Titus Livius Römische Geschichte Übersetzt mit kritischen und erklärenden Anmerkungen von Konrad Heusinger Professor des Carolinums und Catharineums in Braunschweig   Braunschweig 1821 Gedruckt und verlegt bei Friedrich Vieweg .   Inhalt.         Vorwort . Urtheile . Vorrede des Titus Livius . Erstes Buch bis zum Jahre Roms 245. Zweites Buch vom Jahre Roms 245 – 286. Drittes Buch vom Jahre Roms 287 – 309. Viertes Buch vom Jahre Roms 310 – 351. Fünftes Buch vom Jahre Roms 352 – 365. Sechstes Buch vom Jahre Roms 365 – 388. Siebentes Buch vom Jahre Roms 389 – 413. Achtes Buch vom Jahre Roms 414 – 432. Neuntes Buch vom Jahre Roms 433 – 449. Zehntes Buch vom Jahre Roms 450 – 459. Elftes bis zwanzigstes Buch vom Jahre Roms 460 – 533. Einundzwanzigstes Buch . Die Jahre Roms 534 und 535. Zweiundzwanzigstes Buch . Die Jahre Roms 535 und 536. Drei und zwanzigstes Buch . Jahre Roms 536 und 537. Vier und zwanzigstes Buch . Jahre Roms 537 – 539. Fünf und zwanzigstes Buch . Jahre Roms 539 und 540. Sechs und zwanzigstes Buch . Jahre Roms 541 und 542. Sieben und zwanzigstes Buch . Jahre Roms 542 – 545. Acht und zwanzigstes Buch . Jahre Roms 545 – 547. Neun und zwanzigstes Buch . Jahre Roms 547 und 548. Dreißigstes Buch . Jahre Roms 549 – 551. Ein und dreißigstes Buch . Jahre Roms 551 und 552. Zwei und dreißigstes Buch . Jahre Roms 553 – 555. Drei und dreißigstes Buch . Jahre Roms 555 – 557. Vier und dreißigstes Buch . Jahre Roms 557 – 559. Fünf und dreißigstes Buch . Jahre Roms 559 und 560. Sechs und dreißigstes Buch . Jahr Roms 561. Sieben und dreißigstes Buch . Jahre Roms 562 und 563. Acht und dreißigstes Buch . Jahre Roms 563 – 565. Neun und dreißigstes Buch . Jahre Roms 565 – 569. Vierzigstes Buch . Jahre Roms 570 – 573. Ein und vierzigstes Buch . Jahre Roms 574 – 578. Zwei und vierzigstes Buch . Jahre Roms 579 – 581. Drei und vierzigstes Buch . Jahre Roms 581 – 583. Vier und vierzigstes Buch . Jahre Roms 583 und 584. Fünf und vierzigstes Buch . Jahre Roms 584 und 585.     [Lateinischer Text siehe z. B. unter http://www.thelatinlibrary.com/liv.html ] V Vorwort. Livius Römische Geschichte ist zwar schon mehre Mahle in das Deutsche übersetzt, in früherer Zeit von Schöfferlin und Müntzer, in neuerer von Wagner und Westphal, Maternus von Cilano, Große und zuletzt von Ostertag Siehe Ostertag's Verzeichniß der Übersetzungen des Livius vor dem ersten Bande seiner eigenen Übersetzung, und Degen's Versuch einer vollständigen Literatur der Deutschen Übersetzungen der Römer, B. II. S. 61 und ff. ; allein keine dieser Dolmetschungen kann den Kenner befriedigen. Große – um nur von den beiden VI letzten Versuchen, als den besten, ein Wort zu sagen – hat hart und schleppend, Ostertag zu flüchtig übersetzt; beide haben nicht selten den Sinn des Geschichtschreibers verfehlt, und die eigenthümliche Gediegenheit und Schönheit des Originals in ihren Nachbildungen gar nicht wiedergegeben. Hoffentlich wird die gegenwärtige Verdeutschung den Forderungen der Kritik mehr genügen. Sie ist das Werk eines mehr als dreißigjährigen Fleißes, an welchem der Verfasser, mein innigst von mir verehrter Freund, unablässig gefeilt hat. Er begann sie schon, als er noch Conrector an dem Wolfenbüttelschen Gymnasium war; wurde im Jahr 1790 durch seine Versetzung nach Braunschweig als Director des Catharineums, welches er aus dem VII tiefsten Verfalle durch seinen Eifer als trefflicher Schulmann zur schönsten Blüthe wieder erhob, eine Zeitlang darin unterbrochen; kehrte aber, so wie er einige Muße gewann, zu seiner ihm immer werther gewordenen Beschäftigung zurück, und vollendete sie kurz vorher, ehe der Tod ihn aus diesem Leben abrief. Livius war Heusingers Lieblings-Schriftsteller. Ihm widmete er die vornehmsten Stunden der Muße, die ihm von seinen Schulgeschäften übrig blieb; bei ihm fand sein reger Geist, selbst während seiner langen Kränklichkeit, die süßeste Beschäftigung und Erheiterung. Nicht der Leser, der die Nachbildung mit der Urschrift vergleichen kann und will, nicht der bloße Dilettant, der den Römer VIII nur durch den Deutschen Dolmetscher zu verstehen wünscht, wird unbefriedigt bleiben, Doch nicht mir, sondern dem gelehrten Publicum gebührt die Würdigung dieser Arbeit. Die ehrenvollen Zeugnisse zweier berühmten Sprachgelehrten., des Hrn. Geh.R. Wolf und des Hrn. Bibliothekars D.  Buttemann darüber, hat der Hr. Verleger schon seiner Ankündigung des Werkes beigefügt Ich wiederhole am Schlusse das Urtheil der beiden großen Männer, um es dadurch besser aufzubewahren, als durch die bloße Ankündigung geschehen konnte. . Nur das sei mir erlaubt hinzuzusetzen, daß, sollte Heusinger manchen der neuesten Übersetzer der Alten nicht ganz ähnlich sein, die durch ihre zu große Liebe zur Wörtlichkeit oft undeutsch werden, ihm gerade dies mit Recht den Beifall der meisten IX Leser erwerben möchte. Er hat den Römer in seiner eigenthümlichen Manier dargestellt, ohne unserer Muttersprache Gewalt anzuthun. Daß Dichter und auch einige Prosaisten, z. B. Thukydides und Tacitus, anders übersetzt werden müssen, versteht sich von selbst, Da, wo der Text Lücken hat, sind die von Drakenborch aufgenommenen Ergänzungen Crevier's übersetzt, um dem Deutschen Leser den Zusammenhang nicht zu unterbrechen. Die von dem verewigten Verfasser seiner Übersetzung beigefügten Anmerkungen werden gewiß dem Leser eine willkommene Zugabe seyn. Sie sind theils erläuternd, d. h. kurze Nachweisungen aus der Geschichte, Geographie, den Alterthümern, Berechnung X der Geldsummen nach unserer Münze und dergleichen; theils, und noch mehr, kritisch. In den letztern, deren über 800 sind, wird der Sprachgelehrte sicher meinem Freunde meistens beistimmen, und auch da, wo er etwa andern Ansichten folgt, Heusingers Scharfsinne und seinem Eindringen in den Geist der Lateinischen Sprache überhaupt, und in den Geist des Livius insbesondere, Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sehr zu bedauern ist es übrigens, daß der Übersetzer durch den Tod verhindert wurde, seinem Werke selbst eine Vorrede vorzusetzen, die dem Leser gewiß noch manche Belehrung, oder doch wenigstens manchen Wink über die Verfahrungsart bei der Abfassung der Übersetzung und der XI kritischen Bemerkungen gegeben haben würde. Allein er starb bald nach der Beendigung seiner Arbeit, fast bis zu seinem Todestage – dem 12. Januar 1820 – mit der Glättung seines Werks beschäftigt, Um indessen dasselbe nicht ganz ohne Einleitung den Lesern zu übergeben, habe ich auf den Wunsch der würdigen Gattinn meines Freundes, und zugleich auf den Wunsch des Hrn. Verlegers, der sich schon um mehre alte Classiker durch deren Herausgabe in einem gefälligen äußern Gewande verdient gemacht, und den Dank der Philologen erworben hat, dieses kurze Vorwort vorausgeschickt. Braunschweig am 21.März 1821. D r . G. A. C. Scheffler, Prof. XII Urtheile des Hrn. Geheimeraths Wolf und des Hrn. Bibliothekars D r . Buttmann in Berlin. Ew. erhalten hiebei endlich die mir mitgetheilten Hefte der neuen Übersetzung des Livius, die ich mit großem Vergnügen durchgesehen habe. Ich zweifele durchaus nicht, daß diese Arbeit alle bisherige Versuche in Vergessenheit bringen wird, da die Beweise von Genauigkeit und Einsicht überall unverkennbar sind; wozu noch XIII kommt, daß durch so viele gelehrte Anmerkungen das Studium des Originals für Schulmänner und junge Leute, die für sich lesen, gefördert wird; – aber allein schon ist der Name Heusinger in der philologischen Welt viel zu gut accreditirt, als daß er durch die früheren Übersetzer, die keinen solchen Namen hatten, verdunkelt werden könnte. Wolf. Ich habe das Manuscript als Probe der Übersetzung des Livius mit kritischen und erklärenden Anmerkungen mit Vergnügen durchgegangen, und überall die Frucht eines langjährigen, mit Urtheil und Kenntniß verbundenen Fleißes bewundert. Ich weiß als Bibliothekar aus Erfahrung, welch ein XIV Treiben heut zu Tage nach den Übersetzungen der alten Historiker, besonders von den vielen Militairpersonen ist, welche die Originale nicht lesen können. Die schlechten Übersetzungen sind fortdauernd im Gange. Wird es bekannt, daß eine mit solcher Kenntniß der alten Sprache und Sachen unternommene vorhanden ist, die zugleich einen so ungezwungenen und faßlichen, und dabei doch nicht ermüdenden Styl darbietet, so zweifele ich nicht, daß sie bald die einzige sein wird, die man liest. Die Noten sind von der Art, daß auch der Gelehrte sie kennen muß, und so wird diese Übersetzung auch in wohlversehenen Bibliotheken nicht fehlen dürfen. Buttmann. 1 Vorrede des Titus Livius. Ob ich mir einst, wenn ich die Darstellung der Begebenheiten des Römischen Stats vom Ursprunge Roms an vollenden sollte, von meiner Arbeit Dank versprechen darf, weiß ich theils nicht gewiß, theils möchte ich dies, wenn ich es wüßte, nicht behaupten. Man hat das, wie ich sehe, schon längst, ja schon oft gethan; weil jedesmal die späteren Geschichtschreiber entweder in den Sachen selbst manches zu berichtigen, oder in der Kunst des Vortrags das ungeübte Alterthum zu übertreffen glauben. Es falle aus, wie es wolle, so bleibt mir doch die Freude, daß auch ich zur Erhaltung des Andenkens an die Begebenheiten des ersten Volks der Erde nach meinen Kräften beigetragen habe: und sollte in dem so großen Gedränge von Schriftstellern mein Name im Dunkel bleiben, so will ich mit dem Range und der Größe derer mich trösten, die meinem Ruhme Eintrag thun. Außerdem habe ich nicht nur einen Stoff von ungeheurem Umfange vor mir: denn er führt mich über siebenhundert Jahre zurück, und wuchs, von so kleinem Anfange er ausging, zu dieser Größe, unter der er beinahe erliegt: sondern es wird auch gewiß für die meisten meiner Leser die Urgeschichte Roms mit ihren nächsten Zeiträumen so unterhaltend nicht sein; weil sie zu unserer neueren Zeit eilen, in welcher die Kräfte eines Stats, dem Übermacht so lange 2 schon eigen war, sich selbst verzehren. Ich hingegen will einen Lohn meiner Arbeit auch darin finden, daß ich mich von dem Anblicke der Übel, die unser Zeitalter seit so vielen Jahren sah, wenigstens so lange wegwende, als ich mich mit ganzer Seele in jene Vorwelt versetze, und noch von allen den Rücksichten unangefochten bin, die den Geschichtschreiber, falls sie ihn auch von der Wahrheit nicht ablenken, doch verlegen machen können. Jene, mehr im Schmucke der dichterischen Erzählung, als durch unverfälschte Denkmale der Geschichte auf uns gekommenen Angaben von Umständen, die sich länger oder zunächst Stroth und viele andere verstehen unter ante conditam die nähere, unter ante condendam die entferntere Zeit vor Roms Erbauung. Allein post conditam heißt die ganze Zeit nach Erbauung Roms, nicht bloß die unmittelbar auf die Erbauung folgende; eben so ante conditam alle Zeit vor der Erbauung, die früheste nicht ausgeschlossen. Als aber Romulus schon im Bauen begriffen war, die Erbauung der Stadt also schon begann, da war Rom urbs condenda, die Stadt, die er bauen sollte und an der er schon baute. Weil der Lateiner kein eigentliches Præsens participii passivi hat, so bedient er sich dafür, wenn die Zeit theils schon gegenwärtig, theils noch zukünftig (nur noch nicht vergangen) ist, seines Futuri participii passivi; gerade so wie Livius selbst, am Ende dieser Vorrede, seine Arbeit, die jetzt beginnen soll und schon beginnet, rem ordiendam nennt. So an vielen andern Stellen. So sind z. B. VII. 40. vota nuncupanda nicht die Gelübde, die einst noch ausgesprochen werden sollen, sondern, welche Valerius so eben zu thun gehabt hatte. Cap. 15. B. I. non animus in regno avito recuperando, non condendæ urbis consilium, non bello ac pace firmandæ . Man sehe den Nannius beim Drakenborch, welchem dieser und Perizonius folgen. Troja's Zerstörung, Äneas, Latinus, Laviniums und Alba's Erbauung, die Reihe der Silvier, Evander, Cacus, Herkules, sind die Gegenstände, die Livius unter der Angabe ante conditam urbem begreift. So wie er aber Cap. 4. mit den Worten sed debebatur (im Imperf. liegt die Zeit iam nunc) fatis origo urbis (iam voluntati deorum satisfieri debebat, ut conditor nasceretur; iam adventabat tempus condendae urbis) gleich zu vi compressa Vestalis übergeht; so nimmt er auch an unsrer Stelle bei den Worten condendamve urbem Rücksicht auf das gleich nachher folgende: ut primordia urbium augustiora faciat, und geht wieder, wie in jener Stelle, zur Geburt des Romulus über, ut, quum suum conditorisque sui parentem Martem potissimum ferat. So gehören in die Periode ante condendam urbem Mars, Rhea, die Geburt der Zwillinge, die Wölfinn, Faustulus, Numitor, Amulius, die Lupercalien, die 6 und die 12 Geier etc. vor 3 Erbauung der Stadt ereignet haben sollen, denke ich eben so wenig zu erhärten, als zu widerlegen. Man hält es der alten Welt zu Gute, wenn sie durch die in die Begebenheiten der Menschen eingemischten Erzählungen von Göttern die Urgeschichte der Staten ehrwürdiger zu machen sucht. Und soll irgend ein Volk auf die Erlaubniß, Heiligkeit in seinen Ursprung zu tragen und göttlicher Einwirkung ihn zuzuschreiben, ein Recht haben; so hat das Römische Volk des kriegerischen Ruhmes so viel, daß die Völker der Erde es eben so willig sich gefallen lassen können, wenn es nun gerade den Mars für seinen und seines Stifters Vater erklärt, als sie sich es gefallen lassen, daß es sie beherrscht. Wie man diese und ähnliche Erzählungen beachten oder beurtheilen werde, kann mir ziemlich gleichgültig sein. Aber darauf, wünschte ich, möge Jeder seine ganze Aufmerksamkeit richten, wie die Lebensart, wie die Sitten waren; durch was für Männer und was für Mittel im Kriege und Frieden Rom seine Oberherrschaft erwarb und erweiterte . Kommt dann die Zeit, wo die alte Zucht allmälig in Verfall gerieth; so verfolge man mit seiner Aufmerksamkeit die anfangs sich gleichsam aus ihren Fugen lösende Sittlichkeit Das Gleichniß ist von einem Gebäude hergenommen. , wie sie nachher immer tiefer sank, dann unaufhaltsam zusammenstürzte; bis wir endlich diese Zeiten erlebt haben, in denen uns unser Verderbniß und seine Heilmittel gleich unerträglich sind. Und gerade dies ist es, was uns die Geschichte zu einer so heilsamen und 4 fruchtbringenden Kenntniß macht; daß wir nämlich die lehrreichen Beispiele aller Art, wie auf einem beleuchteten Denkmale ausgestellt, betrachten können; aus ihnen dann zu unserm und des States Besten das Nachahmungswürdige; aus ihnen die abscheuliche That von gleich abscheulichem Ausgange, um sie zu meiden, uns ausheben. Übrigens täuscht mich entweder die Liebe zu meinem übernommenen Geschäfte, oder es war wirklich nie ein Stat größer, ehrwürdiger, an guten Beispielen reicher; es war nie eine Stadt, in welche sich Habsucht und Verschwendung so spät eingeschlichen hätten; nie eine, in welcher Armuth und Sparsamkeit so hoch und so lange geachtet waren, So unleugbar ist es, daß die Menschen um so viel weniger begehrten, als sie weniger besaßen. Es ist ja so lange noch nicht, daß der Reichthum den Geiz, und der Überfluß an Befriedigungen der Sinnlichkeit die Sucht in Rom eingeführt haben, durch Üppigkeit und Ausschweifung sich selbst und Alles neben sich zu Grunde zu richten. Doch Klagen, selbst dann nicht einmal angenehm, wenn sie sich mir sogar aufdringen möchten, sollen bei einem so wichtigen Vorhaben sich wenigstens nicht in den Anfang mischen. Weit lieber würde ich, wenn es bei uns, wie bei den Dichtern, Brauch wäre, unter vorbedeutenden Segenssprüchen beginnen, Göttern und Göttinnen Opfer verheißen und sie anrufen, der Unternehmung eines so großen Werks. einen gesegneten Fortgang angedeihen zu lassen. Erstes Buch. Bis zum Jahre Roms 245. 7 Inhalt des ersten Buchs. Das erste Buch enthält die Ankunft des Äneas in Italien und seine Thaten; die Regierung des Ascanius zu Alba, des Äneas Silvius und der folgenden Silvischen Könige. Numitors Tochter vom Mars geschwängert. Romulus und Remus geboren. Amulius getödtet. Romulus bauet Rom ; wählt einen Senat; kriegt mit den Sabinern; bringt dem Jupiter Feretrius die Fürstenbeute dar; theilt das Volk in Curien; besiegt die Fidenaten und Vejenter; wird vergöttert. Numa Pompilius faßt die Einrichtung des Gottesdienstes schriftlich ab; bauet den Janustempel, und ist der Erste, der ihn verschließt, weil er alle umliegenden Völker zum Frieden vermochte; giebt nächtliche Zusammenkünfte mit der Göttinn Egeria vor, und erweckt in seinen rohen Kriegern Gefühl für Religion. Tullus Hostilius bekriegt die Albaner. Gefecht der Drillingsbrüder. Horatius freigesprochen. Todesstrafe des Mettus Fuffetius; Zerstörung Alba's; Versetzung der Albaner nach Rom. Krieg mit den Sabinern. Tullus vom Blitze erschlagen. Ancus Marcius erneuert den vom Numa eingeführten Gottesdienst; besiegt die Latiner, nimmt sie in die Stadt auf und weiset ihnen den Berg Aventinus an. Er erobert Politorium, eine Latinische Stadt, welche die Alt-Latiner genommen hatten, und schleift sie. Er schlägt eine Balkenbrücke über die Tiber, zieht den Hügel Janiculus zur Stadt; erweitert die Gränzen des Reichs; bauet Ostia. Unter seiner vierundzwanzigjährigen Regierung kommt Lucumo, des Korinthiers Damaratus Sohn, von Tarquinii, einer Hetrurischen Stadt, nach Rom, wird des Ancus Freund, nimmt den Namen Tarquinius an, und setzt sich nach Ancus Tode auf den Thron. Er vermehrt den Senat um hundert Mitglieder; giebt dem Circus seinen Platz und stellt Spiele an. Weil ihn die Sabiner angreifen, verstärkt er die Centurien der Ritter. Den Augur Attus Navius und seine Kunst in Versuchung zu führen, soll er ihn befragt haben, ob das thunlich sei, was er jetzt im Sinne habe. Auf erfolgtes Ja habe er ihm aufgefordert, einen Kieselstein mit einem Schermesser zu durchschneiden, und Attus habe das sofort gethan. Er besiegt die Sabiner; zieht eine 8 Mauer um die Stadt; legt die Ableitungen an. Nach einer Regierung von achtunddreißig Jahren ermorden ihn die Söhne des Ancus. Ihm folgte Servius Tullius, geboren von einer edlen Gefangenen aus Corniculum. Der Sage nach stand ihm, als Knaben in der Wiege, das Haupt in Flammen. Er schlägt die Vejenter und Hetrusker, hält die erste Schatzung und beendet das Schatzungsopfer, bei welchem achtzigtausend Bürger geschatzt sein sollen. Er macht die Eintheilung in Classen und Centurien; rückt die Gränze des Mauerzwingers weiter vor; zieht die Hügel Quirinalis, Viminalis und Esquilinus zur Stadt und bauet den Tempel der Diana auf dem Aventinus mit den Latinern gemeinschaftlich. Nach vierundzwanzigjähriger Regierung wird er vom Lucius Tarquinius, des Priscus Sohne, auf Anstiften seiner eignen Tochter Tullia ermordet. Weder vom Senate, noch vom Volke zum Könige ernannt, eignet sich Lucius Tarquinius der Harte den Thron zu, an eben dem Tage, als die ruchlose Tullia auf ihrem Wagen über ihren im Blute liegenden Vater hinfuhr. Er legt sich eine Leibwache zu; bringt durch List den Turnus Herdonius ums Leben; führt Krieg mit den Volskern und legt von dieser Beute auf dem Capitole dem Jupiter einen Tempel an. Die Altäre des Terminus und der Juventas dürfen nicht verlegt werden, weil diese ihre Einwilligung versagen. Durch die List seines Sohnes Sextus Tarquinius unterwirft er sich die Stadt Gabii. Seine Söhne reisen nach Delphi, und bekommen auf die Frage, wer von ihnen zu Rom regieren werde, die Antwort: «Wer zuerst die Mutter küssen wird.» Indeß sie den Ausspruch unrichtig deuten, stellt sich Junius Brutus, ihr Reisegefährte, als fiele er, und küsset die Erde. Ihn rechtfertigt der Erfolg. Denn Tarquinius der Harte, der sich Alles erlaubte, zog sich allgemeinen Haß zu. Sein Sohn Sextus entehrte durch nächtliche Gewaltthat die Lucretia. Sie ließ ihren Vater Tricipitinus und Gemahl Collatinus holen, beschwur sie; ihren Tod zu rächen und erstach sich mit einem Messer. Darüber jagte man den Tarquinius, nach einer Regierung von fünfundzwanzig Jahren, hauptsächlich durch Zuthun des Brutus, aus dem Reiche. Man ernennt Consuln. Lucius Junius Brutus und Lucius Tarquinius Collatinus bekleiden dies Amt zuerst. 9 Erstes Buch. 1. Gleich die erste, allgemein angenommene, Nachricht sagt: Bei der Eroberung von Troja wurden die übrigen Trojaner feindlich behandelt. Nur gegen zwei, den Äneas und Antenor, machten die Griechen, als gegen ihre alten Gastfreunde, und weil sie immer zum Frieden und zur Herausgabe der Helena gerathen hatten, von keinem Kriegsrechte Gebrauch. Durch mancherlei Unfälle sei dann Antenor Antenors und seiner Ankunft in der Gegend von Padua, welches er gebaut haben soll, erwähnt Livius, weil er selbst aus Patavium (Padua) gebürtig war. mit einem Heerhaufen von Henetern, welche ohne Heimat und Führer sich an ihn geschlossen hatten, – – denn sie waren aus Paphlagonien durch Aufruhr vertrieben, und ihr König Pylämenes vor Troja gefallen; – – in die innerste Bucht des Hadriatischen Meers gekommen; Heneter und Trojaner hätten die zwischen dem Meere und den Alpen wohnenden Euganeer vertrieben und jene Länder behauptet. Auch nennt sich wirklich der Ort, wo sie zuerst das Land betraten, Troja, und nach ihm ein Bezirk von Dorfschaften der Trojanische . Das ganze Volk bekam den Namen Veneter . Äneas, gleichfalls von jenem Schlage getroffen und aus seiner Heimat flüchtig, allein vom Schicksale zu einer wichtigern Stiftung geleitet, sei zuerst nach Macedonien gegangen; von da als ein Segler, der eine Niederlassung sucht, an Sicilien getrieben; von Sicilien aus habe er endlich mit seiner Flotte das Laurentische erreicht. Auch dieser Platz hat den Namen Troja . Wie sich die Trojaner hier ausgeschifft hatten, und als Leute, denen ihre fast unermeßlichen Seefahrten nichts als Waffen und Schiffe übrig gelassen hatten, im Lande plünderten; so eilten König Latinus und seine Aboriginer, die damaligen 10 Bewohner dieser Gegend, aus der Stadt und aus den Dörfern bewaffnet herbei, den Gewaltthätigkeiten der Ankömmlinge zu wehren. Da giebt es nun zweierlei Berichte. Einige sagen, Latinus habe nach verlorner Schlacht zuerst Frieden, dann auch ein Heirathsbündniß mit Äneas geschlossen. Nach Andern trat Latinus, als die Heere in Schlachtordnung dastanden, noch vor dem Zeichen zum Angriffe, zwischen den Vorderreihen Eben so Cap. 12 . Ad primores Romulus provolat. auf, und lud das Oberhaupt der Fremden zu einer Unterredung ein. Er erkundigte sich, wer und woher sie wären, durch welchen Unfall sie ihre Heimat verlassen, und in welcher Absicht sie sich auf Laurentischem Boden ausgeschifft hätten. Und wie er da vernahm, das Volk bestehe aus Trojanern ; ihr Führer sei Äneas, Anchisens und der Venus Sohn; nach Einäscherung ihrer Vaterstadt und weil sie ihr Land hätten meiden müssen, hofften sie eine Niederlassung und Platz zur Anlage einer Stadt zu finden: so reichte er aus Achtung für den Adel der Nation und ihres Helden, nicht weniger für ihren auf Krieg und Frieden gleich gefaßten Muth, dem Äneas zum Unterpfande ihrer künftigen Freundschaft seine Rechte. Beide Heerführer schlossen einen Bund: die Heere begrüßten sich. Latinus nahm den Äneas in seinen Pallast auf; und hier knüpfte er, im Angesichte seiner Hausgötter, an den Völkerverein einen Familienbund: er gab dem Äneas seine Tochter. Und vorzüglich dieser Umstand erfüllte die Trojaner mit der festen Hoffnung, endlich im Besitze eines bleibenden und bestimmten Wohnorts ihren Fahrten ein Ziel gesteckt zu sehen. Sie legten eine Stadt an. Äneas nannte sie, nach seiner Gemahlinn, Lavinium . In kurzem war auch aus der neuen Ehe ein männlicher Erbe da, dem seine Ältern den Namen Ascanius gaben. 2. Jetzt wurden beide Völker, Aboriginer und Trojaner, feindlich angegriffen. Turnus, König der Rutuler, dem die Prinzessinn Lavinia vor des Äneas Ankunft versprochen war, hatte aus Unwillen, daß ihm ein Fremder 11 vorgezogen wurde, dem Äneas und Latinus den Krieg angekündigt. Eine Schlacht lief für beide Heere nicht erfreulich ab. Die Rutuler wurden geschlagen: die siegenden Aboriginer und Trojaner verloren ihren Feldherrn Latinus. Turnus und seine Rutuler nahmen aus Mistrauen auf eigne Kräfte ihre Zuflucht zu der blühenden Macht der Hetrusker und deren Könige, Mezentius . Er herrschte in der damals mächtigen Stadt Cäre . Gleich anfangs gegen das Entstehen der neuen Stadt nicht gleichgültig, überzeugte er sich jetzt noch mehr von der, für die Sicherheit der Nachbaren viel zu schnell anwachsenden, Macht des Trojanischen States, und nahm keinen Anstand, mit seinem Heere zu den Rutulern zu stoßen. Äneas, der sich gegen einen so schweren hereinbrechenden Krieg die Liebe der Aboriginer sichern wollte, nannte beide Völker, um sie unter einerlei Regierung auch durch Einen Namen zu verbinden, Latiner . Und von nun an gaben die Aboriginer an Eifer und Treue für ihren König Äneas den Trojanern nichts nach. Hetruriens Macht war so ansehnlich, daß es nicht bloß das feste Land, sondern schon das Meer an ganz Italien hinunter, von den Alpen bis zur Siculer Meerenge, mit dem Rufe seines Namens erfüllte. Gleichwohl führte Äneas, der sich in Lavinium hätte belagern lassen können, dreist auf die Liebe seiner beiden sich täglich inniger verbindenden Völker, sein Heer vor den Feind. Die erfolgte Schlacht war für die Latiner Secundum inde praelium. – Die Übersetzer alle verstehen unter secundum ein glückliches Treffen. Bei den Erklärern finde ich nichts, außer bei Crevier . Er sagt: Intellige secundum ordine, cui mox opponitur etiam ultimum. Primum prælium Aboriginibus simul Troianisque fuerat adversus Turnum . Diesmal aber haben die Übersetzer Recht gegen Crevier . Denn Livius könnte uns Cap. 3. bei den Worten: Tantum tamen opes creverant, maxime fusis Hetruscis, ut ne morte quidem Aeneæ cet. die Frage nicht verargen: Wo hast du uns denn gesagt, daß die Hetrusker geschlagen wurden? wenn er es nicht gerade durch diese Stelle Secundum inde prælium Latinis gethan hätte. Etiam ultimum ist Gradation. Für die Latiner war dies Treffen Sieg, für den Äneas sogar Übergang zur Vergötterung. glücklich: für den Äneas war sie der Beschluß seiner irdischen Thaten. Er ruhet – was für ein Name ihm nach menschlichen und göttlichen Rechten gebühren mag – auf 12 dem jenseitigen Ufer des Flusses Numicus . Gewöhnlich heißt er Jupiter, der heimische . 3. Noch war Ascanius, des Äneas Sohn, dem Throne nicht gereift: doch blieb ihm sein Königreich bis zur Volljährigkeit ungeschmälert. So lange beruhete der ganze Latinische Stat und ein von Großvater und Vater zusammengestammtes Reich, unter der Leitung einer Frau – und diese große Frau war Lavinia – auf einem Knaben. Ich möchte aber noch sehr zweifeln – denn wer wollte Dinge von so hohem Alter für gewiß behaupten? – ob der Ascanius, den die Julische Familie nach seinem zweiten Namen, Iulus, als ihren Stammvater angiebt, mit dem unsrigen Eine Person, oder ein Älterer gewesen sei, der in Trojas glücklichen Zeiten dem Äneas von der Creusa geboren wurde und dann den Vater auf der Flucht begleitete. Genug Ascanius, wo und von welcher Mutter er geboren sein mag; nach aller Aussage des Äneas Sohn; überließ, weil Lavinium zu volkreich wurde, diesen für damalige Zeiten blühenden und wohlhabenden Ort, seiner Mutter oder Stiefmutter, und baute sich am Fuße des Berges Albanus eine neue Stadt. Sie bekam von ihrer am Abhange hinlaufenden Länge den Namen Alba Longa (Lang Alba). Zwischen den beiden Pflanzungen von Lavinium und Alba Longa verflossen etwa nur dreißig Jahre: allein der Stat war so in Aufnahme gekommen, vorzüglich durch die Besiegung der Hetrusker, daß bei Äneas Tode, und nachher, während der Geschäftsführung einer Frau und der ersten Lehrjahre des jungen Königs, weder Mezentius und die Hetrusker, noch die übrigen Nachbarn einen Angriff wagten. Vermöge des Friedenschlusses schied der Strom Albula, unsre Tiber, Hetrurien und Latium als Gränze. Nach dem Ascanius regierte sein Sohn Silvius, durch einen Zufall im Walde geboren. Dieser zeugte den Äneas Silvius ; dieser wieder den Latinus Silvius, der einige Pflanzstädte anlegte, welche den Namen Altlatiner bekamen. Alle folgenden Könige von Alba aus diesem Geschlechte behielten den Zunamen Silvius . Des Latinus Sohn war Albu, des Alba Atys, des Atys Capys, des 13 Capys Capetus, des Capetus Sohn Tiberinus, der bei einer Überfahrt im Strome Albula ertrank und so dem Flusse den in der Folge üblichen Namen gab. Sein Sohn Agrippa folgte ihm. Nach dem Agrippa beherrschte Romulus Silvius das vom Vater ererbte Reich. Er hinterließ es, als er vom Blitze getödtet wurde, durch die Erbfolge dem Aventinus . Vom Aventinus hat der Hügel, der jetzt ein Theil der Stadt Rom ist, den Namen, weil er da begraben liegt. Nach ihm regierte Proca, und hatte den Numitor und Amulius zu Söhnen. Er bestimmte das alte Königreich des Silvischen Stammhauses dem älteren, dem Numitor . Allein Gewalt setzte sich über den väterlichen Willen und über die der Erstgeburt schuldige Achtung hinaus. Amulius nahm seinem Bruder den Thron, und knüpfte an diese Frevelthat eine neue, die Ermordung seines Brudersohns. Die Tochter Rhea Silvia, machte er zur Vestalinn, und nahm ihr unter diesem Scheine der Ehre, durch das Gelübde des ledigen Standes, alle Hoffnung Mutter zu werden. 4. Gleichwohl trat jetzt der Zeitpunkt ein, auf welchen das Schicksal, wie ich glaube, den Ursprung einer so großen Stadt und den Anfang des, nächst der Macht der Götter, größesten Reichs bestimmt hatte. Die gewaltsam übermannete Vestalinn kam mit Zwillingen nieder, und gab, entweder aus Überzeugung, oder weil ein Gott ein ehrenvollerer Verführer war, den Mars als Vater ihrer namenlosen Kinder an. Und doch schützten weder Götter, noch Menschen sie selbst, oder ihre Kleinen vor des Königs Grausamkeit. Sie – eine Vestalinn! – wurde in Fesseln gefangen gelegt: die Knaben hieß er in den Strom werfen. Durch göttliche Schickung hatte sich die Tiber über ihre Ufer in stehende Sümpfe ergossen. So wenig man irgendwo zum eigentlichen Strome kommen konnte, so hielten doch die königlichen Diener, als sie mit den Zwillingen ankamen, ein noch so seichtes Wasser für tief genug, die Neugebornen zu ertränken, und setzten, als leisteten sie so dem königlichen Befehle Genüge, in der nächsten Anspülung die Kinder aus, da, wo jetzt der 14 Ruminalische Ruminalis ficus. – Die Zitzenfeige, weit hier die Wölfinn die Zwillinge gesäugt hatte. Feigenbaum steht, der eine Zeitlang der Romularische geheißen haben soll. Diese Gegend war damals eine unbewohnte Wüste. Als das sinkende Wasser die hin und her treibende Mulde, worin die Knaben ausgesetzt waren, auf festem Boden stehen ließ, so zog, der angenommenen Sage nach, das Wimmern der Kinder eine Wölfinn, die um zu trinken vom nahen Gebirge kam, herbei. Sie gab den Kleinen ihre dargereichten Zitzen mit so viel Milde, daß sie der Oberhirt der königlichen Heerden angetroffen haben soll, wie sie die Knaben leckte. Man sagt, er hieß Faustulus, und nahm die Kinder mit in die Standhütten der Hirten zu seiner Frau Larentia, um sie aufzuziehen. Einige nehmen an, Larentia habe, weil sie sich preisgegeben, bei den Hirten lupa (die Liederliche) geheißen; (lupa heißt auch eine Wölfinn ) dies sei der Ursprung jener Sage und ihres Wunders. So geboren und so erzogen, durchstreiften sie, sobald sie heranwuchsen, ohne auf dem Standplatze der Hirten und bei der Viehweide lässig zu sein, die umliegenden Forsten auf ihren Jagden. Hiedurch an Körper und Geist gestärkt, wagten sie sich bald nicht bloß an wilde Thiere, sondern fielen auf die mit Beute beladenen Straßenräuber, theilten unter ihre Hirten den Raub aus und machten bei dem sich täglich mehrenden Zuflusse von Jünglingen ihre Zirkel zu Genossen aller Geschäfte und Spiele. 5. Schon damals soll auf dem Palatinischen Berge unser heutiges Lupercal eine feierliche Lustbarkeit gewesen sein, und der Berg von der Arcadischen Stadt Pallanteum den Namen Pallantium, nachher Palatium, bekommen haben. Evander stammte von jenen Arcadiern ; hatte, der Sage nach, schon mehrere Menschenalter vorher diese Gegend im Besitze und führte die aus Arcadien mitgebrachte Feierlichkeit auch hier ein. Halbbekleidete Jünglinge mußten, dem Lyceischen Pan zu Ehren, den die Römer nachher Inuus nannten, unter muthwilligen 15 Scherzen umherlaufen. In diesem Spiele, dessen Festlichkeit niemand unbekannt sein konnte, waren die Brüder eben begriffen, als sie von jenen Straßenräubern, die den Verlust ihrer Beute rächen wollten, überfallen wurden. Romulus erwehrte sich ihrer mannhaft. Den Remus nahmen sie gefangen und stellten ihn, sogar mit Beschuldigungen, vor den König Amulius . Die Hauptanklage bestand darin: Diese beiden thäten Einfälle in Numitors Gebiet und plünderten dort, mit einer Rotte junger Leute, gleich Feinden. Auf diese Aussage ließ Amulius den Remus zur Hinrichtung an Numitor abliefern. Schon seit jener ersten Zeit hatte Faustulus die Vermuthung genährt, daß seine Zöglinge königlicher Abkunft wären. Er wußte, daß auf königlichen Befehl Zwillinge ausgesetzt waren; und die Zeit, in der er sie zu sich genommen, traf genau mit jener überein. Doch wollte er sein Geheimniß, so lange es noch nicht gereift wäre, nicht kund werden lassen, wenn ihn nicht ein günstiges Ereigniß, oder die Noth, dazu aufforderte. Die Noth trat früher ein. In der Angst eröffnete er dem Romulus die ganze Sache. Zu gleicher Zeit fiel auch dem Numitor, der den Remus gefangen hielt, der Gedanke an seine Enkel aufs Herz. Er verglich mit der Nachricht von ihrer Zwillingsgeburt ihr Alter, und vollends ihr gar nicht hirtenmäßiges Benehmen: und durch Nachfrage kam auch er eben so weit, daß er nahe daran war, den Remus anzuerkennen. Von allen Seiten also machte man Anschläge gegen den König. Nicht an der Spitze einer anrückenden Schar; denn zu offenbarer Gewalt war er zu schwach; mit seinen vertheilten Hirten, die er auf verschiedenen Wegen um eine bestimmte Zeit am königlichen Schlosse zusammentreffen hieß, brach Romulus zum Könige hinein. Von Numitors Wohnung aus unterstützte ihn Remus mit einem zweiten bereitgehaltenen Haufen: und der König wurde ermordet. 6. Beim ersten Auflaufe sprengte Numitor aus, es wären Feinde in die Stadt gefallen und hätten schon das Schloß angegriffen. Dadurch gelang es ihm, die 16 Mannschaft in Alba auf die Nebenfestung abzurufen, als müsse man wenigstens diese mit gewaffneter Hand zu behaupten suchen. Kaum aber sah er die jungen Helden nach vollbrachter That unter einem Freudengeschrei heranziehen, so rief er das Volk herbei und machte ihm die Frevelthaten seines Bruders gegen ihn, die Abkunft seiner Enkel, ihre Geburt, Erziehung und Entdeckung, zuletzt den Tod des Tyrannen und seine Mitwirkung dazu bekannt. Und als die Brüder, die mit ihrem Gefolge in die Mitte des Kreises einzogen, ihren Großvater als König begrüßten, so bestätigte der beistimmende Zuruf der ganzen Versammlung ihm Titel und Gewalt. Romulus und Remus sahen den Numitor wieder im Besitze von Alba . Da stieg in ihnen der Wunsch auf, in diesen Gegenden, wo sie ausgesetzt, wo sie erzogen waren, eine Stadt zu bauen. Und wirklich hatte Alba und Latium an Menschen Überfluß: nun kamen noch die Hirten dazu. Diese zusammengenommen konnten ihnen die Hoffnung einflößen, daß, gegen die zu erbauende Stadt, ein Alba, ein Lavinium, nur Städtchen sein würden. Hier aber mischte sich in ihre Entwürfe das vom Großoheime geerbte Übel, die Herrschsucht, und dadurch entspann sich aus einem sehr unschuldigen Anfange die traurigste Fehde. Sie waren Zwillinge: Achtung für Erstgeburt konnte für keinen den Ausschlag geben. Um also die Gottheiten selbst, in deren Schutze die Gegend stand, durch ihren Vogelflug entscheiden zu lassen, wer die neue Stadt nach sich benennen, und, wenn sie dastände, beherrschen sollte, bezogen sie, zur Beobachtung der Vögel, jeder eine Schauhöhe, Romulus auf dem Palatium, Remus auf dem Aventinum . 7. Remus, heißt es, war der erste, dem die glückbringenden Vögel kamen; sechs Geier. Als aber, nach eben angelangter Meldung, dem Romulus doppelt so viele erschienen, so wurde jeder von seinem Haufen zum Könige erklärt. Jene eigneten sich diese Besetzung des Throns nach dem Vorrechte zu, das ihnen die Zeit gab; diese, nach der Anzahl der Vögel. Zankend wurden sie 17 handgemein; durch den Wetteifer erbittert schritten sie zu blutigen Thaten: Remus, im Gewühle, wurde tödtlich getroffen und sank. Die gemeine Sage ist die: Seinem Bruder zum Spotte sei Remus über die angefangene Mauer gesprungen. Der erzürnte Romulus habe ihn erschlagen, und diesen Fluch ihm nachgerufen: «So fahre jeder, der nach dir über meine Mauer setzt!» So ward Romulus alleiniger Herrscher, und die erbaute Stadt nach ihrem Erbauer genannt. Das Palatium, auf dem er erzogen war, wurde zuerst ummauert. Den übrigen Göttern brachte er ihre Opfer nach Albanischem, dem Herkules nach Griechischem Brauche, wie ihn Evander angeordnet hatte. Herkules nämlich, so erzählt man, führte die wunderschönen Rinder des von ihm erlegten Geryon in diese Gegend. Der durch die Tiber vor sich hin getriebenen Heerde schwamm er nach. Um die Kühe durch die Ruhe und fette Weide zu erquicken, und selbst von der Wanderung ermüdet, lagerte er sich hier auf dem grasigen Anger, Speise und Wein, reichlich genossen, gaben ihm einen tiefen Schlaf. Ein auf seine Stärke trotzender Hirt aus jener: Gegend, Cacus hieß er, der zu den schönen Rindern Lust bekam, suchte mit dieser Beute zu entkommen. Brachte er sie aber als Treiber in seine Höhle, so mußten selbst die Spuren den suchenden Eigenthümer dorthin führen. Also zog er die Kühe, die schönsten alle, bei den Schwänzen rückwärts in die Höhle. Herkules, der mit der ersten Morgenröthe erwachte, seine Heerde musterte und sie nicht vollzählig fand, ging auf die nahe Höhle zu, ob etwa die Spuren dort hinführten. Er sah sie aber alle auswärts gekehrt und sonst nirgendwo hinlaufen. Verlegen und unschlüssig wollte er schon aus einer so unsichern Gegend weiter treiben, da erhoben, wie die Kühe pflegen, aus Sehnsucht nach den Zurückgebliebenen, einige ihr Gebrüll, und die aus der Höhle schallende Antwort der Eingeschlossenen bewog den Herkules umzukehren. Er ging grade auf die Höhle zu. Cacus wollte ihm den Eingang mit Gewalt verwehren, schrie den Hirten; wiewohl vergeblich, 18 zu, ihm zu helfen, und wurde mit der Keule zu Boden gestreckt. Evander, nach seiner Flucht aus Peloponnes, beherrschte damals diese Gegend, mehr durch sein Ansehen, als durch Befehle. Das Wunder der Buchstabenschrift, für jene mit den Wissenschaften unbekannten Menschen etwas Staunenswerthes, hatte ihn der Nation ehrwürdig gemacht, ehrwürdiger noch der Glaube an die göttlichen Eingebungen seiner Mutter Carmenta, welche schon vor der Ankunft der Sibylle in Italien von diesen Völkern als Prophetinn bewundert wurde. Auch jetzt zog der Auflauf der Hirten, die den Fremdling, als offenbaren Mörder, verlegen umstanden, den Evander herbei. Als er sich die That und ihre Veranlassung hatte erzählen lassen, und in dem Äußern und Persönlichen des Mannes eine Größe und Erhabenheit wahrnahm, die ihn hoch über Menschen hinaussetzte, so fragte er ihn, was für ein Held er sei. Und wie er da seinen Namen, Vater und Vaterland erfuhr, rief er aus: « Jupiters Erzeugter, Herkules, sei mir gegrüßt! Meine Mutter, durch deren Mund die Götter Wahrheit verkündeten, hat mir geweissagt, daß du die Zahl der Himmlischen mehren werdest, und daß dir hier ein Altar geweihet werden solle, den einst das mächtigste Volk auf Erden den Großen nennen und nach der Weise deines Landes auf ihm opfern werde.» Herkules gab ihm die Rechte und erklärte, er nehme die Verheißung an, und wolle durch Errichtung und Einweihung eines Altars den Spruch des Schicksals erfüllen. Sogleich vollzogen sie mit einem aus der Heerde erlesenen Stiere, dem Herkules zu Ehren, hier das erste Opfer, zu dessen Ausrichtung und Mahle die angesehensten Geschlechter jener Gegend, die Potitier und Pinarier, geladen wurden. Es traf sich, daß die Potitier zur gesetzten Zeit sich einfanden, und von den Eingeweiden mitaßen; daß hingegen die Pinarier erst nach verzehrtem Opferfleische zu den späteren Gerichten kamen. Seitdem blieb es gesetzlich, daß die Pinarier, so lange ihr Geschlecht dauerte, von den Eingeweiden der öffentlich gebrachten Opfer nicht essen durften. Die Potitier wurden von Evander über diesen Gottesdienst belehrt, 19 und versahen ihn viele Menschenalter hindurch als Oberpriester; bis endlich darüber, daß sie dies ihrer Familie erbliche Religionsgeschäft durch Sklaven verrichteten, die der Stat hielt, der ganze Stamm der Potitier erlosch. Dies war der einzige ausländische Gottesdienst, den Romulus jetzt aufnahm; für eine durch Thaten erworbene Unsterblichkeit, zu welcher seine Bestimmung auch ihn leitete, schon damals der Gefühlvolle. 8. Nach gehörig vollbrachten Opfern rief er seine Unterthanen zur Versammlung, und weil sie zu der Einheit eines Statskörpers nur durch Gesetze gedeihen konnten, so bestellte er ihnen ein Recht. Überzeugt, daß einem rohen Haufen dies nur dann heilig sein könne, wenn er sich selbst durch Kennzeichen der höchsten Gewalt ehrwürdiger machte, gab er sich eine grösere Majestät, sowohl in seinem übrigen Äußeren, als vorzüglich durch zwölf angenommene Lictoren (Gerichtsdiener). Einige glauben, er habe in dieser Zahl die Anzahl der Vögel befolgt, die ihm durch ihren glücklichen Flug den Thron verkündigt hatten. Ich trage kein Bedenken, der Meinung derer beizupflichten, welche unsre obrigkeitlichen Bedienten ( Apparitoren ), und auch diese Classe derselben, ja selbst ihre Anzahl von unsern Nachbarn, den Hetruskern, herleiten, von denen wir auch den Thronsessel und den verbrämten Prachtrock bekommen haben: bei den Hetruskern aber waren es darum so viele gewesen, weil ihrem aus zwölf Völkern gemeinschaftlich gewählten Könige jedes Volk einen Gerichtsdiener gestellt habe. Unterdeß wuchs die Stadt durch Bebauung eines Platzes nach dem andern, indem sie bei Aufführung ihrer Häuser mehr auf eine zu hoffende Volksmenge, als auf die gegenwärtige Menschenzahl sahen. Um aber die Stadt, deren Anlage nicht umsonst so groß gemacht sein sollte, zu bevölkern, befolgte er die Maßregel älterer Städtebauer, welche die unbekanntesten und niedrigsten Leute zu sich einluden, und dann vorgaben, ein neues Menschengeschlecht sei ihnen aus der Erde erwachsen. Er eröffnete auf dem Platze, welcher jetzt; wenn man die Straße: 20 Zwischen den beiden Hainen, hinabgeht, durch eine Befriedigung gesperrt ist, eine Freistatt . Allerlei Gesindel aus den benachbarten Völkern, Freie und Sklaven ohne Unterschied, führte der Wunsch, sich in einem neuen State zu versuchen, hier zusammen; und dies gab der Größe, auf die man sich eingelassen hatte, zuerst eine verhältnißmäßige Starke. Wie er schon mit seiner Macht zufrieden sein konnte, wünschte er, dieser Macht auch eine Leitung zu geben. Er wählte hundert Rathsherren. Entweder hielt er diese Anzahl für hinlänglich, oder es waren nur Hundert da, welche zu Vätern gewählt werden konnten: wenigstens wurden sie von ihrem Vorzuge Väter, und ihre Nachkommen Patricier (der Adel) genannt. 9. Schon hatte der Römische Stat eine solche Stärke, daß er jedem seiner Nachbarn im Kriege gewachsen war. Aber aus Armuth an Frauen konnte diese Größe nur Ein Menschenalter dauren. Zu Hause sahen sie sich ohne Hoffnung einer Nachkommenschaft; und noch berechtigten keine nachbarlichen Verträge sie zu Ehen im Auslande. Auf den Rath der Väter beschickte Romulus die nächsten Städte, und ließ für sein neues Volk um Bündnisse und Vergünstigung der Ehen anhalten. «Auch Städte,» sagten die Gesandten, «wüchsen, wie alles Andre, aus dem Kleinen auf. Große Macht und großen Namen erwürben nur mit der Zeit sich die, die durch Tapferkeit und göttlichen Segen sich höben. Sie wären überzeugt, daß das Emporkommen Roms die Götter gefördert hätten, und Tapferkeit es fördern werde. Sie möchten sich also nicht ungeneigt finden lassen, als Menschen mit Menschen Blutsfreunde und gemeinschaftliche Stammältern zu werden.» Nirgends fanden die Gesandten günstiges Gehör: so sehr verachteten Rom seine Nachbarn, und so gefährlich zugleich schien ihnen für sie und ihre Nachkommen das in ihrer Mitte sich erhebende Riesengebäude der Römischen Macht. Fast durchgängig wurden sie mit der Frage entlassen: Ob sie nicht auch für Frauenzimmer eine Freistatt errichtet hätten? Nur dann erst würden die 21 Ehepaare zu einander passen. Dies verdroß die jungen Römer; und Gewalt war von ihrer Seite so gut als beschlossen. Um ihnen dazu in Absicht der Zeit und des Orts behülflich zu sein, machte Romulus, ohne seinen Unwillen sich merken zu lassen, angelegentliche Vorkehrungen zu einem Ritterspiele, welches er unter dem Namen Consualien, dem ritterlichen Neptun zu Ehren, anstellen wollte. Er ließ den benachbarten Städten dies Schauspiel ankündigen; und die Römer machten, um Aufsehen und Erwartung zu erregen, so feierliche Zurüstungen, als sie für damalige Zeiten wußten und konnten. Es zog eine gewaltige Menge Menschen hin; zugleich auch, die neue Stadt zu sehen: am zahlreichsten die nächsten Nachbarn aus den Städten Cänina, Crustuminum, Antemnä . Da kam eine ganze Schar von Sabinern mit Weib und Kind. In allen Häusern fanden sie gastfreie Aufnahme, und wie sie die Lage und Befestigung Roms und die ansehnliche Häuserzahl sahen, wunderten sie sich über diesen schnellen Anwachs. Als endlich der Zeitpunkt des Kampfspieles herankam, und Herz und Auge hiermit beschäftigt war, brach die im Plane liegende Gewaltthätigkeit aus. Auf ein gegebenes Zeichen sprengten die Römischen Krieger nach allen Seiten zum Raube der Mädchen aus einander. Die meisten wurden ohne Wahl weggenommen, wie sie jedem in die Hände fielen: hie und da hatten sich die vornehmsten Adlichen eine hervorstechende Schöne ausersehen, welche ihnen durch ihre Beauftragten im Volke in die Häuser geliefert wurde. So, sagt man, hatten auch die Leute eines gewissen Talassius ein Mädchen aufgefasset, das an Wuchs und Schönheit alle andere übertraf. Und bei der vielen Nachfrage, wem sie diese zuführten, riefen sie, damit sich keiner an ihr vergriffe, zu wiederholten Malen: Dem Talassius! und dadurch sei dies Wort der hochzeitliche Zuruf geworden Vielleicht lag also in diesem Zurufe auf Römischen Hochzeiten ein Compliment für die Braut. Denn eine ausgezeichnete Schöne war es, die man zum Talassius trug, und nur, sie vor der Gefahr zu sichern, welcher ihre Schönheit sie aussetzte, rief man: Zum Talassius! . 22 Traurig nahmen die Ältern der Mädchen, nach dieser schreckenvollen Unterbrechung des Schauspiels, die Flucht; klagten laut über bundbrüchige Verletzung der Gastfreundschaft, und riefen zu dem Gott um Rache, zu dessen Feste und Spielen erheuchelte Gottesfeier und Redlichkeit sie gelocket habe. Auch bei den Geraubten waren die Aussichten nicht froher, der Unmuth nicht kleiner. Aber Romulus ging selbst in die Häuser und belehrte sie : «An dieser That sei bloß der Übermuth ihrer Väter schuld, die das Recht gegenseitiger Ehen Nachbarn geweigert hätten. Gleichwohl sollten sie rechtmäßige Gattinnen, sollten Mitgenossinnen des gesammten Vermögens, des Bürgerrechts, ja des Liebsten, was Menschen hätten, der künftigen Kinder sein. Sie möchten ihren Zorn besänftigen, und denen, welchen die Fügung ihre Personen geschenkt habe, auch ihre Herzen schenken. Schon oft habe eine Beleidigung Freundschaft zur Folge gehabt: und sie würden um so viel bessere Männer haben, weil jeder von seiner Seite sich bemühen werde, nach allen Beweisen der Liebe, die sich von ihm als Gatten erwarten ließen, ihnen auch für Ältern und Vaterland Ersatz zu geben.» Von einer andern Seite kamen die Liebkosungen der Männer, welche ihrer That Leidenschaft und Liebe zu Fürsprecherinnen gaben: eine bittende Entschuldigung, die ihre Wirkung auf das weibliche Herz nicht leicht verfehlt. 10. Schon hatten die Entführten sich merklich beruhigt. Aber gerade jetzt war der Zeitpunkt, in welchem die Ältern am dringendsten durch ihren Aufzug in Trauerkleidern, durch Thränen und Klagen ihre Mitbürger in Bewegung setzten. Auch schränkten sie die Ausbrüche ihres Unwillens nicht bloß auf ihre Heimat ein. Sie sammelten sich von allen Orten zum Titus Tatius, dem Könige der Sabiner ; und bei ihm – denn des Tatius Name stand in der ganzen Gegend in hoher Achtung – trafen ihre Gesandschaften zusammen. Zu den Beleidigten gehörten auch die Cäninenser, Crustuminer und Antemnaten . Nach ihrer Meinung 23 verfuhren Tatius und die Sabiner viel zu säumig. Also vereinten sich nur diese drei Volker zur gemeinschaftlichen Führung des Krieges. Ja den eifrigen und erbitterten Cäninensern waren auch die Crustuminer und Antemnaten nicht regsam genug. Aus eigner Kraft unternahmen sie den Einfall ins Römische Gebiet. Sie hatten sich auf Plünderungen versprengt, als Romulus mit seinem Heere ihnen begegnete und in einem leichten Gefechte die Nichtigkeit eines ohnmächtigen Zorns bewies. Er schlug ihr Heer in die Flucht, verfolgte die Fliehenden; erlegte im Treffen ihren König, zog ihm die Rüstung ab; und der Tod des Anführers lieferte ihm ihre Stadt im ersten Angriffe. Der Held, den seine Thaten verherrlichten, der aber auch mit diesen Thaten zu glänzen verstand, zog bei seiner Zurückkunft mit dem siegreichen Heere, die erbeuteten Waffen des erlegten feindlichen Heerführers an einem dazu verfertigten Gestelle emporhaltend, zum Capitole hinan. Hier legte er sie bei der den Hirten heiligen Eiche nieder, bestimmte zugleich mit diesem Geschenke dem Jupiter einen Platz zum Tempel, und betete den Gott unter einem neuen Zunamen an. « Jupiter Feretrius (Darbringejupiter),» sprach er, «dir bringe ich, König Romulus, diese königlichen Waffen als Sieger dar, und weihe dir auf dem Bezirke, den ich jetzt in Gedanken abmaß, einen Tempel, zum Sitze der Fürstenbeute (spolia opima), welche die Nachkommen, nach Erlegung feindlicher Könige und Heerführer, meiner Stiftung zufolge, dir darbringen werden.» Dies ist der Ursprung des ersten zu Rom geweiheten Tempels. Durch die Vorsorge der Götter blieb die Verheißung des Erbauers, daß hier seine Nachkommen dergleichen Beute darbringen würden, nicht unerfüllt; aber die Ehre dieser Darbringung sollte zugleich nicht durch die Menge derer, die sie erstreben mochten, gemein werden. Nur zweimal wurde nachher, in einer solchen Reihe von Jahren, in so vielen Kriegen, eine Fürstenbeute erkämpft. So selten war das Glück dieser Auszeichnung. 11. Indeß die Römer auf dieser Seite beschäftigt waren, nutzte das Heer der Antemnaten den Vortheil, die 24 Römischen Gränzen unbesetzt zu finden, zu einem feindlichen Einfalle. Im Fluge wurde das Römische Heer auch gegen sie geführt und überfiel sie in ihrer Ausbreitung über das Gefilde. Beim ersten Angriffe und Feldgeschreie waren die Feinde geschlagen. Ihre Stadt wurde erobert. Bei seiner Einzugsfeier nach diesem Doppelsiege bat den Romulus seine Gemahlinn Hersilia, gerührt durch das Flehen der übrigen Geraubten. er möge ihren Ältern verzeihen und sie in die Stadt aufnehmen. Diese Vereinigung werde den Stat durch ein neues Band befestigen. Gern gewährte er die Bitte, und zog nun gegen die anrückenden Crustuminer . Hier war des Kampfes noch weniger: die Niederlagen der Andern hatten sie muthlos gemacht. Nach beiden Orten wurden Pflanzbürger geschickt: doch meldeten sich mehrere wegen der Fruchtbarkeit des Bodens zum Crustuminischen . Auch zogen von dort viele nach Rom, vorzüglich die Ältern und Verwandten der Geraubten. Zuletzt begannen auch die Sabiner ihren Krieg; und dieser war bei weitem der wichtigste. Sie ließen sich von keinem Zorne, keiner Übereilung leiten, und zeigten den Krieg nicht eher, als bis sie ihn brachten: ja sie nahmen bei ihrer Kaltblütigkeit die List zu Hilfe. An der Spitze der Besatzung auf der Römischen Burg stand Spurius Tarpejus . Seine unverheirathete Tochter, als sie eben außerhalb der Mauer Wasser zum Opfer holen wollte. wurde durch das Gold des Tatius gewonnen, Bewaffnete in die Burg aufzunehmen. Die Eingelassenen tödteten sie durch die Last der auf sie geworfenen Schilde, entweder, sich den Schein zu geben, als hätten sie die Burg erstürmt, oder in diesem Beispiele die Lehre aufzustellen, daß ein Verräther nie auf Treue rechnen dürfe. Die Erzählung hat noch einen Zusatz. Weil die Sabiner meistens schwere goldne Armbänder und herrliche Ringe mit Edelsteinen am linken Arme getragen hätten, so habe sie sich das ausbedungen, was sie an der linken Hand trügen, und deshalb hätten jene statt des Preises in Golde ihre Schilde auf sie eingeworfen. Andre meinen, sie habe, laut der Zusage, ihr zu geben, was sie an der Linken hätten; gradezu diese 25 Waffen verlangt, und, weil man dies für eine List gehalten, durch den von ihr selbst bestimmten Lohn ihren Tod gefunden. 12. Indeß blieben die Sabiner im Besitze der Burg, und ließen sich, als Tags darauf das Römische Heer in Schlachtordnung die ganze Fläche zwischen dem Palatinischen und Capitolinischen Hügel erfüllte, nicht eher auf die Ebene ein, als bis die Römer, gespornt von Zorn und Begierde, die Burg wieder zu gewinnen, bergan rückten. Auf beiden Seiten ermunterten Männer von Range die Kampfenden; die Sabiner Mettus Curtius, die Römer Hostus Hostilius . Dieser, an der Spitze des Heers, hielt die Sache Roms auf ungünstigem Kampfboden durch Muth und Unerschrockenheit aufrecht. Als aber Hostus fiel, verlor sogleich die Römische Linie ihre Haltung und wurde bis zum alten Thore des Palatiums geworfen. Auch Romulus ward im Gedränge der Flüchtigen fortgerissen. Da hob er die Waffen gen Himmel und sprach: « Jupiter! von dir waren die Vögel gesandt, die mich hier auf dem Palatium den ersten Grund zu einer Stadt legen hießen. Schon ist die Burg, durch Büberei erkauft, in der Sabiner Gewalt! Von dort stürzen sie – die Waffen in der Hand! das scheidende Thal schon im Rücken! – hieher. Du aber, Vater der Götter und Menschen, hier wenigstens scheuche den Feind! Nimm meinen Römern den Schrecken und hemme die schimpfliche Flucht. Hier gelobe ich dir, als Jupiter Stator (Standgeber) einen Tempel, der Nachwelt ein Denkmal, daß deine eingreifende Hülfe die Stadt gerettet habe.» So betete er. Und gleich als hätte er die Zusage der Erfüllung gehört, rief er aus: «Auf dieser Stelle, ihr Römer, heißt uns der allmächtige Jupiter Stand halten und das Gefecht erneuern.» Und die Römer hielten Stand, wie von himmlischer Stimme befehligt. Romulus fliegt an ihre Spitze. Mettus Curtius war, den Sabinern voran, von der Burg herabgejagt und hatte die geschlagenen Römer auf dem ganzen Platze, so groß der Markt ist, vor sich her 26 getrieben. Jetzt war er schon nahe am Thore des Palatiums und rief: «Wir haben sie besiegt, die treulosen Gastfreunde, die feigen Feinde! Schon kennen sie den Unterschied zwischen Mädchenraub und Männerkampf!» So frohlockte er noch, als Romulus mit einer geschlossenen Schar seiner kühnsten Krieger auf ihn eindrang. Mettus focht vom Pferde herab. So viel leichter war er vom Platze zu treiben. Die Römer trieben und verfolgten ihn. Auch das übrige Römische Heer, von der Tapferkeit seines Königs begeistert, brachte die Sabiner zum Weichen. Mettus setzte mit seinem Pferde, das vom Getümmel seiner Verfolger scheu geworden war, in einen Sumpf; ein Vorfall, der die Aufmerksamkeit auch der Sabiner, bei der Gefahr eines so wichtigen Mannes, hieherzog. Doch er arbeitete sich, da ihm die Seinigen zuwinkten und zuriefen, und der Beweis der Liebe von so Vielen seine Kraft erhöhete, glücklich heraus. Römer und Sabiner erneuerten in dem Mittelthale der beiden Berge den Kampf: der Vortheil aber war auf Seiten der Römer . 13. Da wagten sich die Sabinerinnen, deren gewaltsame Behandlung die Ursache des Krieges war, weil jetzt die Noth die weibliche Furcht besiegte, mit gelöstem Haare und zerrissenen Kleidern unter die fliegenden Pfeile. Von der Seite her drängten sie sich ein; schieden die gegen einander gekehrten Reihen, traten zwischen die Erbitterten, und baten hier ihre Väter, dort ihre Männer. «Ladet doch nicht als Schwiegerväter und Schwiegersöhne den Fluch einer solchen Blutschuld auf euch! Bringt doch nicht die Schande eines an so nahen Verwandten verübten Mordes über unsre Ungebornen; ihr über eure Enkel; ihr über eure Kinder! Wollt ihr durchaus nicht Verwandte sein, nicht mit uns durch die Ehe verbunden, so kehret euren Zorn gegen uns. Um unserntwillen wird der Krieg geführt; um unserntwillen werden Männer und Väter vewundet und erschlagen. Weit besser, wir sterben; als wir leben ohne die Einen von euch als Witwen oder Waisen!» Die Heere und ihre Führer wurden gerührt. Es erfolgte Stille und eine unerwartete Ruhe. Dann traten die 27 Feldherren zur Abschließung eines Vertrages hervor, und machten nicht nur Frieden, sondern auch aus beiden Staten Einen: sie vereinigten sich zu gemeinschaftlicher Regierung: zur gebietenden Hauptstadt machten sie Rom . Damit indeß für den Vortheil, den Rom durch seine Verdoppelung gewann, den Sabinern doch Etwas eingeräumt würde, nannten sich beide Völker, nach der (Sabinischen) Stadt Cures, Quiriten . Zum Andenken jener Schlacht wurde der Ort, wo das aus der Tiefe des Sumpfs sich emporarbeitende Roß den Curtius auf sichern Grund brachte, der Curtische Graben genannt. Dieser aus einem so traurigen Kriege unerwartet hervorgegangene erfreuliche Friede machte die Sabinerinnen ihren Männern und Vätern, vor allen aber dem Romulus selbst, noch so viel werther. Darum benannte er, wie er das Volk in dreißig Curien theilte, diese nach den Namen der Frauen. Unstreitig muß die Anzahl der Weiber viel größer gewesen sein: doch wird nicht gemeldet, ob die, welche den Curien ihre Namen geben sollten, nach dem Alter, oder nach eigenem oder ihrer Männer Range, oder durch das Los gewählt wurden. Auch drei Centurien Ritter wurden damals errichtet. Die eine bekam den Namen Ramnenser vom Romulus, die Titienser vom Titus Tatius . Warum die Luceren hinzugethan und nach wem sie benannt sein mögen, ist ungewiß. Nun regierten zwei Könige, und nicht bloß gemeinschaftlich, sondern auch einig. 14. Einige Jahre nachher mishandelten Verwandte vom Könige Tatius die Laurentinischen Gesandten. Die Laurenter belangten sie nach dem Völkerrechte; allein die Liebe zu den Seinigen und ihre Bitten galten beim Tatius mehr, als das Recht. Dadurch zog er ihre Strafe sich selbst zu. Als er zur jährlichen Opferfeier nach Lavinium kam, machte das Volk einen Auflauf und erschlug ihn. Romulus soll diese That nicht so übel aufgenommen haben, als sie es verdiente; entweder weil eine gemeinschaftliche Regierung doch auch ihr Unsicheres hatte, oder weil er glaubte, dem Gemordeten sei kein Unrecht geschehen. Er fing auch 28 keinen Krieg an. Um indeß die Verletzung der Gesandten und den Königsmord durch eine Sühne zu tilgen, mußten Rom und Lavinium durch feierliche Erneuerung ihres Bundes sich versöhnen. Hier also blieb es wider Erwartung beim Frieden: dafür aber kam es zu einem weit näheren Kriege, und fast an den Thoren Roms. Die Fidenaten, besorgt, daß ihre so nahen Nachbarn zu große Fortschritte machten, wollten ihnen, ehe sie noch zu jener Stärke gelangten, die die Zukunft erwarten ließ, durch einen Krieg zuvorkommen. Sie fielen mit ihrem Heere in die Gegend zwischen Rom und Fidenä, und verwüsteten sie. Von hier wandten sie sich zur Linken; denn rechts hielt die Tiber sie ab, und plünderten unter dem allgemeinen Flüchten der Landbewohner: und der plötzliche Tumult selbst, der sich vom Lande in die Stadt hereinzog, meldete die Gefahr. Romulus, sogleich in Thätigkeit, – denn ein so naher Krieg gestattete keine Zögerung – führte sein Heer aus und schlug tausend Schritte von Fidenä ein Lager. Hier ließ er eine mäßige Besatzung und rückte mit allen Truppen aus; hieß aber einen Theil in den von dichtem Gebüsche verdeckten Umgebungen sich in einen Hinterhalt legen. Mit dem größeren Theile und der gesammten Reuterei zog er gegen die Feinde, und durch seinen lärmenden und drohenden Angriff, in dem er fast an die Stadtthore sprengte, gelang es ihm, sie herauszulocken. Grade der Umstand, daß der Angriff mit Reuterei geschah, mußte der verstellten Flucht, die in seinem Plane lag, alles Auffallende benehmen. Wie also auch das Fußvolk, während die Reuterei zwischen Flucht und Gefecht gleichsam zu wanken schien, eine rückgängige Bewegung machte, so stürzten die Feinde plötzlich in dichtem Gedränge zu den Thoren heraus, warfen sich hinter das weichende Römische Heer und wurden in der Hitze des Nachhauens und Verfolgens an den Ort gezogen, wo der Hinterhalt lag. Hier nahmen die plötzlich hervorbrechenden Römer den Feind in die Flanke. Der Ausfall der im Lager zurückgelassenen Besatzung vermehrte seine Bestürzung. Geschreckt von so vielen Seiten kehrten die Fidenaten, fast noch ehe Romulus und 29 die ihn begleitende Reuterei mit ihren Pferden umwandten, den Rücken; und da sie eben noch Verfolger der verstellt Fliehenden gewesen waren, so eilten sie jetzt weit schnellern Laufs – denn diese Flucht war Ernst – ihrer Stadt zu. Dennoch entrissen sie sich dem Feinde nicht. Die Römer, ihnen an der Ferse, brachen, ehe noch die Thorflügel zugeworfen werden konnten, wie in Einem Zuge, mit hinein. 15. Die Vejenter, mit dem Kriege bei Fidenä in naher Berührung, auch als Verwandte nicht ohne Theilnahme (denn die Fidenaten sind, wie jene, Hetrusker gewesen) und selbst ihrer Nähe wegen, wenn die Römischen Waffen den sämmtlichen Nachbarn gefährlich werden sollten, in Besorgniß, thaten einen Einfall ins Römische Gebiet, ließen sich aber mehr auf Plünderung ein, als auf ordentliche Führung des Krieges. Ohne ein Lager aufzuschlagen, ohne das feindliche Heer zu erwarten, kehrten sie, beladen mit dem auf dem Lande zusammengerafften Raube, nach Veji zurück. Die Römer hingegen setzten, wie sie keinen Feind im Felde fanden, über die Tiber, zu einer entscheidenden Schlacht bereit und sie erwartend. Als die Vejenter hörten, daß sie ein Lager bezögen und vor die Stadt rücken würden, gingen sie ihnen entgegen, weil sie lieber eine Schlacht wagen, als eingeschlossen ihre Häuser und Mauren in Gefahr setzen wollten. Hier siegte der Römische König, ohne seiner Stärke durch eine Kriegslist zu Hülfe zu kommen, bloß durch die Festigkeit seines schlachtgewohnten Heers, und verfolgte die geschlagenen Feinde bis an ihre Mauer. Einen Angriff auf die durch ihre Werke und selbst durch ihre Lage feste Stadt wagte er nicht: auf seinem Rückzuge verheerte er ihr Gebiet, mehr zur Vergeltung, als um zu rauben. Durch diesen Schaden eben so sehr gedemüthigt, als durch die verlorne Schlacht, schickten die Vejenter Gesandte nach Rom und baten um Frieden. Sie mußten einen Theil ihres Gebietes abtreten und erhielten auf hundert Jahre Waffenstillstand. Dies etwa sind die Friedens- und Kriegsthaten des Romulus während seiner Regierung. Keine darunter ist 30 mit der Glaubwürdigkeit seiner göttlichen Abkunft und der eigenen, nach seinem Tode geglaubten, Göttlichkeit unverträglich; weder der Muth, mit dem er seinem Großvater den Thron wiedergewann, noch die Bestimmung, die er sich gab, Erbauer einer Stadt zu werden und durch Krieg und Frieden sie zu festigen. Stand sie doch in der durch jenen Vorschritt ihr verliehenen Stärke so kräftig da, daß sie die nächsten vierzig Jahre hindurch eines sichern Friedens genoß. Gleichwohl hatte er mehr Liebe bei der Menge, als bei den Vätern: die ausgezeichnetste Anhänglichkeit bewiesen ihm die Soldaten; und nicht nur im Kriege, sondern auch im Frieden hatte er eine Leibwache von dreihundert Bewaffneten um sich, die er die Celeren nannte. 16. Diese unsterblichen Thaten hatte er vollbracht, und hielt eben auf dem Marsfelde, sein Heer zu mustern, eine Versammlung am Ziegensumpfe, als ein plötzlich entstandenes Gewitter, von lautem Krachen und Donnerschlägen begleitet, den König in eine so dichte Regenwolke hüllte, daß er den Blicken der Versammlung entzogen ward: und nachher war Romulus nicht mehr auf Erden. Als endlich nach dem Wettersturme der Himmel wieder hell und ruhig ward, und die Bestürzung sich legte, sahen die Römischen Krieger den Stuhl des Königs leer. Setzten sie gleich in die Aussage der Väter, die ihm zunächst gestanden hatten, daß ihn die Sturmwolke gen Himmel gehoben habe, kein Mistrauen, so überließen sie sich doch eine Zeitlang, von bangen Gefühlen, gleich Verwaiseten, durchdrungen, ihrem stillen Grame. Bald aber wirkte das Beispiel einiger Wenigen; und unter der allgemeinen Begrüßung: Gott! Gottessohn! König und Vater der Stadt Rom! entboten sie dem Romulus ihr Lebewohl: sie fleheten in Gebeten um seine Gnade, und daß er sichs gefallen lassen wolle, sie, seine Kinder, auch ferner unter seiner Obhut zu beglücken. Ich glaube, daß es auch damals Einige gegeben habe, die in der Stille die Vermuthung hegten, die Väter selbst möchten den König zerstückelt haben: denn auch diese Sage hat sich, freilich nur sehr im Dunkel, fortgepflanzt. 31 Jener ersten erwarb die Bewunderung des Helden und der erschütternde Auftritt selbst eine ausgezeichnete Verbreitung. Und durch Zuthun eines einzigen Mannes gewann die Sache noch mehr Glaubwürdigkeit. Denn da die Bürgerschaft durch die Sehnsucht nach ihrem Könige verstimmt und gegen die Väter aufgebracht war, so trat Julius Proculus, den Berichten nach ein Mann, der durch seine Aussage die mißlichste Behauptung bewährte, vor der Versammlung auf. «Heute, ihr Quiriten, » sprach er, «mit dem anbrechenden Tageslichte, schwebte Romulus, der Vater unsrer Stadt, plötzlich vom Himmel herab und stand vor mir. Als ich, von Schauder und Ehrfurcht durchdrungen, dastand und ihn betend anflehete, es möge mir vergönnt sein, meinen Blick zu ihm zu erheben, sprach er; «Geh, verkündige den Römern, es sei der Himmlischen Wille, daß mein Rom das Oberhaupt des Erdkreises werde. Darum möchten sie sich der Kriegskunst weihen, und der Überzeugung leben, und sie auf ihre Nachkommen bringen, daß keine menschliche Macht den Römischen Waffen widerstehen könne. So sprach er und schwand gen Himmel.» Es ist zu bewundern, wie vielen Glauben der Mann mit dieser Erzählung fand, und wie sehr bei der Bürgerschaft und dem Heere die Sehnsucht nach dem Romulus durch diese Beglaubigung seiner Gottheit gemildert wurde. 17. Die Väter setzte indeß der Wettstreit um den Thron und der Wunsch, ihn zu besitzen, in Thätigkeit. Freilich gab es noch keine Parteien, für irgend einen Einzelnen, weil in einem neuen Volke Keiner so sehr über die Andern hervorragte: allein die Stämme führten diesen Streit. Die von Sabinischer Abkunft wollten einen König aus ihrer Mitte gewählt wissen, damit sie nicht Gefahr liefen, weil nach des Tatius Tode von ihrer Seite kein König gewesen war, selbst bei gleichen Bundesrechten die Besetzung des Throns zu verlieren. Die ursprünglichen Römer hatten eine Abneigung gegen jeden fremden König. Bei so verschiedenen Gesinnungen wollten doch alle von, einem Könige beherrscht sein, weil sie die Süßigkeit der 32 Freiheit noch nicht gekostet hatten. Endlich fingen die Väter an zu fürchten, es möchte, bei der gereizten Stimmung der vielen umliegenden Städte, irgend eine auswärtige Macht den Stat ohne Oberhaupt, das Heer ohne Führer, angreifen. Es sollte also Einer die Oberstelle haben; und doch wollte Keiner sichs gefallen lassen, dem Andern nachzustehen. Also vereinigten sich die hundert Väter dahin, daß sie sich in zehn Decurien theilten, und für jede Decurie Einen wählten, der dem Ganzen vorstehen sollte. Es regierten also immer Zehn: die Zeichen der höchsten Würde und die Beilträger hatte Einer . Auf fünf Tage war diese Regentschaft beschränkt, und kam der Reihe nach an Jeden; und diese Zwischenzeit ohne König dauerte ein ganzes Jahr. Sie bekam den jetzt noch üblichen Namen Zwischenregierung von der Sache selbst. Nun aber wurden die Bürger laut: Ihre Sklaverei sei vervielfältigt; man habe ihnen, statt Eines, hundert Herren gegeben! und sie schienen Keinen länger über sich dulden zu wollen, außer einen König, und zwar einen von ihnen selbst gewählten. Als die Väter sahen, daß dies im Werke sei, machten sie sich, in der Überzeugung, daß sie das freiwillig anbieten mußten, was sie doch verloren haben würden, die Bürgerschaft noch dadurch verbindlich, daß sie ihnen die höchste Verfügung in der Sache überließen, ohne doch im mindesten von ihren Rechten mehr wegzugeben, als sie selbst für sich behielten. Sie fertigten nämlich den Schluß aus, daß, wenn das Volk einen König ernannt habe, dieß alsdann gültig sein sollte, wenn die Väter es bestätigten. Und noch jetzt üben sie dieses Recht bei in Vorschlag gebrachten Gesetzen und obrigkeitlichen Wahlen; wiewohl ihm alle Kraft genommen ist. Denn ehe noch das Volk zum Stimmengeben schreitet, geben die Väter, auf den noch ungewissen Ausgang des Volkstages ihre Bestätigung schon zum voraus. Damals aber sprach der Zwischenkönig zu der von ihm berufenen Versammlung: «Glück, Heil und Segen zu eurem heutigen Werke, ihr Quiriten! Wählet einen König! So haben es die Väter für gut erachtet. Wählet ihr einen, der würdig ist, für den 33 Zweiten nach Romulus zu gelten, dann werden die Väter ihn bestätigen.» Dies fand unter den Bürgern so großen Beifall, daß sie, um den Vätern im Beweise des Wohlwollens nicht nachzustehen, bloß auf den Beschluß und die Erklärung sich beschränkten: Der Senat solle durch seinen Beschluß Rom einen König geben. 18. Die Rechtschaffenheit und Gottesfurcht des Numa Pompilius stand damals in großem Rufe. Er wohnte in der Sabinischen Stadt Cures und war in allen göttlichen und menschlichen Rechten so erfahren, wie es in jenem Zeitalter irgend jemand sein konnte. Als seinen Lehrer giebt man, weil sich kein anderer findet, fälschlich den Samier Pythagoras an, von dem es doch gewiß ist, daß er mehr als hundert Jahre später, als Zeitgenoß des Römischen Königs Servius Tullius, unten an Italiens Küste, etwa zu Metapontum, Heraklea und Kroton, einen Zufluß von jungen lehrbegierigen Zuhörern gehabt habe. Und gesetzt, er wäre mit dem Numa gleichzeitig gewesen, wie hatte sein Ruf, der von jenen Gegenden bis zu den Sabinern hätte durchdringen müssen, oder vermittelst welcher Sprache, jemand vermögen können, sich aufzumachen, um von ihm zu lernen? oder womit hätte dieser Einzelne sich schützen sollen, um durch so viele in Sprache und Sitten verschiedene Völker hieher zu gelangen? Ich halte es für wahrscheinlicher, daß er sich aus eigner Stimmung den Leitungen der Tugend hingegeben habe, und nicht sowohl durch Wissenschaften des Auslandes gebildet worden sei, als in der düstern und strengen Zucht der alten Sabiner, eines Volkes, das ehemals zu den unverdorbensten gehörte. Als die Väter den Numa nennen hörten, so wagte es keiner von ihnen, obgleich die Sabiner ein Übergewicht zu bekommen schienen, wenn man den König aus ihnen nahm, weder sich, noch einen andern seines Anhangs, oder sonst einen der Väter oder Mitbürger einem solchen Manne vorzuziehen. Einstimmig beschlossen sie, dem Numa Pompilius den Thron anzubieten. Als man ihn nach Rom berufen hatte, ließ er, so wie Romulus bei Erbauung der Stadt durch den Vogelflug zur Regierung gelangt war, auch 34 über sich die Götter befragen. Er wurde also von einem Seher ( Augur, Beobachter des Vogelflugs), zu dessen Ehre man nachher das Auguramt zu einem öffentlichen und bleibenden Priesterthume erhob, auf die Burg geführt und setzte sich, gegen Mittag gewandt, auf einen Stein. Der Vogelschauer setzte sich mit verhülltem Haupte ihm zur Linken, in der Rechten einen krummen Stab ohne Knoten; ein solcher Augurstab wurde Lituus (Seherstab) genannt. Er nahm die Aussicht über die Stadt und über das Feld, und wie er nach Anrufung der Götter, die Himmelsgegenden von Morgen bis Abend bezeichnet hatte, nannte er Mittag die rechte, Mitternacht die linke Seite. Als Gränze zwischen beiden steckte er in Gedanken ein Ziel, sich gegenüber, so weit seine Augen reichten. Darauf nahm er den Seherstab aus der rechten in die linke Hand, legte die Rechte auf Numa's Haupt und betete so: « Vater Jupiter, wenn es dein heiliger Wille ist, daß dieser Numa Pompilius, dessen Haupt ich jetzt berühre, König zu Rom werde, so wollest du uns untriegliche Zeichen innerhalb der Gränzen offenbaren, die ich bezeichnet habe.» Dann bestimmte er wörtlich, welche Vögel und wie sie geflogen kommen sollten, und als sie erschienen waren, stieg Numa, als erklärter König, von der Schauhöhe herab. 19. Auf diese Art zum Throne erhoben, nahm er sich vor, an der neuen durch Gewalt und Waffen begründeten Stadt, durch einzuführende Rechte, Gesetze und Sitten ein zweiter Stifter zu werden. Weil er aber einsah, daß die im Waffendienste Verwilderten bei ferneren Kriegen sich hieran nicht würden gewöhnen können, so baute er ihnen, in der Überzeugung, den Trotz seines Volks durch Entwöhnung von den Waffen besänftigen zu müssen, unten an der Gasse Argiletum, einen Janustempel, als Merkmal des Friedens und Krieges. Geöffnet sollte er anzeigen, der Stat sei in den Waffen; geschlossen, man habe mit allen umliegenden Völkern Friede. Zweimal ist er nachher, seit Numa's Regierung, geschlossen gewesen. Einmal, als unter dem Consulate des Titus Manlius der erste Punische Krieg geendigt war: zum zweitenmale – und dies zu 35 erleben, hatten die Götter unserm Zeitalter aufbehalten – nach der Schlacht bei Actium, durch den, vom Cäsar Augustus als Oberfeldherrn, zu Lande und zu Wasser erworbenen Frieden. Wie also Numa, der sich die Freundschaft aller benachbarten Völker durch Bündnisse und Verträge gesichert hatte, diesen Tempel schloß, so war für die Römer jede von außen zu besorgende Gefahr beseitigt. Damit nun ihr Muth, welchen bisher Furcht vor den Feinden und Kriegszucht in Ordnung gehalten hatte, sich dieser Ruhe nicht überheben möchte, so ließ er es seine vorzüglichste Sorge sein, ihnen Furcht vor den Göttern einzuflößen; ein Mittel, das auf eine unerfahrne und in jenen Zeiten noch rohe Menge die kräftigste Wirkung haben mußte. Weil sie aber ohne Aufstellung irgend eines Wunderbaren die Herzen nicht so tief durchdrungen haben würde; so gab er vor, er habe nächtliche Zusammenkünfte mit der Göttinn Egeria ; von ihr berathen, könne er die gottesdienstlichen Einrichtungen so treffen, wie sie den Göttern am gefälligsten waren, und für jede Gottheit die schicklichsten Priester anstellen. Auch theilte er gleich anfangs das Jahr nach dem Mondeslaufe in zwölf Monate ; und weil der Mond keinen vollen Monat von dreißig Tagen giebt, sein Jahr also gegen ein volles Jahr, dessen Ablauf sich nach der Sonnenbahn richtet, in einem Rückstande von mehrern Tagen bleibt, so glich er diesen durch eingeschobene Schaltmonate aus, so daß jedesmal nach vier und zwanzig Jahren die Tage wieder auf eben dem Punkte der Sonnenbahn, von dem sie ausgegangen waren, mit dem Ablaufe der sämtlichen Jahre zutreffen mußten Das Römische Jahr hatte unter Romulus nur 10 Monate gehabt, sechs von 30 und vier von 31 Tagen; also zusammen 304 Tage. Mit dem Laufe des Mondes traf es nicht überein, da Romulus, statt 27⅓ Tage für den Mond zu berechnen, seine Monate zu 30 oder 31 Tagen angenommen hatte: und an den 365 Tagen eines Sonnenjahrs fehlten ihm 61 Tage, oder 2 Monate. Folglich waren die Römer unter ihm mit ihrem Calender in drei Jahren um ein halbes Jahr zurück, und hatten, wenn ich mich nach unsrer Berechnung des bürgerlichen Jahres ausdrücken darf, wenn am Ende des dritten Jahrs Weihnachtswetter und die kürzesten Tage sein sollten, statt dessen Johanniswitterung und die längsten Tage. Die Griechen halfen sich etwas besser. Ihr Mondenjahr hatte in 12 Monaten (zu 29 u. 30 Tagen) 354 Tage. Dem Romulus hatten jährlich 61 Tage gefehlt ; ihnen fehlten am vollen Sonnenjahre. nur 11¼. In 8 Jahren brachte dies 90 Tage, darum mußten sie alle 8 Jahre am Ende derselben, 90 Tage einschieben, aus welchen sie 3 Schaltmonate machten, jeden zu 30 Tagen. Hier unsre und ihre Rechnung von 8 Jahren: Wir 365 Tage des Sonnenjahrs  |  die Griechen 354 Tage des Mondjahrs 8 mal  |  8 mal  |  2920  |  2832 u. in 8 Jahren 2 Schalttage  |  3 Schaltm. à 30 = 90  |  2922  |  2922 Romulus war alle 3 Jahre gegen das Sonnenjahr um ein halbes Jahr zurück; die Griechen doch nur alle 8 Jahre um die 90 Tage oder ein Vierteljahr . Gleichwohl hatten auch sie, wenn sie, nach unsrer Art zu reden, Weihnachtswetter und die kürzesten Tage hätten haben müssen, etwa Michaeliswitterung und Tag und Nacht gleich. Da sie aber alle 8 Jahre diese Lücke durch die eingeschalteten 90 Tage (oder 3 Monate) ausfüllten, so waren sie mit dem ersten Tage des neunten Jahrs wieder in Ordnung, bis am Ende des zweiten Octenniums durch den Rückstand eines ganzen Vierteljahres die Abweichung abermals auffallend wurde. Diesem Übel abzuhelfen nahm Numa statt der 354 Tage des Griechischen Calenders auf sein Jahr 355 Tage. In 8 Jahren hatte er gegen die Rechnung der Griechen freilich nicht viel, aber doch schon 8 Tage gewonnen; und noch mehr beförderte er die Übereinkunft des bürgerlichen Jahres mit dem wirklichen dadurch, daß er in dem ersten Octennium nicht so, wie die Griechen, 90 fehlende Tage auf Einmal hinten anhängte; sondern er vertheilte diese 90 Tage in 4 Schaltmonate, zwei zu 22, und zwei zu 23 Tagen, und schaltete alle zwei Jahre einen gleichen oder ungleichen Monat wechselsweise nach dem 23sten Febr. ein. Eben so machte er es im zweiten Octennium . Dadurch hatte er nun für das dritte Octennium bei weitem den großen Rückstand nicht mehr; er hatte nicht nöthig, so wie die Griechen, auch diesmal 90 Tage einzuschieben, sondern brauchte nur 66 Tage einzuschalten, weil seine in den 24 Jahren zugelegten 24 Tage die Summe der 90 auf 66 herabgesetzt hatten. Und auch diese 66 Tage schob er wieder nicht auf Einmal hinten an, sondern schaltete sie schon während des Ablaufs dieser letzten 8 Jahre als drei Schaltmonate, jeden zu 22 Tagen, ein. Numa hatte also die 90 Tage der Griechen besser vertheilt, und war dadurch wenigstens dieser größeren Unregelmäßigkeit ausgewichen, daß er nicht jedesmal am Ende der 8 Jahre in der Witterung und in den Tag- und Nachtlängen um ein Vierteljahr zurückblieb. Statt daß die Griechen mit den 2832 Tagen ihres Octenniums am Ende jedesmal gegen unsre richtige Summe von 2922 Tagen um 90 Tage zurück waren, hatte Numa in jedem der beiden ersteren Octennien 2840 + 90 = 2930 Tage, also nur in jedem 8 Tage zuviel, und diesen Überschuss nahm er im dritten Octennium durch die 9 - 24 = 66 wieder zurück. Hier die Berechnung nach den 24 Jahren: Wir 365 T.  |  die Griechen 354 T.  |  Numa 355 T. 24 mal  |  24 mal  |  8 mal  |   |  1460  |  1416  |  1stes Octenn. 2840 730  |  708  |  4 Schaltmon. 90 wechselnd alle 2 J. zu 22 u. 23 T.  |   |  8760  |  8496  |  2930 Schalttage 6  |  90  |  2tes Octenn. 2840  |  90  |  4 Schaltmon. 90 eben so wechselnd zu 22 u. 23 T. 8766  |  90  |   |   |  5860  |  8766  |  3tes Octenn. 2840  |   |  3 Schaltmon. 66 alle 2 J. zu 22 T. eingeschaltet.  |   |   |   |  8766 . 36 Weil es auch in Zukunft von Nutzen sein konnte, mit dem Volke zuweilen keine Verhandlungen anstellen zu dürfen, so theilte er die Tage in solche ein, an welchen dies verboten, oder erlaubt sein sollte. 20. Nun richtete er sein Augenmerk auf die Priesterwahl, ob er gleich sehr viele gottesdienstliche Geschäfte persönlich verrichtete, vorzüglich die, auf welche jetzt Jupiters Eigenpriester angewiesen ist. Weil es indessen glaublich war, daß in einem kriegerischen State die Könige öfter einem Romulus, als einem Numa gleichen, und in Person zu Felde ziehen würden; so ordnete er, um die 37 Versäumung der dem Könige obliegenden heiligen Gebräuche zu verhüten, für den Jupiter einen immer gegenwärtigen Eigenpriester an und verlieh ihm zu seiner Verherrlichung eine auszeichnende Kleidung und einen königlichen Thronsessel. Noch zwei andre Eigenpriester gab er diesem zu, einen für den Mars, den andern für den Quirinus . Für die Vesta stellte er erlesene Jungfrauen an, ein ursprünglich Albanisches, und der Familie des Erbauers Romulus nicht fremdes Priesterthum. Damit sie ihrem Tempel eine ununterbrochene Aufsicht widmen könnten, setzte er ihnen vom State einen Gehalt aus: auch machte er sie durch 38 ihren unverheiratheten Stand und andre feierliche Vorrechte ehrwürdig und heilig. Ferner wählte er zwölf Salier (Tanzpriester) zum Dienste des Mars Gradivus (des Schreitenden Mars), gab ihnen einen gestickten Leibrock zum Ehrenkleide, und über diesen Leibrock einen ehernen Brustschild. Sie sollten die Ancilien, jene vom Himmel stammenden Schilde, bei ihrem Aufzuge durch die Stadt, unter abzusingenden Liedern im Taktschritte und feierlichen Tänzen umhertragen. Zuletzt nahm er zum Oberpriester (Pontifex) einen aus den Vätern, den Numa Marcius, des Marcus Sohn, und übergab ihm mit dem gesammten Gottesdienste eine schriftliche Übersicht und Nachweisung, mit was für Opferthieren, an welchen Tagen, in welchen Tempeln Opfer gebracht und woher die dazu erforderlichen Kosten genommen werden sollten. Auch alles, was sonst noch auf öffentlichen oder Privatgottesdienst Bezug haben konnte, unterwarf er dem Gutachten des Oberpriesters; theils, damit das Volk an ihm den Mann haben möchte, bei dem es sich Raths erholen könnte; theils, um die Gerechtsame der Götter weder durch Vernachlässigung der vaterländischen, noch durch Aufnahme fremder Gebräuche stören zu lassen. Ferner sollte der Oberpriester nicht bloß über die Verehrung der Himmlischen Auskunft geben, sondern auch über die den Verstorbenen zu erweisende letzte Ehre und über die Beruhigungsopfer der Seelen; auch was für Wunderzeichen, sie möchten durch einen Wetterstrahl oder sonst durch eine Erscheinung offenbaret sein, als gültig angesehen und ausgesöhnt werden sollten. Um alles dies dem Sinne der Götter abfragen zu können, weihte er auf dem Aventinus dem Jupiter Elicius (Abfrage-Jupiter) einen Altar und befragte diesen Gott vermittelst des Vogelflugs, was für Wunderzeichen als solche anzusehen wären. 21. Erkundigungen und Ausrichtungen dieser Art waren es, zu denen jetzt das gesammte Volk von Gewaltthaten und Kriegen überging. Theils gewannen sie durch diese Thätigkeit Beschäftigung für ihren Geist; theils flößte die ununterbrochene innige Rücksicht auf die Götter durch den Glauben, daß an dem Thun und Lassen der 39 Menschen eine überirdische Gottheit Antheil nehme, ihren Herzen eine solche Frömmigkeit ein, daß das Gefühl für Treue und Eid auf die Leitung der Bürger fast eben so wirksam war, als die Furcht vor Gesetzen und Strafen. Und indem sich so die Römer ihrerseits nach dem Wandel ihres Königs, als dem vorzüglichsten Muster, bildeten, ging auch die bisherige Meinung der benachbarten Völker, daß nicht sowohl eine Stadt, als vielmehr ein Lager mitten unter ihnen angelegt sei, um den Frieden aller zu stören, in eine solche Ehrerbietung über, daß sie es für gewissenlos hielten, sich an einem State zu vergreifen, der sich so ganz dem Dienste der Götter gewidmet habe. In der Mitte eines Haines ergoss aus einer schattigen Höhle ein Quell sein rinnendes Wasser. Weil sich Numa sehr oft ohne Zeugen, als zum Besuche seiner Göttinn, dahin begab, so weihete er ihn den Camenen (Musen), welche hier, wie er sagte, mit seiner Gemahlinn Egeria Zusammenkünfte hielten. Auch widmete er der Treue einen eignen Tempel und eine jährliche Feierlichkeit. Zu diesem Heiligthume mußten ihre Eigenpriester auf einem zweispännigen Wagen unter einem gewölbten Verdecke fahren und bei Verrichtung des Opfers die Hand bis an die Finger eingehüllt haben. Sie sollten dadurch anzeigen, daß man die Treue verwahren und ihren Wohnsitz selbst in unsrer Rechte heilig halten müsse. Noch viele andre Opfer ordnete er an und weihete zu ihrer Ausrichtung Plätze, welche die Oberpriester die Argeischen nennen. Doch unter allen seinen Werken war dies das größte, daß er während seiner ganzen Regierung den Frieden eben so glücklich zu schützen wußte, als sein Reich. So brachten zwei auf einander folgende Könige, beide auf verschiedenem Wege, jener durch Krieg, dieser durch Frieden, den Stat in Aufnahme. Romulus hatte sieben und dreißig, Numa drei und vierzig Jahre regiert. Jetzt war der Stat nicht bloß der kraftvolle; die Künste des Krieges und Friedens im Vereine gaben ihm auch ihre mildernde Stimmung. 22. Mit Numa's Tode trat wieder eine 40 Zwischenregierung ein. Dann ermahnte das Volk den Tullus Hostilius, den Enkel jenes Hostilius, der sich am Fuße der Burg in der Schlacht gegen die Sabiner so rühmlich auszeichnete, zum Könige. Er war nicht allein dem vorigen Könige ganz unähnlich, sondern auch noch kriegerischer, als Romulus . Theils spornte Jugend und Stärke seinen Muth, theils der vom Großvater ihm angestammte Ruhm. Weil seiner Meinung nach der Stat durch die Ruhe in Kraftlosigkeit verfiel, so suchte er auf allen Seiten Stoff zum Kriege. Da fügte es sich, daß einige Römische Landleute auf Albanischem und Albaner dagegen auf Römischem Boden plünderten. Zu Alba regierte damals Cajus Cluilius . Die Gesandten, welche Genugthuung fordern sollten, gingen von beiden Seiten fast zugleich ab. Tullus hatte den seinigen gemessenen Befehl ertheilt, sich auf nichts eher einzulassen, als ihre Aufträge. Er vermuthete nicht ohne Grund, der König von Alba werde die Genugthuung versagen; dann sei die Kriegserklärung rechtmäßig. Die Gesandten von Alba betrieben ihre Sache nicht so angelegentlich. Weil Tullus sie sehr gefällig und gastfrei bewirthete, so waren auch sie bei dem königlichen Mahle nicht die Ungeselligen. Unterdeß waren die Römischen Gesandten die ersten gewesen, welche Genugthuung gefordert und dem Albanischen Könige auf seine Weigerung den dreißigsten Tag zum Anfange des Krieges bestimmt hatten. Mit dieser Nachricht kamen sie wieder zum Tullus . Nun ließ Tullus die fremden Gesandten vor, um sie über den Zweck ihrer Sendung zu vernehmen. Sie, mit dem ganzen Vorgange unbekannt, brachten lange Entschuldigungen vor: «Wenn sie im mindesten etwas sagen sollten, was dem Könige Tullus misfällig sein könnte, so würde ihnen dies sehr leid thun: sie müßten aber ihren Befehlen Folge leisten. Sie wären gekommen, auf Erstattung des Geraubten anzutragen. Sollte diese nicht erfolgen, so wären sie zur Kriegserklärung befehligt.» Da sprach Tullus: «Saget eurem Könige, Roms König fordere die Götter auf, alles aus diesem Kriege erwachsende Elend dasjenige Volk treffen zu lassen, welches zuerst die 41 Gesandten mit ihrem Gesuche um Genugthuung abgewiesen habe.» 23. Mit dieser Meldung kamen die Gesandten nach Alba zurück. Von beiden Seiten bot man alle Kräfte zu einem Kriege auf, der einem Bürgerkriege sehr ähnlich war, beinahe zwischen Vätern und Söhnen. Denn beide Völker waren Trojanischer Abkunft; weil Lavinium von Troja, von Lavinium Alba, vom Albanischen Königsstamme Rom seinen Ursprung hatte. Doch gab der Ausgang diesem Kriege eine minder traurige Wendung, insofern es zu keinem Treffen kam und bloß, nach Abbrechung der Gebäude in der Einen Stadt, beide Völker zu Einem verbunden wurden. Die Albaner fielen zuerst mit einem großen Heere ins Römische Gebiet. Eine Meile von Rom schlugen sie ihr Lager auf und umzogen es mit einem Graben. Er hat noch einige hundert Jahre von ihrem Heerführer der Cluilische Graben geheißen, bis durch die Länge der Zeit mit der Sache auch der Name verschwand. In diesem Lager starb der Albanische König Cluilius: an seine Stelle wählten die Albaner einen Dictator, den Mettus Fuffetius . Tullus, voll Muth, noch mehr bei diesem Todesfalle des Königs, und nicht ohne die Bemerkung zu äußern, daß die sichtbare Einwirkung der Götter, die an dem Oberhaupte sich zuerst gezeigt habe, das ganze Albanische Volk für den ungerechten Krieg zur Strafe ziehen werde, machte sich dadurch zum angreifenden Theile, daß er sein Heer vor dem Albanischen Lager in einer Nacht vorbeiführte und selbst ins Albanische einfiel. Dies nöthigte auch den Mettus zum Aufbruche. Er rückte auch so nahe an den Feind, als möglich. Von da schickte er einen Gesandten voraus und ließ den Tullus wissen: «Ehe sie schlügen; wünsche er sich mit ihm zu unterreden. Wenn sich Tullus darauf einlassen wolle, so wären seine Vorschläge gewiß von der Art, daß sie den Römern eben so wichtig sein müßten, als den Albanern .» Tullus, ohne den Antrag zu verwerfen, so unwichtig er ihm auch war, ließ zur Schlacht ausrücken. Gegenüber traten auch die Albaner auf. Als beide Heere gereihet dastanden, schritten die Feldherren, von Einigen der Großen begleitet, in die Mitte. 42 Da begann der Albaner: «Beleidigungen und die abgeschlagene, vertragsmäßig geforderte, Erstattung des Geraubten, sind, nach der Aeußerung unsres Königs Cluilius, wenn ich nicht irre, die Ursache dieses Krieges; und du, Tullus, wirst gewiß dieselbe Sprache führen. Sollen wir aber lieber reden, was Wahrheit ist, als was die Angabe scheinbar macht, so ist der eigentliche Sporn, der zwei verwandte und benachbarte Völker zur Ergreifung der Waffen trieb, die Begierde, über einander zu herrschen. Ob mit Recht oder Unrecht, entscheide ich nicht. Diese Betrachtung mußte der anstellen, der den Krieg anfing: mich haben die Albaner an ihre Spitze gestellt, ihn zu führen . Nur dies Einzige, Tullus, möchte ich dir zu beherzigen geben: Wie groß die Macht der Hetrusker sei, die uns, und dich vorzüglich, umschlingt, weißt du um so viel genauer, je näher ihr ihnen seid. Zu Lande sind sie mächtig; zur See die Oberherren. Verlaß dich darauf, sie werden, wenn du jetzt das Zeichen zur Schlacht giebst, an dem Kampfe unserer Heere bloß darum ihr Auge weiden, um über den müden und entkräfteten – Sieger so gut, als Besiegten – herzufallen. Haben sich die Götter noch nicht von uns abgewandt, so laß uns, weil wir doch einmal, mit unsrer gewissen Freiheit unzufrieden, auf dem mißlichen Kampfplatze der Oberherrschaft und Dienstbarkeit erschienen sind, einen Weg einschlagen, auf welchem ohne großen Verlust, und ohne vieles Blut auf beiden Seiten, entschieden werden könne, welches von beiden Völkern des andern Herr sein soll.» War Tullus gleich, auf Antrieb seines Muths sowohl, als aus Hoffnung zum Siege, der minder Nachgiebige, so misfiel ihm doch der Vorschlag nicht. Man dachte von beiden Seiten einem solchen Auswege nach und fand ihn, weil das Verhängniß selbst der Ausführung den Stoff unterlegte. 24. Es dienten eben in jedem der beiden Heere Drillingsbrüder, an Jahren und Stärke einander nicht ungleich. Daß sie Horatier und Curiatier geheißen haben, darin kommt man überein; und nicht leicht ist eine Begebenheit des Alterthums bekannter. Gleichwohl bleibt man in einer 43 so kundigen Thatsache über die Namen in Ungewißheit, zu welchem Volke nämlich die Horatier, zu welchem die Curiatier gehört haben sollen. Beide werden von Geschichtschreibern beiden Völkern zugerechnet: doch finde ich mehrere, welche die Römischen Brüder Horatier nennen, und ich glaube ihnen folgen zu müssen. Die Könige stellten ihren Drillingen vor, «sie möchten diesen Kampf der Entscheidung für ihr Vaterland eingehen. Auf wessen Seite der Sieg stehen werde, auf der werde künftig die Oberherrschaft sein.» Sie waren gleich bereit. Zeit und Ort wurden bestimmt. Ehe sie kämpften, wurde zwischen den Römern und Albanern ein Vertrag geschlossen, des Inhalts: Welches Volkes Bürger in diesem Kampfe siegen würden, das sollte des andern guter friedlicher Oberherr sein. Solche Verträge werden, jeder unter andern, Bedingungen geschlossen, übrigens alle auf die nämliche Weise. Der damalige – und er ist der älteste, von dem wir Nachricht haben – soll auf die Art geschlossen sein. Der Bundespriester fragte den König Tullus: «Genehmigst du es, König, daß ich mit dem Eidesvater des Albanischen Volks einen Bund schließe?» Als der König es genehmigte, sprach Jener weiter: «So verlange ich von dir, o König, den heiligen Rasen .» Der König sprach: «Nimm dazu reines Gras.» Der Bundespriester holte sich von der Burg das reine Gras. Dann fragte er den König wieder: «König, machst du mich zum königlichen Boten des Römischen Volks der Quiriten? auch mein Geräth und meine Begleiter?» Der König antwortete: «In so weit weder mir, noch dem Römischen Volke der Quiriten Nachtheil daraus erwachse, mache ich dich dazu.» Bundespriester war Marcus Valerius . Dieser machte den Spurius Fusius zum Eidesvater, dadurch, daß er ihm Haupt und Haar mit dem geweiheten Grase berührte. Der Eidesvater wird zur Leistung des Eides ernannt, oder, welches einerlei ist, zur Bekräftigung des Vertrages; und das thut er mit vielen Worten, zu deren Mittheilung, wie sie in langer Formel lauten, hier der Ort nicht ist. Wenn er 44 dann die Vergleichspunkte abgelesen hat, spricht er: «Höre, Jupiter! höre, Eidesvater des Albanischen Volks! höre du, Volk von Alba! So wie dieses öffentlich von Anfang bis zu Ende von diesen Tafeln oder Wachse verlesen worden ist, sonder arge List, und so wie es allhie heutiges Tages völlig richtig verstanden worden ist, also will auch von bemeldeten Artikeln das Römische Volk nicht zuerst abgehen. Sollte es nach öffentlichem Schlusse in böslicher Absicht zuerst davon abgehen, so wollest du, Jupiter, desselbigen Tages das Römische Volk eben so treffen, als ich heute auf dieser Stelle dieses Schwein treffen werde; und triff du es so viel kräftiger, je kräftiger du das kannst und vermagst.» Nachdem er so gesprochen, gab er einem Schweine mit einem rohen Kiesel einen Schlag. Die Albaner ließen ebenfalls die Ablesung ihrer Formeln und ihre Eidesleistung durch ihren Dictator und ihre Priester vollziehen. 25. Nach geschlossenem Vertrage griffen, der Übereinkunft gemäß, die Drillinge zu den Waffen. Unter den Ermunterungen der Ihrigen auf beiden Seiten, welche ihnen vorstellten, daß jetzt die vaterländischen Götter, das Vaterland und ihre Ältern, und alle Bürger zu Hause und im Heere nur auf ihre Waffen, nur auf ihre Hände blickten, traten sie mitten im Platze zwischen beiden Heeren auf; kühn durch eignen Muth; voll vom Zurufe der Ermunternden. Beide Heere hatten sich vor ihrem Lager aufgestellt, frei von aller persönlichen Gefahr, aber nicht von Besorgniß. Galt es doch jetzt die Oberherrschaft ihres States, die von der Tapferkeit und dem Glücke dieser Wenigen abhing. Kein Wunder, daß sie, voll Erwartung und Ungewißheit, ihre ganze Aufmerksamkeit auf ein Schauspiel hefteten, das nichts weniger, als belustigend war. Jetzt wurde das Zeichen gegeben. Mit gegen einander gekehrten Waffen brachen von beiden Seiten, gleich Schlachtreihen, die drei Jünglinge auf einander ein, vom Geiste großer Heere beseelt. Weder hier, noch dort, dachte Einer an eigne Gefahr. Die Herrschaft oder Dienstbarkeit ihres States war es, die ihnen vor der Seele 45 schwebte, und das Schicksal des Vaterlandes, das so auf ihm bleiben werde, wie sie es jetzt ihm gäben. Als beim ersten Angriffe die Waffen erklangen und die zückenden Schwerter blitzten, durchbebte die Zusehenden ein heftiger Schauder; und so lange der Sieg noch auf keine Seite sich neigte, schien jeder Laut, jeder Athemzug in ihnen erstorben. Jetzt waren sie schon im Handgemenge: man sah nicht bloß Wendungen der Körper, unentscheidende Streiche und Waffengetümmel; auch Blut und Wunden zeigten sich. Da stürzten vor den drei schon verwundeten Albanern zwei Römer, einer über den andern, sterbend nieder. Erhob bei ihrem Falle das Albanische Heer ein Freudengeschrei, so verließ die Römischen Legionen, durch die Gefahr ihres von drei Curiatiern umstellten Einzigen voll Entsetzen, schon alle Hoffnung, aber noch nicht die Besorgniß. Zum Glücke hatte er noch keine Wunde, und so wie er allein Dreien zugleich nicht gewachsen war, so war er jedem Einzelnen überlegen. Um ihren Angriff zu trennen, nahm er die Flucht, in der Erwartung, daß sie ihn so verfolgen würden, wie es Jedem seine schwächende Wunde gestatten werde. Schon war er eine ziemliche Strecke von dem Platze, wo sie gefochten hatten, entfernt, da sah er sich um und wurde gewahr, daß sie, Einer weit hinter dem Andern, ihm folgten, und der Erste nicht mehr fern war. Auf diesen rannte er mit großem Ungestüme zurück, und während das Albanische Heer den Curiatiern zuschrie, sie sollten ihrem Bruder zu Hülfe eilen, hatte der siegende Horatius den Feind erlegt und flog in das zweite Gefecht. Vom lauten Geschreie der Römer – Wie wenn bei unsern Kampfspielen dem schon Aufgegebenen seine Partei unerwartet ihren Beifall erneuet – fühlte sich ihr Krieger gehoben; und er selbst eilte, den Kampf zu enden. Ehe noch der Andre – und er war nicht weit mehr – dazu kommen konnte, wurde er auch mit dem zweiten Curiatier fertig. Nun waren, in gleicher Streiterzahl, nur Mann gegen Mann noch übrig; aber an Muth so ungleich, als an Kräften. Der Eine trat bei seinem wundenfreien Körper, nach seinem doppelten Siege mit 46 Überlegenheit zum dritten Kampfe auf: der Andre schleppte, matt von seiner Wunde, matt vom Laufe, sich näher: schon durch den Tod seiner vor ihm liegenden Brüder besiegt, konnte er sich seinem Sieger nur überliefern. Kampf war das nicht mehr. Frohlockend sprach der Römer: «Zwei habe ich den Geistern meiner Brüder geopfert: den Dritten opfre ich der Entscheidung dieses Krieges, um die Römer zu Herrschern über Alba zu machen.» Von oben herab stach er ihm, der kaum die Waffen noch halten konnte, das Schwert in die Gurgel. Wie er da lag, zog er ihn aus. Unter Jubelgeschrei und Glückwünschen empfingen die Römer ihren Horatius ; mit so viel größerer Freude, je mißlicher die Sache gestanden hatte. Nun schritten beide Völker zur Bestattung der Ihrigen, mit sehr ungleichen Empfindungen: denn die Einen hatten ihre Herrschaft erweitert, die Andern sahen sich in fremde Hand gegeben. Die Gräber haben noch den Platz, wo Jeder fiel: die beiden Römischen neben einander, nach Alba zu; die drei Albanischen näher nach Rom, aber von einander entfernt, wie sie auch gefochten hatten. 26. Ehe die Völker von einander schieden, fragte Mettus beim Könige Tullus an, was er vermöge des Vertrages zu befehlen habe. Tullus befahl ihm, seine Mannschaft unter den Waffen zu behalten: er werde sich ihrer im Falle eines Krieges mit den Vejentern, bedienen. Dann wurden die Heere nach Hause abgeführt. An der Spitze der Römer ging Horatius, prunkend mit der dreifachen Kampfbeute. Vor dem Capenischen Thore kam ihm seine unverheirathete Schwester entgegen, die mit Einem der Curiatier verlobt war; und wie sie auf ihres Bruders Schulter den Kriegsrock ihres Bräutigams erkannte, den sie selbst gewirkt hatte, riß sie ihr Haar los und rief mit Thränen ihren todten Bräutigam bei Namen. Dies Gewinsel seiner Schwester bei seinem Siege, bei der so lauten allgemeinen Freude, weckte dem hochsinnigen Jünglinge den Zorn. Er zog sein Schwert und durchstieß sie mit den strafenden Worten: «Geh hin mit deiner unzeitigen Liebe zu deinem Bräutigame, die du 47 deiner Brüder, der todten und des lebenden, vergaßest! deines Vaterlandes vergaßest! Und so fahre künftig jede, die – eine Römerinn – den Feind betrauert!» Väter und Volk erkannten das Schreckliche der That; allein sein neues Verdienst trat vor sein Verbrechen. Doch schleppte man den Übelthäter vor Gericht zum Könige. Der König, um einen so ernsthaften, dem Volke unangenehmen Rechtsgang, oder auch die davon abhängige Todesstrafe, von sich abzulehnen, ließ das Volk zur Versammlung berufen und sprach: «Ich ernenne Duumvirn (Zweiherren), die nach dem Gesetze den Horatius über öffentlichen Mord richten sollen.» Das Gesetz lautete fürchterlich: «Die Duumvirn sollen auf öffentlichen Mord richten. Thut der Thäter von den Duumvirn Ansprache, so soll man es auf den Erfolg der Ansprache ankommen lassen. Wird der Spruch der Duumvirn bestätigt, so sollst du ihm das Haupt verhüllen, ihn mit einem Stricke an den Unglückspfahl binden; sollst ihn peitschen innerhalb der Ringmauer, oder außerhalb der Ringmauer.» Als die nach diesem Gesetze gewählten Duumvirn, überzeugt, daß sie ihn nach einem Gesetze dieses Inhalts auch dann nicht lossprechen könnten, wenn er unschuldig wäre, ihn verdammt hatten, so sprach der Eine von ihnen: « Publius Horatius, ich erkenne gegen dich auf öffentlichen Mord. Beilträger, geh und bind ihm die Hände!» Der Beilträger machte sich an ihn und warf ihm den Strick um. Da rief Horatius, nach Anleitung des Tullus, der dem Gesetze eine mildere Deutung gab: «Ich thue Ansprache!» Und nun kam es auf den Gang der Ansprache vor dem Volke an. Hier blieben die Herzen nicht ungerührt; am wenigsten, als der Vater Publius Horatius öffentlich erklärte, «er glaube, seine Tochter sei mit Recht getödtet. Wenn dem nicht also wäre, so würde er selbst, nach dem väterlichen Rechte, wider seinen Sohn verfahren haben.» Dann flehete er: «Sie möchten ihn, den sie eben noch mit trefflichen Kindern gesegnet gesehen hätten, doch nicht kinderlos machen.» Zugleich umarmte der Greis den Jüngling, wies auf die den Curiatiern abgenommenen Spolien 48 hin – sie waren an der Stelle befestigt, die noch jezt der Horatische Pfeiler heißt – und rief: «Den ihr eben noch, ihr Qniriten, im Schmucke und Jubel des Sieges aufziehen sahet, den wolltet ihr unter dem Schultergalgen, gebunden, Schläge und Marter leiden sehen? Von diesem empörenden Schauspiele würden selbst die Albaner die Augen abwenden. Geh, Beilträger! binde die Hände, die eben noch bewaffnet dem Römischen Volke die Herrschaft erkämpften! Geh, verhülle das Haupt dem – Befreier dieser Stadt! Bind ihn an den Unglückspfahl! Peitsche ihn! willst du innerhalb der Ringmauer? nur unter jenen Waffen und Spolien der Feinde! oder außer der Ringmauer? nur diesseit der Curiatischen Gräber! Könnt ihr doch den Jüngling nirgends hinführen, wo ihn nicht Denkmale seiner Ehre gegen eine so unwürdige Todesstrafe in Schutz nähmen!» Diesen Thränen des Vaters, und selbst des Jünglings sich in aller Gefahr gleich bleibenden Fassung konnte das Volk nicht widerstehen. Es sprach ihn los, mehr aus Bewunderung seiner Tapferkeit, als nach dem Rechte der Sache. Um indeß einen so offenbaren Mord wenigstens durch eine Art von Sühne büßen zu lassen, ward dem Vater auferlegt, die Sühne für seinen Sohn auf gemeine Kosten auszurichten. Der Vater stellte gewisse Reinigungsopfer an, deren Beobachtung nachher der Horatischen Familie übertragen wurde, und zog quer über die Straße einen Balken, unter welchem er den Jüngling mit verhülltem Haupte als unter einem Galgen weggehen ließ. Dieser Galgen, der immer auf öffentliche Kosten erneuert wird, ist noch zu sehen, und heißt der Schwesterbalken . Der Horatia wurde auf der Stelle, wo sie erstochen niedersank, ein Grabmal von Quadern errichtet. 27. Der Friede mit Alba war nicht von langer Dauer. Der große Haufe verargte es dort dem Dictator, daß er das Schicksal des States von drei Soldaten habe entscheiden lassen. Seine wankelmüthige Sinnesart verschlimmerte sich dadurch., und weil er mit seinem treuen Rathe nicht glücklich gewesen war, so wollte er nun die Gunst seiner Bürger durch schlechte Mittel wieder gewinnen, Wie 49 vorher im Kriege Frieden, so suchte er jetzt im Frieden Krieg; und weil er sah, daß die Seinigen mehr Muth als Kraft hatten, so wiegelte er zur Führung eines öffentlich angekündigten Krieges andre Völker auf: dem seinigen ließ er bei anscheinender Bundestreue den Weg der Verrätherei offen. So wurden die Fidenaten, eine Römische Pflanzstadt, welche die Vejenter mit in diesen Anschlag zog, durch den versprochenen Übergang der Albaner dahin vermocht, zu einem Kriege gegen Rom die Waffen zu ergreifen. Nach dem öffentlich erklärten Abfalle der Fidenaten zog Tullus, sobald er den Mettus mit seinem Heere von Alba zu sich entboten hatte, gegen die Feinde. Er setzte über den Anio und lagerte sich bei dessen Zusammenflusse mit der Tiber . Zwischen dieser Gegend und der Stadt Fidenä war das Heer der Vejenter über die Tiber gegangen. Sie standen also auch in der Schlacht neben dem Strome, auf dem rechten Flügel; auf den linken stellten sich die Fidenaten, näher nach dem Gebirge zu. Tullus richtete seine Römer gegen die Vejenter ; den Albanern gab er ihren Platz gegen den Fidenaten über. Der Albanische Heerführer war eben so unentschlossen, als treulos. Er konnte es nicht über sich erhalten, zu bleiben, noch auch, offenbar überzugehen: er zog sich allmälig gegen das Gebirge. Wie er seiner Meinung nach weit genug bergan gerückt war, ließ er die ganze Linie sich richten; dann, immer noch unschlüssig, um nur Zeit zu gewinnen, die Glieder sich entwickeln. Seine Absicht war, mit seiner Macht derjenigen Partei den Ausschlag zu geben, für welche sich das Glück erklären werde. Den zunächst stehenden Römern, als sie die Blöße sahen, die der Abzug der Bundesgenossen ihrem Flügel gab, war dies anfangs unerklärlich. Ein Ritter sprengte von hier mit der Botschaft, daß die Albaner weggingen, zum Könige. In der Bestürzung gelobte Tullus, zwölf Salische Priester Siehe oben beim Numa, Cap. 20 zu stiften, und den Göttern der Schreckensblässe und Bestürzung jedem ein Heiligthum. Den 50 Ritter aber hieß er mit einem so lauten Verweise, daß die Feinde ihn hören mußten, ins Gefecht zurückkehren. «Es sei sehr unnöthig, darüber bestürzt zu werden. Den Befehl, sich herum zu schwenken und den Fidenaten in den offnen Rücken zu fallen, habe er selbst den Albanern gegeben.» Zugleich befahl er ihm, die Reuterei die Lanzen richten zu lassen. Sie that es und benahm dadurch einem großen Theile des Römischen Fußvolks die Hinsicht auf das abziehende Heer der Albaner ; und die es gesehen hatten, fochten, in der Einbildung, es stehe so um die Sache, wie sie es von ihrem Könige gehört hatten, so viel muthiger. Der Schrecken ging auf die Feinde über. Sie hatten die Worte des Königs deutlich gehört; und sehr viele Fidenaten verstanden Latein, weil sie mit gebornen Römern zur Ergänzung der Pflanzerzahl angestellt waren. Damit sie nun nicht, wenn die Albaner plötzlich von den Anhöhen auf sie einbrächen, von ihrer Stadt abgeschnitten würden, nahmen sie die Flucht. Tullus setzte ihnen nach, verjagte den Flügel der Fidenaten völlig, und kehrte so viel muthvoller auf die Vejenter zurück, die über die Flucht ihres linken Flügels voll Bestürzung waren. Sie hielten seinen Angriff eben so wenig aus, aber die Rettung ins Freie wehrte ihnen der Strom, den sie im Rücken hatten. Wie sich also ihre Flucht hieher zog, so rannten sie theils, mit schimpflicher Wegwerfung ihrer Waffen, blindlings ins Wasser, theils standen sie zögernd am Ufer, und ehe sie für Flucht oder Gefecht sich entschieden, waren sie niedergemacht. In keiner der vorigen Schlachten hatten die Römer einen härteren Kampf gehabt. 28. Das Albanische Heer, bis dahin Zuschauer des Gefechts, kam nun herab in die Ebene. Mettus wünschte dem Tullus Glück zur Besiegung der Feinde: Tullus war in seiner Antwort eben so freundlich gegen Mettus . Die Albaner, sagte er, möchten unter göttlichem Segen ihr Lager mit dem Römischen vereinigen, und auf den folgenden Tag setzte er ein Musterungsopfer an. Mit Tagesanbruch, als die gewöhnlichen Vorkehrungen zum Opfer getroffen waren, ließ er beide Heere zur Versammlung 51 entbieten. Die Herolde, die vom äußersten Ende anfingen, beriefen die Albaner zuerst. Und sie selbst stellten sich aus Neugierde, den Römischen König öffentlich reden zu hören, ihm so nahe als möglich. Das Römische Fußvolk, der Bestellung gemäß bewaffnet, umringte sie: und die Hauptleute hatten den Bescheid, jeden Befehl ungesäumt zu vollstrecken. Nun fing Tullus an. «Römer! konnte je der früheren Feldzüge Einer euch auffordern, euren Dank zuerst den unsterblichen Göttern, und dann eurer eignen Tapferkeit darzubringen, so that dies die gestrige Schlacht. Wir haben mit den Feinden nicht eigentlicher zu kämpfen gehabt, als mit der Verrätherei und Treulosigkeit unserer Bundesgenossen – einen weit schwerern und gefährlichern Kampf! Soll ich euch nicht in irrigem Wahne lassen, so höret! Ohne mein Wissen zogen sich die Albaner auf das Gebirge. Nie hatte ich so etwas befohlen: Klugheit war es, daß ich mich stellte, es befohlen zu haben. Euch mußte ich es unbekannt bleiben lassen, daß man euch verließ, wenn ich euch nicht muthlos machen wollte: die Feinde mußte die Besorgniß umgangen zu werden, mit Schrecken und Flucht erfüllen. Doch diese meine Rüge trifft nicht die Albaner alle. Sie folgten ihrem Führer, so wie ihr gethan haben würdet, wenn ich euch auf einen Seitenweg hätte ablenken wollen. Mettus dort ist der Führer dieses Zuges; Mettus eben so der Anstifter dieses Krieges; Mettus der Störer des Bundes zwischen Rom und Alba . Stelle ich nicht an ihm ein ausgezeichnetes Beispiel den Sterblichen zur Warnung auf, so müsse künftig jeder andre sich solche Thaten erlauben.» Jetzt umstellten bewaffnete Hauptleute den Mettus . Der König blieb in seinem Vortrage. «Glück? Heil und Segen erwachse für das Römische Volk, für mich und euch, ihr Albaner, aus meinem Entschlusse, das ganze Albanische Volk nach Rom überzuführen; ihrem Bürgerstande unser Bürgerrecht zu ertheilen, ihre Häupter unserm Adel einzuverleiben, und Eine gemeinschaftliche Stadt, Einen gemeinschaftlichen Stat zu gründen. So wie ehemals der Stat von 52 Alba aus Einem in zwei Völker zerfiel, so mag er sich nun wieder auf Eines zurückführen lassen.» Die Albanische Mannschaft, ohne Waffen, von Bewaffneten umgeben, beobachtete, während er sprach, bei, so verschiedener Stimmung, gleichwohl von Einer gemeinschaftlichen Furcht gehalten, eine tiefe Stille. Darauf fuhr Tullus fort: « Mettus Fuffetius, wenn du noch lernen könntest, wie man Treue und Bündnisse hält, so würde ich dir mit Schonung deines Lebens diesen Unterricht haben angedeihen lassen. Weil aber deine Sinnesart unheilbar ist, nun so lehre du die Menschenkinder durch deine Todesstrafe, das heilig halten, was du entweihet hast. So wie jüngst dein Herz, getheilt zwischen Fidenä und Rom, hier und dort war, so sollst du jetzt deinen Leib zur Zertheilung nach allen Seiten hergeben.» Er ließ zwei vierspännige Wagen heranfahren und den Mettus quer ausgespannt zwischen die Gestelle binden: die Pferde jagten nach entgegengesetzter Richtung aus einander und schleppten den Zerrissenen, so wie die Körperstücke in den Banden hängen blieben, an jedem Wagen fort. Alle wandten von einem so gräßlichen Schauspiele die Augen ab. Dies ist das erste und letztemal, daß die Römer eine Todesstrafe auf eine Art vollzogen, die die Gesetze der Menschlichkeit vergaß. Sonst können wir uns rühmen, daß bei keinem Volke gelindere Strafen eingeführt sind. 29. Nach Alba war unterdeß schon Reiterei voraufgeschickt, das Volk nach Rom herüberzuholen. Jetzt wurden auch die Fußvölker hingeführt, die Stadt zu schleifen. Wie diese in die Thore rückten, so entstand freilich kein solcher Aufruhr und Schrecken, wie bei Eroberung einer Stadt, wenn der Feind die Thore gesprengt, die Werke durch den Mauerbrecher niedergeworfen, oder die Burg mit stürmender Hand erstiegen hat, und Feindesgeschrei und Waffengetümmel in allen Gassen, die ganze Stadt mit Mord und Brand erfüllt. Trauriges Schweigen und stummer Gram fesselten Aller Herzen so enge, daß sie – 53 vor Prae metu. – Ich sehe nicht ein, warum ich mit Walch, Lindau oder Müller von dieser Lesart abgehen sollte. Denn war gleich metus die Ursache dieses silentii und der maestitiae, so blieb doch auch metus die Begleiterinn von beiden. Eben weil sie stumm und traurig vor Furcht waren, so hörte ja bei diesem Schweigen und dieser Traurigkeit die Furcht, daß nun der Augenblick der Zerstörung eintrete, noch nicht auf; und so konnte Livius sehr richtig sagen: prae metu obliti etc. ohne der Entschuldigung zu bedürfen, daß er an einer so dichterischen Stelle (Lit. Zeit. 1818. Nr. 190. Seite 685) caussam pro effectu gesetzt habe. Ich nehme also auch meine Muthmaßung prae fletu zurück, ob sie gleich dem prae metu näher käme, und sich durch das nachher folgende integrabant lacrimas vielleicht unterstützen ließe. Angst unfähig, darauf zu denken, was sie da lassen, was sie mitnehmen sollten – außer aller Fassung, unter gegenseitig wiederholten Fragen, bald in ihren Thüren stehen blieben, bald in den Häusern, um sie dasmal zum letztenmale zu sehen, auf und nieder liefen. Wie aber jetzt die Reuterei den Befehl zur Räumung ihnen schon dringender zurief, schon aus entlegenen Theilen der Stadt das Krachen der einstürzenden Gebäude herüberscholl, und ein aus mehrern Gegenden aufgestiegener Staub alles wie mit einer hergeführten Wolke bezog: da nahmen sie in der Eile, so viel Jeder konnte, mit sich; traten mit Hinterlassung ihrer Haus- und Schutzgötter und des Dachs, unter dem sie geboren und erzogen waren, auf die Gasse, fanden sie schon mit einem aneinanderhängenden Zuge von Wandernden bedeckt, und der Anblick ihrer Mitbürger erneute unter wechselseitigem Mitleiden ihre Thränen. Die Stimme der Klage wurde laut, vorzüglich der weiblichen, wenn sie vor ihren ehrwürdigen, nun von Bewaffneten besetzten Tempeln vorübergingen und ihre Götter wie in Feindes Hand verlassen mußten. Nach dem Abzuge der Albaner aus der Stadt machten die Römer allenthalben die öffentlichen und Privatgebäude dem Erdboden gleich, und die Stunde des Schicksals übergab ein Werk von vierhundert Jahren – so lange hatte Alba gestanden – der Zerstörung und den Trümmern. Doch blieben die Tempel der Götter auf ausdrücklichen Befehl des Königs verschont. 30. Durch Alba's Zerstörung vergrößerte sich Rom . Die Bürgerzahl verdoppelte sich. Der Berg Cölius wurde zur 54 Stadt gezogen, und damit sich hier mehrere anbauen möchten, wählte ihn Tullus zum Sitze seines Hoflagers und wohnte hier. Unter die Patricier nahm er, um auch diesen Theil des States zu verstärken, die vornehmsten Albanischen Familien auf; die Julier Ich folge hier mit Stroth dem Dionysius von Halicarnass, und glaube, daß Livius schon um Augusts willen die Julier, nicht die Tullier hier zuerst nannte. Auch konnte die Schreibart LEGIT IVLIOS in den alten Handschriften die Abschreiber so leicht legit tullios lesen lassen. Auch hat Drakenborch wirklich einige Handschriften angeführt, die gerade zu Iulios lesen. , Servilier, Quinctier, Geganier, Curiatier, Clölier ; gab dem dadurch zahlreicher gewordenen Stande ein geweihetes Gebäude als Rathhaus ein, das bis auf unsrer Väter Zeiten Die Hostilische Curie wurde bei Verbrennung der Leiche des Clodius eingeäschert, unter dem Dictator Cäsar wieder gebaut, und hieß seitdem die Julische . den Namen das Hostilische behalten hat; und um die Stärke jedes Ranges aus dem neuen Volke zu vermehren, hob er unter den Albanern zehn Turmen Eine Turme bestand aus 30 Mann. Ritter aus. Von eben diesem Zuwachse machte er die alten Legionen vollzählig und errichtete neue. Im Vertrauen auf diese seine Kräfte kündigte Tullus den Sabinern den Krieg an, welche damals an Volkszahl und Kriegskunde nur den Hetruskern nachstanden. Von beiden Seiten hatte man sich Beleidigungen zugefügt und Genugthuung vergebens gefordert. Tullus beschwerte sich: Auf dem starkbesuchten Jahrmarkte bei dem Tempel der Göttinn Fetonia hätten sie Römische Kaufleute verhaftet. Die Sabiner hingegen: Schon vorher hätten zu Rom einige ihrer Landeleute in dem Haine (des Asylums Diese Freistatt, die, wie Crevier richtig bemerkt, damals noch nicht durch die Befriedigung gesperrt war, scheint also auch noch nach Romulus Zeiten eine Zuflucht für Übelthäter oder Bedrängte gewesen zu sein. ) Zuflucht gefunden und wären ihnen nicht ausgeliefert. Dies waren die angeblichen Ursachen zum Kriege. Die Sabiner, welche es eben so sehr beherzigten, daß schon Tatius einen Theil ihrer eignen Macht in Rom angesiedelt hatte, als daß Rom neulich durch Einverleibung des ganzen Albanischen Volks noch mächtiger geworden war, sahen sich ebenfalls nach auswärtiger Hülfe 55 um. Hetrurien lag ihnen nahe; die nächsten Hetrusker waren die Vejenter . Wie sie hier die Einwohner zum Friedensbruche aufforderten, so schaffte ihnen hauptsächlich die Erbitterung gegen Rom von den vorigen Kriegen, viele Freiwillige, und manche Unansässige vom dürftigen Volke reizte auch der Sold: allein von allen Seiten des States leistete man ihnen keinen Beistand, und diesmal blieb bei den Vejentern – denn bei den übrigen wundert es mich weniger Die übrigen Hetruskischen Völkerschaften waren theils nicht so nahe Nachbaren Roms, und also auch weniger besorgt; theils waren sie gegen Rom nicht so erbittert, als die schon mehrmals geschlagenen Vejenter . – der mit den Römern Ich lese mit Stroth nicht Romulo, sondern Romano. Denn der mit Romulus geschlossene Friede war ja ( Cap. 27. ) selbst unter Tullus Regierung schon gebrochen. geschlossene Waffenstillstand in seiner Kraft. Als man nun auf beiden Seiten die kräftigsten Vorkehrungen zum Kriege traf, und es nur noch darauf zu beruhen schien, wer den ersten Schlag thun würde, so rückte Tullus als der Angreifende ins Sabinerland . Bei dem Walde Malitiosa kam es zu einer fürchterlichen Schlacht, in welcher das Römische Heer freilich auch durch sein treffliches Fußvolk, am meisten aber durch die neuliche Vermehrung der Reuterei die Oberhand behielt. Sie bewirkte durch ihr schleuniges Eindringen, in den Gliedern der Sabiner eine solche Verwirrung, daß sie nicht wieder zum Standgefechte kommen, und sich auch nicht ohne großen Verlust durch die Flucht entwinden konnten. 31. Als nach Besiegung der Sabiner Tullus als König, und der ganze Römische Stat, im Besitze großes Ruhmes und einer wirklich großen Macht waren, wurde dem Könige und den Vätern gemeldet, auf dem Albanischen Berge sei ein Steinregen gefallen. Weil man das kaum glauben konnte, so wurden zur Untersuchung des Wunders Leute hingeschickt: und vor ihren Augen fiel eine Menge Steine, nicht anders als wenn der Sturm einen dichten Hagel auf die Erde niederstürzt, vom Himmel herab. Auch kam es ihnen vor, als hörten sie aus dem Haine des höchsten Gipfels eine gewaltige Stimme rufen: «Die 56 Albaner sollten ihren Gottesdienst nach vaterländischer Weise verrichten.» Sie hatten diesen eingehen lassen, als hätten sie zugleich mit ihrer Vaterstadt auch die Götter hinter sich gelassen, und entweder den Römischen Gottesdienst angenommen, oder auf ihr Schicksal zürnend, wie es der Mensch macht, alle Verehrung der Götter aufgegeben. Auch die Römer stellten eben dieses Schreckzeichens wegen eine öffentliche neuntägige Feier an; entweder auf Geheiß einer himmlischen Stimme, die sich vom Albanischen Berge hören ließ; – denn auch dies melden einige: – oder auf Anrathen der Opferschauer Haruspices, Opferschauer, Priester, welche aus den Eingeweiden der Opferthiere den Willen der Götter angaben. . Wenigstens blieb es Sitte, so oft die Erscheinung dieses Wunderzeichens gemeldet wurde, eine neuntägige Feier anzustellen. Nicht lange nachher herrschte eine ansteckende Krankheit, und machte die Bürger zu Kriegsdiensten unaufgelegt. Dennoch gestattete der kriegerische König keine Waffenruhe; ja er glaubte sogar, die jungen Leute würden im Kriege gesunder sein, als zu Hause; bis ihn endlich selbst die Krankheit auf ein langwieriges Lager warf. Dies lähmte ihm zugleich mit dem Körper jenen muthigen Feuergeist so sehr, daß er jetzt, so wenig er es vorhin für königlich gehalten hatte, seine Gedanken mit dem Gottesdienste zu beschäftigen, auf einmal mit Befolgung jedes größern und kleineren Aberglaubens seine Zeit hinbrachte, und sogar das Volk auf lauter Andachtsübungen zog. Und wirklich hielten schon die Leute, bei dem allgemeinen Wunsche, die Lage der Dinge unter dem Könige Numa wiederhergestellt zu sehen, Gebete um göttliche Gnade und Erbarmung für das einzige Heilmittel der Krankheit. Der König selbst, heißt es, der bei Durchsuchung der schriftlichen Anweisungen vom Numa gefunden habe, daß jährlich gewisse Opfer insgeheim gebracht wären, dem Jupiter Offenbarungen abzugewinnen, habe sich zur Ausrichtung jener Opfer eingeschlossen. Da er aber diesen Gottesdienst nicht gehörig eingeleitet oder abgewartet habe, so habe er, ohne irgend 57 eine himmlische Erscheinung zu bewirken, vom Jupiter, den diese verkehrten Beschwörungen gestört und erzürnt hätten, einen Blitz auf sich herabgezogen und sei mit seinem Hause verbrannt. Tullus regierte mit großem Kriegsruhme zwei und dreißig Jahre. 32. Nach dem Tode des Tullus fiel die Regierung, der schon ehemals getroffenen Einrichtung gemäß, wieder an die Väter; und sie ernannten einen Zwischenkönig. Auf dem von ihm gehaltenen Wahltage ernannte das Volk den Ancus Marcius zum Könige, und die Väter bestätigten ihn. Ancus Marcius war ein Enkel des Königs Numa Pompilius von seiner Tochter. Mit Antritt seiner Regierung machte er es sich zum Hauptaugenmerke, theils weil ihm das rühmliche Andenken seines Großvaters vorschwebte, theils weil die vorige Regierung, übrigens so vortrefflich, doch von Einer Seite nicht ganz glücklich gewesen war, insofern sie nämlich die Gottesverehrungen entweder verabsäumt, oder verkehrt betrieben hatte; den öffentlichen Gottesdienst wieder so einzurichten, wie ihn Numa angeordnet hatte. Er ließ die sämtlichen Vorschriften darüber aus Numa's Anweisungen durch den Oberpriester in ein Verzeichniß bringen, und dies auf einer weißen Tafel öffentlich aushängen. Daher entstand bei den sich nach Ruhe sehnenden Bürgern und den benachbarten Staten die Erwartung, der König werde in seinen Sitten und Einrichtungen auf seinen Großvater arten. Die Latiner, mit denen unter Tullus Regierung ein Bündniß geschlossen war, fühlten sogleich ihren Muth gehoben: sie thaten einen Einfall ins Römische Gebiet, und gaben den Genugthuung fordernden Römern eine übermüthige Antwort, in der Voraussetzung, der Römische König werde, unthätig genug, seine Regierung auf Kapellen und Altäre beschränken. Ancus, dem Muster des Numa treu, ohne den Romulus zu vergessen, verband die Eigenschaften beider; und außer der Überzeugung, daß unter der Regierung seines Großvaters für jenes neue und wilde Volk der Friede eher nothwendig gewesen sei, sah er auch ein, daß er die Ruhe, die jenem gelungen sei, nicht werde beibehalten können, ohne sich Beleidigungen gefallen 58 zu lassen: man mache auf seine Nachgiebigkeit einen Versuch; gelinge er, so werde man sie verachten: auch eigne sich die Lage der Dinge mehr für einen Tullus, als für einen Numa . Um indeß, so wie Numa die gottesdienstlichen Gebräuche des Friedens eingeführt hätte, in seiner Person den Stifter der kriegerischen Feierlichkeiten aufzustellen, und die Kriege nicht bloß führen, sondern auch vermittelst eines gewissen Feierbrauchs ankündigen zu lassen, nahm er von einem alten Volke, den Äquicolern, die gesetzliche Vorschrift her, wie die Genugthuung gefordert werden muß, und nach welcher sich noch jetzt die Bundespriester richten. Wenn der Gesandte an die Gränzen derer kommt, von denen man Genugthuung fordert, so spricht er, das Haupt in das Gefäde (filum) gehüllt – dies ist eine Bedeckung von Wolle –: «Höre, Jupiter! höret, ihr Gränzen!» – er nennt jedesmal das Volk, dem sie zugehören: – «Mich höre das Recht, das vor Gott gilt! Ich bin ein öffentlicher Botschafter des Römischen Volks; ich komme, auf eine gerechte und gottgefällige Weise gesandt, und meine Worte verdienen Glauben.» Hier bringt er seine Forderungen vor. Dann nimmt er den Jupiter so zum Zeugen: «Wenn ich ungerechter und gottmisfälliger Weise jene Leute und jene Sachen an mich, den Boten des Römischen Volks, ausgeliefert haben will, so wollest du mich mein Vaterland nie wiederbetreten lassen!» Diese Worte spricht er, sobald er über die Gränze schreitet, sobald ihm der erste Mann begegnet; er spricht sie bei seinem Eintritte ins Thor, und wiederum, wenn er auf dem Marktplatze steht, wobei er jedesmal nur wenige Worte der Formel und des zu schwörenden Eides abzuändern hat. Wird das Geforderte nicht herausgegeben, so kündigt er nach Verlauf von drei und dreißig Tagen – denn so viele sind festgesetzt– den Krieg an, folgendermaßen: «Höre, Jupiter! und du, Juno, Quirinus! Und ihr himmlischen Götter alle, und ihr irdischen, und ihr unterirdischen, höret! Euch rufe ich zu Zeugen, daß jenes Volk – er nennt den Namen – ungerecht ist, und nicht leistet, was Rechtens ist. Doch hierüber wollen wir im Vaterlande unsre Ältesten befragen, 59 auf was Art wir zu unserm Rechte gelangen mögen.» Mit diesen Worten kehrt der Gesandte nach Rom zurück zur Befragung Jener. Auch damals befragte der König sogleich die Väter; etwa mit folgenden Worten. – «In Betreff derjenigen Sachen, Streitigkeiten und Angelegenheiten, – sprach er zu dem, den er zuerst um seine Stimme fragte – über welche der Eidesvater des Römischen Volks der Quiriten mit dem Eidesvater der Altlatiner und den Altlatinischen Männern übereingekommen ist; welche Sachen sie hätten geben, thun und zahlen müssen; welche Sachen sie aber weder gegeben, noch gethan, noch gezahlt haben; sage an, wie lautet deine Stimme?» Dann sprach jener: «Meine Stimme ist die, sie durch einen gerechten, gottgefälligen Krieg einzutreiben und dazu gebe ich meine Beistimmung ab und meinen Beschluß.» Nun wurden die Übrigen der Reihe nach befragt, und wenn der größere Theil der Anwesenden dieser Meinung beitrat, so war, vermöge dieser Einstimmung, Krieg. Gewöhnlich ging der Bundespriester, eine mit Eisen beschlagene, oder blutige, vorne gebrannte, Lanze in der Hand, an jene Gränzen und sprach in Gegenwart von wenigstens drei Erwachsenen: «Weil die Völker der Altlatiner und die Altlatinischen Männer sich gegen das Römische Volk der Quiriten thätlich und unterlassungsweise vergangen haben; weil das Römische Volk der Quiriten den Krieg mit den Altlatinern verordnet hat, und der Senat des Römischen Volks der Quiriten es so erachtet, beigestimmt und beschlossen hat, daß mit den Altlatinern Krieg sein solle: darum kündige ich und das Römische Volk den Völkern der Altlatiner und den Altlatinischen Männern den Krieg an und beginne ihn.» Nach diesen Worten warf er die Lanze in ihr Gebiet. Auf diese Art forderte man damals von den Latinern Genugthuung und kündigte ihnen den Krieg an: und diese Sitte pflanzte sich auf die Nachkommen fort. 33. Ancus zog, nachdem er die Besorgung des Gottesdienstes den Eigen- und übrigen Priestern übertragen hatte, mit einem neugeworbenen Heere aus; nahm 60 Politorium, eine Stadt der Latiner, mit Sturm, und führte, nach dem Beispiele der vorigen Könige, welche, durch die Aufnahme der Feinde in die Stadt, Roms Macht vergrößert hatten, die ganze Volksmenge nach Rom herüber. Und weil dem Palatium, dem Sitze der Altrömer, zu beiden Seiten, das Capitolium und die Burg die Sabiner, den Berg Cölius die Albaner besetzt hatten, so wies er der neuen Volksmenge das Aventinum an, welches bald, durch die Eroberung von Tellenä und Ficana, noch mehr neue Bürger bekam. Darauf mußte er Politorium zum zweitenmale erobern, weil die Altlatiner die leere Stadt besetzt hatten: und dies war der Grund, warum die Römer sie zerstörten, da sie immer für die Feinde ein Schlupfwinkel geblieben wäre. Endlich zog sich der ganze Latinische Krieg vor Medullia, und hier wurde lange genug mit ungewissem Glücke und wechselndem Siege gefochten. Theils war die Stadt durch ihre Werke gedeckt und hatte eine starke Besatzung: theils hatte sich im Felde ein Latinisches Heer gelagert, welches den Römern öftere Gefechte lieferte. Der Ausgang war der. Ancus erfocht, von allen seinen Truppen unterstützt, zuerst einen förmlichen Sieg; dann kehrte er mit reicher Beute nach Rom zurück, und nahm auch diesmal viele tausend Latiner unter seine Bürger auf. Um das Aventinum mit dem Palatium in Verbindung zu setzen, gab man ihnen ihren Sitz bei der Kapelle der Murcia (der Myrtenvenus.) Auch zog er das Janiculum mit zur Stadt; nicht aus Mangel an Platz, sondern um nicht einst diese Anhöhe von einem Feinde besetzen zu lassen, und vereinigte es nicht bloß durch eine Mauer mit der Stadt, sondern auch, um die Verbindung zu erleichtern, vermittelst einer Balkenbrücke, der ersten über die Tiber geschlagenen. Eben so ist der Quiritengraben, der die Stadt vor einem Angriffe von den Ebenen her nicht wenig schützt, ein Werk des Königs Ancus . Weil auch in dieser, bei dem ansehnlichen Zuwachse des Stats so hochgestiegenen Volksmenge, die Nichtachtung des Unterschiedes zwischen Recht und Unrecht Verbrechen erzeugte, deren Thäter verborgen blieben, so wurde zur Steuer der überhand 61 nehmenden Frechheit mitten in der Stadt am Marktplatze ein Gefängniß angelegt. Doch nicht die Stadt allein, auch das Land und die Gränzen wurden unter diesem Könige erweitert. Den Vejentern nahm er den Mäsischen Wald, trug seine Herrschaft bis ans Meer und baute an der Mündung der Tiber die Stadt Ostia, in deren Nähe er Seesalz gewann. Auch erweiterte er, weil er im Kriege so viel Ehre eingelegt hatte, den Tempel des Jupiter Feretrius Ich verstehe das Wort amplificare von einer eigentlichen Erweiterung . Denn nach Dionysius von Halikarnass hatte Romulus diesem Tempel oder Tempelplatze nicht mehr als funfzehn Fuß gegeben. . 34. Unter der Regierung des Ancus zog Lucumo, ein thätiger und sehr reicher Mann, nach Rom, hauptsächlich in der Absicht und Hoffnung, zu hohen Ehrenstellen zu gelangen, wozu er in Tarquinii – denn auch hier war er ein Ausländer – keine Gelegenheit hatte. Er war der Sohn eines Korinthiers Damaratus, welcher innerer Unruhen wegen aus seiner Vaterstadt geflüchtet war, dann durch Zufall seinen Aufenthalt zu Tarquinii genommen, sich hier verheirathet und zwei Söhne gezeugt hatte, den Lucumo und Aruns . Lucumo überlebte den Vater als Erbe des ganzen Vermögens. Aruns starb vor dem Vater, mit Hinterlassung einer schwangern Frau. Allein der Vater überlebte diesen Sohn nicht lange, und weil er, von der Schwangerschaft seiner Schwiegertochter nicht unterrichtet, den Enkel in seinem letzten Willen unbedacht gelassen hatte, so gab man diesem, nach des Großvaters Tode ohne alle Hoffnung eines Erbtheils gebornen, Knaben von seiner Dürftigkeit den Namen Egerius (Dürftiger). Den Lucumo hingegen, dem schon sein Reichthum als Erben des ganzen Vermögens hohe Entwürfe lieh, erfüllte mit noch höheren seine Verheirathung mit der Tanaquil, der Tochter eines der höchsten Häuser, die schon dafür sorgen wollte, daß der Rang, in welchen sie geheirathet hatte, nicht niedriger bliebe, als der, den ihr die Geburt gab. Sie konnte den Unwillen über die Nichtachtung, womit die Hetrusker dem Lucumo, als dem Sohne eines angekommenen Flüchtlings begegneten, nicht länger ertragen, vergaß der natürlichen 620 Liebe zu ihrer Vaterstadt, um nur ihren Mann in Amt und Würden zu sehen, und entschloß sich, von Tarquinii wegzuziehen. Rom schien ihr für ihre Absichten der beste Ort. «In einem neuen Volke, wo aller Adel noch jung und bloß durch Verdienst erworben sei, werde ein muthvoller, brauchbarer Mann seinen Platz schon finden: ein Sabiner, Tatius, sei dort König gewesen; von Cures Numa auf den Thron gerufen: selbst Ancus sei der Sohn einer Sabinerinn und habe für seinen Adel nur das Einzige Ahnenbild des Numa aufzuweisen.» Leicht überredete sie den ehrensüchtigen, dem ohnehin Tarquinii nur von mütterlicher Seite als Vaterstadt galt. Sie nahmen ihr Eigenthum zusammen und zogen nach Rom. Eben waren sie an das Janiculum gekommen. Er saß mit seiner Gattinn auf einem Wagen. Da schwebte ein Adler auf gebreiteten Schwingen sanft hernieder, nahm ihm den Hut, flog mit großem Geschreie über dem Wagen hin und her, setzte ihm, als wäre er bloß zu dieser Verrichtung vom Himmel gesandt, den Hut gehörig wieder auf den Kopf und stieg in die Höhe. Tanaquil, wie die Hetrusker meistens, der himmlischen Vorzeichen kundige Deuterinn, gab hocherfreut, wie die Erzählung sagt, diesem Vogelfluge die Beziehung auf sie beide. Sie schloß ihren Mann in die Arme und hieß ihn auf Emporkunft und Hoheit rechnen. Dazu gebe grade dieser Vogel die Hoffnung, der aus der höchsten Himmelshöhe komme, und dieses Gottes Bote sei: am ragenden Gipfel des menschlichen Körpers habe er seine Sendung vollzogen, habe die aus Menschenhand Ich lese mit Stroth: Levasse humana manu superpositum. 1) um einen Gegensatz zu divinitus redderet zu haben; 2) weil ich, so wie Stroth, glaube, daß das Wort MANU hinter huMANA so leicht ausfallen konnte. auf sein Haupt gesetzte Zierde ihm abgehoben, um sie aus Gotteshand ihm wieder zu bringen. Von diesen Hoffnungen und Gedanken erfüllt, fuhren sie zur Stadt hinein, schafften sich hier eine Wohnung und er gab sich hier den Namen Lucius Tarquinius Priscus . Den Römern blieb der neue, reiche Mitbürger nicht unbemerkt; und er selbst kam seinen guten Umständen durch 63 zuvorkommende Begrüßungen, höfliche Einladungen, und dadurch, daß er durch Wohlthaten, so Viele er konnte, sich zu Freunden machte, zu Hülfe; bis man endlich von ihm auch am königlichen Hofe sprach. Der hier getroffenen Bekanntschaft erwarb er durch Anstand und Geschicklichkeit, womit er seine Dienstleistungen beim Könige ausrichtete, die Rechte der vertrauteren Freundschaft, so daß er bei allen öffentlichen und geheimen Berathungen, des Krieges so gut als des Innern, zugegen sein mußte, und endlich, als der durchaus Bewährte, im Testamente des Königs den Prinzen zum Vormunde gesetzt wurde. 35. Ancus, an kriegerischem und friedlichem Verdienste und Ruhme jedem der vorigen Könige gleich, hatte vier und zwanzig Jahre regiert. Seine Prinzen waren dem Jünglingsalter nahe: desto eifriger drang Tarquinius darauf, daß die Volksversammlung zur Königswahl baldmöglichst gehalten würde. Als sie angesagt war, schickte er die Prinzen um jene Zeit auf die Jagd; und er soll der erste gewesen sein, der als Bewerber um den Thron sich zu empfehlen suchte, und eine Rede hielt, in der er es ganz darauf angelegt hatte, die Herzen des Volks zu gewinnen. Er sagte: « Einmal liege in seinem Gesuche nichts Neues. Wenn er zu Rom zu regieren wünsche, so sei er nicht der erste Ausländer, worüber vielleicht jemand Unwillen oder Befremden äußern könne, sondern der dritte. Tatius sei nicht bloß aus einem Fremden, aus einem Feinde sogar, zum Könige gemacht; Numa, ohne die Stadt zu kennen, ohne anzuhalten, vermittelst einer Aufforderung zum Throne berufen. Zum andern aber Die Rede zerfällt in zwei Theile. Im ersten, welchen Tarquin mit Quum anfängt, behauptet er, wenn er auch ein Ausländer sei, so sei das nichts Neues: auch Tatius und Numa wären fremd gewesen. Im zweiten – und auf diesen verspart er den stärkeren Grund, auf das vorangegangene Quum ein Tum – er sei so gut, als einheimisch anzusehen, weil er so lange in Rom gelebt u. s. w. Die Herausgeber gestehen fast alle, daß auf das Quum, womit die Rede anfängt, ein Tum folgen müsse; nur setzen es einige an die unrechte Stelle. Meiner Meinung nach gehört es an die Spitze des zweiten Theils der Rede, wo es bloß durch Schuld der Abschreiber weggefallen ist. Weil sie ACCITVM TVM SE geschrieben fanden, so verschlang die letzte Silbe in accitum das folgende tum. sei er, seitdem er sein eigner Herr gewesen, mit seiner Gattinn und seinem 64 gesammten Vermögen nach Rom gezogen. Er habe von den Jahren, in welchen der Mann sich den bürgerlichen Geschäften unterziehe, einen größern Theil in Rom verlebt, als in seiner alten Vaterstadt. Er habe im Frieden und Kriege, unter einem Lehrer, dessen er sich nicht schämen dürfe, unter dem Könige Ancus selbst, die Römischen Rechte, die Römischen Sitten, erlernt. In der Folgsamkeit und Ehrerbietigkeit gegen den König habe er mit allen, in der Wohlthätigkeit gegen andre mit dem Könige selbst gewetteifert.» Was er da anführte, war nicht ungegründet: und das Volk ernannte ihn mit allgemeiner Einstimmung zum Könige. War es zu verwundern, daß den übrigens vortrefflichen Mann die Sucht, sich Anhang zu verschaffen, die er bei seiner Bewerbung gezeigt hatte, auch auf den Thron begleitete? Es war eben so sehr die Absicht, seinen Thron zu befestigen, als Liebe zum allgemeinen Besten, wenn er Hundert in die Zahl der Väter aufnahm, welche nachher die Geschlechter vom zweiten Range genannt wurden; eine Partei, die es sicher mit dem Könige hielt, dem sie ihre Einführung in das Rathhaus zu danken hatten. Seinen ersten Krieg führte er mit den Latinern, und nahm ihnen die Stadt Apiolä mit Sturm. Da er von hier eine größere Beute heimführte, als der Ruf des Krieges erwarten ließ, so stellte er Spiele an, welche an Pracht und Einrichtung die der vorigen Könige übertrafen. Damals wurde auch zuerst der Platz zu einer Rennbahn (Circus), die jetzt die Große heißt, abgesteckt. Den Vätern und Rittern wurden Stellen zugetheilt, wo sich jeder seinen Schausitz anlegen konnte. Diese bekamen die Benennung Fori ( Reihenbänke ). Die Zuschauer mit ihren Sitzen wurden von Gabeln getragen, deren Höhe über der Erde zwölf Fuß betrug. Pferde und Fechter, die man größtentheils aus Hetrurien kommen ließ, machten den Gegenstand der Spiele aus. Sie wurden nachher alle Jahre gefeiert und hießen bald die Römischen, bald die Großen Spiele. Eben dieser König vertheilte auch die Umgebungen des Marktplatzes an Privatleute, um sie zu bebauen, und ließ die bedeckten Gänge und Buden anlegen. 36. Auch war er damit beschäftigt, eine steinerne 65 Mauer um die Stadt zu ziehen, als ein Krieg mit den Sabinern das angefangene Werk unterbrach. Dieser kam ihm so unerwartet, daß die Feinde, ehe noch ein Römisches Heer ihnen entgegenrücken und sie aufhalten konnte, schon über den Anio gingen. Nur im Fluge traf man in Rom Gegenanstalten, und die erste Schlacht fiel unentschieden aus, mit großem Verluste auf beiden Seiten: da zogen die Feinde sich in ihr Lager zurück und ließen den Römern Zeit, sich zum Kriege von neuem zu rüsten. Tarquinius glaubte, zur gehörigen Stärke fehle es ihm vorzüglich an Reuterei, und beschloß; neben den Centurien der Ramnen, Titienser und Luceren, die schon Romulus errichtet hatte, noch einige andre aufzubringen und durch ihre unterscheidende Benennung nach seinem Namen, sich ein Andenken zu stiften. Romulus hatte jene mit Zustimmung des Vogelflugs ausgehoben; also behauptete auch Attus Navius, ein damals berühmter Vogelschauer, ohne Genehmigung der Vögel dürfe hierin keine Änderung, keine Neuerung getroffen werden. Der König, heißt es. hierüber aufgebracht, hatte ihn mit seiner Kunst zum Besten und sagte: «Nun wohlan? du Mann Gottes, befrag deine Vögel, ob das möglich sei, was ich jetzt in Gedanken habe.» Jener vernahm die Vögel darüber und versicherte die gewisse Möglichkeit. «Nun,» sprach der König, «ich dachte mir das: Du solltest mit einem Schermesser einen Schleifstein durchschneiden. Hier hast du beides. Thue nun, was deine Vögel als möglich ankündigen.» Und er, ohne Anstand zu nehmen, soll den Schleifstein durchschnitten haben. Das dem Attus errichtete Standbild mit verhülltem Haupte, hat auf der Stelle gestanden, wo die That geschah, dem Rathhause zur Linken, hart an der Treppe auf dem Versammlungsplatze. Auch der Schleifstein soll hier, als Denkmal dieses Wunders für die Nachwelt, verwahrt gelegen haben. Wenigstens gelangten der Vogelflug und das Priesteramt der Vogelschauer zu einer so hohen Achtung, daß nachher im Kriege und Frieden nichts ohne Befragung der Vögel vorgenommen wurde, und Volksversammlungen, Berufungen der Heere, kurz die wichtigsten Sachen 66 ausgesetzt werden mußten, wenn die Vögel ihre Zustimmung versagten. Auch damals änderte Tarquinius an den Centurien nicht das mindeste, außer daß er sie noch einmal so stark machte, so daß nun die drei Centurien aus tausend achthundert Rittern bestanden. Die Hinzugekommenen blieben, in dieselben Namen einbegriffen, nur mit dem Zusatze: die Späteren . Jetzt nennen wir sie, weil sie verdoppelt sind Sie wurden vom Servius Tullius verdoppelt. S. Cap. 43 . , die sechs Centurien. 37. Nach Vermehrung dieses Theils seiner Truppen lieferte er den Sabinern eine zweite Schlacht. Außerdem, daß das Römische Heer an Stärke gewonnen hatte, kam er ihm noch durch eine versteckte List zu Hülfe. Da am Ufer des Anio eine große Menge gefälltes Holzes lag, so schickte er hin und ließ dies angezündet in den Fluß werfen: der Wind kam der Flamme zu Hülfe, und da das Holz, meistentheils auf Flößen, gegen die Brückenpfähle trieb und daran hängen blieb, so setzte es die Brücke in Brand. Dies schreckte Ich vermuthe, daß man hier lesen müsse: Eaque res in pugna terrorem adtulit Sabinis, et fusis eadem cet. Das letztere bestätigt Drakenborch . theils die Sabiner in der Schlacht, theils erschwerte es den Geschlagenen die Flucht. Eine Menge Menschen, die dem Feinde entflohen war, fand ihren Tod im Flusse selbst; und ihre schwimmenden Waffen, die man bei Rom in der Tiber gewahr wurde, machten den Sieg beinahe früher bemerkbar, als er gemeldet werden konnte. In dieser Schlacht legte vorzüglich die Reuterei Ehre ein. Auf beide Flügel gepflanzt, brach sie, der Erzählung nach, als die zwischen ihnen aufgestellte Linie ihres Fußvolks schon geworfen wurde, mit solchem Erfolge in die Seiten des Sabinischen Fußvolks, daß es nicht allein mitten in der muthigen Verfolgung der weichenden Römer Halt machen mußte, sondern auch gegen seine Erwartung in die Flucht geschlagen war. In gestrecktem Laufe eilten die Sabiner dem Gebirge zu; und wenige erreichten es: der größte Theil wurde, wie schon gesagt, von der Reuterei in den Fluß gesprengt. Tarquinius, um ihnen keine Erholung vom ersten Schrecken zu gestatten, schickte die 67 Beute und Gefangenen nach Rom, verbrannte die gesammelten Waffen der Feinde, wie er dem Vulcan gelobt hatte, in einem aufgethürmten Haufen, und brach mit seinem Heere tiefer ins Sabinische . Die Sabiner, so unglücklich sie gewesen waren, so wenig sie hoffen konnten, jetzt glücklicher zu sein, rückten ihm gleichwohl, weil sie keine Zeit hatten, sich zu berathen, mit einem schnell zusammengerafften Heere entgegen, wurden hier zum zweitenmale geschlagen und baten nun, fast ganz zu Grunde gerichtet, um Frieden. 38. Collatia und das ganze Gebiet um Collatia mußten die Sabiner abtreten. Egerius (er war der Brudersohn des Königs) blieb hier mit einer Besatzung. Die Collatiner ergaben sich, wie ich finde, auf folgende Art, und so lautet auch die Formel einer Übergabe. Der König fragte: «Seid ihr als Gesandte und Sprecher vom Collatinischen Volke abgeschickt, um euch und das Collatinische Volk zu ergeben? – Ja. – Steht das Collatinische Volk unter eigener Gewalt? – Ja. – Übergebt ihr euch und das Collatinische Volk, die Stadt, das Gebiet, Gewässer, Gränzen, Tempel, Geräthe, alles was Göttern und Menschen gehört, in meine und des Römischen Volkes Gewalt? – Ja. – So nehme ich euch hiemit an.» Nach Endigung des Sabinischen Krieges hielt Tarquinius seinen triumphirenden Einzug in Rom. Darauf fing er mit den Altlatinern Krieg an, in welchem es aber nirgends zu einer entscheidenden Schlacht kam, Nur dadurch wurde er Sieger der sämtlichen Latiner, daß er eine Stadt nach der andern angriff. So eroberte er die Städte Corniculum, Alt-Ficulea, Cameria, Crustumerium, Ameriola, Medullia, Nomentum, die entweder den Altlatinern oder denen gehörten, welche zu ihnen übergetreten waren. Und nun wurde Friede geschlossen. Hatte er zur Führung der Kriege seine ganze Kraft aufgeboten, so betrieb er nun die Anlage mehrerer Werke des Friedens mit noch größerem Eifer, so daß das Volk zu Hause eben so wenig Ruhe genoß, als es im Felde gehabt hatte. Die steinerne Mauer, deren angefangener Bau durch 68 den Sabinerkrieg unterbrochen war, mußte an allen den Stellen, wo die Stadt noch keine Werke gehabt hatte, sich schließen. So wurden die tiefsten Gegenden der Stadt, am Markte, und in den Zwischenthälern der Hügel, weil man aus diesen Ebenen das Wasser nur mit Mühe abführen konnte, durch Canäle trocken gemacht, die von der Höhe bis an die Tiber gezogen werden mußten. Ferner ließ er, zu einem Tempel Jupiters, den er im Sabinischen Krieg gelobt hatte, den Platz auf dem Capitole in einem so großen Umfange, als hätte er von der künftigen Majestät des Ortes ein Vorgefühl gehabt, mit den Grundsteinen belegen. 39. Um diese Zeit hatte man auf dem Schlosse eine Erscheinung von gleich wundervollem Anblicke und Erfolge. Der Erzählung nach, brannte vor aller Augen einem schlafenden Knaben der Kopf. Er hieß Servius Tullius . Das allgemeine Geschrei, das bei dem so wunderbaren Vorfalle sich erhob, zog auch die königlichen Personen herbei. Einer von den Bedienten brachte Wasser zum Löschen; allein die Königinn hielt ihn zurück, stillte den Lärmen und befahl, den Knaben nicht anzuregen, bis er von selbst erwachen würde. Bald verlor sich auch mit dem Schlafe die Flamme. Da sprach Tanaquil zu ihrem Gemahle, den sie beiseit geführt hatte: «Was denkst du von dem Knaben, den wir auf einen so niedrigen Fuß erziehen? Ich muß dir sagen: Er wird uns einst ein Licht in dunkeln Tagen werden und dem königlichen Hause ein Retter in der Noth. So laß uns mit aller unsrer Sorgfalt des Talentes pflegen, durch welches dem State und unserm Hause hohe Ehre widerfahren wird.» Von nun an hielten sie den Knaben, als eignes Kind, und ließen ihn in den Wissenschaften unterrichten, die den Geist zur Bildung für einen höheren Stand erheben. Für den Willen der Götter fand sich der Erfolg von selbst. Servius wurde ein junger Mann von ächt königlichen Eigenschaften, und als sich Tarquinius nach einem Schwiegersohne umsah, fand sich unter allen jungen Römern keiner, der in irgend einer Art des Verdienstes den Vergleich mit ihm hätte aushalten können. Der König gab ihm seine Tochter. 69 Grade diese ihm erwiesene hohe Ehre, was sie auch für einen Grund gehabt haben mag, läßt mich nicht glauben, daß er der Sohn einer Sklavinn gewesen sei und selbst als Kind gedient habe. Ich bin vielmehr mit Andern der Meinung, daß die schwangere Gemahlinn des Servius Tullius, der in Corniculum regierte und im Gefechte blieb, als sie nach der Eroberung dieser Stadt unter den übrigen gefangenen Frauen erkannt wurde, ihres hohen Ranges wegen von der Römischen Königinn mit der Sklaverei verschont, und zu Rom im Pallaste des Tarquinius Priscus niedergekommen sei: daß dann dieser so hohe Liebesdienst die Freundschaft zwischen den beiden Damen immer enger geknüpft, und der Knabe, als von klein auf im Hause erzogen, Liebe und Achtung genossen habe; daß man aber durch das Unglück seiner Mutter, insofern sie nach Eroberung ihrer Vaterstadt eine Gefangene geworden war, veranlasset sei, ihn für den Sohn einer Sklavinn zu halten. 40. Es waren etwa achtunddreißig Jahre verflossen, seitdem Tarquinius den Thron bestiegen hatte; und Servius Tullius stand nicht allein beim Könige, sondern auch bei den Vätern und Volke in größter Achtung. Hatten die beiden Söhne des Ancus schon vorher immer die innigste Kränkung darüber empfunden, daß die List ihres Vormundes sie um den väterlichen Thron gebracht hatte, daß zu Rom ein Fremdling regieren mußte, der nicht nur – nicht von Römischer, der nicht einmal Italischer Abkunft war, so stieg ihr Unmuth jetzt so viel höher, wenn die Regierung auch vom Tarquinius nicht an sie zurückfallen, sondern immer tiefer, bis zu Sklaven herabsinken sollte; so daß kaum hundert Jahre Es waren schon 138 Jahre nach Romulus Tode verflossen. Sie führen nur etwa hundert an, um den Abstich zwischen beiden so viel näher zu bringen. nach Romulus, der als Gottessohn und selbst ein Gott, Zeit seines irdischen Daseins den Thron besessen habe, in eben diesem State eben diesen Thron ein von einer Sklavinn geborner Sklave besitzen müsse. Es werde für den Römischen Namen überhaupt, und insbesondre ihres Hauses Schande sein, wenn 70 der Weg zum Throne Roms, da doch vom Könige Ancus noch männliche Erben am Leben wären, nicht bloß Ankömmlingen, sondern Sklaven sogar, offen stände. Diese Schmach zu rächen, beschlossen sie eine Gewaltthat. Indeß spornte sie theils der Schmerz ihres erlittenen Unrechts mehr gegen den Tarquinius selbst, als gegen den Servius; theils konnte der König, wenn sie ihn leben ließen, den Mord weit nachdrücklicher rächen, als der Privatmann; theils auch, wenn sie den Servius mordeten, jeden Andern, den er zum Schwiegersohne wählte, eben so zum Thronerben ernennen. Sie legten es also auf das Leben des Königs selbst an. Zwei von ihren verwegensten Hirten, zur That von ihnen ausersehen, ihr gewöhnliches Eisengeräth vom Ackerbaue in den Händen, mußten im Vorhofe der königlichen Burg so lärmend als möglich unter dem Scheine einer Schlägerei die königlichen Bedienten auf sich aufmerksam machen. Beide beriefen sich auf den König mit einem Geschreie, das in die innere Burg erscholl. Der König ließ sie rufen: sie kamen. Zuerst waren beide gleich laut und wetteifernd überschrie der Eine den Andern. Der Gerichtsdiener verwies sie zur Gebühr, hieß Einen nach dem Andern reden, und endlich legte sich ihr Wortwechsel. Einer trug abgeredtermaßen die Sache vor, und als der König aufmerksam sich ganz gegen diesen wandte, schlug ihm der Andre mit ausholendem Hiebe die Axt in den Kopf, ließ das Mordgewehr in der Wunde stecken, und beide stürzten zur Thür hinaus. 41. Den sterbenden Tarquinius hoben die, die in der Nähe waren, von der Erde, und jene wurden auf ihrer Flucht von den Gerichtsdienern ergriffen. Das Klaggeschrei erhob sich, und das herbeieilende Volk fragte voll Schreckens nach der Ursache. Während des Auflaufs ließ Tanaquil die Burgthore schließen und entfernte alle Zeugen: und bei der Emsigkeit, mit der sie alles Nöthige zur Heilung der Wunde herbeischaffte, als wäre noch Hoffnung da, dachte sie, falls die Hoffnung fehlschlüge, auf Entwürfe, sich von einer andern Seite zu decken. Eiligst ließ sie den Servius kommen, zeigte ihm ihren Gemahl in der 71 Verblutung, und seine Rechte festhaltend bat sie ihn, den Tod seines Schwiegervaters nicht ungerächet, seine Schwiegermutter ihren Feinden nicht zum Spotte werden zu lassen. «Der Thron,» sagte sie, «Servius, wenn du ein Mann bist, ist dein, nicht derer, die die schändlichste That durch fremde Hand verübten. Ermanne dich! folge den Göttern, die deine Führer wurden, und einst dieses Haupt zur Vorbedeutung des künftigen Glanzes mit heiligem Feuer umströmten. Jetzt müsse jene himmlische Flamme dich wecken! jetzt werde dein Erwachen wahr! Auch wir waren Fremde: und regierten. Denk daran, wer du bist; nicht, wer du geboren bist. Wenn der plötzliche Schrecken deine Anschläge lähmt, so folge den meinen.» Als man dem Toben und Zudringen der Menge kaum noch steuren konnte, so redete Tanaquil vom oberen Stockwerke des Pallastes aus den nach dem Neuen Wege sehenden Fenstern – der König wohnte neben dem Tempel des Jupiter Standgeber – das Volk an. Sie hieß es guten Muth haben. «Der plötzliche Schlag habe den König betäubt gehabt; die Axt sei aber nicht tief eingedrungen: er sei schon wieder zu sich selbst gekommen. Wie das Blut abgewaschen sei, habe man die Wunde untersucht: es stehe alles gut. Er hoffe, in den nächsten Tagen sich ihnen selbst zeigen zu können. Bis dahin, lasse er ihnen sagen, möchten sie den Befehlen des Servius Tullius Folge leisten. Der werde ihnen Recht sprechen und die übrigen Geschäfte des Königs versehen.« Servius erschien im Königskleide, hatte die Gerichtsdiener um sich, setzte sich auf den königlichen Stuhl, entschied manches; über anderes, sagte er, werde er den König befragen. So verhehlte er, als Tarquinius schon verschieden war, den Tod mehrere Tage und befestigte als Stellvertreter eines Andern seine eigne Macht. Als endlich die Bekanntmachung erfolgte, und im Schlosse die Todtenklage erhoben wurde, hatte sich Servius durch eine starke Wache gedeckt, und war der Erste, der ohne vom Volke ernannt zu sein, bloß mit Zustimmung der Väter regierte. Des Ancus Söhne hatten sich gleich damals, als ihre Meuchelmörder ergriffen waren, auf die Nachricht, daß der König noch lebe und des Servius Einfluß so groß sei, mit Aufgebung ihres Vaterlandes nach Suessa Pometia Dies war damals die Hauptstadt der Volsker . geflüchtet. 42. Bald suchte sich Servius, so wie vorher durch Vorkehrungen im Ganzen, auch durch Familien-Verbindungen zu sichern; und damit die Söhne des Tarquinius nicht so gegen ihn gesinnet sein möchten, wie die des Ancus gegen den Tarquinius gewesen waren, so verheirathete er seine beiden Töchter an die jungen Prinzen, Lucius und Aruns Tarquinius. Und doch konnte er den gebietenden Willen des Schicksals durch menschliche Mittel nicht brechen, noch die misgünstige Herrschsucht hindern, selbst die Glieder Einer Familie einander treulos und gefährlich zu machen, Für die Ruhe seiner damaligen Lage zur rechten Zeit kündigte er den Vejentern – der Waffenstillstand mit ihnen war zu Ende – und andern Hetruskern den Krieg an, In diesem Kriege zeigten sich die Tapferkeit und das Glück des Tullius in vollem Glanze, und er kehrte nach Besiegung eines mächtigen feindlichen Heeres nach Rom zurück, jetzt unstreitig als König, er mochte es auf die Entscheidung der Väter, oder des Volks ankommen lassen. Nun machte er sich an eins der wichtigsten Werke des Friedens. So wie Numa der Gesetzgeber für Alles geworden sei, was Bezug auf die Götter hatte, so sollte die Nachwelt rühmend sagen: «Der Begründer aller der Eintheilungen und Stände, wodurch der Abstich zwischen den Stufen des Ranges und Vermögens hervorgehoben wird, war Servius .» Er führte nämlich die Schatzung ein, diese für den zu einer solchen Größe bestimmten Stat so heilsame Einrichtung, vermöge welcher die Beiträge zu den Lasten des Krieges und Friedens, nicht, wie zuvor, nach den Köpfen, sondern nach dem Bestande des Vermögens geleistet werden sollten. Dann stiftete er die von der Schatzung abhängige Eintheilung in Classen und Centurien, und diese Ordnung, die im Frieden eben so passend ist, als im Kriege. 73 43. Aus denjenigen Bürgern, welche hunderttausend Kupferass Da die genaue Angabe, so vieler Berechnungen ungeachtet, immer noch nicht völlig ausgemittelt ist, so will ich die Summen nur in runden Zahlen nach dem von Crevier (sehr richtig gegen Doujat ) festgesetzten damaligen Verhältnisse des Kupfers zum Silber, nämlich wie 1 zu 1000, angeben. Der damalige as libralis hat hiernach etwa den Werth von unsren sechs Pfennigen . Das Kupfer hatte in den frühesten Zeiten bei den Römern einen so geringen Werth gegen Silber, daß bei der ersten Prägung des Silbergeldes 1 Pfd. Silber 1000 Pfd. Kupfer galt. Will man also nicht falsche Angaben machen, so muß man den Werth des Kupfers nicht nach der Zahl seiner Pfunde, sondern diese nach ihrem zu Rom gültigen Verhältnisse zum Silber bestimmen. Doujat setzte die Römischen Asses von 1 Pfd. unsern Pfunden gleich, wodurch bei der Eintheilung in Centurien unter Servius ein Reichthum in Rom hervorgehen würde, der sich damals noch nicht denken ließ. – Die 100,000 Ass in Kupfer, das Vermögen der ersten Classe, betrugen etwa 3000 Gulden unsres Conventionsgeldes. oder ein größeres Vermögen besaßen, machte er achtzig Centurien; vierzig aus den Bejahrteren, vierzig aus den Jüngeren. Alle diese hießen die erste Classe . Die Bejahrteren sollten zur Vertheidigung der Stadt verpflichtet sein; die Jüngeren zur Führung auswärtiger Kriege. Die Waffen, die diese sich zu halten hätten, waren: ein Helm, ein Rundschild, Beinschienen, Brustharnisch, alles aus Erz; dies sollten die Schutzwaffen sein. Zum Angriffe auf den Feind: Lanze und Schwert . An diese Classe schlossen sich noch zwei Centurien Zimmerleute, welche ohne Waffen dienen sollten. Ihr Geschäft war die Fortbringung der Kriegsmaschinen. Die zweite Classe begriff diejenigen, welche zwischen hunderttausend und fünfundsiebzigtausend Ass Summe der zweiten Classe: etwa 2250 Gulden Conv.M. besaßen. Und aus diesen, älteren und jüngeren zusammen, theilte er zwanzig Centurien ab. Die ihnen auferlegten Waffen waren, statt des Rundschildes ein Langschild ; und, den Brustharnisch ausgenommen, alles wie vorhin. Das Vermögen der dritten Classe bestimmte er bis zu funfzigtausend Ass Der dritten: 1500 Gulden. . Hier waren eben so viele Centurien, und eben so nach dem Alter unterschieden: auch war hier keine Abänderung in den Waffen; nur die Beinschienen fehlten. In der vierten Classe bestand das Vermögen aus 74 fünfundzwanzigtausend Ass Summe der vierten Classe: 750 Gulden. . Sie bekam eben so viel Centurien; aber andre Waffen. Nur Lanze und Wurfspieß wurde diesen gelassen. Die fünfte Classe war wieder stärker, und auf dreißig Centurien gesetzt. Sie führten Sehleuder und Schleudersteine . Hierzu gehörten auch die Überzähligen, ferner die Hornbläser und Trompeter, die zusammen in drei Centurien getheilt waren Der fünften: 340 Gulden. . Diese Classe war zu elftausend Ass angesetzt. Alles übrige Volk wurde in die Classe von geringerem Vermögen zusammengenommen, machte nur Eine Centurie aus und war vom Kriegsdienste frei. Nachdem er so das Fußvolk gerüstet und eingetheilt hatte, hob er in den vornehmsten Geschlechtern zwölf Centurien Ritter aus. Außer diesen verwandelte er die drei von Romulus errichteten Centurien in sechs, doch mit Beibehaltung der Namen, unter denen der Vogelflug sie genehmigt hatte. Zum Ankaufe der Pferde wurden Jedem zehntausend Ass 10,000 Ass sind etwa 320 Gulden. vom State gegeben; und die Witwen angewiesen, welche zusammen jährlich zweitausend Ass 2000 Ass etwa 60 Gulden. für Jeden aufbringen sollten, wovon sie die Pferde halten könnten. Alle diese Lasten legte er, mit Verschonung der Armen, auf die Reichen. Dafür aber gewannen diese nun auch an Ehre. Es konnten nicht mehr so, wie nach Romulus Einrichtung die andern Könige dies beibehalten hatten, die Stimmen nach Köpfen, und ohne Unterschied mit gleichem Einflusse und gleichem Rechte abgegeben werden; sondern er setzte Stufen fest, so daß niemand vom Stimmrechte ausgeschlossen zu sein schien, und doch die Entscheidung ganz auf den Ersten des Stats beruhete. Die Ritter nämlich wurden zuerst aufgerufen; dann die achtzig Centurien der ersten Classe. Konnten diese nicht eins werden, welches selten der Fall war, dann sollten die Centurien der zweiten Classe aufgefordert werden: so daß die 75 Stimmensammlung fast nie so weit herunterstieg, daß man bis an die Untersten gekommen wäre. Man muß sich aber nicht wundern, daß unsre jetzige Ordnung, nachdem die Zahl der Bezirke auf fünfunddreißig gestiegen ist, die sich ohnehin durch die Centurien der Bejahrteren und Jüngeren verdoppelt, nicht mehr mit der vom Servius Tullius festgesetzten Summe übereintrifft: denn er hatte die Stadt nach ihren Gegenden und Hügeln nur in vier Theile getheilt, und nannte diese damals bewohnten Theile Tribus (Bezirke), wie ich glaube vom Tribute: denn die dem Vermögen gleichmäßige Aufbringung desselben ist ebenfalls eine Erfindung von ihm. Auch stehen diese Bezirke mit der Eintheilung in Centurien so wenig, als mit deren Anzahl in Verbindung. 44. Nach vollendeter Schatzung, welche er durch die Furcht vor dem Gesetze beschleunigte, das allen, die sich nicht schatzen ließen, mit Gefängniß und Todesstrafe drohete, machte er bekannt, daß alle Römischen Bürger, Ritter und Fußvolk, jeder in seiner Centurie auf dem Marsfelde mit Tagesanbruch sich stellen sollte. Hier entsündigte er das ganze aufgestellte Heer durch ein mit einem Schweine, Schafe und Stiere dargebrachtes Opfer. Dies wurde nachher der Schatzungsschluß genannt, weil hiermit die Schatzung geschlossen wurde. Bei dem damaligen Schatzungsschlusse sollen achtzigtausend Bürger geschatzt sein. Fabius Pictor, der älteste Römische Geschichtschreiber, setzt hinzu, dies sei bloß die Anzahl der Waffenfähigen gewesen. Für eine solche Volksmenge glaubte er auch, die Stadt erweitern zu müssen. Er zog noch zwei Hügel, den Quirinalischen und Viminalischen, mit hinein: dann kam der Anbau der Reihe nach an die Esquilien, und um dieser Gegend mehr Gefälliges zu geben, legte Servius hier seine Wohnung an. Er umgab die Stadt mit einem Walle, mit Graben und einer Mauer, und rückte so den Maueranger weiter hinaus. Einige, die auf die bloße Bedeutung des Worts Maueranger sehen, verstehen darunter den Anger jenseit der Mauer . Es ist aber vielmehr der Platz 76 auf beiden Seiten der Mauer, den die Hetrusker ehemals bei Erbauung der Städte, da, wo sie die Mauer ziehen wollten, innerhalb gewisser Gränzen auf beiden Seiten, nicht ohne genehmigenden Vogelflug weiheten, damit theils von der innern Seite keine Gebäude mit der Mauer zusammengehängt würden, wie man sie jetzt gewöhnlich damit verbindet; theils auch, um von außen einen offenen Platz zu behalten, der von aller menschlichen Bestellung verschont bliebe. Diesen Raum, der weder bewohnt, noch beackert werden durfte, nannten die Römer Maueranger, eben sowohl deswegen, weil die Mauer hinter ihm, als weil er hinter der Mauer war; und bei Erweiterung der Stadt wurden jedesmal, soweit die Mauer vorrücken sollte, auch diese geheiligten Gränzen weiter hinausgerückt. 45. Als Servius den Stat durch die Erweiterung der Stadt gehoben und das ganze Innere in eine für Krieg und Frieden dienliche Verfassung gebracht hatte, so legte er es darauf an, um nicht jeden Zuwachs mit den Waffen zu erkämpfen, Roms Oberherrschaft durch Klugheit zu erweitern und zugleich der Stadt eine Zierde mehr zu verschaffen. Schon damals stand der Tempel der Diana zu Ephesus in großem Rufe, und das Gerücht sagte, die Staten Asiens hätten ihn gemeinschaftlich erbauet. Da Servius in den Gesellschaften der vornehmsten Latiner, mit denen er angelegentlich, von Seiten des Stats und für sich, Gastrecht und Freundschaft geknüpft hatte, dieser Eintracht und verbündeten Gottesverehrung lauten Beifall gab, so brachte er es durch wiederholte Vorstellungen dahin, daß die Völkerschaften Latiums mit dem Römischen Volke gemeinschaftlich der Diana einen Tempel zu Rom baueten. Hierin lag das Bekenntniß, daß Rom ihre Hauptstadt sei, worüber schon so viele Kriege geführt waren. Zwar hatte es den Anschein, als hätten die sämtlichen Latiner, nach so vielen unglücklichen im Kriege gemachten Versuchen, diesen Gedanken aufgegeben: und gleichwohl schien sich Einem von den Sabinern das Glück anzubieten, als einzelner Mann die Oberherrschaft wieder auf sein Volk zu bringen. Ein Hausvater im Sabinerlande, heißt es, hatte in seinem 77 Viehstande eine Kuh gezogen, von vorzüglicher Größe und Schönheit. Die Hörner sind mehrere Menschenalter hindurch über dem Eingange des Dianentempels, als Denkmal des Wunderthiers, angeheftet gewesen. Man nahm die Sache für das, was sie war, für ein Wunderzeichen; die Wahrsager prophezeihten dem State, dessen Bürger diese Kuh der Diana opfern würde, die Oberherrschaft über die andern, und diese Weissagung war auch an den Vorsteher des Dianentempels gelangt. Sobald der Sabiner einen Tag zum Opfer schicklich fand, trieb er seine Kuh nach Rom zum Dianentempel und stellte sie vor den Altar. Der Römische Vorsteher, dem die durch den Ruf kundbar gewordene Größe des Opferthiers auffiel, erinnerte sich jener Weissagung und sprach zu dem Sabiner: «Fremdling, was willst du da begehen? So unheilig der Diana ein Opfer bringen? Willst du dich nicht zuvor in fließendem Wasser baden? Unten im Thale fließt die Tiber! » Der Fremde, von heiliger Furcht befallen, und nicht ohne den Wunsch, alles gehörig zu beobachten, damit der Erfolg dem Wunderzeichen entspräche, stieg vom Tempel zur Tiber hinab. Indessen opferte der Römer der Diana die Kuh, zur außerordentlichen Freude des Königs und aller Bürger. 46. Hatte Servius gleich den Thron durch Verjährung unstreitig im Besitze, so hörte er doch, der junge Tarquinius lasse sich zuweilen Äußerungen darüber entfallen, daß er ohne Geheiß des Volks regiere. Er machte sich also zuvor den Bürgerstand dadurch geneigt, daß er eine dem Feinde genommene Länderei Mann vor Mann vertheilte; und fragte nun ohne Bedenken bei dem Gesamtvolke an, ob sie darein willigten und ihren Beschluß dahin erklärten, daß er ihr König sein solle. Und er wurde mit so allgemeiner Beistimmung, wie keiner vor ihm, zum Könige erklärt. Dennoch ließ Tarquinius bei seinen Bestrebungen nach dem Throne die Hoffnung nicht sinken; vielmehr hielt er, weil er gemerkt hatte, daß die Väter mit der Vertheilung der Länderei an die Bürgerlichen nicht zufrieden gewesen waren, dies für eine Gelegenheit, den Servius so viel ernstlicher bei den Vätern zu verläumden, 78 und sich im Senate geltend zu machen: eine Aussicht, die er selbst als junger Mann mit glühender Leidenschaft verfolgte, und zu welcher seine Gemahlinn Tullia seinen rastlosen Geist auch zu Hause spornte. Denn auch die Römische Königsburg mußte ein Beispiel eines der Bühne würdigen Frevels aufstellen, damit der Abscheu gegen die Könige die Freiheit so viel früher herbeiführen möchte, und der Thronbesitz der letzte würde, der durch Frevel erzwungen war. Dieser Lucius Tarquinius nämlich – ob er ein Sohn, des Königs Tarquinius Priscus, oder sein Enkel gewesen sei, ist nicht ganz gewiß: ich möchte ihn nach der Mehrzahl der Geschichtschreiber als seinen Sohn angeben – hatte einen Bruder gehabt, den Aruns Tarquinius, einen sanften jungen Mann. An diese beiden waren, wie oben gesagt, die beiden Tullien, des Königs Töchter, vermählt, die ebenfalls an Gemüthsart sehr ungleich waren. Das Schicksal hatte es so gefügt, daß die beiden heftigen Gemüther nicht durch die Ehe zusammenkamen, zum Glücke des Römischen Volkes, glaube ich; damit die Regierung des Servius so viel länger dauren und die Einrichtung des Ganzen fester begründet werden möchte. Der wilden Tullia machte es Qual, daß sie bei ihrem Gemahle gar keine Anlage zu Entwürfen und Wagstücken fand. Sie richtete ihr Augenmerk ganz auf den andern Tarquinius; ihn bewunderte sie. « Er, » sagte sie, «sei doch ein Mann, und zeige seine königliche Abkunft.» Sie verachtete ihre Schwester, die von ihrer Seite, da ihr doch ein Mann zu Theile geworden sei, als Frau es an Unternehmungsgeist fehlen lasse. Bald brachte die gleiche Gesinnung sie einander näher; wie gewöhnlich das Schlechte sich gern dem Schlechten anschließt: allein den Anfang, das Ganze umzustürzen, machte die Frau. An geheime Unterredungen mit einem fremden Manne gewöhnt, gestattete sie sich die schimpflichsten Ausdrücke über ihren Mann gegen seinen Bruder, über ihre Schwester gegen deren Mann. Weit glücklicher, sagte sie, würde sie ledig, und er unverheirathet geblieben sein, als sie in dieser Misheirath wären, in 79 der sie an der Muthlosigkeit Anderer dahinwelken müßten. Hätten ihr die Götter den Mann gegeben, dessen sie würdig sei, so würde sie bald die Krone bei sich im Hause gesehen haben, die sie jetzt bei ihrem Vater sehen müsse. Bald hatte sie dem jungen Manne ihre Verwegenheit eingeimpft: und Lucius Tarquinius und diese jüngere Tullia, die sich durch zwei fast an einander schließende Leichenzüge zu einer neuen Vermählung Platz gemacht hatten, wurden ein Paar, mehr vom Servius nicht gehindert, als mit seiner Zustimmung. 47. Nun vollends wurde das Alter des Tullius mit jedem Tage, mit jedem sein Thron unsicherer. Denn schon richtete dies Weib ihren Blick von dem Einen Frevel auf den andern; und Nacht und Tag ließ sie dem Manne keine Ruhe, um den verübten Bruder- und Schwestermord nicht umsonst begangen zu haben. «Es habe ihr nicht an einem gefehlt,» sagte sie, «den sie hätte ihren Gemahl nennen und mit ihm in der Stille die Dienstbarkeit tragen können. An dem habe es ihr gefehlt, der sich des Thrones würdig gehalten, sich daran erinnert hätte, daß er Prinz des Priscus Tarquinius sei, an dem, der den Thron lieber habe besitzen, als erwarten wollen. Bist du der, an den ich mich verheirathet zu haben glaube, so spreche ich in dir den Mann und den König an. Wo nicht, so stehen jetzt unsre Sachen so viel schlimmer, weil du, ohne thätiger zu werden, Blutschuld auf dich geladen hast. Warum gehst du nicht ans Werk? Du hast nicht nöthig, wie dein Vater, von Korinth aus, oder von Tarquinii, dir einen fremden Thron zu erringen. Die Götter selbst, die deines Hauses, und deines Vaters, sein Ahnenbild, seine Königsburg, und in der Burg der königliche Stuhl, und der Name Tarquinius bestimmen und rufen dich zum Throne. Oder fehlt es dir hierzu an Muth, was lässest du die Unterthanen vergeblich hoffen? warum zeigst du dich als königlicher Prinz? Zieh dich zurück nach Tarquinii oder Korinth . Sink wieder auf deinen Ursprung herab; der du deinem Bruder ähnlicher bist, als deinem Vater!» Mit diesen und ähnlichen Vorwürfen setzte sie 80 dem jungen Manne zu, und konnte selbst sich nicht darüber beruhigen, wenn Tanaquil, eine Ausländerinn, durch Geisteskraft es erzwungen habe, zweimal nach einander den Thron, dann mit ihrem Manne, dann mit ihrem Schwiegersohne, besetzen zu können, und sie, eines Königs Tochter, auf Thronbesetzung oder Entthronung nicht den mindesten Ausschlag gäbe. Von dieser weiblichen Wuth gespornt ging Tarquinius herum und schmeichelte, vorzüglich den Vätern aus den Geschlechtern vom zweiten Range. Er erinnerte sie an die Wohlthat seines Vaters; bat sie, dafür erkenntlich zu sein; lockte die Jünglinge durch Geschenke an sich; machte sich allenthalben theils durch große Verheißungen von sich, theils durch Verläumdung des Königs, Anhang. Endlich, als ihm ein Entwurf zur Ausführung reif schien, brach er, von einer Schar Bewaffneter umpflanzt, auf den Markt, und nicht ohne allgemeine Bestürzung, ließ er von hier aus, auf dem königlichen Stuhle vor dem Rathhause sitzend, durch einen Herold die Väter vor den König Tarquinius zu Rathhause fordern. Sie versammelten sich sogleich, einige, schon früher hierzu vorbereitet, andere, aus Furcht, ihr Ausbleiben könnte ihnen nachtheilig werden, von dem unerwarteten und unerhörten Auftritte erschüttert, und schon der Meinung, daß es um Servius geschehen sei. Hier fing Tarquinius an, indem er mit seinen Schmähungen von der Geburt des Servius ausholte: Ein Sklave von einer Sklavinn geboren, habe nach seines Vaters traurigem Tode, ohne den gewöhnlichen Eintritt einer Zwischenregierung, ohne angestellten Wahltag, ohne Stimmenwahl des Volks, ohne Genehmigung der Väter, den Thron, als ein Geschenk aus Weibeshand, sich zugeeignet. So geboren, so zum Könige gewählt, habe er, als Busenfreund der niedrigsten Classe, aus welcher er selbst stamme, und aus Haß gegen einen Adel, den er selbst nicht habe, den Vornehmen die Ländereien entrissen und sie unter die schmutzigsten Armen vertheilt. Alle Lasten, die vorher gemeinschaftlich gewesen waren, habe er den Ersten des Stats aufgebürdet; habe die Schatzung eingeführt; um den 81 Wohlstand der Reicheren dem Neide darzustellen, und für sich einen Vorrath zu wissen, von dem er nach Belieben den Bettlern Spenden machen könne. 48. Servius, durch die dringende Nachricht aufgeschreckt, kam noch während dieser Rede dazu, und rief schon vom Eingange des Rathhauses laut: « Tarquinius! was soll das bedeuten? Wie kannst du dich erkühnen, bei meinem Leben die Väter zu berufen? oder auf meinem Stuhle zu sitzen?» Als jener trotzig erwiederte: «Er behaupte den Stuhl seines Vaters als Thronerbe, der als Königssohn weit gerechtere Ansprüche darauf habe, als ein Sklave: lange genug habe dieser seine Herren verhöhnt, ohne daß man seiner Frechheit habe beikommen können –» so erhoben die Anhänger beider Parteien ein Geschrei, das Volk lief zum Rathhause, und man sah vorher, die Krone würde dessen sein, der den Platz behauptete. Da faßte Tarquinius, der jetzt selbst aus Noth das äußerste wagen mußte, an Jugend und Stärke dem Servius weit überlegen, ihn in der Mitte, trug ihn zum Rathhause hinaus und warf ihn die Treppe hinab auf die untersten Stufen. Dann ging er ins Rathhaus zurück, den Senat beisammen zu halten. Die Diener und Begleiter des Königs nahmen die Flucht. Er selbst, fast ohne Leben, wollte sich mit seinem halb entseelten Gefolge in seinen Pallast retten; allein, wie er schon an das Ende der Cyprischen Gasse gekommen war, holten des Tarquinius Abgeschickte den Fliehenden ein und mordeten ihn. Daß Tullia ihrem Manne zu dieser That gerathen habe, glauben Viele, weil sie so ganz zu ihrem übrigen Frevel stimmt. Dies wenigstens weiß man gewiß, daß sie in ihrem Prachtwagen auf den Markt gefahren kam, und ohne die Versammlung von Männern zu scheuen, ihren Mann aus dem Rathhause rief, und die erste war, die ihn mit der Anrede: König! begrüßte. Als sie mit der Weisung von ihm, einem solchen Auflaufe zu enteilen, auf ihrem Rückwege nach Hause an das Ende der Cyprischen Gasse kam, wo neulich noch der Dianentempel stand, und den Wagen, um auf den Esquilischen Hügel zu fahren; rechts auf die 82 Urbische Höhe einlenken hieß, wollte der Kutscher vor Schrecken nicht weiter, hielt die Zügel an und zeigte seiner Gebieterinn den Servius, der ermordet im Wege lag. Hier wird die scheußliche und unmenschliche That gemeldet, deren Denkmal noch jetzt der Name der Gasse ist, – sie heißt die Frevelgasse ; – wo Tullia, so erzählt man, sinnlos und von den Rachgöttinnen des an Mann und Schwester verübten Mordes gejagt, mit ihrem Gespanne über ihres Vaters Leiche fuhr, und an den blutigen Rädern, ja selbst als die Bespritzte voll Flecken, ihren Antheil an Blut und Vatermord zu ihren und ihres Mannes Hausgöttern hineintrug, bei deren Zorne sie sich von einem so schlechten Regierungsantritte demnächst einen ähnlichen Ausgang versprechen mußten. Servius Tullius hat vier und vierzig Jahre regiert, und so, daß auch einem guten, sich selbst beschränkenden Thronfolger die Nacheiferung schwer geworden sein würde. Seinen Ruhm erhöhet auch das noch, daß seine Regierung die letzte gerechte und gesetzmäßige war. Und selbst diese, so sanft. und gezügelt sie war, wollte er dennoch, wie einige Geschichtschreiber anführen, bloß weil sie Alleinherrschaft war, niederlegen, hätte ihn nicht an der Ausführung des Entwurfs, sein Vaterland frei zu machen, die verruchte That der Seinigen gehindert. 49. Von nun an regierte Lucius Tarquinius, dem seine Thaten den Beinamen der Harte gegeben haben. Denn er, der Schwiegersohn, versagte seinem Schwiegervater das Begräbniß, mit der Äußerung: Auch Romulus sei unbegraben verfault. Die Vornehmsten der Väter; die seiner Meinung nach den Servius begünstigt hatten, ließ er umbringen. Ferner, weil er sichs bewußt war, daß man von ihm selbst das Beispiel der frevelhaften Thronbesteigung gegen ihn anwenden könne, umpflanzte er seine Person mit Bewaffneten. Denn sein Recht auf den Thron gründete sich bloß auf Gewalt, da er eben so wenig vom Volke zum Könige ernannt, als von den Vätern bestätigt war. Hierzu kam, daß er seinen Thron, weil er auf Liebe der Unterthanen nicht rechnen konnte, durch Furcht sichern mußte. 83 Damit diese auf Mehrere wirken möchte, hielt er die Untersuchungen auf Leib und Leben, ohne Zuziehung Anderer, für sich allein; und unter diesem Vorwande konnte er hinrichten lassen, verbannen, mit Einziehung der Güter strafen, nicht allein wer ihm verdächtig oder misfällig war, sondern auch die, bei denen bloß seine Raubsucht sich eine Beute versprach. Da er durch diese Mittel vorzüglich die Anzahl der Väter vermindert hatte, beschloß er, niemand wieder in den Senat aufzunehmen, theils damit dieser Orden, so schwach besetzt; schon dadurch an Würde verlöre, theils es selbst weniger ungerecht fände, sich außer Thätigkeit gesetzt zu sehen. Denn er war der erste König, der die von den vorigen fortgesetzte Gewohnheit, den Senat über Alles zu befragen, aufhob, den Stat nach den Eingebungen der Seinen regierte; Krieg und Frieden, Verträge und Bündnisse, mit wem es ihm gefiel, durch sich selbst, ohne Genehmigung des Volks und Senats, einging und abstellte. Hauptsächlich machte er sich das Volk der Latiner zu Freunden, um sich bei seinen Unterthanen auch durch auswärtigen Beistand zu sichern, und mit den Vornehmsten unter ihnen knüpfte er nicht bloß Gastrecht, sondern auch Verwandschaft. Dem Octavius Mamilius zu Tusculum – er war bei weitem der Angesehenste unter allen Latinern und, wenn wir der Sage glauben, ein Abkömmling vom Ulysses und der Göttinn Circe – diesem Mamilius gab er seine Tochter zur Ehe, und durch diese Verheirathung machte er auch die vielen Verwandten und Freunde desselben zu den seinigen. 50. Schon hatte Tarquinius auf die Ersten der Latiner großen Einfluß: da bestimmte er einen Tag, auf den sie bei dem Haine der Göttinn Ferentina zusammenkommen möchten; er habe mit ihnen gemeinschaftliche Angelegenheiten abzuhandeln. Sie fanden sich zahlreich mit Tagesanbruch ein. Tarquinius selbst beobachtete zwar den Tag, kam aber erst kurz vor Sonnenuntergang. In den Unterredungen der Versammlung den ganzen Tag über war mancherlei zur Sprache gebracht. Turnus Herdonius von Aricia hatte sich gegen den ausbleibenden Tarquinius sehr heftig 84 ausgelassen. «Es sei kein Wunder, sagte er, daß man ihm zu Rom den Beinamen der Harte gegeben habe:» denn schon nannten sie ihn so, unter sich und ohne laut zu werden, allgemein. «Ob etwas härter sein könne, als so mit Allem, was Latiner heiße, sein Gespött zu treiben? Die Ersten des Volks habe er weit von ihrer Heimat herkommen lassen, und er selbst, der die Versammlung angesetzt habe, sei nicht da. Es sei nichts anders, als ein Versuch, wie viel sie sich gefallen lassen würden, um sie nachher, wenn sie sich unter sein Joch geschmiegt hätten, ihre Unterwürfigkeit fühlen zu lassen. Wem das nicht einleuchtend sei, daß er es auf Beherrschung der Latiner anlege? Hätten seine Unterthanen wohl daran gethan, ihm die Regierung über sich anzuvertrauen – wenn das anders anvertrauen zu nennen sei, und nicht vielmehr durch Vatermord an sich gerissen – so würden sich ihm auch die Latiner, und auch nicht einmal als einem Ausländer, anzuvertrauen haben. Wollten sie ihn hören, so müsse jetzt gleich Jeder nach Hause gehen und den Tag der Zusammenkunft eben so wenig beachten, als ihn der beachte, der ihn angesetzt habe.» Gerade überließ sich unter diesen und andern eben dahin zielenden Äußerungen der Parteien stiftende, verwegene Mann, der sich in seiner Vaterstadt durch solche Mittel bedeutend gemacht hatte, dem Flusse seiner Rede: da erschien Tarquinius, und der Vortrag hatte ein Ende. Alle wandten sich gegen den Tarquinius, ihn zu empfangen. Und er, von den Nächststehenden aufmerksam gemacht, daß er sich seiner Verspätung wegen zu entschuldigen habe, winkte Stille und sagte: «Vater und Sohn hätten ihn zum Schiedsrichter genommen; über die Bemühung, sie wieder auszusöhnen, habe er sich verspätet, und weil diese Angelegenheit den Tag weggenommen habe, so wolle er die bestimmte Sache morgen vornehmen.» Auch dies ließ ihm Turnus, wie erzählt wird, nicht ohne Anmerkung hingehen. «Keine Untersuchung,» sagte er, «sei kürzer, als zwischen Vater und Sohn, und könne mit wenig Worten abgethan werden. Da heiße es: Bist du nicht gleich deinem Vater gehorsam, dann Wehe dir!» 85 51. Unter diesen lauten Ausdrücken gegen den Römischen König verließ der Ariciner die Versammlung. Tarquinius, der dies weit höher empfand, als er sichs merken ließ, legte es sogleich auf den Untergang des Mannes an, auch um den Schrecken, womit er zu Hause den Muth seiner Unterthanen gebeugt hatte, den Latinern einzuflößen; und weil es hier nicht anging, ihn gradezu vermittelst Befehls hinrichten zu lassen, so stürzte er den Schuldlosen durch eine ersonnene Verläumdung. Durch einige Ariciner von der Gegenpartei des Turnus, bestach er einen von dessen Sklaven, es geschehen zu lassen, daß man in das Absteigequartier seines Herrn eine Menge Schwerter hineinschaffe. Als dies alles in der Einen Nacht bewerkstelligt war, ließ Tarquinius kurz vor Tage die vornehmsten Latiner zu sich bitten, und, dem Anscheine nach über einen unerhörten Vorfall noch außer Fassung, sagte er: «Seinem gestrigen, er möchte sagen, durch eine göttliche Vorsehung herbeigeführten Verzuge, hätten er und sie ihre Rettung zu verdanken. Man habe ihm angezeigt, Turnus sei bereit, ihn und die Ersten der sämtlichen Völkerschaften zu ermorden, um Latium allein zu regieren. Gestern in der Versammlung habe die That beginnen sollen, sei aber verschoben, weil er, der sie berufen gehabt, und auf den es am meisten abgesehen sei, gefehlt habe. Darum habe er auf ihn, den Abwesenden; die Ausfälle gethan, weil er ihm durch dies Säumen den Entwurf vereitelt habe. Wenn jene Angabe wahr sei, so lasse sich gewiß erwarten, daß er mit Tagesanbruch, sobald die Versammlung bei einander sei, von der Rotte seiner Verschwornen unterstützt, mit den Waffen erscheinen werde. Dem Gerüchte nach sei eine große Menge Schwerter bei ihm zusammengetragen. Ob dies falsch sei, oder nicht, lasse sich den Augenblick erfahren. Er bitte sie, sogleich mit ihm zum Turnus zu gehen.» Ein verdächtiges Licht warfen auf die Sache theils des Turnus heftige Gemüthsart, theils seine gestrige Rede, theils das Ausbleiben des Tarquinius, weil es glaublich wurde, daß eben darum das Blutbad verschoben sei. Sie folgten ihm, 86 zwar nicht abgeneigt, die Sache zu glauben, übrigens das Ganze für Unwahrheit zu halten, falls sich die Schwerter nicht finden sollten. Wie man ankam, umstellten den aus dem Schlafe aufgeschreckten Turnus die Wachen, und da man nach Festnehmung der Sklaven, die aus Liebe zu ihrem Herrn sich zur Wehr setzten, aus allen Winkeln des Quartiers versteckte Schwerter hervorzog, da freilich schien die Sache unläugbar. Turnus wurde in Ketten gelegt, und sogleich unter großem Auflaufe eine Versammlung der Latiner berufen. Hier wurde die Erbitterung, durch die im Kreise zur Schau gelegten Waffen, so wüthend, daß man ihn ohne alle Vertheidigung, um ihn auf eine nie gesehene Weise hinzurichten, in die Quelle des Ferentinischen Wassers stürzte und unter einer ihm aufgelegten mit Steinen belasteten Hürde ersäufte. 52. Als Tarquinius die Latiner wieder in die Versammlung gerufen und ihnen allen sein Lob ertheilt hatte, daß sie den Turnus für seinen offenbaren, zur Umwälzung des Stats entworfenen Mordanschlag mit der verdienten Strafe belegt hatten, hielt er folgende Rede. «Er könne nach einem alten Rechte verfahren, weil die Latiner sämtlich als Abkömmlinge von Alba in jenen Vertrag begriffen wären, vermittelst dessen der ganze Albanische Stat mit allen seinen Pflanzstädten seit Tullus Regierung unter Römische Oberherrschaft gekommen sei. Indessen finde er es für das gemeinschaftliche Beste gerathener, diesen Vertrag erneuren und die Latiner lieber an dem dem Römischen Volke bestimmten Glücke Theil nehmen, als sie beständig die Zerstörungen ihrer Städte und Verheerungen ihres Gebietes fürchten oder dulden zu lassen, die sie vorher unter des Ancus und nachher unter seines Vaters Regierung erlitten hätten.» Die Latiner ließen sich den Vertrag ohne großen Widerstand gefallen, hob er gleich die Römer über sie. Theils sahen sie ja die Häupter ihres Volks als Partei des Königs seiner Stimme beitreten, theils hatte so eben Turnus jeden, der sich etwa widersetzt hätte, über seine eigene Gefahr belehrt. So wurde der Vertrag erneuert, und die Dienstfähigen unter 87 den Latinern befehligt, auf einen bestimmten Tag bei dem Haine der Ferentina sich vertragsmäßig unter den Waffen zu sammeln. Als sie auf diesen Befehl des Römischen Königs aus allen Völkerschaften sich stellten, errichtete er, um sie weder unter ihren Anführern, noch unter einem abgesonderten Oberbefehle, oder unter eignen Fahnen zu lassen, aus Latinern und Römern gemischte Haufen, so daß er zwei in Einen verband, und jeden einzelnen auf zwei vertheilte; und über diese so verdoppelten Haufen setzte er seine Hauptleute. 53. War er aber im Frieden ein ungerechter König, so war er darum nicht auch ein schlechter Feldherr. Er würde vielmehr in Hinsicht auf dies Verdienst die vorigen Könige erreicht haben, wenn nicht seine Ausartung in den übrigen auch diesen Ruhm verdunkelt hätte. Er fing den Krieg gegen die Volsker an, der noch zweihundert Jahre nach ihm dauerte, und nahm ihnen die Stadt Suessa Pometia mit Sturm. Da er aus dem Verkaufe der hier gemachten Beute vierzig Talente Ein Talent ist etwas über 1000 Thaler. in Silber und Gold gelöset hatte, so nahm er sich vor, dem Tempel Jupiters eine Größe zu geben, wie sie des Oberhauptes der Götter und Menschen, der Herrscherinn Rom und der Majestät des Standplatzes selbst Des Capitols . würdig wäre, und legte das erbeutete Geld zu diesem Tempelbaue zurück. Darauf sah er sich in einen Krieg verwickelt, der wider seine Erwartung einen zögernden Gang nahm, und in welchem er sich gegen die nahe Stadt Gabii, nach vergeblichen Stürmen, und selbst nach aufgegebener Hoffnung, sie belagern zu können, weil er von ihren Mauren weggeschlagen war, zuletzt auf ein gar nicht Römisches Mittel, auf List und Betrug, einließ. Nachdem er sich den Schein gegeben, als habe er seine ganze Aufmerksamkeit, mit Beseitigung des Krieges, auf die Grundlegung zum Tempel und ähnliche Werke in der Stadt gerichtet, mußte der jüngste von seinen drei Söhnen, Sextus, als Überläufer nach Gabii gehen, und sich dort über seines Vaters unerträgliche Grausamkeit gegen 88 ihn beklagen. «Schon habe er seine Härte von Fremden gegen die Seinigen gewandt: selbst der Kinder habe er zu viel, und wolle sein Schloß eben so öde machen, als er das Rathhaus gemacht habe, um gar keinen Nachkommen, gar keinen Thronerben zu hinterlassen. Er, für seine Person, sei noch den Dolchen und Schwertern seines Vaters entronnen, und halte sich nirgends für sicher, als bei des Lucius Tarquinius Feinden . Denn, um sie nicht im Irrthume zu lassen, der Krieg drohe ihnen noch immer, den er beigelegt zu haben scheine; und bei Gelegenheit werde er sie, ehe sie sich dessen versähen, überfallen. Fände sich bei ihnen für Flehende keine Aufnahme, so wolle er ganz Latium durchirren, und dann weiter die Volsker, die Äquer, die Herniker aufsuchen, bis er endlich an Leute käme, welche menschlich genug wären, Kinder vor den grausamen und unväterlichen Henkerstrafen ihrer Väter zu schützen. Vielleicht finde er auch noch irgendwo einigen Muth zum Kriege, auch Waffen gegen einen so grausamen König und ein so übermüthiges Volk.» Da er sich den Schein gab, als ginge er, falls sie ihn nicht halten wollten, sogleich in vollem Zorne weiter, so hießen ihn die Gabier freundlich willkommen. «Er möge sich nicht wundern,» sagten sie, «wenn Jener: «eben so, wie gegen seine Unterthanen, wie gegen seine Bundsgenossen, sich endlich auch gegen seine Kinder zeige. Wenn er keinen Andern mehr habe, werde er zuletzt gegen sich selbst wüthen. Ihnen hingegen sei seine Ankunft erwünscht, und sie hofften, in Kurzem unter seiner Mitwirkung den Krieg von den Gabinischen Thoren unter die Mauren Roms zu tragen.» 54. Sie zogen ihn zu ihren Statsversammlungen. Und so sehr er sich hier über alle andere Angelegenheiten für die Meinung der älteren Gabier erklärte, die hiervon mehr Kenntniß hätten, so drang er von seiner Seite beständig auf Krieg: hierin maßte er sich eine vorzügliche Einsicht an, weil er beider Völker Kräfte kenne, und davon unterrichtet sei, wie sehr die Unterthanen die Härte des Königs haßten, die seine eignen Kinder nicht hätten ertragen 89 können. So stimmte er nach und nach die Häupter der Gabier zur Erneurung des Krieges: er selbst zog mit den tüchtigsten Jünglingen auf Beute und Streifereien aus, erwarb sich durch seine sämtlich auf Betrug berechneten Worte und Handlungen ein übel angebrachtes, aber immer steigendes Zutrauen, und wurde endlich zum Feldherrn gewählt. Als es nun öfters zwischen Rom und Gabii zu kleinen Gefechten kam, in denen gewöhnlich die Gabier, ohne zu ahnen, daß dies verabredet sei, den Vortheil hatten, so glaubten zu Gabii Hohe und Niedere um die Wette, in dem Feldherrn Sextus Tarquinius ein Geschenk des Himmels zu besitzen. Bei den Soldaten aber machte er sich dadurch, daß er sich allen Gefahren und Beschwerden gleich ihnen Ich setze das Komma, welches zwischen labores und pariter steht, hinter pariter, in dem Sinne, wie in der Aeneide X. 864. Ultor eris mecum, aut aperit si nulla viam vis, Oecumbes pariter . unterzog, und die Beute freigebig vertheilte, so beliebt, daß der Vater Tarquinius nicht mächtiger in Rom war, als der Sohn in Gabii . Wie er sich von allen Seiten zu jeder Unternehmung stark genug fühlte, schickte er einen von den Seinigen nach Rom zum Vater, mit der Anfrage: Was er nun thun solle, da ihn die Götter in Stand gesetzt hätten, in Gabii alles allein zu vermögen. Der Bote, dem man vielleicht nicht trauete, bekam keine mündliche Antwort. Der König ging, als in tiefem Nachdenken, in seinen Schloßgarten, vom Boten des Sohns begleitet, und schlug, so erzählt man, im Auf- und Abgehen, ohne ein Wort zu sagen, mit seinem Stabe immer die höchsten Mohnköpfe ab. Der Bote, des Fragens und Wartens auf Antwort müde, ging, seiner Meinung nach unverrichteter Sache, nach Gabii zurück; erzählte, was er selbst gesagt, und was er gesehen. Jener habe aus Grimm, oder Haß, oder nach der ihm eigenen Unfreundlichkeit nicht ein Wort gesprochen. Sextus, dem der Sinn und die Weisung seines Vaters in diesem stummen Räthsel nicht entging, stürzte die Häupter der Stadt, zum Theile durch Verläumdungen beim Volke, zum Theile noch leichter durch den Haß, der schon auf ihnen 90 ruhete. Viele wurden öffentlich hingerichtet: einige, bei denen die Beschuldigung nicht Schein genug gehabt haben möchte, heimlich gemordet. Einigen gestattete man die gewählte Flucht; andre wurden verwiesen, und die Güter der Entfernten sowohl, als der Hingerichteten vertheilt. Die Süßigkeit der Spenden, des Beutemachens und eignen Vortheils erstickte alles Gefühl für das Unglück des Ganzen, bis endlich der verwaisete Gabinische Stat, ohne Berather und Helfer, dem Römischen Könige ohne Schwertschlag überliefert wurde. 55. Als Tarquinius Gabii in seiner Gewalt hatte, schloß er mit dem Volke der Äquer Frieden und erneuerte den Vertrag mit den Hetruskern . Dann richtete er sein Augenmerk auf die Werke in der Stadt, deren erstes der Jupiterstempel auf dem Berge Tarpejus war, welchen er als Denkmal seiner Regierung und seines Namens hinterlassen wollte. Ihn hätten, sollte man einst sagen, zwei Tarquinius, beide als Könige, der Vater – verheißen, der Sohn – vollendet. Und damit der Platz, von allem andern Gottesdienste geräumt, ganz dem Jupiter und seinem hier zu erbauenden Tempel gehören möchte, so beschloß er, zur Entheiligung der Weihplätze und Kapellen, deren mehrere hier vom Könige Tatius, in dem entscheidenden Augenblicke der Schlacht mit Romulus, zuerst den Göttern versprochen, nachher geheiligt und auf Geheiß der Vögel geweihet waren, die Zustimmung des Vogelfluges einzuholen. Da sollen gleich bei dem angefangenen Baue dieses Werks die Götter einen Wink gegeben haben, der auf das unerschütterliche Riesengebäude des so großen Reiches deuten sollte. Denn da die Vögel die Entweihung aller übrigen Kapellen genehmigten, so versagten sie bei dem Heiligthume des (Gränzengottes) Terminus ihre Zustimmung. Diese Vorbedeutung und Anzeige durch die Vögel wurde so aufgenommen: «Die Unmöglichkeit, den Sitz des Terminus zu verrücken, und daß unter allen Göttern er allein sich aus den ihn geweihten Gränzen nicht habe wegrufen lassen, verkündige Festigkeit und Unerschütterlichkeit des Ganzen.» Diesem 91 Winke für die bleibende Dauer folgte ein anderes Wunderzeichen, die Größe der Oberherrschaft zu verkündigen. Als sie den Boden zur Grundlegung des Tempels öffneten, soll ein Menschenkopf mit unversehrtem Antlitze zum Vorscheine gekommen sein. Die Erscheinung erklärte mit leicht zu enträthselnder Deutung diese Burg für den Sitz der künftigen Oberherrschaft und für das Haupt der Welt; und so verkündigten es auch die Wahrsager, sowohl die in Rom, als jene, die man, um sich über die Sache zu berathen, aus Hetrurien berufen hatte. Dies machte dem Könige Lust, noch mehr anzuwenden. Und so reichte die Beute von Pometia, die zur Vollendung des Werks bis zum Gipfel bestimmt war, kaum zur Grundlegung hin. So viel mehr bin ich geneigt, dem Fabius zu glauben, der ohnehin älterer Schriftsteller ist, daß dies nur vierzig Talente gewesen sind; als dem Piso Fabius Pictor (s. oben Cap. 44. ) lebte zu den Zeiten des zweiten Punischen Krieges, also mit Scipio Africanus dem Ältern. L. Calpurnius Piso Frugi etwa hundert Jahre später mit dem jüngern Scipio Africanus. , nach dessen Angabe vierzigtausend Pfund Silbers hierzu zurückgelegt waren; eine Geldsumme, die theils aus der Beute einer einzigen Stadt, damals wenigstens sich nicht erwarten ließ, theils für die bloße Grundlage jedes noch so prächtigen Gebäudes, selbst der jetzigen, viel zu groß sein mußte Ich folge den von Stroth angeführten Gründen, nicht quadringenta, sondern quadraginta zu lesen. Vierzig Talente (nach Fabius Angabe) sind etwas über 40,000 Thaler: 400 Talente wären etwas über 400,000 Thaler. Vierzigtausend Pfund Silbers hingegen (nach Piso) wären etwa 1,250,000 Gulden Conventionsgeld. . 56. Um die Vollendung des Tempelbaues betreiben zu können, zu dem er aus allen Gegenden Hetruriens Werkleute hatte kommen lassen, nahm er nicht allein die öffentlichen Gelder zu Hülfe, sondern auch die Handdienste des Volks. Wurde nun gleich diese ebenfalls nicht leichte Arbeit noch eine Zugabe zu den Beschwerden der Kriegsdienste, so fand es doch der Bürger so drückend nicht, seine Hände zum Baue der Göttertempel herzugeben. Allein er wurde nachher auch bei andern, minder ehrwürdigen, aber noch weit mühsamern Bauarbeiten angestellt, die 92 Schaubänke nämlich um die Rennbahn anzulegen, und den Großen Ableitungsgraben (Cloaca Maxima), diesen Behälter aller aus der Stadt abzuführenden Unreinigkeiten, unter der Erde zu ziehen: zwei Werke, denen diese Pracht der neuern Zeit kaum ein Gegenstück geben konnte. Nachdem er die Bürger mit diesen Arbeiten geplagt hatte, schickte er, theils damit die Volksmenge, wenn er sie nicht weiter gebrauchte, der Stadt nicht zur Last fiele, theils um durch ausgesandte Pflanzer die Gränzen seiner Herrschaft zu erweitern, Colonien nach Signia und Circeji, die einst, jenes von der Landseite, dies von der See her, die Hauptstadt decken sollten. Bei diesen seinen Beschäftigungen ereignete sich es, daß vor einer furchtbaren Wundererscheinung Ich folge Creviers Interpunction, welche durch das bloße Komma hinter visum die Worte portentum visum und anguis elapsus als Apposition verbindet. , vor einer Schlange, die aus einer hölzernen Säule hervorschlüpfte, die erschrockenen Augenzeugen in die Königsburg flüchteten: und dies erschütterte den König lange nicht so tief durch den plötzlichen Schrecken, als es ihn mit ängstlichen Besorgnissen erfüllte. Da er also bei solchen Vorzeichen, die den Stat betrafen, gewöhnlich nur Hetruskische Wahrsager zu Rathe zog, so beschloß er, über dieses, als ein seinem Hause geltendes, Vorzeichen, das berühmteste Orakel auf Erden, das Delphische, zu beschicken: und weil er es bedenklich fand, die Antwort des Götterspruchs irgend einem Andern anzuvertrauen, so sandte er zwei seiner Söhne durch damals unbekannte Länder und noch unbekanntere Meere nach Griechenland . Titus und Aruns machten die Reise. Als Begleiter wurde ihnen Lucius Junius Brutus mitgegeben, ein Schwestersohn des Königs, von der Turquinia, ein junger Mann von einem ganz andern Geiste, als dessen Rolle zu spielen er sich auferlegt hatte. Weil er gehört hatte, die Häupter des Stats, und unter ihnen auch sein Bruder, seien von seinem Oheime ums Leben gebracht, so nahm er sich vor, in seinem Geiste nichts, was dem Könige furchtbar, 93 in seinem Vermögen nichts zu behalten, was ihm wünschenswerth sein konnte, und sich da durch Verachtung zu sichern, wo der Schutz der Gerechtigkeit zu schwach war. Vorsetzlich also spielte er den Blödsinnigen; gab sich und das Seine dem Könige zum Raube hin, und ließ sich auch den Beinamen Brutus (der Dumme) gefallen, wenn nur jener Geist – demnächst des Römischen Volks Befreier – unter dem Deckmantel dieses Beinamens versteckt, seine Zeit abwarten könnte. Wie ihn damals die beiden Tarquinius, mehr zum Gespötte, als zur Gesellschaft, mit nach Delphi nahmen, soll er dem Apoll einen goldenen Stab, der in einen dazu ausgehöhlten von Kornelholz eingeschlossen war, als sein Geschenk dargebracht haben; ein geheimes Sinnbild seines Geistes. Als sie anlangten und die Aufträge des Vaters ausgerichtet hatten, kam den Jünglingen die Lust, zu erfragen, auf wen von ihnen die Römische Regierung fallen werde. Tief aus der Höhle soll die Antwort erschollen sein: «Die höchste Herrschaft zu Rom wird Der haben, der zuerst von euch, ihr Jünglinge, der Mutter den Kuß reicht.» Die Tarquinier geboten das tiefste Schweigen über die Sache, damit Sextus, den sie zu Rom gelassen hatten, mit dem Orakel unbekannt, von der Regierung ausgeschlossen bliebe. Sie selbst überließen es dem Schicksale, wer von ihnen beiden, wenn sie nach Rom zurückgekommen wären, der Mutter den ersten Kuß bringen würde. Brutus, nach dessen Auslegung der Spruch der Pythia einen ganz andern Sinn hatte, fiel zum Scheine stolpernd nieder und drückte seinen Kuß der Erde auf, als der gemeinschaftlichen Mutter aller Sterblichen. Als sie nach Rom zurückkamen, rüstete man sich schon mit aller Macht zu einem Kriege gegen die Rutuler . 57. Den Rutulern gehörte die Stadt Ardea, einem Volke, das für jene Gegenden und Zeiten sehr großen Reichthum besaß: und grade dies war dem Römischen Könige ein Grund zum Kriege; weil er theils selbst, durch die öffentlichen Prachtgebäude erschöpft, sich bereichern, theils durch Zuwendung der Beute den Unwillen seiner 94 Bürger besänftigen wollte, die, außer seiner übrigen Härte, auch darum gegen seine Regierung erbittert waren, weil sie es unter ihrer Würde hielten, so lange vom Könige zu Verrichtungen der Handwerker und zu Sklavenarbeiten gebraucht zu sein. Man machte den Versuch, Ardea im ersten Sturme zu überrumpeln. Als er mislang, setzte man dem Feinde durch Einschließung und Werke zu. Wie gewöhnlich in einem mehr zögernden, als raschen Kriege, konnte man ziemlich frei zwischen diesem Standlager und Rom ab- und zugehen, und der höhere Stand noch eher, als die Gemeinen. Die jungen Prinzen verkürzten sich öfters die Langeweile durch gegenseitige Gastgebote und Nachtschwärmereien. Einst zechten sie beim Sextus Tarquinius, wo auch Tarquinius von Collatia, des Egerius Sohn, zu Abend aß; und das Gespräch fiel auf ihre Frauen. Jeder pries die Seine außerordentlich: der Streit wurde hitziger, und Collatinus sagte: «Der Worte bedürfe es nicht; in wenig Stunden könne man sich davon überzeugen, wie weit seine Lucretia den übrigen vorzuziehen sei. Fühlen wir noch Jugendkraft in uns, warum steigen wir nicht zu Pferde, und sehen mit eignen Augen, wie unsre Weiber gesinnet sind? Darin muß jeder die bewährteste Probe finden, wie sie sich bei der überraschenden Ankunft des Mannes unserm Blicke zeigen werden.» Sie waren vom Weine warm. «Es gilt!» riefen sie alle, und auf gespornten Rossen flogen sie nach Rom . Von hier, wo sie mit der ersten Abenddämmerung eingetroffen waren, ging es fort nach Collatia, wo sie Lucretien ganz anders als die königlichen Schwiegertöchter, sich nicht durch üppige Gasterei im Kreise ihrer Gespielen die Zeit verkürzen, sondern in später Nacht bei ihrer Wollarbeit, mit ihren noch bei Licht fleißigen Mägden, in ihrem Wohnzimmer sitzen sahen. Der Preis des weiblichen Wettstreits wurde Lucretien zuerkannt. Freundlich empfing sie den ankommenden Mann und die Tarquinier . Der Mann als Sieger bat die Prinzen höflich zu Gaste. Da erwachte im Sextus Tarquinius die schnöde Lust, Lucretien gewaltsam zu 95 entehren; und ihre Schönheit, ihre bewährte Keuschheit wurden für ihn so viel Sporne. Für jetzt aber kehrten sie von ihrer jugendlichen Nachtlust zurück ins Lager. 58. Nach Verlauf von wenigen Tagen kam Sextus Tarquinius, ohne Wissen des Collatinus, nur von Einem Sklaven begleitet, nach Collatia . Er wurde gütig aufgenommen. Wer kannte seinen Plan? Als er nach dem Abendessen in die Gastkammer geführt war, ging er, sobald er es umher sicher und Alle im tiefen Schlafe glaubte; von Liebe glühend, mit gezogenem Schwerte zur schlafenden Lucretia, hielt sie, die linke Hand ihr auf die Brust gesetzt, nieder, und sprach: «Schweig, Lucretia! Ich bin Sextus Tarquinius, mit dem Schwerte in der Hand. Du bist des Todes, so wie du einen Laut von dir giebst.» Indeß die aus dem Schlafe Auffahrende nirgends Hülfe, nur den Tod vor Augen sah, bekannte Tarquinius seine Liebe, flehete, wechselte mit Bitten und Drohungen und versuchte das weibliche Herz von allen Seiten. Wie er sie standhaft und selbst gegen Todesgefahr nicht wanken sah, ließ er mit der Furcht die Schande zugleich wirken. Wenn er sie ermordet habe, sagte er; wolle er einen erwürgten Sklaven nackend zu ihr legen, damit es heißen solle, er habe sie in diesem schmutzigen Ehebruche getödtet. Als die Begierde, in ihrem Wahne Siegerinn, den Widerstand der Tugend durch diese Drohung bezwungen hatte, und Tarquinius, stolz über seinen auf die weibliche Ehre gelungenen Sturm, wieder abgereiset war, schickte Lucretia, voll tiefen Grams über ihr schweres Unglück, denselben Boten nach Rom an ihren Vater, und nach Ardea an ihren Mann . «Sie möchten jeder mit einem treuen Freunde kommen. Dies sei nöthig; schleunig nöthig: es habe sich ein schrecklicher Vorfall ereignet.» Spurius Lucretius kam mit dem Publius Valerius, dem Sohne des Volesus ; Collatinus mit dem Lucius Junius Brutus, mit dem er grade nach Rom zurückging, als ihm der Bote seiner Frau begegnete. Lucretien fanden sie tiefbetrübt auf ihrem Schlafzimmer sitzen. Bei der Ankunft der Ihrigen brach sie in Thränen aus, und als ihr Gatte sie fragte: «Ob nicht Alles gut stehe,» sprach sie: «Ganz und gar nicht! Wie kann es gut um ein Weib stehen, die ihre Ehre verloren hat? Die Spuren eines fremden Mannes sind in deinem Bette, Collatinus . Doch nur der Körper ist entweiht; die Seele ist rein; das soll mein Tod bezeugen. Gebt mir aber eure Hand, und euer Wort, daß der Ehebrecher nicht ungestraft bleiben soll. Sextus Tarquinius ist es, der – statt eines Gastfreundes ein Feind – in voriger Nacht mit Gewalt und Waffen von hier einen Genuß – mir, und, seid ihr Männer, auch ihm zum Verderben – mit sich nahm.» Alle gaben nach der Reihe ihr Wort. Sie trösteten die Seelenkranke, indem sie ihr, als einer Gezwungenen, alle Schuld abnahmen und sie dem Thäter zusprachen. «Der Geist,» sagten sie, «sei der Sündigende, nicht der Körper; und wo kein Wille gewesen sei, da sei auch keine Sträflichkeit.» – «Ihr werdet dafür sorgen,» erwiederte sie, «daß ihm sein Recht geschehe. Ich aber, spreche ich mich gleich von der Sünde rein, entziehe mich der Strafe nicht: und Keine nach mir soll, auf Lucretien sich berufend, bei Unkeuschheit das Leben behalten wollen.» Sie stieß sich den unter dem Kleide versteckt gehaltenen Dolch ins Herz, und zusammengesunken auf die Wunde, fiel sie sterbend zur Erde. Laut auf schrieen Mann und Vater. 59. Während sie sich ihrem Schmerze überließen, hielt Brutus den von Blut triefenden Dolch, so wie er ihn aus Lucretiens Wunde gezogen hatte, vor sich in die Höhe und sprach: «Bei diesem, ehe der Prinz es verunehrte, heiligreinen Blute schwöre ich, und nehme euch, ihr Götter, zu Zeugen, daß ich den Lucius Tarquinius, den Harten, mit seinem gottlosen Weibe und allen Kindern seines Stammes mit Feuer und Schwert und aller hinfort mir möglichen Gewalt verfolgen und nicht leiden will, daß weder sie, noch sonst jemand, über Rom König sei.» Dann reichte er den Dolch dem Collatinus, und so dem Lucretius und Valerius, die über die unerwartete Erscheinung staunten, wie aus dem Innern eines Brutus der neue 97 Geist hervorgehe. Sie schwuren, wie er es ihnen vorsagte, und ganz aus ihrem Schmerze zur Rache umgestimmt, schlossen sie sich an den Brutus, der gleich auf der Stelle sie zur Umstürzung des Königthumes rief. Sie trugen die Leiche der Lucretia aus dem Hause, legten sie auf den Markt und brachten, wie man denken kann, durch das Auffallende und Empörende der unerhörten Begebenheit die Menschen zusammen; und alle stimmten in die Klage über des Prinzen Frevel und Gewaltthat. Erschütternd war auf der einen Seite des Vaters tiefer Gram, auf der andern Brutus, der ihre Thränen und unnützen Klagen schalt, und sie aufforderte, wie es Männern, wie es Römern gezieme, gegen die, die sich Feindesthaten erlaubt hatten, die Waffen zu ergreifen. Freiwillig stellten sich die beherztesten Jünglinge, alle in den Waffen: die übrigen Dienstfähigen folgten ihnen. Sie ließen an den Thoren von Collatia eine angemessene Besatzung, stellten Wachen, damit niemand die königliche Familie von dem Aufstande benachrichtigen könne, und die übrigen zogen, von Brutus geführt, bewaffnet nach Rom. Wie sie ankamen, erregte die bewaffnete Schar, wohin sie zog, Bestürzung und Auflauf. Doch ließ der Umstand, daß man die Ersten der Stadt an ihrer Spitze sah, vermuthen, was es auch sei, es müsse von Bedeutung sein. Und nun bewirkte die Abscheulichkeit der That zu Rom eine eben so allgemeine Theilnahme, als vorher zu Collatia . Aus allen Gegenden der Stadt strömten die Menschen dem Markte zu. Hier fanden sie einen Herold, der das Volk vor den Obersten der Leibwache berief, welche Stelle grade Brutus damals bekleidete. Und er hielt ihnen eine Rede, aus welcher ganz andre Gesinnungen und ein ganz andrer Geist sprachen, als er sich bis dahin geliehen hatte; von der Gewaltthat und frechen Unzucht des Sextus Tarquinius, von der schändlichen Entehrung und kläglichen Entleibung der Lucretia, von der Kinderlosigkeit des (Lucretius) Tricipitinus, für den der Tod seiner Tochter nicht so empörend und schmerzhaft sein könne, als diese Ursache ihres Todes. Dann kam er auf die Harte des Königs selbst; auf das Elend und die Arbeiten der Bürger, 98 die er in auszubringende Graben und Canäle habe versinken lassen. Die Männer Roms, die Sieger aller Völker umher, habe er aus Kriegern zu Handwerkern und Steinbrechern gemacht. Er erinnerte an die traurige Ermordung des Königs Servius Tullius, an die Tochter, die auf ihrem gottlosen Wagen über des Vaters Leiche fuhr, und wandte sich auffordernd an die den Älternmord rächenden Gottheiten. Seine erbitternden Beziehungen auf diese und andre, wie ich glaube, noch schrecklichere Dinge, die der Unwille über die vorliegende That an die Hand giebt, kann sie gleich der Geschichtschreiber so leicht nicht wiedergeben, vermochten das Volk zu dem Beschlusse, dem Könige die Regierung abzusprechen, und den Lucius Tarquinius mit seiner Gemahlinn und Kindern für Landesverwiesene zu erklären. Nachdem er die Dienstfähigen, die sich freiwillig meldeten, angestellt und bewaffnet hatte, zog er selbst mit ihnen zum Lager nach Ardea, um auch dort das Heer gegen den König aufzuwiegeln: den Oberbefehl in der Stadt ließ er dem Lucretius, der schon vorher vom Könige zum Statthalter in Rom ernannt war. In diesem Getümmel flüchtete Tullia aus dem Pallaste; verfolgt, wo sie sich sehen ließ, von den Flüchen der Männer und Weiber, welche die Göttinnen der Rache gegen die Familienmörderinn aufriefen Unter parentes werden hier Vater, Schwester, und Mannesbrüder, der auch ihr erster Gemahl war, verstanden. . 60. Als die Nachrichten von dem Allen im Lager einliefen, und der König, in Bestürzung über den unerwarteten Vorfall, sich gegen Rom aufmachte, um die Unruhen zu dämpfen, nahm Brutus, sobald er dessen Annäherung entdeckte, um ihm nicht zu begegnen, einen Seitenweg, und in entgegengesetzten Richtungen kamen sie fast zu gleicher Zeit, Brutus vor Ardea, Tarquinius vor Rom . Tarquinius fand die Thore verschlossen, und seine Verbannung wurde ihm angekündigt: den Befreier der Stadt empfing das Lager frohlockend; auch hier wurden die königlichen Prinzen ausgetrieben. Zwei folgten dem Vater 99 und zogen als Landesverwiesene nach Cäre ins Hetruskerland. Sextus Tarquinius, der sich nach Gabii, gleichsam als in sein eignes Königreich, begab, fand hier von der Rache jener, deren Feindschaft er sich selbst durch seine vorigen Mordthaten und Räubereien zugezogen hatte, seinen Tod. Lucius Tarquinius der Harte hat fünf und zwanzig Jahre regiert. Könige waren in Rom von Erbauung der Stadt bis zu ihrer Befreiung seit zweihundert vier und vierzig Jahren gewesen. Nun wurden nach der schriftlichen Verordnung des Servius Tullius von dem Stadtvorsteher auf einer nach Centurien angestellten Wahlversammlung zwei Consuln gewählt, Lucius Junius Brutus und Lucius Tarquinius Collatinus . Zweites Buch. Vom Jahre Roms 245 – 286. 103 Inhalt des zweiten Buchs. Brutus verpflichtet das Volk durch einen Eid, keinen König über Rom zu dulden. Seinen Mitconsul, Tarquinius Collatinus, den die Verwandschaft mit den Tarquiniern verdächtig machte, nöthigt er, sein Consulat niederzulegen und die Stadt zu verlassen. Die Güter der königlichen Familie läßt er plündern. Dem Mars weihet er ihren Acker, welcher den Namen das Marsfeld bekommt. Er läßt einige Junge von Adel, und unter ihnen auch seine und seiner Schwester Söhne, weil sie sich zur Wiederaufnahme der königlichen Familie verschworen hatten, mit dem Beile enthaupten. Dem Sklaven, der die Anzeige that, und Vindicius hieß, schenkte er die Freiheit. Nach dem Namen desselben wurde die Vindicta benannt. Als Feldherr in der Schlacht gegen den König und dessen Söhne, welche mit vereinigten Heeren der Vejenter und Tarquinienser gegen Rom anrückten, fiel er zugleich mit Aruns, dem Sohne des Harten, im Zweikampfe; und die Damen betrauerten ihn ein ganzes Jahr. Der Consul Publius Valerius führt durch ein Gesetz die Ansprache an das Gesamtvolk ein. Das Capitolium wird eingeweihet. Als der König der Clusiner, Porsenna, der den Krieg für die Tarquinier übernahm, in das Janiculum vorgedrungen war, so wurde er an dem Übergange über die Tiber durch die Tapferkeit des Horatius Cocles gehindert. Dieser hält, während andere die Balkenbrücke abbrechen, ganz allein die Hetrusker auf, und als die Brücke abgerissen war, stürzt er sich mit seinen Waffen in den Strom und schwimmt zu den Seinen über. Das zweite Beispiel der Tapferkeit gab Mucius . Er geht, den Porsenna zu erstechen, ins feindliche Lager, tödtet den Schreiber, den er für den König hält; wird ergriffen, legt seine Hand auf einen Altar, auf welchem eben geopfert war, läßt sie verbrennen, und sagt, solcher Dreihundert hätten sich zum Tode des Königs verschworen. Voll Verwunderung über Beide schlägt Porsenna Friedensbedingungen vor, giebt den Krieg auf und läßt sich Geisel geben. Eine von diesen, Clölia, eine Jungfrau, hintergeht die Wache und schwimmt durch die Tiber zu den Ihrigen; wird wieder ausgeliefert, vom Porsenna ehrenvoll zurückgeschickt und mit einem Standbilde zu Pferde beschenkt. Appius Claudius rettet sich aus dem Sabinerlande nach Rom; darüber 104 bekommt die Stadt einen neuen Bezirk, den Claudischen . Die Zahl der Bezirke wird auf ein und zwanzig vermehrt. Tarquinius den Harten, der mit einem Heere Latiner heranzieht, besiegt der Dictator Aulus Postumius beim See Regillus . Wegen der in Sklavenhaft genommenen Verschuldeten zieht der Bürgerstand, um sich abzusondern, auf den heiligen Berg, wird aber durch die Klugheit des Menenius Agrippa von der Trennung zurückgerufen, Als dieser Agrippa stirbt, wird er seiner Armuth wegen auf öffentliche Kosten begraben. Es werden fünf Bürgertribunen gewählt. Die Stadt der Volsker, Corioli, wird durch die Tapferkeit und Thätigkeit des Cajus Marcius erobert, der davon den Namen Coriolanus bekommt. Tiberius Atinius, vom Bürgerstande, wird im Traume erinnert, eine den Gottesdienst betreffende Sache dem Senate anzuzeigen. Er achtet nicht darauf, verliert seinen Sohn, wird lahm, läßt sich in einer Sänfte vor den Senat tragen, bekommt nach gemachter Anzeige den Gebrauch seiner Füße wieder und geht zu Hause. Cajus Marcius Coriolanus, den man verbannet hatte, wird Volskischer Feldherr, rückt mit einem feindlichen Heere vor Rom; und werden gleich die zuerst an ihn abgefertigten Gesandten, nachher die Priester mit ihrer Bitte, seine Vaterstadt mit dem Kriege zu verschonen, zurückgewiesen, so vermögen ihn doch seine Mutter Veturia und seine Gattinn Volumnia zum Abzuge. Der erste Vorschlag zur Landvertheilung. Spurius Cassius, gewesener Consul, wird auf die Anklage, nach dem Königthume gestrebt zu haben, verurtheilt und hingerichtet. Die Vestalinn Oppia wegen Unkeuschheit lebendig begraben. Weil die Vejenter, diese benachbarten Feinde, mehr lästig als gefährlich waren, so erbittet sich die Familie der Fabier die Führung dieses Krieges und stellt den Feinden dreihundert und sechs Bewaffnete entgegen, welche sämtlich am Flusse Cremera von den Feinden erschlagen werden, so daß nur ein zu Hause gelassener Minderjähriger übrig blieb. Der Consul Appius Claudius verliert durch die Widerspenstigkeit seines Heers eine Schlacht, und läßt jeden zehnten Mann zu Tode prügeln. Außerdem enthält das Buch Kriege gegen die Volsker und Äquer und Vejenter; und Streitigkeiten zwischen den Vätern und Bürgerlichen. 105 Zweites Buch. 1. Nun verfolge ich die Thaten, welche die Römer, von hier an ein freies Volk, im Frieden und Kriege verrichteten, die Zeit der jährigen Obrigkeiten und wie der Befehl der Gesetze geltender war, als des Einzelnen Machtgebot. Daß diese Freiheit so viel erfreulicher war, hatte die Härte des letzten Königs bewirkt. Denn die früheren haben so regiert, daß sie nicht mit Unrecht alle nach der Reihe für Erbauer, wenigstens jener Theile der Stadt angesehen werden können, mit welchen sie, als neuen Wohnsitzen der von ihnen erhöheten Volkszahl, die Stadt erweitert haben. Und es leidet keinen Zweifel, daß eben der Brutus, der durch Vertreibung eines harten Königs sich so großen verdienten Ruhm erwarb, dies zum größten Nachtheile des Stats gethan haben würde, wenn er, nach noch unzeitiger Freiheit lüstern, einem der früheren Könige die Regierung entwunden hätte. Was würde die Folge gewesen sein, wenn jener Bürgerhaufe, ein Gemisch aus Hirten und Zusammenläufern, das seinen Völkerschaften entflohen war, unter dem Schutze eines unverletzbaren Heiligthums Des Asylums, der von Romulus angelegten Freistäte. , mit der Freiheit, oder wenigstens mit Ungestraftheit beschenkt, aller Furcht vor einem Könige entladen, von tribunischen Stürmen umgetrieben wäre, und in einer ihm noch fremden Stadt sich mit den Vätern in Fehden eingelassen hätte, ehe noch Gattinnen und Kinder als Unterpfänder und die Liebe zum Wohnorte selbst, an den man sich nur durch die Länge der Zeit gewöhnt, sie zum Gemeinsinne vereinigt hätten. Zwietracht würde den noch jungen Stat zersplittert haben, den die ruhige Milde der Regierung zusammenhielt und unter ihrer Pflege so erstarken ließ, daß er die segensreiche Frucht 106 der Freiheit bei schon gereiften Kräften tragen konnte. Die Freiheit selbst aber muß man mehr für darin gegründet halten, daß die Regierung der Consuln jährig gemacht wurde, als weil etwa an der königlichen Gewalt das mindeste geschmälert wäre. Die ersten Consuln hatten noch alle Rechte, alle Auszeichnung der Könige. Nur das verhütete man, daß das furchtbare Äußere nicht dadurch verdoppelt wurde, wenn sich Beide die Ruthenbündel vortragen ließen. Der Mitconsul stand freiwillig nach und überließ die Bündel das erstemal dem Brutus, der die Freiheit nicht eifriger gegründet haben konnte, als er sie von nun an bewachte. Vor allen Dinger verpflichtete er das; Volk, so lange es noch nach der neuen Freiheit haschte, damit es sich auch künftig nicht durch Bitten oder Geschenke des Königs beugen ließe, durch einen Eid, nie einen König über Rom zu dulden. Ferner, um dem Senate durch die Menge der Mitglieder mehr Stärke zu geben, brachte er den unter den Hinrichtungen des Königs verengten Kreis der Väter durch Aufnahme der Vornehmsten des Ritterstandes wieder auf die volle Zahl von Dreihundert: und davon, sagt man, schreibe sich es her, daß bei jeder Zusammenrufung Väter und Nachgewählte in den Senat beschieden würden. Nachgewählte nämlich nannte man die in den neuen Senat aufgenommenen. Dies war für die Einigkeit im State und für die Liebe der Bürger zu den Vätern ein Mittel von außerordentlicher Wirkung. 2. Nächstdem wurde für die Angelegenheiten des Gottesdienstes gesorgt: und weil gewisse öffentliche Opfer immer von den Königen in Person verrichtet waren, so setzte man, damit die Könige auch in keinem Stücke vermisset würden, hierzu einen Priester unter dem Namen: der kleine Opferkönig . Dies Priesterthum wurde dem Oberpriester untergeordnet, damit nicht etwa der Name durch eine damit verbundene höhere Ehre der Freiheit nachtheilig würde, welche damals über Alles galt. Und ich möchte fast glauben, man habe die Sorge, sie gar zu sehr von allen Seiten auch durch die größten Kleinigkeiten zu sichern, übertrieben. War ihnen doch an dem 107 andern Consul, an dem sie weiter nichts zu tadeln fanden, sogar der Name unleidlich. Die Tarquinier, hieß es, hätten sich zu sehr an das Regieren gewöhnt. Priscus sei der Erste gewesen: nach ihm habe zwar Servius Tullius geherrscht. Allein Tarquinius der Harte, weit entfernt, sich durch die eingeschaltete Regierung zur Aufgebung des Throns, als eines fremden Eigenthums, bestimmen zu lassen, habe ihn als ein seinem Stamme gebührendes Erbe durch Frevel und Gewalt wieder an sich gerissen. Nach Vertreibung Tarquinius des Harten sei die Regierung in den Händen eines Tarquinius Collatinus . Die Tarquinier hatten nicht gelernt, im Privatstande zu leben: der Name sei anstößig, sei der Freiheit gefährlich. Diese Reden wurden von denen, die vorläufig in der Stille die Stimmung des Volks erfahren wollten, durch die ganze Stadt verbreitet; und als sie bei den Bürgern mit diesem Argwohne Eingang fanden, berief Brutus eine Versammlung. Hier las er gleich zuerst den Eid des Volkes ab, daß es keinen König und überhaupt niemand in Rom dulden wolle, von dem die Freiheit zu fürchten habe. «Dies müsse das höchste Augenmerk bleiben; und nichts als geringfügig angesehen werden, was darauf Beziehung habe. Ungern rede er weiter, um den Mann zu schonen; und er würde geschwiegen haben, wenn nicht die Liebe für das Ganze den Vorrang behielte. Das Römische Volk glaube, die Freiheit noch nicht ganz errungen zu haben. Der Stamm des Königs, der Name des Königs, befinde sich nicht bloß im State, sondern sogar in der Regierung. Dies sei der Freiheit nachtheilig, dies sei ihr hinderlich. Entferne du,» fuhr er fort, « Lucius Tarquinius, diese Furcht freiwillig. Wir wissen es, wir bekennen es, du hast die Könige ausgeworfen. Vollende dein Verdienst! Nimm von hier den königlichen Namen mit! Dein Eigenthum werden dir deine Mitbürger, wofür ich selbst sorgen will, nicht allein herausgeben, sondern, wenn es dir an Etwas fehlen sollte, es freigebig vermehren Wirklich gab man ihm aus der Schatzkammer 24,000 Thlr. und Brutus aus seinem eignen Vermögen 6000. . Zieh, 108 als Freund! Entlaste den Stat seiner vielleicht ungegründeten Furcht. Sie glauben nun einmal, daß mit dem Tarquinischen Geschlechte zugleich das Königthum auswandern werde.» Dem Consul war der Antrag so neu und unerwartet, daß ihm anfangs sein Staunen die Sprache versagte: und als er anfangen wollte zu reden, umringten ihn die Ersten des Stats mit derselben noch dringender wiederholten Bitte. Freilich machten die übrigen weniger Eindruck auf ihn. Als aber Spurius Lucretius, der ihnen allen an Jahren und Würde überlegen und sein eigner Schwiegervater war [Gemeint ist: der Schwiegervater des Consuls.] , ihn von mehrern Seiten, bald durch Bitten, bald durch Zureden angriff, so legte der Consul, weil er doch befürchten mußte, es könne ihm nächstens als Privatmanne dasselbe, zugleich mit dem Verluste seines Vermögens und angehängtem Schimpfe widerfahren, sein Consulat nieder, schaffte alles das Seinige nach Lavinium und räumte die Stadt . Brutus trug vermöge eines Senatsbeschlusses bei dem Gesammtvolke darauf an, daß das ganze Geschlecht der Tarquinier für landesverwiesen erklärt wurde, und ließ sich auf einem nach Centurien gehaltenen Wahltage den Publius Valerius zum Mitconsul geben, durch dessen Beistand er den König mit seiner Familie vertrieben hatte. 3. Obgleich niemand daran zweifelte, daß man von den Tarquiniern einen Krieg zu besorgen habe, so brach dieser dennoch später aus, als es jedermann erwartete. Allein beinahe hätten sie die Freiheit, was sie gar nicht befürchteten, durch List und Verrätherei verloren. Unter den Römischen Jünglingen gab es mehrere, und zwar vom höheren Range, die unter der königlichen Regierung bei ihren Ausschweifungen mehr Freiheit gehabt, und, mit den jungen Tarquiniern in einerlei Alter und einerlei Zirkeln, sich gewöhnt hatten, auf königlichen Fuß zu leben. Jetzt, da Alle auf gleiche Rechte gesetzt waren, vermißten sie jene Ungebundenheit, und führten unter sich darüber Klage, daß die Freiheit Anderer für sie ein Sklavenleben geworden sei. «Ein König sei doch ein menschliches Wesen; man könne auf ihn rechnen, möge es auf Recht oder 109 Unrecht abgesehen sein; man könne sich bei ihm gelitten, ihn sich verbindlich machen; er könne zürnen – und verzeihen, und verstehe sich auf den Unterschied zwischen Freund und Feind. Gesetze hingegen wären ein taubes, unerbittliches Ding: dem Hülflosen heilsamer und erfreulicher, als dem Mächtigen: sie wüßten nichts von Erlaß und Nachsicht, wenn man sich vergangen habe: es sei zu gewagt, wenn man, als Mensch so vielen Verirrungen ausgesetzt, sein Leben ganz der Unsträflichkeit zu verdanken haben wolle.» So misvergnügt waren sie schon durch eigne Stimmung, als von der königlichen Familie Gesandte dazu kamen, die, ohne einer Wiederaufnahme zu erwähnen, bloß die Herausgabe der Güter verlangten. Als man sie über ihren Antrag im Senate vernommen hatte, dauerte die Berathschlagung mehrere Tage; denn der Vorenthalt hätte ihnen einen Vorwand, und die Verabfolgung Mittel und Hülfsquellen zum Kriege gegeben. Unterdeß machten die Gesandten, der eine diesen, der andre jenen Versuch. Der Angabe nach bloß mit Betreibung der Rückgabe beschäftigt, legten sie insgeheim Plane an zur Wiedererlangung des Throns, und wahrend sie dem Scheine nach bei den jungen Adlichen der Sache wegen herumgingen, welche angeblich im Werke war, erforschten sie ihre Gesinnungen. An die, bei denen ihre Rede Gehör fand, gaben sie Briefe von den Tarquiniern ab und besprachen sich mit ihnen, wie man die königliche Familie heimlich bei Nacht in die Stadt einlassen könne. 4. Die Gebrüder Vitellier und Aquillier waren die ersten, denen sie die Sache anvertrauten. Eine Schwester der Vitellier war an den Consul Brutus verheirathet, und aus dieser Ehe waren schon erwachsene Söhne da, Titus und Tiberius . Auch diese wurden von ihren Oheimen mit in den Anschlag gezogen, und außer ihnen machten sie noch mehrere junge Adliche zu Mitwissern, deren Namen sich im Alterthume verloren haben. Da unterdeß im Senate die Meinung durchging, welche für die Auslieferung der Güter stimmte, und die Gesandten selbst diesen 110 Vorwand ihres längern Aufenthalts in der Stadt angeben konnten, daß sie sich bei den Consuln eine Frist genommen hätten, zur Wegschaffung der königlichen Sachen die nöthigen Fuhren zu besorgen; so verwandten sie diese ganze Zeit zu Berathschlagungen mit den Verschwornen, und bewogen sie durch dringende Vorstellungen, ihnen einen Brief an die Tarquinier mitzugeben. «Wie würden diese sonst es glauben können, daß ihnen ihre Gesandten in einer so wichtigen Sache nicht vergebliche Hoffnung machten?» Aber eben durch diesen, als Pfand der Gewißheit ihnen mitgegebenen Brief, wurde die Sache entdeckt. Denn da die Gesandten, den Tag vor ihrer Abreise zu den Tarquiniern, grade bei den Vitelliern zu Abend gespeist hatten und, die Verschwornen nun ohne Zeugen über den neuen Plan, wie man denken kann, sich weiter ausließen, so fing einer von den Sklaven, der schon vorher gemerkt hatte, daß dies im Werke sei, ihre Reden auf, wartete aber den Zeitpunkt ab, daß den Gesandten der Brief eingehändigt wäre, dessen man habhaft werden mußte, um die Sache erweisen zu können. Sobald er merkte, daß, dieser abgegeben war, machte er den Consuln Anzeige. Die Consuln zogen zur Verhaftung der Gesandten und Verschwornen bloß mit einigen aus ihren Häusern hin, thaten die ganze Sache ohne allen Auflauf ab und sorgten vorzüglich dafür, den Brief nicht verloren gehen zu lassen. Die Verräther wurden sogleich in Ketten gelegt. Bei den Gesandten bedachte man sich ein Weilchen; und schienen sie es gleich verwirkt zu haben, als Feinde behandelt zu werden, so ließ man dennoch das Völkerrecht gelten. 5. Nun kam die Frage wegen der königlichen Güter, deren Auslieferung man vorher zugestanden hatte, von neuem vor die Väter. Im Zorne verboten sie die Rückgabe, verboten aber auch, sie für den öffentlichen Schatz einzuziehen. Man überließ sie dem Volke zur Plünderung, welches eben dadurch, daß dieser an der königlichen Familie verübte Raub auf ihm haftete, auf immer die Hoffnung verlieren sollte, sich mit ihr auszusöhnen. Das Grundstück der Tarquinier, zwischen der Stadt und der Tiber 111 hieß nachher, weil es dem Mars geweihet wurde, das Marsfeld . Hier soll damals Getreide gestanden haben, das zur Ernte reif war; und weil man sich ein Gewissen gemacht habe, die Früchte dieses Feldes zu verbrauchen, habe man auf einmal eine Menge Leute hingeschickt, welche die mit dem Strohe abgeschnittene Sat in Körben in die Tiber schütten mußten, die, wie gewöhnlich mitten im Sommer, sehr niedrig floß; und da sich noch so Manches, was der Strom zufällig mit sich führt, hier absetzte, so sei daraus nach und nach die Insel entstanden. Nachher, glaube ich, that man Felsstücke hinzu und kam durch Kunst zu Hülfe, so daß der Platz diese Höhe bekam, und Festigkeit genug, sogar Tempel und Saulengänge zu tragen. Auf die Plünderung der königlichen Güter folgte die Verurtheilung und Hinrichtung der Verräther, die sich dadurch so viel mehr auszeichnete, weil hier dem Vater sein Consulat das Geschäft auferlegte, die Strafe an seinen Kindern vollziehen zu lassen, und das Schicksal eben den Mann, den man als Zuschauer hatte wegbringen müssen, dazu aufstellte, den Todesstreich zu gebieten. Da standen sie, an einen Pfahl gebunden, Jünglinge vom ersten Range. Allein von den übrigen wandten, als von unbekannten Personen, die Sühne des Consuls aller Augen auf sich ; und es jammerte die Leute nicht sowohl ihre Bestrafung, als die Unthat, wodurch sie die Strafe verdient hatten. «Grade in dem Jahre, in welchem das Vaterland befreiet sei, hatten sie sichs beigehen lassen, dies Vaterland; ihren Vater, den Befreier desselben; das Consulat, das in ihrer Familie, der Junier, begann; Väter und Volk und alles, was in Rom Göttern und Menschen gehöre – dem ehemals so harten Könige, jetzt so erbitterten Vertriebenen, zu verrathen.» Die Consuln schritten auf ihre Richterstühle und sandten die Gerichtsdiener zur Vollziehung der Todesstrafe. Diese entkleideten sie, peitschten sie mit Ruthen und enthaupteten sie mit dem Beile, indeß die ganze Zeit über der Vater, sein Antlitz und seine Blicke den Augen Aller ein Ziel waren, und bei dem vom State ihm auferlegten Strafamte das Vaterherz sich 112 deutlich offenbarte. Nach Bestrafung der Schuldigen beschenkte man den Anzeiger, um das Beispiel auch dadurch auszuzeichnen, daß es dem Verbrechen auf beiden Wegen steuerte, mit Gelde aus der Schatzkammer, mit der Freiheit und dem Bürgerrechte. Er soll der erste gewesen sein, der vermittelst der Vindicta (des Lösestabes) losgegeben wurde. Einige glauben, auch die Benennung der Vindicta schreibe sich von ihm her; denn er habe Vindicius geheißen. Es wurde nach ihm beibehalten, daß alle, welche auf diese Art freigegeben waren, eben dadurch für Bürger erklärt wurden. 6. Tarquinius, auf die Nachricht vom ganzen Verlaufe der Sache nicht bloß von Schmerz über die Vereitelung eines so wichtigen Entwurfs, sondern auch von Haß und Zorn durchdrungen, hielt nunmehr, da er seiner List den Zugang versperrt sah, den offenbaren Krieg für das einzige ihm übrige Mittel, und bereisete als bittender Flüchtling die Städte Hetruriens . Vorzüglich bat er hier die Vejenter und Tarquinienser, «sie möchten ihren Landsmann, der mit ihnen aus Einem Blute stamme, der jetzt in seiner Verbannung mit dem Mangel kämpfe, da er noch vor kurzem ein so großes Reich beherrscht habe, nicht vor ihren Augen mit seinen erwachsenen Söhnen verschmachten lassen. Andre habe man nach Rom auf den Thron gerufen: er, der schon auf dem Throne saß und eben auf einem Feldzuge Roms Oberherrschaft erweiterte, sei von seinen nächsten Verwandten durch schändliche Verschwörung vertrieben: und weil kein einziger unter ihnen würdig genug sei, dem Throne allein vorzustehen, hätten sie sich in die zerstückelte Regierung getheilt; hätten seine Güter, um an dem Verbrechen Alle theilnehmen zu lassen, dem Volke preisgegeben. Er sei entschlossen, sein Vaterland, sein Reich wieder zu erobern und seine undankbaren Bürger zu züchtigen. Sie möchten ihm beistehen, ihn unterstützen; möchten mitziehen, um für die ihnen zugefügten alten Beleidigungen, für ihre so oft geschlagenen Heere, für den erlittenen Länderverlust, sich zu rächen.» 113 Auf die Vejenter wirkte dies. Laut drohend ließ sich jeder vernehmen, man müsse nun noch eher die Beschimpfungen zu tilgen und das Verlorne durch Krieg wieder zu erobern suchen, da man einen Römer zum Anführer habe. Die Tarquinienser bewog der Name und die Verwandschaft: es schien ihnen ehrenvoll, wenn ihre Landsleute in Rom Könige wären. So folgten zwei Heere zweier Städte dem Tarquinius, ihm seinen Thron wieder zu erobern und die Römer mit den Waffen zu züchtigen. Als sie ins Römische einrückten, zogen die Consuln dem Feinde entgegen. Valerius führte das Fußvolk im Vierecke der Schlachtordnung; Brutus ging mit der Reuterei, den Feind zu beobachten, voraus. Eben so machte auch bei den Feinden die Reuterei den Vortrab, welche Aruns Tarquinius, der Sohn des Königs, führte; mit dem Fußvolke folgte der König selbst. Wie Aruns aus der Ferne an den Beilträgern gewahr wurde, daß hier der Consul sei, und dann schon näher und gewisser, selbst am Gesichte den Brutus erkannte, rief er, von Zorn entflammt: «Da ist er, der uns als Verbannete aus dem Vaterlande stieß. Seht ihn, ihn dort! geschmückt mit unsern Ehrenzeichen trabt er prunkend einher. Ihr von den Göttern, die ihr der Könige Rächer seid, auf, mir zu Hülfe!» Er spornte sein Pferd, und jagte zum Angriffe gegen den Consul selbst heran. Brutus merkte, daß es ihm gelte. Damals machte es noch den Feldherren Ehre, selbst zum Streite aufzutreten. Sich darbietend flog er in den Kampf; und sie rannten so erbittert auf einander; keiner von beiden darauf bedacht, sich selbst zu decken, wenn er den Feind nur träfe; daß Beide, durchbohrt vom Stoße des Gegners durch den Schild, auf beiden Lanzen gespießt, sterbend von den Pferden sanken. Zugleich begann das Gefecht der übrigen Reuterei, und bald kam auch das Fußvolk heran. Man schlug sich mit wechselndem Siege und, wie man glaubte, mit unentschiedenem Glücke. Beide rechte Flügel siegten, beide linke wurden geschlagen. Die Vejenter, gewohnt, sich vom Römischen Soldaten besiegen zu lassen, wurden geworfen und in die Flucht gejagt. Der 114 Tarquinische, noch neue Feind, hielt nicht allein Stand, sondern schlug sogar auf seiner Seite die Römer. 7. Über diesen Ausgang der Schlacht befiel den Tarquinius und die Hetrusker ein solcher Schrecken, daß beide Heere, das Vejentische und Tarquinische, mit Aufgebung ihres vergeblichen Versuchs, sich in der Nacht zur Heimkehr aufmachten. Auch erzählt man von diesem Treffen ein Wunder. In der Stille der nächsten Nacht habe aus dem Walde Arsia eine lautschallende Stimme, die für die Stimme Silvans gehalten sei, sich hören lassen und erklärt: Von den Hetruskern sei in der Schlacht Einer mehr gefallen; die Römer hätten gesiegt. Wenigstens schieden hier die Römer als Sieger, die Hetrusker als Besiegte. Denn als der Tag anbrach und kein Feind zu sehen war, ließ der Consul Publius Valerius die Beute vom Schlachtfelde sammeln und kehrte im Triumphe nach Rom zurück. Das Leichenbegängniß seines Mitconsuls hielt er mit aller damals möglichen Pracht. Allein zu einer weit größern Ehre gereichte ihm im Tode die allgemeine Betrübniß, die sich hauptsächlich dadurch auszeichnete, daß ihn die Frauen von Stande, gleich einem Vater, ein Jahr lang betrauerten, weil er ein so eifriger Rächer der gekränkten Keuschheit gewesen sei. Bald verwandelte sich gegen den ihn überlebenden Consul, nach dem gewöhnlichen Wankelmuthe des Volks, die Liebe in Haß, und sogar in einen Verdacht, der mit einer harten Beschuldigung verbunden war. Man sagte, er wolle sich zum Könige machen: denn er hatte an die Stelle des Brutus sich noch keinen Gehülfen nachwählen lassen, und baute sich ein Haus oben auf der Velia Eine Erhöhung auf dem Palatinischen Hügel, die den ganzen Markt übersah. . «Das werde hier, auf dem hohen und festen Platze eine unüberwindliche Burg werden.» Der Consul, dem es Kummer machte, daß ein so unwürdiges Gerücht sich verbreiten und geglaubt werden konnte, ließ das Volk zusammenberufen, die Ruthenbündel vor demselben niedersenken und trat so vor der Versammlung auf. Das war ein Anblick, wie ihn die 115 Menge sich wünschte. «Man habe vor ihnen die Zeichen der höchsten Gewalt gestreckt, und dadurch das Geständniß abgelegt, daß die Majestät und Macht des Volkes über die eines Consuls erhaben sei.» Der Consul hieß sie zuhören und pries seinen Gehülfen glücklich, «der nach Befreiung des Vaterlandes, im höchsten Ehrenamte, für die Sache des States fechtend, bei gereiftem und noch nicht in Haß übergegangenem Ruhme seinen Tod gefunden habe. Er aber sei, nachdem er seinen Ruhm überlebt, nur noch da, sich beschuldigen und hassen zu lassen; sei von einem Befreier des Vaterlandes zu den Aquilliern und Vitelliern herabgesunken. So soll denn nie, fuhr er fort, ein Verdienst bei euch so bewährt sein, daß es nicht vom Verdachte entweihet werden könnte? Ich, der erbittertste Feind der Könige, mußte ich befürchten dürfen, daß man mir selbst die Beschuldigung aufbürden würde, nach dem Throne zu streben? Mußte ich, und wenn ich auf der Burg und dem Capitole wohnte, jemals glauben, von meinen Mitbürgern gefürchtet werden zu können? Giebt eine solche Kleinigkeit über meinen Ruf bei euch den Ausschlag? Ist euer Zutrauen auf mich so seicht gegründet, daß mehr darauf ankommt, wo ich bin, als wer ich bin? Nein, ihr Quiriten, das Haus eines Publius Valerius soll eurer Freiheit nicht im Wege stehen: von der Velia aus sollt ihr nichts zu befürchten haben. Ich werde mein Haus nicht bloß in die Ebene herabbringen lassen: unter den Hügel will ich es stellen, damit ihr über meinem, des verdächtigen Bürgers, Haupte wohnt. Mögen die auf der Velia bauen, denen die Freiheit mit mehrerem Rechte anvertrauet wird, als dem Publius Valerius.» Sogleich ließ er die sämtlichen Bausachen unter die Velia bringen und das Haus unten am Fuße des Hügels aufrichten, wo jetzt der Tempel der (Siegsgöttinn) Vicæpota steht. 8. Darauf brachte er Gesetze in Vorschlag, welche ihn nicht allein während seines Consulats von allen verdächtigen Absichten auf den Thron freisprachen, sondern so ganz das Gegentheil bewirkten, daß sie ihn zum 116 Lieblinge des Volks machten; und davon bekam er den Zunamen Poplicola (Volksfreund). Am liebsten waren dem großen Haufen die Vorschläge, von den Obrigkeiten eine Ansprache an das gesammte Volk bringen zu dürfen, und auf die Person und Habe dessen einen Fluch zu legen, der irgend Anschläge machte, den Thron zu besteigen. Als er die Erhebung dieser Vorschläge zu wirklichen Gesetzen ohne Mitconsul bewirkt hatte, um allein den Dank davon zu haben, so hielt er nun auch einen Versammlungstag zur Nachwählung eines Gehülfen. Spurius Lucretius wurde gewählt, der als ein hochbejahrter Mann, dessen Kräfte den Geschäften eines Consuls schon nicht mehr gewachsen waren, in wenig Tagen starb. An die Stelle des Lucretius wurde Marcus Horatius Pulvillus nachgewählt. Bei einigen alten Geschichtschreibern finde ich den Lucretius nicht als Consul angegeben. Sie reihen den Horatius gleich an den Brutus . Vermuthlich war ihnen sein Andenken erloschen, weil keine Verrichtung sein Consulat bezeichnet hat. Noch war der Tempel Jupiters auf dem Capitole nicht eingeweiht. Die Consuln Valerius und Horatius loseten, wer von ihnen ihn weihen sollte. Das Los traf den Horatius ; und Poplicola zog in den Krieg gegen die Vejenter . Die Verwandten des Valerius empfanden einen sehr unwürdigen Verdruß darüber, daß die Einweihung eines so berühmten Tempels dem Horatius zu Theile würde. Dies wollten sie auf alle Weise hindern, und wie sie alles vergeblich aufgeboten hatten, suchten sie den Consul, der schon die Hand an den Pfosten des Tempels gelegt hatte, mitten in der Anrufung der Götter, durch die schreckliche Botschaft zu erschüttern, sein Sohn sei gestorben; und da er eine Leiche im Hause habe, könne er keinen Tempel einweihen. Ob er die Angabe für unwahr gehalten, oder so viel Geistesstärke besessen habe, wird nicht entschieden gemeldet, und läßt sich auch so leicht nicht ausmachen. Er ließ sich durch die Nachricht in seinem Vorhaben nicht weiter stören, als daß er Befehl gab, die Leiche zu begraben; zog die Hand nicht vom Pfosten ab, fuhr im Gebet fort und weihete den Tempel. 117 Dies sind die Begebenheiten des Friedens und Krieges im ersten Jahre nach Vertreibung der Könige. Darauf wurden Publius Valerius zum zweitenmale und Titus Lucretius Consuln. 9. Unterdessen waren die Tarquinier zum Lar Porsena, dem Könige von Clusium, geflüchtet. Hier ließen sie Vorstellungen und Flehen wechseln: bald baten sie, «er möge nicht zugeben, daß sie, Abkömmlinge der Hetrusker, mit ihnen von einerlei Blute und Namen, im Elende schmachteten: bald warnten sie ihn, die aufkommende Sitte, die Könige zu vertreiben, nicht ungestraft zu lassen. Die Freiheit habe an sich der Süßigkeit genug. Vertheidigten die Könige die Thronen nicht eben so kräftig, als die Völker nach jener rängen, so würden die Hohen den Niedrigsten gleich gemacht. Dann würde aus den Staten alles Erhabene, alles über andere hervorragende verschwinden; dann habe die Königswürde, unter Göttern und Menschen der höchste Schmuck, ihr Ende erreicht.» Porsena, der für seine Tusker eine Ehre darin fand, wenn sie Rom einen König wiedergäben, vollends einen von Hetruskischer Abkunft, zog mit seinem Heere als Feind vor Rom. Noch nie hatte die Väter ein solcher Schrecken befallen; so mächtig war damals der Clusinische Stat und so groß der Name des Porsena . Sie fürchteten nicht bloß die Feinde, sondern ihre eignen Einwohner; daß vielleicht Roms Bürgerschaft in der ersten Bestürzung durch Wiederaufnahme des Königs in die Stadt den Frieden sogar mit der Sklaverei erkaufte. Der Senat behandelte also in dieser Zeit die Bürgerschaft sehr liebevoll. Vorzüglich sorgte er für die Kornpreise, und beschickte zum Ankaufe des Getreides das Volskerland und Cumä . Auch wurde der Salzhandel den Privatpersonen, weil sie zu hohe Preise hielten, genommen, und ging von nun an auf Rechnung der Schatzkammer. Ferner wurden die Bürger von Zoll und Schoss befreiet, so daß diese nur von den Reichen aufgebracht wurden, welche die Last übernehmen konnten. Der Arme, sagte man, zahle dem State genug, wenn er Kinder erzöge. 118 Diese Vergünstigungen der Väter erhielten nicht nur zunächst unter dem Drucke der Belagerung und Hungersnoth die Bürger in einer solchen Eintracht, daß der Name eines Königs den Vornehmen nicht verhaßter war, als den Niedrigsten; sondern auch späterhin erwarb sich kein Einzelner durch schlechte Mittel die Liebe des Volks in so hohem Grade, als damals der ganze Senat durch seine löbliche Regierung. 10. Als die Feinde ankamen, wanderte Alles vom Lande in die Stadt. Eine Kette von Bewaffneten deckte die Stadt. Hier schienen die Mauern, dort die schützende Tiber Sicherheit genug zu gewähren. Allein beinahe hätte die Balkenbrücke Ancus Marcius hatte sie, um das Janiculum mit der Stadt zu verbinden, über die Tiber geschlagen. Buch I. Cap. 33 . den Feinden den Eingang geöffnet, wäre nicht ein einziger Mann gewesen, Horatius Cocles . Er war das Bollwerk, auf welchem an diesem Tage das Schicksal Roms beruhete; Er gehörte zu der der Brücke gegebenen Bedeckung; und als er das Janiculum durch Überrumpelung erobert sah; sah, wie die Feinde von dort in vollem Laufe daherrannten, und seine wogende Schar in der Bestürzung Waffen und Glieder im Stiche ließ, so zog er einen nach dem Andern wieder zurück, trat ihnen in den Weg, beschwur sie bei Göttern und Menschen, und bedeutete sie: «Sie flöhen vergeblich, wenn sie ihren Posten aufgäben. Ließen sie die Brücke hinter sich zum Übergange, so würden der Feinde bald auf dem Palatium und Capitolium mehr sein, als auf dem Janiculum . Er fordere sie auf, und stehe dafür ein, sie möchten die Brücke mit Brecheisen, Feuer und jeder ihnen möglichen Gewalt zerstören. Er wolle den Anlauf der Feinde, so viel Ein Mann Widerstand leisten könne, auf sich nehmen.» Er ging vorn auf den Eingang der Brücke zu, und schon dadurch ausgezeichnet, daß er allein den Feinden, die allen übrigen dem Gefechte ausweichenden auf den Rücken sahen, die Waffen zum Kampfe entgegen trug, setzte er sie durch das Wunder seiner Kühnheit in Staunen. Nur zwei der Seinen hielt die Scham bei ihm zurück, 119 den Spurius Lartius und Titus Herminius, beide von ausgezeichneter Geburt und Tapferkeit. Mit ihnen hielt er den ersten Sturm der Gefahr und den Drang des Kampfgetümmels eine Zeitlang aus. Dann hieß er auch sie, als von der Brücke nur ein kleiner Theil noch übrig war, und die Abbrechenden sie umriefen, sich in Sicherheit begeben. Drohend ließ er seine furchtbaren Blicke auf den Anführern der Hetrusker umherrollen. Bald forderte er sie einzeln heraus, bald schalt er sie alle. «Tyrannischer Könige Sklaven, ohne an eigne Freiheit zu denken, kämen sie heran, sie bei Andern zu bekämpfen.» Eine Weile zauderten sie, indeß einer den andern darauf ansah, wer zum Kampfe sich einlassen wolle. Dann bewirkte die Scham eine Bewegung durch die ganze Linie, und nach erhobenem Geschreie schossen sie von allen Seiten ihre Pfeile auf den einzigen Feind. Sie blieben alle im vorgehaltenen Schilde hangen, und noch behauptete er eben so trotzig in ausgebreitetem Schritte die Brücke: da wollten sie eben durch einen Anlauf den Helden hinabstoßen, als zu gleicher Zeit das Krachen der abgeworfenen Brücke und das Geschrei, welches die Römer aus Freude über ihr schnell vollbrachtes Werk erhoben, sie plötzlich stutzen und mit dem Angriffe inne halten ließ. Da sprach Cocles : «Vater Tiberinus, ich bitte dich ehrfurchtsvoll, nimm diese Waffen und diesen Krieger in deinem Strome gnädig auf!» Und so sprang er in voller Rüstung in die Tiber hinab, und schwamm unter einer Menge über ihm zusammenfallender Pfeile wohlbehalten zu den Seinigen über, nachdem er eine That bestanden hatte, die bei der Nachwelt mehr Bewunderung als Glauben finden sollte. Der Stat war gegen eine so hohe Tapferkeit dankbar. Es wurde ihm ein Standbild auf dem Waffenplatze errichtet und so viel Land gegeben, als er in Einem Tage mit dem Pfluge umziehen konnte. Unter diesen öffentlichen Ehrenbezeigungen machte sich auch die Dankbeflissenheit der Einzelnen bemerkbar. Denn bei dem großen Mangel entzog sich Jeder nach Maßgabe seines häuslichen Vorraths einen Theil seiner Lebensmittel, um für ihn zusammenzulegen. 120 11. Porsena, der jetzt, da sein erster Angriff abgeschlagen war, von dem Vorsatze, die Stadt zu erstürmen, zu ihrer Belagerung überging, legte in das Janiculum eine Besatzung und lagerte sich in der Ebene und an den Ufern der Tiber, nachdem er von allen Seiten Schiffe herbeigezogen hatte, theils zur Aufsicht, um der Stadt die Zufuhr an Getreide zu nehmen, theils um seine Soldaten, wenn sich Gelegenheit zur Beute fände, an mehrern Stellen über den Fluß setzen zu lassen, Und bald machte er das ganze Römische Gebiet so unsicher, daß nicht allein alles übrige vom Lande, sondern auch alle Heerden in die Stadt geschaffet wurden, und niemand es wagte, sie vor die Thore hinauszutreiben. Daß man den Hetruskern einen so großen Spielraum gestattete, war nicht nähere Folge der Furcht, als eines Plans. Denn der Consul Valerius, der auf eine Gelegenheit wartete, viele zugleich in völliger Unordnung unvermuthet zu überfallen, achtete nicht darauf, jede Kleinigkeit zu bestrafen, und behielt sich desto nachdrücklichere Rache im Großen vor. Um die Plünderer aus dem Lager zu locken, ließ er den Bürgern bekannt machen, es möchten ihrer Viele am folgenden Tage ihre Heerden vor das Esquilinische Thor treiben, welches den Feinden das abgelegenste war. Er vermuthete, daß sie dies erfahren würden, weil bei der Belagerung und Hungersnoth untreue Sklaven zu ihnen übergingen. Wirklich erfuhren sie es durch die Anzeige eines Überlaufers, und setzten, in der Hoffnung des Fangs im Ganzen, in weit größerer Anzahl über den Fluß. Da ließ Publius Valerius den Titus Herminius an der Spitze eines mäßigen Trupps bei dem zweiten Meilensteine Alle 1000 Schritte stand ein Römischer Meilenstein. Fünf Römischer Meilen werden auf Eine Deutsche gerechnet. an der Heerstraße nach Gabii sich in einen Hinterhalt legen. Spurius Lartius mußte mit einem leichten Kohre am Collinischen Thore halten, bis der Feind vorbeizöge, und sich dann ihm in den Weg werfen, um ihm die Rückkehr zum Flusse zu nehmen. Der andre Consul, Titus Lucretius, zog mit einigen Haufen (Manipeln) aus dem Nävischen Thore. 1210 Valerius selbst rückte an der Spitze auserlesener Cohorten vom Berge Cölius aus, und diese bekam der Feind am ersten zu Gesichte. Sobald Herminius dies Getümmel vernahm, eilte er aus dem Hinterhalte herbei und fiel den gegen den Valerius gewandten Hetruskern in den Rücken. Zugleich erscholl zur Rechten und zur Linken, dort vom Collinischen, hier vom Nävischen Thore her, Geschrei zum Angriffe. So wurden die umringten Plünderer niedergehauen, da sie zur Gegenwehr nicht stark genug, und zur Flucht alle Wege gesperrt waren. Seitdem hatten die ausgebreiteten Streifereien der Hetrusker ein Ende. 12. Nichts desto weniger dauerte die Einschließung fort: Korn war bei den höchsten Preisen kaum zu haben, und Porsena hatte Hoffnung, bloß durch sein Hierbleiben die Stadt zu erobern. Diese vereitelte Cajus Mucius, ein junger Mann von Adel, der es unwürdig fand, daß eben die Römer, die in der Dienstbarkeit unter Königen in keinem Kriege und von keinem Feinde belagert wären, sich jetzt als freies Volk von eben den Hetruskern belagern lassen sollten, deren Heere sie so oft geschlagen hätten. Anfangs entschloß er sich, weil man sich nach seinem Gefühle durch irgend eine große und kühne That dieser Schande erwehren mußte, ganz für sich mitten in das feindliche Lager zu gehen. Weil er aber fürchtete, die Römischen Wachen möchten ihn, wenn er ohne der Consuln Erlaubniß und jemandes Vorwissen wegginge, vielleicht ergreifen und wie einen Überläufer zurückschleppen – auch machte ja die damalige Lage der Stadt eine solche Beschuldigung glaublich – so ging er zum Senate. «Ihr Väter,» sprach er, «ich will über die Tiber, und, wenn ich kann, mich ins feindliche Lager machen. Nicht als Räuber; nicht, um ihnen die Plünderungen zu vergelten. Unter dem Beistande der Götter wage ich eine größere That.» Die Väter gaben ihre Einwilligung: er nahm einen Dolch unter seinen Rock und machte sich auf. Als er dort ankam, stellte er sich in den dichtesten Haufen neben die königliche Richterbühne. Auf dieser wurde eben den Soldaten die Löhnung gereicht; ein Mann von der 122 Feder, der fast in gleichem Schmucke mit dem Könige dasaß, war sehr geschäftig und die Soldaten wandten sich nach der Reihe an ihn. Mucius, der es bedenklich fand, sich zu erkundigen, wer von beiden Porsena sei, weil ihn seine Unbekanntschaft mit dem Könige verrathen hätte, überließ seine Hand der Führung des Schicksals und mordete statt des Königs den Schreiber. Durch den Haufen der Bestürzten sich den Weg mit dem blutigen Dolche bahnend, schritt er fort. Allein in dem auf das Geschrei entstandenen Zusammenlaufe ergriffen ihn die königlichen Trabanten und brachten ihn zurück. Da stand er an den Stufen des königlichen Richterstuhls, auch jetzt noch, unter so harten Drohungen des Schicksals, mehr der Furchtbare, als der Fürchtende. «Ich bin ein Römischer Bürger,» sprach er, «und heiße Cajus Mucius . Als Feind wollte ich einen Feind tödten, und habe zum Tode nicht weniger Muth, als zum Tödten. Einen Römer bezeichnen große Thaten und große Leiden. Auch war ich nicht der Einzige dieses Vorhabens gegen dich. Auf mich folgt eine lange Reihe derer, die nach eben dieser Ehre ringen. Hast du Lust, so laß dich auf das mißliche Spiel ein, mit jeder Stunde dein Leben aufzusetzen: laß Dolch und Feind am Eingange deines Königszeltes lauern. Wir, Roms Jünglinge, erklären dir diesen Krieg. Kein Heer, keine Schlacht hast du zu fürchten. Du allein wirst es, und immer nur mit Einem, zu thun haben.» Als der König, zugleich von Zorn entbrannt und geschreckt durch die Gefahr, drohend befahl, ihm mit der Feuermarter zuzusetzen, wenn er nicht sogleich über die gegen sein Leben gemachten Plane, die er so räthselhaft zu verstehen gebe, sich erklärte; so sprach Cocles : «Sieh her, und lerne, wie wenig denen der Körper gilt, die hohen Ruhm vor Augen haben!» und streckte die Rechte in das auf einem Opferbecken lodernde Feuer. Als er sie hier mit einer Festigkeit, die aller Empfindung entsagt zu haben schien, verbrannte, sprang der König, außer sich über die unerhörte That, von seinem Sitze, ließ den Jüngling vom Opferfeuer wegreißen und sprach: « Du magst immer hingehen, 123 der du feindseliger gegen dich selbst verfuhrest, als gegen mich. Mein Brav! wollte ich deiner Tapferkeit zurufen, wäre diese Tapferkeit meines Vaterlandes Verfechterinn. Wenigstens entlasse ich dich jetzt, von aller Strafe des Kriegsrechts freigesprochen, ohne eine Hand an dich zu legen oder dir Leid zu thun.» Da sprach Mucius, als wollte er für diese Großmuth erkenntlich sein: «Ich sehe, daß du Tapferkeit zu schätzen weißt. So sei dir denn für deine Wohlthat entdeckt, was deinen Drohungen nicht gelang. Unserer dreihundert, die ersten Jünglinge Roms, haben sich verschworen, auf diese Art gegen dich zu Werke zu gehen. Mein Los war das erste. Die übrigen werden, so wie es sie trifft, bis dein Schicksal dich Einem hingiebt, jeder zu seiner Zeit sich einstellen.» 13. Dem entlassenen Mucius, der nachher vom Verluste seiner rechten Hand den Zunamen Scävola (Linkhand) bekam, folgten Gesandte vom Porsena in die Stadt. Die Wendung der ersten Gefahr, aus welcher ihn nichts, als der Irrthum des Auflaurenden gerettet hatte, und die Mißlichkeit, der er sich so vielmal ausgesetzt sah, als noch Verschworne dawären, hatten so stark auf ihn gewirkt, daß er den Römern Friedensbedingungen antragen ließ. Er brachte, obgleich vergeblich, in den Verhandlungen die Wiedereinsetzung der Tarquinier zur Sprache, mehr, weil er es ihnen nicht hatte abschlagen können, als weil er nicht gewußt hätte, daß ihm dies die Römer nicht zugestehen würden. Die Herausgabe des den Vejentern abgenommenen Landes wurde ihm bewilligt; und die Römer sahen sich durch die Noth gedrungen, Geisel zu geben, wenn sie wollten, daß er seine Besatzung aus dem Janiculum zöge. Als der Friede unter diesen Bedingungen geschlossen war, führte Porsena sein Heer vom Janiculum ab und räumte das Römische Gebiet. Dem Mucius schenkten die Väter zum Lohne seiner Tapferkeit ein Stück Landes jenseit der Tiber, welches nachher die Mucische Wiese hieß. Durch diese dem Verdienste widerfahrne Ehre fühlte sich auch das weibliche Geschlecht aufgefordert, sich um den Stat verdient zu 124 machen. Clölia, eine von den Geiseln, eine Jungfrau, nutzte den Umstand, daß das Hetruskische Lager nahe am Ufer der Tiber stand, hinterging die Wachen, schwamm, den übrigen Mädchen voran, unter den Pfeilen der Feinde, durch die Tiber und brachte sie alle wohlbehalten nach Rom zu den Ihrigen. Als dies dem Könige gemeldet wurde, geriet er anfangs in Zorn und schickte Gesandte nach Rom, die Geisel Clölia zurückzufordern: aus den andern Mädchen mache er sich nicht viel. Bald aber erhob er, zur Bewunderung hingerissen, diese That über die Coclesse und Muciusse, und sagte unverhohlen, so wie er den Frieden für gebrochen ansehen werde, wenn ihm die Geisel nicht ausgeliefert würde, so werde er die Zurückgegebene, ohne ihr Leid zu thun, den Ihrigen zurücksenden. Von beiden Seiten hielt man sich Wort. Die Römer lieferten das Unterpfand des Friedens aus: und sie erntete von ihrem Muthe bei dem Hetruskischen Könige nicht bloß Sicherheit, sondern auch Ehre. Er lobte das Mädchen, sagte, er mache ihr mit einem Theile der Geisel ein Geschenk, und hieß sie unter den Jünglingen aussuchen, welche sie wolle. Als sie ihr sämtlich vorgeführt wurden, soll sie lauter Minderjährige ausgewählt haben. So schickte sichs für die jungfräuliche Ehre, und selbst die Geisel mußten ihr einstimmig beipflichten, wenn sie grade das Alter der feindlichen Willkür entzog, welches einer unanständigen Behandlung am meisten Preis gegeben war. Nach wieder hergestelltem Frieden belohnten die Römer die an einem Frauenzimmer neue Tapferkeit mit einer neuen Ehrenbezeigung, mit einem Standbilde zu Pferde. Oben am heiligen Wege ist die Jungfrau zu Pferde aufgestellt gewesen. 14. Mit diesem so friedfertigen Abzuge des Hetruskischen Königs von Rom verträgt sich die Sitte nicht, die von den Alten auf uns gekommen und noch jetzt immer beim Güterverkaufe üblich ist, die Güter des Königs Porsena feilzubieten . Diese Sitte muß nothwendig während des Krieges entstanden und im Frieden beibehalten sein, oder sie verdankt ihre Fortdauer einer freundlicheren Veranlassung, als der Ausruf, die Güter feindlich zu 125 verkaufen, anzukündigen scheint. Unter den verschiedenen Angaben kommt folgende der Wahrheit am nächsten. Porsena machte bei seinem Abzuge vom Janiculum mit dem reichen Vorrathe seines Lagers, welches er mit Zufuhr aus den nahen und fruchtbaren Gefilden Hetruriens versorgt hatte, den Römern ein Geschenk, da grade jetzt die Stadt durch die lange Einschließung Mangel litt. Um nicht das Volk darüber herfallen und Alles feindlich plündern zu lassen, verkaufte man die Vorräthe unter dem Namen: Güter des Porsena ; daß also der Ausruf mehr ein erfreuliches Geschenk andeutete, als eine Versteigerung der königlichen Güter, welche die Römer ohnehin nicht in ihrer Gewalt hatten. Als Porsena den Römischen Krieg aufgegeben hatte, schickte er seinen Sohn Aruns, um seinen Feldzug in diese Gegenden nicht für verloren ansehen zulassen, mit einem Theile seines Heers zu einem Angriffe gegen die Stadt Aricia . Das Unerwartete setzte die Ariciner anfangs in Schrecken. Bald aber gaben ihnen die Hülfstruppen, die sie von den Völkerschaften Latiums und aus Cumä an sich zogen, Muth genug, sich auf eine Schlacht einzulassen. Als das Treffen begann, brachen die Hetrusker mit solchem Ungestüme ein, daß sie gleich im ersten Angriffe die Ariciner schlugen. Allein die Cohorten von Cumä, die sich gegen die Übermacht einer List bedienten, zogen sich ein wenig seitwärts, machten eine Wendung und fielen dem Feinde, der im Fluge vorbeigeeilt war, in den Rücken. So wurden die Hetrusker, die dem Siege schon so nahe waren, umzingelt und niedergehauen. Nur sehr wenige retteten sich mit Verlust ihres Feldherrn und ihrer Waffen, weil sie keinen nähern Zufluchtsort hatten, nach Rom, in einem Aufzuge, der auf Mitleid so viel Anspruch machte, als ihre Lage selbst. Hier wurden sie gütig aufgenommen und in die Häuser vertheilt. Als sie von ihren Wunden geheilt waren, gingen einige nach Hause und rühmten die gastfreundschaftliche Verpflegung: viele hielt die Liebe zu ihren Wirthen und zu der Stadt in Rom zurück. Man wies ihnen einen Wohnplatz an, der nachher die Tuskerwik genannt wurde. 126 15. Hierauf wurden Marcus Horatius und Publius Valerius Publicola ; nach ihnen Spurius Lartius und Titus Herminius zu Consuln gewählt. In diesem Jahre kamen zum letztenmale Gesandte vom Porsena, die Wiedereinsetzung des Tarquinius auf den Thron zu bewirken. Man gab ihnen zur Antwort: «der Senat werde an den König Gesandte schicken,» und sogleich gingen die angesehensten der Väter dahin ab. Sie sagten: «Der Grund, warum man lieber eine Gesandschaft an ihn aus den Vätern ausgesucht, als seinen Gesandten zu Rom eine Antwort ertheilt habe, sei nicht der, daß man sich nicht in aller Kürze habe erklären können, man nehme die königliche Familie nie wieder auf; sondern der, die Erwähnung dieses Punktes auf immer zu beendigen, und bei so großen gegenseitigen Beweisen des Wohlwollens nicht dadurch von beiden Seiten neue Mishelligkeiten zu veranlassen, wenn der König etwas verlangte, was mit der Freiheit des Römischen Volks unverträglich sei; und die Römer, wollten sie nicht zu ihrem Verderben die Gefälligen sein, Dem etwas abschlagen müßten, dem sie nie etwas abzuschlagen wünschten. Ein Römisches Volk könne nie im Königthume, sondern nur in der Freiheit sein Dasein haben. Sie hätten einmal ihren Sinn darauf gesetzt, lieber den Feinden, als der königlichen Familie, die Thore zu öffnen, und Ein Gemeingeist spräche aus allen, der letzte Tag für die Freiheit ihrer Stadt solle auch für die Stadt der letzte sein. Wünsche er also Roms Erhaltung, so bäten sie ihn, auch Roms Freiheit zu bewilligen. Durch diese anständige Sprache gerührt erwiederte der König: «Wenn denn dies so fest und unwandelbar beschlossen ist, so will ich weder euch mit Wiederholung desselben vergeblichen Antrages beschwerlich fallen, noch die Tarquinier mit der Hoffnung einer Hülfe täuschen, die ich nicht leisten kann. Lassen wir sie ihre Verbannung, sie mögen Krieg oder Ruhe gerathener finden, nach einem andern Orte mitnehmen, damit mein Friede mit euch keine Störung leide.» An diese Äußerungen schlossen sich noch freundschaftlichere Handlungen. Die noch 127 übrigen Geisel lieferte er aus: das Stück Vejenterlandes, das ihm durch den Vergleich beim Janiculum abgetreten war, gab er zurück. Tarquinius, der alle Hoffnung einer Rückkehr scheitern sah, flüchtete sich zu seinem Eidame, Octavius Mamilius, nach Tusculum . So viel gesicherter blieb den Römern der Friede mit Porsena . 16. Die Consuln Marcus Valerius, Publius Postumius. In diesem Jahre erfocht man einen Sieg über die Sabiner: die Consuln hielten einen Triumph. Darauf rüsteten sich die Sabiner mit größerer Anstrengung. Gegen sie, und zugleich, einem plötzlichen Anfalle von Tusculum zu begegnen – denn war gleich der Krieg von dorther noch nicht erklärt, so vermuthete man ihn doch – wurden Publius Valerius zum vierten- und Titus Lucretius zum zweitenmale zu Consuln gewählt. Eine Trennung, die unter den Sabinern zwischen den zum Kriege und den zum Frieden rathenden entstand, wandte einen beträchtlichen Theil ihrer Kräfte den Römern zu. Attus Clausus nämlich – er führte nachher zu Rom den Namen Appius Claudius – der von den Aufwieglern zum Kriege für seinen Rath zum Frieden verfolgt wurde, und ihrer Partei nicht gewachsen war, nahm von Regillum, im Gefolge einer großen Anzahl seiner Schutzgenossen, seine Zuflucht nach Rom. Sie bekamen das Bürgerrecht, und jenseit des Anio Ländereien. Der in der Folge durch Aufnahme mehrerer Mitglieder, die aus diesen Ländereien sich anfanden, entstandene Bezirk, führt den Namen der Alte Claudische. Appius, der unter die Väter aufgenommen wurde, genoß bald mit den Ersten des Stats gleiche Achtung. Die Consuln rückten feindlich ins Sabinerland, thaten dem Feinde durch Verheerung, nachher auch in einer Schlacht so großen Schaden, daß von dort aus in langer Zeit keine Erneurung eines Krieges zu befürchten war, und zogen im Triumphe nach Rom zurück. Das Jahr darauf, unter den Consuln Agrippa Menenius und Publius Postumius, starb Publius Valerius, allgemein für den ersten Krieger und Statsmann anerkannt, 128 in sehr großem Ruhme und bei so geringem Vermögen, daß es nicht zu seiner Beerdigung hinreichte. Er wurde auf öffentliche Kosten begraben und die Frauen von Stande betrauerten ihn, wie den Brutus . In eben diesem Jahre fielen zwei Latinische Pflanzstädte, Pometia und Cora, an die Aurunker ab. Die Aurunker wurden bekriegt, ihr großes Heer, welches den einrückenden Consuln muthig eine Schlacht anbot, geschlagen, und der ganze Aurunkerkrieg zog sich nach Pometia . Auch nach dem Treffen überließen sich die Römer dem Blutvergießen eben so hitzig, als im Treffen selbst, ob sie gleich weit mehr Feinde erschlagen, als gefangen genommen hatten: an vielen Orten machten sie auch die Gefangenen nieder. Ja als erbitterte Feinde schonten sie nicht einmal der Geisel, deren sie dreihundert in ihrer Gewalt hatten. Auch in diesem Jahre sah Rom einen Triumph. 17. Die folgenden Consuln, Opiter Virginius und Spurius Cassius griffen Pometia anfangs mit Sturm, dann mit Annäherungshütten und andern Werken an. Die Aurunker, mehr von unversöhnlichem Hasse, als durch irgend eine Hoffnung oder gegebene Gelegenheit gereizt, erfüllten bei einem Ausfalle, zu dem sich ihrer mehrere mit Fackeln, als mit Schwertern, bewaffnet hatten, Alles mit Mord und Brand; verbrannten die Annäherungshütten, verwundeten und erlegten der Feinde viele, warfen den einen Consul – es wird nicht namentlich bestimmt, wen von beiden – schwer verwundet vom Pferde und hätten ihn beinahe getödtet. Nach diesem unglücklichen Gefechte kehrte man nach Rom zurück und ließ die vielen Verwundeten nebst dem Consul, für dessen Leben man nur ungewisse Hoffnung hatte, im Lager. Nach einem nicht größern Aufschube, als die Heilung der Wunden und Ergänzung des Heeres ihn forderten, wurde jetzt mit größerer Erbitterung und verstärkter Macht der Angriff auf Pometia erneuert: und schon fehlte nach Herstellung der Annäherungshütten und der übrigen Sturmgerüste weiter nichts, als daß man den Soldaten die Mauern ersteigen ließ: da ergab sich die Stadt. Allein der Übergabe 129 ungeachtet wurde sie mit eben der Härte behandelt, als wenn sie erstürmt wäre; die vornehmsten Aurunker ohne Unterschied wurden enthauptet, die Bürger der Pflanzstadt hingegen zu Sklaven verkauft, die Stadt zerstört, die Länderei käuflich weggegeben. Die Consuln verdankten die Ehre eines Triumphs mehr der nachdrücklichen Rache, die sie dem Zorne der Römer gewährt hatten, als der Größe des beseitigten Krieges, 18. Das folgende Jahr hatte den Postumus Cominius und Titus Lartius zu Consuln. In diesem Jahre kam es zu Rom bei einem Auflaufe über den Muthwillen einiger jungen Sabiner, welche bei Gelegenheit der öffentlichen Spiele sich mit Gewalt liederlicher Dirnen bemächtigten, zur Schlägerei und beinahe zu einer Schlacht; und aus dieser Kleinigkeit schien ein neuer Krieg hervorgehen zu, wollen. Mit dieser Besorgniß vor einem Sabinerkriege Ich lese mit Doujat, dem auch Drakenborch und Crevier beitreten., statt Latini, dem Zusammenhange gemäß Sabini. verband sich auch die völlige Gewißheit, daß auf Betrieb des Octavius Mamilius schon dreißig Völker sich gegen Rom verschworen hätten. In der allgemeinen Verlegenheit, mit der man den wichtigsten Auftritten entgegensah, kam die Wahl eines Dictators zum erstenmale in Vorschlag: man weiß aber nicht gewiß, in welchem Jahre, und wer die Consuln waren, in die man als Anhänger der Tarquinier ein Mistrauen setzte – denn auch dies findet sich angegeben – noch wer der erste Dictator war. Indeß finde ich bei den ältesten Erzählern den Titus Lartius als den ersten angegeben, den man zum Dictator wählte, und den Spurius Cassius als seinen Magister Equitum So hieß immer der nächste Unterfeldherr des Dictators, der Anführer der Reuterei, den er selbst wählte. . Man nahm dazu zwei Consularen: so bestimmte es das über die Wahl eines Dictators gegebene Gesetz. Um so viel geneigter bin ich, zu glauben, daß man es schicklicher gefunden habe, den Spurius Lartius, einen Consular Consular hieß jeder, der entweder Consul gewesen oder nahe daran war, es zu werden, oder jetzt es war. , den Consuln zum Aufseher und Anführer zu setzen, als den Manius 130 Valerius, des Marcus Sohn und Volesus Enkel, der noch nicht Consul gewesen war. Und hätte man durchaus den Dictator aus dieser Familie nehmen wollen, so würde man doch weit eher den Vater Marcus Valerius genommen haben, einen Mann von bewährtem Verdienste und gewesenen Consul. Als so zum erstenmale in Rom ein Dictator gewählt war, geriethen die Bürger beim Anblicke der aufgesteckten Beile Die Consuln ließen in der Stadt die Beile von den Ruthenbündeln ihrer Lictoren abnehmen; und nur außerhalb der Stadt aufstecken. Nicht so der Dictator. in eine solche Furcht, daß sie sichs weit mehr angelegen sein ließen, aufs Wort zu gehorchen. Denn hier fand nicht, wie bei den Consuln, welche beide gleiche Macht hatten, Schutz von Seiten des Nebenconsuls, oder Ansprache ans Volk, und überhaupt kein andres Hülfsmittel statt, als aufs Gehorchen bedacht zu sein. Auch die Sabiner setzte die Wahl eines Dictators zu Rom um so viel mehr in Furcht, weil sie geglaubt hatten, er sei ihrentwegen gewählt. Sie ließen also durch Gesandte auf Frieden antragen. Auf ihre Bitte beim Dictator und Senate, sie möchten jungen Leuten einen Fehltritt verzeihen, bekamen sie zur Antwort: «Jünglingen könne man verzeihen, nicht aber Greisen, welche Einen Krieg nach dem andern anstifteten.» Doch kam es zu Unterhandlungen: und die Sabiner würden den Frieden erlangt haben, wenn sie sich, wie man verlangte, hätten gefallen lassen wollen, die schon auf den Krieg gewandten Kosten zu tragen. Man gab ihnen die Kriegserklärung: doch verlief bei einem nicht verabredeten Waffenstillstande das Jahr. 19. Die Consuln Servius Sulpicius, Manius Tullius . Es fiel nichts Merkwürdiges vor. Darauf Titus Äbutius und Cajus Vetusius . Unter diesen Consuln wurde Fidenä belagert, Crustumeria erobert, Präneste fiel von den Latinern an die Römer ab, und der Latinische Krieg, der schon mehrere Jahre unter der Asche glomm, wurde nicht länger verschoben. Der Dictator Aulus Postumius und der Magister Equitum Titus Äbutius, die mit einer ansehnlichen 131 Macht zu Fuß und zu Pferde ausrückten, trafen den Feind beim See Regillus im Tusculanischen, und als man erfuhr, daß sich im Heere der Latiner die Tarquinier befänden, so gestattete die Erbitterung keinen Aufschub des Angriffs. So wurde denn das Treffen weit hartnäckiger und schrecklicher, als sonst. Denn auch die Feldherren schienen nicht bloß darum hier zu sein, das Ganze durch Übersicht zu lenken, sondern sie ließen sich, mit Aussetzung ihrer Person, auf Kämpfe unter einander ein; und in beiden Heeren schied der Anführer beinahe Keiner ohne Wunde aus dem Treffen, den Römischen Dictator Postumius ausgenommen. Auf ihn, als er in der Vorderreihe die Seinen ermunterte und stellte, kam Tarquinius der Harte, war er gleich an Jahren und Kraft nicht der gewandte Tummler mehr, gerades Weges mit seinem Pferde herangesprengt, wurde aber von der Seite her verwundet und von den herbeieilenden Seinen in Sicherheit zurückgebracht. Am andern Flügel hatte Äbutius, der Magister Equitum, einen Angriff auf den Octavius Mamilius gethan. Der Tusculanische Feldherr sah ihn kommen, spornte sein Pferd auch gegen ihn, und sie trafen mit eingelegter Lanze so kräftig zusammen, daß Äbutius einen Stich durch den Arm, Mamilius eine Wunde auf der Brust bekam. Und ihn nahmen die Latiner ins zweite Glied auf; Äbutius aber, der mit seinem wunden Arme die Lanze nicht führen konnte, verließ das Treffen. Der Latinische Feldherr ließ sich durch seine Wunde nicht abhalten, fuhr fort zum Kampfe zu ermuntern, und weil er bei den Seinen Muthlosigkeit bemerkte, ließ er die Schar anrücken, die aus verbannten Römern bestand und den Titus Statt zu schreiben: Cui TITVS, Tarquinii filius, praeerat, schrieb man cui T. Tarquinii filius cet. Dies lasen die Abschreiber fälschlich so, als hieße es cui Titi Tarquinii filius, und änderten also das T, welches den Sohn bezeichnen sollte, in L, den bekannten Vornamen des Vaters, der hieher aber nicht gehört. Als Übersetzer komme ich wenigstens damit durch, daß der Sohn wirklich Titus hieß. Und die Leseart: Cui L. Tarquinii filius kann auch deswegen, dünkt mich, nicht stehen bleiben, weil sie eben so gut Lucius, Tarquinii filius heißen könnte, als Lucii Tarquinii filius. S. Buch I. Cap. 56. , den Sohn des Tarquinius, zum Führer hatte. Den Verlust 132 ihrer Güter und ihres Vaterlandes zu rächen, kämpfte sie mit größerer Erbitterung und stellte das Gefecht eine Zeitlang wieder her. 20. Schon wichen die Römer auf dieser Seite, als Marcus Valerius, des Poplicola Bruder, den kecken Prinzen Tarquinius gewahr wurde, wie er an der Spitze der Vertriebenen sich ein Ansehen gab. Wetteifernd mit dem Ruhme seines Bruders, und den Valeriern die Ehre zu erwerben, die durch sie verjagten Könige auch erlegt zu haben, gab er seinem Pferde die Spornen und sprengte mit eingelegter Lanze gegen den Tarquinius an. Tarquinius wich dem erbitterten Feinde in den Haufen der Seinigen. Den zu unvorsichtig in die Linie der Vertriebenen eindringenden Valerius nahm ein Ungenannter von der Seite, und durchstach ihn; und das Pferd, durch die Verwundung seines Reuters nicht im mindesten aufgehalten, streckte den sterbenden Römer, über dem seine Waffen zusammenstürzten, zur Erde. Als der Dictator Postumius einen solchen Mann verloren, die Verbanneten muthig im Eilschritte vordringen, die Seinigen voll Bestürzung weichen sah, gab er seiner Cohorte, einer Schar Auserlesener, die ihn als Bedeckung umschlossen, den Befehl, jeden der Ihrigen, den sie fliehen sahen, als Feind zu behandeln. So von beiden Seiten bedroht, wandten sich die Römer von der Flucht gegen den Feind, und die Linie wurde wieder hergestellt. Jetzt erst trat die Cohorte des Dictators zum Gefechte auf: noch ungeschwächt an Körperkraft und Muth, fiel sie auf die ermattenden Vertriebenen, und hieb sie zusammen. Hier geriethen abermals zwei Führer an einander. Als der Latinische Feldherr die Schar der Vertriebenen vom Römischen Dictator beinahe umzingelt sah, raffte er einige Haufen der Aufgesparten mit sich fort ins erste Glied. Der Legat Der Legat ist der auf die Consuln zunächst folgende Unterfeldherr . Hier aber ließ sich diese Übersetzung nicht füglich anwenden, weil bei einem Dictator der nächste Unterfeldherr der Magister Equitum war. Titus Herminius sah sie im Zuge herankommen, erkannte unter ihnen den, durch Kleidung und Waffen sich 133 auszeichnenden Mamilius, und brach mit so viel kräftigerem Ungestüme, als kurz zuvor der Magister Equitum, auf den feindlichen Heerführer ein, daß er ihn mit Einem Stoße durch die Seite durchbohrte und tödtete: er selbst aber wurde, während er dem erschlagenen Feinde die Waffen abnahm, von einem Wurfpfeile getroffen und starb, wie man ihn als Sieger ins Lager zurückgebracht hatte, unter dem ersten Verbande. Jetzt flog der Dictator zur Reuterei und beschwur sie, weil das Fußvolk ermattet sei, abzusitzen und die Schlacht auf sich zu nehmen. Sie gehorchten aufs Wort, sprangen von den Pferden und deckten das erste Glied mit vorgehaltenen Schilden. Sogleich bekam die Linie des Fußvolks wieder Muth: sie sah, daß die vornehmsten Jünglinge sich mit ihr auf gleichen Fuß dem Gefechte unterzogen und die Gefahr mit ihr theilten. Da wurden endlich die Latiner von der Stelle gedrängt und nahmen geschlagen die Flucht. Die Reuterei saß wieder auf, den Feind verfolgen zu können, und das Fußvolk drang ihr nach. Hier war es, wo, der Erzählung nach, der Dictator, um keine Art der Mitwirkung von Göttern und Menschen aus der Acht zu lassen, dem Castor einen Tempel gelobte, und die Preise für die Soldaten ausrufen ließ, wer als der erste, wer als der zweite in das feindliche Lager dränge. Und der Eifer wurde so groß, daß die Römer in eben dem Andrange, der ihren Feind schlug, auch sein Lager eroberten. So focht man in der Schlacht am See Regillus . Der Dictator und der Magister Equitum kamen im Triumphe wieder zur Stadt. 21. In den nächsten drei Jahren war kein fester Friede, auch kein Krieg. Die Consuln waren Quintus Clölius und Titus Lartius . Dann Aulus Sempronius und Marcus Minucius . Unter ihrem Consulate wurde der Tempel des Saturnus geweihet, und die Saturnalien als Fest angeordnet. Darauf wurden Aulus Postumius und Titus Virginius Consuln. Bei einigen finde ich die Schlacht am See Regillus erst auf dieses Jahr angegeben. Aulus Postumius habe, weil der Nebenconsul verdächtig 134 gewesen sei, sein Consulat niedergelegt und sei dann zum Dictator ernannt. Man sieht sich hier in Absicht auf die Zeitfolge; weil man die Namen der Obrigkeiten bei dem einen so, bei dem andern anders geordnet findet, in solcher Ungewißheit, daß man bei dem hohen Alter der Begebenheiten sowohl, als ihrer Erzähler, unmöglich die Reihe angeben kann, in der die einen Consuln auf die andern folgten, oder die Begebenheiten jedes Jahres eintraten. Darauf wurden Appius Claudius und Publius Servilius Consuln. Dies Jahr ist durch die Nachricht vom Tode des Tarquinius merkwürdig. Er starb zu Cumä, wohin er sich, als durch die Niederlage die Macht der Latiner gebrochen war, zu dem Stadtherrn Aristodemus begeben hatte. Diese Nachricht hob die Väter, hob die Bürger. Allein für die Väter wurde diese Freude zu üppig. Allmälig fingen die Vornehmen an, den Bürgern, gegen die sie bis dahin so äußerst gefällig gewesen waren, Unrecht zu thun. In eben dem Jahre wurden nach Signia, einer vom Könige Tarquinius angelegten Pflanzstadt, um die Zahl der Einwohner zu ergänzen, neue Pflanzer ausgeführt. Zu Rom wurde die Zahl der Bezirke auf ein und zwanzig erhöhet, und am funfzehnten Mai der Tempel des Mercurius eingeweihet. 22. Mit den Volskern war während des Latinerkriegs weder Friede, noch Krieg, gewesen: denn theils hatten die Volsker Hülfstruppen aufgebracht, welche zu den Latinern stoßen sollten, wäre ihnen nicht der Römische Dictator zuvorgekommen; theils kam man ihnen von Römischer Seite nur darum zuvor, um nicht in Einer Schlacht Latiner und Volsker zugleich gegen sich zu haben. Dies zu rächen, führten die Consuln die Legionen ins Volskische Gebiet. Die Volsker, die für einen Vorsatz keine Strafe fürchteten, setzte die unerwartete Erscheinung in Schrecken. Ohne an Gegenwehr zu denken, stellten sie dreihundert Kinder aus den vornehmsten Häusern Cora's und Pometia's als Geisel. So wurden die Legionen ohne Gefecht wieder abgeführt. Kaum aber schwand bei den 135 Volskern die Furcht, als ihre alte Neigung zurückkehrte: sie rüsteten sich abermals heimlich zum Kriege und machten die Herniker zu Waffengefährten; auch schickten sie an mehrere Orte Gesandschaften, um Latium aufzuwiegeln. Allein die neulich am See Regillus erlittene Niederlage hatte den Latinern gegen jeden, der zum Kriege rieth, einen so bittern Haß eingeflößt, daß sie sich sogar Gewalt an den Gesandten erlaubten. Sie ergriffen diese Volsker und brachten sie nach Rom . Hier wurden sie den Consuln überliefert und gestanden, daß sich die Volsker und Herniker gegen Rom zum Kriege rüsteten. Als die Sache vor den Senat gebracht wurde, waren die Väter mit dem Benehmen der Latiner so zufrieden, daß sie ihnen sechstausend Gefangene zurückgaben, und den Abschluß eines Bündnisses, das man ihnen fast auf immer verweigert hatte, nur bis auf die neuen Consuln aussetzten. Nun vollends waren die Latiner hocherfreut über ihre That, und die Freunde des Friedens ernteten großen Ruhm. Sie schickten den Jupiter einen goldnen Kranz zum Geschenke aufs Capitol . Mit den Gesandten und dem Geschenke kam als Begleitung eine große Menge jener den Ihrigen zurückgeschickten Gefangenen. Diese suchten jeder das Haus auf, wo er gedient hatte; sie dankten für die gütige Behandlung und Pflege in ihrem Unglücke und knüpften den Bund des Gastrechts. Noch nie hatten die Latiner, als Stat oder als Einzelne, an ihre Oberherren, die Römer, sich so enge angeschlossen, als damals. 23. Jetzt aber drohete theils der Volskische Krieg, theils wüthete, gleich einem inneren Feuer, in dem mit sich selbst uneinigen State Erbitterung zwischen den Vätern und Bürgern, hauptsächlich wegen der Schulden halber Verhafteten. Diese murrten laut: «Wenn sie im Auslande für Freiheit und Oberherrschaft ihr Leben gewagt hätten, würden sie zu Hause von ihren Mitbürgern gefangen gelegt und zu Grunde gerichtet. Die Freiheit des Bürgerstandes sei im Kriege sicherer, als im Frieden, unter Feinden sicherer, als unter Mitbürgern.» Und dieser Groll, der ohnehin schon glühete, kam durch das auffallende 136 Elend eines Einzigen zum Ausbruche. Ein hochbetagter Mann stürzte mit allen Zeichen seiner Leiden auf den Markt: überzogen war sein Kleid von Schmutze, und noch kläglicher der Anblick seines in Blässe und Abzehrung verfallenen Körpers. Außerdem gaben Bart und Haare, langgewachsen, seinem Gesichte ein verwildertes Ansehen. In dieser Entstellung kannten ihn gleichwohl mehrere, und sagten, er sei lange Hauptmann gewesen, und unter allgemeinem Bedauren erzählte man sich verschiedene seiner Ehrenthaten im Kriege. Er selbst enthüllete die Zeugen manches ehrenvollen Gefechts, seine Narben vorn auf der Brust. Auf die Fragen, wie er zu diesem Aufzuge, zu dieser Entstellung komme, erzählte er der Menge, die ihn als eine förmliche Versammlung umschloß: «Wahrend er im Sabinerkriege Dienste gethan, habe er bei den Verheerungen seine Ernte eingebüßt; sein Hof sei abgebrannt, alles geplündert, die Heerden weggetrieben; für ihn sehr zur Unzeit Tribut eingefordert; da habe er Schulden machen müssen. Diese unter den Zinsen angewachsen, hatten ihn zuerst um sein väterliches und großväterliches Grundstück gebracht, dann um sein übriges Vermögen; und zuletzt habe dieser Krebs ihn selbst ergriffen. Er sei dem Gläubiger als Leibeigner hingegeben, nicht in die Sklaverei, nein, in ein Zuchthaus und auf die Marterkammer.» Dann zeigte er ihnen seinen Rücken, von den frischen Spuren der Schläge scheuslich gemarkt. Auf diesen Anblick, auf diese Erzählung erhob sich ein allgemeines Geschrei. Der Lärmen beschränkte sich nicht auf den Markt, sondern durchlief allenthalben die ganze Stadt. Verhaftete und verhaftet gewesene stürzten von allen Seiten auf die Gasse und schrieen laut um Hülfe; und nirgend fehlte es an freiwilligen Begleitern des Auflaufs. Durch alle Straßen sah man hier und dort schreiende Züge zum Markte eilen. Mit ihrer großen Gefahr trafen diejenigen von den Vätern, die eben auf dem Marktplatze waren, auf diesen Schwarm, und man würde sich an ihnen vergriffen haben, wären nicht die Consuln Publius Servilius und Appius Claudius, den Aufruhr zu dämpfen, 137 herbeigeeilt. An sie wandte sich die Menge, zeigte ihnen ihre Fesseln und übrigen kläglichen Aufzug. Darum also hätten sie sichs so sauer werden lassen! sagten sie, und vorwerfend erzählte jeder, wo er sich brav gehalten hatte, der eine hier, der andre dort. Mehr drohend als bittend drangen sie darauf, sie sollten den Senat berufen und umstellten das Rathhaus, um die Verhandlungen im Statsrathe selbst prüfen und leiten zu können. Nur sehr wenige der Väter, die der Zufall herbeiführte, wurden zu den Consuln hingezogen: die übrigen hielt die Furcht nicht bloß vom Rathhause, sondern auch vom Markte zurück, und im Senate erlaubte die geringe Anzahl der Mitglieder keine Verhandlung. Nun vollends glaubte die Menge, man suche ihr nur auszuweichen und sie hinzuhalten, und die fehlenden Väter wären nicht durch Zufall, nicht aus Furcht weggeblieben, sondern damit nichts aus der Sache werden möge. Die Consuln selbst nähmen sich so zögernd, und ganz gewiß treibe man mit ihrem Elende ein Gespött. Schon war es nahe daran, daß selbst die Würde der Consuln die Erbitterung der Menschen nicht länger in Schranken hielt, als die Väter, ungewiß, ob sie sich durch Ausbleiben oder Kommen größerer Gefahr aussetzen, im Senate erschienen. Allein, wie nun endlich die Versammlung zahlreich genug war, konnten sich weder die Väter, noch die Consuln selbst, über ihre Meinungen vergleichen. Appius, ein Mann von heftiger Sinnesart, rieth zu consularischer Strenge. Nähme man einen oder den andern beim Kopfe, so würden die übrigen ruhig werden. Servilius, mehr für sanftere Mittel geeignet, meinte, den Zorn des Volks zu beugen, statt ihn zu brechen, würde theils sicherer, theils leichter sein. 24. Mitten unter diesen Berathschlagungen – ein neuer größerer Schrecken! – sprengten Latinische Ritter mit der lärmenden Botschaft heran, die Volsker wären mit feindlichem Heere im Anzuge, die Stadt zu stürmen. Diese Nachricht that auf die Väter ganz andre Wirkung, als auf die Bürger; so völlig war der Stat durch die Zwietracht aus Einem in zwei zerfallen. Das Volk frohlockte 138 vor Freude. «Da zeige sich die göttliche Rache für die Unmenschlichkeit der Väter.» Einer bestärkte den andern, sich ja nicht anwerben zu lassen: sie wollten lieber mit Allen, als allein zu Grunde gehen. « Die Väter möchten nun Dienste thun; die Väter zu den Waffen greifen, damit nicht den Einen die Gefahren des Kriegs, und den Andern die Belohnungen zu Theil würden.» Ganz anders im Rathhause. Niedergeschlagen und bestürzt über die von zwei Seiten, von Bürgern und Feinden, drohende Gefahr, baten die Väter den Consul Servilius, der mehr die Gabe des Volksgefälligen hatte, den Stat aus diesen großen ihn umgebenden Gefahren zu retten. Nach Entlassung des Senats trat der Consul vor dem Volke auf. Er versicherte, die Väter dächten schon darauf, den Bürgern zu helfen: allein ihre Berathschlagung, die freilich den größten, doch aber immer nur einen Theil des Stats beträfe, sei durch die Furcht für das Gesamtwesen unterbrochen, und so lange die Feinde vor den Thoren ständen, könne unmöglich dem Kriege etwas Anderes vorgehen. Sollten diese aber auch einige Frist gestatten, so werde es theils den Bürgern keine Ehre machen, nicht anders, als gegen vorausgezahlten Lohn die Waffen für das Vaterland zu ergreifen, theils den Vätern nicht anständig sein, mehr gezwungen, als späterhin aus eignem Willen, den bedrängten Umständen ihrer Mitbürger abgeholfen zu haben. Dieser Rede erwarb er noch mehr Zutrauen durch die Verordnung, in welcher er bekannt machte: «Es solle niemand einen Römischen Bürger gebunden oder eingesperrt halten, so daß es ihm unmöglich würde, seinen Namen bei den Consuln anzugeben. Es solle niemand das Eigenthum eines Dienstthuenden, so lange dieser im Lager stehe, in Besitz haben oder verkaufen, noch an dessen Kinder oder Enkel Ansprüche machen.» Auf diese Bekanntmachung ließen sich nicht allein die Schuldsklaven Ich habe dies Wort gewagt, nach Adelungs Schuldherr und Schuldmann. Verhaftete waren sie jetzt nicht mehr. , welche zugegen waren, auf der Stelle 139 zur Werbung einschreiben, sondern von allen Seiten lief aus der ganzen Stadt die Menge derer, die aus den Sklavenzellen sich aufmachten, weil jetzt kein Gläubiger sie halten durfte, dem Markte zu, um zur Fahne zu schwören. Sie machten eine beträchtliche Mannschaft aus, und im Volskischen Kriege that es ihnen an ausgezeichneter Tapferkeit und Brauchbarkeit niemand zuvor. Der Consul führte die Truppen gegen den Feind und schlug in geringer Entfernung von ihm sein Lager auf. 25. In der nächsten Nacht machten die Volsker, die auf die Uneinigkeit der Römer rechneten, um eben durch die Nachtzeit einem Übergange oder einer Verrätherei die Hand zu bieten, einen Versuch auf das Lager. Sie wurden von den Wachen bemerkt, das Heer geweckt und auf das gegebene Zeichen griff Alles zu den Waffen. So war den Volskern dies Unternehmen vereitelt. Die übrige Zeit der Nacht genoß man von beiden Seiten der Ruhe. Am folgenden Morgen warfen die Volsker mit Tagesanbruch die Graben zu und griffen den Wall an. Schon rissen sie auf allen Seiten die Pfahlwerke nieder; schon forderten vom Consul alle rund umher, und vorzüglich die Schuldsklaven, mit Geschrei das Zeichen. Und noch zögerte er, weil er den Muth seiner Soldaten erproben wollte. Endlich überzeugte er sich von ihrem brennenden Eifer, gab das Zeichen zum Ausfalle und entließ sie voll Begierde zum Kampfe. Gleich im ersten Anlaufe waren die Feinde geworfen; das Fußvolk verfolgte sie im Nachhauen, so lange es sie abreichen konnte; die Reuterei jagte die Gescheuchten bis an ihr Lager. Bald wurde selbst das Lager von den Legionen umringt, und weil der Schrecken die Volsker auch hier vertrieb, erobert und geplündert. Tags darauf wurden die Legionen vor Suessa Pometia geführt, wohin sich der Feind geflüchtet hatte, die Stadt in wenig Tagen erobert, und zur Plünderung preisgegeben, bei der die ärmeren unter den Soldaten einige Erholung fanden. Der Consul führte das siegreiche Heer mit dem größten Ruhme nach Rom zurück. Auf seinem Abzuge nach Rom meldeten sich bei ihm die Gesandten der Volskischen Stadt Ecetra, 140 welche die Eroberung von Pometia für sich selbst besorgt machte. Durch einen Senatsschluß wurde ihnen der Friede zugestanden, aber ein Stück Landes genommen. 26. Gleich darauf machten auch die Sabiner den Römern einen kleinen Schrecken; denn es war mehr ein Aufstand zum Kriege, als ein Krieg. Bei Nacht lief in der Stadt die Nachricht ein, ein Heer Sabinischer Plünderer sei bis zum Flusse Anio vorgedrungen und verheere und verbrenne die Landhäuser allenthalben. Sogleich schickte man mit der sämtlichen Reuterei den Aulus Postumius hin, der im Latinerkriege Dictator gewesen war: der Consul Servilius folgte mit einer auserlesenen Mannschaft zu Fuß. Sehr viele Sabiner wurden auf ihren Streifereien schon von der Reuterei umringt, aber auch ihre Legion hielt dem ankommenden Fußvolke nicht Stand. Ermüdet vom Marsche und der nächtlichen Plünderung, großentheils in den Landhäusern mit Speise und Wein überladen, hatten sie kaum zur Flucht noch Kraft genug. Der Sabinische Krieg war in derselben Nacht, da man von ihm hörte, beendet, und man hatte große Hoffnung, sich auf allen Seiten Friede geschafft zu haben, als schon den folgenden Tag Gesandte der Aurunker vor dem Senate erschienen und den Römern den Krieg erklärten, wenn sie den Volskern das Stück Land S. am Ende des vorigen Capitels. nicht herausgäben. Mit den Gesandten zugleich war ein Heer Aurunker von Hause ausgegangen, und der Ruf davon setzte Alles in Rom, weil man sie schon in der Nähe von Aricia gesehen hatte, in eine so stürmische Bewegung, daß man weder die Väter der Reihe nach stimmen lassen, noch, während man selbst zu den Waffen griff, Leuten, die mit den Waffen schon ankamen, eine friedliche Antwort ertheilen konnte. Zum Angriffe bereit ging der Zug nach Aricia ; nicht weit von da lieferte man den Aurunkern eine Schlacht, und mit diesem Einen Treffen war der Krieg geendet. 27. Das Römische Heer, nach der Niederlage der Aurunker, in wenigen Tagen Sieger so vieler Feinde, 141 rechnete jetzt auf die Zusage seines Consuls, auf das Wort des Senats; als Appius, theils nach der ihm eignen Härte, theils seinen Mitconsul um das öffentliche Vertrauen zu bringen, in den Schuldklagen mit möglichster Strenge zu Recht erkannte. Nach der Reihe wurden nicht nur die gewesenen Schuldsklaven den Gläubigern wieder überliefert, sondern auch neue in die Sklaverei gegeben. So wie dies einen Soldaten traf, berief sich dieser auf den Mitconsul: alle sammelten sich um den Servilius, pochten auf seine Verheißungen und rückten ihm, jeder seine Thaten im Kriege und die erhaltenen Narben vor. Sie verlangten, er solle entweder im Senate die Sache vortragen, oder seinen Bürgern als Consul helfen, als Feldherr seinen Soldaten. Dies rührte den Consul: allein die Umstände geboten ihm Zurückhaltung; so gradezu hatten nicht nur sein Mitconsul, sondern auch der ganze Anhang der Adlichen sich auf die Gegenpartei geworfen. Indem er so den Unentschiedenen machte, entging er eben so wenig dem Hasse der Bürger, als er sich das Wohlwollen der Väter erwarb. Die Väter hielten ihn für einen unmännlichen, kriechenden Consul; die Bürger für falsch; und es zeigte sich bald, daß Appius nicht verhaßter sei, als er. Die Consuln waren in Streit gerathen, wer von ihnen den Tempel des Mercurius einweihen sollte. Ablehnend wies der Senat die Sache an das Gesamtvolk, bestimmte aber, wem von beiden auf Erkenntniß des Volks diese Weihe übertragen würde, der solle über den Preis der Lebensmittel die Aufsicht haben, die Kaufleute zu einem Handelsgerichte vereinen und an Oberpriesters Statt die Feierlichkeit verrichten. Das Volk übertrug die Einweihung des Tempels dem Marcus Lätorius, einem Hauptmanne des ersten Haufens, nicht sowohl, wie leicht zu ersehen war, dem Manne eine Ehre anzuthun, dem man ein Geschäft weit über seinen Rang verlieh, als den Consuln eine Kränkung. Nun vollends wüthete der eine Consul samt den Vätern: allein den Bürgern war der Muth gewachsen, und sie gingen auf einem ganz andern Wege zu Werke, als den sie zuerst eingeschlagen waren. Da sie die Hülfe der 142 Consuln und des Senats aufgeben mußten, so liefen sie, sobald sie einen Schuldner vor Gericht führen sahen, von allen Seiten herbei, und tobten und schrieen so laut, daß man eben so wenig vom Ausspruche des Consuls hören, als, wenn er ihn gethan hatte, ihn befolgen konnte. Man verfuhr mit Gewalt, und statt dessen, daß vorher Furcht und Freiheitsgefahr auf Seiten der Schuldner war, so traf dies jetzt die Gläubiger, die als Einzelne von Mehreren sogar vor des Consuls Augen gemishandelt wurden. Nun kam noch die Furcht vor einem Sabinerkriege hinzu: und als eine Werbung befohlen wurde, gab niemand seinen Namen an, worüber Appius in Wuth gerieth und seinen Amtsgenossen einen Kriecher schalt, der, dem Volke zu gefallen stumm, am State zum Verräther werde, und nach Unterlassung der Gerichtspflege in den Schuldklagen jetzt so weit gehe, daß er nicht einmal dem Senatsbefehle gehorsam eine Werbung halte. Dennoch sei der Stat noch nicht durchaus verlassen; die Macht eines Consuls noch nicht gestürzt. Er allein werde seine und der Väter Würde zu behaupten wissen. Und da ihn täglich die immer dreister werdende Menge umstand, ließ er einen der lautesten Aufrührer greifen. Schon schleppten die Gerichtsdiener ihn fort, da sprach er das Volk an; aber Appius würde auch auf die Ansprache keine Rücksicht genommen haben, weil des Volkes Urtheil leicht vorauszusehen war; hätten nicht endlich mehr die Ersten der Väter durch ihre Verwendung und Ansehen, als das Geschrei des Volks, seinen Starrsinn mit vieler Mühe besiegt: so sehr hatte er Muth vollauf, dem Hasse die Stirn zu bieten. Nun nahm das Übel täglich zu, nicht sowohl durch das öffentlich getriebene Geschrei, als, was weit verderblicher war, durch Versammlungen in Winkeln und geheime Verabredungen. Endlich legten die den Bürgern verhaßten Consuln ihr Amt nieder, Servilius bei keiner Partei beliebt, Appius bei den Vätern in hohem Grade. 28. Nach ihnen traten Aulus Virginius und Titus Vetusius das Consulat an. Nun hielten die Bürger, noch ungewiß, was sie für Consuln an ihnen haben würden, 143 sogar nächtliche Zusammenkünfte, theils auf den Esquilien, theils auf dem Aventinus, um weder auf dem Markte über ihre Entschließungen in Verlegenheit zu gerathen, noch in allen Stücken blindlings und auf gut Glück zu verfahren. Die Consuln, die die Sache für das, was sie war, für verderblich hielten, brachten sie vor den Senat; allein die Stimmen der Reihe nach über ihren Antrag abzuhören, war ihnen nicht möglich, so lärmend erklärten die Väter durch Geschrei von allen Seiten ihren Unwillen, «wenn die Consuln die gehässige Verantwortung einer Sache, die sie vermöge consularischer Gewalt hätten abthun sollen, auf den Senat wälzen wollten. Ständen noch Obrigkeiten an der Spitze des Stats, so würde wahrlich in Rom außer der öffentlich berufenen keine Zusammenkunft statt gefunden haben. Jetzt sei der Stat, da es Zusammenkünfte auf den Esquilien und wieder andre auf dem Aventinus gebe, in unzählige Rathhäuser und Versammlungen zerrissen und zerstückelt. Bei Gott! ein einziger Mann – denn dies sage mehr, als Consul – wie man ihn im Appius Claudius gesehen habe, würde in einem Nu jene Rotten aus einander gesprengt haben.» Als die so hart angelassenen Consuln anfragten, was sie denn thun sollten; denn sie wollten in keinem Stücke lässiger oder nachgiebiger verfahren, als es die Väter verlangten, so beschloß man, sie sollten mit möglichster Strenge eine Werbung halten: der Übermuth des Volks sei die Folge der Ruhe. Nach Entlassung des Senats, bestiegen die Consuln den Richterstuhl, und forderten die Dienstfähigen namentlich. Niemand antwortete auf seinen Namen, und die gleich einer Versammlung sie umströmende Menge rief: «Länger lasse sich der Bürger nicht täuschen. Nie sollten sie Einen Soldaten haben, wenn das Wort des Stats nicht gehalten würde. Zuvor müßten sie jedem Einzelnen seine Freiheit wiedergeben, ehe sie ihm die Waffen gäben, damit er für ein Vaterland und für Mitbürger zu fechten habe, und nicht für Zwingherren.» Die Consuln sahen freilich, was ihnen vom Senate aufgetragen war, sahen aber auch von denen, die hinter 144 den Wänden des Rathhauses so vorlaut gewesen waren, nicht Einen sich anfinden, um den Haß mit ihnen zu theilen; und offenbar sah man einem heftigen Kampfe mit dem Volke entgegen. Ehe sie also das Äußerste versuchten, wollten sie lieber den Senat noch einmal befragen. Noch zudringlicher umringten jetzt fast alle jüngeren Väter die Stühle der Consuln, und forderten sie auf, das Consulat abzugeben und eine Regierung niederzulegen, zu deren Behauptung es ihnen an Muth fehle. 