Xenophon Xenophon's Erinnerungen an Sokrates Vorwort. Schon seit alter Zeit hat man darüber gestritten, ob Xenophon oder Platon das historisch treuere und erschöpfendere Bild von Sokrates entworfen habe, und welcher von beiden als Quelle der Philosophie des Sokrates anzusehen sei. Diese Frage hat sich mehr und mehr zu Gunsten Xenophon's entschieden, der uns in seinen Erinnerungen an Sokrates ein treues Bild von Sokrates Lehre und Persönlichkeit gegeben hat. Er hat nur Thatsächliches und Selbsterlebtes zuverlässig berichtet, und er besaß die geistige Befähigung, einen Mann wie Sokrates zu verstehen, um dessen Lehre in ihren Grundzügen richtig darzustellen. Dafür bürgt uns die Thatsache, daß Sokrates mit ihm mehrere Jahre hindurch einen näheren Umgang unterhalten hat. Daß ich bei der vorliegenden Übersetzung alle mir nur irgend zugängliche Litteratur benutzt habe, versteht sich von selbst. Meiner Übersetzung habe ich die erklärende Ausgabe des um die Kritik und Erklärung Xenophon's hochverdienten Ludwig Breitenbach zu Grunde gelegt, (Berlin, Weidmannsche Buchhandlung, fünfte Auflage 1878). Manche Belehrung habe ich aus seinen trefflichen Anmerkungen geschöpft, was dankbar anzuerkennen ich für meine Pflicht halte. Auch die erklärende Schulausgabe von Dr. Rafael Kühner (vierte Auflage, besorgt von Dr. Rudolf Kühner , Leipzig 1882) habe ich an manchen Stellen benutzt. Von den existierenden Übersetzungen habe ich die von Neide, Finckh und Zeising gebührend berücksichtigt. Was zum Verständnis des Einzelnen nöthig war, habe ich in kurzen Anmerkungen, die sich am Ende der Uebersetzung befinden, beigefügt. In Betreff der Uebersetzung selbst habe ich mich so viel als möglich, ohne der deutschen Sprache Gewalt anthun zu wollen, an das Original angeschlossen. Eine Einleitung über Xenophon's Leben und Werke voranzuschicken, hielt ich für überflüssig, da eine solche sich in der Uebersetzung der Xenophontischen Anabasis (Universal-Bibl. No. 1185 und 1186) befindet, auf die ich hiermit verweise. Möge diese Uebersetzung, an der ich mit Lust und Liebe gearbeitet habe, und der ich dies Geleitswort aus dem meerbespülten und waldumrauschten Ahlbeck mitgebe, den Beifall competenter Beurtheiler sich erwerben. Ahlbeck auf Usedom , den 22. Juli 1883. Otto Güthling. Erstes Buch. 1. Kapitel. Vertheidigung des Sokrates gegen die Beschuldigung, daß er nicht die Götter des athenischen Staates verehrt und neue Gottheiten eingeführt habe. 1. Oft habe ich mich darüber gewundert, durch welche Gründe in aller Welt die Ankläger des Sokrates den Athenern überzeugend nachgewiesen haben mögen, daß er den Tod um den Staat verdient habe. Die gegen ihn erhobene öffentliche Klage lautete nämlich ungefähr so: Sokrates thut Unrecht, einmal dadurch, daß er die Götter nicht anerkennt, welche der Staat anerkennt und andere fremde Gottheiten einführt, sodann aber auch dadurch, daß er die Jugend verführt. 2. Was nun das Erste anlangt, daß er die Götter nicht anerkenne, welche der Staat anerkennt, was für einen Beweis in aller Welt mögen sie da vorgebracht haben? Bekanntlich opferte er oft zu Hause, D. h. in einem das Haus umgebenden und von einer Mauer eingeschlossenen freien Platze, in dessen Mitte der Hauptaltar des Ζευσ Ερχειοσ Greek stand. oft auch auf den öffentlichen Altären der Stadt; Diese befanden sich unter freiem Himmel; auch die Tempelaltäre standen vor dem Tempel, so daß man die Opfernden sehen konnte. auch ganz offenkundig bediente er sich der Weissagungen. Es hat ja genug böses Blut gemacht, daß Sokrates sagte, die Gottheit Das δαιμονιον, die göttliche Stimme, die Sokrates in seinem Innern vernahm, so oft er etwas thun wollte, was nicht gut war; das Schweigen derselben hielt er für ein Zeichen der Billigung. Diese göttliche Stimme aber betrachtete Sokrates nicht als eine ihm allein von den Göttern verliehene Wohlthat, sondern er lehrte, von jedem Menschen, der ein unverdorbenes und reines Gemüth und wahre Frömmigkeit besitze, werde sie vernommen ( Kühner ). (Bei Xenophon ist το δαιμονιον(persönlich) die Gottheit, insofern sie in Sokrates individuell wirkt, nach Platon ist das δαιμονιον (sachlich) eine göttliche (innere) Stimme, die Sokrates zu vernehmen glaubt; Breitenbach , Einleitung § 31.) gebe ihm Andeutungen, weshalb eben ganz besonders sie, wie ich glaube, ihn beschuldigt haben, daß er fremde Gottheiten einführe. 3. Aber er führte damit ebensowenig etwas Neues ein, als all' die andern, welche an die Weissagekunst glauben und sich des Fluges der Vögel, der Vorbedeutungen aus der menschlichen Stimme, des Schauens der Eingeweide der Opferthiere und sonstiger Zeichen bedienen. Denn wie diese annehmen, daß nicht die Vögel, noch die ihnen Begegnenden das den Fragenden Zuträgliche wüßten, sondern daß es die Götter durch diese offenbaren, so dachte auch jener hierüber. 4. Aber die Meisten sagen es, als wenn sie von den Vögeln und Begegnenden ermahnt oder gewarnt würden, Sokrates hingegen sagte so, wie er dachte; er sagte nämlich, die Gottheit gebe ihm Andeutungen. Und vielen seiner Freunde gab er den Rath, dieses zu thun, jenes aber nicht zu thun, weil ihm die Gottheit eine Andeutung gäbe; und denen, die ihm folgten, gereichte es zum Nutzen, diejenigen aber, welche ihm nicht folgten, bereuten es. 5. Und wer wollte fürwahr nicht zugeben, daß er nicht gewünscht hätte, vor seinen Freunden als ein Narr oder Einfaltspinsel dazustehen? Beides aber würde er gewünscht zu haben scheinen, wenn er sich erst als einen Verkündiger göttlicher Offenbarungen und dann hinterher als einen Betrüger gezeigt hätte! Offenbar nun hätte er derartiges nicht vorhergesagt, wenn er nicht an die Erfüllung desselben fest geglaubt hätte. Wer möchte aber hierin wohl einem andern als einem Gotte Glauben schenken? Wenn er aber den Göttern glaubte, wie hätte er da glauben können, daß es überhaupt keine Götter gebe? 6. Aber wahrlich, außerdem that er auch noch Folgendes für seine Freunde. Die nothwendigen Dinge rieth er so zu thun, wie er glaubte, daß sie am besten gethan sein würden; hinsichtlich alles dessen aber, dessen Ausgang unberechenbar war, verwies er sie an das Orakel, um zu fragen, ob sie es unternehmen dürften. 7. Auch diejenigen, welche Haus- und Staatsangelegenheiten gut verwalten wollten, könnten, sagte er, der Weissagekunst nicht entbehren, obwohl er so etwas, wie ein Zimmermann, ein Schmied, ein Landmann, ein Beherrscher der Menschen oder einer, der dergleichen Arbeiten zu prüfen versteht, oder ein Rechenkünstler, ein Hausverwalter, oder ein Heerführer zu werden, für erlernbar hielt und glaubte, es könne auch schon durch menschliche Einsicht gewonnen werden. 8. Das Wichtigste aber von dem, was dabei in Betracht kommt, das, sagte er, haben die Götter sich selbst vorbehalten und den Menschen nicht offenbart. Denn weder könne der wissen, welcher seinen Acker gut bestellt habe, wer die Früchte einernten werde, noch wisse der, welcher sich ein schönes Haus gebaut habe, wer darin wohnen werde, auch wisse ein Feldherr nicht, ob seine Kriegsführung Heil bringen werde, und der Staatsmann wisse nicht, ob er mit gutem Erfolge an der Spitze des Staates stehe; auch wisse der nicht, welcher ein schönes Weib geheirathet hat, um sich desselben zu erfreuen, ob es ihm dereinst nicht Kummer bereiten werde; auch könne der nicht, welcher zu Verwandten einflußreiche Männer im Staate habe, wissen, ob er nicht gerade durch diese des Staates verlustig gehen könnte. 9. Diejenigen aber, welche glaubten, daß nichts von alledem von der Einwirkung der Götter abhängig sei, sondern alles Sache der menschlichen Einsicht sei, hielt er für verrückt; für verrückt aber auch diejenigen, welche Weissagungen in solchen Dingen haben wollten, welche die Götter den Menschen zur Erlernung und zur Beurtheilung übergeben hätten. Wenn z. B. einer fragte, ob es besser sei, einen des Fahrens Kundigen beim Fuhrwerk anzunehmen oder einen Unkundigen, oder ob es besser sei, einen, der das Steuern verstünde auf sein Schiff zu nehmen oder einen, der es nicht verstünde, – ein Solcher, wie auch diejenigen, welche Dinge, die durch Zählen, durch Abmessen oder durch Abwägen man sich aneignen könne, von den Göttern erfragten – alle diese hielt er für Frevler. Er behauptete, daß man alles das, was uns die Götter zur Erlernung und zur Ausführung gegeben hätten, erlernen müsse; das aber, was den Menschen unergründlich sei, müsse man mit Hilfe der Weissagekunst von den Göttern zu erfragen versuchen, denn die Götter gäben denjenigen Zeichen, welchen sie gnädig seien. 10. Aber er verkehrte ja immer vor Aller Augen. Denn des Morgens in der Frühe besuchte er die Säulenhallen Unter solchen Säulengängen spazierte man, um gegen die Sonnenhitze und gegen Unwetter geschützt zu sein, auf und ab. und die Turnplätze, und zur Mittagszeit konnte man ihn dort sehen, und auch zu andern Tageszeiten war er immer da zu finden, wo er mit den Meisten zusammentreffen konnte. Auch sprach er gewöhnlich, und wer wollte, konnte zuhören. 11. Aber keiner hatte jemals von Sokrates etwas Gottloses oder Unheiliges gesehen oder gehört. Auch redete er nicht, wie die Meisten, über die Natur des Weltalls, indem er darüber Betrachtungen angestellt hätte, was es mit dem von den Philosophen so genannten Kosmos (Weltall) für eine Bewandtnis habe und nach welchen Naturgesetzen alle Himmelserscheinungen vor sich gehen, sondern er hielt sogar diejenigen, welche über solche Dinge grübelten, für thöricht. 12. Und zuerst fragte er dabei, ob sie etwa schon wähnten, in menschlichen Dingen genügend erfahren zu sein und deshalb solche Grübeleien vornähmen, oder ob sie wähnten, das Geziemende zu thun, wenn sie die menschlichen Dinge bei Seite ließen und sich mit göttlichen beschäftigten. 13. Er wunderte sich aber, wenn es ihnen nicht klar war, daß es Menschen unmöglich sei, dieses ausfindig zu machen, da ja auch diejenigen, welche sich auf ihre Disputationen über solche Gegenstände sehr viel zu Gute thäten, nicht dieselben Ansichten hätten, sondern wie Wahnsinnige einander gegenüberständen. 14. Denn von den Wahnsinnigen fürchteten die einen nicht einmal das Furchtbare, andere hingegen fürchteten sich selbst vor dem nicht Furchtbaren; den einen scheine es gar nichts Schimpfliches zu sein, unter einem Pöbelhaufen beliebiges zu reden und zu thun, wieder andere scheuten sich, auch nur unter die Leute zu gehen; die einen hätten weder vor einem Heiligthum, noch vor einem Altar, noch vor sonst einem göttlichen Dinge ehrfurchtsvolle Scheu; die andern aber verehrten sogar Steine, die ersten besten Holzblöcke Die schlechtesten Götterstatuen von Stein oder Holz. und Thiere. Ebenso scheine nun auch unter denen, welche über die Natur des Weltalls sich den Kopf zerbrechen, den einen das Seiende nur ein einzelnes Ding, den andern hingegen das Seiende etwas der Zahl nach Unendliches zu sein; Daß alles Seiende nur ein Ding sei, lehrten die Eleaten , besonders das Haupt dieser Schule, Xenophanes (um 530 v. Chr.). Platon behandelt diese besonders im »Parmenides« . Daß die Welt aus unzähligen Atomen bestehe, lehrten die Atomisten , besonders Leukippos (um 500 v.Chr.) und sei« Schüler Demokritos . die einen sagten, alles sei in fortwährender Bewegung, andere, es bewege sich gar nichts; die einen glaubten, daß alles entstehe und vergehe, die andern, daß niemals irgend etwas entstanden oder vergangen sei. Meinungen des Herakleitos aus Ephesos (um 500 v. Chr.) einerseits und der Eleaten (Zenon um 460 v. Chr.) andererseits. 15. Er fragte über sie auch das, ob sich etwa, wie die, welche menschliche Weisheit lernten, das Gelernte im eigenen Interesse oder im Interesse eines beliebigen andern im Leben zu verwerthen beabsichtigten, ebenso auch diejenigen, welche über göttliche Dinge nachdächten, der Hoffnung hingäben, einmal, wenn sie erkannt hätten, welche Naturgesetze alles beherrschten, nach eigenem Gutdünken Winde, Regen, Jahreszeiten und was sie sonst von derartigen Dingen bedürften, machen zu können? Oder ob sie derartiges nicht einmal erhofften, sondern damit zufrieden wären, darüber, was es mit solchen Dingen für eine Bewandtnis habe, nur eine Meinung gewonnen zu haben. 16. Das war seine Ansicht von Leuten, welche sich mit solchen Dingen beschäftigten. Er selbst aber hätte sich immer über menschliche Dinge unterhalten, indem er betrachtete, was fromm, was gottlos, was schön, was schimpflich, was recht, was unrecht sei; was Besonnenheit und Keckheit, Tapferkeit und Feigheit sei; wie ein Staat und ein Staatsmann, wie Regierte und Regent sein müßten und anderes dergleichen, das, wie er überzeugt war, einen jeden, der es weiß, zu einem guten und tüchtigen Menschen macht, den aber, welcher es nicht weiß, mit vollem Rechte zu einem Knechte herabwürdigt. 17. Es ist demnach nicht zu verwundern, daß seine Richter in diesen Dingen, über welche seine Ansichten unbekannt waren, verkehrt über ihn urtheilten; aber sehr zu verwundern ist es, daß sie darauf nicht Rücksicht nahmen, was allen bekannt war. 18. Als er nämlich einmal Senator war und den verlangten Eid geschworen hatte, in welchem auch stand, nach den Gesetzen einen Rath geben zu wollen, da wollte das Volk gerade zu der Zeit, wo er Vorsteher im Demos war, gegen die Gesetze neun Feldherrn, zu welchen Thrasyllos und Erasinides gehörten, durch eine Gesammtabstimmung zum Tode verurtheilen. Sie wurden deshalb verurtheilt, weil sie nach der Schlacht bei den Arginusen (406 v. Chr.), obwohl durch einen Sturm daran gehindert, die Gefallenen nicht beerdigt hatten. Dieser Abstimmung widersetzte er sich, obwohl das Volk ihm zürnte und viele Mächtige ihm drohten; aber er hielt seinen Eid für höher, als gegen Gesetz und Recht dem Volke zu willfahren und sich vor den Drohenden in Acht zu nehmen. 19. Und er war überzeugt, daß die Götter für die Menschen sorgten, aber nicht in der Weise, wie der große Haufe glaubt; denn dieser glaubt, die Götter wüßten manches, manches aber wieder nicht. Sokrates aber glaubte, die Götter wüßten alles, sowohl Reden als Werke, als auch das, was heimlich ausgesonnen wird; ferner, daß sie allgegenwärtig seien und den Menschen in allen menschlichen Angelegenheiten Zeichen geben. 20. Ich wundere mich also, wie in aller Welt die Athener sich haben überreden lassen, daß Sokrates in Betreff der Götter verkehrte Ansichten gehabt habe, da er doch niemals gegen die Götter etwas Frevelhaftes gesagt oder gethan hat, vielmehr nur so geredet und gehandelt hat, wie einer reden und handeln muß, welcher als der Gottesfürchtigste anerkannt wird. 2. Kapitel. Sokrates verführte die Jugend nicht. 1. Wunderbar erscheint es mir aber auch, daß man sich konnte bereden lassen, Sokrates habe die Jünglinge zum Bösen verführt, er, der außer dem bereits Gesagten erstens im Genusse der Liebe und im Essen und Trinken unter allen Menschen die größte Selbstbeherrschung, dann gegen Frost und Hitze und jegliche Anstrengungen die größte Ausdauer besaß und endlich sich so gewöhnt hatte, nur Weniges zu bedürfen, so daß er bei einem nur ganz kleinen Vermögen Sokrates selbst schätzt sein ganzes Vermögen zu 5 Minen (1 Mine – 67 M. 50 Pf.). Zehn Silberminen machen eine Goldmine, 60 Minen ein Talent. ganz bequem damit ausreichte. 2. Wie hätte er nun, da er selbst ein solcher Mann war, andere sei es zu Gottlosen oder Gesetzesverächtern, zu Schwelgern, Wollüstlingen oder zu arbeitsscheuen Weichlingen machen sollen? Vielmehr brachte er viele hiervon ab, indem er in ihnen ein Trachten nach der Tugend erweckte und ihnen Hoffnung machte, wacker und trefflich zu werden, wenn sie auf sich selbst Sorgfalt verwendeten. 3. Gleichwohl bekannte er sich nie dazu, hierin Lehrer sein zu wollen, aber dadurch, daß er ein so vortrefflicher Mann war, erweckte er in denen, die mit ihm verkehrten, die Hoffnung, daß sie, wenn sie ihm nacheiferten, solche Männer selbst werden könnten. 4. Auch seinen Körper vernachlässigte er nicht nur selbst nicht, sondern pflegte auch nicht die Sorglosen zu loben. Maßlos zu essen und maßlos zu arbeiten mißbilligte er; aber so viel, als die Eßlust gern aufnimmt, zu genießen und das Gegessene gehörig auszuarbeiten, billigte er; denn diese Lebensweise sei nicht nur völlig gesund, sondern hindere auch nicht die Sorge für die Seele. 5. Er war aber auch nicht üppig und prahlerisch in seiner Kleidung und Beschuhung noch in seiner übrigen Lebensweise. Auch verführte er seine Schüler nicht zur Geldgier; denn von den übrigen Begierden suchte er sie abzubringen; von denen aber, welche nach seinem Unterricht begierig waren, nahm er kein Geld. 6. Durch diese Uneigennützigkeit aber glaubte er sich seine Freiheit zu sichern; diejenigen aber, welche für ihren Umgang Zahlung annahmen, nannte er Sklavenhändler, die mit sich selbst Handel trieben, weil sie gezwungen seien, sich mit denen zu unterreden, von welchen sie sich hätten bezahlen lassen. 7. Er wunderte sich aber, wie einer, der die Tugend zu lehren verspreche, Geld nehmen und, statt den größten Gewinn in der Erwerbung eines braven Freundes zu finden, noch fürchten könne, der, welcher brav und rechtschaffen geworden sei, möchte seinem Wohlthäter nicht den größten Dank wissen. 8. Sokrates dagegen machte zwar keinem derartige Versprechungen; aber er war überzeugt, daß diejenigen von seinen Schülern, welche das von ihm Empfohlene annähmen, für das ganze Leben ihm und einander rechtschaffene Freunde sein würden. Wie könnte nun ein solcher Mann die Jünglinge verführen? Es müßte denn etwa die Anleitung zur Tugend als Verführung gelten. 9. Aber beim Zeus, sagte der Ankläger, Der Hauptankläger Meletos . er machte, daß seine Schüler die bestehenden Gesetze verachteten, indem er sagte, es sei thöricht, die Vorsteher des Staates durch Bohnen Bei der Wahlen zu obrigkeitlichen Aemtern gab jeder wahlberechtigte Bürger in Athen durch eine weiße oder schwarze Bohne seine Stimme ab. zu ernennen, während doch zum Steuermann niemand einen durch Bohnen erwählten haben wolle, noch zum Zimmermann, noch zum Flötenspieler, noch zu anderen sonstigen Geschäften, obgleich die Fehler in diesen Geschäften viel weniger Schaden brächten als in Staatsangelegenheiten; solche Reden, sagte der Ankläger, führten die Jünglinge dazu, die bestehende Verfassung zu verachten und zu Gewalttätigkeiten geneigt zu machen. 10. Ich dagegen glaube, diejenigen, welche ihren Verstand bilden und im Stande sein zu können meinen, ihre Mitbürger über das Nützliche zu belehren, werden am wenigsten zu Gewaltthätigkeiten geneigt sein, weil sie wissen, daß der Gewalt Feindschaften und Gefahren folgen, durch Ueberredung hingegen ohne Gefahr und auf friedlichem Wege dasselbe erreicht wird. Denn die mit Gewalt Bezwungenen hegen Haß, als wäre ihnen etwas geraubt worden, während diejenigen, welche überredet worden sind, Liebe im Herzen hegen, als wäre ihnen etwas geschenkt worden. Gewalt zu gebrauchen ist also nicht die Art derer, welche ihren Verstand üben, sondern derjenigen, welche Stärke ohne Verstand besitzen. 11. Auch hat jeder, welcher Gewalt gebrauchen will, nicht wenige Genossen nöthig; wer sich aber aufs Ueberreden versteht, braucht keinen Beistand, denn auch ganz allein dürfte er überreden zu können glauben. Morden aber kommt diesen am wenigsten in den Sinn: denn wer möchte lieber einen morden wollen, als ihn überreden und lebend für seine Zwecke gebrauchen? 12. Aber, sagte der Ankläger, zwei Männer, die mit Sokrates verkehrt haben, Kritias und Alkibiades, Kritias, einer von den sogenannten dreißig Tyrannen , welche nach der Beendigung des Peloponnesischen Krieges in Athen die höchste Gewalt in Händen hatten, kam in dem Aufstande der Flüchtlinge unter Thrasybulos um. – Alkibiades , der Urheber jener bekannten unglücklichen Expedition nach Sicilien 413 v. Chr., war einer der genialsten, aber auch leichtfertigsten Demokraten während des Peloponnesischen Krieges. haben den Staat in das größte Unheil gestürzt. Denn Kritias war unter allen Machthabern zur Zeit der Oligarchie der habsüchtigste und gewalttätigste, Alkibiades unter allen zur Zeit der Demokratie der ausgelassenste und übermüthigste. 13. Ich will nun diese Männer, wenn sie dem Staate Unheil bereitet haben, nicht in Schutz nehmen; was es aber für eine Bewandtnis mit ihrem Umgange mit Sokrates hatte, will ich erzählen. 14. Diese beiden Männer waren allerdings von Natur die ehrliebendsten von allen Athenern; sie wollten alles durch ihre Hand betrieben wissen, und ihr Name sollte unter allen der berühmteste sein. Sie wußten, daß Sokrates mit einem ganz kleinen Vermögen vollkommen ausreichte, daß er in allen Genüssen sehr mäßig war und daß er alle, die sich mit ihm unterhielten, leitete, wie er wollte. 15. Da sie nun dieses sahen und so waren, wie sie bereits geschildert sind: könnte da wohl jemand sagen, sie hätten aus Wohlgefallen an der Lebensweise des Sokrates und an der Enthaltsamkeit, die er besaß, seinen Umgang gesucht, oder aus dem Grunde, weil sie glaubten, sie würden am geschicktesten im Reden und Handeln werden, wenn sie mit ihm umgingen? 16. Ich für meine Person bin überzeugt, wenn ihnen ein Gott freigestellt hätte, entweder das ganze Leben hindurch zu leben, wie sie Sokrates leben sahen, oder zu sterben – sie würden es vorgezogen haben, zu sterben. Das sah man aus dem, was sie thaten. Denn sobald sie geschickter als ihre Mitgenossen zu sein glaubten, sprangen sie von Sokrates ab und widmeten sich den Staatsgeschäften, um deren willen sie Sokrates aufgesucht hatten. 17. Vielleicht möchte jemand dagegen sagen, Sokrates hätte seine Schüler nicht eher die Staatskunst lehren sollen als Besonnenheit. Ich habe nun dagegen nichts einzuwenden; doch sehe ich, daß alle Lehrer nicht nur an sich ihren Schülern zeigen, wie sie selbst das thun, was sie lehren, sondern auch durch die Rede es ihnen einleuchtend zu machen suchen. Und so weiß ich, daß auch Sokrates seinen Schülern sich selbst als einen rechtschaffenen Mann, zeigte und sich mit ihnen über die Tugend und andere menschliche Dinge aufs beste unterhielt. 18. Außerdem weiß ich, daß auch jene sich vernünftig betrugen, so lange sie mit Sokrates verkehrten, nicht ans Furcht, sie möchten von Sokrates gestraft oder geschlagen werden, sondern weil sie es damals für das beste hielten, sich so zu betragen. 19. Hier könnten nun vielleicht viele von denen, die sich für Philosophen halten, einwenden, daß wohl niemals der Gerechte ungerecht, noch der Besonnene übermüthig, noch sonst in einer Sache, welche Gegenstand des Lernens ist, der, welcher sie gelernt hat, jemals ein Unwissender werden dürfte. Hierüber denke ich anders. Denn wie diejenigen, welche ihren Körper nicht üben, körperliche Arbeiten nicht verrichten können, so finde ich, vermögen auch die, welche ihren Geist nicht üben, geistige Arbeiten nicht zu verrichten, denn sie können weder thun, was sie sollen, noch unterlassen, was sie sollen. 20. Deshalb halten auch die Väter ihre Söhne, auch wenn dieselben besonnen sind, dennoch von schlechten Menschen fern, indem sie den Umgang mit Rechtschaffenen für eine Uebung der Tugend, dagegen den mit Schlechten für eine Zerstörung derselben halten. Dies bezeugt auch ein Dichter, wenn er sagt: Treffliches wirst du von Trefflichen lernen; doch wenn du mit Bösen Umgang pflegst, so entweicht auch der vorhandne Verstand. Verse des Theognis , eines gnomischen Dichters aus Megara um 530 v. Chr. Und ein anderer sagt: Schlecht ist bald der wackere Mann, bald wiederum trefflich. Der Dichter dieses Verses ist unbekannt. Vgl. Platons Protagoras (Univ.Bibl. Nr. 1708) Kap. 30 und Sophokles Antigone V. 361 ff. Mit klugen Erfindungen so Wohl über Verhoffen begabt, Neigt bald er zum Bösen, bald zum Guten. (Aus der klassisch-schönen Sophokles-Uebersetzung von Georg Thudichum, Gymnasialdirector in Büdingen, geb. 1800 gest. 1873.) Diese meisterhafte Übersetzung aller sieben Tragödien des Sophokles (Univ.-Bibl. Nr. 630. 641. 659. 670. 677. 709. 711, elegant geb. 1,50 M.), welche ihren Platz neben der Donner'schen würdig behauptet, kann ich den Lesern nicht dringend genug empfehlen. 21. Auch ich stimme diesen bei. Denn ich sehe, daß, wie die Gedichte Wörtlicher: die in Versen verfaßten Gedichte ) των εν μετρω πεποιηυενων. diejenigen, welche sie nicht üben, vergessen, ebenso auch die belehrenden Reden denen, welche sie vernachlässigen, verloren gehen. Wenn aber einer erst die ermahnenden Reden vergessen hat, dann wird ihm auch dasjenige aus dem Gedächtnisse schwinden, was in seiner Seele das Verlangen nach Weisheit erweckte. Ist dies entschwunden, dann ist es auch nicht zu verwundern, wenn die Weisheit selbst verloren geht. 22. Ich sehe aber auch, daß die, welche dem Trunke ergeben sind, und die, welche sich in Liebeshändel hineingestürzt haben, weniger Kraft besitzen, Nämlich als früher, da sie dem Trunke und der Liebe noch nicht ergeben waren (Breitenbach). sich des Geziemenden zu befleißigen und sich des Ungeziemenden zu enthalten. Denn viele, welche, ehe sie der Liebe huldigten, ihr Geld und Gut sparten, können dies, seit sie der Liebe gehuldigt haben, nicht mehr; und wenn sie nun ihr Vermögen verpraßt haben, dann pflegen sie Erwerbsmittel, deren sie sich früher enthielten, weil sie dieselben für schimpflich hielten, nicht mehr Im griechischen Texte steht zwar nur ουχ, doch wird wohl mit Breitenbach ουχετι απ zu lesen sein. zu vermeiden. 23. Wie sollte es also nicht möglich sein, daß ein Mensch, der früher mäßig war, nachher unmäßig werde, und ein anderer, der vorher gerecht handeln konnte, es später nicht könne? Ich für meine Person glaube, daß alles Schöne und Gute der Uebung fähig sei und am meisten die Mäßigung. Denn da die (sinnlichen) Begierden mit der Seele in einem und demselben Körper zusammenwohnen, so suchen sie dieselbe zu überreden, nicht mäßig und besonnen zu sein, sondern ihnen und dem Körper je eher je lieber zu Willen zu sein. 24. Kritias und Alkibiades konnten nun, so lange sie mit Sokrates verkehrten, von ihm unterstützt die nicht schönen Begierden niederhalten. Als sie sich aber von ihm getrennt hatten, floh Kritias nach Thessalien und verkehrte dort mit Menschen, welche mehr in Gesetzlosigkeit, als in Gerechtigkeit lebten; Kritias mußte im J. 411 v. Chr. aus Athen wegen seiner feindseligen Gesinnung gegen das Volk fliehen und begab sich zu den Thessaliern, welche damals wegen ihrer Sittenlosigkeit und Zügellosigkeit in üblem Rufe standen. Dort half er die Penesten gegen die großen Grundbesitzer wehrhaft machen und kehrte erst im J. 405 nach der Schlacht bei Aegospotamoi nach Athen zurück. Curtius, Griechische Geschichte II, S. 671 und Breitenbach Einl. § 4, Anm. dem Alkibiades aber, auf den wegen seiner Schönheit viele und angesehene Frauen Jagd machten, Ein häufiges Bild, vgl. meine Anmerkung zum Anfang des Platonischen Protagoras . der wegen seines Einflusses in der Stadt und bei den Bundesgenossen von vielen und mächtigen Männern verwöhnt, der vom Volke verehrt wurde und somit leicht die erste Rolle spielen konnte, ging es wie den Athleten in den gymnastischen Wettkämpfen, die, wenn es ihnen leicht wird, die ersten zu sein, die Uebung vernachlässigen: und so vernachlässigte er sich selbst. 25. Da nun dies bei ihnen zusammentraf, da sie stolz auf ihre Geburt, aufgeblasen auf ihren Reichthum, trotzig auf ihre Macht, verwöhnt von vielen Menschen und unter allen diesen Einflüssen verdorben und schon lange Zeit von Sokrates entfernt waren: wie kann man sich da wundern, daß sie übermüthig wurden? 26. Und da will, wenn sie einen Fehler machten, der Ankläger deshalb den Sokrates beschuldigen? daß aber als junge Leute in einem Alter, wo sie naturgemäß am wenigsten Ueberlegung und Mäßigung besaßen, Sokrates sie zu vernünftigen Menschen machte, scheint er dafür dem Ankläger keines Lobes würdig zu sein? 27. Wahrlich, so pflegt man doch sonst nicht zu urtheilen. Denn welcher Flötenspieler, welcher Zitherspieler, welch' anderer Lehrer, der aus seinen Schülern tüchtige Leute gemacht hat, wird, wenn dieselben zu andern gehen und dort sich schlechter zeigen, dafür verantwortlich gemacht? Welcher Vater macht denn, wenn sein Sohn während des Verkehrs mit einem Freunde sich gut betrug, nachher aber im Umgang mit einem anderen schlecht wird, dem früheren Freunde daraus einen Vorwurf? Lobt er nicht um so viel mehr den ersten, je schlechter er sich bei dem späteren zeigt? Ja sogar die Väter, die mit ihren Söhnen zusammenleben, werden, wofern sie selbst ein besonnenes Leben führen, für die Vergehungen ihrer Kinder nicht verantwortlich gemacht. 28. So hätte man aber auch den Sokrates beurtheilen sollen: hätte er selbst etwas Böses gethan, so hätte er billigerweise für schlecht gegolten; wenn er aber selbst sich stets besonnen zeigte, wie könnte man ihm mit Recht die Schuld einer Schlechtigkeit beimessen, die gar nicht an ihm zu bemerken war? 29. Doch auch wenn er, ohne selbst etwas Schlechtes zu thun, die schlechten Handlungen jener mit angesehen und gebilligt hätte, würde er mit Recht getadelt werden. Den Kritias nun suchte er einmal, wie er sah, daß er in Euthydemos Derselbe, der IV, 2, 1 erwähnt wird und den Beinamen »der Schöne« hat, der Sohn des Diokles . Nicht zu verwechseln mit ihm ist ein anderer Euthydemos , der Bruder des III, 1, 1 erwähnten Dionysodoros , nach dem der Platonische Dialog benannt ist. Noch einen andern Euthydemos erwähnt Platon in seiner Republik I, 43. verliebt war und ihn verführen wollte, um mit ihm zu verkehren wie die, welche um der Liebe zu pflegen die Körper genießen, davon abzubringen, indem er ihm vorstellte, daß es sich für einen freien und edlen Mann nicht zieme, den Geliebten, dem er doch besonders achtungswerth erscheinen wolle, zu bitten und zu betteln wie die Bettler flehend und bittend um eine Gabe, und das nicht einmal um etwas Gutes. 30. Als aber Kritias solchen Vorstellungen kein Gehör schenkte und sich nicht abbringen ließ, soll Sokrates in Gegenwart vieler anderer und auch des Euthydemos gesagt haben, der Kritias scheine ihm etwas Schweinisches zu haben, da er sich an Euthydemos zu reiben begehre, wie die Schweinchen an den Steinen. 31. Seitdem haßte nun auch Kritias den Sokrates, so daß er es ihm auch zu der Zeit, als er mit Charikles Charikles war nächst Kritias der Mächtigste von den dreißig Tyrannen. Vgl. Xenophons Griech. Gesch. II, 3, 2. einer der dreißig Tyrannen und Gesetzgeber war, noch gedachte und unter die Gesetze das Verbot aufnahm, die Kunst des Redens Nicht Redekunst (Rhetorik), sondern die Kunst des Redens (der Dialektik), die Kunst der gründlichen Erörterung, mag dieselbe sich auf philosophische oder politische oder andere Gegenstände beziehen. S. Breitenbach und Kühner z.u.St. Die Übersetzung »Redekunst« ist also zu verwerfen. zu lehren, blos um ihm persönlich beikommen zu können, und da er ihm nicht anders beizukommen wußte, als dadurch, daß er das, was gewöhnlich den Philosophen von der Menge vorgeworfen wird, Nach Xenoph. Symposion VI, 6, Oekonom . XI, 3, Aristophanes Wolken 100 ff., Platon Vertheidigungsrede des Sokr. Kap. 2 bestand dies besonders darin, daß man die Philosophen zu Grüblern machte, die sich mit der Erforschung unergründlicher Dinge über und unter der Erde abmühten und zu Redekünstlern, die das Wahre zum Falschen und das Falsche zum Wahren machten. Letzteres scheint hier Xenophon vorzugsweise im Sinne zu haben ( Breitenbach ). S. auch Breitenb. Einl. §22 Anm. auch ihm Schuld gab und ihn so bei der Menge verhaßt zu machen suchte; denn ich wenigstens habe weder selbst jemals dergleichen von Sokrates gehört, noch von einem andern vernommen, daß er es gehört habe. 32. Und bald zeigte es sich. Denn als die dreißig Tyrannen viele von den Bürgern – und nicht die schlechtesten – hinrichten ließen und viele zu Ungerechtigkeiten verleiteten, sagte Sokrates irgendwo, es sei ihm unbegreiflich, wenn einer, der Hirte einer Heerde geworden sei und die Rinder vermindere und verschlechtere, nicht eingestehen wolle, daß er ein schlechter Rinderhirt sei; noch unbegreiflicher aber sei ihm, wenn einer, der Leiter eines Staates geworden sei und die Bürger vermindere und verschlechtere, sich nicht schäme und nicht glaube, daß er ein schlechter Leiter des Staates sei. 33. Als ihnen dies hinterbracht wurde, ließen Kritias und Charikles den Sokrates kommen, zeigten ihm das Gesetz und verboten ihm, mit den Jünglingen sich zu unterreden. Sokrates aber fragte sie, ob es wohl gestattet sei um Auskunft zu bitten, wenn man irgend etwas in den Verordnungen nicht verstanden hätte. 34. Sie bejahten es. Ich also, sagte er, bin bereit, den Gesetzen zu gehorchen; damit ich aber nicht aus Unwissenheit eine Gesetzesübertretung begehe, so möchte ich dies von euch bestimmt erfahren, ob ihr die Kunst des Redens in dem findet, was mit dem richtigen Reden, oder in dem, was mit dem nicht richtigen Reden zu thun hat, daß ihr befehlet, man solle sich derselben enthalten. Denn wenn ihr sie in dem richtigen Reden findet, so ist es ganz klar, daß man sich enthalten müßte, richtig zu reden, wenn aber in dem, was nicht richtig geredet wird, so ist es offenbar, daß man danach trachten muß, richtig zu reden. 35. Da wurde Charikles zornig und sagte: Da du, Sokrates, es nicht weißt, so kündigen wir dir hiermit etwas verständlicheres an: Du sollst dich mit den Jünglingen überhaupt nicht unterreden! – Da erwiderte Sokrates: damit also kein Zweifel darüber herrscht, daß ich etwas anderes als das Vorgeschriebene thue, so bestimmt mir, bis zu welchem Jahre man annehmen muß, daß die Leute Jünglinge sind. – Und Charikles antwortete: So lange sie noch nicht Rathsherren werden können, weil man annimmt, daß sie noch nicht die nöthige Einsicht besitzen; unterrede also auch du dich nicht mit solchen, die jünger sind als dreißig Jahre. – 36. Soll ich also auch nicht, wenn ich etwas kaufe, sagte jener, und der Verkäufer jünger als dreißig Jahre ist, diesen fragen, wie viel er haben will? – O ja, dergleichen wohl, antwortete Charikles; aber du pflegst, Sokrates, nach den meisten Dingen zu fragen, obwohl du weißt, wie es sich damit verhält. Nach dergleichen frage also nicht. – So darf ich also auch, sagte er, falls ich es weiß, nicht antworten, wenn mich ein Jüngling z. B. fragt: Wo wohnt Charikles, oder wo ist Kritias? – O ja, auf solche Fragen wohl, sagte Charikles. – 37. Hierauf sagte Kritias: Aber jene wirst du bei Seite lassen müssen, Sokrates, die Schuster, die Zimmerleute und die Schmiede, Sokrates pflegte in seinen Unterredungen seine Ansichten und Lehren durch Beispiele aus dem gewöhnlichen Leben zu bekräftigen und zu beleuchten, ganz im Gegensatze zu den Sophisten , die sich in der Anwendung glänzender und prachtvoller Bilder und Gleichnisse gefielen und dadurch die Gemüther der Zuhörer einzunehmen und zu blenden suchten. Gewöhnlich pflegte Sokrates seine Belehrungen an die Verhältnisse der Handwerker anzuknüpfen. S. Breitenbach und Kühner z.u.St. denn ich glaube, sie sind schon ganz abgenutzt, so oft führst du sie im Munde. – Also auch, sagte Sokrates, das, was diesen zu folgen pflegt, Nämlich in den Gesprächen. das Gerechte, das Fromme und anderes dergleichen? – Ja beim Zeus, sagte Charikles, und namentlich die Rinderhirten; wo aber nicht, so nimm dich in Acht, daß du nicht auch die Rinder verminderst! – 38. Hier zeigte es sich auch, daß sie deshalb auf Sokrates zornig waren, weil ihnen seine Aeußerung über die Rinder hinterbracht worden war. 39. Von welcher Art also der Umgang des Kritias mit Sokrates war, und in welchem Verhältnisse beide zu einander standen, ist auseinandergesetzt. Ich möchte aber behaupten, daß niemand von irgend einem eine Erziehung erhalten könne, der ihm nicht zusagt. Kritias aber und Alkibiades verkehrten mit Sokrates, so lange sie mit ihm umgingen, nicht, weil er ihnen zusagte, sondern weil sie gleich von Anfang an die Absicht hatten, den Staat zu regieren; denn auch damals, als sie noch unter seinen Freunden waren, suchten sie mit niemand sonst mehr sich zu unterreden, als mit denjenigen, welche am meisten die Staatsgeschäfte leiteten. 40. So sagt man, daß Alkibiades in einem Alter von noch nicht zwanzig Jahren mit Perikles, seinem Vormunde, dem Leiter des Staates, folgendes Gespräch über die Gesetze geführt habe. – 41. Sage mir, soll er gesagt haben, Perikles, könntest du mich wohl lehren, was ein Gesetz ist? – Allerdings, habe Perikles erwidert. – So lehre es mich denn, bei den Göttern! Denn wenn ich Leute loben höre, daß sie gesetzliche Männer seien, so dünkt mich der dieses Lob nicht mit Recht zu verdienen, der nicht weiß, was ein Gesetz ist. – 42. Da wünschest du durchaus keine schwere Sache, Alkibiades, wenn du zu wissen wünschest, was ein Gesetz ist. Denn alles dasjenige ist ein Gesetz, was das versammelte Volk beschließt und aufschreibt, um zu bestimmen, was man thun solle und was nicht. – In der Meinung, daß man das Gute thun müsse oder das Böse? – Das Gute, beim Zeus, mein junger Freund, und nicht das Böse. 43. Wenn aber nicht das Volk, sondern wie in Staaten, wo eine Oligarchie ist, nur wenige zusammenkommen und aufschreiben, was man thun soll, was ist das? – Alles, was die den Staat beherrschende Macht in Betrachtung gezogen und zu thun geboten hat, heißt Gesetz. – Also auch wenn ein Alleinherrscher den Staat beherrscht und den Bürgern vorschreibt, auch dies ist ein Gesetz? – Auch was ein Alleinherrscher, so lange er die Regierung führt, vorschreibt, auch dies heißt ein Gesetz. 44. Was ist aber Gewalt und Gesetzlosigkeit, Perikles? Ist es nicht dies, wenn der Stärkere den Schwächeren statt durch Ueberzeugung mit Gewalt zwingt das zu thun, was ihm selbst gefällt? – Mir wenigstens scheint das so, sagte Perikles. – Also auch was ein Alleinherrscher die Bürger, ohne sie überzeugt zu haben, zu thun zwingt, indem er es schriftlich festsetzt, ist Gesetzlosigkeit? – Es scheint mir so; denn ich nehme meine Behauptung zurück, daß dasjenige, was ein Alleinherrscher, ohne überzeugt zu haben, schriftlich festsetze, ein Gesetz sei. – 45. Was aber die Wenigen nicht durch Ueberzeugung, sondern blos weil sie die Menge beherrschen, schriftlich festsetzen, sollen wir das Gewalt nennen oder nicht? – Alles, wozu einer den andern nicht überredet, sondern zwingt, sei es daß er es schriftlich festsetze oder nicht, scheint mir mehr Gewalt als Gesetz zu sein. – Auch das also, was das ganze Volk, weil es diejenigen beherrscht, welche das Geld besitzen, schriftlich festsetzt, ohne sie überredet zu haben, dürfte eher Gewalt als ein Gesetz sein. – 46. Freilich wohl, Alkibiades, sagte Perikles. Auch wir waren, als wir in deinem Alter standen, einst stark in dergleichen Spitzfindigkeiten; denn dergleichen Dinge trieben wir nicht nur, sondern klügelten sie auch aus, mit denen auch du dich jetzt abzugeben scheinst. – Hierauf aber soll Alkibiades gesagt haben: Wäre ich doch damals mit dir zusammengekommen, Perikles, als du in diesen Dingen am stärksten warst! 47. Sobald nun Kritias und Alkibiades denjenigen, welche die Staatsgeschäfte leiteten, überlegen zu sein glaubten, gaben sie ihren Verkehr mit Sokrates auf, denn auf der einen Seite sagte er ihnen überhaupt nicht zu, auf der andern war es ihnen besonders zuwider, daß sie jedesmal, wenn sie zu ihm kamen, wegen der Fehler, welche sie sich zu Schulden kommen ließen, Verweise bekamen. Sie widmeten sich also jetzt den Staatsgeschäften, wegen deren sie auch zu Sokrates gegangen waren. 48. Aber Kriton, Chärephon, Chärekrates, Hermokrates, Simmias, Kebes, Phädondas und andere Von ihm ist sonst nichts Sicheres bekannt. An den von Thukydides (VIII, 90; 92; 98) erwähnten Oligarchen gleichen Namens ist nicht im Entferntesten zu denken. waren Freunde des Sokrates, die mit ihm verkehrten, nicht um Volksredner oder Sachwalter, sondern um rechtschaffene Männer zu werden und gegen Familie und Gesinde, gegen Verwandte und Freunde, gegen Staat und Bürger sich gut benehmen zu können; und von diesen hat keiner, weder in jüngeren noch in späteren Jahren, irgend etwas Böses gethan noch ist er dessen beschuldigt worden. 49. Aber Sokrates, sagte der Ankläger, lehrte die Väter schimpflich behandeln, So schlägt in Aristophanes Wolken 1321 ff. Pheidippides , als Schüler des Sokrates, seinen Vater und beweist, daß er das Recht dazu habe. indem er seine Freunde beredete, sie würden durch ihn weiser werden als ihre Väter, und außerdem sagte, nach den Gesetzen dürfe man selbst den Vater, wenn man ihn des Wahnsinns überführt habe, Es ist hier von der vom Gesetze gestatteten Klage παρανολας die Rede, wie sie z.B. gegen Sophokles von seinen Söhnen angestellt worden ist. Das Vorhandensein dieses Gesetzes, sagt der Ankläger, mißbrauche Sokrates, um zu beweisen, daß gesetzlich der Unwissendere immer von dem Weiseren gefesselt werden könne ( Breitenbach ). in Fesseln legen, wobei er dieses als Beweis gebrauchte, daß es gesetzlich sei, wenn der Unwissendere von dem Weiseren in Fesseln gehalten werde. 50. Sokrates aber glaubte, derjenige, welcher wegen Unwissenheit einen anderen fessele, dürfte mit Recht selbst auch von denen in Fesseln gehalten werden, welche wissen, was er selbst nicht wisse; und deshalb untersuchte er oft, worin sich die Unwissenheit vom Wahnsinn unterscheide, und bei den Wahnsinnigen fand er die Sitte, sie zu fesseln, sowohl für sie selbst als für ihre Freunde für gut; die aber blos Unwissenden müßten sich billigerweise in dem, was ihnen fehle, von den Wissenden belehren lassen. 51. Aber Sokrates, behauptete der Ankläger, machte nicht nur, daß die Väter, sondern auch daß die übrigen Verwandten bei denen, welche mit ihm verkehrten, in Verachtung kamen, indem er sagte, daß weder den Kranken noch den Angeklagten die Verwandten nützen, sondern jenen die Aerzte, diesen die, welche sich auf den Beistand vor Gericht verstehen. 52. Und auch von den Freunden habe Sokrates behauptet, es sei nichts nütze, daß sie wohlwollend seien, wenn sie uns nicht nötigenfalls auch Hilfe gewähren könnten; nur diejenigen, habe er gesagt, verdienen geachtet zu werden, welche das Nöthige wüßten und es auch vortragen könnten. Da er nun die Jünglinge beredet habe, daß er nicht nur selbst der Weiseste, sondern auch andere weise zu machen der Fähigste sei, so habe er seine Freunde dahin gebracht, alle die andern im Vergleich mit ihm selbst für nichts zu achten. 53. Ich weiß nun wohl, daß er über die Väter und die übrigen Verwandten sowohl als auch über die Freunde also sich äußerte, und außerdem noch sagte, daß man, wenn die Seele hinausgegangen sei, in der allein die Vernunft ihren Sitz habe, den Leib des nächsten Angehörigen so schnell als möglich hinaustrage und bestatte. 54. Ferner sagte er, daß sogar bei Lebzeiten ein jeder von seiner eigenen Person, die er am meisten von allem liebe, was an seinem Leibe unbrauchbar und unnütz sei, sowohl selbst wegnehme als auch durch andere entfernen lasse; wenigstens nehmen die Menschen nicht nur selbst sich Nägel, Haare und Schwielen ab, sondern lassen sie auch durch die Aerzte unter Qualen und Schmerzen theils wegschneiden theils wegbrennen und glauben ihnen dafür noch Lohn bezahlen zu müssen. Und den Speichel werfen sie so weit als möglich aus dem Munde weg, weil er nicht nur nichts nützt, wenn sie ihn darin behalten, sondern auch noch weit eher schadet. 