreiben kann.« Dank sei den guten Göttern, daß sie mich so arm und klein an Geist gemacht, um selten und wenig nur zu reden. Du, Crispin , magst, wenn dir wohl dabei ist, immerhin den Blasebälgen gleichen, die den Wind, wovon sie schwellen, von sich keuchen, bis das spröde Eisen in der Glut erweicht.   Wie glücklich Fannius ist, sein Bild und seine Werke zu ganzen Schränken voll, mit öffentlichem Beifall in Roms Museum aufgestellt zu sehen Die Fannii waren eine Plebejische, aber durch die ansehnlichsten Würden distinguierte Familie, von welcher verschiedene Zweige bekannt sind. Man kennt Fannios Strabones, Caepiones, Critonios u.s.w. Derjenige, welchen Horaz in dieser Stelle persifliert, soll den Zunamen Quadratus geführt haben. Wir wissen nichts von ihm als was sich aus dieser Stelle und aus der zehnten Satire unsers Autors mutmaßen läßt. Denn das, was uns die Scholiasten von ihm sagen, ist augenscheinlich bloß aus ihrem eigenen Gehirne gezogen. Gewiß ist aus Horaz selbst , daß dieser Fannius ein Autor, (vermutlich ein Poet) ein Freund und Tischgenosse des Tigellius Hermogenes, (den wir aus der 2ten und 3ten Satire kennen) und ein hämischer Verkleinerer unsers Dichters war Men' moveat – quod ineptus Fannius Hermogenis laedat conviva Tigelli. Sat. X. . Eben so gewiß läßt sich hieraus abnehmen, daß er ein schlechter Poet und ein noch schlechterer Mensch gewesen sein müsse: denn die vortrefflichen, ein Varius, Virgil, Pollio, Tibull , u.s.w. waren zu sehr animae candidae , um nicht Freunde eines Horaz zu sein. Wie aber die Worte: ultro delatis capsis et imagine zu verstehen seien, ist eine Frage, welche, bei genauerer Untersuchung, unauflösliche Schwierigkeiten zu haben scheint. Daß die Rede von dem Bildnisse und den Schriften des Fannius sei, die in irgend einem öffentlichen Büchersaale aufgestellt worden, ist klar genug. Aber gab es damals schon öffentliche Bibliotheken in Rom? Plinius sagt im zweiten Kapitel des 35sten Buches seiner Natur- und Kunstgeschichte ausdrücklich: Asinius Pollio sei der erste gewesen, der einen öffentlichen Büchersaal in Rom gestiftet und die Gewohnheit aufgebracht habe, auch die Brustbilder der Männer, quorum immortales animae in iisdem locis loquuntur , darin aufzustellen. Die Palatinische Bibliothek wurde erst im Jahre 726 (wenigstens zehn Jahre nachdem diese Satire vermutlich geschrieben war) vom August errichtet; und der Büchersaal am Theater des Marcellus war noch später V. Nardini Roma Vetus, L. V. c. 13. cf. Ovid. Trist. L. III. Eleg. I. v. 59–72. . Gesetzt nun die Bibliothek des Pollio wäre um diese Zeit schon vorhanden gewesen: welche Wahrscheinlichkeit, daß ein Mann wie dieser Vir Consularis , der selbst ein vorzüglicher Dichter und gewiß ein Kenner war, dem Bilde eines Fannius eine solche Distinktion erwiesen haben sollte? Oder wie hätte in diesem Falle Horaz, der in der 10ten Satire den Pollio unter seinen vornehmsten Gönnern nennt, verzweifeln können, eine gleiche Ehre zu erhalten? Aber wir brauchen uns hierüber nicht mit Wahrscheinlichkeiten zu behelfen: wir haben das ausdrückliche Zeugnis des Plinius ( L. VII. c. 30. ), daß Terentius Varro der einzige gewesen, dessen Bildnis noch bei seinen Lebzeiten in Pollios Bibliothek aufgestellt worden sei. Allenfalls könnte man, um dieser Schwierigkeit zu entgehen, annehmen, die Rede sei hier nicht von einer öffentlichen, sondern von Privat-Bibliotheken, deren es ohnezweifel damals in Rom sehr viele gab: und Horaz hätte in diesem Falle mit dem ultro delatis capsis et imagine sagen wollen: »zum Beweise, wie beliebt und popular der Dichter Fannius sei, finde man sein Bild und seine Schriften in allen Bibliotheken.« Mir scheint aber diese Auslegung den Worten einige Gewalt anzutun; und da das ultro delatis ohne den geringsten Zwang so verstanden werden kann: »er selbst, unmittelbar, oder durch seine guten Freunde (welches hier auf eines hinausläuft) habe die Schenkung gemacht«: so stelle ich mir die Sache folgendermaßen vor. Die öffentliche Bibliothek des Pollio war um diese Zeit eine ganz neue Stiftung: denn die Worte des Plinius ( quae prima in urbe ab Asinio Pollione ex manubiis publicata est ) lassen keinen andern Sinn zu, als daß er sie nach seinem Dalmatischen Triumphe , der ein Jahr nach seinem Konsulat, nämlich i. J. 715 erfolgte, stiftete, indem er den Anteil, der ihm als Imperator an der gemachten Beute zukam, auf diese öffentliche Stiftung verwandte. Sie war (wie sich aus den Worten des Plinius schließen läßt) mit den Büsten der berühmten Männer geziert, deren Werke darin zum gemeinen Gebrauch aufgestellt waren; aber Varro war der einzige noch lebende Schriftsteller, welchem Pollio diese Ehre erwies; ein Vorzug, zu welchem Varro vor allen andern berechtigt war, als ein achtzigjähriger Greis, der, sowohl in dieser Rücksicht, als wegen seiner unermeßlichen Gelehrsamkeit und der ungeheuern Menge von Schriften, womit er alle Fächer der Literatur bereichert hatte, an der Spitze der römischen Gelehrten stand. Fannius , wer er auch gewesen sein mag, hatte (wie sich aus dem Worte capsis schließen läßt) ganze Schränke voll geschrieben, hatte seine Werke fleißig vorgelesen, und war, allem Ansehen nach, ein populärer und beliebter Dichter; überdies (wie gewöhnlich die Leute seiner Art) eitel, von seinen Talenten eingenommen, und von dem Beifall, der seinen Vorlesungen zugeklatscht wurde, aufgeschwollen; auch viel älter als Horaz, der erst vor kurzem zu schreiben angefangen hatte und noch keinen Anspruch an Ruhm und öffentlichen Beifall machen konnte. Aus allem diesem ist begreiflich, wie so ein Mensch wie Fannius auf den Einfall kommen konnte, seine Werke, samt seinem werten Bildnisse, in den neugestifteten öffentlichen Büchersaal zu verehren , ohne daß weder der Stifter, noch die von ihm bestellten Aufseher der Bibliothek einen andern, als zulassenden , Anteil daran genommen: und, wenn dieses vorausgesetzt wird, so, dünkt mich, erscheint die Ironie in den Worten – Beatus Fannius, ultro delatis capsis et imagine, – in einem sehr schönen Lichte; und man fühlt (was der gelehrte Cruquius weder fühlen noch sehen konnte), daß Horaz sich in einem Atem über die lächerliche Selbstgefälligkeit des Dichterlings, seine Büste und seine Kisten voll Bücher, und über die Römer, denen man (so gut wie andern die keine Römer sind) in Sachen des Geschmackes weis machen konnte was man wollte, lustig macht. ! Mir freilich wird's so gut nicht werden: denn garrulus, atque piger scribendi ferre laborem, scribendi recte; nam ut multum, nil moror. Ecce Crispinus minimo Bentley will, Horaz habe nummo geschrieben; es läuft aber völlig auf eins hinaus. me provocat: »Accipe, si vis, \<15\> accipiam, tabulas; detur nobis locus, hora, custodes, videamus uter plus scribere possit.« Di bene fecerunt, inopis me quodque pusilli finxerunt animi, raro et perpauca loquentis. At tu conclusas hircinis follibus auras, \<20\> usque laborantes, dum ferrum molliat ignis, ut mavis, imitare! – Beatus Fannius, ultro delatis capsis et imagine: cum mea nemo wer lieset was ich schreibe? da mir's selbst an Mut es vorzulesen fehlt; wohl wissend, daß diese Art von Schriften manchen gar nicht wohl behagt, indem die meisten eben die Tadelhaften sind. Greift, wo das Volk ein wenig dichte steht, den ersten besten heraus – er ist an Habsucht oder Ehrgeiz krank; den machen Weiber, jenen Ganymede zum Gecken; diesen reizt der Glanz des neuen Silbers, vor altem Erzt steht Albius außer sich Ohnezweifel versteht Horaz unter argenti splendor Silbergeschirr und andre Möbeln von diesem damals in Rom mächtig aufgehäuften Metalle, von modernen Künstlern nach der neuesten Façon gearbeitet; unter aere hingegen Gefäße von korinthischem Erzte und gegoßne Bilder von berühmten griechischen Meistern. In beiden wurde zu diesen Zeiten (wie ich anderswo mit Beispielen belegt habe) ein ungeheurer Luxus getrieben. Daß der unbekannte Albius , der hier genennt wird, der Dichter Albius Tibullus sei, ist eine grundlose Einbildung des Baxter , der (mit Martial zu reden) überall lauter Nase sein will. . Ein andrer der im Osten Waren holt, sie mit Gewinn im Westen umzusetzen, stürzt sich, Hals über Kopf, aus bloßer Furcht sein Haufen möchte schwinden, oder aus Begier ihn zu vermehren, in die größten Übel. Natürlich fürchten diese wackern Leute vor Versen sich, und hassen den Poeten Man braucht diese Stelle (welche mir am Schlusse der Einleitung in die erste Satire nicht gegenwärtig war) nur mit einer kleinen Aufmerksamkeit gegen den Inhalt der ersten und zweiten Satire dieses Buches zu halten, um überzeugt zu werden, daß Horaz hier auf diejenigen deutet, die sich durch seine beiden ersten Satiren beleidiget gefunden: und daß er also, sehr wahrscheinlicherweise, jene vor dieser geschrieben habe. Auch folgt daraus, daß er unter dem Poeten sich selbst meint, und Bentley also Recht hat, poetam statt des gewöhnlichen poetas zu lesen; ungeachtet er bald darauf, nach seiner Manier, halb im Ernst und halb im Scherze, beweiset, daß es zuviel Ehre für ihn sei, wenn man ihn unter die Dichter stelle. . »Weicht ihm von weitem aus! Seht ihr denn nicht das Heu um seine Hörner? Weicht ihm aus Man pflegte zu Rom den stößigen Ochsen Heu um die Hörner zu binden, um die Leute auf den Straßen vor ihnen zu warnen. Aus diesem Brauch entstand, wie es scheint, eine Art von Sprüchwort, dessen auch Plutarch im Leben des Crassus erwähnt. ! scripta legat, vulgo recitare timentis, ob hanc rem quod sunt quos genus hoc minime iuvat, utpote plures \<25\> culpari dignos. Quemvis media arripe Nach Bentleys Verbesserung, statt eripe . Das gewöhnliche erue ist offenbar falsch. turba, aut ob avaritiam aut misera ambitione laborat; hic nuptarum insanus amoribus, hic puerorum; hunc capit argenti splendor, stupet Albius aere; hic mutat merces surgente a sole, ad eum quo \<30\> vespertina tepet regio; quin per mala praeceps fertur, uti pulvis collectus turbine, nequid summa deperdat metuens, aut ampliet ut rem: omnes hi metuunt versus, odere poetam. »Faenum habet in cornu, longe fuge! dummodo risum Es ist ein Mensch, der, um sich nur die Haut recht voll zu lachen, keines Freundes schont, und dem's, sobald er etwas aufs Papier gekleckt, nicht wohl ist, bis es alle Knechte und alte Weiber wissen, die vom Bäcker und vom Teiche kommen.« – Höret nun, was ich mit wenigem hierauf zu sagen habe.   Vor allen Dingen nehm' ich aus dem Häufchen, dem ich den Dichternamen zugestehen möchte, mich selber aus Horaz gründete in der Folge seinen Anspruch an den Dichter-Namen auf seine lyrischen Gedichte, wie aus mehrern seiner Oden und aus der neunzehnten Epistel (an Mäcenas) zu ersehen ist. Aber als er diese Satire schrieb, hatte er erst vor kurzem angefangen, in jener den Römern neuen Dichtart einige noch wenig bekannte Versuche zu machen. . Dazu gehört schon mehr als einen runden Vers zu drehen wissen; und wer, wie ich, in einer Sprache, die so nah an die gemeine angrenzt, schreibt, ist darum lange noch kein Dichter. Dem, der Dichtergeist, der eine mit den Göttern verwandte Seele hat, und dessen Mund erhabene Gedanken und Gefühle in mächt'gen Tönen ausströmt, dem allein gebührt die Ehre dieses schönen Namens. Man hat daher die Frage aufgeworfen, ob die Komödie ein Gedicht zu nennen sei So wie Horaz denjenigen, dem der Ehrenname eines Dichters mit Recht gebühre, unmittelbar vorher charakterisiert hat, wäre es allerdings eine Frage, ob der Komödienschreiber als solcher ein Dichter sei: und sein Anspruch könnte wirklich bloß auf den lyrischen Teil der alten Komödien , die Chöre , gegründet sein, welche aber in der neuen Komödie nicht mehr Platz fanden. Menander wäre also, nach dieser Definition, kein Dichter gewesen; ja wenn Homer nur die Odyssee geschrieben hätte, (deren Ton und Sprache größtenteils wenig von dem os magna sonaturum hat) so könnte man dem Homer selbst den Dichternamen streitig machen: Plato hingegen, vor dem sich, was das ingenium , die mentem diviniorem , und das os magna sonaturum , betrifft, auch die begeistertesten lyrischen Dichter neigen, wäre der Kaiser aller Dichter gewesen. Es ist hier weder der Ort über diese Materie zu dissertieren, noch könnte es von einigem Nutzen für Leser sein, welche wissen, daß weder dithyrambische Begeisterung und trunkne Schwärmerei, noch eine hochtönende Sprache, sondern die Geschicklichkeit, durch täuschende Verbindung des Wunderbaren mit dem Natürlichen, und überhaupt durch lebendige Darstellung interessanter Gegenstände seine Zuhörer oder Leser fühlen und glauben zu machen was man will, verbunden mit der Kunst alles dies in schönen Versen zu bewerkstelligen, das ist, was den Homer zum Vater der Dichter erhoben, und was seitdem allen andern Dichtern diesen Namen verschafft hat. So unwissend war Horaz nicht, daß er dies nicht hätte wissen sollen; und, wiewohl seine Charakterisierung des Dichters sehr unvollständig ist: so konnte er doch unmöglich etwas anders damit sagen wollen, als daß derjenige, dem der Dichtername gebühre, ein Mann von Genie, und dieser poetischen Schwärmerei und begeisterten Sprache, die den lyrischen Dichter vorzüglich bezeichnet, fähig sein müsse, so bald er sie nötig hat. Denn, wiewohl er sich in der Folge selbst zum Rang des ersten lyrischen Dichters der Römer empor arbeitete, so war doch niemand weiter als er davon entfernt, den zu einer Art von wildem Gesange werdenden Ausbruch der Trunkenheit, Freude oder andrer Leidenschaften bei rohen Naturmenschen, und das was man die Autoschediastische Poesie nennt, zur Ungebühr über die Kunst zu dichten zu erheben; und er spottet deswegen, in seinem Briefe an die Pisonen , über den Demokritus – der dem glücklichen Genie den Vorzug vor der armen Tröpfin Kunst erteilte, und die Dichter die nicht rasen vom Pindus ausgeschlossen wissen wollte Horazens Briefe. 2. T. S. 540 . . Auch läßt er die Frage, ob man seine Satiren Gedichte nennen könne, unentschieden, und verspricht, die Sache ein andermal auszumachen; wiewohl er in der Folge nicht für nötig fand Wort zu halten. Mir deucht also, seine Absicht sei hier bloß gewesen, die unendliche Menge von platten Versemachern, wovon es in Rom wimmelte, im Vorbeigehen zu erinnern, daß zwischen ihres gleichen und einem Dichter im eigentlichen Verstande ein sehr großer Unterschied sei. Daß er sich selbst, seiner Satiren wegen, bloß unter die Versemacher gestellt wissen will, geschah teils, um diesen letztern einen Weg zu Gegenvorwürfen abzuschneiden; teils weil er damals in der Tat noch keine Prätension von dieser Seite machte, und mehr für einen Liebhaber Me pedibus delectat claudere verba. Sat. X. als für einen, der die Dichtkunst als Meister treibt, angesehen zu sein wünschte; kurz, aus eben dem Grunde, warum einer, der für sein eigenes Vergnügen und (mit dem Bourgeois-Gentilhomme zu reden) für seine guten Freunde sehr artig Miniatur oder Pastell malte, sich darum nicht für einen Kameraden von Raffael und Titian halten und, wenn von den großen Malern die Rede wäre, gleich rufen würde: nos poma natamus! , \<35\> excutiat sibi, non hic cuiquam parcet amico; et quodcumque semel chartis illeverit, omnes gestiet a fumo redeuntes scire lacuque et pueros et anus.« – Agedum, pauca accipe contra. Primum ego me illorum, dederim quibus esse poetis, \<40\> excerpam numero: neque enim concludere versum dixeris esse satis, neque, si quis scribat, uti nos, sermoni propiora, putes hunc esse poetam. Ingenium cui sit, cui mens divinior, atque os magna sonaturum, des nominis huius honorem. \<45\> Idcirco quidam, comoedia, necne, poema da ihr's sowohl in Sachen als in Worten an Schwung und Feuer fehlt, und ihre Sprache von der gemeinen nur durchs Silbenmaß sich unterscheidet. »Aber glüht und stürmt der Vater nicht im Lustspiel, wenn er seinem heillosen Sohn den Text liest, der, aus toller Liebe zu einer feilen Dirne, eine Braut mit großem Mahlschatz sinnlos ausschlägt, oder in trunknem Mut, mit Fackeln (pfui der Schande!) bei hellem Tage durch die Straßen zieht.« Gut! würde, meint ihr, wohl Pomponius Dies ist eine unserm Autor eigene Art, jemanden, im Vorbeigehen, und ohne daß die Rede von ihm zu sein scheint, mit einem lächelnden Seitenblick sein Paquet abzugeben. Man sieht aus dem Zusammenhange, daß dieser Pomponius in dem Falle des liederlichen jungen Herrn in der Komödie war, über dessen Torheiten der Vater sich ereifert; und dies ist alles, was wir von ihm sagen können. – Die Gens Pomponia war übrigens ein zahlreiches Plebejisches Geschlecht, das aber seit dem Jahre der Stadt 518 unter die Konsularischen gehörte, und zu Ciceros Zeiten durch Cn. Pomponius , einen vorzüglichen Redner, und durch den berühmten Titus Pomponius Atticus , in Ansehen erhalten wurde. Man kennt aus der römischen Geschichte und aus Münzen vier Zweige dieses Geschlechtes, die sich durch die Zunamen Matho, Molo, Flaccus und Rufus von einander unterschieden. aus seines Vaters Munde, falls er noch bei Leben wäre, schwäch're Dinge hören?  Es ist demnach nicht allerdings genug in Versen, wo die Sprache nie die Grenzen der Prose überschreitet, so zu schelten, daß, wie das Metrum aufgelöset wird, ein jeder andrer Vater eben so wie der verlarvte schnaubte. Nehmet dem, was ich soeben schreibe, oder was Lucil vor mir geschrieben, Rhythmus und Mensur, esset, quaesivere: quod acer spiritus ac vis nec verbis nec rebus inest, nisi quod pede certo differt sermoni, sermo merus. »At pater ardens saevit, quod meretrice nepos insanus amica \<50\> filius, uxorem grandi cum dote recuset ebrius et, magnum quod dedecus! ambulet ante noctem cum facibus.« Numquid Pomponius istis audiret leviora, pater si viveret? Ergo non satis est puris versum perscribere verbis, \<55\> quem si dissolvas, quivis stomachetur eodem quo personatus pacto pater. His, ego quae nunc, olim quae scripsit Lucilius, eripias si und stellt, was nun das letzte ist, voran, was bleibt uns Dichterisches? Tut dasselbe, wenn Ennius singt: die schwarze Zwietracht hatte kaum des Krieges Eisentore aufgesprengt , ihr werdet auch in den zerstückten Gliedern den Dichter Ennius , aus welchem, nach dem Berichte des Virgilianischen Kommentators Servius , diese von Horaz angezogenen Verse genommen sind, wurde von den Römern, die ihre αμουσίαν, ihre alte Roheit und Unwissenheit in Sachen des Geschmackes, lange nicht verwinden konnten, so lange als er ihnen noch verständlich war, für ihren Homer gehalten. Er hieß ihnen der Dichter par excellence ; und in der Tat, wie unermeßlich auch der Abstand von Homer bis zu ihm ist, so fand doch Virgil (seinem eignen Ausdruck und Geständnis nach) eine Menge Goldkörner aus dem Miste dieses alten römischen Meistersängers herauszuscharren. wieder finden. Im Vorbeigehn dies! Ob diese Art von Schriften Poesie zu nennen sei, ein andermal! Jetzt soll nur noch die Frage sein, geneigter Leser, ob sie mit Grunde dir verdächtig sei. Dort kommen gleich mit Klaglibellen in der Hand, erhitzt und heischer, Sulcius und Caprius gelaufen, aller Straßenräuber Schrecken! Wer aber reine Hände hat, bekümmert sich wenig um den einen und den andern. Wenn du nun auch den Räubern Cölius und Birrus noch so ähnlich wärst, und ich bin weder Caprius noch Sulcius, was brauchst du mich zu fürchten? Meine Schriften liegen in keiner Bude, sind an keinem Pfeiler tempora certa modosque, et quod prius ordine verbum est posterius facias, praeponens ultima primis: \<60\> non, ut si solvas »postquam discordia taetra belli ferratos postes portasque refregit«, invenias etiam disiecti membra poetae. Hactenus haec; alias, iustum sit necne poema: nunc illud tantum quaeram: meritone tibi sit \<65\> suspectum genus hoc scribendi. Sulcius acer ambulat et Caprius, rauci male, cumque libellis, magnus uterque timor latronibus! at bene si quis et vivat puris manibus, contemnat utrumque. Ut tu sis similis Coeli Birrique, latronum, \<70\> non ego sim Caprii neque Sulci, cur metuas me? den schmutzigen Fingern aller Pflastertreter und des Tigellius Nase Preis gegeben Wer damals seine Schriften publizieren wollte, verschenkte, oder verhandelte sie an eine Art von Buchhändlern, welche Abschriften davon machen ließen, und damit öffentliches Gewerbe trieben. Weil diese Leute ihre Buden gewöhnlich unter bedeckten Säulengängen ( Portici ) hatten, so pflegten sie die Titel ihrer literarischen Neuigkeiten, mit großen Buchstaben geschrieben, an die Säule, an welche ihre Bude stieß, aufzuhängen: so verstehe ich wenigstens die Worte: nulla meos habeat pila libellos , und halte diese Auslegung für natürlicher als die des Scholiasten: in pilis epigrammata scribebant poetae, qui non tradebant bibliopolis . In diesem Stücke war es also ungefähr wie bei uns. Wer vorüber ging und neugierig war, besonders die Herren vom Handwerk, und die Zunft der Ardelionen und Parasiten , die von Witz, Kennerschaft und Persiflage lebten und an den Tafeln der Großen und Reichen ihre Zeche damit bezahlten, lasen im Vorbeigehen die angeschlagenen Titel, oder guckten in die aufgeschlagenen Bücher und blätterten darin, um was aufzuschnappen, das sich bei Tische an den Mann bringen ließ, u.s.w. Was den Hermogenes Tigellius betrifft, der hier schon wieder, in ziemlich schlechter Gesellschaft, auftreten muß: so vermute ich, daß es nicht der Sänger Tigellius (von welchem in der 2ten und 3ten Satire die Rede war), ein Mann, der zu seiner Zeit eine gewisse Figur in Rom gemacht hatte, sondern irgend ein Sohn oder Neffe desselben gewesen, der, als Erbe der Überbleibsel seines mit Ambubajen, Tänzerinnen und Balatronen durchgepraßten Vermögens, auch seine Prätension an den Charakter eines Bel-Esprit und Elegant und an die Protektion, die er einigen subalternen Geschöpfen aus dieser Kategorie angedeihen ließ, geerbt haben mochte. Ich nehme also zwei Tigellios Hermogenes an: den bekannten, der bereits tot war, als Horaz die zweite Satire schrieb, und indessen schwerlich wieder ab inferis zurückgekommen war; und diesen bisher unbekannter der hier und in der 10ten Satire ziemlich übel behandelt wird. Wenigstens begreife ich nicht, wie man ohne diese Voraussetzung das, was Horaz an verschiedenen Stellen und zu verschiedenen Zeiten vom Tigellius Hermogenes sagt, ungezwungen erklären, und alles allein auf den ältern ziehen könnte. . Auch les' ich niemals vor, als meinen Freunden, (und da nur weil ich muß) nicht überall noch jedermann. Es gibt ja derer g'nug die ihre Werke mitten auf dem Markte, ja gar im Bade lesen. Ein verschloßner Ort hallt einem seine Stimme, sagen sie, so angenehm zurück. Ein feiner Zeitvertreib für Müßiggänger, deren kleinster Kummer ist zur Unzeit was zu tun und ohne Sinn.   »Und du«, so hör' ich sagen, »machst dir eine Lust und ein Geschäfte draus, aus bösem Willen den Leuten weh zu tun!« – Wo nimmst du das? Hat etwa deren einer dir's vertraut mit denen ich gelebt? Den Mann, der hinterm Rücken des Freundes Ruhm benagt, ihm gegen fremden Tadel das Wort nicht redet, der ein loser Vogel zu heißen und, sobald sein Mund sich öffnet, ein berstend Lachen zu erregen stolz ist, Nulla taberna meos habeat neque pila libellos, queis manus insudet vulgi, Hermogenisque Tigelli, nec recitem quidquam nisi amicis, idque coactus, non ubivis coramve quibus libet. ln medio qui \<75\> scripta foro recitent, sunt multi, quique lavantes. Suave locus voci resonat conclusus. Inanes hoc iuvat, haud illud quaerentes, num sine sensu, tempore num faciant alieno. – »Laedere gaudes«, inquit, »et hoc studio pravus facis!« – Unde petitum \<80\> hoc in me iacis? est auctor quis denique eorum, vixi cum quibus? Absentem qui rodit amicum, qui non defendit, alio culpante; solutos qui captat risus hominum, famamque dicacis; von Dingen, die er selbst erdichtet, sich zum Augenzeugen macht, und das Vertraute nicht verschweigen kann, – den nenn' ich schwarz , vor dem, vor dem, ihr Römer, seid auf eurer Hut! fingere qui non visa potest, commissa tacere \<85\> qui nequit, hic niger est, hunc tu, Romane, caveto! Wie häufig sieht man, daß von zwölfen, die um einen Tisch drei Kanapeen füllen Saepe tribus lectis videas cenare quaternos . – Diese Umschreibung sagt nichts weiter, als: man sieht oft zwölf Personen zu Gaste speisen. – Die Einrichtung der Griechen und Römer bei ihren Mahlzeiten und Gastmählern war, bekanntermaßen, von der unsrigen hauptsächlich darin verschieden, daß sie nicht um den Tisch saßen , sondern lagen So lange die Frugalität noch herrschende Sitte unter den Römern war, speiseten sie sitzend, wie wir, und wie die Kreter und Spartaner unter den Griechen. Auch, nachdem die Triklinien Mode geworden, fanden die Damen es anständiger den alten Brauch beizubehalten; bis sie endlich, so wie die Sitten immer freier wurden, sich auch hierin den Männern gleichstellten. . Bei Mahlzeiten, wo mehrere Gäste geladen waren, war der Tisch gewöhnlich viereckigt, und von drei Seiten mit einer Art von Kanapeen ( lectis ) umgeben, auf welchen die Gäste, zu dreien, oder vieren, auch wohl zu fünfen, sich lagerten. Ein solches Kanapee hieß, weil es gewöhnlich drei Personen faßte, mit einem von den Griechen geborgten Worte, Triclinium ; doch wurde auch das Speisezimmer selbst so genennt, das bei den Römern sonst cenatio oder cenaculum hieß. Die Größe der Tische sowohl als der Triklinien, oder Kanapeen, war bei den Vornehmen und Reichen (die mit diesen Möbeln in großer Menge versehen waren) immer der Zahl der Gäste proportioniert; und der Luxus, der schon zu unsers Dichters Zeiten mit diesen Dingen getrieben wurde, ist unglaublich. , ein jeder alle andern zu bespritzen sucht Alle Handschriften lesen quavis . Geßner wünscht, daß sich auch nur eine finden möchte, welche quivis läse, weil alsdann die ganze Stelle augenscheinlich einen ungezwungnern und dem ganzen Kontext gemäßern Sinn bekäme. Behält man quavis bei, so ist dieses Wort sowohl als das e quibus unus – zweideutig. Soll quavis auf aquam gehen, wie Muretus meint? – oder soll es quavis ratione bedeuten? Bedeutet unus einen von allen Zwölfen? oder einen von den Vieren, die ein Kanapee mit einander einnehmen? Wie man das eine und andere auch nehmen will, so vermisse ich die unserm Dichter gewöhnliche Konzinnität, Deutlichkeit und Ungezwungenheit der Diktion. Mit der einzigen Veränderung eines a  in  i ist der Sache geholfen. Mich deucht, in einem solchen Falle ist die Freiheit erlaubt, die sich Bentley so oft genommen hat, nämlich vorauszusetzen, der Fehler liege an den Abschreibern, und Horaz habe geschrieben was den schicklichsten Sinn gibt. , nur dessen schonend, der das Wasser hergibt; und bald auch dessen nicht, wenn erst der Freund der Wahrheit, Bacchus, den verschloßnen Schalk in seiner Brust in Freiheit setzt. Gleichwohl heißt dir so einer liebenswürdig, witzig, ein Mann von Lebensart, – dir, dem die Schwarzen so verhaßt sind? Ich hingegen, wenn ich lachte, daß, um nicht nach Bisam wie Rufill zu stinken, Gorgonius bockt, ich scheine bissig dir Man erinnert sich ohnezweifel, diesen Vers in der zweiten Satire gelesen zu haben. Baxter hat daraus, daß er unserm Dichter übel genommen worden, den Schluß gezogen, Rufillus und Gorgonius müßten Personen von Bedeutung gewesen sein, weil sich das Publikum ihrer gegen den Dichter angenommen habe. Mich deucht, dies folge nicht. Alles was sich daraus schließen läßt, ist, daß diese Herren selbst die Freiheit, die sich der Dichter mit ihnen genommen, vermutlich sehr übel fanden, und in ihrem Zirkel laut genug darüber krähten, um auch andere, die sich nicht viel Gutes bewußt waren, in Unruhe zu setzen; und daß also der Fall wieder eintrat, dessen Horaz in der Epistel an Augustus erwähnt: – fuit intactis quoque cura condicione super communi – und giftig? Du hast freilich eine andre Weise! Wird von dem bösen Handel des Petillius Der Scholiast des Cruquius macht bei diesem Petillius Capitolinus die Anmerkung: Petillius, der die Aufsicht über das Capitolium gehabt, wäre bei Gelegenheit, daß die Krone des Capitolinischen Jupiters weggekommen, öffentlich angeklagt worden, er habe sie gestohlen, und die Richter hätten ihn bloß dem Augustus, dessen Freund er gewesen, zu Gefallen losgesprochen. Ein andrer setzt hinzu: Petillius habe, dieses Handels wegen, spottweise den Zunamen Capitolinus bekommen. Dieses letztere scheint, wie schon Torrentius bemerkt hat, ohne Grund zu sein. Die Petillii waren eine Plebejische Familie, von welcher man zwei Äste kennt, die sich durch die Beinamen Spurinus und Capitolinus unterschieden Man findet auch einen Petillius Balbus , einen Geminus , u. a. Dies waren aber vermutlich nur individuelle Übernamen. . Die Spurini hoben sich im sechsten Jahrhundert der Republik aus der Dunkelheit, und ein Q. Petillius Spurinus stieg im J. 577 bis zum Konsulat. Vaillant Numi Famil. Rom. Vol II. p. 222. vermutet nicht ohne Grund, daß die Capitolini vorher Libones geheißen, und jenen Zunamen daher bekommen, weil einer von ihnen unter den zehen Männern gewesen, die im J. 383 zur Aufsicht der im Capitol verwahrten heiligen Bücher bestellt worden. Denn in diesem Jahre finden sich zwei Petillii Libones, welche Aediles Piebis waren; in der Folge aber verliert sich dieser Zuname, und es finden sich dagegen mehrere Petillii Capitolini , wiewohl ohne Illustration; so, daß dieses Geschlecht im 7ten und 8ten Jahrhundert der Stadt seinen Glanz wieder ganz verloren zu haben scheint. Außer dem Cicero, der ( pro Milone 16. ) eines Q. Petillius, unter dem Charakter eines optimi et fortissimi civis Diese Courtoisie wollte wahrscheinlich nicht mehr sagen, als wenn ein wackrer Bürger in unsern Reichsstädten der Wohlehrbare und Bescheidene Meister qualifiziert wird, und beweist weiter nichts, als daß er ein bloßer gemeiner Bürger ist. , und anderswo eines römischen Ritters, M. Petillius, erwähnt, findet sich in der Geschichte dieser Zeit keine Spur von Petilliis. Wir haben also, außer der Note des Scholiasten, nichts, das einiges Licht über diese Stelle gießen könnte. Soviel ist klar, daß ein Petill. Capitolinus um die Zeit, wo Horaz schrieb, wegen irgend eines Verbrechens, das unter die Rubrik Furtum gehört, öffentlich angeklagt worden war; und, weil doch der Scholiast die Anekdote von der gestohlnen Krone Jupiters nicht aus seinem Finger gesogen haben kann, so sehe ich nicht, warum man ihm diesmal (so wie in jedem anderm Falle, wo der Ungrund seiner Nachrichten nicht erweislich ist) nicht glauben sollte. Daß eine Krone im Capitol gestohlen wurde, und daß Capitolinus bei dieser Gelegenheit in Inquisition kam, und (wie aus dem Worte furtis zu schließen ist) noch mehrerer Unterschleife öffentlich beschuldigt wurde, mußten notorische Facta sein, sobald es Facta waren. Aber daß Capitolinus, als ein Freund Augusts , aus Achtung gegen diesen losgesprochen worden, ist, vermöge der Natur der Sache, etwas Zweifelhaftes; wenigstens kann amicus hier nicht mehr als parvus amicus , ein Anhänger und Schutzverwandter Augusts, sagen wollen; und in diesem Falle war August, nach römischer Sitte, nicht nur berechtigt, sondern sogar verbunden, seinen Klienten zu retten so gut er konnte. In der Tat hatte er noch einen Beweggrund mehr, als jeder andre Patron; denn hatte nicht der große Julius Cäsar , wie Suetonius gerade heraus sagt, in seinem ersten Konsulat drei tausend Pfund Gold aus dem Capitolio gestohlen ; und konnte also dieser Petillius nicht mit einigem Schein Rechtens, wie jener beim Terenz, sagen: ego homuncio non facerem ? Wie dem aber auch sein mag, so scheint mir Baxters dreiste Behauptung, Horaz habe hier dem Petillius, gleichsam von hinten zu, einen tüchtigen Stoß beibringen wollen, durch den ganzen Zusammenhang widerlegt zu werden. Denn aus den Worten: »mentio si qua de Capitolini furtis etc.« folget noch nicht, daß Horaz ihn für schuldig gehalten habe. Das Wort furtum ist bekanntermaßen vieldeutig, und daher mit unserm Diebstahl nicht völlig einerlei ; es war vielmehr in dem Falle des Petillius das gelindere Wort; weil furtum bei den Römern nur delictum privatum war, die Verbrechen hingegen, deren Petillius angeklagt worden, allem Anscheine nach unter die publica gehörten, und also von der schwersten Art waren. In Versen kann man sich nicht immer mit juristischer Genauigkeit ausdrücken; und Horaz konnte um so eher de furtis Petillii anstatt de actione furti Petillio intenta sagen, weil der Handel notorisch und Petillius vom Gerichte öffentlich losgesprochen war. – Kurz, eben daraus, daß er sich so ausdrückt, ist klar, daß er sich so ausdrücken durfte , ohne einen Injurien-Prozeß vom Petillius zu besorgen; welchem er übrigens in dieser Stelle so wenig einen Dolchstoß von hinten zu beibringen wollte, daß er vielmehr den vorgeblichen Freund desselben (der, nach einer langen Vorrede im freundschaftlichen Tone, mit der zweideutigen Verwunderung endiget: sed tamen admiror, quo pacto iudicium illud fugerit! ) gerade dieser heimlich boshaften Insinuation wegen für einen Menschen von schwarzer Seele erklärt; von sich selbst hingegen aufs ernstlichste versichert, daß seine Schriften immer eben so rein von solchem Gifte bleiben würden, als sein Herz es sei. Warum aber (könnte man noch fragen) nahm denn Horaz das Beispiel, das er hier nötig hatte, wenn er es nicht übel mit dem Petillius meinte, gerade von ihm? – Ich kann diese Frage nicht anders als durch eine Vermutung beantworten. In Schriften wie die gegenwärtigen Satiren müssen notwendig eine Menge Stellen vorkommen, wo wir uns nicht anders helfen können, weil die besondern Umstände von diesem und jenem Zuge, der auf einzelne Personen und momentane Veranlassungen geht, nach 1800 Jahren nicht mehr aufzutreiben sind. Ich stelle mir also die Sache so vor. Petillius war ein Klient oder besonderer Schutzverwandter des Augusts; sein Handel hatte ein schlimmes Ansehen; die ganze Stadt sprach davon; man begriff nicht, wie er sich würde herauswickeln können; man erwartete ihn für schuldig erklärt zu sehen, und er wurde losgesprochen, ohne daß seine Unschuld dem Publico sehr einleuchtend gemacht worden wäre. Nun sprach man von neuem in allen Gesellschaften von der Sache; man merkte oder vermutete zwar den geheimen Einfluß des Augusts auf diesen Handel, und nahm sich daher in Acht; aber weil man seiner Malignität doch Luft machen mußte, so sprach man in diesem zweideutigen Tone, der unserm Dichter so ärgerlich ist; und da die Sache damals die Neuigkeit des Tages war und dem Petillius also kein Nachteil aus öffentlicher Erwähnung seines Handels, der ohnehin alle mögliche Publizität hatte, zuwachsen konnte: so war nichts natürlicher, als daß Horaz das Beispiel davon hernahm, dessen er vonnöten hatte, um den Vorwurf laedere gaudes et hoc studio pravus facis , von sich abzulehnen und dem größten Teile seiner Mitbürger in den Busen zu schieben. Ihr beschuldigt mich eines bösen Herzens, spricht er, weil ich gesagt habe – was einem jeden seine Nase sagen kann – Rufillus rieche wie eine Bisam-Katze, um nicht wie Gorgonius nach dem Bocke zu stinken: das beleidigt eure Gutherzigkeit! Denn freilich, ihr seid die gutartigsten Seelen von der Welt. Man braucht nur zu hören, wie ihr die Partei eurer Freunde nehmt, u.s.w. Mich dünkt, auf diese Art erhält diese ganze Stelle das gehörige Licht; und der häßliche Fleck, den Baxters Ausdeutung unserm Dichter anschmitzen will, mag an ihm selbst kleben bleiben! Capitolinus ungefähr gesprochen, gleich nimmst du ihn nach deiner Art in Schutz: »Capitolin war von der Schule her     Saepe tribus lectis videas cenare quaternos, e quibus unus amet quavis aspergere cunctos, praeter eum qui praebet aquam; post, hunc quoque, potus, condita cum verax aperit praecordia Liber. \<90\> Hic tibi comis et urbanus, liberque videtur, infesto nigris? Ego, si risi, quod ineptus pastillos Rufillus olet, Gorgonius hircum, lividus et mordax videor tibi. Mentio si qua de Capitolini furtis iniecta Petilli \<95\> te coram fuerit; defendas, ut tuus est mos: »Me Capitolinus convictore usus amico- mein guter Freund; ich habe viel Gefälligkeiten von ihm empfangen, und es freut mich, ihn im vor'gen Wohlstand noch in Rom zu sehen; indessen wundert mich's bei allem dem, wie sich der gute Mann aus jenem Handel zu ziehn gewußt.« – Dies nenn' ich schwarz, und schwärzer als Blackfischblut und Schusterpech! Und wenn ich was von mir versprechen kann, so ists, daß meine Schriften (wie mein Herz zuvor) stets rein von diesem Gifte bleiben sollen. Entwischt zuweilen mir im Scherz vielleicht ein allzufreies Wort, so wird es mir doch wohl zu übersehen sein. Mein Vater, der ein guter Mann war, hatt' es im Gebrauch, von Jugend an durch andrer Leute Beispiel vor Lastern mich zu warnen Unter den liebenswürdigen Charakterzügen unsers Dichters ist gewiß einer der schönsten das Vergnügen, womit er hier und in der folgenden 6ten Satire von seinem Vater, und von allem was er ihm zu danken habe, spricht. Empfindelei und romanhafte Zärtlichkeit war wohl keines Menschen Sache weniger als die seinige: aber, so oft er Gelegenheit hat seines Vaters zu erwähnen, wird sein Herz warm, und man fühlt, daß es sein Ernst war, wenn er dem Mäcenas versichert, er würde, wenn es ihm frei stünde, sich noch einmal von wem er wollte zeugen zu lassen, keinen bessern Vater wählen können; wiewohl der seinige von geringem Stande und Vermögen gewesen war. Tausend andere, die (wie unser Dichter) schon in früher Jugend eine Legion unter einem Brutus angeführt, und nachher mit den ersten unter den Großen Roms so wie er gelebt hätten, würden wenigstens alle Gelegenheiten, ihrer Herkunft zu erwähnen, vermieden haben: aber er ist noch stolz darauf, einen guten und rechtschaffnen, wiewohl geringen Vater gehabt zu haben. – Und ein Mann mit einem solchen Herzen wird von – den Kommentatoren seiner Schriften, und, auf ihren Kredit hin, beinahe von der ganzen gelehrten Welt, der niedrigsten und schlechtesten Gesinnungen fähig gehalten und beschuldiget! So gefährlich ist es für einen Schriftsteller, mehr Geist und Witz zu haben als seine Scholiasten und Ausleger! . Wollt' er mich ermahnen, nüchtern, sparsam, und mit dem zufrieden, was er selber mir erworben, zu leben: »Siehst du«, sprach er, »wie's dem Sohne des Albius erging? Wie elend Barus sich behelfen muß? Zum warnungsvollen Beispiel que a puero est, causaque mea permulta rogatus fecit, et incolumis laetor quod vivit in urbe; sed tamen admiror quo pacto iudicium illud \<100\> fugerit.« – Hic nigrae succus lolliginis, haec est aerugo mera! Quod vitium procul afore chartis atque animo prius, ut si quid promittere de me possum aliud, vere promitto. Liberius si dixero quid, si forte iocosius, hoc mihi iuris \<105\> cum venia dabis. Insuevit pater optimus hoc me, ut fugerem, exemplis, vitiorum quaeque, notando. Cum me hortaretur parce, frugaliter, atque viverem uti contentus eo quod mi ipse parasset: »Nonne vides Albi ut male vivat filius? utque für junge Leute, ihrer Eltern Gut nicht zu verprassen!« – Daß ich nicht mein Herz an eine Dirne hinge, »werde«, sprach er, »mir ja kein Scetan!« – und von den Ehefrauen mich abzuschrecken, da es an erlaubten Mitteln nicht fehle den Naturtrieb zu vergnügen, »du hörest«, sagt' er, »wie man vom Trebon, der jüngst ertappt ward, spricht Alle diese Leute, der Sohn des Albius, Barus, Scetanus und Trebonius, deren böses Beispiel der alte Horaz seinem Sohne zur Warnung vorstellte, sind unbekannte Namen. Baxter, der in dem oben v. 28. genannten Albius den Tibull entdeckte, findet ihn hier wieder in dem Sohne des Albius. Und doch waren Tibull und Horaz Freunde , die einander hochschätzten und liebten, (s. die vierte der Horaz. Episteln ) und unser Dichter war keiner, » der hinterm Rücken des Freundes Ruhm benagt! « ! Tiefsinnige Beweise, dies zu fliehn und jenes zu erwählen, werden dir die Philosophen geben: mir gnügt's an dem, was unsre Alten immer für Pflicht des Vaters hielten, wenn, so lange du Aufsicht nötig hast, ich deinen Ruf und deine Gesundheit unverletzt erhalten kann. Wird dein Gemüt und Körper mit den Jahren mehr Festigkeit gewonnen haben, dann wirst du ohne Kork zu schwimmen wissen.« Mit solchen Reden bildete mein Vater mich vom Knaben an. Gebot er was, so hieß es: »Mach's so wie der, du kannst nichts Klügers tun!« \<110\> Barus inops? magnum documentum, ne patriam rem perdere quis velit!« A turpi meretricis amore cum deterreret, »Scetani dissimilis sis!« Ne sequerer moechas, concessa cum Venere uti possem, »deprensi non bella est fama Treboni«, \<115\> aiebat. »Sapiens vitatu quidque petitu sit melius, causas reddet tibi: mi satis est, si traditum ab antiquis morem servare, tuamque, dum custodis eges, vitam famamque tueri incolumem possum. Simulac duraverit aetas \<120\> membra animumque tuum, nabis sine cortice.« Sic me formabat puerum dictis, et sive iubebat und stellte einen von den Auserlesnen mir Im Texte: unum e iudicibus selectis , einen von den auserlesenen Richtern. Dem Prätor oder Ober-Richter der Stadt Rom, welcher (bekanntermaßen) jährlich vom Volke erwählt wurde, kam es kraft seines Amtes zu, die in verschiedene Decurien eingeteilten Richter aus dem Ritterstande zu ernennen, und hiezu, nach dem Ausdruck unsrer Alten, die wackersten und besten auszulesen. Horaz will also damit sagen: sein Vater habe ihm immer die unbescholtensten und rechtschaffensten Männer in Rom als Beispiele und Autoritäten seiner moralischen Vorschriften dargestellt. zum Muster vor. War etwas zu verbieten, »wie«, sprach er, »könnte noch die Frage sein, ob's schändlich sei und schädlich dies zu tun, da der und der in solchen bösen Ruf dadurch gekommen ist?« – Wie eine Nachbars-Leiche gelüst'ge Kranke plötzlich ängstigt, und aus Todesfurcht sich selber schonen lehrt: so schreckt oft fremde Schande zarte Seelen vom Laster ab. – Dem hab' ich es zu danken, daß ich unangesteckt von solchen blieb die ins Verderben stürzen. Von geringern und die sich noch verzeihen lassen, sprech' ich mich nicht frei: und auch von diesen nimmt vielleicht die Zeit, ein Freund und meine eigene Vernunft noch manche weg. Denn weder auf dem Ruhebettchen noch im Portikus verlier' ich je mich selber aus den Augen: ut facerem quid, »habes auctorem quo facias hoc« unum ex iudicibus selectis obiciebat, sive vetabat, »an hoc inhonestum et inutile factum \<125\> necne sit, addubites, flagret rumore malo cum hic atque ille?« – Avidos vicinum funus ut aegros exanimat, mortisque metu sibi parcere cogit: sic teneros animos aliena opprobria saepe absterrent vitiis. Ex hoc ego sanus ab illis \<130\> perniciem quaecumque ferunt; mediocribus et queis ignoscas, vitiis teneor; fortassis et istinc largiter abstulerit longa aetas, liber Liber für liberalis , (wie oben v. 90) a gentle friend . Unsrer Sprache fehlt dies Wort. amicus, consilium proprium. Neque enim cum lectulus aut me »Dies wäre besser; tät' ich dies, so lebte ich glücklicher; dies machte meinen Freunden mich angenehmer – Nun! das war nicht hübsch von dem ! Fein vorgesehn, daß nicht aus Übereilung dir selbst einmal dergleichen widerfahre!« So sprech' ich bei geschloßnen Lippen mit mir selbst Es geht nichts über die Urbanität und Laune dieser ganzen Stelle; aber dies fühlt der Leser selbst, und wem man das erst durch einen Kommentar fühlen machen müßte, für den hatte Horaz nicht geschrieben. Übrigens verdient die Pläsanterie über die Intoleranz der Juden (das einzige damalige Volk in der Welt, das mit dieser häßlichen Krankheit des Verstandes angesteckt war) bemerkt zu werden, weil sich daraus schließen läßt, daß sie den Römern schon damals aufgefallen , und vermutlich an einem so verächtlichen und unmächtigen Volke, wie die Juden in ihren Augen waren, um so lächerlicher vorgekommen sein mußte. Die Menschenfeindlichkeit ( odium generis humani ), die, nach dem Tacitus, auch den Christen (als einer vermeinten jüdischen Sekte) zur Last gelegt wurde, hatte ohnezweifel nichts anders zum Grunde, als diese Unduldsamkeit gegen andere Religionen; eine Sache, die den Heiden, welche für die Götter und Gottesdienste aller Nationen Respekt hatten, notwendig unerträglich vorkommen mußte, und an den Verfolgungen (die man übrigens, so bald man der stärkere Teil war, reichlich erwiderte) hauptsächlich Ursache sein mochte. ; und gibts einmal ein leeres Stündchen, nun, so wird es aufs Papier gekritzelt. Dies ist einer von jenen kleinen Fehlern, den du mir verzeihen wirst; sonst soll ein ganzes Heer von Versemachern mir zum Beistand aufmarschieren, und, weil doch unsre Zahl die größte ist, so wollen wir dich schon, nach Juden-Art, zu unsrer Sekte zu bekehren wissen. porticus excepit, desum mihi: »Rectius hoc est; \<135\> hoc faciens, vivam melius; sic dulcis amicis occurram; hoc quidam non belle; numquid ego illi imprudens olim faciam simile?« Haec ego mecum compressis agito labris: ubi quid datur oti, illudo chartis: hoc est mediocribus illis \<140\> ex vitiis unum; cui si concedere noles, multa poetarum veniet manus, auxilio quae sit mihi (nam multo plures sumus) ac, veluti te Iudaei, cogemus in hanc concedere turbam. Fünfte Satire Einleitung Das folgende Stück ist ein scherzhaftes Tagebuch einer Reise unsers Dichters von Rom nach Brundusium, wobei er eine im dritten Buche der Satiren des Lucilius vorkommende Reise-Beschreibung von Rom nach Capua zum Muster genommen haben soll. Wiefern Horaz seinen Vorgänger hierin nachgeahmt, und wie weit er ihn, aller Wahrscheinlichkeit nach, hinter sich gelassen habe, läßt sich aus den wenigen Überbleibseln des Lucilischen Stückes, die man in Dousas oben erwähnter Sammlung beisammen findet, einigermaßen, wiewohl zu einer Vergleichung nicht hinlänglich genug, abnehmen: aber dies ist wohl gewiß, daß dieses Horazische Reise-Journal dem berühmten Voyage de Bachaumont et La Chapelle , und also gewissermaßen allen übrigen poetischen und scherzhaften Reise-Beschreibungen, welche durch jenes veranlaßt wurden, zum Modell gedient hat. Horaz machte den größten Teil dieser Reise im Gefolge des Mäcenas; und es ist aus allen Umständen ersichtlich, daß er sie nicht in eigenen Verrichtungen, sondern bloß als Comes dieses Günstlings und Vertrauten des jungen Cäsars gemacht habe. Daß diese Comites der damaligen Großen in Rom zum Teile aus einer Art von untertänigen Freunden und Tischgenossen bestanden, die ein großer Herr, besonders auf Reisen in Staats-Verrichtungen, teils um einen desto ansehnlichern Aufzug zu machen, teils zu seiner Unterhaltung mit sich führte, ist anderswo schon ausführlicher gezeigt worden S. Einleitung in den 3ten der von mir übersetzten Horazischen Briefe . . Mäcenas , der es bloß seiner Neigung zu Dichtern und schönen Geistern zu danken hat, daß sein Name bereits achtzehn Jahrhundert lang ein Ehrentitel ist, liebte bei solchen Gelegenheiten die besten Köpfe um sich zu haben; und wir finden daher, daß außer unserm Dichter und dem Heliodorus, einem gelehrten Griechen, noch seine Freunde Virgil, Plotius und Varius , von der Gesellschaft waren. Vielleicht war es ein Einfall von Mäcenas selbst, daß Horaz das Andenken und die kleinen Abenteuer dieser Reise durch ein scherzhaftes Tagebuch lebendig erhalten sollte; oder, wenn diese Idee unserm Dichter auch erst nachher und ohne Veranlassung eines andern kam, so beweiset doch der Ton des ganzen Stückes, daß es nicht sowohl für das Publikum, als zur Belustigung der auserlesenen und in ihrer Art einzigen Reisegesellschaft welche sich damals zusammengefunden hatte, geschrieben worden sei. Daß diejenigen sich sehr geirret haben, welche diese Reise in das Jahr 714 gesetzt und sich eingebildet haben, die Zusammenkunft zwischen Mäcenas und Coccejus , deren Horaz erwähnt, sei die nämliche Konferenz gewesen, von welcher der zwischen dem M. Antonius und dem jungen Cäsar zu Brundusium geschlossene Friede und die Vermählung des erstern mit Octavia, der Schwester des letztern, die Folgen gewesen, – hat Masson In Vita Horat. p. 81 et seqq. außer allen Zweifel gesetzt. Einer der stärksten Gründe ist, daß Horaz damals dem Mäcenas noch gar nicht bekannt war, geschweige daß er schon unter seine Freunde und Comites sollte aufgenommen gewesen sein. Aus diesem und verschiedenen andern Umständen erhellet, daß die Konferenz, wovon in diesem Reisejournal die Rede ist, in den Oktober oder November des Jahres 717 zu setzen, und die nämliche sei, deren Dion Cassius im 54sten Kapitel seines 48sten Buches erwähnt. Ich reiste aus der Hauptstadt in Gesellschaft Heliodors , des Rhetors Horaz ist der einzige, der dieses Heliodorus Meldung tut, und er kann daher kein sehr großer Mann in seiner Art gewesen sein. Das Beiwort Rhetor beweiset, daß er Profession davon gemacht in der Redekunst Unterricht zu geben. Vermutlich gehörte er zu der Cohorte amicorum des Mäcenas; denn es war (wie ich anderswo schon erwähnt habe) den Großen in Rom gewöhnlich, auch griechische Gelehrte unter ihren Höflingen zu haben. Baxter will, man soll Graecorum linguae doctissimus lesen, weil Cruquius und Torrentius in mehreren Handschriften linguae statt longe gefunden haben; und rümpft die Nase mächtig über Bentley, der diese Leseart nicht einmal der Erwähnung wert geachtet. Lingua , meint er, heiße hier soviel als ars oratoria , und er scheint sich auf diese Entdeckung was zugut zu tun. Lingua ist aber wohl eben so wenig jemals für Redekunst gebraucht worden, als pes für Tanzkunst . Linguae würde ein Schreibfehler sein und bleiben, wenn auch alle Handschriften linguae hätten. Graecorum longe doctissimus aber heißt hier nicht, der Gelehrteste unter den Griechen überhaupt, sondern unter den griechischen Rhetoren ; und ist übrigens weder mehr noch weniger als ein Kompliment, das Horaz seinem Reisegefährten, im Vorbeigehen, macht; da er seiner doch in diesem Tagebuch erwähnen mußte. Denn diese Graeculi waren ein eitles, windichtes, lobsüchtiges und hämisches Völkchen, und es war einem Neuling im Hofleben und in der Dichtkunst, wie Horaz, um so nötiger mit ihres gleichen in gutem Vernehmen zu stehen, weil sie, im Namen ihrer Nation, große Ansprüche machten, und auf römische Gelehrte, besonders auf Dichter, ungefähr so wie französische Litterateurs auf deutsche, herabsehen. , dem in seiner Kunst kein Grieche leicht den Vorzug nehmen wird. Aricia war das erste Nachtquartier – ganz leidlich; Forum Appii das zweite, ein Nest mit Schiffertroß und Beutelschneidern von Wirten vollgepfropft. Wir krochen also zwei Tage (wie ihr seht) an einem Wege, den rasche Wanderer in einem machen; ein Vorteil, den die Straße Appia für Träge hat Die Via Appia , die Königin der römischen Straßen, wurde schon von ihrem Urheber, dem Appius Claudius ( Censor und in seinem Alter der Blinde zugenannt) von Rom bis nach Capua, in der Folge aber bis nach Brundusium fortgeführt. Horaz empfiehlt sie den Trägen , welche kurze Tagereisen lieben, vermutlich wegen der vielen Gelegenheiten zum Ausruhen, die man auf derselben fand. Da er selbst einer von den Trägen war, so hatte er aus der gewöhnlichen Tagereise von Rom nach Forum Appii , zwei gemacht, und zu Aricia Nachtlager gehalten. Forum Appii war ein Flecken, wo die Appische Straße sich in den Pomptinischen Sümpfen verlor. Zum Ersatz war ein Kanal von besagtem Flecken bis an den Fuß des Berges, worauf die Stadt Anxur lag, durch diese Sümpfe gegraben, auf welchem die Reisenden in einer Art von Fahrzeugen, vermittelst eines Maultiers fortgezogen wurden. Zu dieser Überfahrt wurde, ohnezweifel um von den Ausdünstungen der Sümpfe und des Kanals weniger zu leiden, allezeit die Nacht angewandt. . Hier sah ich mich gezwungen, des schlimmen Wassers wegen meinem Magen die Zufuhr abzuschneiden; während meine Reise- Gesellschaft, die sich's tapfer schmecken ließ, die Weile lang mir machte. Schon begann die Nacht den Erdkreis zu beschatten und mit Sternen den Himmel zu bestreun, als unsre Diener mit den Schiffern, beide nicht im feinsten Tone, sich hören ließen. – »Hieher mit dem Schiffe!« –     Egressum magna me excepit Aricia Roma hospitio modico; rhetor comes Heliodorus, Graecorum longe doctissimus. Inde Forum Appi, differtum nautis, cauponibus atque malignis. \<5\> Hoc iter ignavi divisimus, altius ac nos praecinctis unum; minus est gravis Appia tardis. Hic ego, propter aquam, quod erat taeterrima, ventri indico bellum, cenantes haud animo aequo expectans comites. Iam nox inducere terris \<10\> umbras et caelo diffundere signa parabat, tum pueri nautis, pueris convicia nautae ingerere. »Huc appelle!« – »Trecentos inseris! ohe! »Du stopftest, glaub' ich gar, dreihundert 'rein Dies sagt vermutlich ein Bedienter. Der Schiffsmann nahm desto mehr Geld ein, je mehr er Passagiers einnahm; dafür aber ging es desto langsamer, und dies war den Reisenden nicht anständig. ! Halt doch! es ist genug!« Bis jedermann bezahlt hat und das Maultier angebunden ist, geht eine ganze Stunde hin. Die bösen Schnacken und die Frösche im Kanal verhindern uns am Schlafen; zum Ersatz läßt uns der Schiffer und der Eseltreiber, mit schlechtem Weine beide wohlbeträuft, die Reize ihrer Mädchen in die Wette um die Ohren gellen. Endlich schläft aus Müdigkeit der Eseltreiber ein. Der Schiffer bindet das Zugseil an den nächsten Meilenzeiger, läßt das Maultier weiden gehn, und legt sich gleichfalls schnarchend auf den breiten Rücken. Der Tag war nahe, als wir merkten, daß der Kahn nicht weiter komme, bis zuletzt ein Tollkopf aufspringt und mit einem Weidenknittel dem Maultier und dem Schiffer Kopf und Rücken hobelt. Mit Mühe langten wir um zehn Uhr bei Feroniens Tempel an Die Theologie dieser Göttin ist (wie gewöhnlich) ein Gemische von übelzusammenhängenden Traditionen und einander widersprechenden Auslegungen der Gelehrten, die ihre Zeit damit verderbt haben, Licht in das Chaos der alten Göttergeschichte Italiens hineinzubringen. Das Gewisseste ist, daß Feronia eine Göttin oder Nymphe war, welche lange schon vor Erbauung der Stadt Rom von den Lateinern und Sabinern in hohen Ehren gehalten worden war, und daß sie dreitausend Schritte von der Stadt Anxur einen uralten Hain und Tempel hatte, wo die Reisenden, im Vorbeigehen, ihre Andacht zu verrichten pflegten. Torrentius will nichts von der Stadt Feronia wissen, welche Lambinus (vermutlich aus einem bei ihm nicht ungewöhnlichen Gedächtnisfehler) vom Fuße des Berges Soracte im Sabinerlande hieher versetzt hat. Indessen scheinen doch wenigstens einige Wirtshäuser zur Bequemlichkeit der Reisenden hier gewesen zu sein. Wahrscheinlicherweise hat die Quelle, die in dem Haine der Feronia entsprang, der Göttin und ihrem Tempel den Ursprung gegeben; da für die Anwohner dieser sumpfigen und an gutem Wasser großen Mangel leidenden Gegenden eine süße Quelle etwas sehr Kostbares sein mußte, und wohl wert war unter den Schutz einer besondern Nymphe gesetzt zu werden. . Wir stiegen aus, und wuschen, holde Nymph', in deiner Quelle iam satis est.« Dum aes exigitur, dum mula ligatur, tota abit hora. Mali culices ranaeque palustres \<15\> avertunt somnos; absentem ut cantat amicam multa prolutus vappa nauta atque viator certatim, tandem fessus dormire viator incipit; ac missae pastum retinacula mulae nauta piger saxo religat, stertitque supinus. \<20\> Iamque dies aderat, cum nil procedere lintrem sentimus: donec cerebrosus prosilit unus ac mulae nautaeque caput lumbosque saligno fuste dolat; quarta vix demum exponimur hora. uns Haupt und Hände, hielten Mittagsmahl, und krochen dann drei lange Meilen weiter, bis Anxur Anxur war der Name einer uralten Stadt der Volscier , die, auf einen hohen Berg gebaut, über die Pomptinischen Sümpfe herabzuhängen schien, und zu Horazens Zeit noch bestand. Nach und nach bauten sich die Einwohner an den Fuß des Berges an, das alte Anxur fiel in Ruinen, und die neue Stadt erhielt den Namen Tarracina . , das von seinem weißen Felsen weit in die Ferne glänzt, erstiegen war. Hier war es, wo Mäcenas und Coccejus zusammenkommen sollten, beide wichtiger Geschäfte halben abgeordnete beide gewohnt entzweite Freunde zu vergleichen Mäcenas und Coccejus hatten, seit dem im Herbste des Jahres 714 durch ihre Vermittlung zwischen dem Triumvir Antonius und dem jungen Cäsar geschlossenen Frieden, sich immer große Mühe gegeben, die Sachen zwischen diesen Nebenbuhlern um die Herrschaft der Welt in einigem Gleichgewichte zu erhalten. Daher sagt Horaz von ihnen: aversos soliti componere amicos – ein Zug, der die Ausleger längst hätte verständigen können, daß die Negoziation, wovon hier die Rede ist, nicht die vom Jahre 714 sein könne. Binnen der zwei bis drei Jahre, die seit jenem Vergleich verflossen waren, hatten sich auf beiden Seiten viele Beschwerden angehäuft. Der junge Cäsar war über die persönlichen Vorzüge des Antonius, und die Vorliebe, welche die alten Legionen Julius Cäsars bei allen Gelegenheiten für denselben äußerten, eifersüchtig; er glaubte durch die Brundusische Teilung übervorteilt zu sein, und seine herrschsüchtige Eitelkeit ließ ihm keine Ruhe, so lange er sich die erste Stelle in der Welt von wem es auch sei, streitig gemacht sah. Antonius hingegen sah auf diesen adoptierten Schwester-Enkel seines Freundes Julius Cäsar als auf einen Knaben herab, machte sich selbst Vorwürfe darüber, daß er sich seiner Übermacht nicht besser gegen ihn zu Nutze mache, und hatte, zumal wenn ihn die schöne Kleopatra aufreizte, von Zeit zu Zeit große Lust, über ihn herzufallen, und sich einen so beschwerlichen und doch in seinen Augen so verächtlichen Mitregenten vom Halse zu schaffen. Bei solchen Gesinnungen auf beiden Teilen wurden sie nur durch die Bemühungen ihrer weisern Freunde, und besonders durch das kluge Betragen der tugendhaften Octavia , (welche etliche Jahre lang mit glücklichem Erfolge die Mittelsperson zwischen ihrem Gemahl und Bruder war) von einem gewaltsamen Ausbruche zurückgehalten. Hiezu kam noch die damalige Lage ihrer beiderseitigen Angelegenheiten: indem der junge Cäsar den Beistand des Antonius gegen den Sextus Pompejus, mit welchem er vor kurzem gebrochen hatte, bedurfte; Antonius hingegen, der einen Krieg mit den Parthern nicht vermeiden konnte, vor der Hand von Cäsars Seite sicher sein mußte. Da es nun vonnöten war, das gute Vernehmen zwischen ihnen soviel möglich wieder herzustellen: so veranstaltete Octavia gegen das Ende des Jahres 717 eine abermalige Zusammenkunft zwischen ihrem Bruder und Gemahl zu Brundusium, wo sie zum Beweise ihrer wieder hergestellten Freundschaft eine Vermählung zwischen zwei Kindern, dem Antyllus, einem Sohne des Antons von der Fulvia, und einer Tochter Cäsars von der Scribonia beschlossen. Aber alles dies, sagt Dion Cassius, war bloßes politisches Machwerk, wobei es keinem Teile Ernst war, und wo man, weil es die Umstände erfoderten, sagte, was man nicht dachte, und versprach, was man nicht zu halten gesonnen war. Diese Zusammenkunft zwischen den beiden Triumvirn wurde nun durch die Konferenz der beiderseitigen Mittelspersonen, des Mäcenas und Coccejus, zu Anxur vorbereitet; und beide setzten darauf die Reise nach Brundusium fort, deren kleine komische Abenteuer unserm Dichter den Stoff zu seinem Tagebuche gegeben haben. . Hier war mein erstes, meinen bösen Augen durch ein bekanntes Sälbchen Der Text sagt nigra collyria . Ob es ein Sälbchen oder ein Augenwasser gewesen sei, überlassen wir einem Andreas Dacier auszumachen. Das Wort lippus (triefäugig) das Horaz hier von sich gebraucht, nehme ich ungefähr auf eben die Art wie das stultus im 140sten Verse der dritten Satire. So wenig man aus diesem letztern wird beweisen wollen, daß er ein Narr gewesen sei: so wenig beweiset jenes, daß er immer Triefaugen gehabt habe. Alles was ich daraus schließe, ist, daß er (wie andre Dichter und Nichtdichter auch) zuweilen an den Augen gelitten habe, besonders nach einer ungewöhnlichen Erhitzung. Vermutlich hatte die mühsame Ersteigung des Berges, worauf Anxur lag, und der Glanz der Kalkfelsen, dessen er erwähnt, das meiste dazu beigetragen. Linderung zu schaffen. Unterdessen traf Mäcenas und Coccejus ein, und Capito Fontejus Coccejus Nerva , ein großer Rechtsgelehrter und Staatsmann der damaligen Zeit, war eigentlich von keiner Partei , sondern wußte sich durch seine Klugheit, Mäßigung und Rechtschaffenheit beiden gleich angenehm und notwendig zu machen. Indessen scheint er doch vom Antonius bestellt worden zu sein, sein Interesse bei dieser Konferenz wahrzunehmen. Im Jahre darauf wurde er mit Luc. Gellius Poblicola Konsul. Der Kaiser Nerva war ein Urenkel dieses Coccejus. , ein Mann, so abgeschliffen wie ein Bild, woran der Nagel selbst nichts mehr zu glätten findet, Und dem Antonius, so wie kein andrer, hold. Aus Fundi machten wir uns hurtig fort, woselbst ein Geck von Schultheiß, der vom Schreiber zum Regiment des Orts emporgestiegen, mit seinem breiten Purpurstreif und Weihrauchfaß uns viel zu lachen gab Wenn es mir auch möglich gewesen wäre, die drollichte Wendung dieser Verse, besonders in den Worten: Fundos Aufidio Lusco praetore etc. ohne Verlust in unsre Sprache überzutragen: so würde doch immer das Beste von der Pläsanterie für uns verloren gehen, wie mit achtzehnhundertjährigen Scherzen nur zu oft der Fall ist. Fundi war eine kleine Munizipalstadt, wo ein gewisser Aufidius Luscus den Bürgermeister oder Stadtschultheißen vorstellte. Die Schultheißen oder ersten Magistratspersonen in den römischen Landstädten hießen gewöhnlich Duumviri ; Horaz nennt aber diesen Aufidius wegen seiner geckenhaften Ansprüche spottweise den Prätor von Fundi. Es scheint, daß er auf die Nachricht, daß ein paar so vornehme römische Herren durch Fundi passieren würden, ihnen die Honneurs seiner Stadt auf eine recht glänzende Art habe machen wollen, und sich deswegen, um sie zu komplimentieren, nicht nur in seinen Staatshabit geworfen, sondern (was das Lächerliche der Sache aufs höchste trieb) sich sogar ein Rauchfaß mit Weihrauch habe vortragen lassen, vermutlich in der Absicht, den hohen Gästen damit Ehre zu erweisen; welches ihm aber die Spottvögel vom Gefolge des Mäcenas so auslegten, als ob er das Rauchfaß, nach der Weise der morgenländischen Könige, als ein Zeichen seiner eignen hohen Würde habe vor sich hergehen lassen. Hierin mag ihm nun wohl zuviel geschehen sein; aber wenigstens bewies der latus Clavus Die Erklärung des clavus latus und angustus s. in einer Erläuterung der folgenden 6ten Satire. auf seiner Tunica (das Unterscheidungszeichen der römischen Senatoren und ersten Magistratspersonen), daß ihm kein Unrecht geschah, wenn man ihn für einen großen Gecken hielt. Der Herr Stadtschulz von Fundi mußte in seiner senatorischen Prätexta und Tunica laticlavia dem Mäcenas gegenüber eine desto lächerlichere Figur machen, weil Mäcenas geflissentlich, und um sich nicht über seinen angebornen Ritterstand zu erheben, bei allen Gelegenheiten einen schmalen Clavus zu tragen affektierte. Das Schlimmste für den armen Mann war dann noch, daß er, mit allem dem, seines Handwerks und Zeichens ein bloßer Scriba , und also, von Hause aus, höchstens der Sohn eines Freigelassenen war. Wenn man nun (alles dies vorausgesetzt) sich diese Szene, welche Horaz hier bloß mit etlichen Zügen croquiert, nach dem Leben vormalt, so begreift man, daß sie dem subalternen Teile der Reisegesellschaft auf dem ganzen Wege von Fundi nach Formiä genug zu lachen geben mußte. . Ermüdet blieben wir Ora manusque tua lavimus, Feronia, lympha. \<25\> Milia tum pransi tria repimus, atque subimus impositum saxis late candentibus Anxur. Huc venturus erat Maecenas, optimus atque Cocceius, missi magnis de rebus uterque legati, aversos soliti componere amicos. \<30\> Hic oculis ego nigra meis collyria lippus illinere. Interea Maecenas advenit atque Cocceius, Capitoque simul Fonteius, ad unguem factus homo, Antoni, non ut magis alter, amicus. Fundos Aufidio Lusco praetore libenter \<35\> linquimus, insani ridentes praemia scribae, praetextam et latum clavum, prunaeque batillum. im Stammsitz der Mamurren Schon wieder ein Scherz, dessen feinstes Salz für uns verloren ist. Das Städtchen Formiä war die Vaterstadt eines gewissen Mamurra , eines Menschen von dunkler Herkunft, der sich aber bei Julius Cäsar, dessen Präfectus Fabrorum Eine Stelle, die mit dem, was wir Feldzeugmeister nennen, einige Ähnlichkeit hat. in Gallien er war, so hoch in Gunst zu setzen wußte, daß er ihm erlaubte, sich auf Unkosten der Gallier so sehr zu bereichern als er könnte und wollte. Mamurra bediente sich der Erlaubnis mit so wenig Mäßigung, daß er mit unermeßlichem Reichtum beladen nach Rom zurückkam, und seines Reichtums mit so wenig Bescheidenheit, daß er unter allen Römern der erste war, der sein ganzes Haus auf dem Monte Cölio mit Marmor überziehen ließ. Man hat noch ein paar Epigrammen des Catullus auf ihn, worin der Unwillen eines noch freien Römers über das plötzliche und auffallende Glück dieses Erdschwamms, in eben soviel feurigen Funken als Worten, zu sprühen scheint. Unserm Horaz würde es in seiner Lage übel angestanden haben, einen gewesenen Günstling des Divus Julius öffentlich geißeln zu wollen: aber einen kleinen Stich, mit der Miene einer an sich unleugbaren unschuldigen Wahrheit, konnte er sich erlauben. Torrentius wittert eine solche Schalkheit in dem Einfall, die Stadt Formiä Mamurrarum urbem zu nennen, und ich glaube, daß er den Sinn des Dichters erraten hat. Die Mamurren stammten aus Formiä, dies hatte seine Richtigkeit: aber nichts war unbekannter als diese Familie. Weder die Geschichte noch irgend ein römischer Autor vor oder nach Cäsars Zeiten nennet einen andern Mamurra, als diesen einzigen, der, wiewohl ihn Cäsars Gunst und seine nicht auf die rühmlichste Art in Gallien erworbene Schätze in den Ritterstand versetzt hatten, doch, allem Anschein nach, nicht in demselben geboren war, und keine Ursache hatte, auf seine Ahnen eitel zu sein. Die Ehre, die ihm der Dichter zu erweisen scheint, indem er tut, als ob Formiä sich auf den Vorzug, das Vaterland der Mamurren zu sein, viel einzubilden habe, ist also wahres Persiflage, dessen Sinn, so fein es auch ist, damals jedermann gleich auffaßte, und wobei Horaz sicher auf allgemeinen Beifall rechnen konnte. Hätte er Formiä urbem Lamiarum genannt, so würde man es ganz simpel gefunden, und für eine bloße Wendung, ein in den Vers nicht passendes Wort zu vermeiden, oder allenfalls für ein kleines Kompliment gegen seinen Freund Älius Lamia S. Horaz. Briefe . I. Teil, 14te Epistel , No. 2 . genommen haben, dessen Familie ebenfalls aus Formiä war, und, außerdem daß sie ihren Ursprung von dem Erbauer dieser Stadt ableitete Odar. III. 17. , verschiedene Männer, die ihr Ehre machten, aufzuweisen hatte. Aber da er sie urbem Mamurrarum nennt, so konnte niemand zweideutig finden, was er damit sagen wolle, und Mamurra selbst mußte den Stich fühlen, ohne daß er sich's merken lassen durfte. übernacht, wo uns sein Haus Murena, Capito die Küche lieh Luc. Licinius Varro Murena , ein Bruder der schönen Terentia , Mäcens Gemahlin, und Fontejus Capito , scheinen (wie Torrentius bemerkt) sich in die Bewirtung geteilt zu haben, weil jener zu Formiä ein Haus, und dieser irgend ein Vorwerk oder Landgut in der Nähe besaß. Murena gab also unsern Reisenden Dach und Fach, und Capito, der als ein ad unguem factus homo vermutlich den Reisemarschall machte, bestellte die Küche. . Der nächste Morgen brachte uns große Freude: denn zu Sinuessa stieß Plotius, Virgil und Varius Drei Nebenbuhler um den Epischen Lorbeer zu Augusts Zeiten, und, was selten vorkömmt, alle drei sehr gute Freunde. Virgils Werke überlebten die der beiden andern, weniger vielleicht weil sie schlechtere Dichter, als weil er Gegenstände gewählt hatte, die auch nach 1800 Jahren noch interessant sind. Plotius und Varius scheinen mehr für ihr Glück als für ihren Ruhm besorgt gewesen zu sein; wenigstens wissen wir von dem letztern aus unserm Horaz selbst, daß er die Kriege des Augusts besungen. Beide kommen in der 10ten Satire dieses Buches wieder unter den auserlesenen Männern vor, denen unser Dichter zu gefallen wünscht. Der Zug, animae quales neque candidiores terra tulit , scheint den schönsten Zug ihres Charakters, und gerade dasjenige zu bezeichnen, was diese Dichter fähig machte Freunde zu sein. Ich beklage unsre Sprache, daß sie die ganze Schönheit des Wortes Candor , wenn es von der Seele gebraucht wird, nicht ausdrücken kann. Weder Unschuld noch Reinheit erwecken unmittelbar das Bild der unverfälschten und unbefleckten Weiße der Lilie, oder des frischen Schnees, welches so geschickt ist, die Natur einer Seele ohne Falschheit, Affektation und Anmaßung, anzudeuten; einer Seele, deren Auge und Mund immer getreue Ausleger ihres Inwendigen sind, auf deren Liebe man zählen darf, sobald man sie einmal gewonnen hat, und gewiß sein kann sie zu gewinnen, sobald man liebenswürdig ist. Unfehlbar ist es dies , was Horaz bei seinen animis candidis dachte, und was er, vermöge des natürlichen Hanges eines jeden Wesens zu seinesgleichen, am meisten an seinen Freunden liebte. Die Ursache warum er hinzusetzt: nec queis me sit devinctior alter , werden wir in der 6ten Satire finden. zu uns, die reinsten Seelen, welche je die Erde trug, und denen niemand mehr verpflichtet ist als ich. Was für Umarmungen das waren! Welche Herzenslust! So lange mein Herz gesund bleibt, geht nichts in der Welt mir über einen angenehmen Freund.   Unferne der Campanschen Brücke gab die nächste beste Meierei uns Obdach; mit Holz und Salz versahen uns nach ihrer Schuldigkeit die Parochi Vermöge einer Gewohnheit, welche der Konsul Lucius Posthumius zuerst eingeführt haben soll, mußte allen in Geschäften des Staates reisenden Magistratspersonen, Gesandten, Deputierten u.s.w. durch Italien und alle Provinzen des römischen Reiches an gewissen Orten, wo sie übernachteten, das Notwendigste unentgeltlich angeschafft werden. Weil viele sich dieses Brauchs auf eine unbescheidene und den Provinzialen lästige Art übernahmen Mich dünkt, wir haben eine deutsche Redensart vonnöten, die genau das sage, was die Franzosen mit ihrem se prévaloir de quelque chose ausdrücken. Ich finde hiezu keine bequemer als die Redensart: sich einer Sache übernehmen . Sie ist oberdeutsch , sagt Herr Adelung . Was hindert aber, sie durch den Gebrauch hochdeutsch zu machen? , so schränkte die Lex Iulia de Provinciis diese Abgaben buchstäblich auf Holz und Salz ein; was darüber war, konnte (wenigstens von Rechtswegen) nicht gefodert werden. Diejenigen, welche dazu bestellt waren, diese Notwendigkeiten herbeizuschaffen, hießen Parochi , und die Orte, wo man sie zu fodern berechtigt war, Parochiä . .   Von dannen setzten unsre lastbarn Tiere bei guter Zeit zu Capua uns ab Capua lag nur 16 römische Meilen von dem Meierhofe bei der Campanischen oder Capuanischen Brücke, wo sie das Nachtquartier genommen hatten. Sie kamen also noch vor Mittag zu Capua an. . Mäcenas geht zum Ballspiel, schlafen gehen Virgil und ich, weil seinem schwachen Magen und meinen bösen Augen dieses Spiel In Mamurrarum lassi deinde urbe manemus, Murena praebente domum, Capitone culinam. Postera lux oritur multo gratissima: namque \<40\> Plotius et Varius Sinuessae, Virgiliusque occurrunt; animae, quales neque candidiores terra tulit, neque queis me sit devinctior alter. O qui complexus et gaudia quanta fuerunt! Nil ego contulerim iucundo sanus amico. \<45\> Proxima Campano ponti quae villula tectum praebuit, et parochi, quae debent, ligna salemque. Hinc muli Capuae clitellas tempore ponunt. Lusum it Maecenas, dormitum ego Virgiliusque; gleich schädlich war Die Römer pflegten nach einer leichten Mittagsmahlzeit in der heißen Jahreszeit der Ruhe zu pflegen, sonst aber meistens sich mit Spielen, die zugleich Leibesübungen waren, zu unterhalten. Unter diesen war das Ballspiel das gewöhnlichste, welches mit verschiedenen Arten größerer und kleinerer Bälle gespielt wurde. Weil dieses Spiel sehr erhitzte, so war es diesmal weder dem Horaz, der seiner Augen, noch dem Virgil, der seines schwachen Magens schonen mußte, zuträglich. Sie hielten also ihre Sieste , während Mäcenas und die übrige Gesellschaft sich entweder im Bade mit der pila trigonali , oder im Freien mit dem größern Ballon, der nur mit Luft gefüllt war und auch Folliculus hieß, die Zeit vertrieben. . Das nächste Nachtquartier und Überfluß an allem Gutem gab uns eine Villa des Coccejus , jenseits der Caudischen Cauponen Daß man hier Caudi (Caudii) cauponas lesen müsse, hat Torrentius gegen alle Handschriften Baxter sagt, mit seiner gewöhnlichen Nachlässigkeit, Caudi sei die Leseart einiger Handschriften des Torrentius: dieser selbst aber sagt gerade das Gegenteil; nur setzt er hinzu, er habe in einer oder zweien (von einer fremden Hand vermutlich) Caudi korrigiert gefunden. , welche Claudi haben, hinlänglich wie mich deucht, erwiesen. Das alte Städtchen der Samniter, Caudium (dessen Name den Römern wegen einer in dieser Gegend i. J. 433 erlittenen Niederlage und Beschimpfung lange verhaßt war), lag zwischen Capua und Benevent in der Mitte, und die Cauponen oder Wirtshäuser, deren Horaz erwähnt, allem Ansehen nach in einiger Entfernung von der Stadt. Da Coccejus in dieser Gegend ein Landgut besaß, so war es natürlich, daß er seine Reisegesellschaft auf seiner Villa bewirtete, und daß sie bei ihrer Ankunft alles zum Empfang so ansehnlicher und zahlreicher Gäste bereit fanden. . Hier, o Muse, wollest du den edeln Hahnenkampf des Pickelhärings Sarment , mit Messius , dem Gücker , uns nicht unbesungen lassen, und zuvörderst den Adel ihrer Abkunft uns enthüllen Mäcenas liebte, zumal bei der Tafel, kurzweilige Gesellschaft, und belustigte sich (wie dies überhaupt damals unter den Großen in Rom ziemlich allgemein war) besonders gern an den kleinen Zwischenspielen, worin die Lustigmacher von Profession, die man Scurras nannte, sich selbst, und zuweilen (wenn es anging) auch andere zum Besten gaben. Coccejus ließ es also auch daran nicht fehlen, und hatte (wie es scheint) den Messius Cicirrus ausdrücklich in der Absicht eingeladen, um dem Scurra Sarmentus einen würdigen Kämpfer entgegen zu stellen. Sarmentus war aller Wahrscheinlichkeit nach im Gefolge des Mäcenas: damals ein noch sehr junger Mensch, und (wie Plutarch irgendwo im Vorbeigehen sagt Im Leben des Marc. Antonius , (Vit. Tom. V. p. 126. edit. Londin.) ο δὲ Σάρμεντος η̃ν τω̃ν Καίσαρος παιγνίων παιδάριον, ὰ δηλίκια ( delicias ) ‛Ρωμαι̃οι καλου̃σιν. ) einer von den Ganymeden des jungen Cäsars, nochmaligen Augustus. Die Großen in Rom machten sich kein Bedenken, diesen verächtlichen Geschöpfen an ihren Tafeln Platz zu geben; aber indem man sie als Werkzeuge der Üppigkeit und der Belustigung gebrauchte, und ihnen daher auch so viel Unverschämtheit als ihre Bestimmung mit sich brachte, zugut hielt: so ließ man sie doch die Verächtlichkeit ihres Charakters hinlänglich genug empfinden, um ihren Übermut in den gehörigen Schranken zu erhalten. Ein Sarmentus, ungeachtet er an Cäsars Tafel mit Falerner beträufelt wurde, mußte sich doch gefallen lassen, in Horazens Reise-Journal als ein Scurra zu figurieren; und wenn man ihm und seinesgleichen zuweilen Leute wie Messius, und vielleicht auch wohl bessere, Preis gab, so mußten sie dafür bei andern Gelegenheiten wieder leiden, was nur solche Elende leiden können, die in dem Gefühl der Schande als in ihrem Elemente schwimmen; wie Juvenal in seiner fünften Satire zu verstehen gibt, wenn er zu seinem Parasiten sagt: si potes illa pati, quae nec Sarmentus iniquas Caesaris ad mensas nec vilis Galba tulisset. Was den Messius Cicirrus betrifft, (dessen scurrilischen Zungenkampf mit dem Sarmentus Horaz hier unter Anrufung der epischen Muse, mit einer burlesken Nachahmung Homers besingt) so hat er seine Unsterblichkeit bloß unserm Dichter zu danken, und nach der Rolle, die er hier an der Tafel des Coccejus spielt, kann er kein Mensch von einiger Bedeutung gewesen sein. Der Scherz, ihn zum Beweis des Altertums seiner Familie von den Osciern, den uralten Bewohnern Campaniens, abstammen zu lassen, gibt zu verstehen, daß er das gewesen, was die Römer einen Erdensohn ( terrae filium ) nannten. Sein Beiname Cicirrus scheint das griechische Κίκυρρος, ein Gockelhahn, zu sein, wovon vermutlich unser deutsches Provinzialwort Gücker abstammt. Ich habe es im Deutschen statt Cicirrus gebraucht, weil es der ganzen Erzählung einen stärkern komischen Anstrich gibt, dessen sie um so mehr vonnöten hat, da uns der Vorteil der persönlichen Bekanntschaft mit den Helden des Kampfes mangelt, den die ersten Leser vor uns voraus hatten. . Die Messier sind ein bekanntes Haus, und, alles mit einem Wort zu sagen, Oscischen Geschlechtes; vom Sarment lebt noch auf diesen Tag die Eigentümerin Sarmentus war also ein geborner Sklave, und die Frau lebte noch, welche ein Recht an seinen Leib hatte, und vermutlich bloß aus Furcht vor seinen hohen Beschützern Bedenken trug es geltend zu machen. Der Zug »ab his maioribus orti« (von solchen Ahnen entsprossen) ist eine possierliche Nachahmung der Stellen in der Ilias und in dem Froschmäuseler Homers, wo er seine Kämpfer, ehe sie handgemein werden, einander ihren Stammbaum vortragen läßt. . Von solchen Ahnen entsprossen, traten sie zum Kampf hervor. Sarmentus tat den ersten Hieb: »Ich sage: du bist so bissig wie ein wildes Pferd.