29. Als die Consuln so mit der Stimmung auf beiden Seiten sich gehörig bekannt gemacht hatten, fingen sie endlich an: «Sagt nicht, ihr versammelten Väter, wir hätten euch nicht gewarnt: ein großer Aufruhr ist im Ausbrechen. Wir verlangen, daß diejenigen, welche uns der Feigheit am lautesten beschuldigen, bei der anzustellenden Werbung uns beistehen. Wir wollen in der Sache, wenn das einmal euer Wille ist, selbst die Maßregeln des Hitzigsten unter euch befolgen.» Sie gingen wieder auf den Richterstuhl und ließen geflissentlich einen von denen bei Namen auffordern, die ihnen zunächst vor Augen waren. Er stand und schwieg; einige Andere stellten sich im Kreise um ihn, falls er angegriffen würde, und als die Consuln einen Gerichtsdiener hingehen ließen, trieb man diesen zurück. Die Väter, welche Beisitzer der Consuln waren, schrieen: «Das sei unerhört!» und rannten vom Richterstuhle herab, dem Diener zu Hülfe. Hatte man den Häscher bloß abgehalten, jenen zu greifen; so geschah nun auf die Väter ein wirklicher Angriff, und die Consuln machten der Schlägerei, in welcher es übrigens, ohne Stein, ohne Waffe, mehr Geschrei und Erbitterung als Thätlichkeiten gab, durch ihre Zwischenkunft ein Ende. Nicht ohne Unordnung wurde der Senat versammelt, mit noch größerer befragt, weil diejenigen, welche Schläge davon getragen hatten, auf eine Untersuchung drangen, und die Ungestümen alle nicht sowohl durch abgegebene Stimme; als mit Geschrei und Lärmen, den Befehl dazu verlangten. Als endlich auf die Anmerkung der Consuln, daß 145 die Vernunft ihren Sitz eben so wenig auf dem Rathhause, als auf dem Markte, habe, jene Hitze sich legte, schritt man zur ordentlichen Stimmensammlung; und es gab der Meinungen drei. Publius Virginius machte eine Einschränkung, und rieth, sich nur auf diejenigen einzulassen, die auf das Ehrenwort des Consuls Publius Servilius im Volsker-, Aurunker- und Sabinerkriege gedient hätten. Titus Lartius: «Jetzt sei die Zeit nicht, bloß Verdienste zu belohnen. Der ganze Bürgerstand sei in Schulden versunken, und keine Rettung möglich, wenn nicht Allen geholfen würde. Im Gegentheile, wenn man den Einen anders behandeln wolle, als den Andern, so würde die Zwietracht mehr entzündet, als gedämpft werden.» Appius Claudius, von Natur der Unsanfte, und jetzt theils durch seinen Haß im Volke, theils durch die Lobsprüche der Väter, noch mehr überspannt, sagte: «Nicht das Elend im Volke habe diese großen Unruhen erregt, sondern seine Ungestraftheit. Es sei mehr ausgelassen, als aufgebracht. Das ganze Übel stamme lediglich aus der freistehenden Ansprache. Die Consuln könnten bloß drohen, nicht befehlen, so lange noch eine Ansprache an Mitschuldige stattfinde. Geschwind laßt uns, fuhr er fort, einen Dictator wählen, von welchem sich niemand mit einer Ansprache an das Volk wenden darf. Den Augenblick wird diese Wuth, die jetzt Alles in Flammen setzt, verstummen. Dann schlage mir einmal einer den Häscher zurück, wenn er weiß, daß sein Leben und Tod in der Hand des Einen steht, an dessen Majestät er sich vergriff.» 30. Vielen schien die Meinung des Appius, was sie war, hart und empörend: die des Virginius und Lartius hingegen hielten sie des Beispiels wegen für schädlich, vorzüglich die des Lartius, weil sie allen Credit aufhöbe. Am meisten schien Virginius mit seinem Vorschlage den Mittelweg und zwischen beiden Moderatum utroque. – Dies utrumque war nimis dura Appii und nimis lenis Lartii sententia. Dadurch, daß die Meinung des Virginius ein utroque temperatum oder moderatum war, wurde sie eben so brauchbar, wie der Wein der Alten, mero et aqua temperatum, kein gar zu starkes und kein gar zu schwaches Getränk wurde. das Maß zu treffen. Allein 146 Parteigeist und Rücksicht auf eignen Vortheil, die den Berathungen für das Ganze immer nachtheilig waren und sein werden, gaben dem Appius den Sieg, und beinahe wäre er selbst zum Dictator ernannt. Dies würde vollends, grade in der gefährlichsten Lage, da Volsker, Äquer und Sabiner alle zugleich in den Waffen waren, die Bürger erbittert haben. Doch die Consuln und die bejahrteren Väter sorgten dafür, daß eine Gewalt, die ihrer Eigenheit nach strenge genug war, in sanfte Hände kam. Sie wählten zum Dictator den Manius Valerius, des Volesus Sohn. Die Bürger, ob sie gleich sahen, daß man den Dictator gegen sie gewählt habe, fürchteten doch von dieser Familie, da sie das Gesetz über die Ansprache seinem eigenen Bruder zu verdanken hatten, keine Beleidigung, keine Härte. Hierin bestärkte sie die Verordnung, die der Dictator ergehen ließ, die freilich mit der des Consuls Servilius fast gleichlautend war; allein sie hielten sich zu größerm Vertrauen zu dem Manne und zu dem Amte berechtigt, gaben den Streit auf und ließen sich einschreiben. Ein Heer, so groß man es nie gehabt hatte, zehn Legionen wurden aufgebracht: jedem Consul wurden drei gegeben; vier bekam der Dictator. Auch ließ der Krieg sich nicht länger verschieben. Die Äquer waren den Latinern ins Land gefallen. Latinische Gesandten hielten beim Senate an, entweder ihnen Hülfe zu schicken, oder zu erlauben, daß sie selbst zur Vertheidigung ihrer Gränzen die Waffen nähmen. Man hielt es für das Sichrere, in den Latinern ein unbewehrtes Volk zu vertheidigen, als ihnen die Waffen wieder in die Hände zu geben. Der Consul Vetusius wurde hingeschickt, und die Plünderungen hörten auf. Die Äquer zogen sich aus dem Felde; und unter größerem Vertrauen auf ihre Stellung, als auf ihre Tapferkeit, deckten sie sich durch die Gebirgshöhen. Der andre Consul, der gegen die Volsker gezogen war, um nicht eben so seine Zeit zu verlieren, nöthigte 147 den Feind, hauptsächlich durch Verheerung seines Gebiets, sein Lager näher heranzurücken und auf eine Schlacht sich einzulassen. In der Ebene zwischen beiden Lagern standen die Heere, jedes vor seinen Verschanzungen, zum Angriffe bereit. An Menge hatten die Volsker eine bedeutende Überlegenheit. Daherströmend und mit Verachtung thaten sie den Angriff. Der Consul ließ weder seine Linie sich in Schritt setzen, noch das Geschrei zur Schlacht beantworten. Er hieß sie bei ihren in die Erde gepflanzten Wurfspießen Stand halten; dann aber, wenn der Feind vor die Klinge gekommen sei, mit ganzer Kraft sich erhebend das Schwert gebrauchen. Die Volsker, vom Laufe und Geschreie ermüdet, waren auf die, so schien es, vor Furcht starrenden Römer herangestürzt: kaum aber fühlten sie sich von dem Widerstande gegenüber zurückgedrückt und sahen die Schwerter vor ihren Augen blitzen, so wandten sie mit einer Bestürzung, als wären sie auf einen Hinterhalt gestoßen, zur Flucht um, und auch zum Fliehen fehlte es ihnen an Kräften, weil sie zum Angriffe gelaufen waren. Die Römer hingegen, weil sie im Anfange der Schlacht ruhig gestanden hatten, ereilten bei voller Kraft die Ermüdeten leicht, stürmten ihnen in ihr Lager nach, verfolgten den aus seinem Lager gejagten Feind nach Veliträ, und in Einem Zuge drangen Sieger und Besiegte zugleich in die Stadt. Hier floß, in dem Gemetzel der Menschen aller Art, des Blutes mehr, als selbst in der Schlacht. Man verschonte nur die Wenigen, die wehrlos sich ergaben. 31. Mit diesen Thaten im Volskerlande war der Sieg des Dictators über die Sabiner gleichzeitig, die ihm bei Weitem mehr Arbeit gemacht hatten. Er brachte sie zur Flucht und nahm ihr Lager. Durch seine einhauende Reuterei hatte er das feindliche Mitteltreffen in Unordnung gebracht, wo sie, bei zu weiter Ausdehnung auf die Flügel, durch Mangel an innerem Zusammenhange der Glieder eine Schwäche gegeben hatten. In dieser Verwirrung wurden sie vom Fußvolke angefallen, in fortschreitendem Angriffe ihr Lager erobert; und der Feldzug hatte ein Ende. 148 Nächst der Schlacht am See Regillus war in jenen Jahren nicht Eine so ruhmvoll. Der Dictator zog im Triumphe in die Stadt. Außer den übrigen Ehrenbezeigungen wurde ihm und seinen Nachkommen ein eigner Schausitz auf der Rennbahn eingeräumt und auf diesem Platze ein Thronsessel aufgestellt. Den besiegten Volskern wurde das Gebiet von Veliträ genommen, und durch Anbauer, die man von Rom aus hinschickte, Veliträ zur Pflanzstadt gemacht. Weit später kam es mit den Äquern zur Schlacht, auf die der Consul sich ungern einließ, weil man den Feind in seinem Vortheile nur von unten auf angreifen konnte. Allein die Soldaten, die den Consul geflissentlicher Zögerung beschuldigten, damit der Dictator, ehe sie in die Stadt zurückkämen, sein Amt niederlegen könnte und sein Wort eben so wenig gehalten würde, als das des vorigen Consuls, brachten ihn dadurch so weit, daß er sie auf gut Glück gerade am Gebirge hinaufrücken ließ. Durch die Feigheit der Feinde lief dies schlimme Wagstück glücklich ab. Denn ehe man sich noch mit Wurfspießen erreichen konnte, gaben sie, über die Kühnheit der Römer erstaunt, ein Lager preis, das ihnen die festeste Stellung gewährte und stürzten sich in die dahinter liegenden Thäler. Für einen so unblutigen Sieg fanden hier die Römer Beute genug. Nach diesem auf drei Seiten glücklich geführten Kriege waren dennoch die Väter sowohl, als die Bürger, über die innern Angelegenheiten nicht außer Sorge; so groß war der Einfluß und die Geschicklichkeit, womit die Wucherer ihre Vorkehrungen getroffen hatten, nicht nur die Erwartungen der Bürger, sondern selbst des Dictators zu täuschen. Valerius nämlich machte, nach der Rückkehr des Consuls Vetusius, das Beste des siegreichen Volks zum Inhalte seines ersten Vortrags im Senate und fragte an, was man über die Schuldsklaven bestimmen wolle. Als dieser Antrag verworfen wurde, sprach er: «Ich werde mit meinen Bemühungen zum Besten der Einigkeit misfällig. Bei Gott! ihr werdet nächster Tage wünschen, daß die 149 Vertheidiger des Volks mir gleichen mögen. Was mich betrifft, so werde ich weder meinen Mitbürgern länger vergebliche Hoffnung machen, noch selbst vergebens Dictator sein. Zwietracht von innen und Krieg von außen machten mein Amt dem State wünschenswerth. Auswärts ist der Friede hergestellt; den innern wollen wir nicht. So will ich beim Aufruhre lieber Privatmann, als Dictator sein.» Mit diesen Worten verließ er das Rathhaus und legte seine Dictatur nieder. Es war den Bürgern einleuchtend, daß er aus Verdruß über ihre Lage abgedankt habe. Nicht anders, als hätte er sein Versprechen erfüllt – denn daß es nicht gehalten sei, habe ja nicht an ihm gelegen – gaben sie ihm, als er zu Hause ging, unter Beweisen des Wohlwollens und Danks die Begleitung. 32. Nun geriethen die Väter in Furcht, es möchten, wenn das Heer entlassen würde, von neuem geheime Zusammenkünfte und Verschwörungen entstehen. Hatte gleich der Dictator die Werbung gehalten, so hielten sie doch den Soldaten, weil er den Consuln geschworen habe, durch seinen Eid für gebunden, und gaben unter dem Vorwande, die Äquer hatten den Krieg erneuert, den Legionen Befehl zum Ausrücken. Dies brachte den Aufruhr zur Reife. Anfangs sollen sich die Bürger über die Ermordung der Consuln besprochen haben, um sich ihres Eides zu entledigen; als sie aber belehrt wären, daß keine Verbindlichkeit durch eine Frevelthat getilgt werde, wären sie auf den Rath eines gewissen Sicinius, ohne Befehl der Consuln, auf den heiligen Berg hinausgezogen, jenseit des Flusses Anio, dreitausend Schritte von der Stadt. Diese Erzählung ist gewöhnlicher, als die vom Piso angegebene, daß sie sich auf den Aventinus gezogen hätten. Hier schlugen sie, ohne alle Anführer, ein festes Lager mit Wall und Graben auf, und hielten sich, ohne etwas weiter zu nehmen, als die nöthigen Lebensmittel, mehrere Tage ruhig, wurden von niemand angegriffen und vergriffen sich an niemand. In der Stadt herrschte große Bestürzung und Alles schwebte in gegenseitiger Furcht. Die von den Ihrigen zurückgelassenen Bürger fürchteten Gewalt von den Vätern; 150 die Väter fürchteten die zurückgebliebenen Bürger, und wußten nicht, was ihnen lieber sein würde, wenn diese blieben, oder gingen. «Wie lange werde aber der ausgezogene Haufe sich noch ruhig verhalten? Was dann daraus werden wolle, wenn irgend ein auswärtiger Krieg entstände? Die einzige ihnen bleibende Hoffnung gründe sich durchaus auf Einigkeit unter den Mitbürgern. Diese müsse man dem State wieder gewinnen, es koste, was es wolle.» Man beschloß also, den Agrippa Menenius, einen beredten und bei den Bürgerlichen, mit denen er gleicher Abkunft war, beliebten Mann, als Redner an das Volk zu schicken. Er wurde ins Lager gelassen und stellte, wie man sagt, im Tone jenes alten ungeglätteten Vortrags, bloß folgende Erzählung auf: «Einst, als im Menschen noch nicht alles so einstimmig gewesen sei, wie jetzt, sondern jedes Glied seinen eignen Willen, seine eigne Sprache hatte, habe es die übrigen Glieder verdrossen, daß ihre Sorge, Arbeit und Dienstleistung alles nur für den Magen herbeischaffe, der Magen aber, ruhig in der Mitte, nichts weiter thue, als daß er in den ihm zugeführten Genüssen sich sättige. Sie hätten sich also verabredet, die Hände sollten keine Speise zum Munde führen, der Mund die gebotene nicht annehmen, die Zähne sie nicht zermalmen. Über diese Spannung, in der sie den Magen durch Hunger zu zwingen dächten, waren zugleich die Glieder selbst und der ganze Körper auf den höchsten Grad der Auszehrung gebracht. Da sei es ihnen einleuchtend geworden, daß auch das Geschäft des Magens nicht in Unthätigkeit bestehe, und daß er eben so, wie er genährt werde, auch selbst wieder nähre, indem er das durch Verdauung der Speise gezeitigte Blut, wodurch wir leben und gedeihen, auf die sämtlichen Adern vertheilt, in alle Glieder des Körpers ausgehen lasse.» Und durch Darlegung der Ähnlichkeit dieses innern Aufruhrs im Körper mit der Erbitterung der Bürger gegen die Väter, soll er seine Zuhörer umgelenkt haben. 33. Es kam über die Aussöhnung zu 151 Unterhandlungen und in den Vergleichspunkten wurde den Bürgerlichen eingeräumt, daß sie ihre eigne Obrigkeit haben, daß diese unverletzlich und zur Hülfsleistung gegen die Consuln verpflichtet sein, und keinem von den Vätern erlaubt werden sollte, dies Amt zu bekleiden. Dem zufolge wurden zwei Bürgertribunen erwählt, Cajus Licinius und Lucius Albinus . Diese wählten sich noch drei Amtsgenossen, unter denen auch Sicinius gewesen sein soll, der die Entfernung von Rom in Vorschlag gebracht hatte. In der Angabe der beiden übrigen stimmt man nicht überein. Einige behaupten, man habe auf dem heiligen Berge nur zwei Tribunen gewählt, und dort sei auch das beschworne Gesetz Es wurde damals auf dem heiligen Berge, oder nach Andern, später auf dem Aventinus, feierlich beschworen . Man sehe über dessen Inhalt Buch III, Cap. 55 . gegeben. Während der Entweichung des Bürgerstandes hatten Spurius Cassius und Postumus Cominius das Consulat angetreten. Unter diesen Consuln wurde mit den Völkerschaften Latiums ein Bündniß geschlossen. Zur Vollziehung desselben blieb der eine Consul zu Rom; der andre, der in den Volskischen Krieg geschickt wurde, erfocht einen Sieg über die Volsker von Antium, verfolgte die Geschlagenen in die Stadt Longula und eroberte diese. Darauf nahm er Polusca, gleichfalls eine Stadt der Volsker ; dann ging es auf Corioli, zu dessen Erstürmung er alle Kräfte aufbot. Zu den vornehmsten Jünglingen, die damals im Römischen Lager dienten, gehörte Cajus Marcius, ein junger Mann voll Gegenwart des Geistes und Thätigkeit, eben der, der nachher den Zunamen Coriolanus hatte. Das Römische Heer, welches Corioli belagerte, und ohne alle Besorgniß vor einem Angriffe von außen sein ganzes Augenmerk auf die in der Stadt eingeschlossenen Feinde gerichtet hatte, sah sich plötzlich von einem aus Antium aufgebrochenen Volskerheere in demselben Augenblicke angegriffen, als die Belagerten einen Ausfall thaten, gegen welche gerade Marcius mit seinem Posten stand. Mit 152 seinen Auserlesenen schlug er nicht bloß den Ausfall zurück, sondern kühn drang er in das offene Thor, erfüllte die vordere Gegend der Stadt mit Mord, und warf das Feuer, dessen er zufällig habhaft wurde, in die der Mauer nächsten Häuser. Das bei einem solchen Schrecken gewöhnliche Geschrei der Einwohner, vom Geheule der Weiber und Kinder begleitet, erhöhete schon durch seinen Ausbruch den Muth der Römer und machte die Volsker bestürzt, weil sie die Stadt, zu deren Hülfe sie gekommen waren, für erobert hielten. So wurden die Volsker von Antium geschlagen und die Stadt Corioli erobert. Und Marcius verdunkelte durch seinen Ruhm den Namen des Consuls so sehr, daß es jetzt vergessen sein würde, daß grade Postumus Cominius im Volskerkriege Anführer gewesen sei, wäre uns nicht durch das auf einer ehernen Säule eingegrabene Bündniß mit den Latinern der Umstand aufbehalten, daß Spurius Cassius allein, in Abwesenheit seines Mitconsuls, dies Bündniß geschlossen habe. In eben diesem Jahre starb Agrippa Menenius, ein Mann, der während seines ganzen Lebens bei den Vätern und Bürgerlichen gleich beliebt war, aber nach dem Auszuge der Bürger diesen noch lieber. Und er, der Vermittler und Leiter der bürgerlichen Eintracht, der Abgesandte der Väter an das Volk, der Wiederbringer des Römischen Volks in die Stadt, hinterließ nicht, wovon er begraben werden konnte. Die Bürger trugen die Kosten seiner Bestattung, zu denen jeder mit einem Pfennige seinen Beitrag gab Wenn der as libralis oder gravis jener Zeiten nach Crevier etwa sechs Pfennige Conv.M. beträgt, so ist der sechste Theil desselben (sextans) nicht mehr, als 1 Pfennig unsres Geldes. . 34. Darauf wurden Titus Geganius und Publius Minucius Consuln. In diesem Jahre traf den Stat, da man rund umher von auswärtigen Kriegen Ruhe hatte, und im Innern der Zwiespalt geheilt war, ein anderes weit größeres Übel; zuerst Theurung der Lebensmittel, weil während der Auswanderung der Bürger das Land unbestellt geblieben war; dann eine Hungersnoth, wie nur Belagerte sie 153 erfahren. Die Sklaven vollends und die niedrige Classe würden zu Grunde gegangen sein, wenn nicht die Consuln Vorkehrungen getroffen und nach allen Seiten ausgeschickt hätten, Getreide aufzukaufen, nicht nur nach Hetrurien längs der Küste zur Rechten von Ostia, und durch das Volskerland links am Meere hinab bis Cumä ; sondern in Sicilien sogar ließen sie nachfragen: so sehr wurden sie durch den Haß der Nachbarn genöthigt, auf entfernte Hülfe Anspruch zu machen. Zu Cumä nahm die Schiffe mit dem aufgekauften Getreide der dortige Stadtherrscher Aristodemus Siehe Cap. 21 . in Beschlag, zum Ersatze für das Vermögen der Tarquinier, deren Erbe er war. Im Volskischen und Pomptinischen wurde nicht einmal der Kauf gestattet; ja die Käufer selbst liefen Gefahr, öffentlich gemishandelt zu werden. Nur aus Hetrurien kam Getreide auf der Tiber, mit dem man die Bürger hinhielt. Sie würden bei dieser gesperrten Zufuhr sehr zur Unzeit von einem Kriege heimgesucht sein, wäre nicht unter den Volskern, eben als sie sich rüsteten, eine heftige Pest ausgebrochen. Dies Unglück machte die Feinde kleinmüthig; und um sie auch dann, wenn es aufhörte, durch Vorkehrung einigermaßen in Furcht zu erhalten, verstärkten die Römer die Anzahl ihrer Pflanzer zu Veliträ und setzten sich durch eine neue auf die Gebirge von Norba geschickte Colonie in den Besitz einer Höhe, welche das Pomptinische beherrschen konnte. Unter den folgenden Consuln Marcus Minucius und Aulus Sempronius kam ein großer Vorrath Getreide aus Sicilien an, und im Senate stritt man darüber, zu welchem Preise es den Bürgern gelassen werden solle. Viele glaubten, nun sei es Zeit, den Bürgerstand zu demüthigen und sich wieder in die Rechte einzusetzen, welche den Vätern Entweichung und Gewalt entrissen habe; vor andern Marcius Coriolanus, ein Feind der tribunicischen Macht. «Wollen sie den alten Kornpreis,» sagte er, «so mögen sie den Vätern ihre vorigen Rechte wiedergeben. Warum 154 muß ich Obrigkeiten aus dem Bürgerstande sehen, warum einen gebietenden Sicinius als ein Gefangener sehen, den man unter dem Galgen durchtreibt, und gleich als von Straßenräubern nur um Lösegeld entlassen? Diese Unwürdigkeiten sollte ich länger ertragen, als nöthig ist? Im Tarquinius würde ich den König nicht geduldet haben, und sollte ihn im Sicinius dulden? Jetzt mag er hinziehen! mag das Volk entführen! der Weg zum heiligen Berge und zu andern Hügeln steht offen. Laßt sie doch das Korn auf unsern Feldern rauben, wie sie es vor drei Jahren raubten. Mögen sie nun des Kornpreises sich freuen, den sie sich durch ihre Wuth gemacht haben. Ich möchte dafür einstehen, daß sie, durch diese Noth gedemüthigt, lieber selbst zur Bestellung der Felder Hand anlegen werden, als daß sie wieder durch einen Auszug unter den Waffen die Bestellung hindern sollten.» Darüber zu entscheiden, ob man dies habe thun sollen, finde ich nicht so leicht, als ich die Möglichkeit wahrscheinlich finde, daß die Väter unter der Bedingung wohlfeilerer Preise sich der tribunicischen Gewalt und aller ihnen aufgedrungenen Verpflichtungen hätten entledigen können. 35. Auch dem Senate schien diese Meinung zu hart und die Bürger hätte sie beinahe vor Erbitterung in die Waffen gebracht. «Nun greife man sie, gleich Feinden, sogar durch Hunger an: Brot und Lebensmittel würden ihnen untergeschlagen. Das fremde Getreide, dies einzige Nahrungsmittel, das man gegen alle Erwartung dem Glücke zu danken habe, solle ihnen vor dem Munde weggerissen werden, wenn nicht die Tribunen dem Cajus Marcius gebunden überliefert würden, wenn er sich nicht Genugthuung auf dem Rücken Römischer Bürger verschaffen solle. Er sei als ihr neuer Henker aufgetreten, der «ihnen Tod oder Sklaverei gebiete.» Sie würden ihn, als er aus dem Rathhause trat, angefallen haben, wenn ihm nicht gerade jetzt die Tribunen einen Gerichtstag bestimmt hätten. Dadurch legte sich der Zorn. Jeder sah sich zum Richter seines Feindes, sich über dessen Leben und Tod zum Herrn gemacht. 155 Anfangs hörte Marcius die Drohungen der Tribunen mit Verachtung an. «Ihrem Amte,» sagte er, «sei das Recht des Beistandes verliehen, aber nicht der Strafe; und sie wären Tribunen der Bürger, nicht der Väter.» Allein die Bürger erhoben sich mit so großer Erbitterung, daß die Väter nur durch die Strafe des Einen sich retten konnten. Gleichwohl leisteten sie Widerstand, so sehr sie sich dadurch dem Hasse aussetzten, und wandten alle Kräfte an, die jedem einzeln, die dem ganzen Orden, zu Gebote standen. Und zuerst machten sie den Versuch, die ganze Klage dadurch zu sprengen, daß sie durch angestellte Clienten diesen und jenen bereden ließen, sich den Zirkeln und Versammlungen der Bürger zu entziehen. Dann traten sie alle auf – man hätte die Väter sämtlich für die Beklagten halten sollen – und baten das Volk flehentlich, ihnen zu Liebe nur dies Einzigemal einem Bürger, einem Rathsherrn, wenn sie ihn nicht für unschuldig erklären wollten, seine verdiente Strafe zu schenken. Als er an dem bestimmten Tage nicht erschien, verfolgte die Unzufriedenheit ihren Gang. Er wurde abwesend verdammt und ging zu den Volskern ins Elend, nicht ohne Drohungen gegen sein Vaterland, und schon jetzt von feindlichem Trotze erfüllt. Die Volsker nahmen den Kommenden gütig auf, und diese Güte stieg mit jedem Tage, je lauter aus ihm der Zorn gegen seine Mitbürger sprach, und je öfter er, bald in Klagen, bald in Drohungen ausbrach. Er hatte seine Wohnung beim Attius Tullus . Dieser war damals bei weitem der angesehenste Mann unter den Volskern, und von jeher der Römer bitterer Feind. Da also den Einen der alte Haß, den Andern die neue Erbitterung spornte, so entwarfen sie gemeinschaftlich einen Plan zum Kriege mit Rom . Ihre Bürger dahin zu vermögen, daß sie die so oft zu ihrem Schaden versuchten Waffen abermals ergriffen, hielten sie für nicht leicht. «Über den wiederholten Verlust ihrer Mannschaft in den vielen Kriegen und neulich noch in der Pest, hätten sie den Muth sinken lassen. Bei diesem durch das Alter erschöpften Hasse müsse man es künstlich darauf 156 anlegen, die Gemüther durch irgend einen neuen Unwillen zu erbittern.» 36. Jetzt eben schickte man sich in Rom dazu an, die Großen Spiele noch einmal zu geben. Die Veranlassung, sie zu wiederholen, war diese. Am Festtage der Spiele hatte ein Hausvater frühmorgens, ehe das Schauspiel begann, seinen Sklaven unter dem Schultergalgen über den Platz der Rennbahn ausgepeitscht. Und nun ließ man die Spiele angehen, ohne diesen Vorfall mit der heiligen Feier in Bezug zu setzen. Bald nachher hatte Tiberius Atinius, vom Bürgerstande, einen Traum. Jupiter erschien ihm und sagte: «Die Eröffnung seiner Spiele durch diesen Vortänzer habe ihm sehr misfallen. Würden die Spiele nicht mit aller Pracht erneuert, so sei die Stadt in Gefahr. Er möchte hingehen und es den Consuln anzeigen.» Der Mann blieb allerdings nicht ganz ohne eine fromme Ängstlichkeit; doch siegte die Achtung für seine höchste Obrigkeit über seine Furcht: und wer macht sich gern im Munde der Leute zum Gespötte? Dies Zaudern kam ihn theuer zu stehen. In wenig Tagen verlor er seinen Sohn. Und damit ihm die Ursache des plötzlichen Todesfalls nicht zweifelhaft bliebe, so erschien dem Betrübten dieselbe Gestalt abermals im Traume, und fragte ihn: «Ob er für seine Verachtung des göttlichen Befehls genug gestraft sei. Er habe noch mehr zu erwarten, wenn er nicht eilends ginge und es den Consuln meldete.» Jetzt war es ihm näher gelegt. Als er dennoch zauderte und die Sache verschob, befiel ihn eine heftige Krankheit und plötzliche Lähmung. Da wurde ihm endlich die göttliche Ungnade zu sprechend. Den schon erduldeten und noch bevorstehenden Leiden erliegend, berief er einen Familienrath, erzählte, was er gesehen und gehört, wie Jupiter ihm so oft im Traume erschienen, und wie in seinen Schicksalen die Drohungen und der Zorn des Himmels in Erfüllung gegangen seien: und wurde, auf die anerkennende Beistimmung der ganzen Gesellschaft, in einer Sänfte auf den Markt vor die Consuln gebracht. Als er von hier auf Befehl der Consuln ins Rathhaus getragen war und zum 157 großen Erstaunen der sämtlichen Väter dieselben Umstände erzählt hatte – siehe da! ein neues Wunder! Derselbe Mensch, der an allen Gliedern gelähmt ins Rathhaus getragen war, ging, wie die Sage meldet, sobald er sich seines Auftrags entledigt hatte, auf seinen Füßen zu Hause. 37. Der Senat befahl, die Spiele mit größter Pracht zu feiern. Zu dieser Festlichkeit fand sich, da ihnen Attius Tullus mit seinem Beispiele voranging, eine große Menge Volsker ein. Ehe die Spiele begannen, ging Tullus – so hatte er es zu Hause mit dem Marcius verabredet, zu den Consuln, und sagte, er wünsche mit ihnen über Statsangelegenheiten allein zu reden. Alle Zeugen wurden entfernt und er begann: «Ungern sage ich von meinen Mitbürgern etwas, was nicht so sein sollte. Doch komme ich nicht, sie einer begangenen That zu beschuldigen, sondern zu verhüten, daß sie sie nicht begehen. Der unserm Volke eigene Leichtsinn ist weit größer, als mir lieb ist. Unsre vielen Niederlagen haben uns dies fühlbar gemacht, und wenn wir noch als Stat dastehen, so ist dies nicht sowohl unser Verdienst, als eure Nachsicht. Es ist jetzt der Volsker eine große Menge hier. Es sind Spiele. Die Einwohner werden als Zuschauer ihren Blick nur dorthin richten. Ich erinnere mich dessen, was junge Sabiner bei gleicher Gelegenheit hier in der Stadt verübten. Mich schaudert vor jedem Schritte der Unbesonnenheit und Verwegenheit. Ich glaubte, unserer und eurer wegen euch, ihr Consuln, hierauf vorbereiten zu müssen. Was mich betrifft, so bin ich Willens, sogleich von hier nach Hause abzureisen, um aller kränkenden Theilnahme an dem, was etwa mündlich oder thätlich vorfallen könnte, meine Person zu entziehen. » So sprach er und reisete ab. Als die Consuln die ungewisse Sache, die sie von so sicherer Hand hatten, dem Senate vortrugen, so fand man sich, wie so oft, mehr durch die sichere Hand, als durch die Sache selbst, zu Vorkehrungen veranlasset, selbst wenn sie unnöthig sein sollten. Vermöge eines Senatsbefehls, daß die Volsker die Stadt zu räumen hätten, wurden 158 Herolde umhergeschickt, die es ausriefen, sie sollten alle noch vor Nacht abreisen. Anfangs liefen sie in großer Bestürzung auseinander, um aus ihren Quartieren ihre Sachen mitzunehmen. Allein unterweges sagten sie im Ausbruche des Unwillens: «Man habe sie von Spielen, von den Tagen einer Feier, zu der sich gewissermaßen Götter und Menschen zusammenfänden, als eine Bande Verbrecher und Unreiner weggewiesen.» 38. Als sie in einem fast ununterbrochenen Zuge wanderten, nahm Tullus, der bis zur Ferentinischen Quelle vorangereiset war, die Vornehmsten, so wie sie ankamen, in Empfang; und unter den Äußerungen seines Bedaurens und Unwillens führte er theils sie selbst, während sie seinen Einstimmungen in ihren Zorn emsig zuhörten, theils durch sie die ganze übrige Menge, auf eine an der Straße liegende Ebene. Hier begann er eine Rede, als spräche er zu einer Volksversammlung: «Gesetzt ihr vergäßet alles Übrige, die alten Kränkungen vom Römischen Volke, die Niederlagen des Volskerstammes, mit was für Empfindungen, ich bitte euch, nehmet ihr die heutige Schmach zu Herzen, daß sie ihre Spiele mit eurer Beschimpfung eröffneten? Habt ihr das nicht gefühlt, daß heute über euch Triumph gehalten wurde? Daß ihr mit eurem Abzuge allen Menschen, Bürgern, Fremden, so vielen benachbarten Völkerschaften zum Schauspiele dientet? daß eure Gattinnen und eure Kinder vor aller Augen, Gefangenen gleich, vorübergeführt wurden? Was meint ihr? was haben alle diejenigen denken müssen, die den Ausruf des Heroldes vernahmen? und sie, die euch abziehen sahen? oder sie, sie eurem schimpflichen Zuge begegneten? was sonst, als daß wir irgend eine Schandthat begangen hatten, so daß wir durch unsre Gegenwart die Spiele entheiligen, und, diese Entweihung zu tilgen, ein Sühnopfer nöthig machen würden? und daß wir deshalb da, wo ehrliche Leute säßen, – von jeder Zusammenkunft, jeder Versammlung, weggewiesen würden? Und nun! wie weiter? fällt es euch gar nicht ein, daß wir noch leben, weil wir unsre 159 Abreise beschleunigten? wenn das eine Abreise, und nicht vielmehr eine Flucht zu nennen ist. Und ihr sehet in einer Stadt, wo ihr alle, wenn ihr euch einen Tag verspätet hättet, des Todes gewesen wäret, nicht die Stadt eurer Feinde? Der Krieg ist euch angekündigt; zum großen Schaden derer, die ihn ankündigten; wenn ihr Männer seid.» Von selbst schon voll Erbitterung, zu der sie nun noch aufgefordert waren, gingen sie aus einander in ihre Heimat, und da ihrer so viele, jeder seine Völkerschaft, aufwiegelten, so hatte dies zur Folge, daß die sämtlichen Volsker gegen Rom aufstanden. 39. Zu Feldherren für diesen Krieg wurden nach dem einstimmigen Schlusse aller Völkerschaften Attius und der vertriebene Römer, Cajus Marcius, gewählt, auf den sie weit mehr Hoffnung setzten. Und diese Hoffnung rechtfertigte er durchaus, so daß sich daraus die richtige Bemerkung ergab, daß die Stärke der Römer mehr auf ihren Heerführern, als auf ihren Heeren beruhe. Zuerst zog er vor Circeji, verjagte dort die Römischen Pflanzer und überlieferte die befreite Stadt den Volskern . Von hier ging er durch Querpfade auf die Latinische Heerstraße, und nahm die Städte Satricum, Longula, Polusca, Corioli, erst seit kurzem Römische Besitzungen. Darauf eroberte er Lavinium ; dann der Reihe nach Corbio, Vitellia, Trebia, Lavici, Pedum . Von Pedum endlich zog er vor Rom, schlug bei den Cluilischen Graben fünftausend Schritte von der Stadt sein Lager auf, und verwüstete von hier aus das Römische Gebiet, doch so, daß die Plünderer nach Anweisung der ihnen Mitgegebenen die Grundstücke der Adlichen verschonen mußten; entweder weil er feindseliger gegen die Bürgerlichen war, oder, um zwischen Vätern und Bürgerlichen Zwietracht zu bewirken. Und sie wäre gewiß ausgebrochen; so sehr hetzten die Bürgertribunen durch ihre Beschuldigungen den an sich schon trotzigen Bürgerstand gegen die Väter auf: allein die Furcht vor dem Feinde von außen – das stärkste Band der Eintracht – ließ sie, bei allem gegenseitigen Verdachte und Hasse, dennoch 160 zusammenhalten. Nur darin blieben sie uneinig, daß der Senat und die Consuln ihre einzige Hoffnung auf die Waffen setzten, die Bürger hingegen alles lieber wollten, als Krieg. Schon waren Spurius Nautius und Sextus Furius Consuln Die Consuln der Jahre 264 und 265 fehlen, wahrscheinlich nicht durch die Schuld des Livius . Sie waren, im J. 264, Q. Sulpicius Camerinus, Sp. Lartius Flavus (2); und im J. 265 C. Julius Iulus, P. Pinarius Rufus. . Sie musterten die Legionen, und vertheilten die Truppen auf die Mauern und andre Plätze, wo Posten und Wachen stehen sollten, als ein großer Volkshaufe sie in Schrecken setzte, der anfangs mit aufrührischem Geschreie den Frieden forderte, und dann sie nöthigte, den Senat zu versammeln und auf eine Gesandschaft an den Cajus Marcius anzutragen. Die Väter, da sie so offenbar den Muth der Bürger wanken sahen, genehmigten den Antrag: allein die mit Friedensvorschlägen an den Marcius abgefertigten Gesandten kamen mit einer harten Antwort zurück. «Wenn den Volskern das genommene Stück Landes wieder abgetreten sei, dann erst könne man über Frieden sprechen. Dächten sie aber ihres Raubes aus dem Kriege nun in aller Stille sich zu freuen, so werde er, eben so sehr der ungerechten Behandlung von seinen Mitbürgern, als der gütigen Aufnahme bei seinen jetzigen Verpflegern eingedenk, seine Kräfte aufbieten, um der Welt zu zeigen, daß sein Muth durch die Verbannung gespornt, und nicht gebrochen sei.» Dieselben Gesandten wurden bei ihrer zweiten Ankunft nicht ins Lager eingelassen. Auch die Priester, in ihre Ehrentracht gehüllt, sollen in feierlich flehendem Aufzuge in das feindliche Lager hinausgegangen sein, und ihn eben so wenig gerührt haben, als die Gesandten. 40. Da versammelte sich ein zahlreicher Kreis von edlen Frauen bei Coriolans Mutter Veturia und seiner Gattinn Volumnia . Ob dies öffentliche Aufforderung war, oder weibliche Furcht, finde ich nicht bestimmt. Genug, sie bewirkten, daß mit ihnen Veturia, so hoch betagt sie war, und Volumnia, mit zwei kleinen Söhnen vom 161 Marcius auf den Armen, ins Lager der Feinde gingen, um die Stadt, welche Männer mit den Waffen nicht vertheidigen konnten, durch weibliche Bitten und Thränen zu retten. Als sie zum Lager kamen und man dem Coriolanus meldete, es sei ein langer Zug von Frauen angelangt, so zeigte der Mann, auf den die Würde der Statsgesandten, auf den die hohe, Blick und Empfindung ergreifende Feierlichkeit des Priesteraufzugs keinen Eindruck gemacht hatte, anfangs gegen die weiblichen Thränen noch größere Festigkeit. Dann aber sagte einer seiner Hausbedienten, der die durch ihre Traurigkeit sich auszeichnende Veturia, wie sie zwischen Schwiegertochter und Enkeln dastand, erkannte: «Triegen mich nicht meine Augen, so sind dort deine Mutter, Gattinn und Kinder.» Fast sinnlos flog Coriolanus von seinem Stuhle auf, mit ausgebreiteten Armen seiner Mutter entgegen: allein statt zu bitten, überließ sie sich dem Zorne. «Ehe ich deine Umarmung annehme,» sprach sie, «muß ich wissen, ob ich zu einem Feinde, oder zu meinem Sohne gekommen, ob ich in deinem Lager deine Gefangene, oder deine Mutter bin. Mußte mein langes Leben, mein unglückliches Alter, mich darum fristen, damit ich in dir einen Vertriebenen, und nun meinen Feind sähe? Dies Land konntest du verheeren, das dich gezeugt, dich genährt hat? Kamest du mit noch so erbittertem, mit noch so drohendem Grimme hier an; mußte dein Zorn nicht sinken, als du über die Gränze tratst? Regte sich nicht, als du Roms ansichtig wurdest, der Gedanke in dir: In jenen Mauern habe ich Haus und Hausgötter? Mutter, Gattinn und Kinder? Also, wenn ich nicht geboren hätte, so würde jetzt Rom nicht belagert: hätte ich keinen Sohn, so hätte ich im freien Vaterlande als eine Freie sterben können. Doch mich kann schon nichts mehr treffen, was nicht dir mehr Schande brächte, als Elend mir: und gesetzt, ich wäre noch so elend, so werde ichs nicht lange sein. Bedenk doch aber diese da, deren Schicksal, wenn du näher rückst, ein früher Tod, oder daurende Knechtschaft sein wird!» 162 Nun umarmte er Gattinn und Kinder: und das in der ganzen weiblichen Menge sich erhebende Geweine, und ihre Wehklage über sich und ihr Vaterland brachen endlich dem Manne den Sinn. Nach der Umarmung entließ er die Seinigen, und zog sich mit seinem Lager von der Stadt zurück. Als er endlich die Legionen ganz aus dem Römischen abführte, soll die Folge des daraus erwachsenen Hasses sein Tod gewesen sein, über dessen Art die Schriftsteller nicht eins sind. Beim Fabius, bei weitem dem ältesten Gewährsmanne, finde ich, daß er noch in Greisesjahren gelebt habe. Wenigstens führt dieser an, er sei oft in hohem Alter in die Worte ausgebrochen: «Für einen Greis ist doch die Verbannung noch weit jammervoller!» Die Männer Roms ließen dem weiblichen Verdienste Gerechtigkeit widerfahren; so wenig war es damals Sitte, fremden Ruhm zu beeinträchtigen. Ja man setzte durch einen neugebauten, dem Glücke der Frauen geweihten, Tempel der Begebenheit ein Denkmal. Bald brachen die Volsker, mit den Äquern in Verein, wieder ins Römische Gebiet: allein schon wollten die Äquer den Attius Tullus nicht mehr als ihren Feldherrn anerkennen. Auf den Streit, ob Volsker oder Äquer dem verbündeten Heere ein Oberhaupt geben sollten, folgte eine Trennung, und dann eine mörderische Schlacht. Und hier vernichtete das Glück des Römischen Volks zwei feindliche Heere in einem eben so verderblichen als hartnäckigen Kampfe. Die Consuln Titus Sicinius und Cajus Aquillius . Dem Sicinius bestimmte das Los den Krieg gegen die Volsker, dem Aquillius die Herniker ; denn auch diese waren in den Waffen. Die Herniker wurden in diesem Jahre besiegt, den Volskern eine unentscheidende Schlacht geliefert. 41. Darauf wurden Spurius Cassius (zum drittenmale) und Proculus Virginius Consuln. Mit den Hernikern schloß man Friede: sie mußten zwei Drittel ihres Landes abtreten. Die Hälfte davon wollte der Consul 163 Cassius unter die Latiner, die andre unter die Bürger vertheilen. Zu diesem Geschenke zog er noch ein ansehnliches Stück Landes, welches, laut seiner Beschuldigung, als Statsacker im Besitze einiger Privatpersonen sei. Dadurch sahen sich viele von den Vätern – sie eben waren die Besitzer – mit dem Verluste des Ihrigen bedroht. Allein auch in Rücksicht auf den Stat waren die Väter nicht ohne Sorge, daß der Consul sich durch diese Spende einen Anhang mache, von dem die Freiheit zu fürchten habe. Dies war das erstemal, daß der Vorschlag, die Ländereien zu vertheilen, öffentlich gethan wurde; und nie ist er seitdem bis auf unsre Zeiten ohne die heftigsten Bewegungen betrieben. Der andre Consul widersetzte sich dieser Schenkung, unter dem Beistande der Väter, und hatte selbst nicht alle Bürger gegen sich, die gleich anfangs ein Geschenk verschmäheten, das, so gemein gemacht, statt bei den Bürgern stehen zu bleiben, sich auch auf Bundesgenossen erstrecke; und nachher hörten sie oft den Consul Virginius, wenn er in seinen Reden gleichsam prophetisch vorhersagte: «Sein Amtsgenoß mache ihnen dies Geschenk zu ihrem Verderben. Von diesen Ländereien würden die, die sie annahmen, die Knechtschaft ernten. Er bahne sich den Weg zum Throne. Warum würden sonst die Bundsgenossen und sämtlichen Latiner mit dazu gezogen? Wozu sei es nöthig gewesen, den Hernikern, so eben noch Feinden, den dritten Theil des ihnen genommenen Landes wiederzugeben, wenn nicht Cassius die Absicht habe, sich statt eines Coriolanus an die Spitze dieser Völker zu stellen?» Schon fand er, selbst als Tadler und Gegner des Ackergesetzes, im Volke Beifall: und nun wetteiferten beide Consuln, den Bürgern willfährig zu sein. Virginius sagte, er habe nichts dagegen, daß sie sich die Ländereien anweisen ließen, wenn sie nur sonst niemand, als Römischen Bürgern angewiesen würden. Cassius, der seine Ackerspende zu sehr auf den Dank der Bundgenossen berechnet, und dadurch bei seinen Mitbürgern verloren hatte, 164 verlangte jetzt, um ihre Zuneigung durch ein anderes Geschenk wieder zu gewinnen, daß man die für das Sicilinische Getreide eingenommenen Gelder dem Volke zurückzahlen solle. Dies aber verabscheueten die Bürger gerade so, als ein für den Thron ihnen baar aufgezähltes Kaufgeld; und in Beziehung auf Alleinherrschaft waren sie für jeden Verdacht so empfänglich, daß sie seine Geschenke nicht anders, als hätten sie Überfluß an allem, mit inniger Verachtung von sich stießen. Es ist gewiß, daß er gleich nach Niederlegung seines Amts verdammt und hingerichtet wurde. Einige behaupten, sein Vater habe die Todesstrafe an ihm vollzogen; habe ihn, nach zu Hause angestellter Untersuchung, peitschen und tödten lassen und des Sohnes eignes Vermögen der Ceres gewidmet. Hievon habe er ein Bild der Göttinn fertigen lassen, mit der Unterschrift: Aus der Cassischen Familie gegeben . Bei einigen finde ich – und dies kommt der Wahrheit näher, daß er von den peinlichen Richtern Cäso Fabius und Lucius Valerius auf Hochverrath angeklagt und nach dem Ausspruche des Gesamtvolks verdammet, auch sein Haus auf öffentlichen Befehl niedergerissen sei. Die Stelle hat jetzt der freie Platz vor dem Tempel der Tellus . Mag das Gericht über ihn zu Hause, oder vor dem Volke, stattgefunden haben; genug, er wurde verdammet, als Servius Cornelius und Quintus Fabius schon Consuln waren. 42. Der Haß der Bürger gegen den Cassius war nicht von langer Dauer. Das Ackergesetz, hatte man ihnen gleich den Verfechter desselben genommen, stellte sich ihnen von selbst mit seinen Reizen dar, und die Unfreigebigkeit der Väter erhöhete diese Wünsche dadurch, daß sie, nach der diesjährigen Besiegung der Volsker und Äquer, den Soldaten um die Beute brachten. Alles, was man dem Feinde abnahm, verkaufte der Consul Fabius und lieferte den Ertrag in die Schatzkammer. So verhaßt indeß den Bürgern des letzten Consuls wegen der Name Fabius war, so setzten es dennoch die Väter durch, daß mit dem Lucius Ämilius, Cäso Fabius zum Consul gewählt wurde. 165 Der Bürgerstand, hierüber noch mehr erbittert, veranlassete durch die Unruhen im Innern einen Krieg von außen, und dann bekamen wieder die bürgerlichen Streitigkeiten durch den Krieg einigen Aufschub. Väter und Volk vereinigten sich gegen die den Krieg erneurenden Volsker und Äquer, und erfochten unter Ämilius Anführung einen Sieg. Doch kostete die Flucht mehr Feinden das Leben, als die Schlacht: so hartnäckig verfolgte die Reuterei die Geschlagenen. Den funfzehnten Quinctilis Nachher hieß dieser Monat Julius . eben dieses Jahrs wurde dem Castor der Tempel geweihet, den ihm in der Schlacht mit den Latinern der Dictator Postumius verheißen hatte. Ihn weihete sein Sohn, als ein dazu ernannter Duumvir (Zweiherr). Auch in diesem Jahre brachte das lockende Ackergesetz die Bürger in Bewegung. Die Bürgertribunen nämlich fanden in diesem, die Vortheile des Bürgerstandes bezweckenden, Vorschlage das Mittel, öffentlich zu zeigen, wie sehr ihr Amt dem Vortheile der Bürger geeignet sei. Die Väter hingegen, welche glaubten, im großen Haufen finde sich, auch ohne Hoffnung eines Lohns, der Tollheit genug, dachten an die Spenden und Lockungen zur Verwegenheit nur mit Entsetzen. Und den Vätern gingen mit dem thätigsten Widerstande die Consuln voran. Folglich siegte diese Statspartei, und diesmal nicht bloß für den Augenblick; sondern sie verschaffte sich auch Consuln auf das nächste Jahr, den Marcus Fabius, den Bruder des Cäso, und den als Ankläger des Spurius Cassius den Bürgern noch verhaßteren Lucius Valerius . Der Streit mit den Tribunen fand auch in diesem Jahre statt. Allein das Ackergesetz blieb ohne Erfolg, und seine Erneurer wurden mit ihren Anpreisungen eines Geschenks, das nie zu Stande kam, lächerlich. Die Besetzung dreier Consulate nach einander erwarb dem Namen der Fabier hohe Achtung, und sie galten dafür, sich, gleichsam in Einer Reihe, in den Kämpfen mit den Tribunen 166 bewährt zu haben. Darum blieb das Consulat, als gut aufgehoben, länger bei diesem Geschlechte. Nun fing man mit den Vejentern Krieg an, und zugleich erneuerten ihn die Volsker . Doch zu den auswärtigen Kriegen hatte man beinahe der Kräfte zu viel, und diese misbrauchte man zu innern Streitigkeiten. Den allgemeinen Mismuth hierüber erhöheten noch himmlische Schreckzeichen, welche fast täglich in der Stadt und auf dem Lande ihre Drohungen verkündigten: und auf die von Seiten des Stats und von Einzelnen, bald durch Opfer, bald durch Vogelflug, vor die Gottheit gebrachten Anfragen, was ihren Zorn erregt habe, gaben die Priester keine andre Auskunft, als die, die heiligen Gebräuche würden nicht gehörig abgewartet. Diese Besorgnisse hatten indeß keine weitere Folge, als daß die Vestalinn Oppia, der Unkeuschheit schuldig erklärt, ihre Strafe erlitt. 43. Darauf wurden Quintus Fabius und Cajus Julius Consuln. Der innere Zwist war in diesem Jahre eben so hitzig, und der auswärtige Krieg noch wüthender. Die Äquer griffen zu den Waffen: die Vejenter brachen verheerend ins Römische. Noch war die Besorgniß über diese Kriege im Steigen, als Cäso Fabius und Spurius Furius Consuln wurden. Die Äquer bestürmten die Latinische Stadt Ortona . Die Vejenter, die schon zur Gnüge geplündert hatten, machten Miene, Rom selbst anzugreifen. Da diese Schreckensnachrichten den Trotz der Bürger hätten besänftigen müssen, so vermehrten sie ihn noch; und diese überließen sich wieder der alten Gewohnheit, die Aufforderung zum Kriegsdienste nicht zu beantworten, freilich nicht aus eignem Antriebe; sondern der Bürgertribun, Spurius Licinius, hatte geglaubt, jetzt sei die Zeit da, den Vätern in der höchsten Noth das Ackergesetz aufzudringen, und es sich zum Geschäfte gemacht, die Werbung zu verhindern. Allein diesmal trug er von der Ausübung seiner tribunicischen Gewalt den Haß ganz allein, und die Consuln konnten nicht feindseliger gegen ihn auftreten, als selbst es seine Amtsgenossen thaten, unter deren Beistande die Consuln die 167 Aushebung vollzogen. Es wurden für beide Kriege zugleich Heere errichtet. Über das gegen die Äquer bekam Fabius, und über das gegen die Vejenter Furius die Anführung. Im Vejenterlande fiel nichts Merkwürdiges vor. Dem Fabius hingegen machten seine Bürger weit mehr zu schaffen, als der Feind. Er allein, der Consul selbst, hielt das Beste des Ganzen aufrecht, an dem das Heer, so viel an ihm lag, aus Haß gegen den Consul, zum Verräther wurde. Denn da der Consul unter andern Beweisen seiner Geschicklichkeit als Feldherr, deren er in Vorbereitung und Führung dieses Krieges so viele gab, seine Linie so gestellt hatte, daß er bloß durch den Angriff mit der Reuterei das Heer der Feinde schlug, so wollte das Fußvolk den Geschlagenen nicht nachrücken. Möchte der Zuruf des ihnen verhaßten Feldherrn ohne Wirkung geblieben sein: allein es konnte so wenig jetzt die Scheu, sich an ihrer eignen und an des States Ehre zu versündigen, als nachher, wenn der Feind wieder Muth gefasset hatte, die Gefahr sie bewegen, sich in Schritt zu setzen, oder wenigstens in Schlachtordnung stehen zu bleiben. Ohne Befehl kehrten sie mit den Fahnen um, und gingen traurig – Man hätte sie für die Besiegten halten sollen – unter wechselnden Flüchen auf ihren Feldherrn, auf die von der Reuterei geleisteten Dienste, ins Lager zurück. Und gegen ein so verderbliches Beispiel bot der Feldherr auch nicht ein einziges Heilmittel auf: so verläßt die herrlichsten Köpfe eher die Kunst, den Bürger zu leiten, als den Feind zu schlagen. Der Consul kehrte nach Rom zurück, und hatte seinen Kriegsruhm nicht so sehr erhöhet, als er den Haß der Soldaten gegen sich gereizt und erbittert hatte. Dennoch setzten es die Väter durch, daß das Consulat bei der Fabischen Familie blieb. Sie wählten den Marcus Fabius zum Consul: des Fabius Amtsgenoß wurde Cneus Manlius . 44. Auch in diesem Jahre brachte ein Tribun die Ländervertheilung in Vorschlag. Er hieß Tiberius Pontificius . Gleich als hätte Spurius Licinius sein Ziel erreicht, schlug auch er denselben Weg ein, und hinderte die 168 Werbung. Doch nur kurze Zeit. Denn als die Väter abermals in großer Sorge waren, sagte Appius Claudius : «Die tribunicische Gewalt sei im vorigen Jahre, der Sache nach für dasmal, in Hinsicht auf das Beispiel auf immer besiegt, weil man das Mittel entdeckt habe, sie durch sich selbst zu vernichten. Es werde nie an einem fehlen, dem nicht ein Sieg über seinen Amtsgenossen und der Beifall des besseren Theils, ohne dem Besten des Stats zu nahe zu treten, etwas Erwünschtes sei. Selbst mehrere Tribunen, wenn mehrere nöthig sein sollten, würden zur Hülfe der Consuln bereit sein; und man habe ja schon an Einem gegen Alle genug. Die Consuln und die Ersten der Väter möchten sich nur Mühe geben, wo nicht alle, wenigstens einige von den Tribunen, für die Sache des Stats und des Senats zu gewinnen.» Gestimmt durch diese Maßregeln des Appius ließen sich die sämtlichen Väter mit den Tribunen leutselig und zuvorkommend ein: und die Consularen gewannen ihnen, theils als die Geliebten, theils als die Verehrten, je nachdem jeder von ihnen auf diesen oder jenen Tribun ins besondre wirken konnte, das Versprechen ab, daß der Einfluß des tribunicischen Amts dem State nicht nachtheilig sein solle: und unter dem Beistande von vier Tribunen, gegen Einen Störer des allgemeinen Besten vollzogen die Consuln die Aushebung. Sogleich rückten sie zum Kriege gegen die Vejenter aus, bei denen sich von allen Seiten Hetruriens, Hülfsvölker gesammelt hatten, nicht etwa, weil die Freundschaft für die Vejenter sie zusammenbrachte, sondern weil ihnen die Hoffnung aufgegangen war, die innere Zwietracht könne die Auflösung des Römischen Stats zur Folge haben. Und auf allen Versammlungen der Völkerschaften Hetruriens ließen sich ihre Häupter laut vernehmen: «Die Macht der Römer würde ewig sein, wenn sie nicht durch Aufruhr getrennt gegen einander selbst wütheten. Hierin liege für blühende Staten das einzige Gift, der wahre Verfall, wodurch das Schicksal auch das Ende großer Reiche herbeiführe. Lange hätten dies Übel theils die 169 Väter durch ihre Klugheit, theils die Bürger durch ihre Duldsamkeit, hingehalten; jetzt sei es aufs Äußerste gekommen. Aus einer Bürgerschaft seien zwei geworden: jede Partei habe ihre eignen Obrigkeiten, ihre eignen Gesetze. Zuerst wären sie nur bei den Werbungen die Unbändigen gewesen; bei dem allen hätten sie doch im Kriege ihren Feldherren gehorcht. Habe es in der Stadt noch so schlimm gestanden, so habe man das Ganze, so lange die Kriegszucht geblieben sei, aufrecht erhalten können. Jetzt aber begleite die Gewohnheit, seinen Oberen nicht zu gehorchen, den Römischen Soldaten auch ins Lager. Im letzten Kriege habe das ganze Heer einstimmig, selbst in der Linie, und mitten in der Schlacht, den schon geschlagenen Äquern mit dem Siege ein freiwilliges Geschenk gemacht, habe die Fahnen preisgegeben, den Feldherrn in der Schlacht gelassen und sei ohne Befehl ins Lager zurückgegangen. Rom könne wahrlich, wenn man ihm nur zusetze, durch sein eignes Heer besiegt werden. Man habe weiter nichts nöthig, als den Krieg zu erklären und zu zeigen: das Übrige würden die Schicksale und die Götter seinen Gang gehen lassen.» Diese Hoffnung hatte die Hetrusker, die so oft bei wechselndem Geschicke Besiegte und Sieger gewesen waren, wieder in die Waffen gebracht. 45. Auch den Römischen Consuln bangte vor nichts so sehr, als vor ihrer eignen Macht, vor ihren eignen Kriegern. Das Andenken an das schlimme Beispiel vom vorigen Kriege schreckte sie, die Sache nicht dahin kommen zu lassen, wo sie sich vor zwei Heeren zugleich zu fürchten hätten. Also hielten sie sich im Lager, ohne sich der Gefahr von beiden Seiten auszusetzen. «Vielleicht werde selbst der Aufschub und die Zeit die Zürnenden besänftigen und ihrem Verstande die Gesundheit wiederbringen.» Desto dringender waren die Feinde, Vejenter und Hetrusker . Sie suchten die Römer zum Treffen zu bringen, anfangs dadurch, daß sie vor dem Lager auf und ab ritten und sie herausforderten; und als dies fruchtlos blieb, durch Schimpfen, theils auf die Consuln selbst, theils auf 170 das ganze Heer. «Unter dem Scheine eines innern Zwists hätten sie für ihre Feigheit einen Deckmantel gefunden: und die Consuln hätten eben so viel Ursache, in den Muth, als in die Treue ihrer Soldaten, ein Mistrauen zu setzen. Das sei ein Aufruhr von ganz neuer Art, in welchem Bewaffnete eine so tiefe Stille beobachteten.» Außerdem gaben sie ihnen als Neulingen in Rücksicht ihrer Herkunft und Abstammung theils falsches, theils wahres zu hören. Daß sie dergleichen dicht unter dem Walle und an den Thoren des Lagers erschallen ließen, litten die Consuln sehr gern. Allein die Herzen des unerfahrnen Haufens bestürmte bald der Unwille, bald die Scham, und ließ sie des inneren Misverhältnisses vergessen; es ärgerte sie, wenn dies den Feinden ungestraft hinginge; und es ärgerte sie, wenn die Väter, wenn die Consuln ihren Willen haben sollten. In ihrem Busen kämpfte Feindeshaß mit Bürgerhaß. Endlich behielt der gegen den äußern Feind die Oberhand; so schneidend und übermüthig wurde der Spott des Feindes. Zahlreich versammelten sie sich vor dem Hauptzelte, forderten ein Treffen, verlangten das Zeichen zur Schlacht. Die Consuln, als wollten sie die Sache überlegen, steckten die Köpfe zusammen; besprachen sich lange. Sie wünschten zu schlagen: allein sie mußten ihre Wünsche umrufen und verbergen, um durch Widerstand und Aufschub den Eifer des einmal gereizten Kriegers zu beflügeln. Sie ertheilten die Antwort: «Die Sache sei noch unreif; noch sei die Zeit zur Schlacht nicht da: sie möchten sich auf ihr Lager beschränken.» Dann ließen sie bekannt machen: «Es solle sich niemand auf ein Gefecht einlassen. Wer ohne Erlaubniß zum Kampfe aufträte, den würden sie als Feind behandeln.» Die mit diesem Bescheide Entlassenen wurden nun auf das Treffen so viel erpichter, je weniger sie die Consuln dazu geneigt glaubten. Und außerdem setzten ihnen die Feinde so viel kecker zu, sobald sie erfahren hatten, daß die Consuln sich bestimmt hätten, nicht zu schlagen. «Denn nun würden sie ungestraft sie höhnen können. Den Soldaten würden die Waffen nicht anvertraut. Der Aufruhr werde 171 zum heftigsten Ausbruche kommen, und Roms Oberherrschaft habe ihr Ende.» In diesem Vertrauen liefen sie beständig an die Thore, riefen ihre Schmähungen hinein und konnten sich kaum enthalten, das Lager anzugreifen. Endlich konnten die Römer die Schmach nicht länger ertragen: aus dem ganzen Lager liefen sie von allen Seiten zu den Consuln. Nicht mehr mit Zurückhaltung, wie vorhin, nicht durch die Vornehmsten ihrer Hauptleute ließen sie ihre Forderungen vortragen, sondern betrieben sie alle in wilder Unordnung mit Geschrei. Jetzt war die Sache reif; und dennoch zögerte man von jener Seite. Endlich ließ Fabius, als mit dem Getümmel die Furcht vor dem Ausbruche zunahm, mit Bewilligung seines Mitconsuls, durch die Trompete Stille gebieten und sprach: «Daß diese Leute siegen können, Cneus Manlius, das weiß ich. Daß ich aber nicht weiß, ob sie wollen, daran sind sie selbst Schuld. Es bleibt also fest und beschlossen, das Zeichen nicht eher zu geben, bis sie schwören, daß sie aus dieser Schlacht als Sieger kehren wollen. Einem Römischen Consul konnte der Soldat einmal in der Schlacht entlaufen: den Göttern entläuft er nie.» Unter den voranstehenden Schlachtforderern war Marcus Flavolejus, ein Hauptmann. «Ich,» rief er, « Marcus Fabius, will aus dem Treffen als Sieger kehren.» Hielte er nicht Wort, so rief er den Zorn des Vaters Jupiter, des schreitenden Mars und der andern Götter über sich. Und so verpflichtete sich der Reihe nach das ganze Heer, jeder durch seinen Eid. Nach der Eidesleistung erhielten sie das Zeichen, griffen zu den Waffen und traten zur Schlacht auf, voll Erbitterung und Muth. Jetzt forderten sie die Hetrusker auf, Schimpfreden auszustoßen; jetzt hießen sie den Feind mit der fertigen Zunge ihnen vor die Klinge kommen. Bürgerliche und Adliche, alle zeichneten sich an dem Tage durch Tapferkeit aus; aber am hellsten strahlte der Name Fabius und die sämtlichen Fabier . Sie setzten es darauf an, die durch so manchen heimischen Zwist ihnen abgewandten 172 Herzen ihrer Bürger in dieser Schlacht wieder zu gewinnen. Jetzt wurden die Reihen gestellt: und die Feinde, Vejenter und Hetruskerlegionen, nahmen das Treffen an. 46. Sie machten sich beinahe sichere Hoffnung, daß die Römer gegen sie eben so wenig fechten würden, als sie gegen die Äquer gefochten hätten; ja sie glaubten, bei dieser Erbitterung, und da sie eine noch nicht entschiedene Schlacht vor sich hätten, lasse sich von ihnen noch wohl ein wichtigerer Schritt erwarten. Es erfolgte grade das Gegentheil. In keinem der früheren Kriege gingen die Römer mit größerer Wuth ins Treffen; so sehr hatte sie hier der Hohn des Feindes, dort das Zögern der Consuln erbittert. Kaum hatten die Hetrusker Zeit, sich aufzustellen, als das Gefecht, weil die Römer gleich im ersten Heranstürzen ihre Wurfspieße mehr auf Gerathewohl hingeworfen, als abgeschossen hatten, schon Mann gegen Mann, schon bloß mit dem Schwerte galt, welches immer den heißesten Kampf giebt. Unter den Anführern gab sich das Fabische Geschlecht seinen Bürgern zum ausgezeichneten Schauspiele und Muster. Einem von ihnen, dem Quintus Fabius, – er war vor drei Jahren Consul gewesen – der, den Seinigen voran, in die dichtgeschlossenen Vejenter einbrach und sich zu unvorsichtig unter den Händen so vieler Feinde herumtummelte, stieß ein an Körperkraft und Waffenkunst überlegner Tusker sein Schwert durch die Brust, und so wie er den Stahl zurückzog, stürzte Fabius auf seine Wunde nieder. Auf beide Heere wirkte des Helden Fall, und schon wichen die Römer, als der Consul Marcus Fabius über die Leiche des vor ihm liegenden wegsprang, seinen Schild ihr vorhielt und rief: «Habt ihr das geschworen, Soldaten, daß ihr fliehend ins Lager kehren wolltet? Ihr fürchtet also die feigesten Feinde mehr, als den Jupiter und Mars, bei denen ihr schwuret? Ich habe nicht geschworen; aber ich will entweder als Sieger kehren, oder hier neben dir, Quintus Fabius, fechtend fallen.» Und Cäso Fabius, der Consul des vorigen Jahrs, erwiederte dem Consul: «Glaubst du, Bruder, durch deine Worte zu 173 bewirken, daß sie fechten? Die Götter müssen es bewirken, bei denen sie schwuren! Und auch wir wollen, unserm Range gemäß und des Namens Fabius würdig, lieber kämpfend als ermahnend, den Muth der Unsrigen befeuern.» So flogen die zwei Fabier mit drohenden Lanzen an die Spitze und zogen mit sich die ganze Linie vorwärts. 47. Während das Treffen auf dieser einen Seite wieder hergestellt wurde, förderte auf dem andern Flügel der Consul Cneus Manlius die Arbeit eben so lebhaft: und hier waltete fast ein gleiches Schicksal. Denn so wie auf jenem Flügel dem Quintus Fabius, so rückten auf diesem dem Consul selbst, der die Feinde schon als Geschlagene vor sich her trieb, die Soldaten kräftig nach; und eben so wichen sie auch, als er schwer verwundet die Linie verließ, weil sie glaubten, er sei geblieben. Und sie würden das Feld geräumt haben, hätte nicht der andre Consul, der mit einigen Haufen Reuterei herangesprengt kam, durch seine laute Versicherung, daß sein Mitconsul lebe, und daß er selbst als Sieger auf jenem Flügel herbeigeeilt sei, der wankenden Linie die Haltung wiedergegeben. Auch zeigte Manlius, um das Gefecht wieder herzustellen, sich ihnen in Person. Der Blick in das Antlitz beider Consuln erfüllte die Soldaten mit neuem Muthe. Auch hatte indeß die Linie der Feinde an wahrer Stärke verloren, weil sie, im Vertrauen auf ihre überflüssige Menge, den Rückhalt hinten weggezogen und zu einem Angriffe auf das Römische Lager abgeschickt hatten. Da sie in dieses ohne großen Widerstand eingebrochen waren, und, mehr des Plünderns als des Fechtens eingedenk, die Zeit verloren, so ließen die Römer der dritten Linie, die den ersten Einbruch nicht hatten hindern können, die Consuln von ihrer Lage benachrichtigen, sammelten sich bei dem Hauptzelte in einen dichten Kreis und erneuerten für sich allein das Gefecht: unterdessen hatte der Consul Manlius, bei seiner Zurückkunft zum Lager, alle Thore mit Soldaten besetzt und den Feinden den Ausweg gesperrt. Die Verzweiflung entflammte die Tusker mehr zur Wuth, als zur Tapferkeit. Denn da 174 sie nach allen Seiten, wo sich nur ein Ausweg hoffen ließ, mehrmals einen vergeblichen Anlauf gewagt hatten, so nahm sich einer ihrer Haufen den Consul selbst zum Ziele, den seine Waffen kenntlich machten. Anfangs fingen die Umstehenden die Pfeile auf: dann aber konnten sie der Übermacht nicht widerstehen. Der Consul, tödlich verwundet, fiel, und Alle um ihn wurden verjagt. Den Tuskern stieg der Muth: die Römer, ohne Fassung, trieb der Schrecken im ganzen Lager umher. Und es würde auf das Äußerste gekommen sein, hätten nicht die Unterfeldherren, nachdem sie den Körper des Consuls weggerissen hatten, den Feinden den Ausweg durch Ein Thor geöffnet. Zu diesem stürzten sie hinaus, und in wilder Unordnung davon eilend begegneten sie dem siegreichen andern Consul. Hier wurden sie abermals zusammengehauen und aus einander gesprengt. Es war ein herrlicher Sieg erfochten, in den sich aber die Trauer über zwei so vornehme Leichen mischte. Darum antwortete der Consul, als ihm der Senat den Triumph zuerkannte: «Wenn das Heer ohne Feldherrn triumphiren könne, so wolle er ihm, für die in diesem Kriege geleisteten außerordentlichen Dienste, dies gern gestatten. Er aber werde, da seine Familie durch den Tod seines Bruders Quintus Fabius in Trauer, der Stat durch den Verlust des einen Consuls zur Hälfte verwaiset sei, den bei der Volks- und Haustrauer ihm übel stehenden Lorberkranz nicht annehmen.» Der abgelehnte Triumph gab ihm größern Ruhm, als jeder gehaltene. So wahr ist es, daß Ehre, zur rechten Zeit abgewiesen, oft mit gehäuftem Maße wieder einkommt. Darauf begleitete er die beiden auf einander folgenden Leichenzüge seines Amtsgenossen und seines Bruders: er war es, der beiden die Leichenrede hielt, wobei er dadurch, daß er seine Verdienste auf sie übertrug, den größten Theil des Lobes selbst erntete. Und des Vorsatzes eingedenk, den er sich beim Antritte seines Consulats eingeprägt hatte, die Herzen der Bürgerlichen wieder zu gewinnen, vertheilte er die verwundeten Soldaten zur 175 Heilung unter die Väter. Den Fabiern gab er die meisten; und nirgends genossen sie einer bessern Pflege. Seitdem waren die Fabier sogar Lieblinge des Volks, und nur durch ein für den Stat selbst wohlthätiges Mittel. 48. Da also eben so sehr auf Betrieb der Bürger, als der Väter, Cäso Fabius zum Consul erwählt war – er wurde es mit dem Titus Virginius, – so waren ihm weder Kriege, noch Werbung, oder irgend eine andre Sorge so wichtig, als die, vollends bei der zum Theile schon begründeten Hoffnung zur Einigkeit, die Herzen der Bürger, so bald er könnte, den Vätern wieder zuzuwenden. Gleich mit Jahresanfang trug er bei den Vätern darauf an, «ehe noch irgend ein Tribun mit dem Vorschlage einer Ackervertheilung aufträte, möchten sie zuvorkommende Geber werden und die eroberten Ländereien unter die Bürgerlichen möglichst gleich vertheilen. Es sei doch billig, daß diejenigen sie besäßen, durch deren Blut und Schweiß sie erworben wären.» Dies verwarfen die Väter; ja einige klagten sogar, daß jener ehemalige Feuergeist des Cäso durch zu großen Ruhm in Üppigkeit und Entkräftung ausarte. Auch gab es dies Jahr in der Stadt keinen Parteienzwist weiter: allein die Latiner litten durch die Einfälle der Äquer . Cäso, der mit dem Heere dorthin geschickt wurde, ging in das Land der Äquer selbst hinüber, um hier zu plündern. Die Äquer wichen in ihre Städte, und hielten sich hinter den Mauern: so kam es zu keiner merkwürdigen Schlacht. Gegen den andern Feind, die Vejenter, hatte man durch die Unbesonnenheit des andern Consuls Verlust; und kam nicht Cäso Fabius zu rechter Zeit zu Hülfe, so war es um das Heer geschehen. Seitdem hatte man mit den Vejentern weder Frieden, noch Krieg, und das Ganze gewann das Ansehen einer Straßenräuberei. Den Römischen Legionen wichen sie in die Stadt: merkten sie, daß diese abgezogen waren, so fielen sie ins Römische, indem sie wechselsweise den Krieg durch Stillsitzen, die Ruhe durch Angriff vereitelten. So konnten die Römer die Sache weder ganz liegen lassen, 176 noch beenden: und doch droheten andre Kriege theils schon jetzt mit dem Ausbruche, wie zum Beispiele von den Äquern und Volskern, die nie länger ruheten, als bis der frische Schmerz der letzten Niederlage vorüber war; theils sah man offenbar, daß nächstens die Sabiner, welche Rom immer aufsätzig waren, und das ganze Hetrurien, sich erheben würden. Allein der Krieg mit den Vejentern, mehr anhaltend, als ernsthaft, beunruhigte sie öfter durch Kränkungen, als durch Gefahr; weil er nie aus der Acht gelassen sein wollte, noch ihnen gestattete, sich gegen andre zu wenden. Da trat das Fabische Geschlecht vor den Senat. Der Consul vertrat seinen Stamm als Wortführer. «Der Vejentische Krieg bedarf, wie ihr wisset, versammelte Väter, mehr eines bleibenden, als starken Kohrs. Besorgt ihr die andern Kriege: den Vejentern gebt die Fabier zu Gegnern. Wir sind euch Bürgen, daß dort die Ehre des Römischen Namens ungefährdet sein soll. Wir sind gewillet, diesen unsern, gleichsam unsrer Familie gehörigen, Krieg auf eigene Kosten zu führen. Auf dieser Seite mag der Stat von Volks- und Geldlieferungen ausruhen.» Mit außerordentlichen Danksagungen wurde dies erwiedert. Den aus dem Rathhause tretenden Consul begleitete der Zug der Fabier, die im Vorhofe des Rathhauses, den Schluß des Senates abzuwarten, stehen geblieben waren, zu seiner Wohnung. Nach erhaltenem Befehle, am folgenden Tage sich bewaffnet vor der Thür des Consuls einzufinden, schieden auch sie in ihre Häuser. 49. Das Gerücht durchlief die ganze Stadt. Lobsprüche erhoben die Fabier zum Himmel. « Ein Geschlecht,« hieß es, «habe die Last des States auf sich genommen: der Vejentische Krieg sei zu einem Privatgeschäfte, zu einem Privatkriege geworden. Wären in der Stadt noch zwei Familien von eben der Stärke, und die eine erbäte sich die Äquer, die andre die Volsker, so könnten die benachbarten Völker sämtlich unterjocht werden, während das Römische Volk in tiefem Frieden feiere.» 177 Den Tag darauf griffen die Fabier zu den Waffen und versammelten sich auf dem bestimmten Platze. Als der Consul im Feldherrnpurpur zu ihnen hinaustrat, erblickte er auf seinem Vorhofe seinen ganzen Stamm gerüstet und gestellt. Sie nahmen ihn in die Mitte und er gab den Befehl zum Aufbruche. Nie zog ein Heer durch die Stadt, kleiner an Zahl und durch den Ruf und die allgemeine Bewunderung gepriesener. Dreihundert und sechs Krieger, alle von Adel, alle aus Einem Stamme, deren Jeden der musterhafteste Senat – man denke ihn sich, in welche Zeiten man will – gern als sein Oberhaupt angenommen haben würde, schritten einher und droheten von der Kraft Eines Geschlechts dem Vejentischen Volke Verderben. Hinter ihnen her zog ein Schwarm, theils eigenes Gefolges von Verwandten und Freunden, die über jede mittelmäßige Hoffnung oder Sorge hinaus, lauter Großthaten im Sinne hatten; theils aus dem Volke, durch Theilnahme herbeigezogen, und vor Liebe und Bewunderung außer sich. «Gehet die Bahn der Helden!» riefen sie ihnen zu: «gehet sie glücklich! Krönet eure Unternehmung mit entsprechendem Erfolge! Von uns habt ihr einst Consulate, Triumphe, alle möglichen Belohnungen und Ehrenstellen zu erwarten.» So wie der Zug am Capitole und der Burg und andern Tempeln vorüberging, fleheten die Leute zu den Göttern, wie sie ihren Augen oder Gedanken begegneten, sie möchten doch diese Schar mit Segen und Gedeihen begleiten, und sie bald wohlbehalten ins Vaterland zu den Ihrigen zurückführen. Alle diese Gebete blieben unerhört. Die Fabier zogen den Weg des Unglücks durch den rechten Schwibbogen des Carmentalischen Thors, und kamen an den Fluß Cremera . Hier wählten sie einen schicklichen Platz, ihr Kohr zu verschanzen. Darauf wurden Lucius Ämilius und Cajus Servilius Consuln. So lange es bloß bei Verheerungen blieb, waren die Fabier nicht allein stark genug, ihren Posten zu behaupten, sondern in der ganzen Gegend, wo das Tuskerland an das Römische gränzt, gewährten sie, durch ihre 178 Streifereien auf beiderlei Gebiete, dem ihrigen völlige Sicherheit und machten das feindliche unsicher. Dann wurden die Verheerungen auf kurze Zeit unterbrochen, in welcher theils die Vejenter mit einem in Hetrurien aufgebotenen Heere den Posten am Cremera bestürmten; theils die Römischen Legionen, vom Consul Lucius Ämilius herbeigeführt, mit den Hetruskern in einem Treffen zusammengeriethen. Wiewohl man den Vejentern kaum die Zeit ließ, ihre Schlachtordnung zu richten. So völlig benahm ihnen noch während der ersten Verwirrung, indem sie den Fahnen folgend sich in Glieder stellten und die Hintertreffen aufpflanzten, der plötzliche Einbruch der Römischen Reuterei in ihre Flanke, nicht allein die Möglichkeit, das Treffen anzufangen, sondern selbst, Stand zu fassen. Bis Saxa Rubra (an die rothen Felsen ), wo sie ihr Lager hatten, zurückgeschlagen, baten sie demüthig um Frieden. Sie erhielten ihn, brachen ihn aber mit dem ihnen eignen Wankelmuthe, ehe noch der Römische Posten vom Cremera abgeführt war. 50. Der Kampf der Fabier mit dem Vejentischen Volke begann, ohne weitere größere Zurüstung zum Kriege, von neuem; und es gab nicht bloß Streifzüge in das feindliche Gebiet, oder unvorbereitete Angriffe von Seiten der Streifpartei, sondern es kam mehrmals in freiem Felde, Linie gegen Linie, zur Schlacht; und dies einzige Geschlecht des Römischen Volks trug oft über den, den damaligen Zeiten nach, so mächtigen Hetruskischen Stat den Sieg davon. Anfangs sahen die Vejenter hierin nur die Kränkung und den Schimpf. Dann aber leitete sie die Sache selbst auf den Entwurf, dem übermüthigen Feinde einen Hinterhalt zu legen; ja sie freuten sich, daß die Fabier durch ihr vieles Glück immer kühner wurden. Theils also wurden den Plündernden mehrmals Viehheerden entgegengetrieben, als stießen ihnen diese zufällig auf; theils ließen die flüchtenden Landleute weit und breit die Dörfer leer; theils nahmen die bewaffneten Bedeckungen, die der Verheerung zu steuern abgeschickt waren, öfter aus 179 verstellter, als aus wahrer Furcht, die Flucht. Und schon verachteten die Fabier ihren Feind so sehr, daß sie glaubten, er könne ihren unbesiegbaren Waffen an keinem Orte, unter keinerlei Umständen, widerstehen. Diese Zuversicht verleitete sie, auf eine weit vom Cremera erblickte Heerde, von der sie durch eine große Ebene geschieden waren, hinabzustürzen, ob sich gleich hie und da einige bewaffnete Feinde sehen ließen. Als sie ohne Vorsicht in vollem Laufe über den zu beiden Seiten ihres Weges gelegten Hinterhalt hinausgeeilt waren, und nach allen Seiten auf den Raub des Viehes aus einander sprengten, das von Schrecken gescheucht gewöhnlich sich zerstreut; so erfolgte plötzlich aus dem Hinterhalte ein allgemeiner Aufbruch, und vor sich, und auf allen Seiten hatten sie Feinde. Zuerst schreckte sie das rundum ertönende Geschrei; dann kamen Pfeile aus allen Gegenden geflogen: und wie sie, als die Hetrusker sich schlossen, schon von einem zusammenhängenden Heerhaufen umringt waren, sahen sie, je stärker der Feind eindrang, sich ebenfalls gezwungen, einen so viel engeren Kreis zu schließen. Dadurch wurde zugleich ihre geringe Anzahl und die Menge der Hetrusker so viel sichtbarer, bei denen sich auf dem engen Raume die Zahl der Glieder vervielfachte. Folglich wandten sich die Fabier, mit Aufgebung des Gefechts, das sie gegen alle Seiten zugleich angefangen hatten, zusammen auf Einen Punkt. Gegen diesen mit Körper und Waffen andrängend, erbrachen sie sich im Keile einen Ausweg. Er führte sie auf einen mäßig erhabenen Hügel. Hier hielten sie zuerst wieder Stand, und kaum, daß ihnen der höhere Ort von neuem zu athmen verstattete und von einer so großen Bestürzung sich zu erholen, so schlugen sie auch die Heraufrückenden ab; und von ihrem Standorte begünstigt würden die Wenigen gesiegt haben, hätten nicht die Vejenter durch Umgehung des Hügels den Gipfel erstiegen. So bekam der Feind von neuem die Oberhand. Die Fabier wurden alle bis auf den letzten Mann niedergemacht und ihre Verschanzung genommen. Man 180 stimmt darin überein, daß ihrer dreihundert und sechs gefallen sind, und nur ein Einziger, noch unerwachsen, übrig blieb, der Stammhalter des dazu bestimmten Fabischen Geschlechts, in mißlichen Umständen des Römischen Volks, mehr als einmal im Frieden und Kriege dessen größte Stütze zu werden. 51. Als diese Niederlage die Römer traf, waren schon Cajus Horatius und Titus Menenius Consuln. Gegen die auf ihren Sieg stolzen Tusker wurde sogleich Menenius geschickt. Auch dasmal lief die Schlacht unglücklich ab, und die Feinde eroberten das Janiculum : ja die Stadt, die außer dem Kriege noch durch Hungersnoth litt, würde eingeschlossen sein; denn die Hetrusker waren über die Tiber gegangen; hätte man nicht den Consul Horatius aus dem Volskerlande zurückgerufen: und dieser Krieg kam den Mauern selbst so nahe, daß man sich zuerst beim Tempel der Hoffnung schlug, und zwar mit gleichem Glücke; dann am Collinischen Thore. War hier gleich auf Seiten der Römer der Vortheil nur von geringem Ausschlage, so machte doch dies Treffen den Soldaten, dem es seinen alten Muth wieder gab, auf künftige Schlachten besser. Aulus Virginius und Spurius Servilius wurden Consuln. Nach der Niederlage in der letzten Schlacht vermieden die Vejenter ein Treffen. Doch plünderten sie, und thaten als von einer Burg herab, vom Janiculum nach allen Seiten Ausfälle ins Römische Gebiet: nirgends waren die Heerden, noch die Landleute sicher. Endlich wurden sie durch eben die List gefangen, womit sie die Fabier gefangen hatten. Da sie den Heerden nachsetzten, die ihnen geflissentlich hie und da zur Lockspeise vorgetrieben wurden, so fielen sie in einen Hinterhalt. Je zahlreicher sie waren, desto mehr wurden ihrer zusammengehauen. Ihre wüthende Erbitterung über diesen Verlust war die Veranlassung und Einleitung zu einer noch größern Niederlage. Sie setzten nämlich bei Nacht über die Tiber, und wagten es, das Lager des Consuls Servilius zu 181 bestürmen. Mit großem Verluste zurückgeschlagen, retteten sie sich mit genauer Noth in das Janiculum . Sogleich setzte der Consul ebenfalls über die Tiber und schlug unter dem Janiculum ein festes Lager auf. Freilich auch durch sein Glück im gestrigen Treffen dreist gemacht, mehr aber noch, weil ihn der Mangel an Lebensmitteln zu Entwürfen verleitete, – mochten sie gewagt sein, wenn sie nur schneller wirkten, – ließ er sein Heer auf gut Glück, grade zum Janiculum bergauf, vor das feindliche Lager rücken; und schimpflicher zurückgeschlagen, als Tags zuvor die Feinde von ihm, verdankte er seine und seines Heeres Rettung der Dazwischenkunft seines Amtsgenossen. Hier wurden die Hetrusker zwischen zwei Heeren, denen sie wechselsweise den Rücken kehrten, sämtlich niedergehauen. So tilgte eine glückliche Unbesonnenheit den Vejentischen Krieg. 52. Mit dem Frieden bekam die Stadt auch einen erleichterten Kornpreis wieder, theils weil man aus Campanien Zufuhr von Getreide hatte, theils weil jeder, sobald die Furcht vor künftigem eignen Mangel schwand, seine verborgenen Vorräthe aufthat. Nun stellte sich bei Überfluß und Muße der Übermuth wieder ein, und man trieb die alten Übel, weil es von außen daran gebrach, im Innern wieder auf. Durch ihr Zaubermittel, den Vorschlag der Landvertheilung, setzten die Tribunen den Bürgerstand in Bewegung; hetzten ihn dann auf die sich widersetzenden Väter, und nicht bloß gegen diese im Ganzen, sondern auch gegen einzelne. Quintus Considius und Titus Genucius, die Erneurer des Vorschlages, die Äcker zu theilen, setzten dem Titus Menenius einen Gerichtstag. Sie machten ihm einen Vorwurf aus dem Verluste des Kohrs am Cremera, weil er als Consul nicht weit davon sein Lager gehabt habe. Ihn richteten sie zu Grunde. Da sich die Väter für ihn eben so eifrig bemüheten, als für den Coriolanus, auch die Liebe für seinen Vater Agrippa noch nicht erloschen war, so milderten die Tribunen die Strafe. Ob sie ihn gleich auf das Leben angeklagt hatten, setzten sie ihm dennoch, als er verurtheilt 182 wurde, eine Geldstrafe, zu zweitausend Kupferass Etwa 60 Gulden Conv.M. . Dies brachte ihm den Tod. Man sagt, er erlag dem Schimpfe und Grame; fiel in eine Krankheit und starb. Ein neuer Beklagter, Spurius Servilius, dem die Tribunen Lucius Cäditius und Titus Statius, sobald er vom Consulate abging, unter den Consuln Cajus Nautius und Publius Valerius gleich im Anfange des Jahrs einen Gerichtstag ansetzten, stellte den tribunicischen Angriffen nicht, wie Menenius, seine eignen, oder der Väter Bitten entgegen, sondern ein dreistes Vertrauen auf seine Unschuld und guten Namen. Auch ihm legte man die Schlacht mit den Tuskern, am Janiculum, zur Last. Er aber, eben so, wie vorhin bei der Gefahr des Stats, jetzt in seiner eigenen der Mann von glühendem Muthe, sprengte die Gefahr durch seine Kühnheit, indem er nicht bloß die Tribunen, sondern den ganzen Bürgerstand, in einer Rede voll Feuer zu Paren trieb, und ihnen die Verdammung und den Tod des Titus Menenius vorwarf, da es doch das Werk seines Vaters sei, daß die Bürgerlichen, einst von ihm in die Stadt wieder eingesetzt, grade diese Obrigkeit, durch die sie jetzt so unbändig waren, und diese gesetzlichen Vorrechte bekommen hatten. Zugleich unterstützte ihn sein Mitconsul Virginius, als vorgeführter Zeuge, dadurch, daß er ihn an seinem eignen Ruhme Theil nehmen ließ; noch mehr aber kam ihm die Verurtheilung des Menenius zu statten: so ganz anders dachte man über diesen jetzt. 53. Die innern Streitigkeiten hatten ein Ende: da brach ein Krieg mit den Vejentern aus, mit denen sich die Sabiner vereinigt hatten. Der Consul Valerius, der nach Einberufung der Hülfstruppen aus den Latinern und Hernikern, mit einem Heere nach Veji geschickt wurde, griff das Lager, welches die Sabiner vor den Mauern ihrer Bundsgenossenstadt aufgeschlagen hatten, sogleich an, und machte dadurch ihre Verwirrung so allgemein, daß er, während sie zerstreut in Haufen aus allen Thoren eilten, um den Feind abzutreiben, sich des Thores, auf welches er 183 den ersten Angriff gethan hatte, bemächtigte. Nun erfolgte im Lager selbst mehr ein Gemetzel, als Kampf. Aus dem Lager drang das Getümmel in die Stadt, und mit einer Bestürzung, als wäre Veji schon erobert, liefen die Vejenter zu den Waffen. Ein Theil zog den Sabinern zu Hülfe; ein andrer griff die Römer an, die mit ganzer Macht das Lager stürmten. Jetzt mußten sie dies ein Weilchen aufgeben und kamen aus der Ordnung. Bald aber wandten auch sie sich gegen beide Theile und widerstanden; und die vom Consul auf den Feind gelassene Reuterei schlug die Tusker völlig. So gab ein entscheidender Augenblick den Sieg über zwei Heere und die beiden mächtigsten und größten Nachbarstaten. Während dieser Vorfälle bei Veji hatten sich die Volsker und Äquer im Latinerlande gelagert und dort geplündert. Die Latiner, ohne einen Feldherrn oder Hülfe von Rom abzuwarten, nahmen ihnen mit Hülfe der Herniker ihr Lager, und fanden hier, außer ihrem wieder gewonnenen Eigenthume, große Beute. Dennoch schickte man von Rom den Consul Cajus Nautius ins Volskerland . Ich glaube, man wollte es nicht zur Sitte werden lassen, daß die Bundesgenossen ohne ein Römisches Haupt und Heer aus eigner Macht und nach ihren Planen Kriege führten. Aller nur mögliche Schaden und Hohn wurde den Volskern angethan, und doch konnte man sie nicht dahin bringen, eine Schlacht zu wagen. 54. Darauf wurden Lucius Furius und Cajus Manlius Consuln. Dem Manlius bestimmte das Los die Vejenter ; doch kam es nicht zum Kriege. Auf ihre Bitte wurde ihnen ein Waffenstillstand auf vierzig Jahre bewilligt, und eine Lieferung an Korn und Geld auferlegt. An den Frieden von außen reihete sich sogleich der Zwist im Innern. Von den Tribunen durch den Vorschlag der Landvertheilungen gespornt, war der Bürgerstand in Aufruhr. Die Consuln, ohne sich im mindesten durch die Verurtheilung des Menenius, oder die Gefahr des Servilius abschrecken zu lassen, widersetzten sich aus allen Kräften. Sobald sie ihr Amt niederlegten, belangte sie der 184 Bürgertribun Cneus Genucius. Lucius Ämilius und Opiter Virginius traten das Consulat an. In einigen Jahrbüchern finde ich statt des Virginius einen Julius Vopiscus als Consul aufgeführt. In diesem Jahre – was für Consuln es gehabt haben mag – gingen die vor dem Volke angeklagten Furius und Manlius in kläglichem Aufzuge eben sowohl bei den jüngern Vätern, als bei den Bürgerlichen umher. Jenen riethen sie warnend: «Sie möchten sich der Ehrenämter und der Verwaltung des Stats enthalten: möchten die consularischen Ruthenbündel, den verbrämten Rock und den Thronsessel für nichts anders, als Prunkstücke ihres Leichenzuges ansehen. Mit diesen glänzenden Ehrenzeichen gleich als mit Opferbinden behangen, würden sie zum Tode ausersehen. Wenn etwa das Consulat so große Reize für sie habe, so möchten sie noch jetzt sich davon überzeugen, daß eben dies Consulat von der tribunicischen Gewalt bezwungen und niedergedrückt sei. Ein Consul müsse, gleich dem tribunicischen Gerichtsdiener, in allen Stücken nach dem Winke und Befehle des Tribuns handeln. Wenn er sich rühre, wenn er Rücksicht auf die Väter nehme, wenn er glaube, im State gebe es auch noch Andre, als bloß Bürgerliche, so möge er sich die Verbannung eines Cajus Marcius ( Coriolanus ), die Verurtheilung und den Tod eines Menenius als sein Ziel vorstellen.» Entflammt durch diese Ausdrücke hielten die Väter ihre Berathschlagungen nicht öffentlich, sondern in Privathäusern und so, daß nur wenigen Mitwissern der Zutritt gestattet war. Und da man hier völlig darin überein kam, daß man die Beklagten retten müsse, sei es auf dem Wege Rechtens oder mit Gewalt, so fand auch jedes vorgeschlagene Mittel, je härter es war, desto mehrern Beifall; und selbst der noch so verwegenen That fehlte es nicht am Thäter. Wie also am Gerichtstage die Bürger, vor Erwartung gespornt, auf dem Platze standen, so nahm es sie anfangs Wunder, daß der Tribun nicht herabkam. Als sein Ausbleiben schon einigermaßen verdächtig wurde, glaubten 185 sie, er habe sich von den Großen schrecken lassen und brachen in Klagen aus, daß er die Sache Aller im Stiche lasse und preisgebe. Endlich brachten Leute, welche näher an die Hausthür des Tribuns gegangen waren, die Nachricht, man habe ihn in seinem Hause todt gefunden. Sobald sich dies Gerücht durch die ganze Versammlung verbreitete, liefen Alle, wie ein Heer sich zerstreut, dem der Feldherr fiel, nach allen Seiten aus einander. Der größte Schrecken aber befiel die Tribunen, die der Tod ihres Amtsgenossen belehrte, wie wenig Schutz ihnen die beschwornen Gesetze Siehe oben Cap. 33 . gewährten. Die Väter hingegen mäßigten theils ihre Freude nicht gehörig, theils suchten sie alle sich der That so wenig zu entziehen, daß sogar die Schuldlosen dafür angesehen sein wollten, sie gethan zu haben, und laut gesagt wurde: Die tribunicische Gewalt wolle nun einmal durch schlimme Mittel gebändigt sein. 55. Unmittelbar nach diesem Siege, der ein so verderbliches Beispiel gab, kam der Befehl, eine Werbung zu halten; und weil die Tribunen noch vor Schrecken bebten, unterzogen sich ihr die Consuln ohne alle Einsage. Nun vollends wurden die Bürgerlichen unwillig, mehr über die schweigenden Tribunen, als über die ihre Macht ausübenden Consuln. Sie sagten: «Es sei um ihre Freiheit geschehen; es sei wieder so, wie ehemals; mit dem Genucius sei zugleich die tribunicische Gewalt gestorben und begraben. Man müsse andre Maßregeln ergreifen und darauf denken, wie man den Vätern widerstehen möge. Hier sei kein andrer Rath, als daß der Bürgerstand, weil er nirgend andre Hülfe sähe, sich selbst vertheidige. Nur vier und zwanzig Gerichtsdiener ständen den Consuln zu Gebote, und noch dazu lauter Bürgerliche; ein sehr verächtlicher, ein sehr schwacher Schutz, sobald er seine Verächter finde. Das Große, das Furchtbare hierin schaffe sich ein Jeder selbst.» Als sie durch Zuruf dieser Art einer dem andern Muth gemacht hatten, befahlen die Consuln einem 186 Gerichtsdiener, sich an den Publius Volero zu machen, einen Bürgerlichen, welcher behauptete, er brauche nicht Soldat zu werden, weil er Hauptmann gewesen sei. Volero nahm die Tribunen in Ansprache. Da ihm aber keiner von ihnen zu Hülfe kam, befahlen die Consuln, dem Menschen die Kleider abzureißen und die Ruthenbündel zu öffnen. «So wende ich meine Ansprache,» rief Volero, «an das Gesamtvolk! weil die Tribunen lieber einen Römischen Bürger vor ihren Augen mit Ruthen hauen lassen, als sich in ihrem Bette von euch ermorden lassen wollen.» Je trotziger er schrie, je eifriger zerrte und riß der Gerichtsdiener ihm am Rocke. Da erwehrte sich Volero, theils selbst ein starker Mann, theils durch die zu Hülfe gerufenen, des Dieners; warf sich dorthin in das dichteste Gedränge, wo er die, die aus Unwillen sich laut für ihn erklärten, am heftigsten schreien hörte, und wiederholte schreiend: «Ich spreche das Volk an, und flehe zum gantzen Bürgerstande um Schutz. Mitbürger, zu Hülfe! zu Hülfe, ihr Waffenbrüder! Auf die Tribunen dürft ihr nicht warten, die eurer Hülfe selbst nöthig haben.» Die zusammengeströmte Menge machte sich fertig, gleichsam zur Schlacht; man sah, sie würden Alles aufs Spiel setzen, und keinem weder öffentliche, noch persönliche Rechte heilig sein. Als sich nun die Consuln diesem so großen Sturme aussetzten, so machten sie bald die Erfahrung, daß Hoheit ohne Stärke sich nicht gehörig schützen könne. Man mishandelte ihre Diener, zerbrach die Ruthenbündel: sie selbst wurden vom Markte in das Rathhaus gejagt, ungewiß, wie weit Volero seinen Sieg verfolgen werde. Als endlich der Lärmen schwieg und sie den Senat hatten berufen lassen, beklagten sie sich über ihre erlittenen Kränkungen, über die Gewaltthätigkeiten der Bürgerlichen, über Volero's Frechheit. Viele stimmten für heftige Maßregeln: allein die von reiferem Alter behielten die Oberhand, die ihr Misfallen darüber bezeigten, wenn der Unbesonnenheit des Bürgerhaufens der Senat von seiner Seite mit Heftigkeit begegne. 56. Die Bürgerlichen machten den Volero, dem sie 187 ihre ganze Liebe schenkten, am nächsten Wahltage zum Bürgertribun, auf das Jahr, welches den Lucius Pinarius und Publius Furius zu Consuln hatte. Und gegen die allgemeine Erwartung, da man nicht anders geglaubt hatte, als daß er alle Kräfte seines Tribunats aufbieten werde, die Consuln des vorigen Jahres zu kränken, setzte er seinen Privatverdruß dem allgemeinen Besten nach, und ohne die Consuln mit einem Worte zu beleidigen, that er bloß dem Volke den Vorschlag, daß man sich zur Wahl der Obrigkeiten vom Bürgerstande nur nach den Bezirken versammeln solle. Unter diesem dem ersten Anscheine nach nichts weniger als furchtbaren Titel trug er auf eine Einrichtung an, die ganz und gar nicht geringfügig war, sondern den Patriciern alle Gelegenheit benahm, durch die Stimmen ihrer Schutzgenossen die zu Tribunen zu wählen, welche sie selbst wünschten Denn auf den Wahltagen nach Classen und Centurien stimmten die Vornehmen zuerst und an die Bürgerlichen kam es nie. S. B. I. C. 43. nach der Mitte. Die Wahlen nach Curien hingen auch von der Zustimmung der Vögel ab, die in den Händen der Patricier war. Allein die vom Volero bewerkstelligte Wahl nach Bezirken wurde ohne alle Auspicien angestellt und die Bürger stimmten Mann vor Mann . . Freilich widersetzten sich die Väter dieser den Bürgerlichen höchst willkommnen Verhandlung aus allen Kräften; allein weder die Consuln, noch die Ersten des Senats vermochten über irgend einen von den sämtlichen Tribunen so viel, daß er Einsage gethan hätte; das einzige Mittel, ihren Widerstand wirksam zu machen: und dennoch verzog sich die Sache, deren Veranstaltung ohnehin ihre Schwierigkeiten hatte, über die Streitigkeiten ein ganzes Jahr. Die Bürgerlichen machten ihren Volero wieder zum Tribun. Die Väter, die einen äußerst heftigen Kampf erwarteten, machten den Appius Claudius, des Appius Sohn, zum Consul, der schon seit den Streitigkeiten seines Vaters dem Bürgerstande verhaßt und aufsätzig war. Zum Gehülfen bekam er den Titus Quinctius . Gleich mit dem Anfange des Jahrs ging die Verhandlung über jenen Vorschlag allen andern vor. Hatte Volero 188 das Verdienst, ihn zuerst gethan zu haben; so verfocht ihn sein Gehülfe, Lätorius, mit neuem Muthe und Feuer. Sein Kraftgefühl stützte sich auf seinen großen Kriegsruhm, weil ihn niemand von seinen Jahren an Thaten des Arms übertraf. Volero ließ sich auf weiter nichts ein, als seinen Vorschlag, und enthielt sich aller Ausfälle auf die Consuln. Er hingegen begann mit Angriffen auf Appius und dessen Geschlecht, als lauter Tyrannen und Verfolger des Römischen Bürgerstandes; behauptete, im Appius hätten die Väter keinen Consul, sondern einen Henker gewählt, die Bürgerlichen zu martern und zu zerfleischen; und da versagte die bei dem bloßen Krieger ungeübt gebliebene Sprache seinem freimüthigen und kühnen Geiste den Ausdruck. Wie er also in seiner Rede stecken blieb, sprach er: «Weil ich nicht so fertig in Worten bin, ihr Quiriten, als ich mein Wort zu halten pflege, so seid morgendes Tages hier. Ich will entweder hier vor euren Augen das Leben lassen, oder den Vorschlag durchsetzen.» Am folgenden Tage setzten sich die Tribunen früh genug in Besitz der Rednerbühne. Die Consuln und der Adel, die den Vorschlag bestreiten wollten, standen unten in der Versammlung. Da befahl Lätorius, jeden wegzupeitschen, der keine Stimme zu geben habe. Die Jünglinge von Adel standen, ohne dem Amtsboten zu weichen. Da wollte Lätorius einige greifen lassen. Dagegen behauptete der Consul Appius, «das Recht eines Tribuns erstrecke sich über niemand, als über Bürgerliche. Das Tribunat sei nicht Obrigkeit des Gesamtvolkes, sondern des Bürgerstandes. Und selbst diese Obrigkeit des Gesamtvolks könne nach altem Herkommen niemand befehlsweise wegschaffen; weil es jedesmal heiße: Wenn es euch gefällig ist, ihr Quiriten, so tretet ab. » Die Gewandheit, mit der er, und zwar so verächtlich, von dem Rechte des Tribuns sprach, mußte den Lätorius aus der Fassung bringen. Glühend vor Zorn schickte der Tribun seinen Amtsboten auf den Consul, der Consul seinen Gerichtsdiener auf den Tribun, indem er diesen laut für einen Privatmann erklärte, der keinen Oberbefehl, keine Amtswürde habe: 189 und der Tribun würde gemishandelt sein, wäre nicht für ihn die ganze Versammlung tobend gegen den Consul aufgestanden und die aus der ganzen Stadt herbeiströmende Menge auf den Markt zusammengelaufen. Dennoch trotzte Appius mit Hartnäckigkeit einem so großen Sturme; und es wäre zu einem blutigen Gefechte gekommen, hätte nicht der andre Consul, Quinctius, einigen Consularen den Auftrag gegeben, seinen Amtsgenossen, wenn sie nicht anders könnten, mit Gewalt vom Gerichtsplatze abzuführen, und in eigner Person hier die aufgebrachten Bürger durch seine Bitten besänftigt, dort die Tribunen gebeten, die Versammlung zu entlassen. «Sie möchten ihrem Zorne Frist geben. Die Zeit werde ihnen nichts an ihrer Kraft entziehen, sondern sie durch planmäßiges Verfahren noch verstärken. Die Väter würden sich dem Willen des Gesamtvolkes fügen, so wie der Consul dem Willen der Väter.» 57. Mit Mühe beruhigte Quinctius die Bürger, mit ungleich größerer die Väter den andern Consul. Als endlich die Volksversammlung entlassen war, hielten die Consuln Senat. Hier wechselten anfangs widersprechende Meinungen, je nachdem Furcht oder Zorn sie eingegeben hatte: je mehr sie indeß durch die Dazwischenkunft der Zeit von der Hitze zu Berathschlagungen übergingen, um so viel mehr verging ihnen die Lust zum Kampfe, so daß sie dem Quinctius dafür Dank abstatteten, daß er durch seine Einwirkung den Zwist gemildert habe. Den Appius ersuchte man, «er möge sichs gefallen lassen, daß die consularische Majestät so groß sei, als es mit der Eintracht im State bestehen könne. Darüber, daß Tribunen und Consuln, jeder auf seiner Seite, Alles an sich rissen, sei der Vereinigungspunkt der Kräfte verloren gegangen. Man bekümmere sich mehr darum, in wessen Händen der Stat sei, wenn auch noch so sehr zerstückelt und zerrissen, als, ob er im Wohlstande sei.» Dagegen rief Appius Götter und Menschen zu Zeugen, «daß das allgemeine Beste aus Feigheit verrathen und preisgegeben werde. Der Consul lasse nicht den 190 Senat, wohl aber der Senat den Consul im Stiche. Man lasse sich härtere Gesetze gefallen, als einst auf dem heiligen Berge .» Doch von den Vätern überstimmt schwieg er, und der Vorschlag ging ohne alle Störung durch. 58. Jetzt also wurden zum erstenmale Tribunen nach Stimmen der Bezirke gewählt. Piso meldet, die Zahl sei auch um drei vermehrt worden, als ob vorher nur Zwei gewesen wären. Auch macht er diese Tribunen namhaft, den Cajus Sicinius, Lucius Numitorius, Marcus Duilius, Spurius Icilius, Lucius Mäcilius . Während der Uneinigkeit in Rom entstand ein Volsker- und Äquerkrieg . Sie hatten im Lande geplündert, um dem Volke, wenn es etwa auswandern sollte, Gelegenheit zu geben, sich zu ihnen zu schlagen. Als aber die Sache beigelegt war, zogen sie sich mit ihrem Lager zurück. Gegen die Volsker zog Appius Claudius: die Äquer bestimmte das Los dem Quinctius . Die Härte des Appius, die im Felde dieselbe blieb, wie zu Hause, war hier noch ungebundener, wo kein Tribun sie beschränkte. Sein Haß gegen die Bürgerlichen war mehr noch, als bloßes Erbstück vom Vater. « Er selbst sei von ihnen besiegt. Man habe ihn, einen so ausgesuchten Consul, der tribunicischen Gewalt entgegengestellt, und dennoch sei ein Vorschlag durchgegangen, den die vorigen Consuln mit minderem Kraftaufwande, bei weit geringerer Erwartung der Väter, verhindert gehabt hätten.» Dieser Groll, dieser Verdruß wurde für den stolzen Mann ein Sporn, seine Soldaten durch Härte seines Oberbefehls zu quälen; und dennoch ließen sie sich durch keine Gewalt bändigen, so tief waren sie vom Geiste der Widersetzlichkeit durchdrungen. Unlustig, saumselig, nachlässig, widerspänstig waren sie in allem Thun, und weder Scham noch Furcht hielt sie in Ordnung. Befahl er geschwinderen Schritt, so gingen sie geflissentlich langsamer: sah er ihren Arbeiten als Ermunterer zu, so ließen alle in dem von selbst bewiesenen Fleiße nach. War er zugegen, so sahen sie vor sich nieder: ging er vorüber, so fluchten sie ihm insgeheim; so daß der von keinem Bürgerhasse gebeugte Starrkopf oft nicht ohne Empfindung blieb. Nachdem er alle Härte vergeblich angewandt hatte, ließ er sich selbst gar nicht mehr mit den Soldaten ein; sagte, die Hauptleute hätten das Heer verdorben, und nannte sie spottweise Bürgertribunen, zuweilen auch Voleronen . 59. Die Volsker wußten dies alles, und drangen so viel ernstlicher vor, weil sie hofften, das Römische Heer werde gegen den Appius dieselbe Widersetzlichkeit beweisen, die es gegen den Consul Fabius bewiesen habe Siehe Cap. 43. gegen das Ende. . Allein es ließ sie gegen den Appius zu einem weit heftigern Ausbruche kommen, als gegen den Fabius . Denn es wollte nicht allein nicht siegen, wie das Fabische Heer, sondern es wollte sich besiegen lassen. In die Linie vorgeführt, eilte es in schimpflicher Flucht dem Lager zu und hielt nicht eher Stand, als bis es die Volsker gegen seine Verschanzungen anrücken und das scheußliche Gemetzel in seinem Nachtrabe sah. Dies zwang sie zu thätiger Gegenwehr, um den siegenden Feind wenigstens vom Walle abzutreiben: doch sah man deutlich, der Römische Soldat habe nur sein Lager nicht erobern lassen wollen, freue sich Ich lese nach einer Handschrift bei Drakenborch statt alii alioquin, und lasse das Punctum vor alioquin weg. aber übrigens seiner Niederlage und seines Schimpfes. Appius, dessen Starrsinn hiedurch im mindesten nicht gebrochen wurde, wollte noch oben ein wüthen und berief eine Versammlung: da eilten die Unterfeldherren und Obersten zu ihm, und warnten ihn, «er möge seinen Oberbefehl, dessen ganze Kraft auf der Beistimmung der Gehorchenden beruhe, nicht geradezu aufs Spiel setzen. Die Soldaten versicherten durchgehends, sie würden nicht zur Versammlung kommen, und man höre sie hin und wieder laut rufen: Das Lager müsse aus dem Volskerlande aufbrechen. – Der siegende Feind sei kurz zuvor beinahe schon in den Thoren und auf dem Walle gewesen; und jetzt stehe ein großes Unglück nicht etwa in der Vermuthung da, sondern als offenbarer Anblick vor Augen.» 192 Endlich gab er nach, – wiewohl der Soldat nichts, als Aufschub der Strafe, gewann – stand von der Versammlung ab, ließ den Aufbruch auf den folgenden Tag bekannt machen und mit frühem Morgen zum Abzuge blasen. Grade als sich der Zug aus dem Lager entwickelte, griffen die Volsker, die, wie leicht zu erachten, von eben dem Zeichen geweckt waren, den Nachtrab an. Das Getümmel, das von dort bis zum Vortrabe drang, brachte durch den Schrecken eine solche Unordnung unter die Fahnen und Glieder, daß man keinen Befehl hören, keine Schlachtordnung stellen konnte. Jeder dachte nur auf Flucht. Sie stürzten über zu Boden geworfene Menschen und Waffen so unaufgehalten fort, daß der Feind eher vom Verfolgen abließ, als der Römer von der Flucht. Der Consul, der unter vergeblichem Umrufen seinen Leuten gefolgt war, nahm sein Lager, nachdem er endlich die Flüchtigen aus der Zerstreuung wieder gesammelt hatte, auf vaterländischem Boden, berief sie zur Versammlung, schalt mit Recht auf ein Kriegsheer, das die Kriegszucht verwahrloset, die Fahnen preisgegeben, und fragte jeden, wo er seine Fahne, seine Waffen gelassen habe. Dann ließ er die Soldaten ohne Waffen, die Fahnenträger ohne Fahne, und außer ihnen noch die Hauptleute und Doppellöhner Für die spätern Zeiten könnte der Ausdruck: Doppelsöldner passen. Damals aber bekamen die ausgezeichnet Tapfern noch nicht doppelten Sold – denn es gab überhaupt keinen Sold: sondern doppelt so viel Getreide, als die andern. , die ihrem Gliede entlaufen waren, mit Ruthen peitschen und enthaupten. Aus der übrigen Menge wurde jeder, den unter Zehen das Los traf, zur Todesstrafe gezogen. 60. Im Äquerlande hingegen wetteiferten Consul und Soldaten mit einander in Wohlwollen und Gefälligkeit. Quinctius war theils von Natur sanfter, theils bestimmte, ihn die unglückliche Härte seines Amtsgenossen, sich so viel lieber seinem Hange zu überlassen. Die Äquer, die es nicht wagten, sich einer so großen Einigkeit zwischen Feldherrn und Heere entgegen zu stellen, überließen ihr 193 Land dem Feinde, der umherziehend Beute machte, und sie hier in keinem der früheren Kriege so von allen Orten zusammengetrieben hatte. Sie wurde sämtlich den Soldaten gelassen. Hierzu kamen noch Lobsprüche, die den Krieger nicht weniger erfreuen, als der Gewinn. Zufrieden mit seinem Feldherrn, und des Feldherrn wegen selbst mit den Vätern, kam das Heer zurück und erklärte, ihnen habe der Senat einen Vater, dem andern Heere, einen Zwingherrn gegeben. Dies unter wechselndem Kriegsglücke, unter fürchterlichen Streitigkeiten in Rom und im Heere, verflossene Jahr zeichnet sich besonders durch das den Bezirken gegebene Wahlrecht aus; wobei gleichwohl der Sieg in dem darüber entstandenen Streite mehr Erwägung verdient, als der Vortheil. Denn durch die Ausschließung der Väter aus der Versammlung verlor der Wahltag mehr an Würde, als an Macht dem Bürgerstande zuwuchs, oder den Vätern entging. 61. Das folgende Jahr, unter den Consuln Lucius Valerius, Tiberius Ämilius, war noch stürmischer, theils durch die Streitigkeiten der Stände über den Vorschlag der Landvertheilungen, theils durch die Anklage des Appius Claudius, welchen Marcus Duilius und Cajus Sicinius vor Gericht forderten, weil er der heftigste Gegner des Vorschlages war und die Sache derer, welche die Statsländereien im Besitze hatten, gleichsam als dritter Consul, vertheidigte. Nie war ein den Bürgerlichen so verhaßter Beklagter vor das Volksgericht gezogen, als er, beladen mit dem Grolle gegen ihn selbst, wie mit dem gegen seinen Vater. Auch gaben sich die Väter nicht leicht für irgend jemand so viele Mühe. «Der Verfechter des Senats, der Retter ihrer Majestät, der, allen tribunicischen und bürgerlichen Stürmen entgegengestellt, bloß das Maß im Streite überschritten habe; werde den erbitterten Bürgern preisgegeben.» Nur Einer von den Vätern, Appius Claudius selbst, achtete die Tribunen, den ganzen Bürgerstand und seine 194 eigne Klagesache für nichts. Ihn konnten die Drohungen der Bürger, die Bitten des Senats durchaus nicht dazu vermögen, nicht nur sich in Trauerkleider zu setzen oder als Beklagter den Leuten die Hand zu drücken, sondern selbst, als er seine Sache vor dem Volke führen mußte, nicht einmal dahin, seinen gewöhnlichen strafenden Vortrag im mindesten zu mildern und herabzustimmen. Er trug sein Antlitz eben so hoch; dieselbe Festigkeit sprach aus seinem Blicke; derselbe Ton aus seiner Rede: so daß ein großer Theil der Bürger den angeklagten Appius eben so sehr fürchteten, wie sie ihn als Consul gefürchtet hatten. Einmal vertheidigte er sich, in demselben anklagenden Tone, der allen seinen Vorträgen eigen war, und setzte durch seine Standhaftigkeit die Tribunen und den ganzen Bürgerstand so in Staunen, daß sie ihm unaufgefordert den Gerichtstag weiter hinaus rückten, und dann sich die Sache verzögern ließen. Unterdeß verlief einige Zeit. Doch ehe der verlängerte Termin herankam, starb er an einer Krankheit. Versuchten es gleich die Bürgertribunen, seine Leichenrede zu hintertreiben, so wollten doch die Bürger dem Begräbnißtage eines so großen Mannes die hergebrachte Ehrenfeier nicht schmälern lassen: sie liehen seiner Lobrede im Tode ihr Ohr so gern, als der Anklage bei seinem Leben und machten seinen Leichenzug durch ihr zahlreiches Gefolge feierlich. 62. Da in eben diesem Jahre der Consul Valerius, der mit einem Heere gegen die Äquer gezogen war, die Feinde nicht zum Treffen bringen konnte, so wagte er einen Sturm auf ihr Lager. Diesen unterbrach ein schreckliches Gewitter, das mit Hagel und Donnerschlägen vom Himmel herabstürzte. Kaum war das Zeichen zum Rückzuge gegeben, so erfolgte, was die Römer noch weit mehr Wunder nahm, ein so mildes heiteres Wetter, daß sie sich ein Gewissen daraus machten, ein Lager abermals anzugreifen, das gleichsam durch göttliche Einwirkung vertheidigt wurde. Alle ihre Feindseligkeiten gingen nun auf Verheerung des Landes. Der andre Consul Ämilius führte den Krieg im 195 Sabinerlande. Hier wurde eben so, weil der Feind in seinen Mauern blieb, das Land verwüstet. Durch das Niederbrennen ihrer Landhäuser, ja der volkreichsten Dorfschaften, zum Aufbruche vermocht, gingen endlich die Sabiner den verheerenden Feinden entgegen, und zogen sich, nach einem unentschiedenen Treffen, den Tag darauf mit ihrem Lager in eine sichrere Gegend zurück. Dadurch hielt sich der Consul berechtigt, den Feind als den Besiegten aufzugeben, ob er gleich bei seinem Abzug den Krieg unbeendet ließ. 63. Wahrend dieser Kriege, in denen die Uneinigkeit zu Hause fortdauerte, wurden Titus Numicius Priscus und Aulus Virginius Consuln. Länger schien der Bürgerstand den Aufschub der vorgeschlagenen Landvertheilung nicht gestatten zu wollen, und man machte sich zum heftigsten Kampfe fertig; als der Rauch der angezündeten Landgüter und die Flucht der Landleute von der Annäherung der Volsker Nachricht gab. Dies dämpfte den gereiften und beinahe schon ausbrechenden Aufruhr. Die Consuln, sogleich vom Senate zum Kriege aufgeboten, machten dadurch, daß sie mit den Dienstfähigen aus der Stadt zogen, auch die übrigen Bürger ruhiger. Die Feinde, die den Römern bloß einen leeren Schrecken eingejagt hatten, zogen eilig wieder ab. Numicius ging nach Antium gegen die Volsker, Virginius gegen die Äquer . Hier hätte man durch Überfall aus einem Hinterhalte beinahe eine große Niederlage erlitten; allein die Tapferkeit der Soldaten stellte die durch Fahrlässigkeit des Consuls verdorbene Sache wieder her. Die Anführung im Volskerlande war besser. Die Feinde wurden gleich im Anfange des Treffens geschlagen und auf ihrer Flucht bis in die nach damaligen Zeiten sehr mächtige Stadt Antium getrieben. Diese anzugreifen wagte der Consul nicht, nahm aber den Antiaten Ceno, eine andre, bei weitem nicht so ansehnliche Stadt. Während die Äquer und Volsker die Römischen Heere beschäftigten, drangen die Sabiner plündernd bis an die Thore Roms. Nach wenig Tagen aber litten sie selbst von zwei Heeren, da beide Consuln aus Rache ihnen ins Land fielen, mehr Schaden, als sie gestiftet hatten. 196 64. Am Ende des Jahrs hatte man einigen Frieden, der aber, wie immer, durch die Uneinigkeit der Väter und Bürger gestört war. Die unzufriedenen Bürgerlichen wollten nicht in der Versammlung zur Consulnwahl erscheinen. Also wählten die Väter und Schutzgenossen der Väter den Titus Quinctius und Quintus Servilius zu Consuln. Sie hatten ein dem vorigen ähnliches Jahr; einen Anfang mit Aufruhr, und dann durch einen auswärtigen Krieg bewirkte Ruhe. Die Sabiner, die nach einem eiligen Durchmarsche über die Crustuminischen Felder am Flusse Anio Mord und Brand verübt hatten, wurden zwar nahe am Collinischen Thore von den Mauern zurückgetrieben, führten aber eine große Menge Menschen und Vieh als Beute weg. Der Consul Servilius, der ihnen mit einem rachlustigen Heere nachsetzte, konnte den eigentlichen Zug im freien Felde nicht erreichen, verbreitete aber seine Verheerungen so weit umher, daß nichts vom Ungemache des Krieges verschont blieb und er mit einem Gewinnste vielfacher Beute zurückkehrte. Auch im Volskischen führten die Soldaten nicht weniger, als der Feldherr, die Sache des Stats mit ausgezeichnetem Verdienste. In der ersten Schlacht, die auf freiem Felde geliefert wurde; gab es auf beiden Seiten viele Todte und noch mehr Verwundete, und die Römer, denen bei ihrer geringern Anzahl der Verlust um so fühlbarer war, würden gewichen sein, wenn nicht der Consul durch eine heilsame Lüge, da er mehrmals rief, der Feind fliehe schon auf dem andern Flügel, seine Linie in Vorschritt gesetzt hatte. In diesem erneuerten Angriffe siegten sie, weil sie zu siegen glaubten. Aus Besorgniß, durch ein zu ernsthaftes Nachsetzen eine neue Schlacht zu veranlassen, gab der Consul das Zeichen zum Rückzuge. Dann verstrichen einige Tage, in denen man sich von beiden Seiten Ruhe nahm, als hätte man schweigend Waffenstillstand geschlossen; und während derselben zog sich eine ansehnliche Verstärkung aus allen Völkerschaften der Volsker und Äquer in das Lager, in der festen Erwartung, daß die Römer, sobald sie dies merkten, bei Nacht abziehen würden. Also 197 kamen sie, gegen die dritte Nachtwache, das Lager anzugreifen. Quinctius hatte kaum den Lärmen, den der erste Schrecken erregte, gestillt, so befahl er seinen Soldaten, ruhig in ihren Zelten zu bleiben, führte eine Cohorte Herniker auf den Vorposten hinaus, ließ die Hornbläser und Trompeter aufsitzen, und hieß sie vor dem Walle blasen und den Feind bis zum Tage in Aufmerksamkeit erhalten. Während der übrigen Nacht war im Lager alles so ruhig, daß die Römer sogar zum Schlafen kommen konnten. Die Volsker hielt der Anblick des bewaffneten Fußvolks, das sie für zahlreicher und für Römer hielten; das Schnauben und Wiehern der Pferde, die unter einem fremden Reuter und über den ihre Ohren durchdringenden Schall noch lauter tobten, als auf einen Angriff von Seiten des Feindes in Spannung. 65. Als es tagte, trat der Römer kraftvoll und durch Schlaf erquickt in Schlachtordnung, und drängte den vom Stehen und Wachen ermüdeten Volsker gleich beim ersten Angriffe einwärts. Wiewohl die Feinde mehr wichen, als getrieben wurden: denn hinter ihnen lagen Hügel, auf welche sich die hinteren Glieder in voller Ordnung sicher zurückzogen. Als der Consul diese ungünstige Stelle erreichte, ließ er Halt machen. Allein die Soldaten waren kaum zu halten; sie schrieen und verlangten, den Geworfenen nachsetzen zu dürfen. Noch ungestümer nahm sich die Reuterei. Sie umringte den Feldherrn und rief, sie wolle den Vortrab machen. Während der Unschlüssigkeit des Consuls, dem die Tapferkeit seiner Krieger gewiß, aber der Boden zu bedenklich war, schrieen sie alle, sie würden anrücken: und auf das Geschrei folgte die That. Sie pflanzten die Wurfspieße in die Erde, um so viel leichter die Anhöhen zu ersteigen, und gingen laufend bergan. Als die Volsker sie beim ersten Angriffe mit allen ihren Wurfwaffen überschüttet hatten, warfen sie die Steine, die ihnen vor den Füßen lagen, auf die berganrückenden und setzten ihnen in der Unordnung von oben herab mit häufigen Würfen zu. Dies wäre dem linken Flügel der Römer beinahe 198 zu viel geworden, hätte nicht, als sie schon wichen, der Consul, der bald ihre Verwegenheit, bald ihre Feigheit schalt, durch Beschämung ihre Furcht verscheucht. Zuerst hielten sie mit trotzendem Muthe Stand; dann wagten sie, so gut es ihnen gegen den die Höhe behauptenden Feind möglich war, heranzukommen und brachen mit erneuertem Geschreie in Linie auf. In einem zweiten Anlaufe arbeiteten sie sich hinauf und besiegten selbst das Hinderniß des Bodens. Schon waren sie nahe daran, den höchsten Rücken des Hügels zu ersteigen, als die Feinde die Flucht nahmen: und in gestrecktem Laufe, fast in Einem Zuge, stürzten Fliehende und Verfolger in das Lager. In diesem Schrecken wurde das Lager erobert. Wer von den Volskern entrinnen konnte, floh nach Antium . Auch gegen Antium wurde das Römische Heer geführt. Nach einer Einschließung von wenig Tagen ergab sich die Stadt, ohne weitere Anstrengung von Seiten der Belagerer, weil ihre Vertheidiger schon seit jener unglücklichem Schlacht und dem Verluste ihres Lagers muthlos waren. Drittes Buch. Vom Jahre Roms 287 – 309. 200 Inhalt des dritten Buchs. Unruhen über vorgeschlagene Landvertheilungen. Das Capitolium wird von Vertriebenen und Sklaven eingenommen, und, nachdem man sie niedergehauen, wieder gewonnen. Zweimal Schatzung . Bei dem ersten Schatzungsopfer wurden hundert und viertausend zweihundert und vierzehn Bürger geschatzt, die Waisen und Witwen nicht mitgerechnet; bei dem zweiten hundert und siebzehntausend zweihundert und neunzehn. Ein unglückliches Treffen mit den Äquern veranlaßt die Römer, den Lucius Quinctius Cincinnatus, der auf dem Lande bei seiner Beschäftigung mit der Feldarbeit zum Dictator ernannt wird, zur Führung dieses Krieges holen zu lassen. Er läßt die besiegten Feinde unter einem Joche durchziehen. Die Zahl der Bürgertribunen wird sechs und dreißig Jahre nach den ersten Bürgertribunen, auf zehn vermehrt . Man erbittet sich Athens Gesetze durch eine Gesandschaft, und als sie ankommen, werden, um sie abzufassen und einzuführen, statt der Consuln Decemvirn, ohne alle weitere Obrigkeit, gewählt; im Jahre nach Roms Erbauung dreihundert und zwei: und so, wie von den Königen auf die Consuln, ging jetzt die höchste Gewalt von den Consuln auf die Decemvirn über. Sie hängten zehn Gesetztafeln aus, nahmen sich in ihrem Amte mit vieler Mäßigung, und als man deshalb diese Regierungsverfassung auch für das folgende Jahr beibehielt, vermehrten sie die Gesetztafeln mit zwei neuen, übten aber mancherlei Übermuth aus, wollten ihr Amt nicht niederlegen und setzten es auch auf das dritte Jahr fort; bis endlich die Unzucht des Appius Claudius ihrer verhaßten Regierung ein Ende machte. Er hatte sich in eine Bürgerstochter verliebt, stellte jemand an, der sie als seine Sklavinn in Anspruch nehmen mußte, und setzte ihren Vater Virginius, der sie nicht anders retten konnte, in die Nothwendigkeit, ehe er seine Tochter dem Willen des Entehrers preisgäbe, sie mit einem im nächsten Laden ergriffenen Messer zu durchstechen. Empört über diese Zügellosigkeit des Wollüstigen besetzen die Bürger den Aventinischen Berg, und zwingen die Decemvirn, vom Amte abzutreten, Die strafbarsten unter ihnen, Appius und einer seiner Amtsgenossen, werden ins Gefängniß geworfen, die übrigen Landes verwiesen. Außerdem lesen wir Siege über Volsker, Äquer, Sabiner; auch einen Rechtsspruch, der dem Römischen Volke gar nicht zur Ehre gereicht. Von den Ardeaten und Aricinern zum Schiedsrichter ernannt, sprach es den streitigen Acker sich selbst zu. 201 Drittes Buch. 1. Nach der Eroberung von Antium wurden Tiberius Ämilius und Quintus Fabius Consuln. Dieser Fabius, mit Vornamen Quintus, war der von seinem am Cremera vertilgten Stamme einzig Übriggebliebene. Ämilius hatte schon in seinem ersten Consulate zur Abgabe der Ländereien an die Bürgerlichen gerathen. Also erwarteten auch in seinem zweiten Consulate alle Landlustigen einen öffentlichen Vorschlag, und die Tribunen ließen sich auf die Sache ein, von der sie glaubten, da sie sie so oft gegen die Consuln gewagt hätten, sie müsse nun vollends mit Beihülfe eines Consuls durchgesetzt werden: und der Consul war noch seiner vorigen Meinung. Die Besitzer, ein großer Theil der Väter nämlich, wälzten durch ihre Vorwürfe, daß der erste Mann im State sich, in Anregungen, eines Tribuns würdig, gefalle, und mit Schenkungen von fremdem Eigenthume sich zum Günstlinge des Volkes mache, den Haß der ganzen Sache von den Tribunen auf den Consul. Schon war ein heftiger Streit im Anzuge: allein Fabius löste die schwierige Sache durch eine Auskunft, die keinem von beiden Theilen wehe that. Man habe ja noch beträchtliche Ländereien, welche Titus Quinctius voriges Jahr in seinem glücklichen Feldzuge den Volskern abgenommen habe. Man könne nach Antium, einer Stadt in dieser Nähe, mit dieser vortheilhaften Lage, und an der See, Anbauer abgehen lassen: so könnten sich die Bürger, ohne die Ackerbesitzer unzufrieden zu machen, auf Ländereien ansiedeln und der Stat bliebe in Eintracht. Sein Vorschlag wurde angenommen und er ernannte zu Dreimännern über die Vertheilung des Ackers den Titus Quinctius, Aulus Virginius und Publius Furius . Wer Land annehmen wollte, wurde aufgefordert, seinen Namen anzugeben. Die Befriedigung 202 bewirkte, wie gewöhnlich, sogleich Unlust; und es ließen sich so wenige aufzeichnen, daß man, um die volle Zahl von Anbauern zu haben, noch Volsker dazu nehmen mußte. Das übrige Volk fand mehr Gefallen daran, in Rom um Land zu pochen, als anderswo es sich geben zu lassen. Den Quintus Fabius baten die Äquer, denn er war mit einem Heere gegen sie gezogen, um Frieden, und brachen diesen wieder durch einen unerwarteten Einfall ins Latinergebiet . 2. Quintus Servilius, der im folgenden Jahre gegen die Äquer geschickt wurde – denn er war mit dem Spurius Postumius Consul – hatte sein Standlager im Latinergebiete. Eine Krankheit, die das Heer befiel, hielt es im Lager in erzwungener Ruhe. Der Krieg schleppte sich ins dritte Jahr hinüber, in das Consulat des Quintus Fabius und Titus Quinctius . Weil Fabius schon einmal als Sieger den Äquern Frieden gegeben hatte, so wurde ihm dieser Krieg ohne Los übertragen. In der gewissen Erwartung, daß der Ruf seines Namens die Äquer zum Frieden bestimmen werde, schickte er, im Anzuge gegen sie, Gesandte an die Versammlung ihrer Völkerstämme mit dem Auftrage: «Der Consul Quintus Fabius lasse ihnen sagen, er habe von den Äquern den Frieden nach Rom gebracht, und bringe von Rom den Äquern Krieg, in eben der bewaffneten Rechte, die er ihnen vormals friedlich gereicht habe. Das Volk, dessen Treulosigkeit und Meineid dies veranlasse, sei den Göttern als Zeugen nicht unbekannt und habe nächstens ihre Rache zu erwarten. Wie dem aber auch sein möge, so wünsche er selbst jetzt noch, die Äquer möchten das Geständniß der Reue einer feindlichen Behandlung vorziehen. Zeigten sie Reue, so könnten sie sich sicher an Roms erprobte Gnade wenden: beharrten sie im Meineide, so würden sie bei Führung des Krieges mehr den Zorn der Götter, als der Feinde, zu fürchten haben.» Auf diese Vorstellungen achtete so durchaus niemand, daß sie sich beinahe an den Gesandten vergriffen hätten; und es zog gegen die Römer ein Heer in den Algidus . 203 Als dies nach Rom gemeldet wurde, ließ man mehr aus Unwillen, als aus Besorgniß, auch den andern Consul von der Stadt aufbrechen. So rückten zwei consularische Heere in Schlachtordnung an den Feind, um sogleich zu schlagen. Weil aber gerade vom Tage nicht viel mehr übrig war, so rief vom Posten der Feinde Einer: «Das heißt, zur Schlacht sich sehen lassen, ihr Römer! nicht, schlagen. Gegen Einbruch der Nacht stellt ihr die Linie. Zu dem Kampfe, der unser wartet, haben wir länger Tag nöthig. Morgen mit der kommenden Sonne tretet wieder auf! Der Kampf soll euch geboten werden: seid unbesorgt!» Gereizt durch diese Sprache, und bis auf den folgenden Tag ins Lager zurückgeführt, sah der Soldat einer in seinen Augen langen Nacht entgegen, weil sie dem Treffen Aufschub gab. Für jetzt überließen sie sich der Pflege durch Speise und Schlaf. Mit Anbruch des folgenden Tages stand bei weitem zuerst die Römische Linie da: endlich traten auch die Äquer auf. Das Treffen ward auf beiden Seiten heftig. Die Römer fochten voll Erbitterung und Haß: die Äquer zwang das Bewußtsein der durch eigne Schuld herbeigeführten Gefahr, und die Überzeugung, daß man ihren Worte nicht wieder trauen werde, das Äußerste zu wagen und aufzubieten. Dennoch konnten einer Römischen Linie Äquer nicht widerstehen. Und als sie geschlagen sich in ihr Land zurückgezogen hatten, wurde der freche Haufe, den dies Alles nicht im mindesten zum Frieden geneigter machte, gegen seine Feldherren laut, daß sie es hatten zu einer Schlacht kommen lassen, worin sich der Römer durch Kriegskunst auszeichne. Der Äquische Soldat leiste mehr auf Plünderungen und Überfällen, und zur Führung ihrer Kriege seien viele vertheilte Haufen geschickter, als das schwerfällige Ganze eines einzigen Heeres. 3. Nach zurückgelassener Bedeckung im Lager rückten sie aus und fielen so lärmend in das Römische Gebiet, daß sie die Stadt selbst in Schrecken setzten. Theils vergrößerte hier das Unerwartete der Sache die Bestürzung, weil man nichts weniger fürchten konnte, als daß ein 204 geschlagener und beinahe in seinem Lager eingeschlossener Feind an Plünderung denken könne; theils hörte man in dem Geschreie der voll Angst in die Thore hereinstürzenden Landleute nicht etwa von Plünderung, nicht von kleinen Räuberhaufen, sondern, weil sie alles aus falscher Furcht vergrößerten, feindliche Heere und Legionen waren schon da und brachen gerade zu gegen die Stadt herein. Das Hin- und Herlaufen und Geschrei der zu den Waffen rufenden glich fast dem Aufruhre einer eroberten Stadt. Der Consul Quinctius, der gerade jetzt vom Algidus nach Rom zurückkam, – dies rettete sie aus der Angst – stillte den Auflauf, verwies ihnen ihre Furcht vor besiegten Feinden und besetzte die Thore. Dann berief er den Senat, kündigte auf Gutachten der Väter einen Gerichtsstillstand an und zog, mit Hinterlassung des Quintus Servilius als Stadtpflegers, zur Deckung der Gränzen aus, fand aber auf dem platten Lande keinen Feind. Dem andern Consul glückte eine herrliche That. Er überfiel auf dem Wege, auf dem er ihn erwarten konnte, den mit Beute beladenen Feind, der so viel schwerfälliger herangezogen kam, und ließ ihn empfindlich für seine Plünderung büßen. Wenige Feinde entrannen diesem Überfalle, und alle Beute bekam man wieder. So machte die Rückkehr des Consuls Quinctius in die Stadt dem Gerichtsstillstande, der vier Tage gedauert hatte, ein Ende. Darauf wurde von Quinctius die Schatzung gehalten und das Schatzungsopfer vollzogen. Die Zahl der geschatzten Bürger soll sich auf hundert und viertausend zweihundert und vierzehn belaufen haben, die Waisen und Witwen ungerechnet. Im Äquerlande fiel weiter nichts Merkwürdiges vor. Sie wichen in ihre Städte und ließen den Feind im Lande brennen und plündern. Nachdem der Consul mit seinem Heere, das sich Verwüstung zum Zwecke machte, das ganze feindliche Gebiet mehrmals durchzogen war, kehrte er mit großer Ehre und Beute nach Rom zurück. 4. Es folgen die Consuln Aulus Postumius Albus, Spurius Furius Fusus . Einige schreiben diese Familie 205 Furier Fusier. Dies erinnere ich, damit niemand in der Verschiedenheit, die nur die Namen trifft, verschiedene Männer suche. Es litt keinen Zweifel, daß einer von den Consuln den Krieg mit den Äquern führen werde. Also baten die Äquer die Volsker von Ecetra Siehe Buch II. Cap. 25. am Ende. um Hülfe. Sie wurde ihnen mit Freuden bewilligt; so sehr wetteiferten diese Staten in beständigem Hasse gegen die Römer; und rüsteten sich mit aller Macht zum Kriege. Die Herniker merkten es und zeigten den Römern vorläufig an, daß die Ecetraner zu den Äquern abgefallen wären. Auch die Pflanzstadt Antium war verdächtig. Denn von hier war eine Menge Menschen, als die Stadt erobert wurde, zu den Äquern geflüchtet, und gerade diese hatten im Kriege den Äquern die besten Dienste gethan. Als sich nachher die Äquer in ihre Städte retteten, kehrte dieser Haufe aus seiner Zersplitterung nach Antium zurück und machte die schon wankenden Pflanzstädter den Römern abwendig. Da nun dem Senate, ehe noch die Sache reif war, nur ihre Vorbereitungen zum Abfalle gemeldet wurden, so gab er den Consuln den Auftrag, die Vornehmsten der Pflanzstadt nach Rom zu fordern und sie zu befragen, was das zu bedeuten habe. Sie erschienen ohne Bedenken, beantworteten aber, als sie von den Consuln vor den Senat geführt wurden, die vorgelegten Fragen so, daß sie verdächtiger entlassen wurden, als sie gekommen waren. Und der Krieg litt weiter keinen Zweifel. Der eine Consul, dem das Los diesen Krieg bestimmte, Spurius Furius, zog gegen die Äquer, fand im Hernikerlande den plündernden Feind, und ohne dessen Stärke zu kennen, weil er sie nirgends im Ganzen gesehen hatte, überließ er sein an Zahl schwächeres Heer einer Schlacht. Beim ersten Angriffe geschlagen zog er sich ins Lager zurück; war aber auch hier noch nicht außer Gefahr. Denn in der nächsten Nacht und den Tag darauf wurde das Lager so ernstlich eingeschlossen und bestürmt, daß von hier 206 aus auch nicht einmal die Nachricht nach Rom kommen konnte. Man erfuhr es durch die Herniker, daß eine Schlacht verloren, und Consul und Heer eingeschlossen sei; und sie jagten den Vätern einen solchen Schrecken ein, daß dem andern Consul Postumius der Auftrag gegeben wurde, « solche Anstalten zu treffen, daß der Stat nicht gefährdet werde; » eine Form des Senatsschlusses, welche immer für einen Beweis der höchsten Noth gegolten hat. Man hielt es für das Beste, den Consul selbst in Rom bleiben zu lassen, um alle Waffenfähigen auszuheben, und an Consuls Statt mit einem Heere von Bundesgenossen den Titus Quinctius dem Lager zu Hülfe zu senden. Um es vollzählig zu machen, mußten die Latiner, Herniker und die Pflanzstadt Antium dem Quinctius Subitarier stellen: so nannte man damals die von den Bundsgenossen in Eile aufgebrachten Soldaten. 5. Es gab in diesen Tagen mancherlei Bewegungen und Angriffe, von mehr als Einer Seite; weil die an Mannschaft überlegenen Feinde es darauf anlegten, die Macht der Römer auf mehrern Punkten zu beunruhigen, insofern sie nicht gegen Alles ausreichen würde. Während sie das Lager bestürmten, schickten sie zugleich einen Theil ihres Heeres ab, das Römische Gebiet zu plündern, und wenn sich das Glück ihnen böte, einen Versuch auf die Stadt selbst zu machen. Zur Bedeckung der Stadt blieb Lucius Valerius zurück: den Plünderungen im Lande zu steuren, mußte der Consul Postumius ausrücken. Man ließ es nirgends an Aufmerksamkeit und Anstrengung fehlen. In der Stadt hielt man Wache, vor die Thore stellte man Posten und Vertheidiger auf die Mauern, und der bei einem solchen Tumulte nothwendig gewordene Gerichtsstillstand dauerte mehrere Tage. Unterdeß that der Consul Furius, der anfangs die Einschließung im Lager ruhig gelitten hatte, auf den sichern Feind einen Ausfall aus dem Hinterthore; und da er ihn hätte verfolgen können, machte er Halt, um nicht das Lager einem Angriffe von der entgegengesetzten Seite preis 207 zu geben. Der Unterfeldherr Furius aber – er war zugleich des Consuls Bruder – nahm seinen Ausflug zu weit, und in der Hitze des Verfolgens bemerkte er weder den Rückzug der Seinigen, noch den Angriff der Feinde in seinem Rücken. Abgeschnitten machte er mehrere wiederholte Versuche, zum Lager sich einen Weg zu bahnen, vergebens, und fiel nach tapfrer Gegenwehr. Der Consul selbst, der auf die Nachricht von der Umzingelung seines Bruders zur Schlacht umkehrte, sich aber mehr auf gut Glück, als mit der nöthigen Vorsicht, mitten in das Gefecht warf, machte dadurch, daß er eine Wunde bekam und von den Umstehenden nur mit Mühe gerettet wurde, die Seinigen bestürzt und die Feinde so viel kecker. Im Gefühle ihrer Thaten, den Unterfeldherrn getödtet, den Consul verwundet zu haben, waren sie jedem Widerstande überlegen; indeß die ins Lager zurückgetriebenen Römer, ihnen weder an Muth noch Kräften gleich, sich von neuem eingeschlossen sahen. Es stand sehr mißlich um das Ganze, als Titus Quinctius durch fremde Hülfe, mit einem Heere von Latinern und Hernikern, ihr Retter wurde. Da er die gegen das Römische Lager gewandten Äquer, die den Kopf des Unterfeldherrn übermüthig zur Schau trugen, im Rücken angriff, und zugleich, auf ein von ihm in der Ferne gegebenes Zeichen, ein Ausfall aus dem Lager erfolgte, so hieb er von den in die Mitte genommenen Feinden eine große Menge nieder. Auf Römischem Boden verloren die Äquer nicht so viele Leute, wurden aber viel weiter aus einander gejagt, Postumius nämlich hatte sie auf mehrern Punkten, die sehr zweckmäßig von ihm besetzt waren, angegriffen, als sie in Schwärmen ihre Beute fortführten. Ohne Haltung und in Züge von Flüchtlingen zersprengt, stießen sie auf den Sieger Quinctius, als er mit dem verwundeten Consul heimkehrte. Hier rächte das consularische Heer die Wunde seines Consuls und den mit seinen Cohorten gefallenen Unterfeldherrn durch einen herrlichen Sieg. Unstreitig war in diesen Tagen der Verlust, den man auf beiden Seiten zufügte und selbst erlitt, beträchtlich. 208 Allein bei einer Begebenheit von so hohem Alter die Anzahl der Streitenden und Gefallenen genau bestimmen zu wollen, bleibt, wenn es Zuverlässigkeit gilt, zu mißlich. Gleichwohl wagt es Valerius von Antium Ein Römischer Geschichtschreiber um die Zeit des Sulla, dessen Ende in Cicero's Jugend fällt. Mit seinen Übertreibungen ist Livius auch Buch XXVI. Cap. 49. und Buch XXXVI. Cap. 38. unzufrieden. Stroth macht die Leser aufmerksam auf die Feinheit und Mäßigung, mit welcher Livius seine Misbilligung äußert. , die Summen anzuschlagen. Die Römer hätten im Hernikerlande fünftausend und dreihundert Mann verloren; von den Äquischen Plünderern, die das Römische Gebiet verheerend durchstreiften, habe der Consul Aulus Postumius zweitausend vierhundert erlegt; der übrige mit Beute fortziehende Schwarm, der auf den Quinctius stieß, sei bei weitem nicht mit so geringem Verluste davongekommen. Es seien ihrer viertausend geblieben, und um die Zahl recht genau anzugeben, setzt er hinzu: Zweihundert und dreißig. Als nach Rückkunft des Heeres in Rom der Gerichtsstillstand aufgehoben war, glaubte man den Himmel in vollem Feuer zu sehen, und noch andre Wunderzeichen wurden entweder wahrgenommen, oder droheten den Geschreckten in eingebildeten Erscheinungen. Diese Drohungen abzuwenden wurde eine dreitägige Feier verordnet, während welcher die Tempel alle das Gedränge von Männern und Weibern füllte, die um die Gnade der Götter flehten. Nun wurden die Cohorten der Latiner und Herniker, denen der Senat für ihre thätige Hülfsleistung im Kriege Dank sagte, nach Hause entlassen. Die tausend Antiaten hingegen, welche nach der Schlacht mit ihrer Hülfe zu spät gekommen waren, schickte man, fast nicht ohne Beschimpfung, zurück. 6. Hierauf wurde der Wahltag gehalten. Die gewählten Consuln, Lucius Äbutius und Publius Servilius, traten am ersten Sextilis (August), den man damals als Neujahrstag beging, ihr Consulat an. Es war eine ungesunde Zeit (und gerade die Jahrszeit der Seuchen) für Stadt und Land, für das Vieh, wie für die Menschen: und sie 209 verschlimmerten die Krankheit noch dadurch, daß sie aus Furcht vor Plünderung die Heerden und die Landleute in die Stadt aufnahmen. Bei diesem Zusammenflusse von gemischten Geschöpfen aller Art befielen die Städter durch den ihnen ungewohnten Geruch, die in enge Häuser zusammengedrängten Landleute durch die Hitze und schlaflosen Nächte; und gegenseitige Dienstleistungen, ja die Berührung selbst, verbreiteten die Krankheiten. Kaum konnte man die Noth, die man vor Augen sah, noch ertragen, als unerwartet Gesandte der Herniker meldeten, daß auf ihrem Boden die vereinigten Äquer und Volsker ein Lager bezogen hätten und von dort aus ihr ganzes Land mit einem großen Heere verwüsteten. Außerdem daß schon der schwach besetzte Senat die Bundesgenossen sehen ließ, wie sehr der Stat durch die Seuche gelitten habe, erhielten sie auch die traurige Antwort: «Die Herniker möchten in Verbindung mit den Latinern ihr Eigenthum selbst schützen. Die Stadt Rom werde durch die Ungnade der Götter unerwartet von einer Krankheit verheert. Sollte diese Plage einigermaßen nachlassen, so werde sie ihren Bundesgenossen, wie im Jahre zuvor und sonst immer, Hülfe leisten.» So gingen die Gesandten ab, und brachten auf eine traurige Nachricht den Bundesgenossen einen noch traurigern Bescheid. Denn sie sollten nun allein sich eines Krieges erwehren, dessen sie sich, von Roms Macht gestützt, kaum erwehrt haben würden. Länger beschränkte sich der Feind nicht auf das Hernikerland . Er fiel von hier aus ins Römische Gebiet, das, auch ohne die Geißel des Krieges, schon verwüstet war. Als ihnen hier niemand, auch nicht einmal ein Unbewaffneter, entgegen kam, und sie Alles, wo sie durchzogen, nicht nur unbesetzt von Posten, sondern auch vom Landmanne unbestellt fanden, so rückten sie auf dem Gabinischen Heerwege bis zum dritten Meilensteine vor. Äbutius, der Römische Consul, war gestorben; sein Amtsgenoß Servilius lag fast ohne Hoffnung; die meisten Großen waren angesteckt; der größere Theil der Väter, die Dienstfähigen fast alle: so daß es an Mannschaft nicht 210 allein zum Aufbruche fehlte, wie eine so dringende Beunruhigung ihn forderte, sondern sogar zur Besetzung friedlicher Posten. Die Wachen versahen die Senatoren in eigner Person, so vielen Alter und Befinden es erlaubte: den Rundgang und die Bestellung hatten die Bürger-Ädilen (Polizei-Aufseher), welchen jetzt die höchste Regierung und der Rang der Consuln anheim gefallen war. 7. Das verlassene Ganze, das ohne Haupt, ohne Kräfte war, fand seinen Schutz in den über die Stadt waltenden Göttern und ihrem Glücke, welches die Äquer und Volsker mehr im Sinne der Räuber, als der Feinde, handeln ließ. Denn die Mauern Roms zu erobern, ja, nur einen Versuch darauf zu machen, fiel ihnen so wenig ein, und der Anblick der fernen Häuser und ragenden Hügel erfüllte sie mit solcher Scheu, daß sie auf ein im ganzen Lager sich verbreitendes lautes Murren: – «Warum man in einem öden und verlassenen Lande unter hinsiechenden Heerden und Menschen unthätig und beuteleer die Zeit verbringe, da man sich in verschonte Gegenden, in das mit Überfluß gesegnete Tusculanische, wenden könne,» – plötzlich mit ihren Fahnen aufbrachen und auf Querwegen durch das Gebiet von Lavici auf die Höhen von Tusculum hinübergingen. Hieher zog sich nun der ganze Gang und Sturm des Krieges. Die Herniker und Latiner unterdessen, von Scham zugleich, nicht bloß von Mitleiden ergriffen, wenn sie den mit einem Kriegsheere vor Rom rückenden gemeinschaftlichen Feinden nicht gewehrt, noch den Bedrängten die mindeste Hülfe geleistet hätten, zogen in vereintem Heere den Weg nach Rom. Als sie hier keinen Feind trafen, gingen sie der Aussage und Spur nach, und begegneten ihm, als er aus dem Tusculanischen ins Albanische Thal herabzog. Hier war das Gefecht keineswegs zu ihrem Vortheile, und für ihre Treue hatten die Bundesgenossen diesmal nicht Glück genug. Nicht geringer ward in Rom die Niederlage durch die Krankheit, als die der Bundesgenossen durch das Schwert. Der einzige noch übrige Consul starb: es starben auch 211 andre angesehene Männer; Marcus Valerius und Titus Virginius Rutilus, die Vogelschauer, Servius Sulpicius, der Oberbezirkspfleger, und unter der niederen Volksclasse wüthete die Krankheit in allgemeiner Verbreitung. Außer Stande, menschliche Hülfe zu schaffen, wies der Senat seine Bürger an die Götter und zur Andacht, und forderte sie auf, mit Weib und Kind in die Tempel beten zu gehen und die Gnade der Götter zu erflehen. Durch öffentliches Geheiß zur Leistung dessen aufgerufen, was jedem schon die eigne Noth auferlegte, erfüllten sie alle Gotteshäuser. Am Boden liegend fegten die Mütter allenthalben die Tempel mit ihren Haren und flehten um Abwendung des himmlischen Zorns und um Tilgung der Seuche. 8. Endlich wurden die Menschen, entweder weil sie die Götter versöhnt hatten, oder die böse Jahrszeit schon vorüber war, nach überstandner Seuche, allmälig gesunder, und als sie wieder an öffentlichen Angelegenheiten theilnahmen, wählte nach Verlauf mehrerer Zwischenregierungen, Publius Valerius Publicola, am dritten Tage seiner Zwischenregierung, den Lucius Lucretius Tricipitinus und Titus Veturius – oder hieß er Vetusius ? – Geminus zu Consuln. Am elften Sextilis (August) traten sie ihr Amt an, und fanden den Stat schon stark genug, nicht bloß zum Vertheidigungskriege, sondern selbst zum Angriffe. Da also die Herniker meldeten, daß der Feind in ihr Land gefallen sei, sagte man ihnen sogleich Hülfe zu, und zwei consularische Heere wurden ausgehoben. Veturius wurde gegen die Volsker geschickt, sie in ihrem Lande anzugreifen. Tricipitinus, den man den Plünderern im Gebiete der Bundesgenossen entgegenstellte, rückte nicht weiter vor, als bis ins Hernikerland . In der ersten Schlacht warf und schlug Veturius die Feinde. Dem Lucretius aber, während er im Hernikerlande still saß, entging das Heer der Plünderer, das sich über die Pränestinischen Berge zog und von da in die Ebene herabkam. Nun verheerten sie das Gebiet von Präneste und Gabii und wandten sich aus dem Gabinischen seitwärts gegen die Tusculanischen Hügel. Auch die Stadt Rom traf ein 212 großer Schrecken, mehr durch die Überraschung, als weil sie sich zur Vertheidigung zu schwach gefühlt hätte. Quintus Fabius war Vorsteher in der Stadt. Durch Bewaffnung der Dienstfähigen und Aufstellung der Truppen sicherte und beruhigte er Alles. Die Feinde also, die, ohne sich näher an die Stadt zu wagen, nur die ihnen nahen Gegenden ausplünderten, kehrten um, und waren auf ihrem Rückwege, je weiter sie sich von der feindlichen Stadt entfernten, so viel sorgloser; als sie auf den Consul Lucretius stießen, der schon auf ausgekundschafteten Wegen in Schlachtordnung heranzog und des Kampfes gewärtig war. Da also schlagfertiger Muth Bestürzte im ersten Schrecken angriff, so warf eine weit kleinere Anzahl ein großes Heer und schlug es, trieb die Geschlagenen in hohle Thäler und konnte sie bei der Schwierigkeit der Auswege umstellen. Hier wurde beinahe Alles, was Volsker hieß, zu Grunde gerichtet. In einigen Jahrbüchern finde ich die Zahl der in der Schlacht und auf der Flucht gefallenen auf dreizehntausend vierhundert und siebzig, die der Gefangenen auf tausend zweihundert und funfzig, der erbeuteten Fahnen zu sieben und zwanzig angegeben. Wäre auch diese Zahl nicht ohne Zusatz, so war die Niederlage wenigstens groß. Siegreich kehrte der Consul mit einer ansehnlichen Beute in sein altes Standlager. Darauf bezogen die Consuln ein gemeinschaftliches Lager, und eben so ließen die Volsker und Äquer ihre geschmolzenen Heere zusammenstoßen. Hier erfolgte die dritte Schlacht dieses Jahrs. Das Glück entschied, wie vorhin. Auf den Sieg über die Feinde folgte die Eroberung ihres Lagers. 9. So kamen Roms Angelegenheiten wieder in den vorigen Stand; auch weckte das Glück des Krieges sogleich die Unruhen in der Stadt. Cajus Terentillus Arsa war in diesem Jahre Bürgertribun. Er glaubte, in Abwesenheit der Consuln habe er freie Hand, als Tribun mit Anklagen aufzutreten, nahm mehrere Tage lang vor dem Volke den Übermuth der Väter zum Gegenstande seiner Beschuldigungen, und am heftigsten traf sein Tadel die Macht der Consuln als zu groß und einem Freistate unerträglich. «Nur 213 dem Namen nach sei sie weniger gehässig, in der That aber beinahe furchtbarer, als die königliche. Denn man habe in ihnen statt Eines Herrschers zwei mit ungemäßigter, unbegränzter Gewalt. Für ihre Person ohne Schranken und Zügel, ließen sie alle Drohungen der Gesetze und Henkerstrafen den Bürgerstand treffen. Um sie so nicht ewig schalten zu lassen, wolle er darauf antragen, zur Abfassung von Gesetzen über die consularische Macht, fünf Männer zu erwählen. Ein Consul müsse gerade so viel Gewalt haben, als ihm das Volk über sich einräume; sie müßten aber ihre Willkür und Eigenmacht nicht als Gesetz ansehen.» Als der Vorschlag öffentlich ausgehängt war, fürchteten die Väter, man möchte ihnen in Abwesenheit der Consuln dies Joch aufbürden: allein der Stadtvorsteher Quintus Fabius berief den Senat, und griff den Vorschlag samt seinem Urheber mit solchem Sturme an, daß beide Consuln, wenn sie als Gegner den Tribun umpflanzt gehabt hätten, sich nicht drohender, nicht schreckender hätten ausdrücken können. «Aus seinem Hinterhalte falle der Mensch, der die Gelegenheit erlauert habe, den Stat an. Hätten die Götter im Zorne während der Pest und Kriegsnoth des vorigen Jahrs einen ähnlichen Tribun aufstehen lassen, so würde Rom haben fallen müssen. Dann würde er mit dem Tode der beiden Consuln, indeß die Bürger krank gelegen hätten, und so schon Alles zusammengestürzt sei, mit seinen Vorschlägen aufgetreten sein, die consularische Regierung auszurotten; würde den Äquern und Volskern im Angriffe auf die Stadt zum Führer gedient haben. Was er noch mehr verlange? Ob es ihm nicht frei stehe, wenn ja die Consuln irgend einen Bürger mit Härte oder Grausamkeit behandelten, ihnen einen Klagetag zu bestimmen und sie selbst vor dem Richterstuhle derer anzuklagen, aus deren Mitte der Beleidigte sei. Der Mensch mache nicht die Regierung der Consuln gehässig und unerträglich, sondern die Macht der Tribunen, die er jetzt von neuem aus ihrer Ruhe und Verträglichkeit mit den Vätern in ihre alten Übel zurückführe. 214 Ihn wolle er auch gar nicht gebeten haben, nicht so fortzufahren, wie er angefangen habe.» – « Euch, ihr übrigen Tribunen,» sprach Fabius weiter, «euch bitten wir, vor allen Dingen zu bedenken, daß euer Amt gestiftet wurde, Einzelnen beizustehen, nicht, Alle zu verderben; daß man in euch – Tribunen für die Bürger, nicht den Vätern Feinde aufstellte. Für uns ist es ein Unglück, für euch ein Vorwurf, wenn ihr den Stat in seiner Verwaisung anfallen lasset. Nicht euer Recht, nein, der Haß gegen euch wird sich vermindern. Sprecht mit einem Amtsgenossen, daß er die Sache unentschieden bis zur Ankunft der Consuln ausgesetzt lasse. Selbst Äquer und Volsker verfolgten ihren Krieg gegen uns, als die Consuln im vorigen Jahre die Seuche wegraffte, nicht bis zur Grausamkeit und Unmenschlichkeit.» Die Tribunen besprachen sich mit dem Terentillus ; und als man die Verhandlung dem Scheine nach verschoben, im Grunde aber niedergeschlagen hatte, ließ man sogleich die Consuln einberufen. 10. Lucretius kehrte mit ansehnlicher Beute, mit weit größerem Ruhme heim; und er erhöhete diesen Ruhm bei seiner Ankunft dadurch, daß er die sämtliche Beute auf dem Marsfelde ausstellen ließ, so daß jeder sein Eigenthum, wenn er es binnen drei Tagen ausfindig machte, mitnehmen konnte. Was keinen Herrn fand, wurde verkauft. Einstimmig gebührte dem Consul der Triumph: allein die Sache wurde verschoben, weil der Tribun mit seinem Vorschlage auftrat. Dies hielt der Consul für wichtiger. Mehrere Tage dauerten die Verhandlungen darüber, im Senate und vor dem Volke. Endlich ließ der Tribun aus Achtung für den allgemein verehrten Consul die Sache fallen. Und nun ließ man dem Feldherrn und dem Heere die ihnen gebührende Ehre widerfahren. Er triumphirte über die Volsker und Äquer, und seinem Wagen folgten seine Legionen. Dem andern Consul bewilligte man den Einzug in die Stadt im kleinen Triumphe ohne Soldaten. Im folgenden Jahre bestürmte der Terentillische Vorschlag, von den sämtlichen Tribunen wieder zur Sprache gebracht, 215 die neuen Consuln. Diese waren Publius Volumnius, Servius Sulpicius . In diesem Jahre sah man den Himmel in Feuer: es gab eine starke Erderschütterung: daß ein Ochs geredet habe, was man im vorigen Jahre nicht hatte glauben wollen, glaubte man diesmal. Unter andern Wunderzeichen regnete es auch Fleisch. Diesen Regen, heißt es, habe eine große Schar darin herumschwärmender Vögel weggeschnappt; was aber niederfiel, habe mehrere Tage hin und wieder gelegen, ohne den Geruch im mindesten zu verändern. Die mit der Ansicht der heiligen Bücher Der Sibyllinischen. betrauten Zwei-Männer mußten diese nachschlagen. Sie verkündigten Gefahr von einer Zusammenrottung von Fremdlingen, einen Angriff auf die höchsten Plätze der Stadt und ein Blutvergießen von da herab. Unter andern warnten sie auch vor aller innern Uneinigkeit. Schon machten die Tribunen die Auslegung, dies sei so eingeleitet, um ihren Vorschlag zu hintertreiben, und man sah einem heftigen Kampfe entgegen: da lief von den Hernikern – als sollte man sich Jahr vor Jahr in gleichem Kreise drehen – die Nachricht ein, die Volsker und Äquer, so geschwächt sie waren, machten ihre Heere vollzählig; zu ihrem Hauptpunkte hatten sie Antium gemacht; die Pflanzer aus Antium hielten öffentlich zu Ecetra Versammlungen; sie waren die Anstifter, sie die Hauptmacht dieses Krieges. Auf diese im Senate gemachten Anzeigen wurde eine Werbung anbefohlen und die Consuln beauftraget, die Verwaltung des Krieges unter sich zu theilen, so daß ihn der eine gegen die Volsker, der andre gegen die Äquer zu führen habe. Ihnen ins Angesicht riefen die Tribunen laut auf dem Markte: «Der Volskische Krieg sei eine verabredete Posse, und die Herniker seien immer bereit, ihre Rolle zu spielen. Jetzt wende man schon nicht mehr zur Bedrückung der Römischen Freiheit Kraft an, sondern vernichte sie durch einen Kniff. Weil es keinen Glauben mehr finde, 216 daß die beinahe aufgeriebenen Volsker und Äquer im Stande sein sollten, als Angreifende den Krieg zu erneuern, so sähen sich die Väter nach neuen Feinden um, und brächten eine treue, nachbarliche Pflanzstadt in Ruf. Angekündigt werde der Krieg den unschuldigen Antiaten, geführt mit dem Römischen Bürgerstande, den sie mit Waffen belastet in fortstürzenden Lügen zur Stadt hinausstoßen wollten, um sich durch diese Austreibung und Verbannung ihrer Mitbürger an den Tribunen zu rächen. Alsdann sei es – und man möge nicht glauben, daß sie etwas Anderes dadurch bezweckten – um den Vorschlag gethan, wenn man nicht bei Zeiten, so lange die Bürger noch zu Hause, noch in der Toga wären, Vorkehrungen treffe, sich nicht aus der Stadt vertreiben, noch das Joch aufbürden zu lassen. Wenn sie Muth hätten, solle es an Hülfe nicht fehlen. Alle Tribunen wären eins. Von außen sei kein Schrecken, keine Gefahr zu fürchten. Schon im vorigen Jahre hätten die Götter dafür gesorgt, daß man in Vertheidigung der Freiheit unangefochten bleibe.» So die Tribunen. 11. Gegenüber hatten sich die Consuln ihre Stühle hinstellen lassen und hielten vor den Augen der Tribunen die Werbung. Diese kamen hieher gerannt und brachten die ganze Versammlung mit sich. Als zum Versuche wurden einige aufgerufen: und sogleich kam es zu Gewaltthätigkeiten. Legte der Häscher auf Befehl des Consuls Hand an einen, so befahl der Tribun, ihn zu entlassen; und niemand beschränkte sich auf sein Recht, sondern man mußte sich zur Erreichung seines Zwecks auf seine Stärke, auf seine Faust, verlassen. Hatten sich so die Tribunen benommen, um die Werbung zu vereiteln, so benahmen sich die Väter eben so, den Vorschlag zu hintertreiben, der an jedem Versammlungstage erneuert wurde. Die Schlägerei begann, so wie die Tribunen das Volk abtreten hießen, weil die Väter sich nicht wegtreiben lassen wollten. Von den Bejahrteren mischte sich eben niemand ein: denn es galt hier keine kluge Leitung, sondern dreistes Wagen und Kühnheit entschieden. Auch die Consuln zogen sich sehr 217 zurück, um nicht in der allgemeinen Unordnung ihre Würde einer Beschimpfung auszusetzen. Einem jungen Quinctius, mit Vornamen Cäso, gab theils seine hohe Geburt, theils seine Körpergröße und Stärke viele Überlegenheit. Über diese von den Göttern ihm verliehenen Vorzüge waren viele Ehrenthaten im Kriege und Beredsamkeit vor Gericht ein erworbenes Verdienst, so daß er für den beredtesten, für den tapfersten Mann im State galt. Wenn er, umgeben von einer Schar Patricier, dastand, so bot er allein, über Alle ragend, als wären mit seiner Stimme und Stärke alle Dictaturen und Consulate sein, den Anfällen der Tribunen und den Stürmen des Volkes Trotz. Unter seiner Anführung wurden die Tribunen mehrmals vom Markte getrieben, und die Bürgerlichen zerstreuet und verjagt. Wer ihm entgegen trat, zog mit Schlägen und ohne Kleider ab, so daß es einleuchtend war, wenn ein solches Verfahren gelte, sei es um den Vorschlag geschehen. Da setzte einer vom Amte der Tribunen, die fast schon muthlos waren, Aulus Virginius, dem Cäso eine Klage auf Leib und Leben an. Den Feuergeist erbitterte er dadurch mehr, als daß er ihn schreckte: um so viel eifriger bestritt dieser den Vorschlag, jagte die Bürgerlichen aller Orten, und führte seinen Krieg gegen die Tribunen, als habe er nun ein Recht dazu. Der Kläger sah es gern, daß der Beklagte seinem Sturze entgegenflog, den Volkshaß zur Flamme auflodern und ihn selbst Stoff zu Beschuldigungen finden ließ: indessen brachte er den Vorschlag wieder in Anregung, nicht so sehr in Hoffnung, ihn durchzusetzen, als die Unbesonnenheit des Cäso zu reizen. Und da fielen manche unüberlegte Äußerungen und Handlungen der Jüngeren allein dem verdächtigen Feuerkopfe des Cäso zu Schulden: gleichwohl ging der Vorschlag nicht durch. Auch sagte Aulus Virginius den Bürgern mehr als einmal: «So merkt ihr es denn endlich, ihr Quiriten, daß ihr einen Bürger Cäso und das gewünschte Gesetz nicht zugleich haben könnet? Doch was sage ich von dem Gesetze. Er verträgt sich nicht mit eurer Freiheit: an Übermuth läßt er alle Tarquinier hinter sich. Wartet 218 nur, bis der einst Consul oder Dictator wird, den ihr schon im Privatstande durch seine Kraft und Kühnheit den König machen seht.» Ihm stimmten viele von denen bei, die sich über Mishandlung beschwerten, und sie drangen sogar in den Tribun, die Klage zu betreiben. 12. Der Tag des Gerichts erschien, und wie man sah, glaubten die Leute allgemein, daß auf der Verdammung des Cäso ihre Freiheit beruhe. Da sah er sich endlich gezwungen, mit vieler Demüthigung Einem nach dem Andern die Hand zu drücken, und seine Verwandten, die Ersten des Stats, gingen mit ihm herum. Titus Quinctius Capitolinus, der dreimal Consul gewesen war, führte Manches an, was ihm selbst und seinem Geschlechte Ehre machte, versicherte aber, «weder im Stamme der Quinctier noch in ganz Rom habe je Einer so viele Anlage zu einer so hohen Vollkommenheit gezeigt. Er sei sein bester Soldat gewesen; er selbst habe ihn oft in die Feinde einbrechen sehen.» Spurius Furius sagte: «Vom Quinctius Capitolinus sei ihm Cäso damals in seiner bedrängten Lage Siehe oben Cap. 4. und 5. zu Hülfe geschickt, und seiner Meinung nach habe durchaus niemand zum glücklichern Erfolge mehr beigetragen, als eben er.» Lucius Lucretius, der Consul des vorigen Jahres, noch neu umglänzt von Ruhm, ließ den Cäso an seinem Lobe theilnehmen, schilderte ihn in Gefechten, stellte ihn ihnen dar in den Thaten der Auszeichnung, bald auf Zügen, bald auf dem Schlachtfelde, und rieth ihnen nicht ohne Warnung: «Sie möchten in einem so ausgezeichneten, mit allen Natur- und Glücksgaben ausgerüsteten Jünglinge, der auf die Macht jedes States, in welchen er sich begäbe, einen wichtigen Ausschlag geben werde, lieber sich einen Mitbürger erhalten, als ihn dem Auslande gönnen. Was an ihm anstößig sei, seine Hitze und Kühnheit, davon nehme das Alter täglich weg: was sie an ihm vermißten, Bedachtsamkeit; diese nehme mit jedem Tage zu. Sie möchten einem so großen Manne mit abnehmenden Fehlern und reifender Vollkommenheit, 219 vergönnen, im Vaterlande Greis zu werden.» Unter diesen Fürsprechern flehte auch sein Vater, Lucius Quinctius, mit dem Zunamen Cincinnatus, ohne die Verdienste seines Sohns zu wiederholen – er hätte sonst den Haß nur häufen mögen – bloß unter Bitten um Nachsicht mit seinem Fehltritte und seinen Jugendjahren; sie möchten ihm zu Liebe, der keinen Menschen durch Wort oder That beleidigt habe, seinem Sohne verzeihen. Allein einige ließen den Bittenden nicht an sich kommen, entweder aus Scham, oder aus Furcht; andre gaben mit der Klage, daß sie und die Ihrigen von Cäso gemishandelt wären, deutlich durch ihre harte Antwort zu erkennen, wie sie über ihn stimmen würden. 13. Außer der allgemeinen Abneigung drückte den Beklagten vorzüglich Eine Beschuldigung. Marcus Volscius Fictor, der mehrere Jahre vorher Bürgertribun gewesen war, hatte als Zeuge ausgesagt: «Er sei bald nach der Pest, die in Rom gewesen; in der Gasse Subura auf einen Haufen schwärmender Jünglinge gestoßen. Hier sei eine Schlägerei entstanden, und sein älterer Bruder, der ohnehin von der Krankheit noch nicht völlig hergestellt gewesen, sei von einem Faustschlage des Cäso halbtodt zur Erde gesunken. Seine Erklärung hierüber sei die, daß hieran der auf ihren Händen zu Hause Getragene gestorben sei. Allein unter Consuln, wie die der letzten Jahre, habe er es nicht gerathen gefunden, die That, so scheußlich sie sei, anhängig zu machen.» Als Volscius dies schreiend wiederholte, wurde die Erbitterung so groß, daß Cäso beinahe unter den Händen des einstürmenden Volks sein Leben verloren hätte. Virginius hieß den Kerl greifen und ins Gefängniß bringen. Dies verhinderten die Patricier durch Gewalt. Titus Quinctius rief laut: «Wer auf Leib und Leben angeklagt sei und nächster Tage sein Urtheil zu erwarten habe, an dem dürfe man, als an einem noch Unverdammten, noch Ungehörten, keine Gewalt üben.» Der Tribun erwiederte, «Er werde ihn nicht unverdammt hinrichten lassen, wolle ihn aber bis zum Gerichtstage in gefänglicher 220 Haft behalten, damit es dem Römischen Volke möglich bleibe, einen Mörder zur Strafe zu ziehen.» Die Tribunen, die er nun um Beistand ansprach, wußten die ihnen zustehende Hülfsleistung durch einen in die Mitte tretenden Ausspruch zu decken. Sie verboten, ihn gefangen zu legen, erklärten aber ihre Meinung dahin, daß der Beklagte gehalten sein solle, sich zu stellen, und dem Volke auf den Fall, daß er sich nicht stellte, eine Summe Geldes zugesichert werde. Wie hoch die zu versichernde Summe sich belaufen solle, überließen sie, weil sie nicht darüber eins werden konnten, der Entscheidung des Senats. Während die Väter zu Rath saßen, mußte der Beklagte auf dem Platze bleiben. Der Senat beschloß, er solle Bürgen stellen, und jeder Bürge mit dreitausend Kupferass haften Jeder mit 60 Thlrn. . Die Zahl der Bürgen sollten die Tribunen bestimmen. – Sie setzten sie auf zehn. So viele Bürgen ließ der Kläger für den Beklagten sich verbürgen. Und dieser war der erste, der dem Volke Bürgen stellte. Als er vom Platze entlassen war, ging er als Auswandernder ins Tuskerland . Am Gerichtstage entschuldigte man seine Nichterscheinung mit seiner Auswanderung in die Fremde, und da Virginius dennoch die öffentliche Verhandlung fortsetzte, so entließen seine Amtsgenossen, deren Hülfe man ansprach, die Versammlung. Allein das Geld wurde mit vieler Härte bei dem Vater eingetrieben, so daß er nach Verkaufung aller seiner Habe, lange Zeit jenseit der Tiber, gleich einem Verbanneten, in einer abgelegenen Hütte lebte. 14. Diese Gerichtssache und der ausgehängte Vorschlag hielten die Bürgerschaft in Bewegung: vor auswärtigen Waffen hatte man Ruhe. Als nun die Tribunen, gleich Siegern, ihren Vorschlag so gut als durchgesetzt ansahen, weil die Väter durch Cäso's Entfernung muthlos geworden waren, und die Bejahrteren unter ihnen, wenn es auf sie angekommen wäre, den Besitz der Statsverwaltung aufgegeben hätten; so trieben die jüngern Väter, 221 vorzüglich die von Cäso's Bekanntschaft, ihren Streit gegen die Bürgerlichen noch höher, ohne den Muth sinken zu lassen, und gewannen am meisten dadurch, daß sie ihre Kämpfe nach einem gewissen Plane beschränkten. Wie es also nach Cäso's Auswanderung das erstemal wieder zum Antrage über den Vorschlag kam, so thaten sie unter dem Beistande eines großen Heeres von Schützlingen auf die Tribunen, so bald diese durch den Befehl zum Auseinandergehen die Gelegenheit gaben, ihren Angriff mit solcher Haltung und Fassung, daß jeder Einzelne von der daraus erwachsenden Ehre oder Feindschaft keinen größeren Antheil mit zu Hause nahm, als sie zusammen, und den Bürgerlichen nur die Klage blieb, daß statt Eines Cäso ihrer tausend aufgestanden waren. In den Zwischentagen, an welchen die Tribunen nichts mit dem Vorschlage zu thun hatten, war niemand sanftmüthiger oder friedlicher, als sie. Sie grüßten die Mitglieder des Bürgerstandes freundlich, redeten sie an, luden sie ein, leisteten ihnen gerichtlichen Beistand; ließen selbst den Tribunen alle übrigen Versammlungen ungestört; waren gegen Niemand, so wenig in öffentlichen, als Privatangelegenheiten, die Heftigen, außer wenn die Verhandlung über den Vorschlag begann. In allen andern Fällen waren die jungen Männer dem Volke zu willen. Auch setzten die Tribunen nicht nur alles übrige ruhig durch, sondern wurden sogar auf das folgende Jahr wieder gewählt. Ohne ein hartes Wort, viel weniger durch irgend ein gewaltsames Mittel, bloß durch Güte und sanfte Behandlung hatten die jungen Männer das Volk gewonnen. Durch diese Künste wurde der Vorschlag ein ganzes Jahr lang hintertrieben. 15. Die Consuln Cajus Claudius, des Appius Sohn, und Publius Valerius Publicola übernahmen den Stat in friedlicherer Lage. Auch hatte das neue Jahr nichts Neues gebracht: nur die Sorge, den Vorschlag durchzusetzen, oder ihn annehmen zu müssen, beschäftigte Alle. Je mehr sich die jüngeren Väter an die Bürgerlichen anschmiegten, desto eifriger bemühten sich dagegen die Tribunen, sie durch Anschuldigungen den Bürgern verdächtig zu machen. «Man 222 habe eine Verschwörung zu Stande gebracht; Cäso sei in Rom. Es sei der Plan, die Tribunen zu ermorden, die Bürger niederzuhauen. Die älteren Väter hätten es den Jüngern zum Geschäfte gemacht, die tribunicische Gewalt aus dem State zu vertilgen, und ihm dieselbe Verfassung wieder zu geben, die er vor Besetzung des Heiligen Berges gehabt habe.» Man fürchtete von den Volskern und Äquern den festgesetzten und beinahe zur jährlichen Gewohnheit gewordenen Krieg: und ein näheres neues Übel brach unvermuthet ein. Vertriebene und Sklaven, an viertausend fünfhundert Menschen, hatten unter Anführung eines Sabiners, Appius Herdonius, sich bei Nacht des Capitols und der Burg bemächtigt. Gleich zuerst hieben sie auf der Burg diejenigen nieder, die der Verschwörung nicht hatten beitreten, nicht hatten zu den Waffen greifen wollen. Von diesen rannten während des Auflaufs einige von Schrecken gejagt auf den Markt herab, und man hörte wechselsweise rufen: «Zu den Waffen!» und: «Die Feinde sind in der Stadt!» Die Consuln scheuten sich eben so sehr, die Bürger zu bewaffnen, als, sie unbewaffnet zu lassen. Ungewiß, was für ein plötzliches Unglück, ob von außen, oder von innen, von erbitterten Bürgern, oder auf Anstiften der Sklaven, über die Stadt hereingebrochen sei, stillten sie den Auflauf; hin und wieder erregten sie ihn, indem sie ihn stillten: denn die bestürzte, durch einander gescheuchte Menge ließ sich durch Befehle nicht lenken. Doch theilten sie Waffen aus, nicht an Alle; nur so viel, daß man, bei der Ungewißheit über den Feind, auf jeden Fall, eine zuverlässige Mannschaft bereit habe. Den Überrest der Nacht brachten sie in Unruhe und Ungewißheit, wer und wie stark die Feinde sein möchten, damit hin, die zu besetzenden Plätze in der ganzen Stadt mit Posten zu belegen. Endlich gab der Tag über den Krieg und dessen Anführer Auskunft. Appius Herdonius rief vom Capitole die Sklaven zur Freiheit. «Er habe die Sache jedes noch so Unglücklichen auf sich genommen, um alle widerrechtlich ausgestoßenen Verbanneten in ihr Vaterland 223 zurückzuführen, und den Sklaven ihr hartes Joch abzunehmen. Es sei ihm lieber, wenn es auf Verfügung des Römischen Volks geschehe. Wenn hier keine Hoffnung sei, so werde er die Hülfe der Volsker und Äquer und alles Äußerste versuchen und aufbieten.» 16. Nun ging den Vätern und den Consuln mehr Licht auf. Gleichwohl fürchteten sie außer dem, was er ihnen laut drohete, es möchte dies ein Werk der Vejenter, oder Sabiner sein; ferner, es möchten noch, da schon der Feinde so viele in der Stadt wären, in Kurzem Sabiner- und Hetruskerheere nach einer Verabredung erscheinen; endlich, die ewigen Feinde, die Volsker und Äquer, möchten nicht, wie sonst, zur Plünderung des Landes, sondern gegen die Stadt selbst herankommen, die zum Theile schon erobert sei. So vielfach und mancherlei waren ihre Besorgnisse. Diese alle überwog die Gefahr von Seiten der Sklaven, in denen jeder seinen Feind im Hause gehabt hatte. Ihm Zutrauen zu schenken, oder ihn durch Mistrauen für treulos zu erklären, was ihn noch eher erbittern konnte, war beides gefährlich. Kaum hielten sie es für möglich, den Stat zu halten, selbst bei der jetzigen Eintracht; so wenig dachte Einer von ihnen daran, da die vielfache anderweitige Noth schon überwiegend und zu Boden drückend war, daß man von den Tribunen oder den Bürgern das Mindeste zu fürchten habe. Dies Übel schien von milderer Art, immer nur während der Ruhe von andern Übeln sich einzustellen, und jetzt durch den Schrecken von außen übertäubt zu sein. Und gerade dies warf sich jetzt auf den zum Sturze sich neigenden Stat mit der lastendsten Schwere. Die Tribunen gingen in ihrer Wuth so weit, daß sie behaupteten, «die Besetzung des Capitols sei nicht das Werk eines wahren, sondern eines vorgespiegelten Krieges; bloß dazu veranstaltet, den Eifer der Bürger von der Betreibung des Vorschlages abzulenken. Wenn die Gastfreunde und Schützlinge der Adlichen sähen, daß man den Vorschlag, ohne sich an ihren Lärmen zu kehren, durchgesetzt habe, würden sie noch stiller, als sie 224 gekommen wären, abziehen.» Darauf stellten sie zur Behauptung des Vorschlages eine Versammlung an, zu welcher sie das Volk von den Waffen abriefen. Unterdessen hielten, weil die neue Gefahr von Seiten der Tribunen sich drohender ankündigte, als die vom nächtlichen Überfalle des Feindes, die Consuln eine Sitzung des Senats. 17. Als diesem gemeldet wurde, die Bürger legten die Waffen nieder und gingen von ihren Posten, rannte Publius Valerius, indeß sein Amtsgenoß den Senat beisammen behielt, aus dem Rathhause, gerade auf den Versammlungsplatz zu den Tribunen. «Was ist das für ein Beginnen,» rief er, «ihr Tribunen? Wollt ihr unter Anführung und Obhut eines Appius Herdonius den Stat umstürzen? So ganz gelang es ihm, euch zu verführen, da seine Aufforderung nicht einmal bei euren Sklaven Eingang fand? Während uns die Feinde über dem Haupte stehen, sollen wir von den Waffen abtreten und auf Verordnungen antragen?» Hier wandte er seine Rede an die Menge. «Wenn euch, Quiriten, für eure Stadt, für euer eignes Wohl, kein Gefühl ergreift, so achtet doch eure Götter, die der Feind gefangen hält! Der allmächtige Jupiter ; die Königinn Juno, und Minerva, und so viele Götter und Göttinnen sind von Feinden umringt! Ein Sklavenlager umschließt die Schutzgötter eures Stats! – Könnt ihr hierin das Bild eines gesunden States sehen? Nicht bloß innerhalb der Mauern, sogar auf der Burg, über dem Markte und über dem Rathhause sind Scharen von Feinden; und unterdeß wird auf dem Markte Volkstag gehalten; der Senat ist auf dem Rathhause; nicht anders, als in der tiefsten Ruhe, trägt der Rathsherr seine Meinung vor, und die übrigen Quiriten schreiten zur Stimmensammlung. Mußte nicht Alles, was Väter und Bürger heißt, mußten nicht Consuln, Tribunen, Götter und Menschen, alle bewaffnet zur Hülfe aufstehen, auf das Capitol eilen und jenem ehrwürdigen Wohnsitze des allmächtigen Jupiter Freiheit und Ruhe wiedergeben? Vater Romulus, verleihe du deinen Nachkommen deine Fassung. mit der du einst diese Burg, welche eben diese Sabiner durch Gold erobert hatten wieder gewannest! Laß sie denselben Weg hinangehen, auf welchem du Führer warst, und dein Heer dir nachzog! Sieh herab auf mich; ich als Consul gehe voran, dir und deiner Spur, soweit ein Sterblicher einem Gotte nachstreben kann, zu folgen.» Am Schlusse seiner Rede sagte er, «er greife zu den Waffen, und rufe alle Quiriten zu den Waffen. Wer sich dagegen setze, den werde er, ohne auf seine bloß consularischen Rechte, ohne auf tribunicische Macht und beschworne Gesetze Rücksicht zu nehmen, – wer er auch sei und wo er auch sei, auf dem Capitole, auf dem Markte – als Feind ansehen. Die Tribunen möchten es versuchen, weil sie doch gegen den Appius Herdonius die Waffen zu ergreifen verboten, sie gegen den Consul, Publius Valerius, aufzubieten: dann werde er gegen die Tribunen dasselbe wagen, was der Stifter seines Stammes gegen die Könige gewagt habe.» Man sah offenbar, es werde zum gewaltthätigsten Ausbruche kommen und die Zwietracht der Römer den Feinden ein Schauspiel gewähren: dennoch konnte weder der Vorschlag durchdringen, noch der Consul aufs Capitol ziehen. Die Nacht unterbrach den schon beginnenden Kampf: aus Furcht vor den Waffen der Consuln machten sich die Tribunen gegen die Nacht beiseite. Als sich die Anführer des Aufruhrs entfernt hatten, gingen die Väter bei den Bürgern herum, mischten sich in ihre Zirkel, sprachen mit ihnen, wie es die Umstände verlangten, und forderten sie auf, zu bedenken, in welche Gefahr sie den Stat stürzten. Dies sei ja kein Streit zwischen Vätern und Bürgern, sondern Väter und Bürger zugleich, die Burg der Stadt, die Tempel der Götter, die Schutzgötter des Stats und jedes Einzelnen würden dem Feinde hingegeben.» Indeß sie so auf dem Markte mit Beseitigung des Zwistes sich beschäftigten, hatten die Consuln an den Thoren und auf den Mauern gegen einen möglichen Angriff von Seiten der Sabiner, oder Vejenter, Vorkehrungen getroffen. 18. In derselben, Nacht hatte man auch zu Tusculum 226 die Eroberung der Burg, die Besetzung des Capitols und die übrigen Umstände der Verwirrung zu Rom erfahren. Lucius Mamilius war Dictator zu Tusculum. Er berief sogleich den Senat, ließ die Boten vor und drang darauf, «Nicht so lange zu warten, bis von Rom Gesandte mit der Bitte um Hülfe ankämen. Schon die Gefahr selbst, die dringenden Umstände, die Götter des Bundes und die Pflicht des Vertrages fordere sie. Eine so gute Gelegenheit, sich einen so mächtigen, so nahen Stat verbindlich zu machen, würden die Götter nie wieder verleihen.» Die Hülfsleistung wurde beschlossen, Mannschaft aufgeboten, Waffen ausgetheilt. Als sie mit dem ersten Tageslichte vor Rom ankamen, hielt man sie in der Ferne für Feinde: man glaubte Äquer oder Volsker im Anzuge zu sehen. Sobald indeß die eingebildete Gefahr vorüber war, ließ man sie in die Stadt und sie zogen auf den Markt hinab. Hier war Publius Valerius, der seinen Amtsgenossen bei den Posten an den Thoren gelassen hatte, schon mit Stellung einer Linie beschäftigt. Der geltende Mann hatte bei den Bürgern mit seinem Versprechen Eingang gefunden: «Wenn sie nach Wiedereroberung des Capitols und nach Beruhigung der Stadt sich belehren lassen wollten, was für geheime Ränke die Tribunen in jenem Vorschlage beabsichtigten, so wolle er, eingedenk seiner Vorältern, eingedenk seines Zunamens, mit welchem ihm die Sorge für das Volk von seinen Vorfahren gleichsam erblich übertragen sei, in der Versammlung der Bürger keine Störungen machen.» Sie überließen sich seiner Anführung, ohne sich durch das Gegengeschrei der Tribunen umrufen zu lassen, und rückten in Schlachtordnung zum Capitolinischen Hügel hinauf. Die Legion Tusculaner schloß sich an. Bundesgenossen und Bürger wetteiferten um den Besitz der Ehre, die Burg wiedererobert zu haben. Beide Feldherren sprachen den Ihrigen Muth ein. Jetzt traf Verlegenheit die Feinde: nur auf den Ort konnten sie sich verlassen. Auf die Bestürzten thaten Römer und Bundesgenossen den Angriff. Schon waren sie bis auf den Vorplatz des Tempels durchgebrochen, als Publius Valerius, der an der Spitze den 227 Kampf belebte, fiel. Der Consular, Publius Volumnius, sah ihn sinken, befahl seinen Leuten, den Leichnam zu decken und flog voran in die Stelle und in den Posten des Consuls. In der .Hitze des Angriffs blieb ein so wichtiges Ereigniß dem Soldaten unbemerkt: er hatte schon gesiegt, ehe er gewahr wurde, daß er ohne Feldherrn focht. Nun floß der Tempel vom Blute der Vertriebenen; viele wurden ergriffen: Herdonius fiel. So war das Capitol wiedergewonnen. Die Hinrichtung der Gefangenen war ihrem Stande gemäß, je nachdem einer Freier oder Sklave war Freigeborene wurden mit dem Beile enthauptet, Sklaven gekreuzigt. . Den Tusculanern dankte der Senat. Das Capitol wurde gereinigt und wieder geweihet. In das Haus des Consuls sollen die Bürger Viertel-Asse Das Viertel eines damaligen Ass beträgt etwa anderthalb Pfennige unsres Geldes. hineingeworfen haben, damit er so viel feierlicher begraben werden möchte. 19. Nach gewonnenem Frieden drangen die Tribunen in die Väter, das Versprechen des Publius Valerius zu erfüllen; und in den Claudius, seinen Amtsgenossen nicht im Grabe zum Lügner zu machen, und die Verhandlungen über den Vorschlag geschehen zu lassen. Der Consul sagte: Bevor er nicht seinen Amtsgenossen durch die Nachwahl ersetzt habe, werde er keine Verhandlungen über den Vorschlag gestatten. Diese Streitigkeiten dauerten bis zu dem Tage, der zur Wahl eines Nachconsuls angesetzt war. Im December wurde, auf eifrigen Betrieb der Väter, Lucius Quinctius Cincinnatus, der Vater des Cäso, zum Consul ernannt, der das Amt sogleich antreten sollte. Die Bürgerlichen waren betroffen, da sie sich in ihm eines zürnenden Consuls versahen, dem die Gunst der Väter und eigner Werth Gewicht gaben, und drei Söhne, von denen keiner dem Cäso an Geistesgröße nachstand, ja die ihn an Bedachtsamkeit und Mäßigung, wenn diese nöthig waren, übertrafen. Nachdem er sein Amt angetreten hatte, trieb er in seinen täglichen Reden von der Bühne herab mit gleicher 228 Heftigkeit das Volk zu Paren, und machte dem Senate Vorwürfe. «Es liege bloß an der Schlaffheit dieses Ordens, daß nunmehr ewigbeamtete Bürgertribunen, nicht wie in einem Volksstate von Römern, sondern wie in einer schlechten Wirthschaft, durch ihre fertige Zunge und Verläumdungen die Allgebietenden waren. Mit seinem Sohne Cäso sei Heldenmuth, Standhaftigkeit und Alles, was jungen Männern im Kriege und Frieden Ehre mache, ausgebannet und vertrieben. Schwätzer, Aufrührer, Stifter des Unfriedens, durch die schlechtesten Mittel schon zwei- bis dreimal Tribunen, lebten in einer königlichen Ungebundenheit. Hat etwa Aulus Virginius dort,» sprach er weiter, «weil er nicht mit auf dem Capitole war, eine gelindere Todesstrafe verdient, als Appius Herdonius? Bei Gott, wenn man die Sache nach der Wahrheit nimmt, eine weit härtere! Herdonius hat doch wenigstens dadurch, daß er sich für einen Feind gab, euch, ich möchte sagen, angedeutet, daß ihr zu den Waffen greifen solltet: dieser Mensch aber nahm euch durch die Behauptung, es sei kein Krieg, die Waffen, und gab euch wehrlos euren Sklaven und Vertriebenen preis. Und dennoch rücktet ihr – mag mir Cajus Claudius den Vorwurf, und Publius Valerius im Grabe, verzeihen – gegen den Capitolinischen Hügel an, ohne vorher diese Feinde vom Markte vertilgt zu haben? – Schämen müssen wir uns vor aller Welt! Als die Feinde auf der Burg, auf dem Capitole standen, ein Führer von Vertriebenen und Sklaven Alles entweihet, und im Allerheiligsten Jupiters, des Allmächtigen, sein Wohnzimmer hatte; griff man in Tusculum eher zu den Waffen, als in Rom! Man konnte fragen, ob Lucius Mamilius, der Tusculanische Feldherr, oder ob die Consuln, Publius Valerius und Cajus Claudius, die Burg zu Rom befreien würden! Und wir, die wir sonst die Latiner, auch nicht einmal zu ihrer eignen Vertheidigung, wenn sie den Feind im Lande hatten, die Waffen anrühren ließen, wir waren erobert und vernichtet, wenn nicht Latiner ungefordert die Waffen 229 nahmen! Nennt ihr das, ihr Tribunen, dem Bürger Hülfe leisten; ihn wehrlos dem Feinde zum Niederhauen preisgeben? Freilich, wenn der niedrigste Mensch aus eurem Bürgerstande, den ihr als einen vom ganzen Gesamtvolke losgerissenen Theil, zu eurem Vaterlande, zu eurem besondern State gemacht habt, – wenn einer von diesen euch meldete, seine Sklaven hätten sich bewaffnet und belagerten ihm das Haus: ihr würdet ihm geholfen wissen wollen. Und Jupiter, der Allmächtige, von den Waffen Vertriebener und Sklaven umringt, war keiner menschlichen Hülfe würdig? Und solche Menschen verlangen, eine heilige Würde zu haben, denen die Götter selbst nicht heilig, nicht ehrwürdig sind? Doch was höre ich? ihr, mit Frevel gegen Götter und Menschen beladen, lasset euch verlauten, ihr würdet in diesem Jahre den Vorschlag gültig machen? Dann müßte, bei Gott! an jenem Tage, an welchem ich zum Consul ernannt bin, der Stat übelberathen gewesen sein; weit übler noch, als an jenem, da Publius Valerius fiel: wenn ihr das durchsetzt. Vor allen Dingen, ihr Quiriten – so fuhr er fort – finden ich und mein Amtsgenoß für gut, die Legionen gegen die Volsker und Äquer auszuführen. Ich weiß nicht, wie es zugehet, daß uns die Götter im Kriege geneigter sind, als im Frieden. Die Größe der Gefahr, die wir von jenen Völkern befürchten mußten, wenn sie gewußt hätten, daß das Capitol von Vertriebenen besetzt sei, wollen wir lieber aus dem Vergangenen abnehmen, als in der That erfahren.» 20. Des Consuls Rede hatte auf die Bürger Eindruck gemacht. Voll Freude hielten die Väter die Statsregierung wieder für ihr Eigenthum: und hatte es gleich der andre Consul, zur Begleitung muthiger, als zum Vorangehen, gern geschehen lassen, daß in Betreibung einer so schwierigen Sache sein Amtsgenoß die Bahn brach, so erklärte er sich doch zur Ausführung alles dessen, was das Consulat für seinen Theil von ihm forderte, sehr bereit. Da setzten ihnen die Tribunen, die dies Alles als leere Worte verspotteten, mit der Frage zu: «Wie denn die Consuln mit 230 einem Heere ausrücken wollten., da ihnen niemand die Werbung gestatten werde.» – «Haben wir doch,» antwortete Quinctius, «gar keine Werbung nöthig; denn damals, als Publius Valerius den Bürgern zur Wiedereroberung des Capitoles die Waffen gab, haben alle auf die Formel geschworen: Sich auf Befehl des Consuls zu stellen und ohne seinen Befehl nicht aus einander zu gehen . Folglich kündigen wir euch, die ihr den Eid geleistet habt, hiemit an, euch morgendes Tages bewaffnet am See Regillus einzufinden.» Die Tribunen wollten zwar das Volk von seinem Eide durch die Ausflucht entbinden, daß Quinctius, als die Bürger den Eid geleistet hatten, noch Privatmann gewesen sei. Noch aber war diese Geringschätzung der Götter, die über unser Zeitalter sich verbreitet hat, nicht eingetreten; damals machte man sich Eid und Gesetze noch nicht durch eigne Auslegung bequem, sondern richtete lieber seinen Wandel nach ihnen ein. Da also die Tribunen alle Hoffnung, die Sache zu hintertreiben, aufgeben mußten, so trugen sie darauf an, das Heer noch weiter zu entfernen; um so viel mehr, weil ein Gerücht sagte: «Man habe auch Vogelschauer befehligt, am Regillischen See sich einzufinden, und es werde daselbst ein Ort eingeweihet, wo man nach eingeholter Zustimmung der Götter Anträge vor das Volk bringen könne, um Alles, was in Rom durch die tribunicische Gewalt eingeführt sei, durch eine dort zu haltende Versammlung wieder abzuschaffen. Dort würden Alle zu Allem, was den Consuln beliebe, ihre Einwilligung geben; denn über tausend Schritte von der Stadt hinaus sei die Ansprache an das Volk nicht gültig: wollten aber die Tribunen sich dort einfinden, so würden sie mit den übrigen Quiriten zugleich dem consularischen Oberbefehle unterworfen sein.» Dies machte sie besorgt: allein was sie am meisten beunruhigte, war dies, daß sich Quinctius zum öftern verlauten ließ, «er werde gar keinen Versammlungstag zur Consulnwahl ansetzen. Die Krankheit des States sei nicht von der Art, daß er durch gewöhnliche Mittel gerettet werden könne. Das 231 allgemeine Beste erfordere einen Dictator, damit jeder, der es wagen würde, die Statsverfassung anzutasten, die Erfahrung machen könne, daß von der Dictatur keine Ansprache statt finde.» 21. Der Senat war auf dem Capitole . Die Tribunen kamen mit dem bedrängten Bürgerstande hieher. Die Menge wandte sich mit großem Geschreie um Hülfe bald an die Consuln, bald an die Väter, doch brachten sie den Consul nicht eher von seinem Entschlusse zurück, als bis die Tribunen versprachen, sich dem Gutachten der Väter zu fügen. Nun wurden, auf des Consuls Antrag über die Forderungen der Tribunen und des Bürgerstandes, die Senatsschlüsse gemacht: «Die Tribunen sollten in diesem Jahre den Vorschlag nicht weiter rügen; aber auch die Consuln das Heer nicht aus der Stadt abführen. Obrigkeitliche Amtsverwaltungen ferner zu verlängern, und dieselben Tribunen wieder zu wählen, halte der Senat dem gemeinen Besten für nachtheilig.» Die Consuln befolgten den Willen der Väter; allein die Tribunen ließen sich, des lauten Widerspruchs von den Consuln ungeachtet, abermals wählen. Nun wollten die Väter ebenfalls, um dem Bürgerstande kein Vorrecht zu lassen, den Lucius Quinctius wieder zum Consul machen. Allein er erklärte sich dagegen in einer so heftigen Rede, wie er sie in seinem ganzen Consulate nicht gehalten hatte. «Soll ich mich darüber wundern,» sprach er, «ihr versammelten Väter, wenn euer Gutachten bei dem Bürgerstande unwirksam ist? Ihr selbst hebt es auf. Weil das Volk den Schluß des Senats über die Verlängerung der Ämter umstößt, so seid ihr eben so darüber aus, ihn umzustoßen, um der Unbesonnenheit des großen Haufens nicht nachzugeben; gerade, als ob das Übergewicht im State darauf beruhe, daß man mehr Leichtsinn und Ungebundenheit zeige; denn es verräth doch unstreitig mehr Leichtsinn und Unzuverlässigkeit, wenn man seine eigenen Ausfertigungen und Beschlüsse, als wenn man die von andern aufhebt. Seid immerhin, ihr versammelten 232 Väter, das Nachbild des unüberlegten Haufens: und ihr, die ihr andern ein Muster sein sollt, mögt lieber nach dem Beispiele anderer sündigen, als daß ihr sie nach eurem recht handeln lasset; wenn ich nur die Tribunen nicht nachahme, und mich nicht gegen den Senatsschluß zum Consul ernennen lasse. Dich aber, Cajus Claudius, fordre ich auf, theils für dich selbst dem Römischen Volke diese Übertretung zu wehren, theils in Rücksicht meiner überzeugt zu sein, daß ich dies nicht so aufnehmen werde, als habest du mich um dies Ehrenamt bringen wollen, sondern vielmehr glaube, daß du meinen Ruhm, diese Ehrenstelle ausgeschlagen zu haben, befördert, und den Vorwurf, der mich über ihre Beibehaltung treffen mußte, von mir abgewandt habest.» Darauf erließen beide die gemeinschaftliche Verordnung: «Es solle niemand dem Lucius Quinctius seine Stimme zum Consulate geben. Wenn es jemand thäte, so würden sie auf diese Stimme keine Rücksicht nehmen.» Quintus Fabius Vibulanus und Lucius Cornelius Maluginensis wurden zu Consuln gewählt; jener zum drittenmale. In diesem Jahre wurde die Schatzung gehalten: allein das Schatzungsopfer zu vollziehen, trug man Bedenken, weil das Capitol erobert gewesen und ein Consul geblieben war. 22. Unter den Consuln Quintus Fabius und Lucius Cornelius gab es gleich im Anfange des Jahres Unruhen. Die Tribunen verhetzten das Volk. Die Aussagen der Latiner und Herniker droheten einen schweren Krieg mit den Volskern und Äquern . «Die Legionen der Volsker standen schon zu Antium .» Selbst den Abfall dieser Pflanzstadt fürchtete man sehr: und konnte doch nur mit Mühe von den Tribunen erlangen, daß sie den Krieg Allem vorgehen ließen. Nun theilten sich die Consuln in die Geschäfte. Fabius bekam den Auftrag, die Legionen nach Antium zu führen; Cornelius, Rom zu decken, damit nicht ein Theil der Feinde, nach der Äquer Sitte, zum Plündern heranzöge. Die Herniker und Latiner mußten vertragsmäßig Soldaten stellen, und so bestanden zwei 233 Theile im Heere aus Bundesgenossen, der dritte aus Bürgern. Als die Bundesgenossen sich auf den bestimmten Tag einstellten, bezog der Consul vor dem Capenischen Thore ein Lager. Dann ging er nach Musterung seines Heers nach Antium und setzte sich nicht weit von der Stadt und dem feindlichen Standlager. Da die Volsker, ohne sich in ein Treffen einzulassen, weil das Äquische Heer noch nicht zu ihnen gestoßen war, bloß Vorkehrungen trafen, sich ruhig hinter ihrem Walle zu vertheidigen, so führte Fabius am folgenden Tage sein Heer gegen den feindlichen Wall, aber nicht in Einer aus Bundesgenossen und Bürgern gemischten, sondern in drei nach den drei Völkern abgesonderten Schlachtordnungen. Er selbst mit den Römischen Legionen stand in der Mitte. Von hieraus hieß er alle das Zeichen erwarten, damit die Bundesgenossen zugleich mit ihm angreifen, und, wenn er zum Rückzuge blasen ließe, abziehen könnten. Auch gab er jeder Abtheilung ihre eigne Reuterei zum Hintertreffen. So umringte er das Lager in dreifachem Angriffe, und da er von allen Seiten eindrang, warf er die seinem Einbruche weichenden Volsker vom Walle, überstieg die Verschanzungen und jagte den flüchtigen, nach Einer Seite hinstürzenden Schwarm aus dem Lager. Auf dieser ausgebreiteten Flucht kam die Reuterei, die bis dahin als Zuschauer des Treffens dagestanden hatte, weil sie den Wall nicht so gut erstürmen konnte, in freiem Felde über sie, und erntete durch das Gemetzel unter den Gescheuchten ihren Antheil am Siege. Groß war die Niederlage, sowohl im Lager, als unter den Fliehenden außerhalb der Verschanzungen; noch größer die Beute, weil der Feind kaum seine Waffen mitnehmen konnte; und das Heer würde vertilgt sein, wenn nicht Wälder seine Flucht gedeckt hätten. 23. Wahrend dies bei Antium vorfiel, eroberten die Äquer mit dem vorangeschickten Kerne ihrer Mannschaft, die Burg zu Tusculum durch einen nächtlichen Überfall, und lagerten sich mit dem übrigen Heere, um die Macht des Feindes zu trennen, vor Tusculums Mauern. Diese 234 Nachricht, die schnell nach Rom, von Rom ins Lager nach Antium lief, machte auf die Römer den Eindruck, als würde ihnen die Eroberung des Capitols gemeldet: so neu war theils das Verdienst der Tusculaner ; theils schien selbst die Ähnlichkeit ihrer Gefahr eine Erwiederung der geleisteten Hülfe zu fordern. Fabius, der alles Andre aufgab, ließ die Beute aus dem Lager schleunig nach Antium zusammenfahren, stellte hier eine mäßige Besatzung an, und flog in Eilmärschen nach Tusculum . Der Soldat durfte nichts mitnehmen, als die Waffen und was er an Gebackenem vorräthig hatte. Die Zufuhr besorgte Consul Cornelius von Rom aus. Der Krieg vor Tusculum dauerte mehrere Monate. Mit dem einen Theile seines Heers bestürmte der Consul das Lager der Äquer ; den andern hatte er den Tusculanern zur Wiedereroberung ihrer Burg gegeben. Hier im Sturme hinanzukommen, war nicht möglich. Zuletzt nöthigte der Hunger die Feinde, herabzukommen. Und als sie sich in der höchsten Noth hierzu verstehen mußten, ließen die Tusculaner sie sämtlich, entwaffnet und entkleidet, unter einem Jochgalgen abziehen. Als sie auf dieser schimpflichen Flucht ihrer Heimat zuwanderten, erreichte sie auf dem Algidus der Römische Consul und hieb sie zusammen. Bei Columen – so hieß der Ort, wohin der Sieger sein Heer zurückführte Weil die gewöhnliche Lesart (exercitu relicto ) keinen Sinn giebt, so habe ich die von Mehrern gebilligte ( reducto ) übersetzt. – bezog er ein Lager. Nun rückte der andre Consul, da für Roms Mauern, nach Besiegung des Feindes, die Gefahr aufgehört hatte, ebenfalls aus Rom. Und so plünderten die Consuln, die von zwei Seiten den Feinden ins Land fielen, dort die Volsker, hier die Äquer, um die Wette. Bei den meisten Schriftstellern finde ich, daß die Antiaten in diesem Jahre abgefallen sein sollen. Indeß für gewiß zu behaupten, daß der Consul Lucius Cornelius diesen Krieg geführt und die Stadt erobert habe, möchte ich, da die älteren Geschichtschreiber dessen nicht Erwähnung thun, nicht wagen. 235 24. Nach Endigung dieses Krieges schreckte zu Hause die Väter der Krieg mit den Tribunen. Diese schrieen: «Es geschehe aus böser Absicht, daß man das Heer so lange im Felde lasse, und sei ein Kunstgriff, um den Vorschlag zu unterdrücken: dessen ungeachtet wollten sie die angefangene Sache ausführen.» Dennoch bewirkte Publius Lucretius, der Stadtvorsteher, daß die Verhandlungen der Tribunen hierüber bis zur Ankunft der Consuln ausgesetzt wurden. Noch hatte sich eine neue Veranlassung zu Unruhen gefunden. Die Quästoren Damals etwa: mit peinlichen Untersuchungen beauftragte Fiscale. Aulus Cornelius und Quintus Servilius hatten den Marcus Volscius, weil er gegen den Cäso offenbar als falscher Zeuge aufgetreten sei, vor Gericht geladen. Es ergab sich nämlich durch mehrere Aussagen, einmal, daß des Volscius Bruder, seitdem er befallen gewesen, sich nicht nur niemals wieder habe öffentlich sehen lassen, sondern nicht einmal von seiner Krankheit erstanden und an einer Monate daurenden Auszehrung gestorben sei: zum andern, daß Cäso in jener Zeit, welche der Zeuge seiner Beschuldigung unterlegte, nie in Rom gesehen sei, indem diejenigen, welche zugleich mit ihm im Dienste gewesen waren, versicherten, daß er damals mit ihnen immerfort, ohne Urlaub zu nehmen, unter der Fahne gestanden habe. Daß sich die Sache so verhalte, dies erboten sich viele auf ihre eigne Gefahr dem Volscius vor jedem Richter zu erweisen. Da er es nun nicht wagte, sich einem Richter zu stellen, so ließen alle diese zusammentreffenden Umstände die Verdammung des Volscius eben so sicher erwarten, als vorhin die des Cäso auf das Zeugniß des Volscius. Doch hinderten diese die Tribunen durch die Erklärung, sie würden nicht zugeben, daß die Quästoren des Beklagten wegen einen Volkstag hielten, wenn nicht zuvor einer des Vorschlags wegen gehalten sei. So wurden beide Sachen bis zur Ankunft der Consuln hingehalten. Als nun diese triumphirend mit dem siegreichen Heere 236 in die Stadt gezogen waren, so glaubten Viele, weil über den Vorschlag Alles still blieb, die Tribunen hätten den Muth verloren. Allein diese, die damit umgingen, zum viertenmale Tribunen zu werden – denn es war schon am Ende des Jahrs – veranlaßten, statt des Streites über den Vorschlag, einen Zank über ihre Wahl. Und ob sich gleich die Consuln der Verlängerung des Tribunats mit nicht geringerem Eifer widersetzten, als geschähe jetzt der Antrag über jenen zur Herabsetzung ihrer Würde ausgehängten Vorschlag, so blieb dennoch der Sieg in diesem Streite den Tribunen. Auch wurde in diesem Jahre den Äquern der erbetene Friede bewilligt. Die Schatzung, die im vorigen Jahre angefangen war, wurde beendet und mit einem Schatzungsopfer – dem zehnten nach Erbauung der Stadt – geschlossen. Geschatzt wurden hundert und siebzehntausend dreihundert neunzehn Bürgerköpfe. Die Consuln hatten sich in diesem Jahre zu Hause und im Kriege großen Ruhm erworben. Im Felde hatten sie Frieden erkämpft: im Innern war der Stat, wenn auch nicht einig, doch minder entzweiet, als sonst. 25. Die nun gewählten Consuln, Lucius Minucius und Cajus Nautius, fanden zwei aus vorigem Jahre rückständige Angelegenheiten vor. So wie die Consuln den Vorschlag, so verhinderten die Tribunen das Verhör des Volscius ; allein die neuen Quästoren waren Männer von mehr Kraft und Ansehen. Mit dem Marcus Valerius, des Manius Daß es hier statt Valerius heißen müsse Maniu s, zeigt Drakenborch . Sohne und des Volesus Enkel, war Titus Quinctius Capitolinus Quästor, der dreimal Consul gewesen war. Dieser verfolgte, weil er die Quinctische Familie ihres Cäso und den Stat seines vorzüglichsten jungen Mannes unwiederbringlich beraubt sah, den falschen Zeugen, der dem Unschuldigen die Selbstvertheidigung vor Gericht unmöglich gemacht hatte, mit einem Kriege, welchen Gerechtigkeit und Vaterpflicht billigten. Virginius hauptsächlich und die Tribunen betrieben die Durchsetzung 237 des Vorschlages; und den Consuln wurden zwei Monate Frist gegeben, den Vorschlag zu untersuchen, dann aber auch das Gesamtvolk, wenn sie es über die darunter beabsichtigten geheimen Ränke belehrt hätten, an der Abstimmung über denselben nicht zu hindern. Diese bewilligte Zwischenzeit bewirkte in der Stadt den Frieden. Allein eine daurende Ruhe verstatteten die Äquer nicht. Sie brachen den im vorigen Jahre mit den Römern geschlossenen Frieden, und übertrugen den Oberbefehl dem Gracchus Clölius . Er war damals bei weitem der angesehenste Äquer . Unter Anführung des Gracchus fielen sie feindlich plündernd in das Lavicanische Gebiet, von da ins Tusculanische, und lagerten sich mit Beute beladen auf dem Algidus . In dieses Lager kamen als Gesandte von Rom Quintus Fabius, Publius Volumnius, Aulus Postumius, um sich über die Gewaltthätigkeit zu beklagen und dem Friedensschlusse gemäß Genugthuung zu fordern. Der Feldherr der Äquer hieß sie «ihre Aufträge vom Römischen Senate an die Eiche bestellen: er habe indeß andre Dinge zu thun.» Über sein Hauptzelt ragte ein großer Eichbaum her, dessen Schatten den Wohnsitz kühlte. Da sprach einer der Gesandten im Weggehen: «Diese geheiligte Eiche und alle Götter mögen es hören, daß ihr den Frieden gebrochen habt; mögen [sie] jetzt unserer Klagen und bald unsrer Waffen sich annehmen, wann wir für die von euch zugleich verletzten göttlichen und menschlichen Rechte Rache nehmen werden.» Als die Gesandten nach Rom zurückkamen, befahl der Senat dem einen Consul, mit einem Heere gegen den Gracchus auf den Algidus zu gehen; dem andern machte er die Plünderung des Äquischen Gebiets zum Geschäfte. Die Tribunen widersetzten sich nach ihrer Gewohnheit der Werbung, und vielleicht hätten sie es aufs äußerste getrieben: allein plötzlich trat ein neuer Schrecken ein. 26. Feindlich plündernd kam ein großer Schwarm Sabiner nahe an die Stadtmauern. Die Dörfer wurden übel mitgenommen und die Stadt in Schrecken gesetzt. Da griffen die Bürger gutwillig zu den Waffen. Gegen alle 238 Einwendungen der Tribunen wurden zwei große Heere geworben. Das eine führte Nautius gegen die Sabiner, nahm sein Lager bei Eretum, und richtete, auf kleinen Streifzügen, meistens durch nächtliche Einfälle, im Sabinischen eine solche Verwüstung an, daß im Vergleiche mit dieser das Römische Gebiet vom Kriege fast unberührt schien. Minucius hatte in der Führung seines Geschäfts weder dasselbe Glück, noch dieselbe Geisteskraft. Denn da er in des Feindes Nähe sein Lager genommen hatte, hielt er sich, ohne eine bedeutende Niederlage erlitten zu haben, schüchtern im Lager. Als dies die Feinde merkten, stieg ihnen natürlich bei der Furchtsamkeit ihres Gegners der Muth; und da ihnen in einem nächtlichen Angriffe der dreiste Sturm nicht sonderlich gelang, so umgaben sie das Lager Tags darauf mit Werken. Ehe diese durch den ringsum aufgeworfenen Wall die Ausgänge schlossen, entkamen fünf Ritter durch die feindlichen Posten und meldeten in Rom die Einschließung des Consuls und des Heers. Nichts konnte so unvermuthet, so ganz gegen die Erwartung eintreten. Darum war auch der Schrecken und die Bestürzung so groß, als hätten die Feinde die Stadt, nicht das Lager, eingeschlossen. Der Consul Nautius wurde einberufen. Da man sich aber durch ihn noch nicht geschützt genug hielt, und es nöthig fand, einen Dictator zu wählen, der im Stande sei, die schlimme Sache wieder gut zu machen, so wurde Lucius Quinctius Cincinnatus einstimmig dazu ernannt. Hier möchte ich denen Aufmerksamkeit empfehlen, in deren Augen Alles im menschlichen Leben dem Reichthume nachsteht; die ein hohes Ehrenamt oder Verdienst immer an seiner unrechten Stelle finden, außer wo Vermögen in vollen Strömen sich sammelt. Der einzige für die Oberherrschaft Roms zu erwartende Retter, Lucius Quinctius, beackerte jenseit der Tiber, gerade dem Platze gegenüber, wo jetzt die Schifflände ist, ein Grundstück von vier Morgen, welches jetzt die Quinctische Wiese heißt. Hier baten ihn die Gesandten, wie er, entweder beim Grabenziehen sich auf den Spaten stämmete, oder pflügte; 239 wenigstens, was man gewiß weiß, mit einer Landarbeit beschäftigt war; nach gegenseitiger Begrüßung, er möge zum Segen für ihn selbst und für den Stat, die Anträge des Senats in der Toga vernehmen. Voll Verwunderung und unter Fragen: «Ob nicht alles gut stehe,» hieß er seine Gattinn Racilia eilends die Toga aus der Hütte herbringen. Als er sich den Staub und Schweiß abgewischt hatte und nun gekleidet auftrat, begrüßten ihn die glückwünschenden Gesandten als Dictator, beriefen ihn zur Stadt und schilderten ihm die Gefahr des Heeres. Das Schiff zur Abholung des Quinctius gab der Stat: nach seiner Überfahrt empfingen ihn drei Söhne, die ihm entgegen gegangen waren; weiterhin die andern Verwandten und Freunde; zuletzt der größere Theil der Väter. Diese zahlreiche Umgebung geleitete ihn unter Vortritt der Beilträger bis an sein Haus. Auch der Zulauf der Bürgerschaft war groß: doch sah diese den Quinctius gar nicht zu ihrer Freude, weil sie theils die Gewalt seines Amts für zu groß, theils ihn selbst für den Mann hielt, der eben in dieser Amtsgewalt noch strenger sein werde. Indeß that man für die nächste Nacht in der Stadt nichts weiter, als daß man wach blieb. 27. Als der Dictator noch vor Anbruch des folgenden Tages auf den Markt gekommen war, ernannte er zum Magister Equitum den Lucius Tarquitius, aus adlichem Geschlechte, der unter allen jungen Männern Roms, ob er gleich aus Armuth zu Fuße gedient hatte, bei weitem für den ersten Krieger galt. Mit dem Magister Equitum trat er in die Versammlung, verordnete einen Gerichtsstillstand, ließ in der ganzen Stadt die Kaufladen schließen und untersagte die Betreibung jeder Privatsache. Dann hieß er Alle vom dienstfähigen Alter, bewaffnet, mit fertigem Mundvorrathe auf fünf Tage, und zwölf Schanzpfählen, vor Sonnenuntergang auf dem Marsfelde erscheinen: wer zum Dienste zu alt sei, solle dem Dienste thuenden Nachbar, während dieser seine Waffen in Stand setze und Schanzpfähle hole, seine Kost bereiten. Nun liefen die Jünglinge umher, sich Pfähle zu holen; jeder nahm sie, wo er sie 240 zunächst fand, ohne von jemand gehindert zu werden; und alle stellten sich dem Befehle des Dictators ungesäumt. Nach Anordnung des Zuges führte der Dictator selbst das Fußvolk, der Magister Equitum seine Reuterei; zum Treffen erforderlichen Falls in so guter Verfassung, als zum Marsche. In beiden Zügen hörte man Ermunterungen, wie die Lage der Dinge sie forderte. «Sie möchten den Schritt verdoppeln: es sei Eile nöthig, um in der Nacht an den Feind kommen zu können: ein Römischer Consul sei mit seinem Heere eingeschlossen; schon in den dritten Tag umringt: man könne nicht wissen, was jeden Tag, jede Nacht sich ereignen könne: oft beruhe die Entscheidung der wichtigsten Dinge auf einem Augenblicke.» Auch riefen sie selbst, um sich den Heerführern gefällig zu machen, unter einander: «Fähnrich, den Schnellschritt! Ihm nach, Soldat!» Um Mitternacht erreichten sie den Algidus, und als sie merkten, daß sie dem Feinde schon nahe waren, machten sie Halt. 28. Hier befahl der Dictator, der das feindliche Lager umritt, und soviel Übersicht ihm die Nacht gestattete, die Lage und Gestalt desselben in Augenschein nahm, den Obersten, die Soldaten ihr Gepäck zusammenwerfen und sie dann wieder mit ihren Waffen und Schanzpfählen in die Glieder treten zu lassen. Der Befehl wurde vollzogen. Darauf stellte er, in der Ordnung, die sie unterwegs gehabt hatten, das ganze Heer in einem langen Zuge um das feindliche Lager, befahl allen, auf ein gegebenes Zeichen ein Geschrei zu erheben, und nach dem Geschreie sollte jeder sein Loch graben und den Pfahl einsenken. Der Bekanntmachung des Befehls folgte das Zeichen. Der Soldat vollzog, was ihm befohlen war. Geschrei umtönte die Feinde. Es scholl über das feindliche Lager weg und drang zum Lager des Consuls. Dort erregte es Bestürzung: hier außerordentliche Freude. Die Römer, die sich einander glückwünschend zuriefen: «Das sei ein Geschrei von Landsleuten, und es sei Entsatz gekommen,» setzten nun selbst, von den Posten und Wachen aus, den Feind in Schrecken. Der Consul versicherte, «sie dürften nicht 241 säumen. Jenes Geschrei bedeute nicht bloß die Ankunft der Ihrigen, sondern den schon gethanen Angriff, und es müsse wunderbar zugehen, wenn das feindliche Lager nicht schon von der Außenseite bestürmt werde.» Also hieß er die Seinigen zu den Waffen greifen und ihm folgen. Noch in der Nacht fingen seine Legionen das Treffen an, und gaben dem Dictator durch ein Geschrei zu verstehen, daß auch auf dieser Seite die Sache schon im Werke sei. Eben schickten die Äquer sich an, ihre Einschließung durch das Pfahlwerk zu verhindern, als sie auf das von dem inneren Feinde eröffnete Gefecht, aus Furcht, er möchte mitten durch ihr Lager hinausbrechen, von den Schanzenden sich gegen den Angriff von innen wandten, und die Fortsetzung der Werke die Nacht über ungestört ließen. So fochten sie mit dem Consul bis zum Tage. Mit Tagesanbruch waren sie schon vom Dictator umpfählt; und dabei kaum dem Gefechte mit Einem Heere gewachsen. Nun wurde vom Quinctischen Heere, das sogleich nach Vollendung der Werke die Waffen wieder nahm, ihr Wall angegriffen: hier drängte sie ein neues Gefecht, und jenes frühere hatte noch nicht nachgelassen, In dieser Noth von beiden Seiten baten sie, vom Kampfe zum Flehen herabgestimmt, hier den Dictator, dort den Consul, sie möchten den Sieg nicht in ihrer Vertilgung suchen; sie möchten sie entwaffnet abziehen lassen. Vom Consul wurden sie an den Dictator gewiesen, der sie aus Erbitterung noch mit Schimpf belegte. Er befahl ihnen, ihren Anführer Gracchus Clölius und andre Vornehme gebunden vor ihn zu bringen, und die Stadt Corbio abzutreten. «Nach dem Blute der Äquer verlange ihn nicht: sie könnten abziehen: um ihnen aber endlich einmal das Geständniß abzudringen, daß ihr Volk bezwungen und gebändigt sei, sollten sie unter einem Jochgalgen abziehen.» Von drei Spießen wurde ein Jochgalgen gemacht, so daß zwei in die Erde gesteckt, und eins quer darüber gebunden wurde. Durch diesen Galgen entließ der Dictator die Äquer . 242 29. Nachdem er das Lager der Feinde in Besitz genommen hatte, wo sich Alles im Überflusse fand, – denn er hatte sie nur in Einem Rocke entlassen, – gab er die ganze Beute nur seinen Soldaten. Das consularische Heer und den Consul selbst redete er mit dem Verweise an: «Dir gebührt kein Theil, Soldat, an der Beute von einem Feinde, dem du beinahe zur Beute wurdest. Und du, Lucius Minucius wirst, bis du anfängst, den Muth eines Consuls zu haben, über diese Legionen Unterfeldherr sein.» Also legte Minucius sein Consulat nieder und blieb auf jenen Befehl beim Heere. So sehr war man damals geneigt, sich dem besseren Oberbefehle willig zu fügen, daß die Soldaten mehr der Wohlthat als der Beschimpfung eingedenk, dem Dictator einen pfündigen goldenen Kranz als Geschenk zuerkannten und ihm bei seinem Abzuge, als ihrem Patrone Patronus war der liebevolle Ehrenname, mit dem die gewesenen Sklaven den Herrn benannten, der ihnen die Freiheit geschenkt hatte. , Lebewohl sagten. Zu Rom beschloß der vom Stadtvorsteher Quintus Fabius versammelte Senat, daß Quinctius in der Ordnung seines ankommenden Zuges triumphirend seinen Eintritt in die Stadt halten solle. Vor dem Wagen her gingen die Feldherren der Feinde; die Fahnen wurden ihm vorgetragen; das mit Beute beladene Heer folgte ihm. Vor jedem Hause soll ein Mahl zubereitet gewesen sein, und die Schmausenden schlossen sich unter Triumphliedern und den dabei üblichen Scherzen, nach Art der schwärmenden Zecher, an den Zug. An dem Tage wurde dem Tusculaner, Lucius Mamilius, mit allgemeiner Beistimmung, das Bürgerrecht verliehen. Der Dictator würde sogleich von seinem Amte abgegangen sein, hätte ihn nicht der dem falschen Zeugen Marcus Volscius angesetzte Gerichtstag darin festgehalten, den die Tribunen aus Furcht vor dem Dictator nicht hinderten. Der verurtheilte Volscius ging nach Lanuvium ins Elend. Quinctius legte die auf sechs Monate übernommene Dictatur am sechzehnten Tage nieder. 243 In diesen Tagen erfocht der Consul Nautius bei Eretum einen ausgezeichneten Sieg über die Sabiner . Außer der Plünderung ihres Gebiets traf die Sabiner nun noch diese Niederlage. Auf den Algidus schickte man den Quintus Fabius in die Stelle des Minucius . Am Ende des Jahrs brachten die Tribunen den Vorschlag wieder in Anregung: allein die Väter setzten es durch, daß in Abwesenheit beider Heere bei dem Gesamtvolke kein Antrag gethan werden sollte. Den Bürgerlichen gelang es, dieselben Tribunen zum fünftenmale zu wählen. Auf dem Capitole, heißt es, hätten sich Wölfe sehen lassen, und waren von den Hunden verscheucht. Dieser Erscheinung wegen sei das Capitol durch Reinigungsopfer wieder geweihet. Dies sind die Begebenheiten dieses Jahres. 30. Es folgen die Consuln Quintus Minucius, Cajus Horatius Pulvillus . Obgleich im Anfange dieses Jahrs von außen Ruhe war, so erregten doch im Innern dieselben Tribunen und derselbe Vorschlag Zwistigkeiten, und man würde hierin weiter gegangen sein, – so sehr ließ man sich von Leidenschaften hinreißen; – wäre nicht, gleichsam dazu bestellt, die Nachricht eingelaufen, daß die Äquer die Besatzung zu Corbio durch einen nächtlichen Überfall vernichtet hätten. Die Consuln beriefen den Senat und erhielten den Auftrag, ein Heer von eiligst Aufgebotenen zu werben und in den Algidus zu führen. Die Werbung veranlaßte, so wie man den Streit über den Vorschlag ruhen ließ, eine neue Spannung. Und unter dem Beistande der Tribunen würde man sich des consularischen Zwangsbefehls erwehrt haben, als eine neue Schreckenspost dazu kam: «Ein Heer von Sabinern sei auf Plünderung ins Römische Gebiet herabgezogen und komme nun gegen die Stadt.» Diese Drohung bewog die Tribunen, die Aushebung der Soldaten geschehen zu lassen; doch nur unter der Bedingung, daß künftig, weil man sie fünf Jahre lang habe hinhalten können und der Bürgerstand an ihnen nicht Beschützer genug habe, zehn Bürgertribunen gewählt werden sollten. Die Noth zwang den Vätern die Einwilligung ab; doch bevorworteten sie, daß man künftig nicht 244 dieselben Tribunen wieder wählen solle. Die Tribunenwahl wurde sogleich gehalten, damit nicht auch dies, wie so manches andere, nach dem Kriege vereitelt würde. Im sechs und dreißigsten Jahre nach den ersten Bürgertribunen wurden ihrer zehn gewählt; aus jeder Classe zwei Es waren eigentlich sechs Classen: Buch I. Cap. 43. Allein die ärmste (sechste) Classe war bloß nach ihren Köpfen, nicht nach dem Vermögen geschatzt, und konnte also keine Tribunen stellen. : und man setzte fest, daß sie auch künftig so gewählt werden sollten. Nach gehaltener Werbung zog Minucius gegen die Sabiner und fand die Feinde nicht. Horatius lieferte den Äquern, welche die Besatzung zu Corbio niedergehauen und nun auch Ortona erobert hatten, auf dem Algidus eine Schlacht, tödtete eine Menge Menschen und vertrieb den Feind nicht bloß vom Algidus, sondern auch aus Corbio und Ortona . Und Corbio, wo man die Besatzung verrathen hatte, ließ er schleifen. 31. Darauf wurden Marcus Valerius und Spurius Virginius Consuln. Von innen und von außen war Ruhe. Große Wasser [ausgiebige Regenfälle] verursachten drückende Theurung. Der Vorschlag, den Aventinus zum Anbaue frei zu geben, wurde genehmigt. Dieselben wiedergewählten Tribunen machten im folgenden Jahre, unter den Consuln Titus Romilius und Cajus Veturius, den Vorschlag zum Gegenstande aller ihrer Volksreden. Sie sagten: «Sie schämten sich ihrer vergeblich vermehrten Anzahl, wenn diese Sache binnen ihren zwei Jahren eben so unausgemacht bliebe, wie sie in den ganzen fünf Jahren vorher geblieben sei.» Gerade als sie dies so eifrig betrieben, meldeten Boten von Tusculum in voller Bestürzung, die Äquer seien auf Tusculanischem Boden. Das neue Verdienst dieses Volks mache, daß man sich schämte, mit der Hülfe zu zögern. Beide Consuln wurden mit einem Heere hingeschickt und trafen den Feind auf seinem Sitze, dem Algidus . Hier kam es zur Schlacht: über siebentausend Feinde blieben: die andern verjagte man und machte große Beute. Wegen Mangel in der Schatzkammer verkauften diese die Consuln. 245 Gleichwohl gereichte ihnen dies bei dem Heere zum Vorwurfe und gab auch den Tribunen Stoff, die Consuln bei dem Bürgerstande zu verläumden. Was geschah? So wie sie vom Amte abgingen, wurde unter den Consuln Spurius Tarpejus und Aulus Aterius ein Tag zu ihrer Anklage festgesetzt, dem Romilius von dem Bürgertribun Cajus Claudius Cicero, dem Veturius von dem Bürgerädil Lucius Alienus . Beide wurden, den Vätern zum großen Verdrusse, verurtheilt, Romilius zu zehntausend Ass, Veturius zu funfzehntausend Romilius zu 310 Gulden Conventionsgeld, Veturius zu 457 Gulden. . Doch dies Unglück der vorigen Consuln machte die neuen nicht unthätiger. Sie sagten: «Man könne auch sie verdammen, und dennoch sollten Bürger und Tribunen den Vorschlag nicht durchsetzen.» Da thaten die Tribunen mit Aufgebung des Vorschlages, der während seiner (langen) Ausstellung veraltet war, den Vätern glimpflichere Anträge. «Sie möchten endlich den Streitigkeiten ein Ende machen. Wenn ihnen die Vorschläge von Bürgerlichen misfielen, nun so möchten sie gemeinschaftlich aus den Bürgern und aus den Vätern Gesetzgeber wählen lassen, die nur das festzustellen hätten, was beiden Theilen nützlich sei und auf Ausgleichung der Freiheit abzwecke.» Die Väter verwarfen den Antrag nicht, behaupteten aber: « Geben dürfe die Gesetze niemand, als wer aus den Vätern sei.» Als man über die Gesetzgebung einverstanden, und nur noch über den Geber uneins war, so schickte man den Spurius Postumius Albus, Aulus Manlius und Publius Sulpicius Camerinus als Gesandte nach Athen, und trug ihnen auf, die berühmten Gesetze Solons abzuschreiben und sich mit den Einrichtungen, Gewohnheiten und Rechten anderer Griechischen Staten bekannt zu machen. – Vor auswärtigen Kriegen hatte dies Jahr Ruhe. 32. Noch ruhiger war unter den Consuln Publius Curiatius und Sextus Quinctilius das folgende durch die anhaltende Stille der Tribunen, weil man anfangs die nach 246 Athen gegangenen Gesandten und die fremden Gesetze erwartete, und sich nachher zwei große Plagen zugleich einstellten, eine Hungersnoth und eine unter Menschen und Vieh gleich schreckliche Seuche. Die Dörfer wurden verödet; die Stadt durch ununterbrochene Leichenzüge entvölkert: viele und angesehene Häuser wurden in Trauer versetzt. Der Eigenpriester des Quirinus Servius Cornelius starb; der Vogelschauer Cajus Horatius Pulvillus, in dessen Stelle die Vogelschauer den Cajus Veturius so viel angelegentlicher aufnahmen, weil er von den Bürgerlichen verurtheilt war. Es starb der Consul Quinctilius und vier Bürgertribunen. Durch so vielfachen Verlust wurde dies ein trauriges Jahr. Vom Feinde hatte man Ruhe. Es folgen die Consuln Cajus Menenius, Publius Sestius Capitolinus. Auch in diesem Jahre gab es keinen auswärtigen Krieg, es entstanden aber innere Unruhen. Schon waren die Gesandten mit den Attischen Gesetzen zurückgekommen. So viel ernstlicher drangen die Tribunen darauf, daß endlich einmal der Anfang gemacht würde, Gesetze abzufassen. Man beschloß, Zehnmänner, von denen keine Ansprache stattfände, zu wählen; auch sollte in diesem Jahre keine andre Obrigkeit sein. Ob auch Bürgerliche darunter aufgenommen werden sollten, darüber stritt man ziemlich lange: zuletzt überließ man die Platze den Vätern unter der Bedingung, daß das Icilische Gesetz Siehe Cap. 31. im Anfange. , den Aventinus betreffend, und die übrigen beschwornen Gesetze nicht aufgehoben würden. 33. Im Jahre dreihundert und zwei nach Roms Erbauung wurde die Statsverfassung wieder verändert, da die Regierung von Consuln auf Decemvirn überging, wie sie ehemals von den Königen an die Consuln gekommen war. Diese Veränderung war minder ausgezeichnet, weil sie nicht von Dauer war; denn die Freude über die neue Obrigkeit wurde zu üppig: so viel schneller gerieth die Sache in Verfall, und man kam wieder dahin zurück, den Titel und die Macht der Consuln Zweien zu übertragen. 247 Zu Decemvirn wurden gewählt Appius Claudius, Titus Genucius, Publius Sestius, Lucius Veturius, Cajus Julius, Aulus Manlius, Servius Sulpicius, Publius Curiatius, Titus Romilius, Spurius Postumius . Dem Claudius und Genucius gab man, weil sie schon auf dies Jahr zu Consuln bestimmt gewesen waren, die eine Würde für die andre; und dem Sestius, dem einen der vorjährigen Consuln, wurde sie, weil er die Sache gegen den Willen seines Amtsgenossen bei den Vätern zum Vortrage gebracht hatte. Als die würdigsten nächst ihnen nahm man die drei Gesandten, welche nach Athen gegangen waren, theils um sie für die weite Reise durch die Ehrenstelle zu belohnen, theils weil man sich von ihrer Bekanntschaft mit ausländischen Gesetzen für die Abfassung der neuen Rechte Vortheil versprach. Die übrigen füllten die Zahl aus. Auch ließ man, wie es heißt, die letzten Wahlen auf betagte Männer fallen, damit diese den Beschlüssen der übrigen nicht gar zu muthig widersprechen möchten. Die Leitung des ganzen Oberamtes war durch die Gunst der Bürgerlichen in den Händen des Appius, und er hatte sich so ganz in ein neues Betragen geschmiegt, daß aus dem furchtbaren und ungestümen Verfolger des Bürgerstandes auf einmal ein Bürgerfreund hervorging, der nach jedem Lüftchen der Volksgunst haschte. Alle zehn Tage sprach Einer von ihnen dem Volke Recht. An dem Tage hatte dieser als Vorsitzer des Gerichts die zwölf Beilträger und jeder seiner Amtsgenossen nur einen Gerichtsdiener. Und mit der musterhaften Eintracht unter ihnen selbst – einer Einigkeit, die sonst den Unterthanen nicht selten nachtheilig wird – war die höchste Billigkeit gegen Andre verbunden. Ich begnüge mich, den Beweis für ihre Mäßigung durch das Beispiel eines einzigen Falles einleuchtend zu machen. Da vermöge ihrer Wahl keine Ansprache an das Volk von ihnen galt, so setzte gleichwohl der Decemvir Cajus Julius, als man in dem Hause des Publius Sestius, eines Mannes vom Patricierstande, eine verscharrte Leiche fand und vor die Versammlung brachte, dem Sestius, so offenbar und schreiend die Sache 248 war, doch nur einen Gerichtstag an, trat vor dem Gesamtvolke in einer Sache als Kläger auf, in der er gesetzmäßiger Richter war, und begab sich seines Rechtes, um in dem, was er an einer obrigkeitlichen Gewalt schwinden ließ, der Freiheit des Volks einen Zuwachs zu geben. 34. In eben der Zeit, da bei ihnen dem Höchsten wie dem Niedrigsten sein Recht unverzögert und ungebeugt, wie aus einem Orakel, zu Theile wurde, war auch die Abfassung der Gesetze in Arbeit; und als sie unter allgemein gespannter Erwartung zehn Tafeln ausgehängt hatten, beriefen sie das Gesamtvolk und forderten alle auf, «Zum Glücke, Heile und Segen für den Stat, für sie selbst und ihre Kinder, hinzugehen und die ausgehängten Gesetze zu lesen. Sie hätten, so weit der Einsicht von zehn Menschen die Vorsorge möglich gewesen sei, die Rechte aller, der Höchsten und der Niedrigsten, gleich gestellt. Die Einsicht und Berathung Vieler vermöge mehr. Sie möchten jeden Punkt bei sich überdenken, ihn in ihren Unterredungen zur Sprache bringen und über das Zuviel oder Zuwenig in jedem, ihnen Mittheilungen machen. Nur solche Gesetze solle das Römische Volk haben, bei denen man auf die Vermuthung kommen müsse, daß die einmüthige Stimme Aller sie nicht etwa; nachdem sie vorgeschlagen waren, genehmigt, sondern selbst in Vorschlag gebracht habe.» Als sie nun nach den Äußerungen des Volks über jeden bekannt gemachten Punkt hinlänglich berichtigt schienen, so wurden auf einem Volkstage nach den Stimmen der Centurien die Gesetze der zehn Tafeln bestätigt, die noch jetzt bei dieser ungeheuren Menge von nach und nach gehäuften Gesetzen die Quelle des gesamten Stats- und bürgerlichen Rechtes sind. Bald hörte man allgemein sagen, daß noch zwei Tafeln fehlten: wenn diese hinzukämen, so könne das gesamte Römische Recht zu einer vollendeten Sammlung gedeihen. Diese Erwartung machte bei der Annäherung des Wahltages den Wunsch rege, abermals Decemvirn zu wählen. Da auch die Decemvirn die Ansprache von dem Einen 249 an den Andern gestatteten, so vermißte der Bürgerstand, dem ohnehin Consuln und Könige gleich verhaßte Namen waren, nicht einmal den Beistand von Tribunen. 35. Als aber nunmehr die Versammlungen zur Decemvirnwahl auf die nächsten drei Marktwochen angekündigt waren, so wurde der Eifer der Bewerbung so allgemein, daß auch die ersten Männer des Stats – ich glaube, aus Furcht, wenn sie die Plätze unbesetzt ließen, möchte der Besitz einer so hohen Macht auch nicht ganz würdigen offen stehen – den Leuten die Hände drückten und um dasselbe Ehrenamt, dem sie sich aus allen Kräften widersetzt hatten, bei eben dem Bürgerstande flehentlich nachsuchten, mit dem sie darüber gestritten hatten. Die als Kampfpreis ausgestellte Würde spornte selbst den Appius Claudius, der schon in seinen Jahren war und so hohe Ehrenstellen bekleidet hatte. Man wußte nicht, ob man ihn unter die Decemvirn, oder unter die Candidaten zählen sollte: oft schien er mehr das Amt zu suchen, als zu bekleiden. Er führte Klagen über die Vornehmen; erhob jeden der niedrigsten Bewerber: umringt von ehemaligen Tribunen, einem Duilius, einem Icilius, flog er auf dem Markte umher; durch sie ließ er sich den Bürgerlichen anpreisen; bis endlich auch seine Amtsgenossen, die ihm bis dahin innig ergeben gewesen waren, aufmerksam wurden und nicht begriffen, was er darunter suche. «Offenbar sei die Sache nicht rein. Diese Leutseligkeit bei so viel Hochsinn müsse gewiß ihre Absichten haben. Sich so sehr zum Gewöhnlichen herabzustimmen und mit Privatleuten gemein zu machen, sei nicht die Art dessen, der im Begriffe stehe, sein Amt abzugeben, sondern dessen, der sich den Weg zur Verlängerung des Amts zu bahnen suche.» Zu muthlos, seiner Ehrsucht sich offenbar zu widersetzen, suchten sie unter dem Scheine der Gefälligkeit seine Zudringlichkeit zu mildern. Einstimmig übertrugen sie ihm, weil er doch der Jüngste sei, das Geschäft, den Wahltag zu halten. Dies war ein Kunstgriff: er sollte sich nicht selbst wählen können; denn dies hatte bis dahin noch niemand, die Bürgertribunen ausgenommen, 250 und auch diese nicht ohne den ärgerlichsten Anstoß, gethan. Er aber, der sich gleich dazu verstand, er wolle in Gottes Namen den Wahltag halten, ergriff das Gegenmittel als eine Gelegenheit, und da er vermittelst seiner Verbindungen die beiden Quinctier, Capitolinus und Cincinnatus, ferner seinen Oheim Cajus Claudius, einen entschiedenen Freund der Edlen, und andre Männer von gleich hohem Range, durchfallen ließ, so stellte er Decemvirn auf, die jenen an glänzenden Verdiensten durchaus nicht gleich kamen, und unter den Ersten sich selbst, welches die Bessergesinnten, nachdem er es gethan, eben so sehr misbilligten, als es niemand geglaubt hatte, daß er es wagen werde. Mit ihm wurden gewählt Marcus Cornelius Maluginensis, Marcus Sergius, Lucius Minucius, Quintus Fabius Vibulanus, Quintus Pötelius, Titus Antonius Merenda, Cäso Duilius, Spurius Oppius Cornicen, Manius Rabulejus . 36. Nun hörte Appius auf, die fremde Rolle zu spielen. Von jetzt fing er an, sich seiner Sinnesart zu überlassen und seine neuen Amtsgenossen, ehe sie noch die Würde antraten, nach seiner Weise zu bilden. Täglich kamen sie ohne Zeugen zusammen. Hier eingeweihet in Entwürfe der Herrschwuth, über denen sie ohne Mitwissen anderer brüteten, trieben sie ihr Wesen, selbst ohne ihren Übermuth länger zu verbergen – ließen sie doch selten jemand vor; sprachen sie doch mit den Vorgelassenen so unfreundlich – bis zum funfzehnten Mai. Der funfzehnte Mai war damals zur Übernehmung der Statsämter festgesetzt. Gleich beim Antritte der Würde bezeichneten sie den ersten Tag ihres Amts durch Androhung eines gewaltigen Schreckens. Denn da die vorigen Decemvirn es so gehalten hatten, daß sich nur Einer die Ruthenbündel vortragen ließ, und dies königliche Machtzeichen der Reihe nach, so wie jeden der Wechsel traf, bei Allen herumging, so traten sie plötzlich alle, jeder mit zwölf Ruthenbündeln, auf. Hundert und zwanzig Beilträger erfüllten den Gerichtsplatz und trugen in den Ruthenbündeln die aufgesteckten Beile zur Schau. Und die 251 Decemvirn gaben darüber die Auskunft, es würde unnöthig gewesen sein, die Beile wegzulassen, da doch alle Ansprache von ihnen ungültig sei. Es war ein Anblick von zwölf Königen, und ein vervielfachter Schrecken, nicht nur für die Niedrigen, sondern selbst für die Ersten der Väter, weil sie glaubten, man suche nur einen Vorwand, mit Morden anzufangen, so daß, wenn jemand im Senate oder im Volke ein Wort fallen ließe, in dem noch Freiheit athme, sogleich Ruthen und Beile, um Andre zu schrecken, gehandhabt würden. Denn außerdem, daß man bei dem Gesamtvolke keine Hülfe finden konnte, da alle Ansprache abgeschafft war, hatten auch die Decemvirn allen vermittelnden Widerspruch unter sich selbst, durch ihre Verabredung vernichtet, da die vorigen Decemvirn gestattet hatten, daß ihre Aussprüche bei erfolgter Ansprache an ihren Amtsgenossen abgeändert wurden, und Manches, was vor ihren Richterstuhl zu gehören schien, vor das Gesamtvolk gebracht hatten. Eine Zeitlang war die Furcht auf alle gleich vertheilt: allmälig ging sie ganz auf die Bürgerlichen über. Der Väter entsahen sie sich: mit den Niedrigeren verfuhren sie willkürlich und grausam: sie gehörten ganz der Person, nicht der Sache; denn Gunst galt bei ihnen für Recht. Ihre Rechtssprüche schmiedeten sie zu Hause; vor Gericht ließen sie sie hören. That jemand Ansprache an einen aus ihrem Mittel, so wurde er von dem, an den er sich wandte, so entlassen, daß es ihn gereuete, es nicht bei dem Ausspruche des ersten gelassen zu haben. Auch verbreitete sich ein unverbürgtes Gerücht, sie hätten sich zu diesen Bedrückungen nicht bloß für die Gegenwart verabredet, sondern einen geheimen Bund unter sich beschworen, keinen Wahltag zu halten und durch ein fortgesetztes Decemvirat die einmal in Besitz genommene Gewalt zu behaupten. 37. Jetzt späheten die Bürgerlichen allenthalben den Patriciern nach den Mienen, und haschten bei ihnen nach jeder Hoffnung von Freiheit, da sie doch eben durch die Furcht, von dort aus unterdrückt zu werden, den Stat in 252 diese Lage gestürzt hatten. Die Ersten der Väter haßten die Decemvirn und haßten den Bürgerstand. Sie billigten nicht, was geschah, und glaubten doch, er leide nicht unverdient. Sie hatten keine Lust, Leuten zu helfen, die im gierigen Drange nach Freiheit in die Knechtschaft hinübergestürzt waren; ja sie suchten die Bedrückungen zu häufen, damit man endlich aus Unzufriedenheit mit der Gegenwart. wieder zwei Consuln und die ehemalige Lage der Dinge wünschenswerth finden möge. Der größere Theil des Jahres war schon verstrichen: die zwei Gesetztafeln waren zu den vorjährigen zehn schon nachgeliefert, und wenn auch diese auf einem Volkstage durch die Stimmen der Centurien zu Gesetzen erhoben waren, so war weiter kein Grund da, warum der Stat dieses Amtes bedurft hätte. Alle erwarteten die baldige Ankündigung eines Versammlungstages zur Consulnwahl. Der Bürgerstand war nur darauf bedacht, auf irgend eine Weise die tribunicische Gewalt, dies Bollwerk seiner Freiheit, das er selbst aufgegeben hatte, wieder herzustellen. Allein des Wahltages geschah nicht die mindeste Erwähnung; und die Decemvirn, die anfangs immer, weil dies für Umgänglichkeit galt, umringt von gewesenen Tribunen vor dem Volke aufgezogen kamen, hatten sich jetzt mit jungen Adlichen umpflanzt. Scharenweise hielten diese die Gerichtsstühle umlagert. Sie schalteten und walteten mit dem Bürgerstande, mit seinen Angelegenheiten und Eigenthume, weil dem Mächtigern Alles, wonach ihn gelüstete, zugesprochen wurde Ich lese mit J. F. Gronov: Hi ferre, agere plebem plebisque res et (lieber atque) fortunas; quum quidquid cupitum foret, potentioris esset. . Bald kamen sie auch an Leib und Leben: es gab Ruthenhiebe; andre traf das Beil; und um die Grausamkeit nicht umsonst zu üben, folgte auf die Hinrichtung des Besitzers die Verschenkung seiner Güter. Dieser Lohn bestach die jungen Adlichen, sich den Bedrückungen nicht nur nicht zu widersetzen, sondern öffentlich ihre eigne Ungebundenheit der Freiheit Aller vorgehen zu lassen. 253 38. Der funfzehnte Mai erschien. In ihre Stelle hatten die Decemvirn keine neue Obrigkeit wählen lassen: es traten also in ihnen nicht Decemvirn, sondern Privatleute auf, ob sie gleich weder am Willen, ihre Gewalt auszuüben, noch selbst im Äußern an ihren Ehrenzeichen, das Mindeste abgehen ließen. Dies sah man als offenbare Tyrannei an. Die Freiheit wurde auf ewig verloren gegeben: kein Retter stand auf und man sah auch keinen für die Zukunft. Nicht genug, daß den Römern selbst der Muth sank; schon erhob sich unter den benachbarten Völkern Verachtung: es verdroß sie, sich von denen beherrschen zu lassen, die nicht einmal Freiheit hätten. Mit einer großen Schar thaten die Sabiner einen Einfall in das Römische Gebiet, und als sie, nach weit verbreiteter Plünderung, Beute an Menschen und Vieh ungestraft davon geführt hatten, schlugen sie bei Eretum, wo sich ihr Heer aus seiner weiten Zerstreuung sammelte, ein Lager auf; voll Vertrauen auf die Uneinigkeit in Rom, die keine Werbung zulassen werde. Nicht bloß diese Nachrichten, sondern schon durch die Straßen flüchtende Landleute setzten alles in Bestürzung. Die Decemvirn rathschlagten, was zu thun sei. Zwischen dem Hasse der Väter und der Bürgerlichen sahen sie sich mitten inne bloßgestellt, als ihnen das Schicksal Schrecken über Schrecken einjagte. Die Äquer hatten auf einer andern Seite, auf dem Algidus, ein Lager geschlagen, und Gesandte von Tusculum, mit der Bitte um Hülfe, berichteten, wie die Feinde auf ihren Streifzügen von dort aus das Tusculanische verheert hätten. In dieser Angst sahen sich die Decemvirn gezwungen, da zwei Kriege zugleich die Stadt in die Mitte nahmen, den Senat anzugehen. Sie gaben Befehl, die Väter zu Rathhause zu fordern, ob sie sichs gleich versprechen konnten, daß ein großer Sturm von Vorwürfen sie erwarte. «Von den Verheerungen im Lande, von den hereinbrechenden Gefahren würden Alle die Schuld über sie zusammenfallen lassen; dies werde zu dem Versuche führen, ihnen das Amt zu nehmen, wenn sie nicht einmüthig sich zur Wehr setzten, und dadurch, daß sie gegen einige zu Vorlaute von 254 ihrer Gewalt nachdrücklichen Gebrauch machten, die Angriffe der übrigen niederschlügen.» Als man auf dem Markte die Stimme des Herolds vernahm, der die Väter auf das Rathhaus zu den Decemvirn berief; so machte dies, weil sie die Sitte, den Senat zu befragen, schon lange unterlassen hatten, als etwas Ungewöhnliches, die Bürger aufmerksam, die sich wunderten: «Was doch vorgefallen sein möchte, daß man eine seit so langer Zeit abgekommene Gewohnheit wieder hervorsuche. Man müsse es den Feinden und dem Kriege Dank wissen, wenn irgend etwas geschehe, was in einem freien State üblich sei.» In allen Gegenden des Marktes spähete man nach einem Rathsherrn, und bemerkte kaum einen oder den andern: dann sah man wieder auf das Rathhaus und die Leere um die Decemvirn, in welcher sie selbst den allgemeinen Haß gegen ihre Regierung, die Bürger hingegen den Vorsatz der Väter fanden, sich denen nicht zu stellen, die als Nichtbeamtete kein Recht hatten, den Senat zu berufen. «Schon zeige sich für die Wiedereroberer der Freiheit ein Haupt, wenn sich die Bürger nur an den Senat anschlössen: wenn die Bürger eben so, wie sich die geforderten Väter nicht im Senate einstellten, sich der Werbung entzögen. » So murreten die Bürgerlichen laut. Von den Vätern war beinahe kein einziger auf dem Markte, und nur wenige in der Stadt. Aus Verdruß über ihr Schicksal, hatten sie sich auf ihre Güter zurückgezogen, und lebten ihren Angelegenheiten, da man ihnen die öffentlichen genommen hatte; mit dem Gedanken, sich so viel mehr vor Kränkungen gesichert zu haben, je weiter sie der Verbindung und dem Umgange mit zügellosen Herrschern auswichen. Als sie sich auf die Forderung nicht einfanden, wurden ihnen Gerichtsboten in die Häuser geschickt, zugleich zur Wegnahme eines Pfandes, zugleich auch auf Erkundigung, ob sie geflissentlich die Unfolgsamen wären; und diese brachten die Nachricht, die Väter wären auf ihren Landsitzen. Dies war den Decemvirn erfreulicher zu hören; als wenn es geheißen hätte, sie 255 wären gegenwärtig und entzögen sich dem Befehle. Sie ließen alle herein berufen und beschieden den Senat auf den nächsten Tag, an welchem er auch weit zahlreicher, als sie erwartet hatten, zusammenkam. Dadurch war nun, nach der Meinung der Bürger, die Freiheit von den Vätern verrathen, insofern der Senat Männern, die von ihrer obrigkeitlichen Stelle schon abgegangen, und, wenn sie die Gewalt nicht beibehielten, völlig ohne Amt wären, gerade so gehorcht habe, als ob sie ihn rechtmäßig berufen könnten. 39. Allein so folgsam sich die Väter zu Rathhause eingestellt hatten, so wenig Unterwürfigkeit verriethen, laut den Nachrichten darüber, ihre abgelegten Stimmen. Ehe noch über den vom Appius Claudius gethanen Vortrag die Stimmen der Reihe nach vernommen wurden, machte Lucius Valerius Potitus, wie die Geschichte sagt, durch seine Forderung, über die Lage des Stats reden zu dürfen, und als ihm dies die Decemvirn drohend untersagten, durch seine Versicherung, so werde er vor dem Volke auftreten, den Anfang zum Aufstande. Eben so muthvoll soll Marcus Horatius Barbatus es mit den Decemvirn aufgenommen haben, der sie die Zehn Tarquinier nannte und daran erinnerte, daß man unter Anführung eines Valerius und Horatius auch die Könige verjagt habe. «Der Name sei es nicht gewesen, dessen damals die Leute überdrüssig geworden wären: denn es sei sogar Sprache der Andacht, den Jupiter so zu nennen; auch führe Romulus, der Stifter der Stadt, und alle Könige nach ihm diesen Namen: man habe ihn ferner bei gottesdienstlichen Verrichtungen, als ganz gewöhnlich, beibehalten. Die Härte und Gewaltthätigkeit des Königs sei damals der Gegenstand des Hasses geworden; und habe man diese an dem damals einzigen Könige, oder an einem Sohne des Königs unerträglich finden müssen, wer sie sich denn von so vielen Privatleuten gefallen lassen werde? Sie möchten sich hüten, daß sie nicht durch ihr Verbot, im Rathhause frei zu reden, die Stimmen auch außerhalb des Rathhauses weckten. Auch sehe er nicht ein, warum es ihm, selbst ohne Amt, weniger zustehen solle, das Volk 256 zur Versammlung zu rufen, als ihnen, den Senat. Wenn sie Lust hätten, so möchten sie die Erfahrung machen, daß zur Wiederherstellung der Freiheit der Schmerz weit unternehmender sei, als die Herrschsucht zur Behauptung unrechtmäßiger Gewalt. Sie trugen auf einen Krieg mit den Sabinern an, als ob dem Römischen Volke ein Krieg wichtiger sein könne, als gegen die, die zur Gesetzgebung gewählt, nicht das mindeste Recht im State übrig gelassen, die alle Wahlversammlungen, jährliche Obrigkeiten und den Wechsel in der Regierung, dies einzige Mittel zur Erhaltung gleichmäßiger Freiheit, aufgehoben hätten, und, ohne Amt, die Ruthenbündel und eine königliche Regierung beibehielten. Nach Vertreibung der Könige habe man patricische Obrigkeiten gewählt; späterhin, nach dem Auszuge der Bürger, bürgerliche . Er frage sie, zu welcher Partei sie gehörten. Zur Volkspartei? Was sie denn durch das Volk betrieben hätten? Zu den Vornehmen? sie? die beinahe seit Jahresfrist keinen Senat gehalten hätten? und jetzt ihn so hielten, daß sie über die Lage des Stats zu reden verböten? Sie möchten nicht zu sehr bei Andern auf die Furcht rechnen: die Leute hielten das, was sie zu leiden hätten, schon für härter, als was sie etwa fürchten könnten.» 40. Als die Decemvirn, bei diesen lauten Äußerungen des Horatius, weder für ihren Zorn, noch zum Verzeihen einen Ausweg finden, und eben so wenig absehen konnten, wie die Sache ablaufen werde, so hielt Cajus Claudius, des Decemvirs Appius Oheim, eine Rede, mehr im Tone des Bittenden, als des Rechtenden, worin er ihn bei der Ruhe seines verstorbenen Bruders, seines eigenen Vaters, beschwur: «Lieber der bürgerlichen Verbindung, in der er geboren sei, als des mit seinen Amtsgenossen widerrechtlich geschlossenen Bundes, eingedenk zu sein. Hierum bitte er ihn, weit mehr aus Rücksicht auf ihn selbst, als auf den Stat. Denn der Stat werde sich von ihnen, wenn es ihm, mit ihrem Willen, nicht möglich sei, auch wider ihren Willen sein Recht zu verschaffen wissen. Allein ein heftiger Streit errege gewöhnlich heftige 2572 Erbitterung; und diese sei ihm in ihren Folgen so schauderhaft.» Hatten gleich die Decemvirn verboten, über etwas anderes zu reden, als worauf ihr Antrag ging, so fanden sie es doch achtungswidrig, den Claudius zu unterbrechen. Er verfolgte also seinen Vorschlag, nach welchem gar kein Senatsschluß abgefaßt werden sollte. Alle nahmen dies so auf, als habe Claudius die Decemvirn für amtlos erklärt, und viele von den Consularen gaben seiner Meinung mündlich ihre Zustimmung. Eine andre Stimme, dem Scheine nach härter, aber weit weniger eingreifend, forderte die Patricier auf, zusammenzutreten und einen Zwischenkönig zu ernennen. Denn durch diesen Ausspruch wurden die, welche jetzt die Senatsversammlung hielten, für irgend eine Art von obrigkeitlichen Personen erkannt, da sie doch der Urheber jenes Vorschlages, gar keinen Senatsschluß abzufassen, schon für amtlos erklärt hatte. Als so der Decemvirn Sache schon wankte, nahm Lucius Cornelius Maluginensis, des Decemvirs Marcus Cornelius Bruder, den sie geflissentlich von den Consularen zuletzt auftreten ließen, unter dem Scheine, als ob er nur auf den Krieg Rücksicht nähme, seinen Bruder und dessen Amtsgenossen in Schutz. «Es wundre ihn sehr,» sagte er, «wie es sich so sonderbar füge, daß eben diejenigen, die sich selbst um das Decemvirat beworben hätten, entweder als Helfershelfer, oder geradezu selbst am heftigsten gegen die Decemvirn einstürmten: oder was sie für Gründe haben möchten, da niemand bei der friedlichen Lage des Stats seit so vielen Monaten Streit darüber erregt habe, ob auch rechtmäßige Obrigkeiten das Ruder führten; gerade jetzt, da die Feinde beinahe vor den Thoren ständen, bürgerliche Uneinigkeit zu stiften; es müßte denn sein, daß sie glaubten, man werde unter den Unruhen ihr Vorhaben weniger durchschauen können. Es sei doch billig, da man jetzt mit dringenderen Sorgen beschäftigt sei, daß sich jedermann aller voreiligen Entscheidung über einen so wichtigen Gegenstand enthalte. Seines Ermessens könne die Behauptung des Valerius 258 und Horatius, nach welcher die Decemvirn angeblich am funfzehnten Mai vom Amte abgegangen wären, erst nach Beendigung der herandringenden Kriege und Wiederherstellung der öffentlichen Ruhe dem Senate zur Entscheidung vorgelegt werden; und Appius habe sich schon jetzt darauf gefaßt zu machen, daß er über jenen Wahltag, den er zur Decemvirnwahl selbst als Decemvir gehalten habe, Rechenschaft abzulegen haben werde, ob sie auf Ein Jahr, oder bis zur Annahme der noch fehlenden Gesetze gewählt wären. Für jetzt müsse man alles, den Krieg ausgenommen, beseitigen: und wenn sie etwa glaubten, daß das verbreitete Gerücht falsch sei, und daß nicht bloß die Boten, sondern auch die Tusculanischen Gesandten Unwahrheiten gemeldet hätten, so trage er darauf an, Kundschafter auszusenden, um sichrere Nachrichten einzuziehen. Traue man aber den Boten und Gesandten, so müsse man je eher je lieber die Aushebung vornehmen, die Decemvirn die Heere dahin führen lassen, wo es jeder von ihnen für gut fände, und durchaus kein anderes Geschäft für eiliger halten.» 41. Die jüngern Väter bewirkten, daß man zu dieser Meinung überging. So viel trotziger erhoben sich Valerius und Horatius und riefen laut: «Es müsse ihnen erlaubt sein, über die Lage des Stats zu reden. Und wenn ihnen dies im Senate der Parteigeist nicht gestatte, so würden sie vor dem Volke auftreten. Privatleute dürften ihnen hieran weder im Rathhause, noch in der Volksversammlung hinderlich sein: auch würden sie sich an ihre gleißenden Ruthenbündel nicht kehren.» Da rief Appius, der den Sturz ihrer Obergewalt sich nahen sah, wenn man nicht dem Ungestüme auf jener Seite, gleiche Kühnheit auf dieser entgegensetzte: «Ich wills euch rathen, kein Wort euch entfallen zu lassen, das nicht zu unserm Antrage gehört!» Und als Valerius erwiederte: «vor einem Privatmanne brauche er nicht zu schweigen,» befahl er dem Gerichtsdiener, sich an ihn zu machen. Schon rief Valerius von der Schwelle des Rathhauses: «Ihr Quiriten! zu Hülfe!» Da umfaßte Lucius 259 Cornelius den Appius, brachte durch seinen Beistand, der einem ganz Andern galt, als dem er zu gelten schien, den Streit zur Ruhe, und wirkte dem Valerius die Erlaubniß aus, vorzutragen, was er wollte. Die Freimüthigkeit ging doch nicht über Worte hinaus, und die Decemvirn erreichten ihren Zweck. Selbst den Consularen und bejahrteren Vätern war es vermöge ihres noch regen Hasses gegen die tribunicische Gewalt, nach welcher sich ihres Ermessens die Bürger weit inniger sehnten, als nach einer consularischen Regierung, beinahe lieber, daß die Decemvirn einst ihr Amt gutwillig niederlegten, als daß die Unzufriedenheit mit ihnen den Bürgern Gelegenheit gäbe, sich wieder zu erheben. «Sollte man durch schonendes Zögern, mit Vermeidung aller heftigen Auftritte im Volke, die Regierung auf Consuln zurückführen können, so könnten vielleicht durch eintretende Kriege oder durch die von den Consuln in Ausübung ihrer Gewalt bewiesene Mäßigung die Tribunen bei den Bürgern in Vergessenheit gebracht werden.» Ohne weitere Erklärung von Seiten der Väter wurde die Werbung anbefohlen. Die Dienstfähigen stellten sich, weil keine Ansprache von der Regierung galt, so wie sie gefordert wurden. Nach Errichtung der Legionen verglichen sich die Decemvirn, welche von ihnen in den Krieg ziehen, welche über die Heere gesetzt sein sollten. Die Angesehensten unter den Decemvirn waren Quintus Fabius und Appius Claudius . Zu Hause drohete ein größerer Krieg, als von außen, Da sie nun glaubten, Appius sei mit seiner Heftigkeit mehr dazu geeignet, Unruhen in der Stadt niederzuschlagen; Fabius hingegen zeige mehr Wankelmuth im Guten, als Gewandheit in Ränken – denn diesen im Frieden und Kriege einst so vortrefflichen Mann hatten das Decemvirat und seine Amtsgenossen so umgewandelt, daß er lieber einem Appius, als sich selbst gleichen wollte – so übertrugen sie ihm den Krieg im Sabinerlande und setzten ihm die Amtsgenossen, Manius Rabulejus und Quintus Pötelius an die Seite. Marcus Cornelius wurde auf den Algidus geschickt, und mit 260 ihm Lucius Minucius, Titus Antonius, Cäso Duilius, Marcus Sergius . Dem Spurius Oppius wurde durch ihren Beschluß die Regierung der Stadt mit dem Appius Claudius gemeinschaftlich, und beiden die ganze Gewalt der sämtlichen Decemvirn übergeben. 42. Der Stat befand sich unter ihrer Leitung im Felde nicht besser, als zu Hause. Nur hatten die Feldherren das allein zu verantworten, daß sie sich den Unterthanen verhaßt gemacht hatten: alle andre Schuld traf die Soldaten, denen es nicht darauf ankam, wenn nur unter Anführung und Oberaufsicht der Decemvirn nirgendwo das Mindeste gelänge, sich selbst und ihnen zur Schande besiegt zu werden. Geschlagen waren die Heere von den Sabinern bei Eretum, auf dem Algidus von den Äquern. Von Eretum hatten sie in der Stille der Nacht die Flucht genommen, und näher gegen Rom zwischen Fidenä und Crustumeria auf einer Anhöhe ein festes Lager bezogen. Statt sich dem nachgefolgten Feinde in offenem Felde zu stellen, verdankten sie ihren Schutz der festen Lage und dem Walle, nicht der Tapferkeit und den Waffen. Im Algidum war die Unthat noch größer, auch größer der Verlust. Hier ging sogar das Lager verloren; und seines ganzen Geräths verlustig hatte sich der Soldat nach Tusculum geflüchtet, um hier von dem Beistande und Mitleiden seiner Wirthe zu leben, was ihm indessen nicht fehlschlug. Nach Rom erschollen die Nachrichten so fürchterlich, daß die Väter, mit Beiseitsetzung ihres Hasses gegen die Decemvirn, in der Stadt Wache halten ließen, jeden, der Alters halber die Waffen führen konnte, zur Besetzung der Mauern und der Posten vor den Thoren aufforderten, und die Beschlüsse faßten: «Nach Tusculum sollten außer den Truppen zur Ergänzung auch Waffen abgehen; die Decemvirn sollten von der Burg zu Tusuculum herunterkommen und mit den Soldaten ein Lager beziehen; das andre Lager von Fidenä ins Sabinische verlegt, und durch den Angriffskrieg die Feinde von dem Gedanken, auf Rom zu gehen, zurückgeschreckt werden.» 43. An diese von den Feinden erlittenen Niederlagen 261 reiheten die Decemvirn noch zwei schändliche Thaten, im Felde und in Rom. Bei dem Heere im Sabinischen schickten sie den Lucius Siccius, der bei dem allgemeinen Hasse der Decemvirn insgeheim gegen die gemeinen Soldaten von Tribunenwahl und Auswanderung gesprochen hatte, auf Besichtigung eines zum Lager zu wählenden Platzes aus, und gaben den Soldaten, die sie zu seiner Bedeckung mitgehen ließen, den Auftrag, ihn, wo sie einen schicklichen Platz ersähen, zu überfallen und zu tödten. Er verkaufte sein Leben theuer. Rund um ihn her fielen von seiner Gegenwehr mehrere Meuchelmörder, weil er, als ein sehr starker Mann, mit einem seiner Stärke angemessenen Muthe nach allen Seiten sich vertheidigte. Die übrigen gaben im Lager an: Sie seien in einen Hinterhalt gefallen, und Siccius, nach tapferer Gegenwehr, mit einigen andern Soldaten geblieben. Anfangs glaubte man ihrer Erzählung. Wie aber die auf Erlaubniß der Decemvirn zur Beerdigung der Gefallenen hingezogene Cohorte keine einzige Leiche beraubt, den Siccius in der Mitte liegen, noch in seiner Rüstung, und alle Leichen gegen ihn gekehrt sah; von den Feinden hingegen nicht Einen Gebliebenen, und keine Spur ihres Abzuges; so überbrachten sie seine Leiche mit der Versicherung, er sei gewiß von den Seinigen gemordet. Das ganze Lager gerieth in Erbitterung, und es war schon beschlossen, den Siccius sofort nach Rom zu tragen, hätten nicht die Decemvirn geeilt, ihn mit allen Kriegerehren auf öffentliche Kosten bestatten zu lassen. Sein Begräbniß setzte die Soldaten in tiefe Trauer, und die Decemvirn allgemein in den schlechtesten Ruf. 44. Eine Schandthat von ganz andrer Art erfolgte in der Stadt, durch Unkeuschheit erzeugt, und von gleich scheußlichem Erfolge mit jener, als die Schändung und Entleibung der Lucretia die Tarquinier aus der Stadt und vom Throne stieß; so daß die Decemvirn nicht allein, so wie die Könige, aufhörten, sondern auch ihre Regierung durch gleiche Veranlassung verloren. Dem Appius Claudius gab die Liebe zu einer 262 Jungfrau vom bürgerlichen Stande den Entschluß, sie zu entehren. Ihr Vater Lucius Virginius stand bei dem Heere im Algidus als einer der Hauptleute vom höhern Range; zu Hause und im Felde ein musterhafter Mann. Eben so war seine Frau erzogen, und so erzogen sie auch ihre Kinder. Die Tochter hatte er dem gewesenen Tribun, Lucius Icilius, verlobt, einem unternehmenden Manne und um die Partei der Bürgerlichen von bewährtem Verdienste. Als Appius, der vor Liebe glühend dies erwachsene, außerordentlich schöne, Mädchen durch Geschenke und Versprechungen zu verführen suchte, jeden Zugang durch Keuschheit versperrt sah, so entschloß er sich zu einer grausamen, alles niedertretenden Gewaltthat. Seinem Schützlinge, Marcus Claudius, gab er den Auftrag, sich des Mädchens als seiner Sklavinn zu versichern und nicht nachzugeben, wenn man bis zur Entscheidung ihrer Freiheit Aufschub fordere: da die Abwesenheit des Vaters, wie er hoffte, seine Ungerechtigkeit begünstigte. Als das Mädchen auf den Markt kam – denn dort standen unter den Krambuden auch Schulstuben – legte der Kuppler des Decemvirs, indem er sie als seine Sklavinn anredete, da sie eine Tochter seiner Sklavinn sei, Hand an sie, und befahl ihr, ihm zu folgen; im Weigerungsfalle werde er sie mit Gewalt fortführen. Während das Mädchen vor Schrecken starrte, entstand auf das Geschrei ihrer Amme, welche nach Hülfe rief, ein Auflauf. Ihres Vaters Virginius, ihres Bräutigams Icilius beliebter Name wurde laut genannt. Alle, die sie kannten, machte das Wohlwollen für jene, und den Haufen der Unwille zu Freunden des Mädchens. Schon war sie vor Gewalt sicher, als der Kläger anfing: «Das zusammengelaufene Volk sei hier ganz unnöthig. Er verfahre nach Recht, nicht mit Gewalt.» – Er forderte das Mädchen vor Gericht. Da selbst die, welche sich ihrer annahmen, ihr riethen, mitzugehen, so kam man vor des Appius Richterstuhl. Der Kläger sagte seine dem Richter, als Erfinder des Stücks, bekannte Rolle auf. «Diese in seinem Hause geborene, ihm gestohlne und dem Virginius ins Haus 263 gebrachte Sklavinn, sei diesem als Kind untergeschoben. Seine Aussage gründe sich auf einstimmige Zeugnisse, und er werde sie beweisen, wenn auch Virginius selbst Richter sein sollte, der bei diesem Unrechte am meisten leide. Bis dahin sei es doch billig, daß die Magd ihrem Herrn folge.» Die Vertheidiger des Mädchens führten an: « Virginius sei im Dienste des Stats abwesend; er werde in zwei Tagen hier sein, sobald man es ihm sagen ließe; es sei hart, daß einem Abwesenden seine Kinder streitig gemacht würden:» und verlangten, « Appius möge die Sache bis zur Ankunft des Vaters unentschieden lassen. Laut des von ihm selbst gegebenen Gesetzes möge er für den Aufschub zu Gunsten der Freiheit den Ausspruch thun, und nicht zugeben, daß eine erwachsene Jungfrau Gefahr laufe, eher ihren guten Namen zu verlieren, als ihre Freiheit.» 45. Appius leitete seinen Spruch folgendermaßen ein: «Wie sehr er die Freiheit begünstigt habe, beweise selbst das Gesetz, auf welches sich dir Freunde des Virginius bei ihrer Forderung beriefen. Allein die Freiheit finde nur dann in diesem Gesetze sichern Schutz, wenn es so wenig zu Gunsten einer Sache, als einer Person verdrehet werde. Was sie verlangten, sei allerdings bei denen Recht, die als Herren ihrer selbst in ihrer angefochtenen Freiheit einstweilen erhalten werden müßten, weil sie als solche sich selbst an das Gesetz halten könnten: bei einer Person aber, die noch in väterlicher Gewalt stehe, könne es außer dem Vater keinen andern geben, dem der Eigenthümer in der Besitznehmung nachzustehen habe. Er erkenne also dahin, daß der Vater geholt werden müsse, der Kläger aber unterdessen, um nicht an seinem Rechte zu leiden, nicht abgehalten werde, das Mädchen mitzunehmen, und versprechen müsse, sie auf die Ankunft des angeblichen Vaters zu stellen.» Da ihrer viele gegen die Ungerechtigkeit des Spruches mehr murreten, als daß irgend einer das Herz gehabt hätte, sich zu widersetzen, so kamen Publius Numitorius, des Mädchens Mutterbruder, und ihr Bräutigam Icilius 264 dazu; und da sich die Menge, die ihnen Platz machte, zum Widerstande gegen den Appius das meiste von des Icilius Dazwischenkunft versprach, so rief der Gerichtsdiener, «Das Urtheil sei schon gesprochen,» und peitschte den laut werdenden Icilius weg. Eine so scheußliche Ungerechtigkeit würde auch den Gelassensten empört haben. «Mit dem Schwerte, rief Icilius, «mußt du mich hier wegbringen lassen, Appius, wenn dir das ohne Rüge hingehen soll, was du so gern verheimlichen möchtest! Diese Jungfrau will ich heirathen; ich, der ich sie als eheliches, keusches Weib halten will. Ruf immerhin alle Gerichtsdiener, auch die deiner Amtsgenossen, herzu; heiß sie Ruthen und Beile zur Hand nehmen: dennoch soll die Verlobte des Icilius nicht außer ihres Vaters Hause bleiben. Habt ihr gleich dem Römischen Bürgerstande die tribunicische Hülfe und die Ansprache, diese beiden Bollwerke zur Behauptung seiner Freiheit, genommen; so ist darum eurer Ausgelassenheit noch keine Königsmacht über unsre Kinder und Frauen eingeräumt. Wüthet gegen unsre Rücken, gegen unsre Nacken: aber lasset wenigstens die Keuschheit unangetastet. Vergreift man sich an ihr, so rufe ich für meine Braut die hier versammelten Quiriten, Virginius für seine einzige Tochter die Soldaten, und wir alle – «Götter und Menschen zum Beistande auf; und ohne uns zu morden, wirst du nimmermehr deinen Ausspruch gültig machen. Ich fordere dich auf, Appius, überleg es von allen Seiten, was für einen Schritt du thuest. Kommt Virginius, so wird er selbst zusehen, wie er für seine Tochter zu sorgen habe. Nur das soll er wissen, daß er sich, falls er sie vorläufig in den Händen dieses Menschen läßt, nach einem andern Vorschlage für seine Tochter umzusehen habe. Ich aber lasse, die Freiheit meiner Braut zu retten, eher mein Leben schwinden, als mein Wort.» 46. Die Menge war in Bewegung und Alles ließ sich zum Kampfe an. Die Gerichtsdiener hatten den Icilius umstellt. Doch blieb es bei Drohungen: denn Appius 265 erklärte: « Icilius vertheidige nicht die Virginia, sondern der unruhige Mensch, der noch immer Tribunengewalt athme, suche nur Gelegenheit zum Aufruhre. Dazu wolle er ihm heute keine Veranlassung geben. Um ihm aber zu zeigen, daß er nicht auf seine Ungezogenheit, sondern auf die Abwesenheit des Virginius, auf Väternamen und Freiheit Rücksicht nehme, wolle er zwar heute kein Recht ergehen lassen, noch einen Ausspruch rechtskräftig machen; wolle lieber den Marcus Claudius ersuchen, von seinem Rechte abzustehen und es geschehen zu lassen, daß das Mädchen bis zum folgenden Tage in den Händen ihrer Vertheidiger bleibe. Falls sich aber der Vater am folgenden Tage nicht stelle, so deute er hiemit dem Icilius an, und Allen, die mit dem Icilius gleiches Gelichters seien, daß der Geber so wenig sein Gesetz, als der Muth den Decemvir im Stiche lassen werde; und daß er gar nicht gewillet sei, um den Aufrührern zu steuren, die Gerichtsdiener seiner Amtsgenossen zusammen zu rufen: er hoffe mit seinen eignen auszureichen.» Kaum hörten die Beistände des Mädchens den Aufschub der Frevelthat, als sie auf die Seite traten und sogleich des Icilius Bruder und des Numitorius Sohn, zwei rasche Jünglinge, aufforderten, geradezu von hier sich zum Thore hinaus zu machen, damit so geschwind als möglich, Virginius aus dem Lager geholt werde. « Darauf beruhe die Rettung des Mädchens, wenn morgen der, dessen Gegenbeweis den Angriff vernichten müsse, auf die Stunde sich einstelle.» Auf dies Wort machten diese sich auf, gaben den Pferden die Spornen und brachten dem Vater die Nachricht. Als der Kläger mit seinem Anspruche auf das Mädchen in den Icilius drang, daß er, um sie vorerst als eine Freie behalten zu können, Bürgen stellen möchte, und Icilius ihm sagte, sie seien eben damit beschäftigt, ob er gleich geflissentlich zögerte, um die ins Lager Abgeschickten einen Vorsprung gewinnen zu lassen; so streckte das Volk rund umher die Hände empor und jeder bot sich dem Icilius zur Bürgschaft an. Mit Thränen erwiederte er: 266 «Ich danke euch. Morgen werde ich von eurer Bemühung Gebrauch machen. Jetzt haben wir Bürgen genug.» So wurde Virginia gegen Bürgschaft von den nächsten Verwandten, bis zur Entscheidung den Ihrigen in Besitz gegeben. Appius, der noch eine Weile wartete, damit es nicht so scheinen sollte, als habe er bloß dieser Sache wegen die Sitzung gehalten, begab sich endlich, weil niemand vortrat – denn aus Theilnahme für diese einzige Sache setzte man alles übrige zurück – nach Hause, und schrieb seinen Amtsgenossen ins Lager: «Sie möchten dem Virginius keinen Urlaub geben, sondern ihn vielmehr verhaften.» Dieser gottlose Anschlag kam, wie er mußte, zu spät. Und Virginius war schon nach erhaltnem Urlaube um die erste Nachtwache abgegangen, als am folgenden Morgen der Brief mit dem Auftrage, ihn festzuhalten, vergeblich eingeliefert wurde. 47. In der Stadt geleitete am frühen Morgen, als die Bürger von Erwartung gespannt schon auf dem Markte standen, Virginius im Anzuge eines Beklagten, seine Tochter, ebenfalls in veraltetem Kleide, auf den Markt, mit einem Gefolge von mehreren Frauen und vielen Hülfswilligen. Hier ging er bei den Leuten herum, drückte ihnen die Hand und sprach sie um ihren Beistand an, den er sich nicht bloß erbitte, sondern der ihm gebühre. «Für ihre Kinder und Gattinnen stehe er täglich in der Schlachtordnung, und der Mann müsse noch aufstehen, der sich im Felde mehrerer Beweise der Brauchbarkeit und Tapferkeit rühmen könne. Was ihm das Alles helfe, wenn seine Kinder mitten im Glücke Roms Behandlungen zu leiden haben sollten, die sie, wenn es von Feinden erobert wäre, als das Härteste fürchten könnten.» So ging er, als hielte er einen zusammenhängenden Vortrag, von Mann zu Mann. Ähnliche Reden führte Icilius . Aber mehr, als alle Sprache, rührte das weibliche Gefolge durch seine schweigenden Thränen. Gegen dies Alles verhärtet bestieg Appius (so sehr hatte – die Tollheit, möchte man eher sagen, als – die 267 Liebe, seinen Verstand verrückt) den Richterstuhl; und da der Kläger ganz kurz sich sogar beschwerte, daß man ihm gestern, um sich gefällig zu machen, sein Recht vorenthalten habe, so nahm schon, ohne jenen sein Gesuch zu Ende bringen zu lassen, oder dem Virginius Zeit zur Gegenrede zu gestatten, Appius das Wort. Es kann sein, daß uns ältere Geschichtschreiber die Erörterung, die er seinem Ausspruche zum Gewande gab, der Wahrheit gemäß überliefert haben. Weil ich aber nirgend eine finde, die einem so abscheulichen Spruche nur eine erträgliche Wahrscheinlichkeit gäbe, so wird es am Besten sein, das, worin alle übereinkommen, ohne Hülle darzulegen, daß er dem Kläger das Recht zugesprochen habe, sich seiner Sklavinn zu bemächtigen. Anfangs waren Alle vor Staunen über das Unbegreifliche einer solchen Scheußlichkeit erstarret, und es erfolgte eine tiefe Stille. Als aber Marcus Claudius hinging, das von Frauen umringte Mädchen zu greifen und mit einem kläglichen Geheule der Weiber empfangen wurde, so rief Virginius mit gegen den Appius emporgestreckten Händen: « Appius! dem Icilius habe ich meine Tochter versprochen, nicht dir! und erzogen habe ich sie zur Ehe, nicht zur Schändung! Machst du das zur Sitte, daß man wie das Vieh, wie das Wild, über Alles, was weiblich ist, wollüstig herfällt? Ob man dir das hier gestatten werde, weiß ich nicht; doch hoffe ich, daß es die nicht dulden sollen, welche Waffen in den Handen haben.» Während den verfolgenden Kläger der Haufe von Weibern und umherstehenden Freunden zurückstieß, ward durch den Herold Stille geboten. 48. Der Decemvir, außer für die Eingebungen der Wollust, taub gegen Alles, fing an: «Nicht bloß durch das gestrige Widerbellen des Icilius, nicht bloß durch den Ungestüm des Virginius, worüber er jetzt das Römische Volk zu Zeugen nehme, sondern durch zuverlässige Aussagen habe er in Erfahrung gebracht, daß sich während der ganzen Nacht Rotten in der Stadt zusammengethan hätten, um Aufruhr zu erregen. Auf diesen Kampf 268 gefaßt habe er sich mit Bewaffneten eingefunden; nicht, um irgend Einem der ruhigen Bürger wehe zu thun, sondern um die Störer der öffentlichen Ruhe der Würde seines Oberbefehls gemäß zu beschränken. Also rathe ich euch,» – so fuhr er fort – «ruhig zu sein! Dorthin, Lictor! schlag den Haufen aus einander und schaffe Platz, daß der Eigenthümer seine Sklavinn greifen kann!» Als er diese Worte in vollem Zorne herabgedonnert hatte, trat die Menge von selbst aus einander; und das Mädchen stand verlassen da, der Mishandlung zum Raube. Da sprach Virginius, wie er nirgend Hülfe sah: «Ich bitte dich, Appius, zuerst dem väterlichen Schmerze zu verzeihen, wenn ich mich zu hart gegen dich herausgelassen habe: dann aber erlaube mir, hier im Angesichte des Mädchens die Amme zu befragen, wie die Sache möglich sei; damit ich, wenn ich mit Unrecht Vater geheißen habe, so viel eher beruhigt hier abtreten kann.» Auf erhaltene Erlaubniß führte er Tochter und Amme auf die Seite, neben dem Tempel der Cloacina zu den Krambuden, die jetzt die Neuen heißen, und da er hier bei einem Fleischer ein Messer wegriß, sprach er: «Kind, dies einzige Mittel blieb mir, deine Freiheit zu retten.» Dann durchstach er dem Mädchen die Brust und rief, zum Richterstuhle hinaufblickend: «Auf dich, Appius, und dein Haupt lade ich den Fluch dieses Blutes!» Appius, durch das über die schreckliche That erhobene Geschrei aufgeregt, gab Befehl, den Virginius zu greifen. Er aber bahnte sich, wo er ging, mit dem Messer den Weg, bis er, selbst von der nacheilenden Menge gedeckt, das Thor erreichte. Icilius und Numitorius, die den entseelten Körper aufnahmen, zeigten ihn dem Volke und machten unter Thränen die Gräuelthat des Appius, die unglückliche Schönheit des Mädchens, die dem Vater gebietende Noth zum Vorwurfe ihrer Klagen. Die Frauen zogen hinterher und schrieen: « Dazu also sollten sie Kinder gebären? dies sei der Keuschheit Lohn?» und mehr dergleichen, wie es ihnen in solchen Fällen der weibliche Schmerz, je inniger er bei ihrem weicheren Herzen ist, zu so viel 269 rührenderen Klagen eingiebt. Desto lauter war das Geschrei der Männer, besonders des Icilius, über die dem Volke entrissene tribunicische Macht und Ansprache, und ihr Unwille über die Lage des Stats. 49. Die Menge gerieth in Bewegung theils über die empörende Bosheit, theils durch die Hoffnung, bei dieser Gelegenheit ihre Freiheit wieder zu gewinnen. Appius befahl bald, den Icilius zu fordern, bald, den Widerspenstigen zu greifen: endlich, weil man seine Gerichtsdiener jenem nicht beikommen ließ, brach er mit einer Schar patricischer Jünglinge durch das Gedränge, und befahl, ihn ins Gefängniß zu werfen. Allein schon schloß sich an den Icilius nicht bloß die Menge, sondern auch Lucius Valerius und Marcus Horatius, als Anführer der Menge. Sie erklärten, als sie den Gerichtsdiener zurückgeworfen hatten, wenn es hier nach Recht gehen sollte, so wären sie hier Beschützer des Icilius gegen einen Mann ohne Amt; und wenn dieser Gewalt brauchen wolle, würden sie ihm auch da gewachsen sein. Es erfolgte eine stürmische Schlägerei. Des Decemvirs Gerichtsdiener fiel den Valerius und Horatius an: das Volk zerbrach ihm die Ruthenbündel. Appius bestieg die Bühne; Horatius und Valerius ihm nach. Auf sie hörte die Versammlung; dem Appius tosete sie entgegen. Schon gebot Valerius den Gerichtsdienern vermöge seines Machtspruchs, vom Appius als einem Amtlosen abzutreten; als dieser, der seinen Trotz besiegt sah und für sein Leben fürchtete, seinen Gegnern unbemerkt, mit verhülltem Haupte in ein Haus, nicht weit vom Markte, sich rettete. Spurius Appius, um seinem Amtsgenossen zu Hülfe zu kommen, brach von einer andern Seite auf den Marktplatz herein, und sah die Regierung schon durch den Sturm besiegt. Von mancherlei Anschlägen umgetrieben, zwischen denen er immer unschlüssig blieb, weil er nach allen Seiten hin den vielen Rathgebern beipflichtete, ließ er endlich den Senat berufen. Dies beruhigte die Menge, weil sie hoffte, da einem großen Theile der Väter das Verfahren der Decemvirn zu misfallen schien, durch den Senat 270 selbst ihrer Regierung ein Ende zu machen. Der Senat stimmte dahin, der Bürgerstand dürfe nicht erbittert werden, noch weit mehr aber müsse man zu verhüten suchen, daß die Ankunft des Virginius keinen Aufstand im Heere veranlasse. 50. Also wurden die jüngeren Väter ins Lager geschickt, welches damals auf dem Berge Vecilius stand, den Decemvirn zu sagen, sie möchten alles Mögliche thun, die Soldaten von einer Empörung zurück zu halten. Hier aber hatte Virginius einen größern Aufstand erregt, als er in der Stadt zurückgelassen hatte. Denn außerdem, daß man ihn mit einer Schar von beinahe vierhundert Menschen hatte ankommen sehen, welche aus Erbitterung über das unwürdige Verfahren ihn aus der Stadt begleitet hatten, zog das empor gehaltene Messer, und das Blut, womit auch er bespritzt war, das ganze Lager zu ihm her; und die vielen Menschen in städtischer Tracht, die man im Lager erblickte, gaben den Schein einer noch größeren Menge Städter, als wirklich da war. Auf die Frage: Was ihm fehle, – konnte er lange vor Thränen kein Wort vorbringen. Endlich, als der Haufe vom Getümmel des Zusammenlaufs zum Stehen kam und Stille erfolgte, erzählte er der Reihe nach Alles, wie es vorgefallen war. Dann, mit gen Himmel erhobenen Händen und sie seine Kampfbrüder nennend, bat er: «Sie möchten nicht ihm zurechnen, was Appius Claudius verbrochen habe; ihn nicht als einen Kindermörder verabscheuen. Das Leben seiner Tochter sei ihm theurer gewesen, als sein eigenes, wenn sie als eine Freie, als eine Keusche, hätte leben können. Da er sie aber, als Sklavinn, zur Schändung habe fortschleppen sehen, habe er sich, in der Überzeugung, es sei besser, seine Kinder durch den Tod, als durch Entehrung zu verlieren, als der Zärtliche den Schein des Grausamen gegeben. Auch würde er seine Tochter nicht überlebt haben, wenn er sich nicht vom Beistande seiner Kampfbrüder Rache für ihren Tod versprochen hätte. Denn auch sie hätten Töchter, Schwestern und Gattinnen, und mit seiner Tochter sei des 271 Appius Claudius Unzucht noch nicht erloschen, sondern werde so viel zügelloser werden, je ungestrafter sie sei. In dem Unglücke eines Dritten sei ihnen die Lehre gegeben, sich selbst vor ähnlicher Gewaltthat zu hüten. Was ihn betreffe, so sei ihm seine Frau durch den Tod entrissen; seine Tochter habe, weil sie der Keuschheit ferner nicht hätte leben sollen, einen kläglichen, aber ehrenvollen Tod gefunden. Sein Haus also biete der Unzucht des Appius weiter keinen Stoff. Und vor seiner übrigen Gewaltthätigkeit werde er seine Person mit eben dem Muthe zu schützen wissen, mit dem er seine Tochter geschützt habe. Sie übrigen aber möchten sich selbst und ihre Kinder sicher stellen.» Auf diese lauten Klagen des Virginius antwortete ein allgemeines Geschrei: «Sie würden sich weder die Rache für seinen Schmerz, noch ihre Freiheit nehmen lassen.» Und da die in das Gewühl der Soldaten sich einmischenden Städter in seinen kläglichen Bericht einstimmten; ihnen begreiflich machten, wie viel schrecklicher das Alles anzusehen gewesen sei, als es ihnen anzuhören sein könne; sie zugleich versicherten, die Regierung zu Rom sei so gut als abgesetzt; und endlich noch die später Nachkommenden meldeten, Appius habe sich mit Lebensgefahr kaum noch ins Ausland flüchten können: so bewirkte dies Alles, daß die Soldaten zu den Waffen riefen, die Fahnen aushoben und den Marsch nach Rom antraten. Die Decemvirn, eben so sehr durch die Auftritte vor ihren Augen, als durch die Nachrichten aus Rom beunruhigt, liefen, der eine in diesen, der andre in jenen Theil des Lagers, die Bewegungen zu stillen. Auf gelinde Vorstellungen erhielten sie keine Antwort: versuchte einer die Strenge, so hieß es: «Hier hätten sie Männer und Bewaffnete vor sich.» In geschlossenem Zuge gingen die Soldaten zur Stadt und besetzten den Aventinischen Berg, indem sie jeden Bürgerlichen, der ihnen begegnete, zur Wiedereroberung der Freiheit und zu einer Tribunenwahl aufforderten. Weiter hörte man kein hartes Wort. 272 Jetzt hielt Spurius Oppius eine Senatsversammlung. Man fand für gut, durchaus nicht mit Schärfe zu verfahren, weil sie selbst den Aufruhr veranlasset hätten. Drei Consularen, Spurius Tarpejus, Cajus Julius, Publius Sulpicius, wurden als Gesandte hingeschickt, im Namen des Senats die Soldaten zu befragen: «Auf wessen Befehl sie ihr Lager verlassen hätten; oder was sie damit wollten, daß sie bewaffnet den Aventinus besetzt, und mit Aufgebung des Krieges gegen die Feinde, sich ihrer Vaterstadt bemächtigt hätten.» Es fehlte nicht an einer Antwort: es fehlte an dem, der sie ertheilen sollte, weil sie noch keinen bestimmten Führer hatten, und jeder Einzelne zu furchtsam war, sich der Verantwortung auszusetzen. Nur soviel schrie ihnen die Menge zu: «Man möge ihnen den Lucius Valerius und Marcus Horatius schicken: diesen wollten sie eine Antwort geben.» 51. Nach Entlassung der Gesandten stellte Virginius den Soldaten vor: «Man sei in einer nicht sehr wichtigen Sache so eben in Verlegenheit gewesen, weil die Menge kein Haupt gehabt habe, und man habe, freilich nicht unrecht, aber doch mehr aus zufälligem Gleichsinne, als nach gemeinschaftlichem Plane geantwortet. Er schlage ihnen vor, zehn Männer zu wählen, die die Leitung des Ganzen hätten, und nach einer Ehrenbenennung, wie Krieger sie gäben, Kriegstribunen heißen könnten.» Als ihm diese Stelle vor allen Andern angetragen wurde, antwortete er: «Wolltet ihr euch nicht lieber diese günstigen Äußerungen über mich, auf bessere Zeiten für mich und für euch, vorbehalten? So lange der Tod meiner Tochter ungerächet bleibt, kann mir kein Ehrenamt erfreulich sein; und auch für euch ist es nicht rathsam, diejenigen an eurer Spitze zu haben, die der Haß eurer Gegenpartei zunächst treffen möchte. Sollte ich euch irgend worin nützlich sein können, so kann ich das als Privatmann eben so gut.» Also wählten sie zehn Kriegstribunen. Auch das Heer im Sabinischen blieb nicht ruhig. Auf Betrieb des Icilius und Numitorius trennte man sich von den Decemvirn auch hier, wo das neue Gerücht, daß 273 man ein Mädchen auf so schändliche Weise zum Misbrauche habe wegnehmen wollen, die Erbitterung nicht stärker anfachen konnte, als das erneuerte Andenken an den Mord des Siccius schon gethan hatte. Als Icilius hörte, auf dem Aventinus habe man Kriegstribunen gewählt, und er besorgen mußte, die Wahlversammlung der Bürger möchte sich demnächst durch die von den Soldaten früher vollzogene Wahl bestimmen lassen, eben diese Kriegstribunen zu Bürgertribunen zu ernennen; so war er, als ein in Volksverhandlungen gewandter Mann, der sich selbst auf diese Ehrenstelle Rechnung machte, darüber aus, daß auch hier, ehe der Zug zur Stadt vor sich ging, eine gleiche Anzahl mit gleicher Würde Bekleideter gewählt wurde. Sie rückten unter den Fahnen zum Collinischen Thore ein und zogen mitten durch die Stadt auf den Aventinus . Hier gaben sie mit dem andern Heere im Vereine den zwanzig Kriegstribunen den Auftrag, zwei aus ihrer Mitte zu Oberbefehlshabern zu erwählen. Dies traf den Marcus Oppius und Sextus Manilius . Die Väter, welche, über den Besitz der Regierung in Sorgen, täglich im Senate sich versammelten, brachten die Zeit öfter mit Wortwechsel als mit Berathschlagungen hin. Den Decemvirn rückten sie die Ermordung des Siccius vor, die Frechheit des Appius und die verlorne Ehre im Felde. Sie wünschten, Valerius und Horatius möchten auf den Aventinus gehen. Diese versicherten, sie würden nicht anders hingehen, als wenn die Decemvirn die Ehrenzeichen eines Statsamtes ablegten, von dem sie schon vor einem Jahre abgegangen waren. Die Decemvirn, die sich darüber beschwerten, daß man ihnen zu viel zumuthe, erklärten, sie würden die Regierung nicht niederlegen, bevor nicht die Gesetze eingeführt wären, um derentwillen man sie erwählt habe. 52. Die Bürgerlichen, die durch den Marcus Duilius, einen gewesenen Bürgertribun, Nachricht erhielten, daß unter den fortdauernden Gezänken nichts zum Schlusse komme, gingen vom Aventinus auf den heiligen Berg hinüber; weil Duilius versicherte, «die Sorge werde den 274 Vätern nicht eher ans Herz treten, bis sie die Stadt verlassen sähen. Der heilige Berg werde sie an die Beharrlichkeit des Bürgerstandes erinnern: dann würden sie es sich selbst sagen, daß ohne Wiedereinsetzung der Tribunen keine Eintracht möglich sei.» Ihr Zug ging die Nomentanische Heerstraße, welche damals die Ficulensische hieß; und an Sittsamkeit dem Beispiele ihrer Väter Siehe Buch II. Cap. 32. treu, nahmen sie, ohne jemand Leid zu thun, auf dem heiligen Berge ein Lager. Dem Heere zogen die Bürger nach, so daß keiner, der Alters halber gehen konnte, zurück blieb. Ihnen folgten ihre Gattinnen und Kinder unter traurigen Fragen: «Wem sie sie in einer Stadt zurücklassen wollten, in der weder Keuschheit noch Freiheit heilig sei.» Da die ungewöhnliche Einöde Alles in Rom noch einmal so groß machte, auf dem Markte außer einigen Greisen niemand zu sehen war, und vollends den Vätern auf ihrem Wege in den Senat der Markt sich in seiner Leere zeigte, so riefen nun schon mehrere, als Horatius und Valerius, laut: «Worauf wartet ihr, versammelte Väter? Wollt ihr, wenn die Decemvirn ihrer Hartnäckigkeit kein Ziel setzen, Alles einstürzen und abbrennen lassen? Und was ist das für eine Regierung, ihr Decemvirn, die ihr so fest haltet? Wollt ihr Häusern und Wänden Recht sprechen? Schämt ihr euch nicht, daß man auf dem Markte eure Gerichtsdiener fast in größerer Anzahl sieht, als Bürger und andre? Was wollt ihr anfangen, wenn die Feinde gegen die Stadt ziehen, oder wenn nächstens die Bürger, falls ihre Auswanderung nicht gehörig auf uns wirkt, bewaffnet ankommen? Wollt ihr eure Regierung mit dem Untergange der Stadt endigen? Kurzum! wir müssen entweder keinen Bürgerstand haben, oder zugleich auch Bürgertribunen. Wir würden eher der patricischen Obrigkeiten entbehren können, als sie der bürgerlichen. Sie zwangen dies Amt, ehe sie es kannten und versucht hatten, unsern Vätern ab, gewiß nicht, um sich jetzt, 275 nachdem es ihnen einmal so wohl behagt hat, an den Verlust desselben zu gewöhnen; noch dazu, da wir uns unserer Oberbefehle nicht so entsehen, daß ihnen ein Beistand entbehrlich würde.» Durch den Gleichsinn, mit welchem diese Äußerungen von allen Seiten erschollen, überstimmt, erklärten die Decemvirn, sie würden sich, weil man es so haben wolle, dem Willen des Senates fügen. Nur baten und warnten sie zugleich, man möge sie gegen den Haß in Schutz nehmen, und den Bürgerstand nicht dadurch, daß er sie bluten ließe, an die Hinrichtungen der Väter gewöhnen. 53. Da bekamen Valerius und Horatius, welche abgeschickt wurden, den Bürgerstand unter ihm beliebigen Bedingungen zurückzurufen, und das Ganze zu verabreden, den Auftrag, auch die Decemvirn gegen jeden wüthenden Anfall der Menge zu sichern. Bei ihrer Ankunft nahmen die Bürger sie mit außerordentlicher Freude in ihr Lager, als ihre unstreitigen Befreier, wie beim Ausbruche der Unruhen, so auch jetzt durch den der Sache zu gebenden Ausgang. Gleich beim Eintritte stattete man ihnen diesen Dank ab, wobei Icilius im Namen Aller das Wort führte. Als die Rede auf die Bedingungen kam, legte auch er den Gesandten auf ihre Frage, was die Bürger forderten, nach einem schon vor Ankunft der Gesandten verabredeten Schlusse, solche Forderungen vor, daß man deutlich sah, das Volk stütze sich mehr auf die Billigkeit der Bedingungen, als auf seine Waffen. Es verlangte die Wiederherstellung der tribunicischen Gewalt und der Ansprache ; Schutzmittel des Bürgerstandes, die er schon vor Anstellung der Decemvirn gehabt hatte; ferner, daß niemand dafür verantwortlich sein solle, wenn er Soldaten oder Bürger aufgerufen habe, die Wiederherstellung der Freiheit durch einen Aufstand zu bewirken. Nur in Ansehung der Bestrafung der Decemvirn war die Forderung hart. Sie meinten, ihre Auslieferung verlangen zu können, und droheten, sie lebendig zu verbrennen. Hierauf antworteten die Gesandten: «Eure Forderungen, so weit sie Folgen der Überlegung waren, sind so 276 billig, daß wir sie euch von selbst hätten anbieten müssen. Denn ihr tragt darin auf Schutz eurer Freiheit an, nicht auf Ungebundenheit im Angriffe auf Andre. Euren Zorn aber muß man euch mehr zu Gute halten, als begünstigen, da ihr, gegen Grausamkeit erbittert, euch selbst in Grausamkeit stürzt, und beinahe noch eher, ehe ihr selbst einmal frei seid, schon über eure Widersacher gebieten wollt. Soll unser Stat sich nie von den Hinrichtungen erholen, welche, entweder Väter über Bürger; oder Bürger über Väter verhängen. Euch ist der Schild nöthiger, als das Schwert. Der ist herabgesetzt genug, der im State mit Andern auf gleichem Fuß leben muß, ohne ihnen Unrecht thun zu können – aber auch ohne es zu leiden. Und wollt ihr euch einst als die Furchtbaren zeigen, nun so werdet ihr ja dann, wenn ihr nach Wiedererlangung eurer Obrigkeiten und Gesetze über unser Leben und Eigenthum Richter seid, über Jeden entscheiden, wie seine Sache es mit sich bringt. Jetzt gewinnt ihr genug, wenn ihr eure Freiheit wieder erlangt.» 54. Da alle den Gesandten Vollmacht gaben, hierüber eine beliebige Auskunft zu treffen, so versprachen diese, nächstens, nach beendeter Sache, wieder zu kommen. Als sie bei ihrer Ankunft den Vätern die Forderungen der Bürger vorlegten, so machten die übrigen Decemvirn, weil gegen ihre Erwartung ihrer Bestrafung gar nicht gedacht wurde, nicht die mindeste Einwendung. Nur Appius, mit diesem harten Herzen, der einer schwereren Verantwortung sich bewußt, den Haß Anderer gegen ihn nach seinem Hasse gegen sie ermaß, fing an: «Ich sehe mein Schicksal kommen. Man verschiebt, wie ich sehe, den Kampf gegen uns, bis wir unsern Feinden die Waffen abgeliefert haben: wir sollen unser Blut dem Hasse opfern. Aber auch ich nehme keinen Anstand, mein Decemvirat niederzulegen.» Darauf verordnete der Senat: «Die Decemvirn sollten je eher je lieber ihr Amt abgeben. Der Hohepriester Quintus Furius sollte Bürgertribunen wählen. Und niemand für den Aufstand der Soldaten und Bürger verantwortlich sein.» Nach Abfassung dieser 277 Schlüsse und Entlassung des Senats traten die Decemvirn in der Versammlung auf und entsagten ihrem Amte zur großen öffentlichen Freude. Dem Bürgerstande wurden diese Nachrichten überbracht, und Alles, was noch von Menschen in der Stadt vorhanden war, begleitete die Gesandten. Dieser Menge kam aus dem Lager eine eben so frohe Schar entgegen, und beide wünschten sich zu der dem State wiedergegebenen Freiheit und Eintracht gegenseitig Glück. Dann sprachen die Gesandten vor der Versammlung: «Unter Glück, Heil und Segen für euch und für das Ganze kehret jetzt in die Vaterstadt zu euren Hausgöttern, Gattinnen und Kindern zurück: allein die Sittsamkeit, die ihr hier bewieset, wo ihr euch, bei so mancherlei einem so großen Haufen nöthigen Bedürfnissen, an niemandes Acker vergriffen habt, diese Sittsamkeit nehmet mit euch in die Stadt. Ziehet auf den Aventinus, von dem ihr ausgegangen seid. Dort, auf der glücklichen Stelle, wo ihr den ersten Grund zu eurer Freiheit gelegt habt, sollt ihr Bürgertribunen wählen. Der Hohepriester wird sich einfinden, die Wahlversammlung zu halten.» Mit lautem Beifalle und Frohlocken genehmigten sie Alles. Sie hoben die Fahnen aus, und auf dem Zuge nach Rom wetteiferten sie mit den ihnen Begegnenden in der Freude. Bewaffnet, aber stille, zogen sie durch die Stadt auf den Aventinus . Hier wählten sie sogleich, unter dem Vorsitze des Hohenpriesters, Bürgertribunen, vor allen andern den Lucius Virginius ; dann den Lucius Icilius und Publius Numitorius, den Oheim der Virginia, die Anstifter der Trennung von den Decemvirn; ferner den Cajus Sicinius, einen Enkel dessen, der, wie die Geschichte sagt, der erste auf dem heiligen Berge gewählte Bürgertribun war Den Großvater nennt Livius Buch II. Cap. 33. , den Vater Buch II. Cap. 58. ; und den Marcus Duillius, der sich in seinem Tribunate vor Anstellung der Decemvirn ausgezeichnet, und in den Streitigkeiten mit ihnen dem Bürgerstande 278 nützlich gemacht hatte. Die übrigen wurden mehr in Hoffnung, als nach Verdienst, gewählt, nämlich Marcus Titinius, Marcus Pomponius, Cajus Apronius, Publius Villius, Cajus Oppius . Nach dem Antritte seines Tribunats trug Lucius Icilius sogleich bei dem Bürgerstande darauf an und der Bürgerstand machte es zum Gesetze, daß niemand für den Abfall von den Decemvirn verantwortlich sein sollte. Gleich darauf setzte auch Marcus Duillius seinen Vorschlag durch, Consuln zu wählen, von denen eine Ansprache statt finde. Dies Alles wurde in der Bürgerversammlung auf der Flaminischen Wiese abgethan, welche jetzt die Flaminische Rennbahn heißt. 55. Darauf wurden durch einen Zwischenkönig Consuln gewählt; Lucius Valerius und Marcus Horatius, welche ihr Amt sogleich antraten. Sie begünstigten in ihrem Consulate das Volk, ohne den Vätern im mindesten Unrecht zu thun, und doch nicht ohne ihnen anstößig zu werden: denn jede Sicherstellung der bürgerlichen Freiheit hielten diese für eine Verminderung ihrer Macht. Da es bisher gleichsam als eine streitige Rechtsfrage angesehen war, ob die Schlüsse einer Bürgerversammlung auch die Väter verbänden, so machten sie es vor allen Dingen durch die Stimmen der versammelten Centurien zum Gesetze: «Daß Alles, was der Bürgerstand durch die Stimmen seiner Bezirke festsetzte, das Gesamtvolk verpflichten solle.» Und gerade dies Gesetz wurde die Waffe, durch welche die Tribunen ihre öffentlichen Vorschläge so furchtbar machten. Ein zweites Gesetz, – einst von einem Consul Buch II. Cap. 8. vom Publius Valerius Publicola . gegeben – über die Ansprache, diese vorzügliche Schutzwehr der Freiheit, das durch die Einsetzung der Decemvirn umgestoßen war, stellten sie nicht allein wieder her, sondern befestigten es auch auf die Zukunft durch die Aufstellung des neuen Gesetzes: «Daß niemand irgend eine Obrigkeit wählen solle, von der man nicht 279 Ansprache nehmen könne. Wer eine solche wähle, den solle man nach menschlichen und göttlichen Rechten zu tödten befugt sein und dieser Mord nicht für ein peinliches Verbrechen angesehen werden.» Da sie so den Bürgerstand von der einen Seite durch die Ansprache, von der andern durch die tribunicische Hülfe hinlänglich gesichert hatten, so erneuerten sie auch den Tribunen selbst, durch eine nach langer Unterlassung wieder eingeführte Weihe, die Würde der Unverletzlichen, und machten sie nicht bloß durch diese heilige Feierlichkeit zu Unangetasteten, sondern auch durch ein Gesetz, in welchem bestimmt war: «Wer Bürgertribunen, Ädilen, Richtern, Decemvirn Wir kennen die hier genannten Richter so wenig, als diese Decemvirn . Ist die Lesart richtig, so können doch die Amtsgenossen des Appius nicht gemeint sein, denn diese waren Adliche, und die Decemvirn in unserer Stelle müssen Unterobrigkeiten bürgerliches Standes gewesen sein. Leides thäte, dessen Haupt sollte dem Jupiter zum Opfer verwünscht sein: seine Habe sollte am Tempel der Ceres, des Liber und der Libera feil geboten werden.» Die Rechtserklärer behaupten, nach diesem Gesetze sei von jenen Allen nicht Einer unverletzlich, sondern nur der, der einem von ihnen Leides thue, mit dem Fluche belegt. Daher könnten auch die höheren Obrigkeiten einen Ädilis greifen und setzen lassen; und ob dies gleich rechtswidrig sei – denn es geschehe ja Einem Leides, dem vermöge dieses Gesetzes keins geschehen solle –so sei dies doch ein Beweis, daß ein Ädilis nicht für unverletzlich gehalten werde. Die Unverletzlichkeit der Tribunen hingegen gründe sich auf jenes alte, bei ihrer ersten Einsetzung von den Bürgern Anf dem heiligen Berge. Buch II. Cap. 33. beschworne, Recht. Andre haben von diesem Horatischen Gesetz die Auslegung gemacht, es sei darin eben so gut für die Sicherstellung der Consuln und Prätoren gesorgt, deren Wahl, so wie die der Consuln, der Vogelflug genehmigen müsse: denn unter der Benennung der Richter werde hier der Consul verstanden. Diese Erklärung wird dadurch widerlegt, daß es in jenen Zeiten wohl noch nicht Sitte gewesen sein mochte, den Consul Richter, sondern ihn Prätor zu nennen. 280 Dies waren die von den Consuln gegebenen Gesetze. Eben diese Consuln trafen auch die Verfügung, daß die Senatsschlüsse in den Tempel der Ceres an die Bürgerädilen geliefert werden mußten, welche vorher von den Consuln nach Willkür unterdrückt und verfälscht wurden. Darauf trug der Bürgertribun Marcus Duillius bei dem Bürgerstande darauf an, und der Bürgerstand machte es zum Schlusse: «Daß jeder, der den Bürgerstand ohne Tribunen sein ließe, oder eine Obrigkeit ohne Ansprache wählte, mit seinem Rücken und Kopfe büßen solle.» Alle diese Verhandlungen wurden, freilich nicht zur Zufriedenheit des Adels, abgethan, doch widersetzte sich niemand, weil die Wirkungen des Hasses bis jetzt noch keinen Einzelnen trafen. 56. Kaum aber fanden die Tribunen, nach Begründung der tribunicischen Macht und der Bürgerfreiheit, den Angriff auf Einzelne sicher und reif, so bestimmten sie gleich zuerst den Virginius zum Ankläger und den Appius zum Beklagten. Als Virginius dem Appius einen Klagetag angesetzt hatte, und Appius von jungen Adlichen umpflanzt auf dem Markte sich einfand, erwachte bei Allen, so wie sie ihn und seine Trabanten erblickten, das Andenken an jenes Scheusal von Regierung. Da begann Virginius: «Die Reden sind eine Erfindung für zweifelhafte Fälle. Ich werde also weder die Zeit damit verderben, Den vor euch anzuklagen, von dessen Grausamkeit ihr euch selbst mit den Waffen retten mußtet, noch dem Menschen gestatten, die Zahl seiner Gräuelthaten durch eine unverschämte Vertheidigung zu häufen. Alles das, Appius Claudius, dessen du dich gottloser und verruchter Weise binnen zwei Jahren eins über das andre erfrechet hast, erlasse ich dir. Nur wegen eines einzigen Klagepunkts lasse ich dich verhaften, wenn du nicht vor einem Richter erweisest, daß du nicht gesetzwidrig gegen eine freie Person auf Sklaverei erkannt habest.» Weder auf die Hülfe der Tribunen, noch auf das Urtheil des Volks konnte Appius im mindesten rechnen. Dennoch sprach er nicht 281 nur die Tribunen an, sondern als ihr Amtsbote, weil sich keiner von ihnen ins Mittel schlug, Hand an ihn legte, rief er auch: Ich spreche das Volk an! Dies Wort, das Hauptrettungsmittel der Freiheit, als es jetzt aus eben dem Munde erscholl, der jüngst durch seinen Spruch Freiheit in Sklaverei umwandeln wollte, bewirkte eine allgemeine Stille. Und während jeder nach seinen Empfindungen sich äußerte: «Endlich sehe man doch, daß es Götter gebe und daß sie der Menschen Thun beachteten. Auf Übermuth und Grausamkeit folgten, wenn gleich späte, doch nachdrückliche Strafen! Der spreche jetzt den Stat an, der die Ansprache aufgehoben habe! Der flehe jetzt zum Volke um Schutz, der alle Rechte des Volkes niedergetreten! und des Rechts der Freiheit selbst bedürfend, werde Der zur Haft fortgeschleppt, der eine freie Person der Sklaverei zugesprochen habe:» unterdeß war im Gemurmel der Versammlung die Stimme des Appius hörbar, der das Römische Volk um Erbarmung anrief. Er erinnerte an die Verdienste seiner Vorfahren um den Stat im Frieden und im Kriege; an seinen unglücklichen Eifer für den Römischen Bürgerstand, da er, um die Gesetze ausgleichen zu können. zum größten Anstoße für die Väter sein Consulat aufgegeben habe; an seine Gesetze, bei deren fortdauernder Gültigkeit er, der Geber derselben, ins Gefängniß geführt werde. «Doch auf das, was sich für ihn insbesondre zu seinem Vortheile oder Nachtheile sagen lasse, werde er es dann ankommen lassen, wenn ihm die Erlaubniß gegeben sei, sich zu verantworten. Für jetzt verlange er nur nach dem jedem Bürger zuständigen Rechte, daß er als angeklagter Römischer Bürger sich vertheidigen und seine Sache der Entscheidung des Römischen Volks anheim stellen dürfe. So sehr fürchte er den Haß noch nicht, daß er sich alle Hoffnung auf die Billigkeit und das Mitleiden seiner Mitbürger versagen sollte. Wolle man ihn ungehörter Sache ins Gefängniß führen, so spreche er abermals die Bürgertribunen an und warne sie, nicht denjenigen nachzuahmen, die ihnen so verhaßt wären. Falls aber die Tribunen eingeständen, daß sie 282 sich eben so durch einen Bund zur Aufhebung aller Ansprache verpflichtet hätten, wie sich dazu, laut ihrer Beschuldigung, die Decemvirn verschworen haben sollten; so wende er sich an das Volk, so flehe er die Gesetze über die Ansprache an, die von Consuln und von Tribunen erst in diesem Jahre gegeben waren. Wer sich noch auf Ansprache einlassen solle, wenn es dem nicht erlaubt werde, der noch nicht verdammt, noch nicht gehört sei? Welcher Bürgerliche, welcher geringe Mann bei den Gesetzen Schutz finden solle, wenn ihn Appius Claudius nicht fände? Er werde zum Beweise dienen, ob durch die neuen Gesetze Tyrannei oder Freiheit befestigt, und ob das Recht, gegen Kränkungen von oben Tribunen und Volk um Schutz anzusprechen, nur in todten Buchstaben vorgezeigt, oder wirklich ertheilt sei.» 57. Dagegen behauptete Virginius: « Appius Claudius sei der einzige, der an Gesetzen, an bürgerlicher und menschlicher Verbindung keinen Theil habe. Sie möchten zu seiner Richterbühne dort hinansehen, dieser Burgfeste aller Bosheiten, wo jener ewige Decemvir, dem Eigenthume, dem Rücken, dem Blute seiner Mitbürger auflaurend, jedermann mit Ruthen und Beilen drohend, der Verächter aller Götter und Menschen, mit Henkern, nicht mit Gerichtsdienern, umpflanzt, nachdem er endlich von Raub und Mord auf Unzucht verfallen sei, die freigeborne Tochter eines Bürgers, im Angesichte des Römischen Volks, als eine im Kriege erbeutete Sklavinn, aus den Umarmungen des Vaters weggerissen, und einem Schützlinge, dem Lustdiener seines Schlafgemachs, zur Leibeignen gegeben habe. Hier habe er durch seinen grausamen Spruch, durch seine unerhörte Zuerkennung die Hand des Vaters wider die Tochter bewaffnet. Hier habe er, mehr durch die gestörte Büßung seiner Lust, als durch die Ermordung des Mädchens aufgebracht, den Befehl gegeben, ihren Bräutigam und Oheim, als sie die halbentseelte Leiche aufnahmen, ins Gefängniß zu führen. Das Gefängniß, das er so gern die Wohnstube der Römischen Bürgerlichen genannt habe, sei auch für ihn 283 erbauet. So wie jener also von neuem und immer wieder das Volk anspreche, so werde er ihn von neuem und immer wieder vor einen Richter fordern, vor dem er beweisen müsse, daß er nicht von Freiheit auf Sklaverei erkannt habe. Wolle er sich keinem Richter stellen, so werde er ihn als Verurtheilten verhaften lassen.» So wenig jemand, als Appius ins Gefängniß geworfen wurde, dieses misbilligte, so machte es doch auf die Gemüther einen tiefen Eindruck, und selbst den Bürgerlichen schien ihre Freiheit, die über einen so großen Mann die Todesstrafe verfügen konnte, zu weit gediehen. Virginius setzte die Entscheidung auf einen späteren Gerichtstag aus. Unterdeß kamen von den Latinern und Hernikern Gesandte zu Rom an, um den Vätern und Bürgern zu ihrer Eintracht Glück zu wünschen, und sie brachten dafür dem allmächtigen Jupiter ein Geschenk auf das Capitol, einen goldenen Kranz von geringem Gewichte, wie er damals sein mußte, als man noch nicht reich war, und die Gottesverehrungen mehr mit Andacht, als Pracht geübt wurden. Durch ihre Aussage erfuhr man auch, daß sich die Äquer und Volsker mit aller Macht zum Kriege rüsteten. Also bekamen die Consuln den Auftrag, sich in die Führung der Kriege zu theilen; und dem Horatius bestimmte das Los die Sabiner ; die Äquer und Volsker dem Valerius . Als sie die Aushebung für diese Kriege angesetzt hatten, meldeten sich aus Liebe zu ihnen nicht bloß die Bürger vom Dienstalter zur Einzeichnung ihrer Namen, sondern auch eine große Anzahl Freiwilliger, die schon über die Dienstjahre hinaus waren; und darum wurde das Heer nicht nur an Mannszahl stärker, sondern auch durch den Werth der Truppen, unter denen so viele Veteranen dienten. Ehe die Consuln aus der Stadt gingen, ließen sie die in Erz gegrabenen Gesetze der Decemvirn, welche den Namen der Zwölf Tafeln führen, öffentlich aufstellen. Einige melden, auf Befehl der Tribunen hätten die Ädilen diese Verrichtung gehabt. 58. Cajus Claudius – eben der, der, aus Abscheu 284 gegen die Frevelthaten der Decemvirn, und vollends mit dem Übermuthe seines Brudersohns unverträglich, sich nach Regillus, seinem alten Stammorte, zurückgezogen hatte – dieser bejahrte Greis war jetzt zurückgekehrt, um durch seine Fürbitte die Gefahr dessen abzuwenden, dessen Lastern er ausgewichen war; ging mit seinen Stammgenossen und Schützlingen in Trauerkleidern auf dem Markte herum, drückte jedem Bürger die Hand und flehete: «Sie möchten den Stamm der Claudier nicht durch ein solches Brandmark beschimpfen, daß sie dessen Glieder des Kerkers und der Bande würdig erklärten. Der Mann, dessen Ahnenbild bei der Nachwelt von seiner höchsten Ehrenstelle zeugen werde, der Gesetzgeber und Stifter des Römischen Rechts, liege gefesselt unter nächtlichen Dieben und Straßenräubern. Sie möchten einmal vom Zorne auf Untersuchung und Besinnung zurückkommen, und lieber so vielen für ihn bittenden Claudiern den Einen schenken, als aus Haß gegen den Einen die Bitten so vieler zurückstoßen. Auch er thue dies bloß der Verwandschaft und dem Namen zu Liebe, und habe sich noch nicht mit dem ausgesöhnt, dem er nur im Unglücke habe helfen wollen. Durch Muth hätten sie die Freiheit wieder gewonnen; durch Milde könnten sie die Eintracht der Stände befestigen.» Einige rührte er, aber mehr durch sein eignes Gefühl für die Seinen, als durch die Sache dessen, für den er sprach. Allein Virginius bat: «Sie möchten sich vielmehr seiner erbarmen und seiner Tochter, und nicht auf die Bitten des Claudischen Stammes hören, der in einer königlichen Macht über die Bürger seine Bestimmung fühle, sondern auf die Verwandten der Virginia, und auf drei Tribunen, welche, zum Schutze des Bürgerstandes gewählt, jetzt selbst bei dem Bürgerstande um Mitleid und Schutz fleheten.» Diese Thränen fand man gerechter. Da alle Hoffnung ausging, gab Appius, ehe der aufgeschobene Gerichtstag erschien, sich selbst den Tod. Gleich darauf zog Publius Numitorius den Spurius Oppius zur Verantwortung, den nächst dem Appius der Haß am 285 meisten traf, weil er in der Stadt gewesen war, als sein Amtsgenoß die ungerechte Verurtheilung ergehen ließ. Doch brachte dem Oppius eine Ungerechtigkeit, die er selbst verübt hatte, größeren Haß, als die nicht verhinderte. Man führte einen Zeugen vor, welcher sieben und zwanzig Dienstjahre aufzählte, achtmal, sogar mit Auszeichnung, beschenkt war, diese Ehrengeschenke vor dem Volke aufwies, sich dann den Rock abriß, den Rücken von Ruthen zerhauen zeigte und sich erklärte, «Wenn der Beklagte ihm die mindeste Schuld nachsagen könne, so wolle er sich diese wüthende Behandlung von ihm als Privatmanne noch einmal gefallen lassen.» Auch Oppius wurde ins Gefängniß geführt, und machte dort, ehe der Gerichtstag kam, seinem Leben ein Ende. Das Vermögen des Claudius und Oppius wurde von den Tribunen eingezogen. Ihre Amtsgenossen machten sich selbst zu Landesverwiesenen. Auch deren Güter wurden eingezogen. Und Marcus Claudius mit seinem Anspruche auf die Virginia? Er wurde verklagt und verurtheilt; doch, weil ihm selbst Virginius die Todesstrafe schenkte, entlassen, und ging nach Tibur ins Elend. Und der Geist der Virginia, die im Tode glücklicher war, als im Leben, kam endlich, nachdem er so manches Haus zum Strafgerichte heimgesucht hatte, ohne Einen Schuldigen übergangen zu haben, zur Ruhe. 59. Die Väter waren von großer Furcht befallen und die Tribunen hatten schon eben die hohe Miene, wie vorhin die Decemvirn, als Marcus Duillius, selbst ein Bürgertribun, mit heilsamer Beschränkung ihrer zu hoch gestiegenen Amtsmacht sich so erklärte: «Wir haben der Freiheit und der Strafen an unsern Feinden genug. Ich werde also nicht zugeben, daß in diesem Jahre jemand weiter vor Gericht gefordert, oder ins Gefängniß geführt werde. Ich möchte nicht gern, daß alte längst vergessene Sünden. wieder hervorgesucht würden, da die neuen durch Bestrafung der Decemvirn gebüßt sind: und daß nichts Neues vorfallen werde, was etwa tribunicische Einwirkung erfordern könnte, dafür bürgt uns der anhaltende Eifer, mit welchem beide Consuln für eure Freiheit sorgen.» 286 Diese Mäßigung eines Tribuns nahm zuerst den Vätern ihre Furcht ab, aber eben sie vermehrte auch ihre Unzufriedenheit mit den Consuln, weil sie so ganz auf Seiten der Bürger gewesen waren, daß für die Wohlfahrt und Freiheit der Väter eine bürgerliche Obrigkeit frühere Sorge getragen habe, als die patricische, und ihre Gegner der Bestrafungen satt geworden wären, ehe man einmal gesehen habe, daß die Consuln Miene machten, jener Ausgelassenheit zu begegnen. Zu viele machten dem Senate einen Vorwurf der Feigheit daraus, daß er die von den Consuln vorgeschlagenen Gesetze bestätigt habe; denn es ließ sich als gewiß annehmen, daß er, bei der Zerrüttung des Stats, den Umständen nachgegeben habe. 60. Als die Consuln die Angelegenheiten der Stadt geordnet und die Lage der Bürger gesichert hatten, zogen sie jeder gegen den ihm bestimmten Feind. Valerius hielt gegen die schon auf dem Algidus vereinigten Heere der Äquer und Volsker den Krieg mit Klugheit hin. Denn hatte er es gleich auf das Glück ankommen lassen, so glaube ich fast, so wie damals seit der unglücklichen Anführung der Decemvirn der Muth der Römer und ihrer Feinde gestimmt war, der Kampf würde sehr zu seinem Nachtheile ausgefallen sein. Er hielt seine Truppen im Lager, das er tausend Schritte weit vom Feinde genommen hatte. Die Feinde erfüllten den Raum zwischen beiden Lagern mit ihrer aufgestellten Schlachtordnung, und ihre Aufforderungen zum Kampfe beantwortete von den Römern niemand. Endlich des Stehens und vergeblichen Harrens auf ein Treffen müde, zogen Äquer so gut, als Volsker, des ihnen eingeräumten Sieges fast schon gewiß, zum Theile ins Herniker-, zum Theile ins Latinergebiet auf Plünderung: im Lager blieb mehr eine Bedeckung, als Truppen genug zur Schlacht. Kaum merkte dies der Consul, so war nun die Reihe des Drohens an ihm: nun forderte er in Schlachtordnung den Feind auf. Sobald man dort im Bewußtsein eigner Schwäche dem Kampfe auswich, stieg den Römern der Muth, und sie sahen den hinter einem Walle bebenden Feind für besiegt an. Als sie 287 den ganzen Tag in Erwartung der Schlacht gestanden hatten, räumten sie gegen die Nacht den Platz. Voll Hoffnung überließ man sich auf Römischer Seite der Pflege. Nicht mit gleichen Empfindungen schickten die Feinde eilfertig nach allen Seiten Boten aus, die Plünderer umzurufen. Die nächsten eilten zurück; die entfernteren fand man nicht. Bei anbrechendem Tage rückten die Römer aus, mit dem Vorsatze, den Wall zu stürmen, wenn ihnen keine Schlacht geboten würde; und als schon hoch am Tage von Seiten des Feindes keine Bewegung erfolgte, so befahl der Consul den Angriff; und die Linie brach auf, als Äquer und Volsker der Unwille ergriff, daß siegreiche Heere, wie die ihrigen, ihren Schutz dem Walle, und nicht der Tapferkeit und den Waffen verdanken sollten. Also erhielten auch sie das ihren Feldherren abgepochte Zeichen zur Schlacht. Und schon war ein Theil aus dem Lager gerückt, und der Ordnung nach folgten die andern dem Zuge, aus dem sich jeder auf seine Stelle einreihete, als der Consul anrücken ließ, ehe die feindliche Linie auf ihre ganze Stärke fußend zum Stehen kommen könnte: und da er schon angriff, ehe sie noch alle herausgeführt waren, und die es waren, sich noch nicht völlig auf die Glieder ausgebreitet hatten, so brach er in den, ich mochte sagen, wankenden Haufen von Hin- und Herrennenden ein, die noch auf sich selbst und auf die Ihrigen warteten, und deren Bestürzung Schlachtgeschrei und Angriff zugleich erhöhete. Zuerst also wichen die Feinde: als sie sich aber gesammelt hatten, und ihre Feldherren ihnen verweisend von allen Seiten zuriefen, ob sie Besiegten weichen wollten, wurde das Gefecht wieder hergestellt. 61. Auf der andern Seite forderte der Consul die Römer auf, nicht zu vergessen, «daß sie am heutigen Tage zum erstenmale als Freie für das freie Rom föchten. Sie würden den Sieg sich selbst erwerben, nicht, um als Sieger Decemvirn eine Beute zu werden. Hier sei kein Appius Anführer, sondern ein Consul, Valerius, von Befreiern des Römischen Volks entsprossen, und Befreier 288 selbst. Sie möchten zeigen, daß in den vorigen Schlachten die Schuld, nicht gesiegt zu haben, an den Feldherren, nicht an den Soldaten gelegen habe. Es sei schimpflich, gegen Mitbürger mehr Muth zu zeigen, als gegen die Feinde, und in der Stadt vor Knechtschaft sich ärger zu fürchten, als im Felde. Virginia sei nur die Einzige gewesen, deren Keuschheit im Frieden bedrohet sei; Appius nur der einzige Bürger von gefährlicher Wollust. Sollte aber das Glück der Schlacht sinken, so drohe den Kindern Aller von so viel tausend Feinden Gefahr. Doch er wolle das nicht über seine Lippen bringen, was Jupiter so wenig, als Vater Mars über die Stadt kommen lassen würden, die unter so glücklichen Vorzeichen erbauet sei.» Dann erinnerte er sie an den Aventinischen, an den heiligen Berg . «Sie möchten jener Stelle, auf der vor wenig Monaten die Freiheit errungen sei, auch die Oberherrschaft ungeschmälert wieder zubringen, und beweisen, daß Römische Soldaten noch derselbe Geist nach Vertreibung der Decemvirn beseele, wie vor deren Erwählung, und durch Ausgleichung der Gesetze der Muth des Römischen Volkes nicht gemindert sei.» Als er so bei den Fahnen des Fußvolks geredet hatte, flog er zur Reuterei. «Auf, ihr jungen Männer!» sprach er, «übertreffet das Fußvolk an Tapferkeit, wie ihr es an Ehre und Range übertreffet. Im ersten Zusammentreffen hat schon das Fußvolk den Feind zurückgedrückt: sprengt ihr nun mit euren Rossen in den geschlagenen ein und jagt ihn aus dem Felde. Er wird den Angriff nicht aushalten, und schon jetzt zögert er mehr, als er widersteht.» Sie spornten die Pferde und ließen sie auf den Feind, den schon das Gefecht mit dem Fußvolke aus der Haltung gebracht hatte, durchbrachen die Glieder, und da sie bis ins Hintertreffen vorgedrungen waren, jagten sie zum Theile in der freien Ebene umher, trieben die schon auf allen Seiten die Flucht nehmenden fast sämtlich vom Lager abwärts, sprengten an diesem auf und nieder und schreckten sie zurück. Die Linie des Fußvolks, mit ihr der Consul selbst und der ganze Sturm der Schlacht warf sich auf das Lager 289 und eroberte es mit großem Verluste der Feinde und mit dem Gewinne einer noch größeren Beute. Der Ruf von dieser Schlacht, der nicht bloß in die Stadt, sondern auch ins Sabinische zu dem andern Heere erscholl, erregte in der Stadt bloß allgemeine Freude; im Lager spornte er auch den Muth der Soldaten, dieser Ehre nachzueifern. Hier hatte sie Horatius dadurch, daß er sie zu Ausfällen anstellte und in leichten Gefechten versuchte, schon wieder mehr daran gewöhnt, sich selbst zu vertrauen, als des unter Anführung der Decemvirn erlittenen Schimpfes zu achten; und diese kleinen Kämpfe waren der zu hoffenden Entscheidung des Ganzen sehr vortheilhaft gewesen. Und die Sabiner, stolz auf ihr vorjähriges Glück, hörten nicht auf, sie zu necken, heranzudringen und zu fragen: «Warum sie nach Straßenräuber Art in kleinen Rotten bald hervorsprengend, bald flüchtend, die Zeit hinbrächten und die Entscheidung eines einzigen Krieges in so viele kleine Treffen zerstückelten? Warum sie nicht in Linie anrückten und dem Glücke Gelegenheit gäben, der Sache mit Einem Schlage ein Ende zu machen?». 62. Außerdem, daß der Muth der Römer, auch ungespornt, schon hoch genug gestiegen war, wurden sie nun noch vom Unwillen entflammt. «Das andre Heer werde schon als Sieger zur Stadt heimkehren, und sie müßten sich vom höhnenden Feinde sogar verspotten lassen; Wann sie ihm aber gewachsen sein würden, wenn sie es noch nicht wären?» Als der Consul vernahm, daß sich der Soldat so im Lager verlauten lasse, sprach er vor einer berufenen Versammlung: «Wie man sich auf dem Algidus gehalten habe, werdet ihr, Soldaten, wie ich glaube, gehört haben. Sie haben sich dort so genommen, wie man es von dem Heere eines freien Volks erwarten mußte. Durch die Geschicklichkeit meines Amtsgenossen, durch die Tapferkeit der Soldaten ist ein Sieg erfochten. Was mich betrifft, so werde ich so viel Entschließung und Muth haben, als ihr selbst mir einflößet. Der Krieg kann mit Vortheil langsam geführt, aber auch ohne Übereilung jetzt beendet werden. Müssen wir 290 zögern, so soll mir eben die Zucht, die ich bis jetzt angewandt habe, behülflich sein, euer Vertrauen und eure Tapferkeit von Tage zu Tage zu erhöhen. Habt ihr aber jetzt schon Muth genug und sehnt euch nach Entscheidung; wohlan! so erhebet hier euer Kriegsgeschrei, so wie ihr es in der Schlacht zu erheben denkt, zum Zeichen eurer Entschlossenheit und Tapferkeit!» Als sie das Geschrei mit großer Lebhaftigkeit erschallen ließen, versprach er, ihnen in Gottes Namen Folge zu leisten und sie morgendes Tages zur Schlacht zu führen. Der Überrest des Tages wurde verwandt, die Waffen in Stand zu setzen. Als die Sabiner am folgenden Tage die Aufstellung der Römischen Linie gewahr wurden, traten auch sie hervor, schon längst des Kampfes begierig. Die Schlacht war so, wie zwischen zwei Heeren voll Selbstgefühls; dem einen, von altem immer behaupteten Ruhme; dem andern, stolz auf seinen neulichen Sieg. Auch kamen die Sabiner ihrer Stärke mit einer List zu Hülfe. Denn da sie ihrer Linie die Länge der Römischen gegeben hatten, ließen sie noch zweitausend Mann außerhalb der Reihe aufgestellt, welche mitten im Gefechte auf den linken Römischen Flügel einbrechen sollten. Schon wurden diese dem durch ihren Seitenangriff beinahe umzingelten Flügel zu schwer, als die Ritter zweier Legionen, etwa sechshundert stark, von den Pferden sprangen, an die Spitze der schon weichenden Ihrigen flogen und sich nicht nur dem Feinde entgegen stellten, sondern auch zuerst durch gleiche Theilnahme an der Gefahr, und dann durch Beschämung den Muth der Fußgänger neu belebten. Diese fanden es schimpflich, wenn die Ritter im Gefechte ihren eignen und einen fremden Platz fülleten, sie aber, als Fußvolk es nicht einmal einer abgesessenen Reuterei gleich thäten. 