55. Dies also sagte er allerdings, aber nicht um zu lehren, daß man den Vater bei lebendigem Leibe begraben und sich selbst verstümmeln solle, sondern um daran zu zeigen, daß das Unvernünftige nicht geachtet werde. Und zugleich ermahnte er, sich zu befleißigen, so verständig und nützlich als möglich zu werden, damit man, möge man nun von einem Vater oder einem Bruder oder sonst von jemand geachtet zu werden wünschen, nicht im Vertrauen auf die nahe Verwandtschaft darin nachlässig werde, sondern denjenigen nützlich zu werden sich bemühe, von welchen man geachtet zu werden wünsche. 56. Der Ankläger sagte ferner, Sokrates habe auch aus den berühmtesten Dichtern die verderblichsten Stellen ausgewählt und unter Berufung auf diese Zeugnisse seine Freunde gelehrt, Uebelthäter und gewaltthätige Menschen zu werden. So habe er die Stelle aus Hesiodos: »Arbeit ist nie Schande; nur Müßiggehen ist Schande«, angeführt und gesagt, der Dichter fordere auf, keine Arbeit, weder ungerechte noch schändliche, zu fliehen, sondern auch diese zu thun, wenn man Aussicht auf Gewinn habe. 57. Sokrates aber gab zu, daß arbeitsam sein für den Menschen nützlich und etwas gutes sei, Müßiggang aber schändlich und etwas schlimmes, und Arbeiten etwas gutes, Müßiggehen aber etwas schlimmes, und sagte auch, diejenigen, welche etwas gutes thun, arbeiten und seien thätig, diejenigen dagegen, welche Würfel spielen oder sonst etwas schlimmes und schädliches thun, nannte er Müßiggänger. In diesem Sinne dürfte der Vers richtig sein: »Arbeit ist nie Schande; nur Müßiggehen ist Schande«. 58. Auch die Stelle aus Homer Die Verse sind aus der Ilias II, 188 ff. und 198 ff. Die Uebersetzung nach Voß . soll er, behauptet der Ankläger, oft angeführt haben, wo es von Odysseus heißt: »Wenn er sodann von den Fürsten und Edleren einen daselbst fand, Trat er ihn an und hemmte, mit freundlichen Worten ermahnend: Bester, es ziemt dir nimmer, dem Feiglinge gleich zu verzagen, Bleibe du selbst hier still und gebeut auch anderen Ruhe! Wenn er vom Volk dann einen gewahrt und schreiend erfunden, Schlug er ihn wohl mit dem Scepter und schalt mit drohenden Worten: Rühre dich nicht, mein Bester, und merk' auf Worte von andern, Die mehr gelten als du! Du bist ein Feigling und Schwächling, Wirst im Kriege für nichts und für nichts im Rathe gerechnet!« Diese Stelle habe er nun so ausgelegt, wie wenn der Dichter es billige, daß der gemeine Mann und der Arme geschlagen werde. 59. Sokrates aber sagte dies nicht, denn sonst hätte er gemeint, auch selbst Schläge bekommen zu müssen; er sagte vielmehr, solche Menschen, welche weder durch Rath noch durch That nützlich seien, noch dem Staate, noch dem Volke selbst, wenn es die Noth erheische, zu helfen vermöchten, müssen, zumal wenn sie noch überdies frech seien, durch jedwedes Mittel im Zaume gehalten werden, wenn sie auch noch so reich sein sollten. 60. Aber im Gegentheil, Sokrates war ganz augenscheinlich volks- und menschenfreundlich. Denn so viele auch, Einheimische wie Fremde, eifrige Anhänger seiner Lehre waren, so nahm er doch niemals von einem Bezahlung für seinen Unterricht an, sondern theilte allen reichlich von dem Seinigen mit, wovon einige kleine Theile, die sie von ihm unentgeltlich bekommen hatten, für viel Geld an andere verkauften und sich nicht, wie er, volksfreundlich zeigten: denn die, welche nicht bezahlen konnten, ließen sie zu ihrem Unterrichte nicht zu. 61. Sokrates hingegen machte auch bei andern Menschen unserer Stadt Ehre, viel mehr als Lichas Auch nach Plutarch ( Kimon 10) hatte sich Lichas in ganz Griechenland durch seine Freigebigkeit einen Namen erworben, mit der er Fremde bewirthete, die zur Feier der Gymnopädien nach Sparta kamen, eines Festes, an dem entkleidete Knaben den bei Thyrea gefallenen Spartanern zu Ehren um die Bildsäule des Απόλλων Καρνειος Tänze und Gesänge aufführten ( Breitenbach ). der Stadt Lakedämon, welcher deshalb berühmt wurde. Lichas nämlich bewirthete nur an den Gymnopädien die in Lakedämon anwesenden Fremden, Sokrates hingegen theilte sein ganzes Leben hindurch das Seinige aus und nützte auf diese Weise allen, die es nur wünschten; denn er entließ die, welche seinen Umgang genossen, gebessert. 62. Nach meiner Meinung nun mußte Sokrates als ein solcher Mann eher Ehre von Seiten der Stadt als den Tod verdienen. Und auch wenn man nach den Gesetzen urtheilt, müßte man zu diesem Resultate kommen. Denn nach den Gesetzen ist der Tod die Strafe für diejenigen, welche des Diebstahls, des Raubes, der Beutelschneiderei, des gewaltsamen Einbruchs in Wohnungen, des Seelenverkaufs oder des Tempelraubes überführt sind; aber von solchen Frevelthaten war kein Mensch weiter entfernt als Sokrates. 63. Und den Staat ferner hat er weder in einen Krieg, der einen unglücklichen Ausgang genommen hätte, noch in Bürgerzwist verwickelt, noch Verrath an ihm begangen, noch ist er an irgend einem andern Unfall desselben Schuld gewesen. Ebensowenig hat er irgend einem Menschen Güter entzogen oder Uebel zugefügt; er ist vielmehr niemals einer der erwähnten Uebelthaten auch nur bezüchtigt worden. 64. Wie könnte er also der Anklage schuldig sein, er, der, statt die Götter nicht anzuerkennen, wie es in der Anklageschrift hieß, anerkanntermaßen die Götter am meisten unter allen Menschen verehrte, und statt die Jünglinge auf böse Wege zu führen, wie der Ankläger ihm vorwarf, anerkanntermaßen von den mit ihm Verkehrenden diejenigen, welche von schlechten Begierden beherrscht waren, von diesen zu befreien suchte und nach den schönsten und herrlichsten Tugenden, durch die man in Staat und Familie glücklich ist, zu trachten antrieb? Wenn er aber dies that, hätten ihm nicht von Seiten des Staates die größten Ehren zu Theil werden müssen? 3. Kapitel. Während in den zwei ersten Kapiteln vorzugsweise nachgewiesen wurde, daß Sokrates auf seine Schüler nicht schädlich gewirkt habe, wird in allem was folgt, ausgeführt, wie er es verstanden, durch Beispiel und Rede im Guten zu fördern. Zunächst ist von seiner Frömmigkeit und speciell von der Art, wie er die Götter verehrt wissen wollte, dann von seiner Mäßigkeit in leiblichen Genüssen die Rede (Breitenbach). 1. Daß Sokrates aber nach meiner Meinung seinen Freunden thatsächlich nützte, theils indem er ihnen durch die That zeigte, wie er selbst war, theils auch, daß er sich mit ihnen unterredete, davon will ich jetzt die Beispiele niederschreiben, so viele mir von denselben im Gedächtnis geblieben sind. Hinsichtlich seines Verhaltens in göttlichen Dingen handelte und redete er bekanntermaßen wie die Pythia Pythia war die Priesterin des Appollon zu Delphi , welche die Orakelsprüche auf einem Dreifuß sitzend ertheilte. denen antwortet, welche bei ihr anfragen, wie man es entweder mit einem Opfer oder mit der Verehrung der Vorfahren oder irgend einer andern Handlung der Art halten müsse. Denn die Pythia giebt ihnen den Bescheid, wenn sie es damit nach dem Gesetze des Staates halten, dürften sie es auf die gehörige Weise damit halten; und auch Sokrates befolgte dies nicht nur selbst so, sondern empfahl es auch andern; von denjenigen aber, welche es anders hielten, glaubte er, sie seien Leute von übertriebener Sorgfalt und Thoren. 2. Er betete aber auch zu den Göttern, einfach ihm zu geben, was gut sei, da ja die Götter am besten wüßten, was gut sei; Valerius Maximus VII, 2: Socrates – nihil ultra petendum a dis inmortalibus arbitrabatur, quam ut bona tribuerent, guia ii demum scirent, quid unicuique esset utile, nos antem id plerumque votis expetere, quod non inpetrasse melius foret (Sokrates war der Meinung, man dürfe nichts weiter von den unsterblichen Göttern erbitten, als daß sie uns Güter ertheilten, weil sie nur wüßten, was einem jeden nützlich wäre, wir hingegen meistentheils nur um das bäten, was nicht zu erlangen uns besser wäre). diejenigen dagegen, welche um Gold, Silber, Herrschergewalt oder dergleichen bitten, meinte er, bitten um nichts Besseres, als wenn sie um ein Spiel mit Würfeln, um eine Schlacht oder sonst etwas von dem bitten würden, dessen Ausgang sich durchaus nicht voraussehen läßt. 3. Bei den Opfern aber glaubte er, wenn er kleine von seiner geringen Habe darbrachte, nicht hinter denen zurückzustehen, welche von vielen und großen Besitzthümern viele und große Opfer darbringen. Denn weder den Göttern, meinte er, würde es gut anstehen, wenn sie an den großen Opfern mehr Gefallen als an den kleinen hätten – sonst müßten ihnen ja die Opfer der Bösen wohlgefälliger als die der Guten sein – , noch würde für die Menschen das Leben von Werth sein, wenn wirklich die Opfer der Bösen den Göttern wohlgefälliger als die der Guten wären. Er glaubte vielmehr, daß die Götter an den Gaben den größten Wohlgefallen hätten, welche ihnen von den Gottesfürchtigsten erwiesen werden, und er lobte folgenden Spruch: Hesiod , Werke und Tage V. 336. »Thu' nach Vermögen, wenn Opfer du bringst den unsterblichen Göttern!« Und auch beim Verhalten gegen Freunde und Gastfreunde sowie im übrigen Leben, sagte er, sei es ein schöner Spruch: »Thue nach Vermögen.« 4. So oft ihm aber schien, daß ihm von den Göttern eine Andeutung gegeben werde, so hätte er sich weniger überreden lassen, gegen diese Andeutung zu handeln, als wenn ihn jemand hätte überreden wollen, einen Blinden und des Weges Unkundigen statt eines Sehenden und Kundigen zum Wegweiser zu nehmen. Und auch anderen warf er ihre Thorheit vor, wenn sie etwas gegen die Andeutungen der Götter thäten, um dem üblen Rufe bei den Menschen zu entgehen. Er selbst aber achtete alles Menschliche gering gegen den Rath der Götter. 5. Hinsichtlich seiner Lebensweise hatte er Leib und Seele an eine solche Ordnung gewöhnt, bei welcher einer, wenn nicht etwas Außerordentliches eintritt, sorglos und sicher leben könnte, ohne wegen der Mittel dazu in Verlegenheit zu sein. Denn er lebte so sparsam und einfach, daß ich nicht weiß, ob jemand sich so wenig erarbeite, daß er nicht so viel bekäme, als für Sokrates hinreichend war. Denn Speise nahm er nur soviel zu sich, als er mit Lust aß, und zum Essen kam er stets so vorbereitet, daß der Hunger nach Speise ihm Zukost war. Als Getränk schmeckte ihm alles, weil er nie trank, außer wenn er Durst hatte. 6. Entschloß er sich aber einmal, auf erhaltene Einladung ein Gastmahl zu besuchen, so war ihm das, was für die meisten sehr mühevoll ist, nämlich sich vor Ueberfüllung zu hüten, etwas ganz Leichtes. Denjenigen aber, die dies nicht vermochten, gab er den Rath, sich vor den Speisen und Getränken in acht zu nehmen, die zum Essen verlocken, ohne daß man Hunger, und zum Trinken, ohne daß man Durst habe, denn das wären die Dinge, welche Magen, Kopf und Geist zu Grunde richteten. 7. Und er glaube, setzte er scherzend hinzu, auch Kirke Homer , Odyssee X, 229 ff. habe dadurch die Leute zu Schweinen gemacht, daß sie ihnen vieles vorgesetzt habe, Odysseus aber sei darum nicht zum Schweine geworden, weil er auf die Warnung des Hermes und aus eigener Enthaltsamkeit sich vor dem übermäßigen Genusse der Speisen gehütet habe. So scherzte er hierüber, während er im vollen Ernste redete. 8. Hinsichtlich des Liebesgenusses rieth er seinen Freunden, den Umgang mit schönen Mädchen streng zu meiden, denn es sei nicht leicht, sagte er, mit solchen sich einzulassen und besonnen zu bleiben. Und als er einmal erfahren hatte, daß Kritobulos, Kritobulos ist auch II, 6, 1 ff. als Mitunterredner des Sokrates erwähnt. – Nach Xenoph. Sympos. IV, 12 liebte Kritobulos des Axiochos Sohn, den Kleinias , d. i. des Alkibiades Vaters Bruders Sohn. des Kriton Sohn, den Sohn des Alkibiades, einen schönen Knaben, geküßt habe, richtete er in Gegenwart des Kritobulos folgende Frage an Xenophon: 9. Sage mir, Xenophon, glaubtest du nicht, Kritobulos gehöre eher unter die verständigen Menschen als unter die wilden, und eher unter die vorsichtigen als unter die thörichten und tollkühnen? – Allerdings. – Jetzt also halte ihn für den Hitzigsten und Verwegensten; er wäre im Stande, sich kopfüber in Schwerter zu stürzen und ins Feuer zu springen. – 10. Und was hast du denn von ihm gesehen, daß du auf einmal so von ihm urtheilst? – Hat er denn nicht gewagt, den Sohn des Alkibiades zu küssen, der ein so schönes Gesicht hat und in der besten Jugendblüte steht? – Wahrhaftig, wenn das eine tollkühne That ist, so denke ich, würde auch ich dieses Wagestück überstehen. – 11. Und wie glaubst du, Unglückseliger, daß es dir nach einem solchen Kusse eines Schönen ergehen werde? Glaubst du nicht, daß du sofort ein Sklave würdest statt eines Freien, großen Aufwand für verderbliche Freuden machen und gar keine Zeit haben würdest, dich um etwas Gutes und Edles zu kümmern, und dagegen genöthigt wärest, dich mit Dingen zu befassen, mit denen sich nicht einmal ein Verrückter befassen würde? – 12. Beim Himmel, welch' furchtbare Gewalt legst du da dem Kusse bei, sagte Xenophon. – Und du wunderst dich darüber? Weißt du nicht, daß die Giftspinnen, die nicht einmal so groß wie ein halber Obolos Ein halber Obolos war damals die kleinste Silbermünze. sind, durch die bloße Berührung mit dem Munde den Menschen die heftigsten Schmerzen verursachen und alle Besinnung rauben? – Kein Wunder, sagte Xenophon, denn die Giftspinnen bringen ihnen beim Stiche etwas bei. – 13. Und von den Schönen, sagte Sokrates, glaubst du närrischer Kauz nicht, daß sie mit dem Kusse einem etwas beibringen, weil du es nicht siehst? Weißt du nicht, daß dieses Thier, welches man schön und reizend nennt, insofern gefährlicher ist als die Giftspinnen, weil letztere nur durch Berührung, ersteres hingegen noch nicht einmal angefaßt(wenn man es nur ansieht) sogar aus weiter Ferne ihm etwas beibringt, das ihn in Raserei versetzen kann? (Vielleicht werden auch die Liebesgötter deshalb Bogenschützen genannt, weil die Schönen auch aus der Ferne verwunden.) Ich rathe dir also, Xenophon, beim Anblick eines Schönen eiligst zu fliehen; dir aber, Kritobulos, gebe ich den Rath, ein Jahr im Exil zu leben, denn kaum dürftest du in dieser Zeit genesen. 14. So glaubte er denn, Personen, welche gegen die Liebe nicht sicher seien, müßten sich zum Liebesgenuß solcher Gegenstände bedienen, zu denen sich, wenn nicht der Körper es dringend verlangte, der Geist nicht hingezogen fühle, die aber, wenn das Verlangen vorhanden sei, keine Schwierigkeiten machen würden. Er selbst aber hatte sich in dieser Hinsicht bekanntermaßen so gewöhnt, daß er sich leichter der Schönsten und Blühendsten enthielt, als andere der Häßlichsten und bereits der Jugendblüte Beraubten. 15. So hatte er sich also in Bezug auf Speise und Trank und Liebesgenuß gewöhnt und er glaubte, dabei ebenso viel genügende Befriedigung und Genuß, Unlust aber weit weniger zu haben als diejenigen, die sich mit solchen Dingen viel abgeben. 4. Kapitel. Sokrates beweist dem Aristodemos, einem Verächter der Religion, daß es Götter giebt: Sie haben die Natur des Menschen auf das Zweckmäßigste eingerichtet und sorgen für sein Wohl, wenn er sie verehrt. 1. Wenn aber manche von Sokrates glaubten, indem sie es aus dem, was einige schriftlich und mündlich von ihm berichteten, schlossen, daß er zwar darin vollkommen stark gewesen sei, den Menschen zur Tugend anzutreiben, aber ihn nicht zu derselben habe führen können, so mögen sie nicht blos diejenigen seiner Gespräche, in welchen er mit seinen Fragen die sich für allwissend Haltenden zurechtwies und überführte, sondern auch jene Unterredungen erwägen, die er täglich mit seinen Freunden hatte, und dann erst urtheilen, ob er im Stande gewesen sei, seine Schüler zu bessern. 2. Zuerst will ich nun das Gespräch erzählen, das ich ihn einst über die Gottheit mit Aristodemos, genannt »der Kleine«, führen hörte. Da er nämlich dahinter gekommen war, daß derselbe weder den Göttern opferte, noch der Mantik sich bediente, ja sogar die, welche dergleichen thaten, verlachte, so sagte er zu ihm: Sage mir, Aristodemos, hast du schon Menschen wegen ihrer Tüchtigkeit bewundert? – Ja wohl, sagte er. – 3. So sage uns doch die Namen derselben. – Wegen der epischen Poesie nun habe ich am meisten den Homer, wegen des Dithyrambos den Melanippides, wegen des Trauerspiels den Sophokles, wegen der Bildhauerkunst den Polykleitos und wegen der Malerkunst den Zeuxis bewundert. – Der Dithyrambos , ursprünglich ein Lied zu Ehren des Bakchos , dann auch anderer Götter, von Chören gesungen, war die kühnste, aber oft in Schwulst ausartende Gattung der lyrischen Poesie; der Dithyrambendichter Melanippides , der Sohn des Kriton , von der Kykladischen Insel Melos , blühte um 520 v. Chr. Seine Gedichte sind verloren gegangen. – Sophokles , der größte Tragiker Griechenlands, aus dem attischen Demos Kolonos , lebte von 495-406 v. Chr., Polykleitos aus Sikyon in der Peloponnes, nächst Pheidias der berühmteste Bildhauer der classischen Kunstperiode, lebte um 430, Zeuxis aus Heraklea in Großgriechenland, der größte Maler seiner Zeit, lebte um 400 v. Chr. 4. Scheinen dir diejenigen bewundernswerther zu sein, welche vernunftlose und unbewegliche Bilder machen, oder diejenigen, welche vernünftige und selbstthätige Wesen? – Weit mehr natürlich diejenigen, welche lebendige Wesen, wenn anders diese nicht dem Zufall, sondern einer vernünftigen Ueberlegung ihr Dasein verdanken. – Welche aber von den beiden Dingen, von denjenigen, bei denen sich nicht erkennen läßt, wozu sie existieren, und von denjenigen, welche offenbar zum Nutzen da sind, – welche von beiden hältst du für Werke des Zufalls und welche für Werke einer vernünftigen Ueberlegung? – Natürlich sollten die Dinge, welche zum Nutzen da sind, Werke vernünftiger Ueberlegung sein. – 5. Scheint dir nun nicht der, welcher zuerst die Menschen schuf, zum Nutzen ihnen die Sinneswerkzeuge verliehen zu haben, die Augen, um das Sichtbare zu sehen, die Ohren, um das Hörbare zu hören? Und was hätten wir von den Gerüchen, wenn uns keine Nasen verliehen wären? Und welche Empfindung hätten wir vom Süßen und Scharfen und allen Annehmlichkeiten, die uns der Mund zuführt, wenn die Zunge in demselben nicht als Richterin hierüber angebracht wäre? 6. Scheint dir zudem nicht auch das ein Werk der Vorsorge zu sein, daß er, da die Augen zart sind, sie mit Augenlidern wie mit einer Thüre versehen hat, welche, wenn man sie gebrauchen muß, sich öffnen, beim Schlafe aber sich schließen? Und daß er, damit ihnen auch die Winde nicht schädlich sind, als Sieb die Wimpern eingesetzt und die Gegend über den Augen mit Augenbrauen wie mit einem Wetterdach versehen hat, damit ihnen auch der von der Stirn herabrinnende Schweiß nicht zusetze? Und daß die Ohren alle Töne aufnehmen und doch nie davon voll werden? Daß die Vorderzähne bei allen lebenden Wesen zum Schneiden eingerichtet sind, die Backenzähne dagegen da sind, das, was sie von jenen empfangen, zu zermalmen? Daß er endlich den Mund, durch welchen das, wonach die lebendigen Wesen verlangen, eingenommen wird, in die Nähe der Augen und der Nase gesetzt, hingegen die Abzugsgänge, weil sie uns widerlich sind, abseits angebracht und so weit als möglich von den Sinneswerkzeugen weggekehrt und entfernt hat: von diesen so fürsorglich getroffenen Einrichtungen zweifelst du noch, ob sie Werke des Zufalls oder der vernünftigen Ueberlegung sind? – 7. Nein, beim Zeus, sondern wenn man sie so betrachtet, gleichen sie ganz der Veranstaltung eines weisen und liebevollen Meisters. – Und daß er ihnen den Trieb, Kinder zu zeugen, den Müttern den Trieb, die Kinder aufzuziehen, den Erzogenen die größte Liebe zum Leben und die größte Furcht vor dem Tode eingeflößt hat? – Allerdings sieht man auch hierin die Vorkehrungen eines Wesens, welches das Dasein lebendiger Geschöpfe beschlossen hat. – 8. Du aber glaubst, selbst etwas Vernünftiges zu besitzen? – Frage wenigstens, und ich werde dir dann antworten. – Und sonst meinst du, sei nirgends etwas Vernünftiges zu finden? Du weißt doch, daß du von der Erde nur einen kleinen Theil in deinem Körper hast, während die Erde groß ist, und von dem Feuchten nur einen unbedeutenden, während die Feuchtigkeit groß ist, und auch von den andern Stoffen, aus welchen dein Leib besteht, hast du wohl nur einen kleinen Theil von einem jedem bekommen, während sie in großer Menge vorhanden sind; nur den Verstand, meinst du, habest du, während er sonst nirgends existiere, durch einen glücklichen Zufall erwischt, und diese unermeßlichen und unzähligen Weltkörper seien so zu sagen durch Unverstand so geordnet? – 9. Allerdings, denn ich sehe ja die Leiter derselben nicht, wie ich die Werkmeister von dem sehe, was hier ins Dasein tritt. – Deine eigene Seele siehst du ja auch nicht, welche die Lenkerin deines Körpers ist. Dennoch könntest du freilich auch sagen, du thuest nichts mit vernünftiger Ueberlegung, sondern alles nur aus Zufall. – 10. Nein, Sokrates, sagte Aristodemos, ich verachte keineswegs die Gottheit, sondern ich halte sie für zu groß, als daß sie meiner Verehrung bedürftig wäre. – Gerade je größer sie ist und doch sich deiner annehmen will, um so mehr mußt du sie verehren. – 11. Sei überzeugt, wenn ich glaubte, daß die Götter um die Menschen sich etwas bekümmern, würde ich sie nicht vernachlässigen. – So glaubst du also nicht, daß sie sich um uns bekümmern, sie, welche erstens dem Menschen allein von allen lebenden Wesen die aufrechte Stellung gaben, welche ihn fähig macht, daß er nicht nur weiter in die Ferne sehen, sondern auch das, was über ihm ist, besser betrachten und sich besser dem Ungemach entziehen kann; Nach diesen Worten liest man in vielen Texten noch die Worte και όψιν και ακοην και στόμα ενεποίησαν. Ich halte diese Stelle mit Breitenbach für unecht. Derselbe bemerkt hierzu: Die – Worte passen nicht hierher, wo nur von dem, was der Mensch vor den Thieren voraus hat, die Rede ist. Nur ενεποίησαν (mit Schenkl) zu tilgen, um όψιν – στόμα als zu κακοπαθειν gehörige Accusative der Beziehung ansehen zu können, oder (mit Kühner ) κακοπαθειν οις – ενεποίησαν zu schreiben, ist deshalb unthunlich, weil ja auch bei den nicht aufrecht gehenden Thieren jene Organe nicht gefährdet sind. sodann haben sie den übrigen Thieren Füße gegeben, welche nur das Gehen möglich machen, dem Menschen aber haben sie auch noch Hände verliehen, welche das Meiste zu Stande bringen von dem, was wir vor jenen voraushaben. 12. Und während doch alle lebenden Wesen eine Zunge haben, haben sie nur die des Menschen so geschaffen, daß sie das eine Mal an dieser, das andere Mal an jener Stelle den Mund anschlagend die Stimme gliedert und alles ausdrückt, was wir uns untereinander mittheilen wollen. (Und auch den Genuß der Liebe haben sie bei den übrigen lebenden Wesen auf eine gewisse Jahreszeit beschränkt, uns dagegen gewähren sie ihn ununterbrochen bis zum Greisenalter. Der Inhalt der eingeklammerten Worte steht mit dem Vorhergehenden in gar keinem Zusammenhange. 13. Die Gottheit begnügte sich jedoch damit keineswegs, blos für den Körper zu sorgen, sondern, was die Hauptsache ist, auch die vorzüglichste Seele hat sie dem Menschen eingepflanzt; denn wo giebt es ein anderes lebendes Wesen, dessen Seele erstens die Existenz von Göttern, die das Größte und Schönste geordnet haben, wahrnimmt und anerkennt? Welches andere Geschlecht, als die Menschen, verehrt die Götter? Welche Seele endlich ist fähiger als die menschliche, sich gegen Hunger oder Durst, gegen Kälte oder Wärme zu schützen, Krankheiten zu heilen, die Körperkraft zu üben, oder zum Lernen sich anzustrengen oder im Gedächtnis zu behalten, was sie gehört oder gesehen oder gelernt hat? 14. Ist dir denn das nicht vollkommen klar, daß im Vergleich mit den übrigen lebenden Wesen die Menschen wie Götter leben, indem sie ihrer ganzen Anlage nach an Körper und Seele dieselben übertreffen? Denn weder einer, der seinem Körper nach ein Stier, aber mit menschlichem Verstande begabt wäre, könnte thun, was er wollte, noch besitzt ein Thier, das zwar Hände, aber keinen Verstand hat, daran einen wirklichen Vorzug; du aber bist beider so hoher Vorzüge theilhaftig geworden und glaubst trotzdem, daß sich die Götter nicht um dich kümmern? Was müssen sie denn thun, um dich zu überzeugen, daß sie für dich sorgen? – 15. Sie müssen mir nur Rathgeber schicken, die mir sagen, was ich thun und was ich nicht thun soll, wie du sagst, daß sie dir solche schicken. Aristodemos denkt an das Daimonion des Sokrates, von dem er keine richtige Vorstellung hat, und wählt συμβούλους wohl nur bildlich und nicht ohne einen Anflug von Ironie für das abstracte συμβουλάς ( Breitenbach ). – Wenn sie aber den Athenern auf ihre Anfragen etwas durch die Mantik offenbaren, glaubst du nicht, daß sie es auch dir offenbaren? Und sagen sie dir auch nichts, wenn sie durch Sendung von Wunderzeichen den Hellenen und allen Menschen etwas anzeigen, oder nehmen sie dich da allein aus und lassen dich unbeachtet bei Seite? – 16. Meinst du aber, die Götter hätten den Menschen den Glauben eingepflanzt, daß sie im Stande seien zu nützen und zu schaden, wenn sie es nicht wirklich vermöchten, und die Menschen hätten sich während der ganzen langen Zeit täuschen lassen, ohne es jemals gemerkt zu haben? Siehst du denn nicht, daß gerade das Unerschütterlichste und Weiseste in der Menschenwelt, daß Staaten und Völker am gottesfürchtigsten sind, und daß auch die verständigsten Altersstufen am angelegentlichsten der Götter gedenken? – 17. Bedenke, mein bester Aristodemos, daß auch die Vernunft, welche dir innewohnt, den Körper handhabt wie sie will. So mußt du denn auch annehmen, daß der Verstand, der im All wohnt, alles so anordne, wie es ihm gefällt, und nicht glauben, daß zwar dein Auge viele Stadien weit reiche, das Auge der Gottheit aber unfähig sei, alles zugleich zu sehen, noch auch, daß zwar deine Seele sich zugleich um die Dinge bei uns und um die in Aegypten und Sicilien bekümmern könne, der Verstand der Gottheit aber nicht im Stande sei, für alles zugleich zu sorgen. – 18. Wenn du aber, wie du bei Menschen durch Dienste ihre Dienstwilligkeit, durch Gefälligkeiten ihre Gefälligkeit, durch Einholung von Rath ihre Klugheit auf die Probe stellst, so auch bei den Göttern, indem du sie verehrst, in Erfahrung zu bringen suchst, ob sie geneigt sein werden, dir über das, was den Menschen verborgen ist, Rath zu ertheilen, so wirst du erkennen, daß die Gottheit so groß und so gewaltig ist, daß sie alles zu der gleichen Zeit sieht, alles hört, allenthalben gegenwärtig ist und für alles zugleich sorgt. 19. Mir nun für meine Person schien er, indem er so sprach, nicht nur zu machen, daß seine Freunde, wenn sie von den Menschen gesehen wurden, das Gottlose, Ungerechte und Schimpfliche mieden, sondern auch wenn sie allein waren, da sie ja überzeugt sein mußten, daß nichts von dem, was sie thun, den Göttern verborgen bleiben werde. 5. Kapitel. Sokrates ermahnt seine Freunde zur Selbstbeherrschung, der Grundlage aller Tugend. 1. Wenn aber auch die Selbstbeherrschung ein schöner und werthvoller Besitz für einen Mann ist, so wollen wir untersuchen, ob Sokrates zu derselben hinzuführen wußte, wenn er folgendes sprach: Lieben Leute, wenn wir Krieg hätten und einen Mann wählen sollten, durch den wir am ehesten selbst gerettet würden und die Feinde bewältigten: würden wir wohl einen solchen wählen, von dem wir wüßten, daß er nicht Herr über seinen eigenen Bauch, den Wein, die Liebe, Mühsale oder Schlaf ist? Wie könnten wir von einem solchen hoffen, daß er entweder uns retten oder den Feinden überlegen sein könnte? 2. Und wenn wir am Ende unsers Lebens wären und jemand entweder Söhne zur Erziehung, oder unverheirathete Töchter zur Ueberwachung, oder Gelder zur Verwaltung anvertrauen wollten: würden wir wohl den unseres Vertrauens für werth halten, der sich selbst nicht zu beherrschen weiß? Würden wir einem Sklaven, der sich selbst nicht zu beherrschen weiß, unsere Heerden, unsere Vorrathskammern oder die Aufsicht über Feldarbeiten anvertrauen? Würden wir einen Diener und einen Einkäufer der Art auch nur unentgeltlich nehmen wollen? 3. Wenn wir nun einen, der sich nicht selbst beherrschen kann, nicht einmal zum Sklaven haben wollen, wie sollten wir uns billigerweise nicht selbst hüten, ein solcher zu werden? denn nicht so wie die Habsüchtigen, während sie andern Geld nehmen, sich selbst zu bereichern scheinen, ist der, welcher sich nicht selbst zu beherrschen weiß, während er den andern schädlich ist, sich selbst sehr nützlich, sondern er ist andern verderblich, sich selbst aber noch weit verderblicher, wenn anders es die größte Uebelthat ist, nicht nur seine Vermögensumstände, sondern auch seinen Leib und seine Seele zu zerrütten. – 4. Wer könnte ferner – in der Freundschaft z. B. – an einem Menschen Wohlgefallen finden, von dem er weiß, daß er an leckeren Speisen und am Wein größere Freude hat als an seinen Freunden, und daß er die Dirnen mehr liebt als seine Freunde? – Sollte also nicht jedermann in der Ueberzeugung, daß die Selbstbeherrschung die Grundlage der Tugend ist, diese zuerst in seiner Seele herstellen? Denn wer kann ohne sie etwas Gutes lernen oder gehörig sich darin üben? 5. Oder wer würde nicht, wenn er den Lüsten fröhnt, an Leib und Seele schimpflich zu Grunde gehen? – Ein freier Mann wahrlich, scheint mir, muß sehr wünschen, keinen solchen Sklaven zu bekommen; wer aber ein Sklave solcher Lüste sei, müsse auf den Knieen zu den Göttern flehen, gute Herren zu bekommen, denn nur auf diese Weise dürfte solch' ein Mensch gerettet werden. 6. Indem er so sprach, zeigte er, daß er sich selbst noch mehr durch Thaten als durch Worte beherrsche. Denn nicht blos den Reizungen der Sinnenlust widerstand er, sondern auch denen des Geldes, weil er glaubte, daß der, welcher sich von jedem Beliebigen bezahlen lasse, diesen zum Herrn über sich setze und sich in eine Knechtschaft, schimpflich wie irgend eine, begebe. 6. Kapitel. Sokrates vertheidigt sich gegen Antiphon, welcher ihn wegen seiner Lebensweise und wegen seines Principes, kein Geld von seinen Schülern zu nehmen, lächerlich zu machen sucht. 1. Es ist aber auch billig, seine Unterredung mit dem Sophisten Antiphon Ein Sophist aus Kreta, nicht zu verwechseln mit dem Redner gleichen Namens aus Rhamnus. nicht zu übergehen. Da nämlich dieser Antiphon die Absicht hatte, dem Sokrates seine Schüler abwendig zu machen, kam er einmal zu Sokrates und sprach in deren Gegenwart folgendes: 2. Ich für meine Person, Sokrates, war der Meinung, die Philosophie müsse die Menschen glückseliger machen; du aber scheinst mir von der Philosophie gerade das Gegentheil gewonnen zu haben. Du lebst wenigstens so, wie es kaum ein Sklave unter einem Herren aushalten würde: du ißt die schlechtesten Speisen und trinkst die schlechtesten Getränke; du trägst nicht nur einen schäbigen Mantel, sondern auch denselben im Sommer und im Winter, und immer gehst du ohne Schuhe und Unterkleid. 3. Auch Geld nimmst du nicht an, das doch nicht nur, wenn man es erwirbt, Freude bereitet, sondern auch, wenn man es erworben hat, in den Stand setzt, freier und angenehmer zu leben. Wenn nun, wie ja die Lehrer in den übrigen Fächern ihre Schüler zu Nachahmern von sich machen, auch du deine Freunde dazu anhältst, so glaube nur, daß du ein Lehrer eines Jammerlebens bist. 4. Hierauf erwiderte Sokrates: du scheinst mir, Antiphon, mein Leben dir so jammervoll vorzustellen, daß ich die Ueberzeugung habe, du würdest lieber sterben, als so wie ich leben. Wohlan, laß uns also sehen, was du unerträgliches an meinem Leben gefunden hast. 5. Besteht es etwa darin, daß die andern, welche Geld nehmen, genöthigt sind, die Arbeit, wofür sie Lohn bekommen, abzuarbeiten, ich aber, da ich keines nehme, auch nicht nöthig habe, mit einem Gespräche zu führen, mit welchem ich nicht will? Oder findest du meine Lebensweise schlecht, als ob ich weniger Gesundes und weniger Nahrhaftes äße als du? Oder sind meine Nahrungsmittel schwerer als die deinigen aufzutreiben, weil sie seltener und kostbarer sind? Oder schmecken dir die, welche du dir angeschafft hast, besser, als mir die, welche ich mir anschaffe? Weißt du nicht, daß jemand, je besser ihm das Essen schmeckt, um so weniger feinerer Speisen bedarf, und je besser ihm das Trinken schmeckt, um so weniger nach einem Tranke verlangt, der nicht zur Stelle ist? 6. Und was die Mäntel anlangt, so weißt du, daß diejenigen, welche sie wechseln, es der Kälte und der Wärme wegen thun, und Schuhe zieht man an, damit man nicht durch Gegenstände, die den Füßen wehe thun, am Gehen verhindert werde. Hast du nun schon einmal bemerkt, daß ich entweder wegen der Kälte mehr als ein anderer zu Hause bleibe, oder wegen der Hitze mit einem um den Schatten gestritten hätte, oder weil mir die Füße wehe thun, nicht gehe, wohin ich will? 7. Weißt du nicht, daß die, welche von Natur die körperlich Schwächsten sind, in dem, worin sie sich üben, durch diese Uebung kräftiger werden als die Stärksten, wenn diese es an der Uebung fehlen lassen, und daß sie das Beschwerliche darin leichter ertragen? Und von mir glaubst du nicht, daß ich, da ich mich stets übe, mit dem Körper das ihm Zustoßende zu ertragen, alles leichter ertrage als du, wenn du dich nicht übst? 8. Daß ich aber nicht ein Sklave des Bauches, des Schlafes und der Wollust bin, meinst du, daran sei etwas anderes mehr Schuld, als daß ich anderes, angenehmeres habe, das nicht nur während des Genusses Freude bereitet, sondern auch dadurch, daß es die Aussicht eröffnet, es werde stets nützlich sein? Und das wenigstens weißt du doch, daß zwar diejenigen, welche in nichts glücklich zu sein glauben, nicht froh sind, diejenigen aber, welche glauben, daß ihnen entweder ihr Landbau oder ihre Schifffahrt oder sonst ein Gewerbe gut von Statten geht, sich für glücklich halten und fröhlich sind. 9. Meinst du nun, dies alles mache so viel Vergnügen, als wenn man nicht nur selbst besser zu werden, sondern auch seine Freunde besser zu machen glaubt? (Ich nun glaube dieses stets von mir.) Die eingeklammerten Worte rühren jedenfalls nicht von Xenophon her. Wenn man aber ferner dem Staate oder Freunden nützen soll, welcher von beiden möchte dann mehr Zeit hierzu haben, der, welcher so lebt, wie ich jetzt, oder der, welcher so lebt, wie du es preisest? Welcher von beiden würde ferner leichter als Feldherr in den Krieg ziehen, der, welcher ohne eine reich besetzte Tafel nicht leben kann, oder der, welcher mit dem, was zur Stelle ist, zufrieden ist? Welcher von beiden dagegen würde schneller durch eine Belagerung zur Uebergabe gezwungen werden, der, welcher immer Dinge nöthig hat, die nur mit größter Mühe beizubringen sind, oder der, welcher mit dem zufrieden ist, was man ohne alle Mühe antrifft? 10. Es scheint, Antiphon, du suchst die Glückseligkeit in Ueppigkeit und Wohlleben; ich dagegen glaube, nichts bedürfen sei göttlich, und so wenig als möglich Bedürfnisse zu haben, dem Göttlichsten am nächsten; und das Göttliche sei das Beste, was aber dem Göttlichen am nächsten komme, das komme dem Besten am nächsten. 11. Als sich Antiphon ein anderes Mal wieder mit Sokrates unterredete, sagte er: Ich halte dich, Sokrates, zwar für einen rechtlichen Mann, aber nicht im geringsten für weise. Du scheinst mir aber auch selbst dieser Ansicht zu sein; du nimmst wenigstens von keinem Geld für deinen Unterricht; und doch würdest du gewiß deinen Mantel oder dein Haus oder sonst etwas von deinen Besitzthümern, wenn du glaubtest, daß es Geld werth sei, keinem, ich will gar nicht sagen, umsonst geben, sondern nicht einmal unter dem Werthe. 12. Es ist also offenbar, daß du auch für deinen Umgang, wenn du glaubtest, daß er etwas werth ist, nicht weniger Geld fordern würdest, als er werth wäre. Rechtlich also magst du immerhin sein, weil du keinen betrügst, um dich zu bereichern, weise aber nicht, weil du ja nur weißt, was keinen Werth hat. 13. Hierauf erwiderte Sokrates: Bei uns, Antiphon, gilt die Ansicht, daß man von der Schönheit wie von der Weisheit einen ehrenwerthen wie schimpflichen Gebrauch machen kann. Wenn einer seine Schönheit jedem Beliebigen für Geld verkauft, so nennt man ihn einen Hurenbock; wenn aber einer einen solchen, von dem er weiß, daß er ein rechtschaffener Liebhaber ist, sich zum Freunde macht, so halten wir den für ehrbar. Ebenso ist es mit der Weisheit: die, welche sie für Geld an jeden Beliebigen verkaufen, heißen Sophisten (gleichsam Hurenböcke); wer aber denjenigen, von dem er weiß, daß er gut beanlagt ist, alles Gute lehrt, was er weiß und ihn dadurch sich zum Freunde macht, von dem glauben wir, daß er das thue, was einem edlen und rechtschaffenen Bürger ziemt. 14. Ich selbst wenigstens habe, Antiphon, wie ein anderer an einem guten Pferde, oder einem Hunde, oder einem Vogel Gefallen hat, so und noch mehr Gefallen an rechtschaffenen und edlen Freunden; und wenn ich etwas Gutes weiß, so lehre ich sie es und befreunde sie mit anderen, von denen ich glaube, daß sie von ihnen hinsichtlich der Tugend gewinnen können. Auch die Schätze alter weiser Männer, welche diese in ihren Schriften hinterlassen haben, rolle ich auf und gehe sie gemeinschaftlich mit meinen Freunden durch; und wenn wir etwas Gutes antreffen, so nehmen wir es uns heraus und halten es für einen großen Gewinn, wenn wir einander nützlich werden. Mir nun schien er, als ich dieses hörte, nicht nur selbst glückselig zu sein, sondern auch seine Zuhörer zur Rechtschaffenheit zu führen. 15. Und als ihn Antiphon wieder einmal fragte, wie es denn komme, daß er zwar andere zu tüchtigen Staatsmännern zu machen glaube, sich selbst aber nie an den Staatsgeschäften betheilige, wenn anders er sich darauf verstehe, antwortete er: Auf welche Weise, Antiphon, dürfte ich denn die Staatsgeschäfte mehr betreiben, wenn ich allein daran theilnehme, oder wenn ich es mir angelegen sein lasse, recht viele tüchtig zu machen, daran teilzunehmen? 7. Kapitel. Sokrates warnt seine Freunde vor prahlerischer Scheinsucht, die nicht nur den, der sie übe, lächerlich und unglücklich mache, sondern auch anderen zum Verderben gereiche. 1. Wir wollen aber auch betrachten, ob er dadurch, daß er seine Freunde von prahlerischer Scheinsucht abmahnte, sie der Tugend zuwandte. Er sagte nämlich immer, es gebe keinen schöneren Weg zum Ruhme, als daß man darin tüchtig werde , worin man tüchtig scheinen wolle . 2. Die Wahrheit dieser Behauptung bewies er auf folgende Weise. Laßt uns betrachten, sagte er, was einer, wenn er für einen guten Flötenspieler gelten wollte, ohne es zu sein, zu thun habe. Müßte er nicht in dem, was außerhalb der eigentlichen Kunst liegt, die guten Flötenspieler nachzuahmen suchen? Und erstens, weil diese schöne Instrumente haben und viele Diener mit sich herumführen, müßte auch er es so machen; und zweitens, weil sie von vielen gepriesen werden, müßte auch er viele Lobredner sich verschaffen. Dagegen eine musikalische Aufführung dürfe er nirgends übernehmen, oder es würde sogleich an den Tag kommen, daß er ein lächerlicher Mensch wäre und nicht blos ein schlechter Flötenspieler, sondern auch ein prahlerischer Mensch. Aber großen Aufwand machen und keinen Nutzen davon haben, ja überdies noch Schimpf und Schande einernten, heißt das nicht ein mühseliges, mißliches und lächerliches Leben führen? 3. Ebenso laßt uns betrachten, wenn einer ein guter Feldherr oder Steuermann zu sein scheinen wollte, ohne es wirklich zu sein, wie es ihm gehen würde. Würde nicht, wenn er bei allen Anstrengungen, hierin als tüchtig erscheinen zu wollen, keinen Menschen davon überzeugen könnte, schon dieses recht schmerzlich sein? Wenn er aber Glauben fände, würde das nicht noch weit schlimmer sein? Denn es ist ja offenbar, daß er als Unkundiger zum Feldherrn oder Steuermann bestellt, nicht nur diejenigen ins Verderben stürzen würde, welche er am wenigsten wollte, sondern auch selbst mit Schimpf und Schande davon käme. 4. Ebenso zeigte er auch, daß es sehr mißlich sei, für reich oder tapfer oder stark zu gelten; denn solchen werde mehr auferlegt, als ihren Kräften entspreche, und da sie dies nicht leisten könnten, würde man mit ihnen, da sie ja tüchtig zu sein schienen, keine Nachsicht haben. 5. Einen Betrüger aber, und zwar keinen kleinen, nannte er schon den, welcher Geld oder Geräthe von einem andern leihe und dann behalte; für den bei weitem größten Betrüger hielt er aber den, welcher, ohne selbst tauglich zu sein, die Leute etwa betrogen hatte, indem er sie glauben machte, er verstände sich auf die Leitung des Staates. Mir nun wenigstens schien er durch solche Unterredungen seine Freunde auch von prahlerischer Scheinsucht abzulenken. Zweites Buch. 1. Kapitel. Niemand kann herrschen, der sich nicht selbst beherrscht. Wer nicht herrscht, der muß dienen: zwischen beiden giebt es keine Mittelstraße. Um diese Herrschaft zu gewinnen, bedarf es der Arbeit und der Mühen. Dieser Gedanke wird anschaulich gemacht durch die Allegorie (21-33): Herakles am Scheidewege. 