« Wir lachten alle, Messius lachte mit; »das läßt sich hören«, sprach er, und bewegte den Kopf als ob er seine Mähne schüttle. »Zum Glücke sind dir«, fährt der andre fort, »die Hörner aus der Stirne ausgeschnitten, da du gestutzt noch so gefährlich tust.« Dies ging auf eine ausgeschnittne Warze, wovon die Narbe, links, der borst'gen Stirne namque pila lippis inimicum et ludere crudis. \<50\> Hinc nos Coccei recipit plenissima villa, quae super est Caudi cauponas. Nunc mihi paucis Sarmenti scurrae pugnam Messique Cicirri, Musa, velim memores, et quo patre natus uterque contulerit lites. Messi clarum genus Osci; \<55\> Sarmenti domina extat. Ab his maioribus orti ad pugnam venere. Prior Sarmentus: »Equi te esse feri similem dico.« Ridemus, et ipse Messius; »accipio«, caput et movet. – »O tua cornu ni foret exsecto frons«, inquit, »quid faceres, cum des Messius ein häßlich Ansehn gab. Sarment , nachdem er über seines Gegners Schönheit und die Campansche Krankheit Die Warzen im Gesichte des Cicirrus, über welche sich der schöne Sarment so lustig macht, sollen nach dem Scholiasten ein gewöhnliches Übel der Campanier gewesen sein. Sarment nannte sie also, scherzweise, die Campanische Krankheit. Wenigstens sehe ich keinen Grund, warum man glauben sollte, es wäre der gewöhnliche Name einer besondern Krankheit gewesen, etwa wie unsre Ärzte ehmals eine gewisse andre Art von Blattern die Neapolitanische oder Gallische hießen. viel gespottet, bat ihn, er möchte den Cyklopen tanzen: er könnte, meint er, sich die Larve und den tragischen Kothurn dabei ersparen Die Römer liebten bekanntermaßen die pantomimischen Tänze, die, wie alle andre Künste des Luxus, von den Griechen zu ihnen gekommen waren. Man hatte deren verschiedene Gattungen, tragische, komische, erotische, burleske. Unter die letzte gehörte der Cyklops , wozu das Süjet vermutlich aus dem Euripidischen Possenspiel dieses Namens genommen war. Da man auch wohl bei großen Festins dergleichen pantomimische Tänzer und Tänzerinnen den Gästen als ein Intermezzo zum Besten zu geben pflegte: so war die Zumutung, daß der Gücker sogleich ex tempore den Cyklopen tanzen sollte, im Munde des kleinen Sarments desto schicklicher; zumal, da er ihn, seiner Größe und Häßlichkeit wegen, so wie er stand und ging, spielen könne, ohne Larve und Kothurn (wie ein anderer) nötig zu haben. . Der Gücker blieb ihm keine Antwort schuldig. Er fragte, ob er auch den Laren seine Kette als ein ex voto schon geopfert habe Sarment hatte den Messius mit seiner Figur aufgezogen: dieser rächete sich dafür an dem Stande seines Gegners, der ein Leibeigener gewesen, und, wie es scheint, seiner noch lebenden Eigentümerin entlaufen war. Dieses letztere wollte ihm Cicirrus durch diese Frage auf eine witzige Art vorrücken. Denn die Leibeigenen pflegten, wenn sie von ihren Herren die Freiheit erhielten, den Hausgöttern ( Diis Laribus ) eine Kette zu opfern. ? bewies ihm, daß sein Sekretärs-Charakter Die Anständigkeit erfoderte, daß die Art von Kreaturen, zu denen Sarment gehörte, um mit einem Cäsar Augustus, Mäcenas, u.s.w. auf einen so vertraulichen Fuß leben zu können, einen öffentlichen Charakter haben mußten, der sie aus dem Pöbel, zu dem sie sonst gehörten, heraushob. Das Amt oder wenigstens der Titel eines Scriba war eine Distinktion dieser Art: denn, wie wenig er auch zu bedeuten hatte, so gab er doch eine Art von Nobilitierung, und setzte diejenigen, die in das Kollegium der Scribenten eingeschrieben waren, den neuen Rittern ungefähr an Würde gleich. Dies macht uns also begreiflich, warum der Scurra Sarmentus zugleich ein Scriba war. Aber, da er von seiner ehmaligen Herrschaft nicht ordentlich frei gelassen worden, so dauerte ihr Recht an seinen Leib (denn ein Sklave war keine Person) noch immer fort, und sein Sekretärs-Titel hätte ihm nichts dagegen helfen können, wenn ihn seine Gebieterin hätte vindizieren wollen. den Rechten seiner Dame nichts benehme, und wunderte sich mächtig, was in aller Welt ihn zum Entlaufen habe treiben können, da doch, so dürr und winzig als er sei, zwölf Unzen Mehl des Tags mehr als zuviel Die Atzung, die jeder Herr seinem Leibeigenen schuldig war, bestand monatlich in vier römischen Metzen, ( modiis ) welche ungefähr drei bis vier Pfund Brot auf den Tag auswarfen. Sarment, der so klein und schmächtig war, hätte also (meinte Messius ) an seiner täglichen Portion noch was Namhaftes ersparen können, und also um so weniger Ursache gehabt, seiner Herrschaft davon zu laufen. für ihn gewesen. – Kurz, wir brachten diese Mahlzeit tief in die Nacht hinein recht fröhlich zu.   Von hier gings nun gerad' auf Benevent , wo unser Wirt, vor Eifer seine magern Drosseln bald gar zu kriegen, sich und uns beinahe \<60\> sic mutilus minitaris?« At illi foeda cicatrix saetosam laevi frontem turpaverat oris. Campanum in morbum, in faciem permulta iocatus pastorem saltaret uti Cyclopa rogabat; nil illi larva aut tragicis opus esse cothurnis. \<65\> Multa Cicirrus ad haec: donasset iamne catenam ex voto Laribus, quaerebat; scriba quod esset, nilo deterius dominae ius esse. Rogabat denique, cur umquam fugisset, cui satis una farris libra foret, gracili sic tamque pusillo? \<70\> Prorsus iucunde cenam produximus illam. Tendimus hinc recta Beneventum, ubi sedulus hospes paene macros arsit dum turdos versat in igni: gebraten hätte. Denn die Flamm' ergriff die alte Küche, und, durchs räuch'rige Gebälke fort sich wälzend, leckte sie schon bis ans Dach hinauf. Stellt euch den Aufruhr im Saale vor! Wie Gäste und Bediente, heißhungrig jene, diese schüchtern und verstohlen, in die Schüsseln fahren, jeder noch was zu erhaschen sucht, und, um das Ihrige zum Löschen beizutragen, allesamt mit vollen Backen durch einander rennen!   Nunmehr begann mein väterlich Apulien die wohlbekannten Berge mir zu zeigen, vom Nordost ausgedörrt; – aus denen wir wohl nie herausgekrochen wären, wenn nicht bei Trivicum uns ein Meierhof noch aufgenommen hätte; wo uns aber der Rauch von frischgefälltem nassem Holz viel Tränen kostete Ein Zeichen, daß diese Villa nur ein gemeiner Meierhof war, und der Pachter so vornehmer Gäste sich nicht versehen hätte. Bei dem kleinen Abenteuer, das unserm Dichter hier zustieß, der noch in dem Alter stand, – da leichte dünne Kleider und eingesalbte Locken ihm noch ziemten, er unentgeltlich noch der teuren Cinara gefiel, und ohne Nachteil noch vom Mittag an bis in die späte Nacht sich mit Falerner beträufeln konnte – Epistol. I. 14. ist nichts zu erinnern, als, daß das schelmische Mädchen ohne Zweifel eine junge Sklavin war, und vielleicht, während daß der treuherzige Dichter mit so vieler Ungeduld auf sie wartete, in der Kammer des Mäcenas oder Fontejus Geschäfte hatte, wobei mehr zu verdienen war. . Ein schelmisch Mädchen vom Hause spielte mir noch schlimmer mit. Ich Tor erwarte sie voll Ungeduld die halbe Nacht durch; endlich übermeistert nam vaga per veterem dilapso flamma culinam Vulcano, summum properabat lambere tectum. \<75 \> Convivas avidos cenam servosque timentes tum rapere atque omnes restinguere velle videres. Incipit ex illo montes Appulia notos ostentare mihi, quos torret Atabulus, et quos numquam erepsemus, nisi nos vicina Trivici \<80\> villa recepisset, lacrimoso non sine fumo, udos cum foliis ramos urente camino. Hic ego mendacem stultissimus usque puellam ad mediam noctem expecto: somnus tamen aufert der Schlaf mich dennoch, und ein plumper Traum entweiht das Amorn zugedachte Opfer.   Von hier aus rennen unsere Kaleschen vier und zwanzig Meilen mit uns fort, um uns in einem Städtchen abzusetzen, dessen Name nicht in mein Versmaß paßt, doch ist's gar leicht an andern Zeichen zu erkennen »Er meint das Städtchen Equotuticum; und die Wendung ist Lucilisch. Denn Lucil sagt auch in seiner 6ten Satire:     – Servorum est festu' dies hic, quem plane hexametro versu non dicere possis.«             Der alte Scholiast. . Das Wasser, das gemeinste aller Dinge, wird hier bezahlt: hingegen ist das Brot so schön, daß kluge Wandrer sich davon mit einem Vorrat zu bepacken pflegen; denn zu Canusium ist es steinicht. Auch das Wasser ist rar in dieser alten Stadt, die sich des tapfern Diomed als Stifters rühmet. Hier trennte Varius sich von uns; der Abschied war auf beiden Seiten tränenvoll. Von da, nachdem wir einen langen und durch Regengüsse verdorbnen Weg durchmessen, kommen wir sehr müd' in Rubi an. Am nächsten Tage war das Wetter besser, schlimmer stets der Weg intentum Veneri; tum immundo somnia visu \<85\> nocturnam vestem maculant ventremque supinum. Quattuor hinc rapimur viginti et milia raedis mansuri oppidulo quod versu dicere non est, signis perfacile est: venit, vilissima rerum, hic aqua, sed panis longe pulcherrimus, ultra \<90\> callidus ut soleat humeris portare viator; nam Canusi lapidosus: aquae non ditior urna, qui locus a forti Diomede est conditus olim. Flentibus hic Varius discedit maestus amicis. Inde Rubos fessi pervenimus, utpote longum \<95\> carpentes iter, et factum corruptius imbri. Postera tempestas melior, via peior adusque bis an die Mauern des fischreichen Barium . Drauf gab uns Gnatia , ein im Zorn der Nymphen erbautes Örtchen, viel zu scherzen, weil die Leute dort uns glauben machen wollten, der Weihrauch schmelze ohne Flamme auf dem heiligen Altar Gnatia steht hier für Egnatia, welches ein Apulisches Landstädtchen zwischen Barium und Brundusium, und, seiner Lage wegen, häufigen Verwüstungen von wildem Gewässer aus den benachbarten Bergen ausgesetzt war. Horaz nennt es daher im Zorn der Nymphen gebaut. Des Wunders, das die guten Leute zu Egnatia unsern ungläubigen Reisenden weis machen wollten, erwähnt auch Plinius als einer Sache, die von Schriftstellern erzählt werde. Sie besaßen, sagt er H. N. L. II. c. 107. , einen heiligen Stein, worauf sich das aufgelegte Holz von selbst entzündete. Hätten die Schönen Geister des Mäcenas und Coccejus, anstatt über die ehrlichen Egnatier zu spotten, sich die Mühe genommen, die Sache genauer zu untersuchen: so könnte sich wohl leicht entdeckt haben, daß es mit dem Facto seine Richtigkeit hatte, ohne daß man deswegen einen Deum ex machina herabspringen zu lassen brauchte. Solinus erzählt ungefähr das nämliche von einem gewissen Vulkanischen Hügel unweit des Agrigentischen Sees, in eben derselben Gegend Siziliens, wo (nach dem Berichte des Strabon u. a.) eine Quelle gefunden wurde, worin Steinöl auf dem Wasser schwamm Solin. c. 5. Salmas. Exercit. ad. h. 1. p. 89. s. . Vielleicht hatte der Ort, wo der Tempel zu Egnatia stand, und besonders der, wo der angebliche Stein, der ihnen zum Altar diente, aufgerichtet war, etwas ähnliches mit dem kleinen Fleck auf der Anhöhe bei Pietra Mala , unweit Firenzuola , wo gewöhnlich Flammen aus der Erde hervorbrechen, deren Geruch Herr de la Lande Voyage d'un François en Italie, Vol. II. p. 134. s. (als er diesen Ort in der Nacht des 25sten Oktober 1765 besuchte) dem Steinöl ähnlich fand. Die Flamme wirbelte damals an zwei Stellen ungefähr einen Schuh hoch und breit aus der Erde hervor. Auf dem übrigen Platze leckten nur dann und wann kleine bläulichte Flämmchen, wie angezündeter Weingeist, zwischen den Kieseln hervor an dem Boden herum. Das Holz ließ sich geschwinde dabei anzünden: die umliegenden Steine aber litten nichts von der Hitze, ja der Boden war nicht einmal warm, außer an den Stellen, wo die Flamme wirklich brannte, u.s.w. Wenn man annähme, daß der Boden, wo die Priester zu Gnatia ihr Mirakel wirkten, von einer ähnlichen Beschaffenheit gewesen wäre: so ließe sich, unter Voraussetzung einer kleinen Veranstaltung von Seiten dieser ehrwürdigen Herren, leicht begreifen, wie es damit ganz natürlich hätte zugehen können. Die Alten waren, bekanntermaßen, so nachlässig und gleichgültig über Dinge dieser Art – als man es noch heut zu Tage ist. Der große Haufe sah in allen ungewöhnlichen Erscheinungen unmittelbare Wirkungen höherer Wesen, und dachte aus Respekt an keine nähere Untersuchung; die Klugen würdigten sie derselben aus Verachtung nicht, und begnügten sich darüber zu scherzen. Hätte man von jeher, sobald sich ein Wunderding sehen oder hören ließ, die Sache bis auf den Grund untersucht, so würde die ungeheure Last von Aberglauben, die noch immer auf den Köpfen der Menschen liegt, längst weggewälzt sein: die Spötter hätten einen Gemeinplatz weniger, aber unfehlbar befände sich das menschliche Geschlecht desto besser dabei. . Das glaub' Apella der Jud, ich nicht! Mich hat Lukrez gelehrt, daß sich die Götter nicht mit uns bemühen, und wenn Natur was Ungewöhnlichs tut, man nicht gleich wähnen muß, die Götter schicken's uns in böser Laune hoch aus ihrer Burg herab In Physicis (wozu die Alten auch die Theologie rechneten) scheint Lukrez der Lehrer unsers Dichters, er selbst aber um diese Zeit (wie er in einer seiner Oden gesteht) parcus deorum cultor et infrequens gewesen zu sein. In dieser Stelle ist sogar die Diktion Lukrezisch, und der Vers, namque deos didici securum agere aevum , offenbar eine Anspielung auf den Lukrezischen: Nam bene qui didicere deos securum agere aevum, welches der 57ste im 6ten Buche de Rerum Natura ist. . Brundusium machte unsrer langen Reise und diesem Tagbuch ein erwünschtes Ende. Bari moenia piscosi. Dein Gnatia, lymphis iratis extructa, dedit risusque iocosque, dum flamma sine tura liquescere limine sacro \<100\> persuadere cupit. Credat Iudaeus Apella! Non ego: namque deos didici securum agere aevum, nec si quid miri faciat natura, deos id tristes ex alto caeli demittere tecto. Brundusium longae finis chartaeque viaeque. Sechste Satire Einleitung Was Horaz an einem andern Orte vom Lucilius sagt, daß sein Buch     – wie ein Votivgemälde des guten Alten Leben dargestellt, – gilt auch von ihm selbst, und besonders von dem gegenwärtigen Stücke, welches als ein beträchtlicher Beitrag zu seiner Biographie betrachtet werden kann. Wenige Schriftsteller haben in ihren Werken soviel von sich selbst gesprochen als Horaz; und es ist vielleicht nichts schwerer, als mit Anstand, auf eine weder langweilige noch anstößige Art, ohne gezierte Bescheidenheit und ohne lächerliche Anmaßung, mit Offenheit, ohne ins Geschwätzige, mit gehöriger Selbstschätzung, ohne ins Ruhmredige zu fallen, sich selbst zum Thema seiner Rede zu machen. Die Aufgabe wird um so viel schwerer, wenn man, in der Lage und in den Verhältnissen unsers Dichters, mit einem Manne wie Mäcenas von sich selbst zu sprechen hat. Auf einem zugleich so schlüpfrigen und häkeligen Wege nie zu glitschen, ist vielleicht das Äußerste der Urbanität und des feinen Gefühls ; und gewiß müssen die Grazien dem Manne besonders hold sein, der sich so geschickt und anständig aus einem so gefährlichen Unternehmen zu ziehen weiß, wie Horaz in dieser Satire und in der 7ten und 19ten Epistel an Mäcenas getan hat. Horaz fing, wie es scheint, um diese Zeit an, die Aufmerksamkeit des Publikums, die Mißgunst der mittelmäßigen Dichter, und überhaupt derjenigen, die sich durch Witz, Geschmack und gefällige Talente den Großen angenehm zu machen suchten, durch die Zuneigung, welche Mäcenas auf ihn geworfen hatte, zu erregen. Unter diesen Leuten waren nicht wenige von weit besserer Herkunft als unser Dichter – denn der Bürgerkrieg, die Proskriptionen, und das letzte Triumvirat hatten in Rom alles so umgekehrt, daß manche, die zu einem ganz andern Glücke und einer ganz andern Laufbahn geboren waren, sich jetzt in den abhänglichsten Umständen befanden, und Wege einschlagen mußten, auf welche sie in den ehmaligen Zeiten mit Verachtung herabgesehen hätten. Vermutlich waren es hauptsächlich Leute dieses Schlages, die unserm Dichter die Niedrigkeit seiner Geburt vorrückten, und ihn dadurch endlich nötigten, sowohl seiner selbst als seines großen Beschützers wegen, sich über diese Materie gegen die Welt, oder die unendliche Menge derjenigen, denen er nicht genauer bekannt sein konnte, zu erklären. Mäcenas bekleidete, ungeachtet seines großen Einflusses und Ansehens, niemals eine öffentliche Staatswürde in der römischen Republik; aber er scheint es gern gehört zu haben, wenn ihm über das hohe Altertum und den ursprünglichen Adel seines Geschlechtes ein Kompliment gemacht wurde Daher auch das atavis edite regibus in der ersten Ode, welche später als das gegenwärtige Stück geschrieben ist. , und begnügte sich, mit einer Bescheidenheit die im Grunde sehr stolz war, lieber der erste unter den gebornen Rittern zu sein, als die Würden, wozu man erwählt wurde, mit allen den Erdensöhnen gemein zu haben, die in diesen Zeiten durch die luftige Volksgunst oder die Gnade der Triumvirn zu Würden emporgestiegen, für welche sie nicht geboren waren. Er hatte also, wenn er auch weniger Philosoph gewesen wäre, eine ihm sehr nahe liegende Ursache, warum er in der Wahl seiner Freunde und Commensalen mehr auf persönliche Eigenschaften als auf den Umstand, quali sit quisque parente , sah. Es kam aber auch noch eine politische Rücksicht hinzu, auf welche er (wie man mit bestem Grund annehmen kann) bei dieser Art zu verfahren sein Augenmerk gerichtet hatte: nämlich, daß es dem von ihm selbst entworfnen großen Plane des jungen Cäsars gemäß war, »daß in der Monarchie, in welche er die Republik unvermerkt verwandeln wollte, alles gleichsam neu würde, und, – um die Ansprüche der übergebliebenen alten Geschlechter niederzuschlagen, und die Kondition der Römer soviel möglich von der Willkür des Imperators abhänglich zu machen, künftig weniger auf Würden und Verdienste der Vorfahren, als auf persönlichen Wert gesehen werden sollte.« Diesemnach führte Horaz seinen Prozeß vor einem eben so günstigen als kompetenten Richter; und die Wendung, die er dabei nimmt, ist so geschickt, daß er mehr eine Rechtfertigung der Achtung und Zuneigung, womit ihn Mäcenas begünstigte, als eine Apologie für sich selbst zu schreiben scheint. Wir kennen bereits aus den vorgehenden Satiren die Manier unsers Autors, seinen Stücken den Anschein des natürlichen planlosen Ganges der Gedanken in einer freien Unterhaltung zu geben, und durch lauter Schlangenwege und kleine Abschweifungen im Grunde doch seinem Ziel sich mit jedem Schritte zu nähern. Diese Art des Vortrags kann allen, die über Meinungen, Sitten und Leidenschaften in Form von Satiren, Briefen oder Diskursen philosophieren wollen, nicht genug empfohlen werden; und, da es hiebei nicht so wohl auf Regeln, als auf Formen und Modelle ankommt, die der Verstand auffassen und der Imagination eindrücken muß: so können junge Dichter, die sich in diesem Fache versuchen wollen, in dieser Rücksicht vielleicht kein nützlicheres Studium machen, als die Horazischen Satiren und Episteln fleißig zu analysieren. Was für ein trocknes Schul-Exercitium würde herauskommen, wenn die Lehrsätze, die dieses Stück enthält, in methodischer schlußförmiger Verbindung vorgetragen würden? und was anders als ausgesogene Gemeinplätze ließen sich über eine solche Materie vorbringen? Aber wie neu, wie unterhaltend und interessant wird alles was uns Horaz darüber sagt, indem er alles Allgemeine vereinzelnt, alles in Resultate unmittelbarer Erfahrungen verwandelt, alles mit Beispielen belegt, und den Hauptsatz, den er beweisen will, zu einem individuellen Charakterzug des Mäcenas macht, dessen Rechtfertigung er führt, indem er unvermerkt, mit einer naiven Herzlichkeit, den Charakter seines Vaters und seinen eigenen schildert! Durch diese Behandlung werden abstrakte Wahrheiten anschaulich dargestellt, und gleichsam in historische Personen verwandelt; die Figuren gruppieren sich, bekommen Haltung, natürliche Farbe, Schatten und Licht; und statt einer dürren didaktischen Skizze steht ein lebendiges Sittengemälde vor unsern Augen, das zugleich den Verstand, das Herz und den Geschmack befriedigt. Der Fall, worin sich unser Dichter in Rücksicht seiner Herkunft und Erziehung befand, war freilich einer von denen, die selten vorkommen. Ein Freigelaßner, der so edel gesinnt ist und seinem Sohn eine so vortreffliche Erziehung gibt wie der alte Horaz, war ein eben so außerordentliches Phänomen, als daß aus dem Sohn eines Freigelaßnen ein Mann wurde, der in seinem 22sten Jahre von einem Marcus Brutus , und im 26sten von einem Mäcenas und Pollio geschätzt und geliebt zu werden verdiente. Horaz hatte seinem Vater unstreitig alles und mehr zu verdanken, als seine meisten Zeitgenossen von edler Geburt den ihrigen; und er hatte also große Ursache, sich eines solchen Vaters nicht zu schämen. Eben so individuell ist auch der Gebrauch, den er von seiner Muße machte. Seine Gesinnungen und seine Lebensweise stimmten genau zu seiner besondern Lage; und an ihm war vieles löblich, was an tausend andern sehr tadelhaft gewesen wäre. Unser Dichter hatte also, indem er von den Vorzügen desjenigen Adels, den uns Erziehung, sittlicher Charakter, Talente und Verdienste geben, vor dem, der ein bloßes Erbgut ist, und von den Vorteilen einer dunkeln Geburt vor einer glänzenden sprechen wollte, selbst den Vorteil, daß er alles, was er brauchte, um diese Dinge in das schönste Licht zu setzen, gleichsam innerhalb seiner eigenen Pfähle fand, und also (wenn man die Schwierigkeit, mit Anstand und ohne Geckenhaftigkeit von sich selbst zu reden, abrechnet) wenig Kunst zu Verfertigung dieses schönen Sittengemäldes vonnöten hatte. Er brauchte, so zu sagen weniger Dichter zu sein, weil er ein so glücklich geborner und in eine so glückliche Lage gesetzter Mensch war. Diese Bemerkung gilt vielleicht von seinen meisten Werken; aber auch dies mag ein Fingerzeig für die Poeten invita Minerva und die Nachahmer servum pecus sein. Es ist nicht unmöglich, die Manier eines Virgils, Ovids, Lucans, mit gutem Erfolge nachzuahmen: aber um Horazens Manier in seinen Satiren und Episteln zu erhaschen, müßte man ihm beinahe seine Person stehlen können. Wiewohl von allen Lydiern, die einst Hetruriens Felder bauten Horaz spricht hier nach einer gemeinen und von dem Geschichtschreiber Herodot beglaubigten Tradition, vermöge welcher die Hetrurier von einer Lydischen Kolonie abstammen sollten, die von Tyrrhenus, einem Sohne des Königs Atys, dahin geführt worden sei. Den Ungrund dieser Sage, welche schon Diodor von Sizilien für eine Fabel hielt, findet man erwiesen in den Recherches sur l'origine des diff. peuples de l'Italie, Article 5. im 10ten Bande der Histoire de l'Acad. des I. et B. L. (nach der Ausgabe in 12°.) , keiner, o Mäcen , sich edlern Blutes rühmen mag als du, und unter deinen Ahnherrn beider Seiten du Lucumonen zählest Der Text sagt: olim qui magnis legionibus imperitarint . Es findet sich keine Spur in der Geschichte oder den Fastis der römischen Republik, daß die Cilnische Familie, aus welcher Mäcenas stammte, jemals durch die höchsten Würden in derselben illustriert gewesen sei Ich finde, außer dem Günstling Augusts, nur zwei Mäcenen, deren Name zufälligerweise auf uns gekommen. Der eine figuriert in einem Fragmente von Sallust im Charakter eines Sekretärs unten an der Tafel des Sertorius ; des anderen gedenkt Cicero ( pro Cluent. c. 56. ) unter dem Namen Caj. Mäcenas mit großem Lobe, weil er nebst zwei andern römischen Rittern sich den unruhigen Unternehmungen des Tribuns M. Livius Drusus (der im J. 640 Konsul wurde) mit großem Nachdruck entgegensetzte. Dieser könnte allenfalls der Großvater des unsrigen gewesen sein. . Es ist also lächerlich, wenn der Abbé Souchay in seinen sogenannten Recherches sur la vie de Mécène aus dieser Stelle beweisen will, daß die Vorfahren dieses berühmten Günstlings, nachdem sie aus ihrer Vaterstadt Arezzo nach Rom gezogen, zu Rom in großem Ansehen gestanden und Armeen kommandiert hätten . Allerdings braucht Horaz das Wort Legionen hier für Kriegsheere; aber er konnte damit nichts anders sagen wollen, als was er an verschiedenen Stellen seiner Oden sagt: daß Mäcen Hetrurische Könige oder Lucumonen unter seinen Voreltern zählte. Es scheint, er habe sich gern mit diesem uralten Glanze seines Hauses schmeicheln lassen; und das, was Livius in seinem 10ten Buche von der Obermacht der Cilnischen Familie in Aretium , einer der mächtigsten Städte des Hetrurischen Bundes, wähnt, war allein schon hinreichend diese Eitelkeit zu unterstützen, gesetzt auch, daß es um den genealogischen Beweis seiner Verwandtschaft mit dem König Porsenna (die uns ein alter Scholiast garantiert) nicht so ganz richtig gestanden hätte. , siehst du doch auf Leute niedrer Abkunft, mich zum Beispiel, den Sohn von einem Freigelassenen, mit aufgeworfner Nase nicht herab, wie viele andre tun; indem daran dir wenig liegt, wer jemands Vater sei, wofern er nur kein Knecht an Stand und Herz geboren ist Im Texte: dum ingenuus . Mir scheint es nicht unwahrscheinlich, daß Horaz dieses Wort hier in seiner zwiefachen Bedeutung genommen habe, und dies habe ich in der Übersetzung ausgedrückt. Zu besserm Verständnis dieser und mancher andern Stellen unsers Autors muß ich hier in Erinnerung bringen, daß die große Staatsveränderung, welche die R. Republik unter August erlitt, nebst einer gewissen Abspannung des alten römischen Geistes und der republikanischen Sitten, auch eine Abwürdigung oder Verfälschung der verschiedenen Stände ( Ordinum ) der römischen Bürger nach sich zog, und notwendig machte. Die Patrizier waren durch die Bürgerkriege und Proskriptionen auf sehr wenige Familien heruntergebracht. Die Senator-Würde verlor ihren ehmaligen Glanz durch die novos homines , welche in großer Menge, sogar aus den Hefen des Pöbels, bloß nach Gunst oder Reichtum in dieses Kollegium aufgenommen wurden. Das Ansehen des Ritterstandes hingegen stieg in eben der Proportion, wie das Ansehen der Senatoren fiel. Auch der Stand der Freigebornen ( Ingenui ) hob sich und machte gleichsam einen niedern Adel aus, der unvermerkt mit dem Ritterstande zusammenschmolz; doch mit dem Unterschied, daß zwischen einem, der aus altem ritterlichen Geschlecht stammte, und einem, der bloß, kraft gewisser erhaltener Ehrenstellen, oder vermöge seines Census , zum Ritterstand gerechnet wurde, ungefähr eben der Unterschied, wie bei uns zwischen altem und neuern Adel, statt fand. Die Veränderung, welche dies in dem römischen Nationalgeiste bewirken mußte, wurde um so bedeutender, weil nun selbst bei den Ingenuis ein ehmals gewöhnlicher Grad übersprungen wurde. Denn, anstatt daß sonst die Libertini , oder Söhne der Freigelassenen, eine Mittel-Klasse zwischen Libertis und Ingenuis ausmachten, und erst der Sohn eines Libertini sich der Rechte eines Ingenui zu erfreuen hatte: so wurden diese nunmehr schon den Söhnen der Freigelaßnen zugestanden, und Libertus und Libertinus galt für einerlei Ald. Manutius, citante Masson. in Vita Horatii p. 4. s . Daß dieses letztere schon zu Ciceros Zeiten Mode geworden, hätte Torrentius, der daran zweifelt, aus dem 16ten und 19ten Kapitel der Rede pro Cluentio ersehen können, wo von der gerichtlichen Verteidigung des Scamander , eines Liberti der Fabrizier, (der eines attentierten Meuchelmordes beschuldigst wurde) die Rede ist, und Cicero sagt: er habe sich zur Verteidigung dieses Scamanders eines Grundes bedient, der in libertinorum causis immer für gültig angesehen worden. – Die meisten Ausleger haben, aus Unaufmerksamkeit auf diese in den letzten Zeiten der Republik unvermerkt vorgegangene Verwirrung der Stände, aus den Worten Libertinus und Ingenuus , wovon Horaz jenes von seinem Vater und dieses von sich selbst gebraucht, geschlossen: daß Horazens Vater schon der Sohn eines Freigelassenen gewesen sei. Aber die Beweise des Manutius , daß Libertinus in diesen Zeiten seine alte Bedeutung verloren, und eben das was ehmals Libertus gegolten habe, und der ganze Zusammenhang dieser Satire läßt keinen Zweifel übrig, daß jener Schluß auf einem ungegründeten Vordersatz beruhet. Es ist übrigens leicht zu erachten, (und Horaz sagt es uns auch deutlich genug) daß Leute von besserer Herkunft mit einer Neuerung, wodurch sie um eine Stufe degradiert wurden, übel zufrieden waren: und eben darum, weil es solcher Beispiele, wie Mäcenas gab, bedurfte , macht ihm Horaz ein so großes Verdienst daraus, daß er in der Wahl seiner Gesellschafter nicht auf den Stand des Vaters sehe, wofern einer nur frei geboren sei. Diesem allem ungeachtet läßt sich doch aus der Art, wie unser Dichter den Beweis führt, daß Mäcen wohl daran tue , schließen, daß er bei dem Worte dum ingenuus auch die zweite Bedeutung desselben, nämlich den Adel des Gemütes , im Sinne gehabt habe: und dies um so mehr, da am Ende (wie er in der Folge deutlich genug zu verstehen gibt) nicht die freie Geburt für sich allein, sondern die Ausbildung des Geistes und die feinern Sitten, welche freigeborne Personen durch eine bessere Erziehung erhielten, den wahren Grund abgaben, warum Männer von Mäcens Stande und Charakter auf einen vertrautem Fuß mit ihnen leben konnten. . Sehr richtig denkest du, daß lange schon vor jenem Tullius , der, einer Sklavin Sohn, den Thron erstieg Servius Tullius , der, von einer Sklavin in dem Hause des römischen Königs Tarquinius Priscus geboren, sich durch persönliche Eigenschaften so hervortat, daß er der Schwiegersohn und Thronfolger dieses Fürsten wurde. Daß das Beiwort ignobile im Text nicht der Regierung des Servius gelte, sondern bloß auf seine niedrige Abkunft deute, braucht kaum erinnert zu werden. , es manchen wackern Biedermann gegeben, der ohne Ahnen Ruhm und hohe Würden durch Tugend sich errungen: da hingegen Lävin Der alte Scholiast sagt, die Rede sei von einem gewissen (unbekannten) P. Valerius Lävinus , der, wegen des schlimmen Rufes, den er sich durch seine schlechten Sitten zugezogen, es niemals höher als bis zur Quästur (dem Staatsschatzmeister-Amt) habe bringen können. Die Familie Valeria war eine der ältesten und edelsten in Rom. Valerius Poplicola , der statt des Collatinus im J. 244 dem berühmten Junius Brutus zum Kollegen im Konsulat gegeben wurde, weil er nebst ihm das meiste zu Vertreibung des Tyrannen Tarquinius Superbus beigetragen, hatte den ersten Grund zu der Illustration dieses Geschlechtes gelegt, von welchem die Lävini, Corvini, Messallä, Catuli, Flacci, u. a. Zweige waren. , wiewohl aus einem Hause, das Tarquin den Stolzen einst vom Thron gestürzt,     Non quia, Maecenas, Lydorum quicquid Hetruscos incoluit fines nemo generosior est te, nec quod avus tibi maternus fuit atque paternus olim qui magnis legionibus imperitarint, \<5\> ut plerique solent, naso suspendis adunco ignotos, ut me, libertino patre natum, cum referre negas quali sit quisque parente natus, dum ingenuus. Persuades hoc tibi vere: ante potestatem Tulli atque ignobile regnum \<10\> multos saepe viros nullis maioribus ortos et vixisse probos, amplis et honoribus auctos; contra Laevinum, Valeri genus, unde Superbus um einen Groschen kaum verkäuflich war, selbst nach des Volkes Schätzung, das doch oft Unwürd'gen, wie du weißt, aus Unverstand die ersten Stellen zuwirft, dumme Ehrfurcht vor großen Namen hat, und Ahnenbilder und Titel anstaunt. Was geziemt denn euch Ich lese hier, statt des gewöhnlichen nos , mit Bentley vos , weil ich die von ihm beigebrachten Gründe überzeugend, und was Baxter und Geßner dagegen eingewandt haben, schwach und unerheblich finde. Horaz erniedrigte sich selbst nicht, wenn er quid oportet vos facere schrieb: aber er würde sich, mit einer bei dieser Gelegenheit lächerlichen Fatuität, einem Mäcenas als seinesgleichen an die Seite gestellt, und (was eben so albern wäre) sich in seiner eigenen Sache zum Richter gemacht haben, wenn er nos geschrieben hätte. Hier tritt also wieder der Fall ein, wo der gesunde Verstand des Autors gegen seine Abschreiber Recht behalten muß. , die ihr in jeder Rücksicht über Pöbelssinn so hoch erhaben seid? – Denn gäbe auch das Volk dem edelbürtigen Lävin die Würde lieber als dem neuen Decius Vermutlich ist der erste unter den Deciern , der (im J. 415) zum Konsulat gelangte, Publ. Decius Mus gemeint, dessen Name durch seine freiwillige Aufopferung für die Republik in dem Kriege gegen die Lateiner Livius L. VIII. c. 8–12. so berühmt worden ist. In Rücksicht auf den Valerius Lävinus (der, wie es scheint, sein Zeitgenosse und vielleicht sein Mitbewerber um eine zum Konsulat führende Würde gewesen) war er also ein homo novus . , was wär es denn? – Ja, stieße mich ein zweiter Appius Horaz kehrt hier sein Süjet mit einer leichten Wendung auf eine andere Seite. Wir haben alte und einheimische Beispiele, hatte er gesagt, daß Tugend und Verdienste nicht an eine edle Geburt gebunden sind; und der Pöbel selbst, der sich so leicht durch Namen und Ahnenbilder blenden läßt, urteilt doch ( zuweilen wenigstens) gesund genug, um einen neuen Decius einem seiner Ahnen unwürdigen Lävinus vorzuziehen. Gesetzt aber auch (fährt er fort) das Volk wäre, in einem solchen Falle, ungerecht gegen einen Kandidaten von dunkler Herkunft; oder ein Zensor, wie Appius Pulcher Der im Jahr 702 mit Luc. Piso Zensor war, und, kraft dieses Amtes, verschiedene Personen, weil sie Söhne von Freigelassenen waren, aus dem Senate stieß. , stieße jemanden, weil sein Vater nicht freigeboren sei, aus dem Senat: was für großes Unrecht geschähe ihm am Ende? Warum konnte er nicht in seinem eignen Felle ruhig schlafen? Warum erwog er alle die Nachteile nicht, denen ihn seine Eitelkeit und Rangsucht aussetzten u.s.w. Dies, deucht mich, ist der natürliche Sinn und Zusammenhang der Gedankenfolge in dieser Stelle, und ich begreife nicht, wie Torrentius hier was Dunkles und sich selbst Widersprechendes finden konnte. – Daß Horaz nicht von sich selbst, sondern von Personen seines Standes , die sich in einem solchen Falle befänden, rede, braucht kaum erinnert zu werden, da diese Wendung ihm so gewöhnlich ist. , weil mein Vater nicht ein Freigeborner war, aus dem Senat: so hätt' er mich mit Recht dafür bestraft, daß ich in eigner Haut nicht schlafen konnte. Zwar freilich schleppt an ihrem glänzenden Wagen gefesselt (mit dem Dichter so zu reden) Diesmal scheint mir Baxter richtig ausgespürt zu haben, daß Horaz diesen hochtönenden Vers, der von der gewöhnlichen Diktion seiner Sermonen so stark absticht, irgend einem verloren gegangenen, aber damals bekannten, heroischen Gedichte abgenommen habe. Er mag es damit im Schimpf oder Ernst gemeint haben, so sind ihm dergleichen Anspielungen und humoristische Anwendungen fremder Gedanken und Bilder nicht ungewöhnlich, und tragen nicht wenig zu der Urbanität bei, die seine Schriften so besonders auszeichnet. die Ruhmbegier nicht minder Unbekannte als Edle nach; doch, desto schlimmer! Denn, was half dirs, Tillius Man weiß nicht, wer dieser Tillius oder Tullius (wie er in den meisten Handschriften heißt) war; vielleicht ist es ein bloß erdichteter Name. Daß Horaz einen Menschen damit habe bezeichnen wollen, der weder durch persönliche Verdienste noch durch Geburt und Reichtum zu der Prätension, etwas im Staate bedeuten zu wollen, berechtigt gewesen, fällt aus dem ganzen Kontext in die Augen. Um so ungereimter ist es, daß Baxter mit den Schulmeistern Lubinus und Minellius sich träumen lassen konnte, er habe den Mann, der an Talenten alle Römer vor ihm hinter sich gelassen und eine der größten Rollen in der Republik gespielt hatte, kurz, keinen geringern als den M. Tullius Cicero , in dieser auf ihn so ganz und gar nicht passenden Stelle lächerlich machen wollen. Solcher Unsinn verdient keiner Widerlegung, und dient bloß zu einem neuen Beispiele, wie ein Schriftsteller von Horazens Klasse sich mitspielen lassen muß, wenn es erst mit ihm dahin gekommen ist (was er sich in der Epistel an sein Buch selbst geweissagt hat) – ut pueros elementa docentem occupet extremis in vicis – , den abgelegten Clavus Die Gewohnheit, die Kleider mit aufgenähten schmälern oder breitern Streifen von Purpur zu garnieren, scheint aus Asien nach Griechenland, und von da nach Italien gekommen zu sein. Zu Rom war der König Tullus Hostilius der erste, der diese Mode mitmachte; und in den folgenden Zeiten wurden die Purpurstreifen auf der Tunica ein Unterscheidungszeichen der römischen Ritter vom gemeinen Volke, und der Senatoren von den Rittern. Die Tunica der Ritter hatte zwei auf beiden Seiten heruntergehende schmale Purpurstreifen, und hieß deswegen angusticlavia ; die Senatoren hingegen unterschieden sich durch einen einzigen breiten Streif ( latus clavus ), der über die Brust zum Gürtel herabging. Die Patrizier scheinen den latum clavum , als ein Vorrecht der Geburt, auch vor Annehmung der togae virilis getragen zu haben. Augustus dehnte dieses Vorrecht auf alle Söhne der Senatoren aus, und in spätern Zeiten kam es zuletzt bloß auf indulgentiam Principis an, und der latus Clavus wurde eine Gnade, die man durch Gunst und Glück, auch ohne Geburt und Würden erhalten konnte. Zu Augusts Zeiten, wo man den Abfall von den alten Gewohnheiten noch durch allerlei Modifikationen weniger auffallend zu machen suchte, konnte der Sohn eines Plebejers durch die Würde eines Tribunus Militum in den Ritterstand, so wie der Sohn eines Ritters durch eben diese militärische Würde zur Senatorischen, oder zum Rechte des latus Clavus emporsteigen. Unter den spätern Kaisern wurde es auch damit so genau nicht genommen, und es gab eine Menge Titular-Tribunen Diese Titularen waren jedoch, wie es scheint, wenigstens zu einem halbjährigen Dienste verbunden, und dies war der Tribunatus semestris , dessen in einigen römischen Schriftstellern dieser Zeiten Erwähnung geschieht. , die sich mit dieser Würde bloß darum dekorieren ließen, um dadurch ein Recht zum latus Clavus zu erhalten. Dieser wurde daher auch zuletzt so gemein, daß er aufhörte, ein ehrenvolles Unterscheidungs-Zeichen zu sein. Von allem diesem, und einer Menge andrer hieher gehöriger Sachen, kann, wer an diesen Dingen soviel Belieben findet als Herr Walther Shandy , in Rubenii gelehrtem Buche de Re Vestiaria, praecipue de lato clavo , alles beisammen antreffen, was der mühsamste Fleiß aus allen alten Autoren und Monumenten zusammentragen konnte. Übrigens hat Geßner zur Erklärung der Worte sumere depositum clavum sehr wohl angemerkt, daß auch bloße Kandidaten um Senatorische Würden, in Hoffnung eines guten Erfolges, den latum Clavum zum voraus affektierten, und also, wenn es ihnen fehlschlug, wieder ablegen mußten. Dies war, wie es scheint, der Fall des Tillius gewesen, den der Dichter hier apostrophiert; er hatte aber doch zuletzt noch Mittel gefunden, ein Tribunat, als eine Würde, die zum latus Clavus berechtigte, zu erhaschen. als Volks-Tribunus wieder aufzunehmen? Tarquinius regno pulsus fuit, unius assis non umquam pretio pluris licuisse, notante \<15\> iudice, quem nosti, populo; qui stultus honores saepe dat indignis et famae servit ineptus; qui stupet in titulis et imaginibus. Quid oportet vos facere, a vulgo longe lateque remotos? Namque esto populus Laevino mallet honorem \<20\> quam Decio mandare novo? Censorque moveret Appius, ingenuo si non essem patre natus? Vel merito, quoniam in propria non pelle quiessem. Sed fulgente trahit constrictos gloria curru non minus ignotos generosis. Quo tibi, Tilli, \<25\> sumere depositum clavum fierique tribuno? Zu nichts, als daß die Mißgunst, die zuvor dir als Privatmann minder lästig war, mit deinem Clavus wuchs. Sobald ein Tor das halbe Bein in schwarzes Leder steckt Die Patrizier und Senatoren unterschieden sich von den untern Klassen auch durch eine besondere Art von Halbstiefeln aus schwarzem sämischem Leder, die man mulleos hieß. und einen breiten Purpurlappen über die Brust herabhängt, hört er stracks: wer ist denn der ? Wer war sein Vater? – Eben so wie einer, den des Barrus Krankheit plagt, für ein Modell von Schönheit zu passieren, den Mädchen, wo er steht und geht, die Mühe macht, ihn kritisch Stück vor Stück zu untersuchen, wie Nase, Fuß und Wade, Haar' und Zähne bei ihm beschaffen sind: so auch, wenn einer die Bürger und die Stadt, der Götter Tempel, Italien und das Reich in seine Pflege zu nehmen sich erbietet Hier ist vermutlich eine Anspielung auf die Formel des Eides, den die obersten Magistratspersonen in Rom bei Antretung ihres Amtes schwören mußten. , nötigt er stracks alle Sterblichen, mit großem Eifer zu forschen, wer sein Vater sei, und ob sein Stammbaum auf der mütterlichen Seite nicht etwan eine Lücke habe? Wie? »Du, eines Syrus, Dama, Dionysus Sohn, Invidia accrevit, privato quae minor esset. Nam, ut quisque insanus nigris medium impediit crus pellibus et latum demisit pectore clavum, audit continuo: quis homo hic? et quo patre natus? \<30\> Ut si qui aegrotet quo morbo Barrus, haberi ut cupiat formosus, eat quacumque, puellis iniciet curam quaerendi singula, quali sit facie, sura quali, pede, dente, capillo: sic qui promittit cives, urbem, sibi curae \<35\> imperium fore, et Italiam et delubra deorum, quo patre sit natus, num ignora matre inhonestus, omnes mortales curare et quaerere cogit. du solltest Bürger von Tarpejens Felsen herabzustürzen dich erfrechen, oder dem Cadmus sie an Hand und Band zu geben?« Der Tarpejische Fels machte die südliche Spitze des Capitolinischen Berges aus, wo vermutlich schon vor Romulus Zeiten eine alte Burg stand. Tarpeja , eine Tochter des Sp. Tarpejus, dem die Behauptung dieses Postens übergeben war, ließ sich, zufolge einer alten fabelhaften Tradition, von Tatius, dem Heerführer der Lateiner, bestechen, ihm ein geheimes Tor in diese Burg zu eröffnen; und von ihr soll diese Felsenspitze den Namen bekommen haben. Man hat in der römischen Geschichte Beispiele, daß Tribuni Plebis sogar Personen vom ersten Range mit dem Herabstürzen vom Tarpejischen Felsen bedrohten, welches vermutlich in den ältesten Zeiten eine Strafe der Verräter oder andrer ungeheurer Verbrechen war. Daß sie zu Horazens Zeiten nicht abgeschafft war, erhellet aus dieser Stelle, und daß der Cäsar Tiberius sie an Sextus Marius, dem (zu seinem Unglück) reichsten Manne in ganz Spanien, wieder in Ausübung bringen lassen, meldet Tacitus im 19ten Kapitel des VIten Buches seiner Annalen. – Cadmus scheint der Name eines damaligen wohl bekannten Scharfrichters gewesen zu sein. Übrigens kömmt mir diese Stelle besonders deswegen merkwürdig vor, weil man daraus schließen muß, daß die gemeinen Römer damals noch in einer seltsamen Betörung gestanden sein, und, mitten unter den Anstalten, welche Octavius Cäsar zu einer gänzlichen Staats-Revolution machte, sich eingebildet haben mußten, es stünde in ihrem gemeinen Wesen noch alles auf dem alten Fuße. Wenigstens läßt Horaz sie hier aus einem solchen Tone sprechen; und dies in einem an Mäcenas gerichteten Diskurse! »Und doch sitzt mein Kollege Novius Novius . Vermutlich ein bloß erdichteter Name, für einen jeden novum hominem , der noch um eine Stufe niedriger geboren war als Tillius , oder wer der Sohn eines Dama oder Syrus war, dem Horaz die vorhergehenden Vorwürfe vom Volke machen ließ. Deutlich genug ist es übrigens, daß in dieser ganzen Stelle von Volks-Tribunen die Rede ist. um einen ganzen Grad noch unter mir: mein Vater war ein Freigelassener, er ist es selbst.« »Und dünkst du dich darum ein Paulus, ein Messala? Jener hat doch das voraus, daß, wenn er auf dem Markte zum Volke spricht, und mit zweihundert Karren drei Leichenzüge gleich zusammen träfen, er alle ihre Hörner und Posaunen mit seiner Stimme übertäuben würde. Das ist doch ein Talent!« – Ich komme nun auf meine Wenigkeit zurück, den Sohn von einem Freigelaßnen, den man auch den Sohn des Freigelaßnen tüchtig fühlen läßt, jetzt, weil ich deiner Tischgenossen einer bin, Mäcenas, ehmals, weil mir eine Legion »Tune Syri, Damae aut Dionysi filius, audes deicere e saxo Tarpeio . cives aut tradere Cadmo?« \<40\> »At Novius collega gradu post me sedet uno; namque est ille pater quod erat meus.« Libertinus scilicet . »Hoc tibi Paulus, et Messala videris? At hic Novius . , si plostra ducenta concurrantque foro tria funera, magna sonabit cornua quod vincatque tubas; saltem tenet hoc nos!« \<45\> Nunc ad me redeo, libertino patre natum, quem rodunt omnes libertino patre natum, nunc quia, Maecenas, tibi sum convictor; at olim quod mihi pareret legio Romana tribuno. gehorchte. Gleichwohl ist das ein' und andere nicht einerlei. Die Ehrenstelle könnte vielleicht von jedem mir beneidet werden: allein mit deiner Freundschaft, welche du behutsam nur an Würdige verschenkest, und welche nicht durch Ränk' und lose Künste erschlichen werden kann, ists wohl ein anders. Ich kann mich deiner Freundschaft wegen just nicht glücklich nennen, gleich als hätt' ich sie aus einem Glückstopf ausgezogen: denn kein Ungefähr hat mich in deinen Weg Ich folge in der Leseart tibi me , statt mihi te , abermals dem Bentley und der gesunden Vernunft . Nichts kann frostiger sein als Baxters hier so übel angebrachter Spott, und Geßners angehängte notula . geworfen; lange hatte schon zuvor dir mein Virgil , hernach auch Varius von mir gesprochen. Als ich endlich selbst zum erstenmale vorkam, ließ Verlegenheit und unberedte Scham mich kaum zu Atem kommen; ich sprach nicht viel, und abgebrochen, log mir keinen edeln Vater, trabte nicht auf einem selbsterzognen Tarentiner Der Text sagt: Satureiano caballo . Servius, ein alter Ausleger Virgils, spricht von einem Städtchen Saturejum , in der Gegend von Tarent, das dem Cellarius entgangen ist. Diese Gegend, überhaupt eine der schönsten in Italien, war auch der Pferdezucht wegen berühmt; und dies gibt dieser Stelle ein genugsames Licht. Die Wendung ist artig, um den kleinstädtischen Provinzialen, die, wenn sie in der Hauptstadt einem Großen zum erstenmale aufwarten, sich gern einige Bedeutung geben möchten, und von ihren Gütern, Pferden, Jagdkoppeln u.s.w. sprechen, im Vorbeigehen einen kleinen Hieb zu geben. um meine Güter, sondern sagte kurz und ehrlich was ich wäre. Du, nach deinem Brauch, erwiderst wenig; ich entferne mich, Dissimile hoc illi est: quia non, ut forsit honorem \<50\> iure mihi invideat quivis, ita te quoque amicum, praesertim cautum dignos assumere, prava ambitione procul. Felicem dicere non hoc me possum, casu quod te sortitus amicum: nulla etenim tibi me fors obtulit: optimus olim \<55\> Virgilius, post hunc Varius dixere quis essem. Ut veni coram singultim pauca locutus, (infans namque pudor prohibebat plura profari) non ego me claro natum patre, non ego circum me Satureiano vectari rura caballo, \<60\> sed quod eram narro. Respondes, ut tuus est mos, und nach dem neunten Monat lässest du mich wieder rufen, und bedeutest mich, forthin als deiner guten Freunde einen mich anzusehn Diese Stelle ist deswegen besonders zu bemerken, weil sie Data an die Hand gibt, woraus die Zeitpunkte einiger Hauptumstände im Leben unsers Dichters näher berichtiget werden können. Horaz führte in der Schlacht bei Philippi, die im Jahre 712 vorfiel, eine Legion unter dem Oberbefehl des Brutus an, mit welchem er zwei Jahre zuvor zu Athen bekannt worden war. Da er i. J. 689 das Licht erblickte, so befand er sich damals in seinem drei und zwanzigsten Jahre. Nach dem fatalen Ausgang dieses berühmten Treffens, wovon der Tod des Brutus und Cassius die erste und unglücklichste Folge war, profitierte Horaz von der allgemeinen Amnestie, die der Sieger allen Anhängern des Brutus und Cassius zugestand, welche die Waffen niederlegen und ruhig nach Hause kehren würden. Er kam (wie er sich in der Epistel an Jul. Florus ausdrückt) decisis humilis pennis , mit gestutzten Schwingen am Boden hin flatternd , in seiner Heimat wieder an. Sein kleines väterliches Erbgut zu Venusium hatte er durch die Acht verloren, welche über alle Anhänger der Mörder Cäsars von den Triumvirn verhängt worden war. Er befand sich also in einer Lage, die ihm keinen andern Ausweg übrig ließ, als seine gute Erziehung und sein Talent für die Poesie geltend zu machen, worin er sich (wie aus einer Stelle der 10ten Satire zu schließen ist Sat. Lib. I. X. v. 31. ) schon während seines Aufenthalts zu Athen geübt hatte. Ohnezweifel kam er bald darauf in die Bekanntschaft der beiden Dichter Virgil und Varius, welche durch die Liebe, so sie zu ihm faßten, den Grund zu seinem nachmaligen Glücke legten, indem sie ihn dem Mäcenas empfahlen. Virgil selbst war erst im Jahr 713 von Mantua nach Rom und in die Bekanntschaft des Mäcenas gekommen; und, vorausgesetzt, daß er sich selbst zuvor durch nähern Umgang mit seinem neuen Freunde von den übrigen liebenswürdigen Eigenschaften desselben überzeugen mußte, ehe er es wagen konnte, dem Freund und Günstling des Octavius Cäsar zu sagen quis esset ; und da überdies zwischen der Zeit, wo dieses zum erstenmale geschah, und dem Tage, wo Horaz dem Mäcen vorgestellt wurde, eine ziemliche Weile (wie das Wort olim zu erkennen gibt) verstrichen sein mußte: so kann man mit gutem Grunde annehmen, daß er seine erste Aufwartung bei Mäcen schwerlich eher als im Jahre 715 gemacht haben könne. Zwischen dieser, und dem Tage, wo ihn Mäcen wieder zu sich rufen ließ und ihm erklärte, daß er sich künftig als einen seiner Freunde anzusehen habe, verflossen neun Monate : die Epoke der nähern und vertraulichen Verbindung zwischen ihnen fällt also aufs früheste in das Ende des Jahres 715 oder den Anfang von 716  U. C. , und so kann auch die gegenwärtige sogenannte Satire nicht vor dem Jahre 717, aber auch nicht wohl später aufgesetzt worden sein. Sehr wahrscheinlich folgte sie unmittelbar auf das Brundusische Reise-Journal , und also in einer Zeit, wo Horazens Gunst bei Mäcenas schon etwas Bekanntes und Entschiedenes, aber auch zugleich noch neu genug war, um eine Art von Aufsehen zu machen, und den Neid der kleinen Seelen zu erregen, die (wie aus einer Menge von Stellen in beiden Büchern seiner Satiren in die Augen fällt) alles Mögliche aufsuchten, wodurch sie ihm zu schaden und das vorteilhafte Licht zu schwächen hofften, worein ihn die Protektion des jungen Cäsars, die Freundschaft Mäcens, und der Ruf seiner Talente und Vorzüge zu stellen anfingen. . Ich acht' es für nichts Kleines, dir , einem echten Menschenkenner, wohlgefallen zu haben, wie ich bin; zwar unberühmt von Herkunft, aber rein an Herz und Sitten. Indessen, wenn ich bei nicht vielen und verzeihlichen Gebrechen (wie sich etwan auch an wohlgestalten Körpern hie und da ein kleiner Fehler zeigt) im übrigen gutartig bin und niemand weder Geldsucht, noch Schmutz, Schmarotzerei, und wilde Nächte in Winkeln durchgeschwelgt, mir vorzurücken im Stand' ist; kurz, wofern ich (um einmal mein eigen Lob zu singen) bieder bin und meinen Freunden wert: so war daran mein Vater ganz allein die Ursach; der, wiewohl von einem magern Gütchen spärlich lebend, mich nicht an unserm Ort zu Flavius , dem Rechenmeister, in die Schule schickte, wohin doch große Hauptmanns-Jungen nicht pauca: abeo; et revocas nono post mense iubesque esse in amicorum numero. Magnum hoc ego duco quod placui tibi, qui turpi secernis honestum, non patre praeclaro, sed vita et pectore puro. \<65\> Atqui, si vitiis mediocribus ac mea paucis mendosa est natura, alioqui recta (velut si egregio inspersos reprendas corpore naevos) si neque avaritiam, nec sordes aut mala lustra obiciet vere quisquam mihi; purus et insons \<70\> (ut me collaudem) si et vivo carus amicis: causa fuit pater his, qui macro pauper agello noluit in Flavi ludum me mittere, magni zu vornehm waren mit der Rechentafel und dem Markensack am linken Arm zu traben, die edle Wissenschaft, wieviel Prozent von soviel Kapital des Monats fällt, zu lernen: sondern mich, so jung ich war, nach Rom zu führen herzhaft sich entschloß Horaz schreibt, mit größtem Rechte (wie der Erfolg bewies) sein ganzes Glück dem Mute zu, den sein Vater gehabt hatte, ihn bei Zeiten nach Rom zu führen, und ihm dort eine so gute und liberale Erziehung zu geben, als ein römischer Ritter oder Senator seinem Sohne nur immer geben konnte. Allerdings gehörte bei einem Manne von so geringem Stand und Vermögen, wie sein Vater war, ein ungewöhnlicher Mut und der ganze vortreffliche Charakter, den unser Dichter hier und anderswo an demselben rühmt, dazu, sich so weit über die Einwürfe einer alltäglichen Klugheit und Ökonomie und über die Urteile der kleinen Welt, worin er zu Venusia lebte, hinwegzusetzen. Tausend andere an seinem Platze hätten geglaubt ihre väterliche Pflicht hinlänglich erfüllt zu haben, wenn sie ihren Knaben zu dem Rechenmeister Flavius in die Schule geschickt hätten, wie die vornehmsten Leute zu Venusia taten. Denn in einem solchen kleinen Provinzialstädtchen spielte ein Centurio schon eine stattliche Person. Es versteht sich, daß das Beiwort magnis hier ironisch zu nehmen ist, und auf die Wichtigkeit, welche diese Leute in ihren eigenen und ihrer geringern Mitbürger Augen hatten, reflektiert. Man kann sich vorstellen, wie übel diese vornehmen Centurionen, der wohlrenommierte Stadt-Schul- und Rechenmeister Flavius und die ganze löbliche Bürgerschaft zu Venusia es finden mußte, daß eine Erziehung, wie die angesehensten Häuser des Ortes ihren Kindern gaben, eine Schule, nach welcher man so manchen großen aufgeschoßnen Bengel, der zu Venusia für einen jungen Herrn passierte, mit der Rechentafel und einem Beutel voll Zahlpfenningen unterm Arme daherschlendern sah, für den Zollbedienten Horazius, der doch ein bloßer Libertus und ein Mann von geringem Vermögen war, und für seinen kleinen Jungen, nicht gut genug sein sollte! Die Worte octonis referentes idibus aera sind von den meisten ältern Auslegern so gedeutet worden, als ob das Schulgeld damit gemeint wäre, das die Hauptmanns-Jungen dem Flavius alle Monate auf diese Zeit gebracht hätten. Die Ungereimtheit dieser Deutung hat schon Lambinus und Cruquius dargetan. Um diesen Vers sich recht deutlich zu machen, muß man folgendes wissen. Jeder römische Monat wurde durch die Idus ungefähr in zwei gleiche Teile geteilt, und wiewohl eigentlich nur der 13te oder 15te eines Monats diesen Namen führte, so wurden doch 8 Tage auf die Idus gerechnet; daher nennt sie Horaz octonas . Gewöhnlich wurden bei den Römern die Zinsen von entlehnten Geldern monatlich, und zwar an den Calendis (der erste Tag des Monats) oder an den Idibus bezahlt. Durch aera kann Horaz nichts anders als Zinsen gemeint haben. Der Vers hieße also wörtlich: die Knaben hätten ihrem Rechenmeister die monatlichen Zinsen gebracht. Da dies aber keinen Sinn hat, so ist es bloß eine unserm Dichter sehr gewöhnliche Wendung, um zu sagen: sie hätten ihm die Ausrechnung über gewisse Rechen-Aufgaben, z. B. wieviel Interessen zu 6 pr. % betragen 25654 Sesterzien monatlich? gebracht, welche der Rechenmeister ihnen zu ihrer Übung mit nach Hause gegeben. Es ist, wie man sieht, ein satirischer Seitenblick auf eben den Charakterzug des römischen Volkes, den er in der Epistel an die Pisonen berührt, wo er die Haupt-Ursache angibt, warum die Römer in den Musenkünsten soweit zurückblieben: Graiis ingenium, Graiis dedit ore rotundo Musa loqui, praeter laudem nullius avaris: Romani pueri longis rationibus assem discunt in partes centum diducere – , um dort so gut mich zu erziehen als ein Ritter oder Ratsherr seine Söhne erziehen lassen kann; so daß, wer mich in dieser großen Stadt, so wohl gekleidet, mit Sklaven hinter mir, daherziehn sah, nichts anders dachte, als das alles werde aus altem Ahnengut auf mich verwendet. Er selbst war neben allen meinen Lehrern mein zuverlässigster getreuster Führer; kurz, seiner Aufsicht hab' ich es zu danken, daß mich die Scham, der Tugend erste Blüte, von allen Jugendlastern, ja so gar von bösem Schein und Vorwurf rein erhielt. Er ließ sich den Gedanken nicht erschrecken, wie übel man's ihm nehmen werde, wenn quo pueri, magnis e centurionibus orti, laevo suspensi loculos tabulamque lacerto, \<75\> ibant, octonis referentes idibus aera: sed puerum est ausus Romam portare, docendum artes quas doceat quivis eques atque senator semet prognatos. Vestem, servosque sequentes in magno ut populo si quis vidisset, avita \<80\> ex re praeberi sumptus mihi crederet illos. Ipse mihi custos incorruptissimus omnes circum doctores aderat. Quid multa? pudicum (qui primus virtutis honos) servavit ab omni non solum facto, verum opprobrio quoque turpi: \<85\> nec timuit, sibi ne vitio quis verteret, olim am End' aus dieser stattlichen Erziehung doch nichts als ein Zollbedienter, wie er selbst, herausgekommen wäre Das Wort praeco (Ausrufer) ist in der Übersetzung weggefallen, quia versu dicere non erat , wenigstens nicht ohne eine verdrießliche Weitschweifigkeit. Ich habe coactor durch Zollbedienter übersetzt, und verstehe darunter, mit Masson, einen Unterzollbedienten, den ein Zollpachter dazu gebrauchte, die Gebühren für die Waren, die in Italien eingeführt wurden, einzutreiben. Wer es lieber mit dem Scholiasten hält, welchem coactores Leute sind, die sich, um einen kleinen Lohn, von Wechslern, Kaufleuten und Kunstmäklern zu Eintreibung ihrer ausstehenden Schulden gebrauchen ließen, mag sich um ein deutsches Wort umsehen, das diese Bedeutung habe. Aber auch ohne die Bequemlichkeit des von mir gebrauchten Wortes in Anschlag zu bringen, scheint mir Massons Erklärung auf die Qualifikation, exactionum coactor , welche Suetonius in der bekannten kleinen Biographie des Horaz dem Vater desselben beilegt, besser zu passen, und also genugsamen Grund vor sich zu haben. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte aber der alte Horaz diese Lebensart, nachdem er sich ein kleines Gütchen damit erworben, aufgegeben, als er sich entschloß, mit seinem Sohn nach Rom zu gehen, und dort über seine Erziehung selbst die Aufsicht zu führen. . Auch in diesem Falle hätt' ich mich nicht beklagt; nun bin ich desto mehr Erkenntlichkeit und Lob ihm schuldig. Nein, so lang ich meine Sinnen habe, soll ein solcher Vater niemals mich gereuen; noch werd' ich, wie die meisten die sich nicht mit hochgebornen Ahnherrn brüsten können, versichern, daß es meine Schuld nicht sei. Ganz anders sprech' und denk' ich über diesen Punkt: und wollte die Natur, daß jeder mit gewissen Jahren sein vergangnes Leben von vorn beginnen und sich Eltern nach Gefallen zum Prunke wählen dürfte: möchten andre sich wählen wen sie wollten, ich, zufrieden mit den meinen, würde keine nehmen wollen die Glanz von hohen Würden borgten; töricht im Wahn des Volkes, doch vielleicht, Mäcen , si praeco parvas, aut (ut fuit ipse) coactor mercedes sequerer: neque ego essem questus. At hoc hoc , nämlich, weil die Sache so glücklich ausschlug. nunc laus illi debetur et a me gratia maior. Nil me paeniteat sanum patris huius: eoque \<90\> non, ut magna dolo factum negat esse suo pars, quod non ingenuos habeat clarosque parentes, sic me defendam. Longe mea discrepat istis et vox et ratio: nam si natura iuberet a certis annis aevum remeare peractum \<95\> atque alios legere ad fastum quoscumque parentes: optaret sibi quisque, meis contentus, honestos fascibus et sellis nolim mihi sumere, demens nach deinem Urteil weise, daß ich meine Schultern mit keiner größern Last, als ich gewohnt zu tragen bin, beladen möchte. Denn da müßt' ich auch für größre Renten sorgen, mehr Leute sehen, wenn ich reis'te oder aufs Land nur ginge (um bei Leibe! nie allein zu sein) stets einen und den andern Begleiter mit mir schleppen, mehr Bediente und Pferd' und Wagen halten. Izt ist mir erlaubt auf einem kurzgeschwänzten Maultier, das mich und meinen Mantelsack zugleich zu tragen sich gefallen lassen muß, wenn's mir beliebt bis nach Tarent zu gehen, und niemand wird darum der Knauserei mich schelten, wie den Prätor Tullius , wenn ihm, von Tibur kehrend, nur fünf Hausbediente mit seinem Flaschenkorb und Nachtstuhl folgen Batteux übersetzt durch marmite , was ich durch ein ganz anderes Hausratstück übersetze, und es ist sonderbar genug, daß das Wort lasanus beides heißt. Der Grund, der jeden von uns zu der gewählten Bedeutung bestimmt hat, ist so leicht zu erraten, daß es keiner nähern Erklärung bedarf. – Der Prätor Tullius, der hier genannt wird, ist unbekannt, vermutlich aus keinem andern Grunde, als weil Tullius hier ein erdichteter Name ist. Vermutlich war jemand gemeint, der damals leicht zu erraten war, wiewohl ihn Horaz nicht mit seinem rechten Namen nennen wollte. Baxter sagt keck, nach seiner Art, iterum Cieeronem percutit . Warum nicht gar den Servius Tullius ? . Soviel gemächlicher, mein edler Ratsherr, leb' ich als du und tausend deines gleichen. Ich brauche kein Gefolge, geh' allein wohin michs lüstet; frage was der Kohl iudicio vulgi, sanus fortasse tuo, quod nollem onus, haud umquam solitus, portare molestum \<100\> Nam mihi continuo maior quaerenda foret res, atque salutandi plures; ducendus et unus et comes alter, uti ne solus rusve peregre- ve exirem; plures calones atque caballi pascendi, ducenda petorrita. Nunc mihi curto \<105\> ire licet mulo vel, si libet, usque Tarentum, mantica cui lumbos onere ulceret atque eques armos; obiciet nemo sordes mihi, quas tibi, Tulli, cum Tiburte via praetorem quinque sequuntur te pueri, lasanum portantes oenophorumque. \<110\> Hoc ego commodius quam tu, praeclare senator, und was das Mehl gilt; schlendre Abends um den großen Schauplatz aller Beutelschneider, den Circus , oder auf dem Markt, und stehe bei einem Schreier still, der Amulette verkauft und wahrsagt Assisto divinis . Der Circus Maximus und das Forum Romanum waren immer, besonders des Abends, mit einer Menge müßiger Leute angefüllt, unter welchen alle Arten von Meistern loser Künste, Gaukler, Marktschreier, Traumdeuter, Nativitätsteller, Hermetische Wundermänner und dergleichen Gesindel, ihr Handwerk zu treiben Gelegenheit hatten. Horaz rechnet es unter die Vorteile seines dunkeln Privatstandes, daß er sich amusieren dürfe wie es ihm beliebe. Einem Manne von Stande und Ansehen würde es übel geziemt haben, sich unter das gemeine Volk zu mischen, und einem Marktschreier oder Wahrsager zuzuhören: ihm hingegen nahm es niemand übel. ; kehre dann nach Hause zu einer Schüssel Erbsen, Lauch und Plinsen; drei Sklaven richten meine ganze Mahlzeit aus Nämlich, ein Koch, ein Structor , der den Tisch deckte und das Essen auftrug, und ein Mundschenk ( pocillator ). Für einen modernen Poeten wäre das eine sehr stattliche Tafelbedienung; aber in Vergleichung mit der unendlichen Menge von Bedienten, wovon die Tafelzimmer der vornehmen Römer wimmelten, war es das wenigste, was ein Ehrenmann haben konnte. ; ein Cyathus, zwei Becher Zwei Becher, einen zum Wasser, den andern zum Weine, und einen Cyathus, ein kleines Maß, das beim Vermischen des Weines mit Wasser gebraucht wurde; denn der Wein wurde selten pur getrunken. Der Cyathus war der zwölfte Teil eines Sextarius, und mochte ungefähr soviel als einen Schluck ausmachen. Bei Gastmählern, besonders bei den Toasts, die unter jungen Leuten üblich waren, wurde jedem mit dem Cyathus zugemessen, wie viel er trinken mußte. Einer abwesenden Liebschaft zu Ehren leerte man z. B. soviel Cyathos auf einmal aus, als Buchstaben in ihrem Namen waren. Naevia sex gathis, septem Iustina bibatur,         quinque Lycas, Lyde quattuor, Ida tribus. Martial. Epigr. I. 71. , und beim Spülnapf ein schlecht Lavor mit seinem Becken, lauter Campanisch Töpferzeug, auf einem Tische von weißem Steine, macht die ganze Tafel- Gerätschaft aus. Dann geh ich schlafen, ohne die Sorge, daß ich mit dem frühsten wieder aufstehen müsse, um dem Marsyas Besuch zu geben, dessen Grinsen uns bezeugt, daß ihm die Physiognomie des jüngern Novius unausstehlich sei Die Fabel von dem Satyr Marsyas, der mit seiner Flöte den Apollo mit seiner Zither herausgefodert, und, da ihn die Musen, als Richterinnen des Kampfes, für überwunden erklärt, von seinem unbarmherzigen Sieger noch obendrein geschunden worden, ist aus der Mythologie bekannt. Eine Bildsäule des unglücklichen Satyrs stand auf dem großen römischen Markte in der Gegend, wo die Wechsler ihre Tische hatten. Der jüngere Novius war einer von diesen Bankiers, dessen Physiognomie vermutlich den jungen Taugenichtsen, die ihm schuldig waren, nicht die angenehmste sein mochte. Die scherzhafte Ursache, welche Horaz der abscheulichen Grimasse des geschundenen Marsyas gibt, erklärt sich nun von selbst. . Ich bleibe ruhig bis um neune liegen; drauf mach' ich fliegende Besuche, oder ich lese oder schreibe was im Stillen mich belustigt oder bessert, salbe mich sodann milibus atque aliis, vivo. Quacumque libido est incedo solus; percontor quanti olus ac far; fallacem circum, vespertinumque pererro saepe forum; assisto divinis; inde domum me \<115\> ad porri et ciceris refero laganique catinum; cena ministratur pueris tribus, et lapis albus pocula cum cyatho duo sustinet; astat echino vilis cum patera guttus, Campana supellex. Deinde eo dormitum, non sollicitus mihi quod cras \<120\> surgendum sit mane, obeundus Marsya, qui se vultum ferre negat Noviorum posse minoris. Ad quartam iaceo; post hanc vagor; aut ego, lecto aut scripto quod me tacitum iuvat, ungor olivo, (doch nicht mit solchem Öl als seinen Lampen der schmutz'ge Natta stiehlt) Vermutlich ein berüchtigter karger Filz, nicht ein Bleicher oder Walker, wie Baxter lächerlicher Weise will, weil Natta, Nacta, oder Nacca (ein bekannter römischer Zuname) eigentlich einen Walker bedeute. , dann nach dem Campus , bis die schwüle Sonne mich, vom Ballspiel müde, ins Bad zu gehn erinnert Ich habe mich in der Übersetzung der ganzen Stelle, vom 122.