63. Sie brachen also wieder zum Kampfe vor; den sie schon aufgegeben hatten, und nahmen den Platz, aus dem sie gewichen waren, wieder ein. Und im Augenblicke war nicht allein das Gefecht hergestellt, sondern auch der Sabinische Flügel zurückgedrückt. Zwischen den Gliedern 291 des Fußvolks gedeckt machte sich die Reuterei wieder an ihre Pferde und flog, als Botinn des Sieges, zum andern Flügel hinüber; zugleich warf sie sich auf den Feind, der schon durch die Niederlage seines stärkeren Flügels geschreckt war. Ihre Tapferkeit zeichnete sie in dieser Schlacht vor allen Andern aus. Der Consul, sorgsam für Alles, lobte die Tapfern; schalt, wo er das Gefecht erschlaffen sah. Die Getadelten zeigten sogleich den Eifer tapfrer Männer, und hier spornte Beschämung so mächtig, als dort das Lob. Mit erneuertem Geschreie brachten sie, von allen Seiten zugleich sich anstrengend, den Feind zur Flucht, und nun war die Überlegenheit der Römer unwiderstehlich. Die Sabiner, in zerstreueten Haufen über die Felder gejagt, überließen ihr Lager dem Feinde zur Beute. Hier gewannen die Römer nicht, wie auf dem Algidus, das geraubte Gut der Bundsgenossen wieder, sondern ihr eigenes, das ihnen bei den Plünderungen ihres Landes genommen war. Für diesen doppelten, in zwei verschiedenen Schlachten erfochtenen, Sieg verordnete der Senat die der Ehre der Consuln gebührende Dankfeier, allein verkleinernd nur auf Einen Tag. Aber ungeheißen zog das Volk auch am andern Tage scharenweise in die Tempel; und die Zuneigung machte diese sich selbst überlassene, vom Volke aus Liebe begangene, Feier beinahe festlicher, als die vorige. Die Consuln trafen nach einer Verabredung an zwei auf einander folgenden Tagen vor der Stadt ein, und beriefen den Senat auf das Marsfeld zu sich heraus. Als sie hier von ihren Thaten Bericht gaben, klagten die Häupter der Väter, man halte absichtlich den Senat; um ihn zu schrecken, mitten unter Soldaten. Die Consuln also, die Beschuldigung unstatthaft zu machen, verlegten die Senatsversammlung von hier auf den schon damals so genannten Apollo-Platz der Flaminischen Wiesen, auf welchem jetzt der Tempel des Apollo steht. Da ihnen hier die Väter mit großer Einstimmigkeit den Triumph abschlugen, so trug der Bürgertribun Lucius Icilius auf den Triumph der Consuln beim Volke an, vor 292 welchem dann viele mit Gegenvorstellungen auftraten, und hauptsächlich Cajus Claudius, der mit lautem Unwillen sagte: «Über die Väter, nicht über die Feinde, wollen die Consuln triumphiren; und dem Tribun sei es bloß um eine Gegengefälligkeit für ihr besondres Verdienst um ihn, nicht um Ehre für ihre Tapferkeit, zu thun. Noch nie sei das Recht zu triumphiren vor dem Volke zur Sprache gebracht; allemal habe die Beurtheilung und Entscheidung dieser Ehre vom Senate abgehangen. Das ehrwürdige Vorrecht dieses höchsten Standes hätten selbst die Könige nicht geschmälert. Die Tribunen möchten sich mit ihrer Macht nicht so durchaus in Alles einmischen, daß sie darüber alle Berathung des Ganzen abschafften. «Nur dann erst werde der Stat frei, nur dann die Gesetze gleich gemacht sein, wenn jeder Stand seine Rechte, seine Würde behaupte.» Noch viele von den übrigen bejahrteren Vätern gehaltene Reden waren ähnlichen Inhalts: dennoch genehmigten alle Bezirke jenen Antrag. Dies war das erstemal, daß ohne Zustimmung der Väter, bloß auf Geheiß des Volks ein Triumph gehalten wurde. 64. Dieser Sieg der Tribunen und des Bürgerstandes wäre beinahe dadurch in eine gefährliche Übertreibung ausgeartet, daß die Tribunen eins wurden, sich wieder wählen zu lassen, und damit ihre Amtssucht so viel weniger abstechend sei, auch den Consuln ihre Stelle zu verlängern. Zum Vorwande nahmen sie das Einverständniß der Väter, vermittelst dessen jene, um die Consuln zu beschimpfen, die Rechte des Bürgerstandes umzustoßen versucht hatten. «Was daraus werden wolle, wenn sie mit ihren Parteien, ehe noch die Gesetze in Kraft gegangen wären, über neue Tribunen herfielen? denn nicht immer würden ein Valerius und Horatius Consuln sein, die ihre eigne Macht der Freiheit des Bürgerstandes nachsetzten.» Es fügte sich zur rechten Zeit so glücklich, daß das Los, am Wahltage den Vorsitz zu haben, gerade den Marcus Duillius traf, einen klugen Mann, der den von der Verlängerung der Ämter zu befürchtenden Haß voraussah. 293 Da dieser erklärte, er werde auf keinen einzigen von den alten Tribunen Rücksicht nehmen, und seine Amtsgenossen dagegen behaupteten, er solle den Bezirken bei der Stimmensammlung freien Willen lassen, oder den Vorsitz bei der Wahl seinen Amtsgenossen abtreten, welche sie mehr dem Gesetze gemäß, als nach dem Willen der Väter halten würden; so befragte er im Verfolge des Streits die Consuln, die er zu den Tribunensitzen rufen ließ, was sie in Betreff der Consulnwahl beschlossen hätten; und als sie antworteten, sie würden neue Consuln wählen, so trat er mit ihnen, als den schicklichsten Gegnern der Volkswünsche, weil sie gleichwohl des Volkes Liebe hatten, vor der Versammlung auf. Als er hier die Consuln vor dem Volke aufrief und sie befragte, was sie thun würden, wenn das Römische Volk, aus Dankbarkeit für die durch sie zu Hause wieder erlangte Freiheit, aus Dankbarkeit für ihre Kriegsdienste und Thaten, sie abermals zu Consuln wählte; die Consuln aber von ihrer Erklärung durchaus nicht abgingen: so ertheilte er ihnen sein Lob, daß sie bis ans Ende den Decemvirn so unähnlich blieben, ließ die Wahl vor sich gehen, und da die übrigen Bewerber, als fünf Tribunen schon erwählt waren, vor der Zudringlichkeit der neun ohne Scheu nach dem Amte ringenden Tribunen nicht die gehörige Stimmenzahl erhielten, so entließ er die Versammlung und setzte keine neue zu einem Wahltage an. Er sagte, dem Gesetze sei Genüge geschehen, da es, ohne den Tribunen eine bestimmte Zahl vorzuschreiben, bloß verordne, man solle das Volk nicht ohne Tribunen lassen Dies Gesetz war durch den Duillius selbst zu Stande gebracht. Siehe oben Cap. 55. am Ende. . Er las auch die Formel jenes Antrages vor, worin es heißt: «Wenn ich auf zehn Bürgertribunen antrage, und ihr solltet etwa heute zu Bürgertribunen weniger als Zehn gewählt haben, so sollen dann, wenn diese sich andre zu nachgewählten Amtsgenossen nehmen, diese Letztern vermöge dieses Gesetzes eben so rechtmäßige Bürgertribunen sein, als diejenigen, welche ihr heute zu Bürgertribunen gewählt haben werdet.» 294 Duillius vereitelte durch seine bis zum Ende fortdauernde Beharrlichkeit, mit der Behauptung, der Stat könne doch nicht funfzehn Bürgertribunen haben, die herrschsüchtigen Absichten seiner Amtsgenossen, und geschätzt von den Vätern, wie vom Bürgerstande, trat er von seinem Amte ab. 65. Die neuen Bürgertribunen begünstigten bei der Nachwählung ihrer Amtsgenossen den Willen der Väter, und stellten sogar zwei Patricier und gewesene Consuln, den Spurius Tarpejus und Aulus Aterius als Nachgewählte an. Lar Herminius und Titus Virginius, die neuen Consuln, die sich weder merklich auf die Seite der Väter, noch des Bürgerstandes neigten, hatten Frieden im Innern und auswärts. Der Bürgertribun Lucius Trebonius, der auf die Väter erbittert war, weil er von ihnen, wie er sagte, bei der Nachwahl der Tribunen überlistet und von seinen Amtsgenossen verrathen war, setzte den Vorschlag durch, «daß jeder, der bei dem Römischen Bürgerstande auf die Wahl von Bürgertribunen antrüge, diese Wahl so lange fortsetzen sollte, bis er zehn Bürgertribunen hätte ernennen lassen;» und verwandte sein Tribunat auf die Verfolgung der Väter, worüber ihm der Zuname Asper (der Unsanfte) gegeben wurde. Die folgenden Consuln, Marcus Geganius Macerinus und Cajus Julius, wußten die geheimen Verbindungen der Tribunen gegen die Jüngern vom Adel abzuleiten, ohne weder gegen jene Macht feindselig zu verfahren, noch der Würde der Väter etwas zu vergeben. Den Bürgerstand hielten sie dadurch von Unruhen ab; daß sie sich zum Kriege gegen die Volsker und Äquer eine Werbung anbefehlen ließen und ihre Ausführung hinhielten, indem sie versicherten, bei der Ruhe im Innern sei auch von außen Alles friedlich: nur die bürgerlichen Uneinigkeiten machten den Auswärtigen Muth. So bewirkte die Sorge für den Frieden zugleich die innere Eintracht. Doch Ein Stand mußte immer der Mäßigung des andern überlästig sein. Als die Bürgerlichen Ruhe hielten, 295 fingen die Jüngern der Väter an, sie zu kränken. Wollten die Tribunen den Niedrigern Hülfe leisten, so war diese anfänglich nicht hinreichend, und späterhin blieben sie selbst nicht unangetastet, vollends in den letzten Monaten, theils weil das Unrecht von den Mächtigern durch ihre Verbindungen geübt wurde, theils weil die Kraft jedes obrigkeitlichen Amts gewöhnlich gegen Ende des Jahrs um vieles schlaffer war: und schon setzte der Bürgerstand in das Tribunat nur dann noch einige Hoffnung, wenn er dem Icilius ähnliche Tribunen hatte; seit zwei Jahren habe er leere Namen gehabt. Die bejahrteren Väter hingegen, wenn sie gleich ihre jungen Männer für zu Übermüthig hielten, sahen es doch lieber, wenn das Maß einmal überschritten werden sollte, daß die Ihrigen des Muthes zu viel hatten, als ihre Gegner. So schwer ist die Mäßigung in Behauptung der Freiheit, weil Jeder unter dem Scheine, sich mit Andern auf gleiche Höhe stellen zu wollen, die Andern niederdrückt; die Menschen immer, um sich nicht fürchten zu dürfen, sich selbst furchtbar machen, und wir das Unrecht, so wie wir uns dessen erwehrt haben, gleich als müßten wir es entweder thun oder leiden, Andern aufbürden. 66. Die darauf erwählten Consuln, Titus Quinctius Capitolinus, der es zum viertenmale war, und Agrippa Furius, fanden weder innere Unruhen vor, noch auswärtigen Krieg: aber beides drohete. Schon ließ sich die Zwietracht der Bürger nicht länger unterdrücken, da bei der Erbitterung der Tribunen und des Bürgerstandes gegen die Väter, die öfteren gerichtlichen Anklagen der Adlichen die Versammlungen jedesmal durch neue Streitigkeiten in Aufruhr setzten. Auf das erste Geräusch derselben griffen die Äquer und Volsker, als auf ein gegebenes Zeichen, zu den Waffen; auch darum, weil ihre raubsüchtigen Anführer ihnen eingebildet hatten: «Vor zwei Jahren Siehe das vorhergehende Cap. habe die anbefohlne Werbung nicht vor sich gehen können, weil sich der Bürgerstand den Oberbefehl nicht länger habe 296 gefallen lassen wollen: darum habe man keine Heere gegen sie gesandt: die Sitte, als Krieger zu dienen, finde in der Ungebundenheit ihr Grab. Die Römer sähen schon in Rom selbst die gemeinschaftliche Vaterstadt nicht mehr: alle ehemalige Erbitterung, allen Groll gegen Auswärtige hätten sie gegen sich selbst gewandt. Jetzt sei die Gelegenheit da, die durch Wuth gegen ihr Inneres verblendeten Wölfe zu vertilgen.» Mit vereinten Heeren plünderten sie zuerst durch das ganze Latinische Gebiet, und da sich hier niemand, es zu hindern, ihnen entgegenstellte, rückten sie verheerend – und dies war vollends für die Anstifter des Krieges ein großer Triumph – selbst an die Mauern Roms in der Gegend des Esquilinischen Thors, und boten der Stadt in der Verheerung ihrer Gefilde ein höhnendes Schauspiel. Als sie von hier ungestraft, die Beute vor sich hintreibend, rückwärts nach Corbio abzogen, rief der Consul Quinctius das Volk zur Versammlung. 67. Hier hielt er, wie ich finde, eine Rede folgendes Sinnes: «Bin ich mich gleich keines Verbrechens bewußt, ihr Quiriten, so trat ich gleichwohl tief beschämt vor eurer Versammlung auf. Daß ihr das erfahren mußtet! daß das der Nachwelt überliefert werden soll, daß Äquer und Volsker, die neulich kaum den Hernikern gewachsen waren, unter dem vierten Consulate des Titus Quinctius, sich den Mauern der Stadt Rom ungestraft mit den Waffen in der Hand genähert haben! Hätte ich gewußt, daß diese Schande – wiewohl wir schon lange so leben und die Sachen so stehen, daß man nichts Gutes erwarten kann! – gerade diesem Jahre beschieden sei, so würde ich mich ihr durch Auswanderung oder Tod, wenn ich dem Consulate auf keine andre Art hatte ausweichen können, entzogen haben. Ist es wahr? wenn jene Waffen, die wir in unsern Thoren erblickten, in den Händen von Männern waren, so konnte Rom in meinem Consulate erobert sein? Hatte ich doch der Ehrenämter genug gehabt, und der Lebensjahre genug und zu viel! in meinem dritten Consulate mußte ich sterben.» 297 «Und gegen wen nahmen sich denn die feigsten aller Feinde so viele Verachtung heraus? Gegen uns Consuln? oder gegen euch, Quiriten? Liegt die Schuld an uns, so nehmt uns Unwürdigen die Regierung, und ist das noch nicht genug, so bestraft uns noch oben ein. Liegt sie an euch? dann freilich finde sich weder Gott, noch Mensch, ihr Quiriten, der eure Vergehungen strafe; – lasset ihr sie euch nur gereuen! Nicht eure Muthlosigkeit war es, welche jene verachtet haben: nicht auf eigne Tapferkeit baueten sie: denn so vielmals geschlagen und verjagt, ihres Lagers beraubt, um Land gestraft, unter den Jochgalgen gebeugt, haben sie sich und euch kennen gelernt. Die Zwietracht der Stände ist das Gift dieser Stadt. Die Streitigkeiten zwischen Vätern und Bürgern, weil wir im Beherrschen, ihr in eurer Freiheit nicht Maß haltet; weil ihr mit den patricischen, diese mit den bürgerlichen Obrigkeiten unzufrieden sind, haben jenen den Muth gehoben. Um Gotteswillen, was wollt ihr denn? Ihr wolltet Bürgertribunen haben: der Eintracht zu Liebe gestanden wir sie euch zu. Ihr fandet Decemvirn wünschenswerth: wir ließen sie wählen. Ihr wurdet mit den Decemvirn unzufrieden: wir zwangen sie, abzudanken. Da euer Zorn gegen sie in ihrem Privatstande fortdauerte, ließen wir durch Geburt und Würden ausgezeichnete Männer Tod und Verbannung leiden. Dann wolltet ihr abermals Bürgertribunen haben; ihr habt sie gewählt; Consuln ernennen, die es mit euch hielten: fanden wir es gleich für die Väter nachtheilig, so sahen wir dennoch zu, als sogar dies patricische Amt vom Bürgerstande plebi, der alte Genitiv für plebei, oder plebis. verschenkt wurde. Die euch zur Hülfe gegebenen Tribunen, die Ansprache an das Volk, die Ausdehnung der Bürgerbeschlüsse auf die Väter, die unter dem Vorwande einer Ausgleichung der Gesetze bewirkte Unterdrückung unsrer Rechte – das Alles haben wir ertragen, und tragen es noch. Wann werden die Fehden ein Ende haben? Wann werden wir endlich Bürger Einer Stadt sein können? wann 298 einmal in dieser eine gemeinschaftliche Vaterstadt bewohnen? Wir, die Besiegten, verstehen uns mit mehr Gelassenheit zur Ruhe, denn ihr, als Sieger. Ist es nicht genug, daß ihr uns furchtbar seid? Gegen uns bezieht man den Aventinus: gegen uns wird der heilige Berg besetzt. Als aber die Esquilien vom Feinde beinahe schon erobert wurden, der Volsker als Feind den Wall hinanstieg, da trieb ihn niemand ab: nur gegen uns seid ihr Männer, nur gegen uns habt ihr Waffen.» 68. «So ziehet doch einmal, wenn ihr hier mit der Belagerung des Rathhauses fertig seid, den Marktplatz gefährlich gemacht und das Gefängniß mit den ersten Männern gefüllet habt, mit eben diesem wilden Muthe hinaus vor das Esquilinische Thor: oder, wenn ihr auch das nicht wagt, so sehet von den Mauern herab eure Ländereien mit Feuer und Schwert verwüsten, die Beute wegtreiben, allenthalben die angezündeten Häuser rauchen. Ihr sagt: Es ist ja nur das Ganze, was hierunter am meisten leidet: wir lassen im Lande sengen und brennen, die Stadt belagern, unsern Kriegsruhm dem Feinde. – Wie aber? wie steht es um euer Eigenthum? Bald wird Jedem von seinem Grundstücke der erlittene Schade gemeldet werden. Und was habt ihr nun zu Hause, ihn zu ersetzen? Werden euch die Tribunen das Verlorne wiedergeben und erstatten? Geschrei und Worte werden sie euch entgegenströmen, so viel ihr wollt; Verläumdungen der Großen, Vorschläge, einen über den andern, und Versammlungen in Menge. Aber aus jenen Versammlungen kehrte noch niemand von euch mit Gewinnst für sein Vermögen oder seine Lage nach Hause. Wo wäre der, der seiner Gattinn und Kindern etwas anderes heimbrachte, als Erbitterungen, Beleidigungen, Feindschaften von ganzen Parteien und Einzelnen? vor denen ihr euch denn immer, nicht durch eure Tapferkeit und Unsträflichkeit, sondern durch fremde Hülfe schützt! Aber bei Gott! wenn ihr, geführt von uns, euren Consuln, nicht von den Tribunen, im Lager Dienste thatet, nicht auf dem Marktplatze; wenn in der Linie von eurem Geschreie die Feinde, 299 nicht in der Versammlung die Römischen Väter erbebten; dann kehrtet ihr, reich an Beute, reich an Land, das ihr dem Feinde nahmt, beladen mit Gütern und Ruhm für euer Vaterland und für eure Person, als die Triumphirenden in euer Haus und zu seinen Göttern: und jetzt lasset ihr den Feind belastet mit dem Eurigen abziehen. Nun so steht in euren Versammlungen festgepfählt! verlebt eure Tage auf dem Marktplatze! die Nothwendigkeit, zu fechten, die ihr fliehet, folgt euch doch. Es war euch zu beschwerlich, in das Äquer- und Volskerland auszuziehen? Dafür ist jetzt der Krieg vor den Thoren; und wenn ihr ihn da nicht abtreibt, so wird er nächstens innerhalb der Mauern sein, wird die Burg, das Capitol ersteigen und euch in eure Häuser verfolgen. Schon vor zwei Jahren befahl der Senat eine Werbung, und ein Heer sollte auf den Algidus ausrücken: statt dessen sitzen wir unthätig zu Hause, zanken wie die Weiber, lassen uns den augenblicklichen Frieden gefallen, und sehen nicht ein, daß aus dieser kurzen Ruhe vielfacher Krieg erwachsen werde.» «Ich weiß, daß ich andre Sachen hätte vortragen können, die ihr lieber gehört hättet: wenn aber auch meine Denkungsart mich nicht aufforderte, lieber die Wahrheit, als das Angenehme zu sagen, so zwingt mich selbst die Noth. Ich möchte euch gern gefallen, ihr Quiriten, aber noch weit lieber ist mir eure Wohlfahrt; eure für mich daraus erwachsende Gesinnung mag auch sein, wie sie will. Es liegt in der Natur der Sache, daß der, der vor der Menge zu seiner eigenen Empfehlung spricht, lieber gehört wird, als der, dem nur das allgemeine Wohl vor der Seele schwebt; wenn ihr nicht etwa glaubt, daß jene öffentlichen Schmeichler, jene Kriecher beim Volke, die euch weder in den Waffen, noch in Ruhe sein lassen, euch eures eignen Besten wegen aufschrecken und verhetzen. Euren Aufstand nutzen sie dann sich selbst zum Ruhme oder Vortheile; und weil sie sehen, daß sie bei der Eintracht der Stände völlig unnütz sind, so geben sie sich lieber einer schlechten Sache, als gar keiner, – der 300 Verwirrung und dem Aufruhre, zu Führern. Könnt ihr nun endlich dieses Unwesens überdrüssig werden, und wollt euch eurer Väter und eure alte Sitte statt dieser neuen wieder zu eigen machen, so lasse ich mir jede Todesstrafe gefallen, wenn ich nicht diese Plünderer unsres Landes in wenig Tagen als geschlagene Flüchtlinge aus ihrem Lager treibe, und von unsern Thoren und Mauern den Schrecken des Krieges, von dem ihr jetzt betäubt seid, zu ihren Städten hinübertrage.» 69. Nicht leicht war die schmeichelnde Rede eines Tribuns den Bürgern willkommener, als diese des gestrengen Consuls. Und selbst die Mannschaft, welcher sonst eine ähnlich drohende Lage in der Verweigerung der Kriegsdienste die furchtbarste Waffe gegen die Väter in die Hände gab, sehnte sich nach Bewaffnung und Krieg: und das Flüchten der Landleute, ferner die in den Dörfern Ausgeplünderten und Verwundeten, die noch weit schrecklichere Dinge meldeten, als sich dem Auge darstellten, erfüllten die ganze Stadt mit Erbitterung. Aber als man nun in den Senat kam, da wandten sich alle gegen den Quinctius, betrachteten ihn, als den einzigen Erhalter der Römischen Hoheit; und die Ersten der Väter erklärten: «Das sei noch eine Rede, wie sie eines regierenden Consuls würdig sei; würdig seiner so vielen vorigen Consulate, würdig seines ganzen Lebens, das mit Ehrenstellen ausgestattet sei, die er so oft bekleidet, noch öfter verdient habe. Andre Consuln hätten entweder mit Aufopferung der Würde des Senats den Bürgern geschmeichelt, oder durch zu strenge Behauptung der Rechte dieses Standes die Menge gegen alle Leitung noch widerspänstiger gemacht; Titus Quinctius aber sei in seiner Rede sowohl der Majestät der Väter, als der Einigkeit der Stände und besonders der gegenwärtigen Lage eingedenk gewesen. Sie bäten ihn und seinen Amtsgenossen, im Namen des States aufzutreten; sie bäten die Tribunen, mit den Consuln Eines Sinnes, die Entfernung des Krieges von der Stadt und ihren Mauern zu begünstigen, und den Vätern in so dringender Noth mit der 301 Folgsamkeit des Bürgerstandes entgegen zu kommen. Das gemeinschaftliche Vaterland wende sich an die Tribunen, und rufe bei der Verheerung der Dörfer und fast schon eröffneten Belagerung der Stadt ihre Hülfe an.» Mit allgemeiner Zustimmung wurde die Werbung befohlen und gehalten. Da die Consuln vor der Versammlung erklärten: «Die Zeit leide es jetzt nicht, Entschuldigungen zu untersuchen; alle Dienstfähigen sollten mit der Frühe des folgenden Tages auf dem Marsfelde erscheinen. Zur Untersuchung der Entschuldigungen aller derer, welche sich jetzt zum Dienste nicht meldeten, würden sie nach Beendigung des Krieges eine Zeit ansetzen; der werde als Ausreißer angesehen werden, dessen Vorwand sie nicht gültig fänden:» so stellten sich am folgenden Tage die Dienstfähigen alle. Die Hauptleute in jeder Cohorte wählten sich diese selbst, jeder Cohorte hingegen wurden zwei Senatoren vorgesetzt. Alles dies wurde so zeitig bewerkstelligt, daß die Fahnen noch denselben Tag, als sie die Quästoren aus der Schatzkammer verabfolgt und auf das Marsfeld geliefert hatten, um zehn Uhr Morgens von diesem Platze aufbrachen, und das neue Heer, dem einige Cohorten alter Krieger freiwillig folgten, beim zehnten Meilenzeiger Fünf Römische Meilen machten eine Deutsche: also hier zwei Deutsche Meilen. übernachten konnte. Der folgende Tag brachte sie dem Feinde zu Gesichte, und bei Corbio wurde Lager gegen Lager aufgeschlagen. Am dritten Tage fand der Kampf, weil die Römer die Erbitterung, und jene, die den Krieg so oft erneuert hatten, das Bewußtsein ihrer Schuld und die Verzweiflung spornte, keinen weiteren Aufschub. 70. Standen gleich bei dem Römischen Heere zwei Consuln mit gleicher Gewalt, so lenkte dennoch – und dies ist für die Leitung wichtiger Geschäfte so vorzüglich heilsam – mit Agrippa's Einwilligung sein Amtsgenoß das Ganze, und dieser war bei seinem Vorrange artig genug, die Gefälligkeit, womit jener sich selbst ihm unterordnete, 302 durch die Bereitwilligkeit zu erwiedern, mit welcher er ihn an seinen Anschlägen, an seinem Ruhme Theil nehmen ließ, und einen Mann, den er übertraf, sich gleichstellte. In der Schlacht hatte Quinctius den rechten Flügel, Agrippa den linken: die Führung des Mitteltreffens wurde dem Legaten Spurius Postumius Albus anvertraut; den andern Legaten Servius Sulpicius setzten sie über die Reuterei. Das Fußvolk auf dem rechten Flügel hielt sich vortrefflich, so thätigen Widerstand die Volsker leisteten. Servius Sulpicius mit seiner Reuterei brach mitten durch die feindliche Linie, und ob er gleich auf eben dem Wege, ehe die Feinde ihre zerrütteten Glieder wieder herstellen konnten, zu den Seinigen hätte zurückkehren können, so zog er es doch vor, den Feind im Rücken anzufallen, und er würde im Augenblicke durch diesen Angriff von hinten die von zwei Seiten bedroheten Feinde gesprengt haben, wenn sich nicht die Volskische und Äquische Reuterei zu seiner eigentlichen Beschäftigung mit ihm eingelassen und ihn eine Zeitlang aufgehalten hätte. Hier nun rief Sulpicius: «Zum Zögern sei jetzt nicht die Zeit. Sie wären umzingelt und von den Ihrigen abgeschnitten, wenn sie nicht alle ihre Kraft aufböten, das Gefecht mit der Reuterei abzuthun. Es sei nicht genug, die feindlichen Reuter als Flüchtlinge entkommen zu lassen; man müsse Roß und Mann niederstechen, so, daß keiner ins Treffen zurückkehren, keiner das Gefecht erneuren könne. Unmöglich könnten diese ihnen Stand halten, denen die geschlossene Linie des Fußvolks habe weichen müssen.» Das sagte er nicht tauben Ohren. In Einem Ansturze schlugen sie die ganze Reuterei, warfen eine Menge von den Pferden und durchbohrten sie samt den Pferden mit ihren Wurfspießen. So endigte sich das Gefecht mit der Reuterei. Jetzt ließen sie nach gethanem Angriffe auf das Fußvolk ihren Erfolg den Consuln zu wissen thun, vor denen sich die feindliche Linie schon einbeugte. Die Nachricht erhöhete den siegenden Römern den Muth und schlug die schon weichenden Äquer vollends. Ihre Niederlage begann 303 im Mittelpunkte, wo ihnen die durchgebrochene Reuterei die Glieder in Unordnung gebracht hatte. Dann wurde vom Consul Quinctius ihr linker Flügel zurückgetrieben, auf dem rechten aber gab es die meiste Arbeit. Kaum wurde hier Agrippa, ein junger kraftvoller Mann, gewahr, daß es um die Schlacht allenthalben besser stehe, als bei ihm, so rückte er mit den Fahnen, die er den Fähnrichen nahm, in eigner Person an, und andere warf er sogar in die dicht gedrängten Feinde. Die Soldaten, durch die Furcht vor dieser Schande aufgebracht, drangen ein: und der Sieg war allgemein. Jetzt ließ ihm Quinctius sagen: «Er bedrohe schon als Sieger das feindliche Lager, wolle aber nicht eher hineinbrechen, bis er wisse, ob auch sein linker Flügel gesiegt habe. Habe er die Feinde schon geschlagen, so möge er zu ihm stoßen, damit das gesamte Heer zugleich Beute machen könne.» Agrippa traf als Sieger unter gegenseitigen Glückwünschungen bei seinem Amtsgenossen, dem Sieger, am feindlichen Lager ein. Da die wenigen, die es vertheidigten, bald verjagt waren, so drangen die Consuln ohne Gefecht in die Verschanzungen, und führten das Heer, das eine reiche Beute machte und sein in der Plünderung seines Landes verlornes Eigenthum wiedergewann, nach Hause. Den Triumph sollen sie selbst nicht gefordert, noch der Senat ihnen denselben angetragen haben; und doch wird kein Grund angeführt, warum sie diese Ehre abgelehnt, oder gar nicht erwartet hatten. So viel meine Muthmaßung bei diesem so weiten Abstande jene Zeiten erreichen kann, trugen die Consuln Bedenken, da der Senat den Consuln Valerius und Horatius den Triumph abgeschlagen hatte, welche sich außer der Besiegung der Volsker und Äquer auch den Ruhm des beendeten Sabinerkrieges erworben hatten, für die Hälfte des Verdienstes um den Triumph nachzusuchen, zugleich auch, damit es, wenn man ihn bewilligt hätte, nicht scheinen möchte, man habe mehr auf die Personen Rücksicht genommen, als auf das Verdienst. 71. Diesen ehrenvollen Sieg über die Feinde verunstaltete zu Rom der schimpfliche Richterspruch des Volks 304 in einer Gränzstreitigkeit seiner Bundsgenossen. Die Ariciner und Ardeaten, die über einen streitigen Acker öftere Kriege geführt hatten, nahmen, der vielen gegenseitigen Niederlagen müde, das Römische Volk zum Schiedsrichter. Als sie ihre Sache vorzutragen sich eingefunden hatten, kamen sie in der Versammlung des Volks, welche ihnen die Obrigkeiten dazu angesetzt hatten, hart an einander. Und schon sollten, nach Abhörung der Zeugen, die Bezirke aufgerufen werden und das Volk zur Stimmensammlung schreiten; da trat ein gewisser Publius Scaptius, vom Bürgerstande, auf, ein hochbejahrter Mann, und sagte: «Wenn es erlaubt ist, ihr Consuln, in einer Angelegenheit des States zu reden, so möchte ich das Volk in dieser Sache nicht gern im Irrthume lassen.» Da die Consuln sagten, man müsse auf den Aberwitzigen nicht hören, und ihn auf sein Geschrei, das Beste des Stats werde aufgeopfert, wegpeitschen lassen wollten, so sprach er die Tribunen an. Die Tribunen, so wie sie meistentheils mehr von der Menge sich lenken lassen, als diese lenken, thaten der Neugier des Volks den Gefallen und ließen den Scaptius sagen, was er wollte. Nun fing er an: Er sei im dreiundachtzigsten Jahre Die Rechnung trifft zu. Der Krieg bei Corioli, in welchem sich Marcius den Zunamen erwarb, war im J. Roms 261. Scaptius war damals in seinem 20sten Dienstjahre, also 37 alt; und jetzt, da er vor dem Volke auftrat, im J. Roms 309, waren seitdem 46 Jahre verflossen. , und habe auf der Feldmark, von der die Rede sei, als Soldat gestanden, nicht als junger Mensch, sondern schon in seinem zwanzigsten Dienstjahre, in dem Kriege bei Corioli . Er könne also die Wahrheit der Sache angeben, weil sie sich, so veraltet sie sei, seinem Gedächtnisse tief eingeprägt habe. Das streitige Land habe zum Gebiete der Coriolaner gehört; nach Eroberung von Corioli sei es dem Kriegsrechte gemäß ein Statseigenthum des Römischen Volks geworden. Er wundre sich, wie die Ardeaten und Ariciner hoffen könnten, das Römische Volk, welches sie aus dem Besitzer zum Schiedrichter machten, um ein Stück Landes zu betriegen, worauf sie selbst im Wohlstande von Corioli nie 305 Anspruch gemacht hätten. Er habe noch wenig Zeit zu leben übrig; doch habe er es sich selbst nicht versagen können, ein Feld, an dessen Eroberung auch er als Soldat Theil gehabt, auch als Greis mit der einzigen ihm gebliebenen Waffe, mit seinem Munde, dem rechten Herrn zu erhalten. Er rathe dem Volke ernstlich, nicht aus unnützer Bescheidenheit gegen seine eigne Sache zu sprechen.» 72. Als die Consuln bemerkten, daß Scaptius nicht bloß mit Aufmerksamkeit, sondern selbst mit Beifall gehört wurde, riefen sie Götter und Menschen zu Zeugen, daß eine große Schandthat im Werke sei und holten die Ersten der Väter herbei. Mit diesen gingen sie bei den Tribunen herum und baten sie: «Sie möchten das Volk nicht eine so schimpfliche Unthat zu noch schlimmerem Beispiele begehen lassen, daß es sich als Richter die streitige Sache selbst zuspräche, noch dazu, da man, falls es auch einem Richter erlaubt würde, für seinen eignen Vortheil zu sorgen, an dem Stücke Landes, das man unterzuschlagen denke, bei weitem nicht so viel gewinne, als man an der Zuneigung der Bundsgenossen verliere, die man sich durch die Ungerechtigkeit zu Feinden mache. Der Nachtheil vom Verluste des guten Namens und Vertrauens lasse sich gar nicht berechnen. Das würden nun die Gesandten zu Hause melden! Es werde ruchtbar! Freunde und Feinde würden es erfahren! Mit welcher Betrübniß jene? und diese mit welchem Frohlocken? Ob sie glauben könnten, daß die benachbarten Völker dies dem Scaptius, dem alten Marktsitzer Concionalis habe ich. durch Marktsitzer auszudrücken gesucht. Das Lateinische ist die verächtliche Benennung dessen, der nichts besseres zu thun weiß, als sich auf dem Markte in jeder Volksversammlung einzufinden. Ein Paar Zeilen später folgt das Wort Quadruplator. Es bedeutete den, der andre gerichtlich angab, um den vierten Theil der Strafe, der dem Angeber gesetzt war, zu erschleichen . ? zurechnen würden? Scaptius gebe dadurch seinem Ahnenbilde eine Berühmtheit: allein das Römische Volk werde von nun an in der Rolle eines Viertelschleichers, eines Kapers streitiger Güter auftreten: denn welcher Richter in Privatsachen habe je das streitige Eigenthum sich selbst 306 zuerkannt? Das werde selbst Scaptius nicht einmal thun, so sehr er aller Scham abgestorben sei.» So riefen die Consuln, so die Väter laut: allein die Habsucht und ihr Anreger Scaptius behielten die Oberhand. Die Bezirke gaben ihre Stimmen dahin ab: Der Acker sei ein Statseigenthum des Römischen Volks. Ich leugne auch nicht, daß sich die Sache so verhalten habe, wenn sich nur die Parteien an andre Richter gewandt hätten: so aber wird durch die Gerechtigkeit der Sache die Schande des Spruchs auf keine Weise gemindert: und er kam den Aricinern und Ardeaten nicht entehrender und härter vor, als den Römischen Vätern. Der übrige Theil des Jahrs blieb von innern und äußern Bewegungen ungestört. Viertes Buch. Vom Jahre Roms 310 – 351. 308 Inhalt des vierten Buchs. Der Vorschlag, die Ehen zwischen Adlichen und Bürgerlichen betreffend, den die Bürgertribunen mit Heftigkeit betreiben, wird bei allem Widerstande der Väter durchgesetzt. Kriegstribunen. Mehrere Jahre lang wird die Regierung des Römischen Stats im Frieden und im Kriege durch diese Art von Obrigkeit verwaltet. Ferner wurden damals die ersten Censorn gewählt. Das den Ardeaten durch den Richterspruch des Römischen Volks genommene Stück Landes wird ihnen bei einer dort anzulegenden Pflanzung wiedergegeben. Als das Römische Volk an einer Hungersnoth litt, läßt Spurius Mälius, ein Römischer Ritter, auf seine Kosten dem Volke Getreide austheilen, und da er durch die Liebe der Bürger, die ihm dies gewann, König zu werden hofft, wird er von dem Anführer der Reuterei, Cajus Servilius Ahala, auf Befehl des Dictators Quinctius Cincinnatus getödtet: der Anzeiger Lucius Minucius wurde mit einem Ochsen und einem Standbilde Siehe unten Cap. 16. beschenkt. Den von den Fidenaten erschlagenen Römischen Gesandten, die also im Dienste des Stats gefallen waren, werden Standbilder auf der Rednerbühne gesetzt. Der Kriegstribun Cornelius Cossus, der den König der Vejenter, Tolumnius, erlegt hatte, bringt dem Feretrius die zweite Fürstenbeute. Der Dictator Mamercus Ämilius, der das Amt der Censur, welches vorher fünfjährig war, auf eine Zeit von anderthalb Jahren beschränkte, wird dafür von den Censoren mit einer schimpflichen Herabsetzung bestraft. Fidenä kommt in Römische Gewalt und man sendet Anbauer hin. Die Fidenaten empören sich und ermorden jene, werden aber vom Dictator Mamercus Ämilius überwunden und Fidenä erobert. Eine Verschwörung der Sklaven wird unterdrückt. Der Kriegstribun Postumius wird für seine Grausamkeit von seinem Heere erschlagen. Jetzt wurde den Soldaten zum erstenmale Sold aus der Schatzkammer gegeben. Außerdem noch Thaten gegen Volsker, Vejenter, Fidenaten, Falisker . 309 Viertes Buch. 1. Die folgenden Consuln waren Marcus Genucius und Cajus Curtius . Dies Jahr brachte Widerwärtigkeiten von innen und von außen. Denn theils trug der Bürgertribun Cajus Canulejus gleich im Anfange des Jahrs auf die Ehen zwischen den Adlichen und Bürgerlichen an, worin aber die Väter eine Entehrung ihres Bluts und eine Vermischung der den Stammhäusern eignen Rechte zu finden glaubten: theils gedieh eine anfangs glimpfliche Anregung von Seiten der Tribunen, daß es erlaubt sein müsse, den Einen Consul aus dem Bürgerstande zu nehmen, endlich so weit, daß neun Tribunen den Vorschlag aushingen: «Es müsse dem Volke freistehen, die Consuln nach Gefallen aus dem Bürgerstande oder aus den Vätern zu wählen.» Sollte gar das geschehen, so glaubten die Väter, sie würden die Regierung des Stats nicht bloß mit den Niedrigsten zu theilen haben, sondern sie werde ganz aus den Händen der Vornehmeren auf die Bürgerlichen übergehen. Folglich freuten sie sich über die Nachrichten, daß die Ardeaten wegen des ihnen ungerechter Weise abgesprochenen Landes das Bündniß aufgehoben, daß die Vejenter auf den Gränzen des Römischen Gebiets geplündert und die Volsker und Äquer gegen die Befestigung von Verrugo sich laut erhoben hätten: so viel lieber war diesen sogar ein unglücklicher Krieg, als ein Friede mit Schande. Von dem allen machten die Väter noch mehr Aufhebens, um unter dem Getöse so vieler Kriege die Tribunen mit ihren Vorschlägen zum Schweigen zu bringen; befahlen, Werbungen zu halten, sich aus allen Kräften zum Kriege zu rüsten, und wo möglich noch mit größerer Anstrengung, als unter dem Consul Titus Quinctius . Da erklärte Cajus Canulejus mit wenigen Worten im Senate laut: «Der Versuch der Consuln, die Bürger durch jene 310 Nachrichten von der Theilnahme an den neuen Vorschlägen abzuschrecken, sei umsonst: so lange er lebe, sollten sie nie eine Werbung halten können, bevor nicht seine und seiner Amtsgenossen Vorschläge vom Bürgerstande genehmigt wären.» Und ungesäumt berief er das Volk zur Versammlung. 2. Zu gleicher Zeit also erbitterten die Consuln den Senat gegen den Tribun, und der Tribun das Volk gegen die Consuln. Die Consuln sagten: «Die Wuth der Tribunen werde unausstehlich. Sie sei schon aufs höchste gestiegen. Zu Hause würden mehr Kriege erregt, als auswärts. Allein die Schuld treffe nicht sowohl den Bürgerstand, als die Väter; die Tribunen nicht eigentlicher, als die Consuln. «Was man in einem State durch Belohnungen fördere, habe immer das herrlichste Gedeihen, und so bekomme man tüchtige Männer im Frieden, wie im Kriege. Zu Rom stehe der höchste Lohn auf Meuterei, und Einzelne sowohl, als ganze Körperschaften seien dadurch immerzu Ehren gestiegen. Sie möchten es zu Herzen nehmen Wenn hier ein Ms. zusagte, so könnte ich glauben, es habe Reminiscerentur ne da gestanden, damit das Ganze als Frage leichter eingeschoben werden könne, und zu dem folgenden utrum (welches Drakenborch für ut aufnimmt) besser passe. Reminiscerenturne, quam maiestatem senatus ipsi a patribus accepissent, quam liberis tradituri essent? utrum (quemadmodum plebs) gloriari possent cet. , in welcher Größe ihnen ihre Väter die Würde des Senats hinterlassen hätten, und wie geschmälert sie ihren Kindern von ihnen werde überliefen werden! Ob sie eben so, wie die Bürgerlichen, sich rühmen könnten, ihr Ansehen erweitert und erhöhet zu haben? Darum finde hier keine Gränze Statt, und werde auch nie stattfinden, so lange die Stifter des Aufruhrs eben so hoch angestellt würden, als jeder Aufruhr von glücklichem Erfolge sei. An wie viele und wichtige Dinge sich nicht ein Cajus Canulejus gewagt habe? Er werfe die Familien in Ein Gewühl zusammen! er stifte Verwirrung in der Befragung der Vögel von Seiten des Stats, von Seiten der Familien! damit alle Reinheit, alle Unbeflecktheit aufhöre, 311 und, wenn aller Unterschied aufgehoben sei, niemand weder sich selbst, noch die Seinigen ferner kenne! Was sonst für eine Folge die vermischten Heirathen haben würden, als daß sich Bürgerliche und Adliche durch einander, etwa wie das liebe Vieh, in wilder Mischung gatteten, so daß der aus einer solchen Ehe entsprungene nicht wisse, zu welchem Blute, zu welchen Opfern er gehöre? halb ein Adlicher, halb ein Bürgerlicher, mit sich selbst im Widerspruche stehe? Nicht damit zufrieden, alles Göttliche und Menschliche so durch einander zu werfen, wagten sich die Aufwiegler des Pöbels sogar an das Consulat. Anfangs hätten sie es bloß gesprächsweise hingeworfen, daß doch nur der Eine Consul aus dem Bürgerstande zu wählen sein möchte: jetzt werde öffentlich darauf angetragen, daß das Volk beide Consuln nach Gefallen aus den Vätern oder Bürgern nehmen solle. Und sicher werde man dann aus dieser Classe den lautesten Aufrührer am liebsten wählen. Dann würden lauter Canulejer und Icilier Consuln sein. Möge doch das der allmächtige Jupiter verhüten, daß eine Regierung, mit königlicher Hoheit ausgestattet, so tief herabsinke: auch würden sie sich lieber einen tausendfachen Tod gefallen lassen, als solche Entehrungen zugeben. Sie wären überzeugt, wenn ihre Vorfahren es hätten ahnen können, daß der Bürgerstand durch ihre beständigen Bewilligungen nicht gegen sie sanfter werden, sondern nur widerspänstiger von einer unbilligen Forderung zu noch unbilligeren fortgehen würde, so bald ihm die erste bewilligt wäre; so würden auch sie sich lieber dem mißlichsten Kampfe unterzogen haben, ehe sie solche Vorschläge sich hätten aufbürden lassen. Weil man damals Tribunen bewilligt habe, habe man sie abermals bewilligen müssen. Hier sei kein Ende zu erwarten. In Einem State könnten Bürgertribunen und Väter nicht bestehen. Entweder müsse man diesen Stand, oder jenes Amt eingehen lassen; und lieber zu spät, als nie, der Frechheit und Unbesonnenheit entgegen gehen. Ob es nicht schändlich sei, daß jene Menschen zuerst als Stifter der Zwietracht die 312 Nachbaren zu Kriegen weckten? dann gegen eben die Kriege, die sie geweckt hätten, dem State alle Bewaffnung und Vertheidigung untersagten? die Feinde so gut als herbeiriefen, und dennoch nicht gestatten wollten, daß gegen die Feinde Heere geworben würden? sondern ein Canulejus die Frechheit habe, vor dem Senate auszurufen: Falls die Väter nicht zugeben würden, daß man sich seine Gesetze, als die eines Überwinders, gefallen lasse, so werde er die Werbung untersagen? Könne dies etwas anders sein, als Drohung, er wolle an seinem Vaterlande zum Verräther werden? er wolle es belagern, erobern lassen? Mit welchem Muthe ein solcher Ausspruch – sie wollten nicht sagen, den Römischen Bürgerstand, sondern – die Volsker, Äquer, Vejenter beseelen müsse? Ob sie nicht hoffen müßten, unter dem Anführer Canulejus das Capitol und die Burg ersteigen zu können, wenn es den Tribunen gelingen sollte, den Vätern zugleich mit ihren Rechten und ihrer Würde auch den Muth zu entreißen? Sie, die Consuln, böten sich zu Führern dar, allein zuvörderst gegen den Frevel ihrer Mitbürger, und dann erst gegen die Waffen der Feinde.» 3. Gerade während dieser Vorträge im Senate hielt Canulejus für seine Vorschläge und gegen die Consuln folgende Rede: «Die tiefe Verachtung, in welcher ihr, Quiriten, bei den Vätern steht, ihre Überzeugung von eurer Unwürdigkeit, mit ihnen in Einer Stadt, in einerlei Mauern zu leben, glaube ich zwar auch vormals oft bemerkt zu haben, vorzüglich aber jetzt, da sie mit solcher Wuth diese meine Anträge bestürmen, in denen wir sie doch – woran denn sonst, als daran nur? – erinnern, daß wir ihre Mitbürger sind, und wenn wir gleich nicht dieselben Reichthümer haben, doch mit ihnen dieselbe Vaterstadt bewohnen. In dem einen verlangen wir das Eherecht, das auch benachbarten Völkern und Auswärtigen bewilligt wird. Haben wir doch das Bürgerrecht, von wichtigerem Belange, als das Eherecht, sogar besiegten Feinden gegeben. In dem andern bringen wir nichts Neues auf, sondern fordern nur das zurück und machen 313 Gebrauch von dem, was dem Volke schon gehört; daß das Römische Volk seine Ehrenämter anvertrauen dürfe, wem es will. Kann hierin der Grund liegen, warum sie Himmel und Erde zusammenstürzen wollen? warum sie jetzt eben im Senate mich beinahe anfielen? drohen, sie würden es bis zu Thätlichkeiten treiben? sich verheißen, sie würden selbst meines geheiligten Amtes nicht schonen? Wenn also dem Römischen Volke die freie Stimmenwahl gestattet wird, das Consulat übertragen zu können, wem es will; und auch dem Bürgerlichen nicht alle Hoffnung abgeschnitten wird, falls er der höchsten Stelle würdig ist, die höchste Stelle zu erreichen; so soll unsre Stadt nicht länger stehen können? so ist es um unser Reich geschehen? Und heißt denn die Anfrage, ob Ich lese mit Stroth und Crevier: Plebeiusne, in Einem Worte. ein Bürgerlicher Consul werden könne, eben so viel, als wenn jemand sagte, ein Sklave oder Freigelassener soll Consul werden? Fühlt ihrs nun, ihr Quiriten, in wie tiefer Verachtung ihr lebt? Hinge es von ihnen ab, sie nähmen euch gern diesen Antheil am Tageslichte. Daß ihr Odem schöpft, daß ihr Töne der Sprache und Menschengestalt habt, ärgert sie. Ja sie sagen sogar – denkt euch, um des Himmels willen! – es sei sündlich, einen Bürgerlichen zum Consul zu machen! Ich bitte euch, wenn wir gleich keinen Zutritt zu den Jahrverzeichnissen, zu den Zeitbüchern der Oberpriester haben, sollten wir darum auch das nicht einmal wissen, was jeder Fremdling weiß, daß die Consuln an die Stelle der Könige traten? daß sie nicht das mindeste Recht, nicht die mindeste Würde haben können, die nicht vorher auf den Königen ruhete? Nun aber sagt mir, ist das eine so unerhörte Geschichte, daß Numa Pompilius, dem so viel zum Patricier fehlte, daß er nicht einmal Römischer Bürger war; den man aus dem Sabinischen holte, nach einer von den Vätern bestätigten Volkswahl den Römischen Thron besessen habe? daß späterhin Lucius Tarquinius, – nicht von Römischem, nicht einmal von Italischem Blute, 314 – ein Sohn des Korinthiers Damaratus, der bloß von Tarquinii hereingezogen war, noch bei Lebzeiten der Söhne des Ancus, König wurde? daß gleich nach ihm Servius Tullius, von einer gefangenen Corniculanerinn geboren, von unbekanntem Vater, von einer dienstbaren Mutter, durch Geist und Verdienst zum Throne gelangte? Habe ich nöthig, den Titus Tatius anzuführen, den Sabiner, den der Vater unsrer Stadt, Romulus selbst, neben sich auf den Thron nahm? So wuchs der Römische Stat, weil man da, wo man hervorleuchtendes Verdienst sah, sich nie an Abkunft stieß. Und wir sollten jetzt einen bürgerlichen Consul unzulässig finden, da unsern Vorfahren Ankömmlinge als Könige nicht anstößig waren, und unsre Stadt auch nach Vertreibung der Könige ausländischem Verdienste nicht gesperrt wurde? Wenigstens haben wir nach Vertreibung der Könige das Claudische Geschlecht aus dem Sabinerlande nicht bloß in unser Bürgerrecht, sondern selbst in die Zahl der Patricier aufgenommen. Ein Ausländer also soll Patricier, und dann Consul werden können, und einem gebornen Römer, wenn er vom Bürgerstande ist, soll alle Hoffnung auf das Consulat untersagt sein? Sollen wir es wohl gar entweder für eine Unmöglichkeit halten, daß es im Bürgerstande einen wackern, verdienstvollen, im Frieden und Kriege brauchbaren Mann, einen zweiten Numa, Lucius Tarquinius, Servius Tullius, geben könne? oder, wenn es ihn giebt, sollen wir ihn dessen ungeachtet nicht an das Statsruder treten lassen, und lieber Consuln haben, die den Decemvirn, diesen Scheusalen von Menschen, die damals alle aus dem Adel waren, ähnlicher sind, als den freilich ahnenlosen, aber Besten der Könige?» 4. « Allein seit Vertreibung der Könige ist noch nie ein Bürgerlicher – Consul gewesen,  – – Und was nun weiter? Darf denn gar nichts Neues eingeführt werden? Und soll das, was noch nie geschah – und in einem neuen Volke ist Vieles noch nie geschehen – auch dann nicht einmal geschehen dürfen, wenn es nützlich ist? Oberpriester, Priester des Vogelflugs hatte man 315 unter der Regierung des Romulus noch nicht: Numa Pompilius schuf sie. Es gab keine Schatzung im State, keine Eintheilung in Centurien und Classen: Servius Tullius machte sie. Consuln waren nie gewesen: nach Vertreibung der Könige wurden sie gewählt. Von einem Dictator kannte man weder Amt noch Namen: zu unsrer Väter Zeiten kam beides auf. Bürgertribunen, Ädilen, Quästoren waren nicht: es wurde festgesetzt, daß sie sein sollten. Decemvirn zur Abfassung der Gesetze haben wir innerhalb dieser zehn Jahre erwählt und wieder aus dem State vertilgt. Wer zweifelt daran, daß in einer Stadt, die für die Ewigkeit gebaut ist und ins Unendliche wächst, nicht noch neue Statsämter, Priesterthümer, Rechte der Geschlechter und der Einzelnen eingeführt werden? Selbst dies Verbot, daß zwischen Adlichen und Bürgerlichen keine Heirath stattfinden soll, haben es nicht vor wenig Jahren erst die Decemvirn gegeben, zum größten Nachtheile für den Stat, zur höchsten Beleidigung des Bürgerstandes? Kann ein Schimpf größer und ausgezeichneter sein, wenn der eine Theil der Bürgerschaft, als wäre er unrein, des Rechts der Ehe für unwürdig gehalten wird? heißt das nicht, neben dem andern in einerlei Mauern leben und doch der Ausgestoßene, der Verwiesene sein? Jede Einmischung von unserer Seite durch Heirath, durch Abstammung, wollen sie verhüten, daß sie ja nicht durch die Bande des Blutes mit uns vereinigt werden. Wie? wenn das euren so hohen Adel verunreinigt, den ihr doch meistentheils als ursprüngliche Albaner und Sabiner nicht eurer Abkunft, nicht eurem Blute, sondern der Aufnahme unter die Väter verdankt, denen ihr entweder durch die Könige, oder nach Vertreibung der Könige durch einen Volksschluß eingereihet wurdet; konntet ihr ihn nicht, jeder für sich, dadurch unbefleckt erhalten, daß ihr weder selbst eine Frau vom Bürgerstande nahmt, noch eure Töchter und Schwestern aus dem Adelstande heraus heirathen ließet? Kein Bürgerlicher würde einer Jungfrau von jenem Stande Gewalt angethan haben: so etwas gelüstet nur Adliche. 316 Wir würden keinen von euch gezwungen haben, wider seinen Willen einen Ehevertrag zu schließen. Daß es aber sogar durch ein Gesetz verboten sein soll; daß alle Ehen zwischen Adlichen und Bürgerlichen für unstatthaft erklärt werden, nur darin liegt für den Bürgerstand das Schimpfliche. Warum vereinigt ihr euch nicht zu dem Gesetze, daß sich Reiche und Arme nicht heirathen sollen? Was allenthalben immer Sache der häuslichen Berathung blieb, daß ein Mädchen sich in ein Haus verheirathete, wenn es ihr anstand, und der Mann sich die Frau aus jedem Hause holte, wo er sich zu verloben für gut fand, das unterwerft ihr jetzt dem Zwange eines mehr als tyrannischen Gesetzes, um dadurch alle bürgerliche Verbindung zu zerreißen und Einen Stat in zwei aufzulösen? Warum verordnet ihr nicht, daß kein Bürgerlicher eines Adlichen Nachbar sein, nicht mit ihm einerlei Straße reisen, mit ihm zu Gaste gehen oder auf einerlei Marktplatze stehen soll? Denn – in der Sache selbst – was könnte es da verschlagen, ob ein Adlicher eine Bürgerinn, oder ein Bürgerlicher eine Adliche nimmt? Was gäbe es da für eine Änderung in den Rechten? Die Kinder folgen ja dem Vater. Auch suchen wir in der Ehe mit euch nichts weiter, als für Menschen, für Mitbürger zu gelten: und ihr selbst könnt keinen Grund haben, euch dagegen zu setzen; wenn es euch nicht etwa Vergnügen macht, einen Streit zu unsrer Schmach und Beschimpfung zu führen.» 5. «Endlich, wem gehört denn die höchste Gewalt, dem Römischen Volke, oder euch? Würde etwa durch die Vertreibung der Könige euch herrische Obmacht, oder Allen gleiche Freiheit errungen? Dem Römischen Volke muß es freistehen, wenn es will, ein Gesetz zu genehmigen. Oder müßt ihr etwa, sobald ein Vorschlag ausgehängt wird, zur Strafe die Werbung anbefehlen? Und mußt du, als Consul, sobald ich als Tribun die Bezirke zum Stimmen schreiten lasse, die Dienstfähigen in Eid nehmen, ins Lager hinausführen, und dem Bürgerstande und dem Tribun drohen wollen? Ja wenn ihr nicht schon 317 zweimal erfahren hättet, wie wenig diese Drohungen gegen die Einmuth der Bürger vermögen. Aber freilich, ja; ihr enthieltet euch des Streites aus Wohlmeinung mit unserm Besten. Oder kam es vielmehr darum nicht zum Kampfe, weil die stärkere Partei auch die gemäßigte war? – Auch jetzt, ihr Quiriten, wird es nicht zum Streite kommen: euren Muth werden sie immer auf die Probe stellen, aber von eurer Stärke keine Erfahrung machen wollen.» «Zu jenen Kriegen also, ihr Consuln, sie mögen erdichtet, oder wahr sein, stehen euch die Bürger bereit, wenn ihr, mit Einräumung des Eherechts, endlich Einheit in den Stat bringt; wenn sie sich an euch anschließen und durch nähere Verbindung sich mit euch vereinigen und verknüpfen dürfen; wenn der Zutritt zu Ehrenstellen tüchtigen und braven Männern gestattet wird; wenn sie mit euch an der Statsregierung Antheil haben, zum Bunde mit gehören, und wie es bei gleicher Freiheit sein muß, in jährlichen Ämtern wechselseitig gehorchen und gebieten sollen. Will dies aber jemand verhindern, so tragt jene Kriege in Gesprächen herum, vervielfältigt sie durch Gerüchte: es wird sich niemand einzeichnen lassen, niemand zu den Waffen greifen, niemand für übermüthige Gebieter fechten wollen, mit denen er weder in öffentlicher Amtsverbindung, noch in häuslicher Verwandschaft steht.» 6. Als nun auch die Consuln in die Versammlung traten und auf die zusammenhängenden Reden ein Wortwechsel erfolgte, so antwortete ein Consul dem Tribun auf die Frage: «Warum denn ein Bürgerlicher nicht Consul werden dürfe,» vielleicht der Wahrheit, nur nicht dem Zeitpunkte der Erbitterung gemäß: «Weil kein Bürgerlicher die Vögel befragen dürfe; und deshalb hätten die Decemvirn diese Ehen nicht zugelassen, damit nicht die gemischte Abkunft derer, die die Vögel befragen müßten, hierin eine nachtheilige Störung verursache.» Gerade dies entflammte die Bürgerlichen zum höchsten Unwillen, sich für Menschen halten zu lassen, die zur Beachtung des 318 Vogelflugs den unsterblichen Göttern viel zu misfällig wären. Und da der Bürgerstand in dem Tribun den unternehmendsten Anführer fand, und selbst mit ihm in Beharrlichkeit wetteiferte, so hörten die Streitigkeiten nicht eher auf, bis die besiegten Väter zu dem Vorschlage wegen der Ehen endlich ihre Zustimmung gaben, obgleich nicht ohne den Seitenblick, daß auf diese Art die Tribunen noch am ersten den Streit über die bürgerlichen Consuln entweder ganz aufgeben, oder bis nach dem Kriege verschieben möchten und der vorerst durch das Ehegesetz befriedigte Bürgerstand sich zur Werbung stellen werde. Allein da den Canulejus sein Sieg über die Väter und seine Gunst bei den Bürgern zum großen Manne machte, so verfochten die übrigen Tribunen, um so viel streitlustiger, auch ihren Vorschlag aus allen Kräften, und widersetzten sich, so sehr die Kriegsgerüchte sich täglich mehrten, aller Werbung. Die Consuln, die durch den Senat, bei der Einsage der Tribunen, nichts zu Stande bringen konnten, beriethen sich mit den Vornehmeren zu Hause. Es lag am Tage, daß man entweder den Feinden, oder den Mitbürgern, den Sieg einräumen müsse. Die einzigen von den Consularen, welche diesen Berathschlagungen nicht beiwohnten, waren Valerius und Horatius . Die Meinung des Cajus Claudius gab den Consuln gegen die Tribunen die Waffen in die Hände. Die Quinctier hingegen – Cincinnatus und Capitolinus – fanden es unverantwortlich, Mord und Gewalt gegen Männer zu gebrauchen, welche man in dem mit dem Bürgerstande getroffenen Vergleiche als unverletzlich anerkannt habe. Durch diese Berathschlagungen wurde die Sache dahin geleitet, daß man sich die Ernennung von Kriegstribunen mit Consulgewalt gefallen lassen wollte, welche gemischt aus Adlichen und Bürgerlichen gewählt sein könnten; in Absicht der Consulnwahl aber sollte keine Veränderung stattfinden. Und damit begnügten sich die Tribunen und eben so der Bürgerstand. Darauf wurde ein Versammlungstag zur Wahl dieser Kriegstribunen mit Consulgewalt bestimmt. Kaum war 319 er angesetzt, so drückten alle, die sich in ihren Reden oder Thaten als Aufrührer benommen hatten, hauptsächlich gewesene Tribunen, den Leuten die Hände und liefen in Feierkleidern auf dem ganzen Markte umher; so daß die Patricier schon aus Verzweiflung, bei dieser Erbitterung des Bürgerstandes das Amt zu bekommen, zurücktraten, dann aber auch aus Unwillen, wenn sie es zugleich mit Leuten dieses Schlages zu führen haben sollten. Doch hielten sie endlich auf die dringenden Vorstellungen der Großen darum an, damit es nicht scheine, als hätten sie selbst den Besitz der Statsregierung aufgegeben. Der Ausgang dieses Wahltages war ein Belag für die Verschiedenheit der Gesinnungen im Streite für Freiheit und Ehre, und in der Unbestechlichkeit des Urtheils nach Beilegung des Streites. Denn das Volk wählte lauter Patricier zu Tribunen und begnügte sich damit, daß man doch auf Bürgerliche habe Rücksicht nehmen dürfen. Wo würde man jetzt den Einzelnen mit dieser Mäßigung, Billigkeit und Geisteshöhe finden, die damals einem ganzen Volke eigen war? 7. Im Jahre dreihundert und zehn nach Erbauung Roms traten zum erstenmale statt der Consuln Kriegstribunen als Obrigkeit ins Amt: Aulus Sempronius Atratinus, Lucius Atilius und Titus Cäcilius, in deren Amte die innere Einigkeit auch Frieden von außen gewährte. Einige Schriftsteller sagen, ohne des Vorschlages, daß bürgerliche Consuln hätten gewählt werden sollen, zu erwähnen, man habe wegen des zu dem Äquer- und Volskerkriege und zu dem Abfalle der Ardeaten noch hinzugekommenen Vejenterkrieges, weil zwei Consuln so viele Kriege auf einmal nicht hätten bestreiten können, drei Kriegstribunen gewählt, welche dann auch consularische Gewalt und Ehrenzeichen gehabt hätten. Gleichwohl stand diese Art der Ausübung obrigkeitlicher Gewalt noch nicht festbegründet: denn schon im dritten Monate nach übernommenem Amte traten sie, vermöge eines Erkenntnisses der Priester des Vogelflugs, als fehlerhaft Gewählte von ihrer Stelle wieder ab, weil Cajus Curtius, der bei ihrer 320 Wahl den Vorsitz gehabt hatte, der Schauhütte Die Gegend des Himmels, welche der Vogelschauer mit seinem Krummstabe bezeichnete, um innerhalb dieser Gränzen die Vögel zu erwarten, hieß Templum, und der Platz in diesem geweihten Bezirke, von wo aus der Vogelzug beobachtet wurde, Tabernaculum, das Tabernakel oder die Schauhütte. nicht die gehörige Stellung gegeben habe. Von Ardea kamen Gesandte nach Rom, die in ihren Beschwerden zu erkennen gaben, daß die Ardeaten Verbündete und Freunde bleiben wollten, wenn das ihnen geschehene Unrecht durch Zurückgabe des Grundstücks wieder gut gemacht würde. Der Senat antwortete ihnen: «Der Ausspruch des Gesamtvolks könne vom Senate nicht umgestoßen werden außerdem daß er hierin ohne Beispiel und unbefugter Weise handeln würde, auch der Einigkeit der Stände wegen. Wenn die Ardeaten ihre Zeit abwarten und dem Senate die Milderung ihres Unrechts anheimstellen wollten, so würden sie einst Ursache haben, sich der Mäßigung ihres Zorns zu erfreuen, und hinterher einsehen, daß es der Väter ernstlicher Wille gewesen sei, Unrecht bei ihnen eben so wenig eintreten, als das eingetretene lange dauern zu lassen.» Die Gesandten sagten, sie wollten, ohne eine Enderklärung zu geben, die Sache melden, und wurden freundschaftlich entlassen. Da der Stat ohne höchste Obrigkeit war, so traten die Patricier zusammen und ernannten einen Zwischenkönig. Der Streit, ob Consuln oder Kriegstribnnen gewählt werden sollten, verlängerte die Zwischenregierungen auf mehrere Tage. Der Zwischenkönig und der Senat wollten einen Wahltag für Consuln, die Bürgertribunen und die Bürger für Kriegstribunen, angesetzt haben. Die Väter behielten den Sieg, theils weil der Bürgerstand, der diese Ehrenstelle so gut, wie jene, an Patricier geben wollte, einen fruchtlosen Streit sehr unnöthig fand; theils weil selbst die Vornehmeren des Bürgerstandes eine solche Wahl lieber sahen, bei welcher auf sie nicht Rücksicht genommen werden konnte, als die, bei der sie als Unwürdige 321 übergangen würden. Ja die Bürgertribunen ließen sich die Aufgebung eines Streites ohne Erfolg von den Ersten der Väter als eine Gefälligkeit anrechnen. Titus Quinctius Barbatus wählte als Zwischenkönig die Consuln Lucius Papirius Mugillanus und Lucius Sempronius Atratinus . Unter diesen Consuln wurde das Bündniß mit den Ardeaten erneuert, und eben dies ist das Denkmal, daß sie in diesem Jahre Consuln gewesen sind, da sie sich sonst weder in den alten Jahrbüchern, noch in den Verzeichnissen der Obrigkeiten finden. Da im Anfange des Jahrs Kriegstribunen gewesen waren und diese Consuln nur an deren Stelle nachgewählt wurden, so sind die Namen der Consuln vermuthlich in der Meinung übergangen, daß die Kriegstribunen das ganze Jahr regiert hätten. Licinius Macer bezeugt, daß sie sich in dem Ardeatischen Bündnisse und in den auf Leinwand geschriebenen Büchern im Tempel der Moneta gefunden haben. Bei der Menge drohender Gerüchte, die sich von Seiten der Nachbarn gemeldet hatten, blieb doch von außen Alles ruhig, und so auch im Innern. 8. Diesem Jahre – mag es nun Tribunen allein, oder auch in den Platz der Tribunen gesetzte Consuln gehabt haben – folgt ein Jahr, das unstreitig Consuln hatte, den Marcus Geganius Macerinus zum zweiten- und den Titus Quinctius Capitolinus zum fünftenmale. Es war das Anfangsjahr der Censur, die vom Kleinen ausging, in der Folge aber einen so großen Umfang bekam, daß ihr die Aufsicht über Roms Sitten und Zucht, über den Senat und die Rittercenturien gehörte, das Erkenntniß über Ehre und Schande ein Geschäft dieser Obrigkeit wurde, und die Gerechtsame aller öffentlichen und Privatplätze, so auch die Einnahme und Ausgabe der Statseinkünfte des Römischen Volks von ihrer Bewilligung und Einrichtung abhingen. Die Sache wurde angefangen, weil die Schatzung des Volks, das seit vielen Jahren nicht geschatzt war, nicht länger verschoben werden, und sich doch die Consuln, bei den drohenden Kriegen so vieler Völker, mit diesem Geschäfte nicht befassen konnten. Sie brachten es im Senate Auch Stroth lieset mit Pighius: Mentio illata ab consulibus in senatu est. in Anregung: «Eine so mühvolle, für Consuln gar nicht geeignete Verrichtung erfordere ihr besonderes Amt, von dem die Geschäfte der Schreiber, die Aufbewahrung und Fertigung der Verzeichnisse und die Abfassung der Schatzungsformel abhängen könnten.» Die Väter ließen sich die Sache, so klein sie schien, dennoch, um so viel mehrere adliche Ämter im State zu haben, gern gefallen; auch sahen sie vermuthlich den wirklichen Erfolg voraus, daß demnächst das Ansehen derer, welche der Stelle vorständen, ihr selbst mehr Einwirkung und Hoheit zubringen werde. Und die Tribunen, die darin mehr die Besorgung eines nothwendigen Geschäftes, und das war es wirklich, als eines ehrenvollen fanden, setzten sich, um nicht unwillkommene Gegner auch in jeder Kleinigkeit zu sein, nicht sehr dawider. Da sich die Ersten im State für diese Ehrenstelle zu groß hielten, so setzte das Volk durch Stimmenwahl den Papirius und Sempronius – deren Consulat wir eben bezweifelt sahen – um ihnen für ihr zu kurzes Consulat durch dieses Amt Ersatz zu geben, als Vorsteher der zu haltenden Schatzung an. Den Namen Censorn bekamen sie von der Sache Die Schatzung hieß census. . 9. Während dies in Rom geschah, kamen Gesandte der Ardeaten, mit der Bitte, um ihrer uralten Freundschaft, um ihres jüngst erneuerten Bündnisses willen, ihrer beinahe zerstörten Stadt zu helfen. Den Genuß des Friedens nämlich mit dem Römischen Volke, den sie so redlich gehalten hatten, verwehrte ihnen ein innerlicher Krieg, dessen Veranlassung und Ausbruch von einem Streite zwischen Parteien abhing, einem Statsübel, das so vielen Völkern verderblicher ward und sein wird, als auswärtige Kriege, als Hungersnoth und Seuchen, und was man sonst noch göttlichen Strafgerichten, als dem höchsten Unglücke der Staten, zuschreibt. Um eine Jungfrau von bürgerlicher Abkunft, die 323 hauptsächlich durch ihre Schönheit Aufsehen machte, warben zwei junge Männer. Der Eine war mit ihr gleiches Herkommens, und verließ sich auf ihre Vormünder, welche ebenfalls von jenem Stande waren: der andre, ein Edelmann, war bloß von ihrer Schönheit bezaubert. Ihn begünstigten die Bemühungen der Vornehmen, worüber der Streit der Parteien sogar bis in das Haus des Mädchens drang. Der Adliche bekam den Vorzug durch die Erklärung der Mutter, welche ihre Tochter so glänzend als möglich verheirathen wollte: die Vormünder hingegen, auch hierin ihrem Anhange getreu, wünschten sie dem Ihrigen zuzuwenden. Als sich die Sache zwischen vier Wänden nicht abthun ließ, kam man vor Gericht. Die Obrigkeit, nachdem sie Mutter und Vormünder vernommen hatte, erkannte der Mutter das Recht zu, ihre Tochter zu verheirathen, wie sie wollte: allein Gewalt vermochte mehr. Denn die Vormünder, die sich in öffentlichen Reden auf dem Markte gegen die Anhänger ihrer Partei über das Unrecht beklagten, das ihnen durch diesen Spruch geschähe, brachen mit einem Haufen in das Haus der Mutter und raubten das Mädchen. Zu noch größerer Gewaltthat traten gegen jene die Vornehmen in Schlachtordnung auf, unter Anführung des durch die Beleidigung erbitterten Jünglings. Es kam zu einem blutigen Gefechte. Die geschlagenen Bürger, den Römischen in allen Stücken unähnlich, zogen bewaffnet aus der Stadt, besetzten eine Anhöhe und verwüsteten von hier aus die Landgüter der Vornehmen mit Feuer und Schwert. Durch die Hoffnung der Beute lockten sie eine Menge Handwerker aus der Stadt, und eine Belagerung drohete nun auch denjenigen Einwohnern, die vorher an dem Streite keinen Theil genommen hatten. Der Krieg zeigte sich in allen seinen Gestalten und traurigen Folgen, da sich die Wuth zweier Jünglinge, die auf den Trümmern ihrer Vaterstadt ein unglückliches Beilager halten wollten, als eine Ansteckung über den ganzen Stat verbreitete. Auch waren für beide Theile die Hülfsmittel zum Kriege und sein Ausbruch im Innern noch nicht genügend. Die Vornehmen riefen die Römer der belagerten 324 Stadt zu Hülfe; die Bürgerlichen die Volsker, ihnen Ardea erobern zu helfen. Die Volsker erschienen, unter Anführung des Äquus Clölius, zuerst vor Ardea und warfen vor den Mauern der Feinde einen Wall auf. Als dies nach Rom gemeldet wurde, brach sogleich der Consul Marcus Gegamus mit einem Heere auf, nahm dreitausend Schritte vom Feinde sein Lager, und weil sich der Tag schon neigte, hieß er seine Soldaten durch Pflege sich vorbereiten. Um die vierte Nachtwache rückte er vor, und die angefangene Schanzarbeit ging so schnell von statten, daß sich die Volsker bei Sonnenaufgang von den Römern mit einem festeren Pfahlwerke eingeschlossen sahen, als die Stadt von ihnen selbst. Von einer andern Seite lehnte der Consul einen Arm seines Walles an die Mauer von Ardea, damit seine Leute zur Stadt aus- und eingehen konnten. 10. Als der vom Walle umschlossene Volskische Feldherr sein Heer, das er bis auf diesen Tag nicht von zusammengefahrnen Vorräthen, sondern von dem auf dem Lande nur für Einen Tag geraubten Getreide erhalten hatte, plötzlich an Allem Mangel leiden sah, so lud er den Consul zu einer Unterredung und sagte: «Falls die Römer gekommen sein sollten, der Belagerung ein Ende zu machen, so sei er bereit, mit seinen Volskern abzuziehen.» Hierauf erwiederte der Consul: «Überwundene müßten Bedingungen annehmen, nicht vorschreiben: und die Volsker sollten nicht eben so eigenmächtig, wie sie gekommen wären, Bundesgenossen des Römischen Volks zu belagern, auch wieder abziehen. Sie müßten ihren Feldherrn ausliefern und die Waffen strecken, als Geständniß, daß sie besiegt und dem Gebote unterwürfig wären. Widrigenfalls werde er, als unversöhnter Feind, sie möchten weggehen oder bleiben, lieber einen Sieg über die Volsker, als einen unsichern Frieden, mit nach Rom nehmen.» Da die Volsker, welche mit der schwachen Hoffnung auf ihre Waffen – denn jede andre war ihnen auf allen Seiten abgeschnitten – einen Versuch machten, außer ihrem übrigen Misgeschicke auf einem Boden angriffen, welcher ungünstig zur Schlacht, noch ungünstiger zur 325 Flucht war; so gingen sie, von allen Seiten niedergehauen, vom Kampfe zu Bitten über, lieferten ihren Feldherrn aus, streckten die Waffen, zogen unter dem Jochgalgen durch und wurden in einem einzigen Kleidungsstücke, mit Schimpf und Unglück überhäuft, entlassen. Und da sie sich nicht weit von der Stadt Tusculum setzten, wurden sie unbewaffnet in einem Überfalle ein Opfer des alten Hasses der Tusculaner, so daß kaum einige entrannen, die von dem Gemetzel nachsagen konnten. Zu Ardea stellte der Römische Consul die durch den Aufruhr zerrüttete Ordnung wieder her, bestrafte die Häupter der Unruhen mit dem Beile und ließ ihre Güter dem Stadtschatze der Ardeaten anheimfallen: und durch diese so große Wohlthat des Römischen Volks war in den Augen der Ardeaten die Ungerechtigkeit jenes Richterspruchs schon getilgt; allein der Römische Senat glaubte, um das Andenken an die Habsucht seines Volkes auszulöschen, ein Mehreres thun zu müssen. Der Consul kehrte in die Stadt im Triumphe zurück, in welchem er den Feldherrn der Volsker, Clölius, vor seinem Wagen daherführen und die Waffen vorantragen ließ, die er dem feindlichen Heere, bei dem Durchgange unter dem Jochgalgen, ausgezogen hatte. Der Consul Quinctius erreichte im Friedenskleide, was nicht leicht ist, den Ruhm seines bewaffneten Amtsgenossen; denn er gab seiner Aufmerksamkeit auf Eintracht und Frieden im Innern, dadurch, daß er die Rechte der Niedrigsten und Höchsten im Gleichgewichte hielt, eine solche Haltung, daß er nach dem Urtheile der Väter consularische Amtsstrenge, und nach dem der Bürgerlichen, Milde genug bewies. Er setzte Manches gegen die Tribunen durch, öfter vermöge seines Ansehens, als durch Streit. Fünf Consulate, mit gleich festem Gange verwaltet, und sein ganzes Leben, mit consularischem Anstande verlebt, gaben beinahe dem Manne selbst mehr Ehrwürdiges, als seinem Amte. Deswegen geschah auch unter diesen Consuln einer Wahl von Kriegstribunen gar nicht Erwähnung. 326 11. Man wählte Consuln; den Marcus Fabius Vibulanus und Postumus Äbutius Cornicen. Je größern Ruhm im Frieden und Kriege jene Männer erworben hatten, an deren Stelle sich die Consuln Fabius und Äbutius gesetzt sahen – und sie glaubten, jenes Jahr müsse den benachbarten Bundesgenossen und Feinden höchst denkwürdig sein, weil man sich der Ardeaten in ihrem Unglücke mit solchem Eifer angenommen habe, – desto mehr ließen sie es sich angelegen sein, damit sie bei der Welt das Andenken an den schimpflichen Richterspruch völlig tilgen möchten, den Senatsschluß zu Stande zu bringen, daß nach Ardea Anbauer zur Besatzung gegen die Volsker abgesandt werden müßten, weil die dortige Bürgerzahl durch den innern Aufruhr auf so wenige herabgesunken sei. Und so wurde der Schluß in die öffentlichen Urkunden eingetragen, um dem Bürgerstande und den Tribunen den Plan, der ihren Richterspruch umstoßen sollte, zu verdecken. Man verabredete nämlich, daß an die eingezeichnete Anzahl von Pflanzern, zu denen man weit mehr Rutuler Ardea war die Hauptstadt der Rutuler . als Römer nahm, kein Grundstück weiter vertheilt werden sollte, als jenes durch den verrufenen Ausspruch entwandte, und daß auch dort keinem einzigen Römer eine Scholle Landes angewiesen würde, bevor nicht jeder Rutuler seinen Antheil bekommen hätte. So kam dies Land wieder an die Ardeaten . Die zur Ausführung der Pflanzer nach Ardea erwählten Dreimänner waren Agrippa Menenius, Titus Clölius Siculus, Marcus Äbutius Elva . Da sie nun durch dies dem Volke gar nicht erfreuliche Geschäft, gerade das Land an Bundesgenossen zu vertheilen, welches das Römische Volk für sein erklärt hatte, den Bürgern anstößig wurden, und sich eben so wenig bei den Ersten der Väter beliebt machten, weil sie nie die von dem oder dem Empfohlnen begünstigten; so entzogen sie sich den Plackereien der Tribunen, die ihnen schon einen Gerichtstag bei dem Volke angesetzt hatten, dadurch, daß sie sich als Anbauer 327 einzeichneten und in der Pflanzstadt blieben, die ihnen ihre Unbestechlichkeit und Gerechtigkeit bezeugen konnte. 12. Der innere und äußere Friede dauerte in diesem sowohl, als in dem folgenden Jahre fort, in welchem Cajus Furius Pacilus und Marcus Papirius Crassus Consuln waren. Die Spiele, welche die Decemvirn auf Befehl des Senats, während der Entfernung des Bürgerstandes von den Vätern, gelobet hatten, wurden in diesem Jahre gefeiert. Veranlassung zum Aufruhre suchte Pötelius umsonst. So sehr er sich zu Beidem verheißen hatte, und eben darum zum zweitenmale Bürgertribun geworden war, so konnte er doch das Erste nicht durchsetzen, daß die Consuln auf Vertheilung von Ländereien an die Bürger im Senate antragen sollten; und als er das zweite durch großen Streit bewirkte, daß die Väter befragt werden sollten, ob man sich zur Consuln- oder zur Tribunenwahl zu versammeln habe, so kam der Befehl, Consuln zu wählen: und vollends lächerlich wurde der Tribun mit seiner Drohung, die Werbung verhindern zu wollen, da man bei der Ruhe der Nachbarn weder Krieg, noch Anstalt zum Kriege nöthig hatte. Auf diese Stille im State folgt ein Jahr, unter den Consuln Proculus Geganius Macerinus und Lucius Menenius Lanatus, das sich durch mancherlei Unglück und Gefahr auszeichnete, durch Aufruhr, Hungersnoth und dadurch, daß man beinahe für eine lockende Spende den Nacken in das Joch des Königthums geschmiegt hätte. Ein einziges fehlte noch; Krieg von außen: hätte der das Unheil noch lastender gemacht, so würde man selbst mit aller Götter Hülfe kaum haben widerstehen können. Mit der Hungersnoth fing die Reihe der Übel an, entweder weil die Witterung den Früchten ungünstig war, oder man hatte über die Unterhaltung, welche die Versammlungen und die Stadt gewährten, den Ackerbau versäumt: denn Beides wird angegeben. Die Väter beschuldigten die Bürger der Trägheit, und die Bürgertribunen die Consuln bald böser Absichten, bald einer Nachlässigkeit. Endlich bewirkten die Bürgerlichen, ohne Widerstand vom Senate, die Ernennung des Lucius Minucius zum 328 Proviantmeister; dem es beschieden war, in diesem Amte mit größerem Glücke zur Rettung der Freiheit beizutragen, als zu dem Zwecke seines eigentlichen Geschäfts; wiewohl er sich zuletzt, auch wegen verminderter Theurung, nicht unverdienten Dank und Ruhm erwarb. Da er durch die vielen zu Wasser und zu Lande bei den benachbarten Völkern vergeblich umhergeschickten Gesandschaften – außer daß ein unbedeutender Getreidevorrath aus Hetrurien ankam – keine Veränderung der Kornpreise bewirkt hatte; sich also genöthigt sah, zur gleichen Vertheilung des Mangels seine Zuflucht zu nehmen, (so daß er Jeden zwang, sein Getreide anzugeben und, was für Einen Monat zu viel war, zu verkaufen; ferner den Sklaven einen Theil ihrer täglichen Kost abziehen ließ; dann auch die Kornhändler beschuldigte und sie der Erbitterung des Volkes preisgab;) und durch strenge Untersuchungen die Noth mehr aufdeckte, als milderte: so stürzten sich viele von den Bürgern aus Verzweifelung, ehe sie eines qualvollen langsamen Todes sterben wollten, mit verhülltem Haupte in die Tiber. 13. Hier ließ sich Spurius Mälius, vom Ritterstande, und für die damalige Zeit ein sehr reicher Mann, auf eine Unternehmung ein, die an sich löblich, allein von bösem Beispiele und von noch schlimmerer Absicht war. Nachdem er nämlich durch die Hülfe seiner Gastfreunde und Schützlinge für sein Geld Getreide in Hetrurien zusammengekauft hatte – und gerade dies mußte, wie ich glaube, dem State die Sorge für niedrigere Kornpreise erschweren – so fing er an, Spenden in Korn zu machen; und zog mit vielem Aufsehen und einem Großthun, welches die Stufe eines Privatmannes überstieg, allenthalben, wo er ging, die durch sein Geschenk gewonnenen Bürger hinter sich her, deren Gunst und Erwartungen ihm das Consulat mit Gewißheit versprachen. Er selbst aber – wie der menschliche Geist sich nie an dem genügen läßt, was das Glück ihm bietet – strebte nach dem Höheren und Unerlaubten; und weil er doch auch das Consulat von den Vätern, wider ihren Willen, erzwingen mußte; so 329 legte er es auf das Königthum an: dies allein könne der würdige Preis eines so großen Aufwandes von Entwürfen sein, und eines Kampfes, der ihm noch vielen Schweiß kosten werde. Indeß rückte der Tag zur Consulnwahl heran, und gerade dies gereichte ihm, weil seine Plane noch nicht geordnet oder reif genug waren, zum Verderben. Titus Quinctius Capitolinus wurde zum sechstenmale Consul, gar kein Mann für einen Neuerer: zum Amtsgenossen gab man ihm den Agrippa Menenius, mit dem Zunamen Lanatus; und Lucius Minucius wurde als Proviantmeister entweder zum zweitenmale angestellt, oder war, so lange er nöthig sein würde, auf unbestimmte Zeit gewählt: denn es findet sich hierüber nichts Gewisses, außer daß in den leinenen Büchern der Name dieses Aufsehers für beide Jahre unter den Obrigkeiten aufgeführt ist. Da dieser Minucius dasselbe Geschäft öffentlich zu besorgen hatte, welches Mälius für sich betrieb, so brachte er, weil in beiden Häusern dieselbe Classe von Menschen aus- und einging, den Anschlag in Erfahrung und legte ihn dem Senate vor. «In des Mälius Haus würden Waffen geschafft; er halte bei sich Zusammenkünfte, und mache zuverlässig Entwürfe zu einem Königthume. Nur die Zeit des Ausbruchs sei noch nicht bestimmt; alles Übrige schon verabredet: schon seien die Tribunen zum Verrathe der Freiheit erkauft, auch den Anführern des großen Haufens ihre Rollen zugetheilt. Im Verhältnisse mit der Gefahr komme Minucius mit dieser Anzeige beinahe schon zu spät, weil er nicht gern etwas Ungewisses und Grundloses habe berichten wollen.» Als auf diese Meldung die Vornehmsten der Väter von allen Seiten den Consuln des verwichenen Jahres Vorwürfe machten, daß sie dergleichen Spenden und Versammlungen der Bürger im Hause eines Einzelnen hätten dulden können; – und den neuen Consuln, daß sie gesäumt hätten, bis ein Proviantmeister eine Sache von solcher Wichtigkeit zur Sprache brächte, die einen Consul nicht bloß zur Anregung, sondern auch zur Bestrafung auffordere: so sagte Titus Quinctius: «Die Consuln 330 hätten diese Verweise nicht verdient, weil sie, umstrickt von Gesetzen der Ansprache, welche zur Vernichtung ihrer Macht gegeben wären, durchaus nicht so viel Kraft in ihrem Amte, als eignen Muth hätten, eine solche Sache ihrer Abscheulichkeit gemäß zu bestrafen. Sie erfordere einen Mann, der nicht bloß Festigkeit habe, sondern auch von den Banden der Gesetze frei und entledigt sei. Darum wolle er den Lucius Quinctius zum Dictator ernennen, dessen Geist der hohen Macht dieses Amtes entspreche.» Da ihm Alle beipflichteten, so weigerte sich Quinctius anfangs und fragte sie: «Was ihnen das helfen könne, daß sie ihn, als verlebten Greis, einem so schweren Kampfe entgegenstellten.» Als sie ihm aber von allen Seiten versicherten, sein gereifter Geist übertreffe nicht bloß an Weisheit, sondern auch an Festigkeit, sie Andern alle; ihn mit höchst verdienten Lobsprüchen überhäuften, und der Consul von seiner Bitte nicht abstand; so ließ sich endlich Cincinnatus, der in das Gebet ausbrach, die unsterblichen Götter möchten sein Alter dem State in dieser dringenden Noth nicht zum Nachtheile, noch zur Unehre gereichen lassen, vom Consul zum Dictator erklären. Er selbst ernannte dann den Cajus Servilius Ahala zum Magister Equitum. 14. Als er Tages darauf nach mehreren ausgestellten Posten auf den Markt herabgekommen war, und Alles über die neue unerklärliche Erscheinung die Augen auf ihn richtete; die Partei des Mälius samt ihrem Anführer einsah, daß dies Amt mit so hoher Gewalt ihnen selbst gelte; alle Übrigen hingegen, mit den Anschlägen auf den Thron unbekannt, einmal über das andre fragten: «Welcher plötzliche Aufstand oder Krieg das hohe Amt einer Dictatur überhaupt, und insbesondre den Quinctius nach seinem achtzigsten Jahre als Oberhaupt des States nöthig gemacht habe:» so ging auf Befehl des Dictators der Magister Equitum Servilius auf den Mälius zu und sprach: «Der Dictator fordert dich!» Bestürzt fragte jener: Was er ihm wolle, und Servilius kündigte ihm an, er habe 331 sich zu verantworten und die Anklage zu widerlegen, welche Minucius an den Senat gebracht habe. Da zog sich Mälius in seine Schar zurück und sah sich, anfangs unschlüssig, nach allen Seiten um: endlich aber, als ihn der Gerichtsdiener auf Befehl des Magister Equitum mit sich nahm, rief er, durch Hülfe der Umstehenden los gemacht und fliehend, die Römischen Bürger zum Beistande auf, versicherte, die Väter hätten sich zu seiner Unterdrückung verschworen, weil er dem Bürgerstande wohlgethan habe, und bat, sie möchten ihm in seiner höchsten Noth ihre Hülfe gewähren und ihn nicht vor ihren Augen ermorden lassen. Mitten in diesem Geschreie holte Servilius Ahala ihn ein und machte ihn nieder. Bespritzt vom Blute des Erschlagenen und gedeckt von einer Schar junger Patricier brachte er dem Dictator den Bescheid: Der vor ihn geforderte Mälius habe den Gerichtsdiener zurückgestoßen, das Volk erregen wollen, und dafür seine verdiente Strafe empfangen. Da sprach der Dictator: «Meinen Beifall, Cajus Servilius, der Großthat, durch welche du dem State die Freiheit wiedergabst!» 15. Nun ließ er die lärmende Menge, die nicht wußte, wie sie die That aufnehmen sollte, zur Versammlung berufen, und erklärte: «Wenn auch Mälius des Verbrechens, nach dem Throne gestrebt zu haben, nicht schuldig gewesen sein sollte, so sei er doch mit Recht getödtet, da er, vom Magister Equitum vor den Dictator gefordert, sich nicht gestellt habe. Er habe hier die Sitzung eröffnet, um die Sache zu untersuchen, und nach beendeter Untersuchung würde des Mälius Schicksal seiner Sache angemessen gewesen sein. Da er aber Gewalt gebraucht habe, um sich dem Gerichte zu entziehen, so sei er mit Gewalt zur Ruhe gebracht. Auch habe man den Menschen gar nicht als einen Mitbürger behandeln müssen: denn in einem freien Volke, unter dem Schutze der Rechte und Gesetze sei er geboren; habe gewußt, daß gerade diese Stadt die Könige ausgetrieben habe, und daß in eben dem Jahre die Söhne vom der Schwester des Königs, 332 die Kinder vom Consul selbst, dem Befreier des Vaterlandes, auf geschehene Anzeige von einem Vertrage, den sie zur Wiederaufnahme der Könige in die Stadt eingegangen waren, von ihrem eignen Vater mit dem Beile bestraft wurden; habe gewußt, daß man hier den Consul Tarquinius Collatinus bloß aus Haß gegen seinen Namen zur Abdankung und Auswanderung zwang; gewußt, daß man hier mehrere Jahre nachher den Spurius Cassius wegen eines gemachten Anschlages auf den Thron am Leben strafte; daß man hier noch neulich die Decemvirn königlichen Übermuth mit der Einziehung ihrer Güter, Verweisung und Hinrichtung büßen ließ – und habe dennoch in derselben Stadt – er! ein Spurius Mälius! – sich unterstanden, den Thron zu hoffen. Und als was für ein Mensch? Zwar öffne kein Adel, kein Ehrenamt, kein Verdienst irgend jemand den Weg zur Alleinherrschaft: indeß ein Claudius, ein Cassius, habe sich doch noch durch Consulate, Decemvirate, durch seine und seiner Vorfahren Ehrenämter, durch den Glanz seines Geschlechts verleiten lassen, nach einer verbotenen Höhe emporzustreben. Spurius Mälius aber, für den ein Bürgertribunat mehr etwas Wünschenswerthes, als zu Hoffendes, gewesen sei, – ein reicher Kornhändler, – habe gehofft, für zwei Pfund Korn seinen Mitbürgern die Freiheit abgekauft zu haben und durch ein vorgeworfenes Stück Brot das Volk, das aller benachbarten Völker Sieger sei, in die Sklaverei locken zu können, so daß alsdann eben die Bürgerschaft, die sich ihn kaum als Rathsherrn hätte gefallen lassen können, ihn als König hätte dulden müssen; es hätte ansehen müssen, wie er mit den Majestätszeichen und der königlichen Macht eines von den Göttern entsprossenen und zu den Göttern zurückgegangenen Erbauers Romulus bekleidet sei. Dies müsse man nicht etwa für einen Frevel, für ein Scheusal müsse man es anerkennen. Auch sei sein Blut dafür keine genügende Sühne, wenn nicht auch sein Haus und die Wände, zwischen denen ein solcher Unsinn ausgebrütet sei, aus einander geworfen, und seine Güter, welche in 333 Berührung mit dem für die Freiheit gebotenen Kaufgelde verpestet wären, eingezogen würden. Er befehle hiemit den Schatzmeistern, diese Güter zu verkaufen und den Ertrag in die Statskasse zu legen.» 16. Darauf gab er Befehl, das Haus sogleich niederzureißen, damit der freie Platz ein Denkmal des vernichteten gottlosen Entwurfes bliebe. Dieser bekam den Namen Aquimälium (Mäliusplatz). Lucius Minucius wurde mit einem Ochsen und einem vor dem Drillingsthore errichteten Standbilde Ich lese bove ac statua extra portam u. s. w., weil Plinius in seiner Naturgeschichte an zwei Stellen bezeugt, daß das, was dem Minucius außerhalb der porta Trigemina gegeben wurde, eine statua oder columna war. Die Worte boueacstatua zusammen gelesen konnten die Abschreiber irre führen; Einer las daraus boue aturato (s. Drakenb.) ein Andrer aurato: und alle Ausleger gestehen, daß sie mit bove aurato extra p. Tr. nichts anzufangen wissen. beschenkt, womit selbst die Bürger nicht unzufrieden waren, weil er ihnen die Kornvorräthe des Mälius, den Modius zum Preise eines Ass Der damalige Ass war, wie schon oben gesagt. etwa 6 Pfennige. Der Modius war 1 / 6 eines Berliner Scheffels. vertheilte. Bei einigen Schriftstellern finde ich, daß dieser Minucius aus dem Adel in den Bürgerstand übergegangen, von den zehn Bürgertribunen als der elfte aufgenommen sei, und einen über die Hinrichtung des Mälius entstandenen Aufruhr gestillet habe. Allein es ist kaum glaublich, daß die Väter die Vermehrung der Tribunenzahl gestattet haben sollten, daß gerade eine Patricier dies Beispiel aufgestellt, und der Bürgerstand nachher das einmal zugestandene Recht nicht behauptet, oder wenigstens zu behaupten versucht habe. Überwiegend aber wird die falsche Unterschrift, die die Minucier dem Bilde ihres Ahnherrn gegeben haben, dadurch widerlegt, daß erst vor wenig Jahren durch ein Gesetz den Tribunen verboten war, keinen Amtsgenossen über die Zahl anzunehmen. Die einzigen vom Tribunenamte, welche auf die dem Minucius zu erweisenden Ehrenbezeigungen nicht mit angetragen hatten, waren Quintus Cäcilius, Quintus 334 Junius, Sextus Titinius: sie waren es auch, welche nicht aufhörten, bald den Minucius, bald den Servilius zu beschuldigen und über den traurigen Tod des Mälius zu klagen. Dadurch brachten sie es doch dahin, daß am Wahltage Kriegstribunen statt der Consuln ernannt werden mußten; und sie zweifelten nicht, daß bei sechs Plätzen (denn so viele zu wählen, war schon bewilligt) auch einige Bürgerliche angestellt werden würden, wenn sie sich zu Rächern des ermordeten Mälius anboten. Der Bürgerstand war allerdings in diesem Jahre durch so viele und mancherlei Auftritte gereizt; und dennoch wählte er zu Tribunen mit Consulgewalt nicht mehr, als drei, und unter diesen den Lucius Quinctius, einen Sohn eben des Cincinnatus, dessen angefeindete Dictatur einen Aufstand veranlassen sollte. Den Quinctius übertraf an Mehrheit der Stimmen Mamercus Ämilius, ein höchst würdiger Mann. Der dritte wurde Lucius Julius . 17. In ihrem Amte fielen die Fidenaten, eine Römische Pflanzstadt, an den Vejentischen König Lar Tolumnius und an die Vejenter ab. Sie häuften auf das Verbrechen des Abfalls noch ein größeres. Auf Geheiß des Tolumnius erschlugen sie die Römischen Gesandten Cajus Fulcinius, Clölius Tullus, Spurius Antius, Lucius Roscius, welche sie um den Grund des abgeänderten Verhältnisses befragen mußten. Einige mildern die Schuld des Königs, und sagen, im Würfelspiele sei bei einem glücklichen Wurfe ein zweideutiger Ausruf von ihm, der für einen Hinrichtungsbefehl angesehen werden konnte, von den Fidenaten so verstanden, und habe den Tod der Gesandten bewirkt. Wie unglaublich! Er sollte bei der Erscheinung der Fidenaten, seiner neuen Bundesgenossen, die bei ihm eines Mordes wegen anfragten, welcher das Völkerrecht verletzen mußte, seine Aufmerksamkeit nicht einmal vom Spiele abgezogen, auch nachher die That nicht verabscheuet haben? Wahrscheinlicher ist es, daß es sein Wille wer, die Fidenaten mit einer Schuld zu beladen, damit ihnen das Bewußtsein, sich so schwer vergangen zu haben, jeden Rückblick auf irgend eine Hoffnung bei den 335 Römern, unmöglich machte. Den zu Fidenä erschlagenen Gesandten wurden zu Rom auf öffentliche Kosten Standbilder auf der Rednerbühne errichtet. Da die Vejenter und Fidenaten so nahe Nachbarn waren und überdies noch ihren Krieg durch eine so schändliche Veranlassung eröffneten, so konnte der bevorstehende Kampf nicht anders als blutig sein. Und weil bei der Sorge für das Ganze der Bürgerstand und seine Tribunen Ruhe hielten, so war man ohne Streit darüber eins, daß Consuln gewählt werden sollten. Diese waren Marcus Geganius Macerinus zum drittenmale und Lucius Sergius der Fidenat, ein Zuname, den er vermuthlich von dem nachher geführten Kriege bekam. Denn er lieferte dem Könige der Vejenter diesseit des Anio die erste Schlacht, mit Glück; allein der Sieg kostete Blut. Darum war auch der Schmerz über die verlornen Mitbürger größer, als die Freude über den geschlagenen Feind, und der Senat ließ, als in dringender Noth, einen Dictator ernennen, den Mamercus Ämilius . Dieser wählte zu seinem Magister Equitum seinen Amtsgenossen vom vorigen Jahre, in welchem sie beide Kriegstribunen mit consularischer Gewalt gewesen waren, den Lucius Quinctius Cincinnatus, einen seines Vaters würdigen jungen Mann; gab dem von den Consuln geworbenen Heere alte, des Krieges kundige; Hauptleute zu, und ersetzte die Anzahl der in der letzten Schlacht Gebliebenen. Quinctius Capitolinus und Marcus Fabius Vibulanus erhielten vom Dictator Befehl, ihn als Unterfeldherren zu begleiten. Theils das Amt von höherer Macht, theils der Mann, der diesem Amte entsprach, entfernten schon die Feinde aus dem Römischen Gebiete, über den Anio hinaus, und sie besetzten mit ihrem zurückgezogenen Lager die Hügel zwischen Fidenä und dem Anio, rückten auch nicht eher in die Ebene herab, als bis ihnen die Legionen der Falisker zu Hülfe kamen. Nun erst schlugen die Hetrusker Vejenter und Falisker gehörten beide unter die zwölf Hetruskischen Völkerstämme. ihr Lager vor den Mauern von Fidenä auf, und der Römische Dictator lagerte sich in ihrer Nähe bei dem Zusammenflusse an den Ufern beider Ströme Der Anio fällt hier in die Tiber . , zwischen denen er, so weit der Platz es zuließ, seinen Wall aufführte. Und am folgenden Tage rückte er aus zur Schlacht. 18. Unter den Feinden gab es verschiedene Meinungen. Die Falisker, zu dem Dienste, so fern von ihrer Heimat, verdrossen, und voll Zutrauen auf sich selbst, drangen auf eine Schlacht: die Vejenter und Fidenaten versprachen sich mehr vom zögernden Gange des Krieges. Tolumnius, aus Besorgniß, die Falisker möchten es sich nicht länger gefallen lassen, so weit von Hause zu dienen, ob er gleich übrigens den Seinigen beipflichtete, setzte den folgenden Tag zur Schlacht an. Der Dictator und die Römer wurden nun, als der Feind einmal die Schlacht versagt hatte, noch muthvoller: und am folgenden Tage riefen die Soldaten schon, sie wollten, wenn ihnen keine Schlacht geboten würde, das Lager und die Stadt angreifen, als beide Heere zwischen beiden Lagern in die Mitte der Ebene vorrückten. Die Vejenter, an Mannschaft überlegen, ließen ein Kohr die Berge umgehen, welches während der Schlacht das Römische Lager anfallen sollte. Das Heer der drei Völker war so gestellt, daß den rechten Flügel die Vejenter, den linken die Falisker hatten: die Fidenaten standen in der Mitte. Der Dictator leitete den Angriff auf seinem rechten Flügel gegen die Falisker, auf dem linken den Vejentern gegenüber Quinctius Capitolinus, und vor der Mitte trat der Magister Equitum mit der Reuterei auf. Eine kurze Zeit herrschte ein ruhiges Schweigen, theils weil die Hetrusker nur fechten wollten, wenn sie angegriffen würden; theils weil der Dictator nach der Burg in Rom zurücksah, ob die Augurn das verabredete Zeichen ausstecken würden, daß die Vögel Alles gehörig bewilligt hätten. Sobald er dies erblickte, ließ er die Reuterei zuerst mit erhobenem Geschreie auf den Feind ansprengen. 337 Die Linie des Fußvolks, ihnen nacheilend, schlug sich mit größter Anstrengung; und auf keinem Punkte hielten die Hetruskischen Legionen den Angriff der Römer aus. Den meisten Widerstand leistete ihre Reuterei und der König selbst, bei weitem von seinen Rittern der tapferste, verlängerte den Kampf, weil er den überall unaufgehalten nachdringenden Römern entgegensprengte. 19. Bei der Römischen Reuterei stand damals Aulus Cornelius Cossus als Oberster, ein bildschöner Mann, eben so tapfer als kraftvoll, und seines Adels nicht uneingedenk, den er, so ehrenvoll dieser auf ihn als Erben kam, seinen Nachkommen noch ansehnlicher und verherrlichter hinterließ. Als er bemerkte, daß die Römischen Geschwader allenthalben, wo Tolumnius eindrang, vor seinem Angriffe wankten, und er ihn, wenn jener so die ganze Linie durchflog, an der auszeichnenden königlichen Kleidung erkannte, so rief er: «Ist das der Mann, der den Menschen ihre Bündnisse zerreißt? der am Völkerrechte frevelte? Wollen die Götter noch Etwas auf Erden heilig sein lassen, so fällt er jetzt von meiner Hand Ich muß mich hier doch wohl verwahren, damit es mir nicht gehe, wie dem sel. Wagner in der Großschen Anmerkung zu dieser Stelle. Die Worte von meiner Hand fallen liegen in mactatam dabo, und Todtenopfer in den Worten Manibus und mactatam. , unsern Gesandten ein Todtenopfer!» Er gab dem Pferde die Spornen und stürzte mit eingelegter Lanze auf den Einen Feind, warf ihn durch den Stoß vom Pferde und schwang sich sogleich, auf den Spieß gelehnt, auf seine Füße. Schon richtete sich der König wieder auf, da stieß er ihn mit der Wölbung seines Schildes rücküber und bohrte ihn mit wiederholten Stichen an die Erde. Dem Entseelten zog er die Rüstung ab, und das abgehauene Haupt als Sieger auf seiner Lanze tragend, jagte er die durch den Tod ihres Königs geschreckten Feinde. So wurde auch die Linie der Reuterei geschlagen, welche allein noch den Streit zweifelhaft gemacht hatte. Der Dictator verfolgte das geschlagene Fußvolk und hieb die ihrem Lager zugetriebenen Feinde nieder. Von 338 den Fidenaten retteten sich die meisten, mit der Gegend bekannt, in das Gebirge. Cossus, der mit der Reuterei über die Tiber setzte, brachte aus dem Vejentischen eine ansehnliche Beute zur Stadt. Während der Schlacht focht man auch im Römischen Lager gegen das feindliche Kohr, welches Tolumnius, wie oben gesagt, zum Angriffe des Lagers abgehen ließ. Anfangs ließ Fabius Vibulanus den Wall ringsum vertheidigen, dann aber griff er in einem Ausfalle aus dem rechten Seitenthore mit dem dritten Gliede die mit Erstürmung des Walles beschäftigten Feinde unvermuthet an und setzte sie so in Schrecken, daß sie, wenn auch ihr Verlust bei der kleineren Anzahl geringer war, doch eben so eilfertig flohen, als die in der Schlacht. 20. Der Dictator, dem der Sieg auf allen Seiten gelungen war, zog nach einem Senatsschlusse, in welchen der Volksbefehl einstimmete, triumphirend in die Stadt. Bei weitem das auffallendste Schauspiel des Triumphs war Cossus in seinem Aufzuge mit der dem erlegten Könige abgenommenen Fürstenbeute. In den rohen Liedern, welche die Soldaten ihm zu Ehren sangen, hoben sie ihn zum Romulus empor. Mit einer feierlichen Weihe hängte er die erbeutete Rüstung als Geschenk für den Jupiter Feretrius in dessen Tempel neben der vom Romulus dargebrachten auf, welche, als die erste sogenannte Fürstenbeute, damals noch die einzige war. Und er hatte wirklich die Blicke seiner Mitbürger vom Wagen des Dictators auf sich gezogen, und von der Feierlichkeit dieses Tages den Genuß beinahe allein gehabt. Der Dictator legte auf Befehl des Volks einen pfündigen goldnen Kranz, den der Stat bezahlte, dem Jupiter auf dem Capitole als Geschenk nieder. Wenn ich erzählt habe, Aulus Cornelius Cossus sei als Oberster mit der zweiten Fürstenbeute zum Tempel des Jupiter Feretrius eingezogen, so bin ich darin allen Geschichtschreibern vor mir gefolgt. Allein außerdem, daß nur eine solche Beute eigentlich als Fürstenbeute gelten kann, die ein Feldherr dem Andern abgezogen hat, und 339 wir keinen als Feldherrn anerkennen, außer den, unter dessen göttlich genehmigter Leitung der Krieg geführt wird, bezeugt auch selbst die Inschrift, die auf dieser Rüstung steht, gegen meine Vorgänger und mich, daß sie Cossus als Consul erbeutet habe. Da mir Cäsar Augustus, der Stifter und Wiederhersteller aller Tempel, gesagt hat, daß er im Tempel des Jupiter Feretrius, als er ihn einst besuchte, und weil er vor Alter verfallen war, wieder herstellen ließ, auf dem leinenen Brustharnische dies selbst gelesen habe; so könnte ich mich beinahe eines angetasteten Heiligthums zeihen, wenn ich den Cossus eines Zeugen für seine Beute, wie Cäsar, der Erneurer des Tempels selbst, ist, berauben wollte. Ob unser Irrthum daher rühre, daß die uralten Jahrbücher und die Verzeichnisse der Obrigkeiten, (welche Licinius Macer, als die auf Leinwand geschriebenen und im Tempel der Moneta niedergelegten Urkunden so oft als seine Bürgen anführt) des Aulus Cornelius Cossus, als Consuls mit dem Titus Quinctius Pennus, erst neun Jahre später erwähnen; überlasse ich der Beurtheilung eines Jeden. Hiezu kommt noch, daß man eine so berühmte Schlacht auf jenes spätere Jahr nicht mochte verlegen können, weil um die Zeit, in welche das Consulat des Aulus Cornelius fällt, fast drei volle Jahre, einer Pest und Hungersnoth wegen, kein Krieg war; so daß einige Jahrbücher, gleich als wären sie darüber in Trauer, von ihnen weiter nichts, als die Namen der Consuln melden. Das dritte Jahr nach Cossus Consulate hat ihn als Kriegstribun mit consularischer Gewalt, und dasselbe Jahr auch als Magister Equitum, in welcher Stelle er abermals mit seiner Reuterei ein ausgezeichnetes Treffen lieferte. Hier stände uns also eine Vermuthung frei. Indeß lassen sich, wie ich glaube, alle möglichen Meinungen aufstellen, sobald man Scheingründen folgt, die doch nicht gültig sind, da er, der den Kampf in Person bestand, als er jetzt die eben errungenen Spolien an heiliger Stäte niederlegte, und, ich möchte sagen, den Jupiter selbst, dem er sie weihte, und den Romulus vor Augen hatte – diese furchtbaren Zeugen einer erlogenen Angabe; – sich 340 dennoch Aulus Cornelius Cossus, Consul, unterschrieben hat Dem aufmerksamen Leser entgeht es nicht, wie gern Livius die Wahrheit gegen Augusts Zeugniß schützen will. Vielleicht hatte August, in der Unterschrift A. CORNELIVS. COSSVS. COS. F. (Cossi filius) das letztere für COS. (Consul) gelesen. Das F. konnte auch verwischt, erloschen sein etc. Livius will ihm dem Scheine nach Recht geben, und führt doch – freilich schonend genug und nur mit halbem Beifall – Gründe an, aus denen sich schließen lässet, August habe sich verlesen; und hier noch zuletzt die Worte A. CORNELIVS. COSSVS. COS. der Länge nach; wenn ich nicht irre, dem Leser jenen Wink zu geben. . 21. Unter den Consuln Marcus Cornelius Maluginensis und Lucius Papirius Crassus wurden die Heere ins Vejenter- und Faliskergebiet geführt, Menschen und Vieh als Beute weggetrieben; den Feind aber fand man nicht im Felde, und er bot sich nie zu einer Schlacht: dennoch belagerte man seine Städte nicht, weil im Volke selbst eine Seuche ausbrach. Auch suchte in Rom der Bürgertribun Spurius Mälius einen Aufstand zu erregen, der aber nicht zum Ausbruche kam. In der Hoffnung, durch seinen beliebten Namen zu wirken, hatte er den Minucius auf einen Klagetag beschieden, und den Vorschlag gethan, die Güter des Servilius Ahala einzuziehen, indem er den Minucius beschuldigte, er habe den Mälius durch falsche Angaben unglücklich gemacht, dem Servilius aber die Ermordung eines unverurtheilten Mitbürgers vorwarf. Doch dies Alles war dem Volke noch unwichtiger, als der Mann selbst. Mehr Besorgniß erregten die um sich greifende Krankheit und die furchtbaren Ereignisse als Vorzeichen des Unglücks, hauptsächlich die Nachrichten von den vielen Erderschütterungen, welche die Häuser der Landbewohner einstürzten. Es wurden deshalb öffentliche Gebete angestellt, bei denen die beiden Aufseher des Gottesdienstes dem Volke die Formel vorsagten. In dem folgenden noch ungesunderen Jahre, unter den Consuln Cajus Julius, der es zum zweitenmale war, und Lucius Virginius, stieg die Furcht vor einem allgemeinen Aussterben in der Stadt und auf dem Lande so hoch, daß nicht allein jeder Streifzug zum Plündern vom 341 Römischen Gebiete aus unterblieb, und Väter und Volk den Angriffskrieg ganz vergaßen; sondern daß sogar die Fidenaten, die sich bis jetzt in ihre Stadt, oder auf Gebirge, oder in kleine Festungen zurückgezogen hatten, als angreifende Plünderer auf das Römische Gebiet herabkommen durften. Als sie hierauf ein Heer bloß von Vejentern an sich gezogen hatten, (denn die Falisker ließen sich zu einer Erneurung des Krieges weder durch das Unglück der Römer, noch durch die Bitten ihrer Bundsgenossen bewegen) so gingen beide Völker über den Anio und lagerten sich nahe vor dem Collinischen Thore. Auf dem Lande konnte der Schrecken nicht größer sein, als er in der Stadt war. Der Consul Julius besetzte Wälle und Mauern mit Soldaten, Virginius hielt im Tempel des Quirinus Senat. Man beschloß, den Aulus Servilius zum Dictator zu ernennen, der nach Einigen den Beinamen Priscus, nach Andern Structus gehabt haben soll. Virginius, der nur so lange wartete, bis er seinen Amtsgenossen befragen konnte, ernannte, da dieser einwilligte, den Dictator noch in der Nacht. Und dieser erklärte den Postumus Äbutius Elva zu seinem Magister Equitum. 22. Der Dictator beschied Alle auf den anbrechenden Tag vor das Collinische Thor; und wer noch so viel Kraft hatte, die Waffen zu tragen, erschien. Aus der Schatzkammer wurden die Adler dem Dictator abgeliefert. Wahrend dieser Vorkehrungen zogen sich die Feinde in höhere Gegenden. Der Dictator zog mit seinem verfolgenden Heere hinan, nicht weit von Nomentum besiegte er die Hetruskischen Legionen in offener Schlacht, trieb sie von da in die Stadt Fidenä und schloß sie mit einem Walle ein. Allein mit Leitern konnte eine so hochgelegene und feste Stadt nicht erstiegen werden; auch die Einschließung hatte keinen Erfolg, weil die Belagerten Lebensmittel in Menge, nicht bloß zur Nothdurft, sondern bis zum Überflusse, früh genug zusammengefahren hatten. Da also der Dictator sowohl die Hoffnung, sie zu erstürmen, als zur Übergabe zu zwingen, aufgeben mußte, so beschloß er, von einer Gegend aus, die ihm ihrer Nähe wegen bekannt war, 342 im Rücken, der Stadt, wo diese, vermöge ihrer großen natürlichen Festigkeit, am schwächsten besetzt war, einen Erdgang zur Burg hinauf zu treiben. Nachdem er aus seinem Heere vier Abtheilungen gemacht hatte, die einander im Sturme ablösen sollten, zog er durch die von ganz entgegengesetzten Seiten Tag und Nacht fortgesetzten Angriffe auf die Mauern die Aufmerksamkeit der Feinde von jenem Werke ab; bis endlich, als der Berg vom Lager aus durchgraben war, der Weg zur Burg hinaufführte, und den Hetruskern, die statt der wirklichen Gefahr sich nur durch Scheinangriffe beschäftigen ließen, ein feindliches Geschrei über ihrem Haupte die Eroberung der Stadt verkündigte. In diesem Jahre erklärten die Censorn Cajus Furius Pacilus und Marcus Geganius Macerinus ihre Zufriedenheit mit dem vollendeten Baue des Bürgerhofes auf dem Marsfelde, und hielten in demselben zum erstenmale die Volksschatzung. 23. Ich finde beim Licinius Macer, daß für das folgende Jahr dieselben Consuln wieder gewählt sind, Julius zum dritten-, Virginius zum zweitenmale. Valerius Antias und Quintus Tubero geben als Consuln für dieses Jahr den Marcus Manlius und Quintus Sulpicius an. Und doch beruft sich sowohl Tubero als Macer, bei so verschiedener Angabe, auf die leinenen Bücher, ohne zu leugnen, daß sie bei alten Schriftstellern gefunden haben, dies Jahr habe Kriegstribunen gehabt. Licinius entscheidet sich geradezu für die leinenen Bücher, Tubero ist über die Wahrheit ungewiß. Wie so manches Andre, das seines hohen Alterthums wegen unausgemacht bleibt, lasse ich auch dies unentschieden. Nach der Eroberung von Fidenä war man in Hetrurien in voller Unruhe, weil die Furcht vor einer ähnlichen Zerstörung nicht bloß die Vejenter, sondern auch die Falisker schreckte, die sich bewußt waren, anfangs mit jenen in Verbindung Rom bekriegt zu haben, ob sie ihnen gleich in dem erneuerten Kriege nicht geholfen hatten. Da nun diese beiden Staten durch ihre Gesandten bei den zwölf Völkerschaften die Bewilligung erhielten, daß das gesamte 343 Hetrurien zu einer Zusammenkunft bei dem Heiligthume der Voltumna eingeladen werden sollte, so ließ der Senat, als ob von dorther ein ausgebreiteter Aufstand zum Kriege zu befürchten sei, den Mamercus Ämilius zum zweitenmale zum Dictator ernennen. Er ernannte den Aulus Postumius Tubertus zum Magister Equitum; und man rüstete sich mit so viel größerer Anstrengung zum Kriege, als das letztemal, je größere Gefahr das ganze Hetrurien drohete, als vorher zwei Völkerschaften allein. 24. Doch von jener Seite blieb Alles ungleich ruhiger, als jedermann erwartet hatte. Als man nun durch Kaufleute erfuhr, daß den Vejentern die Hülfe abgeschlagen und die Weisung gegeben sei, sie möchten einen Krieg, den sie auf eignen Betrieb angefangen hatten, auch aus eignen Kräften führen, und nicht Völker zu Genossen ihres Unglücks machen, mit denen sie die noch ungeschmälerte Hoffnung des Glücks nicht hätten theilen wollen: so nahm sich der Dictator, um nicht vergeblich gewählt zu sein, und weil er, zum Ersatze für den ihm entgangenen Kriegsruhm ein Werk im Frieden zu stiften wünschte, welches seiner Dictatur zum Denkmale gereichte, – die Beschränkung der Censur vor, die ihm entweder eine zu große Gewalt zu haben schien, oder ihm nicht sowohl durch ihre Amtsgröße, als durch ihre Dauer anstößig war. Er berief also eine Versammlung und sagte: «Die Sorge für das Beste des Stats von außen und für seine Sicherheit von allen Seiten, hatten die unsterblichen Götter auf sich genommen: er also wolle, was innerhalb der Mauern beschaffet werden müsse, die Freiheit des Römischen Volks sich zur Angelegenheit machen. Ihr bestes Verwahrungsmittel bestehe darin, daß man die großen Gewalten nicht von langer Dauer sein lasse, und die, deren Rechte man nicht beschränken könne, durch die zugemessene Zeit beschränke. Die übrigen obrigkeitlichen Ämter seien jährig; die Censur fünfjährig: es sei hart, einerlei Männern so viele Jahre hindurch, einen großen Theil seines Lebens, unterwürfig zu sein. Er bringe das Gesetz in Vorschlag, daß die Censur nur 344 anderthalbjährig sein solle.» Mit großer Beistimmung des Volks machte er dies Tags darauf zum Gesetze, und sprach: «Damit ihr auch durch die That erfahret, ihr Quiriten, wie wenig die langwierigen Ämter meinen Beifall haben, so lege ich hiemit meine Dictatur nieder.» Dem Manne, der so sein eignes Amt abgegeben und ein fremdes eingeschränkt hatte, gab das Volk unter lauten Glückwünschen und Beifallsbezeigungen das Geleit bis in sein Haus. Die Censorn, die es verdroß, daß Mamercus ein Statsamt des Römischen Volks geschmälert hatte, entsetzten ihn seines Bezirks, und machten ihn unter achtfach erhöheten Abgaben zum Steuersassen Ein solcher verlor Amt und Stimmrecht, und blieb nur durch die Erlegung der Steuern als Römischer Bürger ansässig, die ihm auch wohl, wie in unserm Falle, zur Strafe erhöhet wurden. . Er selbst soll das mit vieler Seelengröße ertragen haben, indem er sich durch die Ursach seiner Beschimpfung über die Beschimpfung selbst erhob. Die Ersten der Väter aber, hatten sie gleich die Beschränkung der Censur ungern gesehen, soll doch dies Beispiel von der Härte der Censorn beleidigt haben, da sie voraus sehen konnten, daß jeder von ihnen länger und öfter Censoren unterworfen, als selbst Censor sein werde. Bei den Bürgern wenigstens stieg der Unwille zu einer solchen Höhe, daß nur das Ansehen des Mamercus selbst vermögend war, sie von Gewaltthätigkeiten gegen die Censorn abzuhalten. 25. Die Bürgertribunen, die durch auf einander folgende Versammlungen eine Consulnwahl verhinderten, erreichten endlich, da sie es beinahe bis zu einer Zwischenregierung kommen ließen, ihren Zweck, daß Kriegstribunen mit Consulgewalt ernannt werden mußten: allein den Lohn, nach welchem sie rangen, daß auch ein Bürgerlicher gewählt werden sollte, gewährte ihr Sieg ihnen nicht. Es wurden lauter Adliche gewählt, Marcus Fabius Vibulanus, Marcus Foslius, Lucius Sergius Fidenas . Eine Seuche ließ in diesem Jahre alle anderen Unternehmungen ruhen. Nur wurde für die Genesung des Volks dem Apollo ein Tempel gelobet. Die beiden Aufseher der 345 gottesdienstlichen Angelegenheiten veranstalteten nach Anleitung der heiligen Bücher Mancherlei, die Götter zu versöhnen und die Krankheit vom Volke abzuwenden; und dennoch war das Sterben, da Menschen und Vieh ohne Unterschied weggerafft wurden, in der Stadt und auf dem Lande allgemein. Weil. man wegen der unterbliebenen Landbestellung eine Hungersnoth Alle gestehen, daß der Grundtext hier mangelhaft sei. Da es so viele Muthmaßungen giebt, wie er ergänzt werden müsse, so stehe hier auch die meinige: Famem ex incultu inde agrorum timentes. fürchtete, so beschickte man zum Kornkaufe Hetrurien, das Pomptinische, Cumä und zuletzt auch Sicilien . Eine Consulnwahl wurde gar nicht zur Sprache gebracht. Man wählte Kriegstribunen mit Consulgewalt, lauter Adliche, den Lucius Pinarius Mamercinus, Lucius Furius Medullinus, Spurius Postumius Albus . In diesem Jahre ließ die Krankheit nach, und vermöge der getroffenen Vorsorge hatte man auch keinen Mangel an Getreide zu fürchten. In den Völkerversammlungen der Äquer und Volsker, ferner in Hetrurien bei dem Heiligthume der Voltumna, wurden Entwürfe zu neuen Kriegen gemacht. Doch wurden sie auf ein Jahr ausgesetzt, und der Schluß abgefaßt, bis dahin keine Versammlung wieder zu halten; unter vergeblichen Klagen der Vejenter, daß das Unglück der Zerstörung ihr Veji eben so treffen werde, als es Fidenä getroffen habe. Wahrend dieser Ruhe von außen bestellten zu Rom die Häupter des Bürgerstandes, die lange schon umsonst auf höhere Ämter gehofft hatten, Versammlungen in die Häuser der Bürgertribunen. Hier hielten sie ihre Berathschlagungen für sich und äußerten ihren Unwillen, «sich vom Bürgerstande selbst so sehr verachtet zu sehen, daß noch keinem einzigen Bürgerlichen, ob man schon seit so vielen Jahren Kriegstribunen mit Consulgewalt anstelle, der Zutritt zu dieser Ehre gelungen sei. Die Vorfahren hätten sehr richtig in die Zukunft gesehn, wenn sie verordnet hätten, daß kein Adlicher ein Bürgeramt bekleiden solle; sonst würde man Adliche sogar zu 346 Bürgertribunen haben. So sehr wären sie ihrem eignen Stande zum Ekel, und den Bürgerlichen eben so verächtlich, als den Vätern.» Andre entschuldigten den Bürgerstand und wälzten die Schuld auf die Väter. « Nur durch die Ränke dieser Amtssüchtigen werde den Bürgerlichen die Bahn zur Ehrenstelle versperrt. Wenn nur der Bürgerstand vor jenen «mit Drohungen gemischten Bitten zu freiem Athem kommen könnte, so würde er gewiß bei der Stimmenwahl der Seinigen eingedenk sein, und an das einst errungene Amt der Hülfe auch die Regierung zu knüpfen wissen.» Sie wurden eins, die Tribunen sollten, um den Prunk bei Amtsbewerbungen zu hindern, das Gesetz vorschlagen, daß niemand gestattet sein solle, auf die Kleidung, in der er sich um ein Amt bewürbe, Weiß aufzutragen. Jetzt möchte dies für eine Kleinigkeit, und kaum einer ernstlichen Verhandlung werth gehalten werden; und damals entflammte es Adliche und Bürgerliche zu einem heftigen Streite. Doch blieb der Sieg, den Vorschlag zum Gesetze zu erheben, den Tribunen; und es zeigte sich deutlich, daß der Bürgerstand bei dieser Erbitterung zum Vortheile der Seinigen stimmen werde. Um ihnen also nicht freie Hand zu lassen, wurde durch einen Senatsschluß der Wahltag für Consuln bestimmt. 26. Zum Vorwande brauchte man den Aufstand zum Kriege, den, laut den Nachrichten der Latiner und Herniker, die Äquer und Volsker machten. Titus Quinctius Cincinnatus, – er führt auch den Zunamen Pennus – des Lucius Sohn, und Cajus Julius Mento wurden Consuln: und länger ließ sich der drohende Krieg nicht aufschieben. Nachdem beide Völker ihre Werbungen mit Anwendung des Banngesetzes gehalten hatten, welches bei ihnen das wirksamste Mittel ist, Truppen aufzubringen, stießen ihre ausgerückten starken Heere auf dem Algidus zueinander; Äquer und Volsker lagerten sich, jede besonders, und ihre Feldherren zeigten in der Anlegung ihrer Werke und in der Übung ihrer Leute weit mehr Eifer, als je. Um so viel drohender kamen die Nachrichten 347 nach Rom. Der Senat beschloß, einen Dictator ernennen zu lassen, theils weil diese Völker, wenn gleich schon oft besiegt, den Krieg mit größerer Anstrengung, als je vorher, erneuerten, theils weil auch ein ansehnlicher Theil der Römischen Jünglinge durch die Seuche weggerafft war. Die größte Besorgniß erregte die Verkehrtheit der Consuln, ihre Uneinigkeit und Zänkereien in allen Berathschlagungen. Einige Schriftsteller melden, diese Consuln hätten auf dem Algidus eine Schlacht verloren, und dies habe die Ernennung eines Dictators veranlasset. Darin aber stimmen alle überein, daß diese in allen Stücken Uneinigen, den Vätern zum Trotze, über den Einen Punkt einverstanden waren, keinen Dictator zu ernennen; bis endlich, da immer eine noch schrecklichere Nachricht über die andere einlief, und sich die Consuln dem Willen des Senats nicht fügen wollten, Quintus Servilius Priscus, der die höchsten Statsämter mit Auszeichnung bekleidet hatte, in die Worte ausbrach: «Weil es denn aufs Äußerste gekommen ist, so wendet sich der Senat, ihr Bürgertribunen, an euch mit der Bitte, bei dieser dringenden Verlegenheit des States die Consuln vermöge eurer Macht zur Ernennung eines Dictators zu zwingen.» Kaum hatte er das Wort gesprochen, so traten die Tribunen, die dies für eine Gelegenheit ansahen, ihre Macht zu erweitern, auf die Seite, und erklärten dann im Namen ihres Gesamtamts: «Sie fänden für nöthig, daß die Consuln dem Senate Folge leisteten. Wenn sie sich gegen den einstimmigen Willen des ehrwürdigsten Standes weiter sperren sollten, so würden sie Befehl geben, sie ins Gefängniß zu bringen.» Die Consuln wollten sich lieber von den Tribunen, als vom Senate besiegen lassen; nicht ohne die laute Klage: «Die Väter hätten die Rechte des höchsten Statsamtes aufgeopfert, und das Consulat unter das Joch der tribunicischen Macht gegeben, insofern nunmehr die Consuln von einem Tribun kraft seines Amts zu etwas gezwungen, und sogar, was ein Privatmann als das Härteste zu fürchten habe, ins Gefängniß geworfen werden könnten.» Das Los, den Dictator zu ernennen – denn auch 348 darüber konnten sich Amtsgenossen nicht vergleichen – traf den Titus Quinctius . Er ernannte den Aulus Postumius Tubertus, seinen Schwiegervater, zum Dictator, einen Befehlshaber von höchster Strenge; und von diesem wurde Lucius Julius zum Magister Equitum ernannt. Zugleich wurde auch ein Gerichtsstillstand verordnet, und in der ganzen Stadt beschäftigte man sich bloß mit Vorkehrungen zum Kriege. Die Untersuchung der Ansprüche auf Dienstfreiheit wurde bis nach dem Kriege ausgesetzt, und dadurch ließen sich auch die, welche über diesen Punkt zweifelhaft waren, zur Angabe ihrer Namen bestimmen. Auch den Hernikern und Latinern wurden Truppenstellungen anbefohlen; und beide beeiferten sich, dem Dictator Folge zu leisten. 27. Dies Alles wurde mit größter Eilfertigkeit betrieben. Und der Dictator, – der den Consul Cajus Julius zum Schutze der Stadt, und den Magister Equitum Lucius Julius zur Besorgung unvorhergesehener Erfordernisse des Krieges zurückließ, damit er selbst durch nichts, was etwa im Lager Bedürfniß werden könnte, aufgehalten würde, – verhieß den Göttern, nach einer vom Hohenpriester Aulus Cornelius ihm angegebenen und auf diese Kriegsschrecken sich beziehenden Formel, die Feier großer Spiele Vergl. Buch VII. Cap. 11. , und kam mit dem Heere, das er bei seinem Aufbruche aus der Stadt mit dem Consul Quinctius theilte, an den Feind. Gerade so, wie sie hier zwei feindliche Lager in geringer Entfernung von einander vorfanden, nahmen auch sie etwa tausend Schritte vom Feinde, der Dictator gegen Tusculum zu, der Consul näher an Lanuvium, ihre Lager. So hatten vier Heere in eben so viel festen Stellungen eine Ebene in ihrer Mitte, die nicht bloß Ausfälle zu kleinen Gefechten, sondern auch die Aufstellung beider Linien vollkommen gestattete. Auch unterblieben von dem Tage an, seitdem Lager gegen Lager stand, die leichten Gefechte nicht, weil der Dictator es gern geschehen ließ, daß seine Krieger, indem sie sich mit dem Feinde maßen, 349 in diesen allmähligen Versuchen eines glücklichen Erfolgs, einen Vorgenuß von der Hoffnung des Sieges im Großen hatten. Da also die Feinde von einer ordentlichen Schlacht sich keinen Sieg versprachen, so wagten sie, auf die Gefahr eines sehr mißlichen Erfolgs, einen nächtlichen Angriff auf das Lager des Consuls. Ein plötzlich erhobenes Geschrei brachte nicht allein die Wachen des Consuls und dann sein ganzes Heer in Bewegung, sondern weckte auch den Dictator aus dem Schlafe. Den Consul verließen hier, wo schnelle Hülfe nöthig war, weder sein Muth, noch seine Klugheit. Ein Theil seiner Soldaten mußte die Posten der Thore verstärken, ein andrer den Wall im Kreise besetzen. Im andern Lager, bei dem Dictator, ließ sich bei geringerem Lärme auch jedes Erforderniß noch besser bemerken. Nachdem er sogleich ein Kohr unter Anführung des Legaten Spurius Postumius Albus dem Lager zu Hülfe geschickt hatte, bezog er selbst mit einem Theile seiner Truppen durch einen kleinen Umweg einen ganz außer dem Schlachtgetümmel gelegenen Platz, um von hier aus dem Feinde unvermuthet in den Rücken zu fallen. Den Legaten Quintus Sulpicius übergab er das Lager; die Reuterei wies er dem Legaten Marcus Fabius an, mit dem Befehle, sich mit diesem bei nächtlichem Getümmel schwer zu leitenden Kohre nicht vor Tage in Bewegung zu setzen. Was jeder andre kluge und thätige Feldherr in einer solchen Lage anordnen und ausführen würde, das Alles verfügte und leistete er Eins nach dem Andern: allein einen vorzüglichen Beweis der Klugheit und Entschlossenheit und eines nicht gewöhnlichen Verdienstes gab er dadurch, daß er sogar zum Angriffe auf das feindliche Lager, aus welchem seinen Kundschaftern zu Folge der größere Theil ausgezogen war, den Marcus Geganius an der Spitze auserlesener Cohorten abschickte. Dieser also that seinen Angriff auf Leute, die auf den Ausgang des anderweitigen Gefechtes aufmerksam und für sich selbst unbesorgt waren, bei völliger Vernachlässigung ihrer Wachen und Posten, und hatte das Lager beinahe schon erobert, ehe der Feind gewiß wußte, daß es gestürmt wurde. Sobald der Dictator von hier das 350 verabredete Zeichen, den Rauch, sich erheben sah, rief er laut aus, das feindliche Lager sei erobert, und befahl die Verbreitung dieser Nachricht. 28. Schon begann der Tag und Alles lag vor den Augen da. Hier hatte Fabius mit der Reuterei den Angriff unternommen, dort der Consul auf die schon bedrängten Feinde einen Ausfall aus dem Lager gethan. Der Dictator aber, der gegenüber ihr Unterstützungskohr und das Hintertreffen angriff, hatte ihnen, so wie sie sich nach dem von entgegengesetzten Seiten tönenden Geschreie und gegen die unerwarteten Angriffe umkehrten, von allen Seiten seine Sieger zu Fuß und zu Pferde entgegengepflanzt. So in die Mitte genommen würden die Umzingelten bis auf den letzten Mann die Wiedereröffnung des Krieges gebüßt haben, hätte nicht Vectius Messius, ein Volsker, ein Mann, den mehr seine Thaten, als seine Abkunft adelten, den schon zum Kreise sich schließenden Seinigen die lauten Vorwürfe zugerufen: «Hier wollt ihr euch den Pfeilen der Feinde hinstellen, ohne euch wehren, ohne euch rächen zu können? Wozu habt ihr denn die Waffen? oder warum begannet ihr den Krieg, im Frieden die Aufrührer, im Kriege die Feigen? Was hofft ihr hier von eurem Stehenbleiben? Erwartet ihr, daß ein Gott euch bedecken und von hier wegheben werde? Mit dem Schwerte müßt ihr Bahn machen. Hier, wo ihr mich voran schreiten sehet – auf! wer Haus und Ältern, Weib und Kinder wiedersehen will, der folge mir! Keine Mauer, kein Wall, bloß Bewaffnete sperren uns Bewaffneten den Weg! An Tapferkeit seid ihr ihnen gleich; durch die Noth, die letzte und furchtbarste Waffe, überlegen!» Da sie auf diese Worte, die er schon mit der Ausführung begleitete, mit erneuertem Geschreie sich an ihn schlossen, brachen sie da hinein, wo ihnen Postumius Albus seine Cohorten entgegengestellt hatte, und warfen die Sieger, bis der Dictator bei den schon weichenden Seinigen ankam: und nun zog sich der ganze Kampf auf diese Seite. Auf den einzigen Helden Messius stützte sich das 351 Glück der Feinde. Auf beiden Seiten gab es viele Wunden: allenthalben viele Todte. Selbst den Römischen Feldherren kostete dies Treffen ihr Blut. Doch nur der einzige Postumius, dem ein Steinwurf den Kopf durchbrach, verließ die Schlacht. Keinesweges aber vermochte den Dictator seine verwundete Schulter, nicht den Fabius sein beinahe am Pferde festgebohrter Schenkel, nicht den Consul sein abgehauener Arm, dem heißen Kampfe sich zu entziehen. 29. Den Messius führte sein Ansturz über zu Boden gestreckte Feinde mit einer Schar der tapfersten Jünglinge hinaus zum Lager der Volsker, welches noch nicht erobert war. Und die ganze Schlacht lenkte sich ihm nach. Der Consul, der die Gejagten bis an ihren Wall verfolgte, that jetzt den Angriff auf Lager und Wall. Von einer andern Seite rückte der Dictator mit seinen Truppen an. Der Sturm wurde so hitzig, als die Schlacht gewesen war. Der Consul soll auch einen Adler über den Wall hineingeworfen haben, damit die Soldaten so viel eifriger hinansteigen möchten, und die Wiedereroberung der Fahne soll hier zuerst den Einbruch bewirkt haben. Dort hatte der Dictator schon, nach Niederreißung des Walles, den Kampf ins Lager gebracht. Nun endlich warfen hie und da die Feinde die Waffen von sich und fingen an, sich zu ergeben. Und da nun auch dieses Lager erobert war, wurden die Gefangenen alle, die Senatoren ausgenommen, zu Sklaven verkauft. Von der Beute wurde den Latinern und Hernikern, was sie für ihr Eigenthum erkannten, wiedergegeben; einen Theil verkaufte der Dictator den Meistbietenden: dann setzte er den Consul über das Lager, fuhr im Triumphe zur Stadt ein und legte die Dictatur nieder. Das Andenken dieser ausgezeichneten Dictatur trüben einige Schriftsteller durch die Erzählung, Aulus Postumius habe seinen Sohn, weil er, durch die Gelegenheit eines ehrenvollen Gefechtes verführt, seinen Posten ohne Erlaubniß verlassen habe, ob er gleich gesiegt hätte, mit dem Beile enthaupten lassen. Ich möchte es gern nicht glauben, und bei dem Widerspruche der Meinungen darf ich 352 das. Auch habe ich den Grund für mich, daß die Benennung: Manlische Zucht, nicht aber die: Postumische, üblich ist, da doch der, welcher ein solches Beispiel der Härte zuerst gab, auf die seine Grausamkeit bezeichnende Benennung frühern Anspruch gehabt hatte. Auch hat ein Manlius den Beinamen: der Gebieterische: Postumius hat keinen solchen schreckenden Zusatz zum Abzeichen. Der Consul Cajus Julius weihete in Abwesenheit seines Amtsgenossen dem Apollo den Tempel, ohne darum geloset zu haben. Quinctius, so sehr ihn dies verdroß, beschwerte sich darüber, als er nach Entlassung seines Heeres zur Stadt zurückgekehrt war, im Senate vergeblich. Zu den Denkwürdigkeiten dieses durch großer Thaten ausgezeichneten Jahrs fügt man noch die eine, die damals auf den Römischen Stat keinen Bezug zu haben schien, daß die Carthager, diese dereinst so wichtigen Feinde, bei den Uneinigkeiten der Siculer jetzt zum erstenmale ein Heer zur Unterstützung der einen Partei nach Sicilien übersetzten. 30. In der Stadt betrieben die Bürgertribunen die Wahl consularischer Kriegstribunen, ohne sie durchsetzen zu können. Lucius Papirius Crassus und Lucius Julius wurden Consuln. Die Äquer trugen durch Gesandte beim Senate auf einen Friedensschluß an, und da man ihnen als Friedensbedingung die Übergabe zumuthete, so ließen sie sich einen achtjährigen Waffenstillstand bewilligen. Die Volsker, schon durch die auf dem Algidus erlittene Niederlage geschwächt, geriethen durch einen hartnäckigen Streit zwischen den Parteien für Krieg und Frieden, in Zänkereien und Aufruhr. Die Römer hatten auf allen Seiten Friede. Da die Consuln durch die Verrätherei Eines vom Gesamtamte der Bürgertribunen erfahren hatten, daß diese den Wünschen des Volks gemäß einen Vorschlag thun wollten, den Werth der zu erlegenden Strafen in Gelde zu bestimmen, so kamen sie ihnen mit diesem Antrage zuvor. 353 Lucius Sergius Fidenas wurde zum zweitenmale Consul, und mit ihm Hostus Lucretius Tricipitinus . Unter ihrem Consulate geschah nichts, was einer Erwähnung würdig wäre. Ihnen folgten die Consuln Aulus Cornelius Cossus und Titus Quinctius Pennus, letzterer war es zum zweitenmale. Die Vejenter thaten Einfälle in das Römische Gebiet. Weil dem Gerüchte nach einige junge Fidenaten an dieser Plünderung Theil genommen hatten, so bekamen Lucius Sergius, Quintus Servilius und Mamercus Ämilius den Auftrag, die Sache zu untersuchen. Einige wurden nach Ostia verwiesen, weil sie nicht genügende Auskunft geben konnten, warum sie in jenen Tagen von Fidenä entfernt gewesen wären. Man vermehrte die Zahl der dortigen Anbauer und wies ihnen die Ländereien derer an, die im Kriege gefallen waren. Man hatte in diesem Jahre viele Noth von der Dürre. Es fehlte nicht allein an Regen, sondern die Erde war auch an eigenem Wasser so arm, daß sie kaum die Ströme fließend erhielt. An andern Orten verursachte der Wassermangel, daß die vor Durst verschmachtenden Heerden an den versiegten Quellen und Bächen haufenweise fielen. Auch starb viel Vieh an der Räude. Durch Ansteckung verbreitete sich die Krankheit auch über die Menschen: zuerst brach sie unter den Landleuten und Sklaven aus; dann wurde sie in der Stadt allgemein. Doch war die Seuche, die die Körper traf, nicht das Einzige: auch der Gemüther bemächtigte sich eine vielfache, meist ausländische, Abgötterei, weil diejenigen, die von den durch Aberglauben Geblendeten ihren Vortheil ziehen, durch vorgegebene Göttersprüche neue Opfergebräuche in den Häusern einführten. Endlich schämten sich die Großen im Namen des Stats, wenn sie sahen, daß in allen Gassen und wo nur ein Götterbild stand, ausländische und ungewöhnliche Opfer gebracht wurden, durch die man die erzürnten Götter versöhnen wollte. Es wurde also den Ädilen zur Pflicht gemacht, darauf zu achten, daß keine andre, als Römische Götter, und nur nach vaterländischer Weise, verehrt würden. 354 Die den Vejentern zugedachte Rache wurde auf das folgende Jahr verschoben, welches den Cajus Servilius Ahala und Lucius Papirius Mugillanus zu Consuln hatte. Und auch jetzt war man zu gewissenhaft, ihnen sogleich den Krieg anzukündigen, oder Heere gegen sie auszusenden, und hielt es für besser, zuvor durch Bundespriester Genugthuung zu fordern. Man hatte vor Kurzem den Vejentern bei Nomentum und Fidenä Schlachten geliefert, nachher keinen Frieden, sondern nur Waffenstillstand gemacht, und dieser war theils schon abgelaufen, theils hatten sie ihn noch vor dem Ablaufe gebrochen. Gleichwohl schickte man Bundespriester hin, welche der Sitte der Väter gemäß die Genugthuung nach abgelegtem Eide verlangten, allein kein Gehör fanden. Nun entstand die Streitfrage, ob das Gesamtvolk den Krieg genehmigt haben müsse, oder ob ein Senatsschluß hinlänglich sei. Die Tribunen bewirkten durch die angedrohete Verhinderung einer Werbung, daß die Consuln bei dem Volke auf diesen Krieg antragen mußten: und die sämtlichen Centurien genehmigten ihn. Auch gelang es dem Bürgerstande, seinen Willen durchzusetzen, daß auf das nächste Jahr keine Consuln gewählt werden durften. 31. Es wurden vier Kriegstribunen mit consularischer Gewalt ernannt: Titus Quinctius Pennus mit dem Aulus Cornelius Cossus Ex consulatu]. – Die Worte ex consulatu, die auf den Namen des Quinctius Pennus folgen, werden von allen Critikern angefochten. Allein in der Handschrift des Barons Lovel, Nr. 3, welche Drakenborch anführt, steht consula tus (nicht consula tu, ) und dann folgt das Wort centurio, welches sich überhaupt in 7 Handschriften findet. Eine achte lieset statt dessen schon richtiger cent e rio. Ich wage den Versuch, aus ex consul atus ce n tur io, oder besser ce n t e r io, die ächte Lesart herzustellen, und lese so, wie ich übersetzt habe: Tribuni militum consulari potestate quatuor creati sunt: T. Quinctius Pennus, A. Cornelius Cossus, ex consulatus collegio (conlegio); C. Furius, M. Postumius. Ex iis Cossus cet. Pennus nämlich und Cossus waren zwei Jahre vorher im Consulate Collegen gewesen. Und so etwas pflegt Livius zu bemerken. Eben so sagte er oben B. IV. C. 17. vom Dictator Mamercus Ämilius: Is magistrum equitum ex collegio prioris anni, quo simul tribuni militum cos. pot. fuerant, L. Quinctium – dixit. Von Auslassungen und Versetzungen der Namen, vollends wenn mehrere auf einander folgen, findet sich in allen critischen Ausgaben, auch bei Drakenborch, die Menge von Beispielen: und in unsrer Stelle verführte die Abschreiber noch so viel leichter die Nähe und Ähnlichkeit der Wörter Cornelius und conlegio, ferner Cossus mit cos. oder consul; welches die Abkürzung von consulatus sein sollte, den Namen A. Cornelius Cossus vor den Worten ex consulatus collegio auszulassen. Und daß in unsrer Stelle der Name des Cossus nicht am Ende des Satzes, sondern ursprünglich früher aufgeführt gewesen sei, wird mir einmal dadurch wahrscheinlich, weil Livius, wenn er den Cossus von den vier Namen zuletzt mit seinem ganzen Namen genannt hätte, nicht diesen Namen gleich wieder genannt, nicht so fortgefahren haben würde: Ex iis Cossus præfuit urbi, sondern Hic præfuit u. s. w. oder auf ähnliche Art. Noch mehr aber bestärkt mich in dieser Vermuthung der Umstand, daß mehrere Handschriften des Sigonius über den Worten ex consulatu durch eine zweite Hand die beiden Worte ter consul als eine Auslassung aus älteren Exemplaren nachgetragen haben. Man sehe bei Drakenborch nach, wie dies aller Geschichte widersprechende ter consul von den Critikern widerlegt ist. Ich finde in diesen beiden Worten nichts weiter, als die Spuren des ausgelassenen und dann mit Unrecht hintenan gesetzten Namens COR. COSSVS, der in TER. CONSVL verfälscht wurde. , vorher schon Amtsgenossen im 355 Consulate; Cajus Furius, Marcus Postumius . Von diesen behielt Cossus die Aufsicht über die Stadt: drei zogen nach gehaltener Werbung gegen Veji, und gaben einen Beweis, daß der Oberbefehl im Kriege in den Händen Mehrerer schlecht aufgehoben ist. Dadurch, daß jeder seinen Plan befolgt wissen wollte, und doch der Eine dies, der Andre jenes für gut hielt, gaben sie dem Feinde Gelegenheit, ihnen beizukommen. Da die Römische Linie ohne Haltung war, weil der Eine zum Rückzuge, der Andre zur Schlacht blasen ließ, benutzten die Vejenter diesen Augenblick zum Angriffe: doch ereilten die in Unordnung gebrachten und fliehenden Römer ihr nahes Lager. Der Schimpf war also größer, als der Verlust. Die Bürger, ungewohnt, ihre Heere besiegt zu wissen, härmten sich, haßten die Tribunen und verlangten die Wahl eines Dictators: auf dem beruhe die ganze Hoffnung des Stats. Und da ihnen auch hier die heilige Bedenklichkeit entgegenstand, daß ein Dictator nur von einem Consul ernannt werden könne, so benahmen ihnen die darum befragten Vogelschauer diesen Zweifel. Aulus Cornelius ernannte den Mamercus Ämilius zum Dictator, und wurde selbst von ihm zum Magister Equitum ernannt. So wenig ließ man sich, sobald die Lage des Stats den wahren Verdienstvollen nöthig hatte, 356 durch die von den Censorn verhängte Strafe abhalten, den Herrscher des Stats aus einem unwürdig beschimpften Man sehe das 24ste Cap. dieses Buchs . Hause zu nehmen. Die Vejenter, wiewohl sie, stolz auf ihr Glück, durch umhergeschickte Gesandte allen Völkern Hetruriens kund thun ließen, daß sie drei Römische Feldherren in Einer Schlacht besiegt hätten, konnten gleichwohl keinen zur Theilnahme an ihren Entwürfen bewegen; doch zogen sie durch die Hoffnung der Beute allenthalben Freiwillige an sich. Das einzige Volk der Fidenaten ließ sich auf Empörung ein; und gleich, als sei es ihnen verboten, den Krieg anders als mit einer Frevelthat zu eröffnen, so vereinigten sie sich nicht eher mit den Vejentern, bis sie ihre Waffen, wie vormals mit dem Blute der Gesandten, so jetzt mit dem der neuen Anbauer geweihet hatten. Nun rathschlagten die Häupter beider Völker, ob Sie Veji oder Fidenä zum Sitze des Krieges machen sollten. Fidenä schien ihnen gelegener. Also gingen die Vejenter über die Tiber und verlegten den Krieg nach Fidenä . Zu Rom herrschte großer Schrecken. Nach Einberufung des Heers von Veji, das noch dazu durch die verlorne Schlacht muthlos geworden war, wurde ein Lager vor dem Collinischen Thore aufgeschlagen, auf den Stadtmauern Bewaffnete aufgestellt, die Gerichte auf dem Markte und die Kaufladen geschlossen, und Alles sah einem Lager ähnlicher, als einer Stadt. 32. Da schickte der Dictator seine Herolde durch die Gassen, ließ die bestürzten Bürger zur Versammlung berufen, und verwies es ihnen, «Daß sie ihren Muth von einem so unbedeutenden Glückswechsel abhängig sein ließen, und nach einem kleinen Verluste, den man selbst nicht durch die Tapferkeit der Feinde, nicht durch die Feigheit des Römischen Heers, sondern durch die Zwietracht der Feldherren erlitten habe, den Vejenter als Feind fürchteten, den sie schon sechsmal bezwungen, und Fidenä, das sie beinahe öfter erobert, als belagert hätten. Noch wären sowohl die Römer, als die Feinde, dieselben, 357 die sie seit so vielen Jahrhunderten gewesen wären: sie hätten noch denselben Muth, dieselbe Körperkraft, dieselben Waffen. Auch er sei noch eben der Dictator Mamercus Ämilius, der einst die Heere der Vejenter und Fidenaten, als sie sogar durch die Falisker verstärkt waren, bei Nomentum geschlagen habe: und der Magister Equitum, Aulus Cornelius, werde in der Schlacht derselbe sein, der im vorigen Kriege als Oberster den König der Vejenter, Lar Tolumnius, im Angesichte beider Heere erlegt habe und mit einer Fürstenbeute zum Tempel des Jupiter Feretrius eingegangen sei. Sie möchten also die Waffen mit dem Bewußtsein ergreifen, daß auf ihrer Seite Triumphe, Beute und Sieg ständen; auf Seiten der Feinde hingegen der Frevel, gegen das Völkerrecht Gesandte gemordet, mitten im Frieden die Anbauer zu Fidenä erschlagen, den Waffenstillstand gebrochen und den siebten unglücklichen Abfall gewagt zu haben. Er sei völlig überzeugt, sobald nur Lager gegen Lager aufgeschlagen stände, so werde theils diesen verworfensten aller Feinde die Freude über den Schimpf des Römischen Heeres bald vergehen, theils das Römische Volk innewerden, wie ungleich mehr der Stat denjenigen verpflichtet sei, die ihn zum drittenmale zum Dictator ernannt, als denen, die seiner zweiten Dictatur, weil sie die Tyrannei ihrer Censur zerstörte, einen Fleck angehängt hätten.» Nachdem er den Göttern die Gelübde verheißen hatte, rückte er aus und schlug tausend fünfhundert Schritte diesseit Fidenä sein Lager auf, zur Rechten durch die Gebirge, zur Linken durch den Tiberstrom gedeckt. Dem Unterfeldherrn Titus Quinctius Pennus befahl er, die Berge zu besetzen und sich jener verdeckten Höhe zu versichern, die den Feinden im Rücken sei. Als den Tag darauf die Hetrusker, voll Muth über ihren neulichen – ich möchte lieber sagen: glücklichen Angriff, als – erfochtenen Sieg, in Schlachtordnung auftraten, so rückte auch der Dictator, der nur so lange zögerte, bis ihm seine Kundschafter meldeten, Quinctius habe die der Burg von Fidenä nahe gelegene Anhöhe schon erstiegen, zur Schlacht aus, führte 358 die geordnete Linie des Fußvolks in vollem Schritte auf den Feind, und gebot dem Magister Equitum, nicht ohne Wink von ihm sich einzulassen. Er wolle ihm, sobald die Mitwirkung der Reuterei nöthig sei, das Zeichen geben: dann aber möge die Erinnerung an jenen Königskampf, an die dargebrachte Fürstenbeute, an den Romulus und Jupiter Feretrius, seine Thaten leiten. Das Fußvolk schlug sich mit ungestümer Hitze. Von Haß entbrannt schalt der Römer die Fidenaten Bösewichter, die Vejenter Räuber; beide, Frevler am Waffenstillstande, mit der unerhörten Blutschuld erschlagener Gesandten beladene, vom Blute seiner Anbauer bespritzte Mörder, treulose Bundesgenossen, feige Feinde; und ließ in That und Worten seinen ganzen Grimm aus. 33. Er hatte schon durch den ersten Angriff den Feind zusammengeschüttelt, als plötzlich die Thore von Fidenä sich öffneten und ein neues Heer herausstürzte, wie man es bis dahin nie gehört, nie gesehen hatte. Eine große mit Feuer bewaffnete Schar, so lang sie war, von brennenden Fackeln leuchtend, rannte, wie von Begeisterung in Lauf gesetzt, gegen den Feind; und die Erscheinung eines so ungewöhnlichen Kampfes setzte die Römer einen Augenblick in Schrecken. Der Dictator, der den Magister Equitum mit der Reuterei, auch den Quinctius vom Gebirge zu sich entboten hatte, belebte jetzt das Gefecht aufs Neue, eilte in eigner Person auf seinen linken Flügel, der im Schrecken vor den Flammen gewichen war, und den Anblick – mehr einer Feuersbrunst, als einer Schlacht – gewährte; und rief mit lauter Stimme: «Wollt ihr, durch Rauch besiegt, wie ein Bienenschwarm von eurer Stelle gescheucht, einem wehrlosen Feinde weichen? Warum schlagt ihr nicht mit dem Schwerte diese Feuer aus? Warum schleudert ihr nicht die Fackeln, wenn denn einmal mit Feuer, nicht mit Waffen gestritten werden soll, so viele ihnen jeder entreißen kann, in sie selbst hinein? Auf! des Römernamens, der Tapferkeit eurer Väter und eurer eignen eingedenk, kehret diesen Brand gegen die Stadt der Feinde, 359 und vertilgt Fidenä mit seinen Flammen, da ihr es durch eure Wohlthaten nicht versöhnen konntet. Dies fordern von euch das Blut eurer Gesandten und Anbauer, und euer verwüstetes Land!» Auf den Zuruf des Dictators setzte sich die ganze Linie in Bewegung: theils fingen sie die ihnen entgegen geworfenen Fackeln auf, Andre entrissen sie dem Feinde mit Gewalt: und nun waren beide Heere mit Feuer bewaffnet. Auch dem Gefechte der Reuterei gab der Magister Equitum eine neue Gestalt. Er befahl ihr, den Pferden die Zügel zu nehmen; und er selbst voran spornte sein entzügeltes Roß mitten in die Feuer: auch die übrigen Pferde stürzten freies Laufs, bloß vom Sporne getrieben, mit ihrem Reuter in den Feind. Der Staub, der mit Rauch gemischt sich erhob, entzog den Augen das Licht, den Kriegern, wie den Rossen; mochte aber den Männern der Anblick schreckhaft sein, die Rosse schreckte er nicht. Wo also die Reuterei durchbrach, da schien Alles vor ihr zusammenzustürzen. Jetzt ließ ein neues Geschrei sich hören, und da sich beide Heere in Verwunderung dorthin wandten, rief der Dictator laut, der Unterfeldherr Quinctius habe mit seinem Kohre den Feind im Rücken angegriffen, und nun hieß er auch die Seinigen mit erneuertem Geschreie so viel rascher vorrücken. Da also zwei Schlachtordnungen, zwei Gefechte von entgegengesetzten Seiten, den umzingelten Hetruskern von vorne und von hinten zusetzten, und der Weg zur Flucht so wenig rückwärts ins Lager möglich war, als zu den Gebirgen hin, von denen herab der neue Feind sich ihnen entgegengeworfen hatte; auch die zügelfreien Rosse die Reuterei über das ganze Feld verbreitet hatten: so stürzte der größte Theil der Vejenter in vollem Laufe der Tiber zu, und die Fidenaten, so viele ihrer übrig waren, suchten ihre Stadt Fidenä zu erreichen, In der Bestürzung führte sie die Flucht mitten in das Gemetzel. Sie wurden an den Ufern niedergehauen; Andre in das Wasser gejagt und von den Strudeln verschlungen; vor Ermattung, Wunden und Bestürzung sanken auch die, 360 welche schwimmen konnten: nur Wenige von so Vielen schwammen hinüber. Der andre Schwarm rannte durch das Lager in die Stadt. Eben dahin führte der Nachdrang die verfolgenden Römer, vorzüglich den Quinctius und die mit ihm so eben vom Gebirge Herabgekommenen; sie waren zum Kampfe die Muntersten von Allen, weil sie erst gegen das Ende der Schlacht eingetroffen waren. 34. So wie sie mit den Feinden gemischt in das Thor gedrungen waren, gewannen sie die Mauer, und gaben den Ihrigen von der Mauer herab das Zeichen, daß die Stadt erobert sei, Kaum wurde dies der Dictator gewahr, – denn auch er war schon in das verlassene feindliche Lager eingerückt – so bewog er seine Soldaten, so gern sie sich hier zum Plündern vertheilt hätten, durch die Hoffnung einer noch größern Beute in der Stadt, ihm an das Thor zu folgen, und sobald er eingelassen war, zog er zur Burg, wohin er die Haufen der Flüchtigen stürzen sah. Das Gemetzel war in der Stadt eben so groß, als in der Schlacht, bis endlich die Feinde die Waffen wegwarfen, nur um ihr Leben baten und sich dem Dictator ergaben. Stadt und Lager wurden geplündert. Am folgenden Tage bekam jeder, vom Ritter hinauf bis zum Hauptmanne, einen Gefangenen, so wie er durch das Los ihm zufiel; und wer sich durch Tapferkeit ausgezeichnet hatte, zwei. Nachdem der Dictator die übrigen im Kreise verkauft hatte, führte er sein siegreiches, mit Beute beladenes Heer im Triumphe in Rom ein, ließ den Magister Equitum sein Amt niederlegen, und dankte gleichfalls ab, so daß er binnen sechzehn Tagen die Regierung im Frieden wieder abgab, die er im Kriege und in der Zeit der Noth übernommen hatte. Einige Jahrbücher erwähnen auch einer Flotte, die bei Fidenä mit den Vejentern geschlagen habe. Dies ist eben so unglaublich, als es unthunlich war, da der Strom hierzu auch jetzt nicht breit genug ist, und er damals nach alten Zeugnissen weit schmaler war: es müßte denn sein, daß man das Zusammentreffen einiger Schiffe, als man dem Feinde den Übergang über den Strom wehren wollte, wie so leicht geschieht, zu, hoch gepriesen, und darin den 361 ungegründeten Anspruch auf einen zu Wasser erfochtenen Sieg gefunden hat. 35. Das folgende Jahr hatte Kriegstribunen mit consularischer Gewalt; den Aulus Sempronius Atratinus, Lucius Quinctius Cincinnatus, Lucius Furius Medullinus, Lucius Horatius Barbatus . Den Vejentern wurde ein Waffenstillstand auf Es muß hier statt viginti, duodeviginti gelesen werden, wie aus dem Anfange des 58sten Cap. in diesem Buche erhellet. Dort sagt Livius, im Jahre 348 sei der Waffenstillstand abgelaufen gewesen, der jetzt, im J. 330 geschlossen war. Leicht konnten bei der Schreibart ANNORVMIIXX die zwei Striche vor der Zahl XX wegen des ähnlichen voraufgehenden M wegfallen. Auch hat Drakenborch an dieser Stelle eine Lesart, welche dies bestätigt, nämlich: annorum XV, wo in der richtigen Zahl XVIII. durch das folgende IN die drei Striche verdrängt wurden. achtzehn Jahre bewilligt, und den Äquern auf drei Jahre, ob sie gleich auf mehrere Jahre angetragen hatten. Auch in der Stadt machten keine Unruhen eine Störung. Dem folgenden Jahre gaben weder ein auswärtiger Krieg, noch innere Unruhen eine Auszeichnung, wohl aber die im Kriege verheißenen Spiele eine Feierlichkeit, zu welcher theils die Anstalten der Kriegstribunen, theils der Zusammenfluß der Nachbaren beitrugen. Tribunen mit Consulgewalt waren Appius Claudius Crassus, Spurius Nautius Rutilus, Lucius Sergius Fidenas, Sextus Julius Iulus . Das Schauspiel gewährte den Fremden, außerdem daß sie auf öffentliche Einladung erschienen waren, durch die Artigkeit Ich lese mit Herrn Walch ad ID, quod publico consensu venerant. ihrer Wirthe noch größeres Vergnügen. Den Spielen folgten aufrührische Reden der Bürgertribunen, in denen sie dem Bürgerstande Vorwürfe machten, daß er, staunend vor Bewunderung derer, die er hasse, sich selbst in ewiger Sklaverei festhalte, und nicht nur zu muthlos sei, sich die Hoffnung zu seinem Antheile am Consulate zu erlauben, sondern sogar bei der Wahl der Kriegstribunen, die doch Adlichen und Bürgerlichen gleich offen stände, so wenig seiner selbst, als der Seinigen, eingedenk sei. Man möge es sich also nicht befremden lassen, wenn niemand auf Vortheile des 362 Bürgerstandes antrüge. Mühe und Gefahren wende man nur an zu erwartende Vortheile und Ehre. Wenn denen, die Großes wagten, auch große Preise ausgesetzt würden, so würden sich die Menschen auf Alles einlassen. Daß aber irgend jemand von den Bürgertribunen mit seiner großen Gefahr und ohne allen Nutzen sich blindlings in Streitigkeiten stürzen solle, bei denen er sicher darauf rechnen könne, daß ihn die Väter, gegen die er sie zu führen habe, mit einem unversöhnlichen Kriege verfolgen würden, indeß er bei dem Bürgerstande, für welchen er gekämpft habe, um nichts geehrter sein werde; das stehe weder zu hoffen, noch zu verlangen. Zu großem Muthe werde man nur durch große Ehre gespornt. Kein Bürgerlicher werde sich für verächtlich halten, wenn sie selbst sich nicht länger verachten ließen. Man müsse doch endlich einmal mit Einem oder dem Andern den Versuch machen, ob auch wohl ein Bürgerlicher einem hohen Ehrenamte gewachsen sei, oder ob man es für etwas Unerhörtes und Wundervolles anzusehen habe, wenn einmal ein geborner Bürgerlicher als tüchtiger und verdienstvoller Mann aufträte. Mit der größten Anstrengung habe man das Recht errungen, zu Kriegstribunen mit Consulgewalt auch Bürgerliche wählen zu dürfen. Da hatten dann im Frieden und Kriege bewährte Männer darum angehalten. Weil sie aber in den ersten Jahren gehohnneckt, abgewiesen und den Vätern zum Gelächter preisgegeben wären, so hätten sie endlich aufgehört, ihre Stirn der Verhöhnung darzubieten. Auch sähen sie nicht ein, warum nicht das Gesetz selbst abgeschafft werde, nach welchem man zu Etwas berechtigt sei, wovon man nie Gebrauch mache: denn einer ungerechten Ausschließung würden sie sich weniger zu schämen haben, als wenn sie wegen eigner Unwürdigkeit übergangen würden.» 36. Der Beifall, den die Reden dieses Inhalts fanden, vermochte diesen und jenen, sich zum Kriegstribunate zu melden; und der Eine versprach, in seinem Amte diese, der Andre, andre Vortheile des Bürgerstandes betreiben zu wollen. Sie machten Hoffnung zur Vertheilung der 363 Statsländereien, zur Ausführung auf neue Pflanzungen, zu einer den Landbesitzern aufzulegenden Abgabe, von welcher den Kriegern ein Sold gereicht werden könne. Die Kriegstribunen aber ersahen die Zeit, während sich die Einwohner auf das Land begeben hatten, durch geheime Einladungen den Senat auf einen bestimmten Tag herein zu berufen, und den Senatsschluß ausfertigen zu lassen, bei dem die Bürgertribunen nicht zugegen waren, man solle auf die eingelaufene Nachricht von einem verheerenden Einfalle der Volsker in das Gebiet der Herniker, die Kriegstribunen hingehen lassen., um die Sache zu untersuchen, und auf dem nächsten Wahltage Consuln wählen. Bei ihrer Abreise überließen sie die Regierung der Stadt dem Appius Claudius, dem Sohne des Decemvirs, einem thätigen jungen Manne, dem der Haß gegen die Bürgertribunen schon von der Wiege her eingeflößt war. So wurde es den Bürgertribunen gleich unmöglich gemacht, sich mit jenen Abwesenden, die den Senatsschluß zu Stande gebracht hatten, als mit dem Appius, da die Sache schon abgethan war, in einen Streit einzulassen. 37. Es wurden Consuln gewählt; Cajus Sempronius Atratinus und Quintus Fabius Vibulanus . Ich finde in diesem Jahre eine Begebenheit des Auslandes gemeldet, die aber merkwürdig ist. Vulturnum, eine Stadt der Hetrusker, das jetzige Capua, soll von den Samniten erobert, und nach deren Heerführer Capys, oder, wie es wahrscheinlicher ist, von ihren Feldebenen, Capua genannt sein. Sie eroberten es aber, nachdem sie die Hetrusker durch Kriege gezwungen hatten, sie in den Mitbesitz ihrer Stadt und ihres Landes aufzunehmen; und dann erschlugen die neuen Anbauer die alten Einwohner in einem nächtlichen Überfalle, als diese nach einem Festtage vom Schlafe und Genusse übermannet lagen. Gleich darauf traten am dreizehnten December die genannten Consuln ihr Amt an. Schon brachten nicht bloß die deshalb Abgeschickten, die Nachricht, daß ein Volskischer Krieg bevorstehe, sondern auch Gesandte von den Latinern und Hernikern meldeten: «Die Volsker hätten 364 noch nie bei der Wahl ihrer Feldherren und bei der Aushebung eines Heeres so viele Sorgfalt bewiesen. Durchgängig höre man sie im Unwillen sich äußern, daß sie entweder auf ewig den Waffen und Kriegen entsagen und das Joch auf sich nehmen, oder denen, mit denen sie um die Oberherrschaft stritten, an Tapferkeit, Ausdauer und Mannszucht es gleichthun wollten.» Diese Nachrichten waren gegründet: theils aber machten sie auf die Väter nicht den nöthigen Eindruck; theils verfuhr Cajus Sempronius, dem das Los diesen Krieg beschied, in allen Stücken unbesonnen und nachlässig, und in seinen Gedanken Anführer des siegreichen Volks gegen Besiegte, – gleich als gäbe es in der Welt nichts zuverlässigeres, als das Glück, – vertraute er auf dieses; so daß sich im Volskischen Heere mehr Römische Ordnung, als im Römischen, fand. Also gab sich auch das Glück, wie mehrmals, der Tapferkeit zur Begleiterinn. Gleich im ersten Treffen, welches Sempronius ohne Vorsicht und Überlegung lieferte, ging das Gefecht an, ohne daß er seine Linie durch einen Rückhalt gedeckt, noch die Reuterei am rechten Platze aufgepflanzt hatte. Schon das Schlachtgeschrei gab zu erkennen, wohin der Sieg sich neigen würde. Von den Feinden wurde es weit munterer und allgemeiner erhoben. Von den Römern mistönig, ungleich, und einigemal schläfrig erneuert Daß Livius nicht geschrieben haben könne: Clamor – incerto clamore prodidit pavorem, darüber sind alle Critiker einverstanden. Weil Drakenborch das von Sigonius vorgeschlagene incerto tenore noch am erträglichsten findet, so bin ich ihm in der Übersetzung gefolgt. Daß diese beiden Worte incerto clamore, wie H.  Walch vermuthet, aus X. 36. nach IV. 37. als Glosse verpflanzt sein sollten, ist mir unwahrscheinlich. , sprach es schon durch seine schwankende Haltung die Verzagtheit ihres Innern aus, So viel muthvoller drangen die Feinde ein, drängten sie mit ihren Schilden, ließen ihnen die Schwerter vor den Augen blinken; indeß auf der andern Seite den um sich her sehenden die Helme wankten, und sie selbst, vor Verlegenheit unstät, sich der Menge anschlossen. Wo die Fahnen noch Stand hielten, wurden sie von den Vorderlinien verlassen, Andre in die Haufen der Ihrigen zurückgezogen. 365 Noch war so wenig Flucht, als Sieg, entschieden: doch deckte sich der Römer mehr, als daß er focht. Der Volsker hingegen brach ein, drängte die Linie, und sah mehr Feinde fallen, als fliehen. 38. Schon wichen sie auf allen Punkten und vergeblich schalt und ermunterte der Consul Sempronius: Befehl und Hoheit galten nichts mehr: und bald würden sie dem Feinde den Rücken gekehrt haben, wenn nicht Sextus Tempanius, ein Rittmeister, durch seine Geistesgegenwart die sinkende Sache gestützt hätte. Laut schrie er: «Wer von den Rittern das Ganze gerettet wissen wolle, solle absitzen:» und da die Ritter aller Schwadronen, als auf des Consuls Gebot, gehorchten, rief er: «Wenn wir nicht, als Cohorte hinter Die Reuterei wurde in Turmen getheilt, das Fußvolk in Cohorten . Indem er also seine Ritter eine Cohorte nennt, bezeichnet er sie dadurch als Fußvolk. Daß sie aber eigentlich Ritter sind, beweiset der kleine Ritterschild parma. Denn daß man hier statt des unnützen armata lieber parmata lesen müsse, ist die richtige Meinung von Schel, Gronov und Drakenborch, welche im Anfange des folgenden Capitels bestätigt wird. Ritterschilden, den Anfall der Feinde aufhalten, so ist es um Roms Oberherrschaft gethan. Folget statt der Fahne meiner Lanze! Zeiget Römern und Volskern, daß es mit euch zu Pferde keine Reuterei, und zu Fuß kein Fußvolk aufnehmen könne.» Als sie mit Geschrei seinem Zurufe Beifall gaben, schritt er mit hoch erhobener Lanze voran. Wohin sie sich wandten, bahnten sie sich den Weg mit Gewalt: mit vorgehaltenen Ritterschilden stürzten sie dahin, wo sie die Ihrigen am meisten leiden sahen. Allenthalben, wo sie vordrangen, wurde die Schlacht wieder hergestellt, und hätten so Wenige Alles zugleich bereichen können, so würden unstreitig die Feinde die Flucht genommen haben. 39. Schon konnte man sie nirgend mehr aufhalten, als der Volskische Feldherr seinen Leuten den Befehl gab, sie sollten die neue feindliche Cohorte mit den Ritterschilden durchlassen, damit sie, mit Ungestüm vordringend, von den Ihrigen abgeschnitten würde. So wie dies geschah, waren die Ritter abgeschnitten. Sie selbst konnten auf demselben Wege, auf dem sie durchgebrochen waren, sich 366 nicht wieder durchschlagen, weil da, wo sie sich Bahn gemacht hatten, die Feinde sich am dichtesten häuften: und der Consul und das Römische Fußvolk, als sie die, die, eben noch des ganzen Heeres Schutz gewesen waren, nirgends mehr erblickten, wagten sich in jede Gefahr, um so viele tapfere Männer nicht als Abgeschnittene vom Feinde übermannen zu lassen. Die Volsker, nach entgegengesetzten Seiten fechtend, hielten hier den Consul und das Fußvolk auf, und gegenüber bestürmten sie den Tempanius und seine Ritter, welche nach vergeblich wiederholten Versuchen, sich zu den Ihrigen durchzuschlagen, eine Anhöhe besetzten und im Kreise fechtend jeden Verlust am Feinde rächeten. Und vor Nacht hörte dies Gefecht nicht auf. Auch der Consul hielt, ohne irgendwo mit dem Treffen nachzulassen, so lange man noch einigermaßen Tageslicht hatte, den Feind beschäftigt. Die Nacht trennte die Streitenden in völliger Ungewißheit, und wegen Unbekanntschaft mit dem Ausgange der Schlacht gerieth in beiden Lagern Alles in solche Bestürzung, daß beide Heere, mit Hinterlassung der Verwundeten und eines großen Theils ihres Gepäcks, sich als Besiegte auf die nächsten Gebirge zurückzogen. Indeß blieb der Hügel bis nach Mitternacht umringt. Als hier bei den Belagerern die Nachricht einlief, daß ihr Lager verlassen sei, hielten auch sie die Ihrigen für die Besiegten, und flohen, wohin Jeden der Schrecken im Dunkeln führte. Aus Furcht vor einer List hielt Tempanius die Seinigen bis zum Tage beisammen. Als er darauf mit einigen Wenigen auf Kundschaft ausging und durch Nachfrage bei den feindlichen Verwundeten erfuhr, daß die Volsker ihr Lager verlassen hätten, rief er voll Freude die Seinigen vom Hügel und rückte in das Römische Lager. Wie er aber auch hier Alles öde und verlassen, und denselben kläglichen Anblick, wie bei den Feinden, fand; zog er, – ohne die Rückkehr der Feinde, die ihres Irrthums gewahr werden konnten, abzuwarten, und mit so vielen Verwundeten, als er mitnehmen konnte, – weil er nicht wußte, in welche Gegend sich der Consul gewandt habe, auf den nächsten Wegen zur Stadt. 367 40. Hier war der Ruf von der unglücklichen Schlacht und dem verlassenen Lager schon erschollen; und vor allen hatte man die Ritter beklagt, eben so sehr als Verlust für den Stat, als in den Familien. Und der Consul Fabius, der die Stadt selbst besorgt machte, hielt sich mit einem Posten vor den Thoren auf; als die Ritter, – die man in der Ferne, noch ungewiß, wer sie sein möchten, nicht ohne Schrecken sah, – sobald sie erkannt wurden, die Besorgniß in eine so große Freude verwandelten, daß ein Jubelgeschrei von Glückwünschen über die Rückkehr der geretteten siegreichen Ritter die Stadt durchdrang. Aus den kurz zuvor noch traurenden Häusern, welche die Ihrigen als verloren aufgegeben hatten, rannte man auf die Gassen; und zitternd liefen die Mütter und Gattinnen, in der Entzückung des Anstandes vergessend, dem Zuge entgegen, und jede flog, vor Entzücken kaum noch ihrer Glieder und Sinne mächtig, auf die Ihrigen zu. Die Bürgertribunen, die den Marcus Postumius und Titus Quinctius vor Gericht gefordert hatten, weil durch ihre Schuld das Treiben bei Veji Siehe oben Cap. 31. so schlecht abgelaufen war, glaubten bei Gelegenheit des neuen Hasses, der auf den Consul Sempronius fiel, auch gegen jene die üble Stimmung erneuern zu können. Sie beriefen eine Versammlung, und da sie sich mit Geschrei darüber ausgelassen hatten, daß bei Veji das allgemeine Beste von den Feldherren aufgeopfert sei, daß nachher im Volskerlande, weil jene ungestraft geblieben wären, der Consul eben so sein Heer aufgeopfert, so tapfere Ritter zum Gemetzel preisgegeben und sein Lager schimpflich verlassen habe; so ließ Cajus Julius, einer von den Tribunen, den Ritter Sextus Tempanius vorfordern und sprach in Gegenwart der Beklagten: « Sextus Tempanius, ich befrage dich, ob sich der Consul Sempronius deiner Meinung nach zur rechten Zeit in eine Schlacht eingelassen, sein Heer durch einen Rückhalt verstärkt, oder irgend eine Pflicht eines tüchtigen 368 Consuls erfüllt habe. Ferner, hast du nicht, als das Römische Fußvolk geschlagen war, aus eignem Entschlusse die Reuterei absitzen lassen und das Gefecht wieder hergestellt? Als du darauf von unserer Linie abgeschnitten warest, kam dir und den Rittern der Consul entweder selbst zu Hülfe, oder schickte er dir eine Unterstützung? Sahest du den Tag darauf von irgend jemand einigen Beistand, oder drangest du mit deiner Cohorte aus eigner Tapferkeit in euer Lager? Fandet ihr da einen Consul, oder ein Heer im Lager, oder Alles preisgegeben? die verwundeten Soldaten verlassen? Hierüber hast du, deiner Tapferkeit und Treue gemäß, auf welche allein das allgemeine Beste in dieser Schlacht sich stützte, dich heute zu erklären. Endlich noch darüber, wo Cajus Sempronius, wo unsre Legionen sein mögen; ob du verlassen seist, oder den Consul und das Heer verlassen habest. Endlich, ob wir die Besiegten oder die Sieger sind.» 41. Hierauf antwortete Tempanius, wie man erzählt, in einer schmucklosen Rede, doch im festen Tone des Kriegers, ohne Prunk mit eignem Verdienste, ohne Wohlgefallen an Beschuldigungen eines Dritten: «Wie viele Einsichten im Kriegswesen Cajus Sempronius besitze, dies Urtheil über seinen Feldherrn sei nicht die Sache eines Soldaten, sondern damals des Römischen Volks gewesen, als es ihn am Wahltage zum Consul ausersehen habe. Also möchten sie ihn nicht über Entwürfe eines Feldherrn, über Geschicklichkeiten eines Consuls befragen, deren Würdigung selbst einen großen Geist, einen Mann von Kopf, erfordere. Er könne nur erzählen, was er gesehen habe. Er habe aber gesehen, ehe er vom Heere abgeschnitten sei, wie der Consul im Vordertreffen gefochten, Muth eingesprochen und unter den Fahnen der Römer und Pfeilen der Feinde gewaltet habe. Nachher habe er selbst die Seinigen aus dem Gesichte verloren. Aus dem Getümmel aber und dem Geschreie habe er abgenommen, daß das Gefecht bis in die Nacht fortgesetzt sei; er glaube aber, daß man vor der Menge von Feinden zu dem Hügel, den er selbst besetzt gehabt, nicht habe 369 durchdringen können. Wo das Heer sei, wisse er nicht; er vermuthe aber, so wie er selbst sich und die Seinigen durch den begünstigenden Platz geschützt habe, so werde auch der Consul zur Deckung des Heeres sein Lager in sicherern Gegenden genommen haben. Auch glaube er nicht, daß es bei den Volskern besser stehe, als bei den Römern . Zufall und Nacht hätten lauter Irrungen auf beiden Seiten herbeigeführt.» Dann soll er auf seine Bitte, sie möchten ihn, von Beschwerden und Wunden ermüdet, nicht länger aufhalten, unter großen Lobsprüchen seiner Bescheidenheit eben so sehr, als seiner Tapferkeit, entlassen sein. Während dies vorging, war der Consul schon auf der Lavicanischen Heerstraße beim Tempel der Göttinn Ruhe . Dahin schickte man Wagen und mehrere Lastthiere von der Stadt aus, welche das von Wunden und nächtlichem Wege angegriffene Heer aufnahmen. Bald darauf zog auch der Consul in die Stadt, der nicht so angelegentlich die Schuld von sich abwälzte, als den Tempanius mit verdienten Lobsprüchen erhob. Den über die verlorne Schlacht traurenden und auf die Feldherren erzürnten Bürgern wurde Marcus Postumius, der bei Veji Kriegstribun an Consuls Statt gewesen war, als Beklagter preisgestellt und zu einer Strafe von zehntausend Ass von schwerem Schrote Zu 310 Gulden. Späterhin wurde der Ass auf die Hälfte des Werths herabgesetzt, oder genau zu reden, nur halb so schwer ausgeprägt. Darum heißt er in jenen Zeiten noch der schwere, oder von schwerem Schrote. verdammt. Seinen Amtsgenossen Titus Quinctius sprachen alle Bezirke frei, weil er theils im Volskerlande als Consul unter dem Oberbefehle des Dictators Postumius Tubertus, theils bei Fidenä als Unterfeldherr des andern Dictators Mamercus Ämilius sich brav gehalten hatte, und die ganze Schuld jenes Unglücks seinem schon verurtheilten Amtsgenossen aufbürdete. Man sagt, es sei ihm das Andenken des ehrwürdigen Cincinnatus, seines Vaters, zu statten gekommen, auch der seinem Ende so nahe Quinctius Capitolinus, der die Bürger flehentlich bat, sie möchten ihn, da 370 er noch so wenige Zeit zu leben habe, keine so traurige Nachricht an den Cincinnatus mitnehmen lassen. 42. Der Bürgerstand ernannte den Sextus Tempanius, Aulus Sellius, Sextus Antistius und Spurius Icilius, welche auch von den Rittern, dem Wunsche des Tempanius gemäß, zu ihren Hauptleuten Die Ritter, welche eigentlich unter Decurionen (Rittmeistern) standen, hatten nur in der vorigen Schlacht, wo sie als Fußvolk dienten, Centurionen oder Hauptleute nöthig gehabt. gewählt waren, zu Bürgertribunen. Weil der Haß gegen den Sempronius auch den Namen der Consuln anstößig machte, so verordnete der Senat, daß Kriegstribunen mit consularischer Macht gewählt werden sollten. Man wählte den Lucius Manlius Capitolinus, Quintus Antonius Merenda, Lucius Papirius Mugillanus . Gleich im Anfange des Jahrs bestimmte der Bürgertribun Lucius Hortensius dem vorjährigen Consul Cajus Sempronius einen Gerichtstag. Da ihn nun vier seiner Amtsgenossen im Angesichte des Römischen Volkes baten, er möchte ihren unschuldigen Feldherrn, an dem man außer seinem Glücke nichts tadeln könne, nicht verfolgen, so wurde Hortensius unwillig, weil er glaubte, man wolle bloß seine Beharrlichkeit prüfen, und der Beklagte verlasse sich nicht so sehr auf die Fürbitten der Tribunen, die nur zum Scheine vorgebracht würden, als auf ihren Beistand. Also wandte er sich bald an ihn selbst und fragte ihn: «Wo jener adliche Hochsinn, wo der auf Schuldlosigkeit sich stützende und vertraunvolle Muth geblieben sei. Der Consular habe sich in den Schatten der tribunicischen Hülfe verkrochen.» Bald richtete er seine Fragen so an seine Amtsgenossen: «Wie aber, wenn ich nun mit meiner Klage gegen ihn fortfahre, was werdet ihr dann thun? etwa dem Volke sein Recht entreißen und die tribunicische Gewalt umstoßen?» Als jene erwiederten: «Dem Römischen Volke stehe über den Sempronius, wie über Alle, die höchste Gewalt zu, und sie wollten und könnten des Volkes Urtheil nicht aufheben: wenn aber ihre Bitten für ihren Feldherrn, der ihnen 371 Vaterstelle verträte, nichts vermöchten, dann würden sie mit ihm sich in die Hülle der Trauer werfen:» so sprach Hortensius: «Nein! seine Tribunen soll das Römische Volk nicht in Trauerkleidern sehen. Hat es Cajus Sempronius bei seiner Feldherrnstelle dahin bringen können, seinen Kriegern so lieb zu werden, so habe ich weiter keine Sache an ihn.» Und die vier Tribunen ernteten von ihrer kindlichen Gesinnung bei Bürgerlichen und Vätern keinen größern Beifall, als Hortensius von seinem auf gerechte Verwendung so versöhnlichen Herzen. 43. Gegen die Äquer, welche den zweifelhaften Sieg der Volsker als den ihrigen benutzt hatten, war das Glück nicht länger nachsichtig. Deswegen fiel auch im nächsten Jahre, in welchem Numerius Fabius Vibulanus und Titus Quinctius Capitolinus, des Capitolinus Sohn, Consuln waren, unter der Anführung des Fabius, dem das Los diesen Krieg bestimmte, nichts Merkwürdiges vor. Denn da sich die Äquer in trippelnder Linie kaum gezeigt hatten, ließen sie sich, ohne daß der Sieg dem Consul große Ehre machte, schimpflich in die Flucht schlagen. Deswegen wurde ihm auch der Triumph verweigert. Weil er indeß den Schimpf der Sempronianischen Niederlage gemildert hatte, gestattete man ihm, im kleinen Triumphe zu Pferde in die Stadt einzuziehen. So wie der Krieg mit minderem Kampfe, als man besorgt hatte, geendigt war, so kam auf die Ruhe in der Stadt unerwartet ein Schwall von Zwistigkeiten zwischen Bürgern und Vätern zum Ausbruche, welchen die zu verdoppelnde Zahl der Quästorn veranlaßte. Da die Väter dem von den Consuln gethanen Antrage, daß außer den beiden Stadtquästorn noch zwei für die Kriegsgeschäfte der Consuln dasein müßten, ihren ganzen Beifall gegeben hatten, so machten die Bürgertribunen den Consuln die Sache in der Absicht streitig, daß ein Theil der Quästoren – denn bisher hatte man nur Adliche dazu genommen – aus dem Bürgerstande angesetzt werden möchte. Anfangs widersetzten sich dieser Forderung Consuln und Väter aus allen Kräften; und als nachher ihre nachgiebige 372 Einwilligung, – daß man eben so bei den Quästorn dem Volke freie Wahl lassen solle, wie es sie bisher bei Ernennung der Tribunen mit consularischer Gewalt geübt habe, – nicht den gewünschten Erfolg hatte, gaben sie den die Vermehrung der Quästorn betreffenden Vorschlag ganz auf. Sogleich machten die Tribunen die aufgegebene Sache zu der ihrigen, und es folgte ein ruhestörender Antrag nach dem andern, wozu auch der über die Landvertheilungen gehörte. Da nun der Senat dieser Gährungen wegen lieber Consuln, als Kriegstribunen gewählt wissen wollte, die Tribunen aber durch ihre Einsagen keinen Senatsschluß zu Stande kommen ließen, so ging die Verwaltung des Stats von den Consuln auf eine Zwischenregierung über, und auch das nicht ohne großen Streit, weil die Tribunen die dazu nöthige Zusammenkunft der Patricier untersagten. Da der größere Theil des folgenden Jahres unter neuen Bürgertribunen und mehreren Zwischenregierungen bei fortgesetzten Streitigkeiten verflossen war, – indem die Tribunen bald den Patriciern verboten, zur Aufstellung eines Zwischenkönigs zusammenzutreten; bald durch ihre Einsage den Senatsschluß hinderten, den der Zwischenkönig zur Ansetzung einer Consulnwahl bewirken wollte: – so betheuerte endlich der zuletzt aufgestellte Zwischenkönig, Lucius Papirius Mugillanus, unter Vorwürfen, die er bald den Vätern, bald den Bürgertribunen machte: «Von Menschen verlassen und aufgegeben, erhalte sich der Stat, weil sich statt ihrer die Vorsehung und Fürsorge der Götter seiner annähmen, bloß durch den Waffenstillstand mit den Vejentern und durch die Unentschlossenheit der Äquer . Wie aber, wenn von dorther Waffengetöse erschallen sollte? ob sie dann willens wären, den Stat ohne patricische Obrigkeit überfallen zu lassen? kein Heer zu haben? keinen Feldherrn zur Aushebung eines Heers? ob sie etwa den Krieg von außen durch innern Krieg abzuwehren dächten? Wenn dies Alles zusammenträfe, so würde kaum die Allmacht der Götter verhindern können, daß der Römische Stat nicht darunter erliege. Warum sie nicht lieber, indem sie beide von ihren 373 höchsten Forderungen zurückträten, in der Mitte zur Knüpfung der Eintracht sich begegnen wollten? die Väter, indem sie zugäben, daß statt der Consuln Kriegstribunen gewählt würden; die Bürgertribunen, wenn sie nichts dagegen einwendeten, daß das Volk die vier Quästorn gemeinschaftlich aus Bürgerlichen und Adlichen durch freie Stimmenwahl ernennen dürfe.» 44. Der tribunicische Wahltag ging voran. Zu Kriegstribunen mit Consulgewalt wurden lauter Patricier gewählt; Lucius Quinctius Cincinnatus zum drittenmale, Lucius Furius Medullinus zum zweitenmale, Marcus Manlius, Aulus Sempronius Atratinus . Als unter dem Vorsitze dieses Tribuns bei der Quästornwahl unter mehrern Bürgerlichen auch der Sohn des Bürgertribuns Antistius, und der Bruder eines andern Bürgertribuns, des Sextus Pompilius, sich meldeten, so konnten doch diese so wenig durch ihr Amt, als durch ihre Empfehlung die Leute abhalten, diejenigen ihres Adels wegen vorzuziehen, in deren Vätern und Großvätern sie Consuln gesehen hatten. Die Bürgertribunen sämtlich geriethen in Wuth; vor allen Pompilius und Antistius, aufgebracht über die Zurücksetzung der Ihrigen. «Ob das nicht unbegreiflich sei,» sagten sie. «Weder ihre Wohlthaten, noch die Kränkungen von den Vätern, noch endlich die Neugier, von ihrem Rechte einmal Gebrauch zu machen, – da ihnen doch jetzo frei stehe, was vormals nicht erlaubt gewesen sei; – hätten die Bürger vermögen können, einen einzigen Bürgerlichen, wenn denn auch nicht zum Kriegstribun, wenigstens doch zum Quästor zu machen. Fruchtlos waren die Bitten gewesen, des Vaters für seinen Sohn, des Bruders für seinen Bruder, zweier Bürgertribunen von heiligem, zum Schutze der Freiheit gestiftetem, Amte. «Sicher stecke ein Betrug dahinter, und Aulus Sempronius sei bei der Wahl mehr listig als ehrlich zu Werke gegangen. Seine Widerrechtlichkeit sei es, – so klagten sie, – welche die Ihrigen von dem Ehrenamte zurückgestoßen habe.» Da sie nun gegen ihn selbst, den seine Unschuld und sein jetziges Amt deckten, ihren Angriff 374 nicht richten konnten, so wandten sie ihren Zorn gegen den Cajus Sempronius, den Vaterbrudersohn des Aulus Da beide, sowohl C. Sempronius als Aulus, den Zunamen Atratinus haben, so ist es mir unwahrscheinlich, daß Livius hier, wo es nicht gleichgültig ist, den Letztern durch den Namen Atratinus ohne weiteres Merkmal unterscheiden sollte. Da aber in vielen Handschriften der Name Atratinus an dieser Stelle in Atracinius und Attra cinus verlängert wird, auch das A. als Vorname wegen des ersten A in Atratinus so leicht wegfallen konnte, so lese ich A. Atratini: und ohnehin liest man in vielen Ausgaben: A. Sempronii statt Atratini. Atratinus, und ließen ihn wegen des im Volskerkriege erlittenen Schimpfes vor Gericht fordern, wozu ihr Amtsgenoß, Marcus Canulejus die Hand bot. Unmittelbar darauf brachten eben diese Tribunen im Senate die Landvertheilungen zur Sprache, einen Vorschlag, dem sich Cajus Sempronius immer sehr heftig widersetzt hatte; weil sie sehr richtig vermutheten, er werde entweder, wenn er diese Sache fallen ließe, den Vätern als Beklagter weniger werth sein, oder, wenn er dabei beharrete, sich gerade gegen die Zeit seines Verhörs bei den Bürgern verhaßt machen. Er wollte lieber dem Hasse, den er vor Augen sah, sich preisgeben, und seiner eignen Sache schaden, als die des Stats im Stiche lassen, und blieb bei seiner Erklärung: «Man müsse die Schenkung nicht zu Stande kommen lassen, von der nur die drei Tribunen den Dank ernten würden. Und selbst hierin sei es nicht auf Ländereien für den Bürgerstand, sondern auf Haß gegen ihn abgesehen. Theils wollte er selbst diesen Sturm mit festem Muthe über sich ergehen lassen; theils müsse weder er, als Mitbürger, noch irgend ein Andrer, dem Senate so wichtig sein, daß man, um eines Einzigen zu schonen, ein Statsübel zulasse.» Da er, als der Tag erschien, mit eben so wenig gebeugtem Muthe seine Sache führte, und die Väter vergebens Alles aufgeboten hatten, den Bürgerstand zu besänftigen, so verdammte man ihn zu einer Strafe von funfzehn tausend Ass 467 Gulden Conv.M. . In eben dem Jahre mußte sich eine Vestalinn, Postumia, gegen die Anklage der Unkeuschheit verantworten, 375 die auch mit Unrecht beschuldigt war, allein durch ihr zu nettes Äußeres und ein muntreres Wesen, als einer Jungfrau anständig ist, dem Argwohne Gelegenheit gab. Es wurde ihr ein zweiter Gerichtstag zugestanden, und als sie freigesprochen war, empfahl ihr der Hohepriester im Namen seines Gesamtamtes, der Lustigkeit sich zu entäußern und sich lieber ehrwürdig, als geschmackvoll zu kleiden. Auch wurde in diesem Jahre die Stadt Cumä, welche damals den Griechen gehörte, von den Campanern erobert. Das folgende Jahr hatte Kriegstribunen mit consularischer Gewalt; den Agrippa Menenius Lanatus, Publius Lucretius Tricipitinus, Spurius Nautius Rutilus . 45. Das günstige Geschick des Römischen Volkes gab diesem Jahre seine Merkwürdigkeit mehr durch eine große Gefahr, als durch ein großes Unglück. Die Sklaven verschworen sich, die Stadt in verschiedenen Gegenden in Brand zu stecken, und während das Volk allenthalben mit Rettung der Häuser beschäftigt sei, bewaffnet die Burg und das Capitol zu erobern. Der verruchte Anschlag wurde vom Jupiter abgewandt: auf die Anzeige Zweier wurden die Schuldigen ergriffen und litten ihre Strafe. Von den Anzeigern bekam jeder zehntausend Ass schweres Erzes aus der Schatzkammer gezahlt, welche damals für Reichthum galten 300 Gulden Conv.M. , und die Freiheit zur Belohnung. Nun fingen die Äquer an, sich wieder zum Kriege zu rüsten, und man erfuhr in Rom aus sichern Quellen, daß die Lavicaner, als neue Feinde, mit jenen alten gemeinschaftliche Sache machten. Der Angriffe von den Äquern war man schon so gewohnt, als gehörten sie zum Jahreswechsel. Nach Lavici aber wurden Gesandte geschickt, und weil aus der zweideutigen Antwort, welche diese zurückbrachten, sich ergab, daß sie sich zwar jetzt noch nicht zum Kriege anschickten, daß aber auch der Friede nicht von Bestand sein werde, so gab man den Tusculanern den Auftrag, auf jede neue Bewegung zu Lavici aufmerksam zu seyn. 376 Kaum hatten die consularischen Kriegstribunen des folgenden Jahrs ihr Amt angetreten, – diese waren Lucius Sergius Fidenas, Marcus Papirius Mugillanus, Cajus Servilius, ein Sohn des Priscus, der als Dictator Fidenä erobert hatte, – so fanden sich bei ihnen Gesandte von Tusculum ein. Sie meldeten, die Lavicaner hätten die Waffen ergriffen, und, nachdem sie, mit dem Heere der Äquer in Verbindung, das Tusculanische verheert hätten, sich auf dem Algidus gelagert. Nun wurde den Lavicanern der Krieg angekündigt: als aber der Senat beschloß, daß zwei von den Tribunen zu Felde ziehen, und Einer die Angelegenheiten Roms besorgen sollte, so erhob sich zwischen diesen Tribunen ein unerwarteter Streit. Jeder hielt sich für den würdigern Feldherrn, und suchte der Stadtpflege, als einem undankbaren und unrühmlichen Geschäfte, auszuweichen. Als die Väter dem unanständigen Streite zwischen Amtsgenossen mit Befremdung zusahen, so sprach Quintus Servilius: «Weil ihr denn so wenig für diesen Stand, als für das allgemeine Beste einige Achtung fühlt, so soll das väterliche Ansehen den nichtswürdigen Streit entscheiden. Mein Sohn soll, ohne zu losen, die Stadt behalten. Mögen die, die auf die Führung des Krieges gesteuert sind, sie mit mehr Überlegung und Eintracht verwalten, als sie danach ringen!» 46. Man fand für gut, die Werbung nicht auf das ganze Volk ohne Unterschied auszudehnen: das Los mußte zehn Bezirke bestimmen, und die aus diesen aufgezeichneten Dienstfähigen wurden von den zwei Tribunen in den Krieg geführt. Den Streit, der unter ihnen schon in der Stadt begann, entflammte dieselbe Lust zu befehlen, im Lager noch weit heftiger. In keinem Stücke waren sie eins; Jeder verfocht seine Meinung; nur seine Anschläge, nur seine Befehle sollten gültig sein: er verachtete den Andern und wurde wieder von ihm verachtet; bis endlich auf die Rüge der Unterfeldherren ein Vergleich bewirkt wurde, daß Jeder einen Tag um den andern den Oberbefehl haben sollte. Als man dies in Rom erfuhr, soll Quintus Servilius, durch Alter und Erfahrung belehrt, die 377 unsterblichen Götter gebeten haben, sie möchten diesen Zwist der Tribunen dem State nicht noch nachtheiliger werden lassen, als jener bei Veji gewesen sei; und, gleich als sei ein bevorstehendes Unglück außer Zweifel, soll er bei seinem Sohne darauf gedrungen haben, Truppen zu werben und auf Bewaffnung zu denken. Und seine Prophezeihung wurde erfüllt. Denn unter der Anführung des Lucius Sergius, der an diesem Tage den Oberbefehl hatte, wurden die Römer in einer nachtheiligen Stellung, dicht unter dem feindlichen Lager, – wohin sie die thörichte Hoffnung, es zu erobern, gelockt hatte, weil sich der Feind in verstellter Furcht bis an seinen Wall zurückzog, – in einem plötzlichen Angriffe der Äquer durch das rücklings abhängige Thal zurückgeworfen, und in diesem, mehr einem Zusammensturze als einer Flucht ähnlichen Gewühle eine Menge zertreten und niedergehauen. Auch ihr Lager, das sie an diesem Tage mit Mühe behaupteten, verloren sie am folgenden, als es großentheils schon vom Feinde umschlossen war, durch eine schimpfliche Flucht aus dem Hinterthore. Die Anführer und Unterfeldherren und der die Fahnen deckende Kern des Heers flüchteten nach Tusculum . Die Andern, die zerstreut im Lande umherschweiften, eilten auf mancherlei Wegen mit der Nachricht von einer größern Niederlage, als sie wirklich erlitten hatten, nach Rom. Man gerieth hier weniger in Verlegenheit, weil der Erfolg gerade der war, den man befürchtet hatte, und vom Kriegstribun die Vorkehrungen, an die man in der Noth sich halten konnte, schon getroffen waren. Nachdem er ferner durch die Unterobrigkeiten den Auflauf in der Stadt gestillt hatte, wurden auf seinen Befehl eilends Kundschafter ausgeschickt, welche mit der Nachricht zurückkamen, das Heer sei mit seinen Feldherren zu Tusculum, und der Feind mit seinem Lager nicht weiter gerückt. Was ihnen aber am meisten Muth machte, war dies, daß vermöge eines Senatsschlusses Quintus Servilius Priscus zum Dictator ernannt wurde, ein Mann, dessen Seherblick in Statssachen die Bürger zwar schon in manchen früheren 378 Stürmen kennen gelernt hatten, vorzüglich aber jetzt durch den Ausgang dieses Krieges, weil er allein von dem Zwiste der Tribunen, noch von dem schlechten Erfolge, sich nichts Gutes versah. Nachdem er den Kriegstribun, von dem er selbst zum Dictator ernannt war, seinen Sohn, zum Magister Equitum erklärt hatte; – dies berichten Einige: denn Andre schreiben, Servilius Ahala sei in diesem Jahre Magister Equitum gewesen – rückte er mit dem neuen Heere zum Kriege aus, zog die zu Tusculum befindlichen an sich und schlug zweitausend Schritte vom Feinde sein Lager auf. 47. Übermuth und Nachlässigkeit, vorher die Fehler der Römischen Feldherren, waren nach der gewonnenen Schlacht zu den Äquern übergegangen. Da also der Dictator gleich beim Anfange des Treffens durch seine einhauende Reuterei die vorderen feindlichen Glieder in Unordnung gebracht hatte, ließ er das Fußvolk einen raschen Angriff thun, und tödtete einen Zögerer von seinen Fahnenträgern mit eigner Hand. Man ging mit solchem Eifer in den Kampf, daß die Äquer den Angriff nicht aushielten, und als sie sich nach verlorner Schlacht in völliger Flucht in ihr Lager gerettet hatten, erforderte die Bestürmung weniger Zeit und Kampf, als vorhin die Schlacht. Als der Dictator nach Eroberung und Plünderung des Lagers dem Soldaten die Beute überlassen hatte, und die Reuterei, die dem Feinde auf seiner Flucht aus dem Lager nachgesetzt war, ihm meldete, daß die sämtlichen geschlagenen Lavicaner und ein großer Theil der Äquer nach Lavici geflohen wären, so rückte er den Tag darauf mit dem Heere vor Lavici; und die rundum bestürmte Stadt wurde mit Leitern erstiegen und geplündert: und sehr zur rechten Zeit beschloß der Senat durch eine große Mehrheit der Stimmen, ehe noch die Bürgertribunen durch beabsichtigte Ackerverschenkungen Unruhen erregen und eine Vertheilung der Feldmarken von Lavici in Vorschlag bringen konnten, eine Pflanzung nach Lavici abführen zu lassen. Tausend fünfhundert von Rom ausgeschickte Pflanzer bekamen jeder zwei Morgen Landes. 379 Nach Eroberung von Lavici und darauf erfolgter Anstellung der Kriegstribunen mit consularischer Gewalt, des Agrippa Menenius Lanatus, des Lucius Servilius Structus, des Publius Lucretius Tricipitinus – sie alle waren es zum zweitenmale – und des Spurius Rutilius Crassus; und für das folgende Jahr des Quintus Fabius Vibulanus Daß Livius hier den Fabius, dessen zweites Consulartribunat er Cap. 49. anführt, nicht ausgelassen haben werde, sondern daß dieser Fehler den Abschreibern zuzurechnen sei, denen dies (wie Drakenborch mehrmals bemerkt) hauptsächlich heim Abschreiben vieler Namen wiederfuhr, haben schon mehrere bemerkt. Nur ist man über die Stelle nicht eins, die der Name im Livianischen Texte einnehmen soll. Crevier (im Register zu der Ausgabe von 1747. unter Q. Fabius Vibulanus) will ihn auf den Namen des Sempronius Atratinus folgen lassen. Ich vermuthe, daß das vorhergehende Wort anno, wenn es a n o geschrieben war, die Veranlassung zum Fehler gab. Wenn nämlich die Worte Q. Fabio Vibul ano den ersten Platz gehabt haben, so glaubte der Abschreiber, als er die Worte insequenti a n o geschrieben hatte, schon bis Vibul ano geschrieben zu haben: Darüber fiel der Name aus. , des Aulus Sempronius Atratinus zum drittenmale, des Marcus Papirius Mugillanus und Spurius Nautius Rutilus – diese beiden waren es zum zweitenmale – hatte man zwei Jahre lang äußere Ruhe, aber im Innern Streitigkeiten über vorgeschlagene Ackervertheilungen. 48. Die Aufwiegler des Pöbels waren Mäcilius und Metilius, beide mit Vornamen Spurius, beide in ihrer Abwesenheit zu Bürgertribunen gewählt; jener zum vierten-, dieser zum drittenmale. Und da sie den Vorschlag ausgehängt hatten, daß alles den Feinden abgenommene Land nach Köpfen vertheilt werden sollte, und einem großen Theile der Adlichen ihre Güter durch einen solchen Volksschluß eingezogen sein würden, – denn eine auf fremdem Boden erbaute Stadt besaß von Ländereien fast nichts, als was sie mit den Waffen erobert hatte; und von den Bürgerlichen hatte niemand Ländereien, außer, die ihnen vom State verkauft oder angewiesen waren: – so schien hiermit das Zeichen zu einem heftigen Streite zwischen Bürgerlichen und Adlichen aufgepflanzt zu sein; und die Kriegstribunen fanden weder im Senate, noch in den angestellten besondern Versammlungen der Vornehmeren 380 einen Ausweg. Da soll Appius Claudius, ein Neffe Schon Glareanus hat die Gründe angegeben, warum dieser App. Claudius nicht des Decemvirs Enkel sein kann. Denn sein Vater, der ( Cap. 36. ) im Jahre Roms 331. noch selbst iuvenis heißt, kann nicht im J. 339, also nur 8 Jahre später, schon einen Sohn unter den Rathsherren haben. Und wäre dieser Sohn im J. 339. auch nur 25 Jahre als Senator alt gewesen, so wäre er im J. 393. ( Buch VII. 6. und VI. 40. ) also in seinem 80sten Jahre Dictator gewesen, wo Livius keines viri exactæ ætatis, oder desgleichen etwas erwähnt. Glareanus ist geneigt, filius statt nepos zu lesen, und seine Gründe für die Behauptung, daß unser Appius nicht des Decemvirs Enkel sei, findet Drakenborch so wahrscheinlich, daß er gesteht, er würde das vorgeschlagene filius gleich aufnehmen, wenn nur Eine Handschrift beistimmte. Allein unser Appius kann auch des Decemvirs Sohn nicht sein. Denn des Decemvirs Sohn war im J. 331. Tribunus militum. Wäre nun der Appius, den unsre Stelle nennt, derselbe, folglich des Decemvirs Sohn, so müßte er im J. 352, wo unser Appius als Tribunus militum vorkommt, diese Stelle zum zweitenmale bekleidet haben. Allein Livius so wenig, als die fasti bei Pighius und Almeloveen geben ihm ein iterum, oder die Zahl II. Und sollte er erst nach zwanzig Jahren zum zweitenmale Tribun geworden sein? Da er also nach diesen letztern Gründen nicht der Sohn, und nach den obigen nicht der Enkel des Decemvirs sein soll, so will ich vorerst der Neffe übersetzen, und bis auf bessere Belehrung vermuthen, in den ältesten Handschriften habe vielleicht gestanden: NEPOS. EI,. QVI. XVIR. – – – FR AT. E. F RAT . Dies sollte heißen, nepos eius, qui decemvir – – – fuerat, e fratre. Von den beiden FRAT. ließen die Abschreiber das eine weg. Dann würde auch der proavus als wirklicher Ältervater nach Drakenborchs Wunsche zutreffen, über welchen Glareanus und Sigonius uneins sind. des zur Gesetzgebung angestellt gewesenen Decemvirs, der jüngste von den versammelten Vätern, gesagt haben: «Er bringe von Hause eine alte, geerbte Maßregel mit. Sein Ältervater, Appius Claudius, habe den Vätern das einzige Mittel gezeigt, die tribunicische Gewalt aufzulösen; die Einsage der eigenen Amtsgenossen. Es sei leicht, solche Emporkömmlinge durch das Ansehen der Großen von ihrer Meinung abzuleiten, wenn man mit ihnen zuweilen mehr der Zeitumstände, als seiner Würde eingedenk zu reden wisse. Ihre Denkungsart richte sich nach ihrem Glücke. Wenn sie sähen, daß ihnen die Hauptförderer 381 des zu betreibenden Vorschlags alle Zuneigung des Bürgerstandes vorweggenommen hätten, und für sie kein Plätzchen mehr darin übrig sei, so würden sie sich ohne Weigerung an die Sache des Senats anschließen, durch die sie sich als Mitverbündete der Vornehmen dem ganzen Stande der Väter empföhlen.» Da ihm Alle beipflichteten, und vorzüglich Quintus Servilius Priscus dem jungen Manne sein Lob darüber ertheilte, daß er dem Claudischen Stamme nicht entartet sei, so wurde es Allen zum Geschäfte gemacht, nach Möglichkeit diesen oder jenen vom Gesamtamte der Tribunen zur Einsage zu stimmen. Nach Entlassung des Senats drängten sich die Großen schmeichelnd an die Tribunen; und auf ihr Zureden, auf ihre Vorstellungen und Versicherungen, wie sehr sie sich dadurch Jeden insbesondre und zugleich den ganzen Senat verpflichten würden, standen ihnen Sechs zur Einsage in Bereitschaft. Da nun am folgenden Tage im Senate nach genommener Abrede der Aufruhr zur Sprache gebracht wurde, welchen Mäcilius und Metilius durch eine Schenkung von so nachtheiligem Beispiele stiften würden; so machten die Vornehmsten der Väter zum Inhalte ihrer Reden die Erklärung, sie Alle wüßten sich nicht weiter zu rathen und sähen auch keine andre Hülfe vor sich, als den Beistand der Tribunen. Der bedrängte Stat flüchte sich, gleich einem hülflosen Privatmanne, in den Schutz dieser Macht. Ihnen selbst und ihrem Amte gereiche es zur Ehre, wenn das Tribunat Kraft genug habe, nicht sowohl den Senat zu quälen und Zwietracht unter den Ständen zu erregen, als boshaften Amtsgenossen Widerstand zu leisten. Im ganzen Senate wurde es jetzo laut, weil man von allen Seiten des Rathhauses die Hülfe der Tribunen in Anspruch nahm; und nun erklärten nach erfolgter Stille die durch den Einfluß der Großen gewonnenen Tribunen, sie würden dem von ihren Amtsgenossen ausgehängten Vorschlage, weil er nach dem Urtheile des Senats den Stat auflöse, ihre Zustimmung versagen. Der Senat versicherte sie für diese Einsage seiner Dankbarkeit. Die Förderer des Vorschlages 382 schalten vor dem berufenen Volke auf Verräther der Vortheile des Bürgerstandes, auf Sklaven der Consularen, thaten noch in weiteren Reden heftige Ausfälle auf ihre Mittribunen und ließen dann die Sache liegen. 49. Das folgende Jahr, in welchem Publius Cornelius Cossus, Cajus Valerius Potitus, Numerius Fabius Vibulanus Kriegstribunen mit Consulgewalt waren, würde die beiden beständigen Kriege wieder mitgebracht haben, hätten nicht den Ausbruch des Krieges mit Veji die dortigen Großen verschoben, die in der ihre Feldmarken verwüstenden und hauptsächlich ihre Landhäuser zerstörenden Überschwemmung der Tiber eine höhere Warnung sahen. Und die Äquer verhinderte die vor drei Jahren erlittene Niederlage, den Bolanern, einem ihrer Völkerstämme, Beistand zu leisten. Diese hatten in das angränzende Lavicanische Einfälle gethan und die neuen Anbauer bekriegt. Da sie nun gehofft hatten, ihr Unrecht durch den Beitritt der sämtlichen Äquer verfechten zu können, und sich von den Ihrigen verlassen sahen, so verloren sie in einem nicht einmal der Erwähnung würdigen Kriege nach einer Belagerung und einem einzigen leichten Gefechte Stadt und Land. Den vom Bürgertribun Lucius Sextus versuchten Vorschlag, daß auch nach Bolä, so wie nach Lavici, Pflanzer geschickt werden sollten, vereitelte die Einsage seiner Amtsgenossen, welche erklärten, sie würden keinen Volksschluß in Kraft gehen lassen, der nicht die Genehmigung des Senates habe. Die Äquer, die im folgenden Jahre Bolä wieder eroberten und eine Pflanzung dorthin führten, gaben der Stadt neue Haltbarkeit, während in Rom Cneus Cornelius Cossus, Lucius Valerius Potitus, Quintus Fabius Vibulanus zum zweitenmale und Marcus Postumius Regillensis Kriegstribunen mit Consulgewalt waren. Der letzte bekam den Krieg gegen die Äquer zu führen, ein Mann, dessen verkehrten Sinn nicht sowohl die Führung des Kriegs, als der Sieg offenbarte. Denn mit Thätigkeit warb er ein Heer, führte es vor Bolä, brach in einigen leichten Gefechten den Trotz der Äquer und drang zuletzt in die Stadt. Nun 383 wandte er seine Angriffe von den Feinden auf seine Mitbürger; und da er während der Belagerung bekannt gemacht hatte, die Beute solle den Soldaten gehören, hielt er, nach Eroberung der Stadt, nicht Wort. Dieser Grund der Unzufriedenheit des Heeres mit ihm ist mir wahrscheinlicher, als der, daß es in der erst neulich geplünderten Stadt und noch neuen Pflanzung weniger Beute gefunden habe, als der Tribun verheißen hatte. Als er nachher auf den Ruf seiner Amtsgenossen, der tribunicischen Unruhen wegen, zur Stadt zurückgekehrt war, hörte man von ihm in der Versammlung, was jene Erbitterung noch vermehrte, einen unvernünftigen und beinahe wahnsinnigen Ausdruck, indem er dem Bürgertribun Sextius, auf seinen Vorschlag der Landvertheilung und auf die Äußerung, daß er auch auf die Absendung einer Pflanzung nach Bolä antragen werde, weil es doch billig sei, daß die Stadt und das Gebiet von Bolä denen gehöre, die es erkämpft hätten, – die Antwort gab: «Meine Soldaten sollte der Henker, – wenn sie nicht ruhig wären!« Worte, welche jetzt die Versammlung nicht tiefer kränkten, als nachher die Väter. Und der Bürgertribun, ein lebhafter und nicht unberedter Mann, der unter seinen Gegnern einen so übermüthigen Menschen sich geboten sah, und diese ungezähmte Zunge, die er durch Reizungen und Aufforderungen zu Ausdrücken verleiten konnte, welche nicht allein den Mann selbst, sondern auch seine Sache und den ganzen Stand verhaßt machten, ließ sich mit keinem vom Gesamtamte der Kriegstribunen öfter in Widerspruch ein, als mit dem Postumius . Und nun vollends bei dieser so harten und unmenschlichen Äußerung rief er: «Hört ihr ihn, ihr Quiriten, wie er den Soldaten, gleich Sklaven, Hiebe droht? Und dennoch werdet ihr dies Ungeheuer seines hohen Amts würdiger achten, als Alle, die euch mit Stadt und Feld beschenkt in Pflanzungen aussenden, für eine Ruhestatt eures Alters sorgen, für eure Vortheile gegen so grausame und übermüthige Gegner sich zum Kampfe stellen. Möchte es euch doch endlich auffallend werden, warum nur noch so Wenige sich eurer Sache annehmen. Denn was sollen sie 384 von euch hoffen? Etwa Ehrenstellen, die ihr euren Widersachern lieber gebt, als den Verfechtern des Römischen Volks? Ihr seufztet jetzt, als ihr den Ausdruck des Menschen hörtet. Was schadet das? Wenn ihr demnächst eure Wahlstimmen gebt, werdet ihr dennoch diesen hier, der euch wie Sklaven bedroht, denen, die euch im Besitze von Ländereien, Wohnstäten und Glücksgütern feststellen wollen, vorziehen.» 50. Als dieser Ausdruck des Postumius den Soldaten zu Ohren kam, erregte er im Lager noch weit größeren Unwillen. «Will der Betrieger,» hieß es, «der unsre Beute unterschlug, nun auch Soldaten, wie Sklaven, drohen?» Und da sie nun ganz öffentlich lärmten, und der Quästor Publius Sestius, der den Aufruhr mit derselben Härte stillen zu können glaubte, durch welche er veranlasset war, gegen einen der Schreier den Häscher gehen ließ, so nöthigte ihn bei dem daraus erfolgten Geschreie und Gezänke, ein Steinwurf, sich aus dem Getümmel zurückzuziehen, und der ihn verwundet hatte, schrie ihm nach: «Nun hat der Quästor, was der Feldherr den Soldaten gedrohet hat!» Postumius, zu diesem Lärmen herzugerufen, machte durch scharfe Untersuchungen und grausame Hinrichtungen Alles noch widerspänstiger. Endlich, da er seinem Zorne keine Schranken setzte und auf das widerbellende Geschrei derer, die auf seinen Befehl unter aufgelegten Hürden ersäuft werden sollten, ein Auflauf entstand, lief er selbst in Wuth zu denen, die der Vollziehung wehren wollten, von der Richterbühne hinab. Da nun hier die allenthalben dreinschlagenden Häscher und Hauptleute dem Haufen übel zusetzten, so kam der Unwille zu einem so heftigen Ausbruche, daß der Kriegstribun unter einem Steinhagel seines Heeres erlag. Als diese so schreckliche That nach Rom gemeldet wurde, und die Kriegstribunen durch den Senat Untersuchungen über den Tod ihres Amtsgenossen verordnen lassen wollten, thaten die Bürgertribunen Einsage. Dieser Zwist aber hing von einem andern Streite ab, nämlich dem, daß die Väter besorgt waren, die Bürger möchten aus 385 Furcht vor Untersuchungen und aus Erbitterung Kriegstribunen vom Bürgerstande wählen; und sie gaben sich alle Mühe, eine Consulnwahl zu bewirken. Da aber die Bürgertribunen keinen Senatsschluß zu Stande kommen ließen und zugleich durch ihre Einsage jeden consularischen Wahltag verhinderten, so kam man wieder auf eine Zwischenregierung zurück. Am Ende siegten die Väter. 51. Als der Zwischenkönig Quintus Fabius Vibulanus den Wahltag hielt, wurden Aulus Cornelius Cossus und Lucius Furius Medullinus zu Consuln gewählt. Unter diesen Consuln wurde im Anfange des Jahrs ein Senatsschluß abgefaßt, daß die Tribunen je eher je lieber auf eine Untersuchung des am Postumius verübten Mordes bei dem Bürgerstande antragen, und ihm überlassen sollten, wem er die Leitung derselben übertragen wolle. Der Bürgerstand gab dies Geschäft mit Beistimmung des Gesamtvolkes den Consuln, welche mit der äußersten Mäßigung und Gelindigkeit, indem sie die Sache durch die Hinrichtung einiger Wenigen abthaten, von denen man fast allgemein glaubte, daß sie sich selbst das Leben genommen hätten, es dennoch nicht erlangen konnten, daß nicht die Bürger darüber sehr unzufrieden geworden waren. «Verordnungen, die zu ihrem Besten vorgeschlagen würden, lägen nun schon so lange ohne Wirkung, während daß ein Befehl, mit welchem es gegen sie auf Blut und Todesstrafen abgesehen sei, sogleich zur Ausübung komme und in seine volle Kraft übergehe.» Jetzt wäre es die schicklichste Zeit gewesen, nach Bestrafung der Aufrührer, den Gemüthern durch die Vertheilung der Bolanischen Ländereien einen Trost entgegen zu bringen; und dadurch würde man die Sehnsucht nach einem Vorschlage der Landvertheilung, der die Väter aus dem unrechtmäßigen Besitze der Statsländereien vertrieb, gemindert haben. So aber verdroß die Bürger gerade das am meisten, daß der Adel nicht nur die Statsländereien, die er gewaltsam im Besitze hatte, hartnäckig festhielt, sondern auch nicht einmal ein herrenloses, erst neulich dem Feinde abgenommenes Feld, das demnächst, wie alle übrigen, die Beute einiger Wenigen werden mußte, an den Bürgerstand vertheilen lassen wollte. In eben dem Jahre eroberten die unter dem Consul Furius gegen die Verheerungen der Volsker ins Gebiet der Herniker ausgerückten Legionen, weil sie dort den Feind nicht mehr fanden, die Stadt Ferentinum, in der sich eine große Menge Volsker gesammelt hatte. Die Beute war unter ihrer Erwartung, weil die Volsker, als ihre Hoffnung, die Stadt behaupten zu können, sank, ihre Sachen zusammengenommen und in der Nacht die Stadt verlassen hatten. Beinahe menschenleer wurde sie am folgenden Tage erobert. Das Gebiet selbst wurde den Hernikern geschenkt. 52. An die Stelle der Tribunen, durch deren Mäßigung dies Jahr so ruhig gewesen war, trat nun der Bürgertribun Lucius Icilius, unter den Consuln Quintus Fabius Ambustus, Cajus Furius Pacilus . Da dieser gleich im Anfange des Jahrs, als ruhete auf seinem Namen und Geschlechte diese Bestimmung, durch ausgehängte Vorschläge der Landvertheilungen Unruhen erregte, so zog eine ausbrechende Seuche, die indeß mehr drohend, als tödtlich war, die Gedanken der Einwohner vom Markte und öffentlichen Streitigkeiten ab auf ihr Haus und auf die Sorge der körperlichen Pflege; und man glaubt, sie sei weniger nachtheilig gewesen, als der Aufruhr geworden sein würde. Als der Stat damit abgekommen war, daß Viele zwar erkrankten, aber nur sehr Wenige starben, so folgte auf das ungesunde Jahr, wie gewöhnlich, unter den Consuln Marcus Papirius Atratinus, Cajus Nautius Rutilus, ein Getreidemangel, weil der Ackerbau verabsäumt war. Fast wäre die Hungersnoth drückender geworden, als die Seuche, wenn man nicht durch Gesandschaften, welche zum Ankaufe von Getreide bei allen am Hetruskermeere und an der Tiber wohnenden Völkern umhergeschickt wurden, für Lebensmittel gesorgt hätte. Mit Härte wurde den Gesandten von den Samniten, welche Capua und Cumä inne hatten, der Einkauf untersagt; hingegen waren die Der bekannteste von diesen ist der ältere Dionysius, Tyrann von Syracus, dessen Regierung in diese Zeit fällt. Alleinherrscher Siciliens gütig genug, sie zu unterstützen, und die reichsten Ladungen führte ihnen, bei der größten Bereitwilligkeit der Hetrusker, die Tiber zu. Die Menschenleere in der kranken Stadt machte sich den Consuln auch dadurch fühlbar, daß sie sich genöthigt sahen, weil sich zu den verschiedenen Gesandschaften nur immer Ein Rathsherr fand, bei jeder noch zwei Ritter anzustellen. Krankheit und Theurung ausgenommen, gab es in diesen zwei Jahren keine weiteren Störungen, weder im Innern, noch von außen. Sobald aber jene Besorgnisse schwanden, erwachten alle die Übel, die den Stat zu beunruhigen pflegten; innere Zwietracht und auswärtiger Krieg. 53. Unter den Consuln Manius Ämilius und Cajus Valerius Potitus rüsteten sich die Äquer zum Kriege, und von den Volskern, welche freilich nicht als Volk zu den Waffen griffen, stellten sich zu diesem Feldzuge Freiwillige, als Söldner. Da dem Consul Valerius, der auf den Ruf von ihren Feindseligkeiten – denn sie waren schon in das Gebiet der Latiner und Herniker hinübergegangen – eine Werbung hielt, der Bürgertribun Marcus Mänius, um die vorgeschlagene Landvertheilung zu erzwingen, sich widersetzte, und im Vertrauen auf den Schutz des Tribuns sich niemand wider Willen den Soldateneid aufdringen ließ, so kam plötzlich die Nachricht, die Feinde hätten schon die Burg Carventana besetzt. Dieser schimpfliche Vorfall gereichte theils dem Mänius bei den Vätern zum Vorwurfe, theils gab er den übrigen Tribunen, mit denen die Einsage gegen die vorgeschlagene Landvertheilung schon verabredet war, einen so viel gerechteren Vorwand, sich ihrem Amtsgenossen zu widersetzen. Da also diese Zänkereien die Sache lange aufhielten, und die Consuln Götter und Menschen zu Zeugen riefen, «daß die ganze Schuld jedes von den Feinden schon erlittenen oder noch zu befürchtenden Unglücks und Schimpfes auf den Mänius falle, weil er die Werbung verhindere,» und 388 Mänius dagegen schrie: «Wenn die unrechtmäßigen Eigenthümer vom Besitze der Statsländereien abträten, so wolle er der Werbung weiter nicht hinderlich sein:» – so gab der dazwischentretende Beschluß von neun Tribunen dem Streite sein Ende; und sie erklärten im Namen ihres Gesamtamts: «Wenn der Consul Valerius, um die Werbung zu fördern, gegen die Dienstweigernden Strafen oder Zwangsmittel verfügte, so würden sie gegen die Einsage ihres Amtsgenossen auf seiner Seite sein.» Mit diesem Beschlusse gewaffnet ließ der Consul einige, welche dem Tribun zur Hülfe aufriefen, mit dem Stricke um den Hals wegführen, und aus Furcht leisteten die übrigen den Eid. Das vor die Carventanische Burg geführte Heer, vom Consul gehasset und erbittert auf ihn, warf dennoch voll Muth gleich bei seiner Ankunft die darin liegende Besatzung herab und gewann die Burg wieder. Die Sorglosigkeit, mit der sich ein Theil der Besatzung auf Plünderung verlaufen hatte, erleichterte den Stürmenden die Arbeit. Weil die Feinde bei ihren fortdauernden Verheerungen Alles in dem festen Platze zusammengetragen hatten, so war die Beute beträchtlich. Der Consul versteigerte sie öffentlich, ließ die Quästoren den Ertrag in die Statscasse liefern und sagte laut, alsdann solle das Heer an der Beute Theil nehmen, wenn es sich willig zum Dienste anfände. Dadurch stieg der Unwille gegen den Consul bei den Bürgern und bei den Soldaten. Wie er also nach einem Senatsschlusse im kleinen Triumphe in Rom einzog, ließen die Soldaten in den rohen Liedern, welche sie in ihrer Ausgelassenheit sangen, Schmähungen auf den Consul mit dem laut verkündigten Lobe des Mänius abwechseln, und so oft der Name des Tribuns ertönte, wetteiferte die Zuneigung des Volks durch Beifallklatschen und Einstimmung mit dem Geschreie der Soldaten. Gerade dies erregte bei den Vätern mehr Besorgniß, als der Muthwille der Soldaten gegen den Consul, der beinahe schon zur Feierlichkeit gehörte. In der Voraussetzung, daß dem Mänius eine Stelle unter den Kriegstribunen, falls er darum anhielte, nicht fehlschlagen könne, machten sie ihm diese durch Aufstellung eines consularischen Wahltages unmöglich. 54. Zu Consuln wurden gewählt Cneus Cornelius Cossus und zum zweitenmale Lucius Furius Medullinus. Noch nie hatte es den Bürgerstand so verdrossen, daß man ihn keine Kriegstribunen hatte wählen lassen. Seinen Schmerz offenbarte er bei der Quästornwahl und rächte ihn zugleich dadurch, daß er jetzt zum erstenmale bürgerliche Quästorn wählte; so daß unter vier zu Erwählenden nur für Einen Adlichen, den Cäso Fabius Ambustus, eine Stelle blieb, und drei vom Bürgerstande, Quintus Silius, Publius Älius, Publius Pupius, den jungen Männern der angesehensten Geschlechter vorgezogen wurden. Diese so freimüthige Stimmengebung des Volks bewirkten, wie ich finde, Icilier, da aus ihrem gegen die Väter so feindseligen Stamme auf dies Jahr drei zu Bürgertribunen gewählt waren, welche dem ohnehin schon höchst begierigen Volke eine Menge von Aussichten auf viele und wichtige Veranstaltungen vorspiegelten, und dabei versicherten, sie würden von dem Allen nichts in Vorschlag bringen, wenn das Volk auch nicht einmal bei der Quästorenwahl, der einzigen, die der Senat zur gemischten Anstellung von Bürgerlichen und Adlichen dem Bürgerstande übriggelassen habe, Muth genug hätte, sich zu dem zu erheben, was es sich schon so lange gewünscht habe und wozu es durch Gesetze berechtigt sei. Folglich fand der Bürgerstand hierin einen großen Sieg, und er schätzte die errungene Quästur nicht nach dem Werthe des Amtes selbst, sondern glaubte, dadurch dem Bürgeradel den Zutritt zum Consulate und zu Triumphen geöffnet zu sehen. Bei den Vätern hingegen wurde der Unwille so laut, als hätten sie nicht bloß Andre an den Ehrenstellen Theil nehmen lassen, sondern diese ganz verloren. «Wenn es so zugehen solle,» sagten sie, «so müsse man keine Kinder erziehen, weil diese, vom Platze ihrer Ahnen verdrängt, Andre im Besitze ihrer Würde sehen, und zu weiter nichts hinterlassen würden, als daß sie als Salier und Eigenpriester für das Volk opferten, ohne alle 390 Befehlshaberstellen und Amtsmacht.» Da beide Parteien gereizt waren, der Bürgerstand sich selbst zu hohen Gedanken gestimmt und aus einer durch Vertheidigung des Volks so berühmten Familie drei Führer hatte; so suchten die Väter, welche vorhersehen konnten, daß jeder Wahltag, an welchem die Bürger aus beiden Ständen wählen dürften, ein Gegenstück zu dem quästorischen geben werde, eine Consulnwahl zu bewirken: die Icilier hingegen behaupteten, man müsse Kriegstribunen wählen und endlich einmal Bürgerliche an den Statsämtern Theil nehmen lassen. 55. Es trat aber keine consularische Verhandlung ein, durch deren Behinderung sie ihre Absicht hätten erzwingen können, bis endlich, wie gerufen, die Nachricht einlief, die Volsker und Äquer wären ausgerückt, um im Gebiete der Latiner und Herniker zu plündern. Als nun die Consuln vermöge eines Senatsschlusses für diesen Krieg zur Werbung schritten, widersetzten sich die Tribunen aus allen Kräften, sogar mit dem Geständnisse, daß das Glück ihnen und dem Bürgerstande entgegenkomme. Es waren ihrer drei, lauter unternehmende Männer, und unter den Bürgerlichen gehörte ihre Familie schon zu den höheren. Zwei von ihnen machten es sich zum angelegentlichen Geschäfte, Jeder mit Einem Consul, ihn nicht aus der Acht zu lassen, und Einer hatte die Bestimmung, durch öffentliche Reden die Bürger theils zu beschäftigen, theils zu erregen. Die Consuln brachten so wenig die Werbung, als die Tribunen den bezweckten Wahltag zu Stande. Endlich, weil sich das Glück auf die Seite der Bürger neigte, kamen Nachrichten, während sich die Besatzung der Carventanischen Burg zum Plündern verlaufen habe, hätten die Äquer die schwach besetzte Wache niedergemacht und die Burg genommen. Die Besatzung sei theils auf ihrem Rückzuge zur Burg, theils in der Zerstreuung auf dem Lande zusammengehauen. Dieser dem State widrige Vorfall gab der Forderung der Tribunen neue Stärke. Denn da sie nach allen vergeblichen Zumuthungen, doch jetzt endlich von der Verhinderung des Krieges abzustehen, weder dem Sturme, der das Ganze bedrohete, noch den für sie selbst 391 daraus erwachsenden Vorwürfen nachgaben; so setzten sie es durch, daß nach einem Senatsschlusse Kriegstribunen gewählt werden sollten, doch machte man es darin zur ausdrücklichen Bedingung, daß keiner in Betracht käme, der in diesem Jahre Bürgertribun gewesen sei, noch irgend ein Bürgertribun auf ein neues Jahr wieder gewählt würde; wodurch der Senat ganz offenbar die Icilier bezeichnete, auf die er den Verdacht fallen ließ, als hätten sie sich für ihr aufrührisches Tribunat mit einem Consulate belohnen lassen wollen. Nun hielt man Werbung und stellte unter Beistimmung aller Stände Kriegsrüstungen an. Ob beide Consuln gegen die Carventanische Burg auszogen, oder ob der eine zur Haltung des Wahltages zurückgeblieben sei, läßt der Widerspruch der Schriftsteller ungewiß. Als gewiß kann man annehmen, worin sie nicht von einander abweichen, daß man von der Carventanischen Burg nach langer vergeblicher Belagerung abzog, daß eben dies Heer Verrugo im Volskerlande wieder eroberte Daß die Römer Verrugo (im Volskerlande an der Äquischen Gränze) zur Festung machten, sagt Livius oben Cap. 1. Wann es ihnen wieder genommen sei, finden wir nicht. In unsrer Stelle erobern sie es wieder. , das Äquer- und Volskergebiet verheerte und große Beute machte. 56. Zu Rom gab der Erfolg des Wahltages, so wie die Bürger darin siegten, daß der ihnen wünschenswerthe Wahltag gehalten werden mußte, den Vätern den Sieg: denn gegen alle Erwartung wurden Kriegstribunen mit consularischer Gewalt lauter Patricier, Cajus Julius Iulus, Publius Cornelius Cossus, Cajus Servilius Ahala . Man sagt den Patriciern einen angewandten Kunstgriff nach, dessen auch damals die Icilier sie beschuldigten: sie hätten mit den würdigen einen Schwarm unwürdiger Bewerber auftreten lassen und durch die bei einigen auffallende Unrechtlichkeit die bürgerlichen alle dem Volke zuwider gemacht. Darauf hörte man das Gerücht, die Volsker und Äquer, welche entweder die Behauptung der Carventanischen Burg mit Hoffnung, oder der Verlust der Besatzung von 392 Verrugo mit Rache beseelt habe, wären mit ihrer gesamten Macht zum Kriege aufgestanden: an der Spitze des Ganzen standen die Antiaten; ihre Gesandten hatten die Stämme beider Hauptvölker bereiset und ihnen ihre Unthätigkeit vorgeworfen, «weil sie im vorigen Jahre hinter ihren Mauem versteckt die plündernden Römer in ihrem Lande hätten umherstreifen und die Besatzung von Verrugo überrumpeln lassen: nicht bloß bewaffnete Heere, sogar Pflanzungen würden ihnen schon ins Land geschickt, und die Römer theilten sich nicht nur selbst in ihr Eigenthum, sondern hätten auch das ihnen abgenommene Ferentinum den Hernikern geschenkt.» Da sie hiedurch zum Unwillen entflammt wurden, so ließ sich, wohin sie kamen, eine Menge Dienstfähiger anwerben. Die Mannschaft der sämtlichen Völkerstämme zog sich nach Antium zusammen, schlug dort ein Lager auf und erwartete den Feind. Als man dies mit beunruhigenden Übertreibungen in Rom meldete, befahl der Senat sogleich, was sonst nur in bedrängten Umständen das letzte Mittel war, einen Dictator zu ernennen. Dadurch sollen sich Julius und Cornelius beleidigt gefunden und die Sache selbst einen hitzigen Streit veranlaßt haben: denn die Ersten der Väter, die sich vergeblich darüber beklagten, daß sich die Kriegstribunen dem Gutachten des Senats nicht fügen wollten, sprachen zuletzt sogar die Hülfe der Bürgertribunen an und beriefen sich auf Beispiele, wo diese Macht in ähnlichem Falle auch gegen Consuln zwangsweise verfahren sei: die Bürgertribunen hingegen, denen die Uneinigkeit der Väter Freude machte, versicherten: «Leute, die nicht als Bürger, nicht einmal als Menschen angesehen würden, wären auch außer Stande zu helfen. Wann einmal die Ämter mit Gliedern beider Stände besetzt und ihnen an der Regierung Antheil gestattet sein würde, dann würden sie darauf achten, daß nie ein Senatsschluß durch den Übermuth der Beamteten unkräftig gemacht werde: bis dahin möchten die Patricier, die sich über alle Achtung für Gesetze und Obrigkeiten wegsetzten, dem Geschäfte des Tribunats sich selbst unterziehen.» 393 57. Dieser Streit beschäftigte die Aufmerksamkeit der Väter, da sie einen so wichtigen Krieg zu beschicken hatten, sehr zur ungelegenen Zeit; bis der Kriegstribun Servilius Ahala, als Julius und Cornelius einer um den andern in langen Reden aus einander gesetzt hatten, «wie unbillig, es sei, das vom Volke ihnen übertragene Amt ihnen zu entreißen, da sie doch selbst zu Feldherren in diesem Kriege vollkommen tauglich wären;» sich endlich so erklärte: «Er habe bis jetzt geschwiegen, nicht, weil er unschlüssig gewesen sei; – denn welcher redliche Bürger schließe sich mit seinen eignen Maßregeln von den das Statswohl bezweckenden aus? – sondern weil er gewünscht habe, seine Amtsgenossen möchten sich lieber aus eignem Entschlusse dem Gutachten des Senats unterwerfen, als das Tribunenamt gegen sich in Anspruch nehmen lassen. Sogar jetzt würde er ihnen, wenn es die Umstände erlaubten, gern Zeit gelassen haben, ihre zu hartnäckige Erklärung zurückzunehmen: da aber der Drang des Krieges nicht so lange warte, bis Menschen sich besönnen, so solle ihm das allgemeine Beste mehr gelten, als das Wohlwollen seiner Amtsgenossen; und wenn der Senat bei seiner Meinung beharre, wolle er in der nächsten Nacht den Dictator ernennen, und, falls etwa eine Einsage keinen Senatsbefehl zu Stande kommen ließe, sich durch das bloße Gutachten für hinlänglich berechtigt halten.» Außerdem daß er dadurch verdiente Lobeserhebungen und Danksagungen von Allen erntete, gewährte er, nach Ernennung des Publius Cornelius Es ist schon nach Livius Darstellung unwahrscheinlich, daß dieser Dictator Publius Cornelius mit dem unartigen Kriegstribun dieses Jahres einerlei Person sei. Weil aber in den Registern zum Livius (selbst im Drakenborchischen) aus drei Personen, die den Namen Publius Cornelius führen, Eine gemacht wird, so bemerke ich aus Pighius, daß zum Dictator, von 394 dem er selbst wieder zum Magister Equitum gewählt wurde, wenn man ihn mit seinen Amtsgenossen verglich, den Beweis, daß Einfluß und Ehre nicht selten dem entgegen kommen, der sie am wenigsten sucht. Der Krieg war nicht erheblich. Bei Antium wurden die Feinde in einem einzigen, noch dazu leichten, Treffen geschlagen. Das siegreiche Heer plünderte das Land der Volsker aus. Eine kleine Festung am See Fucinus wurde mit Sturm erobert und dreitausend darin zu Gefangenen gemacht; denn die übrigen Volsker waren in ihre Städte zurückgetrieben und ließen ihr Land unvertheidigt. Der Dictator, der den Krieg so geführt hatte, daß man nur nicht sagen konnte, er habe die Gelegenheiten unbenutzt gelassen, kehrte größer durch zugefallenes Glück als durch erworbenen Ruhm in die Stadt zurück und legte sein Amt nieder. Die Kriegstribunen, ohne einer Consulnwahl auch nur zu erwähnen – ich glaube, aus Verdruß über die Anstellung des Dictators – kündigten einen Versammlungstag zur Wahl von Kriegstribunen an. Um so viel größer war die Sorge, welche die Väter ergriff, da sie ihre Sache von ihren eignen Mitgliedern verrathen sahen. So wie sie nun im vorigen Jahre durch die unwürdigsten bürgerlichen Bewerber einen Ekel auch vor den würdigen zu erregen gewußt hatten, so verschafften sie sich diesmal dadurch, daß sie die Adlichen von vorzüglichem Glanze und Einflusse zur Bewerbung aufboten, die sämtlichen Plätze, so daß kein Bürgerlicher dazu gelangte. Es wurden vier gewählt, welche sämtlich diese Stelle schon bekleidet hatten, Lucius Furius Medullinus, Cajus Valerius Potitus, Numerius Fabius Vibulanus, Cajus Servilius Ahala . Diesen ließ man als Wiedergewählten sein Amt behalten, theils wegen seiner übrigen Verdienste, theils aber, weil er sich so eben durch seine vorzügliche Mäßigung beliebt gemacht hatte. 58. Weil in diesem Jahre die Zeit des Waffenstillstandes mit dem Vejentischen Volke abgelaufen war, so verlangte man durch Gesandte und Bundespriester 395 Genugthuung, denen aber bei ihrer Ankunft an der Gränze eine Gesandschaft der Vejenter mit der Bitte entgegenkam, nicht eher nach Veji zu gehen, bis sie selbst bei dem Römischen Senate vorgelassen sei. Und vom Senate erhielt sie es, daß die Genugthuung jetzt nicht gefordert werden solle, weil die Vejenter durch innerliche Unruhen litten: so weit war man davon entfernt, von dem Unglücke Anderer für sich selbst Gebrauch zu machen. Im Volskerlande hingegen erlitt man einen Verlust durch die eingebüßte Besatzung von Verrugo. Hier hing Alles so sehr von der Zeit ab, daß das Hülfsheer, welches die dort von den Volskern belagerten Krieger auf ihre Bitte um Entsatz hätte retten können, wenn man es eiliger abgeschickt hätte, bloß dazu anlangte, die Feinde, als sie sich vom frischen Gemetzel auf Plünderung verliefen, zu überfallen. Die Schuld des Zögerns lag nicht sowohl an den Kriegstribunen, als am Senate, welcher über die Nachricht, daß sich die Besatzung aufs äußerste vertheidige, zu bedenken vergaß, daß auch die höchste Tapferkeit das Maß menschlicher Kräfte nicht übersteigen könne. Doch hatten jene Tapfern nicht allein ihr Leben theuer verkauft, sondern auch ihr Tod blieb nicht ohne Rache. Im folgenden Jahre, in welchem die beiden Cornelius Cossus, der eine mit Vornamen Publius, der andre Cneus, Numerius Fabius Ambustus und Lucius Valerius Potitus Kriegstribunen mit Consulgewalt waren, kam der Vejentische Krieg zum Ausbruche, weil der Vejentische Senat den Genugthuung fordernden Gesandten die übermüthige Antwort geben ließ, wofern sie nicht sogleich Stadt und Land räumten, wolle man ihnen dasselbe geben, was Lars Tolumnius Den Tod nämlich. S. oben Cap. 17. gegeben habe. Die Väter, hierüber unwillig, befahlen den Kriegstribunen auf eine Kriegserklärung gegen die Vejenter je eher je lieber beim Volke anzutragen. Kaum wurde dies bekannt gemacht, so riefen die Dienstfähigen laut: «Der Krieg mit den Volskern sei noch nicht abgethan; noch 396 neulich waren zwei Besatzungen zusammengehauen, und die Behauptung Verrugo war nach dem vorigen Cap. wieder gewonnen. Auch muß nach unserer Stelle die Carventanische Burg, vor der die Römer Cap. 55. abzogen, indeß von ihnen wieder erobert sein. Crevier . Vielleicht aber stand hier früher: modo duo præsidia occidione occisa, et cum periculo retineri alterum; (scil. Verruginem). Eine Handschrift nämlich hat hinter dem Worte retineri noch den Zusatz domum . Sollte dies aus alterum entstanden sein? Wenigstens fiele doch der von Crev . gemachte Vorwurf weg: additis verbis et cum periculo retineri indicatur, arcem Carventanam receptam esse, quod tamen nusquam memoratum est. In den übrigen Mse. konnte alterum darum wegfallen, weil man, wenn man hinter retineri absetzte, in alterum nullum annum keinen Sinn fand. jener Plätze sei nicht ohne Gefahr. Kein Jahr gehe ohne Schlacht vorüber; und gleich als habe man noch nicht Noth genug, schaffe man sich einen Krieg mit einem benachbarten, vorzüglich mächtigen, Volke, welches ganz Hetrurien aufwiegeln werde.» So sprachen sie schon von selbst. Noch mehr setzten die Bürgertribunen sie in Feuer durch die Behauptungen, «daß die Väter den Krieg eigentlich mit dem Bürgerstande führten; diesen stellten sie geflissentlich gegen den Feind, um ihn im Kriegsdienste zerplagen und niederhauen zu lassen: sie hielten ihn weit von der Stadt und schickten ihn in die Ferne, damit er nie zu Hause in Ruhe, seiner Freiheit und der Aussendungen in Pflanzstädte eingedenk, weder den Besitz der Statsländereien, noch eine freie Stimmengebung einleiten könne.» Und wenn sie dann den Veteranen die Hände drückten, zählten sie jedem seine Dienstjahre, Wunden und Narben auf, und fragten: «Wie viel wundenfreie Stellen sie zum Empfange neuer Wunden an ihrem Körper aufweisen könnten? wie viel Blut sie noch übrig hätten, um es dem State darzubringen? » Als sie durch diese in Gesprächen und öffentlichen Reden wiederholten Vorstellungen den Bürgerstand zur Übernahme des Krieges unwillig gemacht hatten, so setzten die Väter den Zeitpunkt, mit dem Vorschlage aufzutreten, weiter aus, weil er, wie sie offenbar sahen, verworfen werden mußte, wenn man ihn dieser widrigen Stimmung preisgegeben hätte. 59. Nach einem Beschlusse mußten unterdeß die 397 Kriegstribunen mit dem Heere ins Volskische ausziehen. Cneus Cornelius blieb allein in Rom. Die drei Tribunen, als sie sahen, daß die Volsker nirgendwo ein Lager hätten und sich auch zur Schlacht nicht stellen würden, zogen in drei Abtheilungen zur Verheerung des Landes aus. Valerius ging auf Antium, Cornelius gegen Eceträ: wohin sie kamen, plünderten sie Häuser und Felder weit und breit, um die Volsker zu trennen. Denn Fabius rückte, welches eigentlich die Hauptabsicht war, zum Angriffe auf Anxur ohne alle Plünderung vor. Die ehemalige Stadt Anxur, jetzt Tarracinä, senkt sich von einer Höhe gegen die Sümpfe Dies sind die bekannten Pomptinischen Sümpfe. ; von dieser Seite drohete Fabius anzugreifen. Allein unter dem Cajus Servilius Ahala wurden vier Cohorten herumgeschickt, welche den über die Stadt ragenden Hügel besetzten und von dem höheren Standorte mit großem Geschreie und Getümmel die Mauern, die hier unbesetzt waren, erstiegen. Durch dies Getümmel stutzig gemacht ließen die, welche gegen den Fabius die untere Stadt vertheidigten, ihm Zeit, die Leitern anzubringen: und sogleich war Alles mit Feinden erfüllt, und ein daurendes unmenschliches Gemetzel traf Fliehende und Standhaltende, Bewaffnete und Wehrlose ohne Unterschied. Schon sahen sich also die Besiegten, weil ihnen, wenn sie wichen, keine Hoffnung übrig blieb, zur Erneurung des Gefechts gezwungen; als plötzlich durch den Ausruf, daß man nur gegen Bewaffnete Gewalt brauchen solle, die ganze übrige Menge sich die Waffen freiwillig entwinden ließ, und an zweitausend fünfhundert Gefangene gemacht wurden. Von der übrigen Beute hielt Fabius die Soldaten so lange zurück, bis seine Amtsgenossen dazu kämen, weil nach seiner Äußerung Anxur auch von jenen Heeren erobert sei, welche die übrigen Volsker von der Behauptung des Platzes abgezogen hatten. Als sie eintrafen, plünderten alle drei Heere die bei langem Glücke reich gewordene Stadt; und diese Willfährigkeit von Seiten der Feldherren machte den Anfang zur Versöhnung des Bürgerstandes mit 398 den Vätern. Hiermit verbanden die Großen in einem Zeitpunkte, der nicht erwünschter hätte sein können, die neue Wohlthat für den großen Haufen, daß der Senat, ehe noch der Bürgerstand oder seine Tribunen der Sache erwähnten, den Befehl gab, der Krieger solle vom State einen Sold zu empfangen haben, da bis dahin jeder die Kosten des Dienstes aus seinen Mitteln getragen hatte. 60. Nie sollen die Bürgerlichen eine Wohlthat mit so großer Freude aufgenommen haben. Sie liefen bei dem Rathhause zusammen, drückten den Herausgehenden die Hände, sagten ihnen, sie hießen mit Wahrheit Väter, und gestanden, sie hätten dadurch bewirkt, daß niemand, so lange er noch irgend Kräfte habe, einem so wohlthätigen Vaterlande seine Person oder sein Blut versagen werde. Außerdem, daß es ihnen sehr vortheilhaft war, ihr Vermögen wenigstens so lange unbelastet zu wissen, als ihre Person Eigenthum des States und für ihn in Arbeit war, machte vorzüglich dies die Freude vielfach und den Werth der Wohlthat so viel größer, daß man ihnen damit entgegengekommen war, und niemals weder die Bürgertribunen darauf angetragen, noch sie selbst unter einander diese Forderung mündlich geäußert hatten. Die Bürgertribunen, welche an der gemeinschaftlichen Freude und Eintracht der Stände allein keinen Theil hatten, behaupteten: «Dies werde weder den Vätern so erfreulich, noch für Ich lese mit Crevier: Tam id lætum Patribus, nec universis cet. Alle so gedeihlich sein, als sie selbst glaubten. Der Plan sei dem ersten Anscheine nach besser gewesen, als er sich in der Ausübung zeigen werde. Woher man dies Geld zusammenbringen wolle, wenn man nicht dem Volke eine Steuer auflege? Man sei also von fremdem Eigenthume freigebig gewesen. Und gesetzt, die Übrigen nähmen diese Last auf sich, so würden sich doch die, deren Dienstjahre schon abgelaufen waren, nicht gefallen lassen, daß Andre im Dienste besser stehen sollten, als sie gestanden hatten, und daß sie, nachdem sie die Kosten ihrer eignen Felddienste getragen hätten, sie 399 nun auch für Andre tragen sollten.» Auf einen Theil der Bürger machten sie durch diese Reden Eindruck. Zuletzt, als die Steuer schon angesagt war, erboten sich die Tribunen sogar durch eine öffentliche Bekanntmachung zum Beistande für Jeden, der zum Solde der Krieger nicht beitragen würde. Die Väter aber setzten das gut angefangene Werk mit Standhaftigkeit fort. Sie selbst lieferten die Beiträge zuerst, und weil man noch kein geprägtes Silber hatte, so erregte der Beitrag von Manchen, die ihre pfündigen Kupferasse auf Wagen zur Schatzkammer fahren ließen, sogar Aufsehen. Nachdem der Senat mit größter Gewissenhaftigkeit nach seinem Vermögen beigetragen hatte, so kamen auch die Vornehmsten des Bürgerstandes, als Freunde der Adlichen, vermöge ihrer Zusage, mit ihren Lieferungen. Und als die gemeinen Leute sahen, daß diese von den Vätern gepriesen, und vom Soldatenstande als gute Bürger betrachtet wurden, so fingen sie, mit Verzichtleistung auf alle tribunicische Hülfe, auf einmal an, mit einander in ihren Beitragen zu wetteifern. Und da jetzt die vorgeschlagene Kriegserklärung gegen die Vejenter durchging, so führten die neuen mit Consulgewalt bekleideten Kriegstribunen, ein Heer von großentheils Freiwilligen vor Veji . 61. Diese Tribunen waren aber Titus Quinctius Capitolinus, Quintus Quinctius Cincinnatus, Cajus Julius Iulus zum zweitenmale, Aulus Manlius, Lucius Furius Medullinus zum drittenmale, Manius Ämilius Mamercinus . Sie waren die ersten, die Veji einschlossen; und da sich um die Zeit der angefangenen Belagerung die Völkerschaften Hetruriens sehr zahlreich bei dem Heiligthume der Voltumna versammelt hatten, so konnten sie nicht eins werden, ob sie die Vejenter durch einen allgemeinen Krieg ihres Gesamtvolkes unterstützen sollten, oder nicht. Im folgenden Jahre ging die Belagerung weniger rasch, weil ein Theil der Tribunen und des Heeres zum Volskerkriege abgerufen wurde. Dieses Jahr hatte zu Kriegstribunen mit Consulgewalt den Cajus Valerius Potitus zum drittenmale, den Manius 400 Sergius Fidenas, Publius Cornelius Maluginensis, Cneus Cornelius Cossus, Cäso Fabius Ambustus, Spurius Nautius Rutilus zum zweitenmale. Mit den Volskern kam es zwischen Ferentinum und Eceträ zu einer ordentlichen Schlacht. Sie fiel für die Römer glücklich aus. Darauf unternahmen die Tribunen die Belagerung der Volskischen Stadt Artena . Bei einem versuchten Ausfalle, in welchem die Römer den Feind in die Stadt zurückschlugen, gelang es ihnen hineinzudringen, und sie eroberten Alles bis auf die Burg. Ein Haufe Bewaffneter zog sich in die von der Natur befestigte Burg, unter derselben aber wurden eine Menge Menschen niedergehauen oder gefangen genommen. Nun wurde die Burg belagert, und konnte weder durch Sturm genommen werden, weil sie für ihre Größe stark genug besetzt war, noch ließ sie eine Übergabe hoffen, weil alle öffentlichen Vorräthe, noch ehe die Stadt erobert wurde, hieher geschafft waren. Aus Überdruß würden die Römer abgezogen sein, hätte ihnen nicht ein Sklave die Festung verrathen. Die Soldaten, denen er zu einer schroffen Stelle heranhalf, erstiegen die Burg, und als sie die Wache niederhieben, vermochte die Betäubung des unerwarteten Schreckens die übrigen, sich zu ergeben. Als die Burg und Stadt Artena zerstört war, wurden die Legionen aus dem Volskischen abgeführt und die ganze Römische Macht wandte sich gegen Veji . Dem Verräther gab man außer der Freiheit noch die Güter zweier Familien zur Belohnung. Sein Name wurde Servius Romanus . Einige glauben, Artena habe den Vejentern, nicht den Volskern, gehört. Der Irrthum rührt daher, daß eine Stadt dieses Namens zwischen Cäre und Veji gelegen hat, welche aber von den Römischen Königen zerstört wurde, und zu dem State von Cäre, nicht von Veji, gehörte. Die andre gleiches Namens, deren Zerstörung ich jetzt gemeldet habe, lag im Volskischen . Fünftes Buch. Vom Jahre Roms 352 – 465. 402 Inhalt des fünften Buchs. In der Belagerung von Veji werden von den Soldaten Winterhütten angelegt. Weil dies etwas Neues war, so führten die darüber unwilligen Bürgertribunen die Klage, daß man den Bürgern auch nicht einmal den Winter über Ruhe vom Kriegsdienste gestatte. Die Ritter fangen an, auf eignen Pferden zu dienen. Da der Albanische See ausgetreten war, so nimmt man den Feinden einen Wahrsager weg, welcher die Erscheinung deuten soll. Im zehnten Jahre der Belagerung erobert der Dictator Furius Camillus Veji: dem Apollo sendet er den zehnten Theil der Beute nach Delphi . Als Kriegstribun schickt er bei der Belagerung von Fulerii die ihm durch Verrätherei gelieferten Söhne der Feinde den Ältern zurück, und erwirbt sich, weil gleich darauf die Übergabe erfolgte, den Sieg über die Falisker durch seine Rechtschaffenheit. Da der eine von den Censorn, Cajus Julius, stirbt, wird an seine Stelle ein Andrer gewählt, Marcus Cornelius . Dies that man niemals wieder, weil in diesen fünf Jahren Rom von den Galliern erobert war. Furius Camillus, den der Bürgertribun Lucius Apulejus auf einen Klagetag vorlud, geht ins Elend. Da die Senonischen Gallier Clusium belagerten, und die Gesandten, welche der Senat zur Vermittelung eines Friedens zwischen ihnen und den Clusinern hinschickte, in der Linie der Clusiner zum Gefechte mit den Galliern auftreten, so ziehen die dadurch gereizten Senonen als Feinde gegen Rom, schlagen die Römer am Flusse Allia, erobern die Stadt, das Capitol ausgenommen, in welches sich die Mannschaft geworfen hatte, und ermorden die Greise, welche sich, jeder in den Ehrenzeichen seiner verwalteten Statsämter, in den Vorhof ihrer Häuser gesetzt hatten. Sie ersteigen auf der Rückseite des Capitols die Höhe, werden aber, durch das Geschrei der Gänse entdeckt, hauptsächlich durch die Thätigkeit des Mamercus Manlius hinabgestürzt. Als endlich die Römer durch Hunger genöthigt sich dazu verstehen, tausend Pfund Goldes zu zahlen und für diesen Preis das Ende der Belagerung zu erkaufen, kommt während der Darwägung des Goldes der abwesend zum Dictator ernannte Furius Camillus mit einem Heere an, jagt die Gallier nach sechs Monaten aus der Stadt und haut sie zusammen. Dem Ajus Locutius wird ein Tempel auf der Stelle errichtet, wo man vor Eroberung der Stadt eine Stimme hatte rufen hören: Die Gallier kommen! Man spricht davon, weil die Stadt verbrannt und zerstört sei, müsse man nach Veji ziehen; allein Camillus vereitelt diesen Plan. Auf das Volk machten auch die bedeutungsvollen Worte eines Hauptmannes Eindruck, der an der Spitze seiner Schar, als sie auf dem Markte ankam, ausrief: « Halt, Soldaten! hier ist zum Bleiben der beste Platz! » 403 Fünftes Buch. 1. Auf allen andern Seiten war der Friede errungen: nur die Römer und Vejenter standen in den Waffen, mit so viel Erbitterung und Haß gegen einander, daß sich schon jetzt die Vertilgung der Besiegten vorhersehen ließ. Auf ihrem Wahltage schlugen beide Völker einen ganz verschiedenen Weg ein. Die Römer vermehrten die Zahl ihrer Kriegstribunen mit Consulgewalt. Es wurden acht gewählt, – so viele hatte man noch nie gehabt; – Manius Ämilius Mamercinus zum zweitenmale, Lucius Valerius Potitus zum drittenmale, Appius Claudius Crassus, Marcus Quinctilius Varus, Lucius Julius Iulus, Marcus Postumius, Marcus Furius Camillus, Marcus Postumius Albinus . Die Vejenter hingegen, der jährlichen Bewerbung müde, welche öfters Veranlassung zu Streitigkeiten gab, wählten einen König. Dadurch beleidigten sie die Völkerschaften Hetruriens, die nicht sowohl das Königthum haßten, als den König selbst. Er hatte schon früher das Gesamtvolk seinen Reichthum und Übermuth fühlen lassen, als er die Feierlichkeit ihrer Spiele, deren Unterbrechung die Religion verbeut, eigenmächtig gestört hatte: denn als ihm die Stimmenwahl der zwölf Völkerschaften einen Andern in Besetzung eines Priesteramtes vorzog, nahm er, aus Verdruß über seine Zurücksetzung, unerwartet die Schauspieler, welche großentheils seine Leibeigenen waren, mitten aus dem Spiele weg. Das Gesamtvolk also, welches vor allen andern Völkern so viel mehr auf seine heiligen Gebräuche hielt, weil es in der Kunst, sie zu begehen, Meister war, faßte den Schluß ab, den Vejentern, so lange sie unter dem Könige standen, die Hülfe zu versagen. Zu Veji wurde das Gerücht von diesem Beschlusse aus Furcht vor dem Könige unterdrückt, weil er jeden auf die 404 Anzeige, so etwas gesagt zu haben, als Haupt einer Empörung, nicht als Nachsager eines unbedeutenden Geschwätzes, angesehen haben würde. Die Römer erfuhren zwar, daß in Hetrurien Alles ruhig bliebe; weil es indessen hieß, man berathe sich über diesen Gegenstand in jeder Versammlung, so legten sie ihre Verschanzungen so an, daß sie auf zwei Seiten Bollwerke hatten; die Einen der Stadt zugekehrt und gegen die Ausfälle der Belagerten; die Andern, gegen Hetrurien zu, machten eine Linie zum Empfange jedes Entsatzes, der von dort heranziehen könnte. 2. Da sich die Römischen Feldherren mehr von einer Einschließung, als von der Bestürmung versprachen, so wurden, für den Römischen Soldaten etwas ganz Neues, Winterhütten angelegt, um den Krieg in einem Winterfeldzuge fortzusetzen. Kaum erfuhren dies zu Rom die Bürgertribunen, die schon lange keinen Vorwand zu neuen Unruhen fanden, als sie in die Versammlung stürzten und die Bürger in Bewegung setzten, indem sie ihnen vorstellten: «Das sei nun die Frucht davon, daß man dem Krieger einen Sold festgesetzt habe. Sie hätten es vorhergesehen, daß dies Geschenk aus feindlichen Händen in Gift getaucht sein würde. Die Freiheit des Bürgerstandes sei verkauft. Die Mannschaft, auf ewig entfernt, und von der Stadt und öffentlichen Verhandlungen verwiesen, dürfe sich jetzt nicht einmal vor dem Winter oder vor der Jahrszeit bergen, und ihre Häuser und Habe wiedersehen. Was für eine Absicht sie in der Verlängerung des Kriegsdienstes zu entdecken glaubten? Sie würden sicher keine andre finden, als die, nur ihre Vortheile nicht bei der Vollzahl der jungen Männer, auf denen die ganze Stärke des Bürgerstandes beruhe, zur Sprache kommen zu lassen. Außerdem würden diese gequält und weit härter gedrückt, als die Vejenter: denn diese brächten doch den Winter in ihren Häusern zu, während vortreffliche Mauern und natürliche Lage ihrer Stadt ihnen Sicherheit gäben; der Römische Soldat hingegen müsse bei Arbeit und Mühseligkeit, in Schnee und Reif vergraben, unter Fellen ausdauern, ohne einmal während des Winters, wenn alle 405 Land- und Seekriege ruheten, die Waffen abzulegen. So weit hätten weder die Könige, noch jene vor Einführung der tribunicischen Gewalt so übermüthigen Consuln, noch das furchtbare Machtgebot eines Dictators, so weit hätten die frechen Decemvirn die Sklaverei nicht getrieben, daß sie einen ewigen Kriegsdienst eingeführt hätten, eine Tyrannei, welche bloße Kriegstribunen gegen den Römischen Bürgerstand ausübten. Wie die als Consuln oder Dictatoren verfahren würden, die sich unter dem Schattenbilde einer consularischen Stellvertretung so viele Härte und Grausamkeit erlaubt hätten? Allein dem Volke geschehe hierin gerade Recht. Denn nicht einmal unter acht Kriegstribunen habe ein einziger Bürgerlicher sein Plätzchen gefunden. Vorher hätten die Patricier alle Kräfte aufbieten müssen, nur die gewöhnlichen drei Stellen zu besetzen. Jetzt aber rennten sie schon als ein achtspänniger Zug in die zu besetzenden Statsämter, und in einem solchen Schwarme finde sich nicht einmal als Anhang ein einziger Bürgerlicher, der, wenn er auch zu nichts weiter tauge, doch seine Amtsgenossen erinnern könne, daß ihre Soldaten freie Männer und Mitbürger, nicht aber Sklaven, wären, daß man sie zum wenigsten im Winter unter Dach und Fach zurückbringen und ihnen doch Eine Zeit im Jahre gestatten müsse, Ältern, Kinder und Gattinnen wiederzusehen, ihre Freiheit zu genießen und Obrigkeiten zu wählen.» Mit diesen und ähnlichen ungestümen Äußerungen trafen sie auf einen Gegner, der ihnen gewachsen war, den von seinen Amtsgenossen zur Dämpfung tribunicischer Unruhen zurückgelassenen Appius Claudius, einen Mann, dem die Lust zum Kampfe mit den Bürgerlichen in früher Jugend eingeflößt war, der vor mehrern Jahren, wie ich angeführt habe Vor zwölf Jahren. S. Buch IV. Cap. 48. , den Rath gab, die tribunicische Gewalt durch die Einsage ihrer eignen Mitglieder zu entkräften. 3. Jetzt hielt er, nicht bloß als der fähige Kopf, sondern auch als der geübte Gegner, folgende Rede. «Hat es 406 je darüber Zweifel gegeben, ihr Quiriten, ob die Bürgertribunen eures oder ihres eignen Vortheils wegen die beständigen Stifter der Unruhen waren, so weiß ich gewiß, daß dies seit diesem Jahre nicht länger zweifelhaft sein kann. Ich freue mich allerdings, daß endlich einmal eurem langen Irrthume ein Ziel gesetzt ist; vorzüglich aber wünsche ich euch, und eurer wegen dem State Glück, daß ihr gerade unter begünstigenden Umständen diesen Irrthum getilgt sehet. Sollte es einen Menschen geben, dem es zweifelhaft sein könnte, ob die Bürgertribunen je über euch zugefügte Beleidigungen, wenn es deren einst gegeben hat, so erbittert und aufgebracht gewesen sind, als über die dem Bürgerstande von den Vätern erzeigte Wohlthat, da sie den Kriegern einen Sold festsetzten? Was glaubt ihr, was sonst haben sie damals gefürchtet, was sonst möchten sie heute lieber stören, als die Eintracht der Stände, die sie für das wirksamste Mittel halten, ihre tribunicische Gewalt unkräftig zu machen? So suchen sie wahrlich, als unredliche Handwerker, sich nur immer zu thun zu machen; wünschen immer am State etwas schadhaft zu finden, damit es nie an Etwas fehle, zu dessen Heilung sie von euch gezogen werden müßten, Denn sagt, ihr Tribunen; vertheidigt oder bestreitet ihr den Bürgerstand? seid ihr die Gegner der im Felde stehenden, oder führt ihr ihre Sache? Es müßte denn sein, daß ihr sagtet: Die Väter mögen thun, was sie wollen, so hat es unser Misfallen; mag es zum Besten des Bürgerstandes, oder zu seinem Nachtheile sein . «Und so wie ein Hausherr seinen Sklaven gebietet, mit andern Leuten kein Verkehr zu haben, und von diesen billig verlangt, daß sie jenen weder Gutes noch Leides thun sollen; so untersagt ihr den Vätern alle Annäherung zum Bürgerstande: wir sollen ihn weder durch Güte und Freigebigkeit von unserer Seite auffordern, noch der Bürgerstand uns Folgsamkeit und Gehorsam beweisen. Ich bitte euch, wäre es nicht weit eher eure Pflicht – wenn nämlich bei euch noch das Mindeste, ich will nicht sagen, von Bürgersinn, sondern von Menschlichkeit, zu 407 finden wäre, – dieser Milde der Väter und dieser Gefälligkeit der Bürger euch zu freuen und sie nach euren besten Kräften zu befördern? Denn wer würde sich, wenn diese Eintracht dauernd wäre, nicht dreist dafür verbürgen, daß unser Stat in Kurzem unter allen benachbarten der größte werden müsse?» 4. «Wie nützlich nun nicht allein, sondern auch wie nothwendig die Maßregel meiner Amtsgenossen war, welche sie bestimmete, das Heer nicht unverrichteter Sache von Veji abzuführen, werde ich nachher aus einander setzen: jetzt will ich von der Lage der Dienenden selbst reden, Und ich glaube, wenn diese Rede nicht bloß vor euch, sondern sogar im Lager gehalten würde, sie müßte selbst nach dem Ausspruche des Heeres als wahr anerkannt werden können: und fände ich bei meinem Vortrage nicht in mir selbst, was ich sagen sollte, so brauchte ich mich nur an das zu halten, was meine Gegner vorgebracht haben. Sie sagten neulich, den Kriegern müsse kein Sold gegeben werden, weil er ihnen nie gegeben sei. Wie können sie nun darüber unwillig sein, daß denen, die einen neuen Zuwachs an Vortheilen bekommen, auch eine neue verhältnißmäßige Arbeit auferlegt wird? Es giebt nirgend Mühe ohne Ertrag, und eben so nicht leicht Ertrag ohne aufgewandte Mühe. Arbeit und Vergnügen, ihrer Natur nach mit einander im Widerspruche, sind durch ein gewisses natürliches Band wieder an einander geknüpft. Vorher fand es der Soldat lästig, mit eignem Aufwande dem State Dienste zu thun: aber dafür hatte er die Freude, einen Theil des Jahrs über, sein Land bestellen und sich Etwas erwerben zu können, wovon er zu Hause und im Felde sich und die Seinen erhalten konnte. Jetzt ist es ihm willkommen, vom State einen Erwerb zu haben, und freudig nimmt er seinen Sold in Empfang. So muß er es sich auch willig gefallen lassen, von seiner Heimat, von seinem Hauswesen, dem jetzt die Kosten nicht zur Last fallen, etwas länger entfernt zu sein. Sollte nicht der Stat, wenn er ihn zur Gegenrechnung aufforderte, mit Recht sagen können: Du 408 bekommst jährigen Sold; leiste jährigen Dienst. Oder findest du es billig, für halbjährigen Dienst, den vollen Sold hinzunehmen? Ungern verweile ich bei diesem Theile meiner Rede, ihr Quiriten; denn so müssen diejenigen handeln, welche Miethsoldaten halten: wir aber möchten gern wie zu unsern Mitbürgern reden, und finden es billig, daß man mit uns als mit dem Vaterlande spreche. Entweder mußten wir den Krieg nicht anfangen, oder er muß der Würde des Römischen Volks gemäß geführt und möglichst bald geendet werden. Er wird aber geendet werden, wenn wir den Belagerten zusetzen; wenn wir nicht eher abziehen, bis wir unsre Hoffnung durch die Eroberung von Veji gekrönt sehen. Bei Gott! wenn auch weiter nichts, so muß uns schon die Scham Beharrlichkeit auferlegen. Zehn Jahre lang belagerte einst das gesamte Griechenland eine Stadt, eines einzigen Weibes wegen: in welcher Entfernung von der Heimat! durch wie viele Länder und Meere geschieden! Und wir fänden es schon unbequem, diesseit des zwanzigsten Meilensteins, beinahe im Angesichte unsrer Vaterstadt eine Belagerung nur Ein Jahr fortzusetzen? Etwa, weil die Ursache zum Kriege nicht erheblich genug ist? und wir nicht den mindesten gerechten Schmerz empfinden, der unsre Beharrlichkeit spornen könnte? Siebenmal haben sie den Frieden gebrochen: nie haben sie ihn so gehalten, daß wir ihnen trauen konnten: tausendmal haben sie unser Land verheert, die Fidenaten zum Abfalle von uns gezwungen, unsre dortigen Anbauer erschlagen: sie waren es, die gegen alles Völkerrecht die frevelhafte Ermordung unsrer Gesandten anstifteten: schon längst war es ihre Absicht, ganz Hetrurien gegen uns in die Waffen zu bringen, und noch jetzt arbeiten sie daran. Wie viel fehlte noch, daß sie sich an unsern Genugthuung fordernden Gesandten vergriffen hätten?» 5. «Und mit einem solchen Volke sollen wir schonend und aufschubsweise Krieg führen? Wenn ein so gerechter Haß nichts über uns vermag; ich bitte euch, vermögen denn auch folgende Gründe nichts? Die Stadt 409 ist mit ungeheuren Werken umschanzt, durch welche der Feind in seine Mauern eingeschlossen ist. Sein Land hat er nicht bestellt; und was bestellt war, ist durch den Krieg verwüstet. Ziehen wir nun unser Heer zurück, wer kann denn noch daran zweifeln, daß jene nicht bloß auf Rachsucht, sondern durch die Noth gezwungen, auf fremdem Boden zu plündern, weil sie das Ihrige eingebüßt haben, in unser Land einfallen werden? Folglich wird der Krieg durch diese Maßregel nicht etwa verschoben, sondern wir nehmen ihn in unsre Gränzen auf.» «Wie aber? – und dies betrifft eigentlich die Soldaten selbst, für deren Bestes die gutherzigen Bürgertribunen, die ihnen neulich den Sold aus den Händen winden wollten, jetzt auf einmal so besorgt sind – wie steht es um diese? Sie haben ihren Wall und Graben, beides Werke von ungeheurer Arbeit, in einer so weiten Ausdehnung vollendet; haben Schanzen, anfangs in geringerer Anzahl, dann, nach Vermehrung des Heers, in Menge angelegt; haben ihren Werken eine Stirn nicht bloß gegen die Stadt gegeben, sondern auch nach Hetrurien hin, wenn etwa von dort ein Entsatz kommen sollte. Soll ich der Thürme, der Annäherungshütten, Sturmdächer und der übrigen bei einer Belagerung nöthigen Anstalten erwähnen? Da sie so viele Arbeit überstanden haben, und nun endlich zur Vollendung des Werks gediehen sind, was meint ihr? so sollten sie nun das Alles liegen lassen, um gegen den Sommer auf die von vorne beginnende Anlage neuen Schweiß zu wenden? Wie weit weniger kostet es doch, die angelegten Werke zu behaupten, darin fortzufahren, zu beharren und was man zu thun hat, abzuthun? Und wirklich ist es bald gethan, wenn es nur in Einem Gange fortgeht, und wir nicht durch Unterbrechungen und Zwischenzeiten unsre Hoffnung selbst verzögern.» «Doch ich rede hier von der Arbeit? vom Zeitverluste? Wie aber? gestatten uns denn die wiederholten Zusammenkünfte Hetruriens, die den Entsatz von Veji zum Zwecke haben, die Gefahr zu vergessen, der wir uns 410 durch Verlängerung des Krieges aussetzen? Wie jetzt die Sachen stehen, sind die Hetrusker gegen sie voll Zorn und Haß, schlagen ihnen alle Hülfsendung ab, und wenn es auf sie ankommt, mögen wir Veji erobern. Wer steht uns aber dafür, daß sie späterhin, wenn wir den Krieg aufschieben, eben so gesinnet sein werden; da vielleicht, wenn wir ihnen eine Zwischenzeit gönnen, größere und wiederholte Gesandschaften hingehen? da vielleicht der zu Veji angestellte König, woran sich jetzt die Hetrusker stoßen, nach einiger Zeit abgeschafft werden kann, entweder nach dem Gemeinwillen des Volks, um dadurch die Hetrusker wieder zu gewinnen, oder nach des Königs eignem Entschlusse, wenn er nicht will, daß die Rettung seiner Mitbürger durch sein Königthum gehindert werde?» «Sehet, wie mancherlei und wie schädliche Folgen aus dieser Maßregel entspringen; der Verlust aller so mühsam angelegten Werke; zu erwartende Verheerung unsres Landes, und statt des Vejentischen ein Hetruskerkrieg . Dies, ihr Tribunen, sind eure Anschläge: wahrhaftig gerade so, als wenn man einem Kranken, der sogleich genesen könnte, wenn er sich mit einiger Standhaftigkeit behandeln ließe, nur für dasmal eine Speise, einen Trunk bewilligen wollte, durch deren Genuß die Krankheit langwierig und vielleicht unheilbar würde.» 6. «Wenn es aber auch auf diesen Krieg nicht den mindesten Bezug hätte, so ist es doch, bei Gott! für die Kriegszucht von höchst wichtigem Einflusse, daß unser Soldat gewöhnt werde, nicht bloß den Sieg, der ihm entgegenkommt, sich gefallen zu lassen, sondern auch bei einem zögernden Gange der Dinge nicht zu ermüden, bei, noch so entfernter Aussicht das Ende zu erwarten, und sollte ein Krieg nicht gleich im Sommer geendigt sein, den Winter kommen zu lassen; nicht aber, wie die Sommervögel, sich schon im Herbste nach der Heimat und dem Rückzuge umzusehen. Ich bitte euch! die Neigung zur Jagd, und sein Vergnügen daran, treibt so Manchen durch Schnee und Reif in die Gebirge und Wälder: und 411 wir wollten bei dem Nothzwange des Krieges nicht die Standhaftigkeit zeigen, die eine bloße Lustbarkeit, ein Vergnügen so oft uns abgewinnt? Glauben wir denn, daß der Körper unsrer Soldaten so verzärtelt, ihr Muth so erschlafft sei, daß sie nicht Einen Winter im Lager ausdauern und von Haus entfernt sein können? daß sie, nicht anders, als hätten sie einen Seekrieg mit Benutzung des Wetters und Beachtung der Jahrszeit zu führen, weder Hitze noch Kälte ertragen könnten? Gewiß, erröthen würden sie, wenn ihnen jemand so etwas vorwürfe, und darauf bestehen, daß es ihrem Muthe und Körper noch nie an männlicher Ausdauer gefehlt habe; daß sie im Winter so gut, als im Sommer Kriege führen könnten; den Tribunen nicht aufgetragen hätten, Weichlichkeit und Trägheit in Schutz zu nehmen, und gerade durch dies tribunicische Amt daran erinnert würden, daß auch dieses ihre Vorfahren nicht im Zimmer, nicht unter einem Dache erworben hätten.» «So ist es der Tapferkeit eurer Krieger, so dem Römischen Namen anständig, daß wir nicht bloß Veji und den gegenwärtigen Krieg vor Augen haben, sondern uns auch für andre Kriege und bei andern Völkern auf die Zukunft einen Ruf erwerben. Oder glaubt ihr, daß die daraus erwachsende Meinung von uns so unbedeutend sei? «Wollt ihr etwa lieber, daß die Nachbarn in uns Römern ein Volk sehen, von dem auch nicht einmal eine Stadt etwas Weiteres zu fürchten habe, sobald sie nur den ersten schnell vorübergehenden Angriff abgeschlagen hat? oder soll der Schrecken unsres Namens darin bestehen, daß kein Überdruß einer langwierigen Bestürmung, keine Strenge des Winters ein Römisches Heer von einer einmal umschlossenen Stadt verscheuchen kann; daß es keinen andern Ausgang des Krieges kennt, als den Sieg, und in seinen Kriegen nicht bloß den muthigen Angriff, sondern auch Beharrlichkeit zeigt, die freilich in jeder Art des Kriegsdienstes, hauptsächlich aber bei Belagerungen nothwendig ist, da die meisten Städte, wären sie auch durch Werke und natürliche Lage unüberwindlich, die 412 bloße Zeit durch Hunger und Durst besiegt und erobert; so wie sie auch Veji erobern wird, wenn nicht die Bürgertribunen den Feinden Hülfe leisten, und die Vejenter Beistand in Rom finden, um den sie sich in Hetrurien vergeblich bemühen. Was könnte wohl den Vejentern erwünschter kommen, als eine allgemeine Empörung, zuerst in Rom, und dann, wie durch Ansteckung, auch im Lager? Dahingegen ist wahrhaftig das Betragen der Feinde so löblich, daß bei ihnen kein Überdruß der Belagerung, selbst nicht des Königthums, die mindesten Unruhen veranlasset, nicht die Versagung Hetruskischer Hülfe sie schwierig macht. Jeder Stifter eines Aufruhrs muß dort auf der Stelle sterben, und auch nicht Einer darf sich erlauben, das zu sagen, was bei euch ungestraft ein Jeder sagt. Wenn unser Soldat der Fahne entläuft, oder seinen Posten verläßt, so erwartet ihn die Strafe des Todtprügelns. Aber Leuten, die nicht etwa einen oder den andern Krieger, sondern ganze Heere auffordern, den Fahnen zu entlaufen und das Lager zu verlassen, hört man öffentlich in der Versammlung zu. So sehr seid ihr schon gewohnt, Alles, was ein Bürgertribun spricht, und würde Landesverrath und Auflösung des States dadurch bewirkt, mit Beifall anzuhören, und von den Reizen dieses Amtes bezaubert, lasset ihr jeden Frevel sich hinter ihm verstecken. Es fehlt weiter nichts, als daß sie eben dies, womit sie hier so laut sind, im Lager und bei den Soldaten vortragen, unsre Heere verführen und ihnen den Gehorsam gegen die Feldherren untersagen; weil das nun einmal in Rom Freiheit heißt, Senat, Obrigkeiten, Gesetze, Gebräuche unsrer Vorfahren, Einrichtungen unsrer Väter und Kriegszucht nicht weiter achten.» 7. Schon war Appius selbst in den Volksversammlungen den Bürgertribunen gewachsen, als ihm plötzlich ein Vorfall, von dem man es am wenigsten erwartet hätte, eine vor Veji erlittene Niederlage, in seiner Sache das Übergewicht gab, bei den Ständen eine größere Einigkeit, und den Eifer weckte, Veji so viel hartnäckiger zu belagern. Denn als der Belagerungswall bis an die Stadt 413 vorgerückt war und die Annäherungshütten sich beinahe schon an die Mauer lehnten, öffnete sich bei Nacht, als man die Werke nicht mit der Sorgfalt bewachte, mit der man sie bei Tage förderte, plötzlich ein Thor; eine zahlreiche Menge, größtentheils mit Fackeln bewaffnet, ließ allenthalben Feuer regnen, und in einer unglücklichen Stunde verschlang die Feuersbrunst den Belagerungsbau und die Annäherungshütten, das Werk einer so langen Zeit; und eine Menge Menschen, die umsonst zu retten suchten, fraß das Schwert, oder das Feuer. Wie diese Nachricht in Rom ankam, erregte sie Trauer bei Allen, bei dem Senate Besorgniß und Furcht, daß vollends nunmehr der Aufruhr sich weder in der Stadt, noch im Lager, werde zurückhalten lassen, und daß die Tribunen dem State als Sieger mitspielen würden; als unerwartet diejenigen, denen bei ihrem Rittervermögen kein Pferd vom State angewiesen war, vor dem Senate erschienen, und auf erhaltene Erlaubniß zu reden, sich erboten, sie wollten den Dienst auf eignen Pferden thun. Auf das ehrenvolleste stattete ihnen der Senat seinen Dank ab: das Gerücht drang auf den Markt und durch die Stadt, und plötzlich sammelte sich vor dem Rathhause eine Menge Bürger. «Nun sei die Reihe,» Ich lese mit Cuper, Duker und Stroth: Pedestris ordinis, aiunt, nunc esse, operam rei p. cet. Dann fällt das unnütze se, hinter ordinis, weg und geht ein weit passenderer Sinn hervor. sagten sie, «an dem Stande, der zu Fuß diene, dem State einen außerordentlichen Dienst anzutragen; man möge sie nun vor Veji, oder sonst wohin führen. Wenn man sie nach Veji führte, so wollten sie nicht zurückkommen, bis sie die feindliche Stadt erobert hätten.» Da konnte man sich im vollen Ausbruche der Freude kaum mäßigen. Man gab nicht etwa, wie bei den Rittern, den obrigkeitlichen Personen den Auftrag, ihnen zu danken; auch wurden sie ebenso wenig in das Rathhaus gerufen, um eine Antwort zu empfangen, als sich der Senat selbst durch die Schwelle des Rathhauses beschränken ließ; sondern von oben herab gab jeder mit Hand und Mund der 414 auf dem Platze stehenden Menge die allgemeine Freude zu erkennen. «Rom,» sagten sie, «sei bei einer solchen Eintracht glücklich, unüberwindlich, ewig.» Sie priesen die Ritter, priesen die Bürger, erhoben selbst den Tag mit Lobpreisungen; gestanden, man habe es der Güte und Wohlthätigkeit des Senats noch zuvorgethan. Vätern und Bürgern rannen Freudenthränen um die Wette, bis die Väter ins Rathhaus zurückgerufen und folgender Senatsschluß ausgefertigt wurde: «Die Kriegstribunen sollten sowohl denen, die zu Fuß, als denen, die zu Pferde dienten, vor einer berufenen Versammlung Dank abstatten, und sie versichern, daß der Senat ihrer Liebe zum Vaterlande eingedenk sein werde. Es solle aber Allen dieser außerordentliche Dienst, wozu sie sich freiwillig erboten hätten, in der Zahl ihrer Dienstjahre angerechnet werden.» Auch den Rittern wurde eine Zahl der Soldjahre festgesetzt. Dies war das erstemal, daß Ritter für Sold auf eignen Pferden Auch in dieser Zeile folge ich dem von Stroth eingeschalteten suis so wie in der vorigen seiner Erklärung. dienten. Dies vor Veji geführte Heer von Freiwilligen stellte nicht allein die verlornen Werke wieder her, sondern legte auch neue an. Und von Rom aus besorgte man ihm die Zufuhr viel angelegentlicher, als vorher, um es einem so wohlverdienten Heere in keinem Stücke an dem Erforderlichen fehlen zu lassen. 8. Das folgende Jahr hatte zu Kriegstribunen mit consularischer Macht den Cajus Servilius Ahala zum drittenmale, den Quintus Servilius, Lucius Virginius, Quintus Sulpicius, Aulus Manlius zum zweitenmale, Manius Sergius zum zweitenmale. Indeß unter ihrem Tribunate jedermann seine Sorge auf den Vejentischen Krieg richtete, wurden zu Anxur, wo man die Soldaten zu sorglos beurlaubt und Volskische Kaufleute ohne Unterschied aufgenommen hatte, die verrathenen Thorwachen plötzlich überfallen und die Besatzung überrumpelt. Der Soldaten fielen nur wenige, weil alle, bis auf die Kranken, nach 415 Marketender Art in den Dörfern und benachbarten Städten ihrem Handel nachgingen. Nicht besser ging es bei Veji, welches damals der Hauptgegenstand aller öffentlichen Sorgen war. Denn theils hegten die Römischen Feldherren mehr Haß gegen einander, als Muth gegen die Feinde: theils vergrößerte sich der Krieg durch die unvermuthete Ankunft der Capenaten und Falisker . Diese beiden Völkerschaften Hetruriens, die sich nach der Eroberung von Veji, weil sie ihrer Lage nach zunächst auf jenes folgten, auch zunächst einem Römischen Kriege ausgesetzt sahen; ja die Falisker noch insbesondere dadurch in Gefahr, daß sie sich schon früher in den Fidenatischen Krieg gemischt hatten; verbanden sich durch gegenseitige Gesandschaften eidlich, und rückten unvermuthet mit ihren Heeren vor Veji . Sie griffen das Lager gerade auf der Seite an, wo der Kriegstribun Manius Sergius den Oberbefehl hatte; und setzten Alles in Schrecken, weil die Römer glaubten, ganz Hetrurien aus seinen Sitzen emporgehoben, falle mit Riesenmacht über sie her. Eben diese Meinung setzte in der Stadt die Vejenter in Bewegung. So wurde das Römische Lager von zwei Seiten bestürmt, und die Römer konnten bei dem Hin- und Herlaufen – denn sie wandten ihre Waffen bald hier- bald dorthin – weder die Vejenter mit Nachdruck in ihre Mauern zurückweisen, noch den Sturm auf ihre eignen Werke abschlagen und sich gegen den äußeren Feind vertheidigen. Ihre einzige Hoffnung war, wenn man ihnen aus dem größeren Lager zu Hülfe käme, so daß die Legionen in entgegengesetzter Richtung, die einen gegen die Capenaten und Falisker föchten, die andern gegen den Ausfall der Belagerten. Allein in jenem Lager war Virginius Befehlshaber, und zwischen ihm und Sergius herrschte aus besondern Rücksichten gegenseitige Feindschaft. Als er die Nachricht erhielt, daß die Schanzen fast alle bestürmt, die Werke erstiegen würden, und der Feind von beiden Seiten eindringe, ließ er seine Leute unter den Waffen stehen bleiben, mit der Äußerung: «Wenn Hülfe nöthig sein sollte, würde sein Amtsgenoß es 416 ihn wissen lassen.» So wie er begrüßt sein wollte, so war jener hartnäckig genug, ehe er seinen Feind um Hülfe anspräche, sich lieber von den Feinden besiegen zu lassen, als durch seinen Mitbürger zu siegen. Das Gemetzel der in die Mitte genommenen dauerte lange. Endlich flohen sie, mit Hinterlassung ihrer Werke, in geringer Anzahl dem größern Lager zu, die meisten aber und Sergius selbst nach Rom; und da er hier alle Schuld auf seinen Amtsgenossen schob, beschloß man, den Virginius aus dem Lager abzurufen und dies so lange den Unterfeldherren anzuvertrauen. Nun wurde die Sache im Senate vorgenommen, und die Amtsgenossen wetteiferten gegen einander in Schmähungen. Nur Wenige stimmten für das allgemeine Beste; sondern, je nachdem jeden Privatgunst oder Einfluß in Beschlag genommen hatte, dieser für den Einen und jener für den Andern. 9. Die Vornehmsten der Väter erklärten sich endlich: «Diese so schimpfliche Niederlage möchte nun der Schuld der Feldherren beizumessen sein, oder ihrem Mangel an Glück, so müsse man die gesetzmäßige Zeit der Wahl nicht abwarten, sondern sogleich neue Kriegstribunen wählen, welche mit dem ersten October antreten sollten.» Da die Senatoren zu dieser Meinung übertraten, so hatten die übrigen Kriegstribunen nichts dagegen. Aber Sergius und Virginius, um derentwillen der Senat unläugbar mit den diesjährigen Tribunen unzufrieden war, verbaten sich zuerst die Beschimpfung, dann legten sie gegen den Senatsschluß eine Verwahrung ein und erklärten, sie würden vor dem dreizehnten December, dem zur Übernahme der Ämter bestimmten Tage, ihre Stelle nicht niederlegen. Jetzt wurden die Bürgertribunen, die bei der allgemeinen Eintracht und glücklichen Ruhe des Stats ungern geschwiegen hatten, auf einmal begeistert, und droheten den Tribunen, wofern sie sich nicht dem Gutachten des Senats fügten, sie ins Gefängniß führen zu lassen. Da sprach Cajus Servilius Ahala, der Kriegstribun: «Was euch betrifft, ihr Bürgertribunen, und eure Drohungen, so hätte ich in der That wohl Lust, den 417 Versuch zu machen, ob es um euer Recht zum Drohen nicht eben so schlecht stehen möchte, als um euren Muth. Allein es ist unerlaubt, sich dem Gutachten des Senats zu widersetzen. Gebt also den Plan auf, in unsern Streitigkeiten Gelegenheit zu Beleidigungen zu suchen; und was meine Amtsgenossen betrifft, so werden sie entweder thun, was der Senat für gut findet, oder ich werde sogleich einen Dictator ernennen, der sie zur Niederlegung ihres Amtes zwingen soll.» Da diese Rede allgemeinen Beifall fand, und die Väter erfreut waren, daß sich, ohne von den niedrigen Drohungen der Bürgertribunen Gebrauch zu machen, ein kräftigeres Mittel, Beamtete zu zügeln, gefunden habe; so schritten die einmüthig Überstimmten zur Wahl von Kriegstribunen, welche auf den ersten October das Amt antreten sollten, und legten ihr eignes vorher nieder. 10. Als Lucius Valerius Potitus zum vierten-, Marcus Furius Camillus zum zweiten-, Manius Ämilius Mamercinus zum dritten-, Cneus Cornelius Cossus zum zweitenmale, Cäso Fabius Ambustus und Lucius Julius Iulus Kriegstribunen mit Consulgewalt waren, begab sich vieles zu Hause und im Felde. Theils hatte man vielfachen Krieg, zu gleicher Zeit bei Veji, bei Capena, bei Falerii, und um den Feinden Anxur wieder abzunehmen, auch im Volskischen: theils hatte man in Rom Noth mit der Werbung sowohl, als mit Aufbringung der Steuer: theils gab es einen Streit über die Nachwahl einiger Bürgertribunen, theils verursachte die gerichtliche Anklage der Beiden, welche kurz vorher noch in consularischem Amte gewesen waren, keine geringe Bewegung. Die Kriegstribunen ließen es gleich ihr Erstes sein, eine Werbung anzustellen: und nicht bloß die Dienstpflichtigen wurden ausgehoben, sondern auch die älteren gezwungen, sich, zum Wachendienste in der Stadt, aufzeichnen zu lassen. Je mehr man nun die Zahl der Soldaten vergrößerte, desto mehr Geld hatte man zum Solde nöthig: und dies mußte durch die Steuer aufgebracht werden, welche die zu Hause bleibenden ungern entrichteten, weil sie 418 bei ihren Stadtwachen doch auch Soldatenarbeit verrichteten und im Dienste des States standen. War die Sache an sich schon drückend, so gaben ihr die Bürgertribunen dadurch einen noch ärgerlicheren Schein, daß sie in empörenden Reden die Beschuldigung vorbrachten: «Gerade dazu habe man den Kriegern einen Sold festgesetzt, um den einen Theil des Bürgerstandes im Dienste, den andern durch die Auflage zu Grunde zu richten. Einen einzigen Krieg schleppe man schon ins dritte Jahr hinüber und führe ihn geflissentlich schlecht, um ihn desto länger zu führen. Dann habe man in Einer Werbung zu vier Kriegen Heere aufgeboten, und Knaben sogar und Greise ausgehoben. Schon mache man zwischen Sommer und Winter keinen Unterschied mehr, um den geplagten Bürgern nie einige Ruhe zu gestatten, die man nun noch zu guter Letzt steuerpflichtig gemacht habe, um sie, wenn sie nun ihren durch Arbeit, Wunden und zuletzt vom Alter geschwächten Körper zurückbrächten, und zu Hause wegen des lange entbehrten Oberhaupts Alles schlecht bestellt fänden, dann noch von diesem zerrütteten Vermögen die Steuer zahlen, und den Sold, als hätten sie ihn um Zinsen empfangen, dem State vielfach erstatten zu lassen.» Während man mit der Werbung, Aufbringung der Steuer und der Besorgung wichtigerer Angelegenheit beschäftigt war, traf es sich, daß man bei einer neuen Wahl den Bürgertribunen nicht die Vollzähligkeit geben konnte: dann stritt man darüber, daß für die leeren Plätze Patricier nachgewählt werden sollten. Als dies nicht durchging, brachte man, um doch das Trebonische Man vergleiche Buch III. Cap. 65. bald nach dem Anfange mit Cap. 64 gegen das Ende. Gesetz zu entkräften, es dahin, daß aus dem Bürgerstande, unstreitig durch Einwirkung der Patricier, Cajus Lacerius und Marcus Acutius zu Tribunen nachgewählt wurden. 11. Es traf sich, daß in diesem Jahre Cneus Trebonius Bürgertribun war, der die Aufrechthaltung des Trebonischen Gesetzes seinem Namen und Geschlechte 419 schuldig zu sein glaubte. Unter lauten Klagen darüber, «Daß den Vorsatz einiger Väter, ob diese gleich mit dem ersten Versuche gescheitert wären, die Kriegstribunen dennoch durchgefochten hätten; daß man das Trebonische Gesetz umgestoßen, und Bürgertribunen nicht durch die Summen des Volks, sondern auf patricisches Machtgebot nachgewählt habe; daß es so weit gediehen sei, daß man entweder Patricier oder doch Anhänger der Patricier zu Bürgertribunen haben müsse; endlich daß die beschwornen Gesetze dem Volke entrissen, das Tribunenamt ihm entwunden würde» – suchte er zu erhärten, daß an dem Allen die List der Patricier, und die Bosheit und Verrätherei seiner Amtsgenossen Schuld sei. Da nun nicht bloß die Väter, sondern auch die Bürgertribunen, die Nachgewählten sowohl, als die Nachwähler, allen Haß auf sich fallen sahen, so machten sich drei von den Tribunen, Publius Curiatius, Marcus Metilius und Marcus Minucius, um sich selbst aus der Verlegenheit zu helfen, an den Sergius und Virginius, diese Kriegstribunen des vorigen Jahres, und leiteten durch eine Anklage vor Gericht die Unzufriedenheit und den Haß der Bürger von sich ab auf jene. Sie erklärten: «Allen, welche sich durch die Werbung, durch die Auflage, durch den langwierigen Kriegsdienst, durch die Entfernung des Kriegsschauplatzes gedrückt fühlten; welchen die vor Veji erlittene Niederlage empfindlich sei; welche durch den Verlust ihrer Kinder, Brüder, Stammgenossen und Verwandten in Haustrauer versetzt wären; allen diesen hätten sie nun das Recht und die Gelegenheit verschafft, ihren Schmerz über das Unglück des Stats und der Ihrigen an den beiden Schuldigen zu rächen. Denn die Schuld von allem dem Übel treffe den Sergius und Virginius; und dies rüge der Kläger nicht ernstlicher, als die Beklagten es eingeständen, welche, obgleich beide schuldig, die Schuld einer auf den andern schöben, indem Virginius dem Sergius seine feige Flucht vorwerfe, Sergius aber dem Virginius, daß er ihn im Stiche gelassen habe. Ihre Sinnlosigkeit sei so unglaublich, 420 daß es vielmehr wahrscheinlich werde, man sei dabei nach einer Verabredung, nach einem gemeinschaftlichen Bubenstücke aller Patricier, zu Werke gegangen. Diese hätten, um den Krieg zu verlängern, sowohl vorher den Vejentern die Verbrennung der Werke gestattet, als jetzt das Heer verrathen und das Römische Lager den Faliskern preisgegeben. Dies geschehe alles, um die Jünglinge vor Veji veralten zu lassen, und die Tribunen zu hindern, daß sie weder über Ländereien noch andere Vortheile des Bürgerstandes einen Vortrag an das Volk thun, durch die Volksmenge in der Stadt ihren Verhandlungen eine Würde geben, und der Verschwörung der Patricier Widerstand leisten, könnten. Vorläufig habe gegen die Beklagten theils schon der Senat gesprochen, theils das Römische Volk, theils ihre eignen Amtsgenossen. Denn einmal wären sie durch einen Senatsschluß der Statsverwaltung entsetzt; dann, als sie nicht hätten abdanken wollen, von ihren Amtsgenossen mit einem Dictator geschreckt; und das Römische Volk habe Kriegstribunen gewählt, welche nicht am dreizehnten December, dem gewöhnlichen Tage, sondern sogleich, am ersten October ihr Amt hätten antreten müssen, weil der Stat, wenn solche Leute im Amte geblieben wären, nicht länger habe bestehen können. Durch so viele Urtheile schon vernichtet und zum voraus verdammt stellten sie sich gleichwohl dem Volksgerichte dar, und glaubten damit abzukommen und gestraft genug zu sein, daß sie zwei Monate früher amtlos gemacht wären, ohne zu begreifen, daß ihnen damals bloß die Macht, länger zu schaden, entrissen, allein keine Strafe auferlegt sei: denn auch ihren Amtsgenossen sei ja die Statsgewalt abgenommen, die wenigstens nichts verbrochen hätten. Die Quiriten möchten sich in jene Stimmung zurücksetzen, in der sie unmittelbar nach der erlittenen Niederlage gewesen wären, als sie das Heer in der Bestürzung der Flucht, voll Wunden und Angst zu den Thoren hatten hereinfallen sehen, wie es Klagen, nicht über sein Geschick, noch irgend einen der Götter, sondern über diese Anführer 421 erhoben habe. Sie wären überzeugt, daß niemand in der Versammlung dastehe, der nicht die Person, die Familie und alles Eigenthum des Lucius Virginius und Manius Sergius an jenem Tage verflucht und verabscheuet habe. Es würde höchst ungereimt sein, wenn sie gegen die, über welche Jeder den Zorn der Götter herabgeflehet habe, von ihrer erlaubten und pflichtmäßigen Gewalt nicht Gebrauch machen wollten. Die Götter legten nie selbst Hand an die Verbrecher: es sei genug, wenn sie die Gekränkten mit der Gelegenheit zur Rache waffneten.» 12. Durch solche Reden erbittert verdammte der Bürgerstand die Beklagten, jeden zu einer Strafe von Zu 310 Gulden Conventionsgeldes. zehntausend schweren Kupferassen, indeß Sergius vergeblich das wechselnde Kriegsglück und das Schicksal anklagte, und Virginius in die Bitte ausbrach, man möge ihn doch im Frieden nicht unglücklicher werden lassen, als er im Felde gewesen sei. Die Richtung, die dem Zorne des Volks auf die Männer gegeben wurde, ließ die Nachwahl der Tribunen und die gegen das Trebonische Gesetz gebrauchte List im Dunkel der Vergessenheit ruhen. Die Tribunen, welche als Sieger die Bürger für ihren Richterspruch gleich auf der Stelle belohnen wollten, brachten öffentlich Landvertheilungen in Vorschlag und untersagten die Aufbringung der Steuer, da doch für so viele Heere Sold nöthig war, und die Angelegenheiten im Felde in so weit glücklich genug gingen, außer daß man in keinem einzigen Kriege das gehoffte Ziel erreichte. Denn vor Veji wurde das verlorne Lager wieder erobert und durch Schanzen und Posten verstärkt. Hier hatten die Kriegstribunen Manius Ämilius und Cäso Fabius den Oberbefehl. Marcus Furius fand im Faliskerlande, und Cneus Cornelius im Capenatischen die Feinde nirgend außerhalb ihrer Festungen. Sie machten also Beute und verheerten die Gegend durch Niederbrennung der Landhäuser und Feldfrüchte. An die Städte machten sie sich weder Ich lese mit Aldus, Gronov und Crevier: Oppida nec oppugnata, nec etc. In Rücksicht der eritischen Gründe gesteht Drakenborch seine Ungewißheit, und läßt uns also freie Hand. Daß aber Camillus hier Feldherr ist, lässet vermuthen, daß er nicht vergebliche Stürme auf diese Städte gewagt haben werde. Würde man ihn noch, vor seiner Verbannung, zweimal wiedergewählt haben, wenn er hier so schlechtes Glück gehabt hätte? im 422 Sturme, noch als Belagerer. Im Volskerlande hingegen wurde nach Verheerung ihres Gebiets das hoch gelegene Anxur vergeblich angegriffen, und, weil der Sturm fruchtlos war, durch Wall und Graben eingeschlossen. Der Feldherr, dem das Los den Volskischen Krieg beschieden hatte, war Valerius Potitus . Bei diesem Zustande der kriegerischen Angelegenheiten brach ein Aufruhr im Innern aus, der mit größerer Heftigkeit, als die Kriege, betrieben wurde. Und da die Tribunen die Zusammenbringung der Steuer verhinderten und den Feldherren kein Sold überschickt wurde, der Soldat aber seine Löhnung forderte, so war es nahe daran, daß der Einfluß der empörten Stadt auch das Lager zerrüttet hätte. Ob aber gleich die Tribunen dem Bürgerstande bei dieser seiner Erbitterung gegen die Väter vorstellten, daß jetzt die Zeit da sei, der Freiheit Festigkeit zu geben und das höchste Statsamt von einem Sergius und Virginius auf brave und tüchtige Männer aus dem Bürgerstande zu verlegen; so gingen die Bürger doch nicht weiter, als daß sie einen einzigen Bürgerlichen, um von ihrem Rechte Gebrauch zu machen, den Publius Licinius Calvus zu einem Kriegstribun mit Consulgewalt ernannten: die übrigen wählten sie aus den Patriciern, den Publius Mänius, Lucius Titinius, Publius Mälius , Lucius Furius Medullinus, Lucius Publilius Volscus . Der Bürgerstand selbst wunderte sich, so viel erlangt zu haben, nicht der allein, den man gewählt hatte, ein Mann, der nie vorher ein Amt bekleidete, aber lange im Senate saß und schon bei Jahren war. Auch ist man nicht darüber eins, warum man gerade ihm zuerst und hauptsächlich die neue Ehre zu kosten gab. Einige glauben, der Einfluß seines Halbbruders Cneus Cornelius, der im vorigen Jahre Kriegstribun gewesen war und den Sold für die 423 Ritter auf das Dreifache erhöhet hatte, habe ihn zu dieser so hohen Ehre erhoben: Andre, er selbst habe zu rechter Zeit den Ständen die Eintracht in einer Rede empfohlen, die den Beifall der Väter und der Bürger gehabt habe. Frohlockend über diesen Sieg auf dem Wahltage ließen die Bürgertribunen in dem Punkte, der das Wohl des Stats am meisten behinderte, in Ansehung der Steuer nach: man brachte sie willig zusammen und überschickte sie dem Heere. 13. Anxur im Volskerlande wurde bald wieder erobert, weil an einem Feste die Wachen der Stadt vernachlässigt waren. Dies Jahr wurde merkwürdig durch einen so kalten Winter mit so vielem Schnee, daß die Wege gesperrt und die Tiber unschiffbar waren. Allein bei den angefahrnen Vorräthen änderte sich der Kornpreis nicht. Weil sich Publius Licinius in dem Amte, das er ohne zu lärmen, mehr zur Freude der Bürgerlichen, als mit Unwillen der Väter, bekommen hatte, auch eben so benahm, so wandelte die Bürger die Lust an, bei der nächsten Kriegstribunenwahl Bürgerliche zu wählen. Ein einziger patricischer Bewerber, Marcus Veturius, bekam einen Platz: zu den übrigen Kriegstribunen mit Consulgewalt ernannten fast alle Centurien Bürgerliche, den Marcus Pomponius, den Cajus Duilius, Volero Publilius, Cneus Genucius, Lucius Atilius . Auf den harten Winter folgte, entweder durch die unmilde Witterung, welche sich zu schnell in das Gegentheil umsetzte, oder aus einer andern Ursache, ein drückender und Allem, was lebte, ungesunder Sommer: und da man von dem unabwendbaren Dahinsterben weder Ursache noch Ende sah, so mußten auf Befehl des Senats die Sibyllinischen Bücher zu Rathe gezogen werden. Die Zweiherren des Gottesdienstes bewarben sich durch ein Göttermahl – das erste in Rom gehaltene – acht Tage lang um die Gnade des Apollo und der Latona, der Diana und des Herkules, des Mercurius und Neptunus Da die sechs Götter auf drei Polsterbetten standen, und Drakenborch und Stroth für die Vertheilung nach Paren (nach B. XXII. C. 10. ) gestimmt sind, so folge ich der Handschrift bei Drakenborch, welche das et vor Dianam wegläßt, und lese: Apollinem Latonamque, Dianam et Herculem, Mercurium atque Neptunum. , welche in drei 424 für die damalige Zeit auf das prachtvollste gepolsterten Speisebetten aufgestellt wurden. Auch in Privathäusern beging man diese heilige Feier. Wie es heißt, nahm man in der ganzen Stadt bei offen stehenden Hausthüren, vor denen man Bedürfnisse aller Art zu Jedermanns Gebrauche öffentlich ausgelegt hatte, Bekannte, und unbekannte Fremde ohne Unterschied als Gaste auf; man ließ sich mit seinen Feinden gütig und freundlich ins Gespräch ein, vermied jeden Zank und Rechtsstreit, nahm auch den Gefangenen für diese Tage die Bande ab, und machte sich nachher ein Gewissen daraus, diejenigen wieder zu fesseln, welcher sich die Götter selbst angenommen hätten. Indeß vervielfältigte sich vor Veji die Gefahr dadurch, daß sich drei Kriege in Einen zusammenzogen. Denn da die Capenaten und Falisker unerwartet zum Entsatze anrückten, so begann wieder eben so, wie das vorigemal, auf beiden Seiten der Belagerungswerke ein hartnäckiger Kampf gegen drei Feinde. Die Erinnerung an die Verurtheilung des Sergius und Virginius that hier besonders das Ihrige. Ihr zufolge fiel sogleich aus dem größeren Lager, wo man das vorigemal so saumselig war, ein Kohr, das einen kurzen Umweg nahm, den Capenaten bei ihrem Sturme auf den Römischen Wall in den Rücken. Dieser Anfang der Schlacht setzte die Falisker in Schrecken, und in dieser Bestürzung jagte sie ein zu rechter Zeit angebrachter Ausfall aus dem Lager selbst, in die Flucht. Die Sieger, die den Geschlagenen nachsetzten, hieben ihrer eine Menge nieder, und gleich nachher trafen sie bei ihren Verheerungen im Capenatischen auf den der Schlacht entronnenen Rest, als würde er ihnen vorgeführt, und vertilgten ihn. Auch die Vejenter verloren bei ihrem flüchtigen Rückzuge in die Stadt viele Leute an den Thoren, weil sie aus Furcht, die Römer möchten zugleich mit eindringen, die 425 Thorflügel zuwarfen und die Letzten der Ihrigen ausschlossen. 14. Dies waren die Thaten dieses Jahrs. Schon nahete der Tag der Kriegstribunenwahl heran, die den Vätern beinahe mehr Sorge machte, als der Krieg: denn sie sahen ja, daß sie die höchste Gewalt nicht bloß mit dem Bürgerstande getheilt, sondern beinahe verloren hatten. Ob sie also gleich die angesehensten Männer, welche man zu übergehen sich schämen müßte, durch Verabredung aufgeboten hatten, sich um das Amt zu bewerben; so zogen sie gleichwohl, um auch für ihre Person nichts unversucht zu lassen, als bewürben sie sich sämtlich, nicht Menschen allein, sondern auch die Götter in ihren Bund, indem sie die Wahlen der beiden letzten Jahre zu einer Sache des Himmels machten. «Im ersten Jahre sei ein unerträglicher Winter eingetreten, den man nur mit der Andeutung göttlicher Strafgerichte vergleichen könne. Im letzten sei nicht als bloße Andeutung, sondern schon als Erfolg, eine Seuche über Stadt und Land ausgebrochen, unläugbar durch den Zorn der Götter, da man selbst in den Büchern der Schicksale gefunden habe, daß man sie, wenn sie die Pest abwenden sollten, versöhnen müsse. Die Götter hätten mit Misfallen bemerkt, daß auf den Wahlen, über welche man doch die Vögel befrage, die Ämter an Jedermann gegeben und die Abgränzungen der Familien zerrüttet würden.» Das Volk, außer dem Eindrucke, den die Würde der Bewerber machte, von frommer Angst erschüttert, wählte zu Kriegstribunen mit Consulgewalt lauter Patricier, großentheils solche, die schon mehrmals die höchsten Stellen bekleidet hatten, den Lucius Valerius Potitus zum fünftenmale, den Marcus Valerius Maximus, den Marcus Furius Camillus zum dritten-, Lucius Furius Medullinus zum dritten-, Quintus Servilius Fidenas zum zweiten-, Quintus Sulpicius Camerinus zum zweitenmale. Unter diesen Tribunen fiel bei Veji nichts besonders Merkwürdiges vor. Die ganze Thätigkeit zeigte sich in Plünderungen. Die beiden höchsten Feldherren, Potitus und Camillus, trieben große Beute zusammen, 426 jener im Gebiete von Falerii, dieser von Capena, und ließen nichts verschont, was nur vom Feuer oder Schwerte leiden konnte. 15. Unterdeß wurden viele Schreckzeichen gemeldet, von denen man die meisten nicht sonderlich glaubte oder achtete, theils weil sie von Einzelnen berichtet wurden, theils weil man bei dem Kriege mit den Hetruskern keine Opferschauer hatte, durch welche man sie hätte abwenden lassen können. Eins aber erregte allgemeine Besorgniß, daß nämlich der See im Albanerwalde ohne alle Regengüsse, oder sonst einen Grund, der der Sache das Wunderbare genommen hätte, zu einer ungewöhnlichen Höhe stieg. Was die Götter durch dieses Zeichen andeuten möchten, dies zu erfragen, schickte man Gesandte an das Delphische Orakel: allein durch die Fügung des Schicksals mußte sich ein näherer Ausleger finden, ein betagter Vejenter, der gegen die auf den Posten und Wachen sich neckenden Römischen und Hetruskischen Soldaten im Tone eines Propheten verkündigte: «Ehe nicht aus dem Albanischen See das Wasser abgelassen sei, werde der Römer Veji nie gewinnen.» Anfangs achtete man dies, als nur so hingeworfen, gar nicht: dann wurde darüber herumgesprochen; bis endlich einer vom Römischen Vorposten bei dem nächsten von den Belagerten sich erkundigte, – denn die Langwierigkeit des Krieges gestattete gegenseitige Unterredungen; – wer denn der sei, der sich so räthselhaft über den Albaner See äußere; und auf die Nachricht, er sei ein Opferschauer, da er selbst gegen göttliche Dinge nicht gleichgültig war, den Propheten unter dem Vorwande, er werde ihn, falls er sich darauf einlassen wollte, über ein ihm selbst gewordenes Wunderzeichen zu Rathe ziehen, zu einer Zusammenkunft herauslockte. Als sich nun beide wehrlos und ohne alles Mistrauen etwas weiter von den Ihrigen entfernt hatten, faßte der kraftvolle junge Römer den schwachen Greis vor aller Augen auf, und trug ihn unter vergeblichem Lärmen der Hetrusker zu den Seinigen hinüber. Vor den Feldherrn geführt, und dann nach Rom an 427 den Senat geschickt, gab dieser auf die Frage, wie das zu verstehen sei, was er vom Albanersee geweissagt habe, zur Antwort: «Ganz gewiß müßten die Götter an jenem Tage auf das Vejentische Volk ungnädig gewesen sein, an dem sie ihm die Stimmung gegeben hätten, die beschlossene Zerstörung seiner Vaterstadt kund zu thun. Was er also damals, von göttlicher Begeisterung getrieben, geweissagt habe, das könne er theils durch keinen Widerruf ungesagt machen, theils würde er vielleicht durch Verschweigung dessen, was die unsterblichen Götter kundgethan wissen wollten, eine nicht geringere Sünde auf sich laden, als wenn er das zu Verschweigende aussagte. So also laute die Überlieferung in den Büchern der Schicksale und in der Hetruskischen Lehre: Wann einst das Albanische Wasser zu hoch würde, und der Römer es gehörig ableitete, dann sei ihm der Sieg über die Vejenter beschieden: bevor dies nicht geschehe, würden die Götter die Mauern der Vejenter nicht verlassen.» Und nun setzte er aus einander, wie die Ableitung gehörig anzustellen sei. Da aber die Väter sein Wort für zu unwichtig und in einer so bedeutenden Angelegenheit für zu unsicher hielten, so beschlossen sie, die Gesandten und den Ausspruch des Pythischen Orakels abzuwarten. 16. Ehe aber die Statsboten von Delphi zurückkamen und man die Sühnmittel zur Berichtigung des Albanischen Wunderzeichens kennen lernte, kamen neue Kriegstribunen mit Consulgewalt ins Amt, Lucius Julius Iulus  (2), Lucius Furius Medullinus zum viertenmale, Lucius Sergius Fidenas, Aulus Postumius Regillensis, Publius Cornelius Maluginensis  (2), Aulus Manlius  (3) Weil Livius hier bei dem Einen hinzusetzt, zum viertenmale; so habe ich durch die im Texte eingeschlossenen Zahlen, die entweder von Livius selbst, oder von seinen Abschreibern ausgelassene Angabe, wie oft jeder dieser Männer das Amt schon bekleidet hatte, bemerkt. . In diesem Jahre traten die Tarquinienser als neue Feinde auf. Weil sie sahen, daß die Römer mit so vielen gleichzeitigen Kriegen beschäftigt waren; gegen die 428 Volsker bei Anxur, wo diese die Besatzung eingeschlossen hielten; gegen die Äquer bei Lavici, – hier bestürmten diese die Römische Pflanzstadt, und außer dem Vejentischen Kriege mit dem gegen die Falisker und Capenaten; und daß in der Stadt selbst durch die Streitigkeiten der Väter und Bürger die Geschäfte nicht weniger gestört würden: so ließen sie einige leichte Cohorten zum Plündern in das Römische Gebiet einrücken, in der Voraussetzung, daß jetzt der beste Zeitpunkt zum Angriffe sei. Denn entweder würden die Römer dies Unrecht ungeahndet lassen, um sich nicht mit einem neuen Kriege zu belasten, oder es nur mit einem kleinen, mithin zu sclwachen, Heere rächen wollen. Die Römer erfüllte die Tarquiniensische Plünderung mehr mit Unwillen, als Besorgniß. Darum machten sie weder große Anstalten dagegen, noch verschoben sie die Sache länger. Aulus Postumius und Lucius Julius boten eine Mannschaft auf, nicht durch förmliche Aushebung; denn diese verhinderten die Bürgertribunen; sondern beinahe aus lauter Freiwilligen, denen sie durch ihre Ermunterungen Lust gemacht hatten, zogen auf Querwegen durch das Gebiet von Cäre, überfielen die von ihren Plünderungen zurückkehrenden und mit Beute schwer beladenen Tarquinienser, hieben eine große Menge nieder, nahmen allen ihr Gepäck, und kehrten mit dem wiedergewonnenen Raube ihres eignen Landes nach Rom zurück. Zwei Tage wurden den Eigenthümern bewilligt, das Ihrige herauszufinden: was niemand anerkannte – dies war aber meistens feindliches Eigenthum – wurde am dritten unter einem aufgepflanzten Spieße verkauft, und der Ertrag unter die Soldaten vertheilt. Der Ausgang der übrigen Kriege, vorzüglich des Vejentischen, blieb noch ungewiß. Ohne von menschlicher Macht etwas weiter zu erwarten, richteten die Römer ihren Blick auf die Schicksale und die Götter: da kamen die Gesandten von Delphi mit dem Ausspruche des Orakels zurück, der mit der Antwort des gefangenen Propheten übereinstimmete: 429 «Römer, das Albanerwasser darf der See nicht länger fassen; es darf auch nicht in seinem Strome in das Meer hinüberrinnen. Laß es die Gefilde netzen, über die du es durch Kunst verleitest: und tilg es, in Bäche zertheilt. Dann steig du kühn die Mauern der Feinde hinan, wohl wissend, daß dir über diese Stadt, die du seit Jahren schon umschließest, laut dieser jetzt enthüllten Sprüche der Sieg beschieden sei. Nach Endigung des Krieges sollst du Sieger ein herrliches Geschenk zu meinen Tempeln bringen; und väterlichen Gottesdienst, den du versäumtest, neu geweiht, nach seiner Weise verrichten.» 17. Nun bekam der gefangene Prophet ein großes Ansehen, und die Kriegstribunen Cornelius und Postumius nahmen ihn zur Besorgung des Albanischen Wunderzeichens und gültigen Aussöhnung der Götter in Rath. Auch fand man endlich, in welchem Stücke die Götter über vernachlässigten Gottesdienst und unterlassene Gebräuche zu klagen hatten: es sei gewiß nichts anders, als daß die fehlerhaft gewählten Obrigkeiten die Latinischen Feiertage und das Opfer auf dem Albanischen Berge nicht gehörig hätten ansetzen können. Das einzige Söhnungsmittel für alles dies bestehe darin, daß die Kriegstribunen ihr Amt niederlegten, das Recht der Vögelbefragung erneuert, und eine Zwischenregierung eingeschaltet würde. Dies Alles wurde nach einem Senatsschlusse vollzogen. Es folgten nach einander drei Zwischenkönige, Lucius Valerius, Quintus Servilius Fidenas, Marcus Furius Camillus . Dabei hörten die Unruhen niemals auf, weil die Bürgertribunen die Wahlen untersagten, bis man darüber eins sei, daß der größere Theil der Kriegstribunen aus dem Bürgerstande gewählt werden solle. Indessen versammelte sich Hetrurien bei dem Heiligthume der Voltumna; und den Capenaten und Faliskern wurde auf ihren Antrag, daß die sämtlichen Völkerschaften Hetruriens, Eines Sinns und Eines Planes zum Entsatze von Veji wirken möchten, die Antwort gegeben: «Sie hätten das schon früher den Vejentern abgeschlagen, weil diese da, wo sie in einer so wichtigen Sache keinen 430 Rath verlangt hätten, auch keine Hülfe suchen dürften. Und jetzt mache diese Hülfsleistung für ihren Theil ihr Verhältniß gerade auf dieser Seite Hetruriens unmöglich. Ein nie gesehenes Volk, die Gallier, wären ihre neuen Nachbarn, mit denen sie weder sichern Frieden, noch ausgemachten Krieg hätten: so viel aber wollten sie dem gemeinschaftlichen Blute und Namen und der dringenden Gefahr ihrer Verwandten nachgeben, daß sie von ihren jungen Leuten niemand abhalten wollten, als Freiwilliger diesen Krieg mitzumachen.» Und nun sagte das Gerücht in Rom, daß diese sich in großer Anzahl als Feinde gestellt hätten: und, wie gewöhnlich, bekamen bei der allgemeinen Gefahr die innern Unruhen eine mildere Stimmung. 18. Die Väter hörten es nicht ungern, daß die erste Centurie den Publius Licinius Calvus ohne sein Gesuch zum Kriegstribun bestimmt habe, einen Mann, dessen Mäßigung sie bei seiner vorigen Amtsführung kennen gelernt hatten, der aber schon hochbejahrt war: und man sah, es würden alle seine damaligen Amtsgenossen der Reihe nach wieder gewählt werden, Lucius Titinius  (2), Publius Mänius  (2), Publius Mälius  (2), Cneus Genucius  (2), Lucius Atilius  (2). Ehe aber ihre Namen den in der Reihe stimmenden Bezirken angezeigt wurden, trat Publius Licinius Calvus mit Erlaubniß des Zwischenkönigs auf und sprach: «Ich sehe, ihr Quiriten, ihr sucht in der Erneurung des Andenkens an unser Amt für das folgende Jahr eine Vorbedeutung der Eintracht, dieser vorzüglich zu jetziger Zeit so heilsamen Tugend. Wenn ihr meine Amtsgenossen wieder wählt, so werdet ihr an ihnen Männer haben, die auch an Erfahrung gewannen: in mir aber seht ihr nicht mehr denselben, nur noch den übrig gebliebenen Schatten vom Publius Licinius, nur noch den Namen; denn meine Körperkraft ist geschwächt, die Sinne des Gesichts und Gehörs stumpf, das Gedächtniß untreu, die Munterkeit des Geistes gelähmt. Aber hier– so fuhr er fort und faßte seines Sohnes Hand – hier zeige ich euch einen jungen Mann, das Ebenbild und den Abdruck 431 dessen, den ihr ehemals den ersten Kriegstribun vom Bürgerstande werden ließet. Ihn, in meiner Zucht gebildet, übergebe und weihe ich dem State als meinen Stellvertreter; und bitte euch, Quiriten, die ohne meine Bitte mir angebotene Würde, auf sein Gesuch und meine es begleitende Fürbitte ihm zu übertragen.» Man gewährte dies dem bittenden Vater, und sein Sohn Publius Licinius wurde mit den oben gemeldeten zum Kriegstribun mit consularischer Gewalt erklärt. Die Kriegstribunen Titinius und Genucius, welche gegen die Falisker und Capenaten auszogen, und den Krieg mit mehr Muth, als Vorsichtigkeit, führten, stürzten in einen Hinterhalt. Genucius fiel unter den Vordersten des Vortrabes und büßte seine Unbesonnenheit durch einen ehrenvollen Tod. Titinius, der seine Soldaten aus der großen Unordnung auf einen ragenden Hügel zusammenzog, stellte die Linie wieder auf, ließ sich aber nie in der Ebene mit dem Feinde ein. Der Verlust war nicht so groß, als der Schimpf, der aber beinahe in eine bedeutende Niederlage übergegangen wäre; so groß war der Schrecken, den er nicht bloß in Rom; wo das Gerücht vielfach vergrößert erscholl, sondern auch im Lager vor Veji erregte. Hier ließen sich die Soldaten kaum von der Flucht zurückhalten, weil sich das Gerücht im Lager verbreitete, die siegreichen Capenaten und Falisker und Hetruriens ganze Kriegsmacht hätten das Heer und die Feldherren niedergehauen und wären schon in der Nähe. Noch beunruhigendere Nachrichten hatte man zu Rom geglaubt: das Lager vor Veji werde schon bestürmt; schon rücke ein Theil der Feinde in einem drohenden Schwarme gegen die Stadt heran; man lief auf die Mauern; und die Frauen, die der allgemeine Schrecken aus den Häusern trieb, stellten in den Tempeln feierliche Gebete an und drangen flehend in die Götter, sie möchten doch nun auch Roms Häuser, Tempel und Mauern vor dem Untergange schützen und dies Unglück auf Veji abwenden, da man die heiligen Gebräuche gehörig erneuert, und die Sühnung der Schreckzeichen besorgt habe. 432 19. Denn schon waren die Spiele der Latinischen Feiertage wieder angestellt, schon aus dem Albanischen See das Wasser auf die Felder geleitet und das Schicksal zog über Veji heran. Und so mußte auch der vom Verhängnisse zur Zerstörung dieser Stadt und zur Rettung seines Vaterlandes bestimmte Feldherr, Marcus Furius Camillus, zum Dictator ernannt werden, der den Publius Cornelius Scipio zu seinem Magister Equitum ernannte. Mit der Veränderung des Feldherrn änderte sich auf einmal Alles. Es schien eine neue Hoffnung, ein neuer Muth bei den Leuten, und für die Stadt ein neues Glück aufzugehen. Gleich zuerst bestrafte er die, welche in jenem Schrecken von Veji geflohen waren, nach Kriegsrecht, und bewirkte dadurch, daß der Feind dem Soldaten nicht gerade das Furchtbarste war. Nachdem er darauf die Aushebung auf einen bestimmten Tag angesetzt hatte, machte er indeß, um den Soldaten Muth einzuflößen, eine Zwischenreise nach Veji: von hier kam er nach Rom zur Werbung des neuen Heeres zurück; und niemand weigerte sich zu dienen. Auch fanden sich die Jünglinge des Auslandes an, Latiner und Herniker, und versprachen zu diesem Kriege ihre Dienste. Dafür dankte ihnen der Dictator im Senate, und als er mit allen Vorbereitungen zum Feldzuge fertig war, gelobte er auf Befehl des Senats, nach der Eroberung von Veji Große Spiele zu feiern, und den Tempel der Mutter Matuta Des Kadmus Tochter, des Athamas Gemahlinn, Ino, hieß als Meergöttinn bei den Griechen Leukothea, bei den Römern Mutter Matuta . , der schon ehemals vom Könige Servius Tullius geweihet war, wieder herzustellen und zu weihen. Mehr noch mit Erwartungen, als bloßen Hoffnungen der Leute brach er mit seinem Heere aus der Stadt auf, und gleich im Gebiete von Nepete lieferte er den Faliskern und Capenaten eine Schlacht. Hier schloß sich an seine durchaus mit größter Überlegung und planmäßig getroffenen Vorkehrungen das Glück, wie es zu thun pflegt. Er besiegte die Feinde nicht bloß; er nahm ihnen ihr 433 Lager und gewann eine ansehnliche Beute, die aber größtentheils dem Schatzmeister geliefert wurde: der Soldat bekam nur wenig. Von hier führte er das Heer vor Veji, ließ die Schanzen näher zusammentreten und gewöhnte die Soldaten durch das Verbot, daß keiner ohne Erlaubniß fechten solle, statt der planlosen Gefechte, die zwischen der Stadtmauer und seinem Walle so häufig vorfielen, an die Schanzarbeit. Bei weitem das wichtigste und mühvolleste aller dieser Werke war ein Erdgang, den man zur Burg der Feinde hinanführte; und um dies Werk nicht unterbrechen zu lassen, noch auch durch die fortdauernde unterirdische Arbeit dieselben Leute aufzureiben, theilte er die Gräber in sechs Kohre, deren jedes der Reihe nach sechs Stunden zum Werke angewiesen wurde; und sie ließen nicht nach, bei Tage und bei Nacht zu arbeiten, bis sie sich den Weg in die Burg gebahnt hatten. 20. Als der Dictator den Sieg bereits in seinen Händen sah; sah, daß die reichste Stadt fallen und so viel Beute geben werde, als man in allen früheren Kriegen zusammengenommen nicht gehabt hatte; so schrieb er, um sich weder durch zu kärgliche Vertheilung der Beute die Unzufriedenheit der Soldaten, noch durch eine zu reiche Spende einen Vorwurf von den Vätern zuzuziehen, an den Senat: «durch die Gnade der unsterblichen Götter, durch seine Leitung und die Beharrlichkeit der Soldaten werde Veji nächstens in des Römischen Volkes Gewalt sein. Was sie nun über die Beute beschlössen?» Den Senat hielten zwei Meinungen getheilt; die Eine des alten Publius Licinius, welcher, von seinem Sohne zuerst befragt, gesagt haben soll: «Seiner Meinung nach müsse man dem Volke öffentlich bekannt machen, daß Jeder, der an der Beute Theil nehmen wolle, ins Lager vor Veji gehen möchte:» Die andre des Appius Claudius, der dies als eine neue, verschwenderische, ungleiche und unüberlegte Schenkung verwarf; und dafür stimmte, «Wenn sie es einmal für unrecht hielten, die den Feinden abgenommenen Summen in die durch Kriege erschöpfte Schatzkammer zu legen, so möchten sie dem Soldaten von diesem Gelde den 434 Sold zahlen, damit der Bürgerstand so viel weniger an Steuer aufzubringen habe. Alsdann würden nämlich den gemeinschaftlichen Genuß des Geschenks alle Häuser in gleichem Grade empfinden, nicht aber die raubgierigen Hände müssiger Städter den tapfern Kriegern ihren Lohn vorwegnehmen, da es gewöhnlich der Fall sei, daß der, der sich der meisten Beschwerde und Gefahr aussetze, gegen die Beute gleichgültiger sei.» Licinius hingegen sagte: «Auf diesem Gelde werde ein ewiger Verdacht und Widerwille ruhen, und es werde Gelegenheit zu Anklagen vor dem Volke geben, dann zu Unruhen und neuen Vorschlägen. Es sei also gerathener, durch dieses Geschenk die Herzen des Bürgerstandes wieder zu gewinnen, den durch die Steuer so vieler Jahre Erschöpften und Verarmten zu Hülfe zu kommen, und ihnen den Gewinn von einem Kriege zu gute kommen zu lassen, in welchem sie beinahe ergreiset wären. Was jeder als eigenhändigen Raub vom Feinde mit zu Haus bringe, das werde ihm lieber und erfreulicher sein, als wenn er nach der Zutheilung eines Dritten vielfach so viel bekäme. Der Dictator selbst suche sich den daraus zu besorgenden Vorwürfen und Beschuldigungen zu entziehen. Darum habe er die Sache dem Senate anheim gestellt. Nun müsse sie der Senat, da sie einmal an ihn gewiesen sei, dem Volke übergeben, und jeden das behalten lassen, .was ihm das Kriegsglück zugeworfen habe.» Diese Meinung hielt man für sicherer, weil sie den Senat als Volksfreund darstellte. Man machte also bekannt: Wer Lust habe, in Veji Beute zu machen, möge sich zum Dictator ins Lager begeben. 21. Es zog eine ansehnliche Menge hin und erfüllte das Lager. Als der Dictator mit Genehmigung der Vögel ans Werk ging, ertheilte er den Befehl, daß die Soldaten zu den Waffen greifen sollten, und sprach: «Unter deiner Führung, Pythischer Apollo, und von deiner Einwirkung getrieben, mache ich mich auf, die Stadt Veji zu zerstören, und gelobe dir den zehnten Theil ihrer Beute. Auch dich, Königinn Juno, die du jetzt Veji bewohnst, bitte ich; uns Siegern, in unsre, bald auch deine, Stadt zu 435 folgen, wo dich ein deiner Hoheit würdiger Tempel aufnehmen soll.» Nach diesem Gebete griff er bei seinem Überflusse an Leuten die Stadt von allen Seiten an, um die vom Erdgange einbrechende Gefahr weniger bemerkbar zu machen. Die Vejenter, die nicht wußten, daß sie schon von eignen Propheten und fremden Orakeln verrathen waren; daß schon Götter eingeladen waren, an ihrer Beute Theil zu nehmen, und andre, durch Gelübde ihrer Stadt entlockt, sich schon nach Tempeln bei den Feinden und neuen Sitzen sehnten, und daß dieser Tag ihr letzter sei; die nichts weniger fürchteten, als daß ein unter ihren Mauern durchgeführter Erdgang ihre Burg schon mit Feinden erfüllt habe, liefen jeder mit den Waffen auf die Mauern, und konnten sichs nicht erklären, warum die Römer, bei denen sich seit mehrern Tagen keiner von den Posten entfernt habe, jetzt, wie von einer plötzlichen Wuth ergriffen, so unerwartet zu den Mauern heranstürzten. Hier bekommt eine Sage ihren Platz. Als der König der Vejenter geopfert habe, habe die Versicherung des Opferschauers, daß dem der Sieg beschieden sei, der die Eingeweide dieses Opferthiers den Göttern vorlegen werde, die Römischen Soldaten, die dies in dem Erdgange gehört hatten, bewogen den Gang zu öffnen, das Opferfleisch zu rauben und zum Dictator zu bringen. Bei Erzählungen von so hohem Alter will ich zufrieden sein, wenn man das für wahr annimmt, was allenfalls wahrscheinlich ist. Was sich aber, wie diese Angabe, mehr mit der Darstellung auf der Bühne, welche Abenteuer willkommen heißt, als mit der Glaubwürdigkeit verträgt, das zu erhärten oder zuwiderlegen, verlohnt sich nicht der Mühe. Der Erdgang, der jetzt mit den auserlesensten Kriegern gefüllt war, ließ im Tempel der Juno auf der Vejentanischen Burg die Bewaffneten plötzlich hervortreten. Ein Theil von ihnen griff die Feinde auf den Mauern im Rücken an; ein andrer erbrach die Thore; noch ein andrer steckte die Häuser in Brand, von deren Dächern Weiber und Sklaven Steine und Ziegel herabwarfen. Überall ertönte ein Geschrei von Stimmen der Schreckenden und 436 der Geängsteten, mit dem sich das Geheul der Weiber und Kinder mischte. Da im Augenblicke die Vertheidiger von allen Seiten von der Mauer herabgetrieben und die Thore eröffnet waren, so wurde die Stadt von Feinden erfüllet, die hier scharenweise hereinstürzten, dort über die verlassenen Mauern stiegen, und allenthalben wurde gefochten. Nach langem Gemetzel wurde das Gefecht endlich schwächer, und der Dictator ließ durch Herolde den Befehl bekannt machen, der Unbewaffneten zu schonen. Hier hatte das Blutvergießen ein Ende. Nun ergaben sie sich ohne Waffen; und auf Erlaubniß vom Dictator zerstreuten sich die Soldaten zum Plündern. Da er nun sah, wie sie sich mit einer weit größern Beute und mit Sachen von weit höherem Werthe trugen, als er gehofft und geglaubt hatte, soll er mit gen Himmel erhobenen Händen gebetet haben: «Wenn irgend Einem der Götter und Menschen sein und des Römischen Volkes Glück zu groß schiene, so möchten doch die Römer damit abkommen, daß sie diesen Neid mit seinem und des States möglichst kleinen Nachtheile büßten.» Im Umdrehen bei diesem Gebete soll er gestolpert und gefallen sein; und als man sich nachher diesen Vorfall aus dem Erfolge zu erklären suchte, soll man ihn als eine Vorbedeutung angesehen haben, die sich auf die Verurtheilung des Camillus selbst und weiter noch auf das nach wenig Jahren erfolgte Unglück der Eroberung Roms bezogen habe. – Dieser Tag nun wurde mit Niedermetzlung der Feinde und mit Plünderung einer so reichen Stadt zugebracht. 