1. Er schien mir aber auch, indem er solches sprach, seine Freunde dahin zu bringen, Enthaltsamkeit gegen Speise und Trank, gegen Wollust und Schlaf, gegen Hitze, Kälte und Mühsal zu üben. Da er nämlich von einem seiner Freunde wußte, daß er sich in diesen Dingen wenig Zwang anthat, so sprach er zu ihm: Sage mir, Aristippos Aristippos von Kyrene in Afrika, Stifter der Kyrenaischen Schule, welche das höchste Gut in den Genuß setzte. Ein zweites Gespräch mit ihm findet sich III, 8. wenn du zwei Jünglinge übernehmen und erziehen solltest, den einen, damit er zum Herrschen geschickt werde, den andern aber dazu, daß er nach der Herrschaft nicht einmal trachte, wie würdest du jeden von beiden erziehen? Laß uns bei dieser Untersuchung mit der Nahrung als den Grundbedingungen beginnen. – Und Aristippos antwortete: Mir scheint wenigstens die Nahrung das Erste zu sein, denn ohne sie könnte man ja nicht einmal leben. – 2. Wird nun nicht bei beiden, wenn die Zeit da ist, ganz natürlich die Lust zum Essen kommen? – Gewiß, sagte Aristippos. – Welchen von beiden würden wir nun daran gewöhnen, lieber das, was noth thut, zu besorgen, als den Magen zu befriedigen? – Denjenigen, beim Zeus, sagte Aristippos, der zum Herrschen erzogen wird, damit nicht die Staatsgeschäfte unter seiner Herrschaft unbesorgt blieben. – Wird nun nicht dem Nämlichen auch beigebracht werden müssen, den Durst ertragen zu können, wenn sie trinken wollen? – Allerdings, sagte Aristippos. – 3. Und hinsichtlich des Schlafes sich selbst zu beherrschen, um nicht nur spät sich hinlegen und früh aufstehen, sondern auch nöthigenfalls wachen zu können, welchen von beiden würden wir dazu anhalten? – Auch hierzu den Nämlichen. – Und ferner im Liebesgenusse sich selbst zu beherrschen, um nicht hierdurch an den nöthigen Geschäften verhindert zu werden? – Auch hierzu den Nämlichen. – Sodann die Anstrengungen nicht zu meiden, sondern sie gern und freiwillig zu übernehmen, welchen von beiden würden wir dazu anhalten? – Auch hierzu den zum Herrscher Bestimmten. – Und endlich alles zu lernen, was dazu dienen kann, die Gegner zu überwinden, welchem von beiden würde dies am ersten beizubringen sein? – Erst recht, beim Zeus, dem zum Herrschen Bestimmten, denn auch das Uebrige nützt nichts ohne diese Kenntnisse. – 4. Scheint es dir nun nicht, daß der so Erzogene weniger von seinen Feinden gefangen werde, als die übrigen Geschöpfe? Denn von diesen werden ja wohl die einen durch ködernde Speisen gefangen und manche, obwohl sehr scheuer Natur, dennoch durch die Begierde zu fressen zum Köder Hingetrieben und gefangen; andere lassen sich beim Saufen belauern. – Ganz richtig, sagte Aristippos. – Und gerathen nicht auch andere durch den Geschlechtstrieb in die Netze, wie die Wachteln und Rebhühner, indem sie durch die Begierde und die Hoffnung des Liebesgenusses der Stimme des Weibchens nachgehen, ohne an die Gefahr zu denken? – Aristippos bejahte auch dieses. – 5. Scheint es dir nun nicht schimpflich zu sein, wenn es einem Menschen ergeht wie den unvernünftigsten Thieren? Wie z. B. die Ehebrecher in die Frauengemächer eindringen, obwohl sie wissen, daß der Ehebrecher Gefahr läuft, nicht nur die vom Gesetze angedrohte Strafe zu erleiden, sondern auch belauert und, wenn er erwischt wird, schimpflich behandelt zu werden; und während so große Gefahren und Beschimpfungen dem Ehebrecher bevorstehen, und es Mittel genug giebt, den Geschlechtstrieb auf gefahrlose Weise zu befriedigen, dennoch sich in Gefahren zu stürzen – heißt das nicht vollends von Sinnen sein? – Mir wenigstens scheint das so, sagte Aristippos. – 6. Daß aber, während die nötigsten Geschäfte von den Menschen unter freiem Himmel betrieben werden müssen, wie z. B. die des Krieges, des Landbaues und von den andern nicht die unwichtigsten, die Meisten nicht gegen Kälte und Hitze abgehärtet sind, scheint dir das nicht eine große Nachlässigkeit zu sein? – Gewiß, sagte Aristippos. – Scheint es dir nun nicht, daß der zum Herrschen Bestimmte sich üben müsse, auch diese leicht zu ertragen? – Gewiß. – 7. Werden wir nun nicht, wenn wir diejenigen, welche in allen diesen Stücken sich selbst beherrschen, zu den Herrschfähigen, diejenigen aber, welche nicht fähig sind, dieses zu thun, zu denen rechnen, welche nach der Herrschaft nicht einmal trachten sollen? – Auch dies gab Aristippos zu. – Wie nun? fragte Sokrates weiter, da du weißt, welcher von beiden Menschenklassen diese angehören, hast du schon einmal darüber nachgedacht, zu welcher dieser beiden Klassen du dich selbst mit Recht rechnen dürftest? – 8. Allerdings, sagte Aristippos, und zwar rechne ich mich keineswegs zur Klasse derjenigen, welche herrschen wollen. Denn es scheint mir der ein recht thörichter Mensch zu sein, der, während es schwer genug ist, sich selbst das Nöthige zu verschaffen, damit nicht zufrieden ist, sondern sich noch die Last aufbürdet, das für die übrigen Bürger Nöthige anzuschaffen; und während man selbst vieles, was man wünscht, entbehren muß als Vorsteher des Staates, wenn man nicht alle Wünsche seiner Mitbürger befriedigt, noch obendrein sich bestrafen zu lassen – wäre das nicht eine große Thorheit? 9. Denn die Staaten wünschen mit ihren Obrigkeiten umzugehen, wie ich mit meinen Sklaven; denn ich verlange von meinen Sklaven, daß sie mich mit allem, was ich gebrauche, reichlich versehen, selbst aber dürfen sie nichts davon anrühren. Ich also würde diejenigen, welche wünschen, sich selbst und andern viele Mühe machen zu können, in der gedachten Weise erziehen und sie zu denen rechnen, die zum Herrschen geeignet sind, mich selbst aber rechne ich zu denen, die so leicht und angenehm als möglich zu leben wünschen. – 10. Willst du nun, daß wir auch dies untersuchen, wer von beiden angenehmer lebt, die Herrschenden oder die Beherrschten? – Gewiß, sagte Aristippos. – Zuerst also von den Völkern, welche wir kennen, herrschen in Asien die Perser, werden beherrscht die Syrer, Phryger und Lyder; in Europa herrschen die Skythen, und beherrscht werden die Mäoten; in Afrika endlich herrschen die Karchedonier, und beherrscht werden die Libyer. Welche von diesen beiderlei Völkern nun, glaubst du, leben angenehmer? Oder scheinen dir unter den Hellenen, zu denen du selbst auch gehörst, diejenigen, welche herrschen, angenehmer zu leben, oder die, welche beherrscht werden? – 11. Aber ich, sagte Aristippos, stelle mich ja auch nicht auf die Seite der Sklaven, sondern es scheint mir einen Mittelweg zwischen diesen beiden zu geben, den ich zu gehen versuche, weder durch die Herrschaft noch durch die Knechtschaft, sondern durch die Freiheit: und dieser gerade führt zur Glückseligkeit. – 12. Ja, sagte Sokrates, wenn dieser Weg, wie er weder durch die Herrschaft noch durch die Knechtschaft führt, so auch nicht durch Menschen führen würde, so könntest du vielleicht Recht haben; wenn du aber unter Menschen weder herrschen noch beherrscht werden und auch nicht einmal durch freiwilliges Entgegenkommen die Herrscher gewinnen willst: dann, denke ich, kann dir nicht entgehen, wie im öffentlichen und Privatleben stets der Stärkere den Schwächeren zu quälen und sich unterwürfig zu machen weiß. 13. Oder weißt du nicht von denen, welche, wenn andere gesät und gepflanzt haben, die Feldfrüchte einernten und die Bäume abhauen, und auf alle Weise die Schwächeren, die ihnen nicht gehorchen wollen, bestürmen, bis sie dieselben dahin bringen, die Knechtschaft lieber zu wählen, als mit ihnen Krieg zu führen? Und weißt du nicht, wie auch im Privatleben der Tapfere und Starke den Feigen und Schwachen unterdrückt und aussaugt? – Aber, um dieses nicht zu erleiden, entgegnete Aristippos, schließe ich mich auch nicht in einen Staat ein, sondern lebe überall als ein Fremder. – 14. Da erzählst du mir fürwahr, antwortete Sokrates, ein prächtiges Fechterkunststück! Denn den Fremden thut allerdings, seitdem Sinis, Skeiron und Prokrustes Drei berüchtigte Räuber, welche Theseus tödtete. S. Plutarch Thes. Kap. 8, 9, 11. todt sind, kein Mensch mehr etwas zu Leide; aber jetzt geben die, welche in ihrem Vaterlande an der Spitze stehen, nicht nur Gesetze, damit man ihnen nicht Unrecht thue, sondern suchen sich außer ihren sogenannten Verwandten noch andere Freunde zu Gehilfen, umgeben die Städte mit Festungswerken, versehen sich zur Abwehr der Gegner mit Waffen, schließen außerdem auch noch mit Auswärtigen Bündnisse und zuletzt, obgleich sie alle diese Schutzmittel haben, wird ihnen dennoch Unrecht gethan. 15. Und du, der du nichts von alledem hast, bringst auf den Landstraßen, wo die meisten Gewaltthätigkeiten ausgeübt werden, viele Zeit zu, stehst in jeder Stadt, wohin du auch kommst, in jeder Hinsicht den Bürgern nach und bist ganz in der Lage wie die, gegen welche sich diejenigen am meisten etwas erlauben, welche Unrecht thun wollen, und dennoch meinst du, weil du ein Fremder bist, vor Gewaltthätigkeiten sicher sein zu können? Verläßt du dich etwa darauf, daß dir die Staaten die Zusicherung geben, ungefährdet kommen und gehen zu dürfen? Oder weil du glaubst, daß du auch als Sklave keinem Herren Nutzen bringen würdest? Denn wer möchte einen Menschen im Hause haben, der nichts arbeiten wollte und nur an einem Leben in Saus und Braus Freude fände? 16. Wir wollen aber auch dies betrachten, wie die Herren solche Sklaven behandeln. Vertreiben sie ihnen nicht den Kitzel durch Hunger? Benehmen sie ihnen nicht das Stehlen durch Schlösser und Riegel? Machen sie ihnen nicht das Entlaufen durch Fesseln unmöglich? Treiben sie ihnen ihre Trägheit nicht durch Schläge aus? Oder wie machst du es, wenn du einen deiner Sklaven auf solchen Wegen ertappst? – 17. Ich züchtige ihn, sagte Aristippos, schwer, bis ich ihn zwinge, sich in die Sklaverei zu fügen. Aber, lieber Sokrates, worin sind diejenigen, welche zu der königlichen Kunst erzogen werden, die du für die Glückseligkeit zu halten scheinst, von denen verschieden, welche gezwungen Qualen leiden, wenn sie wenigstens freiwillig hungern und dürsten, frieren, wachen und all' die andern Plagen ertragen sollen? Ich wenigstens weiß nicht, worin der Unterschied besteht, ob man auf dasselbe Fell freiwillig oder unfreiwillig Peitschenhiebe bekommt, oder überhaupt, ob man mit demselben Körper alle diese Qualen freiwillig oder unfreiwillig aushält, als etwa der, daß jener, welcher sich dem Schmerze freiwillig aussetzt, ein großer Narr ist. – 18. Wie, Aristippos? scheint dir nicht bei solchen Dingen das Freiwillige von dem Unfreiwilligen insofern sich zu unterscheiden, als der, welcher freiwillig hungert, essen kann, wenn es ihm beliebt, und der, welcher freiwillig dürstet, trinken kann, wenn er will u.s.w., demjenigen aber, welcher gezwungen solche Qualen leidet, nicht frei steht, ihnen ein Ende zu machen, wann er will? Sodann hat der, welcher aus freien Stücken sich anstrengt, deshalb Vergnügen, weil er auf gute Hoffnung hin es thut, wie z. B. die Jäger in der Hoffnung auf Beute mit Freuden ihre Strapazen ertragen. 19. Zwar sind solche Preise der freiwillig übernommenen Anstrengungen nur von geringem Werthe, diejenigen aber, welche sich Anstrengungen unterziehen, um sich brave Freunde zu verschaffen, oder um Feinde zu überwinden, oder um, an Leib und Seele gekräftigt, das eigene Haus wohl zu verwalten, den Freunden gutes zu thun und um das Vaterland sich verdient zu machen, – wie sollte man nicht annehmen dürfen, daß diese nicht nur mit Freuden um solcher Güter willen sich Anstrengungen unterziehen, sondern auch ein fröhliches Leben führen, zufrieden mit sich selbst und gelobt und glücklich gepriesen von anderen? 20. Weichlichkeit ferner und mühelose Genüsse sind weder im Stande, dem Körper Gesundheit und Kraft zu verschaffen, wie die Gymnasten Lehrer der Leibesübungen. behaupten, noch theilen sie der Seele irgend eine bedeutende Kenntnis mit; ausdauernder Fleiß dagegen bewirkt, daß man schöne und herrliche Thaten ausführt, wie brave Männer sagen. Es sagt aber auch Hesiodos irgendwo: Werke und Tage V. 287 ff. Siehe, das Böse vermagst du auch schaarweis dir zu gewinnen Ohne Bemühn; denn kurz ist der Weg, und nahe dir wohnt es. Vor die Trefflichkeit setzten den Schweiß die unsterblichen Götter; Lang auch windet und steil die Bahn zur Tugend sich aufwärts, Und sehr rauh im Beginn; doch wenn sie zur Höhe gelangt ist, Leicht dann wird sie hinfort und bequem, wie schwer sie zuvor war. Dasselbe bezeugt auch Epicharmos, Ein Komödiendichter aus Kos. Er lebte in Syrakus um 500 v. Chr. Von seinen Komödien sind nur Fragmente vorhanden. Die beiden von ihm angeführten Verse sind trochäische Tetrameter: –u| –u|  –u|  –u|| –u| –u| –u| wenn er sagt: Nur für Arbeit wird das Gute von den Göttern uns verkauft. (Und an einer andern Stelle sagt er: Thor, begehre nicht das Weiche, daß du nicht das Hart' erlangst!) Die eingeklammerten Worte scheinen nicht von Xenophon herzurühren, weil (wie Breitenbach richtig bemerkt) das Wort ιύπος nur bei Späteren die Stelle in einer Schrift bedeutet. Auch paßt die Sentenz weniger hierher. 21. Auch der weise Prodikos Prodikos aus Keos, ein Zeitgenosse des Sokrates und Xenophon. Letzterer soll ihn, als er nach Art der Sophisten feine Fabel vom Herakles für Geld vortragend umherzog, in Theben selbst gehört haben. Auch Sokrates stand zu ihm in näherer Beziehung, da er sich bei Platon an mehreren Stellen seinen Schüler nennt. Uebrigens war das ούγγραμμα περι Ήραχλέονεnur ein Theil eines größeren Werkes mit dem Titel Ώύπος( Breitenbach ). spricht sich in seiner Schrift von Herakles, die er bekanntlich sehr vielen immer vorträgt, ebenso über die Tugend aus, indem er, soweit ich mich noch erinnere, etwa Folgendes sagt: Als Herakles im Begriffe stand, aus dem Knaben- in das Jünglingsalter überzutreten, in dem die Jünglinge bereits selbstständig werden und zeigen, ob sie den Weg der Tugend oder des Lasters zu ihrem Lebenswege machen wollen, sei er an einen einsamen Ort hinausgegangen, habe sich daselbst niedergesetzt, unschlüssig, welchen von beiden Wegen er einschlagen solle. 22. Da habe er zwei Frauen von hoher Gestalt auf sich zukommen sehen; die eine war schön anzusehen und edel, Reinheit war ihres Leibes, Schamhaftigkeit ihrer Augen, Sittsamkeit ihrer Haltung Schmuck; ihre Kleidung war weiß. Die andere war wohlgenährt bis zur Fleischigkeit und Ueppigkeit, die Farbe geschminkt, so daß sie weißer und röther sich darzustellen schien, als sie wirklich war, und ihre Haltung so, daß sie gerader zu sein schien als von Natur; die Augen habe sie weit offen gehabt und ein Kleid getragen, aus dem am meisten die jugendliche Schönheit hindurchschimmern kann; wiederholt habe sie sich selbst angesehen, aber auch sich umgesehen, ob sie auch ein anderer beschaue, oft habe sie auch nach ihrem eigenen Schatten hingesehen. 23. Als sie aber näher an Herakles herangekommen seien, sei die zuerst genannte ruhig in ihrem Schritte weiter gegangen, die andere aber sei, um ihr zuvorzukommen, auf Herakles zugelaufen und habe zu ihm gesagt: Ich sehe, Herakles, daß du unschlüssig bist, welchen Lebensweg du einschlagen sollst; wenn du nun mich zur Freundin nimmst, dann werde ich dich den angenehmsten und bequemsten Weg führen, keine Lust soll dir verloren gehen und von Beschwerden sollst du verschont bleiben. 24. Denn erstlich wirst du dich nicht um Kriege und Händel bekümmern, sondern immer nur darauf sinnen dürfen, was du Angenehmes zum Essen oder Trinken finden, was zu sehen oder zu hören dich ergötzen, was zu riechen oder anzutasten dich freuen, mit welchen Jünglingen zu verkehren dir am meisten Genuß bereiten, wie du am weichsten schlafen und wie du am mühelosesten zu allen diesen Freuden gelangen könnest. 25. Sollte es aber einmal den Anschein haben, als könnten dir hierzu die Mittel ausgehen, so darfst du nicht besorgen, ich könnte dich dazu nöthigen, durch Anstrengung und Erduldung von Mühsalen des Leibes und der Seele dir diese Mittel zu verschaffen; nein, was andere sich erarbeiten, das sollst du genießen, sofern du nur nichts zurückweisest, woraus man Gewinn ziehen kann. Denn ich gebe meinen Freunden die Erlaubnis, aus allen Dingen Nutzen zu ziehen. 26. Als Herakles dies hörte, fragte er: wie heißt du, Weib? Sie antwortete: Meine Freunde nennen mich Glückseligkeit , meine Feinde dagegen Lasterhaftigkeit . 27. Inzwischen war auch die andere Frau herangekommen und sagte: Auch ich komme zu dir, Herakles, denn ich kenne deine Eltern und habe deine Anlagen bei deiner Erziehung kennen gelernt. Darum hoffe ich, wenn du den Weg zu mir einschlägst, so wirst du gewiß ein tüchtiger Vollbringer edler und erhabener Thaten werden, und ich noch viel geachteter und reicher an Vorzügen erscheinen. Ich will dich aber nicht durch Vorgaukeln von Genüssen täuschen, sondern dir das Leben, wie es die Götter angeordnet haben, der Wahrheit gemäß schildern. 28. Von dem Guten und wahrhaft Schönen geben die Götter den Menschen nichts ohne Mühe und Fleiß. Willst du, daß die Götter dir gnädig seien, so mußt du sie ehren; willst du von deinen Freunden geliebt werden, so mußt du ihnen gutes erweisen; willst du von irgend einem Staate geehrt werden, so mußt du dem Staate nützlich werden; willst du von ganz Griechenland wegen deiner Tugend bewundert werden, so mußt du dich um Griechenland verdient zu machen suchen; möchtest du, daß dir die Erde reichliche Früchte trage, so mußt du dieselbe pflegen; glaubst du, du müssest dich durch Heerden bereichern, so mußt du für Heerden sorgen; trachtest du danach, im Kriege dir Ruhm zu erwerben, und möchtest du die Macht besitzen, deine Freunde zu befreien und deine Feinde zu besiegen, dann mußt du nicht nur von solchen, die es verstehen, die Regeln der Kriegskunst erlernen, sondern dich auch in der Anwendung derselben üben; möchtest du aber endlich auch körperlich kräftig sein, so mußt du deinen Körper gewöhnen, dem Geiste zu gehorchen und unter Anstrengungen und Schweiß ihn abhärten. 29. Hier fiel ihr die Lasterhaftigkeit, wie Prodikos erzählt, ins Wort und sagte: Merkst du nun wohl, Herakles, was für einen schweren und langen Weg zum Lebensgenuß dich dies Weib da führen will? Ich dagegen werde dich einen bequemen und kurzen Weg zur Glückseligkeit führen. 30. Darauf sagte die Tugend: Du Elende, was hast du denn Gutes, oder was kennst du Angenehmes, wenn du dich nicht entschließen kannst, etwas für dieses zu thun? Wartest du doch nicht einmal das Verlangen nach dem Genuß ab, sondern ehe du ein Verlangen hast, füllst du dich mit allem an; du ißt, ehe dich hungert, trinkst, ehe dich dürstet. Damit das Essen dir schmecke, hast du die Hilfe von Köchen nöthig; um mit Lust zu trinken, schaffst du dir kostbare Weine an und läufst im Sommer nach Schnee umher, und um sanft schlafen zu können, hast du noch nicht an den reichen Decken genug, sondern du schaffst dir auch weiche Betten und Schaukelbettstellen an, denn nicht weil du arbeitest, sondern weil du nichts zu thun hast, verlangst du nach dem Schlafe. Den Liebesgenuß aber erzwingst du, ehe du das Bedürfnis nach demselben fühlst, indem du alle Mittel anwendest und Männer wie Frauen gebrauchst. Denn so erziehst du deine Freunde, indem du sie des Nachts schändest, den besten Theil des Tages aber verschlafen läßt. 31. Obwohl eine Unsterbliche, bist du von den Göttern verstoßen worden und von guten Menschen wenigstens wirst du verachtet. Das Allerangenehmste, was man hören kann, dein eigenes Lob, bekommst du nicht zu hören, und das Allerangenehmste, was man sehen kann, bekommst du nicht zu sehen, denn du hast noch nie eine von dir selbst rühmlich vollbrachte That gesehen. Wer möchte, wenn du etwas sagst, dir glauben? Wer, wenn du es nöthig hast, dir helfen? Welcher Verständige könnte es über sich gewinnen, in die Gesellschaft deiner Verehrer zu treten, die in ihrer Jugend körperlich schwach, im Alter blöden Geistes sind, die sorglos, in Salben glänzend, in der Jugend sich nähren lassen, aber mit Mühe, von Schmutz starrend, durch das Alter sich hinschleppen, voll Scham über das, was sie gethan haben, voll Gram über das, was sie thun müssen, weil sie die Annehmlichkeiten der Jugend rasch durchflogen und das Widrige sich für das Alter aufgespart haben. 32. Ich dagegen verkehre mit Göttern, verkehre mit guten Menschen. Keine rühmliche That, weder von Seiten der Götter, noch von Seiten der Menschen, wird ohne mich vollführt; man ehrt mich über alles bei den Göttern und bei allen Menschen, denen Ehre zur Zierde gereicht. Ich bin eine beliebte Mitarbeiterin den Künstlern, eine treue Wächterin des Hauses den Herren, eine wohlwollende Beschützerin den Sklaven, eine gute Gehilfin an den Geschäften des Friedens, eine zuverlässige Mitkämpferin im Kriege und die beste Genossin in der Freundschaft. 33. Meinen Freunden ferner ist der Genuß von Speisen und Getränken angenehm und von keinen Umständen abhängig, denn sie warten so lange, bis sie Appetit bekommen. Der Schlaf aber ist ihnen süßer als denen, welche nichts zu thun haben, und sie sind nicht ärgerlich, wenn sie ihn verlassen müssen, noch vernachlässigen sie um seinetwillen die nöthigen Geschäfte. Und die Jüngeren freuen sich über das Lob der Aelteren, die Aelteren dagegen freuen sich über die Ehrenbezeugungen der Jüngeren; mit Freude denken sie an die früheren Thaten und freuen sich auch, die gegenwärtigen gut zu vollbringen, da sie durch mich die Freundschaft der Götter, die Liebe der Freunde und die Achtung des Vaterlandes genießen. Wenn aber das vom Schicksal bestimmte Ende kommt, dann liegen sie nicht in Vergessenheit ruhmlos da, sondern von Lobliedern gepriesen, leben sie fort in der Erinnerung aller Zeiten. Wenn du, Herakles, du Sohn würdiger Eltern, dich solchen Anstrengungen unterziehst, dann kannst du die göttlichste Glückseligkeit erreichen. 34. So etwa erzählt Prodikos die Erziehung des Herakles durch die Tugend; nur hat er seine Gedanken durch noch herrlichere Worte ausgeschmückt, als ich jetzt. Dir aber, lieber Aristippos, ziemt es, dieses zu Herzen zu nehmen und auch einmal für die Zukunft deines Lebens zu sorgen. 2. Kapitel. Sokrates ermahnt seinen Sohn Lamprokles Sokrates hatte zwei Frauen gehabt, Xanthippe und Myrto . Die erstere hatte ihm den Lamprokles, die letztere den Sophroniskos und Menexenos geboren. zur Dankbarkeit und Achtung gegen seine Mutter. 1. Als Sokrates einmal bemerkte, daß sein ältester Sohn Lamprokles gegen seine Mutter Wie Xanthippe wegen ihrer Zanksucht sprichwörtlich geworden ist, ist geradezu unbegreiflich. Xenophon berichtet nur (Symposion II, 10) von ihrer Heftigkeit. Von sonstigen Untugenden der Xanthippe erzählen Xenophon, Platon und andere Sokratiker nichts . Erst spätere Schriftsteller erzählen von ihr viele schmähliche Züge und Anekdoten, die man etwa mit grundlosem Weibergeklatsch vergleichen kann. Sie war eine liebende Mutter und für die Ihrigen aufrichtig besorgt. – Was A. Gellius (I, 17) berichtet, scheint mir zum allermindesten lächerlich zu sein. Ich setze die Stelle im Original hierher: Xanthippe, Socratis philosophi uxor, morosa admodum fuisse fertur et iurgiosa: irarumque et molestiarum muliebrium per diem perque noctem satagebat. Has eius intemperies in maritum Alcibiades demiratus interrogavit Socratem, quaenam ratio esset, cur mulierem tam acerbam domo non exigeret. Quoniam, inquit Socrates, cum illiam domi talem perpetior, insuesco et exerceor, ut ceterorum quoque foris petulantiam et iniuriam facilius feram. aufgebracht war, sagte er: Sage mir, mein Sohn, kennst du wohl Menschen, die undankbar heißen? – Ja wohl. – Hast du wohl darauf geachtet, was diejenigen, die man so nennt, thun? – Allerdings. Die, welche Wohlthaten empfangen haben und sie nicht vergelten, obgleich sie können, nennt man undankbar. – Scheint es dir also nicht, daß man die Undankbaren zu den Ungerechten rechnet? – Allerdings. – 2. Hast du auch aber schon einmal darüber nachgedacht, ob vielleicht die Undankbarkeit nur den Freunden, den Feinden gegenüber aber nicht ungerecht ist, wie man ja auch den Verkauf von Menschen nur dann für ein Unrecht hält, wenn man ihn mit Freunden, nicht aber, wenn man ihn mit Feinden vornimmt? – Allerdings habe ich darüber nachgedacht, sagte Lamprokles, und mir scheint, daß einer, möge er Wohlthaten empfangen haben, von wem er wolle, sei es von einem Freunde oder einem Feinde, ungerecht handelt, wenn er nicht Dank dafür abzustatten sucht. – 3. Ist demnach nicht, sagte Sokrates, wenn dies sich so verhält, die Undankbarkeit eine ganz offenbare Ungerechtigkeit? – Gewiß. – Dürfte also nicht einer um so ungerechter sein, je größer die Wohlthaten sind, die er empfangen hat, und nicht Dank dafür abstattet? – Allerdings. – Könnten wir aber wohl irgend einen finden, der von einem größere Wohlthaten empfangen hätte, als die Kinder von ihren Eltern? Denn die Eltern haben ihnen, als sie noch nicht da waren, das Dasein gegeben und ihnen den Anblick so vieles Schönen und ihnen den Mitgenuß derjenigen Güter gewährt, welche die Götter den Menschen darbieten: Schätze, die uns dergestalt über alles gehen, daß wir alle nichts so sehr fliehen, als sie meiden zu müssen, ja daß auch die Staaten auf die größten Verbrechen den Tod als Strafe gesetzt haben, weil sie durch die Androhung keines größeren Uebels dem Unrecht steuern zu können glauben. 4. Und du bildest dir doch gewiß nicht ein, daß die Menschen blos um der Wollust willen Kinder zeugen, denn von Mitteln, davon loszukommen, sind ja die Straßen und die Freudenhäuser voll. Es ist aber auch offenbar, daß wir überlegen, von welchen Frauen wir wohl die kräftigsten Kinder bekommen werden und mit diesen verbinden wir uns dann zur Zeugung von Kindern. 5. Und der Mann verpflichtet sich hierbei zur Ernährung seiner Gattin und schafft für die Kinder, welche geboren werden sollen, im voraus alles an, was er nur für ihr Leben dienlich erachtet, und zwar so reichlich als er nur kann; Sache der Frau aber ist es, nach der Empfängnis diese Bürde unter Beschwerden und Lebensgefahr zu tragen und ihr mitzutheilen von der Nahrung, durch die sie auch selbst genährt wird, und das Kind, wenn sie es unter vielen Beschwerden ausgetragen und geboren hat, zu ernähren und zu pflegen, und zwar ohne daß sie vorher irgend eine Wohlthat von ihm empfangen hat, ohne daß das Kind weiß, von wem es solche Wohlthaten empfängt, ja ohne daß dasselbe zu verstehen geben kann, woran es ihm fehlt. Nein, selbst sucht sie herauszubekommen, was ihm nützlich und angenehm ist, und ihm das Nöthige herbeizuschaffen, und nährt es lange Zeit, ohne sich Tag und Nacht Ruhe zu gönnen und ohne zu wissen, welchen Dank sie einmal dafür bekommen wird. 6. Und die Eltern begnügen sich nicht mit der bloßen Leibespflege der Kinder, sondern wenn sie groß genug scheinen, um etwas zu lernen, unterweisen sie dieselben nicht nur in dem, was sie selbst fürs Leben nützliches wissen, sondern lassen sie auch darin unterrichten, wenn sie glauben, daß ein anderer es besser lehren kann, und schicken dieselben zu einem Solchen in die Schule, ohne die Kosten zu scheuen, und sorgen auf alle mögliche Weise dafür, daß ihre Kinder so tüchtig als möglich werden. – 7. Aber wahrhaftig, sagte Lamprokles, wenn sie auch dies alles gethan hat und noch viel mehr als dieses, so dürfte doch niemand ihre bösen Launen ertragen können. – Glaubst du, daß die Wildheit eines Thieres schwerer zu ertragen sei oder die einer Mutter? – Ich für meine Person glaube, die einer Mutter, wenigstens einer solchen, wie sie eine ist. – Hat sie dich wohl schon einmal gebissen oder mit Füßen getreten, dergleichen von Thieren schon vielen widerfahren ist? – 8. Aber, beim Zeus, sie sagt einem Dinge, die man nicht ums ganze Leben hören möchte. – Wie oft, sagte Sokrates, hast du sie durch dein Geschrei und deine Unarten verdrießlich gemacht von Klein auf und ihr Tag und Nacht zu schaffen gemacht? Wie viel Kummer hast du ihr verursacht, wenn du krank warst? – Aber niemals habe ich ihr etwas gesagt oder gethan, dessen sie sich hätte schämen müssen. – 9. Wie aber? Scheint dir das, was sie dir sagt, schwerer anzuhören, als den Schauspielern die schmählichsten Dinge, die sie sich gegenseitig in den Tragödien sagen? – Nun diese, meine ich, können das leicht hinnehmen, da sie ja glauben, daß weder der Schimpfende schimpft, um zu beleidigen, noch der Drohende droht, um etwas Böses zu thun. – Und du bist doch wohl, sagte Sokrates, überzeugt, daß deine Mutter, was sie dir auch immer sagen mag, nicht nur dabei nichts Böses im Sinne hat, sondern sogar dir Gutes wünscht, so viel wie keinem andern, und du zürnst ihr trotzdem? Oder meinst du wirklich, deine Mutter meine es böse mit dir? – 10. Nein, wahrhaftig, das glaube ich nicht. – Und diese, die es gut mit dir im Sinne hat, und wenn du krank bist, so gut als möglich dafür sorgt, daß du wieder gesund werdest und daß dir nichts fehle, und die noch überdies dir alles Gute von den Göttern herabfleht und es nicht an Gelübden fehlen läßt, soll böse sein? Ich meinestheils glaube, wenn du eine solche Mutter nicht ertragen kannst, kannst du das Gute auch nicht ertragen. 11. Sage mir, glaubst du wohl, daß es Leute giebt, denen man Achtung erweist? θεραπευειν nicht δειν θεραπευεν, habe ich übersetzt. S. Breitenbach z. d. St. Oder hast du dirs vorgenommen, dich um keines Menschen Beifall zu bemühen und keinem zu gehorchen, weder einem Feldherrn noch sonst einem, der ein Amt hat? – Ja, beim Zeus, ich glaube es. – 12. Wirst du also auch nicht deinem Nachbarn gefallen wollen, damit er dir nicht nur, wenn du es nöthig hast, Feuer gebe, sondern dir auch zur Erringung des Guten behilflich sei, und wenn dich ein Unfall treffen sollte, wohlwollend dir aus der Nähe zur Hilfe komme? – O ja. – Ferner, ein Reisegefährte zu Wasser oder zu Lande, oder wenn du sonst mit einem zusammenträfest, würde es dir einerlei sein, ob er dein Freund oder dein Feind wäre, oder glaubst du dich auch um das Wohlwollen dieser bemühen zu müssen? – Ja wohl. – 13. Um diese also willst du dich bekümmern, deine Mutter aber, die dich am meisten von allen liebt, glaubst du nicht ehren zu müssen? Weißt du nicht, daß sogar der Staat sich weder um jede andere Undankbarkeit bekümmert noch sie bestraft, sondern es ungestraft hingehen läßt, wenn die, welche Wohlthaten empfangen haben, keinen Dank dafür abstatten, wenn aber einer seine Eltern nicht ehrt, so zieht er ihn zur Verantwortung und läßt ihn nicht zur Archontenwürde kommen, weil er annimmt, daß weder die Opfer für das Wohl des Staates auf gehörige Weise verrichtet werden würden, wenn ein solcher sie verrichte, noch sonst etwas recht und nach Gebühr von diesem vollbracht werden könnte. Ein Solonisches Gesetz bestimmte, wer sich um die Würde eines Archon bewerbe, über den sollte festgestellt werden, ob er sich auch keine schlechte Behandlung seiner Eltern habe zu Schulden kommen lassen, ob er sie namentlich nicht geschlagen oder der Ernährung und sonstigen Erhaltung derselben sich entzogen habe. Wurde er überführt, so durfte er nicht als Redner im Senat und in der Volksversammlung auftreten, ja nicht einmal auf dem Markt und andern öffentlichen Orten sich sehen lassen. That er dies, dann traf ihn Gefängnisstrafe. Ja sogar, beim Zeus, wenn einer versäumt, die Grabhügel der gestorbenen Eltern zu pflegen, auch dies zieht der Staat bei den Prüfungen der Archonten in Betracht. 14. Du also, mein Sohn, wenn du vernünftig bist, wirst die Götter um Verzeihung bitten, wenn du in irgend einer Hinsicht deiner Mutter die Achtung versagt hast, damit nicht auch diese dich für undankbar halten und die Lust, dir Wohlthaten zu erweisen, verlieren; vor den Menschen aber wirst du dich in Acht nehmen müssen, daß sie dich nicht alle verachten, wenn sie merken, daß du deine Eltern verachtest, und du dann von deinen Freunden verlassen einsam dastehest. Denn wenn sie von dir glauben, daß du gegen deine Eltern undankbar seiest, so würde wohl keiner erwarten, für Wohlthaten, die er dir erweisen würde, Dank zu ernten. 3. Kapitel. Sokrates ermahnt den Chärekrates, der mit seinem Bruder Chärephon in Uneinigkeit lebt, zu brüderlicher Eintracht. 1. Als Sokrates einmal erfahren hatte, daß Chärephon und Chärekrates, Chärephon war von früher Jugend an einer der treuesten Anhänger und Freunde des Sokrates, so daß Aristophanes (Wolken V. 103) ihn vor allen als Genossen desselben erwähnt. Auch war er es, der die Pythia fragte, ob es einen gäbe, der weiser wäre als Sokrates. Vgl. Verteidigungsrede des Sokrates Kap. 5, Univ.-Bibl. Nr. 895. Sein Bruder Chärekrates stand dem Sokrates in seinem Proceß, welchen Chärephon nicht mehr erlebte, zur Seite. S. Platon a. a. O. zwei Brüder, welche seine Freunde waren, in Streit lebten, sagte er zu Chärekrates, als er ihn sah: Sage mir, Chärekrates, du zählst doch nicht zu denjenigen Menschen, welche Glücksgüter für nützlicher halten als einen Bruder, während doch jene vernunftslos sind, dieser hingegen vernünftig, und jene der Hilfe bedürfen, dieser hingegen zu Hilfe kommen kann, und jene auch sonst noch mehr zu finden sind, dieser dagegen nur einer ist? 2. Wundern muß man sich aber auch darüber, wenn einer seine Brüder für einen Schaden hält, weil er nicht ihr Vermögen mit besitzt, seine Mitbürger dagegen nicht für einen Schaden hält, deren Vermögen ihm doch auch nicht gehört, sondern bei diesen zwar erkennen kann, daß es besser ist, mit vielen zusammenzuwohnen und in sicherer Weise sein Auskommen zu haben, als allein zu leben und alles, was seinen Mitbürgern gehört, unter Gefahren zu besitzen; aber in Betreff der Brüder sieht man eben dies nicht ein. 3. Und Sklaven kaufen die, welche es können, Der Zusammenhang ist: Geld und Gut schätzt man höher als Brüder zu besitzen. Ja manche sehen sogar in ihren Brüdern einen Schaden, weil durch sie ihnen die Erbschaft an Geld und Gut verkürzt sei. Und doch kaufen die, welche Geld und Gut haben, Sklaven u. s. w. ( Breitenbach. ) um Arbeitsgehilfen zu haben, und auch Freunde erwirbt man sich, weil man eines Beistandes zu bedürfen glaubt, die Brüder aber achtet man gering, als ob man sich nur aus Mitbürgern Freunde erwerben könnte, aus Brüdern aber nicht. 4. Und doch trägt viel zur Freundschaft bei, von denselben Eltern geboren und zusammen erzogen worden zu sein, da selbst in den wilden Thieren sich eine Art Sehnsucht nach denen zeigt, welche mit ihnen aufgewachsen sind. Außerdem aber ehren auch die übrigen Menschen diejenigen, welche Brüder haben, mehr als die, welche keine haben, und wagen nicht so leicht etwas gegen sie. – 5. Ja, antwortete Chärekrates, wenn der Streitpunkt nicht von Bedeutung ist, muß man wohl mit dem Bruder Geduld haben und nicht wegen Kleinigkeiten mit ihm brechen; denn du hast ganz Recht, es ist etwas Vortreffliches um einen Bruder, wenn er ist, wie er sein soll; wenn ihm aber daran (daß er ist, wie er sein soll) nicht weniger als alles fehlt, und er das gerade Gegentheil ist, wozu soll man sich da mit dem Unmöglichen abgeben? – 6. Vermag denn Chärephon, wie auch dir nicht, so überhaupt keinem Menschen zu gefallen? Oder gefällt er einigen gar sehr? – Deshalb ja eben, Sokrates, muß ich ihn hassen, daß er zwar gegen andere recht liebenswürdig sein kann, mir aber überall, wo er sich zeigt, durch Wort und That mehr ein Schaden als ein Nutzen ist. – 7. Ist aber nicht vielleicht ein Bruder darin einem Pferde ähnlich, daß er, wie dieses, demjenigen ein Schaden ist, der sich nicht darauf versteht und dennoch mit demselben umzugehen versucht? – 8. Wie sollte ich mich aber nicht darauf verstehen, mit einem Bruder umzugehen, da ich ja mit jedem, der mit mir freundlich redet, freundlich wieder zu reden, und jeden, der mich gut behandelt, nicht minder gut zu behandeln verstehe? Freilich, wer mich durch Wort und That zu kränken sucht, gegen den kann ich unmöglich freundlich und dienstwillig sein; ja ich werde nicht einmal den Versuch machen. – 9. Es ist doch merkwürdig von dir, wenn du z. B. einen Hund, falls du einen für die Heerden brauchbaren hättest, und er würde die Hirten schmeichelnd anwedeln, dich aber, wenn du kämest, anknurren, – wenn du diesen, sage ich, anstatt unwillig zu werden, durch Gutesthun zu besänftigen suchen würdest; von deinem Bruder aber sagst du, daß er ein großes Gut wäre, wenn er sich gegen dich so benähme, wie er sollte, und giebst zu, daß du gutes zu thun und freundlich zu sein verstehest, und willst dich doch nicht bemühen es dahin zu bringen, daß er so freundlich als möglich gegen dich werde? – 10. Ich fürchte, Sokrates, nicht verständig genug zu sein, um den Chärephon so gegen mich zu machen, wie er sein sollte. – Und doch, erwiderte Sokrates, brauchst du dazu keine neuen Kunstgriffe, wie mir scheint, gegen ihn auszusinnen, sondern ich denke, er dürfte schon durch das, was auch du von selbst weißt, sich gewinnen lassen, dich über alles hoch zu achten. – 11. So sage mir doch gleich, wenn du etwa bei mir die Kenntnis eines Liebesmittels wahrgenommen hast, von der ich selbst keine Ahnung habe. – So sage mir denn, wenn du einen deiner Freunde dahin bringen wolltest, dich, wenn er opfert, zur Mahlzeit einzuladen, was würdest du thun? – Ich würde natürlich selbst, wenn ich opferte, ihn zuerst einladen. – 12. Wenn du aber einen von deinen Freunden dahin bringen wolltest, deine Angelegenheiten, wenn du verreisest, zu besorgen, was würdest du thun? – Natürlich, würde ich mich, wenn er verreisen sollte, der seinigen annehmen. – 13. Wenn du aber einen Fremden dahin bringen wolltest, dich aufzunehmen, wenn du in seine Heimat kämest, was würdest du thun? – Natürlich würde ich auch diesen zuerst aufnehmen, wenn er nach Athen käme, und wenn ich ihn geneigt machen wollte, mir das auszuwirken, weswegen ich käme, so würde ich offenbar auch dies zuerst selber an ihm thun müssen. – 14. Du kennst also, sagte Sokrates, längst alle Liebesmittel, die es in der Welt giebt, und du thatest nur geheim damit; oder besinnst du dich, den Anfang zu machen, damit es nicht schimpflich erscheine, wenn du zuerst deinem Bruder gutes erweist? Und doch scheint der Mann des größten Lobes werth zu sein, der zuerst den Feinden böses und den Freunden gutes thut. Wenn ich nun glaubte, daß Chärephon geeigneter wäre als du, in dieser Sache den Anfang zu machen, so würde ich ihn dahin zu bringen suchen, zuerst einen Schritt zu thun, dich zu seinem Freunde zu machen. So aber scheint mir die Sache besser zu gelingen, wenn du den Anfang machen würdest. – 15. Da redest du etwas Sonderbares und keinesweges dir Angemessenes, wenn du meinst, ich als der Jüngere solle den Anfang machen. Ist doch in der ganzen Welt gerade das Gegentheil hiervon Sitte, daß nämlich der Aeltere überall den Anfang macht, sowohl wo es etwas zu thun als wo es etwas zu sagen giebt. – 16. Wie? Ist es nicht überall Sitte, daß der Jüngere dem Aelteren aus dem Wege geht, daß er vor ihm vom Sitze sich erhebt, daß er das weichere Lager ihm überläßt und ihm das Wort läßt? Mein Bester, zögere nicht, sondern versuche es, den Mann zu besänftigen, er wird dir gewiß ganz schnell entgegenkommen. Siehst du nicht, wie ehrliebend, wie edel er ist? Ich sage dir das, denn während man die schlechten Menschen nur dadurch gewinnen kann, daß man ihnen etwas giebt, kann man rechtschaffene Menschen nur durch freundliche Behandlung am besten sich gewinnen. – 17. Wenn ich dies nun thäte, und er würde um nichts besser? – Was hast du dann anders zu befürchten, als daß du gezeigt hast, du seist rechtschaffen und brüderlich gesinnt, jener dagegen schlecht und einer Wohlthat unwürdig? Aber ich glaube, daß es so weit nicht kommen wird, glaube vielmehr, daß er sich beeifern wird, dich durch Freundlichkeit in Wort und That zu übertreffen, wenn er merkt, daß du ihn zu diesem Wettstreit herausforderst. 18. Jetzt steht es mit euch gerade so, wie wenn die beiden Hände, welche die Gottheit zu gegenseitiger Unterstützung geschaffen hat, dieses aufgäben und einander hindern wollten, oder wie wenn die beiden Füße, die nach göttlicher Fügung dazu bestimmt sind, einander zu fördern, statt dessen einander im Wege sein würden. 19. Wäre es nicht eine große Thorheit und ein Wahnsinn, das, was zum Nutzen geschaffen ist, zum Schaden zu gebrauchen? Und doch hat Brüder, wie mir scheint, die Gottheit für einander zu weit größerem Nutzen geschaffen, als ein Paar Hände, Füße, Augen und die übrigen Glieder, welche sie paarweise dem Menschen gegeben hat. Denn die Hände würden, wenn sie zu gleicher Zeit an zwei Dingen arbeiten sollten, die weiter von einander als eine Klafter entfernt wären, es nicht können; die Füße würden nicht einmal zu Gegenständen, welche eine Klafter weit von einander entfernt wären, zugleich gehen; und die Augen, die doch am weitesten zu reichen scheinen, würden nicht einmal von Dingen, die noch weniger Raum einnehmen, die Vorder- und Hinterseite zugleich sehen können. Zwei Brüder aber, die sich lieben, wirken, auch wenn sie noch so weit von einander getrennt sind, zusammen, und zwar für ihr beiderseitiges Wohl. 4. Kapitel. Werth der Freundschaft. 1. Auch hörte ich den Sokrates einmal über die Freundschaft reden, und, wie mir schien, hätte mancher großen Nutzen daraus ziehen können, sowohl hinsichtlich der Erwerbung von Freunden als hinsichtlich des Verkehrs mit denselben. Das zwar, sagte er, könne man von vielen hören, daß ein zuverlässiger und rechtschaffener Freund von allen Gütern, die man besitzen könne, das beste sei, aber er sehe die meisten Menschen weit mehr um alles andere, als um die Erwerbung von Freuden Sorge tragen. 2. Denn Häuser, Aecker, Sklaven, Heerden und Geräthschaften erwerben sie sich nicht nur angelegentlich, sondern suchen auch das aufs sorgfältigste zu bewahren, was sie davon bereits haben; einen Freund aber, den man doch das größte Gut nenne, seien sie weder bemüht, sich zu erwerben, noch den erworbenen sich zu erhalten. Man vgl. zu dieser schönen Stelle Cicero Lälius Kap. 15 (Univ.-Bibl. Nr. 868): Was ist aber thörichter, als wenn man, durch Reichthum, Ueberfluß und Macht vielvermögend, sich zwar alles anschafft, was man sich für Geld anschaffen kann: Pferde, Diener, herrliche Gewänder, kostbare Gefäße – Freunde hingegen, den besten und schönsten Hausrath des Lebens, wenn ich mich so ausdrücken darf, sich nicht erwirbt? 3. Ja, auch wenn Freunde und Sklaven krank seien, sehe er, daß einige zwar für die Sklaven Aerzte zu Hilfe riefen und alles übrige zu ihrer Genesung eifrig herbeischafften, um die Freunde sich aber gar nicht kümmerten. Und wenn beide sterben, seien sie zwar über den Tod der Sklaven betrübt und sähen ihren Tod als einen Verlust an, an den Freunden aber glauben sie nichts zu verlieren; und von ihren übrigen Besitzthümern lassen sie es bei keinem an Pflege und Wartung fehlen, die Freunde aber vergessen sie, wenn sie der Pflege bedürfen. 4. Ferner, sagte er, sehe er noch, daß die meisten zwar von ihren übrigen Gütern, wenn sie deren auch noch so viele haben, die Anzahl wissen, von den Freunden aber, wenn es deren gleich wenige seien, nicht nur die Zahl nicht wissen, sondern auch wenn sie denen, die nach dieser fragen, dieselben herzählen wollen, die, welche sie erst unter den Freunden angeführt haben, wieder zurücknehmen. So viel bekümmern sie sich um die Freunde. Vgl. Cicero a. a. O. Kap. 17: Gleichwohl sagte er (nämlich Scipio), sei zu beklagen, daß die Menschen bei allen andern Dingen sorgfältiger wären; jeder könne z. B. sagen, wie viele Ziegen und Schafe er habe, wie viele Freunde aber, könne er nicht angeben. 5. Und doch, wenn man Freunde mit den übrigen Besitztümern vergleicht, würde ein rechtschaffener Freund nicht bei weitem vorzüglicher erscheinen? Denn welches Pferd, welches Stiergespann ist so nützlich wie ein wackerer Freund, welcher Sklave so willig und so treu, oder welch' anderes Besitzthum in jeder Hinsicht so werthvoll? 6. Denn ein braver Freund stellt sich überall ein, wo es dem Freunde noch thut, sowohl in der Einrichtung der häuslichen Angelegenheiten als in öffentlichen Geschäften, und er ist bei der Hand, wenn es gilt, einem Gutes zu thun; er eilt zur Hilfe herbei, wenn eine Gefahr droht, indem er theils den Aufwand mitbestreitet, theils mitwirkt, theils zuredet, theils Gewalt gebraucht und die größte Freude im Glücke ist und die größte Stütze im Unglück. 7. Wie sehr auch die Hände einem jeden zu Dienste sind, die Augen sehen, die Ohren hören und die Füße durchwandern, in keinem dieser Stücke bleibt der Freund mit seinen Dienstleistungen zurück; ja oft ist, was einer für sich nicht erarbeitete, nicht sah, nicht hörte und nicht zum Ziele führte, vom Freunde für den Freund geleistet worden. Aber dennoch suchen einige zwar Bäume um der Frucht willen zu warten; das allereinträglichste Besitzthum aber, welches man Freund nennt, pflegen die Meisten träg und nachlässig. 5. Kapitel. Ueber den verschiedenen Werth verschiedener Freunde. (Gespräch mit Antisthenes.) Antisthenes aus Athen, ein Schüler des Sokrates, war Stifter der Kynischen Schule, welche die höchste Tugend in die Unabhängigkeit von allen äußeren Bedürfnissen setzte. 