–126. Verse des Originals, an die Leseart des Bentley gehalten, weil sie auf überzeugenden Gründen beruhet, und das einzige Mittel ist, unsern Dichter von drei Vorwürfen, die er unmöglich verdient haben konnte, zu entbinden. Der gemeinen Leseart zufolge (da man lecto und scripto , gegen allen Sprachgebrauch, für zusammengezogene frequentativa von lego und scribo hielt, und anstatt campum lusumque trigonem : rabiosi tempora signi las) müßte Horaz in fünf Versen drei grobe Fehler , einen gegen seine Sprache , einen gegen den Menschenverstand , und einen gegen die guten Sitten begangen haben. Denn nur ein Barbarus hätte lecto und scripto für lectito und scriptito gesagt; nur ein Schmierer, dem es gleichviel gilt, ob er Sinn oder Unsinn von sich gibt, hätte sagen können: »Wenn mich die schwülere Sonne und die Müdigkeit erinnert ins Bad zu gehen, fliehe ich die Zeiten des rasenden Zeichens «; und nur ein Mensch ohne alle Scham hätte sich in einem Gedicht an Mäcen als ein Faultier abschildern können, das bis um 10 Uhr im Bette liege und schnarche. Gleichwohl kamen nicht nur alle Scholiasten, Ausleger und Herausgeber vor Bentley ganz leicht über so kleine Bedenklichkeiten hinweg; sondern auch spätere Herausgeber und Übersetzer (z. B. Batteux ) haben sich lieber an Horaz und der gesunden Vernunft, als an dem Respekt gegen die Abschreiber versündigen wollen. . Diesem folgt ein leichtes Mittagsmahl, soviel ich brauche den Rest des Tages, der geschäftlos mir zu Haus entschlüpft, bis Abends auszudauern. So lebt, wer frei vom Joch der armen Ehrsucht ist; so hoff' auch ich vergnüglicher zu leben, als wenn mein Ahn, mein Vater, und mein Oheim das Staatsschatzmeister-Amt verwaltet hätten. non quo fraudatis immundus Natta lucernis: \<125\> ast ubi me fessum sol acrior ire lavatum admonuit, fugio Campum lusumque trigonem. Pransus non avide, quantum interpellet inani ventre diem durare, domesticus otior. Haec est vita solutorum misera ambitione gravique; \<130\> his me consolor victurum suavius, ac si quaestor avus, pater atque meus, patruusque fuissent. Siebente Satire Einleitung Dieses kleine Stück besteht bloß aus einer scherzhaften Erzählung eines Rechtshandels, der zwischen einem gewissen Publius Rupilius Rex , und einem Negozianten von Klazomenä, namens Persius , vor dem berühmten Marcus Brutus , währender Zeit daß er im Namen des Senats Ober-Befehlshaber über die Provinz Asien war, auf eine Art geführt wurde, wodurch beide Parteien sich lächerlich machten, und zu Helden einer kleinen komischen Erzählung im bürlesk-heroischen Tone qualifizierten. Die Scholiasten, deren Zunft an keinem andern Schriftsteller so oft und so gröblich als an dem unsrigen sich versündiget hat, konnten, wie es scheint, nicht begreifen, wie Horaz sich über einen Rupilius Rex ein wenig habe lustig machen können, ohne persönlich von ihm beleidiget worden zu sein; und träumten oder erdichteten also eine geheime Ursache, die unsern Dichter gereizt haben müßte, den Rupil in der Person eines andern (des Persius nämlich) so strenge zu geißeln. Ich, meines Ortes, sehe nicht den geringsten Grund, warum Rupilius und sein Gegner nicht gerade solche Leute gewesen sein sollten, wie Horaz sie schildert; hingegen habe ich einen sehr entscheidenden Grund, warum ich seine Abbildungen für wahr und getreu halte; und dieser liegt in Horazens eigenem Charakter , und in dem unvermeidlichen Vorwurf der gröbsten Skurrilität, dem er sich ausgesetzt hätte, wenn er so bekannten Personen einen andern Charakter hätte andichten wollen, als derjenige war, welchen so viele damals noch lebende Personen an ihnen gekannt hatten. Daß Horaz und Rupil (welche, als sich das Süjet dieser komischen Erzählung zutrug, beide Anhänger des großen Brutus und, wie es scheint, unter seinen Comitibus waren) nicht sonderliche Freunde gewesen, ist sehr zu vermuten. Alles was daraus folgt, ist: daß Horaz eine Ursache weniger hatte, Rupils zu schonen. Aber die bloße Absicht, das drollicht-närrische und impertinent-naive Bon-mot des Persius , womit dieses kleine Stück schließt, nicht untergehen zu lassen, scheint mir für einen Schwank (wie es Mstr. Hans Sachs nannte) von 35 Versen ein vollkommen zureichender Entstehungsgrund zu sein. Eine nähere Veranlassung, und die eigentliche Zeit, wann diese Kleinigkeit der Feder unsers Dichters entfallen sein mag, ist nicht zu entdecken. Übrigens bedarf ein verständiger Leser nicht erst belehrt zu werden, wieviel ein scherzhaftes Stück dieser Art in achtzehn Jahrhunderten verlieren muß; zumal bei Lesern, die entweder unvermögend sind, oder es nicht der Mühe wert halten, sich lebendig genug in die Szene und unter die Personen der Handlung hinein zu denken. Ich möchte mit keinem meiner Zeitgenossen hadern, dem mancher Spaß, der in Ciceros oder Horazens Zeiten die Zwerchfelle der urbansten Römer erschütterte, ein wenig frostig vorkäme: indessen dünkt mich doch, wer soviel Einbildungskraft besitzt, sich mit dem gehörigen Gefühl der Majestät des alten römischen Namens in das Prätorium eines Mannes wie Brutus zu versetzen, und sich nun seinem Tribunal gegenüber einen spitznasigen, einbildischen, leichtaufbrausenden, redseligen, auf sein Geld und auf seinen vermeinten Witz trotzigen Gecken von einem Halb-Griechen vorstellen kann, – der in einem Anstoß von unbesonnener halbunsinniger Hitze dem Repräsentanten des römischen Senats und Volkes eine solche Impertinenz ins Gesicht wirft, indem er etwas zugleich sehr Witziges und seinen Gegner gänzlich zu Boden Schlagendes gesagt zu haben glaubt: wer sich, sage ich, dies mit Hülfe unsers Dichters lebendig genug vormalen kann, wird, wie mich deucht, auch die Wirkung eines in seiner Art so einzigen Bon-mot auf die Umstehenden fühlen, und sodann begreiflich finden, daß ein so jovialischer junger Mann, wie Horaz damals war, dieses Bon-mot der wenigen Mühe, die ihm die Versifikation desselben kosten mochte, habe würdig finden können. Denn daß dies leichte Geschöpf einer gutlaunigen Stunde so lange leben, und nach achtzehnhundert Jahren mitten in Thüringen in die Sprache der Cherusker, Catten und Sueven travestiert werden würde: davon mochte sich wohl Horaz, selbst in dem Augenblicke, wo er mit dem Wirbel an die Sterne stieß Sublimi feriam sidera vertice. Od. 1. , wenig träumen lassen. Ich habe mir zum Gesetz gemacht, meinem Autor auch in der Ausbildung seiner Gedanken so getreu zu bleiben, als die Absicht der Deutlichkeit nur immer zuläßt. Aber in einem Stücke wie dieses mußte ich mir schon mehr Paraphrase erlauben, und die Vergleichung meiner Arbeit mit dem Originale wird hoffentlich meine beste Rechtfertigung sein. Wie an der giftgeschwollnen Natterzunge Rupils , des Ächters, König zugenannt Publ. Rupilius cognomine Rex, Praenestinus, commilito fuit Horatii in castris Bruti , sagt ein alter Scholiast, als ob Horaz uns das alles nicht selbst gesagt hätte Ein andrer Scholiast macht ihn gar zum Prätor ; noch bescheiden genug, denn es stund ja nur bei ihm, ihn zum Konsularen zu machen. . Horaz sagt sogar noch mehr, nämlich daß Rupilius einer aus der cohorte amicorum oder comitum des Brutus gewesen. Sonst wird seiner nirgends gedacht. Ein Publ. Rupilius, von einem andern Zweige dieses Plebejischen Geschlechtes, der den Zunamen Lupus führte, stieg im J. 621 bis zum Konsulat. – Eines andern P. Rupilius, der im J. 702 Vorsteher einer Gesellschaft von General-Pachtern in Bithynien war, erwähnt Cicero als eines seiner Freunde, im 9ten Briefe des XIIIten Buches seiner Epist. ad Famil. Der Umstand, daß unser Dichter dem Rupil die Proskription, in die er als ein Anhänger des Brutus verfallen war, zum Vorwurf zu machen scheint, da er doch selbst aus gleicher Ursache in gleicher Verdammnis bei der Cäsarischen Partei gewesen war, hat den Auslegern viel zu schaffen gegeben. Daß Horaz eine besondere Ursache hiezu gehabt haben mußte, ist klar; was für eine, ist unbekannt: und mit Vermutungen uns den Kopf zu zerbrechen, würde ihm und uns wenig helfen. , der Blendling Persius Ich habe das Wort Hybrida , oder Ibrida (wie Scaliger will) durch kein schicklicheres als das Wort Blendling auszudrücken gewußt. Es bezeichnet, seiner Etymologie nach, einen auf einen fremden Stamm gepfropften Zweig. Persius war der Sohn eines Römers von einer Griechin, und folglich eine Abart in den Augen eines ebenbürtigen Römers. sich einst gerochen, ist, denk' ich, allen Augensalbern und Barbiern bekannt Ob dieses Lippis et tonsoribus notum schon vor Horaz ein Sprüchwort gewesen, oder es erst durch ihn geworden sei, läßt sich nicht entscheiden. Ich habe den Sinn desselben nach der Auslegung eines alten Scholiasten, welche Bentley durch seinen Beitritt bekräftiget, auszudrücken gesucht. Es scheint daß die Augenkrankheit, die das Wort lippus bezeichnet, in Rom etwas ziemlich Gemeines gewesen sei. Die Buden der Augensalber und Barbiere waren immer mit Leuten angefüllt, die indessen, bis sie expediert wurden, sich mit Stadtneuigkeiten unterhielten. . Besagter Persius, ein reicher Kauz, der zu Klazomenä Klazomenä war eine ansehnliche Handelsstadt in Jonien, an der Nordseite des kleinen Meerbusens, den das Ägäische Meer zwischen der Insel Ägina und Smyrna macht. Sie wurde, wegen ihrer glücklichen Lage zur Handlung, von Alexander dem Großen, und nachmals von den Römern sehr begünstiget; und Augustus erweiterte und verschönerte diese Stadt so sehr, daß sie ihn als ihren zweiten Stifter auf Münzen ehrte. sehr großen Handel trieb, war mit dem Rex in einen lästigen Prozeß verwickelt; ein harter Mann, beinahe noch verhaßter als sein Widersacher, trotzig, aufgeblasen, und von so bittrem Maul, daß Barrus und Sisenna für ihren Meister ihn erkennen müßten So bekannt Barrus und Sisenna damals sein mochten, so unbekannt sind sie uns ; und es wäre vergebliche Mühe, etwas mehr, als was Horaz von ihnen sagt, auftreiben zu wollen. Die Redensart, equis albis praeire , war sprüchwörtlich und aus der Meinung entstanden, daß die weißen Pferde die schnellesten seien. Daher sagt Virgil von den Pferden des Pilumnus : sie übertrafen an Weiße den Schnee, im Laufe die Lüfte. . Mit solchen Zungenhelden ists wie mit den Streitern im Homer; je tapfrer beide, um soviel schwerer ist der Kampf Horaz affektiert hier im Original eine Parenthese, die den zweiten Teil der angefangenen Periode nicht nur um 8 Verse vom ersten abschneidet, sondern sogar selbst aus mehrern Gliedern besteht. Unsre Augen und Ohren können sich, wenigstens in unsrer eignen Sprache, mit dergleichen elegantiis Latini sermonis (wenn man anders diese mit Fleiß affektierte Nachlässigkeit dafür gelten lassen will) nicht recht vertragen. Ich habe also, dem Sinne unbeschadet, eine Wendung genommen, wodurch das unangenehme Hyperbaton vermieden wird. . Es waltete ein Haß, den nur der Tod von beider einem versöhnen konnte, zwischen dem Peliden und Hektor , Priams Sohne, bloß weil beide     Proscripti Regis Rupili pus atque venenum hybrida quo pacto sit Persius ultus, opinor omnibus et lippis notum et tonsoribus esse. Persius hic permagna negotia dives habebat \<5\> Clazomenis, etiam lites cum Rege molestas; durus homo atque odio posset qui vincere Regem, confidens, tumidus, adeo sermonis amari, Sisennas, Barros ut equis praecurreret albis. Ad Regem redeo. Postquam nihil inter utrumque \<10\> convenit (hoc etenim sunt omnes iure molesti quo fortes quibus adversum bellum incidit. Inter an Heldentum sich gar zu ähnlich waren. Geriet hingegen irgendwo ein Paar milchlebrichter Gesellen, oder ein ungleiches aneinander, wie an Diomeden der schöne Glaukus S. das sechste Buch der Ilias. Horaz zeigt an diesem Pröbchen, daß er ein feines Talent die Iliade zu travestieren gehabt hätte. , nun, so ward der Streit in Güte abgetan; der schwächte tauschte an seines Gegners Waffen seine goldnen, und ging mit heiler Haut davon. Das erste war meiner Helden Fall. Nachdem im Weg der Güte auszukommen keine Möglichkeit sich zeigte, ward zuletzt ein Tag gesetzt, woran, vor Brutus , dem zu selber Zeit das reiche Asien gehorchte Bruto Praetore, tenente ditem Asiam . Brutus war Prätor , als er den Diktator Julius Cäsar ermorden half. Asien war zwar eine Prokonsularische Provinz, d. i. eine solche, deren General-Gouverneurs ordentlicher Weise Konsularen sein mußten: Allein in dem verwirrten Zustande; worein die Republik nach Julius Cäsars Tod geriet, konnte man es so genau nicht nehmen; und der Senat, der bei aller seiner Schwäche und Furchtsamkeit doch sehr überzeugt war, daß alle Hoffnung, die Republik wieder herzustellen, auf dem einzigen Brutus beruhe, beeiferte sich, ihm soviel Provinzen, als er nur immer behaupten konnte, zuzuwenden. Er erhielt also anfangs Kreta als Proprätor, sodann noch Macedonien, und im Jahr 711 nach Abgang des Prokonsuls von Asien Trebonius , auch diese reiche Provinz, wiewohl er einen Teil derselben sich erst mit Gewalt unterwerfen mußte. Horaz braucht also das Wort Prätor (weil Proprätor nicht in sein Metrum paßte) für Gouverneur um so schicklicher, weil Brutus nie eine höhere Würde als die Prätur (die nächste nach der konsularischen) in der Republik bekleidet hatte. , Rex und Persius den Streit mit ihren Zungen in einem scharfen Zweikampf enden sollten; ein Paar an Mut und Kraft so gleich gewogen wie jüngst der Gladiator Bithus mit dem Bacchius, so daß sie beide siegen und beide fallen mußten Bithus und Bacchius waren zwei Gladiatoren, die an einem öffentlichen Schauspiel dieser Art über alle übrigen Meister geblieben waren. Sie mußten also zuletzt mit einander fechten, und da keiner den andern für seinen Sieger erkennen wollte, so fielen sie endlich beide, und der Sieg blieb unentschieden. Vermutlich lag diese Begebenheit damals noch in frischem Andenken. . Mutvoll stürzen die Kämpfer vor Gericht, ein großes Schauspiel! Der Grieche trägt den Handel vor, mit Lachen Hectora Priamidem animosum atque inter Achillem ira fuit capitalis, ut ultima divideret mors, non aliam ob causam nisi quod virtus in utroque \<15\> summa fuit. Duo si discordia vexet inertes aut si disparibus bellum incidat, ut Diomedi cum Lycio Glauco, discedet pigrior ultro muneribus missis) – Bruto praetore tenente ditem Asiam, Rupili et Persi par pugnat, uti non \<20\> compositum melius cum Bitho Bacchius; in ius acres procurrunt, magnum spectaculum uterque! vom ganzen Saal empfangen; rühmt den Brutus, rühmt seinen ganzen Cohors ; nennt ihn selbst die Sonne Asiens, und sein Gefolge wohltätige Gestirne, nur Rupil den König ausgenommen; der sei, gleich dem Hunde , diesem allen Ackerleuten verhaßten Stern, dem Lande auf den Hals gekommen. Kurz, er rauschte, wie ein Winterstrom durch einen von der Axt verschonten Wald. Der Pränestiner , den nunmehr die Reihe trifft, bezahlt die wohlgepfefferten Sarkasmen ihm gleich wortreich, und mit Zins; so wie ein grober Winzer dem lust'gen Wandrer, der mit lauter Stimme ihm Kuckuck zurief, Schimpf um Schimpf so lange aus seinem Ulmbaum in die Ohren spritzt, bis jener weichen muß Ich habe diese Stelle umschreiben müssen, um sie verständlich zu machen. Indessen bedarf sie doch noch einiger Erläuterung, zu welcher uns eine von dem gelehrten Cruquius aufgefundene Stelle im 26sten Kapitel des 18ten Buches der Naturgeschichte des Plinius verhelfen wird. Vindemiator scheint hier für Putator zu stehen, und die Rede ist in diesem Gleichnisse von einem Weingärtner, der seine Reben beschneidet. Diese Arbeit (sagt Plinius) mußte innerhalb der ersten vierzehn Tage nach der Frühlings-Tag- und Nacht-Gleiche vollbracht sein; denn die Landleute halten es für eine große Schande, wenn der Kuckuck ein Rebmesser im Weinstock antrifft ; und dies gibt daher im Frühling zu allerlei Bauer-Späßen Anlaß . Bekanntermaßen pflanzte man in Italien die Reben gewöhnlich an Ulmbäume. Ein vorübergehender Wanderer, der einen Landmann auf einem solchen Baume, halb in Laub versteckt, seine Reben beschneiden sah, machte, um jenen in seiner Ruhe zu stören, scherzweise den Ruf des Kuckucks nach; der Winzer, der dies für eine Beleidigung aufnahm, schimpfte zurück; und so entstand öfters eine Art von grobwitzigem Zweikampf, wo gewöhnlich dem Winzer das Vergnügen blieb, sich für den Sieger zu halten, weil der Wanderer, der noch weiter zu gehen hatte, des Handels am ehesten überdrüssig wurde. . Mein Grieche, mit italien'schem Essig bis aufs Fleisch so reichlich durchgebeizt, kann endlich sich nicht länger halten. »Brutus«, ruft er, »du, dem Könige zu würgen was Gewohntes ist So unschicklich auch diese Apostrophe an den Brutus war, so war doch die Meinung des Persius ihm ein Kompliment zu machen. Dieses wird aber dadurch noch lächerlicher, weil er den M. Brutus mit dem Junius Brutus , der den König Tarquin vertreiben half, zu vermengen scheint, und sich so ausdrückt, als ob Brutus die Tarquinier eben sowohl als den Julius Cäsar aus dem Wege geschafft habe, und also vom Abschlachten der Könige gleichsam Profession mache. , Persius exponit causam, ridetur ab omni conventu, laudat Brutum laudatque cohortem; solem Asiae Brutum appellat, stellasque salubres \<25\> appellat comites, excepto Rege; Canem illum, invisum agricolis sidus, venisse: ruebat flumen ut hibernum fertur quo rara securis. Tum Praenestinus salso multoque fluenti expressa arbusto regerit convicia, durus \<30\> vindemiator et invictus, cui saepe viator cessisset, magna compellens voce cuculum. At Graecus, postquam est Italo perfusus aceto, Persius exclamat: »Per magnos, Brute, deos te warum, bei allen Göttern! schlachtest du nicht diesen König auch? Das, glaube mir, ist etwas womit du dir noch Ehre machen könntest!« oro, qui reges consueris tollere, cur non \<35\> hunc Regem iugulas? Operum hoc, mihi crede, tuorum est!« Achte Satire Einleitung Es finden sich in Horazens Werken drei Stücke, worin einer gewissen Canidia auf eine unbarmherzige Art mitgespielt wird; die gegenwärtige Satire, und die fünfte und siebzehnte der Epoden . Sie wird darin, besonders in der letztern, als eine Kreatur abgeschildert, die, nachdem sie in ihrer Jugend die schändliche Profession einer Priesterin der Venus Volgivaga getrieben Amata nautis multum et institoribus , die Geliebte aller Schiffer und Landkrämer, einer Art von Leuten, die pressiert waren und gut bezahlten. cf. Od. III. 6. v. 29. seq. , sich endlich genötiget gesehen, magische Künste zu brauchen, um ihren verkümmerten Reizungen noch Abnehmer zu verschaffen. Es mag sein, daß sie mit ihrem wahren Namen Gratidia geheißen, und eine Neapolitanische Unguentaria (Salbenkrämerin oder parfumeuse ) gewesen; aber wo die Scholiasten hergenommen haben, daß sie eine Geliebte unsers Dichters, ja sogar die nämliche Person gewesen sei, an welche die Palinodie ad Amicam (die 16te Ode des ersten Buches) gerichtet ist, kann ich eben so wenig erraten, als wie dieses grundlose und in allen seinen Umständen übel zusammenhängende Vorgeben auch bei einigen neuern Kommentatoren Eingang finden konnte. Horaz hatte eine schöne Ungenannte durch satirische Jamben beleidiget; dies bekennt er selbst: aber in der ganzen Palinodie zeigt sich nicht die geringste Spur, die auf die Vermutung leiten könnte, daß diese Jamben die beiden Epoden in Canidiam gewesen seien. Wir bedürfen aber, um klar genug in diesem sonderbaren Handel zwischen Canidia und unserm Dichter zu sehen, keines andern Lichtes, als das er uns selbst angezündet hat. Wieviel man auch von den bittern Sarkasmen und von den schrecklichen Beschuldigungen, womit er diese Person überschüttet, teils auf die Rache eines beleidigten Dichters der so leicht zu reizen war, ( irasci celeris, Epist. 20. 25. ) teils auf die Gerüchte und Anekdoten, die von Canidien als einer gewaltigen Hexe unter dem Volke herumgehen mochten, teils auch auf die Laune und Imagination des Dichters, der sich bei dieser Gelegenheit über die Magie überhaupt lustig machen wollte, rechnen will: so bleiben doch immer einige Data , die wir mit Grunde als wahr annehmen können, übrig, welche die erste Veranlassung zu dem Unwillen unsers Dichters über Canidien gegeben, und ohne welche nicht begreiflich wäre, wie er dazu hätte kommen können, seinen Witz mit einem so kaltblütig grausamen Mutwillen an einer Kreatur von diesem Schlage auszulassen. Aus Vergleichung und Zusammensetzung aller dieser Umstände glaube ich durch folgende Vorstellung der Wahrheit am nächsten zu kommen. Canidia hatte in ihrer Jugend zu eben der Klasse gehört, zu welcher die schöne Lydia, Pyrrha, Leukonoe, Glycera, Cinara, Barine, Licymnia, Lyce, Neobule, Inachia, Neära, und wer weiß wie viele andere gehörten, die unser Dichter in seinen blühenden Jahren geliebt und besungen hat: aber ihr Frühling war schon lange vorbei, als sie ihn kennen lernte, und sie warf ihr Netz vergebens nach dem Günstling der Grazien aus, der (wie es scheint) die Gabe hatte, den Liebenswürdigsten zu gefallen, und dem die saeva mater Cupidinum selten grausam war. Da sie endlich die Unzulänglichkeit ihrer Reizungen fühlen mußte, so nahm sie ihre Zuflucht zu Zaubermitteln. Die Bewohner von Italien waren von jeher, wie die Griechen, äußerst abergläubisch, und es herrschte unter dem gemeinen Volk, oder vielmehr unter allen, deren Begriffe nicht durch Philosophie gereinigt waren, ein angeerbter Wahn, daß es Künste gebe, mit Hülfe der unterirdischen Gottheiten, und durch besondere magische Prozesse, Formeln, Talismane, und andere Zaubermittel eine Menge von Wunderdingen zu wirken, als z. B. die Seelen der Verstorbenen hervorzurufen, um das Zukünftige von ihnen zu erforschen; sich selbst und andere in allerlei Tiergestalten zu verwandeln; durch gewisse Zaubertränke und vermittelst anderer Operationen, (welche Virgil in seiner 8ten Ekloga beschreibt) die Leute wider ihren Willen in sich verliebt zu machen, und dergleichen. Unter den Griechen waren besonders die Thessalier , und unter den Italienern die Marsen und Sabiner Dies erhellet aus verschiedenen Stellen unsers Autors. S. Epod. 5. v. 76; 17. v. 28. u. f. Satir. I. 9. v. 29. 30. dieser magischen Künste wegen berüchtiget; und wie geneigt die ehmaligen Römerinnen gewesen, zu Verstärkung der natürlichen Zauberei ihrer Reize Liebestränke zu Hülfe zu nehmen, ist aus vielen Beispielen bekannt. Was es nun auch für eine Bewandtnis mit den Versuchen haben mochte, welche Canidia angestellt zu haben scheint, den Horaz durch solche Mittel zu ihrer Liebe zu nötigen: soviel ist wenigstens offenbar, daß er dadurch gereizt worden, allen seinen Witz aufzubieten, um sich auf diejenige Art an ihr zu rächen, die einer alternden und verschmähten Buhlerin die empfindlichste sein mußte. Das gegenwärtige Stück machte den Anfang seiner Rache Ich schließe dies aus der Antwort, die er sich in der 17ten Epode von Canidien auf seine ironische Liebeserklärung geben läßt: Inultus ut tu riseris Cotyttia vulgata, sacrum liberi Cupidinis? Et Esquilini pontifex venefici impune ut urbem nomine impleris meo?   Wie? ungerochen hättest die Cotyttischen Mysterien des freien Amors du verspottet, und den Ungeweihten preis- gegeben? Ungestraft, du ungebetner Priester des Esquilinschen Zauberwerkes , hättest mit meinem Namen du die Stadt erfüllt? . Er dichtet darin, daß der feigenhölzerne Priap, der (nach römischer Gewohnheit) in einer Ecke der neugepflanzten Esquilinischen Gärten aufgestellt worden war, die nächtlichen Zauber-Mysterien, welche Canidia auf dem Campo Esquilino getrieben, als ein unbemerkter Augenzeuge ausgeplaudert habe. – Ein glücklicher Einfall, der ihm Gelegenheit gab, gleichsam mit einem Schlag, über die Gottheit des Priaps, über den lächerlichen Glauben seiner Landesleute an die Magie, und über Canidien sich lustig zu machen. Es kann nicht wohl anders sein, als daß eine solche Dichtung, wie unanstößig sie auch den Zeitgenossen des Dichters gewesen sein mag, an unsern eklern Begriffen vom Anständigen hier und da anstoßen muß. Der Gott der Gärten war eine bäurische, ungesittete und obszöne Gottheit; Horaz hätte ihn entweder gar nicht sprechen lassen müssen, oder Priap mußte seinem Charakter gemäß, und, so zu sagen, seine individuelle Sprache reden. Dieses Recht an eine Freiheit, die für den Dichter Pflicht war, müssen wir ihm zugestehen, und uns auf einige Augenblicke in die Zeiten, Sitten und Vorstellungsart des damaligen Roms versetzen können, um an dem Witz und der Laune dieses unnachahmlichen Scherzgedichtes das Vergnügen zu finden, welches Mäcenas und die gute Gesellschaft, die sich in den Esquilinischen Gärten versammelte, ohnezweifel daran gefunden haben. Ein Feigenklotz, ein wenig nützes Holz, war ich, als einst der Zimmermann, unschlüssig was aus mir werden sollt', ein Schemel, oder ein Priap Die Bilder dieser burlesken Gottheit wurden gewöhnlich aus Feigenholz gezimmert. , zum Gott mich lieber machen wollte: So bin ich dann ein Gott, der große Popanz der Vögel und der Diebe! Diese hält die Sichel in meiner Hand Im Texte: dextra (falce scilicet armata) . , und – was ihr wißt – in Furcht; die frechen Vögel schreckt das Rohr auf meinem Kopfe, sich auf die neugepflanzten Gärten nieder zu lassen. Hier, wohin noch jüngst die Leichen der Sklaven, aus der engen Zelle ausgeworfen, ein Nebenknecht bei Nacht in einer offnen armsel'gen Lade tragen ließ, im allgemeinen Begräbnisplatz des nacktsten Bettelpacks, des Scurra Pantolab , des Schlemmers Nomentan Zwei heillose Gesellen, deren einer seine Küche bloß von den Einkünften seiner Skurrilität bestritten, und der andere mit seinem großen Erbgute so übel gewirtschaftet hatte, daß ihm wahrscheinlicher Weise kein besserer Begräbnisplatz übrig geblieben war als jenem. Den letztern hatte Horaz schon in der ersten Satire als das Muster eines Schwelgers und Verschwenders angezogen. Seneca , in seiner witz- und wortreichen Disputation gegen die Wollust der Epikuräer ( c. XI. de Vita beata ) stellt ihn mit dem berüchtigten Apicius in eine Linie. »Siehe (sagt er) einen Nomentan, einen Apicius, die alles, was zu Wasser und zu Lande, nach ihrer Terminologie gut ist, zusammentreiben, und die Tiere aller Nationen auf ihren Tafeln mustern! Siehe sie von ihren Rosenthronen herab ihrer Garküche entgegenschnüffeln, u.s.w.« – Pantolabus soll (nach dem Scholiasten) mit seinem rechten Namen Mallius Verna , und Nomentanus mit seinem Geschlechtsnamen Cassius geheißen haben. Es wird in der 1sten Sat. des zweiten Buches noch einmal von ihm die Rede sein. , wo sonst ein Denkstein uns zu wissen tat,     Olim truncus eram ficulnus, inutile lignum, cum faber, incertus scamnum faceretne Priapum, maluit esse deum: deus inde ego, furum aviumque maxima formido; nam fures dextra coercet \<5\> obscaenoque ruber porrectus ab inguine palus; ast importunas volucres in vertice arundo terret fixa, vetatque novis considere in hortis. Huc prius angustis eiecta cadavera cellis conservus vili portanda locabat in arca: \<10\> hoc miserae plebi stabat commune sepulcrum, Pantolabo scurrae, Nomentanoque nepoti. daß tausend Fuß der Länge und dreihundert der Breite nach, kein Erbe diesen Boden in Anspruch nehmen könn' – auf den Esquilien Der Esquilinische Berg wurde vom Könige Servius Tullius in den Umfang der Stadt Rom eingeschlossen. Er war von so großem Umfang, daß er ehmals die zweite , und nach Augusts neuer Einteilung, mit Einschluß des Viminalis , die fünfte Region der Stadt ausmachte. Der Ort, der hier beschrieben wird, und welchen Canidia zur Szene ihrer zauberischen Mysterien wählte, lag, aller Wahrscheinlichkeit nach, am äußersten Ende der Esquilien, und scheint mit den Puticulis , deren Varro und Festus gedenken, nicht einerlei gewesen zu sein. Mir ist es wahrscheinlich, daß diese Puticulae , wo in den ältesten Zeiten Roms die Leichen der Missetäter und ärmsten Leute verscharrt wurden, zwar allerdings außerhalb des Esquilinischen Tores gelegen; daß aber in der Folge, bei der großen Erweiterung und immer steigenden Volksmenge von Rom, der Platz, von welchem Horaz spricht, auf dem innerhalb der Mauern gelegenen Campo Esquilino , den Sklaven und der ärmsten Klasse des Volkes zum gemeinen Begräbnis von irgend einem gutherzigen Grundherrn vermacht worden sei. Denn dieses letztere scheint deutlich genug aus den Worten zu folgen: daß ein aufgerichteter Denkstein mit den gewöhnlichen Buchstaben H. M. H. N. S. angezeigt habe, daß dieses Feld von den Erben (des Ungenannten, der es dem dürftigen Publico vermacht) nicht als Eigentum angesprochen werden könne. Nardini findet zwar bei dieser Meinung viele Schwierigkeiten; da sie aber am Ende bloß aus Unkunde der wahren ehmaligen Lage der Örter entspringen, so ist ihre Auflösung weder möglich noch nötig. Genug, daß Horaz, der die Esquilien und die Lage der neuangepflanzten Gärten des Mäcenas (von welchen hier die Rede ist) am besten kennen mußte, ganz deutlich sagt: diese Gärten hätten die Gegend der Esquilien, die vorher ein ekelhafter Begräbnisplatz von Sklaven und Bettlern gewesen, zu einem gesunden und anmutigen Wohnplatze gemacht. Er scheint uns also keinen Zweifel übrig zu lassen, daß die einsame und abgelegene Gegend, wo Canidia mit ihrer Gesellin ihr nächtliches Zauberwerk ungestört zu treiben hoffte, einen Teil der neuen Mäcenatischen Pflanzungen ausgemacht, und eben so wohl als alles übrige innerhalb der Mauern des Esquilinischen Berges gelegen habe, wenn gleich der angebliche Scholiast Porphyrion das Gegenteil sagt. Wie hätte auch sonst Priap, der als Beschützer dieser neuen Gärten, vermutlich am äußersten Ende derselben, aufgestellt war, ein Augenzeuge der Zaubergeheimnisse der beiden Hexen sein; oder wie hätte sie der Knall, womit sein Hinterteil zerplatzte, so erschrecken können, daß sie auf einmal alles im Stiche gelassen, und in größter Verwirrung der Stadt zugelaufen wären? Unser Dichter war gewiß nicht der Mann, der seine eigene Regel: Ficta voluptatis causa sint proxima veris , mit einem Worte, wohnt man jetzt gesund, und auf der Höhe, wo das Auge sonst nichts als den traur'gen Anblick eines öden Feldes voll weißer Knochen hatte, geht man jetzt in grünen Lustrevieren. Aber seit ich diese Gärten hüte, hat das Diebsgesindel und Raubgevögel Ferae , nämlich die Raubvögel, die er epod. 5. Esquilinas alites nennt. , das hier seine Nahrung zu suchen pflegt, mir minder Not gemacht, als jene Vetteln, die durch Zauberlieder und Liebestränke jungem Männervolk den Kopf verrücken. Diese, was ich auch beginne, kann ich nicht vertreiben, noch verhindern, sich, sobald die wandelbare Luna ihr schönes Antlitz zeigt, hieher zu schleichen und Totenbein' und Hexenkraut zu suchen. Ich selbst, mit diesen Augen, sah Canidien Mille pedes in fronte, trecentos cippus in agrum hic dabat, heredes monumentum ne sequeretur Nunc licet Esquiliis habitare salubribus, atque \<15\> aggere in aprico spatiari, quo modo tristes albis informem spectabant ossibus agrum: Cum mihi non tantum furesque feraeque, suetae hunc vexare locum, curae sint atque labori quantum carminibus quae versant atque venenis \<20\> humanos animos. Has nullo perdere possum nec prohibere modo, simulac vaga luna decorum protulit os, quin ossa legant herbasque nocentes. Vidi egomet nigra succinctam vadere palla im schwarzen aufgeschürzten Rock, mit nacktem Fuß' und aufgelöstem Haar, nebst Sagana der ältern, heulend irren, beide scheußlich im bleichen Schein des Mondes anzusehn! Auf einmal fingen euch die Druden an die Erde mit den Nägeln aufzukratzen, und ein schwarzes Lamm mit ihren Zähnen zu zerreißen, damit das Blut, sich in die Grube sammelnd, die Seelen der Verstorbnen an sich zöge, die ihren Fragen Antwort geben sollten Die heidnischen Zauberer mißbrauchten ihre Religion zu ihren Mysterien, wie die christlichen Teufelsbanner, Nekromanten, Schatzgräber u.s.w. die christliche. So pflegte man z. B. ein schwarzes Lamm zu schlachten Bekanntermaßen wurden den unterirdischen Göttern überhaupt keine andre als schwarze Opfertiere geschlachtet. , um den Seelen der Verstorbenen gütlich zu tun, oder sich dieselben geneigt zu machen; in der Meinung, daß der Dampf des Opferblutes sie anziehe, und daß sie es mit großer Begierde einschlürften S. das eilfte Buch der Odyssee. , in Hoffnung, das Schattenähnliche Mittelding zwischen Nichts und Etwas, womit sie sich nun anstatt ihres ehmaligen Leibes behelfen mußten, werde etwas mehr Konsistenz und Kraft dadurch erhalten. Canidia und Sagana, welche zukünftige Dinge von diesen Seelen erfragen wollten, bringen ihnen also das gewöhnliche Opfer; aber um das Hexen-Costum zu beobachten, läßt sie der Dichter das Lamm nicht schlachten, sondern mit ihren Zähnen zerreißen. . Auch sah ich da zwei Puppen, eine woll'ne, aus Wachs die andre: jene, größere, stand drohend mit gezückter Geißel, diese lag in Todesängsten, sklavengleich gekrümmt Und Gnade flehend Der Dichter, ohne sich allzu deutlich zu erklären, (welches in einer Beschreibung solcher Hexen-Geheimnisse, zumal im Munde des Priaps, der bloß erzählt was er sehen konnte, nicht schicklich gewesen wäre) gibt gleichwohl hinlänglich zu verstehen, daß der Zweck dieses nächtlichen Zauberwerkes der Canidia gewesen sei, irgend einen Widerspenstigen durch magische Mittel in sich verliebt zu machen. Zu dieser Absicht dienten vornehmlich die beiden sympathetischen Figuren . Die kleinere wächserne stellte den Patienten vor, welcher bezaubert werden sollte, die größere wollene, mit der Peitsche in der Hand, vermutlich die Canidia selbst. Jene wurde aus Wachs gebildet, um von den Nadeln, womit die Peitsche bewaffnet war, durchstochen zu werden, und im Feuer zerschmelzen zu können: warum aber die andere aus Wolle oder wollenen Lappen zusammengeflickt war, weiß ich nicht; es mag irgend einen aberglaubischen Grund, wie die Ausleger vermuten, gehabt haben; vielleicht steckt auch gar kein Geheimnis dahinter, und die wollene Puppe sollte nichts weiter als die Repräsentantin der ebenfalls in Wolle gekleideten Zauberin sein. Virgil läßt seine Pharmaceutria zwei Bilder ihres Geliebten an das magische Feuer setzen, eines von Wachs und eines von Leimen, und dazu sagen: Wie im nämlichen Feuer dies Wachs zerschmilzt, dieser Leim sich härtet, so schmelze und härte in meiner Liebe sich Daphnis. . Murmelnd riefen drauf der Hecate die eine, Tisiphonen der schrecklichen, die andre Hecate oder die unterirdische Diana (’Άρτεμις εν άδα, beim Theokrit ) wurde als eine furchtbare und geheimnisvolle unterirdische Gottheit verehrt. In der Tat ist ihre Theologie so geheimnisvoll, daß es unmöglich ist, klar darin zu sehen. Vornehmlich glaubten die Zauberer und Hexen, daß sie ohne ihren Beistand nichts ausrichten könnten, und suchten sich also, gleich zu Anfang ihrer Mysterien, diese mächtige Göttin gewogen zu machen. Erschien sie auf ihre Beschwörungen, so ging alles gut von statten. Die Tisiphone , welche hier von der andern Hexe beschworen wird, war eine von den Furien, und Horaz scheint durch Erdichtung dieses sonst nicht gewöhnlichen Umstandes sowohl die Liebeswut der armen Canidia, als ihre gänzliche Verzweiflung an ihren eigenen Reizen angedeutet zu haben, da sie sogar die Furien zu Hülfe rufen mußte, um sich einen Liebhaber zu verschaffen. Bei dem nächtlichen Zauberwerke, welches Theokrit in seiner zweiten Idylle beschreibt, läßt er seine Zauberin die Ankunft der Hecate bloß aus dem Bellen der Hunde in der Stadt schließen: Thestylis, hörst du nicht wie in der Stadt die Hunde uns bellen? Hecate geht im Scheideweg! – Hier aber sieht Priap wirklich höllische Schlangen und Hunde, als die Zeichen der Ankunft der Hecate und Tisiphone, wiewohl diese Göttinnen nicht in ihrer eigenen Gestalt sichtbar wurden. Auf eben diese Weise sagt Virgil im 6ten Buche der Äneis: – visaeque canes ululare per umbram adventante dea. : und nun hättet ihr die Schlangen sehen sollen, und die Höllenhunde, die heulend hin und wieder liefen, und den Mond, der, um kein Zeuge dieser gräßlichen Geheimnisse zu sein, sich blutrot hinter Canidiam, pedibus nudis passoque capillo, \<25\> cum Sagana maiore, ululantem. Pallor utrasque fecerat horrendas aspectu. Scalpere terram unguibus et pullam divellere mordicus agnam coeperunt; cruor in fossam confusus, ut inde Manes elicerent, animas responsa daturas. \<30\> Lanea et effigies erat, altera cerea; maior lanea, quae poenis compesceret inferiorem. Cerea suppliciter stabat, servilibus utque iam peritura modis. Hecaten vocat altera, saevam altera Tisiphonem: serpentes atque videres \<35\> infernas errare canes, lunamque rubentem, ne foret his testis, post magna latere sepulcra. den größten Grabstein schlich. Wofern ich nicht die Wahrheit sage, sollen alle Raben der ganzen Welt den Kopf mir übertünchen! Soll die zerbrechliche Pedazia Im Texte: Iulius et fragilis Pediatia . Dem Scholiasten zu Folge galt diese Priapische Pläsanterie einem gewissen römischen Ritter Julius Pediatius, der, nachdem er sein Vermögen durchgebracht, sich mit einem Gewerbe abgegeben haben soll, das sein Geschlecht so zweideutig machte, wie es dieser Vers ist. Was an dieser Anekdote sei, muß man dahin gestellt sein lassen. – Auch von dem uns eben so unbekannten Diebe Voranus erzählen die Scholiasten ein frostiges Anekdötchen, das aber nichts weiter sagt, als er sei ein – Dieb gewesen. und der Dieb Voran an mich ohne Scheu – begießen und bemalen! Ich könnte viel Besonders noch erzählen, wie mit den Geistern Sagana gesprochen und wie mit zarten weinerlichen Stimmchen, kaum hörbar, ihr die Geister Antwort gaben; und wie sie drauf gefleckter Schlangen Zähne mit einem Wolfsbart heimlich in die Erde verscharrt Man pflegte, sagt Plinius der Naturalist L. XXVIII. c. 10. , an die Tore der Dörfer ein Wolfsmaul zu nageln, weil das gemeine Volk glaubt, es sei ein kräftiges Mittel gegen alle Zauberei. Dies scheint uns einigermaßen zu erklären, warum die Hexen hier ein Wolfsmaul heimlich in die Erde vergraben; es geschah nämlich, um durch diese Zeremonie die Mittel, die man ihren Bezauberungen etwa entgegensetzen möchte, unkräftig zu machen. Vielleicht hatte es mit den Schlangenzähnen die nämliche Bewandtnis. , und in der angefachten Flamme das arme Bild von Wachs dahingeschmolzen. Nur freut mich, daß sie mich nicht ungestraft zum Zeugen dieser Höllen-Szene machten. Sie mußten mir gar fein die Angst bezahlen die das Geheul der Furien und ihre Greuel mir eingejagt! Denn mir entfuhr auf einmal ein Seufzer, daß mein feigenhölzernes Gesäß, gleich einer luftgefüllten Blase, mit lautem Knall zerbarst Allen Umständen nach war dieser Priapus noch eben so neu als die Mäcenatischen Gärten, zu deren Hüter er bestellt worden, und vermutlich aus noch frischem Holze gemacht; es ging also mit dem Zufall, wodurch er eine so gräßliche Spalte bekam, und mit dem Knall, der die armen Hexen so sehr erschreckte, ganz natürlich zu: aber der Einfall, diesen drollichten Gebrauch davon zu machen, ist den besten dieser Art im ganzen Rabelais wert. . Was die erschraken! Wie sie der Stadt zu rannten! Wie Canidia Mentior at si quid, merdis caput inquiner albis corvorum, atque in me veniat mictum atque cacatum Iulius et fragilis Pediatia, furque Voranus! \<40\> Singula quid memorem, quo pacto alterna loquentes umbrae cum Sagana resonarint triste et acutum, utque lupi barbam variae cum dente colubrae abdiderint furtim terris, et imagine cerea largior arserit ignis; et ut non testis inultus \<45\> horruerim voces Furiarum et facta duarum. Nam, displosa sonat quantum vesica, pepedi diffissa nate ficus. At illae currere in urbem, die Zähne, Sagana den hohen Haarkopf Caliendrum war eine Art von Fontangen , mit einem falschen Haaraufsatz, sagt ein Scholiast, und scheint es besser getroffen zu haben, als ein andrer, der eine bloße Schleierhaube daraus macht. , die Kräuter und die Zauberbinden um die Arme im Laufen fallen ließ! Ihr hättet euch über dem Spektakel krank gelacht! Canidiae dentes, altum Saganae caliendrum excidere, atque herbas et incantata lacertis \<50\> vincula, cum magno risuque iocoque videres. Neunte Satire Einleitung Horaz sagt uns in mehrern Stellen seiner Schriften, daß Rom zu seiner Zeit an Leuten, die an Witz, Schöngeisterei und angenehme Talente Anspruch machten, großen Überfluß gehabt habe. Diese letztern brachte der täglich zunehmende Luxus immer mehr in Wert. Das Beispiel eines Tigellius , und anderer, die teils als Virtuosen, teils als Complaisans eines Julius Cäsars, Marcus Antonius und Cäsar Octavius, ihr Glück gemacht hatten, war noch ganz neu. Vorzüglich aber mußte die Achtung, in welche sich Virgil, Varius, Horaz, Tibull u. a. bei einigen Großen des Staats, zumal bei Mäcenas, und durch ihn bei dem jungen Cäsar selbst gesetzt hatten, gar mächtige Eindrücke auf die leicht bewegliche Einbildungskraft der Dichterlinge machen. Alle diese Halbköpfe, die nur einen Sonnenblick brauchen, um gleich den Fröschen im Frühling in zahlloser Menge aus den Sümpfen am Parnaß hervorzuwimmeln, wähnten nun, daß ihre goldene Zeit gekommen sei. Warum, dachten sie, sollten Leute wie wir nicht eben so gut als der arme Mantuanische Baurensohn Virgil, und als Horaz, der Sohn eines Freigelaßnen, einen Platz an Mäcens Tafel oder in seinem Reisewagen behaupten? Warum sollten wir uns nicht eben so gut hübsche Landgüter ersingen können, als diese Poeten, die am Ende doch nichts vor uns voraus haben, als daß ihnen das Glück besser wollte, und daß sie uns zuvor gekommen sind? – Alles kam, in ihrer Meinung, bloß auf den Umstand an, einem Mäcenas nur bekannt zu werden; hätten sie sich nur einmal den Zutritt geöffnet, dann trauten sie sich schon so viel Witz und Geschmeidigkeit zu, ihr Glück so gut und vielleicht besser zu machen als andre. Zu diesem Ende schmiegten sie sich, als Leute, die auch zu der gelehrten Zunft gehörten, an die Glücklichen an, die bereits im Besitz der Göttertafeln waren, und verlangten kraft des Rechtes, das ihnen die Brüderschaft im Apollo an ihre Freundschaft gab, von ihnen anerkannt, empfohlen und vorgestellt zu werden. Ich glaube nicht sehr zu irren, wenn ich mich überrede, daß die Absicht, sich diese Gattung von Beschwerlichen ein für allemal vom Halse zu schaffen, der vornehmste Beweggrund unsers Dichters gewesen sei, ihre ganze zahlreiche Innung in dem Ideal eines ausgemachten bellettristischen Gecken und Faquins , den er zum Interlocutor in dem folgenden Dialog gemacht hat, dem öffentlichen Gelächter Preis zu geben. Daß er seinen Zweck erreicht habe, ist nicht zu zweifeln; aber vielleicht dachte er, in den genialischen Augenblicken, wo er dieses mit dem feinsten attischen und römischen Salze durchwürzte Scherzgedicht zum Vergnügen des Mäcenas und seiner Gesellschaft aufs Papier warf, nicht an alle Unlust, die ihm die Rache dieser hungrigen Wespen, deren ganzes Nest er dadurch gegen sich aufreizte, in der Folge zuzuziehen fähig sein würde. Doch, was es auch mit der Veranlassung, Absicht und Wirkung dieser dramatisierten Erzählung für eine Bewandtnis gehabt haben mag, immer wird sie, nach dem Urteil aller Personen von Geschmack, in Erfindung und Ausführung ein Meisterstück von einem nach Natur gezeichneten und mit Menandrischem Pinsel kolorierten komischen Gemälde bleiben; wo wir, ohne daß der Dichter die mindeste Verzerrung oder Übertreibung zu Bewirkung des Effekts nötig hatte, bloß durch die geschickte Auswahl der feinsten und treffendsten Züge, die frische Lebhaftigkeit der Farben, und das vortreffliche Licht, das ein wohl angebrachter Kontrast über das Ganze verteilt, den noch immer sehr gemeinen Charakter eines schalen, gefühllosen, hohltönenden, selbstgefälligen, abgeschmackten Schwätzers ohne Kopf, ohne Herz und ohne Sitten, so wahr und lebendig dargestellt sehen, daß man die Originale dazu in Menge zu finden keine Mühe haben wird. Jüngst, da ich, wie mein Brauch ist, auf der heiligen Straße Die heilige Straße hatte diesen Namen vielleicht von der sogenannten Regia , wo der Rex Sacrificulus alle Monat ein feierliches Opfer für die Stadt Rom bringen mußte, und wo der Pontifex Maximus das Collegium Pontificum zusammenzuberufen, oder, nach der heutigen römischen Art zu reden, Konsistorium zu halten pflegte. Sie durchschnitt die vierte Region der Stadt, und führte von der sogenannten Meta sudans Ein öffentlicher Springbrunnen in Gestalt eines Obelisk, von dessen Spitze das Wasser nur tropfenweise herabrann, damit das erhitzte Volk, wenn es aus dem Amphitheater kam, sich bequemer und ohne Nachteil der Gesundheit erfrischen konnte. , bei dem Koloß, der ihr rechter Hand stund, vorbei zwischen dem Tempel der Venus auf der linken, und dem Tempel des Friedens auf der rechten Hand, durch den Bogen des Fabius ( Arcus Fabianus ) in den großen römischen Markt. Sie war eine der schönsten und gangbarsten in Rom, wurde aber fleißiger von Pflastertretern und dienstfertigen Schönen als von meditierenden Weisen und Dichtern besucht: Torrentius will daher unter den nugis , worin Horaz vertieft war als er von dem Schwätzer unterbrochen wurde, lieber Galanterien verstehen; nam versus potius (sagt er) quam meretriculas eo loci meditatum fuisse, nullus mihi Grammaticus persuaserit . Der gute Bischof wird hoffentlich mit sich accordieren lassen. Horaz mag doch wohl Verse meditiert haben; aber an einem solchen Orte konnten es freilich keine andere als an irgend eine Lalage oder Cinara sein; und auch in solchen Meditationen läßt man sich nicht gern von einem Gecken stören. spazieren ging, und irgend eine Kleinigkeit im Kopf herumtrieb, ganz darin vertieft, begegnet mir ein Quidam , den ich bloß von Namen kenne, nimmt mich bei der Hand und spricht: »Wie gehts, mein Bester?« Diese affektierte Vertraulichkeit von einem Menschen, der Horazen kaum von Namen bekannt war, ist der erste Charakteristische Zug, der diese Art von Gecken bezeichnet, die ihre Selbstgefälligkeit, Behäglichkeit und unbescheidene Art, sich Bessern als sie sind aufzudrängen, für Bonhommie gehalten wissen möchten, und, bei ihrem gänzlichen Mangel an Unterscheidungsgabe, vielleicht selbst dafür halten mögen. Ein solches dulcissime mit einem freundlichen Händedruck setzt den Gecken mit einemmal à son aise ; er glaubt Horazen dadurch in die Notwendigkeit gesetzt zu haben, ihm hinwieder freundlich und vertraulich zu begegnen, und verschafft sich selbst den angenehmen Kitzel, sich ungefähr als seinesgleichen zu betrachten. Das bald darauf folgende noris nos, docti sumus , ist ein zweiter Zug dieser Art. Horaz hatte nun doch wohl keinen andern Ausweg, als ihm ein Kompliment darüber zu machen. – »Leidlich gut, so wie es geht; zu dienen.« – Da ich ihn zur Seite schlendern sehe, frag' ich: »Willst du noch weiter was von mir?« – »Du wirst« (erwidert er) »Mich kennen lernen, ich bin ein Gelehrter.« – »Desto höher steigt dein Wert bei mir«, ist meine Antwort. – Unruhvoll versuch' ich von ihm los zu kommen; laufe behender, bleibe wieder stehen, flüstre dem Diener was ins Ohr, indes der Angstschweiß mir bis auf die Fersen rinnt. »O glücklicher Bollan ! Wer deine Tollheit hätte!« Dieser Bollanus (sagt der Scholiast) war ein Grobian, der den Leuten alles was er von ihnen dachte, geradezu ins Gesicht zu werfen pflegte, wie unhöflich es auch herauskommen mochte. Er hatte also immer ein unfehlbares Mittel bei der Hand, die Beschwerlichen in die Flucht zu treiben: aber weil die römische Urbanität sich mit diesem Bollanischen Idiotismus nicht versöhnen konnte, so passierte Bollan für toll ( cerebrosus ). Daher braucht Horaz den Ausdruck: o te cerebri felicem , indem er ihn zum Scherze seiner Brutalität wegen glücklich preiset. murml' ich bei mir selbst, da jener, was ihm vor den Mund kam, plapperte,     Ibam forte via sacra, sicut meus est mos, nescio quid meditans nugarum, totus in illis: occurrit quidam notus mihi nomine tantum, arreptaque manu, »quid agis, dulcissime rerum?« \<5\> »Suaviter ut nunc est«, inquam, »et cupio omnia quae vis.« Cum assectaretur, »numquid vis?« occupo. At ille, »noris nos«, inquit, »docti sumus.« Hic ego, »pluris hoc«, inquam, »mihi eris.« Misere discedere quaerens ire modo ocius, interdum consistere, in aurem \<10\> dicere nescio quid puero; cum sudor ad imos manaret talos, »o te, Bollane, cerebri felicem!« aiebam tacitus, cum quidlibet ille und endlich gar aus Not die Straßen und die Stadt zu loben anfing. Wie nun keine Antwort erfolgen wollte, fuhr er fort: »Ich merke schon lange, daß du für dein Leben gern entwischen möchtest: aber daraus wird nun nichts Man muß sich vorstellen, daß diese Impertinenz in der Meinung des Gecken ein Bonmot sein soll. , ich halte fest. Wohin gedenkst du dann vorerst?« »Es ist nicht nötig dich so umzutreiben; ich gehe jemand zu besuchen, den du schwerlich kennst, er wohnt jenseits der Tiber, bei Cäsars Gärten.« Horaz glaubte durch diese Notlüge sich unfehlbar gerettet zu haben, denn die Gärten, welche Julius Cäsar dem römischen Volke vermacht hatte, lagen wohl eine Stunde weit von dem Tempel des Friedens entfernt: Aber der Schwätzer hatte seine Antwort schon fertig; er hatte nichts zu tun, und war nicht träg. – »Schön! Ich habe nichts zu tun, und träge bin ich auch nicht; ich begleite dich.« Wer wie ein übellaunig Müllertierchen, dem ein zu schwerer Sack den Rücken drückt, die Ohren sinken ließ, war ich. – »Ich müßte nur« (fing jener wieder an), »mich selbst nicht kennen, oder ich bin dein Mann so gut als Varius und Viscus Es waren zwei Gebrüder Visci , Senatorischen Standes, und Söhne eines beim August viel geltenden römischen Ritters, Vibius Viscus , die sich beide durch literarische Talente Ehre machten. Horaz nennt sie in der 10ten Satire unter denen, deren Beifall ihm schmeichelhaft sein würde. Aus gegenwärtiger Stelle läßt sich vermuten, daß er damals mit einem von beiden besonders wohl gestanden. . Denn wer macht schneller Verse und in größrer Menge als ich? Wer tanzt mit mehr Geschmeidigkeit? Und eine Lunge hab' ich dir zum Singen, die ein Hermogenes beneiden möchte!« Der Sänger Hermogenes Tigellius , mit welchem uns Horaz in der zweiten und dritten Satire bekannt gemacht hat, lebte nicht mehr, als diese Satire geschrieben wurde. Vermutlich steht sein Name hier bloß für jeden großen Virtuosen im Gesange. Hier fand ich endlich Raum, ihm beizukommen. garriret, vicos, urbem laudaret. Ut illi nil respondebam, »misere cupis«, inquit, »abire; \<15\> iamdudum video, sed nil agis, usque tenebo, persequar. Hinc quo nunc iter est tibi?« – »Nil opus est te circumagi, quendam volo visere non tibi notum; trans Tiberim longe cubat is, prope Caesaris hortos.« »Nil habeo quid agam et non sum piger, usque sequar te.« \<20\> Demitto auriculas ut iniquae mentis asellus, cum gravius dorso subiit onus. Incipit ille: »Si bene me novi, non Viscum pluris amicum, non Varium facies: nam quis me scribere plures aut citius possit versus? Quis membra movere \<25\> mollius? Invideat quod et Hermogenes ego canto.« »Ist deine Mutter noch am Leben? Hast du Anverwandte, denen viel an dir gelegen ist?« – »Nicht eine Seele mehr! Hab' alle beigesetzt!« Die Ausleger nehmen diese Antwort des Schwätzers so, als ob er dem Horaz damit einen Wink habe geben wollen, daß seine Freundschaft um so weniger zu verachten sei, weil er keine Anverwandten mehr habe, und ihn also allenfalls zu seinem Erben einsetzen könne. Mir scheint diese Auslegung nicht zur Sache zu passen. Der Schwätzer war, allen Umständen nach, kein Mensch, der an sein Testament denkt. Wer sich durch seine Stimme, seine Grazie im Tanzen, kurz durch angenehme Talente zu empfehlen sucht, ist wahrscheinlich noch in seinen besten Jahren. Dieser Umstand scheint aus seinem ganzen Betragen hervor; und überdies ist nicht sehr zu vermuten, daß er die Prätension gehabt habe, von Horaz für reich angesehen zu werden; er, der sichs deutlich genug merken ließ, daß er erst durch ihn sein Glück zu machen wünsche. Mir scheint es daher viel wahrscheinlicher, daß er durch diese Antwort alle besorgliche weitere Erkundigung oder Erklärung über seine Familie habe ausweichen wollen. Nebenher gab er auch damit zu verstehen, daß ein Mensch wie er, der an nichts hange, und in keinen häuslichen Verhältnissen stehe, desto freier mit sich selbst schalten, und sich seinen Gönnern und Freunden desto völliger widmen könne. – »Die Glücklichen! nun ist an mir die Reihe! Nur geschwinde! Laß mich nicht zu lange leiden! Denn das Los geht in Erfüllung, das die alte Marsische Wahrsagerin für mich in meiner Kindheit aus ihrem Topfe zog Im Text: Sabella ; weil aber die Marsen mit zu den Sabinern gerechnet wurden, und unser Autor in der 5ten und 17ten Epode Marsas voces und Marsas naenias für Zauber-Formeln und Zauber-Lieder gebraucht: so konnte ich ohne Bedenken Marsische für Sabinische setzen, da sich das letztere nicht ins Metrum bringen lassen wollte. Die Sabiner und Marsen gaben sich von Alters her viel mit abergläubischen Künsten ab. Eine derselben war die Wahrsagerei per sortes , d. i. durch Zettel, mit nonsensikalischen Versen beschrieben, die eine alte weise Frau mit gewissen Zeremonien in einen Topf warf, rüttelte, und dann aus dem Zettel, den sie heraus zog, das Schicksal desjenigen, dem es gelten sollte, vorhersagte. Daß Horaz diese vorgebliche Prophezeiung bloß zum Scherz erfunden habe, versteht sich von selbst. . Den Knaben, sprach sie, rafft nicht Feindes Schwert, nicht Gift noch Seitenstich, nicht Schwindsucht weg, noch träges Zipperlein; ein Schwätzer wird dereinst den Rest ihm geben; vor Schwätzern, wenn er klug ist, hüt' er sich, sobald er in die Jünglingsjahre tritt!«   Wir hatten Vesta Den Tempel der Vesta, nicht weit vom großen Markte. nun erreicht; ein Viertel vom Tage war verflossen, und es fügte sich, daß mein Gefährt' in Bürgschaftssachen gleich vor Amt erscheinen sollte, oder den Prozeß verloren hatte. »Willst du«, sprach er, »nicht Interpellandi locus hic erat: »Est tibi mater, cognati, queis te salvo est opus?« – »Haud mihi quisquam, omnes composui.« – »Felices! Nunc ego resto. Confice! Namque instat fatum mihi triste, Sabella \<30\> quod puero cecinit divina mota anus urna: ›Hunc neque dira venena, nec hosticus auferet ensis, nec laterum dolor aut tussis, nec tarda podagra: Garrulus hunc quando consumet cumque; loquaces, si sapiat, vitet, simulatque adoleverit aetas‹« \<35\> Ventum erat ad Vestae, quarta iam parte diei praeterita; et, casu, tunc respondere vadato debebat, quod ni fecisset, perdere litem. zur Freundschaft mit mir gehn und Beistand sein? Es ist in einem Augenblick vorbei.« »Ich bin des Todes wenn ich stehen kann, noch mich aufs bürgerliche Recht verstehe! Zudem so eil' ich über Hals und Kopf wohin du weißt.« – »Was soll ich tun?« spricht jener, »dich fahren lassen, oder den Prozeß?« – »O, mich, ich bitte sehr!« – »Nein«, spricht er, »in der Tat, ich tu' es nicht«, – und geht voran. Ich armer ergebe (weil mit einem Stärkern nicht zu hadern ist) mich in Geduld, und folge.   »Wie steht Mäcen mit dir?« beginnt er wieder Endlich kommt der Schwätzer, nach allerlei Umschweifen, wodurch er die wahre Absicht seiner Zudringlichkeit zu verbergen gesucht hatte, auf den Punkt, wo es ihn drückte. Er glaubte nämlich, ein Mensch wie er brauche nur einen Kanal, eine gute Empfehlung, um bei dem großen Gönner aller Talente, Mäcenas, sein Glück eben so gut zu machen, als andere. Hätte doch Horaz das seinige ebenfalls der Empfehlung eines Virgils und Varius zu danken? Mußte es ihm nicht schmeicheln, nun selbst der Mann zu sein, der wieder andere empfehlen konnte? . – »Er ist nun just kein Mann für einen jeden, ein sehr gesunder Kopf; noch niemand wußte ein großes Glück so gut wie er zu tragen.« »Du solltest einen tücht'gen Nebenmann zur zweiten Rolle bei ihm haben, wenn du meine Wenigkeit empfehlen wolltest. Mich soll das Wetter! wenn du nicht in kurzem die andern alle ausgestochen hättest!« Bei der Rasse von Gecken, zu welcher dieser Schwätzer gehörte, ist das Herz gewöhnlich so schlecht als der Kopf. Er glaubt seine Sachen recht listig angegangen, und Horazen einen unwiderstehlichen Beweggrund, ihn in das Mäcenatische Haus zu bringen, in den Busen geschoben zu haben, indem er ihm Hoffnung macht, daß er mit seinem Beistand gar bald alle übrigen, mit denen er jetzt die Gunst dieses Großen Herrn teilen müsse, aus dem Wege geräumt haben würde. Aber ohne es zu wissen noch zu wollen, verrät er ihm die ganze Verächtlichkeit seines Charakters, indem er, vermöge eines notwendigen Gesetzes der Natur, sich einbildet, Horaz und Mäcenas könnten nicht anders gesinnet sein, als er selbst an ihrem Platze sein würde; und also bei jenem eben die niedrige Denkart, Eitelkeit, Eifersucht und Neigung zu Ränken und Intriguen, und bei diesem eben die Schwäche voraussetzt, die ihm selbst als einem wertlosen und selbstischen Gecken natürlich waren. »Da irrst du dich; wir leben nicht auf solchen Fuß »Si me amas«, inquit, »paulum hic ades.« – »Inteream, si aut valeo stare, aut novi civilia iura! \<40\> et propero quo scis.« – »Dubius sum quid faciam,« inquit, »tene relinquam an rem.« – »Me, sodes!« – »Non faciam«, ille et praecedere coepit. Ego, ut contendere durum est cum victore, sequor. – »Maecenas quomodo tecum?« hinc repetit. – »Paucorum hominum et mentis bene sanae; \<45\> nemo dexterius fortuna est usus.« – »Haberes magnum adiutorem, posset qui ferre secundas, hunc hominem velles si tradere; dispeream, nicht summosses omnes.« – »Non isto vivimus illic in diesem Hause; keines in der Stadt ist reiner von dergleichen Unrat. Nie gereicht es mir zum Nachteil, daß ein andrer reicher oder gelehrter ist als ich; ein jeder steht auf seinem eignen Platze.« – »Was du sagst! Es ist kaum glaublich!« – »Und doch ist es so .« »Du machst mich desto ungeduldiger recht nah an ihn zu kommen.« Wieder zwei der treffendsten Charakterzüge des Schwätzers – erst , das Erstaunen über das, was ihm Horaz von der Art wie man in Mäcens Hause lebe, sagt: ein Erstaunen, worin er unfreiwilliger Weise aufrichtig ist, weil ein Mensch seines Schlages sich wirklich keinen Begriff von edeln Menschen machen kann – und dann die Geschmeidigkeit , womit er auf der Stelle von der erhaltnen Zurechtweisung Gebrauch macht, um sich das Ansehen zu geben, als ob die in Mäcens Hause herrschende Denkart gerade die seinige, und er also nur desto ungeduldiger sei, einem solchen Manne recht nahe zu kommen. Nichts kann angenehmer sein, als der Kontrast, der daraus entsteht, wenn zwei Personen wie Horaz und der Schwätzer eine kleine dramatische Szene zusammen spielen; wo dieser jenen immer zu betrügen glaubt , weil er ihn gerne betrügen möchte ; und, eben darum weil er selbst ein Dummkopf ist, dem andern Einfalt genug zutraut, daß er die groben Schlingen, die er ihm legt, nicht sehen werde; jener hingegen, da er doch nun einmal den beschwerlichen Menschen auf dem Nacken haben muß, sich wenigstens so gut als möglich an seinem geckenhaften Selbstvertrauen belustigt, und ihm durch ironische Komplimente immer mehr Gelegenheit gibt, seine Ohren und Krallen weiter hervorzustrecken, indem er sich recht zu seinem Vorteile zu produzieren glaubt. »O! du darfst nur wollen; ein Talent wie deines wird unfehlbar ihn erobern, und er ist ein Mann der sich erobern läßt, doch just deswegen hälts mit dem ersten Zutritt etwas schwer.« »Was das betrifft, da soll's an mir nicht fehlen; ich weiß die Schliche; will den Pförtner und die Kammerdiener schon auf meine Seite kriegen; nicht, wenn ich abgewiesen werde, gleich den Mut verlieren; die gelegnen Zeiten belauren; will in allen Straßen ihm entgegen kommen, ihn nach Haus begleiten! Den Sterblichen wird ohne große Mühe nichts in der Welt zu Teil.« – Indem der Kerl so schnattert, siehe, da begegnet uns quo tu rere modo; domus hac nec purior ulla est, \<50\> nec magis his aliena malis: nil mi officit umquam ditior hic aut est quia doctior; est locus uni- cuique suus.« – »Magnum narras, vix credibile.« – »Atqui sic habet.« – »Accendis, quare cupiam magis illi proximus esse.« – »Velis tantummodo, quae tua virtus, \<55\> expugnabis, et est qui vinci possit; eoque difficiles aditus primos habet.« – »Haud mihi dero; muneribus servos corrumpam; non, hodie si exclusus fuero, desistam; tempora quaeram; occurram in triviis, deducam. Nil sine magno \<60\> vita labore dedit mortalibus.« – Haec dum agit, ecce Fuscus Aristius Eben der, an welchen die 22ste des 1sten Buchs der Oden und die 10te Epistel gerichtet ist. S. Horazens Briefe, I. Teil. S. 179 u. f. , der liebsten einer von meinen Freunden, und der jenen trefflich kannte. Wir bleiben stehn. Woher? wohin? ist beiderseits die erste Frag' und Antwort. Ich beginne den Mann zu zupfen, zieh' ihn was ich kann beim boshaft zähen Arme, wink' und drehe mir beinah die Augen aus dem Kopfe, daß er mich erlösen soll. Umsonst, der lose Vogel lächelt und tut als merk' er nichts. Mich fängt die Galle zu brennen an – »Du hattest ja ich weiß nicht was Geheimes mir zu sagen?« – »Ich erinnre michs ganz wohl, es soll ein andermal geschehn; heut geht's nicht an; es ist – ein Neumonds-Sabbat Wenn ich nicht sehr irre, so behilft sich Aristius mit dieser Ausflucht bloß deswegen, weil ihm in der Eile keine bessere einfiel; und Horaz scheint diesen Umstand weniger, um der Juden zu spotten, erdichtet zu haben, als um der komischen Wirkung willen, die daraus entsteht, daß er von einem seiner besten Freunde, in der Not worin er sich befand, um einer so frivolen und von jenem noch dazu aus bloßer Schelmerei vorgegebenen Ursache willen, stecken gelassen wird. Über die Bedeutung der Worte, hodie tricesima Sabbata , haben sich die Ausleger viel Mühe gemacht. Ich bin der Meinung beigetreten, welche mir die wahrscheinlichste schien; und mich deucht übrigens, Horaz habe hier die Worte gewählt, die in sein Metrum paßten, ohne eben an eine sehr genaue Kenntnis des jüdischen Fest-Kalenders Anspruch zu machen. Die Anmerkung, welche Doktor Baxter bei dieser Stelle macht, ist um so merkwürdiger, weil man denken sollte, er habe sie einem Kapuziner gestohlen. Quis miretur (sagt er) ejusmodi convicia homini Epicureo atque Pagano excidisse? Jure igitur Henrico Glareano Diaboli Organum videtur . Friede sei mit den armen Seelen Henrici Glareani und Richardi Baxteri , um dieses Eifers willen, womit sie die beschnittnen Juden an dem Epikurer und Heiden Horaz gerochen haben! ; du wirst doch, um das bißchen Haut zu wenig, die guten Juden nicht so schmählich halten und ihren Sabbat schänden wollen?« – »O darüber mach' ich mir keinen Skrupel!« – »Aber ich! In solchen Dingen bin ich etwas schwach, vom großen Haufen einer; um Verzeihung! ein andermal!« – Damit entwischt der Schalk, und läßt mich unterm Messer. – Daß die Sonne heute Fuscus Aristius occurrit, mihi carus et illum qui pulchre nosset. Consistimus. Unde venis? et quo tendis? rogat, et respondet. Vellere coepi et prensare manu lentissima bracchia, nutans, \<65\> distorquens oculos, ut me eriperet: male salsus ridens dissimulare; meum iecur urere bilis. »Certe nescio quid secreto velle loqui te aiebas mecum?« »Memini bene; sed meliori tempore dicam; hodie tricesima sabbata: vin tu \<70\> curtis Iudaeis oppedere?« »Nulla mihi«, inquam, »relligio est.« »At mi! sum paulo infirmior, unus multorum; ignosces, alias loquar.« Hunccine solem so schwarz mir aufgegangen sein soll! Doch, zum Glück, begegnet meinem Mann sein Widerpart. »Wohin, du Schurke«, schreit er laut ihn an, und gleich an mich sich wendend: »Darf ich dich zum Zeugen nehmen?« – Denkt wie hurtig ich das Ohr ihm hinbot Es war ein alter römischer Gebrauch, daß man denjenigen, den man zum Zeugen einer Tatsache auffordern wollte, beim Ohre faßte und die Worte dazu sagte: memento, quod tu in illa causa testis eris ; und dies hieß antestari – sagt ein alter Scholiast , vergißt aber hinzuzusetzen: daß man einen solchen Zeugen nötig hatte, wenn man jemand via facti anpacken und vor Gericht schleppen wollte; weil dies sonst eine widergesetzliche Gewalttätigkeit gewesen wäre, und den Angegriffenen zu einer Injurienklage berechtigst hätte. ! Kurz, er schleppt ihn vor Gericht; auf beiden Teilen viel Geschrei, von allen Seiten Zusammenlauf. – So rettete Apollo mich Eine Anspielung auf das Homerische: – τὸν δ' εξήρπαξεν ’Απόλλων.                 Iliad. XX. 443. oder (wie Cruquius meint) auf die Bildsäule des Apollo, die im Foro Augusti stand; und warum nicht auf beides? . tam nigrum surrexe mihi! Fugit improbus ac me sub cultro linquit. Casu venit obvius illi \<75\> adversarius, et »quo tu, turpissime?« magna inclamat voce, et »licet antestari?« Ego vero oppono auriculam. Rapit in ius; clamor utrimque, undique concursus. Sic me servavit Apollo! Zehnte Satire Einleitung Diese Satire ist größtenteils kritischen Inhalts, und besteht in einer Verteidigung seines in der vierten über seinen Vorgänger Lucilius gefällten Urteils. Dieser alte Dichter hatte noch so viele und warme Liebhaber, daß Horaz durch die Freimütigkeit, womit er seine Meinung von ihm gesagt hatte, einem großen Teil des Publikums mißfällig worden war. Ein gewisser Hermogenes Tigellius , (der, meines Bedünkens, von dem Günstling des Julius Cäsar eben dieses Namens unterschieden werden muß) scheint sich an die Spitze einer Kabale von kleinen Dichtern, Grammatikern, Witzlingen und anmaßlichen Virtuosen (welche schlecht genug sein mußten, um seine Klienten zu sein) gestellt, und durch das Geschrei, so er gegen unsern Dichter und seine damals noch neuen Versuche erhob, zu dem gegenwärtigen Stücke die nächste Veranlassung gegeben zu haben. Horaz erklärt sich darin noch deutlicher und ausführlicher als vormals über das, was (nach seinen Begriffen) die Schönheit solcher Gedichte ausmache, und wovon der Mangel gerade das sei, was er am Lucil aussetze; dem er übrigens seinen den Römern so beliebten Witz und Humor so wenig streitig zu machen verlangt, daß er vielmehr aus Bescheidenheit und Klugheit gelinder mit ihm zu verfahren scheint, als wir vermutlich tun würden, wenn wir Lucils Schriften noch vollständig vor uns hätten. Horaz ergreift diese schickliche Gelegenheit, um den vorzüglichsten Dichtern seiner Zeit, mit welchen er zum Teil in vertrauter Freundschaft lebte, im Vorbeigehen ein öffentliches Zeichen seiner Achtung zu geben. Wenn wir den Ovidius, Tibullus und Propertius hier vermissen: so kam es bloß daher, weil Tibullus vermutlich sich noch nicht als Dichter gezeigt hatte, Propertius und Ovidius aber um die Zeit da Horaz diese Satire schrieb (i. J. 717) noch beinahe Kinder waren. Wenn wir uns aber auch aus dem Umstande, daß von allen von ihm angepriesenen Dichtern der einzige Virgil von der Nachwelt gekrönt worden, auf die Vermutung leiten ließen, daß sich seine Freundschaft für die Personen, oder wohl gar ein wenig politische Rücksicht, mit in sein Urteil von den übrigen gemischt habe: so müssen wir wenigstens gestehen, daß er sich dieser Pflicht der Freundschaft und Höflichkeit mit einer feinen Wendung und mit großer Anständigkeit erlediget hat; und daß gerade der vornehmste und reichste ( Asinius Pollio ) derjenige ist, der mit einer bloßen Erwähnung seiner tragischen Versuche, ohne alles Lob, sich begnügen muß. Auf eine eben so edle Art hat er auch bei dem am Schlusse dieses Stückes angebrachten Verzeichnis seiner Gönner und Freunde, oder, wie er sich ausdruckt, derer, denen er als Dichter zu gefallen wünsche , allen Schein von Eitelkeit und Prahlerei zu entfernen gewußt; und die Nachwelt sieht nach achtzehnhundert verfloßnen Jahren die Sachen aus einem so sehr veränderten Gesichtspunkte, daß, wie viel Ehre es ihm auch bei seinen Zeitgenossen machen mochte, die edelsten, größten und vorzüglichsten Männer in Rom unter seine Freunde zählen zu dürfen, dermalen doch die Ehre ganz allein auf ihrer Seite , und der Platz, den ihnen Horaz in dieser Liste gibt, ein größerer Titel in unsern Augen ist, als alle die hohen Würden, Ahnen, Titel und Vorzüge, womit einige unter ihnen bei ihren Lebzeiten prangten. Nun ja, Lucilius Verse, sagt' ich, gingen ein wenig holpericht und ungelenk: wer unter seinen Gönnern hat so wenig Ohr, mir das zu leugnen? Doch wird auf demselben Blatte die Laune und das scharfe Salz gerühmt, womit er seine Zeitgenossen rieb. Gleichwohl, indem ich dies ihm zugestehe, will ich darum nicht alles übrige mit einbegriffen haben; denn sonst müßt' ich auch die Mimen des Laberius Die Römer waren von Alters her große Liebhaber aller Arten von dramatischen Bouffonnerien. Eine derselben bestand aus den sogenannten Mimen , welche sie (wie beinahe alle ihre Artes ludicras ) den Griechen abgelernt zu haben scheinen. Da von allen den mimis Das Wort Mimus ist vieldeutig. Bald bezeichnet es bei den Alten eine Art von monodramatischem Gedicht, bald den, der es machte, und noch gewöhnlicher den, der es agierte. Auch die pantomimischen Tänzer und Tänzerinnen heißen oft schlechtweg Mimi und Mimae . , woran sowohl die griechische als römische Schaubühne überflüssig reich war, nicht ein einziges Stück ganz auf uns gekommen ist: so können wir uns keinen hinlänglich bestimmten Begriff von der Form dieser Gedichte machen. Soviel erhellet indessen aus allem, was die neuern Philologen in alten Schriftstellern über diesen Gegenstand aufgetrieben haben: daß es Monodramen waren; daß es darin hauptsächlich um bürleske Darstellung niedrig-komischer Charakter und Leidenschaften, und um Erschütterung des Zwerchfells der Zuhörer zu tun war; daß die Verfasser daher auch größtenteils in der Wahl der Mittel, diesen Zweck zu erhalten, wenig Delikatesse gebrauchten, und der Freiheit, die man ihnen zum Vergnügen des Publikums zugestand, eine Ausdehnung gaben, wobei züchtige Ohren wenig geschont wurden – von den obszönen und sotadischen Mimen Ovidius spricht zwar von den Mimen überhaupt, wenn er sie obscoena iocantes und imitantes turpia nennt; ( Trist. II. v. 497–515. ) aber es ist darum nicht weniger gewiß, daß dieser Vorwurf nicht alle, wenigstens nicht in gleichem Grade, traf. Seneca selbst gesteht, daß man in den Mimen häufig Gedanken und Sprüche finde, die einem Philosophen Ehre machen würden; und die noch übrigen Sprüche aus den Mimen des P. Syrus sind der beste Beweis hievon. , worin es bloß um Zoten und Unanständigkeiten zur Belustigung der Hefe des Pöbels zu tun war, nichts zu sagen. Eben der glückliche Genius und feine Geschmack der Griechen , der die schmutzig-burlesken Bockslieder , die von trunknen Landleuten am Bacchusfeste abgesungen wurden, stufenweise bis zur Tragödie des Sophokles und zur Komödie des Menander veredelt hatte, wußte auch diese pöbelhaften Monodramen, wovon die Rede ist, zu verschönern; und ganz gewiß müssen die Mimen des Sophron von Syrakus, welche Plato selbst zu lesen nicht müde wurde Salmas. in Solin. p. 76. B. , in ihrer Art sehr vortrefflich gewesen sein. Eben so scheinen sich auch bei den Römern die Mimen des Decimus Laberius (von welchem Horaz hier spricht) und die des Publius Syrus (der jenem den Kranz in dieser Art von Dichtkunst abgewann) von den übrigen unterschieden zu haben. Von beiden sind sehr unterhaltende Anekdoten beim Macrobius in seinen Saturnalien ( Lib. II. cap. 7. ) zu lesen. Laberius , ein geborner römischer Ritter, ein Mann den weder Ambition noch Habsucht plagte, hatte (wie es scheint) aus den Musenkünsten das Geschäfte und Vergnügen seines Lebens gemacht, und sich aus Liebhaberei mit Verfertigung verschiedener Mimen abgegeben, die er von Histrionen spielen ließ. Er war schon ein Mann von 60 Jahren, als Julius Cäsar , bei den szenischen Spielen , die er, nach Vollendung des Pompejischen Bürgerkriegs, in allen Regionen der Stadt Rom auf seine Kosten gab, durch Bitten, die im Munde dessen der alles durfte die Kraft eines Befehls hatten, über ihn vermochte, daß er einige seiner Mimen in eigener Person und in einem Wettstreite mit dem jüngern und allgemein beliebten Publ. Syrus öffentlich agieren mußte. Macrobius hat uns einen Teil des Prologs aufbehalten, den er, um sich dem Publico wegen dieser Unanständigkeit zu entschuldigen, bei dieser Gelegenheit rezitierte. Er ist so schön, und so geschickt uns einen Begriff von dem Geiste und der Manier dieses einst berühmten Mimen-Dichters zu geben, daß ich nicht umhin kann, ihn hier, nebst dem Original, so gut als es mir gelingen wollte übersetzt, mitzuteilen. Die Not, ein Strom, den viele durch Entgegenschwimmen zu überwinden schon versuchten, wenige vermochten, wohin hat sie beinahe noch in meinen letzten Augenblicken mich gebracht? Mich, den nicht Ehrgeiz, noch Gewinnsucht, keine Gewalt, kein Ansehn, keine Furcht, in meiner Jugend aus meinem Stande heben konnte, seht wie leicht der große Mann , durch gnädige zu sanften Bitten herzgewinnend sich herunterlassende Beredungen, im Alter mich aus meiner Stelle rückte! Doch Ihm, dem selbst die Götter nichts versagen konnten, wie hätt' ich bloßer Mensch ihm etwas abzuschlagen geduldet werden können? So geschah es dann, daß nun, nach zweimal dreißig ohne Tadel verlebten Jahren, ich, der meinen Herd als römscher Ritter eben itzt verließ, nach Haus als Mimus wiederkehren werde. Um diesen einz'gen Tag hab' ich demnach zu lang gelebt! – O du im Bösen wie im Guten unmäßige Fortuna , wenn es ja dein Wille war, des Ruhmes Blume, den die Musen mir erwarben, abzuknicken, warum nicht lieber damals, da ich noch in frischen Jahren grünte, noch die Kräfte hatte dem Volk und einem solchen Mann genug zu tun. o! warum beugtest du nicht lieber damals mich, da ich noch biegsam war, um meine Zweige zu schneiden? Jetzt, wozu so tief herab mich drücken? Was bring' ich auf den Schauplatz? etwa Schönheit, Anstand, mutvolle Kraft des Geistes, Reiz der Stimme? Ach! wie dem Baum der Efeu durch Umarmen das Leben raubt, so hat das Alter langsam mich umschlingend ausgesogen; und gleich einem Grabe behielt ich von mir selbst nichts als den Namen.     Necessitas, cuius cursus traniversi impetum voluerunt multi effugere, pauci potuerunt, quo me detrusit paene extremis sensibus? Quem nulla ambitio, nulla umquam largitio, nullus timor, vis nulla, nulla auctoritas movere potuit in iuventa de statu, ecce in senecta ut facile labefecit loco viri excellentis mente clemente edita submissa placide blandiloquens oratio! Etenim ipsi dii negare cui nihil potuerunt, hominem me denegare quis posset pati? Ergo bis tricenis annis actis sine nota eques Romanus Lare egressus meo domum revertar mimus. Nimirum hoc die uno plus vixi, mihi quam vivendum fuit. Fortuna, immoderata in bono aeque atque in malo, si tibi erat libitum litterarum laudibus florens cacumen nostrae famae frangere, cur, cum vigebam membris praeviridantibus, satisfacere populo et tali cum poteram viro, non flexibilem me concurvasti ut carperes? Nunc me quo deicis? Quid ad scaenam affero? Decorem formae, an dignitatem corporis, animi virtutem, an vocis iocundae sonum? Ut hedera serpens vires arboreas necat, ita me vetustas amplexu annorum enecat. Sepulcri similis nil nisi nomen retineo. Man sieht aus dieser kleinen Probe, daß es dem alten Ritter Laberius, seiner gerechten Weheklage ungeachtet, weder an Geist noch Witz gebrach: aber in der Wahl der Stücke selbst zeigte er, daß es ihm auch nicht an Mut fehle; denn, da es ihm frei gelassen war, welche von seinen Mimen er agieren wollte so wählte er (gewiß nicht ohne Absicht) einen, worin einige Verse vorkamen, die von allen Zuhörern als Anspielungen auf Julius Cäsar aufgenommen wurden; als z. B. indem er in der Person eines gepeitschten Sklaven sich auf einmal an das Volk wandte und ausrief: Porro Quirites! libertatem perdimus! O weh, ihr Römer! unsre Freiheit ist dahin! und bald darauf: Necesse est multos timeat quem multi timent! Der hat vor vielen sich zu fürchten, der von vielen gefürchtet wird! bei welchem Worte das ganze Volk wie mit einem Blick zu Cäsarn aufgeschaut haben soll. Cäsar fühlte den Stich, aber er war zu groß, sich für beleidigt zu halten; und wiewohl er den Mimen des Publius Syrus den Preis zuerkannte, so beschenkte er nichts desto weniger den alten Laberius auf der Stelle mit einem goldnen Ring und 500000 Sesterzien, (um ihn dadurch wieder in die ritterliche Würde, die er durch die Gefälligkeit, öffentlich einen Mimus und Histrio zu agieren, verwirkt hatte, wieder einzusetzen) mit dem Befehl, nun wieder unter den Rittern im Amphitheater Platz zu nehmen. Aber der ganze Ritterstand, dessen Ehre in der Person des Laberius von Cäsarn gekränkt worden war, zeigte, daß er die Beleidigung gefühlt habe, und daß sie noch nicht Sklaven genug seien, um es auf die Laune des Diktators ankommen zu lassen, nach seinem Belieben einen römischen Ritter zum Mimen, und den Mimen wieder zum römischen Ritter zu machen: denn in einem Augenblicke dehnten sich die Ritter in den vierzehn Reihen von Bänken, die ihrem Orden in den Theatern angewiesen waren, so weit aus einander, daß Laberius nirgends, wo er sich setzen wollte, Platz finden konnte. Bei dieser Gelegenheit wird ein sehr beißendes Bon-Mot von ihm erzählt. Cicero , der sich selber auf seine Gabe in scharfgesalznen Scherzen viel zugut tat, sagte zum Laberius, wie er ihn in der Verlegenheit einen Sitz zu finden herumirren sah: ich wollte dir gern bei mir Platz machen, wenn ich nur nicht selbst so eng säße Dieses Scomma galt eigentlich Cäsarn, der vor kurzem den Senat mit so vielen hominibus novis von seinen Kreaturen angefüllt hatte. . Wunderbar genug, daß du enge sitzen sollst, erwiderte Laberius, da du doch immer auf zwei Stühlen zu sitzen pflegst. – Ein Stich, den die Briefe des Cicero, die uns seinen zweideutigen Charakter nur zu sehr verraten, und sein Betragen in den bürgerlichen Kriegen, überflüssig rechtfertigen. Ich glaube mich durch diese Notiz von dem Mimendichter Laberius nicht zu weit von der Veranlassung, welche Horaz dazu gegeben, entfernt zu haben: denn sie setzt uns in den Stand, sein Urteil von ihm desto besser zu verstehen. Julius Cäsar Scaliger behauptet zwar in seiner Poetik, daß dem letztern großes Unrecht von Horazen getan werde; und in der Tat, wenn seine Mimen alle oder nur größtenteils im Geschmack des angezogenen Prologs geschrieben waren, so möchte Scaligers Unwillen zu entschuldigen sein. Aber Horaz, der alle Werke des Laberius vor sich hatte, konnte sie doch wohl am besten schätzen. Er spricht ihnen nicht alles Verdienst ab; er gesteht ihnen, wie den Lucilischen Satiren, Witz und Salz zu: nur für schöne Gedichte läßt er sie nicht gelten, weil ihnen die Kürze, die Rundung, die Feile, kurz das Vollendete fehlte, welches er mit Recht von einem schönen Gedichte fodert; und mich deucht, selbst in dem mitgeteilten Fragmente finden sich Verse, denen es an diesen Eigenschaften fehlt, und wo der Gedanke sich in überflüssigen Worten gleichsam verwickelt, wie z. B. mente clemente edita submissa placide blandiloquens oratio , und litterarum laudibus florens cacumen nostrae famae frangere. Übrigens hatte Laberius diesen Fehler mit allen ältern römischen Poeten gemein: die Rundung und Glätte, die Horaz an ihnen vermißt, war den Dichtern des Augustischen Jahrhunderts aufbehalten Gellius führt im 7ten Kapitel des 16ten Buches seiner attischen Nächte eine Menge Beispiele seltsamer selbstfabrizierter Wörter und Redensarten an, womit Laberius seine Mimen vollgepfropft habe; und vermutlich hat Horaz auch diese Lizenz , die seiner Sprache ein groteskes Ansehen geben mußte, im Auge gehabt. . für schöne Gedichte gelten lassen. Nein, des Hörers Mund durch Lachen zu verzerren machts nicht aus (wiewohl auch dazu Kunst gehört): man muß auch kurz sich auszudrücken wissen, so, daß der Gedanke sich schnell und leicht entfalte, nicht in Worten sich verwickle, die das Ohr mit leerem Schall ermüden. Der Vortrag muß dem ernsten Ton nicht selten den muntern unversehens unterschieben, muß bald des Redners bald des Dichters Rolle spielen,     Nempe incomposito dixi pede currere versus Lucili: quis tam Lucili fautor inepte est, ut non hoc fateatur? At idem, quod sale multo urbem perfricuit, charta laudatur eadem. \<5\> Nec tamen hoc tribuens dederim quoque cetera: nam sic et Laberi mimos ut pulchra poemata mirer. Ergo non satis est risu diducere rictum auditoris; et est quaedam tamen hic quoque virtus: est brevitate opus, ut currat sententia, neu se \<10\> impediat verbis lassas onerantibus aures: et sermone opus est modo tristi, saepe iocoso, defendente vicem modo rhetoris atque poetae, auch wohl des feinen Manns, der seiner Kräfte zu schonen weiß und sie mit Fleiß verkleinert Ein jeder, der von dem Gegenstande wovon er spricht voll ist, sagt (wofern er nicht durch besondere Rücksichten zurückgehalten wird) gewöhnlich alles was er von der Sache weiß, spricht in einem positiven, dogmatischen, keinen Widerspruch leidenden Ton, stürmt auf den Gegner mit der ganzen Gewalt seiner Argumente zu, und glaubt ihn nicht geschwinde genug zu Boden werfen zu können. Dies ist es hauptsächlich, worin sich der Pedant von einem Manne von Lebensart und Welt in der Konversation unterscheidet. Der letztere hält an sich; spricht wie einer der immer bereit ist sich eines Bessern belehren zu lassen; verhehlt seine Stärke; scheint dem andern oft mehr einzuräumen als er nötig hätte, und gewinnt am Ende seinen Prozeß nur desto sicherer; und wenn dies auch nicht wäre, so gibt ihm schon die bloße Höflichkeit diesen bescheidenen Ton; er vermeidet durch die Achtung, die er für den Verstand des andern zeigt, das Beleidigende des Widersprechens, und weiß Recht zu behalten, ohne seinen Gegner zu demütigen und gleichsam im Triumph zu führen. – Ich kenne keine bessern Belege für alles was Horaz in dieser Stelle sagt, als seine eignen Satiren und Episteln. . Ein Scherz, ein lachend Wort entscheidet oft die größten Sachen treffender und besser als Ernst und Schärfe Cicero , sagt Macrobius ( Saturnal. II. c. 1. ), trug mehr als einmal, in Rechtshändeln, wo er eine sehr böse Sache verteidigte, den Sieg durch einen Scherz davon. – Desto schlimmer freilich für die römische Justiz seiner Zeit! Indessen ist die gute Wirkung des zu rechter Zeit und am rechten Orte gebrauchten feinen Spottes, der Ironie, und dessen was Shaftesbury (den die D. D. und M. A. unter seinen Landesleuten so gern unrecht verstehen) das Licht des Lächerlichen nennt, von allen Verständigen anerkannt und unleugbar. . Hierin lag die Stärke der alten Komiker Athens, dies ists worin sie nachzuahmen sind; sie, welche freilich weder euer schöner Hermogenes , noch jener Affe kennt, der nichts gelernt hat als dem Calvus und Catullus nachzuleiern Vermutlich ist der Affe , den Horaz hier dem schönen Hermogenes zugesellt, eben der Demetrius , dem er unten die Ehre erwiesen hat, ihn namentlich der Unsterblichkeit zu übergeben. Lächerlich ist der Scholiast, der uns weis machen will, Horaz habe ihn wegen seiner kleinen Figur und Magerkeit einen Affen gescholten; da doch der Dichter selbst den Grund davon deutlich angibt, indem er ihm vorwirft: er habe nichts gelernt als dem Calvus und Catullus nachzuleiern. Denn daß cantare hier nicht singen wie ein Singemeister ( modulator ), sondern poetisieren heiße, gibt der ganze Zusammenhang der Rede zu erkennen. Licinius Calvus hatte eine kleine Anzahl kleiner Gedichte in der Gattung der Catullischen gemacht, die ihm einen Platz unter den erotischen Dichtern der Römer verschafften. Man sieht aus einer Anekdote beim Gellius N. A. Lib. XIX. Cap. 9. , daß die Griechen selbst, die sich gewöhnlich ihrer literarischen Vorzüge vor den Lateinern sehr stark bewußt waren, einige wenige Stücke dieses Calvus und des Catullus allenfalls noch ganz allein würdig fanden, eine Vergleichung mit Anakreons lieblichen Liedern auszuhalten. Um so mehr also Schade, daß nichts von ihm auf uns gekommen ist. . – »Aber (sagt man) war's nicht etwas Großes, soviel Griechisch in die Sprache Latiums zu mischen?