22. Den Tag darauf verkaufte der Dictator vom Kreise des Heers umringt die Freigebornen. Dies einzige Geld wurde in den Schatz geliefert, aber nicht ohne Unzufriedenheit der Bürger: ja auch die heimgebrachte Beute wußten sie weder dem Feldherrn Dank, weil er die Sache, die von ihm abhing, an den Senat abgegeben habe, um diesem die zu machenden Abzüge unter den Fuß zu geben, noch auch dem Senate; sondern der Licinischen Familie, aus welcher der Sohn die Sache vor den Senat gebracht, und der Vater zu Gunsten des Volks den Vorschlag gethan habe. 437 Als man schon alle menschlichen Güter aus Veji abgeführt hatte, so fing man nun an, auch die den Göttern geweihten Geschenke und die Götter selbst wegzubringen, aber mehr mit dem Anstande der Verehrung, als des Raubes: und so traten die erlesensten Jünglinge des ganzen Heers, denen die Überbringung der Königinn Juno nach Rom anvertraut war, nachdem sie sich zur Weihe gebadet hatten, in weißen Kleidern ehrfurchtsvoll in den Tempel, und legten voll heiligen Schauers Hand an, weil dies Götterbild nach Hetruskersitte kein andrer, als ein Priester von einem festgesetzten Stamme, anrühren durfte. Auf einen von ihnen wirkte entweder göttlicher Einfluß, oder er that die Frage aus jugendlichem Scherze: «Willst du nach Rom gehen, Juno? » und da schrieen die übrigen alle, die Göttinn habe genickt. Dann bekam die Erzählung den Zusatz, sie habe auch ein Ja von sich hören lassen. Wenigstens finden wir, daß sie sich durch Mittel von unbedeutender Gewalt von ihrer Stelle abheben und als die gern folgende leicht und willig überbringen ließ, daß sie unversehrt auf dem Aventinus, ihrem ewigen Sitze, anlangte, wohin sie der Römische Dictator durch Gelübde eingeladen hatte, und wo ihr nachher von eben diesem Camillus der Tempel, den er ihr gelobt hatte, auch geweihet wurde. Dies Ende nahm Veji, eine der mächtigsten Städte Hetruriens, die ihre Größe noch bei ihrem Untergange darthat, da sie nach einer zehn Sommer und Winter daurenden Belagerung, nach weit mehr zugefügtem, als erlittenem Schaden, selbst zuletzt, als ihr Schicksal über sie hereinbrach, doch nur durch Werke, nicht durch Sturm erobert wurde. 23. In Rom erregte die Nachricht, Veji sei erobert, ob man gleich die Abwendung aller Unglückszeichen besorgt hatte, die Weissagungen der Propheten und die Antwort des Pythischen Orakels kannte, auch, um Alles zu thun, was sich nach menschlichen Einsichten für die Sache wirken ließ, den größten aller Feldherren, den Marcus Furius, zum Anführer ausgesucht hatte, dessen 438 ungeachtet, weil man dort so viele Jahre lang mit abwechselndem Glücke gefochten und so manchen Verlust erlitten hatte, nicht anders, als käme sie völlig unerwartet, eine unendliche Freude: und ehe noch der Senat den Befehl gab, waren schon alle Tempel voll von Römischen Müttern, die den Göttern ihren Dank brachten. Der Senat ordnete ein Dankfest auf vier Tage an, so lange noch keins in irgend einem Kriege gedauert hatte, Auch die Ankunft des Dictators war dadurch, daß ihm alle Stände entgegenströmten, feierlicher, als die irgend eines Andern vor ihm, und sein Triumph überstieg die gewöhnliche Weise, einen solchen Tag zu verherrlichen, bei weitem, Ihn selbst trafen die Blicke am meisten, weil er bei seinem Einzuge in die Stadt, auf einem Wagen mit weißen Pferden fuhr, worin man aber nicht bloß eine Erhebung über die Stufe des Bürgers, sondern auch über die eines Menschen, fand. Ja, daß sich ein Dictator mit seinem Gespanne dem Jupiter und dem Sonnengotte gleichstellen dürfe, hielt man sogar für eine Gewissenssache; und des einzigen Umstandes wegen erregte der Triumph mehr Aufsehen, als Zufriedenheit. Darauf bestellte er auf dem Aventinus den Tempel für die Königinn Juno, und den der Mutter Matuta weihete er ein. Und nach Ausrichtung dieser göttlichen und menschlichen Geschäfte legte er seine Dictatur nieder. Nun dachte man auch auf das Geschenk für den Apollo. Da Camillus sagte, er habe ihm den zehnten Theil der Beute gelobt, und die Oberpriester erklärten, das Volk müsse sich dieser heiligen Schuld entledigen, so fand man es doch so leicht nicht, dem Volke die Rücklieferung der Beute anzubefehlen, um den gebührenden Theil zur heiligen Bestimmung abzusondern. Endlich wählte man das Mittel, welches das leichteste zu sein schien, daß Jeder, der sich und sein Haus der heiligen Verbindlichkeit entladen wolle, nach eigner Schätzung seiner Beute, den Werth des zehnten Theils dem State einliefern solle, wovon man ein goldenes Geschenk verfertigen lassen wollte, wie es, der Würde des Römischen Volks angemessen, in 439 einen so berühmten Tempel und einem Gotte von diesem Range geliefert werden müsse. Auch dieser Beitrag wirkte bei den Bürgern Abneigung gegen den Camillus . Unterdessen kamen Gesandte von den Volskern und Äquern mit der Bitte um Frieden, und sie erlangten ihn, mehr, weil man der durch einen so langen Krieg ermüdeten Bürgerschaft Ruhe gönnen wollte, als daß sie die Gewährung ihrer Bitte verdient gehabt hätten. 24. Das auf die Eroberung von Veji folgende Jahr hatte sechs Kriegstribunen mit consularischer Gewalt, zwei Cornelier, beide mit Vornamen Publius; mit Zunamen Einer Cossus, der Andre Scipio; den Marcus Valerius Maximus zum zweitenmale, den Cäso Fabius Ambustus zum dritten-, Lucius Furius Medullinus zum fünften-, Quintus Servilius zum drittenmale. Den Corneliern beschied das Los den Faliskerkrieg, dem Valerius und Servilius den Capenatischen . Die letztern machten keinen Versuch auf die Städte, so wenig durch Sturm, als durch angelegte Werke; sie verheerten das Gebiet und nahmen den Landleuten das Ihrige: kein tragbarer Baum, keine Feldfrucht wurde verschont. Dieser Schade machte die Capenaten muthlos. Auf ihre Bitte wurde ihnen ein Friede bewilligt. Im Faliskerlande dauerte der Krieg fort. Zu Rom waren unterdeß die Unruhen vielfach. Als ein Linderungsmittel hatte man die Ausführung von Pflanzern in das Volskische befohlen, zu welcher dreitausend Römische Bürger angenommen werden sollten; und die dazu ernannten Dreiherren hatten auf jeden Kopf drei Morgen und sieben Zwölftel angewiesen. Diese Wohlthat nahmen die Leute mit Verachtung auf, weil sie sie als ein Schmerzengeld ansahen, wofür man ihnen eine größere Hoffnung vernichten wolle. Denn warum würden sonst die Bürger ins Volskerland verwiesen, da man Veji, eine der schönsten Städte, und den Vejentaner Acker vor Augen habe, welcher fruchtbarer und größer sei, als der Römische? Selbst der Stadt gaben sie in der Lage, in der Pracht der öffentlichen und Privatgebäude und Plätze den 440 Vorzug vor der Stadt Rom . Ja ein Vorschlag kam in Anregung, der vollends nach der Eroberung Roms von den Galliern noch größeren Beifall fand, nach Veji hinüber zu ziehen. Übrigens bestimmten Einige Veji dem Bürgerstande, Andre dem Senate zum Sitze, so daß das Römische Volk in zwei Städten eines gemeinschaftlichen States wohnen sollte. Da sich nun die Vornehmen hiergegen mit solchem Ernste erklärten, daß sie betheuerten: «Sie würden vor den Augen des Römischen Volks eher sterben, als einen von diesen Vorschlägen durchgehen lassen: denn es gebe ja in der Einen Stadt der Mishelligkeiten genug; wie es vollends in zweien aussehen werde? Ob wohl jemand einer siegreichen Vaterstadt die besiegte vorziehen, und es geschehen lassen möchte, daß Veji nach der Eroberung ein größeres Glück erlange, als es in seinem Wohlstande gehabt habe?» und endlich versicherten: «Sie könnten freilich von ihren Mitbürgern in der Vaterstadt zurückgelassen werden, allein keine Gewalt solle je sie zwingen können, ihre Vaterstadt und Mitbürger hier zu lassen, und einem Titus Sicinius » – der war es von den Bürgertribunen, dem dieser Vorschlag gehörte – «mit Hintansetzung des Gottes Romulus, dieses Gottessohns, dieses Vaters und Stifters der Stadt Rom, als dem neuen Erbauer nach Veji zu folgen.» 25. Gronov und Drakenborch selbst in der Note zu XXXXIV. 40, 2. rechtfertigen es, daß im Anfange dieses Capitels mit den Worten hæc quum fœdis certaminibus zu dem bald folgenden Nachsatze nulla res alia von neuem eingeleitet werde, folglich vor den Worten hæc quum etc. kein Punctum stehen könne. Auch hat Crevier hier keines gesetzt. Man vergleiche unten VII. 8, 2. 3. So gab es bei allen unanständigen Auftritten in diesem Streite, in welchem die Väter auch einen Theil der Bürgertribunen auf ihre Seite gezogen hatten, kein kräftigeres Mittel, die Bürger von Gewaltthätigkeiten gegen die Väter abzuhalten, als dies, daß gerade die Vornehmsten des Senats, sobald sich das Geschrei einer beginnenden Schlägerei erhob, sich selbst voran dem Haufen entgegenwarfen und ihn aufforderten, er möge nur auf sie losschlagen, auf sie einhauen und sie tödten. Weil man 441 sich nun der Entehrung ihres Alters, ihrer Würde und Ämter entsah, und auch bei den übrigen ähnlichen Unternehmungen die Ehrfurcht dem Zorne in den Weg trat; so sagte Camillus auf allen Plätzen zu wiederholten Malen in öffentlichen Reden: «Es sei kein Wunder, daß diese Wuth den Stat treffe, an den die Götter die Erfüllung seines Gelübdes zu fordern hätten und der doch für alles Andre eifriger sorge, als dafür, sich seiner heiligen Zusage zu entledigen. Er wolle nichts von dem Beitrage sagen, der mehr einem Almosen, als dem Zehntel gleich ausfalle, und für den das Gesamtvolk, seitdem diese Verbindlichkeit Jedem einzeln obliege, unverantwortlich sei Ich lese QVA.QVANDO.SE.QVISQVE u. s. w. Das Wort ea schoben die Abschreiber ein, weil etwas im Zusammenhange fehlte, nachdem das qua vor dem eben so anfangenden qua ndo weggefallen war. Bei Drakenborch fehlt wirklich das ea in Einem Msc. und in einem andern steht es zum Beweise, daß es ein Einschiebsel sei, hinter quisque. Der Zusammenhang wäre dann so zu erklären: qua, quando (ea) se quisque privatim obligaverit, liberatus sit populus, so daß qua sich auf beides bezöge. . Dazu aber lasse sein Gewissen ihn nicht stillschweigen, daß man das Zehntel nur von derjenigen Beute bestimme, welche in beweglichem Gute bestehe, allein der eroberten Stadt samt ihrem Gebiete, auf welche sich das Gelübde doch ebenfalls erstrecke, gar keine Erwähnung thue.» Da die Entscheidung dieser Streitfrage, die dem Senate zweiseitig schien, den Oberpriestern aufgetragen wurde, so gab dies Gesamtamt mit Zuziehung des Camillus sein Gutachten dahin, daß von Allem, was vor Ablegung des Gelübdes Vejentisches Eigenthum gewesen und nach dem Gelübde dem Römischen Volke zugefallen sei, der zehnte Theil dem Apollo heilig sein müsse. Und so machte man einen Anschlag vom Werthe der Stadt Veji und ihres Gebiets. Das Geld gab die Schatzkammer her, und die consularischen Kriegstribunen bekamen den Auftrag, Gold dafür zusammen zu kaufen. Weil es aber daran fehlte, nahmen die Frauen von Stande in angestellten Zusammenkünften die Sache in Überlegung, versprachen durch einen gemeinschaftlichen Entschluß ihr Gold und sämtliches Geschmeide den Kriegstribunen, und lieferten es in die Schatzkammer. War dem Senate je etwas erfreulich gewesen, so war es dies; und den Frauen soll für diese Bereitwilligkeit die ehrenvolle Erlaubniß gegeben sein, zu den Feierlichkeiten des Gottesdienstes und der Spiele in vierrädrigen, und sonst an Fest- und Werktagen in zweirädrigen Kutschen zu fahren. Man ließ sich von einer Jeden das Gold zuwägen, setzte es auf den dafür zu zahlenden Geldeswerth, und beschloß, einen goldenen Mischkessel verfertigen zu lassen, der dem Apollo zum Geschenke nach Delphi gebracht werden sollte. Kaum erholte man sich von der Gewissenssorge, so erregten die Bürgertribunen neue Unruhen. Sie wiegelten die Menge gegen die sämtlichen Vornehmen auf, vor allen gegen den Camillus . «Er habe die Vejentische Beute dadurch, daß er den Stat und den Gott daran habe Theil nehmen lassen, zum Nichts herabgebracht.» Mit dieser Dreistigkeit schalten sie auf die Abwesenden; waren aber die Väter gegenwärtig und boten sich willig dem zürnenden Volke dar, so bewies man ihnen alle Achtung. Als sie nun sahen, daß man die Sache aus diesem Jahre in das folgende hinüberziehen wollte, wählten sie diejenigen Bürgertribunen, welche den Vorschlag gethan hatten, auf ein Jahr wieder, und die Väter gaben sich dieselbe Mühe für die, welche Einsage gethan hatten. So wurden großentheils dieselben Bürgertribunen wieder erwählt. 26. Am Wahltage der Kriegstribunen bewirkten es die Väter, die alle ihre Kraft aufboten, daß Marcus Furius Camillus gewählt wurde. Der Angabe nach wünschten sie ihn der Kriege wegen zum Feldherrn; eigentlich suchten sie den tribunicischen Schenkungsvorschlägen einen Gegner. Mit dem Camillus wurden zu Kriegstribunen consularisches Amtes gewählt Lucius Furius Medullinus zum sechstenmale, Cajus Ämilius, Lucius Valerius Publicola, Spurius Postumius, Publius Cornelius zum zweitenmale. Im Anfange des Jahrs unternahmen die Bürgertribunen nichts, bis Marcus Furius Camillus gegen die 443 Falisker in den Krieg zog, den man ihm übertragen hatte. Durch diesen Aufschub verlor ihr Vorschlag seine Kraft; und Camillus, ihr am meisten gefürchteter Gegner, erwarb sich im Faliskerlande noch größern Ruhm. Denn da sich die Feinde anfangs hinter ihren Mauern hielten, weil ihnen dies das sicherste schien, so zwang er sie durch Verheerung ihres Gebiets und Niederbrennung ihrer Landhäuser, aus der Stadt hervorzukommen; allein aus Furcht gingen sie nicht weit. Etwa tausend Schritte von der Stadt schlugen sie ihr Lager auf, welches sie durch weiter nichts gesichert hielten, als durch die Schwierigkeit des Zugangs, weil die Gegend rauh und felsig, die Wege hier enge, dort steil waren. Camillus indeß, der einen gefangenen Landmann zum Wegweiser nahm, brach in tiefer Nacht mit seinem Lager auf und zeigte sich mit dem Tage weit höher über ihnen. Die Römische dritte Linie schanzte Trifariam]. – Da Livius von der dreifachen Abtheilung der Schanzenden keinen Grund angiebt, wie er sonst zu thun pflegt, so kann ich den Verdacht nicht bergen, daß es hier ursprünglich nicht geheißen habe: trifariam Romani muniebant, sondern Triarii Romani muniebant. Dann würde alius exercitus einen leichteren Gegensatz zu Triarii geben; und da die Triarii ohnehin in mancher Schlacht nicht zum Gefechte kamen, so sähe man hier den Grund, warum gerade sie, während die beiden Vordertreffen (hastati nnd principes) den Feind erwarteten, sich mit der Anlegung des Lagers beschäftigten. Eben so heißt es VII. 23: Ab Romanis nec opus intermissum, ( triarii erant, qui muniebant) et ab hastatis principibusque, qui pro munitoribus intenti armatique steterant, præliuin initum. : das übrige Heer stand zur Schlacht bereit. Als hier die Feinde die Arbeit hindern wollten, schlug es sie in die Flucht, und die Falisker geriethen so in Schrecken, daß sie im flüchtigen Laufe vor ihrem Lager, ob es gleich näher war, vorbei, der Stadt zueilten. Ehe sie sich in dieser Bestürzung in die Thore werfen konnten, wurden viele getödtet und verwundet. Das Lager wurde erobert; die Beute an die Schatzmeister abgeliefert, zu großer Unzufriedenheit der Soldaten; allein durch die Strenge des Oberbefehls niedergehalten bewunderten sie dieselbe Festigkeit des Mannes, die sie an ihm haßten. Nun folgten die Einschließung der Stadt, die Anlegung von Werken, und zuweilen gelegentliche Ausfälle der Belagerten auf die 444 Römischen Posten, und andere kleine Gefechte: man brachte die Zeit hin, ohne daß sich die Hoffnung auf eine von beiden Seiten neigte, weil die Belagerten mit Getreide und andern früher zusammengefahrnen Vorräthen reichlicher versehen waren, als die Belagerer. Auch schien die Arbeit hier eben so langwierig werden zu wollen, als sie vor Veji gewesen war, hätte nicht das Glück dem Römischen Heerführer Gelegenheit gegeben, sich von einer Seite zu zeigen, die seiner schon durch kriegerische Thaten bewährten Größe entsprach Daß unsre Stelle diesen oder einen ähnlichen Sinn erfordere, lehrt der Zusammenhang dieser so bekannten Geschichte; und alle Ausleger verlangen ihn, gestehen aber auch, daß in den Worten des gewöhnlichen Textes gerade das Gegentheil liege. Daß diese Tugend, die Camillus hier bewies, keine virtus rebus bellicis cognita war, sieht Jedermann. Darum will Stroth die Stelle so erklären: specimen virtutis suæ, alias rebus bellicis iam cognitæ. Dies hebt aber jenen Einwurf nicht. Gronov schlägt vor, et cognitæ re non bellica virtutis zu lesen, und ein Andrer wollte cognitæ gegen incognitæ vertauschen. Der Fehler der Abschreiber liegt hier meiner Meinung nach bloß in den Worten simul et . Statt dieser also lese ich simile, welches mit specimen verbunden, wenn mich nicht Alles triegt, den Sinn giebt, den man hier der Geschichte nach erwarten muß. Daß aber in den Handschriften simile in simul verfälscht werde, zeigt Drakenb . VI. 25, 10., wo gerade, wie in unsrer Stelle, zwei Mss. statt mirantibus quidem simile unrichtig mirantibus quidem simul lesen, und X. 28, 1., wo statt similis pugna fälschlich simul pugna gelesen wird. Daß aber aus dem e in simil e leicht et werden konnte, weiß Jeder, der Handschriften verglichen hat. Nach meiner Vermuthung lautete also die Stelle im Ganzen so: ni fortuna imperatori Romano simile cognitæ rebus bellicis virtutis specimen, et maturam victoriam dedisset. Und der Sinn ist der: ni fortuna imperatori R. specimen (i. e. occasionem speciminis edendi) dedisset, simile speciminis de virtute bellica editi. Statt specimen simile speciminis de virt. bell. editi sagt Livius mit der den Lateinern bei Vergleichungen gewöhnlichen Kürze: Specimen simile virtutis bellicæ; so wie er oben IV. 52, 1. statt zu sagen: Annum, modestia tribunorum quietum, excepit annus, quo L. Icilius tribunus plebis fuit, lieber kürzer sagte: Annum mod. trib. quietum excepit tribunus plebis L. Icilius. Eins der deutlichsten Beispiele ist Horazens Aetas parentum peior avis, statt ætate avorum . Man vergl. meines Vaters Anmerk. zu Cic. de off. I, 22. 7. und 30, 12. und Liv. V. 23. Iovis Solisque equis æquiparari dictatorem . Wenn ferner bei der bekannten Bedeutung der Worte ludum dare alicui doch auch der Sinn: alicui potestatem, licentiam, occasionem ludendi dare stattfinden kann, wie Stroth aus Plautus beweiset, so schwächt dies allerdings den Einwurf Drakenborchs, wenn er gegen Clericus und Duker behauptet, specimen dare könne durchaus nicht so viel heißen, als occasionem speciminis edendi dare. Man sehe Stroths Anmerk. zu dieser Stelle. Wollte man dennoch Drakenborchen beipflichten und mit ihm specimen hier für den Nominativ halten, so würde die Übersetzung unsrer Stelle etwa so lauten: «hätte nicht dem Römischen Feldherrn das Glück und zugleich eine neue Probe seiner schon in Kriegen bekannt gewordenen Seelengröße sogar einen beschleunigten Sieg verliehen.» Und vielleicht führt uns hier bloß der Doppelsinn des Wortes virtus irre. Nehmen wir es für Tapferkeit, so bleibt es wahr, das hier vom Camillus gegebene specimen war kein specimen der Tapferkeit; und nehmen wir es für die Tugend der Redlichkeit, so war das hier gegebene specimen kein specimen virtutis iam bello cognitæ. Allein bei den Römern bedeutete virtutis Beides und noch mehr. Man denke sich also hier statt virtutis einen Ausdruck, der ungefähr beide Begriffe in sich vereinigte, etwa magnitudinis, excelsi animi, oder etwas Ähnliches, so würde wahrscheinlich aller Anstoß gehoben und die Abänderung der Lesart unnöthig sein. , und dadurch den Sieg beschleunigte. 445 27. Bei den Faliskern war es Sitte, ihre Söhne von ihrem Lehrer auch begleiten zu lassen, und mehrere Knaben zugleich wurden, wie es auch jetzt noch in Griechenland üblich ist, der Aufsicht eines Einzigen übergeben. Die Kinder der Vornehmen unterrichtete, wie das gewöhnlich der Fall ist, der, dem man vorzügliche Kenntnisse zutrauete. Da es sich dieser Mensch in Friedenszeiten zur Gewohnheit gemacht hatte, die Kinder zu Spielen und Übungen vor die Stadt hinauszuführen, so entfernte er sich mit ihnen auch jetzt, ohne diese Sitte im Kriege zu unterlassen, bald auf kürzere, bald auf längere Strecken, vom Thore, und als sich ihm unter abwechselnden Spielen und Gesprächen die Gelegenheit bot, noch weiter als sonst, zu gehen, führte er sie durch die feindlichen Posten und dann durch das Römische Lager in das Feldherrnzelt zum Camillus . Hier begleitete er seine schändliche That mit einem noch schändlicheren Vortrage. «Er habe Falerii in der Römer Hände geliefert, weil er diese Knaben, deren Väter dort die Häupter der Regierung seien, in ihre Gewalt gegeben habe.» Camillus hörte dies und sprach: «Weder das Volk, noch der Feldherr, zu dem du Bösewicht mit deinem gottlosen Geschenke kamst, sind deines Gelichters. Zwischen uns und den Faliskern waltet kein Bund ob, wie Menschen ihn schließen: aber der von Natur uns angestammte besteht zwischen beiden, und soll bestehen. Auch der Krieg hat seine Rechte, so wie der Friede, und diese verstehen wir eben sowohl mit Gerechtigkeit, als 446 mit Tapferkeit zu üben. Die Waffen führen wir, nicht gegen das Alter, dessen man auch bei Eroberung der Städte schont, sondern gegen ebenfalls Da et ipse im Livius fast immer ebenfalls bedeutet, so habe ich das Komma hinter armatos weggelassen, und das hat auch Crevier gethan. Bewaffnete, die weder von uns gekränkt, noch gereizt, ein Römisches Lager vor Veji bestürmten. An ihnen bist du, so weit es dir möglich war, durch deinen unerhörten Frevel zum Sieger geworden: ich aber will sie durch Römische Mittel, durch Tapferkeit, Schanzen und Waffen, wie Veji, besiegen.» Darauf lieferte er ihn entkleidet und mit auf den Rücken gebundenen Händen den Knaben aus, ihn nach Falerii zurückzubringen, und ließ ihnen Ruthen geben, den Verräther in die Stadt zu peitschen. Als zu diesem Schauspiele zuerst das Volk zusammenlief, dann die Obrigkeiten über den nie gesehenen Auftritt den Senat beriefen, so erfolgte in der Stimmung der Gemüther eine solche Umwandlung, daß eben die Bürgerschaft, die kurz vorher noch, vor Haß und Erbitterung außer sich, fast lieber wie Veji endigen, als wie Capena Frieden schließen wollte, jetzt einstimmig Frieden verlangte. Die Redlichkeit der Römer, die Gerechtigkeitsliebe des Feldherrn wurden auf dem Markte, auf dem Rathhause, laut gepriesen und unter allgemeiner Beistimmung gingen Gesandte zum Camillus ins Lager, und von da mit seiner Bewilligung nach Rom an den Senat, die Stadt Falerii zu übergeben. Bei ihrer Aufstellung im Senate war ihre Rede, wie die Nachrichten sagen, folgende: «Von euch, ihr versammelten Väter und von eurem Feldherrn durch einen Sieg bezwungen, der weder Göttern, noch Menschen misfallen kann, ergeben wir uns euch, in der Überzeugung, die für den Sieger nicht schmeichelhafter sein kann, daß wir unter eurem Oberbefehle glücklicher leben werden, als unter unsern eignen Gesetzen. Durch den Ausgang dieses Krieges sind dem menschlichen Geschlechte zwei 447 heilsame Beispiele aufgestellt. Ihr habt im Kriege Redlichkeit dem unausbleiblichen Siege vorgezogen: wir durch diese Redlichkeit aufgefordert, haben euch den Sieg freiwillig überbracht. Wir sind eure Unterthanen. Sendet, wen ihr wollt, unsre Waffen, Geisel und die Stadt bei offnen Thoren zu übernehmen. Ihr werdet nie, mit unserer Treue, noch wir mit eurer Oberherrschaft unzufrieden sein.» Von Feinden und Mitbürgern empfing Camillus Danksagungen. Den Faliskern wurde die diesjährige Löhnung der Soldaten auferlegt, um das Römische Volk mit dieser Abgabe zu verschonen. Man gab ihnen Frieden, und das Heer wurde nach Rom zurückgeführt. 28. Wie Camillus, verherrlicht durch einen weit edlern Ruhm, als damals, da ihn die weißen Rosse im Triumphe durch die Stadt zogen, durch den, die Feinde durch Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit besiegt zu haben Drakenborch und Stroth haben hier hinter fideque ein Komma, da doch der Sinn der Worte hostibus iustitia fideque victis zusammengehört. Crevier hat dies Komma, meiner Meinung nach, sehr richtig weggelassen. Denn wenn die Worte hostibus victis für sich allein dastehen sollten, so wären sie, nach dem, was uns Livius schon von der Übergabe der Feinde erzählt hat, ein sehr unnöthiger Beisatz. Der Zusammenhang, denke ich, ist der: Quum Camillus, multo meliore laude – – insignis, iustitia fideque hostibus victis, in urbem redisset cet. Hinter insignis sollte ein Komma stehen. , nach Rom zurückgekehrt war, so gab der Senat seine Achtung für ihn dadurch laut zu erkennen, daß er sogleich befahl, ihn seines Gelübdes zu entledigen; und man schickte den Lucius Valerius, Lucius Sergius , Aulus Manlius auf einem Kriegsschiffe nach Delphi als Gesandte ab, dem Apollo den goldenen Mischkessel als Geschenk zu überbringen; sie wurden aber nicht weit von der Siculer Meerenge von Liparischen Seeräubern aufgebracht und nach Liparä geführt. Hier war es Sitte, sich in den Raub, den die Kaperei zu einem Eigenthume Aller machte, zu theilen. Zum Glücke bekleidete in diesem Jahre ein gewisser Timasitheus das höchste Statsamt, ein Mann, der mehr den Römern, als den Seinigen, glich. Selbst nicht ohne Achtung für den Namen 448 der Gesandschaft, für das Geschenk, und den Gott, dem es bestimmt war, so wie für den Zweck dieser Sendung, flößte er auch der Menge, die sich fast immer nach ihrem Oberhaupte bildet, die gebührende Ehrfurcht ein; begleitete die Gesandten, die er im Namen des Stats aufgenommen und bewirthet hatte, unter einer Bedeckung von mehreren Schiffen nach Delphi und brachte sie wohlbehalten nach Rom zurück. Kraft eines Senatsschlusses stiftete man Gastfreundschaft mit ihm und beschenkte ihn im Namen des Stats. In eben diesem Jahre hatte man im Kriege gegen die Äquer abwechselndes Glück, so, daß man, wie bei den Heeren selbst, auch in Rom, ungewiß war, ob man Sieger, oder besiegt sei. Von den Kriegstribunen waren Cajus Ämilius und Spurius Postumius Feldherren der Römer. Anfangs wirkten sie gemeinschaftlich: nach einem erfochtenen Siege verglichen sie sich, Ämilius sollte mit seinem Kohre Verrugo decken, Postumius das feindliche Gebiet verheeren. Hier griffen ihn, wie er, nach dem gelungenen Siege weniger auf seiner Hut, mit einem ungeordneten Haufen heranzog, die Äquer an, erfüllten das Heer mit Bestürzung und jagten es auf die nächsten Anhöhen; ja der Schrecken verbreitete sich bis zu dem andern Kohre nach Verrugo . Als Postumius den in Sicherheit gebrachten Seinigen vor einer Versammlung ihre Bestürzung und Flucht vorwarf; – hätten sie sich doch von dem feigsten und flüchtigsten Feinde schlagen lassen; – so rief das ganze Heer: Dies zu hören, hätten sie verdient; sie gestanden ihr schimpfliches Betragen; sie wollten es aber wieder gut machen, und der Feind solle die Freude nicht lange genießen. Sie verlangten, sogleich gegen das feindliche Lager geführt zu werden – es lag ihnen in der Ebene vor Augen – und unterwarfen sich jeder Strafe, wenn sie es nicht noch vor Nacht eroberten. Er lobte sie, hieß sie sich pflegen, und um die vierte Nachtwache bereit sein. Da die Feinde den Römern eine nächtliche Flucht vom Hügel durch Besetzung des Weges nach Verrugo 449 versperren wollten, so stießen sie auf einander, und die Schlacht begann vor Tage; allein der Mond schien und man konnte mit eben der Zuversicht fechten, wie in einer Schlacht bei Tage. Doch das Geschrei, das nach Verrugo erscholl, setzte dort, wo man die Bestürmung des Römischen Lagers zu hören glaubte, die Soldaten so in Schrecken, daß sie gegen alles Zurückhalten und Bitten des Ämilius in zerstreuten Scharen nach Tusculum flohen. Und von hier verbreitete sich das Gerücht nach Rom, Postumius sei mit seinem Heere zusammengehauen. Allein sobald der anbrechende Tag die Römer keinen Hinterhalt fürchten ließ, wenn sie den Geschlagenen nachstürzten, belebte sie Postumius, der die Glieder durchritt und ihr Versprechen einforderte, mit einem solchen Eifer, daß die Äquer den Angriff nicht länger aushielten. Das Blutbad unter den Fliehenden dauerte, wie sichs erwarten läßt, wenn mehr Erbitterung als Tapferkeit das Schwert führt, bis zur Vertilgung der Feinde; und auf die traurige Botschaft von Tusculum, die der Stadt einen unnöthigen Schrecken gemacht hatte, folgte ein mit Lorber umwundener Brief vom Postumius, welcher meldete, der Sieg sei des Römischen Volks und das Heer der Äquer vernichtet. 29. Weil die Verhandlungen der Bürgertribunen noch nicht zum Ende gediehen waren, so bemüheten sich theils die Bürgerlichen, den Urhebern jenes Vorschlages das Tribunat zu verlängern, theils die Väter, die Gegner desselben wieder wählen zu lassen: doch behielt der Bürgerstand auf seiner Wahlversammlung die Oberhand. Die Väter rächten ihren Verdruß durch die Ausfertigung des Senatsbefehls, daß Consuln, diese den Bürgern so verhaßte Obrigkeit, gewählt werden sollten. Nach funfzehn Jahren also wurden wieder Consuln gewählt; Lucius Lucretius Flavus und Servius Sulpicius Camerinus . Während daß gleich im Anfange dieses Jahrs die Bürgertribunen so viel dreister zur Durchsetzung ihres Vorschlages aufstanden, je weniger sie eine Einsage aus ihrem Mittel zu besorgen hatten, die Consuln hingegen aus eben dem Grunde so viel thätigeren Widerstand leisteten und 450 die ganze Bürgerschaft ihr Augenmerk nur hierauf gerichtet hatte, eroberten die Äquer die in ihrem Lande angelegte Römische Pflanzstadt Vitollia . Von den Pflanzern selbst rettete sich der größte Theil glücklich nach Rom, weil ihnen die Nacht, in welcher ihre Stadt durch Verrätherei genommen wurde, auf der entgegengesetzten Seite freie Flucht gestattete. Die Führung dieses Krieges traf den Consul Lucretius . Er rückte mit einem Heere aus, überwand die Feinde in einer Schlacht, und kam als Sieger nach Rom zurück in einen weit heftigern Kampf. Die Bürgertribunen des vorigen Jahrs, Aulus Virginius und Quintus Pomponius, waren vor Gericht gefordert, und der Senat glaubte es der Aufrechthaltung seines eignen Vertrauens schuldig zu sein, sie durch die Mitwirkung der sämtlichen Väter vertheidigen zu lassen: denn niemand konnte ihnen weder in ihrem Wandel, noch in ihrer Amtsführung sonst etwas zur Last legen, als daß sie aus Gefälligkeit gegen die Väter den tribunicischen Vorschlag durch ihre Einsage hintertrieben hatten. Dennoch trug die Erbitterung des Bürgerstandes über den Einfluß des Senats den Sieg davon, und die Unschuldigen wurden, zu einem höchst ärgerlichen Beispiele, jeder zu einer Geldstrafe von zehntausend schweren Kupferassen 310 Concentionsgulden. verdammt. Den Vätern war dies sehr kränkend. Camillus beschuldigte die Bürgerlichen öffentlich des Frevels. «Schon gingen sie auf die Ihrigen los, ohne zu bemerken, daß sie durch ihr ungerechtes Urtheil über die Tribunen die Einsage aufgehoben, und durch die Aufhebung der Einsage das Amt der Tribunen gestürzt hätten. Denn wenn sie hofften, die Väter würden sich nun die ungezügelte Willkür dieser Obrigkeit gefallen lassen müssen, so irrten sie sehr. Wenn sich die Väter der tribunicischen Gewalt nicht mehr durch tribunicische Hülfe erwehren könnten, so würden sie eine andre Waffe zu finden wissen.» Auch die Consuln tadelte er laut, «insofern sie es ruhig hätten geschehen lassen, daß diese Tribunen, weil sie dem Gutachten des Senats 451 beigetreten wären, in ihrem Vertrauen auf den Stat sich hätten getäuscht sehen müssen.» Durch diese Äußerungen in seinen öffentlichen Reden vermehrte er die Erbitterung der Leute gegen sich mit jedem Tage. 30. Was aber den Vorschlag betraf, so bemühete er sich unablässig, den Senat dagegen aufzubringen. «Wenn der Tag der Entscheidung über den Vorschlag käme, möchten sie nicht anders auf den Markt hinabgehen, als mit dem Gedanken, daß sie jetzt für Altar und Herd, für die Tempel der Götter und für den Boden, auf dem sie geboren wären, zu kämpfen hätten. Denn wenn er bloß seine Person in Betracht ziehe, so werde es ja für ihn – wenn es nicht sündlich sei, bei der Gefahr des Vaterlandes auf eignen Ruhm Bedacht zu nehmen – sogar ehrenvoll sein, die von ihm eroberte Stadt bewohnt zu sehen, sich täglich am Denkmale seines Ruhms zu weiden, und die Stadt vor Augen zu haben, deren Bild seinem Triumphwagen voraufgetragen sei, und Jedermann über den Spuren seines Verdienstes wandeln zu lassen. Allein er halte es für Sünde, daß eine von den unsterblichen Göttern aufgegebene und verlassene Stadt wieder bewohnt werden, das Römische Volk auf erobertem Boden ein Fremdling sein Ob ich gleich weiß, daß man den ersten Ausgaben nur selten vor den Handschriften den Vorzug geben und ihnen nur mit Behutsamkeit trauen darf, so thut es mir doch diesmal leid, daß Drakenborch die Lesart hospitari, die in allen vor Aldus gedruckten Ausgaben stand, den Handschriften zu Liebe verworfen hat. Sie sagt hier weit mehr, als habitare, Und wenn denn die ersten Drucker doch auch Handschriften vor sich hatten, aus denen sie den Text nahmen, so dünkt mich, habitare sehe viel eher dem Glossem, welches das fremdere hospitari erklären sollte, ähnlich, als umgekehrt. Im Worte hospitari giebt Camillus zu verstehen, die Römer würden in Veji immer Fremdlinge bleiben, wie Seneca (s. Gesn. thes. in hospitor) von unsrer Seele sagt: Quid aliud voces animum, quam deum in humano corpore hospitantem? Auch ist Crevier meiner Meinung. und für seine siegreiche Vaterstadt eine besiegte eintauschen solle.» Durch diese Ermahnungen von einem ihrer Ersten in Bewegung gesetzt, kamen die Väter, – Greise und Jünglinge, – als über den Vorschlag abgestimmet werden sollte, in Einem Zuge auf den Markt, vertheilten sich unter die Bezirksglieder, drückten, jeder seinen Bezirksgenossen, die 452 Hand und baten sie mit Thränen: «Sie möchten doch die Vaterstadt, für welche sie selbst und ihre Väter so tapfer und so glücklich gefochten hätten, nicht verlassen. Sie möchten doch das Römische Volk» – und hiebei zeigten sie auf das Capitolium, auf das Heiligthum der Vesta und die übrigen umherliegenden Tempel der Götter – «nicht wie einen verbanneten Flüchtling vom väterlichen Boden und von seinen Schutzgöttern in die Stadt der Feinde hinaustreiben, und es nicht dahin kommen lassen, daß man es für wünschenswerther halten müsse, Veji nicht erobert zu haben, damit Rom nicht verlassen würde.» Weil sie nicht mit Gewalt, sondern bittweise verfuhren und in ihren Bitten so oft der Götter erwähnten, so machte sich der größte Theil des Volks eine Gewissenssache daraus, und die den Vorschlag genehmigenden Bezirke wurden von den ihn verwerfenden um Einen überstimmt. Dieser Sieg war den Vätern so erfreulich, daß den Tag nachher auf Antrag der Consuln folgender Senatsschluß ausgefertigt wurde: «Es sollten jedem Bürgerlichen sieben Morgen Vejentisches Landes angewiesen werden, und dies sich nicht bloß auf Hausväter, sondern auf alle Freigebornen jedes Hauses erstrecken: auch müsse diese Aussicht ihnen Lust machen, Familienvater zu werden.» 31. Durch dies Geschenk besänftigt ließ der Bürgerstand es ohne Streit geschehen, daß ein Wahltag zur Ernennung zweier Consuln gehalten wurde. Die gewählten Consuln waren Lucius Valerius Potitus und Marcus Manlius, der Die meisten Handschriften lesen mit Crevier: Cui Capitolino postea fuit cognomen (ohne etiam): andre mit Gronov und Drakenborch: Cui Capitolino postea etiam fuit cognomen. Daß Livius hier so schlechtweg gesagt haben sollte, Manlius habe nachher den Zunamen Capitolinus gehabt, ist darum unwahrscheinlich, weil schon 32 Jahre vor der Eroberung Roms durch die Gallier, im J. 332 sich ein L. Manlius, im J. 334 ein Marcus und 349 ein Aulus finden, welche alle den Zunamen Capitolinus schon haben. Denn eine Familie der Gens Manlia hieß Capitolini, weil ihr altes Haus auf dem Capitole stand, eine andre Coelimontani, vermuthlich weil sie auf dem Cælius wohnte. S. Almeloveen Fast. Consul. a. u. c. 352. Und diese Angabe so vieler Annalen und Fasten sollte Livius nicht gekannt haben? Dies muß man aber annehmen, wenn er hier nichts weiter sagen soll, als M. Manlius habe nachher erst den Zunamen Capitolinus gehabt, den er doch schon geerbt hatte. Gronov hält sich deswegen an das etiam, und erklärt dies so. Livius habe damit bemerken wollen, daß Manlius auch so, wie die Quinctii, Mælii, Petillii und Andere den Zunamen Capitolinus geführt habe. Dies hebt aber den obigen Zweifel nicht, vollends weil Livius postea hinzusetzt; und Drakenborch widerspricht Gronoven mit Recht. Warum sollte Livius gerade hier nur so viel sagen wollen? Vielmehr war es an einer Stelle, wo man eine Hindeutung auf die durch späteres Verdienst erworbene Benennung erwartet, unpaßlich, zu sagen, er habe den Zunamen auch mit einem Quinctius Capitolinus und Andern gemein gehabt. den Namen Capitolinus nachher sogar als 453 Zunamen behielt. Diese Consuln feierten die großen Spiele, welche der Dictator Marcus Furius im Vejentischen Kriege gelobet hatte. In eben dem Jahre wurde auch der von eben diesem Dictator, gleichfalls in jenem Kriege, gelobete Tempel der Königinn Juno eingeweihet, und die Frauen sollen vielen Eifer bewiesen haben, diese Weihe zu verherrlichen. Mit den Äquern kam es auf dem Algidus zu einem Kriege, der aber unbedeutend war, weil die Feinde beinahe schon geschlagen waren, ehe man handgemein wurde. Dem Valerius, der sichs eifriger hatte angelegen sein lassen, den flüchtigen Feinden nachzuhauen, wurde der Triumph zuerkannt, dem Manlius der Einzug im kleinen Triumphe. In eben dem Jahre brach ein neuer Krieg aus, der mit den Volsiniern, gegen welche aber wegen einer im Römischen Gebiete herrschenden Hungersnoth und Seuche, die auf eine Dürre und gar zu große Hitze gefolgt war, kein Heer ausrücken konnte. Grund genug für die Volsinier, welche die Verbindung mit den Salpinaten 454 übermüthig machte, als Angreifende in das Römische Gebiet zu streifen. Hierauf wurde beiden Völkern der Krieg erklärt. Der Censor Cajus Julius starb: an seine Stelle wählte man den Marcus Cornelius; woraus man sich nachher ein Gewissen machte, weil in diesen fünf Jahren Rom erobert wurde: und man hat nie wieder einen Censor an den Platz des Verstorbenen nachgewählt. Weil die Krankheit auch die Consuln befiel, so beschloß man, durch eine Zwischenregierung die Leitung von oben in andre Hände zu geben. Da also die Consuln nach einem Senatsschlusse abgedankt hatten, wurde Marcus Furius Camillus Zwischenkönig, welcher dann den Publius Cornelius Scipio, so wie dieser wieder den Lucius Valerius Potitus zum Zwischenkönige ernannte. Unter seinem Vorsitze wählte man sechs Kriegstribunen mit Consulgewalt, damit der Stat, falls auch einen von ihnen Krankheit behindern sollte, doch noch der Oberhäupter mehrere habe. 32. Am ersten Quinctilis (Julius) traten Lucius Lucretius, Servius Sulpicius, Marcus Ämilius, Lucius Furius Medullinus zum siebtenmale, Agrippa Furius und Cajus Ämilius zum zweitenmale, ihr Amt an. Von ihnen bestimmte das Los den Lucius Lucretius und Cajus Ämilius gegen die Volsinier zu ziehen, den Agrippa Furius und Servius Sulpicius gegen die Salpinaten . Mit den Volsiniern focht man zuerst. Der Zahl der Feinde nach war die Schlacht bedeutend, das Gefecht selbst gar nicht gefährlich. Im ersten Zusammentreffen wurde ihre Linie in die Flucht geschlagen; und achttausend Bewaffnete, welche durch die Reuterei abgeschnitten waren, streckten die Waffen und ergaben sich. Das Gerücht von diesem Kriege bewog die Salpinaten, sich auf keine Schlacht einzulassen. Sie zogen sich mit den Waffen hinter ihre Mauern. Die Römer machten allenthalben Beute, im Gebiete von Salpinum, wie von Volsinii, ohne allen Widerstand, bis endlich die durch den Krieg gedemüthigten Volsinier unter der Bedingung, dem Römischen Volke Genugthuung zu geben und dem Heere den diesjährigen Sold zu liefern, einen Waffenstillstand auf zwanzig Jahre erhielten. 455 In diesem Jahre zeigte Marcus Cädicius, vom Bürgerstande, den Tribunen an, er habe auf dem Neuen Wege, wo jetzt die Capelle steht, über den Tempel der Vesta hinauf, bei nächtlicher Stille eine Stimme gehört, heller, als die eines Menschen, welche gerufen habe, man solle der Obrigkeit die Ankunft der Gallier melden. Wie gewöhnlich, achtete man auf die Aussage eines so geringen Mannes nicht: auch war ja jenes Volk so entfernt, und eben darum zu wenig bekannt. Ja man verkannte, weil das Unglück hereinbrechen sollte, nicht allein die Warnungen der Götter, sondern entfernte auch die einzige menschliche Hülfe, die man hatte, den Marcus Furius, von der Stadt. Da ihm der Bürgertribun Lucius Apulejus wegen der Beute von Veji einen Klagetag gesetzt hatte, und er um eben diese Zeit einen erwachsenen Sohn verlor, so berief er seine Bezirksgenossen und Schützlinge – sie machten keinen geringen Theil der Bürger aus – zu sich ins Haus, ihre Gesinnungen zu erfahren, und da sie ihm die Antwort gaben, «sie wollten die Summe, zu der man ihn verurtheilen würde, zusammenlegen, seine Lossprechung aber könnten sie nicht bewirken;» so ging er mit der Bitte an die unsterblichen Götter ins Elend: «Wenn er dies Unrecht unschuldig litte, so möchten sie ihn je eher je lieber von seinen undankbaren Mitbürgern vermißt werden lassen.» Man verdammte ihn in seiner Abwesenheit zu einer Geldstrafe von funfzehn tausend Zu 467 Gulden Conventionsgeld. schweren Kupferassen. 33. Nach Vertreibung des Mitbürgers, dessen Gegenwart, wenn sich auf irgend etwas, das von Menschen abhängt, mit Gewißheit rechnen lässet, Roms Eroberung unmöglich gemacht hätte, kamen von den Clusinern – denn schon nahete das über die Stadt verhängte Unglück – Gesandte mit der Bitte um Hülfe gegen die Gallier. Der Sage nach soll diese Nation, gereizt durch die Süßigkeit der Früchte und vorzüglich des Weins, eines ihr damals noch neuen Genusses, über die Alpen gegangen sein und die von den Hetruskern gebauten Fluren besetzt 456 haben: den Wein aber habe ihr, um sie zu locken, ein Clusiner, Aruns, zugeführt, um sich an dem Verführer seiner Frau, am Lucumo, zu rächen, dessen Vormund er selbst gewesen war, den er aber, als einen sehr mächtigen jungen Mann, ohne eine auswärtige Macht aufzubieten, nicht zur Strafe ziehen konnte: er soll bei ihrem Übergange über die Alpen ihr Führer gewesen sein, und sie zum Angriffe auf Clusium aufgefordert haben. Ich will nicht leugnen, daß Aruns, oder ein andrer Clusiner: Gallier vor Clusium geführt habe; daß aber die Belagerer Clusiums nicht die ersten Gallier waren, welche über die Alpen gingen, ist ausgemacht: denn die Gallier stiegen schon zweihundert Jahre früher, ehe sie Clusium bestürmten und die Stadt Rom eroberten, nach Italien herüber, und ihre Heere fochten nicht mit diesen Hetruskern zum erstenmale, sondern schon viel früher mit jenen, die zwischen dem Apenninus und den Alpen wohnten. Die Macht der Tusker nämlich erstreckte sich, vor der Römischen Oberherrschaft, weit über Land und Meer. Wie viel sie auf dem Oberen und Unteren Meere vermochten, welche Italien gleich einer Insel umgürten, beweisen schon die Namen, da letzteres bei den Völkerschaften Italiens nach dem Namen des Gesamtvolkes das Tuskermeer, und ersteres nach einer Pflanzstadt der Tusker, Hadria, das Hadriatische Meer heißt. Die Griechen nennen sie gleichfalls das Tyrrhenische und Hadriatische Meer. Bei dieser Aussicht auf beide Meere bewohnten sie ihr Land in zwölf Städten, zuerst diesseit des Apenninus bis ans Untermeer; nachher auch in den Ländern jenseit des Apenninus, wohin sie nach der Zahl ihrer Hauptstämme Pflanzungen ausgehen ließen, welche das ganze Land jenseit des Padus (Po) bis an die Alpen besetzten, den Winkel der Veneter ausgenommen, die den Meerbusen umwohnen. Auch die Alpenvölker haben unstreitig denselben Ursprung, vorzüglich die Räter, denen aber die Gegend selbst ihre Wildheit mittheilte und ihnen von allem Angeerbten nichts weiter übrig ließ, als den Klang der Sprache, und auch den nicht einmal unverfälscht. 457 34. Vom Übergange der Gallier nach Italien haben wir folgende Nachrichten. Als in Rom Tarquinius Priscus regierte, waren unter den Celten, die den dritten Theil Galliens ausmachen, die Biturigen das gebietende Volk: den König über das ganze Celticum gaben sie . Dieser hieß Ambigatus und war durch seine und seines Volkes Tapferkeit und Glück sehr mächtig, da unter seiner Regierung Gallien an Früchten und Menschen so ergiebig war, daß er die zu große Volksmenge kaum regieren zu können glaubte. In der Absicht, sein Reich des überlästigen Schwarms zu entledigen, und selbst schon hochbejahrt, ließ er bekannt machen, er wolle seine Schwestersöhne, Bellovesus und Sigovesus, unternehmende Jünglinge, in die Länder aussenden, die ihnen die Götter durch den Vogelflug zu Wohnsitzen bestimmen würden. Damit sich ihrem Anzuge kein Volk widersetzen könne, möchten sie selbst so viele Menschen aufbieten, als sie wollten. Da beschied ein heiliger Wink dem Sigovesus die Hercynischen Wälder; dem Bellovesus verliehen die Götter einen weit erfreulicheren Weg, den nach Italien . So viel hierzu in den Völkerschaften gemißt werden konnte, bot er auf, die Biturigen, Arverner, Senonen, Äduer, Ambarrer, Carnuter, Aulerker Ich gehe nach Samson d'Abbeville (in Perrot d'Ablancourt übersetztem Julius Cæsar) die neuen Namen: Bourges, Auvergne, Sens, Autun, Chalon sur Saone, Chartres, Perche. . Mit einem großen Heere zu Fuß und zu Pferde brach er auf, und kam zu den Tricastinern S. Paul Tricastin au Rhone. . Nun hatte er die Alpen vor sich. Daß ihm diese unübersteiglich schienen, wundert mich um so weniger, da sie, so viel uns die zusammenhängende Geschichte meldet, wenn wir nicht etwa den Sagen vom Herkules glauben wollen, noch nie überstiegen waren. Außerdem, daß hier die Höhe der Gebirge die Gallier wie eingezäunt festhielt, und sie in Verlegenheit waren, auf welchem Wege sie über die mit dem Himmel zusammenhängenden Bergrücken in einen andern Welttheil hinübergehen sollten, fühlten sie sich auch durch einen göttlichen Wink gehalten, als sie hörten, 458 daß noch andre Land suchende Ankömmlinge von dem Volke der Salyer belagert würden. Diese waren die Massilier Jetzt Marseille . , die von Phocäa mit einer Flotte gekommen waren. Die Gallier, die diesem Umstande eine Deutung auf ihre eigne Lage gaben, leisteten den Massiliern Beistand, so daß diese, weil jetzt die Salyer es geschehen lassen mußten Ich folge der von Drakenborch nicht widerlegten Vermuthung des Hadr. Valesius, der statt patentibus silvis, welches hier, wenn wir auch den Doppelsinn nicht erwägen, völlig unnöthig steht, patientibus Salyis las. , den Platz, den sie gleich bei ihrer Landung besetzt hatten, befestigen konnten. Sie selbst gingen durch das Land der Tauriner Die Gegend um Turin . und unwegsame Bergschluchten über die Alpen, und als sie nicht weit vom Flusse Ticinus Der Tessino . die Tusker besiegt hatten, und erfuhren, das Land, wo sie sich gesetzt hatten, heiße das Land der Insubren, so fanden sie darin, daß sie auch im Äduerlande einen Bezirk gleiches Namens, die Insubren, gehabt hatten, einen Wink hier zu bleiben, baueten eine Stadt und nannten sie Mediolanum Das jetzige Mailand . . 35. Ein neuer Haufe, Cenomaner Aus der Gegend von Mans. nämlich, welcher bald nachher unter Anführung des Elitovius, der Spur der früheren folgte, überstieg, von Bellovesus begünstigt, durch dieselbe Schlucht die Alpen, und setzte sich in der Gegend, wo jetzt die Städte Brixia Das jetzige Brescia. und Verona sind, im Lande der Libuer: nach ihnen nahmen die Salluvier ihren Sitz neben dem alten Ligurischen Volke, den Lävern, die um den Fluß Ticinus Der Tessino. wohnten. Nachher gingen die Bojer Bojer aus Bourbonnois, Lingonen aus Langres. und Lingonen über den Peninus, und weil sie schon die ganze Gegend zwischen dem Po und den Alpen besetzt fanden, fuhren sie in Flößen 459 über den Po, und trieben nicht allein die Hetrusker, sondern auch die Umbrer aus ihrem Eigenthume: doch beschränkten sie sich auf die Länder diesseit des Apenninus . Die letzten Ankömmlinge endlich, die Senonen, wohnten vom Flusse Utens Utens, bei Ravenna, jetzt Montone. ( Stroth. ) bis an den Äsis Äsis, bei Ancona, jetzt Fiume Esino. ( Stroth. ) . Und dieser Völkerstamm ging, wie ich finde, gegen Clusium, und dann auf Rom; nur das ist nicht völlig gewiß, ob er allein kam, oder von allen Völkerschaften der diesseit der Alpen wohnenden Gallier unterstützt wurde. Die Clusiner also, – die der neue Krieg in Schrecken setzte, als sie eine solche Menge Feinde, und nie gesehene Menschengestalten und Waffen erblickten, und zugleich hörten, daß die Heere der Hetrusker von ihnen oft diesseit und jenseit des Po geschlagen wären; – standen sie gleich mit den Römern weder als Verbündete, noch als Freunde in einem Verhältnisse, außer daß sie ihren Stammgenossen, den Vejentern, nicht gegen das Römische Volk beigestanden hatten; schickten dennoch Gesandte nach Rom, beim Senate um Hülfe nachzusuchen. Die Hülfe wurde ihnen nicht bewilligt; man schickte drei Gesandte hin, die Söhne des Marcus Fabius Ambustus, welche im Namen des Römischen Senats und Volks den Galliern vorstellen sollten: «Sie möchten Leute, von denen sie nie beleidigt waren, Bundesgenossen und Freunde des Römischen Volks, unangegriffen lassen. Die Römer würden diese, wenn es sein müsse, auch mit den Waffen vertheidigen; doch hielten sie es für besser, wo möglich, einen wirklichen Krieg abzuwenden, und mit den Galliern, dieser ihnen fremden Nation, lieber in Frieden, als durch die Waffen bekannt zu werden.» 36. Das war keine unfriedliche Bestellung, hätte sie nicht die trotzigen Überbringer gehabt, die mehr den Galliern, als Römern, glichen. Als sie ihren Auftrag in der Versammlung der Gallier ausgerichtet hatten, gaben ihnen 460 diese zur Antwort: «Ob sie gleich den Namen der Römer zum erstenmale hörten, so glaubten sie doch, sie müßten tapfre Männer sein, weil sich die Clusiner in ihrer Noth an sie gewandt hätten. Und weil sie ihre Bundesgenossen lieber durch eine Gesandschaft, als mit den Waffen vor ihnen hätten schützen wollen, so wollten auch sie den angetragenen Frieden nicht zurückweisen, wenn die Clusiner von ihrem Lande, das sie in größeren Strecken besäßen, als bebaueten, den Galliern, die dessen bedürften, einen Theil abträten: unter andern Bedingungen könne der Friede nicht Statt haben. Sie wären bereit, die Antwort im Beisein der Römer in Empfang zu nehmen, und wollten auch, falls ihnen die Ländereien nicht bewilligt würden, im Beisein der Römer fechten, damit diese zu Hause bezeugen könnten, wie weit die Gallier alle übrigen Sterblichen an Tapferkeit überträfen.» Da sie nun auf die Fragen der Römer: «Was das für ein Recht sei, Eigenthümern ihr Land abzufordern, oder mit den Waffen zu drohen;» und «Was in Hetrurien Gallier zu suchen hätten;» trotzig erwiederten: «Sie trügen ihr Recht in den Waffen, und tapferen Männern gehöre Alles:» so lief man mit gegenseitiger Erbitterung zu den Waffen und die Schlacht begann. Hier griffen die Gesandten, so wollte es das über die Stadt Rom hereinbrechende Verhängniß, gegen das Völkerrecht zu den Waffen; und dies konnte nicht verborgen bleiben, da drei der edelsten und tapfersten jungen Männer Roms vor den Fahnen der Hetrusker fochten, und die Tapferkeit dieser Fremden so sehr sich auszeichnete. Ja Quintus Fabius, der mit seinem Pferde vor die Linie hinaussprengte, durchbohrte einem Anführer der Gallier, der zu dreist auf die Reihen der Hetrusker einbrach, mit seinem Speere die Seite und erlegte ihn; und als er ihm die Rüstung abzog, erkannten ihn die Gallier und machten ihrer ganzen Linie bemerklich, daß dies ein Römischer Gesandter sei. Sie gaben ihren Zorn gegen die Clusiner auf, bliesen zum Rückzuge und droheten den Römern. Einige riethen, sogleich auf Rom zu gehen. Allein die Älteren 461 drangen durch, daß man vorher Gesandte abschickte, über das Unrecht sich zu beschweren und wegen des verletzten Völkerrechts auf die Auslieferung der Fabier anzutragen. Als die Gesandten der Gallier sich ihrer Aufträge entledigt hatten, misbilligte der Senat das Betragen der Fabier allerdings, und hielt die Forderung der Wilden für gerecht: allein gegen Männer von so hohem Adel den Schluß so abzufassen, wie man ihn für recht hielt, ließ die gefällige Parteilichkeit nicht zu. Um also die Schuld nicht selbst zu tragen, wenn sich im Kriege gegen die Gallier ein Unglück ereignen sollte, verwies der Senat die Untersuchung der Gallischen Forderungen an das Gesamtvolk. Und hier waren Einfluß und Macht noch so viel geltender, daß man eben die, über deren Bestrafung jetzt erkannt werden sollte, für das nächste Jahr zu Kriegstribunen mit consularischer Gewalt ernannte. Hierüber, wie billig, aufgebracht, kehrten die Gallischen Gesandten, unter lauter Androhung des Krieges, zu den Ihrigen zurück. Mit den drei Fabiern wurden zu Kriegstribunen erwählt Quintus Sulpicius Longus, Quintus Servilius zum viertenmale, Servius Cornelius Maluginensis . 37. Bei dieser so großen herannahenden Gefahr sah sich eben der Stat, der so manchesmal in den Kriegen gegen die Fidenaten, Vejenter und andre benachbarte Völker mit Aufbietung der äußersten Mittel einen Dictator ernannt hatte, jetzt, da vom Oceane und den entlegensten Küsten der Erde ein nie gesehener, nie genannter Feind zum Kampfe heranzog, – – so sehr blendet das Schicksal die Menschen, wenn es seine hereinbrechende Allgewalt nicht hemmen lassen will – – auch nicht im geringsten nach einem außerordentlichen Befehlshaber, oder Hülfsmittel um. Die Kriegstribunen, deren Unbesonnenheit den Krieg herbeigezogen hatte, hatten den Oberbefehl, und wandten auf die Werbung nicht die mindeste Sorgfalt mehr, als gewöhnlich bei mittelmäßigen Kriegen; ja sie setzten diesen Krieg noch unter den Ruf herab. Unterdeß rissen die Gallier, auf die Nachricht, daß man den Frevlern am Völkerrechte noch dazu Ehre 462 erwiesen, und so ihre Gesandschaft gehöhnet habe, glühend vor Zorn, den dies Volk nicht zu beherrschen weiß, sogleich ihre Fahnen aus der Erde und machten sich im Eilmarsche auf den Weg. Als durch das Getümmel ihres im Fluge vorüberziehenden Heeres geschreckt, die Städte zu den Waffen eilten und die Landleute flüchteten, gaben sie mit lautem Geschrei zu verstehen, sie zögen auf Rom; und wohin sie kamen, bedeckten sie mit Roß und Mann in einem sich in die Länge und Breite dehnenden Zuge einen ungeheuren Platz. Über Rom, wohin der Ruf, und dann die Anzeigen der Clusiner und der übrigen der Reihe nach folgenden Völker vorangingen, verbreitete den meisten Schrecken die Geschwindigkeit der Feinde: denn ob man gleich mit einem fast nur zusammengerafften Heere sich schleunig aufmachte, so konnte man doch, ohne ihnen zu begegnen, kaum noch den elften Meilenstein 2 1 / 5 Deutsche Meilen von Rom . erreichen, da wo der Fluß Allia, der vom Crustuminischen Gebirge in sehr tiefem Bette herabfließt, nicht weit unterhalb der Heerstraße mit dem Tiberstrome sich vereinigt. Schon hatte man überall vor sich und auf beiden Seiten Feinde, und bei der diesem Volke eigenen Stimmung für leeres Getöse, erfüllten sie durch wilden Gesang und manchfaltiges Geschrei Alles umher mit fürchterlichen Tönen. 38. Hier stellten nun die Kriegstribunen, ohne vorher einen Platz zum Lager zu wählen, oder eine Verschanzung anzulegen, in die sie sich zurückziehen könnten, selbst der Götter, wie viel eher der Menschen? uneingedenk, ohne Vögel und Opfer um ihre Zustimmung zu fragen, ihre Linie so, daß sie sie auf die Flügel ausbreiteten, um nicht von der Menge der Feinde umzingelt zu werden. Und dennoch wurden die Stirnen einander nicht gleich, so sehr auch das Römische Mitteltreffen durch die Ausdehnung geschwächt und beinahe ohne Zusammenhang war. Zur Rechten war eine kleine Anhöhe: diese beschloß man mit einem Rückhalte zu besetzen, und gerade diese Vorkehrung, die den ersten Anlaß zur Unordnung und Flucht 463 gab, wurde die einzige Rettung der Fliehenden. Denn Brennus, der Fürst der Gallier, den vorzüglich die geringe Anzahl der Feinde eine List besorgen ließ, wandte sich in der Voraussetzung, daß die Höhe nur dazu besetzt sei, um seine Gallier, sobald sich ihr Vordertreffen mit den Legionen eingelassen habe, durch jenen Rückhalt von hinten und in der Seite anzugreifen, gleich zuerst gegen diesen Rückhalt, da er seiner so sehr überlegenen Menge, wenn er diesen geworfen hatte, in der Ebene einen leichten Sieg versprechen durfte: so sehr stand nicht allein Glück, sondern auch richtige Berechnung auf der Seite der Wilden. Auf der Linie gegenüber sah es gar nicht Römisch aus, so wenig bei den Feldherren, als bei den Soldaten. Bestürzung und Flucht hatten die Gemüther eingenommen, und eine solche Vergessenheit aller Dinge, daß ein weit größerer Theil nach Veji, dieser feindlichen Stadt, flüchtete, von der sie doch die Tiber schied, als gerades Weges nach Rom zu ihren Weibern und Kindern. Auf kurze Zeit deckte den Rückhalt die Anhöhe: die übrige Linie nahm, sobald die, welche zunächst standen, das Geschrei auf der Seite, und die entferntesten es im Rücken hatten, ohne den Kampf nur zu versuchen, ja ohne das Geschrei zu beantworten, mit heiler Haut und unangegriffen die Flucht. Es kam nicht zum Blutvergießen eines Gefechts: nur im Kampfe mit denen, die ihnen im Gewühle am Fliehen hinderlich waren, hieben sie ihren eignen Leuten in den Rücken. Am Ufer der Tiber aber, wohin sich mit Wegwerfung seiner Waffen der ganze linke Flügel zog, erhob sich ein großes Gemetzel; und Viele, die nicht schwimmen konnten, oder vom Panzer und der übrigen Rüstung beschwert ermatteten, verschlang die Tiefe: doch rettete sich der größte Theil wohlbehalten nach Veji, sandte aber von da keine Unterstützung, nicht einmal die Anzeige ihrer Niederlage nach Rom . Vom rechten Flügel, welcher weiter ab vom Flusse, mehr unten am Berge gestanden hatte, liefen Alle nach Rom, und flüchteten, sogar ohne die Stadtthore zu schließen, auf die Burg . 39. Auch die Gallier fühlten sich, gleich Staunenden, 464 vom Wunder dieses plötzlichen Sieges ergriffen. Bestürzung auch auf ihrer Seite ließ sie anfangs, wie festgeheftet, stillstehen, als wüßten sie nicht, was vorgefallen war: dann fürchteten sie einen Hinterhalt; zuletzt sammelten sie den Raub von den Erschlagenen, und thürmten, nach ihrer Sitte, Haufen von Waffen auf. Nun endlich, als sich nirgendwo etwas Feindliches zeigte, machten sie sich auf den Weg und kamen nicht lange vor Sonnenuntergang bei der Stadt Rom an. Als ihnen hier die vorausgegangenen Reuter meldeten, kein Thor sei geschlossen, kein Posten stehe vor den Thoren auf Wache, kein Bewaffneter sei auf den Mauern zu sehen, so standen sie über dies neue, dem vorigen ähnliche, Wunder, abermals still, und weil sie es bedenklich fanden, sich bei Nacht an eine Stadt zu wagen, deren Lage sie nicht kannten, ließen sie sich zwischen Rom und dem Anio nieder, und schickten Kundschafter an die Mauern und an mehrere Thore, um sich über die Maßregeln, die der Feind in seiner traurigen Lage nähme, zu belehren. Bei den Römern erfüllte, weil sich der größere Theil aus der Schlacht nach Veji gewandt hatte, und niemand, glaubte, daß außer denen, die nach Rom zurückgeflüchtet waren, noch jemand übrig sei, die Wehklage um die Lebenden so gut, als um die Todten; fast die ganze Stadt mit Jammertönen. Dann aber, als man die Ankunft des Feindes erfuhr, betäubte der Schrecken der allgemeinen Noth die Trauer der Einzelnen. Gleich darauf hörte man auch, da die Wilden scharenweise die Mauer umschwärmten, die Mistöne ihres Geheuls und Gesanges. Und die ganze folgende Zeit erhielt die Bürger bis zum andern Tage in einer solchen Ungewißheit, daß sie mit jedem Augenblicke den Einbruch in die Stadt erwarteten. Zuerst Ich interpungire mit Crevier und Stroth: ut idemtidem iam in urbem futurus videretur impetus. Und darum setze ich auch folgende Kommata. Primo, adventu, quo accesserant – – Deinde, sub occasum solis, quia – – Tum, in noctem dilatum consilium esse cet. Bei diesen primo, deinde, tum, deren Stufenfolge Stroth richtig bemerkt, ist ein ausgelassenes credebant zu verstehen. Sollte ich etwas zu ändern wünschen, so möchte ich lieber so lesen: primo, adventu; quod accesserant ad urbem. glaubten 465 sie dies gleich bei der Ankunft des Feindes, weil er gegen die Stadt anrückte: denn er würde ja an der Allia geblieben sein, wenn dies nicht seine Absicht sei. Dann, gegen Sonnenuntergang, eben darum, weil nicht viel vom Tage übrig war; er werde noch vor Nacht gegen sie hereinbrechen. Noch später; er habe sein Vorhaben auf die Nacht versparet, um den Auftritt noch schauerlicher zu machen. Endlich brachte ihnen das kommende Tageslicht den Todesschrecken, und an die ununterbrochene Angst reihete sich, als sie die feindlichen Fahnen in die Thore rücken sahen, das Unglück selbst. Dennoch hatten sie in dieser Nacht und an dem ihr folgenden Tage durchaus nicht mehr die geringste Ähnlichkeit mit denen, die an der Allia so bestürzt geflohen waren. Denn da es sich nicht denken ließ, mit den wenigen noch übrigen Kriegern die Stadt vertheidigen zu können, so beschloß man, die wehrhafte Mannschaft mit Weib und Kind und die Rüstigsten des Senats sollten sich auf die Burg und das Capitol begeben, sich mit Waffen und Lebensmitteln versehen und von dieser Feste herab die Götter, Bürger und den Namen Roms vertheidigen: der Eigenpriester hingegen und die Vestalischen Priesterinnen Das Komma, welches ich in den übrigen Ausgaben hinter den Worten sacerdotesque Vestales finde, hat Drakenborch sehr richtig weggelassen; denn dadurch werden der Priester und die Vestalinnen zu Handelnden. sollten die Heiligthümer des Stats vom Morde und Brande entfernen, und deren Verehrung nicht eher aufhören, als bis keiner mehr da sei, der sie verehren könne. Wenn aus der bevorstehenden Zertrümmerung der Stadt nur die Burg und das Capitol, diese Wohnsitze der Götter, der Senat als Haupt der Statsregierung und die dienstfähige Jugend gerettet würden, so sei der Verlust der Greise, dieses in der Stadt zurückgelassenen, ohnehin dem Tode preisgegebenen Haufens, leichter zu verschmerzen. Und damit sich die Menge vom Bürgerstande so viel gelassener darein ergeben möchte, so erklärten die Greise, welche Triumphe gehalten und Consulate verwaltet hatten, öffentlich, «sie wollten mit ihnen sterben, und mit diesem Körperreste, mit 466 dem sie keine Waffen tragen, kein Vaterland vertheidigen könnten, den Waffenfähigen ihren Mangel nicht noch drückender machen.» 40. Dies waren die Trostgründe, welche sich die zum Tode bestimmten Greise einander selbst vorsagten. Dann richteten sie ihre Ermahnungen an den Zug der Jünglinge, den sie zum Capitole und zur Burg begleiteten; und empfahlen ihrer Tapferkeit und Jugendkraft das ganze Schicksal der Stadt, was sie – seit dreihundert und sechzig Jahren in allen Kriegen Siegerinn! – noch zu erwarten haben möchte. Und als nun die, welche alle Hoffnung und Hülfe mit sich nahmen, von denen schieden, die den Untergang der erorberten Stadt nicht zu überleben beschlossen hatten, so war dies Elend an sich, so wie sein Anblick, jammervoll genug: allein das Geweine der Weiber, ihr ängstliches Hin- und Herlaufen, indem sie sich bald an diese, bald an jene anschlossen, und unaufhörlich ihre Männer und ihre Söhne fragten, welchem Schicksale sie sie überlassen wollten, erfüllte jedes Maß menschlicher Leiden. Doch zog ein großer Theil von ihnen mit den Ihrigen in die Burg, ohne zurückgewiesen, ohne gerufen zu sein: denn was den Belagerten zur Verminderung der wehrlosen Menge heilsam gewesen wäre, vertrug sich nicht mit der Menschlichkeit. Ein anderer Schwarm, hauptsächlich vom niedern Stande, den ein so kleiner Hügel weder fassen, noch bei dem großen Mangel an Lebensmitteln nähren konnte, ging, wie in Einem Zuge hinausströmend, nach dem Janiculum . Von da verliefen sie sich theils auf das Land, theils zogen sie in die benachbarten Städte, ohne Führer, ohne Verabredung, Jeder seiner eignen Hoffnung, seinem eignen Entschlusse nach, weil sie ihren Verein im State für verloren ansahen. Der Eigenpriester des Quirinus und die Vestalischen Jungfrauen, die unterdeß, ohne für ihr Eigenthum zu sorgen, nur darüber zu Rathe gingen, welche Heiligthümer sie mitnehmen, welche sie, – denn unmöglich konnten sie sie alle tragen – zurücklassen sollten, und welcher Ort diese in getreuer Hut bewahren würde; hielten fürs 467 Beste, sie, in kleine Gefäße gepackt, in der dem Hause des Quirinalischen Eigenpriesters zunächst gelegenen Capelle, wo man jetzt nicht ausspeien darf, zu vergraben: in die übrigen theilten sie sich, und trugen sie auf dem Wege, der über die Balkenbrücke zum Janiculum führt. An dieser Höhe wurde sie Lucius Albinius gewahr, ein Römer vom Bürgerstande, der, unter dem wehrlosen die Stadt räumenden Haufen, Frau und Kinder auf einem Wagen fuhr, und weil er es für sündlich hielt, die Priester des Stats zu Fuß gehen und die Heiligthümer des Römischen Volks tragen zu lassen, sich selbst aber mit den Seinigen auf einem Wagen zu zeigen; – so sehr behielt der Unterschied zwischen göttlichen und menschlichen Dingen selbst unter solchen Umständen seine Kraft! – so ließ er seine Frau und Kinder absteigen, nahm die Jungfrauen mit den Heiligthümern auf den Wagen, und fuhr sie, wohin die Reise der Priester ging, nach Cäre . 41. Unterdeß erwarteten zu Rom, wo man schon, so gut es in der Lage sich thun ließ, zur Behauptung der Burg die gehörigen Vorkehrungen getroffen hatte, die sämtlichen Greise, auf ihren Tod gefaßt, die Ankunft der Feinde. Diejenigen, welche höhere Stellen bekleidet hatten, saßen, um in den Ehrenzeichen ihres ehemaligen Glücks, ihrer Ämter und Tapferkeit, zu sterben, so feierlich gekleidet, als ob sie einen Aufzug der Götterwagen oder des Triumphes hielten, mitten im Vorhofe ihrer Häuser auf ihren elfenbeinernen Thronsesseln. Einige melden, sie hätten sich für das Vaterland und Roms Quiriten die Todesweihe geben lassen, wobei ihnen der Hohepriester Marcus Fabius die Formel vorgebetet habe. Die Gallier, bei denen in der Zwischenzeit der Nacht die Spannung des Kampfes nachließ, die auch weder in der Schlacht irgend eine Gefahr zu bestehen gehabt hatten, noch jetzt die Stadt durch Einbruch oder Sturm eroberten, zogen am folgenden Tage ohne alle Erbitterung und Wuth in das offene Collinische Thor, und rückten bis auf den Markt vor, wo sie ihre Blicke rund umher auf die Tempel der Götter warfen, und auf die Burg, die allein ein 468 kriegerisches Ansehen hatte. Von hier vertheilten sie sich, mit Hinterlassung eines mäßigen Kohrs, um nicht in ihrer Zerstreuung, von der Burg aus, oder vom Capitole, überfallen zu werden, durch die menschenleeren Straßen zum Plündern; stürzten theils scharenweise in jedes nächste Haus, theils rannten sie zu den entfernteren, als ob nur diese noch unbesucht und gestopft voll Beute wären. Von hier kehrten sie wieder, selbst durch die Einöde zurückgeschreckt, um nicht bei ihren Streifereien auf einen feindlichen Hinterhalt zu stoßen, in gedrängten Haufen auf den Markt und in dessen Nähe zurück: und hier, wo sie die Bürgerhauser verriegelt, die Vorhöfe der Großen aber offen sahen, fanden sie es fast bedenklicher, sich in die offenen, als in die verschlossenen zu wagen; ja nicht ohne Ehrfurcht betrachteten sie die in den Vorhäusern sitzenden Männer, denen bei ihrem Schmucke und Anstande, welcher sie über Menschen erhob, selbst die Hoheit, die aus ihren Zügen und dem Ernste des Antlitzes sprach, ein Ansehen von Göttern gab. Indem sie so, zu ihnen, als Standbildern, hinanblickend, dastanden, brachte einer derselben, wie man sagt, Marcus Papirius, einen Gallier, der ihm den Bart strich, – denn damals trugen Alle den Bart lang – dadurch in Zorn, daß er ihn mit seinem elfenbeinernen Stabe auf den Kopf schlug; und da das Gemetzel mit ihm den Anfang gemacht hatte, wurden auch die übrigen auf ihren Stühlen erschlagen. Nach der Ermordung der Großen wurde keines Menschen weiter geschont; die Häuser wurden geplündert und wenn sie geleeret waren, angezündet. 42. Weil indeß entweder nicht alle Gallier an der Zerstörung der Stadt Gefallen fanden, oder ihre Häupter den Plan hatten, nur einige Feuer als Schreckmittel zu zeigen, um die Belagerten vielleicht durch die Liebe zu ihren Wohnplätzen zur Übergabe zu vermögen; aber auch nicht alle Häuser niederzubrennen, um immer noch in dem Reste der Stadt ein Pfand zu behalten, das auf die Herzen der Feinde mit Rührung wirken könnte; so brannte es am ersten Tage – gegen das Schicksal eroberter Städte – weder allenthalben, noch ließen sie das Feuer um sich greifen. Die Römer, die von der Burg herab die Stadt voll Feinde sahen, die auf allen Straßen zerstreut umherliefen, konnten nicht allein, weil sich bald in dieser, bald in jener Gegend ein neues Unglück erhob, zu keiner Besinnung kommen, sondern sie trauten ihren eignen Augen und Ohren nicht mehr. Wohin das Geschrei der Feinde, das Geheul der Weiber und Kinder, das Prasseln der Flamme, und das Krachen der stürzenden Häuser sie rief, dahin wandten sie, nach jedem hinstarrend, Aufmerksamkeit, Antlitz und Auge, als hätte sie das Schicksal hieher gestellt, bei dem Untergange ihrer Vaterstadt Zuschauer zu sein, und von allem ihrem Eigenthume weiter nichts vertheidigen zu können, als ihre Personen; so viel beklagenswerther, als Alle, die je belagert sind, weil sie als Belagerte, selbst ausgesperrt von ihrer Vaterstadt, alles Ihrige in der Feinde Gewalt sahen. Der so grausenvoll hingebrachte Tag wich einer nicht ruhigeren Nacht, auf die Nacht folgte ein unruhiger Tag Ich lese mit Gronov und Drakenborch: lux deinde noctem inquieta insecuta est. ; und es gab keinen Zeitpunkt mehr, der von dem Anblicke immer eines neuen Unglücks frei gewesen wäre. Unter der Last so vieler Leiden begraben, gaben sie den Muth nicht auf, – sollten sie auch Alles durch Flammen und Trümmer dem Boden gleich gemacht sehen – dennoch den Hügel, den sie behaupteten, so arm und klein er war, als den einzigen Zufluchtsort der Freiheit, tapfer zu vertheidigen. Auch hatten sie sich, da es täglich dieselben Auftritte gab, – der Übel gleichsam schon gewohnt, – aller Empfindung ihrer Noth entfremdet, und blickten nur auf ihre Waffen und auf das Schwert in ihrer Rechte, als die einzigen Überbleibsel ihrer Hoffnung. 43. Auch die Gallier, die mehrere Tage nach einander nur gegen die Häuser der Stadt einen Krieg ohne Erfolg geführt hatten, und unter den Brandstäten und 470 Trümmern der eroberten Stadt nichts weiter vor sich sahen, als bewaffnete Feinde, die sie vergeblich durch so vielerlei Unglück geschreckt hatten, und die sich auch, ohne Gewalt zu gebrauchen, zur Übergabe nicht verstehen würden, beschlossen jetzt, das Äußerste zu wagen und einen Angriff auf die Burg zu thun. Mit frühem Morgen stellte sich auf ein gegebenes Zeichen ihre ganze Menge auf dem Markte in Schlachtordnung, und nach erhobenem Geschreie rückten sie in geschlossenem Schilddache bergan. Die Römer, völlig besonnen und kaltblütig, verstärkten an allen Zugängen die Posten, stellten da, wo sie den Feind andringen sahen, den Kern ihrer Männer ihm entgegen und ließen ihn heransteigen, weil sie ihn, je höher er sich den schroffen Felsen hinaufwagen würde, desto leichter am Abhange zurückzuwerfen hofften. Etwa in der Mitte des Hügels hielten sie, und als sie jetzt von ihrer Höhe, die sie beinahe von selbst auf den Feind fallen ließ, den Angriff thaten, häuften sich unter ihrem Schwerte und durch den Herabsturz vom Berge bei den Galliern Leichen auf Leichen, so daß sie nie wieder, so wenig truppweise, als vereint, diese Art des Gefechts versuchten. Da sie also die Hoffnung, durch Sturm und Waffen hinanzukommen, aufgaben, schickten sie sich zur Belagerung an: theils aber hatten sie selbst, ohne bis dahin hieran zu denken, das Getreide bei den Einäscherungen der Häuser verbrannt; theils hatte man gerade in diesen Tagen alle Vorräthe vom Lande eilends nach Veji geschafft. Sie beschlossen also, mit getheiltem Heere, dort bei den benachbarten Völkern zu rauben, hier die Burg eingeschlossen zu halten, um durch den auf dem Lande plündernden Haufen den Belagerern Getreide zuzuführen. Die von der Stadt aufbrechenden Gallier leitete das Schicksal selbst, um ihnen von der Römischen Tapferkeit eine Probe zu geben, nach Ardea, wo Camillus als Verbanneter lebte. Als er hier, betrübter über die Lage des Stats, als über seine eigne, unter Klagen über Götter und Menschen sich abhärmte, und es eben so ärgerlich als 471 unbegreiflich fand, daß jene Männer verschwunden sein sollten, die mit ihm Veji und Falerii erobert hätten, für die in andern Kriegen die Tapferkeit immer mehr gethan habe, als das Glück; so hörte er unerwartet, daß ein Heer von Galliern anrücke, und daß die Ardeaten voll Bestürzung hierüber zu Rathe gingen. Nicht anders, als hätte ihn der Odem der Gottheit angeweht, begab er sich mitten in die Versammlung, so sehr er bisher dergleichen Zusammenkünfte gemieden hatte, und sprach: 44. « Ardeaten, ihr alten Freunde, und jetzt auch, weil es eure Güte erlaubte, und mein Schicksal so fügte, meine neuen Mitbürger; glaube niemand unter euch, daß ich meiner Lage uneingedenk hier aufgetreten sei: allein die Umstände und die gemeinschaftliche Gefahr zwingen Jeden, das ihm in diesem Drange mögliche Rettungsmittel mitzutheilen. Und wann könnte ich euch für eure so großen Verdienste um mich dankbar sein, wenn ich jetzt säumte? oder wo würdet ihr von mir Gebrauch machen können, wenn es nicht im Kriege sein sollte? Durch dieses Mittel behauptete ich meinen Posten im Vaterlande, und, unbesiegt im Kriege, ward ich im Frieden von undankbaren Mitbürgern vertrieben. Euch aber, ihr Ardeaten, bietet sich jetzt das Glück, theils dem Römischen Volke seine großen vormaligen Wohlthaten, deren Werth euch nicht entfallen ist, – und dem treuen Gedächtnisse muß man sie nicht vorhalten – zu vergelten, theils eurer Stadt die glänzende Ehre des Sieges über den gemeinschaftlichen Feind zu erwerben. Die in schwärmendem Zuge Herankommenden sind ein Volk, dem die Natur mehr große, als feste, Körper und Muth verlieh: darum treten sie zum Kampfe mehr furchtbar, als kraftvoll auf. Den Beweis mag uns Roms Unglück geben. Die offene Stadt konnten sie erobern: von der Burg und dem Capitole widersteht man ihnen mit einer Handvoll Leute. «Dem Überdrusse der Belagerung erliegend ziehen sie ab, und streifen schwärmend auf dem Lande umher. Mit hastig eingeschlungenen Speisen und Weinen überladen, 472 werfen sie sich Ich folge der Walchischen richtigeren Interpunction, die auch Crevier in der kleinen Ausgabe gegeben hat. , wenn die Nacht hereinbricht, ohne Verschanzung, ohne Posten und Wachen, wie das Vieh ohne alle Ordnung, an den Wasserbächen nieder, und jetzt im Glücke noch weniger auf ihrer Hut, als gewöhnlich. Ist es euer Wille, eure Mauern zu schützen und nicht Alles hier zu einem Gallien werden zu lassen, so greift zahlreich genug um die erste Nachtwache zu den Waffen; folgt mir zum Niedermetzeln, nicht zum Gefechte. Liefere ich sie euch nicht, vom Schlafe gefesselt, wie das Vieh zur Schlachtbank, so lasse ich mir zu Ardea dieselbe Wendung meines Schicksals gefallen, die es zu Rom nahm.» 45. Freunde und Feinde waren darin eins, daß das gegenwärtige Zeitalter nirgendwo einen so großen Feldherrn aufzuweisen habe. Nach entlassener Versammlung genossen sie der gehörigen Pflege, aufmerksam, wann das Zeichen gegeben werden möchte: es erfolgte, und in der Stille der einbrechenden Nacht stellten sie sich an den Thoren dem Camillus . Sie rückten aus, und nicht weit von der Stadt überfielen sie das Lager der Gallier, das sie, wie er vorhergesagt hatte, ungeschützt und von allen Seiten vernachlässigt fanden, mit Geschrei. Nirgend gab es Kampf; allenthalben Gemetzel: unbewehrt, vom Schlafe abgespannt, wurden die Gallier niedergehauen. Die am äußersten Ende Liegenden trieb der Schrecken, der sie von ihren Lagerstellen aufjagte, ohne zu wissen, von wem und von welcher Seite der Überfall komme, in die Flucht, und einige blindlings mitten in die Feinde. Ein großer Theil, der auf das Gebiet von Antium gerieth, wurde in seiner Zerstreuung durch einen Angriff aus jener Stadt überfallen und niedergemacht. Eine ähnliche Niederlage erlitten im Gebiete von Veji die Tusker, welche mit einer Stadt, die an die vierhundert Jahre ihre Nachbarinn, und jetzt von einem nie gesehenen, nie gehörten Feinde überrumpelt war, so wenig Mitleiden 473 hatten, daß sie gerade jetzt in das Römische einbrachen und mit Beute beladen sich zu einem Angriffe auf Veji, und die dortige Besatzung und letzte Hoffnung des Römischen Namens, anschickten. Die Römischen Soldaten hatten gesehen, wie sie auf dem Lande umherstreiften und in Einen Zug gesammelt die Beute vor sich hertrieben, und wurden jetzt ihr Lager in der Nähe von Veji gewahr. Hier regte sich bei ihnen zuerst das Gefühl ihres Elendes, dann der Unmuth und durch diesen der Zorn, «wenn auch sogar Hetrusker, von denen sie den Gallischen Krieg auf sich herübergezogen hätten, ihres Unglücks spotten sollten.» Kaum konnten sie es vor Erbitterung über sich erhalten, nicht sogleich auf sie loszugehen; doch von dem Hauptmanne Cädicius, den sie selbst zu ihrem Oberhaupte gesetzt hatten, zur Ruhe verwiesen, verschoben sie den Angriff auf die Nacht. Bloß der Anführer war hier kein Camillus, übrigens ging Alles denselben Gang und hatte denselben glücklichen Erfolg. Ja sie ließen sich von den Gefangenen, den Überbleibseln des nächtlichen Gemetzels, den Weg zu einer andern Schar von Tuskern zeigen, die an den Salzgruben standen, richteten unter ihnen in der folgenden Nacht durch Überfall ein noch größeres Blutbad an, und kehrten über ihren zwiefachen Sieg frohlockend nach Veji zurück. 46. Unterdeß ging die Belagerung Roms meistens sehr schläfrig, und von beiden Seiten verhielt man sich ruhig, weil die Gallier nur darauf aufmerksam waren, daß von den Feinden keiner zwischen ihren Posten durchschlüpfen möchte; als unerwartet ein junger Römer seiner Mitbürger und der Feinde Bewunderung auf sich zog. Das Fabische Geschlecht hatte auf dem Quirinalischen Hügel ein festgesetztes Opfer zu verrichten. Um dies zu bringen, stieg Cajus Fabius Dorso in Gabinischer Umhüllung Die Gabinische Umhüllung sieht man noch auf vielen Münzen des alten Rom; z. B. auf Kaisermünzen, wo der Kaiser als Pontifex Maximus opfert, und die Toga vom Rücken so über den Kopf zurückgeschlagen hat, daß sie diesen einhüllt, doch das Gesicht frei lässet, und auf beiden Seiten in Falten herabhängt . , die Opfergeräthe in seinen Händen, vom Capitole herab, schritt mitten durch die feindlichen Posten, ohne auf Anruf oder Drohung zu achten, langte auf dem Quirinalischen Hügel an, und nachdem er hier Alles vorschriftsmäßig ausgerichtet hatte, ging er auf demselben Rückwege, mit eben dem festen Blicke und Schritte, im Vertrauen auf den vollen Schutz der Götter, deren Verehrung er, selbst von der Furcht des Todes bedroht, nicht unterlassen habe, auf das Capitol zu den Seinigen zurück; es sei nun, daß die Gallier durch dies Wunder der Kühnheit betroffen waren, oder daß die Ehrfurcht für das Heilige auf sie wirkte, für welche dieses Volk durchaus nicht fühllos ist. Zu Veji vermehrte sich indeß mit jedem Tage nicht bloß der Muth, sondern auch die Macht, weil sich hier nicht bloß Römer aus dem Lande zusammenfanden, die nach der verlornen Schlacht und dem Unglücke der Eroberung Roms umhergeirrt waren, sondern auch aus Latium Freiwillige herbeiströmten, um an der Beute Theil zu nehmen. Die Zeit schien da zu sein, die Vaterstadt wieder zu erobern und sie den Händen der Feinde zu entreißen: aber dem kraftvollen Körper fehlte es noch an einem Haupte. Da erinnerte sie der Ort selbst an den Camillus, auch waren hier unter den Soldaten viele, die unter seiner Anführung und Obwaltung mit Glück gefochten hatten; und Cädicius erklärte, er werde es nicht abwarten, daß ihn irgend ein Andrer, Gott oder Mensch, seiner Befehlshaberstelle entsetze, bevor er sich nicht selbst, wie es sich für seinen Stand schicke, einen Feldherrn erbeten habe. Allgemein wurde beschlossen, von Ardea den Camillus zu holen, zuvor aber den Senat zu Rom hierüber zu befragen: so waltete damals in allen Dingen eine bescheidene Rücksicht vor, und in dem fast vernichteten State erhielt man doch Jedem sein Recht. Der Weg mußte durch die feindlichen Wachen genommen werden, nicht ohne große Gefahr. Ein unternehmender Jüngling, Pontius Cominius, erbot sich hierzu; legte sich auf Kork und schwamm die Tiber hinab zur Stadt. Von hier stieg er, so nahe es Ihm vom Ufer aus möglich war, an dem steilen und 475 deswegen von der feindlichen Wache nicht beachteten Felsen, zum Capitole hinan, wurde den Obrigkeiten vorgestellt und entledigte sich der Aufträge des Heers. Nachdem er hier den Senatsschluß empfangen hatte, «daß theils Camillus, wenn er auf einer Versammlung nach Curien Auf den Versammlungen nach Centurien (comitia centuriata) in denen die Consuln, consularische Kriegstribunen etc gewählt wurden, stimmten nicht bloß die Einwohner Roms, sondern auch die außerhalb wohnenden Bürger – in den vom Servius Tullius nach dem Unterschiede des Vermögens festgesetzten Centurien und Classen. Auf den Versammlungen nach Bezirken (comitia tributa) stimmten ebenfalls die in und außerhalb Roms wohnenden Bürger, aber nach Köpfen, nicht nach dem Vermögen. Auf den Versammlungen nach Curien ( Romulus hatte das Volk in 30 Curien getheilt) stimmten bloß die in Rom Wohnenden. Und wenn gleich der Consul etc. nach Centurien gewählt war, so hatte er doch den Oberbefehl im Heere (imperium) nicht eher, bis ihm diesen die Curien ertheilt hatten. aus der Verbannung zurückberufen wäre, sogleich durch die Stimme des Gesamtvolkes zum Dictator ernannt werden sollte, theils daß die Soldaten den zum Feldherrn haben sollten, den sie wollten;» stieg er auf eben dem Wege wieder herab und ging als Bote nach Veji: und es wurden nach Ardea Gesandte zum Camillus geschickt, die ihn nach Veji herüberführten: oder (weil ich lieber glauben möchte, er sei nicht eher von Ardea abgegangen, bis er erfahren hatte, daß der ihn betreffende Vorschlag durchgegangen sei: denn ohne Genehmigung des Gesamtvolks hätte er weder die Gränze wieder betreten, noch, ohne zum Dictator ernannt zu sein, den Oberbefehl im Heere haben können) die Curien genehmigten Folglich mußte diesmal der in Veji befindliche Theil des Heers sich dort in Curien ordnen; und so bekam Camillus auch diesmal den Oberbefehl über das Heer durch die Stimmen der Curien, die ihre Versammlung in Veji hielten, weil sie von Rom ausgeschlossen waren. den Vorschlag und Camillus wurde abwesend zum Dictator ernannt. 47. Indeß man sich zu Veji hiermit beschäftigte, war die Burg zu Rom und das Capitol in großer Gefahr. Denn die Gallier , die entweder da, wo der Bote von Veji hinaufgekommen war, eine Menschenspur entdeckten, oder auch ohne dies bemerkt hatten, daß bei dem Tempel der Carmentis der Felsen leichter zu ersteigen sei, kamen in einer sternhellen Nacht, so daß sie zuerst einen 476 Unbewaffneten, den Weg zu versuchen, vorangehen ließen, dann ihm ihre Waffen zureichten, ferner bei schwierigen Stellen einer um den andern sich wechselsweise stützten und hoben, auch, je nachdem es der Ort erforderte, einer den andern zogen.; in solcher Stille zum Gipfel hinan, daß sie nicht allein den Wachen unbemerkt blieben, sondern sogar die Hunde nicht weckten, da diese Thiere sonst jedes nächtliche Geräusch erregt. Nur den Gänsen entgingen sie nicht, an denen man sich in der größten Hungersnoth, weil sie der Juno heilig waren, nicht vergriffen hatte. Und dies rettete Rom. Von ihrem Geschreie und Flügelschlagen geweckt ergriff Marcus Manlius – er war vor drei Jahren Consul gewesen, ein im Kriege ausgezeichneter Mann – die Waffen, rief die Übrigen zur Bewaffnung auf, und rannte herbei: und während jene zusammeneilten, warf er den schon oben stehenden Gallier durch einen Stoß mit dem Bauche seines Schildes hinunter. Als der Sturz des Gefallenen die Nächsten umstieß, erlegte Manlius einige Andre in ihrer Bestürzung, die mit Wegwerfung der Waffen die Klippen, an denen sie hingen, mit den Händen umklammerten: nun sammelten sich schon mehrere zu ihm und trieben den Feind mit Pfeilen und Wurfsteinen ab, so daß das ganze Kohr zusammenfallend über Hals über Kopf hinabstürzte. Als sich der Aufruhr gelegt hatte, überließen sie sich, so weit es der Schrecken gestattete, da auch die überstandene Gefahr sie noch in Spannung erhielt, für den übrigen Theil der Nacht dem Schlafe. Mit Anbruch des Tages berief ein Trompetenstoß die Soldaten zur Versammlung vor den Kriegstribunen, um dem Verdienste sowohl, als der Pflichtvergessenheit ihren Lohn widerfahren zu lassen; und zuerst wurden dem Manlius für seine Tapferkeit Lob und Geschenke, nicht bloß von den Kriegstribunen, sondern auch einmüthig von den Soldaten: denn sie brachten ihm jeder ein halbes Pfund Speltkorn und ein Viertelmaß Wein in sein auf der Burg belegenes Haus; ein kleines Geschenk, das aber der Mangel zu einem auffallenden Beweise der Liebe machte, insofern jeder mit Verkümmerung 477 seiner eignen Lebensmittel den Beitrag zur ehrenvollen Gabe für den Einen Mann seiner Person und seinen nöthigsten Bedürfnissen entzog. Darauf wurden die Wachen des Postens vorgefordert, wo man den heransteigenden Feind unbeachtet gelassen hatte; und obgleich der Kriegstribun Quintus Sulpicius erklärte, er werde die Strafe nach Kriegsrecht an Allen vollziehen, so ließ er sich doch durch das einstimmige Geschrei der Soldaten, womit sie nur Einem Wächter die Schuld beimaßen, von der Bestrafung der übrigen zurückhalten, und zur allgemeinen Zufriedenheit den Einen, dieser Schuld offenbar überwiesenen, vom Felsen hinabstürzen. Seitdem waren die Wachen von beiden Seiten aufmerksamer; bei den Galliern , weil es auskam, daß zwischen Veji und Rom Boten ab- und zugingen; und bei den Römern, weil ihnen die Gefahr jener Nacht im Andenken blieb. 48. Aber mehr, als alle Leiden der Belagerung und des Krieges, drückte beide Heere die Hungersnoth; ja die Gallier auch eine Seuche, weil sie auf einem zwischen Hügeln gelegenen Boden ihr Lager hatten, der noch dazu durch die Feuersbrünste erhitzt und voll Dampf war, und so wie sich ein Wind erhob, nicht allein Staub, sondern auch Asche verbreitete: und da sie, mit dem Allen unverträglich, als ein an Nässe und Kälte gewöhntes Volk, von Hitze und Beklemmung gequält, an der Seuche, wie angesteckte Heerden, hinstarben, so verbrannten sie zuletzt, aus Unlust, jeden Todten zu begraben, ganze Haufen ohne Unterschied zusammengeworfener Leichen, und veranlaßten dadurch die den Platz auszeichnende Benennung der Gallischen Brandstäten . Darauf schlossen sie mit den Römern Waffenstillstand und mit Bewilligung der Feldherren stellte man Unterredungen an: und da die Gallier in diesen den Römern mehrmal den Hunger vorhielten, der sie zwinge, sich auf die Übergabe einzulassen, so warf man, wie erzählt wird, um diesen Verdacht von sich abzuwenden, an mehrern Orten vom Capitole Brot unter die feindlichen Posten. 478 Nun aber ließ sich die Hungersnoth eben so wenig länger verheimlichen, als ertragen. Während also der Dictator in Ardea die Werbung durch eignen Einfluß leitete, den Magister Equitum Lucius Valerius das Heer von Veji abführen ließ und alle Verfügungen und Vorkehrungen traf, um dem Feinde beim Angriffe gewachsen zu sein; sah das Capitolinische Heer, das von Postenstehen und Wachen erschöpft dennoch allen menschlichen Leiden Trotz bot, dem aber die Natur selbst die Besiegung des Hungers versagte, von einem Tage zum andern darnach aus, ob sich gar keine Hülfe vom Dictator zeigen wolle: und da endlich mit den Lebensmitteln auch die Hoffnung ausging, und bei dem beständigen Fortgange des Postendienstes fast die Waffen allein den entkräfteten Körper zu Boden drückten; so verlangte es Übergabe oder Loskaufung unter jeder Bedingung: denn die Gallier hatten sich nicht undeutlich verlauten lassen, sie würden sich für einen nicht hohen Preis zur Aufhebung der Belagerung geneigt finden lassen. Der Senat wurde berufen und den Kriegstribunen der Auftrag gegeben, einen Vergleich einzugehen. Der Kriegstribun Quintus Sulpicius und der Fürst der Gallier, Brennus, brachten die Sache in einer Unterredung zu Stande, und der Preis des Volkes, welches demnächst die Welt beherrschen sollte, wurde zu tausend Pfund Gold Wie hoch der Werth des Goldes zu Rom in den Zeiten des Brennus stand, läßt sich schwerlich ausmitteln. Späterhin, als die Römer Gold prägten, schlugen sie aus einem Römischen Pfunde Gold 40 Goldstücke, deren jedes den Werth von 25 Silberdenaren hatte, also (den Silberdenar zu 4 Ggr. gerechnet) 4 Thlr. 4 Ggr. unsres Geldes betrug. Folglich gäben die 1000 Pfund Gold die Summe von 166,666 Thlr. 16 Ggr. Stroth hat sie (ich weiß aber nicht, nach welcher Annahme) zu 225,000 Thlr. berechnet. Setzen wir das Römische Goldstück unsern Luidoren gleich, so hätten wir die runde Summe von 200;000 Thlr, Crevier giebt 1562 Pariser Marken an. bestimmt. Die darin liegende Schande wurde noch durch eine Unwürdigkeit erhöhet. Die Gallier brachten falsche Gewichtstücke her, und da sie der Tribun nicht gelten lassen wollte, warf der übermüthige Gallier noch sein Schwert zu den Gewichten, und ließ den einem Römischen Ohre unerträglichen Ausruf hören: «Besiegte müssen leiden!» 479 49. Doch Götter und Menschen wandten es ab, daß die Römer nicht als Erkaufte leben sollten. Es mußte sich so fügen, ehe noch der schändliche Kauf beendet werden konnte, weil über den Wortwechsel noch nicht alles Gold dargewogen war, daß der Dictator dazu kam, das Gold auf die Seite zu thun und die Gallier wegzuweisen gebot. Als diese sich sträubend den Vertrag vorschützten, sagte er, der Vergleich sei ungültig, weil er nach seiner Ernennung zum Dictator ohne sein Geheiß von einer untergeordneten Obrigkeit geschlossen sei, und deutete den Galliern an, sich zum Treffen bereit zu halten. Seine Krieger aber hieß er ihr Gepäck auf einen Haufen werfen, die Waffen anlegen, und das Vaterland mit dem Schwerte, nicht mit Golde, wieder erwerben, da sie jetzt die Heiligthümer der Götter, ihre Gattinnen und Kinder, den durch die Leiden des Krieges verunstalteten Boden ihrer Vaterstadt, und lauter Dinge vor Augen hätten, deren Vertheidigung, Wiedereroberung und Rache die Pflicht gebiete. Darauf stellte er sein Heer, so gut es die Beschaffenheit des Platzes gestattete, auf dem Boden einer halbzerstörten Stadt, der an sich selbst schon uneben war; und was durch Kriegskunst den Seinigen zum Vortheile gewählt und vorbereitet werden konnte, das Alles veranstaltete er. Die Gallier, über den unerwarteten Auftritt bestürzt, griffen zu den Waffen, und rannten mehr mit Leidenschaft, als Überlegung auf die Römer ein. Schon hatte sich das Glück gewandt: schon begünstigte der Beistand der Götter, mit der menschlichen Leitung in Verbindung, die Sache Roms . Also wurden die Gallier im ersten Zusammentreffen eben so leicht geworfen, als sie an der Allia gesiegt hatten. In einer zweiten, mehr förmlichen, Schlacht wurden sie am achten Meilensteine auf dem Wege nach Gabii, wohin sich ihre Flucht gewandt hatte, unter der glücklichen Anführung eben dieses Camillus abermals geschlagen. Hier war das Gemetzel allgemein; ihr Lager wurde erobert und nicht einmal ein Bote ihres Unglücks entrann. Der Dictator, der sein Vaterland den Feinden abgewonnen hatte, zog triumphirend in die Stadt, und die 480 Soldaten nannten ihn in den Freudenliedern, die sie in rohen Versen ertönen lassen, mit nicht unverdientem Lobe einen Romulus, einen Vater des Vaterlandes und zweiten Stifter der Stadt. Und nachher erhielt er die im Kriege gerettete Vaterstadt unstreitig zum zweitenmale im Frieden dadurch, daß er die Auswanderung nach Veji vereitelte, obgleich die Tribunen nach Einäscherung der Stadt diesen Vorschlag noch eifriger betrieben, und die Bürger von selbst zu dem Entschlusse weit geneigter waren. Dies war auch der Grund, warum er nach dem Triumphe die Dictatur nicht niederlegte; denn der Senat bat ihn, den Stat nicht in dieser ungewissen Lage zu hinterlassen. 50. Vor allen Dingen brachte er, wie er selbst ein sehr gewissenhafter Beobachter der Gottesverehrungen war, die in Hinsicht auf die unsterblichen Götter nöthigen Verfügungen zum Vortrage, und bewirkte den Senatsschluß, «daß alle heilige Stäten, weil sie der Feind besetzt gehabt habe, wieder hergestellt, begränzt und gereinigt, und über die Art ihrer Reinigung die heiligen Bücher von den Duumvirn befragt werden sollten. Mit den Einwohnern von Cäre sollte der Stat den Bund des Gastrechts knüpfen, weil sie die Heiligthümer des Römischen Volks und seine Priester aufgenommen hätten, und man die Nichtunterlassung der den unsterblichen Göttern gebührenden Verehrung der Wohlthat dieses Volks zu verdanken habe. Ferner: es sollten Capitolinische Spiele dem allmächtigen Jupiter zu Ehren angestellt werden, weil er seinen Sitz und die Burg des Römischen Volks in der Noth geschützt habe; und der Dictator Marcus Furius sollte hierzu eine Gesellschaft von Männern ernennen, die auf dem Capitole und der Burg wohnten.» Auch wurde in Erinnerung gebracht, daß man die nächtliche Stimme, die sich vor dem Gallischen Kriege als Verkündigerinn des Unglücks habe hören lassen und nicht beachtet sei, zu versöhnen habe, und der Befehl gegeben, am Neuen Wege dem Ajus Locutius Von Aio, ich bejahe, sage an, und Loquor, ich spreche, nannte man Gott, der die Stimme hatte hören lassen, und den man nicht errathen konnte, den Aius-Locutius, den anzeigenden Sprecher . einen Tempel zu bauen. Sowohl 481 das den Galliern entrissene, als auch das übrige Gold, das man aus andern Tempeln in der Eile in Jupiters Allerheiligstes zusammengetragen hatte, wurde auf Befehl, weil man sich nicht entsinnen konnte, in welche Tempel es zurückzuliefern sei, zusammen für Kirchengut erklärt und unter Jupiters Thronsessel niedergelegt. Das im State herrschende Religionsgefühl hatte sich schon früher dadurch zu erkennen gegeben, daß man, weil im Schatze nicht Gold genug vorräthig war, um die Summe des, den Galliern versprochenen, Kaufgeldes voll zu machen, bloß in der Absicht, sich an heiligem Golde nicht zu vergreifen, die Frauen höheres Standes das ihrige hergeben ließ. Dafür wurde den Frauen Dank abgestattet, und außerdem die Ehre zugestanden, daß ihnen, wie den Männern, nach dem Tode eine Lobrede gebühren sollte. Nachdem er so Alles, was die Götter betraf, und durch den Senat betrieben werden konnte, ausgerichtet hatte, so trat er nun auch, weil die Bürgertribunen in ihren fortgesetzten Versammlungen bei dem Volke darauf drangen, daß es mit Hinterlassung der Trümmer in die bereit stehende Stadt Veji hinüberziehen möchte, im Gefolge des ganzen Senats vor der Versammlung auf und hielt folgende Rede: 51. «Die Streitigkeiten mit den Bürgertribunen sind mir so zuwider, ihr Quiriten, daß mir theils meine höchst traurige Verbannung, so lange ich in Ardea lebte, doch wenigstens den Trost gewährte, mich weit genug von diesen Zwistigkeiten entfernt zu wissen; theils daß ich, gerade in Rücksicht auf diese, entschlossen war, wenn ihr mich auch durch Senatsschluß und Volksbefehl zurückrufen lassen solltet, dennoch nie zurückzukommen. Auch jetzt hat mich zur Rückkehr nicht meine Sinnesänderung vermocht, sondern euer Schicksal: denn jetzt kam es darauf an, daß die Vaterstadt auf ihrer Stelle stehen blieb, nicht darauf, daß gerade ich in der Vaterstadt lebte. 482 Und so würde ich mich auch jetzt von Herzen gern ruhig und schweigend verhalten, wenn nicht auch dieser Kampf der Vaterstadt gölte: und ihr sich entziehen, so lange man noch einiges Leben übrig hat, ist für Andre eine Schande, für den Camillus sogar Todsünde. Denn wozu haben wir sie wiedererobert? wozu die Belagerte den Händen der Feinde entrissen, wenn wir die Wiedergewonnene selbst verlassen; wenn jetzt, – obgleich mitten im Siege der Gallier, als sie die ganze Stadt besetzt hatten, dennoch Römische Götter und Römische Männer das Capitol und die Burg behaupteten und bewohnten – jetzt, nach dem Siege der Römer, nach Wiedererwerbung der Stadt, selbst auch die Burg und das Capitol verlassen werden soll? wenn unser Glück eine größere Verwüstung über diese Stadt bringen soll, als unser Unglück ihr brachte? Hätten wir keine Gottesverehrungen, die zugleich mit unsrer Stadt gegründet und uns erblich überliefert wären, so begleitete dennoch die Schicksale Roms eine höhere Einwirkung so augenscheinlich, daß ich wenigstens glauben würde, alle Nachlässigkeit gegen Gottesverehrung sei bei den Leuten vertilgt. Betrachtet nur, entweder die günstigen oder die widrigen Schickungen dieser Jahre nach der Reihe: ihr werdet finden, daß uns Alles gelang, wenn wir den Göttern folgten; Alles mislang, wenn wir sie verachteten. Gleich zuerst der Vejentische Krieg – wie viele Jahre, mit welcher Mühseligkeit führten wir ihn! – fand nicht eher sein Ende, bis wir auf Erinnerung der Götter aus dem Albanersee das Wasser ableiteten. Und nun vollends dies letzte Unglück unserer Stadt? erhob es sich eher, als bis wir jene Stimme, die vom Himmel herab die Ankunft der Gallier verkündete, misachteten? bis unsre Gesandten das Völkerrecht verletzten? bis wir diese Verletzung, die wir bestrafen mußten, aus gleicher Achtlosigkeit gegen die Götter unbemerkt ließen? So haben wir denn als Besiegte, als Eroberte, als Losgekaufte, bei Göttern und Menschen so gebüßt, daß wir der Welt ein Beispiel der Warnung geworden sind. Da erinnerte uns unser 483 Unglück an die Verehrung der Götter. Wir nahmen unsre Zuflucht auf das Capitol zu den Göttern, zum Sitze des allmächtigen Jupiter: wir bargen, obgleich der Stat über uns zusammenstürzte, die Heiligthümer zum Theile in der Erde, zum Theile verwahrten wir sie, in die benachbarten Städte entführt, vor den Blicken der Feinde; und von Göttern und Menschen verlassen, unterließen doch wir den Dienst der Götter nicht. Da gaben sie uns unsre Vaterstadt, den Sieg, und die alte verlorene Kriegsehre wieder und wandten Schrecken, Flucht und Verderben auf den Feind, der, von Geiz geblendet, bei Darwägung des Goldes Vergleich und Treue brach.» 52. «Wenn ihr nun diese über Achtung und Nichtachtung der Gottheit so belehrenden Denkmale in den Begebenheiten der Welt vor Augen sehet, wird es euch dann nicht einleuchtend, ihr Quiriten, zu welchem neuen Frevel wir, die wir so eben dem Schiffbruche unsrer früheren Verschuldung und Niederlage entsteigen, uns fertig machen? Wir haben eine Stadt, die durch göttliche Zustimmung und Weihe gegründet ward; jeder Platz in derselben hat seine Heiligkeiten, seine Götter; zu den eingeführten Opfern sind die Tage nicht eigentlicher, als die Plätze, an denen sie gebracht werden sollen, festgesetzt. Und alle diese Götter, des Stats sowohl, als eurer Häuser, ihr Quiriten, wollt ihr verlassen? Wie wenig stimmet euer Benehmen mit dem überein, das neulich in der Belagerung an dem ausgezeichneten Jünglinge, dem Cajus Fabius, zu nicht geringerer Bewunderung der Feinde, als der eurigen, so sehr in die Augen fiel; als er unter den Pfeilen der Gallier von der Burg herabschritt und das dem Fabischen Geschlechte gewöhnliche Opfer auf dem Quirinalischen Hügel ausrichtete! Oder wollt ihr nur die Familienopfer auch im Kriege nicht unterbrechen lassen, und die Opfer des States und die Götter Roms auch im Frieden aufgeben? und sollen die Oberpriester und Eigenpriester in den öffentlichen Religionsgebräuchen nachlässiger sein dürfen, als es ein Privatmann gegen eine Herkömmlichkeit seines Geschlechtes war?» «Vielleicht möchte jemand sagen: Entweder können wir das Alles zu Veji verrichten, oder aber von dort unsre Priester zur Ausrichtung hieher senden. – Keins von beiden kann geschehen, ohne den Gottesdienst aufzuheben. Um nicht jede Art von Opfern und die sämtlichen Götter anzuführen; kann beim Gottesmahle Jupiters die Tafel anderswo bereitet werden, als auf dem Capitole? Soll ich des ewigen Feuers der Vesta und ihres Bildes erwähnen, das als Unterpfand unsrer Oberherrschaft Anspruch auf Verwahrung in diesem Tempel macht? oder eurer heiligen Schilde S. Buch I. Cap. 20. , Schreitender Mars und du, Vater Quirinus? das Alles sollen wir hier auf entweiheter Stäte lassen? Heiligthümer, die so alt sind als die Stadt? zum Theile noch über den Ursprung der Stadt hinausgehen?» «Und nun beherzigt den Unterschied zwischen uns und unsern Vorfahren. Sie haben uns gewisse Opfer, zur Ausrichtung auf dem Albanerberge und zu Lavinium, hinterlassen. Machten sie sich ein Gewissen daraus, Opfer aus der Feinde Städten hieher nach Rom zu verlegen: und wir sollten ohne Versündigung die unsrigen nach Veji, in eine Stadt der Feinde, verlegen können? Erinnert euch doch, ich bitte euch, wie oft gottesdienstliche Feierlichkeiten von neuem beginnen müssen, weil durch Unachtsamkeit oder Zufall in den väterlichen Gebräuchen etwas verabsäumt war. Was wurde noch neulich, nächst der Hindeutung auf den Albanersee, für unsern am Vejenterkriege leidenden Stat das Heilmittel, als die wiederholte Weihe des Opferdienstes und die Erneuerung des Rechts, die Vögel zu befragen? Sogar haben wir, gleich als hielten wir noch etwas auf unsre alten Gottesverehrungen, theils fremde Götter nach Rom herübergebracht, theils neue aufgestellt. Wie merkwürdig und feierlich wurde nicht neulich durch die rühmliche Bemühung der ersten Römerinnen der Tag, an dem wir der von Veji herübergefahrnen Königinn Juno die ihr geweihete Stelle 485 auf dem Aventinus gaben? Dem Ajus Locutius ließen wir, wegen der vom Himmel erschollenen Stimme, am Neuen Wege einen Tempel bauen: unsre feierlichen Gebräuche vermehrten wir mit Capitolinischen Spielen, und stifteten, auf des Senates Gutachten, hierzu eine neue Gesellschaft. Wozu war eine einzige von diesen Anstalten nöthig, wenn wir, mit den Galliern zugleich, die Stadt der Römer verlassen wollten? wenn wir während der Belagerung von so vielen Monaten auf dem Capitole nicht aus eigner Wahl geblieben sind, sondern uns dort nur die Furcht vor den Feinden festhielt?» «Wir reden von den Opfern? von den Tempeln? was soll ich aber von den Priestern sagen? Fällt euch nicht ein, welch eine Sünde begangen werden würde? Für die Vestalinnen ist ja nur jener Sitz der einzige, aus welchem nie irgend ein Vorwand sie entfernen konnte, die Eroberung der Stadt ausgenommen. Für den Eigenpriester Jupiters ist es eine Todsünde, eine einzige Nacht aus der Stadt zu bleiben. Wollt ihr diese aus Priestern Roms zu Vejentern machen? Und sollen deine Vestalinnen dich, Vesta, verlassen? und der Eigenpriester durch seine Wohnung außerhalb für jede Nacht sich und den Stat mit einer solchen Todsünde beladen? Sollen wir ferner alles das, was wir unter Beistimmung der Vögel meistentheils innerhalb der Ringmauer besorgen, so der Vergessenheit, so der Verabsäumung preisgeben? An welchem andern Orte können die Vögel zur Wahlversammlung nach Curien, die die Angelegenheiten des Kriegswesens bestimmt, oder zu der nach Centurien, in der ihr eure Consuln und Kriegstribunen wählt, ihre Zustimmung geben, als da, wo sie immer gehalten werden? Wollen wir sie nach Veji verlegen? oder soll das Volk mit so vieler Beschwerlichkeit in dieser von Göttern und Menschen verlassenen Stadt sich zur Wahl einfinden?» 53. «Allein die Sache selbst zwingt uns ja, eine durch Brand und Zertrümmerung verwüstete Stadt zu verlassen, und in ein unversehrtes Ganzes nach Veji zu ziehen, statt hier den unvermögenden Bürgerstand mit dem Bauen zu 486 plagen? Daß diese Angabe mehr Vorwand, als wahrer Grund sei, muß euch, ihr Quiriten, meiner Meinung nach, ohne daß ich es sage, einleuchten, da ihr euch erinnert, daß schon vor der Ankunft der Gallier, als noch alle öffentlichen und Privatgebäude standen und die Stadt noch nichts gelitten hatte, eben dieser Vorschlag, nach Veji hinüberzuziehen, betrieben wurde. Und hier sollt ihr nun sehen, ihr Tribunen, wie sehr meine Meinung von der eurigen verschieden ist. Ihr glaubt, wenn wir es auch damals nicht hätten thun müssen, so müßten wir's doch durchaus jetzo thun: ich hingegen – und darüber wundert euch nicht, so lange ihr das wahre Verhältniß noch nicht gehört habt – ich würde, wenn man auch damals hätte wegziehen müssen, als die ganze Stadt noch unversehrt stand, mich jetzt dafür erklären, diese Trümmer nicht zu verlassen. Denn damals wäre die Veranlassung, in die eroberte Stadt hinüberzugehen, unser Sieg gewesen, ruhmvoll für uns und unsre Nachkommen: jetzt aber ist die Wanderung für uns traurig und schimpflich, und für die Gallier ruhmvoll: denn wir haben dann nicht den Schein, unsre Vaterstadt als Sieger verlassen, sondern als Besiegte verloren zu haben; hierzu durch die Flucht an der Allia, hierzu durch die Eroberung der Stadt, durch die Belagerung des Capitols gezwungen gewesen zu sein, unsre Schutzgötter zu verlassen, und uns selbst Verbannung und Flucht aus einem Orte aufzuerlegen, den wir nicht hätten behaupten können. Und so sollten die Gallier Rom haben zerstören können, welches die Römer, wie der Schein lehren würde, nicht wieder herstellen könnten? Es fehlt weiter nichts, als daß ihr, wenn sie jetzt mit neuen Volkshaufen kommen sollten – man weiß ja, daß ihrer eine kaum glaubliche Menge ist – und in dieser, von ihnen eroberten, von euch verlassenen, Stadt zu wohnen verlangten, dies geschehen ließet. Wie, wenn nicht die Gallier, sondern eure alten Feinde, die Äquer oder Volsker, auf den Einfall kämen, sich nach Rom zu versetzen, wolltet ihr dann, daß sie die Römer waren und ihr die Vejenter? Oder wollt ihr, ehe es eine Stadt der Feinde sein soll, lieber eine euch gehörende Einöde daraus werden lassen? Ich sehe in der That nicht, welches von beiden größerer Frevel sein würde. Und könnt ihr, bloß aus Unlust zum Bauen, Entschlossenheit genug haben, diese Gräuel, diese Schimpflichkeiten, auf euch zu nehmen? Ließe sich in der ganzen Stadt kein besseres oder ansehnlicheres Gebäude aufführen, als jene Hütte unsers Stifters ist, wäre es euch dann nicht gleichwohl wünschenswerther, in der Mitte eurer Heiligthümer und Schutzgötter in Hütten, nach Art der Hirten und Landleute, zu wohnen, als mit dem ganzen State ins Elend zu wandern? Unsre Vorfahren – Ankömmlinge und Hirten – baueten auf dieser Stelle, wo es nichts als Wald und Sümpfe gab, in so kurzer Zeit eine neue Stadt: und 487 wir, die wir das Capitol und die Burg unversehrt, die Tempel der Götter stehen sehen, sind zu verdrossen, das Niedergebrannte wieder aufzubauen? und was wir jeder einzeln thun mußten, wenn einem das Haus abbrannte, dies bei dem Brande, der das Ganze traf, mit vereinter Kraft zu thun, wollten wir uns weigern?» 54. «Und wie dann, wenn durch Bosheit oder Zufall eine Feuersbrunst zu Veji ausbräche, und die Flamme, – was doch möglich ist – vom Winde verbreitet, einen großen Theil der Stadt verzehrte, wollen wir von dort nach Fidenä, oder Gabii, oder einer andern Stadt uns umsehen, in die wir weiter zögen? Fesselt euch denn der vaterländische Boden so wenig? nicht diese Erde, die wir Mutter nennen? und trifft unsre ganze Vaterlandsliebe bloß die Oberfläche und die Balken? Mir wenigstens – ich will es euch gestehen, ob mir gleich die Erinnerung an euer Unrecht noch unwillkommener ist, als die an mein Unglück – mir traten, so oft ich in meiner Entfernung an meine Vaterstadt dachte, alle diese Dinge vor die Seele, die Hügel, die Gefilde, die Tiber, die Gegend, an die sich mein Auge gewöhnt hatte, und dieser Himmel, unter dem ich geboren und erzogen war; lauter Gegenstände, die euch lieber jetzt, ihr Quiriten, durch die auf ihnen haftende Liebe rühren sollten, als daß ihr euch nachher, wenn ihr sie verlassen haben solltet, durch die Sehnsucht nach ihnen martern lasset.» «Nicht ohne Ursache haben Götter und Menschen für die anzulegende Stadt diesen Platz gewählt; so äußerst gesunde Hügel; einen Strom, so glücklich gebettet, daß er uns aus dem Mittellande die Früchte herabführt, und die Zufuhr von der See in Empfang nimmt; das Meer für unsre Vortheile nahe genug, und doch nicht durch zu große Nähe der Gefahr von fremden Flotten ausgesetzt; einen Platz, der als Mittelpunkt der Landschaften Italiens zum Emporkommen einer Stadt einzig geschaffen ist. Zum Beweise dient selbst die Größe dieser so neuen Stadt. Es ist jezt ihr dreihundert und fünfundsechzigstes Jahr, ihr Quiriten: von so vielen uralten Völkern umgeben führt ihr schon seit so langer Zeit Krieg, und in dieser ganzen Zeit sind euch – ich mag von einzelnen Städten nichts sagen – weder die mit den Äquern verbundenen Volsker, mit ihren vielen und mächtigen Städten, noch das gesamte Hetrurien, das zu Lande und zu Wasser so viel vermag, das die ganze Breite Italiens zwischen zwei Meeren im Besitze hat, im Kriege gleich. Wenn dem also ist, wie zum Henker! geht es zu, daß ihr mit etwas anders, als dem, was euch schon Probe gehalten hat, die Probe machen wollt; da sich doch, wenn auch eure Tapferkeit an einen andern Ort übergehen kann, wenigstens das auf dieser Stäte ruhende Glück nicht verlegen läßt? Hier steht das Capitol, wo man einst einen Menschenkopf fand, und die Erklärung hörte, diese Stäte solle das Haupt der Welt und der Sitz der Oberherrschaft werden. Hier ließen sich, als man mit Genehmigung der Vögel zum Platze für das Capitol die andern Tempel wegräumte, zur höchsten Freude unsrer Vorältern, die Göttinn der Jugend und der Gott der Gränzen ihren Platz nicht nehmen. Hier ist das Feuer der Vesta, hier sind die vom Himmelgesandten heiligen Schilde, hier die Götter alle, die, wenn ihr bleibt, euch segnen.» 55. Die ganze Rede des Camillus soll auf die Bürger Eindruck gemacht haben, hauptsächlich aber der Theil, der auf die Götter Rücksicht nahm. Doch gab ein Ausruf, der hier sehr passend kam, der noch ungewissen Sache den Ausschlag. Denn als kurz nachher über eben diese Angelegenheit im Hostilischen Rathhause Senat gehalten wurde, traf es sich, daß die Cohorten, die von der Wache zurückkamen, über den Markt zogen, und auf dem Versammlungsplatze ein Hauptmann ausrief: «Hier, Fähnrich, pflanze die Fahne! hier ist die beste Stelle zum Bleiben!» Kaum hörten die Senatoren diese Worte, so kamen sie aus dem Rathhause und riefen alle: «Sie nähmen die Vorbedeutung an;» und das herzuströmende Volk gab seine Beistimmung. Als darauf der Vorschlag verworfen war, fing man an vielen Orten an zu bauen. Die Ziegel gab der Stat; und Jedem wurde frei gegeben, Steine und Holz zu hauen, wo er wollte; doch mußte er Bürgen stellen, daß er in diesem Jahre den Bau vollenden wolle. Die Eilfertigkeit ließ es nicht zu, auf die Richtung der Gassen zu achten, da jeder, ohne Rücksicht auf eignen oder fremden Boden, auf dem Platze bauen durfte, den er leer fand. Dies ist der Grund, warum die alten Ableitungsgraben, die ehemals den Straßen folgten, jetzt unter mehreren Privathäusern durchgehen, und die Ansicht der Stadt mehr eilige Besitznahme, als Austheilung des Platzes zu erkennen giebt. Sechstes Buch. Vom Jahre Roms 365 – 388. 2 Inhalt des sechsten Buchs. Dies Buch enthält die glücklichen Kriege gegen die Volsker und Äquer und Pränestiner . Roms Vergrößerung durch vier neue Bezirke, den Stellatinischen, Sabatinischen, Tromentinischen, Arniensischen. Weil Marcus Manlius, der das Capitolium gegen die Gallier behauptet hatte, für die mit Schulden behafteten bezahlte und die Schuldsklaven losmachte, so wird er auf die Anklage, nach dem Throne gestrebt zu haben, verdammet und vom Tarpejischen Felsen gestürzt: ihm zum Schimpfe wird durch einen Senatsschluß festgesetzt, daß im Manlischen Geschlechte keiner den Vornamen Marcus führen solle. Die Bürgertribunen Cajus Licinius und Lucius Sextius hängen den Vorschlag aus, daß die Consuln, die bisher aus den Vätern gewählt waren, auch aus dem Bürgerstande genommen werden könnten: sie setzen diesen Vorschlag bei dem Widerstande der Väter unter vielem Streite durch, indem sie als immer wieder gewählte Bürgertribunen fünf Jahre lang die einzigen Obrigkeiten waren; und Lucius Sextius wird der erste, aus dem Bürgerstande gewählte, Consul . Auch ein zweiter Vorschlag geht durch, daß niemanden erlaubt sein solle, mehr als fünfhundert Morgen Landes zu besitzen. 3 Sechstes Buch. 1. Was die Römer von Erbauung der Stadt bis zur Eroberung dieser Stadt zuerst unter Königen, dann unter Consuln und Dictatoren, ferner unter Decemvirn und consularischen Tribunen verrichtet haben, ihre auswärtigen Kriege, ihre Unruhen im Innern, habe ich in fünf Büchern dargelegt; lauter Thaten, welche theils wegen ihres zu hohen Alterthums in Dunkel gehüllt sind, gleich Gegenständen, die man in großer örtlicher Entfernung kaum sehen kann; theils weil die schriftlichen Nachrichten, dies dem Andenken des Geschehenen einzig treue Erhaltungsmittel, in eben diesem Zeitraume so kurz und so selten waren; und die, die sich etwa in den Verzeichnissen der Oberpriester und andern öffentlichen und Privatdenkmalen fanden, durch die Einäscherung der Stadt größtenteils verloren gegangen sind. Von nun an habe ich die, seit dem zweiten Ursprunge des gleichsam aus seinen Wurzeln erfreulicher und fruchtbarer wieder erwachsenen States, lichtvolleren und gewisseren Begebenheiten des Friedens und Krieges darzulegen. Hatte er sich übrigens am Marcus Furius, als seiner ersten Stütze, wieder aufgerichtet, so stand er auch jetzt, auf ihn, als seinen vorzüglichsten Mann, gelehnt; den man seine Dictatur nicht vor Ablauf des Jahres niederlegen ließ. Daß aber die Tribunen, in deren Amte die Stadt erobert war, den Wahltag für das folgende Jahr halten sollten, fand man anstößig; und so kam es zu einer Zwischenregierung. Während die Bürgerschaft mit dem Werke und der anhaltenden Arbeit der wieder aufzustellenden Stadt beschäftigt war, wurde vom Bürgertribun Cajus Marcius dem Quintus Fabius, sobald dieser von seinem Amte abging, ein Klagetag angesetzt, weil er als Gesandter gegen 4 die Gallier, an die man ihn als Sprecher geschickt hatte, dem Völkerrechte zuwider gefochten habe: und dieser Untersuchung entzog ihn der Tod, der so gelegen kam, daß ihn viele für freiwillig hielten. Die Zwischenregierung trat damals Publius Cornelius Scipio als Zwischenkönig an, und nach ihm Marcus Furius Camillus. Dieser ließ, Dies bezieht sich, wie Stroth richtig bemerkt (dessen Interpunction ich hier folge) auf B. V. Cap. 17. Stroth lieset: Camillus. Iterum is tribunos etc. wie schon einmal, Kriegstribunen mit consularischer Macht wählen, den Lucius Valerius Publicola zum zweitenmale, den Publius Virginius, Publius Cornelius, Aulus Manlius, Lucius Ämilius, Lucius Postumius . Als diese unmittelbar nach der Zwischenregierung ihr Amt angetreten hatten, war die erste Angelegenheit, über die sie beim Senate anfragten, die Verehrung der Götter. Vor allen ließen sie, was sich an Bündnissen und Gesetzen fand (diese waren aber die zwölf Tafeln und einige königliche Gesetze ), wieder aufsuchen: manche wurden dem Volke bekannt gemacht; was aber den Gottesdienst betraf, wurde hauptsächlich von den Priestern unterdrückt, damit sie den großen Haufen durch die Götterfurcht von sich abhängig erhalten möchten. Alsdann kam die Reihe an die Festsetzung der bedenklichen Tage, und sie nannten den durch eine zwiefache Niederlage bezeichneten achtzehnten Quintilis (Julius), auf den bei Cremera die Fabier gefallen, auf den nachher an der Allia zum Untergange der Stadt die schimpfliche Schlacht geliefert war, von der letztern Niederlage den Alliensischen Tag, und bezeichneten ihn als untauglich zu jedem öffentlichen und Privatgeschäfte. Einige glauben, weil der Kriegstribun Sulpicius an dem auf die Quintilischen Idus folgenden Tage nur ungünstige Opferzeichen wahrgenommen, und sein Heer am dritten Tage nachher, ohne sich der göttlichen Gnade versichert zu haben, dem Feinde preisgegeben habe, so sei die Besorgung jedes gottesdienstlichen Geschäfts auch auf den Tag nach den Idus Dies gilt nicht bloß für den Quintilis oder Julius, sondern für alle Monate des Römischen Calenders. untersagt, und daher schreibe sich es, 5 daß auch auf dem Tage nach den Calenden und nach den Nonen dieselbe Bedenklichkeit hafte. 2. Allein eine ruhige Überlegung der Entwürfe, wie der Stat nach seinem schweren Falle wieder zu heben sei, ward ihnen nicht lange gegönnt. Auf der einen Seite hatten die Volsker, diese alten Feinde, zur Vertilgung des Römischen Namens die Waffen ergriffen; auf der andern war, laut den Aussagen der Kaufleute, bei dem Heiligthume der Voltumna zwischen den Häuptern der sämtlichen Völkerschaften Hetruriens eine eidliche Verbindung zum Kriege zu Stande gekommen. Und eine neue beunruhigende Zugabe war der Abfall der Latiner und Herniker, die nach der Schlacht am See Regillus beinahe seit hundert Jahren gegen Roms Freundschaft nie eine zweideutige Treue gezeigt hatten. Von so vielen Besorgnissen auf allen Seiten bedroht und in der allgemeinen Überzeugung, daß der Römische Name nicht allein bei seinen Feinden dem Hasse, sondern auch bei seinen Freunden der Verachtung ausgesetzt sei, beschloß man, den Stat unter der Obwaltung eben dessen zu vertheidigen, der ihn wieder hergestellt hatte, und den Marcus Furius Camillus zum Dictator zu ernennen. Als Dictator ernannte er den Cajus Semilius Ahala zum Magister Equitum, und nach Ankündigung eines Gerichtsstillstandes hielt er unter den Dienstfähigen eine Werbung, wobei er auch Bejahrtere, wenn sie noch einigermaßen rüstig waren, den Eid leisten und sich einreihen ließ. Das geworbene und bewaffnete Heer vertheilte er dreifach. Den einen Theil stellte er im Vejenterlande gegen Hetrurien auf; den andern hieß er sich vor Rom lagern. Über diese wurde der Kriegstribun Aulus Manlius, über jene, die gegen Hetrurien geschickt wurden, Lucius Ämilius gesetzt. Den dritten Theil führte er selbst auf die Volsker, und nicht weit von Lanuvium (die Gegend heißt: bei Mäcium) begann er die Bestürmung ihres Lagers. Da sie nämlich in der Meinung, fast alle wehrhaften Römer seien von den Galliern aufgerieben, mit 6 Verachtung dieses Krieges ausgezogen waren, so hatte ihnen der bloße Ruf von der Anstellung des Camillus als Feldherrn einen solchen Schrecken eingeflößt, daß sie sich mit einem Walle, und den Wall mit einem Verhacke von Bäumen umzäunten, um dem Feinde ihre Verschanzungen von allen Seiten unzugänglich zu machen. Als dies Camillus gewahr wurde, ließ er in den ihm entgegen gestellten Verhack Feuer werfen: und gerade wehete ein heftiger Wind gegen den Feind ein. Folglich öffnete er sich nicht allein durch den Brand einen Weg, sondern er nahm auch durch die gegen das Lager einschlagenden Flammen, durch die Dunsthitze, durch den Rauch und das Geprassel des brennenden grünen Holzes den Feinden so sehr alle Fassung, daß es den Römern weniger Mühe kostete, über den Wall ins Volskische Lager zu brechen, als über den niedergebrannten Verhack wegzusteigen. Die Feinde wurden geschlagen und niedergehauen, ihr Lager im Sturme erobert, und die Beute überließ der Dictator den Soldaten, die ihnen um so angenehmer war, je weniger sie solche von ihrem sonst nicht freigebigen Feldherrn erwartet hatten. Als er darauf bei Verfolgung der Flüchtlinge das ganze Volskergebiet verheeret hatte, zwang er endlich die Volsker nach hundert und sieben Schon Glareanus und Sigonius erinnern, daß es hier nicht septuagesimo, sondern septimo ac centesimo demum anno heißen müsse; denn seit dem Jahre Roms 259 war der Volskerkrieg mit Unterbrechungen bis 366, also 107 Jahre geführt. Daß Eutropius und Orosius beide gleichfalls 70 Jahre angehen, beweiset nur, daß die Exemplare des Livius schon früh an unsrer Stelle durch Abschreiber verfälscht waren. Jahren zur Übergabe. Aus dem Volskerlande zog der Sieger gegen die ebenfalls zum Kriege schon thätigen Äquer, überfiel ihr Heer bei Bolä, und eroberte nicht allein ihr Lager, sondern auch die Stadt im ersten Angriffe. 3. Indeß auf dieser Seite, wo Camillus an der Spitze der Römer stand, alles so glücklich ging, hatte sich auf einer andern großer Schrecken verbreitet. Fast das ganze Hetrurien in den Waffen, belagerte Sutrium, die Bundsgenossenstadt des Römischen Volks. Als ihre Gesandten die Bitte um Hülfe in dieser Noth vor den Senat gebracht 7 hatten, erlangten sie zwar den Beschluß, daß der Dictator sobald als möglich den Sutrinern helfen solle. Da aber die Umstände der Belagerten diese sich verzögernde Hoffnung nicht abwarten konnten, und schon die geringe Anzahl der Bürger, die den, beständig dieselben Leute treffenden, Schanzarbeiten, Wachen und Wunden erlag, ihre Stadt auf Bedingungen dem Feinde übergeben hatte, und ohne Waffen entlassen, jeder nur mit einem Rocke bekleidet, in kläglichem Zuge ihre Penaten verließ, so kam gerade jetzt Camillus mit dem Römischen Heere dazu. Als der betrübte Haufe ihm zu Füßen fiel und sich an den von der höchsten Noth erzwungenen Vortrag ihrer Häupter das Geheul der Weiber und Kinder schloß, welche sie als Begleiter ihrer Auswanderung mit sich schleppten, so sagte Camillus, «die Sutriner möchten ihre Klagen einstellen. Die, denen er Trauer und Thränen brächte, wären die Hetrusker .» Dann ließ er das Gepäck zusammenlegen, befahl den Sutrinern, denen er eine mäßige Bedeckung ließ, hier Halt zu machen, und seinen Soldaten, bloß die Waffen mitzunehmen. Als er mit diesem leichten Heere nach Sutrium kam, fand er Alles, gerade wie er vermuthet hatte, in der beim Glücke so gewöhnlichen Sorglosigkeit; keine Posten vor den Mauern, die Thore offen, die Sieger in der Zerstreuung, wie sie raubend die feindlichen Häuser leer trugen. So wurde Sutrium an eben dem Tage zum zweitenmale erobert, die Hetrusker in ihrem Siege allenthalben von dem neuen Feinde niedergehauen, und ihnen weder Zeit gelassen, sich zu sammeln und zu vereinigen, noch zu den Waffen zu greifen. Da sie, jeder auf eignen Antrieb, nach den Thoren eilten, um vielleicht durch Eines sich ins Freie zu retten, fanden sie diese, wie der Dictator gleich anfangs befohlen hatte, verschlossen. Nun griffen einige zu den Waffen; andre, die der Überfall gerade in den Waffen getroffen hatte, riefen die Ihrigen zur Eröffnung des Kampfes zusammen: und er würde bei der Verzweiflung der Feinde heftig geworden sein, wenn nicht die in der Stadt umhergeschickten Herolde geboten hätten, die 8 Waffen niederzulegen, jedes Unbewaffneten zu schonen, und sich an niemand, als an Bewaffneten, zu vergreifen. Da warfen auch die, welche sich in der dringenden Noth, bis aufs Äußerste zu kämpfen, entschlossen hatten, sobald sich Hoffnung zum Leben zeigte, allenthalben die Waffen von sich, und gaben sich unbewaffnet, was unter diesen Umständen das Sicherste war, dem Feinde hin. Eine große Menge wurde zur Verhaftung vertheilt. Noch, vor Nacht wurde den Sutrinern ihre Stadt unbeschädigt wieder eingeräumt, und von jedem Unglücke des Krieges unversehrt, weil sie nicht im Sturme erobert, sondern auf Bedingungen übergegangen war. 4. Camill's Triumph bei seiner Rückkehr nach Rom feierte den vereinigten Sieg dreier Kriege. Unter den Gefangenen, die seinem Wagen voraufgingen, waren die Hetrusker bei weitem die meisten. Aus dem öffentlichen Verkaufe derselben wurde so viel Geld gewonnen, daß man den Römerinnen den Werth ihres Goldes S. oben B. V. C. 25. Sie hatten ihr Gold zu dem dem Apollo von der Vejentischen Beute bestimmten Weihkessel eingeliefert. abbezahlen und vom Überschusse drei goldne Opferschalen fertigen lassen konnte, welche, wie bekannt, mit des Camillus Namen bezeichnet, ehe das Capitolium Im J. R. 670. im Marser- oder Bundsgenossenkriege. abbrannte, in Jupiters Heiligthume der Juno zu Füßen aufgestellt gewesen sind. In diesem Jahre wurden diejenigen Vejenter, Capenaten und Falisker ins Bürgerrecht aufgenommen, welche während dieser Kriege zu den Römern übergegangen waren, und ihnen als neuen Bürgern Land angewiesen. Auch wurden durch einen Senatsschluß alle von Veji in die Stadt zurückberufen, die, aus Unlust, in Rom zu bauen, die leeren Häuser in Veji bezogen und sich hier niedergelassen hatten. Anfangs zeigten sie gegen den Befehl laute Verachtung: allein die Festsetzung eines Tages und der Todesstrafe für jeden, der dann noch nicht wieder nach Rom gezogen sein würde, machte aus einem widerspenstigen 9 Ganzen, als jeder Einzelne für sich zu fürchten hatte, lauter Gehorsame. Und nun wuchs Rom nicht bloß an Volkszahl, sondern das Ganze erhob sich auch in seinen Gebäuden mit Einemmale, da theils der Stat die Kosten tragen half; theils die Ädilen das Werk, gleich als vom State in Verding gegeben, betrieben; theils die Eigenthümer selbst, die der Wunsch, Gebrauch davon zu machen, spornte, zur Beendigung des Werkes eilten: und unter einem Jahre stand die neue Stadt . Am Ende des Jahrs wurde ein Wahltag für Kriegstribunen mit consularischer Macht gehalten. Gewählt wurden Titus Quinctius Cincinnatus, Quintus Servilius Fidenas zum fünftenmale, Lucius Julius Iulus, Lucius Aquillius Corvus, Lucius Lucretius Tricipitinus, Servius Sulpicius Rufus. Ein Heer führten sie gegen die Äquer; nicht zum Kriege, denn diese gaben sich ja überwunden, sondern aus Haß, um ihnen das Land zu verwüsten, damit ihnen zu neuen Unternehmungen die Kräfte genommen würden: ein zweites in das Gebiet von Tarquinii . Hier wurden die Hetruskischen Städte Cortuosa und Contenebra mit Sturm erobert und zerstört: und zwar Cortuosa ohne Kampf. Durch einen unvermutheten Überfall eroberten sie die Stadt mit dem ersten Geschreie und Angriffe. Sie wurde geplündert und verbrannt. Contenebra hielt die Bestürmung einige Tage aus; und wurde nur durch die fortgesetzte Anstrengung, die Tag und Nacht nicht nachließ, bezwungen. Denn da das Römische Heer in sechs Abtheilungen nur alle sechs Stunden der Reihe nach wieder zum Kampfe auftrat; die Belagerten hingegen ihre geringe Anzahl immer als dieselben Ermüdeten dem sich beständig erneurenden Gefechte bloßstellte; so wichen sie endlich und gaben den Römern eine Öffnung zum Einbruche in die Stadt. Die Tribunen hatten beschlossen, die Beute in den Schatz zu legen: allein ihr Befehl war säumiger, als ihr Wille. Indeß sie noch zauderten, ward die Beute schon den Soldaten, und konnte ihnen, ohne sich ihre Unzufriedenheit zuzuziehen, nicht wieder genommen werden. 10 In diesem Jahre wurde auch, damit die Stadt sich nicht bloß durch Privatgebäude höbe, das Capitolium mit Quadersteinen untermauert; ein selbst bei der jetzigen Pracht der Stadt noch sehenswürdiger Bau. 5. Noch war die Bürgerschaft mit Bauen beschäftigt, als schon die Bürgertribunen den Versuch machten, ihren Reden zum Volke durch Vorschläge von Landvertheilungen zahlreiche Zuhörer zu verschaffen. Sie körnten die Hoffnungen mit dem Pomptinischen Acker, der jetzt erst, nach Camill's vernichtendem Siege über die Volsker, ein unstreitiges Eigenthum der Römer war. Sie beschuldigten den Adel, «daß jenes Stück Landes von ihm weit mehr zu leiden habe, als ehemals von den Volskern: denn diese hätten es doch nur so lange mit ihren Einfällen überzogen, als sie die Kraft dazu und Waffen gehabt hätten: die Adlichen hingegen wären als Räuber darauf erpicht, alle Statsländereien zu behalten, und kein Bürgerlicher werde dort ein Plätzchen bekommen, wenn man nicht durch eine Vertheilung den das Ganze an sich Reißenden zuvorkomme.» Sie hatten aber wenig Eindruck auf die Bürger gemacht, weil die Besorgung des Baues nur wenige auf dem Markte erscheinen ließ und sie sich eben durch diese Ausgaben erschöpft hatten, folglich nicht auf Ländereien denken konnten, zu deren Einrichtung ihnen die Kräfte fehlten. Bei den mancherlei Rücksichten der Bürgerschaft auf die Götter, in der jetzt seit dem neulichen Unglücke selbst die Vornehmeren nicht ohne fromme Ängstlichkeit waren, ließ man, um sich von neuem der göttlichen Obhut zu versichern, eine Zwischenregierung eintreten. Als Zwischenkönige folgten auf einander Marcus Manlius Capitolinus, Servius Sulpicius Camerinus, Lucius Valerius Potitus . Dieser endlich hielt einen Wahltag, Kriegstribunen mit Consulgewalt zu ernennen. Unter seinem Vorsitze wählte man den Lucius Papirius, Cajus Cornelius, Cajus Sergius. Lucius Ämilius zum zweitenmale, Lucius Menenius, Lucius Valerius Publicola zum drittenmale. Unmittelbar nach der Zwischenregierung traten sie ihr Amt an. 11 In diesem Jahre wurde der Tempel des Mars, den man ihm im Gallischen Kriege verheißen hatte, vom Titus Quinctius als Duumvir der gottesdienstlichen Geschäfte eingeweiht. Aus den hinzugekommenen Bürgern vermehrte man die Zahl der Stadtbezirke mit vier neuen, dem Stellatinischen, Tromentinischen, Sabatinischen, Arniensischen, und dadurch stieg die Zahl der Bezirke auf fünf und zwanzig. 6. Der Bürgertribun Lucius Sicinius brachte den Antrag über den Pomptinischen Acker vor das Volk, das schon zahlreicher erschien, schon für den Wunsch nach Ländereien empfänglicher war, als zuvor. Und die im Senate zur Sprache gebrachte Kriegserklärung gegen die Latiner und Herniker wurde über die Sorge vor einem größeren Kriege, da Hetrurien in den Waffen stand, verschoben. So kam die Führung des Ganzen wieder an den Camillus als Kriegstribun mit consularischer Gewalt. Ihm wurden fünf Amtsgenossen gegeben, Servius Cornelius Maluginensis, Quintus Servilius Fidenas, zum sechsten male Tribun; Lucius Quinctius Cincinnatus, Lucius Horatius Pulvillus, Publius Valerius . Im Anfange des Jahrs konnte man sich auf den Hetruskischen Krieg nicht einlassen: denn ein aus dem Pomptinischen in die Stadt hereinstürzender Zug von Flüchtlingen brachte die Nachricht, die Antiaten ständen in den Waffen, und die Völkerschaften der Latiner hätten jenen unter der Hand Freiwillige zukommen lassen, ob sie sich gleich von aller Theilnahme von Seiten ihres Stats insofern lossagten, als sie nur Freiwilligen nicht hätten hinderlich sein wollen, zu dienen, wo sie wollten. Die Stimmung, irgend einen Krieg verächtlich zu finden, war vorüber. Also erklärte man sich im Senate den Göttern dafür verpflichtet, daß jetzt Camillus im Amte sei; denn man habe ihn, wäre er Privatmann gewesen, zum Dictator ernennen müssen. Und seine Amtsgenossen gestanden, «die Leitung des Ganzen beruhe, sobald irgend ein Krieg drohe, auf diesem einzigen Manne, und sie hätten sich vorgenommen, ihren eignen Oberbefehl dem Camillus zu unterwerfen, und würden keine Art von 12 Vergrößerung, die sie seiner Würde einräumten, als Abgang an der ihrigen ansehen.» Der Senat bezeugte den Tribunen seinen Beifall, und Camillus selbst versicherte sie, nicht ohne Verlegenheit, seines Dankes. Dann sagte er: «Durch die Erklärung, daß man ihn schon zum viertenmale zum Dictator ernannt haben würde, sei ihm eine nicht geringe Verpflichtung vom Römischen Volke auferlegt; eine größere vom Senate durch solche Äußerungen über ihn; die größte von seinen Mittribunen, als so hochbeamteten Männern, durch ihre Hingebung. Wenn es ihm also möglich sei, seine Thätigkeit und Wachsamkeit noch zu erhöhen, so werde er, mit sich selbst wetteifernd, dahin streben, dieser so einstimmigen Meinung des States über ihn, so hohe Forderungen sie an ihn mache, auch die Dauer zu geben. Was den Krieg und die Antiaten betreffe, so zeige sich hierin mehr Drohung, als Gefahr. So wie er indeß keinen Grund zur Furcht sehe, so stimme er doch auch nicht für Sorglosigkeit. Die Stadt Rom sei von der Misgunst und dem Hasse der Nachbarn auf allen Seiten umgeben; darum bedürfe die Verwaltung des Stats mehrerer Führer zugleich und mehrerer Heere. Du, Publius Valerius, fuhr er fort, magst, als Theilnehmer meiner Feldherrnstelle und Entwürfe, die Legionen mit mir gegen die feindlichen Antiaten führen: Du, Quintus Servilius, mit einem zweiten gerüsteten und schlachtfertigen Heere die Stadt zu deinem Lager behalten, aufmerksam auf die indeß möglichen Bewegungen, entweder, wie neulich, von Hetrurien aus, oder, was uns die neueste Sorge macht, von den Latinern und Hernikern . Ich bin überzeugt, daß du unsre Sache führen werdest, wie es deines Vaters, deines Großvaters, deiner selbst und der sechs Tribunate würdig ist. Ein drittes Heer zur Besetzung der Mauern und der Stadt müsse uns Lucius Quinctius aus Zurückgesetzten und Überjahrten errichten. Lucius Horatius sorge für Wehr und Waffen, für Getreide und was sonst die Vorfälle des Krieges nöthig machen werden. Und dir, Servius Cornelius, übergeben wir Amtsgenossen den Vorsitz hier in 13 der Rathsversammlung, deiner Obhut den Gottesdienst, die Wahlen, die Gesetze, und alle städtischen Angelegenheiten.» Da sie alle bereitwillig für den einem Jeden zugetheilten Geschäftskreis ihre Dienste versprachen, so fügte Valerius, mit welchem Camillus den Heeresbefehl theilen wollte, die Erklärung hinzu: «Er werde den Marcus Furius als seinen Dictator, und sich als dessen Magister Equitum ansehen. Und so möchten denn die Vater die Erwartungen von diesem Kriege nach dem Vertrauen bestimmen, das sie in diesen vorzüglichen Feldherrn setzten.» – «Allerdings, riefen die Väter laut, indem sie sich vor Freude von ihren Sitzen hoben, zeige sich ihnen für Krieg und Frieden und alle Statsangelegenheiten die schönste Aussicht. Nie werde der Stat eines Dictators bedürfen, wenn er solche Männer in Ämtern habe, die sich mit solcher Eintracht an einander schlössen, zum Gehorchen so bereitwillig wären, als zum Befehlen, und an ihrer eignen Ehre lieber das Ganze theilnehmen ließen, als die Ehre Aller auf sich selbst leiteten.» 7. Nach angekündigtem Gerichtsstillstande und gehaltener Werbung zogen Furius und Valerius gegen Satricum, wo die Antiaten nicht allein die aus dem neuen Zuwachse ausgehobene Mannschaft der Volsker, sondern auch aus den Latinern und Hernikern, diesen in dem langen Frieden unvermindert gebliebenen Völkerschaften, eine ansehnliche Menge versammelt hatten. Diese Vereinigung neuer Feinde mit dem alten setzte die Römischen Soldaten in Furcht. Als dies die Hauptleute dem Camillus, wie er schon die Linie ordnete, meldeten: «die Soldaten seien in Bestürzung; muthlos hätten sie die Waffen genommen; zaudernd und wieder stillstehend seien sie aus dem Lager gerückt: ja man habe rufen hören: Jeder von ihnen werde mit hundert Feinden zu kämpfen haben und man werde kaum einer solchen Menge von Unbewaffneten widerstehen können, geschweige dann, wenn sie bewaffnet sei;» so warf er sich auf sein Pferd, und da er an der Spitze des Heers, das Gesicht der Linie zugekehrt, durch die Glieder 14 ritt, sprach er: «Wozu dieser Mismuth, Soldaten? dies ungewöhnliche Zaudern? Kennt ihr den Feind nicht? oder mich, oder euch? Was ist der Feind anders, als ein fortdaurender Stoff für eure Tapferkeit und euren Ruhm. Ihr hingegen habt unter meiner Führung – eines eroberten Falerii und Veji, und der in unsrer eroberten Vaterstadt niedergehauenen Gallischen Legionen nicht zu erwähnen – noch neulich über eben diese Volsker, über Das folgende et ex Etruria und der Umstand ( Cap. 2. am Ende), daß die Äquer damals nicht mit den Volskern zugleich, sondern nach ihnen besiegt wurden, lässet mich vermuthen, daß Livius nicht et Aequis, sondern ex Aequis geschrieben habe. Man vergleiche Drakenb. am Ende seines Note mit 26, 45. 1. die Äquer und über Hetrurien euren dreifachen Sieg in dreifachem Triumphe gefeiert. Oder erkennt ihr in mir euren Feldherrn nicht, weil ich euch nicht als Dictator, sondern als Tribun, das Zeichen gegeben habe? Über euch habe ich für mich die unumschränkte Gewalt nicht nöthig: und auch ihr müsset in mir, auf weiter nichts, als auf mich, sehen: denn nie hat mir die Dictatur Muth eingeflößt, so wie ihn mir selbst die Verbannung nicht raubte. Folglich sind wir alle noch dieselben; und da wir in diese Schlacht alles mitbringen, was wir in die früheren mitbrachten, so laßt uns auch denselben Ausgang der Schlacht erwarten. Sobald ihr handgemein werdet, wird jeder thun, was er gelernt hat und gewohnt ist: ihr werdet siegen; sie werden fliehen.» 8. Nun gab er das Zeichen, sprang vom Pferde und riß den nächsten Fahnenträger, den er bei der Hand ergriff, mit sich in den Feind, wobei er immer rief: «Leute! hinein mit der Fahne!» Kaum sahen sie ihn selbst, den vor Alter zu Thaten des Arms schon unvermögenden Camillus, in die Feinde hineinschreiten, so rannten mit erhobenem Geschreie alle zugleich vorwärts, und jeder einzelne rief: «Dem Feldherrn nach!» Man sagt auch, Camillus habe eine Fahne in die feindliche Linie werfen lassen, und diese wieder zu gewinnen, hätten sich die beiden Vordertreffen herangestürzt. Hier habe die Niederlage der 15 Antiaten begonnen, und der Schrecken sich nicht bloß über ihre erste Linie, sondern auch auf ihr Hintertreffen verbreitet. Und dies Übergewicht der Römischen Soldaten war nicht bloß Folge ihrer eignen, durch die Gegenwart des Fellherrn erhöheten Tapferkeit, sondern auf die Einbildung der Volsker wirkte nichts so furchtbar, als, so oft ihnen Camillus aufstieß, sein Anblick selbst. So trug er allenthalben, wohin er sich wandte, den gewissen Sieg mit sich hinein. Am auffallendsten zeigte sich dies, als er mit dem Schilde eines Fußgängers sich auf sein Pferd warf, auf seinen fast schon geschlagenen linken Flügel hinsprengte und, indem er auf die übrige schon siegende Linie hinzeigte, durch seinen Anblick das Treffen herstellte. Schon neigte sich die Schlacht zum Siege: allein theils war den Feinden ihr eignes Gewühl am Fliehen hinderlich, theils hätten die schon ermüdeten Römer eine so große Menge nur durch anhaltendes Gemetzel niederhauen können: da machte plötzlich ein unter heftigem Windsturme herabströmender Regenguß mehr dem offenbaren Siege, als dem Treffen, ein Ende. Nach gegebenem Zeichen zum Rückzuge wurde in der folgenden Nacht der Krieg, ohne Zuthun der Römer, entschieden. Denn da die Latiner und Herniker von ihrer verderblichen Maßregel keinen bessern Erfolg gewannen, so verließen sie die Volsker und zogen nach Hause. Als sich die Volsker von denen verlassen sahen, auf deren Beistand sie bei Erneurung des Krieges gerechnet hatten, so schlossen sie sich, mit Hinterlassung ihres Lagers, in die Mauern von Satricum ein; und diese wollte Camillus anfangs mit einem Walle umgeben und mit einem Sturmdamme und Werken angreifen. Da er aber sah, daß sie dies alles nicht einmal durch einen Ausfall zu verhindern suchten, so forderte er in der Voraussetzung, daß ein so muthloser Feind einen so langsam abzuwartenden Sieg unnöthig mache, seine Soldaten auf, sie möchten sich nicht bei langwierigen Werken zerarbeiten; sie hätten den Sieg in Händen: griff mit der lautesten Zustimmung der Soldaten die Mauer von allen Seiten an und eroberte die Stadt durch 16 Sturmleitern. Die Volsker warfen die Waffen von sich und ergaben sich. 9. Übrigens beschäftigte der Feldherr seine Gedanken schon mit einer größeren Unternehmung, mit der gegen Antium . Dies sei die Hauptstadt der Volsker; sie die Urheberinn des letzten Krieges gewesen. Weil aber eine so starke Festung nicht ohne große Zurüstung, Wurfgeschütz und Werkzeuge erobert werden konnte, so reisete er, mit Hinterlassung seines Amtsgenossen beim Heere, nach Rom ab, um den Senat zur Zerstörung Antiums aufzumuntern. Während seiner Rede – ich glaube, es war der Götter Wille, daß Antium länger stehen sollte – kamen Gesandte von Nepete und Sutrium, welche um Hülfe gegen die Hetrusker baten, mit dem Zusatze, daß die Möglichkeit, ihnen zu helfen, bald nicht mehr sein werde. Dies war der Punkt, auf den das Schicksal das Übergewicht des Camillus von Antium ableitete. Denn da diese Plätze gegen Hetrurien zu gelegen und von dieser Seite gleichsam die Schlüssel und Thore waren, so waren die Hetrusker bei jedem neuen Aufstande darauf bedacht, sie zu besetzen, und die Römer, sie wieder zu erobern und zu behaupten. Deswegen fand es der Senat für gut, dem Camillus den Antrag zu thun, daß er, nach Aufgebung Antiums, den Hetruskischen Krieg übernähme. Es wurden ihm die Stadtlegionen bestimmt, die unter dem Servilius Daß hier statt quibus Quinctius zu lesen sei, quibus Q. Servilius u. s. w., vermutheten schon Glareanus und J. F. Gronov. Man sehe oben Cap. 6. Gerade von diesen Stadtlegionen, die jetzt Camillus gegen Hetrurien übernehmen soll, wird dort gesagt, daß sie unter dem Q. Servilius auf den Fall eines Hetruskerkrieges in der Stadt bereit stehen sollten. Da es aber Drakenb. nicht wahrscheinlich findet, daß Livius jetzt abermals bei dem Servilius den Vornamen Quintus anführe, weil er bei den andern keinen Vornamen wiederhole, und also nicht durch die Schuld der Abschreiber, wie Glarean und Gronov wollten, die Lesart Quinctius aus Quintus Servilius entstanden sein könne (denn nach seiner Voraussetzung fehlte ja hier der Vorname Quintus), so nehme ich an, daß man mit Weglassung des Vornamens Q. lesen müsse: quibus Servilius, und daß der Name Quinctius aus qb. . . . ius entstanden sei, d. i. aus der Abbreviatur des Wortes quibus und aus den letzten Buchstaben des halb erloschenen Namens Servilius. Und wirklich führt Drakenb. an, daß seine erste Leidener Handschrift, die er selbst optimae notae codicem nennt, die beiden Worte quibus Servilius weglasse. Schon früh also war hier durch das qb. . . . ius eine Lücke entstanden, die die meisten Abschreiber unrichtig durch Quinctius füllen zu müssen glaubten. Ich wenigstens möchte diese lieber die Schuld tragen lassen, als dem Auskunftsmittel derer beitreten, die hier bereit sind, zu gestehen: Memoria lapsum esse Livium. gestanden hatten. Hätte er gleich das ihm bewährte, 17 an seinen Oberbefehl schon gewöhnte Heer, welches im Volskerlande stand, lieber gewählt, so weigerte er sich doch nicht im mindesten: nur erbat er sich den Valerius zum Mitbefehlshaber. Dem Valerius wurden zu Nachfolgern im Volskerlande Quinctius Man ließ also den bejahrten Quintus Servilius in Rom bei den minder brauchbaren Truppen, welche nach Cap. 6. unter dem Quinctius gestanden hatten, und schickte die jüngeren Tribunen Quinctius und Horatius gegen den Feind. und Horatius gegeben, Furius und Valerius, welche von Rom nach Sutrium zogen, fanden einen Theil der Stadt schon von den Hetruskern erobert; im andern die Einwohner, die durch Sperrung der Straßen das Eindringen der Feinde kaum noch verhindern konnten; als auf einmal die Ankunft der Römischen Hülfe, noch mehr der bei Feinden und Bundsgenossen hochberühmte Name des Camillus, theils der gesunkenen Sache für jetzt eine Stütze, theils zur Rettung Zeit gab. Camillus nämlich, der sein Heer theilte, trug seinem Amtsgenossen auf, wenn er seine Truppen auf die von den Feinden besetzte Seite herumgezogen habe, die Mauern anzugreifen, nicht sowohl in der Hoffnung, die Stadt mit Leitern ersteigen zu können, als vielmehr, theils den vom Gefechte ermüdeten Einwohnern eine Erleichterung dadurch zu verschaffen, daß man den Feind nach jener Seite hinzöge; theils weil er selbst Raum gewinnen wollte, ohne Widerstand in die Stadt einrücken zu können. Da dies zugleich auf beiden Punkten bewerkstelligt wurde, und die von zwei Seiten bedrohten Hetrusker hier den hitzigsten Sturm auf die Mauern, dort die Stadt voll Feinde vor sich hatten, so stürzten sie eiligst zu dem einzigen Thore, welches gerade nicht belagert wurde, in Einem Zuge hinaus. In der Stadt sowohl, als auf dem Felde hatten die Fliehenden großen Verlust. Innerhalb der Mauern wurden sie 18 hauptsächlich von den Truppen des Camillus niedergehauen; die des Valerius hatten mehr Raum zum Verfolgen und hörten nicht eher mit dem Gemetzel auf, bis ihnen die Nacht die Aussicht nahm. Nach der Wiedereroberung von Sutrium, das den Bundesgenossen zurückgegeben wurde, zog das Heer vor Nepete, wo die Hetrusker durch Übergabe schon im Besitze des Ganzen waren. 10. Die Wiedereroberung dieser Stadt ließ, wie es schien, mehr Arbeit fürchten; nicht deswegen allein, weil sie den Feinden schon ganz gehörte, sondern weil auch ein Theil der Nepesiner, als Verräther ihrer eignen Stadt, die Übergabe bewirkt hatte. Dennoch fand man für gut, ihre Häupter durch Abgeschickte aufzufordern, sich von den Hetruskern zu trennen, und zu der treuen Hülfe, um welche sie die Römer angeflehet hätten, auch das Ihrige beizutragen. Als sie nun zurücksagen ließen: «Es hinge nichts mehr von ihnen ab; die Hetrusker hielten die Mauern und die Thore besetzt:» so machte man zuerst den Versuch, die Einwohner durch Verheerungen ihres Gebiets zu zwingen. Weil sie aber den Pflichten der eingegangenen Übergabe vor der Bundespflicht den Vorzug gaben, so versah sich das Heer auf dem Lande mit Bündeln Reisholz, rückte an die Mauern, schlug nach Füllung der Gräben die Leitern an, und im ersten Geschreie und Angriffe wurde die Stadt erobert. Dem Aufrufe an die Nepesiner, die Waffen niederzulegen, folgte der Befehl, der Unbewaffneten zu schonen: die Hetrusker aber wurden, bewaffnet und unbewaffnet, niedergehauen. Auch diejenigen Nepesiner, welche die Übergabe betrieben hatten, traf das Richtbeil: dann gab man der unschuldigen Menge das Ihrige wieder, und ließ in der Stadt eine Besatzung zurück. Als die Tribunen auf diese Art zwei Bundsgenossenstädte dem Feinde wieder abgenommen hatten, führten sie das siegreiche Heer nach Rom zurück. In eben diesem Jahre forderte man von den Latinern und Hernikern Erstattung des Geraubten, und fragte an, warum sie in diesen Jahren, der Regel zuwider, keine 19 Soldaten gestellt hätten. In einer zahlreichen Versammlung beider Völker wurde hierauf die Antwort ertheilt: «Daß einige von ihren Jünglingen unter den Volskern mitgefochten hätten, sei von Seiten ihres Stats ohne Veranlassung und Absicht geschehen. Auch hätten diese für ihre Person die Strafe ihrer schlechten Gesinnungen schon erlitten, und kein Einziger von ihnen habe sich wieder angefunden. Daß sie aber keine Soldaten gestellt hätten, daran sei ihre beständige Unsicherheit vor den Volskern Schuld, einer Plage, die an ihre Seite gelagert, bei den vielen sich über einander häufenden Kriegen sich noch nicht habe tilgen lassen.» Auf diese Antwort den Krieg zu erklären, hielten die Väter mehr der Zeitumstände wegen, als der Gerechtigkeit der Sache nach, für unthunlich. 11. Im folgenden Jahre, in welchem Aulus Manlius, Publius Cornelius, zwei Quinctius Capitolinus, jener mit Vornamen Titus, dieser Lucius, Lucius Papirius Cursor zum zweitenmale, Cajus Sergius zum zweitenmale Consulartribunen waren, entstand ein fürchterlicher Krieg von außen, und ein noch furchtbarerer Aufruhr im Innern; der Krieg durch die Volsker, weil der Abfall der Latiner und Herniker damit in Verbindung stand: der Aufruhr, von wo man ihn am wenigsten hatte fürchten können, von einem Manne aus patricischem Geschlechte und von ausgezeichnetem Rufe, vom Marcus Manlius Capitolinus . Da er in seinen zu hohen Gedanken die übrigen Großen verachtete, und den einzigen Marcus Furius, diesen zugleich durch Ehrenstellen und Verdienste ausgezeichneten Mann, beneidete, so überließ er sich den kränkenden Vorstellungen, «daß jener in den Ämtern, bei den Heeren, immer der Eine sei: er stehe schon so hoch, daß er die mit ihm zugleich gewählten nicht als seine Amtsgenossen, sondern als seine Handlanger gebrauche; da doch die Vaterstadt, wenn man der Wahrheit gemäß urtheilen wolle, von der feindlichen Einschließung nicht habe befreiet werden können, wenn nicht zuvor das Capitolium und die Burg durch ihn erhalten sei; da doch jener die Gallier, nur beim Empfange des Goldes und in 20 der Aussicht zum Vergleiche, in ihrer Sorglosigkeit überfallen, er selbst sie hingegen in ihren Waffen und schon im Begriffe, die Burg zu erobern, hinabgestürzt habe; da ferner an dem Ruhme jenes, von den Soldaten, die mit ihm gesiegt hätten, jeder sein Mannesantheil habe, an seinem Siege hingegen keiner von allen Sterblichen Theilnehmer sei.» Da er nun von diesem Dünkel aufgeblasen und noch dazu bei der seiner fehlerhaften Stimmung eignen Heftigkeit und Unbändigkeit sich gleichwohl nicht im Besitze eines so hervorspringenden Übergewichts über die Väter sah, als es seiner Meinung nach sein sollte; so nahm er jetzt, sobald er von den Vätern zur Volkspartei übergetreten war, Antheil an den Berathschlagungen der bürgerlichen Obrigkeiten, ließ sich in seinem Eifer, die Väter zu beschuldigen und die Bürger an sich zu ziehen, schon von der Volksgunst, nicht von der Vernunft leiten, und fand einen großen Namen Wünschenswerther, als einen guten: und um sich nicht auf die Vorschläge der Landvertheilung zu beschränken, einen Stoff zu Unruhen, den in seinen Augen so viele Bürgertribunen schon benutzt hatten; so suchte er den Credit umzustoßen, «insofern nämlich die Noth der Schuldenlast weit dringender sei, da sie nicht bloß mit Armuth und Schande drohe, sondern auf Freigeborne durch die Schrecken des Spannstocks und der Einsperrung wirke.» Und in der That war die Schuldennoth durch das Bauen, das selbst den Reichen die größten Kosten macht, sehr hoch gestiegen. Man stellte also zum Scheine den an sich schon schweren, und durch den Abfall der Latiner und Herniker noch lastender werdenden Krieg mit den Volskern als den Bewegungsgrund auf, der ein höheres obrigkeitliches Amt nöthig mache. Noch mehr aber bestimmten den Senat zur Ernennung eines Dictators die neuen Entwürfe des Manlius . Der hierzu gewählte Aulus Cornelius Cossus ernannte den Titus Quinctius Capitolinus zu seinem Magister Equitum. 12. Der Dictator, ob er gleich einen großem Kampf 21 zu Hause, als auswärts, bevorstehen sah, rückte dennoch, entweder weil der Krieg Geschwindigkeit forderte, oder weil er von einem Siege und Triumphe selbst seiner Dictatur größere Wirksamkeit versprach, nach gehaltener Werbung ins Pomptinische, wo sich den Nachrichten zufolge das Volskische Heer hatte sammeln sollen. Ohne Zweifel wird sich meinen Lesern außer dem Überdrusse, schon in so vielen Büchern beständig Kriege mit den Volskern zu finden, auch die Frage aufdrängen, welche mich, als ich die dem Zeitraume dieser Begebenheiten näheren Erzähler durchmusterte, in Verwunderung setzte: wie die so oft besiegten Volsker und Äquer doch immer Soldaten zur Gnüge hatten. Da aber die Alten hierüber schweigen und es übergehen, wie sollte ich jetzt etwas mehr angeben können, als eine Meinung, wie sie jedem bei seinen Vermuthungen frei steht? Es ist wahrscheinlich, daß sie entweder bei den Unterbrechungen eines Krieges, wie es noch jetzt der Fall mit den Römischen Werbungen ist, zu den wiederholten Erneuerungen der Feldzüge einen Nachwuchs von Jünglingen nach dem andern nahmen; oder daß die Heere nicht immer in denselben Volksstämmen ausgehoben wurden, wenn gleich dasselbe Gesamtvolk den Krieg eröffnete; oder daß es eine unzählbare Menge Freigeborner in jenen Gegenden gegeben habe, wo jetzt, das ärmliche Überbleibsel einer Pflanzschule von Kriegern abgerechnet, ohne die Römischen Leibeigenen eine menschenleere Wüste sein würde. Darin stimmen wenigstens alle Geschichtschreiber überein, daß das Heer der Volsker, so großen Verlust ihnen Camillus durch seine Geschicklichkeit und Glück zugefügt hatte, sehr ansehnlich war: überdies waren Latiner und Herniker zu ihnen gestoßen, auch Hülfe von Circeji, und sogar Römische Pflanzstädter von Veliträ . Als der Dictator, der noch an diesem Tage ein Lager aufschlug, sich am folgenden in die von den Vögeln bewilligte Versammlung begeben und den Göttern für ihren im dargebrachten Opferthiere angedeuteten Beistand gedankt hatte, so trat er vergnügt vor den Soldaten auf, die seinem Befehle zufolge auf das ausgesteckte Schlachtzeichen schon 22 mit Tages Anbruch zu den Waffen griffen. «Der Sieg ist unser, » sprach er, «ihr Soldaten, wenn irgend noch der Blick der Götter und ihrer Seher in die Zukunft reicht. So lasset uns, wie es Krieger ziemt, die voll sichrer Hoffnung sind und mit Feinden schlagen sollen, die ihnen nicht gewachsen sind, die Wurfspieße vor unsern Füßen niederlegen, und das Schwert die Waffe unsrer Rechten sein. Ja ich wünschte nicht einmal, daß ihr aus der Linie vorliefet, sondern, in festem Schritte den Feinden entgegengestämmt, ihren Ansprang auffinget. Wenn sie dann ihre unnützen Wurfpfeile herübergeschossen haben, und im Laufe heranwankend auf euch Standfesten anprellen; dann lasset die Schwerter blitzen; dann sage Jeglichem sein Bewußtsein, daß es die Götter sind, die dem Römer zur Seite stehen; daß es die Götter sind, die ihn unter glückversprechendem Vogelfluge ins Treffen sandten. – Du, Titus Quinctius, aufmerksam auf den ersten Anfang des beginnenden Kampfs, halt die Reuterei an dich: siehst du dann, daß die Linien Fuß gegen Fuß sich gefaßt haben, dann falle du mit dem Schrecken deiner Reuterei auf die schon von dieser Seite Bedrängten, und hineingesprengt wirf ihre fechtenden Reihen auseinander.» Seiner Anordnung gehorsam focht die Reuterei, focht das Fußvolk: und der Feldherr hielt seinen Legionen, das Glück dem Feldherrn Wort. 13. Die Menge der Feinde, auf nichts, als ihre Anzahl, sich verlassend und beide Linien nur mit den Augen messend, fing die Schlacht ohne Besonnenheit an und gab sie ohne Besonnenheit auf. Nur zum Geschreie, zum Gebrauche ihrer Wurfgeschosse und im ersten Angriffe der Schlacht voll Muth, konnte sie die Schwerter, das Standgefecht und das von Kampflust blitzende Auge des Feindes nicht ertragen. Ihre Vorderreihe wurde zurückgedrängt, die Verwirrung verbreitete sich auf das Hintertreffen, und die einhauende Reuterei vermehrte den Schrecken. Da wurden ihre Glieder auf mehrern Punkten durchbrochen, keine Stellung behauptet und auf der ganzen Linie zeigte sieh eine wogende Bewegung. Als endlich nach dem Falle des 23 Vordermanns jeder das Gemetzel auf sich hereinbrechen sah, kehrten sie dem Feinde den Rücken. Die Römer hinterdrein; und so lange der Feind, noch bewaffnet und in Haufen, abzog, war das Fußvolk an der Reihe des Verfolgens: als man aber allenthalben die Waffen sinken und die feindliche Linie auf der Flucht sich über die Felder zerstreuen sah; da wurden die Geschwader der Reuterei in Flug gesetzt, die den Befehl hatten, nicht etwa dadurch, daß sie beim Niederhauen der Einzelnen verweilten, die Menge entkommen zulassen; es sei hinlänglich, durch Pfeile und drohenden Angriff sie im Laufe zu hindern und durch bloßes Entgegensprengen den Zug aufzuhalten, bis das Fußvolk nachkommen und durch ein vollständiges Gemetzel den Feind vertilgen könne. Flucht und Verfolgung nahmen vor Nacht kein Ende; auch wurde noch an diesem Tage das Lager der Volsker erobert und geplündert, und die sämtliche Beute, mit Ausnahme der Freigebornen, dem Soldaten überlassen. Der größte Theil der Gefangenen bestand aus Latinern und Hernikern, und zwar nicht aus geringen Leuten, von denen man hätte glauben können, daß sie um Sold gedient hätten, sondern man fand junge Männer vom ersten Range, zum offenbaren Beweise, daß ihr Stat Roms Feinden, den Volskern, diese Hülfe bewilligt habe. Auch erkannte man Bürger von Circeji und Pflanzstädter von Veliträ; und als sie sämtlich nach Rom geschickt waren, bestätigten sie vor den Ersten der Väter auf geschehene Nachfrage, was sie schon dem Dictator gestanden hatten, jeder in unzweideutiger Aussage den Abfall seines Volks. 14. Der Dictator hielt sein Heer im Standlager, in der gewissen Erwartung, daß die Väter den Krieg mit diesen Völkern genehmigen würden, als ein größerer zu Hause ausgebrochener Sturm seine Zurückberufung nach Rom gebot, wo eine Gegenpartei, die durch ihr Oberhaupt eine mehr als gewöhnliche Furcht erregte, täglich weiter um sich griff. Denn schon waren nicht bloß die Reden des Marcus Manlius, sondern auch seine Handlungen von der Art, daß sie unter dem Scheine, ihn als Volksfreund 24 darzustellen, wenn man ihre Absicht erwog Ich lese statt intuenda mit Gronov, Drakenborch, Crevier und Stroth: intuenti. , einen Aufruhr bezweckten. Einen Hauptmann, dem seine Kriegsthaten Ruhm erworben hatten, sah er Schulden halber verurtheilt wegführen, kam in der Mitte des Markts mit seiner Schar herzugelaufen, setzte sich mit Gewalt gegen die Abführung, und nachdem er sich laut über die Tyrannei der Väter, die Grausamkeit der Wucherer, das Elend der Bürger, und über die Verdienste und das Schicksal des Mannes herausgelassen hatte, sprach er: «Dann müßte ich wahrhaftig mit dieser Rechten Capitol und Burg umsonst gerettet haben, wenn ich zusehen kann, wie mein Mitbürger und Schlachtgenoß gleich als von siegenden Galliern gefangen, zu Sklaverei und Banden weggeschleppt wird.» Dann bezahlte er vor allem Volke dem Gläubiger die Schuld, und gab den durch feierlich dargewogene Zahlung Gelöseten frei, der nunmehr Götter und Menschen beschwur, «sie möchten dem Marcus Manlius, seinem Befreier, dem Vater des Römischen Bürgerstandes, dies nicht unvergolten lassen.» Sogleich in den aufrührerischen Haufen aufgenommen, vermehrte nun auch dieser den Aufruhr dadurch, daß er seine im Vejentischen, Gallischen und in mehrern andern Kriegen erhaltenen Wunden aufwies. «Bei seinen Kriegsdiensten,» sagte er, «bei dem Wiederaufbaue seines zerstörten Hauses, wären die Schulden, deren Capital er vielfach abbezahlt habe; dadurch daß die Zinsen das Capital immer wieder verschlungen hätten, über ihm zusammengeschlagen. Daß er das Tageslicht sehe, den Markt, das Antlitz seiner Mitbürger, sei das Werk des Marcus Manlius: alle Wohlthaten, die man Ältern verdanke, verdanke er ihm: «ihm gelobe er den Rest seiner Körperkraft, seines Lebens, seines Blutes zum Eigenthum: alle die Verpflichtungen, die er gegen Vaterland, gegen die Schutzgötter des Stats und seines Hauses gehabt habe, habe er jetzt gegen den einzigen Mann.» 25 Durch solche Reden begeistert, gehörten die Herzen des Volks schon dem Einzigen, der nun nach einem für die beabsichtigte Umwälzung des Ganzen noch wirksameren Stroth sagt in seiner Anmerkung zu dieser Stelle, in der er meiner Meinung nach die Lesart commotioris mit Recht verwirft: «Angenommen, daß das Wort commotioris so viel bedeuten soll, als commoventioris, Quid tum hoc ipsum commovens aliud esset, quam turbans? » Und damit erklärt er den Pleonasmus in den Worten consilium, maiorem vim turbandi ad turbanda omnia habens, mit Recht für unerträglich. Allein ich nehme dies commoventioris, das ich für die richtige Lesart halten möchte, in Schutz, und erwiedere auf Stroths Frage: Quid aliud, quam efficacioris, magis promoventis, proficientis? Denn commotus ira ist ja noch nicht gerade zu so viel als turbatus ira. Dies letztere sagt mehr; dahingegen commotus ira nur den bezeichnet, auf den der Zorn gewirkt hat . So führt Oesner aus Liv. 3o. . . an: Posteaquam nihil commovebant, und setzt sehr richtig hinzu: i. e. nihil proficiebant verbis; und aus Cic. de Or. 2. Facilius est currentem incitare, quam commovere languentem. Auch hier darf man ja unter commovere durchaus kein turbare verstehen; Wenn also commoventior so viel heißen kann, als magis promovens, oder efficacior, so wäre selbst Stroths Wunsch erfüllt, der am Ende seiner Note sagt, es müsse hier ein Wort stehen, das so viel bedeute, als efficax, maiorem vim habens. So erklärt auch A. W. Ernesti im Glossar. Liv. die Lesart commotius durch vehementius atque adeo efficacius ad turbas movendas. Plane einen neuen Auftritt folgen ließ. Er unterwarf das Hauptstück seines Vermögens, sein im Vejentischen belegenes Grundstück, dem Ausgebote zur Versteigerung, mit der Angabe: «Nein! ich kann es nicht geschehen lassen, ihr Quiriten, daß einer von euch, so lange von meinem Vermögen noch das Mindeste übrig ist, als Verurtheilter oder in die Sklaverei Hingegebener weggeführt werde.» Dies vollends entflammte die Gemüther so, daß sie bereit schienen, dem Retter ihrer Freiheit zu jeder, erlaubten und unerlaubten, That zu folgen. Außerdem hielt er in seinem Hause, wo er als zu einer Versammlung sprach, Vorträge, voll von Beschuldigungen gegen die Väter; und da er hier manches vorbrachte, ohne daß es ihm auf Wahrheit oder Unwahrheit ankam, so ließ er sich auch verlauten, «daß die Väter das gesammelte Gallische Gold versteckt hielten. Schon sei ihnen der Besitz der Statsländereien nicht genügend, wenn sie nicht auch öffentliche Gelder unterschlügen. Wenn dieser Umstand aufgedeckt würde, so könne der Bürgerstand aus allen Schulden kommen.» Bei dieser 26 vorgespiegelten Hoffnung fanden es die Leute vollends unwürdig, daß sie damals, als zur Loskaufung des Stats von den Galliern das Gold habe aufgebracht werden müssen, dies durch auferlegte Steuer zusammengeschossen hatten, und daß nun eben dies den Feinden wieder abgenommene Gold einigen Wenigen zur Beute geworden sei. Also drangen sie mit Fragen in ihn, wo denn ein so wichtiger Unterschleif verheimlicht werde. Und da er auswich und es zu seiner Zeit anzuzeigen versprach, so beschäftigten sich aller Gedanken, mit Zurücksetzung alles Übrigen, nur hiermit: und offenbar versprach ihm die Wahrheit seiner Aussage nicht geringe Liebe, war sie aber falsch, nicht weniger Feinde. 15. Bei dieser erwartungsvollen Lage der Dinge kam der vom Heere abgerufene Dictator zur Stadt. Nachdem er in einer am folgenden Tage gehaltenen Senats Versammlung die Gesinnungen gehörig geprüft, und dem Senate befohlen hatte, ihm nicht von der Seite zu gehen; ließ er, gedeckt von dieser Schar, seinen Stuhl auf dem Vorplatze aufpflanzen und beschickte den Marcus Manlius durch einen Gerichtsboten. Auf den Befehl des Dictators, zu erscheinen, gab dieser seiner Partei das Zeichen, des Kampfes gewärtig zu sein, und kam mit einem zahlreichen Gefolge vor den Richterstuhl. Dort hatte sich der Senat, hier das Volk, wie in Schlachtordnung aufgestellt, und hier und dort wandte jeder den Blick auf seinen Führer. Nach gebotener Stille sprach der Dictator: «Möchten ich und die Väter Roms in allen übrigen Stücken eben so mit den Bürgern einverstanden sein, als wir nach meiner festen Überzeugung in Betreff deiner und über den Punkt einverstanden sein werden, über den ich dich jetzt zu vernehmen habe. Es ist erwiesen, daß du der Bürgerschaft Hoffnung gemacht hast, die Schulden könnten, ohne Nachtheil für den Credit, von dem Gallischen Schatze, den die Vornehmsten der Väter verheimlichen sollen, bezahlt werden. Dies zu verhindern bin ich so weit entfernt, daß ich dich vielmehr auffordere, Marcus Manlius, die Bürger Roms von dem 27 Zinsendrucke zu befreien, und jene Ungeheuer, die auf diesem dem State gehörigen Schatze brüten, von dem verheimlichten Raube herabzuwälzen. Thust du das nicht, so werde ich dich, entweder als Selbsttheilnehmer am Raube, oder deiner falschen Angabe wegen, ins Gefängniß führen lassen, und nicht länger zugeben, daß der große Haufe von dir durch triegliche Hoffnungen aufgewiegelt werde.» Hierauf erwiederte Manlius: «Es sei ihm nicht entgangen, daß der Dictator nicht gegen die Volsker ernannt sei, die so oft Feinde sein müßten, als es den Vätern zuträglich sei, auch nicht gegen die Latiner und Herniker, welche man durch falsche Beschuldigungen in die Waffen jage, sondern gegen ihn und den Römischen Bürgerstand. Schon wende man mit Beiseitsetzung eines Krieges, den man nur vorgegeben habe, sich gegen ihn; schon bekenne sich der Dictator zum Beschützer der Wucherer gegen die Borger; schon suche man in der Liebe des Volks zu ihm ein Verbrechen und sein Verderben. Ist dir,» fuhr er fort, « Aulus Cornelius, und euch, ihr versammelten Väter, die meine Person umschließende Menge anstößig? Warum leitet ihr sie nicht, Jeder durch seine Wohlthaten, von mir ab, wenn ihr für sie als Vermittler aufträtet, eure Mitbürger dem Spannstocke entrisset, es verhindertet, daß sie nicht verurtheilt und als Sklaven abgeführt werden, und von dem, was euren Reichthümern zuströmt, die Bedürfnisse eures Nächsten decktet? Doch was ermahne ich euch, vom Eurigen aufzuwenden? Setzt endlich einmal die Schuldsumme fest Ich folge der durch Handschriften bestätigten, von Drakenborch nicht widerlegten, auch von Stroth aufgenommenen Gronovischen Lesart aliquam, und der Erklärung von Doujat: Offerte certam aliquam summam, quae semper eadem sit, nec per accessionem usurarum in dies crescat. So scheinen auch Gronov und Crevier die Stelle zu verstehen. ; zieht, was an Zinsen abbezahlt ist, vom Capitale ab: und meine Umgebung wird sich vor der eines jeden Andern nicht auszeichnen. Wie aber? warum trage denn ich allein diese Sorge für meine Mitbürger? Hierauf wüßte ich eben so wenig zu antworten, als wenn mich jemand 28 fragte, warum denn ich so allein Capitol und Burg gerettet hätte. Damals ließ ich die Hülfe, die in meinem Vermögen stand, Allen angedeihen, und jetzt will ich sie den Einzelnen angedeihen lassen. Was nun die Gallischen Gelder anbetrifft, so macht bloß eure Frage die an sich leichte Sache schwierig. Denn warum fragt ihr nach etwas, das ihr wisset? warum verlangt ihr, statt selbst die Sache darzulegen, daß wir euch die Falte, in der ihr sie versteckt haltet, ausschütteln sollen, wenn nicht ein Betrug dahinter steckt? Je mehr ihr darauf dringt, daß man euch eure Taschenspielerkniffe angeben soll, je mehr fürchte ich, daß ihr euren Beobachtern sogar die Augen gestohlen habt. Folglich muß nicht ich dazu gezwungen werden, euren Raub euch nachzuweisen, wohl aber ihr dazu, ihn herauszugeben.» 16. Als er auf die Weisung des Dictators, die Umschweife fahren zu lassen, und auf die Zunöthigung, entweder die Wahrheit seiner Aussage darzulegen, oder sich des Verbrechens schuldig zu erklären, den Senat fälschlich verläumdet und ihm einen erlogenen Diebstahl aufgebürdet zu haben, zur Antwort gab, Er lasse sich von seinen Feinden nicht vorschreiben, was er reden solle, so befahl der Dictator, ihn ins Gefängniß zu führen. Vom Gerichtsdiener ergriffen rief er: «Allmächtiger Jupiter! Königinn Juno! du, Minerva! und ihr Götter und Göttinnen alle, die ihr das Capitol und die Burg bewohnt, so lasset ihr euren Krieger und Beschützer so von seinen Feinden mishandeln? Diese Rechte, mit der ich die Gallier von euren Tempeln hinabschleuderte, soll von jetzt an in Fesseln und Ketten sein?» Jedes Auge und Ohr fühlte sich durch den empörenden Auftritt beleidigt. Allein die Bürgerschaft, gewohnt einer gerechten Regierung sich mit größter Willigkeit zu fügen, hatte gewisse Statsämter selbst gegen ihren Eingriff gesichert, und so wagten gegen die dictatorische Gewalt weder die Bürgertribunen, noch die Bürger selbst einen dreisten Blick oder ein lautes Wort. Als Manlius ins Gefängniß geworfen war, legte ein 29 großer Theil des Bürgerstandes, laut einstimmigen Nachrichten, Trauerkleider an; eine Menge Menschen ließ Bart und Hare wachsen Livius selbst hat uns oben V. 41. erzählt, daß die Römer damals Bärte trugen, und wir wissen auch aus Plinius VII. 59. daß sie erst um das J. R. 434., also ungefähr 100 Jahre nach den Zeiten des Camillus und Manlius sich scheren ließen. Stroth glaubt ihn also von dieser scheinenden Zeitverrechnung durch die Behauptung zu retten, Livius sei als Geschichtschreiber nur verpflichtet, das Gerippe oder die Grundzeichnung seiner Erzählung der geschichtlichen Zeitfolge getreu zu geben, Fleisch aber und Farben könne er, seinen eignen Zeiten gemäß auftragen, wenn er auch hierin jener früheren Zeit widerspräche, ohne darum Tadel zu verdienen. Ich glaube, Stroth selbst würde bei seinem Gefühle für Wahrheit und. Schönheit es einem Mengs nicht verziehen haben, wenn ihm dieser eine Belagerung Jerusalems mit Kanonen, oder den Arion auf dem Delphin mit einer Geige in der Hand gegeben hätte. Und Livius ist auch ein Mengs . Ich setze also lieber aus Drakenborchs Note zu II. 23. 4. eine meiner Meinung nach gültigere Entschuldigung für unsern Livius hieher. «Ließen gleich, in jenen frühen Zeiten die Römer Bart und Hare wachsen, so versteht es sich doch, nicht so lang, als sie immer wachsen mochten, sondern bis zu einer Länge, wie die jedesmalige Mode sie forderte. Sie stutzten beides bald etwas länger, bald kürzer ein, und es war immer noch barba et coma promissa, im Gegensatze mit einer Tonsur. Folglich zeichneten die, die sich in Trauer zeigen wollten, sich immer noch dadurch aus, daß sie Bart und Hare länger wachsen ließen, als andre Leute.» Dieser Meinung ist auch Crevier . und Betrübte gingen in Haufen vor dem Eingange des Kerkers auf und ab. Der Dictator triumphirte über die Volsker, und sein Triumph gereichte ihm mehr zum Vorwurfe, als zum Ruhme. Denn man rief laut, «er habe ihn in Rom, nicht im Felde erworben, und über einen Mitbürger, nicht über den Feind, gehalten. Das Eine habe seinem Übermuthe noch gefehlt, daß Marcus Manlius nicht vor dem Wagen voraufgeführt sei.» Und schon standen die Sachen nahe zum Aufruhre, als der Senat, ihn durch ein gelindes Mittel abzuwenden, ohne daß es jemand forderte, unerwartet den freiwilligen Geber machte. Er gab den Befehl, zweitausend Römische Bürger als Pflanzer nach Satricum auszuführen, mit der Anweisung für jeden auf dritthalb Morgen Landes. Da man dies aber als eine Kleinigkeit, als ein nur Wenigen ertheiltes Geschenk, und als einen Preis betrachtete, um welchen man den Manlius sinken lassen sollte, so wurde das Gegenmittel ein Sporn zum Aufruhre. Theils machten die Anhänger des Manlius, in der Trauer ihres Aufzugs und 30 Blicks den Angeklagten gleich, diese Auszeichnung immer auffallender; theils gestattete die nach dem Triumphe durch Niederlegung der Dictatur geschwundene Furcht den Leuten freiere Sprache und freieren Muth. 17. Folglich hörte man ihre Äußerungen ganz öffentlich, in welchen sie dem Volke einen Vorwurf daraus machten, «daß es jedesmal durch seinen Beifall seine Vertheidiger auf eine steile Höhe emporhebe, und sie dann in der dringendsten Gefahr im Stiche lasse. So sei Spurius Cassius unglücklich geworden, weil er den Bürgerstand zum Ackerbesitze eingeladen habe; eben so Spurius Mälius, weil er sein Geld daran gewandt habe, den Hunger vom Munde seiner Mitbürger zu verscheuchen; so sei Marcus Manlius seinen Feinden geopfert, weil er den unter Schulden versunkenen und vergrabenen Theil der Bürgerschaft wieder zur Freiheit und an das Tageslicht habe hervorziehen wollen. Der Bürgerstand mäste seine Volksfreunde, um sie schlachten zu lassen. Ob ein Consular sich so behandeln zu lassen brauche, weil er nicht gleich auf den Wink eines Dictators geantwortet habe? Angenommen, er habe zuvor gelogen, und darum nicht gewußt, was er jetzt antworten sollte: ob denn je ein Sklave einer Lüge wegen in Fesseln geworfen sei? Ob ihnen nicht das Andenken jener Nacht vorgeschwebt habe, die beinahe die letzte und ewige Nacht des Römischen Namens geworden sei? nicht das Bild, der am Tarpejischen Felsen heransteigenden Schar der Gallier? nicht des Marcus Manlius selbst, wie sie ihn in seinen Waffen, von Schweiß und Blut überdeckt gesehen hätten, als er jetzt, man möchte sagen, den Jupiter selbst den Händen der Feinde entrissen hatte? Ob sie etwa mit ihren halben Pfunden Mehl dem Retter des Vaterlandes vergolten hätten? Ob sie zugeben wollten, daß ein Mann, den sie beinahe zu einem der Himmlischen, wenigstens durch seinen Zunamen dem Capitolinischen Jupiter gleich gemacht hätten, gefesselt im Kerker, in Finsterniß, bei jedem Athemzuge von der Willkür des Henkers abhängig sein solle? So viele Hülfe habe Allen dieser Eine leisten 31 können, und so ganz und gar keine finde sich, bei so Vielen für den Einen?» Schon verlief sich ihr Haufe nicht einmal zur Nachtzeit von diesem Platze, und sie droheten, den Kerker zu erbrechen, als vermöge eines Senatschlusses, in welchem man ihnen nachließ, was sie schon sich selbst ertrotzen wollten, Manlius aus dem Gefängnisse losgegeben ward; eine Maßregel, die nicht den Aufruhr stillete, sondern dem Aufruhre ein Oberhaupt gab. In diesen Tagen erhielten die Latiner und Herniker, und zugleich die Pflanzstädter von Circeji und Veliträ, die sich von dem den Volskerkrieg betreffenden Vorwurfe reinigen wollten und um die Auslieferung der gefangenen Ihrigen baten, um sie nach eignen Gesetzen zu bestrafen, eine sehr unfreundliche Abfertigung; eine noch härtere die Pflanzstädter, weil sie sich als Römische Bürger so unverantwortlich auf Angriffe gegen ihr Vaterland eingelassen hätten. Man verweigerte ihnen also nicht nur die Gefangenen, sondern ließ ihnen im Namen des Senats andeuten – doch gegen die Bundsgenossen entsah man sich dieser Erklärung – sofort die Stadt zu räumen, und sich nicht vor den Augen des Römischen Volks sehen zu lassen, damit nicht etwa der Schutz des Gesandschaftsrechts bei ihnen ungültig werde, da dieser nur Auswärtigen, nicht aber Bürgern zum Besten aufgestellet sei. 18. Als der Mantianische Aufruhr wieder zum Ausbruche stand, wurde am Ende des Jahrs der Wahltag gehalten, und aus den Vätern zu Kriegstribunen mit Consulgewalt Servius Cornelius Maluginensis zum drittenmale gewählt, Publius Valerius Potitus zum zweitenmale, Marcus Furius Camillus zum sechstenmale Daß hier die Zahl vom Livius angegeben sei, sieht man schon daraus, daß 9 Handschriften bei Drakenborch Quintus oder Q. lesen, weil frühere Abschreiber von der Zahl VI. den letzten Strich übersehen hatten, und spätere dann einen falschen Vornamen aus quintum machten. In andern hingegen trug der folgende Vornamen Ser. dazu bei, das recht geschriebene sext, zu verdringen. , Servus Sulpicius Rufus zum zweitenmale, Cajus Papirius Crassus, Titus Quinctius Cincinnatus zum andernmale. 32 Der auswärtige Friede, den der Anfang dieses Jahrs gewährte, war den Vätern sowohl, als dem Bürgerstande sehr willkommen; dem Bürgerstande, weil er, durch keine Werbung abgerufen, die Hoffnung faßte, sich unter einem so mächtigen Führer die Befreiung von Schulden zu erkämpfen; den Vätern, weil sie durch keine auswärtige Drohung von der Aufmerksamkeit auf die Heilung der innern Übel abgezogen wurden. Da also beide Parteien sich mit weit größerem Eifer aufmachten, so stellte sich auch Manlius zum herannahenden Kampfe. Nachdem er die Bürgerlichen in sein Haus berufen hatte, rathschlagte er mit den Ersten unter ihnen Tag und Nacht über Entwürfe zu einer Regierungsveränderung, weit unternehmender und aufgebrachter, als er vorhin gewesen war. Den Zorn hatte in dem Gemüthe eines Mannes, dem Schmach vorher unbekannt gewesen war, die neuliche Beschimpfung entflammt: Muth machte ihm der Gedanke, theils daß sich der Dictator gegen ihn nicht dasselbe erlaubt habe, was Quinctius Cincinnatus an einem Spurius Mälius vollzogen habe; theils daß dem aus seiner Verhaftung erwachsenden Hasse nicht allein der Dictator durch Niederlegung seiner Dictatur ausgewichen sei, sondern auch nicht einmal der Senat habe Trotz bieten wollen. Hiedurch zugleich aufgeblasen und erbittert sprach er zu den von selbst schon entglüheten Herzen der Bürger noch in folgenden Aufforderungen: «Wie lange wollt ihr denn eigne Kräfte verkennen, die nach dem Willen der Natur nicht einmal den Thieren unbekannt sein sollten. Zählt doch wenigstens, wie viele eurer sind, und wie viele Gegner ihr habt Der Satz: Quot enim clientes etc. ist kein Beweis für den unmittelbar vorhergehenden: Si singuli singulos etc., sondern für den früheren: Numerate saltem etc. Darum erinnert Crevier, wenn man die Sätze in der angenommenen Ordnung stehen lassen wolle, so müsse man vor den Werten: Quot enim clientes ein ganzes Glied des Schlusses einschieben, etwa so eins: Aber die Sache verhält sich ganz anders: denn so viele eurer sonst als Clienten etc. Ich möchte fast vermuthen, daß der Abschreiber, nachdem er das Wort habea tis geschrieben hatte, durch die Endung getäuscht, geglaubt habe, er habe schon den Satz adversus unum hostem eri tis beendet. Folglich ließ er die Worte: Quot enim bis hostem eritis weg, und schob sie, als er nachher seinen Fehler entdeckte, hinter dem Satze: Si singuli bis certaturos ein. Dann würden die Sätze im besten Zusammenhange so auf einander folgen: «Zählt doch wenigstens, wie viele eurer sind, und wie viele Gegner ihr habt. Denn so viele eurer sonst als Schutzbedürftige einen einzigen Schutzherrn umstanden, so viele werden eurer jetzt gegen Einen Feind sein. Wenn ihr aber auch Mann gegen Mann auftreten müßtet, so würde ich doch glauben,» u. s. w. Sollte diese Versetzung zu gewagt scheinen, so ließe sich auch annehmen, daß vor den Worten Si singuli singulos ein etsi gestanden habe. Dann würde dieser Satz sich als Parenthese dicht an den voraufgehenden anschließen; und so habe ich hier, um die größere Versetzung zu vermeiden, übersetzt. Daß aber die vielen gleichlautenden Endungen in den Worten sitis, habeatis, essetis, eritis für die Abschreiber eine Klippe werden konnten, beweiset Drakenborch durch die Bemerkung, daß wirklich 2 Handschriften die Worte: Si singuli singulos aggressuri essetis ganz ausgelassen haben. ; ob ich 33 gleich, wenn ihr Mann gegen Mann auftreten müßtet, euch zutrauen dürfte, daß ihr eifriger für eure Freiheit streiten würdet, als sie für ihre Herrschaft, Denn so viele eurer sonst als Schutzbedürftige einen einzigen Schutzherrn umstanden, so viele werden eurer jetzt gegen Einen Feind sein. Zeigt nur den Krieg, und ihr werdet Frieden haben. Laßt sie sehen, daß ihr zur Gewalt entschlossen seid, so werden sie selbst ihre Ansprüche fallen lassen. Entweder müßt ihr als Gesamtheit etwas wagen, oder jeder Einzelne sich Alles gefallen lassen. Wie lange wollt ihr euch nach Hülfe bei mir umsehen? Ich werde zwar keinem von euch entstehen; sehet ihr aber dahin, daß mir das Glück nicht entstehe. Ich, euer Retter, war im Augenblicke, sobald es meinen Feinden beliebte, in ein Nichts verwandelt; und ihr Alle sahet den in Fesseln legen, der von jedem unter euch die Fesseln abgewehrt hatte. Was habe ich zu hoffen, wenn sich meine Feinde noch mehr gegen mich erlauben sollten? Soll ich dem Ende eines Cassius, eines Mälius entgegen sehen? Ganz recht, daß ihr verabscheuend ausrufet: ««Das werden die Götter verhüten!»» allein sie werden nie meinetwegen vom Himmel steigen. Euch müssen sie den Sinn verleihen, dies nicht zuzugeben, so wie sie mich in den Waffen und in der Toga beseelten, euch von wilden Feinden, euch von übermüthigen Bürgern zu retten. Hat ein so großes Volk so wenig Muth, daß ihr euch immer am bloßen Beistande gegen eure Feinde genügen lasset, und 34 weiter keinen Streit mit den Vätern kennet, als den, in wie weit ihr euch von ihnen beherrschen lassen wollet? Auch liegt das nicht von Natur in euch, sondern ihr lasset euch in Beschlag nehmen, weil ihr es gewohnt seid. Denn warum habt ihr gegen Auswärtige so viel Muth, daß ihr glaubt, es gebühre euch, sie zu beherrschen? Weil ihr gewohnt seid, mit diesen um die Oberherrschaft zu kämpfen; gegen jene die Freiheit mehr zu versuchen, als zu behaupten. Demungeachtet habt ihr, was ihr auch für Anführer hattet, und wie es immer um euch selbst stehen mochte, bisher alles, was ihr fordertet, entweder durch Gewalt, oder durch euer Glück erlangt. Es ist Zeit, sich auch an größere Dinge zu machen. Stellt nur euer Glück auf die Probe, und mich, euren, wie ich hoffe, schon glücklich Bewährten. Mit geringerer Mühe werdet ihr den aufstellen, der über die Väter herrschen soll, als ihr bisher diejenigen aufstelltet, die den Herrschenden Trotz bieten sollten. Die Dictaturen und Consulate müssen dem Boden gleichgemacht werden, damit der Römische Bürgerstand sein Haupt erheben könne. Also stellet euch ein! lasset es in den Geldangelegenheiten zu keinem Rechtsspruche kommen! Ich erkläre mich für den Schutzherrn des Bürgerstandes, mit welchem Namen mein Eifer und meine Treue mich schon bekleidet. Wollt ihr aber euren Führer mit einem Titel belegen, der auf eine ausgezeichnete Macht und Würde deutete, so werdet ihr euch seiner zur Erlangung dessen, was ihr wünscht, mit so viel größerem Nachdrucke bedienen können.» Und hierauf sollen nun die Entwürfe zu einer königlichen Regierung in Anregung gekommen sein: allein mit wem, und wie weit sie gediehen seien, darüber sind die Nachrichten nicht deutlich genug. 19. Auf der andern Seite kamen die Winkelversammlungen der Bürgerlichen in einem Privathause, das noch dazu auf der Burg lag, und die der Freiheit drohende Gefahr im Senate zur Beratschlagung. Ein großer Theil rief laut: «Hier bedürfe es eines Servilius Ahala, der einen Statsfeind nicht durch den Befehl, ihn zu verhaften, reize, 35 sondern durch Aufopferung Eines Bürgers den inneren Krieg beende.» Man ging aber zu einem andern Vorschlage über, der den Worten nach gelinder, übrigens von gleichem Nachdrucke war: «Die Obrigkeiten hätten dahin zu sehen, daß der Stat durch die verderblichen Anschläge des Marcus Manlius nicht gefährdet werde.» Und nun überlegten die Consulartribunen, so wie die Bürgertribunen – – denn auch diese hatten sich, weil sie ihre Gewalt, so wie die Freiheit Aller, mit gleichem Ende bedroht sahen, dem Gutachten des Senats gefügt – – sie Alle, sage ich, überlegten jetzt gemeinschaftlich, was zu thun sei. Da nun Keiner auf einen andern Ausweg, als Gewalt und Mord, verfiel, und man gleichwohl einsah, daß hiermit ein allgemeiner Kampf verbunden sein werde, so sprachen die Bürgertribunen Marcus Mänius und Quintus Publilius: «Warum machen wir das zu einem Streite zwischen Vätern und Bürgern, was eigentlich der ganze Stat gegen Einen verderblichen Bürger auszufechten hat? Warum greifen wir den und den Bürgerstand zugleich an, den wir sicherer durch den Bürgerstand selbst angreifen können, um ihn unter der Last seiner eignen Macht stürzen zu lassen? Unser Plan wäre der, ihm einen Klagetag zu setzen. Nichts ist mit der Liebe des Volks weniger verträglich, als Absicht auf den Thron. Sobald jene Menge sehen wird, daß der Kampf nicht ihr gilt; sobald die Bürger aus seinen Beiständen zu seinen Richtern gemacht werden, sobald sie bürgerliche Kläger und einen patricischen Beklagten vor Augen haben, und die Absicht auf den Thron als Beschuldigung vor ihnen daliegt, so werden sie für Niemand so innig Partei nehmen, als für ihre eigne Freiheit.» 20. Da ihnen Alle beipflichteten, so setzten sie dem Manlius einen Klagetag. Dies Verfahren erregte gleich anfangs den Unwillen der Bürger, vollends als sie den Beklagten in Trauerkleidung und mit ihm nicht nur keinen von den Vätern sahen, sondern auch keinen seiner Blutsfreunde und Verwandten, ja endlich nicht einmal seine Brüder; die beiden Manlier, Aulus und Titus; da es bis 36 auf diesen Tag noch nie der Fall gewesen war, daß in einer so großen Gefahr nicht zugleich die nächsten Verwandten die Kleidung verändert hätten. «Als Appius Claudius ins Gefängniß geführt sei, habe sich Cajus Claudius, sein Feind, und das ganze Claudische Geschlecht in Trauerkleidern gezeigt. Es sei Verabredung, den Mann als Volksfreund zu unterdrücken, weil er der erste sei, der von den Vätern zum Bürgerstande übergetreten sei.» Was dem Beklagten, als jener Tag erschien, außer den Versammlungen des großen Haufens, seinen aufrührischen Äußerungen, seinen Schenkungen und außer jener falschen Anzeige, in näherem Bezuge auf die ihm angeschuldigte Absicht auf den Thron, von seinen Anklägern vorgeworfen sei, finde ich von niemand angegeben. Doch bin ich außer Zweifel, daß es nicht unbedeutend gewesen sein muß, da der Grund, warum das Volk mit seiner Verdammung Anstand nahm, nicht in seiner Sache, sondern im Orte lag. Um aber die Welt erfahren zu lassen, was für herrliche und große Auszeichnungen die unselige Begierde nach dem Throne nicht bloß unverdienstlich, sondern selbst verhaßt werden ließ, mag Folgendes nicht unaufgezeichnet bleiben. Er soll beinahe vierhundert Menschen vorgeführt haben, denen er Geld ohne Zinsen geliehen, denen er ihr Eigenthum von der Versteigerung, die er selbst von der Übergabe in die Sklaverei gerettet hatte. Außerdem soll er seine Ehrenzeichen aus dem Kriege nicht bloß erwähnt, sondern auch zur Schau vorgelegt haben, Rüstungen erlegter Feinde an dreißig, Geschenke von Feldherren an vierzig, worunter sich zwei Mauer-, acht Bürgerkronen auszeichneten. Noch mehr, er habe Bürger vorgeführt, die er von den Feinden errettet hatte, und unter ihnen habe man den Magister Equitum, Cajus Servilius, als Abwesenden genannt. Und da er auch dessen, was er im Kriege geleistet hatte, um der Höhe seiner Verdienste nichts zu vergeben, verherrlichend in einer Darstellung erwähnte, deren Ausdrücke sich zu den Thaten emporschwangen, soll er seine von Wunden der Schlacht 37 benarbete Brust entblößt, und zum Capitole hinaufblickend einmal über das andre den Jupiter und die anderen Götter aufgefordert haben, ihm von oben herab in seinem Unglücke zu helfen; soll sie angeflehet haben, den Sinn, den sie ihm bei der Vertheidigung der Capitolinischen Burg zur Rettung des Römischen Volks verliehen hätten, jetzt in seiner Gefahr dem Römischen Volke zu verleihen; soll die Bürger einzeln und insgesamt gebeten haben, zum Capitole und zur Burg hinansehend und den unsterblichen Göttern zugekehrt, über ihn zu richten. Da das Volk auf dem Marsfelde centurienweise zum Stimmen aufgerufen wurde, und der Beklagte, die Hände zum Capitole hinstreckend, sich mit seinen Bitten von den Menschen an die Götter wandte, so sahen die Tribunen ein, wenn sie das Denkmal eines so großen Verdienstes nicht auch für die Augen der Leute unwirksam machten, so würde das von der Wohlthat bestochene Urtheil der Richtenden die Klage nie für gerecht erklären. Also wurde nach Verlegung des Tages die Volksversammlung in den Pötelinischen Hain vor dem Nomentanischen Thore beschieden, wo man keine Aussicht auf das Capitolium hatte. Hier wurde die Beschuldigung gültig; und festen Sinnes fällte man den harten, selbst den Richtern schmerzhaften Spruch. Es fehlt nicht an Angaben, welche behaupten, er sei durch Duumvirn verurtheilt, die man dazu ernannt habe, gegen ihn auf Leib und Leben zu klagen. Die Tribunen stürzten ihn vom Tarpejischen Felsen, und so wurde derselbe Ort für denselben Mann das Denkmal seines ausgezeichneten Ruhms und seiner Hinrichtung, Auch trafen ihn noch Beschimpfungen im Tode; die eine vom State, da bei dem Volke darauf angetragen wurde, weil sein Haus da stand, wo jetzt der Tempel und die Werkstatt der Moneta steht, daß keinem Patricier erlaubt sein solle, auf der Burg oder dem Capitolium zu wohnen: die andre von seiner Familie, die durch einen Beschluß festsetzte, daß künftig Keiner ihres Stammes Marcus Manlius heißen solle. Dies war das Ende eines, wäre er nicht in einem freien State geboren gewesen, preiswürdigen Mannes. 38 Bald erwachte bei dem Volke, als es jetzt nichts mehr von ihm zu fürchten hatte, und sich seiner Verdienste ohne weitere Rücksicht erinnerte, die Sehnsucht nach ihm. Da auch gleich nachher eine Pest ausbrach, so galt sie bei vielen, weil sich keine auffallende Veranlassung dieses großen Unglücks zeigte, für eine Folge von der Hinrichtung des Manlius . «Das Capitol sei durch das Blut seines Retters entweihet; und den Göttern sei die ihnen beinahe zur Schau gestellte Todesstrafe dessen, der ihre Tempel den Händen der Feinde entrissen habe, ein Greuel gewesen.» 21. Auf die Pest folgte im nächsten Jahre, in welchem Lucius Valerius zum viertenmale, Aulus Manlius zum drittenmale, Servius Sulpicius zum drittenmale, Lucius Lucretius, Lucius Ämilius zum drittenmale, und Marcus Trebonius Consulartribunen waren, ein Getreidemangel, und auf den sich verbreitenden Ruf von beiden Drangsalen vielfacher Krieg. Als neue Feinde traten, außer den Volskern, die gleichsam vom Verhängnisse fast auf immer dem Römischen Soldaten zur Übung beschieden waren, außer den Pflanzstädten Circeji und Veliträ, deren Abfall schon lange im Werke war, und den verdächtigen Latinern, nun auch unerwartet die Lanuviner auf, bisher eine der treuesten Städte. Die Väter, in der Voraussetzung, dies sei eine Folge der daraus erwachsenen Verachtung, daß man die Veliterner, als Mitbürger, für ihren Abfall so lange ungestraft gelassen habe, beschlossen, auf den ihnen anzukündigenden Krieg je eher je lieber beim Volke anzutragen, und um die Bürger zu diesem Feldzuge so viel geneigter zu machen, ernannten sie Fünfmänner zur Vermessung der Pomptinischen Länderei, und Dreimänner zur Ausführung einer Pflanzung nach Nepete . Nun wurde bei dem Volke darauf angetragen, den Krieg zu bewilligen, und aller Gegenvorstellungen der Bürgertribunen ungeachtet, erklärten sich die Bezirke sämtlich für den Krieg. Die Rüstung ging noch in diesem Jahre vor sich; allein der Pest wegen rückte das Heer nicht aus. Diese Verzögerung hätte den Pflanzstädtern Zeit gegeben; den 39 Senat um Verzeihung zu bitten, und viele von ihnen stimmten auch dafür, eine Gesandschaft mit dieser Bitte nach Rom abgehen zu lassen; wäre nicht, wie so oft, die Gefahr des Stats mit der Gefahr der Einzelnen verflochten gewesen, und hätten nicht die Urheber des Abfalls von den Römern, aus Furcht, als die einzigen Schuldigen dem Zorne der Römer zu Sühnopfern ausgeliefert zu werden, die Pflanzstädte von den Friedensgedanken zurückgebracht. Von ihnen wurde nicht allein in ihrem Senate jene Sendung hintertrieben, sondern sie vermochten auch einen großen Theil ihrer Bürger dahin, ins Römische Gebiet auf Plünderung auszugehen. Auch kamen in diesem Jahre die ersten Nachrichten vom Abfalle der Pränestiner in Umlauf; allein der Senat gab den Tusculanern, Gabinern und Lavicanern, welche sie dessen beschuldigten, da sie ihnen ins Land gefallen waren, eine so schonende Antwort, daß man wohl sah, die Anklagen fänden nur darum weniger Glauben, weil man nicht gern wollte, daß sie wahr sein möchten. 22. Im folgenden Jahre führten die beiden Papirier, Spurius und Lucius, als neue Consulartribunen die Legionen gegen Veliträ, und ließen ihre vier Amtsgenossen, den Servius Cornelius Maluginensis, der dies Tribunat zum viertenmale, den Quintus Servilius, Servius Sulpicius, Lucius Ämilius, der es zum viertenmale bekleidete, zum Schutze der Stadt und gegen die neuen Bewegungen zurück, die etwa aus Hetrurien gemeldet werden möchten; denn von dortaus versah man sich nichts Gutes. In der Schlacht bei Veliträ, in der die feindlichen Hülfsvölker von Präneste fast noch stärker waren, als das zahlreiche Heer der Pflanzstadt selbst, siegten die Römer, weil sich der Feind durch die Nähe seiner Stadt zur früheren Flucht bestimmen ließ, so wie sie auch sein einziger Zufluchtsort wurde. Einen Sturm auf den Ort unternahmen die Tribunen nicht, theils weil er mißlich war, theils weil sie sich einen Kampf zum Untergange der Pflanzstadt nicht erlauben wollten. In ihrem schriftlichen Berichte, der mit der Siegesbotschaft an den Senat nach Rom ging, führten 40 sie härtere Beschwerden über die Feindseligkeiten der Pränestiner, als der Veliterner . Also wurde vermöge eines Senatsschlusses und mit Genehmigung des Volks den Pränestinern der Krieg angekündigt; welche dann, mit den Volskern vereinigt, im folgenden Jahre Satricum, diese Pflanzstadt des Römischen Volks, so tapfer sie auch die Pflanzer vertheidigten, mit Sturm eroberten, und ihren Sieg auf eine schreckliche Art gegen die Besiegten misbrauchten. Hierüber aufgebracht wählten die Römer den Marcus Furius Camillus zum siebtenmale zum Kriegstribun. Zu Amtsgenossen wurden ihm gegeben die beiden Postumius Regillensis, Aulus und Lucius; ferner Lucius Furius nebst dem Lucius Lucretius und Marcus Fabius Ambustus. Den Volskischen Krieg bestimmte man dem Marcus Furius außerordentlich. Von den übrigen Tribunen beschied ihm das Los den Lucius Furius zum Gehülfen, nicht sowohl dem State zum Besten, als um durch ihn seinem Amtsgenossen jede Art von Ehre erwachsen zu lassen; man mag nun auf das Ganze sehen, wo Camillus wieder gut machte, was jenes Unbesonnenheit verdorben hatte, oder auf den einzelnen Mann, der von dem Fehltritte des Andern lieber dessen Verpflichtung, als eignen Ruhm gewinnen wollte. Camillus war schon hoch in die Jahre, und selbst auf dem Wahltage hatte er, schon bereit, den bei vorgeschützter Schwächlichkeit gewöhnlichen Eid zu leisten, nur der allgemeinen Stimme des Volkes nachgegeben: allein bei innerer Lebenskraft regte sich in ihm ein thätiger Geist; er hatte noch seine Munterkeit bei ungeschwächten Sinnen, und da er sich mit den bürgerlichen Angelegenheiten schon nicht mehr so emsig beschäftigte, so wurden die Kriege für ihn ein Erregungsmittel. Nach einer Werbung von vier Legionen, jede zu viertausend Mann, zog er mit dem Heere, das er auf den folgenden Tag an das Esquilinische Thor beschieden hatte, gegen Satricum . Hier erwarteten ihn die Eroberer der Pflanzstadt ganz unbefangen, voll Vertrauen auf die Anzahl ihrer Krieger, worin sie ihm bei weitem überlegen waren. Als sie die 41 Annäherung der Römer gewahr wurden, rückten sie sogleich in Schlachtordnung aus, um die Entscheidung nicht länger aufzuschieben. «In diesem Falle werde der Schwäche der Feinde die Geschicklichkeit des seltenen Feldherrn, worauf sie sich einzig verließen, ohne Nutzen sein.» 23. Eben diese Hitze fand sich auch im Römischen Heere und bei dem einen Feldherrn; und dem Wagstücke eines augenblicklichen Kampfes stand weiter nichts entgegen, als die Weisheit und der Oberbefehl eines einzigen Mannes, der von einem langsamen Gange des Krieges eine Gelegenheit erwartete, seine Kräfte durch seinen Plan zu verstärken. Desto andringlicher wurde der Feind: und schon stellte er nicht bloß vor seinem Lager seine Linie auf, sondern schritt in die Mitte des Feldes vor und zeigte sich dadurch, daß er beinahe auf die feindliche Verschanzung heranrückte, im stolzen Vertrauen auf seine Stärke. Dies sahen die Römischen Soldaten mit Unwillen; noch weit unwilliger der andere Kriegstribun Lucius Furius, rasch durch Jugend und Sinnesart, und jetzt durch die Aussichten des großen Haufens gehoben, der seinen Muth auch aus den unzuverlässigsten Dingen nimmt. Er ermunterte die ohnehin schon aufgebrachten Soldaten dadurch noch mehr, daß er das Übergewicht seines Amtsgenossen von einer Seite, der einzigen, auf der er ihm beikommen konnte, von der seines Alters, unter den wiederholten Äußerungen verkleinerte: «Die Kriege gehörten nur für die Jünglinge, und mit dem Körper habe auch der Muth seine Fülle und seine Abnahme. Aus dem raschesten Krieger sei ein Zauderer geworden, und er, der sonst gewohnt gewesen sei, durch seine Ankunft Lager und Städte im ersten Sturme zu erhaschen, bringe jetzt hinter dem Walle die Zeit als der Unthätige hin, in der Hoffnung, daß zur Verstärkung seiner und zur Schmälerung der feindlichen Kräfte – möge Gott wissen, was? welche Gelegenheit etwa, oder Zeitumstand, oder Platz zum Hinterhalte? – sich finden werde. Kälte und Lähmung zeichne die Plane des Greises. Indeß wenn Camillus der Lebensjahre genug habe, so habe er auch des Ruhmes genug. Wozu es aber 42 nöthig sei, daß mit dem absterbenden Körper eines Einzigen zugleich die Kräfte des Stats, welchem Unsterblichkeit gebühre, vergreisen sollten?» Durch diese Reden hatte er aller Augen im Lager auf sich gewandt, und als von allen Seiten die Schlacht gefordert wurde, sprach er: « Marcus Furius, wir können dem Andrange der Soldaten nicht länger wehren; und der Feind, dessen Muth wir durch Zögern erhöhet haben, ist schon mit durchaus unerträglicher Keckheit der Höhnende. Gieb nach, du als der Eine Allen; laß es geschehen, daß dein Plan überstimmet wird, damit du so viel früher den Krieg als Sieger beendest.» Hierauf erwiederte Camillus: «In den Kriegen, die er bisher unter seiner alleinigen Aufsicht geführt habe, sei weder er, noch das Römische Volk mit seinen Maßregeln, oder seinem Glücke unzufrieden gewesen. Jetzt wisse er, daß er einen Amtsgenossen habe, der an Recht und Gewalt ihm gleichstehe, durch Jugendkraft vor ihm den Vorzug habe. Er könne also, ob er gleich, was das Heer betreffe, gewohnt gewesen sei, zu leiten, nicht, sich leiten zu lassen, seinen Amtsgenossen nicht in seinem Oberbefehl hindern. Er möge unter dem gnädigen Beistande der Götter handeln, wie er es für des States Bestes halte. Er bitte sogar für sein Alter um die Nachsicht, nicht an der Spitze der Linie stehen zu dürfen; was aber in einer Schlacht einem Greise obliegen könne, das wolle er keinesweges verabsäumen. Nur darum bitte er die unsterblichen Götter, daß nicht etwa ein Unfall seiner Maßregel die Bewährtheit geben möge.» Weder die Menschen hörten auf den heilsamen Rath, noch die Götter auf dies fromme Gebet. Der Forderer der Schlacht ordnete die erste Linie; dem Hintertreffen gab Camillus Haltung, und pflanzte auch einen starken Posten vor das Lager. Er selbst nahm bei dem Gange einer fremden Leitung als aufmerksamer Zuschauer seinen Stand auf einer Anhöhe. 24. Sobald im ersten Zusammentreffen die Waffen erklangen, wich der Feind, aus List, nicht aus Furcht, 43 zurück. Ihm im Rücken hob sich zwischen seiner Linie und seinem Lager ein mäßiger Hügel, und weil er Truppen die Menge hatte, so hatte er mehrere starke Cohorten unter den Waffen und schlachtfertig dazu im Lager stehen lassen, daß sie während des Gefechts, wenn sich der Feind ihren Werken näherte, hervorbrechen sollten. Der Römer, durch eine nachströmende Verfolgung des weichenden Feindes auf die ihm nachtheilige Stelle gelockt, sah sich diesem Ausfalle bloßgestellt. Folglich ging der Schrecken auf den Sieger über, und die Römische Linie bekam durch den Angriff des neuen Feindes, zugleich durch die Schräge des Abhangs eine Beugung. Die frischen Truppen der Volsker, die aus dem Lager herausgefallen waren, drangen ein, und zugleich erneuerten jene, die zum Scheine geflohen waren, das Gefecht. Schon wich der Römische Soldat nicht bloß rückwärts, sondern uneingedenk seiner heutigen Vermessenheit und seines alten Ruhms, wandte er auf mehrern Punkten den Rücken, und eilte in vollem Laufe seinem Lager zu, als Camillus, der, sobald ihn seine Begleitung auf sein Pferd geworfen hatte, schnell sein Hintertreffen vorschob, ihnen entgegenrief: «Ist das die Schlacht, Soldaten, die ihr gefordert habt? Wo ist der Mensch, wo der Gott, den ihr anklagen könntet? Nur ihr seid es, deren Verwegenheit dort, nur ihr, deren Feigheit hier die Schuld trägt. Seid ihr einem andern Führer gefolgt, so folgt nun dem Camillus, und erfechtet, wie ihr unter meiner Führung gewohnt seid, den Sieg. Wozu den Blick auf den Wall und das Lager. Es soll keinen von euch aufnehmen, der nicht Sieger ist!» Zuerst hemmte die Beschämung ihren Heransturz. Dann, als sie sahen, daß die Fahnen gewandt, die Linie dem Feinde wieder zugekehrt wurde, und der Feldherr, bei seiner Auszeichnung durch so viele Triumphe auch durch sein Alter ehrwürdig, im Vordertreffen sich aussetzte, wo Kampf und Gefahr am dringendsten war; schalt jeder sich selbst und die andern, und in muthigem Geschreie durchlief gegenseitige Ermunterung die ganze Linie. Auch ließ es der andre Tribun an sich nicht fehlen; 44 sondern von seinem Amtsgenossen, der die Linie des Fußvolks wiederherstellte, an die Reuterei geschickt, ersuchte er, ohne sich auf Verweise einzulassen – denn hierzu hatte er sich durch seine Theilnahme an ihrer Schuld das Ansehen vergeben – nein, ganz vom Befehlen zum Bitten herabgestimmt, sie einzeln und insgesamt, «sie möchten ihn, da er das Schicksal des heutigen Tages zu verantworten habe, vom Vorwurfe retten. Ohne Zustimmung, ja gegen die Abmahnung meines Amtsgenossen gab ich mich lieber der Unbesonnenheit Aller zum Theilnehmer hin, als der Vorsicht des Einen. Camillus sieht, in beiden Fällen des Ausgangs für euch, für sich nichts als Ruhm: ich aber werde, – und hierin bin ich gerade am schlimmsten daran– wenn die Schlacht nicht wieder hergestellt wird, Misgeschick mit Allen, die Schande allein tragen.» Bei der wankenden Lage des Heers Weil kein einziges Msc. inter fluctuantem aciem lieset, will Stroth diesen von Drakenborch angenommenen Vorschlag Gronovs nicht gelten lassen. Ich glaube, er hat nicht Unrecht. Davon nachher. Allein seiner Erklärung: Optimum visum est, equos calonibus tradi, eosque liberos passim ragari in fluctuantis aciei speciem sinere, kann ich nicht beipflichten: 1) weil die Knechte mit den Pferden doch irgend wo, falls die Ritter wieder aufsitzen wollten, still halten mußten, folglich equi calonibus traditi unmöglich liberi ac passim vagantes, folglich auch keine acies fluctuans sein können; 2) weil auch Livius einen Haufen herumlaufender Pferde keine acies nennen kann; 3) wenn es Stroth unschicklich findet, daß Livius hier einer fluctuans acies (militum) erwähnen soll, weil dies schon zur Gnüge vorher zu erkennen gegeben sei, so würde es ja einem Livius noch weit weniger zu verzeihen sein, wenn er da, wo die Worte fluctuans acies (militum) unstatthaft sein sollen, diese dennoch gebrauchte, aber ihnen einen weit ungewöhnlicheren Sinn beilegte und diese acies fluctuans von den Pferden verstanden wissen wollte. Dies hieße ja vorsetzlich den Leser irre führen; 4) die ganze Wortfügung, daß tradere eqos in fluctuantem aciem so viel heißen soll, als etwa facere, ut traditi calonibus equi fluctuanti aciei similes essent oder tradere calonibus in formam vel speciem aciei fluctuantis, scheint mir eben so unlateinisch, als nach dem, was ich (nº. 3) gesagt habe, vollends hier nicht ohne Härte; 5) auch finde ich die Behauptung Stroths, daß Livius hier die Erwähnung einer acies fluctuans durch das Vorhergesagte durchaus unnöthig gemacht habe, so daß er als ein loquax oder garrulus erscheinen müßte, wenn er hier von einer acies fluctuans (militum) reden wollte, durchaus ungegründet. Livius hatte uns vorher die Römer als die Fliehenden gezeigt, als terga vertentes; dann den Camillus, wie er diese Flucht zu hemmen sucht. Durch diese Versuche Camilli restituentis aciem peditum war sie ja noch nicht acies restituta, sondern ehe sie dies werden konnte, mußte sie nach der gehemmten Flucht erst wieder in eine acies fluctuans übergehen. Und hier holt ja Livius nicht etwa besonders aus; er sagt nicht, die acies wurde nun fluctuans, sondern als bei Gelegenheit sagt er: Bei dieser acies fluctuans schien es am besten gethan, die Pferde etc. Wo läge in dieser Kürze die garrulitas?– Ich möchte lieber das Komma von est hinter das Wort aciem setzen: Optimum visum est in fluctuantem aciem, tradi equos. Ohne dies als ein Beispiel mehr, von jener bekannten Construction anzusehen: Esse in amicitiam ditionemque populi Rom.; in potestatem hostium esse; in Ciliciam fore und mit Liv. XXIV. 8. si stantibus vobis in aciem; würde ich doch besonders in dieser Stelle die den meisten ähnlichen Stellen zum Grunde liegende Tendenz wohin, oder Verhältniß wozu in diesem in mit dem Accusativ eben so wenig verkennen, als in den Ausdrücken in praesens, in reliquum, in rem esse u. s. w., wovon Drakenborch (Liv. XXII. 3. 2.) aus Livius selbst und Cicero die Menge von Beispielen anführt, auch aus dem Tacitus (Hist. III. 8.) Coloniam copiis validam auferre Vitellio, in rem famamque videbatur. Und ich glaube, daß mein optimum in fluctuantem aciem videbatur eben so gut Livianisch sei, als III, 43. extr. Sepultus est pessima decemvirorum in vulgus invidia . hielten sie es für das Beste, die Pferde abzugeben, und zu Fuß den 45 Feind anzugreifen. Durch Waffen und Muth sich auszeichnend, schritten sie dahin, wo sie ihr Fußvolk am meisten leiden sahen. Führer und Soldaten machten sich den höchsten Wetteifer des Muths zum unerläßlichen Ziele. So wurde denn die Einwirkung der angestrengtesten Tapferkeit für den Ausgang entscheidend: und die Volsker, die in derselben Richtung, in der sie eben noch aus verstellter Furcht gewichen waren, jetzt als wirklich Fliehende fortstürzten, wurden großentheils sowohl im Kampfe, als nachher auf der Flucht niedergehauen; die übrigen dann im Lager, welches die Römer noch in diesem Andrange eroberten; doch wurden hier mehr gefangen, als getödtet. 25. Als man hier bei der Musterung der Gefangenen mehrere Tusculaner erkannte, so wurden diese von den übrigen abgesondert, vor die Tribunen geführt, und auf näheres Befragen gestanden sie, nicht ohne öffentliche Erlaubnis gedient zu haben. Camillus, gegen einen in dieser Nähe zu besorgenden Krieg nicht gleichgültig, sagte, «Er wolle sogleich die Gefangenen nach Rom führen, damit den Vätern der Abfall der Tusculaner vom Bündnisse nicht unbekannt bliebe. Sein Amtsgenoß möge indessen, wenn es ihm gefällig sei, Lager und Heer übernehmen.» Diesem hatte jener Eine Tag die Lehre gegeben, sich mit seinen Maßregeln nicht über bessere wegzusetzen. 46 Dennoch glaubte so wenig er selbst, als jemand im Heere, daß ihm Camillus jenen Misgriff, durch den er das Ganze an den Abgrund der Gefahr gestellt hatte, so völlig vergessen würde; und sowohl im Heere, als zu Rom galt es für eine ausgemachte Sache, daß bei dem wechselnden Erfolge der Schlacht im Volskischen die Schuld des unglücklichen Gefechts und der Flucht den Lucius Furius treffe, alle Ehre des Sieges aber dem Marcus Furius gebühre. Als die Väter, denen die Gefangenen im Senate vorgeführt wurden, für die Eröffnung des Krieges mit den Tusculanern gestimmt, und dem Camillus die Führung desselben übertragen hatten, bat er sie, ihm Einen zum Gehülfen zu geben, und da ihm erlaubt wurde, von seinen Amtsgenossen zu wählen, wen er wolle, wählte er gegen Aller Erwartung den Lucius Furius. Durch diese Selbstbeherrschung besänftigte er nicht allein den schlimmen Ruf seines Amtsgenossen, sondern erwarb auch sich selbst allgemeinen Ruhm. Mit den Tusculanern kam es aber nicht zum Kriege. Durch Beibehaltung friedlicher Ruhe erwehrten sie sich, was sie mit den Waffen nicht konnten, der Römischen Übermacht. Als ihnen die Römer ins Land rückten, flüchtete aus den dem Zuge nahen Orten niemand; nirgendwo wurde der Feldbau eingestellt. Bei offenen Thoren zogen sie in Friedenskleidung scharweise aus der Stadt den Feldherren entgegen, und freundschaftlich lieferten sie aus der Stadt und von den Dörfern dem Heere Zufuhr ins Lager. Als Camillus, der sein Lager vor den Thoren aufgeschlagen hatte, um zu wissen, ob dies Bild des Friedens, das man ihm im Lande zur Schau stellte, auch in den Ringmauern heimisch sei, in die Stadt rückte, die Hausthüren offen sah, in offenen Buden alles vornehin zum Verkaufe ausgestellt war, die Handwerker alle, jeder mit seiner Arbeit, sich beschäftigten, die Leseschulen von den Stimmen der Lernenden ertönten, auf vollen Gassen unter anderm Pöbel Kinder und Weiber hier und dorthin gingen, wohin jeden seine Bedürfnisse führten, und nirgendwo die mindeste Anzeige von Bestürzung; ja nicht 47 einmal von Verwunderung; so suchte er allenthalben mit spähenden Blicken um sich her, wo denn der Krieg gewesen sein möchte, so wenig war irgendwo eine Spur von etwas auf die Seite Gebrachtem oder nur für jetzt Herbeigeschafftem zu finden, sondern alles war in ungestörtem Frieden so ruhig, daß man hätte glauben sollen, hier habe man auch nicht einmal von einem Kriege gehört. 26. Besiegt durch diese Hingebung der Feinde, ließ er ihren Senat berufen und sprach: «Bis jetzt habt ihr allein, ihr Tusculaner, die rechten Waffen und die rechten Mittel ausfindig gemacht, euer Eigenthum vor dem Zorne der Römer zu schützen. Gehet nach Rom an den Senat: die Väter werden beurtheilen, ob euer früheres Benehmen der Strafe, oder euer jetziges der Verzeihung würdiger sei. Ich bin nicht Willens, den Dank für die Großmuth des Stats mir im Voraus zuzueignen. Nur die Erlaubniß zur Abbitte nehmet von mir. Der Senat wird nach seinem Ermessen den Erfolg eurer Bitten bestimmen.» Als die Tusculaner nach Rom kamen, und die Senatoren dieser noch kurz zuvor so treuen Bundsgenossen sich in der Vorhalle des Rathhauses in Trauer zeigten; ließen die Väter, auf die sogleich das Mitleiden wirkte, sie schon jetzt mehr gastfreundschaftlich als feindlich vorladen. Der Vortrag des Tusculanischen Dictators lautete so: «Eben so gewaffnet und schlachtfertig, ihr versammelten Väter, als ihr uns jetzt am Eingange eures Rathhauses stehen seht, zogen wir, gegen die ihr den Krieg erklärtet und eröffnetet, euren Feldherren und Legionen entgegen. So war unser und unserer Bürger Aufzug, und so wird er immer sein, außer wenn wir die Waffen von euch und für euch in Empfang nehmen. Wir sagen euren Führern und euren Heeren Dank, daß sie lieber ihren Augen, als ihren Ohren glaubten, und da, wo keine Feindseligkeit sich fand, auch selbst keine begingen. Wir wollen uns von euch den Frieden erbitten, den wir gehalten haben, und flehen euch an, den Krieg dahin aufzuwenden, wo es dessen geben mag. Sollen wir leidend erfahren; was eure Waffen gegen uns vermögen, so wollen 48 wir unbewaffnet diese Erfahrung machen. Dies ist unsre Gesinnung; mögen die unsterblichen Götter geben, daß sie uns eben so erfreulich werde, als sie pflichtvoll ist! – Was die Beschuldigungen anbetrifft, die euch zur Kriegserklärung gegen uns bewogen haben, so finden wir, ob es gleich unnöthig ist, durch Thatsachen zurückgeworfene Angaben mit Worten zu widerlegen, dennoch für uns größere Sicherheit darin, falls sie wahr sein sollten, sie lieber einzugestehen, da unsre Reue so unverkennbar ist. Mag man sich gegen euch vergehen, wenn ihr die Männer seid, die eine solche Genugthuung verdienen.« So etwa lauteten die Worte der Tusculaner . Sie erlangten für jetzt den Frieden, und bald nachher sogar das Bürgerrecht. Die Legionen zogen von Tusculum ab. 27. Camillus, ausgezeichnet durch Klugheit und Tapferkeit im Volskischen Kriege, durch Glück im Feldzuge gegen Tusculum, und in beiden durch seltene Nachsicht und Mäßigung gegen seinen Amtsgenossen, legte sein Amt nieder, nachdem unter seinem Vorsitze zu Kriegstribunen auf das folgende Jahr die beiden Valerier, Lucius und Publius, Lucius zum fünften-, Publius zum drittenmale gewählt waren, auch Cajus Sergius zum dritten-, Lucius Menenius zum zweitenmale, Spurius Papirius und Servius Cornelius Maluginensis . Auch Censorn machte dies Jahr nöthig, hauptsächlich wegen der über die Geldschulden sich widersprechenden Gerüchte, indem die Bürgertribunen den Betrag der gehässigen Forderungen Summam – invidiae eius.] – Invidia nach Drakenborch und Walch soviel, als res invidiosa. sogar noch drückender angaben, während ihn diejenigen zur Kleinigkeit herabsetzten, die ihren Vortheil dabei fanden, wenn die Schwierigkeit des Bezahlens mehr in der Unredlichkeit der Schuldner, als an ihren Umstanden zu liegen schien. Die gewählten Censorn waren Cajus Sulpicius Camerinus, Spurius Postumius Regillensis; und die schon angefangene Untersuchung wurde durch den Tod des Postumius unterbrochen, weil man 49 sich ein Gewissen daraus machte, einem Censor einen nachgewählten Amtsgenossen zu geben. Als nun Sulpicius sein Amt niedergelegt hatte, konnten die zweiten Censorn, weil bei ihrer Wahl ein Fehler vorgefallen war, das Amt nicht führen. Und die dritten zu wählen, fand man anstößig, insofern die Götter die Censur für dieses Jahr nicht zu genehmigen schienen. Dies aber erklärten nun gar die Tribunen für eine unerträgliche Mishandlung des Bürgerstandes. «Der Senat weiche den Schatzungslisten, als Zeugen über das Vermögen jedes Bürgers, aus, weil er die Summe der Schulden nicht zur Schau gestellt haben wolle, die einen Beweis dafür geben würde, daß der eine Theil des Stats vom andern zu Grunde gerichtet sei; obgleich bei dem allen der verschuldete Bürgerstand einem Feinde nach dem andern vorgeführt werde. Auf allen Seiten ohne Unterschied suche man Kriege herbei. Von Antium wären die Legionen nach Satricum, von Satricum vor Veliträ, von da nach Tusculum geführt. Nun richte man die Waffen gegen die Latiner, Herniker, Pränestiner, mehr aus Haß gegen die Mitbürger, als gegen die Feinde; bloß damit man den Bürgerstand unter den Waffen mürbe mache und ihn nicht dahin kommen lasse, daß er sich in der Stadt erholen könne, oder in Ruhe seiner Freiheit eingedenk sei, oder in der Versammlung sich einfinde, um endlich einmal aus dem Munde eines Tribuns ein Wort zu hören, das auf Milderung des Wuchers und Abstellung andrer Bedrückungen abzwecke. Wenn der Bürgerstand den Muth habe, den ihm die Erinnerung an seiner Väter Freiheit einflößen müsse, so würden sie weder zugeben, daß man irgend einen Römischen Bürger Schulden wegen zur Leibeigenschaft verurtheile, noch eine Werbung halten lasse, bis, nach Untersuchung der Schuldenmasse, und ausgefundener Möglichkeit sie zu vermindern, Jeder wisse, was ihm, was Andern gehöre; ob ihm die Freiheit seiner Person noch übrig bleibe, oder ob er auch sich selbst dem Schließblocke schuldig sei.» Dieser auf Empörung gesetzte Preis erregte auch sogleich Empörung; und theils wurden ja Viele zur 50 Leibeigenschaft verurtheilt, theils hatten die Väter auf das Gerücht von einem Pränestinischen Kriege die Werbung neuer Legionen befohlen; zwei Dinge, deren Verhinderung das tribunicische Hülfsamt und die Beistimmung des Bürgerstandes zugleich unternahm. Denn die Tribunen litten nicht, daß die Verurtheilten weggeführt wurden, und die Dienstfähigen ließen den Aufruf ihrer Namen unbeantwortet. Da nun den Vätern die rechtliche Verfügung in Schuldsachen nicht so wichtig war, als die Werbung; denn es lief schon die Nachricht ein, daß die von Präneste aufgebrochenen Feinde sich im Gebiete von Gabii gelagert hätten: so hatte unterdeß selbst dies Gerücht die Bürgertribunen mehr zu dem unternommenen Streite gereizt, als abgeschreckt, und das Einzige, was den Aufruhr in der Stadt zu dämpfen vermochte, war der Einbruch des Krieges beinahe in die Mauern selbst. 28. Denn als die Pränestiner erfuhren, daß zu Rom kein Heer geworben, kein Feldherr bestimmt sei, daß Väter und Bürger gegen einander selbst aufgestanden seien, so rückten ihre Anführer, welche sich diesen Zeitpunkt geboten sahen, in Eilmärschen, auf denen sie die Dörfer vor sich hin plünderten, an das Collinische Thor. Die Bestürzung in Rom wurde allgemein. Man rief: Zu den Waffen! rannte auf die Mauern und an die Thore, und nach dem endlichen Übergange vom Aufruhre zum Kriege wählte man den Titus Quinctius Cincinnatus zum Dictator. Er ernannte den Aulus Sempronius Atratinus zum Magister Equitum. Kaum wurde dies ruchtbar, als zugleich die Feinde – ein so großer Schrecken ging vor diesem Amte her – sich von den Mauern zurückzogen und die jungen Römer ohne Weigerung dem Befehle sich stellten. Während in Rom ein Heer geworben wurde, verlegten die Feinde ihr Lager in die Nähe des Flusses Allia, plünderten von hier aus das Land wert umher, und wußten sich unter einander etwas darauf, einen der Stadt Rom verderblichen Posten zu haben. «Schrecken und Flucht würden hier denselben Gang nehmen, wie im Gallischen Kriege. Denn wenn den Römern schon der seit dem Unglücke an 51 jener Stelle mit Grauen behaftete und nach ihr benannte Tag so furchtbar sei; wie viel schauderhafter, als der Tag der Allia werde ihnen die Allia selbst sein, dies Denkmal ihrer so großen Niederlage? Gewiß würden hier die schrecklichen Gestalten der Gallier und der Ton ihrer Stimme ihnen vor Augen und Ohren schweben.» Mit solchen Nichtigkeiten in eben so nichtigen Einbildungen beschäftigt, ließen sie ihre Hoffnung auf dem Glücke des Orts beruhen. Die Römer hingegen hielten sich überzeugt, «daß der Latiner als Feind, wo er sich auch sehen lasse, derselbe sei, den sie nach dem Siege am See Regillus im Gehorsame eines hundertjährigen Friedens erhalten hatten. Der Platz, den das Andenken ihrer Niederlage bezeichne, solle sie vielmehr spornen, das Andenken diese Schimpfes auszulöschen, als daß er sie fürchten lassen sollte, daß ihnen irgend ein Boden zum Siegen verboten sei. Ja wenn ihnen hier die Gallier selbst entgegen träten, so wollten sie so fechten, wie sie in Rom gefochten hätten, bei der Wiedereroberung ihrer Vaterstadt, wie den Tag darauf bei Gabii, damals nämlich, als sie es dahin gebracht hätten, daß von den in die Ringmauern Roms eingerückten Feinden auch nicht Einer, so wenig von seinem Glücke als Unglücke, eine Nachricht habe nach Hause bringen können.» 29. In dieser Stimmung auf beiden Seiten gelangte man an die Allia . Schon zeigte sich der Feind in Schlachtordnung und Erwartung, da sprach der Römische Dictator: «Siehst du, Aulus Sempronius, wie sie im Vertrauen auf das Glück des Platzes sich an der Allia aufgestellt haben? Und mögen ihnen die unsterblichen Götter keine festere Zuversicht oder mächtigere Hülfe angedeihen lassen! Du aber sprenge, voll Vertrauen auf Waffen und Muth, mit deinen Rossen im Angriffe auf ihren Mittelpunkt: dann will ich auf die Verstörten und Bestürzten mit den Legionen anrücken. Ihr Götter, ihr Zeugen des Bundes, seid mit uns! und nehmet die Rache, die euch, an denen sie frevelten; und uns zugleich gebührt, denen sie den 52 Eid bei eurem heiligen Namen So übersetze ich hier das Wort numen. gebrochen haben!» Weder der Reuterei, noch dem Fußvolke hielten die Pränestiner Stand: beim ersten Angriffe und Geschreie waren ihre Glieder getrennt. Dann, als ihre Linie allenthalben die Haltung verlor, wandten sie den Rücken; und von Verwirrung und Schrecken sogar vor ihrem Lager vorübergesprengt, setzten sie sich auf ihrer fortstürzenden Flucht nicht eher, bis sie Präneste im Gesichte hatten. Hier bezogen die zerstreuten Flüchtlinge einen Posten, den sie durch Nothwälle haltbar zu machen suchten, um nicht, durch ihren Rückzug hinter die Mauern, die Dörfer sogleich den Flammen zu überlassen und nach Verheerung des Ganzen, ihrer Stadt eine Belagerung zuzuziehen. Allein sobald sich, nach Plünderung ihres Lagers an der Allia, der siegende Römer zeigte, verließen sie auch diese Befestigung, und kaum dem Schutze ihrer Mauern trauend, schlossen sie sich in die Stadt Präneste ein. Außer dieser gehörten noch acht Städte zum Gebiete der Pränestiner . Sie wurden berennt, und als sie, eine nach der andern, ohne großen Kampf genommen waren, rückte das Heer vor Veliträ . Auch dies wurde erstürmt. Nun kam die Reihe an den Hauptsitz des Krieges, Präneste, in dessen Besitz man nicht durch Sturm, sondern durch Übergabe, kam. Titus Quinctius kehrte nach Einem Siege im Felde, nach Erstürmung von zwei feindlichen Lagern und neun Städten, und der Eroberung von Präneste durch Übergabe, nach Rom zurück, und brachte im Triumphe das von Präneste abgeführte Standbild des Jupiter Imperator auf das Capitolium . Es wurde zwischen den Kapellen Jupiters und Minervens aufgestellt, und eine unter demselben aufgehängte Tafel, welche jene Thaten beurkundete, hatte etwa folgende eingegrabene Inschrift: «Jupiter und die sämtlichen Götter verliehen, daß Titus Quinctius als Dictator neun Städte in neun Tagen Gronov, Duker und Drakenborch tadeln Grutern mit Recht, der die ganze Inschrift, welche Livius hier nicht liefern wollte, in den Livianischen Text aufnahm. Allein wenn Livius, der uns vorher zehn Städte nannte, nicht sich selbst und der Inschrift zugleich widersprechen soll, so muß man mit Gronov, Crevier und Andern annehmen, daß die ursprüngliche Lesart oppida novem diebus novem caperet, durch die Abschreiber verstümmelt sei, welche die beiden mittleren Worte wegen des doppelten novem aus einem den Abschreibern so gewöhnlichen Versehen wegließen. Und wie jene alle anführen, bezeugt Festus, daß die Inschrift selbst neun in neun Tagen eroberter Städte erwähnt habe. eroberte.» Am 53 zwanzigsten Tage nach seiner Ernennung legte er die Dictatur nieder, 30. Nun wurde ein Wahltag für Ernennung consularischer Kriegstribunen gehalten, auf dem man an Adlichen und Bürgerlichen eine gleiche Anzahl nahm. Aus den Vätern wurden die beiden Manlius, Publius und Cajus, nebst dem Lucius Julius gewählt; der Bürgerstand gab den Cajus Sextilius, Marcus Albinus , Lucius Antistius . Den Manliern, die durch Abkunft den Bürgerlichen, durch Einfluß dem Julius vorgingen, bestimmte man den Krieg gegen die Volsker außerordentlich, ohne das Los oder einen Vergleich entscheiden zu lassen; welches nachher sowohl sie selbst, als die Väter, deren Werk es war, gereuete. Ohne Kundschaft einzuziehen schickten sie Cohorten auf Futterholung aus. Als sie, diese zu retten, die laut einer falschen Nachricht umzingelt sein sollten, schleunig herbeieilten, sogar ohne sich des Boten zu versichern – ein feindlicher Latiner hatte sie als Römischer Soldat belistet – so fielen sie selbst in einen Hinterhalt. In einer nachtheiligen Stellung leisteten sie unter gegenseitigem Verluste bloß durch die Tapferkeit der Soldaten Widerstand, als die Feinde von einer andern Seite das in einer Fläche liegende Römische Lager anfielen. Hier sowohl als dort gab die Unbesonnenheit und Unwissenheit der Feldherren Alles preis. Die dem Glücke des Römischen Volks Gronov (und mit ihm Crevier ) lieset: Quidquid (scil. de his exercitibus) superfuit, fortuna populi Romani et militum virtus – – tutata est. Drakenborch aber entscheidet sich nicht für ihn. Und ich glaube, Gronov hat schon deswegen Unrecht, weil Livius, wenn er jetzt schon des für die Römer glücklichen Umstandes (daß die Feinde den Sieg unbenutzt ließen) erwähnt hätte, nicht nachher fortfahren konnte: Quae ubi Romam sunt relata, und dann noch einmal postquam quietae res ex Volscis adferebantur: sonst würde er ja einerlei Nachricht den Römern zweimal kund thun lassen. Die Römer, wenn sie das Alles schon wußten (nämlich fortunam populi R. – reliquias tutatam esse, et Volscos nescire victoria et tempore uti) hätten nicht nöthig gehabt, auf einen Dictator zu denken. Sie wollten ihn ernennen, weil sie es noch nicht wußten: folglich kann es auch von Livius nicht unter den Umständen aufgeführt werden, von denen er sagt: Quae ubi Romam relata sunt. – Stroth nimmt fortunae hier für den Genitiv, wie ich in seiner Note aus den Worten parum faust i – contingere potuisse schließe, noch mehr aus der Deutung, die er Gronoven giebt: Quasi populo Romano nihil fortunae praeter hunc exercitum fuerit. Ich halte fortunae für den Dativ, außer dem Grunde, den mir der Sinn nothwendig zu machen scheint, auch darum, weil Livius sonst lieber statt quidquid superfuit fortunae populi Romani gesagt haben würde: quidquid fortunae superfuit populo Romano. 54 gebliebenen Überreste schützte bloß der auch ohne Leitung feststehende Muth der Soldaten. Als diese Nachrichten nach Rom kamen, wollte man anfangs einen Dictator ernennen: als aber spätere Meldungen aus dem Volskischen die dortige Ruhe bezeugten und es sich nun ergab, daß die Feinde den Sieg und die Gelegenheit nicht zu benutzen wüßten, so wurden sogar die Heere und Feldherren von dort zurückgerufen, und von dieser Seite blieb man, so viel die Volsker betraf, ungestört. Nur am Schlusse des Jahres veranlaßte der Umstand neue Bewegungen, daß die Pränestiner, von denen sich auch Latinische Völkerschaften hatten aufwiegeln lassen, den Krieg erneuerten. In eben dem Jahre wurden den Bürgern zu Setia, die über Menschenmangel klagten, neue Anbauer zur Ergänzung gegeben. Und bei den minder glücklichen Ereignissen des Krieges tröstete man sich mit dem innern Frieden, dem die bürgerlichen Kriegstribunen, durch ihre Liebe und ihr Ansehen bei ihrer Volksklasse, die Dauer gaben. 31. Gleich den Anfang des folgenden Jahres, in welchem Spurius Furius, Quintus Servilius zum zweitenmale, Cajus Livinius, Publius Clölius, Marcus Horatius, Lucius Geganius consularische Kriegstribunen waren, setzte ein heftiger Aufruhr in Flammen. Den Stoff und Vorwand zu diesem Aufruhre gaben die Schulden; und die zur Ausmittelung der Summe gewählten Censorn, Spurius Servilius Priscus und Quintus Clölius Siculus, wurden an der Ausrichtung des Geschäfts durch Krieg gehindert; denn zuerst brachten hereinstürzende Boten, dann die flüchtenden Landleute, die Nachricht vom Einfalle 55 Volskischer Legionen, die allenthalben im Römischen plünderten. Bei aller Bestürmung war man gleichwohl so weit entfernt, sich durch den Schrecken von außen von den bürgerlichen Streitigkeiten abrufen zu lassen, daß sich im Gegentheile die sämtlichen Tribunen noch so viel heftiger der Werbung widersetzten, bis sie endlich den Vätern die Bedingungen aufdrangen, daß niemand während des Krieges die Steuer zahlen, und kein Richter in Schuldensachen sprechen sollte. Als sie dem Bürgerstande diese Erleichterung verschafft hatten, wurde die Werbung nicht länger gehindert. Nach Aushebung der neuen Legionen beschloß man, sie in zwei Heere getheilt ins Volskische einrücken zu lassen. Spurius Furius und Marcus Horatius wandten sich zur Rechten gegen die Seeküste und Antium; Quintus Servilius und Lucius Geganius zur Linken gegen die Gebirge bis Ecetra . Auf keiner von beiden Seiten bot sich der Feind. Folglich wurde eine Plünderung daraus, aber nicht so abspringend, wie die Volsker die ihrige, nach Räuberart, im Vertrauen auf die Uneinigkeit der Feinde und vor ihrer Tapferkeit in Furcht, mit Schüchternheit beeilt hatten, sondern, wie ein förmliches Heer zur förmlichen Strafübung sie vollzieht, auch vermöge ihrer Dauer um so fühlbarer. Denn die Volsker, nicht ohne Furcht, es könne von Rom indessen ein Heer ausrücken, hatten sich mit ihren Einfällen auf die äußersten Gränzen beschränkt: für den Römer hingegen wurde die Absicht, den Feind zum Kampfe herauszulocken, sogar zum Bewegungsgrunde, auf feindlichem Boden zu verweilen. Nachdem sie also allenthalben die Häuser auf dem Lande, auch einige Flecken niedergebrannt, keinen tragbaren Baum, keine Sat zu künftiger Feldfrucht verschont, und Alles, was sich an Menschen und Vieh außerhalb den Städten fand, als Beute weggetrieben hatten, zogen sie aus beiden Gegenden ihre Heere zurück nach Rom. 32. Nach einer kurzen den Schuldnern gegönnten Erholung, waren die Verurtheilungen, sobald man von Feinden Ruhe hatte, von neuem wieder in vollem Gange, und die Hoffnung, sich der alten Zinsen zu entledigen, so 56 entfernt, daß man sich durch eine Steuer zu einer von den Censorn in Verding gegebenen, von Quadern aufzuführenden, Mauer mit neuen Zinsen beladen sah; und der Bürgerstand war gezwungen, sich dieser Last zu unterziehen, weil es für die Bürgertribunen keine Werbung zu hindern gab. Ja in seiner Abhängigkeit vom Gelde der Großen machte der Bürgerstand lauter Patricier zu Kriegstribunen, den Lucius Ämilius, Publius Valerius zum viertenmale, Cajus Veturius, Servius Sulpicius, die beiden Quinctius Cincinnatus, Lucius und Cajus. Durch eben diesen Einfluß gelang es ihnen, da sie von niemand gehindert alle Dienstfähigen schwören lassen konnten, gegen die Latiner und Herniker, deren vereinte Legionen bei Satricum im Lager standen, drei Heere aufzustellen, eins zum Schutze der Stadt; ein zweites, um es schleunig ins Feld rücken zu lassen, wenn sich irgend sonst wo Bewegungen äußerten; das dritte, bei weitem das stärkste, führten Publius Valerius und Lucius Ämilius nach Satricum . Als sie hier den Feind in einer Ebene in Schlachtordnung fanden, lieferten sie ihm sogleich ein Treffen: doch ein unter gewaltigen Stürmen sich ergießender Platzregen machte der Schlacht ein Ende, die sich, war sie gleich noch kein gewisser Sieg, doch sehr günstig anließ. Am folgenden Tage wurde sie erneuert; und eine Zeitlang leisteten mit gleichem Muthe und Glücke hauptsächlich die Latinischen Legionen Widerstand, die in dem langen Bündnisse den Römischen Dienst gelernt hatten. Nur die einhauende Reuterei brachte Unordnung in ihre Glieder, und in dieser Unordnung griff das Fußvolk sie an. So weit die Römische Linie vordrang, mußte die feindliche Schritt vor Schritt aufgeben, und als sich die Schlacht erst einmal neigte, wurde das Übergewicht der Römer unaufhaltsam. Weil die geschlagenen Feinde nach Sutricum, zweitausend Schritte von hier, nicht in ihr Lager flohen, so wurden sie, vorzüglich von der Reuterei, niedergehauen; ihr Lager erobert und geplündert. In der auf das Treffen folgenden Nacht ging ihr Zug, gleich einer Flucht, nach Antium; und ob ihnen gleich das Römische Heer fast auf der Ferse 57 folgte, so eilte doch die Furcht schneller, als die Erbitterung. Sie rückten schon in die Stadt, ehe der Römer in ihren Nachtrab einhauen, oder ihn aufhalten konnte. Nun vergingen mehrere Tage unter Plünderungen im Lande, weil sich die Römer aus Mangel an Sturmwerkzeugen zu einem Angriffe auf die Mauern nicht gehörig im Stande sahen, und die Feinde eben so wenig, eine Schlacht zu wagen. 33. Jetzt kam es zwischen den Antiaten und Latinern zu einem Aufstande, weil die Antiaten, der Übel müde, und mürbe gemacht durch einen Krieg, in welchem sie geboren und Greise geworden waren, sich auf eine Übergabe einlassen wollten; die Latiner hingegen ihr Abfall, der nach einem langen Frieden erst neulich erfolgt war, bei noch frischem Muthe, zur Beharrlichkeit im Kriege so viel entschlossener machte. Der Streit war geendigt, sobald sich beide überzeugten, daß der Eine vom Andern unabhängig seine Maßregeln verfolgen könne. Die Latiner verwahrten sich durch ihren Aufbruch vor der Theilnahme an einem, ihrer Meinung nach, ehrlosen Frieden. Die Antiaten, sobald sie sich dieser mit den Entwürfen eigener Rettung unverträglichen Mitsprecher entledigt hatten, übergaben den Römern Stadt und Land. Die Erbitterung und Wuth der Latiner, denen es eben so sehr mislungen war, den Römern durch diesen Krieg zu schaden, als die Volsker in den Waffen zu erhalten, brach dahin aus, daß sie die Stadt Satricum, die ihr erster Zufluchtsort nach der unglücklichen Schlacht gewesen war, verbrannten: und es blieb, weil ihre Feuerbrände ohne Unterschied geweihete und ungeweihete Häuser trafen, von dieser Stadt weiter kein Gebäude übrig als der Tempel der Mutter Matuta Siehe V. 19. . Von diesem soll weder eigene Gewissenhaftigkeit, noch Ehrfurcht für die Götter, sondern eine fürchterliche Stimme sie abgehalten haben, welche ihnen vom Tempel aus die schrecklichsten Drohungen zurief, wenn sie nicht ihr gottloses Feuer von den Heiligthümern 58 entfernt hielten. Von dieser Wuth entflammt warfen sie sich aus Erbitterung auf Tusculum, weil es von der gemeinschaftlichen Verbindung der Latiner abgetreten sei, und sich den Römern nicht bloß zum Bündnisse, sondern sogar zur Annahme ihres Bürgerrechts hingegeben habe. Da sie unerwartet zu den offenen Thoren hineinstürzten, so eroberten sie die Stadt im ersten Geschreie, bis auf die Burg. In die Burg flüchteten die Einwohner mit Weib und Kind, und schickten Boten mit der Nachricht von ihrem Unglücke an den Senat nach Rom. Mit einer Schnelligkeit, die der Treue des Römischen Volks entsprach, ließ man ein Heer nach Tusculum rücken. Es wurde von den Kriegstribunen Lucius Quinctius und Servius Sulpicius geführt. Tusculums Thore fanden sie geschlossen, und die Latiner, als Belagerer und Belagerte, wie sie unter gleichzeitigen Entwürfen, hier die Mauern Tusculums zu vertheidigen, dort die Burg zu bestürmen, zugleich Andre ängstigten, und selbst in Angst waren. Allein mit der Ankunft der Römer trat auf beiden Seiten eine andre Stimmung ein. Die Tusculaner hatte sie aus einer drückenden Besorgniß in die muthigste Entschlossenheit versetzt, die Latiner aus der fast gewissen Erwartung, die Burg zu erobern, insofern sie der Stadt schon Meister waren, in die Unwahrscheinlichkeit, sich selbst retten zu können. Von der Burg aus stieg das Geschrei der Tusculaner empor: ungleich stärker wurde es vom Römischen Heere beantwortet. Auf beiden Seiten sahen sich die Latiner bedrängt: sie waren den Angriffen der Tusculaner nicht gewachsen, die von der Höhe herab auf sie einstürzten, und konnten auch die Römer nicht abhalten, die die Mauern heranstiegen und an den Riegeln der Stadtthore brachen. Die Eroberung der Mauern durch Sturmleitern gelang früher; dann wurden auch die Thore aufgesprengt. Und da der Feind auf zwei Seiten, von vorne und vom Rücken her eindrang, so wurden die Latiner, denen zum Gefechte die Kraft, zur Flucht der Raum fehlte, zwischen beiden bis auf den letzten Mann niedergehauen. Das Römische Heer, nachdem 59 es den Feinden Tusculum wieder abgenommen hatte, wurde nach Rom zurückgeführt. 34. Je mehr man in diesem Jahre durch die glücklichen Kriege an Ruhe von außen gewann, je drückender wurde in der Stadt die Übermacht der Väter und das Elend des Bürgerstandes mit jedem Tage, weil die Zahlung gerade durch die Notwendigkeit, jetzt zahlen zu müssen, unmöglich gemacht wurde. Da die Schuldner also aus ihrem Vermögen schon nichts mehr entrichten konnten, so mußten sie, verurtheilt und in die Leibeigenschaft gegeben, den Gläubigern mit dem Verluste ihres ehrlichen Namens und ihrer persönlichen Freiheit Genüge leisten, und die Strafe ward zum Befriedigungsmittel. Folglich hatten nicht bloß die Niedrigsten, sondern auch die Ersten des Bürgerstandes ihren gedrückten Muth so herabgestimmt, daß auch von den thätigen und unternehmenden Männern nicht Einer es wagte, ich will nicht sagen, mit Patriciern sich um das Kriegstribunat zu bewerben, so eifrig sie auch nach dieser Erlaubniß gerungen hatten; sondern selbst die bürgerlichen Amtsstellen zu übernehmen oder zu suchen; und daß die Väter den Besitz des Amtsranges, von dem der Bürgerstand nur den Nießbrauch auf einige Jahre gehabt hatte, auf ewig wiedergewonnen zu haben schienen. Um diese Freude der Einen Partei nicht zu groß werden zu lassen, mußte ein kleiner Umstand eintreten, der, wie so oft, der Hebel zu einer großen Unternehmung ward. Marcus Fabius Ambustus, ein Mann von Einfluß, sowohl unter den Mitgliedern seines Ranges, als auch bei dem Bürgerstande, weil er bei dieser Classe durchaus nicht für ihren Verächter galt, hatte von zwei Töchtern die ältere an den Servius Sulpicius Er war gerade in diesem Jahre consularischer Kriegstribun. verheirathet, die jüngere an den Cajus Licinius Stolo, einen Mann von Ansehen, aber bürgerlich; und selbst die Nichtabweisung dieser Verwandschaft hatte den Fabius dem Volke beliebt gemacht. Einst fügte sichs, als sich die Fabischen Schwestern im Hause des Kriegstribuns Servius Sulpicius nach Weiberart 60 einander die Zeit verplauderten, daß gerade der Gerichtsdiener des Sulpicius, um seinen vom Marktplatze zu Hause kehrenden Herrn zu melden, mit seinem Stabe, wie das üblich ist, gegen die Hausthür schlug. Als die jüngere Fabia, dieser Sitte nicht gewohnt, darüber erschrak, so wurde sie von ihrer Schwester ausgelacht, die sich wunderte, daß ihre eigne Schwester dies nicht wisse. Allein dies Lachen senkte dem auch für Kleinigkeiten empfindlichen weiblichen Herzen seinen Stachel ein: vielleicht zeigte sich ihr auch bei dem zahlreichen Gefolge, das sich mit der Frage: «Ob er noch etwas zu befehlen habe,» vom Sulpicius beurlaubte, die Ehe ihrer Schwester von einer glänzenden Seite, und machte sie durch die uns eigne böse Anmaßung, unsern nächsten Verwandten am wenigsten nachstehen zu wollen, mit ihrer eignen Ehe unzufrieden. Ihr Vater, der sie von dieser neuen an ihrem Herzen nagenden Empfindung verstimmt sah, fragte sie, ob ihr nicht wohl sei, und da sie den Grund ihres Schmerzes, den sie sich so wenig für Schwesterliebe, als ihrem Gatten zur Ehre rechnen konnte, auf etwas anderes schob, so lockte er ihr durch leises Aushorchen das Geständniß ab, sie sei darüber traurig, daß sie in einer Misheirath lebe, in ein Haus gegeben sei, wo Rang und Einfluß keinen Zutritt haben könnten. Tröstend sprach Ambustus seiner Tochter Muth ein: sie solle nächster Tage dieselbe Amtsehre bei sich im Hause sehen, die sie bei ihrer Schwester sehe. Und nun ließ er sich mit seinem Schwiegersöhne auf Entwürfe ein, mit Zuziehung eines tüchtigen jungen Mannes, des Lucius Sextius, dem für seine Aussichten nichts, als patricische Abkunft, fehlte. 35. Den günstigsten Zeitpunkt, Veränderungen einzuleiten, versprach ihnen jetzt die übergroße Menge der Schulden, ein Übel, dessen Linderung der Bürgerstand nie zu hoffen hatte, wenn nicht Männer aus seiner Mitte auf die höchsten Stellen gehoben wurden. «Auf dies Augenmerk gerichtet, müsse man sich jetzt fertig halten. Durch Unternehmungsgeist und Thätigkeit wären die Bürgerlichen schon so weit emporgeschritten, daß sie von hieraus bei fortgesetzter Anstrengung den Gipfel erreichen, und sich den Vätern eben so im Range gleich stellen könnten, als im Verdienste.» Für jetzt beschlossen sie, Bürgertribunen zu werden, um sich in diesem Amte die Bahn zu den übrigen Ehrenstellen selbst zu öffnen. Und nun stellten Cajus Licinius und Lucius Sextius als erwählte Tribunen lauter Vorschläge zur Behinderung des Einflusses der Väter und zum Besten des Bürgerstandes auf; den einen, in Rücksicht der Schulden, daß nach Abrechnung der schon gezahlten Zinsen vom Capitale, die Bezahlung des Überschusses auf drei Jahre zu gleichen Summen vertheilt werden solle: den zweiten über die Größe des Landeigenthums, daß niemand mehr als fünfhundert Morgen Landes besitzen solle: den dritten, keinen Wahltag zur Ernennung von Kriegstribunen zu halten, und von den Consuln durchaus den Einen aus dem Bürgerstande zu wählen: lauter wichtige Punkte, und ohne den heftigsten Kampf nicht erreichbar. Da die Väter, geschreckt durch die Gefahr, Alles auf einmal zu verlieren, was sich die Sterblichen mit unbegrenzter Begierde wünschen, Ländereien, Gelder, Ehrenämter, in ihren öffentlichen und besondern Beratschlagungen die größte Verlegenheit gezeigt hatten, so versicherten sie sich gegen die Vorschläge der Tribunen, weil sie außer der in vielen früheren Stürmen schon erprobten Einsage kein Mittel finden konnten, dieser Einsage ihrer Amtsgenossen. Als diese die Bezirke vom Licinius und Sextius zur Stimmensammlung aufgefordert sahen, so untersagten sie, von patricischer Bedeckung umpflanzt, die Vorlesung der Anträge und jede andre zu einem Volksschlusse nöthige Förmlichkeit. Und schon wurden nach öfteren vergeblich berufenen Versammlungen die Vorschläge als verworfen angesehen; da sprach Sextius: «Es ist noch nichts verloren! Wenn nämlich die Einsage eine so große Kraft haben soll, so wollen wir mit eben dieser Waffe den Bürgerstand schützen. Versucht es, ihr Väter; setzt einen Wahltag zur Ernennung von Kriegstribunen an: dann werde ich dafür sorgen; daß euch dies ausgerufene: Untersagt! in welches ihr jetzt unsre Amtsgenossen zu eurem großen Vergnügen einstimmen hört, keine Freude machen soll!» Und er hielt mit seinen Drohungen Wort, Es kam weiter keine Wahl zu Stande, als die der bürgerlichen Ädilen und Tribunen. Licinius und Sextius, abermal zu Bürgertribunen gewählt, verhinderten jede Anstellung in patricische Ämter; und darüber, daß der Bürgerstand diese beiden immer wieder zu Tribunen ernannte, und sie jede Kriegstribunenwahl untersagten, sah die Stadt ihre obrigkeitlichen Ämter ganzer fünf Jahre lang erledigt. 36. Andre Kriege ruheten, sehr zur rechten Zeit: nur die Pflanzstädter von Veliträ, welche die Ruhe übermüthig machte, weil an kein Römisches Heer zu denken sei, hatten theils mehrere Einfälle ins Römische Gebiet gethan, theils einen Angriff auf Tusculum gewagt. Und gerade dies wirkte, als die Tusculaner, diese alten Bundsgenossen, diese neuen Mitbürger, um Hülfe baten, hauptsächlich weil man sich der Weigerung schämte, nicht bloß auf die Väter, sondern auch auf den Bürgerstand. Da also die Bürgertribunen nachgaben, wurde von einem Zwischenkönige ein Wahltag gehalten: allein die gewählten Kriegstribunen, Lucius Furius, Aulus Manlius, Servius Sulpicius, Servius Cornelius, und die beiden Valerier, Publius und Cajus, fanden bei der Werbung die Bürger bei weitem nicht so folgsam, als am Wahltage: nur mit einem unter vieler Widersetzlichkeit geworbenen Heere konnten sie ausrücken, und verjagten den Feind nicht bloß von Tusculum, sondern trieben ihn auch in seine eignen Mauern. Und nun hatte Veliträ eine weit heftigere Belagerung auszuhalten, als vorhin Tusculum; doch konnten dieselben Kriegstribunen, welche die Belagerung eröffnet hatten, es nicht erobern. Es wurden vorher neue gewählt, Quintus Servilius, Cajus Veturius, die beiden Cornelier Aulus und Marcus, Quintus Quinctius, Marcus Fabius. Aber auch von diesen Tribunen wurde vor Veliträ nichts Denkwürdiges ausgerichtet. Weit mißlicher stand es um die Angelegenheiten im Innern. Denn außer dem Sextius und Licinius, welche 63 jene Vorschläge zum Antrage gebracht hatten, und schon zum achtenmale als Bürgertribunen wiedergewählt waren, trat nun auch der Kriegstribun Fabius, der Schwiegervater des Stolo, für die Vorschläge, die eigentlich sein Werk waren, ganz öffentlich mit seiner Empfehlung auf. Und da anfangs ihrer acht vom Gesamtamte der Bürgertribunen die Vorschläge bestritten hatten, so waren ihrer jetzt nur noch fünf; und diese wußten, als gewonnene Schwachköpfe, wie diejenigen meistens sind, die ihrer Classe untreu werden, ihre Einsage nur mit erborgten Worten zu rechtfertigen, die ihnen zu Hause eingegeben waren: «Ein großer Theil des Bürgerstandes, jetzt im Heere vor Veliträ, sei abwesend: man müsse den Versammlungstag bis zur Ankunft der Soldaten aussetzen, damit der gesammte Bürgerstand über Gegenstände seines eigenen Wohls zum Stimmen kommen könne.» Sextius und Licinius hingegen, mit einigen ihrer Amtsgenossen und dem einen Kriegstribun Fabius, schon durch die vieljährige Übung Meister in der Kunst, das Volk zu behandeln, setzten den Ersten der Väter, wenn sie sie dem Volke vorgeführt hatten, über jeden einzelnen dem Volke geschehenen Vorschlag mit diesen Fragen zu: «Ob sie die Stirn haben könnten, zu verlangen, daß es ihnen selbst erlaubt sein solle, während einem Bürgerlichen nur zwei Morgen Landes zugetheilt würden, über fünfhundert Morgen zu haben? daß jeder von ihnen die Ländereien von beinahe dreihundert Bürgern besitzen solle, und das Grundstück eines Bürgerlichen kaum zum nöthigen Gebäude oder zur Grabstelle Raum genug habe? Ob es ihr Wille sei, daß der durch Wucher zu Grunde gerichtete Bürgerliche lieber seine Person in den Schließblock und zur Sklavenstrafe hergeben, als die geliehene Summe, mit Abrechnung der Zinsen vom Capitale, abtragen solle? daß täglich heerdenweise die Verurtheilten vom Markte abgeführt und die Häuser der Adlichen der Menge Gefesselter zu enge würden, und allenthalben, wo ein Patricier wohne, ein eigner Hauskerker zu finden sei?» 64 37. Und wenn sie nun durch diese eben so empörenden als Mitleid erregenden, im lauten Straftone gemachten, Darstellungen bei Leuten, die beständig ein gleiches Schicksal erwarteten, ihre Zuhörer mit noch größerem Unwillen erfüllt hatten, als sie selbst empfanden, so versicherten sie: «Bei dem Allen würden die Väter nie aufhören, sich in die Ländereien einzudrängen und die Bürgerlichen durch Wucher zu morden, ehe nicht das Volk den einen Consul als Hüter seiner Freiheit aus dem Bürgerstande aufgestellt habe. Die Bürgertribunen wären schon verächtlich, da dieses Amt seine eigne Kraft durch die Einsage vernichte. Da könne nie Gleichheit des Rechtes obwalten, wo die Herrschaft sich auf jener, auf ihrer Seite nur Hülfsleistung finde. Ohne Theilnahme an der Regierung werde der Bürgerstand nie an der Statsverwaltung gleichen Antheil haben. Auch müsse niemand glauben, es sei schon hinreichend, wenn bei der Consulwahl auf Bürgerliche nur Rücksicht genommen werden dürfe: wenn nicht der eine Consul durchaus aus dem Bürgerstande genommen werden müsse, so werde es nie Einer werden. Ob es ihrem Gedächtnisse schon entfallen sei, daß seit vier und vierzig Jahren, ob man gleich eben deswegen gutgefunden habe, lieber Kriegstribunen, als Consuln, zu wählen, um auch den Bürgerlichen den Zutritt zum höchsten Amte offen zu lassen, dennoch kein Bürgerlicher zum Kriegstribun gewählt sei? Wie sie glauben könnten, daß diejenigen bei zwei Plätzen freiwillig dem Bürgerstande Einen überlassen würden, die gewöhnlich bei der Kriegstribunenwahl acht Plätze Siehe V. 1. besetzt hätten? daß diejenigen den Zutritt zum Consulate gestatten würden, die ihnen das Tribunat so lange gesperrt hätten? Durch Gesetzeskraft müßten sie sich das verschaffen, was ihnen am Wahltage fremder Einfluß unerreichbar mache, und den Zutritt der Bürgerlichen zu dem Einen Consulate außer Streit setzen, da es jedesmal, so lange es streitig gelassen würde, dem Mächtigern als Belohnung zufallen 65 werde. Auch könne jetzt die Einwendung nicht mehr gemacht werden, die man sonst von jener Seite gewöhnlich habe ertönen lassen, daß der Bürgerstand die Männer nicht habe, die zu patricischen Ämtern taugten. Oder habe sich etwa seit dem Tribunate des Publius Licinius Calvus, des ersten angestellten Bürgerlichen, in der Statsverwaltung mehr Schlaffheit und Sorglosigkeit gezeigt, als in jenen Jahren, in denen außer Patriciern niemand Kriegstribun gewesen sei? Im Gegentheile, mehrere Patricier wären nach ihrem Tribunate verurtheilt; kein einziger Bürgerlicher. Auch Quästorn habe man seit einigen Jahren, eben so, wie sonst Kriegstribunen, aus dem Bürgerstande angesetzt, und das Römische Volk habe nicht Ursache gehabt, mit Einem von ihnen unzufrieden zu sein. Nun sei nur das Consulat noch für den Bürgerstand übrig; dies aber sei die Burg, sei die Stütze der Freiheit. Gelange man zu dem, dann erst könne das Römische Volk die Könige für wirklich aus der Stadt vertrieben, und seine Freiheit für feststehend halten. Denn von dem Tage an werde dem Bürgerstande das Alles zufallen, was jetzt den Vorzug der Patricier ausmache, Oberbefehl und Ehrenamt, Kriegesruhm, Familienrang, Adel, lauter Dinge von hohem Werthe schon als Genuß für sie selbst, von höherem als Hinterlassenschaft für ihre Kinder. Als sie bemerkten, daß Reden dieser Art Eingang fanden, legten sie noch einen neuen Antrag vor, daß man statt der Zweiherren zur Aufsicht des Gottesdienstes Zehnherren wählen, und die eine Hälfte aus den Bürgern, die andre aus den Vätern nehmen solle: und die Abstimmung über alle diese Vorschläge verschoben sie auf die Ankunft des Heeres, welches jetzt Veliträ belagerte. 38. Das Jahr lief ab, ehe die Legionen von Veliträ zurückgeführt wurden. Folglich verzögerte sich die Verhandlung über jene Vorschläge ohne Entscheidung bis zu den neuen Kriegstribunen: denn zu Bürgertribunen wählte der Bürgerstand vorzugsweise jene Ich glaube, daß das Komma hinter eosdem unrichtig sei. Bleibt es stehen, so sagt Livius, das Volk habe seine sämtlichen Tribunen vom vorigen Jahre wiedergewählt, und vorzüglich die beiden, Sextius und Licinius . Allein Pighi führt in seinen Annalen (jene beiden ausgenommen) ganz andre Tribunen an, als das vorige Jahr gehabt hatte. Und dann läßt es sich auch nicht denken, daß das Volk jene Schwachköpfe des vorigen. Jahrs (siehe Cap. 36. ), mit denen es noch dazu unzufrieden gewesen war, weil ihr Veto dem Sextius und Licinius widersprach, wiedergewählt haben sollte. beiden wieder, weil 66 die Vorschläge ihr Werk waren. Zu Kriegstribunen wurden gewählt Titus Quinctius, Servius Cornelius, Servius Sulpicius, Spurius Servilius, Lucius Papirius, Lucius Veturius . Gleich im Anfange des Jahrs kam es über die Vorschläge zum heftigsten Streite, und da In dieser Stelle muß unser Grundtext durch die Schuld der frühesten Abschreiber eine Lücke bekommen haben, die den Zusammenhang unterbricht. Duker hat die mancherlei Schwierigkeiten angegeben, mit denen man hier zu kämpfen hat, wenn man eine Verfälschung der Urschrift nicht zugestehen will. Denn 1) sagt uns Livius nicht, was aus dieser ersten Zusammenberufung der Bezirke geworden sei; 2) auch davon nichts, warum Sextius und Licinius ihre Vorschläge dasmal nicht durchsetzten, da ihnen doch keine Intercession hinderlich war; 3) und doch werden die Tribus nachher zur Stimmensammlung aufgefordert; also waren die Vorschläge das erstemal nicht durchgegangen; 4) auch hinderte die Tribunen keine Furcht vor dem Dictator; denn der wird erst nachher gewählt; 5) der Dictator konnte vor der folgenden«Nacht nicht gewählt werden: folglich muß zwischen der ersten Volksversammlung und der zweiten wenigstens die zur Dictatorwahl erforderliche Nacht angenommen werden. Ich setze hinzu: 6) Aus dem Nachfolgenden: Legum quoque latores adversus tantum apparatum adversariorum et ipsi caussam plebis ingentibus animis armant, wird es sehr wahrscheinlich, daß einige, vielleicht mehrere, Tage zwischen beiden Versammlungen verflossen. Warum werden nun nicht in dieser kürzern oder längeren Zwischenzeit die Vorschläge durchgesetzt, da es doch heißt: quum nec intercessio collegarum obstaret? 7) Wie konnte Livius, ohne einen Grund anzugeben, sagen, die Intercession habe schon in der ersten Versammlung nicht Statt gehabt? da sie doch in der zweiten wieder eintritt? 8) Erst nachher, bei der zweiten Versammlung, sagt er uns, daß die Intercession, so sehr sie auch die Gesetze auf ihrer Seite gehabt habe, der Parteilichkeit des Volks für die Vorschläge und ihre Urheber habe weichen müssen. Späterhin also sollte er es uns begreiflich machen wollen, warum die Intercession unkräftig wurde, und das erstemal ohne alle Vorbereitung gesagt haben: Da auch nicht einmal eine Intercession Statt hatte? die 67 Kriegstribunen dem Senate anzeigten, es sei zu fürchten, daß sich die Urheber der Vorschläge, wenn die Bezirke zur Abstimmung aufgerufen würden, auch nicht einmal an die Einsage ihrer Amtsgenossen kehren möchten; so nahmen die bestürzten Väter ihre Zuflucht zu den beiden letzten Mitteln, zum ersten Statsamte und zum ersten Bürger. Sie beschlossen, einen Dictator zu wählen: gewählt wurde Marcus Furius Camillus, der den Lucius Ämilius zu seinem Magister Equitum annahm. Einer solchen Zurüstung ihrer Gegner Trotz zu bieten, machten die Urheber der Vorschläge ebenfalls die höchste Entschlossenheit zur Waffe für die Volkssache; und nach angesetzter Bürgerversammlung forderten sie die Bezirke zur Abstimmung auf. Als der Dictator, Zorn und Drohungen athmend, von einer Schar Patricier umpflanzt, sich gesetzt hatte; dann mit dem gewöhnlichen Gezänke der Bürgertribunen unter sich, je nachdem sie einen Vorschlag durchsetzen wollten, oder bestritten, die Sache begann; und die Einsage, so viel Gewicht sie durch ihre Rechtmäßigkeit hatte, eben so viel durch die Parteilichkeit für die Vorschläge selbst und für ihre Verfechter, verlor, und schon die zuerst aufgerufenen Bezirke mit einem: «Dem Vorschlage gemäß!» ihre Stimme gaben: da fing Camillus an: «Weil ihr euch denn, ihr Quiriten, schon nicht mehr vom Tribunenamte, sondern von Tribunenwillkür leiten lasset, und ihr die einst durch die Auswanderung des Bürgerstandes gewonnene Einsage zu eurem Schaden eben so gewaltthätig wieder aufhebt, wie ihr sie errungen habt, so erkläre ich mich, eben so sehr zu eurem, als des States Besten, als Dictator für die Einsage, und werde euer umgestoßenes Hülfsamt in meinen obrigkeitlichen Schutz nehmen. Sollten also Cajus Licinius und Lucius Sextius der Einsage ihrer Amtsgenossen nachgeben, so werde ich mich mit meinem patricischen Amte 68 keinesweges in eure Bürgerversammlung mischen. Wenn sie aber darauf ausgehen, der Einsage zum Trotze, dem State, als hätten sie ihn erobert, Gesetze aufzubürden, so werde ich nicht gestatten, daß die tribunicische Gewalt durch sich selbst aufgelöset werde.» Als die Bürgertribunen dagegen, mit Verachtung seiner, ihre Sache noch eben so eifrig betrieben, sandte Camillus, von Zorn durchdrungen, seine Gerichtsdiener herab, die Bürger vom Platze zu jagen, und fügte die Drohung hinzu, wenn sie so fortführen, so werde er alle Dienstfähigen in Eid nehmen und sogleich mit einem Heere aus der Stadt rücken. Die Bürger selbst hatte er dadurch in großen Schrecken gesetzt, aber den Muth ihrer Führer befeuerte er durch den Wettkampf mehr, als daß er ihn minderte. Doch legte er, noch ehe sich die Sache auf eine von beiden Seiten neigte, sein Amt nieder, entweder weil bei seiner Wahl, wie einige melden, ein Fehler vorgefallen war, oder weil die Bürgertribunen bei dem Bürgerstande den Antrag machten, den dieser annahm, daß Marcus Furius für jede Verfügung, die er als Dictator treffen würde, eine Strafe von fünfmal hunderttausend Pfund Ungefähr 10,000 Rthlr. (15,624 fl. Crev. ). erlegen solle. Wenn ich es wahrscheinlicher finde, daß er sich durch einen Wahlfehler, als durch diesen bis dahin beispiellosen Antrag, habe abschrecken lassen, so bestimmt mich dazu theils das Sittengepräge des Mannes, theils und noch mehr der Umstand, daß sogleich Publius Manlius als Dictator an dessen Stelle gesetzt wurde; (und was würde es geholfen haben, diesen zu einem Kampfe aufzustellen, in welchem Marcus Furius schon besiegt gewesen wäre?) theils weil das folgende Jahr den Marcus Furius wiederum als Dictator gehabt hat, der wenigstens nicht ohne Scham in ein Amt wieder eingetreten sein würde, dessen Kraft das Jahr zuvor in seiner Person gebrochen gewesen wäre; zugleich auch, weil er damals, als auf seine Geldstrafe angetragen sein soll, entweder auch diesem Antrage, den er zu seiner Beschränkung gethan sah, widerstehen 69 konnte, oder auch nicht Kraft genug hatte, selbst jene zu hindern, um dererwillen auch dieser aufgestellt ward; und weil dennoch, so lange Tribunen und Consuln bis auf unsre Zeiten ihre Kräfte gegen einander versucht haben, die Dictatur sich auf ihrer Höhe über sie behauptet hat. 39. Auf der Volksversammlung, welche die Bürgertribunen zwischen der niedergelegten ersten und der vom Manlius angetretenen neuen Dictatur, gleichsam als in einer Zwischenregierung, hielten, zeigte sich es, welche von den Vorschlägen dem Bürgerstande und welche den Urhebern selbst die liebsten waren: denn die Anträge über die Schulden und Ländereien genehmigten die Bezirke, den über das bürgerliche Consulat verwarfen sie. Und dahin würden beide Verhandlungen abgelaufen sein, wenn nicht die Tribunen erklärt hätten, daß sie bei dem Bürgerstande auf die sämtlichen Punkte zugleich antrügen. Nachher gab Publius Manlius als Dictator der Sache eine für den Bürgerstand vortheilhafte Wendung, indem er den gewesenen Kriegstribun Durch den Zusatz: gewesenen Kriegstribun (er war es im Jahre 377. Cap. 31. ) unterscheidet Livius diesen C. Licinius P. F. Calvus Stolo von dem Bürgertribun und nachmaligen Consul C. Licinius C. F. P. N. Calvus Stolo. Selbst Plutarch verwechselt, wie Pighi und Crevier bemerken, diese verschiedenen Personen. Cajus Licinius, einen Bürgerlichen, zum Magister Equitum ernannte. Ich finde, dies sei den Vätern sehr unangenehm gewesen; der Dictator aber habe immer seine nahe Verwandschaft mit dem Licinius zu seiner Entschuldigung angeführt, und zugleich behauptet, die Stelle eines Magisters Equitum sei ja nicht höher, als die eines Consulartribunen. Als der Tag zur Bürgertribunenwahl angesetzt war, benahmen sich Licinius und Sextius so, daß sie durch die Weigerung, sich das Amt verlängern zu lassen, bei dem Volke die heftigste Begierde weckten, gerade das zu thun, was sie selbst, ohne den Schein zu haben, suchten. «Schon ins neunte Jahr ständen sie gegen die Vornehmen gleichsam in Schlachtordnung, nicht ohne die größte eigne Gefahr, aber ohne den mindesten Vortheil für das Ganze. Schon wären mit ihnen selbst die ausgehängten 70 Vorschläge und die ganze Kraft des tribunicischen Amts veraltet. Zuerst habe man ihre Vorschläge durch die Einsage ihrer Amtsgenossen bestritten; dann durch die Wegsendung der Mannschaft in den Veliternischen Krieg; zuletzt habe man den Blitz der Dictatur auf sie gezückt. «Jetzt ständen weder Amtsgenossen, noch Krieg, noch ein Dictator im Wege; ja dieser habe sogar durch die Ernennung eines Magisters Equitum aus dem Bürgerstande zu einem bürgerlichen Consulate ein bedeutendes Vorspiel gegeben. Nur der Bürgerstand selbst verabsäume sich und seine Vortheile. In dem Augenblicke, in welchem er wolle, könne er die Stadt und den Gerichtsplatz von allen Gläubigern frei haben, frei die Ländereien von allen unrechtmäßigen Besitzern. Wann denn die Bürger endlich so große Anerbietungen mit dem gehörigen Danke erkennen würden, da sie selbst jetzt, während sie die zu ihren Vergrößerungen gethanen Vorschläge annähmen, denen, die sie gethan hätten, die Hoffnung zum Ehrenamte abschnitten? Es vertrage sich nicht mit der Bescheidenheit des Römischen Volks, für sich selbst zu verlangen, daß man es von seinen Schulden befreien und in die von den Mächtigen unrechtmäßig besessenen Ländereien einführen solle; und doch eben die Männer, durch welche es das Alles erreicht habe, diese im Tribunate Vergreiseten, nicht nur ohne Ehrenamt, sondern auch ohne Hoffnung auf das Ehrenamt zu lassen. Es möchte also zuvor bei sich selbst festsetzen, was eigentlich sein Wille sei, und dann am Tage der Tribunenwahl seinen Willen erklären. Wünsche es, daß sie die von ihnen ausgehängten Vorschläge ungetrennt zur Genehmigung vorlegen sollten, so lasse sich hören, daß man eben die Bürgertribunen wiederwählen wolle; denn diese würden auch die Durchsetzung ihrer Vorschläge zu bewirken wissen. Wünsche es aber nur die Annahme dessen, was jeder zu seinem besondern Vortheile nöthig finde, so sei die gehässige Verlängerung ihres Amtes unnöthig; so werde eben so wenig aus ihrem Tribunate werden, als aus den für das Volk gethanen Vorschlägen.» 71 40. Als den übrigen vor Unwillen staunenden und verstummenden Vätern jede Antwort auf diese trotzende Rede der Bürgertribunen erstarb, soll Appius Claudius Crassus, des Decemvirs Enkel, mehr von Haß und Zorn, als von Hoffnung beseelt, als Gegenredner aufgetreten und sein Vortrag etwa folgender gewesen sein: «Es würde mir nicht neu, nicht unerwartet sein, ihr Quiriten, wenn man den Hauptvorwurf, den aufrührerische Tribunen unserm Geschlechte immer gemacht haben, auch mir jetzt anzuhören gäbe, daß uns Claudiern gleich von Anfang an im State nichts wichtiger gewesen sei, als die Ehre der Väter, und daß wir uns immer den Vortheilen des Bürgerstandes widersetzt hätten. Das Eine will ich nicht in Abrede sein, es nicht widerlegen, daß wir von der Zeit an, da wir zugleich in das Bürgerrecht und unter die Väter aufgenommen wurden, uns angelegentlich bestrebt haben, daß man uns mit Wahrheit nachsagen könne, die Ehre der Geschlechter, unter denen ihr uns unsern Platz angewiesen habt, sei durch uns eher gehoben, als herabgesetzt. In Rücksicht auf das Zweite, ihr Quiriten , glaube ich für mich und meine Vorfahren behaupten zu dürfen; wenn nicht etwa jemand das, was man zum Besten des Ganzen thut, als nachtheilig für den Bürgerstand ansehen will, gerade als ob dieser eine andre Stadt bewohnte; daß wir wissentlich, wir mochten ohne Amt, oder im Amte sein, nie etwas gethan haben, was mit dem Wohle des Bürgerstandes unverträglich wäre, und daß man uns mit Wahrheit keiner That oder Rede zeihen könne, die euren Vortheil bestritten hätte, sollte sie auch zuweilen euren Willen bestritten haben. Oder sollte ich – gesetzt, ich wäre nicht vom Claudischen Geschlechte, nicht patricischem Blute entstammt, sondern ein Quirit, wie jeder andre, und wäre mich nur meiner Abkunft von zwei freien Ältern, meines Daseins in einem. freien State bewußt – sollte ich dann dazu schweigen können, wenn so ein Lucius Sextius und Cajus Licinius, diese, wenn Gott will, ewigen Tribunen! in den neun Jahren ihrer königlichen Regierung sich mit der 72 Frechheit so vertraut gemacht haben, daß sie euch ankündigen, sie würden euch so wenig über die Wahlen, als über die Annahme von Vorschlägen das Recht der freien Stimme gestatten? Nur unter Bedingungen, spricht so ein Mensch, sollt ihr uns zum zehntenmale zu Tribunen wiederwählen können, – Was sagt dies anders, als? Was andre suchen, das ist uns so sehr zum Ekel, daß wir es ohne eine große Bewilligung nicht annehmen mögen . – Und nun? worin besteht denn diese Bewilligung, unter der wir euch zu ewigen Tribunen haben sollen? – Darin, daß ihr unsre sämtlichen Anträge, sie mögen euch gefallen, oder misfallen, euch nützlich oder schädlich sein, ohne sie zu trennen, annehmt . – Setzt den Fall, ich bitte euch, ihr Tarquinier in Tribunengestalt, ich riefe mitten aus der Versammlung als einzelner Bürger zu euch empor: Habt doch die Gnade, uns zu erlauben, daß wir von diesen Vorschlägen diejenigen auswählen, die wir uns für zuträglich halten, und mit den andern es beim Alten lassen. – Nein, spricht er, das wird nicht erlaubt. Nicht wahr? dann würdest du die Vorschläge, an denen ihr alle Theil nehmt, ich meine die über die Schulden und Ländereien, gut heißen, ließest aber den Gräuel nicht zur Wirklichkeit kommen, der euch mit Unwillen, mit Abscheu erfüllt, daß die Stadt der Römer so einen Lucius Sextius und einen Cajus Licinius für ihre Consuln ansehen soll? Genehmigt sie entweder alle, oder ich trage auf keinen an . – Gerade so, als ob man einem, den der Hunger quält, mit der Speise Gift hinsetzte, und von ihm verlangte, entweder sich des Gedeihlichen zu enthalten, oder mit dem Gedeihlichen das Todbringende zusammen zu schütten. Das ists, was ich sage: wenn der Stat frei wäre, würden euch nicht ihrer die Menge zurufen: Fort mit dir und deinen Tribunaten und Vorschlägen! oder meinest du, wenn du nicht einen Vorschlag thätest, in dessen Annahme das Volk seinen Vortheil sähe, daß, ihn zu thun, sich niemand finden werde? – Wenn ein Patricier, oder, was nach ihrer 73 Meinung noch gehässiger klingen soll, wenn ein Claudier spräche: Entweder nehmt Alles an, oder ich habe gar keine Vorschläge zu thun! – ihr Quiriten, wer von euch würde das ertragen? Werdet ihr denn nie lieber auf die Sache sehen lernen, als auf den Angeber? sondern immer alles, was das Tribunat euch vorzutragen hat, mit geneigtem Ohre, und was wir euch sagen wollen, mit Abneigung vernehmen? – Ja! sagt ihr, schon eure Sprache hat einen so unbürgerlichen Ton . – So? Wie stehts denn um den Vorschlag, dessen Verwerfung sie euch so übel nehmen? Ja freilich, ihr Quiriten, der klingt so leutselig Sollte nicht vielleicht in der Urschrift gestanden haben: Sermoni, Quirites, civili simillima, und das Wort civili wegen seiner Ähnlichkeit mit dem nächstfolgenden, weggefallen sein? Ich weiß wohl, daß sermo im Gegensatze von oratio und contentio (s. J. M.  Heusingers Anmerk. zu Cic. de off. I. 37. 1.) dann gebraucht wird, ubi remissius ac lenius agimus. Allein hier hatte Livius das Wort sermo zum höhern Begriffe gemacht, und ihm den sermo civilis und incivilis untergeordnet. Sollte er gleich darauf dasselbe Wort bloß im Sinne des untergeordneten Begriffs gebraucht haben? , als möglich. Ich trage darauf an, so lautet er, daß ihr euch nicht unterstehen sollt, Consuln nach eurem Gefallen zu wählen. Könnte jemand seinen Antrag anders abfassen, wenn er euch befehlen wollte, den einen Consul durchaus vom Bürgerstande zu nehmen, und das Recht, zwei Patricier zu wählen, euch untersagte? Wenn wir jetzt solche Kriege hätten, wie der Hetruskische war, als Porsena das Janiculum besetzt hatte, oder wie der Gallische neulich, da außer dem Capitole und der Burg dies hier Alles in Feindes Händen war; und es bewürbe sich mit dem Marcus Furius hier oder mit jedem Andern aus den Vätern so ein Lucius Sextius um das Consulat; würdet ihr es dann nicht unerträglich finden, daß Sextius unbezweifelt Consul sein müßte, Camillus aber Gefahr liefe, abgewiesen zu werden? Heißt das, die Ehrenämter zu gemeinschaftlichen Stellen machen, wenn aus dem Bürgerstande zwei Consuln erwählt werden dürfen, aus den Patriciern aber nicht? wenn man den Einen schlechterdings aus dem Bürgerstande nehmen muß, bei beiden Stellen aber die Patricier vorbeigehen kann? Wo 74 bleibt hier die Gemeinschaft, wo die gleiche Theilnahme? Ist dir das zu wenig, daß du Antheil an einer Sache bekommst, an der du bis dahin nicht den mindesten Theil hattest, wenn du nicht auch, indem du nach dem Theile greifst, zugleich das Ganze an dich reißest?– Ja, spricht er, ich fürchte, wenn ihr zwei aus den Patriciern wählen dürft, daß ihr gar keinen Bürgerlichen wählt . – Was heißt das anders, als? weil ihr mit gutem Willen Unwürdige nicht wählen werdet, so will ich euch die Nothwendigkeit auferlegen, die zu wählen, die ihr nicht wollet. Und was wird die Folge davon sein? daß der eine Bürgerliche, wenn er mit zwei Patriciern sich bewirbt, seine Wahl nicht einmal als Wohlthat dem Volke zu verdanken hat, sondern behaupten kann, er sei durch das Gesetz, nicht durch die Stimmen, gewählt.» 41. «Sie legen es nur darauf an, sich Ehrenämter zu erzwingen, nicht, darum anzuhalten: sie suchen sich in den Besitz der höchsten Stellen zu setzen, ohne sich auch nur die für die kleinesten schuldige Verpflichtung aufzuladen; wollen also lieber von den Zeitumständen, als vom Verdienste unterstützt, auf Amtsbewerbungen ausgehen. Fühlt sich jemand zu stolz dazu, sich als Bewerber beobachten, sich beurtheilen zu lassen; meint er, er allein müsse unter den mit ihm sich wagenden Bewerbern mit Sicherheit auf die Ehrenstelle rechnen dürfen; will er sich eurem Gutachten entziehen; will er eure gutwillig zu gebenden Stimmen zu erzwungenen, eure freie Wahl zu einer sklavischen machen Das Punctum vor omitto glaube ich weglassen zu müssen. Ich nehme die Worte omitto bis numeratis für einen einzuschließenden Satz. Denn nach den Worten pro liberis faciat war der Sinn noch nicht aus, sondern schließt sich erst mit der auf die Parenthese folgenden Frage. Nach meiner Meinung würden auch die nächsten Sätze vor der Parenthese, als Fragen genommen, mehr Leben haben. ; – – den Licinius und Sextius nenne ich nicht; da ihr die Jahre in ihrem fortdaurenden Amte gerade so wie auf dem Capitole Auf dem Capitole standen die Bilder der sieben Könige (von Romulus bis Tarquinius ) in Erz, und auf den Fußgestellen waren die Regierungsjahre eines jeden angegeben. ( Kuper und Drakenborch .) die 75 Regierungsjahre der Könige, zählt – – wer wäre wohl in unsern Tagen in der Bürgerschaft noch so niedrig, dem nicht der Zutritt zum Consulate durch den Schleichweg dieses Gesetzes leichter würde, als uns und unsern Kindern? wird es doch der Fälle geben, wo ihr uns nicht einmal werdet wählen können, wenn ihr auch wolltet, und jene wählen müsset, auch wenn ihr nicht wollt.» «So viel von der Unwürdigkeit der Sache, Was soll ich aber nun, da die Würdigkeit sich bloß auf Menschen bezog, von den Gottesverehrungen und der Beobachtung des Vogelfluges sagen, wodurch dieser Unfug sich so ganz zu einer Verachtung und Beleidigung der unsterblichen Götter eignet? Daß unsre Stadt auf Zustimmung von oben, gebaut sei; daß nach dieser hohem Zustimmung sich die ganze Statsverwaltung im Kriege und im Frieden, im Innern und im Äußern, richte, wem ist das unbekannt? Und wer hat nach der Einrichtung der Vorfahren diese Zustimmung auszumitteln? Ich sage geradezu: Die Väter: denn bei der Wahl einer bürgerlichen Obrigkeit wird nach dieser Zustimmung nicht einmal gefragt. An uns schließt sich diese Zustimmung so eigenthümlich an, daß nicht allein das Volk diejenigen patricischen Obrigkeiten, die von seiner Wahl abhängen, nicht anders wählen darf, als wenn wir die göttliche Genehmigung eingeholt haben; sondern daß auch wir für uns, ohne alle Stimmenwahl des Volks, bloß auf die Bewilligung von oben einen Zwischenkönig ernennen können, «und also selbst außer dem Amte die Einholung des Götterwillens haben, die jenen dort nicht einmal als Obrigkeiten zukommt. Wer also durch seine Wahl bürgerlicher Consuln den Vätern das Recht dieser Einholung, welches nur sie besitzen können, entreißt, was thut der anders, als daß er alle Befragung des Götterwillens im State abschafft? Mögen sie immerhin als Spötter der heiligen Gebräuche fragen: Was ist es denn mehr, wenn einmal die Hühner nicht fressen? wenn sie nicht so geschwind aus dem Käfige kommen? wenn ein Vogelschrei eine Warnung sein soll? Dies sind Kleinigkeiten: aber als 76 Nichtverächter dieser Kleinigkeiten haben unsre Vorfahren dem State diese Größe gegeben. Wir jetzt, als bedürften wir der Gnade der Götter weiter nicht, verunehren die heiligen Gebräuche. So laßt uns denn Oberpriester, Vogelschauer, Opferkönige ohne Unterschied wählen; jedem, der nur Menschengestalt hat, die Hutspitze aufsetzen, die Jupiters Eigenpriester trägt; die Ancilien, des Reichs heilige Kleinode, die Götter selbst und die Sorge für die Götter in verbotene Hände geben. Lasset uns ohne Einholung des Götterwillens Gesetze geben, ohne ihn Obrigkeiten wählen. Lasset uns die Genehmigung der Väter, wir mögen unsere Volkstage nach Centurien oder nach Curien halten, unnöthig finden. Mögen Sextius und Licinius, gleich einem Romulus und Tatius, über die Stadt Rom als Könige gebieten, weil sie fremdes Geld, weil sie Ländereien verschenken. So süß ist es, Andrer Eigenthum zu plündern! und niemand begreift, daß durch den einen Vorschlag, wenn wir die Besitzer von ihren Feldmarken treiben, unsre Ländereien zu wüsten Einöden werden, und durch den andern Treue und Glaube abgeschafft wird, mit welchen alle menschliche Verbindung aufhört! In jeder Rücksicht müsset ihr, wie ich glaube, diese Vorschläge verwerfen. Geben die Götter zu eurem Thun ihren Segen!» 42. Die Rede des Appius bewirkte nur so viel, daß die Annahme der Vorschläge noch aufgeschoben wurde. Sextius und Licinius, zum zehntenmale wieder als Tribunen angestellt, setzten den Vorschlag durch, Zehnherren des Gottesdienstes zur Hälfte aus den Bürgerlichen zu nehmen. Man wählte fünf aus den Vätern, und fünf aus dem Bürgerstande, und durch diesen Schritt schien der Weg zum Consulate schon gebahnt zu sein. Zufrieden mit diesem Siege gab der Bürgerstand, ohne jetzt der Consuln weiter zu erwähnen, den Vätern darin nach, daß Kriegstribunen gewählt werden sollten. Man wählte die beiden Cornelier, Aulus und Marcus, beide zum zweitenmale, den Marcus Geganius, Publius Manlius, Lucius Veturius, Publius Valerius zum sechstenmale. 77 Die Belagerung von Veliträ abgerechnet, deren Ausgang mehr zögernd, als zweifelhaft war, hatten die Römer von außen Ruhe, als das unerwartete Gerücht von einem einbrechenden Gallischen Kriege den Senat bewog, den Marcus Furius zum fünftenmale zum Dictator zu ernennen. Er ernannte den Titus Quinctius Pennus zu seinem Magister Equitum. Claudius Claudius Quadrigarius, Römischer Geschichtschreiber, der zu den Zeiten des Sulla lebte. VIII. 19. meldet, man habe mit den Galliern in diesem Jahre am Flusse Anio geschlagen, und jener berühmte Zweikampf auf der Brücke, in welchen sich Titus Manlius mit dem fordernden Gallier einließ, ihn im Angesichte beider Heere erlegte und ihm die Halskette abnahm, habe damals Statt gehabt. Die Mehrzahl der Angaben bestimmt mich zu glauben, daß jene Begebenheit ganzer zehn Jahre jünger, das Treffen dieses Jahres aber unter dem Dictator Marcus Furius, im Albanischen geliefert sei. So groß der Schrecken war, den die Gallier den Römern durch die Erinnerung an ihr voriges Unglück mitbrachten, so war dennoch für diese der Sieg weder zweifelhaft, noch schwer. Tausende von Barbaren fielen in der Schlacht, Tausende wurden nach Eroberung ihres Lagers getödtet. Die übrigen, welche größtentheils nach Apulien hinüberstreiften, sicherten sich vor dem Feinde theils durch diese Flucht in die Ferne, theils dadurch, daß sie vor Bestürzung und Schrecken sich hier- und dorthin versprengten. Dem Dictator wurde einstimmig von den Vätern und Bürgern der Triumph zuerkannt. Kaum hatte er den Krieg beendet, so gab ihm im Innern ein weit heftigerer Aufstand zu thun, in welchem Dictator und Senat, nach harten Kämpfen besiegt, die Annahme der tribunicischen Vorschläge geschehen lassen mußten; und es kam trotz dem Widerspruche des Adels eine Consulwahl zu Stande, vermöge welcher Lucius Sextius der erste Consul vom Bürgerstande ward. Aber auch dies machte den Streitigkeiten noch kein Ende. Weil die 78 Patricier ihre Bestätigung verweigerten, so kam es beinahe zu einer Auswanderung des Bürgerstandes und zu mehren schrecklichen aus Bürgerfehden erwachsenden Besorgnissen: doch wurden noch vom Dictator die Zwistigkeiten auf Bedingungen geschlichtet, und vom Adel dem Bürgerstande ein bürgerlicher Consul, von den Bürgern dem Adel ein aus den Vätern zu wählender Prätor zugestanden, der die Rechtspflege in der Stadt haben sollte. Da nun, nach dieser auf die lange Erbitterung erfolgten Rückkehr der Stände zur Eintracht, der Senat erklärte, dies Ereigniß verdiene, durch prächtige Spiele und Verlängerung der dreitägigen Latinischen Festlichkeiten um Einen Tag, gefeiert zu werden, und man Ich verstehe unter dem facturos fore ein Wort, wie homines, cives, populum R. und darin lägen dann auch die, die es treffen soll, ohne daß sie genannt werden, aediles. Die Väter sahen voraus, daß die Bürgerädilien wegen der größeren Kosten sich weigern würden. – In den kurz vorhergehenden Worten: «der dreitägigen Latinischen Festlichkeiten» habe ich das Wort Latinarum in die Übersetzung aufgenommen. Crevier vermuthet, es sei durch Nachlässigkeit der Abschreiber weggefallen. werde sich zu diesem den unsterblichen Göttern zu erweisenden Ehrendienste mehr als je verpflichtet erkennen: so lehnten die Ädilen dies Geschäft von sich ab, allein die jungen Patricier versprachen durch einmüthigen Ruf, sie wollten dies gern zur Ehre der unsterblichen Götter ausrichten, wenn man sie zu Ädilen mache. Von allen wurde ihnen Dank gesagt, und der Senat fertigte den Schluß aus, daß der Dictator bei dem Volke auf die Ernennung zweier Ädilen aus den Vätern antragen, und die Väter die sämtlichen Wahlen dieses Jahrs bestätigen sollten. Siebentes Buch. Vom Jahre Roms 389 – 413. 80 Inhalt des siebenten Buchs. Die obrigkeitlichen Ämter wurden mit zwei neuen vermehrt, der Prätur und dem Curulischen (adlichen) Ädilenamte . Die Stadt wurde von einer Pest heimgesucht, welcher des Furius Camillus Tod eine Denkwürdigkeit gab; und da man, um zu genesen und die Pest zu vertreiben, neue heilige Feierlichkeiten anstellte, so gab dies den Spielen der Schaubühne den Ursprung. Als der Bürgertribun Marcus Pomponius den Lucius Manlius wegen seiner Härte bei der Werbung, und weil er seinen erwachsenen Sohn Titus Manlius ohne Schuld auf das Land verwiesen habe, vor Gericht forderte; so kam der Jüngling selbst, dessen Verweisung man dem Vater zum Vorwurfe machte, in des Tribuns Schlafzimmer, und zwang ihn mit gezücktem Schwerte, ihm den Eid nachzusagen, daß er die Klage nicht fortsetzen wolle. Das ganze Vaterland geräth durch einen Erdfall in der Stadt Rom in den größten Schrecken, und man wirft in den tiefen Schlund Kostbarkeiten aller Art. In seiner Rüstung zu Pferde stürzt Curtius sich hinein, und der Abgrund schließt sich. Der junge Titus Manlius, der seinen Vater von der Plackerei des Tribuns gerettet hatte, trat gegen einen Gallier; der die Römischen Soldaten herausforderte, zum Zweikampfe auf, nahm dem Erlegten eine goldne Halskette ab, die er nachher selbst trug, und bekam davon den Namen Torquatus . Zu den Bezirken kommen zwei neue hinzu, der Pomptinische und Publilische. Licinius Stolo wird kraft des von ihm selbst vorgeschlagenen Gesetzes verdammt, weil er mehr als fünfhundert Morgen Landes besaß. Marcus Valerius erlegt als Kriegstribun einen Gallier, von dem er gefordert war, mit Hülfe eines Raben, der sich ihm auf den Helm setzt und den Feind mit Krallen und Schnabel anfällt; bekommt davon den Namen Corvus, und wird das Jahr darauf, in einem Alter von drei und zwanzig, seiner Tapferkeit wegen zum Consul gewählt. Geschlossener Freundschaftsvertrag mit Carthago . Weil die Campaner, von den Samniten mit Krieg bedrängt, die bei dem Senate gesuchte Hülfe gegen sie nicht erhalten, so übergeben sie ihre Stadt und Land dem Römischen Volke: dies bewirkt den Entschluß, sie als nunmehriges Römisches Eigenthum, mit den Waffen gegen die Samniten in Schutz zu nehmen. Als das Heer unter Anführung des Consuls Cornelius in einer nachtheiligen Stellung in große Gefahr gerieth, wurde der Kriegstribun Publius Decius Mus dessen Retter. Durch Besetzung eines Hügels, der die Höhe beherrschte, auf welcher sich die Samniten gelagert hatten, gab er dem Consul Gelegenheit, sich auf einen vorteilhafteren Platz hinauszuziehen: er selbst schlug sich durch die ihn umschließenden Feinde. Als die zur Besatzung in Capua gelassenen Römischen Soldaten sich verschworen hatten, die Stadt für sich in Besitz zu nehmen, und nach Entdeckung ihres Anschlages aus Furcht vor der Strafe vom Römischen Volke abfielen, wurden sie durch den Dictator Valerius Corvus, dessen Klugheit sie von ihrer Verblendung zurückrief, dem Vaterlande wiedergegeben. Außerdem enthält dies Buch Siege über die Herniker, Gallier, Tiburtiner, Privernaten, Tarquinienser, Samniten, und Volsker . 81 Siebentes Buch. 1. Dies Jahr wird durch das Consulat eines Emporkömmlings merkwürdig bleiben, merkwürdig durch zwei neue Ämter, die Prätur und Curulädilität . Diese Ehrenstellen verschafften sich die Patricier für das eine dem Bürgerstande eingeräumte Consulat. Dies Consulat gaben die Bürger dem Lucius Sextius, dessen Vorschläge sie es zu danken hatten; die Prätur verschaffte der Einfall der Väter auf dem Wahlfelde dem Spurius Furius Camillus, des Marcus Sohne; die Ädilität dem Cneus Quinctius Capitolinus und Publius Cornelius Scipio, lauter Männern ihres Standes. Dem Lucius Sextius wurde zum Amtsgenossen aus den Vätern Lucius Ämilius Mamercinus gegeben. Im Anfange des Jahrs kam es theils wegen der Gallier, welche sich nach ihrer ersten Zerstreuung in Apulien, wie das Gerücht sagte, wieder sammelten, theils über den Abfall der Herniker mehrmals zu Anträgen. Da man aber absichtlich alles aufschob, um dem bürgerlichen Consul keinen Stoff zu Thaten zu geben, so herrschte in den Geschäften eine allgemeine Stille und einem Gerichtsstillstande ähnliche Ruhe; dies einzige ausgenommen, daß die Tribunen es nicht ungerügt ließen, daß sich der Adel zum Ersatze der Einen bürgerlichen Consulstelle drei Ämter für seine Patricier angemaßt habe, welche in der Purpurverbrämung gleich Consuln auf Thronsesseln dasaßen; ja daß auch ein Prätor, noch dazu mit der Gerichtspflege beauftragt, den Consuln als Amtsgenoß zugegeben, und gleich ihnen durch Befragung der Vögel geweihet werde; – und dadurch dem Senate die Bescheidenheit aufnöthigten, die Wahl der Curulädilen aus den Vätern nicht zu fordern. Zuerst verglich man sich dahin, sie ein Jahr um das andre 82 aus dem Bürgerstande zu wählen: nachher hatten beide Theile ohne Unterschied gleichen Zutritt. Unter dem folgenden Consulate des Lucius Genucius und Quintus Servilius, in welchem weder Aufruhr noch Krieg die Ruhe störte, brach nun, damit es nie an Besorgniß und Gefahr fehlen möchte, eine heftige Pest aus. Ein Censor, ein Curulädil, drei Bürgertribunen sollen gestorben, und nach Verhältniß auch unter dem übrigen Volke viele Leichen gewesen sein. Und vorzüglich denkwürdig machte diese Pest der, wenn auch nicht zu frühe, dennoch kränkende Verlust des Marcus Furius . Denn wirklich war der Mann in jeder Lage einzig; schon ehe er in die Verbannung ging, im Frieden und Kriege der Erste; glänzender noch durch diese Verweisung, sei es, weil der Stat ihn vermißte, der, selbst in Feindes Hand, den Abwesenden um Rettung anflehete, oder weil ihm das Glück beschieden war, bei seiner Wiederaufstellung in der Vaterstadt mit sich selbst zugleich die Vaterstadt wieder herzustellen. Und in den folgenden fünf und zwanzig Jahren; denn so lange lebte er nachher noch; behauptete er sich in der Auszeichnung, die ein so hoher Ruhm ihm gab, und galt für den Mann, der es verdiente, nächst dem Romulus als Stifter Roms gepriesen zu werden. 2. In diesem und im folgenden Jahre, unter den Consuln Cajus Sulpicius Peticus und Cajus Licinius Stolo dauerte die Pest. Darum wurde nichts Denkwürdiges unternommen, außer daß man, um die Gnade der Götter zu erflehen, jetzt zum drittenmale nach Roms Erbauung, ein Göttermahl V. 13. im Jahre Roms 356. hat uns Livius das erste Lectisternium beschrieben. Wann das zweite gehalten sei, finden wir bei ihm, wie, wir ihn jetzt haben, nicht angegeben. Vielleicht war es ihm auch zu unwichtig. anstellte. Und da weder menschliche Mittel, noch göttliche Hülfe die Gewalt der Krankheit milderten, so sollen, wie es heißt, bei der abergläubischen Stimmung der Leute, unter andern Sühnmitteln des göttlichen Zorns auch die Spiele der Bühne aufgekommen sein, für ein kriegerisches Volk, dem bisher nur Spiele der Rennbahn eine Augenweide gewährt hatten, etwas ganz Neues. 83 Aber auch diese waren zuerst, wie fast aller Anfang, nur klein und noch dazu ausländisch. Ohne allen Gesang, ohne alle Darstellung des Gesungenen durch Gebehrdenspiel, machten die aus Hetrurien geholten Spieler, in Tuskischen von einer Flöte begleiteten Tänzen ganz artige Bewegungen. Die Jünglinge ahmten ihnen nach, zugleich ließen sie sich unter einander in scherzhaften frei gearbeiteten Versen hören, und die Gebehrdung war dem Vortrage nicht unangemessen. Die Sache fand Beifall und hob sich durch die öftere Ausführung. Weil ein Spieler auf Tuskisch Hister hieß, so gab man auch den heimischen Künstlern den Namen Histrio; welche nun nicht mehr, wie sonst, ungefeilte und holperichte Verse, den Fescenninen Von der Hetruskischen Stadt Fescennium oder Fescennia (orum) hatten die Fescenninischen Verse ihren Namen, die am häufigsten bei Hochzeiten und Erntefesten gesungen wurden, ihrem Silbenmaße nach ebenso unrein, als gewöhnlich ihrem Inhalte nach. ähnlich, als Wechselgespräch hinwarfen, sondern ein im Silbenmaße vollendetes Allerlei, als ein von der Flöte geleitetes Singstück, mit angemessenem Gebehrdenspiele aufführten. Mehrere Aliquot darf hier nicht einige übersetzt werden, sondern mehrere; so wie auch aliquantum und aliquanto oft beträchtlich bedeutet. Denn dieser Grieche, Livius Andronicus, ein Freigelassener des Marcus Livius Salinator, gab seine Stücke um das Jahr Roms 512, im zweiten Punischen Kriegt; also 120 Jahre später. S. Ern. Glossar, Liv. in aliquanto und aliquantam, und Cic. de off. I. 1. 2. Jahre nachher soll Livius, der es zuerst wagte, statt des Allerlei ein Schauspiel mit einer Haupthandlung anzulegen, als ihm bei den geforderten öfteren Wiederholungen eine Heiserkeit zustieß; – er war nämlich, wie damals Alle, zugleich Verfasser und Geber seiner Stücke – nach erbetener Erlaubniß einen Knaben zum Singen vor den Flötenspieler gestellt und den Gesang der Einen Person mit so viel lebhafterer Bewegung begleitet haben, weil ihm nun der Aufwand seiner Stimme nicht mehr hinderlich war. Seitdem ließ man zu dem Gebehrdenspiele der Histrionen einen andern singen, und nur der Wechselgesang blieb ihrer eignen Stimme vorbehalten. Als sich die Form der Bühnenstücke durch diesen regelmäßigen Gang immer mehr vom bloßen Lachen und 84 ausgelassenen Scherze entfernte, und ihr Spiel allmälig zu einer Kunst gediehen war, so überließen die jungen Römer die Aufführung der Bühnenstücke den wirklichen Schauspielern, und machten sichs zum eigenen Geschäfte, allerlei Stoff zum Lachen in Versen vorzutragen, welche man nachher, unter der späteren Benennung der Nebenspiele, hauptsächlich mit den Atellanischen Possenspielen Diese Posse – Witz und Satire war ihr Hauptinhalt – von der Kürze eines Zwischenspiels oder Nachspiels, hatte ihren Namen von der Campanischen oder Oskischen Stadt Atella, (denn die Osker waren ein Campanisches Volk) zwischen Capua und Neapolis. Man vergleiche Suetonius Galba 13. und Domitian 10. in Verbindung setzte. An diese den Oskern abgelernten Spiele hielt sich die Jugend und ließ sie nicht von den Histrionen entweihen. Daher wurde es zur bleibenden Sitte, daß die Geber Atellanischer Stücke darum nicht aus ihrem Bezirke gestoßen werden und Kriegsdienste thun dürfen, als wären sie mit der Schauspielerkunst außer aller Verbindung Unter den Nachrichten über den kleinen Anfang so mancher andern Einrichtung glaubte ich auch dem ersten Ursprunge der Schauspiele einen Platz geben zu müssen, um es bemerklich zu machen, von was für einem gesunden Anfange sie zu diesem Unsinne übergingen, für welchen selbst die Reichthümer mächtiger Reiche kaum hinlänglich sind. 3. Und doch befreiten diese Spiele, die ihrem Ursprunge nach der Abwendung des göttlichen Zorns gewidmet waren, weder die Herzen von ihrer Götterfurcht, noch die Körper von der Krankheit. Ja als die ausgetretene Tiber, weil sie die Rennbahn überschwemmte, die Spiele mitten in der Handlung unterbrach, so jagte ihnen dies besonders großen Schrecken ein; als hätten die abgewandten Götter selbst die Sühnmittel ihres Zorns zurückgewiesen Man hüte sich, in dem Worte aspernor, das nicht von spernere, sondern von asper herzuleiten ist, ein Verachten zu finden; es bedeutet vielmehr ein Abweisen aus Zorn, oder Härte. S. meines Vaters Anmerkung zu Cic. de off. III. 8. 2. . Da also unter dem Consulate des Cneus Genucius und Lucius Ämilius Mamercinus, der es zum zweitenmale verwaltete, die Auffindung der Sühnmittel mehr die 85 Gemüther, als die Krankheit die Körper quälte, so soll man auf ein altes Mittel zurückgekommen sein, weil sich die Bejahrteren erinnerten, daß vormals durch einen vom Dictator eingeschlagenen Nagel die Pest gedämpft sei. In dieser frommen Rücksicht beschloß der Senat, einen Dictator zur Einschlagung des Nagels zu ernennen. Der dazu ernannte Lucius Manlius Imperiosus nahm den Lucius Pinarius zum Magister Equitum. Ein uraltes Gesetz, in alter Schrift und Sprache abgefaßt, verordnet, daß der jedesmalige oberste Vorsteher am dreizehnten September den Nagel einschlagen soll. Es hat am Tempel des allmächtigen Jupiter zur rechten Seite gehangen, wo Minerva ihre Capelle hat. Nach diesen Nägeln soll man in jenen Zeiten, in denen die Buchstabenschrift eine Seltenheit war, die Jahre gezählt, und das Gesetz selbst der Capelle der Minerva gewidmet haben, weil die Zahl eine Erfindung der Minerva sein soll. Daß auch zu Volsinii, im Tempel der Nortia, einer Hetruskischen Göttinn, solche Nägel zu sehen gewesen sind, die man als Zeichen der Jahrszahl eingeschlagen habe, versichert und Cincius Lucius Cincius Alimentus (Hannibals Gefangener nach Liv. XXI. 38. ) vielleicht nach Liv. XXVI. 23. Prätor, schrieb (nach Dionys. Halicarn. I. 75.) die Römische Geschichte vom Ursprunge Roms an. , ein auf dergleichen Denkmale sehr aufmerksamer Schriftsteller. Vermöge des Gesetzes vollzog der Consul Marcus Horatius die feierliche Einschlagung des Nagels am Tempel Ich folge, wie Crevier, der Vermuthung Gronovs, welcher statt templum lieber templo lieset. Ob es hier ea lege oder ex lege heißen müsse, verschlägt dem Zusammenhange wenig. des allmächtigen Jupiter in dem Jahre nach Vertreibung der Könige: von den Consuln ging die Feierlichkeit nachher zu den Dictatoren über, weil ihr Amt eine höhere Gewalt hatte. Als man nachher den Gebrauch unterließ, fand man die Sache an sich wichtig genug, einen Dictator bloß dazu zu ernennen. Und bloß hierzu ernannt quälte dennoch Lucius Manlius, um sich die Führung des Krieges mit den Hernikern zuzueignen, als hätte man ihn zu Unternehmungen an die Spitze des Stats gestellt, und nicht 86 vielmehr dazu gewählt, den Stat einer heiligen Obliegenheit zu entledigen, die Jugend durch eine mit Strenge betriebene Werbung; bis er endlich, weil alle, Bürgertribunen gegen ihn aufstanden, von ihnen dazu gezwungen, oder aus Scheu, gezwungen zu werden, seine Dictatur niederlegte. 4. Dessenungeachtet forderte im Anfange des folgenden Jahres, in welchem Quintus Servilius Ahala und Lucius Genucius Consuln waren, der Bürgertribun Marcus Pomponius den Manlius vor Gericht. Seine Härte bei der Werbung hatte ihn verhaßt gemacht, welche die Bürger nicht bloß durch Auspfändungen, sondern auch durch Zerfleischung ihrer Körper empfunden hatten, indem er diejenigen, die bei dem Aufrufe ihrer Namen nicht antworteten, theils mit Ruthen hauen, theils gefangen legen ließ: und vorzüglich haßte man den ihm eigenen Starrsinn, und den einem freien State unausstehlichen Beinamen Imperiosus (der Gebieterische), den ihm die unverhehlte Äußerung einer Härte zuzog, welche er an Fremden nicht strenger, als gegen nahe Verwandte, ja selbst an seinem eigenen Blute ausübte. Darum machte ihm auch der Tribun unter andern Beschuldigungen einen Vorwurf daraus, «daß er seinen Sohn, einen Jüngling, den er keines Verbrechens zeihen könne, als einen aus der Stadt, aus dem Hause Verbannten, von den Penaten, vom Markte, vom Tageslichte, vom Umgange mit Seinesgleichen Geschiedenen, zu sklavischer Handarbeit, als in einen Kerker, in einen Sklavenzwinger, hingegeben habe, in welchem dieser Jüngling vom höchsten Range, eines Dictators Sohn, unter täglichem Elende sich überzeugen müsse, daß er in der That einen gebieterischen Vater habe. Und welches Verbrechens wegen? Weil ihm die fließende Rede, die fertige Zunge fehle. Ob er als Vater, wenn er nur einige Menschlichkeit besäße, diesen Naturfehler schonend habe mildern, oder durch Strafe und Mishandlung so viel auffallender machen müssen? Selbst die unvernünftigen Thiere hegten und pflegten dasjenige von ihren Jungen, was etwa nicht vollkommen gerathen sei, darum nicht weniger. Aber bei Gott! Lucius Manlius vergrößere das 87 Übel seines Sohns durch schlimme Behandlung, halte den schwerfälligen Geist sogar nieder und ersticke den Funken natürlicher Lebhaftigkeit, der etwa noch in ihm sei, dadurch, daß er ihn als einen Dorfbuben in bäurischem Aufzuge unter dem Viehe leben lasse.» 5. Alle andern wurden durch diese Beschuldigungen erbittert, nur der Jüngling nicht: im Gegentheile voll Verdruß darüber, daß auch er zum Vorwande dienen müsse, Haß und Verläumdung gegen seinen Vater zu wecken, faßte er, um alle Welt es erfahren zu lassen, daß er es mit seinem Vater, nicht mit dessen Feinden halte, einen Entschluß, wie ein roher und bäurischer Muth ihn eingiebt, der aber, so wenig er für das bürgerliche Leben ein Muster sein kann, in Rücksicht der kindlichen Liebe Lob verdiente. Ohne daß jemand darum wußte, ging er, mit einem Dolche unter dem Kleide, in aller Frühe zur Stadt und vom Thore geradezu vor das Haus des Tribuns Marcus Pomponius . Dem Thürsteher sagte er, «er müsse unverzüglich seinen Herrn sprechen; er möge nur den Titus Manlius, den Sohn des Lucius, melden.» Da er sogleich vorgelassen wurde, (denn es ließ sich erwarten, daß er auf seinen Vater ergrimmt entweder eine neue Beschuldigung oder einen der Sache förderlichen Wink mitzutheilen habe) sagte er nach gegenseitiger Begrüßung, «er habe etwas mit ihm ohne Zeugen zu besprechen.» Kaum hatte sich auf Befehl jedermann entfernt, so zog er den Dolch, und indem er über das Bett herragend das Mordgewehr auf den Tribun hielt, drohte er, ihn auf der Stelle zu durchbohren, wenn er ihm nicht den vorgesagten Eid nachschwüre, «daß er in der Klage gegen seinen Vater nie wieder eine Volksversammlung halten wolle.» Der Tribun in Angst – denn er sah den Stahl vor seinen Augen blitzen, sich selbst allein und wehrlos; sich gegenüber einen handfesten und; was noch schlimmer war, auf seine Stärke tollkühnen Jüngling – schwur den verlangten Eid von Wort zu Worte, und trug kein Bedenken, öffentlich zu gestehen, diese Gewaltthat habe ihn genöthigt, 88 die Sache liegen zu lassen. Und danach zu rechnen, daß das Volk es allerdings lieber gesehen hätte, wenn es gegen einen so grausamen und übermüthigen Beklagten sein Stimmrecht hätte ausüben können, nahm es doch dem Sohne die für seinen Vater gewagte That so übel nicht; ja man fand sie darum noch so viel lobenswerther, weil selbst die große Härte des Vaters sein Herz der kindlichen Liebe nicht untreu gemacht hatte. Folglich erließ man nicht nur dem Vater die Vertheidigung, sondern der Vorfall verhalf auch dem jungen Manne zu einer Ehre: denn da man in diesem Jahre zum erstenmale die Einrichtung traf, die Kriegstribunen für die Legionen durch Stimmengebung zu ernennen: – vorher nämlich stellten die Feldherren selbst auch diese an, so wie noch jetzt die, welche Rufuli Diese, nicht vom Volke, sondern vom Feldherrn in der Legion angestellten Obersten, hießen Rufuli und Rutili, weil ein Rutilius Rufus einen ihre Rechte betreffenden Vorschlag gethan hatte. (Festus.) Stroth . – Wenn vier Legionen geworben waren, so waren eigentlich vier und zwanzig Soldatentribunen anzustellen. Die gleich nachher genannten sechs Plätze beweisen also, daß der Wahl des Volks nur wenig Stellen überlassen blieben. Crevier . heißen; – so erhielt er von sechs Plätzen den zweiten, ohne daß ihm irgend ein Verdienst im Frieden oder Kriege dies Wohlwollen erworben hätte, da er seine Jugend auf dem Lande und in der Abgeschiedenheit vom menschlichen Umgange zugebracht hatte. 6. In eben dem Jahre soll, entweder durch ein Erdbeben, oder durch sonst eine gewaltsame Wirkung, etwa die Mitte des Marktplatzes in eine weite Kluft zu einer unermeßlichen Tiefe hinabgesunken sein; und dieser Schlund soll sich durch alle hineingeschüttete Erde, die jeder nach Kräften herbeischaffte, nicht haben ausfüllen lassen, bis man auf göttliche Erinnerung die Frage aufwarf, worin eigentlich die Hauptstärke des Römischen Volks bestehe: denn dies mußte nach dem Ausspruche der Propheten diesem Abgrunde geeignet werden, wenn man dem Römischen State seine Dauer sichern wollte. Da heißt es nun, Marcus Curtius, ein im Kriege ausgezeichneter Jüngling, habe diejenigen, welche ihre Ungewißheit hierüber äußerten, 89 verweisend gefragt, ob es für Römer ein höheres Gut gebe, als kriegerische Tapferkeit. Nach gebotener Stille habe er unter Erhebung seiner Blicke zu den am Markte ragenden Tempeln der unsterblichen Götter und zum Capitole; und die Hände im Gebete bald zum Himmel empor, bald in die weite Öffnung der Erde zu den Göttern der Todten hinabstreckend, sich selbst zum Opfer eingeweiht, und auf seinem Pferde, das er so herrlich als möglich aufgeschmückt hatte, in voller Rüstung sich in den Schlund hinabgestürzt; eine Menge Männer und Weiber hätten Geschenke und Früchte über ihn zusammengeworfen, und der Curtische See habe seinen Namen nicht von jenem früheren Curtius, der auch Mettus hieß, dem Krieger des Titus Tatius Siehe Buch I. Cap. 12 und 13. , sondern von diesem bekommen. Könnte irgend ein Weg den Forscher hier auf die Wahrheit leiten, so würde ichs an meinem Fleiße nicht fehlen lassen: jetzt aber müssen wir uns da, wo ein zu hohes Alter die sichere Beglaubigung verweigert, an die geschichtliche Sage halten; und wirklich kennen die Meisten den Namen des Sees nur aus dieser späteren Erzählung. Nach der Sühnung eines so außerordentlichen Schreckzeichens beschloß in diesem Jahre der Senat, der nach einer die Herniker betreffenden Sitzung, vergebens durch abgesandte Bundespriester Genugthuung von ihnen verlangt hatte, daß je eher je lieber bei dem Gesamtvolke darauf anzutragen sei, den Hernikern den Krieg anzukündigen; und das Volk genehmigte diesen Krieg in zahlreicher Versammlung. Ihn zu führen, bestimmte das Los den Consul Lucius Genucius . Weil die Einholung des Götterwillens in dem zu führenden Kriege zum erstenmale von einem bürgerlichen Consul abhing, so war der Stat in Erwartung; bereit, in der zugestandenen Gemeinschaft der höchsten Ämter, je nachdem der Erfolg sein würde, eine glückliche oder unglückliche Maßregel zu finden. Ein Misgeschick wollte, daß Genucius, der auf seinem Zuge gegen den Feind viel 90 Unternehmungsgeist blicken ließ, in einen Hinterhalt fiel; und da die Legionen im Schrecken des Überfalls flohen, erlegten die Feinde den umringten Consul, ohne zu wissen, wen sie getödtet hatten. Als diese Nachricht in Rom einlief, riefen die Väter, lange nicht so betrübt über den Verlust des Stats, als sie sich durch die verunglückte Anführung des bürgerlichen Consuls gehoben fühlten, allenthalben laut: «Nun könne man hingehen und Consuln vom Bürgerstande wählen, und die Einholung des Götterwillens auf die übertragen, denen sie nicht ohne Sünde anvertraut werden könne. Die Väter hätten durch den Bürgerbefehl aus den ihnen gebührenden Ämtern verdrängt werden können: ob sich aber auch die unsterblichen Götter an dies ohne ihre Zustimmung gegebene Gesetz gekehrt hätten? Sie selbst hätten ihren göttlichen Willen und die Art, ihn zu erfragen, in Schutz genommen: kaum habe der erste, dem dies nach menschlichen und göttlichen Rechten untersagt war, sich darein vergriffen, so habe die Vertilgung des Heers sammt seinem Führer die warnende Lehre gegeben, inskünftige nicht mit Zerrüttung der Familienrechte Wahlen anzustellen.» Das Rathhaus und der Markt ertönten von solchen Ausrufungen. Und nun ernannte der Consul Servilius den Appius Claudius, der jetzt, weil er das Gesetz widerrathen hatte, mit so viel größerem Gewichte den Erfolg eines von ihm gemisbilligten Entschlusses rügen konnte, nach einmüthigem Erkenntnisse der Patricier zum Dictator; und Werbung und Gerichtsstillstand wurden angesagt. 