1. Ich habe aber auch noch eine andere Unterredung von ihm gehört, welche, wie mir schien, alle, die sie hörten, antrieb, sich selbst zu prüfen, wie viel sie wohl ihren Freunden werth sein möchten. Als er nämlich einmal sah, daß einer von seinen Schülern um einen von Armuth gedrückten Freund sich nicht kümmerte, richtete er an Antisthenes in Gegenwart des Unbekümmerten und noch vieler anderer folgende Frage: 2. Haben nicht die Freunde, wie die Sklaven, einen gewissen Werth, Antisthenes? Denn von den Sklaven ist ja wohl der eine zwei Minen S. Anm. 10 zum ersten Buche. werth, ein anderer nicht einmal eine halbe, ein anderer fünf, ein anderer sogar zehn; ja Nikias, Nikias , bekannt durch den nach ihm benannten Frieden, besaß in den Silberbergwerken von Laurion große Reichthümer. Dort soll er tausend Arbeiter beschäftigt haben. des Nikeratos Sohn, soll für einen Aufseher in seinen Silbergruben sogar ein Talent Ein Talent ist gleich 60 Minen, ungefähr 4000 Mark. bezahlt haben. Ich frage deshalb, ob wohl, wie die Sklaven, so auch die Freunde ihren Werth haben. – 3. Mir wenigstens, beim Zeus, sagte Antisthenes, wäre der eine, wenn er mein Freund wäre, lieber als zwei Minen, die Freundschaft eines andern wäre mir kaum eine halbe werth; wieder ein anderer wäre mir sogar lieber als zehn Minen, und bei manchem wäre mir gar kein Geld und keine Mühe zu viel, um ihn mir zum Freunde zu erwerben. – 4. Dürfte es also nicht, antwortete Sokrates, wenn dem so ist, wohl gut sein, sich genau zu prüfen, wie viel er für seine Freunde werth sei und sich Mühe gäbe, für sie recht viel werth zu sein, damit er von seinen Freunden nicht gar zu billig preisgegeben wird? Denn ich höre oft von einem erzählen, daß ihn ein Freund preisgegeben habe, von einem andern, daß er von einem Menschen, den er für seinen Freund gehalten, für eine Mine hingegeben sei. 5. Wenn ich dies alles erwäge, wird in mir die Besorgnis erweckt, daß man es mit den Freunden wie mit den Sklaven halte. Denn wenn einer einen schlechten Sklaven feilbietet und um jeden Preis verkauft, so möchte es wohl auch verlockend sein, einen schlechten Freund preiszugeben, wenn man mehr, als er werth ist, bekommen kann. Wackere Männer dagegen werden, wie ich sehe, weder, wenn es Sklaven sind, verkauft, noch, wenn man sie zu Freunden hat, hingegeben. 6. Kapitel. Gespräch mit Kritobulos Kritobulos kam schon I, 3, 8 vor; s. dort die Anm. über Wahl und Behandlung von Freunden. 1. Er schien mir aber auch hinsichtlich der Prüfung der Freunde, wie die sein müßten, welche man sich erwerbe, gute Lehren zu geben, indem er sagte: Sage mir, Kritobulos, wenn wir einen braven Freund gebrauchen sollten, wie müßten wir es wohl anstellen, darüber zu Rathe zu gehen? Müßten wir nicht in erster Linie einen Mann suchen der seinen Bauch, seinen Durst, seinen Geschlechtstrieb, seinen Schlaf und seine Trägheit beherrscht? Denn wer sich von diesen Dingen beherrschen läßt, dürfte wohl weder für sich, noch für seinen Freund das nöthige zu leisten im Stande sein. – Allerdings nicht, sagte Kritobulos. – Meinst du also nicht, daß wir einen, der von diesen Leidenschaften beherrscht wird, bei Seite lassen müssen? – Ganz sicher. – 2. Wenn einer ferner großen Aufwand macht und selbst nicht ausreicht, sondern immer seiner Mitmenschen bedarf, und wenn er etwas bekommt, es nicht zurückgeben kann, wenn er aber nichts bekommt, demjenigen, der ihm nichts giebt, feind wird, scheint dir dieser nicht ein lästiger Freund zu sein? – Allerdings. – Werden wir also nicht auch diesen bei Seite lassen müssen? – Gewiß, sagte Kritobulos. – 3. Ferner, wer sich Geld zu erwerben versteht, aber nie genug Geld bekommen kann, und mit dem deshalb schwer zu verkehren ist, der ferner nur am Bekommen seine Freude hat, aber nie zurückgeben will? – Mir scheint dieser noch schlimmer als jener zu sein. – 4. Wie aber? Wer aus Lust zum Gelderwerb sich zu nichts anderm Zeit nimmt, als woraus er selbst Gewinn ziehen kann? – Auch diesen müssen wir meiner Ansicht nach bei Seite lassen, denn sein Umgang dürfte keinem Menschen von Nutzen sein. – Und wer streitsüchtig ist und seinen Freunden viele zu Feinden machen will? – Auch diesen müssen wir meiden, beim Zeus. – Wenn nun einer keine von diesen Untugenden hätte, aber Wohlthaten sich erweisen läßt, ohne jemals an eine Erwiderung derselben zu denken? – Auch dieser wäre von keinem Nutzen. Aber welcher, Sokrates, würde es denn verdienen, von uns zum Freunde angenommen zu werden? – 5. Ich denke, einer, der im Gegensatz zu diesem seine leiblichen Begierden zu beherrschen weiß, redlich ist, zum Verkehr taugt und ehrliebend genug ist, im Wohlthun nicht denen nachzustehen, welche ihm Wohlthaten erweisen, mit einen: Worte, ein solcher, welcher denen, die mit ihm verkehren, wirklich von Nutzen ist. – 6. Wie könnten wir nun dieses ermitteln, Sokrates, ehe wir mit ihm verkehrten? – Wollen wir Bildhauer ausmitteln, so ziehen wir nicht aus ihren Reden Schlüsse, sondern von wem wir wissen, daß er seine bisherigen Bildsäulen gut ausgearbeitet hat, nur diesem trauen wir zu, daß er auch die übrigen gut machen werde. – 7. Auch von dem Manne also, sagte Kritobulos, meinst du, von welchem man sieht, daß er seinen früheren Freunden Gutes thut, sei klar, daß er auch den zukünftigen Gutes thun werde? – Glauben wir doch auch, versetzte Sokrates, daß einer, der mit seinen früheren Pferden gut umzugehen verstand, auch mit den andern gut fertig werden wird. – 8. Gut, sagte Kritobulos; wer uns aber der Freundschaft werth zu sein scheint, wie müssen wir den uns zum Freunde zu machen suchen? – Vor allen Dingen, sagte Sokrates, müssen wir auf die Andeutungen der Götter achten, ob sie uns rathen, ihn zu unserm Freunde zu machen. – Wie nun? wendete Kritobulos ein; wenn wir nun einen gefunden zu haben glauben, und auch die Götter nicht entgegen sind, kannst du sagen, wie wir auf diesen Jagd machen müssen? – 9. In der That, sagte Sokrates, nicht im Laufe, wie der Hase, auch nicht durch Täuschung, wie die Vögel, noch durch Gewalt, wie die Feinde, denn einen, der nicht will, zum Freunde zu erjagen ist schwierig, schwierig aber ist es auch, einen solchen festzuhalten, selbst wenn man ihn wie einen Sklaven in Fesseln legt, denn Leute, die man so behandelt, werden eher Feinde als Freunde. – 10. Wie aber werden Freunde aus ihnen? fragte Kritobulos. – Man sagt, erwiderte Sokrates, es gebe gewisse Zauberlieder, durch deren Vorsingen diejenigen, welche sie wissen, sich jeden, den sie nur wollen, zum Freunde machen können, wie es ja auch Liebesmittel gebe, durch deren Anwendung die, welche sie wissen, von allen geliebt werden, von welchen sie nur wollen. – 11. Woher nun aber könnten wir diese erfahren? – Was die Sirenen dem Odysseus vorsangen, hast du von Homer gehört. Der Anfang lautet ungefähr so: Komm, besungner Odysseus, du großer Ruhm der Achaier! Nach der Uebersetzung von J. H. Voß (Homers Odyssee XII, 184). – Die Sirenen Σειρηνεσ, die jungfräulichen Töchter des Phorkys , nach späterer Sage des Acheloos und einer der Musen, bei Homer zwei, später drei, genannt Ligeia , Leukosia , Parthenope (oder Aglaopheme ), Molpe , Thelxiepeia . Bei Homer hausen sie zwischen der Insel der Kirke und der Skylla auf einem Eiland, wo sie auf einer blumigen Wiese sitzend, von den Gebeinen verwesender Männer umgeben, die Vorübergehenden durch ihren süßen Gesang bethören und zu sich locken: wer zu ihnen kommt, sieht nicht mehr Weib und Kind wieder. Sie wissen alles, was auf der ganzen Erde geschieht. Man stellte sie dar als große Vögel mit Frauenköpfen oder mit dem Oberleib einer Jungfrau und den Füßen von Vögeln mit und ohne Flügel. Später galten sie als Sängerinnen der Todtenklage und wurden daher oft als Gräberschmuck angebracht, oder als Symbole des Zaubers der Schönheit, der Beredtsamkeit und des Gesanges, weshalb man ihre Bilder auf den Gräbern von schönen Frauen und Mädchen und von Rednern und Dichtern sah, wie auf dem des Isokrates und Sophokles . Hielten nun, Sokrates, durch Vorsingen dieses Zauberliedes die Sirenen auch andere Menschen fest, daß sie, bezaubert, nicht wieder von ihnen weggingen? – Nein, sie sangen es nur denen, die ihre Ehre in der Tapferkeit suchten. – 12. Du meinst nun wohl, man müsse einem jeden solche Dinge vorsingen, deren Lob dem Hörenden nicht wie Spott vorkommen kann. Denn so würde man sich eher verhaßt machen und die Leute von sich wegtreiben, wenn man einen, der von sich weiß, daß er unansehnlich, häßlich und schwächlich ist, als schöngestaltet, groß und kräftig preisen wollte. Aber kennst du etwa noch andere Zauberlieder? – 13. Nein, ich hörte nur, daß Perikles deren viele gewußt hat, durch deren Vorsingung er sich die Liebe der Stadt erworben habe. – Wodurch bewirkte denn aber Themistokles, daß ihn die Stadt liebte? – Beim Zeus, nicht dadurch, daß er ihr Lieder vorsang, sondern dadurch, daß er sie durch herrliche Thaten bezauberte. – D.h. Perikles verdankte seinen Ruhm und sein Ansehen beim Volke größtentheils seiner bezaubernden Beredtsamkeit, dagegen wurde Themistokles der Liebling des Volkes nur durch Thaten. Daß damit Sokrates die Verdienste des Perikles nicht schmälern will, sieht man aus Symposion VIII, 39: »Du mußt einmal sehen, was Themistokles verstanden, daß es ihm gelang, Griechenland zu befreien; du mußt ferner sehen, was Perikles für Kenntnisse besessen, daß er für den besten Rathgeber des Vaterlandes galt; du mußt ferner auch betrachten, wie Solon sich vorbereitet, daß er dem Staate so herrliche Gesetze geben konnte.« Themistokles war also groß durch die That , Perikles durch Rath , Solon durch Weisheit . An unserer Stelle handelt es sich darum, den Uebergang zu gewinnen von den Worten zur That . Diese muß zu jenen hinzukommen, wenn man sich eines tüchtigen Mannes Freundschaft erwerben will. 14. Du scheinst mir, lieber Sokrates, zu sagen, daß wir, wenn wir uns einen braven Mann zum Freunde erwerben wollen, wir selbst in Wort und That brave Männer werden. – Du aber, sagte Sokrates, meintest wohl, es sei auch möglich, als schlechter Mann sich treffliche Freunde zu erwerben? – 15. Ich sah ja, sagte Kritobulos, daß schlechte Redekünstler mit ausgezeichneten Volksrednern befreundet waren, und daß Leute, die von Kriegskunst gar nichts verstehen, mit ganz tüchtigen Feldherren verkehrten. – 16. Hast du aber auch wohl, wovon wir reden, Leute gekannt, die, ohne selbst zu irgend etwas nütze zu sein, nützliche Freunde sich erwerben können? – Nein, beim Zeus, wahrhaftig nicht, sagte Kritobulos. Aber wenn es einerseits unmöglich ist, sich als ein schlechter Mann gute und brave Freunde zu erwerben, so möchte ich das nunmehr wissen, ob man auch, wenn man gut und brav geworden ist, ohne weiteres mit den Rechtschaffenen befreundet werden kann. – 17. Ich weiß, was dich irre macht, lieber Kritobulos. Du siehst oft, daß Männer, welche das Gute thun und das Böse fliehen, statt Freunde zu sein, mit einander in Streit leben und unfreundlicher unter einander verkehren als Leute, die gar nichts werth sind. – 18. Und nicht blos die einzelnen Menschen thun dies, sagte Kritobulos, sondern auch ganze Staaten, welche um das Schöne aufs Beste besorgt sind und das Böse sich am wenigsten zu Schulden kommen lassen, leben unter einander in Streit. 19. Und wenn ich hieran denke, verliere ich allen Muth, die Erwerbung von Freunden nur noch für möglich zu halten. Denn ich sehe nicht nur, daß die Schlechten nicht Freunde unter einander werden können: denn wie vermöchten undankbare, lieblose, habsüchtige, treulose oder unenthaltsame Menschen Freunde zu werden? Die Schlechten also scheinen mir jedenfalls mehr dazu geboren zu sein, Feinde als Freunde unter einander zu werden. 20. Andererseits stimmen nun aber auch, wie du sagst, die Guten und die Schlechten nicht zur Freundschaft zusammen, denn wie könnten diejenigen, welche das Böse thun, mit denjenigen, die es hassen, Freunde werden! Wenn nun aber auch diejenigen, welche sich der Tugend befleißigen, wegen des politischen Vorranges mit einander in Streit liegen und aus Neid sich hassen, welche Menschen sollen dann noch Freunde werden, und unter welchen ist dann noch Liebe und Treue zu finden? – 21. Es spielt dies, Nämlich Liebe und Haß lieber Kritobulos, sagte Sokrates, gewissermaßen bunt in einander, denn einerseits sind die Menschen von Natur zur Liebe geneigt, denn sie bedürfen nicht nur einander und haben Mitleid unter einander, sondern sie nützen auch einander, indem sie sich gegenseitig bei der Arbeit helfen, und in der Erkenntnis dieses fühlen sie sich gegenseitig zu Dank verpflichtet; andererseits aber sind sie auch von Natur zur Feindschaft geneigt, denn nicht nur, wenn sie dasselbe für schön und angenehm halten, streiten sie darum, sondern auch, wenn sie verschiedener Ansicht sind, streiten sie darum. Zur Feindschaft aber führen auch Streitsucht und Zorn, zum Groll die Habgier, und zum Haß führt der Neid. 22. Aber trotzdem dringt die Freundschaft durch alle diese Hindernisse hindurch und knüpft ihre Bande zwischen den Rechtschaffenen; denn um der Rechtschaffenheit willen wollen sie lieber ohne Mühe ein mäßiges Vermögen besitzen, als durch Krieg sich alles unterwerfen, und können, wenn sie hungern und dürsten, ohne einander zu kränken, Speise und Trank mit einander genießen, und wenn sie an dem Genusse des Schönen sich erfreuen, sich beherrschen, um denen nicht lästig zu werden, bei denen es sich am wenigsten ziemt. 23. Sie können aber auch Geld nicht nur, ohne einander zu übervortheilen, auf gerechte Weise mit einander besitzen, sondern sich auch damit unter einander aushelfen, können auch Streitigkeiten nicht nur, ohne einander zu kränken, sondern auch auf eine für beide Theile vorteilhafte Art beilegen, und den Zorn zügeln, damit er nicht so weit komme, daß es sie gereuen müßte. Den Neid endlich tilgen sie gänzlich unter sich aus, indem sie ihre eigenen Güter ihren Freunden zur Verfügung stellen, die der Freunde aber als die ihrigen betrachten. 24. Wie sollten also nun nicht die Rechtschaffenen auch das Ansehen im Staate ohne Eifersucht zu gegenseitigem Nutzen mit einander zu theilen bereit sein? Freilich diejenigen, welche in ihren Staaten Ehrenämter zu erlangen wünschen, damit sie Gelder veruntreuen, gegen Menschen Gewalt gebrauchen und ein üppiges Leben führen können, würden ungerechte und schlechte Menschen sein und mit keinem andern sich vertragen können. 25. Will aber einer im Staate geehrt sein, um selbst kein Unrecht erleiden zu müssen und seinen Freunden zu ihrem Rechte verhelfen zu können, und läßt er sich, wenn er ein Amt erhalten hat, das Wohl seiner Vaterstadt angelegen sein, warum sollte ein solcher mit einem andern seines Gleichen sich nicht vertragen können? Wird er denn in Verbindung mit den Rechtschaffenen seinen Freunden weniger nützen können, oder weniger fähig sein, das Wohl des Staates zu fördern, wenn er rechtschaffene Gehilfen hat? 26. Auch in den gymnischen Wettkämpfen ist es ja offenbar, daß, wenn es den Besten gestattet wäre, in Gemeinschaft gegen die Schlechten aufzutreten, in allen Wettkämpfen jene siegen und alle Preise bekommen würden. Dort freilich ist dies nicht gestattet. Bei den politischen Wettkämpfen aber, in denen die Rechtschaffenen die besten Kämpfer sind, ist es erlaubt, mit wem man will dem Staate Dienste zu leisten. Wie sollte es also da nicht nützlich sein, sich die Besten zu Freunden zu machen und den Staat so zu verwalten, daß man diese mehr zu Theilnehmern und Gehilfen der Geschäfte als zu Gegnern hat? 27. Ferner aber ist auch klar, daß auch ein Kriegführender Bundesgenossen nöthig haben wird und zwar um so mehr, wenn er Rechtschaffenen gegenübersteht. Und natürlich muß man denjenigen, welche Hilfe leisten wollen, Wohlthaten erweisen, damit sie die Lust nicht verlieren. Es ist aber weit vortheilhafter, den Rechtschaffenen gutes zu erweisen, da ihre Zahl geringer ist, als den Schlechteren, deren Zahl größer ist, denn die Schlechten bedürfen weit mehr Wohlthaten als die Rechtschaffenen. 28. Also nur gutes Muthes, Kritobulos! Bemühe dich rechtschaffen zu werden, und wenn du es geworden bist, suche Rechtschaffene zu erjagen. Vielleicht aber kann ich dir bei dieser Jagd etwas behilflich sein, weil ich mich auf die Liebe verstehe. D.h. auf die Kunst, Liebe oder Freundschaft zu stiften. Denn gewaltig bin ich bei Menschen, nach denen ich verlange, mit unwiderstehlichem Drange darauf aus, daß, wenn ich sie liebe, sie mich wieder lieben, wenn ich nach ihnen verlange, sie sich wieder nach mir sehnen, und wenn ich mit ihnen zusammenzusein wünsche, sie auch wieder mit mir zusammenzusein wünschen. 29. Und dies, sehe ich, wirst auch du nöthig haben, wenn du mit einem Freundschaft schließen willst. Verhehle es mir also nicht, wessen Freund du gerne werden möchtest; denn da ich mich befleißige, denen zu gefallen, die mir gefallen, so glaube ich in der Kunst, Menschen zu erjagen, nicht unerfahren zu sein. – 30. Wahrhaftig, Sokrates, sagte Kritobulos, nach diesen Kenntnissen sehne ich mich schon lange, zumal wenn dieselben mir zugleich bei denen, welche rechtschaffen dem Geiste nach, wie bei denen, welche schön dem Körper nach sind, Vorschub leisteten. – 31. Aber, versetzte Sokrates, das ist meiner Kunst nicht möglich, es dahin zu bringen, daß die Schönen Stand halten, wenn man ihnen mit den Händen nahe kommt; ich bin vielmehr überzeugt, daß die Menschen vor der Skylla nur deshalb fliehen, Dieses Meerungeheuer hatte der Sage nach an der sicilischen Meerenge der Charybdis gegenüber seinen Sitz und war den Schiffern sehr gefährlich. Vgl. Homer Odyssee XII, 73 ff. – Ueber die Sirenen s. Anm. 21. weil sie mit den Händen nach ihnen greift; den Sirenen dagegen, erzählt man, haben, weil sie keinem mit ihren Händen nahe kommen, sondern jedem ihre Zauberlieder aus der Ferne vorsangen, alle Stand gehalten und ganz ihrem Gesänge sich hingegeben. – 32. Ich will ihnen gewiß, sagte Kritobulos, mit den Händen nicht nahe kommen; lehre mich nur ein anderes Mittel, das zur Erwerbung von Freunden gut ist. – Wirst du also auch nicht mit deinem Munde ihrem nahe kommen? – Sei unbesorgt, sagte jener, auch mit dem Munde werde ich keinem zu nahe kommen, wenn er nicht schön ist. – Da sagst du nun gleich, Kritobulos, das Gegentheil von dem, was zutrifft. Denn die Schönen lassen sich dergleichen Dinge nicht gefallen, während die Häßlichen es zulassen, und sogar gern, weil sie glauben, ihres Geistes wegen für schön zu gelten. – 33. Verlaß dich darauf, sagte Kritobulos, daß ich nur die Schönen, die sich nicht küssen lassen, lieben, die Rechtschaffen aber doppelt lieb haben werde; lehre mich also getrost die Kunstgriffe, mit denen man die Freunde erjagen kann. – Wenn du nun also, Kritobulos, jemandes Freund werden willst, wirst du mir erlauben, dich bei ihm zu verklagen, daß du ihn hochschätzest und sein Freund zu werden wünschest? – Verklage mich immerhin, denn ich kenne keinen, der diejenigen haßte, welche ihn loben. – 34. Wenn ich dich aber weiter verklagte, daß du, weil du ihn hochschätzest, auch wohlwollend gegen ihn gesinnt seiest, würdest du da etwa glauben, daß ich dich verleumdet hätte? – Nein, im Gegentheil, sagte Kritobulos, ich hege selbst auch gegen diejenigen Wohlwollen, von denen ich glaube, daß sie gegen mich wohlgesinnt seien. – 35. Dies also, sagte Sokrates, werde ich denen, die du dir zu Freunden erwerben möchtest, sagen können. Wenn du mir aber noch gestatten wolltest, auch das von dir sagen zu dürfen, daß du sehr für deine Freunde besorgt seiest, daß du dich über nichts mehr freuest, als über werthe Freunde, daß du durch die rechtschaffenen Thaten deiner Freunde dir nicht minder geehrt vorkommst, als durch deine eigenen, und dich über ihr Wohlbefinden nicht minder freuest, als über dein eigenes, auch für ihr Wohlergehen zu arbeiten nicht nachlassen werdest, daß du endlich zu der Einsicht gelangt seiest, daß das ein trefflicher Mann sei, der seine Freunde im Wohlthun, seine Feinde im Schadenthun übertreffe, dann glaube ich dir auf der Jagd nach rechtschaffenen Freunden ein nützlicher Genosse zu sein. – 36. Wozu sagst du mir nun dies alles, als ob es nicht in deiner Macht stünde, über mich zu sagen; was du nur willst? – Nein, beim Zeus, dies ist nicht der Fall, wie ich einmal von Aspasia Aspasia , eine Tochter des Axiochos , aus Miletos, kam nach Athen und vereinigte in ihrem Hause die bedeutendsten Männer der Zeit, die sie durch eine seltene Vereinigung politischer Einsicht, wissenschaftlicher Begabung und weiblicher Anmuth zu fesseln wußte. Selbst Sokrates suchte ihren Umgang, und Platon läßt ihn die im Menexenos vorgetragene treffliche Leichenrede der Aspasia scherzweise in den Mund legen. Perikles verstieß seine Gattin und heirathete sie; von da ab schrieb man ihr wohl einen noch größeren politischen Einfluß zu, als sie wirklich hatte. Nach dem Tode des Perikles heirathete sie den Lysikles , einen Demagogen von geringer Herkunft, der durch sie zu bedeutendem Einflusse gelangte. S. Jacobs , Verm. Schr. IV, S. 849. – »Wenn übrigens Sokrates bei Xenophon und Platon ihrer wie seiner Lehrerin gedenkt, so ist das nur als Ironie gegen den Weisheitsruhm seiner Frau anzusehen. An unserer Stelle liegt es am Tage, daß es keiner Aspasia bedurfte, um einem Sokrates die hier folgende Lehre zu geben.« gehört habe. Sie meinte nämlich, die besten Freiwerberinnen seien zwar im Stande dadurch, daß sie wahrheitsgemäß die Vorzüge anpriesen, die Menschen zur Ehe zusammenzuführen; der Wahrheit zuwider aber wollen sie nicht loben, denn die, welche betrogen werden, hassen nicht nur einander, sondern auch die, welche für sie geworben haben, und auch ich habe mich überzeugt, daß es so richtig ist, und ich glaube nichts über dich zu deinem Lobe sagen zu dürfen, was der Wahrheit widerspräche. – 37. Da habe ich ja, sagte Kritobulos, an dir einen tüchtigen Freund. Wenn ich selbst mir Freunde erwerben kann, willst du mir helfen; wenn aber nicht, dann wärest du nicht gesonnen, zu meinem Vortheil etwas Erdichtetes zu sagen! – Auf welche Art, Kritobulos, versetzte Sokrates, scheine ich dir wohl mehr zu nützen? Wenn ich ein erdichtetes Lob über dich verbreite, oder wenn ich dich zu dem Vorsatze bringe, wirklich ein rechtschaffener Mann zu werden? 38. Wenn es dir aber noch nicht klar sein sollte, so sieh dir die Sache einmal auf folgende Weise an. Wenn ich dich einem Schiffskapitän zum Freunde machen wollte und in dieser Absicht gegen die Wahrheit dich lobte und dich als einen brauchbaren Steuermann hinstellte und jener mir Glauben schenkte und dir sein Schiff zum Steuern anvertraute, obwohl du es nicht verstehst: kannst du irgendwie hoffen, daß du nicht sammt dem Schiffe ins Verderben stürzen würdest? Oder wenn ich die ganze Stadt durch Lügen bereden würde, dir als einem geschickten Feldherren, Richter und Staatsmanne sich selbst anzuvertrauen: wie glaubst du wohl, daß es dir und der Stadt durch dich ergehen würde? Oder wenn ich einzelne Bürger durch falsche Vorspiegelungen bereden würde, dir als einem geschickten und sparsamen Haushalter die Verwaltung ihrer Angelegenheiten anzuvertrauen: würdest du nicht bei einer etwaigen Probe Schaden anrichten und dich zugleich lächerlich machen? 39. Ja, mein lieber Kritobulos, der kürzeste, sicherste und schönste Weg ist, in dem, worin du tüchtig erscheinen willst, auch in der That tüchtig zu werden. So viele Tugenden es auch in der Welt giebt, bei allen wirst du bei genauerer Betrachtung finden, daß sie durch Unterricht und Uebung gedeihen. Ich also, Kritobulos, bin der Meinung, daß wir es so machen müssen; bist du aber anderer Meinung, dann sage es mir. – Nein, Sokrates, ich müßte mich ja schämen, gegen dies Widerspruch zu erheben; denn ich könnte weder etwas Gutes noch Wahres vorbringen. 7. Kapitel. Sokrates ermahnt den Aristarchos, eine nützliche Thätigkeit zu üben. Durch diese kommt Wohlstand, gegenseitige Anerkennung und Freudigkeit in das Haus. 1. Auch versuchte er, den Verlegenheiten seiner Freunde, wenn sie aus Rathlosigkeit entstanden waren, durch guten Rath abzuhelfen; hatten sie aber in Mangel ihren Grund, so half er dadurch, daß er sie lehrte, nach Kräften einander zu unterstützen. Auch hierüber werde ich erzählen, was ich von ihm weiß. Als er einmal sah, daß Aristarchos eine finstere Miene hatte, sagte er: Es scheint, Aristarchos, als habest du an etwas schwer zu tragen; du solltest aber von deiner Last etwas deinen Freunden abgeben; denn vielleicht könnten auch wir dir einige Erleichterung verschaffen. – 2. Aristarchos antwortete: Freilich, Sokrates, bin ich in großer Verlegenheit. Denn da sich bei dem Aufstande Gemeint ist der Aufstand der politischen Flüchtlinge unter Leitung des Thrasybulos , durch welchen Athen von der Herrschaft der dreißig Tyrannen befreit wurde. Vgl. Xenophon Griech. Gesch. II, Kap. 3 und 4. der Stadt viele in den Piräeus geflüchtet haben, so sind bei mir so viele Schwestern, Nichten und Basen zusammengeströmt, daß ich, nur die Freien gerechnet, vierzehn Menschen bei mir im Hause habe. Wir haben aber weder Einnahme von Grundstücken, denn diese haben die Feinde in Händen, noch aus den Häusern, denn die Stadt ist ja fast entvölkert. Bewegliche Güter aber kauft niemand, und durch Borgen ist bei gar keinem Geld zu bekommen, vielmehr glaube ich, daß man eher auf den Straßen suchend etwas finden würde, als daß man etwas geborgt erhielte. Es ist nun sehr hart, Sokrates, mit anzusehen, wie die eigenen Angehörigen verschmachten; und doch ist es unmöglich, unter den gegenwärtigen Umständen so viele zu erhalten. – 3. Wie in aller Welt, sagte Sokrates, geht es nur zu, daß Keramon, Nicht weiter bekannt. der doch viele zu ernähren hat, nicht nur sich selbst und diesen den nöthigen Unterhalt gewähren kann, sondern auch noch so viel erübrigt, daß er sogar reich wird, du hingegen, weil du viele zu ernähren hast, in Angst schwebst, ihr möchtet aus Mangel an dem nöthigsten umkommen? – Beim Zeus, weil jener Sklaven zu ernähren hat, ich aber Freie! – 4. Und welche von beiden, fragte Sokrates, hältst du denn für bessere Leute, die Freien bei dir, oder die Sklaven beim Keramon? – Ich denke doch, sagte er, die Freien bei mir! – Ist es nun nicht schändlich, daß er durch die schlechteren zu Ueberfluß kommt, du aber durch die weit besseren in Noth? – Natürlich, sagte Aristarchos, denn er hat nur Arbeiter zu ernähren, ich aber frei Erzogene und Gebildete. – 5. Sind nun nicht Arbeiter Leute, welche etwas Nützliches zu machen verstehen? – Allerdings, sagte Aristarchos. – Sind nun nicht Graupen etwas Nützliches? – Gewiß. – Ferner Weizenbrot? – Ebenso. – Desgleichen Röcke für Männer und Frauen, Unterkleider, Mäntel und Jacken? – Gewiß, antwortete Aristarchos, sind auch diese alle nützlich. – So können also die Leute bei dir nichts von diesem machen? – O ja, alles dies, denke ich. – 6. Dann weißt du wohl nicht, fuhr Sokrates fort, daß Nausikydes Auch von Aristophanes in der Weiberversammlung als Mehlhändler erwähnt. nur von einem einzigen dieser Nahrungszweige nicht nur sich und sein Haus ernährt, sondern auch noch viele Schweine und Ochsen, und trotzdem so viel übrig hat, daß er sogar oft dem Staate Liturgieen Das sind Dienstleistungen zu Gunsten des Volks, zu denen die wohlhabenden Bürger in Athen sich verpflichten mußten. Es gab ordentliche und außerordentliche Liturgien . Jene bestanden hauptsächlich in der Herstellung und Leitung der öffentlichen Chöre, der gymnastischen Wettkämpfe und der Volksspeisungen, diese in Schiffsausrüstungen und sonstigen Beiträgen zu Kriegszwecken. S. Böckh , Staatshaush. der Athener I, S. 481. leistet, und daß Kyrebos mit der Bereitung von Weizenbrot nicht nur sein ganzes Haus satt macht, sondern auch in Ueberfluß lebt, daß Demeas von Kollytos D. h. aus dem attischen Demos Kollytos . vom Kleidermachen, Menon vom Röckemachen und die meisten Megarer vom Jackenmachen leben! – Diese haben ja, beim Zeus, gekaufte Barbaren im Hause, die sie zu jeder beliebigen Arbeit zwingen können, ich dagegen habe Freie und noch dazu Verwandte im Hause. – 7. So glaubst du also, sagte Sokrates, weil sie frei und mit dir verwandt seien, brauchten sie nichts weiter zu thun als zu essen und zu schlafen? Siehst du, daß auch von den andern Freien die, welche so leben, sich besser befinden, und hältst du sie für glücklicher oder die, welche das, was sie für das Leben nützliches verstehen, auch anwenden und betreiben? Oder findest du, daß Trägheit und Nachlässigkeit den Menschen nützlich sind, um zu lernen, was sie verstehen müssen, und um zu behalten, was sie erlernt haben, und um körperlich gesund und stark zu werden, und um das sich zu verschaffen und zu erhalten, was für das Leben nützlich ist, Arbeitsamkeit und Fleiß dagegen durchaus nichts nütze sind? 8. Lernten denn deine Verwandten jene Beschäftigungen, die, wie du sagst, sie verstehen, um sie niemals anzuwenden, oder im Gegentheil, um sie zu betreiben und sich durch dieselben Vortheile zu erarbeiten? Bei welchem Leben dürften denn die Menschen mehr vernünftig und besonnen bleiben, wenn sie sich der Trägheit hingeben, oder wenn sie etwas Nützliches betreiben? Bei welchem Leben dürften sie gerechter sein, wenn sie arbeiten, oder wenn sie durch Müßiggang sich ihren Unterhalt zu verschaffen suchen? 9. Dazu kommt aber noch, glaube ich, daß weder du sie liebst, noch sie dich: du, weil du meinst, du hättest an ihnen schädliche Schmarotzer, sie aber, weil sie sehen, daß du auf sie erzürnt bist. Es ist daher zu befürchten, es könnte noch größere Feindschaft entstehen und das frühere Wohlwollen abnehmen. Wenn du dagegen für ihre Beschäftigung sorgst, dann wirst du sie liebgewinnen, weil du siehst, daß sie dir nützen, und dich werden sie hoch halten, weil sie merken, daß du an ihnen Freude findest, und der früheren Wohlthaten werdet ihr euch nicht mehr so ungern erinnern, und das durch diese entstandene Wohlwollen werdet ihr noch erhöhen und in Folge davon freundschaftlicher und vertraulicher unter einander leben. 10. Wenn sie nun freilich etwas Schimpfliches thun müßten, so müßten sie den Tod demselben vorziehen; so aber verstehen sie sich ja, wie es scheint, gerade auf Arbeiten, die für Frauen die ehrenvollsten und wohlanständigsten sind. Alle aber arbeiten darin am leichtesten, schnellsten, schönsten und liebsten, worauf sie sich verstehen. Säume also nicht, ihnen das vorzuschlagen, was dir und ihnen gleich sehr ersprießlich ist; sie werden dir gewiß gerne folgen. – 11. In der That, Sokrates, sagte Aristarchos, du scheinst mir vollkommen Recht zu haben. Bisher konnte ich mich nicht entschließen, Geld aufzunehmen, weil ich wußte, ich würde, was ich etwa erhielte, nach dem Verbrauch nicht zurückzugeben im Stande sein; jetzt dagegen verstehe ich mich dazu, es zu thun, um Mittel zum Betrieb des Geschäftes in Händen zu haben. 12. Hierauf wurden nun Mittel herbeigeschafft und Wolle gekauft; während der Arbeit aß man das Frühstück und nach der Arbeit nahm man die Abendmahlzeit ein, man war fröhlich statt mürrisch, statt einander scheel anzusehen, sah man sich gegenseitig gern an, und sie liebten den Aristarchos wie ihren Pflegevater, während er sie als nützliche Arbeiterinnen werth hielt. Zuletzt aber kam er noch einmal zu Sokrates und erzählte ihm voll Freude nicht nur dies, sondern auch, daß sie ihm den Vorwurf machten, er allein im ganzen Hause esse, ohne zu arbeiten. 13. Da sagte Sokrates: Erzähltest du ihnen da nicht die Fabel vom Hunde? Als nämlich die Thiere noch sprechen konnten, soll das Schaf zu seinem Herren gesagt haben: »Du handelst doch wunderbar, daß du uns, die wir dir Wolle, Lämmer und Käse liefern, nichts darreichst, außer was wir uns selbst vom Boden aufsuchen, dem Hunde dagegen, der dir nichts von alledem liefert, von deiner eigenen Speise abgiebst.« 14. Als der Hund dies hörte, soll er gesagt haben: »Ich bin es ja, beim Zeus, der auch euch selbst beschützt, daß ihr weder von Menschen gestohlen noch von Wölfen geraubt werdet, denn wenn ich euch nicht bewachte, würdet ihr nicht einmal auf die Weide gehen können, aus Furcht, den Tod zu erleiden.« Darauf sollen denn auch die Schafe eingewilligt haben, daß der Hund den Vorzug habe. – Sage also auch du deinen Hausgenossinnen, daß du gleich einem Hunde ihr Beschützer und Aufseher seist, und daß sie es dir verdanken, wenn sie von keinem angefochten, sicher und heiter bei ihrer Arbeit leben. 8. Kapitel. Sokrates ermahnt den Eutheros, Sonst nicht bekannt. der früher in besseren Umständen lebte, jetzt sich aber durch seiner Hände Arbeit zu ernähren suchte, zur Fügsamkeit, damit er sich eine bessere Stellung verschaffen könne. 1. Als er einmal einen andern alten Freund nach langer Zeit wieder sah, sagte er: Woher kommst du Eutheros? – Gegen Ende des Krieges, Das Ende des Peloponnesischen Krieges ist gemeint, im Frühjahr 404 v. Chr. Sokrates, aus dem Auslande, jetzt von hier. Denn da die auswärtigen Besitzungen uns abgenommen sind, und mein Vater mir in Attika nichts hinterlassen hat, so sehe ich mich jetzt in die Notwendigkeit versetzt, nachdem ich in die Heimat zurückgekehrt bin, mir mein Brot mit meiner Hände Arbeit zu verdienen. Es scheint mir dies immer noch besser zu sein, als einen Menschen anzusprechen, zumal ich nichts besitze, auf das hin ich borgen könnte. – 2. Und wie lange wohl meinst du, sagte Sokrates, es aushalten zu können, dir mit deiner Hände Arbeit dein Brot zu verdienen? – In der That wohl nicht lange, versetzte Eutheros. – Und doch, sagte Sokrates, wenn du älter geworden bist, wirst du immer noch etwas haben müssen, wovon du leben kannst, Lohn aber wird dir niemand für deiner Hände Arbeit geben wollen. – 3. Du hast Recht, sagte Eutheros. – Wäre es also nicht besser, sagte Sokrates, du würdest von Stund' an dich mit solchen Geschäften befassen, welche dir auch im höheren Alter ein genügendes Auskommen gewahren könnten, und an irgend einen Wohlhabenderen, der nämlich eines Gehilfen in der Verwaltung bedarf, dich wenden, und indem du z. B. seine Arbeiter beaufsichtigtest, ihm bei der Ernte behilflich wärest, ihn bei der Ueberwachung seines Vermögens unterstütztest und aus dem Nutzen, den du ihm gewährtest, wieder Nutzen zögest? – 4. Schwer, Sokrates, würde es mir fallen, mich zum Sklavendienste zu verstehen. – Ich sollte doch wohl meinen, daß die Stellung derer, welche in den Staaten die Vorsteherschaft führen und die Staatsangelegenheiten besorgen, darum nicht für sklavischer, sondern für eines Freien würdiger gehalten wird. – 5. Ueberhaupt, Sokrates, spüre ich gar kein Verlangen danach, mir von irgend einem einen Tadel zuzuziehen. – Und doch ist es gar nicht leicht, Eutheros, ein Geschäft zu finden, bei dem man nicht einem Tadel ausgesetzt wäre, denn es ist schwer, etwas so auszuführen, daß man nicht einen Fehler machte, – schwer aber auch, wenn man etwas fehlerlos ausgeführt hat, nicht einem unbilligen Beurtheiler unter die Finger zu gerathen. Ja selbst bei der Arbeit, die du jetzt zu thun behauptest, sollte es mich wundern, wenn es dir leicht würde, so ohne Tadel davonzukommen. 6. Du wirst demnach versuchen müssen, den Tadelsüchtigen aus dem Wege zu gehen und billig denkende Beurtheiler dir zu suchen, um diejenigen Geschäfte zu übernehmen, welche du versehen kannst, dich aber vor allen anderen zu hüten; was du aber übernommen hast, das führe auf das beste und eifrigste aus. So wirst du, glaube ich, am wenigsten dem Tadel ausgesetzt sein, wirst am besten dir in den Zeiten der Noth zu helfen wissen, wirst das bequemste und gefahrloseste Leben führen können und bis ins Alter hinein gegen jede Noth gesichert sein. 9. Kapitel. Sokrates belehrt den Kriton, Kriton kam schon Buch I, 2, 43 vor; s. dort die Anm. wie er sich gegen die Verfolgungen falscher Ankläger sichern könne. 1. Ich weiß auch noch, was er einst sagte, als er von Kriton hörte, daß in Athen einem Manne, der seine Geschäfte besorgen wolle, das Leben oft sauer gemacht werde. Denn jetzt, sagte Kriton, ziehen mich gewisse Leute vor Gericht, nicht als ob sie von mir ein Unrecht erlitten hätten, sondern weil sie glauben, daß ich lieber Geld zahlen, als mich auf Prozesse einlassen würde. – 2. Da sagte Sokrates: Hältst du dir nicht, Kriton, Hunde, damit sie dir die Wölfe von den Schafen abhalten? – Allerdings, sagte jener, denn es ist mir nützlicher, sie zu halten, als nicht. – Würdest du dir also nicht auch einen Mann halten, der gewillt und fähig wäre, von dir diejenigen abzuwehren, die dir Unrecht zuzufügen versuchen? – Recht gerne, sagte Kriton, wenn ich nicht befürchtete, er könnte sich gegen mich selbst wenden. – 3. Wie? sagte Sokrates, siehst du nicht, daß es viel angenehmer ist, dadurch sich Nutzen zu verschaffen, daß man gegen einen Mann, wie du bist, sich gefällig zeigt, als dadurch, daß man sich mit ihm verfeindet? Glaube nur, es giebt hier Männer, die es sich zur Ehre rechnen würden, dich zum Freunde zu haben. 4. Nach diesen Gesprächen machten sie den Archedemos Wahrscheinlich derselbe, der später in Athen zu bedeutender Macht gelangte. S. Xenoph. Griech. Gesch. I, 7, 2. Als Demagoge wird er von Aristophanes in den Fröschen V. 417 ff. folgendermaßen verspottet: Kommt, laßt jetzt mit einander Uns Archedemos hänseln, Den alten Knaben, der noch keine Pathen hat; Doch leitet er das Volk jetzt Dort oben bei den Todten, Wo er der lumpenhaftste aller Lumpen ist. Vom Kleisthenes vernahm ich, Er sitze bei den Gräbern Und rupf' und kratze sich die Hinterbacken wund; Er jammert, seufzt und weinet, Und tiefgebeugt beklagt er Den Freund Sebinos, der aus dem Hinterviertel stammt. Uebersetzt von Dr. E. Schinck (Univ.-Bibl. Nr. 1154). Näheres über Archedemos s. bei Th. Kock in seiner trefflichen commentirten Ausgabe ausgew. Komödien des Aristophanes zu d. a. Stelle. ausfindig, der zwar vollkommen tüchtig im Reden und Handeln, aber arm war. Denn er gehörte nicht zu denen, die überall Gewinn suchen, sondern als ehrlicher Mann sagte er, es sei sehr leicht, den Sykophanten ihren Gewinn abzujagen. Der Sinn der etwas schwierigen Stelle ist folgender: Archedemos war ein Mann, dem es trotz seiner Armuth nicht darum zu thun war, aus allem Möglichen Gewinn und Vortheil zu ziehen, aber als ehrlicher Mann hielt er es für erlaubt, dadurch, daß er die Sykophanten gerichtlich verfolgte, einen Ertrag zu gewinnen. – Unter Sykophanten sind ursprünglich solche Leute zu verstehen, die jemanden wegen verbotener Ausfuhr von Feigen aus Attika denuncirten. Später, bei der wachsenden Proceßsucht der Athener und dem Ueberhandnehmen der schamlosesten, daraus hervorgehenden Chicanen, wird mit dem Ausdruck ganz allgemein jeder bezeichnet, der einen andern, um Geld zu erpressen oder sonst etwas von ihm zu erlangen, mit einer falschen Anklage bedrohte, oder dieselbe wirklich anstellte. Diesem gab nun Kriton, so oft er Getreide, Oel oder Wolle, oder sonst ein zum Leben nützliches Landeserzeugnis einerntete, stets einen Theil ab, und so oft er opferte, lud er ihn zur Opfermahlzeit ein Zu dem nach vollbrachtem Opfer stattfindenden Opfermahle lud man außer Verwandten auch Freunde, die man ehren wollte, ein. und erwies ihm bei allen solchen Dingen Aufmerksamkeiten. 5. Da nun Archedemos in Kritons Hause sich eine sichere Zufluchtsstätte eröffnet sah, ehrte er ihn sehr. Und gar bald findet er, daß die Sykophanten, welche dem Kriton auflauerten, sich viele Freunde und viele Feinde gemacht hatten, und nun er gegen einen von ihnen eine Anklage von Staats wegen, in der über ihn zu einer Leibes- oder Geldstrafe hätte erkannt werden müssen. 6. Dieser aber, der sich vieler Schlechtigkeiten bewußt war, setzte alles in Bewegung, um von Archedemos loszukommen. Aber Archedemos ließ ihn nicht los, bis derselbe seine Klage gegen Kriton fallen ließ und ihm selbst eine Summe Geld bezahlte. 7. Als nun Archedemos diese und andere ähnliche Erfolge erreicht hatte, da war es ganz so, wie wenn ein Hirt einen guten Hund hat, und auch andere Hirten in dessen Nähe zu weiden suchen, um auch von dem Hunde Nutzen zu haben; und so richteten auch an Kriton viele Freunde die Bitte, auch ihnen den Archedemos als Wärter zu überlassen. 8. Und Archedemos war hierin dem Kriton gern zu Willen, und so blieb nicht nur Kriton selbst, sondern auch seine Freunde vor den Sykophanten in Ruhe. Wenn aber einer von denen, mit welchen sich Archedemos verfeindet hatte, ihm den Vorwurf machte, daß er dem Kriton, weil er von ihm Unterstützungen erhalte, schmeichle, dann sagte er: Was ist denn eine Schande, . sich rechtschaffene Menschen, wenn man von ihnen Wohlthaten empfängt und ihnen dafür solche erweist, zu Freunden zu machen, mit den schlechten aber in Feindschaft zu leben, oder die rechtschaffenen, indem man ihnen Unrecht anzuthun sucht, sich zu Feinden zu machen und hinwiederum die Schlechten, indem man ihnen hilft, sich zu Freunden machen zu wollen und mit diesen statt mit jenen zu verkehren? Seit dieser Zeit gehörte Archedemos nicht nur zu den Freunden des Kriton, sondern wurde auch von dessen übrigen Freunden geachtet. 10. Kapitel Sokrates überredet den Diodoros, Nicht weiter bekannt. sich um brave Freunde und namentlich um die Freundschaft des Hermogenes zu bemühen. 1. Mit seinem Freunde Didoros hatte Sokrates einmal folgende Unterredung. Sage mir, Diodoros, würdest du dich, wenn dir einer von deinen Sklaven fortliefe, bemühen, ihn wieder zu bekommen? – Ich würde sogar, beim Zeus, sagte Diodoros, noch andere zur Hilfe herbeirufen und eine Belohnung auf seine Wiedereinbringung aussetzen. 2. Und wenn dir ein Sklave krank werden sollte, würdest du ihn dann pflegen und Aerzte herbeirufen, damit er nicht sterbe? – Ja wohl, sagte Diodoros. – Wenn dir aber, sagte nun Sokrates, einer von deinen Bekannten, der dir doch weit mehr nützlich, als deine Sklaven, sein kann, in Gefahr schwebt, aus Noth zu Grunde zu gehen, da hältst du es nicht für deine Pflicht, dafür Sorge zu tragen, daß er am Leben bleibe? 3. Und doch weißt du, daß Hermogenes nicht unbillig ist, sondern sich schämen würde, wenn er für eine ihm von dir gewährte Unterstützung nicht auch dir nützen würde. Und einen Gehilfen zu haben, der willig, wohlgesinnt und Neu und nicht blos das zu thun im Stande ist, was man ihm befiehlt, sondern auch von sich selbst aus nützlich werden und für andere sorgen und überlegen kann, ist, meine ich, ebenso viel werth als der Besitz einer Menge Sklaven. 4. Auch sagen die guten Hauswirthe, wenn man Dinge von großem Werth wohlfeil kaufen könne, dann müsse man einkaufen. Jetzt aber kann man sich wegen der Zeitumstände um einen sehr billigen Preis rechtschaffene Freunde verschaffen – Vgl. Horaz Episteln I, 12, 24 (Uebersetzt von J. H. Voß ): Wohlfeil ist ja der Freund' Einkauf, wenn Guten was mangelt. 5. Da hast du allerdings Recht, Sokrates. Sage nur dem Hermogenes, er möchte zu mir kommen. – Nein beim Zeus, antwortete Sokrates, das sage ich nicht, denn ich glaube, daß es weder dir größere Ehre bringe, wenn du ihn kommen läßt, noch daß es für jenen ein größerer Gewinn sei, daß das Freundschaftsverhältnis (zwischen euch beiden) zu Stande komme, als für dich. 6. So machte sich denn Diodoros zu Hermogenes auf den Weg und erwarb sich mit nicht großem Aufwand einen Freund, der es sich angelegen sein ließ, stets darauf zu denken, wie er entweder durch Wort oder durch That dem Diodoros nützlich werden oder Freude bereiten könne. Drittes Buch. 1. Kapitel. Sokrates räth einem jungen Manne, welcher Feldherr werden wollte, vorher Unterricht in der Feldherrnkunst zu nehmen, und ertheilt ihm sodann noch weitere Lehren. 