« – O der feinen Kenner, die als etwas Schweres bewundern, was sogar Pitholeon von Rhodus kann Was Horaz hier von diesem Graeculus (der, nach dem Scholiasten, in einem lächerlichen Mischmasch von Latein und Griechisch Epigrammen geschrieben haben soll) sagt, ist alles was man von ihm weiß; und besser wär' es für seinen Nachruhm, wenn man auch dies nicht wüßte. ! – »Und doch hat diese Mischung der beiden Sprachen eine eigne Anmut, und die Lateinsche wird dadurch dem Ohre gefälliger, so wie Falernerwein mit Griechischem vermischt, dem Gaumen.« Gilt dies nur von Versen, oder auch alsdann, interdum urbani, parcentis viribus atque extenuantis eas consulto. Ridiculum acri \<15\> fortius et melius magnas plerumque secat res. Illi, scripta quibus comoedia prisca viris est, hoc stabant, hoc sunt imitandi; quos neque pulcher Hermogenes umquam legit, nec simius iste, nil praeter Calvum et doctus cantare Catullum. \<20\> »At magnum fecit quod verbis Graeca Latinis miscuit.« – O seri studiorum, quine putetis difficile et mirum, Rhodio quod Pitholeonti contigit! – »At sermo lingua concinnus utraque suavior, ut Chio nota si commixta Falerni est.« wenn du den bösen Handel des Petillius Siehe oben die 14te Erläuterung zu der vierten Satire . verfechten solltest? Und gefiel dir's besser, wenn ein Corvinus , ein Publicola Die Rede ist ohnezweifel von zwei beredten Rechtsgelehrten; aber was für ein Pedius, und was für ein Corvinus, und ob der Zuname Publicola dem einen oder andern angehöre, darüber können die Ausleger nicht ins Klare kommen, und zum Glücke verliert unser Dichter nichts dabei. , vergessend daß sie als geborne Römer zu Römern reden, ihre vaterländsche Sprache mit fremden Wörtern, gleich den doppelzüngigen Canusiern Das gemeine Volk sprach zu Canusium , und überhaupt in Calabrien, Apulien und Lucanien (dem ehmaligen Magna Graecia ) eine Art von patois aus Griechisch und Latein gemischt. , verfälschten? Auch mir kam einmal der Einfall, griechsche Verschen machen zu wollen, ob ich gleich diesseits des Meeres geboren bin Vermutlich machte er diesen Versuch, da er in seiner Jugend zu Athen studierte; und wenn Baxters übrigens ziemlich leichte Vermutung, daß seine Voreltern geborne Griechen gewesen, Grund hätte, so hätte auch Horaz einen Beweggrund mehr gehabt, in griechischer Sprache zu dichten. Aber Apollo, oder sein guter Genius erinnerte ihn bei Zeiten: daß man klüger tue in der Sprache zu dichten worin man geboren ist, und daß mehr Verdienst und Ehre dabei sei, den Griechen in einer Sprache, deren Literatur noch im Steigen war, nachzueifern, als die unendliche Menge ihrer Dichter um einen Mann zu vermehren, und ein unbedeutender griechischer Autor zu sein, wenn man hoffen könnte, ein vortrefflicher lateinischer zu werden. : allein der göttliche Quirinus erschien im Traume mir, nach Mitternacht, wenn Träume wahr sind Daß Horaz sich bloß scherzweise stellte, als ob er den gemeinen Aberglauben, daß die Träume nach Mitternacht wahr seien, für gegründet halte, versteht sich, zumal bei einem Schüler des Lucretius, wohl von selbst. Dem Lambinus fällt hiebei der Anfang der Europa , nicht des Theokritus (wie er sagt), sondern des Moschus ein: Cypris sandte Europen einst einen lieblichen Traum zu, als das Drittel der Nacht vorbei, und Aurora schon nah war, dann, wann süßer als Honig der Schlaf auf den Lidern der Augen sitzend, die Glieder auflösend, mit weichem Bande sie fesselt, und das Volk der untrüglichen Träume zu Herden umherschweift. , und verbot es mir mit diesen Worten: Holz in einen Wald zu tragen wäre minder albern, als der Griechen Scharen noch um einen Mann vollzähliger zu machen. – So geschah es dann, daß, unterdes der schwülstige Alpin Allem Anschein nach ein schwülstiger Tragödienmacher in denselben Tagen, der sehr wenig Eindruck gemacht haben muß, da es unmöglich ist herauszubringen, wer er gewesen sein könne. Der wachende Traum des Cruquius , daß Horaz den geliebtesten Freund seines Freundes Virgils, den Dichter Cornelius Gallus , aus Rache wegen einer Beleidigung, von welcher nirgends keine Spur zu finden ist, unter dem Namen Alpinus hier habe lächerlich machen wollen, widerlegt sich selbst durch seine traumartige Sinnlosigkeit. Worin doch das Vergnügen bestehen mag, das einige gelehrte Ausleger des Horaz darin gefunden haben, ihn bei jeder entfernten Gelegenheit, wenn sie auch die Umstände, Ursachen und Beweisgründe geradezu erdichten mußten, zu einem schlechten Menschen zu machen? Der Bibaculus des Bentley ist unschuldiger, aber nicht viel besser gegründet. Alpinus oder Vivalius oder Bibaculus , was kann uns der wahre Name eines mit allen seinen Werken längst vergeßnen Dichterlings kümmern? Daß auf eine vermutlich damals ganz neue Tragödie dieses Alpinus, Memnon genannt, und auf ein anderes Gedicht desselben, worin ein lächerliches Gemälde des Rheins, als eines Flußgottes, vorkam, angespielt werde, ist im Text deutlich genug. Ich lese diffingit , und übersetze es, dem Zusammenhang gemäß, durch sudelt , weil mich Bentley mit seinen Gründen für die Leseart defingit nicht überzeugt hat. Offenbar wählte Horaz dieses Wort, so wie den doppelsinnigen Ausdruck: iugulat dum Memnona , um den Alpinus als einen elenden Dichter zu charakterisieren; und wir können uns darauf verlassen, daß er ihm nicht zuviel getan hat. den Memnon schlachtet und das lettengelbe Haupt \<25\> Cum versus facias teipsum percontor, an et cum dura tibi peragenda rei sit causa Petilli? Scilicet, oblitus patriaeque patrisque Latini, cum Pedius causas exsudet, Publicola atque Corvinus, patriis intermiscere petita \<30\> verba foris malis, Canusini more bilinguis? Atque ego cum Graecos facerem, natus mare citra, versiculos, vetuit me tali voce Quirinus, post mediam noctem visus, cum somnia vera: In silvam non ligna feras insanius ac si \<35\> magnas Graecorum malis implere catervas. Turgidus Alpinus iugulat dum Memnona, dumque des Rheins uns sudelt, ich die leeren Stunden mit Scherzen mir verkürze, welche nie im Tempel um Tarpas Spur. Metius Tarpa , der angesehenste unter den Zensoren, denen die Dichter, welche für die Schaubühne arbeiteten, ihre Werke vorlesen mußten. S. die Erläut. X. zu der Epistel an die Pisonen, im 2ten Teil meiner übersetzten Horazischen Briefe , S. 571 . Diese Vorlesungen geschahen in dem Tempel des Palatinischen Apollo, welchen Augustus erst nach dem Treffen bei Actium erbaute, und der also, als Horaz diese Satire schrieb, noch nicht vorhanden war. Der Tempel, den der Text als den Ort der Vorlesungen angibt, muß also ein anderer gewesen sein. günst'ges Urteil buhlen, noch zum zweiten-, drittenmal den Schauplatz füllen werden. Kein Lebender, Fundan , nimmt dir den Vorzug, die feine Buhlerin, den schlauen Davus, der alle Vorsicht seines argwohnvollen Alten zu Schanden macht, mit Witz und Anstand schwatzen zu lassen. Pollio , in ernsten Jamben Pede ter percusso , d. i. in trimetrischen oder zwölfsilbigen Jamben, welches die eigentliche Versart der Tragödie war. , stellt Königstaten auf die Bühne; Varius weiß kühn und besser als kein anderer den Strom des Heldenlieds zu leiten; den Virgil Von diesen vier Dichtern, deren jeden Horaz für den ersten in seinem Fache, zu seiner Zeit, zu erklären scheint, ist Virgil der einzige, dessen Werke die unsrige erreicht haben. Horaz, und vermutlich Virgil selbst, ließ sich, als dies geschrieben wurde, noch nichts davon träumen, daß der sanfte und anmutsvolle Günstling der ländlichen Camönen dem Varius dereinst den Lorbeerkranz der Helden-Muse von der Stirne reißen würde. – Der Komödien-Dichter Fundanius scheint der nämliche zu sein, den Horaz in der 8ten Sat. des 2ten Buches redend einführt. Es ist sonderbar genug, daß Quintilian in seiner Rezension der lateinischen Dichter weder diesem Fundanius unter den komischen , noch dem Pollio unter den tragischen , noch dem Varius unter den epischen Dichtern einen Platz eingeräumt, und also das günstige Urteil, das Horaz hier von ihnen fällt, keinesweges bestätigst hat; er gedenkt der beiden ersten gar nicht, und erwähnt von dem dritten nur sein Trauerspiel Thyest , als ein Stück das den vollkommensten Tragödien der Griechen zur Seite gehe. Pollio war freilich ein zu vornehmer Dichter, um nicht auf ein Kompliment von einem jungen Autor, der sich erst hervorzutun anfing, Anspruch machen zu können; und Fundanius , wie es scheint, einer von Horazens vertrautern Freunden. Indessen würde er diesem letztern doch nicht den ersten Rang unter den gleichzeitigen Komödienschreibern gegeben haben, wenn er nicht wenigstens das Urteil aller derjenigen, die er am Schlusse dieser Satire als kompetente Richter in Sachen des Geschmackes aufführt, auf seiner Seite gehabt hätte. Beispiele dieser Art verdienen angemerkt zu werden. Sie beweisen, daß der entschiedenste Beifall der Zeitgenossen nicht immer für die Beistimmung der Nachwelt Gewähr leistet; und es kann auch den berühmtesten Schriftstellern nichts schaden, zuweilen ihrer Sterblichkeit erinnert zu werden. begabten mit Gefälligkeit und Anmut die ländlichen Camönen: was für mich noch übrig blieb, und was mir besser als dem Varro Atacinus Der Satirenschreiber, dem, nach der Art wie sich Horaz darüber ausdrückt, seine Versuche in diesem Fache gänzlich mißlungen sein müssen, ist nicht der berühmte Polyhistor M. Terentius Varro , (wiewohl auch dieser eine große Anzahl prosaischer oder regellos versifizierter sogenannter Menippeischer Satiren geschrieben hat, deren Verlust, nach ihren bloßen Titeln zu urteilen, zu beklagen ist) sondern ein gewisser Publius Terentius Varro von Atace , einem Flecken im Narbonensischen Gallien, von dessen Poeterei außer einigen unbedeutenden Fragmenten und Epigrammen, die man in den Stephanischen und Pithöischen Sammlungen findet, sich nichts erhalten hat. , dem es fehl schlug, und andern mehr, vielleicht gelingen mag, ist dieses Fach, worin ich dem Erfinder ganz willig weiche; denn, den Kranz, der mit diffingit Rheni luteum caput, haec ego ludo quae nec in aede sonent certantia iudice Tarpa, nec redeant iterum atque iterum spectanda theatris. \<40\> Arguta meretrice potes Davoque Chremeta eludente senem comis garrire libellos unus vivorum, Fundani! Pollio regum facta canit pede ter percusso: forte epos acer, ut nemo, Varius ducit: molle atque facetum \<45\> Virgilio annuerunt gaudentes rure Camenae: hoc erat, experto frustra Varrone Atacino atque quibusdam aliis, melius quod scribere possem, so vielem Ruhm ihm auf der Scheitel sitzt, herabzureißen, der Gedanke nur sei von mir ferne! – »Aber, sagt' ich nicht, er fließe trüb und führe öfters mehr verwerfliches als Gutes.« – Ja, das sagt' ich: und du, gelehrter Herr, hast du am großen Homer nicht manches auszusetzen? Tadelt etwa der gütige Comis , ist hier ironisch zu nehmen. Lucil nicht dies und das an Actius dem Tragiker, und spottet des Ennius gewisser Verse wegen, die er für das Heldenlied zu frostig, aber d'rum sich selber keineswegs für größer hält als den Getadelten? Was sollte denn, wenn wir Lucils Satiren lesen, uns verwehren, zu untersuchen, ob die Schuld an ihm, ob an der Ungeschmeidigkeit der Sachen liege, wenn seine Verse nicht polierter sind, nicht sanfter fließen, als man es von einem erwartet, der, zufrieden etwas in sechs Füße hineinzuzwingen, mit Behaglichkeit inventore minor; neque ego illi detrahere ausim haerentem capiti multa cum laude coronam. \<50\> At dixi fluere hunc lutulentum, saepe ferentem plura quidem tollenda relinquendis: age, quaeso, tu nihil in magno doctus reprendis Homero? Nil comis tragici mutat Lucilius Acti? Non ridet versus Enni gravitate minores, \<55\> cum de se loquitur non ut maiore reprensis? Quid vetat et nosmet Lucili scripta legentes quaerere, num illius, num rerum dura negarit versiculos natura magis factos et euntes mollius, ac si quis, pedibus quid claudere senis zweihundert Verse vor, zweihundert nach der Tafel fertig macht; – von welcher Art das, wie ein Gießbach, überströmende Genie des Tuskischen Poeten war Im Texte: Hetrusci Cassi . Die Frage ist, wer dieser Hetruskische Cassius war, der soviel Verse geschrieben, daß man seinen Leichnam damit verbrennen konnte, ohne anderes Holz dazu zu gebrauchen als die Kisten, worin sie lagen? Diejenigen, die eine mir unerklärbare Freude daran haben, von Horazens Herzen Arges zu denken, können sich nichts anders vorstellen, als daß Cassius Parmensis gemeint sei, von welchem ich hier nicht wiederholen will, was ich im I. T. der Horaz. Briefe S. 103 über den Vers: scribere quod Cassi Parmensis opuscula vincat beigebracht habe. Es ist hinlänglich, wenn ich sage, daß dieser Cassius von Parma einer der edelsten Verfechter der sterbenden römischen Freiheit, und ein ehmaliger Kamerad unsers Dichters im Lager des Brutus gewesen war; und daß Horaz selbst in der angezogenen Epistel an Tibull von seinen opusculis mit Achtung spricht. Er kann also schon aus diesem einzigen Grunde nicht gemeint sein; zumal, da er nur opuscula geschrieben hatte, hier aber die Rede von einem Poeten ist, der ganze Kisten voll Verse ausgeströmt hatte. Daß sich sonst nirgends keine Spur von diesem letztern findet, ist seine eigene Schuld; genug daß Horaz, damit man ihn nicht etwa mit dem von Parma verwechsle, ihn den Hetrurier nennt. Denn daß Parma, die allen Geographen zufolge eine römische Kolonie in Gallia Cispadana war, jemals zu Hetrurien gerechnet worden sei, haben Cruquius und Masson zwar gesagt, aber nicht bewiesen. Lustig ists übrigens, wenn Masson Vita Horat., pag. 157. in dieser Stelle keinen Spott sehen kann, und also um so weniger zweifelt, daß Cassius von Parma gemeint sei. , von dem die Sage ging, er sei mit lauter Kisten voll seiner eignen Schriften eingeäschert worden. Ich wiederhol' es, mag doch, wenn ihr wollt, Lucil voll Anmut und Urbanität, und mehr gefeilt gewesen sein als jener, der in diesem von den Griechen unberührten Fache den ersten rohesten Versuch gemacht Vermutlich ist hier der alte Dichter Ennius gemeint. Wie übrigens, nachdem Horaz, der mit der griechischen Literatur sehr bekannt war, die Satire so ausdrücklich zu einer römischen Erfindung macht und Graecis intactum carmen nennt, und hierin von einem beider Sprachen so kundigen Kunstrichter als Quintilian war, unterstützt wird S. Flögels Geschichte der komischen Litteratur, 2. Band S. 12. u. f. Hr. Fl. hat diese Materie mit so vieler Sachkenntnis, als davon zu haben ist, aus einander gesetzt, und gegen die Behauptung des H. und Q. mit vieler Bescheidenheit Zweifel vorgetragen, die (wie mich deucht) bloß deswegen nicht aufzulösen sind, weil keine griechischen Gedichte mehr vorhanden sind, die mit den Lucilischen, Horazischen oder Juvenalischen Satiren verglichen werden könnten. , ein moderner Grammatiker sich einfallen lassen konnte, das Gegenteil zu behaupten, würde kaum begreiflich sein, wenn es nicht Jul. Cäs. Scaliger wäre. Jene konnten mit voller Kenntnis der Sache sprechen, denn sie hatten noch alle Produkte der griechischen Literatur vor sich. Wir sprechen vom Margites des Homer, von den sogenannten Sillen des Xenophanes und Timon, die wir nicht mehr haben , und also mit den Satiren der Römer nicht vergleichen können, und wollen gleichwohl mehr von der Sache wissen als Horaz und Quintilian! , und als der ältern Dichter ganzer Troß: er würde dennoch, falls das Schicksal ihn für unsre Zeiten aufgesparet hätte, sich selbst viel abgewischt, was hinter dem Vollendeten sich nachschleppt, weggeschnitten, und über'm Bilden In versu faciendo . Facere heißt dem Horaz hier nicht bloß machen, sondern mit Kunst und Fleiß machen, ausarbeiten, bilden, ausfeilen, vollenden; daher auch oben die Redensart versiculos magis factos . seiner Verse oft im Kopfe sich gekratzt, sich oft die Nägel zerbissen haben. Du, der schreiben will was uns zum Wiederlesen reizen soll, ausstreichen mußt du lernen, und, mit wenig Lesern \<60\> hoc tantum contentus, amet scripsisse ducentos ante cibum versus, totidem cenatus; Hetrusci quale fuit Cassi rapido ferventius amni ingenium, capsis quem fama est esse librisque ambustum propriis. Fuerit Lucilius, inquam, \<65\> comis et urbanus, fuerit limatior idem quam rudis et Graecis intacti carminis auctor, quamque poetarum seniorum turba: sed ille, si foret hoc nostrum fato dilatus in aevum, detereret sibi multa, recideret omne quod ultra \<70\> perfectum traheretur, et in versu faciendo saepe caput scaberet, vivos et roderet ungues. Saepe stilum vertas, iterum quae digna legi sint zufrieden, nicht der Menge zu Gefallen schreiben! Wie? Schwachkopf! wolltest du in Winkelschulen den Knaben lieber dich diktieren lassen? Ich nicht! Mir ists genug, wenn nur die Ritter mir klatschen, sprach, vom Volke ausgezischt, die stolze Arbuscula Eine Pantomimen-Tänzerin, deren Blüte in die letzten Jahre des siebenten Jahrhunderts der Stadt Rom fiel, als sie noch in den Spielen, die der große Pompejus dem Volke gab, auftrat, und Cicero an seinen Atticus von ihr schrieb: quaeris de Arbuscula? valde placuit . . Wie? sollte mich Pantil , die Wanze, ärgern? Quälen sollt' ich mich, daß ein Demetrius hinterrücks mir in den Rock beißt? Oder daß ein Fannius , der abgeschmackte Tischfreund des Hermogenes Tigellius In diesen vier Versen finden wir, wie ich glaube, die Häupter der Kabale beisammen, gegen welche eigentlich diese Satire gerichtet ist, wiewohl Horaz nicht für gut fand, ihr durch ein solches Geständnis eine Art von Wichtigkeit zu geben. Von Fannius war in der vierten schon die Rede; wahrscheinlich hatte er das beatus Fannius ultro delatis capsis et imagine übel aufgenommen, und sich durch eine unartige Rache das ineptus , womit er hier beschenkt wird, zugezogen. Demetrius , ohne Zweifel der nämliche, den er oben einen Affen des Calvus und Catulls nannte, ist von einigen zur Ungebühr mit dem viel spätern Schauspieler dieses Namens, dessen Talent Quintilian am Schlusse seines eilften Buches rühmt, verwechselt worden. Mir scheint er einer von den halblateinischen Graeculis gewesen zu sein, deren sich damals so viele zu Rom aufhielten, Privatlehrer der schönen Wissenschaften abgaben, und große Ansprüche an Geschmack und Bel-esprit machten. Pantil, die Wanze , muß ein sehr schlechter Mensch gewesen sein, da ihn Horaz als einen solchen behandelt; allem Ansehen nach seiner Profession ein Scurra und Schmarotzer des Tigellius, der die Seele dieses Clubs von anmaßlichen Virtuosen, Kunstrichtern und Versemännern war. Meine oben bei der vierten Satire geäußerte Meinung, daß man genötigt sei, zwei Tigellen anzunehmen: einen ältern , nämlich den Sänger Tigellius, der soviel bei Julius Cäsar galt, und welchem Horaz in der 2ten und 3ten Satire als einem seit kurzem Verstorbenen eine so feine Parentation hält; und einen jüngern , vermutlich einen natürlichen oder adoptierten Erben des erstern, der, mit weniger Talent und Glück, die Rolle seines Vorfahrens nach Möglichkeit fortzuspielen suchte, und, wie er (nur in einem kleinern Kreise), den Virtuosen und Protektor der schönen Künste und Wissenschaften machte, – scheint durch diese Stelle und das Kompliment am Schlusse dieses Stückes: Demetri, teque Tigelli etc. einen hohen Grad von Gewißheit zu erhalten. Denn daß diese zehnte Satire auch der Zeit nach die letzte, und eine ziemliche Weile nach der zweiten und dritten geschrieben worden sei, ist keinem Zweifel unterworfen. , nicht günstig von mir spricht? O möge, was ich schreibe, nur ein Plotius , und Varius, Mäcenas , und Virgil , und Valgius, Octav , und mein geliebter Fuscus und beide Visci beifallswürdig finden! Noch kann ich, ohne mir zuviel zu schmeicheln, dich, Pollio , und dich mit deinem Bruder, Messala , nennen; und euch, Servius und Bibulus , und bied'rer Furnus , dich, scripturus, neque te ut miretur turba labores, contentus paucis lectoribus. An tua demens \<75\> vilibus in ludis dictari carmina malis? Non ego! Nam satis est equitem mihi plaudere, ut audax, contemptis aliis, explosa Arbuscula dixit. Men' moveat cimex Pantilius, aut crucier, quod vellicet absentem Demetrius? aut quod ineptus \<80\> Fannius Hermogenis laedat conviva Tigelli? Plotius et Varius, Maecenas, Virgiliusque, Valgius, et probet haec Octavius, optimus atque Fuscus, et haec utinam Viscorum laudet uterque! Ambitione relegata te dicere possum, \<85\> Pollio, te, Messala, tuo cum fratre, simulque vos, Bibule et Servi, simul his te, candide Furni; nebst manchen andern Männern von Geschmack und meinen Freunden, deren stillen Beifall ich meinen Kleinigkeiten wünschen möchte Die meisten, welche Horaz hier mit einer sehr feinen Wendung als seine Freunde und Gönner bekannt macht, sind es unsern Lesern bereits ohnehin, oder aus andern Stellen dieser Satiren; und die übrigen würden uns durch das wenige, was man noch von ihnen weiß, nicht interessanter werden, da sie doch nur bloß als Freunde unsers Dichters etwas bei uns gelten können. Was den Octavius betrifft, unter welchem einige den jungen Cäsar haben verstehen wollen, so habe ich (alle Gründe Bentleys wohl überlegt) meine ehmals in der Einleitung zu Horazens Epistel an August geäußerte Meinung aufgegeben, und stimme denen bei, welche lieber einen nicht so vornehmen Octavius (z. B. den, an welchen das Epigramm in den Catalectis: Quis deus, Octavi, te nobis abstulit? gerichtet ist) gemeint wissen wollen. Der Erbe Cäsars, der sich um diese Zeit mit Antonius in das römische Reich geteilt hatte, hieß schon lange nicht mehr Octavius, sondern Cäsar , bis er im J. 727 den erhabenen Beinamen Augustus erhielt; und nichts hätte wohl der Bescheidenheit und Klugheit unsers Dichters widersprechender sein können, als den Mann, der damals die erste Person in der Welt vorstellte, unter dern Namen Octavius zwischen seine guten Freunde, Virgilius, Valgius und Fuscus Aristius zu stellen. Hingegen verdient bemerkt zu werden, daß der Dichter in dieser Aufzählung derjenigen, denen er zu gefallen wünsche, zuerst seine Freunde im engeren Verstande , Mäcenas, Virgil, Varius, Fuscus, u.s.w. nennt, und auf diese erst ambitione relegata seine Gönner , lauter Viros Consulares, Praetorios und Senatorios , einen Messala, Pollio, Servius, Bibulus, u.s.w. folgen läßt. Nicht weniger ist, als etwas das vielleicht eben so sehr an der römischen Etikette als an der Denkart des Mäcenas hing, auffallend: daß dieser letztere, wiewohl er nach Cäsar Octavianus , und neben Vipsanius Agrippa , im Grunde die dritte Person in Rom war, gleichwohl, weil er (nach römischer Art zu reden) immer im Privatstande geblieben war, von Horaz nicht (wie es Wohlstand und Ehrerbietung nach unsern heutigen Begriffen erfodert hätte) zu seinen hohen Freunden und Gönnern, sondern zwischen Varius und Virgil, in eine zwar ehrenvolle Gesellschaft vortrefflicher Männer, wovon aber die meisten von geringerer Herkunft waren, gestellt wird, ohne daß der Dichter besorgen mußte, dem Günstling Cäsars und Abkömmling Ein Wort, das, wie Herr Adelung sagt, bei uns nach und nach zu veralten scheinet . Wir wollen es also, soviel an uns ist, nicht dazu kommen lassen; denn wir können es nicht gänzlich entbehren, wiewohl sein Gebrauch im gemeinen Leben selten ist. uralter Hetrurischer Könige dadurch zu mißfallen. ; und schmerzen sollte michs, wenn mich hierin die Hoffnung täuschte. Was euch Virtuosen, Demetrius , und dich, Tigellius , betrifft, mögt ihr doch meinetwegen unter euern gelehr'gen – Schülerinnen heulen, bis ihr es genug habt Das Original hat hier einen Doppelsinn im Ausdruck. Plorare vos iubeo kann zwar ganz füglich die Bedeutung haben, die ich in der Übersetzung wählte: es ist aber auch, nach römischem Sprachgebrauch, ungefähr das Äquivalent der Redensart: geht an den Galgen! – Discipularum steht, wahrscheinlicher Weise, für Discipulorum , und deutet auf ein Verhältnis dieser Virtuosen zu ihren Schülern, das auch in den Zeiten der größten Sittenverderbnis der Römer nie aufhörte ein sehr häßlicher Vorwurf zu sein. ! Knabe, geh und schreibe dies zu meinem kleinen Buche flugs hinzu Dieser Befehl an seinen Schreiber scheint im Grunde doch wohl nichts anders anzuzeigen, als daß diese 10te Satire das, was er libellum suum nennt, nämlich das erste Buch seiner Satiren, voll machen solle; und daß er gesonnen sei, es nun in dieser Gestalt, nämlich als eine von ihm selbst herausgegebene und für die seinige erkannte Sammlung seiner Satiren, die bisher nur in Abschriften herumliefen, öffentlich bekannt zu machen. ! complures alios, doctos ego quos et amicos prudens praetereo, quibus haec, sint qualiacumque, arridere velim, doliturus si placeant spe \<90\> deterius nostra. Demetri, teque, Tigelli, discipularum inter iubeo plorare cathedras. I puer, atque meo citus haec subscribe libello. Der Horazischen Satiren Zweites Buch Erste Satire Einleitung Ungeachtet des Geschmacks, den das lesende Publikum zu Rom noch immer an den Satiren des alten Lucilius fand, fiel doch das Unternehmen unsers Dichters, seine Kräfte in eben diesem Fache zu versuchen, so stark auf, als ob er sich ohne Beispiel und Vorgänger auf die schlüpfrige Bahn gewagt hätte. Natürlicherweise ärgerte sich damals niemand mehr an den Freiheiten, wie groß sie auch sein mochten, die sich ein Lucilius vor siebenzig Jahren gegen die vornehmsten Leute seiner Zeit herausgenommen hatte; man brach die Rosen seines Witzes, ohne von ihren Dornen verwundet zu werden, und lachte gar herzlich bei manchem Scherz, wozu derjenige, dem es ehmals gegolten, sauer genug gesehen haben mochte. Wir befinden uns dermalen mit den Horazischen Satiren in dem nämlichen Falle: aber in der Zeit und an dem Orte, wo sie geschrieben wurden, mußte freilich vieles eine ganz andere Wirkung tun; und wiewohl Horaz (außerdem daß er in der Tat das gute Herz hatte, welches er sich in der 4ten und 6ten Satire beilegt) in einer zu angenehmen Lage und in zu guter Gesellschaft lebte, als daß seine Satire jemals in das unartige Gebell eines bissigen Cynikers , oder in den gallichten Eifer eines mißmutigen und gegen seine Zeit empörten Juvenals hätte ausarten können: so fehlte es doch nicht an Leuten, denen für sich selbst bang wurde, wenn sie sahen, wie wenig Umstände er mit einem Gorgonius und Rufillus , mit einem Pantolabus und Nomentanus, Fannius und Tigellius machte; und es wäre viel, wenn ihm nicht sogar die eingesetzten Zähne der Canidia und die falschen Haare ihrer Freundin Sagana bei mancher schönen Römerin, deren Reize er dadurch ihren – Neidern verdächtig machte, einigen Schaden getan haben sollten. Horaz hatte sich dieses unvermeidliche Schicksal eines Satirendichters schon damals ziemlich lebhaft vorgestellt, als seine ersten Stücke noch einzeln unter seinen Freunden und Bekannten in Abschriften herumgingen. Aber, da er sie endlich gesammelt hatte und ein ganzes Buch voll bei den Gebrüdern Sosius öffentlich zu Kauf stand, scheint das Geschrei, das die Getroffnen erhuben, seine Erwartung übertroffen, und sowohl dieser Umstand, als überhaupt die Art, wie man hie und da, vielleicht selbst in angesehenen Häusern, über seine Sokratische Muse urteilte, ihn ganz natürlich auf den Einfall gebracht zu haben, dem zweiten Buch seiner Satiren eine komische Apologie voranzuschicken, die ihm fürs künftige Ruhe verschaffen, und wobei er sowohl die verständigen Leute als die Lacher auf seiner Seite haben möchte. Der Witz, die Laune, die Feinheit, die Urbanität, womit er diesen Gedanken in gegenwärtigem Stück ausgeführt hat, bleibt noch überraschend, auch nachdem er uns schon daran gewöhnt hat, ihn in diesem allem sich selbst immer gleich, und nur mit sich selbst vergleichbar zu finden. Die Ironie, eine Tonart in welcher niemand (den großen attischen Meister selbst nicht ausgenommen) mit größrer Leichtigkeit und Anmut zu spielen wußte als er, kommt ihm auch hier aufs glücklichste zu statten. Sie geht durch das ganze Stück; sie verwebt sich auf die angenehmste Art mit dem naiven Ton von Bonhommie und Arglosigkeit, der ihm gleich eigen ist; und beide vereinigen sich, eine Grazie über das Ganze auszugießen, die sich besser empfinden als beschreiben läßt, aber gewiß keinem Leser von Geschmack unbemerkt bleiben kann. Nichts konnte wohl glücklicher sein als der Einfall, – in der ironischen Verlegenheit, worein er durch die widersprechenden Urteile des Publikums über seine Satiren gesetzt zu sein sich anstellt – einen Rechtsgelehrten , und (worauf hier alles ankam) unter allen möglichen gerade den Trebatius zu Rate zu ziehen: eine Wendung, wodurch das Gedicht zugleich das Interessante einer schalkhaften dramatischen Szene und das Kunstlose eines zufälligen Gesprächs erhält, er selbst aber in dem Laufe der Unterredung Gelegenheit findet, wie von ungefähr und gleichsam unter vier Augen, dem Trebaz von ein und anderem, was er auf dem Herzen hatte, eine Konfidenz zu machen, die zum Teil auf ganz andere Personen abgesehen war. Um die ganze Schönheit dieses Stücks, so weit es jetzt noch möglich ist, zu fühlen, muß man sich zuvor mit dem Charakter des Trebatius , durch die noch vorhandenen Briefe des Cicero an ihn, bekannt gemacht haben Sie folgen im 7ten Buche der Briefe ad Familiares vom 6ten bis 22sten in einer Reihe. Der 19te und 20ste ist im J. 709, die übrigen alle sind in den Jahren 699 und 700 geschrieben. . Der Dialog selbst wird uns um soviel anschaulicher, je bestimmter und lebendiger die Kenntnis ist, die wir von dem Interlocutor haben. Wir sehen dann gleichsam die Miene, den Blick, den Ton, womit er jedes Wort sagt; und wer weiß nicht, wie so ganz zweierlei oft die nämlichen Worte bedeuten, wenn sie mit dieser oder einer andern Modifikation der Stimme, mit dieser oder einer entgegengesetzten Bewegung der Augen oder Lippen u.s.w. vorgebracht werden? Cajus Trebatius Testa , aus einer guten aber immer in der Dunkelheit gebliebenen Familie vom Ritterstand entsprossen, scheint der erste seines Namens gewesen zu sein, welcher Trieb und Fähigkeit fühlte, sich in der Welt hervor zu tun. Für einen jungen Menschen ohne Namen und Vermögen waren in Rom nur zwei Wege offen, Rechtsgelahrtheit oder Kriegsdienste. Trebatius wählte den ersten, wurde dadurch dem Cicero bekannt, bewarb sich, von seiner ersten Jugend an, um den Schutz dieses großen Mannes, und wußte sich ihm sowohl durch seine Geschicklichkeit als durch den Reiz seines Umgangs so angenehm und wert zu machen, daß man unter allen seinen kleinen Freunden schwerlich einen finden wird, für den er sich aus bloßer Zuneigung so lebhaft verwendet, und an dessen Glück er so herzlich Teil genommen hätte. Trebatius befand sich in seinen besten Jahren, als ihn Cicero i. J. 699 dem Julius Cäsar empfahl, der (wie bekannt) um diese Zeit als Prokonsul von Gallien den großen Entwurf seines ganzen Lebens der Vollendung immer näher brachte. Gallien und ein Platz unter Cäsars Comitibus war damals eine Goldgrube in den Augen aller jungen Leute, die ihr Glück machen wollten, ohne über die Mittel allzubedenklich zu sein. Dem Trebatius fehlte es nicht an großer Begierde, recht bald reich zu werden; aber er scheint zu leichtsinnig, zu ungeduldig, und was viele vielleicht zu ehrlich nennen würden, gewesen zu sein, um durch eine eifrige und gänzliche Ergebenheit an seinen neuen Patron sein Glück so hoch zu treiben, als es wohl in seiner Gewalt gewesen wäre. Die Wahrheit ist, Trebatius hatte in seiner Gemütsart viel Ähnliches mit Cicero; er hatte nicht Stärke genug, durchaus und ohne Kapitulation und Bedingungen, immer nach seiner Überzeugung zu handeln; aber er hatte doch Grundsätze von Rechtschaffenheit. Wie oft er auch auf die andre Seite gezogen wurde, so schwankte er doch immer wieder zu jenen zurück; und es gab Dinge, wozu er sich um keines Vorteils willen entschließen konnte. Daher kam es, daß er, ungeachtet aller Verbindlichkeiten, die er dem großen Cäsar hatte, beim Ausbruch des bürgerlichen Krieges sich mit seinem alten und ersten Patron Cicero , ohne selbst recht zu wissen wie und ohne der unheilbaren Republik etwas dadurch zu helfen, auf der Pompejanischen Partei, und also in kurzem in dem Falle befand, sein Schicksal auf die berühmte Clementiam Caesaris ankommen zu lassen. Er betrog sich indessen nicht in seiner Rechnung. Cäsar vergab ihm, und Trebaz, den diese Lektion (wie es scheint) auf sein ganzes übriges Leben klug gemacht hatte, widmete sich von nun an gänzlich seiner ersten Profession, ohne sich weiter in die Staatsangelegenheiten zu mischen, ausgenommen daß er im J. 706 einen sehr unschuldigen Volkstribunus vorstellte. Er war, nach dem immer scherzhaften Ton der Briefe des Cicero an ihn, und einer Menge darin vorkommender deutlicher Winke Z. B. sed haec iocati sumus tuo more, ep. 14. und im 10ten Briefe, rideamus licet, sum enim a te invitatas – und im folgenden, da er ihm sehr ernstlich versichert, ohne den Gedanken, daß es zu des Trebatius Glücke sei, würde ihm die Trennung von einem so angenehmen Gesellschafter unerträglich sein; »wäre unsre Trennung dir nicht vorteilhaft, setzt er hinzu, so wäre nichts närrischer als wir beide; ich, daß ich dich nicht stracks nach Rom zurückzöge, du, daß du nicht hieher geflogen kämest. Denn, beim Herkules, eine einzige ernst- oder scherzhafte Konversation ( una nostra vel severa vel iocosa congressio ) zwischen uns wäre interessanter als alle eure Feinde und Freunde in Gallien.« zu urteilen, ein Mann von lebhaftem munterm Geiste und jovialischer Sinnesart, und scheint (wie Melmoth bemerkt) in seiner Jugend beinahe mehr von dem Charakter eines Weltmanns und angenehmen Gesellschafters gehabt zu haben, als sich für die Ernsthaftigkeit seiner Profession schickte. Cicero scherze daher auch öfters über seine Juristerei in einem Tone, der seinen Freund um allen Kredit bei seinen Klienten hätte bringen können, wenn er es nicht an andern ernsthaften Stellen wieder gut machte, und ihn besonders dem Cäsar in Ausdrücken empfohlen hätte, die nur ein Mann von außerordentlichem Werte verdienen konnte tibi spondeo probiorem hominem, meliorem virum, pudentiorem esse neminem. Accedit etiam quod familiam ducit in iure civili: singularis memoria, summa scientia , u.s.w. Aus dem Umstande, daß er schon damals an der Spitze einer eigenen juristischen Sekte stand (die durch den vornehmsten seiner Schüler Antistius Labeo in der Folge ansehnlich genug wurde, um der Sekte des Ofilius und Atejus Capito die Waage zu halten), ist zu schließen, daß er im J. 699, da ihn Cicero in den cohortem amicorum Caesaris brachte, nicht so jung mehr gewesen, als ihn Melmoth in seiner Übersetzung des 7ten Briefes macht. . Diese Verbindung gründlicher und nützlicher Eigenschaften mit angenehmen, diese Brauchbarkeit in Geschäften verbunden mit Witz und Lebhaftigkeit im Umgang , war es, was ihn in der Folge auch bei dem jungen Cäsar in so große Gunst und Achtung setzte, daß er in allen wichtigen Geschäften, wobei es auf den Rechtspunkt ankam, zu Rate gezogen wurde. Es ist daher auch kein Zweifel, daß er, aus gleichem Grunde, mit Mäcenas in freundschaftlicher Verbindung gelebt, daß eben dieser Umstand unsern Dichter mit ihm bekannt gemacht, und daß, der Verschiedenheit des Alters ungeachtet Trebaz war i. J. 718 (worin dieses Stück, aufs späteste, geschrieben wurde) zwar nicht über 80 Jahre alt, wie Dacier aus einem Mißverstande des scherzhaften Ausdrucks Ciceros, mi vetule , schließt; denn damals, da ihn Cicero so nannte, war er aetate opportunissima sein Glück bei Cäsarn zu machen: ( Cic. ad Famil. VII. 7. ) Aber man kann doch sicher annehmen, daß er über 50 Jahre hatte, und wenigstens um 20 älter war als Horaz. , das Ähnliche und Übereinstimmende in ihrer beider Sinnesart und Humor sie auf den vertraulichen Fuß mit einander gesetzt habe, den dieser ganze Dialog zu erkennen gibt. Denn auf einem solchen Fuße mußten sie zusammenstehen, wenn es auch nur denkbar sein sollte, daß Horaz einen Mann von Trebatius öffentlichem Charakter und Ansehen zum Interlocutor in einer solchen Unterredung machen könnte. Aber so bald man diesen Umstand und die jovialische Laune des alten Rechtsgelehrten voraussetzt, so hat man den wahren Gesichtspunkt, woraus dieses Stück betrachtet werden muß. Alles erscheint alsdenn in dem natürlichsten Lichte; man versteht den Trebaz und den Dichter; man stößt sich nicht mehr da oder dort an Ausdrücken, die nur demjenigen, der den Geist des Ganzen nicht gefaßt hat, rätselhaft vorkommen können; und man wundert sich, wie so viele Ausleger mit aller ihrer Buchstaben-Gelehrsamkeit diesen Geist so übel verfehlen, und wie selbst der gelehrte Cruquius auf die Vermutung kommen konnte, Horaz habe sich wegen eines ungünstigen Urteils, das Trebaz von seinen Satiren gefällt, heimlich an ihm reiben wollen. Man sieht vielmehr, gerade im Gegenteil, daß sie, bei aller verstellten Verschiedenheit ihrer Meinung, im Grunde sehr gut einverstanden sind; und wiewohl der Dichter (nach Art aller, die über Dinge, worin sich jeder selbst raten muß, bei andern sich Rates erholen) seine Partie schon zum voraus genommen hat, ehe er seinen Konsulenten fragt, was er tun soll: so hätte er doch wenigstens kein anderes Oraculum Iuris fragen können, von welchem er sichrer gewesen wäre, am Ende mit dem gefälligen Bescheid entlassen zu werden: solventur risu tabulae, tu missus abibis.               Horaz       Trebaz   Horaz Es gibt Personen, denen ich zu scharf im Tadeln, und die Rechte der Satire weit über das Gesetz zu dehnen scheine: hingegen andre finden alles, was ich noch geschrieben, nervenlos, und meinen, solcher Verse wie diese könne man in einem Tag ein ganzes Tausend spinnen. Rate mir, Trebaz, was soll ich machen? Trebaz Ruhig sein. Hor. Gar keine Verse machen, meinst du? Tr . Allerdings. Hor. Ich will gehangen sein, wofern das nicht das beste wär'; allein, ich kann nicht schlafen. Tr. Wem fester Schlaf gebricht, dem fügen wir zu wissen, daß er, wohl mit Öl gesalbt, die Tiber dreimal durchzuschwimmen und die Kehle vor Schlafengehn mit altem Weine reichlich zu waschen habe Horaz läßt den Trebaz als einen Rechtsgelehrten humoristischer Weise das Consilium , welches er ihm mit verstellter Ernsthaftigkeit gibt, im Ton eines prätorischen Edikts vortragen – transnanto! – habento! – Dacier bemerkt hiebei aus einer Stelle des fünften der Briefe Ciceros an Trebaz ( Famil. VII. 10. wo er studiosissimus homo natandi genannt wird), daß Trebaz hier als ein alter Liebhaber vom Schwimmen rede, und dem Horaz sein beliebtes diätetisches Mittel als eine Universal-Medizin anpreise, welche unfehlbar auch gegen das poetische Jucken helfen müsse. Mir scheint ganz wahrscheinlich, daß Trebaz beides, ein Liebhaber vom Baden in der Tiber und von altem Weine gewesen sein mag, und daß der Dichter scherzweise auf beides anspielt. Dergleichen besondere Züge, die alle ihre facetiam von Lokal- und Personal-Umständen erhalten, gibt es ohne Zweifel in diesem und in mehr andern Stücken viele, die für uns so gut als verloren sind. ! – Oder, wenn dich ja die Schreibesucht so übel plagt, so wag' es     HOR. Sunt, quibus in satura videar nimis acer, et ultra legem tendere opus; sine nervis altera quicquid composui pars esse putat, similesque meorum mille die versus deduci posse. Trebati, \<5\> quid faciam praescribe. TREB. Quiescas. HOR. Ne faciam, inquis, omnino versus. TR. Aio. HOR. Peream male, si non optimum erat: verum nequeo dormire. TR. Ter, uncti, transnanto Tiberim, somno quibus est opus alto, irriguumque mero sub noctem corpus habento! \<10\> Aut si tantus amor scribendi te rapit, aude die Taten des unüberwundnen Cäsars zu singen; eine Mühe, die gewiß sich wohl belohnen würde. Hor. Gar zu gern, o Hochachtbarer, folgt' ich diesem Rate, nur sind die Kräfte nicht dem Willen gleich Diese Entschuldigung, welche Horaz so oft in seinen Schriften geltend macht, glaube ich in der Einleitung zur Epistel an August in ihr wahres Licht gesetzt zu haben. Hier verdient noch besonders die Feinheit bemerkt zu werden, womit er (um den bösen Schein einer bloßen Ausflucht zu vermeiden) sich gleichsam selbst in die Enge treibt, indem er dem Trebaz den Einwurf in den Mund legt: »Wenn du denn ja kein Talent für die heroische Poesie hast, was hindert dich die großen Eigenschaften, welche Cäsar im Frieden zeigt, zu besingen?« – Auf einen solchen Einwurf war nun freilich keine andre ausbeugende Antwort möglich als diejenige, die er gibt: ich werde es, wenn Zeit und Gelegenheit kommt, nicht an mir fehlen lassen. – In der Tat fingen die Römer an, mit einigem Grunde zu hoffen, daß Cäsar Octavianus durch eine milde und weise Regierung im Frieden die Erinnerung dessen, was er in den Zeiten des Triumvirats gewesen war, vertilgen würde. Aber diese Erinnerung war noch zu frisch, und jene Hoffnung noch zu schwankend, als daß ein ehrlicher Römer einen großen Drang in sich fühlen konnte, den glücklichen Usurpator als fortem et iustum , d. i. gerade um solcher Tugenden willen zu preisen, von denen er vor wenigen Jahren das offenbare Gegenteil in seinem Betragen gezeigt hatte. Es hatte damit noch immer gute Zeit. Octavianus mußte die neue Rolle, die ihn Mäcenas und Agrippa spielen lehrten, erst mit mehr Fertigkeit und guter Art zu spielen gelernt haben. Jetzt hätten solche Lobgedichte noch zu sehr die Farbe der Schmeichelei getragen, um ihm wirklich schmeicheln zu können; und aus wessen Munde hätten sie ihm verdächtiger klingen müssen, als aus dem Mund eines Mannes, der vor sechs oder sieben Jahren noch die Waffen gegen ihn getragen hatte? Auf diesen Umstand scheint der Dichter mit den Worten: nisi dextro tempore, Flacci verba etc. einen leisen Wink zu geben. . Denn Heere die von Speeren starren, oder den Gallier, mit abgebrochnem Pfeil im Busen in die Erde beißend, oder den Parther der vom Pferde sterbend sinkt, zu schildern, ist nicht eines jeden Sache. Tr. So konntest du, zum mindsten, wie der weise Lucilius dem Scipiaden Dem Scipio Africanus Minor, Numantinus zugenannt, welchem Lucil sehr ergeben war. tat, in ihm den Großen und Gerechten singen. Hor. Ich will es bei Gelegenheit an mir nicht fehlen lassen. Denn der Augenblick muß wohl gewählt sein, wo Horazens Verse den Weg zu Cäsars Ohren offen finden sollen, der, wenn er ungeschickt gestreichelt wird, mit einem tüchtgen Schlage fühlen läßt, wie sicher er von allen Seiten ist Diese von einem wilden und ungeschmeidigen Pferde hergenommene metaphorische Redensart verdient als ein Beispiel angezeichnet zu werden, wie verschieden die Begriffe vom Anständigen in verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern sind. Ein heutiger Dichter käme gewiß damit übel an, wenngleich J. M. Geßner meint, die Könige ließen sich gern mit Pferden vergleichen. Überhaupt dient diese ganze Stelle, vom 12ten bis 20sten Verse, zu einem, meines Bedünkens, sehr auffallenden Beweise, wie wenig Lust und Disposition Horaz gehabt habe, sich dem Octavianus durch Schmeicheleien zu empfehlen, da er sogar bei dieser sich selbst so nahe gelegten Veranlassung (denn Trebatius spricht vermutlich bloß als Worthalter des Publikums) sich nicht entschließen konnte, einem Manne, der bei aller seiner Autorität und Gewalt noch eine so zweideutige Person im römischen Staate vorstellte, auch nur im Vorbeigehen etwas Verbindliches, geschweige Schmeichelhaftes zu sagen. . Treb. Um wie viel klüger wär' es, als in leid'gen Versen Caesaris invicti res dicere, multa laborum praemia laturus. HOR. Cupidum, pater optime, vires deficiunt; neque enim quivis horrentia pilis agmina, nec fracta pereuntes cuspide Gallos, \<15\> aut labentis equo describat vulnera Parthi. TREBAT. Attamen et iustum poteras et scribere fortem, Scipiadam ut sapiens Lucilius. HOR. Haud mihi dero, cum res ipsa feret: nisi dextro tempore Flacci verba per attentam non ibunt Caesaris aurem, \<20\> cui male si palpere, recalcitrat undique tutus. TREBAT. Quanto rectius hoc, quam tristi laedere versu » den Lecker Pantolab, den Prasser Nomentan «, Ein Vers, dessen man sich aus der 8ten Satire des 1sten Buches erinnern wird. zu geißeln, wo für seine eigne Haut gleich jedem bang wird, und, wiewohl der Hieb ihn selbst verschonte, doch den Geißler haßt. Hor. Was soll ich machen? Tanzt Milonius Eine Anspielung, deren Salz für uns verloren gegangen ist. nicht, sobald der Wein ihm in den Kopf steigt, und die Lichter ihm doppelt scheinen? Kastor liebt die Pferde, und der mit ihm aus einem Ei hervorkroch , den Kolben d. i. den Pugilat , oder den Kampf mit dem Streitkolben (πυγμαχία), welchen Homer im 23sten Buch der Ilias, und Virgil im 5ten der Äneis geschildert haben. : soviel Köpfe, soviel Sinne. Mir machts nun Freude, was ich denk' in Verse zu bringen, wie Lucil vor mir getan, der besser als wir beide war. Der Mann sah seine Schreibetafel an als seinen liebsten getreusten Freund; ihr wurde sein Geheimstes vertraut; es mocht ihm wohl, es mocht ihm übel ergangen sein, so lief er keinem andern Pantolabum scurram Nomentanumque nepotem! cum sibi quisque timet, quamquam est intactus, et odit. HORAT. Quid faciam? Saltat Milonius, ut semel icto \<25\> accessit furor capiti numerusque lucernis; Castor gaudet equis, ovo prognatus eodem pugnis; quot capitum vivunt totidem studiorum milia; me pedibus delectat claudere verba Lucili ritu, nostrum melioris utroque. \<30\> Ille velut fidis arcana sodalibus olim credebat libris; neque si male cesserat usquam als seinem Buche zu; auch kömmt daher, daß es, wie ein Votivgemälde, uns des guten Alten Alten , der Zeit wann er gelebt, nicht den Jahren nach; denn Lucil wurde im Jahr 604 oder 5 geboren, und lebte nicht viel über das Jahr 656 der Stadt Rom. ganzes Leben darstellt Die Votiv-Täfelchen, womit man noch heutiges Tages die Römisch-Katholischen Kirchen besonders in kleinen Städten und Dörfern angefüllt sieht, können uns den besten Begriff von diesen tabulis votivis geben, womit in den Zeiten des Heidentums abergläubische Personen, die ihre Errettung aus gewissen Gefahren dem unmittelbaren Beistand irgend einer von ihnen angerufnen Gottheit zuschrieben, derselben ihre Dankbarkeit zu bezeugen pflegten. Die armen blinden Heiden hatten auch ihre Gnadenörter und wundertätige Gnadenbilder ; sie taten in ihren Nöten Gelübde zu denselben, und bezahlten, wenn ihnen geholfen war, mit Votivtafeln, wächsernen, silbernen oder goldenen Armen, Beinen, Augen, Brüsten u.s.f. Da dergleichen Votivgemälde, womit vornehmlich die Tempel und Kapellen der Meergötter reichlich behangen waren, meistens von gemeinen Leuten gestiftet und von schlechten Malern um einen zivilen Preis gesudelt wurden: so ist kein Wunder, daß sie, neben andern Fehlern gegen den Geschmack, auch gegen die Regel der Einheit des dargestellten Subjekts verstießen. Man sah also öfters auf der nämlichen Tafel den glaubigen Stifter auf der einen Seite des Vorgrundes zu Schiffe gehen; im Mittelgrunde mit einem gewaltigen Sturme kämpfen; auf einem andern Plan Schiffbruch leiden; wieder auf einem andern auf der Spitze einer Woge mit aufgehobnen Händen dem Neptun sein Gelübde tun, und endlich auf einer andern Seite wohlbehalten ans Land steigen. In dieser Mannigfaltigkeit der Begebenheiten, welche als eine Reihe von Szenen einer einzigen Haupthandlung auf einem solchen Votivgemälde dargestellt wurden, liegt das tertium comparationis mit den Satiren des Lucils, insofern sie, wegen der vertraulichen Schwatzhaftigkeit, womit er darin von sich selbst sprach, gleichsam als ein Journal seines täglichen Lebens angesehen werden konnten. . Ihm (einem edeln Römer) folg' ich nun, ich, ob Lucaner, ob Apulier ist ungewiß, denn zwischen beiden pflügt der Venusiner , der nach einer alten Sage aus Rom hieher verpflanzet ward, damit das Land den ausgetriebenen Samnitern nicht zum Einfall in das röm'sche offen stünde, falls die Lucaner oder Appuler die Stadt mit Krieg bedrohen würden Er scheint hier auf eine launenhafte Art Lucils eigene schwatzhafte Manier und Nachlässigkeit im Stil nachgemacht zu haben. . – Aber dieser Griffel soll, ungereizt, ich schwör' es, keinem lebenden Geschöpfe furchtbar werden! soll mich bloß gleich einem Degen in der Scheide schützen. Wofür sollt' ich ihn ziehen, da ich nichts von Räubern zu besorgen habe? Laß, o Vater decurrens alio, neque si bene; quo fit ut omnis votiva pateat veluti descripta tabella vita senis. Sequor hunc, Lucanus an Appulus anceps, \<35\> nam Venusinus arat finem sub utrumque colonus, missus ad hoc pulsis, vetus est ut fama, Sabellis, quo ne per vacuum Romano incurreret hostis, sive quod Appula gens seu quod Lucania bellum incuteret violenta. Sed hic stilus haud petet ultro \<40\> quemquam animantem; et me veluti custodiet ensis vagina tectus, quem cur destringere coner und König Jupiter, die ungebrauchte Klinge vom Rost zerfressen werden, wenn ich, der den Frieden so herzlich liebt, nur selbst unangefochten zu bleiben hoffen kann! Doch, wer mich neckt, (ich rufe nicht vergebens euch zu wahren!) der wirds beweinen, wenn er, wider Willen berühmt, auf allen Gassen sich besingen hört Der Dichter scheint sich hiemit, auf eine indirekte Weise, wegen der individuellen Züge auf lebende und genannte Personen, die hier und da in den Satiren des ersten Buches vorkommen, rechtfertigen zu wollen. Die Tigellius, Fannius, Pantilius, Canidia, Sagana und ihres gleichen haben es an mich gebracht (will er sagen) und was ich ihnen bisher getan habe, ist bloße Warnung , mich ungeneckt zu lassen; indem ich ihnen an einer kleinen Probe zeige, daß es nur bei mir steht, ihnen eine Zelebrität zu verschaffen, nach der sie vermutlich nicht sehr lüstern sind. . Ein Cervius droht dem Beleidiger mit einem Halsprozeß, Canidia mit dem Säftchen womit Albuz sein liebes Ehgemahl kurierte, Turius mit einem strengen Urteil Dieser Cervius (sagt ein alter Scholiast) klagte den Cn. Calvinus fälschlich eines Meuchelmordes an. – Vermutlich tat er dies nicht bloß, weil er vom Calvinus beleidigt worden war und sich nicht anders zu rächen wußte; sondern (wie sich aus der Absicht, in welcher Horaz sich auf ihn beruft, schließen läßt), weil er vom Anklagen Profession machte . – Albutius soll seine Gattin vergiftet haben; denn auf Albuti geht augenscheinlich das Wort Venenum Bekanntermaßen ist dies Wort zweideutig, weil es auch von Arzneien überhaupt, ingleichem von Farben, Salben und Zaubertränken , wenigstens in der Dichtersprache gebraucht wird. ; und die gelehrten Ausleger, welche (weil sie Canidia Albuti lasen) Canidien bloß deswegen zur Gemahlin oder Tochter dieses Albutius haben machen wollen, hätten sich durch ein Komma zwischen Canidia und Albuti diese Sorge ersparen können. – Turius (eine uns ganz unbekannte Person) muß damals in dem Charakter eines Mannes, der das Richteramt für eine gute Gelegenheit, seine Privat-Leidenschaften zu befriedigen, ansah, in ganz Rom bekannt gewesen sein. Die ganze Stelle, ungeachtet sie das Pikante für uns durch die Zeit verloren hat, erhält doch durch den Zusammenhang genugsames Licht, um verständlich zu sein. : du siehst, ein jeder (so gebeut ihm die Natur) schreckt seinen Feind mit dem, wodurch er stark ist. Der Wolf packt mit den Zähnen an, der Stier Mit seinem Horn: warum, als weil ein innrer Trieb sie dazu anweist? Sei gewiß, die Mutter des Schlemmers Scäva lebt dir ewig, wenn sie nur von seinen frommen Händen sterben kann; (ein Wunder, just wie das, daß dir der Wolf nicht mit dem Hufe nachschlägt, und der Bulle dich tutus ab infestis latronibus? O pater et rex Iupiter, ut pereat positum rubigine telum, nec quisquam noceat cupido mihi pacis! At ille, \<45\> qui me commorit (melius non tangere clamo) flebit et insignis tota cantabitur urbe. Cervius iratus leges minitatur et urnam; Canidia, Albuti quibus est inimica venenum; grande malum Turius, si quid se iudice certes; \<50\> ut quo quisque valet suspectos terreat, utque imperet haec natura potens, sie collige mecum: dente lupus, cornu taurus petit, unde, nisi intus monstratum? Scaevae vivacem crede nepoti matrem, nil faciet sceleris pia dextera (mirum \<55\> ut neque calce lupus quemquam neque dente petit bos) nicht mit den Zähnen stößt) ein bißchen Schierling in einem Honigkuchen tuts ja auch Abermals eine Anspielung auf eine Begebenheit, die ohnezweifel damals durch öffentliche gerichtliche Verhandlung allgemein bekannt worden war. Das Prädikat Nepos (Schlemmer, Taugenichts) welches Horaz diesem Scäva gibt, zeigt deutlich genug, daß pia dextera ironisch zu verstehen ist. Es war nämlich gerichtlich erwiesen, daß dieser Bube seine alte Mutter (um sie bälder zu beerben) durch vergifteten Honig aus der Welt geschafft hatte. Zu einem Dolchstoße hatte der weichliche Bube aus kindlicher Liebe ( scilicet ) nicht Mut genug: aber ein bißchen Schierling tut ja die nämlichen Dienste. Das Wahre von der Sache war, daß Scäva auf diese Weise für seine eigene Sicherheit besser gesorgt zu haben glaubte. . Und also (daß ichs nicht zu lange mache) es sei nun daß ein ruhig Alter mich erwarte, es sei daß schon mit schwarzen Flügeln mich der Tod umflattre, arm und reich, zu Rom und, wenn's mein Schicksal will, von Rom verbannt, was meines Lebens Farbe sei, – ich schreib' und werde schreiben! Treb . Armer Jung', ich fürchte, du wirsts nicht lange treiben! Denk' an mich! Der großen Freunde einer wird dich durch Verkältung aus der Welt befödern Diese scherzhafte Weissagung, die durch den Ton des Mitleidens, womit sie der alte Jurist vorbringt, desto humoristischer wird, bezieht sich (wie mich deucht) auf den angenommenen Mutwillen, womit Horaz, in dem nämlichen Augenblicke, da ihn Trebatius vor den Folgen seiner satirischen Laune warnt, sich derselben zu überlassen scheint; indem er nicht nur in einem Atemzuge von drei oder vier Personen, die er mit Namen nennt, halsbrechende Dinge sagt: sondern sich noch auf die positivste Art erklärt, daß er – weil das Versemachen nun doch einmal das sei, worin seine natürliche Stärke liege – bis an sein Ende Verse machen werde, was auch daraus erfolgen möchte, und wenn er sich auch ins Exilium versifizieren sollte. – Die Antwort war also im Munde des Trebaz ganz natürlich: »Ja, mein guter Freund, wenn es mit der Verweisung aus Rom nur abgetan wäre! Es wird dir, wenn du dich auf einen solchen Fuß setzest, noch schlimmer ergehen. Du lebst jetzt mit den Größten in Rom. Sie behandeln dich vertraulich, weil du sie amüsierst; und du bist treuherzig genug, sie deswegen für deine besten Freunde anzusehen. Aber wie bald kann es dir mit einer so leichtsinnigen Sinnesart begegnen, daß du durch eben den Witz, der sie jetzt belustigt, dem einen oder andern von ihnen zu nahe kommst; und was wird die Folge sein? Er wird kalt gegen dich werden, und du, der das nicht ertragen kann, wirst dich darüber zu Tode grämen.« – Dies ist, denke ich mit Sanadon und Baxter , der natürliche Sinn der Worte: maiorum ne quis amicus frigore te feriat , den so viele Ausleger nicht recht gefaßt haben Hr. Haberfeld in seiner schätzbaren Fortsetzung der Nitschischen Vorlesungen über die klassischen Dichter der Römer will die Worte »maiorum feriat« lieber von einem Freunde der Großen (d. i. von einem Nebenbuhler um die Gunst der großen Freunde Horazens) als von einem dieser letzten selbst verstanden wissen. Der Sinn (meint er) sei: »Du glaubst dich bei deinen Satiren gegen jede Ahndung gesichert, weil du ein Freund der Großen bist: ein andrer, ebenfalls ein Freund der Großen, und dein Feind, kann es auch, in Hoffnung unter ihrem Schutz ungestraft zu bleiben, wagen, dich zu ermorden.« Ich gestehe, diese Auslegung dünkt mich sehr gezwungen, und diejenige, die ich zur meinigen gemacht habe, ungleich natürlicher, ja durch die Antwort des Horaz außer allen Zweifel gesetzt zu sein. Der Leser urteile und wähle nun selbst! . Ohnezweifel legt Horaz hier dem Trebatius (in dessen Mund es Scherz wurde) mit gutem Bedacht die ihm bekannt gewordenen und ernstlich gemeinten Prophezeiungen seiner Mißgünstigen in den Mund, welche ihren Neid über sein Verhältnis mit Mäcenas und andern Personen vom ersten Rang nicht anders zu beruhigen wußten, als durch die Hoffnung, daß es von keiner Dauer sein, und daß er gerade durch das, wodurch er sich diesen Großen so angenehm gemacht, durch seinen Witz und seine satirische Ader, es unversehens bei ihnen verderben, und desto tiefer wieder fallen werde, je höher er gestiegen war. Die beste Art, diesen für seine Ruhe so besorgten Herren alle Angst zu benehmen, war, ihnen zu zeigen, wie ruhig er selbst bei ihren liebreichen Besorgnissen sei. ! Hor. Wie? Als einst Lucil Gedichte dieser Art zuerst zu schreiben sich vermaß, und jedem die schmucke Maske abzuziehn, worin er wohlgemut einherging, seinen Schalk verbergend, hielt sich Lälius , oder jener, der vom besiegten Africa den Namen trug, durch seinen Witz gefährdet? Oder ließen sie sichs schmerzen, den Metellus angestochen, sed mala tollet anum vitiato melle cicuta. Ne longum faciam: seu me tranquilla senectus expectat, seu mors atris circumvolat alis; dives, inops, Romae, seu fors ita iusserit, exsul, \<60\> quisquis erit vitae, scribam, color. TREB: O puer, ut sis vitalis, metuo, et maiorum ne quis amicus frigore te feriat. HOR. Quid? cum est Lucilius ausus primus in hunc operis componere carmina morem, detrahere et pellem, nitidus qua quisque per ora \<65\> cederet, introrsum turpis: num Laelius, et qui duxit ab oppressa meritum Carthagine nomen, ingenio offensi? aut laeso doluere Metello, den Lupus gar mit schmacherfüllten Versen bis an die Scheitel zugedeckt zu sehen Man könnte (denke ich) nicht ohne Grund annehmen, daß Horaz bei diesem Dialog, auf eine indirekte und sehr fein bedeckte Weise, auch seine maiores amicos selbst im Auge gehabt, und durch das zum Beispiel genommene Verhältnis zwischen Lucilius und seinen großen Freunden, C. Lälius , und P. Scipio Ämilianus , oder Africanus Minor , das seinige gegen einen Mäcenas, P. Messala, Pollio, u.s.w. habe sicher stellen und ihnen, mit einer auf seiner Seite eben so edlen als bescheidenen, in Rücksicht auf sie aber eben so feinen als schmeichelhaften Art, ein für allemal habe zu verstehen geben wollen, daß Männer wie sie von einem Manne wie er niemals etwas zu besorgen haben können. Das Beispiel des Lucilius, worauf er sich beruft, dient hier um so mehr zu seiner Absicht, weil er sich in seiner Satire (nach Erfordernis der so großen Verschiedenheit der Zeiten) viel weniger Freiheit erlaubte als sein Vorgänger; der sich nicht gescheut hatte, einen so vielbedeutenden Mann, wie Q. Cäcilius Metellus Macedonicus , auf eine beleidigende Art in seinen Satiren anzugreifen, und sogar den Cornel. Lentulus Lupus , wiewohl er (nach dem Scholiasten) Princeps Senatus war, mit schmachvollen Versen zu überdecken, – vermutlich mit desto weniger Zurückhaltung weil sie beide mit seinem großen Beschützer und Freund Scipio in öffentlicher Fehde lebten. ? Und gleichwohl griff er ohne Scheu und Ausnahm Patrizier und Bürger zunftweis an, und stand durchaus mit niemand als der Tugend und ihren Freunden wohl. Man weiß sogar, daß Scipions Größe, Lälius milde Weisheit Virtus Scipiadae et mitis sapientia Laeli . Ich kann nicht finden, daß dieser Vers so platt sei, wie ihn Warburton in seinen Anmerkungen zu Popens Nachahmung dieser Satire fand; oder daß er, wie Baxter meint, nach dem Ennius oder Lucilius schmecke, und daß Horaz im Vorbeigehen über den Schwulst dieser Dichter spotten wolle. Virtus Scipiadae, Sapientia Laelii ist eine unserm Dichter nicht ungewöhnliche Art zu reden; denn sie ist von eben dem Schlage wie mens provida Reguli (Od. Libr. III. 5.), virtus Catonis (Od. III. 21.), acumen Stertinii (Epist. I. I2.) und sie hat unzähliche Beispiele im Homer vor sich, welchen Horaz hierin nachzuahmen scheint. Diese Art zu reden ist aber hier um so viel schicklicher, weil die Römer wenigstens im ganzen siebenten Jahrhundert ihrer Stadt keinen Mann zu zeigen hatten, der in allem was sie unter dem Worte Virtus begriffen, der Vollkommenheit näher gewesen wäre als dieser Scipio ; und weil Lälius noch bei seinen Lebzeiten durch eine stillschweigende Übereinkunft seiner Mitbürger den Zunamen Sapiens Sunt ista vera, Laeli; nec enim melior vir fuit Africano nec clarior; sed existimare debes: omnium oculos in te esse coniectos; unum te sapientem et appellant et existimant; non solum natura et moribus, verum etiam studio et doctrina, nec sicut vulgas, sed ut eruditi solent appellare sapientem etc. Cicero de Amicit. c. 2. erhalten hatte. Ich glaube also durch meine Übersetzung dieser Stelle des Dichters wahren Sinn getroffen und ihn von der ungegründeten Kritik der beiden britischen Kunstrichter hinlänglich befreiet zu haben. Aber ach! welcher Gott oder Göttersohn wird ihn von einem andern weit schrecklichern Vorwurf retten können? von einem Verbrechen, das in den Augen eines Wortklaubers hinlänglich ist, die glänzendsten Verdienste eines Schriftstellers auszulöschen, mit einem Worte, von dem unverzeihlichen Fehler, zweimal Scipiades für Scipionides gesagt zu haben, welchen der große Priscianus schon an ihm gerüget hat, wiewohl freilich Horaz die Schuld dieses häßlichen Solözismus mit Lucil, Lukrez und Virgil teilet! – Leider! weiß ich nichts zu seiner Entschuldigung vorzubringen, als daß diese, einem keuschen Priscianischen Ohr so ärgerliche Unrichtigkeit vielleicht der kleinste aller Fehler ist, die ein strenger und patriotischer römischer Sprachlehrer an ihm zu tadeln finden mußte. Und in der Tat, wenn ich bedenke: daß Horaz – eben dieser Horaz, an dessen Schriften alle Personen von Geschmack seit so vielen hundert Jahren sich nicht satt lesen können – sich so vieler Lizenzen und Nachlässigkeiten in der Sprache schuldig machte; daß er von Gräzismen wimmelt, und beinahe griechisches Latein schrieb; daß er seine Schreibart durch veraltete und aus der Sprache der guten Gesellschaft seiner Zeit verbannte Wörter verunstaltete; daß er sich nicht das mindeste Gewissen daraus machte, für Lucilii Lucili zu schreiben, deerat für zweisilbig zu brauchen, surrexe für surrexisse zu sagen, und (was kaum begreiflich ist) daß er sich, so oft es ihm einfiel, ausschweifend lange Perioden, und Parenthesen, die mit der Elle ausgemessen werden können, erlaubte: so begreife ich wie es zuging, daß es bei seinem Leben Kunstrichter gab, die ihm geradezu unter die Augen sagten, daß er ein elender Autor sei, und daß man solche Verse, wie die seinigen, zu Hunderten und Tausenden ohne Mühe aus dern Ärmel schütteln könne. Uns hat freilich die Länge der Zeit gegen alle diese grammatikalischen Ketzereien tolerant gemacht: aber man bedenke, wie die Bavii und Mävii , die Fannii und Tigellii , die Orbilii und Scribonii , bei seinem Leben, da das Altertum noch keinen Nimbus um ihn hergezogen hatte, von ihm geurteilt haben mögen! , wenn sie vom Schauplatz sich ins Stille zog, sich nicht zu groß und weise dünkte, oft bei ihm die Zeit sich zu verkürzen, und, indes der Kohl am Feuer gar ward, Stand und Würde beiseitgesetzt, mit ihm ein Stündchen wegzuscherzen. Wie wenig oder viel ich sein mag, ganz gewiß an Geist wie an Geburt weit unter dem Lucil Infra Lucili censum – Ich habe hier Geburt als ein Äquivalent für census gebraucht, weil beides zu Lucils Zeiten ziemlich einerlei galt, und Lucil würklich nicht nur ein geborner römischer Ritter, sondern durch seine Schwester sogar ein Groß-Oheim des Pompejus Magnus war. Vermutlich bezieht sich auch das obige nostrum melioris utroque bloß auf diesen Umstand. – so wird doch, daß auch ich mit Großen gelebt, die Mißgunst selbst gestehen müssen, und, wenn sie in zerbrechlich Holz zu beißen glaubt, die Zähne unverhofft dahinten lassen. Wobei es denn verbleiben mag, wofern nicht etwa du, rechtskundiger Trebaz , von andrer Meinung bist? – Treb. Ich finde nichts Erhebliches dagegen einzuwenden Die Handschriften lassen uns hier die Wahl, diffindere, diffidere, diffigere oder defringere zu lesen. Die Gründe, welche Bentley gegen das juristische diffindere beigebracht hat, scheinen mir eben so einleuchtend, als hingegen das Wort diffingere , welches er dafür empfiehlt, in dem Munde des Trebatius gezwungen und übelpassend. Es kommt bei solchen Kleinigkeiten oft auf ein gewisses Gefühl an, welches man einem andern schwerlich, oder doch nicht ohne eine langweilige Umständlichkeit, deutlich machen kann. Zwei Dinge sind hier aus dem Zusammenhang und aus dem streitigen Worte selbst klar genug: das eine, daß Trebaz nichts anders sagen will, als: » er habe nichts einzuwenden «; und das andere, daß er, um dies zu sagen, sich eines metaphorischen Ausdrucks bedient. Ob nun diffingere oder diffdere oder defringere das schicklichere Wort sei, muß der Geschmack, oder das Gefühl der größern Schicklichkeit und Konzinnität entscheiden. Offenbar bezieht sich Trebazens Rede auf das, was Horaz unmittelbar vorher von seinen Neidern gesagt hatte: Cum magnis vixisse invita fatebitur usque invidia, et fragili quaerens illidere dentem offendet solido – Nisi quid tu, docte Trebati, dissentis? – Es wäre also vielleicht am schicklichsten zu denken, Trebaz habe das Bild, dessen Horaz sich bediente, beibehalten, und scherzweise gesagt: ich, meines Orts, verlange nichts davon herabzubeißen – und diesem zufolge wäre ja wohl defringere oder diffringere das rechte Wort? Ich habe es also, salvis melioribus , in meinen Text aufgenommen, in der Übersetzung aber bloß den Sinn, ohne Metapher, gegeben. Mit Beibehaltung der Metapher könnte man Trebazen lachend sagen lassen:     – Ich, meines Orts, verlange dir davon nichts abzuknapsen. . famosisque Lupo cooperto versibus? Atqui primores populi arripuit populumque tributim; \<70\> scilicet uni aequus virtuti atque eius amicis. Quin ubi se a vulgo et scaena in secreta remorant virtus Scipiadae et mitis sapientia Laeli, nugari cum illo et discincti ludere, donec decoqueretur olus, soliti. Quicquid sum ego, quamvis \<75\> infra Lucili censum ingeniumque, tamen me cum magnis vixisse invita fatebitur usque invidia, et fragili quaerens illidere dentem offendet solido – Nisi quid tu, docte Trebati, dissentis? TREB. Equidem nihil hic defringere possum. indessen will ich dir wohlmeinend doch geraten haben, auf der Hut zu sein, daß nicht Unkundigkeit der schweren Strafgesetze in böse Händel dich verwickle. Denn so lautet das Gesetz: Wer schlimme Verse auf jemand macht, der muß zu Recht ihm stehen Das Gesetz der zwölf Tafeln gegen denjenigen, der mala carmina auf jemand gemacht hatte, lautete sehr hart: Si quis occentassit mala carmina, sive condidissit quod infamiam faxit flagitiumque alteri, capital esto . In der Folge scheint man die Todesstrafe zu strenge gefunden, und die Formel in diejenige, welche Trebatius anführt, verwandelt zu haben. Man konnte also denjenigen, von welchem man in satirischen Versen an seiner bürgerlichen Ehre angegriffen worden war, iniuriarum belangen; aber freilich durfte der Kläger kein Mensch, der notorischer Dingen infamiam iuris et facti auf sich hatte, sein. Lucilius geriet in einen besondern Fall. Er war von einem Komödienschreiber öffentlich und namentlich von der Bühne herab beleidiget worden, und brachte deswegen eine Injurien-Klage gegen ihn an: aber der Prätor C. Cälius sprach den Komödienschreiber los; vermutlich weil er dem Satirenschreiber weiter nichts getan habe, als was sich dieser gegen die ganze Welt erlaubte. . Hor. Gut, wenn er schlimme Verse macht Die scherzhafte Wendung, das Wort mala carmina für schlechte Verse zu nehmen, würde nur eine schlechte Ausflucht sein, wenn Horaz nicht hätte hinzusetzen können: si quis opprobriis dignum laceraverit, integer ipse : so aber entscheidet er in drei Versen den ganzen Handel. Ich laß es gelten, wenn einer mala carmina macht, spricht er: aber wenn er nur solche angegriffen hat, die der Schande wert sind, wenn er selbst unbescholten lebt, und wenn seine Verse noch obendrein gut und von Cäsarn selbst gebilliget sind: wie wird es dem Kläger dann ergehen? – Übrigens ist nicht zu leugnen, daß die zwei Worte laudatus Caesare hier eine Art von magischer Wirkung tun mußten; es war eben so viel, als ob der Dichter seinen Feinden in der undurchdringlichen Rüstung des Achilles, und mit der furchtbaren Ägide bedeckt, unter die Augen getreten wäre. Auch scheint es, daß er von dieser Seite forthin nicht weiter angefochten worden sei. ! Doch wenn die Verse gut sind, wenn sie Cäsar selbst mit seinem Beifall ehrt, und wenn der Mann, der einen Schandewürdigen gezüchtigt Ich lese mit Bentley laceraverit , statt des gewöhnlichen latraverit . Seine Gründe sind einer Demonstration gleich, und werden durch Baxters und Geßners bloßen Widerspruch nicht wankend gemacht. , selbst ohne Vorwurf ist? Treb. Dann nimmt der Handel ein lachend End, und du gehst frei davon Ich habe den Ausdruck solventur risu tabulae nicht anders zu wenden gewußt, und bekenne, daß ich ihn nur sehr mittelmäßig verstehe. Daß in dem Falle, den Horaz unmittelbar vorher voraussetzt, ein so gewaltiges Gelächter entstehen werde, daß die Decke des Gerichtshauses, oder die Bänke, worauf die Richter sitzen, davon zusammenfallen würden (wie ein Scholiast meint), kann weder Horaz noch Trebaz gesagt haben. Eine solche Hyperbel möchte sich allenfalls ein Possenreisser in einer Plautinischen Komödie erlauben: aber hier wäre sie mit nichts zu entschuldigen. Geßner sagt: cogitabam tabulas esse tabellas judiciarias, in quibus scribi fingat sententias ludicras et hilares – Wie der gelehrte Mann durch das Wort solvere auf diesen Gedanken habe geleitet werden können, ist mir noch unauflöslicher als das Problem selbst; indessen macht mir dieser verunglückte Einfall Mut, einen andern zu wagen, dessen Zuläßlichkeit diejenigen entscheiden mögen, welche bei solchen Sachen Sitz und Stimme haben. Jeder Richter empfing, wie bekannt, bei Aburteilung eines Rechtshandels drei Täfelchen, eines mit  A (absolvo) , das andre mit  C (condemno), das dritte mit  N.L. (non liquet) bezeichnet. Könnte nun solventur risu tabulae nicht soviel heißen als: die Täfelchen werden den Richtern vor Lachen aus den Händen fallen? Wie ungewöhnlich diese Metapher auch immer sein möchte, so wäre sie es doch gewiß nicht mehr, als die Synecdoche , welche Cruquius annimmt, wenn er sagt, daß tabulae hier soviel als iudicium bedeute. . \<80\> Sed tamen, ut monitus, caveas, ne forte negoti incutiat tibi quid sanctarum inscitia legum: »Si mala condiderit in quem quis carmina, ius est iudiciumque.