7. Ehe der Dictator und die neuen Legionen im Gebiete der Herniker ankamen, bot sich dem Unterfeldherrn Cajus Sulpicius die Gelegenheit, seine Soldaten zu einer herrlichen That zu führen. Von ihm als Unterfeldherrn ermuntert, und voll von Zorn und Unwillen, thaten sie auf die Herniker, die nach dem Tode des Consuls auf das Römische Lager mit Verachtung und in der sichern Hoffnung, es zu erstürmen, anrückten, einen Ausfall. Und die Erwartung der Herniker, dem Lagerwalle beizukommen, sah 91 sich im Erfolge so sehr getäuscht, daß sie vielmehr in völlig zerrütteten Gliedern abzogen. Darauf vereinigte sich bei der Ankunft des Dictators das neue Heer mit dem alten, und die Stärke der Truppen verdoppelte sich: durch das vor der Versammlung dem Unterfeldherrn und den Soldaten, die das Lager so tapfer vertheidigt hatten, ertheilte Lob, erhöhete der Dictator den Hörern ihres verdienten Lobes den Muth, und spornte die übrigen, jenen Verdiensten nachzueifern. Eben so thätig setzten sich die Feinde zum Kampfe in Bereitschaft: ohne ihres vorhin erfochtenen Ruhms zu vergessen; und, von der Verstärkung der feindlichen Streitkräfte unterrichtet, verstärkten auch sie die ihrigen. Alles, was Herniker hieß, jeder dem Alter nach Dienstfähige, wurde aufgerufen. Acht Cohorten., jede von vierhundert auserlesenen Kraftmännern, wurden ausgehoben. Und dieser Blüte von Kerntruppen flößten sie auch dadurch Hoffnung und Muth ein, daß sie ihnen den Empfang eines doppelten Soldes zusicherten. Auch waren sie frei von andern Soldatendiensten, um es sich bewußt zu sein, daß sie, für die einzige Arbeit der Schlacht ausgehoben, mehr, als jeder andre Mann, zu leisten hätten. Ferner hatten sie in der Linie ihren abgesonderten Stand, um ihre Tapferkeit so viel bemerkbarer zu machen. Eine Ebene von zweitausend Schritten schied das Römische Lager von dem der Herniker: in beinahe gleicher Entfernung von beiden schlug man sich, auf diesem Zwischenraume. Anfangs stand die Schlacht ohne Entscheidung, weil die Römischen Ritter mehreremal vergeblich versucht hatten, durch ihren Angriff die feindliche Linie in Unordnung zu bringen. Da nun die Reuterei durch das wirkliche Gefecht noch weniger bewirkte, als durch ihren Andrang, so flogen die Ritter, die nach der vom Dictator auf ihre Anfrage erhaltenen Erlaubniß ihre Pferde abgaben, mit großem Geschreie vor die Linien und begannen den Kampf von neuem: und nichts würde sie haben aufhalten können, hätten sich nicht die außerordentlichen Cohorten mit einem ihrer Körperkraft entsprechenden Muthe ihnen entgegen geworfen. 92 8. Nun fochten an der Spitze beider Völker ihre Edlen. Was auf dieser oder jener Seite dem gemeinsamen Lose der Schlacht erlag, gab einen vielfachen, nicht nach der Anzahl zu schätzenden Verlust: die übrigen Haufen der Bewaffneten, gleich als hätten sie die Schlacht den Edlen übertragen, erwarteten ihr Schicksal von fremder Tapferkeit. Auf beiden Seiten blieben viele; noch mehrere wurden verwundet. Endlich brachen die Ritter, – die sich Einer den Andern verweisend fragten: «Was nun noch übrig sei, da sie weder als Reuterei den Feind geworfen hätten, noch jetzt als Fußvolk den mindesten Ausschlag gäben? Welche dritte Art zu fechten sie noch erwarten könnten? Zu welchem Zwecke sie so kühn an die Spitze der Linie geflogen wären, und als Stellvertreter Anderer föchten Ich weiß, daß ein dicebant oder ein ähnliches Wort zuweilen bei Eröffnung solcher Reden fehlt. Hier ist es aber nicht nöthig, es in Gedanken zu suppliren, wenn man nur mit His inter se vocibus etc. kein neues Punctum anfängt, sondern nach Livius Art das Ganze fortlaufen lässet: Tandem equites, alios alium incitantes etc. – – – – clamore renovato, inferunt pedem. Man vergleiche oben V. 25. im Anfange. ?» – durch diesen gegenseitigen Zuruf in Schritt gesetzt, mit erneuertem Geschreie in den Feind; brachten ihn zuerst aus der Haltung, dann zum Weichen, und endlich zur völligen Flucht. Auch läßt sich nicht leicht bestimmen, welchem Umstande der Sieg über so gleiche Gegenkräfte zuzuschreiben war; wenn nicht etwa das jedem Volke eigne Glück, sich selbst getreu, hier den Muth hob, und dort ihn niederschlug. Die Römer verfolgten die fliehenden Herniker bis an ihr Lager: auf die Bestürmung des Lagers ließen sie sich nicht ein, weil es schon spät am Tage war. Das längere Ausbleiben günstiger Opferzeichen hatte dem Dictator nicht erlaubt, das Zeichen vor Mittag zu geben; darüber hatte sich der Kampf bis in die Nacht verzogen. Am folgenden Tage fand man das Lager durch die Flucht der Herniker preisgegeben und einige Verwundete zurückgelassen; das Heer der Fliehenden wurde von den Einwohnern von Signia, welche die schwach bemannten Fahnen an ihren Mauern vorbeiziehen sahen, geschlagen Ich kann mich nicht enthalten, mit Crevier zu lesen: agmenque fugientium ab Signinis, quum praeter moenia eorum infrequentia signa conspecta essent, fusum ac per etc. Er bemerkt sehr richtig, daß die Römische Colonie Signia im Volskischen sehr nahe bei Ferentinum, der Hauptstadt der Herniker, lag. S.  XXXII. 2 , 4. Es wäre fast ein Wunder, wenn die Abschreiber hier bei fugientium ab und dem bald folgenden conspecta signa nicht aus dem Worte Signinis ihr signis gemacht hätten, so wie sie XXXII. 2, 4. statt Signiam Signam lasen, und VIII. 3 , 9. praeter signa statt praeter Signiam . , und verlief sich auf eilfertiger Flucht in die Dörfer. Auch auf Seiten der Römer war der Sieg nicht ohne Blut: man vermißte den vierten Theil der Soldaten, und was kein geringerer Verlust war, mehrere Römische Ritter waren gefallen. 9. Als im folgenden Jahre die Consuln Cajus Sulpicius und Cajus Licinius Calvus ein Heer gegen die Herniker geführt, und weil sie den Feind im Freien nicht fanden, seine Stadt Ferentinum mit Sturm erobert hatten, so schlossen ihnen auf ihrem Rückzuge von dort die Tiburtiner ihre Thore. Dies wurde die entscheidende Veranlassung, da man schon vorher von beiden Seiten viele Beschwerden gegen einander geführt hatte, dem Volke von Tibur, nachdem man bei ihm durch Bundespriester Genugthuung gefordert hatte, den Krieg anzukündigen. Daß Titus Quinctius Pennus in diesem Jahre Dictator und Servius Cornelius Maluginensis sein Magister Equitum gewesen sei, ist außer Zweifel. Nur soll jener, wie Licinius Macer berichtet, des zu haltenden Wahltags wegen und zwar vom Consul Licinius ernannt sein, um der bösen Absicht seines Amtsgenossen zu begegnen, der sich beeilet habe, die Wahl noch vor dem Kriege zu veranstalten, um sein Consulat fortzusetzen. Durch das Lob, welches Licinius hiedurch auf seine eigne Familie fallen lässet, verliert seine Aussage an Glaubwürdigkeit; und da ich Jenes Umstandes in älteren Jahrbüchern gar nicht gedacht finde, so bin ich geneigter zu glauben, man habe einen Dictator des Gallischen Krieges wegen ernannt. Wenigstens hatten in diesem Jahre Gallier ein Lager am dritten Meilensteine auf dem Salarischen Wege Die via salaria ging vom Collinischen Thore in das Sabinerland , und könnte der Salzweg übersetzt werden, weil die Sabiner auf dieser Heerstraße das Salz vom Meere holten. Crevier . , jenseit der Brücke des Anio . 94 Nachdem der Dictator auf den Schrecken eines Gallischen Krieges einen Gerichtsstillstand verordnet hatte, nahm er alle Dienstfähigen in Eid, rückte mit einem großen Heere aus der Stadt und schlug am diesseitigen Ufer des Anio sein Lager auf. Die Brücke in der Mitte ließen beide Theile unabgebrochen, um nicht einen Schein von Furcht auf sich zu laden. Sie zu besetzen, fielen öftere Gefechte vor; und so lange beide ihre Stärke noch nicht gemessen hatten, ließ sich nicht entscheiden, wer sie behaupten würde. Da trat ein Gallier von ausgezeichneter Körpergröße auf die ledige Brücke, und rief mit der ganzen Kraft seiner Stimme: «Wen Rom jetzt als seinen Tapfersten stellen kann, auf! er trete zum Kampfe vor, damit der Ausgang zwischen uns beiden darthue, welches Volk im Streite des andern Meister sei!» 10. Lange war unter den edlen Jünglingen der Römer alles still, weil sie sich schämten, den Kampf auszuschlagen, und auch nicht Lust hatten, das Los einer so vorzüglichen Gefahr auf sich zu nehmen. Da ging des Lucius Manlius Sohn, jener Titus, der seinen Vater von der Plackerei des Tribuns gerettet hatte, vom Vorposten zum Dictator und sprach: «Ohne dein Geheiß, Feldherr, möchte ich nicht außer dem Gliede fechten; auch dann nicht, wenn ich den Sieg vor Augen sähe Wenn hier die strenge Wahrheit der Geschichte unsern Livius auf einen Eid zöge, ob der junge Manlius wirklich damals die Worte gesprochen habe, die ihm der Geschichtschreiber in den Mund legt, so würde er diesen Eid wenigstens mit dem Vorbehalte leisten können, daß er den Jüngling in dem Charakter sprechen lasse, den ihm als Manne selbst die Geschichte beilegt. Wie schön läßt uns Livius hier schon in dem Jünglinge den Mann ahnen, der einst seinen Sohn, den Sieger im verbotenen Zweikampfe, B. VIII. Cap. 7. zur Todesstrafe ziehen wird. . Genehmigst Du es aber, so will ich jenem Unthiere, weil es doch so keck den feindlichen Reihen vorantanzt, zeigen, daß ich jenem Stamme entsprossen sei, der einen Schwarm Gallier am Tarpejischen Felsen hinabwarf!» Da sprach der Dictator: «Bleib diesem Muthe treu, Titus Manlius! so wie deiner kindlichen Liebe gegen Vater und Vaterland! Geh 95 hin und stelle unter dem Segen der Götter das Römische Volk als das Unüberwindliche dar.» Nun bewaffneten den Jüngling seine Freunde. Er nimmt den Schild eines Fußgängers und läßt sich mit einem, zum Gefechte in der Nähe tauglichen, Spanischen Kurzdegen gürten. So gewaffnet und ausgestattet führen sie ihn dem Gallier entgegen, dem ausgelassenen Pocher, der aus Hohn (die Alten haben nun einmal den Umstand des Aufbehaltens werth gefunden) sogar die Zunge ausstreckte. Sie ziehen sich auf ihren Posten zurück; und die beiden Gerüsteten werden in der Mitte mehr nach Sitte eines Schaukampfes, als dem Gebote des Kriegs gemäß, allein gelassen; dem Ansehen und ihrem Äußern nach zu urtheilen, keinesweges einander gleich. Dort – ein Körper von Riesengröße, umschimmert von vielfarbiger Kleidung und bunten mit Gold ausgelegten Waffen. Hier – die mittlere Höhe eines Kriegers; in seinen mehr führbaren, als schönen Waffen, nur mäßiger Prunk: kein Gesang, kein Getobe, kein nichtiges Waffengetümmel; aber seine Brust, voll Muth und stillen Zorns, sparte jeden Kraftausbruch auf die wirkliche Entscheidung des Kampfes. Als sie zwischen beiden Schlachtreihen dastanden, und die Herzen so vieler Sterblichen umher in Furcht und Hoffnung schwebten, schmetterte der Gallier als ein herüberragender Berg, während er sich mit der Linken den Schild vorhielt, auf die Waffen des anrückenden Feindes sein Schwert in vergeblichem Hiebe mit großem Geprassel herab. Der Römer, mit schräg gerichteter Klinge, stieß ihm mit seinem Schilde unten gegen den Schild, schmiegte sich mit seinem ganzen Körper, vor jeder Wunde schon durch die Nähe gedeckt, zwischen des Feindes Körper und Waffen, bohrte ihm einen und gleich noch einen Stich in die Weichen des Unterleibes und streckte den lang Hinstürzenden zu Boden. Gegen den Körper des Daliegenden erlaubte er sich keine weitere Mishandlung; nur die Halskette nahm er ihm, die er sich selbst, so bespritzt von Blute sie war, um den Hals wand. Bestürzung und Staunen machte die Gallier starr. Die 96 Römer, die von ihrem Posten ihrem Krieger frohlockend entgegen eilten, begleiteten ihn unter Glückwünschen und Lobeserhebungen zum Dictator. Unter den Scherzen, die der Soldat in kunstlosen versartigen Zeilen singt, hörte man damals auch den Zunamen Torquatus (der Bekettete); welcher nachher, als er in Umlauf gekommen war, noch den Erben des Manlius und seinem Stamme zur Ehre gereichte. Der Dictator fügte das Geschenk eines goldnen Kranzes hinzu, und pries diesen Zweikampf vor der Versammlung mit außerordentlichen Lobsprüchen. 11. Und wirklich war dies Gefecht für den Erfolg des Krieges im Ganzen so entscheidend, daß das Heer der Gallier, welches in der nächsten Nacht sein Lager eiligst verließ, ins Tiburtinische, und gleich, darauf von da, nach einem mit den Tiburtinern geschlossenen Kriegsbündnisse und durch reichliche Zufuhr von ihnen unterstützt, nach Campanien hinüberging. Dies war der Grund, warum im folgenden Jahre der Consul Cajus Pötelius Balbus, da das Los seinem Amtsgenossen, Marcus Fabius Ambustus, den Krieg gegen die Herniker beschieden hatte, nach einem Volksschlusse ein Heer gegen die Tiburtiner ausführte. Als nun zu ihrer Hülfe die Gallier aus Campanien zurückkamen, so übten diese, offenbar von den Tiburtinern geführt, im Gebiete von Lavici, Tusculum und Alba schreckliche Verwüstungen: und da sich der Stat zur Führung des Krieges gegen die Tiburtiner mit einem Consul begnügen konnte; so machte der Schrecken des Gallischen Krieges die Wahl eines Dictators notwendig. Quintus Servilius Ahala, der dazu gewählt wurde, ernannte den Titus Quinctius zum Magister Equitum, und gelobte nach einem Gutachten der Väter, auf den Fall eines glücklichen Erfolgs in diesem Kriege, die Feier großer Spiele Es darf hier nicht heißen: der großen Spiele, denn die eigentlichen großen Spiele (ludi Magni oder Romani) waren jährlich, durften also nicht erst verheißen werden. Vergl. B. IV. Cap. 27. ( Crevier. ) . Der Dictator, der das consularische Heer, um die Tiburtiner durch ihren eignen Krieg zurückzuhalten, dort 97 bleiben hieß, nahm alle Dienstfähigen in Eid, und keiner weigerte sich des Dienstes. Es erfolgte eine Schlacht, in welcher Rom seine sämtlichen Kräfte aufbot, nicht weit vom Collinischen Thore, im Angesichte der Ältern, Gattinnen und Kinder: und diese selbst auf Abwesende mächtig wirkenden Ermunterungen des Muths befeuerten den Krieger, jetzt seinen Blicken dargestellt, zugleich durch Ehrgefühl und Mitleiden. Nach großem Verluste auf beiden Seiten wurde endlich das Heer der Gallier weggeschlagen. Fliehend eilten sie nach Tibur, nicht anders, als habe hier der Gallische Krieg seinen Sitz, wurden aber in ihrer Zerstreuung vom Consul Pötelius nicht weit von Tibur in Empfang genommen, und zugleich mit den zu ihrer Hülfe ausgerückten Tiburtinern in die Thore hineingejagt. Dem Dictator sowohl, als dem Consul machte der Feldzug Ehre. Auch der andre Consul Fabius besiegte die Herniker anfangs in kleinen Gefechten, zuletzt in einer Hauptschlacht, in welcher ihn die Feinde mit ihrer ganzen Macht angegriffen hatten. Der Dictator, nachdem er den Consuln im Senate sowohl, als vor dem Volke erhöhetes Lob ertheilt hatte, worin er sogar zu ihrem Vortheile den Ruhm seiner eignen Thaten schmälerte, legte seine Dictatur nieder. Pötelius hielt einen doppelten Triumph, über die Gallier und Tiburtiner: Fabius begnügte sich mit dem kleineren Einzuge in die Stadt. Über den Triumph des Pötelius spotteten die Tiburtiner . «Sie möchten wohl wissen, wo er ihnen eine Schlacht geliefert habe. Es wären einige von ihnen, um die Flucht und Verwirrung der Gallier mit anzusehen, vor die Thore hinausgegangen: und wie sie gesehen hätten, daß man auch auf sie losgehe und ohne Unterschied jeden vor die Klinge kommenden niederhaue, hätten sie sich wieder zur Stadt hereingemacht. Das hätten nun die Römer eines Triumphs würdig gehalten! Damit ihnen die Erregung eines Auflaufs an feindlichen Thoren nicht ferner in dem Lichte einer höchst seltnen und großen That erscheinen möge, so sollten sie bald einen schreckenvollern Auftritt unter ihren eignen Mauern sehen.» 98 12. Und wirklich brachen sie im folgenden Jahre, unter dem Consulate des Marcus Popillius Länas und Cneus Manlius, in der ersten Stille der Nacht mit einem Heere von Tibur zu einem feindlichen Angriffe auf und kamen vor Rom. Die plötzlich aus dem Schlafe Aufgestörten erfüllte das Unerwartete der Sache und die nächtliche Bestürzung mit Schrecken: noch dazu wußte so Mancher nicht, was für Feinde, und woher sie kämen. Doch rief man schleunig Alles zu den Waffen und sicherte die Thore durch Posten, die Mauern durch Truppen; und sobald das erste Tageslicht nur einen mäßigen Schwarm noch außer den Mauern, und keinen andern Feind, als den Tiburtiner sehen ließ, griffen die Consuln, die aus zwei Thoren rückten, das Heer, das schon die Mauern stürmen wollte, von zwei Seiten an: und da zeigte sichs, daß es sich mehr im Vertrauen auf den Überfall, als auf seine Tapferkeit, so weit gewagt hatte; so wenig hielt es kaum den ersten Angriff der Römer aus. Ja man kam darin überein, daß diese Erscheinung für Rom ein Glück gewesen sei, und daß die Furcht vor dem Kriege in einer solchen Nähe den zwischen Vätern und Bürgern schon beginnenden Zwist niedergeschlagen habe. Im nächstfolgenden Kriege zeigte sich ein andrer Feind, dessen Ankunft dem Lande schrecklicher war, als der Stadt. Verheerend durchstreiften die Tarquinienser das Römische Gebiet, hauptsächlich auf jener Seite, wo es an Hetrurien stößt: nach vergeblich geforderter Genugthuung kündigten ihnen die neuen Consuln, Cajus Fabius und Cajus Plautius auf Befehl des Gesamtvolks den Krieg an, und das Los gab diesen Krieg dem Fabius zu führen, den gegen die Herniker dem Plautius . Auch verbreitete sich das Gerücht von einem Anzuge der Gallier. Bei so vielen Drohungen tröstete sich Rom mit dem Frieden, den es den Bitten der Latiner bewilligte, und daß ihm diese vermöge des alten Vertrages, den sie seit vielen Jahren unbeobachtet gelassen hatten, eine große Anzahl Soldaten stellten. Da der Stat auf diese Verstärkung fußen konnte, so fand man die gleich nachher eingelaufene Nachricht, 99 daß die Gallier nach Präneste gekommen wären und in der Nähe von Pedum sich gesetzt hatten, so schrecklich nicht. Man beschloß, den Cajus Sulpicius zum Dictator zu ernennen: der hierzu einberufene Consul Cajus Plautius ernannte ihn: der dem Dictator zugegebene Magister Equitum war Marcus Valerius. Sie führten den Kern der Truppen, den sie aus beiden consularischen Heeren zogen, gegen die Gallier. Der Gang dieses Krieges war weit zögernder, als beiden Theilen lieb war. Da anfangs bloß die Gallier die Kampflustigen waren, nachher aber der Römische Soldat, in seinem blinden Hange zu Waffen und Gefecht der Gallischen Keckheit es noch weit zuvorthat; so hatte gleichwohl der Dictator gar nicht Lust, ohne alle dringende Noth sich bloß dem Glücke zu überlassen, und zwar gegen einen Feind, welchen Zeit und fremder Himmel mit jedem Tage schwächer machen müßten; der ohne aufgeschüttete Vorräthe, ohne haltbare Werke stillsitze; noch mehr, dessen Muth und Körper dazu geeignet sei, alle Kraft im Ansturze zu äußern, aber auch bei dem mindesten Zögern zu erschlaffen. Unter diesen Ansichten zog der Dictator den Krieg in die Länge, und hatte schwere Strafe darauf gesetzt, wenn sich jemand ohne Erlaubniß mit dem Feinde einließe. Die Soldaten, hiermit unzufrieden, verkleinerten den Dictator anfangs nur in Gesprächen unter sich auf ihren Posten und Wachen; zuweilen schalten sie auch auf die Väter insgesamt, daß sie den Krieg nicht den Consuln übertragen hätten. «Sie hätten ihnen einen herrlichen Befehlshaber ausgesucht; einen Feldherrn, einzig in seiner Art, der darauf warte, daß ihm während seines Nichtsthuns der Sieg vom Himmel in den Schoß herabfliegen werde.» Bald aber ließen sie sich eben so und noch trotziger an hellem Tage ganz öffentlich verlauten: «Sie würden, ohne den Befehl des Feldherrn abzuwarten, entweder schlagen, oder im Zuge nach Rom gehen.» Nun traten auch Hauptleute den Soldaten bei: man hörte nicht bloß truppweise rufen, sondern schon strömten die lauten 100 Zirkel in der Hauptgasse des Lagers und auf dem Feldherrnplatze zusammen: der Haufe schwoll zu einer förmlichen Versammlung und allenthalben wurde geschrieen: «Man müsse sofort zum Dictator gehen: Wortführer des Heers müsse, wie es seinem Verdienste gebühre, Sextus Tullius sein.» 13. Schon zum siebentenmale führte Tullius als Hauptmann den ersten Haufen seiner Legion, und im ganzen Heere war unter allen zu Fuß Dienenden kein Mann durch Thaten geehrter, als er. Er ging, dem Zuge der Soldaten voran, zur Feldherrnbühne, und redete den Sulpicius, der sich über den Schwarm; noch mehr über den Tullius, diesen sonst dem Oberbefehle pünktlichst folgsamen Krieger, als Führer des Schwarmes wunderte, so an: «Ich muß dir sagen, Dictator, daß das gesammte Heer, in der Meinung, du habest es der Feigheit schuldig befunden, und nicht anders als zur schimpflichen Strafe ohne Waffen blankgestellt, mich gebeten hat, seine Sache vor dir zu führen. Wenn wir den Vorwurf hören müßten, irgendwo von der Stelle gewichen zu sein, dem Feinde den Rücken gekehrt, die Fahnen schimpflich verlassen zu haben, so dächte ich doch, wir dürften dich durch unsre Bitten dahin vermögen, daß du uns erlaubtest, unsre Schuld durch Tapferkeit wieder gut zu machen, und das Andenken unsrer Schande durch neuen Ruhm zu tilgen. Auch die an der Allia geschlagenen Legionen eroberten doch eben die Vaterstadt, die sie durch ihre feige Flucht verloren hatten, als sie nachher von Veji hinzogen, durch ihre Tapferkeit wieder. Wir aber haben, Dank sei der Gnade der Götter und deinem und des Römischen Volkes Glücke, im Felde und an Ehre noch nichts verloren. Wiewohl über unsern Ruhm äußere ich mich nur schüchtern, so lange theils die Feinde uns hinter dem Walle Versteckten, als wären wir Weiber, unter allen möglichen Schmähungen höhnen dürfen; theils du selbst, du unser Feldherr, und das ist uns noch kränkender, deinem Heere Muth und Waffen und Hände absprichst, und ohne uns geprüft zu haben, ein so völliges 101 Mistrauen in uns setzest, daß du dich für einen Anführer von Krüppeln und Schwächlingen ansiehst. Worin sollen wir sonst die Ursache suchen, warum du, als Feldherr ergrauet, selbst der tapferste Krieger, mit gefalteten Händen, wie man es nennt, dasitzest? denn auf jeden Fall ist es doch anständiger, daß du an unsrer Tapferkeit gezweifelt zu haben scheinest, als wir an deiner. Stammet aber diese Maßregel nicht von dir, sondern von Mehrern her, und hält uns eine Verabredung der Väter, nicht der Gallische Krieg, in der Verweisung von Rom und unsern Hausgöttern, so bitte ich dich, siehe das, was ich nun noch zu sagen habe, nicht an, als sagten dies die Soldaten ihrem Feldherrn, sondern den Vätern der Bürgerstand, der etwa spräche, er dürfe, so wie ihr eure Maßregeln habt, auch die seinigen für sich haben. Darf denn jemand darüber ungehalten sein, daß wir Soldaten sind, und nicht eure Sklaven? daß wir in den Krieg, nicht ins Elend geschickt sind? daß wir, wenn uns jemand das Zeichen gäbe, uns in die Schlacht führte, uns als Männer und Römer halten wollen; wenn es aber der Waffen nicht bedarf, unsre Ruhe lieber in Rom, als im Lager, verleben wollen? Dies Alles gilt bloß den Vätern. – Dich aber, Feldherr, bitten wir, deine Soldaten, gieb uns Gelegenheit zum Fechten. Wir wünschen zu siegen, noch lieber unter dir zu siegen, dir den ehrenvollen Lorber zu überreichen, mit dir triumphirend in die Stadt zu ziehen, hinter deinem Wagen her glückwünschend und jubelnd zum Tempel des allmächtigen Jupiter hinanzugehen.» An die Rede des Tullius schlossen sich die Bitten der Menge; und von allen Seiten schrieen sie, er möge das Zeichen geben, möge sie berechtigen, zu den Waffen zu greifen. 14. Sah der Dictator gleich, daß dies an sich nicht böse Benehmen des Beispiels wegen nicht zu loben sei, so machte er sich doch anheischig, den Wunsch der Soldaten zu erfüllen, fragte aber den Tullius, den er allein nahm, was das für eine Aufführung, was das für eine Zucht sei. Tullius bat ihn flehentlich, «er möge ja nicht glauben, daß er der Kriegszucht, seiner selbst oder des 102 feldherrlichen Oberbefehls uneingedenk gewesen sei; er habe aber der aufgebrachten Menge, die sich gewöhnlich nach ihren Aufwieglern richte, seine Leitung nicht entziehen wollen, damit nicht ein andrer, und ein solcher, wie er sich von der Wahl eines gährenden Haufens erwarten lasse, die Stelle einnähme. Er für seine Person werde sich durchaus dem Ermessen seines Oberbefehlshabers fügen; aber auch dieser müsse ernstlich darauf bedacht sein, daß ihm der Gehorsam seines Heeres nicht entstehe. So aufgebrachte Gemüther hinzuhalten, sei nicht möglich: sie selbst würden sich den Platz und die Zeit zur Schlacht wählen, sobald sie ihnen der Feldherr nicht gäbe.» Während dieser Gespräche wurden einige Pferde, die gerade vor dem Lagerwalle weideten, einem Gallier, der sie wegtreiben wollte, von zwei Römischen Soldaten genommen. Auf diese warfen die Gallier mit Steinen. Nun erhob sich vom Römischen Vorposten ein Geschrei: von beiden Seiten stürzte man hervor; und Alles stand zu einem förmlichen Treffen, als die Hauptleute eiligst dem Gefechte Einhalt thaten. Wenigstens bestätigte dieser Vorfall dem Dictator die Versicherung des Tullius; und da die Sache schon keinen Aufschub mehr litt, so ließ er bekannt machen, sie sollten am folgenden Tage schlagen. Weil ihn aber mehr die Hitze seiner Truppen, als das Vertrauen auf ihre Stärke zum Treffen vermocht hatte, so sah er sich nach allen Seiten um und dachte darauf, den Feind durch eine List zu schrecken. Seine Erfindungskraft gab ihm ein neues Mittel an, dessen sich nachher viele Feldherren, unsere und fremde, ja einige noch in unsern Zeiten bedient haben. Den Maulthieren, denen er die Packsättel abnehmen ließ, mußten nur zwei Satteldecken gelassen werden, und die Pferdeknechte aufsitzen, die er mit erbeuteten Waffen, oder denen der Kranken, versah. Unter diesen fast auf tausend gebrachten Haufen steckte er hundert Ritter, mit dem Befehle, sich in der Nacht über das Lager auf die Gebirge zu ziehen, sich im Walde zu verbergen, und von dort sich nicht eher in Bewegung zu setzen, bis sie von ihm ein Zeichen bekämen. Sobald es Tag 103 wurde, breitete er seine Linie geflissentlich am Fuße der Gebirge aus, um dem Feinde die Stellung den Bergen gegenüber zu geben. Die Einrichtung zu jenem blinden Lärmen, der aber beinahe wirksamer wurde, als der Gebrauch der wahren Kräfte, war getroffen; und noch glaubten die Gallischen Anführer, die Römer würden nicht in die Ebene herabkommen: als sie aber unerwartet den Herabzug schon bewerkstelligt sahen, rannten auch sie, auf den Kampf begierig, ins Treffen, und ehe noch die Feldherren das Zeichen gaben, begann die Schlacht. 15. Den heftigsten Angriff thaten die Gallier mit Ich folge Drakenborchs Vermuthung, als dem leichtesten Heilmittel, den Verwirrungen über den rechten und linken Flügel auszuweichen, und lese hier dextro cornu, nicht dextrum. Sonst müßte man, wie Stroth thut, § 6. statt profligato dextro cornu, obequitabat hostium munimentis geradezu sinistro lesen, welches Drakenborch für zu gewagt erklärt. Seine Verbesserung giebt auch den Worten §. 4. signa in laevum cornu confert den richtigen Sinn, nämlich in laevum cornu Gallorum. Es ist doch nicht wahrscheinlich, daß hier unter dem laevum cornu, in quod ipse dictator signa conferebat, das Römische zu verstehen sei. ihrem rechten Flügel; und man würde diesen nicht haben aushalten können, wäre nicht gerade hier der Dictator gegenwärtig gewesen, der den Sextus Tullius laut bei Namen rief und die Fragen an ihn that: «Ob er ihm angelobt habe, daß die Soldaten auf die Art fechten würden? wo jene Schreier wären, die die Waffen verlangt hatten? wo die Drohungen, ohne des Feldherrn Willen in die Schlacht gehen zu wollen? Hier rufe sie der Feldherr selbst mit lauter Stimme ins Treffen, und schreite, die Waffen in der Hand, vor die ersten Glieder. Ob ihm wohl einer von denen folge, die eben noch hätten anführen wollen; im Lager so keck, in der Schlacht so zaghaft?» Sie hörten nichts, als Wahrheit: also fühlten sie sich durch die Beschämung so mächtig gespornt, daß sie sich in die feindlichen Waffen stürzten, mit einem von jedem Gedanken an Gefahr entfremdeten Muthe. Dieser beinahe wüthende Angriff bewirkte zuerst bei den Feinden eine Unordnung, und in dieser Unordnung jagte die auf sie gelassene Reuterei sie in die Flucht. Sobald der Dictator ihre Linie auf einer Seite wanken sah, wandte er sich mit 104 seinem Angriffe auf ihren linken Flügel, auf welchem, wie er bemerkte, der Feind im Gedränge sich häufte, und gab denen auf dem Gebirge das verabredete Zeichen. Als nun auch diese unerwartet ihr Geschrei erhoben, und schräg am Berge herab ihre Richtung, wie es schien, auf das Gallische Lager nahmen, so gaben die Gallier, um nicht abgeschnitten zu werden, das Gefecht auf und eilten in vollem Laufe ihrem Lager zu. Da ihnen hier der Magister Equitum Marcus Valerius entgegenkam, der nach Verjagung des feindlichen rechten Flügels vor ihren Verschanzungen herumschwärmte, so wandten sie ihre Flucht gegen die Gebirge und Wälder, wo die meisten von der täuschenden Scheinreuterei und den Pferdeknechten in Empfang genommen wurden: auch diejenigen, welchen die Angst den Wald erreichen half, traf nach schon geendigter Schlacht ein schreckliches Gemetzel. Und in der That triumphirte über die Gallier nächst dem Marcus Furius niemand mit größerem Rechte, als Cajus Sulpicius. Er legte auch von der Gallischen Beute auf dem Capitole einen nicht unbeträchtlichen Klumpen Goldes, als heiligen Schatz nieder, den er mit Quadersteinen vermauren ließ. In diesem Jahre führten auch die Consuln ihre Kriege, doch mit ungleichem Erfolge. Die Herniker wurden vom Cajus Plautius besiegt und bezwungen. Sein Amtsgenoß Fabius lieferte den Tarquiniensern eine Schlacht ohne Vorsicht und Überlegung; und sein Verlust im Treffen war nicht so schmerzhaft, als daß die Tarquinienser dreihundert und sieben gefangene Römische Soldaten als Opfer schlachteten; eine Hinrichtung, die durch ihre Abscheulichkeit den Schimpf des Römischen Volks weit ruchtbarer machte. An diese Niederlage schloß sich die Verwüstung des Römischen Gebiets, welche die Privernaten und dann die Veliterner nach einem plötzlichen Einbruche ausübten. In eben diesem Jahre bekam die Stadt zwei neue Bezirke, den Pomptinischen und Publilischen. Die den Göttern gelobeten Spiele, welche ihnen Marcus Furius als Dictator Camillus; als durch die von den Vätern gegebene Einwilligung zum bürgerlichen Consulate die Eintracht der Stände wieder hergestellt wurde. VI. 42. 105 verheißen hatte, wurden gefeiert: auch wurde auf Betrieb der Väter jetzt zum erstenmale ein Vorschlag gegen ungebührliche Amtsbewerbung, vom Bürgertribun Cajus Pötelius, an das Gesamtvolk gebracht: und sie schmeichelten sich, durch dies Gesetz vorzüglich diejenigen niederzuhalten, welche sich durch die auf Wochenmärkten und Sammelplätzen erschlichene Stimmenmehrheit zu Emporkömmlingen zu heben suchten. 16. Lange nicht so erfreulich war den Vätern der Vorschlag, die Zinsen auf den zwölften Theil des Capitals Bisher hatte man in Rom jährlich 12 Procente Zinsen bezahlt, nämlich von 100 Ass monatlich einen Ass, also jährlich 12. Von nun an sollte die jährliche Zinse den zwölften Theil des Capitals nicht übersteigen, also die Zinse nur 8⅓ Procent betragen; und weil der Bürgerstand auch dies noch zu drückend fand, wurde sie ( Cap. 27. im Jahr Roms 408) auf die Hälfte, auf 4 1 / 6  Procent herabgesetzt. herabzusetzen, den im folgenden Jahre unter den Consuln Cajus Marcius und Cneus Manlius die Bürgertribunen Marcus Duilius und Lucius Mänius gültig machten, und den die Bürgerlichen mit weit mehr Wärme gut hießen und als Gesetz annahmen. Zu den im voriger Jahre schon bestimmten neuen Kriegen kam nun auch der gegen die Falisker, unter zwiefacher Klage gegen sie: denn theils hatte ihre junge Mannschaft unter den Tarquiniensern gefochten; theils hatten sie die aus jener unglücklichen Schlacht nach Falerii Geflüchteten den Römischen Bundespriestern, welche sie zurückforderten, nicht ausgeliefert. Die Führung dieses Krieges traf den Cneus Manlius: Marcius führte sein Heer auf das in langem Frieden geschonte Gebiet der Privernaten und belud seine Krieger mit Beute. Außer dem ihnen zugewandten Überflusse bewies er sich auch noch darin als den Freigebigen, daß er durch Unterlassung aller Abzüge für die Statskasse die Soldaten in der Verbesserung ihrer eignen Umstände begünstigte. Da sich die Privernaten vor ihrer Stadt in einem befestigten Lager gesetzt hatten, so berief er die Soldaten zur Versammlung und sprach: «Jetzt gebe ich euch das 106 Lager und die Stadt der Feinde preis, wenn ihr mir versprecht, euch in der Schlacht als tapfre Männer zu beweisen und nicht sowohl ans Plündern, als ans Fechten zu denken.» Mit großem Geschreie forderten sie das Zeichen, und hohen Muthes und mit der Überlegenheit eines festen Vertrauens rückten sie in die Schlacht. Da rief Sextus Tullius, dessen ich oben erwähnte, vor den Fahnen: «Sieh her, Feldherr, wie dein Heer dir Wort hält!» er ließ den Wurfspieß fallen und ging mit gezücktem Schwerte in den Feind. Das ganze erste Glied folgte dem Tullius, und im ersten Angriffe warf man den Feind, verfolgte den geschlagenen zur Stadt, und sie ergab sich, als man schon die Sturmleitern an die Mauern schlug. Über die Privernaten wurde triumphirt. Der andre Consul that nichts Denkwürdiges, außer daß er, völlig beispiellos, sein Heer im Lager bei Sutrium nach Stadtbezirken für seinen Vorschlag stimmen ließ, daß bei jeder Freilassung eines Leibeigenen der zwanzigste Theil seines Werths in die Statskasse fallen sollte. Die Väter bestätigten dies Gesetz, weil dadurch in die arme Schatzkammer eine nicht geringe Einnahme floß. Allein die Bürgertribunen bestimmte nicht sowohl das Gesetz, als das Beispiel, die Todesstrafe darauf zu setzen, wenn jemand künftig das Volk auf außerstädtische Beschlüsse zöge: denn wenn dies erlaubt sei, so könne ja ein Consul, durch die ihm vereideten Soldaten alles mögliche durchsetzen, wenn es auch dem Gesamtvolke noch so nachtheilig wäre. In eben dem Jahre wurde Cajus Licinius Stolo nach seinem eigenen Gesetze S. VI. 35. vom Marcus Popillius Länas zu einer Strafe von zehntausend Kupferass Ungefähr 200 Thaler. verdammt, weil er nebst seinem Sohne tausend Morgen Landes besaß, und durch Entlassung des Sohns aus der väterlichen Gewalt das Gesetz hatte umgehen wollen. 17. Die folgenden neuen Consuln, Marcus Fabius Ambustus zum zweitenmale, und Marcus Popillius Länas 107 zum zweitenmale, fanden zwei Kriege. Der eine, mit den Tiburtinern, welchen Länas führte, war leicht. Nach Zurücktreibung der Feinde in die Stadt, verheerte er das Land. Den andern Consul aber brachten die Falisker und Tarquinienser im Anfange der Schlacht zum Fliehen. Sie hatten sich so furchtbar hauptsächlich dadurch gemacht, daß ihre Priester, mit vorgetragenen Feuerbränden und Schlangen, als Furien einherschreitend, durch diese neue Erscheinung die Römischen Soldaten in Schrecken setzten: und anfangs warfen sich diese, als hätten sie Gespenster gesehen und wie Bedonnerte in gedrängten Haufen in ihre Bollwerke. Als aber der Consul und die Unterfeldherren und Obersten sie verlachten und schalten, daß sie sich als Kinder durch nichtige Gaukeleien hätten scheuchen lassen; da weckte die Beschämung plötzlich das Ehrgefühl, und blindlings rannten sie auf die Dinge ein, vor denen sie geflohen waren. Kaum hatten sie das Possenspiel der Feinde aus einander gesprengt und sich auf die Bewaffneten selbst geworfen, so schlugen sie die ganze Linie, eroberten noch an eben dem Tage das Lager, machten ansehnliche Beute und kehrten, unter lautem Spotte über den Aufzug der Feinde und ihre eigne Zaghaftigkeit, als Sieger zurück. Nun machten sich die sämtlichen Hetruskischen Völkerschaften auf, und zogen, von den Tarquiniensern und Faliskern geführt, bis an die Salzwerke Bei Ostia, am Ausflusse der Tiber. I. 33. am Ende. . In diesem Drange der Umstände wurde Cajus Marcius Rutilus Dictator, und zwar der erste vom Bürgerstande; und ernannte ebenfalls einen Bürgerlichen, den Cajus Plautius, zum Magister Equitum. Dies vollends schien den Vätern eine Unwürdigkeit, daß auch schon zur Dictatur jedermann den Zutritt habe; und sie verhinderten es aus allen Kräften, daß dem Dictator zu diesem Kriege irgend etwas bewilligt oder angeschafft würde. Desto bereitwilliger gestand ihm auf seinen Antrag das Volk Alles zu. Nach seinem Auszuge aus der Stadt vernichtete er auf beiden Seiten der Tiber, da er sein Heer allenthalben, wo die Feinde 108 ruchtbar wurden, auf Flößen übersetzte, eine Menge zerstreut umherschwärmender Plünderer. Auch ihr Lager eroberte er durch einen unvermutheten Angriff, nahm achttausend Feinde gefangen, tödtete die übrigen oder jagte sie aus dem Römischen Gebiete, und triumphirte, ohne Genehmigung der Väter, auf Bewilligung des Volks. Weil sie nun weder durch den bürgerlichen Dictator, noch durch den bürgerlichen Consul den consularischen Wahltag halten lassen wollten, und der andre Consul, Fabius, noch vom Kriege festgehalten wurde, so trat wieder eine Zwischenregierung ein. Zwischenkönige waren nach einander Quintus Servilius Ahala, Marcus Fabius, Cneus Manlius, Cajus Fabius, Cajus Sulpicius, Lucius Ämilius, Quintus Servilius, Marcus Fabius Ambustus. Unter der zweiten Zwischenregierung erhob sich ein Streit, weil zwei patricische Consuln auf die Wahl gebracht wurden; und da die Tribunen Einsage thaten, so erwiederte der Zwischenkönig Fabius: «Ein Gesetz der zwölf Tafeln bestimme, daß das allemal recht und gültig sein solle, was das Gesamtvolk zuletzt für seinen Willen erklärt habe: nun aber lasse sich hier Volkswille und Stimmenwahl nicht läugnen.» Da die Tribunen durch ihre Einsage weiter nichts, als den Aufschub des Wahltages hatten bewirken können, so wurden zwei patricische Consuln gewählt, Cajus Sulpicius Peticus zum drittenmale und Marcus Valerius Publicola; und sie traten noch an dem Tage ihr Amt an. 18. Im vierhundertsten Jahre nach Erbauung der Stadt Rom, im fünf und dreißigsten nach ihrer Errettung aus den Händen der Gallier, traten zwei Patricier, da die Bürgerlichen nach elf Jahren das Consulat wieder einbüßten, als Consuln mit dem Ende der Zwischenregierung in das Amt ein, Cajus Sulpicius Peticus zum drittenmale und Marcus Valerius Publicola. Den Tiburtinern wurde in diesem Jahre Empulum ohne denkwürdigen Kampf abgenommen; dieser Krieg mag nun, wie einige melden, unter der Leitung beider Consuln geführt sein; oder der Consul Sulpicius verheerte gerade indeß, daß Valerius die Legionen gegen die Tiburtiner anführte, zugleich das 109 Gebiet der Tarquinienser. Zu Hause aber hatten die Consuln mit den Bürgerlichen und Tribunen einen wichtigem Streit, Sie glaubten es nicht bloß ihrer Tüchtigkeit, sondern selbst ihrer Rechtlichkeit schuldig zu sein, das Consulat, so wie sie es als zwei Patricier erhalten hätten, auch wieder zwei Patriciern zu überliefern. «Ja man müsse entweder das Consulat ganz abtreten, wenn es nun einmal ein bürgerliches Amt werden sollte, oder man müsse es ganz besitzen, so wie man diesen Besitz ungeschmälert von den Vorfahren erhalten habe.» Dagegen riefen die Bürgerlichen laut: «Wozu sie denn das Leben hätten, und für einen Theil der Bürger angesehen würden, wenn sie das, was ihnen der Muth zweier Männer, des Lucius Sextius und Cajus Licinius errungen habe, nicht einmal Alle insgesamt behaupten könnten? Sie wollten sich lieber Könige, oder Decemvirn, oder eine noch abscheulichere Regierung, wie sie auch heißen möge, gefallen lassen, als zwei patricische Consuln zu sehen; wenn man nicht Eins um das Andre zu gehorchen und zu befehlen habe, sondern der eine Theil, zu ewiger Herrschaft eingesetzt, die Sklaverei für die einzige Bestimmung des Bürgerstandes halte.» Die Tribunen ließen es nicht daran fehlen, den Lärmen anzufachen; doch einem durch sich selbst schon aufgeregten Haufen konnten es seine Führer kaum zuvorthun. Nachdem man sich mehreremal auf dem Marsfelde vergeblich eingefunden hatte, und viele Wahltage unter Streitigkeiten hingegangen waren, gedieh endlich der Mismuth des durch die Beharrlichkeit der Consuln besiegten Bürgerstandes so weit, daß er auf die laute Klage seiner Tribunen: «Es sei um die Freiheit geschehen; jetzt müsse man nicht bloß das Marsfeld, sondern eine Stadt verlassen, die unter der Sklaverei und dem Joche königlich schaltender Patricier stehe;» in tiefer Betrübniß mit ihnen davonging. Die Consuln, die den einen Theil der Versammlung abziehen sahen, beendeten dessenungeachtet die Wahl mit der geringeren Volksmenge. Die gewählten Consuln, beide Patricier, waren Marcus Fabius Ambustus 110 zum drittenmale und Titus Quinctius. In einigen Jahrbüchern finde ich statt des Titus Quinctius einen Marcus Popillius als Consul angegeben. 19. Zwei Kriege wurden in diesem Jahre mit Glück geführt und die Tiburtiner durch Siege zur Unterwerfung gezwungen. Man nahm ihnen die Stadt Sassula ab, und ihre übrigen Städte würden dasselbe Schicksal gehabt halben, wenn sich nicht der ganze Volksstamm mit Niederlegung der Waffen an den Consul ergeben hätte. Außer daß man über die Tiburtiner einen Triumph hielt, war der Sieg sehr schonend. Gegen die Tarquinienser hingegen verfuhr man mit erbitterter Härte. Nachdem man ihrer eine ansehnliche Menge in der Schlacht getödtet hatte Ich hatte die Interpunction geändert, hinter saevitum einen Punkt gesetzt, und die Worte multis mortalibus in acie caesis nur durch ein Komma von den folgenden geschieden. Jetzt sehe ich, daß Crevier dies auch gethan hat. , las man unter der großen Anzahl von Gefangenen dreihundert acht und fünfzig, lauter Vornehme, aus, um sie nach Rom zu schicken: die übrigen Geringeren wurden niedergehauen. Und das Volk war gegen die nach Rom geschickten nicht schonender. Mitten auf dem Markte wurden sie alle mit Ruthen gepeitscht und mit dem Beile enthauptet. So vergalt man den Feinden die Opferung der Römer auf dem Markte zu Tarquinii . Diese siegreichen Thaten veranlaßten auch die Samniten, sich um Roms Freundschaft zu bewerben. Ihre Gesandten erhielten im Senate eine freundliche Antwort, und sie wurden durch einen Vertrag als Bundesgenossen anerkannt. In der Stadt aber waren die Römischen Bürger so glücklich nicht, als im Felde. Denn ob sie gleich durch die Herabsetzung der Zinsen auf Acht und ein Drittel vom Hundert Erleichterung bekommen hatten, so erlagen doch die Dürftigen unter dem Capitale selbst und fielen den Gläubigern als Sklaven anheim. Folglich ließen sich die Bürgerlichen in ihrer häuslichen Noth weder zwei patricische Consuln, noch die Sorge für den Wahltag, noch die Parteien im State zu Herzen gehen. Beide Consulstellen 111 blieben den Patriciern. Gewählt wurden zu Consuln Cajus Sulpicius Peticus zum viertenmale, Marcus Valerius Publicola zum zweitenmale. Der Aufmerksamkeit des States, der sich eines Krieges mit den Hetruskern versah, weil sich einem Gerüchte zufolge das Volk von Cäre mit seinen Stammgenossen, den Tarquiniensern, aus Mitleiden vereinigt haben sollte, gaben Gesandte aus Latium die Richtung gegen die Volsker; denn sie meldeten, jene hätten ein Heer ausgehoben, bedroheten schlachtfertig schon ihre Gränzen, und würden von da verheerend ins Römische einbrechen. Der Senat beschloß also, keinen von beiden Gegenständen zu vernachlässigen, ließ Legionen gegen beide werben und die Consuln um die Provinzen losen. Späterhin eignete sich doch der Hetruskerkrieg zum wichtigern Geschäfte; denn man ersah aus einem Briefe des Consuls Sulpicius – ihm war durch das Los Tarquinii zugefallen –, daß sie in der Gegend der Römischen Salzwerke geplündert, einen Theil der Beute in das Gebiet der Cäriten geschafft, und sich, unter den Plünderern außer allem Zweifel Truppen dieses Volks befunden hätten. Also befahl der Senat dem zurückberufenen Consul Valerius, welcher gegen die Volsker gestanden und sein Lager an der Tusculanischen Gränze gehabt hatte, einen Dictator zu ernennen. Er ernannte den Titus Manlius, des Lucius Sohn. Dieser erklärte den Aulus Cornelius Cossus zu seinem Magister Equitum, begnügte sich mit dem Heere des Consuls und kündigte nach einem Gutachten der Väter und Volksgeheiße den Cäriten den Krieg an. 20. Nun erst ergriff die Cäriten, nicht anders, als läge in dieser feindlichen Formel eine gewissere Andeutung des Krieges, als in ihrem eignen Benehmen, da sie doch durch ihre Plünderung die Römer gereizt hatten, eine wirkliche Furcht vor dem Kriege; und sie sahen ein, wie wenig dieser Kampf ihren Kräften angemessen sei. Sie bereueten die Plünderung, und verwünschten die Tarquinienser, ihre Verführer zum Abfalle. Auch schickte sich niemand auf Waffen oder auf Krieg, sondern jeder 112 verlangte, so dringend er konnte, man solle Gesandte abschicken, um sich für den Fehltritt Verzeihung zu erbitten. Als die Gesandten, die ihre Bitte vor den Senat brachten, vom Senate an das Volk gewiesen waren, so riefen sie die Götter an: da sie ihre Heiligthümer im Gallischen Kriege aufgenommen und gehörig besorgt hätten, so möchten sie auch jetzt dasselbe Mitleid mit ihnen das Römische Volk in seinem Glücke ergreifen lassen, welches sie ehemals gegen das Römische Volk in seiner Noth ergriffen habe. Und gegen den Tempel der Vesta gewandt, beriefen sie sich auf die wirthliche Pflege, die sie den Eigenpriestern und Vestalinnen so heilig und gewissenhaft hätten angedeihen lassen. «Ob jemand glauben könne, daß Leute mit solchen Verdiensten auf einmal ohne allen Grund Feinde werden könnten? oder, sollten sie ja feindlich gehandelt haben, daß sie dies mehr mit kalter Überlegung, als durch Verblendung fehlgeleitet gethan hätten? so daß sie selbst ihre alten Wohlthaten, die sie noch dazu bei einem so dankbaren Volke angebracht hatten, durch spätere Übelthaten vernichteten, und das Römische Volk in seinem Wohlstande und bei seinem höchsten Glücke im Kriege sich zum Feinde wählten, da sie sich ihm in seinem Unglücke zu Freunden gemacht hätten? Man möge das nicht Plan nennen, was Zwang und Gebot des Schicksals zu nennen sei. Als das anrückende Heer der Tarquinienser durch ihr Land gezogen sei, habe es, ohne weiter etwas, als den Durchmarsch, zu verlangen, auf jene Plünderung, die ihnen zur Last gelegt werde, einige sich anschließende Landleute mitgenommen. Verlange man deren Auslieferung, so wären sie bereit, sie auszuliefern; oder ihre Hinrichtung, so würde man sie zur Strafe ziehen. Aber Cäre, diese Sacristei des Römischen Volks, die Gastkammer seiner Priester, den Rettungsort der Römischen Heiligthümer, möchten sie für die gütige Aufnahme der Vestalen und für die ehrfurchtsvolle Aufbewahrung der Götter von der Beschuldigung des Krieges rein und unbefleckt bleiben lassen.» Nicht sowohl ihre Sache, wie sie da lag, als 113 vielmehr ihr ehemaliges Verdienst, bewog das Volk, lieber die Beleidigung, als die Wohlthat, zu vergessen. Also wurde dem Volke von Cäre der Friede bewilligt, und. man ließ ihn als hundertjährigen Waffenstillstand in den auszufertigenden Senatsschluß eintragen. Nun wandte sich der Krieg gegen die Falisker, welche dieselbe Beschuldigung traf: allein man fand die Feinde nirgends. Nach verheerenden Streifereien in ihrem Gebiete ließ man sich doch nicht auf Bestürmung der Städte ein, und als die Legionen nach Rom zurückgeführt waren, verwandte man die noch übrige Zeit des Jahrs auf die Ausbesserung der Mauern und ihrer Thürme, und weihete dem Apollo einen Tempel. 21. Am Schlusse des Jahrs ging die Versammlung zur Consulwahl über einen Streit zwischen Vätern und Bürgern aus einander, weil die Tribunen keinen Wahltag gestatten wollten, wenn er nicht dem Licinischen Gesetze gemäß gehalten würde, und der Dictator entschlossen war, lieber das Consulat ganz für den Stat abzuschaffen, als den Bürgerlichen mit den Vätern gleichen Antheil daran zu geben. Da nun nach dem Aufschube des Wahltages der Dictator sein Amt niedergelegt hatte, so kam es wieder zu einer Zwischenregierung: und da die Zwischenkönige immer den Bürgerstand gegen die Väter erbittert fanden, so dauerte der Wetteifer im Streite bis in die elfte Zwischenregierung. Die Tribunen gaben sich das Ansehen, als nähmen sie bloß das Licinische Gesetz in Schutz: dem Bürgerstande aber lag der Kummer über die ihm immer drückender werdende Schuldenlast mehr am Herzen und er überließ sich in den öffentlichen Streitigkeiten den Ausbrüchen seines häuslichen Grams. Da befahlen die Väter, des Unwesens müde, dem Zwischenkönige Lucius Cornelius Scipio, sich bei der Consulwahl um der Eintracht willen nach dem Licinischen Gesetze zu richten. Publius Valerius Publicola bekam zu seinem Amtsgenossen aus dem Bürgerstande den Cajus Marcius Rutilus. Die neuen Consuln, die sich bei dieser allgemeinen Stimmung zur Eintracht auch auf die Erleichterung der Schuldenlast einließen, weil sie allein das Hinderniß der Einigkeit zu sein schien, machten die 114 Bezahlung der Schulden zur Sache des Stats, indem sie Fünfmänner ernannten, welche man von der Auszahlung der Gelder die Bankherren nannte. Billigkeit und Sorgsamkeit erwarb ihnen die Ehre, daß in den sämtlichen Urkunden der Jahrbücher ihres Namens Meldung geschieht. Cajus Duilius nämlich; Publius Decius Mus, Marcus Papirius, Quintus Publilius und Tiberius Ämilius hießen; die Männer, die eine so schwierige Sache, welche gewöhnlich beide Theile, wenigstens doch den einen drückt, sowohl überhaupt durch angebrachte Milderung, als hauptsächlich auf die Art durchführten, daß der Stat nicht verlieren, sondern nur herschießen mußte. Alte, mehr durch Unthätigkeit als Unfähigkeit der Schuldner verzögerte Posten wurden entweder nach vorangegangener Sicherstellung des Stats aus der Schatzkammer abbezahlt, wozu die Tische mit Geld auf dem Gerichtsplatze standen; oder nach einem billigen Anschlage ihres gesammten Vermögens getilgt, so daß eine bedeutende Menge Schulden nicht allein ohne Ungerechtigkeit, sondern selbst ohne Klage auf einer von beiden Seiten, abgetragen wurde. Eine ungegründete Furcht vor einem Hetruskischen Kriege, zu welchem das Gerücht alle zwölf Völkerschaften sich verschwören ließ, machte die Ernennung eines Dictators nothwendig. Cajus Julius wurde, weil der Senatsschluß den Consuln ins Lager geschickt war, hier ernannt, und Lucius Ämilius sein Magister Equitum. Allein es blieb von außen Alles ruhig. 22. Der Versuch, den der Dictator in der Stadt machte, die Wahl zweier patricischer Consuln zu Stande zu bringen, veranlaßte wieder eine Zwischenregierung. Durch die beiden eingeschalteten Zwischenkönige, Cajus Sulpicius und Marcus Fabius, wurde das, worauf es der Dictator vergebens angelegt hatte, daß zwei patricische Consuln gewählt würden, glücklich bewerkstelligt, weil den Bürgerstand die neulich durch Erleichterung der Schulden erwiesene Wohlthat nachgiebiger gemacht hatte. Der zuerst abgetretene Zwischenkönig, Cajus Sulpicius Peticus, wurde selbst gewählt, und Titus Quinctius Pennus. Einige 115 geben dem Quinctius den Vornamen Cäso, andre Cajus . Beide zogen in den Krieg, Quinctius gegen die Falisker, Sulpicius gegen die Tarquinienser; und da sich der Feind nirgend auf eine Schlacht einließ, so führten sie ihre Kriege mehr mit dem Lande, als mit den Menschen, durch Sengen und Verheeren: und die Hartnäckigkeit beider Völker erlag der Entkräftung in dieser, ich möchte sagen, schleichenden Auszehrung so völlig, daß sie zuerst die Consuln, und dann auf deren Erlaubniß den Senat um Waffenstillstand baten. Sie erhielten ihn auf vierzig Jahre. Da man also die Sorge vor diesen beiden dringenden Kriegen aufgeben konnte, so beschloß man, während man einige Ruhe von den Waffen hätte, eine Schatzung halten zu lassen, weil die Bezahlung der Schulden so manchem Eigenthume einen andern Herrn gegeben hatte. Als aber der Tag zur Wahl der Censorn angesetzt war, unterbrach Cajus Marcius Rufilus, welcher der erste bürgerliche Dictator gewesen war, durch die Erklärung, daß er sich zur Censur melde, die Einigkeit der Stände. Dem Anscheine nach that er dies zur unrechten Zeit, weil eben zwei Patricier Consuln waren, welche sich weigerten, auf ihn Rücksicht zu nehmen. Allein theils erreichte er seinen Zweck durch eigene Beharrlichkeit, theils kam ihm die Mitwirkung der Tribunen zu statten, welche zur Wiedererhaltung eines Rechts, das ihnen auf den consularischen Wahltagen nicht mehr zustand, alle Kräfte aufboten: auch wohnte in dem Manne selbst eine Würde, für welche die höchste Ehrenstelle nicht zu hoch war; und vorzüglich wünschte der Bürgerstand gerade durch den Mann, der ihm die Bahn zur Dictatur eröffnet hatte, auch an der Censur Antheil zu bekommen. Aller Widerspruch in den Stimmen, der die Wahl des Marcius mit dem Cneus Manlius zum Censor hätte verhindern können, fiel also am Wahltage weg. Auch hatte dies Jahr im Marcus Fabius einen Dictator; nicht etwa, weil man Krieg besorgte, sondern um am Wahltage der Consuln das Licinische Gesetz ungültig zu machen. Als Magister Equitum war dem Dictator Quintus Servilius zur Seite. Doch auch die 116 Dictatur war nicht vermögend, dem verabredeten Plane der Väter bei der Consulnwahl einen glücklichern Erfolg zu geben, als sie bei der Censornwahl gehabt hatten. 23. Der Bürgerstand gab den Marcus Popillius Länas zum Consul her, die Väter den Lucius Cornelius Scipio. Und selbst das Glück verlieh dem bürgerlichen Consul mehr Auszeichnung. Denn da die Nachricht einlief, daß sich ein großes Heer Gallier im Latinischen Gebiete gelagert habe, so wurde dem Popillius, weil Scipio von einer schweren Krankheit befallen ward, der Gallische Krieg außerordentlich übertragen. Durch seinen Eifer bei der Werbung des Heers stellte er, als sich auf seinen Befehl alle Dienstfertigen bewaffnet vor dem Capenischen Thore bei dem Marstempel eingefunden, und die Schatzmeister die Fahnen aus der Schatzkammer hieher geliefert hatten, vier vollzählige Legionen auf, übergab den Überschuß an Truppen dem Prätor Publius Valerius Publicola, und bewog die Väter, noch ein zweites Heer zu errichten, welches auf unvorhergesehene Ereignisse des Krieges dem State zum Schutze dienen könnte. Sobald er Alles hinlänglich angeordnet und herbeigeschafft hatte, zog er selbst gegen den Feind; und um sich von dessen Stärke lieber vorher zu unterrichten, als sie durch eine gewagte Entscheidung auf die Probe zu stellen, ließ er auf einer Anhöhe, so nahe er sie am Gallischen Lager besetzen konnte, einen Wall für ein Lager aufwerfen. Als jenes wilde und schlachtsüchtige Volk, das schon bei dem Anblicke der Römischen Fahnen in der Ferne, mit dem Vorsatze, sogleich zu schlagen, seine Linien ausbreitete, jetzt gewahr wurde, daß die Römer nicht in die Ebene herabrückten, sondern theils durch die hohe Stellung, theils durch Werke sich schützten; so hielt es dies für Verzagtheit, und in der Voraussetzung, daß sie ihm gerade jetzt bei der Anlegung ihrer Werke eine Blöße gäben, that es mit fürchterlichem Geschreie den Angriff. Von Seiten der Römer wurde die Arbeit nicht aufgegeben; – nur das dritte Glied war mit dem Schanzen beschäftigt: – und das erste und zweite, die vor den Schanzenden aufgepflanzt standen, fingen das Treffen an. 117 Außer ihrer Tapferkeit hatte auch die höhere Stellung die vorteilhafte Wirkung für die Römer, daß alle ihre Wurfpfeile und Lanzen, nicht wie gewöhnlich, wenn sie in der Ebene abgeschossen werden, fruchtlos zur Erde fielen, sondern sämtlich durch ihre Schwere niedergeschleudert hafteten: und die Gallier, mit Geschossen beladen, die ihnen entweder in ihren durchbohrten Körpern festsaßen, oder lastend in den Schilden hingen, waren sie gleich im Laufe beinahe zur Höhe hinaufgedrungen, machten dennoch jetzt unentschlossen Halt; und als eben dieses Zaudern den Muth auf ihrer Seite minderte, bei dem Feinde aber erhöhete, so stürzten sie, sobald sie zurückgeworfen wurden, alle über einander, und richteten unter sich selbst eine schrecklichere Niederlage an, als, der einhauende Feind. So wurden ihrer Mehrere im bergabstürzenden Gewühle zertreten, als durch das Schwert erlegt. 24. Allein noch war der Sieg den Römern nicht gewiß. Als sie in die Ebene herabkamen, hatten sie einen neuen Riesenkampf zu bestehen. Denn die Menge der Gallier, die alles Gefühl eines solchen Verlustes niederwog, ließ dem siegenden Feinde, als stände eine neue Schlachtordnung auf, frische Streiter entgegentreten. Die Römer brachen im Vorschritte ab und standen; denn theils sollten sie als Ermüdete von neuem in den Kampf gehen, theils hatte sich der Consul auf kurze Zeit aus der Schlacht entfernt, weil ihm, als er sich zu unvorsichtig unter den Vorderstreitern tummelte, die linke Schulter mit einem langen Gallischen Wurfspieße beinahe durchstochen war. Schon hatten sie über diese Verzögerung den Sieg aufgegeben, als der Consul, sobald er nach dem Verbande seiner Wunde wieder vor die Linie geritten kam, ihnen zurief: «Was stehst du, Soldat? Du hast hier nicht den Latiner, nicht den Sabiner als Feind vor dir, die du aus besiegten Feinden zu Verbündeten machen kannst. Unser Schwert ist auf Unthiere gezückt. Badet ihr euch nicht in ihrem Blute, so fließt das eure. Vom Lager habt ihr sie zurückgeschlagen; am Abhange hinunter habt ihr sie ins Thal gestürzt; ihr steht auf hingestreckten Leichen der Feinde. 118 Füllet nun mit eben dem Gemetzel die Felder, mit dem ihr die Berge bedeckt habt. Erwartet nicht, daß sie vor euch fliehen werden, wenn ihr steht: anrücken müßt ihr! hineinbrechen in den Feind!» Durch solche Ermunterungen zum neuen Angriffe gehoben, drängten sie die vorderen Haufen der Gallier von der Stelle; dann brachen sie in mehreren Keilen bis in den Mittelpunkt des feindlichen Heers. So aus einander geworfen fielen die Barbaren, nun ohne festen Befehl und ohne Anführer, über ihre eignen Truppen her, rannten, über die Ebene gejagt, auf der Flucht vor ihrem eignen Lager vorbei, und eilten der Höhe von Alba zu, die ihnen unter mehreren gleich hohen Hügeln als der erhabenste Punkt ins Auge fiel. Der Consul, der sie nicht über ihr Lager hinaus verfolgte, – denn theils beschwerte ihn seine Wunde, theils wollte er das vom Gefechte ermüdete Heer nicht unter die vom Feinde besetzten Anhöhen ziehen – überließ die sämtliche Beute des Lagers dem Soldaten und führte sein Heer siegreich und mit Gallischem Raube beladen nach Rom zurück. Den Triumph des Consuls verspätete seine Wunde: eben dieser Umstand erregte auch bei dem Senate den Wunsch nach einem Dictator, um jemand zu haben, der während der Krankheit der Consuln den Wahltag hielte. Lucius Furius Camillus, welcher zum Dictator ernannt wurde, und den Publius Cornelius Scipio zum Magister Equitum nahm, verschaffte den Vätern den vorigen Besitz des Consulates wieder. Dieses Verdienstes wegen wurde er selbst durch die triftigsten Bemühungen der Väter zum Consul gewählt, und machte die Wahl des Appius Claudius Crassus zu seinem Amtsgenossen bekannt. 25. Ehe die neuen Consuln ihr Amt antraten, hielt Popillius seinen Triumph über die Gallier, unter großen Beifallsbezeigungen der Bürgerlichen; und murmelnd fragten sie einer den andern, ob irgend jemand Ursache habe, mit einem bürgerlichen Consul unzufrieden zu sein. Zugleich schalten sie auf den Dictator, daß er zum Lohne für seine Nichtachtung des Licinischen Gesetzes das Consulat erhascht habe, das dem Manne durch seine Amtssucht, in 119 sofern er als Dictator sich selbst zum Consul habe wählen lassen, noch größere Unehre bringe, als durch das dem Volke angethane Unrecht. Das Jahr zeichnete sich durch viele und manchfache Unruhen aus. Die Gallier verheerten in Streifzügen von den Albanischen Gebirgen herab, weil sie dort den harten Winter nicht aushalten konnten, die Ebenen und die Ortschaften am Meere. Das Meer, den Strich an der Küste von Antium, die Gegend um Laurentum und die Mündungen der Tiber machten Griechische Flotten unsicher; so daß einmal diese Seeräuber im Zusammentreffen mit jenen zu Lande ein unentschiedenes Gefecht hatten, und beide ungewiß, ob sie Besiegte oder Sieger wären, die Gallier sich in ihr Lager, die Griechen auf ihre Schiffe zurückzogen. Mitten unter diesen Bewegungen erwuchs die schreckendste Besorgniß aus den von den Latinischen Völkerschaften im Haine der Ferentina gehaltenen Versammlungen, und der nicht zweideutigen Antwort, die sie den Römern auf die geforderte Truppenstellung gaben: «Sie möchten aufhören, denen befehlen zu wollen, deren Hülfe sie nöthig hätten. Die Latiner würden die Waffen lieber für eigne Freiheit, als für fremde Herrschaft ergreifen.» Weil der Senat in der Verlegenheit, in welche ihn bei zwei gleichzeitigen Kriegen von außen noch der Abfall der Bundesgenossen setzte, es nöthig fand, Völker, welche sich durch Treue nicht fesseln lassen wollten, durch Furcht zu fesseln; so befahl er den Consuln, bei der zu haltenden Werbung sich auf die sämtlichen Kräfte des States auszudehnen. Da das Bundesheer abfalle, so müsse man sich mit einem Heere von Eingebornen behaupten. In dieser rund umher angestellten Aushebung nicht bloß der städtischen, sondern auch der ländlichen Jünglinge soll man zehn Legionen aufgebracht haben, jede zu viertausend zweihundert Mann zu Fuß und dreihundert zu Pferde. Selbst jetzt würden bei einer plötzlichen Gefahr von außen die vereinten Kräfte des Römischen Volks, denen der Erdkreis fast zu klein wird, ein so zahlreiches Heer aus neugeworbenen Landeskindern nicht ohne Schwierigkeit aufstellen. 120 So sind wir nur in dem, woran wir krank liegen, groß geworden, in Reichthum und Schwelgerei. Es gehört zu den übrigen Unfällen dieses Jahrs, daß der eine Consul, Appius Claudius, mitten unter den Rüstungen zum Kriege starb: und so kam die ganze Regierung in die Hände des Camillus. Und ihm, als alleinigem Consul, einen Dictator zu setzen, hielten die Väter für minder schicklich, theils überhaupt, weil man einen Mann von solchem Ansehen keiner Dictatur unterordnen müsse, theils auch der glücklichen Vorbedeutung wegen, die man bei diesem Aufstande gegen Gallier in seinem Familiennamen fand. Der Consul ließ der Stadt zwei Legionen zur Besatzung, theilte die acht mit dem Prätor Lucius Pinarius; und seines verdienstvollen Vaters würdig nahm er den Gallischen Krieg, ohne zu losen, für sich selbst; den Prätor hieß er die Seeküste decken und den Griechen die Landung wehren. Als er ins Pomptinische hin abgezogen war, wählte er einen schicklichen Platz zum Standlager: er wünschte keinen Angriff in der Ebene, zu welchem nichts ihn zwang, und glaubte auch, einem Feinde, der bloß vom Raube zu leben gezwungen sei, Schaden genug zu thun, wenn er ihm die Plünderungen verwehrte. 26. Als hier die Römer ruhig auf ihren Posten standen, trat ein Gallier hervor, ausgezeichnet durch seine Größe und Rüstung; und da er durch Schläge auf seinen Schild alle zum Stillsein aufgefordert hatte, rief er durch einen Dollmetscher einen von den Römern auf, sich mit Ihm zu schlagen. Marcus Valerius, damals Oberster, ein Jüngling, der sich es zutrauete, einer solchen Ehre eben so würdig zu sein, als Titus Manlius Siehe oben Cap. 10. , bewarb sich zuvor um die Einwilligung des Consuls und trat bewaffnet in die Mitte. Den minder auffallenden Kampf der beiden Sterblichen verherrlichte Deorum factum.] – Statt factum lieset Hr. Walch AVCTVM. Und ich benutze dankbar die Verbesserung. eine eintretende Fügung der Götter. Dem schon angreifenden Römer setzte sich plötzlich ein Rabe auf den Helm, in die Richtung gegen den 121 Feind. Erfreut nahm dies der Tribun sogleich für Begünstigung des Himmels, und empfahl sich im Gebete dem gnädigen Schutze des Gottes, oder der Göttinn, die ihm den geflügelten Boten des Glücks gesandt habe. Man höre und staune! Der Vogel blieb nicht allein auf der einmal genommenen Stelle, sondern bei jedem Gange des Gefechts hob er sich mit den Flügeln, und fuhr mit Schnabel und Krallen dem Feinde ins Gesicht und in die Augen, bis dieser, durch den Anblick eines solchen Ungethüms geschreckt und seiner Augen und Besinnung kaum noch mächtig, vom Valerius erlegt wurde. Der Rabe, den Blicken entschwebend, flog gegen Morgen. So lange verhielt man sich auf beiderseitigen Posten ruhig. Als aber der Tribun dem erlegten Feinde die Waffen nehmen wollte, blieben die Gallier nicht länger auf ihrer Stelle, und rascher noch liefen die Römer dem Sieger zu. Hier erwuchs das neben der Leiche des daliegenden Galliers entstandene Gefecht zu einer mörderischen Schlacht. Bald waren nicht bloß die Haufen von den nächsten Posten, sondern die von beiden Seiten herzugeströmten Legionen handgemein. Camillus hieß seine Soldaten, die der Sieg ihres Tribuns, die der sichtbare Beistand der Götter mit frohem Muthe erfüllte, dem Rufe der Schlacht folgen, und indem er auf den im Schmucke der Feindesbeute prangenden Tribun hinzeigte, rief er: «Dem thu es nach, Soldat! und strecke Gallier in Scharen neben dem liegenden Führer hin.» Götter und Menschen thaten in dieser Schlacht das Ihrige, und der Sieg über die Gallier kam zur völligen Entscheidung: so gewiß hatten sich beide Heere schon im Geiste von ihrer Schlacht denselben Ausgang versprochen, den der Zweikampf ihrer Krieger für beide gehabt hatte. Zwischen den ersten Haufen, deren Zusammentreffen die übrigen herbeigezogen hatte, war das Gefecht schrecklich: der übrige Schwarm der Gallier nahm die Flucht, ehe er dem Feinde in den Schuß kam. Zuerst zerstreuten sie sich über das Volsker- und Falernergebiet, darauf wandten sie sich nach Apulien und dem Obermeere . 122 Der Consul beschenkte den vor einer berufenen Versammlung mit Lobsprüchen überhäuften Tribun mit zehn Ochsen und einem goldenen Kranze. Dann vereinigte er sich nach erhaltenem Senatsbefehle, des Seekrieges sich anzunehmen, mit dem Prätor. Weil sich aber bei der Saumseligkeit der Griechen, die sich auf keine Schlacht einließen, die Sache zu verzögern schien, so ernannte er hier nach einem Senatsgutachten, damit der Wahltag gehalten werden könnte, den Titus Manlius Torquatus zum Dictator. Als der Dictator den Aulus Cornelius Cossus zum Magister Equitum ernannt hatte, hielt er den consularischen Wahltag, und kündigte den von allen Stimmen des Volks begünstigten Nacheiferer seines Ruhms, den abwesenden Marcus Valerius Corvus (Rabe) (denn in der Folge hatte er diesen Zunamen) in einem Alter von dreiundzwanzig Jahren als erwählten Consul an. Zum Amtsgenossen aus dem Bürgerstande bekam Corvus den Marcus Popillius Länas, der dadurch zum viertenmale Consul ward. Gegen die Griechen richtete Camillus nichts von Erheblichkeit aus. Sie waren so wenig Krieger zu Lande, als der Römer zur See. Als ihnen endlich, weil sie zu keiner Landung kommen konnten, bei den übrigen Bedürfnissen auch das Wasser ausging, verließen sie Italien. Von welcher Griechischen Völkerschaft oder von welchem Hauptvolke diese Flotte gewesen sei, ist ungewiß. Ich möchte am liebsten glauben, daß sie Siciliens Kleinherrschern gehört habe: denn das jenseitige Gräcien sah schon in jener Zeit, durch innern Krieg erschöpft, der Macedonischen Übermacht mit Schaudern entgegen Kaum neun Jahre später siegte Philipp bei Chäronea . . 27. Als nach Entlassung der Heere Friede von außen und im Innern Eintracht der Stände und Ruhe herrschte, zwang eine Pest, welche den Stat als Milderung seines zu großen Glückes heimsuchte, den Senat, durch die Zehnherren die Sibyllinischen Bücher nachschlagen zu lassen, auf deren Andeutung ein Göttermahl angestellt wurde. In diesem Jahre führten die Antiaten eine Pflanzung 123 nach Satricum und baueten diese von den Latinern zerstörte Stadt wieder auf. Und zu Rom schloß man mit den Gesandten von Carthago, welche mit der Bitte um Freundschaft und Bündniß gekommen waren, einen Vertrag. Eben diese Ruhe von außen und im Innern dauerte unter den Consuln Titus Manlius Torquatus und Cajus Plautius fort. Doch wurden die Zinsen statt des bisher gezahlten zwölften Theils vom Capitale auf den vierundzwanzigsten Theil herabgesetzt Man sehe oben die erste Anmerkung zu Cap. 16. Die Zinsen trugen also nunmehr nur noch 4 1 / 6 vom Hundert. ; und die Abtragung der Schulden wurde zu gleichen Zahlungen auf drei Jahre vertheilt, wenn das erste Viertel gleich jetzt bar bezahlt würde. Und ging gleich selbst bei dieser Einrichtung noch Mancher vom Bürgerstande zu Grunde, so hielt doch der Senat den öffentlichen Credit für einen wichtigern Gegenstand seiner Sorge, als die Noth der Einzelnen. Doch bekamen diese vorzüglich dadurch Erleichterung, daß keine Steuer und keine Werbung eintrat. Im dritten Jahre nach Satricum's Wiedererbauung durch die Volsker erhielt Marcus Valerius Corvus, der in seinem zweiten Consulate den Cajus Pötelius zum Gehülfen bekam, auf die Nachricht aus Latium, daß Gesandte von Antium, um einen Krieg zu Stande zu bringen, die Latinischen Völkerschaften bereiseten, den Auftrag, ehe der Feinde mehr würden, die Volsker zu bekriegen, und zog mit seinem erbitterten Heere gegen Satricum. Da ihm hier die Antiaten und andern Volsker mit ihren auf den Fall einer Bewegung von Rom aus schon in Bereitschaft gehaltenen Truppen entgegenrückten, so erlaubte die alte Erbitterung auf beiden Seiten keinen Aufschub des Kampfs. Die Volsker, denen es eigen war, den Krieg muthiger zu erneuren, als zu führen, eilten nach verlorner Schlacht in vollem Laufe den Mauern Satricums zu; und da sie sich auch nicht einmal durch die Festungswerke gesichert glaubten, ergaben sie sich, als eben die rund umstürmte Stadt mit Leitern erstiegen wurde, den wehrlosen 124 Haufen nicht gerechnet, an die viertausend Krieger. Die Stadt wurde zerstört und verbrannt, nur den Tempel der Mutter Matuta Siehe B. VI. C. 33. ließ man mit dem Feuer verschont. Die ganze Beute wurde dem Soldaten überlassen: doch wurden die viertausend, die sich ergeben hatten, nicht zur Beute gerechnet. Diese ließ der Consul gebunden vor seinem Triumphwagen herziehen und legte aus ihrem Verkaufe eine große Summe in die Schatzkammer. Nach einigen Berichten bestand diese Menge bloß aus gefangenen Sklaven, und dies ist mir wahrscheinlicher, als daß man die verkauft haben sollte, die sich ergeben hatten. 28. Auf diese Consuln folgten Marcus Fabius Dorso, Servius Sulpicius Camerinus. Jetzt machten die Aurunker mit einer unerwarteten Plünderung den Anfang zum Kriege: und aus Besorgnis, diese That einer einzelnen Völkerschaft deute auf einen Plan des Latinischen Gesamtvolkes, wählte man den Lucius Furius, als stände schon ganz Latium in den Waffen, zum Dictator, und er ernannte den Cneus Manlius Capitolinus zum Magister Equitum. Und nachdem man, wie es sonst nur bei einem großen Aufstande gewöhnlich war, einen Gerichtsstillstand bekannt gemacht und bei der Werbung jede Befreiung für ungültig erklärt hatte, wurden die Legionen, so schnell als möglich, in das Land der Aurunker geführt. Hier trafen sie mehr mit Räubergesindel, als mit feindlichen Kriegern zusammen: also war der Krieg mit der ersten Schlacht geendet. Weil sie indeß der angreifende Theil gewesen waren, und sich auch ohne Zögerung zum Treffen stellten, so glaubte der Dictator auch die Hülfe der Götter nöthig zu haben und gelobte, während dem Gefechte selbst, der Juno Moneta Crevier erinnert, daß diese Juno, welcher Camillus (der Sohn) dem Tempel gelobte, den Zunamen Moneta erst später bekam. Die aus diesem Tempel nach einem Erdbeben gehörte Stimme, welche ein gewisses Opfer anbefahl, gab ihr den Namen Junonis monentis oder Monetae. Crevier führt die Stelle Cicero's an de Divin. I. 45. 101. Und erst nach dem Kriege mit Pyrrhus wurde in diesem Tempel Geld geprägt. einen Tempel. Er kam, zur Leistung seines Gelübdes verpflichtet, siegreich nach Rom zurück, 125 und legte die Dictatur nieder. Diesen Tempel der Ehre des Römischen Volks würdig aufzuführen, ließ der Senat Zweiherren ernennen. Man bestimmte ihm den Platz auf der Burg, wo das Haus des Marcus Manlius Capitolinus gestanden hatte. Von dem Heere des Dictators machten die Consuln Gebrauch zu einem Kriege mit den Volskern, und nahmen den Feinden Sora durch Überfall. Der Tempel der Moneta wurde in dem Jahre nach seiner Gelobung eingeweihet, unter dem Cajus Marcius Rutilus und Titus Manlius Torquatus, von denen jener zum dritten-, dieser zum andernmale Consul war. Gleich nach der Einweihung ereignete sich ein Schreckzeichen, jenem alten ähnlich, das man auf dem Albanischen Berge Unter dem Tullus Hostilius, B. I. C. 31. wahrnahm. Denn es fiel ein Steinregen und mitten am Tage schien die Nacht einzutreten; und da man wegen der frommen Besorgnisse, womit die ganze Stadt erfüllt war, die heiligen Bücher nachgeschlagen hatte, so beschloß der Senat, für die Feier der anzuordnenden Bettage einen Dictator zu ernennen. Man ernannte den Publius Valerius Publicola. Zum Magister Equitum bekam er den Quintus Fabius Ambustus. Man traf die Einrichtung, die feierlichen Aufzüge der Betenden nicht bloß von den Stadtbezirken halten zu lassen, sondern auch von den nächsten Völkerschaften; und es wurde eine Ordnung festgesetzt, an welchem Tage jede den Kirchgang halten sollte. In diesem Jahre soll das Volk die von den Ädilen vor Gericht gezogenen Wucherer zu harten Strafen verurtheilt haben. Und ohne allen einer Angabe würdigen Grund ließ man wieder eine Zwischenregierung eintreten. Aus dieser Zwischenregierung – fast hätte man denken sollen, dies sei die Absicht gewesen – ging das Consulat zweier Patricier hervor, Marcus Valerius Corvus zum drittenmale und des Aulus Cornelius Cossus . 29. Von hier an habe ich Kriege zu erzählen, die theils durch die Stärke der Feinde, theils eben so sehr durch die Entlegenheit des Schauplatzes, als durch die 126 Länge ihrer Dauer, von größerer Wichtigkeit waren. Denn in diesem Jahre ergriff Rom die Waffen gegen die Samniten, dieses mächtige und kriegerische Volk. Nach dem Kriege mit den Samniten, der seine mißlichen Zeitpunkte hatte, trat Pyrrhus als Feind auf, und nach dem Pyrrhus die Punier. Welch eine Masse von Begebenheiten! wie oft war Rom am Abgrunde der Gefahr, um seine Oberherrschaft zu dieser Größe hinanzuheben, die es selbst kaum tragen kann! Der Krieg mit den Samniten hatte für die Römer, die mit ihnen als Freunde verbündet waren, eine äußere Veranlassung; entspann sich nicht zwischen den Parteien selbst. Die Samniten vermochte ihre Überlegenheit über die Sidiciner zu einem ungerechten Kriege gegen sie: und die Schwächern, genöthigt, Hülfe bei Mächtigern zu suchen, verbanden sich mit den Campanern. Da die Campaner zum Schutze ihrer Bundesgenossen mehr ihren Namen, als wahre Macht aufstellen konnten, so zogen sie, sobald sie im Gebiete der Sidiciner als die verweichlichten Schwelger gegen jene unter den Waffen abgehärteten Krieger die Schlacht verloren hatten, den ganzen Sturm des Krieges auf sich herüber. Denn die Samniten, die sich mit Aufgebung der Sidiciner gegen den Rückenhalt dieser ihrer Nachbarn, gegen die Campaner selbst, wandten, besetzten die bei Capua ragenden Höhen Tifata mit einem starken Kohre und zogen in geschlossenen Gliedern in die zwischen Capua und Tifata gelegene Ebene. Hier fochten die Linien zum zweitenmale, und da die durch die mislungene Schlacht auf ihre Mauern beschränkten Campaner nach dem Verluste ihrer Kerntruppen keine Hülfe in der Nähe zu hoffen hatten, so sahen sie sich gezwungen, die Römer um Beistand zu bitten. 30. Ihre Gesandten hielten, als sie vor dem Senate auftraten, etwa folgende Rede: «Das Campanische Volk, ihr versammelten Väter, hat uns, seine Gesandten, an euch geschickt, ihm eure Freundschaft auf immer, eure Hülfe für diesen Augenblick zu erbitten. Hätten wir um jene in unserm 127 Wohlstände gebeten, so würde sie, so wie sie schneller begonnen hätte, auch durch ein schwächeres Band geknüpft sein. Dann nämlich würden wir bei dem Bewußtsein, die Freundschaft mit euch als gleiche Theile geschlossen zu haben, eure Freunde vielleicht eben so gut, als jetzt, allein auch die minder abhängigen und verpflichteten gewesen sein. So aber müssen wir, durch euer Mitleiden an euch gekettet und durch euren Beistand in unsrer Noth geschützt, auch die empfangene Wohlthat verehren, um nicht undankbar, nicht aller göttlichen und menschlichen Hülfe unwürdig zu scheinen. Auch kann der Umstand, daß die Samniten eure Freunde und Bundsgenossen eher als wir geworden sind, unmöglich die Wirkung haben, daß wir nicht in eure Freundschaft aufgenommen würden; sondern nur die, daß sie an Alter und Rang uns vorgehen: denn in eurem Bündnisse mit den Samniten ist ja nicht festgesetzt, daß ihr keine neuen Bündnisse schließen solltet.» «Ihr fandet euch von jeher schon dadurch hinlänglich zur Freundschaft aufgefordert, daß der, der sich um euch bewarb, euer Freund zu werden wünschte. Wir Campaner aber, erlaubt uns gleich unser gegenwärtiges Schicksal keinen zu hohen Ton, geben dennoch meines Erachtens, da wir in der Größe der Stadt, in der Fruchtbarkeit des Landes, außer euch, keinem andern Volke nachstehen, durch unsern Beitritt als Freunde eurem blühenden Wohlstande keinen geringen Zuwachs. Den Äquern und Volskern, den ewigen Feinden dieser Stadt, werden wir, so wie sie sich regen, im Rücken sein; und was ihr für unsre Rettung zuerst gethan haben werdet, das werden wir für eure Oberherrschaft, für euren Ruhm zu allen Zeiten thun. Sind die Völker zwischen uns und euch bezwungen;– eine Zukunft, die wir uns von eurer Tapferkeit und eurem Glücke als sehr nahe versprechen dürfen – so erstreckt sich eure Herrschaft ununterbrochen bis zu uns. Schmerzhaft und traurig ist das Bekenntniß, zu dem unser Schicksal uns zwingt. Es ist so weit gekommen, ihr versammelten Väter, daß wir Campaner 128 entweder zu euren Freunden, oder zu euren Feinden gehören müssen. Nehmt ihr uns in Schutz, so sind wir die eurigen: verlaßt ihr uns, so gehören wir den Samniten. Ob ihr also Capua und ganz Campanien lieber eurer, oder der Macht der Samniten anheim fallen lassen wollet, dies sei der Gegenstand eurer Überlegung. Es ist zwar billig, ihr Römer, daß zu eurem Mitleiden, zu eurem Beistande Alle gleichen Zutritt haben; allein die doch vorzüglich, die, da sie Andern auf deren Bitte über ihre Kräfte Hülfe leisteten, sich jetzt Alle selbst in diese Nothwendigkeit versetzt sehen. Wiewohl wir haben für die Sidiciner nur dem Namen nach, eigentlich aber für uns selbst gefochten: denn wir sahen ja von der schändlichen Straßenräuberei der Samniten unsre Nachbaren angefallen; sahen, daß dieser Brand, sobald er die Sidiciner verzehrt hätte, zu uns herüberschlagen würde. Und wirklich kommen die Samniten auch jetzt nicht deswegen gegen uns angezogen, weil sie sich für unsern Angriff rächen wollen, sondern weil ihnen der gebotene Vorwand willkommen ist. Oder wenn dies zürnende Empfindlichkeit und nicht vielmehr Benutzung des Augenblicks zur Sättigung ihrer Habsucht wäre, konnten sie sich dann nicht damit begnügen, unsre Legionen einmal im Sidicinischen, und noch einmal in Campanien selbst, gestraft zu haben? Giebt es eine so erbitterte Feindseligkeit, die das Blut zweier Schlachten nicht befriedigen könnte? Und hierzu rechne man noch die Plünderung unsres Gebietes, die als Beute weggetriebenen Menschen und Heerden, die niedergebrannten und zertrümmerten Dörfer, die Verheerung des Ganzen durch Feuer und Schwert! Durch dies Alles hätte ihr Zorn nicht gesättigt werden können? Aber nein, ihre Habsucht sollte gesättigt werden. Diese spornt sie zur Bestürmung von Capua. Entweder wollen sie diese herrliche Stadt zerstören, oder selbst besitzen. So kommet doch ihnen, ihr Römer, in der Besetzung durch eure Wohlthat lieber zuvor, als daß ihr sie in dem durch Frevel erworbenen Besitze lasset.» «Ich rede freilich nicht zu einem Volke, das der 129 Führung gerechter Kriege sich weigerte, und doch möchte ich glauben, wenn ihr eure Hülfe nur zeigtet, ihr würdet den Krieg nicht einmal nöthig haben. Bis zu uns konnte sich die Verachtung der Samniten erstrecken, über uns hinaus wird sie sich nicht erheben. So könnten wir schon vom Schatten eurer Hülfe, ihr Römer, geschirmt werden, wir, denen Alles, was wir in der Folge haben und sein werden, als euer Eigenthum erscheinen wird! Euch wird der Campanische Acker gepflügt werden; euch Capua die volkreiche Stadt sein: unsern Erbauern, unsern Vätern, den unsterblichen Göttern werden wir euch an die Seite setzen. Ihr werdet keine Pflanzstadt haben können, die uns an Folgsamkeit gegen euch und Treue überträfe. Lasset uns Campanern, versammelte Väter, euren Wink, euren heiligen nie besiegten Schutz angedeihen, und befehlt uns die Hoffnung, daß Capua länger stehen soll. Was glaubt ihr wohl, in welcher zahlreichen Begleitung der Menge aus allen Ständen wir von dort abgereiset sind? wie wir Alles unter Gelübden und Thränen verlassen haben? in welcher Erwartung jetzt der Senat und das Volk zu Capua, und unsre Gattinnen und Kinder sind? Ich bin gewiß, daß die ganze Menge an den Thoren steht und den von hier dorthin führenden Weg hinunter, der Antwort entgegen sieht, die wir ihnen in ihrer Angst und Ungewißheit auf euren Befehl, versammelte Väter, zu melden haben möchten. In dem einen Falle bringt sie Rettung, Sieg, Leben und Freiheit: im andern – – mich schaudert davor, ihre Folgen zu ahnen. Also gehet über uns zu Rathe, entweder, als über eure künftigen Verbündeten und Freunde, oder als über völlig aus allem Dasein verschwundene.» 31. Als der Senat, sobald die Gesandten abgetreten waren, befragt wurde, so galt ihm die Redlichkeit, obgleich nach der Meinung eines großen Theils die ansehnlichste und wohlhabendste Stadt Italiens, und ihr fruchtbares, dem Meere so nahes Land in theuren Zeiten eine Kornkammer Roms werden konnte, dennoch mehr, als ein 130 so großer Vortheil, und dem Gutachten des Senats gemäß gab der Consul diese Antwort: «Der Senat, ihr Campaner, erklärt euch des Beistandes würdig: allein es gebührt sich, die Freundschaft mit euch nur dann zu knüpfen, wenn keine ältere Freundschaft und Verbündung dadurch gekränkt wird. Die Samniten sind unsre Bundesverwandten. Also versagen wir euch unsre Waffen gegen die Samniten, weil wir sie sonst eher gegen die Götter, als gegen die Menschen, ergreifen müßten. Allein wir wollen, was uns göttliche und menschliche Rechte erlauben, an unsre Bundsgenossen und Freunde Gesandte mit der Bitte abgehen lassen, daß sie euch kein Leid thun sollen.» Hierauf erwiederte das Haupt der Gesandschaft, ihren mitgegebenen Verhaltungsbefehlen gemäß: «Wenn ihr denn das Unsrige gegen Gewalt und Unrecht durch gerechte Gewalt nicht schützen wollt, so vertheidigt es wenigstens als das Eurige. Hiermit übergeben wir das Campanische Volk und die Stadt Capua, das Land, die Tempel der Götter, alles göttliche und menschliche Eigenthum, ihr versammelten Väter, in eure und des Römischen Volkes Gewalt; um Alles, was wir noch zu leiden haben sollen, als eure Unterthanen zu leiden.» Mit diesen Worten warfen sie sich Alle, die Hände zu den Consuln emporstreckend und in Thränen schwimmend, im Vorsale des Rathhauses zur Erde. Dieser Wechsel in den menschlichen Schicksalen rührte die Väter; wenn sogar ein Volk mit diesem Übergewichte an Macht, durch seine Üppigkeit und Prachtliebe so berufen, bei dem noch kurz zuvor die Nachbaren Hülfe gesucht hätten, so den Muth sinken lassen müsse, daß es selbst sich und alles das Seine in fremde Hände gäbe. Jetzt schien es Sache der Ehre, sie als neue Unterthanen nicht preiszugeben; und man hielt es für eine Ungerechtigkeit von Seiten der Samniten, wenn sie ein Land und eine Stadt, die durch Übergabe Römisches Statseigenthum geworden waren, bekriegen wollten. Es wurde also beschlossen, sogleich an die Samniten Gesandte zu schicken. Sie hatten den Auftrag, die Bitte der Campaner, 131 die darauf vom Senate ertheilte, den Bund mit den Samniten berücksichtigende, Antwort, und die hinterher erfolgte Übergabe den Samniten aus einander zu setzen. Dann sollten sie vermöge der bestehenden Bundes - und Freundschaftsverhältnisse sie ersuchen, eines in Römischen Schutz übergegangenen Volkes zu schonen, und ein Land, das Römisches Eigenthum geworden sei, nicht feindlich zu behandeln. Sollte es ihnen mit diesen gütlichen Vorstellungen nicht gelingen, so hätten sie den Samniten im Namen des Römischen Volks und Senats anzudeuten, sich an der Stadt Capua und dem Campanischen Lande nicht zu vergreifen. Die Antwort der Samniten auf diesen in ihrer Versammlung von den Gesandten gemachten Antrag wurde mit so vielem Trotze ertheilt, daß sie nicht allein erklärten, sie würden in der Führung dieses Krieges beharren, sondern daß sogar ihre Obrigkeiten bei ihrem Austritte aus dem Rathhause vor den noch dastehenden Gesandten die Anführer ihrer Cohorten riefen und ihnen mit lauter Stimme den Befehl gaben, sogleich auf Plünderung ins Campanische einzurücken. 32. Als die Gesandschaft mit dieser Antwort nach Rom zurückkam, beschlossen die Väter, welche mit Beiseitsetzung aller übrigen Geschäfte Bundespriester hinschickten, um auf Schadenersatz anzutragen, und als dieser nicht geleistet wurde, die Kriegserklärung mit der gewöhnlichen Feierlichkeit nachfolgen ließen, die Sache je eher je lieber an das Volk gelangen zu lassen: und nach erfolgter Genehmigung vom Gesamtvolke brachen beide Consuln mit zwei Heeren aus der Stadt, Valerius nach Campanien auf, Cornelius nach Samnium, und lagerten sich, jener am Gebirge Gaurus, dieser bei Saticula. Valerius traf zuerst auf die Legionen der Samniten; denn hier war es, wo sie dem Hauptsturme des Krieges entgegensahen: zugleich trieb sie auch die Rache auf die Campaner, die immer gleich schnell gewesen wären, hier, Hülfe gegen sie zu leisten; dort, Hülfe gegen sie herbeizurufen. So wie sie das Römische Lager erblickten, forderten sie, jeder bei 132 seinem Anführer, das Zeichen zur Schlacht, und versicherten, der Römer solle dem Campaner mit nicht besserm Erfolge zu Hülfe gekommen sein, als einst der Campaner dem Sidiciner . Valerius, der unter leichten Gefechten nur einige Tage verstreichen ließ, um seinen Feind kennen zu lernen, befahl das Zeichen zur Schlacht aufzustecken, und faßte sich in der Ermunterung der Seinigen kurz: «Der neue Krieg, der neue Feind dürfe sie nicht schrecken. «Je weiter sie, die Waffen in der Hand, von der Stadt vorrückten, je unkriegerischer würden die Völker, zu denen sie fortschritten. Sie möchten nicht aus der Sidiciner und Campaner Niederlagen auf die Tapferkeit der Samniten schließen. Möchten die Kämpfenden noch so feige gewesen sein, so habe doch die eine Partei nothwendig besiegt werden müssen. Und die Campaner nun wären unstreitig mehr von ihrer eignen, durch übertriebene Schwelgerei herbeigeführten, Abspannung und von ihrer Weichlichkeit, als von der Kraft ihrer Feinde besiegt. «Was aber auch zwei in so vielen Jahrhunderten erfochtene Siege der Samniten gegen die vielen ruhmvollen Thaten des Römischen Volks sagen wollten, das beinahe mehr Triumphe zahle, als Jahre seit Erbauung der Stadt? das Alles um sich her, Sabiner, Hetrurier, Latiner, Herniker, Äquer, Volsker, Aurunker, mit seinen Waffen unterjocht? das die in so vielen Treffen niedergehauenen Gallier endlich gezwungen habe, auf das Meer und auf Schiffe zu fliehen Cap. 26. in der Mitte hieß es von den geschlagenen Galliern: Apuliam ac mare Superum petierunt. . Freilich müsse Jeder hauptsächlich im Vertrauen auf eignen Kriegsruhm und eigne Tapferkeit ins Treffen gehen; dann aber auch beherzigen, unter wessen Führung und Götterleitung er zur Schlacht auftreten solle; ob er bei seinem bloß in den Worten kraftvollen, der Kriegsgeschäfte unkundigen, Feldherrn nur auf die hochtönenden Ermunterungen zu hören habe; oder ob dieser auch für seine Person sich darauf verstehe, die 133 Waffen zu handhaben, vor die Glieder zu schreiten, und sich im Sturme der Schlacht zu zeigen. Es würde mir lieb sein, Soldaten,» so fuhr er fort, «wenn ihr euch, ohne auf meine Worte zu hören, nach meinen Thaten richtetet; nicht bloß meiner Zucht, sondern auch meinem Muster, folgtet. Nicht durch Parteien, nicht durch die dem Adel gewöhnlichen Verabredungen, sondern mit dieser meiner Rechte habe ich mir seit kurzem drei Consulate Das modo hinter factionibus läßt sich mit Sigonius, in dem Sinne eines nuper vertheidigen. Nur möchte ich es nicht mit Drakenb. zu usitatas ziehen, sondern, wie ich hier gethan habe, zu peperi. Valerius hatte in sechs Jahren dreimal das Consulat gehabt. Was hier, meiner Meinung nach, in dem modo liegt, läßt Livius seinen Valerius Cap. 40. §. 8. ausführlicher mit den Worten sagen: Ex aetate consulatum adeptus eram, ut potuerim, tres et viginti annos natus, consul etc. und die höchste Ehre errungen. Die Zeiten sind vorbei, in welchen man sagen konnte: ««Ja freilich, du warest ein Patricier, und stammetest von den Befreiern des Vaterlandes; und in eben dem Jahre hatte dein Geschlecht das Consulat, in welchem diese Stadt einen Consul hatte.»» Jetzt haben wir Väter und ihr Bürgerlichen gleiche Ansprüche auf das Consulat; und es ist nicht mehr, wie einst, der Preis der Abkunft, sondern des Verdienstes. Darum, ihr Soldaten, habt immer die höchste Ehre im Auge! Habt ihr gleich als Menschen, die der göttlichen Fügung folgten, mir diesen neuen Zunamen Corvus beigelegt, so ist doch darum jener alte Zuname unsrer Familie, Publicola, noch keinesweges vergessen. Ich blieb immer, im Kriege und Frieden, ich mochte ohne Amt, oder in Ämtern sein, in kleinen und in großen, mochte Tribun oder Consul sein, in gleichem Fortgange durch alle meine Consulate, wie sie auf einander folgten, Verehrer des Bürgerstandes und habe ihn von jeher verehrt. Doch jetzt ans Werk! auf! erringet mit mir einen neuen, noch nie gekosteten, Triumph über die Samniten. » 33. Kein Feldherr stand mit seinen Kriegern auf einen vertraulicheren Fuß, da er ohne alle Weigerung sich mit den gemeinsten Soldaten jeder Ausrichtung unterzog. Ferner in den soldatischen Spielen, wenn die Cameraden 134 sich mit einander in Wettstreite der Schnelligkeit und der Stärke einlassen, benahm er sich mit einer freundlichen Leichtigkeit; behielt als Sieger, als Besiegter, dieselbe Miene; war gegen niemand, der sich ihm zum Gegenmanne bot, zurückstoßend; war in seinen Handlungen nach Maßgabe des Verhaltens der Gütige, im Gespräche der Freiheit Anderer eben so sehr, als seiner Würde eingedenk; und was die Herzen des Volks am sichersten gewinnt, er wurde dem Gange, den er zur Erlangung seiner Ämter einschlug, auch in ihrer Verwaltung nicht untreu. Folglich gränzte die muthvolle Regsamkeit, mit welcher das ganze Heer auf die Ermunterung eines solchen Feldherrn aus dem Lager rückte, ans Unglaubliche. Begann je ein Treffen unter gleichen Hoffnungen, mit gleichen Kräften beider Theile, mit eignem Zutrauen auf sich selbst, ohne den Feind zu verachten, so war es dieses. Den Muth der Samniten erhöheten ihre neuen Thaten und der vor kurzem erfochtene zwiefache Sieg: den Muth der Römer der Ruhm von vier Jahrhunderten, und ihre Siege, gleichzählig den Jahren ihrer Stadt: und dennoch erregte beiden der neue Feind einige Besorgniß. Die Schlacht bewies die Stimmung beider Heere; denn sie fochten so, daß sich die Linie eine ganze Zeit lang nach keiner von beiden Seiten bog. Darauf versuchte der Consul, weil er auf einen Feind, den keine Tapferkeit vertreiben konnte, Verwirrung wirken lassen wollte, durch das Einhauen der Reuterei das feindliche Vordertreffen in Unordnung zu bringen: als er aber sah, daß diese, in fruchtlosem Getümmel mit ihren Geschwadern auf zu engem Räume kreisend, keine Bahn in die Feinde machen konnte, so rief er, indem er, bei seiner Zurückkunft zu den Vorderreihen der Legionen, vom Pferde sprang: «Soldaten, dies Stück Arbeit war uns Fußgängern aufbehalten! Wohlan! so wie ihr es von mir sehen werdet, wie ich mir allenthalben, wo ich dem Feinde in die Linie breche, mit dem Schwerte Bahn mache, so strecket auch ihr Jeden, der euch vor die Klinge kommt, zu Boden! Dort, wo jetzt die emporstarrenden Lanzen blinken, sollt ihr bald Alles weit hinein über Leichen 135 gebahnt sehen.» So sprach er, da sprengte die Reuterei, auf des Consuls Befehl sich theilend, auf die Flügel, und ließ dem Fußvolke zum Einbruche in das feindliche Mitteltreffen offenen Weg. Der Consul ging von Allen zuerst auf den Feind ein, und der, mit welchem ihn das Schicksal zusammenführte, fiel unter seinen Streichen. Zu seiner Rechten und zu seiner Linken, durch dieses Schauspiel zum Wetteifer gespornt, arbeitete Jeder im rühmlichsten Kampfe gerade vor sich hin. Entgegengestämmt hielten die Samniten Stand, bekamen sie gleich mehr Wunden, als sie beibrachten. Eine ganze Zeitlang war schon gefochten: schreckliches Gemetzel umgab die Fahnen der Samniten; aber noch regte sich durchaus keiner zur Flucht: so hartnäckig war ihr Entschluß, als Besiegte nur zu fallen. Die Römer, die in ihren sinkenden Kräften die Ermattung spürten und den Tag zu Ende gehen sahen, warfen sich als Wüthende auf den Feind. Und nun erst sah man weichende Schritte und einen Anfang zur Flucht; nun erst wurden hier Samniten gefangen, dort Samniten niedergehauen: und es würden sich wenige gerettet haben, wenn nicht die Nacht die Römer mehr vom Siegen, als vom Fechten, abgerufen hatte. Theils sagten es die Römer gerade heraus, daß sie nie mit einem hartnäckigern Feinde geschlagen hatten; theils legten sie den Samniten die Frage vor, Was ihnen als so standfesten Kämpfern die erste Veranlassung zur Flucht geworden sei. «In den Augen der Römer ,» antworteten sie, «hätten sie Flammen gesehen, in ihren Blicken Raserei, und Wuth auf ihrem Antlitze. Dies habe mit größerem Schrecken auf sie gewirkt, als irgend sonst etwas.» Und diesen Schrecken verriethen sie nicht bloß durch den Verlust der Schlacht, sondern auch durch ihren nächtlichen Aufbruch. Am folgenden Tage fiel das geräumte feindliche Lager den Römern in die Hände, in welches, ihnen Glück zu wünschen, ganz Capua in Scharen hinausströmte. 34. Übrigens wäre diese Freude beinahe durch eine große Niederlage in Samnium verkümmert. Denn der Consul Cornelius war nach seinem Aufbruche von Saticula 136 unvorsichtig genug, mit dem Heere in einen Forst einzurücken, der vermittelst seines tiefen Thals den Durchzug gewährte, allein rundum vom Feinde besetzt war; und er wurde den Feind über seinem Haupte nicht früher gewahr, als bis er sich schon nicht mehr mit Sicherheit zurückziehen konnte. Während nun die Samniten nur noch so lange warteten, bis ihm das ganze Heer in die Tiefe des Thals gefolgt sein würde, bemerkte der Kriegstribun Publius Decius einen ragenden Hügel des Forstes, der das feindliche Lager beherrschte, der zwar einem schwer beladenen Heere zu hoch, für Truppen ohne Gepäck aber nicht schwer zu ersteigen war. Er wandte sich an den bestürzten Consul und sprach: «Siehst du, Aulus Cornelius, jenen Gipfel über dem Feinde? Er ist der Fels unsrer Hoffnung und unsres Heils, wenn wir, da ihn die Samniten in ihrer Blindheit unbenutzt gelassen haben, ihn geschwind genug besetzen. Auch brauchst du mir nicht mehr als das erste und zweite Glied Einer Legion Zusammen etwa 2400 Mann. zu überlassen. Komme ich mit diesen auf der Höhe an, so zieh du, aller Furcht entledigt, weiter, und rette dich und das Heer: denn der Feind unter uns, jedem Schusse von und ausgesetzt, wird nicht nachziehen können, wenn er sich nicht vernichten lassen will. Uns wird dann entweder das Glück des Römischen Volks, oder unsre Tapferkeit loshelfen.» Vom Consul mit Lobsprüchen überhäuft zog er, nach Übernahme des Kohrs, in aller Stille durch den Forst, und wurde nicht eher vom Feinde bemerkt, bis er seinem Ziele schon nahe war. Während nun Alle vor Bewunderung staunten, – denn er hatte Aller Augen auf sich gezogen –; bekam durch ihn nicht nur der Consul Zeit, sich mit dem Heere auf einen freieren Platz hinauszuwinden, sondern auch er gewann den Stand auf der obersten Höhe. Den Samniten, welche darüber, daß sie sich bald gegen den Einen, bald gegen den Andern wandten, den Vortheil auf beiden Punkten versäumten, wurde es gleich 137 unmöglich, sowohl den Consul zu verfolgen, wenn sie nicht durch eben den Hohlweg ziehen wollten, in welchem sie ihn so eben noch ihren Pfeilen ausgesetzt gesehen hatten, als gegen den Hügel, welchen Decius über ihrem Haupte besetzt hatte, bergauf zu rücken. Doch bestimmte sie theils ihr Unwille, sich lieber gegen diese zu wenden, die ihnen den schönen Sieg entrissen hatten, theils die Nähe des Platzes und selbst die Schwäche des Postens; und bald wollten sie den Hügel auf allen Seiten mit Truppen einschließen, um den Decius vom Consul abzuschneiden; bald ließen sie einen Weg offen, um die ins Thal herabgegangenen anzugreifen. In dieser Unschlüssigkeit überfiel sie die Nacht. Decius hatte anfänglich die Hoffnung gehegt, von seiner Höhe herab mit einem bergansteigenden Feinde zu fechten: jetzt aber staunte er, daß sie weder einen Angriff unternahmen, noch ihn, wenn sie der nachtheilige Kampfboden von diesem Plan zurückschreckte, durch Werke und Schanzpfähle einschlossen. Dann sprach er zu den Hauptleuten, die er herbeirufen ließ: «Hab' ich je eine solche Unwissenheit in der Kriegskunst, eine solche Unthätigkeit gesehen! Und wie war es möglich, daß diese Leute über die Sidiciner und Campaner einen Sieg erlangen konnten? Ihr sehet, wie ihre Fahnen bald hieher, bald dort hinüber wanken; jetzt sich auf Einem Ruhepunkte vereinigen, dann wieder ausrücken. An Eröffnung der Werke denkt niemand, da wir schon umschanzt sein könnten. Dann müßten wir wahrhaftig ihnen ähnlich sein, wenn wir hier länger weilen wollten, als uns gut dünkt. Kommt, begleitet mich; wir müssen, so lange wir noch etwas Tageslicht haben, erspähen, wo sie ihre Posten aufstellen; wo uns ein Ausweg offen bleibt.» Damit die Feinde nicht merken möchten, daß der Anführer selbst die Runde mache, untersuchte er Alles im gewöhnlichen Kriegerrocke, und ließ die Hauptleute, eben so als gemeine Soldaten gekleidet, mitgehen. 35. Als er hierauf die Nachtwachen angeordnet hatte, ließ er allen Übrigen bei der Parole bestellen: Wenn das 138 Horn das Zeichen zur zweiten Nachtwache Mit dem Anfange der vierten Nachtstunde. gegeben habe, möchten sie sich in aller Stille mit den Waffen bei ihm einfinden. Als sie sich, dem Befehle gemäß, ohne laut zu werden eingestellt hatten, fing er an: «Eben dieses Schweigen, Soldaten, müßt ihr jetzt als meine Zuhörer, ohne alle soldatische Willenserklärung, beibehalten. Habe ich euch meine Meinung aus einander gesetzt, dann treten die, die mir beipflichten, schweigend auf meine rechte Seite; und was die Mehrzahl will, darnach richten wir uns. Jetzt hört, was meine Gedanken sind. Der Feind hat euch hier umzingelt, nicht als hieher verschlagene Flüchtlinge, nicht als hier sitzen gebliebene Feige. Eure Tapferkeit war es, die euch diesen Posten besetzen ließ; eure Tapferkeit muß euch wieder hinaushelfen. Ihr zoget hieher und rettetet dem Römischen Volke ein herrliches Heer: werdet nun im Ausfalle eure eignen Retter. Ihr verdient die Ehre, als kleiner Haufe Vielen geholfen zu haben, und selbst keiner Hülfe zu bedürfen. Wir haben mit einem Feinde zu thun, der, da er gestern unser ganzes Heer vertilgen konnte, von seinem Glücke Gebrauch zu machen, zu schläfrig war, der diese so vortheilhafte, ihm über dem Haupte ragende Höhe, nicht eher bemerkte, als bis wir sie besetzt hatten; der weder unsrer kleinen Schar mit seinen vielen Tausenden das Hinansteigen wehrte, noch uns im Besitze des Platzes, so viel er auch vom Tage vor sich hatte, mit Werken umschloß. Konntet ihr ihn mit sehenden und wachenden Augen so zum Besten haben, so kann es nicht fehlen, daß ihr ihm im Schlafe nicht entkommen solltet. Und im Ernste, dies ist jetzt ein Muß für euch. Denn unsre Sachen stehen so, daß ich euch jetzt, ich kann nicht sagen, einen Vorschlag thun, sondern euch anzeigen muß, wozu ihr gezwungen seid. Es kann doch wohl nicht die Frage sein, ob ihr bleiben, oder gehen wollet; da euer Geschick euch nichts gelassen hat, als Waffen und diesen der Waffen sich bewußten Muth, und ihr Alle vor 139 Hunger und Durst umkommen müßt, wenn ihr vor dem Schwerte eine größere Scheu haben solltet, als Männer und Römer sie zu haben pflegen. Also giebt es keine andre Rettung, als Durchbrechen und Davongehen. Dies müssen wir entweder bei Tage, oder bei Nacht bewerkstelligen. Da seht ihr gleich ein zweites Muß, noch weniger zweifelhaft, als das Erste. Denn wenn wir den Tag abwarten wollten, was können wir denn anders uns versprechen, als daß uns der Feind mit einem geschlossenen Walle und Graben umzäunen werde, da er jetzt schon, wie ihr seht, mit unten hingebreiteten Körpern den ganzen Hügel umgürtet? Eignet sich aber die Nacht zum Ausfalle, wie sie das wirklich thut, so ist in der That diese Stunde der Nacht die tauglichste. Auf das Zeichen der zweiten Nachtwache seid ihr jetzt zusammengekommen, gerade, wenn die Sterblichen vom tiefsten Schlafe gefesselt liegen. So schreitet denn zwischen den Körpern der Schlafenden hin; denen ihr entweder, ohne daß sie es ahnen, in der Stille entkommt, oder die ihr, falls sie etwas merkten, durch euer plötzliches Geschrei mit Schrecken erfüllet. Folget jetzt mir, wie ihr mir schon gefolgt seid. Ich nehme dasselbe Glück zum Führer, das uns hieher geleitet hat. Nun wohlan, wer dies für unser Rettungsmittel hält, der trete auf meine rechte Seite herüber!» 36. Dorthin traten sie Alle und folgten dem Decius, der durch die von Wachen unbesetzt gebliebenen Stellen fortschritt. Schon waren sie über die Mitte des Lagers hinaus, als der angestoßene Schild eines über die eingeschlafenen Wachen wegschreitenden Soldaten einen Klang gab. Da die Wache, hiedurch geweckt, ihren Nachbar rege machte, und beide, sich erhebend, wieder andre weckten, ohne zu wissen, ob hier Freunde oder Feinde gekommen wären; ob das Kohr vom Berge einen Ausfall thue, oder der Consul ihr Lager erobert habe: so jagte Decius durch das Geschrei, das er seine Soldaten erheben ließ, weil sie doch nun nicht unentdeckt blieben, den vom Schlafe betäubten Feinden eine solche Bestürzung ein, daß 140 sie vom Schrecken gelähmt weder schnell genug zu den Waffen greifen, noch die Wege besetzen, noch die Eilenden verfolgen konnten. Während dieser Verwirrung und bei dem Auflaufe der Samniten gelangte das Römische Kohr, das die ihm aufstoßenden Posten niederhieb, in die Nähe des Römischen Lagers. Die Nacht war noch lange nicht vorbei, als sie sich schon in Sicherheit sahen: da sprach Decius: «So brav zeigt euch immer, ihr Krieger Roms. Euren Zug und Rückzug werden alle Jahrhunderte preisen. Allein eine solche Tapferkeit vor den Anblick zu bringen, dazu bedarf es des Lichts und des Tages. Auch habt ihr es nicht verdient, bei eurer so ruhmvollen Wiederkehr ins Lager euch in Schweigen und Nacht einhüllen zu lassen. Hier wollen wir ruhig den Tag erwarten.» Sie folgten seinen Worten. Als er mit Tagesanbruch einen Boten an den Consul voraufschickte, gerieth das Lager durch die lauteste Freude in Bewegung; und als durch einen Umlauf bekannt gemacht wurde, daß diejenigen wohlbehalten wiederkämen, welche ihr Leben für die Rettung Aller einer so augenscheinlichen Gefahr ausgesetzt hätten, so strömten ihnen Alle entgegen, priesen sie, Jeder auf seine Weise, wünschten ihnen Glück und nannten sie einzeln und insgesamt ihre Retter; sagten den Göttern Lob und Dank und erhoben den Decius zum Himmel. Dies war ein Triumph, den Decius im Lager hielt, durch dessen Mitte er mit seinem Kohre unter den Waffen einherzog, wobei ihn Aller Augen, die auf ihn geheftet waren, als Tribun jeder Art von Ehre eben so würdig fanden, als den Consul. Wie er in die Nähe des Feldherrnzeltes kam, ließ der Consul durch die Trompete zur Versammlung rufen; und schon begann er das verdiente Lob des Decius, als er, vom Decius selbst unterbrochen, die Versammlung aussetzte. Durch seine Vorstellungen, jetzt Alles der sich darbietenden Gelegenheit unterzuordnen, beredete er den Consul, auf die durch den nächtlichen Schrecken erschütterten Feinde, die auf einzelne Posten vertheilt sich um den Hügel zerstreut hätten, einen Angriff zu thun: er 141 glaube auch, daß mehrere zu seiner Verfolgung Ausgeschickte im Walde umherschwärmten. Die Legionen erhielten Befehl, sich zu waffnen: sie rückten aus und zogen, da man jetzt durch Kundschafter schon mit dem Walde bekannter war, auf einem offenern Wege gegen den Feind. Nach einem plötzlichen Angriffe, dessen er sich so wenig versah, daß die Samnitischen Soldaten, allenthalben zerstreut, größtentheils unbewaffnet, sich weder auf einen Punkt vereinigen, noch zu den Waffen greifen, noch sich in ihre Verschanzungen werfen konnten, trieben ihn die Römer zuerst in voller Bestürzung in sein Lager, dann eroberten sie bei der Verwirrung seiner Vorposten das Lager selbst. Das forthallende Geschrei umzog den Hügel, und scheuchte auch hier Jeden von seinem Posten, so daß ein großer Theil vor abwesenden Feinden lief. Diejenigen, welche der Schrecken ins Lager getrieben hatte, und ihrer waren an dreißig tausend, wurden alle niedergehauen, und das Lager geplündert. 37. Nach diesen Thaten vollendete der Consul vor einer berufenen Versammlung nicht nur das vorhin angefangene, sondern auch das durch sein neues Verdienst noch vermehrte Lob des Publius Decius; und außer andern Kriegsgeschenken beschenkte er ihn mit einem goldnen Kranze und hundert Ochsen, nebst einem auserlesenen, weißen, fetten, mit vergoldeten Hörnern. Die Soldaten, die unter ihm jenen Posten ausgemacht hatten, erhielten auf immer die doppelte Maße an Getreide, und für jetzt jeder einen Ochsen, und zwei Unterröcke zu eigener Ich weiß nicht, ob dies der für unsre Stelle schickliche Sinn des Wortes privis (binisque privis tunicis) sei. Ich denke mir, daß sie darum privae heißen können, weil es die Absicht war, daß die damit Belohnten diese Stücke als Ehrenkleidung selbst tragen, nicht an andre verschenken, verkaufen, oder von ihren Sklaven tragen lassen sollten. Wenigstens wäre der Sinn dann analogisch der Bedeutung gleich, welche die besseren Ausleger in dem Horazianischen: Sive aliud privum dabitur tibi zu finden glauben. Tracht. Nach den Schenkungen des Consuls setzten die Legionen dem Decius einen Graskranz auf, den Ehrendank für ihre Rettung aus der Einschließung, den sie jauchzend 142 ihm zuerkannten. Der zweite Kranz, gleichfalls ein Sinnbild dieser Ehre, wurde ihm von seinem Kohre aufgesetzt. Mit diesen Ehrenzeichen geschmückt opferte er den auserlesenen Ochsen dem Mars; die hundert gab er den Soldaten zum Geschenke, die jenen Zug mit ihm gemacht hatten. Für jeden von diesen brachten aber auch die Legionen ein Pfund Getreide und ein Nößel Wein zusammen: und alles dies wurde mit der größten Bereitwilligkeit betrieben, welche das Geschrei der Soldaten, als Beweis der allgemeinen Beistimmung begleitete. Die dritte Schlacht wurde bei Suessula geliefert, welche jenes erste vom Marcus Valerius geschlagene Heer der Samniten, nachdem es den ganzen Kern der heimischen Jugend an sich gezogen, als den Kampf der Entscheidung, zu wagen beschlossen hatte. Von Suessula waren Eilboten nach Capua, und von hier Schnellreuter zum Consul Valerius gekommen, ihn um Hülfe zu bitten. Sogleich erfolgte der Aufbruch: das Gepäck blieb unter einer starken Bedeckung im Lager zurück; das Heer zog in Eilmärschen und nahm nicht weit vom Feinde auf einem sehr engen Raume – denn es hatte bloß seine Reitpferde bei sich, ohne allen Troß von Packpferden und Knechten – sein Lager. Das Heer der Samniten stellte sich in Linie, als ob die Schlacht sogleich beginnen würde: da ihnen aber niemand entgegentrat, rückten sie als die Angreifenden gegen das feindliche Lager an. Als sie hier die Soldaten auf dem Walle sahen, und ihre nach allen Seiten ausgeschickten Kundschafter meldeten, auf was für einen engen Kreis das Lager zusammengezogen sei und wie schwach also der Feind sein müsse; so rief die ganze Linie laut, man müsse die Graben füllen, das Pfahlwerk niederreißen und in das Lager eindringen: und durch diese Unbesonnenheit würde der Krieg sein Ende erreicht haben, wenn nicht die Anführer den Ungestüm ihrer Soldaten zurückgehalten hätten. Weil aber ihr zahlreiches Heer große Vorräthe verbrauchte, und theils durch sein früheres Stillliegen bei Suessula, theils jetzt durch die Verzögerung der Schlacht einem gänzlichen Mangel sehr nahe war, so hielten sie es 143 für das Beste, während der zaghafte Feind sich einschlösse, die Truppen auf Getreideholungen in die Felder ziehen zu lassen; unterdeß werde sich auch bei dem Römischen Heere, welches leicht beladen nur so viel Getreide mitgebracht habe, als sich neben den Waffen auf den Schultern tragen ließ, ein völliger Mangel einstellen. Kaum erfuhr der Consul, daß der Feind auf den Feldern umherschwärme und nur schwache Posten zurückgelassen habe, so führte er seine Soldaten nach einer kurzen Anrede zum Sturme gegen das Lager. Als er es im ersten Geschreie und Sturme genommen, und mehr Feinde in ihren Zelten, als an den Thoren und auf dem Walle niedergehauen hatte, so hieß er die erbeuteten Fahnen auf Einen Platz zusammenwerfen, ließ zur Wache und Bedeckung zwei Cohorten Ich folge Jac. Gronovs Vermuthung, welcher statt duabus legionibus (denn so groß war etwa des Consuls ganzes Heer) duabus cohortibus zu lesen vorschlägt. zurück, denen er bei schwerer Strafe alles Plündern bis zu seiner Rückkehr untersagte; und da er sich bei seinem weiteren Vorrücken zum Angriffe fertig hielt, so richtete er unter den zerstreuten Feinden, die ihm wie bei einem Treibjagen von der vorausgeschickten Reuterei vorgetrieben wurden, ein gewaltiges Blutbad an: denn in der Bestürzung hatten sie weder festsetzen können, auf welches Zeichen sie sich sammeln, noch auch, ob sie ihrem Lager zueilen, oder sich in die Ferne retten wollten. Flucht und Schrecken waren so groß, daß dem Consul an vierzigtausend Schilde – so hoch belief sich doch die Zahl der Erschlagenen bei weitem nicht – und mit den im Lager erbeuteten an hundert und siebenzig Fahnen eingeliefert wurden. Nun erfolgte der Rückzug ins Lager der Feinde, wo die sämtliche Beute dem Soldaten überlassen ward. 38. Das Glück dieses Krieges nöthigte theils die Falisker, welche bisher mit Rom nur einen Waffenstillstand gehabt hatten, bei dem Senate auf ein Bündniß anzutragen; theils wandte es den Krieg der Latiner, deren Heere schon bereit standen, von den Römern gegen die Peligner. Ja der Ruf von diesem Erfolge beschränkte sich nicht auf 144 Italiens Gränzen; sondern auch Carthago schickte Gesandte nach Rom, seine Glückwünsche und einen goldenen Kranz als Geschenk zu überbringen, der auf dem Capitole in Jupiters Allerheiligstem niedergelegt werden sollte: er hatte fünfundzwanzig Pfund. Beide Consuln triumphirten über die Samniten, und Decius zog, durch Ehre und Geschenke ausgezeichnet, hinterher: denn in den liederartigen Soldatengesängen erscholl sein Name so oft, als der der Consuln. Darauf bekamen die Gesandschaften der Campaner und Suessulaner Gehör und die Gewährung ihrer Bitte, daß man bei ihnen eine Besatzung in die Winterquartiere legen möchte, die den Streifereien der Samniten wehren könne. Capua, schon damals ein der kriegerischen Zucht gar nicht zuträglicher Aufenthalt, tilgte in den Herzen der Soldaten, welche sich durch die Befriedigungsmittel jeder Sinnlichkeit verführen ließen, das Andenken an ihr Vaterland: und sie entwarfen in den Winterquartieren allerlei Plane, den Campanern Capua auf eine eben so frevelhafte Art zu nehmen, als es diese einst seinen alten Bewohnern genommen hatten. «Auch sei es gar nicht unrecht, ihr Beispiel auf sie selbst anzuwenden. Warum denn die fruchtbarste Gegend Italiens und eine Stadt, die einer solchen Gegend Ehre mache, gerade den Campanern gehören solle, die weder sich, noch das Ihrige schützen könnten; und nicht vielmehr dem siegreichen Heere, das mit seinem Schweiße und Blute die Samniten daraus vertrieben habe? Ob es billig sei, daß Leute, die sich ihnen hätten ergeben müssen, in dieser Fruchtbarkeit und Anmuth schwelgten; sie hingegen, von Feldzügen ermüdet, mit einem ungesunden und dürren Boden um Rom her kämpfen, oder an der in der Stadt heimischen Seuche der täglich zunehmenden Schuldenlast dahin schwinden müßten?» Diese, in geheimen Verschwörungen bearbeiteten, noch nicht Allen mitgetheilten, Plane fand der neue Consul, Cajus Marcius Rutilus, welcher Campanien durch das Los erhalten, und seinen Amtsgenossen Quintus Servilius in Rom zurückgelassen hatte, bei seiner Ankunft vor, Da er 145 von dem ganzen Verlaufe der Sache durch die Tribunen Kenntniß bekommen hatte, und als ein Mann von Jahren und Erfahrung – er war jetzt zum viertenmale Consul, und schon Dictator und Censor gewesen – es am gerathensten fand, den Ungestüm der Soldaten auf die Art abzulenken, daß man sie bei dem Gedanken, ihren Plan, sobald sie wollten, auszuführen, nur hinhielte: so breitete er das Gerücht aus, daß die Besatzungen ihre Winterquartiere in eben diesen Städten auch für das folgende Jahr behalten würden. Sie waren nämlich in die Städte Campaniens vertheilt, und von Capua aus hatten sich jene Anschläge über das ganze Heer verbreitet. Durch diesen ihren Entwürfen gegebenen Spielraum kam der Aufstand für jetzt nicht zum Ausbruche. 39. Nachdem der Consul mit den Soldaten in das Sommerlager gerückt war, machte er sich ein Geschäft daraus, so lange ihm die Samniten Ruhe ließen, das Heer durch Entlassungen der Ruhestörer zu reinigen. Bei einigen gab er an, ihre Dienstzeit sei um, bei andern, sie wären zu hoch in die Jahre, oder nicht mehr rüstig genug. Wieder andre wurden als Beurlaubte weggeschickt, anfangs nur einzeln, dann auch einige Cohorten, weil sie den Winter über so weit von Heimat und Eigenthum gedient hätten. Auch wurde unter dem Vorwande kriegerischer Erfordernisse, zu deren Besorgung die einen hier, die andern dorthin geschickt wurden, ein großer Theil entfernt; und alle diese hielten der andre Consul und der Prätor, welche einen Aufhalt nach dem andern auszumitteln wußten, in Rom zurück. Anfangs nahmen sie, ohne die Täuschung zu errathen, die Besuche der Heimat sehr gern vorlieb. Als sie aber bemerkten, daß nicht allein die Ersten nicht zu den Fahnen zurückkamen, sondern auch fast keiner, als wer in Campanien in den Winterquartieren gelegen hatte, und selbst unter diesen gerade die vorzüglichsten Urheber der Verschwörung weggeschickt wurden, so geriethen sie anfangs in Verwunderung, und dann in die nicht ungegründete Furcht, daß ihre Anschläge entdeckt sein möchten. «Nun würden sie gerichtliche Untersuchungen, 146 Angaben, heimliche Hinrichtungen des Einen und des Andern und die grausame Tyrannei der Consuln und Patricier über sich ergehen lassen müssen.» Dies waren die geheimen Unterredungen der im Lager Gebliebenen, als sie sahen, wie geschickt der Consul ihrer Verschwörung die Nerven ausgeschnitten habe. Eine Cohorte aber, die auf dem Wege in der Nähe von Anxur war, lagerte sich in dem engen Passe bei Lautulä zwischen dem Meere und dem Gebirge, um diejenigen aufzufangen, die der Consul, wie ich vorhin gesagt habe, unter mancherlei Vorwand wegschickte. Schon war ihr Haufe beträchtlich angewachsen, und es fehlte, ihnen zum Ansehen eines ordentlichen Heeres nichts als ein Anführer. Ungeordnet kamen sie als Plünderer bis ins Albanische und legten unter der Höhe von Alba ein befestigtes Lager an. Nach Vollendung der Werke brachten sie den übrigen Theil des Tages unter streitigen Meinungen über den zu wählenden Feldherrn hin, weil sie zu Keinem von den Gegenwärtigen Vertrauen genug hatten. «Wen sie aber aus Rom holen lassen könnten? Wer sich von den Vätern oder vom Bürgerstande wissentlich zu einer so großen Gefahr hergeben würde? oder wem sie, wenn er so eben von einem wüthenden Heere gewaltsam behandelt sei Ex iniuria ist meiner Meinung nach so viel, als statim post iniuriam (ab insaniente exercitu) passam: so wie ex consulatu, ex dictatura 40, 1. 10, 5., oder wie Quinctil. 6. 2. 35. Vidi ego saepe histriones atque comoedos, quum ex aliquo graviore actu personam deposuissent, flentes adhuc egredi. Cic. ad Attic. 7, 25. Diem ex die exspectabam. Den Genitiv exercitus ziehe ich einmal zu iniuria und noch einmal zu caussa. , die Sache desselben mit Sicherheit anvertrauen könnten?» Als sie am folgenden Tage eben diese Überlegung fortsetzten, meldeten einige von den umherstreifenden Plünderern, sie hätten in Erfahrung gebracht, daß Titus Quinctius, der der Stadt und allen Ehrenämtern entsagt habe, im Tusculanischen sein Feld baue. Er war von patricischem Geschlechte, und weil ihm sein durch eine Wunde gelähmter Fuß die Fortsetzung seiner mit großem Ruhme geleisteten Kriegsdienste nicht gestattete, so hatte er beschlossen, fern von Amtswerbungen und Roms Markte, auf dem Lande zu leben. 147 Als sie den Namen des Mannes hörten, erinnerten sie sich seiner sogleich, und hießen ihn in Gottes Namen herholen. Es ließ sich indeß kaum hoffen, daß er sich freiwillig zu irgend etwas verstehen würde: also wollte man Zwang und Drohung gebrauchen. Als die dazu Abgeschickten sich in der Stille der Nacht auf dem Landgute des Quinctius in das Haus geschlichen hatten, schleppten sie den im tiefen Schlafe Überfallenen, dem sie, ohne sich auf einen Mittelweg einzulassen, entweder die Ehre der Feldherrnstelle, oder im Weigerungsfalle als dem Unfolgsamen den Tod ankündigten, ins Lager. Gleich bei seiner Ankunft begrüßte man ihn als Oberbefehlshaber, stattete ihn, von dem überraschenden Auftritte noch vor Schrecken außer sich, mit allen Ehrenzeichen seiner Würde aus, und verlangte nach Rom geführt zu werden. Mehr aus eignem Ungestüme, als nach Gutbefinden ihres Feldherrn rissen sie die Fahnen auf, und kamen als feindliches Heer auf der Straße, welche jetzt die Appische heißt, bis zum achten Meilensteine; ja sie wären gerade auf Rom gegangen, wenn sie nicht gehört hätten, daß ihnen ein Heer entgegenrücke, und daß Marcus Valerius Corvus gegen sie zum Dictator und Lucius Ämilius Mamercinus zum Magister Equitum ernannt sei. 40. Sobald sie diesen zu Gesichte kamen und Ich hatte hier in meinem Exemplare der Strothischen Handausgabe meine Vermuthung beigeschrieben: Legerem: Tibi primum in conspectum ventum, et arma signaque. Ich sehe jetzt, daß Crevier schon 1747 eben so lesen wollte, und lange vor ihm J. Fr. Gronov, dessen Vorschlage auch Duker folgen will, wenn man nicht etwa so zu lesen vorzöge: in conspectum ventum est, et arma u. s. w. Drakenborch tritt nebst Jac. Gronov der ersten Verbesserung bei. Das et vor dem Worte arma ist so unentbehrlich, und der Fehler der Abschreiber in der Verwechselung des et mit est so leicht, und von Drakenb. mit so vielen Beispielen belegt, daß man dies et billig in den Text aufnehmen sollte. die Waffen und Fahnen erkannten, besänftigte sogleich die Erinnerung an das Vaterland den Zorn bei Allen. Die Tapferkeit, Bürgerblut vergießen zu können, besaßen sie noch nicht; kannten noch keine Kriege, als gegen das Ausland, und über die Trennung von den Ihrigen ging ihre Wuth nicht hinaus. Also sehnten sich zugleich Feldherren 148 und Soldaten auf beiden Seiten nach einer Annäherung zu Unterredungen. Und Quinctius, müde, die Waffen für das Vaterland zu führen, geschweige gegen das Vaterland; und Corvus, er, der mit seiner Liebe die Bürger alle, besonders die Soldaten, und vor allen sein Heer, umschloß, traten zu einer Unterredung vor. Sobald er erkannt wurde, gewährten ihm die Gegner, um ihn reden zu hören, mit nicht geringerer Ehrerbietung, als sein eignes Heer, die tiefste Stille. «Soldaten,» sprach er, «bei meinem Ausmarsche aus der Stadt ging mein Gebet zu den unsterblichen Göttern, zu euren so gut, als zu denen des Stats und den meinigen, nur dahin, und nur die Gnade heischte mein demüthiges Flehen, sie möchten keinen Sieg über euch, nein, mir die Ehre verleihen, die Eintracht wieder hergestellt zu haben. Es gab derer genug, an denen ich mir Kriegerruhm erwerben konnte, und wird ihrer geben: hier ist das Wünschenswerthe – der Friede. Warum ich die unsterblichen Götter bei der Verheißung meiner Gelübde anflehete, diesen Wunsch könnet ihr mir gewähren, wenn ihr euch daran erinnern wollt, daß euer Lager nicht in Samnium, nicht im Volskerlande, sondern auf Römischem Boden steht; daß auf jenen Hügeln, die ihr sehet, eure Vaterstadt liegt; daß dieses Heer aus euren Mitbürgern besteht: wenn ihr euch mich, als euren Consul denkt, unter dessen Führung und Götterleitung ihr im vorigen Jahre zweimal die Legionen der Samniten besiegtet, zweimal ihr Lager erstürmtet. Ich bin es ja, Soldaten, derselbe Marcus Valerius Corvus, dessen höhern Rang euch Verdienste um euch, nicht Beleidigungen, fühlbar machten; der ich nie ein hartes Gesetz gegen euch, nie einen grausamen Senatsschluß angab; der ich in allen meinen Befehlshaberstellen strenger gegen mich selbst war, als gegen euch. Und wenn irgend jemanden seine Abkunft, wenn ihm eine Tapferkeit, ferner seine Würde und Ehrenämter Stolz einflößen konnten; so stammte ich von solchen Ahnen, hatte solche Proben abgelegt, hatte das Consulat in einem solchen Alter erreicht, daß ich als Consul von 149 dreiundzwanzig Jahren, selbst gegen die Väter, nicht bloß gegen Bürgerliche, den Hochgebietenden hätte machen können. Allein wo habt ihr eine That, oder eine Äußerung von Valerius, dem Consul, gehört, welche beleidigender gewesen wäre, als von Valerius, dem Tribun? Eben dieser Haltung waren meine beiden folgenden Consulate gewidmet: und auch diese herrische Dictatur soll ihr gewidmet sein; nicht Schon Crevier hat das Unzusammenhängende dieses ut neque gefühlt, und hält die Stelle nicht für fehlerfrei. Er erklärt sie so: ita, ut ne in hos quidem meos et patriae meae milites mitior futurus sim, vel futura sit haec dictatura, quam in vos hostes. Hiernach würde also ein sim oder sit fehlen. Ich möchte lieber eines solchen Einschiebsels überhoben sein, und vermuthen, das ut sei aus den beiden letzten Buchstaben des vorhergegangenen Wortes geretur entstanden. Drakenborch giebt Beispiele, wie es zu den voraufgegangenen Endsilben unt, it, nt und at entstand; unser ur ist dazu eben so sehr geeignet. Lässet man das ut weg, wie ich in der Übersetzung gethan habe, so dünkt mich, ist der Sinn zusammenhängend und leicht: eodem (tenore) haec imperiosa dictatura geretur, neque (i. e. et non) in hos meos – – mitior, quam hostilis in vos (futura). S. Hrn. Walchs Anmerk. zu dieser Stelle S. 230. nachsichtiger sein gegen diese meine und meines Vaterlandes Krieger, als hart gegen euch – nicht ohne Schauder sag' ich es heraus – als Feinde! Also werdet ihr das Schwert eher gegen mich ziehen müssen, als ich es gegen euch ziehe. Muß gefochten werden; nun, so soll auf jener Seite die Trompete zuerst erschallen, von dort aus Schlachtgeschrei und Angriff beginnen. Lasset euch beigehen, was eure Väter und Großväter sich nicht in den Sinn kommen ließen; weder diese, als sie auf den heiligen Berg auszogen, noch jene, welche späterhin den Aventinus besetzten. Wartet darauf, daß jedem von euch, wie einst dem Coriolanus, Mütter und Gattinnen mit fliegenden Haren aus der Stadt entgegen kommen. Damals verstanden sich die Legionen der Volsker zur Ruhe, weil sie einen Römer zum Anführer hatten: ihr aber, – selbst ein Römisches Heer, – tretet ja nicht von eurem verruchten Kriege zurück! Titus Quinctius! was für einen Posten du dort, freiwillig oder gezwungen, bekleiden magst; wenn es zum Schlagen kommt, so zieh dich unter die Letzten zurück: ja du wirst mit mehr Ehre fliehen und 150 deinen Mitbürgern den Rücken kehren, als gegen dein Vaterland fechten. Jetzt kannst du zum Friedensgeschäfte rechtmäßig und mit Ehre an die Spitze treten, und dieser wohlthätigen Unterredung Sprecher sein. Thut, ihr dort, billige Forderungen, und, ihr hier, lasset sie euch gefallen: wiewohl es uns besser wäre, uns sogar zu unbilligen Bedingungen zu bequemen, als mit Mörderhänden auf einander einzuhauen.» Bethränt wandte sich Titus Quinctius zu den Seinigen und sprach: «Auch an mir, Soldaten, falls ich euch noch nützlich sein könnte, habt ihr einen tauglichern Führer zum Frieden, als zum Kriege. Denn er, der hier eben sprach, war ja kein Volsker, kein Samnit, sondern, ein Römer; war euer Consul, euer Befehlshaber, ihr Soldaten: und da ihr den seine Führung begleitenden Göttersegen zu eurem Glücke kennen gelernt habt, so hütet euch doch, eine Probe davon gegen euch machen zu wollen. Es fehlte dem Senate nicht an Feldherren, welche gegen euch mit größerem Feindessinne fechten konnten: allein er wählte den, der eurer, als seiner Soldaten, am meisten schonen würde, dem ihr, als eurem Oberfeldherrn, am meisten trauen würdet. So wollen die sogar den Frieden, welche siegen könnten: was müssen wir denn wollen? Wohlan, sollen wir nicht unserer Erbitterung, unserer Habsucht, diesen gleißenden Verführerinnen, entsagen, und uns mit Allem, was unser ist, einer Redlichkeit in die Arme werfen, die wir erprobt haben?» 41. Da Alle durch Geschrei ihr Ja zu erkennen gaben, trat Titus Quinctius vor die Reihen und sagte, die Soldaten überließen sich dem Dictator: dann bat er ihn, er möge die Sache seiner unglücklichen Mitbürger übernehmen, und wenn er sie übernommen habe, mit jener Rechtschaffenheit führen, mit der er den Stat zu verwalten gewohnt sei. Für sich insbesondre wolle er nichts bevorworten, sondern seine Hoffnung bloß auf eigne Unschuld gründen. Allein den Soldaten müsse dasselbe zugesichert werden; was die Väter schon einmal dem 151 Bürgerstande, und nachher noch einmal den Legionen Als sie im Aufstande gegen die Decemvirn auf den Aventinus zogen. zugesichert hätten, daß diese Absonderung nicht für sie von nachtheiligen Folgen sein solle.» Der Dictator versicherte den Quinctius seines Beifalls, hieß die übrigen gutes Muthes sein, sprengte zu Pferde nach der Stadt zurück, und trug, von den Vätern bevollmächtigt, im Pötelinischen Haine bei dem Gesamtvolke darauf an, daß keinem Soldaten diese Absonderung nachtheilig sein sollte. Dann bat er sichs bei den Quiriten zur Gefälligkeit aus, die Sache weder im Scherze, noch im Ernste, irgend jemanden vorzurücken. Auch wurde in Betreff der Soldaten ein Gesetz in Vorschlag gebracht, auf dessen Übertretung ein Fluch gesetzt sein sollte, daß man den Namen eines eingezeichneten Soldaten ohne seinen Willen nicht ausstreichen dürfe; mit dem Zusatze, daß niemand, der einmal Kriegstribun gewesen sei, nachher wieder als Hauptmann angestellt werden solle. Dies forderten die Verschwornen in Hinsicht auf den Publius Salonius, welcher beinahe ein Jahr um das andre Kriegstribun und erster Hauptmann, oder wie wir jetzt sagen, Hauptmann der ersten Pike, gewesen war. Gegen ihn waren die Soldaten aufgebracht, weil er immer ihrer bezweckten Auflehnung entgegen gewesen, und um keinen Theil daran zu nehmen, von Lautulä geflohen war. Da ihnen also der Senat diesen einzigen Punkt des Salonius wegen nicht zugestehen wollte, so bewirkte Salonius selbst dadurch, daß er in der Versammlung der Väter flehentlich darauf drang, sich seinen Rang im Heere nicht mehr zu Herzen zu nehmen, als die allgemeine Einigkeit, daß auch dieses durchging. Eine andre Forderung war eben so unverschämt; daß die Reuterei an ihrem Solde – sie stand damals auf das Dreifache – einen Abzug leiden sollte, weil sie der Verschwörung entgegen gewesen sei. 42. Bei einigen Schriftstellern finde ich noch, daß der Bürgertribun, Lucius Genucius, bei dem Gesamtvolke das Verbot alles Wuchers in Vorschlag gebracht habe: 152 ingleichen, daß vermittelst anderer Volksschlüsse festgesetzt sei, daß niemand dasselbe obrigkeitliche Amt innerhalb zehn Jahren wieder bekleiden könne; eben so keine zwei Ämter in Einem Jahre; ferner daß es erlaubt sein solle, sogar beide Consuln aus dem Bürgerstande zu wählen. Wenn dem Bürgerstande dies Alles eingeräumt ist, so geht daraus hervor, daß die Stärke der Abgefallenen nicht unbedeutend gewesen sein muß. Andre Jahrbücher wissen nichts davon, daß Valerius zum Dictator ernannt sei, sondern lassen die ganze Sache durch die Consuln beseitigen. Auch soll der Haufe der Verschwornen nicht vor seiner Ankunft in die Stadt, sondern in Rom selbst sich in die Waffen geworfen haben: jener nächtliche Einfall nicht in das Landgut des Titus Quinctius, sondern in das Haus eines Cajus Manlius geschehen sein, und diesen hätten die Verschwornen gegriffen, um ihn zum Anführer zu machen; sie wären ausgerückt und hätten sich bei dem vierten Meilensteine verschanzt; die Stimmung zur Eintracht sei nicht das Werk der Feldherren gewesen, sondern beide Heere hätten sich, als sie bewaffnet in Linie gerückt wären, wider Erwartung begrüßt; dann hätten die Soldaten in bunter Mischung einer dem andern die Hand gereicht, einer den andern mit Thränen umarmt; und da die Consuln gesehen hätten, daß die Soldaten an nichts weniger, als ans Schlagen dächten, wären sie genöthigt gewesen, bei den Vätern auf Wiederherstellung der Einigkeit anzutragen. Also stimmen die Nachrichten aus dem Alterthume nur darin überein, daß ein Aufstand gewesen und beigelegt sei. Allein der Ruf von diesem Aufstande und der mit den Samniten unternommene schwere Krieg machte mehrere Völker von der Verbindung mit Rom abwendig; und war man wegen der Unsicherheit des Latinischen Bündnisses schon längst nicht ohne Sorgen, so kam noch dies hinzu, daß die Privernaten die benachbarten Römischen Pflanzungen zu Norba und Setia, nach einem plötzlichen Einfalle verheerten. Achtes Buch. Vom Jahre Roms 414 – 432. 154 Inhalt des achten Buchs. Die Latiner fallen zugleich mit den Campanern ab und lassen durch Gesandte an den Senat die Beibehaltung des Friedens nur unter der Bedingung versprechen, wenn der eine Consul aus den Latinern genommen würde. Ihr Prätor Annius, nachdem er sich seines Auftrages als Gesandter entledigt hat, thut einen so schweren Fall am Capitole, daß er todt bleibt. Der Consul Titus Manlius läßt seinen Sohn, weil er dem bekannt gemachten Befehle zuwider gegen die Latiner, obgleich mit Glück, gefochten hatte, mit dem Beile enthaupten. Weil die Römer in der Schlacht leiden, weihet sich Publius Decius, damals mit dem Manlius Consul, für das Heer dem Tode; sprengt zu Pferde mitten unter die Feinde, fällt und schaffet durch seinen Tod den Sieg den Römern wieder. Die Latiner ergeben sich. Dem Titus Manlius geht bei seiner Rückkehr in die Stadt von allen Dienstfähigen Keiner entgegen. Die Vestalinn Minucia wird Unkeuschheit wegen verdammt. Nach Besiegung der Ausonen wird in die ihnen abgenommene Stadt Cales eine Pflanzung ausgeführt. Auch Fregellä wird Pflanzstadt. Man entdeckt die Giftmischereien mehrerer Frauen von Stande, von denen die meisten sogleich ihre Gifte austrinken und sterben. Damals wurde das erste Gesetz über Giftmischerei gegeben. Den nach erneuertem Kriege besiegten Privernaten wird das Bürgerrecht ertheilt. Die Paläpolitaner ergeben sich nach einer Schlacht und Belagerung. Publius Publilius, der sie belagert hatte, war der Erste, dem man sein Feldherrnamt verlängerte und ihm als Proconsul einen Triumph zuerkannte. Die Unzucht eines Gläubigers, Lucius Papirius, der seinen Schuldner Cajus Publilius hatte schänden wollen, veranlasset zum Besten der Bürgerlichen die Aufhebung der persönlichen Haft. Während der Dictator Lucius Papirius vom Heere wegen der zu erneurenden Götterleitung in die Stadt zurückgereiset war, liefert der Magister Equitum Quintus Fabius, um eine sich darbietende Gelegenheit zu benutzen, gegen seinen Befehl den Samniten eine Schlacht und siegt. Als der Dictator Miene macht, den Magister Equitum deshalb mit der Todesstrafe zu belegen, entfliehet Fabius nach Rom, und da ihn der Rechtsgang nicht begünstigt, wird seine Bestrafung der Fürbitte des Volks geschenkt. Außerdem erzählt dies Buch Siege über die Samniten . 155 Achtes Buch. 1. Schon waren Cajus Plautius (dieser zum zweitenmale) und Lucius Ämilius Mamercinus Consuln, als von Setia und Norba Boten nach Rom kamen, den Abfall der Privernaten und ihren eignen erlittenen Verlust anzuzeigen. Auch lief die Nachricht ein, daß sich ein Heer Volsker, von den Einwohnern Antiums geführt, bei Satricum gelagert habe. Beide Kriege fielen durch das Los dem Plautius zu. Zuerst zog er gegen Privernum, und lieferte sogleich eine Schlacht. Die Feinde wurden ohne großen Kampf besiegt, die Stadt erobert und nach eingelegter starken Besatzung den Privernaten wiedergegeben; allein zwei Drittheile ihres Gebiets ihnen genommen. Von da wurde das siegreiche Heer nach Satricum gegen die Antiaten geführt. Hier erfolgte eine mörderische Schlacht mit großem Verluste auf beiden Seiten; und da ein Ungewitter die Streitenden bei gleichen Hoffnungen schied, stellten sich am folgenden Tage die Römer, die der zweifelhafte Kampf nicht ermüdet hatte, wieder zur Schlacht. Die Volsker, welche beim Nachzählen fanden, was für Männer ihnen die Schlacht gekostet habe, fühlten sich zur Wiederholung des Versuchs bei weitem nicht von gleichem Muthe aufgefordert. Besiegten gleich, traten sie in der Nacht ihren Rückzug nach Vitium so eilig an, daß sie ihre Verwundeten und einen Theil des Gepäcks zurückließen. Sowohl zwischen den Leichen des Schlachtfeldes, als im Lager der Feinde, fand man eine große Menge Waffen. Der Consul erklärte, er weihe sie der Mutter Lua Also mußten sie verbrannt werden. Vergl. 45, 33. Lua ist Ops, Rhea, Terra. Crevier . , und verheerte das feindliche Gebiet bis an die Seeküste. 156 Dem andern Consul, Ämilius, stellten die Samniten, denen er ins Land gerückt war, nirgends ein Lager, oder ein Heer entgegen. Als er ihr Gebiet mit Feuer und Schwert verwüstete, erschienen Samnitische Gesandte mit der Bitte um Frieden. Von ihm wurden sie an den Senat verwiesen, und baten, nach erhaltener Erlaubniß zu reden, vom ehemaligen Trotze völlig herabgestimmt, das Römische Volk um Frieden, und zugleich um Erlaubniß, die Sidiciner bekriegen zu dürfen. «Zu diesen Bitten hielten sie sich so viel mehr berechtigt, theils, weil sie in ihren guten Zeiten, und nicht, wie die Campaner, in ihrer Noth, des Römischen Volkes Freunde geworden waren; theils weil ihr Krieg nur den Sidicinern gelten solle, ihren ewigen Feinden, und zu keiner Zeit Freunden Roms; da sie weder, gleich den Samniten, im Frieden mit Rom um seine Freundschaft, noch, wie die Campaner, um seinen Beistand zum Kriege nachgesucht hätten, und weder Schutzverwandte des Römischen Volks, noch dessen Unterthanen wären.» 2. Als der Prätor Tiberius Ämilius den Senat über die Forderungen der Samniten befragte, und die Väter dafür stimmten, sie wieder in das Bündniß aufzunehmen, so bekamen sie vom Prätor die Antwort: »Es habe weder am Römischen Volke gelegen, daß die Freundschaft mit ihnen nicht ununterbrochen geblieben sei, noch sei es jetzt ihnen entgegen, weil sie des durch eigne Schuld sich zugezogenen Krieges überdrüssig wären, die Freundschaft wieder auf den alten Fuß anzuknüpfen. Was die Sidiciner betreffe, so habe man nichts dagegen, daß das Samnitische Gesamtvolk über Krieg und Frieden mit ihnen nach Gutbefinden verfügen könne.» Kaum waren die Gesandten nach geschlossenem Bündnisse zu Hause eingetroffen, so wurde das Römische Heer von dort abgeführt, nachdem es von ihnen einen jährigen Sold und Getreide auf drei Monate in Empfang genommen: denn dies war die Bedingung gewesen, unter welcher ihnen der Consul bis zur Zurückkunft der Gesandten einen Waffenstillstand bewilligt hatte. Nun brachen die 157 Samniten mit denselben Truppen, welche sie im Römischen Kriege gebraucht hatten, gegen die Sidiciner auf, in der gewissen Hoffnung, sich der feindlichen Stadt sehr bald zu bemächtigen. Da boten sich die Sidiciner zuerst den Römern zur Übergabe an, und da die Väter diese, als zu spät und nur durch die höchste Noth erzwungen, verwarfen, den Latinern, welche schon aus eigner Bewegung die Waffen ergriffen hatten. Ja selbst die Campaner enthielten sich nicht, – so viel lebendiger war ihnen die Erinnerung an die Beleidigungen von Seiten der Samniten, als an die Wohlthat der Römer – an dieser Bewaffnung Theil zu nehmen. Ein großes aus so vielen Völkern vereinigtes Heer, das unter Anführung der Latiner in das Gebiet der Samniten einrückte, that ihnen mehr Abbruch durch Verheerungen, als durch Schlachten. Und waren gleich die Latiner in den Gefechten Sieger, so zogen sie sich doch nicht ungern, um nicht noch öfter zu schlagen, aus dem feindlichen Gebiete. Diese Zwischenzeit nutzten die Samniten, Gesandte nach Rom zu schicken. Als sie vor dem Senate erschienen, baten sie ihn nach vorgebrachter Klage, daß sie im Bündnisse mit Rom dasselbe leiden müßten, was sie als seine Feinde gelitten hätten, in den demüthigsten Ausdrücken: «Die Römer möchten sich damit begnügen, den Samniten den Sieg über ihre Feinde, die Campaner und Sidiciner, entrissen zu haben; sie möchten sie aber nicht durch diese feigesten Völker auch besiegen lassen. Ständen die Latiner und Campaner unter Römischer Hoheit, so möchten sie sie vermittelst ihrer Oberherrschaft aus dem Samnitischen Gebiete entfernen; und wenn sie die Oberherrschaft nicht anerkennen wollten, durch die Waffen im Zaume halten.» Man gab hierauf eine Antwort, welche zwei Seiten hatte, weil man nicht gern gestehen wollte, daß die Latiner schon nicht mehr von den Römern abhingen, und sich scheute, durch geforderte Verantwortung den völligen Bruch zu veranlassen. «Ganz anders stehe es mit den Campanern, die nicht durch ein Bündniß, sondern durch Übergabe, Roms Schutzverwandte geworden seien: folglich müßten die 158 Campaner ruhig sein, sie möchten wollen, oder nicht. Das Bündniß mit den Latinern aber enthalte nichts, was ihnen wehren könne, Krieg zu führen, mit wem sie wollten.» 3. Entließ eine solche Antwort die Samniten in Ungewißheit, was für einen Schritt sie von den Römern erwarten sollten, so bewog sie die bedroheten Campaner zum Abfalle von Rom; und die Latiner erfüllte sie, gleich als müßten ihnen die Römer nun schon Alles erlauben, mit so viel dreisterem Trotze. Ihre Häupter also, die unter dem Scheine des gegen die Samniten zu veranstaltenden Krieges häufige Versammlungen ansagten, brüteten in allen Beratschlagungen insgeheim über einem Kriege gegen Rom. Und auch die Campaner traten diesem Kriege gegen ihre Retter bei. So angelegentlich indeß Alles verheimlicht wurde, und so sehr man die Absicht hatte, mit dem Feinde im Rücken, mit den Samniten, fertig zu sein, ehe die Römer losbrächen; so fanden dessenungeachtet Winke über die Verschwörung durch gastfreundschaftliche Verbindungen und Verwandschaften mancher Häuser den Weg nach Rom. Da nun die Consuln auf Befehl ihr Amt vor der Zeit niederlegten, damit man gegen einen so wichtigen Krieg die neuen Consuln so viel früher wählen könne, so fand man es bedenklich, den Wahltag von Männern halten zu lassen, die an ihrer Amtsführung einen Abgang erlitten hatten. Man schritt also zu einer Zwischenregierung, und hatte zweimal einen Zwischenkönig, den Marcus Valerius und Marcus Fabius. Die gewählten Consuln waren Titus Manlius Torquatus zum drittenmale, Publius Decius Mus. Man weiß, daß in diesem Jahre Nach Crevier's Behauptung acht Jahre später. Eben dies bemerkt auch Duker aus Dodwell de Cyclis X, 73. Alexander, König von Epirus, in Italien landete. Hätte er bei seiner Unternehmung gleich anfangs mehr Glück gehabt, so würde sich dieser Krieg unstreitig auch auf die Römer ausgedehnt haben. In eben dies Zeitalter fallen auch die Thaten seines Schwestersohns, Alexanders des Großen, des unbesiegten jungen Helden, den das Schicksal 159 in einem andern Welttheile durch eine Krankheit wegraffte. Die Römer, sahen sie gleich dem Abfalle ihrer Bundesgenossen und der sämtlichen Latiner mit Gewißheit entgegen, beriefen dennoch, dem Scheine nach der Samniten, nicht ihrer selbst wegen, zehn der vornehmsten Latiner nach Rom, ihnen die erforderlichen Befehle zu ertheilen. Latium hatte damals zwei Prätoren, den Lucius Annius und Lucius Numisius, beide aus Römischen Pflanzstädten, jener aus Setia, dieser aus Circeji; und auf ihren Betrieb hatten nicht nur Signia und Veliträ, welche ebenfalls Römische Pflanzstädte waren, sondern auch die Volsker die Waffen ergriffen, Diese ließ man namentlich vorfordern. Der Grund ihrer Vorladung war Jedem einleuchtend. Also zeigten die Prätoren, die vor ihrer Abreise nach Rom eine Versammlung beriefen, dieser an, der Römische Senat habe sie zu sich entboten, und fragten an, was sie auf die Punkte, die man ihnen wahrscheinlich vorlegen werde, zu antworten hätten. 4. Als der Eine dies, der Andre jenes vorschlug, so sprach Annius: «Ob ich gleich selbst auf eine zu gebende Antwort angetragen habe, so glaube ich doch, daß dem allgemeinen Besten die Frage wichtiger sei, was wir thun, als was wir reden sollen. Haben wir uns über unsre Maßregeln verständigt, so werden sich zu den Sachen die Worte leicht finden lassen. Denn wenn wir uns sogar jetzt noch unter dem Scheine eines Bündnisses auf gleichen In den Ausgaben von Ernesti und Stroth ist foederis von aequi durch ein Komma geschieden, welches Drakenborch und Crevier nicht haben. Jene glaubten vermuthlich, wenn sie foederis aequi zusammen nähmen, den Annius dadurch ein den Römern ehrenvolles Geständniß thun zu lassen, welches hier freilich am unrechten Orte sein würde. Allein außerdem, daß die aequitas foederis schon sehr durch den Ausdruck umbra verliert, bekommt ja auch gerade das foedus aequum durch servitutem den nöthigen Gegensatz. Hätte Livius das Wort aequi mit pati in Verbindung setzen wollen, so würde er servitutem aequi pati, oder aequo animo pati gesagt, und nicht foederis aequi zusammengesetzt haben. Fuß die Sklaverei gefallen lassen können, was bedarf es denn mehr, als daß wir, mit Aufopferung der 160 Sidiciner, nicht bloß Römischen, sondern auch Samnitischen Befehlen gehorchen, und den Römern zur Antwort geben, wir würden, sobald sie winkten, die Waffen niederlegen? Wird aber endlich unserm Herzen der Biß der erwachenden Sehnsucht nach Freiheit fühlbar; ist das, was wir haben, ein wahres Bündniß; beruhet ein Bund auf der Gleichstellung der Rechte; dürfen wir der Verwandschaft mit den Römern, deren wir einst uns schämten, jetzt sogar uns rühmen; ist unser Bundesheer für sie so bedeutend, daß sie durch Vereinigung mit ihm ihre Macht verdoppeln und daß es zur Beendigung oder zur Eröffnung ihrer eignen Kriege ihren Consuln nicht von der Seite darf: warum wird dann nicht überall Gleichheit eingeführt? warum geben nicht die Latiner den einen Consul? Wo die halbe Macht ist, warum nicht da auch die halbe Regierung? Freilich ist dies an und für sich nicht eben sehr ehrenvoll für uns, weil wir dadurch einräumen, daß Rom Latiums Haupt sei; allein daß es ehrenvoll scheinen kann, haben wir selbst durch unsre lange Nachgiebigkeit bewirkt. Habt ihr euch aber je die Zeit einer Regierungsvereinigung und der Ausübung eurer Freiheit, herbeigewünscht, wohlan, jetzt ist diese Zeit da, durch eure Tapferkeit und die Gnade der Götter euch verliehen. Ihr machtet durch die Weigerung, Soldaten zu stellen, den Versuch, wie viel sie sich gefallen ließen. Wer zweifelt daran, wie sie entglüht sein müssen, als wir eine mehr denn zweihundertjährige Gewohnheit abschafften? Dennoch verbissen sie diesen Schmerz. Den Krieg mit den Pelignern führten wir als für uns selbst bestehender Stat. Und sie, die uns ehedem nicht einmal das Recht gestatteten, unsre Gränzen durch uns selbst zu schützen, hatten nichts dagegen. Daß wir die Sidiciner in Schutz genommen haben, daß die Campaner von ihnen zu uns übergetreten sind, daß wir gegen ihre Verbündeten, die Samniten, Heere rüsten, das Alles erfahren sie und regen sich nicht von der Stadt. Was bewegt sie zu dieser großen Mäßigung? was sonst, als das richtige Ermessen unserer und ihrer Kräfte? Ich habe meine sicheren 161 Nachrichten, daß der Römische Senat den Samniten, als sie sich über uns beklagten, eine Antwort gegeben habe, aus der man deutlich sehen kann, sie selbst machen schon nicht mehr Anspruch darauf, daß Latium unter Römischer Hoheit stehen soll. So macht doch endlich selbst durch eure Forderung Gebrauch von dem, was sie stillschweigend euch einräumen. Ist jemand zu furchtsam, den Antrag zu thun, wohlan, so erbiete ich mich selbst, nicht nur vor des Römischen Volks und Senats, sondern selbst vor Jupiters Ohren, im Capitole, seinem Sitze, zu erklären, daß sie von uns, wenn sie uns als Verbündete und Freunde behalten wollen, den einen Consul und die Hälfte des Senats annehmen müssen.» Da er mit dieser Keckheit nicht sie bloß aufforderte, sondern sich selbst erbot, so gaben sie ihm Alle unter einem beistimmenden Geschreie die Vollmacht zu handeln und zu reden, wie er es dem allgemeinen Besten Latiums und seinem eignen Werthe gemäß fände. 5. Nach ihrer Ankunft in Rom ließ sie der Senat auf dem Capitole vor sich. Als hier der Consul Titus Manlius im Namen der Väter sich gegen sie darüber erklärte, daß sie die Samniten als Verbündete nicht bekriegen müßten; so begann Annius, als wäre er der siegreiche Eroberer des Capitoliums, uneingedenk, daß er bloß unter dem Schutze des Völkerrechtes als Gesandter sprach: «Die Zeitumstände hätten es dir anrathen sollen, Titus Manlius, und euch, versammelte Väter, nun nicht länger mit uns befehlsweise zu reden; da ihr sahet, daß Latium durch die Gnade der Götter an Volksmenge und Kriegsmacht zu den gesegnetsten Staten gehört, daß es die Samniten besiegt hat, mit den Sidicinern und Campanern sich verbündet hat, jetzt auch die Volsker sich angeschlossen hat, ja daß selbst eure Pflanzstädte der Römischen Regierung die Latinische vorgezogen haben. Weil ihr euch aber nicht dazu verstehen möget, eurer ungezügelten Tyrannei ein Ziel zu stecken, so wollen wir, ob wir gleich Latiums Freiheit durch die Waffen bewirken könnten, doch die Verwandschaft mit euch so 162 viel gelten lassen, daß wir den Frieden unter uns auf Bedingungen feststellen, welche eben so beiden Theilen gleiche Rechte geben, als es den unsterblichen Göttern gefallen hat, ihnen gleiche Macht zu verleihen. Der eine Consul muß aus Rom, der andre aus Latium gewählt werden; beide Völker stellen eine gleiche Anzahl zum Senate; beide werden zu Einem Volke, zu Einem State; und weil nun einmal, wenn wir einen gemeinschaftlichen Sitz der Regierung und Alle nur Einen Namen haben wollen, einer von beiden Theilen nachgeben muß, so mag immerhin, zum Segen für Beide, diese Vaterstadt den Vorzug haben und wir Alle den Namen Römer führen.» Es mußte sich treffen, daß auch die Römer am Titus Manlius einen Consul hatten, der diesem Trotze gewachsen war. Er entsah sich nicht, im Zorne gerade herauszusagen: «Wenn die versammelten Väter so toll sein könnten, sich von einem Menschen aus Setia Gesetze vorschreiben zu lassen, so wolle er sich mit angestecktem Schwerte im Senate einstellen, und jeden Latiner, den er im Rathhause fände, mit eigner Hand niederstechen.» Und hingewandt zur Bildsäule Jupiters, rief er: «Höre, Jupiter, diese Frevel! höret sie, ihr Gottheiten alles dessen, was Recht im Himmel und auf Erden ist! Du, Jupiter, solltest hier als der Gefangene, als der Gebeugte, in deinem geweiheten Tempel ausländische Consuln, einen Senat von Ausländern, sehen? Sind das die Bündnisse, ihr Latiner, die der Römische König Tullus, mit euren Stammvätern, den Albanern; welche späterhin mit euch selbst, Lucius Tarquinius schloß? Entsinnet ihr euch der Schlacht am See Regillus nicht mehr? Habt ihr eure alten Niederlagen, und unsre Verdienste um euch so ganz vergessen?» 6. Als nach der Rede des Consuls auch der Unwille der Väter laut wurde, soll sich Annius gegen die wiederholten Anrufungen der Götter, an welche sich die Consuln mehrmals als an die Zeugen der Bündnisse wandten, Ausdrücke erlaubt haben, aus welchen seine Verachtung gegen die Gottheit des Römischen Jupiter sprach. So viel ist 163 wenigstens gewiß, daß er vor Zorn außer sich in hastigem Schritte vom Eingange des Tempels herabrannte, auf der Treppe ins Fallen gerieth und mit dem Kopfe so heftig gegen die unterste steinerne Stufe schlug, daß er sinnlos dalag. Daß er todt geblieben sei, lasse ich, weil die Nachrichten nicht alle beistimmen, dahin gestellt sein; so wie die Sage, daß sich bei der feierlichen Anrufung der Götter, als Zeugen der gebrochenen Bündnisse, unter einem fürchterlichen Donnerschlage ein Platzregen ergossen habe. Beides kann wahr sein; es kann aber auch als Erdichtung angebracht sein, um einen gleich auf der Stelle erfolgten Wink des göttlichen Unwillens anzudeuten. Als Torquatus, vom Senate zur Abfertigung der Gesandten entlassen, den Annius daliegen sah, rief er so laut, daß Volk und Väter seine Worte hören konnten: «Es steht Alles gut! Die Götter selbst haben unsern gerechten Krieg eröffnet. Noch waltet eine Regierung vom Himmel! Noch lebst du, großer Jupiter! Nicht umsonst haben wir dir, dem Vater der Götter und Menschen, diese heilige Stäte gewidmet! Ihr seid noch unschlüssig, Quiriten, und ihr, versammelte Väter, die Waffen zu ergreifen, da euch die Götter vorangehen? So will ich die Legionen der Latiner zu Boden strecken, wie ihr da ihren Gesandten liegen sehet.» Diese Äußerung des Consuls, vom Volke mit Beifall beantwortet, setzte die Gemüther in eine so feurige Stimmung, daß die abreisenden Gesandten mehr durch die Fürsorge der obrigkeitlichen Personen, welche ihnen auf Befehl des Consuls das Geleit gaben, als durch das Völkerrecht vor der Wuth und Mishandlung des Pöbels geschützt wurden. Der Senat stimmte gleichfalls für den Krieg; und die beiden Consuln, die mit zwei neu errichteten Heeren durch das Land der Marser und Peligner zogen, schlugen, nach ihrer Vereinigung mit dem Samnitischen Heere, ihr Lager bei Capua auf, wo sich die Latiner mit ihren Bundsgenossen schon versammelt hatten. Hier soll jeder Consul im Traume dieselbe Erscheinung gehabt, einen Mann gesehen haben, von mehr als menschlicher Größe und Erhabenheit; welcher ihnen sagte: «Aus der einen 164 Schlachtordnung gebühre der Feldherr, aus der andern das Heer, den Göttern der Todten und der Mutter Erde: welches Heeres Feldherr die Legionen der Feinde und sich oben ein dem Tode weihen werde, dessen Volke und Partei sei der Sieg beschieden.» Als sich die Consuln ihre Nachtgesichte einander mittheilten, so beschlossen sie, zur Abwendung des göttlichen Zorns, Schlachtopfer zu bringen: ferner, wenn die Eingeweide dieselbe Bestimmung anzeigten, die ihnen im Traume offenbart sei, so solle der Eine Consul dem Gebote des Schicksals Folge leisten. Da nun mit der ihrem Herzen eingesenkten Ahnung die Antworten der Opferschauer übereinstimmeten, so machten sie, damit nicht der freiwillige Tod eines Consuls das Heer mitten in der Schlacht in Schrecken setzen möchte, mit Zuziehung der Unterfeldherren und Obersten den Befehl der Götter bekannt, und verglichen sich unter einander, daß derjenige Consul, auf dessen Flügel das Römische Heer zuerst wiche, sich für das Römische Volk und die Quiriten dem Tode weihen sollte. Auch besprach man sich im Kriegsrathe darüber, daß man die Kriegszucht, wenn je in einem Kriege die Befehle mit Strenge gehandhabt wären, vorzüglich jetzt wieder auf die alte Sitte zurückführen müsse. Diese Vorsorge war um so nöthiger, weil die Feinde, die man jetzt vor sich hatte, Latiner waren, in Sprache, Sitten, Art der Waffen, und was das wichtigste war, in der ganzen Kriegsverfassung den Römern gleich: ihre Soldaten hatten mit Römischen Soldaten, Hauptleute mit Hauptleuten, Obersten mit Obersten als gemeinschaftlich angestellte Waffenbrüder und Nebenmänner in einerlei Kohre, oft in derselben Rotte gestanden. Um also die Soldaten vor jeder Verwechselung zu sichern, gaben die Consuln den Befehl, daß sich niemand außer dem Gliede auf ein Gefecht einlassen solle. 7. Es traf sich, daß von mehreren Rittmeistern, welche nach allen Seiten auf Kundschaft ausgeschickt waren, Titus Manlius, des Consuls Sohn, mit seinem Geschwader über das feindliche Lager hinaussprengte, so daß 165 er kaum auf Schußweite vom nächsten Posten entfernt war. Hier standen die Tusculanischen Ritter; ihr Führer war Geminus Metius, ein Mann, durch Abkunft und Thaten unter den Seinen in Ansehen, Als dieser die Römischen Ritter, und den unter ihnen sich auszeichnenden Sohn des Consuls an ihrer Spitze ersah; denn sie kannten sich Alle, und vorzüglich Männer von Range; so sprach er: «Also mit Einer Schwadron wollt ihr Römer den Krieg gegen die Latiner und ihre Verbündeten führen? Was beginnen indeß die Consuln und zwei consularische Heere?» – «Sie werden, wenn's Zeit ist, da sein,» versetzte Manlius, «und mit ihnen wird Jupiter selbst dasein, als Zeuge der von euch gebrochenen Bündnisse, der noch mehr leistet, noch mehr vermag. Haben wir am See Regillus so mit euch gefochten, daß ihr dessen genug hattet, so wollen wir es hoffentlich auch hier dahin bringen, daß euch nach Heergefechten und förmlichen Schlachten mit uns nicht sehr verlangen soll.» Da erwiederte Geminus, indem er ein wenig von den Seinen heranritt: «Wolltest du denn wohl indeß, bis jener Tag kommt, an dem ihr mit so großem Aufheben eure Heere in Bewegung setzen werdet, einen Gang mit mir machen; so daß gleich jetzt aus dem Erfolge des Kampfs zwischen uns beiden das große Übergewicht hervorgehe, welches der Latinische Ritter über den Römischen hat?« War es Zorn, oder Scham, den Kampf abzulehnen, was den feurigen Muth des Jünglings bestimmte? oder die unwiderstehliche Gewalt des Schicksals? Uneingedenk des väterlichen Befehls und der consularischen Bekanntmachung, unterzog er sich rasch einem Kampfe, in welchem für ihn siegen oder besiegt werden, fast auf Eins hinauslief Denn auch auf den Sieg stand ja der Tod. Wenn die Leser diese Anmerkung überflüssig finden sollten, so bitte ich sie, die Übersetzungen von Wagner , Große und Ostertag zu vergleichen. . Nachdem die übrigen Ritter, als zu einem Schauspiele, sich auf die Seiten gepflanzt hatten, sprengten jene auf dem freien Zwischenraume des Feldes mit ihren Pferden gegen einander ein, und da sie mit eingelegter Lanze 166 zusammentrafen, stieß Manlius mit seinem Spieße über dem Helme des Feindes, Metius neben dem Halse des Pferdes, vorbei. Sie schwenkten sich mit den Rossen, und Manlius, der zuerst wieder zu einem neuen Stoße ausholte, bohrte dem Pferde seines Gegners den Spieß zwischen die Ohren. Das Thier, das vor Schmerz der Wunde sich bäumend, aus allen Kräften mit dem Kopfe schlug, warf seinen Reiter ab; und als er eben, auf Speer und Schild gelehnt, vom schweren Falle sich erheben wollte, stach ihn Manlius, bei der Kehle hinein, so daß die Lanze durch die Rippen herausdrang, am Boden fest. Mit der erbeuteten Rüstung ritt er zu den Seinigen zurück, eilte, begleitet von seinem freudig jauchzenden Geschwader, dem Lager zu und gerades Weges in das Hauptzelt zu seinem Vater, ohne zu wissen, was er Ich lese mit Crevier ignarus facti; und viele der besten Handschriften stimmen bei. gethan, und was seiner warte; ob er Lob, ob er Strafe verdient habe. «Vater,» sprach er, «damit mich die Welt mit Recht für einen Sprößling deines Blutes erkenne, bringe ich dir diese ritterliche Beute, die ich, zum Kampfe aufgefordert, dem erlegten Feinde nahm.» So wie der Consul dies vernahm, wies er sogleich seinen Sohn von sich und ließ durch die Trompete zur Versammlung rufen. Als sie sich zahlreich eingefunden hatte, sprach er: «Weil du, Titus Manlius, ohne Achtung für consularischen Befehl und väterlichen Ehrenrang, trotz unsrer Bekanntmachung, außer dem Gliede gegen den Feind gefochten, also so viel an dir lag, die Kriegszucht, durch welche sich Rom bis auf diesen Tag erhielt, vernichtet, und mich in die Notwendigkeit versetzt hast, entweder des Stats, oder mein und der Meinigen zu vergessen, so möge die Strafe unsres Verbrechens lieber uns selbst treffen, als daß der Stat zu seinem so großen Schaden unsre Vergehungen büße. Wir werden ein trauriges, aber für die Zukunft ein der Jugend heilsames Beispiel sein. Zwar läßt mich die natürliche Liebe zu meinen Kindern, und selbst diese Probe deiner Tapferkeit, 167 gegen dich durch den falschen Schein der Ehre Verleiteten nicht ohne Rührung. Da wir aber entweder durch deinen Tod die Befehle der Consuln bestätigen müssen, oder sie durch deine Ungestraftheit auf ewig abschaffen, so denke ich, du selbst, wenn in dir noch ein Tropfen meines Blutes fließt, werdest dich nicht weigern, die durch deine Schuld gefallene Kriegszucht durch deine Strafe wieder herzustellen. Geh, Lictor, bind ihn an den Pfahl!» Entseelt durch den schrecklichen Befehl, und nicht anders, als sähe Jeder das Beil gegen sich selbst hervorgezogen, schwiegen Alle, mehr aus Furcht, als Bescheidenheit. Sobald aber bei dem Falle des Hauptes das Blut floß, brachen die Zuschauer, welche in Erstarrung verstummet dagestanden hatten, als höbe sich ihr Geist aus der Tiefe des Staunens, laut in unaufgehaltene Klagen aus, so daß sie sich eben so wenig des Jammerns, als der Flüche enthielten, den Körper des Jünglings, mit der von ihm erfochtenen Beute bedeckt, nach einem so feierlichen Leichenbegängnisse, als es der Beeiferung aller Soldaten möglich war, auf einem vor dem Lager aufgeführten Scheiterhaufen verbrannten: und Manlischer Zuchtbefehl erfüllte nicht bloß die damals Lebenden mit Schauder, sondern auch die Nachwelt als Beispiel mit Abscheu. 8. Doch machte die Scheußlichkeit der Strafe die Soldaten dem Feldherrn gehorsamer, und außerdem, daß die Wachen bei Tage und bei Nacht, und der Reihengang der Posten allenthalben so viel sorgfältiger beobachtet wurden, war auch diese Strenge, als man zur Schlacht aufgetreten war, im entscheidenden Kampfe nicht ohne Nutzen. Denn die Schlacht hatte die größte Ähnlichkeit mit einem Bürgerkriege, so völlig hatten die Latiner nichts von den Römern unterscheidendes, den Muth ausgenommen. Vormals hatten die Römer den Rundschild im Gebrauche gehabt; nachher, als sie Sold aufbringen mußten, nahmen sie statt des Rundschildes den Langschild; und hatten sie sonst in Phalanxen, den Macedonischen ähnlich, gestanden, so fingen sie nachher an, ihre Linie in Streithaufen aufzustellen. 168 Zuletzt theilten sie sich in noch mehrere Ordnungen. Jede Ordnung hatte zweiundsechzig Mann, einen Hauptmann und einen Fahnenträger. Die erste Linie machten die Hastaten aus, in fünfzehn durch mäßige Zwischenräume geschiedenen Streithaufen. Jeder Streithaufe hatte zwanzig Leichtbewaffnete und außer ihnen lauter Langschildner. Leichtbewaffnete hießen die, welche nur eine Lanze und Gallische Wurfspieße führten. Dies erste Treffen der Schlachtordnung enthielt lauter blühende zum Kriegsdienst heranreifende Jünglinge. Auf diese folgten in eben so vielen Streithaufen die von festerem Alter, welche Principen hießen; lauter Langschildner und mit vorzüglich ausgezeichneten Waffen. Diesen ganzen Zug von dreißig Streithaufen nannten sie die (Vorpiken) Antepilanen, weil hinter ihnen unter den Adlern wieder andre fünfzehn Ordnungen aufgepflanzt standen, von denen jede Ordnung ihre drei Rotten hatte. Jede erste dieser Rotten nannten sie die erste Pike: alle drei betrugen hundert sechsundachtzig Mann. Die erste Rotte hatte die Triarier, alte Krieger von bewährter Tapferkeit; die zweite die Rorarier, noch nicht so erstarkt an Jahren, nicht so versucht; die dritte die Überzähligen, auf die man sich am wenigsten verlassen konnte; darum wurden die ins letzte Treffen zurückgesetzt. Wenn das Heer in solcher Ordnung aufgestellt war, fingen die Hastaten, als die vordersten von Allen, die Schlacht an. Konnten die Hastaten den Feind nicht zur Flucht bringen, so wurden sie, mit gehaltnem Schritte zurückweichend, von den Principen in ihre Zwischenräume aufgenommen. Nun war die Schlacht die Sache der Principen, an die sich die Hastaten anschlossen. Die Triarier lagen indeß unter ihren Adlern im Anschlage, das linke Bein vorgestreckt, ihre Langschilde an die Schulter gelehnt, die Hand an der schräg mit der Spitze emporgerichteten, unten in der Erde steckenden Lanze, gleich einer von umpflanzenden Schanzpfählen starrenden Linie. Waren auch die Principen in ihrem Kampfe nicht glücklich, so zogen sie sich allmälig vom Rande der Schlacht auf die 169 Triarier zurück. Daher hört man so oft, wo es schlimm steht, im Sprichworte sagen: «Es kommt an die Triarier .» Hatten die sich jetzt erhebenden Triarier die Principen und Hastaten in die Zwischenräume ihrer eignen Streithaufen aufgenommen, so war sogleich durch die zusammengeschobenen Streithaufen jeder Durchgang wie verschlossen, und in Einem an einander hängenden Zuge, der nun keine weitere Hoffnung hinter sich hatte, fielen sie auf den Feind. Dies war aber auch dem Feinde gerade das furchtbarste, daß er, seiner Meinung nach schon Verfolger der Besiegten, plötzlich eine neue verstärkte Linie sich erheben sah. Die geworbenen vier Legionen bestanden jede etwa aus fünftausend Mann zu Fuß, und dreihundert Rittern für jede Legion. Eine gleiche Anzahl lieferten die Werbungen der Latiner, welche nun der Römer Feinde waren und in der Stellung ihrer Linie dieselbe Einrichtung hatten: und es wußten nicht bloß die Rotten der Triarier, daß sie mit eben solchen Rotten, die sämtlichen Hastaten, daß sie mit Hastaten, so wie die Principen, daß sie mit Principen, sondern jeder Hauptmann, mit welchem Hauptmanne er, wenn die Ordnungen nicht versetzt würden, zusammentreffen werde. Von den beiden ersten Hauptleuten der Triarier in beiden Heeren war der Römer nicht eben vom stärksten Körperbaue, übrigens ein tüchtiger Mann von Kriegserfahrenheit; der Latiner bei außerordentlicher Stärke der erste Soldat: und beide kannten sich sehr genau, weil sie immer als anführende Hauptleute in gleichem Range gestanden hatten. Der Römer hatte sich, bei seinem Mistrauen auf sich selbst, schon zu Rom von den Consuln die Erlaubniß ausgewirkt; sich nach Belieben einen Unterhauptmann aufzusuchen, der ihn gegen den Einen ihm bestimmten Feind schützen könnte; und wirklich trug der jüngere Mann, der in der Schlacht gegen den Latinischen Hauptmann auftrat, den Sieg davon. Die Schlacht selbst fiel nahe am Fuße des Berges Vesuvius vor, auf der Seite, wo der Weg nach Veseris führte. 9. Ehe die Römischen Consuln in Linie ausrückten, 170 ließen sie Opferthiere schlachten. Da soll der Opferschauer dem Decius bemerklich gemacht haben, daß auf derjenigen Seite der Leber, welcher die Römer anging, der in der Opfersprache mit dem Namen Haupt belegte Lappen wie abgehauen fehle, übrigens nähmen die Götter das Opfer gnädig an, und Manlius habe sehr erwünscht geopfert. «So steht Alles gut, sprach Decius, wenn nur mein Amtsgenoß glücklich geopfert hat. », In der oben beschriebenen Stellung traten sie in Linien auf. Manlius führte den rechten, Decius den linken Flügel. Im Anfange des Gefechts waren auf beiden Seiten gleiche Kräfte, gleiches Feuer des Muths: dann aber zog sich auf dem Römischen linken Flügel das erste Treffen, das den eindringenden Latinern nicht widerstehen konnte, auf das zweite zurück. In dieser Verlegenheit rief der Consul Decius dem Marcus Valerius mit lauter Stimme zu: « Valerius, hier müssen die Götter helfen. Auf! sage du mir als Statsoberpriester des Römischen Volks die Gebetsformel vor, nach welcher ich mich für die Legionen darbringen muß.» Der Oberpriester hieß ihn einen verbrämten Friedensrock anlegen, und mit verhülltem Haupte, die Hand unter dem Rocke neben dem Kinne hervorgestreckt, mit beiden Füßen über einem Pfeile stehend, also sprechen: « Janus, Jupiter, Vater Mars, Quirinus, Bellona, «ihr Hausgötter, ihr neu aufgenommenen Götter, ihr altheimischen Götter, ihr Götter, in deren Macht wir und die Feinde stehen, und ihr Götter der Todten, zu euch bete, flehe ich, erbitte mir die Gnade und versichere mich ihrer, daß ihr dem Römischen Volke der Quiriten Übermacht und Sieg angedeihen, und über die Feinde des Römischen Volks der Quiriten Schrecken, Entsetzen und Tod kommen lassen wollet. So wie ich euch dies hiemit ausdrücklich verheißen haben will, so weihe ich für den Stat der Quiriten, für ihr Heer, für ihre Legionen und für die Hülfsvölker des Römischen Volks der Quiriten, jetzt die Legionen und Hülfsvölker der Feinde samt mir den Göttern der Todten und der Tellus zum Opfer.» Nach diesem Gebete hieß er seine Lictoren sich zum 171 Titus Manlius begeben, und seinem Amtsgenossen eiligst melden, daß er sich für das Heer dem Tode geweihet habe. Dann schwang er sich, in die Gabinische Umhüllung geschleiert, bewaffnet auf sein Pferd und stürzte sich mitten in die Feinde. Beide Heere blickten auf ihn, als eine über die Menschheit erhabene Gestalt, sahen in ihm den als Sühnopfer alles göttlichen Zorns vom Himmel Herabgesandten, der alles von den Seinigen abgewandte Verderben auf die Feinde hinübertrüge: so sichtbar setzte gleich anfangs jede Art des Schreckens und Entsetzens, mit ihm hereinbrechend, die Glieder der Latiner in Verwirrung und verbreitete sich dann über ihr ganzes Heer. Das Auffallendste war, daß sie allenthalben, wo er zu Pferde vordrang, nicht anders, als vom Ausflusse eines pestbringenden Gestirnes angeweht, verzagten; und wo er, überdeckt mit Pfeilen, niedersank, da nahmen die Cohorten der Latiner mit unverkennbarem Entsetzen die Flucht und ließen weite Strecken leer. Zugleich erhoben sich auch die Römer, der Furcht vor den Mächten des Himmels entledigt, als wäre ihnen jetzt erst das Zeichen gegeben, und fingen die Schlacht von neuem an. Denn theils brachen die Rorarier zwischen den Antepilanen hervor und verstärkten die Hastaten und Principen; theils warteten schon die Triarier, auf das rechte Knie gestützt, auf den Wink des Consuls zum Aufbruche. 10. Als die Latiner im Fortgange der Schlacht auf andern Punkten durch ihre Anzahl die Oberhand hatten, so war der Consul Manlius, der auf die Nachricht vom Schicksale seines Amtsgenossen, einem so denkwürdigen Tode die ihm vor Menschen und Göttern gebührenden Thränen und Lobsprüche geweihet hatte, ein Weilchen in Ungewißheit, ob es schon Zeit sei, die Triarier sich erheben zu lassen: darauf aber ließ er, überzeugt, daß es besser sei, diese bei frischen Kräften bis auf den Augenblick der Entscheidung aufzubewahren, die Überzähligen vom äußersten Ende des Hintertreffens vor die Fahnen rücken. Sobald diese eintraten, riefen die Latiner, gleich als hätten ihre Gegner dasselbe gethan, ihre Triarier auf. 172 Als diese nun ziemlich lange im hartnäckigsten Gefechte theils sich selbst ermüdet, theils die Spitzen ihrer Lanzen gebrochen oder abgestumpft hatten, doch aber durch ihre Überlegenheit und in der Meinung, daß sie schon dem Ende der Schlacht entgegenkämpften und die letzte Römische Linie erreicht hätten., den Feind zum Weichen brachten; da erst redete der Consul die Triarier an. «Nun erhebt euch, ihr Kraftvollen, gegen Ermüdete; und denkt an Vaterland, Ältern, Gattinnen und Kinder, denkt an den Consul, der für euren Sieg den Tod litt!» Sobald die geschonten Triarier mit noch blitzenden Waffen, als ein neues plötzlich erscheinendes Heer auftraten und die Antepilanen in die Zwischenräume ihrer Streithaufen aufgenommen hatten, setzten sie schon durch ihr erhobenes Geschrei das Vordertreffen der Latiner in Schrecken: sie stachen ihnen mit ihren Spießen nach den Gesichtern, hieben die Kerntruppen der ersten Linien nieder, drangen beinahe ohne Wunden durch die übrigen Ordnungen, als durch Unbewaffnete, und brachen unter einem solchen Gemetzel durch die Keile des Feindes, daß kaum der vierte Theil desselben übrig blieb. Auch die in einiger Ferne am Fuße des Berges aufgestellten Samniten wurden den Latinern furchtbar. Übrigens gebührte der Ruhm dieser Schlacht vor allen Bürgern und Bundesgenossen vorzüglich den Consuln, von denen der Eine alle von Göttern des Himmels und der Unterwelt zu befürchtenden Drohungen und Gefahren auf sich selbst ableitete; der Andre im Treffen so viel Tapferkeit und Einsicht bewies, daß die Römischen und Latinischen Schriftsteller, welche die Erzählung von dieser Schlacht der Nachwelt überliefert haben, darin übereinkommen, daß diejenige Partei unstreitig habe siegen müssen, die den Titus Manlius zum Anführer hatte. Die Latiner zogen sich auf ihrer Flucht nach Minturnä. Ihr Lager wurde nach der Schlacht erobert, und in demselben eine große Menge zu Gefangenen gemacht, hauptsächlich Campaner. Die Leiche des Decius noch an dem Tage zu finden, war nicht möglich: die Nacht 173 übereilte die Suchenden. Am folgenden Tage fand man sie im dichtesten Haufen erschlagener Feinde, mit Pfeilen überdeckt; und sein Amtsgenoß machte die Bestattung so feierlich, als es diesem Tode gebührte. Als Anhang stehe hier die Bemerkung, daß ein Consul, Dictator und Prätor, das Recht habe, wenn er die feindlichen Legionen dem Tode weihen will, nicht gerade sich selbst, sondern jeden, ihm beliebigen, gebornen Römer, der in einer eingezeichneten Legion steht, hierzu zu weihen. Kommt der Geweihete um, so sei dies eben recht: stirbt er nicht, so müsse sein Standbild von sieben Fuß Höhe oder noch größer in die Erde vergraben, und ein Opferthier zur Sühne geschlachtet werden. Die Stelle, wo dies Bild eingegraben ist, dürfe keine Römische Obrigkeit betreten. Will er aber sich selbst weihen, so wie sich Decius weihete, und er stirbt nicht, so kann ein solcher Geweiheter, ohne sich zu versündigen, kein gottesdienstliches Geschäft, weder für sich, noch für den Stat verrichten. Will er dem Vulcan oder einer andern Gottheit seine Waffen weihen, so darf er die Weihe vermittelst eines Schlachtopfers oder andern heiligen Gebrauchs vollziehen. Der Pfeil, auf dem der Consul stehend gebetet hat, muß nicht in feindliche Hände gerathen; bemächtigt sich dessen der Feind, so müssen dem Mars ein Schwein, Schaf und Stier zur Sühne geopfert werden. Sind gleich alle gottesdienstlichen und menschlichen Gebräuche dadurch, daß man Alles, was neu und ausländisch ist, dem alten und heimischen vorzieht, in Vergessenheit gerathen; so habe ich es doch nicht für zweckwidrig gehalten, diesen selbst in den Ausdrücken zu berichten, in denen man ihn uns überliefert und die man ehemals dabei gewählt hat. 11. Bei einigen Schriftstellern finde ich; daß die Samniten, die den Ausgang der Schlacht abgewartet hätten, erst nach geendigtem Treffen den Römern zu Hülfe gekommen sein sollen. Auch habe man von Lavinium aus, wo man die Zeit mit Überlegen hinbrachte, nur dann erst Hülfstruppen für die Latiner abgehen lassen, als sie schon geschlagen waren. Und als die ersten Fahnen und 174 ein Theil des Zuges aus den Thoren gerückt waren, soll ihr Prätor, Namens Milionius, da auf die eingelaufene Nachricht von der Niederlage der Latiner die umgekehrten Reihen in die Stadt zurückkamen, gesagt haben, «den kurzen Weg werde man den Römern theuer bezahlen müssen.» Als sich die von der Schlacht übrig gebliebenen Latiner nach ihrer Zerstreuung auf mancherlei Wegen, wieder gesammelt hatten, wurde die Stadt Vescia ihr Zufluchtsort. Hier behauptete in ihren Beratschlagungen ihr Oberfeldherr Numisius: «Das Kriegsglück habe, in Wahrheit unparteiisch, beide Heere in gleicher Niederlage zu Boden gestreckt, und die Römer hätten den Sieg bloß dem Namen nach, übrigens sähen sie sich in ihrer Lage eben so als Besiegte an: in beiden Hauptzelten der Consuln herrsche Trauer; im Einen über den gemordeten Sohn; im Andern über den Verlust des aufgeopferten Consuls: im ganzen Heere habe das Schwert gewüthet: das erste und zweite Treffen sei niedergehauen: vor und hinter den Fahnen sei das Gemetzel allgemein gewesen: nur die Triarier hätten zuletzt noch die Sache wieder hergestellt. Habe nun gleich die Macht der Latiner eben so sehr gelitten, so sei ihnen doch zur Ergänzung Latium oder das Volskische näher, als den Römern Rom. Wenn sie es also guthießen, so wolle er in den Latinischen und Volskischen Völkerschaften schleunig die Dienstfähigen aufbieten, mit diesem Heere angriffsweise auf Capua zurückgehen, und die Römer, die jetzt nichts weniger als eine Schlacht erwarteten, durch seine plötzliche Erscheinung überraschen.» Da sie also falsche Berichte schriftlich in Latium und unter den sämtlichen Volskern herumgehen ließen, so zog sich von allen Seiten, weil diejenigen, welche der Schlacht nicht beigewohnt hatten, so viel leichter ohne Untersuchung glaubten, ein zum augenblicklichen Dienste eilig aufgebrachtes Heer zusammen. Diesem Zuge begegnete der Consul Torquatus bei Trifanum: so heißt ein Ort zwischen Sinuessa und Minturnä. Ohne einen Platz zum Lager zu nehmen, warf man auf 175 beiden Seiten das Gepäck auf einen Haufen zusammen, schlug und entschied. Denn der Verlust war auf der Seite der Latiner so groß, daß sie sich dem Consul, der an der Spitze seines siegreichen Heeres zur Plünderung ihres Gebietes heranrückte, sämtlich ergaben, und an diese Übergabe auch die Campaner sich anschlossen. Latium und Capua büßten mit Verlust an ihrem Gebiete. Die Latinische Länderei, zu welcher man die Privernatische schlug, und das Falernische, welches dem Campanischen Volke gehört hatte, bis an den Fluß Vulturnus, wurden unter den Römischen Bürgerstand vertheilt. Im Latinischen bekam jeder zwei Morgen, und auf das Ganze wurden ihm noch an Privernatischem Dreiviertel zugegeben; im Falernischen gab man drei Morgen, so daß man hier die größere Entfernung durch Zulage eines Viertels vergütete. In diese Strafe waren nicht mitbegriffen, von den Latinern die Laurenter, und von den Campanern die Ritter, weil sie nicht abgefallen waren. Mit den Laurentern mußte das Bündniß auf Befehl erneuert werden, und seitdem wird es jährlich nach dem zehnten Tage des Latinischen Festes erneuert. Die Campanischen Ritter bekamen das Bürgerrecht, und sie hängten zu Rom als bezeugendes Denkmal eine eherne Tafel im Tempel des Castor auf. Dem Campanischen Volke wurde anbefohlen, jedem von ihnen – und ihrer waren tausend sechshundert – jährlich eine Abgabe von vierhundert und fünfzig Denaren zu entrichten Hatten diese Campanischen Denaren den Werth des Römischen später geprägten Silberdenars, der etwa unsern Viergutegroschenstücken gleich ist, so bekam jeder Ritter jährlich 75 Thaler. Also betrug die Abgabe der Campaner für sie jährlich 120,000 Thaler. Doch läßt sich über den Werth des Campanischen Geldes noch weniger mit Gewißheit bestimmen, als über den des Römischen. . 12. Als Titus Manlius den Krieg so geführt, und jedem nach Verdienst Lohn oder Strafe zugetheilt hatte, kehrte er nach Rom zurück. Man weiß, daß ihm bei seiner Ankunft nur die Bejahrten entgegengingen, und daß ihn die Jüngeren sowohl damals, wie nachher, Zeit seines Lebens, verabscheueten und verwünschten. 176 Die Antiaten thaten Einfälle in das Gebiet von Ostia, Ardea und das Solonische Gefilde. Weil der Consul Manlius die Führung dieses Krieges seines Befindens wegen nicht selbst übernehmen konnte, so ernannte er den Lucius Papirius Crassus, der damals gerade Prätor war, zum Dictator, und von diesem wurde Lucius Papirius Cursor zum Magister Equitum ernannt. Die Verrichtungen des Dictators gegen die Antiaten blieben ohne Denkwürdigkeit, ob er gleich mehrere Monate im Gebiete von Antium sein Standlager hatte. Auf dies durch Besiegung so vieler und so mächtiger Völker, ferner durch den ruhmvollen Tod des einen Consuls und durch die zwar harte, aber unvergeßliche Mannszucht des Andern ausgezeichnete Jahr, folgten Tiberius Ämilius Mamercinus und Quintus Publilius Philo, ein Par Consuln, denen theils ein so reichhaltiger Stoff zu Thaten sich nicht bot, theils ihre eignen Angelegenheiten und ihre Partei im State mehr am Herzen lagen, als das Beste des Vaterlandes. In den Fenectanischen Gefilden besiegten sie die aus Verdruß über ihren Länderverlust sich empörenden Latiner und nahmen ihnen ihr Lager. Während hier Publilius, der am Tage der Schlacht die Anführung und Götterleitung gehabt hatte, damit beschäftigt war, die Übergabe dieser Latinischen Völkerschaften anzunehmen, welche hier ihre Truppen verloren hatten, führte Ämilius sein Heer vor Pedum. Die Pedaner hatten Unterstützung von Tibur, Präneste, Veliträ: auch waren Hülfsvölker von Lanuvium und Antium gekommen. Als nun die Römer auch hier in den Gefechten siegten, allein gegen die Stadt Pedum selbst und gegen das an die Stadt stoßende Lager der mit ihr verbündeten Völker noch die volle Arbeit vor sich hatten, fiel es dem Consul ein, den unbeendigten Krieg liegen zu lassen, weil er gehört hatte, daß seinem Amtsgenossen der Triumph bewilligt sei, und nach Rom zurückzukehren, um auch für sich, noch vor dem Siege, den Triumph zu erpochen. Da diese Zudringlichkeit die Väter beleidigte, und sie ihm den Triumph nicht anders, als nach der Erstürmung oder Übergabe von 177 Pedum bewilligen wollten; so setzte Ämilius, von nun an Gegner des Senats, sein Consulat auf den Fuß unruhiger Tribunate. Theils hörte er, so lange er Consul war, nicht auf, die Väter bei dem Volke zu beschuldigen: sein Amtsgenoß aber, welcher ebenfalls vom Bürgerstande war, setzte sich im mindesten nicht dagegen; und den Stoff zu diesen Beschuldigungen bot die den Bürgern gar zu kärglich ausgetheilte Latinische und Falernische Länderei: theils entsah er sich nicht, als die Väter bei dem sich erneurenden Kriege der Latiner, um dem Oberbefehle dieser Consuln ein Ende zu machen, die Ernennung eines Dictators verordneten, und ihm gerade an diesem Tage mit den Ruthenbündeln die ausübende Gewalt gehörte, seinen Amtsgenossen zum Dictator zu ernennen, welcher den Junius Brutus zum Magister Equitum ernannte. Die Freundschaft dieser Dictatur für das Volk äußerte sich theils durch Vorträge, voll Beschuldigungen gegen die Väter, theils dadurch, daß sie drei Vorschläge gültig machte, die dem Bürgerstande höchst vortheilhaft, dem Adel nachtheilig waren; den ersten: die Beschlüsse des Bürgerstandes sollten für alle Quiriten verbindlich sein; den zweiten: die Väter sollten schon vor der Stimmensammlung alle Verordnungen genehmigen, welche auf den nach Centurien gehaltenen Volkstagen gegeben werden möchten; den dritten: da man schon so viel für sich habe, daß man zu Consuln zwei Bürgerliche nehmen dürfe, so solle nun auch der eine von den beiden Censorn aus dem Bürgerstande gewählt werden müssen. Nach der Meinung der Väter wurde von dem Nachtheile, der in diesem Jahre durch die Consuln und den Dictator für das Innere erwuchs, die durch ihre Siege und kriegerischen Thaten bewirkte Erweiterung der Oberherrschaft nach außen hin, überwogen; 13. Im folgenden Jahre, unter den Consuln Lucius Furius Camillus, Cajus Mänius, gab der Senat, um dem Consul des vorigen Jahres, Ämilius, den Vorwurf über den aufgegebenen Krieg bei Pedum so viel fühlbarer zu machen, mit lautem Unwillen die Erklärung, man müsse Waffen und Mann und jede Kraft aufbieten, Pedum zu 178 erobern und zu zerstören; und die neuen Consuln, denen dies zum wichtigsten Geschäfte gemacht wurde, gingen dahin ab. Latium war jetzt in einer solchen Lage, daß es sich auf Krieg und Frieden gleich ungern einließ. Zum Kriege fehlte es den Latinern an Kraft, und gegen den Frieden empörte sich der Schmerz über ihre Ländereinbuße. Sie glaubten, einen Mittelweg gehen zu müssen: sie wollten sich in ihre Städte zurückziehen, damit die Römer, wenn sie ungereizt blieben, auch keinen Anlaß zum Kriege hätten; allein auf den ersten Ruf von der Belagerung einer Stadt, sollte man aus allen Völkerschaften von allen Seiten den Belagerten zu Hülfe eilen. Dennoch erhielten die Pedaner nur von sehr wenig Völkern Beistand. Die von Tibur und Präneste bewog die Nähe ihrer Lage, sich bei Pedum einzufinden. Die von Aricia hingegen, von Lanuvium und Veliträ schlug der Consul Mänius in einem Überfalle am Flusse Astura, als sie eben zu den Volskern von Antium stoßen wollten. Bei Pedum lieferte Camillus den Tiburtinern, dem stärksten feindlichen Heere, eine Schlacht, die weit mehr Anstrengung forderte, ob sie gleich im Ausgange eben so glücklich war. Ein plötzlicher Ausfall der Belagerten während der Schlacht machte das Gefecht so viel lebhafter: Camillus aber, der einen Theil seines Heers gegen sie sich umwenden ließ, trieb sie nicht allein in die Mauern zurück, sondern erstieg noch an eben dem Tage, an welchem er sie und ihre Hülfsvölker besiegt hatte, die Stadt mit Sturmleitern. Nun beschlossen die Consuln, das siegreiche Heer nach Eroberung dieser ersten Stadt mit erweiterter Kraft und Aussicht zur Unterjochung Latiums von einem Orte zum andern zu führen, und sie ruheten nicht eher, als bis eine Stadt nach der andern durch Sturm oder Übergabe gefallen und ganz Latium bezwungen war. Sie belegten die eroberten Städte mit Besatzungen und zogen nach Rom zurück, zu einem Triumphe, den ihnen Alle einmüthig bestimmt hatten. Außer dem Triumphe erhielten sie noch die Ehre, daß ihnen Standbilder zu Pferde – eine Seltenheit 179 für jenes Zeitalter – auf dem Markte errichtet wurden. Ehe sie durch einen Wahltag die Consuln für das folgende Jahr bestimmen ließen, machte Camillus im Senate die Latinischen Völkerschaften zum Gegenstande seines Vortrages und erklärte sich folgendermaßen: «Versammelte Väter, Was durch Krieg und Waffen in Latium bewirkt werden sollte, ist jetzt durch die Gnade der Götter und die Tapferkeit der Soldaten erreicht. Bei Pedum und an der Astura sind die Heere der Feinde niedergehauen; die sämtlichen Latinischen Städte, und die Volskische, Antium, durch Sturm oder Übergabe gewonnen, sind mit euren Besatzungen belegt. Jetzt bleibt uns nur noch zu überlegen, weil sie uns so oft durch ihre Empörungen beunruhigen, wie wir sie durch einen daurenden Frieden in Ruhe erhalten mögen. Die unsterblichen Götter haben diese Verfügung so ganz euch anheim gestellt, daß sie das fernere Sein oder Nichtsein Latiums in eure Hände gegeben haben. Was also die Latiner betrifft, so könnt ihr euch, sei es nun durch Härte, oder durch Verzeihen, einen Frieden auf ewig bereiten; Wollt ihr gegen eure Übergebenen, gegen eure Besiegten, grausam verfahren? Es steht euch frei, ganz Latium zu vertilgen, und Gegenden zu weiten Einöden zu machen, aus denen euch mehrmals ein auserlesenes Heer von Verbündeten in vielen und schweren Kriegen zu Gebote stand. Wollt ihr lieber nach dem Beispiele der Vorfahren den Römischen Stat dadurch vergrößern, daß ihr die Besiegten in die Rechte der Bürger aufnehmt? Die Gelegenheit, auf die rühmlichste Art groß zu werden, bietet sich euch jetzt. Wenigstens ist die Herrschaft bei weitem die festeste, welcher die Gehorchenden sich freuen. Allein was ihr über sie zu beschließen geruhet, erfordert Eile. Ihr habt hier der Völker so viele, die alle zwischen Furcht und Hoffnung schweben. Folglich ist es eben so nöthig, daß eure Plane mit ihnen je eher je lieber ausgeführt werden, als daß man ihren Entschlüssen, so lange sie noch in betäubender Erwartung sind, entweder durch Bestrafung oder durch Wohlthat zuvorkomme. Uns lag es ob, euch 180 auf alle Fälle zu Herren eures Entschlusses zu machen: nun liegt es an euch, zu entscheiden, was für euch und den Stat das Beste sei.» 14. Die Häupter des Senats bezeigten dem Consul über seinen Antrag im Ganzen ihre Zufriedenheit; nur bemerkten sie, weil die Schuld dieser Völker ihre verschiedenen Stufen habe, man werde, wenn man gegen jedes nach Verdienst erkennen wolle, nur dann erst zum Schlusse kommen, wenn die Consuln die Sache jedes Volkes namentlich zum Vortrage brächten. Also erfolgte Antrag und Beschluß über jedes besonders. Den Lanuvinern wurde das Bürgerrecht ertheilt und ihr Gottesdienst wieder freigegeben, mit der Bedingung, daß der Tempel und Hain der Juno Sospita den Lanuvinern als Bürgern einer Freistadt und dem Römischen Volke gemeinschaftlich gehören solle. Die Ariciner, Nomentaner und Pedaner erhielten bei der Aufnahme in die Bürgerschaft mit den Lanuvinern gleiche Rechte. Den Tusculanern ließ man das Bürgerrecht, das sie schon hatten, und sah den ihnen zur Last gelegten Abfall nicht als bösen Vorsatz des Gesamtvolks, sondern für das Werk einiger wenigen Empörer an. Gegen die Veliterner, die als alte Bürger Roms sich so oft empört hatten, verfuhr man mit Härte. Ihre Mauern wurden niedergerissen, ihr Senat dort abgeführt, mit dem Befehle, jenseit der Tiber zu wohnen, so daß jedes Mitglied desselben, wenn es sich diesseit der Tiber betreffen ließe, tausend Nimmt man den schweren oder pfündigen Ass der damaligen Zeit, wo 1000 Pfund Erz nur den Werth Eines Römischen Pfundes Silber hatten, ungefähr zu sechs Pfennigen an, so sind dies etwa 20 Thaler. Pfund Erz als Pfandgebühr zu erlegen hätte, und der, der einen solchen einfinge, ihn nicht eher, als nach geleisteter Zahlung, der Haft entlassen sollte. Auf die Ländereien der Senatoren wurden neue Pflanzer geschickt, und da diese an die alten angereihet wurden, gewann Veliträ das Ansehen seiner ehemaligen Volksmenge wieder. Auch nach Antium wurde eine neue Pflanzung ausgeführt, zugleich aber den Antiaten freigestellt, sich selbst als Pflanzer anstellen zu lassen. Man nahm ihnen ihre Kriegsschilfe, 181 untersagte dem Volke von Antium das Meer und gab ihm das Bürgerrecht. Die Tiburtiner und Pränestiner wurden um Land gestraft, nicht bloß für die neulich sich zugezogene Schuld des Abfalls, die sie mit andern Latinern gemein hatten, sondern weil sie vorher aus Unzufriedenheit mit der Römischen Regierung, sich mit den rohen Barbaren, den Galliern, in ein Waffenbündniß eingelassen hatten. Den übrigen Latinischen Völkerschaften untersagte man die gegenseitigen Verheirathungen, die Handelsverbindungen und öffentlichen Zusammenkünfte unter einander. Den Campanern gab man aus Achtung für ihre Ritter, weil sie nicht mit den Latinern hatten abfallen wollen; auch den Einwohnern von Fundi und Formiä, weil sie immer einen sichern und friedlichen Durchmarsch durch ihr Gebiet verstattet hatten, das Bürgerrecht, doch ohne Stimme. Die Einwohner von Cumä und Suessula setzte man mit Capua auf gleiche Rechte, mit derselben Einschränkung. Die Schiffe der Antiaten wurden theils auf die Rehde Roms gebracht, theils verbrannt; mit ihren Schnäbeln ließ man die Rednerbühne auszieren, die auf dem Gerichtsplatze gebauet wurde, und nannte diese geweihete Stäte die Rostra (die Schnäbel). 15. Als unter den Consuln Cajus Sulpicius Longus, Publius Älius Pätus zwar auch die Macht der Römer, aber eben so sehr auch die durch Wohlthaten erworbene Liebe das Ganze in gesegnetem Frieden beherrschte, brach zwischen den Sidicinern und Aurunkern ein Krieg aus. Die Aurunker waren, seitdem sie sich an den Consul Titus Manlius ergeben hatten, ohne Empörung treu geblieben: mit so viel größerem Rechte konnten sie sich von den Römern Beistand erbitten. Ehe aber die Consuln mit dem Heere von der Stadt aufbrachen; denn der Senat hatte die Aurunker zu schützen befohlen; lief die Nachricht ein, die Aurunker hätten aus Furcht ihre Stadt verlassen und sich als Flüchtlinge mit Weib und Kind in Suessa befestigt, welches davon noch jetzt das Aurunkische heißt, und ihre alten Mauern samt der Stadt hätten die Sidiciner zerstört. Aufgebracht gegen die Consuln, deren Zögern Verbündete 182 preisgegeben habe, ließ der Senat einen Dictator ernennen. Man ernannte den Cajus Claudius Regillensis, und dieser den Cajus Claudius Hortator zum Magister Equitum. Fromme Bedenklichkeiten wegen dieses Dictators und die Aussage der Vogelschauer, daß bei seiner Wahl ein Fehler vorgefallen sei, veranlassten ihn und den Magister Equitum, wieder abzudanken. In diesem Jahre wurde die, anfangs ihres zu netten Putzes wegen in Verdacht gerathene, dann bei den Oberpriestern von einem aussagenden Sklaven als schuldig angegebene Vestalinn Minucia, nachdem ihr durch ein Erkenntniß der Priester der Opferdienst und die Freilassung ihrer Sklaven untersagt war, nach erfolgter Verurtheilung, bei dem Collinischen Thore, rechter Hand der gepflasterten Straße, auf dem Frevelfelde lebendig unter der Erde vermauert. Den Namen bekam der Ort, wie ich glaube, vom Frevel der Unzucht. In eben diesem Jahre wurde Quintus Publilius Philo der erste, aus dem Bürgerstande gewählte Prätor; so sehr dies auch der Consul Sulpicius, selbst durch die Erklärung, daß er ihn bei der Wahl gar nicht in Betracht ziehen werde, zu hindern suchte: denn der Senat zeigte sich in der Behauptung dessen, was ihm bei den höchsten Befehlshaberstellen nicht gelungen war, bei der Prätur so eifrig nicht. 16. Dem folgenden Jahre, welches den Lucius Papirius Crassus und Cäso Duilius zu Consuln hatte, gab der Krieg mit den Ausonen mehr durch seine Neuheit, als durch seine Wichtigkeit, eine Auszeichnung. Dieses Volk bewohnte die Stadt Cales. Es hatte seine Waffen mit den Sidicinern, seinen Nachbaren, vereinigt: und in einem einzigen, kaum denkwürdigen Gefechte wurde das Heer beider Völker geschlagen, dem die Nähe seiner Städte eine Einladung zur früheren Flucht, und auf der Flucht selbst größere Sicherheit gewährte. Gleichwohl gab der Senat seine Aufmerksamkeit für diesen Krieg nicht auf, weil die Sidiciner schon so oft entweder selbst Krieg angefangen, oder Kriegende unterstützt, oder doch Krieg veranlasset hatten. Also gab er sich alle Mühe, dem größten Feldherrn jener Zeit, dem Marcus Valerius Corvus, das vierte 183 Consulat zu verschaffen: und zum Amtsgenossen bekam Corvus den Marcus Atilius Regulus Den Großvater des im ersten Punischen Kriege so berühmt gewordenen Regulus . . Damit auch das Los nicht etwa fehlgreifen möchte, ersuchte man die Consuln, diesen Krieg dem Corvus ohne Los zu bestimmen. Als er mit dem von den vorigen Consuln ihm übergebenen siegreichen Heere bei Cales, dem ursprünglichen Sitze des Krieges, angelangt war, und den Feind, den auch die Erinnerung an das vorige Treffen muthlos machte, im ersten Geschreie und Heransturze geschlagen hatte, so unternahm er den Angriff auf die Stadt selbst. Und die Soldaten hatten so glühenden Muth, daß sie sogleich mit Sturmleitern an die Mauern rücken wollten und sie zu ersteigen versprachen. Allein Corvus wollte, weil dies zu mißlich war, zur Erreichung seines Zwecks die Soldaten lieber einer größern Arbeit, als Gefahr aussetzen. Schon waren ein Sturmwall und Annäherungshütten aufgeführt, und Thürme an die Mauern gerollt, als ein begünstigender Zufall den Gebrauch derselben unnöthig machte. Ein gefangener Römer, Marcus Fabius, dem es bei der Nachlässigkeit der Wachen an einem Festtage gelang, seine Bande zu sprengen, hing sich an ein um die Mauerzinne gebundenes Seil, ließ sich an der Mauer mit den Händen in die Römischen Werke herab, und bewog den Feldherrn, die den Wein und Schmaus ausschlafenden Feinde zu überfallen; und so wurden die Ausonen samt ihrer Stadt in einem eben so leichten Kampfe bezwungen, als sie vorher im Treffen besiegt waren. Die Legionen machten ansehnliche Beute, und nach Zurücklassung einer Besatzung in Cales wurden sie nach Rom zurückgeführt. Vermöge eines Senatsschlusses hielt der Consul den Aufzug des Triumphs; und damit der andre Consul nicht von allem Ruhme ausgeschlossen bliebe, erhielten beide Consuln Befehl, ein Heer gegen die Sidiciner auszuführen. Vorher ernannten sie nach einem Senatsschlusse zur Haltung des Wahltages den Lucius Ämilius Mamercinus zum Dictator, und dieser ernannte den 184 Quintus Publilius Philo zum Magister Equitum. Auf dem vom Dictator gehaltenen Wahltage wurden Titus Veturius und Spurius Postumius Consuln Dies sind die in ihrem zweiten Consulate im J. 433. durch ihr Unglück bei Caudium so berühmt gewordenen Consuln. . War gleich der Sidicinische Krieg noch nicht ganz geendigt, so trugen sie dennoch, um dem sehnlichen Wunsche der Bürger durch die Wohlthat zuvorzukommen, auf die Ausführung einer Pflanzung nach Cales an; und als der Senatsschluß zu Stande kam, daß zweitausend fünfhundert zur Absendung eingezeichnet werden sollten, ernannten sie zu Dreiherren der Ausführung und Landvertheilung den Cäso Duilius, Titus Quinctius, Marcus Fabius . 17. Als darauf die neuen Consuln von den alten das Heer übernommen hatten, rückten sie in das feindliche Gebiet und drangen unter Verheerungen bis an die Mauern der Stadt. Weil aber theils die Sidiciner selbst, nach Aufstellung eines ansehnlichen Heeres, hier für ihre letzte Hoffnung das Äußerste wagen zu wollen schienen, theils, dem Gerüchte nach, Samnium zur Theilnahme am Kriege aufriefen, so ernannten die Consuln nach einem Senatsgutachten einen Dictator, den Publius Cornelius Rufinus, und Magister Equitum wurde Marcus Antonius. Allein fromme Bedenklichkeiten fanden die Rechtmäßigkeit dieser Wahl zweifelhaft, und beide dankten ab. Und da nun noch eine Pest dazu kam, so ließ man, nicht anders, als ob jene fehlerhafte Wahl sich auf Alle erstrecke, in deren Händen die Götterleitung war, eine Zwischenregierung eintreten, (J. R. 422. Ich habe das Jahr 422 mit seinen Consuln hier in Parenthese eingeschaltet. Livius selbst sagt uns, B. IX. Cap. 7. daß im Jahre Roms 433 L. Papirius Cursor zum zweitenmale zum Consul gewählt sei, nämlich für das folgende Jahr 434. Er muß also irgendwo vorher das erste Consulat dieses Papirius Cursor angegeben haben: es fehlt aber mit der ganzen Geschichte jenes Jahrs, ich weiß nicht, ob durch seine Schuld, oder durch die der Abschreiber. Indeß einen andern Fehler scheint doch Livius begangen zu haben, weil der Synchronismus in seinen Zeiten noch schwieriger auszumitteln war. Er nimmt an, ( B. VIII. C. 24. ) Alexandrien sei im J. R. 429 gebaut, unter den Consuln C. Pötelius und L. Papirius Mugillanus, welchen letztern andre Annalen, nach Livius eigner Bemerkung, L. Papirius Cursor nennen. Er fand nämlich der Wahrheit gemäß die Erbauung Alexandriens auf das Consulat eines Papirius Cursor angesetzt. Nun verwechselt er aber, weil er den Papirius Mugillanus ( Cap. 23 am Schlusse) auch unter dem Namen Papirius Cursor fälschlich angegeben fand, das Jahr 429, in welchem der (unrichtig Cursor benannte) Mugillanus Consul war, mit dem Jahre 422, in welchem der wahre Papirius Cursor sein erstes Consulat führte. Denn nach Solinus wurde Alexandrien im J. R. 422 gebaut: und dieser Angabe folgen Pighius, Crevier (zu Cap. XXIV.), Almeloveen und Blair's Tabellen. Man muß also nicht mit Dodwell die einzuschaltenden Consuln Papirius Cursor (1) und C. Pötelius auf das Jahr 424 einschieben, sondern auf das Jahr 422; man muß nicht in den Annalen des Livius unmittelbar auf das Jahr 423 das Jahr 425 folgen lassen, sondern auf das Jahr 421 das Jahr 423. Dies könnte vielleicht auch noch durch die Bemerkung bestätigt werden, daß alsdann zwischen dem ersten und zweiten Consulate des Papirius Cursor vom Jahre 422 bis zum Jahre 434 volle elf Jahre verflossen, da nach dem Gesetze ( B. VII. C. 42 ) niemand dasselbe Amt in zehn Jahren zweimal bekleiden durfte. Indeß ergeben die Consularischen Fasten, daß selbst in diesen Zeiten das noch nicht alte Gesetz nicht immer strenge befolgt sei. L. Papirius Cursor  (1), C. Pötelius, Q. F. Libo Coss.) Nach Eröffnung dieser 185 Zwischenregierung wurden erst vom fünften Zwischenkönige – dieser war Marcus Valerius Corvus – Consuln gewählt, Aulus Cornelius zum zweitenmale und Cneus Domitius . Mitten in der Ruhe bewirkte die Nachricht von einem Anzuge der Gallier einen so schnellen Aufruf zum Kriege, daß man auch die Wahl eines Dictators nöthig fand. Ernannt wurde Marcus Papirius Crassus, und zum Magister Equitum Publius Valerius Publicola: und schon hielten sie die Werbung mit größerer Strenge, als bei den Kriegen mit den Nachbarn; da erfuhr man durch ausgeschickte Kundschafter, daß bei den Galliern alles ruhig sei. Auch erhielt sich der Verdacht, daß Samnium unter Entwürfen zum Abfalle in Gährung sei, schon in das zweite Jahr; deshalb wurde das Römische Heer aus dem Sidicinischen nicht zurückgezogen. Allein der Krieg des Epirotischen Alexander rief die Samniten zu den Lucanern hinüber; und beide Völker lieferten dem Könige, als er bei Pästum eine Landung wagte, eine förmliche Schlacht. Alexander, in diesem Kampfe Sieger, schloß mit den Römern einen Vertrag, ohne daß man bestimmen kann, wie treu er ihn gehalten haben würde, wenn er ferner gleiches Glück gehabt hätte. In eben diesem Jahre wurde eine Schatzung gehalten, und die neuen Bürger geschatzt: um ihrer willen 186 bekam Rom zwei neue Bezirke, den Mäcischen und Scaptischen: Diese Vergrößerung war das Werk der Censorn Quintus Publilius Philo, Spurius Postumius. Die Bürger von Acerrä wurden Römer, auf den vom Prätor Lucius Papirius gemachten Antrag, nach welchem sie das Bürgerrecht ohne Stimmrecht erhielten. Dies sind die friedlichen und kriegerischen Begebenheiten dieses Jahrs. 18. Das folgende Jahr wurde entweder durch ungesunde Witterung oder durch menschliche Bosheit ein abscheuliches Jahr; es hatte die Consuln Marcus Claudius Der fünfmalige Consul, der den Hannibal bei Nola schlug, war der Urenkel dieses Marcellus . Marcellus, Cajus Valerius. Den Zunamen dieses Consuls finde ich in den Jahrbüchern verschieden, bald Flaccus, bald Potitus, angegeben ohne daß es uns viel verschlägt, was hier die Wahrheit sein mag. Die Angabe hingegen, die ich auch nicht bei allen Schriftstellern finde, möchte ich gern für unrichtig halten dürfen, daß diejenigen, durch deren Tod dies Jahr mit dem Rufe eines Pestjahrs gebrandmarkt ist, an Giften gestorben sein sollen. Um indeß keinem der Erzähler seine Glaubwürdigkeit abzusprechen, will ich die Sache darlegen, wie sie gemeldet wird. Da die Vornehmsten des States an einerlei Krankheit starben, die auch fast bei allen einen gleichen Ausgang nahm, so machte sich eine Magd gegen den Adelsädil, Quintus Fabius Maximus, anheischig, die Ursache des allgemeinen Sterbens aufzudecken, wenn er ihr die Versicherung gäbe, daß die Anzeige sie nicht unglücklich machen solle. Fabius berichtete die Sache sogleich den Consuln, die Consuln an den Senat, und mit Beistimmung des ganzen Standes erhielt die Anzeigerinn jene Zusage. Nun entdeckte sie, daß an diesem Unglücke des Stats weibliche Bosheit Schuld sei und daß Frauen von Rang dergleichen Gifte kochten: man könne sie auf der That ertappen, wenn man ihr sogleich folgen wolle. Man folgte der Aussagerinn, und fand Einige mit dem Kochen solcher Mittel beschäftigt, manches schon Gekochte auf die Seite gestellt. 187 Man brachte Alles auf den Markt; an die zwanzig Frauen, bei denen man so etwas gefunden hatte, wurden durch den Gerichtsboten vorgefordert; zwei von ihnen, Cornelia und Sergia, beide aus patricischen Geschlechtern, betheuerten die Unschädlichkeit ihrer Arzeneien, und da die Klägerinn durch ihre Gegenbehauptung sie aufforderte, um zu beweisen, daß sie eine Unwahrheit vorgebracht habe, möchten sie selbst ihre Tränke austrinken, erbaten sie sich Zeit, mit einander Rücksprache zu halten. Das Volk mußte zurücktreten: sie brachten vor aller Augen die Sache bei den übrigen Frauen zur Anfrage, und da sich auch diese zum Trinken bereit erklärten, so tranken sie sämtlich ihre Tränke aus und büßten ihre Bosheit mit ihrem Leben. Die zu ihrer Begleitung gehörigen Sklavinnen, derer man sich sogleich bemächtigte, gaben eine große Anzahl von Frauen an, von denen an hundert und siebzig verdammt wurden. Nie war vorher zu Rom wegen Giftmischerei eine Untersuchung gewesen. Man fand in der Sache eine Vorbedeutung von Unglück, und sie schien sich mehr zu einer Verrücktheit des Verstandes, als zu einer Frevelthat zu eignen. Da man sich also aus den Jahrbüchern erinnerte, daß ehemals bei den abtrünnigen Auswanderungen des Bürgerstandes ein Dictator einen Nagel eingeschlagen, und diese Sühne die in der Zwietracht zum Unsinne übergegangenen Köpfe wieder zur Besinnung gebracht habe, so beschloß man, zur Einschlagung des Nagels einen Dictator zu wählen. Cneus Quinctilius, der dazu gewählt wurde, ernannte den Lucius Valerius zum Magister Equitum; und als der Nagel eingeschlagen war, traten sie beide von ihren Ämtern wieder ab. 19. Consuln wurden Lucius Papirius Crassus zum zweitenmale und Lucius Plautius Venno. Im Anfange dieses Jahrs kamen Gesandte von den Volskischen Städten Fabrateria und Polusca Weil Livius selbst weiter unten Cap. XXV. sagt, die Lucaner hätten vorher mit den Römern, durchaus in keinem Verhältnisse gestanden, so können sie auch hier den Römern sich nicht zur Übergabe anbieten, nicht durch eine Römische Gesandschaft vor den Samniern geschützt werden. Dies haben schon mehrere Herausgeber und Erklärer dargethan. Ich folge also mit Crevier der Vermuthung des Alb. Rubenius, welcher statt Lucanis Poluscanis lieset, Polusca war nach II. 33. eine Stadt der Volsker . nach Rom, mit der Bitte, ihre 188 Übergabe anzunehmen. Wenn sie vor den Waffen der Samniten geschützt würden, so wollten sie treu und gehorsam unter Römischer Hoheit leben. Da fertigte der Senat Gesandte ab, und ließ den Samniten andeuten, sich jedes Angriffs auf das Gebiet dieser Völker zu enthalten. Und diese Gesandschaft fand Gehör, nicht sowohl weil die Samniten zum Frieden so willig, als weil sie zum Kriege noch nicht in Bereitschaft waren. In diesem Jahre begann auch der Privernatische Krieg, an welchem die Einwohner von Fundi Theil nahmen; ja der Feldherr war ein Fundaner, Vitruvius Vaccus, ein Mann, der nicht bloß in seiner Heimat, sondern selbst zu Rom in Ansehen stand. Ihm gehörte auf dem Palatium ein Haus, welches nach Niederreißung des Gebäudes als öffentlicher Platz den Namen der Vaccische grüne Platz bekam. Weil er die Gegend von Setia, Norba und Cora weit und breit verheerte, zog Lucius Papirius gegen ihn aus, und setzte sich nicht weit vom Lager desselben. Vitruvius hatte weder weise Selbstkenntniß genug, sich gegen einen stärkeren Feind im Lager zu halten, noch Muth, zu einer Schlacht sich vom Lager zu entfernen. Kaum ließ er seinem Heere die Zeit, völlig aus dem Lagerthore zu rücken, so lieferte er schon, ohne Plan, ohne Entschlossenheit, eine Schlacht, in der seine Soldaten ihre Blicke mehr rückwärts auf die Flucht, als auf das Gefecht und auf den Feind richteten, Indeß, mit so leichter Mühe und so entschieden er geschlagen war, so sicherte er doch, selbst durch den Mangel an Raum und durch die Leichtigkeit des Rückzuges in das Lager, sein Heer ohne Schwierigkeit vor großem Verluste; denn im Treffen selbst fiel fast niemand, sondern nur Wenige im Gedränge des fliehenden Nachtrabes, als sie ins Lager zurückstürzten; und beim ersten Dunkel ging der Zug in voller Eile nach Privernum, um sich lieber hinter Stadtmauern, als hinter einem Lagerwalle, zu vertheidigen. 189 Der andre Consul, Plautius, nachdem er das Gebiet von Privernum allenthalben verheert und Beute gemacht hatte, rückte mit seinem Heere in das Gebiet von Fundi. Als er die Gränzen betrat, kam ihm der Fundanische Senat mit der Erklärung entgegen: «Sie kämen nicht, für den Vitruvius und seine ihm nachgelaufene Bande zu bitten, sondern für das Fundanische Volk, dessen Schuldlosigkeit in Hinsicht auf den Krieg Vitruvius selbst dadurch erhärtet habe, daß er auf seiner Flucht sich nach Privernum gerettet habe, und nicht in seine Vaterstadt Fundi. «Zu Privernum also müsse das Römische Volk seine Feinde aufsuchen und in ihnen Leute verfolgen, welche zugleich von den Fundanern und von den Römern, mit gleicher Treulosigkeit gegen beide Vaterstädte, abgefallen wären. Zu Fundi herrsche Friede und Römische Gesinnung und dankbare Erinnerung an das erhaltene Bürgerrecht. Sie bäten den Consul, sich alles Krieges gegen ein unschuldiges Volk zu enthalten. Ihr Land, ihre Stadt, sie selbst mit Weib und Kind wären des Römischen Volkes Eigenthum und würden es ferner sein.» Der Consul bezeigte den Fundanern seine Zufriedenheit, meldete schriftlich nach Rom, daß Fundi unter die getreuen Städte gehöre, und wandte sich gegen Privernum. Claudius Quadrigarius. Siehe B. VI. C. 42. schreibt, der Consul habe vorher noch die Häupter der Verschwörung zur Strafe gezogen; habe an dreihundert und fünfzig von den Verschwornen in Fesseln nach Rom geschickt, der Senat aber habe diese Auslieferung nicht gelten lassen, weil er den Fundanern die Absicht beigemessen habe, mit der Bestrafung dieser dürftigen und geringen Leute abzukommen. 20. Während der Einschließung von Privernum durch zwei consularische Heere wurde der eine Consul des Wahltags wegen nach Rom zurückgerufen. In diesem Jahre wurden in der Rennbahn zum erstenmale Schranken aufgestellt. Noch hatte man sich der Sorge für den Privernatischen Krieg nicht entledigt, als sich das fürchterliche Gerücht 190 von einem drohenden Gallischen Überfalle verbreitete, welches die Väter nicht leicht unbeachtet ließen. Deswegen wurden die neuen Consuln, Lucius Ämilius Mamercinus und Cajus Plautius, sogleich am Antrittstage ihres Amts, am ersten Quinctilis, befehligt, über die Plätze ihrer Anstellung entscheiden zu lassen, und insbesondre Mamercinus, dem das Los den Gallischen Krieg bestimmte, sich bei der Werbung auf keine Nachsicht gegen vorgeschützte Dienstfreiheit einzulassen. Ja es heißt, man habe auch die sonst zum Kriegsdienste gar nicht geeignete Classe der Arbeiter und sitzenden Handwerker aufgeboten, und ein großes Heer nach Veji zusammengezogen, um von dort aus den Galliern entgegen zu gehen. Sich weiter zu entfernen hielt man nicht für rathsam, um nicht den Feind, wenn er einen andern Weg zur Stadt einschlüge, zu verfehlen. Als man sich wenige Tage nachher völlig versichert hatte, daß man für jetzt vor den Galliern nichts zu fürchten habe Vielleicht setzte Livius die beiden Worte a Gallis in das folgende Komma, um den Doppelsinn zu meiden, welcher entstanden wäre, wenn er sie in dem zunächst vorhergehenden angebracht hätte. Denn eigentlich wäre doch wohl hier quies a Gallis zusammenzunehmen. , zog sich der ganze Krieg gegen Privernum . Hier giebt es zwei Erzählungen. Einige melden, die Stadt sei im Sturme erobert, und Vitruvius lebendig gefangen genommen: Andre, ehe es zum Äußersten gekommen sei, hätten sich die Bürger unter Vortragung eines Friedensstabes dem Consul auf Gnade ergeben, und den Vitruvius ausgeliefert. Der Senat beschied den Consul Plautius, auf dessen Anfrage über den Vitruvius und die Privernaten, wenn er Privernums Mauern niedergerissen und eine starke Besatzung dort gelassen habe, zum Triumphe; befahl, bis zur Rückkunft des Consuls den Vitruvius im Gefängnisse zu verwahren, und dann ihn zu peitschen und hinzurichten. Sein Haus auf dem Palatium sollte niedergerissen, seine Güter dem Semo Sancus Dem Dius Fidius der Sabiner . geheiligt werden; und von dem daraus gelöseten Gelde wurden eherne Kugeln verfertigt und in der Capelle des Sancus auf jener 191 Seite aufgestellt, welche nach dem Quirinustempel hinsieht. Über den Senat von Privernum fiel der Beschluß dahin aus, daß jeder, der zu Privernum nach dem Abfalle von Rom als Senator geblieben sei, unter eben der Verpflichtung, wie die Veliterner, jenseit der Tiber wohnen solle. Nach diesen Beschlüssen kam die Sache der Privernaten bis zum Triumphe des Plautius nicht wieder im Senate vor: allein nach seinem Triumphe glaubte der Consul, weil Vitruvius und seine Mitschuldigen den Tod schon gelitten hatten, bei Zuhörern, die durch die Hinrichtungen so vieler Schuldigen versöhnt wären, der Privernaten ohne Gefahr erwähnen zu können, und sprach: «Da die Urheber des Abfalls ihre verdiente Strafe von den unsterblichen Göttern und von euch, ihr versammelten Väter, empfangen haben, so fragt es sich, was eurem Willen gemäß mit dem schuldlosen Haufen geschehen soll. Ist es gleich meinem Amte angemessener, eure Meinungen zu erfragen, als die meinige mitzutheilen, so wünschte ich doch für meine Person, wenn ich in den Privernaten die Nachbarn der Samniten sehe, eines Volks, dessen friedliches Verhältniß zu uns jetzt so unsicher steht, es möchte zwischen uns und ihnen nicht die mindeste Abneigung zurückbleiben.» 21. Da in einer Sache, die ohnehin zwei Seiten hatte, Jeder nach seiner eignen Denkungsart entweder mehr zur Strenge oder zur Gelindigkeit rieth, so machte sie Alle Einer der Privernatischen Gesandten dadurch noch unschlüssiger, daß er, mehr der Lage, in welcher er geboren war, als seines jetzigen Unglücks eingedenk, einen der Rathsherrn von der strengeren Partei auf die Frage: «Was die Privernaten seiner Meinung nach für eine Strafe verdient hätten,» zur Antwort gab: «Die, welche Männern gebührt, die sich der Freiheit würdig halten.» Als der Consul bemerkte, daß über diese kühne Antwort diejenigen, die schon vorher der Sache der Privernaten entgegen waren, noch aufgebrachter wurden, so sprach er, in der Hoffnung, jenem durch eine freundlichere Frage auch eine sanftere Antwort abzugewinnen: «Wie? wenn wir euch 192 die Strafe erließen, was für einen Frieden würden wir uns dann von euch zu versprechen haben?» – «Ist der Friede,» erwiederte jener, «den ihr uns geben werdet, schonend; einen treuen, daurenden: ist er drückend; einen kurzen.» Nun vollends riefen Einige: «Ein Privernat unterstehe sich, zu drohen, und so ganz unverhohlen: solche Äußerungen seien dazu geeignet, sogar friedliche Völker zur Empörung zu reizen.» Allein der bessere Theil des Senats suchte der Antwort eine bessere Deutung zu geben und sagte: «Das habe ein Mann, und ein Freier, gesprochen. Ob es glaublich sei, daß irgend ein Volk; oder selbst ein einzelner Mensch, in einer Lage, mit der er unzufrieden sei, länger ausdauren werde, als der Zwang gebiete? Treuer Friede sei nur da zu finden, wo die Menschen aus freier Zustimmung ihn hielten; nie aber müsse man sich Treue da versprechen, wo man Sklaverei einführen wolle.» Vor allen andern gewann der Consul selbst die Gemüther für diese Meinung dadurch, daß er zu wiederholtenmalen den Consularen, an welche die Stimmenden sich anschlossen, so laut, daß es Mehrere hören konnten, zurief: «Nur solche Männer, welche auf nichts, als Freiheit, dächten, verdienten Römer zu werden.» Also ging die Sache nicht nur im Senate durch; sondern es wurde auch nach einem Gutachten der Väter bei dem Volke darauf angetragen, den Privernaten das Bürgerrecht zu ertheilen. Auch wurden in diesem Jahre dreihundert Bürger nach Anxur als Anbauer geschickt: sie bekamen jeder zwei Morgen Landes. 22. Es folgte ein Jahr, das sich durch keine Begebenheit, weder im Kriege, noch im Innern, auszeichnet, unter den Consuln Publius Plautius Proculus, Publius Cornelius Scapula; außer daß nach Fregellä, welches mit seinem Gebiete vorher den Sidicinern, nachher den Volskern gehört hatte, eine Pflanzung ausgeführt, und vom Marcus Flavius bei der Beerdigung seiner Mutter dem Volke Fleisch ausgetheilt wurde. Es fehlte nicht an Leuten, welche dies so auslegten: er habe unter dem Scheine, seine Mutter zu ehren, dem Volke die verdiente Zahlung abtragen wollen, 193 weil es ihn, als er von den Ädilen vor Gericht gefordert war, von der Anklage, eine Ehefrau geschändet zu haben; freigesprochen habe. Diese zum Danke für die vormaliges Lossprechung veranstaltete Fleischvertheilung verhalf ihm auch zu einem Amte, und bei der nächsten Bürgertribunenwahl wurde er abwesend den gegenwärtigen Bewerbern vorgezogen. Nicht weit von dem jetzigen Neapolis lag sonst Paläpolis, und Ein Volk bewohnte beide Städte. Es stammte von Cumä. Die Cumaner haben ihren Ursprung aus Chalcis in Euböa. Die Flotte, auf der sie von ihrer Heimat hier angekommen waren, gab ihnen an der von ihnen besetzten Küste ein großes Gewicht. Zuerst landeten sie auf den Inseln Änaria und Pithecusä Die jetzigen. Inseln Ischia und Procita. Die letzte heißt sonst bei den alten Geographen Pithecusa, und ihre Stadt Pithecusae im Plurale. Entweder giebt Livius hier auch der Insel den Plural, wie in Syracusae; oder er kann auch mit Procita das jetzige Nisida unter dem Namen der Pithecusen verstehen. ; dann hatten sie es gewagt, sich auf dem festen Lande anzusiedeln. Dieser Stat erlaubte sich theils im Vertrauen auf seine Macht; theils auf die Unzuverlässigkeit des Samnitischen Bündnisses mit den Römern, oder auch, weil er die Pest in Anschlag brachte, welche den Nachrichten zufolge in Rom ausgebrochen war, mancherlei Feindseligkeiten gegen die Römischen Bewohner des Campanischen und Falernischen. Da nun unter den Consuln Lucius Cornelius Lentulus und Quintus Publilius Philo – dieser war es zum zweitenmale – die Bundespriester, die man wegen der zu fordernden Entschädigung nach Paläpolis gesandt hatte, von ihnen, als Griechen, einem mehr zu Worten als zu Thaten tauglichen Völkerstamme, eine trotzige Antwort zurückbrachten, so wurde nach einem Gutachten der Väter der Krieg gegen die Paläpolitaner vom Gesamtvolke beschlossen. Bei der Entscheidung über den Geschäftskreis der Consuln bestimmte das Los den Krieg, der die Griechen bestrafen sollte, dem Publilius: mit einem zweiten Heere wurde Cornelius, falls sich die Samniten regen sollten, 194 diesen entgegengestellt. Und wirklich hieß es, sie würden nur den Abfall der Campaner abwarten und dann mit einem Heere heranrücken. Cornelius also hielt es für das Beste, sein Standlager bei ihnen zu nehmen. Und beide Consuln meldeten dem Senate, für die Beibehaltung des Friedens mit den Samniten sei wenig Hoffnung. 23. Publilius hatte berichtet, daß die Griechen, mehr von den Nolanern gezwungen, als aus freiem Willen, zweitausend Nolanische und viertausend Samnitische Soldaten in Paläpolis aufgenommen hätten: Cornelius hingegen, die Behörden hätten eine Werbung ausgeschrieben, ganz Samnium sei im Aufstande und wiegele offenbar die benachbarten Völker auf, die von Privernum, Fundi und Formiä. Da man durch diese Gründe sich bewogen gefunden hatte, vor der Eröffnung des Krieges Gesandte an die Samniten abgehen zu lassen, so ertheilten die Samniten eine trotzige Antwort. Ja sie setzten sich durch ihre Klagen über Ungerechtigkeiten der Römer in den Angriff, ohne doch ihre Vertheidigung gegen die ihnen gemachten Vorwürfe mit geringerer Wärme zu führen. «Wenn die Griechen durch Theilnahme oder Hülfsleistungen unterstützt würden, so sei dies keine Folge eines Statsbeschlusses: auch wären die Fundaner und Formianer nicht von ihnen aufgewiegelt; sie könnten, falls sie sich zum Kriege entschlössen, mit ihrer eignen Macht zufrieden sein. Übrigens könnten sie den Verdruß nicht verhehlen, den der Samnitische Stat darüber empfinde, daß das Römische Volk Fregellä, welches sie den Volskern abgenommen und zerstört hätten, von neuem aufgebaut, und hier auf Samnitischem Boden eine Pflanzstadt aufgestellt habe, welcher die Römischen Anbauer den Namen Fregellä wiedergegeben hätten. Dieser beschimpfenden Kränkung würden sie sich, wenn sie ihnen nicht von denen selbst, die sie ihnen angethan hätten, abgenommen würde, aus allen Kräften erwehren.» Als hier der Römische Gesandte sie aufforderte, den Streit vor dem Richterstuhle gemeinschaftlicher Bundsgenossen und Freunde auszumachen, so antwortete Einer: 195 «Wozu diese Decke über unsern Verhandlungen? Unsern Streit, ihr Römer, kann kein Gespräch der Gesandten, kein Sterblicher als Schiedsrichter schlichten, sondern das Campanische Feld, auf dem wir zusammentreffen müssen, und die Waffen, und das über beide Theile waltende Kriegsglück. Wohlan! zwischen Capua und Suessula laßt uns Lager gegen Lager aufschlagen! dort werde es entschieden, ob Italiens Gebieter Samniten oder Römer sein sollen.» Indeß hier die Römischen Gesandten zur Antwort gaben, Die Römer pflegten nicht dahin zu gehen, wohin der Feind sie bescheide, sondern wohin sie von ihren Feldherren geführt würden; hatte Publilius schon, durch eine zwischen Paläpolis und Neapolis gewonnene vortheilhafte Stellung, den Feinden alle Vereinigung zu gegenseitiger Hülfe, die bis dahin der eine Ort dem andern, so wie dieser litt, geleistet hatte, unmöglich gemacht. Da nun der Wahltag heranrückte, und es durchaus nicht rathsam war, den Publilius, der schon an den Mauern der Feinde hinanstieg, von der mit jedem Tage zu hoffenden Eroberung der Stadt abzurufen, so mußten nach genommener Abrede die Tribunen bei dem Gesamtvolke darauf antragen, daß Publilius Philo, nach seinem Abgange vom Consulate, so lange als Consul in Thätigkeit bleiben solle; bis der Krieg mit den Griechen beendet sei. An den Lucius Cornelius schrieb man, – denn auch ihn wollte man, weil er schon in Samnium eingerückt war, im Gange des Krieges nicht unterbrechen – er möge zur Abwartung des Wahltages einen Dictator ernennen. Er ernannte den Marcus Claudius Marcellus, und dieser den Spurius Postumius zum Magister Equitum. Gleichwohl wurde der Wahltag nicht vom Dictator gehalten, weil die Gültigkeit Seiner eignen Wahl in Untersuchung kam. Die deshalb befragten Vogelschauer erklärten, ihres Bedünkens sei der Dictator fehlerhaft gewählt. Dies Benehmen machten die Tribunen durch eine laute Rüge verdächtig und allgemein verrufen; «Denn Einmal sei es so leicht nicht, einen solchen Fehler zu entdecken, da sich der Consul um Mitternacht in aller Stille zur Ernennung eines Dictators erheben müsse: zum 196 Andern habe der Consul weder von Amtswegen, noch für sich, an irgend jemand hierüber das Mindeste geschrieben; und keine Menschenseele sei zu finden, die etwas gesehen oder gehört haben wolle, wodurch die Anfrage bei den Göttern gestört sei; auch hätten doch wohl die Vogelschauer durch bloßes Stillsitzen in Rom nicht erspähen können, was für eine Unrichtigkeit dem Consul im Lager aufgestoßen sei. Wem es nicht einleuchte, daß die Vogelschauer den ganzen Fehler darin fänden, daß der Dictator bürgerliches Standes sei?» Dies und mehr dergleichen wurde von den Tribunen vergeblich vorgebracht: doch kam es darüber wieder zu einer Zwischenregierung; und da der Wahltag bald unter diesem, bald unter jenem Vorwande verschoben wurde, so konnte erst der vierzehnte Zwischenkönig Lucius Ämilius die Consulnwahl zu Stande bringen. Sie traf den Cajus Pötelius und Lucius Papirius Mugillanus, den ich in andern Jahrbüchern unter dem Zunamen Cursor finde. 24. Ich verweise wegen der in diesem Cap. angegebenen Erbauung Alexandriens und über den am Schlusse des vorigen Cap. genannten Papirius Cursor auf meine Anmerkung zu Cap. 17. in der Mitte. In diesem Jahre soll auch Alexandrien in Ägypten erbauet sein; und Alexander, König von Epirus, den ein Lucanischer Vertriebener tödtete, durch sein Ende den Ausspruch des Dodonäischen Jupiter bestätigt haben. Als er von den Tarentinern nach Italien gerufen wurde, hatte das Orakel ihm kund gethan, «Er solle sich vor dem Acherusischen Wasser und der Stadt Pandosia hüten: dort sei seinen Schicksalen das Ende beschieden.» Desto eiliger setzte er nach Italien über, um sich so weit als möglich von der Stadt Pandosia in Epirus zu entfernen, und von dem Flusse Acheros, welchen nach seinem Laufe aus Molossis durch die sogenannten Höllischen Teiche der Thesprotische Meerbusen aufnimmt. So wie wir aber gemeiniglich durch die Flucht uns unsrer Bestimmung in die Arme liefern, so hatte auch Alexander die Bruttischen und Lucanischen Legionen mehrmals geschlagen, die Pflanzstadt der Tarentiner Heraclea erobert, den Lucanern 197 Consentia und Sipontum, den Bruttiern Terina, und den Messapiern und Lucanern noch andre Städte abgenommen; hatte dreihundert vornehme Familien als Geisel nach Epirus geschickt, und lagerte sich jetzt nicht weit von der Stadt Pandosia, die zugleich die Lucanischen und Bruttischen Gränzen berührt, auf drei Hügeln, die einander nicht ganz nahe lagen, um von hier aus in alle Gegenden des feindlichen Gebietes Einfälle zu thun. Als eine Leibwache, auf die er sich verlassen zu können glaubte, dienten ihm beinahe zweihundert Lucanische Vertriebene, die sich aber, nach der gewöhnlichen Denkungart solcher Leute, mit ihrer Treue nach dem Glücke richteten. Anhaltende Regengüsse, welche die sämtlichen Felder unter Wasser setzten, hatten dem dreifach getheilten Heere alle gegenseitige Hülfe unmöglich gemacht; die beiden Kohre, welche vom Könige getrennt waren, hatte ein unvermutheter feindlicher Angriff zu Grunde gerichtet, und kaum waren diese aufgerieben, so vereinigten sich die sämtlichen Feinde zur Einschließung des Königs. Nun beschickten die Lucanischen Vertriebenen die Ihrigen, und versprachen ihnen für die bedungene Wiederaufnahme, den König lebendig oder todt zu liefern. Der König, von seinem Muthe zu einer ausgezeichneten That beseelt, brach mit seinen Auserlesenen mitten durch die Feinde, erlegte den Feldherrn der Lucaner, der sich in Person mit ihm einließ, und indem er die durch die Flucht zerstreuten Seinigen sammelte, kam er an einen Strom, der ihm den Weg des Übergangs nur durch die noch frischen Trümmer der von der Gewalt des Wassers weggeführten Brücke bezeichnete. Als der Zug die unzuverlässigen Tiefen durchwatete, rief einer der Soldaten, der, von Furcht und Anstrengung erschöpft, den unglücklichen Namen des Flusses verwünschte: «Du heißest mit Recht Acheros! » Noch hörte der König den Klang dieser Worte, da fiel ihm augenblicklich die ihm gewordene Prophezeihung ein, und unschlüssig, ob er hinübergehen sollte, machte er Halt. Jetzt eröffnete ihm sein Waffenträger Sotimus, einer von den königlichen Edelknaben, mit der Frage, wie er im 198 entscheidenden Augenblicke einer so großen Gefahr zögern könne, den Anschlag der Lucaner auf sein Leben. Als der König zurückblickend sie aus der Ferne in geschlossener Schar anrücken sah, zog er sein Schwert und setzte zu Pferde mitten durch den Strom. Schon hatte er festen Boden gewonnen, als ihn ein Lucanischer Vertriebener mit einem Wurfpfeile von weitem durchbohrte. Den entseelten Körper des Gefallenen mit dem darin steckenden Geschosse führte der Strom unter die Posten der Feinde. Hier wurde der Leichnam jämmerlich zerfleischt. Sie hieben ihn in der Mitte durch, schickten die eine Hälfte nach Consentia, und behielten die andre, ihr Gespött damit zu treiben. Noch zielten sie darnach mit Pfeilen und Steinen, als eine Frau sich in den mit kaum glaublicher Unmenschlichkeit wüthenden Haufen wagte, etwas einzuhalten bat, und mit Thränen sagte: «Sie habe Mann und Kinder als Gefangene bei den Feinden; sie hoffe, für den königlichen Leichnam, so verstümmelt er sei, die Ihrigen zu lösen.» Nun hörte die Zerfleischung auf. Zu Consentia wurden die Körperreste von einer einzigen Frau bestattet, die Gebeine den Feinden nach Metapontum ausgeliefert und von da nach Epirus seiner Gemahlinn Cleopatra und seiner Schwester Olympias übersandt, von denen diese Alexanders des Großen Mutter, jene seine Schwester war. Mit diesen wenigen Worten glaubte ich mich über den traurigen Ausgang des Epirotischen Alexander auslassen zu dürfen, weil er, wenn ihn gleich sein Schicksal zu keinem Kriege mit den Römern kommen ließ, doch seine Kriege in Italien geführt hatte. 25. In eben diesem Jahre feierte man zu Rom, zum fünftenmale nach Erbauung der Stadt, ein Göttermahl, zur Versöhnung derselbigen Götter, denen man die vorigen geweihet hatte. Als hierauf die neuen Consuln vermöge Befehls vom Gesamtvolke die Bundespriester mit der Kriegserklärung an die Samniten gesandt hatten, so trafen sie nicht allein selbst zu diesem Kriege größere Vorkehrungen, als gegen die Griechen, sondern es bot sich auch, da sie jetzt an 199 nichts weniger dachten, von einer andern Seite eine neue Hülfe. Die Lucaner und Apulier, Völker, welche mit den Römern bis jetzt in keiner Beziehung gestanden hatten, traten auf die Seite Roms, und versprachen zu diesem Kriege Waffen und Truppen. Sie wurden in einem Vertrage für Freunde erklärt. Zu gleicher Zeit hatten auch die Unternehmungen in Samnium glücklichen Erfolg. Man unterwarf sich drei Städte, Allifä, Callifä, Ruffrium; und auch das übrige Gebiet der Feinde wurde gleich mit der Ankunft der Consuln weit und breit verheert. Bei dem glücklichen Gange dieses Krieges erreichte auch der andre mit den belagerten Griechen sein Ende. Denn außerdem, daß der eine Theil der Feinde durch die unterbrochene Verbindung zwischen ihren Werken vom andern abgeschnitten war, waren auch die Drangsale, die sie innerhalb ihrer Mauern auszustehen hatten, weit härter, als die, womit der Feind ihnen zusetzte, und sie mußten gleichsam als Kriegsgefangene ihrer eignen Besatzungen die empörendste Behandlung ihrer Kinder und Gattinnen und alles Äußerste dulden, was nur eroberten Städten begegnen kann. Da nun nach einem Gerüchte sowohl von Tarent, als von den Samniten, neue Hülfsvölker im Anzuge sein sollten, so hatten sie, ihrer Meinung nach, der Samniten schon mehr in ihren Mauern, als ihnen lieb war; nach den Tarentinischen Truppen hingegen sehnten sie sich, als Griechen nach Griechen, in der Hoffnung, sich durch diese eben so sehr der Samniten und Nolaner, als der feindlichen Römer zu erwehren. Zuletzt aber hielten sie die Übergabe an die Römer für das kleinste Übel. Charilaus und Nymphius, die ersten Männer der Stadt, theilten sich nach einem verabredeten Plane in die Rollen der Ausführung: der eine sollte als Überläufer zum Römischen Feldherrn gehen; der andre, um von der Stadt aus dem Plane die Hand zu bieten, zurückbleiben. Charilaus – denn er war es, der zum Publilius Philo kam – begann mit dem Wunsche, «Daß aus seinem Entschlusse, «die Stadt zu übergeben, Glück, Heil und Segen für die Paläpolitaner und für das Römische Volk erwachsen 200 möge. Ob er sich durch diese That den Schein eines Verräthers seiner Vaterstadt, oder ihres Retters zuziehen werde, das hänge jetzt von der Rechtlichkeit der Römer ab. Für sich insbesondre habe er weder Bedingungen noch Bitten vorzutragen: für die Stadt aber wage er mehr die Bitte, als die Forderung, daß die Römer, wann das Vorhaben gelungen sein würde, sich lieber an die Bereitwilligkeit und an die Gefahr erinnern möchten, mit der sie zur Freundschaft zurückgekehrt sei, als an die thörichte Unbesonnenheit, mit welcher sie die friedlichen Gesinnungen verlassen habe.» Der Feldherr, der ihm seine Zufriedenheit bezeigte, gab ihm dreitausend Mann, sich des von den Samniten besetzten Theils der Stadt zu bemächtigen; und die Anführung dieses Kohrs bekam der Kriegstribun Lucius Quinctius . 26. Zu gleicher Zeit verleitete auch Nymphius den Prätor der Samniten durch seine List zu einem falschen Schritte. Er hatte ihm vorgestellt, weil jetzt das ganze Römische Heer entweder um Paläpolis, oder in Samnium stehe, so möge er ihn mit einer Flotte den Seitenweg gegen das Römische nehmen lassen, nicht bloß, um an der Küste, sondern selbst in der Nähe Roms zu plündern. Wenn er aber unbemerkt hinauskommen solle, müsse er bei Nacht absegeln, und jetzt gleich die Schiffe flott machen. Zur schnellern Ausführung wurde ihm die sämtliche Samnitische Mannschaft, die unentbehrlichste Bedeckung der Stadt ausgenommen, ans Ufer mitgegeben. Während hier Nymphius in dunkler Nacht und in einem sich selbst hindernden Gewühle von Menschen die Zeit absichtlich unter lauter einander aufhebenden Befehlen hinbrachte, ließ Charilaus, der von seiner Partei der Abrede gemäß in die Stadt eingelassen war, sobald er die Höhen der Stadt mit Römischen Soldaten besetzt hatte, ein Geschrei erheben, auf welches die Griechen nach einem Winke von ihren Führern sich ruhig verhielten. Die Nolaner rannten fliehend durch die entlegene Seite der Stadt auf die nach Nola führende Heerstraße. Die Samniten, von der Stadt ausgesperrt, fanden die Flucht für diesen 201 Augenblick, so viel weniger gehindert, allein, sobald sie der Gefahr entronnen waren, auch so viel trauriger: denn ohne Waffen und mit Zurücklassung jedes Eigenthums in Feindes Händen, kehrten sie zum Gespötte, nicht bloß des Auslandes, sondern ihrer eignen Mitbürger, geplündert und als Bettler in ihre Heimat zurück. Ist mir gleich die andre Meinung nicht unbekannt, nach welcher die Stadt von den Samniten verrathen sein soll, so habe ich mich doch theils an Gewährmänner gehalten, welche glaubwürdiger sind; theils macht das Bündniß mit der Stadt Neapolis – denn sie wurde nachher der Hauptsitz des Großgriechischen States – es wahrscheinlicher, daß die Rückkehr zur Freundschaft ihr eignes Werk gewesen sei. Dem Publilius wurde der Triumph zuerkannt; weil man überzeugt war, daß nur die Noth der Belagerung die Übergabe der Feinde bewirkt habe. Die zwiefache Auszeichnung, die diesem Manne wiederfuhr, war die erste dieser Art; die Verlängerung des Heerbefehls, die vor ihm noch keinem gegeben war, und der Triumph nach seinem Abgange vom Amte, 27. Gleich darauf entstand wieder ein Krieg, der mit den Griechen an der andern Küste. Denn als die Tarentiner, von denen die Paläpolitaner mit vergeblicher Hoffnung auf Hülfe eine Zeitlang hingehalten waren, jetzt erfuhren, daß die Römer die Stadt erobert hätten, so schalten sie auf die Paläpolitaner, gleich als wären sie von diesen im Stiche gelassen, und nicht diese von ihnen; auf die Römer wurden sie wüthend, vor Zorn und Neid; auch aus dem Grunde, weil sie hörten, daß die Lucaner und Apulier – denn in diesem Jahre kam mit beiden Völkern das Bündniß zu Stande – des Römischen Volks Schutzverwandte geworden waren. «Beinahe sei die Reihe nun an ihnen, und bald werde es dahin kommen, daß man die Römer entweder als Feinde, oder als Herren betrachten müsse. Die Entscheidung über ihre Lage hänge in der That nur von dem Samnitischen Kriege und seinem Ausgange ab. Dies einzige Volk sei noch übrig, und 202 noch dazu nach dem Abfalle der Lucaner nicht stark genug. Noch könne man diese wieder gewinnen und zur Aufhebung des Römischen Bündnisses vermögen, wenn man geschickt genug sei, Mishelligkeiten zu veranlassen.» Da sie mit diesen Anschlägen bei denjenigen Lucanern, welche eine Abänderung des Statsverhältnisses wünschten, Eingang fanden, so zerpeitschten einige bestochene junge Lucaner, die unter ihren Landsleuten mehr in Ruf, als ehrenvollem Namen standen, sich unter einander mit Ruthen, stellten sich mit entblößtem Körper der Bürgerversammlung dar und schrieen, weil sie es gewagt hätten, das Römische Lager zu betreten, habe sie der Consul mit Ruthen peitschen und beinahe mit dem Beile hinrichten lassen. Da der an sich scheußliche Anblick für eine erlittene Mishandlung weit scheinbarer sprach, als für einen Betrug, so zwang die aufgebrachte Menge durch ihr Geschrei die Obrigkeit, den Senat zu berufen; ein Theil umringte die Rathsversammlung und forderte Krieg gegen Rom; ein andrer zerstreuete sich, um die Leute auf dem Lande zur Ergreifung der Waffen aufzuwiegeln; und da der Auflauf auch die Vernünftigen um die Fassung brachte, so wurde beschlossen, das Bündniß mit den Samniten zu erneuern und deshalb eine Gesandschaft abgehen zu lassen. Weil eine so unerwartete Veränderung eben so sehr Mistrauen einflößen mußte, als sie ohne Veranlassung war, so wurden sie von den Samniten genöthigt, Geisel zu geben, und in ihre festen Plätze Besatzungen aufzunehmen; und geblendet von Betrug und Erbitterung verstanden sie sich zu Allem. Bald nachher kam es mit der Betriegerei dadurch zur Aufklärung, daß die Erfinder jener falschen Beschuldigungen nach Tarent auswanderten: jetzt aber blieb den Lucanern, da sie alle Selbstständigkeit weggegeben hatten, nichts übrig, als eine vergebliche Reue, 28. In diesem Jahre nahm in Rom die Freiheit der Bürgerlichen gleichsam einen zweiten Anfang, weil die Verhaftung der Verschuldeten aufhörte. Daß dies gerichtliche Verfahren abgeschafft wurde, daran war ein einziger Wucherer durch seine mit auffallender Grausamkeit geparte 203 Unzucht Schuld. Er hieß Lucius Papirius. Ihm hatte sich Cajus Publilius väterlicher Schulden wegen zum Sklaven in Haft gegeben, dessen Jugend und Schönheit den Wucherer, statt ihm ein Mitleid abzugewinnen, zur Unzucht und Mishandlung entflammten. Er glaubte, sein Capital biete ihm den Genuß dieser Jugendblüte als einen Nebengewinn, und versuchte es anfangs, den Jüngling durch unkeusche Reden zu verführen. Als dieser die schändliche Zumuthung mit Abscheu hörte, schreckte er ihn durch öftere Drohungen und erinnerte ihn zu wiederholtenmalen an seine Lage: zuletzt, als er sah, daß jener lieber seiner gegenwärtigen Umstände, als seiner ehrlichen Geburt vergaß, befahl er ihn zu entkleiden und Peitschen herzubringen. Von Hieben zerfleischt entsprang der Jüngling auf die Gasse, unter lauten Klagen über die Unzucht und Grausamkeit des Wucherers: eine große Menge Menschen, welche theils das Mitleiden mit seiner Jugend und seine ärgerliche Mishandlung, theils die Rücksicht auf ihre eigne Lage und auf ihre eignen Kinder in Feuer setzte, sammelte sich auf dem Markte und ging von hier in einem ordentlichen Zuge vor das Rathhaus. Und als die Consuln, durch den plötzlichen Auflauf genöthigt, den Senat beriefen, warfen sich die Leute den Vätern, so wie jeder in das Rathhaus trat, zu Füßen und zeigten ihnen den zerfleischten Rücken des Jünglings. So erlag an diesem Tage der unvernünftigen Härte eines Einzigen das starke Band des Credits, und die Consuln wurden bevollmächtigt, bei dem Gesamtvolke darauf anzutragen, daß niemand, außer eines Verbrechens wegen, bis zu seiner Bestrafung in Fesseln oder in den Spannstock gelegt werden solle; für geliehene Gelder solle der Schuldner mit seinen Gütern haften, aber nicht mit seiner Person. Nun wurden alle Schuldsklaven losgelassen, und ihre Verhaftung auf die Zukunft verboten. 29. Zu der Sorge, welche in diesem Jahre der Krieg mit den Samniten schon für sich allein, ferner der plötzliche Abfall der Lucarier, und die Urheber dieses Abfalls, die Tarentiner, den Vätern machten, kam auch noch das, 204 daß das Vestinische Volk Die Vestiner, die den Sabinern gegen Morgen wohnten, hatten selbst gegen Morgen das Adriatische Meer. Im Norden waren die Picenter ihre Nachbarn; im Süden die vom Adriatischen Meere aus westlich auf einander folgenden Marruciner , Peligner und Marser; und diesen beiden letztern südlich lag Samnium . sich mit den Samniten verband. Blieb dies Ereigniß freilich in diesem Jahre mehr ein Gegenstand der Volksgespräche, als irgend einer öffentlichen Berathschlagung; so fanden doch die Consuln des folgenden Jahrs, Lucius Furius Camillus (zum zweitenmale) und Junius Brutus Scäva, zu einem Antrage im Senate nichts dringender und wichtiger. Der Neuheit der Sache war die Verlegenheit der Väter angemessen Ich folge Stroths Lesart: Et, quam nova res erat, tanta cura patres incessit, ut u. s. w. , so daß sie beides, sich darauf einzulassen, und sie aus der Acht zu lassen, gleich bedenklich fanden; weil die Vestiner bei völliger Ungestraftheit aus Muthwillen und Übermuth, oder bei der durch Krieg beabsichtigten Bestrafung die Völker ihrer Nachbarschaft durch die sich ihnen nähernde Gefahr und eigne Unzufriedenheit in Bewegung setzen konnten. Und dieser ganze Völkerstamm war als kriegende Macht reichlich so stark, als die Samniten, und bestand aus den Marsern, Pelignern und Marrucinern, welche man insgesamt, sobald man sich an den Vestinern vergriff, zu Feinden haben mußte. Dennoch siegte die Partei, welche für jetzt mehr Entschlossenheit, als Klugheit zu besitzen schien: allein der Ausgang zeigte, daß das Glück auf die Seite des Muthes trete. Der Krieg gegen die Vestiner wurde nach einem Gutachten der Väter vom Gesamtvolke beschlossen. Die Führung desselben erlosete Brutus, Camillus Samnium. Nach beiden Orten rückten Heere aus, und die Aufmerksamkeit auf die Beschützung ihres eigenen Gebiets verhinderte die Feinde, ihre Waffen zu vereinigen. Doch wurde der eine Consul, Lucius Furius, auf dem die Bürde der wichtigeren Unternehmung ruhte, vom Schicksale durch eine ihm zugestoßene schwere Krankheit dem Kriege entzogen; und er ernannte, als ihm die Ernennung eines Dictators zur Führung des Oberbefehls aufgetragen wurde, den damals berühmtesten Krieger, den Lucius Papirius Cursor, der den Quintus Fabius Maximus Rullianus zum Magister Equitum nahm: ein durch ihre in diesem Amte verrichteten Thaten denkwürdiges Par, denkwürdiger noch durch ihren Zwist, der beinahe zum äußersten Kampfe gedieh. Der andre Consul hatte im Vestinischen Gelegenheit, sich auf die vielfachen Arten des Krieges einzulassen, ohne irgendwo einen Wechsel des Glücks zu erfahren. Er verwüstete das Land allenthalben, zog die Feinde, durch Verheerung und Niederbrennung ihrer Häuser und Saten, wider ihren Willen in eine Schlacht, und beugte die Macht der Vestiner durch dies einzige Treffen, obgleich nicht ohne vieles Blut auf seiner Seite, so sehr, daß sie nicht bloß in ihr Lager zurückflohen, sondern, selbst nicht mehr durch Wall und Graben gesichert, in die Städte sich verliefen, um sich durch deren feste Lage und hinter Mauern zu schützen. Als er endlich auch diese mit Sturm angriff, half ihm der außerordentliche Eifer seiner Soldaten, oder ihre Erbitterung wegen ihrer Wunden, weil fast kein einziger mit heiler Haut aus der Schlacht zurückgekommen war, zuerst Cutina mit Leitern ersteigen, und dann auch Cingilia. In beiden Städten überließ er die Beute den Soldaten, weil keine Thore, keine Mauern der Feinde sie hatten zurückweisen können. 30. Den Zug gegen Samnium unternahm man, ohne der Götterleitung gewiß zu sein: doch das hiebei begangene Versehen schlug nicht zu einer Wendung des Krieges aus; denn dieser wurde mit Glück geführt; sondern zu einer wüthenden Erbitterung der Feldherren gegen einander. Denn da der Dictator Papirius auf eine warnende Anzeige des Hühnerwärters, um sich der Götterleitung von neuem zu versichern, nach Rom reisen mußte, so befahl er dem Magister Equitum, in dieser Lage stehen zu bleiben und sich in seiner Abwesenheit nicht mit dem Feinde einzulassen. Als Fabius nach der Abreise des Dictators durch Kundschafter erfahren hatte, daß bei den Feinden in allen Stücken eine solche Nachlässigkeit herrsche, als stände 206 nicht ein einziger Römer in Samnium; so brach er, entweder als muthvoller Jüngling darüber unwillig, daß Alles auf dem Dictator beruhen sollte, oder durch die Gelegenheit zu einer glücklichen That gelockt, mit seinem wohlgestellten und schlachtfertigen Heere nach Imbrinium auf – so heißt der Ort – und lieferte den Samniten ein Treffen. Das Glück dieser Schlacht war so vollständig, daß selbst die Möglichkeit eines besseren Erfolgs, wenn der Dictator zugegen gewesen wäre, wegfiel: der Feldherr that Alles für sein Heer, das Heer für seinen Feldherrn. Auch die Reuterei, die in wiederholtem Angriffe die feindliche Linie nicht durchbrechen konnte, zog auf das Wort des Obersten Lucius Cominius ihren Pferden die Zügel ab, und machte sie so, da sie zum vollen Laufe gespornt auf die Feinde stürzten, jedem Widerstände unaufhaltbar. Durch Waffen, durch Glieder hindurchsprengend streckten sie weit und breit Alles zu Boden. Das Fußvolk, das sich an die hineinstürmenden Reuter schloß, fand den Weg in die zerrütteten Reihen geöffnet. Zwanzigtausend Feinde sollen an dem Tage gefallen sein. Nach einigen Angaben schlug man in des Dictators Abwesenheit mit dem Feinde zweimal und erfocht beidemal einen herrlichen Sieg. Bei den ältesten Schriftstellern findet sich nur die Eine Schlacht, und in einigen Jahrbüchern ist die ganze Sache übergangen. Da der Magister Equitum von einer so großen Menge Erschlagener eine ansehnliche Beute gewann, so zündete er die in einen großen Haufen zusammengetragenen feindlichen Waffen an und verbrannte sie; entweder weil er das irgend einem Gotte als Gelübde versprochen hatte, oder wir glauben dem Geschichtschreiber Fabius, um nicht die Früchte von seinem Siege den Dictator ernten, ihn nicht hier durch Unterschrift seines Namens sich verewigen, oder mit der Beute im Triumphe prunken zu lassen. Auch war der Brief, den er über seinen Sieg an den Senat, nicht an den Dictator abgehen ließ, ein Beweis, daß er gar nicht Willens sei, sein Lob mit ihm zu theilen. Wenigstens nahm der Dictator das Ganze so auf; daß er, bei der Freude 207 aller Andern über den erfochtenen Sieg, Zorn und Verdruß ohne Rückhalt äußerte. Er entließ sogleich den Senat, rannte zum Rathhause hinaus und versicherte zu wiederholtenmalen: «Wenn dem Magister Equitum diese Nichtachtung des Oberbefehls ungestraft bliebe, dann habe er in der That die Samnitischen Legionen nicht eigentlicher besiegt und über den Haufen geworfen, als die Hoheit eines Dictators und die ganze Kriegszucht.» Unter Zorn und Drohungen reiste er zum Lager ab; allein auch durch die stärksten Tagereisen konnte er doch dem Rufe seiner Ankunft nicht zuvorkommen. Schon waren ihm Manche aus der Stadt mit der Anzeige vorangeeilt, der Dictator komme, Rache dürstend, und führe, fast ein Wort um das andre, den Titus Manlius als sein Muster an. 31. Fabius, der sogleich eine Versammlung berief, beschwur die Soldaten: «Sie möchten mit eben dem Muthe, womit sie den Stat gegen seine bittersten Feinde vertheidigt hätten, auch ihn, unter dessen Führung und Götterleitung sie gesiegt hätten, gegen die ungezügelte Grausamkeit des Dictators in Schutz nehmen. Er komme, rasend vor Neid; zürnend auf Anderer Tapferkeit und Glück. Er sei darüber in Wuth, daß in seiner Abwesenheit der Stat so herrlich berathen gewesen sei: er würde, wenn die Abänderung des Schicksals bei ihm stände, den Sieg lieber auf Samnitischer, als auf Römischer Seite sehen. Er spreche von nichts, als von Hintansetzung des Oberbefehls; gerade als ob ihn nicht bei dem Verbote zu schlagen dieselbe Gesinnung geleitet habe, die ihn jetzt über die Schlacht mit Schmerz erfülle. Er habe eben so wohl damals aus Neid fremdes Verdienst hindern, und so muthvollen Truppen die Waffen wegnehmen wollen, damit sie in seiner Abwesenheit nichts unternehmen könnten; als er jetzt darüber wüthe, und das ihm wehe thue, daß die Soldaten ohne den Lucius Papirius nicht wehrlos, nicht Krüppel gewesen seien; daß ein Quintus Fabius sich als Magister Equitum, nicht als Scherge seines Dictators, gefühlt habe. Was er wohl dann gethan haben würde, wenn die Schlacht, was doch dem Zufalle 208 während des Gefechts und dem gemeinschaftlichen Kriegsglücke möglich war, nachtheilig ausgefallen wäre, da er jetzt, nach Besiegung der Feinde, nach einem so herrlichen Erfolge für das Ganze, daß ihn jener einzige aller Feldherren nicht glorreicher habe machen können, ihm, einem Magister Equitum, mit der Todesstrafe drohe? Doch seine Erbitterung sei gegen den Magister Equitum nicht größer, als gegen die Obersten, gegen die Hauptleute, gegen das ganze Heer. Er werde, wenn es ihm möglich sei, gegen Alle wüthen; da dies nicht angehe, wüthe er gegen Einen. Der Neid schlage eben so, wie die Flamme, immer nach oben hin: er halte sich an das Haupt der Unternehmung, an den Führer selbst. Habe er erst ihn mit dem Ruhme dieses Sieges vernichtet, dann werde er mit dem ganzen Heere, wie mit Gefangenen schalten, und was ihm am Magister Equitum gestattet gewesen sei, sich gegen jeden Soldaten erlauben. Also möchten sie in seiner Sache die Freiheit Aller vertheidigen. Wenn jener sehen werde, daß das Heer mit derselben Einigkeit, die es im Treffen bewiesen habe, auch seinen Sieg verfechte, und daß die Rettung des Einen die Sache Aller sei, so werde er sich zu einem gelinderen Richterspruche herabstimmen. Kurz er stelle sein Leben und sein ganzes Schicksal ihrer Treue, ihrem Muthe anheim.» 32. Die ganze Versammlung brach in das Geschrei aus, er solle guten Muth haben: so lange noch Römische Legionen beständen, solle ihm niemand Leides thun. Bald darauf kam der Dictator an, und ließ sogleich durch die Trompete zur Versammlung rufen. Der Herold gebot Stille, und forderte den Magister Equitum Quintus Fabius. Sobald dieser unten vom Platze zum Richterstuhle hinauftrat, fing der Dictator an: «Ich verlange von dir zu wissen, Quintus Fabius, da einem Dictator der höchste Oberbefehl zusteht, und ihm die Consuln in ihrer königlichen Würde gehorchen, und eben so die Prätorn, ob sie gleich mit eben der heiligen Feierlichkeit gewählt werden, wie die Consuln; ob du es für Recht haltest, oder nicht, daß seinem Befehle ein 209 Magister Equitum Gehorsam leiste. Desgleichen befrage ich dich hierüber: da ich wußte, daß ich bei zweifelhaft gebliebener Götterleitung von Hause abgegangen war, ob ich, bei unserm unberichtigten Verhältnisse zu den Göttern, die Sache des Stats auf das Spiel setzen durfte, oder mir neue Zustimmung des Himmels einholen mußte, um mich nicht bei der Ungewißheit des Götterwillens auf Unternehmungen einzulassen. Auch das noch zugleich: ob es möglich sei, daß an eine heilige Bedenklichkeit, die den Dictator abhalten mußte, sich in Tätigkeit zu setzen, ein Magister Equitum sich nicht zu binden, noch zu kehren brauche. Doch wozu diese Fragen, da du selbst dann, wenn ich ohne ein Wort zu sagen abgereist wäre, deine Entschlüsse nach der Deutung meines Willen hättest regeln müssen. Antworte lieber darauf, ob ich dir nicht verboten habe, in meiner Abwesenheit irgend etwas zu unternehmen; ob ich dir nicht verboten habe, dich mit dem Feinde einzulassen: da du hingegen mit Verachtung dieses meines Befehls dich erfrechet hast, bei unausgemachter Zustimmung des Himmels, bei unberichtigtem Verhältnisse zu den Göttern; der Kriegessitte, der uralten Zucht, dem Winke der Götter zum Trotze, mit dem Feinde zu schlagen. Auf diese, dir vorgelegten Fragen hast du zu antworten. Außerdem aber laß dir kein Wort entfahren! – Tritt heran, Lictor!» Da es so leicht nicht war, jede dieser Fragen zu beantworten, und Fabius bald in die Klage ausbrach, daß sein Kläger auf Leib und Leben zugleich sein Richter sei, bald in die laute Behauptung, man könne ihm eher das Leben entreißen, als die Ehre seiner That; und wechselnd bald im vertheidigenden, bald im angreifenden Tone sprach, so gab Papirius, mit erneueter Wuth den Befehl, dem Magister Equitum die Kleidung abzureißen und Ruthen und Beile zur Hand zu nehmen. Fabius, als ihm die Häscher an den Kleidern rissen, rief die Soldaten zur Hülfe auf, und flüchtete sich zu den Triariern, welche hinten Crevier erklärt die beiden Worte in concione für unnütz. Und freilich versteht es sich von selbst, daß die Triarier nicht von der Versammlung ausgeschlossen waren. Tan. Faber will lesen: tumultu iam concionem miscentes, und dies wünscht Crevier in den Text aufgenommen. Dann ist freilich jener Einwurf gemieden: allein, da hier concionem so viel als concionem totam bedeuten müßte, so würde dadurch das gleich folgende inde (i. ex concione tota) clamor in totam concionem est perlatus eine Tautologie; weil Livius unmittelbar vorher gesagt hätte, triarios tumultu concionem iam miscuisse. – Der Stellung des Römischen Heers zufolge standen die Triarier auch in der Versammlung am weitesten hinten. Das ergiebt sich auch aus den bald folgenden Worten: Extrema concio et circa Fabium globus: dies waren ja die nämlichen Triarier, zu denen Fabius geflüchtet war. Ich kann daher die Vermuthung nicht unterdrücken, daß in den ältesten Exemplaren gestanden habe: TVMVLT V VLT IA IA IN CONCIONE etc. d. i. tumultum ultima iam in concione miscentes. Die Ähnlichkeit der letzten Silben von tum ultu mit den ersten des Wortes ulti ma., und der letzten, in ult ima mit dem gleich darauf folgenden iam (vollends in Abbreviaturen) ließ das Wort ultima ausfallen. Livius sagt selbst nachher extrema concio. Extremus und ultimus sind sich aber in der Bedeutung des Orts völlig gleich. Man sehe Gesner. Thes. in Ultimus. Und im Livius selbst hieß es oben VI. 32. Prius itaque moenia intravere hostes, quam Romanus extrema agminis (i. e. ultimum agmen) carpere aut morari posset. Ja in unserm Cap. sagt Livius: Ne ad extremum finem supplicii tenderet, was er in andern Stellen ultimum supplicium nennt. 210 in der Versammlung schon unruhig wurden. Von dort verbreitete sich Geschrei durch die ganze Versammlung: an einigen Stellen hörte man Bitten; an andern Drohungen. Die dem Richterstuhle gerade am nächsten standen und, unter den Augen des Feldherrn, bemerkt werden konnten, baten, er möge des Magisters Equitum schonen und nicht mit ihm das ganze Heer für schuldig erklären. Die Versammlung hinten und der den Fabius umgebende Haufe schalt auf den hartherzigen Dictator, und war dem Aufruhre nahe. Selbst auf der Richterbühne war nicht die hörige Ruhe. Die Legaten umstellten den Stuhl des Dictators und baten ihn, «die Sache bis zum folgenden Tage zu verschieben, seinem Zorne Frist, seiner Überlegung Zeit zu gestatten. Des Fabius Jugend sei gestraft genug; sein Sieg genug verunstaltet: er möge nicht auf die äußerste Strafe dringen; nicht einem so seltenen jungen Manne, noch dessen Väter, einem der angesehensten Männer, noch dem Fabischen Geschlechte, einen solchen Schimpf anthun.» Da ihre Bitten so wenig, als der ihnen gegebene Vorwand, vermochten; hießen sie ihn auf die tobende 211 Versammlung sehen. Bei dieser erbitterten Stimmung der Soldaten dem Aufruhre Feuer und Brennstoff entgegen zu bringen, sei seinen Jahren, sei seiner Weisheit nicht angemessen. Die Schuld davon werde niemand dem Quintus Fabius beimessen, insofern dieser dadurch der Strafe habe ausweichen wollen; sondern dem Dictator, der von Zorn geblendet durch übel angebrachte Widersetzlichkeit die erbitterte Menge gegen sich gereizt habe. Damit er endlich nicht glauben möge, sie dächten so aus Freundschaft für den Quintus Fabius, so erklärten sie sich bereit, ihn durch einen Eid zu versichern, daß es nach ihrer Überzeugung für das Ganze gefährlich sei, den Quintus Fabius unter solchen Umständen zu bestrafen.» 33. Allein der Dictator, den die Legaten durch diese Vorstellungen nur mehr gegen sich aufbrachten, als gegen den Magister Equitum besänftigten, befahl ihnen, die Richterbühne zu verlassen; und da nach vergeblichen Versuchen, durch den Herold Stille zu gebieten, vor Getöse und Aufruhr so wenig die Stimme des Dictators selbst, als seiner Gerichtsdiener gehört werden konnte, so machte, wie in einem Treffen, die Nacht dem Streite ein Ende. Der Magister Equitum, der sich am folgenden Tage wieder stellen sollte, entwich, da ihn Alle versicherten, der Grimm des Papirius, schon durch den Widerstand angefacht und erbittert, werde so viel heftiger auflodern, heimlich zu dem Lager nach Rom: und gerade, als er im Senate, den er sogleich auf den Rath seines Vaters Marcus Fabius, eines dreimaligen Consuls, auch gewesenen Dictators, berufen hatte, seine Klagen über die Gewaltthätigkeit und Ungerechtigkeit des Dictators den Vätern vortrug, hörte man plötzlich vor dem Rathhause das Geräusch der Platz machenden Beilträger: und er selbst erschien in seinem Grimme, da er, auf die Nachricht von des Fabius Abreise aus dem Lager, mit einer leichten Bedeckung von Reuterei ihm gefolgt war. Nun erneuerte sich der Streit, und Papirius befahl, den Fabius zu verhaften. Als hier der Hartherzige gegen die von den Ersten der Väter und vom 212 ganzen Senate eingelegten Fürbitten auf seinem Vorhaben beharrete, da sprach der Vater Marcus Fabius: «Weil denn das Ansehen des Senats, und mein Alter, das du kinderlos machen willst, und die Tapferkeit und der Rang eines Magisters Equitum, den du selbst ernannt hast, eben so wenig als flehentliches Bitten etwas über dich vermag, das doch oft Feinde besänftigte, und erzürnte Götter versöhnt; so flehe ich zu den Bürgertribunen um Schutz, und spreche das Gesamtvolk an. Und so fordere ich dich, da du dem Spruche deines Heeres, da du dem Spruche des Senats den Rücken kehrst, vor diesen Richter, der, wenn auch allein, wenigstens mehr als deine Dictatur, kann und vermag. Ich will doch sehen, ob du dich der Ansprache fügen werdest, da ihr ein König über Rom, Tullus Hostilius, sich fügte.» Nun ging es aus dem Rathhause in die Volksversammlung. Als hier der Dictator nur mit einigen Wenigen, der Magister Equitum mit dem ganzen Zuge der Greisen die Erhöhung betrat, ließ Papirius diesen von der Rednerbühne herab, unten hin, führen. « Das machst du gut,» rief der dem Sohne folgende Vater, «daß du uns den Platz hier unten geben lässest, wo wir auch als Unbeamtete uns hören lassen dürfen.» Hier hörte man anfangs nicht sowohl zusammenhängende Reden, als Gezänk. Endlich überwand die Stimme und der Unmuth des Greises Fabius, der auf den Übermuth und die Grausamkeit des Dictators schalt, das Getöse. «Auch er sei zu Rom Dictator gewesen; aber niemand, auch nicht ein einziger Bürgerlicher, sei von ihm gemishandelt, kein Hauptmann, kein Soldat: nur Papirius bereite sich einen Sieg, einen Triumph, über einen Römischen Feldherrn, wie über feindliche Heerführer. Welch ein himmelweiter Unterschied zwischen der Mäßigung der Alten und dem Übermuthe und der Grausamkeit der jetzigen Welt sei. Quinctius Cincinnatus habe als Dictator den Consul Lucius Minucius, den er doch aus einer Einschließung befreiet hatte, nicht härter angelassen, als daß er ihn nicht länger als Consul, sondern als 213 Legaten bei dem Heere bleiben ließ. Marcus Furius Camillus habe gegen den Lucius Furius, der als Verächter seines Alters und seines Ansehens sich so schimpflich schlagen ließ, seinen Zorn nicht bloß für dasmal so sehr gemäßigt, daß er über seinen Amtsgenossen dem Volke oder Senate nicht das mindeste Nachtheilige berichtete; sondern auch nach seiner Rückkehr gerade auf ihn unter allen Consulartribunen sein Augenmerk gerichtet, bei der vom Senate ihm freigestellten Wahl unter seinen Amtsgenossen, sich diesen zu seinem Mitbefehlshaber auszubitten. Denn was das Volk betreffe, dem doch die höchste Gewalt über Alles zustehe, so habe es selbst gegen die, die durch Unbesonnenheit und Unwissenheit ganze Heere eingebüßt hätten, seinen Zorn nie weiter getrieben, als daß es sie um Geld gestraft habe. Über Unglück im Kriege sei man bis auf den heutigen Tag noch keinem Feldherrn an das Leben gegangen. Jetzt aber würden gegen Heerführer des Römischen Volks, was man sich gegen sie als Besiegte nie habe erlauben dürfen, selbst wenn sie gesiegt und die vollständigsten Triumphe verdient hätten, Ruthen und Beile gezückt. Was denn sein Sohn noch weiter hätte leiden sollen, wenn er sein Heer verloren hätte, wenn er geworfen, geschlagen und seines Lagers verlustig geworden wäre? Ob der Dictator in diesem Falle seinen Grimm, seine Gewalttätigkeit noch höher würde haben treiben können, als daß er ihn peitschen und hinrichten ließe? Wie das zu einander stimme? der Stat durch Quintus Fabius in Freude, Siegsfeier, Dankfesten und Glückwünschungen: und er, um dessentwillen die Tempel der Götter offen ständen, die Altäre von Opfern dampften, mit Weihrauch und Gaben behäuft würden, in seiner Blöße vor den Augen des Römischen Volks mit Ruthenhieben zerfleischt, nach dem Capitole, nach der Burg und den Göttern hinaufblickend, die er in zwei Gefechten nicht ungehört angerufen habe? Mit was für Empfindungen das Heer, das unter seiner Führung und Götterleitung gesiegt habe, dies aufnehmen; welche Trauer dies im Römischen Lager wecken werde, 214 welche Freude bei den Feinden?» Und diesen Vortrag, gewebt aus Vorwürfen, Klagen und Aufrufungen aller Götter und Menschen, wobei er den Sohn in seine Arme schloß, begleiteten seine reichlichen Thränen. 34. Hier standen mit ihm der Senat in seiner Hoheit, die Gunst des Volks, der Schutz der Tribunen, die Rücksicht auf das abwesende Heer. Von der andern Seite stellte man «die Unverletzlichkeit des vom Römischen Volke verliehenen Oberamtes auf, die Kriegszucht, den Befehl eines Dictators, der immer für einen Götterwink gegolten habe, die Mannszucht eines Manlius und die von ihm dem Vortheile des Stats nachgesetzte Liebe zu seinem Sohne. So habe sich auch ehemals Lucius Brutus, der Schöpfer der Römischen Freiheit, gegen seine beiden Söhne benommen. Jetzt aber wären die liebevollen Väter, diese gutwilligen Greise, bereit, nur dann, wenn die Jugend den Oberbefehl eines Dritten verachtet habe, ihr eine solche Kleinigkeit, als der Umsturz der Kriegszucht sei, zu verzeihen. Er für seine Person werde bei seinem Vorhaben beharren, und dem, der gegen seine ausdrückliche Andeutung, bei gestörtem Vertrauen auf die Götter, bei ungewisser Zustimmung des Himmels, eine Schlacht gewagt habe, nicht das Mindeste von der gerechten Strafe erlassen. Ob die Hoheit des Oberbefehls bleibend sein solle oder nicht Ich weiß, daß die Worte perpetua ne esset, so viel heißen können, als perpetua, nec ne, esset. Da indeß bei Drakenborch zwei Handschriften die Lesart haben: perpetua nec esset, und eine dritte necesset lieset, so könnte es sich fragen, ob Livius an unsrer Stelle nicht wirklich geschrieben habe: perpetua, nec ne, esset. Daß aber dieses ne hier den Sinn eines ut non haben solle, den ich ihm in einer der neuern Übersetzungen gegeben sehe, ist mir darum nicht wahrscheinlich, weil Livius das ne alsdann nicht angehängt, sondern vorangesetzt haben würde. , das stehe nicht in seiner Macht: allein die Rechte desselben werde nie ein Lucius Papirius schmälern lassen. Sein Wunsch sei der, daß die Tribunen, so wie sich niemand an ihrem Amte vergreifen dürfe, sich ebenfalls nicht durch ihre Einsage am Oberamte Roms vergreifen möchten; und daß das Volk nicht gerade in ihm den Dictator und die Rechte der Dictatur erlöschen lassen 215 wolle. Thue es dies, so würden die Nachkommen nicht über den Lucius Papirius, nein, über die Tribunen, über den tadelnswerthen Urtheilsspruch des Volks ihre zu späte Klage erheben; dann nämlich, wenn nach einmal gestatteter Mishandlung der Kriegszucht, der Soldat seinem Hauptmanne, der Hauptmann den Obersten, der Oberste dem Legaten, der Legat dem Consul, der Magister Equitum dem Dictator nicht ferner Gehorsam leisten werde; wenn sich niemand weiter an Menschen, an Götter kehre; wenn man auf Befehle der Feldherren, auf Götterleitungen nicht mehr achte; wenn die Soldaten, ohne Urlaub sich verlaufend, in Freundes-, in Feindeslande umherschwärmten; wenn sie, ihres Soldateneides unbekümmert, sich selbst bloß durch ihre Ungebundenheit, sobald sie wollten, verabschiedeten und die Fahnen unbesetzt ließen; wenn sie nicht mehr auf Befehl sich einstellten; nichts mehr darauf ankomme, ob sie die Treffen bei Tage oder bei Nacht, auf günstigem oder ungünstigem Kampfboden, mit oder ohne Befehl des Feldherrn lieferten; wenn sie weder der Fahne, noch dem Gliede folgten, und statt eines verfassungsmäßigen und heilig beschwornen Dienstes, wie die Straßenräuber blindlings und auf gut Glück zu Werke gingen. Diesen Anklagen, ihr Bürgertribunen, stellet euch auf alle Jahrhunderte bloß, und bringet, der Ungestraftheit des Quintus Fabius zu Liebe, eure Häupter als die schuldbeladenen dar.» 35. Da standen die Tribunen, betreten und schon mehr für sich selbst besorgt, als für das Schicksal dessen, der sie um ihren Beistand bat; als sie aus ihrer peinlichen Lage das Römische Volk durch die Einmüthigkeit rettete, mit der es unter Bitten und Beschwörungen den Dictator anging, ihm zu Liebe dem Magister Equitum die Strafe zu erlassen. Auch die Tribunen stimmten in den Ton der allgemeinen Bitte und drangen flehentlich in den Dictator, er möge einem menschlichen Fehltritte, er möge den Jugendjahren des Quintus Fabius Verzeihung angedeihen lassen: er sei ja schon gestraft genug. Hier fiel der Jüngling selbst, nun auch der Vater Marcus Fabius, alles 216 Wortwechsels vergessend, dem Dictator zu Füßen, und baten ihn, nicht länger zu zürnen. Da gebot der Dictator Stille, und sprach: «Es steht Alles gut, Quiriten! die Kriegszucht bleibt oben! die Heiligkeit des Oberbefehls oben! da sie beide Gefahr liefen, mit dem heutigen Tage aufzuhören. Quintus Fabius, der gegen den Befehl seines Oberfeldherrn schlug, wird nicht der Strafbarkeit entnommen, sondern als der verurtheilte Strafbare dem Römischen Gesamtvolke geschenkt, geschenkt dem tribunicischen Amte, das sich durch Bitten, nicht auf das Recht seiner Sache, für ihn verwandte. So lebe denn, Quintus Fabius, und rechne diese Vereinigung des gesamten States zu deinem Schutze für dein schöneres Glück, als den dich eben noch mit Stolz erfüllenden Sieg. Lebe, nach Unternehmung einer That, die dir selbst dein Vater, wenn er auf des Lucius Papirius Posten stand, nicht würde verziehen haben. Mit mir kannst du dich nach eignem Belieben aussöhnen. Gegen das Römische Volk aber, dem du dein Leben verdankst, wirst du dich nicht verbindlicher betragen können, als wenn du vom heutigen Tage die bleibende Belehrung nimmst, im Kriege und im Frieden gesetzmäßigem Oberbefehl dich zu unterwerfen.» Als er nach gefälletem Ausspruche, der Magister Equitum sei hiemit entlassen, von der geweiheten Stäte herabstieg, schloß sich der Senat voll Freude, und mit noch größerer das Volk, da sich beide unter Glückwünschungen hier um den Magister Equitum, dort um den Dictator sammelten, an sein Gefolge; und nach aller Meinung hatte der Oberbefehl im Kriege durch die Gefahr des Quintus Fabius an Festigkeit nicht weniger gewonnen, als durch die traurige Hinrichtung des jungen Manlius. Es traf sich immer so in diesem Jahr, daß die Feinde in Samnium, bei der jedesmaligen Entfernung des Dictators vom Heere, eine Bewegung machten. Allein dem Legaten Marcus Valerius, der dem Lager vorgesetzt war, stand Quintus Fabius als Warnung vor Augen, so daß er eben so wenig Lust hatte, sich mit dem furchtbaren Zorne des Dictators 217 einzulassen, als mit dem eindringenden Feinde. Als daher ein auf Getreideholung ausgeschicktes Kohr, das in einen Hinterhalt fiel, bei dieser Stellung im Nachtheile, niedergehauen wurde, so glaubte man allgemein, der Legat hätte ihnen zu Hülfe kommen können, wenn ihn nicht die strengen Befehle geschreckt hätten. Auch dies wurde für die Soldaten eine Ursache der Unzufriedenheit mit dem Dictator, da sie schon früher deswegen auf ihn böse geworden waren, weil er sich gegen den Quintus Fabius so unversöhnlich benommen, und doch eben die Bitte, die er ihnen abschlug, dem Römischen Volke zugestanden hatte. 36. Als der Dictator, der dem Lucius Papirius Crassus als neuem Magister Equitum die Stadt übergab, und dem Quintus Fabius jedes Amtsgeschäft untersagte, ins Lager zurückkam, erregte seine Ankunft weder bei seinen Bürgern sonderliche Freude, noch bei den Feinden die mindeste Besorgniß. Denn schon am folgenden Tage rückten sie, entweder, weil sie nicht wußten, daß der Dictator gekommen war, oder, weil es ihnen wenig verschlug, ob er zugegen sei, oder nicht, in Schlachtordnung gegen das Lager an. Allein so wichtig war der Ausschlag, der hier auf dem einzigen Manne, dem Lucius Papirius , beruhete, daß nach dem Geständnisse Aller die Samniten an dem Tage zu Grunde gerichtet sein würden, wenn die Soldaten die Entwürfe des Feldherrn wohlwollend befolgt hätten: so hatte er bei der Stellung seines Heers für Ort und Deckung gesorgt; so durch alle Kriegskunst ihm die Überlegenheit gesichert. Der Soldat that seine Schuldigkeit nicht, und hinderte den Sieg geflissentlich, um der Ehre des Feldherrn entgegen zu arbeiten. Die Samniten hatten mehr Todte; die Römer mehr Verwundete. Der erfahrne Feldherr begriff, was seinen Sieg gehindert habe; daß er seine Gemüthsstimmung beherrschen, und Güte seine Strenge mildern müsse. Also ging er selbst mit Zuziehung der Legaten bei den verwundeten Soldaten herum, steckte den Kopf in die Zelte, fragte jeden nach seinem Befinden, empfahl die Sorge für sie namentlich den Legaten, den Obersten, der Römer sowohl, als der Bundesgenossen, und 218 benahm sich bei diesem an sich schon Liebe erwerbenden Geschäfte so glücklich, daß während der Ausheilung ihrer Körper die Herzen der Soldaten schon längst dem Feldherrn wieder gehörten, und die Erkenntlichkeit, mit der sie seine Fürsorge aufnahmen, das wirksamste Mittel zu ihrer Genesung wurde. Als er nach Wiederherstellung des Heeres, das jetzt des Erfolgs so gewiß war, als er selbst, mit dem Feinde zusammentraf, erfocht er einen so vollständigen Sieg, daß die Samniten seit diesem Tage zu keiner neuen Schlacht gegen den Dictator auftraten. Nun erschien das Heer der Sieger allenthalben, wo Beute zu hoffen war, und durchsuchte des Feindes Land, ohne eine Bewaffnung oder Gegenwehr, so wenig im Felde, als in einem Hinterhalte, anzutreffen. Ihre Thätigkeit erhöhete noch der Umstand, daß der Dictator die sämtliche Beute den Soldaten zugesprochen hatte, und ihr eigner Gewinn, eben so sehr, als der Haß gegen den öffentlichen Feind, für sie zum Sporne ward. Gedemüthigt durch diesen vielfachen Verlust baten die Samniten den Dictator um Frieden: und da sie von ihm unter der Bedingung, jedem Soldaten ein Kleid und den Sold eines Jahres zu liefern, die Erlaubniß erhielten, an den Senat zu gehen, so antworteten sie, sie wünschten lieber dem Dictator zu folgen, dessen Rechtschaffenheit und Zuverlässigkeit sie ihre Sache anheim stellten. So wurde das Heer aus dem Samnitischen abgeführt. 37. Der Dictator zog triumphirend in die Stadt, und da er seine Dictatur niederlegen wollte, leitete er, auf Geheiß der Väter, noch vor seinem Abgange, die Wahl neuer Consuln, des Cajus Sulpicius Longus zum zweitenmale, und des Quintus Aulius Cerretanus Pighius und Sigonius beweisen, daß der Name dieses Consuls Q. Aulius Cerretanus (nicht Ämilius) gewesen sei. Denn 1) sagen das die Fasten, und Almeloveen hat auch hier den Namen Aulius; 2) ist der Zuname Cerretanus der Ämilischen Familie fremd, gehört aber den Auliern, wie aus zwei Stellen des Livius selbst ( IX. 15 und 22. ) erhellet; 3) in vielen Büchern steht statt Ämilius der Name Aurelius, der dem Aulius schon näher kommt, und Diodor nennt ihn Αίλιος (statt Αύλιος) und Cassiodor ebenso Älius statt Aulius; 4)  Livius würde sonst mit sich in Widerspruch gerathen. Denn IX. 15 führt er diesen Q. Aulius Cerretanus zum zweitenmale als Consul an. Er kann also nicht das erstemal solchen Annalen folgen (wenn es deren gab) welche ihn Ämilius nennen, und bloß sagen, einige Annalen nenneten ihn Q. Aulius, und das andremal ihn selbst gerade zu Q. Aulius nennen. Diese Gründe sind auch Drakenborchen so einleuchtend, daß er erklärt: Recte viros doctos Q. Aulium restituisse existimo. Pighius scheint mit seiner Vermuthung völlig Recht zu haben, daß ein früherer Abschreiber statt des Namens Aulius aus Versehen den bekannteren Namen Ämilius hinsetzte. Ein späterer, der in einem andern Exemplare den Namen Aulius fand, setzte also für sich hinzu: Aulium quidam annales habent. Drakenborch würde, glaube ich, die Berichtigung des Namens in den Text aufgenommen haben, wenn es ihm nicht zu gewagt geschienen hätte, außer der Änderung an drei Stellen unsers Capitels, ohne Handschriften die Worte: Aemilium quidam annales habent, als unächt auszulassen. Ich wage es also auch nicht, diese von Pighius gerügte Glosse wegzustreichen. Die Worte: Aemilium quidam annales habent, mögen immerhin, falls sie auch nicht vom Livius sind, stehen bleiben: allein statt Ämilius lese ich hier allenthalben Aulius, und umgekehrt, um wenigstens den Livius vom Widerspruche mit sich selbst und mit den Fastis frei zu machen. . 219 Die Samniten nahmen von Rom, ohne den Frieden zu Stande gebracht zu haben, dessen Bedingungen noch nicht ausgemacht waren, einen Waffenstillstand auf Ein Jahr mit. Sie scheuten sich aber nicht, selbst diesen zu brechen: so sehr fühlten sie durch die Nachricht, daß Papirius vom Amte abgegangen sei, ihren Muth zum Kriege gehoben. Unter den Consuln Cajus Sulpicius und Quintus Aulius (einige Jahrbücher haben den Namen Ämilius) kam zu dem Abfalle der Samniten ein neuer Krieg, der Apulische . Nach beiden Orten sandte man Heere aus. Dem Sulpicius bestimmte das Los die Samniten; dem Aulius die Apulier. Einige melden, der Krieg sei nicht gegen die Apulier selbst gerichtet gewesen, sondern man habe Bundsgenossen dieses Völkerstamms gegen die Gewalttätigkeiten und Bedrückungen der Samniten in Schutz genommen. Allein die damalige Lage der Samniten, die sich selbst kaum der Feinde erwehren konnten, macht es wahrscheinlicher, daß die Apulier nicht von den Samniten angegriffen sind, sondern daß die Römer mit beiden Völkerstämmen zugleich Krieg gehabt haben. Gleichwohl fiel nicht das mindeste Denkwürdige vor: das Land der Apulier und Samnium wurden verwüstet: auf Feinde traf man weder hier, noch dort. 220 Zu Rom setzte ein nächtlicher Schrecken die plötzlich aus dem Schlafe aufgestörten Bürger in eine solche Bewegung, daß sich das Capitol nebst der Burg, auch die Mauern und Thore mit Bewaffneten füllten Stroth, dem die neueren Übersetzer folgen, erklärt dies ut – – fuerint durch ac si, quasi – – fuerint. Allein da weder Drakenborch noch Crevier für diese seltnere Bedeutung des ut für ut si Beispiele anführen, und das ita, ut fuerint in dem gewöhnlichen Sinne beibehalten werden kann, so habe ich ohne Beistimmung einer andern Lesart von diesem nicht abgehen wollen. : und nachdem man allenthalben zusammengelaufen war und zu den Waffen gerufen hatte, zeigte sich bei Tages Anbruch so wenig ein Anstifter dieses Schreckens, als eine Veranlassung. Auch wurde in diesem Jahre nach dem Flavischen Vorschlage über die Tusculaner vor dem Volke Gericht gehalten. Der Bürgertribun Marcus Flavius trug bei dem Volke auf Strafung derjenigen Tusculaner an, mit deren Hülfe und Beistimmung die Veliterner und Privernaten das Römische Volk bekriegt hätten. Das Tusculanische Volk kam mit Weib und Kind nach Rom. Die ganze Schar ging in Trauerkleidern und im Aufzuge der Beklagten bei den Bezirken herum, und warf sich Allen zu Füßen. So half ihnen mehr das Mitleid, sich Verzeihung auszuwirken, als das Recht ihrer Sache, sich von der Anklage zu reinigen. Die Bezirke sämtlich, den Pollischen ausgenommen, verwarfen den Vorschlag. Der Bezirk Pollia stimmte dahin, alle Erwachsenen zu peitschen und hinzurichten, die Weiber und Kinder aber dem Kriegsrechte gemäß öffentlich als Sklaven zu verkaufen: und es ist bekannt, daß ihm die Tusculaner den Vorschlag, sie so hart zu bestrafen, bis auf unsrer Väter Zeiten nachgetragen haben, und daß nicht leicht jemand vom Pollischen Bezirke bei seinem Gesuche um ein Amt die Stimme des Papirischen Bezirks Livius setzt bei seinen Lesern voraus, daß es ihnen nicht unbekannt sein kann, daß die Tusculaner als Römische Bürger zu dem Bezirke Papiria gerechnet wurden. erhielt. 38. Im folgenden Jahre, unter den Consuln Quintus Fabius, Lucius Fulvias, führten ein Dictator, Aulus Cornelius Arvina und sein Magister Equitum Marcus Fabius 221 Ambustus, aus Besorgniß eines schwereren Krieges in Samnium – denn es hieß, man habe dort von den Nachbarn Truppen in Sold genommen – ein treffliches, durch strengere Werbung aufgebrachtes, Heer gegen die Samniten. Sie schlugen ihr Lager in Feindes Lande mit einer Sorglosigkeit auf, als ob der Feind weit entfernt sei; und plötzlich zeigten sich die Legionen der Samniten mit solcher Dreistigkeit, daß sie mit ihren Lagerpfählen bis zum Römischen Vorposten heranrückten. Schon brach die Nacht ein. Dies hinderte sie, die Werke anzugreifen; sie zeigten aber die Absicht, es mit Anbruch des folgenden Tages zu thun. Der Dictator, der den Kampf wider seine Erwartung so nahe sah, zog mit seinen Legionen, um nicht die Tapferkeit der Truppen an dem nachtheiligen Orte scheitern zu lassen, mit Hinterlassung vieler Feuerhaufen zur täuschenden Ansicht für die Feinde, in aller Stille ab: allein bei dieser Nähe ihres Lagers konnte er ihnen nicht unbemerkt bleiben. Ihre Reuterei, die ihn sogleich einholte, hing sich nur so an seinen Zug, daß sie das Gefecht bis zum Tagwerden verschob. Auch ihr Fußvolk rückte nicht vor Tage aus. Die Reuterei, die endlich mit dem Tage den Angriff auf den Feind begann, hielt ihn dadurch, daß sie in seinen Nachtrab einhieb und bei dem Übergange über schwierige Stellen sich auf ihn warf, in seinem Zuge auf. Unterdeß kam das Fußvolk der Reuterei nach und schon drangen die Samniten mit ihrer ganzen Macht heran. Da der Dictator ohne großen Nachtheil nicht weiter rücken konnte, so hieß er denselben Platz, auf dem er Halt machte, zum Lager abstecken. Allein vor der rund umher schwärmenden Reuterei war es nicht möglich, Pfahlholz zu holen und die Arbeit anfangen zu lassen. Wie er also sah, daß man ihn nicht ziehen und auch nicht Platz nehmen lassen wolle, so stellte er seine Schlachtordnung, nachdem er das Gepäck aus dem Zuge weggeschafft hatte. Auch die Feinde traten ihm gegenüber in Stellung, an Muth und Stärke ihm gleich. Sie waren aber vorzüglich darum so muthvoll, weil sie den Römern, ohne zu wissen; daß diese dem nachtheiligen Orte, nicht 222 dem Feinde, auswichen, als den Fliehenden und Geschreckten, ihrer Meinung nach als die Schreckenden nachsetzten. Dies gab dem Gefechte auf einige Zelt das Gleichgewicht, da sonst die Samniten schon längst nicht mehr gewohnt waren, das Schlachtgeschrei eines Römischen Heeres auszuhalten. Aber wahrlich an jenem Tage soll der Kampf von Morgens um neun bis fünf Uhr Abends so ohne alle Entscheidung gestanden haben, daß man weder das Geschrei, seitdem es einmal beim ersten Zusammentreffen erhoben war, erneuerte, noch irgendwo eine Fahne vordrang oder zurückgezogen und überhaupt auf keinem Punkte gewichen wurde. Jeder kämpfte, auf seinen Schritt gefestet, mit dem Schilde vorwärts drängend, ohne zu verschnaufen, ohne sich umzublicken. Das sich immer gleichbleibende Getöse und die unverrückte Dauer des Kampfs schienen nur mit einer völligen Erschöpfung oder mit der Nacht enden zu wollen. Schon gebrach den Männern die Kraft, dem Schwerte die Schärfe, jede Maßregel den Feldherren; als auf einmal die Samnitische Reuterei, die durch ein weiter hinausgesprengtes Geschwader in Erfahrung gebracht hatte, daß das Gepäck der Römer von den Fechtenden weit entfernt ohne Bedeckung, ohne Verschanzung, dastehe, voll Begierde nach Beute, hineinjagte. Dem Boten, der ihm in voller Bestürzung die Nachricht brachte, antwortete der Dictator: «So laß sie sich doch mit der Beute belasten.» Schon kam einer über den andern und schrie, alles Eigenthum der Soldaten werde geplündert und weggeschleppt. Da ließ er den Magister Equitum rufen. «Siehst du,» sprach er, « Marcus Fabius, die Schlacht von der feindlichen Reuterei aufgegeben? Da sitzen sie fest, mit unserm Gepäcke bepackt. Zerstreut, wie es jede Menge beim Beutemachen wird, greif sie an: nur Einzelne wirst du auf ihren Pferden finden; nur Einzelne, das Schwert in der Hand: und während sie den Raub auf die Pferde laden, haue die Unbewaffneten nieder, und laß sie die Plünderung mit ihrem Blute bezahlen. Die Legionen und ihr Kampf zu Fuß sollen meine Sorge sein: die Ehre von der Reuterei sei dein!» 223 39. Die Linie der Ritter, die in möglichst schöner Ordnung auf die zerstreuten und beladenen Feinde einsprengte, erfüllte Alles mit Gemetzel. Mitten unter den eiligst hingeworfenen Päckereien, die den fliehenden und scheu werdenden Pferden vor den Füßen lagen, fanden jene, zum Fechten, wie zum Fliehen, gleich unfähig, ihren Tod. Nach beinahe gänzlicher Vertilgung der feindlichen Reuterei griff Marcus Fabius mit seinen Geschwadern die Linie des feindlichen Fußvolks durch eine kleine Umgehung im Rücken an. Das neue von dorther tönende Geschrei erfüllte die Samniten mit Schrecken: und als der Dictator in den feindlichen Vorderreihen die Gesichter sich umdrehen, die Kohre in Unordnung gerathen und die ganze Linie wanken sah, da verdoppelte er bei den Seinen die Aufforderungen und Ermunterungen, und rief namentlich die Obersten und ersten Hauptleute auf, mit ihm den Kampf zu erneuern. Mit neuerhobenem Schlachtgeschreie rückten sie an, und je weiter sie vordrangen, je mehr Unordnung wurden sie unter den Feinden gewahr. Die Vordersten erblickten schon die Ritter selbst, und Cornelius, nach seinen Haufen sich umsehend, gab ihnen mit Hand und Mund, so gut er konnte, zu verstehen, daß er schon die Standarten und Rundschilde der Seinigen unterscheiden könne. Kaum hörten sie dies, und sahen es selbst, so vergaßen sie auf einmal der fast den ganzen Tag erduldeten Kampfarbeit und ihrer Wunden so völlig, daß sie nicht anders, als brächen sie jetzt auf den Ruf der Trompete bei vollen Kräften aus dem Lager, auf die Feinde anstürzten. Da wurde es den Samniten unmöglich, die furchtbare Reuterei, das kräftige Fußvolk, länger aufzuhalten: hier wurden sie in der Mitte niedergemacht, dort in die Flucht gesprengt. Die Standhaltenden umzingelte das Fußvolk und hieb sie zusammen: auf die Fliehenden warf sich die Reuterei mit Gemetzel; und unter diesen fiel auch der Feldherr selbst. Dies Treffen endlich brach die Macht der Samniten dergestalt, daß sie auf allen ihren Versammlungen laut riefen: «Es sei gar nicht zu verwundern, wenn sie in 224 einem gottlosen, vertragswidrig unternommenen Kriege, in welchem die Götter mit Recht auf sie noch zorniger wären, als die Menschen, kein Glück hätten. Die Schuld dieses Krieges zu tilgen und zu büßen, sei ein großes Opfer nöthig. Man habe nur noch auszumachen, ob man die Strafe mit dem schuldigen Blute einiger Wenigen, oder mit dem unschuldigen Aller bezahlen wolle.» Und schon hatten Einige Muth genug, die Anstifter des Krieges zu nennen. Vor allen Andern hörte man in jedem Munde der Lautwerdenden den Namen des Brutulus Papius. Er war ein Vornehmer und mächtiger Mann, der unstreitig den Bruch des letzten Waffenstillstandes bewirkt hatte. Die zum Berichte über ihn gezwungenen Prätoren faßten den Schluß ab: « Brutulus Papius solle den Römern ausgeliefert, und mit ihm alle Römische Beute, so auch die Gefangenen, nach Rom gesandt; und Alles, was sie durch ihre Bundespriester dem Vertrage gemäß hätten zurückfordern lassen, wie es vor Gott und Menschen recht sei, ihnen wiedergegeben werden.» Diesem Beschlusse zufolge wurden Bundespriester nach Rom geschickt, mit dem entseelten Körper des Brutulus: er selbst entzog sich der Beschimpfung und Hinrichtung durch einen freiwilligen Tod. Man hatte geglaubt, mit seinem Leichname auch sein Vermögen herausgeben zu müssen. Allein von dem Allen wurde, außer den Gefangenen, und was etwa jemand unter der Beute als sein Eigenthum erkannte, nichts angenommen: alles Übrige wurde vergeblich angeboten. Der Dictator triumphirte vermöge eines Senatsschlusses. 40. Ich folge hier in der Abtheilung der Capitel dem Crevier. Denn es ist nicht gut, mit den Worten Nec discrepat, die mit den vorhergehenden so genau zusammenhängen, ein neues Capitel anzufangen. Auch glaube ich, den Zusammenhang zwischen den Worten Nec discrepat etc. und dem weiter unten folgenden nec facile est, durch meine Übersetzung angedeutet zu haben. Das große Punctum vor den Worten Id ambigitur (bei Stroth ) ist bei Drakenborch und Crevier richtiger nur ein kleines. Ich denke mir die Worte Id ambigitur – – se dictatura abdicaret in eine Parenthese eingeschlossen, und gebe der Stelle (hier mit Einschiebung ein Par erklärender Wörtchen) etwa folgende Interpunction: Nec discrepat quidem, quin dictator eo anno A. Corn. fuerit: ( nam id solum ambigitur, belline gerendi – – – se dictatura abdicaret:) nec tamen facile est, aut rem rei etc. Einige Schriftsteller geben an, dieser Krieg sei 225 von den Consuln geführt, und sie hätten über die Samniten triumphirt: Fabius sei sogar bis nach Apulien vorgedrungen und habe von dort große Beute zurückgebracht. Es leidet freilich keinen Zweifel, daß Aulus Cornelius in dem Jahre Dictator gewesen sei. Man ist nur darüber uneins, ob man ihn zur Führung des Krieges gewählt habe, oder, um jemand zu haben, der bei den Römischen Spielen, weil der Prätor Lucius Plautius gerade von einer schweren Krankheit befallen war, den Rennwagen das Zeichen zum Auslaufen gäbe, und ihn nach Vollziehung eines so undenkwürdigen Amtsgebotes, von der Dictatur wieder abtreten zu lassen. Indeß ist es nicht leicht, dem einen Grunde vor dem andern, oder dem einen Schriftsteller vor dem andern mehr Glaubwürdigkeit beizumessen. Verfälscht wurde die Geschichte, meiner Meinung nach, durch die Lobreden auf Verstorbene und durch die unrichtigen Unterschriften der Ahnenbilder; insofern jede Familie den Ruhm hoher Thaten und Ämter durch Unwahrheiten sich zueignete, denen niemand nachrechnen kann. Die Verwirrung wenigstens, die sich in den Thaten der Einzelnen und in den öffentlichen Denkmalen findet, floß aus dieser Quelle. Auch hat man aus jenem Zeiträume keinen gleichzeitigen Schriftsteller, an den man sich mit Zuversicht halten könnte. Neuntes Buch. Vom Jahre Roms 433 – 449. 228 Inhalt des neunten Buchs. Titus Veturius und Spurius Postumius, die bei den Caudinischen Gabeln ihr Heer in einen engen Paß geführt hatten, mußten sich mit den Samniten, weil sie keine Hoffnung hatten zu entkommen, auf einen Vertrag einlassen, sechshundert Römische Ritter zu Geiseln stellen und durften ihr Heer nur unter der Bedingung abführen, daß sie Alle unter dem Jochgalgen durchzogen. Als man sie Beide auf den Vorschlag des Consuls Spurius Postumius, der im Senate darauf angetragen hatte, daß sich der Stat durch die Auslieferung derer, durch deren Schuld dieser so schimpfliche Vertrag geschlossen war, seiner Zusage entbinden müsse, nebst zwei Bürgertribunen und Allen, welche jenen Vertrag verbürgt hatten, den Samniten auslieferte, wurden sie nicht angenommen; und bald nachher wurde der Schimpf der neulichen Entehrung dadurch getilgt, daß Papirius Cursor die Samniten schlug, sie unter dem Jochgalgen durchziehen ließ und die sechshundert Römischen Ritter, die man zu Geiseln gegeben hatte, wieder bekam. Die Bezirke Roms wurden mit Zweien vermehrt, dem Ufentinischen und Falerinischen. Nach Suessa und Pontiä wurden Pflanzungen ausgeführt. Appius Claudius legt als Censor eine Wasserleitung an, läßt die Straße pflastern, welche die Appische genannt wurde, und nimmt Enkel von Freigelassenen in den Senat auf. Also hielten sich die Consuln des folgenden Jahrs, weil jener Stand durch die unwürdigen Mitglieder besudelt schien, bei der Musterung des Senats ganz an die alte Reihe, welche die nächstvorigen Censorn aufgestellet hatten. Außerdem erzählt dies Buch Siege über die Apulier, Hetrusker, Umbrier, Marser, Äquer und über die Samniten, die man wieder in den Bund aufgenommen gehabt hatte. Der Schreiber Flavius, dessen Vater eines Freigelassenen Sohn war, wurde durch Hülfe einer Marktpartei zum Curulädil gewählt; und da diese die Wahlen auf dem Campus störte und durch ihren überwiegenden Einfluß zu herrschend wurde, so sendete sie der Censor Quintus Fabius in vier Bezirke aus, und nannte diese, die Städtischen: und davon hieß er seitdem Fabius Maximus . In diesem Buche geschieht auch Alexanders des Großen Erwähnung, der in jenen Zeiten auftrat; und aus einer aufgestellten Schätzung der damaligen Römischen Macht wird der Schluß gezogen, daß Alexandern, wenn er nach Italien übergegangen wäre, der Sieg über das Römische Volk nicht so leicht geworden sein würde, als über jene Völker, die er im Oriente seiner Oberherrschaft unterworfen hatte. 229 Neuntes Buch. 1. Auf dieses Jahr folgt der durch die Niederlage der Römer berühmte Caudinische Vertrag, unter den Consuln Titus Veturius Calvinus, Spurius Postumius. Die Samniten hatten in diesem Jahre den Cajus Pontius, des Herennius Sohn, zum Heerführer, der von einem sehr einsichtsvollen Vater stammete, und selbst der erste Krieger und Feldherr war. Als die zur Auslieferung jener Sachen nach Rom geschickten Gesandten, ohne den Frieden bewirkt zu haben, zurückkamen, so fing er an: «Damit ihr nicht glaubt, wir hätten durch diese Gesandschaft gar nichts ausgerichtet, so muß ich euch sagen: Aller Zorn der Himmlischen, der wegen des Bundesbruches über uns waltete, ist abgebüßt. Ich bin überzeugt, daß allen den Gottheiten, nach deren Willen wir zu der Nothwendigkeit herabgebracht werden mußten, die von uns vertragsmäßig zurückgeforderten Sachen herauszugeben, diese von Seiten der Römer so übermüthige Abweisung der Bundessühne misfallen habe. Denn was konnte, Götter zu befriedigen und Menschen zu besänftigen, mehr gethan werden, als was wir gethan haben? Das erbeutete Eigenthum der Feinde, das wir nach Kriegesrecht als das Unsrige ansehen konnten, haben wir zurückgeschickt: die Anstifter des Krieges lieferten wir, weil wir sie lebendig nicht stellen konnten, nach ihrem Ableben aus: beladen mit ihren Gütern, um von Allem, worauf die Sünde haftete, nicht das Mindeste zu behalten, zogen wir nach Rom. Sprich, Römer, was bin ich dir, was bin ich dem Bündnisse, was den Zeugen des Bündnisses, den Göttern, noch weiter schuldig? Vor welchen Richter, über deinen Zorn, über meine erlittenen harten Strafen, 230 soll ich dich bescheiden Gronov verwirft dies Fragezeichen, und Drakenborch und Stroth folgen ihm. Crevier hat die Frage beibehalten. Fällt sie weg, so giebt das Ganze in Verbindung eine zierlichere Lateinische Eleganz. Allein die fortgesetzte Frage passet hier besser in den lebhaften Vortrag. Und wenn Gronov meint, sie thue dem Sinne Eintrag, so irrt er meiner Meinung nach. Denn es ist ja nicht durchaus nöthig, wie er will, die Frage so zu verstehen: Vix inveniri quemquam, quem iudicem capere possit; sondern sie leidet ja eben so gut, ja sie erfordert hier den Sinn: Per me licet, quemcumque mihi arbitrum feras. Quem vis, ut tibi feram? Neminem, neque pop. etc. ? Vor ein Volk? vor einen Privatmann? Ich scheue keinen. Und wenn denn dem Hülflosen gegen den Mächtigen kein Recht bei Menschen übrig bleibt, nun so flüchte ich mich zu den Göttern, den Rächern eines so unerträglichen Übermuths, so bitte ich sie, ihren Zorn diejenigen treffen zu lassen, denen weder ihr ausgeliefertes Eigenthum, noch die Zugabe von Fremdem genügt; deren Wuth nicht der Tod der Schuldigen, noch die Auslieferung der entseelten Körper, noch das die Auslieferung des Besitzers begleitende Vermögen sättigen kann: die nicht versöhnt werden können, wenn wir ihnen nicht unser Blut zum Vergießen und unser Fleisch zum Zerhauen darbieten. Wer nothwendigen Krieg führt, ihr Samniten, der führt einen gerechten Krieg; und heilig sind die Waffen dessen, der keine Rettung, als durch die Waffen, hoffen kann. Folglich könnt ihr, Samniten, da in den Angelegenheiten der Menschen so viel darauf ankommt Nach meiner Einsicht hat Stroth hier einen doppelten Irrthum begangen. Er beschuldigt einmal Gronoven, er habe darum die Lesart unsrer Stelle ändern wollen, weil ihm die Intension, die in den Worten quam propitiis, quam adversis diis liege, anstößig gewesen sei. Davon ist aber in Gronovs Note (bei Drakenborch ) keine Spur. Gronov will nur das Wort agant in agantur abändern und rem weglassen, folglich die Intension des quam beibehalten. Zum andern, wenn Stroth glaubt, quam sei hier der Accusativ des Pronomens, nicht das adverbium intendendi, so irrt er auch hier nach meiner Ansicht. Denn 1) hätte Livius, wenn er den von Stroth ihm untergelegten Sinn ausdrücken wollte, nicht gesagt: quam propitiis rem, und das quam unmittelbar vor propitiis stehen lassen, sondern: quam rem propitiis, quam adversis agant diis. 2) Wenn auch Stroth in philosophisch-theologischer Hinsicht Recht haben mag, wenn er sagt: Nulla res adversis diis, bene; nulla propitiis male geri potest; so hätte ihn doch der Nachsatz belehren müssen, daß Livius hier allerdings die Intension des adverbii quam zum Zwecke hat. Denn er läßt den Pontius seine Samniten versichern, daß sie in den vorigen Kriegen nicht bloß unter der Misbilligung der Götter gefochten hätten, sondern, gleich den Giganten, gegen die Götter selbst, und eben so in diesem durch die Noth gebotenen Kriege nicht bloß die Zustimmung der Götter haben würden, sondern sogar die Götter zu Führern. Die hier unverkennbare Gradation lässet mich glauben, daß Livius sich auch bei dem quam des Vordersatzes Stufen gedacht habe. , in wiefern über ihrem Unternehmen der 231 Segen oder die Ungnade der Götter waltet, fest überzeugt sein, daß ihr die vorigen Kriege mehr gegen die Götter, als gegen Menschen geführt habt, in dem bevorstehenden aber die Götter selbst zu Führern haben werdet.» 2. Als er nach dieser eben so wahren, als erheiternden Vorhersagung mit seinem Heere ausrückte, nahm er in der Gegend von Caudium sein Lager so versteckt als möglich. Von hier schickte er nach Calatia, wo die Römischen Consuln seinen Nachrichten zufolge schon mit ihrem Lager standen, zehn Soldaten, als Hirten gekleidet, mit dem Auftrage, sie sollten mit ihren Heerden in der Nahe der Römischen Posten nach entgegengesetzten Richtungen, der eine hier, der andre dorthin treiben: stießen sie auf Plünderer, so sollten sie Alle dieselbe Sprache führen: «Die Legionen der Samniten ständen in Apulien; sie belagerten Luceria mit ihrer ganzen Macht, und würden es in Kurzem durch Sturm erobern.» Auch war den Römern dies vorher geflissentlich verbreitete Gerücht schon zu Ohren gekommen: allein die Gefangenen machten es ihnen hauptsächlich dadurch glaubwürdiger, daß sie alle in ihrer Aussage übereinstimmeten. Daß die Römer den Lucerinern, ihren guten und getreuen Bundesgenossen, zu Hülfe eilen mußten, um zugleich den Abfall des gesammten Apuliens in dieser dringenden Noth zu verhindern, war außer allem Zweifel. Nur das war die Frage, welchen Weg sie nehmen sollten. Nach Luceria führten zwei Wege; der eine, breit genug und offen, durch Länder des oberen Meeres, allein so viel sicherer er war, so viel mochte er auch länger sein; der andre kürzere, durch die Caudinischen Gabeln. Die Beschaffenheit dieser Gegend ist folgende. Zwei hohe, schmale und waldige Pässe haben durch das rund umher zusammenhängende Gebirge eine Verbindung: zwischen ihnen liegt in der Mitte eine 232 ziemlich breite eingeschlossene Ebene, die Gras und Wasser hat, und der Weg geht mitten durch. Ehe man aber an dieses Feld kommt, muß man in die erste Schlucht hineingehen, und dann entweder denselben Weg, auf dem man sich hineinzog, wieder rückwärts nehmen, oder, will man weiter vorwärts, sich durch den andern noch engeren und beschwerlicheren Paß durcharbeiten. Als die Römer, die ihr Heer auf dem einen Wege durch die hohlen Felsen in diese Ebene herabgezogen hatten, jetzt weiter zu der zweiten Schlucht fortrückten, fanden sie diese durch gefällete Bäume und große im Wege liegende Felsstücke gesperrt. Als hieraus offenbar feindliche List hervorging, ließen sich auf der Höhe des Passes auch Truppen sehen. Geschwind machten sie sich auf denselben Weg wieder zurück, den sie gekommen waren. Da fanden sie auch diesen eben so von seinem Verhacke und von Bewaffneten geschlossen. Von niemand zum Haltmachen befehligt standen sie. Betroffenheit bemächtigte sich aller Herzen und eine nie gefühlte Art von Lähmung ihrer Glieder: und Einer den Andern anblickend, weil jeder dem Andern mehr Besonnenheit und Entschließung zutrauete, schwiegen sie lange unbeweglich. Wie sie darauf die Hauptzelte der Consuln aufschlagen, und diesen und jenen das Schanzzeug zur Hand nehmen sahen, so gingen sie, – ob sie gleich einsahen, daß sie mit ihrem Schanzen, weil Alles verloren, und jede Hoffnung ihnen genommen war, zum Gespötte dienen würden – um wenigstens das Unglück nicht durch Straffälligkeit zu vermehren, der eine wie der andre, ohne von jemand aufgefordert oder befehligt zu sein, an die Schanzarbeit und zogen um das am Wasser aufgeschlagene Lager den Wall, indem sie, unter lautem Gehöhne des übermüthigen Feindes und eignen kläglichen Geständnissen, ihrer verlornen Mühe und Arbeit spotteten. Bei den in Trauer versunkenen Consuln, die auch keinen Kriegesrath beriefen, weil hier weder Rath noch Hülfe stattfand, sammelten sich die Legaten und Obersten von selbst; und die Soldaten, nach den Hauptzelten blickend, verlangten eine Rettung, die ihnen kaum 233 die unsterblichen Götter gewähren konnten, von ihren Feldherren. 