1. Daß er aber auch denen, die nach glänzenden Ehrenstellen strebten, sich nützlich machte und sie dahin brachte, um das, wonach sie strebten, sich zu bemühen, will ich jetzt erzählen. Als er nämlich einmal hörte, daß Dionysodoros Dionysodoros aus Chios, der in Athen mit seinem Bruder zuerst die Kriegskunst lehrte. im Staate angekommen sei und angekündigt habe, Unterricht in der Feldherrnkunst zu ertheilen, sagte er zu einem seiner Schüler, von dem er bemerkt hatte, daß er die Feldherrnwürde im Staate zu erlangen wünschte: 2. Es ist doch wahrhaftig schändlich, junger Mann, daß einer, der im Staate Feldherr sein will, die beste Gelegenheit, sich dazu auszubilden, versäumt. Mit Recht verdiente ein solcher vom Staate bestraft zu werden, weit mehr, als wenn einer Bildsäulen anzufertigen übernähme, ohne die Bildhauerkunst erlernt zu haben. 3. Denn da der ganze Staat in Kriegsgefahren dem Feldherren anvertraut wird, so müssen nicht nur die Vortheile groß sein, wenn er's recht macht, sondern auch die Nachtheile, wenn er's falsch macht. Wie sollte also nicht mit vollem Rechte derjenige, welcher diese Kunst zu erlernen versäumt, dagegen alle Anstrengungen macht gewählt zu werden, bestraft werden? Durch solche Rede brachte er den jungen Mann dahin, hinzugehen und zu lernen. 4. Als er es nun gelernt hatte und wieder kam, empfing ihn Sokrates scherzend und sagte: Kommt euch nicht, Freunde, gerade wie Agamemnon von Homers Ilias III, 170 ff. der »Ehrwürdige« genannt wird, auch dieser, nachdem er die Feldherrnkunst gelernt hat, viel ehrwürdiger vor? Denn wie derjenige, der das Zitherspielen gelernt hat, auch Zitherspieler ist, auch wenn er sie nicht spielt, und wie der, welcher die Arzneiwissenschaft gelernt hat, auch wenn er nicht prakticirt, ein Arzt ist, so bleibt auch dieser hier von jetzt an ein Feldherr, auch wenn ihn niemand dazu wählt. Wem aber die Kenntnisse fehlen, der ist weder Feldherr noch Arzt, wenn er auch von der ganzen Welt dazu gewählt werden sollte. 5. Aber damit auch, wenn einer von uns etwa Hauptmann oder Zugführer unter deinem Commando werden sollte, wir uns besser auf das Kriegswesen verstehen, so theile uns mit, womit er dich die Feldherrnkunst zu lehren anfing. – Mit dem nämlichen, sagte der junge Mann, womit er auch aufhörte, denn die Taktik lehrte er mich, sonst weiter nichts. – 6. Aber das ist ja, sagte Sokrates, nur ein sehr kleiner Theil von der Feldherrnkunst. Denn auf alles, was zur Ausrüstung gehört, sowie auf die Beschaffung der Lebensmittel für seine Soldaten muß sich ja der Feldherr verstehen, er muß erfinderisch, thätig, sorgsam, ausdauernd, scharfsinnig, freundlich, rauh, offen, hinterlistig, wachsam und zur Täuschung geschickt, alles wagend und alles zu haben wünschend, freigebig und habsüchtig, vorsichtig und auflauernd sein und noch viele andere natürliche und angelernte Kenntnisse muß der besitzen, der ein Heer gut befehligen will. 7. Gut ist es aber auch, wenn er sich auf die Taktik versteht. Denn es ist ein großer Unterschied zwischen einem geordneten und ungeordneten Heer, gerade wie auch Steine und Backsteine, Holz und Kalk ohne weiteres zusammengeworfen ganz ohne Nutzen sind; wenn sie aber in Ordnung gelegt werden, unten und oben das weder Faulende noch Vergehende, nämlich Steine und Dachziegel, dagegen die Backsteine und das Holz in der Mitte ihren Platz erhalten, dann entsteht ein Besitzthum von großem Werthe, nämlich ein Haus. – 8. In der That, sagte der junge Mann, hast du da etwas ganz Richtiges gesagt, denn auch im Kriege muß man zu Vorder- und Hintermännern gerade die Besten wählen, in die Mitte aber die Schlechtesten stellen, damit sie von den Ersteren mit fortgerissen, von den Letzteren aber geschoben werden. – 9. Wenn dich nur dein Lehrer auch die Guten und Schlechten zu unterscheiden gelehrt hat! Wo aber nicht, was nützt dir dann das, was du gelernt hast? Denn auch wenn er dich geheißen hätte, Geld aufzuzählen, vorn und hinten das Beste aufzustellen, in die Mitte aber das Schlechteste, und hätte dich nicht gelehrt, das Gute und Schlechte zu unterscheiden, so würde dir das nichts nützen. – Aber beim Zeus, sagte der junge Mann, das hat er mich nicht gelehrt! so werden wir also selbst die Guten und Schlechten unterscheiden müssen. – 10. Wollen wir also nicht zusehen, fragte Sokrates, wie wir uns hierbei vor Fehlern wahren können? – Ja wohl, sagte der junge Mann. – Nun denn, wenn es darauf ankäme, Geld zu stehlen, würden wir dann nicht richtig handeln, wenn wir die Geldgierigsten voranstellten? – Natürlich, sagte der junge Mann. – Was würden wir aber mit denen machen, die etwas wagen sollten? Müßten wir da nicht die Ehrliebendsten voranstellen? – Diese wenigstens sind es, antwortete der junge Mann, die um des Lobes willen sich entschließen, Gefahren zu übernehmen, und diese wenigstens bleiben nicht im verborgenen, sondern machen sich überall bemerklich und dürften daher leicht zu finden sein. – 11. Aber, sagte Sokrates, hat dein Lehrer dich nur das Heer ordnen gelehrt, oder auch, wie und wo man sich jeder von den Stellungen bedienen muß? – Durchaus nicht. – Und doch giebt es viele Fälle, fuhr Sokrates fort, für welche man mit dem Heere auf die gleiche Weise weder sich ordnen noch marschiren darf. – Aber beim Zeus, das hat er nicht deutlich gelehrt. – So gehe denn, sagte Sokrates, noch einmal zu ihm hin und frage ihn noch einmal; denn wenn er es weiß und nicht schamlos ist, so muß er sich schämen, dir dein Geld aus der Tasche gezogen und dich so dürftig unterrichtet entlassen zu haben. 2. Kapitel. Es ist die Aufgabe eines Feldherren, nicht blos seine, sondern vor allem des Heeres Wohlfahrt und Heil zu erzielen. 1. Als er ein ander Mal mit einem zum Feldherrn gewählten zusammenkam, sagte er: Weshalb glaubst du wohl, daß Homer Ilias II, 243. den Agamemnon einen »Hirten der Völker« genannt habe? Meinst du nicht darum, weil ein Hirt darauf bedacht sein muß, daß seine Schafe am Leben bleiben und das Nöthige erhalten, so auch der Feldherr dafür sorgen muß, daß es seinen Soldaten gut gehe und sie ihren Unterhalt finden, und so der Zweck des Feldzuges erreicht werde? Sie ziehen aber zu Felde, um den Feind zu bewältigen und in einen besseren Zustand zu gelangen. 2. Oder warum hat er denn den Agamemnon mit folgenden Worten gelobt: Beides, ein trefflicher König zugleich und ein wackerer Streiter ? Ilias III, 179 (Uebersetzt von J. H. Voß ). Ein Lieblingsvers des großen Alexander . Hätte er ihn wohl einen »wackeren Streiter« genannt, wenn er nur selbst gut gegen die Feinde gestritten, nicht aber auch sein ganzes Heer dahin gebracht hätte? Und hätte er ihn wohl einen »trefflichen König« genannt, wenn er blos für sein eigenes Leben, und nicht auch für das Wohl seiner Untergebenen besorgt gewesen wäre? 3. Denn einen König wählt man nicht darum, daß er für sich selbst gut sorge, sondern deshalb, daß seine Wähler durch ihn glücklich werden. Und alle ziehen in den Krieg, damit das Leben für sie so gut als möglich werde, und sie wählen Feldherren nur zu dem Zwecke, daß diese sie zu diesem Ziele hinführen. 4. Wer Feldherr ist, muß dies denjenigen, die ihn zum Feldherren gewählt haben, leisten. Denn es ist weder leicht, etwas Schöneres zu finden als dieses, noch etwas Schimpflicheres als das Gegentheil. So nahm Sokrates bei der Erörterung über die Frage, worin die Tüchtigkeit eines guten Feldherren bestehe, alles übrige weg und beschränkte sich blos darauf, daß und wie der Feldherr diejenigen glücklich machen müsse, welche er befehlige. 3. Kapitel. Unterredung des Sokrates mit einem Freunde über die Eigenschaften und Pflichten eines guten Reitergenerals. 1. Mit einem, der zum Hipparchen In Athen gab es zwei Hipparchen, aber zehn Strategen für das Fußvolk. Ueber die Pflichten des Hipparchen haben wir von Xenophon eine besondere Schrift: Ιππαρχιχοσ. (Reitergeneral) gewählt war, hatte er einmal, wie ich weiß, folgende Unterredung. Könntest du mir wohl sagen, junger Mann, weshalb du danach trachtest, Hipparch zu werden? Doch gewiß nicht deshalb, um den übrigen Reitern voranzureiten, da dieser Ehre die Bogenschützen zu Pferde gewürdigt werden, die sogar vor den Hipparchen reiten? – Du hast Recht, sagte jener. – Aber wahrhaftig doch auch nicht, um bemerkt zu werden, da ja auch die Verrückten von jedermann bemerkt werden? – Auch hierin hast du ganz Recht. – 2. Aber vielleicht, weil du meinst, sagte Sokrates, daß du die Reiterei dem Staate in einem besseren Zustande übergeben, und wenn man Reiter nöthig habe, als Anführer derselben dich um den Staat verdient machen würdest? – Ganz gewiß. – Und es ist noch dazu, beim Zeus, fuhr Sokrates fort, etwas Schönes, wenn du dies thun kannst. Das Amt aber, zu welchem du gewählt bist, hat es wohl mit Pferden und Reitern zugleich zu thun? – Ja wohl. – 3. Wohlan denn, so sage uns zuerst, wie du die Pferde besser zu machen gedenkst! – Nun, antwortete jener, das, denke ich, ist nicht mein Amt, sondern jeder einzelne muß für sein Pferd sorgen. – 4. Wenn dir also, sagte Sokrates, die Pferde gebracht werden, theils mit so schlechten Füßen und Beinen, oder so schwach, theils so ausgehungert, daß sie nicht nachkommen können, theils so schlecht zugeritten, daß sie da nicht bleiben, wo du sie hinstellst, theils ausschlagend, daß es unmöglich ist, sie in Ordnung zu stellen, was ist dir dann die Reiterei nütze, oder wie kannst du als Anführer solcher dich um den Staat verdient machen? – Da hast du allerdings Recht, und ich werde nach Kräften für die Pferde zu sorgen suchen. – 5. Wie ist es aber mit den Reitern? Wirst du nicht versuchen, auch diese besser zu machen? – Natürlich. – Wirst du also nicht zuerst das durchsetzen, daß sie sich geschickter aufsetzen? – Natürlich ist das nöthig; denn wenn einmal einer von ihnen herabfallen sollte, wird er sich besser wieder aufhelfen können. – 6. Ferner wenn man wo einen Kampf zu bestehen hat, wirst du die Feinde auf die sandige Reitbahn, wo ihr zu reiten pflegt, kommen heißen, oder wirst du versuchen, die Reitübungen auf solchen Plätzen abzuhalten, wie die sind, auf welchen die Feinde sich zeigen? – Es wäre wenigstens besser, antwortete der junge Mann. – 7. Weiter, willst du auch darauf dein Augenmerk richten, daß sich so viele als möglich auf das Lanzenwerfen vom Pferde herab verstehen? – Auch das wäre gut. – Und den Muth deiner Reiter anzufeuern und sie gegen die Feinde zu erbittern und dadurch ihre Kraft zu erhöhen, hast du auch schon darüber nachgedacht? – Wenn auch noch nicht, so will ich es doch jetzt versuchen. – 8. Hast du aber schon darauf Bedacht genommen, daß dir die Reiter gehorchen? Denn ohne dies sind weder Pferde noch Reiter, selbst wenn sie noch so gut und tapfer wären, etwas nütze. – Du hast Recht, aber wie Sokrates, könnte man sie am ehesten hierzu bringen? – 9. Das wenigstens weißt du doch, daß die Menschen in allen Dingen denjenigen sich am ehesten zu gehorchen entschließen, den sie für den Tüchtigsten halten; denn nicht nur in Krankheitsfällen z. B. folgen sie am liebsten dem Arzte, welchen sie für den geschicktesten halten, sondern auch auf den Schiffen die Schiffer dem Steuermann, welchen sie für den Tüchtigsten halten, und in der Landwirthschaft dem, welchen sie für den geschicktesten Landwirth halten. – Ganz gewiß, sagte der junge Mann. – Es ist also anzunehmen, daß auch in der Reitkunst dem, von welchem man sieht, daß er am besten weiß, was noth thut, die andern am ehesten zu gehorchen sich entschließen. – 10. Wenn ich nun, Sokrates, unter ihnen offenbar der Tüchtigste sein sollte, wird dies mir genügen, daß sie mir gehorsam sind? – Allerdings, sagte Sokrates, wenn du sie außerdem noch lehrst, daß dir gehorsam zu sein für sie selbst das Bessere und Zuträglichere ist. – Wie nun werde ich ihnen dies beibringen können? – Nun, viel leichter, als wenn du ihnen beibringen müßtest, daß das Schlechte besser und vorteilhafter als das Gute sei. – 11. Du sagst also, versetzte der junge Mann, ein Hipparch müsse neben allem andern auch sich befleißigen, reden zu können? – Meinst du denn wohl, das Amt eines Hipparchen könne schweigend versehen werden? Oder hast du nicht erwogen, daß nicht nur das, was wir in Folge der Staatseinrichtung als das Schönste gelernt haben, da wir mittelst derselben zu leben wissen, wir dies alles durch die Rede gelernt haben, sondern daß auch einer, wenn er sonst etwas Schönes lernt, es nur durch die Rede lernt, und daß die besten Lehrer sich am meisten der Rede bedienen, und diejenigen, welche das Gediegenste wissen, auch am besten zu reden verstehen? 12. Oder hast du nicht erwogen, daß, wenn auch nur ein Chor aus dieser unserer Stadt kommt, wie z. B. der, welcher nach Delos geschickt ist, Alle vier Jahre schickten die verschiedenen Staaten Griechenlands Gesandtschaften mit Chören (Theorien) nach Delos, wo sie in Gesängen zu Ehren des Apollon und der Artemis wetteiferten. Vgl. K.F. Hermann , Griech. Antiq. II, 65, 32. kein anderer, mag er kommen, woher er will, mit diesem den Wettkampf aushält, daß aber auch eine Menge schöner Männer Die schönsten unter ihnen wurden ausgesucht, um ebenso bei dem Delischen Feste, wie an den Panathenäen die geweihten Oelzweige an der Spitze des Festzuges zu tragen. Von den Panathenäen heißt es bei Xenophon, Symposion IV, 17: »Zu Thallophoren (d.h. solchen, welche den feierlichen Zug, in welchem man an den großen Panathenäen den Peplos der Göttin herumtrug, mit Oelzweigen in der Hand eröffneten) für Athene wählt man die schönen Greise, offenbar in der Voraussetzung, daß die Schönheit ein jedes Alter begleitende Eigenschaft sei.« in keinem andern Staate wie gerade in dem unsrigen ein Gegenstand des Wettstreites ist? – Du hast Recht, sagte jener. – 13. Nun aber zeichnen sich die Athener weder durch Wohlklang der Stimme noch durch Größe und Stärke des Körpers vor den Uebrigen so sehr aus, wie gerade durch die Ehrliebe, die am meisten zu schönen und rühmlichen Thaten antreibt. – Auch hierin hast du Recht. – 14. Glaubst du also nicht, daß sie, wenn sich hier einer der Reiterei annehmen wollte, bald auch hierin vor den übrigen sich gar sehr durch Ausstattung der Waffen und Pferde, durch gute Zucht und Bereitwilligkeit gegen die Feinde zu kämpfen auszeichnen würden, sobald sie einsähen, daß dadurch Lob und Ehre geerntet werden könne? – Natürlich, sagte der junge Mann. – 15. Säume also nicht länger, sondern suche die Männer dazu anzutreiben, und es wird dir nicht nur selbst nützen, sondern auch den übrigen Bürgern durch dich. – Beim Zeus, sagte der junge Mann, ich will den Versuch machen. 4. Kapitel. Sokrates zeigt dem Nikomachides, Nicht weiter bekannt. daß dem, welcher sein Haus gut verwalten könne, es im allgemeinen auch nicht in den zum Feldherrnamt nöthigen Eigenschaften fehle. 1. Als er einmal den Nikomachides aus der Wahlversammlung zurückkommen sah, sagte er: Was für Feldherren sind gewählt worden? – Und jener antwortete: ist das nicht ganz die Art der Athener, daß sie mich nicht wählten, der ich, seitdem mein Name in der Stammrolle steht, dem Staate als Soldat diene, der ich als Hauptmann und Oberst erprobt und (dabei entblößte er sich und zeigte die Narben seiner Wunden) von den Feinden mit Wunden bedeckt bin, dem Antisthenes Ebenfalls unbekannt. aber, der niemals als Schwerbewaffneter gedient und nie als Reiter sich durch irgend eine That hervorgethan hat und nichts anderes versteht als Geld zu sammeln, dem ihre Stimme gegeben haben? – 2. Ist denn aber, sagte Sokrates, das nicht gut, wenn er im Stande sein wird, den Soldaten das Nöthige zu verschaffen? – Auch die Kaufleute, antwortete Nikomachides, verstehen Geld zu sammeln, aber sie dürften deshalb noch nicht zu Feldherren tauglich sein. – 3. Und Sokrates entgegnete: Antisthenes ist auch ehrgeizig, was eine gute Eigenschaft für einen Feldherrn ist. Siehst du nicht, daß er noch immer, so oft er einen Chor ausgestattet hat, Der Chorege hatte zu den Festspielen für seinen Stamm (Phyle), der sich auch den Sieg zurechnete, einen Chor mit allem Nöthigen auszustatten und für seine Einübung zu sorgen. Es war dies eine der Liturgien oder Staatsleistungen, die nur die reichsten Bürger traf. S. Hermann , Staatsalterth. § 161. mit allen seinen Chören den Preis davon getragen hat? – Aber es ist doch nicht einerlei, beim Zeus, sagte Nikomachides, Anführer eines Heeres und eines Chores zu sein! – 4. Und doch war, versetzte Sokrates, Antisthenes ebensowenig im Gesang oder in der Einübung der Chöre erfahren und war trotzdem im Stande, die Tüchtigsten in diesen Künsten auszufinden. – Und so wird er auch als Feldherr, antwortete Nikomachides, andere finden, die statt seiner das Heer ordnen, und andere, die statt seiner kämpfen sollen. – 5. Und sollte er denn nicht, sagte Sokrates, wenn er im Kriegswesen wie im Chorgesang die Tüchtigsten herausfindet und auswählt, mit Recht auch hierin den Sieg davontragen, und kann man nicht annehmen, daß er eher geneigt sein werde, für den Sieg mit dem ganzen Staate im Kriege, als für den mit seinem Stamme im Chorgesang Aufwand zu machen? – 6. Meinst du also wirklich, Sokrates, daß es ein und dasselbe sei, ein guter Chorführer und ein guter Feldherr zu sein? – Das wenigstens meine ich, daß einer, was er auch zu leiten haben möge, ein guter Leiter ist, wenn er nur versteht, das, was nöthig ist, herbeizuschaffen, wobei es ganz gleichgültig ist, ob er an der Spitze eines Chores, eines Hauswesens, einer Stadt oder eines Heeres steht. – 7. In der That, Sokrates, ich hätte niemals geglaubt, von dir zu hören, daß gute Hauswirthe auch gute Feldherren sein könnten. – Wohlan denn, laß uns die Geschäfte beider prüfen, damit wir erfahren, ob es dieselben sind, oder sich in etwas unterscheiden! – Ganz recht, sagte Nikomachides. – 8. Ist es nicht, sagte Sokrates, die Aufgabe beider, sich ihre Untergebenen gehorsam und willig zu machen? – Gewiß, sagte jener. – Und jedes gerade dem aufzutragen, der dazu geschickt ist? – Desgleichen, sagte jener. – Und auch das ist beider Sache, die Schlechten zu bestrafen und die Guten zu belohnen. – Ja wohl. – 9. Sollte es nicht auch beiden anstehen, sich die Liebe ihrer Untergebenen zu erwerben? – Auch dieses. – Und scheint es dir ferner beiden von Nutzen zu sein oder nicht, sich Bundesgenossen und Gehilfen zu erwerben? – Allerdings. – Müssen auch nicht beide es verstehen, diejenigen, welche sie haben, sich zu erhalten? – Gewiß! – Und müssen auch nicht beide sorgsam und fleißig in ihren Geschäften sein? – 10. Das bisherige freilich kommt beiden auf gleiche Weise zu, das Kämpfen aber nicht mehr. – Aber Feinde doch wenigstens haben beide? – Nun ja, freilich wohl! – Also werden sich wohl beide müssen angelegen sein lassen, diese zu überwinden? – 11. Allerdings! aber das läßt du bei Seite, was denn die Wirthschaftskunst nützen soll, wenn es zum Kämpfen kommt. – Hier doch wohl, sagte Sokrates, am allermeisten, denn der gute Hauswirth, welcher weiß, daß nichts so vortheilhaft und gewinnbringend ist, als im Kampfe über die Feinde zu siegen, und nichts so nachtheilig und schadenbringend, als eine Niederlage zu erleiden, wird bereitwillig das zum Siege Dienliche aufsuchen und herbeischaffen, sorgfältig aber das, was zur Niederlage führt, erforschen und sich davor hüten. Und wenn er sieht, daß alles zum Siege vorbereitet ist, wird er unverdrossen kämpfen; sollte er aber noch nicht gerüstet sein, so wird er sich hüten, einen Kampf zu beginnen. 12. Ja, Nikomachides, verachte mir nicht die Männer, welche sich auf die Hauswirthschaft verstehen! Denn die Verwaltung des eigenen Herdes unterscheidet sich nur dem Umfange nach von der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten; in allem übrigen sind sie sich gleich. Die Hauptsache aber ist, daß weder ohne Menschen eine von beiden besorgt wird, noch durch andere Menschen die Angelegenheiten des eigenen Hauswesens betrieben werden können, und wieder durch andere die öffentlichen. Denn die, welche die öffentlichen Angelegenheiten besorgen, bedienen sich durchaus keiner anderen Menschen, als die, deren sich die Hauswirthe bedienen. Und der, welcher mit diesen gut umzugehen versteht, wird sein eigenes wie das Staatswesen zur Blüte bringen; wer es aber nicht versteht, wird in beiden Fehler machen. 5. Kapitel. Gespräch mit dem jüngeren Perikles Es war dies der dritte, aber uneheliche Sohn des großen Perikles . Seine Mutter war Aspasia . Er wurde nach dem Tode seiner beiden älteren Brüder adoptirt, und war einer von den Feldherren, die, nach der Schlacht bei den Arginusen nach Athen zurückgekehrt, hingerichtet wurden. S. Plutarch , Perikles Kap. 24;37. über die Mittel, durch welche die alte Tapferkeit und Zucht des athenischen Heeres wiederhergestellt und der Sieg wieder an die Waffen Athens gefesselt werden könne. 1. Mit Perikles, dem Sohne des berühmten Perikles, hatte Sokrates einmal folgendes Gespräch. Ich habe, Perikles, die Hoffnung, daß sich einmal der Staat, wenn du Feldherr sein wirst, hinsichtlich der Kriegführung in einem besseren und rühmlicheren Zustande als jetzt befinden und über die Feinde wieder siegen werde. – Das sollte mir sehr lieb sein, Sokrates; wie es aber dazu kommen könnte, ist mir unklar. – Willst du nun, sagte Sokrates, daß wir uns einmal hierüber besprechen und zusehen, worin denn nun die Möglichkeit liegt? – Ja, sagte Perikles. – 2. Weißt du nun nicht, daß an Menge die Athener den Böotiern nichts nachstehen? – Das weiß ich wohl. – Und was tüchtige und schöne Leute betrifft, glaubst du, daß unter den Böotiern deren eine größere Menge sich auslesen ließe, oder unter den Athenern? – Auch hierin scheinen sie mir nicht zurückzustehen. – Von welchen von beiden aber glaubst du, daß sie unter einander mehr wohlwollend sind? – Von den Athenern, antwortete Perikles; denn von den Böotiern sind viele auf die Thebaner, von denen sie übermüthig behandelt werden, ergrimmt, während ich in Athen nichts von alledem sehe. 3. Ferner sind sie auch von allen am meisten ehrliebend und wohlwollend, und darin liegt nicht der kleinste Antrieb, für Ruhm und Vaterland alles aufs Spiel zu setzen. – Auch hierin sind die Athener untadelig. – Auch Heldenthaten der Vorfahren hat kein Volk größere und mehr aufzuweisen, als die Athener, und dies ist für viele ein Sporn, sich der Tapferkeit zu befleißigen und sich als muthige Männer zu zeigen. 4. Alles dies ist richtig, Sokrates. Aber du siehst, daß, als die Niederlage der Tausend unter Tolmides bei Lebadea erfolgt ist, und die unter Hippokrates bei Delion, Lebadea lag in Böotien zwischen Haliartos und Chäronea . Auch wird diese Schlacht die Schlacht bei Chäronea (oder Koronea) genannt, da beide Orte in der Nähe lagen. Sie wurde 447 v. Chr. geliefert. Der Anführer der Athener war Tolmides , der in dieser Schlacht fiel. S. Thukydides I, 108; 113. – An der Schlacht bei Delion , in welcher die Athener von den Böotiern 424 v. Chr. entscheidend geschlagen wurden (S. Thutyoides IV, 93 ff.) hat Sokrates selbst Theil genommen. seit der Zeit der Ruhm der Athener im Vergleich mit dem der Böotier gesunken, dagegen der Stolz der Thebaner gegen die Athener gewachsen ist, so daß die Böotier, welche vorher nicht einmal in ihrem eigenen Lande wagten, den Athenern ohne die Lakedämonier und die übrigen Peloponnesier entgegenzutreten, jetzt auf eigene Faust in Attika einzufallen drohen, die Athener aber, welche in früheren Zeiten, als die Böotier allein standen, Böotien verwüsteten, in Furcht schweben, jene möchten Attika verwüsten. – 5. Hierauf antwortete Sokrates: Allerdings sehe ich, daß es so ist; es scheint mir aber, als würde jetzt die Stadt einem braven Anführer um so besser gehorchen. Denn Zuversicht ist die Mutter von Fahrlässigkeit, Unthätigkeit und Unfolgsamkeit, während die Furcht die Menschen aufmerksamer, dienstwilliger und botmäßiger macht. 6. Das kannst du schon an denjenigen finden, die auf Schiffen dienen, denn so lange sie nichts in der Welt zu fürchten haben, sind sie voll Unbotmäßigkeit; wenn sie aber entweder einen Sturm oder Feinde zu befürchten haben, thun sie nicht nur alles, was befohlen wird, sondern sie sind still und warten auch auf alle die Befehle, die noch kommen sollen, wie die Chortänzer. – 7. Nun, sagte Perikles, wenn die Athener jetzt am ehesten gehorchen würden, dann möchte es an der Zeit sein, auch zu sagen, wie wir sie dazu bringen könnten, wieder von neuem zu streben nach der alten Tapferkeit, dem alten Ruhme und dem alten Wohlstande. – 8. Würden wir also nicht, wenn wir wollten, daß sie um Geld und Gut, das andere besäßen, sich bemühen sollten, am ehesten sie dazu geneigt machen, wenn wir ihnen nachwiesen, daß dieses ihr von den Vätern auf sie vererbtes und von Rechtswegen zukommendes Eigenthum sei? Da wir nun aber wünschen, daß sie sich bemühen sollen, durch Trefflichkeit den ersten Rang zu behaupten, müssen wir da nicht andererseits ihnen nachweisen, daß es von Alters her am meisten ihnen zukomme, und daß sie, wenn sie danach strebten, das mächtigste unter allen Völkern werden würden? 9. Wie könnten wir ihnen dieses beibringen? – Ich denke, wenn wir ihnen ihre ältesten und uns bekannten Vorfahren ins Gedächtnis zurückrufen, von denen sie ja gehört haben müssen, daß sie vor allen anderen die trefflichsten gewesen seien. – 10. Meinst du etwa, versetzte Perikles, den Streit der Götter, Den Streit zwischen Poseidon und Athene über die Schutzherrschaft Attikas soll Kekrops entschieden haben. S. Ovid , Verwandlungen VI, 70 ff. den Kekrops und die andern Richter wegen ihrer Trefflichkeit entschieden haben? – Allerdings, und die Geburt und die Erziehung des Erechtheus Erechtheus war ein attischer Stammheros, der mit Athene ein gemeinsames Heiligthum auf der Akropolis in Athen hatte. Von ihm heißt es bei Homer (Ilias II, 547 übersetzt von J. H. Voß ): Dann die Athenä bewohnt, des hochgesinnten Erechtheus Wohlgebauete Stadt, des Königes, welchen Athene Nährte, die Tochter des Zeus, (ihn gebar die fruchtbare Erde.) und den Krieg, In ältester Zeit sollen die Thraker bis an Attika heran gewohnt haben und bei einem zugleich mit den Eleusiniern unter Eumolpos unternommenen Zuge gegen Athen von Erechtheus weiter nach Norden hinauf getrieben worden sein. Vgl. Thukydides II, 15 und besonders Isokrates Panegyrikus 68 (S. 25 meiner Uebersetzuug, Univ.-Bibl. Nr. 1666 nebst Anm. 22). der damals gegen das ganze angrenzende Festland geführt werden mußte, ferner den zur Zeit der Herakliden gegen die Peloponnesier geführten Krieg, Die Söhne des Herakles suchten und fanden in Athen Schutz gegen Eurystheus . S. Isokrates a. a. O. 65, S. 24 meiner Übersetzung. sowie alle die Kriege unter Theseus, Gemeint sind dessen Kriege gegen die Amazonen, gegen die Thraker und Kreter. in welchen sie offenbar alle Zeitgenossen übertrafen. 11. Ferner die Thaten, welche später die Nachkommen jener, die nicht lange vor unserer Zeit lebten, ausgeführt haben, indem sie theils für sich allein kämpften gegen die, welche Beherrscher von ganz Asien und Europa bis Makedonien waren und größere Macht und Hilfsmittel als irgend jemand vor ihrer Zeit besaßen und die größten Thaten vollbracht hatten, Wie die Durchgrabung des Athos und die Brücke über den Hellespont. theils auch mit den Peloponnesiern Mit den Peloponnesiern vereint kämpften sie im zweiten Perserkriege unter Themistokles und Aristeides . zu Wasser und zu Lande durch Tapferkeit sich auszeichneten, wie man es ja auch von ihnen rühmt, daß sie ihre Zeitgenossen bei weitem übertroffen haben. – Allerdings rühmt man dies von ihnen. – 12. Daher blieben sie denn auch zur Zeit der vielen Wanderungen, welche in Hellas stattfanden, ruhig in ihrem Heimatslande; viele, die mit einander in Rechtsstreitigkeiten verwickelt waren, übertrugen ihnen die Entscheidung, und viele, die von Mächtigeren übel behandelt wurden, nahmen zu ihnen ihre Zuflucht. – 13. Darauf sagte Perikles: ich wundere mich nur, Sokrates, wie denn der Staat sich zum schlechteren neigen konnte. – Ich für meine Person denke, so gut wie einige andere Völker, weil sie bei weitem die ausgezeichnetsten und stärksten waren, sich selbst vernachlässigt haben und infolge dessen schlechter geworden seien. – 14. Was nun, sagte Perikles, müssen sie thun, um wieder ihre alte Tüchtigkeit zu erlangen? – Das scheint nicht schwer zu errathen zu sein, antwortete Sokrates; wenn sie nur die Lebensart ihrer Vorfahren wieder ausmitteln und es im Nacheifern derselben nicht an sich fehlen lassen, dann würden sie nicht schlechter als diese werden, wenn aber nicht, so würden sie, wenn sie wenigstens die, welche jetzt den ersten Rang behaupten, sich zum Vorbild nehmen und dieselbe Lebensart wie diese befolgen würden und auf gleiche Weise dasselbe übten, in keinem Punkte hinter ihnen zurückbleiben, wenn sie aber noch eifriger sind, sogar noch besser als jene werden. – 15. Nach dem, was du sagst, versetzte Perikles, ist die echte Tugend noch weit von unserem Vaterlande entfernt. Denn wann werden die Athener so wie die Lakedämonier die älteren ehren, sie, die in der Verachtung der älteren bei den Vätern den Anfang machen? Oder wann werden sie in gleicher Weise ihren Körper stählen, sie, die nicht nur die Ausbildung ihres Körpers vernachlässigen, sondern auch die, welche sich darauf legen, verspotten? 16. Wann werden sie ferner so der Obrigkeit gehorchen, sie, die sich sogar damit rühmen, daß sie die Obrigkeit verachten? Oder wann werden sie so harmoniren, sie, die, anstatt einander zu ihrem Vortheile zu helfen, einander zu schaden suchen und auf einander neidischer sind als auf fremde Menschen, am meisten aber von allen sowohl in Privatzusammenkünften als in öffentlichen in Streit gerathen und die meisten Prozesse unter einander führen und lieber auf diese Art von einander Gewinn ziehen als dadurch, daß sie sich gegenseitig nützen, und während sie mit dem Staatsgut wie mit fremdem Gut wirtschaften, um dieses unter einander sich streiten und über die Fähigkeiten hierin am meisten sich freuen? 17. Und hieraus kommt denn eine große Unerfahrenheit und Schlechtigkeit in dem Staate, und unter den Bürgern entsteht Niederträchtigkeit und Feigheit, so daß ich wenigstens gar sehr fürchte, es möchte daraus dem Staate ein größeres Unglück erwachsen, als daß er es ertragen könnte. – 18. Glaube ja nicht, Perikles, daß die Athener an einer solchen unheilvollen Verderbtheit leiden! Siehst du nicht, wie trefflich geordnet ihre Flotte ist, wie sie aufs Wort in den gymnischen Wettkämpfen ihren Vorgesetzten gehorchen und wie sie vollständig wie irgend andere in den Chören ihren Lehrern Folge leisten? – 19. Das ist ja eben, erwiderte Perikles, das unbegreifliche, daß solche Leute ihren Vorgesetzten gehorchen, die Schwerbewaffneten dagegen und die Reiter, die doch dafür gelten, daß sie sich durch ihren Sinn für Ehre und Rechtschaffenheit vor den übrigen Bürgern auszeichnen, die ungehorsamsten von allen sind. – 20. Aber wird nicht, sagte Sokrates, der Rath auf dem Areopage Der Areopag war der älteste Gerichtshof der Athener; seinen Namen hat er von einem dem Ares geweihten Hügel, wo die Areopagiten sich versammelten. Sie saßen in peinlichen Fällen zu Gericht. mit erprobten Männern besetzt? – Allerdings. – Kennst du nun wohl Richter, welche richtiger, gesetzmäßiger, würdiger, gerechter Prozesse entscheiden und alle ihre übrigen Pflichten thun, als diese? – Ich kann ihnen einen Vorwurf nicht machen. – So darfst du denn auch nicht den Muth verlieren, als ob in den Athenern sich gar kein Ordnungssinn mehr finde. – 21. Und doch beim Heere, sagte Perikles, wo man am meisten Ordnung, Zucht und Gehorsam beobachten sollte, denken sie an nichts von alledem. – Vielleicht auch, sagte Sokrates, haben gerade hierbei solche Leute die Oberleitung in Händen, welche die ungeschicktesten sind. Siehst du nicht, daß über Zitherspieler, Chorsänger und Tänzer keiner die Oberleitung übernimmt, der es nicht versteht, oder über Ringkämpfer oder Pankratiasten? Das sind solche Wettkämpfer, die sich zugleich im Ring- und Faustkampf mit einander maßen. Vielmehr müssen alle, welche über diese die Oberleitung führen können, nachweisen, woher sie die Kunst, der sie vorstehen, gelernt haben. Von den Feldherren dagegen übernehmen die meisten aufs Gerathewohl das Amt. 22. Doch glaube ich nicht, daß du einer von dieser Art bist, glaube vielmehr, daß du mir ebenso gut sagen kannst, wann du die Feldherrnkunst zu lernen angefangen hast, als wie lange du dich mit der Ringkunst beschäftigst. Auch hast du gewiß viele von den Kriegslisten deines Vaters gelernt und noch im Gedächtnis, und außerdem viele von allen Seiten zusammen getragen, woraus sich etwas für die Kriegsleitung Nützliches lernen ließ. 23. Auch glaube ich, daß du sehr darauf aus bist, dir keine von den für einen Feldherren nützlichen Kenntnissen entgehen zu lassen und wenn du merken solltest, daß du selbst etwas der Art nicht weißt, so suchst du gewiß andere auf, welche dies wissen, und sparst weder Geschenke noch Gefälligkeiten, um von ihnen das zu erfahren, was du nicht weißt und in ihnen tüchtige Gehilfen zu finden. – 24. Es entgeht mir nicht, Sokrates, sagte Perikles darauf, daß du dies keineswegs sagst, weil du etwa glaubtest, ich trage wirklich für dies alles Sorge, sondern um mich darüber zu belehren, daß einer, welcher sich um das Amt eines Feldherrn bewirbt, sich um alles dieses bekümmern muß. Ich bin jedoch darin mit dir durchaus einverstanden. – 25. Hast du aber wohl, Perikles, dies bemerkt, daß vor unserm Lande große Berge Der Kithäron u.a. liegen, welche sich bis Böotien hinein erstrecken, über welche nur schmale und steile Eingänge in unser Land führen, und daß es auch in der Mitte von unwegsamen Bergen Parnes , Lykabettos , Pentelikon , Hymettos u. a. durchschnitten ist? – Ganz gewiß, antwortete Perikles. – 26. Hast du ferner gehört, daß die Mysier und Pisidier, Räuberische Gebirgsvölker in Kleinasien, die ersteren zwischen Groß- und Kleinphrygien, letztere in Pamphylien. welche im Lande des Perserkönigs sehr befestigte Wohnsitze haben und leicht bewaffnet sind, durch Einfälle dem Lande des Königs großen Schaden zufügen und dabei als unabhängige Völker leben? – Auch dies habe ich gehört. – 27. Glaubst du mir nicht, daß die Athener, so lange ihr Alter rüstig ist, »So lange sie in dem beweglichen Alter stehen«, d. i. bis zum 21. Jahre. Denn vom 18. bis zum 20. Jahre dienten die Athener als περιπολοι (Grenzreiter), welche die Landesgrenze zu bewachen hatten ( Breitenbach ). wenn sie leichter bewaffnet wären und die vor dem Lande liegenden Berge besetzt hielten, nicht nur den Feinden schädlich sein, sondern auch ihren Mitbürgern als eine starke Schutzwehr des Landes dienen würden? – Allerdings, sagte Perikles, glaube ich, daß dies sehr nützlich sein würde. – 28. Wenn dir also dies, schloß Sokrates, gefällt, so führe es aus, mein Bester, denn was du hiervon zu Stande bringst, wird dir ehrenvoll und dem Staate von Nutzen sein; solltest du aber etwas davon nicht zu Stande bringen können, so wirst du dadurch weder dem Staate schaden, noch dir selbst Schande machen. 6. Kapitel. Sokrates bringt den noch nicht zwanzigjährigen Glaukon davon ab, sich ohne die gehörige Vorbildung an der Staatsverwaltung zu betheiligen. 1. Glaukon, den Sohn des Ariston, konnte, als er noch nicht zwanzig Jahre alt in der Volksversammlung zu sprechen versuchte, weil er an der Spitze des Staates zu stehen wünschte, von allen seinen Freunden und Verwandten kein einziger davon abbringen, sich von der Rednerbühne herabziehen und auslachen zu lassen; S. meine Anmerk. zu Platon Protagoras Kap. 10, S. 23 (Univ.-Bibl. Nr. 1708). Sokrates aber, der ihm wegen des Charmides, des Sohnes des Glaukon, und wegen des Platon wohlgesinnt war, brachte ihn allein davon ab. 2. Als er nämlich mit ihm zusammentraf, hielt er ihn fest und sagte, um ihn zum Anhören geneigt zu machen, folgendes: Sage mir, Glaukon, beabsichtigst du, an die Spitze des Staates zu treten? – Allerdings, Sokrates. – In der That, dies ist auch das schönste, was es überhaupt geben kann, sagte Sokrates; denn wenn du dies Ziel erreichst, wirst du offenbar im Stande sein, sowohl dir selbst zu verschaffen, was du nur wünschest, als auch den Freunden zu nützen; du wirst dein väterlich Haus zu Ehren bringen, Mehrer deines Vaterlandes sein und selbst zuerst in der Stadt, dann in ganz Griechenland berühmt werden, vielleicht aber auch, wie Themistokles, unter den Barbaren, und wo du nur sein magst, wirst du aller Augen auf dich ziehen. 3. Als Glaukon dies hörte, wurde er etwas stolz und blieb gerne da. Darauf sagte Sokrates: Ist nun nicht so viel klar, Glaukon, daß du, wenn du anders geehrt sein willst, dem Staate dienen mußt? – Allerdings. – Verschweige uns darum, bei den Göttern, nicht, womit du den Anfang machen wirst, um dem Staate Dienste zu erweisen. – 4. Als nun Glaukon schwieg, als ob er sich jetzt erst überlegte, womit er den Anfang machen sollte, fuhr Sokrates fort: Nun, willst du nicht, wie du das Haus deines Freundes zu heben damit beginnen würdest, ihn reicher zu machen, so auch beim Staat zuerst darauf dein Augenmerk richten, den Staatsschatz zu vermehren? – Ja wohl, sagte jener. – 5. Würde nun nicht der Staat reicher werden, wenn er mehr Einkünfte bekäme? – Natürlich, antwortete Glaukon. – So sage mir denn, woher hat jetzt der Staat seine Einkünfte und wie viele ungefähr? Denn jedenfalls hast du darüber nachgedacht, damit du die Einkünfte, welche etwa nicht ausreichend sind, ergiebiger machest, dagegen die, welche vernachlässigt werden, herbeischaffest. – Nein, beim Zeus, sagte Glaukon, darüber habe ich noch nicht nachgedacht. – 6. Nun, wenn du dies versäumt hast, so nenne uns wenigstens die Ausgaben des Staates, denn offenbar denkst du daran, die unnöthigen von diesen zu streichen. – Beim Zeus, sagte jener, auch hierzu habe ich noch keine Zeit gehabt. – So werden wir denn wohl, sagte Sokrates, es noch etwas aufschieben müssen, den Staat reicher zu machen, denn wie wäre es möglich, ohne die Ausgaben und Einnahmen zu kennen, dafür zu sorgen? – 7. Aber, Sokrates, sagte Glaukon, man kann auch den Staat auf Kosten der Feinde reich machen. – Gewiß, beim Zeus, wenn man stärker ist als sie; ist man aber schwächer, dann kann man auch das, was man hat, noch obendrein einbüßen. – Du hast Recht. – 8. Muß also nicht der, welcher zu überlegen hat, gegen wen ein Krieg anzufangen ist, genau über die Macht des Staates und der Feinde unterrichtet sein, um, wenn die des Staates stärker ist, zum Kriege zu rathen, wenn sie aber schwächer als die der Feinde ist, davon abzurathen? – Ganz recht, antwortete Glaukon. – 9. So nenne uns also zuerst die Land- und Seemacht des Staates und dann die der Feinde. – Aber, beim Zeus, sagte Glaukon, ich kann sie dir doch nicht so aus dem Kopfe sagen! – Nun denn, wenn du es aufgeschrieben hast, so hole es; ich möchte es gar zu gerne hören. – Ja, beim Zeus, ich habe es auch noch nicht aufgeschrieben. – 10. So werden wir denn es auch noch fürs erste verschieben, über den Krieg Rath zu ertheilen, denn wahrscheinlich hast du dich wegen der Wichtigkeit dieser Dinge, da du erst anfängst, dem Staate vorzustehen, noch nicht daran gemacht. Aber um die Bewachung des Landes wenigstens hast du dich, wie ich weiß, bekümmert und weißt, wie viele Wachtposten erforderlich sind, und wie viele nicht, und wie viele Leute dazu ausreichend sind, und wie viele nicht, und die nothwendigsten Wachtposten wirst du rathen zu verstärken, die unnöthigen dagegen einzuziehen. – 11. Ich, beim Zeus, für meine Person, sagte Glaukon, würde alle einziehen, weil sie so schlecht auf ihrem Posten sind, daß alles aus dem Lande gestohlen wird. – Wenn man nun aber, sagte Sokrates, die Wachen ganz und gar einzöge, glaubst du dann nicht, daß es jedem beliebigen freistehen wird, zu rauben? Aber bist du selbst hingegangen und hast die Sache untersucht, oder woher weißt du, daß es mit der Bewachung so schlecht bestellt ist? – Ich vermuthe es, sagte Glaukon. – Wollen wir also auch hierüber nicht dann erst Rath ertheilen, wenn wir nicht mehr blos vermuthen, sondern es schon wissen? – Vielleicht wäre es so besser, sagte Glaukon. – 12. In die Silbergruben ferner, wie ich weiß, bist du nie gekommen; du wirst mir also auch nicht sagen können, warum die Einkünfte aus denselben gegen früher geringer sind. – Ich bin allerdings nie dagewesen. – Nun, es soll auch, sagte Sokrates, die Gegend sehr ungesund sein, so daß, wenn du hierüber deine Meinung abgeben mußt, dieser Umstand als Entschuldigung dienen kann. – Du spottest meiner, sagte Glaukon. – 13. Aber das wenigstens weiß ich, daß du es nicht versäumt, sondern darüber nachgedacht hast, wie lange das auf dem Felde wachsende Getreide hinreicht, die Stadt zu versorgen, und wie viel sie für das Jahr nöthig hat, damit es dir wenigstens niemals entgehe, wenn Mangel hieran in der Stadt sich zeigt, sondern du davon unterrichtet bist und du über das Nothwendige der Stadt einen Rath geben und ihr so helfen und sie retten kannst. – Da redest du mir, sagte Glaukon, von einer sehr großen Arbeit, wenn man sich auch um solche Dinge bekümmern sollte. – 14. Kann doch einer, sagte Sokrates, nicht einmal sein eigenes Haus gut verwalten, wenn er nicht genau weiß, was es nöthig hat und für alles sorgt und es ergänzt. Da nun aber die Stadt aus mehr denn zehntausend Häusern besteht, es aber sehr schwer ist, für so viele Häuser auf einmal zu sorgen, wie kommt es, daß du nicht ein einziges, z. B. das deines Oheims, zuerst emporzubringen versucht hast? Es bedarf desselben! Und wenn du dies zu Stande bringen kannst, dann kannst du es auch mit anderen versuchen. Kannst du aber einem einzigen nicht aufhelfen, wie würdest du vielen helfen können? Denn wenn einer ein einziges Talent Ungefähr 25 Klgr. nicht tragen kann, ist es da nicht offenbar, daß er auch nicht einmal daran denken darf, mehrere zu tragen? – 15. Ich für meine Person, sagte Glaukon, würde ja dem Hause meines Oheims ganz gerne aufhelfen, wenn er mir folgen wollte. – Wie? meinst du also, sagte Sokrates, alle Athener sammt deinem Oheim dahin bringen zu können, daß sie dir folgen, während du deinen Oheim nicht dahin bringen kannst, daß er dir folgt? 16. Hüte dich wohl, Glaukon, daß du nicht aus Begierde nach Ansehen zum Gegentheil gelangst; oder siehst du nicht, wie gefährlich es ist, das zu sagen und zu thun, was man nicht versteht? Denke einmal an andere, von denen du weißt, daß sie sagen und thun, was sie nicht verstehen, ob sie dir wegen solcher Dinge mehr Lob oder Tadel einzuernten und mehr bewundert oder mehr verspottet zu werden scheinen? – 17. Denke aber auch an die, welche das, was sie sagen und thun, auch verstehen, und ich bin fest überzeugt, du wirst finden, daß in allen Geschäften diejenigen Menschen, welche angesehen sind und bewundert werden, zu den am besten Unterrichteten, diejenigen dagegen, welche verrufen und verachtet sind, zu den Unwissendsten gehören. 18. Wenn du also im Staate angesehen sein und bewundert werden willst, so versuche es, vor allen Dingen durchzusetzen, daß du das verstehst, was du thun willst; denn wenn du hierin es deinen Mitbürgern zuvorthust und es dann unternimmst, Staatsangelegenheiten zu leiten, so würde ich mich nicht wundern, wenn du ganz leicht deinen Wunsch erreichen solltest. 7. Kapitel. Sokrates ermuthigt den Charmides, Schwager des Ariston , der seine Schwester Periktione zur Frau hatte, Onkel des Platon und des jüngeren Glaukon. Sein Verwandter und Vormund Kritias hatte ihn nach der Schlacht bei Potidäa (432 v. Chr.) dem Sokrates zugeführt. Er fällt zugleich mit Kritias in der Schlacht im Peiräeus 430 v. Chr. einen bescheidenen und schüchternen Mann, sich an den Staatsgeschäften zu betheiligen. 