« HORAT. Esto, si quis mala: sed bona si quis iudice condiderit laudatus Caesare, si quis \<85\> opprobriis dignum laceraverit, integer ipse? TREBAT. Solventur risu tabulae, tu missus abibis. Zweite Satire Einleitung Horaz macht uns in diesem Stücke, in der Person seines Ofellus , mit einem wahren Sokratischen Bauern , mit einem alt-römischen Kly-Jook So sollte dieser Name, der durch dies bekannte Buch des Sel. D. Hirzels so ehrwürdig worden ist, eigentlich geschrieben werden, weil er so ausgesprochen wird. Klein-Jogg ist weder schweizerisch noch hochdeutsch. , wenn ich so sagen darf, bekannt, da er demselben die kleine moralische Lektion in den Mund legt, die er seinen Mitbürgern über die immer allgemeiner werdende Verschwendung, Üppigkeit und Unmäßigkeit ihrer Tafeln halten wollte. Dieser glückliche Einfall gibt dem ganzen Stücke eine Wahrheit, eine Schicklichkeit und ein Interesse, die es schwerlich durch irgend eine andere Erfindung hätte erhalten können. Was in Horazens eigener Person doch immer das Ansehen einer bloßen schalen Deklamation gehabt hätte, wird durch den kunstlosen Vortrag des wackern Landmanns Ofellus lebendige, gefühlte Wahrheit. Horaz (wie Ernst es ihm auch dabei sein mochte) würde die Miene gehabt haben, eine Lektion aufzusagen, die er vor zehn Jahren in der Schule eines Stoikers oder Akademikers zu Athen gehört hätte: Ofellus hingegen lehrte nichts als was er selbst sein ganzes Leben durch in Ausübung gebracht hatte; ihm stand eine Satire über die schwelgerischen Tafeln der Römer und eine warme Empfehlung der altrömischen Frugalität und Einfalt wohl an, und beides hatte in seinem Munde eine ganz andere Grazie, als im Munde eines Poeten, der selbst beinahe alle Tage mit Mäcenas oder andern Großen von Rom schmausete. Vermittelst dieser feinen Wendung hingegen konnte Horaz, (dem jenes von manchem hungrigen Dichterling beneidete Wohlleben oft genug lästig gewesen sein mag) seinen großen Freunden mit der besten Art von der Welt Wahrheiten, die alles Beleidigende verloren hatten, sagen, und so, gewissermaßen, wegen mancher Unverdaulichkeit und manchem schlimmen Morgen, die er ihren königlichen Tafeln zu danken hatte, eine Art von scherzhafter Rache nehmen, wofür sie sich noch bei ihm bedankten. Denn es ist kein Zweifel, daß ihnen dieser Ofellus mit seiner ländlichen Einfalt, Offenheit und Bravheit, und mit seiner urgroßväterlichen Lebensweise, im Gemälde eben das Vergnügen gemacht haben werde, als die Geßnerischen Hirten einer wenigstens eben so üppigen und eben so weit von der kunstlosen Natur entfernten Klasse von Weltleuten in unsern Tagen. Der Kontrast, den solche Gemälde mit dern Leben großer und reicher Städte machen, gewährt ihnen ein desto größeres Vergnügen, weil das Herz sich unvermerkt dabei ins Spiel mischt, und sie sich nicht enthalten können, das unscheinbare Glück dieser unverzärtelten Kinder der Natur, als eine ihnen verbotene und unzugangbare Frucht, mit lüsterner, wiewohl vergeblicher Sehnsucht anzusehen. Wer mit der Geschichte der alten Römer bekannt ist, weiß, daß in den fünf ersten Jahrhunderten dieser wunderbaren Republik die vornehmsten Familien und die größten Männer, Konsularen, gewesene Imperatoren, Männer, die dem Staate ganze Provinzen gewonnen und Könige im Triumph aufgeführt hatten, nicht reicher waren und nicht besser lebten als Horazens Ofellus. Noch das sechste Jahrhundert zeigt uns hievon ein in unsern Zeiten beinahe unglaubliches Beispiel. Älius Tubero , ein Mann, den seine Tugenden seinen Mitbürgern ehrwürdig machten Plutarch im Leben Paul-Ämils. , und der (nach Plutarchs Ausdruck) unter allen Römern Armut und Größe der Seele am besten zu vereinigen wußte (μεγαλοπρεπέστατα ‛Ρωμαίων πενία χρησάμενος), lebte mit funfzehn andern Äliern, seinen nächsten Verwandten, nebst ihren Frauen und einer hübschen Herde Kinder, entweder zu Rom in einem gemeinschaftlichen kleinen Hause, oder auf einem alten unzerteilten Familien-Gütchen, in der Gegend von Veji, welches so klein war, daß es (wie Valerius Maximus sagt) mehr Herren hatte, als Personen nötig waren es zu bauen. Und gleichwohl fand der große Ämilius Paulus , (der mit Fabius Maximus und Scipio Africanus das Triumvirat der edelsten und größten Römer ihres Jahrhunderts ausmachte) diesen nämlichen Tubero würdig, ihm seine Tochter Ämilia zur Gemahlin zu geben: und diese Tochter eines Patriziers von der ältesten und größten Illustration, eines Mannes, der zweimal Konsul gewesen war und zweimal triumphiert hatte, war noch stolz darauf, die Gemahlin eines Mannes zu sein, der tugendhaft genug war, um in einer Zeit, wo die Begierde, sich auf Kosten des Staats und der überwundnen Völker zu bereichern, wie ein böser Dämon in die meisten Römer gefahren war, arm zu bleiben. Daß übrigens unser Dichter in der Denkart des wackern Ofellus die Gesinnungen seiner eigenen bessern Seele (wenn ich so sagen darf) ausgedruckt habe, wird niemand leicht bezweifeln, der aus seinen Schriften mit ihm vertraut worden ist; und die einzige Epode Beatus ille qui procul negotiis , und das so herzliche o noctes cenaeque deum! in der sechsten Satire dieses zweiten Buches, wäre hinlänglich uns davon zu überzeugen. Indessen erlaubten ihm seine Verhältnisse mit einigen Großen in Rom, und vielleicht auch die Gewohnheit, die uns unvermerkt tausend Dinge, wovon die Natur nichts weiß, zu Bedürfnissen macht, zumal in seinen jüngern Jahren, nicht, sich von den goldnen Ketten des römischen Stadtlebens ganz frei zu machen; und, da er nie weiser oder besser scheinen wollte, als er sich zu sein bewußt war: so legte er (auch aus diesem Grunde) nicht nur seine Moral über diesen Artikel einem Manne in den Mund, der gar nicht wußte, was Bacchanalia vivere war; sondern milderte auch, wie es einem homini urbano und Commensalen des Mäcens geziemte, die Austerität seines bäurischen Philosophen hier und da mit diesem feinen Anstrich von scherzhafter Laune. welche gleichsam der Firnis ist, womit die leichte Hand der Grazie alle seine Werke überzogen hat. Wie schön und wohlgetan es sei, ihr Lieben, von wenigem zu leben, höret, wenn ihr wollt, nicht von mir selbst – der Biedermann Ofellus Dieser Ofellus , welchen Horaz in gegenwärtigem Diskurs als einen von der Natur selbst gelehrten praktischen Weisen aufstellt, um dessen altrömische gesunde Denkart, Frugalität, Genügsamkeit und Gleichmütigkeit in Wohlstand und Unglück mit den herrschenden Sitten seiner Zeit kontrastieren zu lassen, war (wie er uns selbst berichtet) ein römischer Landmann, vermutlich aus der Gegend des Sabinerlandes, worin Horazens Landgut lag. Als Brutus und Cassius nach der Ermordung des Julius Cäsar sich genötigt sahen, Truppen zur Verteidigung der republikanischen Partei und zur Sicherheit ihrer eigenen Personen in Italien anzuwerben, soll Ofellus (nach dem Vorgeben eines alten Scholiasten) unter dem Cassius Kriegsdienste genommen, und dadurch mit in die allgemeine Proskription gefallen sein, welche Antonius und der junge Cäsar, nachdem sie sich von Rom und vom Senat Meister gemacht, über alle Anhänger der Cäsarsmörder verhängten. Dieses Vorgeben des Scholiasten scheint aber keinen andern Grund zu haben, als den Umstand, daß Ofellus (so wie alle Landleute und Munizipalen, welche die Partei des Brutus und Cassius ergriffen hatten) bei der Verteilung der Ländereien unter die alten Soldaten oder Veteranen Cäsars, welche der junge Cäsar Octavianus im Jahr 713 bei seiner Zurückkunft nach Italien bewerkstelligte, eben so wie andere um sein väterliches Bauergut gekommen, und wenigstens den größten Teil desselben an den Veteran Umbrenus (dem es zu seinem Anteil zugemessen worden war) hatte abtreten müssen. Der unwissende Scholiast schloß hieraus, Ofellus müsse also auch die Waffen gegen Cäsarn getragen haben: aber die Geschichtschreiber Dion Cassius und Appianus belehren uns, daß diese Verteilung der Ländereien, diese beispiellose Gewalttätigkeit, welche gleichsam ganz Italien wie durch ein Erdbeben umstürzte, auch eine Menge Städte und Landschaften betroffen habe, die an dem Bürgerkriege keinen Teil genommen. Dieses mag denn auch mit so vielen andern der Fall des ehrlichen Ofellus gewesen sein, der sich nun auf einmal dahin gebracht sah, ein von seinen Voreltern auf ihn geerbtes Gut als Söldner des neuen Eigentümers zu bauen, aber sich das veteres migrate coloni mit einer Gleichmütigkeit gefallen ließ, die einem Epiktet Ehre gebracht hätte. , ein unstudierter bäur'scher Philosoph, der sich bei gutem derbem Mutterwitz sehr wohl befand, soll unser Lehrer sein; nicht zwischen euern schimmerreichen Tischen, nicht, wenn vom Silberglanz der prächt'gen Schüsseln die Augen blinkern, und vom Falschen angezogen die Seele sich dem Besseren versagt: Wir wollen hier die Sache noch vor Tafel ins Reine bringen. – Und warum denn das? Das will ich sagen Hier fängt Ofellus selbst zu reden an. , wenn ich kann. Ihr wißt, daß ein bestochner Richter schlecht sich schickt, die Wahrheit zu erforschen. Also, wenn du vom Jagen heimkommst, oder von der Reitbahn, müd' ein ungebändigt Roß herumzutummeln, oder (wofern die griechsche Weichlichkeit für unsre altrömischen Soldatenspiele Ofellus nennt die Jagd und das Reiten im Campus Martius Romana militia , weil diese Übungen, da sie mit heftiger Leibesbewegung und Anstrengung verbunden sind und den Körper gegen die Eindrücke der Luft, Witterung, Hitze und Kälte und andere Ungemächlichkeiten abhärten, von den ältesten Zeiten her für die einzigen Spiele angesehen wurden, welche sich für geborne Krieger, wie die Römer, schickten. Auch in diesem Stücke waren die damaligen Römer von der Gewohnheit und Disziplin ihrer Vorfahren schon sehr ausgeartet, und hatten von den neuern Griechen, deren Lebensweise und Sitten sie unvermerkt annahmen, neben so vielem andern, was von der Einfalt, Härte und Roheit ihrer Alten sehr stark abstach, auch verschiedene in Rom ehmals unbekannte Spiele angenommen, welche zwar noch immer Leibesübungen, aber von einer weniger anstrengenden und gefährlichen Art, und der Weichlichkeit, zu welcher die Griechen seit dem Verlust ihrer Unabhängigkeit nach und nach heruntersanken, angemessener waren. Dies ist es, was Ofellus (vermöge des Zusammenhangs dieser ganzen Stelle) unter graecari , im Gegensatz mit der Romana militia versteht, nicht se avocare et conviviis operam dare , wie es Baxter auslegt. Übrigens leugne ich nicht, daß graecari in der weitesten Bedeutung überhaupt soviel als die Lebensweise der Griechen oder auch die Ausschweifungen ihrer zügellosen Jugend nachahmen , geheißen, und im Munde eines Römers von altem Schrot und Korn eine Art von schimpflichem Vorwurf mit sich geführt habe. Die Liebhaber des Plautus wissen, was bei ihm congraecari und pergraecari heißt. dich     Quae virtus et quanta, boni, sit vivere parvo (nec meus hic sermo est, sed quae praecepit Ofellus rusticus, abnormis sapiens crassaque Minerva) discite, non inter lances mensasque nitentes, \<5\> cum stupet insanis acies fulgoribus, et cum adclinis falsis animus meliora recusat: verum hic impransi mecum disquirite. Cur hoc? Dicam si potero. Male verum examinat omnis corruptus iudex. Leporem sectatus, equove \<10\> lassus ab indomito, vel (si Romana fatigat verzärtelt haben sollte) wenn der schnelle Ball, ein Spiel, wobei der Eifer unvermerkt die Müh' in Lust verwandelt, oder wenn der Diskus Der Diskus war, seiner ersten Institution nach, nichts weniger als ein Spiel für weichliche Leute. Es bestand darin, eine Art platter Scheiben oder Teller von Erzt oder hartem Stein in die Höhe zu werfen, so daß die Scheibe innerhalb eines bestimmten Raumes wieder zur Erde fiel. Da es dabei auf die Schwere des Diskus und auf die Größe des Bogens, in welchem man ihn werfen mußte, ankam, so sieht man leicht, wie dieses Spiel, welches schon im Homer vorkommt, und seiner Absicht nach eine kriegerische Übung war, nach und nach zu einer sehr mäßigen Leibesübung, und endlich zu einem bloßen Kinderspiel heruntergebracht werden konnte. dich im Freien (wo er eigentlich gespielt sein will) recht tüchtig umgetrieben, mit einem Wort, wenn Arbeit dir den Mangel an Appetit vertrieb, mit trocknem Gaum und leerem Magen, komm mir dann, verachte gemeine Hausmannskost, wofern du kannst, und durste lieber, falls nicht in Falernerwein zerflößter Honig vom Hymett Eine Art von Met, dessen sich die Römer zur Erfrischung zu bedienen pflegten. zur Hand ist! Dein Küchenmeister ist gerade nicht zu Haus', ein stürmisch Meer beschützt die Fische: O! wenn der Magen bellt, so wird er sich Mit Brot und Salz recht gut vertragen lernen! Wo, meinst du, kommt das her? Bloß daher , weil die höchste Wollust nicht im teuren Wohlgeruch der Küche, weil sie in dir selber liegt. Verschaffe dir durch Schwitzen leckre Schüsseln »Horaz scheint mit diesem Ausdruck auf ein Wort des Sokrates angespielt zu haben, welcher einsmals, da ihn jemand bis in die Nacht spazieren gehen sah und ihn fragte, warum er das täte, zur Antwort gab: όψον συνάγω« – sagt ein alter Scholiast und übersetzt diese Worte: pulmentarium quaero . Das Kochbuch der Griechen und Römer begriff unter den Worten opson, opsonion, pulmentum, pulmentarium , im weitsten Verstande alles, was außer dem Brote auf den Tisch kam; im engern, alle Arten von gekochten Fleisch- und Fisch-Speisen, Ragouts, Puddings und dergleichen. Man kann also die Antwort des Sokrates ganz richtig übersetzen: ich bereite mir (nämlich durch die starke Bewegung und die Eßlust, die dadurch erweckt wird) eine gute Schüssel zum Nachtessen zu. ! militia assuetum graecari) seu pila velox molliter austerum studio fallente laborem, seu te discus agit (pete cedentem aera disco) cum labor extuderit fastidia, siccus, inanis, \<15\> sperne cibum vilem! nisi Hymettia mella Falerno ne biberis diluta! Foris est promus, et atrum defendens pisces hiemat mare: cum sale panis latrantem stomachum bene leniet. Unde putas aut qui partum? Non in caro nidore voluptas \<20\> summa, sed in te ipso est. Tu pulmentaria quaere Von Trägheit blaß, vom Schwelgen aufgedunsen, wird weder Auster dir noch Scarus Der Scarus ist ein Fisch des griechischen Meeres, den die Römer, wie alle ihre delicias und cupedias , von den Griechen kennen lernten. Archestratus , der in Hexametern, unter dem Titel Gastrologie , eine Enzyklopädie aller eßbaren Dinge geschrieben, sagt, die besten Scari würden an der Küste von Karthago und bei Byzanz gefangen. Nach dem Plinius wurde zu seiner Zeit dem Scarus die Oberstelle unter allen Fischen gegeben; er werde, sagt er, am häufigsten im Karpathischen Meere gefunden und wage sich von freien Stücken nie über das Vorgebürge Lecton in der Landschaft Troas; ein Freigelaßner des K. Claudius habe eine Anzahl derselben an die Campanische Küste versetzt, und dieses Meer also mit einem neuen Einwohner bereichert; nun würden sie ziemlich häufig in diesen Gegenden gefangen. – Da ich weder diesen Fisch noch eine deutsche Benennung desselben kenne, so habe ich den Namen Scarus beibehalten: denn, daß es nichts weiter als der bekannte Brachsen oder die französische sarguet gewesen sei, ist nicht zu glauben. noch das fremde Birkhuhn schmecken Lagois bezeichnet hier, nach Baxtern, den nämlichen Vogel, den die Griechen Lagopus , die Italiener und Franzosen Francolin , und wir Birk- oder Berghuhn nennen; und dabei habe ichs gelassen, wiewohl andere einen Fisch, Meerhase genannt, darunter verstehen. . Gleichwohl werd ich kaum von deiner Eitelkeit erhalten, daß du, wenn ein Pfau dir gegenüber steht, nicht lieber an diesem als an einem schlechten Huhn den Gaumen reibest; einzig, weil der seltne Vogel Der Pfau, der vor dem Zug Alexanders in die Morgenländer in Europa noch ganz unbekannt war, machte bei den Römern dieser Zeit nicht nur die Zierde des Hühnerhofes, sondern eine der vornehmsten Schüsseln auf der Tafel der Reichen und Verschwender aus. Der berühmte Redner Hortensius war der erste Römer (sagt Plinius ), der seine Mitbürger Pfauen essen lehrte. In kurzer Zeit wurde dieses Gerichte so sehr Mode, daß ein gewisser Aufidius Lurco , der erste, welcher Pfauen auf den Kauf mästen ließ, von einer Herde von hundert Stück jährlich 60000 HS. oder auf 2000 Rtl. Einkünfte zog. Die Pfauen haben sich viele Jahrhunderte lang in diesem kulinarischen Ansehen erhalten, und, nach den Ritterbüchern der Mittelzeiten, machten sie immer das vornehmste Gerichte an den Cours plenières der damaligen Fürsten, und, wie die Romanciers sagen, die eigentliche und edelste Nahrung der Helden und Liebenden aus Curne de St. Palaye, sur l'Ancienne Chevalerie, Mémoire 3. au commenc. . Die Ritter und edeln Frauen dieser heroischen Zeiten hatten aber auch eine andre Encolure und andere Magen als ihre Abkömmlinge im 18ten Jahrhundert! mit Gold bezahlt wird, und mit einem prächt'gen Schweif Parade macht – als ob dies was zur Sache täte? Du issest doch die schönen Federn nicht, und frikassiert gilt beider Fleisch dir gleich. So leitet also bloß dein eitles Auge das Urteil deiner Zunge. Doch, es sei darum! Allein, mit welchem Sinne schmeckst du aus, ob dieser Seehecht, der dich angähnt, mitten im Tiber, oder zwischen beiden Brücken, ob nah am Ausfluß sei gefangen worden Die Römer raffinierten so sehr, als es unsre heutigen Proceres gulae (wie Plinius diese Art von großen Männern nennt) nur immer tun können, über die äußern Umstände, welche den Wert eines Gerichtes in ihrer Einbildung erhöheten. War es nicht selten und kostbar an sich selbst oder durch eine ungewöhnliche Größe, so mußte es durch die Zeit, oder den Ort wo es herkam, sich über das Gemeine in seiner Art erheben. Auf die Tafel eines Mannes, der den Ruhm suchte, gut zu essen zu geben, durfte (wie Varro in seiner Satire περὶ εδεσμάτων sagte) kein andrer Pfau, als einer von Samos , kein Haselhuhn als aus Phrygien , kein Kranich als aus Melica , kein Hammelfleisch als aus Ambrazien , keine Makrele als von Chalcedon gesetzt werden; die Lampreten mußten von Tartessus , der Lachs von Pessinunte , die Austern von Tarent , die Kammuscheln von Chios , der Stör von Rhodus , der Scarus aus Cilicien , die Nüsse aus Thasos , die Datteln aus Ägypten , und die Kastanien aus Spanien gekommen sein Gell. Noct. Attic. VI. 16. . Man kann sich leicht vorstellen, daß die Virtuosen unter den Schmeckern die Leute waren, die für alles dieses einen eigenen Sinn zu haben affektierten. »Der Senator Montanus , der größte Esser meiner Zeit (sagt Juvenal ) wußte auf den ersten Biß zu sagen, ob eine Auster am Circeischen Vorgebürg oder im Lucrinischen See oder zu Colchester geholt worden, und sah einem Meerigel auf den ersten Blick das Ufer, wo er herkam, an.« Satir. IV. v. 140. s. Die feinen Zungen brachten es hierin zu einer so großen Virtuosität, daß sie sogar den Unterschied zwischen einem Hecht, der mitten im Tiber, oder an dessen Ausfluß oder zwischen den beiden über ihn geschlagenen Brücken gefangen worden, heraus zu schmecken wähnten, und dies ists, worüber sich der ehrliche Ofellus hier aufhält. ? Du machst viel Rühmens, Tor, von einem dreipfünd'gen Rotbart Der Mullus scheint der zum Barbengeschlechte gehörige Seefisch zu sein, der in unsrer Sprache die Namen Rotbart und Schmeerbutte führt. Nächst dem Scarus und der Lamprete sind unter dem übrigen Fisch-Adel (sagt Plinius Lib. IX. c. 17. ) die Mulli die beliebtesten und häufigsten, wiewohl sie selten über zwei Pfund schwer gefangen werden und in den Fischbehältern und Teichen nicht größer zu wachsen pflegen. Gleichwohl meldet er in dem nächstfolgenden Kapitel, Licinius Mucianus erzähle: es sei im Roten Meere einst ein Rotbart von 80 Pfund gefangen worden. Was hätte der gegolten (setzt er hinzu), wenn er an einem der Stadt (Rom) benachbarten Ufer gefunden worden wäre! Die vorbelobten Proceres gulae waren auf große Fische dieser Art so erpicht, daß der Konsular Asinius Celer unter der Regierung des Claudius 240 Rtl. für einen bezahlte ( cf. Iuven. Sat. IV. und Seneca Epist. 95. ) , den du doch in kleine Bissen zerschneiden mußt! Die Größe , seh' ich wohl, sudando: pinguem vitiis, albumque, neque ostrea nec scarus aut poterit peregrina iuvare lagois. Vix tamen eripiam, posito pavone, velis quin hoc potius, quam gallina, tergere palatum, \<25\> corruptus vanis rerum; quia veneat auro rara avis, et picta pandat spectacula cauda: tamquam ad rem attineat quicquam. Num vesceris ista quam laudas pluma? cocto num adest honor idem? Carne tamen quamvis distat nihil hac magis illa \<30\> imparibus formis deceptum te patet. Esto! Unde datum sentis, lupus hic Tiberinus, an alto captus hiet, pontesne inter iactatus, an amnis ostia sub Tusci? Laudas, insane, trilibrem mullum, in singula quem minuas pulmenta necesse est. gefällt dir? Gut! Warum denn aber sind die großen Hechte dir zuwider? – Ah! Nun merk ich's: von Natur sind diese groß und jene klein; das Ungewöhnliche ist also was dich reizt. Ein schöner Anblick, wenn aus der großen Schüssel so ein großes Stück herausragt! ruft entzückt ein Schlund, der einer gefräßigen Harpyje Ehre machte Die Harpyjen, sagt Magister Benjamin Hederich , (für dessen mit nichts zu vergleichende Vorstellungsart und konzinne Schreibart ich eine Schwachheit habe, wegen deren ich, als mediocribus illis ex vitiis unum , um Nachsicht bitte) »hatten Gesichter wie Jungfern, allein Hände mit großen krummen Klauen, sahen anbei ganz bleich vor Hunger, und schmeißeten dennoch auch alsofort wieder von sich, was sie eingeschluckt. Sie hatten hiernächst ihre Flügel, mit welchen sie im Fliegen ein großes Geräusch machten, und Leiber wie die Geier, allenthalben voller Federn, jedoch Hände und Füße wie die Menschen, allein Ohren wie die Bäre.« . Daß diesen Prassern doch der wärmste Südwind all' ihre Schüsseln kochte! Doch, wofür, da selbst das beste Wildpret und die frische Bütte Der Rhombus , den ich durch Bütte übersetzt habe, weil Meerbütte in Versen unbrauchbar ist, scheint sich den Römern ebenfalls durch seine Größe empfohlen zu haben, weil sie das angenehme Schauspiel, porrectum magnum magna in catina , zu sehen liebten. Die lächerliche Geschichte von dem ungeheuren Rhombus, der unter dem Domitian im Adriatischen Meere gefangen wurde und für alle damals existierende Schüsseln zu groß war, und wie dieser würdige Nachfolger Augusts den Senat deswegen zusammenberufen und endlich, nach dem Antrag des edeln Montanus, ein Senatus Consultum dahin abgefaßt worden: daß auf der Stelle eine eigene Schüssel, welche groß genug sei, den ganzen Fisch zu fassen, gedreht werden sollte – verdient im Juvenal selbst gelesen zu werden, von dessen vierter Satire sie den Inhalt ausmacht. dem überfüllten Magen stinkt, der, von zuviel Genuß gedrückt und krank, Radieschen und scharfen Alant vorzieht. Denn bei allem dem ist doch die Armut unsrer guten Alten von diesen Fürstentafeln noch nicht ganz verwiesen, da sogar gemeine Eier und Oliven zugelassen werden! Und wie lang' ists wohl, seitdem der Ratspedell Gallonius Ich hoffe hier wegen des Wortes Ratspedell statt praeco nicht angefochten zu werden; ich weiß wohl, daß es kein völliges Äquivalent dafür ist, aber es tut hier gerade dieselbe Wirkung wie das praeco im Lateinischen, und darauf allein kam es mir an. Damals, als dieser Gallonius in den Ruf eines übermütigen Verschwenders kam, weil bei einem Gastmahl, das er gab, ein sehr großer Stör auf seinem Tische erschienen war, stand dieser Fisch noch in so hohem Ansehen bei den Römern, daß er nicht anders als mit Blumenkränzen und mit einem vor ihm hergehenden Pfeifer aufgetragen und herumgeboten wurde Athenaeus, Deipnos. VII. p. 294. edit. Lugdun. de 1612. . Gallonius war ein Zeitgenosse des Dichters Lucilius, und der war es eigentlich, der ihm eine so böse Reputation machte, daß noch zu Ciceros Zeiten er lebt wie Gallonius eine Art von Sprüchwort war. Die Verse des Lucils, welche Ofellus hier im Sinne hat, zitiert Cicero in seiner Disputation gegen die Wollust ( de Finib. II. c. 8. ): Laelius praeclare et rede sophos illudque vere: »O Publi, o gurges, Galloni! es homo miser, inquit, cenasti in vita numquam bene, cum omnia in ista consumis squilla, atque acipensere cum decumano.« Zu Plinius Zeiten war dieses ehmals so teure und seltne Gerichte in solche Verachtung gesunken, daß ein Mann nach der Mode seine Tafel durch einen Stör zu beschimpfen geglaubt hätte; die mulli, scari und rhombi waren an seine Stelle gekommen. mit einem Stör der Stadt zur Fabel wurde? \<35\> Ducit te species, video; quo pertinet ergo proceros odisse lupos? Quia scilicet illis maiorem natura modum dedit, his breve pondus. Porrectum magno magnum spectare catino vellem, ait Harpyiis gula digna rapacibus. At vos \<40\> praesentes, Austri, coquite horum obsonia! quamvis putet aper rhombusque recens, mala copia quando aegrum sollicitat stomachum, cum rapula plenus atque acidas mavult inulas. Necdum omnis abacta \<45\> pauperies epulis regum: nam vilibus ovis nigrisque est oleis hodie locus. Haud ita pridem Galloni praeconis erat acipensere mensa Wie? nährte denn das Meer in jenen Tagen noch keine Bütten? Freilich; aber sicher war die Bütte, sicher noch der junge Storch in seinem Neste, bis ein Küchenmeister von Prätors-Rang euch feiner essen lehrte Ein Stich auf einen gewissen Asellius Rutilius oder Sempronius Rufus , der die ungeheure Liste der Schüsseln, womit die Tafeln der römischen Helluonen belastet wurden, mit jungen Störchen vermehrte. Für diese Erfindung, und weil er seiner Lebensart wegen in so übelm Ruf stand, daß er bei seiner Bewerbung um die Prätur auf eine schimpfliche Art durchfiel, wurde er mit folgendem Epigramm reguliert: Ciconiarum Rufus iste conditor hic est duobus elegantior Plancis ; suffragiorum puncta non tulit septem: Ciconiarum populus ultus est mortem. . Laß jetzt sich einer beigehn, kund zu machen, es sei was Herrlichs um gebratne Täucher , gelehrig jeder Torheit wird sogleich die römsche Jugend sichs gesagt sein lassen. Indes ist, nach Ofellus , zwischen simpler Kost und filziger ein großer Unterschied. Was hälf's ein Laster zu vermeiden, um ins Gegenteil zu fallen? Avidien , nicht für die Langeweile Hund genannt, ißt wilde Schlehen und fünfjährige Oliven, und schonet seinen Wein so lange bis er umgeschlagen ist; an einem Hochzeits- oder Geburtstags-Schmause selbst, an jedem andern Familien-Feste, gießt er euch, in seinem auf- gescheurten Festrock, eigenhändig, aus einem schmutzigen zweipfündigen Horn Nämlich aus einem hörnernen Ölgefäße, welches zwei Pfund faßte; so, daß das Öl, womit Avidien so sparsam wirtschaftete, desto ranziger darin werden mußte. – Geßner meint, wenn man veteris non largus aceti für non parcus lese, so werde Avidiens Geiz noch stärker geschildert. Ich bin nicht dieser Meinung: non largus scheint mir weiter nichts als platt ; non parcus hingegen ist eine scherzhafte Wendung, und Avidien gewinnt nichts dabei; denn er ist mit seinem Essig nur deswegen freigebiger, weil er verdorben, und der Abgang aus seinem Weinkeller leicht zu ersetzen ist. Non largus ist augenscheinlich das Werk eines platten Abschreibers, der hier wie Geßner dachte und den Text zu verbessern glaubte. Hr. P. Haberfeld (dessen Ingenuität ich mehrere zurecht weisende Winke und Verbesserungen in diesem Buche zu danken habe) hat die vielen feinen Züge dieses komischen Gemäldes eines römischen Knickers vom ersten Rang sehr schön auseinander gesetzt. S. den 3ten Band der Vorlesungen über die klassischen Dichter der Römer, S. 44, 45. infamis. Quid? tum rhombos minus aequor alebat? Tutus erat rhombus, tutoque ciconia nido, \<50\> donec vos auctor docuit praetorius. Ergo si quis nunc mergos suaves edixerit assos, parebit pravi docilis Romana iuventus. Sordidus a tenui victu distabit, Ofello iudice. Nam frustra vitium vitaveris illud, \<55\> si te alio pravus detorseris. Avidienus, cui Canis ex vero ductum cognomen adhaeret, quinquennes oleas est et silvestria corna, ac nisi mutatum parcit defundere vinum, et cuius odorem olei nequeas perferre, licebit \<60\> ille repotia, natales, aliosve dierum ein Öl, wovon euch der Geruch den Atem nimmt, dem stengelreichen Kopfkohl tröpfelnd auf, doch desto minder mit verdorbnem Essig sparsam.   »Wie soll ein weiser Mann nun leben? Wen, den Schlemmer, oder diesen schnöden Filz zum Muster nehmen?« Wie? dem Hunde zu entfliehn, müßt ihr dem Wolf entgegenlaufen? Wer uns nicht durch Schmutz mißfallen will, sei reinlich, ohne ins Gegenteil zu fallen. Wer den Mittelweg zu halten weiß, wird weder, wie der grämliche Albuz , indem er jedem Sklaven seine Dienste anweist, sie für die Fehler, so sie allenfalls begehen werden, gleich voraus bestrafen: noch wie der allzugute Nävius die Gäste über Tisch mit trübem Wasser bedienen lassen Es ist kaum begreiflich, wie einige Ausleger sich zerarbeitet haben, den natürlichen, so offen da liegenden Sinn dieser Stelle zu verdrehen. Diese Herren haben zuweilen das Unglück, daß sie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen können. So meint z. B. Baxter, der Nävius , welchen Ofellus, in augenscheinlichem Gegensatz mit dem allzustrengen Albutius , einer übertriebnen Nachsicht gegen seine Bediente beschuldiget, werde hier als ein bis zur Abgeschmacktheit eleganter Hasenfuß charakterisiert. Caeteri lauti (sagt er) inungebant vinarios calices, iste vero Vappa, lautior lautissimis, vel ipsam aquam, et frigidam scilicet et calidam, odoram fecit . Das heiße ich doch nodum in scirpo quaerere ! Und eine so feine Auslegung läßt Geßner sich wenigstens durch sein Stillschweigen gefallen! Man braucht nur Augen und einen halben Gran gemeinen Menschensinn zu haben, um zu sehen, daß Horaz nichts weniger als dies sagt, noch im Sinne haben konnte. »Man muß in allen Dingen den Mittelweg gehen, sagt Ofellus. Zwischen übertriebner Pünktlichkeit und Schmutz liegt Reinlichkeit in der Mitte. Der alte Albutius ist so streng gegen die geringsten Versehen seiner Bedienten, daß er sie schon beim Austeilen ihrer Dienstverrichtungen für die Fehler, so sie etwa begehen könnten, zum voraus züchtigt: Nävius, im Gegenteil, ist ein so gütiger Herr, daß er seinen Bedienten auch die größten Fehler und Nachlässigkeiten im Dienste übersieht und die Gäste bei der Tafel sogar mit schmutzigem oder unreinlichem Wasser bedienen läßt, ohne es gewahr zu werden oder zu ahnden. Wer klug ist, macht es weder wie Albuz, der einen Bedienten schon bei dem bloßen Gedanken, daß er einem Gast einen ungespülten Becher reichen könnte, prügelt; noch wie Nävius, dem es gleichviel ist, wenn das Wasser, das seine Gäste trinken sollen, wie Spülwasser aussieht: er hält über Reinlichkeit in seinem Hause und an seinem Tische, ohne in das eine oder andre Extrem zu fallen.« . Denn zuviel Gelindigkeit ist auch kein kleines Laster. – Höre nun, wie vielen Vorteil ein geringer Tisch dir bringen wird! Fürs erste wirst du dich dabei gesunder finden; denn wie übeltätig das vielerlei Gemisch dem Menschen sei, zeigt die Erfahrung, da gemeine Speise festos albatus celebret, cornu ipse bilibri caulibus instillat, veteris non parcus aceti, Quali igitur victu sapiens utetur? et horum utrum imitabitur? Hac urguet lupus, hac canis, aiunt. \<65\> Mundus erit qui non offendat sordidus, atque in neutram partem cultus miser. Hic neque servis, Albuci senis exemplo, dum munia didit, saevus erit: neque, sicut simplex Naevius, unctam convivis praebebit aquam; vitium hoc quoque magnum. \<70\> Accipe nunc victus tenuis quae quantaque secum afferat. In primis valeas bene: nam variae res dir immer wohl bekam, hingegen, wenn du Gesottnes und Gebratnes, Krammetsvögel und Austern durch einander mengest, immer die Leckerbissen sich in Galle kehren, und zäher Schleim dem Magen Händel macht. Du siehest ja, wie blaß von einem solchen versuchungsreichen Gastmahl alles aufsteht! Zudem beschwerst ein mit gestriger Unmäßigkeit beladner Körper auch zugleich den Geist, und drückt das Göttliche in uns zu Boden Adfligit (oder, wenn man lieber so lieset, affigit ) humo divinae particulam aurae . Ohne eine weitläuftige Umschreibung dürfte es wohl ganz unmöglich sein, für particulam aurae divinae , wie Ofellus hier die denkende Seele oder den Geist des Menschen nennt, einen gleichbedeutenden Ausdruck zu finden. Ofellus sagt dies weder als ein Platoniker, noch als ein Stoiker, wie die Ausleger wähnen: sondern vermöge einer sehr gemeinen, sehr alten, und gewiß auch unter solchen ungelehrten Leuten, die etwas mehr als bloße mechanische Tiermenschen waren, gewöhnlichen Vorstellungsart, daß die menschlichen Seelen Partikeln oder Funken eines allgemeinen, das ganze Weltall durchwebenden Weltgeistes seien. Horaz läßt also seinen Ofellus gerade so sprechen, wie es einem wackern verständigen Mann seiner Art zukam, und dachte wohl an nichts weniger, als an Spott , wie Dr.  Warburton , in einer Anmerkung zu diesem Verse, mit seiner gewöhnlichen Zuversichtlichkeit vorgibt: weil ein Epikuräer, wie Horaz, nicht an die Unsterblichkeit der Seele glaube, und also den göttlichen Ursprung derselben durch den Ausdruck divinae particulam aurae habe lächerlich machen wollen. Horaz, mit Erlaubnis Sr. Lordship, war weder ein epikuräischer noch ein pythagorischer Geck, sondern ein Dichter, der das reddere personae convenientia cuique sehr gut verstand; und im übrigen ein Mann von so gesundem Kopf und Herzen, als je einer geatmet hat – wie ihn jeder, dem es nicht selbst an dem einen oder andern fehlt, in seinen Schriften finden wird. Horaz mag von der Seele geglaubt haben was er konnte, so spricht er hier nicht in seinem eigenen, sondern in Ofellus Namen, welchem ohne alle Schicklichkeit und gleichsam mit Gewalt epikuräische Spötterei in den Mund zu stopfen, etwas sehr Abgeschmacktes gewesen wäre. : da hingegen jener, in einem Wink mit seiner Mahlzeit fertig, in leichten Schlummer sinkt, und morgen früh zur vorgeschriebnen Arbeit munter aufsteht. Auch hat er noch den Vorteil, daß er sich zuweilen ohne Schaden etwas mehr zu Gute tun kann: sei es daß ein Festtag im Jahre wieder einfällt, oder daß er nötig findet, die durch viele Arbeit erschöpften Kräfte zu ersetzen, oder wenn die Jahre kommen und das schwächte Alter mehr ut noceant homini, credas memor illius escae quae simplex olim tibi sederit: at simul assis miscueris elixa, simul conchylia turdis, \<75\> dulcias se in bilem vertent stomachoque tumultum lenta feret pituita. Vides ut pallidus omnis cena desurgat dubia? Quin corpus onustum hesternis vitiis animum quoque praegravat una, atque adfligit humo divinae particulam aurae. \<80\> Alter, ubi dicto citius curata sopori membra dedit, vegetus praescripta ad munia surgit. Hic tamen ad melius poterit transcurrere quondam, sive diem festum rediens adduxerit annus, seu recreare volet tenuatum corpus, ubique \<85\> accedunt anni et tractari mollius aetas gepfleget sein will. Du hingegen, der als Knabe schon, bei vollen Jugendkräften, das Äußerste der Weichlichkeit erschöpfte, was bleibt in kranken Tagen und im Alter dir noch zuzusetzen? – Unsre Alten lobten den starken Wildgeruch am schwarzen Wildpret, nicht weil sie keine Nase hatten, sondern bloß deswegen; denk' ich, weil ein später Gast doch leichter sich mit einem etwas ranzigen Ragout behilft, als daß der Hauspatron ein ganzes Schwein auf einmal frisch verzehrt. O daß mich Mutter Erde unter diesen Helden geboren hätte In diesem Wunsche, der übrigens auf den Lippen eines Mannes wie Ofellus eine gewisse Grazie und Proprietät hat, glaube ich etwas Humoristisches zu finden, wodurch Horaz, (den ich mir dieses Stück in dem Zirkel des Mäcenas vorlesend denke) seinen feinen Zuhörern ein kleines Lächeln abzulocken gehofft habe. Denn ein so ernsthafter Seufzer aus so vollem Herzen, so unmittelbar auf die Erklärung der wirtschaftlichen Ursache, warum ihre Alten einen etwas starken Geruch am schwarzen Wildpret durch eine Art von stillschweigender Übereinkunft leckerhaft gefunden, und das Wort Heroen in diesem Zusammenhange, hat in der Tat etwas Komisches. Ofellus merkt es in seinem Eifer nicht – und auch dies ist charaktermäßig. Ich bemerke dies hier als einen Beleg dessen, was ich am Schlusse der Einleitung zu diesem Stück erwähnte. Auch die Sprünge oder brüsken Übergänge, die er ihn in seinem Diskurse machen läßt, der kleine Detail in der Schilderung des filzigen Avidiens, die launische Anmerkung, »daß doch wenigstens die Eier und Oliven noch nicht von den Tischen der römischen Könige verbannt seien«, der Ausdruck infamis acipensere und dergleichen, gehören ebenfalls hieher, und scheinen mir mit großer Feinheit gewählt, um aus dem Kolorit des Ganzen, ohne Nachteil des Charakters seines Sokratischen Bauern und der Wahrheiten, die er ihn predigen läßt, einen leichten komischen Anstrich gleichsam durchscheinen zu lassen. ! – Ist an gutem Ruf dir was gelegen, der von aller Ohrenlust die angenehmste ist Horaz kann hier wohl das πάντων ήδιστον άκουσμα, das mehr als einmal im Xenophon vorkommt, im Sinne gehabt haben: aber der Gedanke ist an sich so natürlich, daß er ihn, ohne mindeste Unfüglichkeit, seinem ungelehrten Weisen in den Mund legen konnte. ? Die großen Bütten in großen Schüsseln ziehn zu allem Schaden noch obendrein dir große Schande zu; nicht zu gedenken, daß du dir dadurch den Zorn des alten Oheims zuziehst, dich der ganzen Nachbarschaft verhaßt machst, und es mit dir selbst so übel meinst, daß dir, imbecilla volet. Tibi quidnam accedat ad istam quam puer et validus praesumis mollitiem, seu dura valetudo inciderit, seu tarda senectus? Rancidum aprum antiqui laudabant, non quia nasus \<90\> illis nullus erat, sed, credo, hac mente, quod hospes tardius adveniens vitiatum commodius quam integrum edax dominus consumeret. Hos utinam inter heroas natum tellus me prima tulisset! Das aliquid famae, quae carmine gratior aurem \<95\> occupat humanam? grandes rhombi patinaeque grande ferunt una cum damno dedecus: adde iratum patruum, vicinos, te tibi iniquum des Lebens überdrüssig, nicht einmal ein Dreier bleibt, um einen Strick zu kaufen. »Gut«, spricht mein Prasser, »diese Lektion laß einen Trausius seinem Neffen halten Dies ist, wie mich deucht, der natürlichste Sinn dieser Worte, welche sich auf das vorhergehende adde iratum patruum zu beziehen scheinen. Ofellus hatte dem Verschwender, dem er seine Lektion hält, die Folgen seiner unmäßigen Lebensart vorgestellt, und daß ihm endlich, wenn er alles durch die Gurgel gejagt habe, nicht einmal ein Strick sich zu erhängen übrig bleiben werde. Nun läßt er sich von jenem antworten: »So was magst du einen Trausius seinem Neffen sagen lassen, einem Menschen, der ohne Schwingfedern fliegen und wie unser einer leben will, ohne das Vermögen dazu zu haben, – nicht mir, einem Manne, der königliche Einkünfte hat, u.s.w.« – Iurgatur ist also hier das deponens , nicht ein ungewöhnliches passivum , welches man gar nicht nötig hat, um etwa Sinn in diese Stelle zu bringen. Alles paßt nach dieser Erklärung sehr gut. Vermutlich gibt Horaz (wie Geßner anmerkt) hier einem törichten jungen Verschwender dieser Art im Vorbeigehen ein wohlgemeintes Memento ans Ohr. Ob der Oheim Trasius, Traxius, Travius, Trallius oder Traulius geheißen habe, daran liegt weder uns noch ihm etwas; vermutlich war er und sein Neffe damals bekannter als sie uns sind. : Ich aber habe große Renten, habe Güter, wovon drei Fürsten reichlich leben könnten.« So? Also kannst du keinen bessern Gebrauch von dem, was du zuviel hast, machen? Warum muß, da du reich bist, jemand schuldlos darben? Warum der Götter Tempel in Ruinen fallen? Warum, du Undankbarer, wendest du von deinem großen Überflusse nichts dem lieben Vaterlande zu? Und bist du dann so sicher, daß gerade du allein der einz'ge sein wirst, welchem alles immer nach Wunsche gehen wird! O welches Lachen bereitest du, Betrogner, deinen Feinden! Wer kann aufs ungewisse hin sich selber mehr vertrauen: wer an tausend überflüß'ge Dinge sich angewöhnt hat, oder wer mit wenigem zufrieden, und, der Zukunft eingedenk, et frustra mortis cupidum, cum deerit egenti aes, laquei pretium. »Iure«, inquit, »Trausius istis \<100\> iurgatur verbis: ego vectigalia magna divitiasque habeo tribus amplas regibus.« Ergo quod superat non est melius quo insumere possis? Cur eget indignus quisquam, te divite? Quare templa ruunt antiqua deum? Cur, improbe, carae \<105\> non aliquid patriae tanto emetiris acervo? Uni nimirum tibi recte semper erunt res! O magnus posthac inimicis risus! Uterne ad casus dubios fidet sibi certius? hic, qui pluribus assuerit mentem corpusque superbum? \<110\> an qui contentus parvo metuensque futuri im Frieden wie ein kluger Mann sich auf den Krieg gefaßt gemacht? – So, meine Freunde, philosophiert Ofellus ; und, damit das alles mehr Eingang bei euch finde, laßt euch sagen, daß ich, als Knabe, ihn gekannt, wie er mit seinem ganzen Gut nicht breiter lebte als jetzt mit dem, was man ihm übrig ließ. Ihr solltet auf dem knapp beschnittnen Gütchen Octavianus und Antonius hatten die alten Soldaten des Julius Cäsars nicht anders dazu bringen können, ihnen gegen die Mörder Cäsars und die Republik zu dienen, als durch ein feierliches Versprechen, ihnen nach Vollendung des Feldzuges Ländereien in verschiedenen Provinzen Italiens einzuräumen. Die Eigentümer sollten zwar den Wert dafür an Geld empfangen: allein, weil die Schatzkammer ausgeleert war und die Veteranen sich nicht länger vertrösten lassen wollten, so wurde diese so berüchtigte Divisio agrorum im Jahre 713 würklich mit Gewalt bewerkstelliget, die alten Besitzer ausgetrieben, und die Güter, nachdem sie von neuem ausgemessen worden, nach einer gewissen angenommenen Proportion unter die alten Soldaten verteilt. Daher die Klagen des Properz und anderer Dichter über die unselige, gottlose Meßstange , durch welche die einen um das Ganze, die andern wenigstens um den größten Teil ihres Eigentums gekommen waren. Dies erklärt uns nun, was Horaz mit dem metatus agellus sagen will. Der ehmalige Meierhof des Ofellus hatte nicht mehr den vorigen Umfang; er war durch die triumviralische Güter-Verteilung zerschnitten, und verschiedene davon abgerißne Stücke waren andern zugemessen oder zu ihrer Portion geschlagen, und also die alten Grenzsteine überall verrückt und zurückgezogen worden. Ofellus, der nun sein ehmaliges Erbgut als Pachter oder Söldner des Soldaten Umbrenus, dem es von den Kommissarien der Triumvirn zugesprochen worden war, baute, hatte also den zwiefachen Schaden: erstens, daß er da, wo er Eigentumsherr gewesen war, nun nicht viel mehr als einen Taglöhner vorstellte; und dann, daß der Ertrag des Gütchens geringer war, und er also auch viel weniger darauf verdienen konnte. Gleichwohl sagt Horaz, wäre seine Lebensweise immer die gleiche geblieben. ihn sehen, wie vergnügt der wackre Mann sein ehmals eignes Feld als Söldner baut! Ihr solltet ihn da, unter seinen Söhnen und seinem Vieh, so traulich schwatzen hören! »Nicht leicht in meinem Leben«, spricht er, »kam an einem Festtag etwas Besseres als Kohl mit einem angeschnittnen Schinken auf meinen Tisch. Besuchte mich einmal nach langer Zeit Dieses nach langer Zeit steht hier nicht müßig; es bezeichnet einen wesentlichen Zug der guten alten römischen Sitte, zumal bei den Landeigentümern. Man hatte da nicht täglich Gäste, und es ging nicht immer im Sause und Brause zu: man lebte sparsam, und jeder wartete seines Geschäftes, ohne sich um die des andern zu bekümmern. Die Besuche, die man von guten Freunden erhielt, waren selten, aber auf beiden Seiten desto angenehmer und herzlicher. Sogar Nachbarn besuchten einander nur an Regentagen, aber dann war so eine Zusammenkunft auch ein kleines Fest im Hause. ein Gastfreund, oder kam an einem müß'gen Regentag ein Nachbar zu mir herüber, ein willkommner Gast, so schickt' ich nicht, um gütlich uns zu tun, nach Fischen in die Stadt: ein Huhn mit einem Böckchen gab uns ein köstlich Mahl; der Nachtisch wurde in pace, ut sapiens, aptarit idonea bello. Quo magis hoc credas, puer hunc ego parvus Ofellum integris opibus novi non latius usum quam nunc accisis. Videas metato in agello \<115\> cum pecore et gnatis fortem mercede colonum, »Non ego«, narrantem, »temere edi luce profesta quicquam praeter olus, fumosae cum pede pernae; ac mihi seu longum post tempus venerat hospes, sive operum vacuo gratus conviva per imbrem \<120\> vicinus, bene erat, non piscibus urbe petitis, sed pullo atque haedo; tum pensilis uva secundas mit trocknen Trauben, Nüssen, großen Feigen gar stattlich aufgeschmückt; dann kam ein Spiel, wo der Verlierende mit vollen Bechern bezahlen mußte Bentleys cupa für culpa scheint mir keine glückliche Verbesserung. Das ludus erat culpa potare magistra scheint sich auf irgend ein uns nicht mehr bekanntes ländliches Spiel zu beziehen, wo derjenige, der einen Fehler beging, zur Strafe trinken mußte; so wie die Redensart culpa magistra von dem bei städtischen Schmäusen gewöhnlichen magistro convivii entlehnt ist, der jedem anwies, wieviel cyathos er auszuleeren hatte. Bei den Landleuten waren diese den Griechen abgelernte magisteria noch nicht üblich; der Fehler, den man machte, diktierte auch die Strafe, und dies heißt bibere culpa magistra . , und beim frohen Trunk auf gute Ernte zog die finstre Stirne sich aus ihren Falten. Wüte doch Fortuna und blase neuen Lärmen durch die Welt, wie wenig kann sie hier noch nehmen! Um wie viel sind wir, ihr Jungen, magrer worden, ich und ihr, seitdem der neue Gutsbesitzer einzog? Wahrhaftig, die Natur hat weder ihn, noch mich, noch einen andern Sterblichen zum Herrn von ihrem eignen Grund gemacht. Er trieb uns aus, und ihn wird üble Wirtschaft, vielleicht Unwissenheit des schlauen Rechtes, und endlich ganz gewiß ein Erbe, der ihn überlebt, vertreiben. Dieses Gut heißt jetzt Umbrens , hieß neulich noch Ofells , ist keinem eigen, wird zum Nießbrauch nur bald mir, bald einem andern überlassen. et nux ornabat mensas cum duplice ficu; post hoc ludus erat culpa potare magistra, ac venerata Ceres, ita culmo surgeret alto, \<125\> explicuit vino contractae seria frontis. Saeviat atque novos moveat Fortuna tumultus, quantum hic imminuet? quanto aut ego parcius aut vos, o pueri, nituistis, ut huc novus incola venit? Nam propriae telluris herum natura neque illum \<130\> nec me nec quemquam statuit. Nos expulit ille, illum aut nequities, aut vafri inscitia iuris, postremo expellet certe vivacior heres. Nunc ager Umbreni sub nomine, nuper Ofelli dictus erat, nulli proprius; sed cedit in usum Drum, Kinder, lebt getrost und setzet stets dem Unglück eine starke Brust entgegen!« Sollte es wohl möglich sein, daß irgend ein gesunder Mensch diese zwei Verse:     quocirca vivite fortes fortiaque adversis opponite pectora rebus lesen und sich einbilden könne, Horaz habe damit Spaß machen und sich auf einmal mit heroischem Bombast aufblähen wollen, um eine zu ernsthafte Materie mit Lachen zu verdünnen? – Nichts, dünkt mich, ist klärer, als daß ein Dichter, der seine Verse mit Fleiß zu arbeiten gewohnt ist, ein ganzes Stück mit einem Paar wohlklingenden Versen schließt, zumal wenn sie ihm, wie diese hier, gleichsam von sich selbst in die Hände laufen. Und gleichwohl hat Baxter von seiner Grille, daß Horaz, weil er öfters scherzt, immer (auch zur Unzeit) spaßen müsse, sich zu diesem kaum verzeihlichen Mißverstand unsers Autors verführen lassen. »Festive insurgit spiritu heroici carminis, quo serium risu diluat.« Wem sollte nicht die Lust zum Schreiben vergehen, wenn er sieht, wie man zuweilen, sogar von gelehrten und scharfsinnigen Leuten, verstanden wird? Der wackre, schlichte, biederherzige Ofellus spricht mit seinen Kindern über Dinge, wovon das Glück ihres Lebens abhängt; er erzählt ihnen, wie er es selbst gemacht habe, um glücklich zu sein; er beweiset ihnen aus seinem eigenen Beispiele, daß ihn ein Glückswechsel, worüber manche andre viel Wehklagens erhoben hatten, weder magrer noch unzufriedner gemacht habe; er findet in der Unbeständigkeit der menschlichen Dinge selbst den stärksten Beweggrund, den Mut nie zu verlieren; und mit dem gerührten Blick eines Vaters auf seine Kinder, denen er, ohne seine Schuld, außer seinen guten Lehren und seinem Beispiel nichts hinterlassen kann, beschließt er seine Rede mit einer Aufmunterung, die so natürlich aus der Sache fließt und in seinem Munde so wahr und nachdrucksvoll ist:     drum lebt getrost und setzt dem Unglück immer eine starke Brust entgegen! Was für ein Scurra hätte Horaz sein müssen, um in diesem schönen Augenblick einen Spaß aus der Sache zu machen, und durch ein gefühlloses geckenhaftes Gelächter seinen Lesern den Genuß einer der menschlichsten Empfindungen zu verkümmern? Armer Horaz! Ich bekenne, daß ich keine Geduld behalten kann, wenn ich einem ehrlichen Autor so mitspielen sehen muß, und das noch achtzehn hundert Jahre nach seinem Tode! \<135\> nunc mihi, nunc alii: quocirca vivite fortes, fortiaque adversis opponite pectora rebus!« Dritte Satire Einleitung Man kann mit hinlänglichem Grunde annehmen, daß unser Dichter das erste Buch seiner Satiren im Jahre Roms 718, welches in das 29ste seines Alters fällt, vollendet und bekannt gemacht habe. Zwischen diesem und dem Jahre 721, gegen dessen Ende das gegenwärtige Stück vermutlich geschrieben ist, scheinen die beiden ersten Satiren des zweiten Buches und einige Epoden alles gewesen zu sein, was seine Muse unter den beschwerlichen und angenehmen Zerstreuungen des römischen Stadtlebens hervorzubringen wußte. In der Tat war die Liebe zur Dichtkunst, ungeachtet er sogar in einer nahe an die Prose grenzenden Gattung ein so vorzügliches Talent für sie gezeigt hatte, keine so herrschende Leidenschaft bei ihm, daß es eben sehr mächtiger Hindernisse bedurft hätte, ihn von einer Beschäftigung abzuhalten, zu welcher ihn ehmals, seinem eigenen Geständnis nach, die bloße Not getrieben hatte; und die er nun, als die einzige, die sich mit seinem freien Sinn und seiner Neigung zu dem sacrosanto far niente vertrug und in seine Lage und Denkart einpaßte, mehr zu seiner eigenen Unterhaltung, zur Belustigung seiner Freunde, und bei Gelegenheit zur Verteidigung gegen seine Feinde, als aus Ehrgeiz nach dem Namen und Ruhm eines großen Dichters, fortsetzte: wiewohl einige Jahre später die gute Aufnahme seiner ersten lyrischen Gedichte in seiner Art über diesen Punkt zu denken einige Veränderung gewürkt zu haben scheint. Die Wahrheit zu sagen, Horaz opferte in den Jahren, worin er damals war, ziemlich fleißig auch den beiden andern Gottheiten, deren Dienst der weise Solon noch in seinem achtzigsten mit der Liebe der Musen so zu vereinigen wußte In diesem Alter war es, wo er in einem seiner Gedichte sagte: ’Έργα δὲ Κυπρογενου̃ς νυ̃ν μοι φίλα καὶ Διονύσου καὶ Μουσέων, ὰ τίθησ' ανδράσιν ευφροσύνας. Ein paar in unsre Sprache schwerlich übersetzliche Verse, an denen sich manche wohl bloß darum geärgert haben, weil sie ihren Sinn nicht faßten. Freilich könnte jemand, der kein Solon wäre, eben das sagen , ohne daß es eben das wäre ; aber niemand sollte sich anmaßen, den Worten eines Solon einen Sinn zu leihen, den sie weder haben noch haben können, bloß um sich das kleine Vergnügen zu machen, dritthalb tausend Jahre nach seinem Tode noch seinen Hofmeister zu spielen. , wie sie vermutlich nur ein sehr weiser Mann mit Hülfe von achtzig Jahren vereinigen kann. Es wäre vielleicht zuviel gewesen, von dem Liebling und Commensal eines Mäcenas, in dulci iuventa , in der Rosenzeit des Lebens, bei so vieler Anlage zu Leichtsinn und Fröhlichkeit, und mitten unter so vielen Reizungen und verführenden Gelegenheiten, die Mäßigung eines achtzigjährigen Athenischen Staatsmannes zu fodern. Gewiß foderte sie Mäcenas nicht von ihm: aber konnte er von denen, die seine Freunde nicht waren, von jedem, der ihn bloß durch den Ruf oder aus seinen Werken kannte, eine eben so milde Nachsicht erwarten? Ganz natürlich mußte ihm seine anscheinende Gleichgültigkeit gegen den Ruhm, sein allzufrühes Stillstehen auf einer so munter betretenen Laufbahn, Vorwürfe zuziehen; und man kann sich leicht einbilden, daß die Malignität des Publikums bei Aufsuchung der Ursachen der langen Unfruchtbarkeit seiner Muse nicht sehr geneigt war, eines Mannes zu schonen, der sich gleich in seinen ersten Werken zum Sitten-Zensor aufgeworfen hatte, und dessen Witz und fröhliche Laune der Tadelsucht so viele unbedeckte Stellen darbot. Es war also hohe Zeit, wenn er nicht alles, was er bereits gewonnen hatte, wieder verlieren wollte, mit einem neuen Werke, welches Sensation zu machen geschickt war, hervorzurücken; und da er – eben deswegen, weil er seine Dichterei nur als eine andere Art nichts zu tun , die ihm selbst eben nicht immer die angenehmere war, betrachtete, – wenn er seinen Witz nun einmal dem Publico zu Gefallen in Unkosten setzen sollte, gern so vieles als immer möglich auf einmal abtat: so brachte ihn dies alles, wie es scheint, auf den Einfall, die Römer mit einem Werkchen zu beschenken, worin er sie, zu einer unschuldigen und lehrreichen Gemütsergötzung mit aller möglichen Urbanität und guten Laune, alle samt und sonders für ausgemachte Tollhäusler erklären wollte. Die Sache hatte, wie man sieht, ihre Schwierigkeiten: aber gerade diese häkelige Art von Unternehmungen war es, worin seine größte Stärke lag, und wo die Gewandtheit seines Geistes es ihm nie an Erfindungen fehlen ließ. Natürlicher Weise mußte derjenige, der alle andern für toll erklärte, sich selbst an die Spitze stellen. Aber auch dies war noch nicht genug, oder vielmehr, es würde viel zu wenig gewesen sein, um der Sache eine gute Gestalt zu geben; denn es hätte doch immer so ausgesehen, als ob er sich nur pro forma , und um den übrigen eine Art von Kompliment zu machen, an den großen Reihen mit angeschlossen hätte. Sowohl die Anständigkeit, als das Interesse des Stückes erfoderte, einer Satire von dieser Stärke und Allgemeinheit die Miene einer philosophischen Deduktion zu geben. Hierzu kam ihm nun freilich das bekannte Paradoxon der Stoiker: ΟΤΙ ΠΑΝΤΕΣ ΟΙ ΜΩΡΟΙ ΜΑΙΝΟΝΤΑΙ, daß alle (moralische) Narren (physisch) toll , oder verrückt im Kopfe seien , sehr wohl zu statten. Aber die ernsthafte Behauptung eines solchen Satzes würde in des Dichters eigenem Munde unschicklich gewesen sein, und aus dem Munde irgend eines ehrwürdigen Meisters des Stoischen Ordens zu wenig Amönität gehabt haben. Scherz und Ernst mußten hier so fein aufgetragen und so unmerklich in einander verflößt werden, daß man, bei aller Überzeugung, welche seine Induktionen wirkten, sich doch nicht erwehren konnte, wie in einer guten Komödie, mit zu lachen, wiewohl man sich getroffen fühlte. Nichts konnte wohl in allen diesen Rücksichten zugleich einfacher und glücklicher sein, als der Einfall, wodurch Horaz alle diese Zwecke erreicht: wiewohl ich sehr zweifle, ob unter tausend, die diesen Einfall jetzt ganz natürlich finden werden, ein einziger ohne ihn darauf verfallen wäre. Mit einem Worte: er legt den ganzen Diskurs dem Damasippus , einem damals in ganz Rom bekannten Narren , in den Mund; und auch diesem nicht aus seinem eigenen Stocke, sondern aus dem Munde eines andern Narren , nämlich des Stertinius , eines philosophischen Marktschreiers, dem sein Stoischer Bart und Mantel, und 240 Bücher voll Deklamationen und Argumentationen über die Lehrsätze dieser Sekte eine Art von Recht gaben, den geschwornen Contradictor des menschlichen Geschlechtes zu machen. Das erste, was der Dichter durch diese Erfindung gewann, war: daß sein Stoiker, indem er bewies, daß alle Narren unsinnig sind, keine Satire machte , sondern bloß und in ganzem Ernste ein Stück aus der Moral seines Ordens vortrug. Zweitens, konnten ein paar Leute wie Damasippus und Stertinius, – wovon der eine keines Menschen schonte, weil er nichts mehr zu verlieren, und eben deswegen, weil er bloß durch seinen Unsinn zum Bettler worden war, ein Interesse hatte, das Heer der Unsinnigen soviel möglich zu vergrößern; und der andere von Professions wegen zu einer Cynischen Freimütigkeit berechtigt war, – ein paar solche Bursche konnten jedermann die treffendsten Wahrheiten in den Bart werfen, ohne daß die Getroffnen sich beleidigt finden konnten. Drittens, indem Horaz sich alles, was man zu Rom an ihm selbst tadelte, von einem Narren ins Gesicht sagen ließ, ersparte er sich die unangenehme Mühe einer Apologie, und hatte das Vergnügen, seine Tadler eben dadurch zu entwaffnen und stumm zu machen, daß er sie in den Fall setzte, nichts Schlimmeres über ihn sagen zu können, als er selbst, ganz unverfänglich, in sehr schönen Versen und mit der besten Art von der Welt schon gesagt und eingestanden hatte. Und endlich, was noch das Beste bei der Sache war, verschaffte ihm diese Erfindung eine schöne Gelegenheit und reichhaltigen Stoff, sich, so zu sagen, in einem Kosten, über den Damasippus und Stertinius, über die Afterweisen seiner Zeit, über seine Feinde und Tadler, über alle Gattungen von Narren und Gecken, mit einem Worte, über die ganze Welt, auf eine Art lustig zu machen, die seinem Geiste, seinem Geschmack, und seiner Geschicklichkeit in der Sokratischen Manier über die menschlichen Dinge zu philosophieren, neue Ehre bringen mußte. Denn diese letztere zeigt sich, wiewohl mit einer beigemischten Legierung von Stoischer Spitzfündigkeit, die der Charakter des Stertinius erfoderte, beinahe auf allen Seiten. Übrigens sagt er, weislich, kein Wort, um sich gegen den Vorwurf der Trägheit und des wollüstigen Müßiggangs, der ihm (vermutlich auch von seinen Freunden selbst) gemacht wurde, zu rechtfertigen; er scheint sich sogar ohne Widerrede schuldig zu geben. Die einzige gute Art sich zu rechtfertigen war, auf einmal mit einem größern und in seiner Art vollkommnern Werke zu erscheinen, als alles, was man bisher noch von ihm gesehen hatte: und dies war es, was er tat.           Damasippus       Horaz   Damasipp Du schreibst so selten, daß du viermal kaum im ganzen Jahr Papier und Feder foderst, nur bloß beschäftigt, (wie Penelope Diese Vergleichung liegt im Worte retexens , wiewohl Horaz die Penelope nicht nennt. ) was du gewebt hast, wieder aufzutrennen, und auf dich selber zürnend, daß die Neigung zum Wein und Schlaf nichts, was der Rede wert ist, dich schreiben läßt. Was soll das endlich werden? Wofür dann wärst du am Saturnus-Feste hieher geflohen Ipsis Saturnalibus huc fugisti – nämlich auf sein Sabinisches Landgut, wie bald darauf im 10ten Verse deutlicher gesagt wird. Die Saturnalien fielen in die Mitte des Dezembers. Dies war also keine Zeit, wo man aufs Land zu gehen pflegte; und Horaz konnte, wie Damasippus meint, keine andere Ursache haben, in einer solchen Jahreszeit, und gerade an einem Feste, wo es zu Rom drei und mehrere Tage lang sehr fröhlich zuging, sich den Vergnügungen der Stadt zu entreißen, als um in seinem kleinen Meierhofe zu sich selbst zu kommen, und, nach einer für seinen Ruhm allzulangen Pause, wieder etwas zu schreiben, das der Erwartung würdig sei, wozu er das Publikum durch eine so sonderbare Flucht aus Rom selbst gereizt habe. – Sonst verdient hier noch bemerkt zu werden, daß dies das erstemal ist, wo Horaz seines Sabinums erwähnt; und da es in seinen folgenden Werken sehr oft und bei jeder Gelegenheit geschieht; so ist mit gutem Grunde daraus zu schließen, daß er erst seit kurzem, vielleicht erst in diesem Jahre, oder doch wenigstens nicht vor dem Jahre 720 von Mäcenas in den Besitz desselben gesetzt worden sei. ? – So benutze doch den Augenblick von Nüchternheit, und mache was der Erwartung Würdigs, die du selbst in uns erregtest. Frisch ans Werk! – Es will nicht gehn? In diesem Fall ists fruchtlos auf die Federn zu schmälen, wie du tust, und diese armen im Zorn der Musen und zur Qual der Dichter gebauten Mauern zu verwünschen. – Sonderbar! Du hattest doch die Miene, große Dinge     DAMAS. Sic raro scribis ut toto non quater anno membranam poscas, scriptorum quaeque retexens; iratus tibi, quod vini somnique benignus nil dignum sermone canas. Quid fiet? at ipsis \<5\> Saturnalibus huc fugisti; sobrius ergo dic aliquid dignum promissis! Incipe! Nil est? Culpantur frustra calami, immeritusque laborat iratis natus paries diis atque poetis. zu Tag zu fördern, wie dein stilles Meierhöfchen ins laue Dach dich aufgenommen hätte. Wozu Menandern Plato'n zum Begleiter zu geben? Eupolis, Archilochus , und solche große Reis'gefährten mit zu schleppen Die Werke unsers Dichters sind der sprechendste Beweis seiner vertrauten Bekanntschaft mit den griechischen Musen; aber diese Stelle ist besonders merkwürdig, weil sie uns seine Lieblings-Lektür, wenigstens in dieser Periode seines Lebens, bekannt macht. Plato und Menander , nebst den Dichtern der ersten Komödie (denn Eupolis steht hier nicht für sich allein, sondern auch für Kratinus und Aristophanes , die er anderswo in gleicher Absicht nennt), diese waren also die Schriftsteller, mit deren Werken er seine Muse nährte, nach denen er sich bildete, und die ihn so reichlich mit dem attischen Salze und dem Sokratischen Geiste versahen, welche seinen eigenen Schriften eine so liebliche Schärfe, eine so reizende Verbindung von Philosophie, Witz und Laune, und durch dies alles einen so auffallenden Vorzug vor allen andern Produkten der römischen Literatur gaben! Freilich hätten diese Griechen ihm nichts von diesem allem mitteilen können, wenn ihm nicht zuvor die Natur die glückliche Anlage gegeben hätte, die ihn zu ihrem Geistesverwandten machte. Aber mit aller dieser Anlage würde er gleichwohl ohne seinen frühen Aufenthalt in Athen , und ohne die Ausübung der Lehre, die er jungen Dichtern gibt: – vos exemplaria Graeca nocturna versate manu, versate diurna, das niemals geworden sein, was er durch ihren vertrautern Umgang wurde. – Aber wie kommt der uralte Jambendichter Archilochus S. Horaz. Briefe I. S. 313 . in die Gesellschaft eines Platons und Menanders? Man könnte sich allenfalls mit der Antwort helfen, daß ihn Horaz bloß, weil er seine Jamben liebte, und um in seiner Lektür abwechseln zu können, mitgenommen habe. Aber es scheint noch eine besondere Absicht hier versteckt zu liegen. Horaz fing um diese Zeit an, sich auch in der Lyrischen Gattung zu versuchen: die Epoden waren das erste was er darin wagte, und Archilochus war (wie Plutarch sagt) der Erfinder der Epoden. Oder geschah es vielleicht, um sich, durch das Lesen der Jamben dieses alten Dichters, von deren Feuer und ätzendem Salze die Griechen so gewaltige Wirkungen erzählen, zu Vollendung der Jamben, welche er dem Mäcenas schon lange schuldig war, in Begeisterung zu setzen? Mäcenas hatte ihn mit Erinnerungen an diese versprochnen Jamben, und mit Fragen, wenn sie denn einmal fertig sein würden, (nach seinem eigenen Ausdruck) schier tot gemacht   Mollis inertia cur tantam diffuderit imis oblivionem sensibus, etc. Candide Maecenas, occidis saepe rogando. Deus, deus nam me vetat inceptos, olim promissum carmen, iambos ad umbilicum adducere. Epod. 14. . Er entschuldigte sich damals mit seiner Liebe zu Phrynen; aber, da diese Nymphe nur eine libertina neque uno contenta war, so konnte eine solche Entschuldigung nicht lange halten, und die angefangenen Jamben mußten doch wohl einmal fertig gemacht werden. Vielleicht waren es eben die Jamben ad Canidiam , die den Beschluß der Epoden machen, und wenigstens die einzigen sind, die sich in den Werken unsers Dichters finden. Sie haben so viel vom Geiste des Archilochus in sich, daß man gar wohl vermuten kann, Horaz habe sie bei dieser Gelegenheit vollendet, und den griechischen Jambendichter deswegen mit sich genommen. ? Hoffest du den Neid dadurch dir zu versöhnen, daß du dem Verdienst entsagst? Verachtung wird dein ganzer Vorteil sein, Unglücklicher! Entweder der gefährlichen Sirene, deiner lieben Trägheit Horaz legt sich selbst an mehr als einem Orte die Neigung zur Muße und zum Ausruhen vom Nichtstun als einen Zug seines Charakters bei; wie sie denn in der Tat ein vielleicht allgemeiner Zug aller derjenigen ist, die zu Dichtern geboren sind. Inertes horae und prope rivum somnus in herba sind in ihren Augen sehr wesentliche Stücke vom glücklichen Leben, und gewöhnlich ist ihr Geist nie mehr und besser beschäftigst, als in diesen arbeitlosen Stunden. Aber hier ist die Rede von einer andern Art von Müßiggang, von der mollis inertia , wegen welcher er sich in der eben angezogenen Epode bei Mäcen entschuldigte; kurz, von der Faulheit eines Epicuri de grege porcellus , dem Liebe, Wein und Schlaf weder Zeit noch Lust zu edlern Beschäftigungen des Geistes übrig lassen. Die Bereitwilligkeit, womit er diesen Vorwurf einzugestehen scheint, ist indessen nicht die Unverschämtheit eines Scurra , qui, dum risum quatiat, neque sibi ipsi parcit (der sich selbst nicht schont, wenn er nur das Zwerchfell seiner Hörer recht tüchtig erschüttern kann), wie der zuweilen im Schlafe redende Baxter in einer Note zu der Stelle me libertina neque uno contenta Phryne macerat (Epod. 14.) sagt. Es ist vielmehr eine bloße Wendung, um seine Tadler durch die Offenheit, womit er ihnen seine schwache Seite bloß gibt, zu besänftigen, oder auch, um ihnen mit guter Art zu verstehen zu geben: daß er reich genug sei, einen kleinen Verlust nicht zu achten; daß er die wahre Ursache, warum sie sich soviel um sein Tun und Lassen bekümmerten, sehr gut kenne, und sie des Vergnügens, Böses von ihm zu sagen, nicht berauben wolle, da es ihnen so wohl tue, ihm aber im Grunde nichts schaden könne; indem es bloß von ihm abhange, ihre hämischen Vorwürfe alle Augenblicke durch die Tat zu widerlegen. , dich entreißen, oder dich entschließen, alles gleichgültig wieder zu verlieren, was du dir in deiner bessern Zeit erworben!   Horaz O mögen Götter und Göttinnen, Damasipp , für diesen guten Rat dich bald mit einem Barbier beschenken Wenn die Stoiker von Profession um diese Zeit lächerlich und verächtlich zu werden anfingen, so hatte ihr eigenes Betragen wenigstens eben so viel Schuld daran, als die herrschenden Sitten, und die mit der Staatsverfassung sich unvermerkt ändernde allgemeine Vorstellungsart. Sonst verhielten sie sich zu den Cynikern ungefähr wie die Minoriten zu den Kapuzinern: aber der Unterschied verschwand immer mehr und mehr, und die Stoiker affektierten, wie ihre hündischen Brüder , übel gekämmt zu sein, einen langen Bart wachsen zu lassen, und sich durch Schmutz, Ungeschliffenheit und Unverschämtheit von gesitteten Menschen zu unterscheiden. Bei manchen von ihnen mochte wohl die Dürftigkeit die wahre Ursache sein, warum sie Schmutz und Lumpen zum Costum der Weisheit machten; und auf diesen Umstand scheint Horaz gesehen zu haben, da er dem Damasippus mit einer so komisch andächtigen Miene wünscht, daß ihn alle Götter und Göttinnen für seinen guten Rat mit einem Barbier belohnen möchten. ! Aber was verschafft die Ehre mir, so gut von dir gekannt zu sein? Atqui vultus erat multa et praeclara minantis, \<10\> si vacuum tepido cepisset villula tecto! Quorsum pertinuit stipare Platona Menandro, Eupolin, Archilodium, comites Eine artige Anspielung auf die comites , welche die Großen, wenn sie aufs Land gingen, mit sich nahmen. educere tantos? Invidiam placare paras virtute relicta? Contemnere miser; vitanda est improba Siren \<15\> desidia, aut quicquid vita meliore parasti ponendum aequo animo. HOR. Dii te, Damasippe, deaeque verum ob consilium donent tonsore! Sed unde tam bene me nosti? DAMAS. Postquam omnis res mea Ianum   Damasipp Seitdem ich mit der ganzen Ladung meines Glückes am mittlern Janus Die römische Börse. S. Horaz. Briefe I. S. 64 . scheiterte, bekümmr' ich, aus meinen eigenen geworfen, mich um andrer Leute Sachen. Ehmals war ich ein großer Dilettant und Altertümerkenner . Ich disputierte gern, in was für Erzt der schlaue Sisyphus die Füße sich gewaschen; entschied auf einen Blick, ob eine Gemme von einem echten Meister war, ein Bild im Gusse nicht zu hart und steif geraten; verstand mich auf die Preise; dieses Bild ist seine drei tausend Taler unter Brüdern wert, sagt' ich mit einem schlauen Kennerblick; und Gärten oder schöne Häuser mit Gewinn zu kaufen, war mir keiner gleich: daher man mich auf Auktionen Frequentia compita , wo die Auktionen gehalten wurden, sagt Cruckische Scholiast. nur den kleinen Merkur Mercuriale nomen , für den Namen Mercurius. zu nennen pflegte Dieser Damasippus , der sich hier selbst so gut abschildert, als jemals ein Maler sein eigenes Bildnis gemacht hat, hieß mit seinem Geschlechtsnamen Junius (wie die Scholiasten sagen), und ist ohne Zweifel der nämliche Damasippus, der sich zum Käufer gewisser Statuen anbot, welche Cicero gerne los sein wollte. Dieser hatte einem seiner Freunde aufgetragen, ihm zu Auszierung seiner Arpinatischen Villa einige schöne Bildsäulen zu kaufen. Der Freund, der vermutlich ein Kenner war, und beim Einkauf bloß auf vorzügliche Schönheit sah, hatte ihm drei Bacchantinnen , einen Mars und noch ein ungenanntes Bild gekauft; aber sie, für den Beutel des großen Konsularen, und für seine wenige Liebe zur Kunst, viel zu teuer bezahlt. – »Du hast, schreibt Cicero seinem Kommissionär, mehr darum bezahlt, als ich um alle Statuen der ganzen Welt geben wollte.« – Es lag ihm also recht sehr am Herzen, daß Damasippus sie um den nämlichen Preis nehmen möchte; wo nicht, (sagt er) so müssen wir sehen, wo wir einen Pseudo-Damasippus (d. i. einen Prätendenten an den Geschmack und die Kunstkenntnis, welche Damasippus würklich hat) auftreiben , wenn ich auch bei dem Handel verlieren müßte Cicero, Epist. ad Familiar. VII. 23. . In einem andern Briefe Ad Attic. L. XII. 29. ist die Rede von einem Garten , den er dem Damasippus abzukaufen Lust hatte. Beide Briefe des Cicero bestätigen also, was dieser verunglückte Virtuose hier von seiner Kennerschaft in Kunstsachen, und von dem Handel, den er mit Häusern und Gärten trieb, sagt. Da zwischen der Zeit, wo jene Briefe geschrieben sind, und diesem Dialog des Damasipp mit unserm Dichter über zwanzig Jahre verflossen waren: so begreift sich um so leichter, wie jener, der aus einem Kunstliebhaber nach und nach zum Kunstmäkler geworden war, durch die Leidenschaft, womit er diese Profession trieb, binnen so langer Zeit endlich dahin gebracht werden konnte, daß ihm, nach Abrechnung mit seinen Gläubigern, keine andre Auskunft übrig blieb, als sich entweder zu ersäufen, oder den Stoiker zu machen. Das quaerere amabam, quo vafer ille pedes lavasset Sisyphus aere , bezieht sich, meiner Meinung nach, nicht auf die bekannte Liebhaberei der Römer für Kunstsachen, die keinen andern Wert als ein hohes Altertum hatten: sondern auf eine Frage, worüber unter den Elegantioribus disputiert wurde: nämlich, ob das so hoch geschätzte korinthische Erzt eine den Alten schon bekannt gewesene Komposition, oder ob es, wie die meisten glaubten, erst durch den bloßen Zufall bei Zerstörung der Stadt Korinth durch den Konsul Mummius entstanden sei Cf. Plin. Hist. Nat. L. 34. cap. 2. ? Mit dem Beiworte vafer ille alludiert der Dichter auf die Geschichtchen, welche die Griechen von diesem Sisyphus (der in der Heroischen Zeit zu Ephyra oder Korinth regiert haben soll) erzählten, und woher das Sprüchwort, Σισύφου μηχαναί, Sisyphus-Pfiffe, entstanden war. . ad medium fracta est, aliena negotia curo \<20\> excussus propriis. Olim nam quaerere amabam, quo vafer ille pedes lavasset Sisyphus aere? Quid scalptum infabre, quid fusum durius esset; callidus huic signo ponebam milia centum; hortos egregiasque domos mercarier unus \<25\> cum lucro noram; unde frequentia Mercuriale imposuere mihi cognomen compita. HOR. Novi, et morbi miror purgatum te illius. DAM. Atqui emovit veterem mire novus, ut solet; in cor   Horaz                                     Alles das ist mir bekannt; nur nimmt mich Wunder, wie du dieser Krankheit los geworden?   Damasipp                                       Wie's in solchen Fällen geht; die alte ward von einer neuen ausgejagt; der Fluß im Kopf und in der Seite hat sich auf die Brust geworfen; kurz, wie einer der an Schlafsucht lag, in einem Anstoß plötzlich an seinen armen Arzt zum Fechter wird.   Horaz Das letzte will ich mir verbitten, übrigens wie dirs beliebt.   