3. Mehr unter Klagen als Berathschlagungen wurden sie von der Nacht überfallen, während jeder nach seiner Denkungsart seinen Unmuth laut werden ließ, der Eine: «Durch die verhauenen Wege» – der Andre: «Gerade zu den Bergen hinauf lasset uns fortdringen! durch den Wald! wo sichs irgend mit den Waffen in der Hand einbrechen lässet! Sobald nur die Möglichkeit da ist, an den Feind zu gelangen, den wir schon beinahe seit dreißig Jahren besiegen, so wird dem Römer im Kampfe mit dem treulosen Samniten Alles zu Flächen und Ebenen.» Ein Andrer dagegen: « Wohin denn, oder wo sollen wir ziehen? Wollen wir die Berge aus ihrer Grundfeste heben? Wo will man, so lange diese Höhen emporragen, an den Feind gelangen? Wir Alle, Bewaffnete und Wehrlose, Tapfre und Feige, sind einer wie der andre gefangen und zu Grunde gerichtet. Der Feind wird uns nicht einmal das Schwert zum ehrenvollen Tode darbieten; stillsitzend wird er dem Kriege ein Ende machen.» Unter wechselnden Äußerungen dieser Art, ohne an Speise, ohne an Schlaf zu denken, brachten sie die Nacht hin. Aber selbst die Samniten wußten eben so wenig in ihrem großen Glücke sich zu rathen. Deswegen stimmten Alle dahin, den Herennius Pontius, den Vater des Feldherrn, schriftlich um seine Meinung zu fragen. Seines hohen Alters wegen hatte sich der Mann schon von allen kriegerischen, selbst von den bürgerlichen, Geschäften zurückgezogen: allein den abgelebten Körper beseelte noch die volle Geisteskraft und Entschlossenheit. Auf die Anzeige, daß man bei den Caudinischen Klausen die Römischen Heere zwischen den beiden Pässen eingeschlossen halte, erklärte er dem nach Verhaltungsregeln fragenden Boten seines Sohns, man solle sie sogleich, ohne ihnen Leides zu thun, sämtlich abziehen lassen. Als dieser Rath verworfen wurde, gab er dem abermals an ihn gefertigten Boten auf die wiederholte Anfrage den Bescheid, man solle sie Alle bis auf den letzten Mann niederhauen. War gleich 234 der Sohn selbst einer der ersten, die der Widerspruch dieser gleichsam durch ein zweideutiges Orakel ertheilten Antworten auf den Gedanken brachte, auch des Vaters Geist habe in dem abgelebten Körper schon vom Alter gelitten, so mußte er doch dem einstimmigen Verlangen, ihn selbst in den Kriegsrath zu berufen, nachgeben. Der Greis soll, ohne sich durch die Beschwerlichkeit abhalten zu lassen, ins Lager gefahren sein, und als er in den Kriegsrath berufen wurde, sich ungefähr so erklärt haben, daß er nichts in seiner Meinung abänderte, sondern nur seine Gründe hinzufügte. «Sein erster Rath, den er für den besten halte, sichere ihnen Frieden und Freundschaft mit einem der mächtigsten Völker durch diese große Wohlthat auf immer: der zweite verschiebe den Krieg auf viele Menschenalter, während welcher der Römische Stat nach dem Verluste zweier Heere so leicht nicht wieder zu Kräften kommen werde: eine dritte Auskunft gebe es nicht.» Als ihm darauf im weiteren Verfolge der Sohn und andre Vornehme die Frage vorlegten: «Wie? wenn man einen Mittelweg einschlüge, und die Römer zwar unangefochten abziehen ließe, ihnen aber, als durch ein rechtliches Kriegsmittel Besiegten, gewisse Bedingungen auferlegte;» so sagte er: «Diese Maßregel ist von der Art, daß sie euch weder Freunde erwirbt, noch eure Feinde vertilgt. Versucht es, und schenkt denen das Leben, die ihr durch Beschimpfung erbittert habt. Die Römer sind ein Volk, das besiegt keine Ruhe kennt. Mag die Schande, die ihnen dasmal die dringende Noth aufdrückt, bestehen worin sie will, nie wird sie in der Römer Busen ersterben; wird sie nicht eher ruhen lassen, bis ihr sie ihnen durch vielfache Strafen gebüßt habt.» 4. Von beiden Vorschlägen wurde keiner angenommen, und Herennius fuhr aus dem Lager nach Hause zurück. Im Römischen Lager fühlte man sich nach vielen vergeblich versuchten Angriffen, um sich durchzuschlagen, und weil schon Mangel an Allem war, durch die Noth gedrungen, Gesandte abzuschicken. Sie mußten zuerst auf einen Frieden unter gleichen Bedingungen antragen, und 235 wenn sie keinen Frieden erhielten, zur Schlacht herausfordern. Da antwortete ihnen Pontius: «Der Krieg sei zu Ende; und weil sie auch nicht einmal als Besiegte und Gefangne lernen wollten, ihre Demüthigung zu gestehen, so wolle er sie entwaffnet im bloßen Unterkleide unter dem Jochgalgen durchziehen lassen: die übrigen Friedensbedingungen sollten Besiegten und Siegern gleiche Vortheile gewähren. Wenn das Samnitische geräumt und die Pflanzstädter abgeführt würden, dann könnten Römer und Samniten im Genusse gleicher Bundesvortheile beide nach eigenen Gesetzen leben. Auf diese Bedingungen sei er zu einem Vertrage mit den Consuln bereit; sollte man aber auch nur Eine nicht bewilligen wollen, so möchten die Gesandten sich nicht unterstehen, wieder zu ihm zu kommen.» Als die Gesandschaft diesen Bescheid zurückbrachte, so erhoben auf einmal Alle eine so laute Wehklage und wurden von so tiefer Traurigkeit befallen, daß man hätte glauben sollen, es könnte ihnen nicht schrecklicher sein, wenn ihnen der Tod auf der Stelle angekündigt wäre. Lange blieb man ohne alle Erklärung, und den Consuln erstarb jedes Wort, sowohl zur Empfehlung eines so schimpflichen, als zur Misbilligung eines so nothwendigen Vergleichs; da begann Lucius Lentulus, damals durch seine Tapferkeit und verwalteten Ämter unter den Legaten der Erste: «Ich habe oft meinen Vater erzählen hören, ihr Consuln, daß er allein auf dem Capitole dem Senate nicht dazu gerathen habe, die Stadt von den Galliern durch Gold zu erkaufen, weil man theils von diesem zur Anlage von Werken und Schanzen viel zu trägen Feinde nicht durch Wall und Graben eingeschlossen sei, theils auch, wenn gleich nicht ohne große Gefahr, doch ohne gewissen Tod, sich durchschlagen könne. Wenn wir jetzt, so wie es ihnen gestattet war, vom Capitole herab mit den Waffen auf den Feind einzubrechen, wie so oft schon Belagerte auf die Belagerer einen Ausfall thaten, eben so – gleichviel, ob unsre Stellung günstig oder ungünstig wäre – nur zum Kampfe mit dem Feinde gelangen könnten, so sollte auch mir bei meinem zu ertheilenden Rathe der Geist meines muthvollen Vaters nicht entstehen. Ehrenvoll ist es, ich läugne es nicht, für das Vaterland zu sterben; und ich bin bereit, für das Römische Volk und seine Legionen mich entweder zum Todesopfer zu weihen, oder mich mitten in die Feinde zu stürzen. Allein nach meiner Ansicht ist das Vaterland hier, hier Roms sämtliche Legionen. Wollen diese nicht für sich selbst in den Tod gehen, was bleibt ihnen dann durch ihren Tod noch zu retten? Die Häuser der Stadt, könnte man mir antworten, und die Mauern, und jener Haufe, von dem die Stadt bewohnt wird. Nein, bei Gott! aufgeopfert wird das Alles, wenn dies Heer vernichtet wird; nicht gerettet. Denn wer soll das Alles schützen? Etwa die unkriegerische und unbewehrte Menge? Wahrhaftig, eben so gewiß, als sie es vor dem Einbruche der Gallier schützte. Sollen sie etwa ein Heer von Veji, und einen Camillus als Anführer, herbeirufen? Alle Hoffnung, alle Hülfe ist nur von diesen hier zu haben: durch ihre Rettung retten wir das Vaterland; überliefern wir sie dem Tode, so verlassen, so verrathen wir das Vaterland. Allein die Übergabe ist so empörend und schimpflich? Die Liebe, die das Vaterland fordert, geht zu seiner Rettung, wenn es sein muß, eben so gern in den Schimpf als in den Tod. So nehmen wir denn diese Unehre auf uns, sei sie, so groß sie wolle! unterwerfen uns einer Nothwendigkeit, die auch die Götter nicht besiegen können! Ziehet hin, ihr Consuln! bringet dem State eure Waffen dar, dem eure Vorfahren ihr Gold darbrachten.» 5. Die zur Unterredung mit Pontius abgegangenen Consuln erklärten dem Sieger, der auf einen Friedensabschluß drang, ohne Genehmigung des Volks könne kein Friede geschlossen werden, eben so wenig ohne Bundespriester und festgesetzte Feierlichkeiten. Also kam der Caudinische Vertrag nicht, wie man gewöhnlich glaubt, und Claudius auch schreibt, durch einen Friedensschluß, sondern durch eine verbürgte Übereinkunft zu Stande. Denn wozu wären Bürgen oder Geisel bei einem Friedensschlusse 237 nöthig gewesen, wo die Sache mit der Anrufung Jupiters abgethan wird, «daß er dasjenige Volk, durch dessen Schuld die aufgestellten Bedingungen nicht gehalten würden, eben so treffen solle, wie die Bundespriester das Schwein treffen?» Dasmal verbürgten sich die Consuln, die Unterfeldherren, die Schatzmeister, die Obersten; und die Namen Aller, die sich verbürgten, sind noch zu lesen; wo man doch, wenn die Sache auf den Fuß eines Friedensschlusses behandelt wäre, bloß die Namen der beiden Bundespriester finden würde. Auch wurden wegen des nothwendigen Aufschubs des eigentlichen Friedensschlusses noch sechshundert Ritter als Geisel gefordert, welche mit ihrem Leben büßen sollten, wenn die Zusage nicht gehalten würde. Dann wurde zur Auslieferung der Geisel und zum waffenlosen Abzuge des Heers eine Zeit festgesetzt. Die Ankunft der Consuln erneuerte die Traurigkeit im Lager so sehr, daß sich die Soldaten beinahe an ihnen vergriffen hätten, deren Unbesonnenheit sie an einen solchen Ort geführt hatte; und durch deren Unentschlossenheit sie noch schimpflicher abziehen sollten, als sie hineingegangen waren. «Keinen Wegweiser, keinen Kundschafter hätten sie gehabt; blindlings hätten sie ihre Soldaten, gleich dem Wilde, in die Fanggrube stürzen lassen.» Sie sahen Einer den Andern an, betrachteten ihre bald abzuliefernden Waffen, ihre bald wehrlosen Hände, ihre dem Feinde preisgegebene Person. Sie stellten sich selbst den feindlichen Jochgalgen vor Augen, und den Hohn des Siegers, und seine stolzen Mienen, und ihren Zug ohne Waffen durch die bewaffneten Reihen; dann die klägliche Wanderung ihrer schimpfbeladenen Schar durch die Städte der Bundsgenossen, und diese Rückkehr ins Vaterland zu den Ihrigen, wohin sie selbst und ihre Vorfahren so oft triumphirend gekommen wären. «Nur sie allein wären ohne Wunde, ohne Schwert, ohne Schlacht besiegt; nur ihnen sei es nicht so gut geworden, das Schwert zu ziehen und mit dem Feinde handgemein zu werden; umsonst wären sie mit Waffen, umsonst mit Mannskraft, umsonst mit Muth gerüstet.» 238 Unter diesen Äußerungen des Unwillens brach die Stunde der über sie verhängten Beschimpfung herein, in der ihnen alles unter der Erduldung noch härter werden sollte, als sie es sich vorher gedacht hatten. Gleich zuerst wurde ihnen befohlen, nur im Unterkleide, ohne Waffen, aus dem Lagerwalle zu gehen; und vor allen Dingen wurden die Geisel überliefert und zur Verwahrung abgeführt. Darauf mußten die Lictoren von den Consuln abtreten, und die Feldherrnkleider wurden ihnen abgezogen: ein Anblick, der selbst bei denen, die kurz vorher unter Fluchen ihre Auslieferung und Zerstückelung verlangt hatten, ein so tiefes Mitleid wirkte, daß jeder, seines eignen Schicksals vergessend, von dieser Verunglimpfung einer so erhabenen Würde, als von einem sündlichen Schauspiele, seine Augen wegwandte. 6. Zuerst wurden die Consuln, fast halbnackend, unter dem Jochgalgen durchgeschickt; dann traf die Schande jeden, wie er im Range der nächste war, zuletzt die Legionen eine nach der andern. Höhnend und spottend standen die Feinde in Waffen umher: vielen droheten sie mit dem Schwerte, ja einige wurden verwundet und getödtet, wenn etwa in ihrem Blicke der Ingrimm über die unwürdige Behandlung den Sieger beleidigte. So wurden sie unter dem Jochgalgen durch, und was beinahe noch drückender war, vor den Augen der Feinde vorübergeführt. Als sie den Pass hinter sich hatten, war ihnen, ob sie gleich, als aus der Hölle hervorgezogen, jetzt erst das Tageslicht zu erblicken glaubten, dennoch selbst dies Tageslicht, in welchem sie ihren entstalteten Zug sahen, trauriger als jeder Tod. Ob sie also gleich noch vor Nacht in Capua hätten eintreffen können, so warfen sie sich, über die Zuverlässigkeit dieser Bundesgenossen ungewiß, und weil sie die Scham nicht weiter gehen ließ, nicht weit von Capua an der Heerstraße, unter Mangel an Allem, auf den Erdboden nieder. Als dies in Capua gemeldet wurde, überwog gerechtes Mitleiden gegen Bundsgenossen den den Campanern angebornen Übermuth. Sogleich versahen sie die Consuln mit ihren Ehrenzeichen, 239 mit Ruthenbündeln und Lictoren; und schickten den Soldaten Waffen, Pferde, Kleidung und Lebensmittel reichlich; und Senat und Volk, die ihnen bei ihrem Anzuge auf Capua vor das Thor entgegengingen, leisteten ihnen, für sich und im Namen ihres Stats jede von Gastfreunden zu erwartende Gefälligkeit. Doch alle Güte der Bundsgenossen, ihr freundlicher Blick, ihre Ermunterungen, konnten ihnen keine Rede abgewinnen; selbst nicht einmal bewirken, daß sie die Augen aufschlugen und den tröstenden Freunden ins Gesicht sahen. Vielmehr war es außer ihrer Betrübniß eine sehr begreifliche Scham, welche sie alle Gespräche und Menschengesellschaft fliehen hieß. Als die jungen von Adel Der Nachsatz von diesem Postero die, quum iuvenes nobiles – – folgt, nach der langen eingeschobenen Rede, erst im folgenden Cap. mit den Worten: dicitur Ofilius Calavius etc. Das 6te Cap. darf also nicht mit einem Punkt geschlossen werden. , die man ihnen von Capua mitgegeben hatte, um die Abziehenden an die Campanische Gränze zu begleiten, am folgenden Tage zurückkamen, und vor den Rath gefordert auf die Nachfrage der Bejahrteren erzählten: «Sie wären ihnen noch weit betrübter und niedergeschlagener vorgekommen; so still und beinahe stumm wären sie auf ihrem Zuge weitergegangen: der alte Römische Hochsinn sei zu Grabe getragen; sie hätten sich mit den Waffen auch den Muth nehmen lassen; sie grüßten niemand, und erwiederten keinen Gruß; vor Furcht habe kein einziger den Mund aufthun können, gleich als trügen sie noch auf ihrem Nacken das Joch, unter dem sie entlassen wären. Die Samniten hätten sich nicht bloß einen herrlichen, sondern auch einen bleibenden Sieg zu eigen gemacht: denn sie hätten nicht, wie ehemals die Gallier, Rom, sondern, was eine weit größere Kriegsthat sei, die Römische Tapferkeit, den Römischen Heldenmuth erobert;» 7. und nun nach Anhörung eines solchen Berichts alles, was Römisch hieß, von der Versammlung der treuen Bundsgenossen so gut, als aufgegeben wurde: da soll Ofilius Calavius, des Ovius Sohn, ein durch Abkunft und 240 eigne Thaten, jetzt auch durch sein Alter ehrwürdiger Mann gesagt haben: «Die Sache verhalte sich ganz anders. Dies hartnäckige Schweigen, dieser auf die Erde geheftete Blick, dies für alle Tröstung taube Ohr, und die Scham, ins Tageslicht aufzusehen, verrathe einen lastenden, aus der Tiefe der Seele sich emporarbeitenden Grimm. Entweder kenne er die Denkungsart der Römer nicht; oder jenes Schweigen werde nächstens bei den Samniten klägliches Geschrei und Seufzer wecken; und die Erinnerung an den Caudinischen Vertrag werde einst den Samniten weit schmerzhafter sein, als den Römern. Denn wo sie sich einander träfen, würden beide den ihnen eigenen Muth beweisen; allein Caudinische Pässe würden sich für die Samniten nicht allenthalben finden.» Jetzt hatte auch über Rom die schlimme Nachricht von seiner Niederlage sich verbreitet. Hier hatte man anfangs bloß die Einschließung des Heers erfahren: dann kam die noch traurigere Botschaft von einem mehr schimpflichen Vertrage, als wirklicher Gefahr der Truppen. Auf das Gerücht von ihrer Einschließung hatte man sogleich eine Werbung vorgenommen: als man aber vernahm, daß diese schändliche Übergabe schon vor sich gegangen sei, wurden die aufgestellten Hülfsvölker wieder entlassen, und ohne allen öffentlichen Aufruf vereinigte man sich zu jedem Bekenntnisse der Trauer. Die Buden am Markte waren geschlossen; der Gerichtsstillstand erfolgte auf dem Markte von selbst, ehe er angekündigt ward; alle breite Purpurverbrämung, alle goldenen Ringe legte man ab: die Bürgerschaft war fast noch betrübter, als das Heer: sie zürnte nicht bloß auf die Feldherren, nicht bloß auf die Abschließer und Bürgen des Vertrages, sondern haßte auch die unschuldigen Soldaten, und erklärte, man müsse sie nicht wieder in die Stadt und in die Häuser einlassen. Die Ankunft des Heers, auch Zürnenden mitleidenswerth, brach diesen Sturm der Gemüther. Nicht als in ihr Vaterland Heimkehrende, nicht als über alle Erwartung Gerettete, sondern dem Aufzuge und der Miene nach als Gefangene, spät Abends in die Stadt geschlüpft, barg sich 241 Jeder so in sein Haus, daß er es auch am nächsten und folgenden Tagen nicht wagte, sich auf dem Markte, oder sonst öffentlich sehen zu lassen. Die Consuln, in häuslicher Stille begraben, entzogen sich jeder Amtsverrichtung, außer daß sie – und auch dies wurde ihnen durch einen Senatsbefehl abgenöthigt – zur Haltung des Wahltages einen Dictator ernannten. Dieser war Quintus Fabius Ambustus; und Publius Älius Pätus sein Magister Equitum. Weil bei dieser Wahl ein Fehler begangen war, so traten an deren Stelle als Dictator Marcus Ämilius Papus, als Magister Equitum Lucius Valerius Flaccus. Aber auch diese hielten den Wahltag nicht, und weil das Volk mit allen Obrigkeiten dieses Jahres unzufrieden war, kam man wieder auf eine Zwischenregierung zurück. Zwischenkönige waren Quintus Fabius Maximus, Marcus Valerius Corvus. Dieser erklärte den Quintus Publilius Philo und den Lucius Papirius Cursor (diesen zum zweitenmale) zu Consuln, nach unläugbar einstimmiger Wahl der Bürger, weil sie für die berühmtesten Feldherren ihres Zeitalters galten. 8. Noch am Tage ihrer Wahl traten sie, dem Willen der Väter gemäß, ihr Amt an, und nachdem sie die gewöhnlichen Senatschlüsse ausgewirkt hatten, brachten sie den Caudinischen Frieden zum Vortrage. Publilius also, dem heute die Ruthenbündel gehörten, rief: « Spurius Postumius, erkläre dich!» Er trat auf und begann, mit eben dem Blicke, mit dem er unter dem Jochgalgen durchgegangen war: «Ich bin mich dessen bewußt, ihr Consuln, daß ich, mir zum Schimpfe, nicht der Ehre wegen, zuerst aufgefordert und zu reden befehligt werde; nicht als Rathsherr, sondern als der mit der Schuld theils des unglücklichen Krieges, theils des schimpflichen Vertrages, Behaftete. Gleichwohl will ich, da ihr weder unser Verbrechen, noch unsre Bestrafung zum Vortrage gebracht habt, ohne allen Versuch einer Vertheidigung, die mir hier, vor diesen der menschlichen Schicksale und Nothfälle nicht unkundigen Männern, eben nicht schwer werden sollte, nur 242 über den Gegenstand eures Antrags mit Wenigem meine Meinung sagen. Und diese meine Meinung wird entscheiden, ob ich meiner selbst, oder eurer Legionen geschont habe, als ich diese Verbürgung – sei sie schandbar, oder nothgedrungen– auf mich nahm. Allein, da sie ohne Genehmigung des Volks geschlossen ist, so ist auch das Römische Volk nicht durch sie gehalten, und den Samniten gebührt vermöge derselben weiter nichts als unsre Person. Lasset uns durch die Bundespriester nackend und gebunden ausliefern; lasset uns das Volk von der eidlichen Verpflichtung, wenn wir ihm ja eine auferlegt haben, befreien; damit euch so wenig von Seiten der Götter als der Menschen irgend etwas hindere, den Krieg mit Gerechtigkeit und göttlichem Segen von neuem zu eröffnen. Indeß müßten die Consuln ein Heer werben, bewaffnen, ausführen, allein nicht eher in das feindliche Gebiet einrücken, als bis Alles zu unsrer Auslieferung Erforderliche in Stand gesetzt ist. Euch, ihr unsterblichen Götter, bitte ich und zu euch flehe ich; wenn es euch nicht gefällig war, daß die Consuln Spurius Postumius und Titus Veturius den Krieg gegen die Samniten mit Glück führen sollten, es dabei bewenden zu lassen, daß ihr uns unter dem Jochgalgen durchziehen sahet, uns sahet, wie wir mit einer, so berüchtigten Verbürgung belastet waren, und nun sehen sollet, wie wir nackend und gebunden den Feinden überliefert werden, und der ganzen feindlichen Rache unsre Häupter entgegenbringen. Möchtet ihr die neuen Consuln und Römischen Legionen den Krieg mit den Samniten so führen lassen, wie alle Kriege vor unserm Consulate geführt sind!» Als er so gesprochen hatte, ergriff zugleich Bewunderung und Mitleiden gegen den Mann sie Alle in so hohem Grade, daß sie jetzt es sich kaum denken konnten, daß dies derselbe Spurius Postumius sei, der einen so schimpflichen Vertrag angenommen hatte; dann wieder es bedauerten, daß ein solcher Mann bei den Feinden, aus Rache für den aufgehobenen Vertrag, ausgesuchte Marter 243 erleiden sollte. Alle traten, nur in das Lob des Mannes einstimmend, durch schweigenden Übergang seiner Meinung bei; die Bürgertribunen Bei Caudium hatten sie noch im Heere gedient, und waren nach ihrer Zuhausekunft zu Bürgertribunen gewählt. Crevier . Lucius Livius und Quintus Mälius versuchten einige Einrede. Sie sagten: «Eines Theils werde das Volk durch ihre Auslieferung von der eidlichen Verpflichtung nicht befreiet, wenn nicht den Samniten Alles, wie es bei Caudium gewesen sei, wieder übergeben würde; zum Andern hätten auch sie dafür, daß sie durch Verbürgung des Vertrages dem Römischen Volke ein Heer erhalten hätten, durchaus keine Strafe verdient: und endlich, da sie unverletzlich wären, dürften sie weder den Feinden überliefert, noch gemishandelt werden.» 9. Da sprach Postumius: «So liefert inzwischen, was ihr eurem Gewissen unbeschadet thun könnt, uns Ungeweiheten aus: diese Unverletzlichen liefert ihr dann hinterher ab, sobald sie von ihrem Amte abgegangen sind; doch, wenn mein Wort gelten soll, vor ihrer Ablieferung hier auf dem Versammlungsplatze mit Ruthen gepeitscht, um ihnen so die aufgeschobene Zahlung der Strafe gleich zu verzinsen. Denn wenn sie sagen, durch unsre Ablieferung werde das Volk von der eidlichen Verpflichtung nicht entbunden, so möchte wohl niemand mit dem Rechte der Bundespriester so unbekannt sein, der nicht begriffe, daß sie dies mehr deswegen vorbringen, um nicht ausgeliefert zu werden, als weil sich die Sache wirklich so verhielte. Auch will ich nicht in Abrede sein, versammelte Väter, daß bei uns, die wir nächst den Verbindlichkeiten gegen die Götter menschliche Zusagen in Ehren halten, Verbürgungen eben so heilig sind, als geschlossene Verträge; das aber läugne ich, daß ohne Genehmigung des Volks irgend etwas zu einer Verpflichtung gemacht werden könne, durch die das Volk gebunden wäre. Wie? wenn die Samniten mit eben dem Übermuthe, mit dem sie jene Verbürgung von uns 244 erpreßten, uns gezwungen hätten, die bei der Übergabe von Städten eingeführte Formel auszusprechen, wolltet dann ihr Tribunen behaupten, daß wir das Römische Volk übergeben hätten, und daß diese Stadt, diese Tempel und Heiligthümer, und Land und Wasser den Samniten gehörten? Ich lasse den Ausdruck Übergabe fahren, weil es hier auf eine Verbürgung ankommt. Wie nun, wenn wir uns verbürgt hätten, daß das Römische Volk diese Stadt verlassen, daß es sie anzünden solle? daß es ohne Obrigkeit, ohne Senat, ohne Gesetze leben, daß es wieder unter Königen stehen solle? Behüte Gott! höre ich antworten. Allein das Empörende in der Forderung löset ja das Band der Verbürgung nie. Kann das Volk zu irgend etwas verbindlich gemacht werden, so kann es das zu Allem. Auch das verschlägt hier nichts, worauf vielleicht Mancher Rücksicht nehmen möchte, ob der Bürgende Consul war, oder Dictator, oder Prätor. So urtheilten auch die Samniten selbst, da sie, mit der Bürgschaft der Consuln nicht zufrieden, auch die Legaten, Schatzmeister und Obersten sich zu verbürgen zwangen. Auch muß mich jetzt Niemand fragen, warum ich denn diese Bürgschaft geleistet hatte, da sie doch keinem Consul zustehe, und ich keinen Frieden verbürgen könne, den ich zu geben nicht befugt sei, auch nicht in eurem Namen, da ihr mir dazu keinen Auftrag gegeben hattet. Bei Caudium, versammelte Väter, hat menschliche Leitung gerade nichts gethan. Die unsterblichen Götter nahmen euren und den feindlichen Feldherren den Verstand. Wir waren im Kriege nicht genug auf unsrer Hut; und sie verdarben sich ihren schlecht erworbenen Sieg auf eine eben so schlechte Art, da sie selbst auf die Gegend, durch die sie gesiegt hatten, nicht ohne Mistrauen blieben, und nur darauf erpicht waren, Männern, für die Waffen geboren, unter jeder Bedingung die Waffen aus den Händen zu winden. Oder machte das, wenn sie bei Verstande waren, so viele Schwierigkeit, während sie die Greise aus der Heimat zu ihren Beratschlagungen holen ließen, Gesandte nach Rom zu schicken, und mit dem 245 Senate, mit dem Volke, über Friedensschluß und Vertrag zu unterhandeln? Für Unbepackte war es eine Reise von drei Tagen. Unterdessen hätte ein Waffenstillstand Statt gehabt, bis ihnen die Gesandten entweder gewissen Sieg, oder gewissen Frieden von Rom zurückgebracht hätten. Das wäre dann eine gültige Verbürgung gewesen, in der wir uns mit Genehmigung des Volks verbürgt hätten. Allein weder ihr würdet sie haben an das Volk gelangen lassen, noch würden wir sie eingegangen sein; auch mußte der Ausgang der Sache kein andrer sein, als der, daß jene gleichsam durch einen viel zu fröhlichen Traum, als daß ihr Geist ihn hätte tragen können, umsonst geneckt wurden, und die Befreiung unseres Heeres eben so das Werk des Schicksals ward, wie seine Einschließung es gewesen war; daß ein nichtiger Sieg durch einen noch nichtigern Frieden aufgehoben, und eine Verbürgung ins Mittel treten mußte, die für niemand, als den Bürgen verbindlich war. Denn wo wären die Unterhandlungen, versammelte Väter, die man mit euch, oder mit dem Römischen Volke gepflogen hätte? Wer kann euch darauf in Anspruch nehmen? wer kann sagen, ihr hättet ihn getäuscht? Der Feind? oder der Unterthan? Dem Feinde habt ihr für Nichts gebürgt: von keinem Unterthan Bürgschaft für euch verlangt. Folglich habt ihr es weder mit uns zu thun, da ihr uns keinen Auftrag gegeben, noch mit den Samniten, da ihr mit ihnen über Nichts unterhandelt habt. Den Samniten ist niemand Bürge geworden, als wir, die wir ihnen für das, was wir dabei gethan haben, hinlänglich haften können Statt der Drakenborchischen Interpunction, in welcher meiner Meinung nach nicht ohne Tautologie, das am Ende folgende saeviant auf in id, quod nostrum est, und eben so auch auf das folgende in id, quod praestare possumus, corpora nostra et animos etc. bezogen werden muß, folge ich lieber der von Crevier gegebenen: Samnitibus sponsores nos sumus: rei satis locupletes in id quod nostrum est; in id quod praestare possumus, corpora nostra et animos. In haec saeviant etc. , mit dem haften, was wir dagegen aufsetzen können, mit unserer Person, mit unserm Leben. Mögen diese der Gegenstand ihrer Wuth werden, gegen den sie 246 ihre Schwerter, gegen den sie ihre Rache schärfen. Was die Tribunen betrifft, so stimmet darüber, ob ihre Auslieferung gleich jetzt geschehen könne, oder ob sie auf demnächst verschoben werden müsse. Indeß wollen wir, Titus Veturius und ihr übrigen, diese unsre werthlosen Häupter zur Büßung unsrer Bürgschaft darbringen, und durch unsre Bestrafung den Römischen Waffen die Ungebundenheit wiedergeben.» 10. Die Sache selbst sowohl, als ihr Führer, bestimmte die Väter; und nicht bloß die übrigen, sondern auch die Bürgertribunen, erklärten, sie würden sich der Verfügung des Senats unterwerfen. Darauf dankten sie sogleich von ihren Ämtern ab, und wurden insgesamt den Bundespriestern zur Abführung nach Caudium übergeben. Die Abfassung dieses Senatsschlusses war für den Stat gleichsam ein Strahl des Lichts. Postumius war in Aller Munde: man erhob ihn mit Lobsprüchen zum Himmel: man setzte seine That dem Opfertode des Consuls Publius Decius und andern berühmten Thaten an die Seite. «Daß sich der Stat aus einem lastenden Friedensschlusse wieder emporhebe, sei seine Angabe, sein Werk: er selbst biete sich den Martern und dem Zorne der Feinde dar, und gebe sich zum Sühnopfer für das Römische Volk.» Nach Waffen und Krieg sich sehnend, fragten Alle: «Ob es denn nicht Einmal dazu kommen werde, daß sie sich als Bewaffnete mit den Samniten einlassen könnten?» Da die Bürger so von Zorn und Haß entbrannt waren, so ließen sich beinahe alle freiwillig anwerben. Aus denselben Truppen wurden wieder neue Legionen aufgestellt und das Heer nach Caudium geführt. Als die voraufgegangenen Bundespriester an das Stadtthor kamen, ließen sie den Bürgen die Kleidung abziehen und die Hände auf den Rücken binden. Da der Gerichtsdiener aus Ehrfurcht für den hohen Rang des Postumius ihn nur lose band, rief dieser: «Willst du bald den Riemen anziehen, damit die Überlieferung ihre Gültigkeit habe?» Als sie darauf in die Versammlung der Samniten und vor den Richterstuhl des Pontius kamen, sprach der Bundespriester 247 Aulus Cornelius Arvina folgende Worte: «Demnach diese Leute hier ohne Geheiß des Römischen Volks der Quiriten sich verbürgt haben, daß ein Friedensvertrag geschlossen werden solle, und deswegen sich mit Schuld behaftet haben; als übergebe ich deswegen, damit das Römische Volk von diesem gottlosen Frevel entbunden sei, diese Leute hier in eure Hände.» Bei diesen Worten gab Postumius dem Bundespriester, so stark er nur konnte, mit dem Kniee einen Stoß in die Hüfte und rief laut: «Er sei jetzt Samnitischer Unterthan, und jener ein Gesandter. Er habe sich gegen das Völkerrecht an einem Bundespriester vergriffen; um so viel gerechter werde der zu führende Krieg sein» Es sei mir erlaubt, Stroths heftige Invective gegen den armen Postumius mit seinen Worten herzusetzen: Vae isti nequam! qui magnanimus dicitur. Quis eum Samnitem civem fecerat? deditum, obnoxium Samnitibus? Num haec est ista Romanorum laudata fides et probitas? Ego quidem nullum maius flagitium, nullam maiorem perfidiam inter barbaros novi. Hoc erat eludere deos, religionem ac fidem. Verissima contra sunt, quae adversus haec Pontius monet, quem postea Romani crudeliter interfecerunt. Ich möchte darauf antworten: Licet verissima sint, quae Pontius in sequentibus (Livio praeeunte) huic Postumii facto opponit, tamen de Postumio iudicanti obliviscendum non esse existimo, solam patriam eum respexisse ac ne mortis quidem instantis metu nec saeviore hostium in se ira, quam prodita per id facinus voluntate acuebat, a faciendo eo deterritum esse, quod sola et eximia illa quidem in patriam pietate ductus eo consilio perpetrabat, quo suis rem profuturam, hostibus deos iratos facturam, licet erraverit, sibi, pro sollenni (etiam scriptoribus sacris) temporum istorum de diis opinione, persuasum habebat. . 11. Da sprach Pontius: «Eine solche Auslieferung nehme ich eben so wenig an, als die Samniten sie gelten lassen werden. Wenn du noch glaubst, Spurius Postumius, daß es Götter giebt, warum rufst du nicht entweder Alles wieder auf, oder hältst deine Zusage? Dem Samnitischen Volke gehören alle diejenigen, die es in seiner Gewalt hatte, oder statt ihrer der Friede. Doch warum nehme ich dich in Anspruch, der du dich als Gefangenen dem Sieger mit möglichster Treue zurückgiebst? Das Römische Volk muß ich in Anspruch nehmen. Ist ihm die bei den Caudinischen Klausen getroffene Verbürgung nicht anständig, so liefere es die Legionen in den Paß zurück, in welchem sie eingeschlossen waren. Keiner soll den Andern übervortheilt haben: wir nehmen Alles, als ungeschehen: sie erhalten die Waffen zurück, die sie vermöge des Vergleichs ablieferten, und begeben sich wieder in ihr Lager. Alles, was sie Tages zuvor hatten, ehe wir in Unterhandlung traten, sei ihnen gewährt: dann wollen wir sehen, ob Gefecht und Kraftentschlüsse in ihrem Plane liegen, ob sie Bürgschaft und Frieden zurückweisen. Ganz in derselben Lage, auf demselben Standorte wollen wir den Krieg beginnen, die wir vor Erwähnung des Friedens hatten: und das Römische Volk soll sich so wenig über die Verbürgung seiner Consuln, als wir uns über die Treulosigkeit des Römischen Volks zu beschweren haben.» «Soll es euch denn nie an Vorwand fehlen, warum ihr als Besiegte nicht Wort haltet? Dem Porsena stelltet ihr Geisel: durch einen Schelmstreich entzoget ihr sie ihm. Den Galliern kauftet ihr euren Stat mit Golde ab: bei der Einhändigung des Goldes hiebt ihr sie nieder. «Mit uns habt ihr den Vertrag geschlossen, daß wir euch eure gefangenen Legionen wiedergeben sollten; den Vertrag ruft ihr auf, und jedesmal belegt ihr eure Unredlichkeit mit einem Scheine des Rechts. Das Römische Volk misbilligt die Rettung seiner Legionen durch einen schimpflichen Frieden? Gut; ich gebe ihm diesen Frieden zurück; nur liefere es dem Sieger die gefangenen Legionen wieder ein; das hieße doch Redlichkeit; das hieße doch, sich der Verträge, sich der feierlichen Zusagen der Bundespriester würdig benehmen. Also du nur wolltest vermöge des Vertrags in dem Besitze dessen bleiben, was du dadurch zu gewinnen suchtest; das Leben so vieler Unterthanen: ich aber soll den Frieden, den ich mir bei der Rückgabe dieser Hos tibi, nicht hosti tibi. Gronov, Duker, Crevier . Leute bedang, fahren lassen? und dies wäre das Recht, welches du, Aulus Cornelius, und ihr, ihr Bundespriester, zwischen den Völkern aufstellt? Nein, ich nehme diese Leute, die ihr zum Scheine ausliefert, eben so wenig an, als ich dies für eine 249 Auslieferung erkenne: auch werde ich sie nicht abhalten, in den Stat, der durch die vor sich gegangene Bürgschaft verbindlich ward, auf den alle Götter zürnen müssen, weil er mit ihrer Gottheit ein Gespött treibt, zurückzugehen. Führet den Krieg immerhin, weil doch Spurius Postumius so eben einen Gesandten, einen Bundespriester, mit dem Kniee gestoßen hat. So einfältig werden auch die Götter sein, daß sie glauben, Postumius sei ein Samnitischer Unterthan, und kein Römischer; habe als Samnit einen Römischen Gesandten gemishandelt; und dadurch sei euer Krieg gegen uns rechtmäßig geworden. Daß ihr euch nicht schämt, mit einer solchen Verhöhnung ehrwürdiger Gegenstände an das Licht zu treten! und daß Männer von Jahren und gewesene Consuln, um der Haltung ihres Worts zu entschlüpfen, nach Winkelzügen haschen, die kaum für Knaben sich schicken! Geh hin, Lictor, nimm den Römern die Fesseln ab; und niemand wehre ihnen, zu gehen, wohin sie wollen!» Und so kamen diese, nachdem sie das Versprechen, vielleicht auch des Stats, wenigstens doch das ihrige, gelöset hatten, von Caudium unangefochten in das Römische Lager zurück. 12. Die Samniten, die aus einem übermüthigen Frieden einen höchst erbitterten Krieg wieder hervorgehen sahen, stellten sich Alles, was nachher erfolgte, nicht bloß im Geiste vor, sondern hatten es beinahe vor Augen: und zu spät und vergebens priesen sie nun beide Vorschläge des Greises Pontius, zwischen welchen sie auf einem unglücklichen Mittelwege durchschlüpfend, den Besitz des Sieges für einen unsichern Frieden hingegeben, und nun, nachdem sie die Gelegenheit, wohlthun oder zu schaden, versäumt hätten, mit denen fechten müßten, die sie auf ewig entweder als Feinde hätten vertilgen, oder zu Freunden machen können. Ja ehe noch ein Treffen einer der Mächte ein Übergewicht gab, hatte sich seit dem Caudinischen Vertrage die Stimmung der Gemüther so geändert, daß Postumius von seiner Auslieferung bei den Römern größeren Ruhm hatte, als Pontius bei den Samniten von 250 seinem unblutigen Siege; und daß die Römer die möglichgemachte Führung des Krieges schon für gewissen Sieg ansahen; die Samniten hingegen glaubten, den Krieg erneuren und siegen sei für die Römer einerlei. Unterdeß waren die Einwohner von Satricum zu den Samniten abgefallen, und die Pflanzstadt Fregellä durch einen Überfall der Samniten, zu denen sich auch laut sichern Nachrichten Satricaner geschlagen hatten, bei Nacht überrumpelt. Dann hielten sich beide Theile aus gegenseitiger Furcht bis zum Anbruche des Tages ruhig. Das Tageslicht eröffnete den Kampf, den die Fregellaner, ob er gleich eine Zeitlang unentschieden blieb, dennoch bestanden, theils weil sie für Altar und Herd fochten, theils weil die unkriegerische Menge von den Dächern herab sie unterstützte. Eine List brachte endlich ihre Sache zum Sinken, weil sie einen Herold zu Worte kommen ließen, welcher jedem, der die Waffen strecken würde, freien Abzug versprach. Durch diese Aussicht wurde der Muth zum Kampfe gebrochen, und hin und wieder fing man an, die Waffen wegzuwerfen. Die Beharrlicheren brachen mit den Waffen zum entgegengesetzten Thore hinaus; und ihnen gewährte ihre Kühnheit besseren Schutz, als jenen die unvorsichtige Leichtgläubigkeit ihrer Furcht. Denn diese wurden von den Samniten mit rund umher angelegtem Feuer eingeschlossen und unter vergeblichen Berufungen auf Götter und gegebenes Wort verbrannt. Die Consuln theilten sich in die Schauplätze des Krieges: Papirius zog nach Apulien gegen Luceria, wo die Römischen Ritter, die bei Caudium gestellten Geisel, in Verwahrung waren; Publilius blieb in Samnium gegen die Legionen von Caudium stehen. Dies gab der Aufmerksamkeit der Samniten eine verschiedene Richtung: denn sie durften nicht geradezu nach Luceria gehen, wenn sie nicht den Feind im Rücken haben wollten, noch auch ihre Stellung behalten, um nicht indeß Luceria zu verlieren. Sie hielten es für das Beste, etwas zu wagen und mit dem Publilius fertig zu werden. Also stellten sie ihr Heer zur Schlacht auf. 251 13. Der Consul Publilius, im Begriffe, sich darauf einzulassen, glaubte, seine Soldaten vorher anreden zu müssen, und berief eine Versammlung. War aber der Eifer groß, mit dem sie alle dem Feldherrnplatze zueilten, so konnte man auch vor dem Geschreie der Schlachtfordernden von den Ermunterungen des Feldherrn nichts verstehen. Jeder hatte an dem der Beschimpfung sich erinnernden Muthe den Ermunterer in sich. Also drängten sie beim Ausrücken in die Schlacht die Fahnenträger vor sich her, und um sich nicht beim Angriffe mit dem Abschießen der Wurfpfeile und dann mit dem Ziehen der Schwerter zu verweilen, warfen sie die Wurfpfeile als auf ein gegebenes Zeichen von sich und stürzten mit gezücktem Schwerte im Laufe auf den Feind. An Kunst des Feldherrn in Anordnung der Linien oder des Hintertreffens war hier nicht zu denken: der Grimm der Soldaten that in einem beinahe wüthenden Angriffe Alles. So wurden die Feinde nicht bloß geschlagen, sondern sie wagten es nicht einmal, auf der Flucht sich durch ihr Lager aufhalten zu lassen und eilten in zerstreuten Haufen nach Apulien; doch kamen sie, als sie sich wieder in Einen Zug vereinigt hatten, nach Luceria. Die Römer führte derselbe Grimm, der sie mitten durch die Linie der Feinde geführt hatte, auch in das feindliche Lager. Hier gab es des Bluts und der Leichen noch mehr, als in der Schlacht, und in der Hitze wurde der größte Theil der Beute verderbt. Das andre Heer mit dem Consul Papirius war an der Seeküste bis Arpi durch lauter Völker gezogen, welche sich, mehr aus Erbitterung über die von den Samniten erlittenen Beleidigungen, als aus Verbindlichkeit gegen das Römische Volk, friedfertig bezeigten. Denn die Samniten, die damals auf Gebirgen in Dörfern wohnten, verheerten die flachen und an der Rüste gelegenen Gegenden, da sie selbst, als ein rohes Bergvolk, die Bewohner, als eine mildere und, wie man es so oft findet, ihrem Boden ähnliche Menschenart verachteten. Wäre diese Gegend den Samniten treu gewesen, so würde entweder das Römische Heer nicht nach Arpi haben vordringen können, oder, da 252 sie zwischen Rom und Arpi lag, hätte sie die Römer, denen sie die Zufuhr abschneiden konnte, durch Mangel an Allem aufreiben lassen. Auch jetzt sogar, als die Römer schon von dort vor Luceria angekommen waren, wurde die Noth für die Belagerer so drückend, als für die Belagerten. Von Arpi wurde zwar den Römern Alles zugeführt, aber so nothdürftig, daß die Reuterei dem mit Postenstehen, Wachen und Schanzarbeit beschäftigten Soldaten das Getreide in Beuteln von Arpi auf ihren Pferden ins Lager brachte, und nicht selten, wenn sie auf Feinde stieß, sich genöthigt sah, das Getreide abzuwerfen und zu fechten. Auch hatten die Samniten, ehe der andre Consul mit seinem siegreichen Heere dazukam, vom Gebirge Vorräthe in die belagerte Stadt geschaffet und Hülfstruppen hineingeschickt. Seit der Ankunft des Publilius aber war sie in weit bedrängterer Lage: denn da er die Einschließung der Sorge seines Amtsgenossen überließ, so hatte er nichts weiter zu thun gehabt, als überall auf dem Lande den Feinden die Zufuhr unsicher zu machen. Weil also keine Hoffnung war, daß die Belagerten den Mangel länger ertragen würden, so sahen sich die Samniten, die bei Luceria ein Lager hatten, gezwungen, von allen Orten ihre Macht zusammenzuziehen und mit dem Papirius zu schlagen. 14. Gerade als sich beide zum Treffen anschickten, kamen Tarentinische Gesandte dazu, und deuteten Samniten und Römern an, den Krieg einzustellen. Wer von beiden Schuld daran sein würde, daß man nicht von den Waffen abträte, gegen den würden sie für den Andern fechten. Als Papirius die Gesandschaft gehört hatte, gab er, als hätte ihre Erklärung Eindruck auf ihn gemacht, zur Antwort, er werde die Sache seinem Amtsgenossen mittheilen; ließ ihn kommen, brachte aber die ganze Zeit mit Zurüstungen zur Schlacht hin, über die er sich mit ihm einverständig besprach, und steckte das Schlachtzeichen auf. Unter diesen Beschäftigungen der Consuln mit dem, was gewöhnlich bei einer bevorstehenden Schlacht in Rücksicht auf Götter und Menschen besorgt wird, liefen 253 die Tarentinischen Gesandten bei ihnen in Erwartung einer Antwort auf und ab. Da sprach Papirius: «Der Hühnerschauer, ihr Tarentiner, meldet uns günstige Anzeichen. Außerdem ist das Opfer gar herrlich ausgefallen. Auf den Ruf der Götter, wie ihr sehet, gehen wir ans Werk.» Er gab Befehl, mit den Fahnen aufzubrechen und rückte mit den Truppen aus, nicht ohne lauten Eifer gegen die Albernheit eines Volks, das, vor innerem Aufruhre und Gezänke seiner selbst nicht mächtig, sich dennoch berufen fühle, bei Andern Krieg und Frieden anzuordnen. Die Samniten, die auf ihrer Seite alle Vorkehrungen zum Gefechte eingestellt hatten, entweder weil sie ernstlich Frieden wünschten, oder weil es ihr Vortheil war, um die Tarentiner zu gewinnen, sich so zu stellen, riefen, als sie auf einmal die Römer zur Schlacht gerüstet erscheinen sahen: « Sie würden sich an den Vorschlag der Tarentiner halten, würden zu keiner Schlacht auftreten und nicht einmal unter den Waffen ausrücken. Als die Betrogenen wollten sie lieber Alles leiden, was das Schicksal über sie verhängen werde, als sich den Schein zuziehen, die Friedensvermittlung der Tarentiner verworfen zu haben.» Die Consuln erwiederten, sie nähmen dies als eine Vorbedeutung an, und wünschten den Feinden den Entschluß, auch ihren Wall nicht zu vertheidigen.» Nachdem sie die Truppen unter sich getheilt hatten, rückten sie vor die feindlichen Werke, und da in gleichzeitigem Angriffe von allen Seiten ein Theil die Graben verschüttete, ein andrer den Wall niederriß und in die Graben hinabwarf, und nicht bloß alte Tapferkeit, sondern auch Erbitterung den durch die Beschimpfung gekränkten Muth spornte, so brachen die Römer ins Lager hinein, und unter dem Rufe, den Jeder nach seiner Weise äußerte: «Hier ist keine Klause! kein Caudium! kein unwegsamer Wald, wo List der Verirrung übermüthige Siegerinn ward! hier gilt Römische Tapferkeit, die kein Wall, kein Graben aufzuhalten vermag!» hieben sie Alles nieder, die Standhaltenden und die Geschlagenen, Wehrlose und Bewaffnete, Sklaven und Freie, Erwachsene und 254 Unmündige, Menschen und Vieh. Und es würde keine lebende Seele übrig geblieben sein, wenn nicht die Consuln das Zeichen zum Rückzüge gegeben, und die mordgierigen Soldaten durch Befehl und Drohungen aus dem Lager der Feinde hinausgetrieben hätten. Darum wurde auch an die über die Unterbrechung der süßen Rache Unzufriedenen sogleich eine Rede gehalten, worin zu ihrer Belehrung gesagt wurde: «Die Consuln hätten keinem ihrer Krieger an Erbitterung gegen den Feind im mindesten nachgestanden und wollten auch nie einem nachstehen: ja sie würden sich ihnen, wie zur Schlacht, so auch zu unersättlicher Rache, zu Führern gegeben haben, wenn nicht die Rücksicht auf die sechshundert Ritter, die zu Luceria als Geisel festgehalten würden, ihre Wuth bezähmt hätte: damit nicht die Verzweiflung an aller Schonung die Feinde blindlings mit dem Mordstahle über jene herfallen ließe, um wenigstens diese noch, ehe sie selbst bluten müßten, zu erwürgen.» Dies fanden die Soldaten gegründet; sie freuten sich, daß man ihrem Zorne gewehrt habe, und erklärten, man müsse sich Alles gefallen lassen, um nur nicht das Leben so vieler der ersten Römischen Jünglinge aufzuopfern. 15. Nach entlassener Versammlung wurde Kriegsrath darüber gehalten, ob man mit den gesammten Truppen Luceria bedrängen; oder ob der eine Feldherr mit dem zweiten Heere auf die umherwohnenden Apulier, ein Volk von bis dahin sehr zweifelhaften Gesinnungen, einen Versuch machen sollte. Apulien zu durchziehen, brach der Consul Publilius auf, und unterwarf sich in Einem Feldzuge mehrere Völker entweder mit Gewalt, oder nahm sie unter Bedingungen zu Bundesgenossen auf. Auch den Hoffnungen des Papirius, der als Belagerer Luceria's stehen blieb, entsprach in kurzem der Erfolg. Denn da er alle Wege besetzt hielt, auf welchen die Zufuhr aus Samnium zu kommen pflegte, so ließ die Samnitische Besatzung in Luceria, vom Hunger bezwungen, dem Römischen Consul durch Gesandte antragen, er möchte gegen Zurückgabe der Ritter, um derer willen er vor 255 Luceria stehe, die Belagerung aufheben. Papirius gab ihnen folgende Antwort: «Sie hätten bei dem Pontius, des Herennius Sohne, auf dessen Gutbefinden sie die Römer unter dem Jochgalgen hätten durchgehen lassen, anfragen müssen, was sich Besiegte nach seiner Meinung gefallen lassen müßten. Weil sie indeß ihre billige Strafe lieber von ihren Feinden hatten bestimmen lassen, als sich selbst zuerkennen wollen, so möchten sie nach Luceria hineinsagen: ««Waffen, Gepäck, Lastthiere und Alles, was unbewehrt sei, müßten in den Mauern zurückbleiben; die Soldaten wolle er, jeden nur mit Einem Unterkleide, unter dem Jochgalgen durchziehen lassen, bloß, die angethane Schmach zu rächen; nicht, um sie mit einer neuen zu belegen.»» Nicht Ein Punkt wurde verweigert. Siebentausend Krieger zogen unter dem Jochgalgen durch; man machte in Luceria große Beute, außerdem daß man alle Fahnen und Waffen wiedergewann, die man bei Caudium eingebüßt hatte, und was alle andre Freude überstieg, die Ritter gerettet sah, welche die Samniten als Friedenspfänder nach Luceria in Verwahrung gegeben hatten. Einen Sieg, den die schnelle Umänderung der Dinge mehr verherrlicht hätte, hat das Römische Volk fast nie erfochten; da auch sogar Pontius, des Herennius Sohn, der Samniten Feldherr, wie ich in einigen Jahrbüchern finde, um für die Schmach der Consuln zu büßen, mit den Übrigen unter dem Jochgalgen durchgehen mußte. Übrigens wundre ich mich nicht so sehr über die hierin obwaltende Ungewißheit, ob sich der feindliche Feldherr habe ergeben und unter dem Jochgalgen durchgehen müssen: weit befremdender ist der Zweifel, ob ein Dictator, Lucius Cornelius, mit seinem Magister Equitum Lucius Papirius Cursor diese Thaten bei Caudium und dann bei Luceria verrichtet, und als der herrliche Rächer eines Römerschimpfs, ich möchte sagen, bis auf diesen Zeitpunkt im gerechtesten Triumphe nach dem Furius Camillus triumphirt habe, oder ob diese Ehre Consuln und insbesondre dem Papirius gebühre. Und hier schließt sich an 256 den einen Zweifel der andre: ob der Papirius, der auf dem nächsten Wahltage mit dem Quintus Aulius Cerretanus gewählt wurde, (dieser erhielt sein zweites Consulat) unser Cursor gewesen sei, so, daß man ihm wegen seines Glücks bei Luceria mit Verlängerung seines Amts das dritte Consulat gegeben; oder ob er Lucius Papirius Mugillanus geheißen habe, und nur in dem Zunamen ein Irrthum liege. 16. Darin ist man eins, daß der weitere Verfolg des Krieges bis zu seiner Beendigung durch die Consuln geleistet wurde. Aulus bezwang die Ferentaner durch ein einziges glückliches Treffen, und selbst ihrer Stadt, in die sich das geschlagene Heer geflüchtet hatte, bewilligte er die Unterwerfung nur gegen geforderte Geisel. Gleiches Glück hatte der andre Consul gegen die Einwohner von Satricum, die, selbst geborne Römer, nach dem Unglücke bei Caudium Samnitische Partei ergriffen und eine Besatzung von ihnen in die Stadt genommen hatten. Denn als das Heer vor Satricum's Mauern gerückt war, und der Consul ihren um Friede flehenden Gesandten die traurige Antwort gab, wenn sie nicht die Samnitische Besatzung entweder niedermachten, oder auslieferten, möchten sie nicht wieder vor ihn kommen; so setzten diese Worte die Pflanzstädter in größeren Schrecken, als der feindliche Angriff selbst. Und da er die Gesandten auf die mehrmals erneuerte Frage: «Wie er glauben könne, daß sie bei ihrer geringen Anzahl und Wehrlosigkeit sich an einer so starken und gerüsteten Besatzung vergreifen dürften?» sich bei denen Raths erholen hieß, auf deren Betrieb sie die Besatzung in die Stadt genommen hätten, so gingen sie ab und kamen zu den Ihrigen mit der kaum noch erhaltenen Erlaubniß zurück, ihren Senat deshalb befragen und dessen Antwort ihm wiederbringen zu dürfen. Zwei Parteien waren in diesem Senate einander entgegen: die eine war die, deren Häupter zum Abfalle vom Römischen Volke gerathen hatten; die andre der treu gebliebenen Bürger. Doch wetteiferten beide, zur Wiederherstellung des Friedens dem Consul einen Dienst zu thun. Die Einen 257 glaubten genug zu thun, wenn sie den Consul, da die Besatzung der Samniten, aus Mangel an Vorkehrungen zu einer auszuhaltenden Belagerung, in der nächsten Nacht abziehen wollte, die Stunde der Nacht, das Thor und den Weg erfahren ließen, auf den sich der Feind hinausmachen würde. Die Andern, die den Übertritt zu den Samniten ungern gesehen hatten, öffneten in dieser Nacht dem Consul sogar ein Thor und ließen heimlich bewaffnete Feinde in die Stadt. So wurde durch zwiefachen Verrath, dort die Besatzung der Samniten, weil man auf beiden Seiten ihres Weges die Waldung besetzt hatte, zusammengehauen; hier in der mit Feinden erfüllten Stadt das Geschrei zum Angriffe erhoben, und in Zeit von Einer Stunde waren die Samniten niedergemacht, die Satricaner Gefangene und Alles in des Consuls Händen. Nach angestellter Untersuchung, wessen Werk der Abfall gewesen sei, ließ er die schuldig befundenen mit Ruthen peitschen und enthaupten, legte eine starke Besatzung in die Stadt und nahm den Satricanern alle Waffen. Und hier lassen nun diejenigen den Papirius Cursor zum Triumphe nach Rom abgehen, welche ihn als den Feldherrn angeben, der Luceria erobert und die Samniten unter den Jochgalgen gebracht habe. Und in der That war er ein jedes Kriegsruhmes würdiger Mann, ausgezeichnet nicht bloß durch Geisteskraft, sondern auch durch Körperstärke. Er war außerordentlich schnell zu Fuß, wodurch auch sein Zuname passend ward Die gewöhnliche Lesart ist: quae cognomen etiam dedit. Allein Livius hat schon im J. R. 368 und 370. ( B. VI. C. 5 und 11. ) einen Lucius Papirius mit dem Zunamen Cursor, wahrscheinlich den Großvater unsres Dictators; und Almeloveen hat auch außer diesem Lucius in seinen Fastis im J. 375. einen gleichzeitigen Spurius Papirius Cursor angegeben, folglich hat unserm Cursor seine Schnelligkeit den Zunamen nicht erst geben können, den er wenigstens schon von Vater und Großvater geerbt hatte. Man sehe bei Drakenborch den von ihm und Gebhard mit Recht gemisbilligten Vorschlag des Sigonius, der, um den Livius vom Widerspruche zu retten, lesen wollte: quae cognomen avo iam dedit. Denn daraus, daß der Großvater den Zunamen schon hatte, folgt noch nicht, daß er dem zuerst gegeben sei, und dann ist auch das Wort avo gegen alle Handschriften eingeschoben. Drakenborch selbst ist ungewiß. Er sagt: An igitur Livius – aliquid humani passus esse censeri debet? vel an dicendum est, Cursoris cognomen, quod maiores iam obtinuerant, pedum pernicitatem huic L. Papirio confirmasse? Das erste räumt die Critik nur dann ein, wenn keine andre Hülfe möglich ist. Da indeß mehrere Handschriften, quae cognomen via, und ebenfalls mehrere quae cognomini viam dedit lesen, noch eine andre quae cognomen in victori dedit, so glaube ich, Livius habe geschrieben, quae cognomini etiam vim dedit. Daß vis so viel als significatio heiße, habe ich, als bekannt genug, nicht zu beweisen, sonst ließe sichs mit mehrern Stellen aus Cicero belegen. Daß aber die Abschreiber vim öfters in viam abgeändert haben, dazu giebt Drakenborch mit Gronov in den Noten zu 32, 9. 8. und 36, 16. 3. eine Menge Beläge. Der Sinn der Stelle wäre dann etwa der: Welche auch seinen Zunamen mit der Bedeutung zutreffen ließ, oder kürzer: seinen Zunamen passend machte . . Er soll im Laufe alle seine Zeitgenossen besiegt, 258 und eben so, entweder wegen des Übermaßes seiner Kräfte, oder wegen seiner vielen körperlichen Übung mehr Speise und Wein vertragen haben, als jeder Andre: und weil er selbst einen Körper hatte, der keiner Arbeit erlag, so hatte auch Fußvolk, und Reuterei unter keinem Andern einen beschwerlicheren Dienst. Auch sagt man, die Ritter hätten einmal die Bitte an ihn gewagt, er möge ihnen, da sie sich so brav gehalten hätten, ihre Arbeit etwas erleichtern. Die Antwort war: «Damit ihr nicht sagt, es sei euch nichts erlassen, so erlasse ich euch das, daß ihr nicht durchaus gehalten sein sollt, wenn ihr von den Pferden steigt, euch den Rücken zu reiben» Also erließ er ihnen etwas, was sie ohnehin nicht thaten, weil sie sich hätten schämen müssen, es zu thun. Denn wer sich nach einem Ritte den Rücken reiben oder streichen lassen muß, gesteht dadurch, daß ihm der Ritt eine ungewohnte Arbeit war und daß er sich steif geritten hat. . Und sein Feldherrnamt führte der Mann über Bundesgenossen und Mitbürger mit gleich gebietender Kraft. Der Prätor von Präneste hatte aus Feigheit seine Leute aus dem Hintertreffen nicht schnell genug in die Vorderlinie geführt. Vor seinem Zelte wandelnd ließ er ihn fordern, und befahl dem Lictor, das Beil zu ziehen. Als der Pränestiner auf das Wort wie entseelt dastand, sprach Papirius: «Hier, Lictor, haue diese Wurzel weg, an die man beim Auf- und Abgehen sich stößt!» und entließ jenen, nachdem er ihn von der Angst der Todesstrafe hatte durchschauern lassen, mit einer Geldstrafe. Unstreitig zeichnete sich in jenem Zeitalter, das an großen Männern fruchtbarer war, 259 als jedes andre, nicht Einer als Stütze des Römischen States so sehr aus, als er. Ja man bestimmt ihn auf den gedachten Fall, daß Alexander der Große nach Bezwingung Asiens seine Waffen gegen Europa gewandt hätte, als Feldherrn zu dessen Gegner. 17. Es kann wohl nichts weniger vom Anfange dieses Werkes an meine Absicht gewesen sein, als vom Faden der Geschichte zu weit abzulenken, und durch einen dem Werke gegebenen Abstich von Mannigfaltigkeiten dem Leser gleichsam angenehme Seitengänge und mir selbst eine Erholung zu gewähren. Gleichwohl heißt mich der genannte Name eines so großen Königs und Feldherrn die Gedanken, mit denen er so oft meinen Geist in der Stille beschäftigte, meinen Lesern vorführen, und macht mich geneigt, die Frage aufzuwerfen, wie der Erfolg für den Römischen Stat gewesen sein möchte, wenn er mit Alexandern Krieg geführt hätte. Die Menge und Tapferkeit der Truppen, der Geist der Feldherren, das über alle menschliche Angelegenheiten und hauptsächlich über den Gang der Kriege gebietende Glück, sind doch wohl die Stücke, auf denen im Kriege das Meiste beruhet. Ich mag sie aber einzeln, oder zusammengenommen betrachten, so verbürgen sie dem Römischen Volke die Unbesiegtheit, wie von den andern Königen und Völkern, so auch von diesem. Um jetzt zuerst mit der Vergleichung der Feldherren anzufangen, so leugne ich keinesweges, daß Alexander ein seltener Feldherr war; allein einen höheren Ruhm gab ihm auch das, daß er allein dastand, daß er als junger Mann im Fortschritte seiner Thaten starb, dem sich das Glück noch nicht von der andern Seite gezeigt hatte. Ohne mich auf andre berühmte Könige und Feldherren, als Beläge menschliches Misgeschicks, einzulassen; was sonst, als ein langes Leben, führte den von den Griechen so hoch gepriesenen Cyrus, so wie neulich Pompejus den Großen, dem sich wendenden Glücke entgegen? Ich will die Römischen Feldherren aufzählen, und zwar nicht alle aus jedem Zeitalter, sondern gerade nur die, mit denen Alexander 260 als Consuln und Dictatoren hätte Krieg führen müssen; einen Marcus Valerius Corvus, einen Cajus Marcius Rutilus, Cajus Sulpicius, Titus Manlius Torquatus, Quintus Publilius Philo, Lucius Papirius Cursor, Quintus Fabius Maximus, die beiden Decius, den Lucius Volumnius, Manius Curius. Und die großen Männer folgen auf einander, als eine Reihe Livius will nicht unter dem deinceps (als wenn es deinde hieße) eine zweite spätere Reihe großer Männer verstanden wissen, wie Stroth meint, der darüber seine Verlegenheit äußert, was das für Männer gewesen sein möchten. Dann würde Livius, wie an andern Stellen (s. Ernesti Glossarium Liviamim) postea deinceps, inde deinceps, oder deinceps inde gesagt haben: sondern er sagt, Die eben vorhin genannten Männer folgen in einer so ununterbrochenen Reihe, daß Alexander auch dann noch, wenn er etwa 10 Jahre später, nämlich nach Carthago's Besiegung gegen Rom gezogen wäre, an mehr als Einem unter ihnen seinen Gegner gefunden haben würde. Es würde also unrichtig sein, wenn man hier übersetzen wollte: Dann, oder darauf, folgte noch eine (zweite) Reihe großer Männer etc. Der Sohn Decius, Lucius Volumnius und Manius Curius lebten für Alexandern schon spät genug. ; wenn er etwa den Krieg mit Carthago dem Kriege gegen Rom hätte vorangehen lassen und schon in gesetzteren Jahren nach Italien übergegangen wäre. Bei jedem von diesen fanden sich nicht allein an Muth und Geist dieselben Anlagen, wie bei Alexandern, sondern die Kriegskunst, die beständig seit dem Ursprunge Roms aus Hand in Hand forterbte, war auch in die Form einer nach zusammenhängenden Regeln geordneten Wissenschaft gebracht. So hatten die Könige ihre Kriege geführt, so nachher die Vertreiber der Könige, ein Brutus und Valerius; und so der Reihe nach die Fabier, Quinctier, Cornelier; eben so Furius Camillus, den diejenigen, welche mit Alexandern zu fechten gehabt hätten, in ihren Jünglingsjahren als Greis gekannt hatten. Wenn Alexandern Ich lasse nach Stroths Wunsche die Fragezeichen weg, weil schon in videlicet die Ironie liegt. Auch Crevier hat sie nicht. , der als Soldat in Gefechten seinen Mann stand, – denn auch das macht ihn ja nicht weniger berühmt – ein Manlius Torquatus in der Schlacht als Gegner Drakenborch giebt nur die wenigen Handschriften an, die hier das Wort par auslassen. In den meisten aber steht es theils ausdrücklich, theils als Vorname P. zu Manlius gezogen, theils als per. Stroth verwarf es mit Unrecht. Er zog es nämlich zu non cessisset, und dann hatte er Recht, zu behaupten, daß im non cedere ein parem esse schon liege. Allein er mußte par zu oblatus ziehen, und ihm aus der Fechtersprache den Sinn des Worts adversarius geben. Man sehe die von Drakenborch angeführte Note Gronovs zu 22, 27. 3. (Ich finde jetzt meine Meinung von Hrn.  Döring bestätigt.) aufgestoßen wäre, oder ein Valerius Corvus, 261 so würden sie – man denke! – ihm gewichen sein, sie, die schon als Soldaten sich ausgezeichnet hatten, ehe sie als Feldherren sich auszeichneten! Eben so wären ihm die Decier gewichen, die sich die Weihe geben ließen, um unter die Feinde zu stürzen! Vermuthlich auch Papirius Cursor mit dieser Kraft des Körpers, wie des Muths! Besiegt hätten die Plane eines einzigen Jünglings, um nicht Einzelne zu nennen, jenen Senat, der nach der Aussage des Einzigen, der sich vom Römischen Senate eine richtige Vorstellung gemacht hat, aus Königen bestand! Und vorzüglich war das zu fürchten, daß er mit größerer Geschicklichkeit, als irgend einer der Genannten, seine Lagerplätze ausgesucht, die Zufuhr offen gehalten, Kriegslisten vorgebaut, den günstigen Zeitpunkt zur Schlacht gewählt, seine Linie gestellt, sie durch das Hintertreffen gedeckt hätte! Er würde gestanden haben, daß er es nicht mit einem Darius zu thun habe, diesem durch einen Zug von Weibern und Verschnittenen Gelähmten, diesem unter Purpur und Gold mit den Waarenlagern seiner königlichen Schätze Belasteten, den er, weil er in ihm mehr eine Beute, als einen Feind sah, nach der richtigen Berechnung, solche Nichtigkeiten verachten zu müssen, ohne Blutverlust besiegte. Eine ganz andre Ansicht würde ihm Italien dargeboten haben, als Indien, das er mit einem berauschten Heere schwärmend durchzog, wenn er Apuliens Forstpässe und Lucaniens Gebirge erblickt hätte, und die noch frischen Spuren seines Familienverlustes, wo neulich seiner Mutter Bruder, Alexander, König von Epirus, seinen Tod gefunden hatte, 18. Und wir reden hier von Alexandern, wie er noch nicht im Glücke, das niemand weniger zu tragen vermochte, versunken war. Betrachtet man ihn, wie er in seinem neuen Glücke, und wenn ich so sagen darf, in 262 seinem neuen Geiste sich giebt, in den er sich als Sieger geworfen hatte, so würde er mehr einem Darius, als Alexander, ähnlich, nach Italien gekommen sein, und ein Heer mitgebracht haben, das Macedoniens vergessen hatte, und schon in die Sitten der Perser ausgeartet war. Ungern erwähnt man bei einem so großen Könige die übermüthige Veränderung seiner Tracht, und die verlangte Anbetung der sich vor ihm zur Erde Werfenden, Dinge, die den Macedoniern als Besiegten unerträglich gewesen sein würden, geschweige denn als Siegern; die scheußlichen Blutgerichte, die Ermordungen seiner Freunde beim Weine und über Tafel, und die Eitelkeit, sich eine Abkunft zu erlügen. Wie, wenn seine Liebe zum Weine, sein furchtbarer und glühender Jachzorn – ich führe nichts an, worüber nicht die Geschichtschreiber einverstanden waren – von Tage zu Tage zunahm? würde dies Alles seinen Vorzügen als Feldherr keinen Eintrag gethan haben? Vor allen Dingen aber war freilich das zu fürchten, was Griechische Schwätzer, die gegen die Ehre Roms sogar den Ruhm der Parther begünstigen, so oft wiederholen, daß dem Römischen Volke schon der hohe Name Alexanders, von dem ihnen, wie ich glaube, nicht einmal das Gerücht etwas gesagt hatte, unwiderstehlich gewesen sein würde; und daß gegen eben den Mann, gegen den man sich zu Athen, in einem durch Macedoniens Waffen geknickten State, der gerade jetzt die rauchenden Trümmer Thebens in seiner Nähe sah, öffentlich freie Vorträge erlaubte, was doch die Reden selbst als Denkmale beurkunden; daß gegen ihn, sage ich, von so vielen Römischen Großen nicht Einer die Stimme der Freiheit erhoben haben sollte. Man denke sich die Größe des einen Menschen noch so hoch, so bleibt sie doch immer die Größe Eines Menschen, die dieser durch ein Glück von etwas mehr als zehn Jahren sich sammelte: und wer diese durch die Anmerkung heben will, daß das Römische Volk, wenn gleich in keinem Kriege, doch in manchem Treffen besiegt sei, Alexander aber jede Schlacht gewonnen habe; der sieht nicht ein, daß er die Thaten Eines Menschen, und noch dazu eines 263 Jünglings, mit den Thaten eines Volkes vergleicht, das nun schon an die achthundert Jahre Krieg führt. Wundern wir uns, wenn das Glück auf dieser Seite, auf welcher sich mehr Menschenalter zählen lassen, als auf jener Jahre, in einem so langen Zeitraume öfter gewechselt hat, als in einem Leben von dreizehn Jahren? Warum vergleicht ihr nicht bei dem Einen Manne mit dem Andern, bei dem Einen Feldherrn mit dem Andern Wenn Livius nicht auf Schönheit des Stils sehen wollte, so hätte er eigentlich sagen müssen: Quin tu hominis unius (e. g. Papirii vel Torquati, nec vero populi totius) fortunam eum hominis (Alexandri) fortuna, et ducis fortunam cum ducis fortuna confers, et fortunam parium annorum cum parium annorum fortuna? (nec vero fortunam tredecim annis collectam cum octingentorum annorum fortuna?) Diesen Übelklang zu meiden, stellte er die Verbindung anders auf. Und darin kam ihm die den Lateinern eigne Kürze bei Vergleichungen, zu statten, von der ich oben V. 26. am Ende das Beispiel (aus IV. 52. ) anführte: Annum excepit tribunus. Ich glaubt also nicht, daß es der von Hrn.  Döring vorgeschlagenen Lesart homines und duces bedürfe. , Glück gegen Glück? Wie viele Römische Heerführer könnte ich nennen, denen nie eine Schlacht mislang. Man darf nur die Seiten in den Jahrbüchern der obrigkeitlichen Personen durchlaufen, und in den Verzeichnissen von Consuln und Dictatoren, mit deren Tapferkeit so wenig, als mit ihrem Glücke, das Römische Volk ein einzigesmal unzufrieden sein durfte. Und was sie so viel bewunderungswürdiger macht, als Alexandern und jeden König, so bekleideten einige die Dictatur nur zehn oder zwanzig Tage, keiner das Consulat länger, als ein Jahr: von den Bürgertribunen wurden die Werbungen verhindert: sie zogen nach dem günstigsten Zeitpunkte in die Kriege: vor der Zeit wurden sie zum Wahltage wieder abgerufen: eben, als sie zu einem Schlage ausholten, war das Jahr abgelaufen: bald war die Unbesonnenheit, bald die Unredlichkeit ihres Amtsgenossen ihnen hinderlich oder schädlich: oft traten sie da ein, wo ein Andrer die Sache schlecht gemacht hatte; übernahmen ein Heer von Neulingen oder an schlechte Zucht gewöhnter Leute. Dagegen sind doch wahrhaftig, die Könige nicht allein frei von allen Behinderungen, sondern als Herren der Ausführung und der Umstände zwingen sie Alles in ihren Plan, 264 ohne sich zwingen zu lassen. Folglich würde der unbesiegte Alexander unbesiegte Feldherren gegen sich und gleiche Begünstigungen vom Glücke auf das Spiel zu setzen gehabt haben. Ja seine Lage würde noch so viel mißlicher gewesen sein, weil die Macedonier nur Einen Alexander gehabt hätten, der so manchen Unfällen nicht bloß unterworfen war, sondern selbst sich aussetzte: die Römer hingegen hatten Mehrere, an Ruhm und Thatengröße Alexandern gleich, von denen Jeder, wie es ihm bestimmt war, ohne Gefahr für den Stat, hätte leben und sterben können. 19. Nun habe ich noch Truppen mit Truppen zu vergleichen, sowohl in Absicht der Zahl, als der Art der Soldaten und der Menge von Hülfsvölkern. Gewöhnlich wurden zu jenen Zeiten in den Musterungen zweihundert und funfzigtausend Köpfe geschatzt. Folglich konnte man, selbst bei dem Abfalle des ganzen Latiums vom Bunde, in einer Werbung beinahe aus der Stadt allein, zehn Legionen aufbringen. Oft führte man in jenen Jahren, in Hetrurien, in Umbrien, mit dem sich die Gallier zum Kriege vereinigten, in Samnium, in Lucanien, die Kriege mit vier bis fünf Heeren. Späterhin würde Alexander in den sämtlichen Latinern, nebst den Sabinern , Volskern, Äquern, dem ganzen Campanien, einem Theile Umbriens und Hetruriens, den Picentern, Marsern, Pelignern, Vestinern und Apuliern, auch in den Samniten und der ganzen mit ihnen zusammenhängenden Griechischen Küste des Untermeers von Thurii bis Neapel und Cumä, und von da wieder bis Antium und Ostia entweder mächtige Bundesgenossen der Römer oder schon von ihnen durch Krieg entkräftete Feinde gefunden haben. Er selbst wäre mit seinen Macedonischen Veteranen, die nicht über dreißigtausend zu Fuß, und viertausend Mann größtentheils Thessalischer Reuterei betrugen, über das Meer gesetzt: und hierin bestand seine eigentliche Macht. Hätte er Perser, Indier und andre Völker mitgebracht, so hätte er in ihnen mehr eine Last, als eine Hülfe, hinter sich hergezogen. Dazu kommt, daß den Römern jede Truppenergänzung in ihrer Heimat zur Hand war: Alexanders 265 Heer hingegen würde in dem Kriege auf fremdem Boden, was nachher Hannibal erfuhr, allmälig ausgestorben sein. Was die Waffen betrifft, so hatten jene den Rundschild und die lange Lanze: für die Römer aber war der Langschild eine weit größere Bedeckung des Körpers, und der Wurfpfeil eine in Stich und Schuß weit wirksamere Waffe, als ein Speer. Auf beiden Seiten hielten schwere Truppen Reihe und Glied: allein dort war die Phalanx zu unbehülflich und zu einförmig; die Römische Linie hingegen hatte Mannigfaltigkeit, bestand aus mehreren Theilen, ließ sich leicht, wo es nöthig war, trennen, leicht vereinigen. Und nun? welcher Soldat käme in den Arbeiten dem Römischen gleich? wäre zur Ausdauer bei Beschwerden fester? Mit Einem verlornen Treffen war für Alexandern der ganze Krieg verloren. Welche Schlacht aber hatte den Römermuth gebrochen, den kein Caudium, kein Cannä brach? Wahrlich er würde oft, wenn er auch anfangs Glück gehabt hätte, seine Perser und Indier und ein unkriegerisches Asien vermißt, und gestanden haben, daß er bisher mit Weibern Krieg geführt habe; ein Ausdruck, den man Alexandern, dem Könige von Epirus, in den Mund legt, als er, tödlich verwundet, das gerade diesem Jünglinge gewordene Los, in Asien Krieg zu führen, mit dem seinigen verglich. Ich für mein Theil, wenn ich bedenke, daß sich im ersten Punischen Kriege die Flotten vierundzwanzig Jahre lang schlugen, möchte glauben, daß Alexanders Leben kaum zu Einem Kriege hingereicht haben würde. Und vielleicht würde ihn, da theils der Punische Stat mit dem Römischen kraft alter Verträge im Bunde stand, theils die gleiche Furcht diese beiden durch Waffenübung und Mannszahl so mächtigen Städte gegen den gemeinschaftlichen Feind bewaffnen konnte, die gleichzeitige Führung eines Punischen und Römischen Krieges zu Boden gedrückt haben. Die Römer haben zwar nicht unter Alexanders Anführung, nicht bei Macedoniens vollen Kräften, aber doch gegen Antiochus, gegen Philipp und Perses, die 266 Macedonier als Feinde kennen gelernt, und nicht allein ohne alle Niederlage, sondern selbst ohne alle Gefahr auf ihrer Seite. Ohne unser Glück zu berufen und ohne die Bürgerkriege mitstimmen zu lassen, haben wir nie von der Reuterei des Feindes, nie von seinem Fußvolke, nie in offener Schlacht; nie auf gleichem, geschweige denn auf uns günstigem, Kampfboden zu leiden gehabt. Eine Reuterei mit Pfeilen Ich folge der von Stroth vorgeschlagenen Lesart: Equitum sagittas. Daß die Parther gemeint sind, ist offenbar. Hor. Od. II. 13, 17. Miles sagittas et celerem fugam Parthi. , verwachsene Pässe, der Zufuhr unzugängliche Gegenden können allerdings einen so schwer bewaffneten Krieger Unruhe machen: aber tausend Heere, furchtbarer als die der Macedonier und Alexanders, hat er geschlagen und wird sie schlagen; möge nur die Liebe zum Frieden, in dem wir jetzt leben, und die Sorge für bürgerliche Eintracht von Dauer sein! 20. Darauf wurden Marcus Foslius Flaccinator und Lucius Plautius Venno Consuln. Die Gesandten mehrerer Samnitischen Völkerschaften, welche in diesem Jahre auf die Erneuerung eines Friedenschlusses antrugen, wurden vom Senate, den ihr fußfälliges Flehen rührte, mit ihrer Bitte an das Volk gewiesen, wo sie bei weitem nicht dieselbe Wirkung that. Mit Verweigerung eines Friedenschlusses bewilligte man ihnen, weil sie mehrere Tage lang die Bürger einzeln mit Bitten bedrängten, einen Waffenstillstand auf zwei Jahre. Auch in Apulien ergaben sich, um sich den Verheerungen nicht länger auszusetzen, die Einwohner von Teanum und Canusium dem Consul Lucius Plautius, dem sie Geisel gaben. In diesem Jahre wurden die ersten Gerichtshalter über Capua gesetzt, dessen Einwohnern der Prätor Lucius Furius Gesetze geben mußte, da sie selbst um beides, als Rettungsmittel ihres durch innern Zwiespalt leidenden States, gebeten hatten. Roms Bezirke wurden mit zwei neuen vermehrt, dem Ufentinischen und Falerinischen. Da in Apulien einmal mit der Unterwerfung der Anfang gemacht war, so fanden sich auch die Apulier von Teate mit der Bitte um einen 267 Friedensvertrag bei den neuen Consuln ein, dem Cajus Junius Bubulcus und Quintus Ämilius Barbula, bei denen sie sich anheischig machten, dem Römischen Volke Frieden in ganz Apulien zu bewirken. Durch dies dreiste Versprechen erhielten sie die Bewilligung des Vertrages, doch nicht auf gleiche Bundesrechte, sondern als Römische Unterthanen. Nach Bezwingung Apuliens – denn auch der festen Stadt Forentum hatte sich Junius bemächtigt – zog man weiter gegen die Lucanier. Der Consul Ämilius nahm ihnen die Stadt Nerulum, vor der er unerwartet erschien, durch Sturm. Und da es unter den Bundsgenossen ruchtbar wurde, was für eine feste Verfassung Capua sich durch Römische Rechtspflege gegeben habe, so ernannte der Senat eben so auf die Klage der Antiaten, daß sie ohne feste Gesetze, ohne Obrigkeit lebten, diejenigen Großen Roms zu ihren Gesetzgebern, deren Verwendung die Pflanzstadt selbst sich anzuvertrauen pflegte; und nicht allein die Waffen Roms, sondern auch seine Rechte galten weit und breit. 21. Am Ausgange des Jahrs übergaben die Consuln Cajus Junius Bubulcus und Quintus Ämilius Barbula die Legionen nicht den von ihnen gewählten Consuln Spurius Nautius und Marcus Popillius, sondern einem Dictator, dem Lucius Ämilius. Durch seinen Angriff auf Saticula, den er mit dem Magister Equitum Lucius Fulvius unternahm, gab er den Samniten einen Vorwand zur Erneuerung des Krieges. Hier sahen sich die Römer von einer doppelten Gefahr bedroht. Auf der einen Seite lagerten sich die Samniten, die zum Entsatze ihrer Verbündeten ein großes Heer aufgebracht hatten, nicht weit vom Römischen Lager; auf der andern thaten die Saticulaner, welche unerwartet ihre Thore öffneten, mit großem Ungestüme einen Angriff auf die feindlichen Posten. Bald ließen sich beide Feinde, mehr im Vertrauen auf den Beistand des Andern, als auf eigne Stärke, auf eine förmliche Schlacht ein und bedrängten die Römer. Hatte gleich der Dictator auf zwei Seiten zu fechten, so hatte er doch auf keiner für seine Linie zu fürchten, weil er theils eine 268 Stellung nahm, in der er nicht leicht umzingelt werden konnte, theils seinem Heere zwei Vorderseiten nach entgegengesetzter Richtung gab. Doch rückte er im ernstlicheren Angriffe gegen die Herausgefallenen an und trieb sie ohne großen Kampf in ihre Mauern. Nun wandte er seine ganze Linie gegen die Samniten. Hier gab es härteren Kampf; allein dafür, daß der Sieg später erfolgte, war er gewiß und allgemein. Die in ihr Lager gejagten Samniten löschten in der Nacht ihre Feuer, zogen in aller Stille ab, und da sie die Hoffnung, Saticula zu retten, aufgaben, belagerten sie selbst, dem Feinde durch gleiche Kränkung zu vergelten, die Bundsgenossenstadt der Römer, Plistia . 22. Nach Ablauf des Jahrs führte der Dictator Quintus Fabius den Krieg ohne Unterbrechung fort. Die neuen Consuln, Lucius Papirius zum vierten- und Quintus Publilius zum viertenmale Drakenborch selbst führt ohne Misbilligung den Vorschlag des Sigonius und Pighius an, daß man die durch Schuld der Abschreiber weggefallenen Namen der Consuln einschalten müsse, weil Livius die Consuln dieser Jahre mit der Zahl ihrer Consulate genau angebe, und selbst zwei Jahre später den Papirius Cursor als Consul zum fünftenmale aufführe. Wo sollen aber die Namen der Consuln im Texte stehen? Vor oder hinter den Worten Consules novi? Ich glaube, vor denselben. Die Harlejanische Handschrift lieset Q. Fabio gestum, ohne est. Wenn dies die richtige Lesart wäre, so ließe sich erklären, wie die Ähnlichkeit der Endigung des Wortes ges tum, die Worte: L. Papirius quartum et Q. Publilius quar tum, vor den Worten consules novi habe ausfallen lassen. , blieben, so wie die vorjährigen, zu Rom: Fabius kam, um das Heer vom Ämilius zu übernehmen, mit den Ergänzungstruppen vor Saticula an; denn die Samniten waren nicht vor Plistia geblieben, sondern hatten im Vertrauen auf ihre Menge, weil sie von Haus neue Soldaten hatten kommen lassen, sich wieder auf dem vorigen Platze gelagert, und suchten die Römer durch Angriffe in Gefechten von der Einschließung der Stadt abzuhalten. So viel eifriger richtete der Dictator sein Augenmerk auf die Stadtmauern, überzeugt, daß der ganze Krieg nur auf der Belagerung beruhe: vor den Samniten war er weniger besorgt, und stellte ihnen bloß Posten entgegen, um einen Einbruch in sein Lager zu verhüten. 269 Desto kecker sprengten die Samniten bis zum Walle heran und hielten nicht Ruhe. Und da sie schon fast an den Thoren des Lagers standen, fiel der Magister Equitum, Quintus Aulius Cerretanus, ohne bei dem Dictator anzufragen, mit den sämtlichen Geschwadern der Reuterei mit großem Ungestüme heraus und warf den Feind zurück. Und hier gab das Schicksal in einem Gefechte, das sonst nicht zu den hartnäckigen gehört, seinem Einflusse eine Wendung, daß es auf beiden Seiten einen auffallenden Verlust und den Anführern selbst einen ausgezeichneten Tod bereitete. Zuerst stellte der Samnitische Feldherr, den es verdroß, sich da abgetrieben und zurückgeschlagen zu sehen, wo er so keck herangesprengt war, durch seine Bitten und Vorstellungen bei seiner Reuterei, das Treffen wieder her. Auf ihn nun, als er so, vor allen den Seinigen kenntlich, das Gefecht betrieb, jagte der Römische Magister Equitum mit eingelegter Lanze so ungestüm heran, daß er ihn durch Einen Stoß entseelt vom Pferde stürzte: allein die Menge wurde durch den Fall ihres Führers nicht sowohl betroffen, wie es sonst gewöhnlich ist, als erbittert. Alle rund umher schossen auf den zu unvorsichtig durch die feindlichen Geschwader vorgesprengten Aulius ihre Pfeile: allein den ehrenvollen Vorzug, den Samnitischen Feldherrn gerächt zu haben, gewährten die Götter Dederunt.] – Ich übersetze nach Hrn. Walch: dii dederunt. seinem Bruder. Er war es, der von Schmerz und Wuth ergriffen den Magister Equitum mitten in seinem Siege vom Pferde riß und zusammenhieb; und es fehlte nicht viel, so hätten sich die Samniten auch der Leiche des Erschlagenen bemächtigt, weil er zwischen den feindlichen Geschwadern gefallen war. Allein sogleich saßen die Römischen Ritter ab, und die Samniten sahen sich genöthigt, dasselbe zu thun. Eine plötzlich entstandene Linie begann um die Leichen der Führer her den Kampf zu Fuß, in welchem die Römer entschieden die Oberhand behielten; und mit einer Freude, in die sich Trauer mischte, brachten sie als Sieger den wiedererkämpften Körper des Aulius 270 ins Lager zurück. Die Samniten kehrten nach dem Verluste ihres Feldherrn, und da sie in diesem Gefechte der Reuterei ihre Kräfte geprüft hatten, mit Aufgebung Saticula's, dessen Vertheidigung sie für vergeblich hielten, zur Belagerung von Plistia zurück; und in wenig Tagen hatten die Römer Saticula durch Übergabe, die Samniten Plistia durch Sturm in ihrer Gewalt. 23. Nun veränderte sich der Schauplatz des Krieges. Die Legionen wurden aus Samnium und Apulien nach Sora hinübergeführt. Die Bürger von Sora hatten nach Ermordung der Römischen Anbauer Samnitische Partei ergriffen. Da das Römische Heer, um den Tod seiner Bürger zu rächen und die Pflanzstadt wieder zu erobern, in starken Märschen hier früher eingetroffen war, und von den auf die Heerwege vertheilten Kundschaftern einer über den andern meldete, daß die Samnitischen Legionen ihnen nachkämen und schon nicht mehr fern wären, so ging man dem Feinde entgegen und lieferte bei Lautulä ein Treffen, ohne Entscheidung. Nicht der Verlust oder die Flucht auf einer Seite, sondern die Nacht trennte die Fechtenden, ungewiß, ob sie Besiegte oder Sieger wären. Bei Einigen finde ich, daß diese Schlacht für die Römer nachtheilig gewesen, und daß der Magister Equitum Quintus Aulius in dieser gefallen sei. Der in die Stelle des Aulius nachgewählte Magister Equitum Cajus Fabius war mit einem neuen Heere von Rom im Anzuge, und da er durch voraufgeschickte Boten sich bei dem Dictator erkundigt hatte, wo er stehen bleiben, wann und von welcher Seite er den Feind angreifen solle, so nahm er, auf alle Fälle gehörig angewiesen, eine verborgene Stellung. Der Dictator, der nach der Schlacht die Seinigen mehrere Tage lang im Lager gehalten hatte, mehr nach Art eines Belagerten, als eines Belagerers; ließ auf einmal das Zeichen zur Schlacht aufstecken; und weil er glaubte daß es, den Muth tapfrer Männer zu beleben, von stärkerer Wirkung sei, wenn ihnen Allen keine andre Hoffnung, als auf sich selbst, gelassen würde, so ließ er die Soldaten vom Magister Equitum und dem neuen Heere 271 nichts erfahren, und, gleich als gäbe es hier keine weitere Hoffnung, als sich durchzuschlagen, hielt er folgende Rede: «In einer einschließenden Gegend vom Feinde ereilt, bleibt uns kein andrer Weg, ihr Soldaten, als den wir durch Sieg uns öffnen. Unser Standlager ist durch seine Verschanzung sicher genug, aber auch vom Mangel bedroht. Denn rund umher ist Alles, was uns Zufuhr liefern könnte, von uns abgefallen; und wenn auch die Menschen uns helfen wollten, so ist die Gegend zu ungünstig. Ich darf euch also nicht dadurch hinhalten, daß ich ein Lager hier stehen ließe, in welches ihr euch, ohne den Sieg zu erfechten, so wie an dem Tage letzthin, zurückziehen könntet. Die Schanzen müssen durch Waffen, nicht die Waffen durch Schanzen gesichert sein. Mögen die ein Lager haben und es wieder suchen, denen daran gelegen ist, mit dem Kriege zu zögern: wir wollen uns den Rückblick auf Alles, den Sieg ausgenommen, abschneiden. Brechet auf gegen den Feind! Sobald der Zug den Wall hinter sich hat, mögen die, die dazu befehligt sind, das Lager anzünden: euren Verlust, Soldaten, wird euch die Beute, von allen abgefallenen Völkern umher, ersetzen.» Angefeuert schon durch die Rede des Dictators, welche sie mit der dringenden Noth bekannt machte, gingen die Soldaten auf den Feind, und der Rückblick auf das brennende Lager, obgleich nur die Vorderseite desselben – so hatte es der Dictator befohlen – in Brand gesetzt wurde, war ihnen kein geringer Sporn. Gleich Wüthenden hineinstürzend brachten sie im ersten Angriffe die feindlichen Reihen in Unordnung, und zu rechter Zeit brach auch der Magister Equitum, sobald er von fern das Lager brennen sah – dies war das verabredete Zeichen – in den Rücken des Feindes. So nahmen die umzingelten Samniten, wo sich Jedem ein Ausweg zeigte, nach verschiedenen Richtungen die Flucht. Eine ansehnliche Menge, durch die Furcht zusammengedrängt und in ihr eignes Gewühl verwickelt, wurde in der Mitte niedergehauen. Das feindliche Lager ward erobert und geplündert; und beladen mit 272 der Beute desselben führte der Dictator seine Soldaten ins Römische Lager zurück, die sich lange nicht so sehr des Sieges freuten, als darüber, daß sie außer dem unbedeutenden Theile, der vom Brande gelitten hatte, alles Übrige wider Erwarten unbeschädigt fanden. 24. Von hier zog man wieder vor Sora; und die neuen Consuln, Marcus Pötelius und Cajus Sulpicius, übernahmen vom Dictator Fabius das Heer, dem sie zum Ersatze für die große Menge entlassener alter Soldaten neue Cohorten zuführten. Da sich indeß wegen der unzugänglichen Lage der Stadt kein sichres Mittel ausfindig machen ließ, sie mit Sturm anzugreifen, und der Sieg entweder viele Zeit kosten mußte, oder als Wagstück mißlich war, so schlich sich ein Soraner als Überläufer heimlich aus der Stadt an die Römischen Wachen, verlangte, sogleich vor die Consuln gebracht zu werden, und als er vorgeführt war, versprach er, ihnen die Stadt zu überliefern. Als er ihnen auf die Frage, wie er dies leisten wolle, Auskunft gab, und seine Angaben Grund zu haben schienen, so vermochte er sie, das Römische Lager, welches beinahe an die Mauern stieß, sechstausend Schritte von der Stadt zurückzuziehen, weil dann die Posten bei Tage sowohl, als die Nachtwachen in ihrem Eifer, die Stadt zu hüten, nachlassen würden. Er selbst nahm in der folgenden Nacht, nachdem sich auf sein Verlangen einige Cohorten nahe vor der Stadt in einer Waldung versteckt hatten, zehn auserlesene Soldaten mit und führte sie über steile und fast unersteigliche Stellen in die Burg, wo er einen größeren Vorrath von Geschossen, als für diese Anzahl erforderlich war, zusammengeschaffet hatte. Außerdem gab es hier Steine, die theils ohne Zuthun, wie gewöhnlich auf rauhem Boden, dalagen, theils von den Einwohnern zur Verteidigung des Orts absichtlich zusammengetragen waren. Als er den Römern diesen Stand gegeben hatte, zeigte er ihnen den schmalen und steilen Pfad, der von der Stadt zur Burg herauf sich erhob, und sprach: «Hier heranzusteigen, würde einer noch so großen Menge gegen nur drei Bewaffnete zur Unmöglichkeit. Eurer sind zehn an der 273 Zahl, und was noch mehr sagen will, ihr seid Römer, und gerade unter den Römern die tapfersten, und der Ort ist auf eurer Seite; und die Nacht wird es sein, weil sie Erschrockenen in ihrer Ungewißheit Alles noch größer darstellt. Jetzt will ich die Stadt mit Schrecken erfüllen; seid ihr nur in Behauptung der Burg auf eurer Hut.» Er lief von dort hinab, und schrie, so lärmend er konnte, einmal über das andre: «Zu den Waffen! Hülfe, Hülfe, Bürger! die Feinde haben die Burg erobert! lauft! rettet!» Mit diesem Rufe stürzte er in die Hausthüren der Vornehmen; ihn wiederholte er allen ihm Begegnenden, auch denen, die voll Angst auf die Straße herausliefen. Den von dem Einen ihnen mitgetheilten Schrecken verbreiteten mehrere durch die Stadt. Voll Bestürzung schickten die Obrigkeiten Späher zur Burg hinauf, und auf den Bericht, daß die Burg mit Wehr und Waffen besetzt sei, deren Anzahl vervielfältigt wurde, gaben sie die Hoffnung, sie wieder zu erobern, auf. Alles war mit Flüchtenden erfüllt, und von Halbschlafenden und größtentheils Unbewaffneten wurden die Thore erbrochen, durch deren eines der auf ihr Geschrei herangeeilte Römische Posten eindrang, und die in Angst auf der Gasse sich Sammelnden niederhieb. Schon war Sora erobert, als die Consuln mit Tagesanbruch dazukamen, und die übrigen Einwohner, die dem nächtlichen Gemetzel entronnen oder nicht geflüchtet waren, sich ihnen ergaben. Von diesen ließen sie zweihundert und fünfundzwanzig, denen nach einstimmiger Aussage die Schuld des schändlich an den Pflanzern verübten Mordes und des Abfalls beigemessen wurde, gebunden nach Rom führen. Die übrige Menge ließen sie, ohne ihr Leides zu thun, nach eingelegter Besatzung, in Sora zurück. Alle nach Rom Abgeführten wurden auf dem Markte mit Ruthen gepeitscht und mit dem Beile enthauptet, zur großen Freude des Volks, weil ihm am meisten daran gelegen sein mußte, daß seine hier- und dorthin zahlreich auf Pflanzungen Ausgesandten allenthalben sicher wären. 25. Die Consuln, die von Sora aufbrachen, wandten 274 den Krieg nun gegen das Land der Ausonen und deren Städte. Denn die Ankunft der Samniten hatte damals, als das Treffen bei Lautulä vorfiel, alles in Bewegung gesetzt; es waren hie und da in Campanien Verschwörungen gemacht, und selbst Capua blieb nicht ohne Beschuldigung; ja man kam bei der Untersuchung sogar bis nach Bora und an einige der Vornehmsten. Übrigens wurde das Volk der Ausonen durch seine, wie Sora, verrathenen Städte bezwungen. Es kamen nämlich aus den Städten Ausona, Minturnä und Vescia, die vornehmsten jungen Männer, zwölf an der Zahl, die sich zum Verrathe ihrer Städte verschworen hatten, zu den Consuln, und zeigten an: «Ihre Mitbürger, die schon längst die Ankunft der Samniten gewünscht hätten, hätten auf die Nachricht von dem Gefechte bei Lautulä die Römer für besiegt gehalten und den Samniten Truppen und Waffen geliefert. Nach Vertreibung der Samniten von dort, lebten sie in einem ungewissen Frieden, und verschlössen zwar den Römern ihre Thore nicht, um den Krieg nicht herbeizuziehen, waren aber des festen Vorsatzes, sie ihnen zu verschließen, falls sie mit einem Heere anrücken sollten. Bei diesen schwankenden Maßregeln könne man, ehe sie sich dessen versähen, sich ihrer bemächtigen.» Auf ihre Vorstellungen rückte man mit dem Lager näher, und schickte nach allen drei Städten zu gleicher Zeit Soldaten, theils mit Waffen, um in der Nähe der Mauern sich heimlich in einen Hinterhalt zu legen, theils in Bürgerkleidern, mit Schwertern unter den Röcken, um sich mit Tagesanbruch in die geöffneten Thore zu schleichen. Diese fingen damit an, die Wachen niederzuhauen, und gaben zugleich den Bewaffneten ein Zeichen, aus dem Hinterhalte hervorzubrechen. So wurden die Thore besetzt und die drei Städte zu gleicher Zeit und nach Einem Plane gewonnen. Weil aber bei dem Angriffe die Feldherren nicht zugegen waren, so war des Mordens kein Ende; und das Volk der Ausonen, des Abfalls kaum völlig überwiesen, wurde nicht anders vertilgt, als hätte es in diesem Kriege Leben oder Tod gegolten. 275 26. Auch bemächtigten sich in diesem Jahre Luceria's, das seine Römische Besatzung dem Feinde verrieth, die Samniten. Doch blieben die Verräther nicht lange ungestraft. Nicht weit davon stand das Römische Heer, welches die in der Ebene gelegene Stadt im ersten Sturme eroberte. Luceriner und Samniten wurden bis zur Vertilgung niedergehauen, und die Erbitterung ging so weit, daß auch in Rom, als beim Senate wegen einer in Luceria anzulegenden Pflanzung angefragt wurde, Viele dafür stimmten, die Stadt zu zerstören. Außer ihrem tödlichen Hasse gegen eine Stadt, die sie zweimal hatten erobern müssen, mußten sie es wegen ihrer Entlegenheit gefährlich finden, ihre Bürger so weit von der Heimat unter so feindselige Völker zu verweisen. Dennoch behielt die Meinung, Anbauer hinzuschicken, die Oberhand. Zweitausend fünfhundert wurden hingeschickt. Auch entspannen sich, bei der allgemeinen Treulosigkeit gegen die Römer in diesem Jahre, zu Capua geheime Verschwörungen der Großen. Als es hierüber beim Senate zum Antrage kam, ließ er diesen Gegenstand keinesweges außer Acht. Er verordnete Untersuchungen, und beschloß einen Dictator zu ernennen, der den Gang der Untersuchungen leiten sollte. Man ernannte dazu den Cajus Mänius, und dieser den Marcus Foslius zum Magister Equitum. Die Dictatur stand in einem furchtbaren Rufe. War es also Folge der Furcht vor dieser, oder eines bösen Gewissens? genug, die gewesenen Häupter der Verschwörung, die beiden Calavier, mit Vornamen Ovius und Novius, entzog dem Gerichte, ehe sie noch bei dem Dictator namhaft gemacht waren, der Tod, den sie gewiß sich selbst gegeben hatten. Als es darauf der Untersuchung zu Capua an Stoff fehlte, ging sie auf Rom über, weil man der Sache die Auslegung gab, der Senat habe nicht namentlich gegen die zu Capua Untersuchungen befohlen, sondern überhaupt gegen Alle, wo sie sein möchten, die dem State zum Nachtheile sich zusammengethan oder verschworen hätten; und die Vereinigungen, welche die Gelangung zu Ämtern zum Zwecke hätten, seien doch dem 276 State nachtheilig: und so wurde die Untersuchung in Betreff des Vorwurfs sowohl, als der Personen, weit umfassender, da der Dictator selbst nicht in Abrede war, daß er das Recht zu einer unbeschränkten Untersuchung habe. Nun wurden Männer von Range vorgefordert, und wandten sie sich an die Tribunen, so war ihnen von diesen nicht Einer dazu behülflich, die Eintragung ihrer Namen in das Verzeichniß der Angeklagten zu verhindern. Da versicherten die Adlichen, und nicht bloß die, gegen welche die Beschuldigung gerichtet war, sondern alle, «den Adel treffe diese Beschuldigung nicht, da ihm der Weg zu Ehrenstellen, wenn ihm nicht Ränke denselben sperrten, immer offen stehe, sondern die Emporkömmlinge: folglich würden der Dictator und der Magister Equitum selbst mit dieser Beschuldigung eher in Anspruch zu nehmen, als dazu taugliche Richter sein, und diese Wahrheit an sich selbst erfahren, sobald sie ihre Ämter niedergelegt hätten.» Und da nun trat Mänius, dem sein guter Name wichtiger war, als sein Amt, vor der Versammlung auf und sprach: «Theils ist euch Allen, ihr Quiriten, mein bisheriger Wandel nicht unbekannt, theils ist selbst dies mir angetragene Ehrenamt meiner Unschuld Zeuge. Denn dasmal verlangten die Umstände des States nicht wie so oft, denjenigen zum Dictator, der den größesten Kriegsruhm besaß, sondern, um diese Untersuchung zu leiten, den, der sich in seinem Wandel von diesem Rottengeiste in der weitesten Ferne gehalten hatte. Weil aber einige von Adel – aus Gründen, die ich lieber eurem Ermessen anheimgebe, um nicht hier als Obrigkeit etwas Unerwiesenes zu behaupten – zuerst alle ihre Kräfte aufboten, die ganze Untersuchung umzuwerfen; dann, als sie dazu zu ohnmächtig waren, um sich nur nicht der Verantwortung zu stellen, lieber in die Bollwerke ihrer Gegner, in den erfleheten Schutz und Beistand der Tribunen flüchteten; und endlich, auch hier abgewiesen – so sehr hielten sie jedes andre Mittel für sicherer, als den Erweis ihrer Unschuld – gegen uns herangestürmt sind und sich 277 nicht entblödet haben, als Unbeamtete einen Dictator zu belangen: so entsage ich hiemit, um alle Götter und Menschen zu Zeugen zu haben, daß jene, um nur von ihrem Betragen nicht Rechenschaft zu geben, sich auch an Dinge wagen, die ihnen unerreichbar sind, und daß ich hingegen ihrer Beschuldigung entgegentrete, und mich meinen Feinden als Beklagter stelle, meiner Dictatur. Euch, ihr Consuln, ersuche ich, sobald euch dies Geschäft vom Senate übergeben sein wird, die Untersuchung zuerst mit mir und diesem Marcus Foslius anzustellen, um daraus hervorgehen zu lassen, daß wir durch unsre Unschuld, nicht durch die Hoheit unsres Amts, gegen diese, elenden Verläumdungen gesichert sind.» Darauf legte er seine Dictatur nieder, und sogleich auch Foslius seine Stelle als Magister Equitum: sie waren die ersten die vor den Consuln – denn diesen wurde die Sache nun vom Senate übertragen – als Beklagte erschienen, und wurden, gegen die Zeugnisse von Adlichen, sehr ehrenvoll freigesprochen. Auch Publilius Philo, der so oft die höchsten Stellen bekleidet, so oft im Frieden und Kriege sich ausgezeichnet hatte, dem aber der Adel nicht wohl wollte, mußte sich verantworten und wurde freigesprochen. Die Untersuchung blieb, wie gewöhnlich, nur so lange sie neu war, gegen die Beklagten von großem Namen in Kraft: dann sank sie zu geringeren Personen herab, bis sie endlich den Übeln, denen sie hatte steuren sollen, Verbindungen und Parteien, erlag. 27. Das Gerücht von diesen Auftritten, noch mehr aber der gehoffte Abfall der Campaner, der das Ziel der Verschwörung war, rief die Samniten, die sich nach Apulien gewandt hatten, wieder nach Caudium zurück, um von hier aus nahe genug zu sein, sobald ihnen ein Aufstand die Gelegenheit eröffnete, den Römern Capua entreißen zu können. Mit einem starken Heere zogen die Consuln hieher. Und anfangs ging man in der Gegend der Forstpässe, weil beide Theile nur mit Gefahr an den Feind gelangen konnten, nur zögernd zu Werke: dann aber zogen die Samniten ihr Heer durch offene Stellen auf einem 278 kurzen Umwege in die Ebene herab, in die Campanischen Gefilde, und hier wurde zuerst ein feindliches Lager dem andern sichtbar: darauf versuchte man sich auf beiden Seiten in leichten Gefechten, mehr mit Reuterei, als Fußvolk, und die Römer hatten keine Ursache, mit dem Erfolge derselben so wenig, als mit dem langsamen Gange des Krieges unzufrieden zu sein. Die Samnitischen Feldherren hingegen waren der Meinung, daß ihre Macht durch die täglichen kleinen Verluste geschmälert werde, und bei dem Aufschube des Treffens erschlaffe. Folglich traten sie zur Schlacht auf, so daß sie die Reuterei auf die Flügel vertheilten und ihr den Befehl gaben, mit größerer Aufmerksamkeit auf das Lager, daß dort kein Einbruch geschehe, als auf die Schlacht, nur dazustehen; dadurch werde auch die Linie des Fußvolks gedeckt sein. Die Consuln nahmen ihren Platz, Sulpicius auf dem rechten, Pötelius auf dem linken Flügel. Der rechte, welchem gegenüber sich auch die Samniten, entweder um den Feind zu umgehen, oder um selbst nicht umgangen zu werden, in dünne Reihen gestellt hatten, stand in einer gedehnten Ausbreitung. Die Stärke des linken gewann, außerdem daß er gedrängter stand, noch durch den schnellen Entschluß des Consuls Pötelius, der die Cohorten des Rückhaltes, deren volle Kraft auf die Ereignisse eines längeren Kampfs gespart bleiben sollte, sogleich in die erste Linie treten ließ und mit seiner ganzen Macht die Feinde beim ersten Angriffe zum Weichen brachte. Als die Linie des Samnitischen Fußvolks zurückgedrängt war, trat ihre Reuterei in den Kampf, Als sie in die Quer zwischen beiden Linien eindrang, jagte die Römische Reuterei auf sie ein, und warf die Reihen und Glieder des Fußvolks und der Reuterei zusammen, bis sie endlich die ganze Linie auf dieser Seite in die Flucht schlug. Auf diesem Flügel war nicht allein Pötelius als Ermunterer zugegen gewesen, sondern auch Sulpicius, der, auf das vom linken Flügel zuerst erhobene Geschrei, von den Seinigen, die noch nicht mit dem Feinde handgemein wurden, hieher geritten war. Als er hier den Sieg entschieden sah und mit zwölfhundert 279 Mann seinem Flügel wieder zueilte, fand er dort Alles ganz anders: die Römer aus ihrem Stande gedrängt, den siegreichen Feind in die Geschlagenen eindringend. Allein die Ankunft des Consuls änderte Alles auf einmal. Denn theils fand sich bei den Soldaten durch den Anblick ihres Feldherrn der Muth wieder ein, theils brachten die ankommenden Tapfern eine stärkere Hülfe mit, als ihre Zahl versprach; theils stellte der Sieg des andern Flügels, von dem sie hörten, und gleich darauf auch Augenzeugen waren, das Treffen wieder her. Nun siegten die Römer auf der ganzen Linie, und die Samniten, die den Kampf aufgaben, wurden niedergehauen und gefangen genommen, außer die sich nach der Stadt Maleventum retteten, welche jetzt den Namen Beneventum führt. Den Meldungen zufolge wurden an dreißigtausend Samniten getödtet oder gefangen. 28. Nach diesem erfochtenen herrlichen Siege führten die Consuln ihre Legionen sogleich von da zur Belagerung von Bovianum, und hatten hier ihr Winterlager, bis der von den neuen Consuln, Lucius Papirius Cursor – er war es zum fünften- – und Cajus Junius Bubulcus – er war es zum zweitenmale – zum Dictator ernannte Cajus Pötelius mit seinem Magister Equitum Marcus Foslius das Heer übernahm. Auf die Nachricht von der Eroberung der Fregellanischen Burg durch die Samniten gab er Bovianum auf und zog nach Fregellä, welches er wegen der nächtlichen Entweichung der Samniten ohne Kampf gewann, eine starke Besatzung hineinlegte und von hier nach Campanien zurückging, hauptsächlich um Nola wieder zu erobern. Hier hatten sich gegen die Ankunft des Dictators theils die sämtlichen Samniten, theils die Nolanischen Landleute in die Mauern geworfen. Nachdem der Dictator die Lage der Stadt in Augenschein genommen hatte, ließ er, um einen offnern Zugang an die Werke zu haben, alle Häuser um die Stadtmauern her – und man hatte sich hier häufig angebaut – in Brand stecken; und bald darauf wurde, entweder vom Dictator Pötelius, oder vom Consul Cajus Junius – denn beide Angaben finden 280 sich – Nola erobert. Die die Ehre der Eroberung Nola's dem Consul zuwenden, fügen hinzu, er habe auch Atina und Calatia erobert, Pötelius aber sei bei ausgebrochener Pest zur Einschlagung eines Nagels zum Dictator ernannt, Auch wurden in diesem Jahre nach Suessa und Pontiä Pflanzungen ausgeführt. Suessa hatte den Aurunkern gehört; Pontiä hatten die Volsker bewohnt, weil diese Insel im Angesichte ihrer Küste lag. Ferner wurde der Senatsschluß ausgefertigt, daß nach Interamna und Casinum Pflanzungen ausgeführt werden sollten: allein erst die folgenden Consuln Marcus Valerius und Publius Decius ernannten dazu die Dreimänner und ließen viertausend Anbauer hingehen, 29. Den Samnitischen Krieg hatte man beinahe ausgefochten, da erhob sich, ehe noch die Römischen Väter dieser Sorge sich entledigen konnten, der Ruf von einem Hetruskischen. Und es gab in jenem Zeitalter kein Volk, vor dessen Waffen man sich, nächst den Einbrüchen der Gallier, mehr gefürchtet hätte, außer seiner Nähe auch wegen seines Überflusses an Menschen. Da also der eine Consul die Überbleibsel des Kriegs in Samnium verfolgte, ernannte Publius Decius, der wegen einer schweren Krankheit in Rom geblieben war, auf Befehl des Senats einen Dictator, den Cajus Sulpicius Longus, der den Cajus Junius Bubulcus zu seinem Magister Equitum ernannte Sigonius, Pighius, Drakenborch und Crevier lesen den Fastis Capitolinis zufolge: dictatorem C. Sulpicium Longum, qui magistrum equitum C. Iunium Bubulcum dixit. Und so habe ich übersetzt. Der Irrthum der Abschreiber erklärt sich hier leicht. Aus dem einen Namen gingen sie zum andern über. . Er nahm, wie es die Wichtigkeit der Sache verlangte, alle Dienstfähigen in Eid, setzte Waffen und alles übrige Erforderliche mit größter Thätigkeit in Bereitschaft, und ohne sich durch seine großen Vorkehrungen zu einem angreifenden Kriege hinaufstimmen zu lassen, war er fest entschlossen, sich ruhig zu verhalten, wenn nicht die Hetrusker zuerst den Angriff thäten. Eben diesen Plan befolgten aber auch die Hetrusker sowohl in ihrer Rüstung 281 zum Kriege, als in seiner Verzögerung. Beide Theile gingen nicht über ihre Gränze. In dieses Jahr fällt auch die ausgezeichnete Censur des Appius Claudius und Cajus Plautius: doch hat Appius seinen Namen der Nachwelt mit größerem Glücke dadurch empfohlen, daß er den Weg pflasterte und eine Wasserleitung in die Stadt führte, und diese Werke allein vollendete; denn sein Amtsgenoß hatte vor Beschämung über die verrufene und verhaßte Musterung des Senats Worin diese bestanden habe, übergeht Livius hier, außerdem, daß es seinen Lesern bekannt war, vermuthlich deswegen, weil er selbst in der letzten Hälfte des 46sten Cap. dieses Buchs davon mehr zu sagen hat. sein Amt niedergelegt. Appius , der die seinem Stamme schon von alten Zeiten her eigene Festigkeit ausübte, behielt die Censur allein. Eben dieser Appius war Schuld daran, daß die Potitier, jenes Geschlecht, in welchem das Priesterthum am Großen Altare des Hercules erblich war, Sklaven, welche der Stat hielt, in den Geschäften dieses Gottesdienstes, um deren Verrichtung ihnen übertragen zu können, unterrichteten. Und hier wird erzählt, was freilich wunderbar klingt, und es zur Gewissenssache machen könnte, die festgesetzte Einrichtung gottesdienstlicher Angelegenheiten zu stören, von zwölf damals lebenden Familien der Potitier, unter denen dreißig Erwachsene waren, wären die sämtlichen Mitglieder innerhalb einem Jahre mit ihren Kindern ausgestorben, und nicht bloß der Name der Potitier sei erloschen, sondern auch der Censor Appius habe, weil ihm dies die Götter gedachten, nach einer Reihe von Jahren das Gesicht verloren. 30. Die Consuln also, die auf dieses Jahr folgten, Cajus Junius Bubulcus zum dritten- und Quintus Ämilius Barbula zum zweitenmale, führten gleich mit dem Anfange des Jahrs bei dem Volke darüber Klage, daß durch die unstatthafte Musterung des Senats dieser Stand entehrt sei, insofern sie Manchen ausgestoßen habe, der ein weit würdigeres Mitglied sei, als die Aufgenommenen; sie erklärten, sie würden sich nach dieser Musterung, die ohne Rücksicht auf Recht und Unrecht nur mit 282 Parteilichkeit und Willkür ausgeübt sei, keinesweges richten, und lasen den Senat sogleich nach jener Reihe ab, die vor der Censur des Appius Claudius und Cajus Plautius gültig gewesen war. In diesem Jahre wurden auch zum erstenmale zwei Oberstellen vom Volke vergeben, welche beide in das Kriegsfach gehörten; nämlich einmal sollten immer sechszehn Stellen der Kriegsobersten für die vier Legionen vom Volke besetzt werden, welche vorher, bis auf wenige der Wahl des Volks überlassene Plätze, meistens von der Begünstigung der Dictatoren oder Consuln abhingen. Diesen Vorschlag brachten die Bürgertribunen Lucius Atilius und Cajus Marcius zur Gültigkeit. Zum Andern, das Volk sollte ebenfalls beim Seewesen Zweiherren zur Ausrüstung und Ausbesserung der Flotte ansetzen. Dieser Volksschluß war das Werk des Bürgertribuns Marcus Decius . Einen andern geringfügigen Vorfall dieses Jahrs würde ich übergehen, wenn ich nicht glaubte, daß er auf die gottesdienstlichen Angelegenheiten Bezug habe. Weil die vorigen Censorn den Flötenspielern untersagt hatten, ihr Mahl nach altem Herkommen im Tempel Jupiters zu halten, so gingen diese aus Verdruß in einem ganzen Zuge nach Tibur , so daß niemand in der Stadt war, der bei den Opfern blies. Den Senat beschäftigte dies als Gewissenssache, und er schickte Gesandte nach Tibur, mit der Bitte, es so einzuleiten, daß diese Leute wieder nach Rom geliefert würden. Die Tiburtiner sagten dies willig zu, forderten sie zuerst vor den Rath und ermahnten sie, nach Rom zurückzugehen: als die Vorstellungen umsonst waren, brauchten sie eine List, die von der Neigung dieser Leute hergenommen war. An einem Festtage luden sie unter dem Vorwande, das Mahl durch Gesang zu feiern, der eine diesen, der andre den, und ließen sie bei vollem Genusse des Weins, den Leute dieser Art meistens lieben, einschlafen, warfen sie so, vom Schlafe gefesselt, auf Wagen und fuhren sie nach Rom; auch merkten diese nichts, bis ihnen, da man die Wagen auf dem Markte hatte stehen lassen, bei vollem Rausche der Tag in die Augen schien. 283 Nun lief das Volk zusammen, und weil sie einwilligten, hier zu bleiben, wurde ihnen vergönnt, jährlich drei Tage lang in ihrem Schmucke unter Flötenspiel mit der jetzt zur Feier gehörigen Ausgelassenheit durch die Stadt umherzuziehen, und denen, die bei den Opfern vorblasen mußten, wurde das Recht wieder eingeräumt, ihr Mahl im Tempel zu halten. So beschäftigte man sich unter den Zurüstungen zu zwei so wichtigen Kriegen. 31. Die Consuln theilten sich in die Kriegsgegenden. Dem Junius beschied das Los die Samniten, dem Ämilius Hetrurien, als neuen Schauplatz. In Samnium hatte sich das von den Römern besetzte Cluvia, dessen Eroberung keinem Sturme gelang, nach erfolgter Einschließung den Samniten aus Hunger ergeben, und sie hatten die Besatzung nach der Übergabe auf eine scheusliche Art unter zerfleischenden Prügeln gemordet. Junius, der, über diese Grausamkeit erbittert, einen Sturm auf Cluvia sein erstes Werk sein ließ, nahm es an eben dem Tage, an welchem er die Mauern stürmend angriff, ein, und machte alle Erwachsenen nieder. Von hier wurde das siegreiche Heer vor Bovianum geführt. Dies war die überaus reiche und mit Waffen und Mannschaft überflüssig versehene Hauptstadt der Pentrischen Samniten. Hier, wo die Erbitterung nicht so groß war, wurden die Soldaten durch die Hoffnung der Beute gereizt, und eroberten die Stadt. Man verfuhr also auch nicht so hart gegen den Feind: an Beute aber führte man beinahe mehr aus, als aus ganz Samnium, und freigebig überließ man sie alle den Soldaten. Weil nun dem durch seine Waffen übermächtigen Römer keine Heere, kein Lager, keine Festung widerstehen konnten, so legten es die sämtlichen Häupter Samniums recht eigentlich darauf an, einen Hinterhalt auszumitteln, in welchem man das feindliche Heer, wenn es sich eine ausgebreitete Plünderung erlaubte, überfallen und umzingeln könnte. Einige Überläufer vom Lande und Gefangene, welche den Römern theils durch Zufall, theils absichtlich aufstießen, gaben durch ihre übereinstimmende und nicht ungegründete Aussage vor dem Consul, daß eine 284 große Menge Vieh in einen unwegsamen Forst zusammengetrieben sei, die Veranlassung, die Legionen ohne Heergeräth zu dieser Beute hinzuführen. Ein starkes hier verstecktes feindliches Heer hatte die Wege besetzt, und sobald es die Römer in dem Forste einherziehen sah, brach es plötzlich mit Geschrei und Getöse hervor, und griff die Überraschten an. Diese erhielt der neue Auftritt so lange in Bestürzung, als sie sich waffneten und ihr Gepäck in die Mitte zusammenwarfen: dann aber, als sie sich von allen Seiten, so wie sich jeder seiner Last entledigt und zum Gefechte in Stand gesetzt hatte, zu den Fahnen sammelten und die Linie, durch alte Übung im Dienste an Reih und Glied gewöhnt, ohne Feldherrngebot sich von selbst aufpflanzte, sprengte der Consul zur mißlichsten Stelle des Kampfes hin, sprang vom Pferde, und betheuerte unter Anrufung des Jupiter, des Mars und anderer Götter: «Nicht die Aussicht auf eignen Ruhm, sondern auf Beute für die Soldaten, habe ihn hieher gezogen; man könne ihm weiter nichts vorwerfen, als einen zu großen Eifer, seine Soldaten in Feindes Lande reich zu machen: und von dieser Beschämung könne nichts in der Welt, als die Tapferkeit der Soldaten, ihn retten. Sie möchten nur Alle mit Einem Muthe zum Angriffe gegen einen Feind sich erheben, den sie geschlagen, aus seinen Lagern gejagt, von Festungen entblößt hätten; der seine letzte Hoffnung in den Tücken eines Hinterhalts versuche, und auf Ort, nicht auf Waffen, sich verlasse. Welcher Ort aber jetzt der Römischen Tapferkeit unüberwindlich sei?» Dann erinnerte er sie an die Burg zu Fregellä, an die zu Sora, und an alle die Stellen, wo der Kampf, dem Boden zum Trotze, gelungen war. Der Soldat, hiedurch angefeuert, achtete keiner Schwierigkeit, und ging auf die herabdrohende feindliche Linie ein. So lange der Zug zur Anhöhe gerade hin anstieg, gab es einige Arbeit: allein sobald die ersten Fahnen die obere Fläche gewannen, und es der Linie merklich wurde, daß sie auf ebenem Boden fußte, ging der Schrecken sogleich zu den Auflauerern über; und zerstreut 285 und ohne Waffen suchten sie auf ihrer Flucht dieselben Schlupfwinkel wieder, wo sie sich vorher versteckt hatten: allein die beschwerliche Gegend, die sie für den Feind ausgesucht hatten, verwickelte sie in ihre eigne Falle. Sehr begreiflich fanden nur Wenige einen Ausweg offen; an die zwanzigtausend Menschen wurden niedergehauen, und die siegreichen Römer zerstreuten sich zum Raube der ihnen vom Feinde selbst vorgetriebenen Heerden. 32. Während dieser Vorfälle in Samnium hatten schon die sämtlichen Völkerschaften Hetruriens, die Arretiner ausgenommen, zu den Waffen gegriffen, und mit der Belagerung Sutrium's, einer Römischen Bundesstadt, die gleichsam der Schlüssel zu Hetrurien war, den großen Krieg eröffnet. Hier fand sich der eine Consul Ämilius mit seinem Heere ein, die Einschließung der Bundesgenossen zu hintertreiben. Den ankommenden Römern führten die Sutriner in ihr vor der Stadt aufgeschlagenes Lager reichliche Vorräthe zu. Die Hetrusker ließen den ersten Tag unter Beratschlagungen verstreichen, ob sie sich im Kriege beeilen oder zögern sollten. Und da sich ihre Feldherren lieber für den schleunigen, als für den sichern Gang erklärten, wurde. am folgenden Tage mit Sonnenaufgang das Zeichen zur Schlacht aufgesteckt, und sie traten bewaffnet in Linie. Auf die Anzeige davon ließ der Consul sogleich die Losung umgehen, die Soldaten sollten ihr Mittagsbrot essen und vom Genusse neugestärkt die Waffen ergreifen. Sein Befehl ward befolgt. Als sie der Consul gerüstet und fertig sah, ließ er ausrücken und stellte seine Schlachtordnung nicht weit vom Feinde. Eine ziemliche Zeit standen sie von beiden Seiten gespannt und in der Erwartung, daß das Geschrei und Gefecht von Seiten der Gegner sich erheben würde; und die Sonne neigte sich schon um Mittag, ehe ein Pfeil von hier oder von dort abgeschossen war. Um nicht unverrichteter Sache abzuziehen, erhoben die Hetrusker das Geschrei; die Trompeten ertönten und der Angriff erfolgte. Eben so bereitwillig gingen die Römer in die Schlacht und man traf erbittert auf einander; der Feind überlegen an Zahl, die Römer an 286 Tapferkeit. Ohne Entscheidung raffte das Treffen viele Leute weg, und immer die Tapfersten, und nicht eher neigte sich das Gefecht, bis die zweite Linie der Römer in die Vorderreihen, mit ungeschwächter Kraft ihren Ermüdeten nachrückte. Die Hetrusker, deren erste Linie von keinen frischen Truppen unterstützt war, fielen alle vor und neben ihren Fahnen. Es würde in keiner Schlacht weniger geflohen und mehr gemordet sein, hätte nicht die zum Tode entschlossenen Tusker die Nacht umhüllt, so daß die Sieger eher zu fechten aufhörten, als die Besiegten. Erst nach Sonnenuntergang wurde das Zeichen zum Abzuge gegeben, und in der Nacht kehrten beide Theile in ihr Lager zurück. Auch fiel nachher in diesem Jahre nichts Merkwürdiges bei Sutrium vor: denn theils war im feindlichen Heere die ganze erste Linie in der einzigen Schlacht aufgerieben, und nur das Hintertreffen noch übrig, das kaum zur Deckung des Lagers hinreichte, theils gab es auf der Römer Seite so viele Wunden, daß nach dem Treffen mehr Verwundete starben, als in der Linie gefallen waren. 33. Quintus Fabius, der Consul des folgenden Jahres, überkam die Führung des Krieges bei Sutrium. Der dem Fabius gegebene Amtsgenoß war Cajus Marcius Rutilus. Freilich führte Fabius von Rom Ergänzungstruppen hin, allein auch zu den Hetruskern stieß ein neues aus ihrer Heimat aufgebotenes Heer. Seit einer Reihe von Jahren hatte es zwischen den patricischen Obrigkeiten und den Tribunen keine Streitigkeiten gegeben, als sich aus der Familie, welche zu Zwisten mit den Tribunen und dem Bürgerstande gleichsam geboren Ich folge der von Gronov vorgeschlagenen und von Drakenborch durch weitere Nachweisungen (zu IV. 13, 11.) gebilligten Lesart: quae velut nata litibus cum tribunis ac plebe erat. Stroth will fatalis litibus cum trib. lesen. Dann muß das ganze Wort litibus eingeschaltet werden; da man hingegen bei Gronovs Vorschlage, wie mich dünkt, die Entstehung der Silbe lis (in dem fälschlich statt nata gelesenen fata) aus lib 9 sich eher erklären kann. schien, ein Streit erhob. Der Censor Appius Claudius ließ sich, als die achtzehn Monate verflossen 287 waren, auf welche kraft des Ämilischen Gesetzes die Dauer der Censur begränzt war, obgleich sein Amtsgenoß Cajus Plautius, sein Amt niedergelegt hatte, durch kein Mittel dazu vermögen, vom Amte abzugehen. Der Volkstribun Publius Sempronius war es, der die gerichtliche Klage, die Censur in die gesetzmäßigen Zeitgränzen einzuschränken, übernommen hatte, die nicht sowohl auf Volksgunst, als auf Gerechtigkeit abzweckte, und dem großen Haufen nicht angenehmer sein konnte, als jedem besseren Manne. Nach wiederholter Anführung des Ämilischen Gesetzes, und vielen, dem Urheber desselben, dem Dictator Mamercus Ämilius deshalb ertheilten Lobsprüchen, weil er die ehemals fünfjährige und durch diese Dauer zur gebietenden Macht gewordene Censur auf das Maß von anderthalb Jahren eingeschränkt habe, rief er aus: «So sage doch einmal, Appius Claudius, was du gethan haben würdest, wenn du damals Censor gewesen wärest, als Cajus Furius und Marcus Geganius es waren.» Appius antwortete: «Die Frage des Tribuns habe auf seine Sache nur eine entfernte Beziehung. Denn habe gleich das Ämilische Gesetz jene Censoren gebunden, in deren Amte es gegeben sei, weil es vom Gesamtvolke nach der Wahl jener Censoren angenommen sei, und jedesmal das in Rechtskraft trete und gültig werde, was zuletzt die Zustimmung des Volks erhalten habe; so könne doch weder er, noch irgend jemand, den man nach der Annahme dieses Gesetzes zum Censor gewählt habe, an dies Gesetz gebunden sein.» 34. Als Appius, ohne den geringsten Beifall zu erhalten, diese Spitzfindigkeiten vorbrachte, fuhr jener fort: «Da seht ihr, Quiriten, den ächten Nachkömmling jenes Appius, der, auf Ein Jahr zum Decemvir gewählt, im zweiten Jahre sich selbst wählte, im dritten ohne alle, sowohl eigne, als fremde Wahl, als ein Unbeamteter die Ruthenbündel und die Regierung beibehielt, und die fortgesetzte Führung eines obrigkeitlichen Amtes nicht eher aufgab, bis seine eben so unrechtmäßig beibehaltenen, als schlecht erworbenen und schlecht geübten 288 Machthabereien über ihm zusammenschlugen. Dies ist eben die Familie, ihr Quiriten, durch deren Gewalttätigkeiten und Ungerechtigkeiten ihr gezwungen wurdet, euch als Flüchtlinge eurer Vaterstadt auf den heiligen Berg zu ziehen; dieselbe, gegen die ihr das schützende Tribunat vor euch hinstelltet; dieselbe, um welcher willen ihr in zwei Heeren den Aventinus besetztet: sie bestritt jedesmal die gegen den Wucher, die für die Landvertheilungen gethanen Vorschläge; sie zerriß das Heirathsband zwischen Adlichen und Bürgerlichen; sie sperrte dem Bürgerstande den Weg zu den hohen Stellen: sie macht ein Haus, das eurer Freiheit viel aufsätziger ist, als das Tarquinische. So sollte also nach deiner Meinung, Appius Claudius, da es doch in den hundert Jahren seit der Dictatur des Mamercus Ämilius so viele Censorn gab, die alle angesehene und tüchtige Männer waren, keiner von Allen die zwölf Tafeln gelesen haben? keiner gewußt haben, daß nur das rechtskräftig sei, was zuletzt die Zustimmung des Volkes erhielt? Wahrhaftig sie wußten das Alle, und eben deswegen richteten sie sich vielmehr nach dem Ämilischen Gesetze, als nach jenem älteren, wodurch die Wahl der ersten Censorn geboten war; weil das neue vom Volke zuletzt genehmigt war, und weil jedesmal, wo es zwei einander widersprechende Gesetze giebt, das neue das alte schweigen heißt. Oder willst du so viel sagen, Appius, das Volk sei nicht an das Ämilische Gesetz gebunden? oder, das Volk sei freilich gebunden; nur du seiest gesetzlos? Band doch das Ämilische Gesetz jene gewaltthätigen Censorn, Cajus Furius und Marcus Geganius, die den Beweis gaben, wie viel Unheil dieses Amt im State stiften könne, da sie aus Rache für die Beschränkung ihres Amts den Mamercus Ämilius, den ersten Mann seines Zeitalters im Kriege und Frieden, zum Steuersassen machten. Es band alle folgenden Censoren in dem Zeitraume von hundert Jahren. Noch jetzt bindet es deinen Amtsgenossen, den Cajus Plautius, der doch mit denselben Feierlichkeiten, mit denselben Rechten gewählt ist, als du. Oder hat ihn 289 etwa das Volk nicht zu einem Censor gewählt, der alle zur Censur gehörigen Rechte haben sollte; und findet bei dir allein die Ausnahme statt, daß diese Formel bei dir eine vorzügliche und besondre Bedeutung haben soll? Soll der, den man zum Opferkönige wählt, sich an den königlichen Namen halten, und behaupten, er sei durch diese Wahl zum Könige Roms mit allen dazu gehörigen Rechten gewählt? Was meinst du, würde noch wohl jemand mit einer halbjährigen Dictatur, mit einer Zwischenregierung von fünf Tagen sich begnügen lassen? dürfte man es wagen, jemand zur Einschlagung eines Nagels, zur Eröffnung der Festspiele zum Dictator zu ernennen? Als was für einfältige und schläfrige Köpfe müssen euch nicht jene Männer erscheinen, die nach Aufstellung der größten Thaten innerhalb zwanzig Tagen die Dictatur niederlegten, oder, weil bei ihrer Wahl ein Fehler vorgefallen war, vom Amte abgingen? Wozu soll ich die alten Beispiele wieder hervorrufen? Legte doch neulich erst, vor noch nicht zehn Jahren, der Dictator Cajus Mänius, weil ihm bei den Untersuchungen, die er für die Sicherheit einiger Mächtigen mit zu großer Strenge ausübte, von seinen Feinden die Theilnahme an dem Verbrechen Schuld gegeben wurde, das er gerade selbst zu untersuchen hatte, seine Dictatur nieder, um als der Amtlose der Beschuldigung die Stirn zu bieten. Eine solche Bescheidenheit will ich dir keinesweges zumuthen: arte du ja deiner herrschsüchtigen und übermüthigen Familie nicht aus: du sollst nicht um einen Tag, nicht um eine Stunde früher, als nöthig ist, von deinem Amte abgehen; nur die festgesetzte Zeit sollst du nicht überschreiten. – Genügt es ihm etwa, entweder einen Tag, oder einen Monat zu seiner Censur hinzuzuthun? Nein, spricht er, drei und ein halbes Jahr länger, als ich nach dem Ämilischen Gesetze darf, will ich die Censur verwalten, und zwar allein verwalten. Das sieht ja gerade so aus, wie ein Königthum. Oder willst du dir etwa einen nachgewählten Amtsgenossen geben lassen, da man nicht einmal an die Stelle eines Verstorbenen einen nachwählen darf? Nun ja, du bist 290 noch nicht damit zufrieden, die älteste Opferfeier, die einzige, die selbst von dem Gotte gestiftet ward, dem sie gewidmet ist, den edelsten Vorstehern dieses heiligen Geschäfts abgenommen und zu einem Sklavendienste – du, der gewissenhafte Censor – erniedrigt zu haben; ein Geschlecht, dessen Alter über den Ursprung unsrer Stadt hinaufgeht, das uns durch die bei sich bewirtheten Gottheiten ehrwürdig ist, durch dich und deine Censur binnen Jahresfrist von Grund aus vertilgt zu sehen; wenn du nicht auch den ganzen Stat mit einem Frevel belädst, den ich schon der bösen Vorbedeutung wegen nicht zu nennen wage. In denselben fünf Jahren wurde die Stadt erobert, während welcher Lucius Papirius Cursor, um sein Amt nicht niederzulegen, nach dem Absterben seines Amtsgenossen, des Censors Cajus Julius, sich den Marcus Cornelius Maluginensis zum nachgewählten Amtsgenossen geben ließ. Und wie viel bescheidener war seine Amtssucht, als die deinige, Appius? Weder allein, noch über die durch das Gesetz bestimmte Zeit hinaus führte Lucius Papirius seine Censur: und dennoch hat sich niemand gefunden, der nach ihm seinem Beispiele gefolgt wäre. Alle späteren Censoren legten nach dem Tode ihres Amtsgenossen ihre Stelle nieder. Du aber lässest dich weder durch die abgelaufene Zeit der Censur, noch durch die Abdankung deines Amtsgenossen, von keinem Gesetze, keiner Scham, in deine Schranken weisen: in deinen Übermuth, in deine Frechheit und Verachtung aller Götter und Menschen setzest du dein Verdienst. In Rücksicht auf deine erhabene Würde, Appius Claudius, und auf die ihr gebührende Achtung, möchte ich nicht gern Hand an dich legen lassen, ja nicht einmal ein unsanfteres Wort gegen dich ausgestoßen haben: allein dieser dein Starrsinn und Übermuth war es, der mich zwang, die bis jetzt gerügte Klage gegen dich vorzubringen; und wenn du dem Ämilischen Gesetze nicht Folge leistest, werde ich dich ins Gefängniß bringen lassen; und da unsre Vorfahren die Einrichtung getroffen haben, daß sogar der Wahltag, ohne den 291 Einen Censor anzukündigen, auf den Fall ausgesetzt werden muß, wenn nicht beide die gehörige Stimmenzahl haben, so werde ich für meine Person nicht gestatten, daß du, der du doch zum alleinigen Censor nicht gewählt werden kannst, die Censur allein behaltest.» Nach diesen und ähnlichen Anführungen hieß er den Censor greifen und ins Gefängniß führen. Allein gegen sechs, dem Verfahren ihres Amtsgenossen beistimmende, Tribunen leisteten drei dem ihren Schutz fordernden Appius Beistand, und zur höchsten Misbilligung aller Stände setzte Appius die Censur allein fort. 35. Während dieser Auftritte in Rom wurde Sutrium schon von den Hetruskern belagert, und der Consul Fabius, der am Fuße des Gebirges heranrückte, um den Bundesgenossen Hülfe zu bringen, und, wenn es sich thun ließe, einen Versuch auf die feindlichen Verschanzungen zu machen, stieß auf die schlachtfertige Linie der Feinde. Und da ihn die weite sich hinabstreckende Fläche ihre ansehnliche Menge übersehen ließ, so zog er sich, um seinen wenigen Truppen durch die Stellung zu helfen, etwas seitwärts auf die Hügel – sie waren aber felsicht und wie mit Steinen besäet – und richtete nun seine Linie dem Feinde entgegen. Die Hetrusker, die an nichts, als an ihre Menge dachten, auf die sie sich allein verließen, stürzten mit solcher Hitze zur Schlacht heran, daß sie, um nur so viel eher handgemein zu werden, mit Wegwerfung ihrer Geschosse, im Andringen auf den Feind die Schwerter zogen. Die Römer hingegen überschütteten sie hier mit Pfeilen, dort mit Steinen, womit der Boden selbst sie reichlich bewaffnete. Getroffen auf Schild und Helm blieben auch die, die keine Wunde bekamen, nicht ohne Bestürzung: zum näheren Kampfe hinaufzudringen, war nicht so leicht, und Geschosse zum Gefechte aus der Ferne hatten sie nicht. Dastehend und jedem Schusse ausgesetzt, durch nichts gehörig gedeckt, zum Theile schon sich zurückziehend, wurden sie in ihrer wankenden, unhaltbaren Linie vom ersten und zweiten Gliede der Römer, mit erneuertem Geschrei und gezücktem Schwerte angegriffen. 292 Diesen Andrang hielten die Hetrusker nicht aus: sie wandten sich und stürzten in völliger Flucht ihrem Lager zu. Da aber die Römische Reuterei, die schräg über das Feld ihnen vorsprengte, sich den Fliehenden in den Weg warf, verließen sie die Richtung gegen das Lager und flohen dem Gebirge zu. Dann ging ihr Zug, beinahe waffenlos und übel von Wunden zugerichtet, tiefer in den Ciminischen Wald. Die Römer, die viele tausend Hetrusker erlegt und achtunddreißig Fahnen erbeutet hatten, bemächtigten sich auch des feindlichen Lagers mit einer ansehnlichen Beute. Und nun dachte man auf die Verfolgung des Feindes. 36. Der Ciminische Wald war damals noch unwegsamer und schauerlicher, als neulich Germaniens Gebirgwälder, und bis dahin hatte ihn auch nicht einmal ein Kaufmann betreten. Sich in diesen hineinzuwagen, hatte fast niemand den Muth, den Feldherrn allein ausgenommen: den übrigen Allen war das Andenken an das Unglück bei Caudium noch zu neu. Da erbot sich von den Mitgliedern des Kriegsraths des Consuls Bruder Marcus Fabius – Andre geben ihm den Vornamen Cäso, Einige machen ihn unter dem Namen Cajus Claudius zu einem Bruder des Consuls von Einer Mutter – als Kundschafter hinzugehen, und nächstens von Allem sichern Bericht zu geben. Zu Cäre bei Gastfreunden erzogen, hatte er in den Hetruskischen Wissenschaften Unterricht bekommen und war mit der Hetruskischen Sprache vertraut. Ich finde angegeben, daß man allgemein die Römischen Knaben, wie jetzt im Griechischen, so damals im Hetruskischen, habe unterrichten lassen. Allein es ist wahrscheinlicher, daß dies bei dem Manne, der in Feindes Lande eine so gewagte Rolle zu spielen übernahm, etwas vorzügliches gewesen sei. Er soll Einen Sklaven mitgenommen haben, der zugleich mit ihm erzogen, und eben darum jener Sprache nicht unkundig war. Auch ließen sie sich auf ihrer Reise keine weitere Auskunft geben, als nur im Allgemeinen über die Beschaffenheit der Gegend, die sie bereisen, sollten, und die Namen der Großen unter den 293 Völkerschaften, um sich nicht in Gesprächen durch ihr Stocken bei irgend einem auffallenden Umstande zu verrathen. Sie gingen als Hirten gekleidet, mit ländlichem Geräthe bewaffnet, jeder mit einer Sichel und zwei Gallischen Wurfspießen. Allein weder die Bekanntschaft mit der Sprache, noch ihr Aufzug in Kleidung und Waffen schützte sie so, als die Unglaublichkeit, daß sich ein Ausländer in die Ciminischen Waldungen wagen werde. Sie sollen sich bis zur Stadt Camers in Umbrien durchgeschlichen haben. Hier soll es der Römer gewagt haben, sich kund zu geben; als er darauf vor ihren Senat geführt wurde, im Namen des Consuls auf Bündniß und Freundschaft angetragen haben; dann sehr gastfreundlich aufgenommen und beauftraget sein, den Römern zu melden, daß ihr Heer, wenn es diese Gegend beträte, auf dreißig Tage Lebensmittel in Bereitschaft und die bewaffnete Mannschaft der Camertischen Umbrier ihnen zu Befehl stehen solle. Auf diese Nachrichten ließ der Consul um die erste Nachtwache das Gepäcke voraufgehen, die Legionen dem Gepäcke folgen, und blieb selbst mit der Reuterei zurück: am folgenden Tage ritt er bei der ersten Frühe vor den außer dem Walde aufgestellten feindlichen Posten auf und ab, zog sich, nachdem er den Feind lange genug beschäftigt hatte, wieder in sein Lager, rückte zu einem andern Thore aus und holte noch vor Nacht seinen Zug wieder ein. Am folgenden Tage stand er mit aller Frühe auf den Höhen des Ciminischen Gebirges. Nach genommener Übersicht auf die fetten Gefilde Hetruriens, schickte er seine Soldaten von dort in das Land herab. Schon hatten sie die Menge Beute weggetrieben, als einige zusammengeraffte Cohorten von Hetruskischen Landleuten, die von den Häuptern jener Gegend in Eile aufgeboten waren, den Römern entgegentraten, allein in so schlechtem Zustande, daß sie, die Rächer der Beute, fast selbst zur Beute wurden. Die Römer hieben sie nieder und verjagten sie, plünderten das Land weit umher und kehrten als Sieger, mit allen Vorräthen reich beladen, in ihr Lager zurück. Eben waren hier fünf Gesandte mit zwei Bürgertribunen 294 eingetroffen, um im Namen des Senats dem Fabius anzudeuten, daß er nicht über das Ciminische Gebirge gehen solle. Voll Freude, daß sie zur Verhinderung des Feldzuges zu spät gekommen waren, kehrten sie als Siegesboten nach Rom zurück. 37. Durch diesen Zug des Consuls war der Krieg eher ausgebreitet, als getilgt. Denn die Verheerung war der am Fuße des Ciminischen Gebirges liegenden Gegend fühlbar geworden, und im Unwillen hatte sie nicht bloß die Völkerschaften Hetruriens, sondern auch die benachbarten Umbrier aufgewiegelt. Also zog sich ein Heer, so groß es vorher noch nie gewesen war, nach Sutrium, und rückte nicht bloß mit seinem Lager aus dem Walde hervor, sondern ließ sich aus Begierde zu schlagen eiligst auf die Ebene herab; hielt sich anfangs, nachdem es den Feinden, um sich gegenüber aufzustellen, Raum gelassen hatte, auf seinem Standpunkte, und erschien dann, als es den Feind einer Schlacht ausweichen sah, vor dessen Verschanzungen. Als die Hetrusker sahen, daß sogar die Posten in die Werke zurückgezogen waren, forderten sie sogleich mit Geschrei ihre Feldherren auf, ihnen die Kost auf heute aus dem Lager hieherbringen zu lassen; sie würden hier unter den Waffen bleiben, und entweder noch diese Nacht, oder doch mit anbrechendem Tage das feindliche Lager angreifen. Das eben so unruhige Römische Heer zügelte der Befehl seines Feldherrn. Es war etwa vier Uhr Nachmittags, als der Consul seine Soldaten essen hieß: er befahl ihnen, in den Waffen zu sein, zu welcher Stunde er, Tags oder Nachts, das Zeichen gäbe. Er redete sie mit wenigen Worten an, schilderte die Kriege mit den Samniten als schwer, setzte hingegen die Hetrusker herab; sagte: «Sie dürften diese gar nicht als Feinde mit jenem Feinde, noch ihre Menge mit jener Menge in Vergleich bringen. Außerdem würden sie, wann es Zeit sei, noch von einem insgeheim bereiteten Schlage zu hören bekommen: bis dahin müsse die Sache verschwiegen bleiben.» Er wollte durch diesen Wink, um seinen vor der Menge der Feinde besorgten Soldaten Muth zu machen, auf einen Verrath von 295 Seiten der Feinde deuten, und die Vorspiegelung war um so glaublicher, da sich diese ohne alle Befestigung hier gelagert hatten. Nachdem sie sich mit Speise gepflegt hatten, legten sie sich schlafen, und etwa gegen die vierte Nachtwache griffen sie, in aller Stille geweckt, zu den Waffen. Den Holzknechten wurden Brecheisen ausgetheilt, um das Pfahlwerk niederzubrechen und die Graben zu füllen: innerhalb der Verschanzungen stellte sich die Linie, und an den Ausgängen des Lagers wurden auserlesene Cohorten aufgepflanzt. Kurz vor Tage, gerade in dem Augenblicke, wo in den Sommernächten Alles im tiefsten Schlafe liegt, brach die Linie über den niedergestürzten Wall hervor und hieb auf die allenthalben herumliegenden Feinde ein: einige überraschte der Tod, ehe sie sich regten; andre halb im Schlafe; die meisten im Hinstürzen zu ihren Waffen: nur wenigen wurde Zeit gelassen, sich hineinzuwerfen. Aber selbst diese, die auf kein Zeichen, auf keinen Führer angewiesen waren, trieb der Römische Soldat in die Flucht und die Reuterei setzte den Fliehenden nach. In verschiedenen Richtungen zogen sie, hier ihrem Lager, dort dem Walde zu. Die sicherste Zuflucht gewährte ihnen der Wald; denn das Lager, das in einer Ebene lag, wurde noch an diesem Tage genommen. Das Gold und Silber mußte dem Consul geliefert werden; die übrige Beute gehörte dem Soldaten. Getödtet oder gefangen wurden an dem Tage an sechzigtausend Feinde. Diese so berühmte Schlacht jenseit des Ciminischen Waldes soll, nach einigen Berichten, bei Perusia geliefert, und Rom in großer Besorgniß gewesen sein, daß das durch einen so fürchterlichen Gebirgwald abgeschnittene Heer von den rund umher aufgestandenen Tuskern und Umbriern zu Grunde gerichtet werden möchte. Indeß, die Schlacht mag vorgefallen sein, wo sie will, so waren die Römer Sieger, und deswegen kamen auch von Perusia, Cortona, Arretium, welche damals etwa die Hauptstaten in Hetrurien ausmachten, Gesandte, welche in Rom auf Frieden und Bündniß antrugen, allein nur einen Waffenstillstand auf dreißig Jahre erhielten. 296 38. Während dieser Vorfälle in Hetrurien nahm der andre Consul Cajus Marcius Rutilus den Samniten Allifä mit Sturm. Viele andre kleine Festungen und Flecken wurden entweder feindlich zerstört, oder kamen in gutem Zustande in der Römer Gewalt. Da um eben die Zeit auch eine Römische, vom Publius Cornelius, den der Senat über die Seeküste gesetzt hatte, nach Campanien geführte Flotte bei Pompeji gelandet war, so gingen die Schiffsoldaten auf Plünderung in das Gebiet von Nuceria, verheerten im Fluge die nächsten Orte, von wo sie einen sichern Rückweg zu den Schiffen hatten, ließen sich aber, wie gewöhnlich, durch den Reiz der Beute zu weit locken und machten die Feinde rege. So lange sie auf dem Lande zerstreut waren, kam ihnen, ob sie gleich völlig hätten aufgerieben werden können, niemand entgegen: aber auf ihrem sorglosen Rückzuge holten die Landleute nicht weit von den Schiffen sie ein, nahmen ihnen den Raub wieder ab, und tödteten einen Theil: in voller Bestürzung wurde der Haufe, der dem Schwerte entrann, auf die Schiffe zurückgejagt. So groß der Schrecken gewesen war, den der Zug des Quintus Fabius über den Ciminischen Wald in Rom verursachte, so groß war die Freude, die der Ruf davon unter den Feinden in Samnium verbreitete: sie erzählten sich schon von der Einschließung des abgeschnittenen Römischen Heers und von einem Gegenstücke zu der Niederlage der Römer bei der Caudinischen Klause. «Bei der ihrem Volke eigenen Begierde, immer weiter vorzudringen, eben so unbesonnen, wie damals, in unwegsame Gebirgwälder geführt, wären sie jetzt durch die Waffen der Feinde nicht eigentlicher, als durch die schlimme Gegend eingefangen.» Schon mischte sich in ihre Freude eine Art von Neid, daß das Glück einen so glänzenden Sieg im Römerkriege den Samniten misgönnt und den Hetruskern zugewandt habe. Also strömten sie mit bewaffneten Scharen herzu, den Consul Cajus Marcius in den Staub zu treten, und gleich von hier, falls sich Marcius in kein Gefecht einließe, durch das Land der Marser 297 und Sabiner nach Hetrurien zu gehen. Allein der Consul stellte sich ihnen. Auf beiden Seiten focht man wüthend und mit ungewissem Ausgange. Bei unentschiedenem Verluste sprach dennoch das Gerücht die Niederlage den Römern zu, weil einige vom Ritterstande und von den Kriegsobersten, auch ein Legat geblieben waren, und was die Sache auffallend machte, der Consul eine Wunde bekommen hatte. Das hiedurch, wie gewöhnlich, vergrößerte Gerücht erfüllte die Väter mit großem Schrecken, und sie beschlossen, einen Dictator zu ernennen: auch zweifelte niemand, daß die Ernennung den Papirius Cursor treffen würde, auf den man damals im Kriege am meisten rechnete; allein theils waren sie ungewiß, ob sie bei lauter gefährlichen Wegen die Bestellung ins Samnitische mit Sicherheit machen könnten, theils auch darüber, ob der Consul Marcius noch lebe. Und der andere Consul, Fabius, lebte mit dem Papirius in persönlicher Feindschaft. Damit diese Erbitterung dem Besten des Ganzen nicht hinderlich werden möchte, beschloß der Senat, aus der Zahl der Consularen Abgeordnete an ihn zu schicken, welche ihn durch bewegende Rücksichten nicht bloß auf den Stat, sondern auch auf ihre Person, dahin vermögen sollten, die Mishelligkeit dem Vaterlande zu Liebe zu vergessen. Als die an den Fabius abgegangenen Gesandten ihm den Senatsschluß überreicht und ihre Bestellungen mit einem dazu passenden Vortrage begleitet hatten, ließ sie der Consul, der sich mit zur Erde gesenktem Blicke stillschweigend entfernte, in Ungewißheit, was er thun werde. In der folgenden Nacht ernannte er, der Sitte gemäß, in der Stille, den Lucius Papirius zum Dictator; und da ihm die Gesandten als dem rühmlichen Besieger seiner selbst ihren Dank abstatteten, blieb er bei jenem hartnäckigen Schweigen, und entließ sie ohne Antwort und ohne seiner Verrichtung zu erwähnen; zum Beweise, daß er nur mit großer Geistesfassung einen so empfindlichen Schmerz unterdrücke. Papirius ernannte den Caius Junius Bubulcus zum Magister Equitum, und als er bei den Curien auf die 298 Vollmacht als Feldherr antrug, verschob ein Umstand von trauriger Vorbedeutung die Sache bis zum folgenden Tage; der nämlich, daß die Curie Faucia zuerst stimmen mußte, die durch jene beiden Unglücksfälle, durch die Eroberung Roms und den Caudinischen Vertrag eine Auszeichnung erhalten hatte, weil in jenen beiden Jahren das Los der ersten Stimme gerade dieser Curie zugefallen war. Licinius Macer macht sie dadurch noch mehr zur Unglückscurie, daß er ihr eine dritte Niederlage, die am Flusse Cremera, aufbürdete. 39. Nach erneuerter Gewißheit der göttlichen Zustimmung setzte der Dictator am folgenden Tage seinen Antrag durch; und da er mit den Legionen aufbrach, die man neulich auf die Schreckensnachricht geworben hatte, daß das Heer durch den Ciminischen Gebirgwald geführt sei, kam er nach Longula, ließ sich vom Consul Marcius das ältere Heer übergeben und rückte mit seinen Truppen in die Linie aus: auch schienen die Feinde eine Schlacht nicht abzulehnen. Da aber keiner von beiden Theilen den Anfang zum Treffen machte, so überfiel sie, gestellt und schlachtfertig, wie sie waren, die Nacht. Ruhig standen sie nun einige Zeit über, weil sie ohne Mistrauen auf eigne Kräfte auch den Feind nicht verachteten, im Lager einander in der Nähe. Unterdeß gab es Auftritte in Hetrurien. Denn theils kam es zu einem entscheidenden Treffen mit dem Heere der Umbrier: doch wurden die Feinde mehr aus einander gejagt, als niedergehauen, weil sie in dem muthig angefangenen Kampfe nicht ausdauerten: theils lieferten die Hetrusker, welche ihr Heer vermittelst eines Banngesetzes aufgeboten hatten, so daß jeder Mann den andern warb, am See Vadimo eine Schlacht mit einer alles Vorige übersteigenden Truppenzahl und Tapferkeit; und man focht mit einer so wetteifernden Erbitterung, daß auf beiden Seiten kein Wurfspieß abgeschossen wurde. Mit den Schwertern eröffneten sie die Schlacht; und so hitzig sie begann, so wurde sie durch den Eifer selbst, der lange keine Entscheidung bewirkte, noch feuriger; so daß die 299 Römer nicht mit den so oft besiegten Hetruskern, sondern mit einem noch ungeprüften Volke zu kämpfen glaubten. Auf keiner Seite machte man die geringste Bewegung zur Flucht: die Vorderlinien fallen; und um die Fahnen nicht von Vorfechtern entblößen zu lassen, tritt die zweite Linie statt der ersten auf: dann holt man aus den letzten Hintertreffen die Streiter herbei; und Anstrengung und Gefahr steigen so völlig zur letzten Höhe, daß die Römischen Ritter ihre Pferde abgaben und über Waffen und Leichen zu den ersten Reihen des Fußvolks vordrangen. Diese unter lauter Ermüdeten hervortretende gleichsam neue Schlachtordnung brachte die Fahnen der Hetrusker in Verwirrung. Dadurch, daß die übrige Menge, so ermattet sie war, sich an diesen Angriff anschloß, durchbrach auch sie endlich die Reihen der Feinde. Nun begann der Sieg über den Trotz, und einige Haufen wandten sich ab; und sobald sie Einmal den Rücken kehrten, überließen sie sich der entschiedenen Flucht. An diesem Tage wurde zum erstenmale die durch langen Wohlstand üppige Macht der Hetrusker gebrochen. Der Kern ihrer Truppen fiel in der Schlacht, und in demselben Sturme wurde ihr Lager erobert und geplündert. 40. Fast zu gleicher Zeit erfolgte eine eben so gefährliche und dem Ausgange nach eben so rühmliche Schlacht im Lande der Samniten, die, außer ihren übrigen kriegerischen Zurüstungen, dafür gesorgt hatten, daß ihre Linie in neuem Waffenprunke glänzte. Sie hatten zwei Heere: die Schilde des einen hatten sie mit Golde ausgelegt, die des andern mit Silber. Der Gestalt nach war ihr Schild der Langschild; nur der Obertheil, wo er Brust und Schultern deckt, war breiter und von gleichen Seiten; nach unten zu war er, um leichter zu sein, mehr keilförmig. Zur Brustdecke hatten sie einen Schwamm, und das linke Bein deckte eine Schiene. Die Helme hatten Büsche, dem Körper einen Schein von Größe zuzulegen. Die mit Gold geschmückten Soldaten trugen bunte Unterkleider, die mit Silber weiße leinene: diesen wurde der rechte Flügel angewiesen; jene traten auf den linken. 300 Die Römer waren dieser prächtigen Rüstung schon gewohnt geworden, und ihre Feldherren hatten sie belehrt: «Der Soldat müsse furchtbar aussehen; nicht mit Gold und Silber ausgelegt sein, sondern auf Schwert und Muth sich stützen. Jene Dinge seien mehr eine Beute, als wirkliche Waffen; glänzend, ehe es zur That komme; unter Blut und Wunden verschmutzt. Des Kriegers Schmuck sei Tapferkeit: jene Kostbarkeiten sämtlich fielen dem Siege anheim, und am reichen Feinde belohne sich der noch so arme Sieger.» Mit solchen Ausdrücken beseelte Cursor seine Soldaten und führte sie zur Schlacht. Auf dem rechten Flügel nahm er selbst seinen Platz; über den linken setzte er den Magister Equitum. Der Wetteifer mit dem Feinde wurde gleich nach geschehenem Angriffe hitzig: eben so lebhaft ward er zwischen dem Dictator und Magister Equitum, auf wessen Seite der Sieg beginnen würde. Es traf sich, daß Junius zuerst mit seinem linken Flügel den feindlichen rechten zum Weichen brachte, jene nach Samnitischer Sitte durch das Banngesetz geweiheten Soldaten, die eben darum durch die weiße Tracht und eben so blendendweiße Waffen sich auszeichneten. Da er mit dem wiederholten Ausrufe: «Er weihe diese dem Orcus zu Schlachtopfern» auf sie einbrach, brachte er ihre Glieder in Unordnung, und machte in ihre Linie offenbar eine Beugung. Als dies der Dictator gewahr wurde, rief er: «So soll der Sieg auf dem linken Flügel anfangen, und der rechte, wo der Dictator die Linie anführt, sich nur an den Sieg eines Andern anschließen, nicht selbst das Meiste zum Siege beitragen?» Dies brachte die Soldaten zum Schritte. Und die Reuterei gab an Tapferkeit dem Fußvolke, die Legaten an Eifer den Feldherren nichts nach. Marcus Valerius und Publius Decius, beide Consularen, jagten, jener vom rechten Flügel, dieser vom linken, zu der neben die Flügel gestellten Reuterei, forderten sie auf, mit ihnen an der Ehre Theil zu nehmen, und brachen in die Seiten des Feindes ein. Da dieser neu hinzukommende Schrecken die feindliche Linie von beiden Seiten umfaßte, und die Römischen Legionen, ebenfalls um 301 sie zu schrecken, mit erneuertem Geschreie hereinschritten, so nahm auf Seiten der Samniten die Flucht den Anfang. Bald waren mit hingestreckten Menschen und prächtigen Waffen die Felder bedeckt. Und anfangs nahm die gescheuchten Samniten ihr Lager auf: dann aber behaupteten sie auch dieses nicht. Erobert und geplündert, wurde es noch vor Nacht angezündet. Der Dictator hielt nach einem Senatsschlusse einen Triumph, und bei weitem das größte Ansehen gaben diesem Triumphe die erbeuteten Waffen. Man fand sie so prächtig, daß man die mit Gold belegten Schilde, um den Markt damit zu zieren, an die Besitzer der Wechslerladen austheilte. Und dies soll für die Ädilen die Veranlassung geworden sein, den Markt aufzuputzen, wenn die Götterwagen ihren Aufzug halten. So verwandten die Römer die herrlichen Waffen der Feinde doch noch zur Ehre der Götter: die Campaner hingegen bewaffneten aus Übermuth und Haß gegen die Samniten die Klopffechter, die sie zur Augenweide bei Tafel auftreten ließen, mit diesen Prachtstücken und gaben ihnen den Namen Samniten. In diesem Jahre focht auch der Consul Fabius bei Perusia, welches den Waffenstillstand ebenfalls gebrochen hatte, mit dem Reste der Hetrusker so, daß der Sieg weder streitig noch schwer war. Er hätte die Stadt selbst erobert, denn er rückte nach seinem Siege vor ihre Mauern, wenn nicht Gesandte, mit der Übergabe bevollmächtigt, zu ihm hinausgegangen wären. Der Consul, der eine Besatzung in Perusia legte, und die um Freundschaft nachsuchenden Gesandschaften Hetruriens nach Rom an den Senat vorauf schickte, zog triumphirend über einen Sieg, welcher den des Dictators noch übertraf, in die Stadt ein. Ja die Besiegung der Samniten wurde auch großentheils den Legaten Publius Decius und Marcus Valerius angerechnet, welche das Volk auf dem nächsten Wahltage mit großer Übereinstimmung, den einen zum Consul, den andern zum Prätor erklärte. 41. Dem Fabius wurde wegen der rühmlichen Bezwingung Hetruriens das Consulat verlängert, Decius ihm 302 zum Amtsgenossen gegeben, und Valerius zum viertenmale zum Prätor gewählt. Die Consuln loseten um die Schauplätze ihrer Kriegsführung: den Decius traf Hetrurien, den Fabius Samnium. Er zog vor Nuceria Alfaterna, und ohne jetzt die Bitte der Einwohner um Frieden anzunehmen, weil sie ihn damals, als er ihnen gegeben sei, nicht hätten halten wollen, nöthigte er sie durch Belagerung zur Übergabe. Er lieferte den Samniten eine Schlacht. Die Besiegung der Feinde kostete wenig Mühe, und das Andenken dieser Schlacht würde nicht aufbewahrt sein, wenn nicht in derselben die Marser zum erstenmale mit den Römern gefochten hätten. Die Peligner, welche sich an die abgefallenen Marser angeschlossen hatten, hatten auch mit ihnen gleiches Schicksal. Auch dem andern Consul, Decius, war das Glück im Kriege günstig. Bloß durch: Furcht hatte er die Tarquinienser gezwungen, seinem Heere Getreide zu liefern und auf vierzig Jahre um Waffenstillstand zu bitten. Den Volsiniern nahm er mehrere kleine Festungen durch Sturm; einige davon zerstörte er, damit sie den Feinden nicht zum Zufluchtsorte dienen sollten; und dadurch, daß er seine Waffen nach allen Seiten wandte, machte er sich so furchtbar, daß das ganze Hetruskische Gesamtvolk bei dem Consul auf ein Bündniß antrug. Dies wurde freilich abgeschlagen; doch gab er ihnen einen jährigen Waffenstillstand. Dem Römischen Heere zahlte der Feind den Sold dieses Jahrs, und mußte für jeden Mann zwei Unterkleider liefern. Dies war der Preis des Waffenstillstandes. Aus dieser schon beruhigten Lage störte die Hetrusker der unerwartete Abfall der Umbrier von Rom, eines von den Übeln des Kriegs verschont gebliebenen Volks, außer daß ihr Land den Durchzug des Heers empfunden hatte. Da sie ihre ganze Mannschaft aufgeboten, und einen großen Theil der Hetrusker zur Erneuerung des Krieges bewogen hatten, so hatten sie ein so mächtiges Heer aufgestellt, daß sie, ruhmredig über sich selbst und unter verächtlichen Ausdrücken gegen die Römer, sich verlauten ließen, sie würden den Decius in Hetrurien hinter sich 303 stehen lassen und gerade vor Rom gehen, um es zu belagern. Als der Consul Decius dieses ihr Vorhaben erfuhr, zog er in Eilmärschen aus Hetrurien gegen Rom, und blieb im Pupinischen Gebiete stehen, auf jede Nachricht vom Feinde aufmerksam. In Rom war man ohnehin gegen den Krieg der Umbrier nicht gleichgültig; und nun hatte die Drohung bei den Römern Besorgniß erregt, weil sie in dem unglücklichen Gallischen Kriege erfahren hatten, was für eine unhaltbare Stadt sie bewohnten. Also ließen sie durch Abgeordnete dem Consul Fabius sagen, wenn er auf irgend eine Weise vom Samnitischen Kriege abkommen könnte, so möchte er eilends mit seinem Heere in Umbrien einrücken. Der Consul gehorchte und kam in starken Märschen nach Mevania, wo jetzt die Truppen der Umbrier standen. Die schnelle Ankunft des Consuls, den sie weit von Umbrien in Samnium mit einem andern Kriege beschäftigt geglaubt halten, schreckte die Umbrier so sehr, daß einige der Meinung waren, man müsse sich auf die Festungen zurückziehen, andre, man müsse den Krieg aufgeben. Nur Einer von ihren Kreisen, er hat bei ihnen den Namen der Materinische, erhielt die übrigen nicht bloß in den Waffen, sondern vermochte sie auch, sogleich ein Treffen zu liefern. Eben ließ Fabius die Pfähle zum Lager setzen, als sie ihn angriffen. Als sie der Consul in vollem Laufe gegen seine Werke heranstürzen sah, stellte er seine vom Schanzen abgerufenen Soldaten, so gut es Boden und Zeit gestatteten, ermunterte sie durch das gerechte Lob, das er ihren sowohl in Hetrurien, als in Samnium verrichteten Ehrenthaten ertheilte, und forderte sie auf, den kleinen Anhang des Hetruskischen Krieges abzuthun, und für die lästernde Drohung, die Stadt Rom bestürmen zu wollen, an den Feinden Rache zu üben. Die Soldaten hörten dies mit solcher Begeisterung an, daß ein ohne Geheiß erhobenes Geschrei den redenden Feldherrn unterbrach. Ohne den Befehl abzuwarten, stürzten sie bei dem Wettklange der Trompeten und Hörner in ungehemmtem Laufe auf den Feind. Nicht als gegen Männer, nicht als gegen Bewaffnete, rannten sie auf sie ein: nein, 304 – kaum glaubt man es der Erzählung! – sie rissen anfänglich den Fahnenträgern die Fahnen aus den Händen, dann zogen sie die Fahnenträger selbst zum Consul her, und schleppten die bewaffneten Soldaten aus jener Linie in diese herüber; und wo es ja einigen Kampf gab, da arbeiteten sie mehr mit den Schilden, als mit den Schwertern. Mit den Schildbuckeln und mit Schulterstößen streckten sie die Feinde zu Boden. Es gab mehr Gefangene, als Todte, und durch das ganze Heer lief die allgemeine Aufforderung an die Feinde: «Strecket die Waffen!» Also schritten selbst noch während des Kampfs die Haupturheber des Krieges zur Übergabe. Am nächsten und den folgenden Tagen ergaben sich auch die übrigen Völkerschaften Umbriens. Nur die Ocriculaner nahm man, nach gegenseitiger Zusage, zu Verbündeten auf. 42. Fabius, in einem Kriege Sieger, den das Los einem Andern bestimmt hatte, führte sein Heer an den Ort seiner Bestimmung zurück. Dieser so glücklichen Thaten wegen ließ ihn der Senat, so wie ihm im vorigen Jahre das Volk das Consulat verlängert hatte, für das folgende Jahr, in welchem Appius Claudius und Lucius Volumnius Consuln waren, den Heeresbefehl behalten; so sehr auch Appius dagegen war. In einigen Jahrbüchern finde ich, Appius sei bei der Bewerbung um das Consulat noch Censor gewesen, und seine Wahl sei von dem Bürgertribun Lucius Furius so lange untersagt geblieben, bis er die Censur niedergelegt habe. Nach seiner Wahl zum Consul blieb er, da seinem Amtsgenossen die Führung des Kriegs gegen neue Feinde, gegen die Sallentiner, angewiesen wurde, zu Rom, um sich selbst, weil die Ehre vom Kriege Andern zufiel, durch die Künste des Friedens zu heben. Volumnius fand sich an seinem rechten Platze. Er besiegte die Feinde in vielen Treffen, und nahm ihnen mehrere Städte mit Sturm ab. Mit der Beute war er freigebig, erhöhete die an sich schon willkommene Milde durch Leutseligkeit und hatte dem Soldaten durch diese Mittel Gefahr und Arbeit wünschenswerth gemacht. Der Proconsul Quintus Fabius schlug mit den 305 Samniten bei der Stadt Allifä Linie gegen Linie. Der Sieg war nicht im geringsten zweifelhaft. Die Feinde wurden geworfen und in ihr Lager getrieben; auch das Lager hätten sie nicht behauptet, wenn nur etwas mehr vom Tage übrig gewesen wäre: doch wurde es noch vor Nacht umringt, und in der Nacht gehütet, um niemand entschlüpfen zu lassen. Am folgenden Morgen, als es kaum halbhelle war, schritten die Feinde zur Übergabe, und bedungen sich aus, daß sämtliche Samniten, jeder mit einem einzelnen Kleidungsstücke, entlassen würden. Diese Alle mußten unter dem Jochgalgen durchziehen. Den Bundesgenossen der Samniten war nichts bevorwortet, und ihrer an siebentausend wurden im Kreise des Heers zu Sklaven verkauft. Wer sich als gebornen Herniker angab, wurde in besondern Verhaft gegeben. Alte diese schickte Fabius nach Rom an den Senat; nach angestellter Befragung, ob sie als vom State Geworbene, oder als Freiwillige, für die Samniten gegen Rom gefochten hätten, wurden sie unter den Latinischen Völkern in Gewahrsam gegeben; auch erhielten die neuen Consuln, Publius Cornelius Arvina und Quintus Marcius Tremulus – denn diese waren schon gewählt – den Befehl, die Sache von neuem vor den Senat zu bringen. Dies verdroß die Herniker; und in einer von den Anagninern auf ihrer sogenannten See-Rennbahn gehaltenen Versammlung der sämtlichen Völkerschaften erklärte das ganze Gesamtvolk der Herniker, die Staten von Alatrium, Ferentinum und Verulä ausgenommen, dem Römischen Volke den Krieg, 43. Auch in Samnium brachen, weil Fabius dort abgezogen war, neue Unruhen aus. Calatia und Sora mit den darin liegenden Römischen Besatzungen wurden durch Sturm genommen, und die gefangenen Soldaten grausam gemishandelt. Deswegen wurde Publius Cornelius mit einem Heere hingeschickt. Die neuen Feinde, die Anagniner und übrigen Herniker – denn der Krieg gegen sie war schon genehmigt – wurden dem Marcius angewiesen. Anfangs hatten die Feinde durch Besetzung aller tauglichen Plätze die beiden Lager der Consuln so 306 von einander abgeschnitten, daß auch kein leichter Bote durchkommen konnte, daß beide Consuln mehrere Tage einer über den andern in Ungewißheit und Sorgen waren, und diese Besorgniß sich bis nach Rom verbreitete, so daß alle Dienstfähigen in Eid genommen und auf nicht vorherzusehende Ereignisse zwei volle Heere geworben wurden. Übrigens war der Krieg mit den Hernikern weder dem damaligen Schrecken, noch dem alten Ruhme dieses Volkes angemessen. Ohne irgendwo etwas Merkwürdiges gewagt zu haben, verloren sie in wenig Tagen drei Lager und erkauften einen Waffenstillstand von dreißig Tagen, um an den Senat Gesandte nach Rom schicken zu dürfen, mit einer Lieferung an Sold und Getreide für zwei Monate, und mit einem Rocke für jeden Soldaten. Vom Senate wurden sie an den Marcius zurückgewiesen, weil ihm durch einen Senatsschluß die Verfügung über die Henriker anheimgestellt war, und an ihn ergab sich das ganze Gesamtvolk. Auch in Samnium war der andre Consul an Stärke den Feinden überlegen, aber durch die Gegend noch mehr gehindert. Sie hatten alle Wege gesperrt, und die gangbaren Waldpässe besetzt, um jede Zufuhr zu verhindern: auch konnte sie der Consul, da er täglich in Linie ausrückte, nie zu einem Treffen herauslocken; und es ergab sich deutlich, daß den Samniten mit einer Schlacht auf der Stelle so wenig gedient sei, als den Römern mit einem Aufschube. Allein die Ankunft des Marcius, der nach Bezwingung der Herniker seinem Amtsgenossen zu Hülfe eilte, bestimmte sie, das Treffen nicht länger zu verschieben. Denn da sie bei der Überzeugung, nicht einmal dem einen Heere gewachsen zu sein, dann vollends nicht die mindeste Hoffnung übrig haben konnten, wenn sie beide consularische Heere sich vereinigen ließen, so griffen sie den ankommenden Marcius an, der auf dem Zuge nichts weniger als schlachtfertig war. Schleunig ließ er das Gepäck in die Mitte zusammenbringen, und stellte seine Linie so gut es die Umstände gestatteten. Bei dem andern Consul setzte zuerst das Geschrei, das bis zu seinem Standorte drang, dann der in der Ferne erblickte Staub Alles 307 in seinem Lager in Bewegung. Sogleich hieß er seine Soldaten zu den Waffen greifen, rückte mit ihnen eilig zur Schlacht aus, und fiel dem feindlichen Heere, das schon mit einem andern Kampfe zu thun hatte, in die Seite, unter der wiederholten Betheurung, «Es würde für sie die größte Schande sein, wenn sie das andre Heer beider Siege theilhaftig werden ließen, und die Ehre von dem ihnen übertragenen Kriege nicht selbst behaupteten.» Da; wo er den Angriff gethan hatte, brach er durch, drang mitten durch der Feinde Heer in ihr Lager, und ohne Vertheidiger wurde es erobert und angezündet. Als das Heer des Marcius den Brand gewahr wurde, und die Feinde sich darnach umsahen, so begann auf allen Punkten die Flucht der Samniten: allein allenthalben sperrte ihnen Gemetzel den Weg und nirgends fanden sie sichere Rettung. Schon waren dreißigtausend Feinde gefallen, schon hatten die Consuln das Zeichen zum Rückzuge gegeben und zogen ihre Truppen unter gegenseitigen Glückwünschungen zusammen, als sich plötzlich in der Ferne neue feindliche, zu Ergänzungstruppen geworbene, Cohorten sehen ließen und ein neues Gefecht veranlaßten. Ohne Geheiß der Consuln, ohne gegebenes Zeichen gingen die Sieger mit dem Ausrufe auf sie ein: «Man müsse dem Samnitischen Neulinge seine erste Ausflucht ungesegnet bekommen lassen.» Die Consuln ließen den erhitzten Legionen ihren Willen, weil sie wohl wußten, daß jene Neugeworbenen, im Gemische mit ihren schon durch die Flucht muthlos gewordnen Altkriegern, nicht einmal im Stande sein würden, ein Gefecht zu versuchen. Und sie täuschten sich nicht. Die sämtlichen Samnitischen Truppen, alte und neue, flohen auf die nächsten Berge. Dort hinauf zog sich auch die Römische Linie: die Geschlagenen sicherte jetzt auch der Ort nicht mehr; von den Höhen, welche sie besetzt hatten, wurden sie herabgeschlagen, und nun baten sie Alle einstimmig um Frieden; Nach einer ihnen auferlegten Lieferung Getreides auf drei Monate, eines jährigen Soldes, und eines Unterkleides für 308 jeden Soldaten durften sie Friedensgesandte an den Senat abgehen lassen. Cornelius blieb in Samnium stehen. Marcius hielt bei seiner Rückkehr in die Stadt seinen Triumph über die Herniker, und. ihm wurde ein auf dem Markte zu errichtendes Standbild zu Pferde zuerkannt, welches vor dem Tempel des Castor aufgestellt wurde. Den drei Völkerschaften der Herniker, von Alatrium, Verulä und Ferentinum, wurde ihre Verfassung, weil sie diese dem Römischen Bürgerrechte vorzogen, gelassen, und ihnen das Recht der wechselseitigen Verheirathung gestattet, welches sie von allen Hernikern allein eine ganze Zeitlang behalten haben. Denen von Anagnia und den andern, welche gegen Rom gekriegt hatten, wurde das Bürgerrecht ohne Stimme gegeben, aber alle Zusammenkünfte und Ehen unter einander verboten; auch ihren Obrigkeiten, außer der Besorgung des Gottesdienstes, alle Geschäfte untersagt. Auch wurde in diesem Jahre vom Censor Cajus Junius Bubulcus der Bau eines Tempels der Salus, den er im Samnitischen Kriege als Consul gelobet hatte, in Verding gegeben. Er und sein Amtsgenoß Marcus Valerius Maximus legten auch auf öffentliche Kosten Heerstraßen durch das Land an. Und mit den Carthagern wurde in eben diesem Jahre das Bündniß zum drittenmale erneuert, und ihren hierzu gekommenen Gesandten ließ man mit Höflichkeit Geschenke reichen. 44. Dies Jahr hat auch einen Dictator gehabt, den Publius Cornelius Scipio, mit dem Magister Equitum Publius Decius Mus. Von ihnen wurde der consularische Wahltag gehalten, um dessentwillen man sie gewählt hatte, weil keiner der beiden Consuln vom Kriege abkommen konnte. Consuln wurden Lucius Postumius, Tiberius Minucius. Diese Consuln führt Piso gleich nach dem Quintus Fabius und Publius Decius auf, so daß die zwei Jahre ausfallen, in welchen ich den Claudius mit dem Volumnius, und Cornelius mit dem Marcius, als Consuln angegeben habe. Ob ihn bei der Anordnung seiner Jahrbücher das Gedächtniß getäuscht, oder ob er mit Fleiß 309 die beiden Consulare, weil er sie für unrichtig hielt, übergangen habe, weiß ich nicht. In diesem Jahre thaten die Samniten Einfälle in das zum Campanischen gehörige Stellatische Gebiet. Also wurden beide Consuln nach Samnium geschickt: sie zogen in entgegengesetzten Richtungen, Postumius nach Tifernum, Minucius nach Bovianum, und unter Anführung des Postumius kam es bei Tifernum früher zur Schlacht. Nach einigen Nachrichten war der Sieg über die Samniten völlig ausgemacht und brachte zwanzigtausend Gefangene ein: nach andern heißt es, die Schlacht sei unentschieden gewesen, und Postumius habe, dem Scheine nach aus Furcht, heimlich bei Nacht sein Heer auf das Gebirge abgeführt: die Feinde, die ihm gefolgt wären, hätten sich ebenfalls auf festen Plätzen zweitausend Schritte von ihm gelagert. Nachdem der Consul, um sich den Schein zu geben, als habe er nur ein sicheres, leicht zu versorgendes Standlager beziehen wollen – und wirklich hatte er dies jetzt – sein Lager theils durch Werke befestigt, theils mit allen Bedürfnissen in Überfluß versehen hatte; so führte er mit Hinterlassung eines starken Kohrs, in der Nacht zwischen zwölf und drei Uhr seine Legionen ohne Gepäcke auf den nächsten Wegen seinem Amtsgenossen zu, der eben so andern Feinden gegenüber lag. Hier mußte, nach dem Entwürfe des Postumius, Minucius seine Feinde angreifen, und als das Treffen ohne Entscheidung bis tief in den Tag hinein fortdauerte, da fiel Postumius mit seinen frischen Legionen unvermuthet in die schon ermüdete feindliche Linie. So wurden die Feinde, denen Ermattung und Wunden selbst die Flucht unmöglich machten, sämtlich niedergehauen, und einundzwanzig Fahnen erbeutet. Und von da ging der Zug wieder zum Lager des Postumius. Hier griffen die beiden siegreichen Heere den schon durch das Gerücht geschreckten Feind an, schlugen und vertrieben ihn: sechsundzwanzig Fahnen wurden erbeutet, der Feldherr der Samniten, Statius Gellius, und eine große Menge Menschen gefangen, und beide Lager erobert: auch Bovianum, dessen Belagerung den Tag 310 nachher begann, wurde in kurzem genommen; und die Consuln hielten nicht ohne großen Thatenruhm ihren Triumph. Einige geben an, der Consul Minucius, den man schwer verwundet in das Lager zurückgebracht habe, sei gestorben, und in seine Stelle Marcus Fulvius als Consul nachgewählt, und von ihm sei, nachdem man ihn zum Heere des Minucius geschickt habe, Bovianum erobert. In diesem Jahre wurden Sora, Arpinum, Censennia den Samniten abgenommen. Ein großes Standbild des Hercules ward auf dem Capitole aufgestellt und eingeweihet. 45. Unter den Consuln Publius Sulpicius Saverrio und Publius Sempronius Sophus, schickten die Samniten, die entweder das Ende, oder einen Aufschub des Krieges wünschten, des Friedens wegen Gesandte nach Rom. Auf ihren flehentlichen Antrag bekamen sie zur Antwort: «Wenn die Samniten nicht schon so oft bei ihren Rüstungen zum Kriege um Frieden nachgesucht hätten, so hätte man nach gegenseitigen Erörterungen einen Frieden abschließen können. So aber, da man sich auf ihre Worte bis jetzt nie habe verlassen können, müsse man sich an Wirklichkeiten halten. Der Consul Publius Sempronius werde nächstens mit einem Heere in Samnium sein; ihn würden sie über ihre Stimmung zum Kriege oder zum Frieden nicht täuschen können: er werde Alles seiner eignen Wahrnehmung gemäß dem Senate berichten: dann möchten sie dem Consul bei seinem Abzuge aus Samnium Gesandte folgen lassen.» Da nun in diesem Jahre das Römische Heer, dem die Samniten die Bedürfnisse willig lieferten, ganz Samnium, ohne Feindseligkeiten zu erfahren, durchzogen hatte, so wurde das ehemalige Bündniß mit ihnen erneuert. Nun wandten sich die Römischen Waffen gegen die Äquer, diese alten Feinde, ob sie sich gleich seit vielen Jahren unter dem Scheine des Friedens, so unzuverlässig er war, ruhig verhalten hatten. Sie hatten nämlich, als noch die Herniker eine Macht waren, mit diesen zugleich den Samniten von Zeit zu Zeit Hülfsvölker geschickt: dann hatte, nach Bezwingung der Herniker, fast das ganze 311 Gesamtvolk, ohne es zu verhehlen, daß dies Maßregel des States sei, sich zu den Feinden Roms geschlagen; und als nun, nach dem zu Rom mit den Samniten abgeschlossenen Bündnisse, durch Bundespriester Schadenersatz verlangt wurde, hatten sie geantwortet: «Dies sei nur ein Versuch, ob sie, durch die Drohung des Krieges geschreckt, es sich gefallen lassen würden, Römer zu werden. Und wie sehr dies zu wünschen sei, hätten die Herniker gezeigt; da diejenigen von ihnen, denen man freie Wahl gelassen habe, ihre Verfassung dem Römischen Bürgerrechte vorgezogen hätten; und die, die nicht nach eignem Wunsche hätten wählen dürfen, das aufgedrungene Bürgerrecht als eine Strafe tragen würden.» Weil dies die allgemeine Sprache in ihren Volksversammlungen gewesen war, so befahl das Römische Gesamtvolk, die Äquer zu bekriegen, und beide Consuln, die zu dem neuen Kriege auszogen, nahmen viertausend Schritte vom feindlichen Lager ihren Stand. Das Heer der Äquer, das einem zusammengerafften Haufen glich, – hatten sie doch seit vielen Jahren keinen Krieg im Namen ihres States geführt – gerieth, ohne festgesetzte Anführer und Oberbefehl, in Verlegenheit. Einige stimmten dafür, man müsse zur Schlacht ausrücken; Andre, das Lager vertheidigen: die Meisten fanden die zu erwartende Verheerung der Ländereien bedenklich, und dann hinterher die Zerstörung der Städte, die man mit schwachen Besatzungen zurückgelassen habe. Kaum also ließ sich unter den vielen Vorschlägen auch der Eine hören, der mit Aufgebung der Sorge für das Ganze Jeden auf sein Eigenthum Rücksicht nehmen hieß, daß sie nämlich, um Alles fortzubringen und hinter Mauern zu bergen, um die erste Nachtwache Jeder seines Weges aus dem Lager in ihre Städte abziehen wollten; so erklärten sich Alle mit lauter Beistimmung für diesen Vorschlag. Schon hatten sich die Feinde über das Land vertheilt, als die Römer mit dem Tage ausrückten und in Schlachtordnung traten, und weil ihnen niemand entgegen kam, in vollem Schritte dem feindlichen Lager zueilten. Als sie hier weder an den Thoren eine Wache, noch irgend jemand auf dem Walle, 312 noch das einem Lager eigene Getöse bemerkten, so blieben sie, über die ungewöhnliche Stille stutzig, aus Furcht vor einem Hinterhalte, stehen. Dann aber stiegen sie über den Wall, fanden Alles verlassen und machten sich auf, der Spur des Feindes zu folgen; allein eben diese Spuren, die bei der Zerstreuung der Feinde, gleich auffallend nach allen Seiten führten, ließen sie anfangs in Ungewißheit: als sie aber nachher durch Kundschafter den Plan der Feinde erfuhren, zogen sie vor eine Stadt nach der andern und nahmen in fünfzig Tagen einundvierzig Städte, alle durch Sturm, ein. Die meisten wurden zerstört und verbrannt, und der Gesamtstat der Äquer fast bis zur Vernichtung aufgelöst. Über die Äquer wurde ein Triumph gehalten: an ihrem Unglücke spiegelten sich die Marruciner, Marser, Peligner, Frentaner, und schickten Gesandte nach Rom, sich Frieden und Freundschaft zu erbitten. Der Bitte dieser Völker wurde das Bündniß zugestanden. 46. In diesem Jahre war der Schreiber, Cneus Flavius, des Cneus Sohn, eines Freigelassenen Enkel, allein bei seiner niedrigen Abkunft ein verschlagener und beredter Mann, Curulädil. In einigen Jahrbüchern finde ich, da er gesehen habe, daß ihn, ob er gleich im Dienste der Ädilen stand, der erste Bezirk zum Ädil ernenne, daß aber sein Name darum nicht angenommen werde, weil er eine Schreiberstelle habe, so habe er die Schrifttafel von sich gelegt, und geschworen, er wolle den Schreiberdienst nicht länger fortsetzen. Allein als Beweis, daß er das Schreiberamt schon weit früher abgegeben haben müsse, führt Licinius Macer an, er habe schon vorher das Tribunal und zwei Triumvirate bekleidet, das eine zur Erhaltung der nächtlichen Sicherheit, das andre bei einer auszuführenden Pflanzung. Worin Alle übereinkommen, ist das, daß es sein Trotz mit den seine Niedrigkeit verachtenden Adlichen aufnahm. So machte er die Rechtsregeln, die bis dahin in den Geheimstuben der Oberpriester verwahrt lagen, bekannt, und stellte am Markte den Gerichts-Calender auf einem weißen Brette aus, damit jedermann wissen möchte, an welchen Tagen man sich an die Gerichte zu wenden 313 habe. So weihete er den Tempel der Eintracht auf dem Vulcanusplatze zum größten Verdrusse des Adels; und durch einen einstimmigen Volksschluß sah sich der Hohepriester Cornelias Barbatus genöthigt, die Formel der Weihe auszusprechen, ob er gleich behauptet hatte, dem Herkommen gemäß könne kein Anderer, als ein Consul oder Feldherr, einen Tempel einweihen. Darum wurde auch nach einem Senatsgutachten bei dem Gesamtvolke darauf angetragen, daß niemand ohne Genehmigung des Senats oder des größern Theils der Bürgertribunen einen Tempel oder Altar solle weihen können. Einen Auftritt will ich noch erwähnen, der an sich selbst wenig Denkwürdiges hatte, wäre er nicht ein Beweis des bürgerlichen Freimuths gegen adlichen Übermuth. Als Flavius zu seinem kranken Amtsgenossen kam, um ihn zu besuchen, und nach einer Verabredung unter den jungen Adlichen, die hier am Bette saßen, niemand, ihm Platz zu geben, aufstand, so ließ er sich seinen Thronsessel herbringen und übersah von seinem Ehrenstuhle seine vor Neid sich ärgernden Feinde. Übrigens hatte den Flavius eine Marktpartei zum Ädil gemacht, die durch die Censur des Appius so vielvermögend geworden war. Dieser hatte zuerst den Senat durch die hineingenommenen Enkel der Freigelassenen verunehrt; weil sich aber niemand an diese Aufnahme kehrte, und Appius im Senate den dadurch bezweckten Einfluß auf die Regierung Roms nicht erlangte, so hatte er durch Vertheilung des niedrigsten Pöbels unter die sämtlichen Bezirke den Wahlen auf dem Markte und auf dem Marsfelde einen falschen Gang gegeben. Und die Wahl des Flavius erregte auch eine so große Unzufriedenheit, daß die meisten Adlichen sich des Gebrauchs der goldenen Ringe und des Ritterschmucks begaben. Von der Zeit an zerfiel die Bürgerschaft in zwei Parteien. Ein andres Augenmerk hatte das unverdorbene Gesamtvolk, als Begünstiger und Verehrer der Rechtschaffenen; ein anderes die Marktpartei; bis endlich Quintus Fabius und Publius Decius Censorn wurden, und Fabius, theils, die Eintracht wieder herzustellen, theils, um die Wahlen nicht in den Händen der Niedrigsten zu lassen, den ganzen Schwarm der Marktpartei aussonderte, zusammen in vier Bezirke warf und diese die Städtischen nannte. Er fand mit dieser Maßregel so großen Beifall, daß er sich den Zunamen Maximus, den ihm so viele Siege nicht erworben hatten, durch dies berichtigte Verhältniß der Stände erwarb. Er soll auch das eingeführt haben, daß die Ritter am funfzehnten Quinctilis ihren Aufzug halten. Zehntes Buch. Vom Jahre Roms 450 – 459. 316 Inhalt des zehnten Buchs. Sora und Alba und Carseoli werden Pflanzstädte. Die sich ergebenden Marser werden angenommen. Die Anzahl der Vogelschauer wird vermehrt, so daß ihrer neun sein mußten, da ihrer vorher immer nur vier gewesen waren. Das Gesetz, welches Beklagten erlaubt, sich an das Gesamtvolk zu wenden, wird vom Consul Valerius, und zwar diesmal zum drittenmale, zur Bestätigung gebracht. Die Zahl der Bezirke wird mit zweien vermehrt, dem Aniensischen und Terentinischen. Den Samniten wird der Krieg angekündigt und mehrmals glücklich gegen sie gefochten. Als in der Schlacht gegen die Hetrusker , Umbrier, Samniten und Gallier das Römische Heer unter Anführung des Publius Decius und Quintus Fabius in großer Gefahr war, läßt sich Publius Decius nach dem Beispiele seines Vaters, für das Heer zum Opfer weihen, und verschafft durch seinen Tod dem Römischen Volke in dieser Schlacht den Sieg. Papirius Cursor schlägt das Heer der Samniten, welches sie, zu desto größerer Beharrlichkeit im tapfern Gefechte, nach eidlicher Verpflichtung zur Schlacht hatten auftreten lassen. Eine Schatzung wird gehalten. Ein Schatzungsopfer angestellt. Der geschatzten Bürger waren zweihundert zweiundsechzigtausend dreihundert und zweiundzwanzig. 317 Zehntes Buch. 1. Unter den Consuln Lucius Genucius und Servius Cornelius hatte man fast von allen auswärtigen Kriegen Ruhe. Nach Sora und Alba wurden Pflanzungen ausgeführt. In das Äquerland, für Alba, wurden sechstausend Anbauer auf das Verzeichniß gesetzt. Sora hatte zum Volskischen gehört; allein die Samniten hatten es im Besitze gehabt. Hieher schickte man viertausend Menschen. In eben dem Jahre wurde den Einwohnern von Arpinum und Trebula das Bürgerrecht ertheilt. Die von Frusino mußten zur Strafe ein Drittel ihres Gebietes abtreten, weil man erfahren hatte, daß die Herniker von ihnen aufgewiegelt würden; und die Häupter dieser Verschwörung wurden, nach einer von den Consuln auf Befehl des Senats angestellten Untersuchung, mit Ruthen gepeitscht und mit dem Beile enthauptet. Um indeß die Römer nicht das ganze Jahr ohne Krieg hinbringen zu lassen, mußte sich eine kleine Unternehmung in Umbrien finden, weil die Nachricht einlief, daß dort Bewaffnete aus einer Höhle Streifereien im Lande machten. Man drang in Schlachtordnung in diese Höhle ein, und sah sich hier im Dunkeln vielen Wunden ausgesetzt, hauptsächlich durch Steinwürfe, bis man, da die Höhle den Durchgang gestattete, die andre Öffnung fand, und beide Mündungen durch davor gebrachte Holzhaufen in Feuer setzte. An zweitausend Bewaffnete, die zuletzt, bei dem Versuche zu entkommen, selbst in die Flammen rannten, kamen so inwendig durch Rauch und Dampf ums Leben. Unter den Consuln Livius Denter und Ämilius – beide mit dem Vornamen Marcus – ging der Krieg mit den Äquern wieder an. Da sie, aus Verdruß über die 318 gleich einer Zwingburg in ihrem Gebiete angelegte Pflanz-Stadt, diese mit aller Macht zu erstürmen gesucht hatten, waren sie von den Pflanzern selbst zurückgeschlagen. Weil es indeß kaum glaublich war, daß die so sehr geschwächten Äquer für sich allein zum Kriege aufgestanden sein sollten, so bewirkten sie zu Rom einen so großen Schrecken, daß man dieses plötzlichen Krieges wegen einen Dictator ernannte, den Cajus Junius Bubulcus. Dieser brach mit dem Magister Equitum Marcus Titinius auf; besiegte die Äquer im ersten Zusammentreffen, kehrte den achten Tag nachher triumphirend in die Stadt zurück, und gab dem Tempel der Salus , den er als Consul ihr verheißen, als Censor in Verding gegeben hatte, als Dictator die Weihe. 2. In diesem Jahre eroberte eine Griechische Flotte, die unter Anführung des Lacedämoniers Cleonymus an Italiens Küsten landete, die Stadt Thuriä im Sallentinischen. Der gegen ihn ausgeschickte Consul Ämilius jagte den in Einer Schlacht besiegten Feind auf seine Schiffe zurück. Thuriä wurde seinen alten Bewohnern wieder eingeräumt, und im Sallentinischen der Friede hergestellt. In einigen Jahrbüchern finde ich, der Dictator Junius Bubulcus sei in das Sallentinische geschickt, und Cleonymus habe, ehe er noch nöthig gehabt, mit den Römern zu schlagen, Italien geräumt. Als er hierauf um Brundusium's Vorgebirge herumgefahren war, und ihn die Winde mitten durch den Hadriatischen Meerbusen führten, kam er am Ende desselben, weil ihn zur Linken die hafenlosen Küsten Italiens, zur Rechten die Illyrier, Liburner und Istrer abschreckten, lauter wilde und großentheils ihrer Seeräubereien wegen verrufene Völker, an die Küste der Veneter. Nachdem er hier einige seiner Leute ausgesetzt hatte, um die Gegend auszukundschaften, so ließ er auf ihre Aussage, daß hier dem Meere nur ein schmaler Uferstrich vorgebreitet sei; daß man, wenn man über diesen hinaus sei, Sumpfe hinter sich Das Wort sint hinter ab tergo verwerfen Gronov und Drakenborch mit Recht, weil es gegen die Lateinische Construction ist. Aus letztem führe ich noch, als kritischen Beweis, an, daß mehrere Handschriften statt dieses sint den Indicativ sunt haben, und in einer andern sint vor die Worte a tergo gesezt ist. Schon diese Ungewißheit der Stellung macht es als einen Zusatz der Abschreiber verdächtig. habe, die von der 319 Meeresflut bewässert würden; daß man von da die Aussicht über das Land in der Nähe habe, zunächst über Gefilde, weiter hin auf Hügel; dann komme man an die Mündung eines sehr tiefen Stroms, wo sie auch Schiffe zu einem sichern Standplatze hätten einbeugen sehen – dies war der Strom Meduacus – seine Flotte hier hineinlaufen und stromaufwärts gehen. Doch die schwersten Schiffe trug der Strom nicht bis dahin. Der größte Theil seiner Bewaffneten, der auf leichtere Fahrzeuge überging, kam in eine volkreiche Gegend, wo drei Seebezirke der Pataviner die Küste bewohnten. Da sie hier, nach zurückgelassener schwacher Bedeckung für die Schiffe, an das Land gegangen waren, erstürmten sie die Dörfer, zündeten die Häuser an, machten Beute an Menschen und Vieh, und entfernten sich über das Vergnügen zu plündern immer weiter von ihren Fahrzeugen. Als dies die Einwohner Patavium's erfuhren, theilten sie ihre Mannschaft – denn die Nachbarschaft der Gallier hielt sie beständig unter den Waffen – in zwei Theile. Der eine zog in die Gegend, aus welcher die zügellose Plünderung gemeldet wurde; der andre, um den Plünderern nicht zu begegnen, auf einem andern Wege nach dem Standplatze der Schiffe: er war vierzehntausend Schritte von der Stadt, Nach Erlegung der Wachen fielen sie auf die kleinen Schiffe, und vor Schrecken sahen sich die Schiffssoldaten genöthigt, mit ihren Schiffen an das andre Ufer des Stroms hinüberzufahren. Zu Lande hatte der Kampf gegen die zerstreuten Plünderer gleiches Glück; und als die Griechen zu ihrem Standplatze zurückfliehen wollten, versperrten ihnen die Veneter den Weg. So wurden die in die Mitte genommenen Feinde umzingelt und niedergehauen, und die Gefangenen sagten aus, daß ihre Flotte und ihr König Cleonymus dreitausend Schritte von hier stehe. Die Veneter also, die 320 ihre Gefangenen im nächsten Dorfe in Verwahrung geben, bemanneten theils ihre Flußschiffe, denen man zur Überfahrt über die seichten Stellen der Sümpfe den erforderlichen flachen Boden gegeben hatte, theils auch die erbeuteten Fahrzeuge, steuerten auf die Flotte zu und griffen die unbeweglichen Schiffe, denen die Unbekanntschaft mit der Tiefe noch furchtbarer war, als der Feind, von allen Seiten an; und da sie die ernstlicher auf die Flucht ins hohe Meer, als auf Gegenwehr bedachten Feinde bis an die Mündung des Stroms verfolgt hatten, kehrten sie siegreich wieder um, nachdem sie einige feindliche Schiffe, welche die Eilfertigkeit auf Untiefen gerathen ließ, erobert und verbrannt hatten. Cleonymus, von dessen Flotte kaum der fünfte Theil noch brauchbar war, zog ab, ohne irgend wo im Hadriatischen Meere mit Glück gelandet zu haben. Es sind ihrer noch Viele am Leben, welche zu Patavium im ehemaligen Tempel der Juno die aufgehängten Schiffschnabel nebst der übrigen Lacedämonischen Beute gesehen haben Ich habe mich nicht enthalten können, hier von der gewöhnlichen Interpunction abzugehen. Ich setze das Punctum hinter das Wort Patavii, so daß die Worte supersunt, qui viderunt Patavii zusammengehören. Läßt man die folgende Periode mit Patavii anfangen, so scheint es, als sollte hier von einer andern Stadt geredet werden, als von welcher in der vorigen die Rede war. Auch gehörte doch wohl zur Angabe des Junonstempels die Angabe der Stadt, wo er gestanden hatte, in die erste Periode. Dagegen ist im letzten Punctum der Name unnöthig, weil er hier durch das Wort oppidi ersetzt wird. . Das Andenken an jenes Gefecht zu Wasser wird noch jährlich am Tage der Schlacht, durch einen feierlichen Schiffskampf auf dem Flusse, der mitten durch die Stadt fließt, erneuert. 3. Auch wurde in diesem Jahre zu Rom mit den Vestinern, welche um Freundschaft baten, ein Bündniß geschlossen. Darauf kündigten sich vielfache Schrecken an. Es wurde gemeldet, daß Hetrurien den Krieg erneure, und daß diesen Aufstand ein Parteienstreit zu Arretium veranlaßt habe, wo man schon Hand anlegte, das mächtige Geschlecht der Cilnier, dem man seines Reichthums wegen übel wollte, mit den Waffen zu vertreiben: ferner, daß die Marser ihr Gebiet, in welches man eine 321 Pflanzung nach Carseoli ausgeführt, und viertausend Menschen für dieselbe aufgezeichnet hatte, mit Gewalt behaupteten. Der dieser schleunigen Kriege wegen zum Dictator ernannte Marcus Valerius Maximus wählte sich den Marcus Ämilius Paullus zum Magister Equitum. Dies glaube ich lieber, als daß man den Quintus Fabius bei seinen Jahren und nach solchen Amtsführungen dem Valerius untergeordnet habe: hingegen möchte ich nicht leugnen, daß die Veranlassung zu diesem Irrthume in dem Zunamen Maximus liege. Der Dictator zog mit dem Heere aus und wurde durch eine einzige Schlacht der Marser Sieger. Da sie hiedurch in ihre befestigten Städte getrieben wurden, eroberte er in wenig Tagen Milionia, Plestina, Fresilia, und nachdem er sie zur Strafe einen Theil ihres Gebietes hatte abtreten lassen, stellte er das Bündniß mit den Marsern wieder her. Darauf wandte sich der Krieg gegen die Hetrusker, und während der Dictator, um sich der göttlichen Zustimmung von neuem zu versichern, nach Rom gereist war, wurde der Magister Equitum, als er auf Futterholung ausgegangen war, in einem Hinterhalte umringt, und nach der Einbuße mehrerer Fahnen, wobei der Verlust an Leuten und die Flucht gleich schimpflich war, in sein Lager getrieben. Ein so beunruhigender Misgriff laßt sich nicht allein deswegen vom Fabius nicht denken, weil er seinem Zunamen, wenn irgend durch andre Vorzüge, hauptsächlich doch durch seine Verdienste im Kriege entsprach; sondern auch darum nicht, weil er, der Strenge des Papirius eingedenk, sich nie würde haben bewegen lassen, ohne Befehl des Dictators ein Gefecht zu wagen. 4. Die Nachricht von dieser Niederlage erregte zu Rom einen größern Schrecken, als die Sache werth war. Denn es wurden nicht anders, als ob das ganze Heer vernichtet sei, ein Gerichtsstillstand angesagt, Posten an den Thoren und Wachen straßenweise gefordert, und Waffen zum Schutze und zum Angriffe auf die Mauern zusammengebracht. Der Dictator, der nach Beeidigung aller Dienstfähigen zum Heere geschickt wurde, fand über seine 322 Erwartung Alles ruhig und durch die Vorkehrungen des Magisters Equitum in Ordnung; das Lager an einen sicherern Ort zurückgezogen; die Cohorten, welche ihre Fahnen verloren hatten, außer dem Lagerwalle ohne Zelte allein gestellt; das Heer voll Begierde zu fechten, um so viel eher den Schimpf zu tilgen. Er rückte also sogleich mit dem Lager von da in das Gebiet von Rusellä vor. Dahin folgten auch die Feinde: und ob sie sich gleich nach jenem glücklichen Vorfalle von der Prüfung ihrer Streitkräfte auch in offenem Felde den besten Erfolg versprachen, so suchten sie doch auch diesmal dem Feinde durch einen Hinterhalt beizukommen, weil sie davon vorhin so glücklichen Gebrauch gemacht hatten. Nicht weit vom römischen Lager standen die halbzerstörten Häuser eines bei der Verheerung des Landes niedergebrannten Dorfs. Hier versteckten sie Bewaffnete und ließen im Angesichte des Römischen Kohrs, das unter dem Legaten Cneus Fulvius stand, Viehheerden hervortreiben. Als sich auf diese Lockung niemand vom Römischen Posten regte, so trat Einer der Hirten dicht unter die Verschanzungen, und rief den übrigen, welche das Vieh von den Schutthaufen des Dorfs nur zögernd hertrieben, laut entgegen: «Warum sie so zauderten, da sie sicher mitten durch das Römische Lager treiben könnten?» Da dies dem Legaten von einigen Cäriten verdollmetscht wurde, und die Soldaten alle in ihren Haufen vor Unwillen laut wurden, ob es gleich niemand wagte, ohne Befehl aufzubrechen, so hieß er die der Sprache Kundigen Acht geben, ob die Mundart der Hirten mit der ländlichen oder städtischen übereinkomme. Als sie ihm meldeten, der Ton der Sprache, der Anstand und ihr schmuckes Äußere sei für Hirten zu gebildet, so sprach er: «So geht denn hin und sagt ihnen, sie möchten ihren umsonst versteckten Hinterhalt nur enthüllen; die Römer wüßten Alles, und ließen sich jetzt eben so wenig durch List fangen, als durch Waffen besiegen.» Als jene dieses hörten und es den im Hinterhalte Liegenden anzeigten, so traten diese plötzlich aus ihrem Schlupfwinkel hervor und rückten mit ihren Fahnen in ein zur Übersicht 323 von allen Seiten offen liegendes Feld. Da schien dem Legaten ihre Linie stärker, als daß sein Kohr sie aufhalten könnte. Er schickte also eilends zum Dictator, um Hülfe zu holen: bis dahin hielt er die Angriffe der Feinde allein aus. 5. Auf diese Anzeige ließ der Dictator die Fahnen ausrücken und seine Bewaffneten folgen: allein fast in Allem kamen sie seinen Befehlen zuvor. Augenblicklich wurden die Fahnen, die Waffen fortgerissen; und kaum ließen sie sich abhalten, im Laufe auf den Feind einzustürzen; da theils die Erbitterung über die neulich erlittene Niederlage, theils das Geschrei sie spornte, das vom zunehmenden Kampfe immer lauter herüberscholl. Folglich drängten sie Einer den Andern, und ermunterten die Fahnenträger, schneller zu gehen. Je mehr der Dictator sie eilen sah, je angelegentlicher hielt er ihren Zug auf und hieß sie langsam gehen. Die Hetrusker hingegen, die gleich mit dem Anfange des Gefechts herbeigeeilt waren, waren schon mit ihrer ganzen Macht aufgetreten: und Boten über Boten meldeten dem Dictator, die sämtlichen Legionen der Hetrusker hätten sich auf den Kampf eingelassen, und die Seinigen könnten nicht länger Widerstand leisten; ja er sah selbst von einer Anhöhe die große Gefahr jenes Kohrs. Da er indeß darauf rechnen konnte, daß der Legat auch jetzt noch den Kampf aushalten werde, und daß er selbst, als Retter in der Gefahr, so nahe sei, so wünschte er den Feind so viel möglich ermüden zu lassen, um ihn in der Erschöpfung mit frischen Kräften anzugreifen. Selbst bei dem langsamen Vorrücken hatten sie jetzt bis zum wirklichen Angriffe nur noch einen mäßigen Zwischenraum, vollends die Reuterei. Die Legionen zu Fuß mit ihren Fahnen gingen voran, damit die Feinde keinen versteckten oder plötzlichen Schlag besorgen möchten: allein er hatte zwischen den Haufen des Fußvolks Zwischenräume gelassen, so daß die Pferde, um hervorbrechen zu können, Platz genug hatten. Kaum erhob die Linie das Schlachtgeschrei, so stürzte auch die durchgelassene Reuterei in ungehemmtem Fluge auf die Feinde, und 324 goß über die zu einem Gefechte mit Reuterei Unvorbereiteten einen plötzlichen Schrecken aus. So wie also für die vom Feinde fast schon Umzingelten die Hülfe beinahe zu spät kam, so war ihnen jetzt die völligste Ruhe gewahrt. Die frischen Völker übernahmen den Kampf: er war aber weder lang, noch mißlich. Die geschlagenen Feinde eilten ihrem Lager zu, wichen aber den einrückenden Römern und drängten sich am äußersten Ende desselben zusammen. In den engen Thoren stopften sich die Fliehenden: ein großer Theil stieg auf die Böschung und den Wall, um sich entweder von der Höhe zu vertheidigen, oder irgendwo hinüber zu kommen und zu entrinnen. Es fügte sich, daß die Böschung an einer Stelle, wo sie nicht gehörig gedichtet war, unter der Last der darauf Stehenden in den Graben schoß; und unter dem Geschreie, daß ihnen die Götter selbst den Weg zur Flucht bahnten, entkamen sie, mehrere ohne, als mit Waffen. Durch dieses Treffen wurde zum zweitenmale die Macht der Hetrusker gebrochen; und unter der Bedingung, den Sold für dies Jahr und auf zwei Monate Getreide zu liefern, erhielten sie vom Dictator Erlaubniß, eines Friedens wegen Gesandte nach Rom zu schicken. Den Frieden schlug man ihnen ab, und bewilligte einen Waffenstillstand auf zwei Jahre. Der Dictator kam triumphirend nach Rom zurück. Ich finde bei Einigen angegeben, daß Hetrurien vom Dictator ohne irgend eine denkwürdige Schlacht beruhigt sei, da er bloß die Parteienzwiste der Arretiner beigelegt und das Cilnische Geschlecht mit seinem Bürgerstande wieder ausgesöhnt habe. Aus seiner Dictatur ging Marcus Valerius in das ihm ertheilte Consulat über. Einige melden Ich lese mit Gronov, Duker, Drakenborch und Crevier statt credidere lieber tradidere. , man habe ihn ohne sein Gesuch, ja sogar abwesend gewählt, und dieser Wahltag sei von einem Zwischenkönige gehalten. Nur das allein ist außer Streit, daß er dies Consulat mit dem Appulejus Pansa verwaltet hat. 325 6. Unter den Consuln Marcus Valerius und Quintus Appulejus war auswärts Alles ziemlich friedfertig. Die Hetrusker bestimmte ihr Unglück im Kriege und der Waffenstillstand, Ruhe zu halten; und den Samniten, durch ihre Niederlagen seit so vielen Jahren gedemüthigt, war das neue Bündniß noch nicht unwillkommen. Auch zu Rom hatten die Abführungen so vieler Menschen in Pflanzstädte den Bürgerstand beruhigt und entlastet. Damit aber ja nicht von allen Seiten Ruhe herrschen möchte, mußten die Bürgertribunen, die beiden Ogulnier, Quintus und Cneus, zwischen den Vornehmsten des Stats, sowohl vom Patricier- als Bürgerstande, einen Streit entzünden. Da sie auf allen Seiten Gelegenheit gesucht hatten, die Väter bei dem Bürgerstande zu beschuldigen, so stellten sie, nach mehrern vergeblichen Versuchen, eine Klage an, durch welche sie nicht etwa die niedrige Bürgerclasse aufwiegelten, sondern selbst die Häupter des Bürgerstandes, welche als Männer dieser Classe Consulate verwaltet und Triumphe gehalten hatten; insofern nämlich ihren Ehrenämtern die Priesterthümer allein noch abgingen, welche noch nicht aus beiden Ständen besetzt wurden. Sie ließen also den Vorschlag aushängen, daß man, da es jetzt vier Vogelschauer und vier Oberpriester gebe, und die Zahl der Priester zu vermehren sei, vier Oberpriester und fünf Vogelschauer, sämtlich aus dem Bürgerstande, hinzuthun sollte. Wie die Gesellschaft der Vogelschauer auf die Zahl von Vieren habe herabkommen können, wenn nicht etwa Zwei gestorben waren, finde ich nicht: denn es ist unter den Vogelschauern festgesetzt, daß ihre Anzahl ungleich sein müsse, so daß die drei alten Stadtbezirke, die Ramnen, Titienser und Luceren, jeder seinen Vogelschauer haben, oder wenn sie der Priester mehr haben wollen, sie verhältnißmäßig in gleicher Anzahl vermehren, gerade wie sie damals vermehrt sind, als die fünf zu den vier früheren Hinzugekommenen die volle Zahl Neun gaben, so daß jeder Bezirk seine Drei hatte. Weil sie aber aus dem Bürgerstande hinzugethan werden sollten, so war die Sache den Vätern eben so unangenehm, als damals, da sie den 326 Antheil am Consulate Jedem gegeben sahen. Ja sie gaben ihr das Ansehen, als sei dies mehr die Sache der Götter, als ihre eigene: «die Götter würden schon dahin sehen, daß ihnen geweihte Dinge nicht beschmutzt würden; Sie für ihre Person wünschten nur, daß daraus kein Unglück für den Stat hervorgehe.» Indeß, gewohnt, in dergleichen Streitigkeiten besiegt zu werden, setzten sie sich mit minderem Ernste entgegen. Und sie sahen hier auch Gegner vor sich, die nicht etwa nach hohen Ehrenstellen als einem Preise strebten, den sie ehemals kaum hatten hoffen dürfen, sondern die schon Alles, wonach sie bei noch so zweifelhaften Hoffnungen gerungen hatten, dennoch erreicht hatten, vielmalige Consulate, Censuren und Triumphe. 7. Doch sollen zur Empfehlung und Bestreitung des Vorschlages hauptsächlich Appius Claudius und Publius Decius Mus gegen einander aufgetreten sein. Nachdem sie über das Recht der Väter und des Bürgerstandes fast dieselben Gründe aus einander gesetzt hatten, welche damals für und wider den Licinischen Vorschlag angeführt wurden, als man auf Besetzung des Consulats durch Bürgerliche antrug; soll Decius dem Volke das Bild seines Vaters ins Gedächtniß zurückgerufen haben, so wie jenen noch viele der in der Versammlung Anwesenden gesehen hatten, in demselben Aufzuge, in welchem er sich, in Gabinische Umhüllung geschleiert, auf einem Pfeile stehend, für das Römische Volk und dessen Legionen die Weihe zum Tode geben ließ. «Der Consul Publius Decius, » sagte er, «sei damals «in den Augen der unsterblichen Götter eben so rein, eben so gottgefällig gewesen, als wenn sich sein Amtsgenoß Titus Manlius hatte zum Tode weihen lassen. Und eben diesen Publius Decius sollte man, ohne eine Sünde zu begehen, zur Ausrichtung des öffentlichen Gottesdienstes in Rom, nicht haben wählen dürfen? Ob er etwa fürchten solle, daß die Götter seine Gebete weniger gern hörten, als die des Appius Claudius? daß dieser bei seinem häuslichen Gottesdienste frömmer sei, als er, und die Götter gewissenhafter verehre? Wer wohl Ursache 327 gehabt habe, mit der Anrufung der Götter unzufrieden zu sein, die von den Lippen so vieler bürgerlichen Consuln, so vieler Dictatoren kam, entweder bei ihrem Hingange zu den Heeren, oder mitten unter den Kriegen selbst? Man möge die Feldherren derjenigen Jahre zählen, seit welchen der Gang der Kriege unter dem Oberbefehle und der Leitung von Bürgerlichen gestanden habe; man möge die Triumphe zählen. Selbst mit ihrem neuen Adel hätten die Bürgerlichen nicht Ursache, unzufrieden zu sein. Er sei überzeugt, wenn jetzt ein plötzlicher Krieg ausbreche, so werde Roms Senat und Gesamtvolk auf die patricischen Heerführer keine größere Hoffnung setzen, als auf die Bürgerlichen. Wo ist der Gott, fuhr er fort, wo der Mensch, der unter diesen Umständen eine Unwürdigkeit darin finden kann, wenn Männer, die ihr mit dem Thronsessel, mit der Purpurverbrämung, mit der Palmenweste, mit der Stickerei auf dem Rocke, mit dem Triumphskranze und dem Lorber beehrt habt, deren Häuser ihr durch Anheftung des den Feinden abgenommenen Raubes vor andern ausgezeichnet habt, zu dem Allen noch die Ehrenzeichen der Oberpriesterwürde und des Vogelschaueramts hinzuthun? Wenn der, der in der majestätischen Tracht des allmächtigen Jupiter in einem vergoldeten Wagen durch die Stadt zum Capitole hinauffahren durfte, sich mit einer Opferschale, mit einem Krummstabe sehen ließe, ein geweihetes Thier opferte, von der Burg die Zustimmung der Vögel holte; wenn ihr dem, auf dessen Bildnisse man einst in der Unterschrift das Consulat, die Censur, den Triumph ohne Anstoß lesen wird, das Vogelschaueramt, die Oberpriesterwürde noch dazu gegeben hättet: dann sollten die Augen der Leser von diesem Gräuel sich abwenden? Ich darf die Hoffnung äußern – mögen mir die Götter es nicht ungnädig nehmen! – daß wir den Priesterämtern, da wir durch die Wohlthaten des Römischen Volks schon so sehr gehoben sind, durch unsre Würdigsprechung nicht geringere Ehre ertheilen werden, als wir durch sie erhalten möchten, und daß wir mehr um der Götter, als um unserer selbst 328 willen, darauf dringen müssen, ihnen eben so gut, als wir sie in unsern Häusern verehren, auch öffentlich dienen zu dürfen.» 8. «Doch warum habe ich bis jetzt so gethan, als hätten die Patricier in Betreff der Priesterthümer noch völlig reine Sache, und als wären wir nicht schon im Besitze eines der ehrenvollsten Priesterämter? Zehnmänner des Gottesdienstes, Dollmetscher der Sprüche der Sibylle und der Schicksale unsres Volks, und eben so Vorsteher des Apollinarischen Opfers und andrer Feierlichkeiten sehen wir ja im Bürgerstande schon jetzt. So wenig damals den Patriciern das mindeste Unrecht geschah, als die Zahl der Zweimänner des Gottesdienstes den Bürgerlichen zum Besten vermehrt wurde; eben so will auch jetzt der Tribun, dieser biedere und thätige Mann, die Zahl der Vogelschauer um fünf, die der Oberpriester um vier mit Bürgerlichen zu besetzende Plätze vermehren, nicht etwa deswegen, Appius, daß sie euch aus euren Plätzen verdrängen sollen, sondern daß die Männer vom Bürgerstande euch eben so in Besorgung der göttlichen Angelegenheiten zu Hülfe kommen mögen, wie sie euch in allen andern menschlichen Geschäften auch von ihrer Seite behülflich sind. Du darfst nicht erröthen, Appius, im Priesterthume einen Amtsgenossen zu haben, den du auch in der Censur, oder den du im Consulate zum Amtsgenossen haben konntest; bei dem du eben so gut Magister Equitum werden, wenn er Dictator ist, als sein Dictator sein kannst, wenn er Magister Equitum ist. Einen Sabinischen Ankömmling, den Stammvater eures Edelhauses, – mögt ihr ihn lieber Attus Clausus oder Appius Claudius genannt wissen – nahmen jene alten Patricier in ihre Zahl auf: so mußt auch du nicht zu ekel sein, uns in die Zahl der Priester aufzunehmen. Mit uns bringen wir der Ehrentitel viele, ja gerade alle diejenigen mit, die euch so übermüthig gemacht haben. Lucius Sextius war der erste ernannte Consul vom Bürgerstande, Cajus Licinius Stolo der erste Magister Equitum, Cajus Marcius Rutilus der erste Dictator 329 und Censor, Quintus Publilius Philo der erste Prätor. Man hört immer euer ewiges Einerlei, daß ihr nur das Recht hättet, die Vögel zu befragen, daß ihr nur von Familie wäret, daß ihr allein im Frieden und im Kriege den Oberbefehl und die Befragung der Vögel gehörig versehen könntet. Beides war bisher mit gleichem Glücke in den Händen der Patricier und der Bürgerlichen, und wird es ferner sein. Ihr habt wohl nie davon erzählen hören, daß nicht etwa gewisse vom Himmel Gefallene zu den ersten Patriciern genommen wurden, sondern solche, die ihren Vater angeben konnten, das heißt, nichts weiter, als Freigeborne, waren? Ich kann ja schon in meinem Vater einen Consul anführen, und mein Sohn kann das demnächst in seinem Großvater. Bei der ganzen Sache, ihr Quiriten, ist es darauf abgesehen, daß uns Alles, was wir erlangen, erst abgeschlagen werden soll. Es ist bloß Streit, was die Patricier suchen, ohne sich darum zu kümmern, was sie von ihren Streitigkeiten für einen Erfolg haben werden. Ich bin der Meinung, daß dieser Antrag, zum Glücke, Heile und Segen für euch und den Stat, vorgeschlagenermaßen, zum Gesetze zu machen sei.» 9. Sogleich befahl das Volk, die Bezirke zum Stimmen aufzurufen, und man sah der Annahme des Vorschlages entgegen: gleichwohl ging dieser Tag durch die Einsage verloren. Am folgenden Tage wurde er, da die Tribunen den Muth sinken ließen, mit großer Einstimmung angenommen. Zu Oberpriestern wurden gewählt Publius Decius Mus, der Fürsprecher des Vorschlages; Publius Sempronius Sophus, Cajus Marcius Rutilus, Marcus Livius Denter. Und gleichfalls aus dem Bürgerstande fünf Vogelschauer: Cajus Genucius, Publius Älius Pätus, Marcus Minucius Fessus, Cajus Marcius, Titus Publilius. So wurde die Zahl der Oberpriester auf acht, die der Vogelschauer auf neun gesetzt. In diesem Jahre brachte auch der Consul Marcus Valerius seinen Vorschlag wegen der Ansprache an das Volk, der er eine größere Unverletzlichkeit gab, zur Annahme. Dies war das drittemal 330 seit Vertreibung der Könige, daß auf dieses Gesetz angetragen wurde, und immer von Einem aus dieser Familie. Ich glaube, die Ursache, es so oft zu erneuern, war keine andre, als weil das Übergewicht einiger Mächtigen der Freiheit des Bürgerstandes zu drückend wurde. Indeß scheint doch das Porcische Nach Pighius und Ernesti (im Clavis) brachte dies der Bürgertribun Publius Porcius Läca zum Vortrage, und Cato Censorius war nur Suasor legis. Gesetz allein zur Sicherstellung der Bürger vor körperlicher Mißhandlung gegeben zu sein, weil es dem eine schwere Strafe drohete, der einen Römischen Bürger peitschte oder tödtete. Denn das Valerische Gesetz fügt zu dem Verbote, daß man niemand, der das Volk anspricht, mit Ruthen peitschen oder mit dem Beile hinrichten soll, weiter nichts hinzu, als daß das Verfahren dessen, der dagegen handle, gesetzwidrig sei. Vermuthlich glaubte man bei der damaligen Rechtlichkeit der Leute, das Gesetz bedürfe keines stärkern Bandes: jetzt möchte in diesem Tone wohl niemand im Ernste drohen wollen. Eben dieser Consul führte gegen die aufgestandenen Äquer einen Krieg, der aber, weil ihnen von ihrem alten Wohlstande nichts als der Trotz geblieben war, gar nicht merkwürdig ward. Der andre Consul Appulejus schloß in Umbrien die Stadt Nequinum ein. Der Ort hatte eine steile Lage; auf der einen Seite, wo jetzt Narnia liegt, einen Absturz, und konnte weder durch Sturm, noch durch Werke genommen werden. Also kam dies Geschäft unvollendet an die neuen Consuln, Marcus Fulvius Pätinus, Titus Manlius Torquatus . Licinius Macer und Tubero berichten, da die sämtlichen Centurien den Quintus Fabius ohne sein Gesuch zum Consul auf dies Jahr ernannt hätten, so habe er selbst darauf angetragen, ihm das Consulat auf ein kriegerischeres Jahr zu versparen; für dies Jahr werde er dem State, durch Verwaltung eines Amtes in der Stadt, von größerem Nutzen sein: und so habe man ihn, da er, ohne darum anzuhalten, sich doch merken ließ, was er lieber wünschte, mit dem Papirius Cursor zum Curulädil gewählt. Dies 331 nicht als ausgemachte Wahrheit aufzustellen, veranlasset mich Piso, der seine Jahrbücher früher schrieb, und als Curulädilen dieses Jahrs den Cajus Dominus Calvinus, des Cneus Sohn, und den Spurius Carvilius Quinti Filius Maximus angiebt. Ich glaube, daß dieser Zuname den Irrthum über die Ädilen veranlaßt, und die Erzählung zur Folge gehabt habe, die als ein Gemisch von Angaben über die Ädilen- und Consulnwahl den Irrthum in Schutz nahm. Auch beendeten in diesem Jahre die Censorn Publius Sempronius Sophus und Publius Sulpicius Saverrio eine Schatzung, und vermehrten die Zahl der Bezirke um zwei, mit dem Aniensischen und Terentinischen. So viel von den Begebenheiten in Rom. 10. Bei der Stadt Nequinum hingegen, wo man die Zeit mit einer nichts schaffenden Einschließung verlor, kamen zwei Einwohner durch einen geheimen Gang, den sie unter der Erde gemacht hatten, zu den Römischen Posten, und als sie zum Consul geführt wurden, versprachen sie, ein bewaffnetes Kohr in die Werke und Mauern einzulassen. Der Vorschlag schien sich eben so wenig zur Abweisung, als zur unvorsichtigen Annahme zu eignen. Mit dem Einen von ihnen – denn der Andre wurde als Geisel zurückbehalten – mußten zwei Kundschafter durch den Erdgang hineingehen, und als man sich durch diese hinlänglich unterrichtet hatte, zogen, von dem Überläufer geführt, dreihundert Bewaffnete in die Stadt und besetzten in der Nacht das nächste Thor. Als dies erbrochen war, rückte der Consul mit dem Römischen Heere ohne Gefecht in die Stadt. So kam Nequinum an den Römischen Stat. Es wurde dort eine Pflanzstadt gegen die Umbrier angelegt, welche vom Flusse den Namen Narnia bekam: und das Heer zog mit großer Beute nach Rom zurück. In diesem Jahre rüsteten sich auch die Hetrusker, gegen den Waffenstillstand, zum Kriege. Allein ein großes Heer von Galliern, welches ihnen in das Land fiel, rief sie, mit ganz andern Vorkehrungen beschäftigt, eine Zeitlang von dieser Unternehmung ab. Im Vertrauen auf ihr Geld, welches sie zu einer Macht von Bedeutung 332 erhob, versuchten sie es, aus diesen Feinden Bundesgenossen zu machen, um in Vereinigung mit diesem Heere den Krieg gegen die Römer zu führen. Die Barbaren waren zu dem Bündnisse nicht abgeneigt; nur über die Bezahlung kam es zu Unterhandlungen. Als sie diese verabredet und erhalten hatten, Alles schon zum Kriege fertig war, und die Hetrusker sie aufforderten, ihnen zu folgen, so leugneten jene, sich diese Summe zur Führung eines Krieges mit den Römern bedungen zu haben. Was sie bekommen hätten, hatten sie dafür erhalten, daß sie das Gebiet der Hetrusker nicht verheeren und die Einwohner nicht als Feinde beunruhigen sollten. Doch wollten sie, wenn dies die Hetrusker durchaus verlangten, Dienste thun; allein unter keiner andern Bedingung, als daß sie Antheil an ihrem Lande und endlich einmal einen festen Wohnsitz bekämen.» Hierüber hielten die Völkerschaften Hetruriens viele Versammlungen, ohne zum Abschlusse zu kommen, nicht sowohl aus Abneigung gegen die Schmälerung ihres Gebiets, als vielmehr, weil sich Jeder fürchtete, ein so zügelloses Volk zum Nachbar anzunehmen. So zogen die Gallier ab, und nahmen eine ansehnliche Summe Geldes mit, ohne Mühe und Gefahr gehabt zu haben. Zu Rom bewirkte das Gerücht von dem Ansturze der Gallier, der sich mit dem Hetruskischen Kriege vereinigen würde, großen Schrecken: um so viel weniger bedachte man sich, mit dem Volke der Picenter ein Bündniß zu schließen. 11. Dem Consul Titus Manlius gab das Los zum Schauplatze seiner Kriegsführung Hetrurien. Kaum hatte er das feindliche Gebiet betreten, als er bei einer Übung mit der Reuterei an einem Sturze vom Pferde, mit dem er in gestrecktem Laufe umwandte, fast entseelt liegen blieb. Drei Tage nach diesem Falle gab der Consul den Geist auf. Die Nachricht hob, als wäre sie eine Vorbedeutung auf den ganzen Krieg, den Muth der Hetrusker, die es laut erklärten, daß statt ihrer die Götter den Feldzug eröffnet hätten. Für Rom war dies, theils weil man den Mann ungern vermißte, theils unter so ungünstigen Umständen, eine traurige Meldung; so daß nur die auf das 333 Gutachten der vornehmsten Senatoren zur Wiederbesetzung der Consulstelle veranstaltete Wahl die Väter von Ernennung eines Dictators abhielt. Alle Raths- und Volksstimmen ernannten den Marcus Valerius zum Consul, den der Senat zum Dictator hatte ernennen wollen. Dann bekam er sogleich Befehl, zu den Legionen nach Hetrurien abzugehen. Schon seine Ankunft zügelte die Hetrusker, so daß es keiner wagte, aus den Verschanzungen zu gehen, und ihre Eingezogenheit einer Einschließung ähnlich war. Auch konnte sie der neue Consul nicht durch die Verheerung ihres Landes und Niederbrennung ihrer Gebäude, da allenthalben nicht bloß die Landhäuser, sondern auch volkreiche Dörfer im Rauche aufgingen, zu einer Schlacht herauslocken. Während dieser Krieg gegen die Erwartung schläfrig ging, kündigte das Gerücht, laut der Aussage der Picenter , dieser neuen Bundesgenossen, einen zweiten Feind an, welchen viele gegenseitige Niederlagen nicht mit Unrecht furchtbar gemacht hatten. Sie meldeten, daß die Samniten mit Krieg und Aufstand umgingen, und daß sie selbst von ihnen zur Theilnahme aufgefordert wären. Den Picentern wurde vom Senate Dank gesagt; und ein großer Theil der Sorge, welche die Väter wegen Hetrurien gehabt hatten, ging nun auf Samnium über. Auch setzte eine Theurung die Stadt in Verlegenheit, und wie diejenigen Schriftsteller melden, nach deren Berichte Fabius Maximus in diesem Jahre Ädil gewesen sein soll, würde der Mangel aufs höchste gestiegen sein, wäre nicht die Sorgfalt dieses Mannes in dem friedlichen Geschäfte der Austheilung der Lebensmittel, durch seine Bestellungen und Zufuhren von Getreide, eben so musterhaft gewesen, als sie es in Führung der Kriege zu wiederholtenmalen gewesen war. In diesem Jahre trat, ohne daß man die Ursache angegeben findet, eine Zwischenregierung ein. Zwischenkönige waren Appius Claudius und dann Publius Sulpicius. Dieser hielt den consularischen Wahltag und erklärte den Lucius Cornelius Scipio und Cneus Fulvius für erwählte Consuln. Vor den neuen Consuln erschienen 334 im Anfange des Jahrs Gesandte der Lucaner, um sich über die Samniten zu beschweren, «die ihnen, weil sie sie durch keine Anerbietungen zur Theilnahme am Kriege hätten vermögen können, nach einem feindlichen Einbruche das Land verheerten und sie durch Krieg zum Kriege zwingen wollten. Das Lucanische Volk habe sich Einmal mehr als zu sehr vergangen; jetzt aber sei es fest überzeugt, daß es ein gelinderes Übel sei, Alles zu tragen und zu leiden, als sich je wieder am Römischen State zu versündigen. Sie bäten die Väter, einmal, die Lucaner zu Freunden anzunehmen, und zum andern, die Gewaltthätigkeiten und den Frevel der Samniten von ihnen zu entfernen. Wären sie gleich durch den mit den Samniten schon unternommenen Krieg zur Treue gegen die Römer gezwungen, so wären sie dennoch bereit, Geisel zu geben.» 12. Der Senat kam bald zum Schlusse. Einmüthig stimmten Alle dafür, den Bund mit den Lucanern zu schließen und von den Samniten Ersatz zu fordern. Die Lucaner erhielten eine gütige Antwort, und der Bund wurde geschlossen. Man schickte Bundespriester ab, den Samniten anzudeuten, daß sie das Land Römischer Bundsgenossen räumen und ihr Heer aus dem Lucanischen Gebiete abführen sollten. Allein Samnitische Abgeordnete kamen ihnen schon entgegen, um ihnen zu sagen: «Wofern sie sich in Samnium auf irgend einer Versammlung betreten ließen, würden sie nicht ohne Mishandlung wegkommen.» Auf die hiervon zu Rom gemachte Anzeige wurde der Krieg gegen die Samniten von den Vätern beschlossen und vom Gesamtvolke gebilliget. Die Consuln theilten sich in die Schauplätze des Krieges. Dem Scipio gab das Los Hetrurien, dem Fulvius die Samniten; und sie rückten nach entgegengesetzten Richtungen, jeder zu seinem Kriege, aus. Dem Scipio, der einen schläfrigen, dem vorjährigen Feldzuge ähnlichen, Krieg erwartete, kamen die Feinde bei Volaterrä mit einem schlachtfertigen Heere entgegen. Man schlug sich fast den ganzen Tag mit großem Verluste auf beiden Seiten, und wurde, noch 335 ungewiß, für welche Seite sich der Sieg erklärt habe, von der Nacht überfallen. Das folgende Tageslicht entdeckte den Sieger und Besiegten: denn in der Stille der Nacht verließen Ich glaube, es müsse hier heißen reliquer a nt: doch habe ich das von Drakenb. und Stroth beibehaltene reliquer u nt übersetzt. die Hetrusker ihr Lager. Als die in Linie ausgerückten Römer durch den Abzug des Feindes sich den Sieg zugestanden sahen, rückten sie zu seinem Lager vor, und nahmen es, freilich menschenleer, aber mit sehr vieler Beute in Besitz: denn der Feind hatte lange darin gestanden Ich lese hier (nam et stativa, et trepide deserta, fuerant) und muß gestehen; daß mir die gewöhnliche Lesart nam et stativa trepide etc. worin nur Einmal et gelesen wird, anstößig sei. Soll Livius damit sagen wollen: denn auch das Standlager hatten sie in Eile verlassen, so muß ich hier zwei feindliche Lager annehmen; das Eine, welches die Römer des Morgens verlassen fanden, und dann noch ein Zweites (vielleicht weiter hinten gelegenes) als Standlager der Feinde, wozu das et gehören soll. Davon sagte uns aber Livius nichts. Am meisten wundre ich mich, daß Drakenb. sagen kann: Recepta scriptura genuina est. Caussa, cur Romani plurima praeda in castris Etruscorum potiti sunt, erat, quod trepide ea deseruerant. Allein gerade aus seiner Anmerkung erfahren wir, daß Gebhard und er in zwölf Handschriften et stativa et, und in der 13ten et stativa etiam fanden. Nimmt man dies et stativa, et trepide etc. als wahre Lesart an, so fallen nicht allein jene Schwierigkeiten weg, sondern Livius macht es dann noch so viel glaublicher, daß das eroberte Lager eine sehr reiche Beute geliefert haben müsse, wenn er nicht Einen, sondern zwei Gründe angiebt. Nam haec, castra et stativa et trepide deserta, fuerant. 1) Die Feinde hatten es nicht etwa seit gestern bezogen, sondern hier ihre stativa gehabt, also vielerlei Vorräthe lange gehäuft; 2) sie hatten es in Eile verlassen. Will man aber annehmen, daß der Sinn etwa der sei, wie ihn Drakenb. und die übrigen Herausgeber, die hier keinen Anstoß fanden, genommen haben müssen: «Denn dies Lager war auch ihr – noch dazu eilig verlassenes – Standlager gewesen,» so müßte man doch durch die Interpunktion, nam et stativa, trepide deserta, fuerant, dem Leser zu Hülfe kommen. Zum Andern würde Livius, wenn ich nicht irre, dann durch das Wort deserta noch einmal sagen, was er schon vorher in den Worten Etrusci silentio noctis castra reliquerunt gesagt hatte. 3) Hingegen würde in meiner Lesart durch das zweite et der Accent deutlicher auf trepide fallen; 4) bliebe noch immer die Mehrzahl der Handschriften für die Wiederholung des et. , und es eilig verlassen. Als sie von hier ins Gebiet der Falisker zurückgeführt waren, und ihr Gepäck mit einer mäßigen Bedeckung in Falerii gelassen hatten, setzten sie mit ihrem entledigten Heere den Zug zur Plünderung des feindlichen Gebietes weiter fort. Alles wurde mit Feuer und Schwert verwüstet; allenthalben Beute weggetrieben: man ließ dem Feinde nicht bloß den Boden verödet zurück, sondern zündete auch Schlösser und 336 Dörfer an: nur auf Belagerung der Städte, in welche die Hetrusker die Furcht getrieben hatte, ließ man sich nicht ein. Der Consul Cneus Fulvius hingegen lieferte in Samnium bei Bovianum eine sich auszeichnende Schlacht, in welcher der Sieg durchaus nicht zweifelhaft blieb. Er griff Bovianum an, und bald darauf Aufidena, und eroberte beide mit Sturm. 13. In diesem Jahre wurde auch nach Carseoli eine Pflanzung in das Land der Äquicoler ausgeführt. Der Consul Fulvius triumphirte über die Samniten. Als die Consulnwahl herannahete, entstand ein Gerücht, die Hetrusker und Samniten brächten große Heere auf; öffentlich thue man in allen Versammlungen der Hetrusker den Großen die bittersten Kränkungen an, daß sie die Gallier nicht unter jeder Bedingung in den Krieg hineingezogen hätten; der Samnitischen Regierung würden Vorwürfe gemacht, daß sie ein Heer, welches man nur gegen Feinde geworben hatte, wie die Lucaner Ich folge Drakenborch. Er lieset mit Gronov: quod exercitum, in Lucanum hostem comparatum, obiecerint Romanis, und sagt von der Lesart adiecerint aus triftigen Gründen: ad eam non attendendum puto. Darum bin ich auch über die Worte itaque suis sociorumque viribus consurgere hostes ad b. et haudquaquam pari etc. der Meinung Gronovs. Er sagt: Pendent a superiore: fama exorta, et sunt, quae Romae iactarentur. Ich setze hinzu: Wollte man dies ängstliche Bekenntniß den Feinden Roms in den Mund legen, so sieht man nicht, wie Livius von den Römern sagen konnte: Hic terror omnes ad creandum cos. Q. Fabium impellebat. Nimmt man sie hingegen für Äußerungen der Römer, als ihnen jenes Gerücht zu Ohren kam, so kann Hic terror bestehen; und dann gehen im Munde der Römer die Worte suis viribus consurgere auf die Samniten, die vorher nur ein schwaches Heer gegen die Lucaner aufgestellt hatten, und nun viribus consurgentes ein stärkeres gegen Rom aufstellen werden: die Worte sociorum viribus hingegen beziehen sich auf die von den Hetruskern gewünschte Hülfe der Gallier. Denn die Unzufriedenheit der Hetrusker mit ihrer Regierung, daß sie die Verbindung mit den Galliern nicht quacumque conditione beibehalten hatte, ließ jetzt, was man in Rom fürchtete, erwarten, diese Verbindung solle wieder angeknüpft werden. Dann sind socii nicht bloß die Hetrusker in Vereinigung mit den Samniten, sondern auch die Gallier als Verbündete der Hetrusker. waren, den Römern entgegen geworfen habe. – Hieraus folge, daß die Feinde ihre eignen und ihrer Bundsgenossen Kräfte aufböten, und daß man einen durchaus ungleichen Kampf zu bestehen 337 haben werde. Dieser Besorgniß wegen richteten Alle, da sich jetzt mehrere angesehene Männer um das Consulat bewarben, ihre Augen auf den Quintus Fabius Maximus, der anfangs nicht darum anhielt, und nachher, als er sah, daß diese Stimmung den Ausschlag bekam, es sich sogar verbat. «Warum sie ihn, den Greis, der schon der Beschwerden, so wie des Lohns für diese Beschwerden, genug getragen habe, aus seiner Ruhe aufstörten? Weder Körper- noch Geisteskraft bleibe immer dieselbe. Ja er fürchte, daß selbst sein Glück irgend einem der Götter zu groß und anhaltender scheinen möge, als das Los der Sterblichen es erlaube. So wie er selbst einst dem Ruhme der Bejahrteren nachgereift sei, so mache es ihm jetzt wieder Freude, Andre zu seinem Ruhme sich hinanheben zu sehen. Es fehle zu Rom weder an Ehrenämtern für tüchtige Männer, noch an tüchtigen Männern für die Ehrenämter.» Durch diese Bescheidenheit wurde ihre so gerechte Zuneigung nur noch verstärkt; und da er es nunmehr für Pflicht hielt, diese durch die Achtung für die Gesetze niederzuschlagen, so ließ er das Gesetz vorlesen, nach welchem derselbe Mann innerhalb zehn Jahren nicht wieder zum Consul gewählt werden durfte. Allein vor Geräusch konnte man das Gesetz kaum hören; und die Bürgertribunen erklärten, dies sollte kein Hinderniß sein: sie wollten bei dem Volke darauf antragen, daß er von den Gesetzen entbunden sein solle. Standhaft bei seiner Weigerung beharrend ließ er sie zu wiederholtenmalen die Frage hören: «Was es helfen könne, Gesetze zu geben, wenn ihnen selbst durch diejenigen Eintrag geschehe, welche sie gegeben hätten? Das heiße, den Gesetzen gebieten; nicht, sie gebieten lassen.» Nichtsdestoweniger begann das Volk die Stimmensammlung, und jede Centurie, so wie sie in die Schranken gerufen war, ernannte ohne Bedenken den Fabius zum Consul. Da endlich ergab er sich der einmüthigen Stimme des Volks und sprach: «Mögen die Götter genehmigen, ihr Quiriten, was ihr jetzt thut, und künftig thun werdet. Da ihr indeß über mich, eurem Willen gemäß, verfügen sollt, so lasset 338 bei der Wahl meines Amtsgenossen meine Bitte bei euch geltend sein. Ich ersuche euch, den Publius Decius, einen Mann, mir durch einträchtige Amtsführung bewährt und ganz eurer und seines Vaters würdig, mit mir zum Consul zu machen.» Man glaubte, seine Empfehlung ehren zu müssen; und alle noch übrigen Centurien ernannten den Quintus Fabius und Publius Decius zu Konsuln. In diesem Jahre wurde von den Ädilen gegen Mehrere eine gerichtliche Klage erhoben, weil sie ein größere Eigenthum an Ländereien haben sollten, als durch das Gesetz bestimmt war. Fast nicht ein Einziger konnte sich rechtfertigen; und die unmäßige Habsucht wurde kräftig gezügelt. 14. Als die neuen Consuln – Quintus Fabius Maximus war es zum vierten- und Publius Decius Mus zum. drittenmale – mit einander verabredeten, daß sich der eine die Samniten, der andre die Hetrusker zu seinen Feinden wählen solle, ferner, wie viele Truppen für diesen oder jenen Kriegsschauplatz hinreichend sein würden, und wer von ihnen beiden zu dem einen, oder zu dem andern Kriege der paßlichere Feldherr sein möchte: so wandte die Anzeige der Gesandten von Sutrium, von Nepete und Falerii, daß die Völkerschaften Hetruriens in ihren Versammlungen auf einen zu erbittenden Frieden antrügen, den ganzen Sturm des Krieges gegen Samnium. Um sich die Zufuhr zu erleichtern und den Feind in größerer Ungewißheit zu lassen, von welcher Seite der Angriff geschehen werde, schlugen die aufbrechenden Consuln mit ihren Legionen zwei Wege gegen Samnium ein, Fabius durch das Soranische Gebiet, Decius durch das Sidicinische. Als sie die feindlichen Gränzen betraten, zogen sie unter ausgebreiteter Plünderung einher. Doch weiter noch, als sie selbst verheerten, breiteten sich ihre Späher aus. Daher entging es ihnen nicht, daß die Feinde bei Tifernum in einem versteckten Thale in Bereitschaft standen, sie von der Höhe herab, sobald sie hereingerückt wären, zu überfallen. Fabius, der sein Gepäck in Sicherheit brachte, und ihm eine mäßige Bedeckung gab, rückte 339 nach einer an seine Soldaten erlassenen Erinnerung, jetzt den Kampf zu erwarten, in geschlossener Stellung gegen den ihm schon bekannt gemachten Hinterhalt der Feinde heran. Da entschlossen sich die Samniten, die ihren unvermutheten Überfall vereitelt sahen, weil es nun doch zur offenen Entscheidung kommen mußte, ebenfalls, lieber zum Angriffe in einer ordentlichen Schlacht. Sie zogen in die Ebene herab und überließen sich, mit mehr Entschlossenheit, als Erwartung, dem Glücke. Gleichwohl zeigten sie sich; entweder weil sie den ganzen Kern der Mannschaft aus den sämtlichen . Samnitischen Völkerschaften zusammengezogen hatten, oder weil die Gefahr, Alles zu verlieren, ihren Muth erhöhete; selbst in dieser offenen Schlacht als sehr furchtbare Gegner. Als Fabius sah, daß der Feind auf keiner Seite wich, hieß er die beiden Kriegstribunen, seinen Sohn, Maximus, und den Marcus Valerius; mit denen er ins Vordertreffen hervorgesprengt war, sich zu den Rittern begeben und ihnen vorstellen: «Wenn sie sich je eines Falls erinnerten, wo die Reuterei zum Besten des Stats wirksam gewesen sei; so möchten sie auch heute ihre Kräfte aufbieten, den Ruhm ihres Standes ungekränkt zu erhalten. Gegen das kämpfende Fußvolk stehe der Feind unbeweglich: alle übrige Hoffnung beruhe auf dem Angriffe der Reuterei.» Auch überhäufte er die jungen Männer selbst namentlich, gegen beide gleichartig, sowohl mit Lobsprüchen, als Verheißungen. Um aber, wenn auch dieser versuchte Einbruch mislingen sollte, da; wo Gewalt keine Hülfe schaffte, durch List zu wirken, hieß er den Legaten Scipio das Vordertreffen der ersten Legion aus der Linie herausziehen, und so heimlich als möglich zum nächsten Gebirge herumführen: beim Hinansteigen immer dem Auge verdeckt, sollte er mit seinem Zuge die Höhe gewinnen und dem vorwärts gekehrten Feinde sich plötzlich im Rücken zeigen. Die Reuterei, welche unter Anführung der beiden Tribunen plötzlich an die Spitze der Linie gesprengt kam, verursachte bei den Feinden eine nicht viel größere 340 Unordnung, als bei den Ihrigen. Gegen die anstürzenden Geschwader stand die Schlachtordnung der Samniten unbeweglich, und ließ sich nirgend vertreiben oder durchbrechen. Nach diesem fruchtlosen Versuche zogen sich jene, die nun ihren Platz hinter den Fahnen bekamen, aus dem Gefechte. Da wuchs den Feinden der Muth; und die vordere Schlachtreihe hätte einem so langen Kampfe und der durch Selbstvertrauen steigenden Überlegenheit nicht widerstehen können, wenn nicht auf Befehl des Consuls die zweite Linie in die erste nachgerückt wäre. Die hier auftretende neue Kraft brachte die schon eindringenden Samniten zum Stehen, und die plötzlich vom Gebirge mit Geschrei sich erhebenden Fahnen schreckten den Muth der Samniten durch eine Besorgniß, die doch nur Täuschung zum Grunde hatte. Denn theils schrie Fabius laut, sein Mitconsul Decius komme an, theils riefen die Soldaten, jeder von eigner Freude begeistert, «Der andre Consul ist da! die Legionen kommen!» und der den Römern zu ihrem Vortheile vorgespiegelte Wahn, erfüllte die Samniten mit Flucht und Bestürzung, da sie vorzüglich der Gedanke schreckte, von einem zweiten, noch ungeschwächten, unangerührten Heere überwältigt zu werden. Auch war das Gemetzel, weil sie sich allenthalben zur Flucht zerstreueten, nach Verhältniß eines so wichtigen Sieges, geringer. Dreitausend vierhundert wurden niedergehauen, an dreihundert und dreißig gefangen genommen; dreiundzwanzig Fahnen erbeutet. 15. Zu den Samniten würden vor der Schlacht die Apulier gestoßen sein, wenn ihnen nicht der Consul Publius Decius bei Maleventum ein Lager entgegengestellt, und als es ihm gelang, sie zum Treffen herauszulocken, sie geschlagen hätte. Auch hier war die Flucht größer, als die Einbuße. Zweitausend Apulier wurden niedergehauen; und Decius, ohne diesen Feind weiter zu achten, führte seine Legionen nach Samnium. Hier nun verwüsteten zwei consularische Heere, die sich nach entgegengesetzten Seiten ausbreiteten, fünf Monate lang Alles umher. Die Zahl der Plätze in Samnium, auf denen Decius sein 341 Lager gehabt hatte, belief sich auf fünfundvierzig; des andern Consuls auf sechsundachtzig. Hier blieben nicht bloß die Spuren von Wall und Graben, sondern weit auffallendere Denkmale, ich meine die der Verwüstung rund umher, und der verheerten Provinzen. Fabius eroberte auch die Stadt Cimetra. Hier wurden zweitausend vierhundert Bewaffnete zu Gefangenen gemacht, und an vierhundert und dreißig blieben im Gefechte. Nach seiner Abreise von hier nach Rom zur Haltung des Wahltages, eilte er, dies Geschäft abzuthun. Als die zuerst aufgerufenen Centurien sämtlich den Quintus Fabius zum Consul ernannten, so suchte Appius Claudius, der sich um das Consulat bewarb, ein unternehmender, nach Selbstwichtigkeit strebender Mann, um sich zu dem Amte, und zugleich den Patriciern wieder zu beiden Consulstellen zu verhelfen, durch seinen und des ganzen Adels Einfluß es zu erzwingen, daß er mit dem Quintus Fabius zum Consul ernannt würde. Anfangs weigerte sich Fabius fast mit den nämlichen Gründen, die er im vorigen Jahre angeführt hatte. Da umringte der ganze Adel seinen Stuhl, und bat ihn, das Consulat dem Schmutze des Nichtadels zu entheben, und theils dieser Würde, theils den patricischen Geschlechtern den alten Glanz wiederzugeben. Fabius ließ Stille gebieten, und besänftigte die erpichten Wähler durch eine Rede, in der er sich zwischen beiden Parteien in der Mitte hielt. Er sagte, «er würde dazu mitgewirkt haben, die Namen zweier Patricier annehmen zu dürfen, wenn er nur sähe, daß Jemand anders Consul werden solle, als er selbst. So aber werde er durchaus nicht, den Gesetzen zuwider, zum ärgerlichsten Anstoße für Alle, als Vorsitzer der Wahlversammlung auf sich selbst Rücksicht nehmen,» So wurden Lucius Volumnius, ein Bürgerlicher, und Appius Claudius zu Consuln gewählt, ein schon in ihrem vorigen Consulate zusammen aufgestelltes Par. Fabius mußte sich vom Adel nachsagen lassen, er habe in Appius Claudius nicht gern einen Amtsgenossen haben wollen, der ihn in der Beredsamkeit und Statskunst unleugbar überträfe, 342 16. Nach Beendigung des Wahlgeschäfts wurden die alten Consuln angewiesen, mit Verlängerung ihres Oberbefehls auf sechs Monate, den Krieg in Samnium zu führen. Also auch im folgenden Jahre, unter den Consuln Lucius Volumnius, Appius Claudius, setzte Publius Decius, der als Consul von seinem Amtsgenossen in Samnium zurückgelassen war, jetzt als Proconsul seine Verheerungen in diesem Lande so lange fort, bis er das Heer der Samniten, welches sich nirgends in ein Treffen einließ, aus ihren eignen Gränzen trieb. Die Verjagten zogen nach Hetrurien, und in der Voraussetzung, daß sie den so oft durch Gesandschaften umsonst gemachten Versuch, mit einem so großen Heere unter den Waffen, wenn ihre Bitten mit Drohungen begleitet wären, so viel wirksamer betreiben würden, drangen sie auf eine Versammlung der Oberhäupter Hetruriens. Als diese sich eingefunden hatten, setzten sie ihnen aus einander, «wie viele Jahre sie nun schon für ihre Freiheit mit den Römern kämpften. Sie hätten Alles versucht, den schweren Sturm dieses Krieges aus eignen Kräften zu bestehen: sie hätten bei ihren Nachbaren, Völkern ohne großes Gewicht, um Hülfstruppen nachgesucht: da sie den Krieg nicht länger hätten aushalten können, hätten sie das Römische Volk um Frieden gebeten: sie hätten den Krieg erneuert, weil ihnen der Friede in Dienstbarkeit drückender geworden sei, als bei Freiheit der Krieg, Jetzt beruhe ihre einzige noch übrige Hoffnung auf den Hetruskern. Diese seien ihnen als das Volk bekannt, das durch Waffen, Volksmenge und Reichthum das mächtigste in Italien sei. Zu Nachbarn habe es die bei Schwert und Waffen Gebornen, diese freilich von Natur Allen, vorzüglich aber dem Römischen Volke aufsätzigen Gallier, die in ihrer Behauptung, Rom erobert und gegen Gold freigegeben zu haben, keine Pralerei begingen. Hätten die Hetrusker den Muth, den ehemals Porsena und ihre Vorfahren gehabt hätten, so könne es nicht fehlen, die Römer müßten sich genöthigt sehen, das ganze Land diesseit der Tiber zu räumen, und, statt sich eine unerträgliche Alleinherrschaft 343 über Italien zu erkämpfen, für ihre eigne Rettung fechten. Ein Samnitisches Heer, zu ihrem Dienste bereit, mit Waffen und Geld versehen, sei jetzt schon hier, und werde ihnen augenblicklich folgen, selbst wenn sie es zu einem Angriffe auf die Stadt Rom führen wollten.» 17. Während dieser Großsprechereien und Aufwiegelungen wüthete in ihrer Heimat der Römische Krieg. Denn kaum hatte Publius Decius durch seine Kundschafter den Abzug des Samnitischen Heeres erfahren, so berief er einen Kriegsrath. «Wozu, sprach er, dies Herumschwärmen im Lande, um Ein Dorf nach dem andern zu bekriegen? Warum gehen wir nicht auf Städte und Mauern? Samnium wird von keinem Heere mehr gedeckt. Sie haben ihr Gebiet geräumt und sich selbst mit der Landesverweisung belegt.» Da Alle ihm beistimmten, zog er zur Belagerung von Murgantia, einer starken Festung: und die Liebe zum Feldherrn, und die Hoffnung einer größern Beute, als von den Plünderungen auf dem Lande, beseelte die Soldaten mit solchem Muthe, daß sie in Einem Tage die Stadt mit stürmender Hand eroberten. Zweitausend einhundert Samniten wurden hier im Gefechte umringt und gefangen genommen, und außerdem große Beute gemacht. Damit diese nicht durch schweres Gepäck das Heer belästigen möchte, ließ Decius die Soldaten zur Versammlung rufen. «Wolltet ihr euch mit diesem einzigen Siege, sprach er, oder bloß mit dieser Beute begnügen lassen? Hättet ihr nicht Lust, eure Hoffnungen mit eurer Tapferkeit in Verhältniß zu setzen? Die sämtlichen Städte der Samniten und alle ihre in den Städten zurückgelassene Habe sind euer; habt ihr doch ihre in so vielen Treffen geschlagenen Legionen zuletzt aus dem Lande gejagt. Verkauft den Plunder und lasset den Gewinn die Kaufleute locken, eurem Zuge zu folgen. Ich will euch von Zeit zu Zeit mehr zu verkaufen schaffen. Jetzt lasset uns gleich vor Romulea gehen, wo eurer ohne größere Arbeit größere Beute wartet.» Sie verkauften die Beute, und forderten selbst den Feldherrn auf, sie vor Romulea zu führen. Ohne Werke anzulegen, ohne 344 Geschütz aufzuführen, stiegen sie auch hier, sobald sie angerückt waren, durch keine Gegenwehr von den Mauern zurückgewiesen, Jeder an der ihm nächsten Stelle, auf schleunig angeschlagenen Leitern zu den Werken hinan. Die Stadt wurde erobert und geplündert. An zweitausend dreihundert Feinde fielen; sechstausend wurden gefangen genommen, und der Soldat machte große Beute. Nachdem er auch diese, wie die vorige, hatte verkaufen müssen, ließ er sich, ob ihm gleich nicht die mindeste Ruhe vergönnt wurde, dennoch mit größter Bereitwilligkeit vor Ferentinum führen. Hier aber gab es mehr Arbeit und Gefahr. Theils wurden die Mauern mit der größten Tapferkeit vertheidigt; theils war der Ort durch Werke und Lage gedeckt: und dennoch siegte der Soldat, weil er auf die Beute rechnen konnte, über Alles. Auf dreitausend Feinde fielen an den Mauern: die Beute gehörte dem Soldaten, Der größte Theil der Ehre von der Eroberung dieser Städte wird in einigen Jahrbüchern dem Maximus beigelegt. Nach ihren Berichten that den Angriff auf Murgantia Decius, auf Ferentinum aber und Romulea Fabius. Andre schreiben dies Verdienst den neuen Consuln zu; wieder Andre nicht beiden, sondern nur dem Einen, dem Lucius Volumnius, weil durch das Los der Krieg in Samnium ihm beschieden gewesen sei. 18. Während dieser Thaten in Samnium – wer sie auch verrichtet und geleitet haben mag – erhob sich aus vielen Völkern abermals in Hetrurien, ein fürchterlicher Krieg gegen die Römer, welchen der Samnit, Gellius Egnatius, einleitete. Fast alle Tusker hatten sich für diesen Krieg entschieden: ihr Beispiel hatte die nächsten Völkerschaften Umbriens angesteckt, und durch gebotenen Sold gewann man auch Gallische Hülfsvölker. Dieser ganze Völkerhaufe sammelte sich am Lager der Samniten. Da diese plötzliche Schreckensnachricht in Rom einlief, als der Consul Lucius Volumnius schon mit der zweiten und dritten Legion und funfzehntausend Bundesgenossen nach Samnium aufgebrochen war, so beschloß man, den Appius 345 Claudius je eher je lieber nach Hetrurien abgehen zu lassen. Ihm folgten zwei Römische Legionen, die erste und vierte, und zwölftausend Bundesgenossen. Er schlug in der Nähe des Feindes sein Lager auf. Indeß wurde mehr dadurch gewonnen, daß man zeitig genug ankam, einige sich schon zum Kriege anschickenden Völker Hetruriens durch den Schrecken des Römischen Namens niederzuhalten, als weil hier irgend eine Unternehmung des Consuls geschickt genug angelegt, oder völlig gelungen wäre. Er lieferte viele Gefechte, durch Ort und Umstände im Nachtheile: mit jedem Tage vermehrte die Hoffnung des Feindes Übergewicht; und es durfte nicht lange währen, so schwand das Zutrauen der Soldaten zum Feldherrn, des Feldherrn zu den Soldaten. In drei Jahrbüchern finde ich, daß er einen Brief habe abgehen lassen, seinen Amtsgenossen aus Samnium an sich zu ziehen. Doch mag ich dies nicht als Ich folge Crevier's Vermuthung: piget tamen certum ponere. Die Lesart in certum entstand entweder aus dem unmittelbar vorhergehenden n im Worte tamen, oder daraus, daß tn (die Abbreviatur für tamen) für in angesehen wurde. So führt Drakenb. XXXII. 25, 9. statt omnem tamen casum die Lesart an: omnem in casum, und verweiset auf seine Note zu IX. 38, 10. Gewißheit aufstellen, da gerade hierüber die Consuln des Römischen Volks, Männer, die diese Würde schon zum zweitenmale bekleideten, einander widersprachen; denn Appius leugnete, ihm geschrieben zu haben, Volumnius hingegen behauptete, durch des Appius Brief herbeigerufen zu sein. Volumnius nämlich hatte in Samnium schon drei kleine Festungen erobert, in welchen an dreitausend Feinde getödtet und etwa halb so viele gefangen genommen wurden: er hatte die Unruhen der Lucaner, die unter Anführung gemeiner und dürftiger Leute entstanden waren, durch den mit dem alten Heere dorthin geschickten Proconsul Quintus Fabius, unter der eifrigsten Theilnahme der Vornehmen, unterdrückt. Jetzt ließ er den Decius zur Verheerung des feindlichen Landes zurück, und zog selbst mit seinen Truppen zu seinem Amtsgenossen nach Hetrurien, wo ihn bei seiner Ankunft Alle mit Freuden empfingen. Nach dem, was dem Appius sein 346 Bewustsein sagte, war es, glaube ich, nicht ganz unrecht, daß er aufgebracht wurde, falls er nicht geschrieben hatte: hatte er aber Hülfe verlangt, so war es unedel und undankbar, es jetzt zu leugnen. Da er ihm vor die Thür entgegen ging und kaum von seiner Seite den Gruß erwiederte, sprach er: «Ist ein Unglück vorgefallen, Lucius Volumnius? Wie stehen die Sachen in Samnium? Was veranlaßte dich, aus deiner Provinz herauszugehen?» Volumnius antwortete: «in Samnium stehe Alles gut: er sei auf einen Brief von ihm gekommen. Sollte dieser untergeschoben, und er selbst in Hetrurien nicht nöthig sein, so wolle er sogleich umkehren und abziehen.» – «Geh in Gottes Namen,» sprach Appius: «hier hält dich niemand: denn es ist ungereimt, wenn du dort vielleicht deinem Kriege kaum gewachsen bist, daß du hier dich rühmen willst, Andern zu Hülfe gekommen zu sein.» – «Das wolle Gott Ich folge hier Crevier's Interpunction: bene Hercules verteret, so daß das Comma vor und hinter Hercules wegfällt, dem von Drakenb. in der Note zu dieser Stelle angeführten Dii bene vertant! gemäß. verhüten!» erwiederte jener. «Es sei ihm lieber, die Mühe vergeblich gehabt zu haben, als wenn sich irgend etwas ereignet hätte, wodurch Ein consularisches Heer für Hetrurien unzulänglich geworden wäre.» 19. Als die Consuln schon von einander schieden, traten die Legaten und Tribunen aus dem Appischen Heere um sie herum. Einige baten ihren Feldherrn, «er möge die Hülfe seines Amtsgenossen, die man ihrerseits würde haben suchen müssen, doch jetzt, da sie ihm freiwillig angeboten würde, nicht abweisen.» Noch mehrere traten dem abgehenden Volumnius in den Weg und beschwuren ihn: «Nicht über einen unerlaubten Streit mit seinem Amtsgenossen das Beste des Stats aufzuopfern. Sollte sich ein Unglück ereignen, so würde es mehr dem verlassenden, als dem verlassenen Theile zur Last gelegt werden. Die Sache sei dahin gediehen, daß alle Ehre und Schande des glücklichen oder unglücklichen Erfolgs in Hetrurien dem Lucius Volumnius vermacht sei. Niemand werde 347 nachfragen, welcher Worte sich Appius bedient habe, sondern, wie es dem Heere ergangen sei. Vom Appius freilich werde er entlassen; allein der Stat und das Heer hielten ihn zurück; er möge nur die Wünsche der Soldaten auf die Probe stellen.» Unter solchen Warnungen und Betheurungen zogen sie die sich fast sperrenden Consuln zur Versammlung fort. Hier wurden längere Reden gehalten, fast desselben Inhalts, der vorhin den Gegenstand des Wortwechsels zwischen den Wenigen ausmachte. Und da sich Volumnius bei dem Rechte auf seiner Seite, selbst gegen die hohe Beredsamkeit seines Amtsgenossen gerade nicht als den Unberedten zeigte, und Appius spöttisch sich äußerte: «Sie müßten es ihm Dank wissen, daß aus dem Stummen und Sprachlosen sogar ein beredter Consul geworden sei; im ersten Consulate, vollends in den ersten Monaten, habe er den Mund nicht aufthun können, und jetzt sage er ganze Reden voll gefälliger Schmeicheleien auf»: so antwortete Volumnius: «Wie viel lieber wäre es mir, du hättest von mir tapfre Thaten gelernt, als ich von dir zierliche Reden!» Zuletzt that er ihm einen Vorschlag, welcher entscheiden sollte, «nicht, wer von ihnen beiden der bessere Redner sei; denn darum sei es dem State nicht zu thun; sondern der bessere Feldherr. Die beiden Kriegsprovinzen seien jetzt Hetrurien und Samnium. Er lasse ihn wählen, welche er wolle; und werde mit seinem Heere, sei es in Hetrurien oder in Samnium, seine Sache schon führen.» Da forderten die Soldaten, durch ein erhobenes Geschrei: «Beide möchten mit einander den Hetruskischen Krieg übernehmen.» Als Volumnius diesen Sinn der Eintracht bemerkte, sprach er: «Da ich Einmal die Meinung meines Amtsgenossen unrichtig verstanden habe, so soll es wenigstens meine Schuld nicht sein, wenn ich über euren Willen ungewiß bliebe. Erkläret mir durch euer Geschrei, ob ihr wollt, daß ich bleiben oder abziehen soll.» Und nun erhob sich ein so gewaltiges Geschrei, daß es die Feinde aus ihrem Lager rief, die geschwind die Waffen ergriffen und in Schlachtordnung traten. Volumnius ließ ebenfalls die Trompeten 348 blasen und die Fahnen ausrücken. Nur Appius soll bei sich angestanden haben: denn er sah, er selbst möchte schlagen, oder sich ruhig verhalten, so werde der Sieg das Werk seines Amtsgenossen sein: endlich soll auch er seinen Legionen, aus Furcht, sie möchten ebenfalls dem Volumnius folgen, auf ihr Pochen das Zeichen gegeben haben. Den Vortheil der Stellung hatte von beiden Linien eigentlich keine. Denn theils war der Samnitische Feldherr, Gellius Egnatius, mit einigen Cohorten auf Futterholung ausgegangen, und seine Soldaten ließen sich mehr aus eigner Aufwallung, als von irgend einem Oberen geführt oder befehligt, auf das Treffen ein: theils wurden die Römischen Heere weder beide zugleich aufgeführt, noch hatten sie die gehörige Zeit, sich zu stellen. Volumnius griff schon an, ehe Appius den Feind erreichte. Daher geschah auch der Angriff nicht in gerader Linie: auch ließ das Schicksal, als wollte es diesmal unter den einander gewohnten Feinden einen Tausch treffen, die Hetrusker gegen den Volumnius auftreten, und die Samniten, die wegen der Abwesenheit ihres Feldherrn eine Weile zauderten, gegen den Appius. Mitten im hitzigsten Gefechte soll Appius, so daß man ihn im Vordertreffen mit gen Himmel gehobenen Händen stehen sah, folgende Worte gebetet haben: « Bellona, wenn du uns heute Sieg giebst, ja so verheiße ich dir einen Tempel.» Nach diesem Gebete that er es, als hätte ihn die Göttinn begeistert, sowohl seinem Amtsgenossen, als seinem eignen Heere Nach Drakenborch, Gronov und Crevier, denen auch Wagners Übersetzung folgt, ist exercitus hier der Genitiv, und des Appius eignes Heer gemeint, dem er allein, als der Zauderer, bisher an Tapferkeit nachgestanden habe. Daß sein Heer es dem andern ( Volumnischen ) Heere an Tapferkeit gleich gethan habe, wie Große und Ostertag übersetzen, davon sagt Livius, so wie die Worte jetzt dastehen, nichts. Und meine Vermuthung, daß in der alten Lesart adaequavit die Spur des richtigern alt 9 e quavit (alterius aequavit) vorhanden sei, möchte zu gewagt sein: sonst läge hierin der verlangte Sinn: et exercitus (Appii) virtutem alterius (i. e. Volumniani exercitus) aequavit. an Tapferkeit gleich. Die Feldherren leisteten die Pflichten der Befehlshaber, und ihre Soldaten beeiferten sich, den Sieg nicht auf dem andern Flügel früher anfangen zu 349 lassen. Also wurde der Feind geworfen und gejagt, der ohnehin nur mit Mühe einer größern Macht Stand hielt, als mit der er gewöhnlich zu fechten hatte. Dadurch, daß die Römer dem Weichenden nachdrangen und den Geschlagenen verfolgten, trieben sie ihn bis an sein Lager. Hier wurde durch die Dazwischenkunft des Gellius und der Samnitischen Cohorten das Gefecht auf einige Zeit wieder lebhaft. Als aber auch diese bald geschlagen waren, machten sich die Sieger schon an die Bestürmung des Lagers; und da Volumnius selbst auf ein Thor den Angriff that, und Appius dadurch, daß er zu wiederholtenmalen den Namen der Siegerinn Bellona erschallen ließ, den Muth der Soldaten anfeuerte, so brachen sie über Wall und Graben hinein. Das Lager wurde erobert und geplündert: die gewonnene Beute war groß und wurde dem Soldaten gelassen. Siebentausend dreihundert Feinde fielen; zweitausend einhundert und zwanzig wurden gefangen. 20. Während sich unter beiden Consuln die ganze Römische Macht angelegentlicher auf den Krieg mit den Hetruskern warf, brachen in Samnium neue Heere zur Plünderung des Römischen Gränzgebietes auf, zogen durch das Vescinische nach Campanien und in das Falernerland herüber und machten außerordentliche Beute. Volumnius, der in starken Märschen auf Samnium zurückkehrte, – denn schon ging der dem Fabius und Decius verlängerte Oberbefehl zu Ende – wandte sich auf den Ruf von diesem Samnitischen Heere und dessen Plünderungen im Campanischen, seitwärts, um die Bundsgenossen zu schützen. Als er in das Calenische kam, sah er theils die frischen Spuren der Verheerung selbst, theils erzählten ihm die Calener: «Die Feinde schleppten eine solche Menge Beute mit sich, daß sie sich kaum als Heerzug aufstellen könnten; deswegen sprächen auch ihre Anführer laut davon, man müsse sogleich den Weg nach Samnium nehmen, um, nach dort abgelegtem Raube, in den Feldzug zurückzugehen, nicht aber ein so belastetes Heer einem Gefechte aussetzen.» Fehlte es gleich diesen Aussagen nicht an Wahrscheinlichkeit, so schickte er dennoch, um 350 so viel sicherere Kundschaft einzuziehen, hier- und dorthin Ritter aus, um von den zerstreuten, in die Dörfer schwärmenden Plünderern einige aufzuheben. Durch Ausfragen erfuhr er von diesen: «Der Feind stehe am Flusse Vulturnus; er werde um die dritte Nachtwache aufbrechen; der Marsch gehe nach Samnium. » Hinlänglich hierüber belehrt zog er weiter, und legte sich in eine solche Entfernung von den Feinden, daß sie nur nicht durch zu große Nähe seine Ankunft erfuhren, er sie hingegen bei ihrem Abzuge aus dem Lager überfallen konnte. Lange vor Tage rückte er dem Lager näher und schickte einige, der Oskischen Sprache Kundige, ab, um zu erspähen, was jetzt im Werke sei. Da sich diese bei der Unordnung des nächtlichen Aufbruchs leicht unter die Feinde mischten, so brachten sie in Erfahrung, daß die Fahnen schwach besetzt schon ausgerückt wären, die Beute und die Bedeckung der Leute jetzt auszögen, in unscheinbarer Haltung, jeder nur mit der Fracht seines Eigenthums beschäftigt, ohne allen gemeinschaftlichen Plan mit den Übrigen, ohne bestimmte Leitung von oben. Dies schien ihm der günstigste Augenblick zum Angriffe: auch war der Tag schon im Anbrechen. Also ließ er die Trompeten blasen und fiel auf den Zug der Feinde. Die Samniten, mit ihrer Beute beschwert und nur einzeln bewaffnet, verdoppelten zum Theile ihre Schritte und trieben die Beute vorwärts, zum Theile machten sie Halt; und ungewiß, ob es sicherer sei, weiter zu gehen, oder ins Lager umzukehren, wurden sie in ihrer Unschlüssigkeit niedergemacht. Auch hatten die Römer den Wall schon erstiegen, und Mord und Getümmel war im Lager allgemein. Der Zug der Samniten war, außer dem feindlichen Getümmel, auch durch den plötzlichen Aufstand der Gefangenen in Verwirrung gerathen. Diese, zum Theile ungefesselt, banden die Gefesselten los; zum Theile nahmen sie die auf das Gepäck gebundenen Waffen weg, und so bewirkten sie, unter den Zug gemischt, ein Getümmel, welches fürchterlicher war, als das Treffen selbst. Nun aber bestanden sie eine denkwürdige That. Sie wagten einen Angriff auf den 351 Feldherrn Stajus Minacius, als er an die Glieder ritt und sie ermunterte; jagten die bei ihm befindlichen Reuter aus einander, nahmen ihn in die Mitte, und schleppten ihn gefangen auf seinem Pferde zum Römischen Consul. Durch diesen Lärmen wurde der Vortrab der Samniten wieder umgerufen, und das schon aufgegebene Gefecht begann von neuen, konnte aber nicht länger fortgesetzt werden. An sechstausend Mann blieben auf dem Platze; zweitausend fünfhundert wurden zu Gefangenen gemacht, unter diesen waren vier Obersten. Dreißig Fahnen wurden erbeutet; und was den Siegern das Erfreulichste war, siebentausend und vierhundert Gefangene und die Menge des den Bundsgenossen geraubten Gutes gewann man wieder. Durch eine Bekanntmachung wurden die Eigenthümer eingeladen, ihre Sachen auszusuchen und in Empfang zu nehmen. Was bis zu einem angesetzten Tage keinen Herrn gefunden hatte, blieb dem Soldaten, der aber seine Beute verkaufen mußte, um für nichts Anderes, als für seine Waffen, Sinn zu haben. 21. Zu Rom hatte jene Plünderung Campaniens große Bestürzung veranlasset, und gerade in denselben Tagen war aus Hetrurien die Meldung eingelaufen, das ganze Hetrurien, welches, nach dem Abzuge des Volumnischen Heers von dort, in die Waffen getreten sei, und Gellius Egnatius, der Samnitische Feldherr Ich folge der von Drakenborch gebilligten Verbesserung Gronovs (welcher voca re und sollicita re statt des Passivums lieset) und Drakenborchs Erklärung, nach welcher die Hetrusker mit Egnatius im Bunde den Galliern das Geld bieten; wodurch Duker's Einwendung gehoben wird. , riefen nicht nur die Umbrier zum Aufstande, sondern wiegelten auch durch große Geldsummen die Gallier auf. Durch diese Nachrichten in Schrecken gesetzt, ließ der Senat einen Gerichtsstillstand ankündigen und eine Werbung aus allen Classen von Leuten halten: nicht nur Freigeborene oder im Dienstalter Stehende wurden beeidigt, sondern auch aus denen, die schon über die Jahre waren, wurden Cohorten errichtet, und Söhne der Freigelassenen in die Centurien eingereihet. Auch dachte man darauf, die Stadt 352 in Vertheidigungsstand zu setzen, und der Prätor Publius Sempronius hatte die Leitung des Ganzen. Indeß von einem Theile der Sorgen entlud den Senat der Brief des Consuls Lucius Volumnius, aus welchem man ersah, daß er die Plünderer Campaniens geschlagen und verjagt habe. Also wurden dieses Sieges wegen dem Consul zu Ehren feierliche Dankgebete angeordnet, der Gerichtsstillstand nach einer Dauer von achtzehn Tagen aufgehoben, und das Dankfest sehr vergnügt gefeiert. Darauf nahm man es in Überlegung, wie man der von den Samniten verheerten Gegend eine Bedeckung geben möchte. Man beschloß also, zwei Pflanzungen in das Vescinische und Falernische auszuführen: die eine an die Mündung des Flusses Liris; sie bekam den Namen Minturnä: die andre sollte im Vescinischen Gebirgwalde sein, wo er das Falernische berührt, da wo die Griechische Stadt Sinope gestanden haben soll, die nachher von den Römischen Anbauern Sinuessa genannt wurde. Die Bürgertribunen bekamen den Auftrag, den Prätor Publius Sempronius durch einen Beschluß des Bürgerstandes zur Ernennung der Dreiherren zu bevollmächtigen, welche den Anbauern jene Plätze anzuweisen hätten: doch hielt es schwer, Leute zu finden, die sich als Pflanzer einzeichnen ließen, weil sie ihrer Meinung nach so gut als auf einen feststehenden Posten in einer unsichern Gegend, nicht aber auf Landbesitzungen, ausgesandt wurden. In der Besorgung dieser Dinge unterbrachen den Senat die immer zunehmende Wichtigkeit des Hetruskischen Krieges, und die wiederholten Briefe des Appius mit der Warnung, die Bewegungen jener Gegend nicht zu vernachlässigen. «Vier Völker vereinigten ihre Waffen, die Hetrusker, Samniten, Umbrier, Gallier. Schon hätten sie an zwei verschiedenen Stellen sich gelagert, weil Ein Platz eine so große Menge nicht fassen könne.» Aus diesen Gründen und zugleich des Wahltags wegen, dessen Zeit herannahete, wurde der Consul Lucius Volumnius nach Rom zurückgerufen; der dann, noch ehe er die Centurien zur Stimmensammlung aufforderte, vor dem zur 353 Versammlung berufenen Volke sich weitläufig über die Größe des Hetruskischen Krieges ausließ. «Schon damals, als er dort mit seinem Amtsgenossen gemeinschaftlich gewirkt habe, sei der Krieg so umfassend gewesen, daß er weder von Einem Feldherrn, noch mit Einem Heere habe geführt werden können. Nachher, so heiße es, wären die Umbrier noch hinzugekommen und ein ungeheures Heer von Galliern. Sie möchten nicht vergessen, daß sie am heutigen Tage in ihren Consuln Heerführer gegen vier Völker zu wählen hätten. Er würde, wenn er nicht darauf rechnete, daß die einstimmige Wahl des Römischen Volks Den zum Consul ernennen werde, den man unstreitig für den größten aller jetzigen Feldherren halte, ihn sogleich zum Dictator ernannt haben.» 22. Niemand zweifelte daran, daß Alle einmüthig sich für den Quintus Fabius bestimmen würden; und wirklich ernannten auch die zuerst stimmende und alle nach ihr zunächst aufgerufenen Centurien ihn mit dem Lucius Volumnius zum Consul. Des Fabius Erklärung lautete, wie vor zwei Jahren: dann aber, als er durch die Einstimmung Aller sich überwunden sah, endigte sie mit der Bitte um den Publius Decius, als Amtsgenossen. «Hierin werde sein Alter eine Stütze finden. In der Censur und in zwei mit ihm verwalteten Consulaten habe er die Erfahrung gemacht, daß es zur Aufrechthaltung des Statsbesten kein stärkeres Mittel gebe, als eine einträchtige Amtsverbindung. An einen neuen Genossen des Oberbefehls könne sein alternder Geist sich jetzt kaum noch gewöhnen: aber einem Manne von ihm schon bekannter Denkart werde er sich zu gemeinschaftlichen Überlegungen leichter mittheilen können.» Dieser Rede gab der Consul seinen Beifall, theils durch die dem Publius Decius ertheilten verdienten Lobsprüche, theils dadurch, daß er auseinander setzte, welche Vortheile bei der Leitung der Angelegenheiten im Felde aus der Eintracht der Consuln entsprängen, und welch ein großer Nachtheil aus ihrer Uneinigkeit; und wie nahe man neulich über seines Amtsgenossen Streit mit ihm der 354 augenscheinlichsten Gefahr gewesen sei; ferner durch seine Aufforderungen an den Decius und Fabius, «Eines Sinnes und Eines Herzens mit einander zu leben. Außerdem wären sie Männer, die zum Kriege geboren wären; durch Thaten groß; in Wortkämpfen und Zungengefechten ungeübt. So wären sie zu Consulaten gerade die rechten Männer. Den Schlauen hingegen und Gewandten, den Rechtsverständigen und Rednern, von des Appius Claudius Schlage, müsse man den Vorsitz in der Stadt und im Gerichte geben, und sie zu Prätoren wählen, um Recht zu sprechen.» Unter solchen Vorträgen war der Tag verstrichen. Am folgenden richtete man sich bei der Consuln- und Prätorwahl nach dem Vorschlage des Consuls. Zu Consuln wurden Quintus Fabius und Publius Decius gewählt, zum Prätor Appius Claudius; alle ohne ihr Beisein. Auch dem Lucius Volumnius wurde durch einen Senatsschluß und auf ein Erkenntniß des Bürgerstandes der Heeresbefehl auf ein Jahr verlängert. 23. In diesem Jahre ereigneten sich viele Schreckzeichen. Ihre Drohungen abzuwenden, verordnete der Senat zweitägige Andachtsübungen. Den dazu nöthigen Opferwein und den Weihrauch gab der Stat. Die Aufzüge beider Geschlechter zu den Tempeln waren sehr zahlreich. Eine Auszeichnung bekam dieses Betfest durch einen unter den Frauen von Stande in der Capelle der Adlichen Keuschheit vorgefallenen Streit: diese steht am Ochsenmarkte neben dem runden Herculestempel. Die Frauen hatten die an den bürgerlichen Consul Lucius Volumnius verheirathete Patricierinn, Virginia, des Aulus Tochter, weil sie von den Adlichen ausgeheirathet hatte, bei dem Gottesdienste nicht zulassen wollen. Der kurze Wortwechsel hierüber stieg durch die weibliche Reizbarkeit zu einem leidenschaftlichen Streite, in welchem Virginia mit Recht sich rühmte, sie habe den Tempel der Adlichen Keuschheit als eine Adliche, als eine keusche Frau betreten, die nur Einmal geheirathet habe, und zwar den, dem sie als Jungfrau übergeben sei; auch habe sie sich ihres Gatten, 355 oder seiner Ämter und Thaten nicht zu schämen. Diesen edelmüthigen Worten gab sie durch eine ausgezeichnete Handlung noch höheren Werth. In ihrem Hause auf der Langenstraße – hier wohnte sie – sonderte sie so viel Raum ab, als zu einer mäßigen Capelle hinreichte, errichtete hier einen Altar, ließ die angesehenen Bürgerinnen einladen, klagte ihnen ihre Beleidigung von den Patricierinnen und sprach: «Diesen Altar weihe ich der bürgerlichen Keuschheit, und fordere euch auf, den Wetteifer, der die Männer dieses States in der Tapferkeit beseelt, unter uns Frauen in der Keuschheit stattfinden zu lassen, und euch zu bestreben, daß der Ruf diesem Altare, wo möglich, eine noch reinere Verehrung und von noch keuscheren Weibern zuspreche, als jenem .» Der Dienst an diesem Altare hatte fast dieselbe Einrichtung, wie an jenem älteren, so daß auch hier nur Frauen von Range, von bewährter Keuschheit und die nur Einmal verheirathet waren, das Recht zu opfern hatten. Als aber späterhin die Besorgung desselben auch Entweiheten, nicht bloß von Stande, sondern auch Weibern aus allen Gassen preisgegeben war, gerieth er zuletzt in Vergessenheit. In diesem Jahre brachten die beiden Ogulnier, Cneus und Quintus, als Curulädilen, die Anklage mehrerer Wucherer vor das Volk. Von den Strafgeldern, die sie aus dem Vermögen der Verurtheilten in die Statscasse zogen, ließen sie auf dem Capitole eherne Schwellen legen, in Jupiters Allerheiligstem ein Silbergeschirr zu drei Tischen, auf der Kuppel den Jupiter im vierspännigen Wagen, und bei dem Ruminalischen Feigenbaume die Bildnisse der an der Wölfinn saugenden Kinder, der beiden Erbauer Roms, aufstellen, ferner den Fußsteig vom Campenischen Thore bis zum Marstempel mit Quadersteinen pflastern. Auch veranstalteten die Bürgerädilen Lucius Älius Pätus und Cajus Fulvius Curvus, gleichfalls von Strafgeldern, welche sie von verurtheilten Pächtern öffentlicher Weideplätze eingetrieben hatten, feierliche Spiele und stellten im Tempel der Ceres goldne Opferschalen auf. 356 24. Nun traten Quintus Fabius zum fünften- und Publius Decius zum viertenmale das Consulat an, die nun zum drittenmale als Consuln Die gedrungene Kürze der Lateinischen Sprache erlaubte dem Livius, durch das Präsens: consulatum incunt, tribus consulatibus collegae, beides zugleich auszudrücken, daß sie nämlich in zwei Consulaten schon Collegen gewesen waren, und es heute zum drittenmale wurden. Man muß also hier nicht übersetzen: Welche in drei Consulaten Collegen gewesen waren: denn das waren sie noch nicht gewesen. Ja sie erlebten den Ablauf gerade dieses dritten gemeinschaftlichen Consulatjahres nicht, weil sich Decius schon vorher in der Schlacht nach dem Beispiele seines Vaters freiwillig in den Tod gab. S. die folgende Anmerkung. und schon vorher als Censorn Amtsgenossen waren; Männer, die ihr Thatenruhm, so groß er war, nicht höher hob, als ihre Eintracht. Damit aber auch diese nicht ununterbrochen bliebe, mußte ein Streit, meiner Meinung nach mehr unter ihren Ständen, als unter ihnen selbst, eintreten; weil die Patricier dahin strebten, daß dem Fabius Hetrurien außer der Regel zum Kriegsschauplatze angewiesen würde, die Bürgerlichen hingegen dem Decius zuredeten, auf die Verlosung zu dringen. Wenigstens kam es darüber im Senate zum Streite, und weil hier Fabius die Oberhand behielt, wurde die Sache an das Gesamtvolk gebracht. Vor der Versammlung ließen sie sich als Kriegsmänner, die mehr auf Thaten, als auf Reden fußten, nur auf wenig Worte ein. Fabius sagte: «Es sei unbillig, daß unter dem Baume, den er gepflanzt habe, ein Anderer die Früchte lese. Er habe den Ciminischen Wald geöffnet und durch unwegsame Gebirgspässe dem Kriege Roms den Weg gebahnt. Warum man ihn in seinen Jahren aufgefordert habe, wenn man Willens gewesen sei, den Krieg unter einem andern Feldherrn zu führen?» Er äußerte nicht undeutlich die anzügliche Klage, «daß er sich also doch einen Gegner, nicht aber einen Gehülfen im Oberbefehle gewählt habe; und dem Decius müsse das Glück ihrer dreimaligen Nach meiner Übersetzung würde man den ausgelassenen Schluß dieser Beschuldigung etwa so ergänzen können: «und darum habe Decius sie beide zu diesem Glücke nicht zum viertenmale kommen lassen wollen.» Meine Vorgänger übersetzen diese Stelle so: «Daß Decius über die drei einträchtig mit einander geführten Consulate mißvergnügt sei.» Allein das dritte Consulat hatten Fabius und Decius noch nicht geführt, sondern erst heute angetreten. Auch sagt Livius nicht consulatibus tribus, sondern collegiis tribus. Und da er in unserm Cap. oben gesagt hatte: tribus consulatibus censuraque collegae, und im 22sten von eben diesen beiden Männern censura duobusque consulatibus simul gestis, so kann er auch an unsrer Stelle sich nicht so vergessen, daß er unter den 3 collegiis die 3 Consulate allein verstünde, da nach seiner wiederholten Erklärung die Censur mit darunter gehört. Aus eben diesem Grunde glaube ich auch, daß Crevier das Wort invidisse unrichtig erklärt habe. Seine Note lautet so: Invidisse] Noluisse Decium, tertio tum in consulatu collegas eadem concordia inter se agere: qua duos iam consulatus simul gessissent. Folglich nimmt Crevier bei dem Worte invidisse Rücksicht auf das dritte eben angetretene Consulat, und läßt den Livius sagen, Decius habe (nach des Fabius Beschuldigung) dem dritten Consulate das Glück oder den Ruhm nicht gönnen wollen, welche die beiden vorigen von der Eintracht der beiden Consuln gehabt hätten. Dann aber hätte Livius, da in den collegiis tribus auch die Censur schon begriffen sein muß, sagen müssen: invidisse collegiis quatuor, oder quarto collegio. Ich glaubte also, das invidisse nicht auf das noch neue, eben erst eintretende Consulat, sondern auf die beiden vorigen und die Censur zugleich beziehen zu müssen, und wünsche, den Sinn des Livius, dem ich freilich bei dieser prägnanten Kürze des Ausdrucks mit einigen Worten mehr zu Hülfe kommen mußte, getroffen zu haben. Daß übrigens dem Worte invidere der ihm hier gegebene Sinn nicht fremd, sondern gerade der gewöhnlichste sei, beweiset gleich die von Gesner im Thesaurus zuerst aufgeführte Bedeutung: rebus secundis alterius dolere. Eintracht im Amte zu groß geschienen haben.» 357 Am Schlusse sagte er: «Er verlange weiter nichts, als daß sie ihn, wenn sie ihn dieses Postens würdig achteten, zu demselben absenden möchten. Er habe sich hierin dem Gutachten des Senats überlassen, und werde sich auch der Entscheidung des Gesamtvolkes unterwerfen.» Publius Decius hingegen beklagte sich über die Ungerechtigkeit des Senats. «Die Väter hätten, so lange es ihnen möglich gewesen sei, alle Kräfte aufgeboten, den Zutritt zu hohen Ämtern dem Bürgerstande zu wehren. Seitdem sich aber das Verdienst durch sich selbst das Recht erkämpft habe, daß ihm, in welcher Classe es angetroffen werde, die Ehrenämter nicht entgehen dürften, sei man darauf bedacht, nicht bloß die Wahlstimmen des Volks, sondern selbst die Entscheidung des Loses ungültig zu machen und sie zur Begünstigung der Macht einiger Wenigen ausschlagen zu lassen. Alle Consuln vor ihnen hätten um ihre Posten geloset: jetzt ertheile der Senat dem Fabius seinen Posten ohne Los. Geschehe es, um den Fabius zu ehren, so habe dieser um ihn und um 358 den Stat so viele Verdienste, daß er selbst den Ruhm eines Quintus Fabius begünstigen wolle, sobald dieser nur nicht durch seine Verunglimpfung strahlen solle. Wer aber daran zweifeln könne, daß man alsdann, wenn der einzige gefährliche und schwierige Krieg dem Einen Consul ohne Los übertragen würde, den Andern für überflüssig und untauglich halten müsse? Fabius rühme sich seiner Thaten in Hetrurien. Auch Publius Decius wünsche, sich rühmen zu können, und werde vielleicht das Feuer, welches jener so verschüttet zurückgelassen habe, daß es so oft zu einer neuen unerwarteten Feuersbrunst aufschlage, völlig löschen. Übrigens wolle er Ehrenämter und Belohnungen seinem Amtsgenossen aus Achtung für dessen Alter und Würde gern überlassen: sobald es aber der Gefahr, sie zu verlieren, oder einem Kampfe um sie gelte, weiche er gutwillig weder jetzt noch künftig. Und sollte er weiter nichts bei diesem Streite gewinnen, so werde er wenigstens das erreichen, daß über Volkseigenthum das Volk selbst verfüge, nicht aber der Senat es parteiisch verschenke. Er bitte den allmächtigen Jupiter und die unsterblichen Götter, daß sie nur dann das Los zwischen ihm und seinem Amtsgenossen unparteiisch entscheiden lassen möchten, wenn sie ihm bei der Führung des Krieges gleiche Tapferkeit mit jenem und gleiches Glück verleihen wollten. So sei es wenigstens an sich billig, und des Beispiels wegen nöthig: auch erfordere es die Ehre des Römischen Volks, daß seine Consuln Männer wären, deren jedem man die Führung des Hetruskischen Krieges mit Recht anvertrauen könne.» Fabius, ohne eine weitere Bitte an das Volk hinzuzufügen, als daß die Bezirke, ehe sie zur Stimmensammlung in die Schranken gerufen würden, den aus Hetrurien eingelaufenen Brief des Prätors Appius Claudius sich vorlesen lassen möchten, schied aus der Wahlversammlung. Und mit eben so großer Einstimmung des Gesammtvolks, als des Senats, wurde der Oberbefehl in Hetrurien, ohne zu losen, dem Fabius zuerkannt. 25. Nun liefen fast alle Dienstfähigen bei dem 359 Consul zusammen, und Jeder wollte sich annehmen lassen: so groß war die Begierde, unter diesem Feldherrn Dienste zu thun. Umströmt von diesem Schwarme begann er: «Ich bin gesonnen, nur viertausend Mann zu Fuß und sechshundert zu Pferde anzunehmen. Die sich von euch heute und morgen bei mir melden, sollen mit mir ziehen. Es liegt mir mehr daran, Alle bereichert wiederzubringen, als den Krieg mit vielen Truppen zu führen.» Nach seinem Aufbruche mit diesem angemessenen Heere, das so viel mehr Vertrauen und Hoffnung hegte, je weniger man seine Größe nöthig gefunden hatte, nahm er seinen Weg gegen die Stadt Aharna, in deren Nähe die Feinde standen, zum Lager des Prätors Appius. Wenige tausend Schritte diesseits begegneten ihm die Holzholer unter einer Bedeckung. Als diese die Gerichtsdiener voraufgehen sahen, und die Ankunft des Consuls Fabius hörten, bezeigten sie unter Freude und Jubel den Göttern und dem Römischen Volke für die Sendung dieses Feldherrn ihren Dank. Als sie den Consul von allen Seiten begrüßten, fragte Fabius: «Wohin sie jetzt gingen.» Und auf ihre Antwort: «Sie gingen, Holz zu holen» erwiederte er: «Was sagt ihr da? habt ihr kein umpfähltes Lager?» Als sie ihm entgegenriefen: «Sogar mit einem doppelten Pfahlwerke, und mit einem Graben: und dennoch sind wir in großer Angst;» sprach er: «So habt ihr ja Holz in Menge. Kehret wieder um und reißet das Pfahlwerk nieder.» Sie kehrten zurück ins Lager und setzten hier durch Niederreißung des Walls die im Lager gebliebenen Soldaten und den Appius selbst in Bestürzung. Dann sagte für sich Einer dem Andern, sie thäten es auf Befehl des Consuls Quintus Fabius . Am folgenden Tage brach er von hier mit dem Lager auf, entließ den Prätor Appius nach Rom, und seitdem hatten seine Römer nirgendwo ein stehendes Lager. Er sagte, es sei nicht gut, daß ein Heer an Einem Orte still liege: durch Märsche und Ortsveränderungen werde es so viel regsamer und gesunder. Ihre Märsche waren so stark, als der noch nicht abgelaufene Winter es gestattete. Gleich 360 im Anfange des Frühjahrs ging er selbst mit Zurücklassung der zweiten Legion bei Clusium, welches damals den Zunamen das Camertische hatte, und des Lucius Scipio, den er an Prätors Statt über das Lager setzte, nach Rom zurück, um über den Krieg Rücksprache mit dem Senate zu nehmen; sei es nun aus eigener Bewegung, weil sich ihm jetzt der Krieg in einer bedeutendern Größe zeigte, als er ihm auf das bloße Gerücht zugetrauet hatte; oder durch einen Senatsschluß zurückgerufen: denn ich finde beides angegeben. Nach Einigen fällt der Schein, seine Abrufung bewirkt zu haben, auf den Prätor Appius Claudius, insofern dieser im Senate und vor dem Volke, wie er das schon immer durch seine Briefe gethan hatte, die Gefahr des Hetruskischen Krieges durch die Behauptung vergrößerte: « Ein Feldherr und Ein Heer werde gegen vier Völker nicht hinlänglich sein. Möchten diese entweder in Vereinigung dem Einen zusetzen, oder den Krieg getheilt führen, so sei doch immer zu fürchten, daß der Eine nicht Alles zugleich bereichen könne. Er habe dort nur zwei Römische Legionen zurückgelassen, und an Fußvolk und Reuterei seien nicht volle fünftausend Mann mit dem Fabius nachgekommen. Seiner Meinung nach müsse der Consul Publius Decius je eher je lieber zu seinem Amtsgenossen nach Hetrurien abgehen, und der Krieg in Samnium dem Lucius Volumnius übertragen werden. Wolle aber der Consul lieber in die ihm bestimmte Provinz gehen, so müsse Volumnius dem Consul in Hetrurien ein vollständiges consularisches Heer zuführen.» Da diese Rede des Prätors auf einen großen Theil Eindruck machte, so soll Publius Decius gerathen haben, die ganze Sache so lange unentschieden zu lassen und dem Quintus Fabius nicht vorzugreifen, bis er entweder selbst, sobald es sich mit dem Besten des States vereinigen lasse, nach Rom käme, oder einen seiner Unterfeldherren schickte, der dem Senate darüber Auskunft gäbe, von welchem Umfange der Krieg in Hetrurien sei, und welch eine Truppenzahl und wie viele Feldherren er erfordere. 361 26. Als Fabius nach Rom kam, hielt er sowohl im Senate, als da er vor dem Volke erschien, eine so gemäßigte Rede, daß man wohl sah, er vergrößere den Ruf des Krieges eben sowenig, als er ihn verkleinere, und sei bei seiner Bereitwilligkeit, sich einen zweiten Feldherrn neben sich gefallen zu lassen, mehr gegen die Besorgniß anderer der Nachsichtige, als wegen Abwendung seiner eigenen oder der öffentlichen Gefahr in Sorgen. «Wollten sie ihm indeß einen Gehülfen im Kriege, einen Mitfeldherrn, zugeben, wie er dann des Consuls Publius Decius vergessen könne, den er in so vielen gemeinschaftlichen Amtsführungen bewährt gefunden habe? Keinen Andern wünsche er mit sich lieber in Verbindung zu sehen. Stehe ihm Publius Decius zur Seite, dann habe er Truppen genug und nie der Feinde zu viel. Sollte aber seinem Amtsgenossen eine andre Anstellung lieber sein, ja dann möchten sie ihm zum Gehülfen den Lucius Volumnius geben.» Volk und Senat, und eben so der Mitconsul, überließen Alles dem Gutbefinden des Fabius; und da sich Publius Decius zu Beidem bereit erklärte, nach Samnium, oder nach Hetrurien zu gehen, so wurde die Freude und das Frohlocken so groß, daß man zum Voraus in Gedanken den Sieg feierte, und den Consuln schon den Triumph, nicht erst die Führung des Kriegs zuerkannt zu haben glaubte. Einige Geschichtschreiber lassen, wie ich sehe, den Fabius und Decius gleich nach dem Antritte ihres Consulats nach Hetrurien abgehen, ohne im mindesten zu erwähnen, daß die Amtsgenossen, wie ich erzählt habe, über ihre Bestimmung geloset und sich gestritten hätten. Andre hingegen lassen sich an der Darstellung dieser Streitigkeiten noch nicht begnügen. Sie machen noch eine Zugabe mit allerlei Beschuldigungen, welche Appius gegen den abwesenden Fabius an das Volk gebracht haben soll; mit einer hartnäckigen Widersetzlichkeit des Prätors gegen den anwesenden Consul, mit noch einem andern Streite der beiden Amtsgenossen, da Decius es habe durchsetzen wollen, daß jeder die ihm durch das 362 Los beschiedene Bestimmung behalten solle. Erst von dem Zeitpunkte an, wo die beiden Consuln zu Felde gehen, ist wieder Einheit in der Erzählung. Ehe aber die Consuln in Hetrurien eintrafen, kamen die Senonischen Gallier mit einem ungeheuern Schwarme bei Clusium an, um dort die Römische Legion und das Lager anzugreifen. Scipio, der hier den Oberbefehl hatte, zog seine Linie, um seiner geringen Truppenzahl durch die Stellung zu Hülfe zu kommen, an einem Hügel bergan, der zwischen der Stadt und dem Lager stand. Allein da er in der Überraschung den Weg nicht gehörig ausgekundschaftet hatte, so führte ihn dieser gerade auf die Anhöhe, welche der Feind, der sie von einer andern Seite erstieg, schon besetzt hatte. So wurde die Legion im Rücken angegriffen, und da der Feind von allen Seiten einbrach, in die Mitte genommen. Einige melden auch, sie sei hier so aufgerieben, daß nicht einmal ein Bote ihres Unglücks übrig blieb, und die Consuln, die schon nicht weit mehr von Clusium waren, hätten die Nachricht davon nicht eher erhalten, bis sie die Gallischen Reuter vor Augen gehabt hätten, welche die Köpfe der Erschlagenen den Pferden vor die Brust gehängt oder auf Lanzen gesteckt hatten, und in Gesängen nach ihrer Art frohlockten. Nach Andern sollen dies Umbrier, und keine Gallier, auch die Niederlage nicht so groß gewesen sein: und der Proprätor Scipio soll den, mit dem Legaten Lucius Manlius Torquatus auf Futterholung ausgegangenen, umringten Truppen aus dem Lager Hülfe gebracht, die siegenden Umbrier im erneuerten Gefechte geschlagen und ihnen Gefangene und Beute wieder abgenommen haben. Es ist wahrscheinlicher, daß diese Niederlage ein Werk der Gallier, nicht der Umbrier war, weil der Ansturz der Gallier, wie freilich schon oft, vorzüglich doch in diesem Jahre, Rom in Schrecken setzte. Deswegen wurden auch, außerdem daß beide Consuln mit vier Legionen und einer großen Römischen Reuterei, ferner mit tausend Mann auserlesener Ritter, welche Capua zu diesem Kriege stellte, und mit einem Heere von Bundsgenossen und Latinern zu diesem 363 Kriege auszogen, welches noch größer, als das Römische, war; noch zwei andre Heere in der Nähe der Stadt gegen Hetrurien aufgestellt, eins im Falisker, das andre im Vaticanischen Felde. Cneus Fulvius und Lucius Postumius Megellus wurden beide befehligt, als Proprätoren, in diesen Gegenden ihren Stand zu nehmen. 27. Nachdem die Consuln über den Apenninus gegangen waren, gelangten sie im Gebiete von Sentinum an den Feind. Hier schlugen sie in einer Entfernung von beinahe viertausend Schritten ihr Lager auf. Nun hielten die Feinde Berathschlagungen und kamen dahin überein, nicht alle in Ein Lager sich zusammenzuthun, auch sich nicht zugleich auf eine Schlacht einzulassen. Den Samniten wurden die Gallier, den Hetruskern die Umbrier zugegeben; der Tag zur Schlacht bestimmt; die Schlacht selbst den Samniten und Galliern übertragen, und während des Kampfes sollten die Hetrusker und Umbrier das Römische Lager angreifen. Diese Anschläge vereitelten drei Clusinische Überläufer; welche heimlich in der Nacht zum Consul Fabius übergingen, und nach gegebener Auskunft über die Entwürfe der Feinde mit Geschenken entlassen wurden, um von Zeit zu Zeit jeden neuen Entschluß, so wie sie ihn in Erfahrung brächten, ihm zu hinterbringen. Die Consuln schrieben dem Fulvius und Postumius, sie möchten beide, jener aus dem Faliskischen, dieser aus dem Vaticanischen , gegen Clusium vorrücken und das feindliche Gebiet, so arg sie könnten, verheeren. Der Ruf von dieser Verheerung setzte die Hetrusker zum Schutze ihres Landes aus dem Sentinatischen in Marsch. Nun eilten die Consuln, in Abwesenheit jener es zur Schlacht zu bringen. Zwei Tage nach einander forderten sie den Feind durch Gefechte auf: an beiden Tagen geschah nichts Erhebliches. Wenige fielen auf beiden Seiten, und eigentlich wurde der Muth nur zu einer förmlichen Schlacht gereizt, ohne eine Entscheidung des Ganzen zu bewirken. Am dritten Tage rückte man mit allen Truppen in die Ebene. Als die Heere in Schlachtordnung standen, lief eine vom Wolfe verfolgte Hirschkuh, auf ihrer Flucht 364 aus dem Gebirge, über die Felder zwischen beide Heere hinab. Nun wandten die Thiere ihren Lauf, in entgegengesetzter Richtung, die Hindinn zu den Galliern ein, der Wolf gegen die Römer. Dem Wolfe gab man zwischen den Gliedern offenen Weg: die Hindinn schossen die Gallier nieder. Da rief ein Römischer Soldat im Vordertreffen: «Dorthin ziehen sich Flucht und Tod, wo ihr das der Diana heilige Wild liegen sehet. Auf unsrer Seite aber blieb der Sieger, der dem Mars heilige Wolf unverletzt und unentweihet, und hat uns an unsre Abkunft vom Mars und an unsern Stifter erinnern wollen.» Auf dem rechten Flügel standen die Gallier; auf dem linken die Samniten. Gegen die Samniten stellte Quintus Fabius auf seinem rechten Flügel die erste und dritte Legion auf; gegen die Gallier auf dem linken Decius die fünfte und sechste. Die zweite und vierte standen unter dem Proconsul Lucius Volumnius in Samnium. Beim ersten Zusammentreffen focht man mit so völlig gleichen Kräften, daß die Römer, wenn die Hetrusker und Umbrier mit zugegen gewesen wären, allenthalben, wo diese den Ausschlag gegeben haben würden, sei es in der Schlacht, oder im Lager, die Geschlagenen sein mußten. 28. Ob aber gleich die Hoffnung des Sieges noch beiden Theilen gehörte, und das Glück es noch nicht bemerklich gemacht hatte, auf welche Seite es das Übergewicht geben würde, so war doch der Gang der Schlacht auf dem linken Flügel von dem auf dem rechten ganz verschieden. Die Römer unter Fabius erwehrten sich des Kampfes mehr, als daß sie ihn betrieben, und das Gefecht wurde bis tief in den Tag hinein nur hingehalten. Der Feldherr war überzeugt, daß die Samniten und Gallier im ersten Angriffe die Überlegenen waren; daß es genug sei, sie hierin aufzuhalten; daß den Samniten bei längerer Dauer des Gefechts der Muth allmählig sinke; daß überdies die Körperkraft der Gallier, in Beschwerden und Hitze aller Ausdauer unfähig, sich auflöse; daß sie den Kampf mit mehr als Männerkraft eröffneten, und schwächer als Weiber ihn endeten. Folglich sparte er seinen 365 Soldaten die vollen Kräfte für jenen Zeitpunkt auf, in welchem sich der Feind gewöhnlich besiegen ließ. Decius, durch Jugend und Lebhaftigkeit des Muthes hitziger, strömte gleich im Anfange des Streites die ganze Fülle seiner Kraft aus; und weil ihm das Gefecht des Fußvolks nicht rasch genug ging, so setzte er die Reuterei in Angriff. Vom tapfersten Geschwader der Jünglinge umschlossen, bat er sie, als die Ersten der Jugend mit ihm zugleich in den Feind einzuhauen. «Sie würden doppelten Ruhm ernten, wenn der Sieg vom linken Flügel, und zwar von der Reuterei ausginge.» Und zweimal warfen sie die Gallische Reuterei. Als sie zum drittenmale etwas weiter vorgesprengt waren und schon mitten unter den Scharen der feindlichen Reuter fochten, wurden sie von einem Kampfe überrascht, der ihnen seiner Art nach neu war. Auf Kriegswagen und Karren stehend kam der bewaffnete Feind unter einem gewaltigen Getöse von Rossen und Rädern heran und machte die eines solchen Getümmels ungewohnten Pferde der Römer scheu. Die schon siegende Reuterei stob, als hätte sie ein Gespenst gesehen, betäubt aus einander; die fortstürzenden Rosse und Reuter streckte die besinnungslose Flucht zu Boden. Dadurch geriethen auch die Ordnungen des Fußvolks in Verwirrung; unter den heranstürzenden Pferden und den durch die Glieder fortgerissenen Wagen wurden in den beiden ersten Linien Viele zertreten: und die Linie der Gallier, die bei der unter den Feinden bemerkten Unordnung sogleich hereinbrach, ließ ihnen keine Zeit sich zu erholen und sich wieder zu setzen. Decius schrie: «Wohin sie flöhen? Was sie durch die Flucht zu gewinnen hofften?» er trat den Weichenden in den Weg; er rief die Fortströmenden zurück. Als er sie durch nichts in ihrer Bestürzung aufhalten konnte, sprach er unter namentlicher Anrufung seines Vaters Publius Decius: «Warum ergebe ich mich nicht gleich in die auf mich vererbte Bestimmung? Es ist unsrem Stamme beschieden, zur Abwendung der Gefahren die Sühnopfer des Stats zu sein. Bald will ich der Erde und den Geistern der Todten die Legionen der 366 Feinde mit mir zum Opfer darbringen.» Nach diesen Worten befahl er dem Oberpriester Marcus Livius, dem er, als er sich in das Treffen begab, geboten hatte, nicht von seiner Seite zu weichen, ihm die Formel vorzusprechen, durch welche er sich und die Legionen der Feinde für das Heer des Römischen Volks der Quiriten dem Tode weihen müsse. Er erhielt die Weihe mit eben dem Gebete und in eben dem Anzuge, in welchem sie sich sein Vater Publius Decius bei Veseris im Latinischen Kriege hatte geben lassen. Er fügte der gewöhnlichen Formel noch die Worte hinzu: «Schrecken und Flucht, Mord und Blut, den Zorn der himmlischen und unterirdischen Götter lasse ich vor mir hergehen: trage den Fluch der Vernichtung mit mir auf der Feinde Fahnen, Waffen und Wehren hinüber; und Verderben trifft die Gallier und Samniten mit mir auf Einer Stelle;» und nach diesen über sich und die Feinde herabgerufenen Verwünschungen spornte er sein Roß in die Linie der Gallier, wo er sie am gedrängtesten sah, und fand unter den auf ihn gerichteten Waffen der Feinde, denen er selbst entgegenstürzte, den Tod. 29. Von nun an schien die Schlacht kaum noch das Werk der Menschen zu sein. Die Römer hatten ihren Feldherrn verloren, und statt, wie wohl sonst, sich dadurch schrecken zu lassen, hörten sie auf zu fliehen und Erneurung des Kampfes war ihr Wunsch. Die Gallier, und vorzüglich der Haufe, der die Leiche des Consuls umstand, schossen wie betäubt ihre nicht mehr treffenden Pfeile vergeblich ab: Andre standen erstarrt da, ohne Sinn für Gefecht, oder Flucht. Auf jener Seite hingegen rief der Oberpriester Livius, welchem Decius die Lictoren übergeben und den Rang eines Prätors ertheilt hatte: «Die Römer hätten gesiegt: der Tod ihres Consuls habe sie gerettet. Die Gallier und Samniten wären der Mutter Erde und den Todtengeistern vermacht. Decius ziehe und rufe ihr mit ihm zugleich dem Tode geweihtes Heer sich nach: und überall herrsche bei den Feinden Verblendung der Hölle und Geisterscheu.» Indem dieser Flügel das Treffen wieder herstellte, stießen Lucius 367 Cornelius Scipio und Cajus Marcius mit aufgesparten Truppen aus dem Hintertreffen auf Befehl des Consuls Fabius zu ihm, der sie seinem Amtsgenossen zur Unterstützung geschickt hatte. Hier bekamen sie mit der Nachricht, wie Publius Decius geendet habe, die kräftigste Aufforderung für das allgemeine Wohl Alles zu wagen. Da nun die Gallier mit vor sich hingepflanzten Schilden in geschlossenem Gliede feststanden, und der Kampf gegen sie Fuß an Fuß unthunlich war, so wurden auf Befehl der Legaten die Wurf pfeile, welche zwischen beiden Heeren hingeworfen lagen, vom Boden gesammelt und gegen die Schildwand der Feinde abgeschossen; und da diese meistentheils die Schilde, von den Wurf spießen Die Veruta hatten eine längere, runde Spitze, nicht die dreieckige, wie Sagittae und Pila. aber auch manche die Körper durchbohrten, so wurde ihr Keil geworfen, so daß ein großer Theil ohne Wunde wie bedonnert niederstürzte. So hatte das Glück auf dem linken Flügel der Römer gewechselt. Auf dem rechten hatte Fabius anfangs, wie vorhin gesagt ist, den Tag mit Zögern hingebracht: als aber das Geschrei der Feinde, ihr Andrang und ihre Schüsse nicht mehr dieselbe Kraft verriethen; so hieß er, sobald er den Obersten der Reuterei den Befehl ertheilt hatte, ihre Geschwader auf die Seite der Samniten herumzuziehen, um ihnen auf ein gegebenes Zeichen im möglichst heftigen Ansturze in die Flanke zu fallen; sein Fußvolk allmälig anrücken und den Feind verdrängen. Als er keinen Widerstand, sondern offenbare Ermattung sah, so nahm er nun erst die sämtlichen bis auf diesen Punkt gesparten Truppen vom Hintertreffen mit sich, ließ das Fußvolk sich in Eilschritt setzen und gab der Reuterei das Zeichen, auf den Feind einzubrechen. Diesen Angriff hielten die Samniten nicht aus: sie rannten in vollem Laufe dicht am Heere der Gallier vorbei ihrem Lager zu und ließen ihre Waffengenossen auf dem Punkte der Entscheidung im Stiche. Die Gallier standen in geschlossnem Gliede hinter 368 ihrer Schildwand. Da befahl Fabius, der jetzt den Tod seines Amtsgenossen erfuhr, einem Geschwader Campanier von etwa fünfhundert Rittern, sich aus der Linie um die Gallier herumzuziehen und sie im Rücken anzugreifen; dem zweiten Treffen der dritten Legion aber, diesen zu folgen, und wo sie das Heer der Feinde vom Angriffe der Reuterei in Unordnung gerathen sähen, hineinzudringen und die Geschreckten niederzuhauen. Er gelobte dem Jupiter Sieger einen Tempel und die feindlichen Waffen, und eilte selbst dem Lager der Samniten zu, auf welches der gescheuchte Schwarm hingedrängt wurde. Dicht unter dem Walle machten die durch das Gewühl der Ihrigen Ausgeschlossenen, weil die Thore eine solche Menge nicht aufnehmen konnten, einen Versuch zu fechten. Hier fiel Gellius Egnatius, der Samnitische Feldherr. Nun wurden die Samniten in ihre Verschanzungen hineingetrieben, das Lager nach einem kurzen Gefechte genommen und die Gallier im Rücken umzingelt. Fünfundzwanzig tausend Feinde sollen an dem Tage gefallen, achttausend gefangen sein. Aber der Sieg hatte auch Blut gekostet. Vom Heere des Publius Decius blieben siebentausend Mann, von dem des Fabius tausend zweihundert. Nachdem Fabius einige ausgeschickt hatte, die Leiche seines Amtsgenossen aufzusuchen, verbrannte er, dem Jupiter Sieger zu Ehren, die auf einen Haufen gesammelten Waffen der Feinde. Den Leichnam des Consuls konnte man an dem Tage, weil er von Haufen über ihm zusammengestürzter Gallier bedeckt lag, nicht auffinden. Am folgenden Tage wurde er gefunden und unter vielen Thränen der Soldaten gebracht. Mit Aussetzung aller andern Geschäfte beging Fabius die Begräbnißfeier seines Amtsgenossen sehr ehrenvoll und mit der verdienten Lobrede. 30. Auch in Hetrurien ging der Krieg unter dem Proprätor Cneus Fulvius in eben diesen Tagen nach Wunsch; und außer dem ungeheuren Schaden, den man dem Feinde durch Verheerung seines Landes zufügte, wurde auch ein Sieg erfochten. Über dreitausend Perusiner und Clusiner wurden getödtet und an zwanzig Fahnen erbeutet. Der Zug 369 der Samniten, deren Flucht durch das Pelignische ging, wurde von den Pelignern umzingelt, und von fünf Tausenden an tausend niedergehauen. Der Ruhm des Tages, zu dem die Schlacht im Sentinatischen Gebiete vorfiel, ist immer noch groß, wenn man auch bei der Wahrheit stehen bleibt. Einige aber haben durch Vergrößerungen die Glaubwürdigkeit überschritten, da nach ihrer Angabe im feindlichen Meere vierzigtausend Wo der Autor mehrere Zahlen nennt, da geben auch die Abschreiber den Critikern Anlaß zu Klagen. Daß in den angegebenen 40,000 keine Übertreibung liegen könne, hat schon Crevier bemerkt, der aus Cap. 26 darthut, daß die Römer selbst in dieser Schlacht, wo nicht ganz, doch beinahe so stark gewesen sein müssen, und aus dem vorigen Cap. anführt, daß 25,000 Feinde auf dem Platze blieben und 8000 gefangen genommen wurden. Folglich muß doch ein Heer, das so Viele hergab, an 40,000 stark gewesen sein, und auch darum dürfte diese Zahl dem Livius keine Übertreibung scheinen. Vielleicht könnte die letzte Silbe in pedi tum ein darauf folgendes cen tum haben verloren gehen lassen. Allein es lassen sich hier noch mehr Schreibfehler vermuthen, worunter ich vor allen die Worte trecentos triginta zähle. Wenn diese so genaue Angabe die Zahl der gefallenen Feinde meldete, so könnte man sagen, die Römer hatten Zeit, sie auf dem Schlachtfelde zu zählen. Allein bei einem zur Schlacht aufgestellten Heere kannte man doch wohl an die, denen man selbst die Übertreibung zu Gute halten wollte, die Frage thun: Wer gab euch die Listen der feindlichen Heereszahl, die die Gallischen Horden vielleicht selbst nicht wußten? – Ohne Beistimmung von Handschriften läßt sich in solchen Stellen auch kaum durch Conjecturen helfen. Sollten sich einmal in einer die Worte so gestellt finden: in hostium exercitu peditum centum quadraginta millia armatos, triginta equitum et sex millia, mille carpentorum scripsere fuisse; so könnte dies vielleicht die richtigere Lesart sein. dreihundert und dreißig Mann zu Fuß, sechstausend zu Pferde und tausend Wagen gewesen sein sollen; nämlich mit Einschluß der Umbrier und Tusker, welche sie gleichfalls bei der Schlacht zugegen sein lassen. Und um auch die Truppen der Römer zu vergrößern, geben sie den Proconsul Lucius Volumnius den Consuln zum Nebenfeldherrn, und mit seinem Heere den Legionen der Consuln eine Zugabe. Den meisten Jahrbüchern zufolge gehört dieser Sieg den beiden Consuln allein. Lucius Volumnius war indessen in Samnium thätig und schlug das Heer der Samniten, das er auf das Gebirge Tifernus getrieben hatte, ohne sich durch die Schwierigkeit des Angriffs abschrecken zu lassen, völlig in die Flucht. Quintus Fabius , der das Heer des Decius in 370 Hetrurien ließ und seine Legionen zur Stadt führte, hielt einen Triumph über die Gallier, Hetrusker und Samniten: die Soldaten folgten seinem Triumphzuge. In ihren kunstlosen Liedern priesen sie den herrlichen Tod des Publius Decius eben so hoch, als den Sieg des Quintus Fabius, und weckten das Andenken an die That seines Vaters, die sie in Hinsicht des Erfolgs für den Stat und für ihn selbst dem Verdienste des Sohns an die Seite setzten. Aus der Beute wurden jedem Soldaten zweiundachtzig Ungefähr 1⅔ Thaler unsres Conventionsgeldes. Kupferass gegeben, ein Feldrock und eine Weste; Belohnungen, welche dem damaligen Krieger keinesweges verächtlich waren. 31. Bei diesem Erfolge war dennoch in Samnium und in Hetrurien noch kein Friede. Denn theils war auf Betrieb der Perusiner, sobald der Consul sein Heer abgeführt hatte, der Krieg wieder erneuert; theils kamen die Samniten in das Vescinische und Formianische Gebiet und von einer andern Seite in das Äserninische und die am Flusse Vulturnus belegene Gegend auf Plünderung herab. Gegen diese schickte man den Prätor Appius Claudius mit des Decius Heere. In dem von neuem aufgestandenen Hetrurien erlegte Fabius viertausend fünfhundert Perusiner und nahm an tausend siebenhundert vierzig gefangen, für deren Loskaufung man von jedem dreihundert und zehn Ass Ungefähr 6½ Thaler. bekam: die ganze übrige Beute ließ man dem Soldaten. Die Legionen der Samniten, deren einem Theile der Prätor Appius Claudius, dem andern der Proconsul Lucius Volumnius nachzog, trafen im Gebiete von Stella zusammen. Hier lagerten sich also die Samniten Gronov und Drakenborch sind an dieser Stelle darin eins, daß man statt Samnitium legiones omnes lesen müsse Samnitium omnes. Auch haben sie die Mehrzahl der Handschriften für sich. alle, und Appius und Volumnius vereinigten sich. Es erfolgte eine Schlacht, voll der höchsten Erbitterung, weil auf der einen Seite der Groll gegen die den Krieg so oft Erneuernden zum Sporne ward, auf der 371 andern die letzte Hoffnung Alles wagte. Folglich blieben von Seiten der Samniten sechzehntausend dreihundert, und zweitausend siebenhundert wurden gefangen genommen: und vom Römischen Heere fielen zweitausend siebenhundert. Dies in Ansehung des Krieges so glückliche Jahr wurde durch eine Seuche drückend und durch seine Schreckzeichen beunruhigend. Denn theils lief die Nachricht ein, daß an verschiedenen Orten ein Erdbeben gewesen sei, theils sollten im Heere des Appius Claudius Viele vom Blitze erschlagen sein: und man schlug deswegen die Bücher nach. In diesem Jahre belegte Quintus Fabius Gurges , des Consuls Sohn, mehrere Frauen vom Stande, die er in einer Klage vor dem Gesamtvolke der Unzucht überführte, mit einer Geldstrafe. Von diesen Geldern ließ er der Venus den Tempel erbauen, der neben der Rennbahn steht. Noch immer sehe ich Kriegen der Samniten entgegen, die ich nun schon ununterbrochen durch vier Bücher und durch einen Zeitraum von sechsundvierzig Jahren, seit dem Consulate des Marcus Valerius und Aulus Cornelius, die zuerst in Samnium eindrangen, verfolge. Ohne mich jetzt auf die Niederlagen beider Völker in so vielen Jahren, und auf die überstandnen Mühseligkeiten einzulassen, denen gleichwohl jener ausdauernde Muth nicht unterlag, so waren doch die Samniten, nur im vorigen Jahre, im Gebiete von Sentinum, im Pelignerlande, am Tifernus, in den Ebenen von Stella, bald mit ihren Legionen allein, bald mit andern in Verbindung, von vier Römischen Heeren und vier Feldherren geschlagen; hatten einen der berühmtesten Feldherren ihres Volks verloren; sahen ihre Kampfgenossen, die Hetrusker, Umbrier, Gallier, eben so unglücklich, als sie selbst waren; konnten sich weder durch eigene, noch durch fremde Hülfe länger halten: und standen dennoch nicht vom Kriege ab. So ungern entsagten sie der selbst mit Unglück vertheidigten Freiheit, und wollten lieber besiegt werden, als den Sieg unversucht lassen. Was müßte man Drakenborch scheint mit Recht das non vor pigeat zu verwerfen, weil es seine besten Handschriften nicht haben; und giebt, nach Weglassung des non, den Sinn so: Oratio per interrogationem concepta indicabit, neminem esse debere, quem eius pigeat. Ich glaube, man müsse das quinam (was für einer? qualis?) nicht in dem Sinne von quisnam (quis? wer?) nehmen. Ich vermuthe, daß eben diese Verwechselung des richtigen quinam mit quisnam die Veranlassung geworden sei, das non hier einzuschieben. In den Wörterbüchern, selbst im Thes. Gesn. sind quinam und quisnam in ihren Bedeutungen nicht gehörig geschieden. Und doch sagt Horazens Quisnam igitur liber? Quisnam igitur sanus? ganz etwas anderes, als bei Liv. IX. 17. ut quaerere libeat, quinam ( qualis tandem) eventus Romanus futurus fuerit, si cum Alexandro etc. und Sil. IX. 641. Quaenam autem mentis, vel quae discordia fati? oder auch im adverbio Quinam? für quali oder quo modo? (Parei Lex. crit.) Nach meiner Meinung hieße also das Quinam sit ille? so viel, als Qualis (quam iners, quam impatieni taedii) sit ille, etc. von dem 372 Geschichtschreiber und Leser denken, wenn sie über diesen langwierigen Kriegen ermüdeten, denen selbst die Kriegenden nicht erlagen? 32. Auf den Quintus Fabius und Publius Decius folgten die Consuln Lucius Postumius Megellus und Marcus Atilius Regulus. Beiden wurde Samnium als ihr Standort angewiesen, weil das Gerücht sagte, daß die Feinde drei Heere angeworben hätten, mit deren Einem sie wieder nach Hetrurien, mit dem andern wieder auf Plünderung nach Campanien zögen, und das dritte zum Schutze ihrer eigenen Gränzen aufstelleten. Den Postumius hielt eine Krankheit in Rom zurück: Atilius brach sogleich auf, um die Feinde, so wie es die Väter haben wollten, noch ehe sie ausrückten, zu überfallen. Hier trafen sie, als wäre es verabredet, in einer Gegend auf einander, die es den Römern eben so wenig erlaubte, in Samnium einzurücken, noch weniger also, dort zu plündern, als den Samniten, sich von hier auf die ruhigen Länder und Besitzungen der Römischen Bundesgenossen herauszuziehen. Als nun Lager gegen Lager aufgeschlagen stand, wagten die Samniten, was kaum die Römer nach ihren vielen Siegen gewagt haben würden – so viel wirkt die Verzweiflung in ihrer höchsten Unbesonnenheit – und stürmten das Römische Lager. Und wenn gleich ein so kühnes Unternehmen seinen Zweck nicht erreichte, so war es doch nicht ganz ohne Erfolg. Ein tief in den Tag 373 hinein dauernder Nebel war so dicht, daß er das Tageslicht unwirksam machte, weil er nicht allein alle Aussicht über den Lagerwall, sondern selbst den in der Nähe auf einander Treffenden, den gegenseitigen Anblick benahm. Im Vertrauen auf ihren hiedurch gleichsam verschleierten Überfall kamen die Samniten schon vor Anbruch des Tages, den noch dazu die dicke Luft zurückhielt, bis an den Römischen Posten, der in aller Muße am Thore Wache hielt. Die Überraschten hatten so wenig den Muth, sich zu wehren, als die Kraft. Der Angriff geschah im Rücken des Lagers, am Hinterthore: also wurde das Zelt des Schatzmeisters erstürmt, wobei der Schatzmeister Lucius Opimius Pansa fiel. Nun rief Alles: Zu den Waffen! 33. Der Consul, durch den Lärm, geweckt, befahl zwei Cohorten Bundesgenossen, einer Lucanischen und einer Suessanischen, die gerade die nächsten waren, das Hauptzelt zu decken, und führte seine Legionen rottenweise in der Querstraße des Lagers auf. Kaum gehörig bewaffnet traten sie in Reihe und Glied, und entdeckten den Feind mehr durch sein Geschrei, als mit ihren Augen: auch ließ sich seine Stärke nicht bestimmen. Ungewiß, wie es um sie selbst stände, wichen sie anfangs und ließen ihn in die Mitte des Lagers vordringen. Hier leisteten sie auf die wiederholte laute Frage des Consuls: «Ob sie über den Wall hinausgetrieben, hinterher ihr eignes Lager angreifen wollten,» nach erhobenem Geschreie den ersten Widerstand; rückten vorwärts, stürmten auf den Feind ein, trieben ihn, als er Einmal wich, eben so furchtbar, als sie begonnen hatten, vor sich hin, und schlugen ihn zum Thore hinaus aus dem Walle. Zum Ausrücken und Verfolgen zu vorsichtig, – denn bei dem trüben Tage mußten sie auf allen Seiten Hinterhalte fürchten – zogen sie sich, mit der Befreiung ihres Lagers zufrieden, in den Wall zurück, nachdem sie dem Feinde fast dreihundert getödtet hatten. Von dem Römischen Vorposten, von der Wache und von denen, die bei dem Zelte des Schatzmeisters überfallen waren, blieben gegen zweihundert und dreißig. 374 Dies nicht ganz mislungene Wagestück erhöhete den Samniten den Muth: sie wehrten den Römern nicht allein das weitere Vorrücken mit dem Lager, sondern auch jede Futterholung auf Samnitischem Boden, und diese gingen zum Futterholen rückwärts in das befreundete Gebiet von Sora. Der Ruf von diesen Vorfällen, der mit größerem Lärmen, als die Sache verdiente, in Rom einlief, nöthigte den kaum genesenen Consul Lucius Postumius, aus der Stadt aufzubrechen. Nachdem er den Soldaten Sora zum Sammelplatze angewiesen hatte, weihete er vor seinem Abzuge in eigner Person der Siegsgöttinn den Tempel, dessen Bau er als Curulädil aus den Strafgeldern hatte besorgen lassen. Nach erfolgtem Aufbruche zum Heere zog er, von Sora aus, nach Samnium zu seinem Amtsgenossen ins Lager. Und als die Samniten aus Mistrauen in ihre Kräfte, wenn sie zwei Heeren widerstehen sollten, sich von dort zurückzogen, trennten sich die Consuln nach entgegengesetzten Seiten zu Plünderungen des Landes und Angriffen auf die Städte. 34. Postumius versuchte in der Unternehmung auf Milionia anfangs Sturm und Gefecht. Als dies nicht nach Wunsch gelang, gewann er die Stadt durch Werke und Annäherungshütten, die zuletzt sich an die Mauer lehnten. Hier wurde nach Eroberung der Mauer von zehn Uhr Vormittags bis etwa um zwei in allen Theilen der Stadt gefochten, und zwar lange mit ungewissem Erfolge. Endlich wurden die Römer Meister von der Stadt. Dreitausend zweihundert Samniten wurden niedergehauen, und außer der übrigen Beute hatte man viertausend zweihundert Gefangene. Von da wurden die Legionen vor Ferentinum geführt, welches die Einwohner mit allem ihrem Eigenthume, so viel sie wegbringen und forttreiben konnten, bei Nacht durch das jenseitige Thor in aller Stille räumten. Natürlich rückte der Consul bei seinem Anzuge gleich in der gehörigen Stellung und Rüstung an die Mauern, als ob er hier einen gleichen Kampf, wie vor Milionia, erwartete; dann aber, als er in der Stadt allgemeine Stille, und weder Bewaffnung noch Männer auf den Thürmen und Mauern bemerkte, that er der Begierde der Soldaten, in die verlassene Stadt einzubrechen, Einhalt, um sie nicht, ohne darauf gefaßt zu sein, in einen versteckten Hinterhalt fallen zu lassen. Er hieß zwei Geschwader Latinischer Bundesgenossen um die Mauern herumreiten und Alles untersuchen. Die Ritter sehen ein und das andre Thor, welche in Einer Gegend einander nahe waren, offen und auf den Wegen dort heraus die Spuren von der nächtlichen Flucht der Feinde. Sie reiten langsam näher an die Thore und sehen aus ihrem sichern Standorte den Durchgang auf geraden Straßen ungehindert: sie melden dem Consul, die Stadt sei geräumt; dies erhelle unbezweifelt aus der allgemeinen Stille, aus den frischen Spuren der Flucht und den umher liegenden in der nächtlichen Eile zurückgelassenen Sachen. Auf diesen Bericht zog der Consul nach jener Seite der Stadt herum, wo sich ihr die Ritter genähert hatten, und da er nicht weit vom Thore Halt machte, hieß er fünf Ritter in die Stadt hineinreiten. «Drei sollten, wenn sie eine mäßige Strecke vorgerückt wären und Alles sicher fänden, bei einander stillhalten; zwei aber ihm Bericht erstatten.» Als diese zurückkamen und meldeten, sie wären so weit vorgerückt, daß sie die Umsicht nach allen Seiten gehabt hätten: es herrsche weit und breit Stille und Menschenleere, so zog der Consul sogleich mit den leichten Cohorten in die Stadt; die übrigen hieß er unterdessen ein festes Lager aufschlagen. Als die eingerückten Soldaten die Hausthüren erbrachen, fanden sie nur einige Betagte und Kranke, und was sonst schwer fortzubringen war, zurückgelassen. Dies nahm man weg, und erfuhr von den Gefangenen, «daß sich mehrere Städte umher nach gemeinschaftlicher Verabredung zur Flucht entschlossen hätten: ihre Mitbürger wären um die erste Nachtwache abgezogen. Nach ihrer Meinung müßten die Römer die andern Städte eben so menschenleer finden.» Die Gefangenen hatten die Wahrheit gesagt. Die verlassenen Städte nahm der Consul in Besitz. 