1. Dem Charmides aber, dem Sohn des Glaukon, von welchem er sah, daß er zwar ein sehr fähiger Mann und viel tüchtiger war als die, welche damals die Staatsgeschäfte leiteten, daß er aber zauderte, vor dem Volke aufzutreten und sich um die Staatsangelegenheiten zu bekümmern, sagte er: Sage mir, Charmides, wenn jemand im Stande wäre, in den Wettkämpfen um Kränze den Sieg davonzutragen und dadurch nicht nur sich selbst zu ehren, sondern auch seine Vaterstadt in Griechenland angesehener zu machen, trotzdem aber nicht mitkämpfen wollte, für was für einen Mann würdest du diesen halten? – Offenbar, sagte Charmides, für einen Weichling und Feigling. – 2. Wenn nun aber einer im Stande wäre, Staatsgeschäfte zu übernehmen und dadurch den Staat sowohl in Blüte zu bringen, als auch sich selbst Ehre einzulegen, aber sich nicht dazu entschließen könnte, würde man auch den nicht mit vollem Rechte für einen Feigling halten? – Wohl möglich, aber wozu fragst du mich dieses? – Weil mir scheint, antwortete Sokrates, daß du zwar im Stande wärest, aber dich nicht dazu entschließen kannst, Staatsgeschäfte zu besorgen, an denen du doch als Staatsbürger nothwendig Theil nehmen mußt. – 3. Bei welchem Geschäfte aber, sagte Charmides, hast du meine Fähigkeiten kennen gelernt, daß du diese Meinung von mir hast? – Bei den Zusammenkünften, die du mit Staatsmännern hast; denn wenn sie sich mit dir über etwas berathen, sehe ich, daß du gute Rathschläge ertheilst, und wenn sie einen Fehler machen, daß du richtig tadelst. – 4. Es ist aber doch, Sokrates, nicht dasselbe, ob man sich privatim unterredet, oder unter einer Masse streitet. – Und doch, sagte Sokrates, rechnet ein Rechenmeister wenigstens vor der Menge nicht schlechter, als allein, und die, welche für sich allein am besten Zither spielen, sind auch vor der Menge die besten. – 5. Aber siehst du nicht, daß Befangenheit und Furcht den Menschen angeboren sind und sich weit eher in den Volksversammlungen als in Privatunterredungen einstellen? – Ich möchte dich gerade belehren, sagte Sokrates, daß du, während du vor den Verständigsten keine Scheu und vor den Mächtigsten keine Furcht hast, doch dich schämst, vor den Unverständigsten und Schwächsten zu reden. 6. Schämst du dich denn vor den Walkern unter ihnen, oder vor den Schustern, Zimmerleuten, Schmieden, Bauern, Kaufleuten oder vor denen, welche auf dem Markte Handel treiben und nur darauf sinnen, was sie wohlfeil kaufen und wieder theuer verkaufen sollen? Denn aus solchen Leuten bildet sich doch die Volksversammlung. 7. Glaubst du denn nicht, daß dein Thun um nichts besser ist, als das eines Menschen, der den Geübten überlegen ist und doch die Ungeübten fürchtet? Denn mit den ersten Männern des Staates, von denen einige dich über die Achsel ansehen, unterredest du dich mit Leichtigkeit und bist denen, welchen das öffentliche Reden nicht eigentlich ein Geschäft ist, weit überlegen, und vor Leuten, die sich nie um Staatsgeschäfte gekümmert und dich noch niemals über die Achsel angesehen haben, kannst du dich nicht entschließen zu sprechen aus Furcht, du möchtest ausgelacht werden! – 8. Wie, antwortete Charmides, scheinen dir nicht die Leute in der Volksversammlung oft die, welche richtig reden, zu verlachen? – Nun, sagte Sokrates, das thun ja auch andere; deshalb muß ich mich über dich wundern, daß du, während du mit den letzteren, wenn sie dies thun, leicht fertig wirst, mit den ersteren aber auf keine Weise zu Stande zu kommen glaubst. 9. Mein Bester, vergiß nicht, dich selbst zu erkennen, und mache nicht den Fehler, den die meisten Menschen machen! Denn die meisten sind darauf aus, vor den Thüren anderer zu kehren und kommen nicht dazu, vor ihrer eigenen zu kehren. Versäume also dieses ja nicht, sondern bemühe dich vielmehr, auf dich selbst zu achten und vernachlässige ja nicht den Staat, wenn du etwas zu seiner Besserung beitragen kannst. Denn wenn es mit diesem gut steht, so werden nicht nur die übrigen Bürger, sondern auch deine Freunde und du selbst den meisten Nutzen davon haben. 8. Kapitel Gespräch mit Aristippos über den Begriff von Schön und Gut 1. Als Aristippos einmal den Versuch machte, den Sokrates zu überführen, wie er selbst einmal früher von ihm überführt war, antwortete Sokrates, um diese Unterredung auch für seine Zuhörer nützlich zu machen, nicht wie Leute, die sich in Acht nehmen, daß ihre Worte nicht anders gedeutet werden können, sondern wie etwa solche, die sich bewußt sind, gerade das Ziemende zu thun. Hier ist gemeint: nichts weiter als die Erforschung der Wahrheit im Auge haben. Darauf allein kam es dem Sokrates an, während die Sophisten alles darauf berechneten, wie sie den einmal aufgestellten Satz durchführen und behaupten könnten, weshalb sie ihre Worte mit großer Vorsicht wählten und setzten, damit sie nicht im Verlauf des Gesprächs etwas sagten, was gegen sie gewendet werden und ihnen den Sieg entreißen könnte, und ängstlich darauf bedacht waren, daß das Gespräch den ihm vorgezeichneten Gang einhielte, weil es sonst nicht zu dem vorausbestimmten Ziele führte ( Breitenbach ). 2. Jener nämlich fragte ihn, ob er etwas Gutes kenne, um, wenn Sokrates etwas dergleichen nennen würde, wie Speise, Trank, Geld, Gesundheit, Stärke, Muth oder dergleichen, zu zeigen, daß dies zuweilen auch ein Uebel sei. Sokrates, aber, der wohl wußte, daß wir, wenn uns etwas beschwerlich ist, ein Mittel nöthig haben, das uns davon befreit, antwortete ihm so, wie auch zu thun das Beste ist. 3. Fragst du mich, sagte er, ob ich etwas Gutes gegen das Fieber kenne? – Nein, sagte jener. – Oder gegen schlimme Augen? – Auch dies nicht. – Oder gegen den Hunger? – Auch nicht. – Nun denn, sagte Sokrates, wenn du mich fragst, ob ich etwas Gutes weiß, das zu nichts gut ist, so weiß ich weder etwas der Art noch verlange ich danach es zu kennen. 4. Als ihn nun Aristippos wieder fragte, ob er etwas Schönes kenne, sagte er: Gar vieles. – Ist sich denn wohl alles einander ähnlich? – Nein, vieles sogar möglichst unähnlich. – Wie kann nun aber etwas schön sein, was dem Schönen unähnlich ist? – Weil, beim Zeus, antwortete Sokrates, dem Menschen, der zum Wettlauf schön ist, ein anderer unähnlich ist, der zum Ringkampf schön ist; und es ist ja auch ein Schild, der zur Verteidigung schön ist, so unähnlich als nur möglich einem Wurfspieße, der schön ist, um mit Kraft und Schnelligkeit geschwungen zu werden. – 5. Da antwortest du mir gerade so wie damals, als ich dich fragte, ob du etwas Gutes kennest. – Meinst du denn wohl, daß das Gute etwas Anderes als das Schöne sei? Weißt du nicht, daß alles Schöne und Gute in derselben Beziehung schön und gut ist? Denn erstens ist die Tugend nicht in einer Beziehung gut, in einer andern aber schön; zweitens nennt man die Menschen in denselben Beziehungen und aus denselben Rücksichten schön und gut; ebenso erscheinen auch in denselben Beziehungen die Körper der Menschen schön und gut; und auch alles andere, was die Menschen gebrauchen, wird in denselben Beziehungen für schön und gut gehalten, nämlich in Rücksicht darauf, daß es wohl zu gebrauchen ist. – 6. So ist denn auch wohl, sagte Aristippos, ein Mistkorb etwas Schönes? – Ja, beim Zeus, sagte Sokrates, sogar ein goldener Schild ist häßlich, wenn jener für seinen Zweck gut, und dieser schlecht gearbeitet ist. – 7. Meinst du, sagte jener, ein und dieselben Gegenstände seien schön und häßlich? – Gewiß, und zugleich gut und schlecht. Denn oft ist das, was gegen den Hunger gut ist, gegen das Fieber schlecht, und was gegen das Fieber gut ist, gegen den Hunger schlecht, und ebenso ist oft das, was für den Wettlauf schön ist, für den Ringkampf häßlich, und umgekehrt für den Wettlauf häßlich, was für den Ringkampf schön ist, denn alles ist schön und gut zu dem, wozu es sich gut eignet, schlecht und häßlich dagegen, wozu es sich schlecht eignet. 8. So behauptete nun auch Sokrates von den Häusern, daß die nämlichen auch schön und nützlich seien, und er schien mir damit zu lehren, wie man Häuser bauen müsse. Er zog dabei folgendes in Betrachtung: Muß nicht der, welcher ein Haus bauen will, wie es sein muß, dies so einrichten, daß es sich aufs angenehmste darin wohnen läßt und so nützlich als möglich ist? War dies eingestanden, so fuhr er fort: 9. Ist es nun nicht angenehm, wenn man im Sommer ein kühles, im Winter dagegen ein warmes Haus hat? Und wenn man ihm auch hierin beistimmte: Scheint nun nicht in den nach Mittag liegenden Häusern im Winter die Sonne in die Hallen hinein, im Sommer dagegen geht sie über uns und die Dächer hinweg und gewährt uns Schatten? Muß man demnach nicht, wenn das so in gehöriger Weise zu Stande kommen soll, die Seite gegen Mittag höher bauen, damit der Wintersonne der Eintritt nicht verwehrt wird, die Seite nach Norden dagegen niedriger, damit nicht die kalten Winde eindringen können? 10. So dürfte denn dies, um es kurz zu sagen, die angenehmste und schönste Wohnung sein, in der man zu allen Jahreszeiten sowohl selbst am besten wohnen als auch sein Hab und Gut am sichersten unterbringen kann. Malereien dagegen und Bildwerke rauben uns mehr Annehmlichkeiten als sie uns gewähren. Für Tempel und Altäre dagegen hielt er einen solchen Platz für den passendsten, je sichtbarer und schwerer zugänglich er sei, denn es sei angenehm, ihn beim Beten sehen zu können, und wenn man hinzugehe, sei es angenehm, rein von Schuld zu sein. 9. Kapitel Nähere Bestimmung einiger Begriffe, wie Tapferkeit, Weisheit u.s.w. 1. Als Sokrates ein ander Mal gefragt wurde, ob die Tapferkeit etwas Lernbares oder Angeborenes sei, sagte er: Ich glaube zwar, daß, wie ein Körper von Natur stärker zur Ertragung von Mühen ist als ein anderer, so auch ein Geist von Natur muthiger gegen Gefahren ist als ein anderer, denn ich sehe, daß sich Menschen, die nach denselben Gesetzen und Gebräuchen erzogen werden, sehr von einander unterscheiden. 2. Aber doch glaube ich, daß jede natürliche Anlage durch Unterricht und Uebung zur Tapferkeit gesteigert werden kann. Denn offenbar würden es die Skythen und Thraker nicht wagen, mit Schild und Lanze gegen die Lakedämonier zu kämpfen, und ebenso würden die Lakedämonier keine Lust verspüren, mit kleinen Schilden und Wurfspießen gegen die Thraker, oder mit Bogen gegen die Skythen zu kämpfen. 3. Ich sehe aber, daß auch in allen übrigen Dingen auf gleiche Weise die Menschen nicht nur von Natur unter einander verschieden sind, sondern auch durch Fleiß viel profitiren. Hieraus erhellt aber, daß alle, sowohl die Fähigeren als auch die von Natur minder Begabten das, worin sie sich auszeichnen wollen, auch lernen und üben müssen. – 4. Weisheit aber und Besonnenheit schied er nicht von einander, sondern er glaubte, daß der, welcher das Schöne und Gute kenne, auch danach handle, und der, welcher das Häßliche kenne, sich auch davor in Acht nehme, weise und besonnen sei. Als er aber weiter gefragt wurde, ob er diejenigen, welche zwar wüßten, was sie thun sollten, aber das Gegentheil thäten, für weise und enthaltsam halte, antwortete er: Um nichts mehr als diejenigen, welche unweise und unenthaltsam zugleich sind. Denn ich glaube, alle wählen unter allen möglichen Dingen dasjenige aus, von dem sie glauben, daß es ihnen das Ersprießlichste ist; ich glaube also, daß die, welche nicht recht handeln, weder weise noch besonnen sind. 5. Ferner sagte er auch, daß die Gerechtigkeit und alles, was sonst zur Tugend gehöre, Weisheit sei, denn das Gerechte und alles, was aus der Tugend hervorgehe, sei schön und gut, und weder diejenigen, welche zu dieser Einsicht gekommen seien, dürften etwas Anderes diesem vorziehen, noch die anderen, welche es noch nicht erkannt hätten, vermöchten es zu thun, denn selbst wenn sie es versuchten, machten sie Fehler. So thuen also auch nur die Weisen das Schöne und Gute, die Unweisen dagegen vermögen es nicht zu thun, und selbst wenn sie es wollten, würden sie Fehler machen. Da nun sowohl das Gerechte als auch alles andere, was mit Tugend gethan werde, schön und gut sei, so sei offenbar auch die Gerechtigkeit und alles, was sonst zur Tugend gehöre, Weisheit. 6. Wahnsinn, sagte er, sei zwar das Gegentheil von Weisheit, doch hielt er keineswegs Unwissenheit für Wahnsinn; aber den Mangel an Selbsterkenntnis und das, was man nicht wisse, anzunehmen und zu glauben, man wisse es, meinte er, sei dem Wahnsinn am nächsten. Die Menge jedoch, sagte er, meine nicht, daß diejenigen wahnsinnig seien, die in Dingen irren, welche die Meisten nicht wissen, sondern nenne nur diejenigen wahnsinnig, welche in Dingen irren, die die Meisten wissen. 7. Denn wenn z. B. einer so groß zu sein glaube, daß er sich bücke, wenn er durch das Stadtthor gehe, oder wenn einer so stark zu sein glaube, daß er sich zutraue, Häuser davonzutragen, oder etwas Anderes zu unternehmen, das offenbar unmöglich sei, den nenne man wahnsinnig. Jene dagegen, welche nur in kleine Irrthümer verfallen, schienen der Menge noch nicht wahnsinnig zu sein, sondern wie sie nur die starke Begierde Verliebtheit nenne, so nenne sie auch nur den großen Unverstand Wahnsinn. – 8. Wenn er aber darüber Betrachtungen anstellte, was Neid sei, so fand er, daß derselbe eine Art Verstimmung sei, daß er jedoch weder über das Glück von Feinden, noch über das Unglück der Freunde entstehe, sondern nur die, sagte er, seien neidisch, welche über das Glück der Freunde sich ärgern. Wenn aber einige sich wunderten, wie einer, der einen andern liebe, über das Glück desselben verstimmt werden sollte, so erinnerte er daran, daß viele so gegen andere gesinnt seien, daß sie, wenn es jenen schlecht gehe, sich darüber ärgern und ihnen in ihrem Unglücke zu Hilfe kommen, wenn sie aber glücklich seien, darüber verstimmt werden. Einem verständigen Manne könne dies freilich nicht begegnen, den Thoren aber ergehe es immer so. – 9. Als er einst über den Müßiggang sich äußerte, sagte er, er finde zwar, daß die Meisten etwas thun, denn auch die Spieler und die Possenreißer thuen etwas, aber dennoch seien diese alle Müßiggänger, denn sie könnten etwas Besseres als dies thun; dagegen von besseren Beschäftigungen zu schlechteren überzugehen, dazu habe keiner Zeit übrig, sondern wenn einer es thue, so thue er Unrecht daran, weil er keine Muße dazu habe. – 10. Könige aber und Herrscher, sagte er, seien nicht diejenigen, welche das Scepter hätten, noch die, welche von den ersten besten gewählt, noch die, welche dazu durchs Loos erwählt worden seien, noch die, welche Gewalt gebraucht, noch die, welche betrogen haben, sondern nur diejenigen, welche das Herrschen verstehen. 11. Denn wenn man zugestand, daß es Sache des Herrschers sei, zu befehlen, was Noth thue, der Unterthanen aber, zu gehorchen, so zeigte er, daß auf dem Schiffe stets der Kundige herrsche, der Schiffsbesitzer dagegen und alle übrigen Leute auf dem Schiffe dem Kundigen gehorchten: und ebenso mache es beim Landbau der Landwirth, bei Krankheit der Kranke, bei Leibesübungen der Turner, und so alle anderen, welche einer Fürsorge bedürfen, denn sie würden, wenn sie sich selbst die nöthigen Kenntnisse zutrauen, die Sorge für ihre Angelegenheiten selbst übernehmen, wenn aber nicht, den Kundigen nicht nur, so lange sie gegenwärtig sind, gehorchen, sondern auch, wenn sie abwesend sind, sie holen lassen, um diesen gehorsam zu sein und das Rechte zu thun. In den Wollspinnereien aber, zeigte er, herrschten sogar die Frauenzimmer über die Männer, weil jene das Wollespinnen verstünden, diese aber nicht. 12. Wenn aber dagegen einer einwendete, daß doch ein Tyrann die Macht habe, guten Rathschlägen nicht zu folgen, so antwortete er: Wie könnte er die Macht haben nicht zu gehorchen, da ja doch eine Strafe darauf steht, wenn einer den guten Rath verachtet? Denn worin auch einer immer einem guten Rathe nicht folgt, darin wird er dann sicherlich Fehler machen; macht er aber Fehler, dann wird er der Strafe nicht entgehen. 13. Sagte aber einer, der Tyrann habe die Macht, sogar einen Verständigen zu tödten, so erwiderte er: Glaubst du etwa, daß einer, der seine besten Kampfesgenossen tödtet, ohne Strafe bleibe, oder nur eine unbedeutende erhalte? Glaubst du denn, daß einer, der so handelt, leichter am Leben bleibt und nicht vielmehr schnell in den Tod rennt? 14. Als ihn einmal einer fragte, was wohl für einen Mann die beste Beschäftigung zu sein scheine, antwortete er: Die Glückseligkeit. Als derselbe nun weiter fragte, ob er auch das »Glück haben« für eine Beschäftigung halte, sagte er: Für das gerade Gegentheil halte ich das »Glück haben « und das »Glück machen «, denn wenn einer ohne zu suchen etwas findet, was er gebrauchen kann, so muß man, glaube ich, dies » Glück haben « nennen; wenn dagegen einer durch Lernen und Ueben etwas gut vollbringt, so müssen wir, meine ich, dies » Glück machen « nennen. 15. Auch, sagte er, die besten und von den Göttern am meisten geliebten Menschen seien unter den Landbebauern die durch den Landbau, unter den Aerzten die durch die Heilkunde, unter den Staatsmännern die durch die Staatskunst ihr Glück machenden; wer aber in nichts sein Glück mache, der sei weder zu etwas nütze noch von den Göttern geliebt. 10. Kapitel Gespräche mit dem Maler Parrhasios, mit dem Bildhauer Kleiton, mit dem Panzermacher Pistias über Wesen und Aufgaben ihrer Kunst. Parrhasios war ein berühmter Maler aus Ephesos, der meistens in Athen lebte und bei Sokrates Lebzeiten noch ein Jüngling war. Von ihm sagt Plinius (hist. nat. XXXV, 10): primus symmetriam picturae dedit, primus argutias vultus, elegantiam capilli, venustatem oris, comfessione artificum in lineis extremis palmam adeptus. – Kleiton ist unbekannt, ebenso Pistias . 1. Auch wenn Sokrates sich einmal mit den Künstlern und denen, welche Künste üben und daraus ein Gewerbe machen, unterredete, war es auch diesen nützlich. Denn als er einmal zu dem Maler Parrhasios kam und mit ihm sich in ein Gespräch einließ, sagte er: Ist nicht die Malerei, Parrhasios, eine Nachbildung dessen, was mit den Augen wahrgenommen wird? Denn die Vertiefungen und die Erhabenheiten, den Schatten und das Licht, das Harte und das Weiche, das Rauhe und das Glatte, das Jugendliche und das Alte an den Körpern stellt ihr dar, indem ihr es mit Farben nachbildet. – Ganz recht, sagte Parrhasios. – 2. Und wenn ihr die wirklich schönen Gestalten darstellen wollt, so pflegt ihr, da es nicht leicht ist, einen Menschen zu finden, an dem alles untadelhaft wäre, von vielen das zusammenzusuchen, was an jedem das Schönste ist, und auf diese Weise jene Gebilde zu schaffen, die in allen ihren Theilen als schön erscheinen. – Allerdings machen wir es so. – 3. Wie nun aber, fragte Sokrates, stellt ihr den Charakter der Seele, wie er im höchsten Grade interessant, anmuthig, freundlich, holdselig und entzückend ist, dar, oder sollte er sich nicht darstellen lassen? – Freilich, sagte jener, denn wie könnte er dargestellt werden, Sokrates, da er doch weder ein bestimmtes Verhältnis noch Farbe, noch sonst eine der von dir eben angeführten Eigenschaften besitzt, noch überhaupt gesehen werden kann. – 4. Aber, versetzte Sokrates, kommt es denn nicht vor, daß einmal ein Mensch einen andern freundlich, ein ander Mal feindselig anblickt? – Ja wohl, erwiderte Parrhasios. – Sollte sich nun dies wenigstens in den Augen nachbilden lassen? – Gewiß. – Und scheinen dir bei den Glücks- und Unglücksfällen eines Freundes die Theilnehmenden und die nicht Theilnehmenden dasselbe Gesicht zu machen? – Nein, beim Zeus, durchaus nicht; denn im Glück machen die Menschen ein heiteres, im Unglück ein finsteres Gesicht. – Sollte man nun nicht auch dies nachbilden können? – Natürlich. – 5. Aber auch das Würdevolle und Edle, das Niedrige und Gemeine, das Besonnene und Verständige, das Freche und Unverständige scheint sowohl aus der Miene als auch aus der Haltung des Menschen hervor, mögen sie nun stehen oder sich bewegen. – Du hast Recht, sagte jener. – Ist also auch dieses nicht nachzubilden? – Ganz gewiß. – Glaubst du nun, sagte Sokrates, es sei angenehmer, Menschen zu sehen, aus denen ein schöner, guter und liebenswürdiger Charakter hervorleuchtet, oder solche, aus denen ein schlechter, böser und verabscheuungswürdiger? – Ei beim Zeus, sagte Parrhasios, das ist ein großer Unterschied. – 6. Als er ein ander Mal den Bildhauer Kleiton besuchte, unterredete er sich mit ihm folgendermaßen: Daß du, Kleiton, die Läufer, Ringer, Faustkämpfer und Pankratiasten S. Anm. 22. verschiedenartig darstellst, sehe und weiß ich; was aber die Menschen am meisten beim Anblick ergötzt, der Ausdruck der Lebendigkeit, wie bringst du den in die Bildsäulen hinein? – 7. Da Kleiton nun in Verlegenheit war und nicht gleich wußte, was er antworten sollte, fragte Sokrates weiter: Gelingt es dir vielleicht dadurch, daß du deine Bildsäulen so lebendig erscheinen läßt, daß du dir lebende Gestalten zu Mustern nimmst? – Ja wohl, sagte jener. – Bringst du also nicht durch Nachbildung dessen, was infolge der Stellungen an den Körpern sich hebt und senkt, zusammengedrückt und auseinandergezogen, angespannt und gelockert wird, die Wirkung hervor, daß es der Natur ähnlicher und täuschender erscheint? – Allerdings. – 8. Verschafft aber auch das nicht den Betrachtenden einen gewissen Genuß, wenn die Seelenstimmungen der in irgend einer Thätigkeit begriffenen Körper dargestellt werden? – Natürlich, sagte Kleiton. – Muß man also nicht die Blicke der Kämpfenden drohend, bei den Siegern dagegen fröhlich darstellen? – Ganz gewiß. – So wird es denn, sagte Sokrates, die Aufgabe des Bildhauers sein, die Thätigkeiten der Seele der äußeren Erscheinung nachzubilden. – 9. Als er ein ander Mal den Panzermacher Pistias besuchte, und dieser ihm gut gearbeitete Panzer zeigte, sagte er: Es ist, bei der Hera, eine schöne Erfindung, Pistias, daß der Panzer die am meisten eines Schutzes bedürfenden Theile des Menschen bedeckt und doch den freien Gebrauch der Hände nicht hindert. 10. Aber sage mir, Pistias, warum bekommst du deine Panzer, die doch weder stärker noch besser, als die von andern sind, besser als jene bezahlt? – Weil ich sie, Sokrates, proportionirter mache. – Wodurch beweist du aber, sagte Sokrates, daß du sie proportionirt machst, durch das Maß oder durch das Gewicht? Denn ich kann nicht glauben, daß du die Panzer alle gleich oder ähnlich machst, wenn anders du sie auch passend machst. – Freilich mache ich sie passend, denn sonst würde ein Panzer unbrauchbar sein. – 11. Giebt es nun nicht unter den menschlichen Körpern proportionirte und unproportionirte? – Ja wohl. – Wie kannst du's nun machen, daß dem unproportionirten Körper der proportionirte Panzer paßt? – Weil ich ihn eben passend mache; denn der, welcher paßt, ist proportionirt. – 12. Es scheint mir, sagte Sokrates, daß du nicht von dem An-sich-Proportionirten redest, sondern von dem, was für den Besitzer eines Panzers proportionirt ist, gerade wie wenn du sagtest, wem ein Schild passe, dem sei er proportionirt, und mit einem Reitermantel und allem anderen scheint es sich nach deinen Worten ebenso zu verhalten. 13. Vielleicht aber liegen noch andere nicht geringe Vorzüge darin, wenn etwas paßt. – Sag sie mir, Sokrates, wenn du sie weißt. – Passende Panzer drücken weniger als nicht passende, wenn sie auch dasselbe Gewicht haben, denn die nicht passenden ruhen entweder mit ihrem ganzen Gewicht auf den Schultern oder drücken einen andern Körpertheil stark, und dadurch werden sie zum Tragen unbequem und lästig. Bei den passenden dagegen ist das Gewicht auf Schlüsselbein und Nacken, Brust und Rücken und Unterleib vertheilt, so daß sie kaum noch einer Last, sondern einem Ansatze gleichen. – 14. Was du da eben sagst, ist es gerade, weßwegen meine Arbeiten meiner Meinung nach so viel werth sind; einige jedoch kaufen verzierte und vergoldete Panzer lieber. – Wahrhaftig, sagte Sokrates, wenn sie deswegen unpassende kaufen, so scheinen sie mir wenigstens ein verziertes und vergoldetes Uebel zu kaufen. 15. Aber, fuhr er fort, wenn der Körper nicht in Ruhe bleibt, sondern bald sich krümmt, bald sich wieder aufrichtet, wie könnten da genau angepaßte Panzer passen? – Niemals, sagte jener. – Du meinst also, sagte Sokrates, daß nicht die genau angepaßten passen, sondern die, welche beim Gebrauch nicht belästigen? – Du selbst sagst es, Erinnert an das Biblische Συ ειπασ (Matth. 26, 25. Vgl. Luk. 22, 70: Υμεισλεγετε οτιεγω ειμι). ( Breitenbach .) Sokrates, und hast es ganz richtig begriffen. 11. Kapitel. Gespräch mit der Hetäre Theobote, Sie war eine der berühmteren Hetären. Nach Athenäos war sie später die Geliebte des Alkibiades , den sie nach seinem Tode in Phrygien mit ihrem Gewande bedeckt und begraben haben soll. Vgl. Cornelius Nepos Alkib. Kap. 6 (Univ.-Bibl. Nr. 994 und 995). wie man treue Freunde gewinnen könne. 1. Als sich einmal in der Stadt eine schöne Frau befand, mit Namen Theodore, die mit jedem verkehrte, der sie zu gewinnen suchte, und einer der anwesenden ihrer gedachte und äußerte, daß ihre Schönheit aller Beschreibung spotte, und daß die Maler sie aufsuchten, um sie abzubilden, denen sie auch alles zeige, was der Anstand erlaube, sagte Sokrates: So muß man wohl zu ihr gehen, um sie zu sehen, denn durch bloßes Hören kann man sich von dem keine Vorstellung machen, was aller Beschreibung spottet. – Und der, welcher von ihr erzählt hatte, sagte: Nun, so folgt mir je eher, je lieber. 2. So gingen nun alle zu Theodote, trafen sie, wie sie gerade einem Maler stand, und betrachteten sie. Als aber der Maler fertig war, sagte Sokrates: Nun, ihr Männer, sind wir der Theodote mehr Dank schuldig, daß sie uns ihre Schönheit gezeigt hat, oder Theodote uns dafür, daß wir sie angesehen haben? Muß nicht, wenn für sie das Zeigen vortheilhafter ist, sie uns Dank wissen, wenn aber für uns das Betrachten, wir ihr ? – 3. Als aber einer sagte, daß er Recht habe, fuhr er fort: Hat sie nicht schon aus unserm Lobe Gewinn, und wird sie nicht, wenn wir dies Lob weiter tragen, noch mehr Gewinn davon haben? Wir aber sehnen uns nicht nur schon jetzt danach, dessen, was wir gesehen haben, auch theilhaftig zu werden, sondern werden auch, von Liebe entbrannt, von hier weggehen, und wenn wir fort sind, von Sehnsucht nach ihr gequält werden, und deshalb sollte man meinen, daß wir ihr dienen. – Und Theodote sagte: In der That, wenn dem so ist, werde ich mich wohl bei euch für das Ansehen bedanken müssen. – 4. Hierauf sagte Sokrates, als er sah, daß sie nicht nur selbst herrlich geschmückt, sondern auch ihre Mutter in einem nicht gewöhnlichen Anzüge und Putze bei ihr war, und viele schön gestaltete Dienerinnen, an denen gleichfalls nichts gespart war, und daß das ganze Haus mit allem übrigen sehr reichlich versehen war: Sage mir, Theodote, hast du ein Landgut? – Nein. – Aber wohl ein Haus, das dir etwas einbringt? – Auch dies nicht. – Oder Sklaven, die ein Gewerbe treiben? – Auch nicht. – Nun, wovon lebst du denn? – Wenn einer, sagte Theodote, der mein Freund geworden ist, mir etwas zukommen läßt – das ist mein Einkommen. – 5. Fürwahr, bei der Hera, Theodote, sagte Sokrates, ein schönes Besitzthum, und viel besser als Schafe, Rinder und Ziegen, eine Heerde von Freunden zu besitzen! Aber überläßt du es ganz dem Zufall, ob dir ein Freund wie eine Mücke zufliegt, oder wendest du auch selbst ein Mittel dazu an? – 6. Wie könnte ich dafür, antwortete Theodote, ein Mittel finden? – Beim Zeus, sagte Sokrates, doch mit gutem Rechte weit eher, als die Spinnen; denn du weißt doch, daß diese ihre Nahrung erjagen; denn sie weben sich bekanntlich feine Spinngewebe, und was in diese hineinfällt, das nehmen sie als Nahrung. – 7. Giebst du also mir den Rath, daß auch ich mir ein solches Fangnetz weben soll? – Allerdings, sagte Sokrates, denn du mußt nicht glauben, daß du so ohne alle Kunst das edelste Wild, die Freunde, erjagen werdest. Siehst du denn nicht, daß man auch bei der Jagd auf das geringste, die Hasen, mancherlei Kunstgriffe anwendet? Denn weil sie des Nachts auf Aesung ausgehen, so hält man sich Nachtjagdhunde, um sie mit diesen zu jagen; 8. weil sie aber nach Tagesanbruch sich davonmachen, so sieht man sich nach andern Hunden um, welche mit der Nase ausspüren, auf welchem Wege sie von der Aesung in ihr Lager zurückgekehrt sind, und macht sie mit diesen ausfindig. Da sie aber sehr schnellfüßig sind, so daß sie, auch wenn man sie sieht, durch ihre Schnelligkeit entwischen, so nimmt man noch andere Hunde dazu, welche schnell sind, damit sie dieselben, auf dem Fuße nachsetzend, erhaschen; und weil auch diesen einige von ihnen entwischen, stellt man ihnen in den Wegen, auf welchen sie fliehen, Netze auf, damit sie in diese hineinfallen und sich verwickeln. – 9. Mit welchem Mittel von solcher Art, sagte Theodote, könnte ich nun Freunde erjagen? – Nun, beim Zeus, erwiderte Sokrates, wenn du dir statt eines Hundes einen anschafftest, der dir die Liebhaber des Schönen und die Reichen ausspüren könnte, und wenn er sie aufgefunden hat, es zu machen wüßte, daß er sie in deine Netze triebe. – 10. Und was habe ich für Netze? – Eins besonders, sagte Sokrates, das gar wohl im Umschlingen geübt ist, deinen Leib! Und in diesem deine Seele, mit der du erkennst, nicht nur wie du einen anblicken müssest, um ihn zu bezaubern, sondern auch was du sagen müssest, um ihn zu entzücken, und daß du einen, der dir wohl will, gern aufnehmest, dem Weichling aber die Thüre verschließest, und wenn ein Freund krank ist, ihn theilnehmend besuchest, und wenn er etwas Schönes vollbracht hat, dich von Herzen mit ihm freuest und dem, der dir wahrhaft zugethan ist, mit ganzer Seele ergeben seist. Zu küssen ferner, bin ich überzeugt, verstehst du nicht blos in wollüstiger, sondern auch in wohlwollender Weise, und daß dir deine Freunde angenehm sind, davon überzeugst du sie, ich weiß es, nicht nur durch bloße Worte, sondern auch durch die That. – Nein, beim Zeus, sagte Theodote, ich wende keins von diesen Mitteln an. – 11. Und doch, sagte Sokrates, kommt viel darauf an, einen Menschen seiner Natur gemäß und richtig zu behandeln, denn mit Gewalt kann man einen Freund weder fangen noch an sich fesseln, durch Wohlthun dagegen und Annehmlichkeiten läßt sich dieses Wild nicht nur fangen, sondern auch zum Bleiben bewegen. – 12. Du hast Recht, sagte Theodote. – Du mußt nun aber, sagte Sokrates weiter, erstens von denen, die sich für dich interessiren, nur solches fordern, was ihnen zu gewähren am leichtesten sein wird, zweitens aber die dir bewiesenen Gefälligkeiten in gleicher Weise erwidern, denn so dürften am sichersten Freunde zu erwerben sein, am längsten dich lieben und dir die größten Wohlthaten erweisen. 13. Besonders aber wirst du dich dadurch ihrer Liebe versichern, wenn du ihnen erst dann deine Gunstbezeugungen gewährst, wenn sie danach verlangen. Denn du siehst, daß auch die wohlschmeckendsten Speisen, wenn man sie anbietet, ehe Appetit vorhanden ist, unschmackhaft erscheinen, wenn man aber satt ist, sogar Ekel erregen. Trägt man aber die Speisen erst auf, wenn der Hunger eingetreten ist, dann werden sie ganz wohlschmeckend erscheinen, selbst wenn sie weniger gut sein sollten. – 14. Wie könnte ich nun wohl einem, sagte Theodote, Hunger nach dem, was ich habe, erregen? – Wenn du, beim Zeus, antwortete Sokrates, erstens den Gesättigten es weder anbötest noch in Erinnerung brächtest, bis das Gefühl der Befriedigung vorüber ist und sie wieder ein Verlangen danach bekommen, zweitens denen, welche danach verlangen, durch den sittsamsten Umgang es in Erinnerung brächtest, und dadurch, daß du zeigst, du wollest ihnen zu Gefallen sein, und ihnen entfliehen zu wollen scheinst, bis ihr Verlangen den höchsten Grad erreicht hat; denn alsdann hat es weit größeren Werth, die gleichen Gunstbezeugungen zu gewähren, als wenn man sie giebt, ehe danach verlangt wird. – 15. So werde doch, Sokrates, sagte Theodote, mein Genosse bei der Jagd auf Freunde! – Warum nicht, wenn du mich dazu gewinnen kannst. – Wie könnte ich dich nun dazu gewinnen? – Du wirst selbst, antwortete Sokrates, darüber nachdenken und finden, wenn du mich gebrauchst. – So besuche mich denn recht fleißig. – 16. Und Sokrates, der über seine unbeschränkte Zeit scherzte, sagte: Es ist mir nicht leicht, Theodote, Zeit zu finden, denn eine Masse privater und öffentlicher Geschäfte verursacht mir Abhaltungen; außerdem aber habe ich auch noch Freundinnen, die mich Tag und Nacht nicht von sich lassen wollen, weil sie Liebesmittel und Zauberlieder von mir lernen wollen. – 17. Also auch auf dergleichen verstehst du dich, Sokrates? – Warum meinst du denn wohl, daß Apollodoros Einer der eifrigsten und treusten Anhänger des Sokrates. Ueber Antisthenes s. d. Anm. zu II, 5, 1 hier und Amisthenes nicht von meiner Seite weichen, und daß Kebes und Simmias sogar von Theben zu mir kommen? Sei überzeugt, daß dies nicht ohne eine Menge Liebesmittel, Zauberlieder und Zauberräder ιυγξ (auch ιυγξgeschrieben) ein Vogel, Wendehals (torquilla). Auf ein metallenes Rad (oder Kreisel) gebunden und umgedreht, galt er bei den Zauberinnen des Alterthums für einen wirksamen Liebeszauber, besonders um einen ungetreuen Liebhaber zurückzuführen, oder einem andern Liebe einzuflößen. Ein solches Zauberrad erbittet sich Theodote § 18 von Sokrates. möglich ist. – 18. Leihe mir denn, sagte Theodote, dein Zauberrad, damit ich es umdrehe, um dich herbeizuzaubern. – Aber, beim Zeus, sagte Sokrates, nicht ich will zu dir gezogen werden, sondern du sollst zu mir kommen. – Gut, das werde ich thun, nur laß mich ein. – Natürlich, sagte Sokrates, werde ich dich einlassen, wenn ich nicht gerade eine liebere Freundin bei mir habe. 12. Kapitel. Sokrates setzt dem Epigenes Sohn des Anthiphon aus Athen. die Wichtigkeit der körperlichen Uebungen in Bezug auf Leib und Seele auseinander. 1. Zu Epigenes aber, einem seiner Freunde, welcher, obwohl jung, einen schwachen Körper hatte, sagte er, als er ihn sah: Wie hast du doch die körperlichen Uebungen vernachlässigt, Epigenes! – Mit den körperlichen Uebungen habe ich mich allerdings nicht befaßt, Sokrates. – Die darfst du aber, sagte Sokrates, ebenso wenig vernachlässigen als diejenigen, die zu Olympia als Kämpfer auftreten wollen; oder scheint dir der Kampf um Leben und Tod, den die Athener bei der ersten Gelegenheit gegen die Feinde anstellen werden, eine Kleinigkeit zu sein? 2. Und doch gehen gar manche in den Kämpfen des Krieges infolge ihres vernachlässigten Körpers zu Grunde oder kommen nur mit Schimpf und Schande davon. Viele gerathen gerade deswegen lebend in Gefangenschaft und bleiben dann entweder, wenn es sich so trifft, ihr übriges Leben hindurch in der drückendsten Knechtschaft, oder bringen, nachdem sie in die schmerzlichste Noth gerathen sind und bisweilen für einen Preis, der nicht selten ihr Vermögen überstieg, sich losgekauft haben, die letzten Tage ihres Lebens in Mangel und Elend zu; viele ziehen sich auch Verachtung und Unehre zu, weil man glaubt, daß sie wegen der Schwächlichkeit ihres Körpers feig seien. 3. Oder hältst du etwa diese Strafen der Körpervernachlässigung für gering und glaubst, solche Dinge mit Leichtigkeit ertragen zu können? Und doch, denke ich, weit leichter und angenehmer als dieses sei das, was der aushalten muß, welcher für das Wohlbefinden seines Körpers sorgt. Oder hältst du es für gesunder und zu andern Dingen nützlicher, einen schwächlichen als einen kräftigen Körper zu haben? Oder achtest du die aus einem kräftigen Körper entspringenden Folgen gering? 4. Und doch geht denen, die ihren Körper gut ausgebildet haben, alles viel besser von Statten, als denen, welche ihn vernachlässigt haben; denn die körperlich gut gebildeten sind auch gesund und kräftig; und viele kehren vermöge dieser Beschaffenheit gesund aus den Kämpfen des Krieges zurück und sind allen Gefahren entgangen; viele helfen deshalb ihren Freunden und machen sich um ihr Vaterland verdient; werden deshalb einer dankbaren Anerkennung gewürdigt, erwerben sich großen Ruhm und erhalten die schönsten Ehrenbezeugungen und werden dadurch in den Stand gesetzt, die letzten Tage ihres Lebens angenehmer und schöner hinzubringen und ihren Kindern reichere Mittel zum Leben zu hinterlassen. 5. Deshalb solltest du doch nicht die Kriegsübungen, weil der Staat sie nicht von Staatswegen betreibt, für deine Person vernachlässigen, sondern vielmehr dich darauf legen; denn sei überzeugt, auch in keinem andern Kampfe, noch bei irgend einer andern Verrichtung wird es dir schaden, daß du besser deinen Körper gebildet hast, denn zu allem, was die Menschen treiben, ist der Körper nützlich, und bei allen Verrichtungen, zu denen man den Körper gebraucht, ist es sehr viel werth, einen möglichst kräftigen Körper zu haben. 6. Denn wer weiß nicht, daß selbst bei der Thätigkeit, bei der man glaubt, den Körper am wenigsten nöthig zu haben, beim Denken , nicht wenige blos darum in große Irrthümer verfallen, weil ihnen die Gesundheit ihres Körpers fehlt? Aber auch Vergeßlichkeit, Schwermuth, Verdrossenheit und Wahnsinn fallen bei vielen infolge ihres vernachlässigten Körpers dergestalt über das Denkvermögen her, daß ihnen sogar das, was sie wissen, verloren geht. 7. Diejenigen dagegen, welche einen kräftigen Körper haben, sind davor vollkommen sicher und haben nicht zu befürchten, daß ihnen wegen Schwächlichkeit des Körpers etwas der Art begegne, vielmehr muß ein gut gebildeter Körper gerade das Gegentheil von dem erzeugen, was die Folge eines schlecht gebildeten ist. Und was sollte nicht ein Mensch, der bei gutem Verstande ist, für die den erwähnten Uebeln entgegengesetzten Güter gern auf sich nehmen wollen? 8. Es ist aber auch eine Schande, aus eigener Vernachlässigung alt zu werden, ehe man sich in der vollen Schönheit und Kraft seines Körpers, deren er fähig ist, gesehen hat. Dieses kann man aber nicht sehen, wenn man sich körperlich vernachlässigt, denn von selbst pflegt es nicht zu kommen. 13. Kapitel. Sechs verschiedene, theils mahnende, theils strafende Aussprüche des Sokrates. 1. Als einmal einer darüber aufgebracht war, daß er einen gegrüßt habe, ohne daß ihm sein Gruß erwidert worden sei, sagte Sokrates: Es ist doch lächerlich, daß du, wenn du einem begegnet wärest, der eine schwächlichere Körperbildung hat, als du, nicht zornig wärest; daß du nun aber einem begegnet bist, der eine ungebildetere Seele hat, darüber willst du dich ärgern? – 2. Als ein anderer darüber klagte, daß ihm das Essen nicht schmecke, sagte er: Akumenos Arzt und Freund des Sokrates. weiß dagegen ein gutes Mittel. – Was für eins? fragte jener. – Man soll das Essen sein lassen, antwortete Sokrates; denn wenn man es aufgebe, werde einem das Essen trefflicher schmecken, billiger sein und besser bekommen. – 3. Als ein anderer einmal klagte, daß sein Trinkwasser warm sei, sagte Sokrates: Dann brauchst du ja nicht erst zu warten, wenn du ein warmes Bad nehmen willst. – Nein, sagte jener, zum Baden ist es zu kalt. – Ist es denn auch deinen Sklaven nicht recht, es trinken oder darin baden zu müssen? – Nein, beim Zeus, sagte jener, ich habe mich vielmehr schon oft darüber gewundert, wie gern sie es zu diesen beiden Zwecken gebrauchen. – Ist denn aber, fragte Sokrates, das Wasser zum Trinken bei dir wärmer, oder das im Tempel des Asklepios? Dieser befand sich auf dem Wege vom Theater nach der Akropolis und stand mit einer Quelle in Verbindung, aus welcher Kranke zu trinken pflegten. – Das im Tempel des Asklepios, sagte jener. – Und welches von beiden ist zum Baden kälter, das bei dir, oder das im Tempel des Amphiaraoss Der Tempel des Amphiaraos lag bei Oropos in Böotien, bei dem sich ebenfalls eine Heilquelle befand. – Das im Tempel des Amphiaraos, sagte jener. – So erwäge denn, sagte Sokrates, daß du Gefahr läufst, unzufriedener zu sein, als Sklaven und Kranke. – 4. Als einer einen Diener hart züchtigte, fragte Sokrates, warum er auf denselben erzürnt sei. – Weil, sagte jener, er der größte Fresser und dabei der größte Faulpelz und, obwohl sehr geldgierig, doch dabei so faul ist. – Hast du wohl schon, sagte Sokrates, darüber nachgedacht, wer von euch beiden die meisten Hiebe verdient, du oder dein Diener? – 5. Als sich einmal einer vor der Reise nach Olympia fürchtete, fragte ihn Sokrates: Warum fürchtest du dich vor der Reise? Gehst du nicht auch zu Hause den ganzen Tag spazieren, und wirst du nicht auch, wenn du dahin spazieren gehst, ebenso gut wie hier nach dem Gehen frühstücken, dann wieder gehen, dann zu Abend essen und dich zur Ruhe legen? Weißt du nicht, daß du, wenn du die Spaziergänge, welche du in fünf oder sechs Tagen machst, an einander reihst, mit Leichtigkeit von Athen nach Olympia gelangen würdest? Es ist aber angenehmer, um einen Tag früher aufzubrechen als zu spät zu kommen, denn genöthigt zu sein, die Tagereisen über das Maß auszudehnen, ist unangenehm, während eine Tagereise mehr zu machen, eine große Erleichterung gewahrt. Es ist also bester, mit dem Aufbruche als mit der Reise zu eilen. – 6. Als ein anderer einmal klagte, daß er nach Zurücklegung eines langen Weges müde geworden sei, fragte ihn Sokrates, ob er auch etwas getragen habe. – Nichts weiter, sagte jener, als nur meinen Mantel. – Machtest du den Weg allein, oder war noch ein Diener dabei? Ja, der war dabei. – Folgte der leer, oder trug er etwas? – Er trug meine Decken und das andere Gepäck. – Und wie, fragte Sokrates, ist der bei der Reise davongekommen? – Nun, nach meinem Bedünken besser als ich. – Wie nun, wenn du hättest das tragen müssen, was jener trug, wäre es wohl dir ergangen? – Schlecht, beim Zeus, oder vielmehr, ich wäre nicht im Stande gewesen, es zu tragen. – Geziemt es sich wohl, sagte Sokrates, für einen Mann, der gymnastisch gebildet ist, so sehr hinter einem Sklaven in der Ertragung von Strapazen zurückzubleiben? 14. Kapitel. Sokrates hielt auf Mäßigkeit und Einfachheit beim Essen und spricht sich in drei verschiedenen Gesprächen darüber aus. 1. So oft aber von den Teilnehmern eines Gastmahls die einen wenig, die andern viel Zukost mitbrachten, befahl Sokrates dem Sklaven, das Wenige entweder in die Gesammtmasse zu stellen, oder jedem seine Portion auszutheilen. Diejenigen nun, welche viel mitgebracht hatten, schämten sich nicht nur nicht zu nehmen von dem, was zum gemeinschaftlichen Gebrauche vorgesetzt wurde, sondern auch das Ihrige nicht ebenfalls vorzusetzen. Sie stellten also auch das Ihrige in die Gesammtmasse, und da sie nichts voraushatten vor denen, welche wenig gebracht hatten, so ließen sie davon ab, viel für Zukost auszugeben.