Damasipp         Mein guter Freund, nur nicht dich selbst getäuscht! Auch du bist toll, wie es fast alle Narren sind, wenn anders an den dreisten Behauptungen Stertins was Wahres ist Si quid Stertinius veri crepat . Dieser Stertinius , der dem verzweifelten Damasipp zu so gelegner Zeit zu Seite stand, um ihm in der Stoischen Philosophie ein souveränes Mittel gegen sein Unglück zu zeigen, war, allem Ansehen nach, eine Person, über die man, ohne sich an der Philosophie zu vergreifen, lachen konnte. Er soll nach der Versicherung eines Scholiasten 220  Volumina über die Stoische Philosophie geschrieben haben; woran die Nachwelt allerdings etwas verloren hätte, wenn sie im Geschmacke des Diskurses, den ihm Horaz in dieser Satire leihet, geschrieben gewesen wären. Das Wort crepat geht wohl nicht, wie Baxter wähnt, auf diese Vielschreiberei des Stertinius, sondern auf den lauten zuversichtlichen Ton, womit er seine Lehrsätze vortrug. Beinahe in eben diesem Sinne sagt Horaz in der 7ten Epistel vom Vulteius Mena:         – ex nitido fit rusticus, atque sulcos et vineta crepat mera. , aus dessen Mund ich wundervolle Lehren mir aufgeschrieben habe, als er trostgebietend traiecto lateris miseri capitisque dolore; \<30\> ut lethargicus hic cum fit pugil et medicum urguet. HORAT. Dum ne quid simile huic, esto ut libet. DAM. O bone, ne te frustrere! insanis et tu, stultique prope omnes, si quid Stertinius veri crepat; unde ego mira descripsi docilis praecepta haec, tempore quo me \<35\> solatus iussit sapientem pascere barbam mich diesen weisen Bart erzielen hieß, und von Fabrizens Brücke wohlgemut zurück mich schickte. Denn, indem ich, über die schlimme Wendung meiner Sachen voll Verzweiflung, eben mit bedecktem Haupte mich in den Fluß zu stürzen im Begriff war, stand er auf einmal, wie mein guter Dämon Dies liegt in dem Worte dexter mihi stetit . , mir zur Seit', und, hüte (sprach er) dich, so etwas deiner Unwürdiges zu tun! Dich ängstigt, wie ich merke, die falsche Scham, für einen Menschen, der im Kopfe nicht recht richtig ist, gehalten zu werden; und von wem? Von lauter Leuten, die selbst so toll sind, als du jemals warst. Denn laß einmal uns sehn, was Tollsein ist; und findet sich's bei dir allein, so sag' ich nicht ein Wort dagegen, daß du dir frisch wie ein tapfrer Mann vom Brote helfest. Wer aus Verblendung oder Unverstand, unwissend was ihm würklich gut und bös' ist, gleich einem Blinden durch das Leben taumelt, den nennt die Stoa und die ganze Zunft Chrysipps: unsinnig . Unter dieser Formel sind große Könige, sind ganze Völker, atque e Fabricio non tristem ponte reverti, Nam male re gesta cum vellem mittere operto me capite in flumen, dexter stetit, et, Cave faxis te quicquam indignum! Pudor, inquit, te malus angit, \<40\> insanos qui inter vereare insanus haberi. Primum nam inquiram, quid sit furere? Hoc si erit in te solo, nil verbi, pereas quin fortiter, addam. Quem mala stultitia et quemcumque inscitia veri caecum agit, insanum Chrysippi porticus et grex den Weisen ausgenommen, einbegriffen. Warum nun alle, die dich närrisch schelten, im Kopfe nicht gesunder sind als du, das will ich dir erklären; horch nur auf Stertinius spricht nun in einem fort, bis zu den Worten: Haec mihi Stertinius , wo Damasipp wieder in seiner eigenen Person redet. ! Wie, wenn zwei Wanderer in einem Walde des rechten Wegs verfehlen, der zur Rechten, zur Linken jener trabt, ein gleicher Irrtum, nur auf verschiednen Wegen, beide doch gleich irre führt: so, glaube mir, wie närrisch du immer sein magst, wer dich auslacht, ist nicht um ein Haar der Weisere, und schleppt unwissend einen Schwanz so gut als du Caudam trahat . Die römische Gassenjugend (welcher wohl kein Unrecht geschieht, wenn man sie sich als die ungezogenste auf dem ganzen Erdkreise vorstellt) pflegte sich eine Lust daraus zu machen, den Leuten, die ihres Weges gingen, gelegenheitlich einen Schwanz anzuheften, um ihnen hernach wieder in den Weg zu laufen, und sich über ihren appendix lustig zu machen. Hierauf scheint, nach Lambins und Geßners Vermutung, dieser scherzhafte Ausdruck, der im 299sten Verse nur mit andern Worten wieder kommt, anzuspielen. Der Äsopischen Fabel, worauf Hr. Haberfeld die Anspielung bezieht (und deren auch der Scholiast ad vers. 299. erwähnt), kann ich mich nicht erinnern. Baxter , der in dem vorhergehenden palantes Ochsen sieht, rümpft die Nase über die Gelehrten, die nicht merkten, daß auch dieses caudam trahat auf seine besagten Ochsen gehe! . Sich fürchten, wo doch nichts zu fürchten ist, ist eine Art von Tollheit, wie wenn einer klagte, daß ihm in freiem Felde Feuer oder Flut den Weg versperre. Eine andre, und das Widerspiel von jener ist, wenn einer sich \<45\> autumat. Haec populos, haec magnos formula reges, excepto sapiente, tenet. Nunc accipe, quare desipiant omnes, aeque ac tu, qui tibi nomen insano posuere. Velut silvis, ubi passim palantes error certo de tramite pellit; \<50\> ille sinistrorsum, hic dextrorsum abit, unus utrique error, sed variis illudit partibus: hoc te crede modo insanum, nihilo ut sapientior ille qui te deridet caudam trahat. Est genus unum stultitiae, nihilum metuenda timentis, ut ignes, \<55\> ut rupes fluviosque in campo obstare queratur: alterum et huic varium et nihilo sapientius, ignes geradezu in Flut und Flammen stürzt, und, wie auch Mutter, Schwester, Vater und Gemahlin, mit der ganzen Sippschaft, ihm aus vollem Halse zuruft: halt! hier ist ein tiefer Graben! hier ein Fels! nimm dich in Acht! nicht mehr drauf achtet als der arme Fufius , der seinen Rausch in Ilionens Rolle gemächlich ausschlief, ohne zu erwachen, wenn auch zwölfhundert Catieni sich an ihrem: Mutter, höre mich , zu Krüppeln geschrieen hätten Die Iliona war eine damals sehr bekannte Tragödie des Pacuvius, und dies mater te appello wird als eine Szene, welche ganz besondere Sensation gemacht hatte, öfters von Cicero angeführt. Der Geist des ermordeten und noch unbegrabenen Polydorus erscheint darin seiner schlafenden Mutter und redet sie mit diesen Worten an: Mater, te appello, tu quae curam somno suspenso levas, neque te mei miseret: surge, et sepeli natum, etc. . Daß nun nichts gemeiner als diese Art von Tollheit sei, das will ich dir sogleich beweisen. Damasipp ist, spricht man, toll, indem er alte Statuen zusammenkauft. Gut! Aber wer sie ihm auf Borg verkaufte, ist der etwa besser im Kopf verwahrt? Gesetzt, ich sagte dir: da, nimm, was du mir niemals wiedergeben sollst! bist du ein Narr, wenn du es annimmst? Wärst du nicht vielmehr ein Strohkopf, eine Beute, die Merkur dir selbst entgegenbrächte, auszuschlagen? Laß einen solchen Borger zehenmal per medios fluviosque ruentis; clamet amica mater, honesta soror, cum cognatis, pater, uxor, hic fossa est ingens! hic rupes maxima! serva! \<60\> non magis audierit quam Fufius ebrius olim, cum Ilionam edormit, Catienis mille ducentis mater te appello clamantibus. Huic ego vulgum errori similem cunctum insanire docebo. »Insanit veteres statuas Damasippus emendo.« \<65\> Integer est mentis Damasippi creditor? Esto, »accipe quod numquam reddas mihi«, si tibi dicam, tune insanus eris, si acceperis? An magis excors reiecta praeda, quam praesens Mercurius fert? dem Nerius – laß ihn dem knotichten Cicuta hundertmal verschrieben sein Nerius und Perillius Cicuta waren, wie man ohne Ausleger erraten kann, zwei wohlrenommierte Wechselherren, bei welchen, um die gehörigen Prozente, immer Geld zu haben war. Cicuta kommt besser unten noch einmal als caput repraesentativum aller Wucherer und Harpagonen vor. Scribe decem a Nerio heißt hier, dem Zusammenhang nach, soviel als: laß ihn dem Nerius (für die von ihm entlehnten Geldsummen) zehn Handschriften ausgestellt haben Scribere (sagt der Scholiast sehr richtig) ist in der Rechtssprache soviel als entlehnen , rescribere soviel als das Entlehnte wieder heimzahlen. . An der angeblichen Dunkelheit dieser Stelle, welche Ursache war, daß Gronov und andere gelehrte Männer diese beiden Bankiers für Rechtsgelehrte ansahen, scheint Horaz unschuldig zu sein. Das nodum in scirpo quaerere (Knoten in einem Besen suchen) ist so gar oft der Fall der Grammatiker, wenn sie Dichter auslegen! ; verstrick ihn noch in tausend solche Bande; der Schelm von einem Proteus wird dir doch aus diesen Fesseln zu entglitschen wissen: Schlepp' ihn, der sich zu grinsendem Lachen zwingt Wörtlich: der mit fremden Backen lacht , d. i. der zu bösem Spiel à contrecoeur lacht, eine Anspielung auf das Homerische γναθμοι̃σι γελώων αλλοτρίοισι ( Odyss. XX. v. 347. ), wie schon der Scholiast des Cruquius bemerkt. , beim Ohre vor Gericht, er wird zum Vogel, zur wilden Sau, zum Stein, zum Baume werden, wozu er will. – Ist üble Wirtschaft eines Narren Der Mangel eines deutschen Wortes, welches mit insanus (im Gegensatz von sanus ) völlig, auch der Etymologie nach, gleichbedeutend sei, setzt einen Übersetzer dieser Satire öfters in Verlegenheit. Denn stultus und insanus ist nach römischem Sprachgebrauch nicht einerlei; sonst brauchte der Satz, omnes stultos insanire , nicht erst erwiesen zu werden. Bei uns hingegen wird das Wort Narr , im gemeinen Leben, auch für unsinnig oder des Verstandes beraubt, gebraucht. (S.  Adelungs Wörterbuch.) Gleichwohl, da ich kein Freund der vermeintlich gleichbedeutenden (Synonymen) Wörter bin: so habe ich in dieser Satire soviel nur immer möglich war, vermieden, im Deutschen Narr zu sagen, wo im Lateinischen insanus steht; weil ich das Wort Narr für Horazens Stultus aufbehalten mußte. Hier aber, da sich unsinnig schlechterdings nicht ins Metrum fügen wollte, und eine Umschreibung unstreitig das größere Übel war, mußte mir der Narr aus der Not helfen, wie dies ja wohl auch weisen Leuten zuweilen begegnet. Tor scheint mir das rechte Wort für stolidus , und also (so wenig als dieses mit stultus ) nicht ganz einerlei Bedeutung mit Narr zu haben, sondern sich zu demselben wie im Französischen der sot zum fou zu verhalten; wiewohl der Sprachgebrauch in allen diesen (wie in so vielen andern) Wörtern noch zu schwankend ist, als daß einzelne Sprachlehrer oder Schriftsteller darüber etwas entscheiden könnten. , hingegen gute eines klugen Mannes Sache, so ist des Wucherers Perillius Gehirn wahrhaftig viel verdorbner, der dir anschreibt, was du ihm nimmer wiederzahlen kannst. Doch, dem gilts nicht allein! Auch ihr könnt immer herbei euch machen, mit gebührender Bescheidenheit die Ohren hier zu spitzen, ihr andern alle, wen der Ehrgeiz oder die Geldsucht blaß macht, wer an Schwelgerei, Scribe decem a Nerio, – non est satis, adde Cicutau \<70\> nodosi tabulas centum, mille adde catenas; effugiet tamen haec sceleratus vincula Proteus. Cum rapies in ius malis ridentem alienis, fiet aper, modo avis, modo saxum, et cum volet, arbor. Si male rem gerere, insani est, contra bene, sani, \<75\> putidius multo cerebrum est, mihi crede, Perilli dictantis quod tu numquam rescribere possis. Audire atque togam iubeo componere, quisquis ambitione mala aut argenti pallet amore, an finsterm Aberglauben, oder welchem andern Gemütsgebrechen krank ist – allesamt herbei, der Ordnung nach, damit ich euch beweise, daß Wahnwitz euer aller Übel ist!   Die größte Dosis Niesewurz gebührt unstreitig den Geizigen, wenn anders nicht für sie allein die ganze Nieswurz-Insel in Beschlag zu nehmen ist. Die Erben des Staberius mußten die Erbschafts-Summ' auf seinen Grabstein hauen lassen: wo nicht, so waren sie durch seinen letzten Willen gestraft, dem Volke hundert Fechter-Paare, ein fei'rlich Gastmahl, dessen Kosten Arrius Arbitrio Arri . Vermutlich einer von beiden Brüdern, welche besser unten als ungeheure Verschwender vorkommen. Staberius konnte seine Erben nicht besser zu Befolgung des ihm so sehr am Herzen liegenden Artikels seines letzten Willens verbinden, als indem er verordnete, daß sie im Nichtbefolgungs-Falle schuldig sein sollten, dem ganzen Senat ein öffentliches Gastmahl zu geben, wovon ein Verschwender wie Arrius die Besorgung haben sollte. bestimmen sollte, und soviel Getreide zu geben, als das ganze Afrika Nämlich, was wir die Barbarei nennen, welche nebst Sizilien und Ägypten das Korn-Magazin von Rom war. in einer Ernte schneidet. »Mag ich dies zu wollen Recht oder Unrecht haben, mindstens soll mein Erbe nicht meinen Oheim spielen!« Dies war, denke ich, Stabers geheimer Sinn bei dieser Klausel. quisquis luxuria, tristive superstitione, \<80\> aut alio mentis morbo calet, – huc propius me, dum doceo insanire omnes, vos ordine adite! Danda est hellebori multo pars maxima avaris; nescio an Anticyram ratio illis destinet omnem. Heredes Staberi summam incidere sepulcro: \<85\> ni sic fecissent, gladiatorum dare centum damnati populo paria, atque epulum, arbitrio Arri, frumenti, quantum metit Africa. »Sive ego prave seu recte hoc volui, ne sis patruus mihi!« Credo Allein, warum befahl er seinem Grabstein die Summe seiner Erbschaft einzugraben? So lang er lebte, war in seinen Augen Armut der Laster größtes, und er scheute sich vor nichts so sehr: so daß, wofern er nur um einen einzigen Heller minder reich gestorben wär', er sich für einen schlechtern Mann gehalten hätte. Denn, nach dieser Leute Schätzung ist Tugend, Ruhm, Verdienst, kurz alles Göttliche und Menschliche, dem schönsten aller Dinge, dem Reichtum , untertan: wer den besitzt, ist edel, bieder, brav – » Auch weise? « – Warum nicht? Ein König, – was er will! – Nun, dacht' er, würde sein Geld ihm von der Nachwelt für Verdienst und Tugend angerechnet werden. Wie verschieden von diesem war der Grieche Aristipp , der, mitten in der Wüste Libyens, seine Sklaven den Goldstaub, unter dessen Last sie ihm zu langsam gingen, von sich werfen hieß Das bekannte Histörchen, worauf sich Stertinius hier bezieht, sieht so ziemlich den vielen andern Kinder-Märchen ähnlich, welche die Griechen von ihren Philosophen zu erzählen liebten. ! Wer von den beiden ist der größte Tollkopf? Doch, so ein Beispiel, das für einen Knoten hoc Staberi prudentem animum vidisse. Quid ergo \<90\> sensit, cum summam patrimoni insculpere saxo heredes voluit? Quoad vixit credidit ingens pauperiem vitium, et cavit nihil acrius; ut si forte minus locuples uno quadrante perisset ipse videretur sibi nequior: omnis enim res, \<95\> virtus, fama, decus, divina humanaque pulchris divitiis parent; quas qui contraxerit, ille clarus erit, fortis, iustus – Sapiensne? Etiam! et rex et quicquid volet. Hoc, veluti virtute paratum, speravit magnae laudi fore. Quid simile isti \<100\> Graecus Aristippus, qui servos proicere aurum in media iussit Libya, quia tardius irent propter onus segnes? uter est insanior horum? – Nil agit exemplum litem quod lite resolvit. – uns einen neuen aufzulösen gibt, kann nichts entscheiden. Also, wenn ein Mann, der nie die Zither schlug und überhaupt nichts von Musik verstünde, alle Zithern zusammenkaufte und auf einen Haufen trüge; wenn einer, der kein Schuster ist, von Leisten und Pfriemen, und ein Feind des Handels von Segeltuch und Tauen eine Sammlung bloß zum Anschaun machte, würd' er überall mit Recht für toll gehalten. Um wieviel ist der nun weiser, der sein Gold und Silber ungebraucht verschließt, und, gleich als wär' es heilig oder bezaubert, es nicht anzurühren wagt? Gleichwohl, wenn jemand neben einem ungeheuren Getreide-Haufen, hingestreckt, bei Tag und Nacht mit einem langen Prügel wachte, und, ob er gleich als Herr damit zu schalten berechtigt wäre, dennoch, wie ihn auch der Hunger plagte, nicht ein Korn davon zu nehmen sich getraute, sondern um's zu sparen, mit Nesseln Im Original: foliis amaris . Ich habe Nesseln dafür gesagt, weil die armen Leute zu Rom Nesseln als Gemüse zu essen pflegten, und also die Meinung des Autors wenigstens nicht verfehlt ist. lieber sich behälfe; wenn er tausend, was sag' ich, dreimal hundert tausend Krüge alten Si quis emat citharas, emptas comportet in unum, \<105\> nec studio citharae nec Musae deditus ulli; si scalpra et formas non sutor, nautica vela aversus mercaturis: delirus et amens undique dicatur merito. Qui discrepat istis, qui nummos aurumque recondit, nescius uti \<110\> compositis, metuensque velut contingere sacrum? Si quis ad ingentem frumenti semper acervum porrectus vigilet cum longo fuste, neque illinc audeat esuriens dominus contingere granum, ac potius foliis parcus vescatur amaris; \<115\> si positis intus Chii veterisque Falerni Falerner- oder Chier-Weins im Keller hätte, und tränke lieber Essig: mehr, wofern der arme Tropf mit achtzig Jahren, minder eins Undeoctoginta. unde heißt hier nicht (wie ein Scholiast sagt) einen Tag , sondern ein Jahr weniger. , auf einem Strohsack schliefe, während daß an seinen im Kasten modernden gesteppten Decken Schaben und Motten schmausten: würde dieser Knauser den wenigsten verrückt im Kopfe scheinen; weil weit der größre Teil der Sterblichen an gleicher Krankheit siecht. Du allen Göttern verhaßter Graukopf, also sparest du, damit dein Sohn, vielleicht dein Freigelaßner, der dich erben wird, viel auszutrinken habe? Doch nein, du sparst aus Furcht, es möchte noch dir selbst gebrechen. Denn, wie wenig es auch wäre, so nähme jeder Tag doch etwas von der Summe weg, wofern du deinen Kohl und deinen ungekämmten Kopf mit besserm Öle zu salben dich getrautest. Also, wenn du an so wenig dich begnügen kannst, mille cadis – nihil est, tercentum rnilibus, acre potet acetum; age, si et stramentis incubet, unde- octoginta annos natus, cui stragula vestis, blattarum ac tinearum epulae, putrescat in arca: \<120\> nimirum insanus paucis videatur, eo quod maxima pars hominum morbo iactatur eodem. Filius, aut etiam haec libertus ut ebibat heres, dis inimice senex, custodis? Ne tibi desit? Quantulum enim summae curtabit quisque dierum, \<125\> unguere si caules oleo meliore, caputque coeperis impexa foedum porrigine? Quare, si quidvis satis est, periuras, surripis, aufers was nützen dir die falschen Eide, Tor? Was stiehlst und scharrst du denn von allen Seiten zusammen? Du – bei Sinnen? – Wenn du auf der Straße das Volk mit Steinen würfest und die Sklaven, die dir dein Geld gekostet, würden alle Jungen und Mädchen hinter dir zusammenlaufen und Tollkopf schreien: aber, wenn du deine Mutter vergiftest und dein Weib erdrosselst, bist du dann bei Sinnen? Freilich wohl! Wer zweifelt auch daran? Du tust es ja zu Argos nicht, nicht mit dem Schwerte, wie der tragische Orest , der seine Mutter in der Tollheit würgte! Meinst du, er sei nach dieser Untat erst zur Strafe rasend worden: nicht vorher, eh er den Stahl im mütterlichen Busen erwärmte, sinnlos von den Furien schon herumgetrieben worden? – Wirklich tut er auch, sobald man ihn für rasend hält, nichts mehr, was seinen Kopf verdächtig machen könnte: und, statt den Pylades und seine Schwester Elektra mit dem Degen anzufallen, undique? Tun' sanus? – Populum si caedere saxis incipias, servosque tuo quos aere pararis, \<130\> insanum te omnes pueri clamentque puellae: cum laqueo uxorem interimis matremque veneno incolumi capite es? Quid enim? Neque tu hoc facis Argis, nec ferro, ut demens genitricem occidis Orestes! An tu reris eum occisa insanisse parente, \<135\> ac non ante malis dementem actum Furiis, quam in matris iugulo ferrum tepefecit acutum? Quin ex quo est habitus male tutae mentis Orestes nil sane fecit quod tu reprendere possis; non Pyladem ferro violare aususve sororem \<140\> Electram, tantum maledicit utrique, vocando begnügt er sich Euripides in Oreste, v. 264. , sie eine Furie zu schimpfen, ihn , was ihm sonst die heiße Galle eingibt Es ist etwas sehr Humoristisches in der sophistischen Dialektik, womit Horaz seinen Stoiker hier räsonieren läßt. Der Zusammenhang seiner Schlüsse ist folgender. Wenn einer seine Mutter oder sein Weib heimlich aus der Welt schafft, um sie desto bälder zu beerben, tut er nicht die Tat eines Unsinnigen oder Rasenden? Die gemeine Meinung sagt: Nein. Und warum nein ? – Der große Haufe ist nun einmal gewohnt, seine Urteile auf einzelne Fälle, die einen großen Eindruck auf ihn gemacht haben, zu gründen; er hat den Muttermord des Orestes, mit allen seinen Umständen, so oft auf der Bühne gesehen, daß er sich angewöhnt hat, die Szene desselben ( Argos ) und die Furien , die sich des Orestes nach vollbrachter Tat bemächtigen, als notwendige Bedingungen der Raserei, worin man ihn gesehen hat, zu betrachten. – In der Tat war es auch die Meinung des tragischen Dichters, daß die Raserei des Orests als eine Folge seiner unnatürlichen Tat angesehen werden sollte: Aber gerade dies ist es, worüber Stertinius, mit einer den Stoikern gewöhnlichen Spitzfündigkeit, schikaniert. Orest war schon rasend (sagt er) da er seine Mutter erstach; dies ist klar; die Tat zeugt von sich selbst; und, zum augenscheinlichen Beweise, daß er nicht erst durch die Furien hinterher rasend gemacht wird, sondern daß sich vielmehr seine Wut durch den Muttermord bereits erschöpft hat, tut er von dem Augenblick an, da er (nach der gemeinen Meinung) nun erst recht zu rasen anfangen sollte, nichts Unsinniges mehr. Wäre die gemeine Meinung richtig, so müßte der Mann, der bei vollem Verstande seine Mutter ermordete, nun, da ihn die Furien zur Raserei treiben, wie ein toller Mensch über seinen Freund Pylades, über seine Schwester Elektra herfallen: aber nichts weniger; er spricht und handelt wie ein Mann, der seiner Sinnen mächtig ist, und das Ärgste was er in seiner Hitze begeht, ist, daß er ihnen böse Reden gibt. Es ist also klar, schließt Stertinius, daß Orest damals schon toll war, da er Klytemnestren erstach; daß er diesen Muttermord eben darum beging, weil er toll war: und sein Beispiel ist also keine Ausnahme, sondern eine Bestätigung des allgemeinen Satzes der Stoiker. – Es würde eine zu weitläuftige, und hoffentlich für unsre Leser überflüssige Operation erfordern, das Sophistische in diesem Räsonnement, in Rücksicht auf die Tragödie des Euripides, aus welcher das Beispiel genommen ist, aus einander zu setzen. Es fällt, bei einigem Nachdenken, von selbst in die Augen. Dies ist nicht die einzige Stelle in dieser Satire, wo Horaz sich über die Subtilität der Stoiker von Chrysippus Schule durch eine etwas komische Nachahmung lustig macht. Überhaupt ist die genaue Beobachtung dessen, was man das Stoische Costum nennen könnte, keine geringe Schönheit dieses Stückes. Die öfters captiose Art zu argumentieren, und die Hitze, womit er den Stertinius seinen Narren auf den Leib rücken läßt, seine Schwatzhaftigkeit, sein imposanter Ton, besonders die Methode, seine Beispiele meistens aus Tragödien und Komödien herzunehmen (welches auch Cicero in denjenigen von seinen Werken, wo er den Stoiker macht, zu tun pflegt), sind lauter solche charakteristische Eigenheiten, wodurch Horaz seinen Stoischen Schwätzer für die damaligen Leser nach dem Leben zeichnete und kolorierte. .   hanc, Furiam, hunc, aliud iussit quod splendida bilis. Opim , bei vielem eingeschloßnem Gold und Silber ein armer Mann, gewohnt an Feiertagen aus einem irdnen Töpfchen Vejentanerwein Die schlechteste damalige Sorte. Aus einer Campanischen Trulla , sagt Horaz: Trulla bedeutet, unter andern, auch eine Art von Schöpfkelle, oder ein kleines Gefäß, womit man den Wein aus der Amphora in die Becher goß. , und abgestandenen an Werkeltagen zu trinken, wurde von der Schlafsucht einst so hart getroffen, daß sein froher Erbe in hellem Jubel schon um alle Kästen und Schlüssel flog. Sein Arzt, ein treuer Mann und voll Besonnenheit, um unverzüglich ihn aufzuwecken, ließ gleich einen Tisch zum Bette schieben, Säcke Gelds darauf ausleeren, und verschiedne Leute d'rin hantieren, als zählten sie's. Dies wirkte wie ein Hebel;     Pauper Opimius argenti positi intus et auri, qui Veientanum festis potare diebus Campana solitus trulla, vappamque profestis, \<145\> quondam lethargo grandi est oppressus, ut heres iam circum loculos et claves laetus ovansque curreret: hunc medicus multum celer atque fidelis excitat hoc pacto. Mensam poni iubet, atque effundi saccos nummorum; accedere plures \<150\> ad numerandum; hominem sic erigit; addit et illud: der Alte richtete sich auf: »Wenn du das Deinige nicht besser hütest«, rief der Arzt, »so wird dein ungeduld'ger Erbe bald dies alles weggetragen haben.« – »Was? bei meinem Leben schon?« – »So wache also, wofern du leben willst, daran liegt alles!« »Was soll ich dann?« – »Bald wirst du gar kein Blut mehr in den Adern haben, wenn du nicht dem eingeschrumpften Magen ungesäumt zu Hülfe eilest. Was besinnst du dich da lange noch? Iß diesen Reisbrei auf!« »Was kostets?« – »Eine Kleinigkeit« – »Wie viel dann?« »Acht Kreuzer« – »Großer Gott! was liegt mir dran, ob ich durch Krankheit oder Plünderung zu Grunde gehe?« – Um es kurz zu machen: Wer ist denn also bei Verstande? Wer kein Narr ist – Und der Geiz'ge? ist ein Narr und also toll. – »Folgt aber nun, daß einer, weil ihn der Geiz nicht plagt, darum sogleich »Ni tua custodis, avidus iam haec auferet heres.« »Men' vivo?« »Ut vivas igitur, vigila! hoc age!« »Quid vis?« »Deficient inopem venae te, ni cibus atque instans So lese ich mit Sanadon , statt ingens . accedat stomacho fultura ruenti. \<155\> Tu cessas? agedum sume hoc ptisanarium oryzae!« »Quanti emptae?« »Parvo.« »Quanti ergo?« »Octussibus.« »Eheu! quid refert morbo an furtis pereamve rapinis?« »Quisnam igitur sanus?« – Qui non stultus. – »Quid avarus?« Stultus et insanus. – »Quid? si quis non sit avarus, \<160\> continuo sanus?« – Minime. – »Cur, Stoice?« Dicam. gesund ist?« – »Keineswegs.« – »Warum, Herr Stoiker?« So höre an! – Wenn Craterus , der Arzt, den Ausspruch tut: ich finde, daß die Brust an diesem Kranken frei ist – ist er drum gesund und darf das Bett verlassen? – »Nein«, spricht jener, weil er Hüftweh oder Schmerz in Nieren hat. Kannst du von jemand sagen »er ist kein Schelm, kein Knicker« – gut für ihn Dies ist der Sinn der Worte: immolet aequis Laribus etc. Dafür mag er seinen Hausgöttern opfern! ! er mag den Göttern danken! – Doch, »ihn plagt der Ehrgeiz, er ist ein Schwärmer« – nach Anticyra mit ihm! Denn was verschlägt dirs, ob du dein Vermögen in einen Schlund wirfst, oder nicht den Mut es zu gebrauchen hast? – Vom reichen Servius Oppidius wird erzählt, er habe zwei Stammgüter, die er zu Canusium besaß, auf seinem Todbett unter seine beiden Söhne mit folgenden Bedingungen verteilt. Er ließ die Knaben vor sein Bette rufen, und sprach: »Vom ersten Augenblick, da ich Non est cardiacus (Craterum dixisse putato) hic aeger: recte est igitur, surgetque? Negabit, quod latus aut renes morbo temptentur acuto. Non est periurus neque sordidus? immolet aequis \<165\> hic porcum Laribus! – verum ambitiosus et audax: naviget Anticyram! Quid enim differt, barathrone Bentleys Balatroni scheint mir keine Verbesserung. dones quicquid habes, an numquam utare paratis? Servius Oppidius Canusi duo praedia dives antiquo censu, natis divisse duobus \<170\> fertur, et haec moriens pueris dixisse vocatis ad lectum: »Postquam te talos, Aule, nucesque dich, Aulus , deine Nüss' und Würfel sorglos im Busen tragen, und verspielen oder verschenken, dich, Tiberius , hingegen mit finsteren Blick sie immer zählen und in Winkeln verstecken sah, besorgt' ich stracks, ihr würdet in zwei gleich närrische Extreme fallen, und du ein Nomentan , du ein Cicuta werden. Demnach beschwör' ich euch bei unsern häuslichen Penaten, dich , nicht zu vermindern, dich , nicht zu vermehren, was der Vater euch bei mäßigen Begierden für genug hält. Damit auch nicht dereinst der Ehrsuchtskitzel euch steche, sollt ihr beide eidlich mir geloben, daß der erste, der von euch Ädilis oder Prätor Zu Canusium nämlich. wird, sich selbst für Testaments unfähig und verflucht erklärt.« Wie Dies spricht Stertinius wieder in eigenem Namen, als Kommentar über den letzten Willen des Oppidius. ? um im Circus einst recht breit einher zu strotzen oder gar in Erzt gegossen dazustehen, wolltest du ferre sinu laxo, donare et ludere vidi, te, Tiberi, numerare, cavis abscondere tristem; extimui ne vos ageret vesania discors, \<175\> tu Nomentanum, tu ne sequerere Cicutam. Quare per divos oratus uterque Penates tu cave ne minuas, tu ne maius facias id quod satis esse putat pater et natura coercet. Praeterea, ne vos titillet gloria, iure- \<180\> iurando obstringam ambo: uter aedilis fueritve vestrum praetor, is intestabilis et sacer esto!« In cicere atque faba bona tu perdasque lupinis, dein väterliches Erbgut, fahrendes und liegendes, in Erbsen und Bohnen vergeuden? Reizt der laute Beifall dich, den ein Agrippa zu verdienen weiß? So möchtest du auch applaudiert sein, du Dieses dem großen M. Vipsanius Agrippa auf eine feine Art gemachte indirekte Kompliment wird mit Grund als ein Beweis angesehen, daß Horaz diese Satire zu Ende des Jahres 721, worin Agrippa die Ädilität verwaltete, geschrieben habe. Bekanntermaßen waren die Ädiles Magistrats-Personen, denen die Oberaufsicht über die öffentlichen Gebäude, und alles was wir unter dem Worte Polizei begreifen, nebst der Veranstaltung der Circensischen und Theatralischen Spiele oblag. Beide mußten sie, gewisse außerordentliche Fälle ausgenommen, dem nach Schauspielen aller Arten so gierigen Volke auf eigene Kosten geben. Seitdem Ämilius Scaurus (i. J. 694) als Ädilis einen Aufwand von mehr als fünf Millionen Talern bloß auf Errichtung und Auszierung des Theaters, worin er dem Volk seine Schauspiele gab, verwandt hatte Plin. H. N. XXXVI. c. 15. , war die Erwartung des Volkes auf der einen, und der Wettstreit unter den jeweiligen Ädilen auf der andern Seite zu einem solche Grade von Unsinn gestiegen, daß, nach einem Ausdruck des Livius , königliche Einkünfte kaum zureichten, den Aufwand, den dieses Ehrenamt verursachte, zu bestreiten. Indessen, da kein gewisseres Mittel war, sich bei dem Volke, welches die ersten Würden im Staate, die Gouvernements und das Kommando der Armeen zu vergeben hatte, in Gunst zu setzen: so fehlte es, so lange die Republik bestand, nie an Ehrgeizigen, die mit einander wetteiferten, sich als Ädiles zu ruinieren, um dereinst als Prokonsuln oder Feldherren sich auf Kosten der Provinzen wieder herzustellen. Aber nach dem letzten Bürgerkriege, da die meisten großen Familien entweder ausgerottet oder sehr weit heruntergebracht waren, und die Gunst des Volkes wenig mehr zu bedeuten hatte, wollte sich zuletzt niemand mehr mit einem so kostspieligen Amte beladen. Daher kam es dann, daß i. J. 721 Agrippa , wiewohl er schon Konsul gewesen war, auf Anraten und durch Unterstützung des nachmaligen Augustus die Ädilität, welche niemand mehr suchte, freiwillig übernahm, und sie als ein in Kriegs- und Friedens-Künsten gleich großer Staatsmann auf eine Art verwaltete, wodurch er alle seine Vorgänger auslöschte, und den Römern zeigte, was sie in Zeiten der Ruhe und des Friedens von der Staatsverwaltung Cäsars Octavianus zu erwarten hätten. Hierauf also beziehen sich die Plausus , deren unser Text erwähnt. Agrippa hatte sich nicht nur durch die Pracht seiner Circensischen und Theatralischen Spiele, und durch eine königliche Freigebigkeit gegen das Volk die Bewunderung und Dankbarkeit desselben erworben; er hatte auch in einer Menge großer Werke und Veranstaltungen für die Verschönerung sowohl als für die Bequemlichkeit, Reinlichkeit und Salubrität der Hauptstadt der Welt, sich bleibende Denkmäler bei der Nachwelt gestiftet, und in diesem einzigen Jahre soviel getan, als hinreichend wäre, die ganze Regierung eines großen Fürsten unsterblich zu machen Dion. L. XLIX. c. 43. Plin. L. XXXVI. c. 15. . – Der Vers: in cicere et faba bona tu perdasque lupinis wird dadurch verständlich, wenn man weiß, daß die Ädilen an den Ludis Floralibus und Cerealibus, von alter Gewohnheits wegen, dergleichen Viktualien unter das gemeine Volk auszuspenden pflegten. Übrigens ist, allen Umständen nach, die Rede hier von einem Ädilis oder Prätor in dem Städtchen Canusium , dessen schon in der 5ten und 10ten Satire des 1sten Buches Erwähnung geschah. Denn der Sohn des ehrlichen Oppidius , mit seinem einzelnen Gütchen, wenn es auch das einträglichste in ganz Apulien gewesen wäre, konnte sich doch wohl nie in den Sinn kommen lassen, nach einem Agrippa Ädilis in Rom zu werden. Die Munizipal-Städte Italiens hatten im Kleinen beinahe alles, was zu Rom im Großen war; ihre Ädilen und Prätoren, ihren Circus, ihre öffentlichen Spiele, u.s.w. und der junge Aulus Oppidius konnte sich, um von den Canusinern so fanatisch applaudiert zu werden wie Agrippa von den Römern, eben so gut in Erbsen und Puffbohnen ruinieren, als ehmals ein Milo durch die ungeheuren Summen, die er während seiner Ädilität zu Rom an das Volk verschwendet hatte. ! ein Füchschen, das dem edeln Löwen es durch Pfiffe nachtun will! – »Warum, o Agamemnon Der Übergang von der letzten Anrede des sterbenden Oppidius an seine Söhne zu diesem Dialog zwischen Agamemnon und (nach Hrn.  Haberfelds richtiger Bemerkung) dem Stertinius selbst (»der in seiner philosophischen Begeisterung sich jenen als seinen Gegner denkt«) ist etwas rasch; und dürfte selbst einem an springende Übergänge gewohnten Leser Horazens auffallen; wenn es nicht ziemlich in die Augen fiele, daß er hier bloß affektiert ist, um die brüske Lebhaftigkeit des redseligen Stertinius ironisch darzustellen, dem die Argumentationen und Sophismen so reichlich zuströmten, daß er kaum zum Atemholen Zeit behielt. Der ganze Dialog ist, wie noch etliche andere, die in diese Satire eingewebt sind, eine dramatische Szene , die beim lauten Vorlesen durch die erforderlichen Modifikationen der Stimme und Gebärden eine Art von Mimus wurde. Er beziehet sich übrigens auf eine bekannte Tragödie des Sophokles , und erhält noch durch die häufigen Anspielungen auf Homerische Verse eine besondere Anmut für diejenigen, die mit der Ilias bekannt sind; wie es zu Horazens Zeiten alle Leute von Erziehung waren, und es unter den Briten noch heutiges Tages sind, und billig auch bei uns sein sollten. , verbietest du, daß niemand sich erkühne, den Ajax zu begraben?« – »Ich bin König« »Für mich gemeinen Mann muß dies genug sein.« Diese feine Ironie ginge durch Bentleys Veränderung des quaero in quaere verloren. »Und ich befehle nur, was billig ist. Glaubt jemand, daß ich unrecht haben könne, so red' er ohne Scheu, es sei erlaubt!« »Größter der Könige, die Götter geben dir nach Ilions Zerstörung deine Schiffe glücklich zurückzuführen! Also ist es mir erlaubt zu fragen, und auf den Bescheid die weitre Notdurft beizubringen?« – »Frage!« »Warum muß also Ajax , nach Achillen der Helden zweiter, der so oft die Griechen latus ut in Circo spatiere aut aeneus ut stes, nudus agris, nudus nummis, insane, paternis? \<185\> Scilicet ut plausus, quos fert Agrippa, feras tu? Astuta ingenuum vulpes imitata leonem! »Ne quis humasse velit Aiacem, Atrida, vetas cur?« »Rex sum« – »Nil ultra quaero plebeius« – »et aequam rem imperito; at si cui videor non iustus, inulto \<190\> dicere quod sentit, permitto.« »Maxime regum, dii tibi dent capta classem reducere Troia! Ergo consulere et mox respondere licebit?« »Consule.« »Cur Aiax, heros ab Achille secundus, gerettet, unter freiem Himmel faulen? damit sich Priams Volk und Priamus erfreuen, unbegraben den zu sehen, durch den soviel Trojan'sche Jünglinge im väterlichen Grund ein Grab entbehrten!« »Er metzelte im Wahnsinn tausend Schafe, indem er schrie, er würge den Ulyß und Menelas und mich.« – »Und du, Atride , wie du dein eignes holdes Kind zu Aulis statt einer Kalbe zum Altare führtest, und Mehl und Salz auf ihre Scheitel streutest, Grausamer, warst du bei Vernunft?« – »Wieso?« »Der tolle Ajax ließ an armen Schafen die Tollheit aus; indes verschont' er doch sein Weib und seinen Sohn, und Flüche waren das Ärgste, was er den Atriden tat. An Teuker und selbst an Ulyß vergriff sich Ajax nicht.« »Und ich, um meine Flotte von Aulis, wo sie fest saß, los zu machen, versöhnte wissentlich der Götter Zorn mit Blut.« putescit, toties servatis clarus Achivis? \<195\> gaudeat ut populus Priami Priamusque inhumato, per quem tot iuvenes patrio caruere sepulcro!« »Mille ovium insanus morti dedit, inclitum Ulyssem et Menelaum una mecum se occidere clamans.« »Tu cum pro vitula statuis dulcem Aulide natam \<200\> ante aras, spargisque mola caput, improbe, salsa, rectum animi servas?« – »Quorsum?« – »Insanus quid enim Aiax fecit cum stravit ferro pecus? Abstinuit vim uxore et gnato, mala multa precatus Atridis. Non ille aut Teucrum aut ipsum violavit Ulyssem.« \<205\> »Verum ego ut haerentes adverso litore naves eriperem, prudens placavi sanguine divos.« »Mit deinem eignen, Rasender!« – »Mit meinem eignen, allein nicht rasend.« – »Wer, im innern Aufruhr der Seele, wahr und falsch vermengt, und recht zu handeln wähnt indem er Böses tut, wird billig für verrückt gehalten; übrigens gleichviel, er irr' aus Narrheit oder Zorn. Ist Ajax, weil er an schuldlosen Schafen sich vergriffen, toll, wie kannst du, der mit Wissen um hohler Titel willen eine Freveltat begehst, bei Sinnen sein? Und ist dein Herz gesund, das dir von Hoffart schwillt Hätte dich der Ehrgeiz, die Leidenschaft, der erste unter den griechischen Fürsten und der Befehlshaber des ganzen verbündeten Heeres zu sein, nicht der Vernunft beraubt (will der Plebejer sagen), so würdest du unmöglich fähig gewesen sein, deine Tochter dieser Leidenschaft aufzuopfern. ? Gesetzt es fände jemand sein Vergnügen dran, ein schmuckes Lamm in einer Sänfte tragen zu lassen, gäb', als wär' es seine Tochter, dem Lämmchen Kleider, Schmuck und Kammerfrauen, nennt' es sein holdes Mädchen, seine Puppe, und suchte einen tapfern Edelmann ihm zum Gemahl aus: würde nicht der Prätor so einem alle Willkür über sein Vermögen zu Rechten niederlegen, und die nächsten Vettern ihm zu Vögten setzen? Und du wolltest den, der seine Tochter für ein stummes Lamm »Nempe tuo, furiose!« – »meo, sed non furiosus.« »Qui species alias veri, scelerisque tumultu permixtas capiet, commotus habebitur, atque \<210\> stultitiane erret nihilum distabit an ira. Aiax cum immeritos occidit, desipit, agnos: cum prudens scelus ob titulos admittis inanes, stas animo? et purum est vitio tibi cum tumidum est cor? Si quis lectica nitidam gestare amet agnam, \<215\> huic vestem ut gnatae paret, ancillas paret, aurum, pupam et pusillam appellet, fortique marito destinet uxorem, interdicto huic omne adimat ius praetor, et ad sanos abeat tutela propinquos. ansieht und opfert, für verständig halten?« Was folget nun hieraus? Das folgt: Zerrüttung des innern Sinnes ist die höchste Tollheit. Ein ungesundes Herz schlägt nie für einen gesunden Kopf, und wen die Seifenblase des eiteln Ruhmes reizt, ist seiner selbst nicht mächtiger, als ob mit ihrer Tuba die blut'ge Szenen liebende Bellona leibhaftig ihm um's Ohr gedonnert hätte Bellona Die Theologie der Römer begnügte sich an der Ausübung derjenigen Art von öffentlicher Verehrung, welche sie more et religione maiorum einer jeden Gottheit schuldig zu sein glaubten, und bekümmerte sich übrigens wenig darum, wer diese Gottheiten eigentlich seien. Bellona erscheint auf Münzen vorn auf dem Wagen des Kriegsgottes sitzend und seine beiden Pferde regierend; und von den Dichtern wird sie bald mit einem Spieß, bald mit einer blutigen Peitsche, bald mit einer Fackel in der Hand geschildert. Ob sie aber die Mutter, oder Schwester, oder Gemahlin, oder Tochter, oder Amme des Mars gewesen sei, wußten vermutlich ihre Priester selbst nicht zu sagen; denn man findet für jedes dieser Prädikate eine Autorität, und jedermann konnte unangefochten davon glauben, was ihm beliebte. gehörte unter die übeltätigen Gottheiten, und wird vermutlich deswegen vom Arnobius unter die Höllengötter gerechnet. Ihre Priester pflegten an ihrem Feste die gewaltigen Einwirkungen dieser Göttin auf die menschlichen Gemüter an ihren eigenen Personen darzustellen; sie liefen in fanatischer Wut mit bloßen Schwertern und Schlachtmessern hin und her, verwundeten sich selbst an Armen und Beinen, und redeten in diesem begeisterten Zustand unsinniges Zeug, das bei dem aberglaubischen Pöbel für Weissagung galt. – Auf diese Wirkung der Bellona, ihre Verehrer nämlich des Verstandes zu berauben, spielet dieser Vers an, dessen Sinn ich in der Übersetzung getroffen zu haben hoffe. .   Die Reihe kommt nun an die Schwelgerei und ihren großen Priester Nomentan . Denn, daß auch dieser Toren-Gilde die Vernunft im Tollhaus einen Platz bescheide, wird leicht zu erweisen sein. Sobald ein solcher sich im Besitz von einer Million geerbter Barschaft siehet, läßt er stracks kund und zu wissen tun, daß alle Fischer, Obsthändler, Vogelsteller, Parfümierer, das schändliche Gesindel aus dem Tuskischen In Tusco vico, ubi sunt homines qui se ipsos venditant. Plaut. in Curcul. IV. sc. 1. Quartiere, alle Hühnerstopfer im Text: fartores . Dies Wort bezeichnet auch Wurstmacher ; beim Columella kommt es in der Bedeutung Geflügelstopfer vor. , Scurren, Quid si quis natam pro muta devovet agna \<220\> integer est animi? ne dixeris!« – Ergo ubi prava stultitia, hic est summa insania. Qui sceleratus, et furiosus erit. Quem cepit vitrea fama, hunc circumtonuit gaudens Bellona cruentis. Nunc age, luxuriam et Nomentanum arripe mecum. \<225\> Vincet enim stultos ratio insanire nepotes. Hic simul accepit patrimoni mille talenta edicit: piscator uti, pomarius, auceps, und mit dem Käs- und Ölmarkt In dem Tuskischen Quartiere, welches auch vicus turarius hieß, hatten Spezereikrämer, Parfümeurs, Kuppler, feiles Frauenzimmer und pueri meretricii ihre Niederlage. Den Namen Velabrum führten zwei Gegenden in Rom, die durch das Beiwort minus und maius unterschieden wurden; das kleine wurde zur achten, das größere zur eilften Region gerechnet. Jenes stieß an das forum boarium , dieses an das Ufer der Tiber, und der Fischmarkt lag zwischen beiden. Mir scheint wahrscheinlich, daß die ganze Gegend zwischen dem größern und kleinern überhaupt das Velabrum genennt worden sei, wiewohl einzelne Plätze die dazu gehörten, von ihrer besondern Bestimmung auch ihren eigenen Namen hatten. Alle Arten von Eßwaren, und alle mögliche Bedürfnisse der Üppigkeit waren hier zu Kaufe. Omne macellum ist hier soviel als die beiden großen Fleischmärkte, wovon der eine auf dem Cölius, und der andere auf den Esquilien lag; wiewohl diese Ware auch an unzähligen andern Orten im kleinern verkauft wurde. alle Fleischerbänke sich morgen früh vor seinem Hause ein- zustellen haben. Was geschieht? Sie kommen zu ganzen Scharen an. Der Kuppler führt das Wort: »Was ich, was jeder dieser aller in seinem Hause hat, betrachte als dein Eigentum: heut oder morgen, kurz zu jeder Zeit steht alles dir zu Diensten.« Nun höre, was der edle Jüngling ihm zur Antwort gibt: » Du mußt die Winternacht gestiefelt in Lucanschem Schnee passieren, damit ein wildes Schwein auf meine Tafel komme; du quälst dich, Fische aus dem ungestümen Meere für mich heraus zu winden; ich, der in den Schoß die Hände legt, ich bin nicht wert soviel zu haben: nehmt, sackt ein! Du dort, nimm funfzig Tausend Decies ist eigentlich eine Million Sesterzien, welche ungefähr 50000 Gulden heutigen Geldes beträgt. , du das nämliche; du, dessen liebe Hälfte auf den Wink ungentarius, ac Tusci turba impia vici, cum scurris fartor, cum Velabro omne macellum \<230\> mane domum veniant. Quid tum? Venire frequentes, verba facit leno: »Quicquid mihi, quicquid et horum cuique domi est, id crede tuum, et vel nunc pete vel cras.« Accipe quid contra iuvenis responderit aequus: »Tu nive Lucana dormis ocreatus, ut aprum \<235\> cenem ego; tu pisces hiberno ex aequore vellis; segnis ego, indignus qui tantum possideam: aufer, um Mitternacht gelaufen kommen muß, kannst billig diese Summe dreifach nehmen.« Der Sohn Äsops zog eine Perle aus Metellas Ohr Dieser Sohn des berühmten tragischen Schauspielers Äsopus hatte von seinem Vater nichts geerbt als seinen Hang zur Verschwendung und zwanzig Millionen Sesterzien; eine Summe, die, wie ansehnlich sie auch war, einem Menschen, der sich einen Spaß daraus machte, eine Million auf einen Schluck hinabzuschlingen, sehr bald zwischen den Fingern wegschmelzen mußte. Plinius, indem er die hier erwähnte Anekdote bekräftiget, erzählt, daß die berüchtigte Kleopatra, bei einer mit dem Antonius angestellten Wette, wer von ihnen am meisten auf eine Mahlzeit vertun könne, das Gegenstück zu dieser Narrheit des jungen Äsopus gemacht habe; nur war die Narrheit der Königin, wie billig, nach Proportion kostbarer. Denn die beiden Perlen, wovon sie die eine in Essig zergehen ließ und verschluckte, wurden auf sechzig Millionen Sesterzien oder fünf Millionen Gulden geschätzt. Unter was für eine Rubrik die Metella gehört, mit welcher sich der Sohn eines Histrions solche Freiheiten herausnehmen durfte, ist klar genug. Die Geschichte nennt uns zwei oder drei römische Damen, die den Namen Metella durch ihre Galanterien in bösen Ruf gebracht haben. Bayle hat chronologisch bewiesen, daß diejenige, von welcher hier die Rede ist, weder die Gemahlin des Lucullus, wie Dacier vermutet, noch ihre Groß-Nichte sein konnte; wer sie eigentlich war, kann uns gleichgültig sein; genug, daß sie von der Familie war und nicht aus der Art schlug. und ließ in Essig sie zergehen, um eine Million Sesterzien auf einen Schluck hinabzuschlingen. Tat er vernünft'ger dran, als hätt' er diese Summe ins Wasser oder – sonst wohin geworfen? Die Söhne eines Quintus Arrius , ein edles Brüderpaar! an Büberei, Ausschweifung und Verkehrtheit Zwillinge, verwandten schweres Geld, um ihren Tisch gewöhnlich mit einer Schüssel Nachtigallen zu besetzen Ich weiß nicht, ob sich in der ganzen Geschichte der Schwelgerei ein Beispiel eines ausschweifenderen Mutwillens findet, als dieses. Von diesen Nachtigallen kostete das Stück 6000, und die ganze Schüssel 600000Sesterzien, oder (den Sesterz zu 1/4 einer Drachma gerechnet) 50000 Gulden, wie Valerius Maximus sagt Lib. IX. c. 1. . Und Horaz braucht das Wort soliti , zum Zeichen, daß eine so teure Schüssel etwas nicht Ungewöhnliches bei den Soupees dieses edlen Brüderpaars war! Der damalige Preis der Nachtigallen zu Rom darf uns nicht wundern, weil sie selten waren und außerordentlich gesucht wurden. Plinius sagt, der Preis einer Nachtigall und eines gewöhnlichen Sklaven sei gleich gewesen; welches mit der Taxation des Valerius Maximus ziemlich übereinkommt; ja, es wurde der Kaiserin Agrippina, Gemahlin des Claudius, eine weiße Nachtigall zum Geschenk gemacht, welche, der Seltenheit ihrer Farbe wegen, mit 600000 Sesterzien bezahlt worden war. . Wo meinst du daß sie hingehören? Wenn du einen Greis Grad oder Ungrad spielen, auf einem Stecken reiten, Häuschen bauen, und Mäuse vor ein kleines Fuhrwerk spannen siehst, so denkst du, daß er kindisch worden sei: wenn die Vernunft dir nun beweist, daß Lieben noch kindischer als alles dies, und daß es gleichviel ist, sume tibi decies! tibi tantundem! tibi triplex, unde uxor media currit de nocte citata.« Filius Aesopi detractam ex aure Metellae, \<240\> scilicet ut decies solidum exsorberet, aceto diluit insignem baccam; qui sanior, ac si illud idem in rapidum flumen iaceretve cloacam? Quinti progenies Arri, par nobile fratrum, nequitia et nugis, pravorum et amore gemellum, \<245\> luscinias soliti impenso prandere coemptas, quorsum abeant? sanin' creta, an carbone notandi? Aedificare casas, plostello adiungere mures, ludere par impar, equitare in arundine longa, si quem delectet barbatum, amentia verset. \<250\> Si puerilius his ratio esse evincet amare, ob du im Staub wie einst als kleiner Knabe die vorbesagten Spiele spielest, oder zu einer Thais Füßen weinest: wirst du drum wie Polemon es machen? wirst die Zeichen von deiner Krankheit, diese Purpurbinden um die Beine, dieses Halstuch, dieses weiche Polster, worauf du dich bei Tische stützest, von dir werfen, wie man von jenem sagt, er habe, von der Rede des nüchternen Xenokrates ergriffen, den Rosenkranz, womit er trunken ins Gemach getreten, sich beschämt vom Kopf gerissen Lucian. in Bis Accus. c. 17. und Valer. Max. L. VI. c. 9. erzählen diese Geschichte mit allen Umständen. . Reich' dem erzürnten Knaben einen Apfel, er stößt ihn von sich – »Nimm doch, Äffchen!« – » Nein! « Nun steck' den Apfel ruhig wieder ein, so will er ihn. Machts nicht der ausgeschloßne Liebhaber In Terenzens Eunuchus , woraus diese ganze Stelle genommen ist. ebenso, indem er, an der leid'gen Türe klebend, mit sich selbst nec quidquam differre, utrumne in pulvere, trimus quale prius, ludas opus, an meretricis amore sollicitus plores? quaero, faciasne quod olim mutatus Polemon? ponas insignia morbi, \<255\> fasciolas, cubital, focalia, potus ut ille dicitur ex collo furtim carpsisse coronas, postquam est impransi correptus voce magistri. Porrigis irato puero cum pomal recusat: »Sume, catelle« – negat – si non des, optat. Amator \<260\> exclusus qui distat, agit ubi secum, eat an non. beratet, ob er gehn soll oder nicht, wohin er ungerufen ganz gewiß gegangen wäre. »Soll ich, da sie mich nun selber bittet? Oder soll ich nicht vielmehr auf ewig meiner Qual ein Ende machen? Sie schloß mich aus, jetzt ruft sie mich zurück; geh ich? Nein! Wenn sie auf den Knien mich bäte!« Indessen ist sein Knecht nicht um ein kleines gescheuter, wenn er zu ihm spricht: »Mein lieber Herr, ein Ding, das weder Maß noch Regel hat, läßt mit Vernunft und Maß sich nicht behandeln. Die Liebe hat nun einmal dieses Übel, daß Krieg und Friede immer wechseln; wer sich solcher blinden, wetterwendischen Bewegungen versichern wollte, käme wohl mit aller seiner Müh damit nicht weiter, als wenn er das Geheimnis, mit Vernunft zu rasen, suchen wollte.« – Wie? Wenn du die Kerne aus Picen'schen Äpfeln zwischen zwei Fingern springen machst, und, wenn dann einer von ungefähr bis an die Decke schnellt, quo rediturus erat non arcessitus, et haeret invisis foribus? – »Ne nunc, cum me vocat ultro, accedam, an potius mediter finire dolores? Exclusit; revocat; redeam? Non, si obsecret!« – Ecce \<265\> servus, non paulo sapientior: »O here, quae res nec modum habet neque consilium, ratione modoque tractari non vult. In amore haec sunt mala: bellum, pax rursum: haec si quis tempestatis prope ritu mobilia et caeca fluitantia sorte, laboret \<270\> reddere certa sibi, nihilo plus explicet ac si insanire paret certa ratione modoque.« Quid? cum Picenis excerpens semina pomis gaudes si cameram percusti forte, penes te es? vor Freunden aufhüpfst, bist du bei dir selbst Die Kerne der Picentinischen Äpfel scheinen zu dieser Operation vorzüglich geschickt gewesen zu sein, wodurch abergläubische Kindsköpfe sich wegen des Erfolges ihrer Liebeshändel bei dem Schicksal befragten. Man drückte den Kern eines solchen Apfels zwischen den beiden vordersten Fingern so ab, daß er in die Höhe schnellte: sprang er nun bis an die Decke des Zimmers, so hielt man sich eines glücklichen Erfolges gewiß. Die Römer waren solchen läppischen Possen mehr als irgend ein Volk in der Welt ergeben. ? Und wenn du, alter Knabe, wie ein Kind mit deiner Phyllis schnarrst und stammelst, bist du weiser, als ob du Häuschen bautest? Wenn nun gar die Narrheit blutig wird, und mit dem Degen ins Feuer haut? Der Marius , der sein Schwert erst seinem Mädchen in den Busen stieß Wer dieser Marius war, ist völlig unbekannt. Der Name Hellas zeigt, daß die Person, die er so unsinnig liebte, daß er zuerst ihr aus Eifersucht, und sodann sich selbst aus Verzweiflung das Leben nahm, eine Sklavin oder Freigelassene war. Horaz zitiert dieses Beispiel einer blutigen Liebeswut vermutlich, weil es sich erst kürzlich zugetragen hatte. Ein französischer Bel-esprit hat vor kurzem aus diesem einzigen Verse unsers Dichters ein ziemlich schales Romänchen für die Bibl. Univers. des Romans fabriziert, worin er diesen Marius in den Sohn des berüchtigten Triumvirs Cajus Marius , und die kleine Hellas in eine Lesbia , née dans la Numidie de parens aussi illustres par leurs richesses que par le rang qu'ils tenoient dans leur province , verwandelt. Das Schönste ist, daß der Herausgeber so stark auf die Unwissenheit seiner Leser rechnet, daß er ihnen weis machen zu können glaubt, das Ding sei aus dem Lateinischen übersetzt , und die puerilen Nachahmungen des Telemachs , die man in diesem Marius findet, kämen bloß daher, weil Fénélon das vorgebliche lateinische Original gekannt habe. Horazens aber, der, gewiß sehr gegen seine Absicht, durch einen einzigen Vers zur Zeugung dieses kleinen literarischen Wechselbalges Gelegenheit gegeben, wird mit keinem Wort gedacht. und dann sich selbst durchbohrte, tat er es als ein Verrückter? oder willst du lieber (indem du, wie gewöhnlich, bloß nach Ähnlichkeit den Dingen Namen schöpfest) ihn der Tollheit entbinden, um als einen Bösewicht ihn zu verdammen? – Nun ein Wörtchen noch mit einer andern Narren-Gattung Ich habe hier dieses kleine Einschiebsel gewagt, weil es für deutsche Leser unangenehm ist, so, ohne allen Übergang, in eine von der vorigen ganz verschiedene Materie hineingeworfen zu werden. . Ein gewisser bejahrter Freigelaßner pflegte früh vor Tag, mit rein gewaschnen Händen, nüchtern, in allen Scheidewegen um die Götterbilder herumzulaufen und mit großer Inbrunst zu beten: »Nur mich einzigen – was ist es denn so Großes Nach Bentleys Leseart, statt des vulgaren und keinen Sinn darbietenden quiddam magnum addens . ? – Götter, nur mich einzigen entreißt dem Tod! Euch ist es so was Leichtes!« – rief Quid? cum balba feris annoso verba palato, \<275\> aedificante casas qui sanior? Adde cruorem stultitiae, atque ignem gladio scrutare; modo, inquam, Hellade percussa Marius cum praecipitat se, cerritus fuit? an commotae crimine mentis absolves hominem et sceleris damnabis eundem, \<280\> ex more imponens cognata vocabula rebus? Libertinus erat, qui circum compita siccus lautis mane senex manibus currebat, et, »unum« (»quid tam magnum?« addens) »unum me surpite morti, der arme Mann, – gesund an beiden Ohren und Augen; fürs Gehirn nur hätte wohl sein Herr (sofern er kein Prozeßgeist war) dem Käufer nicht die Gewähr geleistet. Auch dies Völkchen wird von Chrysippus in die fruchtbare Familie Menens Vermutlich eines damals allgemein bekannten Mondsüchtigen oder auf andre Weise wahnsinnigen Narren. loziert. – »O Jupiter, du, der uns große Leiden schickt und abnimmt, wenn« – ruft die Mutter eines schon fünf Monat bettliegerigen Knabens – »wenn der Junge das kalte Fieber los wird, soll er dir an deinem Tage, den wir fastend feiern Es wurde (sagen einige Ausleger) um diese Zeit unter dem gemeinen Volke in Rom Mode, ägyptische und jüdische Religionsgebräuche mit ihrem angeerbten heidnischen Aberglauben zu verbinden. Der Donnerstag war Jupiters-Tag ; und die Juden sollen an diesem Tage gefastet haben. Dieses einfältige Mütterchen fastete also, weil man des Guten nicht zu viel tun kann, mit den Juden, und rief darum nicht weniger, als eine orthodoxe Heidin, den Jupiter an. Man kömmt aber, deucht mich, kürzer davon, wenn man annimmt, daß hier bloß von einem dem Jupiter besonders geheiligten Tage (dergleichen der zehnte vor den Calendis Ianuarii war) die Rede sei. Dies letztere wäre um soviel passender, die Torheit der Mutter zu bezeichnen, da sie ihren Sohn durch ein albernes Gelübde verurteilte, in einer solchen Jahreszeit seine Morgenandacht nackend im Flusse zu verrichten. , früh morgens nackend in dem Flusse stehen!« Gesetzt nun daß der günst'ge Zufall oder der Arzt den Kranken hergestellt, so wird der Mutter Aberwitz das Fieber ihm unfehlbar wieder zuziehn, wo nicht gar ihm auf der Stelle gleich das Leben kosten. Wie heißt die Krankheit, die des armen Weibleins Gehirn zerrüttet? Blöde Götterfurcht.   diis etenim facile est,« orabat; sanus utrisque \<285\> auribus atque oculis, mentem, nisi litigiosus, exciperet dominus, cum venderet. Hoc quoque vulgus Chrysippus ponit fecunda in gente Meneni. »Iupiter, ingentes qui das adimisque dolores,« mater ait pueri menses iam quinque cubantis, \<290\> »frigida si puerum quartana reliquerit, illo mane die quo tu indicis ieiunia, nudus in Tiberi stabit!« – Casus, medicusve levarit aegrum ex praecipiti, mater delira necabit, in gelida fixum ripa, febrimque reducet? \<295\> Quone malo mentem concussa? Timore deorum. Dies also sind die Waffen, die mein großer Freund Stertinius , der sieben Weisen achter, mir in die Hände gab, damit ich künftig nicht ungerochen angestochen würde. Denn wer mich einen Tollkopf schilt, bekömmt den gleichen Titel stracks von mir zu hören, und wird erinnert, fein zurückzusehen, was ihm selbst am unbekannten Rücken bammelt.   Horaz Mein lieber Stoiker, so mögest du trotz deinem Bankerott zum reichern Mann als jemals werden! Sag mir unverhohlen, weil's doch so manche Art von Tollheit gibt, mit welcher glaubst du mich behaftet? Denn ich muß gestehn, ich selber scheine mir gesund.   Damasipp Wie? wenn Agave mit dem abgerißnen Kopfe des unglücksel'gen Sohns einhertritt Wieder ein Beispiel aus einer bekannten Tragödie, nämlich aus den Bacchanten des Euripides, welche Accius auch auf die römische Schaubühne gebracht hatte. Pentheus, König von Theben, wird darin das Opfer seines Unglaubens an die Gottheit des Bacchus, und seines Widerstandes gegen die Einführung des fanatischen Dienstes, den seine Mutter, Agave , an der Spitze der Thebanischen Frauen, dem neuen Gott mit desto größerm Eifer leistet. Ein unglücklicher Vorwitz treibt den vom Bacchus selbst aus Rache verblendeten König, in eine Mänade verkleidet sich heimlich auf den Berg Cithäron zu schleichen, um sich von der Beschaffenheit der Mysterien, welche seine Mutter daselbst beging, mit eignen Augen zu unterrichten. Er wird entdeckt, und von den fanatischen Mänaden in Stücken zerrissen. Im fünften Akt tritt Agave selbst, als Priesterin dieser gräßlichen Geheimnisse, an der Spitze des schwärmenden Weiber-Chors, mit dem Kopfe ihres Sohnes, auf ihren Thyrsus gesteckt, im Triumph auf. Sie glaubt, in dem Wahnsinn, womit Bacchus sie und ihre Schwestern erfüllt hat, es sei der Kopf eines von ihrer Hand zerrißnen Löwen, und rühmt sich frohlockend der vermeinten Heldentat: bis sie endlich, nachdem sie wieder zu sich selbst kommt, ihres unglücklichen Irrtums gewahr wird. , scheinet sie sich selber rasend?   Haec mihi Stertinius, sapientum Octavus, amico arma dedit, posthac ne compellarer inultus. Dixerit insanum qui me, totidem audiet, atque respicere ignoto discet pendentia tergo. \<300\> HORAT. Stoice, post damnum sic vendas omnia pluris, qua me stultitia (quoniam non est genus unum) insanire putas? ego nam videor mihi sanus. DAMAS. Quid? caput abscissum demens cum portat Agave gnati infelicis, sibi tum furiosa videtur? Horaz                     Nun, weil doch der Wahrheit ihr Recht gebührt, so muß und will ich dann bekennen, daß ich närrisch und sogar ein wenig toll bin – also sag mir nur, an welchem Seelenschaden glaubst du daß ich krank bin?   Damasipp       Höre an! Fürs erste bau'st du, das heißt, du ahmst die Langen nach Ich will hier nicht wiederholen, was ich schon an einem andern Orte Horaz. Briefe I. T. S. 254 u. 255 . zu richtigem Verständnis dieser Stelle beigebracht habe. Nichts konnte simpler sein, als daß Horaz in dem Meierhofe, den er vor kurzem vom Mäcenas geschenkt bekommen, ziemlich viel zu reparieren und zu verändern hatte, um eine Art von kleiner Villa , worin er mit Bequemlichkeit und Vergnügen wohnen konnte, daraus zu machen. Er baute also, weil er mußte ; und nun war großer Lärm unter seinen Mißgünstigen zu Rom, daß er aus Eitelkeit baue, um den kleinen Mäcenas zu spielen, und, weil dieser damals sein prächtiges Haus auf den Esquilien baute, auch so was, wenigstens im Kleinen, aus seinem Sabino zu machen. Horaz läßt sich also vom Damasippus , als Repräsentanten aller seiner Neider und Tadler zu Rom und in seiner Sabinischen Nachbarschaft, dieser vermeinten Tollheit wegen so lächerlich machen, als sie es nur wünschen konnten, ohne ein Wort zu seiner Verteidigung zu sagen, weil die Sache für sich selbst sprach . Er konnte kein anständigeres und unfehlbareres Mittel erfinden, das Lächerliche einer so albernen Beschuldigung auf seine Tadler zurückfallen zu machen. , du, von der Sohle bis zum Wirbel kaum drei Spangen hoch, und lachst doch wenn der kleine Turbo Ein Gladiator , der sich vermutlich in den Fechterspielen, welche Agrippa als Ädilis gegeben, produziert hatte. mit stolzerm Blick und weiterm Schritt als ihm nach seinem Maß geziemen will, zum Kampfe einhergestiegen kommt. Um was bist du wohl minder lächerlich? Wie? schickt sich denn gleich alles was Mäcenas tun kann, auch für dich, der ihm so ungleich ist, und soll sich so ein kleiner Wicht nur träumen lassen, mit einem solchen Mann es aufzunehmen? \<305\> HORAT. Stultum me fateor (liceat concedere veris) atque etiam insanum; tantum hoc edissere, quo me aegrotare putes animi vitio? DAMAS. Accipe: primum aedificas, hoc est, longos imitaris, ab imo ad summum totus moduli bipedalis, et idem \<310\> corpore maiorem rides Turbonis in armis spiritum et incessum? Qui ridiculus minus illo? An quodcumque facit Maecenas, te quoque verum est Ein junger Frosch, den Füßen eines Kalbes, das seine Brüderchen zertreten hatte, mit großer Not entronnen, kam voll Angst der Mutter zugewatschelt, und erzählte, wie ein großes Ungeheuer seine Brüder zermalmet habe. Jene fragt: wie groß? und fängt sich aufzublasen an – wars wohl so groß? – »O! mehr als noch so groß!« – »Doch so ?« spricht jene, die sich immer stärker auf- zublähen strebt. – »Und wenn du auch zerplatztest, gleich wirst du nie ihm werden!« – Dies ist ungefähr dein Ebenbild. Nun, deine Verse noch dazu gerechnet, (Öl ins Feuer gegossen!) sprich, machte je ein Mensch, der bei gesundem Verstand ist, Verse Demokritus und Plato hatten zu diesem, wie es scheint, damals sehr gemeinen Spaß über die Wahnsinnigkeit der Dichter Anlaß gegeben: und was war gegen den Ausspruch zweier so berühmter Philosophen, in einer Sache, worin sie unleugbar gehörige Richter waren, einzuwenden? Hier – nichts! Aber Horaz erklärte sich zwanzig Jahre später in der Epistel an die Pisonen über diesen Punkt. Man sehe, wenn man will, die Anmerkung VIII im 2ten Teile meiner Übersetzung der Horazischen Briefe S. 566 u.s.f. ? Nichts von deiner tollen Hitze Der Dichter hatte alles stillschweigend eingestanden, so lange die Vorwürfe nicht trafen . Aber nun, da ihm Damasippus näher auf die Haut kommt, würde es unschicklich gewesen sein, wenn er nicht, wenigstens zum Scherz , dergleichen getan hätte, als ob er die Stiche fühle. Übrigens gesteht er sein aufbrausendes Temperament in der Epistel an sein Buch von freien Stücken (wiewohl mit dem Zusatze, daß er ebenso leicht wieder gut geworden sei), welches ihm die Leser seiner Schriften auch ohne dies zugetraut haben würden; und in der 7ten Satire dieses zweiten Buches trägt er kein Bedenken, seinen Lesern diesen Fehler seines Temperaments sogar in wirklicher Handlung zu zeigen. zu sagen –   Horaz         Jetzt hör' auf!   tanto dissimilem, et tanto certare minorem? Absentis ranae pullis vituli pede pressis \<315\> unus ubi effugit, matri denarrat, ut ingens belua cognatos eliserit: illa rogare, quantane? num tantum, sufflans se, magna fuisset? »Maior dimidio.« »Num tanto?« Cum magis atque se magis inflaret: »Non, si te ruperis«, inquit, \<320\> »par eris.« Haec a te non multum abludit imago. Adde poemata nunc, hoc est, oleum adde camino; quae siquis sanus fecit, sanus facis et tu. Non dico horrendam rabiem – HORAT. Iam desine! Damasipp                         Und daß du über dein Vermögen Aufwand machst Cultum maiorem censu. Cultus bezeichnet vornehmlich den Aufwand, den er auf seine Person in Kleidung, Putz, Bedienung und dergleichen machte. Mußte der Comes , der Contubernalis , der Freund eines Mäcenas, zumal in den Jahren, da es ihm wohl anstand, immer nett und zierlich zu sein, in diesem Artikel sogar etwas mehr tun, als der Liebling der Grazien und – der schönen Cinara vielleicht ohne diesen Umstand getan hätte? –   Horaz                                         Herr Damasipp, greif' er an seine Nase!   Damasipp         Und auf alle hübsche Mädchen Und Jungen rasend bist –   Horaz                             O! schone, größter der Narren, schon', ich bitte dich, des kleinern Der letzte Vorwurf, mille puellarum, puerorum mille furores , war der einzige, wo dem armen Horaz nichts übrig blieb, als um Quartier zu bitten. Die Sache war gar zu notorisch. Aber so groß war auch in diesen Zeiten, und in einer Stadt wie Rom, die Gewalt der herrschenden Sitten und des allgemeinen Beispiels, daß dergleichen furores , wenn sie nur in gewissen Schranken blieben, und durch Talente und liebenswürdige Eigenschaften vergütet wurden, unter den mediocribus et queis ignoscas vitiis hingingen, die einem Manne – der am Ende noch immer wie Aristipp sagen konnte: habeo, non habeor , in den Augen der Besten seiner Zeitgenossen keinen Schaden taten. Der größte Beweis, wie wenig man damals den moralischen Charakter eines Mannes bei den Efferveszenzen, wovon hier die Rede ist, interessiert glaubte, ist wohl dieser: daß unser Dichter selbst kein Bedenken getragen hat, die beträchtliche Anzahl von Oden, die ein Advocatus Diaboli gegen ihn geltend machen könnte, auf die Nachwelt kommen zu lassen. !                                                         DAMAS. – cultum maiorem censu – HORAT. Teneas, Damasippe, tuis te! \<325\>DAMAS. mille puellarum, puerorum mille furores – HORAT. O maior tandem parcas, insane, minori! Vierte Satire Einleitung Je mehr ich mich in den Geist dieses Stückes hineinzudenken suche, je weniger kann ich umhin, zu glauben, daß das Feinste davon für uns verloren gegangen sei, und daß es dem Dichter um ganz was anders zu tun gewesen, als die Epikuräer, oder wenigstens die leves Catillones dieser Sekte (wie sie Baxter nennt) zu verspotten, wiewohl dies die gemeine Meinung der Ausleger ist. Ich möchte nicht gern in den Fehler derjenigen fallen, die aus einem Schriftsteller, mit dem sie sich viel zu tun gemacht haben, immer mehr Sinn heraus divinieren , als er sich selbst dabei bewußt war. Aber bei Werken des Witzes, zumal bei solchen, wo alles augenscheinlich auf Scherz und Persiflage hinausläuft, und wo gleichwohl die besondern Umstände, die das Stück veranlaßt haben, und worauf sich alles, mehr oder weniger verdeckter Weise, bezieht, nicht mehr bekannt sind, ist eine gewisse Divinationsgabe zuweilen das einzige Mittel, das Rätsel aufzulösen, um den wahren Augenpunkt zu finden, aus welchem alles so erscheint, wie es denjenigen erschien, für welche das Werk eigentlich geschrieben war. Ich kann mich also, eben darum, weil die Sache keinen scharfen Beweis zuläßt, in meiner Vorstellung betrügen: aber, ich glaube eine Menge feiner Andeutungen in diesem Dialog zwischen Horaz und Catius wahrzunehmen, welche mich auf die Vermutung bringen, daß das ganze Stück bloß zur Belustigung des Mäcenas und seiner vertrautem Tischgesellschaft geschrieben worden, und daß es (vielleicht nach einer zwischen Horaz und seinem großen Freunde genommenen Abrede) darin hauptsächlich darauf angelegt gewesen sei, einen von Mäcens Commensalen, der sich auf seine Kenntnisse in der Philosophie der Küche viel zugute tat, und der Gesellschaft vielleicht zuweilen damit lästig fiel, auf eine feine, und den Getroffenen gleichwohl (wenn er anders Spaß verstand) nicht beleidigende Art, zum besten zu haben. Die besondern Züge, die mich auf diese Hypothese gebracht haben, werden in den Anmerkungen berührt werden. Überhaupt aber scheint sie durch den Umstand begünstigt zu werden, daß der ungenannte Lehrer des Catius, dessen Grundsätze dieser letztere dem Horaz auszugsweise mitteilt, sein Hauptaugenmerk darauf richtet, Geschmack und Eleganz im Essen mit der möglichsten Sparsamkeit und mit beständiger Rücksicht auf das, was der Gesundheit zuträglich ist, zu verbinden. Man könnte seine Philosophie daher »die Kunst, mit dem wenigsten Nachteil des Magens und Beutels seinem Gaumen gütlich zu tun« definieren; und wo sollte da das Lächerliche einer solchen Küchen-Philosophie, an und für sich selbst, stecken, wodurch sie sich zum Gegenstande einer allgemeinen Satire eignete? Es fällt in die Augen, daß sie nur durch den hohen dogmatischen Ton, womit Horaz den Catius seine Mysterien vortragen läßt, und das übertriebene raffinement einiger seiner Lehrsätze, lächerlich wird: aber eben dies scheint ziemlich deutlich auf eine individuelle Person, und auf die Absicht, sich ein wenig lustig über sie zu machen, zu deuten. Denn das, was die Franzosen einem ein Ridicüle leihen Ein solches offenbar geliehenes Ridicüle ist z. B. die dem Catius in den Mund gelegte pompöse Erhebung der Küchen-Philosophie seines Lehrers über die Pythagorische, Sokratische und Platonische, die dem guten Catius im Ernst doch wohl nicht einfallen konnte. Von der nämlichen Art ist der possierliche Gebrauch des Wortes Sapiens in dem Verse: fecundae leporis sapiens sectabitur armos , und dergleichen. nennen, geht in dem besondern Falle wohl an, wenn es darum zu tun ist, unter guten Freunden, auf eine eben so feine als unschuldige Art, wegen einer Blöße, die einer etwa gegeben hat, zur Belustigung der Gesellschaft Scherz mit ihm zu treiben: aber es würde wenig echten Witz verraten, sich solcher Mittel zu bedienen, wo es im Ernste darauf angesehen ist, das wirklich Ungereimte und Widersinnische in gewissen Charaktern, Leidenschaften und Handlungsweisen der Menschen, zu ihrer Belehrung und Besserung, darzustellen. Aber, wie wäre es, wenn derjenige, über dessen geschmackvolle Zunge und schlaue Kunstgriffe, seine Gourmandise und Eitelkeit mit den eingeschränkten Umständen seiner Finanzen zu vereinbaren, Horaz sich lustig macht, am Ende kein andrer gewesen wäre als – Horaz selbst? Wenigstens wäre es weder das erste noch letztemal, wo er die einem homini urbano et faceto sehr anständige Partie ergriffen hätte, diejenige Seite seiner Person, wo er am leichtesten, und wegen solcher Menschlichkeiten, die er eben nicht Lust hatte so geschwind abzulegen, angegriffen werden konnte, von freien Stücken den Lachern Preis zu geben. Ich verlange auf diese Hypothesen keinen größern Wert zu legen, als sie haben; und habe sie bloß deswegen vorgebracht, damit der Leser versuche, ob ihm vermittelst der einen oder der andern dieses Stück etwa genießbarer werden könnte: da es sonst an sich selbst, und wegen so vieler geänderter Zeit- und Lokalumstände, mit alle dem attischen Salze, womit es so reichlich durchwürzt ist, unter diejenigen gehört, denen heutige Leser am wenigsten Geschmack abgewinnen können.               Horaz       Catius   Horaz Ei, sieh da, Catius Wer dieser Catius ist, ob eine wirkliche, oder (wie mir glaublicher scheint) eine bloß erdichtete Person, welcher Horaz die Rolle eines Schülers seines ungenannten Gastrosophen zu spielen gab, bleibt aus Mangel näherer Anzeigen unausgemacht. Daß es nicht (wie Lambinus und andere gemeint haben) der Epikureische Philosoph Catius sein konnte, über dessen sogenannte spectra Cicero in einem im Jahr 708 an C. Cassius geschriebenen Briefe scherzt Ep. ad Famil. L. XV. ep. 16. , ist daraus klar, weil Cicero von ihm als einem vor kurzem Verstorbenen spricht – er müßte denn dem Dichter nur als ein Gespenst erschienen sein. Wenn der Interlocutor (wie ich glaube) ein bloßes Geschöpf des Dichters ist, so hatte er auch das Recht, ihm einen Namen zu schöpfen; und dazu war der Name eines ehmaligen, nur noch durch Schriften, die niemand mehr las, bekannten Epikuräers immer so gut als ein anderer. Catius selbst konnte dem Dichter wohl schwerlich nach seinem Tode erscheinen : aber der Dichter konnte ihn wohl von den Toten erwecken , wenn er seiner vonnöten hatte. ! woher? wohin?   Catius Ich habe keine Zeit; ich bin in Eile, die Regeln einer neuen Weisheit auf- zuzeichnen, der Pythagoras und Sokrates, und der gelehrte Platon weichen muß.   Horaz Ich fühle mein Vergehen, so zur Unzeit dich zu unterbrechen; wirst die Güte haben, mir's zu verzeihn! Doch, wär' auch etwas dir entwischt, ein Mann wie du, der an Genie und Kunst gleich wundernswürdig ist, wird bald auf eine oder andre Art Repetes mox, sive est naturae hoc, sive artis opus . Es scheint, Horaz deute mit diesen letzten Worten auf eine gewisse Gedächtniskunst ( Mnemonica ), zu deren Erfinder die Griechen ihren Simonides machen, und worüber, wer Lust hat, im letzten Drittel des dritten Buches der Rhetoricorum ad Herennium , die unter Ciceros Namen gehen, einen nicht übermäßig deutlichen Unterricht finden kann. Die Kunst bestand darin, daß man sich gewisse Orte oder in die Augen fallende Gegenstände ( locos ), z. B. ein Haus, einen Tempel, eine Kolonnade, einen Winkel usw. wählte, an diese locos gewisse sinnliche Bilder ( imagines ) und an diese Bilder die Ideen oder Sachen , die man merken wollte, heftete – eine Kunst, die eine lange mühsame Übung und ein sehr gutes natürliches Gedächtnis voraussetzte, wenn sie ihrem Besitzer von einigem Nutzen sein sollte. – Vermutlich geht schon das ponere signa im 2ten Verse, wiewohl es der Deutlichkeit wegen bloß durch aufzeichnen übersetzt ist, auf diese Kunst, und die signa bedeuten die Bilder , an welche Catius die Hauptstücke dessen, was er von seinem Meister gehört, anzuheften begriffen war. es wieder zu finden wissen.   Catius                 Eben dieses wars,     HORAT. Unde et quo Catius? CAT. Non est mihi tempus aventi ponere signa novis praeceptis, qualia vincunt Pythagoram, Anytique reum, doctumque Platona. HORAT. Peccatum fateor, cum te sic tempore laevo \<5\> interpellarim, sed des veniam bonus, oro. Quod si interciderit tibi nunc aliquid, repetes mox, sive est naturae hoc, sive artis, mirus utroque. CAT. Quin id erat curae, quo pacto cuncta tenerem, worauf ich sann; wie ichs nämlich mache, um nichts von diesen Dingen zu verlieren, die, schon an sich subtil, es noch weit mehr durch seinen Vortrag wurden.   Horaz                                     Nenne doch den großen Mann mir! Ists ein Römer oder ein Fremder?   