35. Dem andern Consul, Marcus Atilius, wurde der Krieg bei weitem so leicht nicht. Als er seine Legionen 376 nach Luceria führte, welches laut Nachrichten von den Samniten belagert wurde, kam ihm der Feind an der Lucerinischen Gränze entgegen. Hier gab die Erbitterung beiden Theilen gleiche Kräfte. Das Treffen war wechselnd und mißlich, seinem Ausgange nach aber trauriger für die Römer, theils, weil es ihnen etwas Ungewohntes war, besiegt zu werden, theils, weil sie, als man von einander abließ, es weit empfindlicher fühlten, als im Gefechte selbst, wie groß auf ihrer Seite die Überzahl an Verwundeten und Gebliebenen war. Folglich erhob sich im Lager eine Bestürzung, die gewiß, wenn sie die Fechtenden befallen hätte, eine große Niederlage zur Folge gehabt haben würde. Selbst jetzt hatten sie eine ängstliche Nacht, weil sie glaubten, daß die Samniten jeden Augenblick das Lager angreifen würden, oder daß man am frühen Morgen mit den Siegern werde schlagen müssen. Auf Seiten der Feinde war der Verlust kleiner, der Muth nicht größer. Sobald es tagte, wollten sie ohne Kampf abziehen. Es führte aber nur Ein Weg von dort, und zwar an den Feinden vorüber. Als sie diesen einschlugen, sah es nicht anders aus, als zögen sie gerades Weges zur Bestürmung des Lagers heran. Der Consul hieß die Soldaten zu den Waffen greifen und ihm vor den Walle hinaus folgen. Den Legaten, Tribunen und Obersten der Bundesgenossen gab er Anweisung, was für jeden von ihnen zu thun sei. Alle versicherten: « Sie würden freilich Alles thun; allein die Soldaten wären muthlos. Sie hätten die ganze Nacht unter Wunden und Ächzen der Sterbenden durchwacht. Wäre der Feind vor Tage gegen das Lager angerückt, so würden sie, nach der allgemeinen Bestürzung zu urtheilen, die Fahnen verlassen haben; jetzt würden sie nur durch Scham von der Flucht zurückgehalten: übrigens nähmen sie sich ganz, als Besiegte.» Da der Consul nach diesem Berichte es für nöthig hielt, selbst herumzugehen und den Soldaten zuzureden, so that er, wo er solche fand, die mit der Bewaffnung zögerten, die verweisende Frage: «Was ihnen diese Unthätigkeit, diese Unlust, helfen könne? Der Feind 377 werde ins Lager kommen, wenn sie ihm nicht vor das Lager entgegen gingen; und sie würden für ihre Zelte fechten müssen, wenn sie für ihren Wall nicht fechten wollten. Bewaffnet und kämpfend könnten sie doch den Sieg noch hoffen. Wer aber unbewaffnet und wehrlos den Feind erwarten wolle, müsse sich Tod oder Sklaverei gefallen lassen.» Auf diese Vorwürfe und Verweise antworteten sie: «Die gestrige Schlacht habe es ihnen gethan; ihre Kräfte, ihr Blut seien erschöpft. Der Feind zeige sich in größerer Anzahl, als er gestern gehabt habe.» Unterdeß kam der Zug näher, und da sie bei der geringeren Entfernung schon deutlicher sehen konnten, so behaupteten sie Alle, die Samniten hätten schon die Schanzpfähle bei sich, und es sei offenbar, daß sie das Lager umpfählen wollten. Da rief der Consul: «Das sei doch vollends unerhört, wenn man sich eine solche Schmach und Beschimpfung von einem so feigen Feinde gefallen ließe. So sollen wir uns noch dazu in unserm Lager einschließen lassen?» sagte er; «um lieber schimpflich durch Hunger, als, wenn es sein müßte, mit dem Schwerte in der Hand mit Ehren zu sterben? Möchten die Götter kein Unglück daraus entstehen lassen, wenn Jeder von ihnen thäte Nach Dukers und Drakenborchs Wunsche habe ich das que hinter facerent weggelassen. Dii bene verterent! facerent, quod se dignum etc. , was er seiner würdig achte. Consul Marcus Atilius werde, wenn ihm sonst niemand folge, auch allein den Feinden entgegen gehen, und lieber in den Reihen der Samniten fallen, als ein Römisches Lager umpfählen sehen.» Die Legaten, Tribunen, alle Geschwader der Reuterei, und die Hauptleute der ersten Rotten erklärten sich für den Consul. Da griffen die Soldaten, von Scham besiegt, mit Unlust zu den Waffen; mit Unlust gingen sie aus dem Lager: in einem langen unzusammenhängenden Zuge, traurig und fast schon als Geschlagene, rückten sie gegen den Feind auf, dessen Besorgniß und Muthlosigkeit nicht kleiner war. Denn kaum erblickten die Samniten die Römischen Fahnen, so verbreitete sich 378 von der Spitze ihres Zuges bis zu den Letzten der laute Ruf: «Da kämen die Römer heraus, wie man gefürchtet habe, den Abmarsch zu wehren. Jeder Ausweg, selbst zur Flucht, sei unmöglich. Hier auf der Stelle müsse man entweder fallen, oder die Feinde hinstrecken und über ihre Leichen hinaussteigen.» 36. Sie warfen ihre Bündel auf Einen Haufen zusammen, und Jeder stellte sich unter den Waffen in seinem Gliede auf. Schon war zwischen beiden Linien nur noch ein kleiner Raum, und sie standen voll Erwartung da, daß vom Feinde der Angriff geschähe, vom Feinde das Geschrei erhoben würde. Beiden Theilen fehlte es zum Fechten an Muth. Und beide würden wohlbehalten und ohne Schwertschlag jeder seines Weges gezogen sein, wenn sie nicht gefürchtet hätten, daß dem Weichenden der Andre nachsetzen würde. Unwillkürlich begann unter Heeren voll Abneigung und Unlust mit einem dumpfen, unterbrochenen Geschreie ein kaltes Gefecht, das keinen von seiner Stelle trieb. Da sandte der Römische Consul, um etwas Leben hineinzubringen, einige aus der Reuterei genommene Geschwader dazwischen; und da diese meistentheils von ihren Pferden sanken und die Übrigen in Unordnung geriethen, so brachen theils die Samniten, um die Gestürzten niederzumachen, theils die Römer, um den Ihrigen beizustehen, aus der Linie hervor. Darüber wurde das Gefecht einigermaßen lebhafter; allein weit rascher und auch in größerer Anzahl rannten doch die Samniten herbei; und die Reuterei jagte in der Verwirrung mit ihren scheuen Pferden selbst die ihr zu Hülfe Gekommenen nieder. Nun wandte die ausbrechende Flucht die ganze Römische Linie ab. Und schon hieben die Samniten den Fliehenden in den Rücken, als der Consul, der zum Lagerthore voraussprengte, einen Posten Reuterei davor pflanzte, ihm befahl, jeden dem Walle Zueilenden, er möchte Römer, oder Samnit sein, als Feind anzusehen, und unter diesen ihnen zugerufenen Drohungen den zum Lager fortstürzenden Seinigen in den Weg trat. «Wohin, Soldat?» rief er: «auch hier wirst du Waffen und Männer finden, 379 und so lange dein Consul lebt, nicht anders, als siegend, das Lager betreten! Wähle nun, ob du lieber gegen Bürger, oder gegen Feinde fechten willst!» Bei diesem Worten des Consuls umschwärmten die Ritter das Fußvolk mit drohender Lanze und geboten ihm, zum Gefechte umzukehren. Und nun kam dem Consul außer seiner Tapferkeit auch das Glück zu statten: denn die Samniten drangen nicht nach, sondern ließen ihnen Raum, sich zu schwenken und die Linie vom Lager ab wieder gegen den Feind zu richten. Da ermunterte Einer den Andern wieder zum Gefechte; die Hauptleute drangen mit den Fahnen, die sie den Fähnrichen wegrissen, ein, und zeigten den Ihrigen, wie schwach und weitschichtig in aufgelösten Gliedern der Feind herankomme. Zu gleicher Zeit erhob der Consul die Hände gen Himmel und gelobte mit lauter Stimme, so daß ihn Jeder hören mußte, dem Jupiter Standgeber einen Tempel, wenn das Römische Heer wieder Stand halten und in erneuertem Treffen die Legionen der Samniten werfen und besiegen würde. Da bot von allen Seiten Alles seine Kraft auf, die Schlacht wieder herzustellen; Anführer und Soldaten, Fußvolk und Reuterei insgesamt: ja auch die waltende Gottheit schien auf die Sache Roms gnädig herabzublicken; so leicht wurde der Ausschlag errungen und die Feinde vom Lager zurückgetrieben. Bald waren sie auch wieder auf den Platz gedrängt, wo die Schlacht begonnen hatte. Hier, wo ihnen der Haufe ihres zusammengeworfenen Gepäcks im Wege lag, blieben sie, im freien Schritte gehindert, hängen; dann umschlossen sie die Bündel, um ihre Habe nicht plündern zu lassen, mit einem Kreise von Fechtenden. Um so mehr bedrängte sie von vorn das Fußvolk, im Rücken die herumgezogene Reuterei. So wurden sie in der Mitte niedergehauen und gefangen genommen. Die Anzahl der Gefangenen betrug siebentausend und zweihundert, welche Alle entkleidet unter dem Jochgalgen durchziehen mußten. Die Getödteten werden auf viertausend achthundert angegeben. Aber auch den Römern war dies kein erfreulicher Sieg. Als der Consul den erlittenen Verlust dieser zwei Tage nachzählen 380 ließ, ergab sich die Summe von siebentausend zweihundert Vermißten. Während dieser Begebenheiten in Apulien mislang den Samniten ein Versuch, den sie mit ihrem zweiten Heere auf Interamna machten, eine Römische Pflanzstadt an der Latinischen Heerstraße: und als sie nach ausgeübter Plünderung theils die übrige Beute von Menschen und Vieh unter einander, theils die gefangenen Pflanzbürger vor sich hintrieben, stießen sie auf den Consul, der als Sieger von Luceria zurückkam. Und sie verloren nicht allein ihre Beute wieder, sondern auch sie selbst, in einem gedehnten und beladenen Zuge ohne alle Haltung, wurden niedergehauen. Der Consul, der durch einen Aufruf die Eigenthümer zur Anerkennung und Empfangnahme ihrer Sachen nach Interamna zurückkommen und sein Heer dort stehen ließ, ging zum Wahltage nach Rom. Sein Antrag auf die Ehre eines Triumphs wurde abgelehnt, theils weil er so viele tausend Soldaten verloren, theils die unter dem Jochgalgen durchgeschickten Gefangenen ohne Vermuthlich ist die Strothische Ausgabe nach der Ernestischen von 1769 abgedruckt, in welcher das kleine Wort sine, das ohnehin von niemand angefochten wird, durch einen Druckfehler ausfiel. weitere Verpflichtung entlassen hätte. 37. Der andre Consul, Postumius, der sein Heer aus Samnium , wo es ihm an Stoff zum Kriege fehlte, nach Hetrurien herüberführte, hatte anfangs das Gebiet von Volsinii verheert: als darauf die Feinde zum Schutze ihres Landes ausrückten, schlug er sie nicht weit von ihren eignen Mauern. Der gefallenen Hetrusker waren zweitausend achthundert: die übrigen rettete die Nähe der Stadt. Dann ging das Heer in das Gebiet von Rusellä hinüber. Hier wurde nicht bloß das Land verwüstet, sondern auch die Stadt erobert. Über zweitausend Menschen wurden Gefangene, und nicht völlig zweitausend an den Mauern erschlagen. Doch war der daraus hervorgehende Friede ruhmvoller und wichtiger, als der diesjährige Krieg mit Hetrurien gewesen war. Die drei mächtigsten Hauptstädte Hetruriens, Volsinii, Perusia, Arretium baten um 381 Frieden, und da sie sich durch eine Lieferung an Soldatenröcken und Getreide vom Consul die Erlaubniß ausgewirkt hatten, Gesandte nach Rom zu schicken, erhielten sie einen Waffenstillstand auf vierzig Jahre. Jedem dieser Staten wurde eine gleich zu zahlende Geldbuße von fünfmal hunderttausend Kupferass Ungefähr 15,624 Gulden Conventionsmünze. auferlegt. Als der Consul für diese Thaten, mehr der Sitte gemäß, als in Hoffnung eines Erfolgs, beim Senate um den Triumph anhielt, und dabei sehen mußte, daß die Einen, weil er zu spät aus der Stadt aufgebrochen, die Andern, weil er ohne Erlaubniß des Senats aus Samnium nach Hetrurien übergegangen sei, zum Theile aus Abneigung gegen ihn, zum Theile aus Freundschaft für seinen Amtsgenossen, nun auch ihm den Triumph versagten, um jenen über sein abgeschlagenes Gesuch durch die Gleichstellung beider zu trösten; so sprach er: «Die Ehrfurcht für euren hohen Rang, ihr versammelten Väter, wird mich doch nicht vergessen lassen, daß ich Consul bin. Berechtigt durch denselben Oberbefehl, welchen ich in den zu führenden Kriegen hatte, werde ich nach glücklicher Beendigung dieser Kriege, nach Bezwingung Samniums und Hetruriens und nach errungenem Siege und Frieden, den Triumph halten.» Mit diesen Worten verließ er den Senat. Dies veranlaßte einen Streit der Bürgertribunen unter einander. Der eine Theil erklärte sich zur Einsage bereit, um den Consul nicht vermittelst einer Neuerung triumphiren zu lassen: die andern wollten den Triumphirenden gegen ihre Amtsgenossen in Schutz nehmen. Darüber kam es zu Verhandlungen vor dem Gesamtvolke. Nachdem der vorgeladene Consul angeführt hatte, daß schon die Consuln Marcus Horatius und Lucius Valerius, und neulich Cajus Marcius Rutilus, der Vater dessen, der jetzt Censor sei, ohne Bewilligung vom Senate, bloß auf Verordnung des Volks triumphirt hätten; so fügte er hinzu: «Auch er würde bei dem Volke darauf angetragen haben, wenn er nicht gewußt hätte, daß Bürgertribunen als Leibeigne des Adels, 382 den Vorschlag bestreiten würden. Also werde ihm der Wille und Beifall des einstimmigen Volks jetzt und künftig statt aller Befehle gelten.» Und den Tag darauf hielt er unter dem Beistande dreier Bürgertribunen, der Einsage von sieben Tribunen und dem einstimmigen Willen des Senats zum Trotze, seinen Triumph, und das Volk beging den Tag mit festlicher Freude. Auch den Nachrichten über dieses Jahr fehlt es an Übereinstimmung. Claudius berichtet, Postumius sei nach Eroberung mehrerer Städte in Samnium, in Apulien völlig geschlagen, und selbst verwundet mit einer kleinen Zahl in Luceria hineingetrieben; die Thaten in Hetrurien habe Atilius verrichtet, und dieser auch triumphirt. Fabius schreibt, die Thaten in Samnium und bei Luceria hätten beide Consuln gethan; dann sei das Heer nach Hetrurien hinübergeführt; er setzt aber nicht hinzu, von welchem Consul; bei Luceria sei der Verlust auf beiden Seiten groß gewesen, und in diesem Treffen dem Jupiter Standgeber der Tempel verheißen, wie ihn schon vorher Romulus verheißen hatte; obgleich bis dahin hier bloß ein Fanum gewesen war, das heißt Sed fanum tantum, id est, locus, templo effatus, sacratus fuerat.] – Drakenborch, Duker und Gronov lassen diese Stelle unangefochten, auch Crevier. Stroth aber will das Wort sacratus wegwerfen, das doch in allen Handschriften steht; ja die ganze Stelle scheint ihm eine Glosse. So wenig wir es aber einem Deutschen Geschichtschreiber verargen würden, wenn er uns in einer kleinen Parenthese eine Erklärung z. B. des alten Wortes Weichbild gäbe, so wenig verdiente Livius Tadel, wenn er seinen Moment die Bedeutung des veralteten Wortes fanum giebt. Nur eine kleine Änderung erlaube ich mir. Ich habe immer geglaubt, daß das erste S in sacratus von den Abschreibern unrichtig zu effatu gezogen sei, woraus denn das falsche effatus sacratus entstand. Und ich habe nachher diese Vermuthung durch die von Gebhard (bei Drakenborch ) angeführte Lesart am Rande der zweiten Palatinischen Handschrift bestätigt gefunden. Nur interpungire ich sie so, wie es mir am richtigsten scheint: Sed fanum tantum (id est, locus templo effatu sacratus) fuerat. , der durch das ausgesprochene Gelübde zum Tempel geheiligte Platz. Erst in diesem Jahre glaubte man sich im Gewissen verbunden, da dem State dasselbe Gelübde schon zweimal gewährt sei Ceterum hoc demum anno, ut aedem etiam fieri senatus iuberet, bis eiusdem voti damnata re pubica, in religionem venit.] – So lese ich mit Gronov und Crevier. Drakenborch hat zwei Gründe angegeben, warum er nicht re, sondern res publica lieset, und dieses res publica als Subjekt mit den Worten in religionem venit verbindet. Zuerst seine Handschriften. Allein er führt selbst Beispiele genug an, daß die Abbreviatur R. P. sehr oft von den Abschreibern falsch gelesen sei, und gesteht, daß sie auch an unsrer Stelle, statt re zu lesen, den Nominativ genommen haben könnten. Und zweitens bestimmt ihn die von Duker angezogene Stelle aus Cic. de Nat. Deor. II. 4. rem que illam in religionem venisse populo sentiret. Er sagt, weil hier ausdrücklich stehe: res in religionem venit, so wolle er die gewöhnliche Lesart res publica in religionem venit beibehalten. Ich meine hingegen, daß gerade diese Stelle Cicero's (wie alle andern von Gronov und Drakenborch selbst angeführten) offenbar für Gronovs Verbesserung, für re publica, entscheiden. Denn in den Worten Cicero's ist ja res das Object, das dem Subjecte populo zur Gewissenssache wurde, oder in religionem venit. Nach Drakenborchs Verbindung aber müßte in unsrer Stelle res publica (der Stat) das Subject sein, welcher selbst in religionem käme, und dem zufolge müßte man sagen können ego venio in religionem, da es doch nach allen übrigen Stellen (siehe Gronov und Drakenb.) heißen muß: res venit mihi (wie populo) in religionem. Oder sollte vielleicht res publica hier nicht Subject, nicht der Stat selbst sein, sollte es als öffentlich verhandeltes Geschäft hier das Object sein sollen, so kann doch nicht von dem Objecte gesagt werden, daß es iam bis damnata voti sei; dies kann doch nur zu einem Subjecte passen. Es fehlt also bloß das gewöhnlich bei Livius in dieser Formel ausgelassene Subject, hominibus oder populo, oder senatui. Hier eine Paraphrase der Stelle: Huc usque nil nisi fanum fuerat. Ceterum hoc demum anno ea res (scil. dilata voti solutio) in tantam religionem hominibus venit, deorum iram tantopere timendam animis obiecit, quum sibi conscii essent, bis iam eiusdem voti damnatam rem publicam esse, ut eadem etiam aedificari senatus iuberet. , nun auch den wirklichen Bau des Tempels durch den Senat befehlen zu lassen. 383 38. Auf dieses Jahr folgt als Consul der durch seines Vaters und seinen eignen Ruhm ausgezeichnete Lucius Papirius Cursor, und ein gewaltiger Krieg mit einem so wichtigen Siege, wie ihn über die Samniten bis auf den Tag niemand, außer des Consuls Vater, Lucius Papirius, errungen hatte. Und gerade hatten sie wieder mit eben der Anstrengung und Zurüstung ihren Kriegern durch einen Aufwand von prächtigen Waffen einen Glanz gegeben, und wieder die Götter zu Hülfe genommen, da sie ihren Soldaten durch eine Vereidigung vermittelst einer uralten Feierlichkeit eine Art von Weihe gaben, und durch ganz Samnium die Werbung nach der neuen Formel hielten, daß jeder Dienstfähige, der sich nicht auf Feldherrnbefehl stellen, oder ohne Erlaubniß sich entfernen würde, für seine Person dem Jupiter zum Opfer verheißen sein sollte. Darauf beschieden sie das ganze Heer nach Aquilonia. Es 384 fanden sich an vierzigtausend ein, die Kerntruppen Samniums. Etwa in der Mitte des Lagers war ein Platz, auf allen Seiten in gleicher Länge von zweihundert Fuß, mit Flechtwerk und Brettern abgezäunt und mit Leinwand überdeckt. Hier wurde nach der aus einem alten auf Leinwand geschriebenen Buche verlesenen Vorschrift geopfert, wobei ein gewisser Ovius Pactius Priester war, ein hochbejahrter Mann, der, seiner Versicherung nach, diese heilige Handlung ans dem uralten Gottesdienste der Samniten entlehnte, welchen ihre Vorfahren damals befolgt hätten, als sie sich zu dem geheimen Anschlage verbanden, den Hetruskern Capua wegzunehmen. Nach vollendetem Opfer ließ der Feldherr jeden durch Geburt und Thaten geadelten Krieger durch einen Gerichtsboten fordern. Sie wurden einzeln hereingeführt. Außer den übrigen Opferanstalten, welche die Seele mit heiligem Schauer durchströmen konnten, standen in der Mitte des rundum verdeckten Platzes Altäre, geschlachtete Opferthiere lagen umher und Hauptleute mit gezückten Schwertern umgaben das Ganze. Der Soldat mußte zu den Altären treten, mehr selbst ein Schlachtopfer, als ein Theilnehmer am Opfer, und ward durch einen Eid verpflichtet, das, was er hier gesehen und gehört hätte, nicht auszusagen. Dann mußte er sich zu einer fürchterlichen Eidesformel verstehen, die als Fluch über sein Haupt, seine Familie und Nachkommen abgefaßt war, wenn er nicht in die Schlacht zöge, wohin ihn seine Feldherren führten, ferner, wenn er selbst aus der Linie flöhe, oder den, den er fliehen sähe, nicht auf der Stelle tödtete. Einige, welche gleich zuerst, dies zu schwören, sich weigerten, wurden neben den Altären ermordet, und dienten, zwischen den gewürgten Opferthieren hingestreckt, den Übrigen zur Warnung, sich nicht zu weigern. Als die Vornehmsten der Samniten unter dieser Verwünschung sich verpflichtet hatten Ich folge Drakenborchs Verbesserung: obstrictis, decem nominatis ab imperatore edictum, ut vir u. s. w. , gab der Feldherr zehn dazu Ernannten den Befehl, so lange mit der 385 Aushebung von Mann zu Mann fortzufahren, bis sie die Zahl auf sechzehntausend gebracht hätten. Diese wurden von der Decke des umzäunten Platzes, wo der Adel durch den Schwur geweihet war, die Leinwandlegion genannt. Man gab ihnen, zur Auszeichnung vor den Übrigen, vorzügliche Waffen und Helme mit Büschen. Etwas über zwanzigtausend betrug das übrige Heer, das an Körperschönheit, Kriegsruhm und Waffenrüstung der Leinwandlegion nicht nachgab. Diese Menschenmasse, lauter ausgesuchte Mannschaft, lagerte sich bei Aquilonia . 39. Die Consuln brachen von Rom auf. Spurius Carvilius, welcher zuerst mit den ihm bestimmten alten Legionen, die der Consul des vorigen Jahres, Marcus Atilius, im Gebiete von Interamna zurückgelassen hatte, nach Samnium aufbrach, nahm den Feinden, während sie sich, mit abergläubischen Gebräuchen beschäftigt, in ihren Versammlungen einzäunten, die Samnitische Stadt Atinum mit Sturm ab. Hier wurden fast zweitausend achthundert Menschen niedergemacht, und viertausend zweihundert und siebzig gefangen genommen. Papirius erstürmte mit dem der Verordnung gemäß ausgehobenen neuen Heere die Stadt Duronia. Er machte weniger Gefangene, als sein Amtsgenoß, aber er erlegte weit mehr. An beiden Orten gewann man reiche Beute. Nachdem die Consuln Samnium durchstreift und hauptsächlich das Gebiet von Atinum verheert hatten, kam Carvilius vor Cominium an, Papirius vor Aquilonia, wo die Hauptmacht der Samniten stand. Eine ganze Zeitlang unterblieben hier zwar die Angriffe nicht, und doch kam es nicht zu ernsthaften Gefechten. Der Tag ging damit hin, daß man die Stillliegenden beunruhigte, den Widerstandleistenden wich, und öfter drohete, als in Gefechten vordrang: und darüber, daß mau so sich einließ und wieder abtrat, verzog sich die Entscheidung im Großen, wie im Kleinen, von einem Tage zum andern. Das zweite Römische Lager war nur zwanzigtausend Schritte von hier entfernt, so daß auch die Plane des abwesenden Consuls auf jede Unternehmung wirken konnten: und Carvilius hatte mehr 386 Aufmerksamkeit auf Aquilonia, wo die Entscheidung wichtiger war, als auf Cominium, das er belagerte. Als Lucius Papirius alle Vorkehrungen zu einer Schlacht getroffen hatte, ließ er seinem Amtsgenossen sagen: «Er sei Willens, am folgenden Tage, wenn es ihm der Götterwille gestatte, mit dem Feinde sich einzulassen. Es sei erforderlich, daß auch er Cominium so heftig als möglich bestürme, damit die Samniten nicht daran denken könnten, Aquilonia zu Hülfe zu kommen.» Der Bote hatte den Tag zur Hinreise: in der Nacht kam er mit dem Bescheide zurück, daß der andre Consul dem Entschlusse beistimme. Gleich nach Absendung des Boten hielt Papirius eine Versammlung, redete weitläufig von dem Eigenthümlichen dieses Krieges überhaupt, und eben so von der diesmaligen Rüstung der Feinde, die mehr ein leerer Prunk, als auf den Erfolg von Wirkung sei. «Ein Helmbusch mache ja keine Wunde: der Römische Wurfspieß durchbohre bemalte und vergoldete Schilde eben so gut; und die blendenden Röcke einer schimmernden Linie bekämen, wann das Schwert entscheide, Blutflecke. Schon früher habe sein Vater ein von Gold und Silber strotzendes Heer der Samniten zusammengehauen, und selbst die Besitzer hätten in diesen Waffen nicht so ehrenvoll geprunkt, als der feindliche Sieger in dieser Beute. Vielleicht sei es seinem Namen und seinen Stammgenossen beschieden, immer den kräftigsten Anstrengungen der Samniten als Feldherren entgegengestellt zu werden, und erbeutete Waffen heimzubringen, welche sogar als Prachtstücke öffentlicher Plätze auffielen. Die unsterblichen Götter ständen wegen der so oft erneuerten Friedensgesuche, die eben so viele Friedensbrüche geworden waren, auf Römischer Seite: ja, wenn man dem göttlichen Willen eine Bestimmung zusagen könne, so wären sie nie auf ein Heer so erzürnt gewesen, als auf ein solches, das bei einem gräßlichen Opfer vom Blute unter einander gewürgter Menschen und Thiere bespritzt, einer zwiefachen Götterrache hingegeben, hier vor den Göttern als Zeugen der mit Rom geschlossenen Bündnisse, dort vor der 387 allen Bündnissen zum Trotze auf sich geladenen Verfluchung schaudernd, wider Willen geschworen habe, seine Verpflichtung zur Fahne verabscheue, und sich zu gleicher Zeit vor Göttern, Mitbürgern und Feinden fürchten müsse.» 40. Als der Consul alles dies, was er durch die Aussagen der Überläufer wußte, den ohnehin schon erbitterten Soldaten aus einander gesetzt hatte, so forderten sie, voll Vertrauen auf göttliche und menschliche Mitwirkung, mit einstimmigem Geschreie die Schlacht; sahen ungern den Kampf bis zum folgenden Tage verschoben, und der heutige mit seiner Nacht wurde ihnen unausstehlich lang. In der dritten Nachtwache stand Papirius , der die schriftliche Antwort seines Amtsgenossen schon empfangen hatte, in aller Stille auf und hieß den Hühnerwärter auf die Zeichen des Götterwillens achten. Die Begierde zum Treffen hatte im Lager alle Classen von Menschen ergriffen: Hohe und Niedrige waren in gleicher Spannung, und dem Feldherrn wurde am Soldaten, dem Soldaten am Feldherrn ein brennendes Verlangen unverkennbar. Auch denen, welche den Götterwillen beobachteten, hatte sich diese Kampflust mitgetheilt, und da die Hühner nicht fressen wollten, erlaubte sichs ein Hühnerwärter, eine Angabe des Götterwillens zu erlügen und meldete dem Consul die erfreulichste Freßgier seiner Hühner Wenn den heiligen Hühnern, an denen man den Götterwillen ersah, von ihrem Futter vor Freßbegierde etwas entfiel, so galt das für die glücklichste Vorbedeutung und hieß tripudium solistimum. . Der Consul, in voller Freude, verkündigte den Soldaten die herrliche Vorbedeutung und den zugesicherten Beistand der Götter im Gefechte und ließ das Zeichen zur Schlacht aufstecken. Als er eben in die Linie ausrücken wollte, meldete ihm ein Überläufer, zwanzig Cohorten Samniten – jede war fast vierhundert Mann stark – wären nach Cominium aufgebrochen. Er sandte sogleich einen Boten ab, seinen Amtsgenossen davon zu benachrichtigen. Er selbst hieß die Fahnen schneller vorrücken, und hatte schon die sämtlichen Truppen des Rückhalts auf ihren Posten und die Befehlshaber bei den Truppen angestellt. Über den rechten Flügel setzte er 388 den Lucius Volumnius, über den linken den Lucius Scipio, über die Reuterei die andern Legaten, den Cädicius und Trebonius, beide mit Vornamen Cajus. Dem Spurius Nautius befahl er, die Maulthiere ohne Packsättel mit den Flügelcohorten schnell auf einen vor Augen liegenden Hügel herumzuführen, und sich von dortaus während des Gefechtes selbst, durch Erregung eines möglichst großen Staubes bemerklich zu machen. Während der Feldherr hiermit beschäftigt war, erhob sich unter den Hühnerwärtern über das Vorzeichen dieses Tages ein Streit, welchen Römische Ritter mit anhörten. Weil sie die Sache nicht für unwichtig hielten, so meldeten sie dem Spurius Papirius , des Consuls Brudersohne, man sei über den Götterwillen in Zweifel. Der junge Mann, in einer Zeit geboren, in welcher Gottesverachtung noch nicht Lehre war, unterrichtete sich von der Sache, um nicht dem Consul eine unzuverlässige Angabe zu machen, und zeigte sie ihm an. «Wohl dir,» erwiederte ihm dieser, «daß du so brav und so achtsam bist. Wenn mir aber der, der des Götterwillens wahrzunehmen hat, einen falschen Bericht giebt, so fällt die Verantwortung auf ihn. Für das Römische Volk und unser Heer ist nun einmal die mir gemeldete erfreuliche Freßgier der Hühner zur herrlichsten Vorbedeutung geworden.» Und er befahl den Hauptleuten, die Hühnerwärter vorn in die Linie zu stellen. Nun setzten sich auch die Fahnen der Samniten in Bewegung, denen ihre Linie in einer so prunkenden Rüstung folgte, daß sie selbst als Feinde einen prächtigen Anblick gewährten. Noch ehe es zum Schlachtgeschreie und zum Angriffe kam, sank der Hühnerwärter durch den unbemerkten Schuß eines Wurfspießes in den Vorderreihen nieder. Auf die Meldung antwortete der Consul: «Die Götter walten in der Schlacht! Die Strafe hat das Haupt des Schuldigen getroffen!» Bei diesen Worten des Consuls ließ sich ein vorüberfliegender Rabe mit hellem Krächzen hören. Erfreut über diese Vorbedeutung ließ der Consul unter der Versicherung, daß die Götter nie an menschlichen Angelegenheiten sichtbarern Antheil 389 genommen hätten, die Trompeten blasen und das Feldgeschrei erheben. 41. Es begann ein fürchterliches Treffen, obgleich unter ganz verschiedenen Stimmungen. Voll Zorn, Hoffnung und Kampfbegier stürzten die Römer, nach feindlichem Blute dürstend, zum Gefechte heran: einen großen Theil der Samniten zwang die Noth und ihr gebundenes Gewissen, mehr wider Willen Stand zu halten, als fechtend einzudringen. Auch hätten sie, seit mehreren Jahren gewohnt besiegt zu werden, den ersten Schlachtruf und Angriff der Römer nicht ausgehalten, wenn nicht eine andre mächtigere Furcht in der Tiefe ihres Herzens sie von der Flucht zurückgehalten hätte. Alle Anstalten jenes geheimen Opfers schwebten ihnen vor Augen; die gewaffneten Priester; die unter einander hingewürgten Menschen und Opferthiere; die mit erlaubtem und unerlaubtem Blute bespritzten Altäre; die schreckliche Eidesleistung; die mit den Furien der Hölle drohende, den Fluch über Familie und Nachkommen herabrufende Formel. Durch diese der Flucht vorgeschobenen Riegel festgehalten standen sie, in größerer Scheu vor dem Mitbürger, als vor dem Feinde, da. Die Römer drangen von beiden Flügeln ein, eben so vom Mittelpunkte, und hieben die von Götter- und Menschenfurcht Betäubten nieder. Sie fanden nur muthlosen Widerstand, wie von Leuten, deren Flucht nur durch die Furcht verzögert wurde. Schon näherte sich das Gemetzel ihren Fahnen, als von der Seite ein Staub sich sehen ließ, wie vom Einherzuge eines großen Heeres aufgeregt. Es war Das Schlußwort dieser Periode, erat, sollte billig ein Komma vor sich haben, so daß Sp. Nautius erat zusammengehörte, nicht dux erat. Spurius Nautius, nach Andern Octavius Melius, der Anführer der Flügelcohorten. Sie machten einen größern Staub, als von ihrer Anzahl zu erwarten stand. Die Holzknechte auf den Maulthieren zogen belaubte Zweige an der Erde hinter sich her: voran blitzten Waffen und Fahnen durch die dicke Luft, und der hinterher ziehende höhere und dichtere Staub gab den Anschein einer den 390 Zug schließenden Reuterei. Dies täuschte nicht allein die Samniten, sondern auch die Römer; und der Consul bestärkte sie in ihrem Irrthume, indem er mehrmals im ersten Gliede ausrief, so daß sein Rufen auch zu den Feinden drang: « Cominium sei erobert! Sein Amtsgenosse zeige sich als Sieger! sie möchten den Sieg zu erringen suchen, ehe das andre Heer die Ehre davon habe!» So rief er vom Pferde herab. Dann befahl er den Obersten und den Hauptleuten, sie möchten der Reuterei Bahn machen. Schon früher hatte er selbst bei dem Trebonius und Cädicius bestellt, wenn sie Ihn seinen emporgehaltenen Speer schwenken sähen, möchten sie die Reuterei im heftigsten Ansturze sich auf den Feind werfen lassen. Alles geschah auf den Wink; es war ja verabredet. Zwischen den Ordnungen öffneten sich die Wege: die Reuterei flog hervor, rannte mit eingelegten Lanzen mitten in das feindliche Heer, und wo sie ansetzte, durchbrach sie die Glieder, Volumnius und Scipio kamen nach und streckten den Feind in seiner Bestürzung zu Boden. Da wurden die Leinwandcohorten, bei denen göttliche und menschliche Zwangsmittel die Kraft verloren, geworfen: Vereidete und Unvereidete flohen, und nichts war ihnen fürchterlich, als der Feind. Der Zug des Fußvolks, so viel dessen vom Treffen übrig war, wurde in das Lager bei Aquilonia getrieben. Der Adel und die Reuterei retteten sich nach Bovianum. Der Reuterei ging die Reuterei nach, dem Fußvolke das Fußvolk; und die Römischen Flügel zogen in verschiedener Richtung, der rechte gegen das Samnitische Lager, der linke gegen die Stadt. Das Lager zu erobern, gelang dem Volumnius weit früher: in der Stadt fand Scipio größeren Widerstand; nicht weil diese Besiegten mehr Muth gehabt hätten, sondern weil Mauern gegen Angriff besser schützen, als Schanzpfähle. Von den Mauern trieben jene den Feind mit Steinen ab. Scipio, überzeugt, wenn nicht im ersten Schrecken, ehe sie ihren Muth wieder sammelten, die Sache abgethan würde, so werde sich die Belagerung der festen Stadt in die Länge ziehen, fragte seine Soldaten: «Ob sie es gleichgültig dulden wollten, 391 daß der andre Flügel das Lager erobert habe, und sie als Sieger von den Thoren einer Stadt abgetrieben würden.» Auf ihr einstimmiges lautes Nein, ging er selbst mit über den Kopf gehaltenem Schilde zum Stadtthore voran; die andern, unter einem Schilddache, hinter ihm drein, brachen in die Stadt; und nachdem sie die am Thore stehenden Samniten verjagt hatten, gewannen sie die Mauern. Tiefer in die Stadt zu dringen wagten sie nicht, weil ihrer zu wenige waren. 42. Der Consul wußte anfangs von dem Allen nichts, sondern dachte auf den Rückzug des Heeres: denn schon neigte sich die Sonne stark zum Untergange, und die einbrechende Nacht machte selbst den Siegern Alles gefährlich und verdächtig. Als er weiter vorrückte, sah er zu seiner Rechten das Lager erobert, zu seiner Linken hörte er das Geschrei in der Stadt, das mit dem Getöse der Fechtenden und Nothleidenden sich mischte; und gerade war jetzt das Gefecht am Thore. Als er aber, so wie er näher ritt, die Seinigen auf der Mauer erblickte, und sah, daß ihm hier nicht mehr freie Hand gelassen sei, insofern ihm durch die Verwegenheit einer so kleinen Zahl eine Ausführung von Wichtigkeit geboten werde, so befahl er, die Truppen, die er schon den Rückzug machen ließ, schnell heran zu treiben und in die Stadt zu dringen. Als sie auf der ihnen zunächst liegenden Seite eingerückt waren, machten sie der herannahenden Nacht wegen Halt. In der Nacht verließen die Feinde die Stadt. An dem Tage fielen bei Aquilonia dreißigtausend dreihundert und vierzig Samniten; man machte dreitausend achthundert und siebzig Gefangene und erbeutete siebenundneunzig Fahnen. Übrigens finde ich noch angemerkt, daß man nicht leicht einen Feldherrn in der Schlacht heiterer gesehen habe; entweder weil ihm dies natürlich, oder weil er des Sieges so gewiß war. Vermöge eben dieser Geistesstärke ließ er sich auch nicht durch das streitige Vorzeichen von der Schlacht abbringen; und in der Gefahr selbst, wo sonst den unsterblichen Göttern Tempel gelobet werden, hatte er dem Jupiter Sieger, falls er die 392 Legionen der Feinde besiegen würde, einen Becher Weinmeth auszugießen gelobt, ehe er selbst Wein tränke. Die Götter nahmen dies Gelübde gnädig auf: und die Vorzeichen schlugen zum Guten aus. 43. Gleiches Glück hatte der andre Consul vor Cominium. Nachdem er seine sämtlichen Truppen an die Mauern geführt hatte, leitete er mit Anbruch des Tages einen Ringsturm ein, pflanzte, jeden Ausfall zu verhindern, den Thoren gegenüber starke Kohre auf, und wollte schon das Zeichen geben, als er sich durch den Eilboten seines Amtgenossen, der die Ankunft jener zwanzig Cohorten meldete, genöthigt sah, den Angriff auszusetzen und einen Theil der Truppen, der schon zum Sturme bereit in Erwartung stand, wieder abzurufen. Er trug dem Legaten Decimus Brutus Scäva auf, mit der ersten Legion, mit zehn Flügelcohorten und der Reuterei dem feindlichen Entsatze entgegenzugehen: wo er ihn auch träfe, da möchte er sich ihm in den Weg stellen und ihn aufhalten; wenn es nöthig wäre, sich mit ihm einlassen, und es auf alle Fälle diesen Truppen unmöglich machen, nach Cominium zu gelangen. Er selbst ließ rund um die Stadt Leitern an die Mauern schlagen und rückte vermittelst eines Sturmdaches an die Thore. Zu gleicher Zeit wurden die Thore erbrochen und die Mauer von allen Seiten bestürmt. Hatten die Samniten, so lange sie noch keine Gegner auf den Mauern sahen, Muth genug gehabt, den Feinden das Eindringen in die Stadt zu wehren, so wurden sie von jetzt an – – da sie sich schon nicht mehr aus der Ferne und mit Geschossen, sondern mit dem Degen angegriffen sahen; und nunmehr auch den mit Mühe vom Boden zur Mauer hinaufgestiegenen Römern nach Besiegung des schlimmsten Hindernisses, ihres Standorts, der Kampf auf gleichem Boden gegen einen ungleichen Feind viel leichter wurde – – mit Hinterlassung ihrer Thürme und Mauern auf den Markt zusammengedrängt, und versuchten von hier aus noch in einem kurzen Gefechte ihr letztes Glück. Endlich warfen sie die Waffen von sich, und gegen elftausend vierhundert Menschen ergaben sich dem Consul. An 393 viertausend dreihundert und achtzig waren gefallen. So ging es vor Cominium, so vor Aquilonia. In der Mitte zwischen beiden Städten, wo man ein drittes Treffen erwartet hatte, fand man die Feinde nicht. Als sie noch siebentausend Schritte von Cominium entfernt waren, verfehlten sie, weil sie von den Ihrigen zurückgerufen wurden, beide Schlachten. Sie hatten schon, als es anfing dunkel zu werden, hier ihr Lager, dort Aquilonia im Gesichte gehabt: ein Geschrei, welches von beiden Seiten gleich laut erscholl, ließ sie Halt machen: darauf bewog sie die aus der Gegend ihres von den Römern angezündeten Lagers sich weit verbreitende Flamme, der sichere Beweis ihrer Niederlage, nicht näher zu kommen. Fast ohne eine Stelle zu wählen streckten sie sich hier allenthalben unter ihren Waffen hin, die ganze Nacht über voll Unruhe, unter Erwartung und Besorgniß, daß es tagen möchte. Bei dem ersten Tageslichte noch ungewiß, nach welcher Seite sie sich wenden sollten, wurden sie plötzlich zur Flucht aufgeschreckt, weil die Reuterei sie entdeckt hatte, die bei der Verfolgung der in der Nacht aus der Stadt entwichenen Samniten eines Schwarms ansichtig wurde, den weder Wall noch Posten schützte. Auch von den Mauern Aquilonia's hatte man diesen Schwarm bemerkt, und schon setzten die Cohorten der Legionen ihm nach. Indeß konnte das Fußvolk die Fliehenden nicht erreichen, und die Reuterei hieb nur vom Nachzuge an zweihundert und achtzig nieder. Doch ließen die Gescheuchten eine Menge Waffen und achtzehn Fahnen im Stiche. Die Übrigen entkamen, so gut es bei einer solchen Verwirrung möglich war, nach Bovianum . 44. Die Freude beider Römischen Heere wurde durch das gegenseitige Glück erhöhet. Beide Consuln gaben, jeder auf das Gutachten des Andern, die von ihnen eroberte Stadt den Soldaten zur Plünderung preis: dann zündeten sie die ausgeleerten Häuser an, und an Einem Tage brannten Aquilonia und Cominium nieder. Unter gegenseitigen Glückwünschen der Legionen und ihrer selbst bezogen die Consuln ein gemeinschaftliches Lager. Im Angesichte beider Heere pries und beschenkte Carvilius die Seinigen 394 nach eines jeden Verdienste; und Papirius, auf dessen Seite der Kampf, in der Schlacht, am Lager, vor der Stadt, so vielfach gewesen war, beschenkte den Spurius Nautius, den Spurius Papirius, den Sohn seines Bruders, vier Hauptleute und eine ganze Rotte vom ersten Gliede mit Armspangen und goldenen Kränzen; den Nautius für jenen Zug, auf dem er sich das dem Feinde so furchtbare Ansehen eines großen Heeres gab; den jungen Papirius für die mit der Reuterei sowohl in der Schlacht, als auch in jener Nacht geleisteten Dienste, in welcher durch ihn den aus Aquilonia heimlich abziehenden Samniten die Flucht so nachtheilig ward; die Hauptleute und jene Soldaten, weil sie sich des Thors und der Mauer von Aquilonia zuerst bemächtigt hatten. Der gesammten Reuterei gab er für ihre bei vielen Gelegenheiten ausgezeichneten Dienste kleine Ehrenhörner und silberne Armspangen. Darauf wurde Kriegsrath gehalten; weil es schon Zeit war, entweder beide Heere, oder doch das Eine aus Samnium abzuführen. Man hielt es für das Rathsamste, bei der jetzt bewirkten Schwäche der Samnitischen Macht, den weitern Verfolg so viel beharrlicher und eifriger zu betreiben, um den folgenden Consuln Samnium völlig bezwungen übergeben zu können. Weil es jetzt kein feindliches Heer mehr gebe, das zu einer Schlacht sich stellen möchte, so sei die einzige noch übrige Art der Kriegsführung die, die Städte anzugreifen, durch deren Zerstörung man dem Soldaten zu reicher Beute verhelfen und den für Altar und Herd kämpfenden Feind vernichten könne. Nachdem sie also dem Römischen Senate und Gesamtvolke von ihren Thaten schriftlichen Bericht erstattet hatten, rückten sie mit den getheilten Legionen aus, Papirius zum Angriffe auf Säpinum, Carvilius gegen Volana . 45. Auf dem Rathhause und in der Volksversammlung erregten die vorgelesenen Briefe der Consuln einen großen Jubel, und an dem viertägigen Dankfeste feierten die Bürger die allgemeine Freude mit eifriger Theilnahme. Auch war dem Römischen Volke dieser Sieg nicht bloß wichtig, sondern auch sehr erwünscht, weil gerade um 395 diese Zeit die Nachricht einlief, daß die Hetrusker den Krieg erneuert hätten. Man stellte die Betrachtung an, wie es möglich gewesen sein würde, im Falle eines unglücklichen Feldzuges gegen Samnium, den Krieg mit Hetrurien auszuhalten, da es, durch die Verschwörung der Samniten zum Aufstande bewogen, gerade weil sich beide Consuln und die ganze Römische Macht gegen Samnium gewandt hätten, diese Abhaltung der Römer als Gelegenheit benutzt habe, den Krieg wieder anzufangen. Die Gesandschaften der Bundesgenossen, die der Prätor Marcus Atilius im Senate einführte, klagten, daß die benachbarten Hetrusker in ihrem Gebiete Alles niederbrennten und verheerten, weil sie vom Römischen Volke nicht abfallen wollten, und beschwuren die versammelten Väter, sie vor den Gewaltthätigkeiten und Mishandlungen ihrer gemeinschaftlichen Feinde zu schützen. Man gab den Gesandten zur Antwort: «Der Senat werde dafür sorgen, daß den Bundesgenossen ihre Treue nicht leid thun solle: es werde den Hetruskern nächster Tage nicht besser ergehen, als den Samniten .» Dennoch würde man in Ansehung Hetruriens gezögert haben, wenn man nicht erfahren hätte, daß sich auch die Falisker, die seit vielen Jahren Roms Freunde gewesen waren, mit den Hetruskern verbunden hätten. Die Nähe dieses Volks machte den Vätern die Sorge dringender, und veranlaßte sie zu dem Beschlusse, durch Bundespriester auf Ersatz antragen zu lassen. Als dieser nicht erfolgte, wurde nach einem Gutachten des Senats den Faliskern durch einen Volkesschluß der Krieg erklärt, und die Consuln erhielten Befehl zu losen, wer von ihnen beiden aus Samnium nach Hetrurien hinübergehen sollte. Schon hatte Carvilius den Samniten Trolana, Palumbinum und Herculaneum abgenommen, Volana innerhalb weniger Tage, Palumbinum an dem nämlichen, an welchem er vor die Mauern rückte. Bei Herculaneum kam es sogar zweimal zu mißlichen Gefechten, und zwar mit größerem Verluste auf seiner, als auf der feindlichen Seite. Darauf schloß er nach Aufschlagung eines Lagers 396 den Feind in die Mauern ein. Die Stadt wurde gestürmt und erobert. In diesen drei Städten wurden an zehntausend Menschen gefangen oder getödtet, so daß die Mehrzahl der Gefangenen nur um ein Weniges größer war. Als die Consuln um die Kriegsgegenden loseten, fiel Hetrurien dem Carvilius zu, wie es seine Soldaten, denen die heftige Kälte in Samnium unerträglich wurde, sich gewünscht hatten. Gegen den Papirius stellte sich bei Säpinum eine feindliche Macht von größerer Bedeutung auf. Es kam zu öfteren Treffen, in Linie, auf dem Marsche, und an der Stadt gegen die feindlichen Ausfälle; und es war eben so wenig eine wirkliche Belagerung, als eigentlicher Krieg im freien Felde, weil die Samniten, indem sie sich zugleich durch ihre Mauern deckten, die Mauern nicht weniger durch ihre Truppen vertheidigten. Endlich brachte er die Feinde durch Gefechte zu einer völligen Einschließung und eroberte die belagerte Stadt durch Sturm und Werke. Daher wurde auch bei der Einnahme der Stadt aus Erbitterung so viel mehr Blut vergossen. Siebentausend vierhundert Menschen wurden niedergehauen; nicht volle dreitausend zu Gefangenen gemacht. Die Beute, welche sehr beträchtlich war, weil die Samniten ihr Eigenthum nur in wenige Städte geflüchtet hatten, wurde dem Soldaten überlassen. 46. Schon war Alles mit Schnee bedeckt, und man konnte nicht länger ohne Obdach aushalten: also führte der Consul sein Heer aus Samnium ab. Bei seiner Ankunft vor Rom wurde ihm der Triumph einstimmig bewilligt. Er hielt ihn, noch im Amte, in einem für die Umstände der damaligen Zeit prächtigen Aufzuge. Fußvolk und Reuterei zogen in der Auszeichnung der erhaltenen Geschenke vorüber, und man bemerkte viele Bürger-, Lager- und Mauerkronen. Man betrachtete die Samnitische Beute, und verglich sie wegen ihrer Pracht und Schönheit mit der von seinem Vater eingebrachten, von der man so viele an öffentlichen Plätzen aufgestellte Prunkstücke kannte. Mehrere Gefangene von Range, berühmt durch ihre eigenen und ihrer Väter Thaten, schleppten sich vorüber. 397 Dann folgten die Wagen mit zwei Millionen Ungefähr 63,520 Gulden. und fast dreiunddreißig tausend schweren Kupferassen, und dieses Kupfer war der Angabe nach aus dem Verkaufe der Gefangenen gelöset. Das in den Städten erbeutete Silber betrug tausend dreihundert und dreißig Pfund Nach Crevier 2078 Pariser Mark, oder etwa 41,560 Gulden. . Alles Silber und Kupfer wurde in die Schatzkammer gelegt. Den Soldaten gab man von der Beute nichts; und hierüber wurde der Bürgerstand um so viel ungehaltener, weil zum Solde der Krieger sogar eine Steuer aufgebracht werden mußte; da man doch, wenn man über die Ehre, von dem erbeuteten Gelde die Schatzkammer bereichert zu haben, hätte wegsehen wollen, von dieser Beute sowohl jetzt dem Soldaten hätte ein Geschenk machen, als auch den Sold der Krieger hatte zahlen können. Den Tempel des Quirinus (ich finde bei keinem der älteren Geschichtschreiber, daß ihn Papirius in der Schlacht selbst gelobet habe: auch hatte er ihn wahrlich in so kurzer Zeit nicht vollenden können) den sein Vater als Dictator verheißen hatte, weihete der Sohn als Consul ein, und verherrlichte ihn mit Prachtstücken von der feindlichen Beute, deren Menge so groß war, daß man nicht allein diesen Tempel und den Markt damit zieren konnte, sondern auch Bundesgenossen und benachbarten Pflanzstädten zum Schmucke ihrer Tempel und öffentlichen Plätze davon mittheilte. Nach dem Triumphe führte er sein Heer in die Winterquartiere auf das Gebiet von Vescia, weil diese Gegend von den Einfällen der Samniten litt. Indeß hatte Consul Carvilius in Hetrurien aus Troilium, welches er zuerst angriff, vierhundert und siebzig der Reichsten, die ihm den gestatteten Abzug mit einer ansehnlichen Geldsumme bezahlten, entlassen: die übrigen Einwohner mit der Stadt selbst bekam er durch Sturm in seine Gewalt. Darauf erstürmte er fünf Schlösser von natürlich fester Lage. Hier wurden zweitausend vierhundert Feinde getödtet, nicht volle zweitausend gefangen. Auch 398 bewilligte er den um Frieden bittenden Faliskern einen jährigen Waffenstillstand, für den sie ihm hunderttausend 3124 Gulden Conventionsgeld. schwere Kupferasse und den Sold auf dies Jahr für seine Soldaten versprechen mußten. Nach diesen Verrichtungen, ging er zum Triumphe ab, welcher freilich als Triumph über die Samniten dem, welchen sein Amtsgenoß gehalten hatte, an Glanze nicht gleichkam, allein durch die Zugabe des Hetruskischen Krieges ihn erreichte. Er lieferte dreihundert und achtzigtausend 12,186 Gulden. schwere Kupferasse in die Schatzkammer: seinen Feldherrnantheil an dem übrigen Gelde bestimmte er zu einem Tempel der Fors Fortuna, welcher nach seiner Bestellung neben dem Tempel dieser Göttinn, den ihr König Servius Tullius geweiht hatte, erbaut werden sollte. Auch gab er von der Beute jedem Soldaten hundert und zwei 51 Ggr. oder 2 Thaler ungefähr. Asse, und den Hauptleuten und Rittern doppelt so viel; ein Geschenk, dem die Unmilde seines Amtsgenossen in den Augen der Empfänger einen so viel größern Werth gab. Die Liebe des Consuls gereichte seinem Legaten Lucius Postumius bei dem Volke zum Schutze: denn da ihm von dem Bürgertribun Marcus Cantius ein Gerichtstag gesetzt war S. Cap. 37. Er war mit seinem Heere ohne Befehl aus Samnium nach Hetrurien hinübergegangen, und hatte gegen die Einsage von sieben Tribunen, weil er drei auf seiner Seite hatte, einen Triumph gehalten. , so hatte er sich, wie die Leute sagten, vor der Verurtheilung beim Volke in die Unterfeldherrnstelle geflüchtet, und die Klage gegen ihn konnte zwar zur Sprache gebracht, aber doch nicht entschieden werden. 47. Nach Ablauf des Jahrs hatten die neuen Bürgertribunen ihr Amt schon angetreten, weil aber bei ihrer Wahl ein Fehler vorgefallen war, wurden nach fünf Tagen statt ihrer andere gewählt. Die Censorn Publius Cornelius Arvina und Cajus Marcius Rutilus schlossen in diesem Jahre die Schatzung: die Zahl der Geschatzten betrug zweihundert zweiundsechzig tausend dreihundert und 399 zweiundzwanzig. Seit den ersten Censorn waren diese die sechsundzwanzigsten, und ihr Schatzungsopfer das neunzehnte. In diesem Jahre sahen die für ihre Thaten im Kriege mit Kränzen Beschenkten den Römischen Spielen zum erstenmale in ihren Kränzen zu; und zum erstenmale wurden nach einer aus Griechenland entlehnten Sitte den Siegern Palmzweige gereicht. Die Curulädilen, welche diese Spiele veranstaltet hatten, setzten in diesem Jahre von den, den Pächtern öffentlicher Weideplätze auferlegten, Strafgeldern die Pflasterung der Heerstraße mit Kieseln vom Marstempel bis Bovillä fort Den Anfang dieser Pflasterung vom Capenischen Thore bis zum Marstempel hatte Livius oben im 23sten Cap. gemeldet. Crevier . . Den consularischen Wahltag hielt Lucius Papirius, und ließ den Quintus Fabius Gurges, des Maximus Sohn, und den Decimus Junius Brutus Scäva zu Consuln wählen. Papirius selbst wurde zum Prätor ernannt. Die vielen erfreulichen Begebenheiten dieses Jahrs gewährten kaum für ein einziges Übel Entschädigung, für eine zugleich Stadt und Land heimsuchende Pest, die durch ihre Verwüstung auf ein übernatürliches Strafgericht zu deuten schien. Man ließ auch in den heiligen Büchern nachsehen, ob sich von den Göttern eine Erlösung von diesem Unglücke oder ein Gegenmittel hoffen ließe. Aus den Büchern ersah man, daß Äsculap von Epidaurus nach Rom geholt werden müsse. Weil aber die Consuln mit dem Kriege zu thun hatten, so geschah für dies Jahr in der Sache nichts weiter, außer daß man dem Äsculap zu Ehren Einen Tag als Betfest feierte. Elftes bis zwanzigstes Buch. Vom Jahre Roms 460 – 533. 402 Inhalt des elften Buchs. Vom Jahre Roms 460 – 468. Als der Consul Fabius Gurges gegen die Samniten eine Schlacht verloren hatte, und der Senat im Begriffe war, ihm das Heer zu nehmen, machte sein Vater, Fabius Maximus, bei seiner Fürbitte, seinem Sohne diesen Schimpf nicht anzuthun, hauptsächlich dadurch Eindruck auf den Senat, daß er sich seinem Sohne als Unterfeldherr zu stellen versprach: und er that es. Unter seiner Leitung und Mitwirkung erwarb sich sein Sohn, der Consul, durch Besiegung der Samniten den Triumph. Den Feldherrn der Samniten, Cajus Pontius, ließ er, nach der Aufführung im Triumphe, mit dem Beile enthaupten. Die bei einer ausgebrochenen Pest nach Epidaurus geschickten Gesandten, um das Standbild des Äsculap nach Rom zu holen, brachten eine Schlange mit, die sich zu ihnen in das Schiff begeben hatte; nach damaligem allgemeinen Glauben die Gottheit selbst: und da sie sich auf die Tiberinsel auslandete, wurde hier dem Äsculap ein Tempel geweihet. Der Consular Lucius Postumius wurde verurtheilt, weil er als Befehlshaber des Heers die Soldaten zu Handarbeiten auf seinem Landgute gebraucht hatte. Mit den um Frieden bittenden Samniten erneuerte man das Bündniß zum viertenmale. Der Consul Curius Dentatus, der die Samniten zusammengehauen und die empörten Sabiner besiegt und zur Übergabe genöthigt hatte, triumphirte in diesem Amte zweimal. Nach Castrum, Sena und Hadria wurden Pflanzungen ausgeführt. Zum erstenmale werden Dreimänner über die Vollziehung der Todesstrafe angestellt. Nach gehaltener Schatzung wird das Schatzungsopfer vollzogen. Geschatzt wurden zweihundert und zweiundsiebzig tausend Bürger. Nach schweren und anhaltenden Streitigkeiten über die Geldschulden zog endlich der Bürgerstand auf das Janiculum aus, und als ihn der Dictator Quintus Hortensius von dort zurückgeführt hatte, starb dieser in diesem Amte. Außerdem enthält dies Buch die Thaten gegen die Volsinienser, auch gegen die Lucaner, gegen welche man den Thurinern Hülfe zugesagt hatte.   Inhalt des zwölften Buchs. Vom Jahre Roms 469 – 471. Als man den Senomischen Galliern wegen Ermordung der Römischen Gesandten den Krieg angekündigt hatte, wurde der Prätor Lucius Cäcilius mit seinen Legionen von den Galliern niedergehauen. Die Tarentiner beraubten eine Römische Flotte, tödteten den Duumvir, welcher sie 403 befehligte und mißhandelten die Gesandten, welche der Senat an sie geschickt hatte, über diese Beleidigungen Klage zu führen. Man kündigte ihnen also den Krieg an. Die Samniten fielen ab. Gegen diese, ferner gegen die Lucaner, und Bruttier und Hetrusker führten mehrere Feldherren den Krieg in mehreren Schlachten glücklich. Pyrrhus, König der Epiroten, kommt nach Italien, den Tarentinern beizustehen. Die Campanische Legion, die unter ihrem Obersten Decius Jubellius der Stadt Rhegium zur Besatzung gegeben war, bemächtigte sich, nach Ermordung der Rheginer, der Stadt.   Inhalt des dreizehnten Buchs. Vom Jahre Roms 472 – 474. Für den Consul Valerius Lävinus lief die Schlacht mit dem Pyrrhus unglücklich ab, hauptsächlich weil sich die Soldaten durch den ungewohnten Anblick der Elephanten schrecken ließen. Als Pyrrhus nach der Schlacht die Körper der erschlagenen Römer betrachtete, fand er sie alle gegen den Feind gekehrt liegen. Unter Plünderungen rückte er gegen die Stadt Rom an. Dem Cajus Fabricius, der vom Senate über die Auswechselung der Gefangenen an ihn geschickt ward, that der König den vergeblichen Vorschlag, von seinem Vaterlande abzufallen. Die Gefangenen wurden ohne Bezahlung zurückgegeben. Cineas, Gesandter des Pyrrhus an den Senat, bat für den König, um die Erlaubniß, zur Abschließung des Friedens in die Stadt kommen zu dürfen. Als man für gut befand, die Anfrage vor einen zahlreicheren Senat gelangen zu lassen, so kam Appius Claudius, der lange schon seiner Blindheit wegen allen öffentlichen Berathschlagungen sich entzogen hatte, zu Rathhause und bewirkte durch seine abgegebene Meinung, daß es dem Pyrrhus abgeschlagen wurde. Cneus Domitius, der erste Censor vom Bürgerstande, vollzog das Schatzungsopfer. Geschatzt wurden zweihundert achtundsiebzig tausend zweihundert zweiundzwanzig Bürger. Eine zweite Schlacht gegen Pyrrhus war von zweifelhaftem Ausgange. Mit den Carthagern erneuerte man das Bündniß zum viertenmale. Der Consul Cajus Fabricius schickte den Überläufer vom Könige Pyrrhus, der sich anheischig machte, den König zu vergiften, mit dieser Anzeige an den König zurück. Außerdem enthält das Buch die glücklichen Unternehmungen gegen die Hetrusker, Lucaner, Bruttier und Samniten.   404 Inhalt des vierzehnten Buchs. Vom Jahre Roms 475 – 479. Pyrrhus ging nach Sicilien über. Da unter andern Unglückszeichen das Standbild Jupiters auf dem Capitole durch einen Blitz herabgeworfen war, wurde der Kopf desselben durch die Opferschauer wieder aufgefunden. Curius Dentatus war der Erste, der bei der angestellten Werbung die Güter derer, die bei dem Aufrufe sich nicht meldeten, feil bieten ließ. Den aus Sicilien nach Italien wieder zurückgekehrten Pyrrhus besiegte er und trieb ihn aus Italien. Fabricius schloß als Censor den Consular Publius Cornelius Rufinus vom Senate aus, weil dieser zehn Pfund verarbeitetes Silber hatte. Bei dem von den Censorn vollendeten Schatzungsopfer wurden zweihundert einundsiebzig tausend zweihundert vierundzwanzig Bürger geschatzt. Mit Ägyptens Könige Ptolemäus Dieser war Philadelphus. wurde ein Bündniß beschlossen. Die Vestalische Jungfrau Sextilia, wegen Unzucht verurtheilt, ward lebendig eingemauert. Nach Posidonia und Cosa wurden Pflanzungen ausgeführt. Den Tarentinern kam eine Flotte der Carthager zu Hülfe: dadurch verletzten sie das Bündniß. Außerdem enthält dies Buch die glücklichen Unternehmungen gegen die Lucaner, Samniten und Bruttier und den Tod des Königs Pyrrhus.   Inhalt des funfzehnten Buchs. Vom Jahre Roms 480 – 487. Den besiegten Tarentinern bewilligte man Frieden und Freiheit. Die Campanische Legion, welche sich Rhegiums bemächtigt hatte, wurde belagert und nach erfolgter Übergabe mit dem Beile enthauptet. Die Jünglinge, welche die an den Senat abgefertigten Gesandten von Apollonia geschlagen hatten, wurden den Apolloniaten ausgeliefert. Den besiegten Picentern wurde der Friede bewilligt. Nach Ariminum im Picenischen, nach Beneventum in Samnium wurden Pflanzungen ausgeführt. Damals kam bei den Römern das erste Silbergeld in Gebrauch Sollte hier nicht durch die Ähnlichkeit der Endungen von den beiden Wörtern ar gento si gnato das letzte ausgefallen sein? . Die Übergabe der besiegten Umbrier und Sallentiner wird angenommen. Die Zahl der Quästoren wird vermehrt, so daß ihrer nun acht waren.   405 Inhalt des sechzehnten Buchs. Vom Jahre Roms 488 – 491. Die Abkunft der Carthager und die Entstehung ihrer Stadt wird erzählt. Gegen sie und den Syracusanischen König Hiero beschließt der Senat den Mamertinern Hülfe zu leisten, nicht ohne Streit zwischen den dafür und dawider Stimmenden. Hier ging zum erstenmale Römische Reuterei Tum primum mare equitibus]. – Das für equitibus von Crevier vorgeschlagene exercitibus konnte leicht in der Abkürzung e xc itibus für equitibus angesehen werden. über Meer, und gegen den Hiero wurde (einigemal?) mit Glück gefochten. Auf seine Bitte ward ihm der Friede bewilligt. Die Censorn vollzogen das Schatzungsopfer. Geschatzt wurden zweihundert zweiundachtzig tausend zweihundert vierunddreißig Bürger. Seinem verstorbenen Vater zu Ehren giebt Decimus Junius Brutus das erste Fechterspiel. Nach Asernia wird eine Pflanzung ausgeführt. Außerdem enthält dies Buch die glücklichen Unternehmungen gegen die Punier und Vulsinier.   Inhalt des siebzehnten Buchs. Vom Jahre Roms 492 – 495. Der Consul Cneus Cornelius, den die Punier mit ihrer Flotte einschlossen und betrieglich als zu einer Unterredung zu sich herüber lockten, wurde von ihnen gefangen genommen. Der Consul Cajus Duilius focht gegen eine Punische Flotte mit Glück und war von allen Römischen Heerführern der erste, der eines Seesieges wegen einen Triumph hielt. Darum ließ man ihm auch die Ehre lebenslang Eine Ehre, die den Feldherren sonst nur am Abend ihres Triumphtages erwiesen wurde. , daß er sich beim Zuhausegehen vom Abendessen die Wachsfackel unter Musik eines Pfeifers vortragen lassen durfte. Der Consul Lucius Cornelius focht in Sardinien und Corsica gegen die Sardinier und Corsen und den Punischen Feldherrn Hanno mit Glück. Als der Consul Atilius Calatinus sich zu unvorsichtig mit seinem Heere auf eine nachtheilige von den Puniern umsetzte Stellung eingelassen hatte, entging er ihr durch die Tapferkeit und Thätigkeit des Obersten Marcus Calpurnius, welcher nach einem mit dreihundert Soldaten bewirkten Ausbruche die Feinde gegen sich gewandt hatte. Der Punische Befehlshaber Hannibal wurde nach Besiegung der unter ihm stehenden Flotte von seinen Soldaten an das Kreuz geschlagen. Der Consul Atilius Regulus geht nach einem Seesiege über die Punier nach Africa über.   406 Inhalt des achtzehnten Buchs. Vom Jahre Roms 496 – 501. Atilius Regulus erlegt in Africa eine Schlange von ungeheurer Größe mit großem Verluste seiner Soldaten; und da er mehrere Schlachten gegen die Carthager gewonnen hatte und ihm bei seinem Kriegsglücke vom Senate kein Nachfolger geschickt wurde, so beklagte er sich darüber in einem Briefe an den Senat, worin er unter den Gründen, einen Nachfolger zu verlangen, auch den anführte, daß sein kleines Grundstück von seinen Miethlingen verlassen sei. Als nachher das Schicksal es darauf anlegte, im Regulus ein erhabenes Beispiel für Glück und Unglück aufzustellen, so wurde er durch den von den Carthagern berufenen Lacedämonischen Feldherrn Xanthippus geschlagen und gefangen. Das darauf zu Wasser und zu Lande erfolgte Glück der sämtlichen Römischen Befehlshaber wurde durch die Schiffbrüche der Flotten verunstaltet. Tiberius Coruncanius war der erste aus dem Bürgerstande gewählte Hohepriester. Die Censorn Publius Sempronius Sophus und Manius Valerius Maximus schlossen bei ihrer Musterung des Senats dreizehn Mitglieder aus. Sie vollzogen das Schatzungsopfer, bei welchem zweihundert siebenundneunzig tausend siebenhundert siebenundneunzig Bürger geschatzt wurden. Regulus, von den Carthagern an den Senat geschickt, um auf einen Frieden, und falls er den nicht erlangen könnte, auf Auswechselung der Gefangenen anzutragen, und zugleich durch einen Eid verpflichtet, wenn die Auswechselung der Gefangenen nicht bewilligt würde, nach Carthago zurückzukommen, rieth dem Senate, beides abzuschlagen, kehrte als ein Mann von Wort zurück und wurde von den Carthagern hingerichtet.   Inhalt des neunzehnten Buchs. Vom Jahre Roms 502 – 511. Cäcilius Metellus hielt nach einem glücklichen Zuge gegen die Punier einen glänzenden Triumph, in welchem dreizehn feindliche Feldherren und hundert und zwanzig Elephanten vorübergeführt wurden. Der Consul Claudius Pulcher, der gegen den Götterwink ausrückte, und die Hühner, die nicht fressen wollten, ersäufen hieß, wurde von den Carthagern zur See geschlagen: und da ihn der Senat zurückberufen und genöthigt hatte, einen Dictator zu ernennen, ernannte er den Claudius Glicia, einen Menschen vom niedrigsten Stande, welcher, zur Niederlegung des Amts gezwungen, nachher den Spielen in obrigkeitlicher Kleidung zusah. Atilius 407 Calatinus war der erste Dictator, der ein Heer außerhalb Italien anführte. Mit den Puniern kam eine Auswechselung der Gefangenen zu Stande. Nach Fregenä wurde eine Pflanzung ausgeführt, und im Sallentinischen Gebiete nach Brundusium. Die Censorn schlossen die Schatzungsfeier. Geschatzt wurden zweihundert einundfunfzigtausend zweihundert zweiundzwanzig Bürger. Claudia, Schwester des Publius Claudius, der als Verächter des Götterwinks die Seeschlacht verloren hatte, rief, als sie beim Zuhausefahren aus den Spielen im Gedränge aufgehalten wurde: «Möchte doch mein Bruder noch leben und wieder eine Flotte anführen!» Dafür belegte man sie mit einer Geldstrafe. Es wurden zum erstenmale zwei Prätoren erwählt. Der Hohepriester Cäcilius Metellus hielt den Consul Aulus Postumius, weil dieser zugleich Eigenpriester des Mars war, als er in den Krieg ziehen wollte, in der Stadt zurück und gestattete ihm nicht, sich von der Besorgung des Gottesdienstes zu entfernen. Den glücklichen Unternehmungen mehrerer Feldherren gegen die Punier setzt der Consul Cajus Lutatius durch Besiegung der Punischen Flotte bei den Ägatischen Inseln die Krone auf. Den Carthagern wird auf ihre Bitte der Friede zugestanden. Als der Tempel der Vesta brannte, riß der Hohepriester Cäcilius Metellus die Heiligthümer aus dem Feuer. Die Stadt wird mit zwei Bezirken vermehrt, dem Velinischen und Quirinischen. Die empörten und in sechs Tagen bezwungenen Falisker ergeben sich.   Inhalt des zwanzigsten Buchs. Vom Jahre Roms 512 – 533. Nach Spoletium wird eine Pflanzung ausgeführt. Zum erstenmale dringt ein Heer gegen die Ligurier vor. Die Sardinier und Corsen, die den Krieg erneuerten, wurden bezwungen. Die Vestalische Jungfrau Tuccia wird Unzucht halber verurtheilt. Den Illyriern, welche einen der an sie abgefertigten Gesandten ermorden, wird der Krieg angekündigt. Sie werden bezwungen und unterwerfen sich. Die Zahl der Prätoren wird auf vier vermehrt. Die in Italien eingebrochenen Transalpinischen Gallier werden niedergehauen. In diesem Kriege soll der Römische Stat an eignen Bürgern und Latinern dreimal hunderttausend Mann aufgestellt haben. Von den jetzt zum erstenmale über den Po geführten Römischen Heeren wurden die Insubrischen Gallier in mehreren Schlachten besiegt, und unterwarfen sich. Der Consul Marcus Claudius Marcellus erwirbt durch Erlegung des Virdomarus, des Heerführers der Insubrischen Gallier, eine Fürstenbeute. Die Istrier werden unterjocht. Auch die nach der Empörung bezwungenen Illyrier unterwerfen sich. Die Censorn vollziehen das 408 Schatzungsopfer, wobei zweihundert siebzigtausend zweihundert und dreizehn Bürger geschatzt werden. Die Söhne der Freigelassenen, die bisher allen Bezirken beigemischt gewesen waren, werden in vier eigne Bezirke vertheilt, in den Esquilinischen, Palatinischen, Suburanischen und Collinischen. Der Censor Cajus Flaminius läßt den Flaminischen Heerweg pflastern und erbauet die Flaminische Rennbahn. Auf das den Galliern abgenommene Land werden Pflanzungen ausgeführt, nach Placentia und Cremona. Einundzwanzigstes Buch. Die Jahre Roms 534 und 535. 410 Inhalt des einundzwanzigsten Buchs. Die Veranlassung des zweiten Krieges der Punier gegen Italien wird erzählt; wie der Punische Feldherr Hannibal dem Vertrage zuwider über den Fluß Ebro ging und Saguntum, die Stadt Römischer Bundesgenossen, im achten Monate der Belagerung eroberte. Man beschickte die Carthager durch Gesandte, um über diese Beleidigungen Klage zu führen. Da sie sich zur Genugthuung nicht verstehen wollten, kündigte man ihnen den Krieg an. Nach seinem Übergange über das Pyrenäische Gebirge kommt Hannibal durch Gallien, wo er die Volken, die sich ihm zu widersetzen wagen, besiegt, an die Alpen; und nach einem beschwerlichen Zuge über dieselben, auf dem er auch die ihm entgegentretenden Berg-Gallier in mehreren Treffen zurückschlug, stieg er nach Italien hinunter und besiegte die Römer am Flusse Ticinus in einem Treffen mit der Reuterei, in welchem den verwundeten Publius Cornelius Scipio sein Sohn rettete, der nachher den Zunamen Africanus erhielt. Nachdem Hannibal das Römische Heer zum zweitenmale am Flusse Trebia geschlagen hatte, ging er nicht ohne großes Ungemach, das seine Soldaten von der stürmischen Witterung litten, auch über den Apenninus. Cneus Cornelius Scipio war in Spanien gegen die Punier glücklich, und nahm den feindlichen Feldherrn Hanno Duce hostium Magone capto]. – Wenn wir die Lesart Magone behalten, so müssen wir hier einen Irrthum des Epitomators annehmen. Drakenborch, Oudendorp und Crevier bemerken, daß Livius selbst diesen Feldherrn Cap. 60. nicht Mago, sondern Hanno nennt. gefangen. 411 Einundzwanzigstes Buch. 1. Die Erklärung, welche so viele Geschichtschreiber an die Spitze ihres Ganzen gestellt haben, kann ich diesem Theile meines Werks vorangehen lassen, daß ich den merkwürdigsten aller Kriege, die je geführt sind, beschreiben werde; den nämlich, welchen unter Hannibals Oberbefehle die Carthager mit dem Römischen Volke geführt haben. Denn theils richteten nie mächtigere Staten und Völker die Waffen gegen einander, theils hatten selbst diese nie so viele Stärke und Kraft. Auch waren sie sich in den Künsten des Krieges, mit denen sie gegen einander auftraten, nicht unbekannt, sondern hatten sich schon im ersten Punischen Kriege kennen gelernt: und das Kriegsglück war so abwechselnd und der Kampf so mißlich, daß die Gefahr auf Seiten derer größer war, welche siegten. Ja sie kämpften fast mit größerer Erbitterung, als Kräften; die Römer, aus Unmuth, daß sie als Sieger von ihren Besiegten angegriffen waren; die Punier, weil sie glaubten, daß man gegen sie als Besiegte oft den übermüthigen und habsüchtigen Gebieter gemacht habe. Auch hat man die Sage: Hamilcar habe, als er nach Beendigung des Africanischen Krieges schon im Begriffe, ein Heer nach Spanien überzusetzen, den Göttern opferte, den beinahe neunjährigen Hannibal, der den Väter kindlich schmeichelnd bat, ihn mitzunehmen, zum Altare treten lassen, und ihn unter Berührung des Opfers eidlich verpflichtet, sobald er könne, als Feind der Römer aufzutreten. Der hohe Geist des Helden konnte Siciliens und Sardiniens Verlust nicht verschmerzen: denn Sicilien habe man aus Muthlosigkeit viel zu schnell verloren gegeben, und 412 Sardinlen während der Africanischen Unruhen durch Römische List eingebüßt, die ihnen sogar noch eine Kriegssteuer auferlegt habe. 2. In der Spannung, die ihm dieser Kummer machte, benahm er sich während der fünf Jahre des Africanischen Krieges, welcher gleich nach dem Friedenschlusse mit den Römern ausbrach, und in den folgenden neun Jahren bei der Erweiterung der Punischen Oberherrschaft in Spanien, offenbar so, daß man sah, er denke auf einen wichtigeren Krieg, als der war, der ihn jetzt beschäftigte; und die Punier würden, wenn er länger gelebt hätte, den Angriff auf Italien, den sie unter Hannibals Führung unternahmen, schon unter Hamilcar gethan haben. Hamilcars jetzt eintretender Tod, und Hannibals Jugend verschoben den Krieg. Zwischen Vater und Sohne hatte beinahe acht Jahre lang Hasdrubal den Heeresbefehl, dem, wie man, sagt, die Reize seiner Jugend zuerst Hamilcars Gunst gewannen, dann seine großen Anlagen dem Bejahrteren zum Schwiegersohne empfahlen, und der sich gerade als dieser Schwiegersohn durch den Einfluß der Barcinischen Partei, der bei dem Heere und Volke überwiegend war, gegen den Willen der Großen, den Oberbefehl erwarb. Als ein Mann, der öfter den Weg der Klugheit, als den der Gewalt, einschlug, verschaffte er der Sache Carthago's größere Vortheile durch seine Gastfreundschaften mit den Fürsten und dadurch, daß er sich bei dem Wohlwollen der Großen immer neue Völker gewann, als durch Krieg und Waffen. Und dennoch schützte ihn der Friede eben so wenig. Ein Spanier ermordete ihn, die Hinrichtung seines Herrn zu rächen, ganz öffentlich; machte, von den Umstehenden ergriffen, ein Gesicht, als wäre er entkommen; ja als er unter Foltern zerfleischt wurde, behielt er in der alle Schmerzen überwiegenden Freude einen Zug des Lachens. Mit diesem Hasdrubal hatten die Römer, weil er in der Kunst, die Völker anzulocken und sie an seine Oberherrlichkeit zu fesseln, Meister war, das Bündniß mit der Bestimmung erneuert, daß der Fluß Ebro die Gränze zwischen beiden Gebieten sein, und den 413 zwischen den Gebieten beider Völker wohnenden Saguntinern ihre Freiheit gelassen werden solle. 3. Bei der Wiederbesetzung seiner Feldherrnstelle war es keinem Zweifel unterworfen, daß auf die vorläufige Wahl von Seiten der Soldaten, vermöge welcher sogleich der junge Hannibal in das Feldherrnzelt getragen und unter dem einstimmigen Geschreie und Beifalle Aller zum Feldherrn ausgerufen war, auch die Genehmigung des Volkes folgen würde. Ihn hatte kaum als werdenden Mann Hasdrubal durch einen Brief zu sich entboten: und die Sache war selbst im Senate zur Sprache gekommen, da die Barciner es zu bewirken suchten, daß Hannibal sich als Soldat anlernen und den ganzen Einfluß seines Vaters erben möchte. Hanno, das Haupt der Gegenpartei, sagte: « Hasdrubal scheint etwas sehr Billiges zu fordern, und dennoch bin ich der Meinung, man müsse ihm seinen Wunsch nicht gewähren.» Da Alle vor Verwunderung über eine so räthselhafte Erklärung die Augen auf ihn wandten, sprach er: « Hasdrubal glaubt mit vollem Rechte, die Blüte der Jugend, deren Genuß er selbst dem Vater Hannibals gestattete, wieder am Sohne ernten zu dürfen. Für uns aber ist es durchaus unschicklich, unsre Jugend, als gehörte dies zu den Lehrjahren des Kriegsdienstes, mit der Zügellosigkeit ihrer Vorgesetzten vertraut zu machen. Oder fürchten wir etwa, daß einem Sohne Hamilcars die unbeschränkten Befehlshaberstellen und das Bild des väterlichen Königthums zu spät vor Augen stehen werde, und daß wir dem Sohne jenes Königs, dessen Schwiegersohne unsre Heere erblich hinterlassen wurden, nicht früh genug dienstbar sein werden? Ich gebe meine Stimme dahin ab, daß man den jungen Menschen zu Hause behalte und ihn unter Gesetzen und Obrigkeiten mit Andern auf gleichen Fuß leben lehre, damit nicht früh oder spät dieser kleine Brand zu einer großen Flamme aufschlage.» 4. Wenige, und fast die Rechtlichsten alle, stimmten dem Hanno bei; allein, wie gewöhnlich, siegte die größere Partei über die bessere. Hannibal wurde nach Spanien 414 geschickt, und zog gleich bei seiner ersten Ankunft die Blicke des ganzen Heeres auf sich. Die alten Soldaten glaubten, Hamilcar in seinen Jugendjahren sei ihnen wiedergegeben: sie sahen ihm dieselbe Lebhaftigkeit des Blickes an, eben das Feuer in den Augen, die Gesichtsbildung, die Züge. Bald aber brachte er es dahin, daß sein Vater für ihn nur die kleinste Empfehlung war. Nie paßte sich ein und derselbe Kopf in die zwei entgegengesetztesten Dinge, in das Gehorchen und Befehlen, besser. Darum war es schwer zu entscheiden, ob er dem Feldherrn, oder dem Heere, lieber war: und so wie Hasdrubal, wenn eine Unternehmung Muth und Pünktlichkeit forderte, die Leitung keinem Andern lieber gab, so hatte auch der Soldat unter keinem andern Führer mehr Zutrauen oder Muth. Er zeigte bei Übernehmung der Gefahren die höchste Kühnheit, während der Gefahren selbst die höchste Besonnenheit. Durch keine Beschwerde ward sein Körper erschöpft, sein Muth besiegt. Gegen Hitze und Kälte war seine Ausdauer gleich: das Maß seiner Speisen und Getränke wurde vom Bedürfnisse der Natur, nicht vom Vergnügen bestimmt. Seine Zeit zum Wachen und Schlafen wurde nie durch Tag und Nacht geschieden: was ihm die Geschäfte übrig ließen, ward der Ruhe gegönnt; aber auch sie wurde so wenig durch ein weiches Lager, noch durch Stille herbeigerufen: vielmehr haben ihn Viele oft mit einem Soldatenmantel zugedeckt zwischen den Wachen und Posten der Soldaten liegen sehen. Seine Kleidung war vor seines Gleichen nie hervorstechend, aber seine Waffen und Rosse zeichneten sich aus. Er war bei weitem sowohl der beste Soldat zu Pferde, als zu Fuß. In das Treffen ging er voran; hatte es einmal begonnen, dann schied er als der Letzte. Diesen so großen Tugenden des Mannes hielten übergroße Fehler das Gleichgewicht; eine unmenschliche Grausamkeit, mehr als Punische Treulosigkeit: Wahrheit war ihm fremd, nichts ihm heilig; ihn band keine Furcht vor Gott, kein Eid, kein Gewissen. Mit dieser Ausstattung von Tugenden und Fehlern diente er drei Jahre unter Hasdrubals Oberbefehle, ohne das Mindeste, was ein künftiger 415 Feldherr von Bedeutung thun oder sehen muß, außer Acht zu lassen. 5. Von dem Tage an aber, da er zum Feldherrn erklärt war, beschloß er, – gleich als wäre ihm zum Orte seiner Bestimmung Italien angewiesen und der Krieg gegen Rom schon aufgetragen; ohne sich einen Aufschub zu erlauben, damit nicht auch ihn, wie seinen Vater Hamilcar, wie nachher den Hasdrubal, ein Unstern abriefe, – die Saguntiner zu bekriegen. Da nun ein Angriff auf sie unfehlbar Rom zum Kriege auffordern mußte, so rückte er mit seinem Heere zuvor in das Gebiet der In der Nähe des jetzigen Toledo . Olcaden; – dies Volk wohnte auf jener Seite des Ebro, die den Carthagern zwar noch nicht unterwürfig, aber doch überlassen war; – um sich den Schein zu geben, als habe er es nicht auf die Saguntiner angelegt, sondern sei durch den Gang der Dinge, da er, nach Bezwingung ihrer Nachbaren, sie selbst seinen Besitzungen habe einreihen müssen, in diesen Krieg hineingezogen. Er erstürmte Althäa, die reiche Hauptstadt jenes Volks, und plünderte sie. Hiedurch geschreckt unterwarfen sich die kleineren Städte und wurden zinsbar. Siegreich und mit Beute beladen wurde das Heer nach Neu-Carthago in die Winterquartiere geführt. Nachdem er sich hier durch freigebige Vertheilung der Beute und pünktliche Auszahlung des rückständigen Soldes in der Liebe sämtlicher Unterthanen und Bundesgenossen befestigt hatte, zog er mit dem Anfange des Frühlings in fortschreitendem Angriffe gegen die Vaccäer. Hermandica Man setzt Hermandica in die Gegend des heutigen Salamanca; doch scheint unter Helmantica (dieser vermuthlich richtigern Lesart aus Polyb. ) eine andre Stadt gemeint zu sein. und Arbocala, die Städte der Vaccäer, wurden mit Sturm genommen. Arbocala vertheidigte sich durch die Tapferkeit und Volkszahl seiner Bewohner lange. Die Flüchtlinge von Hermandica, die sich mit den Olcadischen Vertriebenen, des im vorigen Sommer unterjochten Volks, vereinigten, wiegelten die Carpetaner Noch jetzt heißt Madrid Lateinisch Mantua Carpetanorum. auf, und 416 da sie den Hannibal auf seinem Rückzuge aus dem Vaccäerlande nicht weit vom Flusse Tagus angriffen, brachten sie seinen mit Beute belasteten Zug in Unordnung. Hannibal ließ sich auf ein Treffen nicht ein: da er sein Lager am Ufer genommen hatte, ging er, sobald die Feinde ruhig und still wurden, an einer seichten Stelle durch den Strom, und nachdem er mit seinem Walle so weit gegen die Feinde vorgerückt war, daß er ihnen Raum ließ, durch den Fluß zu setzen, beschloß er, sie bei ihrem Übergange anzugreifen. Seiner Reuterei gab er Befehl zum Angriffe, sobald sie den Feind in das Wasser gehen sähen. Sein Fußvolk pflanzte er am Ufer auf, und vor diesem vierzig Elephanten. Die Carpetaner mit den sich anschließenden Oleaden und Vaccäern beliefen sich auf hunderttausend Mann; ein unüberwindliches Heer, hätte man auf freiem Felde gefochten. Da sie also, trotzig von Natur, auf ihre Menge sich verlassend, und in der Einbildung, der Feind habe sich aus Furcht zurückgezogen, nur darin einen Aufschub ihres Sieges fanden, daß der Strom sie trenne, so rannten sie nach erhobenem Geschreie ohne Ordnung und Befehl, wo Jeder am nächsten zukam, in den Strom. Allein auch von der andern Seite des Ufers rückte die Reuterei in bedeutender Menge in den Fluß; und man traf mitten in seinem Bette in einem sehr ungleichen Kampfe zusammen; weil eben da, wo der Fußgänger, ohne festen Stand, und kaum auf dem Boden ordentlich Fuß fassend, selbst von einem unbewaffneten Reuter, wenn dieser sein Pferd nur geradezu gehen ließ, umgeworfen werden konnte, der Reuter, seines Körpers und seiner Waffen Meister, auf seinem selbst mitten in den Tiefen standfesten Pferde sich im Stande sah, in der Nähe so gut, als aus der Ferne zu fechten. Also wurde ein großer Theil vom Flusse verschlungen; Andre, die der Strom in seinen Strudeln unter die Feinde trieb, wurden von den Elephanten zertreten; und als die Letzten, die sich, durch die Umkehr nach ihrem Ufer, retteten, aus einer so großen Verwirrung sich wieder zusammen fanden, jagte sie Hannibal, ehe sie von dem großen Schrecken sich wieder erholen konnten, durch einen 417 Angriff mit geschlossenen Gliedern vom Ufer in die Flucht. So mußten sich also auch die Carpetaner, nach Verwüstung ihres Gebiets, in wenig Tagen ergeben. Und schon gehörte Alles jenseit des Ebro, die Saguntiner ausgenommen, den Carthagern . 6. Noch hatte Hannibal mit den Saguntinern keinen Krieg; indessen wurden schon, um Krieg mit ihnen zu haben, allerlei Streitigkeiten zwischen ihnen und ihren Nachbaren eingeleitet, hauptsächlich mit den Turdetanern. Da nun diese gerade bei dem, der den Streit veranlasset hatte, Unterstützung fanden, und aus Allem hervorging, daß es nicht auf rechtliche Verhandlung, sondern auf Gewalt angelegt sei, so schickten die Saguntiner Gesandte nach Rom, um sich für einen Krieg, der offenbar schon im Anzuge sei, Beistand zu erbitten. Consuln waren damals zu Rom Publius Cornelius Scipio und Tiberius Sempronius Longus. Als sie nach Aufstellung der Gesandschaft im Senate über die Angelegenheiten des Stats den Vortrag eröffnet, und die Väter für gut befunden hatten, Gesandte nach Spanien abgehen zu lassen, um die Lage der Bundesgenossen zu untersuchen, und wenn sie gegründete Ursachen fänden, theils dem Hannibal anzudeuten, sich nicht an den Saguntinern, als Roms Bundesgenossen, zu vergreifen, theils auch nach Carthago in Africa überzugehen, um dort die Beschwerden der Römischen Bundesstadt vorzutragen querimonias deferrent. Hac legatione]. – Das Punctum vor hac ist unrichtig, weil mit diesen Worten der Nachsatz anfangen muß. Ich folge also lieber Crevier, der nur ein Kolon hat. : so kam unterdeß, daß die Gesandschaft schon beschlossen, aber noch nicht abgefertigt war, die Nachricht von der Belagerung Sagunts der Erwartung Aller zuvor. Nun wurde die Sache von neuem im Senate zur Sprache gebracht. Einige, nach deren Meinung die Consuln in Spanien und Africa auftreten sollten, stimmten dafür, den Krieg zu Lande und zu Wasser zu führen: Andre wollten den Krieg ganz gegen Spanien und gegen den Hannibal gerichtet wissen. Auch fehlte es nicht an solchen, welche den Rath gaben, sich 418 nicht so geradezu auf eine Sache von dieser Wichtigkeit einzulassen, sondern die Rückkehr der Gesandten aus Spanien abzuwarten. Diese Meinung, welche die sicherste schien, behielt die Oberhand; und so viel eiliger ließ man als Gesandte den Publius Valerius Flaccus und Quintus Bäbius Tamphilus zum Hannibal nach Sagunt abgehen, und, falls er vom Kriege nicht abstände, von dort nach Carthago, um zur Genugthuung für den Bundesbruch die Auslieferung des Feldherrn selbst zu verlangen. 7. Während dieser Vorbereitungen und Verhandlungen in Rom wurde Sagunt schon auf das heftigste bestürmt. Diese Stadt, bei weitem die wohlhabendste jenseit des Ebro, lag nicht völlig tausend Schritte vom Meere. Ihre Einwohner sollten aus der Insel Zacynthus herstammen, und sich mit ihnen einige aus Ardea von Rutulischer Abkunft vermischt haben. Und zu ihrer so großen Macht waren sie in kurzem gestiegen, entweder durch ihren Erwerb zur See, oder zu Lande, oder durch ihre zunehmende Volksmenge, oder durch jene ehrwürdige Sittlichkeit, mit der sie ihrer Bundespflicht selbst bis zu ihrem eignen Verderben treu blieben. Hannibal, der mit seinem Heere feindlich ihnen ins Land rückte, verwüstete Alles weit und breit, und griff die Stadt von drei Seiten an. Eine Ecke der Mauer trat in ein Thal hervor, welches flacher und freier war, als die übrigen Umgebungen. Gegen diese Ecke ließ Hannibal die Annäherungshütten anlegen, um unter diesen den Sturmbock an die Mauer bringen zu können. So wie aber die Gegend in der Ferne von der Mauer eben genug war, die Annäherungshütten fortzuführen, so wenig glücklich ging das Werk von statten, als es seine Wirkung thun sollte. Theils ragte hier ein gewaltiger Thurm; theils war die Mauer hier, als an einer bedenklichen Stelle, zu einer vorzüglichen Höhe aufgeführt; theils leistete eine auserlesene Mannschaft gerade da, wo sich die meiste Gefahr und Arbeit zeigte, auch den kräftigsten Widerstand. Und anfangs trieben sie den Feind mit Pfeilen ab und ließen die Schanzenden nirgend ein sicheres Plätzchen finden. Bald 419 aber blitzten ihre Waffen nicht bloß zum Schutze der Mauer und des Thurms, sondern sie hatten Muth genug, auf die feindlichen Posten und Werke Ausfälle zu thun, und in diesen überraschenden Gefechten hatten die Saguntiner fast nie größeren Verlust, als die Punier. Als aber Hannibal selbst, wie er sich zu unvorsichtig an die Mauer wagte, mit einem Wurfspieße vorn an der Hüfte schwer verwundet zu Boden sank, so wurde die Flucht und Bestürzung um ihn her so allgemein, daß beinahe die Werke und Annäherungshütten preisgegeben wären. 8. Hierauf wurde die Stadt einige Tage über, so lange die Wunde des Feldherrn geheilt wurde, mehr eingeschlossen gehalten, als bestürmt. So wie man während dieser Zeit von allen Gefechten ruhete, so fuhr man mit der Fertigung der Sturmmaschinen und mit den Schanzarbeiten ununterbrochen fort. Folglich erhob sich der erneuerte Sturm so viel heftiger, und an mehreren Stellen, von denen manche die Anlegung von Werken kaum gestattete, wurden Annäherungshütten aufgeführt und Mauerbrecher angebracht Und Hannibal hatte einen Überfluß an Truppen: denn man schätzt seine Stärke mit ziemlicher Gewißheit auf hundert und funfzigtausend Mann. Die Belagerten hingegen, wenn sie Alles decken und bereichen wollten, mußten sich auf zu viele Punkte vertheilen: auch hielten die Mauern nicht länger aus; denn sie wurden schon mit Sturmböcken bearbeitet, und hatten viele schadhafte Stellen bekommen. An Einer Stelle, wo eine ganze Strecke eingeschossen war, stand die Stadt schon offen: dann waren drei Thürme nach der Reihe und das ganze Zwischenstück der Mauer mit großem Krachen niedergestürzt: und schon versprachen sich die Punier von ihrem Falle die Eroberung der Stadt, als man von beiden Theilen, gleich als hätten beide bisher die Mauer zur Schutzwehr gehabt, zum Kampfe hervorbrach. Dieser hatte nicht die mindeste Ähnlichkeit mit jenen unvorbereiteten Gefechten, wie sie bei Bestürmung der Städte die dem andern Theile sich darbietende Gelegenheit zu veranlassen pflegt: sondern vollständige Schlachtreihen hatten sich, als auf freiem 420 Felde, zwischen den Trümmern der Mauer und den nicht weit davon entfernten Häusern der Stadt aufgestellt. Hier spornte den Muth die Hoffnung, dort die Verzweiflung; da die Punier, wenn sie sich nur einigermaßen anstrengten, die Stadt schon erobert zu haben glaubten; die Saguntiner hingegen für ihre von Mauern entblößte Vaterstadt ihre Körper aufpflanzten, und keiner von ihnen einen Fuß breit wich, um nicht in die von ihm verlassene Stelle den Feind einrücken zu lassen. – Je hitziger also und gedrängter sie von beiden Seiten fochten, je mehrere wurden verwundet, weil es unmöglich war, daß auch ein einziger Pfeil ohne zu treffen zwischen Waffen und Männern niederfiel. Die Saguntiner bedienten sich der Falarica, eines Wurfspießes mit tannenem, übrigens rundem, Schafte, außer an dem Ende, aus welchem das Eisen hervorstand. Hier war sie, wie unser Wurfpfeil, viereckig, wurde hier mit Werg umwunden und mit Pech bestrichen. Das Eisen hatte drei Fuß Länge, so daß es den Mann samt den Waffen durchbohren konnte. Wenn sie aber auch, ohne in den Körper einzudringen, im Schilde hängen blieb, so war sie doch hauptsächlich dadurch fürchterlich, daß sie mit brennender Mitte abgeschossen wurde, und wenn sie einmal Feuer gefangen hatte, mit einer selbst durch die Bewegung angefachten Flamme geflogen kam, wodurch sie den Feind nöthigte, die Waffen von sich zu werfen, und sich ohne Bedeckung jedem folgenden Schusse bloß zu stellen. 9. Als der Streit lange unentschieden geblieben war, und den Saguntinern, weil sie über alle Erwartung Widerstand leisteten, der Muth wuchs, der Punier hingegen, eben weil er nicht gesiegt hatte, für besiegt galt, erhoben die Belagerten plötzlich ein Geschrei und trieben den Feind auf die Trümmer der Mauer, und da ihm diese im Wege lagen und er in Verwirrung gerieth, jagten sie ihn auch über diese hinaus, und endlich als den völlig Geschlagenen in sein Lager zurück. Indeß war die Ankunft Römischer Gesandter gemeldet. Hannibal schickte ihnen an das Meer entgegen und ließ ihnen sagen, es würde für sie nicht ohne Gefahr sein, wenn sie sich unter dem 421 Waffengetümmel so vieler erbitterten Völker bis zu ihm wagen wollten; und auch für ihn sei jetzt im Augenblicke der wichtigsten Entscheidung die Zeit nicht, Gesandschaften zu hören. Er sah leicht ein, daß die nicht Vorgelassenen geradezu nach Carthago abgehen würden. Also schrieb er den Häuptern der Barcinischen Partei durch voreilende Boten, sie möchten ihre Freunde vorbereiten, damit sich nicht etwa die Gegenpartei den Römern gefällig erweisen möge. 10. Folglich war auch diese Gesandschaft, außer daß sie vorgelassen und angehört wurde, vergeblich und ohne Erfolg. Der einzige Hanno nahm gegen die im Senate herrschende Stimmung das Bündniß in Schutz, unter allgemeiner Stille der Zuhörer, die er aber seinem Ansehen, nicht ihrem Beifalle verdankte. «Bei den Göttern, den Richtern und Zeugen der Bündnisse, habe er sie aufgefordert und früh genug gewarnt, keinen von Hamilcars Nachgelassenen zum Heere zu senden. Der Geist des Mannes so wenig, als seine Nachkömmlinge könnten Ruhe halten, und die Bündnisse mit Rom würden nie, so lange von Barcinischem Blute und Namen noch jemand übrig sei, unangefochten bleiben. Einen Jüngling, der von Begierde nach Alleinherrschaft brennt, und den einzigen Weg sie zu erreichen darin sieht, wenn er durch Aufstellung eines Krieges nach dem andern im Kreise von Waffen und Legionen lebt, habt ihr, als wolltet ihr dem Feuer Stoff geben, zu den Heeren gesandt. So habt ihr denn dem Brande, von dem ihr jetzt ergriffen seid, die Nahrung selbst gereicht. Eure Heere umlagern jetzt Sagunt, dessen Boden ihnen der Vertrag untersagt: bald werden Römische Legionen Carthago umlagern, von eben den Göttern herangeführt, durch welche sie im vorigen Kriege des Bundesbruches Rächer wurden. Miskennt ihr etwa den Feind, oder euch selbst? oder beider Völker Glück? Gesandten, die von Bundesgenossen und für Bundesgenossen kamen, ließ euer sauberer Feldherr nicht in sein Lager zu: er vernichtete das Völkerrecht. Und sie – da weggewiesen, wo man selbst feindlichen Gesandten den Zutritt nicht wehret, wenden sich an euch, 422 verlangen, dem Bundesvertrage gemäß, Genugthuung. Dem State wollen sie keine böse Absicht beimessen: nur den Urheber des Frevels, ihn, den der Vorwurf trifft, wollen sie ausgeliefert haben. Je schonender sie zu Werke gehen, je zögernder sie beginnen, je beharrlicher, fürchte ich, wird, wenn sie einmal angefangen haben, ihre Erbitterung sein. Stellet euch die Ägatischen Inseln und den Berg Eryx Eryx, Bergfestung in Sicilien, wo das Punische Heer gegen Ende des ersten Punischen Krieges von den Römern eingeschlossen war und nur durch den Friedensschluß gerettet wurde. vor Augen, und was ihr zu Lande und zu Wasser in jenen vierundzwanzig Jahren gelitten habt. Und dort war nicht dieser Knabe Feldherr, sondern der Vater selbst, Hamilcar, der zweite Mars, wie gewisse Leute wollen. Allein damals hatten wir uns, dem Vertrage zuwider, an Tarent, also an Italien vergriffen, so wie wir uns jetzt an Sagunt vergreifen. Folglich wurden wir von Göttern und Menschen besiegt; und fehlte es gleich nicht an Wortstreit darüber, welches von beiden Völkern den Bund gebrochen habe, so gab doch der Ausgang des Krieges, gleich einem gerechten Richter, demjenigen den Sieg, auf dessen Seite das Recht stand. An Carthago's Mauern rückt Hannibal jetzt mit seinen Annäherungshütten und Thürmen; auf Carthago's Mauern thut er die Stöße mit dem Sturmbocke. Sagunt's Trümmer – möchte ich ein falscher Prophet sein! – werden auf unsre Häupter fallen, und den mit den Saguntinern angefangenen Krieg werden wir mit den Römern zu führen haben. Also sollten wir den Hannibal ausliefern? möchte jemand sagen. Ich weiß, daß mein Gutachten, wegen meiner Feindschaft mit seinem Vater, gegen ihn wenig Gewicht haben mag. Allein so wie ich mich darüber, daß Hamilcar umkam, deswegen freute, weil wir, wenn er noch lebte, schon mit den Römern Krieg hätten, so hasse und verabscheue ich diesen jungen Menschen, als die Furie und Fackel des neuen Krieges. Und ich meine, man müsse diesen Sündenträger des Bundesbruchs nicht bloß ausliefern, sondern, wenn ihn niemand verlangte, ihn an die 423 entlegensten Enden des Meeres und der Erde wegführen und an einen Ort hinausschaffen, von welchem sein Name und der Ruf von ihm weder zu uns gelangen, noch den Stat in seiner Ruhe stören könne. Ich gebe meine Stimme dahin ab, daß man sogleich Gesandte nach Rom gehen lasse, um dem Senate genugzuthun; eine zweite Gesandschaft, dem Hannibal anzudeuten, daß er sein Heer vor Sagunt abführe, und den Hannibal selbst dem Vertrage gemäß den Römern auszuliefern: auf eine dritte Gesandtschaft trage ich an, den Saguntinern Ersatz zu geben.» 11. Als Hanno seinen Vortrag schloß, hatte auch nicht ein Einziger nöthig, sich in einer Gegenrede mit ihm einzulassen, so sehr war fast der ganze Senat auf Hannibals Seite, und sie beschuldigten den Hanno, er habe feindseliger geredet, als Valerius Flaccus, der Römische Gesandte. Darauf ertheilte man den Römern die Antwort: «Der Krieg sei von den Saguntinern veranlasset; nicht von Hannibal. Das Römische Volk thue Unrecht, wenn es den Saguntinern vor dem uralten Bundesvereine mit den Carthagern den Vorzug geben wolle.» Indeß die Römer mit Absendung von Gesandschaften die Zeit verloren, gab Hannibal seinen durch Gefechte und Arbeiten ermüdeten Soldaten, nachdem er bei den Annäherungshütten und andern Werken Bedeckungen ausgestellt hatte, einige Tage zum Ausruhen. Während dieser befeuerte er ihren Muth dadurch, daß er bald ihre Erbitterung gegen den Feind spornte, bald sie Belohnungen hoffen hieß. Und als er nun vor der Versammlung die Beute der eroberten Stadt für ein Eigenthum der Soldaten erklärte, so wurden dadurch Alle so begeistert, daß ihnen dem Anscheine nach, hätte er sogleich das Zeichen gegeben, Nichts würde haben widerstehen können. Hatten die Saguntiner von Gefechten Ruhe gehabt, insofern sie in mehreren Tagen weder angriffen, noch angegriffen wurden; so hatten sie auch weder bei Tage, noch bei Nacht, die Arbeit unterlassen, um auf der Seite, wo die Stadt durch die Lücken der Mauer geöffnet war, eine neue Mauer aufzuführen. Darauf wurden sie in einem weit 424 heftigeren Sturme, als vorher, angegriffen, und da Alles von mancherlei Geschreie ertönte, so blieben sie in Ungewißheit, wo die schnelleste oder nachdrücklichste Hülfe nöthig sei. Hannibal selbst war als Ermunterer da zugegen, wo er den Rollthurm anrücken ließ, der an Höhe die sämtlichen Festungswerke der Stadt übertraf. Als dieser, näher gebracht, durch die auf alle seine Stockwerke vertheilten kleineren und größeren Wurfgeschütze die Mauern von Vertheidigern entblößt hatte, so schickte Hannibal, um diesen Augenblick zu nutzen, an fünfhundert Africaner mit Brecheisen gegen die Mauer, um sie von unten zu durchbrechen; und sie hatten keine schwere Arbeit, weil die Steine nicht durch Mörtel gekittet, sondern nach der alten Bauart, mit Lehm eingestrichen waren. Folglich stürzten die Steine in weiterem Umfange, als gebrochen wurde, und durch die weiten Lücken schritten Züge von Bewaffneten in die Stadt. Ja sie gewannen auch eine Höhe, welche sie, als sie hier die kleinern und größern Wurfgeschütze zusammengefahren hatten, mit einer Mauer umschlossen, um an diesem Bollwerke in der Stadt eine Alles beherrschende Festung zu haben; und die Saguntiner zogen vor den noch nicht eroberten Theil der Stadt eine innere Mauer. Von beiden Seiten mauerte und focht man mit der höchsten Anstrengung: allein die Saguntiner machten dadurch, daß sie nur das Innere zu behaupten suchten, die Stadt mit jedem Tage kleiner. Zugleich stieg bei der langen Einschließung der Mangel an Allem, und die Erwartung einer Hülfe von außen nahm immer mehr ab, da die Römer, die einzige Hoffnung, so fern, und Alles umher in den Händen der Feinde war. Doch auf eine kurze Zeit erholte sich ihr gesunkener Muth durch den Zug, den Hannibal unvermuthet gegen die Oretaner und Carpetaner unternahm, zwei Völkerschaften, welche über die strenge Werbung empört, durch Festnehmung der Werber einen Aufstand besorgen ließen, allein durch Hannibals Geschwindigkeit überrascht die schon ergriffenen Waffen wieder aufgaben. 12. In der Bestürmung Sagunts wurde dadurch nichts 425 versäumt, weil Himilcons Sohn, Maharbal, dem sie Hannibal übertragen hatte, so thätig dabei zu Werke ging, daß die Abwesenheit des Feldherrn weder den Soldaten, noch den Feinden bemerklich ward. Er lieferte mehrere glückliche Gefechte, warf mit drei Sturmböcken einen beträchtlichen Das aliquantulum verträgt sich mit dem gleich folgenden strata omnia recentibus ruinis so wenig, daß ich mich nicht enthalten kann, mit Frobenius und den wenigen Handschriften, die nach Drakenborch aliquantum wirklich lesen, dies letztere vorzuziehen. Weil die Abschreiber das aliquantum nicht verstanden, und es mit aliquantulum für einerlei hielten, so setzten sie dies oft für das erste, wo bessere Handschriften aliquantum beibehalten, wie Cic. de off. I, 1. 2. Lael. 12, 3. Crevier hat aliquantum schon in den Text aufgenommen. Theil der Mauer nieder und zeigte dem Hannibal bei seiner Ankunft lauter Strecken, mit neuen Trümmern bedeckt. Also wurde das Heer sogleich vor die Burg selbst geführt: ein fürchterlicher Kampf begann, mit großem Verluste auf beiden Seiten, und ein Theil der Burg wurde erobert. Jetzt ließen sich zwei Männer, freilich mit schwacher Hoffnung, auf Versuche zum Frieden ein; Alcon, ein Saguntiner, und Alorcus, ein Spanier. Nachdem Alcon, der durch Bitten etwas auszurichten glaubte, ohne Wissen der Saguntiner bei Nacht zum Hannibal übergegangen war, so blieb er, als seine Thränen nichts vermochten, und lauter harte, von einem erbitterten Sieger zu erwartende Bedingungen gemacht wurden, aus einem Fürsprecher in einen Überläufer umgewandelt, bei dem Feinde, indem er versicherte, der würde des Todes sein, der einen Frieden unter solchen Bedingungen in Vorschlag brächte. Man verlangte aber, sie sollten den Turdetanern Ersatz leisten, nach Ablieferung alles Goldes und Silbers in einem einzigen Rocke aus der Stadt wandern, und an dem Orte sich niederlassen, den ihnen Hannibal anweisen würde. Als Alcon dabei blieb, daß die Saguntiner diese Friedensbedingungen nicht annehmen würden, erbot sich Alorcus mit der Behauptung, daß da, wo Alles bräche, auch der Muth breche, zum Vermittler dieses Friedens. Er diente damals unter dem Hannibal, hatte aber von 426 Seiten seines Stats mit den Saguntinern Freundschaft und Gastrecht. Er gab sein Gewehr vor Aller Augen an die feindliche Wache ab, wurde in die Festung gelassen und, wie er es selbst verlangte, vor den Saguntinischen Prätor geführt. Da sich hier sogleich Leute von allen Ständen sammelten, so ließ der Senat die übrige Menge abtreten, den Alorcus einführen; und dieser hielt folgende Rede: 13. «Wenn euer Mitbürger Alcon, so wie er, den Frieden zu erbitten, zum Hannibal kam, auch mit den Bedingungen des Friedens vom Hannibal zu euch zurückgekehrt wäre, so würde dieser Gang von meiner Seite sehr zwecklos gewesen sein, insofern er mich weder als Hannibals Abgeordneten, noch als Überläufer zu euch geführt hätte. Da er aber entweder durch eure, oder durch seine Schuld, bei dem Feinde geblieben ist; – durch seine eigene, wenn er die Besorgniß heuchelte; durch eure, wenn man mit der Angabe der Wahrheit bei euch Gefahr läuft: – so bin ich, damit es euch nicht unbekannt bliebe, daß es für euch doch noch Bedingungen der Rettung und des Friedens gebe, vermöge des alten Gastrechts, worin ich mit euch stehe, zu euch gekommen. Daß ich aber das, was ich jetzt zu euch rede, bloß in Rücksicht auf euch, und auf niemand anders, rede, muß euch schon daraus erwiesen sein, daß ich weder, so lange ihr mit eignen Kräften Widerstand leistetet, noch, während ihr von den Römern Hülfe hofftet, des Friedens je bei euch erwähnt habe. Da ihr aber von den Römern nicht das Mindeste zu hoffen habt, und euch so wenig eure Waffen, als eure Mauern länger schützen, so trage ich euch einen Frieden an, der mehr nothwendig, als billig ist; den ihr nur dann vielleicht hoffen könnt, wenn ihr, so wie Hannibal als Sieger ihn vorschreibt, als Besiegte ihm Gehör gebt; wenn ihr nicht das, was ihr einbüßet, als Verlust; – da doch Alles dem Sieger gehört – sondern was euch noch gelassen wird, als Geschenk ansehen wollet. Die Stadt, die er, großentheils zertrümmert, so gut als ganz erobert hat, nimmt er euch: eure Ländereien läßt er euch, weil er euch einen Platz 427 anweisen will, wo ihr eine neue Stadt bauen könnt: alles Gold und Silber, Statsschatz und eignes Vermögen, heißt er euch abliefern, läßt euch aber eure Gattinnen, eure Personen und Kinder unangetastet, wenn ihr unbewaffnet, jeder nur mit zwei War Alorcus gleich kein Abgeordneter Hannibals, so scheint doch Hannibal, weil er sah, daß Alcon jene früheren Bedingungen den Saguntinern anzubringen Bedenken trug, dem Alorcus gelindere Vorschläge mitgegeben zu haben. Der vorhin zum Besten der Turdetaner geforderte Ersatz fällt hier weg, und statt des früher zugestandenen Einen Rockes werden zwei bewilliget. Drakenb. Kleidungsstücken aus Sagunt abziehen wollt. Dies sind die Forderungen, auf die der Feind als Sieger besteht. So drückend und hart sie sind, so räth euch doch eure Lage, sie anzunehmen. Ich gebe zwar nicht alle Hoffnung auf, daß er bei gänzlicher Hingebung von eurer Seite eins und das andre erlassen werde. Allein ich würde euch lieber rathen, selbst dies zu erdulden, als euch selbst niederhauen zu lassen, und eure Gattinnen und Kinder nach Kriegsrecht geraubt und weggeschleppt zu sehen.» 14. Als durch die nach und nach herbeigeströmte Menge, welche diese Eröffnungen hatte anhören wollen, eine Volksversammlung sich mit dem Senate gemischt hatte, so traten plötzlich die Angesehensten noch vor Ertheilung der Antwort ab, brachten alles Silber und Gold aus dem Schatze und eignem Vermögen auf den Markt, warfen es in ein zu dieser Absicht schnell veranstaltetes Feuer und stürzten sich meistentheils selbst ihm nach. Schrecken und Bestürzung hierüber verbreitete sich durch die ganze Stadt, da hörte man von der Burg her einen neuen Lärm. Ein Thurm, der dem Mauerbrecher lange Widerstand gethan, war gefallen, und da die Punische Cohorte, die durch die Lücke eindrang, ihren Feldherrn wissen ließ, daß die Stadt von den gewöhnlichen feindlichen Posten und Wachen entblößt sei, so eroberte sie Hannibal, der bei einer solchen Gelegenheit nicht säumen zu müssen glaubte, durch einen Angriff mit seiner ganzen Macht im Augenblicke, und gab den Wink, alle Erwachsenen niederzuhauen. Daß dieser grausame Befehl gleichwohl beinahe nothwendig war, zeigte 428 der wirkliche Erfolg. Denn wessen konnte man von solchen Feinden schonen, die sich entweder mit Weib und Kind in ihren Häusern verschlossen und sich mit ihnen verbrannten, oder bewaffnet den Kampf nur mit ihrem Leben endeten? 15. Mit der Stadt gewannen die Sieger eine ansehnliche Beute. Zwar hatten die Eigenthümer Vieles absichtlich verderbt; bei dem Gemetzel hatte die Erbitterung kaum einige Rücksicht auf irgend ein Alter genommen, und die Gefangenen wurden den Soldaten als Beute überlassen: und dennoch ergiebt sich, daß der Werth der verkauften Sachen eine bedeutende Geldsumme einbrachte und viele kostbare Geräthe und Kleidungsstücke nach Carthago geschickt wurden. Nach einigen Schriftstellern wurde Sagunt im achten Monate nach eröffneter Belagerung erobert. Von da soll sich Hannibal nach Neu-Carthago in die Winterquartiere begeben haben, und dann erst im fünften Monate nach seinem Aufbruche von Neu-Carthago, in Italien angekommen sein. Verhält sich dies so, so können Publius Cornelius und Tiberius Sempronius nicht dieselben Consuln gewesen sein, welche im Anfange der Belagerung von den Saguntinern beschickt wurden, und doch in ihrem Amte dem Hannibal, der Eine am Flusse Ticinus, und Beide eine ganze Weile nachher am Trebia, die Schlacht lieferten. Entweder rückt dies Alles auf weit kürzere Zeit zusammen, oder die Belagerung Sagunts wurde mit dem Anfange des Jahrs, in welchem Publius Cornelius und Tiberius Sempronius Consuln waren, nicht eröffnet, sondern beendet. Denn die Schlacht am Trebia läßt sich nicht auf das Jahr des Cneus Servilius und Cajus Flaminius hinaussetzen, weil Flaminius sein Consulat zu Ariminum antrat, nachdem er es unter dem Vorsitze des Consuls Tiberius Sempronius erhalten hatte; und dieser kehrte nach Beendigung des Wahlgeschäfts zu seinem Heere in die Winterquartiere zurück, als er erst nach der Schlacht am Trebia zur Consulnwahl nach Rom gegangen war In Blair's Zeittafeln ist die Eroberung Sagunts richtiger auf das vorige Jahr gesetzt. Denn nach Crevier's Berechnung brach Hannibal, nachdem er den ganzen Winter, der auf die Eroberung von Sagunt folgte, seinen Soldaten Ruhe gegönnt und Vielen Urlaub gegeben hatte, (s. unten Cap. 21 ) erst um dieselbe Zeit aus Spanien auf, in welcher Cornelius Scipio und Sempronius Longus ihr Consulat antraten. Dies thaten sie den 15ten März. Folglich muß Sagunt schon etwa im Herbst des Jahrs 333 unter dem ersten Consulate des Marcus Livius Salinator und Lucius Ämilius Paullus erobert sein. . 429 16. Fast um eben die Zeit, als die von Carthago zurückgekommenen Gesandten die Nachricht brachten, daß nichts als Krieg zu erwarten sei, erfuhr man auch die Zerstörung Sagunts: und die Väter fühlten sich zugleich von Betrübniß, von Mitleid mit den so schmählich umgekommenen Bundsgenossen, von Beschämung, ihnen nicht geholfen zu haben, von Zorn gegen die Carthager, und nicht anders, als stände der Feind schon vor den Thoren, von Besorgniß für den ganzen Stat, so stark ergriffen, daß sie, von so vielen Gemütsbewegungen auf Einmal erschüttert, mehr durch einander lärmten, als sich beriethen. «Nie habe man mit einem hartnäckigeren, kriegerischeren Feinde zu thun gehabt, und nie sei der Römische Stat so abgespannt, so ungerüstet gewesen. Die Sardinier und Corsen, die Istrier und Illyrier hätten die Römischen Waffen mehr geneckt, als geübt, und mit den Galliern habe man mehr einen Kriegslärm als wahren Krieg gehabt. Die Punier, diese erprobten Feinde, seit dreiundzwanzig Jahren in den härtesten Feldzügen unter Spanischen Völkern beständig Sieger, zuerst unter Hamilcar, dann unter Hasdrubal; jetzt von Hannibal, dem unternehmendsten Feldherrn, eingewöhnt, kämen nach der Zerstörung der mächtigsten Stadt neugestärkt über den Ebro, zögen so viele Völker Spaniens hinter sich her, und würden die immer kampflustigen Völkerschaften Galliens aufstören. Mit dem ganzen Erdkreise werde man Krieg zu führen haben, und das in Italien und für Roms Mauern.» 17. Benannt waren den Consuln ihre Provinzen schon früher: jetzt mußten sie darüber losen. Den Cornelius traf Spanien; den Sempronius Africa nebst Sicilien. Sechs Legionen wurden ihnen für dies Jahr bestimmt, so 430 viele Bundsgenossen, als sie nöthig finden würden, und eine Flotte, so groß sie sie ausrüsten könnten. Sie brachten vierundzwanzig tausend Mann Römisches Fußvolk auf und tausend achthundert Ritter; von den Bundsgenossen vierzigtausend zu Fuß, viertausend vierhundert zu Pferde; und machten zweihundert und zwanzig Linienschiffe und zwanzig Jachten segelfertig. Darauf wurde die Frage an das Volk gebracht: «Ob es genehmige und beschließe, daß dem State von Carthago der Krieg angekündigt werde.» Und dieses Krieges wegen wurde in der Stadt ein Betfest angestellt, und die Götter angeflehet, dem Kriege, den das Römische Volk beschlossen habe, einen gesegneten und glücklichen Erfolg angedeihen zu lassen. Die Truppen wurden unter die Consuln so vertheilt. Sempronius bekam zwei Legionen, jede zu viertausend Mann und dreihundert Rittern; sechzehntausend Mann Bundsgenossen zu Fuß, und tausend achthundert zu Pferde; hundert und sechzig Kriegesschiffe und zwölf Jachten. Mit diesen Truppen zu Lande und zu Wasser wurde Sempronius nach Sicilien geschickt, um damit, wenn der andre Consul zur Abhaltung der Punier, von Italien hinreichte, nach Africa überzugehen. Dem Cornelius gab man weniger Truppen, weil der Prätor Lucius Manlius ebenfalls mit einem nicht schwachen Heere nach Gallien geschickt wurde. Vorzüglich verringerte man dem Cornelius die Zahl der Schiffe. Man gab ihm sechzig Linienschiffe; denn man glaubte nicht, daß der Feind zur See herankommen, oder überhaupt sich auf diese Art der Kriegsführung einlassen werde: ferner vier Legionen Römer mit ihrer vollzähligen Reuterei, und vierzehntausend Mann Bundesgenossen zu Fuß mit tausend sechshundert zu Pferde. Zwei Römische Legionen, zehntausend Mann Bundesgenossen zu Fuß, tausend Mann Bundesgenossen zu Pferde und sechshundert Römische Ritter bekam die Provinz Gallien, welche gegen Eodem anno versa in Punicum bellum habuit.] – In keiner einzigen Handschrift findet sich das Wort anno, und Drakenborch (mit Gronov und Crevier ) verwirft es, wie ich glaube, mit Recht. Gronov will statt eodem lieber nondum lesen. Ich glaube nicht, daß es dieser Änderung bedarf. Livius sagte Cap. 10 , daß die Römer sich gefürchtet hätten, Hannibal werde Spanier und Gallier mitbringen: sie vermutheten also, daß er zu Lande durch Gallien kommen werde. Selbst in unserm 17ten Cap. geben sie dem Scipio weniger Schiffe, weil sie Hannibals Angriff nicht von der Seeseite erwarten. Sie schicken also, um dem Hannibal den Weg zu Lande zu wehren, den Consul Scipio nach Spanien und den Prätor Manlius nach Gallien. Eben dieses für Gallien bestimmte Heer gebraucht auch Consul Scipio nachher gegen den Hannibal, nachdem er sein eignes seinem Bruder Cneus für Spanien abgegeben hat. Daß dies für Gallien gegen Hannibal bestimmte Heer nachher die Bojer und Insubrier beschäftigen, es überfallen und schlagen, konnten die Römer jetzt noch nicht wissen; es war also auch nicht zunächst gegen diese, sondern überhaupt gegen Norden, von wo Hannibal kam, bestimmt. Nach erfolgter Ergänzung ( Cap. 26. im Anfange) ist es wieder stark genug, daß es Scipio ( Cap. 32. eo, qui circa Padum erat, exercitu Italiam defensurus) gegen den Hannibal anzuführen wagt. Auch hatte ja Livius kurz vorher gesagt: Cornelio minus copiarum datum, quia L. Manlius praetor et ipse cum haud invalido praesidio in Galliam mittebatur. Hieraus ersieht sich die Absicht, daß die Truppen des Manlius eodem versa, in Punicum bellum, sein sollten. Sie hatten nur Nebenkohr ein sollen, und vielleicht siegte Hannibal nachher auch darum so viel eher am Ticinus, weil sie aus Noth zum Hauptkohre gemacht waren. dieselbe Seite des 431 Angriffs zum Punischen Kriege aufgestellt wurden. 18. Nach diesen Vorkehrungen schickte man, um ehe es zum Kriege käme, jede Pflicht erfüllt zu haben, von den bejahrteren Senatoren den Quintus Fabius, Marcus Livius, Lucius Ämilius, Cajus Licinius, Quintus Bäbius als Gesandte nach Africa, um bei den Carthagern anzufragen, ob Hannibal Sagunt mit Zustimmung des Stats belagert habe; und wenn sie dies, was man vermuthete, eingestehen und als Maßregel des Stats rechtfertigen wollten, dem Carthagischen Volke den Krieg anzukündigen. Als die in Carthago angelangten Römer vor den Senat gelassen waren, und Quintus Fabius, dem Auftrage gemäß, bloß jene einzige Frage that, so sprach einer von den Carthagern: «Auch eure vorige Gesandschaft, ihr Römer, war sehr zufahrend, da ihr den Hannibal ausgeliefert haben wolltet, als hätte er Sagunt auf seine Verantwortung belagert: allein diese, wenn gleich bis jetzt in den Ausdrücken milder, ist in der That noch beleidigender. Damals wurde Hannibal zugleich beschuldigt und zur Auslieferung verlangt: jetzt wollt ihr uns das Geständniß einer Schuld abnöthigen, und sogleich, 432 als hätten wir sie schon gestanden, Ersatz haben. Meiner Meinung nach muß hier nicht gefragt werden: Hat Hannibal Sagunt für sich oder mit Zustimmung des Stats belagert? sondern: That er das mit Recht oder mit Unrecht? Ob er es auf eignen, oder unsern Antrieb gethan hat, darüber haben bei unserm Unterthan nur wir zu untersuchen und zu verfügen. Mit euch beruhet der Streit bloß darauf, ob unser Vertrag das zugelassen habe. Weil ihr indeß die Frage ausgemacht wissen wollt, was die Feldherren nach des States Ermessen und was sie auf eignen Antrieb thun sollen; so hat ja auch euer Consul Lutatius einen Vertrag zwischen euch und uns geschlossen: und als in diesem die Bundesgenossen beider Theile sicher gestellt wurden, fiel nicht ein Wort von Sicherstellung der Saguntiner vor; denn sie waren eure Bundesgenossen noch nicht. Aber, sagt ihr, in dem Vertrage, den wir mit Hasdrubal schlossen, war sie den Saguntinern ausdrücklich ausbedungen. Hierauf werde ich nichts erwiedern, als was ich von euch gelernt habe. Ihr wolltet damals an den ersten Vertrag, welchen Consul Lutatius mit uns schloß, durchaus nicht gehalten sein, weil er weder nach einem Gutachten des Senats, noch auf Befehl des Volks geschlossen war. Deswegen wurde ein anderer ganz neuer mit Zustimmung eures Stats geschlossen. Wenn ihr euch nicht an Verträge bindet, die nicht auf euer Gutachten oder Geheiß geschlossen sind, so hat auch Hasdrubals Vertrag, den er ohne unser Wissen schloß, uns nicht verpflichten können. So höret doch auf, Sagunt und den Ebro im Munde zu führen, und lasset das, womit euer Inneres so lange schon schwanger geht, endlich hervortreten.» Da sprach der Römer, indem er seine Toga in eine Vertiefung In Niedersachsen: in eine Schlippe zusammenfassen. zusammenfaßte: «Hier bringen wir euch Krieg und Frieden: nehmt, was euch beliebt!» Auf diese Worte erwiederten sie nicht minder trotzig mit Geschrei: Er möge ihnen geben, welches von beiden er wolle. Und als er dagegen, 433 indem er die Vertiefung ausschüttete, sich erklärte: Er gebe ihnen den Krieg; so antworteten Alle: «Sie nähmen ihn an, und würden mit eben dem Muthe, womit sie ihn annahmen, ihn führen.» 19. Diese gerade Anfrage und Kriegserklärung schien der Würde des Römischen Volks angemessener zu sein, als sich über das Recht der Verträge in einen Wortstreit einzulassen, selbst wenn es vor der Zerstörung Sagunts geschehen wäre; um so viel mehr jetzt nach derselben. Denn wenn hier eine Auseinandersetzung in Worten Statt finden sollte, wie konnte man Hasdrubals Vertrag mit dem ersten, nachher geänderten, Vertrage des Lutatius zusammenstellen, da im Vertrage des Lutatius, der ausdrückliche Zusatz gemacht war: «er solle nur dann gültig sein, wenn das Volk es für gut fände;» – in Hasdrubals Vertrage hingegen dergleichen nicht nur nie bevorwortet war, sondern dieser selbst durch ein vieljähriges Stillschweigen noch bei Hasdrubals Leben so volle Gültigkeit bekam, daß auch nicht einmal bei seinem, des Stifters, Tode etwas darin abgeändert wurde? Selbst wenn man sich an den älteren An den vom Lutatius mit Römischer Genehmigung geschlossenen. Vertrag halten wollte, so war in diesem für die Saguntiner hinlänglich dadurch gesorgt, daß die Bundesgenossen beider Theile sicher gestellt waren: denn es war weder hinzugesetzt: «Bloß diejenigen, die wir jetzt haben;» noch auch, daß man keine neue annehmen sollte. Und wenn man neue Bundesgenossen annehmen durfte, wer könnte dann es sich denken, daß man nicht entweder dieses und jenes Volk seiner Verdienste wegen annehmen, oder die in den Bund Aufgenommenen unbeschützt lassen werde? wenn man nur Carthagische Bundsgenossen eben, so wenig zum Abfalle reizte, als sie, wenn sie von selbst abfielen, in Schutz nahm. Die Römischen Gesandten gingen, wie ihnen zu Rom befohlen war, von Carthago nach Spanien über, wo sie die Staten bereisen sollten, um sie zum Römischen Bunde zu bereden, oder von den Puniern abzuziehen. Zuerst 434 kamen sie zu den Bargusiern. Weil diese der Punischen Oberherrschaft überdrüssig waren, wurden sie gütig aufgenommen, und weckten bei vielen Völkern den Wunsch nach einer neuen Lage. Von hier kamen sie zu den Volcianern, deren in Spanien ruchtbar gewordene Antwort die übrigen Völker vom Römischen Bunde abwandte. Der Älteste von ihnen ließ sich vor der Versammlung so heraus: «Mit welcher Unverschämtheit, ihr Römer, verlangt ihr, daß wir eure Freundschaft der Carthagischen vorziehen sollen, da ihr an den Saguntinern, die dies gethan haben, als Bundesgenossen mit mehr Grausamkeit zu Verräthern geworden seid, als die Punier, ihre Feinde, zu Mördern? Ich dächte, ihr suchtet euch Bundesgenossen, wo man vom Unglücke der Saguntiner nichts weiß. Für Spaniens Völker werden die Trümmer Sagunts eine eben so auffallende, als traurige Warnung sein, sich auf Roms Treue und Bündniß nicht zu verlassen.» Darauf wurde ihnen angedeutet, aus dem Volcianischen sich sogleich zu entfernen, und nun erhielten sie von keiner einzigen Versammlung in Spanien eine freundlichere Antwort. So gingen sie, nachdem sie Spanien vergeblich bereiset hatten, nach Gallien hinüber. 20. Hier hatten sie einen neuen, fürchterlichen Anblick, weil [die Arverner ?] quod armati]. – Der Name eines besondern Gallischen Volks ist hier weggefallen; das sieht man aus den nachher folgenden Worten: Eadem ferme in ceteris Galliae conciliis dicta auditaque. Aber welches? Gronov, der Vater, zeigt aus XXVII. 39, daß die Arverner das erste Gallische Volk waren, zu welchem man über die Pyrenäen aus Spanien gelangte. Deswegen will er das Cap. so anfangen: In Arvernis nova terribilisque species u. s. w. Ich benutze seine Weisung, stelle aber das Wort Arveni vor armati, weil ich mir dann eher erklären kann, warum es die Abschreiber wegfallen ließen, und lese so: In his nova terribilisque species visa est, quod Arverni armati (ita mos gentis – i. e. omnium Gallorum – erat) in concilium venerunt. in der Versammlung des Volks – so war es bei der Nation Sitte – bewaffnet erschienen. Als die Gesandten nach einer Schilderung, in der sie den Ruhm und die Tapferkeit des Römischen Volks und die Größe seiner Herrschaft priesen, ihre Bitte vortrugen, die Gallier möchten dem Hannibal zu seinem 435 Angriffe auf Italien den Durchzug durch ihre Länder und Städte nicht gestatten; so soll ein so lautes Getöse und Gelächter entstanden sein, daß kaum die Obrigkeiten und Greise die Jüngeren zum Schweigen bringen konnten. So albern und unverschämt fanden es die Gallier, daß man ihnen zumuthe, sie sollten, um den Krieg nicht durchziehen zu lassen, ihn auf sich selbst ableiten, und ihr eignes Land einem Fremden zum Besten der Verheerung preisgeben. Als endlich das Getöse gestillet war, gaben sie den Gesandten die Antwort: «Weder die Römer hätten sich um sie so verdient gemacht, noch die Carthager an ihnen so schlecht gehandelt, daß sie entweder für die Römer, oder gegen die Carthager zu den Waffen greifen möchten. Im Gegentheile müßten sie hören, daß Völker ihres Stammes von den Römern aus Italiens Gebiete und Gränzen vertrieben würden, daß sie Tribut zahlten und andre Unwürdigkeiteu zu leiden hätten.» Die Anträge der Gesandten und die Antworten darauf waren in den übrigen Versammlungen Galliens fast dieselben: und die Sprache der gastlichen und wohlmeinenden Aufnahme hörten sie nicht eher, als bis sie nach Massilia kamen. Hier wurden sie nach den mit treuer Sorgfalt angestellten Erkundigungen dieser Bundesgenossen von Allem unterrichtet; «Daß Hannibal in der Bewerbung um die Freundschaft der Gallier ihnen schon früh zuvorgekommen sei; daß aber diese Nation bei ihrer Wildheit und Rohheit auch gegen ihn nicht so ganz gefällig sein werde, wenn er nicht von Zeit zu Zeit das Wohlwollen der Oberhäupter durch Gold gewönne,» auf welches die Nation außerordentlich erpicht ist. So trafen die Gesandten, nachdem sie die Völkerschaften Spaniens und Galliens bereiset hatten, zu Rom nicht lange nachher ein, als die Consuln zu den Heeren abgegangen waren. Hier fanden sie die ganze Stadt bei der Aussicht auf den Krieg in Regung: denn das Gerücht, daß die Punier schon über den Ebro gegangen waren, wurde allgemein bestätigt. 21. Hannibal war nach der Eroberung Sagunts in die Winterquartiere nach Neu-Carthago gegangen. Und 436 hier, wo er die Verhandlungen und Beschlüsse von Rom und Carthago erfuhr, und daß er nicht bloß als der Feldherr, sondern auch als der Urheber dieses Krieges angesehen werde, ließ er, nach Austheilung und Verkaufung der noch übrigen Beute, die gebornen Spanier seines Heeres zusammenrufen, weil er nun nicht länger säumen wollte. «Ich glaube,» sprach er, «es werde euch, Bundesgenossen, ebenfalls einleuchten, daß wir, nach Beruhigung der sämtlichen Völkerschaften Spaniens, entweder unsern Kriegsdienst aufgeben und die Heere entlassen, oder den Kriegesschauplatz in andre Länder verlegen müssen: denn nur dann werden sich diese Nationen nicht bloß der Segnungen des Friedens, sondern auch der des Sieges zu erfreuen haben, wenn wir auf Beute und Ruhm bei andern Völkern ausgehen. Da uns also ein Dienst fern von der Heimat bevorsteht, und es ungewiß ist, wann ihr eure Häuser und was ein Jeder dort Liebes hat, wiedersehen werdet; so gebe ich Jedem von euch, der die Seinigen besuchen will, hiemit Urlaub. Mit dem Eintritte des Frühlings – dies ist mein Befehl – findet euch wieder ein, um unter dem Beistande der Götter einen Krieg zu beginnen, der uns mit Ruhm und Beute überhäufen wird.» So ziemlich Allen war die ungesuchte Vergünstigung, ihre Heimat besuchen zu dürfen, sehr willkommen, weil sie theils schon nach den Ihrigen sich sehnten, theils auf die Zukunft eine längere Entbehrung voraussahen. Diese während des ganzen Winters zwischen den schon überstandenen und demnächst zu überstehenden Beschwerden genossene Ruhe gab ihnen neue Körperkraft und Muth, Alles wieder von vorn an zu bestehen. Mit dem Anfange des Frühjahrs stellten sie sich seinem Befehle. Als Hannibal die Hülfstruppen der sämtlichen Völker gemustert hatte, reiste er nach Gades, bezahlte dem Hercules seine Gelübde, und machte sich, wenn ihm seine Unternehmungen ferner gelängen, zu neuen verbindlich. Und nun beschloß er, zufolge seiner auf Angriff und Sicherstellung zugleich vertheilten Maßregeln, damit nicht die Römer von Sicilien aus, während er zu Lande durch 437 Spanien und Gallien gegen Italien heranzöge, Africa wehrlos und offen finden möchten, letzteres durch ein starkes Truppenkohr zu sichern. Zum Ersatze ließ er sich aus Africa eine Verstärkung größtentheils von leichtbewaffneten Wurfschützen geben, so daß in Spanien Africaner, in Africa Spanier Kriegsdienste thaten, beide in der Ferne von Hause bessere Soldaten werden und sich einander gleichsam durch wechselseitige Unterpfänder Bürgschaft stellen mußten. Dreizehntausend achthundert und fünfzig Mann Fußvolk mit kleinen Spanischen Schilden schickte er nach Africa, Balearische Schleuderer achthundert und siebzig, und an Reuterei, aus mehreren Völkern gemischt, tausend zweihundert. Diese Truppen bestimmte er theils zur Besatzung von Carthago, theils zur Vertheidigung in Africa. Auch mußten viertausend der auserlesensten Jünglinge, die er durch seine Werber in den Staten ausheben ließ, als Besatzung zugleich und als Geisel, nach Carthago gebracht werden. 22. Um aber auch Spanien nicht außer Acht zu lassen, – und gerade dies (atque ideo haud minus, quod haud ignarus]. – Das erste haud, welches Gronov und Crevier geradezu wegstreichen wollen, weil es dem Sinne durchaus zuwider ist, und Drakenborch, ob es gleich auch ihm misfällt, der Handschriften wegen, welche Dukers Verteidigung unterstützt, nicht ganz auszumerzen wagt, ließe sich vielleicht zur Hälfte beibehalten, wenn man annähme, daß es ursprünglich hanc geheißen habe. um so viel weniger, weil ihm nicht unbekannt war, daß eine Römische Gesandschaft mit Anträgen an die Großen es bereiset habe – bestimmte er dies seinem Bruder Hasdrubal, einem Manne von Thätigkeit, zu seiner Provinz, und versah ihn mit einem Heere größtentheils Africanischer Truppen, mit einem Fußvolke von elftausend achthundert und fünfzig Africanern, dreihundert Liguriern, fünfhundert Balearen. Außer dieser Macht zu Fuß gab er ihm an Reuterei dreihundert Libyphönicier, ihrer Abkunft nach halb Punier, halb Africaner; an tausend achthundert Numider und Mauren, Anwohner des Oceans; und eine kleine Schar Ilergeten aus Spanien, zweihundert Reuter; und um es ihm an keinem Erfordernisse einer Landmacht fehlen zu lassen, vierzehn 438 Elephanten. Ferner gab er ihm eine Flotte zum Schutze der Seeküste – denn es ließ sich vermuthen, daß sich die Römer auch jetzt wieder auf diesen Zweig der Kriegsführung einlassen würden, der ihnen vorhin den Sieg verschafft hatte – fünfzig Fünfruderer, zwei Vierruderer und fünf Dreiruderer: allein segelfertig und bemannet waren nur zweiunddreißig Fünfruderer und die fünf Dreiruderer. Von Gades kehrte er nach Neu-Carthago in das Winterlager seines Heeres zurück, und nach seinem Aufbruche von hier rückte er bei der Stadt Etovissa vorbei gegen den Ebro und die Seeküste. Hier, heißt es, sah er im Traume einen Jüngling von göttlicher Gestalt, der ihm sagte, Jupiter schicke ihn dem Hannibal zum Wegweiser nach Italien, Er möge also folgen und seine Augen nach keiner Seite von ihm abwenden. Anfangs sei er schüchtern, ohne seitwärts oder hinter sich zu blicken, ihm nachgegangen; dann aber habe er, vermöge der menschlichen Neugierde, darüber unruhig, was da sein möge, wonach er sich nicht umsehen solle, die Augen nicht länger in seiner Gewalt gehabt. Da habe er denn einen Drachen von erstaunlicher Größe gesehen, der über niedergebrochene Bäume und Gebüsche ihm nachstürzte, und im Hintergrunde eine Wetterwolke, die am krachenden Himmel heraufzog. Auf seine Frage, was die Riesenschlange und das ganze furchtbare Bild bedeute, habe er die Antwort bekommen: «Das sei die Verheerung Italiens: er möge weiter gehen, nicht nach Mehrerem fragen und die Zukunft in ihrem Dunkel ruhen lassen.» 23. Des Traumes froh, setzte er sein Heer in drei Abtheilungen über den Ebro, nachdem er Einige voraufgeschickt hatte, die ihm für seinen Durchzug die Gallier jener Gegenden durch Geschenke gewinnen und die Wege über die Alpen erspähen sollten. Es waren neunzigtausend Mann zu Fuß und zwölftausend zu Pferde, die er über den Ebro führte. Darauf unterwarf er sich die Ilergeten, Bargusier, Ausetaner und Lacetanien, welches am Fuße der Pyrenäen liegt, und setzte den Hanno über diese ganze Gegend, um den Paß, durch welchen Spanien mit 439 Gallien zusammenhängt, in seiner Gewalt zu haben. Zur Behauptung dieser Länder ließ er dem Hanno zehntausend Mann zu Fuß und tausend zu Pferde. Als das Heer den Zug über die Pyrenäischen Gebirge begann, und unter seinen fremden Truppen das Gerücht von einem Römischen Kriege sich mit einiger Gewißheit verbreitete, wandten sich dreitausend Mann Carpetanisches Fußvolks hinter ihm ab. Man erfuhr, daß nicht sowohl der Krieg selbst sie geschreckt habe, als der weite Weg und die Unmöglichkeit, die Alpen zu übersteigen. Hannibal, der aus Besorgniß, auch den Trotz der Übrigen zu wecken, es zu gewagt fand, jene umzurufen oder mit Gewalt festzuhalten, schickte noch über siebentausend Mann, denen er eine gleiche Unlust zum Dienste angemerkt hatte, nach ihrer Heimat zurück und gab sich den Schein, auch die Carpetaner entlassen zu haben. 24. Nun zog er mit den übrigen Truppen, um sie nicht durch Aufenthalt und Unthätigkeit schwierig werden zu lassen, über die Pyrenäen, und lagerte sich bei der Stadt Illiberi. Die Gallier hörten zwar, daß der Krieg Italien gelte; und dennoch sammelten sich auf das Gerücht, daß man die Spanier jenseit der Pyrenäen zur Unterwerfung gezwungen und mit starken Besatzungen belegt habe, mehrere Völkerschaften, die aus Furcht vor der Sklaverei zu den Waffen herbeistürzten, zu Ruscino. Als dies dem Hannibal gemeldet wurde, ließ er, mehr den Aufenthalt, als ihre Kriege fürchtend, ihren Fürsten sagen: «Er wünsche sich persönlich mit ihnen zu unterreden, entweder möchten sie naher an Illiberi kommen, oder er wolle nach Ruscino vorrücken, um die Zusammenkunft durch die Nähe zu erleichtern: er werde sie mit Freuden in sein Lager aufnehmen und eben so ohne Bedenken sich bei ihnen einfinden; denn er sei nach Gallien als Gastfreund, nicht als Feind gekommen. Auch werde er, wenn es die Gallier geschehen ließen, sein Schwert nicht eher ziehen, bis er in Italien angelangt sei.» So weit die Bestellung durch die Abgeordneten. Als sich nun die Fürsten der Gallier, nach sogleich 440 veranstaltetem Aufbruche bis Illiberi, ohne Anstand bei dem Hannibal eingefunden hatten, wurden sie durch Geschenke gewonnen, und ließen sein Heer ungestört durch ihr Gebiet, bei der Stadt Ruscino vorüberziehen. 25. Nach Italien war unterdeß noch keine weitere Nachricht gelangt, als durch die Massilischen Gesandten nach Rom, daß Hannibal über den Ebro gegangen sei: und dennoch empörten sich sogleich, nicht anders, als hätte er schon die Alpen zurückgelegt, die Bojer, von denen die Insubrier schon aufgewiegelt waren, nicht sowohl aus alter Erbitterung gegen Rom, als, weil es sie verdroß, daß neulich in der Nähe des Po Pflanzungen nach Placentia und Cremona auf das Gallische Gebiet ausgeführt waren. Plötzlich griffen sie zu den Waffen und setzten Alles durch ihren Einfall gerade in diese Gegend so in Schrecken und Aufstand, daß nicht bloß eine Menge Landbewohner, sondern selbst die Römischen Dreiherren, die zur Landvermessung hieher gekommen waren, Cajus Lutatius, Cajus Servilius, Titus Annius, weil ihnen Placentia nicht fest genug schien, nach Mutina flüchteten. Über den Namen des Lutatius finde ich keinen Zweifel. Statt des Cajus Servilius und Titus Annius haben einige Jahrbücher den Quintus Acilius und Cajus Herennius, andre den Publius Cornelius Asina und Cajus Papirius Maso. Auch das ist ungewiß, ob sich die Bojer an den Gesandten vergriffen, welche sie zur Rede stellen sollten, oder ob sie die Dreiherren bei der Vermessung des Landes anfielen. Die Gallier, von welchen sie zu Mutina eingeschlossen waren, und die, als ein mit dem Sturme auf Städte zu unbekanntes und zur Anlegung von Werken viel zu träges Volk, ohne Erfolg vor den unberührten Mauern lagen, ließen sich zum Scheine auf Friedensunterhandlungen ein. Die von den Häuptern der Gallier zur Unterredung herausgerufenen Gesandten wurden nicht nur gegen das Völkerrecht, sondern auch dem auf diese Zeit gegebenen Worte zuwider, verhaftet; und die Gallier weigerten sich, sie loszulassen, wenn ihnen nicht ihre Geisel zurückgegeben würden. 441 Auf diese Nachricht über die Gesandten, und bei der Gefahr, in welcher Mutina mit seiner Besatzung schwebte, rückte der Prätor Lucius Manlius in vollem Zorne, ohne sein Heer im Schlusse zu halten, gegen Mutina. Auf beiden Seiten des Weges stand damals noch ein Wald, weil die Gegend meistens noch unbeackert war. Hier fiel er, weil er ohne eingezogene Kunde sich aufgemacht hatte, in einen Hinterhalt. Nicht ohne großen Verlust an Leuten und nur mit Mühe rettete er sich in die freien Ebenen, wo er ein Lager aufschlug, und weil die Gallier keinen Angriff auf dieses wagten, den Muth seiner Truppen wieder herstellte, ob sie gleich ihre Gefallenen auf sechshundert Die Schreibart ADDCCECIDISSE, welche die Abschreiber ad DC cecidisse hätten lesen sollen, veranlassete die unrichtigen Lesarten: ad cecidisse, wo die Zahl ganz wegfiel: in andern adCcecidisse, welches nach den Worten multa cum caede zu wenig scheint. Gronov will in der Lesart ad.C.cecidisse das C in D verwandeln. Ich glaube, es ist nicht so gewaltsam, dies C, das in einer guten Handschrift sich findet, beizubehalten, und das in ad vorhandene D nur noch einmal zu nehmen. Schon Stroth hat dieselbe Vermuthung. berechnen konnten. Sie begannen den Marsch von neuem, und so lange der Zug durch offene Gegenden ging, zeigte sich kein Feind. Kaum aber rückten sie wieder in Gehölze, als ihnen der Feind in den Nachtrab fiel und in der allgemeinen Verwirrung und Bestürzung achthundert tödtete und sechs Fahnen nahm. Diese furchtbaren Angriffe der Gallier und die Verzagtheit der Römer hatten sogleich ein Ende, als diese dem unwegsamen und wildverwachsenen Forste entgangen waren. Von nun an im Freien richteten sie ihren ohne Mühe gesicherten Zug nach Tanetum Tenedo, in der Nähe von Parma. , einem Flecken in der Nähe des Po. Hier behaupteten sie sich gegen die täglich wachsende Menge der Feinde für die erste Zeit durch eine Verschanzung, durch die Zufuhr vermittelst des Flusses und den Beistand der Gallier von Brixia Jetzt Brescia. . 26. Als die Nachricht von diesem unerwarteten Aufstande in Rom einlief, und die Väter den Punischen Krieg noch durch einen Gallischen erweitert sahen, befahlen sie 442 dem Prätor Cajus Atilius, mit Einer Römischen Legion und fünftausend Mann Bundesgenossen, welche der Consul durch eine neue Werbung aushob, dem Manlius zu Hülfe zu ziehen; und er kam ohne Schwertschlag, weil sich die Feinde aus Furcht zurückgezogen hatten, nach Tanetum. Auch der Consul Publius Cornelius, der die mit dem Prätor abgeschickte Legion durch eine neugeworbene ersetzte, kam nach seiner Abfahrt von Rom mit sechzig Kriegsschiffen, an der Küste Hetruriens, Liguriens und den Gebirgen der Salyer vorbei nach Massilia, und schlug an der nächsten Mündung der Rhone – denn der Strom theilt sich bei seinem Ausflusse in mehrere – sein Lager auf, ohne daran glauben zu wollen, daß Hannibal schon über die Pyrenäischen Gebirge hinaus sei. Als er nun hören mußte, daß dieser sogar schon auf den Übergang über die Rhone denke, so schickte er, ungewiß, wo er ihm entgegentreten sollte, und weil auch seine Soldaten von der Seekrankheit noch nicht völlig hergestellt waren, vorläufig dreihundert auserlesene Ritter aus, welche von den Massiliern und Gallischen Hülfstruppen geleitet, sich nach Allem erkundigen und aus einem sichern Standorte den Feind beobachten sollten. Hannibal, der sich bei den übrigen Völkern eine friedliche Aufnahme erzwungen oder erkauft hatte, war jetzt in das Gebiet der Volken, eines mächtigen Volks, gekommen, Sie wohnen an beiden Ufern der Rhone; weil sie sichs aber nicht zutrauten, den Puniern das diesseitige Land verwehren zu können, so schafften sie, um den Strom als Schutzwehr zu nutzen, fast ihr sämtliches Eigenthum über die Rhone und besetzten das jenseitige Ufer mit Bewaffneten. Die übrigen Anwohner des Flusses, und selbst diejenigen von ihnen, welche sich von ihren Wohnungen nicht hatten trennen wollen, wurden theils vom Hannibal mit Geschenken gewonnen, von allen Seiten Schiffe zusammenzubringen und neue zu zimmern; theils war es ihr eigner Wunsch, das Heer übergesetzt und ihr Land baldmöglichst von einem so drückenden Menschengewühle erleichtert zu sehen. Es wurde also eine ansehnliche Menge 443 von Schiffen und Kähnen zusammengebracht, die ohnehin zu allerlei Bedürfnissen der Nähe fertig standen: und man machte noch neue dazu, indem zuerst bloß die Gallier zu jedem Kahne, dem sie kaum den ersten Zuschnitt gaben, einen Baumstamm aushöhlten; dann aber auch die Soldaten selbst, zugleich durch die Menge des Bauholzes und die Leichtigkeit der Arbeit angelockt, weil sie nur darauf zu sehen brauchten, daß sie auf dem Wasser schwimmen und beladen werden könnten, in der Eile eine Menge unförmlicher Kiele bloß dazu fertigten, sich und ihr Eigenthum vermittelst ihrer auf die andere Seite zu schaffen. 27. Als schon Alles zur Überfahrt in gehörigem Stande war, so mußte man nun noch die Feinde gegenüber fürchten, die das ganze Ufer mit Reuterei und Fußvolk besetzt hielten. Um diese zu vertreiben, gab er dem Hanno, einem Sohne Bomilcars, Befehl, mit einem Theile der Truppen, vorzüglich Spaniern, stromaufwärts einen Tagesmarsch zu machen und, wenn er dann, wo es sich am ersten thun ließe, so unbemerkt als möglich über den Strom gegangen sei, sich mit seinem Kohre herumzuziehen, um den Feind zu rechter Zeit im Rücken anzugreifen. Die hierzu mitgegebenen Gallischen Wegweiser belehrten ihn, daß der Fluß, beinahe fünfundzwanzig tausend Schritte weiter aufwärts, wo er eine kleine Insel umschließe, weil er sich hier theile, bei einem breiteren und eben darum nicht so tiefen Bette, einen Übergang gestatte. Hier wurden sogleich Bäume gefället und Flöße gezimmert, um auf diesen Pferde und Leute und andre Lasten überzusetzen. Die Spanier schwammen, ohne große Zurüstungen, auf Schläuchen, nachdem sie ihre Kleidung hineingesteckt und ihre Rundschilde unter sich genommen hatten, über den Fluß. Das übrige Heer, das auf verbundenen Flößen übersetzte, hielt in einem nahe am Flusse bezogenen Lager, wegen seiner Ermüdung vom nächtlichen Marsche und von der beschwerlichen Arbeit einen Rasttag, während daß der Anführer sich anschickte, den Plan zu rechter Zeit auszuführen. Am folgenden Tage gaben sie, nach ihrem Aufbruche aus dieser Stellung, das Zeichen durch Rauch, daß 444 sie über den Fluß gegangen und nicht mehr fern waren. Sobald dies Hannibal hörte, gab auch er, um den Augenblick nicht zu versäumen, Befehl zum Übergange. Schon war das Fußvolk mit seinen Kähnen fertig und im Stande. Der Zug von Schiffen, der so ziemlich die ganze Reuterei neben den schwimmenden Pferden, und zwar um den Andrang des Stromes aufzufangen; oberhalb hinübertrug, gewährte den unterhalb übersetzenden Kähnen ein stilles Wasser. Die Pferde wurden großentheils schwimmend von den Hintertheilen der Schiffe an Riemen nachgezogen, bis auf die, welche man gesattelt und gezäumt auf die Schiffe genommen hatte, damit sich der Reuter, so wie er ans Land stiege, ihrer sogleich bedienen könnte. 28. Die Gallier kamen ihnen unter mancherlei Geheule und Gesänge nach ihrer Sitte, an das Ufer entgegengelaufen, schlugen über ihrem Kopfe auf ihre Schilde und schwangen in ihrer Rechte die Waffen; wiewohl auch sie eine so große Menge von Schiffen vor ihnen, so wie der lautrauschende Strom und das mannigfache Geschrei der Schiffer und Soldaten, welche hier den treibenden Strom zu durchbrechen strebten, dort vom andern Ufer den übersetzenden Ihrigen Ermunterungen zuriefen, in Schrecken setzte. Schon bestürzt genug über das Getümmel, das sie vor sich sahen, wurden sie im Rücken von einem noch fürchterlicheren Geschreie überfallen, weil Hanno ihr Lager erobert hatte. Gleich darauf war er selbst da, und der Schrecken umringte sie von zwei Seiten, da von den Schiffen her eine solche Menge Bewaffneter das Ufer gewann, und ein nicht erwartetes Heer sie im Rücken bedrängte. Als die Gallier, die gegen beide Seiten Gewalt zu brauchen versuchten, sich geschlagen sahen, brachen sie durch, wo ihnen der Weg am meisten offen schien und verliefen sich als Gescheuchte nach allen Seiten in ihre Dörfer. Hannibal, dem seit diesem Tage die lärmenden Angriffe der Gallier wenig Besorgniß machten, schlug ein Lager auf, nachdem er seine übrigen Truppen in aller Ruhe übergesetzt hatte. Die Elephanten überzusetzen, kam man vermuthlich auf mehr als Einen Anschlag; wenigstens erzählt man den 445 Vorgang auf mancherlei Art. Einige berichten: Nachdem man die Elephanten zusammen an das Ufer getrieben, habe der wildeste von ihnen, den man durch seinen Führer necken ließ, dadurch, daß er den ins Wasser flüchtenden nantem sequeretur]. – Ich lese mit Hn. Walch: nando insequeretur. Man s. die folgende Anmerk. schwimmend verfolgte, die ganze Heerde hinter sich hergezogen, da selbst die Gewalt des Stroms jeden einzeln, so wie ihm bei seiner Scheu vor der Tiefe der Ut quemque timentem altitudinem destituerat vadum, impetu ipso fluminis .] – Ich habe die Stelle so zu übersetzen gesucht, wie sie da steht. Auch scheint mir Stroths doppelte Rüge unnöthig. Er sagt 1) Man sieht nicht ein, warum die Worte timentem altitudinem zu dem folgenden destituerat vadum gesetzt werden. Deswegen will er durch eine Versetzung die Worte: traxisse gregem timentem altitudinem zusammennehmen; und dann wieder anfangen: ut quemque destituerat vadum u. s. w. Allein wenn gleich der erste Elephant, weil er böse gemacht war, in der Wuth die Tiefe nicht achtete, und schwimmend (nando) den flüchtenden Führer verfolgte, so war doch den übrigen (ut quemque ), die nicht gereizt waren, die jenem bloß folgten, weil er voranging, die Scheu vor der Tiefe nicht benommen; sie waren immer noch timentes altitudinem. 2)  Stroths zweite Rüge betrifft die Worte impetu ipso fluminis in alteram ripam rapiente. Man sieht nicht, sagt er, warum der Fluß den Elephanten an das Ufer gegenüber treiben muß, da er ihn vielmehr mitten in seinem Bette fortreißen mußte. Wenn aber die westliche Hälfte des Stroms, von welcher Hannibal nach dem östlichen Ufer überging, durch einen Zug von Elephanten, Fahrzeugen und Reutern gestauet wurde, so blieb für die an dieser Stauung sich brechenden Wellen kein andrer Platz übrig, als über die Tiefe der Mitte zum östlichen Ufer hinzuströmen. Grund ausging, an das andre Ufer hinüberriß. Allein Mehrere kommen darin überein, daß sie auf Flößen übergesetzt sind. Und so wie diese Maßregel vor der Ausführung die sicherste gewesen sein müßte, so wird sie auch dadurch, daß die Sache gelang, so viel wahrscheinlicher. Sie ließen ein zweihundert Fuß langes, fünfzig Fuß breites Floß vom Lande in den Strom herüberragen. Nachdem sie dies am oberen Ufer mit mehreren starken Seilen festgebunden hatten, damit es nicht mit dem Strome fortgehen konnte, beschütteten sie es gleich einer Brücke mit darauf gebrachter Erde, so daß es die Thiere, wie einen festen Boden, ohne Scheu betreten konnten. Ein zweites Floß, eben so breit, aber nur hundert Fuß lang, und zur Überfahrt eingerichtet, wurde mit jenem in Verbindung gesetzt; und sobald die Elephanten, die auf dem festen Flosse, als 446 auf einem Heerwege, den voraufgehenden Weibchen nachgetrieben wurden, auf das kleinere angehängte hinübergegangen waren, wurden die Seile, womit es an jenem nur leicht befestigt war, sogleich gelöset, und das Floß von einigen Ruderschiffen zum andern Ufer hinübergezogen. Wenn man so die ersten gelandet hatte, holte man wieder andre und setzte auch diese über. So lange sie noch wie auf einer festen Brücke gingen, zeigten sie nicht die mindeste Scheu. Nur dann erst äußerten sie Ängstlichkeit, wenn das ganz ab ceteris]. – Et rate et elephantis; ab omni solido. abgelösete Floß sie in die Mitte des Stromes fortführte: hier bezeigten sie sich sehr unruhig, drängten sich unter einander und die äußersten zogen sich vom Wasser zurück, bis endlich die Furcht selbst, wenn sie nichts als Wasser um sich sahen, sie ruhig machte. Auch stürzten einige zu unbändige in den Fluß; indeß da schon ihre Schwere sie im Stehen erhielt, warfen sie ihre Führer herunter, suchten selbst Fuß vor Fuß die seichten Stellen und kamen glücklich an das Land. 29. Während die Elephanten übergesetzt wurden, hatte Hannibal fünfhundert Numidische Reuter gegen das Römische Lager geschickt, um den Standort, die Stärke der Truppen und ihre Unternehmungen zu erspähen. Auf dies Geschwader stießen die dreihundert Römischen Ritter, die, wie oben gesagt, von der Mündung der Rhone abgeschickt waren. Es kam zu einem Gefechte, das weit ernsthafter war, als es die geringe Anzahl der Kämpfenden erwarten ließ. Denn außer vielen Wunden auf beiden Seiten war auch der Verlust beinahe gleich und den schon sehr entkräfteten Römern gab nur die Flucht und Bestürzung der Numider den Sieg. Von den Siegern fielen an hundert und sechzig, und nicht einmal lauter Römer, sondern zum Theile Gallier; von den Besiegten über zweihundert. Dieser Anfang des Krieges beschied den Römern zugleich als Vorbedeutung zwar im Ganzen einen glücklichen Erfolg, aber auch einen blutigen Sieg und mißlichen Kampf. 447 Als beide Theile nach diesem Versuche zu ihrem Feldherrn zurückkamen, so konnte hier Scipio zu keinem weiteren Entschlusse kommen, als daß sich seine Maßregeln nach den Entwürfen, und Unternehmungen des Feindes richten sollten; und dort bestimmte den Hannibal, der eben so unschlüssig war, ob er seinen angetretenen Zug nach Italien fortsetzen, oder mit dem ersten sich darbietenden Römischen Heere schlagen sollte, die Ankunft der Bojischen Gesandten und des Fürsten Magalus, sich für jetzt auf keine Schlacht einzulassen, weil sie sich zu Wegweisern und Theilnehmern des Wagestücks erboten und der Meinung waren, man müsse den Sturm des Krieges ungebrochen, und ohne vorher an Kräften das mindeste aufzuopfern, Italien treffen lassen. Der Soldat im Allgemeinen fürchtete zwar den Feind, weil das Andenken des vorigen Krieges noch nicht in ihm erloschen war, noch besorgter aber machten ihn der ungeheure Weg und die Alpen, die der Ruf Leuten, welche sie nie gesehen hatten, noch fürchterlicher schilderte. 30. Hannibal also, sobald sein Schluß, weiter zu ziehen und sich nach Italien zu wenden, gefaßt war, ließ das Heer zur Versammlung rufen und bearbeitete den Muth der Soldaten auf mancherlei Weise, durch Beschämung und Ermunterung. «Er begreife nicht, was für ein plötzlicher Schrecken ihre sonst immer furchtlose Brust befallen habe. Seit so vielen Jahren dienten sie als siegreiche Krieger, und hätten Spanien nicht eher verlasen, als bis die sämtlichen Nationen und Länder, welche von den beiden einander gegenüber liegenden Meeren umschlossen würden, Carthago gehört hätten. Nur der Unwille darüber, daß das Römische Volk alle Belagerer Sagunts, gleich als Verbrecher, habe ausgeliefert wissen wollen, habe sie über den Ebro geführt, um den Römischen Namen zu vertilgen und die Welt zu befreien. Da habe keinem der Zug lang geschienen, als sie ihn vom Untergange der Sonne ihrem Aufgange entgegen begonnen hätten. Jetzt, da sie bei weitem den größeren Theil des Marsches zurückgelegt sähen, unter einer Menge der 448 wildesten Völker den Pyrenäischen Gebirgswald überstiegen hätten, die Rhone, einen so großen Fluß, den ihnen die Gallier zu Tausenden hätten sperren wollen, selbst mit Besiegung des reißenden Stromes überschritten hätten, und die Alpen vor Augen sähen, deren andere Seite Italien zugehöre, jetzt, schon an den Thoren der Feinde, blieben sie als die Erschöpften stehen; vielleicht in der Meinung, als wären die Alpen – – was denn sonst, als Berghöhen? Gesetzt, diese wären auch höher, als die Rücken der Pyrenäen; so reiche doch nirgendwo der Erdboden an den Himmel, und sei nie dem menschlichen Geschlechte unersteiglich. Die Alpen würden sogar bewohnt, beackert; sie erzeugten und nährten lebende Geschöpfe. Menschen in geringer Anzahl gingen hinüber, und sie wären Pervias paucis esse, exercitibus invias?]. – Drakenborch beschuldigt den Doujat, er habe diese Stelle unrichtig in dem Sinne genommen, daß Hannibal durch seine Frage die Unwegsamkeit der Alpen für ganze Heere habe leugnen wollen; in diesem Sinne: num eas, quae vel paucis perviae sint, totis exercitibus crederent esse insuperabiles: und dies werde ja durch die großen Schwierigkeiten, welche Hannibal nachher auf seinem Zuge über die Alpen gefunden habe, widerlegt. Hier thut Drakenborch offenbar (wie öfters) dem Doujat unrecht. Denn wenn auch Hannibal alles Ungemach, das ihn nachher auf den Alpen traf, vorhergewußt hätte, so wäre es doch von ihm sehr unweise gewesen, wenn er jetzt, da er den Soldaten Muth machen will, nicht gerade das Gegentheil behauptet hätte. Drakenborch selbst will die Frage als Einwurf verstanden wissen: «Ihr sagt vielleicht, in kleiner Anzahl kann man hinüber kommen, aber ganzen Heeren sind sie unübersteiglich.» Allein dieses so wenig, als jenes, kann Livius hier, nach Stroths richtiger Ansicht, den Hannibal sagen lassen. Er selbst mag den Satz: «Die Alpen sind einer kleinen Menschenzahl ersteiglich», als erwiesen, voraufschicken, um (wie Doujat will) daraus ihre Zugänglichkeit für ganze Heere zu erweisen; oder (nach Drakenborch ) sich von seinen Soldaten den Einwurf machen lassen, daß sie zwar von einzelnen Leuten überstiegen würden, aber nur nicht von ganzen Heeren, so hatte er ja nicht nöthig, unmittelbar darauf die Gallischen Gesandten als einen Beweis aufzustellen, daß man sich in kleinerer Gesellschaft über die Alpen wagen könne. Wozu der Beweis zu einem Satze, den er, wenn wir die Frage beibehalten, entweder selbst vorher schon als angenommen aufgestellt hatte, oder sich von Andern in ihrem Einwurfe als zugestanden aufstellen ließ? Stroth hat meiner Meinung nach Recht, ein ausgelassenes nec hier einzuschieben, und den Satz nicht als eine Frage anzusehen; nur finde ich es nicht so wahrscheinlich, als er selbst, daß dies nec wegen des folgenden ex weggefallen sei. In allen Handschriften lieset man: pervias paucis esse exercitibus. eos ipsos u. s. w. Das in allen ausgefallene Wort invias also fand kein Abschreiber hinter dem Worte exercitibus. Daß es aber in früheren Handschriften sich gefunden haben müsse, sieht man aus der Aufnahme desselben in die Mailänder Ausgabe, und auch daraus, daß es an den Rand eines Palatinischen Codex geschrieben ist. Für die Kritik ist hier die Frage nicht gleichgültig: Wo soll es seine Stelle haben? Wenn ich annehmen dürfte, daß die ursprüngliche Lesart folgende gewesen sei: pervias paucis esse ; nec invias esse exercitibus, so würde sich daraus die Entstehung der Lücke erklären lassen. Als der Abschreiber das erste esse geschrieben hatte, glaubte er schon das zweite geschrieben zu haben, und so fielen die drei Wörter nec invias esse weg. Die hier vorausgesetzte Wiederholung des esse darf so wenig Anstoß erregen, daß sie vielmehr nach der Menge von Beispielen, welche Drakenborch dafür angeführt hat, ächt Livianisch ist. Nam, ut Gronovius docet (sagt er zu I. 41, 5.) Livius eam vocem in orationibus subinde repetere solet. – Für den Satz pervias paucis esse will Hannibal im Folgenden noch den Beweis geben; also darf er ihn nicht in einer Frage als schon erwiesen voraussetzen. auch für Heere nicht unwegsam. Selbst 449 die Gesandten, die sie hier sähen, wären ja nicht, auf Flügeln durch die Luft getragen, über die Alpen gekommen. Auch die Vorfahren dieser Gallier wären keine Eingeborne; sondern hier als Fremdlinge, als Landbewohner Italiens, wären sie über diese nämlichen Alpen oft in großen Zügen mit Weib und Kind nach Art wandernder Völker ohne alle Gefahr herübergekommen. Und einem bewaffneten Krieger, der nichts als die Bedürfnisse des Krieges mit sich führe, was dem wohl unwegsam oder unübersteiglich sei? Wie viele Gefahren, wie viele Beschwerden sie acht Monate lang erduldet hätten, um Sagunt zu erobern? Und im Anzuge gegen Rom, die Hauptstadt der Welt, wollten sie irgend etwas so rauh und steil finden, daß es sie in ihrer Unternehmung aufhalten könne? Gallier hätten einst die Stäte sogar erobert, welche nur betreten zu können der Punier die Hoffnung aufgebe. Also möchten sie entweder einem Volke, das sie in diesen Tagen so oft besiegt hätten, den Preis des Muths und der Tapferkeit einräumen, oder das Ziel ihres Marsches auf dem Felde zwischen der Tiber und Roms Mauern erwarten.» 31. Als er sie durch diese Ermunterungen angefeuert hatte, hieß er sie sich pflegen und sich zum Marsche bereit halten. Den folgenden Tag zog er, am Ufer der Rhone aufwärts, tiefer in Gallien hinein, nicht etwa, weil dies ein geraderer Weg zu den Alpen gewesen wäre, sondern, weil er, je weiter er sich vom Meere entfernte, so viel 450 weniger auf die Römer zu stoßen hoffte, mit denen er sich vor seiner Ankunft in Italien nicht einzulassen beschlossen hatte. In vier Märschen kam er an die sogenannte Insel, wo sich die beiden Ströme Isere Mehrere Kritiker sind darüber eins, daß man hier statt Arar lieber Isara lesen müsse. Auch hat wirklich Eine Handschrift Ibi Ara Rhodanusque; andre ibique Arar Rhodanusque. Man sieht leicht, daß statt IBIISARARHOD. ibiq RARrhod. gelesen werden konnte. Der Arar oder die Saone ist hier viel zu weit nördlich hinauf. und Rhone, die von zwei entgegengesetzten Seiten der Alpen herabkommen und einen großen Strich Landes umschließen, mit einander vereinigen. Die Ebenen zwischen beiden haben den Namen Insel erhalten. Da herum wohnten die Allobrogen Ihre Hauptstädte waren (nach Perrot d'Ablancourt) Vienne an der Rhone, Grenoble und Genf. , ein Volk, das schon damals keinem Gallischen Volke an Macht und Rufe nachstand; jetzt aber herrschte in demselben Mishelligkeit. Zwei fürstliche Brüder stritten um den Thron. Der ältere, der auch schon geherrscht hatte, Namens Brancus, wurde von seinem jüngeren Bruder und dessen Anhange unter der Jugend, weil ihm dieser an Macht, wenn gleich nicht an Recht, überlegen war, verdrängt. Da die ihm vorgelegte Entscheidung dieses Streits dem Hannibal sehr erwünscht kam, so gab er, als ernannter Schiedsrichter über den Thron, was der Senat und die Vornehmen gewollt hatten, dem älteren die Regierung wieder. Dieses Verdienstes wegen unterstützte man ihn mit Zufuhr und allem Überflusse, vorzüglich an Kleidungsstücken, womit er sich gegen die verrufene Alpenkälte versehen mußte. Als er jetzt nach beigelegtem Zwiste der Allobrogen den Alpen näher rückte, nahm er seinen Weg nicht gerade aus, sondern wandte sich links in das Gebiet der Tricastiner; von da zog er durch die äußerste Ecke des Voconzischen in das Gebiet der Tricorier, ohne den Weg beschwerlich zu finden, bis er an den Fluß Druentia kam. Dieser, ebenfalls ein Alpenstrom, hat unter allen Flüssen Galliens beim Übergange die meisten Schwierigkeiten. Denn bei den großen Wassermassen, in denen er 451 fortströmt, kann er doch keine Schiffe tragen, weil er, ohne sich auf Ufer einzuschränken, zugleich in mehrere und nicht immer dieselben Betten vertheilt ist, und bei immer neuen Untiefen und neuen Tiefen – gerade dies macht auch dem Fußgänger den Durchweg gefährlich – und bei seinem treibenden Grunde, nirgend einen festen und sichern Tritt gewährt. Auch damals machte er ihnen, noch dazu durch Regengüsse angeschwollen, beim Übergange nicht geringe Noth, da ihnen, alles Übrige abgerechnet, schon ihre eigne Verlegenheit und so mancherlei irre machendes Geschrei die Fassung nahm. 32. Der Consul Publius Cornelius war etwa drei Tage nach Hannibals Aufbruche von der Rhone, in Schlachtordnung bei dem feindlichen Lager angekommen, sogleich zu schlagen bereit. Wie er aber die Verschanzungen verlassen sah, und daß er die so weit Voraufgekommenen so leicht nicht werde einholen können, kehrte er an das Meer und zu seinen Schiffen zurück, um so desto sicherer und leichter dem Hannibal, bei seinem Herabsteigen von den Alpen, entgegen zu kommen. Um aber Spanien, die durch das Los ihm gewordene Provinz, nicht ohne Römische Unterstützung zu lassen, schickte er seinen Bruder Cneus Scipio mit dem größten Theile seiner Truppen gegen den Hasdrubal, nicht bloß zum Schutze der alten Bundsgenossen und zu Verbindungen mit neuen, sondern sogar den Hasdrubal aus Spanien zu treiben. Er selbst ging nach Genua nur mit sehr wenig Truppen zurück, weil er Italien mit dem am Po stehenden Heere vertheidigen wollte. Hannibal war von der Druentia meistens durch Ebenen, ohne von den Bewohnern jener Gegenden, den Galliern, gehindert zu werden, bis an die Alpen gekommen. Hatten sich gleich die Soldaten von diesen schon eine Vorstellung gemacht, wie der Ruf sie gab, der ungekannte Dinge gern über die Wahrheit hebt; so erregten doch jetzt die Höhe der Gebirge, als sie sie in der Nähe sahen; die fast mit dem Himmel zusammenhängenden Schneemassen; die elenden auf Klippen angebrachten Hütten; die Heerden und das Zugvieh, vor Kälte verschrumpft; die Menschen, 452 ungeschoren und verwildert; die ganze lebende und leblose Natur starrend von Frost, und alle übrigen Erscheinungen, die im Anblicke noch gräßlicher wurden, als in der Schilderung, ihr Entsetzen von neuem. Als der Zug zu den vorderen Hügeln hinanging, wurden sie gewahr, daß die Bergbewohner die Höhen über ihnen besetzt hielten. Hatten diese die versteckteren Thäler besetzt, so würden sie durch einen plötzlichen Angriff eine allgemeine Flucht und Niederlage bewirkt haben. Hannibal ließ Halt machen, und da er durch die zur Besichtigung der Gegend voraufgeschickten Gallier erfuhr, daß hier kein Durchgang möglich sei, so nahm er in einem so ausgedehnten Thale, als er konnte, zwischen lauter Felsstücken und Klippen sein Lager. Da er nun durch eben jene Gallier, welche in Sprache und Sitten von den Bergbewohnern wenig unterschieden sich in ihre Gespräche gemischt hatten, belehrt wurde, daß der Waldpaß nur bei Tage besetzt sei, daß sie sich sämtlich des Nachts in ihre Wohnungen verliefen; so rückte er mit dem Morgenlichte an den Fuß der Hügels, als ob er vor ihren Augen bei hellem Tage sich den Paß erzwingen wolle. Als nun die Punier auf derselben Stelle, wo sie stehen geblieben waren, mit Verschanzung eines Lagers, einer scheinbaren Beschäftigung, die ganz etwas Anderes bezweckte, den Tag hingebracht hatten; so drang Hannibal, sobald er sah, daß die Bergmänner von den Höhen herabgegangen waren und ihre Posten nur einzeln standen, nachdem er zum Scheine mehrere Feuer hatte anzünden lassen, als die Zahl der Bleibenden erforderte, mit Hinterlassung seines Gepäcks, seiner Reuterei und des größten Theils vom Fußvolke, an der Spitze seiner unbelasteten Kerntruppen, eiligst durch den Paß, und nahm seine Stellung auf denselben Höhen, welche die Feinde besetzt gehabt hatten. 33. Mit frühem Morgen brach das Lager auf und der Zug der Zurückgebliebenen begann. Schon wollten sich die Bergbewohner auf das aus ihren Burgen gegebene Zeichen zu ihrem gewöhnlichen Posten sammeln, als sie unerwartet einen Theil der Feinde, nach Besetzung ihrer 453 Anhöhe, über ihren Häuptern stehen, die andern durch die Straße ziehen sahen. Über beide zu gleicher Zeit sich darbietende Erscheinungen standen sie anfangs mit stierem Blicke und starr vor Staunen ohne Bewegung. Als sie aber das Gedränge im Passe, und den Zug schon durch sein eignes Getümmel, hauptsächlich über die scheu werdenden Pferde, in Verwirrung sahen, so kamen sie in der Überzeugung, daß dem Feinde selbst der kleinste Zuwachs seiner Bestürzung verderblich werden müsse, auf allen Seiten perversis]. – Statt dessen folge ich der von Hrn. Walch in diversi verbesserten Lesart des Cod. Pal. 2. diversis . , der Unwege eben so wie der Umwege gewohnt, von den Klippen herabgerannt. Da sahen sich die Punier zugleich dem Kampfe mit den Feinden und mit der nachtheiligen Gegend ausgesetzt; und da Jeder nur für sich dahin strebte, der Gefahr am geschwindesten zu entkommen, so hatten sie mehr Streit unter einander selbst, als mit den Feinden. Vorzüglich machten den Zug die Pferde unsicher, weil sie geschreckt durch das mistönende Geschrei, welches die Haine und wiederhallenden Thäler noch verstärkten, lauter Sprünge machten, und wenn sie einen Schlag oder eine Wunde bekamen, so wild wurden, daß sie eine Menge Menschen und Gepäck aller Art zu Boden stießen; Viele warf auch das Gedränge, da der Paß auf beiden Seiten steil und abgerissen war, in den Abgrund hinunter, ja selbst einige Soldaten; die Packthiere aber rollten, als stürzten große Gebäude ein, mit ihren Lasten bergab. So gräßlich dies anzusehen war, so blieb Hannibal dennoch anfangs stehen und hielt seine Leute zurück, um das Getümmel und die Verwirrung nicht noch zu vermehren. Dann aber, als er sah, daß der Zug durchbrochen werde, und er Gefahr laufe, sein Heer, wenn auch ungeschlagen, doch von allem Gepäcke entblößt, über den Paß hinausgebracht zu haben, eilte er von der Höhe herbei; und hatte er gleich durch den bloßen Angriff die Feinde zerstreuet, so hatte er doch auch bei seinem Heere die Verwirrung vermehrt. Indeß diese Verwirrung ward 454 im Augenblicke, sobald durch die Flucht der Bergbewohner die Wege frei geworden waren, geschlichtet, und bald erfolgte der völlige Durchzug nicht nur in aller Ruhe, sondern beinahe in der Stille. Darauf eroberte er eine Schanze, die Hauptfestung jener Gegend, und einige umherliegende Flecken, und erhielt drei Tage lang sein Heer von den erbeuteten Speisevorräthen Et captivorum pecoribus.] – Alle Handschriften haben: et captivo ac pecoribus. Stroth verwirft die von Valla vorgeschlagene und von den übrigen Editoren in den Text aufgenommene Lesart: et captivorum pecoribus, aus zwei Gründen. 1) Weil er das Wort captivorum hier in dem Sinne nimmt: der im Treffen Gefangenen ; und deswegen fragt er: «Sind denn die Bergbewohner in der Schlacht samt ihren Heerden gefangen? und verzehrte Hannibals Heer nicht auch anderes Vieh, als das, was den Gefangenen gehörte?» Ich antworte: Wenn die Lesart captivorum an sich die wahre wäre, so würden captivi hier nicht die im Treffen Gefangenen, sondern die Unterjochten sein. Gesner im Thes. sagt: captivus, i. in potestatem redactus; und Livius hatte ja unmittelbar vorhergesagt: castellum – viculosque circumiectos capit; auch die nimmt ja Hannibal nicht in der Schlacht gefangen. Von den Heerden dieser Bezwungenen zehrte Hannibals Heer. 2) Weil Polybius sagt: σίτου καὶ θρεμμάτων, so schiebt Stroth das Wort frumento ein. Σι̃τος ist aber auch cibus, nicht bloß frumentum. Und vermuthlich sollen wir hier nicht an Getreide denken. Denn Livius sagt gleich im Folgenden, Hannibal sei bald nachher in eine Gegend gekommen, die nach der Art, daß hier nichts als Gebirge waren, noch ziemlich viel Landbauer hatte. Wie viel weniger war also in jener Gegend an Getreide zu denken, wo er die kleinen Eroberungen gemacht hatte? Wie, wenn Livius das Wort frumento absichtlich gemieden, wenn er Beeren, Wurzeln, Obst, Käse und ähnliche Speisen der Bergbewohner gemeint hätte? Auch hat das Wort frumento nicht die mindeste Ähnlichkeit mit den daneben stehenden, wodurch es in allen Msc. verdrängt sein könnte. Sollten im Worte captivo vielleicht die beiden letzten Silben tivo Schuld gewesen sein, ein folgendes cibo ausfallen zu lassen? Drakenborch hat im Buchstaben C Beispiele genug angegeben, daß c und t, bei der Rundung, die das t in den Handschriften höheres Alters hat, daß accingere und attingere, cui und tui, maceria und materia, cautus und tantus u. s. w. verwechselt werden. Dann ließe sich dies cibo von jeder bei dem mit dem Ackerbaue unbekannten Bergbewohner üblichen Speise verstehen, und captivo wäre die erbeutete; so wie ich übersetzt habe; als ob captivo cibo ac pecoribus im Texte stände. und Heerden. Und weil es weder durch die Bergbewohner, die noch im ersten Schrecken waren, noch auch durch die Gegend sonderlich aufgehalten wurde, so legte er in diesen drei Tagen einen nicht unbedeutenden Theil des Weges zurück. 34. Von dort kam er zu einer andern Völkerschaft, die nach Verhältniß einer Gebirgsgegend, eine Menge Landbauer hatte. Hier lief er Gefahr, nicht in offenem 455 Kriege, sondern durch seine Künste, durch Täuschung und Nachstellung, überwältigt zu werden. Die Oberhäupter der kleinen Festungen, Männer von hohem Alter, fanden sich als Gesandte bei dem Punischen Feldherrn ein und sagten: «Das Unglück Anderer habe sie, als ein heilsames Beispiel den Wunsch gelehrt, lieber die Freundschaft, als die Übermacht der Punier zu erfahren. Also würden sie gehorsam alle Befehle vollziehen. Er möge Lebensmittel, Wegweiser und für die Sicherheit ihrer Versprechungen Geisel annehmen.» Hannibal, der, ohne ihnen geradezu zu glauben, und ohne sie abzuweisen, damit sie nicht als Zurückgestoßene offenbar Feinde würden, eine gütige Antwort ertheilte, die Geisel, die sie ihm gaben, annahm, und von den Lebensmitteln, die sie ihm selbst auf die Straße brachten, Gebrauch machte, folgte ihren Wegweisern mit völlig geordnetem Heere, gar nicht, als in Freundes Lande. Die Elephanten und die Reuterei waren die ersten des Zuges: er selbst folgte mit dem Kerne seines Fußvolks, nach allen Seiten der Achtsame und auf seiner Hut. Kaum war er in einen schmaleren Weg gekommen, der einer zur Seite ragenden Höhe ausgesetzt war, so brachen die Barbaren allenthalben von vorn und von hinten aus ihrem Hinterhalte hervor, und griffen aus der Nähe und aus der Ferne an; sie wälzten große Steine auf den Zug hinab, und ihr größter Haufe warf sich in seinen Nachtrab. Der Umstand, daß jetzt die Punier ihr Fußvolk in Linie sich gegen diese wenden lassen konnten, machte es ihnen augenscheinlich, wie groß ihr Verlust in diesem Gebirgspasse gewesen sein würde, wenn ihr Zug im Rücken nicht gedeckt gewesen wäre. Selbst jetzt sahen sie sich in der äußersten Gefahr und am Rande des Verderbens. Denn während Hannibal Anstand nahm, mit seinem Heerestheile in den Paß hin einzurücken Demittere agmen]. – Dieser Lesart einiger Msc. folgt Drakenborch. Dimittere läßt sich, meiner Meinung nach, nicht vertheidigen: so hätte ja Hannibal als der dimittens allein stehen bleiben müssen. , weil das Fußvolk, mit welchem er selbst die Reuterei deckte, nicht eben so einen Schutz im Rücken hatte, so pflanzten 456 sich die von der Seite heranstürzenden Bergbewohner, da der Zug in der Mitte perrupto medio agmine]. – Ich lese mit J. F. Gronov aus der Schreibart aller Msc. montanierupto (und Drakenb. billigt es) montani interrupto. Die Bergbewohner hatten nicht nöthig, perrumpere agmen. Dadurch, daß die Reuterei weiterzog, und Hannibal nicht nachrückte, entstand von selbst ein agmen interruptum . getrennt war, selbst in dem Wege auf, und Hannibal war Eine Nacht ohne Reuterei und Gepäcke. 35. Am folgenden Tage stießen seine Truppen, weil sich die Barbaren schon nicht mehr so hitzig in die Lücke drängten, wieder zusammen, und legten den Paß nicht ohne Einbuße, doch mit größerem Verluste an Lastthieren, als an Menschen, zurück. Seitdem fielen die Bergbewohner nur noch in kleineren Haufen, und mehr nach Räuber- als nach Kriegerart, bald in den Vortrab, bald in den Nachtrab, je nachdem ihnen entweder die Gegend einen Vortheil gab, oder der Zug durch sein Fortrücken oder Nachbleiben die Gelegenheit bot. Für den großen Zeitverlust, mit welchem die Elephanten über die Sicut praecipites per artas vias magna mora agebantur.] – Wollte man diese Lesart beibehalten, und praecipites auf die Elephanten ziehen, so sieht man, wie schon Crevier erinnert, nicht ein, warum die Elephanten gerade in den viis artis die stürmenden sein sollten, da eine via arta auch zugleich plana sein kann. Dann konnte man eher per alias vias lesen wollen, da nach der von Gesner citirten Anmerkung Drakenborchs zum Sil. Ital. so oft artus und altus verwechselt werden. Allein Drakenb. führt aus seinem besten Codex, dem Florentinischen, die Lesart an: sicut per artas praecipites vias, die auch Crevier in einem Msc. fand. Diese behalte ich bei. S. Hn.  Walch, S. 83. engen steilen Wege weiter gebracht wurden, gewährten sie auch, wohin ihr Gang sie führte, dem Zuge Sicherheit vor den Feinden, weil diese, ihrer ungewohnt, zu furchtsam waren, sich ihnen zu nähern. Am neunten Tage kam man auf den Gipfel der Alpen, meistens auf Unwegen und Irrgängen, weil sie entweder von den Wegweisern absichtlich irre geleitet wurden, oder weil sie selbst, wenn sie diesen nicht traueten, sich auf gut Glück in Thäler hineinwagten, wo sie einen Weg vermutheten. Zwei Tage hatten sie auf der Höhe ihr Standlager: so lange wurde den von Beschwerden und Gefechten ermüdeten Soldaten Ruhe gegönnt, und in dieser Zeit 457 fanden sich auch mehrere der auf den Felsen gestürzten Lastthiere, die der Spur des Zuges nachgegangen waren, wieder in das Lager. Vom Überdrusse ihres so manchfaltigen Ungemachs erschöpft sahen sie sich durch den gefallenen Schnee – denn schon hörte das Siebengestirn auf sichtbar zu sein – zu ihrem großen Schrecken überrascht. Als das Heer, das mit dem ersten Morgenlichte aufbrach, allenthalben durch hohen Schnee, verdrossen weiterzog, und Unlust und Verzweifelung aus Aller Blicken sprach, stellte sich Hannibal an die Spitze des Zuges, ließ die Soldaten auf einer vortretenden Gebirgsecke, wo man weit und breit eine Aussicht hatte, Halt machen, und zeigte ihnen die am Fuße der Alpengebirge zu beiden Seiten des Po sich hinstreckenden Gefilde, mit der Versicherung, «daß sie jetzt die Mauern, nicht Italiens allein, sondern selbst der Stadt Rom überstiegen. Von nun an gehe der Weg durch Ebenen, ja sogar bergab. Nach Einem, höchstens zwei Treffen, würden sie über die Burg und Hauptstadt Italiens als über ihr Eigenthum zu gebieten haben.» Und nun ging der Zug weiter, selbst ohne alle Versuche von Seiten der Feinde, kleine gelegentliche Belistungen abgerechnet. Indeß war der Weg hier weit beschwerlicher, als er im Hinansteigen gewesen war, weil die Alpen meistentheils auf der Italiänischen Seite zwar minder hoch, aber auch steiler sind. Fast der ganze Weg war jäh, enge und schlüpfrig, so daß sie weder Ich folge Creviers Versetzung : ut neque sustinere se a lapsu possent, si qui paullulum titubassent, nec haerere afflicti vestigio suo; und bemerke nur noch, daß die beiden auf ssent sich endigenden Verba dem Abschreiber, wie so oft, Gelegenheit gaben, das Wort nec an die unrechte Stelle zu setzen. Drakenborchs Vorschlage, statt afflicti lieber affixi zu lesen, kann ich darum nicht beistimmen, weil dann sustinere se a lapsu und haerere affixum vestigio suo einerlei sagen würden, so daß Livius nicht durch nec – nec beides zu Gegensätzen hätte machen können. Si sustinere se a casu potuissent, eo ipso haesissent affixi vestigio suo. Und wenn Stroth sagt: afflicti nihil aliud significare potest, quam affixi, firmiter insistentes; so führe ich dagegen außer 58, 3. nur einige Stellen an, die Gesner schon im Thes. hat. Cic.: Statuam istius – deturbant, affligunt, comminuunt, Plaut.: Affligam te ad terram, scelus. Cic. : Afflicto et iacenti – dexteram porrexit. Idem: Scopulos, – ad quos – afflictam navem videres. In allen diesen Stellen bedeutet doch affligi ganz etwas anderes, als affigi. , wenn sie einmal ins 458 Wanken kamen, sich vom Falle zurückhalten konnten, noch, wenn sie zu Boden gefallen waren, auf ihrer Stelle liegen blieben, und also Menschen und Vieh, eins über das andre, hinstürzten. 36. Nun kam man auf eine Klippe, die noch weit enger war und deren Felsenwände so gerade standen, daß kaum ein unbewaffneter Soldat, wenn er den Versuch machte und sich mit den Händen an den umher ragenden Büschen und Stämmen hielt, sich hinablassen konnte. Diese Stelle, schon vorher von Natur steil, war neulich erst durch einen Erdfall zu einer Tiefe von beinahe tausend Fuß Recenti lapsu terrae in pedum mille admodum altitudinem]. – Diese von. Valla vorgeschlagene, und von beiden Gronoven, von Duker, Drakenborch und Crevier gebilligte Lesart scheint mir nicht allein richtig, weil Livius die vom Polybius auf 900 angegebenen Fuß auf gegen 1000 Fuß angiebt, sondern auch, wenn gleich Stroth behauptet, sie sei nullo codicum praesidio firmata, aus der Lesart der ältesten und besten Handschriften inpeditus dumille admodum altitudinem sehr glücklich wieder hergestellt zu sein. Las der Abschreiber statt in pedum mille durch unrichtige Theilung inpe | dum | ille, so sah er sich genöthigt, zu seinem neu entstandenen ille, auch aus inpe ein Participium impeditus dazu zu schaffen. Wie sollte hier allenthalben in den besten Handschriften die Partikel dum sich finden, wenn sie nicht aus pedum entstanden wäre? und wie das Pronomen ille, wenn nicht das in von mille fälschlich zu pedu gezogen wäre? Die von Stroth wieder aufgenommene Lesart: Locus iam ante praeceps, recenti lapsu terrae impeditus, in mirandam admodum altitudinem abruptus erat, kann außerdem, daß sie sich nur aus den jüngeren und schlechteren Handschriften herschreibt, auch darum nicht Statt finden, weil das mit ihr zugleich eingeführte Wort impeditus sich in seiner Stellung mit dem folgenden abruptus nicht verträgt. Ich hätte nichts dagegen, wenn es hieße: locus, lapsu terrae abruptus in mirandam altitudinem, impeditus erat; aber umgekehrt ist es nicht möglich, daß der Ort schon durch den lapsus terrae impeditus, und nachher erst abruptus sein soll. hinabgestürzt. Als Hannibal sich wunderte, was hier den Zug aufhielte, weil die Reuterei nicht anders, als sei der Marsch zu Ende, stehen blieb, so meldete man ihm, auf dieser Klippe sei kein Durchkommen möglich. Er ging selbst hin, den Ort in Augenschein zu nehmen. Er glaubte, sich entschließen zu müssen, das Heer auf einem Umwege, wäre er auch noch so lang, durch die ungebahnten, nie betretenen Umgebungen zu führen. Hier aber war der Weg vollends unmöglich. Denn so lange der bis jetzt unberührte Super veterem nivem intacta nova.] – So lieset Crevier statt intactam. Ich glaube, er hat Recht. Denn ob der alte, unten liegende Schnee intacta war, oder nicht, verschlägt in unserer Stelle dem Leser nichts. Daß aber der neue bis jetzt unberührt geblieben war, ist theils an sich schon zu vermuthen, weil Livius diese Gegend kurz vorher inviam nec tritam antea genannt hatte, theils mußte es hier des Gegensatzes wegen gesagt werden, weil es nachher heißt: Als er aber weggetreten war und schmolz. Für den Abschreiber gab es hier zwei Klippen. Der vorhergehende doppelte Accusativ mit super, und das auf intacta folgende n im Worte nova. neue Schnee, von mäßiger Höhe, 459 über dem alten lag, konnten sie bei ihrem Eintritte in den weichen, nicht zu hohen, Schnee leicht festen Fuß fassen. Als er aber durch den Heerzug so vieler Menschen und Thiere aus einander getreten war, gingen sie auf dem darunter stehenden nackten Eise und im fließenden Schlamme des geschmolzenen Schnees. Natürlich hatten sie hier eine schreckliche Noth Ut a lubrica glacie – – – corruissent – ita in levi.] – Ich halte mich in diesen schwierigen Worten ganz an die Stellung und Erklärung, die ihnen Hr.  Walch (S. 84 ff.) gegeben hat. Sie ist diese: Tetra ibi luctatio erat, ut a lubrica glacie non recipiente vestigium, et in prono citius pedes fallente: et seu manibus in assurgendo seu genu se adiuvissent, ipsis adminiculis prolapsi si iterum corruerent, nec (ne quidem) stirpes circa radicesve, ad quas pede aut manu quisquam eniti posset, erant; ita in levi tantum glacie tabidaque nive volutabantur. Iumenta secabant interdum etiamtum infimam ingredientia nivem, et prolapsa iactandis gravius in connitendo ungulis penitus perfringebant, ut pleraque, velut etc. Doch setze ich hinter Iumenta secabant interdum ein Komma, und lese dann: etiamtum infim a ingredientia niv e . Das m in infima m entstand aus dem in von ingredientia, Infima m ingredientia nive m verstehe ich nicht. mit dem schlüpfrigen Eise, auf dem kein Fußtritt haftete und dessen abschüssige Fläche den Fuß so viel eher gleiten ließ. Und stürzten sie, weil auch dann, wenn sie sich auf ihren Händen oder Knieen aufrichten wollten, selbst diese Stützen ausglitten, von neuem nieder, so gab es rund umher weder Stamm noch Wurzel, woran sie sich mit dem Fuße oder der Hand hätten aufhelfen können. So wälzten sie sich nun auf lauter glattem Eise und im zerflossenen Schnee. Die Lastthiere traten öfters durch, da sie ohnehin schon auf der untersten Schneelage gingen; und wenn sie, um sich etwa vom Falle emporzustämmen, stärker mit den Klauen aufschlugen, sanken sie völlig ein, so daß die meisten, wie in einem Fangeisen, in dem starren und hoch auffrierenden Eise stecken blieben. 37. Endlich wurde, als sich Thiere und Menschen vergeblich erschöpft hatten, auf der Höhe ein Lager 460 aufgeschlagen, wozu man den Platz nur mit größter Mühe reinigte: so viel Schnee hatte man loszugraben und wegzubringen. Nun mußten die Soldaten herbei, über diese Klippe, die einzige, über welche der Weg möglich war, Bahn zu machen: und da der Fels gebrochen werden mußte, so thürmten sie die in der Nähe gefälleten und gekappten ungeheuren Bäume zu einem gewaltigen Holzstoße auf: diesen setzten sie, bei einem sich aufmachenden heftigen Winde, der die Glut beförderte, in Brand, und machten das glühende Gestein durch aufgegossenen Essig mürbe. Den auf diese Art ausgebrannten Felsen öffneten sie mit Werkzeugen und ließen seine Höhen so sanft in mäßigen Krümmungen ablaufen, daß nicht allein die Packpferde, sondern auch die Elephanten hinabgeführt werden konnten. Vier Tage brachte man an dieser Klippe zu, während welcher die Lastthiere beinahe vor Hunger umkamen: denn die Gipfel sind gewöhnlich kahl; und haben sie einiges Futter, so verschüttet es der Schnee. Am Fuße der Gebirge giebt es Thäler, und manchen sonnigen Hügel, auch Bäche an den Waldungen, und Plätze, welche es schon eher verdienen, von Menschen gebaut zu werden. Hier schickte man die Lastthiere auf die Weide, und gab den von Anlegung der Straße ermüdeten Menschen eine dreitägige Ruhe. Von da ging es in die Ebene hinab, wo schon die Gegend und die Sitten ihrer Bewohner milder waren. 38. Ungefähr auf diese Art gelangten sie nach Italien, seit ihrem Aufbruche von Neu-Carthago, wie Einige (ut quidam auctores sunt)]. – Dieser Zwischensatz gehört nach meiner Meinung zu dem Vorhergehenden, nicht zu dem Folgenden. Denn da uns Livius selbst die Zahl der 15 Tage, in welchen Hannibal über die Alpen stieg, theilweise angegeben hatte, so würden ja die quidam auctores ihn ebenfalls mit einschließen. Die fünfzehn Tage kommen nämlich auch nach seiner Berechnung heraus, wenn man die drei letzten Ruhetage, am Fuße der schon überstiegenen Alpen nicht mitzählt. Über den bald nachher genannten Cincius vergleiche man oben Buch VII. Cap. 3. melden, im fünften Monate; nachdem sie die Alpen in fünfzehn Tagen überstiegen hatten. Wie viele Truppen Hannibal nach seinem Übergange in Italien gehabt habe, darüber sind die Schriftsteller durchaus nicht einig. 461 Nach der höchsten Angabe soll er hunderttausend Mann zu Fuß, zwanzigtausend zu Pferde gehabt haben; nach der niedrigsten, zu Fuß zwanzig-, zu Pferde sechstausend. Ich würde mich am liebsten an den Lucius Cincius Alimentus halten, weil er nach seinem eignen Berichte Hannibals Gefangener war; hätte er nicht dadurch, daß er die Gallier und Ligurier mit in die Summe zieht, die Zahl zusammengeworfen. Diese mitgerechnet, habe Hannibal – ob es mir gleich wahrscheinlicher ist, daß sie ihm nun erst zuströmten, was auch einige Schriftsteller behaupten – achtzigtausend Mann zu Fuß, zehntausend zu Pferde, nach Italien gebracht; er habe aber vom Hannibal selbst gehört, daß er nach seinem Übergange über die Rhone sechsunddreißig tausend Menschen und eine ansehnliche Menge Pferde und anderes Lastvieh verloren habe. Als Hannibal im Gebiete der Tauriner amisisse, in Taurinis, quae Gallis]. – Wenn die Erzählung hier ohne Unterbrechung zusammenhinge, so würde Livius schwerlich gleich wieder im Anfange des folgenden Cap. zu Taurinis den Zusatz machen; proximae genti, da er an unsrer Stelle eben gesagt hatte: in Taurinis, quae Gallis proxima gens erat. Allein nach Parenthesen pflegen die Lateiner, um wieder einzuleiten, ein par Worte des Vordersatzes, wenn auch etwas abgeändert, noch einmal zu setzen. Cic. Phil. II. 31. 2.: Quae cum illa legeret flens, – nun die Parenthese von 3 bis 4 Zeilen, und dann: cum mulier fleret uberius, homo misericors ferre non potuit, Plin. ep. V. 3, 5.: An ego verear (neminem viventium nominabo) sed ego verear, ne me caet.? Livius selbst XXXVIII. 55.: Ad hunc praetorem, adeo amicum Corneliae familiae, ut – es folgen 7 Zeilen Zwischensatz – – aut adeo inimicum, ut propter – es folgen wieder einige Zeilen – – caeterum ad hunc nimis aequum aut inimicum practorem reus extemplo factus L. Scipio. Mehrere Beispiele aus Cicero und Cäsar s. bei Drakenborch zu XXXXIIII. 40, 2., wo Drakenborch, was auch in unsrer Stelle der Fall ist, mit dem Beispiele aus V. Cap. 24. und 25. beweiset, daß Livius oft mehrere Punkte – – ich setze hinzu, oft ganze Reden (VIIII. Cap. 6. u. 7.) – – in Parenthesen einzuschließen pflegt. Zieht man nun die von Gronov; Drakenborch und Andern gerügten Ungereimtheiten in Erwägung, die dann entstehen, wenn man die Worte in Taurinis zu dem Vorhergehenden zieht; so wird man es mir vielleicht verzeihen, daß ich mit den Worten In Taurinis ein neues Punctum anfange, und so interpungire: In Taurinis, quae Gallis proxima gens erat, in Italiam degresso, (id quum inter omnes constet – bis ans Ende des Cap. – montani appellant.) peropportune ad principia rerum, Taurinis, proximae genti, adversus Insubres motum bellum erat. Man sehe noch B. XXII. 18, 8. 9. 10. agens cum magistro equitum, – – – haec nequicquam praemonito magistro equitum, Romam est profectus. , des den Galliern nächsten Volks, nach Italien hinuntergegangen 462 war; (da hierüber Alle einverstanden sind, so wundert es mich so viel mehr, daß man darüber ungewiß ist, wo er über die Alpen gegangen sei, und daß man gewöhnlich glaubt, er sei über den Peninus gegangen, und diese Nach Gronovs Verbesserung: nomen ei iugo Alpium. Man vergl. XXXVIII. 57. am Ende. Höhe der Alpen habe davon den Namen bekommen. Cölius läßt ihn über die Höhe des Centro gehen: allein diese Pässe beide würden ihn nicht zu den Taurinern, sondern durch die Salasser des Gebirges in das Gallische Volk der Libuer herabgeführt haben. Auch ist es nicht wahrscheinlich, daß jene Wege nach Gallien damals schon offen waren: vorzüglich würde die Gegend, die zum Peninus führt, von Halbgermanischen Völkern versperrt gewesen sein. Und daß jenem Gebirge von einem Übergange der Pöner der Name beigelegt sei, wenn etwa jemand hierin einen Grund finden wollte; davon wissen die Veragrer, die Bewohner dieser Höhe, in der That nicht das Mindeste; sondern es bekam ihn von dem Gotte, den die sed ab eo]. – Ich folge der von Drakenborch und Leibnitz gebilligten Vermuthung Cupers: der für sed ab eo richtiger sed a deo lieset; um so viel sicherer, da sich in der Handschrift Lovel 5. die Lesart sed ad eo findet, und der von Sponius angeführte Stein, den man selbst auf dem großen St. Bernhardsberge gefunden hat, in seiner Inschrift den Deus Peninus nennt. Wenn Stroth glaubte, falls die Lesart a deo richtig sei, so würde Livius lieber geschrieben haben: a deo in summo vertice sacra to, Peninum etc., so muß ich gestehen, daß es mir im Gegentheile wahrscheinlicher ist, Livius habe eben der vielen Ablative wegen (a deo in summo vertice), und weil man sonst das sacrato hätte zu vertice ziehen können, die schönere Wendung in summo sacra tum vertice gewählt. Weil übrigens Drakenborch sagt: Deum illum ita vocari, quod incolae montium summitates pin vel pen vocare soliti sint, ut praeter Lipsium et Cluverum etiam docet Pontanus, so wird es mir wahrscheinlich, daß Livius, der selbst ein Oberitaliener war, und bei seinem Forschungsgeiste etwas von dieser Bedeutung des Worts Peninus gehört haben konnte, durch den Zwischensatz in summo vertice sacratum auf den Grund der Benennung hingedeutet habe, und übersetze deswegen: Weil er auf dem höchsten Gipfel u. s. w. Bergbewohner Peninus nennen, weil der auf dem höchsten Gipfel geheiligt steht.) 39. so hatten zum großen Vortheile für sein beginnendes Unternehmen die Tauriner, gerade dies erste Volk, an welches er kam, mit den Insubren Ihre Hauptstadt war Mailand . Krieg angefangen. 463 Doch konnte Hannibal sein Heer, welches jetzt, da es sich erholte, am meisten fühlte, wie viele Übel es sich vorhin zugezogen hatte, so wenig zur Hülfe des einen, als des andern Volks in die Waffen treten lassen. Die Ruhe nach der Beschwerde, der Überfluß nach dem Mangel, die Pflege nach der Unreinlichkeit und Nässe, wirkten auf die verschmutzten und fast verwilderten Körper auf mancherlei Art. Dies bewog den Consul Publius Cornelius, mit dem Heere, das er, nach seiner Ankunft mit der Flotte zu Pisa, vom Manlius und Atilius übernommen hatte, war es gleich neugeworben und wegen der neulichen unrühmlichen Vorfälle Es hatte gegen die Bojer wiederholten Verlust gehabt. Cap. 25. noch muthlos; an den Po zu eilen, um mit dem Feinde zu schlagen, ehe sich dieser erholt hatte. Allein als der Consul nach Placentia kam, war Hannibal aus seinem Standlager schon aufgebrochen, und hatte Eine Stadt der Tauriner, die Hauptstadt dieses Volks, weil sie sich nicht auf die von ihm Quia volentes in amicitiam]. – Drakenb. hält sich mit Recht an die Lesart der besten Handschriften, volen tis . In diesem volen tis liegt, was Drakenb. aus Polybius anführt, αυτοὺς εις φιλίαν προυκαλει̃το. Auch würde, dünkt mich, da in dem venire in amicitiam schon ein velle liegt, das von Crevier und Stroth aufgenommene volentes ziemlich überflüssig sein. gesuchte Freundschaft einließen, mit Sturm erobert: auch würden sich die am Po wohnenden Gallier nicht bloß aus Furcht, sondern selbst gutwillig an ihn angeschlossen haben, hätte sie nicht plötzlich die Ankunft des Consuls, als sie nur den rechten Zeitpunkt zum Abfalle erwarteten, überrascht. Und wirklich brach Hannibal aus dem Taurinischen auf, weil er hoffte, daß die Gallier in der Ungewißheit, auf welche Partei sie treten sollten, wenn er nur da wäre, auf seine Seite treten würden. Schon standen die Heere einander fast im Gesichte, und Feldherren waren sich näher gerückt, welche beide, wenn gleich noch nicht ganz mit einander bekannt, doch schon von einer gegenseitigen Bewunderung durchdrungen waren. Denn Hannibal stand, auch bei den Römern, 464 schon vor der Zerstörung Sagunts in hohem Rufe; und daß Scipio ein vorzüglicher Mann sein müsse, urtheilte Hannibal selbst daraus, daß man diesen hauptsächlich gegen ihn ausgesucht habe. Und diese Hochachtung hatten Beide gegenseitig erhöhet; Scipio dadurch, daß er, der in Gallien Zurückgelassene, dem nach Italien herübergegangenen Hannibal jetzt gegenüber stand; Hannibal theils durch die kühne Unternehmung eines Überganges über die Alpen, theils durch die Bewerkstelligung. Doch setzte Scipio geschwinder über den Po; und als er mit seinem Lager bis an den Fluß Ticinus vorgerückt war, begann er, ehe er zur Schlacht auszog, um seine Soldaten zu ermuntern, folgende Rede. 40. «Soldaten! wenn ich jenes Heer in Linie ausrücken ließe, das ich in Gallien bei mir hatte, so wäre ich aller Anrede an euch überhoben. Denn wozu könnte es nützen, entweder jene Ritter zu ermuntern, die an der Rhone die feindliche Reuterei so ruhmvoll besiegt hatten, oder jenes Fußvolk, mit welchem ich als Verfolger gerade dieses fliehenden Feindes das Bekenntniß des Ausweichenden und dem Kampfe sich Entziehenden als einen Sieg genoß? Jetzt aber, da jene Legionen, für den Kriegsschauplatz in Spanien geworben, unter meiner Obwaltung mit meinem Bruder Cneus Scipio dort in Thätigkeit sind, wo sie es nach dem Willen des Römischen Senats und Volkes sein sollen; und ich mich selbst, um euch gegen den Hannibal und die Punier einen Consul zum Anführer zu geben, freiwillig diesem Kampfe gestellt habe, so wird der neue Feldherr seinem neuen Heere wenigstens einige Worte zu sagen haben.» «Um euch die Art dieses Krieges und diesen Feind nicht verkennen zu lassen, muß ich euch sagen, Soldaten, ihr habt mit eben denen zu fechten, die ihr im vorigen Kriege zu Lande und zu Meere überwunden; von denen ihr seit zwanzig Jahren Steuren eingetrieben; von denen ihr Sicilien und Sardinien als Lohn des Sieges errungen habt. Folglich wird euch und ihnen im bevorstehenden Kampfe zu Muthe sein, wie Siegern und 465 Besiegten zu sein pflegt. Auch jetzt werden sie nicht fechten, weil sie Muth haben, sondern weil sie müssen; wenn ihr nicht etwa glauben wollt, daß Leute, die mit ihrem vollständigen Heere der Schlacht auswichen, nachdem sie beim Übergange über die Alpen zwei Drittel an Fußvolk und Reuterei verloren haben, – denn es sind ja beinahe mehr umgekommen, als noch am Leben – bessere Aussichten gewonnen hätten. Aber, sagt man, Wenige sind ihrer zwar, allein diese sind so munter an Geist und Körper, daß alle Tapferkeit ihrer Kraft und Stärke kaum widerstehen kann. Menschliche Gestalten, Schatten sind sie; ausgemergelt sind sie von Hunger, Kälte, Unreinlichkeit und Schmutz; an Felsen und Klippen zerstoßen und gelähmt. Außerdem sind ihnen Finger und Zehen verfroren, die Nerven vom Schnee steif, die Glieder vor Kälte erstarrt, ihre Waffen wackelig und zerbrochen, ihre Pferde lahm und elend. Mit solch einer Reuterei, und solch einem Fußvolke werdet ihr fechten; die letzten Überbleibsel der Feinde, nicht die Feinde, werdet ihr vor euch haben. Und ich fürchte nichts mehr, als daß, wenn ihr gefochten habt, schon die Alpen den Hannibal besiegt zu haben scheinen werden. Doch vielleicht wollte es die Schicklichkeit so, daß einem Kriege mit einem bundbrüchigen Feldherrn und Volke die Götter selbst, ohne alles menschliche Zuthun, den Anfang und den Ausschlag gaben, und wir, die wir nächst den Göttern die Beleidigten sind, nach diesem ihm gegebenen Anfange und Ausschlage ihn endigen mußten.» 41. «Ich fürchte nicht, daß jemand glauben werde, ich redete in diesem hohen Tone, um euch Muth zu machen, in der That aber sei mir dabei ganz anders ums Herz. Es stand mir ja frei, mit meinem Heere auf den mir angewiesenen Kriegsschauplatz, nach Spanien zu gehen, wohin ich schon abgegangen war, wo ich nicht nur an meinem Bruder einen Theilnehmer meiner Entwürfe und Begleiter in der Gefahr, sondern auch statt Hannibals lieber den Hasdrubal mir gegenüber gehabt hätte, und unstreitig einen weniger lastenden Krieg. Gleichwohl 466 landete ich, als ich mit meiner Flotte an Galliens Küsten vorbeisegelte, sobald ich von diesem Feinde hörte, sandte meine Reuterei voraus und rückte mit meinem Lager an die Rhone. Im Gefechte der Reuterei, des einzigen Theils meiner Truppen, mit welchem es mir dem Feinde beizukommen gelang, habe ich ihn geschlagen: weil ich den Zug seines Fußvolks, das mit einer fluchtähnlichen Schnelligkeit weiter getrieben wurde, zu Lande nicht erreichen konnte, so schiffte ich mich wieder ein und kam ihm, so schnell es mir bei einem solchen Umwege über Meer und Land möglich war, am Fuße der Alpen entgegen. Läßt es sich denken, daß ich diesem furchtbaren Feinde, ich, der Ausweichende, gegen alle Erwartung, aufgestoßen sein sollte? oder bin ich es nicht, der ihm auf seiner Spur entgegentritt, ihn auffordert und zum Schlagen zwingt? Ich wünschte doch zu erfahren, ob die Erde seit zwanzig Jahren auf Einmal andre Carthager hervorgebracht hat, oder ob sie noch dieselben sind, die bei den Ägatischen Inseln fochten und die ihr, den Mann zu achtzehn Denaren berechnend, von Eryx abziehen ließet: ob dieser Hannibal , wie er sich rühmt, in seinen Zügen es mit dem Hercules aufnimmt, oder ob ihn sein Vater als einen dem Römischen Volke zinsbaren und steuerpflichtigen Dienstmann hinterlassen hat. Jagte ihn nicht der an Sagunt verübte Frevel in der Welt herum, so würde er wahrlich, wenn auch nicht auf sein besiegtes Vaterland, wenigstens auf sein Haus und seinen Vater zurückblicken und auf die von Hamilcars Hand geschriebenen Verträge; eben des Hamilcar, der auf unsres Consuls Befehl die Besatzung von Eryx abführte, der sich die drückenden, den besiegten Carthagern auferlegten Bedingungen heulend und jammernd gefallen lassen mußte, der sich zur Räumung Siciliens, zu baren Zahlungen an das Römische Volk verstand.» «Deswegen wünschte ich, Soldaten, daß ihr nicht bloß mit eurem gewöhnlichen Muthe, wie gegen andre Feinde, fechten möchtet, sondern mit einer Art von 467 Unwillen und Empörung, so wie, wenn ihr plötzlich eure Sklaven gegen euch in den Waffen stehen sähet. Wir konnten sie, die in Eryx Eingesperrten, durch die schmählichste Marter, die Menschen treffen kann, durch Hunger umkommen lassen: wir konnten unsre siegreiche Flotte nach Africa hinübergehen lassen und in wenig Tagen ohne Schwertschlag Carthago vertilgen. Wir verziehen den Bittenden; wir entließen sie aus der Belagerung, machten mit den Besiegten Frieden und sahen sie, als sie nachher im Africanischen Kriege bedrängt waren, als unsre Schützlinge an. Zur Dankbarkeit kommen sie, einen wüthenden Jüngling an ihrer Spitze, und fallen unser Vaterland an.» «Und wollte Gott! diese Schlacht würde bloß für unsre Ehre, nicht für unsre Rettung gefochten. Nicht um den Besitz Siciliens und Sardiniens, worauf es ehemals ankam, sondern für Italien habt ihr zu kämpfen, und es steht kein andres Heer uns im Rücken, welches dem Feinde, wenn wir ihn nicht besiegen, entgegen träte; auch giebt es keine Alpen weiter, die sie zu übersteigen hätten, während wir neue Truppen zusammenbringen könnten. Hier müssen wir Stand halten, Soldaten, als stritten wir vor den Mauern Roms. Jeder denke sichs jetzt, daß er mit seinen Waffen nicht bloß seine Person, sondern seine Gattinn und zarten Kinder vertheidigt, und beschränke sich nicht bloß auf diese Sorge für sein Haus, sondern rufe sich den Gedanken immer wieder in die Seele zurück, daß auf unsern Arm jetzt die Augen des Römischen Senats und Volks gerichtet sind, und daß mit unserm Wirken und unsrer Tapferkeit das künftige Schicksal jener Stadt und der Römischen Oberherrschaft in Verhältniß stehen werde.» 42. So sprach auf Seiten der Römer der Consul. Hannibal, welcher glaubte, seine Soldaten, ehe er redete, durch Handlungen ermuntern zu müssen, ließ in der Mitte seines als Zuschauer einen Kreis schließenden Heeres gefangene Bergbewohner in Fesseln aufstellen, diesen dann Gallische Waffen vor die Füße werfen und sie durch einen 468 Dollmetscher befragen: «Ob jemand Lust habe, wenn man ihm die Fesseln abnähme, und ihm, falls er siegte, Waffen und Pferd geschenkt würden, zum Zweikampfe aufzutreten.» Als sie insgesamt Schwert und Kampf verlangten und die Lose zu diesem Zwecke gemischt waren, so wünschte Jeder unter denen zu sein, die das Schicksal zu diesem Kampfe beschiede. So wie eines Jeden Los heraussprang, griff er flink, unter den ihm Glück Wünschenden vor Freude hüpfend, und in Tanzsprüngen nach seiner Landessitte, mit Hastigkeit zu den Waffen. Und als sie nun fochten, da fühlten sich nicht nur ihre Mitgefangenen, sondern auch die Zuschauer allgemein so gestimmt, daß sie die eines so schönen Todes Sterbenden eben so glücklich priesen, als die Sieger. 43. Als er sie mit diesem Eindrucke, nachdem sie mehreren Paren zugesehen, entlassen hatte, soll er vor der nun erst berufenen Versammlung so geredet haben: «Wenn ihr dieser Stimmung, die ihr vor dem Spiegel eines fremden Loses äußertet, auch in der Würdigung eures eignen Schicksals treu bleibt; Soldaten, so ist der Sieg schon unser: denn was ihr gesehen habt, war nicht ein bloßes Schauspiel, sondern, ich möchte sagen, die bildliche Darstellung eurer Lage. Und ich weiß nicht, ob nicht euch das Schicksal mit stärkeren Zwangsmitteln und dringenderer Noth umgeben hat, als eure Gefangenen. Zur Rechten und Linken sperren uns zwei Meere die Flucht, da wir selbst nicht einmal zu dieser Flucht ein einziges Schiff im Besitze haben. Vor uns haben wir den Po, und dieser Po ist ein größerer und reißenderer Strom, als die Rhone: an unsern Rücken schließen sich die Alpen, die ihr kaum bei voller Kraft und Munterkeit überstieget. Hier, Soldaten, wo ihr zuerst an den Feind kommt, müssen wir siegen oder sterben. Und dasselbe Schicksal, welches euch die Nothwendigkeit zu fechten auferlegt hat, hält euch als Siegern Belohnungen vor, die sich die Menschen von den unsterblichen Göttern selbst nicht ansehnlicher zu wünschen pflegen. Wollten wir durch unsre Tapferkeit bloß Sicilien und Sardinien 469 wieder erobern, die man unsern Vätern entriß, so würde dieser Preis dennoch ansehnlich genug sein. So aber wird Alles, was die Römer je in so vielen Triumphen errungen und zusammengetragen haben, samt den Besitzern euer sein. Auf! zu einem so überschwenglichen Lohne greift unter dem segnenden Beistande der Götter zu den Waffen! Lange genug seid ihr auf den wüsten Gebirgen Lusitaniens und Celtiberiens, wo ihr bloß auf Heerden Jagd machen konntet, für eure so vielen Beschwerden und Gefahren ohne allen Genuß geblieben: es ist Zeit, daß ihr einträglichere und bereichernde Dienstjahre habt, und von eurer Mühe einen ansehnlichen Lohn erntet, da ihr einen solchen Zug über so viele Gebirge und Ströme und durch so viele bewaffnete Völker zurück gelegt habt. Hier hat euch das Schicksal das Ziel eurer Arbeiten beschieden; hier wird es euch die überstandnen Dienstjahre würdig vergelten.» «Auch müsset ihr nicht glauben, daß der Sieg so schwer sei, als der große Name dieses Krieges erwarten läßt. Oft hielt ein verachteter Feind einem blutigen Kampfe Stand, und berühmte Völker und Könige wurden durch einen sehr geringen Kraftaufwand besiegt. Rechnet ihr diesen einzigen Glanz des Römischen Namens ab, was wäre dann noch, warum sie mit euch verglichen werden könnten? Ohne eurer zwanzig Jahre im Dienste, begleitet von einer solchen Tapferkeit, von einem solchen Glücke, zu erwähnen, seid ihr doch von Hercules Säulen, vom Oceane und den äußersten Gränzen der Erde, durch so viele, so trotzige Völker Spaniens und Galliens, siegend hieher gekommen. Fechten werdet ihr mit einem Heere von Neulingen, das noch in diesem Sommer von Galliern sich schlagen ließ, besiegt und eingeschlossen wurde; das seinem Feldherrn noch unbekannt ist, und den Feldherrn nicht kennt. Oder soll ich mich, der ich im Hauptzelte meines Vaters, eines so berühmten Feldherrn, ich möchte sagen, geboren, wenigstens doch erzogen bin, den Bezwinger Spaniens und Galliens, und eben so den Sieger nicht bloß der Alpenvölker, sondern, 470 was ungleich mehr ist, der Alpen selbst, mit diesem halbjährigen Anführer vergleichen, der seinem Heere entlief? Wenn ihm, noch heute, jemand die Punier und Römer ohne Fahnen vorführte, so bin ich überzeugt, er würde nicht wissen, bei welchem von beiden Heeren er Consul sei. Das ist in meinen Augen keine Kleinigkeit, ihr Soldaten, daß unter euch nicht Einer ist, vor dessen Augen ich nicht oft eine Kriegerthat vollbracht hätte, und dem ich nicht eben so, als Zuschauer und Zeuge seiner Tapferkeit, mit Bemerkung der Zeit und des Orts seine Ehrenthaten aufzählen könnte. Mit euch, die ihr unzähligemal von mir belobt und beschenkt wurdet, will ich, eurer Aller Zögling früher, als Feldherr, zur Schlachtreihe gegen Leute auftreten, die ihren Mitsoldaten eben so unbekannt, als diese ihnen fremd sind.» 44. «Wo ich meine Blicke umhergehen lasse, sehe ich Alles voll Muth und Kraft; ein Fußvolk aus Altkriegern; eins Reuterei, mit und ohne Zügel, aus den edelsten Völkern; euch Bundesgenossen, eben so treu als tapfer; in euch Carthagern die Männer, die nicht bloß um ihres Vaterlandes willen, sondern auch aus einer höchst gerechten Erbitterung kämpfen werden. Den Krieg eröffnen wir, und als die Angreifenden steigen wir nach Italien hinab, auf Kühnheit und Tapferkeit im Gefechte so viel mehr gefaßt, je mehr der Angreifende an Hoffnung und Muth vor dem sich Vertheidigenden gewöhnlich voraus hat. Außerdem befeuern und spornen unsern Muth Schmerz, Kränkung und Unwille. Ausgeliefert wollten sie uns haben, zur Todesstrafe; zuerst mich, den Feldherrn, dann euch Alle, die ihr Sagunt belagert hättet; und die Ausgelieferten würden sie mit den schmählichsten Martern belegt haben. Dies grausamste und übermüthigste Volk will allenthalben besitzen, allenthalben entscheiden. Mit wem wir Krieg, mit wem wir Frieden haben sollen, dies zu bestimmen, gebührt nach seiner Meinung ihm; es engt und schließt uns in Gränzen von Gebirgen und Flüssen ein, die wir ja nicht überschreiten sollen; und doch läßt es die Gränzen, die es setzte, selbst 471 nicht gelten Um das Gespräch zwischen den Römern und Hannibal so viel besser anzudeuten, setze ich die Buchstaben R. und H. voran. . R.  Daß du nicht über den Ebro gehst! daß du dich nicht an den Saguntinern vergreifst! «H. Sagunt liegt noch am Ebro. R.  Du sollst dich überhaupt nicht vom Flecke bewegen! H.  Ist es nicht genug, daß du mir meine uralten Provinzen Sicilien und Sardinien nimmst? nun nimmst du auch Spanien? und räume ich dies, so wirst du nach Africa hinübergehen. Wirst, sage ich, noch hinübergehen? Schon haben sie die beiden Consuln dieses Jahrs, den Einen nach Africa, den Andern nach Spanien gehen lassen. Nirgendwo bleibt uns das Mindeste übrig, außer was wir mit den Waffen behaupten. Sie mögen die Feigen und Muthlosen sein, da sie zurückblicken können, da sie ihr eigner Boden, ihr Vaterland von der Flucht über sichere und friedliche Wege in Empfang nehmen wird: euch gebietet die Noth Helden, zu sein, und da ihr zwischen Sieg oder Tod nichts als den Abgrund in offenbarer Verzweiflung vor euch seht, entweder zu siegen, oder, sollte das Glück Anstand nehmen, lieber in der Schlacht, als auf der Flucht, den Tod willkommen zu heißen. Ist dies eure feste Überzeugung und Vorsatz, so sage ich noch einmal: Ihr habt schon gesiegt. Ein wirksameres Hülfsmittel zum Siege, als die Verachtung des Lebens, haben die unsterblichen Götter dem Menschen nicht gegeben Nullum momentum ad vincendum cet. Drakenb. ]. – Man sehe bei Drakenborch die mancherlei Versuche der Herausgeber, diese verunglückte Stelle zu berichtigen. Valla schlug vor: Nullum incitamentum ad vincendum. J. Fr. Gronov: Nullum momentnm ad vinc. Jak. Gronov: Nullum contemtu sui ad vinc; oder auch: Nullum eo telum ad vinc. Der letztern Lesart folgte Stroth, ob er gleich selbst lieber: Nullum contemtu mortis telum ad vinc. lesen möchte. Von dem Worte telum findet sich, wie J. Fr. Gronov meinte, in den Msc. auch nicht eine Spur, daher es Jak. Gronov und Stroth voran (nullum eo telum ad vinc.), die meisten Editoren aber ans Ende stellen, wenn sie so lesen: a diis immortalibus acrius telum datum est. Die Vorschläge der früheren Herausgeber sind meistens mit wichtigen Gründen von den späteren widerlegt. Da sich indeß Drakenborch und Stroth gegen Jak. Gronovs vorgeschlagene Lesart: Nullum eo telum nicht abgeneigt erklären, so glaube ich, sie thun dies nur aus einem Nothbehelfe: denn es geht kein Substantivum voran, worauf sich dies eo beziehen könnte; und den ganzen vorhergehenden Satz: Si hoc bene fixum omnibus destinatumque in animo est, oder das noch entferntere mortem obpetere zu dem Subjecte zu machen, das mit diesem eo in Beziehung stünde, scheint mir zu gesucht; und wenn ich es auch so erklären wollte: nullum telum hoc telo acrius datum est, so läßt sich noch fragen, worauf das hoc telo bezogen werden soll. Ich wage den Versuch, aus der ältesten Lesart mehrerer Palatinischen Handschriften, die uns Gebhard aufbehalten hat, mit denen noch andre bei Drakenb. übereinstimmen, den Text wieder herzustellen. Diese lesen so: Nullum contemtu ad vincemtum homi nem a diis imm. acrius datum est. Daß m und ui oft mit einander verwechselt werden, zeigt J. Gronov selbst in unsrer Stelle. Und daß bei contemtu ein Substantiv im Genitive weggelassen sei, ist so auffallend, daß Stroth deswegen auf die Lesart nullum contemtu mortis, Gronov auf contemtu sui verfiel: Gebhard aber sagt geradezu in der Erklärung unsrer Stelle: Dicit Hannibal, contemtu vitae ac desperatione nihil efficacius esse ad acquirendam victoriam. Dies vitae fiel zwischen nullum und contemtu aus, es mag nun uitae oder uite geschrieben gewesen sein, weil es, mit dem um in nullum und dem c in contemtu zusammengelesen, gleich viel Hauptstriche hat, so daß seine ersten Buchstaben uit von dem u und den beiden ersten Strichen des m in nullum, und das æ von dem letzten Striche des m und dem ersten Buchstaben in contemtu verschlungen wurden. Das Wort hominem aber zeigt uns die Spur, wo eigentlich das Wort telum stand. Statt h om i tel u (welches homini telum heißen sollte) las der Abschreiber homitem, und weil er sein homo besser decliniren zu können glaubte, hominem. Ich würde also die ganze Stelle so ordnen: Nullum vitae contemtu ad vincendum homini telum ab diis immortalibus acrius datum est. Es stände dann zwischen homini und ab diis imm. nur das einzige Wort telum, in derselben Ordnung, wie oben Cap. 43, 5. quibus ampliora homines ne ab diis quidem immortalibus optare solent. . 472 45. Als auf beiden Seiten der Muth der Soldaten durch diese Ermunterungen zum Kampfe angefeuert war, schlugen die Römer eine Brücke über den Ticinus, und warfen zur Behauptung der Brücke eine Schanze daneben auf. Während den Feind diese Arbeit beschäftigte, schickte der Punische Fehlherr den Maharbal mit dem einen Flügel der Numider von fünfhundert Mann Reuterei, das Gebiet der Römischen Bundesgenossen zu verheeren. Er hieß sie der Gallier so viel als möglich schonen, und die Vornehmeren zum Abfalle auffordern. Als die Brücke fertig war, setzte sich das ins Gebiet der Insubren hinübergeführte Heer fünftausend Schritte von Victumuli. Hier hatte Hannibal sein Lager, und da er bei dem offenbar herannahenden Kampfe den Maharbal und die Reuterei eilends zurückgerufen hatte, verhieß er seinen Soldaten in der Überzeugung, daß um sie zu ermuntern nie genug gesagt und vorerinnert werden könne, vor einer berufenen Versammlung sichere Belohnungen, die sie von diesem 473 Kampfe zu hoffen haben sollten. «Er wolle ihnen Ländereien geben, in Italien, Africa, Spanien, wo sie sich Jeder wünschen möchte, und zwar abgabenfrei für den Empfänger und seine Kinder. Wer lieber Barschaft haben wollte, als Land, den werde er mit Geld befriedigen. Wer von den Bundsgenossen Carthagischer Bürger werden wolle, dem werde er dazu verhelfen. Sollten Andre lieber nach Haus zurückgehen wollen, so werde er dafür sorgen, daß sie mit keinem ihrer Landsleute in Ansehung ihrer Glücksumstände sollten tauschen wollen.» Auch den Sklaven, die ihren Herren gefolgt waren, versprach er die Freiheit, und den Herren für jeden von ihnen zwei Leibeigene. Und damit sie sich hierauf verlassen könnten, rief er, in der linken Hand ein Lamm, in der Rechten einen Kiesel haltend, den Jupiter und die übrigen Götter auf, ihn selbst eben so zu erschlagen, wie er jetzt dies Lamm erschlüge, und zerschmetterte nach dieser Anrufung mit dem Steine des Thieres Haupt. Da verlangten sie Alle, gleich als hätten sich Jedem die Götter selbst zu Bürgen seiner Hoffnung gegeben, überzeugt, daß bloß der Umstand, daß sie noch nicht föchten, die Erfüllung ihrer Hoffnungen verspäte, einmüthig und einstimmig die Schlacht. 46. Bei den Römern herrschte keinesweges eine solche Munterkeit, da sie noch dazu jetzt eben durch ungünstige Vorzeichen geschreckt waren. Denn es war nicht allein ein Wolf in das Lager gelaufen, und nachdem er Alle, die ihm aufstießen, zerrissen hatte, selbst unbeschädigt entkommen, sondern es hatte sich auch auf einem Baume, der nahe am Feldherrnzelte stand, ein Bienenschwarm niedergelassen. Scipio, der nach Beseitigung dieser Zeichen mit der Reuterei und leichten Wurfschützen ausgerückt war, um das feindliche Lager und die Ich lese mit Gronov und Crevier: profectus, ad castra hostium ex propinquo copiasque, quantae u. s. w. Auch Stroth tritt der Lesart ex propinquo, die sich wirklich in Handschriften findet, bei, lässet aber das que (das doch wegen des gleich folgenden qu in quantae so leicht ausfallen konnte) ganz weg, und eben dadurch den Satz ohne Verbindung. Stärke und Beschaffenheit der Truppen in der Nähe zu beobachten, stieß auf 474 den Hannibal, der ebenfalls mit Reuterei ausgezogen war, sich mit der Gegend bekannt zu machen. Beide blieben sich anfangs einander unentdeckt: bald aber wurde der vom Marsche so vieler Menschen und Pferde sich erhebende dicke Staub das Zeichen von der Annäherung der Feinde. Beide Züge machten Halt und schickten sich zum Treffen an. Scipio stellte die Wurfschützen und die Gallischen Reuter voran, die Römer und den Kern der Bundestruppen in den Rückhalt. Hannibal nahm die Reuterei mit Zügeln in die Mitte; seine Flügel sicherte er durch die Numider . Kaum war das Schlachtgeschrei erhoben, so flüchteten die Wurfschützen auf ihren Rückhalt. Nun war das Gefecht in der zweiten Linie. Inter subsidia ad secundam aciem]. – Einige Kritiker sehen die Worte ad subsidia, andre die ad secundam aciem für Einschiebsel der Glossatoren an; und Eins von beiden müßte man auch ausfallen lassen, wenn man das Punctum oder Kolon vor dem Worte inde beibehalten wollte. Ich glaube, die Stelle muß nur richtig interpungirt werden, nämlich so: iaculatores fugerunt inter subsidia. Ad secundam aciem inde equitum certamen erat, aliquamdiu anceps. Und nach dieser Abtheilung habe ich übersetzt. Die Worte ad secundam aciem verbinde ich nicht mit equitum, sondern erkläre mir den Zusammenhang so: ad secundam deinde aciem certamen, quod antea equites (Poeni frenati) et pedites (iaculatores Romani) miscuerant, ad solos equites transierat, iam equitum solum erat, et ibi quidem aliquamdiu anceps. Ich gebe den Worten ad secundam aciem den Sinn: in secunda acie, wie ad urbem esse so oft nichts anders heißt, als in urbe; ad hostes esse nichts weiter, als apud hostes. Man sehe außer Ernesti Glossar. Liv. die von Drakenb. zu VII. 7, 4. gehäufte Menge vom Beispielen aus Livius selbst und Cicero, und die angeführten Stellen, wo er noch auf mehrere verweiset. die Sache der Reuterei, und eine Zeitlang unentschieden. Dann aber focht man, da so viele von den Pferden fielen, weil das eingedrungene Fußvolk die Pferde scheu machte, oder auch, wenn sie die umzingelten Ihrigen in Noth sahen, von den Pferden herabsprangen, großentheils schon zu Fuß; bis endlich die Numider, die auf den Flügeln standen, nach einer kleinen Abbeugung sich im Rücken zeigten. Hier geriethen die Römer in Bestürzung; und diese vermehrte sich noch durch die Wunde des Consuls und seine Gefahr, die aber durch die Dazwischenkunft seines Sohnes, eines damals noch reifenden Jünglings, abgewandt wurde. Dieser junge Mann wird in der Folge derselbe sein, dem die Ehre zu 475 Theile wird, diesen Krieg geendet zu haben, und der wegen seines ausgezeichneten Sieges über Hannibal und die Punier der Africaner genannt wurde. Indeß die in voller Flucht Fortstürzenden waren hauptsächlich die Wurfschützen, die von den Numidern als erstes Glied angegriffen waren. Die übrige Reuterei brachte in geschlossener Ordnung ihren in die Mitte genommenen Consul, nicht bloß mit ihren Waffen, sondern auch mit ihren Körpern ihn schützend, ins Lager zurück, ohne irgendwo in Unordnung oder aus einander gesprengt zu weichen. Die Ehre, den Consul gerettet zu haben, theilet Cölius einem Sklaven zu, einem gebornen Ligurier. Ich möchte lieber, daß die Wahrheit sie dem Sohne zuspräche, was sich auch theils bei den meisten Geschichtschreibern findet, theils in der allgemeinen Sage erhalten hat. 47. Dies war das erste Treffen mit Hannibal, aus welchem sich beides leicht ergab, daß die Punier an Reuterei überlegen, und daß eben darum die offenen Ebenen, wie es sie zwischen dem Po und den Alpen giebt, den Römern zur Führung des Krieges nicht angemessen wären. Also ließ Scipio in der nächsten Nacht seine Truppen, die ihre Sachen ohne Aufruf zusammenpacken mußten, das Lager am Ticinus abbrechen, und eilte zum Po, um sie vermittelst der noch stehenden Schiffbrücke, die er über den Fluß geschlagen hatte, ohne alle Unordnung und Verfolgung vom Feinde, überzusetzen. Sie kamen auch früher nach Placentia, als Hannibal mit Sicherheit wußte, daß sie vom Ticinus aufgebrochen wären; doch machte er noch am diesseitigen Ufer an sechshundert Säumige, welche die Schiffbrücke nicht schnell genug abbrachen, zu Gefangenen. Selbst über diese zu gehen gelang ihm nicht, weil die ganze Schiffbrücke, sobald das Ende abgelöset war, in den treibenden Strom hinabsank. Cölius berichtet, Mago sei mit der Reuterei und dem Spanischen Fußvolke sogleich durch den Fluß geschwommen; Hannibal selbst habe weiter aufwärts an seichten Stellen des Po sein Heer, vor welchem er, um die Gewalt des Stromes zu brechen, die 476 Elephanten in Reihen aufgepflanzt habe, durchgeführt. Dies läßt sich, wenn man den Strom kennt, kaum glauben. Denn einmal ist es nicht wahrscheinlich, daß sich die Reuterei, ohne ihre Waffen und Pferde preiszugeben, durch einen so reißenden Strom habe durcharbeiten können, selbst wenn aufgeblasene Schlauche die sämtlichen Spanier hinübergetragen hätten: und dann hätte man die Untiefen des Po, wo ein Heer mit schwerem Gepäcke hätte durchgehen sollen, durch einen Umweg von vielen Tagesmärschen suchen müssen. Ich pflichte lieber den Angaben bei, daß die Punier zu einer Schiffbrücke über den Strom kaum in zwei Tagen eine Stelle fanden, und über diese die leichte Spanische Reuterei mit dem Mago voraufgehen ließen. Indeß Hannibal, den die Anhörung Gallischer Gesandschaften in der Nähe des Flusses verweilte, sein schweres Fußvolk übersetzen ließ, gelangte die mit dem Mago über den Strom gegangene Reuterei in Einem Tagesmarsche nach Placentia an den Feind. Wenig Tage nachher legte Hannibal sechstausend Schritte von Placentia ein Lager an, und zeigte sich den Tag darauf den Feinden, vor deren Augen er seine Schlachtordnung aufstellte, zum Treffen bereit. 48. In der folgenden Nacht veranlasseten im Römischen Lager die Gallischen Hülfstruppen ein Gemetzel, das aber mehr lärmend, als der Sache nach wichtig war. An zweitausend Mann Fußvolk und zweihundert Reuter hieben an den Thoren die Wachen nieder und gingen zum Hannibal über, der sie, nach einer freundlichen Anrede unter Verheißung ansehnlicher Geschenke, Jeden in seine Vaterstadt entließ, wo sie ihre Landsleute aufwiegeln sollten. Scipio, der in diesem Gemetzel das Zeichen zum Abfalle der sämtlichen Gallier zu sehen glaubte, und daß sie durch diesen Frevel, an dem sie Alle Theil nähmen, gleichsam von Wuth befallen, zu den Waffen greifen würden, brach in der folgenden Nacht um die vierte Wache, so schwer er seiner Wunde wegen weiter zu bringen war, in aller Stille nach dem Flusse Trebiä auf, und zog in eine 477 höhere Gegend und auf Hügel, die der Reuterei den Angriff schwerer machten. Diesmal aber entkam er nicht so unbemerkt, als am Ticinus; und Hannibal würde durch seine vorausgeschickten Numider, und dann durch seine ganze Reuterei vorzüglich den Nachtrab übel zusammengeworfen haben, hätte nicht die Numider ihre Gier nach Beute seitwärts auf das ledige Römische Lager abgeleitet. Während sie hier mit Durchsuchung jedes Winkels im Lager, ohne allen diese Verspätung aufwiegenden Lohn, die Zeit hinbrachten, verloren sie den Feind aus den Händen, und tödteten, als sie schon sahen, daß die Römer über den Trebia gegangen waren und ein Lager absteckten, nur einige Verspätete, welche sie diesseit des Flusses umzingelten. Scipio, dem die längere Beunruhigung seiner Wunde auf einem stoßenden Wege unerträglich wurde, und der auch seinen Amtsgenossen erwarten zu müssen glaubte – auch hatte er ja die Zurückberufung desselben aus Sicilien schon erfahren – verschanzte sich auf einem ausgesuchten Platze, der ihm in der Nähe des Flusses zu einem Standlager am sichersten schien. Und Hannibal, nachdem er sich in der Nähe gelagert hatte; nicht stolzer auf seinen Sieg mit der Reuterei, als in Unruhe über den Mangel, der ihm auf dem Marsche durch Feindesland, ohne alle zur Versorgung getroffene Vorkehr, mit jedem Tage drückender bevorstand; schickte ein Kohr auf Clastidium, einen Flecken, wo die Römer eine große Menge Getreides zusammengefahren hatten. Hier wurde den Puniern , als sie Sturm laufen wollten, Hoffnung zum Verrathe gemacht, und für einen geringen Preis, für vierhundert Goldstücke Die Römer hatten damals noch kein geprägtes Gold, wohl aber das durch Handel reiche Carthago. In der Berechnung giebt man dem späteren Römischen Goldstücke ungefähr den Werth von 3½ Thaler: dies betrüge hier 1400 Thaler. Crevier aber nimmt Attische Didrachmen an, das Stück zu 6 Thlr. Dies gäbe 2400 Thlr. In beiden Fällen bleibt es eine unbedeutende Summe für ein Magazin, von dem ein ganzes Heer einige Wochen lang lebt. , womit sich der Befehlshaber der Besatzung, Dasius, ein Brundusiner, bestechen ließ, wurde dem Hannibal Clastidium übergeben. Dies war die Kornkammer der Punier, so lange sie am Trebia lagen. Die Gefangenen von der übergebenen Besatzung behandelte man, weil man sich anfangs in den Ruf der Gelindigkeit setzen wollte, gar nicht mit Härte. 49. Als der Landkrieg am Trebia Halt machte, hatten sich unterdessen die Römer in der Gegend von Sicilien und den an Italien liegenden Inseln, sowohl unter dem Consul Sempronius, als auch schon vor seiner Ankunft, zu Lande und zu Meere thätig gezeigt. Von zwanzig Fünfruderern, welche die Carthager mit tausend Mann Truppen zur Verheerung der Italiänischen Küste aussandten, hatten neun die Liparen, acht die Insel des Vulcan erreicht: drei wurden von der Fluth in die Meerenge verschlagen. Sobald man diese Schiffe von Messana aus gewahr wurde, ließ der Syracusanische König Hiero, der sich gerade, den Römischen Consul zu erwarten, in Messana befand, zwölf Schiffe auslaufen, von welchen jene ohne Widerstand genommen und im Hafen zu Messana aufgebracht wurden. Von den Gefangenen erfuhr man, daß außer dieser gegen Italien abgeschickten Flotte von zwanzig Schiffen, zu der sie selbst gehörten, noch fünfunddreißig andere Fünfruderer auf Sicilien steuerten, um ihre ehemaligen Bundsgenossen auf ihre Partei zu ziehen. Ihr vorzüglichstes Augenmerk sei, Lilybäum zu überrumpeln: aber auch diese Flotte werde von eben dem Sturme, der die ihrige zerstreuet habe, an die Ägatischen Inseln geworfen sein. Der König schrieb Alles, der Aussage gemäß, an den Prätor Marcus Ämilius, dem die Verwaltung Siciliens gehörte, und rieth ihm, sich Lilybäums durch eine starke Besatzung zu versichern. Sogleich schickte der Prätor theils in die Städte seine Unterfeldherren und Obersten umher, um seinen Leuten die sorgfältigste Hut einschärfen zu lassen; vorzüglich sollten sie sich Lilybäums versichert halten; wobei sie den Befehl bekannt machen mußten, die Seeleute sollten außer dem Kriegsgeräthe auf zehn Tage gekochte Speisen an Bord nehmen; es sollte sich auf das 479 gegebene Zeichen Jeder ungesäumt einschiffen Extemplo et circa a praetore cet.] – Der Prätor schickt theils seine hohen Officiere in die Städte umher mit auszurichtenden Befehlen, theils Andere (geringere Leute) an die ganze Küste, um in die Ferne zu sehen. Diese beiden theils folgen so natürlich, daß man gleich, wie Livius angefangen hatte: Extemplo et, ein nachher folgendes et vermuthen mußte. Dies et ist auch wirklich dagewesen; es ist nur über die Silbe et im Worte facer et von den Abschreibern übersehen. Sie wollten ihr Versehen durch das dem Worte per angehängte que wieder gut machen. Allein in 10 Msc. fehlt dies que. Also Rechtsgrundes genug, es zu verdammen. Das Wort erant, welches schon in dieser Verbindung: per omnem oram qui erant – Allen verdächtig ist, obgleich Hr.  Walch es sehr gut vertheidigt, fehlt nicht allein in den besten, sondern auch in den meisten Handschriften, und ist schon von Gronov, Drakenb. u. A. verworfen. Die Stelle hat also nichts Schwieriges, wenn man sie in diesem Zusammenhange lieset: Extemplo et circa a praetore ad civitates missi legati tribunique, qui (nun kommen die Aufträge, die für Legaten und Tribunen gehören): et per omnem oram (scil. multi, ignobiliores), qui ex speculis prospicerent adventantem hostium classem. : theils Andre an der ganzen Küste umher, um von den Wachthöhen die ankommende feindliche Flotte früh genug zu entdecken. Sobald man sie also, obgleich die Carthager mit Fleiß langsamer segelten, um vor Tage bei Lilybäum anzukommen, dessenungeachtet vorher gewahr wurde, weil der Mond die ganze Nacht schien und sie mit aufgesteckten Segeln kamen; gab man sogleich von den Wachthöhen das Zeichen, rief in der ganzen Stadt zu den Waffen und schiffte sich ein; und die Soldaten standen schon entweder auf den Mauern und an den Thoren auf ihren Posten, oder auf den Schiffen. Auch hielten sich die Carthager, weil sie sahen, daß sie nicht mit Unvorbereiteten zu thun haben würden, bis an den Morgen vom Hafen entfernt, indem sie diese Zeit mit Beilegung der Segel hinbrachten, und sich mit der Flotte zur Schlacht anschickten. Als es Tag wurde, zogen sie die Flotte auf die Höhe zurück, um selbst zur Schlacht Platz zu haben und den feindlichen Schiffen das Auslaufen aus dem Hafen frei zu lassen. Und die Römer, voll Zuversicht theils auf jenen Sieg, an welchen gerade diese Gegend sie erinnerte Durch seinen entscheidenden Sieg bei den Ägatischen Inseln, Lilybäum gegenüber, hatte Consul Cajus Lutatius Catulus dem ersten Punischen Kriege ein Ende gemacht. , theils auf die Menge und Tapferkeit ihrer Truppen, nahmen die Schlacht an. 480 50. Als sie auf die Höhe hinausgesegelt waren, wollten die Römer zum Gefechte anlegen und mit dem Feinde sich in der Nähe messen; die Punier hingegen wichen aus, wollten sich nur auf Kunst, nicht auf Tapferkeit, einlassen, und das Ganze mehr zu einem Kampfe der Schiffe machen, als der Männer und Waffen. Denn war gleich ihre Flotte hinlänglich mit Seeleuten besetzt, so war sie doch mit Soldaten schwach bemannet, und sobald sich eins ihrer Schiffe einließ, war die Anzahl seiner Fechtenden der feindlichen durchaus nicht gleich. Sobald dies bemerkt wurde, erhöhete den Römern ihre Menge den Muth, und jenen sank er bei ihrer geringen Zahl. Sogleich wurden sieben Punische Schiffe umringt, die übrigen ergriffen die Flucht. Tausend siebenhundert Mann, Soldaten und Seeleute, wurden auf diesen Schiffen genommen, und unter ihnen drei vornehme Carthager. Die Römische Flotte lief wohlbehalten, da ihr nur Ein Schiff durchbohrt war, welches aber gleichfalls mit zurückkam, wieder in den Hafen. Nach dieser Schlacht, von der man aber zu Messana noch nichts gehört hatte, kam der Consul Tiberius Sempronius zu Messana an. Als er in die Meerenge einlief, fuhr ihm König Hiero mit seiner festlich geschmückten Flotte entgegen; und als er aus seinem königlichen Schiffe auf das Admiralschiff übergegangen war, setzte er ihm nach abgestattetem Glückwunsche zu seiner glücklichen Ankunft mit Heer und Flotte, und feierlicher Anwünschung einer gesegneten und erfreulichen Überfahrt nach Sicilien, den Zustand der Insel und die Versuche der Carthager aus einander: dann versprach er, mit eben der Gesinnung als Greis den Römischen Stat zu unterstützen, womit er ihn im vorigen Kriege als Jüngling unterstützt habe. Getreide und Kleidung wolle er den Legionen des Consuls und den Seeleuten unentgeldlich liefern. Endlich sagte er, Lilybäum und die Seestädte seien in großer Gefahr, und bei der Stimmung Mancher für Empörung werde es daran nicht fehlen. Diese Gründe bewogen den Consul, sogleich mit der Flotte nach Lilybäum zu gehen und der König mit seiner 481 Flotte begleitete ihn. Unterweges wurde ihnen die Schlacht bei Lilybäum gemeldet, und daß die feindliche Flotte theils geschlagen, theils genommen sei. 51. Von Lilybäum setzte der Consul, nachdem er den Hiero mit der königlichen Flotte beurlaubt, und den Prätor zum Schutze der Sicilianischen Küste zurückgelassen hatte, nach der Insel Melita über, welche von den Carthagern besetzt war. Bei seiner Ankunft wurde ihm Hamilcar, Gisgons Sohn, der Befehlshaber der Besatzung, mit beinahe zweitausend Mann, und die Stadt mit der Insel übergeben. Von da ging er nach wenig Tagen nach Lilybäum zurück, und Consul und Prätor verkauften ihre Gefangenen, bis auf einige durch ihren Rang sich auszeichnende, im Kreise des Heers zu Sklaven. Als der Consul Sicilien von dieser Seite für hinlänglich gesichert hielt, setzte er nach den Inseln Vulcans über, weil dort eine Punische Flotte stehen sollte, fand aber in der Gegend dieser Inseln auch nicht Einen Feind. Sie waren eben zur Verheerung der Italiänischen Küste hinübergesegelt und setzten, durch Plünderung der Gegend um die Stadt Vibo, diese selbst Da die Stadt Hippo oder Vibo im Bruttierlande, ganz unten in Italien lag (jetzt Bivona in Calabria ultra), so kann Rom hier nicht gemeint sein. in Schrecken. Auf seiner Rückfahrt nach Sicilien wurde dem Consul die im Gebiete von Vibo erfolgte Landung der Feinde gemeldet und ein vom Senate angekommener Brief eingehändigt, der ihm Hannibals Übergang nach Italien anzeigte und ihn je eher je lieber seinem Amtsgenossen zu Hülfe kommen hieß. Über so mancherlei gleichzeitige Sorgen in Verlegenheit ließ er sogleich sein eingeschifftes Heer auf dem Obermeere nach Ariminum abgehen; übertrug dem Legaten Sextus Pomponius, mit fünfundzwanzig Schiffen das Gebiet von Vibo und die Seeküste Italiens zu decken; verstärkte die Flotte des Prätors Marcus Ämilius auf funfzig Schiffe; und kam selbst, nachdem er Siciliens Angelegenheiten in Ordnung gebracht hatte, mit zehn Schiffen, auf denen er an Italiens Küste hinfuhr, nach Ariminum. Von hier brach er mit 482 seinem Heere nach dem Flusse Trebia auf und vereinigte sich mit seinem Amtsgenossen. 52. Haß man jetzt beide Consuln und die gesammte Römische Macht gegen Hannibal aufstellte, hieß deutlich erklären, entweder müsse man die Verteidigung des Römischen Reiches von diesen Truppen erwarten, oder man habe auf weiter nichts zu hoffen. Dennoch wünschte der eine Consul, herabgestimmt durch das letztere Equestri praelio uno ], – Das Wort uno ist Mehrern anstößig. Ich vermuthete, die rechte Lesart sei una, ob ich mir gleich selbst gestand, daß Livius hier statt una lieber simul gesagt haben würde. Ich fand nachher, daß schon Sigonius die Lesart una vorgeschlagen, und auch schon Gronov dagegen erinnert habe, daß dem Livius simul angemessener sei, als una. Stroth wollte equestri praelio victus lesen, und ich leugne nicht, daß aus uict 9 leicht die Lesart uno entstehen konnte. Allein da in minutus beides liegt, so dünkt mich, praelio et vulnere minutus sei viel schöner, als praelio victus et vulnere minutus. Jetzt glaube ich, daß alle Versuche, einer Änderung unnöthig sind. Uno ist die richtige Lesart. Scipio nämlich hatte dem Hannibal zwei Gefechte mit der Reuterei geliefert. Das erste an der Rhone, wo Scipio siegte. Auf diesen Sieg seiner Reuterei beruft er sich Cap. 40 und 41. Das zweite Treffen am Ticinus hatte Scipio verloren. Der Geschichtschreiber, der uns selbst den Sieg Scipio's im ersten Treffen erzählt hat, beweiset also seine Aufmerksamkeit auf den Gang der Geschichte, wenn er jetzt, wo er Ton dem Verluste im zweiten Treffen redet, daran erinnert, daß dies nur das Eine, dem Scipio mislungene Gefecht sei; daß dieser in dem zweiten Treffen den Muth 2wieder verlor, den der Sieg im ersten erhöhet hatte. Gefecht mit der Reuterei und durch seine Wunde, lieber zu zögern: der andre, noch unversehrten Muths, und eben darum so viel ungestümer, wollte sich keinen Aufschub gefallen lassen. Die Gegend zwischen dem Trebia und dem Po bewohnten damals Gallier, die in dem Kampfe der beiden übermächtigen Volker, von ihrer schwankenden Begünstigung beider Parteien unstreitig den Dank des Siegers zu ernten hofften. Dies konnten die Römer, wenn jene nur nicht gegen sie aufstanden, ihnen gern nachsehen; dem Punischen Feldherrn aber war es sehr ungelegen, da er behauptete, von den Galliern gerufen sei er zu ihrer Befreiung hieher gekommen. Aus Rache also und zugleich, sein Heer vom Raube zu nähren, ließ er durch zweitausend Mann zu Fuß und tausend zu Pferde, meistens Numider mit zugegebenen Galliern, die ganze Gegend der 483 Reihe nach bis an die Ufer des Po verheeren. Um Hülfe verlegen, sahen sich die Gallier, so sehr sie bis dahin in der Unentschiedenheit sich erhalten hatten, jetzt gezwungen, statt der Partei, die sie mishandelte, die zu ergreifen, wo sie Schutz erwarteten; und eine Gesandschaft an den Consul mußte sich die Hülfe der Römer für ihr Land erbitten, das für seine nur zu große Treue gegen Rom jetzt büßen müsse. Weder der Beweggrund, noch die Zeit, war nach des Cornelius Meinung dazu geeignet, sich hiermit zu befassen, und diese Nation war ihm verdächtig, nicht nur wegen ihrer so oft bewiesenen Untreue, sondern auch, wenn alles Übrige als verjährt angesehen würde, wegen der neulichen Treulosigkeit der Bojer. Sempronius hingegen erklärte, es gebe kein stärkeres Bindemittel, Bundsgenossen in der Treue zu erhalten, als dies, der Ersten, welche Hülfe nöthig hätten, sich anzunehmen. Und da sein Amtsgenoß noch unschlüssig war, schickte er seine Reuterei, der er vom Fußvolke beinahe tausend Mann Wurfschützen mitgab, zur Verteidigung des Gallischen Gebietes auf die andre Seite des Trebia. Da diese die Feinde in ihrer Zerstreuung und Unordnung, und noch dazu die meisten mit Beute beladen, unerwartet überfielen, verbreiteten sie allenthalben Schrecken und Gemetzel und jagten die Flüchtigen bis an das feindliche Lager und in die Vorposten: und als sie hier von der herausstürzenden Menge zurückgetrieben wurden, stellten sie durch die von den Ihrigen erhaltene Unterstützung das Treffen wieder her. Ungeachtet nun das Gefecht, da sie unter wechselndem Vortheile bald verfolgten, bald wichen Varia inde pugna sequentes.] – Ich folge mit Crevier der von Sanctius und J. Fr. Gronov vorgeschlagenen Lesart: Varia inde pugna cedentes sequentes que; doch glaube ich, sie in varia inde pugna sequentes cedentesque abändern zu müssen. Und da eine der ältesten Handschriften, die Puteanische , ausdrücklich sequen tesque lieset, so bestätigt sich die Vermuthung, daß die gleiche Endung in den Wörtern sequentes und cedentes den Abschreibern, wie so oft, auch hier zur Klippe ward. (So findet sich bei Drakenb. [Cap, 56, 5.] gerade umgekehrt, daß die Harlej. Handschrift von den beiden auf einander folgenden Worten cedentis sequentes das letzte wegfallen ließ.) Als der Abschreiber die Wörter varia inde pugna sequentes geschrieben hatte, hängte er das que von dem ausfallenden cedentes an das dafür gehaltene sequentes. Auch würde, wenn cedentes voraufgegangen wäre, dieses Wort sich wenigstens in einigen Handschriften erhalten haben, und sequentes das ausgefallene sein; was doch hier gerade der entgegengesetzte Fall ist. In der Lit. Zeit. (J. 1818. Nr. 190. S. 687.) soll der Sinn der folgenden Worte: maior tamen hostium Romanis fama victoriae fuit, des Zusammenhanges wegen, dieser sein: Obgleich der Vortheil beider bis zuletzt gleich gewesen war, so schrieb der Ruf doch den Sieg mehr den Carthagern, als den Römern zu; und Romanis soll für quam Romanorum stehen. Allein gerade der Zusammenhang spricht gegen diese Erklärung. Im folgenden Cap. heißt es gleich anfangs: Aber niemand hielt diesen Sieg für größer und vollständiger, als der Consul selbst. Folglich muß ja der Ruf eines Sieges – obgleich nicht so groß, als ihn der Consul machen will – auf Seiten der Römer, nicht der Feinde, gewesen sein. Livius wollte nicht zweimal fama (das eine Mal im Nominativ, das andre Mal im Ablativ) auch nicht zweimal victoriae sagen, sonst hätte es nach der Construction geheißen: Romanis tamen fama victoriae maior fuit (famâ victoriae) hostium. Man lasse die beiden eingeklammerten Worte weg, so bleibt, was wir ganz richtig noch haben; maior tamen [famâ victoriae] hostium Romanis fama victoriae fuit. So erkläre ich mir diese angefochtene Stelle, auch aus der Stellung der Worte; weil Livius gleich auf hostium das Wort Romanis, das hier den Hauptaccent haben muß, folgen lässet. Hätte er sagen wollen, was Döring vorzieht: fama tamen hostium victoriae (h. e. de victis hostibus) Romanis (apud Romanos) maior fuit (oder Romanis tamen de victoria ex hostibus parta magis gloriari licuit); so würde er wahrscheinlich lieber gesagt haben: maior tamen hostium victoriae Romanis fama fuit. Den Doppelsinn in victoriae hostium mag ich nicht einmal rügen. Walch's Vorschlag: hostium fuga (i. e. ob hostium fugam) würde hier, wenn sich eine Handschrift auch nur ihm näherte, sehr passend den Grund angeben, warum der Ruf die Römer, und nicht die (geflohenen) Feinde für Sieger erklärte. , am Ende auf beiden 484 Seiten gleich war, so erklärte sich doch der Ruf des Sieges lauter für die Römer, als für ihre Feinde. 53. Allein unter allen hielt ihn niemand für größer und vollständiger, als der Consul selbst. Er war außer sich vor Freude, gerade mit dem Theile der Truppen gesiegt zu haben, mit dem sich der andre Consul habe schlagen lassen. «Nun sei den Soldaten der Muth wiedergegeben und gestärkt, und niemand wünsche einen Aufschub des Kampfes, als sein Amtsgenoß, der, mehr am Muthe, als am Körper, krank, wenn er an seine Wunde dächte, vor Schlacht und Waffen zurückschaudere. Man müsse sich aber nicht mit dem Kranken verliegen. Wozu man die Zeit weiter aussetzen, oder verbringen solle? Welchen dritten Consul, welch neues Heer man erwarte? Das Lager der Carthager stehe in Italien, beinahe im Angesichte Roms, Ihre Absicht gehe nicht etwa auf 485 Sicilien und Sardinien, das sie als Besiegte verloren hätten, oder auf Spanien diesseit des Ebro: sondern die Römer würden von ihrem väterlichen Boden und aus dem Lande vertrieben, in welchem sie geboren waren. Wie tief,» sagte er, «würden unsre Väter seufzen, sie, die an den Mauern Carthagos zu kriegen pflegten, wenn sie sehen sollten, daß wir, ihre Erzeugten, daß zwei Consuln und consularische Heere, mitten in Italien, hinter ihrem Lager sich ducken! daß die Punier das ganze Land zwischen den Alpen und dem Apennin sich unterworfen haben!» So sprach er am Bette seines kranken Amtsgenossen; so flossen ihm die Worte auf dem Feldherrnplatze, nicht anders, als redete er vor einer Versammlung. Ihn spornte zugleich bei der herannahenden Wahl die Besorgniß, den Krieg auf die neuen Consuln hinausgesetzt zu sehen, und die Gelegenheit, bei der Krankheit seines Amtsgenossen, allen Ruhm sich allein zuzueignen. Mochte Cornelius immerhin seine Zustimmung versagen; genug, er hieß die Soldaten zum nahen Kampfe sich bereit halten. Hannibal, der des Feindes Bestes kannte, durfte kaum hoffen, daß die Consuln irgend einen unüberlegten und unvorsichtigen Schritt thun würden. Da er aber, zuerst durch das Gerücht, und dann durch die Erfahrung belehrt, von der Hitze und Keckheit des Einen überzeugt war, und jetzt annehmen konnte, daß jener durch das glückliche Gefecht mit seinen Plünderern noch kecker geworden sei, so sah er einer Gelegenheit zur Ausführung irgend eines Streiches mit Gewißheit entgegen. Er war in beständiger Unruhe und Spannung, die Zeit hierzu nicht vorübergehen zu lassen, so lange noch die feindlichen Soldaten ungeübt wären, so lange noch den Besseren von ihren Feldherren seine Wunde unbrauchbar machte, und die Gallier noch frischen Muth hätten, von denen er voraussah, daß ihre gewaltige Menge, je weiter er sie von ihrer Heimat wegführte, so viel weniger Lust haben würde, zu folgen. Da er aus diesen und ähnlichen Gründen ein baldiges Treffen hoffte, falls man aber dort zögern sollte, es 486 zu erzwingen wünschte; und nun durch seine Gallischen Kundschafter – sie waren zur Erspähung dessen, was er wissen wollte, so viel sicherer zu gebrauchen, weil in beiden Lagern Gallier dienten – ihm gemeldet wurde, die Römer schickten sich zum Treffen an; so sah er sich nach einer Stelle zum Hinterhalte um. 54. In der Mitte war ein Bach, auf beiden Seiten von sehr hohen Ufern eingeschlossen, rund umher mit Sumpfpflanzen und der gewöhnlichen Bekleidung unangebauter Plätze, mit Buschwerk und Dornsträuchen bewachsen. Als er diese Gegend, der es nicht an Schlupfwinkeln fehlte, sogar Reuterei zu verstecken, selbst zu Pferde in Augenschein genommen hatte, sprach er zu seinem Bruder Mago: «Dies soll der Platz sein, welchen du zu besetzen hast. Suche dir unter dem gesammten Fußvolke und unter der Reuterei, von jedem hundert Mann aus, mit denen du um die erste Nachtwache zu mir kommen kannst. Jetzt ist es Zeit, euch durch Nahrung zu stärken.» Hiemit wurde der Kriegsrath entlassen. Mago mit seinen Erlesenen stellte sich bald. «Ich sehe hier lauter Kernmänner!» sprach Hannibal. «Um euch aber auch durch die Anzahl, nicht bloß durch euren Muth ein Übergewicht zu geben, sollt ihr euch Jeder neun seines Gleichen aus den Geschwadern und Rotten aussuchen. Den Ort, wo ihr auflauren sollt, wird euch Mago zeigen. Ihr werdet einen Feind vor euch haben, der für Kriegslisten dieser Art blind ist.» Als er diese tausend Mann zu Pferde und tausend zu Fuß zu ihrer Bestimmung unter Mago hatte abgehen lassen, gab er mit Tages Anbruche der Numidischen Reuterei Befehl, über den Fluß Trebia zu gehen, vor den Thoren der Feinde herumzuschwärmen und durch Schießen auf die Vorposten den Feind zur Schlacht herauszulocken, dann aber, wenn sie ihn zum Kampfe gebracht hätten, durch einen zögernden Rückzug ihn über den Fluß sich nachzuziehen. So weit die Befehle an die Numider. Den übrigen Anführern des Fußvolks und der Reuterei trug er auf, sie sollten den Soldaten befehlen, daß Alle jetzt 487 äßen, und dann gewaffnet und sattelfertig das Zeichen erwarteten. Sempronius ließ bei dem lärmenden Andrange der Numider zuerst die ganze Reuterei – dieser Theil des Heeres lieh ihm ja den hohen Muth, – dann sechstausend Mann Fußvolk, zuletzt die sämtlichen Truppen, seinem schon längst bestimmten Entschlusse gemäß, zur Schlacht ausrücken, die ihm sehr erwünscht kam. Es war gerade jetzt um die Zeit des kürzesten Tages, die Witterung Schneegestöber, in einer Gegend, die zwischen den Alpen und Apenninen lag und ohnehin wegen der nahen Flüsse und Sümpfe sehr kalt war. Außerdem hatten Menschen und Pferde, die bei dem eiligen Aufbruche eben so wenig genossen, als sich auf Verwahrungsmittel gegen die Kälte geschickt hatten, nicht die mindeste innere Wärme mehr; und je näher sie dem Zuge der Flußluft kamen, desto heftiger war die Kälte, die ihnen entgegenwehete. Als sie aber in Verfolgung der zurückziehenden Numider in das Wasser gingen – und es reichte ihnen, vom Regen in der Nacht angewachsen, bis an die Brust; – da waren ihnen Allen, vorzüglich als sie wieder heraustraten, die Glieder so erstarrt, daß sie kaum die Waffen zu halten vermochten und zugleich vor Ermattung, weil es schon hoch am Tage war, und vor Hunger ohnmächtig wurden. 55. Hannibals Soldaten, die unterdeß vor den Zelten Feuer angemacht, mit dem in dieser Absicht rottenweise vertheilten Öle ihre Glieder geschmeidigt und in aller Ruhe Speise zu sich genommen hatten, griffen auf die Nachricht, daß der Feind durch den Fluß gegangen sei, munter an Seele und Leib zu den Waffen und rückten in Schlachtordnung. Die Balearen und Es ist, wie Stroth bemerkt, nicht wahrscheinlich, daß die Balearen allein achttausend Mann stark gewesen sind. Mit den Balearen machten die Leichtbewaffneten ein so starkes Kohr aus. Auch Polybius sagt ausdrücklich: «Die Balearen und Leichtbewaffneten.» Sigonius fand in einer Handschr. und Drakenb. noch in einer: Baliares locat ante signa levem que armaturam. Ich vermuthe, daß ein ac zwischen sign al evem wegen des zusammenlaufenden al ausgefallen sei. die andern Leichtbewaffneten, beinahe achttausend Mann, stellte er voran; 488 dann das Fußvolk in der schwereren Rüstung, seine zuverlässigsten, seine Kerntruppen: auf den Flügeln umschloß er sie mit zehntausend Mann Reuterei, und neben die Flügel pflanzte er die auf beide Seiten vertheilten Elephanten. Der Consul gab seiner in gestrecktem Laufe verfolgenden Reuterei, als sie, ohne darauf gefaßt zu sein, von den plötzlich Stand haltenden Numidern angegriffen wurde, das Zeichen zum Rückzuge und stellte sie nach diesem Umrufe auf die beiden Seiten des Fußvolks. Der Römer waren achtzehn-, der Latinischen Bundestruppen zwanzigtausend; außerdem hatten sie Hülfsvölker von den Cenomanern, dem einzigen treu gebliebenen Gallischen Volke. Dies waren die Truppen, die jetzt zusammentrafen. Den Anfang des Treffens machten die Balearen. Da das Römische Fußvolk so leicht Bewaffneten mit großer Überlegenheit widerstand, so mußten diese schnell auf ihre Flügel abfallen. Dies bewirkte, daß die Römische Reuterei sogleich im Nachtheile stand: denn außerdem, daß schon an sich selbst viertausend zu Pferde Zehntausenden, und Ermüdete meistens noch frischen Truppen kaum widerstehen konnten, wurden sie nun noch wie mit einer Wolke von Wurfpfeilen überschüttet, welche die Balearen auf sie hereinschleuderten. Noch mehr; die auf den Ecken der Flügel ragenden Elephanten verbreiteten hauptsächlich dadurch, daß vor ihrem ungewohnten Anblicke und Geruche die Pferde scheu wurden, allenthalben Flucht. Das Gefecht der Fußvölker war sich gleich, mehr im Muthe, als in der Stärke. Denn die Punier brachten, weil sie noch kurz zuvor sich pflegen konnten, frische Kräfte in die Schlacht; aber den nüchternen, ermattenden und vor Kälte starrenden Römern erlahmten die Glieder. Dennoch hätten sie durch ihren Muth sich behauptet, wenn sie bloß gegen Fußvolk zu fechten gehabt hätten. Theils aber schossen ihnen die Balearen nach Vertreibung der Reuterei in die Flanken, theils waren schon die Elephanten in die Mitte der Linie eingebrochen; und Mago, der mit den Numidern, sobald die Römische Linie vor seinem 489 Hinterhalte ohne sich dessen zu versehen vorbeigerückt war, sich ihr im Rücken erhob, setzte sie in große Verwirrung und Schrecken. Dennoch stand sie, in so vielfachem Nachtheile, eine Zeitlang unbeweglich, und was am wenigsten zu erwarten war, hauptsächlich gegen die Elephanten. Die hierzu angestellten Leichtbewaffneten jagten die Thiere durch die auf sie geschleuderten Wurfpfeile in die Flucht, und stachen ihnen im Nachsetzen von hinten unter die Schwänze, wo sie wegen der weicheren Haut am leichtesten zu verwunden sind. 56. Die Thiere, die in der Verwirrung und Trepidantesque prope iam]. – Die bis auf Jak. Gronov beibehaltene Lesart: Trepidantes propeque iam in suos ist nach Creviers Zeugnisse durch den Beitritt älterer Handschriften bewährt, und schon von ihm in den Text aufgenommen. in Wuth fast schon auf ihre eignen Truppen stürzten, ließ Hannibal aus der Mitte der Linie nach außen hin auf den linken Flügel gegen die Gallischen Hülfstruppen treiben. Hier bewirkten sie sogleich offenbare Flucht. Ein neuer Schrecken für die Römer; die nun ihre Hülfsvölker geschlagen sahen. Jetzt, da sie schon eingeschlossen im Kreise fochten, erzwangen sich beinahe zehntausend Mann den Durchbruch, der ihnen auf keiner andern Seite Quum alii evadere nequissent]. – Freilich sind es die besten Handschriften, aus welchen Drakenb. die Lesart alii wieder einführte. Dennoch glaube ich, mit Gronov und Crev. alia lesen zu müssen, was sich doch auch in vielen Ausgaben und allen den Handschriften findet, welche Drakenborch nicht als Zeugen für sein begünstigtes alii aufstellt; und andre geben uns durch ihre Lesart: ali is, oder ali o, oder al iter, einen Wink, daß der letzte Buchstabe dieses Wortes in der Urschrift mehr als ein bloßes i war. Hierzu kommen noch für alia folgende Gründe: Hätte Livius sagen wollen: die Andern (alii) konnten sich nicht durchschlagen, so mußte hier nicht nequissent, sondern nequirent stehen. Denn die Versuche dieser Andern, sich durchzuschlagen, dauerten noch fort; sie hatten, als den 10,000 der Durchbruch gelang, noch nicht aufgehört, was uns Livius selbst gleich nachher mit den Worten sagt: Plures deinde in omnes partes eruptiones factae. Für diese rem adhuc imperfectam gehörte also das imperfectum nequirent. Von den 10,000 hingegen konnte er im Plusquamperfect sagen: Media acie perruperunt, quum ali a (via) nequissent. Einen zweiten Grund für die Lesart ali a finde ich darin, daß Livius sagt: «Sie brachen mitten durch die Linie.» Dieses Umstandes erwähnte er gerade deswegen, weil er eben vorher gesagt hatte: «Weil sie auf keiner andern Stelle durchdringen konnten.» Man sieht nicht, warum die umringten 10,000 sich nicht nach jeder andern Seite durchschlagen, wenn nicht der Grund angegeben werden soll: Darum brachen sie durch die Mitte, weil ihnen jeder andre Ausweg gesperrt war. Und drittens endlich: Livius würde sich ja nicht selbst widersprechen, und, wenn er eben erzählt hatte: «Da sich die Andern nicht durchschlagen konnten, so brachen nur die 10,000 durch –» gleich drei Zeilen nachher selbst sagen: «Die Andern brachen nach allen Seiten aus.» – – Auch wollte Gronov statt media Afrorum acie, quae lieber lesen: m. Afr. acie, qua. Ohne diese Lesart geradezu für richtig zu erklären, habe ich doch ihrem Sinne gemäß übersetzt, weil er auch in der gewöhnlichen Lesart media Afrorum acie, quae nicht bloß liegen kann, sondern auch nach Polybius liegen muß. Denn nach ihm (Ιβη̃ρας καὶ Κελτοὺς καὶ Λιβύας) haben ebenfalls die Gallier den mittelsten Platz. 490 möglich war, mit großem Verluste der Feinde, mitten durch die Punische Linie, wo sie mit den Gallischen Hülfsvölkern besetzt war. Und da sie weder in ihr Lager, von welchem sie der Strom ausschloß, zurückgehen, noch bei dem Regen mit Gewißheit bestimmen konnten, wo sie den Ihrigen helfen sollten, so zogen sie gerades Weges nach Placentia. Nun erfolgten mehrere Ausbrüche nach allen Seiten. Freilich Alle, die dem Strom zueilten, wurden entweder von den Tiefen verschlungen, oder während sie Anstand nahmen hineinzugehen, von den Feinden eingeholt. Die sich hingegen auf der Flucht über die Felder zerstreuten, folgten der Spur des weichenden Haufens und gingen nach Placentia; oder sie wagten sich aus Furcht vor den Feinden in den Strom und kamen hinüber in ihr Lager. Ein mit Schnee gemischter Regen, und die unerträglich heftige Kälte, raffte viele Menschen und Lastthiere und die Elephanten fast alle weg. Der Fluß Trebia setzte den verfolgenden Puniern ein Ziel, und sie kehrten vor Kälte so erstarrt in ihr Lager zurück, daß sie die Freude des Sieges kaum empfanden. Als daher in der folgenden Nacht die Bedeckung des Lagers und ein großer Theil des noch übrigen Heers auf Flößen über den Trebia setzten, hörten die Punier entweder vor dem rauschenden Regen nichts davon, oder sie stellten sich, als merkten sie nichts, weil sie sich vor Müdigkeit und Wunden schon nicht mehr regen konnten; und ohne daß sie sich rührten, führte Consul Scipio sein Heer in aller Stille nach Placentia, und von hier, damit nicht Eine Pflanzstadt zu sehr durch die Winterquartiere zweier Heere leiden möchte, über den Po nach Cremona . 491 57. Über Rom verbreitete diese Niederlage einen solchen Schrecken, daß Alle glaubten, «der Feind werde sogleich zum Angriffe auf die Stadt heranziehen, und es sei weder die mindeste Hoffnung, noch irgend ein Mittel übrig, den Sturm auf ihre Thore und Mauern abzuschlagen. Was für andre Heerführer, was für andre Legionen man herbeiziehen könne, da ein Consul am Ticinus, und, nach Abrufung des andern aus Sicilien, zwei Consuln und zwei consularische Heere geschlagen wären?» In diesem Schrecken fand sie der ankommende Consul Sempronius, der sich nicht ohne große Gefahr mitten durch die allenthalben nach Beute umherschwärmenden feindlichen Reuter durchgefunden hatte, mehr von seiner Kühnheit geleitet, als von einem Plane, oder mit einiger Hoffnung, sich durchzuschleichen, oder wenn er nicht unentdeckt bliebe, sich durchzuschlagen. Nachdem er die Consulwahl, für jetzt das dringendste Bedürfniß von allen, beseitigt hatte, kehrte er in die Winterquartiere zurück. Gewählt wurden zu Consuln Cneus Servilius und Cajus Flaminius zum zweitenmale et C. Flaminius. Ceterum]. – Da Livius, der in den drei ersten Büchern die Zahl der wiederholten Consulatsführung, wie Drakenb. sehr richtig zeigt (B. II. Cap. 16. §. 7.), öfters unbemerkt läßt, allein nach dem dritten Buche diese Angabe immer seltener versäumt, und sie auch, je umständlicher und wichtiger die Geschichte wird, immer weniger weglassen kann; so glaube ich, daß das schon von Andern vorgeschlagene iterum nach dem Namen des Flaminius (bei einem so wichtigen Consulate) diesmal eingeschoben werden müsse, wobei ich nur nicht aus der Acht zu lassen bitte, daß das folgende ceterum an der Verdrängung des ihm so ähnlichen iterum Schuld war. . Aber auch nicht einmal in den Winterquartieren hatten die Römer Ruhe, weil allenthalben die Numidische Reuterei, und wo für diese die Wege zu schlimm waren, die Celtiberier und Lusitanier umherschwärmten. Folglich war ihnen die Zufuhr auf allen Seiten gesperrt, außer was ihnen auf dem Po die Schiffe zuführten. Nahe bei Placentia lag ein Handelsplatz, der mit vielem Fleiße befestigt und mit einer starken Besatzung belegt war. Hannibal, ob er gleich auf diese kleine Festung, zu deren Erstürmung er seine Reuter und Leichtbewaffneten mitnahm, 492 den Angriff in der Nacht that, weil er sich von der Verheimlichung seines Unternehmens den meisten Erfolg versprach, konnte dennoch die Wachen nicht überfallen. Plötzlich erhob sich ein so lautes Geschrei, daß man es auch in Placentia hörte. Also war gegen Morgen mit seiner Reuterei der Consul schon da, der dem Fußvolke Befehl gegeben hatte, in schlachtfertiger Stellung zu folgen. Indeß kam die Reuterei zum Gefechte, in welchem aber der durch Hannibals Verwundung – sie nöthigte ihn, das Treffen zu verlassen – unter den Feinden sich verbreitende Schrecken für die Besatzung eine ehrenvolle Rettung bewirkte. Nachdem er sich nur wenig Tage Ruhe gegönnt und seine Wunde kaum völlig hatte heilen lassen, rückte er weiter zum Angriffe auf Victumviä. Dieser Handelsplatz war im Gallischen Kriege von den Römern befestigt. Nachher hatten mehrere Anbauer, die sich von allen Seiten aus den benachbarten Völkern zusammenfanden, den Ort bevölkert; und jetzt hatte ihn die Furcht vor Verheerung zu einem Sammelplatze von größtenteils Landleuten gemacht. Eine Menge Menschen dieses Schlages, durch den Ruf von dem tapfern Widerstande der Besatzung bei Placentia muthig gemacht, griff schnell zu den Waffen und rückte dem Hannibal entgegen. Noch auf dem Wege stießen sie, ich will lieber sagen, in Zügen, als in Schlachtordnung, auf einander: und da auf der einen Seite nur ein unförmlicher Haufe, auf der andern ein Feldherr stand, der seinem Heere, und ein Heer, das seinem Feldherrn trauen konnte, so wurden fast dreißigtausend Mann von Wenigen in die Flucht geschlagen. Den Tag darauf nahmen sie nach, geschloßner Übergabe eine Besatzung ein, und als sie dem erhaltenen Befehle zufolge die Waffen abgeliefert hatten; wurde plötzlich den Siegern ein Zeichen gegeben, die Stadt, als wäre sie durch Sturm erobert, zu plündern. Keine Art des Unheils, welche die Geschichtschreiber bei solchen Ereignissen gewöhnlich bemerkenswerth finden, blieb hier unausgeübt; so völlig erlaubten sich die Punier gegen diese Unglücklichen jeden Ausbruch der Wollust, Grausamkeit 493 und unmenschlichen Verhöhnung. Dies waren Hannibals Unternehmungen im Winter. 58. Die Ruhe, die er nun seinen Soldaten gestattete, dauerte nur kurze Zeit, so lange die Kälte unausstehlich war; und da er schon auf die ersten und unsichern Zeichen des Frühjahrs aus den Winterquartieren aufbrach, trat er den Weg nach Hetrurien an, um auch dieses Volk, so wie die Gallier und Ligurier, mit Gewalt oder mit Güte, sich anzuschließen. Bei dem Übergange über den Apennin überfiel ihn ein so schreckliches Unwetter, daß es die Gräuel der Alpen fast noch übertraf. Gleich zuerst sahen sie sich bei dem von Sturm begleiteten, ihnen gerade ins Gesicht schlagenden Regengusse genöthigt, Halt zu machen, weil sie entweder die Waffen von sich werfen mußten, oder wenn sie gegen das Wetter anstrebten, vom Wirbel niedergeschleudert zu Boden fielen. Als es ihnen aber nun auch die Luft benahm und kein Athemholen gestattete, setzten sie sich ein Weilchen mit dem Rücken gegen den Wind. Und jetzt fing der Himmel schrecklich an zu tosen, und Blitze zückten mit furchtbarem Gekrache. Ohne zu hören, ohne zu sehen, starrten Alle vor Entsetzen. Als endlich nach dem Ergusse des Regenschauers der Wind eben darum sich noch weit stürmischer erhob, mußten sie sich entschließen, gerade auf der Stelle, wo sie vom Wetter überfallen waren, ein Lager aufzuschlagen. Hier war es nicht anders, als ginge ihre Noth von neuem an: denn sie konnten weder irgend etwas aus einander rollen, noch aufstellen; und war es aufgestellt, so blieb es nicht stehen, weil der Wind Alles zerriß und mit sich nahm: und gleich darauf stürzten die vom Sturme in die Höhe geführten und auf den kalten Gebirgshöhen gefrornen Wasserdünste einen so gewaltigen Hagel mit Schnee herab, daß die Menschen alles Übrige preis gaben, sich niederwarfen, und unter ihren Decken mehr vergraben, als verwahrt, umherlagen. Und nun trat eine so heftige Kälte ein, daß niemand, so gern er sich aus den jämmerlich zusammengestürzten Menschen und Lastthieren erheben und loshelfen wollte, dies in langer Zeit vermochte, weil ihm 494 die vor Kälte starrenden Nerven kaum erlaubten, die Finger krumm zu machen. Als sie sich endlich durch Auf- und Abgehen die Bewegung wiedergaben und wieder ins Leben kamen, und man hin und wieder anfing Feuer zu machen, sah sich jeder Hülflose nach fremder Hülfe um. Zwei Tage lagen sie auf diesem Platze wie belagert still. Sie büßten viele Menschen und viele Lastthiere ein, und von den aus der Schlacht am Trebia übriggebliebenen Elephanten sieben. 59. Hannibal zog vom Apenninus herab wieder rückwärts gegen Placentia, rückte an zehntausend Schritte vor und lagerte sich. Den folgenden Tag führte er zwölftausend Mann zu Fuß und fünftausend zu Pferde an den Feind. Und der Consul Sempronius – denn schon war er von Rom zurückgekommen – wich der Schlacht nicht aus. An dem Tage betrug die Entfernung beider Lager nur dreitausend Schritte. Am folgenden schlug man sich mit außerordentlichem Muthe und wechselndem Erfolge. Bei dem ersten Zusammentreffen kamen die Römer so sehr in den Vortheil, daß sie nicht allein in der Linie siegten, sondern auch die geschlagenen Feinde in ihr Lager verfolgten und dann sogar das Lager bestürmten. Hannibal, der auf den Wall und an die Thore nur wenige Vertheidiger stellte, zog die übrigen Truppen dicht geschlossen in die Mitte des Lagers zurück und befahl ihnen, das Zeichen zum Ausfalle aufmerksam zu erwarten. Schon war es fast um drei Uhr Nachmittags, als der Römische Feldherr, der sich nun keine Hoffnung mehr machen durfte, das Lager zu erstürmen, seinen vergebens ermüdeten Truppen das Zeichen zum Abzuge gab. Kaum hörte dies Hannibal, und sah nun das Gefecht aufgegeben und den Rückzug vom Lager, als er sogleich zur Rechten und Linken seine Reuterei auf den Feind gehen hieß und selbst in der Mitte mit dem Kerne seines Fußvolks aus dem Lager hervorbrach. Nicht leicht würde eine Schlacht wüthender und durch den Verlust auf beiden Seiten merkwürdiger geworden sein, wenn der Tag gestattet hätte, sie länger 495 fortzusetzen. Die Nacht machte dem mit so außerordentlichem Muthe angefangenen Gefechte ein Ende. Folglich war das erste Zusammentreffen hitziger, als das Gemetzel, und so wie man fast mit gleichem Glücke gefochten hatte, so schied man auch mit gleichem Verluste. Auf keiner Seite fielen im Fußvolke über sechshundert, und halb so viel Reuterei. Bei den Römern aber überwog der Verlust die Zahl, weil mehrere vom Ritterstande, fünf Kriegstribunen und von den Bundesgenossen drei Obersten geblieben waren. Nach dieser Schlacht zog Hannibal nach Ligurien, Sempronius nach Luca. Die Ligurier überlieferten dem Hannibal bei seiner Ankunft, um ihn von der Zuverlässigkeit ihres Vertrages und Beitritts so viel fester zu überzeugen, zwei listig aufgefangene Römische Quästorn, den Cajus Fulvius und Lucius Lucretius, nebst zwei Kriegstribunen und fünf vom Ritterstande, meistens Söhnen von Senatoren. 60. Während dieser Vorfälle in Italien unterwarf der mit Flotte und Heer nach Spanien geschickte Cneus Cornelius Scipio, als er nach seiner Abfahrt von der Mündung der Rhone am Vorgebirge der Pyrenäen vorbeigesegelt und bei Emporiä gelandet war, mit seinem hier ausgesetzten Heere, das mit den Lacetanern den Anfang machte, die ganze Küste bis an den Fluß Ebro, theils durch Erneuerung der alten Verträge, theils durch eingeleitete neue, der Römischen Hoheit. Durch den hier erworbenen Ruf der Gelindigkeit gewann er nicht bloß das Vertrauen der Küstenbewohner, sondern selbst der kriegerischen Völkerschaften tiefer landeinwärts und auf den Gebirgen. Er vermochte sie nicht bloß zum Friedensschlusse, sondern sogar zum Waffenbündnisse, und man hob bei ihnen an Hülfstruppen mehrere starke Cohorten aus. Diesseit des Ebro gehörte der Oberbefehl dem Hanno: ihn hatte Hannibal zum Schutze dieser Gegend zurückgelassen. Weil dieser es für nöthig hielt, ehe Alles von ihm abfiele, dem Feinde entgegen zu gehen, so nahm er im Angesichte desselben ein Lager und rückte in Schlachtordnung aus. Der Römische Feldherr sah nicht ein, warum 496 er zögern sollte, da er wußte, daß er mit Hanno und Hasdrubal zugleich zu kämpfen haben würde, und lieber gegen jeden einzeln, als gegen beide vereinigt aufzutreten wünschte. Auch ward die Schlacht ohne großen Kampf abgethan. Sechstausend Feinde blieben, zweitausend wurden nebst der Lagerbedeckung zu Gefangenen gemacht; denn auch das Lager wurde genommen, auch Scissis, eine Stadt in der Nähe des Lagers, erobert. Freilich gab die Beute in der Stadt nur Sachen von geringem Werthe, Hausgeräth wilder Völker und elende Sklaven. Aber das Lager machte den Soldaten reich: denn er fand nicht bloß das Eigenthum des hier besiegten, sondern auch des in Italien unter Hannibal dienenden Heeres, welches fast alle seine Kostbarkeiten, um sich nicht mit schwerem Gepäcke zu tragen, diesseit der Pyrenäen zurückgelassen hatte. 61. Hasdrubal, der noch vor dem bestätigten Rufe von dieser Niederlage mit achttausend Mann zu Fuß und tausend zu Pferde in der Meinung über den Ebro gegangen war, den Römern gleich bei ihrer ersten Ankunft entgegen zu treten, wandte jetzt, auf die Nachricht von der unglücklichen Schlacht bei Scissis und dem Verluste des Lagers, seinen Marsch gegen das Meer. Nicht weit von Tarraco jagte er die Römischen Seesoldaten und Schiffleute, die sich zerstreuet hatten und in den Dörfern umherschwärmten – Glück erzeugt ja gewöhnlich Sorglosigkeit – durch seine nach allen Seiten vertheilte Reuterei, mit großem Verluste der Feinde, mit noch größerer Verwirrung in ihre Schiffe. Da er sich aber in dieser Gegend aus Furcht, vom Scipio überfallen zu werden, nicht länger aufzuhalten wagte, zog er sich über den Ebro zurück: und Scipio, der auf das Gerücht von neuen Feinden sein Heer in Eilmärschen herbeigeführt hatte, hinterließ, nach Bestrafung einiger wenigen Schiffshauptleute, in Tarraco eine mäßige Besatzung und ging mit der Flotte wieder nach Emporiä. Kaum hatte er sich entfernt, so war Hasdrubal wieder da, verleitete die Ilergeten, ein Volk, welches dem Scipio Geisel gestellt hatte, zum Abfalle, und gerade ihre Mannschaft war es, mit der er die den Römern 497 treugebliebenen Staten verheerte. Als er dadurch den Scipio aus den Winterquartieren aufgestört hatte, überließ er ihm abermals die ganze Gegend diesseit des Ebro. Scipio brach in das Gebiet der von ihrem Aufwiegeler verlassenen Ilergeten feindlich ein, trieb sie nach Athanagia – dies war ihre Hauptstadt – und belagerte sie: und in wenig Tagen machte er die Ilergeten, denen er jetzt mehr Geisel, als das erste Mal, abforderte und eine Geldstrafe auferlegte, wieder zu Römischen Unterthanen. Von da rückte er in das Land der Ausetaner am Ebro, welche es ebenfalls mit den Puniern hielten, und bei der Belagerung ihrer Stadt überfiel er die Lacetaner, welche ihren Nachbaren zu Hülfe zogen, nicht weit von der Stadt, als sie eben hineinrücken wollten, in einem Hinterhalte. An zwölftausend wurden niedergehauen: die Übrigen flohen, fast alle mit Verlust ihrer Waffen, allenthalben über die Felder zerstreuet, in ihre Heimat; und nun schützte die Belagerten weiter nichts, als der den Belagerern ungünstige Winter. Die Einschließung währte dreißig Tage, während welcher der Schnee selten unter vier Fuß hoch lag: und er hatte die Sturmplanken und Annäherungshütten der Römer so bedeckt, daß er allein gegen das vom Feinde mehrmals hineingeworfene Feuer sogar Schutz gewährte. Endlich, als sich ihr Fürst Amusitus zum Hasdrubal geflüchtet hatte, ergaben sie sich nach eingegangener Bedingung, zwanzig Silbertalente zu erlegen. Nun erfolgte der Rückzug in die Winterquartiere nach Tarraco . 62. Zu Rom oder in seiner Nähe ereigneten sich in diesem Winter viele Vorzeichen, oder es wurden, wie dies der Fall zu sein pflegt, wenn die Stimmung zur Götterfurcht einmal da ist, viele einberichtet und geradezu geglaubt. Unter andern: Auf dem Kohlmarkte habe ein halbjähriges Kind freier Ältern Triumph gerufen: in einem Hause am Ochsenmarkte sei ein Ochs von selbst in das dritte Stockwerk hinaufgegangen und habe sich, durch den Auflauf der Bewohner gescheucht, von da herabgestürzt; am Himmel hätten sich strahlende Schiffe sehen lassen; in den Tempel der Hoffnung am Kohlmarkte habe der Blitz 498 eingeschlagen: zu Lanuvium habe ein Spieß sich geregt; in den Tempel der Juno sei ein Rabe geflogen und habe sogar auf dem Tafelsitze sich gesetzt: im Gebiete von Amiternum hätten sich an mehreren Orten weißgekleidete Menschengestalten in der Ferne sehen lassen, die sich aber niemanden genähert hätten: im Picenischen habe es Steine geregnet: zu Cäre hätten sich die Orakeltäfelchen verkleinert: und in Gallien habe ein Wolf einer Schildwache das Schwert aus der Scheide gerissen und mitgenommen. Wegen der übrigen Vorzeichen wurden die Zehnmänner befehligt, die Bücher nachzuschlagen; allein wegen des Steinregens im Picenischen wurde ein neuntägiges Betfest ausgeschrieben, und fast die ganze Bürgerschaft hatte immer von neuem mit Ausrichtung der Sühnopfer zu thun. Vor allen Dingen hielt man den Reinigungsumgang um die Stadt, und schlachtete allen in den Büchern angegebenen Göttern große Opferthiere: man brachte nach Lanuvium in den Tempel der Juno ein Geschenk aus vierzig Pfund Goldes: der Juno auf dem Aventinus weiheten die Frauen von Range ein Standbild von Erz: zu Cäre, wo sich die Orakeltäfelchen verkleinert hatten, wurde ein Göttermahl angeordnet, und der Fortuna auf dem Algidus ein Betfest: auch zu Rom der Juventus ein Göttermahl; man setzte ein Betfest namentlich allein für den Tempel des Hercules an, und dann ließ man eins vom ganzen Volke bei allen Altären anstellen: auch wurden dem Schutzgeiste fünf große Thiere geopfert, und der Prätor Cajus Atilius Serranus bekam den Auftrag, im Namen des States, wenn er in den nächsten zehn Jahren seine Verfassung behielte, die Erfüllung gewisser Gelübde zu versprechen. Diese nach den Angaben der Sibyllinischen Bücher veranstalteten Abwendungen und Gelübde erleichterten die Angst vor dem Götterzorne um ein Großes. 63. Der Eine von den beiden ernannten Consuln, Flaminius, welchem das Los die zu Placentia überwinternden Legionen bestimmt hatte, ließ mit einem Briefe an den Consul einen Aufruf abgehen, daß jenes Heer auf den fünfzehnten März bei Ariminum im Lager stehen sollte. Es 499 war nämlich seine Absicht, sein Consulat am Orte seiner Bestimmung anzutreten: denn er erinnerte sich der alten Streitigkeiten, die er mit den Vätern als Bürgertribun und nachher als Consul zuerst über das ihm abgesprochene Consulat, und dann über seinen Triumph gehabt hatte. Auch hatte er sich den Haß der Väter bei Gelegenheit eines neuen Vorschlages zugezogen, vermittelst dessen der Bürgertribun Quintus Claudius zum Nachtheile des Senats – auch unterstützte den Vorschlag von allen Vätern nur der einzige Flaminius – es zum Gesetze gemacht hatte, daß niemand, der selbst Senator sei oder einen Senator zum Vater gehabt habe, ein Seeschiff von mehr als dreihundert Tonnen halten dürfte. Zur Abholung der Früchte aus den Landgütern hielt man diese Größe für hinreichend: und sah jeden Handelserwerb für Senatoren als schimpflich an. Die Folge dieser mit der größten Heftigkeit betriebenen Verhandlung war für den Flaminius als Fürsprecher des Gesetzes bei dem Adel Haß, bei dein Bürgerstande Wohlwollen und dann das zweite Consulat. Da er aus diesen Gründen erwartete, man werde ihn durch erlogene Vorbedeutungen, durch verlangte Abwartung der Latinischen Feiertage und andre mit dem Consulate verknüpfte Hinderungen in der Stadt festhalten, so ging er unter dem Vorwande einer Reise als Privatmann heimlich zum Heere ab. Dies Benehmen zog ihm, so wie es bekannt wurde, bei den ihm schon vorher aufsätzigen Vätern neuen Unwillen zu. « Cajus Flaminius, » sagten sie, «führe nicht bloß mit dem Senate Krieg, sondern nun auch mit den unsterblichen Göttern. Schon ehemals gegen die Winke der Götter zum Consul gemacht, sei er, ob ihn gleich Götter und Menschen, selbst vom Schlachtfelde zurückgerufen hätten, der Ungehorsame gewesen; und jetzt aus bösem Gewissen, weil er beide verachtet habe, dem Capitole und der Abkündigung der jährlichen Gelübde entlaufen, um nur ja nicht am ersten Tage seines Amts den Tempel des allmächtigen Jupiter zu betreten; um nicht den ihm allein verhaßten Senat, dem er selbst verhaßt sei, sehen und befragen zu müssen; oder die Latinischen Feiertage zu 500 bestimmen und dem Jupiter Latiaris das jährliche Opfer auf der Anhöhe zu bringen; um ja nicht zu dem feierlichen Aufzuge auf das Capitol, wo er die Gelübde hätte ablegen müssen, die Zustimmung der Götter einzuziehen und im Feldherrnpurpur mit Lictoren zum Heere abzugehen. Wie ein Marketender sei er ohne Ehrenzeichen, ohne Lictoren, heimlich auf Schleichwegen davongegangen, als hätte er gleich einem Verwiesenen das Land räumen müssen. Er finde es vermuthlich der Majestät des consularischen Oberbefehls angemessener, zu Ariminum, als zu Rom, sein Amt anzutreten, und den Purpur lieber im Absteigequartiere eines Gastfreundes, als bei den Göttern seiner Heimat anzulegen.» Alle stimmten dafür, man müsse ihn zurückrufen und abholen lassen, und ihn zwingen, ehe er zum Heere und zu seinem Bestimmungsorte abginge, allen seinen Pflichten gegen Götter und Menschen an Ort und Stelle Genüge zu leisten. Quintus Terentius und Marcus Antistius, welche zu dieser Sendung abgingen – denn man bestimmte sich für eine Gesandschaft – konnten ihn eben so wenig bewegen, als ihn in seinem ersten Consulate das vom Senate an ihn erlassene Schreiben bewogen hatte. Wenig Tage nachher trat er sein Amt an. Bei seinem Opfer entriß sich das schon gestochene Kalb den Händen der Opferpriester und bespritzte viele der Umstehenden mit Blut. Das Flüchten und der Auflauf wurde weiterhin bei denen, die die Ursache des Durcheinanderstürzens nicht wußten, noch größer; und die meisten fanden darin eine schreckliche Vorbedeutung. Nachdem er sich die zwei Legionen vom vorjährigen Consul Sempronius und zwei vom Prätor Cajus Atilius hatte übergeben lassen, begann das Heer den Marsch auf den Pfaden über den Apenninus nach Hetrurien . Zweiundzwanzigstes Buch. Die Jahre Roms 535 und 536. 502 Inhalt des zweiundzwanzigsten Buchs. Hannibal, der bei dem beständigen Wachen in den Morästen ein Auge verliert, kommt nach Hetrurien: in diesen Morästen war er, ohne irgend auszuruhen, vier Tage und drei Nächte fortmarschirt. Der Consul, Cajus Flaminius, ein verwegener Mann, der den Götterwinken zuwider aufbrach, die Heerfahnen, weil man sie nicht aus dem Boden aufziehen konnte, losgraben ließ, und als er zu Pferde gestiegen war, über den Kopf herabstürzte, wurde am Trasimenischen See durch Hannibals List umringt und mit dem Heere niedergehauen. Sechstausend, welche sich durchgeschlagen und an Maharbal ergeben hatten, läßt Hannibal treuloser Weise fesseln. Bei der auf die Nachricht von dieser Niederlage über Rom sich verbreitenden Trauer bekommen zwei Mütter unvermuthet ihre Söhne zurück, und sind vor Freude des Todes. Nach Anweisung der Sibyllinischen Buches gelobt man dieser Niederlage wegen einen heiligen Frühling. Als Quintus Fabius Maximus, der nun als Dictator gegen Hannibal geschickt wurde, sich mit ihm in kein Treffen einlassen wollte, um nicht seine durch unglückliche Gefechte muthlos gewordenen Soldaten gegen einen auf so viele Siege dreisten Feind in der Schlacht auf das Spiel zu setzen, und Hannibals Absichten bloß dadurch vereitelte, daß er sich ihm entgegenstellte: so bewirkt sein Magister Equitum, Marcus Minucius, ein dreister und verwegener Mann, dadurch, daß er den Dictator der Unthätigkeit und Feigheit beschuldigt, einen Volksschluß, der ihm mit dem Dictator gleichen Oberbefehl giebt; und als er mit dem zwischen ihnen getheilten Heere auf ungünstigem Kampfboden ein Treffen liefert und es sehr schlimm um seine Legionen steht, wird er von dem mit seinem Heere herzueilenden Fabius Maximus gerettet. Gerührt durch diese Wohlthat, zieht er wieder zu ihm ins Lager, begrüßt ihn Vater, und auf seinen Befehl thun dies auch die Soldaten. Hannibal, der nach der Verheerung Campaniens zwischen der Stadt Casilinum und dem Berge Callicula vom Fabius eingeschlossen wird, verjagt durch Reisbündel, welche er Ochsen an die Hörner binden und anzünden läßt, das Römische Kohr, welches den Callicula besetzt hält, und kommt so durch den Paß. Auch verschont er, als er Alles umher niederbrennen läßt, das Landgut des Dictators Quintus Fabius Maximus, um ihn als Verräther verdächtig zu machen. Nun kommt es unter dem Consulate und eigner Anführung des Ämilius Paullus und Terentius Varro zu der höchst unglücklichen Schlacht mit Hannibal bei Cannä, in welcher fünfundvierzigtausend Römer mit dem Consul Paullus und achtzig Senatoren bleiben, und dreißig gewesene Consuln, Prätoren oder Ädilen. Als nach dieser Niederlage mehrere Jünglinge von Adel aus Verzweiflung mit dem Entwurfe umgehen, Italien zu verlassen, so schwört der Kriegstribun Publius Cornelius Scipio, nachher der Africaner genannt, indem er den Beratschlagenden sein Schwert über die Köpfe hält, daß er den als Feind ansehen wolle, der ihm nicht die vorgesagten Worte nachschwüre, und bewirkt dadurch, daß sie alle sich eidlich verpflichten, Italien auf keinen Fall zu verlassen. Außerdem berichtet dies Buch die Bestürzung und Trauer der Stadt Rom und die besser gelungenen Unternehmungen in Spanien. Opimia und Floronia, Vestalische Jungfrauen, werden Unkeuschheit wegen verurtheilt. Aus Mangel an Soldaten werden achttausend Sklaven bewaffnet. Die Gefangenen werden, ob man sie gleich auslösen konnte, nicht ausgelöset. Dem Varro geht man entgegen, und danket ihm, daß er den Stat noch nicht aufgegeben habe. 503 Zweiundzwanzigstes Buch. 1. Jetzt nahete der Frühling, als Hannibal, der es schon vorhin bei der unerträglichen Kälte vergebens versucht hatte, über den Apenninus zu gehen, und nicht ohne große Gefahr und Besorgniß so lange hier gestanden hatte, aus den Winterquartieren aufbrach. Als die Gallier, welche die Hoffnung des Beutemachens und Plünderns ihm zugeführt hatte, statt dessen, daß sie selbst auf fremdem Boden zu rauben und zu plündern dachten, ihr eignes Land zum Schauplatze des Krieges gemacht und mit den Winterquartieren der beiderseitigen Heere belastet sahen, so ging ihr Haß von den Römern wieder auf Hannibal über: und Hannibal, schon mehrmals von den Nachstellungen ihrer Großen bedroht, hatte ihrer eignen gegenseitigen Treulosigkeit, mit der sie ihre Entwürfe eben so leichtsinnig verriethen als verabredeten, seine Rettung verdankt, oder auch durch öfters veränderte Kleidung und Kopfbedeckung in seiner Unkenntlichkeit Schutz gefunden. Doch war auch diese Besorgniß ein Grund für ihn, den Aufbruch aus den Winterquartieren zu beschleunigen. Um eben diese Zeit trat zu Rom der Consul Cneus Servilius am fünfzehnten März sein Amt an. Als er bei dieser Gelegenheit die Übersicht der Lage des States zur Sprache bringen mußte, erwachte der Unwille über den Cajus Flaminius von neuem. «Zwei Consuln,» sagten die Väter, «hätten sie gewählt, und nur Einen hätten sie. Denn wie könne man von jenem behaupten, daß er einen rechtmäßigen Oberbefehl, daß er die Götterleitung habe? Diese müsse ja jeder Beamtete von der Heimat aus, von den Schutzgittern des Stats und seines Hauses, nach begangener Feier der Latinischen Festtage, nach 504 verrichtetem Opfer auf der Höhe, nach förmlicher Ablegung der Gelübde auf dem Capitole, mit sich hinausnehmen; sie schließe sich nie an den Privatmann, und wer ohne Götterleitung abgereiset sei, könne sich ja nicht im Auslande eine neue und eben so gültige selbst geben.» Und Schreckzeichen, welche von mehrern Orten zugleich einberichtet wurden, vermehrten diese Furcht. In Sicilien sollten mehrern Soldaten, in Sardinien, zu Sulci In Sardinia autem in muro]. – Es fällt auf, daß der Name der Stadt fehlt, von deren Mauer hier die Rede ist. Da aber so viele Msc. das sonst so bekannte Wort autem in audes, rudes, und die meisten und besten es in sudes verwandeln, und Sulci eine der ersten Städte Sardiniens war, so folge ich der von Drakenb. und Crevier gebilligten Vermuthung Jak. Gronovs, der (statt des autem) aus sudes Sulcis zu lesen vorschlug. Man sehe Drakenb. , dem Ritter, der auf der Mauer bei den Wachen die Runde machte, der Stab in der Hand gebrannt; die Küsten von vielem Feuer geleuchtet; zwei Schilde Blut geschwitzt, der Blitz einige Soldaten erschlagen, und die Sonnenscheibe sich verkleinert gezeigt haben. Zu Präneste sollten brennende Fackeln ardentes lampades caelo cecidisse]. – Drakenborch erklärte sich mit Recht für diese Lesart des Latinius und Lykosthenes; und Stroth nahm sie billig in den Text auf. Denn wenn es hier geheißen hätte, lapides cecidisse, so würde auch nachher bei den Anstalten zur Abwendung des durch die Zeichen gedroheten Unheils eines novemdiale sacrum erwähnt sein, wie das immer nach einem Steinregen der Fall war. So hieß es XXI, 62. ob cetera prodigia libros adire decemviri iussi. Quod autem lapidibus pluisset in Piceno, novemdiale sacrum edictum. XXIII. 31. fin. Lapidibus circa id templum pluit. Ob quem imbrem novemdiale, ut assolet, sacrum fuit: ceteraque prodigia cum cura expiata. vom Himmel gefallen, zu Arpi Schilde am Himmel und die Sonne mit dem Monde im Kampfe gesehen, und zu Capena bei Tage zwei Monde aufgegangen sein: die Bäder zu Cäre hätten ein mit Blut gemischtes Wasser gegeben und aus der Herculesquelle selbst sei das Wasser wie mit blutigen Flecken besprengt hervorgequollen: Schnittern seien in der Gegend von Antium blutige Ähren in den Korb gefallen: zu Falerii habe man den Himmel wie von einem großen Risse gespalten gesehen und aus der Öffnung habe ein gewaltiges Licht hervorgeleuchtet; die Orakeltäfelchen seien dort kleiner geworden, und eins beim Umschütteln herausgesprungen, mit der Aufschrift: 505 « Mars schwingt seinen Speer;» und zu gleicher Zeit habe zu Rom das Standbild des Mars neben den Bildnissen der Wölfe an der Appischen Straße Schweiß vergossen: auch habe man zu Capua den Himmel brennend und unter einem Regenschauer einen herabfallenden Mond gesehen. Nun fanden auch die Meldungen von unbedeutenderen Vorzeichen Glauben, daß bei verschiedenen Leuten Ziegen Wolle bekommen hätten, daß sich eine Henne in einen Hahn, ein Hahn in eine Henne verwandelt habe. Nachdem der Consul diese Angaben, so wie sie gemeldet waren, den Vätern vorgelegt und die Aussager vor dem Senate hatte auftreten lassen, brachte er die göttlichen Angelegenheiten zur Umfrage. Man beschloß, diese Vorbedeutungen theils durch größere, theils durch noch saugende Opferthiere beseitigen und bei allen Göttersitzen ein dreitägiges Betfest halten zu lassen. Alles Übrige sollte, wenn die Zehnherren die Bücher nachgeschlagen hätten, so ausgerichtet werden, wie sie es nach der Aussage der heiligen Sprüche für den Göttern cordi esse divis, carminibus praefarentur.] – Die Lesart divis, die Stroth in den Text aufgenommen hat, halte ich für die richtige, wenn man nicht etwa lesen will: Quemadmodum cordi dis esse, divinis carminibus praefarentur. Ob der sonst bei göttlichen Aussprüchen richtige Ausdruck profarentur an unsrer Stelle durchaus nöthig sei, wage ich nicht zu entscheiden. Da die Bekanntmachung des Ausspruchs durch die Decemvirn als etwas Vorläufiges, als eine praefatio, der Vollziehung des Opfers oder Darbringung des Geschenks vorhergeht, so könnte praefarentur vielleicht ächt sein. gefällig erklären würden. Auf die Angabe der Zehnherren wurde beschlossen, zuerst zum Geschenke für den Jupiter einen goldenen Donnerkeil fünfzig Pfund schwer machen zu lassen, der Juno und Minerva silberne Geschenke darzubringen, der Juno Regina auf dem Aventinus und der Juno Sospita zu Lanuvium große Thiere zu opfern; die Frauen von Stande sollten von einer zusammengeschossenen Geldsumme, zu welcher jede nach ihrer Bequemlichkeit beitrüge, der Juno Regina ein Geschenk auf den Aventinus bringen, und ein Göttermahl gehalten werden; ja die weiblichen Freigelassenen sollten Quin et libertinae ut ipsae]. – Ich wünschte, man hätte die Lesart der besten und nicht wenigen Handschriften beibehalten: Quin et ut libertinae et ipsae. Et ipse heißt beim Livius fast allenthalben nichts weiter, als ebenfalls . ebenfalls nach ihren Umständen zu einer 506 Summe zusammenlegen, wovon der Feronia ein Geschenk gemacht werden könnte. Als dies geschehen war, brachten die Zehnherren große Thiere auf dem Markte zu Ardea zum Opfer. Noch in den letzten Tagen des Monats December wurde zu Rom im Tempel des Saturnus geopfert, ein Göttermahl, bei welchem Senatoren die Tafelsitze überzogen, und ein allgemeines Gastgebot angeordnet; in der ganzen Stadt rief man bei Tage und bei Nacht: « Saturnalien! » und dem Volke wurde anbefohlen, diesen Tag festlich zu begehen und ihn auch in Zukunft beizubehalten, 2. Indeß den Consul zu Rom die Versöhnung der Götter und die Werbung beschäftigte, nahm Hannibal, der auf das Gerücht, daß der Consul Flaminius schon zu Arretium angekommen sei, aus den Winterquartieren aufbrach, nicht den ihm gezeigten längeren, freilich bequemeren, Weg, sondern den näheren durch die Sümpfe, wo in diesen Tagen der Fluß Arno stärker als gewöhnlich ausgetreten war. Die Spanier und Africaner – aus diesen bestand der Kern seiner Altkrieger – ließ er voraufgehen, und zwar mit ihrem Gepäcke, damit es ihnen, wenn sie irgendwo Halt machen müßten, nicht an allem Nöthigen fehlen möchte: ihnen mußten die Gallier folgen, um in der Mitte des Zuges zu sein; und zuletzt die Reuterei: dann mußte Mago mit den leichten Numidern den Zug schließen, vorzüglich um die Gallier beisammen zu halten, wenn sie etwa aus Überdruß der Beschwerden und des langen Marsches – denn dergleichen auszuhalten ist dies Volk zu weichlich – sich verschleichen oder stehen bleiben sollten. Die Ersten folgten, wo nur ihre Wegweiser vorangingen, durch die jähen und tiefen Schlünde der Stromflut, vom Schlamme fast verschlungen und hineinsinkend, dennoch den Fahnen. Die Gallier konnten sich weder halten, noch, wenn sie gefallen waren, aus den Schlünden wieder aufstehen; ihre Körper so wenig durch Muth, als 507 ihren Muth durch Hoffnung erhalten; so daß sie theils die ermatteten Glieder nur mit Mühe weiter schleppten, theils, wenn sie Einmal aus Überdruß verzweifelnd sich hingeworfen hatten, zwischen den gleichfalls umherliegenden Lastthieren starben. Was die Leute am meisten entkräftete, war das Wachen, das sie nun schon vier Tage und drei Nächte ertragen hatten. Da in der Alles bedeckenden Flut keine Stelle zu finden war, wo sie ihre müden Körper hätten ins Trockne strecken können, so legten sie sich oben auf ihr im Wasser aufgethürmtes Gepäck. Hin und wieder gewährten ihnen sogar die Haufen der auf dem ganzen Zuge gefallenen Lastthiere, da sie nur irgend etwas suchten, was aus dem Wasser ragte, auf kurze Zeit ein Nothlager. Hannibal selbst, der bei einer gleich anfangs durch die unbeständige, mit Hitze und Kälte wechselnde, Frühlingswitterung ihm zugestoßenen Augenkrankheit, um so viel höher über dem Wasser zu sein, sich von dem noch übrigen einzigen Elephanten tragen ließ, wurde zuletzt, da das viele Wachen und die Nachtdünste bei der Sumpfluft ihm den Kopf angriffen, auf dem einen Auge blind. 3. Als er endlich nach einem kläglichen Verluste vieler Menschen und Lastthiere aus den Sümpfen wieder hervortauchte, schlug er, sobald er das auf trocknem Boden konnte, ein Lager auf, und erfuhr durch seine vorausgeschickten Kundschafter mit Gewißheit, daß das Römische Heer zu den Mauern Arretiums stehe. Nun beschäftigte er sich damit, die Entwürfe und Gesinnung des Consuls, die Lage der Gegenden, die Wege, die Möglichkeit, sich freie Zufuhr zu verschaffen, und alles Übrige, was ihm zu wissen nöthig war, auf das sorgfältigste zu erforschen. Die Gegend war eine der fruchtbarsten Italiens; die Hetruskischen Gefilde, die zwischen Fäsulä und Arretium liegen, mit Überfluß an Getreide und Heerden und allem Übrigen gesegnet. Der Consul noch voll Übermuth von seinem vorigen Consulate, und nicht nur ohne Scheu vor den Gesetzen und der Würde der Väter, sondern auch so ziemlich vor den Göttern. Das Glück hatte diese ihm natürliche 508 Verwegenheit durch einen ihn begünstigenden Erfolg in seinen bürgerlichen und kriegerischen Unternehmungen genährt. Es stand also gewiß zu erwarten, daß er, ohne Götter oder Menschen zu befragen, in allen Stücken mit Kühnheit und Übereilung zu Werke gehen werde. Und damit er sich seinen Fehlern so viel eher überlassen möchte, legte es Hannibal darauf an, ihn in Athem zu setzen und zu reizen; und da er auf seinem Marsche gegen Fäsulä, mit Hinterlassung des Feindes zur Linken, in der Mitte von Hetruriens Fluren zum Plündern auszog, ließ er durch angerichtete Metzeleien und Brandschäden den Consul aus der Nähe einer Verheerung zusehen, so arg sie ihm zu bewirken möglich war. Flaminius, der selbst einem ruhigen Feinde gegenüber nicht geruhet haben würde; der vollends jetzt, als er das Eigenthum der Bundsgenossen beinahe vor seinen Augen plündern und wegtreiben sah, es sich selbst zur Unehre anrechnete, wenn die Punier schon Italiens Mitte durchschwärmten und ohne den mindesten Widerstand zum Angriffe auf die Mauern Roms weiter rücken könnten: – mochten immerhin alle übrigen Stimmen im Kriegsräthe dem wahren Vortheile vor der Scheinehre durch die Erklärung den Vorzug geben, «daß Flaminius seinen Amtsgenossen erwarten müsse, damit sie Beide mit vereinten Heeren, in Einem Geiste und nach Einem Plane zu Werke gehen könnten: bis dahin müsse man mit der Reuterei und den leichtbewaffneten Hülfstruppen die ausgelassene Frechheit des Feindes in seinen Verheerungen beschränken:» – genug, er stürzte in vollem Zorne zum Kriegsrathe hinaus und ließ das Zeichen zum Aufbruche und zur Schlacht zugleich aufstecken, «Daß wir doch ja,» rief er, «vor Arretiums Mauern sitzen bleiben: denn hier ist ja unsre Vaterstadt mit unsern Hausgöttern. Hannibal, den wir unsern Händen entschlüpfen lassen, mag Italien verwüsten, mag unter Verheerungen und Einäscherungen der ganzen Gegend bis an Roms Mauern vordringen; und wir regen uns ja nicht eher von der Stelle, bis die Väter, wie einst den Camillus von Veji, 509 den Cajus Flaminius von Arretium rufen lassen.» Als er mit diesem laut geäußerten Hohne zugleich den Befehl gab, die Fahnen schleunig auszuziehen, und sich auf sein Pferd warf, stürzte plötzlich das Pferd lang hin und über den Kopf weg ward der Consul zur Erde geschleudert. Noch waren alle Umstehenden über die abscheuliche Vorbedeutung, mit welcher die Unternehmung begönne, in Schrecken, als die Meldung kam, eine Fahne wolle trotz aller vom Fähnriche angewandten Kraft nicht aus der Erde. «Bringst du nicht etwa,» rief der Consul dem Meldenden entgegen, «auch einen Brief vom Senate, worin mir der Krieg verboten wird? Geh! sag ihnen, wenn ihnen vor Feigheit die Hände zu lahm wären, die Fahne herauszu ziehen, so sollten sie sie heraus graben .» Nun erfolgte der Aufbruch des Heeres, obgleich die höheren Führer nicht allein im Kriegsrathe dagegen gewesen, sondern auch jetzt durch die zwiefache Vorbedeutung in Schrecken gesetzt waren; indeß der gemeine Soldat, der mehr auf die Hoffnung seines Feldherrn, als auf die Gründe dieser Hoffnung sah, an dem kecken Muthe desselben seine Freude hatte. 4. Hannibal übte bei seiner Plünderung des Landstriches zwischen der Stadt Cortona und dem See Trasimenus alle Gräuel des Krieges aus, damit die Erbitterung hierüber für die Feinde ein so viel schärferer Sporn würde, das Ungemach ihrer Bundesgenossen zu rächen. Schon waren sie in die zu einem Hinterhalte wie gemachte Gegend gekommen, wo der Trasimenus dicht unter die Gebirge von Cortona tritt. Es bleibt nur ein sehr schmaler Weg dazwischen, gleichsam als wäre dieser Raum absichtlich hierzu übrig gelassen; weiterhin eröffnet sich ein etwas breiteres Feld, und dann erheben sich die Hügel. Hier in der offenen Ebene schlug Hannibal ein Lager auf, wo er selbst nur mit den Africanern und Spaniern seinen Standort haben wollte. Die Balearen und übrigen Leichtbewaffneten ließ er sich hinter den Bergen herumziehen: die Reuterei pflanzte er an den Eingang des Passes, wo sie von Hügeln zweckmäßig verdeckt stand, damit ringsum, wenn 510 sich den hineingerückten Römern die Reuterei in den Rücken würfe, Alles vom See und von Bergen eingeschlossen wäre. Als Flaminius, welcher Tags zuvor mit Sonnenuntergange bei dem See angekommen war, ohne alle eingezogene Runde den Paß am folgenden Tage fast noch in der Dämmerung zurückgelegt hatte, so daß er eben anfing, seinen Zug in das offenere Feld auszubreiten, wurde er freilich Feinde gewahr, aber nur die vor ihm stehenden: von dem Hinterhalte im Rücken und über seinem Haupte ahnete er nichts. Kaum sah Hannibal, was er gewünscht hatte, den Feind zwischen dem See und den Bergen eingeschlossen und von seinen Truppen umringt, so gab er Allen das Zeichen, zugleich anzugreifen. Wie diese, wo es Jedem am nächsten war, herabgerannt kamen, so war dies den Römern so viel überraschender und unerwarteter, weil sich ein aus dem See aufgestiegener Nebel dichter auf der Ebene, als auf den Bergen gelagert hatte, und die feindlichen Haufen, die sich von mehreren Ex pluribus collibus ipsa inter se satis conspecta, eoque magis]. – Außerdem, daß ich dem von Lipsius vorgeschlagenen, und von Gronov, Crevier, Duker, und selbst von Drakenborch gebilligten collibus (statt vallibus) folge, glaube ich auch, das que hinter eo hier weglassen zu müssen. Denn außerdem, daß dies der richtigere Zusammenhang zu fordern scheint, wird auch dies que dadurch verdächtig, daß gerade die beste Handschrift, die Florentinische, eo magis que lieset. Eine solche Ungewißheit der Stelle lässet gewöhnlich eine Aufnahme vom Rande her vermuthen. Das nach dem Participium conspecta hier sehr unnöthige que scheint mir eben so der Zusatz eines Abschreibers zu sein, als das von Mehreren verworfene et bei praetermissurus XXIII. 14, 6. Daß das Participium conspecta hier, wie das so oft der Fall ist, die Stelle eines Adjectivums in ibilis vertritt, darf ich wohl nicht erinnern. Höhen aus deutlich genug beobachten konnten, den Angriff so viel gleichzeitiger thaten. Die Römer schlossen schon aus dem Geschreie, weil es rund um sie her sich erhob, daß sie umzingelt waren, ehe sie noch völlig sehen konnten; und sie wurden schon von vorn und auf den Seiten angegriffen, ehe sie Zeit hatten, die Linie gehörig zu stellen, die Waffen in Stand zu setzen und das Schwert zu ziehen. 5. Der Consul, der danach, daß er in einer drängenden Lage war, bei der allgemeinen Bestürzung für seine 511 Person noch Fassung genug behielt, gab den in Unordnung gerathenen Gliedern, in denen sich Jeder nach dem von entgegengesetzten Seiten ertönenden Geschreie hinwandte, die Richtung wieder, so gut es Zeit und Ort gestattete; und wo er nur herankommen und gehört werden konnte, sprach er Muth ein, und hieß die Leute Stand halten und fechten: «denn hier sei die Rettung durch kein Gelübde, keine Anrufung der Götter, sondern durch Kraft und Tapferkeit zu bewirken. Mitten durch die Linien bahne sich das Schwert den Weg; und je weniger man fürchte, je kleiner finde man gewöhnlich die Gefahr.» Allein vor Getöse und Lärmen konnte man keinen Rath, keinen Befehl vernehmen; und weit entfernt, auf seine Fahne, sein Glied und seinen Platz zu merken, hatte der Soldat kaum Besinnung genug, um zu den Waffen zu greifen und sie zum Gefechte in Stand zu setzen: Manche wurden niedergehauen, weil ihre Waffen sie mehr belasteten, als schützten: auch thaten bei dem dicken Nebel die Ohren bessere Dienste, als die Augen. Ihr Antlitz, ihr Auge irrte nach dem Geächze der Verwundeten umher, nach den auf Körper, auf Waffen fallenden Streichen, nach den sich mischenden Tönen der Drohung strepentium paventiumque]. – Wenn die paventes durch ihr Geschrei laut werden, was hier der Fall ist, so sind auch sie strepentes ; folglich können hier strepentes und paventes einander nicht entgegengesetzt werden. An mehreren Stellen macht Livius, bei Schilderungen dieser Art, terrentes und paventes zu Gegensätzen. Ich vermuthe, die Lesart strepentium sei daraus entstanden, daß einer der früheren Abschreiber das s im Worte mix tos unrichtig mit terrentium zusammenlas, welches, abgekürzt mixtos tren tium geschrieben; um so viel leichter in strepentium überging. und des Angstrufs. Hier blieben Fliehende, weil sie auf einen Haufen Fechtender stießen, feststecken: dort riß ein Schwarm von Fliehenden die ins Gefecht Zurückkehrenden mit sich fort. Als sie nun nach allen Seiten hin vergebliche Angriffe gemacht hatten, auf den Flügeln die Berge und der See, von vorn und im Rücken das feindliche Heer sie einschlossen, und der Augenschein lehrte, daß hier keine andere Rettung zu erwarten sei, als von der Faust und vom Schwerte; da wurde Jeder sein eigner Führer und 512 Ermunterer zum Einhauen, und es erfolgte eine zweite neubeginnende Schlacht; aber freilich nicht jene nach einem Mittel-, Vorder- und Hintertreffen geordnete, und weder so vertheilt, daß die Vorfechter vor den Fahnen, und das übrige Heer hinter den Fahnen gestritten hätten, noch so, daß der Soldat in seiner Legion, oder in seiner Cohorte, oder Rotte stand. Der Zufall warf die Leute in Eine Masse; den Platz vorn oder hinten im Gefechte gab Jedem sein eigner Muth: und der Waffenkampf wurde so hitzig; die Aufmerksamkeit so ganz auf die Schlacht gespannt; daß jenes Erdbeben, welches in vielen Städten Italiens ganze Straßen niederwarf, reißende Ströme von ihrem Laufe abwandte, das Meer in die Flüsse trieb, Berge durch ungeheuren Fall vertiefte, der Fechtenden keiner bemerkte. 6. Beinahe drei Stunden schlug man sich, und allenthalben mit Erbitterung. Doch um den Consul her war das Gefecht noch hitziger und ergrimmter. An ihn schloß sich der Kern seiner Männer; er selbst leistete überall, wo er die Seinigen Noth leiden und im Gedränge sah, schleunige Hülfe. Ihm beizukommen, – denn seine Waffen machten ihn kenntlich, – boten die Feinde alle Kräfte auf; die Bürger, ihn zu schützen: bis endlich ein Insubrischer Reuter – er hieß Ducarius – der ihn auch von Gesicht kannte, seinen Landsleuten zurief: «Sehet! dies ist derselbe Consul, der unsre Legionen niederhieb, der unser Land und unsre Stadt verheerte. Jetzt will ich ihn den Seelen unsrer kläglich gemordeten Mitbürger zum Opfer bringen!» sogleich seinem Pferde die Spornen gab, durch den dichtesten Haufen der Feinde hereindrang, und nachdem er den Waffenträger, der sich seinem Angriffe entgegen warf, erlegt hatte, den Consul mit einer Lanze durchbohrte. Er wollte ihn entwaffnen, mußte aber den Triariern weichen, die den Leichnam mit ihren Schilden deckten. Dies war für einen großen Theil Römer der Anfang zur Flucht; und nun galt ihrer Bestürzung kein See, kein Berg als Hinderniß; blindlings rannten sie durch jeden. Hohlweg, über jede Klippe; und Waffen und Männer stürzten über einander. Viele, die bei der völligen 513 Unmöglichkeit zu fliehen, an den seichten Uferstellen des Sees ins Wasser gingen, wagten sich so weit hinein, als sie noch mit Kopf und Schultern ragten. Einigen gab die Unbesonnenheit des Schreckens sogar den Versuch ein, sich durch Schwimmen zu retten. Wenn sie dann das unerreichbare Ziel wieder aufgeben mußten, fanden sie entweder aus Mangel an Athem ihren Tod in der Tiefe, oder sie arbeiteten sich nach fruchtloser Erschöpfung kaum noch zu den Uferstellen zurück und wurden hier von der in das Wasser hineinreitenden feindlichen Reuterei allenthalben niedergehauen. Fast sechstausend Mann des Vordertreffens, die sich muthig gerades Weges durch die Feinde durchschlugen, retteten sich, ohne im mindesten zu wissen, was hinter ihnen vorging, aus dem Passe. Als sie auf einem Hügel Halt gemacht hatten, konnten sie, da sie nichts als Geschrei und Waffengetöse hörten, den Ausgang der Schlacht weder vernehmen, noch vor dem Nebel so weit sehen. Wie aber endlich nach entschiedenem Unglücke der von der wärmeren Sonne zertheilte Nebel den Tag durchbrechen ließ, da zeigten ihnen Gebirge und Ebenen die verlorne Schlacht und das kläglich hingestreckte Römische Heer in vollem Lichte. Damit ihnen nun nicht, sobald man sie von ferne sähe, die Reuterei nachgeschickt würde, machten sie sich mit ihren eiligst aufgerissenen Fahnen so schnell als möglich davon. Am folgenden Tage, da sie außer dem übrigen Elende auch dem schmählichsten Hunger entgegensahen, verstanden sie sich, auf Maharbals – er hatte sie in der Nacht mit seiner ganzen Reuterei eingeholt – gegebenes Wort, Jeden mit Einem Kleidungsstücke, wenn sie die Waffen abliefern würden, zu entlassen, zur Übergabe. Diese Zusage erfüllte Hannibal mit Punischer Gewissenhaftigkeit; und Alle wurden in Fesseln gelegt. 7. Dies ist die berühmte Schlacht am Trasimenus, die als eine der seltenen Niederlagen des Römischen Volks aufgeführt wird. Funfzehntausend Römer fielen in der Schlacht; zehntausend, die sich auf der Flucht über ganz 514 Hetrurien zerstreueten, suchten auf verschiedenen Wegen Rom zu erreichen. Von den Feinden blieben tausend fünfhundert in der Schlacht, und viele starben noch nachher an ihren Wunden. Nach andern Berichten soll der Verlust auf beiden Seiten vielfach gewesen sein. Außerdem, daß ich überhaupt nicht gern aus unstatthaften Angaben geschöpft haben möchte, wozu sich die Geschichtschreiber nur gar zu gern verführen lassen, glaube ich, mich hauptsächlich an den Fabius halten zu müssen, dessen Leben jenem Kriege gleichzeitig war. Als Hannibal nach unentgeltlicher Entlassung aller Latinischen, und Festnehmung aller Römischen Gefangenen, den Befehl gab, die aus dem aufgethürmten Haufen der Feinde hervorgesuchten Leichen der Seinigen zu begraben, ließ er auch den Körper des Flaminius, um ihn zu bestatten, sehr sorgfältig aufsuchen, allein ohne ihn zu finden. Zu Rom lief das Volk auf die erste Nachricht von dieser Niederlage in großem Schrecken und Getümmel auf den Markt. Frauenzimmer von Stande durchstrichen die Gassen und wollten von Jedem, der ihnen aufstieß, über das plötzlich gemeldete Unglück und über das Schicksal des Heeres Auskunft haben. Und da der Volksschwarm, gleich einer zahlreichen Versammlung dem Wahlplatze und dem Rathhause zugekehrt, die Obrigkeiten herausrief, so gab ihnen endlich der Prätor Marcus Pomponius kurz vor Sonnenuntergange die Erklärung: «Wir haben eine große Schlacht verloren!» Und hatten sie gleich nichts Ausführlicheres von ihm erfahren, so brachten sie doch, einer vom Andern mit Gerüchten beladen, die Nachricht zu Hause: «Der Consul sei mit dem größten Theile des Heers geblieben. Die wenigen noch Lebenden hätten sich entweder als Flüchtlinge in Hetrurien verlaufen, oder wären vom Feinde gefangen.» So mancherlei die Schicksale des geschlagenen Heeres waren, so verschiedenen Sorgen öffneten sich die Herzen derer, die in dem Heere unter dem Consul Cajus Flaminius Verwandte hatten, da sie nicht wissen konnten, was für ein Los jeden der Ihrigen getroffen 515 habe, und jeder über das, was er hoffen oder fürchten sollte, in Ungewißheit blieb. Am folgenden und mehreren Tagen nach einander stand an den Thoren fast ein größerer Haufe von Weibern als von Männern, die entweder einen der Ihrigen selbst, oder doch Nachricht von ihnen erwarteten. Sie drängten sich mit ihren Fragen um die Kommenden, und waren, vollends von Bekannten, durchaus nicht eher wegzubringen, bis sie ihnen Alles der Reihe nach abgefragt hatten. Und wenn sie nun von den Erzählern schieden, dann konnte man den verschiedenen Ausdruck der Gesichter sehen, je nachdem Jeder frohe oder traurige Botschaft erfahren hatte; und wie sie beim Zuhausegehen von Freude oder Beileid Bezeigenden umringt waren. Auffallend zeichnete sich die Freude und die Traurigkeit bei dem weiblichen Geschlechte aus. Eine Mutter soll noch im Thore, wo sie unerwartet den geretteten Sohn traf, vor seinen Augen den Geist aufgegeben haben: eine Andre, die in ihrem Kummer, weil ihr fälschlich der Tod ihres Sohnes gemeldet war, zu Hause saß, soll bei dem ersten Anblicke des Wiederkehrenden vor übergroßer Freude des Todes gewesen sein. Den Senat hielten die Prätoren mehrere Tage lang von Sonnenaufgang bis zum Untergange im Rathhause versammelt, am zu überlegen, unter welchem Feldherrn oder durch was für Truppen sie sich der siegenden Punier erwehren könnten. 