– 2. Als Sokrates einmal bemerkte, daß einer von den Tischgenossen das Brot liegen ließ und nur Fleisch aß, sagte er, da gerade die Rede von gewissen Namen war: Könnten wir wohl sagen, Freunde, warum gewisse Menschen Fleischfresser heißen? Denn es essen ja doch alle zum Brot Fleisch, wenn etwas da ist; aber deswegen, denke ich, werden sie doch nicht Fleischfresser genannt. – Allerdings nicht, sagte einer von den Anwesenden. – 3. Doch wie, sagte Sokrates, wenn einer blos das Fleisch ohne Brot ißt, nicht der Leibesübungen, sondern des Genusses wegen, scheint der ein Fleischfresser zu sein oder nicht? – Kaum, sagte jener, möchte sonst ein anderer einer sein. – Und ein anderer von den Anwesenden sagte: Wer nun zu wenig Brot viel Fleisch ißt? – Mir für meine Person, antwortete Sokrates, scheint es, daß auch dieser mit Recht ein Fleischfresser genannt werden dürfte, und wenn andere Menschen zu den Göttern um ein gutes Erntejahr stehen, so wird er natürlich um ein gutes Fleischjahr beten. – 4. Bei diesen Worten des Sokrates merkte der junge Mann, daß dies auf ihn gehe, und hörte zwar nicht auf, Fleisch zu essen, nahm aber Brot dazu. Dies bemerkte Sokrates und sagte: Gebt auf diesen Acht, die ihr in seiner Nähe sitzt, ob er das Brot wie Fleisch, oder das Fleisch wie Brot ißt. – 5. Als er aber einmal einen andern Tischgenossen sah, der immer zu einem Bissen Brot verschiedene Arten Fleisch aß, sagte er: Könnte es wohl eine kostspieligere Zubereitung, oder vielmehr Verfälschung der Speisen geben, als die ist, welche derjenige treibt, welcher viele Speisen zugleich ißt und zu gleicher Zeit viele Leckerbissen in den Mund nimmt? Denn wer noch mehr Speisen unter einander mischt als die Köche, macht sie kostspieliger, wer aber unter einander mischt, was jene nicht unter einander mischen als nicht zu einander passend, der macht, wenn anders jene richtig verfahren, einen Fehler und die Kunst jener zu nichte. 6. Und wie sollte es nicht lächerlich sein, sich die geschicktesten Köche zu halten und, ohne selbst auch nur auf diese Kunst sich zu legen, das, was von jenen zubereitet wird, umzuändern? Aber auch noch etwas anders begegnet dem, welcher gewöhnt ist, zugleich vieles auf ein Mal zu essen. Wenn nämlich nicht viele Speisen da sind, möchte ihm etwas zu fehlen scheinen, wenn ihn nach dem Gewohnten verlangt; wer aber dagegen gewöhnt ist, je einem Bissen Brot je eine Zukost zur Begleitung zu geben, der kann, wenn nicht viele Gerichte da sind, sich ohne Beschwerde mit dem einen begnügen. 7. Er sagte aber auch, daß in der Sprache der Athener das Wort » sich wohl sein lassen « ( εΰωχετσδ) » essen « heiße. Das Wörtchen » wohl « (εΰ) sei aber in dem Sinne hinzugesetzt, daß man das esse, was weder die Seele noch den Leib belästige, noch schwer aufzufinden sei. Daher schrieb er auch das » sich wohl sein lassen « den mäßig Lebenden zu. Viertes Buch. 1. Kapitel. Ueber die Nothwendigkeit einer tüchtigen Erziehung und Ausbildung, ohne welche gute Anlassen und Reichthum eher zum Verderben, als zum Heil gereichen. 1. So war also Sokrates in jeder Hinsicht und auf jede Art und Weise nützlich, so daß jedem, der darauf achtete, auch wenn er nur von mäßiger Einsicht war, es klar sein mußte, daß nichts vorteilhafter sei, als mit Sokrates zu verkehren und bei ihm zu sein, wo und bei welcher Gelegenheit es auch sein mochte. Denn schon die bloße Erinnerung an ihn, wenn er nicht zugegen war, gereichte denen, die gewöhnlich mit ihm verkehrten und sich an ihn hielten, zu nicht geringem Nutzen. Selbst sein Scherz war seinen Freunden ebenso gewinnreich als sein Ernst. 2. Oft sagte er z. B., irgend eines andern Liebhaber zu sein; aber ganz offenbar sah er dabei nicht auf jugendliche Körperschönheit, sondern auf edle Geistesanlagen. Als einen Beweis guter Anlagen sah er es aber an, wenn einer schnell auffaßte, was er angriff, im Gedächtnis behielt, was er gelernt hatte und nach allen den Kenntnissen ein Verlangen hatte, welche nöthig sind, sowohl das eigene Haus als den Staat mit Ehren zu leiten, und überhaupt mit Menschen zu verkehren und im Menschenleben sich benehmen zu können. Denn von solchen Naturen glaubte er, daß sie, wenn sie erzogen würden, nicht nur selbst glücklich werden, und den eigenen Haushalt gut besorgen, sondern auch andere Menschen und ganze Staaten glücklich machen können. 3. Die Art aber, wie er ihnen beizukommen suchte, war nicht bei allen dieselbe. Denjenigen, die sich schon von Natur trefflich vorkamen und von Lernen nichts wissen wollten, hielt er vor, daß gerade die am besten beanlagten Naturen am meisten der Erziehung bedürften, indem er zeigte, daß ja auch unter den Pferden, die am meisten versprechen, weil muthig und feurig, nur dann auch die frömmsten und besten werden, wenn sie bei Zeiten zugeritten werden, wenn sie aber ungeschult blieben, die wildesten und schlechtesten. Auch unter den von Natur besten Hunden, die gern sich etwas zu thun machen und dem Wilde nachsetzen, würden die, welche gut abgerichtet würden, die brauchbarsten zur Jagd, wenn sie aber nicht abgerichtet würden, würden sie läppisch, bissig und böse. 4. Ebenso sei es nun auch bei den Menschen. Je bessere Anlagen sie haben, desto kräftiger seien sie an Geist und desto tüchtiger auch durchzuführen, was sie ergreifen; um so besser und nützlicher werden sie daher auch, wenn sie durch Unterricht gebildet werden und lernen, was sie zu thun haben; sie wirken dann vieles und großes zum Besten ihrer Mitmenschen. Wenn sie dagegen ohne Erziehung und Unterricht bleiben, würden sie die schlechtesten und verderblichsten Menschen werden, denn wenn sie außer Stande wären, zu beurtheilen, was sie thun müßten, würden sie oft sich mit dummen Streichen abgeben, und weil sie dann Männer von hochfahrendem Geiste und heftiger Gemüthsart seien, würden sie weder im Zaume zu halten noch abzubringen sein, und daher richte auch niemand mehr und größeres Unheil als sie an. 5. Andere, welche auf ihren Reichthum stolz waren und keiner Bildung zu bedürfen glaubten, in der Meinung, Reichthum allein genüge, um zu ihrem Ziele zu gelangen und sich Ansehen unter den Menschen zu verschaffen, brachte er mit ungefähr folgenden Worten zur Vernunft: Es sei einer ein Thor, wenn er glaube, nützliches und schädliches unterscheiden zu können, ohne es gelernt zu haben, und ebenso sei einer ein Thor, wenn er, ohne diesen Unterschied machen zu können, sofort auch das Nützliche treffen zu können glaubte, weil er mit seinem Reichthum sich alles, was er wolle, zu kaufen vermöge; einfältig ferner müßte einer sein, wenn er, ohne das Nützliche treffen zu können, sich einbilde, glücklich zu werden und sich sein Leben schön oder nach Bedürfnis einzurichten; einfältig endlich müßte aber auch einer dann sein, wenn er um seines Reichthums willen glaube, ohne auch nur das Mindeste zu verstehen, für tüchtig gehalten zu werden und ohne den Ruf eines tüchtigen Mannes zu genießen, zu Ruhm und Ansehen zu gelangen. 2. Kapitel. Ich kann mich nicht davon überzeugen, daß dieser Abschnitt ein Kapitel für sich bilden solle, denn dem Inhalte nach hängt er unzertrennlich mit dem vorigen zusammen . Jetzt nämlich zeigt Sokrates an dem Beispiele des Euthydemos, der auch zu denen gehörte, die sich etwas auf ihr Wissen einbildeten, und der ohne die Hilfe eines Lehrers die Staatskunst zu wissen sich rühmte, daß es viele gebe, die alles zu wissen meinten, aber nichts wüßten, und daß sie keineswegs des Unterrichtes, durch den eine gründliche Sachkenntnis gewonnen werde, entbehren könnten. Je schwieriger die Staatskunst ist, mit um so größerem Eifer muß sie erlernt werden. Um jedoch keine Confussion in der althergebrachten Kapitel- und Paragrapheneintheilung zu verursachen, habe ich mich, wenn auch mit schwerem Herzen, entschlossen, der alten Eintheilung treu zu bleiben. Unterredung mit Euthydemos, Derselbe wie I, 2. der den im vorigen Kapitel angeführten Fehler hatte. Sokrates führt ihn zur Kenntnis seiner Unwissenheit. Der Hauptgedanke dieses Gespräches ist: Jede Kenntnis muß auf Selbsterkenntnis beruhen; erkenne dich selbst, γνωθι σεαυτον. 1. Wie sich aber Sokrates gegen diejenigen benahm, welche die beste Bildung genossen zu haben glaubten und auf ihre Weisheit sich etwas einbildeten, das will ich jetzt erzählen. Er wußte, daß Euthydemos, mit dem Beinamen der Edle, eine große Menge Schriften der berühmtesten Dichter und Sophisten sich gesammelt habe und schon deswegen glaubte, an Weisheit seine Altersgenossen zu übertreffen und sich große Hoffnung machte, in der Kunst des Redens und Handelns alle andern zu überholen. Er hatte ferner gehört, daß Euthydemos, weil ihm wegen seiner Jugend der Zutritt zu den Versammlungen noch nicht gestattet war, in einer Sattlerwerkstätte in der Nähe des Versammlungsortes sich aufhalte, wenn er etwas durchsetzen wollte. Dahin ging er denn auch mit einigen von seinen Freunden. 2. Und zuerst nun fragte jemand, ob Themistokles durch den Verkehr mit einem Weisen oder durch eigene natürliche Begabung so sehr vor seinen Mitbürgern sich ausgezeichnet habe, daß auf ihn der Staat hinblickte, wenn er einen energischen Mann gebrauchte. Sokrates sagte nun, um den Euthydemos herauszufordern, es sei ja einfältig zu glauben, daß man zwar in den unbedeutenderen Künsten ohne gute Lehrer nie zu etwas Rechtem es bringen könne, daß hingegen die Leitung des Staates, die größte von allen Künsten, den Menschen von selbst komme. 3. Ein ander Mal, als Euthydemos wieder zugegen war, sah Sokrates, wie derselbe die Gesellschaft mied und geflissentlich allen Anschein vermied, als ob er ihn um seine Weisheit bewunderte. Sokrates sagte daher zu den anderen, daß dieser Euthydemos hier, wenn er das gehörige Alter erreicht haben wird, bei Aufforderungen seitens des Staates nicht unterlassen wird, einen Rath zu geben, ist aus dem, was er treibt, klar. Er scheint mir übrigens schon auf eine schöne Einleitung zu seinen Volksreden bedacht zu sein, denn er ist gar sehr besorgt, ja nicht das Ansehen zu haben, als ob er von irgend einem etwas lerne. Offenbar wird er bei seinem ersten Auftreten so anfangen: 4. »Zwar von keinem Menschen, ihr Athener, habe ich jemals irgend was gelernt, noch mich, wenn ich von tüchtigen Rednern und Staatsmännern hörte, nach ihrem Umgang gesehnt, auch niemals Sorge getragen, mir aus der Zahl der Sachverständigen einen Lehrer zu suchen, sondern gerade das Gegentheil that ich: ich habe mich stets davor gehütet, von jemandem etwas zu lernen, selbst den Schein des Lernens habe ich vermieden. Was mir jedoch von selbst in den Sinn kommt, will ich euch nicht vorenthalten.« 5. Es würde aber ein solcher Eingang sich auch für solche passen, die von der Stadt das Amt eines Arztes zu erhalten wünschten. Ein solcher würde zweckmäßig seine Rede so eröffnen: »Zwar von keinem Menschen, ihr Athener, habe ich die Heilkunde erlernt, auch mir nie einen Lehrer gesucht, denn ich habe mich stets auch vor dem Scheine gehütet, diese Kunst gelernt zu haben, geschweige denn davor, wirklich etwas von Aerzten zu lernen. Nichtsdestoweniger aber macht mich zu eurem Arzte, denn ich werde mir alle Mühe geben, durch Versuche an euch zu lernen.« Alle Anwesenden lachten über diesen Eingang. – 6. Euthydemos aber schenkte nun sichtbarlich den Reden des Sokrates Gehör, aber noch hütete er sich sehr, selbst etwas zu sagen, und glaubte, durch sein Schweigen sich den Schein von Besonnenheit zu geben. Da sagte Sokrates, um ihn auch hiervon abzubringen, folgendes: Es ist sonderbar, daß diejenigen, welche die Zither spielen, die Flöte blasen, reiten oder sonst etwas Derartiges gehörig lernen wollen, die Fertigkeit, in welcher sie etwas Tüchtiges leisten wollen, fortwährend üben, und nicht etwa für sich allein, sondern unter der Leitung derer, die für die größten Lehrmeister darin gelten, indem sie alles sich gefallen lassen, um nur nichts gegen die Ansicht dieser zu thun, als ob sie es auf andere Weise zu nichts bringen könnten; und daß dagegen von denen, welche tüchtige Redner und Staatsmänner werden wollen, einige der Meinung sind, sie könnten ohne Vorbereitung und Uebung mit einem Male hierin etwas Tüchtiges leisten. 7. Und doch sind diese Künste so ungleich schwerer als jene, daß, wenn sie auch weit mehr Liebhaber finden, dennoch die Anzahl derer, welche ihrer mächtig werden, weit geringer ist als bei den übrigen. Offenbar also bedürfen die hiernach Strebenden einer fleißigeren und anstrengenderen Uebung als jene. 8. Anfangs nun führte Sokrates nur solche Reden, indem Euthydemos bereits wenigstens zuhörte. Als er aber merkte, daß jener, wenn er (Sokrates) sprach, aufmerksamer war und bereitwilliger Stand hielt, kam er nunmehr allein in die Sattlerwerkstätte. Euthydemos setzte sich zu ihm und Sokrates begann: Sage mir, Euthydemos, hast du wirklich, wie ich höre, so viele Werke von den als weise geltenden Männern gesammelt? Ja wohl, Sokrates, und ich setze die Sammlung noch fort, bis ich so viel als nur immer möglich beisammen habe. – 9. Bei der Hera, sagte Sokrates, ich zolle dir meine Achtung, daß du nicht lieber nach Schätzen von Gold und Silber trachtest, als nach Schätzen der Weisheit. Offenbar bist du der Ansicht, daß Gold und Silber die Menschen nicht besser machen, wohl aber die Lehren weiser Männer diejenigen, welche sie besitzen, mit Tugend bereichern. – Euthydemos war voller Freude, dies zu hören, und glaubte, Sokrates meine, die Art, wie er sich der Weisheit befleißige, sei die richtige. 10. Als Sokrates nun bemerkte, daß dies Lob ihm schmeichelte, fuhr er fort: Was bezweckst du denn damit, daß du dir diese Schriften sammelst? – Euthydemos schwieg und besann sich auf eine Antwort. – Da fragte Sokrates weiter: Doch nicht etwa ein Arzt? Denn auch von Aerzten giebt es viele Schriften. – Nein, wahrhaftig, sagte Euthydemos, ein Arzt nicht. – Aber vielleicht ein Baumeister? Denn auch dies erfordert einen belesenen Mann. – Keineswegs. – Oder willst du ein tüchtiger Geometer werden, wie Theodoros? Theodoros aus Kyrene, Lehrer des Sokrates in der Geometrie. – Auch nicht ein Geometer. – Oder ein Sternkundiger? – Als er auch dies verneinte, fragte Sokrates: Aber doch ein Rhapsode? Die Rhapsoden waren Leute, welche sich mit dem Vortrage berühmter Dichtungen, namentlich des Homer , beschäftigten. Uebrigens findet sich dasselbe Urtheil über sie auch Symposion III, 6, wo Antisthenes fragt: »Kennst du wohl ein einfältigeres Volk als die Rhapsoden?« Indessen muß man solch ein Urtheil nur für die Zeit des Sokrates gelten lassen, wo sie die Homerischen Gesänge allerdings ohne Verständnis herplapperten; in früheren Zeiten standen sie in großen Ehren. Denn du sollst ja auch Homers Gedichte alle besitzen. – Nein, gewiß nicht, erwiderte jener; die Rhapsoden haben zwar die Gedichte ganz genau im Kopfe, sie selbst aber sind ganz einfältige Menschen. – 11. Nun, fuhr Sokrates fort, du wirst doch wohl nicht etwa nach jener Vollkommenheit streben, welche einen zu dem Berufe eines Staatsmannes, Verwalters und Herrschers befähigt und in den Stand setzt, sich und andern nützlich zu werden? – Allerdings, sagte Euthydemos, strebe ich nach dieser Vollkommenheit. – In der That, sagte Sokrates, da strebst du nach der schönsten Vollkommenheit und der größten aller Künste: es ist dies die Kunst der Könige und sie wird deshalb die königliche genannt. Hast du aber wohl erwogen, ob es möglich ist, hierin etwas Tüchtiges zu leisten, ohne gerecht zu sein? – Freilich habe ich dies erwogen; kann man doch ohne Gerechtigkeit nicht einmal ein guter Bürger sein. – 12. Nun, bist du bei dir damit schon im Klaren? – Ich glaube wenigstens, Sokrates, in der Gerechtigkeit keinem nachzustehen. – Haben die Gerechten nicht auch ihre bestimmten Verrichtungen, wie z. B. die Zimmerleute? – Allerdings, sagte Euthydemos. – Können nun auch, wie die Zimmerleute ihre Verrichtungen aufzeigen können, so auch die Gerechten die ihrigen aufzeigen? – Meinst du etwa, sagte Euthydemos, ich soll die Aeußerungen der Gerechtigkeit nicht angeben können? Ich will dir sogar die der Ungerechtigkeit noch dazu nennen, denn die kann man tagtäglich in Menge sehen und hören. – 13. So wollen wir denn, sagte Sokrates, wenn es dir gefällt, auf die eine Seite ein G, auf die andere aber ein U setzen, und was uns dann eine Aeußerung der Gerechtigkeit zu sein scheint, soll unter G, hingegen das, was wir zur Ungerechtigkeit rechnen, unter U gesetzt werden. – Wenn du meinst, daß wir das nöthig haben, dann mach es so. – 14. Als Sokrates nun die angeführten Buchstaben geschrieben hatte, sagte er: Findet sich nicht unter den Menschen die Lüge? – Allerdings. – Auf welche Seite setzen wir sie? – Natürlich unter die Ungerechtigkeit. – Findet sich nicht auch der Betrug? – Ja wohl. – Wohin setzen wir den? – Versteht sich, ebenfalls unter die Ungerechtigkeit. – Ferner die Mißhandlung? – Ebenfalls. – Und daß sie einander in Sklaverei verkaufen? – Auch dies. – Unter die Gerechtigkeit aber soll nichts hiervon kommen, Euthydemos? – Das wäre doch schlimm, sagte jener. – 15. Doch, wenn einer als Feldherr die Einwohner einer feindlichen Stadt, die uns Unrecht zugefügt hat, als Sklaven verkauft, können wir das ungerecht nennen? – Keineswegs. – Müssen wir es vielmehr nicht gerecht nennen? – Allerdings. – Und wenn er sie im Kriege betrügt? – Auch das ist gerecht. – Und wenn er ferner das Eigenthum des Feindes mit List und Gewalt nimmt, wird er dann nicht gerecht handeln? – Allerdings, antwortete Euthydemos; aber ich verstand dich anfangs so, als ob du diese Fragen nur in Bezug auf die Freunde stelltest. – Demnach müßten wir also alles, sagte Sokrates, was wir unter die Ungerechtigkeit gesetzt haben, auch unter die Gerechtigkeit setzen? – Es scheint so, sagte Euthydemos. – 16. Willst du nun, sagte Sokrates, nachdem wir dies so hingestellt haben, daß wir wiederum eine Scheidung eintreten lassen, nämlich gegen die Feinde seien solche Handlungen gerecht, gegen Freunde aber nicht; gegen diese müsse man vielmehr so offen als möglich sein? – 17. Ja wohl, sagte Euthydemos. – Nun gut; wenn ein Feldherr merkt, daß seine Soldaten keinen Muth haben, und er schwatzt ihnen vor, daß Reservetruppen im Anzuge seien, und flößt durch diese Lüge den Soldaten wieder Muth ein, auf welche Seite haben wir diese Art von Betrug zu setzen? – Ich denke, unter Gerechtigkeit. – Oder, fuhr Sokrates fort, wenn einer ein Kind hat, das Arzneimittel nöthig hat und doch keine einnehmen will, er ihm aber durch Betrug das Arzneimittel als Speise giebt und es so gesund macht, wohin gehört hinwiederum dieser Betrug? – Ich glaube, unter die Gerechtigkeit, sagte Euthydemos. – Wenn ferner ein Freund von dir schwermüthig ist, und du fürchtest, er möchte sich ein Leid anthun, und du nimmst ihm ein Schwert oder irgend eine andere Waffe weg, sei es heimlich oder mit Gewalt: wohin würde wieder dies gehören? – Auch dies in der That unter die Gerechtigkeit. – 18. Du meinst also, daß man auch gegen die Freunde nicht in allen Dingen wahr sein müsse? – Allerdings, nicht in allen, und ich nehme, wenn es erlaubt ist, das Gesagte wieder zurück. – Das muß dir ja weit eher erlaubt sein, als es nicht an die richtige Stelle zu setzen. 19. Um nun aber auf die zu kommen, welche ihre Freunde zu ihrem Nachtheil betrügen – denn auch diesen Fall dürfen wir nicht außer Acht lassen – welcher von beiden handelt ungerechter, der es mit Absicht oder der es ohne Absicht thut? – Fürwahr, Sokrates, sagte Euthydemos, ich traue meinen eigenen Antworten nicht mehr recht, denn auch das, wovon wir vorhin sprachen, sehe ich jetzt mit ganz andern Augen an, als wie es mir damals vorkam; aber trotzdem will ich es sagen: wer absichtlich die Unwahrheit sagt, handelt ungerechter, als der, welcher es unabsichtlich thut. – 20. Glaubst du nun, daß es eine Lehre und Wissenschaft der Gerechtigkeit giebt, ebenso wie eine Lehre der Grammatik? – Ja. – Wen hältst du nun für fester in der Grammatik, den, welcher mit Absicht nicht richtig schreibt und liest, oder den, welcher unabsichtlich? – Den, sollte ich meinen, der es absichtlich thut, denn wenn er wollte, könnte er es auch richtig machen. – Scheint dir nun nicht der, welcher absichtlich unrichtig schreibt, das Schreiben zu verstehen, der andere aber nicht? – Ohne Zweifel. – Wer versteht sich nun aber wohl besser auf das Gerechte , der absichtlich lügt oder betrügt, oder wer unabsichtlich? – Offenbar der erstere. – Du meinst also, aufs Lesen und Schreiben verstehe sich derjenige besser, welcher weiß, wie man lesen und schreiben muß, als der, welcher es nicht weiß? – Ja wohl. – Und in der Gerechtigkeit stehe der, welcher sich auf das Gerechte versteht, ebenfalls höher, als der, welcher sich nicht darauf versteht? – So muß ich sagen; aber ich weiß wieder nicht recht, wie ich dazu komme. – 21. Wie denn nun aber? Wenn einer die Wahrheit sagen will und nie in seinen Behauptungen über denselben Gegenstand mit sich übereinstimmt, sondern wo er einen und denselben Weg zu zeigen hat, bald nach Osten, bald nach Westen zeigt, und wo er eine und dieselbe Rechnung aufzustellen hat, bald eine größere, bald eine kleinere Summe herausbringt: was meinst du zu einem solchen? – Offenbar weiß der nicht, was er zu wissen glaubte. – 22. Weißt du, daß man gewisse Leute Sklavenseelen nennt? – Ja. – Nennt man sie so wegen ihrer Weisheit oder wegen ihrer Unwissenheit? – Natürlich wegen ihrer Unwissenheit. – Etwa wegen ihrer Unwissenheit in der Schmiedekunst? – Nein. – Oder in dem Zimmerhandwerk? – Ebensowenig. – Oder in dem Schusterhandwerk? – Alles dies nicht, sagte Euthydemos, es findet eher das Gegentheil statt, denn die meisten von denen, welche sich auf dergleichen verstehen, sind Sklavenseelen. – So sind's also wohl diejenigen, welche nicht wissen, was schön, gut und gerecht ist, denen dieser Name zukommt? – So scheint es mir. – 23. Muß man nun nicht auf jede Weise sich anstrengen, um kein Sklave zu werden? – Ich glaubte auch, bei den Göttern, Sokrates, mich derjenigen Weisheit zu befleißigen, durch die man am besten alle Bildung erhalten könne, wie sie ein nach dem Schönen und Guten strebender Mann bedürfe; jetzt aber – wie meinst du wohl, daß mir jetzt zu Muthe sei, da ich sehe, daß ich durch meine ganze bisherige Mühe noch nicht einmal das erreicht habe, um nur auf das, was ich gefragt wurde, in den unerläßlichsten Gegenständen des Wissens antworten zu können, auch mir durchaus kein anderer Weg bekannt ist, den betretend ich besser werden könnte. 24. Darauf sagte Sokrates: Nach Delphi, Euthydemos, kamst du doch einmal? – Ja, schon zweimal. – Hast du da nicht irgendwo an dem Tempel die Aufschrift gesehen: » Erkenne dich selbst? « – Ja wohl. – Hast du dich nun nicht weiter um diese Aufschrift gekümmert, oder hast du darüber nachgedacht und versucht, dich selbst zu prüfen, wer du seist? – Das nicht, in der That; denn das glaubte ich schon zur Genüge zu wissen, und schwerlich könnte ich sonst von etwas Kenntnis haben, wenn ich mich selbst nicht einmal kennte. – 25. Glaubst du aber, schon der kenne sich selbst, der nur seinen Namen weiß, oder vielmehr nur der, welcher es wie die Pferdehändler macht, die nicht eher das Pferd, um welches es sich handelt, zu kennen glauben, als bis sie genau untersucht haben, ob es folgsam oder widerspenstig, stark oder schwach, schnell oder langsam, und wie es sonst hinsichtlich der Vorzüge und Mängel, die beim Gebrauch eines Pferdes in Betracht kommen, sich verhalte; und schreibst du also Selbsterkenntnis nur demjenigen zu, welcher auch hinsichtlich seiner eigenen Person eine genaue Untersuchung darüber angestellt hat, wie es bei ihm mit der Brauchbarkeit für das menschliche Leben stehe, und seine Kräfte erkannt hat? – So glaube ich, sagte Euthydemos; wer nicht seine Kräfte kennt, der kennt sich auch nicht, – 26. Ist es nun nicht klar, daß Selbstkenntnis den Menschen zum größten Vortheil gereicht, Selbsttäuschung dagegen zum größten Nachtheile? Wer sich selbst kennt, weiß, was für ihn gut ist, und unterscheidet genau, was seine Kräfte vermögen und was nicht, und indem er nur das treibt, was er versteht, verschafft er sich das, was er nöthig hat und lebt glücklich; indem er aber das sein läßt, was er nicht versteht, vermeidet er Fehlgriffe und wird vor Unglück bewahrt; und weil er eben deswegen andere Menschen zu beurtheilen versteht, so weiß er auch durch die Beihilfe anderer sich Vortheile zu schaffen und gegen Nachtheile sich zu sichern. 27. Wer hingegen diese Kenntnis nicht besitzt, sondern über seine Kräfte sich im Irrthum befindet, dem geht es hinsichtlich der andern Menschen und der menschlichen Dinge überhaupt ebenso: er kennt weder seine Bedürfnisse noch seine Geschäfte, noch die Menschen, mit denen er umgeht, sondern in allen diesen Dingen thut er Mißgriffe, verfehlt seine Vortheile und geräth ins Unglück. 28. Wer ferner sich auf das versteht, was er treibt, erreicht seinen Zweck und gelangt zu Ruhm und Ehre; Leute seinesgleichen verkehren gern mit ihm; andere, die ihren Zweck nicht erreichen, wünschen diesen in ihren Angelegenheiten zu Rathe zu ziehen und sogar Ich lese mit Stephanus , Breitenbach u. a. γε (»sogar«), nicht τε. unter seine Leitung sich gestellt zu sehen, bauen auf ihn die Hoffnungen ihres Glücks und aus allen diesen Gründen lieben sie ihn von allen am meisten. 29. Wer dagegen nicht versteht, was er treibt, eine schlechte Wahl trifft, und in seinen Unternehmungen seinen Zweck nicht erreicht, der erleidet nicht nur eben dadurch Schaden und Strafe, sondern verliert auch noch dazu seine Ehre, wird zum Gespötte und muß sein Leben in Verachtung und Schande hinbringen. Das siehst du ja auch an ganzen Staaten: Wenn diese ihre Kräfte überschätzen und mit einer stärkeren Macht sich in einen Krieg einlassen, so werden sie entweder zerstört oder werden aus Freien zu Sklaven. – 30. Sei fest überzeugt, Sokrates, daß ich die Selbsterkenntnis für das allerschätzbarste Gut halte; aber darüber möchte ich, wenn du es mir mittheilen wolltest, nähere Aufklärung von dir erhalten, womit man bei der Selbstprüfung anfangen müsse. – 31. Gut, sagte Sokrates, du weißt doch ohne Zweifel, was das Gute und das Schlechte ist. – Ja gewiß, denn wenn ich das nicht wissen sollte, so wäre ich ja noch erbärmlicher als Sklaven. – Wohlan denn, so sage es mir. – Nun das ist nicht schwer. Zuerst ist die Gesundheit selbst ein Gut, die Krankheit aber ein Uebel; sodann auch die Speisen, Getränke, Beschäftigungen und Gewohnheiten, welche das eine oder das andere erzeugen; wenn sie die Gesundheit befördern, so sind sie Güter, bewirken sie aber Krankheiten, dann sind sie Uebel. – 32. Sind nicht auch, sagte Sokrates, Gesundheit und Krankheit, wenn sie gutes erzeugen, Güter, und wenn übles, Uebel? – Wann sollte denn aber, entgegnete Euthydemos, die Gesundheit übles erzeugen, die Krankheit aber gutes? – Wenn z. B., sagte Sokrates, auf einem schimpflichen Feldzuge, einer unglücklichen Seereise und vielen andern derartigen Fällen diejenigen, welche wegen ihrer Kraft daran Theil nehmen, umkommen, andere dagegen, welche wegen ihres schwachen Körpers zurückgehalten werden, am Leben bleiben. – Du hast Recht, aber du siehst, daß an vorteilhaften Unternehmungen Theil zu nehmen manche die Gesundheit in den Stand setzt, während die Schwachheit manche davon zurückhält. – Sollte nun dieses, was bald nützt, bald schadet, ebenso wenig ein Gut als ein Uebel sein? – Keineswegs scheint das so, wenigstens nach dem bisherigen. 33. Aber, Sokrates, Weisheit ist doch ohne Zweifel ein Gut, denn in welcher Lebenslage möchte man nicht bei der Weisheit sich besser befinden, als bei der Unwissenheit? – Doch wie? hast du nichts von Dädalos Erbauer des Labyrinthes in Kreta, in das er selbst mit seinem Sohne Ikaros eingeschlossen wurde, dann die wächsernen Flügel erfand, mittelst deren beide entflohen, wobei Ikaros umkam. Vgl. Ovid Verwandlungen VIII, 159 ff. gehört, wie er wegen seiner Weisheit von Minos gefangen, bei ihm als Sklave dienen mußte und des Vaterlandes und der Freiheit zugleich verlustig ging; und als er mit seinem Sohne Ikaros zu entfliehen versuchte, diesen verlor und auch selbst nicht glücklich davonkam, sondern unter die Barbaren und somit aufs Neue in Sklaverei gerieth? – Ja, sagte Euthydemos, so erzählt man. – Hast du ferner nicht gehört, wie es dem Palamedes Palamedes hatte entdeckt, daß der Wahnsinn des Odysseus erkünstelt sei, und auf dessen Betrieb wurde er dann später als Verräther von den Griechen vor Troja gesteinigt. Vgl. Ovid, a. a. O. XIII, 56 ff. ergangen ist? Denn alle Sagen stimmen darin überein, daß er, wegen seiner Weisheit beneidet, von Odysseus umgebracht worden sei. – Auch das erzählt man. – Und wie viele mögen schon wegen ihrer Weisheit vor den Perserkönig geschleppt worden sein und dort in Sklaverei schmachten? – 34. Es scheint, Sokrates, sagte Euthydemos, daß das unzweideutigste Gut die Glückseligkeit sei. – Ja, sagte Sokrates, wenn sie nicht jemand aus zweideutigen Gütern zusammensetzt! – Was könnte denn aber bei der Glückseligkeit zweideutiges sein? – Nichts, so lange wir ihr nicht Schönheit, Stärke, Reichthum, Ruhm oder etwas Anderes der Art hinzufügen. – Natürlich werden wir dies hinzufügen, denn wie könnte man sich ohne diese Dinge eine Glückseligkeit vorstellen? – 35. So werden wir denn Dinge hinzusetzen, die für die Menschen viele schlimme Folgen haben. Wie viele werden von denen verführt, denen beim Anblick eines schönen Menschen der Kopf verrückt ist! Wie viele kommen wegen ihrer Kraft, weil sie sich durch dieselbe zu großen Unternehmungen verleiten lassen, in kein kleines Elend! Wie viele, durch Schmeicheleien entnervt oder durch Nachstellungen verfolgt, werden wegen ihres Reichthums ins Verderben gestürzt! Und gar manche haben wegen ihres Ansehens und ihres politischen Einflusses großes Unheil erleiden müssen. – 36. Aber fürwahr, sagte Euthydemos, wenn ich auch darin Unrecht habe, daß ich die Glückseligkeit als ein Gut preise, so muß ich bekennen, auch nicht zu wissen, was man sich von den Göttern erbitten soll. – Nun über diese Dinge, sagte Sokrates, hast du vielleicht noch nicht nachgedacht, weil du zuversichtlich glaubst, sie schon zu wissen. Da es aber deine Absicht ist, dich an die Spitze eines demokratischen Staates zu stellen, so weißt du doch wohl, was eine Volksherrschaft ist? – Allerdings. – 37. Hältst du es nun für möglich, eine Kenntnis der Volksherrschaft zu besitzen, ohne das Volk zu kennen? – Nein, wahrhaftig nicht. – Und was denkst du dir unter dem Volke? – Die Armen unter den Bürgern. – So weißt du also, was die Armen sind? – Wie sollte ich nicht? – Weißt du auch, was die Reichen sind? – So gut, als was die Armen. – Welche nennst du denn nun arm, und welche reich? – Die, antwortete Euthydemos, nenne ich arm, welche nicht genug haben, um zu bezahlen, was sie sollen, und die, welche mehr als genug haben, reich. – 38. Hast du nun wohl bemerkt, daß manche mit einem ganz geringen Vermögen nicht nur auskommen, sondern auch noch davon etwas erübrigen, daß andern hinwiederum ein sehr bedeutendes Vermögen nicht genug ist? – In der That, da hast du ganz Recht, daß du mich darauf aufmerksam machst; denn ich kenne sogar Herrscher, die sich, weil sie mit nichts auskommen können, gleich den Aermsten zu Ungerechtigkeiten hinreißen lassen. – 39. So würden wir denn, sagte Sokrates, wenn dem so ist, die Herrscher zum Volk rechnen müssen, dagegen die minder Bemittelten, wofern sie nur das Haus gut zu verwalten verstehen, unter die Reichen. – Darauf sagte Euthydemos: Auch dies muß ich dir zugestehen, einzig wegen meiner Schwachheit, und ich denke, es wird wohl das beste für mich sein, zu schweigen, denn es scheint mir so, daß ich schlechterdings nichts weiß. – Und damit ging er ganz muthlos ab, verachtete sich selbst und kam sich in Wahrheit wie ein Sklave vor. 40. Viele nun von denen, welchen es bei Sokrates ebenso ergangen war, mieden später den Verkehr mit ihm, und diese hielt er für geistig leere Menschen. Euthydemos aber glaubte, auf keine andere Weise ein angesehener Mann werden zu können, als wenn er sich ganz an Sokrates hielte, und er ließ nicht mehr von ihm ab, außer wenn irgend etwas Nothwendiges es erforderte; in einigen Stücken ahmte er auch seine Lebensgewohnheiten nach. Als nun Sokrates sah, daß er so war, schonte er ihn so viel als möglich und belehrte ihn ganz aufrichtig und klar über alles, wovon er glaubte, daß man es wissen müsse und daß es für das Leben das Vorteilhafteste sei. 3. Kapitel. Sokrates belehrt den Euthydemos, daß die Götter für die Menschen, denen sie ja, was sie brauchen, gegeben haben, wahrhafte Fürsorge hegen. Alle übrigen Geschöpfe seien nur zum Nutzen des Menschen da, und dieser habe vor jenen Vernunft und Sprache voraus. Außerdem kann er von den Göttern erfahren, was ihm heilsam ist, wenn er sie nur fürchtet, ehrt und ihnen vertraut. 1. Daß seine Freunde redefertig, brauchbar für das thätige Leben und gewandt würden, damit eilte Sokrates nicht; er glaubte vielmehr, vorher noch eine vernünftige Erkenntnis ihnen einflößen zu müssen. Denn wer diese Fähigkeiten, meinte er, ohne Vernunft besitze, dem könnten sie nur dazu dienen, ihn in Ungerechtigkeiten zu stärken und ihn in der Ausführung seiner schlechten Handlungen zu unterstützen. 2. Zuerst nun suchte er seinen Freunden eine richtige Erkenntnis der Götter beizubringen. Andere, die bei Unterredungen zugegen waren, wo er in der Weise zu einer solchen richtigen Erkenntnis hinleitete, haben dieselben bekannt gemacht. Ich war bei folgender Unterredung, die er mit Euthydemos hielt, zugegen. 3. Sage mir, Euthydemos, ist dir schon einmal eingefallen, darüber nachzudenken, mit welcher Fürsorge die Götter alles, was die Menschen nöthig haben, eingerichtet haben? – Nein, in der That bis jetzt noch nicht, antwortete jener. – Weißt du nicht, daß wir zuerst des Lichtes bedürfen, welches uns die Götter gewähren? – Freilich; denn wenn wir dies nicht hätten, wären wir ja wie die Blinden, trotz unserer Augen. – Aber da wir auch der Ruhe bedürfen, so geben sie uns die Nacht, die schönste Zeit der Ruhe. – Auch dieses ist sehr dankenswerth. – 4. Und noch mehr; die Sonne läßt uns durch ihr Licht die Tageszeiten und alles übrige erkennen, während die Nacht dunkel und ohne bestimmte Merkmale ist. Deshalb lassen die Götter in der Nacht die Gestirne leuchten, welche uns die Nachtzeiten anzeigen, und vermöge dessen können wir das, was wir nöthig haben, verrichten. – So ist es. – Aber noch mehr; der Mond macht uns nicht nur die Theile der Nacht, sondern auch die des Monats kenntlich. – Allerdings. – 5. Da wir ferner der Nahrung bedürfen, so lassen sie dieselbe aus der Erde herauswachsen und schenken uns passende Jahreszeiten dazu, die uns nicht nur für unser Bedürfnis, sondern auch zu einem angenehmen Genüsse vieles und mannigfaltiges geben – wie siehst du das an? – Auch dies, sagte er, ist sehr menschenfreundlich gehandelt. – 6. Ferner schenken sie uns auch das Wasser, das von so unschätzbarem Werthe ist, das im Verein mit der Erde und den Jahreszeiten alles uns nützliche hervorbringt und entwickelt, uns selbst ernähren hilft und alle unsere Nahrung durch sein Hinzukommen verdaulicher, gesunder und schmackhafter macht, und sie geben es uns im reichlichsten Maße, weil auch das Bedürfnis desselben so groß ist – wie siehst du das an? – Auch das ist ein Zeichen ihrer Fürsorge. – 7. Und wie denkst du darüber, daß sie uns auch das Feuer gaben, ein Schutzmittel gegen die Kälte, ein Gegenmittel gegen die Finsternis, ein Mitarbeiter bei jeder Kunst und bei allem, was die Menschen zu ihrem Nutzen verfertigen? Denn mit einem Worte, ohne Feuer bringen die Menschen sonst nichts von dem, was zum Leben nothwendig, ist, zu Stande. – Auch hierin erkenne ich ihre übermäßige Menschenliebe. – 8. Und daß die Sonne, nachdem sie im Winter sich gewendet hat, sich uns nähert und einiges zur Reife bringt, anderes; wenn seine Zeit vorüber ist, dörrt, und wenn sie dies zu Stande gebracht hat, nicht näher rückt, sondern umkehrt, damit sie uns nicht durch ihre allzu große Hitze schadet, und wenn sie wieder so weit sich entfernt hat, daß wir selbst merken, wir müßten vor Kälte erstarren, wenn sie noch weiter sich entfernte, daß sie dann sich wieder wendet und näher kommt und in der Gegend des Himmels ihren Kreislauf vollzieht, wo sie am meisten uns nützen kann? – Beim Zeus, sagte Euthydemos, auch dies sieht ganz so aus, wie wenn es um der Menschen willen vor sich gehe. – 9. Und daß sie endlich, da wir offenbar weder die Kälte noch die Hitze ertragen könnten, wenn sie plötzlich hereinbräche, daß die Sonne deswegen erst ganz allmählich sich nähert und ganz allmählich sich wieder entfernt, daß wir, ohne es zu merken, in beiden den höchsten Grad erreichen – wie siehst du das an? – Ich, sagte Euthydemos, erwäge schon das, ob überhaupt die Götter etwas Anderes thun, als für die Menschen sorgen; nur das eine verursacht mir noch Bedenklichkeiten, daß auch die andern lebenden Wesen an diesen Wohlthaten Theil nehmen. – 10. Ist es denn nicht klar, erwiderte Sokrates, daß auch diese der Menschen wegen geschaffen und groß gezogen werden? Denn welches andere Geschöpf hat von den Ziegen, Schafen, Rindern, Eseln und den übrigen Thieren so viele Vortheile zu genießen, als der Mensch? Denn, wie ich glaube, nützen sie mehr als die Pflanzen; wenigstens nährt und bereichert er sich von jenen so gut wie von diesen. Viele Menschen gebrauchen die Gewächse der Erde gar nicht als Nahrung, sondern leben, indem sie sich von der Milch ihrer Heerden, von Butter und Fleisch nähren. Darin aber stimmen alle Völker überein, daß sie die nützlichen Thiere zähmen und bändigen und sich zum Kriege und zu vielen andern Verrichtungen ihrer Hilfe bedienen. – Auch hierin stimme ich dir bei, sagte Euthydemos, denn ich sehe, daß selbst solche Thiere, die uns an Stärke weit überlegen sind, dem Menschen so gehorsam werden, daß er sie gebrauchen kann, wozu er nur will. – 11. Denke aber auch ferner daran, daß sie für das viele Schöne und Nützliche, weil es so verschieden unter einander ist, für jedes uns die geeigneten Sinneswerkzeuge gegeben haben, vermittelst deren wir alle Güter genießen; daß sie uns die Vernunft eingepflanzt haben, vermöge welcher wir, indem wir die sinnlichen Wahrnehmungen zu Gegenständen des Denkens und der Erinnerung machen, ermitteln können, wozu ein jedes Ding nützlich ist, und allerlei Mittel erfinden, das Gute zu genießen und das Böse von uns fern zu halten; 12. endlich daß sie uns auch die Fähigkeit, uns einander verständlich zu machen, gegeben haben, mittelst welcher wir alles Gute durch Belehrung einander mittheilen und gemeinsam genießen, uns über Gesetze einigen und in Staaten leben. – Ja, ja, Sokrates, die Götter müssen sehr für die Menschen besorgt sein. – Auch bedenke noch, daß sie, da wir nicht im Stande sind, auch für die Zukunft für das uns Zuträgliche zu sorgen, selbst uns Hilfe leisten, indem sie denen, welche sie um Auskunft bitten, mittelst der Weissagekunst den Ausgang der Unternehmungen verkündigen und sie über die besten Maßregeln belehren. – Dir aber, Sokrates, scheinen sie noch weit mehr als andern hold zu sein, wenn sie, ohne von dir befragt zu sein, dir bedeuten, was du thun sollst, und was nicht. – 13. Daß ich aber die Wahrheit sage, wirst du dann erst erfahren, Enthydemos, wenn du nicht erst wartest, bis du die Götter in sichtbarer Gestalt siehst, sondern damit zufrieden bist, ihre Werke zu sehen, um sie anzubeten und zu verehren. Bedenke, daß auch die Götter selbst darauf hindeuten; denn auch die übrigen von ihnen kommen bei Ertheilung ihrer Güter ebenso wenig für uns zum Vorschein, wie diejenige Gottheit, welche das ganze Weltall, den Inbegriff alles Schönen und Guten ordnet und zusammenhält, die alles, obwohl es immerfort gebraucht wird, unversehrt, gesund und nie alternd erhält und es befähigt, schneller als ein Gedanke fehlerlos ihren Willen auszuführen – diese, sage ich, vollbringt zwar vor unfern Augen die größten aller Werke, sie selbst aber, die Ordnerin von allem diesen, bleibt unsern Blicken verborgen. Die Worte: »Bedenke, daß auch die Götter – – – unsern Blicken verborgen« haben viele Herausgeber und Uebersetzer, weil sie dunkel und unverständlich sind, für unecht gehalten. Mir (hoffentlich meinen Lesern auch) sind die Worte ganz verständlich, und ich habe dieselben deshalb nicht aus der Uebersetzung entfernen können Kühner , Breitenbach , Sauppe u.a. finden in den Worten nichts Dunkles. 14. Bedenke ferner, daß selbst die Sonne, die doch für jedermann sichtbar zu sein scheint, den Menschen nicht erlaubt, sie scharf ins Auge zu fassen, sondern jedem, der sich unterfängt, sie frech anzublicken, die Sehkraft nimmt. Und so wirst du auch finden, daß die Diener der Götter unsichtbar sind. Daß der Blitzstrahl von oben herabfährt und alles niederschmettert, was ihm in den Weg kommt, ist klar; aber man sieht weder, wenn er kommt, noch wenn er eingeschlagen hat, noch wenn er geht. Auch die Winde selbst sind nicht sichtbar, nur ihre Wirkungen sind uns sichtbar und ihr Wehen läßt sich empfinden. Ja auch die menschliche Seele, die mehr als irgend ein anderes Besitzthum des Menschen, etwas vom Göttlichen hat, ist zwar durch ihre Herrschaft in uns erkennbar, aber selbst nicht sichtbar. Dies beherzigend, muß man das Unsichtbare nicht verachten, sondern aus den Erscheinungen seine Macht erkennen und die Gottheit verehren. – 15. Ich, Sokrates, sagte Euthydemos, weiß genau, daß ich nie im geringsten die Götter mißachten werde; nur das eine macht mir Sorgen, daß mir scheint, auch nicht ein Mensch könne je im Stande sein, mit würdigem Danke die Wohlthaten der Götter zu erwidern. – 16. Verliere deshalb den Muth nicht, Euthydemos! Du weißt ja, wenn man den Gott in Delphi fragt, wie man sich den Göttern gefällig zeigen könne, so antwortet er: »Nach den Gesetzen des Staates.« Und Gesetz ist es doch sicher überall, nach Kräften durch Opfer sich die Götter geneigt zu machen. Wie könnte nun einer würdiger und ehrerbietiger die Götter ehren, als wenn er thut, was sie selbst gebieten? 17. Aber hinter seinen Kräften darf man durchaus nicht zurückbleiben; Als Gegensatz ist zu ergänzen: Wohl aber darf man hinter dem zurückbleiben, was andere (reichere) opfern. und wenn einer dies thäte, so würde es offenbar sein, daß er in diesem Falle die Götter nicht ehrt. Man darf also nichts versäumen, die Götter nach Kräften zu ehren; dann kann man auch getrost sein und auf die größten Güter hoffen. Denn der wäre nicht bei Verstande, der von andern größere Güter erwartete, als von den Göttern, die uns von allen die größten Wohlthaten erweisen können, und auf keine andere Weise zuversichtlicher, als wenn man ihnen sich wohlgefällig macht. Wie könnte man aber eher ihnen sich wohlgefällig machen, als dadurch, daß man ihnen so viel als möglich folgsam ist? 18. So redete er und so handelte er selbst, und so machte er die, welche mit ihm umgingen, gottesfürchtiger und vernünftiger. 4. Kapitel. Gespräch mit dem Sophisten Hippias Hippias war einer der berühmtesten, aber auch eitelsten Sophisten der damaligen Zeit. Hier erscheint er weniger anmaßend und vernünftiger als in den Dialogen Platons. über den Begriff der Gerechtigkeit. 1. Auch wie er über die Gerechtigkeit dachte, daraus machte Sokrates kein Geheimnis, sondern gab es schon durch die That zu erkennen. Im Privatleben betrug er sich immer so, wie es den Gesetzen gemäß und andern nützlich war; im Staatsleben leistete er den Obrigkeiten allen in den Gesetzen vorgeschriebenen Gehorsam und war zu Hause wie im Kriegsdienste so ordnungsliebend, daß er darin vor allen andern sich auszeichnete. 2. Als er einmal [in den Volksversammlungen] Epistat war, gestattete er dem Volke nicht, gegen die Gesetze einen Beschluß zu fassen, sondern auf Grund der Gesetze widersetzte er sich einem solchen Ungestüm des Volkes, den wohl nicht, wie ich glaube, ein anderer Mensch ausgehalten hätte. 