Catius             Das System , so gut ich's faßte, dir mitzuteilen trag ich kein Bedenken; nur des Meisters Name muß verschwiegen bleiben Wenn es Horazen bloß darum zu tun war, der Epikuräer zu spotten (welches ihm, die Wahrheit zu sagen, sonderlich um diese Zeit, da er dem Freudengeber Bacchus und der schönen Aphrodite so fleißig opferte, eben nicht sehr wohl angestanden hätte), was hätte ihn hindern können, den Autor der Gastrosophie , die er den Catius vortragen läßt, zu nennen ? – Mich deucht, dies sei ein sehr starker Vermutungsgrund für meine Meinung, daß das ganze Stück, wenigstens der Hauptabsicht nach, weiter nichts als ein Cotterie-Spaß, ein humoristisches Persiflage eines zwar, des Publikums wegen, nicht genannten, aber den sämtlichen Gliedern der Cotterie wohl bekannten Mitglieds gewesen sei. War dies, so ist begreiflich, warum man einen guten Freund nicht dem öffentlichen Gelächter Preis geben wollte: war es aber nicht , was hätte Horaz, der sich bei weit ernsthaftem Gelegenheiten so wenig Bedenken macht Namen zu nennen, für eine Ursache haben können, bei einer so unschädlichen Pläsanterie auf einmal so schüchtern zu werden? Catius fängt nun an, dem Horaz die Lektion seines philosophischen Meisters, von welcher er eben herkommt, so viel er sich ihrer erinnern kann, und in der Art von methodischer Unordnung, die durch die Furcht etwas auszulassen verursacht wird, vorzutragen. Sie besteht aus XVI Artikeln , welche die Regeln und Kautelen enthalten, die sich auf die Qualität der Speisen und Getränke und ihre Zubereitung beziehen; nebst einem Anhang , worin noch einige Regeln, die Anordnung der Tafel und die Reinlichkeit betreffend, beigefügt werden. Ich habe die XVI Haupt-Artikel, der mehrern Deutlichkeit wegen, numeriert; und werde nun, was bei dem einen und andern zu erinnern ist, unter seinem Numero gehen lassen. I. Lambinus und Cruquius haben sich sehr unnötiger Weise den Kopf darüber zerbrochen, ob und wiefern diese Oosophische Regel, und der Grund, welchen Catius für die vorzügliche Güte der länglichten Eier angibt, in der Physik gegründet sei oder nicht. Es fällt in die Augen, daß diese spitzfündige Eier-Philosophie – Persiflage ist. Übrigens fängt er bei den Eiern an, weil sie bei den Römern die Stelle der ihnen unbekannten Suppen vertraten, und folget dann so ziemlich der Ordnung, worin die Speisen serviert zu werden pflegten. III. Ich lese mit Bentley musto Falerno , ohne seiner Anmerkung beizustimmen, daß hiedurch der Helluonum περιεργία et inepta diligentia lepide durchgezogen werde, weil sie nämlich das Huhn nicht in Wasser, sondern in Wein, nicht in jedem Weine, sondern in Falerner, nicht in jedem Falernerweine, sondern gerade in Falernermost ersticken ließen. Ich meines Orts sehe hier nichts von Schlemmern und Prassern: die Regel scheint mir weder mehr noch weniger als ein ökonomischer Pfiff eines guten ehrlichen Landwirts zu sein, der, weil er seinem späten Gast nichts Bessers als ein in der Eile abgewürgtes frisches Huhn vorzusetzen hat, es wenigstens genießbar machen will. Hierzu scheint das Ersticken in Phalerner Moste, welcher sehr scharf und stark war, ein durch die Erfahrung bewährtes Mittel gewesen zu sein. Was die Römer mustum nannten, und ich, aus Mangel eines andern Wortes, durch Most übersetze, war ein von dem, was wir Most nennen, sehr verschiedener, durch die Zubereitung auf unzählige Art Musta differentias habent naturales has, quod sunt candida, aut nigra, aut inter utrumque – cura differentias innumerabiles facit. Plin. H. N. Lib. XXIII. c. 1. vervielfältigter Liquor. Es scheint hauptsächlich in der Küche gebraucht worden zu sein, und hielt sich ein ganzes Jahr unverdorben. Mustum von falernischem Wein war eben nichts so Kostbares; denn der Falerner wurde nur nach Maßgabe seines Alters geschätzt, und war unter 15 Jahren wegen seines Feuers und seiner Schärfe kaum trinkbar, wie Plinius sagt. VI. Das mulsum (melicraton) der Alten (für welches unser Met das rechte Wort ist), ihr gewöhnlichstes Getränke zur Erfrischung, wurde auch zu Anfang der Mahlzeit ( in Antecenio ) nach dem Voressen, welches daher Promulsis hieß, genommen. Die kostbarste Art von Met wurde aus hymettischem Honig und altem Falernerwein zubereitet. Der Lehrmeister des Catius zieht den bloßen Wassermet demjenigen, den Aufidius zum Frühstück nahm, nicht deswegen vor, weil er besser schmecke, sondern weil er gesünder sei; und wird also von dem Jesuiten Jul. Cäs. Boulenger in seinem Traktat de Conviviis Lib. II. c. 3. zur Ungebühr getadelt. Übrigens gehörten Eier, Gemüse, Schwämme, Austern und dergleichen zur Promulsis; daher handelt sie Catius zuerst ab. VII. Athenäus , auf dessen Zeugnis sich einige Ausleger berufen, um das, was Catius von der antistyptischen Tugend des Koischen weißen Weins erwähnt, zu bestätigen, spricht in der von ihnen angezogenen Stelle von den weißen Weinen überhaupt. Besonders aber schreibt er den griechischen Weinen, welche mit Seewasser gehörig präpariert würden, als dem von Myndos, Halikarnaß, Rhodus und Kos die Qualität zu, weswegen der letztere hier von Catius empfohlen wird Deipnosoph. L. I. c. 25. . XIII. Man kann aus dem Plinius ersehen, daß die Rang-Ordnung unter den italienischen Weinen ziemlich unbeständig war. Der Wein vom Berge Massicus in Campanien wurde zwar auch unter die edlern Sorten gerechnet; doch gab man ihm zu Plinius Zeiten nur die vierte Stelle, und die Surrentinischen (welche Catius hier durch Falernerhefen veredeln lehrt) wurden ihm vorgezogen. Diese letztern wurden zwar wegen ihrer Leichtigkeit und Salubrität besonders den Genesenden von ihren Ärzten empfohlen; aber Tiberius Cäsar erklärte sie demungeachtet nur für edlen Essig Hist. Nat. Lib. XIV. c. 6. . XV. Ich bin zu wenig in der kulinarischen Philosophie bewandert, um die wichtige Materie de duplici iuris natura in das erfoderliche Licht zu setzen; und mit aller der scheinbaren Erudition, die sich bei diesem und andern Artikeln hätte anbringen lassen, würden sich die Leser doch von der muria , die ein so wichtiges Ingrediens in der Küche der Alten war, schwerlich einen sehr vorteilhaften Begriff machen können. Es war eine besondere Art von liquamen (Lake oder Bökel), die aus dem Thunfisch, einer großen Art von Makrelen, zubereitet wurde. Die beste kam zu Plinius Zeiten von Antipolis (einer See-Stadt in Gallia Narbonensis), von Thurium, und aus Dalmatien. Indessen war die eigentliche Niederlage der Thunfische im Schwarzen Meere, von wannen sie ihren Zug nach der Propontis (Mar di Marmora) nahmen, und zu Byzanz in großer Menge gefangen wurden Plin. H. N. Lib. XXXI. c. 8. . Catius , der keine andre Muria gelten läßt, als die ihren Gestank einer Byzantinischen Orca So hieß eine Art von großen runden Töpfen mit engem Halse, wegen der Ähnlichkeit ihrer Form mit dem Meer-Ungeheuer, welches die Alten Orca nannten. mitgeteilt habe ( quam qua Byzantia putuit orca ), erklärt dadurch diejenige, die zu Byzanz zubereitet wurde, für die beste. Übrigens hat er sich in dem Rezepte, das er uns zu der einfachen und zusammengesetzen Soße gibt, nicht der gehörigen Deutlichkeit beflissen: es ist aber doch nicht schwer zu erraten, daß vom 63sten Verse des Originals bis zum 66sten von der ersten , und vorn 66sten zum 69sten von der zweiten die Rede ist. XVI. In diesem Artikel, wo vom Nachtisch, und im folgenden, wo von der Reinlichkeit und Eleganz, deren sich ein Hauswirt, wenn er ein Gastmahl gibt, zu befleißen habe, gehandelt wird, glaube ich wieder manche kleine Züge zu finden, die meiner obigen Meinung günstig sind. Gegen alles, was Catius hier sagt, ist an sich nichts einzuwenden: das Lächerliche liegt bloß in der Wichtigkeit, die er seinen Erfindungen und Regeln gibt, und in dem emphatischen Tone, womit er so kleinfügige und gemeine Dinge vorträgt. Besonders scheinen die kleinen Schüsselchen , mit deren Erfindung er sich breit macht, einen Wirt zu verraten, der darauf studiert hat, seiner Tafel mit wenigem Aufwand ein Ansehen zu machen. Wenn man annimmt, daß Horaz in allem diesem sich selbst, oder einen seiner Commensalen zum besten gebe, so erhalten diese Stellen dadurch eine ganz andre Grazie, als sie nach der gemeinen Meinung der Ausleger haben. Doch, solche Dinge sind, wie alle sales und facetiae , für die momentane Empfindung, nicht für Kommentatoren gemacht: also mag es an diesem genug sein. . I. Vergiß nicht in der Wahl der Eier stets die länglichen , als feiner von Geschmack und nährender, den runden vorzuziehen. Der letztern dick're Schale zeigt dem Kenner das männliche Geschlecht des Dotters an. II. Dem nahe bei der Stadt gezogenen Gemüs' ist, was auf trocknen Ackern wächst, an Süßigkeit und Zärte überlegen. Nichts taugt zu Kohlgewächsen minder als ein durch Begießen ausgewaschner Boden. III. Kommt Abends spät ein unversehner Gast utpote res tenues tenui sermone peractas. \<10\> HORAT. Ede hominis nomen, simul et Romanus an hospes? CAT. Ipsa memor praecepta canam, celabitur auctor. I. Longa quibus facies ovis erit, illa memento ut succi melioris et ut magis alma rotundis ponere; namque marem cohibent callosa vitellum. \<15\> II. Caule suburbano qui siccis crevit in agris dulcior, irriguo nihil est dilutius horto. dir übern Hals, so merke dir, das Huhn , womit du ihn bewirten willst (damit es nicht dem Gaum durch Zäheit widerstehe) lebendig in Falernmost zu ersticken. Dies macht es zart. IV. Von allen Schwämmen sind die aus den Wiesen von der besten Art; den andern ist nicht immer recht zu trauen. V. Wer sich im Sommer wohl befinden will, beschließe seine Mahlzeit stets mit reifen Maulbeern, die, eh die Sonne hoch stieg, abgelesen worden. VI. Aufidius nahm, zu seinem Frühstück, Met aus Honig und Falerner. Fehlerhaft! In leere Adern schickt sich nichts, was nicht gelind ist. Besser wirst du tun, die Brust mit mildem Met aus Wasser anzufeuchten. VII. Bei hartem Leibe werden dir gemeine Muscheln mit Sauerampfer gute Dienste tun, doch ist dabei der weiße Wein von Kos nicht zu vergessen. VIII. Alle Schalfisch-Arten sind voller, wenn der Mond im Wachsen ist. III. Si vespertinus subito te oppresserit hospes, ne gallina malum responset dura palato, doctus eris vivam musto mersare Falerno: \<20\> hoc teneram faciet. IV. Pratensibus optima fungis natura est; aliis male creditur. V. Ille salubres aestates peraget, qui nigris prandia moris finiet, ante gravem quae legerit arbore solem. VI. Aufidius forti miscebat mella Falerno; \<25\> mendose! quoniam vacuis committere venis nil nisi lene decet: leni praecordia mulso prolueris melius. VII. Si dura morabitur alvus, mitulus et viles pellent obstantia conchae, et lapathi brevis herba, sed albo non sine Coo. \<30\> VIII. Lubrica nascentes implent conchylia lunae. Nicht alle Meere sind an edeln Sorten fruchtbar: so sind, zum Beispiel, im Lucrinersee sogar Gähnmuscheln besser als zu Bajä die Stachelschnecke. Ihrer Austern rühmt die Bucht der Circe sich, der besten Wasserigel Misenum, und mit seinen flachgewölbten Kamm-Muscheln prangt das üppige Tarent. IX. Daß ja sich keiner in der Gastmahlskunst für einen Meister halte, der die feinern Regeln der guten Zubereitung nicht genau studiert hat. Mancher meint, es sei damit schon ausgerichtet, wenn er nur das Teurste, was auf dem Fischmarkt aufzutreiben ist, zusammenraffen läßt, unwissend, welchem die Brühe angemeßner ist, und was gebraten den erschlafften Appetit des müden Gastes wieder wecken kann. X. Ein wildes Schwein aus Umbrien, genährt mit derben Eicheln, soll die Schüsseln dessen drücken, der fades Wildpret scheut: das Laurentin'sche, das sich mit Schilf und Riedgras mästet, ist von allzuweichem Fette aufgedunsen. Sed non omne mare est generosae fertile testae; murice Baiano melior Lucrina peloris. Ostrea Circeis, Miseno oriuntur echini, pectinibus patulis iactat se molle Tarentum. \<35\> IX. Nec sibi cenarum quivis temere arroget artem non prius exacta tenui ratione saporum. Nec satis est cara pisces averrere mensa, ignarum quibus est ius aptius, et quibus assis languidus in cubitum iam se conviva reponet. \<40\> X. Umber et iligna nutritus glande rotundas curvet aper lances carnem vitantis inertem; nam Laurens malus est ulvis et arundine pinguis. in Gegenden, wo Wein gebaut wird, sind die Rehe nicht die besten; und die Hasen betreffend, wird's ein Weiser mit dem Vorderbug der Häsin halten. XI. Das Talent, der Fische und Vögel Alter und Geburtsort durch den bloßen Gaumen auszuschmecken, hat vor meinem sich keiner angemaßt. XII. Es gibt so eingeschränkte Genies, die auf Erfindung eines neuen Pastetchens oder andern kleinen Naschwerks sich viel zugute tun: doch, all sein Dichten nur auf ein Fach zu stellen, macht's noch lange nicht aus: als wenn, zum Beispiel, einer bloß für gute Weine sorgte, unbekümmert, mit was für Öl er seine Fische träufe. XIII. Den Wein vom Massicus laß unter freiem Himmel bei kühlem heiterm Wetter übernachten; er wird sich in der Nachtluft vollends klären, und seinen nervenschädlichen Geruch verduften: aber durch ein leinen Tuch geseugt verliert er seinen echten Wohlgeschmack. Wer Surrentiner-Weine schlauer Weise Vinea submittit capreas non semper edules. Fecundae leporis sapiens sectabitur armos. \<45\> XI. Piscibus atque avibus quae natura et foret aetas, ante meum nulli patuit quaesita palatum. XII. Sunt quorum ingenium nova tantum crustula promit. Nequaquam satis in re una consumere curam: ut siquis solum hoc, mala ne sint vina, laboret, \<50\> quali perfundat pisces securus olivo. XIII. Massica si caelo supponas vina sereno, nocturna, si quid crassi est, tenuabitur aura, et decedet odor nervis inimicus; at illa integrum perdunt lino vitiata saporem. auf Hefen von Falern veredeln will, wird, um sie klar zu machen, eines Taubeneies mit Vorteil sich bedienen; weil der Dotter, indem er sinkt, das Trübe mit sich nimmt. XIV. Den Trinker zu erfrischen, der den Kopf schon hängen läßt, setz ihm gebratne Hummern und afrikansche Schnecken vor; denn Lattich schwimmt nur im Weinerhitzten Magen oben, und gibt ihm nichts zu tun: in diesem Zustand verlangt er derbe Bissen, Schinken, Würste; das erste beste, was, nicht allzulieblich dampfend, vom Garkoch kommt, würd' ihm willkommen sein. XV. Noch ist's der Mühe wert, der beiden Soßen Natur und Art sich recht bekannt zu machen! Die simple wird aus süßem Öl, vermischt mit fettem Wein und Lake zubereitet; (wohl zu verstehn, mit Lake von Byzanz !) läßt man sie nun mit klein gehackten Kräutern zusammenkochen, tut ein wenig Safran von Korykus daran, läßts eine Weile stehn, und mischt noch Venafranisch Öl, soviel \<55\> Surrentina vafer qui miscet faece Falerna vina, columbino limum bene colligit ovo; quatenus ima petit volvens aliena vitellus. XIV. Tostis marcentem squillis recreabis et Afra potorem cochlea; nam lactuca innatat acri \<60\> post vinum stomacho: perna magis ac magis hillis flagitat immorsus refici; quin omnia malit quaecumque immundis fervent illata popinis. XV. Est operae pretium duplicis pernoscere iuris naturam: Simplex e dulci constat olivo, \<65\> quod pingui miscere mero muriaque decebit, non alia quam qua Byzantia putuit orca. Hoc ubi confusum sectis inferbuit herbis vonnöten ist, dazu, so ist die zweite fertig. XVI. Die Tiburtin'schen Äpfel weichen an Geschmack den Picentinischen, wiewohl sie schöner ins Auge fallen. Unter den Zibeben ist die Venucula in Töpfchen eingemacht, geräuchert die Albanische die beste.   Ich, ohne Ruhm zu melden, war der erste, der den Gedanken hatte, Früchte, Tunken, Sardellenbrüh, und groben weißen Pfeffer, mit schwarzem Salz, und was dergleichen ist, in netten kleinen Näpfchen um den Tisch herum zu setzen; denn dazu sind kleine Näpfe schicklich: hingegen ists ein ungeheurer Unfug, dreihundert Taler auf den Markt zu schicken, um Fische, die des Schwimmens doch gewohnt sind, in eine enge Schüssel einzuzwängen   Im übrigen ist auch die Reinlichkeit bei einem Gastmahl nicht zu übersehen. Nichts setzt den Magen mehr in böse Laune, als wenn ein naschiger Lakai den Becher dir mit Spuren seiner schmutz'gen Finger reicht, Corycioque croco sparsum stetit, insuper addes pressa Venafranae quod baca remisit olivae. \<70\> XVI. Picenis cedunt pomis Tiburtia succo, nam facie praestant. Venucula convenit ollis; rectius Albanam fumo duraveris uvam. Hanc ego cum malis, ego faecem primus et halec, primus et invenior piper album cum sale nigro \<75\> incretum puris circumposuisse catillis. Immane est vitium dare milia terna macello angustoque vagos pisces urgere catino. Magna movent stomacho fastidia, seu puer unctis tractavit calicem manibus, dum furta ligurrit, und alter Bodensatz in einer Tasse erraten läßt, wie lange man sie auszuspülen vergessen hat. Wie wenig Aufwand steckt in Besen, Sägemehl und Küchenquehlen, und doch, wenn's dran ermangelt, welche Schande? Wie? denkt man, schämt der Mann sich nicht, ein Estrich von Mosaik mit schmutz'gen Palmen kehren zu lassen, oder prächt'ge Purpurdecken um ungewaschne Polster-Überzüge zu legen? Man verzeiht dir leichter, wenn dir fehlt, was reichen Tafeln nur gebührt, als Dinge, die so wenig Aufwand und Bemühung kosten.   Horaz Gelehrter Catius , bei unsrer Freundschaft und den Göttern sei gebeten, unverzüglich zu deinem großen Meister mich zu führen. Denn, wie getreu dir dein Gedächtnis war, so hat man doch so etwas lieber aus der ersten Hand; nicht zu gedenken, was des Lehrers Angesicht, Gebärden, Mienen zur Sache tun. Du, der dies Glück genoß, \<80\> sive gravis veteri craterae limus adhaesit. Vilibus in scopis, in mappis, in scobe, quantus consistit sumptus? Neglectis, flagitium ingens. Ten' lapides varios lutulenta radere palma, et Tyrias dare circum illota toralia vestes? \<85\> oblitum, quanto curam sumptumque minorem haec habeant, tanto reprendi iustius illis, quae nisi divitibus nequeant contingere mensis. HOR. Docte Cati, per amicitiam divosque rogatus ducere me auditum, perges quocumque, memento. \<90\> Nam quamvis referas memori mihi pectore cuncta, non tamen interpres tantundem iuveris. Adde machst wenig draus: allein mir ist gar viel daran gelegen, selbst, wie weit der Weg auch sei, die ersten Quellen aufzusuchen und die wahre Lebenskunst daraus zu schöpfen. vultum habitumque hominis; quem tu vidisse beatus non magni pendes, quia contigit: at mihi cura non mediocris inest, fontes ut adire remotos \<95\> atque haurire queam vitae praecepta beatae. Fünfte Satire Einleitung Seitdem die Römer, durch eine natürliche Folge der Oberherrschaft, welche sie endlich über den größten Teil des damals bekannten Erdbodens erlangt hatten, von der Denkart und den Sitten ihrer Vorfahren so weit abgewichen waren, daß der Horazische Stertinius bloß die herrschende Gesinnung seiner Zeitgenossen ausdrückte, indem er sagte: daß Tugend, Ruhm, Verdienst, kurz alles Göttliche und Menschliche, dem schönsten aller Dinge, dem Reichtum untertan sei – war es eine nicht weniger natürliche Folge dieser Art zu denken: daß für Menschen, bei welchen die Begierde nach Reichtum alles sittliche Gefühl abgestumpft und beinahe ganz vertilgt hatte, kein Weg, der zu diesem letzten Ziele aller Wünsche führte, weder zu beschwerlich noch zu schmutzig war. In diesem Stücke sind alle sehr großen Städte, wenn sie den höchsten Grad des scheinbaren Wohlstandes erreicht haben, vermöge der Natur der Sache, einander sehr ähnlich. Aber mit dem alten Rom hatte es gleichwohl hierin eine ganz eigene Bewandtnis, und es trafen eine Menge besonderer Umstände (welche anzuführen und in das gehörige Licht zu setzen hier nicht der Ort ist) zusammen, um ihre Einwohner binnen einem einzigen Jahrhundert größtenteils zu den verderbtesten, schändlichsten und schlechtesten Menschen zu machen, die der Erdboden jemals getragen hatte. Um hier nur einen einzigen dieser Umstände zu berühren, weil er eine nähere Beziehung auf den Inhalt der gegenwärtigen Satire hat: so ist wohl nichts gewisser, als daß übermäßiger Reichtum die Sitten eines Volkes desto schneller und ärger verderben muß, wenn die Erwerbung desselben nicht die Frucht des Fleißes, der Künste, und des Handels, sondern eine Folge seiner Siege und Eroberungen gewesen ist. Dies galt von Rom mehr als von irgend einer andern Stadt, die wir aus der Geschichte kennen. Rom war bloß durch Ausplünderung der ganzen Welt zu den unermeßlichen Reichtümern gekommen, womit es in den Zeiten unsers Dichters angefüllt war. Ein Luxus, der ohne ein solches Mittel unbegreiflich und schlechterdings unglaublich wäre, mußte die notwendige Folge davon sein. So leicht erworbene Reichtümer wurden auch eben so leichtsinnig und übermütig verschwendet; zumal, da die Quellen derselben unerschöpflich schienen, und so lange als alle übrigen Völker für das einzige Rom arbeiten mußten, oder noch etwas zu verlieren hatten, wirklich unerschöpflich waren. Dieser Umstand macht begreiflich, wie es zuging, daß die Römer, – deren Verfassung und Lebensart immer militärisch gewesen war, und die ihre Macht und Reichtümer nicht auf dem langen und mühsamen Wege der Industrie erworben, sondern durch gewaltsame Mittel an sich gerissen hatten, – nachdem sie durch eben so gewaltsame Staatsrevolutionen ihren republikanisch-militärischen Geist mit ihrer alten freien Verfassung verloren, nichts Angelegeners hatten, als die unersättlichste Begierde, sich zu bereichern, mit ihrem gewohnten Abscheu vor bürgerlichen Gewerben zu vereinbaren; und daß die sittliche Schändlichkeit der Mittel, die zu jenem Zwecke führten, in ihren Augen keine erhebliche Einwendung war. Noch begreiflicher wird dies, wenn man den Umstand dazu nimmt, daß die unermeßlichen Reichtümer, die seit der Zerstörung von Karthago und Korinth, in einem Zeitraum von mehr als hundert Jahren, der Stadt Rom zuströmten, sich in den Händen einer verhältnismäßig kleinen Anzahl befanden; dagegen aber die Begierlichkeit des großen Haufens, der so zu sagen bei Teilung der Beute der ausgeplünderten Welt leer ausgegangen war, um so heftiger gereizt werden mußte, je ausschweifender die Günstlinge der Fortuna mit ihren Reichtümern Parade machten. Alles dies erklärt uns, deucht mich, einigermaßen, die in unsern Augen und nach unsern Sitten so seltsame Erscheinung: daß die Art von Niederträchtigen, die man damals Heredipetas nannte, und für welche seit der ersten Ausgabe dieses Buchs das deutsche Wort Erbschleicher (statt Erb-erschleicher) erfunden worden ist, schon zu Horazens Zeit so häufig in Rom war, daß sie gleichsam eine eigene Profession Dies erklärt den Ausdruck in Petrons Satyrikon, c. 124. incidimus in turbam heredipetarum . Aus Lucians Schriften sieht man, daß diese Profession mit der zunehmenden Verdorbenheit der Sitten immer zahlreicher wurde. ausmachten, und sich also um soviel besser zum Gegenstande einer ausdrücklich gegen sie gerichteten Satire schickten. Unser Dichter hatte, wie man vermuten kann, mit der Erfindung, die drei vorgehenden Satiren in eine Art von dramatischen Mimen zu verwandeln, und andere Personen an seiner Statt darin sprechen zu lassen, soviel Beifall gefunden, daß er diese angenehme und dem Dichter auf so mancherlei Art vorteilhafte Form der Einkleidung auch in dieser fünften beibehielt, indem er auf den glücklichen Einfall geriet, den aus der Odyssee bekannten Wahrsager Tiresias die Hauptrolle darin spielen zu lassen. Er dichtet nämlich: Ulysses , – der auf Befehl der Circe die Reise in das Land der Schatten bloß deswegen unternommen hatte, um diesen berühmten Thebanischen Propheten wegen seiner Zurückkunft in sein liebes Ithaka zu befragen, – habe, nachdem er den Bescheid von ihm erhalten, den man im 11ten Buche der Odyssee, v. 99–136 lesen kann, anstatt sich daran zu beruhigen, den Tiresias ersucht, ihn nun auch zu belehren, durch was für Mittel er den ihm geweissagten Verlust seiner Güter wieder ersetzen könne. Tiresias habe ihm hierauf die Profession eines Erbschleichers als einen zwar nicht sehr ehrenhaften, aber doch als den leichtesten, sichersten, und dem verschmitzten Charakter des Ulysses angemessensten Weg vorgeschlagen; und ihm die Anweisung, wie er sich dabei zu benehmen habe, in Form einer ordentlichen Kunst-Theorie mitgeteilt; einer Theorie, die durch den ernsthaften didaktischen Ton des Vortrags und den ehrwürdigen Charakter des Lehrers zu einem Meisterstück der Ironie wird, und als satirische Komposition einen der ersten Plätze unter allen Werken unsers Dichters behauptet. Dieses Stück kann für das Original aller satirischen Gespräche im Reiche der Toten , und, insofern es eine bürleske Fortsetzung der homerischen Erzählung ist, und wegen Travestierung der Charaktere des Ulysses, des Tiresias, der Penelope, wegen der beständigen Zeitverwechslung und possierlichen Vermengung der Sitten und des Costums des Ulyssischen Zeitalters mit dem Römischen in des Dichters Tagen, für das erste Muster aller neuern travestierten Iliaden, Odysseen, Äneiden , u.s.w. gelten: wiewohl aus dem Athenäus Deipnos. Libr. XV. p. 698. 699. bekannt ist, daß die Griechen schon lange im Besitze einer ziemlichen Anzahl Homerischer Parodienmacher , oder Travestierer waren, und ihnen also auch in dieser Gattung von Werken des Witzes die Erfindung nicht streitig gemacht werden kann.             Ulysses       Tiresias Ulysses Du hast mir vieles da geoffenbaret, Tiresias : nun lehre mich, ich bitte, dies einz'ge noch, durch was für Weg' und Kniffe ich mein zertrümmertes Vermögen wieder ersetzen kann. Was lachst du?   Tiresias                                 Ists dem Schlaukopf nicht genug, nach Ithaka zurückgeführt zu werden, und seine väterlichen Götter wieder zu sehn? –   Ulysses     O du, der keinem jemals log, du siehst, wie arm und nackt (nach deiner eigenen Weissagung) ich nach Hause kommen werde, wo die Sponsierer meines Weibes mir in Kammer, Stall und Keller wenig übrig gelassen haben. Sintemal nun ohne Vermögen, wie du weißt, Geschlecht und Tugend     ULYS. Hoc quoque, Tiresia, praeter narrata petenti responde: quibus amissas reparare queam res artibus atque modis. Quid rides? TIR. Iamne doloso non satis est, Ithacam revehi patriosque penates \<5\> aspicere? ULYS. O nulli quidquam mentite, vides ut nudus inopsque domum redeam, te vate, neque illic aut apotheca procis intacta est aut pecus: atqui nicht einen Pfifferling geachtet wird, so –   Tiresias Ohne Umschweif! Weil dein Abscheu vor der Armut doch so groß ist, wie ich sehe, so höre, wie du dich bereichern kannst. Kommt eine Kluppe Krammetsvögel, oder was sonst das Rarste in der Jahrszeit ist, dir vor die Hand, so laß es unverzüglich nach einem schönen großen Hause fliegen, wovon der Herr betagt ist. Ausgesuchte Früchte, das Beste was dein Feld und Garten trägt, soll, ehe noch dein Hausgott was davon gekostet, der begüterte Patron, dein wahrer Hausgott, schmecken Den Laren , oder Hausgöttern, wurden gewöhnlich die Erstlinge von allem, was der zum Hause gehörige Boden hervorbrachte, geopfert. Daß man nicht primum , sondern privum im eilften Verse lesen müsse, kann wohl keine Frage sein: aber wie Krammetsvögel etwas Rares sein könnten, will Baxtern nicht einleuchten. Gleichwohl wurde dieser Vogel (wie aus vielen Stellen unsers und andrer Dichter erhellet) damals von den Proceribus gulae sehr geschätzt, und war wegen der starken Konsumtion, vielleicht auch andrer Lokalumstände wegen, so gemein nicht, daß man sich mit etwas Auserlesenem in dieser Gattung (worauf das Wort privum deutet) einem geizigen Alten, der seinem Gaumen gern unentgeltlich etwas zu Gute tat, nicht hätte empfehlen sollen. ! Dem hofiere auf jede Weise! Sei er ein so schlechter Mensch als immer möglich, von der niedrigsten Geburt, ein überwiesner Schelm, mit Bruderblut besudelt, ein dem Kreuz entlaufner Sklave, das soll dich nicht verhindern, ihm Cortege Dies ist der eigentliche Sinn der Redensart ne comes exterior etc. Die Großen in Rom hatten gewöhnlich, wenn sie ausgingen, eine Menge aufwartsamer Freunde und Klienten um sich herum; nach und nach affektierten auch reiche oder angesehene Leute von geringerer Bedeutung dieses Geprän ge. Comites interiores waren diejenigen, die dem Patron unmittelbar zur Seite gingen und folgten; exteriores die übrigen, die sich in weitern Kreisen an jene anschlossen und bloß die Zahl vermehren halfen. Dieses Cortege-Machen war, wie ich schon anderswo bemerkt habe, eine von den indispensabelsten Pflichten müßiger Klienten, die sich ihrem Patron gefällig machen wollten. et genus et virtus, nisi cum re, vilior alga est. TIR. Quando pauperiem, missis ambagibus, horres, \<10\> accipe qua ratione queas ditescere. Turdus, sive aliud privum dabitur tibi, devolet illuc, res ubi magna nitet, domino sene; dulcia poma, et quoscumque feret cultus tibi fundus honores, ante Larem gustet venerabilior Lare dives: \<15\> qui quamvis periurus erit, sine gente, cruentus sanguine fraterno, fugitivus Nämlich servus , der aus Furcht vor einer schweren Strafe entlaufen war. Es versteht sich, daß die Rede hier von dem ist, was ein solcher Reicher ehemals gewesen war. : ne tamen illi zu machen , wo und wann ers fodert.   Ulysses Was? Ich, einem Dama Dama war ein bekannter Sklaven-Name und steht hier für einen jeden andern dieser Gattung, ohne eine besondere Person zu bezeichnen. Der Unwille, den Horaz seinen travestierten Ulysses hier über den Antrag des thebanischen Propheten bezeugen läßt, ist ein sehr feiner Zug. Denn wiewohl er sich ziemlich bald herumstimmen läßt, weil der Abscheu vor Armut am Ende bei ihm doch alles andere überwiegt: so wäre es gleichwohl wider alle Anständigkeit und Wahrscheinlichkeit gewesen, wenn selbst ein travestierter Ulysses sich ohne einigen Widerstand bequemt hätte, eine so verächtliche Rolle zu spielen, wie diejenige, welche Tiresias, nach seiner Erklärung von dem hohen Wert und der Unentbehrlichkeit des Reichtums, ihm ohne Bedenken zumuten zu können glaubte. , einem solchen Schurken, die Seite decken? Nein! so hab' ich mich vor Troja nicht betragen, wo ichs immer mit den Besten aufnahm!   Tiresias                     Gut! So bleibst du arm.   Ulysses Das will ich auch, wenn's sein muß! Hab' ich doch wohl Ärgers schon ertragen. – Aber, da du doch ein Seher bist, was hält dich mir zu sagen, wo und wie ein tücht'ger Haufen Geld auf einmal zu erheben ist?   Tiresias                             Ich hab' es dir gesagt, und sag' es wieder: Angle fleißig Vermächtnissen von reichen Greisen nach! mit deinem schlauen Kopfe kann es dir tu comes exterior, si postulet, ire recuses. UL. Utne tegam spurco Damae latus? Haud ita Troiae me gessi, certans semper melioribus. TIR. Ergo \<20\> pauper eris! UL. Fortem hoc animum tolerare iubebo, et quondam maiora tuli. Tu, protinus, unde divitias aerisque ruam, dic, augur, acervos! TIR. Dixi equidem et dico: captes astutus ubique testamenta senum; neu, si vafer unus et alter \<25\> insidiatorem praeroso fugerit hamo, nicht fehlen. Aber gib nicht gleich das Handwerk mit der Hoffnung auf, wenn etwa der ein' und andre, schlauer als du selbst, dem Hamen, mit der Flieg' im Maul', entschlüpfte. Kommt je ein großer oder kleiner Handel vor Gericht, und einer von den Streitenden ist reich und kinderlos, und hat den andern offenbar zur Ungebühr befehdet, diesem wirf dich zum Beschützer auf; hingegen, wem sein Ruf und die Gerechtigkeit gewonnen gibt, den fliehe, wenn er Erben, oder eine noch junge fruchtbare Gemahlin hat. Zu jenem sprichst du: » Quintus oder Publius , (denn weiche Molles auriculae deutet, vielleicht der Beweglichkeit wegen, auf auriculas asini . Ohren mögen gerne so Sklaven und Leute vom gemeinen Pöbel hatten keine Vornamen, oder wurden wenigstens nicht damit genannt. Dies letztere war nur unter vornehmen Personen üblich; wiewohl Freigelaßne, und Klienten von geringem Stande, den Namen ihres Patronen anzunehmen, und sich also auch mit einem Vornamen zu dekorieren pflegten; zumal, wenn sie (wie z. B. der Trimalcion des Petronius) ein ansehnliches Glück gemacht hatten. Wenn also der Erbschleicher einen Dama , einen solchen Glücksgünstling von der niedrigsten Herkunft, Quintus oder Publius anredet: so macht er ihm dadurch ein indirektes Kompliment, indem er sich stellt, als ob er ihn durch seine Geburt oder Verdienste zu einem solchen Vornamen berechtigt halte. sich streicheln lassen) dein Verdienst hat mich zu deinem Freund gemacht; ich bin im Rechte bewandert, weiß die mißlichsten Prozesse hinauszuführen; eher soll man mir die Augen aus dem Kopfe ziehn, als durch Schikane um eine taube Nuß dich ärmer machen. Daß dir dein Gegenteil nichts abgewinnen aut spem deponas, aut artem illusus omittas. Magna minorve foro si res certabitur olim, vivet uter locuples sine gnatis, improbus ultro qui meliorem audax vocet in ius: illius esto \<30\> defensor! fama civem causaque priorem sperne, domi si gnatus erit fecundave coniux. »Quinte«, puta, aut »Publi«, (gaudent praenomine molles auriculae) »tibi me virtus tua fecit amicum; ius anceps novi, causas defendere possum; \<35\> eripiet quivis oculos citius mihi, quam te contemptum quassa nuce pauperet. Haec mea cura est, und seinen Scherz nicht mit dir treiben soll, laß meine Sorge sein!« – Kurz, heiß ihn ruhig nach Hause gehn und seines Felles pflegen; sei sein Agent, laß keine Gänge dich und keine Mühe dauren, sei es, daß des roten Hundsterns Glut unmündige Bildsäulen spalte , oder der von fetten Kutteln gedehnte Furius Eine bittere Anspielung auf die Armseligkeit dieses Versemannes. mit grauem Schnee die Alpen überspeie Die beiden, ihrer Ziererei und Unschicklichkeit wegen, lächerlichen Bilder, wodurch Tiresias in dieser Stelle Hitze und Frost bezeichnet, sind aus irgend einem ernsthaften Gedichte eines gewissen Furius Bibaculus genommen, der zu Horazens Zeit in einigem Ruf stand, und dessen der Dichter spotten wollte. Auch Quintilian , der dieses Bibaculus unter den römischen Jambendichtern mit einiger Auszeichnung Instit. Orat. L. 10. c. 1. erwähnt, führt an einem andern Orte L. 8. c. 6. (ohne den Autor zu nennen) den Vers: Iupiter hibernas cana nive conspuit Alpes, (welchen Horaz hier so beißend parodiert, indem er statt Jupiters den Dichter selbst Schnee speien läßt) als ein Beispiel einer harten Metapher an, ohne zu bemerken, daß sie, außer der Härte, noch unanständig und schmutzig ist. Die infantes statuae (vermutlich eben dieses Dichterlings) würde Swift , in seiner Klassifikation der verschiedenen Arten des dem Erhabnen entgegengesetzten Niedrigen ( Bathos ) ohne Zweifel in die kindische rangiert haben. Daß Bibaculus durch das Beiwort infantes frisch verfertigte hölzerne Statüen (die an Alter gleichsam noch Kinder seien) habe bezeichnen wollen, läßt sich daraus schließen, weil dergleichen Bilder durch die Sonnenhitze am ehesten Spalten bekommen. Übrigens hat uns Gellius Noct. Att. L. 18. c. 11. noch folgende aus einem Gedichte desselben ausgehobene Verse aufbehalten, die von seiner geschmacklosen Affektation, neu im Ausdruck zu sein und nach seltsamen Metaphern ohne Rücksicht auf ihre Schicklichkeit oder Unschicklichkeit zu jagen, starke Proben enthalten. Ich setze sie hieher, weil sie bis zum Überfluß beweisen können, daß Horaz einen so schalen Kopf mit gutem Grunde lächerlich gemacht habe. Sanguine diluitur tellus. Cava terra lutescit. Omnia noctescunt tenebris caliginis atrae. Increscunt animi. Virescunt vulnere vires. Spiritus Eurorum viridis quum purpurat undas etc. Hic fulica levis volitat super aequora classis. . – Siehst du nicht, (wird einer dann, der ihm zur Seite steht, ihn mit dem Ellenbogen stupfend Stupfen , sagt Herr Adelung in seinem vortrefflichen Wörterbuche, ist ein im Hochdeutschen unbekanntes und nur im Oberdeutschen gangbares Wort, dessen Bedeutung mit einer stumpfen Spitze stoßen ist. – Nun kann aber ein Dichter, und in der Tat jeder andere Schriftsteller, wenn er ein Wort, das diese Bedeutung haben soll, vonnöten hat, unmöglich mit einer stumpfen Spitze stoßen sagen; es bleibt ihm also schwerlich ein anderes Mittel übrig, als das Oberdeutsche Stupfen in sein altes Bürgerrecht einzusetzen, und sich desselben eben so unbedenklich zu bedienen, als ob es in Leipzig und Meißen auf allen Gassen gehört würde. In dergleichen Fällen ist es dem Schriftsteller, zumal dem Dichter, und besonders dem komischen Dichter erlaubt, sich zu erinnern: daß die Oberdeutsche Mundart viele Jahrhunderte lang die Hochdeutsche war; daß Oberdeutsche Provinzial-Wörter, eben so wie die Kursächsischen dieses Schlages, nur alsdann aus der Schriftsprache ausgeschlossen bleiben müssen, wenn man ihrer zu Bezeichnung eines Begriffs nicht schlechterdings nötig hat; und, kurz, daß Herr Adelung selbst die große Armut der obersächsischen Mundart anerkennt, und der Meinung ist, »wir müßten sie auf eine erlaubte Art immer mehr und mehr zur Vollkommenheit zu bringen suchen.« – Zu dieser Vollkommenheit einer Sprache gehört unleugbar, daß sie für alle im menschlichen Leben vorkommende Sachen und Handlungen, ja, soviel nur immer möglich, selbst für die feinsten Verschiedenheiten und Schattierungen der Begriffe, schickliche Wörter habe. Wer uns nun (in Ermanglung eines positiven göttlichen oder menschlichen Sprach-Gesetzbuches) sagen soll: welche Art , die Sprache der Vollkommenheit näher zu bringen, die erlaubte Art sei – wenn es nicht die gesunde Vernunft ist, die wir auch hier (wie in allen Dingen) hören müssen, – weiß ich nicht. Mich deucht aber, der gemeine Menschenverstand werde einem jeden sagen: daß – wenn es auch wahr wäre, daß die obersächsische Mundart (zufälligerweise) zu der Ehre, die hochdeutsche zu sein, gelangt sei, gleichwohl ein gutes altes deutsches Wort, dessen Bedeutung seit vielen Jahrhunderten in einem großen Teile des deutschen Reiches jedermann verständlich gewesen ist, und für welches die obersächsische Mundart kein gleichbedeutendes hat, aus dem einzigen Grunde, weil es nicht obersächsisch ist, nicht aus der Schriftsprache ausgeschlossen, sondern vielmehr in dieselbe wieder aufgenommen werden müsse. Ich habe also hier dem Worte stupfen , meinem alten Landsmanne, ohne Bedenken seinen gehörigen Platz eingeräumt; und, weil ich mich dieser Freiheit bei ähnlichen Fällen in gegenwärtigem Werke mehrmals bedient habe, für nötig gehalten, bei dieser Gelegenheit den Grund meines Verfahrens anzugeben. sagen) was sich der Mann für Müh' gibt! welch ein warmer und unverdroßner Freund von seinen Freunden er ist! Das wird dann immer größre Lachse herbeiziehn, und dein Fischbehälter wird sich wohl dabei befinden. Doch, mit alledem, (um dich nicht gar zu bloß zu geben, wenn du deine Freundschaft nur den Kinderlosen widmest) falls etwa einer zu beträchtlichem Vermögen nur einen Sohn von etwas schwächlicher Gesundheit hätte, magst du immer sachte ne quid tu perdas neu sis iocus.« Ire domum atque pelliculam curare iube. Fi cognitor ipse, persta atque obdura, seu rubra canicula findet \<40\> infantes statuas, seu pingui tentus omaso Furius hibernas cana nive conspuet Alpes. Nonne vides (aliquis cubito stantem prope tangens inquiet) ut patiens! ut amicis aptus! ut acer! Plures annabunt thunni, et cetaria crescent. \<45\> Si cui praeterea validus male filius in re praeclara sublatus aletur, ne manifestum mit deinen Diensten angekrochen kommen, in Hoffnung wenigstens zum zweiten Erben substituiert zu werden, und (wofern der Himmel etwa mit dem armen Jungen ein anders machte) seinen Platz zu füllen. Dies Spiel schlägt selten fehl. – Wenn einer dir sein Testament zu lesen hinreicht, so vergiß mir ja nicht, dich zu sträuben, und die Tafeln mit Widerwillen von dir wegzuschieben, doch so, daß du mit einem schnellen Blick zuvor den zweiten Absatz auf der ersten Die Römer schrieben ihre Testamente gewöhnlich auf zwei an einander geheftete Wachstafeln, die man, weil sie sich zusammenlegen ließen, Diptychas nannte. Prima cera ist also hier die erste Tafel, in deren erstem Paragraphen ( versu ) der Erblasser , im zweiten der Erbe genennt war. durchlaufest, um zu sehn, ob du allein genennt bist, oder noch mit mehreren zu teilen hast. Denn oft geschieht es, daß ein alter ausgelernter Fuchs von einem Notar Recoctus scriba ex quinqueviro . Die Quinqueviri waren eine Art von obrigkeitlichen Subdelegierten oder Kommissarien, denen die Ausrichtung von allerlei Arten von Geschäften aufgetragen wurde. Für Scriba scheint unser Notar hier das schicklichste Wort zu sein. Die Redensart bezeichnet einen Mann, der Gelegenheit gehabt hat, hinter alle mögliche Pfiffe und Schliche zu kommen, und das corvum deludet hiantem ist eine Anspielung auf die bekannte Fabel vom Fuchse und Raben. Übrigens fällt in die Augen, daß unter dem aus einem Quinquevir aufgekochten Scriba Coranus gemeint ist. dem gier'gen Raben seine Beute vor dem Schnabel wegschnappt, und mit aller seiner List Nasica am Coran zum Esel wird.   Ulysses Sprichst du im Paroxysmus, oder spottest meiner mit Vorsatz, daß du mir in Rätseln sprichst?   caelibis obsequium nudet te, leniter in spem adrepe officiosus, ut et scribare secundus heres, et si quis casus puerum egerit Orco, \<50\> in vacuum venias: perraro haec alea fallit. Qui testamentum tradet tibi cumque legendum, abnuere et tabulas a te removere memento; sic tamen ut limis rapias, quid prima secundo cera velit versu, solus, multisne coheres? \<55\> veloci percurre oculo. Plerumque recoctus scriba ex quinqueviro corvum deludet hiantem captatorque dabit risum Nasica Corano. ULYS. Num furis? an prudens ludis me obscura canendo? Tiresias O Laertiades, ein Mann wie ich, der die Prophetengabe vom Apoll empfing, mag sagen was er will, so sagt er immer was, das zutrifft – oder nicht Drolligter kann wohl ein Weissager nicht über sein eigen Handwerk spotten? .   Ulysses                             Demungeachtet erkläre mir, wofern du anders darfst, was du mit dieser Prophezeiung meinest.   Tiresias In jenen Tagen, wo ein junger Held, entsprossen von Äneens Götterstamme, zu Wasser und zu Lande groß und selbst den Parthern furchtbar ist Eine sinnreichere Wendung hätte der Dichter nicht nehmen können, um diese zu seiner Zeit geschehene komische Anekdote bei dieser Gelegenheit anzubringen, als daß er sie von dem Propheten Tiresias als eine zukünftige Begebenheit vorhersagen läßt; denn er gewann dadurch den Vorteil, dem jungen Cäsar, der um diese Zeit den Römern lieb zu werden anfing, ein Kompliment zu machen, welches dadurch, daß es in die Form einer Weissagung eingekleidet und dem Tiresias in den Mund gelegt ist, die Grazie erhält, die den größten Wert solcher Komplimente ausmacht. Die abgeschiedene Seele des Tiresias konnte keinen Grund haben, einem jungen Römer zu schmeicheln , der nach mehr als tausend Jahren erst geboren werden sollte: der Prophet sagt also nichts als Wahrheit ; und was er von dem jungen Cäsar sagt, geschieht nicht einmal um ihn zu loben, sondern bloß um die Zeit zu bestimmen, wann die Anekdote von Coranus und Nasica sich ereignen würde. Er nennt ihn nicht mit Namen; dies würde gegen das prophetische Costum gewesen sein; aber er bezeichnet ihn durch Umstände, welche, zusammengenommen, in ihm allein zusammentrafen. Er nennt ihn – Jüngling , teils weil man bei den Römern mit dreißig noch iuvenis hieß, teils weil ein Mann von dreißig verhältnisweise gegen einen Greis von mehr als 180 (wie Tiresias nach der mythologischen Sage war) noch ein sehr junger Mensch ist – von Äneens Götterstamm entsprossen , weil Julius Cäsar, dessen Schwester-Enkel Octavianus war, sein Geschlecht von Äneas, einem Sohne des Anchises und der Venus, so wie Anchises das seinige von Erichthonius, einem Sohne des Vulcans und der Minerva ableitete – zu Wasser und zu Lande groß , mit Rücksicht auf die Siege, die er über den jungen Pompejus, und ganz neuerlich über die Dalmatier, Pannonier und Illyrier erhalten hatte – vor allem aber den Parthern furchtbar , nicht als ob der junge Cäsar damals schon etwas gegen die Parther unternommen hätte, was diese Prophezeiung hätte rechtfertigen können; sondern weil die Römer es wünschten und Octavianus selbst (dessen Uneinigkeit mit seinem Kollegen und Schwager Antonius jetzt dem letzten entscheidenden Ausbruch nahe war) bei jeder Gelegenheit zu verstehen gab, daß er, an dem Platze des Antonius , die Schmach, die der römische Name durch die berufne Niederlage des M. Crassus von den Parthern erlitten hatte, längst getilgt haben würde. Schon der große Divus Julius hatte diesen Vorsatz gefaßt, und würde ihn vielleicht ausgeführt haben, wenn ihm die Dolche des Brutus und Cassius Zeit dazu gelassen hätten. Antonius , dem es als oberstem Befehlshaber über die morgenländischen Provinzen des römischen Reiches am ersten zukam, die stolzen Parther, das einzige den Römern noch furchtbare Volk, zu demütigen, war in seinen bisherigen Versuchen nicht glücklich gewesen, und verlor auch überdies zusehends in der Meinung und Zuneigung der Römer, je mehr der junge Cäsar über ihre Herzen gewann. Alle ihre Hoffnungen und Wünsche waren also, besonders was diesen Punkt, der ihnen so sehr am Herzen lag, betraf, auf diesen letztern gegründet; und da sie ihm alles zuzutrauen anfingen, so ließen sie sich gern bereden, daß sein Name den Parthern wirklich schon so schrecklich sei, als sie wünschten daß er es sein möchte. In diesen zwei einzigen Worten, Parthis horrendus , lag also ein Kompliment, das zu gleicher Zeit für den jungen Cäsar das schmeichelhafteste und den Römern das angenehmste war, das Horaz ihm durch seinen Tiresias nur immer machen konnte. Es gab ihm in den Augen der letztern einen höhern Glanz als alle seine bisherigen Siege, und foderte ihn zugleich vor den Augen der ganzen Welt auf, die Prophezeiung wahr zu machen. , wird ein Nasica , um den Coranus , dem er schuldig ist, nicht zu bezahlen, seine schöne Tochter dem alten Knasterbart beiliegen lassen Weil diese Anekdote, allem Ansehen nach, vor kurzem zu Rom begegnet war, so ist Horaz um so kürzer in seiner Erzählung, weil das daraus entstehende Helldunkel eine charakteristische Eigenschaft aller Weissagungen ist, und dessen ungeachtet für seine Zeitgenossen Licht genug hatte. Beide Personen sind unbekannt; aber was Horaz von ihnen sagt, ist hinlänglich, uns auf die Spur der Umstände zu bringen, womit unsre eigene Einbildungskraft die leichte Skizze des Dichters ausmalen muß. Coranus war ein reicher alter Filz, dem die schöne Tochter seines Schuldners Nasica in die Augen stach. Nasica, der dies merkte, war niederträchtig genug, dem alten Satyr seine Tochter aufzuopfern, in Hoffnung, daß Coranus so dankbar sein werde, ihm wenigstens die Summe, die er ihm schuldig war, in seinem Testamente zu vermachen. Coranus mochte ihm dazu, auf eine verdeckte und zweideutige Weise, Hoffnung gemacht haben, und vermutlich war Nasica in einer Lage, die ihm nicht erlaubte, die Sache noch vor der Hochzeit in Richtigkeit zu bringen, sondern ihn nötigte, es auf die unsichre Edelmütigkeit seines alten Schwiegersohnes ankommen zu lassen. Dieser machte inzwischen sein Testament, und reichte es seinem Schwiegervater (Nasica) hin, in der Voraussetzung, daß er, durch die anscheinende Offenheit seines Verfahrens hinlänglich beruhiget, so höflich sein werde, es nicht zu lesen. Die römische Etikette und der Wohlstand erfoderte in einem solchen Falle, daß man viele Komplimente mit einander machte, daß aber gleichwohl derjenige, der in dem Testamente bedacht worden zu sein glauben konnte, alles Eindringens des Testators ungeachtet, sich beständig weigern, und wenn er es auch endlich aus den Händen desselben annahm, es doch ungelesen wieder bei Seite legen mußte. Nasica und Coranus spielten also jeder seine Rolle, wie es sich gehörte. Jener weigerte sich was er konnte, dieser ließ nicht nach; jener nahm endlich das Testament, und stellte sich vermutlich, als ob er nicht die geringste Neugierde habe es zu lesen; er schielte aber doch heimlich hinein, und fand, zu seiner großen Bestürzung, daß weder er noch seine Tochter darin bedacht war. Das Lustige der Anekdote besteht also darin, daß, indem jeder den andern betrog, am Ende beide sich betrogen fanden. Denn, wiewohl Nasica und seine Tochter am schlimmsten dabei wegkamen, so konnte es doch auch dem alten Coranus nicht angenehm sein, daß sein Schwiegervater und seine junge Frau so früh erfuhren, wie wenig er zu ihrer Dankbarkeit berechtigt war. – Die Meinung des Dacier und Baxter , daß Horaz die ehrbaren Wörter: heuraten, Schwiegervater und Tochtermann, nur spottweise gebraucht habe, um das wahre Verhältnis zwischen diesen dreien Personen (welches ihrer Vermutung nach nicht das ehrbarste war) nicht mit seinem rechten Namen zu nennen, mag, da sie doch nichts als eine nicht unwahrscheinliche Vermutung ist, an ihren Ort gestellt bleiben. . Wie wird der schlaue Tochtermann sich aus der Schlinge ziehn? Er wird sein Testament dem Schwiegervater überreichen und TIRES. O Laertiade, quicquid dicam aut erit aut non: \<60\> divinare etenim magnus mihi donat Apollo. ULYS. Quid tamen ista velit sibi fabula, si licet, ede. TIR. Tempore quo iuvenis Parthis horrendus, ab alto demissum genus Aenea, tellure marique magnus erit, forti nubet procera Corano \<65\> filia Nasicae, metuentis reddere soldum. Tum gener hoc faciet: tabulas socero dabit atque ihn bitten, es zu lesen: dieser wird sich lange sperren, aber endlich doch es nehmen, es verstohlnerweise lesen, und finden – daß ihm und den Seinen nichts vermacht ist, als die Freiheit, wenn sie wollen, sich aufzuhängen Die im Original gebrauchte Redensart nil praeter plorare , welche eigentlich aus der griechischen Sprache entlehnt ist, kann, deucht mich, hier nicht schicklicher als durch diejenige, die ich dafür gesetzt habe, wiewohl sie stärker scheint, ausgedrückt werden. Sie ist schon in der 10ten Satire des ersten Buches vorgekommen, wo aber in dem Zusammenhang eine Ursache lag, ihr im Deutschen eine andere Wendung zu geben. . – Eins noch will ich dir empfohlen haben: wenn dein alter Kindskopf von einem listgen Weibsstück oder einem Schalk von Freigelaßnen guverniert wird, daß du es mit ihnen hältst und immer vorteilhaft von ihnen sprichst, damit sie hinterm Rücken dich wieder loben. Helf was helfen kann! Doch immer ist und bleibt das Wichtigste, der Hauptperson dich gänzlich zu bemeistern. Macht er (zum Beispiel) Verse: lobe sie, wie platt sie immer sind! Ist er ein Freund von hübschen Weibern: warte ja nicht, bis ers selber an dich bringe; führ ihm deine Penelope von freien Stücken zu.   Ulysses Wie? meinst du, eine Frau von ihrer Tugend und Keuschheit werde sich dazu bequemen? ut legat orabit: multum Nasica negatas accipiet tandem et tacitus leget, invenietque nil sibi legatum praeter plorare suisque. \<70\> Illud ad haec iubeo: mulier si forte dolosa libertusve senem delirum temperet, illis accedas socius, laudes, lauderis ut absens. Adiuvat hoc quoque. Sed vincit longe prius ipsum expugnare caput. Scribet mala carmina vecors? \<75\> laudato! scortator erit? cave te roget: ultro Penelopen facilis potiori trade! ULYS. Putasne, perduci poterit tam frugi tamque pudica, Sie, die so viele Freier nie vom rechten Wege verleiten konnten.   Tiresias               Gut! Das waren junge Leute, die just nicht viel daran spendieren wollten, und, weil die Küche ihnen näher lag, die Liebe nur als Nebensache trieben. So blieb Penelope ja wohl ein Tugendbild: Doch laß sie erst von einem reichen Alten gekostet und den klingenden Gewinn mit dir geteilet haben, Freund! kein Hund wird schwerer von fettem Leder abzuhalten sein!   Noch ist ein großer Punkt, vor lauter Eifer der Sache nicht zuviel zu tun. Das folgende Geschichtchen ist zu meiner Zeit begegnet. Ein böses Stück von einer alten Frau zu Theben ließ, kraft ihres letzten Willens, ihr Gut dem Erben unter der ausdrücklichen Bedingung, daß der arme Mann (ich war quam nequiere proci recto depellere cursu? TIRES. Venit enim magnum donandi Ich ziehe diese Lesart, als die natürlichste, dem venit enim magno des Sim. Bos vor. Bentleys Verwandlung des magnum (in indignum ) ist nicht nur gezwungen, sondern gibt sogar einen falschen Sinn. S.  Haberfelds Vorles. über das 2te B. der Horaz. Satir. S. 221.f. parca iuventus, \<80\> nec tantum Veneris quantum studiosa culinae! Sic tibi Penelope frugi est: quae si semel uno de sene gustarit tecum partita lucellum, ut canis a corio numquam absterrebitur uncto. Me sene, quod dicam, factum est: anus improba Thebis ein Augenzeuge des Spektakels!) ihren mit fettem Öl gesalbten nackten Leichnam bei hellem Tag auf seinen bloßen Schultern zu Grabe tragen mußte – um, wo möglich noch tot ihm zu entschlüpfen; ohnezweifel Es ist zu vermuten, daß auch dieses Geschichtchen eine Begebenheit aus Horazens Zeit war, wiewohl er sie den alten Tiresias, zur Abwechslung, als etwas wovon er selbst Augenzeuge gewesen, erzählen läßt. Der Text erfoderte, um in der Übersetzung deutlich genug zu werden, eine Umschreibung , welches überhaupt in diesem Stück öfters unvermeidlich war. Gleichwohl habe ich in der Paraphrase noch einen Umstand, den die Imagination des Lesers nachtragen muß, ausgelassen: nämlich diesen, daß die Alte vermutlich in ihrem letzten Willen ausdrücklich verordnet hatte, daß, wofern ihr Erbe, der sie auf diese seltsame Weise zu Grabe tragen mußte, so ungeschickt wäre, sie fallen zu lassen, er sofort der Erbschaft verlustig sein sollte. Ohne eine solche Klausel hätte, deucht mich, das scilicet elabi si posset mortua keinen Sinn, und die ganze Handlung wäre von Seiten der alten Frau, die doch ausdrücklich als boshaft ( improba ) charakterisiert wird, nur eine sehr alberne Posse, gewesen. , weil er im Leben gar zu unbescheiden ihr sich aufgedrungen hatte. Also sieh dich vor, in deinem Eifer nie zu lau, allein auch nicht zu heiß zu sein. Schwatzhaftigkeit, zum Beispiel, würde einem krittlichen Murrkater übel dich empfehlen: aber gar zu still taugt auch nichts. Laß, wie Davus im Lustspiel, wenn du vor ihm stehst, den Kopf, als aus Respekt, ein wenig vorwärts hängen. Hingegen in Attentionen kannst du nie zu viel tun. Geht die Luft ein wenig frisch, sogleich erinn're ihn, sein teures Haupt aus Vorsicht einzuhüllen. Im Gedränge schone, ihm Raum zu machen, deiner Schultern nicht. Ist er geschwätzig, halte stets dein Ohr ihm lauschend dargespitzt: Läßt er sich gern \<85\> ex testamento sic est elata: cadaver unctum oleo largo nudis humeris tulit heres, scilicet elabi si posset mortua: credo quod nimium institerat viventi. Cautus adito, neu desis operae, neve immoderatus abundes. \<90\> Difficilem et morosum offendes garrulus: ultra non etiam sileas. Davus sis comicus, atque stes capite obstipo multum similis metuenti. Obsequio grassare; mone, si increbuit aura, cautus uti velet carum caput; extrahe turba \<95\> oppositis humeris; aurem substringe loquaci. recht derb und schamlos ins Gesichte loben, mach' es so arg, und blase unermüdet den angeschwellten Schlauch so lange auf, bis er mit aufgehobnen Händen ruft: halt ein! Und wann nun endlich die erwünschte Stunde, die dich der langen Dienstbarkeit und Sorge entledigt, kommt, und du gewiß bist, wachend und deutlich dieses goldne Wort vernommen zu haben: »Ferner, meinem Freund Ulyß vermache ich ein Viertel meiner ganzen Verlassenschaft« dann überlaß dich deinem Schmerz! »So ist dann nun mein Freund, mein Dama , hin! Ich armer! O! wo werd' ich wieder einen so biedern, so getreuen finden!« – rufe von Zeit zu Zeit, und, wenn du's möglich machen kannst, so laß mitunter auch ein Tränchen fallen! Ja keine Spur der Freude, die das Herz dir heimlich hüpfen macht, in deiner Miene! Importunus amat laudari? donec, ohe iam! ad caelum manibus sublatis dixerit, urgue; et crescentem tumidis infla sermonibus utrem. Cum te servitio longo curaque levarit; \<100\> et certum vigilans, »Quartae esto partis Ulysses« audieris »heres«: »Ergo nunc Dama sodalis nusquam est? Unde mihi tam fortem tamque fidelem!« sparge subinde, et, si paulum potes, illacrimare. Est Ist sein Begräbnis deiner Willkür überlassen, so richt' es ohne Kargheit aus: es lobe die ganze Nachbarschaft die prächt'ge Leiche! Ist unter deinen Erbgenossen etwa ein alter Herr, der ziemlich übel hustet: dem sage, wenn er Lust zu einem Grundstück zeigt, du werdest deinen Anteil mit Vergnügen ihm um ein Spottgeld lassen Im Grundtext: nummo . Es war nämlich ein römischer Gebrauch, wenn man jemanden etwas von Wert schenken wollte, und gleichwohl, aus welcher Ursache es auch sein mochte, dem Handel das Ansehen eines ordentlichen Kaufes geben wollte oder mußte, es ihm nummo , d. i. um einen Sesterz, zu verkaufen. Bentley führt in seiner 14ten Anmerkung zur vierten Satire des ersten Buches eine Menge Beispiele und Zitationen an, welche über die Gewöhnlichkeit und Rechtsbeständigkeit dieser seltsamen Art von Kauf und Verkauf keinen Zweifel übrig lassen; wiewohl eine von Torrentius aus den Digesten angeführte Stelle zu beweisen scheint, daß sie in spätern Zeiten abgeschafft worden sei. . – Doch, nichts mehr! Mich zieht die unerbittlich herrschende Proserpina hinunter – Lebe wohl! gaudia prodentem vultum celare Alle Einwendungen, die gegen diese gewöhnliche Lesart gemacht worden, und die man in Hrn.  Haberfelds Vorlesungen ad h. l. beisammen findet, scheinen mir unerheblich und gesucht . Est ist hier handgreiflich das griechische έξεστι – und warum sollte es nicht möglich sein, seinen beweglichen Gesichtszügen, in dem Augenblick, da sie zu Verrätern an uns werden wollen, noch Gewalt anzutun? Keine der vorgeschlagenen Veränderungen des Textes gibt einen bessern Sinn. . Sepulcrum, \<105\> permissum arbitrio, sine sordibus exstrue; funus egregie factum laudet vicinia! Siquis forte coheredum senior male tussiet, huic tu dic, ex parte tua, seu fundi sive domus sit emptor, gaudentem nummo te addicere. Sed me \<110\> imperiosa trahit Proserpina – vive valeque! Sechste Satire Einleitung Horaz hatte bisher teils für das römische Publikum, teils für die auserlesene Gesellschaft, von welcher das Mäcenatische Haus der Sammelplatz war, geschrieben. Das gegenwärtige Stück scheint mir mit besondern Rücksichten auf die ländlichen Verhältnisse, die ihm das Sabinische Landgut, womit ihn Mäcenas seit einiger Zeit beschenkt hatte, gab, und, so zu sagen, seinen wackern Nachbarn zu Gefallen, aufgesetzt zu sein. Unser Dichter hatte (wie bei andern Gelegenheiten mehrmals bemerkt worden ist) die liebenswürdige Eigenschaft mit Aristipp gemein, daß ihm jede Farbe gut ließ, jedes Glück; arm oder reich, im netten Hofkleid oder im schlechten Überrocke, blieb er immer sich selber ähnlich, immer wie er war just eben recht , doch so, daß auch nichts Bessers für ihn zu gut war. Unter seinen Sabinischen landwirtlichen Nachbarn herrschte größtenteils noch die gute alte Sitte, die Einfalt, Häuslichkeit, Gutherzigkeit und Jovialität, die von jeher der Charakter der Einwohner Latiums gewesen war. Horaz, unter der Gestalt eines Höflings, eines Hausfreundes des Mäcenas, der damals wenigstens als der dritte nach Cäsarn betrachtet wurde, und (was wir nicht leugnen können) mit dem Rufe eines jungen Mannes von ziemlich freier Denkart und nicht sehr strengen Sitten, kurz in der Gestalt eines Urbani und Faceti von der ersten Klasse, konnte nicht wohl anders als viele Vorurteile bei diesen wackern Landleuten gegen sich haben; und würde in seinem rauhen bergichten Sabino wahrscheinlich sehr allein haben leben müssen, wenn er sich seinen Nachbarn nicht bei Zeiten in einer andern, wiewohl ihm eben so natürlichen Gestalt, in einem minder glänzenden aber mildern und gefälligern Lichte, kurz mit Gesinnungen und Sitten, die den ihrigen gleichförmiger waren, dargestellt hätte. Ohnezweifel tat er dies schon im Umgang mit ihnen: aber ein Gedicht, worin er sich öffentlich in diesem Lichte zeigte, mußte in dem Kreise, für den es eigentlich bestimmt war, eine desto größere Wirkung tun, da er dadurch Gelegenheit erhielt, seiner neuen Sabinischen Freunde, und des Anteils, den sie an seiner ländlichen Glückseligkeit hatten, auf eine verbindliche und ehrenvolle Art zu erwähnen. Ich will damit keinesweges sagen, als ob er alle die Gesinnungen, die in dem gegenwärtigen Stücke herrschen, bloß affektiert, und mit seinen ehrlichen Sabinern nichts als Komödie gespielt hätte. Wie verschieden auch die Gestalten waren, unter denen er sich in seinem Leben zeigte, so bin ich doch gewiß, daß er in jeder sich selbst zu spielen glaubte. Er war im Lager des Brutus ein aufrichtiger Republikaner, im Hause Mäcens ein gefälliger und witziger Gesellschafter, bei Cinaren, Chloen, Lydien, u.s.w. ein feuriger wiewohl unbeständiger Liebhaber, zu Rom ein Weltmann, unter seinen Sabinischen Nachbarn ein Mann aus dem goldnen Alter; überall und zu allen Zeiten aber ein edler, freier, offner und liebenswürdiger Mensch, und in einem hohen Grade das, was die Engländer a goodnatured Man nennen. Seine Lebhaftigkeit riß ihn zuweilen in Ausschweifungen hin, für welche er in den herrschenden Sitten seiner Zeit nur zu viel Entschuldigung fand; aber es waren nur Augenblicke von Trunkenheit, deren Einfluß nicht bis zu seinem Herzen drang. Wenn er auch in der großen und schimmernden Gesellschaft, worin er zu Rom lebte, zuweilen was anders, als er wirklich war, zu sein schien: so erhielt er sich doch immer in der möglichsten Unabhängigkeit; verlor selbst in dem üppigen Mäcenatischen Hause nie die Federkraft seines Geistes; kehrte immer wieder in seinen eignen Charakter zurück, und behauptete ihn, sonderheitlich in seinen männlichen Jahren, mit einer immer zunehmenden Weisheit und Übereinstimmung mit sich selbst. Kurz, wiewohl ich hier eine deutliche Absicht, sich bei seiner Sabinischen Nachbarschaft in Kredit zu setzen, wahrzunehmen glaube: so beweiset doch der ganze Zusammenhang seiner Schriften, und eine gewisse aus allen hervorleuchtende Physiognomie des Geistes , daß die schönen Gesinnungen, die dieses Gedicht so interessant machen, nicht geheuchelt, sondern Gefühle seines Herzens, und unverlöschbare Züge seines Charakters waren. Die einzige Ausnahme, die vielleicht zu machen ist, möchte wohl die an Horaz (den wir als parcum deorum cultorem kennen) etwas auffallende Frömmigkeit sein, die darin herrschet, besonders die andächtige Apostrophe an den Merkur, vom 4ten bis zum 15ten Verse. Wie viele Dispositionen zu religiöser Begeisterung auch das ländliche Leben im Schoß der Natur einer zartern und unverdorbnen Seele geben mag: so besorge ich doch nicht, meinem Liebling Unrecht zu tun, wenn ich glaube: daß seine Klugheit an diesen Äußerungen einer altrömischen Rechtglaubigkeit mehr Anteil gehabt habe als sein Kopf und sein Herz. Mit den Sabinern war über diesen Artikel nicht zu scherzen; und um sich bei ihnen in Achtung zu setzen, war vor allen Dingen nötig, die Vorurteile auszulöschen, die man nicht ohne Grund gegen seine Frömmigkeit gefaßt haben mochte. Mein höchster Wunsch war einst ein kleines Feld, ein Garten, eine Quelle nah am Hause, und etwas Wald dazu: die Götter haben mehr und Bessers mir gegeben: mir ist wohl, ich bitte weiter nichts, o Majens Sohn , als daß du mir erhaltest was du gabst. Wofern ich nicht mein Gut durch böse Künste vergrößert habe, nicht durch Torheit und Verschwendung verringern werde; wenn in meine Seele kein Wunsch wie dieser kommt: »O möchte doch, mein Feld zu runden, noch der Winkel dort hinzu sich fügen!« – oder: »Wenn mich doch mein gutes Glück auf einen Topf voll Geld wie jenen Mietling stoßen ließe, der mit dem gefundnen Schatze das zuvor um Lohn gepflügte Land erkaufte und als Eigentum, von Herkuls Gnaden Dives amico Hercule . Persius scheint diese Stelle vor Augen gehabt zu haben, wenn er in seiner zweiten Satire den Heuchler laut (um gehört zu werden) die Götter um Weisheit, Tugend und guten Namen bitten, heimlich aber den Wunsch in sich hinein murmeln läßt:                                             – – o si sub rastro crepet argenti mihi seria dextro Hercule! – , baute«:     Hoc erat in votis, modus agri non ita magnus, hortus ubi, et tecto vicinus iugis aquae fons, et paulum silvae super his foret: auctius atque di melius fecere; bene est: nil amplius oro, \<5\> Maia nate, nisi ut propria haec mihi munera faxis. Si neque maiorem feci ratione mala rem nec sum facturus vitio culpave minorem; si veneror stultus nihil horum: »O si angulus ille proximus accedat, qui nunc deformat agellum!« \<10\> »O si urnam argenti fors quae mihi monstret, ut illi thesauro invento qui mercenarius agrum illum ipsum mercatus aravit, dives amico kurz, wenn ich mich, was da ist , freuen lasse, so höre nur dies einzige Gebet: Laß meine Herden, o Merkur , mein Feld, und alles andre fetter werden, nur nicht meinen Witz, und bleibe, wie bisher, mein großer Schutzpatron! – Nachdem ich also mich aus der Stadt in meine kleine Burg in den Sabinschen Höh'n zurückgezogen, um frei zu sein vom Zwang der leid'gen Etikette, vom bleiernen Mittagswind, und vom schweren Druck des Herbstes, der zu Rom der Leichengöttin wuchert, was soll das erste sein, womit ich meine fußgängerische Muse hier beschäft'ge Aus Überzeugung und mit Dank folge ich in Verbesserung dieser Stelle einem Winke des gelehrten, scharfsinnigen und bescheidnen P. Haberfeld , dessen Vorschlag, den Vers quid prius illustrem (der in der gewöhnlichen Lesart ein ungeschicktes Einschiebsel ist) an die Stelle des 19ten Verses zu versetzen, mir um so mehr einleuchtet, da die ganze Periode dadurch einen ungezwungnen und mit dem Nachfolgenden besser zusammenhängenden Sinn erhält. Dann gab ihm der Gedanke, sein gewöhnliches Stadtleben mit seinem Leben auf dem Lande zum Vorteil des Letztern zu vergleichen, den natürlichsten Stoff zu dem poetischen Diskurs, womit er seine Muse in seinem Sabinum beschäftigen wollte. ? Hercule«; si quod adest gratum iuvat, hac prece te oro: pingue pecus domino facias et cetera, praeter \<15\> ingenium, utque soles custos mihi maximus adsis. Ergo ubi me in montes et in arcem ex urbe removi (quid prius illustrem satiris musaque pedestri?) nec mala me ambitio perdit, nec plumbens auster, autumnusve gravis, Libitinae quaestus acerbae. Von dir, o Gott des Morgens, oder hörest du dich lieber Janus nennen Janus, eine den Griechen unbekannte Gottheit, wurde von den Römern in besondern Ehren gehalten. Seine nicht allzudeutliche Theologie trägt Ovidius gleich im Anfang des 1sten Buchs seines poetischen Festkalenders aus dem eignen Munde dieses Gottes vor, von welchem er auf die Frage: Quem tamen esse deum te dicam, Iane biformis? eine unmittelbare Erscheinung gehabt zu haben versichert. Wir vernehmen daraus unter anderm, daß er der Ober-Türhüter im Himmel und auf Erden war, und daß alle Aus- und Eingänge, von der Himmels-Pforte, aus welcher der Tag ausgeht, bis zu der kleinsten Haustür in Rom, unter seinem Schutze standen. Daher hieß eine Tür ianua , und jeder unverschloßne gewölbte Durchgang, wodurch man aus einer Straße oder einem Platze in einen andern kam, ein Janus Cicero, de Nat. Deor. II. c. 27. . Aus eben diesem Grunde war er der Gott des Tages und des Jahres; der erste Tag von diesem, und die erste Stunde von jenem, war ihm besonders geheiligt, und bei allen feierlichen Opfern wurde von Vater Janus der Anfang gemacht. Schon der Stifter der Stadt Rom baute ihm den berühmten Tempel auf dem Berge Janiculum , welcher, nach den Religions-Statuten des Königs Numa , sobald die Römer mit jemand in Krieg gerieten, aufgeschlossen wurde, so lange der Krieg dauerte, offen blieb, und nicht eher, als wenn in allen ihrer Oberherrschaft unterworfnen Ländern Friede war, wieder geschlossen wurde. Das letztere ereignete sich in einem Zeitraum von 700 Jahren nur dreimal, unter dem Numa selbst, nach dem ersten Punischen Kriege , und nach der Schlacht bei Actium , die den Cäsar Octavianus zum einzigen Regenten des über drei Weltteile ausgebreiteten römischen Reiches machte Liv. Hist. Rom. I. c. 19. . Janus hatte außer diesem berühmten Kriegs- und Friedenstempel noch zwei öffentliche Tempel zu Rom, und in jeder der zwölf Regionen der Stadt einen Altar. Dieser Gott wurde gewöhnlich mit zwei Gesichtern, deren eines vor- und das andere rückwärts schaut, mit einem Szepter in der rechten und einem Schlüssel in der linken Hand auf einem strahlenden Throne sitzend, abgebildet, und war, aller Wahrscheinlichkeit nach, ein uralter vergötterten König in Italien. , dir, mit dem die Sterblichen, zum Leben neu erwacht, des Tages Arbeit nach der Götter Schluß beginnen, von dir beginne nun auch mein Gesang! Bin ich zu Rom, so kann ich sicher rechnen, im Morgenschlaf von dir gestört zu werden. »Auf! Du mußt Bürge stehn! Mach hurtig fort! Daß ja dir kein Behenderer den Vorsprung in dieser Freundschafts-Probe abgewinne!« Nun mag das Wetter noch so schlimm, der Nordwind noch so schneidend sein, durch Sturm und Schneegestöber fort muß ich! – Hab ich dann mit klarer Stimme gesprochen, was mir Schaden bringen wird, so muß ich wieder mich, auf Kosten aller, die schwerer sich bewegen, durchs Gedränge drücken. »Wie? Bist du rasend, Grobian? Was hast du so zu eilen?« – schreit mich einer an, mir wünschend was der Zorn ihm eingibt »Mußt du alles, was dir im Weg' ist, niederrennen, weil dir einfällt, daß du deinem großen Gönner Mäcen aufwarten mußt?« – Ich leugne nicht: dies ists, was mir das Angelegenste \<20\> Matutine pater, seu Iane libentius audis, unde homines operum primos vitaeque labores instituunt (sic diis placitum) tu carminis esto principium. Romae sponsorem me rapis. »Eia, ne prior officio quisquam respondeat, urgue!« \<25\> Sive aquilo radit terras, seu bruma nivalem interiore diem gyro trahit, ire necesse est. Postmodo quod mi obsit clare certumque locuto luctandum in turba, facienda iniuria tardis. »Quid vis, insane? et quas res agis?« improbus urguet \<30\> iratis precibus: »tu pulses omne quod obstat ad Maecenatem memori si mente recurras.« und Angenehmste ist So übersetze oder umschreibe ich jetzt diese, in meiner ersten Übersetzung ganz mißverstandene, Stelle. Was Hr.  Haberfeld l.c. S. 249–251 über sie kommentiert, verdient nachgelesen zu werden, so wie seine humane, schonende und bescheidene Art, einem Irrenden, dem man Achtung schuldig zu sein glaubt, auf den rechten Weg zu helfen, nachgeahmt zu werden verdiente. . Allein kaum sind die traurigen Esquilien Tristes , weil auf dem Esquilischen Berge, wo jetzt das Haus und die Gärten des Mäcenas lagen, ehmals ein gemeiner Begräbnisplatz gewesen war. S. Sat. 8. 1. B. erreicht, so springen hundert nichts mich selbst betreffende Geschäfte mich von allen Seiten an. »Herr! Roscius war da, und bat, ihr möchtet ihm vor sieben, morgen früh, am Puteal Wo der jeweilige Prätor gewöhnlich zu Gerichte saß. als Beistand dienen.« – »Das Kollegium der Scriben , Quintus, bittet wegen einer gemeinen Angelegenheit Diese Stelle setzt den Umstand außer allen Zweifel, den der alte Verfasser der Vita Horatii berichtet, daß nämlich Horaz nach der unglücklichen Schlacht bei Actium sich in das Amt eines Scriba quaestorius eingekauft habe. In der Verlegenheit, für diese Scribas der alten Römer in unsrer Sprache einen gleichbedeutenden Namen zu finden, habe ich hier das Wort Scriben beibehalten, so wie ich mit gutem Grunde Konsul nicht Bürgermeister, Prätor nicht Stadtrichter, Ädilis nicht Polizei-Direktor, noch viel weniger Bauherr, sage. Diese Scriben (oder Aktuarien und Sekretarien, wenn man will) waren in verschiedenen Decurien , d. i. Ordnungen oder Klassen, abgeteilt; und man findet bei den alten Schriftstellern Scribas Praetorios, Aedilicios, Tribunicios, Quaestorios , deren Verrichtungen nicht von einerlei Art waren. Wiewohl sie eine sehr subalterne Klasse von Unter-Staatsbedienten vorstellten, und, ordentlicher Weise, Leute von geringer Herkunft waren: so scheint doch ihr Stand um diese Zeit etwas ansehnlicher geworden zu sein, und sie den novis hominibus vom Ritterstande ziemlich gleich gesetzt zu haben. Indessen würde Horaz, ungeachtet ihn seine Geburt zu keiner höhern Zivilbedienung berechtigte, gleichwohl, da er unter dem M. Brutus schon Oberster über eine Legion gewesen war, schwerlich wieder bis zum Handwerk eines Scriba herabgestiegen sein, wenn ihn nach der Niederlage bei Philippi nicht die Notwendigkeit, sich ein kleines Einkommen zu verschaffen, dazu gedrungen hätte. Nachdem er aber, einige Jahre darauf, durch die Gunst des allvermögenden Mäcenas in Glücks-Umstände gesetzt worden war, die ihm in unabhängiger Muße und Freiheit zu leben erlaubten: so kann man sich leicht vorstellen, daß er von seinem Scriptu Quaestorio keinen Gebrauch mehr machte; und daß also die Zudringlichkeit der Herren Scriben , (welche natürlicher Weise stolz darauf waren, einen Günstling des Mäcenas in ihrem Mittel zu haben, und ihn einer Konnexion, wodurch er ihnen bei Gelegenheit nützlich sein konnte, nicht gern entlassen wollten) keine kleine Seccatur für ihn sein mußte. von wichtigem Belange bald von Tafel aufzustehen.« – »Sei doch so gut, und mache daß Mäcen sein fiat dieser Bittschrift unterschreibe.« Sag' ich, ich wills versuchen – »O! du kannst es machen, wenn's dir nicht am Willen fehlt«, versetzt der Mensch und hängt sich an mich an. Hoc iuvat et melli est, non mentiar. At simul atras ventum est Esquilias, aliena negotia centum per caput et circa saliunt latus. – »Ante secundam \<35\> Roscius orabat sibi adesses ad puteal cras.« »De re communi scribae magna atque nova te orabant hodie meminisses, Quinte, reverti.« »Imprimat his, cura, Maecenas signa tabellis!« Dixeris: »experiar«; »si vis potes«, addit et instat. Es sind nun bald acht Jahre, seit Mäcen den Seinigen mich beizuzählen anfing Wenn die Verfertigung des gegenwärtigen Stückes, der Bentleyischen Rechnung zufolge, in das Jahr 721  U. C. fiele, so würde aus dem von Horaz selbst hier an die Hand gegebenen Dato, daß nämlich seit der Zeit, da ihn Mäcenas unter seine Familiares aufgenommen, über achthalb Jahre verflossen seien, folgen, daß dieser letztere Zeitpunkt um ein Jahr weiter zurückzusetzen sei, als in der Erläut. 18. zur 6ten Satire des 1sten Buches angegeben worden. Aber es wird nie möglich sein, die Horazische Zeitrechnung ganz genau, und ohne daß hier oder da etwas Unauflösliches bleibe, zu berichtigen. So finden sich z. B. in dem gegenwärtigen Gedichte zwar einige, aber keine hinlänglichen Anzeigen, daß es vor den zwischen Cäsar und Anton im J. 722 von neuem ausgebrochenen Feindseligkeiten geschrieben sei. Man schließt dies aus den Fragen der Neugierigen, welche von Horazen immer wissen wollten, was er, ungeachtet er den Göttern näher war, so wenig wußte als sie, und warum er sich vermutlich weniger bekümmerte. – Aber die Frage: »Wird Cäsar die den Soldaten versprochnen Ländereien in Italien oder in Sizilien anweisen?« würde auch im Jahre 721 zu spät gemacht worden sein: denn die Divisio agrorum , worauf sie sich, als etwas noch Ungeschehenes , bezieht, erfolgte, nach dem Berichte Dions, schon im Jahre 718, unmittelbar nach der Unterdrückung des S. Pompejus. Wenn also der Grund, worauf jener Schluß beruhet, fest genug wäre, so müßte dieses Gedicht zwei bis drei Jahre eher, als Bentley angibt, geschrieben worden sein. Hingegen würde die Frage: »was hört man Neues von den Daziern ?« – wofern sie sich (wie der Cruckische Scholiast meint) auf eine Empörung der Dazier gegen die Römer bezöge, beweisen, daß das Datum desselben bis in das Jahr 725, wo dieses kriegerische Volk von einem Sohne des berüchtigten M. Crassus auf eine kurze Zeit gedämpft wurde, hinausgesetzt werden müsse. Allein diese Anmerkung des Scholiasten beweiset nichts als seine Unwissenheit in der römischen Geschichte. Die Dazier (ein Volk, das den größten Teil der Länder inhatte, welche jetzt Siebenbürgen, Moldau und Wallachei heißen) konnten sich damals nicht empören, denn sie waren noch immer ungebändigt geblieben; wiewohl die angrenzenden römischen Provinzen öfters durch ihre Einfälle beunruhiget wurden. Verschiedene Stellen in den Horazischen Oden scheinen anzuzeigen, daß sie den Römern, selbst nach der eben berührten Niederlage, noch lange, und bis zu ihrer gänzlichen Unterwerfung unter dem Trajan , furchtbar blieben. Kurz vor dem Ausbruch des Krieges mit Antonius und Kleopatra machten sie Bewegungen, woraus man schließen mußte, daß sie keine müßigen Zuschauer dabei abgeben, sondern sich dieser Gelegenheit bedienen wollten, entweder von Octavianus oder Antonius vorteilhafte Bedingungen zu erhalten. Da sich jener nicht mit ihnen einlassen wollte, erklärten sie sich für diesen; aber innerliche Fehden, die unter ihnen selbst entstanden, verhinderten sie, etwas von Bedeutung gegen Cäsarn zu unternehmen. Auf diese Bewegungen der Dazier zielt ohnezweifel die Frage: num quid de Dacis audisti? – eine Frage, womit Horaz (wie man leicht merken kann) der politischen Kannengießer und Badauds von Rom spottet, die sich sehr unnötigerweise den Kopf mit solchen Dingen erhitzten, und, seitdem sie Octavianus aller Sorge für die öffentlichen Angelegenheiten entbunden hatte, der Dazier halben ganz ruhig hätten schlafen können. ; das heißt, auf Reisen mich in seinen Wagen zu nehmen, oder Kleinigkeiten mir vertraulich mitzuteilen; als: »Was ist die Stunde?« »Sollte wohl der Thrazier Gallina dem Syrier Zwei damalige Gladiatoren, die, wie es scheint, in ihrem Handwerke Virtuosen waren. Fragen dieser Art waren die gewöhnliche Unterhaltung der müßigen Römer. gewachsen sein?« »Die Morgen sind schon frostig; wer mit keinem guten Überrock verwahrt ist, kann sich leicht verkälten« – und dergleichen Dinge, die man unbedenklich dem ritzenvollsten Ohre anvertraut. Indessen zog's in dieser ganzen Zeit mit jedem Tag' und jeder Stunde mir mehr Mißgunst zu. Sprach einer etwa: » Flaccus saß heut im Schauplatz ihm zur Seite – spielte im Campus Ball mit ihm« – Nun! Der hat Glück! rief (naserümpfend) gleich der ganze Chor. Lauft, von den Rostris aus, ein frostiges Gerücht in Rom herum, gleich fragt der erste, \<40\> Septimus octavo propior iam fugerit annus, ex quo Maecenas me coepit habere suorum in numero: dumtaxat ad hoc, quem tollere rheda vellet iter faciens, et cui concredere nugas, hoc genus: »Hora quota est?« »Thraex est Gallina Syro par?« \<45\> »Matutina parum cautos iam frigora mordent«: et quae rimosa bene deponuntur in aure. Per totum hoc tempus subiectior in diem et horam invidiae. – »Noster ludos spectaverat una, luserat in campo«: Fortunae filius! omnes. der auf der Straße mir entgegen kommt: »Mein Bester! – Denn ein Mann, der mit den Göttern so gut steht, muß es wohl am besten wissen – Was hört man von den Daziern? – »Kein Wort!« »Daß du das Spotten doch nicht lassen kannst!« »Mich sollen alle Götter plagen, wenn ich etwas weiß!« – »Nun wohl! So kannst du uns doch sagen, ob die Güter, welche Cäsar den Veteranen zugesagt hat, in Italien oder in Sizilien an- gewiesen werden sollen?« – Schwör ich dann, ich wisse nichts, so werd' ich als ein mächtiger Politikus, und Meister in der Kunst zu schweigen ausgeschrien. Indessen geht auf diese Art ein Tag mir Armen nach dem andern in Verlust, nicht ohne oft aus vollem Herzen auszurufen: O! Mein liebes Feld! wann sehen wir uns wieder? Wann wirds so gut mir werden, bald aus Schriften der Alten, bald in stillem Müßiggang \<50\> Frigidus a rostris manat per compita rumor: quicumque obvius est me consulit. »O bone! nam te scire, deos quoniam propius contingis, oportet! numquid de Dacis audisti?« – »Nil equidem.« »Ut tu semper eris derisor!« »At omnes di exagitent me, \<55\> si quicquam!« – »Quid? Militibus promissa Triquetra praedia Caesar, an est Itala tellure daturus?« Iurantem me scire nihil mirantur ut unum scilicet egregi mortalem altique silenti. Perditur haec inter misero lux, non sine votis: \<60\> O rus, quando ego te aspiciam? quandoque licebit und ungestörtem Schlaf, ein liebliches Vergessen der Stadt und ihres Lebens einzuschlürfen Eine feine Anspielung auf den Fluß der Vergessenheit, dessen Wasser (einer sinnreichen alten Dichtung zufolge) die Kraft hatte, die ins Elysium eingehenden Seelen von aller Erinnerung dessen, was in ihrem vorigen Zustande mit ihnen vorgegangen war, zu reinigen. ! Wann werd' ich wieder selbstgepflanzten Kohl mit Speck und dem Pythagoras verwandte Bohnen Horaz war, wie es scheint, ein Liebhaber von Bohnen, und scherzt hier im Vorbeigehen über die religiöse Scheu der Pythagoräer vor dieser Hülsenfrucht, welche so weit ging, daß von Pythagoras selbst erzählt wird, er habe, bei einer Gelegenheit, wo er vor nachsetzenden Feinden fliehen mußte, und der nächste und sicherste Weg ihn durch ein Bohnenfeld geführt hätte, lieber durch einen Umweg sein Leben wagen, als sich durch dies besagte Bohnenfeld retten wollen. Horaz, indem er die Bohne scherzweise eine Anverwandtin des Pythagoras nennt, scheint der Meinung gewesen zu sein, daß diese seltsame religiöse Abstinenz sich auf gewisse geheimnisvolle Beziehungen, welche Pythagoras zwischen der Bohne und dem Menschen angenommen, gegründet habe. Worin aber diese Beziehungen oder diese mystische Verwandtschaft bestanden haben soll, darüber ist von den Kommentatoren, wie viele Mühe sie sich auch mit dieser lächerlichen Sache gegeben, nichts Verständliches, geschweige Befriedigendes gesagt worden. Da die Pythagoräer selbst auch aus diesem Artikel ihrer philosophischen Glaubenslehre ein so großes Geheimnis machten, daß sie eher das Leben lassen als sich darüber erklären wollten: so scheint wohl die klügste Partei, welche die Gelehrten über diesen Artikel nehmen können, zu sein, daß man die Sache lasse, wo sie ist, und, anstatt mit Erforschung dieser und so mancher andrer Rätsel und Problemen von gleicher Wichtigkeit die Zeit zu verschleudern, sich versichert halte, daß das Geheimnis, wenn wir es auch ausfindig machen könnten, aller Wahrscheinlichkeit nach – keine Bohne wert wäre. auf meinem Tische sehn! O wahre Göttermahle! O frohe Nächte, wo ich mit den Meinen es mir am eignen Herde schmecken lasse, und mit denselben Speisen, die ich vorgekostet, mein mut'ges junges Hausgesinde füttre. Vom Unsinn eurer Trinkgesetze frei Solutus legibus insanis . Dies bezieht sich auf die alte Gewohnheit der Römer, bei einem Gastmahl, wenn die Speisen abgetragen waren, und es nun ans Trinken ging, einen sogenannten Magistrum convivii oder vielmehr compotationis Horaz nennt ihn ( Od. II. 7 ) arbitrum bibendi. zu erwählen, dessen Trinkgesetzen von allen Mittrinkern unverweigerlicher Gehorsam geleistet wurde. Der alte Cato (in Ciceros Dialog de Senectute ) lobt diese Gewohnheit, insofern man sich, wie in Xenophons Gastmahl , auf kleine Becherchen einschränke; die er pocula rorantia nennt, weil man daraus (so zu sagen) nur betaut , nicht begossen wird: Horaz hingegen – wiewohl er an Mäcens Tafel oder inter sodales nicht immer so mäßig gewesen war – schilt diese Trinkgesetze unsinnig, teils weil es zu seiner Zeit nicht bei den tauenden Bechern blieb, und er selbst vermutlich bei solchen Gelegenheiten zuweilen übel weggekommen war; teils, um dem in diesem Stücke angenommenen nüchternen Charakter getreu zu bleiben. leert jeder meiner Gäste nach Gefallen ungleiche Becher, größer oder kleiner, so wie der Stärkre mehr vertragen kann, der Schwächre lieber langsam sich befeuchtet. Nun spinnet unvermerkt ein trauliches Gespräch sich an, nicht über andrer Leute Wirtschaft, nicht ob Lepos übel tanze oder gut Auch eine Art von Problemen, worüber sich die schöne und müßige Welt zu Rom zu parteien pflegte. ? Wir unterhalten uns von Dingen, die uns näher angehn, welche nicht zu wissen nunc veterum libris, nunc somno et inertibus horis, ducere sollicitae iucunda oblivia vitae. O quando faba Pythagorae cognata, simulque uncta satis pingui ponentur oluscula lardo! \<65\> O noctes cenaeque deum! quibus ipse meique ante Larem proprium vescor, vernasque procaces pasco libatis dapibus. Prout cuique libido est, siccat inaequales calices conviva solutus legibus insanis; seu quis capit acria fortis \<70\> pocula, seu modicis uvescit laetius. Ergo sermo oritur, non de villis domibusque alienis, nec, male necne Lepos saltet? sed quod magis ad nos ein Übel ist: ob Reichtum oder Tugend den Menschen glücklich mache? Vorteil oder Rechtschaffenheit das Band der Freundschaft knüpfe? Was wahres Gut, und was das höchste sei? Gelegenheitlich tischt uns Nachbar Cervius in seiner eignen drolligen Manier ein Märchen auf, das sich zur Sache schickt. So, wenn, zum Beispiel, einer etwa von dem Reichtum des Arellius Vermutlich irgend ein reicher Landwirt in der Nachbarschaft des Horaz und Cervius. mit Bewundrung spricht, unwissend, wie dem armen Mann so übel dabei geschieht, fängt Cervius an: die Feldmaus erhielt in ihrer armen Höhle einst von ihrer alten guten Freundin, der Stadtmaus, unverhofft die Ehre ihres Besuches. Wie genau nun jene sonst zu leben pflegte, und wie sparsam sie den sau'r errungnen Vorrat sonst zu Rate hielt, so wurde doch für einen Gast das Herz ihr weiter; kurz, sie schonet diesmal weder der immer aufgesparten Erbse noch pertinet et nescire malum est agitamus: utrumne divitiis homines an sint virtute beati? \<75\> Quidve ad amicitias, usus rectumne, trahat nos? Et quae sit natura boni, summumque quid eius? Cervius haec inter vicinus garrit aniles ex re fabellas. Si quis nam laudat Arelli sollicitas ignarus opes, sic incipit: Olim \<80\> rusticus urbanum murem mus paupere fertur accepisse cavo, veterem vetus hospes amicum; asper et attentus quaesitis, ut tamen artum solveret hospitiis animum. Quid multa? neque illi des langen Haberkornes, trägt ein Stückchen halb abgenagten Specks, und eine dürre Zibeb' im Munde noch herbei, und läßt, mit einem Worte, sich's recht angelegen sein, durch der Gerichte Mannichfaltigkeit den ekeln Gaum Ich habe hier und an mehrern Stellen Gaum anstatt Gaumen geschrieben, wiewohl Adelung jenes für Oberdeutsch, und nur das letztere für Hochdeutsch erklärt hat. »Einige Hochdeutsche (sagt er) brauchen dieses Wort in der verkürzten oberdeutschen Form, der Gaum , verdienen aber damit schlechten Dank bei Lesern von einem feinen Gehöre.« – Ich gestehe, daß meine oberdeutschen auriculae schlechterdings unfähig sind, den Wohlklang, den das Wort Gaum durch die scharfe Endsilbe, en , gewinnen soll, zu empfinden. Herr Adelung erklärt sich sonst bei allen Gelegenheiten als einen Feind der allemannischen Weitschweifigkeit : wie kommt es, daß ihm nun gerade bei diesem Worte die Endsilbe en nicht anstößig ist, da doch nicht der mindeste Grund vorhanden zu sein scheint, warum das Wort Gaum derselben nicht, ohne Nachteil der Ohren, eben so gut entbehren könnte, als die den Allemanniern und Obersachsen gemeinschaftlichen Wörter: Baum, Flaum, Raum, Saum, Schaum, Traum, Zaum , welchen die Einwohner von Meißen die Endsilbe en anzuflicken nicht beliebt haben. Warum ist unnötige Weitschweifigkeit nur an den Allemanniern anstößig, an den Obersachsen hingegen löblich und wohlklingend? – Ich, meines Ortes, schreibe in Prosa Gaum , weil mir dieses der Analogie am gemäßesten scheint; und in Versen Gaum oder Gaumen , je nachdem mir das eine oder andere gelegner ist. Beides hat das Ansehen guter Schriftsteller für sich; und welches von beiden dem Ohr angenehmer sei, kommt auf Form, Silbenmaß, Stellung und Klang der vorhergehenden und nachfolgenden Worte an. des Städters zu verführen, der vornehm dasaß, und mit stolzem Zahn eins nach dem andern kaum berührte; während der gute Hauswirt selbst, auf heurig Stroh gestreckt, mit Spelt und Trespe sich behalf, und alles Beßre seinem Gaste ließ. Zuletzt begann die Stadtmaus: Freund, wo nimmst du die Geduld her, in dem rauhen Berge da dein Leben hinzubringen? Hättest du nicht Lust, den Aufenthalt bei Menschen in der Stadt dem Walde vorzuziehen? Weißt du was? Komm du mit mir; und weil nun einmal bei den Erdekindern mit dem Leben alles vorbei ist Ein feiner Zug, die Stadtmaus zum Epikuräer nach Grundsätzen zu machen. , und dem Tode weder Klein sepositi ciceris, nec longae invidit avenae; \<85\> aridum et ore ferens acinum, semesaque lardi frusta dedit, cupiens varia fastidia cena vincere tangentis male singula dente superbo: cum pater ipse domus palea porrectus in horna esset ador loliumque, dapis meliora relinquens. \<90\> Tandem urbanus ad hunc: Quid te iuvat, inquit, amice, praerupti nemoris patientem vivere dorso? Vis tu homines urbemque feris praeponere silvis? Carpe viam, mihi crede, comes, terrestria quando mortales animas vivunt sortita, neque ulla est noch Groß entrinnen kann: so sei du weise, und laß, so lange du es haben kannst, dir wohl geschehn, mein Schatz! Bedenke nur, wie kurz das Leben ist! – Die Landmaus wird gerührt durch diese Rede, springt behende aus ihrem Loch hervor, und beide treten den Weg zur Hauptstadt an, des Sinnes, unter der Mauer sich bei Nacht hineinzuschleichen. Es war schon Mitternacht, als unsre Wandrer in eines reichen Hauses Speisesaal sich einquartierten, wo, auf Lagerstellen von Elfenbeine, Purpurdecken glühten, und eines großen Gastmahls Überbleibsel ringsum in Körben aufgeschichtet standen. Sobald der Städter hier den bäur'schen Gast auf Purpur hingelagert, läuft er rüstig, gleich einem aufgeschürzten Wirte, hin und her, und trägt ein niedliches Gerichte nach dem andern auf; vergißt jedoch sich selber nicht dabei, indem er alles was er bringt, \<95\> aut magno aut parvo leti fuga: quo, bone, circa dum licet in rebus iucundis vive beatus, vive memor quam sis aevi brevis! – Haec ubi dicta agrestem pepulere, domo levis exsilit, inde ambo propositum peragunt iter, urbis aventes \<100\> moenia nocturni subrepere. Iamque tenebat nox medium caeli spatium, cum ponit uterque in locuplete domo vestigia; rubro ubi cocco tincta super lectos canderet vestis eburnos, multaque de magna superessent fercula cena, \<105\> quae procul exstructis inerant hesterna canistris. Ergo ubi purpurea porrectum in veste locavit agrestem, veluti succinctus cursitat hospes continuatque dapes, nec non vernaliter ipsis naschhaften Dienern gleich, zuvor beleckt. Die Feldmaus, ganz entzückt von ihrem neuen Glück, dehnt fein gemächlich auf dem weichen Sitze sich aus, und läßt sich alles trefflich schmecken: als plötzlich ein gewaltiges Geknarr der Flügeltüren unsre beiden Schlemmer von ihren Polstern wirft. Sie rennen zitternd im ganzen Saal herum, und ihre Furcht wird Todesangst, indem durchs hohe Haus der großen Hunde Bellen widerhallt. Ich danke für dies Leben, sprach mit schwacher Stimme der Bau'r zu seinem Freunde; fahre wohl! Ich lobe mir mein kleines Loch im Walde! Da hab' ich nichts zu fürchten wenigstens, und kann, wiewohl's nur magre Bissen gibt, mich doch in Ruh an meinen Wicken laben. fungitur officiis, praelambens omne quod affert. \<110\> Ille cubans gaudet mutata sorte, bonisque rebus agit laetum convivam; cum subito ingens valvarum strepitus lectis excussit utrumque. Currere per totum pavidi conclave, magisque exanimes trepidare, simul domus alta Molossis \<115\> personuit canibus. Tum rusticus: haud mihi vita est opus hac, ait, et valeas; me silva cavusque tutus ab insidiis tenui solabitur ervo. Siebente Satire Einleitung Besorgte Horaz, sich in dem vorhergehenden Stücke in einem allzuvorteilhaften Lichte gezeigt zu haben? Oder was für eine seltsame Laune kam ihn an, in dem gegenwärtigen eine Satire auf sich selbst zu machen, und, vermöge der Zungen-Freiheit, die ein altes Herkommen den Knechten an den Saturnalien gab, sich von seinem Sklaven Davus Dinge sagen zu lassen, die er gewiß von keinem Pantilius ertragen hätte? Die Sache sieht, deucht mir, gefährlicher aus, als sie in der Tat ist. Diejenigen, für welche Horaz schrieb, und die ihn kannten, wußten genau, was sie davon zu glauben hatten; auch war er selbst zu verständig und zu fein, um nicht dafür zu sorgen, daß ihm die beißende Strafpredigt, die er sich von seinem Davus mit aller Unverschämtheit eines Menschen seines Standes halten läßt, bei vernünftigen Lesern keinen Schaden tun konnte. Um die übrigen scheint er sich nichts bekümmert zu haben. Es ist billig und geziemt vornehmlich einem urbanen und liberalen Tadler der herrschenden Sitten, daß er seiner selbst nicht schone, und auf alle Weise den Vorwurf vermeide, als ob er untadelich zu sein glaube, oder ein besserer Mann scheinen wolle als er ist. Horaz hat sich durch die gegenwärtige Satire über alle Vorwürfe dieser Art hinausgesetzt; aber auch zugleich dadurch die Freiheit gerechtfertigt, die er sich gegen die Torheiten und Laster andrer Leute herausnahm. Was für Nachsicht können fremde Personen von einem Mann erwarten, der so wenig Nachsicht gegen sich selber hat? Aber der Mensch, der unserm Dichter hier so übel mitspielt, ist nur ein Sklave; ein ungezogener, pöbelhafter Bursche, der sich der von seinem Gebieter ihm zugestandenen Dezember-Freiheit so übermütig als möglich bedient, und sich, so zu sagen, spudet was er kann, weil er diese Gelegenheit, seine Zunge einmal nach Herzenslust tanzen zu lassen, vielleicht in seinem ganzen Leben nie wieder bekommen wird. Die Kletten, die ein solcher Mensch einem Ehrenmann anwirft, können nicht an ihm hängen bleiben. Noch war es ein überaus glücklicher Einfall, zu dichten, daß Davus seine Sitten-Predigt von dem Türhüter eines Philosophen , aber was für eines Philosophen? des Cynischen Crispins , (der schon in so mancher Horazischen Satire als ein alberner Pedant figurierte) gehört habe. Die Stoischen Deklamationen, die, ohne diesen Umstand, in dem Mund eines Davus sehr unschicklich gewesen wären, erhalten dadurch die gehörige Schicklichkeit; aber sie verlieren auch zugleich einen großen Teil ihrer Bitterkeit. Wahrheit bleibt zwar immer Wahrheit, durch was für Media sie auch gehen mag: aber von einem Sklaven an der halboffnen Türe des Hörsaals eines Crispins aufgeschnappt, und einem andern Sklaven mitgeteilt, der sie an den Saturnalien halbbetrunken wieder von sich gibt, macht sie doch einen ganz andern Effekt, als wenn sie unmittelbar aus den ehrwürdigen Lippen eines Sokrates oder Epiktetus käme. Die Brechungen, die sie im Durchgange durch so viele Narrenschädel erleidet, sind einen Arlekinsrock und eine Schellenkappe wert; das Ganze wird eine Art von Possenspiel, und die strengste Satire verwundet, in einer solchen Einkleidung, so wenig als ein Schlag mit einer Britsche. In einem solchen Stücke durfte der Übersetzer kein Bedenken tragen, an einigen Orten die Pflicht der Treue dem, was ein heutiger Schriftsteller unseren feinern Begriffen von Wohlanständigkeit schuldig ist, aufzuopfern. Die Stoiker hatten den Grundsatz, nichts Natürliches sei unanständig , und nannten daher jedes Ding mit seinem eigenen Namen. Die Cyniker trieben diese Schamlosigkeit im Reden noch weiter. Aber Crispins Vortrag ging noch durch den Mund zweier Sklaven. Kein Wunder also, wenn in dieser Satire ein paar Stellen vorkommen, die durch ein Übermaß von Natürlichkeit und lebendiger Darstellung auffallend unanständig sind, wiewohl sie es, wenigstens aus dem Munde eines Davus , den Römern nicht gewesen zu sein scheinen. Gänzlich konnten diese Stellen nicht wegbleiben: sie mußten sogar noch etwas von ihrem Cynischen Charakter und von ihrem Geschmack nach den Sitten eines lüderlichen römischen Sklaven aus der Urschrift beibehalten; besser wäre es gewesen sie gar wegzulassen, als ihnen, durch eine feinere und züchtigere Wendung, diesen Charakter zu nehmen. Ich wünsche den in solchen Fällen so schweren Mittelweg getroffen zu haben, wiewohl ich kaum hoffen darf, in den Augen aller Leser darin glücklich gewesen zu sein. Ich habe diesem Vorbericht nichts hinzuzusetzen als daß der Gesichtspunkt, woraus diese Satire betrachtet werden muß, nicht richtiger angegeben, und die Schönheiten aller Art, womit der unerschöpfliche Witz und die echt genialische Laune des geistvollen Dichters sie ausgestattet hat, nicht scharfsinniger entwickelt werden können, als von Hrn.  Haberfeld in seiner Einleitung und Auslegung derselben geschehen ist.               Davus       Horaz Davus Schon lange paß ich auf, und möchte wohl dem Herrn ein Wörtchen sagen, wenn ich dürfte.   Horaz Wer spricht hier? Davus?   Davus                               Ja, der untertänigste von deinen Sklaven, Davus , seinem Herrn getreu und hold, und überhaupt ein guter Kerl, zum wenigsten sofern, daß für sein Leben nichts zu besorgen ist Et frugi quod sit satis, hoc est, ut vitale putes . Diese Stelle fand Lambinus » äußerst dunkel «. Mich deucht nichts Hellers. Der Horazische Davus behauptet seinen Namen und Charakter; er ist naseweis, schalkhaft, und macht in seiner pöbelhaften Manier den Witzling und Spaßvogel. Man sieht aus dieser Stelle, daß der Aberglaube, als ob gar zu gute Menschen nicht lange lebten, schon damals beim Volke wohl hergebracht war. Qui nimii sunt in bonis, eos vitales non esse praedicimus , sagt der alte Scholiast. .   Horaz                             Wohlan! weil unsre Alten es so für gut befanden, so bediene dann dich der Dezember-Freiheit D. i. der Freiheit, die dir die Saturnalien geben. Dieses Fest fiel in die Mitte des Dezembers. Es war zum Andenken des goldnen Alters der Lateiner, der glücklichen Zeiten des Königs Saturnus, eingesetzt; und um sich der Gleichheit, die damals unter den Menschen herrschte (weil sie noch Wilde waren) desto lebhafter zu erinnern, und sich auf einen Augenblick wenigstens mit einem Schattenbilde derselben zu täuschen, war, so lange dieses Fest dauerte, die Gewalt der Herren über ihre Sklaven gewissermaßen suspendiert. Die letztern durften (es versteht sich, ihrer Leibeigenschaft und des Rechts der Herren unbeschadet) reden und tun was sie wollten; ja viele Herren machten sich einen Spaß daraus, die Kleider mit ihren Sklaven zu tauschen, indes sie ihnen erlaubten die Herren zu spielen, dafür die Knechte vorzustellen, sie bei Tische zu bedienen, sie trunken zu machen, und dann an dem närrischen Zeuge, so sie während dieses nicht allzumenschlichen Possenspieles schwatzten und angaben, ihre Kurzweil zu haben. ; schwatze was du willst!   Davus Ein Teil der Menschen hängt an seinen Lastern mit Lust und Lieb', und treibt darin     DAV. Iamdudum ausculto, et cupiens tibi dicere servus pauca, reformido. HOR. Davusne? DAV. Ita, Davus, amicum mancipium domino et frugi quod sit satis, hoc est, ut vitale putes. HOR. Age, libertate Decembri, \<5\> (quando ita maiores voluerunt) utere, narra! DAV. Pars hominum vitiis gaudet constanter, et urguet nach einem festen Plan sich immer vorwärts: hingegen schwimmt der größte Haufe zwischen dem Guten und dem Bösen hin und her, greift manchmal wohl nach jenem, aber wird doch stets von diesem wieder überwältigt. So war, zum Beispiel, ein gewisser Priscus sich selbst so ungleich, daß er oft in einer Stunde den Clavus wechselte, und bald drei Ringe Ringe wurden bei den Römern nur von Personen senatorischen und ritterlichen Ranges getragen, und zwar in den ältern Zeiten nur an der linken Hand, nur ein einziger, und auch dieser nur von Eisen. Den Gesandten allein, die der Senat außer Landes schickte, wurden goldne gegeben. Sogar die Triumphatoren trugen an ihrem ehrenvollsten Tage einen eisernen Ring, und C. Marius bediente sich eines goldnen nicht eher als in seinem dritten Konsulat. Drei goldene Ringe an der Hand eines unbedeutenden Menschen, wie dieser Priscus, waren also zu Horazens Zeiten ein großer Luxus. Aber hundert Jahre später trug man sie schon, den Mittelfinger ausgenommen, an allen Fingern, und oft zwei bis drei an einem Plin. H. N. XXXIII. 1. . , bald keinen trug; aus einem großen Hause plötzlich in einen Winkel zog, woraus fürwahr ein rechtlicher Libertus kaum mit Ehren hervorgehn konnte; bald den Sausewind zu Rom, bald zu Athen den Weisen spielte. Der kam nun wohl im Zorn von allen möglichen Vertumnen in die Welt Torrentius konnte nicht begreifen, wie Davus sagen könne: » Priscus (den er als den veränderlichsten Menschen von der Welt beschreibt) sei im Zorn aller Vertumnen , soviel ihrer sind, geboren« – da Vertumnus doch selbst der Gott der Veränderlichkeit war, und die Fabel ihm daher die Gabe, alle mögliche Gestalten anzunehmen, beilegt. Mich deucht, das hindert nicht, daß Vertumnus es mit dem Menschen sehr übel meinen würde, über den er die ganze Fülle seiner Veränderlichkeit ausgösse; und nun vollends alle Vertumnen , deren es, weil man das Bild dieses Gottes, in Italien, und besonders in Hetrurien, (wo er eigentlich zu Hause war) in allen Städten und Flecken antraf, eine unendliche Menge gab! Eben darum, weil diese außerordentliche Ungleichheit und Wackelhaftigkeit dem Priscus nicht anders als nachteilig sein konnte, hatte sie ihm Vertumnus nicht in Gnaden, sondern zur Plage zugeschickt. ! Da lob ich mir den braven Scurra Volanerius , der, als das wohlverdiente Chiragra ihm alle Knöchel lähmte, einen Menschen im Taglohn dingte Weil er den ganzen Tag spielte. , der die Würfel ihm, statt seiner, in den Becher werfen mußte. Mir scheint ein solcher seinen Lastern standhaft propositum; pars multa natat, modo recta capessens, interdum pravis obnoxia. Saepe notatus cum tribus anellis, modo laeva Priscus inani, \<10\> vixit inaequalis, clavum ut mutaret in horas, aedibus ex magnis subito se conderet, unde mundior exiret vix libertinus honeste; iam moechus Romae, iam mallet doctus Athenis vivere, Vertumnis quotquot sunt natus iniquis! \<15\> Scurra Volanerius, postquam illi iusta chiragra contudit articulos, qui pro se tolleret atque mitteret in phimum talos mercede diurna getreuer Mensch viel minder elend, und mit einem Wort, der beßre Mann, als einer der bald an längerm bald an kürzerm Stricke zerrt.   Horaz Nun, Galgenstrick, wirst du dich bald erklären, wem dies Gewäsche gilt?   Davus                               Wem sonst als dir?   Horaz Wieso, Halunk?   Davus                 Du lobst die Sitten und das Glück des guten alten Volks von ehmals Wie er in der 2ten und 6ten Satire dieses Buches getan hat. , und doch, wenn dich ein Gott auf einmal in dies große Glück versetzen wollte, würdest du dich sehr dafür bedanken: zum Beweis, daß du nicht fühlst, daß jenes besser sei, was du für besser ausrufst, oder weil es dir conductum pavit: quanto constantior idem in vitiis, tanto levius miser ac prior illo, \<20\> qui iam contento iam laxo fune laborat. HOR. Non dices hodie, quorsum haec tam putida tendant, furcifer? DAV. Ad te, inquam. HOR. Quo pacto, pessime? DAV. Laudas fortunam et mores antiquae plebis; et idem, si quis ad illa deus subito te agat, usque recuses: \<25\> aut quia non sentis quod clamas rectius esse, an Stärke fehlt, dem Bessern treu zu bleiben; kurz, weil du schon zu tief im Sumpfe steckst, um dich herauszuziehn. Zu Rom, da ist das ewige Gewimmer, wär' ich doch auf meinem Gut! Kaum bist du da, so tönts schon wieder anders, und die Stadt wird himmelhoch erhoben. Trifft sichs daß du nirgends geladen bist, da geht dir in der Welt nichts über eine Schüssel Kohl; »man bleibt so hübsch gesund dabei und schläft so sanft!« Wer dich so reden hörte, müßte denken, du gingst zu einem Schmaus wie ins Gefängnis, so freust du dich, so preisest du dich selig, daß du heut nirgends zechen müssest! Aber laß nur den Mäcenas dich noch Abends kurz vor Nacht zur Tafel bitten, welch ein Aufruhr gleich im Hause! wie du schreist und tobest, wenn das Salböl nicht flugs auf den Wink zur Hand ist Ein kleiner Wink ist doch vielleicht nicht ganz überflüssig, um selbst Leser von feinerm Gefühl (für alle andre geht ohnehin die Hälfte von Horazens Verdienst verloren) auf die vielen verborgnen, oder vielmehr leicht verschleierten Schönheiten dieser ganzen Stelle aufmerksam zu machen. Der Sklave Davus schleudert nach und nach alle die Steine auf seinen Herrn ab, die er vor der Tür des pedantischen Stoikers Crispins gesammelt; er hat in seiner bürlesken Stellung die Miene, als ob er scharf ziele, aber sie fliegen alle ganz unschädlich bei Horazen vorbei. Die Ursache ist, weil Davus die Gesinnungen und Handlungen seines Herrn schief beurteilt, und bei den Vorwürfen, die er ihm wegen seiner Ungleichheit macht, zu stumpfsinnig ist, um den Unterschied zwischen Monotonie – und Harmonie , zwischen Einförmigkeit – und Übereinstimmung mit sich selbst in den vielfachsten Verhältnissen des Lebens , einzusehen. Horaz liebte das Land und liebte die Stadt; freute sich, wenn er zu Hause bleiben und sich an den Gnathonen , die der Geruch seiner mäßigen Abendmahlzeit herbeizog, auf seine eigne Rechnung amüsieren konnte: und eilte gleichwohl über Hals und Kopf, wenn er unvermutet zu Mäcen eingeladen wurde. Das konnte nun der Sklave Davus, nach seiner plumpen Vorstellungsart, nicht zusammenreimen. Er beurteilt seinen Herrn, wie ein bettelhafter Cyniker einen Aristippus am Hofe . Er will ihn schelten, und sein Tadel ist im Grunde Lob; so wie das komische Gemälde von Horazens Eilfertigkeit, bei Mäcens Tafel zu erscheinen, ein feines indirektes Kompliment an diesen großen Freund des Dichters ist. – Doch ich wollte hier nur aufmerksam machen, nicht kommentieren. – Die Züge und Schattierungen, worin die Schönheiten dieser Satire bestehen, sind zu fein und leicht aufgetragen, um eine Analyse zuzulassen; sie müssen vom Leser selbst gefühlt, und gleichsam im Fluge aufgehascht werden. ! Indessen Mulvius , samt deinen übrigen Schmarotzern »Also hatte auch Horaz seine Schmarotzer und Lustigmacher, so gut als die Großen in Rom?« – So scheint es; und in einer Stadt, die einer Welt gleich sah, konnte es nicht wohl anders sein. Horaz, außer dem, daß er die Bequemlichkeit hatte, sich unter einer solchen Tischgesellschaft (die freilich von seinen Gästen im Sabino mächtig abstach) nach Belieben aufknöpfen, und seiner momentanen Laune überlassen zu dürfen, konnte sie auch als Dichter zu allerlei Zwecken benutzen. Wer den Menschen sowohl in allen möglichen Verkleidungen als in puris naturalibus kennen, und von allen Seiten, in allen Stellungen, Attitüden und Karikaturen zeichnen lernen will, darf sich nicht bloß auf die beste Gesellschaft einschränken. , an den Hals dir wünschend was ich nicht sagen will, mit trocknem Maul sich trollen müssen. Ich gesteh es (kann ein solcher sagen) ja, ich bin ein lockrer Bursche, aut quia non firmus rectum defendis, et haeres nequicquam caeno cupiens evellere plantam. Romae rus optas, absentem rusticus urbem tollis ad astra levis. Si nusquam es forte vocatus \<30\> ad cenam, laudas securum olus, ac, velut usquam vinctus eas, ita te felicem dicis, amasque quod nusquam tibi sit potandum. Iusserit ad se Maecenas serum sub lumina prima venire convivam – »nemon' oleum fert ocius? ecquis \<35\> audit?« cum magno blateras clamore, furisque: Mulvius et scurrae, tibi non referenda precati, dem eines Bratens Wohlgeruch die Nase gleich in die Höhe zieht, ein Taugenichts, ein Faultier, und ein Vielfraß, wenn du willst: Allein, wenn du gerade bist was ich, ja, schlimmer noch vielleicht, wie steht dirs an, mir, gleich als wärst du besser, mitzuspielen, weil du die Kunst gelernt hast, deine Laster in schöne Worte einzuschleiern Der Mulvius oder seinesgleichen, welchem Davus diesen Vorwurf in den Mund legt, will damit zu verstehen geben, Horaz stelle an Mäcens Tafel im Grunde nichts Bessers vor, als er, Mulvius, an der seinigen. Der Gedanke und die Vergleichung ist, wie man sieht, eines Mulvius und Davus würdig. ? Wie, wenn sichs nun fände, daß du närrischer sogar als ich bist, der dich nur fünfhundert Drachmen Ungefähr 200 Gulden, der gewöhnliche Preis der schlechtesten Art von Sklaven. gekostet? – Grinse mich nicht so gefährlich an, und halte Zorn und Faust zurück, so sollst du die Rede haben, die mein guter Freund, der Pförtner Crispins , am Hörsaal seines Herren aufgeschnappt, und mir, wie folget, vorgetragen hat. Du stellest eines andern Weibe nach Die nun folgende Deklamation, worin Davus seinen behaupteten Satz, »daß sein Herr ein weit größerer Tor als er selbst sei« durch einige Induktionen zu beweisen sucht, hat die Ausleger in Verlegenheit gesetzt. »Wie konnte Horaz unverschämt genug sein, so schändliche Dinge von sich selbst zu sagen?« – Denn, ob er sie in seiner eignen Person sagt, oder seinem Sklaven Davus in den Mund legt, das läuft auf eines hinaus. Geßner sucht der Sache dadurch zu helfen, daß er meint: Davus werfe alles, was nun folget, nicht dem Horaz selbst vor, sondern sage bloß die Lektion auf, die er von Crispins Türhüter aus dem Munde des Stoischen Professors gelernt habe. – Mich deucht, alle Schwierigkeit verschwinde von sich selbst, sobald man die Sache recht gefaßt hat. Crispin deklamierte gegen die Ehebrecher in der gewöhnlichen Manier der Stoiker , welche ihre Invektiven, der größern Lebhaftigkeit des Vortrags wegen, immer an eine unsichtbare Person, Du genannt, zu richten pflegten; und Davus (der in diesem ganzen Dialog einen Scurra vorstellt, dem alles zu sagen erlaubt ist) richtet nun das Crispinische Du an seinen vor ihm stehenden Herren, unbekümmert , vielleicht auch unwissend , ob und wiefern es auf ihn paßte oder nicht. Horaz, der sich (wie er an so vielen Stellen seiner Schriften, öffentlich und zuversichtlich, zu erkennen gibt) von diesem Laster immer rein erhalten hatte, riskierte nichts dabei, und konnte die ganze Ladung, die ihn nicht verwundete, ruhig neben sich vorbeigehen, und diejenigen treffen lassen, die über diesen Artikel kein so gutes Gewissen hatten als er selbst. : dem Davus ist das erste Gassenmädchen schon gut genug. Wer von uns beiden sündigt nun am sträflichsten? Mich spornt die unbezähmbare Natur, und, wenn nun meine Trivia discedunt. Etenim fateor me, dixerit ille, duci ventre levem; nasum nidore supinor, imbecillus, iners, si quid vis, adde, popino: \<40\> tu, cum sis quod ego, et fortassis nequior, ultro insectere, velut melior? verbisque decoris obvolvas vitium? Quid si me stultior ipso, quingentis empto drachmis, deprenderis? Aufer me vultu terrere, manum stomachumque teneto, \<45\> dum quae Crispini docuit me ianitor edo. Te coniux aliena capit, meretricula Davum: peccat uter nostrum cruce dignius? Acris ubi me so oder so mich expediert hat, bin ich just so ehrlich wie zuvor, und kümmre mich sehr wenig, ob ein Reichrer oder Schönerer, vor oder nach mir, seine Notdurft auch am gleichen Ort verrichte. Du hingegen wenn du dein Römerkleid, den Ritterring, die Zeichen deines Standes, ablegst Das Römerkleid, den Ritterring, die Zeichen deines Standes . – Horaz war also ein römischer Ritter, ja sogar Beisitzer einer Decurie von Iudicibus electis , wiewohl Sueton , oder wer sonst der Verfasser seiner kleinen Lebensbeschreibung ist, nichts davon erwähnt. Er war ehmals unter Brutus und Cassius Oberster über eine Legion gewesen, und jetzt von Mäcenas, und durch ihn von dem jungen Cäsar selbst, begünstigt genug, um den Ritterring von ihm erhalten zu haben, womit man ohnehin damals sehr freigebig war. Auf dem Fuße wie Horaz mit dem Mäcenas lebte, da er auf Reisen in seinem Wagen fuhr, im Campus Martius mit ihm Ball spielte, und dergleichen, erfoderte der bloße Wohlstand diese Art von Standeserhöhung; und wie hätte er, ohne römischer Ritter zu sein, neben Mäcen im Theater sitzen können ? War ers aber, so konnte er auch zu einem Gerichtsbeisitzer erwählt werden. Ich sehe also in allem nicht die geringste Schwierigkeit; und daß Davus in dieser ganzen Rede immer Horazen und keinen andern meint, ist aus dem Zusammenhang augenscheinlich. , und dein duftend Haupt in eine Sklavenkappe versteckst, aus einem Schöppen metamorphosiert in einen Dama Ein gewöhnlicher Sklavenname, den wir schon aus der 5ten Sat. dieses Buchs kennen. , bist du dann nicht wirklich, was du scheinen willst? Du wirst im Dunkeln furchtsam hineingeführt, und alle Knochen klappern am Leibe dir, im Kampf der bösen Lust mit deiner Furcht: was liegt nun dran, ob du zum blutgen Tod gedungen gehest Auctoratus , nämlich als ein Gladiator , der sich zum Tode verkauft hat. , oder, in eine schmutzige Kiste von der zitternden Mitschuldigen der Dame eingeschlossen, natura incendit, sub clara nuda lucerna quaecumque excepit turgentis verbera caudae, \<50\> clunibus aut agitavit equum lasciva supinum, dimittit neque famosum neque sollicitum, ne ditior aut formae melioris meiat eodem. Tu, cum proiectis insignibus, anulo equestri, Romanoque habitu, prodis ex iudice Dama \<55\> turpis, odoratum caput obscurante lacerna, non es quod simulas? Metuens induceris, atque altercante libidinibus tremis ossa pavore. Quid refert, uri virgis, ferroque necari auctoratus eas: an turpi clausus in arca, die Nase mit dern Knie berühren mußt? Und hat der Ehmann einer Ungetreuen nicht über beide Macht? Ja, über den Verführer die größre noch Denn der Mann durfte die schuldige Frau nicht persönlich mißhandeln: hingegen aber gegen den Ehebrecher war ihm, im ersten Ausbruch des Zorns, alles erlaubt; wie man in der zweiten Satire des ersten Buches gesehen hat. . So schlägst du wissentlich dein Hab und Gut, dein Leben, deinen Ruf, mit einem Wort, dein Alles in die Schanze! Und gleichwohl ist am Ende, was die stolze und ihrem Buhler selbst nicht trauende Matrone dir verwilligt, schwerlich wert, was Davus ohne Müh und langes Sperren erhält! Gesetzt nun auch, du bist mit heiler Haut davongekommen, wird die ausgestandne Angst dich etwa weiser machen? Umgekehrt, du denkst schon wieder drauf, wie bald du dich von neuem in den Fall, zu zittern und dein Leben zu verlieren, setzen könnest! O du vielfacher Sklave! welche Bestie, die einmal durchgebrochen, ist so toll, sich selbst der Kette wieder einzuliefern? Ich bin kein Ehebrecher, sagt der Herr Non sum moechus, ais etc. Horaz hatte die ganze Deklamation des Davus, weil sie ihn bisher nicht traf, ganz gelassen angehört, und wie er fertig war, mit der Antwort abgefertigt, welche Davus, als aus seinem Munde , wiederholt. Aber, wiewohl er sich nicht aufbürden lassen wollte, was er nicht begangen hatte, so war er doch liberal genug, für seine wirkliche blinde Seite keine Schonung zu verlangen. Er läßt also seinen Davus diese Wendung nehmen, um ihm sogar seine Unschuld in Rücksicht unerlaubter Liebeshändel zum Vorwurf zu machen. »Du bist kein Ehebrecher? Wahr! Aber bloß aus der Ursache, warum ich kein Dieb bin – du hast das Herz nicht, es zu sein; denn, daß es dir nur an Mut, nicht an Lust zu sündigen, fehle, beweiset deine Schwachheit gegen die Kreaturen, die ihre Gunst an den Meistbietenden verhandeln« – (v. 90–95). Die vorhergehenden Verse, vom 75- bis zum 90sten, scheinen bloß eingeschoben, um der Rede des Davus das studierte Ansehen einer methodischen Deklamation zu benehmen, und ihr dadurch mehr Wahrscheinlichkeit zu geben. Davus bringt lauter Dinge vor, die er von Crispins Türhüter, und dieser vom Crispin selbst gehört hatte; aber er trägt sie etwas unordentlich vor; und die echt Stoische Stelle: wer ist denn also frei , u.s.w. die in dem Munde eines Davus etwas so Possierliches erhält, macht im Zusammenhang den Effekt, als ob er gefürchtet hätte, sie zu vergessen, und also geeilt habe, sie bei der ersten besten Gelegenheit, wo sie ihm einfiel, an den Mann zu bringen. , und ich, beim Herkules, kein Dieb, indem ich so klug bin und bei deinem Silberzeuge \<60\> quo te demisit peccati conscia herilis, contractum genibus tangas caput? Estne marito matronae peccantis in ambo iusta potestas? In corruptorem vel iustior. Illa tamen se non habitu mutatve loco, peccatve superne: \<65\> cum te formidet mulier, neque credat amanti. Ibis sub furcam prudens dominoque furenti committes rem omnem et vitam et cum corpore famam! Evasti? – Credo, metues doctusque cavebis? Quaeres quando iterum paveas iterumque perire \<70\> possis! O toties servus, quae belua ruptis, cum semel effugit, reddit se prava catenis? Non sum moechus, ais: neque ego, Herculel fur, ubi vasa vorbeigeh' ohne einzusacken. Aber nimm uns beiden die Gefahr, den Zaum der lüsternen Natur, und sieh, wie rasch sie über die Schranken springen wird! Was? du , mein Herr ? Du, dem so viele Menschen , dem so viele Dinge zu gebieten haben? Du, den vierfache Manumission Vindicta . So hieß die feierliche Manumission oder Freigebung eines Leibeigenen, wobei der Prätor selbst die Zeremonie verrichtete. nicht von dem knechtischen Affekt der Furcht befreien könnte? – Wenn, wer einem Knechte gehorcht, sein Mitknecht, oder (wie ihr andern es nennet) sein Vikar ist, nun, was bin ich dir ? Da du, der mir gebietest, so vieler andern Sklave bist, und immer von fremder Hand, wie eine Gliederpuppe an Roßhaar, hin und her gezogen wirst? Wer ist denn also frei? Der Weise Man muß sich vorstellen, daß Davus hier einen bürleskgravitätischen Ton annimmt, um den magistralischen Ton des Stoikers zu parodieren. , der praetereo sapiens argentea: tolle periclum, iam vaga prosiliet frenis natura remotis. \<75\> Tune mihi dominus, rerum imperiis hominumque tot tantisque minor? quem ter vindicta quaterque imposita haud umquam misera formidine privet? Adde super dictis quod non levius valeat: nam sive vicarius est qui servo paret, (uti mos \<80\> vester ait) seu conservus, tibi quid sum ego? nempe tu, mihi qui imperitas, aliis servis miser, atque duceris ut nervis alienis mobile lignum. sich selbst beherrscht, den weder Armut, Kerker, noch Tod aus seiner Fassung setzen kann; der Stärke hat, den Lüsten Trotz zu bieten und Titel zu verschmähn; der ganz aus einem Stück und rund und glatt ist, so daß nichts von außen an ihn sich hängen, und kein Fall des Glücks aus seinem Gleichgewicht ihn heben kann. Kannst du in diesem Bilde auch nur einen Zug, der dir gehört, erkennen? – Wie? Ein Weibsstück ist unverschämt genug, für ihre Gunst dir bare fünf Talente abzufodern; sie quält dich, schließt die Tür dir vor der Nase zu, begießt dich, wenn du weilst, wohl gar mit kaltem Wasser, und wenn sie dann dich wieder rufen läßt, was tust du? – Nun, so ziehe doch den Hals aus diesem schandbarn Joche! Faß ein Herz und sag' ihr: ich bin frei! – Du kannst nicht? Gelt? Denn deine Seele drückt ein strenger Herr und stößt und treibt dich, wenn du abgemattet nicht vorwärts willst, mit scharfem Stachel fort! Quisnam igitur liber? Sapiens, sibi qui imperiosus, quem neque pauperies neque mors neque vincula terrent, \<85\> responsare cupidinibus, contemnere honores fortis, et in se ipso totus teres atque rotundus, externi ne quid valeat per leve morari; in quem manca ruit semper fortuna. Potesne ex his ut proprium quid noscere? Quinque talenta \<90\> poscit te mulier, vexat, foribusque repulsum perfundit gelida; rursus vocat: eripe turpi colla iugo; liber, liber sum, dic age! Non quis? Urguet enim dominus mentem non lenis, et acres subiectat lasso stimulos, versatque negantem. Und wenn du, wie ein Tor, vor einem Täfelchen des Pausias versteinert dastehst Pausias , von dessen kleinen enkaustischen Gemälden hier die Rede ist, war ein Maler aus Sicyon, der berühmtesten Schule der Kunst im alten Griechenlande. Er blühete um das Jahr 370 vor C. G. und exzellierte vornehmlich in kleinen Kinder- und Blumen-Stücken . Eines seiner berühmtesten Bilder stellte die schöne Glycera (seine Landesmännin und ehmalige Geliebte) mit einem von ihr geflochtnen Blumenkranz in der Hand, vor. Wie schön es gewesen sein müsse, läßt sich daraus schließen, daß der reiche Lucullus einem Athener für eine bloße Kopei dieses Stückes 2000 Taler bezahlte. ( Plin. XXXV. c. XI. ) , was bist du vernünftiger als ich, wenn ich die Kämpfe des Fulvius und Rutuba , und des Placidejans Berühmte Gladiatoren des Jahrhunderts vor Horaz, die man vermutlich in Weinhäusern und Barbierstuben auf diese Art an die Wände gesudelt sah. straff angestrengtes Knie, gemalt mit roter Kreide oder Kohle, bewundre, gleich als ob es wirkliche lebend'ge Fechter wären, die im Ernst mit wahren Schwertern blut'ge Streiche führten und ausparierten? Davus , heißts dann, ist ein Schlingel, der die Zeit vertändelt: du hingegen wirst noch, als ein feiner Kenner der alten Meister und der Kunst, bewundert! Ich bin ein Lumpenhund, wenn mich ein Fladen, frisch aus der Pfanne dampfend, reizt – denn freilich ein Geist und eine Tugend wie die deine läßt sich vom reichsten Gastmahl nicht versuchen In ironischem Tone. ! Mir ist es schädlicher, dem Bauch zu Willen zu sein! – Warum? Mein Rücken muß es büßen. \<95\> Vel cum Pausiaca torpes, insane, tabella, qui peccas minus atque ego, cum Fulvi Rutubaeque aut Placideiani contento poplite miror proelia, rubrica picta aut carbone, velut si revera pugnent, feriant, vitentque moventes \<100\> arma viri? Nequam et cessator Davus; at ipse subtilis veterum iudex et callidus audis. Nil ego, si ducor libo fumante; tibi ingens virtus atque animus cenis responsat opimis. Obsequium ventris mihi perniciosius est: cur? Als ob du ungestrafter bliebst, wenn du mit teuren Schüsseln und mit Schmäusen ohne Ende den Magen dir vergällst, und die getäuschten Beine den siechen Körper nicht mehr tragen können! Ein armer Schelm, der eine alte Striegel aus seines Herren Bad um eine Traube tauscht, hat schwer gesündigt: und des Sklaven Herr, der, seinem Gaum zu lieb, ein Grundstück nach dem andern feil macht, handelt er nicht noch weit knechtischer? Zu allem diesem laß mich noch hinzutun, daß du keine Stunde dich mit dir selbst behelfen kannst, nichts Kluges mit deiner Muße anzufangen weißt, dich selber ausweichst, und, gleich einem seinem Herrn entlaufnen Vagabund, dir die Gedanken bald mit Trinken, bald mit Schlafen zu vertreiben suchst. Vergebens! Denn die schwarze Sorge folgt dem Flüchtling überall dicht an der Ferse nach.   Horaz Ist denn kein Stein zur Hand?   \<105\> Tergo plector enim! Qui tu impunitior illa quae parvo sumi nequeunt opsonia captas? Nempe inamarescunt epulae sine fine petitae, illusique pedes vitiosum ferre recusant corpus. An hic peccat sub noctem qui puer uvam \<110\> furtiva mutat strigili? qui praedia vendit nil servile, gulae parens, habet? Adde quod idem non horam tecum esse potes, non otia recte ponere, teque ipsum vitas, fugitivus ut erro, iam vino quaerens, iam somno fallere curam; \<115\> frustra, nam comes atra premit sequiturque fugacem. HOR. Unde mihi lapidem? Davus                                     Wozu?   Horaz                                                   Kein Pfeil Es gehörte zu der Laune, worin dieses ganze Gedicht geschrieben ist, daß Horaz sich auf eine komische Art zornig über die Sottisen stellt, die er sich selbst und einer Menge von Leuten, denen man die Wahrheit nur lachend sagen durfte, von seinem Sklaven hatte sagen lassen. Keiner von allen Vorwürfen des Davus verdiente weniger, im Ernste böse darüber zu werden, als dieser: Horaz könne nicht mit sich selbst leben, wisse nichts Gescheutes mit seiner Muße anzufangen, und dergleichen. Weil aber das Stück doch ein Ende haben mußte, so konnte er nicht komischer abbrechen, als durch diesen affektierten Zorn über die Vorwürfe, die gerade unter allen am wenigsten auf ihn paßten. – Wie fürchterlich übrigens dem Davus die Drohung sein mußte, ihn zur untersten Stelle unter den Knechten, die auf seinem Sabinum arbeiteten, zu verdammen, läßt sich aus der Epistel an seinen Villicus abnehmen; der, ungeachtet er als Aufseher und Verwalter allen übrigen Sklaven auf dem Gute zu befehlen hatte, dennoch seinen dortigen Aufenthalt als eine traurige Verbannung ansah, und nicht aufhören konnte, sich nach dem müßigen und lustigen Leben in der Stadt zurückzusehnen. ?   Davus Der Mann ist rasend, oder macht er Verse?   Horaz Wenn du nicht eilends dich von hinnen machst, wirst du die Knechte des Sabinschen Gutes mit einem neunten Taugenichts vermehren!                                         DAV. Quorsum est opus? HOR. Unde sagittas? DAV. Aut insanit homo aut versus facit. HOR. Ocius hinc te ni rapis, accedes opera agro nona Sabino. Achte Satire Einleitung Unser Dichter hätte seine satirische Laufbahn schwerlich mit mehr Bedauren der Leser, das Ende derselben zu sehen, beschließen können, als mit diesem Stücke; wiewohl es unter diejenigen gehört, die er nicht sowohl für das Publikum als zur Belustigung seines großen Freundes Mäcenas geschrieben zu haben scheint. Er schildert eine Szene, die in Städten, wo große Welt ist, noch immer oft genug vorkommt, um (aller der kleinen Züge ungeachtet, welche die Hand der Zeit für uns verwischt hat) noch eine Frischheit zu haben, die an einem so alten Gemälde der stärkste Beweis der Geschicklichkeit des Meisters ist. Es scheint etwas Gewöhnliches in Rom gewesen zu sein, daß Leute von geringeren Stande Männern vom ersten Rang große Traktamente gaben; teils um sich, ihrer Meinung nach, bei ihnen dadurch ein Verdienst zu erwerben Ein Beispiel dieser Art kommt in den Briefen des Cicero an den Trebatius vor, wo er zu wiederholten Malen eines gewissen Octavius erwähnt, der mit aller Gewalt die Ehre haben wollte, den großen Konsularen zu bewirten. Cn. Octavius, summo genere natus, terrae filius, is me, quia scit tuum familiarem esse, crebro ad cenam invitat: adhuc non potuit perducere; sed mihi tamen gratum est. L. VII ep. 9. Ego, si foris cenitarem, Cn. Octavio, familiari tuo, non defuissem: cui tamen dixi, cum me aliquoties invitaret: oro te, quis tu es? etc. ibid. ep. 16. , teils um bei einer solchen Gelegenheit mit ihrem Reichtum und Geschmack Parade zu machen, und sich unter den Leuten ihrer Klasse das Ansehen zu geben, als ob sie mit den ersten Personen in der Republik auf einem gewissen Fuße stünden, und mit einem wichtigen Tone sagen zu können: »als Mäcenas mir neulich die Ehre erwies, bei mir zu speisen« oder, »Mäcenas, bei dem ich mir, ohne Ruhm zu melden, schmeicheln kann einen Stein im Brette zu haben« u.s.w. Das letztere fand vornehmlich bei derjenigen Art von Emporkömmlingen statt, die im Finanzstande , durch große merkantilische Geschäfte, Kommissionen, Pachtungen der Staatseinkünfte und dergleichen schnell zu einem großen Vermögen gelangt, oder noch schneller durch Beerbung von Leuten dieses Schlages reich geworden waren, und nun, vermöge der Maxime, die unser Dichter so oft zum Gegenstand seiner Satire macht, sich einbildeten, daß ihr Geld alle ihre Mängel bedecke, und ihnen alles mitteile, was man nötig habe, um Figur in der Welt zu machen, und sich mit den Ersten und Besten soviel möglich auf gleichen Fuß zu setzen. Aller Wahrscheinlichkeit nach war der Nasidienus Rufus , dessen dem Mäcenas gegebenes großes Gastmahl sich Horaz in gegenwärtigem Stücke von seinem Freunde Fundanius erzählen läßt, ein Mann aus dieser Gattung Die Vermutung vieler Ausleger, daß Nasidienus ein erdichteter Name sei, und daß Horaz den Salvidienus Rufus , von welchem im 66ten Kapitel des Suetonius in Augusto die Rede ist, dadurch habe bezeichnen wollen, hat nicht nur nicht den geringsten Grund für , sondern im Gegenteil vieles wider sich, wenn es der Mühe wert wäre, sich in diese Erörterung einzulassen. . Ein moderner Autor würde nicht ermangelt haben, uns von einer so lächerlichen Person eine Abschilderung vom Kopfe bis zum Fuße zu geben; aber Horaz hatte eine andere und unstreitig bessere Manier, seine Leute zu porträtieren; und ohne daß er so etwas im Sinne zu haben scheint, kommt, hier mit einem Zug und dort mit einem Zug, unvermerkt der Effekt heraus, daß wir den Mann leibhaftig vor uns stehen sehen, und seinesgleichen schon manche gekannt zu haben glauben. Man sieht aus allen Umständen, daß dieser Nasidienus, – nach Art der meisten, die das Glück und ihr eigenes Talent für die Kunst, reich zu werden, aus einem geringen Anfang dahin gebracht hat, etwas in der Welt vorzustellen, eine lächerliche Karikatur von Geiz und Verschwendung, von Hoffart und Niederträchtigkeit, von Eitelkeit und Leichtglaubigkeit, und bei einer Menge kleiner Prätensionen an Geschmack und Lebensart, ein platter, leerer, und langweiliger Mensch, ohne Geist, ohne Erziehung, ohne Welt – und also wahrlich kein Mann war, mit dem ein Mäcenas in irgend einem andern als in solchen Verhältnissen stehen konnte, die der Zufall und der Augenblick, in einer Stadt wie Rom, auch zwischen Personen, die am weitesten von einander abstechen, entstehen und wieder verschwinden macht. Wie dem auch sein mochte, genug, Mäcenas konnte oder wollte, aus Rücksichten deren sich eine Menge denken lassen, diesem Nasidien die Ehre nicht abschlagen, sich von ihm bewirten zu lassen; aber da die Sache so ablief, wie man sichs schon zum voraus vorstellen kann, so scheint er auch für billig gehalten zu haben, daß dem albernen Menschen seine Impertinenz nicht so ganz unbestraft hingehen sollte: und da man die Rache, welche Vibidius und Balatro gleich auf der Stelle an seinem Weinkeller ausgeübt hatten, noch nicht hinreichend fand: so scheint Horaz, wiewohl er kein Augenzeuge gewesen war, das übrige auf sich genommen, und in dieser Witz- und Scherzreichen Satire auf eine Art bewerkstelliget zu haben, die seinen großen Freund für die im Speisesaal des Nasidienus ausgestandne Langweile reichlich entschädigte. Übrigens wird es vielleicht nicht überflüssig sein, den Leser auf einen Umstand aufmerksam zu machen, den ich für einen Zug der feinsten Urbanität und Delikatesse halte. Er besteht darin, daß Mäcenas , wiewohl er bei Nasidiens Gastmahl die Hauptperson war, doch in diesem Stücke keine Rolle spielt, immer eine stumme Person vorstellt, an allem Mutwillen, den seine beiden Schatten (oder, nach unsrer Art zu reden, Gesellschafts-Cavaliers) an dem armen Nasidien verüben, keinen Teil nimmt, und überhaupt nur zweimal mit Namen genennt wird, und auch dies bloß, weil zum Effekt des Ganzen schlechterdings nötig war, zu wissen, daß die Gasterei ihm zu Ehren angestellt worden. Jeder Leser von feinerem Gefühl wird, wie ich hoffe, an dieser weisen Bescheidenheit – in einem komischen Gemälde, worin es darum zu tun ist, einen Gecken lächerlich zu machen, die respektable Person, die man dadurch rächen will, völlig in den Schatten zu stellen, – den Dichter erkennen qui nil molitur inepte , und den, selbst in den freiesten Ergießungen der scherzenden Laune, das Gefühl des Schicklichen nie verläßt.             Horaz       Fundanius Horaz Wie ist dir das Soupee des glücklichen Nasidien bekommen? Denn, als ich dich gestern bitten lassen wollte, wurde mir gesagt, du schmausest schon seit Mittag dort.   Fundan So daß in meinem Leben mir nie besser war.   Horaz Entdecke mir, wofern dirs nicht beschwerlich ist, was war der erste Gang?   Fundan                             Zu Anfang präsentierte sich ein Lucanisch Wildschwein, bei gelindem Südwind gefangen, wie der Herr des Gastmahls uns belehrte Hier scheint eine Ironie im Hinterhalt zu liegen. Nasidienus hatte sich, um einen so großen Herrn wie Mäcenas recht stattlich und standesmäßig zu regulieren, auf alle mögliche Art angegriffen. Die Lucanischen Wildschweine waren ihrer Größe und Schmackhaftigkeit wegen vorzüglich. Er hatte also zu diesem Gastmahl ein Schwein aus Lucanien kommen lassen, und ermangelte nicht, diesen Umstand geltend zu machen, mit dem Beifügen, es wäre bei einem gelinden Südwinde gefangen worden; vermutlich, um die Nasen der Gäste mit dem Geruch desselben auszusöhnen, der sie, den Umständen nach, etwas weit Schlimmeres vermuten ließ. . Ringsherum Radieschen, Rettiche, Salat, und was den schlaffen Magen sonst zu reizen fähig ist, Sardellen, Sellerie     HOR. Ut Nasidieni iuvit te cena beati? Nam mihi quaerenti convivam, dictus here illic de medio potare die. FUND. Sic ut mihi numquam in vita fuerit melius. HOR. Da, si grave non est, \<5\> quae prima iratum ventrem placaverit esca. FUND. In primis Lucanus aper leni fuit austro captus, ut aiebat cenae pater; acria circum rapula, lactucae, radices, qualia lassum pervellunt stomachum, siser, halec, faecula Coa. und Koische Tunke. Als dies abgetragen war, erschien ein hochgeschürzter Sklav und wischte den Tisch von Ahornholz mit einem rauhen Lappen von Purpur ab. Ein andrer las, was hie und da unnütz herumlag und den Gästen lästig sein konnte, auf. Und nun, so feierlich wie eine attische Korbträgerin der heil'gen Ceres , trat mit einem Korbe Cäcubschen Weins der kupferfarbige Hydaspes Ein aus Ostindien gebürtiger Sklave. Es gehörte zu der Ostentation reicher Römer, Sklave von allerlei Nationen und Farben zu haben. , und mit Chier , dem das Meer was Unbekanntes war, ein andrer auf. Hier sprach der Hauspatron: Mäcen, wofern du Falerner oder auch Albaner lieber trinkst, wir haben beides.   Horaz                   O der reichen Armut Divitias miseras! Was Horaz mit dieser Ausrufung eigentlich sagen wolle, ist nicht allzu deutlich, und ich finde keine Auslegung bei den Kommentatoren, die mir völlig genug tut. Ich mußte mich also so genau als möglich an die Worte des Textes halten, und dem Leser selbst überlassen, was für einen Sinn er darin finden will oder kann. Der Wein aus der Gegend der Campanischen Stadt Cäcubum hatte damals unter den italienischen, so wie der Wein von Chios unter den griechischen, den ersten Rang. Nasidien , dem es bei dieser Gasterei darum zu tun war, sich sehen zu lassen , läßt also, mit möglichster Ostentation, einen Korb voll Flaschen von diesen beiden Sorten aufstellen. Damit man aber nicht etwa glaube, als ob er nicht auch Falerner- und Albanerwein im Keller habe (die ebenfalls, wie anderswo schon bemerkt worden, unter die geschätztesten und teuersten Weine gerechnet wurden), so unterläßt er nicht dem Mäcen zu sagen: er sei auch mit diesem versehen, wofern Mäcen lieber Falerner oder Albaner trinke. Ich vermute, das Armselige, das Horaz in dieser Ostentation zu finden scheint, liege darin: daß Nasidien seinen Falerner- und Albanerwein nicht wirklich mit dem Cäcubischen- und Chierwein zugleich aufsetzte und es auf die Willkür der Gäste ankommen ließ, von welchem sie trinken wollten. Denn so wie er es anstellte, hatte es doch immer das Ansehen, als habe er wenigstens seinen Falerner und Albaner sparen wollen, in Hoffnung, die Gäste würden diskret genug sein, von seinem freigebigen Anerbieten keinen Gebrauch zu machen. Es ist immer etwas Knickerhaftes in der Art, wie ein Mann dieses Schlags sich auch dann benimmt, wenn er sich das Ansehen geben will, daß er reich und großherzig genug sei, bei Gelegenheit sich keinen Aufwand dauern zu lassen. Und auf diesen Charakterzug des Nasidien scheint der Dichter hier deuten zu wollen. ! Doch eh du fortfährst, laß mich wissen, lieber Fundanus , wer die andern Gäste waren, die diesen Schmaus so angenehm dir machten?   \<10\> His ubi sublatis puer alte cinctus acernam gausape purpureo mensam pertersit, et alter sublegit quodcumque iaceret inutile quodque posset cenantes offendere: ut Attica virgo cum sacris Cereris procedit fuscus Hydaspes \<15\> Caecuba vina ferens, Alcon Chium, maris expers. Hic herus: Albanum, Maecenas, sive Falernum te magis oppositis delectat, habemus utrumque. HORAT. Divitias miseras! – Sed queis cenantibus una, Fundani, pulchre fuerit tibi nosse laboro. Fundan Ich saß zu oberst, Viscus neben mir Um einen deutlichen Begriff von dieser ganzen Stelle zu erhalten, muß man sich die Form eines römischen Triclinii , d. i. einer Tafel, mit den von dreien Seiten sie umgebenden lectis oder Kanapees, anschaulich machen; wozu die hier beigefügte Figur aus Salmasii Kommentar über den Solinus dienen wird. und, wo mir recht ist, Varius unter ihm; dann, neben Balatro, Vibidius , als Schatten , die Mäcenas mitgebracht Vibidius und Balatro waren ein paar Scurren oder Hofnarren, von der feinern Sorte, die, wie es scheint, unter die gewöhnlichen Commensalen des Mäcenas gehörten, und die er (da die Langweile, die bei diesem großen Traktamente auf ihn wartete, leicht voraus zu sehen war) mitgebracht hatte, um die Göttin des Hojahnens von sich abzuhalten, und ihnen den armen Nasidienus, wie billig, Preis zu geben. Sie waren nicht geladen, sondern Mäcenas, als die Hauptperson bei dem Feste, brachte sie als seine Familiares mit. Man hieß diese Art von Gästen umbras , weil sie gleichsam die Schatten des großen Herrn waren, in dessen Gefolge sie kamen; und sie wurden, ihm zu Ehren, auf den mittelsten Kanapee, als den Ehrenplatz, gesetzt und vor allen übrigen Gästen mit vorzüglicher Aufmerksamkeit behandelt. Auch Varius und Viscus , ein paar Männer, die zu der auserlesenen Gesellschaft Mäcens gehörten, und mit einem Menschen wie Nasidien in keinem besondern Verhältnis stehen konnten, scheinen, wiewohl ausdrücklich geladen, bloß als Personen, die dem Mäcenas vorzüglich angenehm und zu seiner Unterhaltung geschickt waren, da gewesen zu sein. ; zuletzt der Hausherr zwischen Nomentan und Porcius , der uns mit seiner Kunst, auf einmal ganze Fladen einzuschlingen, belustigte Porcius wird durch diesen Zug als ein armer Schlucker bezeichnet, der den Complaisant und Schmarotzer in Nasidiens Hause machte, und sich bei dieser Gelegenheit hauptsächlich durch die Geschäftigkeit seiner Kinnbacken hervortrat. Derjenige, den Horaz (vielleicht bloß wegen seiner Ähnlichkeit mit diesem berüchtigten Verschwender) Nomentanus nennt, spielte schon eine wichtigere Rolle; denn er machte den Nomenclator , und war als ein Mann, der seinen Geschmack und seine kulinarischen Kenntnisse vielleicht mit Aufopferung seines Vermögens erworben hatte, vorzüglich geschickt, dem Herrn des Gastmahls in den gelehrten Erläuterungen, die er über alle Schüsseln machte, an die Hand zu gehen, und die minder gelehrten Gäste auf das Seltenste und Feinste, was auf die Tafel kam, aufmerksam zu machen. . Der Nomentanus schien bloß da zu sein, falls etwa dies und jenes uns unbemerkt entginge, mit dem Zeigefinger es anzudeuten: denn wir übrigen wir aßen, was uns vorkam, Vögel, Muscheln, und Fische, ohne, was wir aßen, am Geschmacke zu erkennen; wie sich offenbarte, da Nomentan das leck're Eingeweid von einer Scholle und von einem Rhombus mir auf den Teller legte, Dinge, die ich nie \<20\> FUND. Summus ego, et prope me Viscus Thurinus, et infra, si memini, Varius; cum Servilio Balatrone Vibidius, quos Maecenas adduxerat umbras. Nomentanus erat super ipsum Nasidienum. . Porcius infra, ridiculus totas simul absorbere placentas. \<25\> Nomentanus ad hoc, qui si quid forte lateret indice monstraret digito: nam cetera turba nos, inquam, cenamus aves, conchylia, pisces, longe dissimilem noto celantia succum, ut vel continuo patuit, cum passeris atque \<30\> ingustata mihi porrexit ilia rhombi. zuvor gekostet. Bald darauf belehrt' er mich, daß Quitten, in des Mondes erstem Viertel gelesen, rot sind. Was dies auf sich hat, wirst du am besten von ihm selbst erfragen. Jetzt flüsterte Vibid dem Balatro ins Ohr – »Wir müssen mördrisch trinken, oder sterben ungerochen« – und fodert größre Becher Man sieht aus diesem Zuge, wie aus der ganzen leichtfertigen Rolle, welche die beiden Mäcenatischen Schatten bei diesem Gastmahle spielen, daß sie ihren Anteil am Schmause redlich zu verdienen beflissen waren. Den sämtlichen Gästen des summi et medii lecti , welche der lebhaftesten, witzigsten und politesten Unterhaltung im Hause Mäcens gewohnt waren, mußten die Prätensionen und das ganze lächerlich platte Betragen des Nasidienus (das desto abgeschmackter war, je mehr er den Mann von Welt und den Elegant zu machen glaubte) in die Länge sehr lästig fallen. Es würde nicht auszuhalten gewesen sein, wenn Mäcenas, durch eine stillschweigende Erlaubnis, oder vielleicht vermöge einer schon zuvor genommenen Abrede, den Mutwillen seiner beiden Complaisans nicht in Freiheit gesetzt hätte, dem albernen Gastmahlsgeber so übel mit zu spielen, als mit der römischen Urbanität und mit der Anständigkeit, welche die Gegenwart eines Mäcenas erfoderte, nur immer verträglich war. Der Wert, den Nasidienus auf seinen Cäcubischen Wein legte, zeigte den Schälken den unfehlbarsten Weg, ihm auf der empfindlichsten Seite beizukommen. Er hatte, bei einer Tischgesellschaft von so feinen und gelehrten Herren, nicht auf starke Trinker gerechnet; und sein Geiz hatte nichts zu wagen geglaubt, wenn er, seiner prahlerischen Eitelkeit zu Gefallen, die besten und teuersten Weine seines Kellers aufsetzen ließe. Vibidius konnte ihm also keinen schlimmern Streich spielen, als daß er größre Becher verlangte, und die Gäste in die Laune setzte, den Flaschenkorb, womit Hydaspes so feierlich aufgezogen war, baldmöglichst leer zu machen. Cruquius hat den Witz und Humor dieses moriemur inulti völlig verfehlt, da er meint, es seien verba execrantis saporem condimentorum plane putidum . Davon ist im Texte nicht die geringste Spur. Das Gastmahl des Nasidienus war nicht wegen der schlechten Zubereitung der Schüsseln, sondern wegen der Abgeschmacktheit des Wirtes unausstehlich; und der Sinn der Worte des Vibidius ist offenbar dieser: weil wir doch an Langweile sterben sollen, so wollen wir wenigstens nicht ungerochen sterben! . Leichenblaß wird bei dem furchtbarn Wort der arme Wirt, der nichts so sehr wie scharfe Zecher scheut, entweder weil sie sich nichts übel nehmen, oder weil feur'ger Wein dem Gaum das feinere Gefühl des Schmeckens raubt. Genug, Vibid und Balatro, und, ihrem Beispiel nach, wir andern lassen die großen Stutzer Aliphani , große Becher, die zu Aliphä im Lande der Samniter fabriziert wurden. uns so fleißig füllen, daß alle Krüge, die den Schenktisch drücken, in kurzem auf dem Kopfe stehen. Nur die Gäste auf dem letzten Sitze Nomentan und Porcius, als die complaisans des Nasidienus. taten den Flaschen ihres Gönners keinen Schaden. In einer großen Schüssel ausgestreckt Post haec me docuit, melimela rubere minorem ad lunam delecta: quid hoc intersit, ab ipso audieris melius. Tum Vibidius Balatroni: »Nos, nisi damnose bibimus, moriemur inulti!« \<35\> et calices poscit maiores. Vertere pallor tum parochi faciem, nil sic metuentis ut acres potores, vel quod maledicunt liberius, vel fervida quod subtile exsurdant vina palatum. Invertunt Aliphanis vinaria tota \<40\> Vibidius Balatroque, secutis omnibus; imi convivae lecti nihilum nocuere lagenis. wird zwischen Hummern, die in Brühe schwimmen, nun eine mächtige Lamprete aufgetragen. Der Wirt berichtet uns, sie wäre trächtig gefangen worden, weil sie nach der Zeit am Fleische schlechter sei. »Die Brüh' ist aus dem besten Venafraner Öl Das Öl aus der Gegend von Venafrum in Campanien wurde für das beste gehalten. Plin. XV. 2. und Spanischer Makrelenlake, mit fünfjährigem inländ'schem Wein gekocht, nicht ohne weißen Pfeffer und Essig von Methymna . Chierwein wird nicht mit eingekocht; er muß beim Essen dazu getrunken werden Ich habe hier einer nicht allzudeutlichen Stelle den Sinn gegeben, der mir die meiste Wahrscheinlichkeit zu haben scheint. Nasidien sagt ausdrücklich: die Soße, wozu er seinen Gästen das Rezept gibt, müsse mit italienischem Weine abgekocht werden, und setzt in einer Parenthese hinzu: cocto Chium sic convenit ut non hoc magis ullum aliud . Dieses Corollarium scheint doppelsinnig zu sein. Es kann heißen: man müsse, wenn die Soße völlig fertig sei, noch Chierwein dazu gießen; es kann aber auch soviel sagen: man müsse ihn dazu trinken, weil kein andrer besser zu diesem Gerichte schmecke. Der alte Kommentator beim Cruquius hat noch eine dritte Art, diese Stelle auszulegen, gefunden, nämlich so, daß sie – gar keinen Sinn hat. . Diese Soße mit frischem weißem Senf und Alant zu verbessern, ist, ohne Ruhm zu melden, meine eigene Erfindung; der Makrelenlake zieht jedoch Curtillus Dieser Curtillus war, allem Ansehen nach, ein terrae filius von gleichem Schlage wie Nasidien; und es scheint in dieser Berufung auf ihn, als auf einen Mann von Bedeutung (da er doch vermutlich dem Mäcenas ganz unbekannt war), eine Pläsanterie, die für uns verloren geht, zu liegen. ungewaschene Meerigel vor.«   Der edle Gastherr hatte seinen Kommentar Affertur squillas inter murena natantes, in patina porrecta. Sub hoc herus: »Haec gravida«, inquit, »capta est, deterior post partum carne futura. \<45\> His mixtum ius est: oleo, quod prima Venafri pressit cella, garo de succis piscis Iberi, vino quinquenni, verum citra mare nato, dum coquitur (cocto Chium sic convenit, ut non hoc magis ullum aliud) pipere albo, non sine aceto, \<50\> quod Methymnaeam vitio mutaverit uvam. Erucas virides, inulas ego primus amaras monstravi incoquere, inlutos Curtillus echinos, ut melius muria, quam testa marina remittit.« noch kaum vollendet, als der Baldachin, mit einer dickern Wolke schwarzen Staubs, als je der Nordwind in Campaniens Feldern erregen kann, auf einmal in die Schüssel herunterplumpte Die Römer pflegten in ihren Speisesälen unter einer Art von leichtem zeltförmigen Baldachin zu essen, damit kein Staub von oben herab auf die Tafel fallen könne. Da der arme Nasidienus nicht daran gedacht hatte, die Maschine weder befestigen noch abstauben zu lassen, so war der Verdruß, den ihm ein so unversehener Zufall verursachte, um so empfindlicher, weil er so leicht zu verhüten gewesen wäre. . Stelle dir im ersten Schrecken den Aufruhr vor! Doch wir, sobald wir merkten, dies sei das Ärgste, brachten uns bald wieder in Ordnung: nur den Wirt schlug dieser Zufall so ganz zu Boden, daß er, sein Gesicht aufs Küssen hingedrückt, wie auf die Leiche von seinem einz'gen Sohn, zu weinen anfing, und jetzt vielleicht noch weinte, wenn sein Freund, der weise Nomentan , ihn nicht in seinem Jammer mit diesem Trostspruch aufgerichtet hätte: O unbeständige Fortuna! welcher Gott spielt grausamer als du uns Armen mit? Daß du doch immer deine Freude d'ran hast, uns die unsern zu verkümmern! – Varius konnte kaum mit dem Tellertuche vor dem Munde des Lachens sich erwehren. Leider ist dies das gemeine Los der Menschheit, spricht mit schelmisch aufgeworfner Nase Balatro : Interea suspensa graves aulaea ruinas \<55\> in patinam fecere, trahentia pulveris atri quantum non Aquilo Campanis excitat agris. Nos, maius veriti, postquam nihil esse pericli sensimus, erigimur. Rufus, posito capite, ut si filius immaturus obisset, flere. Quis esset \<60\> finis, ni sapiens sic Nomentanus amicum tolleret: heu, Fortuna! quis est crudelior in nos te deus? ut semper gaudes illudere rebus humanis! – Varius mappa compescere risum vix poterat. Balatro, suspendens omnia naso, \<65\> haec est condicio vivendi, aiebat, eoque Ich fürchte selbst, der Ruhm, um dessentwillen du soviel Aufwand machest, werde dir die Mühe nie bezahlen. Wie du dich zerquälen mußt, mich stattlich zu bewirten! Wie viele Sorgen! Daß das Tafelbrot nicht allzubraun gebacken, keine Soße falsch zubereitet sei, die Diener alle geputzt und zierlich aufgeschürzt ihr Amt mit Anstand tun! Und nun die Unglücksfälle noch obendrein! Als, wenn, zum Beispiel, wie gleich eben jetzt, der Himmel einfällt, oder ein Stallknecht einen Fehltritt tut und fallend die Schüssel von Majolika zerbricht Der Agaso , den der schalkhafte Balatro hier ins Spiel zieht, ist ein sehr boshafter Zug. Nasidien hatte nach Art der Leute seines Standes und Charakters, um dem Mäcenas alle mögliche Ehre anzutun, und zugleich mit einer recht großen Anzahl von Bedienten Parade zu machen, alle Sklaven in seinem Hause, bis auf die Stallknechte inclusive , wohl geputzt und aufgescheurt, bei dieser Gelegenheit Dienste tun lassen; und Balatro gibt ihm durch diese Voraussetzung – wie leicht es begegnen könne, daß so ein tölpischer und dieser Art von Dienst ungewohnter Kerl, beim Auftragen, mit der Schüssel in der Hand stolpern und fallen könnte – zu verstehen, daß eine so feine Nase wie die seinige unter den Bedienten, welche bei der Tafel aufwarteten, die Stallknechte, ihrer Verkleidung ungeachtet, gar bald ausfindig gemacht habe. Die durchgängige Ironie in dieser Trostrede des Balatro, die man sich mit dem ganzen komischen Ernste, den ein solcher Spötter zu affektieren weiß, vorgetragen denken muß, macht mit der albernen Einfalt des Nasidienus, der alles im Wortverstande nahm, und sich noch dafür bedankte, daß man an seinem eigenen Tische den Narren mit ihm trieb, einen so komischen Effekt, daß Horaz alle Ursache hatte, zu sagen, er wisse nicht, bei welchem Schauspiel er lieber hätte zugegen sein mögen. ! Indessen ists mit einem Gastherrn wie Mit einem Feldherrn: das Talent des einen, wie des andern, wird durchs Glück verdunkelt, und durch Unglück erst ins wahre Licht gestellt. O möchten dir die Götter geben, was dein Herz gelüstet, daß du ein so guter Mann und nachsichtvoller Tischgenosse bist, versetzt Nasidien , und fodert seine Pantoffeln Diese wurden bei Tische, wo man auf einer Art großen Kanapees lag, der Bequemlichkeit wegen abgelegt. . Sein Verschwinden aus dem Saale gibt responsura tuo numquam est par fama labori. Tene, ut ego accipiar laute, torquerier omni sollicitudine districtum? ne panis adustus, ne male conditum ius apponatur? ut omnes \<70\> praecincti recte pueri comptique ministrent? Adde hos praeterea casus, aulaea ruant si ut modo, si patinam pede lapsus frangat agaso. Sed convivatoris, uti ducis, ingenium res adversae nudare solent, celare secundae. \<75\> Nasidienus ad haec: tibi dii quaecumque preceris commoda dent: ita vir bonus es convivaque comis; den Gästen Freiheit, sich durch Flüstern in des Nachbars Ohr ein wenig Luft zu machen.   Horaz Ich kenne wahrlich kein Spektakel, das ich lieber hätte sehen mögen! Doch, ich bitte dich, was gabs noch mehr zu lachen?   Fundan Vibidius erkundigt sich hierauf bei den Bedienten, ob der Baldachin die Flaschen etwa auch zerbrochen habe, daß er auf sein Begehren nichts zu trinken bekommen könne? Unterdessen man, um sich recht auszulachen, allerlei zum Vorwand nimmt, und Balatro dabei den andern Spötter treulich unterstützt, kommt mein Nasidien mit heitrer Stirne wieder zurück, die zu versprechen schien, durch Kunst Fortunens Fehler wieder gut zu machen. In einer tiefen Schüssel Mazonomon (ein aus der griechischen Küche entlehnter Name) scheint eine Art von tiefer Schüssel oder Bassin gewesen zu sein, worin gewöhnlich die breiartigen Speisen und Puddings aufgetragen wurden. von zwei Sklaven et soleas poscit. Tum in lecto quoque videres stridere secreta divisos aure susurros. HORAT. Nullos his mallem ludos spectasse! sed illa \<80\> redde, age, quae deinceps risisti. FUND. Vibidius dum quaerit de pueris, num sit quoque fracta lagena, quod sibi poscenti non dentur pocula, dumque ridetur fictis rerum, Balatrone secundo, Nasidiene, redis mutatae frontis, ut arte getragen, folgt ihm ein zerstückter Krannich mit Salz und Semmelkrumen dicht bestreut, und Lebern weißer Gänse, die mit lauter Feigen gemästet worden Man merkt, ohne daß Fundanus es sagt, daß Nasidien oder Nomentan die Gäste abermals von diesem Umstand unterrichteten. , und von jungen Hasen die Schultern ohne Rückgrat, als auf diese Weise weit niedlicher; nicht minder sahen wir geschmorte Amseln, etwas angebrannt, und Tauben à la crapaudine kommen, und kurz, viel Gutes, wenn der Hausherr uns von jedem die Natur- und Kunstgeschichte nicht vordozierte; denn so blieb uns doch sonst keine Rache übrig, als von allem nicht einen Bissen anzurühren, gleich als ob Canidia mit ihrem Schlangenatem das ganze Gastmahl angeblasen hätte. \<85\> emendaturus fortunam: deinde secuti mazonomo pueri magno discerpta ferentes membra gruis, sparsi sale multo non sine farre; pinguibus et ficis pastum iecur anseris albi et leporum avulsos, ut multo suavius, armos, \<90\> quam si cum lumbis quis edit; tum pectore adusto vidimus et merulas poni et sine clune palumbes, suaves res, si non causas narraret earum et naturas dominus: quem nos sic fugimus ulti, ut nihil omnino gustaremus, velut illis \<95\> Canidia afflasset, peior serpentibus Afris.