3. Auch als ihm die dreißig Tyrannen gegen die Gesetze Befehle ertheilten, gehorchte er nicht; und den jungen Leuten verboten sie, Gespräche mit ihm zu führen, und einmal hatten sie ihm und einigen andern Bürgern befohlen, einen zur Hinrichtung abzuholen, Es war dies ein reicher Bürger, Namens Leon , der sich vor den habsüchtigen dreißig Tyrannen nach Salamis geflüchtet hatte. Er sollte von vier Bürgern, unter denen Sokrates war, nach Athen zurückgebracht werden. Vgl. Xenoph. Griech. Gesch. II, 3, 29. aber er allein leistete nicht Folge, weil diese Befehle gesetzwidrig waren. 4. Während andere Angeklagte vor Gericht den Richtern gute Worte zu geben pflegen, ihnen schmeicheln und ihnen gegen die Gesetze mit Bitten zusetzen, und auf diese Weise schon viele von den Richtern ihre Freisprechung erwirkt haben, wollte er, als er von Meletos angeklagt war, keins von den vor Gericht üblichen Mitteln gegen die Gesetze gebrauchen, sondern, obwohl er leicht freigesprochen worden wäre, wenn er sich nur einigermaßen dazu verstanden hätte, wollte er doch lieber den Gesetzen treu bleiben und sterben, als gegen die Gesetze leben.] Das Eingeklammerte ist ohne Zweifel unecht. 5. Ebenso äußerte er sich auch oft in Gesprächen mit anderen; ich kenne von ihm namentlich folgende Unterredung mit dem Eleer Hippias über die Gerechtigkeit. Dieser war nach langer Zeit wieder nach Athen gekommen und war gerade zugegen, als Sokrates in Gegenwart mehrerer Personen sagte, daß es doch wunderbar sei, wenn einer jemanden das Handwerk eines Schusters, Zimmermannes oder Schmiedes oder die Reitkunst lehren wolle, so sei er nicht in Verlegenheit, wohin er ihn zu schicken habe; [einige sagen sogar, wenn einer ein Pferd oder einen Stier sich wolle gerecht machen lassen, so gebe es überall Leute in Masse, die sich dazu erbieten; Auch diese Worte enthalten einen an dieser Stelle ganz unpassenden Sinn. wolle dagegen einer entweder selbst lernen, was die Gerechtigkeit sei, oder einen Sohn oder Sklaven es lernen lassen, so wisse er nicht, wohin er gehen müsse, um dies zu erreichen. 6. Als Hippias dies hörte, sagte er in etwas spöttischer Weise: Also immer noch Sokrates, bringst du dieselben Reden vor, die ich schon vor Jahren von dir gehört habe? – Ja, sagte Sokrates, und was noch ärger ist, ich stelle nicht nur immer dieselben Behauptungen auf, sondern auch über dieselben Gegenstände . Du freilich als ein Mann von vielseitigen Kenntnissen sagst über dieselben Gegenstände niemals dasselbe . – Allerdings, sagte Hippias, suche ich stets etwas Neues vorzubringen. – 7. Auch über Dinge, die du weißt? Wenn man dich z. B. fragte, wie viele und welche Buchstaben zu dem Namen »Sokrates« gehören, wirst du da jetzt anders als früher antworten? Oder wenn man dich aus dem Einmaleins fragte, ob zweimal fünf zehn sei, wirst du da jetzt nicht ebenso wie früher antworten? – Ueber solche Sachen freilich, Sokrates, sage auch ich wie du immer dasselbe; aber über die Gerechtigkeit glaube ich allerdings jetzt etwas sagen zu können, daß weder du noch irgend ein anderer dagegen wird etwas einwenden können. – 8. Nun bei der Hera, sagte Sokrates, da behauptest du, einen guten Fund gemacht zu haben, denn nun werden die Richter aufhören verschieden zu stimmen, die Bürger werden nicht mehr über ihre Rechte streiten, Processe führen und gegen einander Parteien bilden, und die Staaten werden aufhören über ihre Rechte zu streiten und Kriege zu führen. Und so weiß ich nicht, wie ich von dir lassen könnte, ohne vorher dich, der du einen so herrlichen Fund gemacht hast, anzuhören. – 9. Aber das wirst du nicht eher von mir hören, Sokrates, bis du deine Ansicht über die Gerechtigkeit dargelegt hast. Es ist genug, daß du andere Ergänze: Mit mir sollst du es nicht so machen. immer ausfragst und in die Enge treibst und selbst keinem Rede stehst und über nichts deine Meinung sagst. – 10. Wie, Hippias? hast du nicht bemerkt, daß ich gar nicht aufhöre klarzulegen, was ich für gerecht halte? – Und wie lauten deine Worte darüber? – Sind es auch nicht Worte , so ist es doch die That, wodurch ich es an den Tag lege. Oder glaubst du nicht, daß auf die That mehr zu geben sei, als auf das Wort? – Gewiß, sagte Hippias, denn viele sind in ihren Worten gerecht, in ihren Thaten aber ungerecht ; wer aber gerecht handelt, kann nie ungerecht sein. – 11. Hast du nun jemals von mir bemerkt, daß ich ein falsches Zeugnis abgelegt, in böswilliger Weise einen angeklagt, zwischen Freunden oder im Staate Zwietracht gesät oder sonst eine Ungerechtigkeit verübt hätte? – Nein, sagte Hippias. – Und gilt dir das nicht als Gerechtigkeit, wenn man das Ungerechte läßt? – Man sieht, Sokrates, sagte Hippias, daß du auch jetzt wieder auszuweichen suchst und nicht sagen willst, was nach deiner Ansicht Gerechtigkeit ist, denn du sprichst nicht von dem, was die Gerechten thun , sondern von dem, was sie nicht thun . – 12. Nun ich glaubte, sagte Sokrates, nicht ungerecht sein zu wollen sei ein hinreichender Beweis von Gerechtigkeit. Wenn du aber anderer Meinung bist, so sieh einmal zu, ob dir das besser gefällt. Ich sage, gerecht sei so viel wie gesetzlich . – So meinst du also, Sokrates, »gerecht« und »gesetzlich« sei ein und dasselbe? – Ja, sagte Sokrates. – 13. Da sehe ich nur nicht recht, was du gesetzlich, oder was du gerecht nennst. – Du kennst doch die Gesetze des Staates? – Ja. – Und was denkst du dir unter diesen? – Schriftliche Bestimmungen, welche durch gemeinschaftliche Übereinkunft von den Bürgern festgesetzt sind über das, was man thun und meiden soll. – Ist nun nicht gesetzlich derjenige, der nach diesen Bestimmungen im Staate lebt, und ungesetzlich derjenige, der sie nicht befolgt? – Allerdings. – Thut nun der, welcher sie befolgt, nicht auch, was gerecht ist, der aber, welcher sie nicht befolgt, was ungerecht ist? – Ganz richtig. – Ist also nicht der, welcher das Gerechte thut, ein Gerechter, und wer das Ungerechte thut, ein Ungerechter? – Natürlich. – So ist also der Gesetzliche gerecht, der Ungesetzliche aber ungerecht. – 14. Aber, Sokrates, sagte Hippias, wie kann man die Gesetze und den Gehorsam gegen dieselben für etwas so Wichtiges halten, da sie ja oft von denen selbst wieder abgeschafft und geändert werden, von welchen sie gegeben worden sind? – (Dadurch werde ich nicht widerlegt), denn auch oft wird von den Staaten Krieg angefangen und wieder Friede geschlossen. – Das ist richtig, sagte Hippias. – Meinst du nun wohl, wenn du die den Gesetzen Folgsamen deshalb gering achtest, weil die Gesetze abgeschafft werden können, damit irgend etwas anders zu thun, als wenn du die Manneszucht im Kriege deshalb tadeln wolltest, weil der Friede zu Stande kommen könnte? Oder tadelst du auch diejenigen, welche in den Kriegen das Interesse des Vaterlandes im Auge haben? – Beim Zeus, wahrhaftig nicht. – 15. Und weißt du nicht, daß der Lakedämonier Lykurgos Sparta nicht über die anderen Staaten erhoben hätte, wenn er ihnen nicht ganz besonders Gehorsam gegen die Gesetze eingeschärft hätte? Weißt du nicht, daß unter den Leitern eines Staates diejenigen die Besten sind, welche es verstehen, Gehorsam gegen die Gesetze den Bürgern beizubringen, und daß der Staat, in welchem die Bürger den Gesetzen am freudigsten gehorchen, im Frieden der glücklichste und im Kriege nicht zu bewältigen ist? 16. Ferner sehen die Staaten Eintracht für ihr höchstes Glück an; unablässig ermahnen die ältesten und angesehensten Männer ihre Mitbürger zur Eintracht, und überall in Griechenland besteht das Gesetz, daß die Bürger sich eidlich zur Eintracht verpflichten, und dieser Eid wird überall wirklich abgelegt. Dies geschieht nun, glaube ich, nicht, damit die Bürger denselben Chören den Preis zuerkennen, auch nicht, damit sie dieselben Flötenspieler loben, damit sie denselben Dichtern den Vorzug geben, auch nicht, damit sie dieselben Vergnügungen theilen, sondern damit sie den Gesetzen gehorchen. Denn dadurch, daß die Bürger an diese sich halten, gelangen Staaten zu Macht und Blüte, ohne Eintracht aber kann kein Staats- und kein Hauswesen blühen. 17. Und um auf einzelne überzugehen, wie kann jemand besser im Staate vor Strafen sich in Acht nehmen, wie leichter sich Ehre erwerben, als wenn er den Gesetzen folgsam ist? Wie kann er weniger in einem Rechtshandel verlieren, wie eher gewinnen? Wem möchte wohl einer mit mehr Zutrauen Schätze, Söhne oder Töchter in Verwahrung geben, wen der ganze Staat seines Vertrauens würdiger finden, als den Gesetzlichen? Bei wem können Eltern, Angehörige, Diener, Freunde, Bürger und Fremde eher zu ihrem Recht gelangen? Wem möchten die Feinde eher trauen beim Abschluß eines Waffenstillstandes, Bündnisses oder Friedens, mit wem lieber Bundesgenossenschaft schließen, als mit ihm? Wem möchten die Bundesgenossen lieber ihre Truppen, ihre Festungen, ihre Städte anvertrauen? Von wem möchte einer eher, als von dem Gesetzlichen, Erwiderung einer Wohlthat erwarten, und wem möchte einer lieber Wohlthaten erweisen wollen, als dem, von welchem er Dank zu ernten hofft? Wen möchte man lieber zum Freunde, wen weniger zum Feinde haben wollen, als einen solchen, und mit wem möchte man weniger Krieg ansangen wollen, als mit dem, welchen man am liebsten zum Freunde, am wenigsten gern zum Feinde haben möchte, und mit dem alle gern in Freundschaft und Bundesgenossenschaft, und keiner in Feindschaft und Krieg zu leben wünschte? 18. Ich also, Hippias, erkläre, daß gesetzlich sein und gerecht sein ein und dasselbe ist; wenn du aber anderer Meinung bist, so belehre mich. – Nein beim Zeus, Sokrates, ich bin gar nicht anderer Meinung, als du dich über die Gerechtigkeit ausgesprochen hast. – 19. Kennst du aber auch, Hippias, einige ungeschriebene Gesetze? – Ja, erwiderte Hippias, solche, die in allen Ländern in derselben Weise gelten. – Könntest du nun wohl behaupten, daß diese die Menschen sich gaben? – Wie könnten sie wohl! denn sie können ja weder alle, zusammenkommen noch reden sie einerlei Sprache. – Wer hat nun wohl, meinst du, diese Gesetze gegeben? – Ich für meine Person glaube, daß die Götter diese Gesetze den Menschen gegeben haben, denn in der ganzen Welt gilt als vornehmstes Gebot, die Götter zu ehren. – 20. Herrscht nicht auch, fragte Sokrates, überall das Gesetz, die Eltern zu ehren? – Auch dies. – Und daß weder die Eltern mit den Kindern noch die Kinder mit den Eltern sich geschlechtlich verbinden sollen? – Dies, Sokrates, scheint mir kein göttliches Gesetz mehr zu sein. – Weshalb denn? – Weil ich sehe, daß manche es übertreten. – 21. Auch andere Gesetze, erwiderte Sokrates, werden viel übertreten; wer aber ein von den Göttern gegebenes Gesetz übertritt, muß dafür Strafe leiden, der er auf keine Weise entrinnen kann, obwohl manche, die gegen menschliche Gesetze handelten, der Strafe entgingen, sei es, weil ihre Übertretung unentdeckt bleibt, oder weil sie Gewalt anwenden. – 22. Und welche Strafe wäre das, Sokrates, welcher Eltern, wenn sie sich mit Kindern, und Kinder, wenn sie sich mit Eltern geschlechtlich einlassen, nicht entrinnen können? – Die allergrößte beim Zeus, sagte Sokrates, denn welch größeres Uebel kann den Menschen, wenn er Kinder zeugt, treffen, als wenn er schlechte Kinder zeugt? – 23. Warum aber, antwortete Hippias, brauchen diese gerade schlechte Kinder zu zeugen, da es ja möglich ist, daß sie selbst gut sind und sich mit guten vereinigen? – Darum ist es in der That nicht genug, daß die, welche mit einander Kinder zeugen, gute Menschen sind, sie müssen auch in der Blüte ihrer Jugendkraft stehen. Oder glaubst du etwa, es sei in der Zeugungskraft kein Unterschied zwischen denen, welche gerade in der Blüte stehen, und jenen, die entweder diese Blüte noch nicht erreicht oder schon hinter sich haben? – Hier muß natürlich ein Unterschied sein, meinte Hippias. – Welche Zeugungskraft wird nun die bessere sein? – Natürlich die derjenigen, welche in der Jugendblüte stehen. – Bei denen also, welche diese Blüte noch nicht haben, oder schon vorbei ist, wird die Zeugungskraft nichts taugen? – Ich glaube, nicht. – Sollte man also nicht in einem solchen Falle das Kinderzeugen lassen? – So scheint mir. – Zeugen nicht also die, welche es dennoch thun, in ungehöriger Weise Kinder? – Gewiß. – Von welchen könnte man nun sonst noch sagen, sie zeugen schlechte Kinder, außer diesen? – Ich bin auch hierin mit dir einverstanden, sagte Hippias. – 24. Ferner, ist nicht auch das ein allgemein giltiges Gesetz, daß man empfangene Wohlthaten erwidere? – Allerdings, sagte Hippias, aber es wird auch übertreten. – Müssen nun nicht auch hier die Uebertreter bestraft werden, indem sie, von ihren guten Freunden verlassen, genöthigt sind, sich ihren Feinden anzuschließen? Oder sind nicht diejenigen als gute Freunde anzusehen, welche ihren Freunden Wohlthaten erweisen? Laden sich aber nicht diejenigen, welche diese Wohlthaten unerwidert lassen, den Haß derselben auf? Wegen des großen Nutzens aber, den der Umgang mit diesen gewährt, werden sie sich da nicht gerade an sie wieder anschließen wollen? – Beim Zeus, Sokrates, Göttern sieht das alles ähnlich, denn daß die Gesetze selbst die Strafen für die Uebertreter derselben in sich schließen, das scheint mir die Einrichtung eines besseren als menschlichen Gesetzgebers zu sein. – 25. Glaubst du nun, Hippias, daß die Götter in ihren Gesetzen das Gerechte anordnen, oder etwas vom Gerechten Verschiedenes? – Wahrhaftig, nichts davon Verschiedenes, denn schwerlich könnte sonst jemand außer einem Gotte in der Gesetzgebung das Gerechte treffen. – Auch den Göttern also, Hippias, gilt das Gerechte und das Gesetzliche als ein und dasselbe. So redete und handelte Sokrates und leitete seine Freunde zur Gerechtigkeit an. 5. Kapitel. Sokrates bildete seine Freunde theils durch sein Beispiel theils durch Belehrung zur Selbstbeherrschung, um sie für das Leben tüchtiger zu machen (Gespräch mit dem schon aus dem Vorigen bekannten Euthydemos). 1. Daß er aber auch seine Freunde zu brauchbaren Menschen für das praktische Leben bildete, davon soll jetzt die Rede sein. In der Ueberzeugung, daß Selbstbeherrschung für denjenigen, der etwas Tüchtiges leisten wolle, von großem Nutzen sei, gab er zuerst an sich selbst seinen Freunden das Muster eines vor allem andern abgehärteten Mannes, sodann aber suchte er auch in seinen Gesprächen seine Freunde vor allem auf die Selbstbeherrschung hinzuweisen. 2. Immer nun war er selbst des der Tugend Förderlichen eingedenk und erinnerte seine Freunde daran; ich weiß, daß er einmal mit Euthydemos folgendes Gespräch über die Selbstbeherrschung führte: Sage mir, Euthydemos, glaubst du, daß die Freiheit für den einzelnen Menschen wie für den ganzen Staat ein herrliches Gut ist? – Ich kenne keins, das höher stände. – 3. Glaubst du nun, das sei ein Freier, der von den sinnlichen Lüsten sich beherrschen und abhalten läßt, das Beste zu thun? – Keineswegs, sagte Euthydemos. – Vielleicht scheint dir eben die Freiheit darin zu bestehen, das Beste zu thun, und hältst es für Unfreiheit, jemanden zu haben, der uns daran verhindert? – Durchaus, ja. – 4. Hältst du nun durchaus diejenigen für unfrei, die sich selbst nicht beherrschen können? – Ja, natürlich. – Glaubst du aber, daß die, welche sich selbst nicht beherrschen können, nicht nur abgehalten werden, das Beste zu thun, sondern daß sie auch gezwungen werden, das Schimpflichste zu thun? – Es scheint mir, sagte Euthydemos, daß das Eine so gut wie das Andere geschieht. – 5. Was meinst du aber, mögen das für Herren sein, welche einen vom Besten abhalten und zum Schlechtesten nöthigen? – Das sind in der That die Schlechtesten, die es nur geben kann. – Und welche Sklaverei scheint dir die schlimmste zu sein? – Die bei den schlechtesten Herren. – So leben also diejenigen, sagte Sokrates, in der schlimmsten Sklaverei, welche sich selbst nicht beherrschen können? – So scheint es mir. – 6. Glaubst du nun nicht auch, daß die Unenthaltsamkeit den Menschen das größte Gut, die Weisheit, nimmt und sie dafür ins Gegentheil stürzt? Findest du nicht, daß sie den Menschen davon abhält, seinen Sinn darauf zu richten, nach dem Nützlichen zu trachten, indem sie ihn zu Genüssen fortreißt, ja ihn sogar, wenn er weiß, was gut und böse ist, durch eine wahre Uebertäubung dahin bringt, statt des Besseren das Schlechtere zu wählen? – Ja das kommt vor. – 7. Bei wem möchte man ferner, Euthydemos, Besonnenheit weniger finden, als bei dem Genußsüchtigen? Die Aeußerungen der Besonnenheit und der Genußsucht sind ja das gerade Gegentheil von einander. – Auch das gestehe ich ein. – Und meinst du, daß etwas den Menschen mehr von der Erfüllung seiner Pflichten abhalten kann, als Genußsucht? – Nichts in der That. – Kann es aber für den Menschen etwas Schlimmeres geben, als das, was ihn veranlaßt, das Schädliche dem Nützlichen vorzuziehen, was ihn verleitet, für jenes Sorge zu tragen, dieses hingegen außer Acht zu lassen und was ihn nöthigt, das Gegentheil von dem zu thun, was Besonnene thun? – Unmöglich. – 8. Muß aber nicht die Selbstbeherrschung natürlich gerade die entgegengesetzte Wirkung auf den Menschen haben? – Gewiß. – Muß also auch nicht das, was die entgegengesetzte Wirkung hat, das Beste sein? – Ganz natürlich. – So scheint denn also, Euthydemos, die Selbstbeherrschung für den Menschen das Beste zu sein? – Natürlich, sagte Euthydemos. – 9. Hast du aber auch schon einmal, Euthydemos, hierüber nachgedacht? – Worüber? – Daß gerade das Vergnügen, das Einzige, was die Genußsucht dem Menschen zu gewähren scheint, durch sie nicht erreicht werden kann? Daß vielmehr die Selbstbeherrschung das größte Vergnügen gewährt? – Wie so? – Die Genußsucht läßt uns weder Hunger noch Durst, noch Liebesbedürfnis noch Schlaflosigkeit ausstehen, durch die uns doch allein erst das Essen und Trinken, der Liebesgenuß, Ruhe und Schlaf süß und angenehm wird, sofern wir warten und uns gedulden, bis das Verlangen nach diesen Dingen den höchsten Grad erreicht hat, und so hält sie uns ab, an der Befriedigung der notwendigsten und bleibendsten Bedürfnisse einen nennenswerthen Genuß zu haben. Die Selbstbeherrschung dagegen allein bewirkt in uns, die angeführten Triebe zu unterdrücken und sie bereitet uns einen wahren und bleibenden Genuß. – Das ist durchaus wahr. – 10. Aber ferner etwas Schönes und Gutes zu lernen und für das zu sorgen, wodurch man seinen Körper schön und tüchtig machen, sein Hauswesen in besseren Stand sehen, Freunden und dem Staate nützlich sein und die Feinde besiegen kann, lauter Dinge, aus denen nicht nur die größten Vortheile, sondern auch die reinsten Freuden entstehen: auch hieraus erwächst dem, welcher sich zu beherrschen weiß, weil er es sich angelegen sein läßt, reicher Gewinn, während der Genußsüchtige keinen Theil daran hat. Denn wer könnte wohl weniger Nutzen und Vergnügen davon haben, als der, welchem es am wenigsten möglich ist, diese Dinge zu betreiben, weil er nur davon in Anspruch genommen ist, auf die ihm zunächst liegenden Genüsse loszugehen? – 11. Du scheinst mir, sagte Euthydemos, sagen zu wollen, daß ein Mann, der sich von sinnlichen Genüssen beherrschen lasse, durchaus aller Tugend bar sei. – Denn worin, sagte Sokrates, unterscheidet sich ein Mensch, der gar keine Gewalt über sich hat, von dem unverständigsten Thiere? Wer das Beste gar nicht ansieht und immer nur das Angenehmste auf jede Weise zu thun sucht, wie dürfte sich der von dem unvernünftigen Vieh unterscheiden? Nur dem, welcher sich selbst beherrscht, ist es möglich, beim Handeln das Beste ins Auge zu fassen, alles nach Gattungen zu sondern und in Wort und That das Gute zu wählen, das Böse hingegen zu fliehen. 12. Auf diese Weise, meinte Sokrates, könnten die Menschen am tugendhaftesten, glücklichsten und am tüchtigsten in der Kunst des Auseinandersetzens werden. Der Ausdruck »Auseinandersetzen«, sagte er, komme eben daher, daß man bei gemeinschaftlichen Berathungen die Gegenstände nach Gattungen auseinandersetze. Man müsse also mit allen Kräften sich befleißigen, sich hierin tüchtig zu machen und hierfür in erster Linie zu sorgen, denn hieraus würden die besten Männer, die geschicktesten Herrscher und die besten Redner gebildet.] Der Inhalt dieses Paragraphen ist so matt und nichtssagend, daß ich ihn für unecht halte. 6. Kapitel. Es wird an einigen Beispielen die Art der sokratischen Dialektik gezeigt, die immer darauf hinzielt, durch genaue Unterscheidung der Begriffe das eigenthümliche Wesen der Dinge nachzuweisen (Gespräch mit Euthydemos). 1. Daß Sokrates seine Schüler auch in der Kunst der Unterredung Dies war Meletos , ein Dichterling, Anytos , ein Gerber und Lykon , ein Redner. weiter ausbildete, hierfür will ich Beweise liefern. Er glaubte nämlich, daß der, welcher einen richtigen Begriff von einem jeden Dinge habe, dies auch andern erklären könne, wenn aber der Begriff fehle, da sei es kein Wunder, wenn einer sich und andere täusche. Daher betrachtete er stets mit seinen Schülern den richtigen Begriff eines jeden Dinges. Alle seine Begriffsbestimmungen nun anzuführen, würde zu weitläufig sein; nur so viel will ich mittheilen, als nöthig ist, um daraus die Art und Weise seiner Untersuchungen kennen zu lernen. – 2. Den Begriff der Gottesfurcht behandelte er z. B. folgendermaßen: Sage mir, Euthydemos, was meinst du, daß die Gottesfurcht sei? – Beim Zeus, sagte er, etwas sehr Schönes. – Kannst du mir wohl auch sagen, was ein gottesfürchtiger Mann ist? – Ich denke einer, welcher die Götter ehrt. – Steht es einem jeden frei, die Götter zu ehren, wie er will? – Nein, sondern es giebt Gesetze, nach denen man dies thun muß. – 3. Wer also diese Gesetze kennt, der weiß auch, wie man die Götter ehren muß? – So meine ich. – Und wer dies weiß, glaubt der auch wohl, daß er die Götter auf keine andere Weise D. i. Dialektik ehren darf, als wie er es weiß? – Ohne Zweifel. – Ehrt nun einer die Götter anders, als wie er glaubt, daß er dürfe? – Ich glaube, nein. – Wer also weiß, was in Rücksicht auf die Götter gesetzlich ist, der wird wohl auch die Götter gesetzlich ehren. – Allerdings. – 4. Und wer sie in gesetzlicher Weise ehrt, der ehrt sie, wie er soll? – Ganz natürlich. – Und wer sie ehrt, wie er soll, der ist gottesfürchtig? – Gewiß. – So würde also der Begriff richtig definirt sein, wenn wir sagen, der sei gottesfürchtig, welcher wisse, was in Rücksicht auf die Götter gesetzlich sei? – So scheint es mir wenigstens. – 5. Aber mit den Menschen, fuhr Sokrates fort, kann jeder umgehen, wie er will? – Nein, sagte Euthydemos, sondern auch in dieser Hinsicht muß einer wissen, was die Gesetze über den Verkehr der Menschen unter einander bestimmen, um gesetzlich zu sein. – Und diejenigen Menschen, welche nach diesen Bestimmungen unter einander verkehren, benehmen sich, wie sie sollen? – Ohne Zweifel. – Und wer sich benimmt, wie er soll, benimmt sich gut? – Unstreitig. – Und wer sich gegen die Menschen gut benimmt, dem wird es auch in den menschlichen Verhältnissen gut gehen? – Natürlich. – 6. Handeln wohl die, welche den Gesetzen gehorchen, gerecht? – Allerdings. – Weißt du, was man gerecht nennt? – Ja, was die Gesetze befehlen. – Wer also thut, was die Gesetze befehlen, der thut was gerecht ist und was er soll? – Ohne Zweifel. – [Und wer thut, sagte Sokrates, was gerecht ist, der ist gerecht? – Ich denke, antwortete Euthydemos. – ] Die eingeklammerte Frage und Antwort halten Weiske , Schütz und Herbst mit Recht für unecht. Kann nun einer den Gesetzen gehorchen, ohne daß er weiß, was dieselben verordnen? – Nein. – Und wenn einer weiß, was er thun soll, kann er glauben, er sollte es nicht thun? – Ich denke nicht. – Kennst du aber Leute, die etwas anders thun, als ihnen zu thun nöthig erscheint? – Nein, sagte Euthydemos. – Wer also weiß, was in Rücksicht auf die Menschen gesetzlich ist, der thut auch, was gerecht ist? – Allerdings. – Sind nun aber nicht die, welche das Gerechte thun, gerecht? – Ganz gewiß. – Werden wir also den Begriff richtig definiren, wenn wir sagen, gerecht seien diejenigen, welche wissen, was in Rücksicht auf die Menschen gesetzlich ist ? – So scheint es mir wenigstens. – 7. Wie könnten wir aber Weisheit erklären? Sage mir, scheinen dir die Weisen nur darin weise zu sein, was sie wissen, oder sind einige auch in dem weise, was sie nicht wissen? – Natürlich nur in dem, was sie wissen; wie könnten sie es auch in etwas sein, was sie nicht wissen? – So macht also das Wissen die Weisen? – Was könnte auch sonst anders die Weisen machen als das Wissen? – Glaubst du aber, daß Weisheit etwas anders sein könne, als wodurch man weise ist? – Ich glaube es nicht. – So ist denn also das Wissen Weisheit? – So glaube ich. – Scheint es dir nun möglich zu sein, daß ein Mensch alle Dinge wisse? – O beim Zeus, nicht einmal den tausendsten Theil davon. – So kann es also einen Menschen, der in allen Dingen weise wäre, nicht geben? – Gewiß nicht. – Jeder ist also nur in dem weise, was er weiß? – So denke ich wenigstens. 8. Ist nun nicht, Euthydemos, auch der Begriff des Guten auf diese Weise aufzusuchen? – Auf welche? – Meinst du, daß ein und dasselbe Ding allen nützlich sei? – Nein. – Ist vielleicht sogar, was für das eine nützlich ist, für ein anderes bisweilen schädlich? – Natürlich. – Meinst du aber wohl, daß gut etwas anderes ist, als was nützlich ist? – Ich denke nicht. – Gut ist also das Nützliche für denjenigen, welchem es nützlich ist ? – So scheint es mir, sagte Euthydemos. 9. Könnten wir das Schöne wohl anders definiren? oder kannst du mir etwas Schönes nennen, sei es ein Körper, ein schönes Geräth oder sonst etwas, was in jeder Beziehung schön wäre? – Ich weiß in der That nichts. – Wozu also ein jedes Ding brauchbar ist, dazu muß es gebraucht werden? – So ist es. – Ist nun überhaupt etwas in anderer Beziehung schön, als in Bezug auf das, wozu es schön zu gebrauchen ist? – Auch nicht in einer einzigen. – Schön ist also das Brauchbare in Bezug darauf, wozu es brauchbar ist ? – So dünkt mich wenigstens. – 10. Hältst du ferner die Tapferkeit für etwas Schönes? – Ja, für etwas sehr Schönes. – Du glaubst also, daß es nicht die geringsten Dinge sind, wozu die Tapferkeit brauchbar ist? – Im Gegentheil, vielmehr die wichtigsten. – Meinst du denn,' es sei in Noth und Gefahren gut, seine Lage nicht zu kennen? – Nicht im mindesten. – Wenn also einer, fuhr Sokrates fort, die Gefahr nicht fürchtet, weil er sie nicht kennt, der ist auch nicht tapfer? – Auf keinen Fall, denn sonst müßte mancher Rasende und Feige tapfer sein. – Und wenn einer sich auch da fürchtet, wo keine Gefahr ist? – Der wahrhaftig noch viel weniger. – So hältst du wohl diejenigen für tapfer, welche in Noth und Gefahren brav sind, und diejenigen, welche in solchen Fällen schlecht sind, für feige? – Allerdings. – 11. Glaubst du aber, daß in solchen Fällen andere gut sind, als diejenigen, welche sich dabei recht benehmen können? – Nein, nur diese. – Und schlecht also diejenigen, die sich dabei schlecht benehmen? – Welche sonst? – Benimmt sich nun nicht jeder, wie er glaubt, daß er muß? – Natürlich. – Wissen nun wohl die, welche sich nicht schön benehmen können, wie sie sich benehmen sollen? – Nicht wohl. – Wer also weiß, wie er sich benehmen soll, der kann es auch? – Ja. – Nun, und wer nicht auf einen falschen Weg gerathen ist, benimmt sich der in solchen Fällen schlecht? – Ich meine nicht. – Auf einem solchen Wege sind also die, welche sich schlecht benehmen? – Natürlich. – Demnach sind also die, welche sich in Noth und Gefahren recht zu benehmen wissen, tapfer, die aber, welche hierin den richtigen Weg verfehlen, feige? – So scheint es mir. 12. Das Königthum und die Tyrannenherrschaft erkannte er als Herrschergewalten an, glaubte aber, daß ein Unterschied zwischen beiden sei. Königthum nannte er diejenige Herrschergewalt, welche mit dem Willen der Menschen und nach den Gesetzen bestehe, Tyrannenherrschaft dagegen eine solche, die gegen den Willen der Menschen und nicht nach den Gesetzen, sondern nach der Willkür des Herrschers gehandhabt werde. Wo die oberste Gewalt in den Händen derer sei, welche die Gesetze erfüllen, da nannte er die Verfassung eine Aristokratie (Herrschaft der Besten), wo die Reichen die Oberhand haben, eine Plutokratie (Geldherrschaft), an welcher aber alle teilnehmen, eine Demokratie (Volksherrschaft). 13. Wenn ihm einer in irgend einem Punkte widersprach, ohne einen bestimmten Grund zu haben, sondern ohne einen Beweis z. B. behauptete, daß der von ihm Genannte ein größerer Weiser, Staatsmann oder Held, oder in sonst etwas dergleichen besser sei als der, welchen Sokrates nannte, so führte er gewöhnlich die ganze Streitsache auf die Voraussetzung zurück, ungefähr so: 14. Hältst du den, welchen du rühmend nennst, für einen besseren Bürger als den von mir genannten? – Allerdings, sagte jener. – Wollen wir also nicht zuerst untersuchen, was zu einem guten Bürger gehört? – Ja wohl. – Wird nicht z.B. bei der Verwaltung der Staatskasse derjenige besser sein, welcher das Staatsvermögen vermehrt? – Natürlich. – Und im Kriege der, welcher seinem Vaterlande den Sieg über die Feinde verschafft? – Ohne Zweifel. – Und bei einer Gesandtschaft der, welcher aus Feinden Freunde macht? – Selbstverständlich. – In der Volksversammlung endlich der, welcher den Parteiungen ein Ende macht und Eintracht stiftet? – Natürlich. – 15. Durch diese Zurückführung der Reden auf die Grundfragen machte er auch den Gegnern die Wahrheit einleuchtend; wenn er aber selbst etwas auszuführen suchte, so ging er von den am meisten anerkannten Wahrheiten aus, indem er glaubte, daß dies die rechte Sicherheit der Rede sei. Daher weiß ich auch keinen, der es so verstanden hätte, die Zustimmung seiner Zuhörer zu erringen, wie er, wenn er sprach. Darum habe auch Homer, sagte er, dem Odysseus das Lob eines sicheren Redners zuertheilt, Odyssee VIII, 171, wo sich Odysseus selbst schildert. weil dieser es verstanden habe, seine Reden auf allgemein angenommene Wahrheiten zu stützen. 7. Kapitel. Sokrates belehrt seine Freunde darüber, in wieweit sie Geometrie, Astronomie, Rechenkunst u. a. zu treiben haben. 1. Daß Sokrates seine Meinungen seinen Schülern offen mittheilte, das scheint mir aus dem Bisherigen klar zu sein, daß er sie aber auch in den obliegenden Geschäften zu größerer Selbstständigkeit auszubilden suchte, das will ich jetzt erzählen. Von allen, die ich kenne, war keiner so bemüht, wie er, die Kenntnisse jedes einzelnen seiner Schüler zu erforschen und von dem, was ein braver und edler Mann wissen muß, so bereitwillig ihnen mitzutheilen, was er nur selbst wußte. Hinsichtlich dessen aber, worin er selbst nicht hinreichend erfahren war, wies er sie an solche, die sich darauf verstanden. – 2. Namentlich belehrte er sie darüber, wie weit ein wahrhaft gebildeter Mann mit jedem Gegenstande vertraut sein mußte. Die Geometrie z.B. müsse man soweit treiben, daß man fähig sei, wenn es darauf ankäme, ein Stück Land richtig zu vermessen, zu übernehmen, zu übergeben, zu vertheilen oder die Nichtigkeit der Vermessung zu bezeugen. Das sei aber so leicht zu erlernen, daß man nur bei einer Vermessung Obacht geben dürfe, um nicht nur die Größe des Grundstückes, sondern auch die Art und Weise, wie gemessen werde, zu bestimmen. – 3. Dagegen die Geometrie bis zu schwer verständlichen Figuren zu treiben, mißbilligte er sehr. Er sagte, er sehe nicht ein, wozu dieses nützen sollte; Gar manche Primaner mögen dies gewiß auch nicht einsehen und das Urtheil des Sokrates mit Freuden unterschreiben. – Vor mehreren Jahren machten sechs Primaner, die in allen Gegenständen außer Mathematik Gutes leisteten, ihr Examen und bestanden es trotz der kläglichen Leistungen in der Mathematik. Als sie entlassen waren, schickten sie ihrem ehemaligen Lehrer der Mathematik diese Stelle, kalligraphisch im Urtext und in der Uebersetzung angefertigt, per Post ins Haus. zwar war er selbst nicht unerfahren darin, aber er meinte, solche Untersuchungen nähmen ein ganzes Menschenleben in Anspruch, und man werde dadurch von vielen andern nützlichen Kenntnissen abgehalten. 4. Auch empfahl er, sich mit der Sternkunde bekannt zu machen, jedoch auch mit ihr nur so weit, bis man im Stande sei, die Zeit der Nacht, des Monats und des Jahres zu erkennen, um bei Reisen zu Wasser und zu Lande, beim Nachtdienst und allen übrigen Geschäften, welche nächtlich, monatlich oder jährlich verrichtet werden, sich danach richten zu können. Auch dies könne man leicht lernen von den Nachtjägern, Steuermännern und vielen andern, die sich damit abgeben. 5. Dagegen die Astronomie bis zur Bekanntschaft auch mit denjenigen Himmelskörpern, welche ihre Lage gegen die übrigen verändern, bis zur Kenntnis der Planeten und der nur ab und zu erscheinenden Gestirne zu treiben und die Zeit mit Untersuchungen über ihre Entfernungen, Bewegungen und die Ursachen derselben hinzubringen, davor warnte er auf das nachdrücklichste, denn er könne dabei, sagte er, keinen Nutzen absehen. Und doch war er auch hiermit nicht unbekannt; Der Lehrer des Sokrates in der Astronomie soll Archelaos , Schüler des Anaxagoras , gewesen sein. aber er meinte, auch dieses sei im Stande, ein ganzes Menschenleben in Anspruch zu nehmen und von vielem Nützlichen abzuhalten. 6. Ueberhaupt warnte er vor Grübeleien über die Art und Weise, wie die Gottheit jede der himmlischen Erscheinungen eingerichtet habe; er hielt es für ebenso unmöglich, daß die Menschen dies ergründen können, als er daran zweifelte, daß die Götter daran Gefallen finden würden, wenn man herauszubringen suche, was sie selbst zu offenbaren nicht für gut befunden haben. Man laufe auch Gefahr, meinte er, wenn man über solche Dinge sich den Kopf zerbreche, Unsinn zu reden, wie auch Anaxagoras Anaxagoras von Klazomenä, ein Philosoph der Ionischen Schule, Zeitgenosse und Lehrer des Perikles . Unsinn geredet habe, er doch am meisten sich darauf etwas zu gute gethan habe, daß er die göttliche Wirkungsweise erklärt habe. 7. Denn dieser habe behauptet, Sonne und Feuer seien gleichartig, und nicht bedacht, daß die Menschen das Feuer zwar mit Leichtigkeit ansehen, aber in die Sonne nicht hineinschauen können, und daß man von der Sonne gebräunt werde, vom Feuer hingegen nicht. Auch das habe er nicht bedacht, daß auch die Gewächse der Erde ohne Sonnenschein nicht wohl gedeihen können, während sie vom Feuer erhitzt alle verderben. Ferner habe er behauptet, daß die Sonne ein feurig durchglühter Stein sei, ohne daran gedacht zu haben, daß ein Stein im Feuer weder leuchte, noch auch lange Zeit sich halte, während die Sonne unaufhörlich als der leuchtendste Körper dastehe. 8. Auch die Rechenkunst Von höherer Arithmetik ist hier nicht die Rede. hieß er lernen, doch auch hierin, wie in den andern Gegenständen, rieth er, sich vor unnützen Weitläufigkeiten zu hüten. Alles, soweit es von Nutzen war, untersuchte und erklärte er vor seinen Freunden und ging es mit ihnen durch. 9. Auch die Sorge für die Gesundheit empfahl er seinen Freunden sehr, und rieth ihnen, sowohl bei Sachverständigen allen möglichen Aufschluß zu suchen, als auch selbst unablässig zu beobachten, welche Speise, welches Getränk, oder welche Arbeit ihnen von Nutzen sei, und bei welchem Gebrauche derselben sie am gesundesten lebten. Wer so auf sich selbst Acht gebe, könne so leicht nicht einen Arzt finden, welcher das seiner Gesundheit Vorteilhafte besser wüßte [als er selbst]. Unecht. 10. Wenn aber jemand in Dingen, welche menschliches Wissen übersteigen, einen nützlichen Rath haben wollte, so rieth er ihm, sich um die Weissagekunst zu kümmern; denn wer da kenne, wodurch die Götter den Menschen über ihre Angelegenheiten Andeutungen geben, der werde nie von dem Rathe der Götter verlassen sein. 8. Kapitel. Die Thatsache, daß Sokrates verurtheilt wurde, spricht nicht gegen seine Behauptung, daß die Gottheit ihm andeute, was er thun und lassen solle. Er hätte ohne dieses nicht mehr lange gelebt; er entging so den Beschwerden des Alters und erwarb sich noch Ruhm durch die Art, wie er seinen Tod ertrug, der nicht ihm, sondern denen zur Schmach gereichte, welche ihn über ihn verhängten. – Alle, die ihn kannten, vermißten ihn schmerzlich; denn in ihm starb der Beste und der Glücklichste der Menschen. 1. Wenn man etwa aus dem Umstande, daß Sokrates behauptete, die Gottheit gebe ihm Andeutungen darüber, was er thun oder lassen sollte, und doch von seinen Richtern zum Tode verurtheilt wurde, folgern wollte, daß er in Betreff der Gottheit einer Lüge schuldig sei, der bedenke fürs erste, daß er schon damals in einem Alter war, wo er, wenn auch nicht jetzt schon, doch bald darauf hätte sterben müssen; ferner, daß er dem beschwerlichsten Theile des Lebens, in welchem bei allen Menschen die Geisteskräfte abnehmen, entging und dafür durch die Beweise von Seelenstärke, die er gab, noch an Ruhm gewann, indem er bei seiner Verteidigung vor Gericht, wie noch kein anderer, auf das Wahrste, Freimütigste und Gerechteste sprach und sein Todesurtheil auf das Gelassenste und Mannhafteste ertrug. 2. Denn das ist allgemein anerkannt, daß in der ganzen Geschichte sich kein Beispiel findet, wo einer den Tod in würdigerer Weise ertragen habe. Er mußte nämlich nach dem Ausspruche des Todesurtheils noch dreißig Tage am Leben bleiben, weil gerade das Delische Fest Nicht zu verwechseln mit der III, 3, 12 erwähnten alle vier Jahre stattfindenden Feier. Die hier genannten Delien wurden alle Jahre gefeiert zum Andenken an den Zug des Theseus nach Kreta, durch den Athen von dem schmählichen Tribut der sieben Knaben und sieben Mädchen befreit wurde. Vgl. Pausanias I, 27; Diodor IV, 61; Platon Phädon (Univ.-Bibl. Nr. 979) Kap. 1; Hermann , Griech. Ant. II, 60, 14. in jenem Monate war, und gesetzlich niemand hingerichtet werden darf, bis die Festgesandtschaft von Delos zurückgekehrt ist. Und während dieser ganzen Zeit waren alle seine Freunde Zeugen, daß er sich nicht im mindesten im Vergleich zu seinem frühern Leben veränderte; und doch war er von jeher, wie kein anderer Mensch, wegen seines fröhlichen und heiteren Sinnes bewundert worden. 3. Und wie könnte wohl einer schöner als so sterben? Oder welcher Tod könnte schöner sein, als ein solcher, bei dem man auf die schönste Weise stirbt? Und welcher Tod könnte wohl glücklicher sein, als der schönste? Und welcher endlich eine größere Gnade der Götter, als der beseligendste? 4. Auch will ich erzählen, was ich von Hermogenes, Anm. 38 zum zweiten Buche. dem Sohne des Hipponikos, über ihn gehört habe. Als nämlich Meletos bereits seine Anklage gegen Sokrates erhoben hatte, und Hermogenes ihn über alles andere, nur nicht von seinem Processe reden hörte, soll ihn dieser daran erinnert haben, auch an seine Verteidigung zu denken. Scheint dir nicht, sagte Sokrates, daß ich hierauf mein ganzes Leben bedacht gewesen bin? Als jener ihn aber fragte, wie er das meine, sagte er ihm, daß er sein Leben lang nichts anderes gethan habe, als Betrachtungen angestellt über das Gerechte und Ungerechte, daß er das Gerechte geübt, dagegen das Ungerechte vermieden habe; und dies halte er für die schönste Vorbereitung zu seiner Vertheidigung. – 5. Darauf sagte Hermogenes: Siehst du nicht, Sokrates, daß die Richter in Athen schon oft durch ein Wort sich haben verleiten lassen, Unschuldige zu verurtheilen, und andere, die wirklich schuldig waren, freizusprechen? – Ich hatte auch in der That, sagte Sokrates, schon damit angefangen, über eine Vertheidigungsrede vor den Richtern nachzudenken, allein die Gottheit war dagegen. – 6. Sonderbares redest du, sagte Hermogenes. – Du wunderst dich, sagte Sokrates, wenn es die Gottheit für besser hält, daß ich jetzt mein Leben beende? Weißt du nicht, daß ich bis auf den heutigen Tag keinem Menschen einräumen würde, daß er besser und angenehmer als ich gelebt habe? Denn am besten, glaube ich, leben diejenigen, die am meisten sich's angelegen sein lassen, immer besser zu werden, und niemand angenehmer, als die, welche lebhaft fühlen, daß sie besser werden. 7. Und im Verlaufe meines Lebens merkte ich an mir selbst, daß mir ein solches Leben zu Theil geworden sei, und auch wenn ich mit andern zusammenkam und mich mit ihnen zusammenstellte, habe ich stets diese meine Ansicht bezeugt gefunden. Und nicht allein ich, sondern auch meine Freunde urtheilen beständig so über mich, nicht weil sie mich lieben, denn sonst würden auch die, welche andere lieben, so über diese ihre Freunde urtheilen, sondern weil sie nur durch ihren Umgang mit mir besser werden zu können glauben. 8. Würde ich noch länger leben, dann müßte ich vielleicht dem Alter seinen Tribut bezahlen: Gesicht und Gehör, Verstand, Fassungsvermögen und Gedächtnis würden schwächer werden, und ich würde hinter denen zurückstehen, welchen ich bis jetzt voraus war. Hätte ich hiervon kein Bewußtsein, dann fürwahr wäre mein Leben nicht des Lebens werth, hätte ich aber ein Bewußtsein davon, wie könnte ich dann anders, als schlechter und unangenehmer leben? 9. Wenn ich aber unschuldig sterben sollte, so wird allerdings diejenigen, die mich ungerechter Weise hinrichten lassen, Schande treffen; (denn wenn überhaupt Ungerechtigkeit eine Schande ist, wie sollte da nicht auch jede ungerechte Handlung eine Schande sein?) Von mehreren Herausgebern mit Recht für unecht gehalten Aber wie kann es mir Schande bringen, wenn andere nicht die Kraft besitzen, in meiner Angelegenheit gerecht zu denken und zu handeln? 10. Sehe ich doch, daß diejenigen aus früheren Zeiten, welche sich Ungerechtigkeiten erlaubten, bei der Nachwelt nicht in demselben Andenken stehen, wie die, welche Ungerechtigkeiten erduldeten; und ich glaube daher zuversichtlich, daß auch ich, selbst wenn ich jetzt sterben muß, nicht einer gleichen Beurtheilung ausgesetzt bin, wie diejenigen, welche mich zum Tode verurtheilt haben, denn ich weiß, daß man mir bezeugen wird, daß ich nie einem Menschen Unrecht zugefügt und keinen schlechter gemacht, wohl aber unablässig mich bemüht habe, meine Freunde besser zu machen. So sprach Sokrates mit Hermogenes und andern. 11. Und wer ihn kannte, wie er war, und wer nach Tugend strebte, der fühlt noch jetzt in sich die lebhafteste Sehnsucht nach ihm, als dem kräftigsten Beistände auf dem Tugendwege. Mir schien besonders sein Geist und Charakter, wie ich ihn geschildert, seine Gottesfurcht , die ihn nichts ohne die Zustimmung der Götter thun ließ, seine Gerechtigkeit , nach der er keinem auch nur im geringsten schadete, vielmehr allen, die mit ihm verkehrten, die größten Dienste leistete, seine Selbstbeherrschung , die ihn nie das Angenehme dem Besseren vorziehen ließ, sein scharfer Verstand , mit dem er niemals in der Veurtheilung des Besseren und Schlechteren irrte, auch keines andern Hilfe dazu nöthig hatte, sondern in der Erkenntnis dieser Dinge sich selbst genug war, und auch die Fähigkeit, seine Gedanken andern mitzutheilen und die Begriffe scharf zu bestimmen, sowie auch andere hierin zu prüfen, und wenn sie fehlten, zu überführen und sie auf den Weg der Tugend, des Schönen und Guten zu leiten – – dieser sein Geist und Charakter schien mir wenigstens das Musterbild des besten und glücklichsten Mannes zu sein. Und wer dies bezweifeln sollte, der mag hiermit den Charakter eines andern vergleichen und dann sein Urtheil abgeben.