8. Ehe sie sich noch für eine Maßregel entschieden, kam unerwartet die Nachricht von einem neuen Unglücke. Viertausend Mann Reuterei, welche der Consul Servilius unter dem Proprätor Cajus Centenius an seinen Amtsgenossen schickte, wären in Umbrien, wohin sie sich, auf das Gerücht von der Trasimenischen Schlacht, gewandt hatten, von Hannibal aufgehoben. Der Eindruck, den diese Nachricht auf die Leute machte, war sehr verschieden. Einige, deren Gemüth noch der größere Kummer füllte, hielten diesen neuen Verlust an Reuterei im Vergleiche mit den früheren für unbedeutend. Andre berechneten diesen Unfall nicht nach seiner eigenen Große, sondern meinten, so wie einem geschwächten Körper, ein noch 516 so unbedeutender Zufall weit empfindlicher sei, als einem starken ein schwererer; so müsse man auch jetzt jedes Misgeschick, von dem der kranke und leidende Stat betroffen werde, nicht nach der Größe des Ereignisses, sondern nach seinen geschwächten Kräften in Anschlag bringen, die auch nicht den mindesten Zuwachs von Übel ertragen konnten. So nahm denn der Stat seine Zuflucht zu einem Rettungsmittel, das man lange nicht nöthig gefunden, noch gebraucht hatte; zur Ernennung eines Dictators. Und weil der Consul, den man allein zur Ernennung desselben berechtigt hielt, abwesend, und es so leicht nicht war, bei der Besetzung Italiens von Punischen Waffen, ihn mit einem Boten oder Briefe zu beschicken, vom Volke aber kein Dictator ernannt werden konnte, was auch bis auf diesen Tag nie geschehen war, so erklärte das Volk den Quintus Fabius Maximus zum Prodictator, und zum Magister Equitum den Marcus Minucius Rufus. Ihnen machte es der Senat zum Geschäfte, die Mauern und Thürme der Stadt in festen Stand zu setzen, Truppen auszustellen, wo sie es nöthig fänden und die Brücken über die Flüsse abzuwerfen: denn da man Italien nicht habe behaupten können, so müsse man nun den Kampf zur Rettung Roms im Angesichte seiner Schutzgötter wagen. 9. Hannibal kam gerades Weges durch Umbrien bis nach Spoletum. Als er aber – – von dieser Stadt, die er nach Verheerung ihres Gebietes stürmend angriff, mit großem Verluste zurückgeschlagen, – – aus der Stärke einer einzigen gar nicht mit Glück angegriffenen Pflanzstadt sich es berechnete, welch ein Riesenbau Rom selbst sein müsse, so nahm er seinen Marsch seitwärts in das Picenische Gebiet, das nicht allein an Vorräthen aller Art Getreides einen Überfluß hatte, sondern auch eine Fülle von Beute gab, über welche seine gierigen und nothleidenden Truppen unaufhaltsam herfielen. Hier hatte er sein Standlager mehrere Tage; und der Soldat, den die Wintermärsche, der Zug durch die Sümpfe, und die Schlacht angegriffen hatten, die mehr im Ausgange glücklich, als an sich unbedeutend und leicht gewesen war, erholte sich. 517 Als er endlich, da ihnen ohnehin Raub und Verheerung lieber war, als Muße und Erholung, nach gehöriger Ruhezeit wieder aufbrach, verwüstete er das Gebiet von Prätutii und Hadria, dann das Land der Marser, Marruciner und Peligner, und die nächste Gegend Apuliens um Arpi und Luceria . Kaum erfuhr der Consul Cneus Servilius, der mit den Galliern einige leichte Gefechte gehabt und ihnen eine unbedeutende Stadt genommen hatte, die Niederlage seines Amtsgenossen und des Heeres, so machte er sich bei der eintretenden Besorgniß für die Mauern der Vaterstadt, um nicht in der dringendsten Gefahr abwesend zu sein, auf den Weg nach Rom. Quintus Fabius Maximus, der gleich am Antrittstage seiner zweiten Dictatur den Senat berief, bestimmte durch seine von den Göttern ausgehende Belehrung, daß sich Consul Cajus Flaminius durch Nichtachtung der heiligen Gebräuche und Götterwinke mehr, als durch Unbesonnenheit und Ungeschicklichkeit habe zu Schulden kommen lassen, und daß man um die Sühnmittel des göttlichen Zorns die Götter selbst befragen müsse, die Väter zu dem Beschlusse, der sonst gewöhnlich nur auf die Anzeige schrecklicher Vorzeichen ausgefertigt wird, daß die Zehnherren sich an die Sibyllinischen Bücher wenden sollten. Nach genommener Einsicht in die Bücher der Schicksale berichteten diese den Vätern: «Das auf Veranlassung dieses Krieges dem Mars dargebrachte Gelübde müsse, weil es nicht gehörig besorgt sei, von neuem und ansehnlicher ausgerichtet werden: dem Jupiter müsse man große Spiele, der Venus Erycina und der Göttinn Mens Tempel verheißen, ferner einen Bettag und ein Göttermahl anstellen, und eine heilige Frühlingsspende dann zu geben geloben, wenn man im Kriege glücklich wäre, und der Stat in dem Zustande, worin er vor dem Kriege gewesen, sich erhielte.» Weil den Fabius die Sorge für den Krieg beschäftigen würde, befahl der Senat dem Prätor Marcus Ämilius, dies Alles nach dem eingeholten Gutachten des Gesamtamtes der Oberpriester baldigst besorgen zu lassen. 518 10. Nach Ausfertigung dieser Senatsschlüsse erklärte der Hohepriester Lucius Cornelius Lentulus auf die vom Gesamtamte der Prätoren Consulente collegio praetorum]. – Zu meiner Rechtfertigung darüber, daß ich mit Crevier diese Lesart fast aller Handschriften beibehalte, setze ich Creviers Anmerkung zu den letzten Worten des vorigen Cap. hieher. Non iubetur M. Aemilius ea omnia per se ipse peragere, sed curare, ut mature fiant. Itaque nihil repugnat huic loco, quod L. XXXIII. c. 44. A. Cornelius Mammula ver sacrum vovisse dicitur. Sic et infra c. 10. (extrem.) aedes Veneri Erycinae vovetur a Fabio dictatore; Menti a T. Otacilio praetore; et mox cap. seq. (init.) consulitur pontifex maximus de vere sacro, non a solo Aemilio, sed a collegio praetorum . bei ihm geschehene Anfrage, vor allen Dingen müsse man über die heilige Frühlingsspende bei dem Volke anfragen; ohne Genehmigung des Volks könne sie nicht versprochen werden. Der Antrag an das Volk lautete wörtlich so: «Ist es euer Wille und Gebot, daß es also geschehe, daß Alpes sunt) datum, donum]. – Dieses daß fehlt im Grundtexte; es ist aber wegen des vorhergehenden hoc sic fieri nothwendig. Creviers Vorschlag ist, dies ut zwischen den Worten cis Alpes sunt) und datum, donum duit p. R. einzuschieben: und ich glaube, daß es durch die Abbreviatur s u t in den unmittelbar vorhergehenden Worten qui cis Alpes sunt verdrängt sei. , wenn der Stat des Römischen Volks der Quiriten auf die nächsten fünf Jahre, wie ichs ihm wünsche, in diesen Kriegen unbeschadet erhalten wird, (ich meine den Krieg, der dem Römischen Volke gegen das Carthagische obwaltet, und die Kriege, die mit den Galliern obwalten, welche diesseit der Alpen wohnen) das Römische Volk der Quiriten eine geschenkte Gabe daraus mache, daß Alles, was an Heerdenvieh, an Schweinen, Schafen, Ziegen, Rindern, der Frühling bringen wird, und was noch keinem geweihet ist, dem Jupiter von dem Tage an geweihet sei, den der Senat und das Volk bestimmen wird? Wer dann opfern wird, der opfere, wann er will, und nach welcher Vorschrift er will: auf welche Weise er opfern mag, soll er recht geopfert haben. Stirbt das, was hätte geopfert werden müssen, so soll es ungeweiht gewesen und keine Sünde sein. Verderbet oder tödtet es jemand unvorsetzlich, so soll daraus kein Nachtheil erwachsen. Stiehlt es jemand, so soll es weder dem Volke, noch dem, dem es gestohlen wird, zur Sünde werden. Opfert es jemand 519 ohne Wissen an einem Unglückstage, so soll er recht geopfert haben. Mag es bei Tage, oder bei Nacht, mag es ein Sklave oder ein Freier opfern, so soll er recht geopfert haben. Wenn Senat und Volk früher zu opfern verordnet haben, als jemand opfert, so soll das Volk ohne Verantwortung und frei sein.» Auf eben diese Veranlassung wurden Große Spiele, zu einem Kostenaufwande von dreihundert dreiunddreißig tausend dreihundert dreiunddreißig und einem Drittel Kupferass Nach Crevier etwa 10,400 Gulden Conventionsgeld. gelobet; außerdem dem Jupiter ein Opfer von dreihundert Stieren, vielen andern Göttern weiße Rinder und den übrigen Opferthiere. Als die Gelübde feierlich zugesagt waren, wurde der Bettag bekannt gemacht, und mit Weib und Kind zog nicht allein das Volk in der Stadt zur Anbetung in die Tempel, sondern auch diejenigen von den Landleuten, welche bei eigenem Wohlstande gegen den öffentlichen nicht gleichgültig waren. Nun wurde das Göttermahl drei Tage nach einander gefeiert, welches die Zehnherren des Gottesdienstes besorgten. Sechs Göttertafeln waren öffentlich aufgestellt; eine für Jupiter und Juno, die andre für Neptun und Minerva, die dritte für Mars und Venus, die vierte für Apollo und Diana, die fünfte für Vulcan und Vesta, die sechste für Mercur und Ceres. Dann wurden die Tempel gelobet. Der Venus Erycina gelobte ihren Tempel der Dictator Quintus Fabius Maximus, weil es so aus den Büchern der Schicksale angegeben war, daß der ihn geloben solle, der im State den höchsten Oberbefehl habe. Der Göttinn Mens gelobte ihren Tempel der Prätor Titus Otacilius . 11. Als so die heiligen Geschäfte beseitigt waren, fragte der Dictator nun auch in Betreff des Krieges und der Statsangelegenheiten an, welche und wie viele Legionen die Väter dazu bestimmten, dem siegreichen Feinde entgegen zu gehen. Man beschloß: «Er solle das Heer vom Consul Cneus Servilius übernehmen, außerdem unter Bürgern und Bundsgenossen so viel Reuterei und 520 Fußvolk ausheben, als er nöthig fände, und in allen übrigen Stücken so verfahren und handeln, wie es seiner Meinung nach das Beste des Stats erfordere.» Fabius erklärte, er werde des Servilius Heer mit zwei Legionen verstärken. Er bestimmte diesen, als der Magister Equitum sie ausgehoben hatte, einen Tag, auf den sie sich zu Tibur stellen mußten. Und als er selbst, nach erlassener Bekanntmachung, – – daß Alle, die in unbefestigten Städten und Flecken wohnten, sich in sichere Plätze ziehen und selbst aus den Dörfern jener Gegend, durch welche Hannibal gehen würde, Alle auswandern sollten, wenn sie zuvor die Häuser angezündet, und die Früchte verderbt hätten, damit sich nicht der mindeste Vorrath fände; – – auf der Flaminischen Heerstraße dem Consul und den Truppen entgegen zog, so schickte er, sobald er an der Tiber bei Ocriculum den Zug in der Ferne und den Consul gewahr wurde, der mit der Reuterei herankam, einen Amtsboten hin, um dem Consul zu sagen, er müsse vor dem Dictator ohne Lictoren erscheinen. Er gehorchte; und ihre Zusammenkunft gab der Dictatur bei Bürgern und Bundsgenossen, die mit diesem Statsamte durch die Länge der Zeit beinahe unbekannt geworden waren, ein gewaltiges Ansehen: da meldete ein Brief aus Rom, daß die Frachtschiffe, die von Ostia aus Lebensmittel für das Heer nach Spanien geladen hatten, nahe am Hafen von Cosa von einer Punischen Flotte genommen wären. Also wurde der Consul sogleich befehligt, nach Ostia abzugehen, und wenn er die bei Rom oder zu Ostia liegenden Schiffe mit Soldaten und Seeleuten bemannt hätte, die feindliche Flotte zu verfolgen und Italiens Küste zu decken. Es hatte nämlich zu Rom eine starke Aushebung Statt gehabt: sogar Freigelassene, wenn sie Kinder und das dienstfähige Alter hatten, waren in Eid genommen. Von diesem in der Stadt geworbenen Heere wurden die unter fünfunddreißig Jahren eingeschifft, die Andern blieben zur Besatzung der Stadt. 12. Nachdem sich der Dictator das Heer des Consuls vom Legaten Fulvius Flaccus hatte übergeben lassen, kam er durch das Sabinische nach Tibur, an welchem sich hier 521 die neuen Soldaten seiner Bekanntmachung gemäß hatten einstellen müssen: von hier ging er auf Präneste, und über Querwege auf die Latinische Heerstraße; und von da rückte er auf lauter sorgfältigst ausgekundschafteten Wegen näher an den Feind, mit dem Vorsatze, es nirgend, außer wenn die Noth geböte, auf das Glück ankommen zu lassen. Gleich am ersten Tage, als er nicht weit von Arpi im Angesichte des Feindes sein Lager aufschlug, ließ es auch Hannibal sein Erstes sein, in Schlachtordnung auszurücken und ihm ein Treffen anzubieten. Wie er aber sah, daß bei den Feinden Alles ruhig blieb und ihr Lager nicht im mindesten in Aufruhr gerieth, so äußerte er zwar bei seinem Rückzuge ins Lager laut spöttelnd, daß doch endlich auch den Römern der vom Mars angestammte Muth gebrochen, der Krieg beendet und der Preis der Tapferkeit und Ehre offenbar ihm überlassen sei; verschwieg aber die Sorge, die in seinem Inneren erwachte, daß er es nun mit einem Feldherrn zu thun haben werde, der keinesweges einem Flaminius und Sempronius ähnlich sei, und daß die Römer, durch Unglück belehrt, sich endlich nach einem Feldherrn umgesehen hätten, der dem Hannibal gewachsen sei. Daß er vom Dictator keinen Gewaltschlag, sondern Klugheit zu fürchten habe, sah er gleich. Und da er seine Beharrlichkeit noch nicht kannte, so legte er es darauf an, durch öftern Aufbruch mit seinem Lager und durch Verheerung des Gebiets der Römischen Bundsgenossen vor seinen Augen, ihn zu beunruhigen und zu reizen. Bald entzog er sich seinen Blicken durch einen schnellen Marsch, bald blieb er plötzlich an irgend einer Krümmung des Weges im Hinterhalte stehen, um ihn, falls er in die Ebene herabkäme, in Empfang zu nehmen. Fabius führte sein Heer immer in hohen Gegenden, in mäßiger Entfernung vom Feinde, so daß er ihn weder losließ, noch mit ihm zusammentraf. Die Soldaten ließ er, außer wenn es Bedürfnisse unumgänglich nothwendig machten, nicht aus dem Lager. Futter und Holz holten sie nie in kleinen, nie in zerstreuten Schwärmen. Ein 522 Kohr Reuterei und Leichtbewaffneter, auf jeden unvorhergesehenen Lärmen in Schluß und Bereitschaft, deckte die eignen Soldaten überall und machte den zerstreuten feindlichen Plünderern die ganze Gegend unsicher. Nie wagte er das Ganze in einer allgemeinen Schlacht: und die unbedeutenden Vortheile in kleinen Gefechten, wo seine Leute aus einer sichern Stellung angriffen und den Zufluchtsort in der Nähe hatten, gewöhnten die durch bisherige Niederlagen muthlos gewordenen Krieger, endlich mit ihrer Tapferkeit oder ihrem Glücke nicht mehr so unzufrieden zu sein. Allein diese so heilsamen Maßregeln sah er vom Hannibal nicht feindseliger bestreiten, als von seinem Magister Equitum, der, in Entwürfen keck und übereilt Ich glaube, so construiren zu müssen: qui, ferox rapidusque in consiliis, nihil aliud morae ad rem p. praecipitandam habebat, quam quod etc. Darum interpungire ich so: qui nihil aliud, quam quod impar erat imperio, morae ad rem p. praecipitandam habebat, ferox rapidusque in consiliis: ac lingua immodicus, primo inter paucos – – – – – – compellabat; cet. , bloß dadurch abgehalten wurde, das allgemeine Beste an den Rand des Verderbens zu stellen, daß er dem Dictator im Oberbefehle nicht gleichstand. Und mit seiner unbändigen Zunge machte er in seinen Benennungen anfangs nur gegen Wenige, zuletzt ganz laut vor jedermann aus dem Zögernden einen Lässigen, aus dem Behutsamen einen Feigen, so daß er den Tugenden des Mannes die naheliegenden Fehler andichtete; und hob sich durch die Kunst, Vorgesetzte zu verkleinern, welche gottlose Kunst durch den nur zu glücklichen Erfolg, den sie so Manchem gewährte, selbst ihr Glück gemacht hat. 13. Hannibal ging aus dem Hirpinischen nach Samnium hinüber, verheerte die Gegend um Benevent, eroberte die Stadt Telesia, ja er reizte den Römischen Feldherrn recht angelegentlich, um ihn vielleicht, empört durch so manchen ärgerlichen Auftritt, so manches Unglück seiner Verbündeten, zu einer Schlacht in der Ebene herabzulocken. Zu den vielen Italiänischen Bundesgenossen, welche 523 vom Hannibal am Trasimenus zu Gefangenen gemacht und entlassen waren, gehörten auch drei Campanische Ritter, welche Hannibal schon damals mit vielen Geschenken und Versprechungen gewonnen hatte, ihre Landsleute ihm zu Freunden zu machen. Diese veranlaßten ihn durch die Versicherung, daß ihm der Besitz von Capua nicht fehlschlagen könne, wenn er nur sein Heer in Campanien einrücken ließe, ungeachtet seiner Zweifel, da ihm die Leute, um sich auf ihr Wort einzulassen, für eine so wichtige Sache zu unbedeutend schienen, und so sehr er zwischen Trauen und Nichttrauen schwankte, dennoch endlich, aus Samnium nach Campanien aufzubrechen: er entließ sie mit der wiederholten Aufforderung, ihre Versprechungen durch die That zu bekräftigen und hieß sie, mit Mehreren und zwar mit einigen der Vornehmsten wieder zu ihm kommen. Er selbst befahl dem Wegweiser, ihn in das Gebiet von Casinum zu führen, weil er sich von der Gegend Kundigen hatte belehren lassen, daß er den Römern durch Besetzung jenes Passes jede Auskunft sperren würde, ihren Bundesgenossen Hülfe zu leisten. Doch seine Punische mit der Aussprache Latinischer Namen unverträgliche Mundart ließ den Wegweiser statt Casinum – Casilinum verstehen; und so zog Hannibal, ganz von seinem Wege ab, durch die Gebiete von Allifä, Calatia und Cales in die Ebene bei Stella hinunter. Als er sich hier in einer von Bergen und Flüssen eingeschlossenen Gegend sah, ließ er den Wegweiser rufen und fragte ihn: Wo in aller Welt sie wären? Als dieser versicherte, sie würden noch heute zu Casilinum Nachtquartier nehmen, da erst entdeckte sich das Misverständniß, und daß Casinum weit von hier in einer ganz andern Gegend liege. Er ließ den Wegweiser mit Ruthen peitschen und den Übrigen zum Schrecken ans Kreuz schlagen, legte ein festes Lager an und sandte den Maharbal mit der Reuterei zum Plündern in das Falerner Gebiet. Diese Verheerung erstreckte sich bis an die Bäder von Sinuessa. Die Numider richteten ungeheuren Schaden an; noch allgemeiner verbreiteten sie Flucht und Schrecken. Und dennoch ließen sich die Bundesgenossen durch diesen Schrecken, obgleich Alles umher in Kriegsflammen stand, von ihrer Treue nicht entfernen; natürlich, weil sie unter einer gerechten und schonenden Regierung standen, und – was das einzig Band der Treue ist, – zum Gehorsame gegen Bessere sich angezogen fühlten. 14. Als nun Hannibal gar am Flusse Vulturnus ein Lager aufschlug, die reizendste Gegend Italiens verheeret ward und allenthalben die Landhäuser im Rauche aufgingen, indeß Fabius auf den Höhen des Gebirges Massicus umherzog, da kam es von neuem unter seinen Soldaten beinahe zum Aufstande. Sie hatten sich einige Tage ruhig verhalten, weil sie bei den schnelleren Märschen, als sie gewöhnlich machten, geglaubt hatten, man eile so, um den Plünderungen Campaniens zu steuren. Als sie aber auf die letzten Höhen des Gebirges Massicus gekommen waren, den Feind unter sich vor Augen hatten, der die Gebäude des Falernergebiets und der Anbauer von Sinuessa niederbrannte, und dennoch von keiner Schlacht die Rede war; da fing Minucius an: «Sind wir denn hiehergekommen, um gleichsam zur Augenweide den Ermordungen unsrer Bundesgenossen und den Feuersbrünsten zuzusehen? Und schämen wir uns, wenn auch vor niemand sonst, auch nicht einmal vor diesen unsern Mitbürgern, die von unsern Vätern als Anbauer nach Sinuessa geschickt wurden, um vor den Feindseligkeiten der Samniten eine Gegend zu schützen, welche jetzt nicht der benachbarte Samnit in Flammen setzt, sondern der Punier, ein Ausländer, den unsre Zögerung und Schläfrigkeit von den äußersten Gränzen des Erdkreises bis hieher vordringen ließ? So sehr sind wir leider! unsern Vätern ausgeartet, daß wir dieselbe Küste, an welcher Punische Flotten schwärmen zu lassen, sie schon für einen Schimpf ihrer Oberherrschaft ansahen, jetzt von Feinden überschwemmt und in ein Besitzthum der Numider und Mauren verwandelt sehen. Wir, die wir neulich noch, aus Unwillen über die Bestürmung Sagunts, nicht Menschen allein, sondern Bundesrecht und 525 Götter aufboten, sehen jetzt kaltblütig den Hannibal an den Mauern einer Römischen Pflanzstadt hinansteigen. Von den brennenden Landhäusern und Dörfern zieht uns der Hauch in Augen und Mund: die Ohren gellen uns vom Geschreie unsrer jammernden Bundesgenossen, die in ihrem Hülferufen öfter unsern, als der Götter Namen nennen. Und wir – führen unser Heer, gleich den Heerden, auf sonnigen Waldhöhen und ablaufenden Pfaden, in Wolken und Gehölz versteckt. Hätte Marcus Furius eben so, auf Wanderungen über Berggipfel und Waldhöhen, den Galliern Rom wieder nehmen wollen, wie dieser neue Camillus – dies uns in unserm Unglücke aufgestellte Muster eines Dictators – dem Hannibal Italien wieder abgewinnen will; so gehörte Rom den Galliern noch, das jetzt von unsern Vorfahren durch ihre mehrmalige Rettung – bei dieser unsrer Saumseligkeit muß ich das fürchten! – für Hannibaln und für die Punier gesparet sein wird. Aber als ein Mann und ächter Römer bot er dem Feinde, noch an demselben Tage, als zu Veji die Nachricht einlief, daß er auf des Senates Gutachten und Befehl des Volks zum Dictator ernannt sei, obgleich das Janiculum hoch genug war, um ihn als den Stillsitzenden auf den Feind herabsehen zu lassen, die Schlacht in der Ebene, und hieb noch an eben dem Tage mitten in der Stadt, wo jetzt die Gallischen Brandstäten sind, und am folgenden diesseit Gabii die Gallischen Legionen zusammen. Und wie? als uns viele Jahre nachher bei der Caudinischen Klause die Samniten unter dem Jochgalgen durchgehen ließen, legte damals Lucius Papirius Cursor das dem Römernacken abgehobene Joch dem übermüthigen Samniten etwa dadurch auf, daß er Samniums Höhen durchwandelte, oder dadurch, daß er Luceria zusetzte und es einschloß, und den siegreichen Feind forderte? Was anders gab unlängst dem Cajus Lutatius den Sieg, als Schnelligkeit? daß er gleich den Tag darauf, nachdem er den Feind entdeckte, die mit Vorräthen belastete, durch ihre eigne Ladung und Rüstung behinderte Flotte überfiel. Glauben, daß man durch 526 Stillsitzen oder fromme Verheißungen den Krieg beendigen könne, ist Thorheit. Bewaffnet werden müssen die Truppen, die man in die Ebene hinabführen muß, um Mann gegen Mann auftreten zu lassen. Durch Wagen und Handeln hob sich der Römische Stat, nicht durch diese unthätigen Maßregeln, die der Feige Vorsicht nennt.» Bei diesem im Rednertone gehaltenen Vortrage umstand den Minucius eine Menge Römischer Obersten und Ritter, ja seine kecken Äußerungen drangen selbst den gemeinen Soldaten zu Ohren: und sie sagten ganz unverhohlen, wenn es auf ihre Stimmen ankäme, so würden sie sich den Minucius lieber zum Feldherrn nehmen, als den Fabius . 15. Fabius, in beständiger Aufmerksamkeit, auf die Seinigen nicht minder, als auf die Feinde, behauptete sich in seiner Festigkeit zuerst gegen jene. Wußte er gleich sehr gut, daß sein Zögern nicht bloß in seinem Lager, sondern auch schon zu Rom in übelm Rufe stand, so ließ er dennoch unverrückt den noch übrigen Theil des Sommers bei demselben Gange seiner Maßregeln verstreichen, so daß Hannibal, den die Hoffnung einer sehnlichst gewünschten Schlacht im Stiche ließ, sich schon für seine Winterquartiere nach einem Orte umsehen mußte, weil die Gegend seiner desmaligen Stellung – lauter Baumgärten und Weinberge, und überall mehr mit lieblichen als mit nothwendigen Früchten bestellt – Vorräthe für die Gegenwart, nicht aber für die Dauer, lieferte. Fabius erfuhr dies durch seine Kundschafter. Da er darauf rechnen konnte, daß Hannibal durch eben den Paß, durch den er in das Falernische eingerückt war, wieder zurückgehen werde, so besetzte er den Berg Callicuta und die Stadt Casilinum, die, vom Flusse Vulturnus getheilt, das Falernische Gebiet vom Campanischen scheidet, mit mäßigen Truppen; schickte den Lucius Hostilius Mancinus mit vierhundert Mann Bundesreuterei auf Kundschaft, und führte sein eignes Heer wieder auf denselben Höhen zurück. Als Mancinus, der anfangs bloß als Kundschafter sich nur so weit hervorwagte, daß er aus einer sichern 527 Stellung den Feind beobachten konnte, die Numider hie und da in den Dörfern herumstreifen sah, und, weil er im Vortheile war, auch einige niederhieb; so fühlte er sich sogleich – – er gehörte ja zu jenen jungen Männern, die oft in Haufen den kecken Vorträgen des Magisters Equitum zugehört hatten – – von Kampflust hingerissen; und vergessen waren die Vorschriften des Dictators, der es ihm zur Pflicht gemacht hatte, wenn er, so weit er sicher könnte, vorgerückt wäre, sich gleich zurückzuziehen, ehe ihn die Feinde gewahr würden. Die Numider, von denen immer wieder andre bald auf ihn heranjagten, bald zurücksprengten, lockten ihn mit völliger Erschöpfung seiner Pferde und seiner Leute fast bis an ihr Lager. Als Carthalo, unter welchem die Reuterei stand, bloß dadurch, daß er in vollem Galoppe hervorbrach, den Feind, noch ehe man zum Pfeilschusse kam, geworfen hatte, so verfolgte er die Fliehenden in ununterbrochener Nachjagd beinahe fünftausend Schritte weit. Mancinus , der den Feind nicht nachlassen, und sich ihm zu entreißen keine Möglichkeit sah, kehrte nach einem Zurufe an die Seinigen, in ein Gefecht zurück, dem er in keiner Rücksicht gewachsen war. Umzingelt blieben er und seine erlesenen Ritter auf dem Platze. Die Übrigen, die nun wieder davonjagten, retteten sich zuerst nach Cales, und von hier auf beinahe unwegsamen Pfaden zum Dictator. Gerade an diesem Tage hatte mit dem Fabius sich Minucius wieder vereinigt. Er war abgeschickt gewesen, ein Kohr in den Gebirgswald zu werfen; der oberhalb Tarracina, wo er sich zu einem engen Passe schließt, am Meere hinzieht; weil sonst Hannibal, wenn ihm die Appische Heerstraße ungesperrt blieb, in die Gegend von Rom hätte vordringen können. Nach Vereinigung ihrer Heere zogen sich Dictator und Magister Equitum mit ihrem Lager in den Weg hinab, den Hannibal nehmen mußte. Die Feinde standen zweitausend Schritt von ihnen. 16. Am folgenden Tage bedeckte der Zug der Punier den ganzen Weg zwischen beiden Lagern. Ob nun gleich die Römer dicht unter ihrem Walle offenbar im Vortheile 528 standen, so rückten die Punier dennoch mit leichten Truppen und Reuterei von unten herauf, und machten mit kleinen bald heransprengenden bald wieder zurückweichenden Posten den Angriff, bloß um den Feind zur Schlacht zu bringen. Allein die Römische Linie behauptete ihre Stellung. Das Gefecht nahm einen zögernden Gang und war mehr in des Dictators als in Hannibals Hand. Auf Römischer Seite fielen zweihundert; auf feindlicher achthundert. Nun schien Hannibal, da der Weg nach Casilinum besetzt war, eingeschlossen zu sein, und zwar so, daß Capua und Samnium und so viele reiche Bundesgenossen im Rücken der Römer, ihnen Zufuhr liefern konnten, indeß die Punier keine andre Winterquartiere gehabt hätten, als zwischen den Klippen von Formiä, den Sandsteppen Liternums und wildverwachsenen Sümpfen. Auch sah Hannibal sehr wohl, daß man seine eigenen Künste gegen ihn gebrauche. Da er also bei Casilinum nicht durchkommen konnte, sondern sich gegen die Gebirge wenden und die Höhe des Callicula übersteigen mußte, so beschloß er, – um ein zur Täuschung des Feindes ersonnenes, dem Anscheine nach fürchterliches Blendwerk ausführen zu können, wodurch die Römer gehindert würden, seinen zwischen Thälern eingeschlossenen Zug anzugreifen, – mit einbrechender Nacht sich unvermerkt gegen die Berge zu ziehen. Der listige Plan selbst war so angelegt. Aus den Dörfern rund umher zusammengebrachte Fackeln, Ruthenbündel und dürres Reisig ließ er den Ochsen, deren er eine Menge, zahme und wilde, unter der übrigen Landbeute mit sich führte, auf die Hörner binden. Er brachte gegen zweitausend Stück zusammen, und gab dem Hasdrubal den Auftrag, beim ersten Dunkel der Nacht die Heerde mit der angezündeten Ladung auf den Hörnern gegen die Berge treiben zu lassen, und vorzüglich, so viel er könnte, über die vom Feinde besetzten Waldpässe. 17. Mit dem ersten Dunkel brach das Lager in aller Stille auf: die Ochsen wurden eine ziemliche Strecke vorangetrieben. Als man an den Fuß der Berge und die engen 529 Wege kam, wurde sogleich das Zeichen gegeben, das Holz auf den Hörnern der Rinder anzuzünden, und sie zu den Bergen hinan zu treiben: und schon die Furcht vor der ihnen vom Kopfe herab leuchtenden Flamme, und die Hitze, die ihnen bald an das Leben, an die Wurzeln der Hörner kam, jagte die Ochsen wie von Wuth gespornt. So wie sie aus einander rannten, schienen alle Gebüsche umher, nicht anders als wären Wald und Gebirge angezündet, plötzlich in Feuer zu stehen; und bei der reißenden Bewegung, mit der sie die Köpfe schleuderten und die Flammen noch vermehrten, glaubte man, überall umherfahrend Blitze Capitumque irrita quassatio, flammam excitans, hominum passim discurrentium speciem praebebat]. – Wenn unser Text sagte, man habe die leuchtend umherlaufenden Ochsen für umherlaufende Menschen gehalten, so möchte das hingehen. Wenn es aber heißt, das Kopfschütteln selbst, wodurch die Flamme noch verstärkt wurde, habe Menschen ähnlich gesehen, so gestehe ich, daß ich das nicht begreife. So etwas kann Livius nicht sagen. Wenn es hieße: capitum quassatio – – ignivomorum hominum speciem praebebat, oder hominum passim cum facibus discurrentium speciem praebebat, so wäre doch zwischen der angegebenen capitum quassatio und dem daraus durch die Phantasie erzeugten Bilde ein Zusammenhang. Allein ist es möglich, daß die von einem springenden Ochsen wüthend geschleuderte Flamme, die einem feurigen Zickzacke gleichen mußte, Menschen vorstellen kann? Verdiente auch ein bloßer discursus hominum, wenn er auch einige Gefahr vom Feinde befürchten ließ, daß er an das schreckliche Bild des ganzen, wie es schien, in Feuer stehenden Waldes angereihet wurde? Diese ganze Stelle ist von den Abschreibern übel mitgenommen. Gronovs Verbesserung, der aus der Patavischen, und Florentinischen Lesart (captumquaeritaquaeratio) und aus der Puteanischen (captumque rita quaesatio) das in den Text aufgenommene capitumque irrita quassatio errieth, wurde noch von seinem Sohne dadurch verbessert, daß dieser statt des unnöthigen irrita lieber cita las, welchem auch Drakenborch darum den Vorzug giebt, weil es der Lesart rita (in einem andern sita) am nächsten kommt. Ich lese also mit Jak. Gronov und Drakenborch capitumque cita quassatio. Allein statt des folgenden hominum möchte ich lieber fulminum lesen. Das F mit seinem Mittelstriche und dem ersten Striche des V gab dem Abschreiber ein H, und war im L die andere Hälfte erloschen, so gab ihm der Fuß, mit dem zweiten Striche des V zusammengelesen, ein O. Vielleicht glaubte er auch, daß das folgende Wort discurrentium besser zu hominum als zu fulminum passe, obgleich Virgil von einer ähnlichen Erscheinung sagt: Stella facem ducens multa cum luce cucurrit. Und an einer andern Stelle: Ignea rima micans percurrit lumine nimbos. Was mich in meiner Vermuthung bestärkt, ist die vom Silius Italicus in der Erzählung eben dieser Geschichte dem Livius, fast möchte ich sagen, nachgebildete Gedankenfolge. B. VII. 353. Hic vero ut, gliscente malo et quassantibus aegra Armentis capita , adiutae pinguescere flammae Coepere. –               Vom anscheinenden Brande des Waldes V. 360 Per iuga, per valles errat Vulcania pestis, Nusquam stante malo; vicinaque litora fulgent. –         Und V. 366 At facie subita volitantum in montibus altis Flammarum, quis tunc cecidit custodia sorti, Horrere, atque ipsos nullo spargente vagari [discurrentium] Credere, et indomitos pasci sub collibus ignes. Caclone exciderint , et magna fulmina dextra Torserit omnipotens, an caecis rupta cavernis Fuderit egestas accenso sulfure flammas In felix tellus, media in formidine quaerunt. zu sehen. 530 Als die zur Besetzung des Waldpasses ausgestellten Wachen oben auf den Bergen und über sich einige Feuer gewahr wurden, so verließen sie, weil sie sich umgangen glaubten, ihren Posten: aber ob sie gleich ihrer Meinung nach den sichersten Weg, nach den Höhen der Gebirge einschlugen, wo sie die wenigsten Flammen leuchten sahen; so stießen sie doch auf einige Ochsen, welche von ihren Haufen abgestreift waren. Anfangs, so lange sie sie noch aus der Ferne sahen, standen sie, von der seltsamen Erscheinung dieser Flammenhauchenden wie bedonnert: und als sie menschliche List darin erkannten, und nun vollends, weil sie sich eines Hinterhalts versahen, in so viel größerer Bestürzung sich auf die Flucht machten, rannten sie sogar auf die leichten Truppen des Feindes. Doch hielt die Nacht, von welcher beide Theile gleich viel zu fürchten hatten, beide ab, vor Tage in ein Gefecht sich einzulassen, und Hannibal, der unterdeß den Paß mit seinem ganzen Zuge zurückgelegt hatte, schlug nun im Gebiete von Allifä sein Lager auf. 18. Diese Bewegung war dem Fabius nicht unbemerkt geblieben. Weil er aber theils einen Hinterhalt vermuthete, theils vorzüglich jedes nächtliche Gefecht scheuete, so behielt er seine Leute in den Verschanzungen. Mit dem ersten Tageslichte kam es am Abhange des Berges zu einem Gefechte, in welchem die Römer die von den Ihrigen abgeschnittenen leichten Truppen des Feindes bald besiegt haben würden; denn sie waren ihnen an Zahl bei weitem überlegen; wenn nicht die eben deswegen vom 531 Hannibal zurückgeschickte Cohorte Spanier angekommen wäre. Diese, der Gebirge mehr gewohnt, und theils durch körperliche Geschwindigkeit, theils durch die Beschaffenheit ihrer Waffen zum Ansprunge zwischen Felsen und Klippen geschickter und behender, vereitelte bei dieser Art des Gefechts den Angriff eines Feindes leicht, der mit seiner schweren Rüstung in die Feldschlacht und in Reihe und Glied gehörte. Als sie nach einem eben darum ungleichen Kampfe von einander abließen, zogen die Spanier fast alle ohne Wunde, die Römer mit Verlust Mehrerer von den Ihrigen, in ihr Lager. Auch Fabius brach sein Lager ab und als er den Paß zurückgelegt hatte, setzte er sich oberhalb Allifä Ich glaubte das Komma hinter den Worten super Allifas voran setzen zu müssen. Hannibal hatte sich im Gebiete von Allifä gelagert, Fabius also auf einer Höhe oberhalb. in einer hohen und befestigten Gegend. Darauf zog sich Hannibal, der zum Scheine den Weg durch Samnium nach Rom einschlug, unter lauter Verheerungen wieder in das Pelignische zurück. Fabius, zwischen dem Zuge der Feinde und der Stadt Rom in der Mitte, führte sein Heer immer auf Höhen weiter, ohne vom Feinde abzulassen, noch mit ihm zusammen zu treffen. Aus dem Pelignischen bog Hannibal seitwärts ab, und kam, auf seinem Rückmarsche gegen Apulien, nach Geronium, einer Stadt, die von den Ihrigen, weil ein Theil ihrer Mauer in Trümmern lag., aus Furcht verlassen war. Der Dictator verschanzte sein Lager im Gebiete von Larinum . Von hier in gottesdienstlichen Angelegenheiten nach Rom gerufen, reisete er Inde sacrorum caussa Romam revocatus]. – Auf diesen Vordersatz folgt am Ende des Cap. der Nachsatz Romam est profectus. Die Herausgeber haben nicht wohl gethan, daß sie nach dem Worte respirasse ein Punctum setzten und das folgende haec mit einem großen H anfingen. Es ist dies wieder ein Beweis (s. oben XXI. 38. bei den Worten amisisse in Taurinis), daß Livius nach einer Einschaltung eins oder ein par Worte von den vor der Einschaltung vorhergegangenen zu wiederholen pflegt. Precibus agens cum magistro equitum, «ut plus consilio – – – – cladibus respirasse»: haec necquicquam praemonito magistro equitum, Romam est profectus. S. XXIIII. 26. vv. , nachdem er dem Magister Equitum nicht bloß befehlsweise, sondern als rathgebender 532 Freund und beinahe bittend vorgestellt hatte: «er möge lieber auf Vorsicht, als auf Zufall bauen; als Feldherrn lieber ihn, als einen Sempronius oder Flaminius zum Muster nehmen; ja nicht glauben, es sei damit nichts gethan, daß sich der Feind fast den ganzen Sommer über habe gängeln lassen müssen; auch die Ärzte richteten zuweilen mehr durch Ruhe, als durch bewegende und anregende Mittel aus; es sei keine Kleinigkeit, von einem so oft siegreichen Feinde sich nicht mehr schlagen zu lassen, und von den beständigen Niederlagen sich erholt zu haben:» ich sage, nach diesen dem Magister Equitum – freilich vergeblich – gemachten Vorstellungen, ging er nach Rom ab. 19. Im Anfange des Sommers, in welchem dieses vorfiel, nahm der Krieg auch in Spanien zu Lande und zu Wasser seinen Anfang. Hasdrubal verstärkte die Zahl der ausgerüsteten und schlachtfertigen Schiffe, die er von seinem Bruder empfangen hatte, mit zehn neuen, übergab dem Himilco eine Flotte von vierzig Schiffen, und da er so von Neucarthago an der Küste hinsegelte, ließ er das Heer am Ufer mitgehen, zur Schlacht bereit, mit welchem Theile seiner Macht der Feind ihm aufstoßen möchte. Denselben Vorsatz hatte Cneus Scipio, als er den Aufbruch des Feindes aus den Winterquartieren hörte, anfangs auch. Nachher aber, da er es bei dem allgemeinen Gerüchte von neuen, zum Feinde gestoßenen Hülfstruppen bedenklich fand, sich zu Lande einzulassen, blieb er sich nur in so fern treu, daß er mit einer Flotte von fünfunddreißig Schiffen, auf welche er die zum Seedienste ausgesuchten Soldaten eingeschifft hatte, dem Feinde entgegen zog. Am vierten Tage nach seiner Abfahrt von Tarraco erreichte er einen Ankerplatz, welcher zehntausend Schritte von der Mündung des Ebro entfernt war. Zwei von hier vorausgeschickte Massilische Spähschiffe meldeten, die Punische Flotte stehe in der Mündung des Stroms und habe ihr Lager am Ufer. Um sie also mit dem Schrecken eines allgemeinen auf einmal hereinbrechenden Angriffs unversehens und unvorbereitet zu 533 überfallen, ließ er die Anker lichten und segelte auf die Feinde zu. Spanien hat viele, auch auf Höhen angelegte, Thürme, deren man sich theils zu Warten, theils zu Blockhäusern gegen die Räuber bedient. Von einer solchen gab man dem Hasdrubal, sobald man die feindliche Flotte entdeckte, ein Zeichen; und es gerieth Alles zu Lande und im Lager früher in Bewegung, als zur See und auf den Schiffen, wo man noch keinen Ruderschlag oder andres Getöse der Seeleute gehört hatte, und auch die Vorgebirge noch keine Flotte sehen ließen: als plötzlich ein Reuter nach dem andern vom Hasdrubal ankam und die Seesoldaten, die in ihrer Zerstreuung am Ufer, in ihrer Ruhe unter Zelten, nichts weniger als heute einen Feind oder eine Schlacht erwarteten, eilends zu Schiffe gehen und sich bewaffnen hieß: eine Römische Flotte sei schon nicht weit mehr vom Hafen. Allenthalben meldeten die abgeschickten Reuter diese Befehle. Bald kam Hasdrubal selbst mit dem ganzen Heere dazu, und überall tobte vielfaches Getümmel durch einander, weil zugleich Ruderknechte und Soldaten, mehr vom Lande Flüchtenden, als in die Schlacht Gehenden ähnlich, auf die Schiffe stürzten. Kaum waren alle an Bord, so fuhren diese hier, wenn sie das Hintertau gelöset hatten, gegen die Anker an; dort kappte man, um sich durch nichts aufhalten zu lassen, die Ankertaue; und da sie Alles im Fluge mit völliger Übereilung betrieben, so störten die Vorkehrungen der Soldaten die Geschäfte des Seedienstes, und die Verwirrung der Seeleute hinderte die Soldaten, die Waffen zu holen und anzulegen. Und schon nahete Scipio nicht bloß, sondern hatte auch seine Schiffe in die Schlachtreihe gestellt. Die Punier, durch den Feind und das Treffen nicht eigentlicher, als durch ihr eigenes Gewühl in Verwirrung gebracht, dreheten ihre Schiffe, da sie die Schlacht anzufangen mehr versucht, als wirklich angefangen hatten, zur Flucht um. Und da sie in einem so ausgebreiteten Zuge, und ihrer so viele auf einmal, durchaus nicht in die Mündung, dem Strome entgegen, einlaufen konnten, so fuhren sie hier und dort mit den 534 Schiffen gegen den Strand, und nahmen durch einen gelungenen Sprung, jene auf eine seichte Stelle, diese auf das trockne Ufer, theils mit, theils ohne Waffen, ihre Zuflucht zu der am Ufer aufgestellten Linie der Ihrigen. Docht waren gleich beim ersten Zusammentreffen zwei Punische Schiffe genommen, und vier in Grund gebohrt. 20. Die Römer, die ohne Anstand zu nehmen, ob sie gleich das Land in des Feindes Gewalt, und seine bewaffnete Linie an der ganzen Küste hinunter sich ihnen entgegenbreiten sahen, dennoch der flüchtigen feindlichen Flotte nachsetzten, zogen theils diejenigen Schiffe, die bei dem Stoße auf den Strand das Vordertheil nicht Naves omnes, quae non aut perfregerant.] – Crevier wollte dies non ganz wegstreichen. Einige Schiffe, sagt er, retteten sich doch in die Mündung des Stromes; die übrigen, mit beschädigten Vordertheilen, oder auf den Sandbänken festgefahrnen, zogen die Römer auf die Höhe. Perizonius hingegen setzt das non hinter aut, und so lieset auch eine Handschrift bei Drakenborch. Ich glaube, dem Letztern folgen zu können, wenn ich unter perfringere ein penitus oder prorsus frangere verstehe. gänzlich zertrümmert hatten, theils die mit dem Kiele auf Sandbänken festgefahrnen, sämtlich im Schlepptaue hinter ihren Schiffen her auf die Höhe. Von vierzig Schiffen eroberten sie an fünfundzwanzig. Gleichwohl war dies bei diesem Siege nicht ihr Hauptgewinn, sondern sie sahen sich durch eine einzige leichte Schlacht im Besitze dieses ganzen Küstenmeeres. Da sie also mit ihrer Flotte nach Honosca segeln konnten und, nach bewerkstelligter Landung die Stadt erstürmt und geplündert hatten, zogen sie von da gegen Neucarthago; und nachdem sie die ganze Gegend umher verwüstet hatten, steckten sie zuletzt sogar die an die Stadtmauer und an die Thore stoßenden Häuser in Brand. Von da kam die Flotte, schon mit Beute belastet, nach Longuntica, wo Hasdrubal zum Schiffsbedarfe einen großen Vorrath von Pfriemengras Spartum Plinii ist nach Linné stipa tenacissima. (Triandr. digyn.) aufgehäuft hatte. So viel man nöthig hatte, nahm man weg und verbrannte das Übrige insgesamt. So fuhr Proiectas oras praetervecta]. – So fuhr sie nicht bloß u. s. w. Dieses So habe ich eingeschoben, um dadurch anzudeuten, daß unter praetervecta kein bloßes friedliches Vorbeisegeln, sondern ein mit Landungen und Plünderungen verbundenes Hinunterfahren an der Küste zu verstehen sei. Auf diese Art glaubte ich dies praetervecta vielleicht retten zu können. Denn da vorhin von lauter Plünderungen der Küste die Rede war, und Livius nun fortfährt: «Auch fuhr die Flotte nicht bloß an der Küste vorbei, sondern sie setzte auch nach Ivica über, belagerte dort die Hauptstadt und machte noch größere Beute, als auf dem festen Lande»:– so muß praetervecta, wenn es stehen bleiben soll, hier mehr als ein bloßes Vorüberfahren bedeuten. Da indeß das beste Msc., das Florentinische, und außer ihm noch elf andre das Wort praetervecta gar nicht kennen, so wird es durch so viele Stimmen als Einschiebsel verdächtig. Wenn man also so läse: Nec continentis modo proiectas oras, sed in Ebusum insulam transmissum, so müßte entweder aus dem voraufgegangenen pervenit, oder aus dem folgenden transmissum ein adiit, accessit, oder aus dem Zusammenhange des Ganzen ein vastavit, diripuit supplirt werden. Eben so vertrat VI. 25. in den Worten: proposita omnia in medio vidit – – et ludos literarum strepere discentium vocibus – das vorhergehende vidit ein bei strepere fehlendes audivit: und in den Worten III. 67. Esquilias ab hoste prope captas et scandentem – Volscum nemo submovit lag in dem nachfolgenden submovit das bei Esquilias prope captas vermißte tutatus est, oder defendit. Drakenb. giebt von dieser dem Livius eigenen Kürze mehrere Beispiele. Man sehe in seinem Register im Artikel Verbum unter den Worten nach: unum pluribus nominibus iunctum altero verbo suppresso; und gleich im folgenden 21sten Cap. ein Beispiel, wo Gronov statt legatos obsidesque dederant, ich glaube, gegen die Manier des Livius, uns lesen lässet: legatos miserant obsidesque dederant. sie nicht bloß an den 535 vortretenden Küsten des festen Landes hin, sondern setzte auch auf die Insel Ebusus über. Als hier die Römer, – die bei Belagerung der Hauptstadt dieser Insel, trotz ihrer zweitägigen äußersten Anstrengung die Zeit unter vergeblichen Hoffnungen hingehen sahen, nach nunmehr vorgenommener Plünderung und Niederbrennung mehrerer Dörfer – mit einer ansehnlichern Beute, als ihnen das feste Land gegeben hatte, sich wieder auf ihre Schiffe begaben, so erschienen vor Scipio Gesandte von den Balearischen Inseln mit der Bitte um Frieden. Von hier wandte sich die Flotte rückwärts und kehrte in die diesseitige Gegend der Provinz zurück, wo die Gesandten aller Völker, welche diesseit des Ebro Qui cis Iberum incolunt]. – So lese ich nach Gronovs von Drakenborch und Crevier gebilligten Verbesserung. Die Beläge aus Livius selbst und Cäsar giebt Drakenborch . wohnen, und auch Vieler vom äußersten Spanien zusammentrafen. Und es waren der Völker, welche sich wirklich durch Stellung ihrer Geisel der Römischen Hoheit und Oberherrschaft unterwarfen, mehr als hundert und zwanzig. Da sich also Scipio nun auch 536 dreister auf seine Landmacht verlassen konnte, so rückte er bis zu dem Waldgebirge von Castulo vor. Hasdrubal zog sich nach Lusitanien und naher an den Ocean zurück. 21. Nun schien es, als würde man die übrige Zeit des Sommers Ruhe haben, und sie würde auch von Seiten der Punier nicht durch Feindseligkeiten gestört sein; allein außerdem, daß die Spanier an sich unruhige und neuerungssüchtige Köpfe sind, hatten Mandonius und Indibilis, der vorhin Fürst der Ilergeten gewesen war, sobald die Römer von dem Gebirge nach der Seeküste zurückgingen, ihre Landsleute aufgewiegelt und fielen als Plünderer auf Freundesgebiet, auf Römische Bundesgenossen. Ein Oberster, der vom Scipio mit leichten Truppen von den Hülfsvölkern gegen sie abgeschickt wurde, jagte sie Alle, als einen zusammengerafften Haufen, nach leichtem Kampfe in die Flucht, und nachdem er ihnen Einige getödtet und Gefangene gemacht hatte, entwaffnete er ihrer eine große Menge. Gleichwohl zog dieser kleine Krieg den zum Oceane weichenden Hasdrubal jetzt zum Schutze seiner Verbündeten wieder in die Gegend diesseit des Ebro. Das Punische Lager stand im Gebiete von Ilercao, das Römische Lager bei Nova Classis; als eine unerwartete Nachricht den Krieg nach einer andern Seite wandte. Die Celtiberer, welche den Römern die Häupter ihres Volks als Gesandte, auch Geisel, zugeschickt hatten, griffen, auf die vom Scipio erhaltene Anzeige, zu den Waffen und brachen mit einem starken Heere in die Provinz der Carthager ein. Drei Städte nahmen sie mit Sturm. In zwei darauf erfolgten Schlachten mit Hasdrubal selbst, in denen sie sich vortrefflich hielten, erlegten sie funfzehntausend Feinde, nahmen viertausend gefangen und erbeuteten viele Fahnen, 22. Bei dieser Lage der Dinge in Spanien kam Publius Scipio, der nach seinem Consulate unter Verlängerung seines Oberbefehls vom Senate in die Provinz geschickt wurde, mit dreißig Kriegsschiffen, mit achttausend Mann und vielen mitgebrachten Vorräthen an. Diese Flotte, die man mit ihrem großen Zuge von Ladungsschiffen von 537 weitem erblickte, lief zu großer Freude der Römer und ihrer Bundsgenossen von der Höhe in den Hafen von Tarraco ein. Hier schiffte Scipio die Truppen aus, zog zu seinem Bruder, um sich mit ihm zu vereinigen, und seitdem befolgten sie in der Führung des Krieges einerlei Geist und Plan. Sie gingen ungesäumt, weil jetzt die Carthager mit dem Celtiberischen Kriege beschäftigt waren, über den Ebro, und drangen, ohne einen Feind gesehen zu haben, bis Sagunt vor, weil die vom Hannibal hier in Verwahrung gegebenen Geisel des gesammten Spaniens, wie man erfuhr, auf der Burg nur eine mäßige Wache hatten. Dies wichtige Pfand hielt die zur Freundschaft mit Rom geneigten sämtlichen Völker Spaniens noch zurück, um nicht die Schuld des Abfalls mit dem Blute ihrer Kinder büßen zu müssen. Von diesem Zwange befreite Spanien ein Einziger durch einen Anschlag, der seiner Gewandtheit mehr Ehre macht, als seiner Treue. Zu Sagunt befand sich ein Spanier von Rang, Abelux, bisher ein treuer Anhänger der Punier. Jetzt aber wurde (der gewöhnlichen Denkungsart der Barbaren gemäß) mit dem Glücke seine Treue wandelbar. Weil er nun glaubte, daß ein Überläufer, der bei den Feinden ankomme, ohne eine Sache von Wichtigkeit zu verrathen, nichts weiter mitbringe, als sein einziges unbedeutendes und ehrloses Ich, so legte er es darauf an, seinen neuen Freunden durch sich einen der größten Vortheile zuzuwenden. Da er alle die Mittel durchdachte, die ihm seine Lage an die Hand geben konnte, so richtete er sein Augenmerk vorzüglich auf eine Überlieferung der Geisel, weil gerade dies nach seiner Einsicht den Römern die Freundschaft der Spanischen Großen mehr als Jedes andre Mittel gewinnen mußte. Weil er aber gewiß war, daß ohne Geheiß des Befehlshabers Bostar die Wachen der Geisel sich auf nichts einlassen würden, so machte er listig sich an Bostar selbst. Bostar hatte sein Lager außerhalb der Stadt dicht am Ufer, um den Römern den Zugang von der Hafenseite zu versperren. Hier war es, wo er ihn allein 538 nahm und ihn über die Lage der Dinge, als wäre sie ihm unbekannt, belehrte. «Bis heute habe die Spanier Furcht im Zaume gehalten, weil die Römer fern gewesen waren; jetzt aber stehe ein Römisches Lager diesseit des Ebro, eine sichere Burg und Zuflucht für Alle, die eine Statsveränderung wünschten. Also müsse man die, die keine Furcht mehr fessele, sich durch Wohlthat und Liebe verpflichten.» Als Bostar in Verwunderung gerieth und ihn fragte, womit man ihnen denn in der Geschwindigkeit ein so wichtiges Geschenk machen könne; antwortete er: «Schicke die Geisel in ihre Staten zurück. Dies wird als Familiengeschenk den Vätern, die gerade die geltendsten in ihren Staten sind, und als Statsgeschenk den Völkern sehr willkommen sein. Jeder will sich gern sich selbst anvertrauet wissen, und meistentheils macht bewiesenes Vertrauen zu Gegenvertrauen sogar verbindlich. Das Geschäft, die Geisel ihrer Heimat wieder zuzuführen, erbitte ich mir selbst, um meiner Angabe auch durch aufgewandte Thätigkeit zu Hülfe zu kommen, und einer Sache, die sich schon durch sich selbst empfiehlt, noch alle mir mögliche Empfehlung mitzugeben.» Als er den in Vergleich mit andern Punischen Köpfen nicht so schlauen Menschen beredet hatte, ging er in der Nacht heimlich zu den feindlichen Vorposten hinaus, wandte sich an einige von den Spanischen Hülfstruppen, wurde von ihnen vor den Scipio gebracht und eröffnete seinen Antrag. Nach gegenseitiger Zusage und Verabredung, wo und wann die Geisel überliefert werden sollten, ging er nach Sagunt zurück, und brachte den folgenden Tag bei dem Bostar damit hin, sich mit den zur Ausführung der Sache nöthigen Befehlen versehen zu lassen. Nach der Entlassung machte er sich, weil die Abreise, um den feindlichen Posten zu entkommen, auf die Nacht verabredet war, mit den Wachen der Kinder, die er um die ihnen bestimmte Stunde in Bewegung setzte, auf den Weg, und führte sie, wie es schien, ohne es zu wissen, den durch seine List bestellten Auflaurern in die Hände. Sie wurden ins Römische Lager gebracht. Übrigens nahm die 539 ganze Zurückgabe der Geisel, der Verabredung mit Bostar gemäß, denselben Gang, den sie genommen haben würde, wenn gerade dasselbe im Namen der Carthager geschehen wäre. Dennoch ernteten von einerlei Verfahren die Römer eine weit größere Liebe ein, als daraus für die Carthager erwachsen sein würde. Denn da man von diesen während ihres Glücks Druck und Härte zu leiden gehabt hatte, so konnte man denken, Unglück und Furcht habe sie gütiger gemacht. Die Römer hingegen, bei aller früheren Unbekanntschaft, hatten gleich bei ihrer Ankunft mit Gnade und Edelmuth den Anfang gemacht; und ein so kluger Mann, als Abelux, schien nicht ohne Grund in der Wahl seiner Freunde getauscht zu haben. Folglich war bei den Spaniern die Stimmung zum Abfalle allgemein, und sie würden sogleich zu den Waffen gegriffen haben, wenn nicht der Winter eingetreten wäre, der selbst die Römer und Carthager in die Quartiere trieb. 23. So ging es auch in Spanien in diesem zweiten Sommer des Punischen Krieges, indeß in Italien die Niederlagen der Römer durch des Fabius kluges Zögern eine kurze Zwischenzeit gewonnen hatten. In so große Verlegenheit dieses den Hannibal setzte, welcher jetzt sah, daß die Römer die Leitung des Krieges endlich den Händen eines Mannes anvertrauet hatten, der im Kriege mit Überlegung, nicht auf gut Glück zu Werke ging; in eben so großer Verachtung stand es bei des Fabius Mitbürgern, in den Waffen so gut wie in der Toga; und vollends jetzt, da in seiner Abwesenheit durch die Planlosigkeit des Magisters Equitum ein Gefecht Statt gehabt hatte, dessen Ausgang, die Wahrheit zu sagen, mehr gern gesehen, als glücklich war. Die Unzufriedenheit mit dem Dictator zu vergrößern, waren noch zweierlei Veranlassungen zusammengetroffen. Die eine durch Hannibals List und Bosheit; in so fern das Landgut des Dictators, welches ihm Überläufer gezeigt hatten, das einzige war, das auf seinen Befehl, da Alles umher dem Boden gleich gemacht wurde, von Feuer und Schwert und jeder feindlichen Gewaltthat unberührt bleiben mußte, um die Leute hierin den Preis 540 eines geheimen Verständnisses finden zu lassen. Die andre durch sein eignes Benehmen, das anfangs vielleicht in einem zweifelhaften Lichte erschien, weil er hiebei die Genehmigung des Senats nicht abgewartet hatte; das aber zuletzt unstreitig zu seiner größten Ehre ausschlug, nämlich bei der Auswechselung der Gefangenen; insofern beide Feldherren, der Römische und der Punische, so wie man es im ersten Punischen Kriege gehalten hatte, mit einander übereingekommen waren, daß derjenige Theil, welcher mehr Gefangene zurückerhielte, als ablieferte, auf den Mann drittehalb Etwa 50 Thlr. Conv. M. Pfund Silber zu zahlen habe. Da nun die Römer zweihundert und siebenundvierzig mehr zurückerhielten, als die Punier, und das dafür schuldige Geld, so oft die Sache im Senate zur Sprache kam, weil er die Väter nicht darum befragt hatte, erst nach Zögerungen verwilligt wurde; so ließ er durch seinen Sohn Quintus, den er nach Rom schickte, das vom Feinde unberührt gelassene Landgut verkaufen und erfüllte auf eigne Kosten die im Namen des Stats gethane Zusage. Hannibal hatte sein Standlager vor den Mauern der Stadt Geronium, von der er, als er sie eroberte und anzündete, einige Gebäude zu Vorrathshäusern hatte stehen lassen. Von hier schickte er zwei Drittel seines Heeres auf Futterholung aus; mit dem dritten marschfertigen blieb er in seiner Stellung, theils zur Beschützung seines Lagers, theils auf Umsicht nach allen Seiten, um seine Futterholer nirgends überfallen zu lassen. 24. Das Römische Heer lag damals im Gebiete von Larinum. Der Magister Equitum Minucius hatte den Oberbefehl, weil der Dictator, wie vorhin gesagt, zur Stadt gereiset war. So wurde denn das Lager, das man auf einem hohen Berge und sichern Platze genommen hatte, gleich in die Ebene verlegt, und der Sinnesart des Befehlshabers gemäß wurden, raschere Maßregeln genommen, so daß man entweder auf die sich zerstreuenden Futterholer oder auf das nur schwach besetzt gebliebene Lager einen 541 Angriff that. Auch entging dem Hannibal die Bemerkung nicht, daß sich mit dem Befehlshaber auch der Gang des Krieges abgeändert habe, und daß die Feinde mehr mit Kühnheit, als Überlegung zu Werke gehen würden. Und doch schickte er selbst (kaum sollte man es glauben), da sich der Feind genähert hatte, ein Drittel seiner Leute auf Fütterung aus, so daß er nur zwei Drittel im Lager behielt; dann rückte er selbst mit seinem Lager dem Feinde näher, beinahe zweitausend Schritte von Geronium, auf einen Hügel, der dem Feinde vor Augen lag, um ihm zu verstehen zu geben, daß er bei jedem Angriffe, der auf seine Futterholer geschehen könnte, sie zu schützen bereit stehe. Von hier aus zeigte sich ihm ein noch näherer Hügel, der hart an das Römische Lager stieß. Weil ihm nun, wenn er zur Besetzung desselben am Tage vor aller Augen ausrücken ließ, der Feind unstreitig auf kürzerem Wege zuvorkommen mußte, so ließ er ihm durch heimlich hingeschickte Numider bei Nacht besetzen. Kaum hatten die Römer am folgenden Tage den ihnen verächtlichen schwachen Posten aus dem Besitze des Platzes vertrieben, so verlegten sie selbst ihr Lager hieher. Jetzt also, da Wall und Wall nur ein geringer Zwischenraum schied, bedeckte nicht allein die Römische Linie diesen beinahe ganz, sondern zu gleicher Zeit verbreitete ihre Reuterei, die mit den leichten Truppen aus dem von Hannibals Lager abgewandten Lagerthore auf die Futterholer gelassen wurde, unter den zerstreuten Feinden allenthalben Tod und Flucht. Und Hannibal wagte es nicht, sich auf eine Schlacht einzulassen, weil er, wenn ein Sturm auf sein Lager unternommen wäre, mit so wenig Truppen kaum dieses hätte schützen können. Ja, bald führte er den Krieg [ (pars exercitus aberat)]. – Bestünde diese kleine Parenthese nur aus diesen drei Worten, so wäre hier, in so fern aus dem vorhergegangenen Iamque nach der Parenthese ein iam wiederholt wird, abermals ein Beweis für den bekannten (XXI. 38. erwähnten) Latinismus. Und dieser scheint auch die gelehrten Ausleger veranlasset zu haben, die Worte iam ferme nicht mit in die Parenthese einzuschließen. Und doch will ich dies Mal lieber den Latinismus aufgeben, und den gesunden Zusammenhang retten, der hier Gefahr läuft, wenn man die Parenthese nicht erweitert. Stroth sagt sehr richtig: Es läßt sich nicht erwarten, daß Livius – der schon einmal gesagt hatte, tertiam partem militum frumentatum, duabus in castris retentis, dimisit; der wieder daran durch die Worte erinnerte, quia tanta paucitate vix castra tutari poterat – hier zum dritten Male mit den Worten pars exercitus aberat dasselbe sagen sollte. Er will also mit Gronov lesen dum pars exercitus aberat, und weil dann diese Worte aufhören, Parenthese zu sein, auch mit Gronov das folgende iam vor ferme wegfallen lassen. Allein kein Msc. hat eine Spur von jenem dum; und alle behalten dieses zweite iam. – Crevier sagt ebenfalls gar nicht unrecht: Hannibal habe von des Fabius Kunstgriffen nicht etwa an dem Einen Tage, an welchem Minucius den kleinen Vortheil über ihn erhielt, sondern noch mehrere Tage nachher Gebrauch gemacht, und hiervon rede Livius in dem mit Iamque artibus angefangenen §. Nun aber fährt Crevier fort: Es lasse sich nicht denken, daß jenes abgeschickte Drittel des Heers immer noch gefehlt habe; und darum gehöre die kleine Parenthese nicht hieher, sondern weiter voran müsse es heißen: quia tanta paucitate (pars exercitus aberat) vix castra – tutari poterat. Allein diese drei Worte dorthin zurückzuziehen, ist aus Stroths oben angeführten Gründen sehr unnöthig; ist ferner gegen alle Msc, und endlich bedarf es dessen ja nicht, unter den Worten tertia pars aberat jenes Drittel zu verstehen, welches am Tage des Gefechts mit Minucius auf Fouragirung ausgegangen war. Aus Polybius ergiebt sich, daß Hannibal aus Noth so oft Theile des Heers ausschicken mußte. Ich ziehe also die Worte iam ferme mit in die Parenthese: Iamque artibus Fabii, (pars exercitus aberat iam ferme); sedendo et cunctando bellum gerebat. Daß ferme beim Livius oft plerumque bedeutet, beweisen die Stellen: ut ferme solent und ähnliche, und XXI. 54.: locus obsitus palustribus herbis et, quibus inculta ferme vestiuntur, virgultis vepribusque. Um diesen Sinn deutlich zu machen, ließ ich hier die Übersetzung lieber mehr erklärend sein, als genau sich anschließen. Ein Theil des Heeres fehlte ihm 542 jetzt fast immer] nach Art des Fabius, als der Stillsitzende und Zögernde, und hatte sich auch in sein voriges Lager, das an Geroniums Mauern stand, zurückgezogen. Einige melden, daß man sich in ordentlicher Linie eine förmliche Schlacht geliefert habe. Bei dem ersten Zusammentreffen wären die Punier bis an ihr Lager zurückgeschlagen; dann habe sich bei dem von hieraus erfolgten Ausfalle der Schrecken auf die Römer geworfen; endlich sei durch die Ankunft des Samniten, Numerius Decimius, das Treffen wieder hergestellt. Da dieser Mann – er war nicht bloß in Bovianum, seiner Heimat, sondern in ganz Samnium der Vornehmste und Reichste, auf seinem Zuge zum Römischen Lager, dem er auf Befehl des Dictators achttausend Mann zu Fuß und fünfhundert zu Pferde zuführte, sich dem Hannibal im Rücken gezeigt habe, hätten beide Theile geglaubt, ein neues Kohr mit dem Quintus Fabius von Rom ankommen zu sehen; auch habe 543 Hannibal aus Furcht eines Hinterhalts seine Truppen zurückgezogen; die Römer, die ihm nachgegangen waren, hätten an dem Tage mit Hülfe der Samniten zwei Schanzen erobert; von den Feinden wären sechstausend gefallen, von den Römern volle fünftausend; und dennoch sei, bei einem so fast gleichen Verluste, zu Rom das Gerücht von einem herrlichen Siege mit einem noch prahlerischeren Briefe vom Magister Equitum eingelaufen. 25. Diese Vorfälle kamen mehrmals im Senate sowohl, als in der Versammlung zur Sprache. Da nun bei der allgemeinen Freude der Dictator allein weder dem Gerüchte, noch dem Briefe glauben wollte, ja sich sogar äußerte, gesetzt, daß Alles wahr sei, so besorge er von dergleichen Glücke mehr, als vom Misgeschicke; so erklärte der Bürgertribun Marcus Metilius; «Das sei doch wahrhaftig unausstehlich. Der Dictator habe sich nicht allein, so lange er dort gewesen sei, jeder Unternehmung widersetzt, sondern befeinde auch jetzt abwesend dies schon gelungene That, und bringe die Zeit mit Verzögerung des Krieges und zwar In ducendo bello ac sedulo]. – Dies ac erklärt Drak. durch et quidem, und führt für dasselbe die Putean., Florentin. und noch 9 andre Handschriften an. in der Absicht hin, so viel länger im Amte zu sein und sowohl zu Rom als im Heere den Oberbefehl allein zu haben. Denn der eine Consul sei in der Schlacht gefallen, der andre, unter dem Vorwande, die Punische Flotte zu verfolgen, weit von Italien verschickt. Zwei Prätoren habe man mit Sicilien und Sardinien zu beschäftigen gewußt, da doch keine von ihren beiden Provinzen quorum – – – provincia praetore egeat]. – Das Wort quorum beziehe ich auf praetores duos, ohne es von egeant abhängen zu lassen. Quorum praetorum ambae provinciae praetore non egeant. Statt ambae non egent sagte Livius neutra eget. Es bedarf so weder der Abänderung von quorum in quarum, noch der Ausschließung des Worts praetore. unter jetzigen Umständen eines Prätors bedürfe. Den Magister Equitum Marcus Minucius habe er, damit dieser ja keinen Feind zu sehen bekäme, ja nichts, Kriegerisches unternähme, beinahe wie in Haft gehalten. So habe denn der Feind – sei es 544 Gott geklagt! – nicht bloß Samnium, das man schon wie ein jenseit des Ebro gelegenes Land den Puniern eingeräumt habe, sondern sogar das Campanische, Calenische und Falernische von Grund aus verwüstet, indeß der Dictator zu Casilinum gesessen und mit den Legionen des Römischen Stats sein Landgut gedeckt habe. Das Heer, nach einer Schlacht sich sehnend, und den Magister Equitum, habe er beinahe als Eingesperrte im Lager gehalten; ihnen gleich gefangenen Feinden die Waffen genommen. Da sie endlich, als der Dictator abgereiset sei, wie aus einer Belagerung Erlösete, aus dem Walle hätten ausrücken können, hätten sie den Feind geschlagen und in die Flucht gejagt. Aus diesen Gründen würde er, wenn noch der alte Geist auf dem Römischen Bürger ruhete, dreist darauf angetragen haben, den Oberbefehl des Quintus Fabius für aufgehoben zu erklären; so aber wolle er nur auf die schonendere Verfügung antragen, die Rechte des Magisters Equitum und des Dictators gleich zu stellen, aber auch so den Dictator nicht eher zum Heere gehen zu lassen, als bis er an des Cajus Flaminius Stelle einen Consul nachgewählt habe.» Der Dictator hielt sich von den Volksversammlungen zurück, da sich sein Vortrag den Beifall des Volks unmöglich versprechen konnte; ja selbst im Senate hörte man ihm eben nicht gern zu, wenn er den Feind in seinen Reden erhob; wenn er die Niederlagen dieser zwei Jahre als Folgen der Unüberlegtheit und Unwissenheit der Feldherren darstellte; und wenn er sagte, der Magister Equitum müsse darüber, daß er gegen seinen Befehl sich in ein Treffen eingelassen habe, zur Rechenschaft gezogen werden. «Bliebe der Oberbefehl und die Leitung des Ganzen in seinen Händen, so hoffe er nächstens den Leuten begreiflich zu machen, daß ein tüchtiger Feldherr das Glück nur sehr gering in Anschlag bringe, daß Verstand und Überlegung das Ganze bestimme. Das Heer zur Zeit der Noth und ohne Ehrverlust erhalten zu haben, gereiche ihm zu größerem Ruhme, als wenn er Tausende von Feinden erlegt hätte.» Nach mehreren vergeblichen 545 Reden dieses Inhalts und nach gehaltener Consulwahl, die den Marcus Atilius Regulus traf, ging er, um nicht selbst die Beschränkung seines Oberbefehls zur Entscheidung gebracht zu sehen, in der Nacht vor jenem Tage, an welchem hierauf angetragen werden sollte, zum Heere ab. Als mit Tagesanbruch die Volksversammlung gehalten wurde, so fühlten die Leute mehr eine Regung stummer Unzufriedenheit mit dem Dictator und des Wohlwollens für den Magister Equitum, als daß dieser oder jener Muth genug gehabt hätte, zur Empfehlung dessen, was der große Haufe wünschte, aufzutreten; und bei der Gewißheit einer günstigen Aufnahme fehlte es dem Antrage dennoch an einer Einführung. Da fand sich als Fürsprecher des Vorschlages ein Einziger an, Cajus Terentius Varro, der im vorigen Jahre Prätor gewesen war, ein Mann, nicht bloß von niedriger, sondern sogar schmutziger Herkunft. Sein Vater soll Fleischer gewesen sein und selbst als Umträger seiner Ware eben diesen Sohn zu den knechtischen Handreichungen seines Gewerbes gebraucht haben. 26. Als der junge Mensch durch das Geld, das ihm der Vater von dieser Art des Erwerbes hinterließ, sich zur Hoffnung eines ehrenvolleren Ranges berechtigt hielt, und ein Standeskleid und öffentliches Leben für ihn Reize hatten; so gelang es ihm zuerst dadurch, daß er die schmutzigsten Personen und Parteien, der Sache und dem guten Rufe rechtlicher Leute zum Nachtheile als Schreier in Schutz nahm, zu einer Bekanntschaft bei dem Volke und dann zu Ehrenämtern zu kommen. Und da er nach Verwaltung der Quästur und beider Ädilenämter, des bürgerlichen und des adlichen, zuletzt auch der Prätur, sich nunmehr zur Aussicht auf das Consulat gehoben fühlte, so suchte er, listig genug, von dieser Unzufriedenheit mit dem Dictator für sich die Zuneigung des Volks zu gewinnen: und als der Volksschluß zu Stande kam, war er es allein, dem man dies verdankte. Jedermann, zu Rom sowohl, als im Heere, Freund und Feind, sah in dem durchgegangenen Vorschlage eine beabsichtigte Herabsetzung des Dictators: er selbst nur 546 nicht. Hatte er mit fester Würde seine bei der Menge ihn verläumdenden Feinde ertragen, so ertrug er auch mit dieser das ihm vom aufgebrachten Volke zugefügte Unrecht: und da er das Schreiben mit dem Senatsschlusse Literis senatusque consulto.] – Dieser Verbesserung Gronovs treten Crevier und Drakenborch bei. Und hieß dieser Schluß gleich vorher ein plebis scitum, was er auch war, so bemerkt doch Crevier sehr richtig, daß die Väter, die seit der Absetzung der Decemvirn durch die Consuln Horatius und Valerius an die Plebissciten gebunden waren, sich dadurch in den Vortheil setzten, daß sie den Plebissciten durch ihre Senatsconsulte die Bestätigung zu geben schienen. über die Theilung des Oberbefehls noch unterweges erhalten hatte, so kam er, fest überzeugt; daß durch den gegebenen Antheil an den Rechten eines Oberfeldherrn nicht auch die Geschicklichkeit des Oberfeldherrn mitgetheilt sei, in einer von seinen Mitbürgern eben so wenig, als vom Feinde besiegten Fassung, bei dem Heere wieder an. 27. Minucius hingegen, den schon vorher sein Glück und die Begünstigung des Pöbels beinahe unausstehlich gemacht hatten, rühmte sich, nun vollends ohne sich zu mäßigen oder zu schämen, seines Sieges über den Hannibal nicht angelegentlicher, als über den Quintus Fabius. «Gerade der Feldherr, den man in der Noth als den Vorzüglichsten, als Gegenmann für einen Hannibal ausgesucht habe, sei gegen alles Beispiel in den Jahrbüchern, sei als der Vorgesetzte seinem Untergeordneten, als Dictator seinem Magister Equitum auf Befehl des Gesamtvolks in eben dem State gleichgestellt, in welchem sollst jeder Magister Equitum vor den Ruthenbündeln und Beilen eines Dictators gezittert und geschaudert habe. In einem so glänzenden Lichte habe sich sein Glück und seine Tapferkeit gezeigt. Sollte nun der Dictator bei seiner von Göttern und Menschen verworfenen Saumseligkeit und Unthätigkeit beharren, so werde er sich an sein Glück halten.» Also gleich den ersten Tag, an dem er mit dem Quintus Fabius zusammenkam, erklärte er: «Vor allen Dingen müsse festgesetzt werden, wie sie es mit dem gleichgemachten Oberbefehle halten wollten. Seiner Meinung nach sei es am besten, daß einen Tag um den andern, 547 oder falls man sich für größere Zeiträume bestimme, auch hierin wechselsweise, alle Gewalt und Anordnung von Einem abhänge, damit es dieser bei sich darbietender Gelegenheit nicht bloß in der Anlage, sondern auch in der Stärke mit dem Feinde aufnehmen könne.» Dies wollte sich Quintus Fabius durchaus nicht gefallen lassen, «weil sonst, wenn man der Unbesonnenheit seines Amtsgenossen Alles hingäbe, auch Alles dem Zufalle hingegeben werde. Ihm sei der Oberbefehl gemeinschaftlich mit ihm gegeben, aber nicht genommen. Also werde er nie gutwillig davon zurücktreten, auf den Theil, bei dem es ihm noch möglich sei, nach seiner Einsicht zu wirken; werde sich nie mit ihm in Zeiten oder Tage des Oberbefehles, sondern in die Heere theilen, und nach seinen Maßregeln, weil ihm die Rettung des Ganzen nicht mehr freistehe, so viel zu retten suchen, als er könne.» Dadurch bewirkte er, daß sie sich, wie es bei den Consuln üblich ist, in die Legionen theilten. Die erste und vierte gab das Los dem Minucius, die zweite und dritte dem Fabius. So theilten sie sich auch in die Reuterei und in die Hülfstruppen der Bundesgenossen und Latinischen Völker beide gleich. Ja der Magister Equitum fand sogar für gut, sein abgesondertes Lager zu haben. 28. Hierüber hatte Hannibal eine doppelte Freude: denn es blieb ihm nichts von Allem, was bei den Feinden vorging, unbekannt, weil er theils durch Überläufer Vieles erfuhr, theils seine Kundschafter hatte. Er sah, wenn er die nunmehr fesselfreie Verwegenheit des Minucius in die Falle locken wollte, sich freie Hand gelassen: er sah der Geschicklichkeit des Fabius die Hälfte der Wirkungskraft entzogen. Zwischen dem Lager des Minucius und dem der Punier war eine Anhöhe. Wer diese nahm, setzte unstreitig von hieraus den Feind in den Nachtheil. Hannibal wünschte sie nicht sowohl ohne Gefecht zu besetzen, wiewohl selbst dies der Mühe werth war, als dadurch ein Gefecht mit dem Minucius zu veranlassen, bei dem er sicher darauf rechnen konnte, daß er jedesmal, zur 548 Verhinderung seiner Absichten, ihm entgegentreten werde. Das ganze Feld dazwischen war zur Anlage eines Hinterhalts dem ersten Anscheine nach unbrauchbar, weil es auch nicht Eine mit Waldung oder nur mit Gesträuch bekleidete Stelle hatte; in der That aber war es einen Hinterhalt zu decken um so mehr geeignet, weil sich in einem nackten Thale eine solche List gar nicht fürchten ließ, und doch hatte es in seinen Krümmungen Felsenhöhlen, so groß, daß einige zweihundert Bewaffnete fassen konnten. In diese Schlupfwinkel ließ er sich, so viel als jeden derselben bequem besetzen konnten, zusammen fünftausend Mann zu Fuß und zu Pferde verstecken. Damit aber nicht hier oder dort durch die Bewegung eines zu unvorsichtig hervortretenden oder durch die blitzenden Waffen der Betrug in einem so offenen Thale sich verriethe, so gab er dem Auge des Feindes durch Absendung einer geringen Mannschaft, die mit Anbruch des Tages die vorhin genannte Anhöhe besetzen mußte, eine Beschäftigung. Kaum erblickten diese die Römer, so erfüllte sie die schwache Zahl mit Verachtung, und den Auftrag, die Feinde dort zu vertreiben, forcierte Jeder. Als einer der prahlendsten und kecksten bot sie der Feldherr selbst zur Einnahme des Ortes auf und rief dem Feinde leere Muthergießungen und Drohungen entgegen. Zuerst entließ er die Leichtbewaffneten, dann sandte er die Reuterei in geschlossenem Zuge; zuletzt, als er sah, daß auch den Feinden Unterstützung nachrücke, trat er mit seinen schlagfertigen Legionen auf. Auch Hannibal, der den bedrängten Seinigen mit steigendem Kampfe eine Verstärkung über die andre nachschickte, hatte schon die volle Linie aufgestellt und auf beiden Seiten war die gesammte Stärke in Arbeit. Die Römischen Leichtbewaffneten an der Spitze, die aus der Tiefe herauf zu dem besetzten Hügel hinanstiegen, erfüllten, so wie sie geschlagen und hinuntergeworfen waren, die nachrückende Reuterei mit Bestürzung, und flohen auf die Glieder der Legionen. Die Linie des Fußvolks blieb unter den bestürzten allein unerschrocken, und wie es schien, würde sie allerdings, wenn sie hätte 549 in einer ordentlichen Schlacht oder dem Feinde gerade gegenüber fechten können, ihm gewachsen gewesen sein. Allein die plötzlich aus dem Hinterhalte Hervorbrechenden, bewirkten durch ihren Angriff auf beide Seiten und vom Rücken her Verwirrung und Schrecken in so hohem Grade, daß Allen der Muth zum Fechten entsank, ja selbst die Hoffnung zu entfliehen. 29. Fabius, als er zuerst ihr Angstgeschrei hörte, dann von fern die Linie in Unordnung sah, rief: «Da haben wirs! Nicht schneller, als ichs gefürchtet habe, hat das Unglück die Unbesonnenheit gefaßt. Der dem Fabius im Oberbefehle gleich Gesetzte sieht im Hannibal seinen Obmann an Tapferkeit und Glück. Doch zum Hadern und Zürnen wird sich eine andre Zeit finden. Jetzt zu den Fahnen! Ausgerückt! Dem Feinde wollen wir seinen Sieg abgewinnen, und unsern Mitbürgern das Geständniß ihrer Verirrung!» Als ein großer Theil hier schon niedergehauen war, dort sich nach der Flucht umsah, erschien plötzlich, wie vom Himmel herabgesandt, das Heer des Fabius zu ihrer Hülfe. Sehr begreiflich hielt es schon, ehe es sich auf Schußweite näherte oder handgemein wurde, seine Mitbürger von der völligen Flucht, und die Feinde im zu dreisten Verfolge des Gefechts zurück. Die aus den gesprengten Gliedern zerstreut umherliefen, eilten von allen Seiten dem neuen Heere zu; die in Einem Haufen mit einander geflohen waren, zogen sich jetzt, dem Feinde wieder zugekehrt und im geschlossenen Kreise, mehr allmälig zurück, oder behaupteten, in einen dichten Schwarm zusammengedrängt, ihren Platz. Und schon waren die Linien des geschlagenen und die des neuen Heeres beinahe zu Einer gediehen und rückten gegen den Feind an, als auf Punischer Seite zum Rückzuge geblasen wurde, nicht ohne Hannibals lautes Geständniß: Er habe den Minucius, Fabius ihn besiegt. Als so der größere Theil des Tages unter wechselndem Glücke verstrichen war, sprach Minucius nach der Rückkehr in sein Lager, vor seinen zusammenberufenen Soldaten: «Ich habe oft gehört, Soldaten, der sei der erste 550 Mann, der selbst das zur Sache Dienliche angeben könne; der zweite der, der gutem Rathe Folge leiste: wer aber selbst weder anzugeben, noch einem Andern sich zu fügen verstehe, zeige die größte Geistesschwäche. Weil uns nun der erste Rang an Verstandes- und Geistesstärke nicht beschieden ist, so wollen wir uns an den zweiten, mittleren halten, und bis wir befehlen lernen, dem Entschlusse Raum geben, dem Klügeren uns zu fügen. Laßt uns unser Lager wieder mit Fabius vereinigen. Sobald ich ihn dann, wenn wir die Fahnen auf dem Feldherrnplatze aufgestellt haben, Vater anrede, wie es seinem Verdienste um uns und seiner Erhabenheit gebührt, so müsset ihr, Soldaten, die, deren Waffen und Arm euch so eben beschützt haben, als eure Schutzherren begrüßen: und wenn wir von diesem Tage weiter nichts gewinnen, so soll er uns wenigstens den Ruhm eines dankbaren Herzens erworben haben.» 30. Nach gegebenem Zeichen erfolgte der Aufruf zum Einpacken. Ihr Ausrücken und der geschlossene Zug zum Lager des Dictators setzte diesen selbst und Alle, die um ihn waren, in Verwunderung. Als nach Aufpflanzung der Fahnen vor der Feldherrnbühne der Magister Equitum, der vor die Übrigen heraustrat, den Fabius mit dem Namen Vater angeredet und sein ganzer Zug die umströmten Soldaten des Fabius, Schutzherren gegrüßt hatten, sprach er: «Dictator! meinen Ältern, denen ich dich so eben durch die Benennung, so weit die Sprache reicht, gleichgestellte, verdanke ich bloß mein Leben; dir die Rettung sowohl meiner selbst, als dieser Aller. Was also den Volksschluß betrifft, mit dem ich mehr belastet, als beehrt bin, so bin ich der Erste, der ihn verwirft und aufhebt: ich kehre – möge es für dich und mich, möge es für diese deine Heere, das gerettete sowohl, wie seine Retter, die glücklichsten Folgen haben! – unter deinen Oberbefehl, in deine Obhut zurück, und liefere dir diese Fahnen und Legionen wieder. Du aber, ich bitte dich, laß als der Verzeihende mich mein Amt als Magister Equitum, diese hier Jeden seine Stelle behalten.» Jetzt 551 schlossen Beide Hand in Hand, und die angekommenen Soldaten wurden nach entlassener Versammlung von Bekannten und Unbekannten liebevoll und gastfreundschaftlich eingeladen; und aus einem noch kurz vorher so traurigen und fast verwünschenswerthen Tage ward ein Tag der Freude. Zu Rom, als die Nachricht von diesem Auftritte einlief, und dann durch die Briefe der Feldherren selbst nicht eigentlicher, als der gemeinen Soldaten aus beiden Heeren sich bestätigte, erhob Jeder nach seiner Weise den Maximus mit Lobsprüchen bis zum Himmel. Gleichen Ruhm ließen ihm selbst die Feinde, Hannibal und die Punier, widerfahren, und nun endlich wurden sie inne, daß sie mit Römern, und in Italien, Krieg führten. Denn in den letzten zwei Jahren waren ihnen die Römischen Heerführer sowohl, als die Heere, so unbedeutend geworden, daß sie kaum mit demselben Volke zu kriegen glaubten, von dem ihnen ihre Väter eine so fürchterliche Schilderung gemacht hatten. Auch Hannibal soll bei seinem Rückzuge aus der Schlacht gesagt haben: «Endlich habe die Wolke, die immer auf den Berghöhen gelegen habe, Sturm und Platzregen gebracht.» 31. Während dies in Italien vorging, segelte der Consul Cneus Servilius Geminus, der mit einer Flotte von hundert zwanzig Schiffen die Küste von Sardinien und Corsica umfahren war und sich an beiden Orten Geisel hatte geben lassen, nach Africa über; und nachdem er noch, ehe er hier zur Landung kam, die Insel Menix verheeret, und sich von den Einwohnern Cercina's zehn Talente Silbers Ungefähr 12,000 Thaler. als Brandschatzung hatte zahlen lassen, erreichte er die Küste von Africa und schiffte seine Truppen aus. Die sogleich zur Plünderung des Landes geführten Soldaten und Seeleute schwärmten so ausgelassen umher, als ob sie auf jenen menschenarmen Inseln plünderten. Da sie sich also durch ihre Unbehutsamkeit in einen Hinterhalt geführt, als Zerstreute von vollen Haufen, als 552 Fremde von der Gegend Kundigen umringt sahen, so wurden sie in schimpflicher Flucht mit Vielem Verluste zu den Schiffen zurückgejagt. Sie büßten an tausend Mann ein, unter diesen den Quästor Sempronius Bläsus. Die Flotte, die von der mit Feinden erfüllten Küste in eiliger Verwirrung abstieß, setzte ihre Fahrt bis Sicilien fort und zu Lilybäum übergab sie der Consul dem Prätor Titus Otacilius, um sie durch seinen Legaten Publius Sura nach Rom zurückführen zu lassen. Er selbst nahm seinen Weg durch Sicilien zu Lande und setzte durch die Meerenge nach Italien über, wohin ihn sowohl, als seinen Amtsgenossen Marcus Atilius ein Brief vom Quintus Fabius beschieden hatte, um von ihm, weil das halbe Jahr seines Oberbefehls beinahe abgelaufen sei, die Heere zu übernehmen. Die Verfasser beinahe der sämtlichen Jahrbücher lassen den Fabius, was er gegen Hannibal gethan hat, als Dictator thun; und Cölius schreibt sogar, er sei der erste Dictator Als zweiten vom Volke ernannten Diktator rechnete Cölius (nach Crevier's Bemerkung) den Sulla, der sich vom Volke wählen ließ. gewesen, den das Volk gewählt habe. Doch Cölius sowohl, als die übrigen, bedachten nicht, daß dem Consul Cneus Servilius, den damals die Führung des Krieges in Gallien weit entfernt hielt, das Recht, einen Dictator zu ernennen, allein zustand; daß man aber in der Stadt, weil man im Schrecken über die Niederlage einen so langen Aufschub nicht abwarten konnte, die Auskunft traf, vom Volke einen Prodictator wählen zu lassen; und daß nachher die Thaten und der ausgezeichnete Ruhm dieses Feldherren, ferner seine Nachkommen, welche die Unterschrift des Ahnenbildes heben wollten, leicht veranlassen konnten, daß der, der nur Prodictator war, als Dictator angegeben wurde. 32. Als die Consuln nach Übernahme der Heere, Atilius des Fabischen, Servilius Geminus des Minucischen, sich im Winterlager frühzeitig verschanzt hatten, denn es war schon am Ende des Herbstes; setzten sie in höchster 553 Eintracht den Krieg nach des Fabius Maßregeln fort. Wenn Hannibal auf Getreideholung ausrücken ließ, so zeigten sie sich von entgegengesetzten Seiten im Vortheile, schnitten Theile seines Heeres ab und fingen die Zerstreuten auf. Zu dem mißlichen Wurfe eines allgemeinen Kampfs, nach welchem Hannibal mit allen Künsten rang, ließen sie es nie kommen. Und Hannibal sah sich von Mangel so bedrängt, daß er, wenn er nicht gefürchtet hätte, sich jetzt durch einen Abzug den Schein des Fliehenden zu geben; nach Gallien zurückgegangen sein würde, weil ihm zur Erhaltung seines Heeres in diesen Gegenden keine Hoffnung übrig blieb, sobald die folgenden Consuln den Krieg nach eben diesen Maßregeln führten. Als die Unternehmungen, vom Winter behindert, bei Geronium still standen, kamen nach Rom Gesandte von Neapolis. Sie überreichten im Rathhause vierzig goldene Schalen von großer Schwere, und gaben ihrem Vortrage die Einkleidung, daß sie sagten: «Die Neapolitaner wüßten, daß die Schatzkammer des Römischen Volks durch den Krieg erschöpft werde, und da er für die Städte und Länder der Bundesgenossen nicht minder geführt werde, als für das Haupt und die Burg Italiens, für die Stadt Rom und deren Oberherrschaft; so hätten sie es für billig erachtet, mit dem Golde, was ihnen ihre Vorfahren theils zur Zierde der Tempel, theils zum Nothpfennige hinterlassen hätten, dem Römischen Volke auszuhelfen. Wenn sie sich selbst eine thätige Hülfsleistung Si quam opem]. – Da es schon vorher hieß iuvare, so ist hier das Wort opem wahrscheinlich unrichtig. Deswegen wollte Duker Si quam aliam opem lesen. Stroth sagt opem de armorum ope intelligamus necesse est. Ich glaube, opem sei aus opam entstanden, welches operam heißen sollte. Cic. de off. II. 15. At qui opera, id est virtute atque industria, liberales erunt. Nep. Cat. Magni eius opera existimata est in praelio apud Senam. Doch Hr.  Walch erklärt S. 179 in sese durch in semet ipsis: und hierunter könnte allerdings die von mir vorgeschlagene opera begriffen sein. hätten zutrauen dürfen, so würden sie diese mit gleicher Dienstbeflissenheit angeboten haben. Die Väter und die Bürger Roms würden ihnen einen Gefallen erzeigen, wenn sie alles Eigenthum der Neapolitaner als das Ihrige ansähen 554 und sie für würdig hielten, ein Geschenk von ihnen anzunehmen, das durch die Gesinnung und den guten Willen derer, die es mit Freuden gaben, größer und ehrenvoller sei, als durch sich selbst.» Der Senat stattete den Gesandten für die darbietende Güte und Theilnahme ihrer Sender seinen Dank ab, und nahm die Schale an, die das kleinste Gewicht hatte. 33. Gerade in diesen Tagen wurde ein Carthagischer Kundschafter, der zwei Jahre lang unentdeckt geblieben war, zu Rom ertappt, und mit abgehauenen Händen entlassen: auch wurden fünfundzwanzig Sklaven gekreuzigt, weil sie angeblich sich auf dem Marsfelde zu einer Verschwörung verbunden hatten. Den Anzeiger belohnte man mit der Freiheit und zwanzigtausend schweren Kupferassen Stroth, der den As libralis zu 7 Ggr. 8 Pf. annimmt, giebt die 20,000 aeris gravis zu etwas über 6388 Thlr. an. Allein da nach Creviers Erinnerung der schon zu den Zeiten des ersten Punischen Krieges zu 1 / 6 und unter der Dictatur des Q. Fabius zu Hannibals Zeilen auf 1 / 12 herabgesetzte Ass jenen hohen Werth nicht mehr hatte, so folge ich lieber Creviers Berechnung, nach welcher diese Summe ungefähr nur 624 Gulden Conv. M. beträgt. Dann hat der As 6 Pf., der Denarius 5 Ggr. . Auch schickte man eine Gesandschaft an den Macedonischen König Philipp, mit dem Antrage, den Demetrius von Pharia auszuliefern Diesen Illyrischen Fürsten und Vormund des nachher genannten Königs Pineus hatte der Consul L. Ämilius Paullus, eben der, der in seinem zweiten Consulate bei Cannä blieb, im J. R. 533, dem letzten vor dem Ausbruche des zweiten Punischen Krieges, besiegt. Er war von der Illyrischen Insel Pharus oder Pharia (im Adriatischen Meere) gebürtig. , welcher nach dem unglücklichen Kriege mit Rom zu ihm geflohen sei; eine andre an die Ligurier, um sie darüber zur Rede zu setzen, daß sie die Punier mit Vorräthen und Hülfstruppen unterstützt hatten; und zugleich, um in der Nähe zu beobachten, was man bei den Bojern und Insubriern unternähme. Auch an den König Pineus gingen Gesandte nach Illyrien ab, die Geldlieferungen einzufordern, deren Zahlungsfrist schon abgelaufen war, oder, wenn er sie verlängern wollte, sich Geisel geben zu lassen. So wenig vernachlässigten die Römer, ob sie gleich mit einem schweren Kriege belastet waren, irgendwo ein Geschäft, selbst wenn es aus 555 weiter Ferne besorgt sein wollte. Auch machte man sich darüber ein Gewissen, daß man den Bau eines Tempels der Eintracht, welchen auf Veranlassung eines Soldatenaufruhrs in Gallien der Prätor Lucius Manlius vor zwei Jahren gelobet hatte, bis jetzt noch nicht in Arbeit gegeben habe. Also gaben zu diesem Geschäfte vom Stadtprätor Marcus Ämilius ernannte Zweiherren, Cneus Pupius und Cäso Quinctius Flamininus, den Bau des Tempels, der auf der Burg stehen sollte, in Bestellung. Eben dieser Prätor mußte nach einem Senatsschlusse den Consuln schreiben, wenn sie es für gut fänden, so möchte der Eine von ihnen zur Consulnwahl nach Rom kommen: er wolle dann auf den Tag, den sie bestimmen würden, die Wahlversammlung ankündigen. Hierauf schrieben die Consuln zurück: «Ohne Nachtheil für das Ganze könnten sie sich vom Feinde nicht entfernen. Es sei also besser, die Wahl durch einen Zwischenkönig besorgen zu lassen, als einen von den Consuln vom Kriege abzurufen.» Die Väter hielten es für zweckmäßiger, daß ein Consul zur Haltung der Wahl einen Dictator ernenne. Lucius Veturius Philo, der dazu ernannt wurde, erklärte den Manius Pomponius Matho zum Magister Equitum. Da aber bei ihrer Wahl ein Fehler vorgefallen war, und sie vierzehn Tage nachher ihr Amt niederlegen mußten, so kam es doch zu einer Zwischenregierung. 34. Den Consuln wurde der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert. Die von den Vätern aufgestellten Zwischenkönige waren Cajus Claudius Centho, des Appius Sohn; dann Publius Cornelius Asina. In seiner Zwischenregierung ging der Wahltag, unter einem heftigen Streite zwischen Vätern und Bürgerlichen, vor sich. Dem Cajus Terentius Varro, den der große Haufe als einen Mann seines Standes, sogar zum Consulate emporzuheben strebte, weil er sich durch Verunglimpfung großer Männer und andre dem Volke schmeichelnde Mittel bei dem Bürgerstande in Gunst gesetzt, und dadurch, daß er den Einfluß des Quintus Fabius und die Gewalt eines Dictators erschütterte, die Unzufriedenheit des Volks 556 mit Jenem zu seinem eignen Glanze benutzt hatte; ihm widersetzten sich die Väter aus allen Kräften, damit man sich nicht daran gewöhnen möchte, in ihrer Verunglimpfung den Weg zur Gleichstellung mit ihnen zu finden. Der Bürgertribun Quintus Bäbius Herennius, ein Verwandter des Cajus Terentius suchte durch Beschuldigungen nicht bloß des Senats, sondern auch der Vogelschauer, weil diese den Dictator verhindert hätten, die Wahl zu Stande zu bringen, bei dem Hasse, den er auf diese fallen ließ, seinem Bewerber Liebe im Volke zu erschwatzen. «Die Adlichen, die seit vielen Jahren Krieg gesucht hätten, hätten den Hannibal nach Italien hereingeführt, und eben diese wären es, die den Krieg, der schon gewendet sein könne, listig genug in die Länge zögen. Daß man mit vier Legionen zusammengenommen zur Schlacht habe auftreten dürfen, sei dadurch erwiesen, daß Marcus Minucius in Fabius Abwesenheit mit Glück gefochten habe: dann hätten sich zwei Legionen dem Feinde zum Gemetzel preisgeben, und hinterher vom Gemetzel retten lassen müssen, damit nur eben der Mann den Namen Vater und Schutzherr davontrüge, der den Siegen der Römer früher in den Weg getreten sei. als ihrer Besiegung. Darauf hätten die Consuln mit Fabischen Künsten den Krieg, den sie hätten beendigen können, verlängert. Hierzu ständen die Adlichen alle im Bunde; und man würde das Ende des Krieges nicht eher erleben, bis man einen wirklich Bürgerlichen, oder, welches einerlei sei, einen Emporkömmling zum Consul mache: denn die vom Bürgeradel wären schon in eben die Geheimnisse eingeweiht, und verachteten, seitdem sie nicht mehr von den Vätern verachtet würden, jeden Bürgerlichen. Wem es nicht einleuchte, daß man bloß deswegen darnach getrachtet und gerungen habe, eine Zwischenregierung eintreten zu lassen, damit die Väter über die Wahl zu schalten hätten? Dies hätten beide Consuln mit ihrem Dortbleiben beim Heere erreichen wollen: nachher habe man, weil gegen ihren Willen zur Haltung des Wahltages ein Dictator ernannt sei, es dennoch zu 557 erzwingen gewußt, daß die Vogelschauer die Dictatorwahl für fehlerhaft erklärt hätten. So habe man denn eine Zwischenregierung. Allein wenigstens Eine Consulstelle gehöre doch dem Römischen Bürgerstande. Das Volk werde darüber nach freiem Willen verfügen, und sie dem ertheilen, der lieber wirklich siegen, als lange Feldherr sein wolle.» 35. Durch solche Vorträge aufgebracht wählte der Bürgerstand, obgleich drei Altadliche, Publius Cornelius Merenda, Lucius Manlius Vulso, .Marcus Ämilius Lepidus, und zwei aus schon adlichen Bürgerfamilien, nämlich Cajus Atilius Serranus und Quintus Älius Pätus sich zugleich bewarben, von denen der Eine Oberpriester, der Andre Vogelschauer war, den Cajus Terentius allein zum Consul, so daß der zur Wahl seines Amtsgenossen anzusetzende Tag von ihm abhing. Da mußte sich auf Antrieb des Adels, dem es nicht entgangen war, daß die Mitbewerber nicht Gewicht genug gehabt hatten, Lucius Ämilius Paullus, so anhaltend und ernstlich er sich weigerte, zum Consulate melden, ein Mann, der mit dem Marcus Livius Consul gewesen und bei der Verurtheilung seines Amtsgenossen, ja es fehlte nicht viel, bei seiner eigenen, kaum mit ganzer Haut davongekommen war; ein abgesagter Feind des Bürgerstandes. Dieser wurde am nächsten Wahltage, da vor ihm Alle, die mit dem Varro in die Schranken getreten waren, zurücktraten, dem Consul, ich möchte lieber sagen, zum Amtsgegenmanne, als zum Amtsgenossen gegeben. Darauf wurde die Prätorenwahl gehalten. Gewählt wurden Manius Pomponius Matho und Publius Furius Philus. Das Los, zu Rom die städtische Gerichtspflege auszuüben, traf den Pomponius, und die zwischen Römischen Bürgern und Fremden, den Publius Furius Philus. Man setzte aber noch zwei Prätoren an, den Marcus Claudius Marcellus für Sicilien, den Lucius Postumius Albinus für Gallien. Sie alle wurden abwesend gewählt, und keinem von ihnen, den Consul Terentius ausgenommen, ein Amt übertragen, das er nicht schon vorher verwaltet gehabt hätte, indem man sogar 558 mehrere wackere und brauchbare Männer überging, weil man glaubte, in der gegenwärtigen Lage dürfe man keinem ein Amt anvertrauen, das ihm noch neu sei. 36. Auch die Heere wurden verstärkt. Wie viel aber die Vermehrung an Fußvolk und Reuterei betragen habe, darüber sind, sowohl in Hinsicht der Zahl, als der Art der Truppen, die Angaben so wenig übereinstimmend, daß ich es kaum wage, irgend einer, als der ausgemacht gewissen beizutreten. Einige sagen, man habe als Ergänzungstruppen neue zehntausend Mann ausgehoben: Andere, man habe vier neue Legionen errichtet, um mit acht Legionen zur Schlacht auftreten zu können; auch habe man den Legionen eine größere Kopfzahl an Fußvolk und Reuterei gegeben, in so fern man jede um tausend Mann zu Fuß und hundert zu Pferde verstärkt habe, so daß sich jede auf fünftausend zu Fuß und vierhundert treceni equites essent]. – Da uns Livius schon an mehrern Stellen ( XXI. 17. VIII. 8. ) selbst gesagt hat, daß jede Legion ihre 300 Ritter gehabt habe, so kann er hier diejenigen, nach deren Angabe jede Legion diesmal um 100 Ritter vermehrt wurde, nicht sagen lassen wollen, daß die Summe nach der Vermehrung nur 300 betragen habe. Crevier sagt zwar: Hic requirimus Livii diligentiam, und zeigt dann aus den oben angeführten Stellen, daß Livius nicht nöthig gehabt habe, die Vermehrung um hundert Mann zu Hülfe zu nehmen, um die Ritterzahl der Legion auf 300 zu bringen, da die Legion schon vorher 300 Ritter gehabt habe. Allein ich sage lieber: Hic requirimus, ut saepe, librariorum diligentiam, und folge der von Lipsius vorgeschlagenen, von Duker und Drakenborch gebilligten Vermuthung, daß hier quadringeni equites gelesen werden müsse, um so viel lieber, wenn ich mir den Abschreiber denke, der in der Lesart CCCCeni (dies sollte quadringeni heißen) das letzte C nicht als Zahl, sondern, als zur Endung gehörig, in ceni zusammenlas. Duker bestätigt diese Verbesserung des Lipsius noch durch die angeführte Stelle XXIII. 34. , wo Livius gleich im folgenden Jahre wieder erzählt, man habe (wie es die Noth und Feind Hannibal geboten) nicht 300, sondern 400 Reuter auf die Legion geworben. Da Livius immer nur 300 Mann Ritter auf die Legion angegeben hatte, so würde er bei dem gleich folgenden Jahre 537 über diese Vermehrung etwas haben sagen müssen, wenn er es nicht an unsrer Stelle bei dem Jahre 536, wenn gleich nicht in seinem eignen Namen, sondern in der Angabe der zweiten Meinung über die Truppenzahl bei Cannä, gethan hätte. Man wende nicht dagegen, wie Duker, ein, daß Livius sich dann selbst durch die angegebene Summe von 87,200 widersprechen würde, weil durch Vermehrung der Ritter auf 400 und die davon abhängige Verdoppelung der Bundesreuterei die Summe von 89,600 herauskommen werde. Dies widerspricht ja dem Livius nicht, der uns selbst vorhin gesagt hat, daß er hier keine eigne Meinung aufstellen könne. Er liefert uns drei Angaben: 1) man habe das Heer mit 10,000 Neuausgehobenen verstärkt; 2) man habe 4 neue Legionen ausgehoben, und also 8 Legionen aufgestellt, die folglich mit der vermehrten Zahl der Reuterei (sie beträgt 9,600 Mann) eine Summe von 89,000 Mann geben würden; 3) Einige gaben nur 87,300 Mann an, die bei Cannä gefochten haben sollten. Diese dritte Meinung, so verschieden sie von der zweiten ist, trifft doch zu, und muß zutreffen, wenn man die – nur nach der zweiten Meinung angegebene – Vermehrung der Reuterei nicht mit hineinrechnet. Perizonius und Crevier wollen aber die beiden letzten Meinungen in Eine ziehen. Die letzte Angabe soll bloß die nachgerechnete Summe aufführen, die bei der Berechnung nach der zweiten Angabe herauskäme, und also mit der zweiten Eins sein. Dann aber tritt jener vom Lipsius so glücklich gehobene Widerspruch des Livius mit sich selbst wieder ein. Sie wollen ferner das quidam autores sunt, einmal ihrem Irrthume zu Liebe, und zum andern, weil hier ein fuisse fehle, entweder in fuisse, autores sunt, oder in iidem autores sunt verwandeln, und so die Angabe einer dritten Meinung ganz verdrängen. Das ist aber 1) gegen alle Msc, 2) gegen den gesunden Verstand des Livius, 3) gegen die richtige Rechnung des Lipsius. Freilich ist es wahrscheinlich, daß in der angeführten dritten Angabe das Wort fuisse durch Schuld der Abschreiber weggefallen sei. Denn es bleibt immer eine Härte, wenn man ohne das Wort fuisse zusammenlesen soll: Septem et octoginta millia armatorum – – in castris Romanis, – quidam autores sunt. Allein man muß, um dies fuisse wieder einzuschalten, nur nicht das zur Aufstellung einer dritten Meinung so nöthige quidam verdrängen wollen. Ich glaube, ich wüßte wohl für dieses fuisse eine richtigere Stelle. Zwei alte Msc. lesen hier octoginta quinque millia, fünf andre und mit ihnen viele alte Ausgaben: Septem et octoginta quinque millia. Dies ist gegen alle Wahrheit. Allein es muß doch ein Wort dagewesen sein, woran sie ihr unrichtiges quinque geschaffen haben. Dies, vermuthe ich, war unser vermißtes fuisse; wenigstens war der Irrthum, statt FVI, QVI zu lesen, nicht unmöglich. Auch schien den Abschreibern, weil sie Zahlen vor sich hatten, ein octoginta quinque millia besser fortzulaufen, als octoginta fuisse millia. Die ganze Stelle würde also, wenn ich des Lipsius, Perizonius, Dukers und meine Vermuthungen vereinigen darf, so lauten: Ut quina millia peditum, quadringeni equites essent, socii duplicem cet. – – – Septem et octoginta fuisse millia armatorum et decentos – – – quidam auctores sunt. zu Pferde 559 belief, und die Bundsgenossen an Reuterei die Doppelzahl gaben, an Fußvolk den Römern gleich waren. Einige geben die Summe der Bewaffneten im Römischen Lager, als man bei Cannä schlug, auf siebenundachtzig tausend zweihundert an. Darin aber stimmen alle Berichte überein, daß man diesmal weit ernstlicher und kräftiger zu Werke gegangen sei, als in den vorigen Jahren, weil die Hoffnung, den Feind besiegen zu können, durch den Dictator geweckt war. Ehe indeß die neuen Legionen von der Stadt aufbrachen, wurde wegen der Besorgniß, welche durch neue Schreckzeichen allgemein unter den Leuten verbreitet war, den Zehnmännern der Auftrag gegeben, sich an die 560 heiligen Bücher zu wenden und aus ihnen sich zu belehren. Denn es war nicht nur gemeldet, daß es zu gleicher Zeit zu Rom auf dem Aventinus und zu Aricia Steine gehagelt, sondern auch, daß im Sabinischen Götterbilder von vielem Blute getrieft haben sollten, und in den Bädern zu Cäre blutiges In Sabinis caedis, aquas e fonte calidas.] – In der Übersetzung bin ich Creviers Vorschlage gefolgt: Caeretes aquas e fonte cruentas cet., ob ich ihm gleich nicht beipflichten kann. Denn weil er Caeretes statt caedis lieset, so mußte er auch calidas in cruentas verwandeln, weil die aquae Caeretes an sich calidae sind, also die Angabe calidas e fonte manasse, kein Prodigium sein kann. Allein von der Lesart cruentas findet sich in den Msc. auch nicht die leiseste Spur. Wenn Stroth, der die Lesart Caeretes aufnahm, hinterher calidas stehen ließ, so ist dies vermuthlich ein Versehen. – Ich möchte bei dieser Stelle lieber mit Lipsius sagen: Illud Caedis nomen aliquod loci in Sabinis est, mihi ignoti. Sollte es vielleicht heißen: In Sabinis Caeduis? so daß, wie silva caedua, oder der Ort Caeduum bei Soest, der Ort im Sabinischen Caedua, orum, (das Gehau) geheißen hätte? Mit Jak. Gronov und Drakenb. signa in Sabinis Cereris zu lesen, gefällt mir aus zwei Gründen nicht; 1) ich sehe nicht, warum die Abschreiber das ihnen bekannte Wort Cereris sollten in caedis so einmüthig verwandelt haben; 2) würde dann auch, meiner Meinung nach, Livius gesagt haben: signa Cereris in Sabinis, oder: in Sabinis signa Cereris, nicht aber: signa in Sabinis Cereris. Mehr Wahrscheinlichkeit hat in meinen Augen Drakenborchs Vorschlag über die letzte Hälfte dieser Stelle. Er lässet calidas, als die Lesart aller Msc, stehen, vermuthet aber, weil so viele Msc. hinter aquas das Wort que einschieben, daß dies QVE aus VII entstanden sei. Es gab nämlich (nach Cluver ) im Sabinischen ein Gewässer Namens Septem Aquae. Dann würde Livius an die übrigen Prodigia in Sabinis auch dieses anreihen: Aquasque Septem e fonte calidas manasse. Der Abschreiber fand AQVASQ.VII und machte aus Q.VII sein QVE. Wasser gequollen sei. Weil sich diese Erscheinung zu wiederholten Malen ereignete, wurde sie dadurch so viel drohender. Auch hatte auf der Schwibbogen-Straße – sie war in der Nähe des Marsfeldes – der Blitz mehrere Menschen getroffen und getödtet. Man traf dieser Zeichen wegen die Verfügungen nach den heiligen Büchern. Von Pästum kamen Gesandte nach Rom, goldene Schalen zu überreichen. Der Senat erklärte ihnen, eben so wie den Neapolitanischen, seinen Dank, nahm aber das Gold nicht an. 37. In diesen Tagen lief zu Ostia eine Flotte vom Hiero mit vieler Zufuhr ein. Die Syracusanischen Gesandten, als sie dem Senate vorgestellt wurden, meldeten: «Die Nachricht von dem Verluste des Consuls Cajus 561 Flaminius und seines Heers sei dem Könige Hiero so schmerzhaft gewesen, daß ihm kein Misgeschick, wenn es ihn selbst und sein Reich betroffen hätte, habe empfindlicher sein können. Darum habe er, obgleich völlig überzeugt, daß sich die Größe des Römischen Volks in widrigen Schickungen beinahe noch bewundernswürdiger zeige, als im Glücke, dennoch allerlei hergeschickt, was man in Kriegen als eine Beisteuer von redlichen und treuen Bundsgenossen zu bekommen pflege, und ersuche die versammelten Väter inständig, ihm die Annahme nicht zu versagen. Vorzüglich brächten sie zur guten Vorbedeutung eine goldene Siegsgöttinn von dreihundert und zwanzig Pfunden mit. Sie möchten sie annehmen, ihres Besitzes sich versichern und sie als ihr bleibendes Eigenthum betrachten. Auch hätten sie dreihunderttausend Maß Weizen hergefahren und zweihunderttausend Maß Gerste, um einem Mangel an Lebensmitteln vorzubauen; und was etwa noch nöthig sein möchte, würden sie da anfahren lassen, wo es die Väter beföhlen. Der König wisse, daß sich das Römische Volk keiner andern Soldaten und Reuterei bediene, als geborner Römer und Latiner, doch habe er leichte Hülfstruppen auch von Auswärtigen im Römischen Lager gesehen Im ersten Punischen Kriege. . Also habe er tausend Bogenschützen und Schleuderer mitgeschickt, ein Kohr, das sich gegen Balearen und Mauren und andre auf den Schuß geübte Völker gebrauchen lasse.» Diese Geschenke begleiteten sie mit dem guten Rathe, daß man den Prätor, dem die Verwaltung Siciliens zu Theil geworden sei, mit einer Flotte nach Africa übersetzen lassen möchte, damit auch der Feind den Krieg im Lande habe, und ihm so viel weniger freie Hand gelassen werde, dem Hannibal Unterstützung nachzusenden. Der Senat ließ dem Könige zurücksagen; « Hiero sei ein Muster der Redlichkeit und ein Bundsgenoß ohne Gleichen. Er habe, seitdem er mit dem Römischen Volke Freundschaft geknüpft, eine ununterbrochene Treue 562 bewiesen und sich jederzeit und aller Orten der Sache Roms durch reiche Spenden angenommen. Dies erkenne das Römische Volk, seiner Schuldigkeit gemäß, mit Dank. Die goldenen Geschenke, die auch einige andre Staten dargebracht hätten, habe das Römische Volk, ohne den guten Willen zu verkennen, zurückgegeben. Die Siegsgöttinn aber und die Vorbedeutung nehme es an: es eigne und weihe der Göttin das Capitolium, den Tempel des allmächtigen Jupiters, zum Sitze: auf dieser Burg der Stadt Rom in ihrer Heiligkeit aufgestellt, werde sie als segnende Geleiterinn sich dem Römischen Volke fest und unwandelbar anschließen.» Die Schleuderer und Bogenschützen nebst dem Getreide wurden an die Consuln abgeliefert. Die Flotte, die unter dem Proprätor Titus Otacilius in Sicilien stand, verstärkte man mit fünfundzwanzig Fünfruderern, und stellte es ihm frei, sobald er es dem State für zuträglich hielte, nach Africa überzusetzen. 38. Nach beendeter Werbung verweilten die Consuln noch einige Tage, die Ankunft der Bundestruppen aus den Stämmen Latiums abzuwarten. Diesmal wurden die Soldaten, was nie vorher geschehen war, von ihren Obersten eidlich in Pflicht genommen, daß sie auf Befehl der Consuln sich stellen, und ohne deren Befehl nie aus einander gehen wollten. Denn bis dahin war es bloß bei der Dienstweihe geblieben; und wenn die Soldaten zusammengekommen waren, sich in ihre Rotten zu zehn oder zu hundert Mann einreihen zu lassen, so schwur die Reuterei rottenweise zu zehn-, das Fußvolk zu hundert Mann frei willig unter sich, sie wollten nie als Flüchtlinge, als Furchtsame davongehen, nie ihre Schar verlassen, außer um ihr Gewehr zu nehmen, Schanzpfähle nisi teli sumendi, aut petendi]. – Drakenborch sagt: Quum inter sumere et petere telum nihil intersit, Clariss. Crevier. legendum putat repetendi, scil. ex hostium acie. Mich dünkt aber, es gehöre ja unter die Fälle, in welchen dem Soldaten erlaubt sein mußte, nicht in ordine zu bleiben, durchaus auch der, dessen Liv. VIII. 38. erwähnt: id vero, circumfuso undique equitatu, ut vallum peteretur, opusque inciperet, fieri non poterat. Ich lese also so: nisi teli sumendi, VALLI petendi, et aut hostis feriendi aut civis servandi caussa. Wenn das V in Valli erloschen war, so blieb für den Abschreiber fast nichts übrig, als statt alli aut zu lesen. Noch mehr: Für ihn war die Kürze des Übergangs ohne Copula anstößig, und die aut boten sich ihm in der Nähe in Menge dar. zu holen, 563 und entweder auf den Feind einzuhauen oder einen der Ihrigen zu retten. Dieser freiwillige Verein der Soldaten unter einander wurde von den Obersten in eine gesetzmäßige eidliche Verpflichtung verwandelt. Ehe die Truppen aus der Stadt aufbrachen, unterhielt der Consul Varro das Volk durch öftere in einem hohen Tone gehaltene Reden, in denen er gerade heraussagte: «Der Krieg sei von den Adlichen nach Italien hereingerufen, und werde im Herzen des States festsitzen, wenn er mehrere Fabier zu Feldherren hätte. Er wolle ihm gleich denselben Tag ein Ende machen, an dem er den Feind zu sehen bekäme.» Sein Mitconsul Paullus hielt nur Eine Rede, den Tag vor seinem Aufbruche aus der Stadt; die freilich mehr Wahrheit, aber weniger Beifall im Volke hatte, und in der er sich weiter keinen Ausfall gegen den Varro erlaubte, als diesen: «Er wundre sich, wie irgend ein Feldherr, ehe er noch sein eignes oder das feindliche Heer, die Lage der Örter, die Beschaffenheit der Gegend kenne, schon jetzt aus seinem Gesichtskreise in Locatus in urbe.] – Jak. Gronov, Duker, Perizonius und Crevier empfehlen statt locatus das von Muretus vorgeschlagene togatus. Es ist nicht zu leugnen, daß togatus einen schönen Gegensatz zu armato machen würde. Allein so viele Stellen auch Jak. Gronov und Duker anführen, in denen togati und armati beim Livius Gegensätze sind, so fragt doch die Kritik: Muß denn Livius in jeder Stelle diese regelrechten Gegensätze machen? Muß man nicht dann auch, wie Crevier wirklich thut, die beiden Worte in urbe, als ein Glossem von togatus, ausstreichen? Giebt Verschönerung ein Recht, einen richtigen Sinn zu verdrängen? Ich folge also lieber dem älteren Gronov und Drakenborchen, welche die Conjectur des Muretus als Conjectur anführen. der Stadt ersehen wolle, was er zu thun haben werde, wenn er unter den Waffen stehe; und wie er sogar den Tag vorherbestimmen könne, an dem er sich mit dem Feinde in eine förmliche Schlacht einlassen wolle. Mit Entwürfen, welche ohnehin mehr von den Umständen den Menschen, als von den Menschen den Umständen geliehen würden, 564 wolle er sich zum voraus, so lange sie noch unreif wären, nicht befassen; wenn nur nach seinem Wunsche das mit Vorsicht und Überlegung Unternommene den gehörigen Erfolg habe. Die Unbesonnenheit sei, außerdem daß sie thöricht sei, auch bis dahin noch die Unglückliche gewesen.» So viel ließ sich schon von seiner eigenen Stimmung erwarten, daß er die sicheren Maßregeln den raschen vorziehen werde; und damit er hierin so viel standhafter beharren möchte, sprach ihm, wie man erzählt, als er eben ausrückte, Quintus Fabius Maximus folgende Worte zu: 39. «Hättest du, Lucius Ämilius, entweder, was ich lieber wünschte, einen dir ähnlichen Amtsgenossen, oder wärest du deinem Amtsgenossen ähnlich, so könnte ich meine Rede sparen. Denn als zwei gute Consuln würdet ihr, auch ohne meine Worte, in allen Stücken dem Besten des Stats gemäß handeln, wie es sich von euch erwarten ließ: und als zwei schlechte würdet ihr weder meine Worte zu Ohren, noch meinen Rath zu Herzen nehmen. So aber wird meine Rede, wenn ich auf der einen Seite deinen Amtsgenossen, auf der andern in dir einen so würdigen Mann erblicke, mit dir allein zu thun haben; da ich sehe, daß du umsonst der rechtschaffne Mann und Bürger sein wirst, wenn der Stat auf der andern Seite schlecht bestellt sein sollte. Dann werden schlimme und gute Maßregeln gleiche Rechte und Gewalt haben. Denn du irrest, Lucius Paullus, wenn du einem geringeren Kampfe mit dem Cajus Terentius entgegensiehst, als mit dem Hannibal. Ich möchte fast sagen, der Widersacher, der dich in diesem hier erwartet, ist schlimmer, als in jenem der Feind. Mit jenem wirst du nur in Linie, mit diesem an allen Orten und zu allen Zeiten zu kämpfen haben: und den Hannibal und seine Legionen wirst du mit deiner Reuterei, mit deinem Fußvolke bestreiten; aber Varro wird dich als Anführer mit deinen eigenen Soldaten bestürmen. Schon der Vorbedeutung wegen möchte ich dich nicht gern an den Cajus Flaminius erinnern. Und dennoch äußerte der seine 565 Wuth nur erst als Consul, auf dem Schauplatze des Krieges und bei dem Heere: bei diesem aber spukt es, schon ehe er sich ums Consulat bewirbt, dann bei der Bewerbung ums Consulat, und auch jetzt noch, da er Consul ist, ehe er noch ein Lager oder einen Feind zu sehen bekommt. Und was meinst du, wird der, der schon jetzt durch seine Prahlereien von Gefechten und Schlachten so viele Gewitter unter Bürgern im Friedenskleide aufsteigen lässet, dort in der Mitte der Bewaffneten beginnen, dort, wo an die Worte die That sogleich sich anschließt? Wenn denn der Mensch, was er uns als seinen Vorsatz ankündigt, sich den Augenblick auf das Schlagen einläßt, so sind entweder die Kriegskunst, diese Art des Krieges und dieser Feind mir unbekannte Dinge, oder es wird irgend ein Ort durch unsre Niederlage noch berühmter, als der Trasimenus. So sehr es zur Unzeit sein würde, mich gegen einen Einzelnen zu rühmen, und ob ich gleich lieber in Verachtung des Ruhms das Ziel überschreiten möchte, als in der Sucht nach Ruhm; so spricht doch hier die Sache. Die einzige Richtung, die wir dem Kriege mit Hannibal geben können, ist die, die ich ihm gegeben habe. Dies lehrt nicht nur der Erfolg – er ist der Lehrmeister der Thoren –; sondern gerade diese Richtung selbst, die immer unveränderlich blieb und bleiben wird, so lange die Umstände dieselben sind. Wir führen den Krieg in Italien, auf unserm Grunde und Boden. Rings umher haben wir allenthalben Mitbürger und Bundsgenossen. Sie helfen uns aus mit Waffen, Fußvolk, Reuterei, Zufuhr, und werden uns aushelfen. Diesen Beweis der Treue haben sie in unserm Unglücke schon gegeben. Uns macht die Zeit mit jedem Tage geübter, vorsichtiger, standhafter. Hannibal hingegen steht in einem fremden, in Feindes Lande; wo Alles um ihn her gegen ihn ist und ihm auflauert, fern von seiner Stadt, fern von seinem Vaterlande: Friedliches für ihn giebt es weder zu Lande, noch zur See: keine Städte nehmen ihn auf, keine Mauern: nirgends findet er, was zu ihm gehörte: er lebt vom Raube für diesen Tag: kaum 566 hat er noch von jenem Heere, mit dem er über den Ebro ging, den dritten Theil: der Hunger nahm ihm mehr Leute, als das Schwert: und selbst für diese Wenigen reichen die Lebensmittel nicht mehr zu. Zweifelst du nun noch, ob wir durch Stillsitzen ihn bezwingen werden, der mit jedem Tage kraftloser wird? der keine Zufuhr, keinen Ersatz, kein Geld hat? Wie lange habe ich ihn vor Geroniums, einer elenden Schanze Apuliens, als vor Carthago's Mauern – – – tamquam pro Carthaginis moenibus – –]. – In so gefälligem Lichte hier beim ersten Anblicke die von Gronov vorgeschlagene Aposiopese , und ein verschwiegenes cum lusi oder detinui mir von jeher erschien, so glaubte ich doch zuweilen, sie möchte für den Historiker zu lebhaft, fast theatralisch, sein. Und Valla , Gronov selbst und Perizonius stellten aus dem folgenden Sed, wie es schien, so glücklich, das verloren gegangene sedet wieder her, daß ich kaum noch zweifelte, die Lesart des Perizonius: pro Carthaginis moenibus sedet? Sed ne adversus te quidem etc. sei die einzig wahre. Allein nach genauerer Prüfung des Zusammenhangs werfe ich mich doch wieder in Gronovs Arme, und glaube, die Aposiopese sei hier nothwendig. Denn da Hannibal noch immer vor Geroniums Mauern still sitzt, auch jene Zeit über, als an Fabius Platze die Consuln Servilius und Atilius in Fabius Geiste sich ihm entgegengestellt hatten, auf diesem Flecke hatte bleiben müssen, so gehörte das Verdienst, daß Hannibal noch immer hier sitzt (sedet), nicht dem Fabius allein, sondern auch den beiden auf ihn folgenden Consuln. (Man vergl. Cap. 23 , 9. 24 , 5 u. 10. 32 , 1 u. 4.) Folglich kann Fabius, wenn er gesagt hätte: pro Geronii moenibus sedet, nicht fortfahren: «Doch ich will meine That nicht rühmen.» Er konnte den Paullus nicht auf das Verdienst der spätern Consuln verweisen, wenn er das Stillsitzen Hannibals als sein eignes Verdienst ihnen schon vorweggenommen hatte. Allein sehr gut kann er in diesem Zusammenhange, wie mich dünkt, ein: ich habe ihn dort hingehalten verschweigen, und den Paullus dann auf die beiden Consuln hinsehen heißen, die es eben so gemacht hatten, als er selbst. ? Doch auch nicht einmal Dir ganz allein will ich mein Beispiel anpreisen. Bedenk aber, wie ihn die letzten Consuln, Cneus Servilius und Atilius geäffet haben. Dies, Lucius Paullus, ist der einzige Weg der Rettung, den dir aber mehr deine Mitbürger erschweren und anfechten werden, als der Feind. Denn deine eignen Soldaten werden mit den feindlichen einerlei Willen haben. Varro, der Römische Consul, wird dasselbe wünschen, was Hannibal als feindlicher Befehlshaber wünscht. Du allein also mußt zwei Feldherren widerstehen, und wirst ihnen widerstehen, wenn du gegen das Gerücht und gegen das Gerede der 567 Leute gehörig fest stehst, wenn weder der nichtige Ruhm eines Amtsgenossen, noch deine eigene unwahre Nachrede auf dich Eindruck macht. Nur zu oft leidet, nach dem Sprichworte, die Wahrheit eine Verdunkelung, aber sie erlischt nie. Wer Ruhm verachten konnte, erlangt den ächten. Mögen sie aus dir, wenn du der Vorsichtige bist, den Furchtsamen machen, aus dem Überlegenden den Trägen, aus dem Kriegserfahrnen den Feigen. Mir ist es lieber, wenn der weise Feind dich fürchtet, als wenn unverständige Mitbürger dich loben. Wagst du Alles, so wird Hannibal dich verachten: unternimmst du nichts auf gut Glück, so wird er dich fürchten. Auch fordere ich dich nicht auf, Nichts zu thun, sondern dich bei deinem Thun von der Überlegung, nicht vom Glücke, leiten zu lassen. Alles muß jedesmal von dir abhängen, Alles auf deiner Seite sein: du mußt immer in den Waffen, immer aufmerksam bleiben; weder deinen Vortheil versäumen, noch dem Feinde den seinigen bieten. Nur nichts beeilt! und Alles wird dir deutlich und entschieden: Übereilung ist unvorsichtig und blind.» 40. In dem, was der Consul hierauf erwiederte, äußerte er in der That wenig frohe Aussichten, insofern er freilich die Wahrheit dessen, was Fabius gesagt habe, nicht aber die Leichtigkeit der Ausführung zugab. «Wenn einem Dictator sein Magister Equitum schon zu viel geworden sei, wie dann ein Consul sich gegen einen aufrührischen und unbesonnenen Amtsgenossen wirksam und geltend erhalten könne? Er sei den Flammen der Volksverdammung in seinem vorigen Consulate kaum als der Gesengte entgangen. Er wünsche, daß Alles glücklich gehen möge. Sollte sich aber ein Unfall ereignen, so werde er sein Haupt lieber den Waffen der Feinde darbieten, als den richtenden Stimmen ergrimmter Mitbürger.» Gleich nach dieser Unterredung soll Paullus ausgerückt sein, von den Ersten der Väter begleitet. Dem bürgerlichen Consul gab sein Bürgerstand das Geleit, das sich mehr durch den vollen Haufen, als durch seine Würde, auszeichnete. 568 Als sie nach ihrer Ankunft im Lager die neuen und die alten Truppen durch einander gesteckt hatten, ließen sie, nach Anlegung eines doppelten Lagers, wovon das neue kleinere dem Hannibal näher stand, das alte aber den größeren Theil des Heeres mit den sämtlichen Kerntruppen enthielt, von den Consuln des vorigen Jahres den Marcus Atilius, der Alters wegen um Entlassung bat, nach Rom zurückgehen, den Servilius Geminus aber setzten sie im kleineren Lager über eine Römische Legion mit zweitausend Mann Bundsgenossen zu Fuß und zu Pferde. Hannibal, ob er gleich die feindlichen Truppen um die Hälfte verstärkt sah, hatte dennoch über die Ankunft der Consuln eine außerordentliche Freude. Denn es war nicht nur von den auf Einen Tag geraubten Lebensmitteln nichts mehr übrig, sondern es gab auch nicht einmal eine Gegend mehr, wo er sie hätte nehmen können, da man rund umher bei der Unsicherheit des platten Landes, alles Getreide in die Festungen gefahren hatte, so daß bei ihm, wie man nachher erfuhr, der Vorrath von Getreide kaum noch auf zehn Tage zureichte, und die Spanier schon aus Mangel übergehen wollten, wenn man den Eintritt dieses Zeitpunkts abgewartet hätte. 41. Allein der Planlosigkeit des einen Consuls und seiner vorschnellen Art sich zu bestimmen gab selbst das Verhängniß dadurch einen Nahrungsstoff, daß es in einem bei Zurücktreibung der Plünderer sich ereignenden Zusammentreffen, welches mehr durch das Herbeistürzen der Soldaten, als nach getroffener Vorkehrung oder auf Befehl der Feldherren erfolgte, die Punier völlig den Kürzern ziehen ließ. Es blieben ihrer an tausend siebenhundert, da die Römer mit ihren Bundsgenossen nicht über hundert verloren. Aus Furcht vor einem Hinterhalte trat Consul Paullus, der an diesem Tage den Oberbefehl hatte, – denn sie wechselten sie nach Tagen – seinen in Unordnung nachsetzenden Siegern in den Weg, so unwillig auch Varro lärmte und schrie, man habe den Feind aus den Händen gelassen; man hätte dem Kriege, wenn man nicht zurückgeflohen wäre, ein Ende machen können. 569 Hannibal nahm diesen Verlust gerade nicht zum höchsten auf; ja er glaubte vielmehr, die Verwegenheit des dreisteren Consuls und vorzüglich der jungen Soldaten sei dadurch gleichsam gekörnet. Auch kannte er das ganze Verhältniß bei den Feinden so gut, als sein eigenes; wußte, daß zwei ungleiche und uneinige Männer an der Spitze standen, daß im Heere beinahe zwei Drittel der Soldaten Neulinge waren. Da er also jetzt zu einem Hinterhalte einen schicklichen Ort und Gelegenheit zu haben glaubte, so ließ er in der nächsten Nacht sein Lager, aus dem ihm die Soldaten mit nichts, als mit den Waffen beladen, folgen mußten, mit allerlei Vorräthen von Stats- und Privateigentum stehen, barg hinter den nächsten Höhen zur Linken sein aufgestelltes Fußvolk, zur Rechten die Reuterei, und ließ das Gepäcke als mittleren Zug durch das Thal gehen, um so den Feind zu überfallen, wenn er mit der Plünderung eines nach der Flucht seiner Besitzer für verlassen geachteten Lagers beschäftigt sei und sich belastet habe. Es mußten viele Wachtfeuer im Lager brennen bleiben, um es wahrscheinlich zu machen, daß er, um nur auf der Flucht einen größern Vorsprung zu gewinnen, die Consuln durch den beibehaltenen Schein eines Lagers, so wie er voriges Jahr den Fabius getäuscht hatte, in ihrer Stellung habe festhalten wollen. 42. Als es Tag wurde, erregten zuerst die eingezogenen Posten, dann, als man näher heranging, die ungewöhnliche Stille, Verwunderung. Als man sich von der Räumung völlig vergewissert hatte, so strömte im Römischen Lager Alles mit der Nachricht zu den Feldherrnzelten hin, der Feind sei geflohen, so übereilt geflohen, daß er bei stehenden Zelten sein Lager verlassen habe; auch habe er, seine Flucht so viel besser zu verdecken, viele Feuer zurückgelassen. Nun erhob sich ein Geschrei, man solle Befehl zum Aufbruche geben, man solle sie anführen, dem Feinde nachzusetzen und sogleich das Lager zu plündern. Und der eine Consul war ganz, wie einer von den lärmenden Gemeinen. Paullus sagte einmal über das andre, man müsse sich vorsehen und auf seiner Hut sein. Endlich, 570 als er weder dem Aufruhre, noch dem Wortführer des Aufruhrs, auf andre Art steuren konnte, schickte er den Obersten der Reuterei, Marius Statilius, mit einem Lucanischen Geschwader auf Kundschaft. Als dieser, so wie er sich den Thoren näherte, die Übrigen außerhalb der Werke hatte halten lassen, so ging er selbst mit zwei Rittern in den Wall, und als er Alles sorgfältig erspähet hatte, meldete er zurück: Es sei gewiß eine Falle: die zurückgelassenen Feuer fänden sich nur auf der gegen den Feind liegenden Lagerseite: die Zelte ständen offen und alle Sachen von Werth lägen zum Hinnehmen da; auch habe er hin und wieder in den Lagergassen herumliegendes Silber bemerkt, als wenn es zum Plündern hingeworfen sei. Was hier gemeldet wurde, um die Raubgier zu schrecken, entzündete sie. Und da die Soldaten ein Geschrei erhoben, sie würden, wenn man ihnen den Aufruf versagte, ohne Führer hingehen, so fehlte es auch an einem Führer durchaus nicht: denn sogleich gab Varro das Zeichen zum Aufbruche. Da aber dem Paullus bei seinem geflissentlichen Zögern auch die Hühner bei der Vogelschau das Ausrücken untersagten, so ließ er seinem Amtsgenossen, als er eben mit den Fahnen zum Thore hinauszog, diese Abmahnung entgegenstellen. So verdrießlich dies dem Varro war, so fühlte er sich doch durch das neuliche Unglück des Flaminius, und durch den im ersten Punischen Kriege denkwürdig gewordenen Verlust des Consuls Claudius zur See, von heiliger Furcht ergriffen. Fast möchte ich sagen, an diesem Tage waren es die Götter selbst, die das über den Römern schwebende Verderben, wo nicht abwandten, doch verschoben. Denn als die Soldaten dem Befehle des Consuls, ins Lager wieder einzurücken, nicht gehorchen wollten, mußte es sich so fügen, daß gerade an diesem Tage zwei Sklaven, der eine eines Formianischen, der andre eines Sidicinischen Ritters, die unter den Consuln Servilius und Atilius beim Futterholen den Numidern in die Hände gefallen waren, ihren Herren wieder zuliefen, und vor den Consuln aussagten, Hannibals ganzes Heer stehe auf jener Seite der nächsten Berge 571 im Hinterhalte. Daß sie so zur rechten Stunde eintrafen, dies setzte die Befehle der Consuln wieder in Kraft, da die nach Gunst haschende Sucht des Einen gleich anfangs bei den Soldaten durch seine strafbare Nachsicht das Band der Ehrfurcht für ihn gelöset hatte. 43. Als Hannibal sah, daß sich die Römer zwar vorschnell genug in Angriff gesetzt hatten, aber nicht auf Gerathewohl zum Ziele der Entscheidung fortschritten, so ging er, da seine List ohne Erfolg entdeckt war, in sein Lager zurück. Mehrere Tage hier zu bleiben, machte der Mangel an Getreide unmöglich, und nicht bloß bei den Soldaten, die aus einem Zusammenflusse aller Völker gemischt waren, sondern selbst bei dem Feldherrn erneuerte sich mit Jedem Tage der Gedanke, sich ein andres Verhältniß zu geben. Denn da sie anfangs nur murrend, dann geradezu mit lauten Stimmen den schuldigen Sold forderten: zuerst über knappes Auskommen, zuletzt über Hungersnoth klagten; und es ruchtbar wurde, daß die Miethsoldaten und vorzüglich die aus Spanien zum Übergehen entschlossen wären: so soll Hannibal selbst zuweilen damit umgegangen sein, sich nach Gallien zu flüchten und mit Zurücklassung des sämtlichen Fußvolks sich mit dem berittenen Heere davonzumachen. Bei diesen Entwürfen und Gesinnungen in seinem Lager entschloß er sich, von hier in Apuliens wärmere und eben darum zur früheren Ernte sich eignende Gegenden aufzubrechen, zugleich auch, um seinen Wankelmüthigen, je weiter er sich vom Feinde zurückzöge, das Überlaufen desto mehr zu erschweren. Er zog in der Nacht ab, da er eben so mehrere Feuer anlegen und zum Scheine einige Zelte stehen ließ, damit sich die Römer, aus Furcht vor einer List, wie neulich, festhalten lassen sollten. Als aber eben der Lucaner, Statilius, der die ganze Gegend über das Lager hinaus und jenseit der Berge auskundschaftete, mit der Nachricht zurückkam, man habe den Zug der Feinde in der Ferne gesehen, so wurde nun über die Verfolgung des Feindes Kriegsrath gehalten. Da die Meinung beider Consuln eben so ausfiel, wie sie vorher immer gestimmet hatten, dem Varro aber beinahe Alle beipflichteten, dem Paullus niemand, den vorjährigen Consul Servilius ausgenommen, so brachen sie nach dem Beschlusse der meisten Stimmen, von der Übermacht des Verhängnisses gedrängt, nach Cannä auf, das sie durch jene Niederlage der Römer berühmt machen sollten. Nahe bei diesem Flecken hatte Hannibal sein Lager aufgeschlagen, mit dem Rücken gegen den Südostwind, der auf jenen vor Dürre brennenden Gefilden den Staub in Wolken fortführt. Dies war theils für das Lager an sich schon wohlthätig, theils mußte es vorzüglich dann von wichtigem Vortheile sein, wenn sich die Schlachtlinien stellten, insofern die Punier, abgewandt vom Winde, der ihnen nur in den Rücken blies, mit einem Feinde fechten konnten, der vom entgegenströmenden Staube geblendet ward. 44. Als die Consuln, die auf gehörig geprüften Wegen dem Hannibal folgten, nach Cannä kamen, wo sie den Feind vor sich sahen, so verschanzten sie sich fast in eben der Entfernung, wie bei Geronium, in zwei Lagern, auf welche sie die Truppen wieder eben so vertheilten. Zu dem Strome Aufidus, der in der Nähe beider Lager floß, kamen die Wasserholer, wie es sich für jeden nach seinem Standorte thun ließ, wiewohl nicht ohne Gefechte. Doch die Römer im kleineren Lager, welches jenseit des Aufidus stand, holten das Wasser mit weniger Störung, weil das jenseitige Ufer keinen feindlichen Posten hatte. Hannibal, der jetzt hoffen konnte, die Consuln würden ihm in diesen zu einem Gefechte mit der Reuterei geschaffenen Gegenden – und hierin bestand ja seine unüberwindliche Stärke – eine Schlacht bieten, stellte seine Linie auf und ließ den Feind durch die vorsprengenden Numider fordern. Sogleich gerieth das Römische Lager von neuem durch den Aufstand der Soldaten und durch die Zwietracht der Consuln in Bewegung; da Paullus dem Varro die Unbesonnenheit eines Sempronius und Flaminius, Varro hingegen das jedem feigen und unthätigen Feldherrn vorleuchtende Beispiel des Fabius hinwarf, und Götter und Menschen zu Zeugen rief, «daß er nicht Schuld 573 daran sei, wenn Italien zu Hannibals Eigenthume verjähre, daß ihn sein Amtsgenoß wie eingeschnürt festhalte; daß den erbitterten und kampfbegierigen Soldaten das Schwert und die Waffen genommen würden:» indeß jener betheuerte: «wenn die zu einer unberathenen und unvorsichtigen Schlacht hingeopferten und preisgegebenen Soldaten nicht glücklich sein sollten, so werde er der völlig Schuldlose, aber Theilnehmer jedes Erfolges sein: es stehe zu wünschen, daß die, die jetzt so fertig und keck mit der Zunge wären, in der Schlacht eben so kraftvolle Arme zeigten.» 45. Während die Zeit mehr unter Zänkereien als Beratschlagungen verging, schickte Hannibal aus seiner Linie, die er bis tief in den Tag aufgestellt erhalten hatte, als er sich jetzt mit den übrigen Truppen in das Lager zurückzog, die Numider über den Fluß, um die Wasserholer aus dem kleineren Römischen Lager anzugreifen. Als sie den ungeordneten Haufen schon bei ihrem ersten Auftritte auf das Ufer durch ihr Geschrei und Getümmel gescheucht hatten, so jagten sie auch auf den vor dem Walle aufgestellten Posten und beinahe an die Thore selbst. Von einem bloß lärmenden Hülfskohre sogar ein Römisches Lager bedroht zu sehen, dies fanden die Römer so empörend, daß sie sogleich über den Fluß gegangen und zur Schlacht aufgetreten sein würden, wenn nicht der einzige Umstand sie zurückgehalten hätte, daß heute die Reihe des Oberbefehls an Paullus war. Am folgenden Tage also steckte Varro, dem heute der Oberbefehl zukam, ohne bei seinem Mitconsul anzufragen, das Zeichen zur Schlacht aus, und führte die Truppen in Schlachtordnung über den Fluß: und Paullus folgte, weil er dem Unternehmen zwar seinen Beifall, nicht aber seine Unterstützung versagen durfte. Als sie über den Fluß gegangen waren, zogen sie auch die Truppen an sich, die sie im kleineren Lager gehabt hatten, und stellten ihre Linie so, daß sie auf dem rechten Flügel – dieser war näher am Flusse – der Römischen Reuterei ihren Platz gaben; dann ihrem Fußvolke: 574 den linken Flügel besetzte nach außen hin die Reuterei der Bundsgenossen, nach innen ihr Fußvolk, welches sich in der Mitte an das Römische Fußvolk schloß. Die Wurfschützen und die übrigen leichtbewaffneten Hülfstruppen machten das Vordertreffen aus. Die Consuln nahmen die Flügel, Terentius den linken, Ämilius den rechten. Dem Servilius Geminus gaben sie die Leitung der Schlacht in der Mitte. 46. Hannibal, der mit Tagesanbruche nach Voraufsendung der Balearen und übrigen Leichtbewaffneten über den Fluß ging, stellte seine Truppen nach eben der Ordnung in Linie, in der er sie herübergeführt hatte. Die Gallische und Spanische Reuterei neben dem Ufer auf den linken Flügel, der Römischen Reuterei gegenüber. Den rechten Flügel gab er der Numidischen Reuterei, nachdem er die Mitte so durch das Fußvolk gedeckt hatte, daß auf beiden Ecken Africaner standen, und zwischen diese die Gallier und Spanier in die Mitte gepflanzt waren. Die Africaner hätte man größtentheils für eine Römische Linie halten sollen; so waren sie gewaffnet, da ihnen zwar auch die Schlacht am Trebia, größtentheils aber die am Trasimenus diese Waffen gegeben hatte. Die Schilde der Gallier und Spanier waren ungefähr von gleicher Form; ihre Schwerter aber sich ungleich und unähnlich: das Gallische sehr lang und ohne Spitze; dieses – der Spanier ist gegen seinen Feind mehr auf Stich, als auf Hieb gewöhnt – leicht durch seine Kürze und mit einer Spitze. Auch gab wirklich dem übrigen Äußern dieser Völker Körpergröße sowohl, als Aufzug etwas Furchtbares. Die Gallier waren bis auf den Nabel nackend; die Spanier standen da in leinenen mit Purpur verbrämten Leibröcken, die vom reinsten Weiß glänzend waren. Die Zahl des gesammten Fußvolks, welches dasmal in Linie stand, betrug vierzigtausend; die Reuterei zehntausend. Anführer auf den Flügeln waren, auf dem linken Hasdrubal, auf dem rechten Maharbal: das Mitteltreffen führte Hannibal selbst mit seinem Bruder Mago. Die Sonne war beiden Theilen, entweder weil sie sich geflissentlich so stellten, 575 oder ohne Absicht so zu stehen kamen, zur Seite gleich vortheilhaft, da die Römer gegen Mittag, die Punier gegen Mitternacht standen. Der Wind – die Einwohner jener Gegend nennen ihn Vulturnus – der sich den Römern entgegen aufmachte, nahm ihnen durch den vielen Staub, den er ihnen ins Gesicht wälzte, die Aussicht, 47. Nach erhobenem Schlachtgeschreie brachen die Hülfsvölker hervor und das Gefecht begann zuerst unter den Leichtbewaffneten: dann ließ sich auch der linke Flügel der Gallischen und Spanischen Reuter mit dem rechten Römischen ein, aber gar nicht so, wie Reuterei zu fechten pflegt: denn sie mußten mit gegen einander gekehrten Vorderreihen zusammentreffen, weil sie in ihrer geraden gegenseitigen Richtung hier der Fluß, dort die Linie des Fußvolks beschränkte, ohne ihnen zu einem Seitenausfalle den mindesten Raum zu lassen. Als die Pferde standen und zuletzt im Gedränge sich festschoben, umfaßte ein Mann den andern und zog ihn vom Pferde. Schon hatte sich der Kampf großentheils in ein Gefecht zu Fuß verwandelt: doch focht man mehr mit Erbitterung, als Ausdauer und die geschlagenen Römischen Ritter nahmen die Flucht. Gegen das Ende des Kampfes zu Pferde begann auch die Schlacht der Fußvölker. Anfangs hielten die Gallier und Spanier, dem Feinde gleich an Stärke, wie an Muth, im Gliede Stand: aber endlich drangen die Römer nach langer und wiederholter Anstrengung in gerader Linie und dicht geschlossener Stellung hinein in den feindlichen Keil, welcher, zu dünn gestellt und eben darum ohne die gehörige Kraft, aus der übrigen Linie hervorragte. Dann setzten sie den weggedrängten und voll Bestürzung sich Zurückziehenden nach, und da sie in Einem Vorrücken durch den vor Schrecken eiligst zurückstürzenden Haufen mitten in die feindliche Schlachtordnung drangen, so kamen sie zuletzt ohne Widerstand an das Hintertreffen der Africaner, die rechts und links auf zurückgelehnten Flügeln standen, weil der Mittelpunkt der Linie, auf dem die Gallier und Spanier gestanden hatten, einen bedeutenden 576 Vorsprung gehabt hatte. Als dieser geschlagene Keil zuerst die Vorderreihe zur geraden Linie ausglich, dann durch das Nachdrängen der Römer in der Mitte einen Bogen gab, so hatten sich die Africaner schon zu beiden Seiten als die Ecken aufgestellt, überflügelten nun die Römer, die unvorsichtig in die Mitte hineinstürzten, und es währte nicht lange, so hatten sie durch Ausdehnung ihrer Flügel den Feind auch im Rücken eingeschlossen. Und nun traten die Römer, ohne vom ersten Gefechte Vortheil zu haben, indem sie die Gallier und Spanier fahren lassen mußten, auf welche sie schon von hinten eingehauen hatten, auch gegen die Africaner in den Kampf, der nicht allein deswegen ungleich war, weil sie als Eingeschlossene gegen ihre Umgebung, sondern auch als Ermüdete mit frischen und kraftvollen Truppen zu fechten hatten. 48. Auch auf ihrem linken Flügel, wo die Reuterei der Bundsgenossen gegen die Numider stand, waren die Römer schon zum Treffen gekommen, das anfangs einen zögernden Gang nahm und mit einer Punischen List begann. An fünfhundert Numider, die außer ihren gewöhnlichen Schutz- und Angriffswaffen, unter den Panzern Dolche versteckt hielten, sprangen, als sie unter dem Scheine von Überläufern, die Schilde auf den Rücken haltend, von ihrer Linie herübergesprengt kamen, plötzlich von den Pferden, und da sie Schild und Wurfspieß den Feinden zu Füßen warfen, ließ man sie ins Glied und führte sie zu den Letzten, mit dem Befehle, im Rücken des Heeres zu bleiben. Und bis auf allen Punkten die Schlacht allgemein wurde, standen sie ruhig da. Als aber das Gefecht aller Herzen und Augen beschäftigte, da fielen sie, indem sie sich der Schilde bemächtigten, die allenthalben zwischen den Haufen der Erschlagenen auf dem Boden lagen, die Linie der Römer von hinten an, und bewirkten dadurch, daß sie ihnen durch die Rücken stachen oder die Kniekehlen abhieben, ein gewaltiges Gemetzel und eine noch weit größere Bestürzung und Unordnung. 577 Da auf einigen Quum alibi terror ac fuga, alibi – – Hasdrubal, qui ea parte].– Das erste alibi geht auf die beiden Römischen Flügel. Auf dem linken, dessen Livius zuletzt erwähnt hatte, war pavor ac tumultus (terror) durch die zum Scheine übergegangenen 500 Numider entstanden. Auf dem rechten war fuga; nach Cap. 47. pulsique Romani equites terga vertunt. Das zweite alibi geht auf das von den Puniern eingeschlossene Haupttreffern der Römer. Was Livius an unsrer Stelle malam spem nennt, nannte er Cap. 47. pugnam iniquam, quod inclusi adversus circumfusos, fessi cum recentibus pugnabant. Allein der Nachsatz: Hasdrubal, qui ea parte etc. wird von allen Editoren für eine verwahrlosete, aufgegebene Stelle erklärt, der man, bis ihr bessere Handschriften helfen, nur durch Vermuthungen Hülfe leisten kann. Gronov und Crevier geben aus Polybius die Hauptumstände an, die uns in Stand setzen müssen, hier zu urtheilen. Hasdrubal nämlich, der auf dem linken Punischen Flügel die Gallische und Spanische Reuterei commandirte, rieb den vom Consul Paullus befehligten rechten Flügel der Römer, auf dem ihre Ritter standen, so völlig auf, daß nur sehr Wenige entkamen. Dann geht er zum rechten Punischen Flügel hinüber, wo nach Livius Maharbal (nach Polybius Hanno) die Numider commandirte, bringt durch seine Ankunft die Römische Bundesreuterei ihres linken Flügels zum Weichen, und schickt ihnen die Numider nach. Nun hat er selbst Zeit, mit seiner Gallischen und Spanischen Reuterei den Africanern im Punischen Mitteltreffen zu Hülfe zu kommen. Er vertheilt hier seine Reuterei allenthalben, und nun werden die schon vorher eingeschlossenen, jetzt noch auf mehreren Punkten von Reuterei angefallenen Römer völlig niedergehauen. Widersprach nun Livius in unserer Stelle nur dem Polybius , so könnte man das als zwei verschiedene Aussagen zweier Erzähler ansehen, ohne den Einen nach dem Andern modeln zu wollen. Allein so wie die Stelle durch Schuld der Abschreiber vor uns liegt, widerspricht Livius mehrmals sich selbst auf die gröbste Art, wie schon Gronov u. Crevier zeigen. 1) Hasdrubal, qui ea parte praeerat, subductos ex media acie cet. Hasdrubal hatte ja, nach Liv. selbst, nicht mediam aciem, sondern den linken Flügel; folglich kann es nicht von ihm heißen: qui ea parte praeerat, subductos ex media acie cet. Wenn Gronov lesen will: qua parte (st. qui ea parte) praeerat, subductos ex media acie, so hebt dies den Widerspruch nicht im mindesten. Wozu also diese Änderung? 2) Wie kann Hasdrubal, gesetzt er hätte die mediam aciem befehligt, hier die Numider wegziehen, wo sie, nach Liv. selbst, nicht standen? Sie standen ja unter Maharbal, auf dem rechten Punischen Flügel. Darum will Gronov die Worte subductos ex media acie ganz wegstreichen; Perizonius wenigstens das Wort media. 3) Wozu soll Hasdrubal das Gallische und Spanische Fußvolk (pedites) sich an die Africaner im Mitteltreffen anschließen lassen? Mit diesen stand es ja schon anfangs, nach Livius selbst, als Cuneus, dann als gerade Linie, in Verbindung, und zuletzt als eine von den Römern ins Hintertreffen zurückgedrängte Fronte, von der die Africaner die beiden einschließenden Seiten ausmachten. Dieser letzte Widerspruch ist nach Gronov und Crevier am leichtesten gehoben. Sie lesen statt Gallos Hispanosque pedites geradezu: G. H.  equites, und Drakenborch nennt diese Verwechselung errorem librariis consuetum, die z. B. Buch 37. Cap. 40. in Einem Cap. mehrmals gefunden wird. Vielleicht hieß dieser §. im Livius ungefähr so: Quum alibi terror ac fuga, alibi pertinax in mala iam spe praelium esset ; Hasdrubal, qui ea parte, qua vicerat, relicta, in dextrum cornu transierat, quum eius adventu superior etiam factus esset Maharbal, qui ea parte praeerat, subductos ex impedita acie Numidas, quia segnis eorum cum adversis pugna erat, ad persequendos passim fugientes mittit: Hispanos et Gallos equites iam Afris prope fessis, caede magis quam pugna, adiungit. Durch die Ähnlichkeit der Stellen: esset; Hasdrubal qui ea parte und esset Maharbal, qui ea parte fiel die dazwischen liegende Zeile, die den Aufschluß und Zusammenhang des Ganzen geben muß, aus. Aus i pedta konnte, wenn der Fuß des p erloschen war, statt inpedita leicht media gelesen werden. Und daß pedites in equites verwandelt werden muß, lehrt die Sache selbst, wenn auch diese Verwechselung nicht so häufig wäre, als ich aus Drakenb. oben gezeigt habe. Um den Autor nicht mit sich selbst in mehrern Widersprüchen auftreten zu lassen, übersetze ich nach meiner Interpolation, die ich aber durch Cursiv auszeichne. Für die Richtigkeit der Sachen steht, wie schon gesagt, Polybius ein. Punkten der Schlacht Schrecken und Flucht herrschte, auf einem andern der Kampf unter 578 schlechten Aussichten hartnäckig anhielt, schickte Hasdrubal, der von jenem Flügel, auf welchem er gesiegt hatte, zum rechten hinübergezogen war, sobald Maharbal, welcher hier den Oberbefehl hatte, durch seine Ankunft das Übergewicht erhielt, die Numider, die er aus ihrer beschränkten Linie wegzog, weil sie, bei ihrer Art zu fechten, auf einen gegenüber aufgepflanzten Feind zu unwirksam waren, nach allen Gegenden zur Verfolgung der Fliehenden ab, und ließ seine Spanische und Gallische Reuterei sich an die Africaner anschließen, die fast mehr vom Niederhauen, als vom Fechten ermüdet waren. 49. Auf der andern Seite der Schlacht Parte altera pugnae Paullus – occurrit – Hannibali]. – Livius widerspricht sich hier nicht, wenn er den Consul, den er uns im Anfange der Schlacht auf dem rechten Flügel der Römer zeigte, jetzt im Mitteltreffen gegen Hannibal auftreten läßt. Polybius sagt ausdrücklich, Paullus habe, obgleich sein Flügel niedergehauen wurde, sich gerettet (wir wissen aus Livius: durch seine Verwundung gleich im Anfange der Schlacht), und da er gesehen, daß die Entscheidung der Schlacht bloß noch vom Widerstande der Legionsoldaten (zu Fuß) abhänge, habe er auch noch zuletzt seine Pflicht thun wollen, sei zum Mitteltreffen hingeritten, habe noch mit eigner Hand Feinde erlegt u. s. w. Hatte Livius, wie ich am Schlusse des vorigen Cap. angenommen habe, zuletzt von den Numidern des rechten Punischen Flügels geredet, so ist die Stelle, die Paullus an der Seite seines niedergehauenen rechten Flügels im Mitteltreffen einnahm, sehr richtig pars altera pugnae, nämlich die linke Seite des Punischen Hauptkohrs, in welchem Hannibal sich befand, wo es im Anfange der Schlacht seinen linken Flügel zur Seite gehabt hatte. trat Paullus, wiewohl er gleich im Anfange des Gefechts durch einen Schleuderwurf schwer verwundet war, dennoch mehrmals in dicht geschlossener Schar dem Hannibal entgegen, und stellte das Treffen auf mehreren Punkten wieder her, da ihn Römische Ritter deckten, die aber zuletzt ihre Pferde 579 abgaben, weil der Consul zu ohnmächtig wurde, sein Pferd zu lenken. Da soll Hannibal dem, der ihm meldete, der Consul habe die Ritter absitzen lassen, gesagt haben: «Noch besser Quam mallem cet.]. – In Hannibals Ironie liegt ein zwiefacher Sinn: 1)  Jenes Mittel wird ihm doch nichts helfen; 2) durch dieses ersparte er uns noch die Mühe des Niederhauens. Nach Plutarch sagt er gerade das Gegentheil: Hoc mallem, quam si vinctos mihi traderet. Dem feinen Hannibal, so wie er sich nachher in Carthago gegen den Scipio und Antiochus zeigt, scheint mir, was ihn Livius sagen läßt, angemessener. , wenn er sie mir gebunden lieferte!» Das Gefecht dieser Ritter zu Fuß war so, wie wenn dem Feinde der Sieg schon gewiß ist; da die Besiegten lieber auf der Stelle sterben, als fliehen wollten, die Sieger hingegen, auf die Verzögerer ihres Sieges ergrimmt, niederhieben, was sie nicht zurücktreiben konnten. Doch brachten sie die noch übrigen Wenigen, die von Anstrengung und Wunden erschöpft waren, zum Weichen. Nun zerstreuten sich Alle, und wem es möglich war, der suchte wieder an sein Pferd zu kommen, um zu entfliehen. Cneus Lentulus, ein Oberster, sah im Vorbeireiten den Consul mit Blut bedeckt auf einem Steine sitzen, und sprach: « Lucius Ämilius, du, dessen sich die Götter als des einzigen am Unglücke des heutigen Tages Unschuldigen erbarmen müssen, besteig, da auch du dum et tibi]. – Wenn ich dies et tibi recht verstehe, so verräth es bei aller Kürze den Sinn des muthvollen Patrioten, der selbst nach einer Niederlage bei Cannä den Stat noch nicht verloren giebt. Es läge dann hierin der Gedanke: Cape equum, dum tibi quoque, non rei publicae solum, aliquid virium superest. Um so viel passender ist des Consuls Antwort: Macte virtute . noch nicht ganz der Kraftlose bist, mein Pferd; ich kann dich mit mir nehmen und schützen. Gieb dieser Schlacht nicht durch den Tod eines Consuls ein schwarzes Abzeichen. Auch ohne dies haben wir der Thränen und der Trauer genug!» Der Consul antwortete: «Bleib dieser edlen Gesinnung treu, Cneus Cornelius! laß aber die kurze Zeit, in der du noch den Händen der Feinde entkommen kannst, nicht unter vergeblichem Bedauren verstreichen. Auf! melde den Vätern insgesamt, sie möchten die Römische Hauptstadt verwahren, und noch, ehe der siegende Feind 580 ankommt, durch Truppen sichern; und dem Quintus Fabius insbesondre: Lucius Ämilius sei seinen Lehren im Leben treu gewesen und selbst noch im Tode treu. Mich laß hier unter meinen hingestreckten Kriegern den Athem aushauchen, damit ich nicht nöthig habe, entweder auch nach meinem zweiten Consulate als Beklagter dazustehen, oder gegen meinen Mitconsul als Kläger aufzutreten, um durch die Anklage eines Andern meine eigne Unschuld zu retten.» Sie hatten eben ausgeredet, da stürzten, zuerst ein Haufe fliehender Römer, dann die Feinde heran, die den Consul, ohne zu wissen, wen, unter Pfeilen begruben. Mit dem Lentulus flog sein Pferd mitten durch das Getümmel. Und nun wurde die Flucht allgemein. Siebentausend erreichten das kleine Lager, zehntausend das große, fast zweitausend den Flecken Cannä selbst; die aber sogleich von Carthalo und seiner Reuterei, weil keine Werke den Flecken schützten, umzingelt wurden. Der andre Consul, der sich durch Zufall, oder absichtlich, keinem Zuge der Fliehenden anschloß, erreichte mit etwa siebzig Rittern Venusia. Vom Fußvolke sollen Quadraginta millia pedi tum .] – In der Summe des gefallenen Fußvolks folge ich mit Crevier und Drakenborch der Lesart der besten, der Puteanischen Handschrift: XXXXV.D. pedi tes, für welche auch der Florentinische Codex, und die Excerpta Pithöi, diese durch XXXV pedi tes , jener durch XLV pedi tes zu stimmen scheinen, so daß, weil sie pedi tes, nicht pedi tum lesen, bei ihnen das D dagestanden haben muß, und nur wegen des folgenden P wegfiel. Vergl. Cap. 54 am Anfange. – Bei dem Verluste der Reuterei folge ich der von Drakenb. angegebenen Lesart des Eutropius, der in seinem Livius nicht duo, sondern tria millia fand. Die Sache selbst spricht hier, wenn auch die Buchstabenkritik schweigt. Der rechte Römische Flügel war von Hasdrubal am Flusse (denn seine Leute gaben keinen Pardon; Polyb. II. 115.) fast ganz vernichtet. Der kleine Rest, der sich mit Consul Paullus an das Mitteltreffen schloß, wurde hier wieder umzingelt und bis auf Wenige niedergehauen. Vom andern Flügel hieben die Numider die Meisten nieder (Polyb. II. 116.); und eben dieser Polybius sagt uns II. 117, daß sich von 6000 Rittern nur 70 mit Varro nach Venusia (so sagt auch Livius) und 300 in andre Städte retteten. Ist es nun glaublich, daß von 6000 (nach Polybius Angabe) oder nach Andern von 9000 nur 2700 gefallen sein sollten? Hierzu kommt, daß Livius selbst an drei Stellen ( Buch XXII. Cap. 59. u. C. 60. und XXV, 6. ) die Gebliebenen theils auf 50,000, theils über 50,000 angiebt. Dieser Summe kommt man dann am nächsten, wenn man zu den 45,500 Mann Fußvolk 3700 Reuter rechnet, also 49,200 herausbringt. fünfundvierzig tausend fünfhundert, von der Reuterei 581 dreitausend siebenhundert gefallen sein, und zwar von Bürgern und Bundesgenossen beinahe gleichviel; hierunter auch beide Quästorn der Consuln, Lucius Atilius und Lucius Furius Bibaculus; einundzwanzig Obersten; einige, die schon Consuln, Prätoren oder Ädilen gewesen waren; unter diesen Cneus Servilius Geminus und Marcus Minucius, der im vorigen Jahre Magister Equitum und einige Jahre früher Consul gewesen war; ferner achtzig Senatoren, oder die doch solche Ämter bekleidet hatten, aus denen sie in den Senat genommen werden mußten, allein zum freiwilligen Dienste unter die Legionen gegangen waren. Gefangen genommen waren im Treffen selbst dreitausend Mann zu Fuß und dreihundert zu Pferde. 50. Dies ist die Schlacht bei Cannä, mit der Niederlage an der Allia von gleichem Rufe; übrigens so wie in ihren Folgen, weil der Feind säumte, leichter, so durch das Gemetzel im Heere schwerer und scheußlicher. Denn eben dadurch, daß die Flucht an der Allia die Stadt preisgab, rettete sie das Heer: bei Cannä aber hatte der fliehende Consul kaum siebzig Mann zum Gefolge, der andre im Tode das ganze Heer. Da in beiden Lagern die halbbewaffnete Menge ohne Anführer war, so ließen die im größern Lager jenen hinübersagen: «Während in der Nacht die vom Treffen und dann von den Mahlen der Freude ermüdeten Feinde der Schlaf feßle, möchten sie zu ihnen herüberkommen: sie wollten dann in Einem Zuge nach Canusium abgehen.» Diesen Vorschlag verwarfen einige ganz. «Denn warum kämen jene, welche sie hinüberrufen ließen, nicht selbst, da sie doch eben so gut zu ihnen stoßen könnten? weil freilich Alles in der Mitte von Feinden besetzt sei, und sie lieber das Leben Anderer, als ihr eignes, einer so großen Gefahr aussetzen wollten.» Andern misfiel der Vorschlag nicht so sehr, als es ihnen an Muth fehlte. Da sprach Publius Sempronius Tuditanus , ein Oberster: «So wolltet ihr euch lieber gefangen nehmen lassen? von dem geldgierigsten, grausamsten Feinde? den Preis eurer Köpfe bestimmen lassen? euch euren Werth mit 582 den Worten abfragen lassen: Bist du Römischer Bürger, oder Latinischer Bundsgenoß? – damit aus deiner Schmach, aus deinem Jammer Andern Ehre erwachse? Jeder ruft Nein! wenn ihr anders als Mitbürger einem Consul Lucius Ämilius angehört, der für seine Person lieber mit Ehren sterben, als mit Schande leben wollte; und so vielen Tapferen, die in Haufen um ihn herliegen. Nein, ehe uns der Tag übereilt, und größere Scharen von Feinden den Weg sperren, wollen wir durch diese Elenden, die ohne Ordnung, ohne Gliederschluß vor den Ausgängen herumtoben, hinausbrechen. Schwert und Muth bahnen den Weg durch einen noch so dichten Feind. Und vollends im Keile werden wir durch diese verstreute und aufgelösete Schar hindurchgehen, als stände uns kein Mensch im Wege. So folge mir denn, wer sich selbst und den Stat gerettet wissen will!» Mit diesen Worten zog er sein Schwert, schritt in geschlossenem Keile mitten durch die Feinde fort, und da die Numider von der rechten Seite her, wo sie ungedeckt waren, auf sie schossen, so nahmen sie ihre Schilde auf den rechten Arm herüber, drangen an sechshundert stark in das große Lager durch, und von hier, wo sich ein beträchtlicher zweiter Zug ihnen anschloß, glücklich nach Canusium. So ging es bei den Überwundenen zu, mehr in einer Aufwallung von Muth, wie sie Jedem seine eigne Sinnesart oder das Schicksal eingab, als nach einem Kriegsrathe, oder auf Befehl eines Oberen. 51. Bei dem Sieger Hannibal hingegen, den ein Gedränge von Glückwünschenden umringte und ihn aufforderte, nach Beendigung eines so wichtigen Krieges für diesen Tag, so viel davon noch übrig sei, und die folgende Nacht sich selbst zur Ruhe berechtigt zu halten, und sie seinem ermüdeten Heere zu gönnen, sprach Maharbal, der Anführer der Reuterei, der durchaus von keinem Aufschube wissen wollte: «Ei nein! um zu erfahren, was durch diese Schlacht gewonnen sei, mußt du in fünf Tagen als Sieger auf dem Capitole speisen. Komm mir nach: ich will mit der Reuterei vorausgehen, um sie 583 früher erfahren zu lassen, daß du gekommen seist, als daß du kommen werdest .» Dem Hannibal schien diese Unternehmung das Glück zu übertreiben, und zu groß, um sich sogleich darein finden zu können. Er sagte also: «Er lobe Maharbals guten Willen; allein den Vorschlag zu prüfen habe man Zeit nöthig.» Da sprach Maharbal: «Nun ja; die Götter gaben nicht Einem Alles. Siegen, Hannibal, hast du gelernt; nicht aber, den Sieg zu nutzen.» Man glaubt ziemlich allgemein, Rom und seine Oberherrschaft haben dem Aufschube dieses Tages ihre Rettung zu verdanken. Mit Anbruch des folgenden Tages waren sie darüber aus, ihren Raub zu sammeln und das selbst ihnen als Feinden gräßliche Gemetzel in Augenschein zu nehmen. Da lagen so viele Tausende von Römern, Fußvolk und Reuter, unter einander, wie Zufall, Kampf oder Flucht sie neben einander gebettet hatte. Einige, von ihren durch die Morgenluft gekälteten Wunden ermuntert, richteten sich kaum in ihrem Blute mitten aus dem Gemetzel auf, so wurden sie vom Feinde niedergemacht. Andre sah man, weil sie mit abgehauenen Schenkeln und Kniekehlen noch lebend dalagen, den Nacken und den Hals entblößen und den Feind auffordern, ihnen auch das übrige Blut abzuzapfen. Einige fand man mit den Köpfen unter aufgescharrter Erde stecken, so daß es augenscheinlich war, sie mußten sich diese Löcher selbst gemacht, und dadurch, daß sie sich den Mund mit der aufgeworfenen Erde verschütteten, sich selbst erstickt haben. Besonders zog Aller Augen ein Numider auf sich, der mit zerfleischter Nase und Ohren noch lebend einem auf ihm liegenden todten Römer untergebreitet lag, so daß bei diesem, weil ihm die Hände den Dienst, eine Waffe zu halten, versagten, der Grimm in Wuth übergegangen war, und er den Geist aufgab, während er seinen Feind mit den Zähnen zerfleischte, 52. Nachdem sie bis tief in den Tag die Beute eingesammelt hatten, führte sie Hannibal zum Angriffe auf das kleinere Lager; und sein erstes Geschäft war, die 584 Römer durch einen vorgezogenen Graben vom Flusse abzuschneiden. Da sie aber sämtlich unter Beschwerden, Wachen und Wunden erlagen, so erfolgte die Übergabe früher, als er selbst gehofft hatte. Nach eingegangenem Vertrage, daß für die Römischen Gefangenen auf den Kopf Ungefähr 60 Thaler, dann 40 und 20 Thlr. dreihundert, für Bundesgenossen zweihundert, für Sklaven einhundert Silberdenare gezahlt und sie nach Entrichtung dieses Lösegeldes, jeder mit Einem Kleidungsstücke, entlassen werden sollten, nahmen sie den Feind in das Lager auf, und wurden alle, Römer und Bundsgenossen von einander getrennt, in Verwahrung gegeben. Da unterdeß, daß man hier so die Zeit hinbrachte, aus dem größeren Lager von denen, welche noch Kräfte oder Muth genug hatten, an viertausend zu Fuß und zweihundert zu Pferde, sich theils in geschlossenem Zuge, theils einzeln durch die Dörfer – welches eben so sicher war – nach Canusium geflüchtet hatten; wurde das Lager selbst von den Verwundeten und Muthlosen, unter eben den Bedingungen, wie jenes, dem Feinde übergeben. Er machte große Beute: und außer den Pferden und Menschen und was sich etwa an Silber fand – dies bestand meistens in Putzschilden der Pferde; denn zum Tafelgeräthe verarbeitetes Silber hatte man damals nur sehr wenig, vollends im Felde – wurde alle übrige Beute zum Plündern preisgegeben. Darauf ließ Hannibal die Leichen der Seinigen zusammentragen, um sie zu begraben. Es sollen an achttausend der besten Truppen gewesen sein. Nach einigen Schriftstellern soll man auch den Römischen Consul aufgesucht und begraben haben. Die nach Canusium Geflüchteten unterstützte eine Apulierinn, Namens Busa, eine vornehme und reiche Frau, da sie von den Canusiern bloß in die Stadt und in die Häuser aufgenommen waren, mit Getreide, Kleidung, sogar mit Geldhülfen; für welche Mildthätigkeit ihr nachmals der Senat am Ende des Krieges Ehre widerfahren ließ. 53. Ob hier nun gleich vier Kriegsobersten waren, 585 Fabius Maximus von der ersten Legion, der Sohn des vorjährigen Dictators; von der zweiten Legion Lucius Publicius Bibulus und Publius Cornelius Scipio, und von der dritten Legion Appius Claudius Pulcher, der neulich Ädil gewesen war; so wurde doch der Oberbefehl einstimmig dem Publius Scipio, so jung er noch war, und dem Appius Claudius übertragen. Als diese in einem kleinen Zirkel über die Lage der Dinge zu Rathe gingen, so eröffnete ihnen Publius Furius Philus, der Sohn eines gewesenen Consuls: «Es sei umsonst, daß sie sich an eine gescheiterte Hoffnung hielten: es sei mit dem State vorbei und alle Rettung aufgegeben. Einige junge Adliche, deren Haupt Lucius Cäcilius Metellus sei, sähen sich schon nach dem Meere und nach Schiffen um, um mit Hinterlassung Italiens zu irgend einem Könige überzugehen.» Da bei diesem Schlage, der sie, außer seiner Härte, noch als Zugabe zu so vielen Niederlagen traf, Alle vor Staunen und Entsetzen in Erstarrung dasaßen, und der ganze Zirkel dafür stimmte, deshalb einen Kriegsrath zu berufen, so behauptete der junge Scipio, vom Schicksale zum Sieger dieses Krieges bestimmt, so etwas eigne sich nicht für einen Kriegsrath. «Bei einem Übel von dieser Größe,» sagte er, «müsse man wagen und handeln, nicht Rath halten. Wer den Stat gerettet wissen wolle, möge sogleich bewaffnet mit ihm gehen. Nirgendwo stehe das feindliche Lager in eigentlicherem Sinne, als da, wo man dergleichen Gedanken hege.» Begleitet von Wenigen ging er geradezu in Metells Quartier, und da er hier die jungen Männer, die ihnen angegeben waren, versammelt fand, rief er, indem er den Rathschlagenden mit dem gezückten Schwerte über den Köpfen stand: «Ich schwöre, so wie ich es ehrlich meine, so wahr, als ich den Stat des Römischen Volkes nicht verlassen, noch zugeben will, daß ihn ein andrer geborner Römer verlasse. Breche ich diesen Eid wissentlich, dann möge der allmächtige Jupiter mich, mein Haus, meine Verwandten und Alles, was mir zugehört, mit dem schmählichsten Tode belegen! Ich verlange, Lucius Cäcilius, daß du diese Worte 586 nachschwörst, und so auch ihr Übrigen, die ihr hier seid. Wer nicht schwört, soll wissen, daß dies Schwert auf ihn gezogen sei.» Voll nicht geringeres Schreckens, als wenn sie den Sieger Hannibal vor sich gesehen hätten, schwuren sie Alle, und gaben sich selbst dem Scipio in Gewahrsam. 54. Während dieser Auftritte zu Canusium kamen zu Venusia bei dem Consul an Ad quatuor millia]. – Ich lese mit der besten Handschrift, der Puteanischen, ad quatuor millia et quingenti, pedi tes equi tes que. Denn sie hat millia et D. pedites equitesque. Nächst ihr die beste, die Florentinische, hat mit mehreren andern nur das D wegen des folgenden P ausgelassen (man sehe oben Cap. 49. ), und lieset millia et pedi tes cet. Fast alle Handschriften bestätigen durch die Lesart pedi tes equi tes que, daß bei ihnen die Worte et D weggefallen sein müssen. viertausend fünfhundert Mann, Fußvolk und Reuterei, die sich auf der Flucht über das Land zerstreuet hatten, wieder an. Die Venusiner, welche sie sämtlich zur guten Aufnahme und Pflege unter ihre Familien vertheilten, gaben jedem Reuter ein Ober- und Unterkleid und fünfundzwanzig Silberdenare Dem Ritter etwa 5 Thaler, dem Fußgänger 2. , dem Fußgänger zehn, auch denen Waffen, die keine hatten; benahmen sich in allen Stücken, als Volk und als Einzelne, sehr gastfreundschaftlich, und beeiferten sich, den Stat von Venusia nicht von Einer Canusinerinn in Liebesdiensten übertreffen zu lassen. Allein für die Busa wurde die Last der Menge wegen so viel drückender; und es waren dort ihrer schon an zehntausend. Darum ließen auch Appius und Scipio, sobald sie hörten, daß sich der Eine Consul gerettet habe, diesem anzeigen, wie viele Truppen zu Fuß und zu Pferde sie bei sich hätten; und zugleich bei ihm anfragen, ob sie ihm dies Heer nach Venusia zuführen, oder es zu Canusium behüten sollten. Varro aber führte seine Truppen selbst nach Canusium hinüber. Und schon hatten sie doch den Schein eines consularischen Heeres wieder, und konnten sich vielleicht in einer Festung, wenn auch nicht im freien Felde, halten. Allein in Rom hatte man auch nicht einmal vom Dasein dieser Reste von Bürgern und Bundsgenossen gehört, 587 sondern daß beide Consuln mit beiden Heeren niedergehauen und alle Truppen völlig vernichtet wären. Nie herrschte in Roms Mauern, ohne Angriff auf die Stadt selbst, ein solcher Schrecken, eine solche Verwirrung. Also will ich lieber der zu schweren Aufgabe erliegen, und mich nicht an Schilderungen wagen, die bei der ausführlichsten Darstellung dennoch hinter der Wahrheit zurückbleiben würden. Da man schon im vorigen Jahre einen Consul und ein Heer eingebüßt hatte, so wurde jetzt nicht nach dem alten Schlage ein neuer, sondern vervielfachtes Unglück gemeldet, der Verlust zweier Consuln, zweier consularischen Heere; für Rom gebe es kein Lager, keinen Feldherrn, noch Soldaten mehr; Apulien, Samnium, und schon fast ganz Italien sei in Hannibals Händen. Jeder andre Stat würde gewiß von einem so großen Übergewichte des Unglücks erdrückt sein. Wollte man hiermit das Unglück der Carthager in dem Seetreffen bei den Ägatischen Inseln vergleichen, wodurch sie kleinmüthig gemacht Sicilien und Sardinien abtraten, und hinterher sich zoll- und steuerpflichtig machen ließen? oder die unglückliche Schlacht in Africa, welcher gerade dieser Hannibal selbst in der Folge erlag? Sie können in keinem Stücke mit diesem verglichen werden, außer darin, daß man sich dabei so viel kleinmüthiger benahm. 55. Die Prätoren Publius Furius Philus und Manius Pomponius beriefen den Senat in das Hostilische Rathhaus, um auf die Sicherstellung der Stadt anzutragen. Denn sie zweifelten nicht daran, daß der Feind, da die Heere vertilgt wären, zum Angriffe auf Rom, der einzigen noch übrigen Kriegesthat, heranrücken werde. Da aber bei diesen Übeln, die sich, so groß sie waren, doch nicht bestimmen ließen, keiner einen ordentlichen Rath ertheilen konnte, das Geschrei jammernder Weiber sie umtönte, und, so lange noch nichts bekannt gemacht war, die Wehklage über Lebende und Todte ohne Unterschied fast in allen Häusern erhoben wurde; so gab Quintus Fabius Maximus den Rath: «Man solle auf der Appischen und Latinischen Heerstraße leichte Reuterei ausschicken, die 588 nach geschehener Erkundigung bei den ihnen Begegnenden – denn die Flucht würde doch wohl Einige hier- und dorthin versprengt haben – Nachricht zurückbrächten, wie es um die Consuln und um die Heere stehe; und sollten die unsterblichen Götter aus Erbarmung gegen den Stat, dem Römischen Volke ein Überbleibsel gelassen haben Fecerint: ubi]. – Drakenborch und mit ihm die späteren Herausgeber trennen diese Worte durch ein Kolon. Dann geben die Worte et si quid dii immortales etc. ein Ob . Mir scheint Creviers Interpunction, der ich gefolgt bin, ungezwungener. Er hat hinter fecerint nur ein Komma: dadurch wird si zum Wenn . , wo diese Truppen ständen; wohin sich Hannibal nach der Schlacht gewandt habe, welche Anstalten er treffe, was er jetzt thue, und thun werde. Alles dies müsse man durch tüchtige junge Männer auszuforschen und zu erfahren suchen. Hingegen müsse man es den Vätern selbst, weil der Obrigkeiten zu wenig wären, zum Geschäfte machen, daß sie dem Aufruhre und der Verwirrung in der Stadt ein Ende machten, die Frauen von den Straßen wegwiesen und jede zwängen sich innerhalb ihrer Thür zu halten; daß sie den Wehklagen der Familien Schranken setzten; Stille in der Stadt bewirkten; Sorge dafür trügen, daß die Boten mit jeder Nachricht zu den Prätoren geführt würden; Jeden den Aussager seines Schicksals zu Hause erwarten ließen: ferner, daß sie Wachen an die Thore stellten, um zu verhindern, daß irgend jemand die Stadt verlasse, und daß sie die Leute nur von der Erhaltung der Stadt und ihrer Mauern die eigne Rettung hoffen hießen. Wann sich der Aufruhr gelegt habe, dann erst sei es Zeit, die Väter wieder zu Rathhause zu rufen und über die Sicherstellung der Stadt sich zu berathschlagen.» 56. Nachdem sie Alle beistimmig zum Fabius hinübergetreten waren, und, sobald durch die Obrigkeiten der Schwarm vom Markte weggeschafft war, die Väter sich nach mehreren Gegenden zur Stillung des Aufruhrs vertheilt hatten; da endlich lief ein Brief vom Consul Terentius mit der Anzeige ein: «Der Consul Lucius Ämilius 589 und das Heer sei niedergehauen; Er stehe zu Canusium und sammle die Überbleibsel einer so großen Niederlage wie aus dem Schiffbruche. Sie machten beinahe fünfzehntausend Ad decem millia]. – Zahlen! also auch Misgriffe der Abschreiber! Schon Gronov und Crevier wollten ad XIIII millia lesen, weil Livius, der 10,000 von der Busa zu Canusium Verpflegte, und 4,500 zum Varro nach Venusia Geflüchtete angegeben hatte, beide Summen nicht in 10,000 zusammenwerfen kann. Nehmen wir die in der Puteanischen Handschrift (m. s. Cap. 54. im Anfange) aufgeführte Summe, quatuor millia et D, als richtig an, so müssen hier ad quindecim millia angegeben werden; und da es leichter ist, daß ein Abschreiber hinter dem X das V wegfallen lässet, als ein IIII oder IV, so erwächst aus dieser Berichtigung wieder ein Grund für die Richtigkeit jener Lesart des Codex Puteanus, Cap. 54. Mann nicht zusammengehöriger und ungeordneter Truppen aus. Hannibal sitze bei Cannä, wo er, eben so wenig im Geiste eines Siegers, als nach Sitte eines großen Feldherrn, mit den Preisen seiner Gefangenen und der übrigen Beute hökere.» Nun wurde auch jeder Familie der Verlust der Ihrigen bekannt, und die ganze Stadt so überall mit Trauer erfüllt, daß das jährliche Opfer der Ceres unterbleiben mußte, weil keine Leidtragende es bringen darf, und in jener Unglückszeit keine Frau von Stande ohne Trauer war. Damit nun nicht aus gleicher Ursache auch andre dem State oder Einzelnen obliegende Gottesverehrungen versäumt würden, so wurde durch einen Senatsbefehl die Zeit der Trauer auf dreißig Tage beschränkt. Als nun nach gestilltem Aufruhre in der Stadt die Väter wieder zu Rathhause berufen waren, meldete noch ein andrer Brief, aus Sicilien vom Proprätor Titus Otacilius: « Hiero's Reich werde von einer Punischen Flotte verheeret. Als er diesem auf seine Bitte habe zu Hülfe ziehen wollen, sei ihm gemeldet, daß eine zweite Flotte bei den Ägatischen Inseln gerüstet und zum Angriffe bereit stehe, um sogleich, wenn die Punier merkten, daß er sich auf die Verteidigung der Syracusanischen Küste einlasse, Lilybäum und die übrige Römische Provinz zu überfallen. Wenn man also den verbündeten König und Sicilien schützen wolle, so sei eine Flotte nöthig.» 590 57. Als des Consuls und des Proprätors Briefe verlesen waren, beschlossen die Väter Propraetorisque lectis, censuerunt M. Claudium]. – Das Wort censuerunt hat Stroth aus einer Handschrift aufgenommen. Die beste, die Puteanische, lieset praetorisque Marcium Claudium, die andern praetoris quem Appium Claudium, oder praetorisque Appium Claudium. So viel sieht man, daß vor Claudium ein etwas längerer Name, als der bloße Vorname M. gestanden haben müsse, und das aus dem Cod. Put. angeführte Marcium läßt mich glauben, man müsse Marcellum Claudium lesen; so wie XXIII. 14, 10. Daß dieser damals Prätor war, wissen wir aus Cap. 35; und Livius sagt selbst nachher, der Consul sei befehligt, einem Prätor das Heer zu übergeben. Welchem? Hatte er an unserer Stelle gesagt: praetorem Marcellum Claudium, so war sein späteres praetori deutlich genug. Ich glaube also, da auch Gronov hier censuerunt praetorem M. Claudium lesen will, seine und Sigonius Vermuthung, censuerunt patres hier vereinigen und so lesen zu müssen: Literis consulis propraetorisque lectis, censuerunt patres, praetorem Marcellum Claudium, qui classi cet. Der Puteanischen Lesart, die von praetorisque gleich zu Marcium übergeht, sieht man es an, daß die Ähnlichkeit der Worte praetoris und praetorem Gelegenheit gab, die Worte lectis, censuerunt patres, praetorem zwischen praetoris und Marcellum (welches der Abschreiber falsch Marcium las) ausfallen zu lassen. , den Prätor Claudius Marcellus, der jetzt die bei Ostia stehende Flotte befehlige, nach Canusium zum Heere zu schicken, und dem Consul zu schreiben, wenn er dem Prätor das Heer übergeben hätte, möchte er, so weit es sich mit dem Besten des Stats vereinigen lasse, je eher je, lieber nach Rom kommen. Außer so großen Unglücksfällen wurden die Gemüther theils durch andre Schreckzeichen, theils auch durch dieses erschüttert, daß man in diesem Jahre zwei Vestalinnen, Opimia und Floronia, der Unzucht überführt, und die eine, wie gewöhnlich, vor dem Collinischen Thore unter der Erde hatte sterben lassen, die andre sich selbst den Tod angethan hatte. Lucius Cantilius, Schreiber eines Oberpriesters, die man jetzt die kleinen Oberpriester nennt, der mit der Floronia den verbotenen Umgang gehabt hatte, war vom Hohenpriester auf dem Versammlungsplatze so lange mit Ruthen gehauen, bis er unter den Schlägen den Geist aufgab. Da man nun auch diesen Frevel, wie sichs unter so vielen Unfällen erwarten ließ, für ein Unglückszeichen nahm, so bekamen die Zehnherren Befehl, die Bücher nachzuschlagen. Auch wurde 591 Quintus Fabius Pictor nach Delphi an das Orakel geschickt, um anzufragen, durch was für Gebete und Anrufungen man die Götter versöhnen könne, und auf was Art die so großen Unglücksfälle ein Ende gewinnen würden. Unterdeß brachte man, wie es die Bücher der Schicksale verlangten, mehrere außerordentliche Opfer, auch dieses, daß man einen Gallier und eine Gallierinn, einen Griechen und eine Griechinn, auf dem Rindermarkte lebendig in ein unter der Erde ummauertes Zimmer hinabließ, das schon Im Jahre Roms 526. (also vor 10 Jahren) unter den Consuln M. Valerius Messalla und L. Apustius Fullo hatte man eben so zwei Menschenpare lebendig eingemauert, um der von den Sibyllinischen Büchern gedroheten Besitznehmung des Römischen Bodens von Galliern und Griechen auf diese Art eine abwendende Erfüllung zu geben. ( Freinsheim und Crevier .) Die Vermuthung des Perizonius also, der aus der Lesart des Codex Puteanus: conseptum u iam ante lieber so lesen wollte: conseptum VII an. ante, d. i. conseptum septem annis ante, würde gar nicht gegen die Zeitrechnung streiten, wenn man annähme, daß jenes V aus einem halberloschenen X entstanden sei, und man so lesen müsse: conseptum, decem iam annis ante cet. Gerade so haben mehrere Msc. Cap. 60, 19. statt XL die Lesart VI. ehemals, ganz gegen den Geist Römischer Gottesverehrungen, Menschen als Opferthiere in Empfang genommen hatte. Als die Götter, wie man glaubte, gehörig versöhnt waren, schickte Marcus Claudius Marcellus von Ostia die für die Flotte geworbenen, unter ihm stehenden, tausend fünfhundert Mann, nach Rom, um hier als Besatzung zu dienen. Er selbst eilte, nachdem er die Legion der Flotte (sie war die dritte Ea legio tertia erat]. – Nach Cap. 53. focht die dritte Legion bei Cannä; denn der Kriegstribun App. Claudius, der nach Canusium geflüchtet war, gehörte zu dieser dritten Legion. Wie kann sie nun hier die Flottenlegion sein, die unter dem Prätor Marcellus bei Ostia steht? An beiden Stellen rügt Drakenb. diesen Verstoß. Wir wissen, daß damals 8 Legionen waren. Wie, wenn wir annähmen, daß in unserer Stelle, wo eine Handschrift trina lieset, dies TRINA aus dem unrichtig gelesenen VIIMA – oder in den andern Msc., welche alle tertia lesen, dies IIIa aus dem falsch gelegenen VIIa entstanden sei? Vielleicht läßt sich aber die Lesart tertia retten, wenn wir uns erinnern, daß Hannibal den Römern an Reuterei bei weiten überlegen war; daß also vielleicht die Römer die Reuterei der bei Ostia stehenden Legion, die eigentlich mit dem Marcellus ( Cap. 35. ) nach Sicilien bestimmt war, aber immer noch nicht abfuhr, weil gegen Hannibal ihre Reuterei unentbehrlich war, bei Cannä gebrauchten. So könnte Appius Claudius als Tribunus militum in der Reuterei bei Cannä gefochten und doch zugleich der bei Ostia stehenden Legion gehört haben. Doch ist mir diese Auskunft weit weniger wahrscheinlich, als die erste. Legion) mit den Obersten 592 nach Sidicinisch-Teanum vorausgeschickt, und die Flotte seinem Mitprätor Publius Furius Philus übergeben hatte, wenige Tage nachher in großen Märschen nach Canusium. Der nach einem Senatsgutachten gewählte Dictator Marcus Junius und sein Magister Equitum Tiberius Sempronius hoben nach angesetzter Werbung die Dienstfähigen vom siebzehnten Jahre an, einige sogar noch im verbrämten Rocke, aus. Aus diesen stellte man vier Legionen und tausend Ritter auf. Ferner beschickten sie die Bundesgenossen und das ganze Latium, die vertragsmäßigen Hülfstruppen in Empfang zu nehmen. Sie ließen Schutz- und Angriffswaffen und ähnliche Dinge fertigen: auch nahmen sie in den Tempeln und Hallen die ehemals erbeuteten Waffen herab. Der Mangel an freien Leuten und die Noth veranlaßten noch eine Werbung in einer neuen Gestalt. Sie bewaffneten achttausend vom State gekaufte kernhafte Jünglinge vom Sklavenstande, nachdem sie jeden befragt hatten, ob er zum Kriegsdienste Lust habe. Sie nahmen diese Art Soldaten lieber, ob sie gleich für einen geringeren Preis ihre Gefangenen hätten loskaufen können. 58. Denn als Hannibal, der, nach der so glücklichen Schlacht bei Cannä mehr auf die Geschäfte eines Siegers, als eines kriegenden Feldherrn sah, von den Gefangenen, die er sich vorführen und sondern ließ, die Bundesgenossen der Römer, so wie vormals am Trebia und am See Trasimenus, nach einer gütigen Anrede unentgeltlich entlassen hatte; so redete er auch die Römer, die sonst nie vor ihn gerufen waren, ganz gnädig an: «Er führe mit den Römern keinen Vertilgungskrieg; er kämpfe um Ehre und Oberherrschaft. So wie seine Vorfahren der Römischen Tapferkeit gewichen wären, so gehe sein Streben dahin, daß nun auch seinem Glücke zugleich und seiner Tapferkeit Alles weiche. Er stelle es 593 also den Gefangenen frei, sich loszukaufen. Der Preis betrage auf jeden Kopf, für den Ritter fünfhundert Silberdenare, für den Fußgänger dreihundert, für den Sklaven hundert.» Wurde hier gleich den Rittern zu der Summe, die sie bei ihrer Übergabe bedungen hatten, ein Ansehnliches Hannibal entschädigt sich an den Rittern für das den Bundesgenossen erlassene Lösegeld. Diese hatten zweihundert Denare oder 40 Thlr. ( C. 52. ) für den Mann versprochen: so viel läßt er nun die Ritter mehr zahlen. Statt 60 sollen diese nun 100 Thlr. geben. aufgesetzt, so nahmen sie doch einen Vertrag unter jeder Bedingung mit Freuden an. Man ließ sie durch eigne Stimmenwahl Zehn unter sich dazu ernennen, nach Rom an den Senat zu gehen, und nahm von diesen kein anderes Pfand der Redlichkeit, als einen Eid, daß sie wiederkommen wollten. Carthalo, ein vornehmer Carthager, wurde ihnen mitgegeben, um, auf den Fall, daß er zu Rom eine Stimmung zum Frieden fände, die Bedingungen angeben zu können. Als sie aus dem Lager abgegangen waren, kehrte einer von ihnen, ein Mensch ohne allen Römersinn, als hätte er dort etwas vergessen, in das Lager zurück, um sich seines Eides zu entledigen, und holte vor Nacht seine Gefährten wieder ein. Als man erfuhr, daß sie nach Rom kämen, wurde dem Carthalo ein Gerichtsdiener entgegen geschickt, der ihm in des Dictators Namen andeuten mußte, noch vor Nacht das Römische Gebiet zu räumen. 59. Die Gesandten der Gefangenen ließ der Dictator vor den Senat. Ihr Anführer, Marcus Junius, sprach: «Es ist keiner unter uns, der nicht wüßte, daß nie in einem State die Kriegsgefangenen weniger geachtet würden, als im unsrigen. Und dennoch sind nie, wenn wir nicht für unsre Sache zu sehr eingenommen sind, Römer in feindliche Gewalt gerathen, welche es weniger verdienten, von euch vernachlässigt zu werden, als wir. Wir haben nicht aus Feigheit in der Schlacht das Gewehr gestreckt, sondern nachdem wir fast bis in die Nacht, über Haufen der Erschlagenen stehend, das 594 Gefecht fortgesetzt hatten, zogen wir uns ins Lager zurück. Den Rest des Tages und die folgende Nacht hindurch behaupteten wir, obgleich ermattet von Beschwerden und Wunden, unsern Wall. Tages darauf, als uns, vom Heere des Siegers umlagert, das Wasser abgeschnitten war; die Möglichkeit, die dichten Scharen der Feinde zu durchbrechen, sich nicht denken ließ, und wir nicht begreifen konnten, daß es ein Bubenstück sein sollte, wenn nach einem Opfer von fünfzig Tausenden, die aus unserm Heere fielen, ein oder der andre Römische Soldat aus der Schlacht bei Cannä übrig bliebe; erst dann gingen wir den Preis ein, um welchen wir entlassen werden wollten, und überreichten die Waffen, die uns weiter keinen Schutz gewährten, dem Feinde. Wir wußten, daß auch unsre Vorfahren sich von den Galliern durch Gold gelöset, daß eure Väter, so zurückstoßend sie den vorgeschlagenen Frieden verwarfen, dennoch Gesandte zur Auswechselung der Gefangenen nach Tarent geschickt hatten. Gleichwohl war, was beide Schlachten, sowohl die an der Allia mit den Galliern, als die bei Heraclea mit dem Pyrrhus, verrufen machte, nicht so sehr der Verlust, als Muthlosigkeit und Flucht. Bei Cannä sind die Felder mit Haufen erschlagener Römer überdeckt; und nur die von uns überlebten die Schlacht, zu deren Niedermetzelung dem Feinde Schwert und Kräfte zu stumpf wurden. Auch giebt es deren unter uns, die nicht einmal in der Schlacht Flüchtlinge geworden sind, sondern die, im Lager als Besatzung zurückgelassen, nur dadurch in Feindesgewalt geriethen, daß das Lager sich ergab. Ich misgönne keinem meiner Mitbürger oder Kampfgenossen sein Glück oder sein Verhältniß, und möchte mich auch nicht durch Herabsetzung Anderer erheben: allein, wenn nicht etwa Schnelligkeit zu Fuß und im Laufe belohnt werden soll, so dürfen selbst nicht einmal die, die meistens als waffenlose Flüchtlinge aus der Schlacht nicht eher stillstanden, bis sie zu Venusia oder Canusium ankamen, sich mit Recht vor uns den Vorzug geben, noch sich rühmen, daß sie dem State 595 mehr Schutz gewährten, als wir. Machet allerdings von ihnen als tüchtigen und tapfern Kriegern Gebrauch; von uns aber ebenfalls, die wir für das Vaterland noch bereitwilliger sein werden, als sie, insofern wir durch eure Wohlthat ausgewechselt und in unser Vaterland wieder eingesetzt sein werden.» «Eure Werbung erstreckt sich über jedes Alter, jeden Stand; wie ich höre, werden achttausend Sklaven bewaffnet. Unsre Zahl ist nicht geringer, und uns auszuwechseln kostet nicht mehr, als jene zu kaufen. Denn wenn ich uns übrigens mit ihnen vergleichen wollte, so würde ich ja die Römische Bürgerehre kränken. Auch das, dünkt mich, ihr versammelten Väter, dürftet ihr bei dieser Überlegung nicht unbeachtet lassen, wenn ihr anders gegen uns härter sein wolltet, ob ihr es gleich ohne alles unser Verschulden sein würdet, welchem Feinde ihr uns dann überlassen würdet. Etwa einem Pyrrhus, der unsre Gefangenen als seine Gäste behandelte, oder dem Barbaren, dem Punier, bei dem es sich schwer entscheiden läßt, ob er geldsüchtiger, oder grausamer ist? Solltet ihr die Ketten, das Elend, die Jammergestalt eurer Bürger sehen, gewiß, ihr würdet durch diesen Anblick nicht weniger gerührt sein, als wenn ihr auf der andern Seite eure in den Feldern von Cannä hingestreckten Legionen durchschautet. Aber sehen könnt ihr die Angst und die Thränen unsrer im Vorhofe des Rathhauses stehenden, auf eure Entscheidung wartenden Verwandten. Wenn sie schon für uns und für jene Abwesenden so besorgt und ängstlich sind, was meint ihr, müssen die selbst für Empfindungen haben, deren Leben und Freiheit auf dem Spiele stehen? Bei Gott! sollte Hannibal aus eigner Bewegung im Widerspruche mit sich selbst gegen uns der Gütige sein wollen, so würden wir dennoch glauben, daß uns mit dem Leben nichts gedient sei, nachdem ihr uns für unwürdig erklärt hättet, uns loszukaufen. Freilich kamen einst die vom Pyrrhus unentgeltlich zurückgeschickten Gefangenen wieder nach Rom: allein sie kamen wieder, von Gesandten 596 begleitet, den Ersten des Stats, die man zu ihrer Loskaufung hingeschickt hatte. Und ich sollte wieder in meine Vaterstadt kommen, wenn ich als Bürger Roms nicht dreihundert Denare werth sein soll? Jeder hat sein eigenes Gefühl, ihr versammeltest Väter. Ich weiß, daß mein Leben und mein Kopf auf dem Spiele stehen. Aber weit mehr wirkt auf mich die meine Ehre betreffende Besorgniß, verworfen und verstoßen von euch, abziehen zu müssen: denn daß ihr es auf das Geld angesehen haben solltet, wird die Welt nicht glauben.» 60. Kaum hatte er aufgehört zu reden, so erhob die Menge derer, die auf dem Versammlungsplatze standen, ein klägliches Geschrei, und sie streckten die Hände zum Rathhause empor, mit der Bitte, man möge ihnen ihre Kinder, Brüder und Verwandten wiedergeben. Bangigkeit und das Band der Liebe hatte in diesen Schwarm von Männern auf dem Markte auch Weiber sich einmischen lassen. Nun wurden nach Entfernung der unbefugten Zuhörer Diese sind hier die Gesandten der Kriegsgefangenen. die Rathsherren um ihre Meinungen befragt. Da diese sehr verschieden waren, und Einige dafür stimmeten, man müsse die Gefangenen aus dem Schatze loskaufen; Andre, man müsse dem State keine Kosten machen, aber auch nicht verwehren, daß sich Jeder für sein Geld löse, und wenn es diesem oder jenem an barem Gelde fehlen sollte, ihm aus dem Schatze leihen, und den Stat durch Bürgschaften und liegende Gründe sicher stellen; da soll Titus Manlius Torquatus, ein Mann von alter, und wofür er bei den Meisten galt, von gar zu harter Strenge, als ihm seine Stimme abgefordert wurde, so geredet haben: «Wenn die Gesandten im Namen derer, die jetzt in Feindes Händen sind, bloß das Verlangen geäußert hätten, wieder losgekauft zu sein, so würde ich, ohne gegen irgend jemand anzüglich zu werden, meine Meinung ganz kurz vorgetragen haben. Denn was hätte ich weiter nöthig gehabt, als euch daran zu erinnern, die von 597 unsern Vätern auf uns vererbte Sitte zu einem für den Kriegsdienst unerläßlichen Beispiele beizubehalten? So aber, da sie sich dessen beinahe rühmen, daß sie sich den Feinden überliefert haben, und sich selbst den Vorzug nicht allein vor den in der Schlacht vom Feinde Gefangenen, sondern auch vor denen, die sich nach Venusia und Canusium retteten, und sogar vor dem Consul Cajus Terentius als ihre Gebühr zuerkennen; so kann ich unmöglich zugeben, ihr versammelten Väter, daß euch auch das Mindeste von allem dem, wie es dort hergegangen ist, unbekannt, bleibe. Und was wollte ich darum geben, daß ich das, was ich jetzt euch auseinandersetzen werde, zu Canusium auseinanderzusetzen hätte, vor dem Heere selbst, dem besten Zeugen von eines Jeden Feigheit oder Tapferkeit; oder daß wenigstens der einzige Publius Sempronius hier gegenwärtig wäre, da diese Menschen noch heute, wenn sie seiner Führung gefolgt wären, Soldaten im Römischen Lager, nicht als Gefangene in feindlicher Gewalt sein würden. Allein da sie die ganze Nacht zum Ausfalle frei hatten, weil die Feinde vom Gefechte ermüdet, vor Siegerfreude trunken und fast Alle, so wie sie, in ihr Lager zurückgegangen waren, da auch siebentausend Bewaffnete selbst dichte Feindesscharen hatten durchbrechen können, machten sie eben so wenig aus eigner Bewegung diesen Versuch, als sie Lust hatten, sich an einen Andern anzuschließen. Fast die ganze Nacht über hörte Publius Sempronius nicht auf, sie zu erinnern, sie aufzufordern, sie möchten ihm als Führer folgen, so lange die Zahl der Feinde vor dem Lager noch so klein, so lange noch Alles ruhig und still sei, so lange noch die Nacht die Unternehmung decke: noch vor Tage könnten sie sichere Gegenden, könnten sie verbündete Städte erreichen. Wenn so, wie zu unserer Großväter Zeiten der Kriegstribun Publius Decius in Samnium, wie in unsern Jünglingsjahren im ersten Punischen Kriege Calpurnius Flamma seine dreihundert Freiwilligen anredete, als er sie zur Besetzung einer Anhöhe führte, die 598 in der Mitte der Feinde lag: Lasset uns sterben, Leute, und durch unsern Tod die umzingelten Legionen aus der Einschließung erretten: – wenn so Publius Sempronius euch anredete, so konnte er euch ja nicht einmal für Männer, geschweige für Römer, halten; wenn sich ihm zum Begleiter bei seiner Großthat auch nicht Einer erbot. Er zeigt ihnen die Bahn, nicht sowohl zum Ruhme, als zu ihrer Rettung; er will sie dem Vaterlande, ihren Ältern, Gattinnen und Kindern wieder zuführen. Euch retten zu lassen, fehlt es euch an Muth. «Was würdet ihr thun, wenn es darauf ankäme, für das Vaterland zu sterben? Funfzigtausend an Einem Tage erschlagener Bürger und Bundesgenossen liegen um euch her. Konnten euch so viele Beispiele der Tapferkeit nicht bewegen, so wird euch nie etwas bewegen: konnte euch eine solche Niederlage nicht gleichgültig gegen das Leben machen, so kann es nie eine. Wünscht euch in das Vaterland zurück, als seine freien, vollbürtigen Mitglieder; oder vielmehr, wünscht euch zurück, so lange es für euch noch Vaterland ist, so lange ihr noch seine Bürger seid. Jetzt wünscht ihr das zu spät, da ihr euren persönlichen Werth verloren, euer Bürgerrecht veräußert, euch den Carthagern zu Sklaven hingegeben habt. Wollt ihr euch da wieder einkaufen lassen, wo ihr aus Feigheit und Untauglichkeit weggegangen seid? Publius Sempronius, euer Mitbürger, fand bei euch kein Gehör, als er euch aufforderte, zum Schwerte zu greifen und ihm zu folgen: aber gleich hinterher fand Hannibal Gehör, als er euch zumuthete, euer Lager zu verrathen und die Waffen abzuliefern. Klage ich noch lange die Feigheit dieser Menschen an, die ich des Frevels bezeihen könnte? Denn sie weigerten sich nicht bloß, dem zu folgen, der ihnen ihr Bestes rieth, sondern versuchten es sogar, sich dem Zuge zu widersetzen und ihn zurückzuhalten, wenn nicht jene Helden mit gezücktem Schwerte die Nichtswürdigen aus einander gesprengt hätten. Ich sage, Publius Sempronius mußte zuvor durch einen Schwarm von Bürgern, und dann erst durch die Feinde sich 599 durchschlagen. Nach solchen Bürgern sollte das Vaterland sich sehnen, da es im Falle, daß ihnen die übrigen ähnlich gewesen wären, heute auch nicht an einem Einzigen von allen, die bei Cannä gefochten haben, noch einen Bürger hätte? Unter siebentausend Bewaffneten fanden sich nur sechshundert, die den Muth hatten, sich durchzuschlagen! die in ihr Vaterland frei und unentwaffnet zurückkehrten: und vierzigtausend Feinde konnten es ihnen nicht wehren. Was meint ihr, wie viel sicherer mußte der Weg einem Zuge von beinahe zwei Legionen sein? Dann hättet ihr heute, versammelte Väter, an Bewaffneten zu Canusium tapfre, treue Viginti millia armatorum Canusii, fortia, fidelia ]. – Ich behalte mit Drakenb. und Crev. diese Lesart der besten und meisten Msc. bei. Die beiden von Stroth für fortium, fidelium angeführten sind theils nicht die besten, theils machen sie ihre Lesart (die Eine: fortium fideliumque; die Andre: fortium et fidelium) durch diese Zusätze als Correctur verdächtig. Mir scheint Livius absichtlich den Zusammenlauf von vier Genitiven gemieden zu haben. In Rücksicht auf die Zahl viginti könnte ich fast vermuthen, daß die Lesart des Haverk. Msc., TRIGINTA, aus der richtigeren II.VIGINTI (welches duo et viginti heißen sollte) entstanden sei. Man vergl. die Anmerk. Cap. 56. im Anfange. Zwanzigtausend. Wie wäre es aber jetzt möglich, daß diese Menschen nur ehrliche – denn für Tapfere dürften sie sich doch wohl selbst nicht ausgeben – und treue Mitbürger sein könnten; wenn man nicht etwa glauben will, sie wären es damals gewesen, als sie die auf den Feind Ausfallenden vom Ausfalle zurückhalten wollten? oder daß sie nicht die Früchte der Tapferkeit, die Rettung und Ehre jener beneiden sollten, da sie sich bewußt sind, ihre schimpfliche Sklaverei durch Muthlosigkeit und Unthätigkeit verschuldet zu haben? Sie wollten lieber, in ihren Zelten versteckt, mit dem Tage zugleich den Feind erwarten, da sie doch Gelegenheit hatten, in der Stille der Nacht sich hinauszumachen. Doch vielleicht fehlte es ihnen nur an Muth zum Ausfalle aus dem Lager; allein ihr Lager zu vertheidigen, hatten sie Muth genug: vielleicht schützten sie in einer Belagerung von mehreren Tagen und Nächten den Wall durch die Waffen, sich selbst durch den Wall; und nur zuletzt, nachdem sie das 600 Äußerste gewagt und gelitten hatten, da ihnen alle Lebensmittel fehlten, und sie von Hunger entkräftet die Waffen nicht länger halten konnten, erlagen sie, mehr dem Gebote ihrer Natur, als dem Feinde? – Nein! Mit Sonnenaufgang rückte der Feind an den Wall, und schon vor acht Uhr Morgens lieferten sie, ohne ihr Glück im Gefechte auch nur zu versuchen, ihre Waffen und sich selber aus. Denkt euch ihre Thaten in jenen zwei Tagen so: als sie in Linie Stand halten und fechten sollten, flohen sie zurück ins Lager; als sie den Wall vertheidigen sollten, übergaben sie das Lager: im Lager eben so unbrauchbar, als in der Linie. Euch sollte ich auslösen? wenn ihr aus dem Lager ausfallen sollt, säumt ihr und bleibt? wenn die Noth euch bleiben und das Lager mit den Waffen schützen heißt, übergebt ihr Lager und Waffen und euch selbst dem Feinde? – Ich kann eben so wenig, ihr versammelten Väter, für die Loskaufung dieser Menschen stimmen, als für die Auslieferung derer, die mitten durch die Feinde aus ihrem Lager durchbrachen und durch hohe Tapferkeit sich dem Vaterlande wiedergaben, an Hannibal .» 61. Als Manlius gesprochen hatte, ließen sich die Väter, die doch fast sämtlich mit den Gefangenen in Familienbeziehung standen, nicht bloß durch das Beispiel des States bestimmen, der von jeher gegen seine Kriegsgefangenen durchaus nicht der Nachsichtige gewesen war, sondern auch durch die Rücksicht auf die Geldsumme: denn sie hatten eben so wenig Lust, die Schatzkammer zu erschöpfen, die auf den Ankauf und die Bewaffnung der Sklaven zum Kriegsdienste schon eine große Summe hergegeben hatte, als den Hannibal reich zu machen, dem es, wie man hörte, hauptsächlich an Gelde fehlte. Als der strenge Bescheid erfolgte, die Gefangenen würden nicht ausgelöset, und zu den bisherigen Aufforderungen zur Trauer nun noch diese durch den Verlust so vieler Bürger hinzukam, da reihete sich an die Abgeordneten bis ans Thor eine Begleitung von vielen Weinenden und Wehklagenden. Der Eine von ihnen ging nach seinem 601 Hause, ab, weil er sich durch den listigen Rückgang ins Lager seines Eides entledigt zu haben glaubte. Als dies bekannt wurde und an den Senat kam, stimmten Alle dahin, ihn greifen und unter einer vom State mitgegebenen Wache zum Hannibal zurückbringen zu lassen. Von den Gefangenen erzählt noch eine andre Sage: es seien ihrer zuerst Zehn gekommen. Als man im Senate unschlüssig gewesen sei, ob man sie in die Stadt einlassen solle, oder nicht, habe man ihnen den Eingang gestattet, doch ohne sie im Senate vorzulassen. Als sie nun gegen Aller Erwartung zu lange ausgeblieben wären, seien noch drei andre Gesandte gekommen, Lucius Scribonius, Cajus Calpurnius und Lucius Manlius. Nun erst habe ein Verwandter des Scribonius, ein Bürgertribun, auf die Auslösung der Gefangenen angetragen, der Senat habe die Auslösung nicht bewilligt, und die drei neuen Gesandten seien zum Hannibal zurückgekehrt, die zehn alten aber geblieben; weil sie von ihrer Reise, unter dem Vorwande, sich ein Namenverzeichniß der Gefangenen geben zu lassen, zum Hannibal zurückgekehrt und ihres Eides entledigt wären. Über ihre Auslieferung sei es im Senate zu lebhaften Erörterungen gekommen, und diejenigen, welche für die Auslieferung gewesen wären, hätten einer nur geringen Mehrzahl von Stimmen nachgeben müssen. Übrigens wären jene von den nächsten Censorn durch alle möglichen Arten schimpflicher Auszeichnung so übel mitgenommen, daß sich einige von ihnen sogleich selbst das Leben genommen, die übrigen aber, so lange sie nachher gelebt, sich nicht bloß den Markt, sondern beinahe das Tageslicht und alles öffentliche Erscheinen versagt hätten. Man kann sich eher über die große Verschiedenheit der Angaben wundern, als mit Gewißheit ausmachen, was hier das Wahre sei. Wie viel bedeutender aber diese Niederlage gewesen sein müsse, als die früheren, geht schon daraus hervor, daß selbst diejenigen Bundesgenossen, die bis auf diesen Tag festgestanden hatten, jetzt anfingen zu wanken, offenbar aus keinem andern Grunde, als weil sie Roms 602 Oberherrschaft für verloren hielten. Es traten zu den Puniern folgende Völkerschaften über: die Einwohner von Atella, von Calatia, die Hirpiner, ein Theil der Apulier, die Samniten mit Ausnahme der Pentrer, alle Bruttier, die Lucaner; ferner die von Surrentum und fast die ganze Küste der Griechen, die von Tarent, Metapontum, Croton und Locri; und alle Gallier diesseit der Alpen. Und dennoch konnten diese Niederlagen und der Abfall so vieler Bundesgenossen nicht bewirken, daß des Friedens von Seiten der Römer nur Erwähnung geschehen wäre, so wenig vor der Ankunft des Consuls in Rom, als nachdem er zurückgekommen war und das Andenken der erlittenen Niederlage erneuerte. Ja selbst in dieser Zeit beseelte die Bürger ein so hoher Geist, daß sie dem nach einer so großen, meistens durch ihn selbst verschuldeten, Niederlage zurückkehrenden Consul aus allen Ständen zahlreich entgegenzogen, und ihm Dank sagten, daß er den Stat noch nicht aufgegeben habe; da eben er, wenn er Carthagischer Feldherr gewesen wäre, sich der schmählichsten Hinrichtung hätte unterwerfen müssen. Drei und zwanzigstes Buch. Jahre Roms 536 und 537. 2 Inhalt des drei und zwanzigsten Buchs. Die Campaner treten zum Hannibal über. Mago, mit der Botschaft vom Cannensischen Siege nach Carthago gesandt, schüttet im Vorzimmer des Rathhauses die den erschlagenen Römern von den Fingern gezogenen Ringe aus, welche über einen Modius betragen haben sollen. Auf diese Anzeige räth Hanno, einer der edelsten Punier, dem Carthagischen Senate, bei dem Römischen Volke um Frieden nachzusuchen; dringt aber, von der Barcinischen Partei überstimmt, nicht durch. Der Prätor Claudius Marcellus ficht bei Nola in einem Ausfalle aus dieser Stadt gegen Hannibal mit Glück. In den Winterquartieren zu Capua fällt Hannibals Heer durch Schwelgerei in eine Abspannung an Körperkraft und Muth. Casilinum, von den Puniern belagert, leidet so drückenden Hunger, daß man hier von den Schilden abgelösete Riemen und Häute, auch Mäuse, isset, und von Nüssen lebt, welche die Römer auf dem Strome Vulturnus hinfließen lassen. Der Senat wird aus dem Ritterstande mit hundert siebenundneunzig Köpfen ergänzt. Der Prätor Lucius Postumius wird mit seinem Heere von den Galliern niedergehauen. Die beiden Scipionen Cneus und Publius in Spanien besiegen den Hasdrubal und unterwerfen sich Spanien. Die Überbleibsel des Cannensischen Heers werden nach Sicilien verwiesen, mit dem Verbote, nicht eher von dort abzugehen, bis nach geendetem Kriege. Der Macedonische König Philipp und Hannibal schließen ein Bündniß. Consul Sempronius Gracchus schlägt die Campaner. Außerdem enthält dies Buch die glücklichen Thaten des Prätors Titus Manlius in Sardinien gegen die Punier und Sardinier. Der Feldherr Hasdrubal, auch Mago und Hanno werden seine Gefangenen. Der Prätor Caudius Marcellus praetor ] – Dies praetor möchte wohl aus der Abkürzung procos. entstanden sein. In dem ersten Gefechte mit Hannibal bei Nola war Marcellus Prätor, im zweiten ebendaselbst, schon Proconsul. Man vergl. Crevier's Anmerk. an dieser Stelle. Claudius Marcellus erficht bei Nola über Hannibals Heer einen völligen Sieg, und ist der erste, der für diesen Krieg den durch so viele Niederlagen erschöpften Römern eine bessere Aussicht giebt. 3 Drei und zwanzigstes Buch. 1. Hannibal war, als er nach der Cannensischen Schlacht Äcä Hannibal post Cannensem.] – Ich folge Gronovs Vermuthung, theils weil sie aus der Lesart einiger Msc. wahrscheinlich wird; theils weil Drakenb. sagt: Gronovii coniecturam ingeniosam ac veram puto, quam firmari auctoritate codicis L. 1. testatur Hearnius; theils weil Fabius XXIV. 20 die Apulische Stadt Aecae dem Hannibal wieder abnimmt. Gronov stellt den Text so wieder auf: Aecia Hannibal post Cannensem pugnam cap tis ac direp tis, confestim etc. erobert und geplündert hatte, sogleich aus Apulien nach Samnium aufgebrochen, weil ihn Statius Trebius durch das Versprechen, ihm Compsa zu übergeben, in das Land der Hirpiner gerufen hatte. Trebius war ein Compsaner, bei seinen Mitbürgern nicht ohne Ansehen; allein ihn drückte die Partei der Mopsier, einer durch Begünstigung der Römer mächtigen Familie. Als der Mopsische Anhang auf den Ruf von der Schlacht bei Cannä und der durch des Trebius Äußerungen verkündigten Ankunft Hannibals die Stadt geräumt hatte, wurde sie ohne Kampf den Puniern übergeben und nahm eine Besatzung ein. Hannibal, der die sämmtliche Beute und das Gepäcke hier zurückließ, und sein Heer theilte, hieß den Mago die Städte dieser Gegend, wenn sie von den Römern abfielen, besetzen, oder wenn sie sich weigerten, zum Übertritte zwingen. Er selbst zog durch das Campanische nach dem Untermeere, zu einem Angriffe auf Neapolis, um eine Seestadt in Besitz zu haben. Als er den Neapolitanischen Boden betrat, legte er einen Theil seiner Numider, wo es sich thun lassen wollte – und es giebt hier viele Hohlwege und versteckte Beugungen – in Hinterhalte: andre mußten, prunkend mit dem Raube der Dörfer, den sie vor sich hertrieben, bis an die Stadtthore schwärmen. Da nun auf diesen dem 4 Scheine nach schwachen und ungeschlossenen Haufen ein Geschwader Reuterei einen Ausfall that, so wurde dieses, sobald es die absichtlich Weichenden in den Hinterhalt gelockt hatten, umzingelt, und nicht Einer würde entkommen sein, hätten nicht das nahe Meer und die nicht weit vom Strande wahrgenommenen Schiffe, die meistens Fischern gehörten, die, welche schwimmen konnten, gerettet. Doch wurden in diesem Gefechte mehrere junge Männer von Stande gefangen und getödtet: auch fiel Hegeas, Oberster unter den Rittern, der die Weichenden zu hitzig verfolgt hatte. Von einem Sturme auf die Stadt schreckte den Hannibal der Anblick ihrer Mauern ab, die für Sturmlaufende gar nicht einladend waren. 2. Von hier wandte er sich auf Capua, das bei seinem langen Glücke, und vom Geschicke verzogen, bei dem freilich allgemeinen Sittenverderbnisse, doch hauptsächlich durch die Zügellosigkeit seines im Gebrauche der Freiheit unmäßigen Bürgerstandes in Üppigkeit versunken war. Pacuvius Calavius hatte den Senat sich selbst und dem Bürgerstande verbindlich gemacht, ein Mann von Adel und zugleich ein Volksfreund, der sich übrigens dies Gewicht durch Ränke verschafft hatte. Da er gerade in dem Jahre, in welchem es so schlimm am Trasimenus herging, die höchste Amtsstelle verwaltete, so schlug er – – in der Überzeugung, daß die dem Senate lange schon auflaurenden Bürger, bei einem eintretenden neuen Statsverhältnisse, zu einer That von Bedeutung sich erheben, das heißt, den Puniern, sobald Hannibal mit seinem siegreichen Heere in diese Gegend käme, Capua nach Ermordung des Senats übergeben würden – – zwar als ein unredlicher, doch nicht im höchsten Grade schlechter Mensch, insofern er lieber mit Erhaltung, als durch Umsturz des States der Allesgeltende sein wollte, und dabei begriff, daß kein der Leitung des Ganzen beraubter Stat bestehen könne, – – einen Weg ein, auf dem er zugleich den Senat rettete, und ihn sich und dem Bürgerstande verbindlich machte. Nachdem er dem zusammengerufenen Senate 5 einleitend eröffnet hatte, «daß er auf keine Weise zu dem Entschlusse, von den Römern abzufallen, sich verstanden haben würde, wenn dieser nicht durchaus nothwendig geworden wäre; denn er habe ja Kinder von der Tochter eines Appius Claudius, habe ja selbst seine Tochter an einen Livius nach Rom gegeben; daß aber jetzt ein viel größerer und weit furchtbarerer Sturm im Anzuge sei: denn der Bürgerstand gehe nicht damit um, sich in der Statsverfassung durch den Abfall von Rom des Senats zu entledigen, sondern eben durch Ermordung des Senats dem Hannibal und den Puniern den Stat zu freier Verfügung zu übergeben; daß er sie aber aus dieser Gefahr retten könne, wenn sie sich ihm überlassen, wenn sie, ohne der Mishelligkeiten mit ihm über Statssachen weiter zu denken, ihm vertrauen wollten:» so fuhr er, da sie Alle von Besorgniß geschreckt sich ihm überließen, so fort: «Ich will euch im Rathhause einschließen, und dadurch, daß ich, als vermeinter Theilnehmer des entworfenen Frevels, Anschlägen beitrete, denen ich mich vergeblich widersetzen würde, eure Rettung auszumitteln suchen. Nehmt hierauf einen Eid von mir, so heilig ihr ihn selbst verlangt.» Als er nach geleisteter Zusage aus dem Rathhause ging, ließ er es verschließen und besetzte den Vorplatz mit Wache, daß ohne Erlaubniß von ihm niemand zum Rathhause hinein, noch herausgehen konnte. 3. Nun redete er das zur Versammlung berufene Volk so an: «Was ihr euch so oft gewünscht habt, die Macht, ihr Campaner, einen gottlosen und verabscheuungswerthen Senat zur Strafe zu ziehen, diese habt ihr jetzt; doch nicht so, daß ihr mit größter Gefahr für euch selbst, im Aufruhre die einzelnen Häuser erstürmen müßtet, die sie durch aufgepflanzte Posten von Schützlingen und Sklaven vertheidigen würden, sondern mit eurer völligen Sicherheit und ungehindert. Nehmt sie alle in Empfang, im Rathhause eingeschlossen, allein, unbewaffnet. Verfahret aber nicht zu rasch, nicht auf 6 Gerathewohl und blindlings. Ich will euch das Recht verschaffen, über das Leben eines Jeden abzusprechen, damit Jeder die Strafe leide, die er verdient hat. Vor allen Dingen aber müßt ihr eurem Zorne nur in so weit Raum geben, daß ihr euer eigenes Heil und Bestes noch lieber habt, als eure Rache. Denn wenn ich nicht irre, so hasset ihr nur diese Senatoren; seid aber nicht der Meinung, gar keinen Senat zu haben. Ihr müsset nämlich entweder – wovor uns Gott behüten wolle! – einen König haben, oder was für einen Freistat die einzige berathende Macht bleibt, einen Senat. Ihr habt also zwei Dinge auf Einmal zu beschicken; erstlich, den alten Senat wegzuräumen; zum andern, einen neuen an dessen Stelle zu wählen. Jetzt will ich Einen Senator nach dem andern vorfordern lassen, so daß ich euch über ihr Leben zu Richtern machen werde. Was ihr über jeden beschließet, soll geschehen. Zuvor aber müßt ihr in diese Stelle einen tüchtigen, brauchbaren neuen Senator ernennen, ehe an dem Schuldigen die Hinrichtung vollzogen wird.» Nun setzte er sich zu Gerichte, und nachdem die Namen in eine Urne geworfen waren, ließ er den Namen, der beim Losen zuerst heraussprang, laut ausrufen und den Mann selbst aus dem Rathhause vorführen. Sowie der Name erscholl, schrie jeder auf seine Weise, das sei ein böser, ein gottloser Mensch und der Todesstrafe würdig. Da sprach Pacuvius: «Ich sehe, wie ihr über diesen gesprochen habt. Wählet nun in die Stelle des bösen und gottlosen Senators einen guten und frommen.» Aus Mangel eines vorzuschlagenden Bessern war anfangs Alles still: und nachher entstand, als es sich jemand herausnahm, einen zu nennen, sogleich ein weit lauteres Geschrei; da einige sagten, sie kennten den nicht, andre ihm schlechte Thaten, oder Niedrigkeit und schmutzige Armuth, oder auch das Beschimpfende seiner Kunst und seines Erwerbes vorwarfen. Dies war bei dem zweiten und dritten vorgeforderten Senator der Fall noch weit mehr; so daß man wohl sah, die Leute waren mit 7 ihm unzufrieden, hatten aber niemand, den sie statt seiner eintreten ließen; da es theils nichts helfen konnte, die schon einmal genannten noch einmal zu nennen, weil sie bloß dazu genannt zu sein schienen, ihre Schmähungen zu hören; theils auch die übrigen noch weit niedriger und unbekannter waren, als die, auf die man gleich zuerst gefallen war. So gingen die Bürger aus einander; sagten, je bekannter man mit einem Übel sei, je erträglicher sei es, und auf ihr Verlangen wurde der Senat seines Verhaftes entlassen. 4. Da Pacuvius auf diese Weise durch die Wohlthat der Lebensrettung den Senat noch weit mehr sich selbst verpflichtet hatte, als dem Bürgerstande, so herrschte er, weil ihm jetzt Alle den Rang ließen, ohne Gewalt der Waffen. Seitdem schmeichelten die Senatoren, ihrer eignen Würde und Freiheit uneingedenk, den Bürgerlichen, grüßten diese zuerst, luden sie höflich ein, bewirtheten sie auf angestellten Gastereien; übernahmen die Führung solcher Sachen, leisteten immer der Partei Beistand, entschieden als Richter die Streitsachen für die, die bei dem Volke die gelittnere und mehr geeignet war, ihnen die Zuneigung des großen Haufens zu gewinnen. Sogar in den Verhandlungen des Senats ging es nicht anders zu, als ob hier die Bürger Versammlung hielten. Der Stat, in dem man immer zur Schwelgerei geneigt war, nicht allein durch Schuld der eignen Sinnesart, sondern auch durch den zuströmenden Überfluß von Vergnügungen und durch die Lockungen aller vom Meere wie vom Lande dargebotenen Lieblichkeiten, versank nun vollends durch die Nachgiebigkeit der Großen und durch die Zügellosigkeit des Bürgerstandes in eine solche Üppigkeit, daß Lüste und Aufwand keine Schranken mehr hatten. Zu der Verachtung der Gesetze, der Obrigkeiten, des Senats kam jetzt nach der Niederlage bei Cannä noch dies, daß sie vor der Regierung zu Rom, für die sie bis dahin doch einige Achtung hegten, keine Furcht mehr hatten. Das einzige Hinderniß, nicht den Augenblick abzufallen, lag für sie darin, daß das alte Recht der Gegenheirathen 8 viele angesehene und mächtige Familien mit Römischen verbunden hatte; und das stärkste Band waren, da ihrer Mehrere in Römischen Kriegsdiensten standen, die dreihundert Ritter, alle aus den edelsten Campanischen Häusern, welche zu Besatzungen der Sicilianischen Städte von den Römern ausgehoben und dort hingeschickt waren. 5. Ihre Ältern und Verwandten setzten es nur mit Mühe durch, daß man an den Römischen Consul Gesandte abgehen ließ. Sie fanden den Consul, als er noch nicht nach Canusium aufgebrochen, sondern noch zu Venusia war, mit wenigen Halbbewaffneten, unter Umständen, die ihn gutdenkenden Bundsgenossen höchst mitleidenswürdig, übermüthigen aber und treulosen, wie die Campaner waren, verächtlich machen mußten. Und der Consul beförderte diese Verachtung seiner Lage und seiner selbst noch dadurch, daß er Roms Verlust gar zu sehr aufdeckte und enthüllete. Denn als ihm die Gesandten erklärten, es sei dem Campanischen Senate und Volke sehr schmerzhaft, daß die Römer nicht ganz glücklich gewesen wären, und sich zu allen Lieferungen von Kriegsbedürfnissen erboten, so antwortete er: «Ihr Campaner habt euch in der Aufforderung an uns, die Kriegslieferungen bei euch eintreiben zu lassen, mehr an die zwischen uns als Bundesgenossen bestehende alte Formel gehalten, als dem Zustande unsrer gegenwärtigen Lage gemäß geredet. Denn was ist uns bei Cannä übrig geblieben, so daß wir, als hätten wir noch Etwas, uns nur das Fehlende von unsern Bundesgenossen ersetzen lassen möchten? Sollen wir Fußvolk von euch verlangen; gleich als hätten wir Reuterei? Sollen wir sagen, es fehle uns an Gelde, als fehlte es uns nur daran? Das Schicksal hat uns nichts, auch nicht einmal etwas zu ergänzen gelassen. Fußvolk und Reuterei, Waffen und Fahnen, Pferde und Leute, Geld und Lebensmittel gingen entweder in der Schlacht oder in den beiden am folgenden Tage eingebüßten Lagern verloren. Also müßt ihr uns nicht im Kriege unterstützen, ihr Campaner, sondern so gut als an unsrer Stelle den Krieg 9 übernehmen. Möchtet ihr euch jetzt daran erinnern, wie wir einst eure Vorfahren in ihrer Verlegenheit, als sie auf ihre Stadtmauer beschränkt waren, und nicht bloß vor den Samniten, sondern sogar vor den Sidicinern als Feinden bebten, als unsre Schutzgenossen bei Saticula vertheidigt und den eurerwegen mit den Samniten angefangenen Krieg beinahe hundert Jahre lang unter abwechselnden Launen des Glücks ausgehalten haben. Rechnet hierzu noch, daß wir euch, die ihr euch doch an uns ergeben hattet, gleichseitige Vertragspunkte zugestanden, euch eure Gesetze ließen, ja noch bis auf die Letzt – und das wollte doch vor der Niederlage bei Cannä sehr viel sagen – einer großen Anzahl von euch unser Bürgerrecht gegeben und es mit euch getheilt haben. Darum müsset auch ihr Campaner die Niederlage, die wir erlitten, so ansehen, als habe sie beide getroffen; müsset euch denken, es sei ein gemeinschaftliches Vaterland zu vertheidigen. Wir haben nicht mit Samniten oder Hetruskern zu thun, so daß die Regierung Italiens, wenn sie uns genommen wurde, doch noch in Italien bliebe. Unser Feind ist der Punier, der ein Heer, nicht einmal in Afrika heimisch, von den äußersten Küsten der Erde, von der Meerenge des Oceans und von Herkules Säulen herbeischleppt, ein Heer, dem Völkerrecht, Vertrag, ja beinahe die Menschensprache fremd sind. Diese durch Natur und Gewohnheit rohe und wilde Horde hat ihr Führer dadurch noch wilder gemacht, daß er sie Brücken und Dämme von aufgethürmten Menschenkörpern machen ließ, daß er sie – mich ekelt es zu sagen – Menschenkörper essen lehrte. Und in diesen mit so schauderhafter Kost gemästeten Wilden, deren Berührung schon eine Verunreinigung sein würde, seine Beherrscher vor sich zu sehen und über sich zu haben, sich Gesetze aus Afrika und aus Carthago zu holen, Italien eine Provinz der Numider und Mauren sein zu lassen, wem sollte das – sei er in Italien auch nur geboren – nicht ein Gräuel sein? Ehrenvoll wird es euch sein, ihr Campaner, wenn das durch eine 10 Niederlage der Römer gesunkene Reich durch eure Treue, durch eure Kraft behauptet und wieder hergestellt wird. Ich sollte denken, dreißigtausend Mann zu Fuß, viertausend zu Pferde, ließen sich aus Campanien werben. Ferner, Geld und Getreide habt ihr ja genug. Hält eure Treue mit eurer Wohlhabenheit gleichen Schritt, so soll Hannibal eben so wenig davon empfinden, daß er gesiegt hat, als die Römer, daß sie geschlagen sind.» 6. Als die Gesandten nach dieser Rede des Consuls entlassen und auf der Rückreise unterweges waren, sagte einer von ihnen, Vibius Virrius: «Die Zeit sei gekommen, wo die Campaner nicht allein die ihnen ehemals von den Römern widerrechtlich genommenen Ländereien wieder erlangen, sondern sich auch der Regierung Italiens bemächtigen könnten. Mit dem Hannibal würden sie einen Vertrag auf Bedingungen schließen können. Es werde gar kein Streit darüber sein, wenn Hannibal selbst nach geendetem Kriege als Sieger nach Afrika heimziehe und sein Heer abführe, die Regierung Italiens den Campanern zu überlassen.» Da die andern alle diesen Äußerungen des Virrius beipflichteten, so statteten sie ihren Gesandschaftsbericht so ab, daß jedermann glauben mußte, der Römische Stat sei vernichtet. Sogleich sah auch das Volk und der größere Theil des Senats einem Abfalle entgegen. Doch wurde die Sache durch die Einsprachen der Bejahrteren einige Tage hingehalten; endlich aber setzte es die Meinung der Mehrzahl durch, daß eben die Gesandten, die zum Römischen Consul gegangen waren, an Hannibal abgeschickt wurden. Ehe diese abgegangen wären und noch ehe sich die Campaner zum Abfalle fest entschlossen hätten, sollen sie, wie ich in einigen Jahrbüchern finde, Gesandte nach Rom geschickt haben, mit der Forderung, wenn die Römer auf Hülfe rechnen wollten, so müsse der Eine Consul ein Campaner sein. Im Ausbruche des Unwillens habe man sie vom Rathhause wegtreiben lassen, und einen Gerichtsdiener mitgeschickt, der sie habe aus der Stadt bringen und ihnen andeuten müssen, noch heute außerhalb 11 des Römischen Gebiets zu übernachten. Weil mir die ehemalige Forderung der Latiner gar zu gleichlautend war, und Cölius und andere den Umstand nicht ohne ihre Gründe übergangen hatten, so trug ich Bedenken, ihn als erwiesen aufzustellen. 7. Die Gesandten kamen zum Hannibal, und schlossen mit ihm einen Frieden auf Vertragspunkte. «Kein Feldherr, keine Obrigkeit der Punier sollte über einen Campanischen Bürger irgend ein Recht haben; auch kein Campanischer Bürger zu Waffendiensten oder andern Dienstleistungen gezwungen werden. Capua sollte seine Gesetze, seine Obrigkeiten für sich haben. Von Punischer Seite sollte man den Campanern dreihundert Römische Gefangene überlassen, die sie selbst aussuchen würden, um sie gegen die in Sicilien dienenden Campanischen Ritter auswechseln zu können.» So weit der Vertrag. Aber mehr, als der Vertrag forderte, ließen sich die Campaner durch Thätlichkeiten zu Schulden kommen. Denn der Pöbel ließ die Kriegsobersten der Bundsgenossen und andre Römische Bürger, welche theils in Anstellungen beim Kriegswesen zu thun hatten, theils in Privatgeschäfte verwickelt waren, nachdem er sie alle plötzlich festgenommen hatte, unter dem Vorwande, sie hier in Verwahrung zu geben, in die Badehäuser einschließen, wo sie vor Glut und Hitze erstickend auf die schmählichste Art den Geist aufgaben. Sowohl diesen Thätlichkeiten, als der Absendung der Gesandschaft an den Hannibal hatte sich Decius Magius aus allen Kräften widersetzt, ein Mann, dem zum höchsten Ansehen nichts weiter fehlte, als ein gesunder Verstand seiner Mitbürger. Wie er aber hörte, daß Hannibal eine Besatzung schicke, so rief er öffentlich, indem er ihnen laut die übermüthigen Herrscheranmaßungen des Pyrrhus und die klägliche Sklaverei der Tarentiner als Beispiele vorhielt, zuerst, sie möchten die Besatzung nicht einnehmen. Sein zweiter Rath war, wenn sie sie aufgenommen hätten, sie entweder zu verjagen, oder, wenn sie ihre schlechte That, den Abfall von ihren ältesten 12 Bundesgenossen und Blutsfreunden, durch eine tapfere und denkwürdige That wieder gut machen wollten, nach Niedermetzelung des Punischen Kohrs sich den Römern wiederzugeben. Als dies dem Hannibal gemeldet wurde – und es war ja nicht im Verborgenen geschehen – so schickte er anfangs Einige ab, den Magius zu ihm ins Lager zu rufen. Als dieser in hohem Tone versicherte, er werde nicht hingehen; denn Hannibal habe keinem Campanischen Bürger zu gebieten, so übernahm den Punier der Zorn, und er befahl, den Menschen zu greifen und gebunden herzuschleppen. Doch als er hinterher befürchtete, es könne bei der Gewaltthat ein Auflauf, und durch aufgeregte Leidenschaften ein wilder Kampf entstehen, so brach er nach vorläufiger Anzeige bei dem Campanischen Prätor, Marius Blosius , daß er am folgenden Tage zu Capua eintreffen werde, in eigner Person mit einer mäßigen Bedeckung aus seinem Lager auf. Marius, der eine Volksversammlung berief, forderte sie auf, in zahlreichem Aufzuge mit Gattinnen und Kindern dem Hannibal entgegen zu gehen. Und das thaten sie insgesammt; nicht bloß als die Folge leistenden, sondern selbst sich beeifernd, ja von Seiten des Volks aus Zuneigung und Neugierde, den schon durch so viele Siege berühmten Feldherrn zu sehen. Nur Decius Magius ging weder zum Empfange hinaus, noch hielt er sich auch, was ihm hätte den Schein eines sich fürchtenden bösen Gewissens geben können, zu Hause. Geschäftlos ging er, indeß die ganze Stadt in Bewegung war, den Punischen Feldherrn zu empfangen und zu sehen, auf dem Marktplatze mit seinem Sohne und einigen seiner Schützlinge auf und ab. Hannibal verlangte, nach seinem Einzuge in die Stadt, sogleich Gehör beim Senate; und da ihn nun die Campanischen Großen baten, heute nichts Ernsthaftes vorzunehmen, und den durch seine Ankunft festlichen Tag auch selbst heiter und sich hingebend mitzufeiern, so verwandte er, um sie nicht gleich zum Anfange eine Fehlbitte thun zu lassen, bei seinem natürlichen Hange zum 13 Zorne, dennoch einen großen Theil des Tages darauf, die Stadt in Augenschein zu nehmen. 8. Er trat ab bei den beiden Ninnius Celer, mit den Vornamen Stenius und Pacuvius, deren Adel und Reichthum bekannt war. Pacuvius Calavius , dessen ich oben erwähnte, das Haupt jener Partei, welche den Übertritt zu den Puniern bewirkt hatte, brachte seinen Sohn mit hieher, einen Jüngling, den er dem Decius Magius aus den Armen und von der Seite weggerissen hatte, welchem er sich zur Aufrechthaltung des Römischen Bündnisses gegen den Punischen Vergleich auf das muthvolleste anschloß, ohne sich weder durch das Übergewicht der allgemeinen Stimme für das Gegentheil, noch durch die gebietende Würde seines Vaters von seiner Gesinnung abbringen zu lassen. Jetzt söhnte der Vater mit diesem jungen Manne, mehr durch Bitte um Verzeihung, als durch Rechtfertigung, den Hannibal wieder aus; und Hannibal, der den Bitten und Thränen des Vaters nachgab, lud ihn sogar mit dem Vater zur Tafel, ob er gleich nicht Willens gewesen war, irgend einen Campaner in diese Gesellschaft zu ziehen, außer seine Wirthe und den Jubellius Taurea, einen im Kriege ausgezeichneten Mann. Sie setzten sich noch bei hellem Tage an Tafel, und der Schmaus war nicht nach Punischer Sitte oder auf Kriegerfuß, sondern, wie in einem seit langen Zeiten Domo luxuriosa, omnibus.] – Alle Msc. haben hinter domo das Wort diu, und dann folgt entweder ad varios, oder adversariosa, oder ad variosa. Aus dem letztern rieth Gronov die von Drakenb. gebilligte und aufgenommene Lesart luxuriosa, welche Stroth wieder verworfen, und das vom Sigonius aus dem diu gemachte divite dafür aufgenommen hat. Da aber jenes diu in allen Msc. steht, warum wollen wir nicht diu luxuriosa behalten? Capua und das reiche Haus der Ninnier konnten ein convivium, omnibus voluptatium illecebris instructum, so viel eher geben, wenn sie nicht erst seit Kurzem Schwelger waren, sondern schon lange darauf ausgelernt hatten. Livius sagte oben Cap. 2. mit den Worten Capuam flectit iter, luxuriantem longa felicitate, von Capua ungefähr dasselbe. schwelgenden State und Hause, mit allen Lockungen sinnlicher Genüsse ausgestattet. Nur der einzige Perolla, des Calavius Sohn, ließ sich bei allem Nöthigen, sowohl von Seiten der Hausherren, als zuweilen selbst Hannibals, 14 auf Nichts ein, indem er selbst sein Befinden vorschützte, und auch der Vater die leicht zu erklärende Verstimmung des Sohns als Ursache angab. Als gegen Sonnenuntergang der Vater Calavius aus der Gesellschaft hinausgegangen war, redete der Sohn, der ihm nachging, als sie in dem Garten, der hinter dem Hause lag, sich allein sahen, ihn so an: «Ich theile dir einen Anschlag mit, Vater, durch den wir Campaner für unser Vergehen, für unsern Übertritt zum Hannibal, bei den Römern nicht allein Verzeihung erhalten, sondern in weit größerer Achtung und Liebe stehen werden, als wir je gestanden haben.» Da der Vater voll Verwunderung fragte, was das für ein Anschlag sei, zeigte er ihm, nach Zurückwerfung der Toga von der Schulter, seine Seite mit einem Dolche umgürtet. «Jetzt will ich, sprach er, mit Hannibals Blute das Römische Bündniß besiegeln. Dir wollte ich es vorher zu wissen thun, wenn du etwa, während die That vollbracht wird, lieber nicht zugegen sein wolltest.» 9. Bei diesem Anblick und diesen Worten rief der Greis, nicht minder vor Furcht außer sich, als sähe er die That, von der er hörte, schon vollbringen: «Bei allen den Banden, mein Sohn, welche die Kinder an ihre Ältern knüpfen, bitte und flehe ich dich, vor deines Vaters Augen keine Scheußlichkeiten zu begehen und an dir begehen zu lassen. Es sind kaum einige Stunden, daß wir durch den Schwur bei allen Göttern, so viele es deren giebt, mit dargebotener Rechte, ihm Treue zugesichert haben; etwa dazu, um die durch die Zusage geweihete Hand, so wie wir von der Unterredung abträten, gegen ihn zu bewaffnen? Stehst du von gastlicher Tafel auf, zu der du als der dritte Campaner von Hannibal geladen bist, um diese Tafel mit dem Blute dessen zu bespritzen, der dich lud? So konnte ich meinem Sohne als Vater den Hannibal gewinnen, und meinen Sohn nicht dem Hannibal? Aber setzen wir uns über Alles, was heilig ist, weg; über Treue, Achtung des Eides und Redlichkeit; sie werde gewagt, die Schandthat, wenn sie nicht zugleich mit dem Frevel Verderben 15 über uns bringt. Du allein wolltest den Hannibal antasten? Und jener Schwarm so vieler Freien und Sklaven? die auf ihn allein gehefteten Augen Aller? und so manche Hand? werden die alle bei deiner Tollheit erlahmt sein? Den Blick Hannibals selbst, welchen bewaffnete Heere nicht ertragen konnten, vor dem das Römische Volk schaudert, wolltest du ertragen? Gesetzt, es fehlte ihm an anderer Hülfe; wirst du es vermögen, mich zu durchstechen, wenn ich Hannibals Person meinen eignen Körper vorbreite? Ja, durch meine Brust stich nach ihm und durchbohre ihn. Laß dich lieber hier abschrecken, als dort überwältigen! Laß meine Bitten bei dir gelten, so wie sie heute für dich gegolten haben!» Als er hier den Jüngling weinen sah, schloß er ihn in seine Arme, und mit Küssen an ihm hangend, ließ er nicht eher mit Bitten ab, bis er ihn dahin vermochte, den Dolch abzulegen, und sein Versprechen erhielt, so etwas ungethan zu lassen. Dann sprach der Jüngling: »Was mich betrifft, so zahle ich dann die Pflicht, die ich dem Vaterlande schuldig bin, an den Vater. Aber in deine Seele schmerzt es mich, daß du den Vorwurf eines dreimal am Vaterlande begangenen Verrathes auf dir hast: einmal, als du den Abfall von Rom, dann, als du den Friedensschluß mit Hannibal bewirktest; und heute zum drittenmale, da du das Gegengewicht und Hinderniß wirst, Capua den Römern wiederzugeben. Nimm du, o Vaterland, den Stahl zu dir, mit welchem ich, für dich bewaffnet, diesen Sitz der Feinde betrat, da mir mein Vater ihn entwindet.» Mit diesen Worten warf er den Dolch über die Gartenmauer auf die Gasse, und um so viel weniger Verdacht zu erwecken, ging auch er wieder in die Gesellschaft zurück. 10. Am folgenden Tage erschien Hannibal in dem ihn zahlreich erwartenden Senate. Hier war der Anfang seiner Rede sehr schmeichelhaft und gütig: denn er sagte den Campanern Dank, daß sie seine Freundschaft dem Bunde mit Rom vorgezogen hätten; und unter andern herrlichen Verheißungen, versprach er auch, Capua solle 16 nächstens das Haupt des gesammten Italiens sein, und nebst dessen übrigen Völkern werde dann auch das Römische von hier aus sich Gesetze holen. Nur Einer habe keinen Theil an der Punischen Freundschaft und an dem mit ihm geschlossenen Vertrage; der sei aber kein Campaner und dürfe auch nicht so genannt werden; Decius Magius. Er verlange, daß ihm dieser ausgeliefert, daß noch in seiner Gegenwart die Sache zum Vortrage gebracht und ein Senatsschluß abgefaßt werde. Alle gaben hierzu ihre Stimme; obgleich vielen von ihnen theils der Mann diese Mishandlung nicht verdient zu haben, theils zur Schmälerung ihrer Freiheitsrechte ein nicht geringer Anfang gemacht zu sein schien. Als Hannibal Egressus curia in templo magistratibus consedit.] –. Der Erklärung Dukers: Magistratus est Marius Blosius, praetor Campanus ( Cap. VIII. ) sind Drakenb. und Crevier stillschweigend, Stroth aber durch eine eigene Anmerkung beigetreten, und die Übersetzer, so viele ich gesehen habe, gefolgt. Und doch kann das Wort magistratus hier nicht der Nominativ sein, sondern, wenn es ächt ist, muß es der Genitiv sein. Denn wenn hier der Nominativ, folglich Marius Blosius zu verstehen wäre, so konnte ja Decius Magius, von seiner eignen Obrigkeit, vom Campanischen Prätor, aufgefordert sich zu verantworten, nicht behaupten, daß er hierzu nicht gezwungen werden könne, und noch viel weniger, daß er hierzu lege foederis nicht gezwungen werden könne. Dies letztere bezieht sich ja auf den ersten Artikel des Vertrages Cap. VII: Ne quis imperator magistratusve Poenorum ius ullum in civem Campanum haberet. Säße hier also nicht Hannibal, sondern der Prätor Capua's auf dem Richterstuhle, so wäre die Berufung des Decius auf jenen Vertragspunkt ohne Sinn. Auch hatte der Campanische Senat durch das in Hannibals Gegenwart abgefaßte Decret die Auslieferung des Decius an Hannibal schon bewilligt, folglich verfährt Hannibal mit ihm, wie mit einem schon in seine Gewalt gegebenen. Daß er sich mit dem von seinem Schwerte geliehenen Rechte auf den Richterstuhl des Campanischen Prätors setzt, dies macht, so wie die am Schlusse seiner Rede geforderte Auslieferung des Decius, den von Livius bezweckten Abstich zu den Worten: Ubi prima eius oratio perblanda ac benigna fuit. das Rathhaus verlassen hatte, setzte 17 er sich auf dem der Obrigkeit geweiheten Platze, hieß den Decius Magius greifen und am Fuße des Richterstuhles stehend sich verantworten. Als dieser mit sich gleich bleibendem Trotze behauptete, hierzu könne er kraft des Vertrages nicht gezwungen werden, so wurde er in Ketten gelegt und ein Gerichtsdiener befehligt, ihn vor sich her ins Lager abzuführen. So lange er während seiner Abführung den Kopf frei hatte, schritt er unter fortgesetzten Reden einher, indem er der von allen Seiten ihn umströmenden Menge zurief: «Das ist nun die Freiheit, Campaner, nach der ihr gestrebt habt! Mitten auf dem Markte, am hellen Tage, vor euren Augen, muß ich, der ich keinem Campaner nachstehe, mich in Fesseln zum Tode fortschleppen lassen. Was könnte Gewaltsameres geschehen, wenn Capua erobert wäre? Gehet doch dem Hannibal entgegen! schmücket die Stadt auf! heiligt den Tag seiner Ankunft, um Zuschauer zu sein, wenn euer Mitbürger im Triumphe aufgeführt wird.» Unter diesen Ausrufungen wurde ihm, weil sie auf das Volk Eindruck zu machen schienen, das Haupt verhüllet, und es kam Befehl, ihn so viel schneller zum Thore hinaus zu schaffen. So wurde er in das Lager geliefert, sogleich auf ein Schiff gesetzt und nach Carthago geschickt, damit nicht auch der Senat, wenn der Unwille über dies Verfahren eine Bewegung in Capua veranlassen sollte, sich es gereuen ließe, 18 einen der ersten Männer ausgeliefert zu haben; ferner, damit man sich nicht genöthigt sähe, falls eine Gesandtschaft käme, seine Zurückgabe zu fordern, entweder durch Versagung ihrer ersten Bitte die neuen Bundsgenossen zu beleidigen, oder wenn man sie gewährte, in ihm den Zunder zu Aufruhr und Unruhen in Capua zu behalten. Ein Sturm verschlug das Schiff nach Cyrenä, welches damals unter Königen stand. Als den Magius, weil er sich hier zur Bildsäule des Königs Ptolemäus rettete, seine Wache von da nach Alexandrien zum Ptolemäus IV. Philopator. Ptolemäus hatte bringen müssen, so wurden ihm auf seinen Bericht, daß er gegen die Bedingung im Vertrage vom Hannibal in Ketten gelegt sei, seine Fesseln abgenommen, und ihm freigestellt, wohin er am liebsten wollte, nach Rom oder nach Capua, zurück zu gehen. Magius wandte dagegen ein: «In Capua sei er nicht sicher, und der Aufenthalt zu Rom werde ihm zu einer Zeit, in welcher zwischen Römern und Campanern Krieg sei, eher den Schein eines Überläufers, als eines Gastes geben. Er wolle nirgend lieber leben, als im Reiche dessen, den er für den Retter und Stifter seiner Freiheit ansähe.» 11. Unterdessen kam Quintus Fabius Pictor, der Römische Gesandte, von Delphi zurück und las die schriftlich aufgesetzte Antwort vor. Es waren darin die sämtlichen Divi quoque in eo erant.] – Dies quoque verwerfen Drakenborch, Doujat und Crevier. Die beiden letztern lesen statt dessen quique, welches ich übersetzt habe. Gottheiten angegeben, an die man sich in öffentlichen Gebeten, und wie man sich an sie wenden sollte. Dann hieß es ferner: «Wenn ihr darnach thut, ihr Römer, so werden eure Sachen ein besseres und günstigeres Ansehen gewinnen; eure öffentlichen Angelegenheiten mehr nach eurem Wunsche gehen, und der Sieg im Kriege wird auf Seiten des Römischen Volkes sein. Dem Pythischen Apollo sollt ihr, wenn ihr eures Stats Wohlfahrt beschaffet und ihn gerettet habt, von 19 euren erworbenen Vortheilen ein Geschenk senden; und von der Beute, ihrem Ertrage und den erkämpften Rüstungen ihm eine Verehrung darbringen. Vor Gottesverachtung sollt ihr euch bewahren.» Als er die Griechische Urformel in der Übersetzung vorgelesen hatte, setzte er hinzu: «Sobald er vom Orakel abgetreten sei, habe er sogleich allen diesen Gottheiten mit Weihrauch und Wein ein Opfer gebracht; auch habe es ihm der Vorsteher des Tempels zur Pflicht gemacht, so wie er bekränzt mit einem Lorberkranze vor dem Orakel erschienen sei, und die heilige Opferhandlung vollbracht habe, eben so im Kranze zu Schiffe zu gehen und ihn nicht eher abzulegen, bis er in Rom angelangt sei. Alle diese Befehle habe er mit größter Gewissenhaftigkeit und Pünktlichkeit vollzogen, und den Kranz zu Rom auf den Altar des Apollo niedergelegt.» Der Senat befahl, daß alle diese Opfer und öffentlichen Gebete je eher je lieber sorgfältig ausgerichtet werden sollten. Indeß man sich so zu Rom und in Italien beschäftigte, war Mago, Hamilcars Sohn, mit der Nachricht vom Siege bei Cannä zu Carthago angekommen. Sein Bruder hatte ihn nicht unmittelbar nach der Schlacht abgeschickt, sondern mehrere Tage in Italien zurückbehalten, um die Bruttischen und andere zu ihm übertretende Städte durch ihn in Besitz zu nehmen. Als er im Senate vorgelassen wurde, machte er von den Thaten seines Bruders in Italien diese Schilderung: «Er habe mit sechs Feldherren, von welchen vier – Consuln, ihrer zwei – Dictator und Magister Equitum gewesen wären, mit sechs consularischen Heeren, geschlagen; habe über zweimal hunderttausend Feinde getödtet, über funfzigtausend Gefangene gemacht. Von den vier Consuln habe er zwei erlegt; von den beiden übrigen habe sich der Eine mit einer Wunde, der Andre nach Verlust seines ganzen Heeres kaum mit funfzig Mann gerettet. Der Magister Equitum, der den Rang eines Consuls habe, sei völlig in die Flucht geschlagen; der Dictator gelte bloß deswegen, weil er nie eine Schlacht gewagt habe, für den 20 vorzüglichsten Feldherrn. Die Bruttier und Apulier, ein Theil der Samniten und Lucaner seien auf Punische Partei getreten. Capua, die Hauptstadt nicht bloß Campaniens, sondern nach der Schlacht bei Cannä, dem Todesstreiche der Römischen Macht, von ganz Italien, habe sich dem Hannibal ergeben. Es sei Pflicht, für diese so großen und so vielen Siege den unsterblichen Göttern den Dank der Feier und der Herzen darzubringen.» 12. Zur Beglaubigung dieser so erfreulichen Nachrichten ließ er im Vorzimmer des Rathhauses die goldnen Ringe ausschütten, die einen so großen Haufen ausmachten, daß sie, als man sie maß, nach der Angabe einiger Schriftsteller, drei und eine halbe Metze betrugen. Nach der wahrscheinlicheren Sage, die sich erhalten hat, war es nicht mehr als Eine Metze Eine solche Metze (modius) betrug etwa ⅔ eines Braunschweiger Himtens . Große hat seiner Übersetzung eine Berechnung beigefügt, um ungefähr auszumachen, wie viel Ringe der modius enthalten habe. Er giebt den modius zu 2 3 / 5  Berliner Metzen an. Wenn nun eine Berliner Metze 18 Rthlr. Kupferpfennige oder 4184 fasse, also 2 3 / 5  Metzen 13,478 einzelne Pfennige, und man dann annehme, daß zwei Pfennige mit einem Fingerringe gleichen Raum einnähmen, oder daß ein Gefäß halb so viel Ringe fasse, als Kupferpfennige, so müßte die Zahl der erbeuteten Ringe zwischen 6 und 7000 betragen haben. Die Ringe der Alten waren aber (nach Gorlaei Dactyliotheca) weit dicker, als unsere, und als Siegelringe hatten sie entweder einen größeren, beinahe plumpen, Kasten mit einer geschnittenen Gemme, oder doch ein Petschaft im Golde; so daß ich glaube, es möchten kaum wohl 12 unsrer Pfennige hinreichen, den Raum eines solchen Siegelringes auszufüllen. Nähmen wir indeß 12 Pfennige für den Raum eines solchen dicken Ringes an, so würden nach Große etwa 1000 Ringe in den Modius gehen, also auf die 3½ modios, die der Römer Livius der Angabe einiger Schriftsteller nicht gern glauben möchte, 3500 Ringe, eine Summe, wodurch die oben Cap. 49. von mir angegebene Zahl von 3700 gefallenen Rittern nicht unwahrscheinlich gemacht wird. . Dabei bemerkte er ausdrücklich, um sie auf eine so viel größere Niederlage schließen zu lassen, daß dieses Ehrenzeichen nur von Rittern, und zwar von den Vornehmsten, getragen werde. Im Ganzen ging seine Rede dahin: «Je näher man der Hoffnung sei, den Krieg zu beenden., je mehr müsse man den Hannibal aus allen Kräften unterstützen. Denn der Schauplatz des Krieges sei weit von der Heimat, mitten im Lande der Feinde. Es gehe viel Getreide, viel Geld 21 darauf; und so wie die vielen Schlachten die feindlichen Heere vertilgt hätten, so hätten sie doch auch die Truppen des Siegers um Etwas verkleinert. Also müsse man ihm Verstärkung schicken; und Geld und Getreide zur Löhnung für Krieger schicken, welche sich um den Punischen Namen so hochverdient gemacht hätten.» Als sie durch diesen Bericht des Mago Alle sehr erheitert waren, so sprach Himilco, einer von der Barcinischen Partei, der die Gelegenheit nutzen wollte, dem Hanno Eins zu versetzen: «Wie nun, Hanno? Bist du noch immer nicht mit dem gegen Rom unternommenen Kriege zufrieden? Dring doch auf Hannibals Auslieferung! untersage uns, den unsterblichen Göttern für so erfreuliche Schickungen unsern Dank darzubringen! Laßt uns doch einmal dem Römischen Senator im Carthagischen Rathhause zuhören!» Und Hanno erwiederte: «Ich hätte heute geschwiegen, versammelte Väter, um nicht bei der allgemeinen Freude etwas vorzutragen, was euch nicht so angenehm sein möchte. Wenn ich aber jetzt einem Senator auf seine Frage, ob ich noch immer mit dem gegen Rom unternommenen Kriege unzufrieden sei, nicht antwortete, so würde ich entweder den Übermüthigen, oder den Knechtischen spielen: und jenes gehört nur für den Mann, der Anderer; dieses für den, der seiner eignen Freiheit uneingedenk ist. Ich muß also dem Himilco antworten; und zwar, daß ich noch nicht aufgehört habe, mit dem Kriege unzufrieden zu sein, und auch nicht eher aufhören werde, eurem unbesiegbaren Feldherrn Vorwürfe zu machen, bis ichs erlebe, daß der Krieg unter einigermaßen leidlichen Bedingungen geendigt ist: und nichts Andres, als ein neuer Friede, wird meiner Sehnsucht nach dem alten ein Ziel setzen. Jene Verhältnisse, mit denen Mago so eben geprahlt hat, sind allerdings einem Himilco und den übrigen Trabanten Hannibals schon jetzt erfreulich. Auch mir können sie erfreulich sein, weil erworbene Vortheile des Krieges, wenn wir unser Glück benutzen wollen, uns einen billigeren Frieden 22 verschaffen werden. Denn wenn wir diese Zeit vorbeigehen lassen, in der wir uns den Schein geben können, den Frieden mehr zu ertheilen, als anzunehmen, so fürchte ich, daß auch diese Freude für uns zu üppig werde und uns verloren gehe. Und doch von welcher Beschaffenheit ist sie denn, selbst jetzt? ««Ich habe die feindlichen Heere niedergehauen: schickt mir Soldaten!»» Was sonst würdest du verlangen, wenn du der Geschlagene wärest? ««Ich habe zwei feindliche Lager erobert – – die doch wohl mit Vorräthen gefüllt waren – Gebt mir Lebensmittel und Geld!»» Was sonst könntest du dir erbitten, wenn du geplündert, wenn du aus deinem Lager gejagt wärest? Doch um nicht der Einzige zu sein, der das Alles so sonderbar findet, so mag mir jetzt – – denn da ich dem Himilco geantwortet habe, so habe ich nun auch das Recht und die Befugniß, wieder zu fragen – – entweder Himilco, oder Mago, die Frage beantworten: Einmal, da doch die Schlacht bei Cannä zur Vernichtung der Römischen Macht ausgefallen ist, und alle Welt weiß, daß ganz Italien abfällig ist, ob von den Latinischen Völkern auch wohl ein einziges sich für uns erklärt habe: zum andern, ob aus jenen fünfunddreißig Stadtbezirken auch wohl ein einziger Mensch zum Hannibal übergelaufen sei?» Als Mago beides verneinte, rief jener: «So haben wir denn der Feinde immer noch mehr als zuviel. Indeß wünschte ich wohl zu wissen, wie es jetzt um den Muth, um die Hoffnungen einer noch so großen Menge stehen mag.» 13. Als Mago sagte, das sei ihm unbekannt, so erwiederte Hanno: «Und nichts läßt sich leichter wissen. Haben die Römer irgend jemand mit Friedensvorschlägen an Hannibal gesandt? Habt ihr Nachricht, daß man zu Rom des Friedens im mindesten erwähnt habe?» Als Mago auch dieses verneinte, so fuhr jener fort: «So haben wir denn den Krieg völlig noch so vor uns, als wir ihn an jenem Tage hatten, wie Hannibal nach Italien hinüberging. Die meisten von uns Jetztlebenden erinnern sich dessen noch, wie wechselnd für die Römer 23 der Sieg im ersten Punischen Quam varia victoria priore Punico bello.] – Um einen Punischen Rathsherrn vom Punischen Kriege reden lassen zu können,. den er eigentlich einen Römischen nennen müßte, habe ich die Worte « für die Römer » eingeschoben. Richtet er sich doch auch nachher in der Berechnung der Jahre nach Römischen Consuln. Gronov wollte entweder das Wort Punico wegstreichen, oder doch statt dessen Romano, oder pugnatum, oder Italico lesen. Vielleicht hatte Livius geschrieben: Quam varia victoria P. R. PRIORE Punico bello fuerit. Und statt populi Romani zu lesen, gab der Abschreiber das erste P. R. wegen des folgenden P. R. für einen Schreibfehler an. Daß aber Livius einen Punischen Rathsherrn sagen lässet: Wie sehr im ersten Kriege mit uns der Sieg der Römer wechselte – ist in sofern sehr richtig, weil die Römer am Ende Sieger blieben. – Eben so fiel XXIII. 33. 7. in den Worten populumque Romanum Praetor – in einigen Msc. wegen des folgenden PR in praetor das voraufgehende pop. q. Rom. weg, in andern wegen des voraufgegangenen PqR das Wort praetor. Man sehe dort Drakenb. Soll mein vorgeschlagenes P. R. nicht gelten, so gilt die Entschuldigung, die Hr.  Walch p. 216. ganz mit meiner Zustimmung angiebt. Kriege war. Nie hatten unsre Sachen zu Lande und zu Meere ein günstigeres Ansehen, als in dem Jahre vor dem Consulate des Cajus Lutatius und Aulus Postumius. Unter den Consuln Lutatius und Postumius wurden wir bei den Ägatischen Inseln die Besiegten. Gesetzt; das Glück würde – was die Götter verhüten mögen! – auch jetzt wieder wankend, hoffet ihr alsdann Frieden, wenn wir besiegt werden, den uns niemand giebt, da wir siegen? Ich meines Orts würde, wenn mich jemand über den Frieden befragen sollte, ob dieser dem Feinde anzubieten oder von uns anzunehmen sei, ihm meine Meinung sogleich angeben können: wenn ihr aber bloß unser Gutachten über Mago's Forderungen verlangt, so glaube ich, daß es nicht nöthig sei, Siegern etwas zu schicken, und sollten sie uns durch falsche und leere Hoffnungen täuschen, so muß ihnen, meiner Meinung nach, noch so viel weniger etwas geschickt werden.» Hanno's Rede machte nur auf Wenige Eindruck. Denn theils nahm seine Feindschaft gegen die Barcinische Familie seinen Behauptungen das Gewicht, theils hatten sie, so eben von der Freude bestochen, für Alles, was ihre frohe Stimmung hätte vereiteln können, kein Gehör: ja sie glaubten, dem Kriege bald sein Ende geben zu können, wenn sie sich nur einigermaßen anstrengen wollten. 24 Also wurde mit großer Übereinstimmung der Senatsschluß ausgefertigt, daß dem Hannibal (vier und) zwanzigtausend Hannibali quatuor Numidarum millia.] – Drakenb. bemerkt aus Cap. 32. daß dort dem Hannibal statt der hier decretirten 4000 Numider nur 1500 und statt der 40 Elephanten nur 20 zugesandt werden, also Alles in kleineren Summen, als sie nach dem in der ersten Freude abgefaßten Beschlusse sein sollten. Dort werden aber auch 12,000 Mann Fußvolk angegeben. Es ist also an unsrer Stelle die decretirte größere Summe des Fußvolks weggefallen. Er will so lesen: ut Hannibali viginti peditum, quatuor Numidarum millia u. s. w. Nähme man an, daß Livius geschrieben habe, ut Hannibali quatuor et viginti peditum, quatuor Numidarum millia; so ergäbe sich daraus noch anschaulicher, wie die Abschreiber aus dem Einen quatuor ins Andre hinüberlasen und die Worte dazwischen wegfielen. In den nachfolgenden Worten multa talenta folge ich mit Gronov u. Drakenb. der Verbesserung des Muretus: MVCta; Crevier will zwar aus Cap. 32. mille talenta lesen. Allein auch darum, weil in unserm Cap. alle Summen größer sind, als dort, ziehe ich des Muretus Lesart, die ohnehin den Buchstaben nach so viel für sich hat, Creviers Vermuthung vor. Mann Fußvolk, viertausend Numider als Ergänzungstruppen geschickt werden sollten, ferner vierzig Elephanten und tausend fünfhundert Talente Silbers. Vorläufig wurde mit dem Mago ein Dictator nach Spanien geschickt, um dort zwanzigtausend Mann zu Fuß und viertausend zu Pferde auszuheben, um mit diesen die Heere, sowohl das in Italien, als das in Spanien, zu ergänzen. 14. Übrigens ging man hiebei, wie das im Glücke der Fall zu sein pflegt, sehr saumselig und ungeschäftig zu Werke. Die Römer hingegen ließ, außer der ihnen eigenen Thätigkeit, auch ihr Unglück nicht zaudern. Der Consul betrieb jedes ihm obliegende Geschäft mit Eifer: Und der Dictator Marcus Junius Pera, nachdem er die Forderungen der Götter befriedigt, und, wie gewöhnlich, bei dem Gesamtvolke darauf angetragen hatte, daß er aufsitzen lassen dürfe, nahm außer den beiden Stadtlegionen, welche im Anfange des Jahres von den Consuln geworben waren, ferner außer den ausgehobenen Sklaven und den im Picenischen und in den Gallischen Gallicus ager hießen damals die Ländereien zwischen den Flüssen Äsis und Rubico, die den Senonischen Galliern abgenommen und an Römische Bürger vertheilt waren, Vergl. XXIV. 10. Crevier . Feldmarken aufgebrachten Cohorten, noch ein Mittel zu Hülfe, wie es 25 in einem beinahe aufgegebenen State die äußerste Noth gebietet, wann die Pflichtmäßigkeit dem Nutzen zu weichen pflegt, und machte öffentlich bekannt: «Er wolle alle diejenigen, die das Leben verwirkt hätten, alle, welche Schulden halber verurtheilt in Haft wären, wenn sie unter ihm Kriegsdienste nehmen würden, von Strafe und Schulden freisprechen lassen.» Sechstausend solcher Menschen rüstete er mit den erbeuteten Gallischen Waffen aus, die man bei dem Triumphe des Flaminius durch die Straßen getragen hatte. Und so brach er mit einem Heere von fünfundzwanzigtausend Mann aus der Stadt auf. Als Hannibal nach der Besitznehmung von Capua abermals auf die Gesinnung der Neapolitaner durch Verheißungen und durch Drohungen einen vergeblichen Versuch gemacht hatte, führte er sein Heer in das Gebiet von Nola hinüber, mit dem Vorsatze, so wie er nicht gleich feindlich verfahren wollte, weil er die Hoffnung auf ihren freiwilligen Beitritt noch nicht aufgab, sie aber auch alle möglichen Drangsale und Beängstigungen fühlen zu lassen, wenn sie seiner Hoffnung nicht entsprächen. Der Senat und besonders die ersten Glieder desselben beharreten im Römischen Bunde mit aller Treue: das Volk war, wie das gewöhnlich der Fall ist, ganz für die neue Veränderung und für den Hannibal, und sah im Geiste schon die zu besorgende Verheerung der Ländereien und die mancherlei drückenden und empörenden Übel, die es in der Belagerung zu erdulden haben würde. Auch fehlte es an Ermunterern zum Abfalle keinesweges. Dem Senate, welcher schon besorgen mußte, er werde sich bei offenen Maßregeln der aufstehenden Menge nicht widersetzen können, gelang es in der Stille, durch scheinbare Begünstigung Clam, secunda simulando, dilationem.] – Ich folge dieser von Stroth angenommenen Lesart. Das Wort secunda hat die besten Msc. für sich. das Übel aufzuschieben: er gab vor, er sei dem Übertritte zum Hannibal nicht abgeneigt, allein noch nicht über die Bedingungen einig, unter welchen man sich der neuen Verbindung und Freundschaft überlassen 26 wolle. Da er hierdurch Zeit gewann, schickte er eilends Gesandte an den Römischen Prätor Claudius Marcellus, der mit seinem Heere bei Casilinum stand, und unterrichtete ihn von der großen Gefahr, in welcher sich der Nolanische Stat befinde: das Land sei schon in Hannibals und der Punier Händen; die Stadt werde es, wenn keine Hülfe komme, nächstens auch sein. Nur dadurch, daß der Senat dem Volke seine Bereitwilligkeit zugestanden habe, abzufallen, sobald es wolle, habe er es noch bewirkt, daß es sich mit dem Abfalle nicht übereilt habe. Marcellus, der den Nolanern ihr Lob ertheilte, hieß sie unter eben dem Scheine bis zu seiner Ankunft die Sache hinhalten; und bis dahin sich weder von den Verhandlungen mit ihm, noch von einer Hoffnung auf Römische Hülfe das Mindeste merken zu lassen. Er brach von Casilinum nach Calatia auf, und kam vermittelst eines Übergangs über den Strom Vulturnus, durch das Gebiet von Saticula und Trebula, auf jener Seite von Suessula, über die Gebirge nach Nola . 15. Kurz vor der Ankunft des Römischen Prätors verließ der Punische Feldherr das Nolanische Gebiet, und ging in die Nähe von Neapolis, an das Meer hinab, nicht ohne den Wunsch, sich einer Seestadt zu bemächtigen, wo die Schiffe aus Africa sicher einlaufen könnten. Als er aber vernahm, daß Neapolis ein Römischer Oberster besetzt habe, – dieser war Marcus Junius Silanus, den die Neapolitaner selbst hereingerufen hatten – zog er, da er Neapolis eben so, wie Nola, aufgab, vor Nuceria. Diese Stadt brachte er nach längerer Einschließung unter öfteren Stürmen und vergeblichen Versuchen, bald die Bürger, bald die Vornehmen zu gewinnen, endlich durch Hunger zur Übergabe, mit dem Versprechen, jeden mit Einem Rocke und ohne Waffen abziehen zu lasen. Darauf bot er, weil er im Anfange gegen alle Italier, mit Ausnahme der Römer, der Gütige scheinen wollte, allen denen, welche bleiben und bei ihm Kriegsdienste nehmen würden, Belohnungen und Ehrenstellen an. Allein es ließ sich keiner durch diese Aussicht 27 halten. Sie verliefen sich Alle, wohin jeden entweder geknüpftes Gastrecht, oder zufälliger Antrieb führte, in die Städte Campaniens, meistens nach Nola und Neapolis. Gegen dreißig Senatoren, und gerade alle die Vornehmsten, die auf Capua gegangen waren, wandten sich, da man sie hier deswegen abwies, weil sie dem Hannibal ihre Thore verschlossen hätten, nach Cumä. Die Beute in Nuceria wurde den Soldaten überlassen; die Stadt geplündert und verbrannt. Im Besitze von Nola sah sich Marcellus nicht sowohl durch seine Truppen gesichert, als durch die gute Gesinnung der Großen. Der Bürgerstand machte ihm Sorgen, und vorzüglich Lucius Bancius, der sich durch seine Beistimmung zu dem versuchten Abfalle und aus Furcht vor dem Römischen Prätor gedrungen fühlte, entweder seine Vaterstadt zu verrathen, oder, wenn es ihm hierzu an Gelegenheit fehlen sollte, zum Hannibal überzugehen. Er war ein feuriger junger Mann und unter den Bundesgenossen seiner Zelt beinahe der angesehenste Ritter. Bei Cannä war er in einem Haufen Erschlagener halbtodt gefunden, und Hannibal, der ihn unter milder Pflege heilen ließ, hatte ihn sogar mit Geschenken nach Hause entlassen. Erkenntlich für dies Verdienst um ihn hatte er den Hannibal zum Herrn und Besitzer von Nola machen wollen: und die Spannung und Unruhe, mit welcher er die zu bewirkende Statsveränderung betrieb, blieb dem Prätor nicht unbemerkt. Da er nun entweder durch Hinrichtung unschädlich gemacht, oder durch Wohlthat gewonnen werden mußte, so wollte Marcellus einen tapfern und brauchbaren Bundesgenossen lieber zu sich herüberziehen, als ihn bloß dem Feinde genommen haben, ließ ihn rufen und sagte nach einer freundlichen Anrede: «Daß du unter deinen Landsleuten viele Neider haben müssest, läßt sich schon daraus leicht abnehmen, daß mir noch kein geborner Nolaner je davon gesagt hat, wie zahlreich deine Auszeichnungen im Kriege waren. Wer aber in einem Römischen Lager gedient hat, dessen Tapferkeit kann nicht im Dunkel bleiben. Ihrer viele, die mit 28 dir zugleich im Dienste standen, lassen mich erfahren, was für ein Mann du bist, und wie großen und wiederholten Gefahren du zur Erhaltung und Ehre des Römischen States dich aussetztest; und wie du in der Schlacht bei Cannä nicht eher aufhörtest zu fechten, bis du beinahe verblutet, unter dem Gewühle über dich hinstürzender Männer, Rosse und Waffen begraben lagst. Fahr also fort,» setzte er hinzu, «so brav zu sein. Bei mir kannst du jeder Ehre, jeder Belohnung entgegen sehen: und je öfter du um mich sein wirst, je inniger wirst du überzeugt werden, daß dir dieser Umgang zur Ehre und zum Vortheile gereiche.» Und nun beschenkte er den über diese Zusagen erfreuten jungen Mann mit einem auserlesenen Pferde, rief dem Schatzmeister zu, ihm fünfhundert Silberdenare Etwa 150 Gulden Conv. M. auszuzahlen, und gebot seiner Wache, so oft er zu ihm kommen wolle, ihn einzulassen. 16. Diese Leutseligkeit des Marcellus versetzte den jungen Mann aus seinem Trotze in eine so milde Stimmung, daß sich nachher unter allen Bundsgenossen keiner der Sache Roms kräftiger und treuer annahm Quum Hannibal ad portas.] – Ich mußte meiner Überzeugung nach hier die Interpunction ändern; den Satz quum Hannibal etc. mit dem vorigen zusammenhängen und hinter spectaret ein Punctum setzen. Wenn hier stände, Marcellus sub adventum. h. intra m. se receperat, so könnte die alte Abtheilung unangefochten bleiben. Allein da es heißt: quum Hannibal ad portas esset, so kann die Zeit sub adventum eius nicht als nachfolgend gedacht werden, noch weniger also das recepit se sub adventum hostium Marcellus intra muros. Geht aber mit Marcellus ein neues Punctum an, so ist es unnöthig, das tempus in recepit zu ändern. Eben so macht es Crevier XXIV. 15, 7. , als selbst Hannibal vor den Thoren stand – denn er hatte sein Lager von Nuceria wieder nach Nola verlegt – und die Nolanischen Bürger von neuem einem Abfalle entgegen sahen. Marcellus zog sich gegen die Ankunft der Feinde in die Mauern zurück, nicht aus Mistrauen auf seinen Stand im Lager, sondern um denen, welche nur darauf warteten, die Stadt verrathen zu können – und ihrer waren nur zu viele – die Gelegenheit zu benehmen. Von nun an stellten sich die Linien auf beiden Seiten, 29 die Römische zum Schutze Nola's vor dessen Mauern, die Punische vor ihrem Lager. Darüber kam es zwischen der Stadt und dem Lager zu kleinen Gefechten, und zwar mit wechselndem Erfolge; da die Heerführer denen, welche ohne Plan in kleiner Anzahl sich herausforderten, eben so wenig steuern, als zur allgemeinen Schlacht das Zeichen geben wollten. Bei dieser fortdauernden Stellung beider Heere meldeten die vornehmsten Nolaner dem Marcellus: «Es komme zwischen ihren Bürgern und den Puniern zu nächtlichen Unterredungen: und jene hätten sich vorgenommen, wenn das ausgerückte Römische Heer von den Thoren abzöge, den schweren Nachzug und das Gepäck zu plündern, dann die Thore zu schließen und die Mauern zu besetzen, um sofort, wenn ihr Verhältniß und ihre Stadt von ihnen selbst abhinge, statt der Römer die Punier einzulassen.» Marcellus, der bei dieser Mittheilung den Nolanischen Senatoren mit Lobeserhebungen dankte, entschloß sich, ehe noch eine Bewegung von innen ausbräche, eine Schlacht zu wagen. An den drei zum Feinde führenden Thoren stellte er sein Heer in drei Abtheilungen zum Treffen, ließ das Gepäck nachfolgen, und die Holzknechte, Marketender und zum Gefechte Unbrauchbaren mußten Schanzpfähle tragen. An dem mittelsten Thore gab er seinen tapfern Legionen und der Römischen Reuterei ihren Platz, an den beiden Thoren zur Seite den Neugeworbenen, den Leichtbewaffneten und der Reuterei der Bundsgenossen. Den Nolanern wurde verboten, sich den Mauern und Thoren zu nähern; und dem Gepäcke eine eigne Bedeckung zugegeben, um es so, während die Legionen das Treffen beschäftigte, vor jedem Anfalle zu sichern. So standen sie innerhalb der Thore in Schlachtordnung. Den Hannibal, der so, wie seit mehreren Tagen, bis tief in den Tag schlagfertig in Linie gestanden hatte, nahm es anfangs Wunder, daß eben so wenig ein Römisches Heer ausrückte, als auf den Mauern ein Bewaffneter sich sehen ließ. Dann schickte er, in der Vermuthung, seine Unterredungen möchten den Römern 30 verrathen sein, und ihre Besorgniß sie in der Stadt zurückhalten, einen Theil seiner Soldaten mit dem Befehle ins Lager zurück, alle zum Sturme auf die Stadt nöthigen Werkzeuge sogleich an die Spitze des Heeres zu liefern; nicht ohne die sichere Erwartung, daß während seines Andringens auf die Zögernden das Volk in der Stadt einen Aufstand erregen werde. Indem nun Alle im Vordertreffen, zu ihren verschiedenen Verrichtungen sich vertheilend, durch einander eilten und die Linie sich gegen die Mauer in Bewegung setzte, ließ Marcellus nach plötzlich geöffnetem Thore die Trompeten blasen, zugleich ein Schlachtgeschrei erheben, und das Fußvolk voran, ihm nach die Reuterei, in möglichst heftigem Ansturze, auf den Feind hervorbrechen. Schon hatten sie Schrecken und Verwirrung genug in das Mitteltreffen hineingetragen, als aus den beiden Thoren zur Seite die Legaten Publius Valerius Flaccus und Cajus Aurelius auf die feindlichen Flügel hervorstürzten. Die Marketender und Holzknechte und der übrige dem Gepäcke als Bedeckung zugegebene Schwarm verstärkten das Geschrei, so daß die Punier, denen der Feind hauptsächlich seiner geringen Anzahl wegen verächtlich war, plötzlich ein großes Heer zu sehen glaubten. Kaum wage ich es, zu behaupten, was einige berichten, daß zweitausend achthundert Feinde blieben, und die Römer nicht über fünfhundert verloren. Mag der Sieg so groß, oder kleiner gewesen sein, so wurde an diesem Tage wenigstens eine große, ich möchte fast sagen, in diesem Kriege die größte That bewerkstelligt: denn vom Hannibal nicht besiegt zu werden, war dasmal für die Sieger eine schwerere Aufgabe, als späterhin die, ihn zu besiegen. 17. Als Hannibal nach vereitelter Hoffnung, Nola zu gewinnen, sich auf Acerrä zurückgezogen hatte, stellte Marcellus sogleich bei verschlossenen Thoren und vertheilten Wachen, welche niemand aus der Stadt lassen durften, auf dem Gerichtsplatze eine Untersuchung über diejenigen an, welche sich mit den Feinden in geheime Unterredungen eingelassen hatten, ließ über siebzig des 31 Verraths schuldig befundene mit dem Beile enthaupten und erklärte ihre Güter für dem Römischen Stat verfallen: und nachdem er die Regierung der Nolaner ihrem Senate übergeben hatte, brach er mit seinem ganzen Heere auf und nahm in einem oberhalb Suessula aufgeschlagenen Lager seinen Stand. Hannibal, der bei seinem zuerst angestellten Versuche, die Einwohner von Acerrä zur freiwilligen Übergabe zu bereden, sie unbeweglich fand, schritt nun zur Einschließung und Bestürmung. Allein die Acerraner hatten mehr Muth als Gegenkraft. Wie sie also ihre Mauern umpfählen sahen, flüchteten sie, aus Verzweiflung, die Stadt behaupten zu können, ehe noch die feindlichen Ringwerke sich schlossen, da sie durch die offen gelassenen oder unbesetzt gebliebenen Stellen des Walles in später Nacht sich durchschlichen, auf gangbaren und ungangbaren Wegen, wo eigne Wahl oder Verirrung jeden hinführte, in solche Städte Campaniens, über deren Beharrlichkeit auf ihrer Partei sie völlig gewiß waren. Als dem Hannibal, nachdem er Acerrä geplündert und verbrannt hatte, die Nachricht gebracht wurde, die Besatzung zu Casilinum suche den Römischen Dictator mit den neuen Legionen an sich zu ziehen, so führte er, damit nicht bei einer solchen Nähe des feindlichen Lagers selbst Capua unruhig würde Ne quis – – Capuam quoque recurrat.] – In dieser verunglückten Stelle, die Drakenborch so gegeben hat, wie er sie fand, lieset der Codex Puteanus: ne quis – Capuae quoque orere currunt. Ich dachte an: ne quis – Capuae quoque terror incuteretur. Weil aber Gronov lieset entweder: ne quid – Capuae quoque moveretur, oder ne quis – Capuae quoque oreretur motus (ich wünschte lieber metus) so habe ich ungefähr nach Gronovs Sinne übersetzt. , sein Heer vor Casilinum . Casilinum war damals von fünfhundert Pränestinern und einigen wenigen Römern und Latinern besetzt, welche die Nachricht von der Cannensischen Niederlage hieher getrieben hatte. Als sie nämlich nach zu spätem Aufbruche aus ihrer Heimat – denn die Werbung war zu Präneste nicht auf den bestimmten Tag beendet gewesen – zu Casilinum vor dem Gerüchte von jener 32 Niederlage angekommen waren; so veranlassete sie, da sie in Vereinigung mit andern Römern und Bundsgenossen in einem ziemlich starken Kohre von Casilinum weiter zogen, die Nachricht von der Cannensischen Schlacht, wieder nach Casilinum umzukehren. Da sie hier eben so sehr bei den Campanern in Verdacht, als vor ihnen in Furcht, und unter gegenseitiger Aufmerksamkeit auf die zu umgehenden, oder auf die zu legenden Schlingen, mehrere Tage hingebracht hatten, und nun schon als völlig gewiß erfuhren, daß Capua seines Übertritts wegen unterhandle und den Hannibal aufnehme; so ermordeten sie bei Nacht diejenigen Bürger, die ihnen verdächtig waren Satis pro certo hab uere, interfectis nocte.] – Duker und Crevier bemerken beide aus Cap. 19. daß nicht alle Casiliner von der Römischen Besatzung getödtet wurden, sondern daß sie in Vertheidigung der halben Stadt den Römern sogar behülflich waren. Hierzu kommt, daß die meisten Msc. und Edd. habuere lesen, viele habere, eins haberent. Ich glaube, haberent und habuere sind beide recht, und Livius habe so geschrieben: satis pro certo haberent; quos suspectos habuere, interfectis nocte oppidanis etc. Die Lesart habere entstand, weil der Abschreiber an das habe von haberent, die Endigung re von habuere anhängte, und das dazwischen stehende dann ausfallen mußte. , und bemächtigten sich der Stadt, so weit sie diesseit des Vulturnus liegt; denn von diesem wird sie getheilt: und aus ihnen bestand die Römische Besatzung zu Casilinum. Hierzu gesellte sich noch eine Perusinische Cohorte von vierhundert und sechzig Mann, die ebenfalls auf jene Nachricht, wie wenig Tage zuvor die Pränestiner, ihre Zuflucht nach Casilinum nahmen. Und so war die Mannschaft zur Behauptung eines so kleinen Platzes, den noch dazu auf Einer Seite der Strom deckte, ungefähr stark genug; ja der Mangel an Getreide machte, daß der Menschen nur zu viel zu sein schienen. 18. Als sich Hannibal der Stadt schon näherte, schickte er die Gätuler mit ihrem Obersten, Namens Isalcas, vorauf, und hieß sie, wenn man sich auf eine Unterredung einließe, die Einwohner zuerst mit guten Worten zur Öffnung der Thore und Einnahme einer Besatzung bereden; wenn sie aber im Trotze beharreten, Gewalt gebrauchen, und versuchen, ob sie auf irgend einer Seite in die 33 Stadt eindringen könnten. Als sie an die Mauern rückten, glaubten sie wegen der herrschenden Stille, die Stadt sei menschenleer; und der fremde Oberste, in der Meinung, man habe sie aus Furcht geräumt, wollte schon die Thore einschlagen lassen und die Schlösser sprengen, als aus den plötzlich sich öffnenden Thoren die beiden in dieser Absicht inwendig schon gestellten Cohorten mit lautem Getöse hervorstürzten und unter den Feinden eine große Niederlage anrichteten. Selbst Maharbal, der nach diesem unglücklichen Versuche des Vortrabes mit einem größeren Haufen besserer Truppen anrücken mußte, konnte dem Ausfalle der Cohorten nicht widerstehen. Endlich mußte sich Hannibal, der ihnen vor den Mauern sein Lager entgegenstellte, darauf einlassen, gegen eine so kleine Stadt und gegen dies kleine Kohr alle seine Mittel und Truppen aufzubieten. Und da er ihnen mit seinem rings um die Mauern aufgestellten Kreise zusetzte und gegen sie anstürmte, verlor er mehrere und zwar die besten seiner Leute, die man ihm von der Mauer herab und von den Thürmen erschoß. Einmal hatte er sie, da sie sogar einen Ausfall wagten, durch einen vorgeschobenen Trupp Elephanten beinahe abgeschnitten, und er trieb sie nach einem für ihre geringe Anzahl bedeutenden Verluste in voller Verwirrung in die Stadt zurück. Es würden noch mehr gefallen sein, wenn nicht die Nacht dem Gefechte ein Ende gemacht hätte. Am folgenden Tage beseelte Hannibal die sämtlichen Belagerer mit neuem Eifer, hauptsächlich dadurch, daß er einen goldenen Mauerkranz als Preis aussetzte, und er selbst, als ihr Oberfeldherr, den Eroberern Sagunts , die er einzeln und insgesamt an Cannä, an den Trasimenus, an den Trebia erinnerte, aus der zögernden Belagerung eines elenden flach gelegenen Örtchens einen Vorwurf machte. Nun wurden auch Annäherungshütten und Erdgänge angelegt: allein es fehlte hier zur Vereitlung jedes feindlichen Unternehmens weder an Tapferkeit noch an Gewandtheit. Gegen die Annäherungshütten legten die Römischen Bundsgenossen Außenwerke an; die feindlichen Erdgänge 34 gruben sie durch Quergänge ab, und wußten jedem offenbaren und geheimen Versuche zu begegnen; bis endlich Hannibal aus Scham von der Unternehmung abstand, und um nicht den Schein zu haben, als sei das Ganze aufgegeben, nach Befestigung seines Lagers und mit Hinterlassung eines mäßigen Kohres, nach Capua in die Winterquartiere zog. Hier legte er, den größern Theil des Winters über, sein Heer in die Häuser, das bei aller wiederholten und langen Abhärtung gegen jede menschliche Noth, doch mit dem Wohlleben unbekannt und unverträglich war. Eben den Leuten also, welche kein Druck der Noth überwältigt hatte, wurden die gar zu guten Tage und die übermäßigen Vergnügungen verderblich, und dies um so viel mehr, je begieriger sie sich nach der Ungewohnheit in dieselben hineinstürzten. Denn durch Schlaf, Wein, Gastereien, Unzucht, Bäder und eine mit jedem Tage behaglichere Unthätigkeit wurden sie an Körper und Geist so entnervt, daß nachher mehr ihre ehemaligen Siege sie deckten, als wirkliche Stärke, und ihrem Feldherrn von Kennern der Kriegskunst dies zum größeren Fehler angerechnet wird, als daß er sie nicht sogleich nach der Cannensischen Schlacht vor Rom führte. Denn durch jene Zögerung konnte er den Sieg bloß verschoben zu haben scheinen, durch diesen Misgriff sich selbst die Kraft zum Siege geraubt zu haben. Und in der That fand sich, gleich als bräche er von Capua mit einem andern Heere auf, nirgend mehr eine Spur der alten Zucht. Theils kehrten sie wieder um, meistens in liederliche Verbindungen verwickelt; theils wurden sie, als sie nun wieder unter Zelten ausdauern mußten, und der Marsch nebst andern Beschwerlichkeiten des Kriegerlebens an die Reihe kam, gleich den jüngsten Soldaten ohnmächtig und muthlos: auch verlief sich, so lange der Sommerfeldzug dauerte, ein großer Theil ohne Urlaub von den Fahnen; und der Schlupfwinkel für solche Ausreißer war jedesmal Capua . 19. Übrigens rückte Hannibal, als der Winter schon nachließ, mit seinem Heere aus den Winterquartieren 35 wieder vor Casilinum. Hier hatte man freilich die Bestürmung so lange ausgesetzt; allein bei der fortwährenden Einschließung litten die Bürger und Besatzung den äußersten Mangel. Im Römischen Lager hatte Tiberius Sempronius den Oberbefehl, weil der Dictator, die Götterleitung zu erneuern, nach Rom gereiset war. Den Marcellus, der eben so den Belagerten zu Hülfe zu kommen wünschte, hielten in Nola theils der stark angeschwollene Vulturnus fest, theils die Bitten der Einwohner und Acerraner, die von den Campanern, sobald die Römische Besatzung sich entfernte, zu fürchten hatten. Gracchus, der bei Casilinum bloß still saß, unternahm nichts, weil ihn der Dictator ausdrücklich gewarnt hatte, sich in seiner Abwesenheit auf Nichts einzulassen, obgleich von Casilinum Dinge gemeldet wurden, die auch der höchsten Ausdauer zu schwer werden mußten. Man wußte, daß sich verschiedene, der Qual des Hungers zu entgehen, in den Strom gestürzt hatten, daß sie sich ohne Waffen auf die Mauern stellten, und sich unbedeckt den Geschossen zum Ziele darboten. So empfindlich dies dem Gracchus war, so konnte er doch nichts weiter thun, da er gegen des Dictators Befehl keine Schlacht wagen durfte (er sah aber, ohne Gefecht ließ sich kein Getreide geradezu hineinschaffen) und heimlich es hineinzubringen sich nicht hoffen ließ, als daß er aus den Dörfern rund umher Korn zusammenfahren, dieses auf eine Menge Fässer laden und der Obrigkeit nach Casilinum hineinsagen ließ, sie möchten die mit dem Strome kommenden Fässer auffangen. In der nächsten Nacht, als sie Alle dem Strome und der von dem Römischen Boten ihnen gemachten Hoffnung entgegen sahen, kamen auf dem Flusse die in seiner Mitte fortgeschwemmten Fässer angeschwommen; und das Getreide wurde unter Alle zu gleichen Theilen ausgegeben. So ging es am folgenden, auch am dritten Tage wieder. Bei Nacht erfolgte die Absendung und die Ankunft: nur dadurch blieben sie den feindlichen Posten unentdeckt. Nun aber trieb der durch anhaltende Regengüsse reißender gewordene Strom in seitwärts 36 auslaufenden Strudeln die Fässer an das von den Feinden besetzte Ufer. Hier wurde man sie gewahr, da sie in dem am Ufer wachsenden Weidengesträuche hangen geblieben waren. Es wurde dem Hannibal gemeldet, und seitdem genauer Acht gegeben, so daß ihnen von allem, was der Vulturnus der Stadt zuführen sollte, nichts entgehen konnte. Und doch fing man zu Casilinum Wallnüsse, die bei dem Römischen Lager in den Strom geschüttet wurden und mitten in seinem Bette geschwommen kamen, mit Flechtwerk auf. Zuletzt stieg die Noth so hoch, daß sie sich daran machten, Riemen und von den Schilden gerissene Häute zu kochen und zu essen, sich nicht vor Mäusen und allen andern Thieren ekelten, und alle Arten von Kräutern und Wurzeln unten am Erddamme der Mauer ausrodeten: ja, da die Feinde jeden Grasfleck außerhalb der Mauer umgepflügt hatten, warf man von oben Rübesamen hinein, so daß Hannibal ausrief: «So lange soll ich noch vor Casilinum liegen, bis daraus Rüben werden?» Und Er, der vorher von keiner Unterhandlung hatte hören wollen, verstand sich nun endlich dazu, einen Antrag wegen Loskaufung der Freigebornen anzunehmen. Der Preis, zu dem man übereinkam, betrug für Jeden sieben Unzen Goldes Nach Crevier etwa 182 Gulden unsrer Conv. M. . Nach erhaltener eidlichen Versicherung ergaben sie sich; wurden bis zu völlig berichtigter Zahlung in Verwahrung genommen, und dann der Zusage gemäß nach Cumä entlassen. Dies ist mehr begründet, als daß man sie bei ihrem Abzuge durch nachgeschickte Reuterei habe niederhauen lassen. Sie waren größtentheils Pränestiner. Von fünfhundert und siebzig Mann, welche dort als Besatzung gestanden hatten, nahm Schwert und Hunger beinahe die Hälfte weg: die übrigen kamen mit ihrem Prätor Manicio.] – Ich mache es mit diesem Manicius, wie man es ehedem mit dem Agellius machte: 1) weil Livius nachher eine Inschrift citirt, und in den Inschriften pflegt der Vorname nicht zu fehlen. Vergl. VI. 29. a. Ende; 2) weil Livius selbst B. XLIV. einen L. und einen Cn. Anicius anführt; 3) weil der von Drakenb. erwähnte M. Manicius oder Mannicius oder Manucius des Petronius theils keine historische Glaubwürdigkeit, theils keine critische Gewißheit hat. 4) Auch hat Pighius in seinen Annalen im J. 505 einen Q. Anicius Praenestinus u. im J. 506 einen M. Anicius. Marcus 37 Anicius – er war vorher Schreiber gewesen – wohlbehalten in Präneste wieder an. Hiervon gab ehemals sein Standbild die Anzeige, das ihm auf dem Markte zu Präneste errichtet, und unter der umhüllenden Toga gepanzert war, mit verschleiertem Haupte: so wie auch drei Bilder, und dabei auf einer Kupferplatte die Inschrift: « Marcus Anicius habe sie vermöge seines Gelübdes für die Errettung der Soldaten dargebracht, welche zu Casilinum in Besatzung gestanden.» Dieselbe Inschrift befand sich auch unter drei Bildern, die im Tempel der Fortuna aufgestellt waren. 20. Die Stadt Casilinum gab Hannibal den Campanern zurück, nachdem er sie mit einer Besatzung von siebenhundert Mann aus seinem Heere belegt hatte, damit sie nicht nach dem Abzuge der Punier von den Römern angegriffen würde. Den Pränestinischen Soldaten sprach der Römische Senat einen doppelten Sold zu und fünfjährige Freiheit vom Dienste. Da ihnen auch zum Lohne ihrer Tapferkeit das Bürgerrecht ertheilt wurde, nahmen sie den Tausch nicht an. Die Nachrichten über das Schicksal der Perusiner haben für uns mehr Dunkles, weil uns hierüber weder ein Denkmal bei ihnen selbst, noch ein Römischer Statsbefehl Licht giebt. Damals wurden auch die Einwohner von Petelia, die vor andern Bruttiern dem Römischen Bunde treu geblieben waren, nicht bloß von den Carthagern, als damaligen Besitzern des Landes, sondern auch von den übrigen Bruttiern, weil sie es nicht mit ihnen gehalten hatten, angegriffen. Da sich die Peteliner gegen diese drohenden Stürme nicht stark genug fühlten, so schickten sie Gesandte nach Rom, sich Hülfe zu erbitten. Diese erregten durch ihre Bitten und Thränen – denn auf den erhaltenen Bescheid, daß sie sich selbst berathen möchten, ergossen sie sich im Vorsale des Rathhauses in wehmüthige Klagen – bei den Vätern und bei dem Volke ein 38 allgemeines Bedauren. Und als die Väter vom Prätor Manius Pomponius zum zweitenmale hierüber befragt wurden, gaben sie ihnen, da die angestellte Übersicht ihrer sämtlichen Statskräfte sie zu dem Geständnisse zwang, daß für so entfernte Bundsgenossen jetzt bei ihnen keine Hülfe zu haben sei, die Erklärung, sie möchten nach Hause gehen, und da sie ihrer Bundestreue völlig Genüge geleistet hätten, unter den jetzigen traurigen Umständen ihre Maßregeln für die Zukunft selbst nehmen. Auf diesen den Petelinern erstatteten Bericht ihrer Gesandten ergriff ihren Senat im ersten Augenblicke eine so große Betrübniß und Verzagtheit, daß Ein Theil der Meinung war, jeder müsse sich retten, wohin er könne und die Stadt preisgeben; ein anderer: da man von den alten Bundsgenossen verlassen sei, müsse man sich an die Bruttier anschließen und durch diese an den Hannibal ergeben. Doch behielt die Partei die Oberhand, welche dafür stimmte, nichts übereilt und aufs Gerathewohl zu thun, sondern die Sache von neuem zu überlegen. Nach genommener Frist bewirkten am folgenden Tage die Bessergesinnten im Senate, da die Bestürzung sich schon mehr gelegt hatte, daß die Stadt mit ihren Mauern, nach Einbringung der sämtlichen Vorräthe vom Lande, in Vertheidigungsstand gesetzt wurde. 21. Ungefähr um eben diese Zeit liefen zu Rom Briefe aus Sicilien und Sardinien ein. Der zuerst im Senate verlesene, des Proprätors Titus Otacilius, meldete aus Sicilien: «Der Prätor Publius Furius sei mit seiner Flotte aus Africa zu Lilybäum angekommen; sei aber selbst wegen seiner schweren Wunde in größter Lebensgefahr. Soldaten und Seeleute bekämen auf den Zahlungstag weder Sold noch Getreide; man wisse auch nicht, woher man es nehmen solle. Er empfehle den Vätern dringend, beides baldmöglichst zu übersenden: auch möchten sie ihm, wenn es ihnen gefällig sei, einen von den neuen Prätoren zum Nachfolger geben.» Fast dasselbe schrieb in Rücksicht des Soldes und Getreides der Proprätor Aulus Cornelius Mammula aus 39 Sardinien. Beide bekamen die Antwort: Es sei nichts da, wovon man schicken könne. Sie möchten selbst für ihre Flotten und Heere Rath schaffen. Titus Otacilius, der sich durch Abgeordnete an den Hiero, des Römischen Volkes vorzüglichen Helfer, wandte, erhielt von ihm so viel Geld, als er zum Solde nöthig hatte, und auf sechs Monate Getreide. Für den Cornelius legten die Städte der Bundsgenossen in Sardinien reichlich zusammen. Auch zu Rom wurden wegen Geldmangel auf den Vorschlag des Bürgertribuns Marcus Minucius drei Bankherren ernannt: Lucius Ämilius Papus, welcher Consul und Censor gewesen war, Marcus Atilius Regulus, welcher zweimal Consul gewesen war; und Lucius Scribonius Libo, damaliger Bürgertribun. Auch weiheten, als ernannte Zweiherren, die Atilier, Marcus und Cajus, den Tempel der Eintracht, welchen Lucius Manlius als Prätor gelobet hatte. Ferner wurden drei Oberpriester gewählt, Quintus Cäcilius Metellus, Quintus Fabius Maximus und Quintus Fulvius Flaccus, in die Stelle des verstorbenen Publius Scantinius, und des Consuls Lucius Ämilius Paullus und des Quintus Älius Pätus, welche beide in der Cannensischen Schlacht gefallen waren. 22. Nachdem die Väter die durch eine Reihe von Niederlagen herbeigeführten Verluste, so weit menschliche Klugheit reichte, wieder ersetzt hatten, nahmen sie endlich auch Rücksicht auf sich selbst, auf ihr menschenleeres Rathhaus und die geringe Anzahl derer, die im Statsrathe zusammenkamen. Denn seit den Censorn Lucius Ämilius und Cajus Flaminius war keine Senatorenwahl angestellt, obgleich die verlornen Schlachten so viele Senatoren und außerdem seit fünf Jahren eigne Sterblichkeit diesen und jenen weggerafft hatten. Als der Prätor Manius Pomponius – denn der Dictator war nach dem Verluste von Casilinum schon zum Heere abgegangen – dies auf einstimmige Anforderung zum Vortrage brachte, so sagte Spurius Carvilius, nachdem er in einer langen Rede nicht bloß über die Verarmung der Bürger, sondern auch über den Mangel an solchen geklagt hatte, aus 40 welchen Senatoren gewählt werden könnten, er müsse, wenn man den Senat ergänzen und das gesammte Latium noch enger mit Rom verbinden wolle, gar sehr dazu rathen, aus jeder Latinischen Völkerschaft zweien Senatoren, falls es die Römischen Väter genehmigten, das Bürgerrecht zu ertheilen und sie an die Stelle der Verstorbenen in den Senat aufzunehmen. Dieser Vorschlag fand bei den Vätern eine eben so ungünstige Aufnahme, als ehemals die Forderung der Latiner selbst; und da die Äußerungen ihres Unwillens im ganzen Rathhause laut wurden, und vorzüglich Titus Manlius sich vernehmen ließ: «Es fehle auch jetzt noch nicht an einem Manne aus jenem Stamme, aus welchem einst ein Consul auf dem Capitole gedrohet habe, jeden Latiner, den er im Rathhause erblicken würde, mit eigner Hand zu ermorden;» so sagte Quintus Fabius Maximus: «Noch nie sei im Senate irgend ein Gegenstand mehr zur Unzeit in Anregung gebracht, als jetzt dieser bei so schwankenden Gesinnungen und so unzuverlässiger Treue der Bundsgenossen berührte Punkt, der sie obenein noch reizen müsse. Eine so unüberlegte Äußerung eines Einzelnen müsse durch die Verschwiegenheit Aller vernichtet werden; und habe man je auf dem Rathhause irgend Etwas als Geheimniß oder Heiligthum zu verschweigen gehabt, so habe man dies vor allen andern zuzudecken, zu verheimlichen, zu vergessen, und als nie gesagt anzusehen.» Und so kam die Sache nicht weiter zur Sprache. Man beschloß, einen gewesenen Censor, und zwar den ältesten von den jetztlebenden gewesenen Censorn, zum Dictator ernennen zu lassen, um durch ihn die Senatorenwahl zu bewerkstelligen, und gab Befehl, zur Ernennung des Dictators den Consul Cajus Terentius kommen zu lassen. Als dieser aus Apulien mit Hinterlassung seines Kohrs in starken Tagereisen nach Rom zurückgeeilt war, ernannte er in der nächsten Nacht, wie es Sitte war, vermöge eines Senatsschlusses den Marcus Fabius Buteo auf sechs Monate zum Dictator ohne Magister Equitum. 23. Kaum hatte dieser mit seinen Lictoren die 41 Rednerbühne bestiegen, so erklärte er: «Er könne es eben so wenig billigen, daß man zwei Dictatoren auf einmal habe, was noch nie geschehen sei, als daß er Dictator ohne Magister Equitum sei; eben so wenig, daß man die Gewalt eines Censors einem Einzigen und zwar demselben Manne zum zweitenmale anvertraut, als daß man einem Dictator, wenn er nicht zur Kriegsführung ernannt sei, den Oberbefehl auf sechs Monate gegeben habe. Er wolle diese durch Schicksal, Zeitumstände und Noth herbeigeführten Übertreibungen wieder beschränken. Denn Einmal werde er keinen von denen aus dem Senate stoßen, welche von den Censorn Cajus Flaminius und Lucius Ämilius in den Senat aufgenommen wären: er werde bloß die Namen in die neue Liste umschreiben und vorlesen lassen, um nicht das Urtheil und die Entscheidung über den guten Namen und die Aufführung eines Senators einem Einzelnen anheim gestellt sein zu lassen: zum andern werde er die Plätze der Verstorbenen so besetzen, daß man sehen solle, er habe einem Stande vor dem andern, nicht aber einem Manne vor dem andern einen Vorzug eingeräumt.» Als er die Namen der alten Senatoren hatte verlesen lassen, nahm er nun zuerst diejenigen in die Stellen der Verstorbenen auf, welche nach den Censorn Lucius Ämilius und Cajus Flaminius ein Adelamt bekleidet hatten, aber noch nicht in den Senat aufgenommen waren, und zwar danach, wie jeder zuerst gewählt war: dann nahm er die, welche Bürgerädilen und Bürgertribunen, oder Quästoren gewesen waren: dann von denen, welche noch kein Amt bekleidet hatten, diejenigen, welche in ihrem Hause aufgehängte feindliche Rüstungen vorzeigen konnten, oder mit einem Bürgerkranze beschenkt waren. Als er so mit großem öffentlichen Beifalle hundert und siebenundsiebzig in den Senat aufgenommen hatte, legte er sogleich seine Dictatur nieder, und stieg als Privatmann, da er auch seinen Lictoren geboten hatte, von ihm abzutreten, von der Rednerbühne herab: dann mischte er sich in den Haufen derer, die in ihren eigenen 42 Angelegenheiten erschienen waren, so daß er absichtlich die Zeit hinbrachte, um nur nicht Schuld zu sein, daß das Volk, um ihn zu begleiten, vom Gerichtsplatze abträte. Und dennoch erkaltete über sein Zögern die öffentliche Theilnahme nicht; sondern in zahlreichem Gefolge begleitete man ihn nach Hause. In der folgenden Nacht ging der Consul wieder zum Heere ab, ohne es dem Senate angezeigt zu haben, damit ihn dieser nicht der Wahlgeschäfte wegen in der Stadt zurückhielte. 24. Der Senat also beschloß auf die gleich Tags darauf vom Prätor Manius Pomponius geschehene Anfrage, dem Dictator schreiben zu lassen, er möge, wenn er es mit dem allgemeinen Besten vereinbar fände, mit dem Magister Equitum und dem Prätor Marcus Marcellus zur Consulnwahl nach Rom kommen, damit sich die Väter durch ihre Aussage über die Lage des Stats belehren und den Umständen nach ihre Maßregeln nehmen könnten. Die Geforderten alle erschienen, nachdem sie ihre Legionen unter dem Oberbefehle ihrer Legaten zurückgelassen hatten. Der Dictator, der von sich selbst wenig und mit Bescheidenheit sprach, wandte einen großen Theil seines Ruhms dem Magister Equitum Tiberius Sempronius Gracchus zu, und setzte einen Wahltag an, um an diesem den Lucius Postumius, der damals den Angelegenheiten Galliens vorstand, in seiner Abwesenheit zum drittenmale und den Tiberius Sempronius Gracchus, den damaligen Magister Equitum und Curulädil, zu Consuln wählen zu lassen. Dann wurden Marcus Valerius Lävinus, Appius Claudius Pulcher, Quintus Fulvius Flaccus, Quintus Mucius Scävola zu Prätoren gewählt. Nachdem der Dictator die Wahl der Obrigkeiten besorgt hatte, kehrte er nach Teanum in die Winterquartiere zu seinem Heere zurück, mit Hinterlassung seines Magisters Equitum zu Rom, damit dieser, der in wenig Tagen sein neues Amt antreten mußte, wegen der auf das nächste Jahr zu werbenden und aufzustellenden Heere den Senat befragen könne. Gerade als man hiermit beschäftigt war, wurde eine neue Niederlage gemeldet, da das Schicksal für dieses 43 Jahr eine auf die andere häufte. Der zum neuen Consul bestimmte Lucius Postumius sei in Gallien mit seinem Heere niedergehauen. Es war ein ungeheurer Wald – bei den Galliern hieß er Litana – durch welchen er mit seinem Heere ziehen wollte. Am Wege durch diesen Wald zur Rechten und zur Linken hatten die Gallier die Bäume so eingesägt, daß sie, unangerührt, standen, allein vom Übergewichte eines mäßigen Stoßes sanken. Postumius hatte zwei Legionen Römer, und am Obermeere so viel Bundsgenossen geworben, daß er mit fünfundzwanzigtausend Mann in das feindliche Gebiet eingerückt war. Da die Gallier den Wald am Rande der Außenseite umstellt hatten, so stießen sie, als der Zug sich in den Paß hineingelassen hatte, die äußersten eingesägten Bäume um, die dann, weil der eine auf den andern ohnehin unhaltbaren und kaum noch am Stamme hängenden fiel, unter ihrem Zusammensturze von beiden Seiten Waffen und Mann und Roß begruben, so daß kaum zehn Menschen entrannen. Denn da die meisten von den Baumstämmen und Bruchstücken der Äste erschlagen wurden, so ward auch die übrige Menge durch das plötzliche Unglück außer Fassung, von den Galliern, welche den ganzen Paß bewaffnet umstellt hatten, niedergehauen; so daß nur wenige von einer so großen Anzahl Gefangene wurden, die auf ihrer Flucht nach der Brücke des Flusses von dem Feinde, der die Brücke schon besetzt hatte, abgeschnitten wurden. Hier blieb Postumius, der alles daran setzte, sich nicht gefangen nehmen zu lassen, im Gefechte. Die der Leiche des Feldherrn ausgezogene Rüstung und sein abgehauenes Haupt brachten die Bojer im Jubelaufzuge in den heiligsten von ihren Tempeln. Nachdem sie den Kopf ausgenommen hatten, legten sie den Schädel nach ihrer Sitte mit Gold aus: er diente ihnen, als heiliges Gefäß bei Feierlichkeiten zur Opferschale, und der Priester und die Tempelvorsteher tranken daraus. Auch war für die Gallier die Beute nicht geringer, als der Sieg. Denn war gleich das Vieh großentheils durch den Sturz des Waldes getödtet, so fanden sie doch die 44 übrigen Sachen, die durch keine Flucht zerstreuet waren, in der ganzen Länge des zu Boden liegenden Heerzuges ausgebreitet. 25. Als die Bürger auf die Nachricht von dieser Niederlage mehrere Tage in so großer Bestürzung gewesen waren, daß endlich der Senat, – weil die Kaufladen nicht anders, als herrschte nächtliche Stille in der Stadt, geschlossen blieben, – den Ädilen den Auftrag gab, in der Stadt herumzugehen, die Kaufladen öffnen und Rom nicht länger ein Bild der allgemeinen Betrübniß sein zu lassen: so versammelte Tiberius Sempronius den Senat, und tröstete die Väter und ermahnte sie: «Sie, die dem niederschmetternden Schlage von Cannä nicht erlegen wären, möchten bei kleineren Unglücksfällen den Muth nicht sinken lassen. Wenn nur gegen die Carthager und Hannibal Alles gut ginge, wie er hoffe, daß es gehen werde, so könne man den Gallischen Krieg eben so sicher liegen lassen, als verschieben, und es werde schon einmal von den Göttern und vom Römischen Volke abhängen, jene Bosheit zu bestrafen. Jetzt sei der Punische Krieg nebst den Heeren, durch die man ihn führen wolle, der Gegenstand, den man erwägen und betreiben müsse.» Nun war er der erste, der über Fußvolk und Reuterei, über Bürger und Bundsgenossen im Heere des Dictators, Auskunft gab. Dann legte Marcellus den Betrag seiner Truppen vor. Wie viele unter dem Consul Cajus Terentius in Apulien ständen, erfragte man von denen, die es wissen könnten. Und doch sah man die Möglichkeit nicht, wie man den consularischen Heeren für einen so wichtigen Krieg die gehörige Stärke geben wolle. Also beschloß man, den Aufforderungen einer gerechten Rache ungeachtet, Gallien für dies Jahr aufzugeben. Des Dictators Heer bestimmte man dem Consul. Von Marcells Heere sollten diejenigen, die bei Cannä geflohen wären, nach Sicilien übergesetzt werden und dort so lange dienen, als in Italien Krieg sei. Dorthin solle man auch aus des Dictators Legionen den Ausschuß von Schwächlingen entfernen, ohne ihnen eine 45 Dienstzeit zu bestimmen, es sei denn, daß einer die gehörige Zeit der Dienstjahre habe. Dem andern Consul, der in die Stelle des Lucius Postumius nachgewählt würde, bestimmte man zwei Stadtlegionen, und beschloß, ihn sobald zu wählen, als es sich ohne Hintansetzung des Götterwillens thun lasse. Außerdem sollten je eher je lieber zwei Legionen aus Sicilien abgerufen werden; aus diesen könne dann der Consul, dem die Stadtlegionen zufielen, sich so viele Soldaten aussuchen, als er nöthig fände. Dem Consul Cajus Terentius solle die Feldherrnstelle noch ein Jahr gelassen, und das zur Deckung Apuliens ihm anvertraute Heer durchaus nicht verkleinert werden. 26. Bei diesen Unternehmungen und Zurüstungen in Italien ging der Krieg in Spanien in seinem raschen Gange fort; allein bis dahin mit mehr Glück für die Römer. Nachdem die Scipione, Publius und Cneus, ihre Truppen unter sich getheilt hatten, so daß Cneus den Land-, Publius den Seekrieg führte, hielt sich der Punische Feldherr Hasdrubal, der im einen so wenig, als im andern, seinen Kräften trauen durfte, weit vom Feinde, so daß er sich durch die Entfernung und durch genommene Stellungen sicherte, bis ihm endlich auf sein dringendes und langes Anhalten viertausend Mann Fußvolk und fünfhundert Reuter als Verstärkung aus Africa geschickt wurden. Jetzt, da endlich seine Hoffnung wieder erwachte, rückte er mit seinem Lager dem Feinde näher, und auch er hieß zur Behauptung der Inseln und der Küste die Flotte in Stand setzen und segelfertig halten. Gerade im Aufschwunge zu wiederbeginnenden Unternehmungen lähmte ihn der Übergang seiner Schiffsobersten, welche seit dem harten Verweise nach dem Vorfalle am Ebro, wo sie vor Bestürzung die Flotte preisgaben Vgl. XXII. 19. , es nie wieder, so wenig mit ihm als Feldherrn, als mit der Sache Carthago's, aufrichtig gemeint hatten. Diese Überläufer hatten bei dem Volke der Carpesier 46 einen Aufstand bewirkt und auf ihr Anstiften waren mehrere Städte abgefallen: eine hatten sie selbst mit Sturm erobert. So ging der Krieg aus seiner Richtung gegen die Römer zu diesem Volke hinüber; und Hasdrubal, der ihnen als Feinden mit einem rächenden Heere ins Land fiel, beschloß einen Angriff auf den Galbus, einen Carpesischen Heerführer von Ruf, welcher vor den Mauern der seit wenig Tagen eroberten Stadt mit einem starken Heere sich auf sein Lager beschränkte. Nach Voraussendung seiner Leichtbewaffneten, welche den Feind zum Kampfe herauslocken sollten, schickte er einen Theil seines Fußvolks nach allen Gegenden zur Plünderung des Landes aus, auch Ad depopulandum – – dimisit, ut palantes exciperent.] – Sollte nicht zwischen dimisit und ut ein et weggefallen sein? oder passim müßte so verstanden werden: et passim quidem. die Umherstreifenden aufzufangen. Zu gleicher Zeit also gab es Getümmel vor dem Lager und auf dem Lande Flucht und Gemetzel: dann aber, als sie sich auf verschiedenen Wegen von allen Seiten her auf ihr Lager zurückgezogen hatten, schwand auf einmal alle Furcht bei ihnen so völlig, daß sie nicht allein Muth genug hatten, ihre Werke zu vertheidigen, sondern auch, den Feind zur Schlacht aufzufordern. In Taktsprüngen, nach ihrer Sitte, brachen sie im Zuge aus ihrem Lager; und ihre plötzliche Kühnheit setzte den Feind, der kurz vorher sie aufgefordert hatte, in Schrecken. Jetzt also gab Hasdrubal ebenfalls seinen Truppen eine geschützte Stellung auf einem Hügel von mäßiger Höhe, der von vorne noch durch einen Fluß gedeckt war, er ließ auch seine voraufgeschickten Leichtbewaffneten und die umherstreifende Reuterei sich ebendahin zurückziehen; und weil er sich weder durch den Hügel, noch durch den Fluß hinlänglich gesichert hielt, warf er um sein Lager einen Wall auf. Während dieser wechselseitigen Bedrohungen fielen mehrere Gefechte vor: und der Numider war als Reuter dem Spanier keinesweges gewachsen, so wenig als der Maurische Wurfschütze dem Rundschildner, der 47 ihm an Geschwindigkeit gleich, an Muth und Körperkraft bei weitem überlegen war. 27. Da die Carpesier, so oft sie sich vor dem Punischen Lager zeigten, den Feind dennoch nicht zum Kampfe herauslocken konnten, und die Bestürmung des Lagers so leicht nicht war, so nahmen sie die Stadt Ascua, wo Hasdrubal, als er ihnen ins Land rückte, Getreide und andre Vorräthe zusammengefahren hatte, mit Sturm ein und unterwarfen sich die ganze umliegende Gegend. Und nun ließen sie sich weder auf dem Marsche, noch im Lager, durch irgend einen Befehl beisammen halten. Als Hasdrubal diese gewöhnlich auf Glück folgende Unordnung bei ihnen einreißen sah, ging er nach einer Ermahnung an seine Truppen, die Feinde ohne Fahnen in ihrer Zerstreuung anzugreifen, vom Hügel herab in förmlicher Schlachtlinie ihnen vor das Lager. Als die von den Warten und Posten Zurückfliehenden mit vielem Lärme meldeten, der Feind sei schon da, so erfolgte nun erst der Aufruf zu den Waffen. Und so wie jeder sich bewaffnet hatte, stürzten sie ohne Befehl, ohne Fahnen, ohne Stellung, ohne Schluß ins Treffen. Schon hatten sich die ersten eingelassen, als andre noch in Scharen herbeiliefen, wieder andre noch nicht ausgerückt waren. Doch selbst dieser Beweis von Muth machte sie anfangs dem Feinde furchtbar. Da sie aber eben deswegen, weil sie selbst außer Schluß auf geschlossene Reihen stießen, bei ihrer geringern Zahl sich nicht schützen konnten, so sahen sie sich Einer nach dem Andern um und drängten sich, von allen Seiten her zurückgetrieben, in einen Kreis; und da sie, während sich Mann an Mann und Schild an Schild schloß, so in die Enge zusammengedrückt wurden, daß sie kaum Platz genug hatten, die Waffen zu regen, so sahen sie sich, rundum von den Feinden umstellt, bis tief in den Tag hinein dem Gemetzel preisgegeben. Nur ein kleines Kohr, das sich durchschlug, lief dem Walde und Gebirge zu: und derselbe Schrecken bewirkte beides, daß sie ihr Lager im Stiche ließen, und Tages darauf das gesammte Volk sich ergab. Doch 48 hielt es seine Zusage Nec diu in pacato mansit.] – Für Stroths glückliche Vermuthung; Nec diu in pacto mansit entscheidet die von ihm aus Cic. I, Vorr. 6. angeführte Stelle: Nec diu in conditione ac pacto mansit . nicht lange. Denn von Zeit zu Zeit erfuhr man aus Carthago, daß Hasdrubal je eher je lieber mit seinem Heere nach Italien gehen solle. Die Verbreitung dieser Nachricht in Spanien wandte fast alle Völker den Römern zu. Deswegen schrieb Hasdrubal ungesäumt nach Carthago, und zeigte den großen Nachtheil, den der Ruf von seinem Abzuge gehabt habe. «Wenn er aber wirklich aufbräche, so würde ganz Spanien, noch ehe er über den Ebro ginge, den Römern gehören. Denn außerdem, daß er weder Truppen noch einen Feldherrn habe, den er statt seiner zurücklassen könne, wären die Römischen Heerführer solche Männer, gegen die man kaum bei gleichen Kräften auftreten dürfe. Wenn ihnen also Spanien nicht völlig gleichgültig sei, so möchten sie ihm an der Spitze eines tüchtigen Heeres einen Nachfolger schicken, der selbst bei dem glücklichsten Erfolge noch genug zu thun finden werde.» 28. Machte gleich dieser Brief anfangs großen Eindruck auf den Senat, so traf dieser dennoch, weil seine erste und wichtigste Sorge auf Italien gerichtet blieb, in Ansehung Hasdrubals und seiner Truppen keine Änderung. Um aber Spanien zu Lande und zu Wasser zu behaupten und zu decken, wurde Himilco mit einem angemessenen Heere und einer verstärkten Flotte hingeschickt, der auch, sobald er die Land- und Seetruppen übergesetzt, ein Lager aufgeschlagen, die Schiffe am Ufer aufgeführt und mit einem Walle eingefaßt hatte, an der Spitze seiner auserlesensten Reuter, so schnell es ihm bei einem Marsche möglich war, auf dem er sich gegen unzuverlässige, wie gegen feindliche Völker, in gleicher Fassung zu halten hatte, bei dem Hasdrubal ankam. Als er ihn mit den Beschlüssen und Aufträgen des Senats bekannt gemacht, und sich dagegen von ihm hatte belehren lassen, wie der Krieg in Spanien behandelt sein wolle, machte er den Rückweg in sein Lager, auf welchem ihn nichts 49 so sehr schützte, als seine Schnelligkeit, indem er allenthalben schon durchgegangen war, ehe man eine Vereinigung gegen ihn beschließen konnte. Ehe Hasdrubal aufbrach, schrieb er bei den sämtlichen von ihm abhängigen Völkerschaften Geldlieferungen aus: denn er wußte wohl, daß auch Hannibal den Durchzug einigemal erkauft, und von den Galliern keine andre als gedungene Hülfstruppen gehabt hatte; daß jener kaum, wenn er einen solchen Zug mit leerer Hand angetreten hätte, bis an die Alpen gekommen sein würde. Nachdem er die Gelder eiligst beigetrieben hatte, zog er zum Ebro hinab. Als man bei den Römern von den Beschlüssen der Carthager und von Hasdrubals Marsche hörte, so schickten sich mit Zurücksetzung alles Übrigen beide Feldherren darauf an, mit vereinigten Kräften seiner Unternehmung entgegen zu gehen und ihm in den Weg zu treten; denn sie glaubten das Ende des Römischen States voraus zu sehen; wenn mit einem Feinde, wie Hannibal, der allein schon Italien beinahe erdrückte, ein Feldherr, wie Hasdrubal, und ein Heer Spanier sich vereinigen sollte. Von diesen Sorgen geängstet zogen sie ihre Truppen am Ebro (Iberus) zusammen, und da sie nach dem Übergange lange überlegt hatten, ob sie sich, Lager gegen Lager, dem Feinde stellen, oder sich damit begnügen sollten, ihn durch ihre Angriffe auf Carthagische Bundsgenossen von dem beschlossenen Zuge zurückzuhalten, fingen sie an, eine der reichsten Städte jener Gegend – sie hieß nach dem nahen Strome Ibera – zu belagern. Als Hasdrubal dies hörte, zog er gleichfalls, statt seinen Bundsgenossen zu Hülfe zu kommen, vor eine Stadt, die sich erst neulich in Römischen Schutz begeben hatte. Da hoben die Römer jene schon angefangene Einschließung auf und wandten sich zum Angriffe gegen den Hasdrubal selbst. 29. Einige Tage hatten sie in einer Entfernung von fünftausend Schritten Lager gegen Lager, zwar nicht ohne leichte Gefechte, doch ohne, in Linie auszurücken. Endlich wurde an einem und demselben Tage, als wäre es 50 verabredet, von beiden Seiten das Zeichen zur Schlacht ausgesteckt, und sie zogen mit allen Truppen in die Ebene. Die Römische Linie stand in ihren drei Reihen. Zwischen den beiden ersten Treffen wurde ein Theil der Leichtbewaffneten aufgestellt, ein andrer Theil hinter das dritte Treffen: die Reuterei deckte die Flügel. Hasdrubal besetzte seinen Mittelpunkt mit den Spaniern; ihnen zur Seite pflanzte er rechts die Punier, links die Africaner und Miethsoldaten auf: von seiner Reuterei gab er die Numider dem Punischen Fußvolke auf den Flügel, die übrigen den Africanern. Allein nicht alle Numider standen auf dem rechten Flügel, sondern nur die, welche selbst oft im hitzigsten Gefechte, weil sie zwei Pferde bei sich hatten, nach Art der Kunstspringer, von dem müden Pferde auf das frische hinüber zu springen pflegten: so flink sind sie selbst, und so gelehrig diese Art von Pferden. In dieser gegenseitigen Stellung hatten beiderlei Feldherren fast gleiche Hoffnungen. Denn auch nicht einmal an Zahl, oder in der Art der Truppen, hatten diese oder jene ein bedeutendes Übergewicht: allein die Soldaten hatten bei weitem nicht gleichen Muth. Denn den Römern, so weit sie auch von ihrem Vaterlande fochten, hatten doch ihre Feldherren leicht begreiflich gemacht, daß sie jetzt für Italien und für die Stadt Rom zu fechten hätten. Also hatten sie sichs vorgesetzt, gleich als hinge ihre Rückkehr ins Vaterland von der Entscheidung dieser Schlacht ab, zu siegen oder zu sterben. So entschlossen waren die Kämpfer gegenüber nicht. Denn der größte Theil bestand aus Spaniern, die sich nicht so gern als Sieger nach Italien schleppen, als in Spanien schlagen lassen wollten. Also gleich beim ersten Zusammenstoße, als kaum die Wurfpfeile abgeschossen waren, zog sich das Mitteltreffen zurück, und als die Römer mit großem Ungestüme eindrangen, kehrte es den Rücken. Dessenungeachtet wurde auf den Flügeln mit Hitze gekämpft. Von hier setzten den Römern die Punier zu, von dort die Africaner, und fochten gegen sie auf zwei Seiten als gegen Umzingelte. Allein sobald sich die Römische Linie 51 in ihrer ganzen Stärke in der Mitte gesammelt hatte, so hatte sie auch Kraft genug, die feindlichen Flügel aus einander zu sprengen. Es standen also hier zwei Schlachten nach entgegengesetzter Richtung; und in beiden trugen die Römer, die nun auch, nachdem sie, das Mitteltreffen verjagt hatten, an Zahl und Festigkeit der Truppen die Überlegenen waren, einen unbezweifelten Sieg davon. Die Menge der hier Gefallenen war sehr groß, und wären nicht die Spanier, als man kaum handgemein geworden war, in vollen Haufen geflohen, so würden vom ganzen Heere nur wenige übrig geblieben sein. Die Reuterei kam so gut als gar nicht zum Gefechte: denn sobald die Mauren und Numider ihr Mitteltreffen zurückgedrängt sahen, ließen sie durch ihre völlige Flucht die Flügel bloßgestellt, indem sie sogar die Elephanten vor sich her wegtrieben. Und Hasdrubal, der bis zur letzten Entscheidung des Treffens aushielt, rettete sich mitten aus dem Gemetzel nur mit Wenigen. Das Lager wurde von den Römern erobert und geplündert. Waren in Spanien noch einige Völker unschlüssig gewesen, so zog sie diese Schlacht auf Römische Seite; und dem Hasdrubal benahm sie nicht allein die Hoffnung, sein Heer nach Italien hinüberzuführen, sondern selbst in Spanien sich mit völliger Sicherheit zu halten. Als sich diese Nachricht durch die Briefe der Scipione zu Rom verbreitete, freute man sich nicht so sehr über den Sieg, als darüber, daß Hasdrubals Übergang nach Italien abgewandt war. 30. Während dies in Spanien vorging, wurde im Bruttierlande Petelia mehrere Monate nach eröffneter Belagerung, von Himilco, Hannibals Unterbefehlshaber, erobert. Diesen Sieg erkauften die Punier mit vielem Verluste und Wunden: und doch war eigentlich der Hunger das Zwangmittel, dem die Eingeschlossenen erlagen. Denn als die Lebensmittel an Getreide und das Fleisch aller Arten von vierfüßigen Thieren verzehrt waren, lebten sie zuletzt von Schildleder, Kräutern und Wurzeln und dem Abstreifel von Brombeersträuchen, und blieben unbezwungen, bis es ihnen an Kraft fehlte, auf der 52 Mauer zu stehen und die Waffen zu halten. Nach der Einnahme von Petelia gingen die Punischen Truppen nach Consentia hinüber, welches sich nach einem minder hartnäckigen Widerstande in wenig Tagen ergab. Fast in denselben Tagen berannte auch ein Bruttisches Heer die Griechische, einst so kriegerische und volkreiche Stadt Croto, die aber damals schon durch viele und große Unglücksfälle so herabgekommen war, daß sich aus allen Altern nicht volle zwanzigtausend Bürger zusammenfanden. Also bemächtigten sich einer Stadt, die für ihre Vertheidiger zu groß war, die Feinde mit leichter Mühe: nur die Burg behauptete sich, auf welche sich während des Getümmels bei Eroberung der Stadt mitten aus dem Gemetzel ihrer Mehrere retteten. Auch Locri, wo das Volk von seinen Vornehmen verrathen wurde, trat auf die Seite der Bruttier und Punier. Die Bewohner von Rhegium waren die Einzigen jener Gegend, die bis ans Ende den Römern treu und ihre eigenen Herren blieben. Jene Stimmung der Gemüther ging auch nach Sicilien über, und nicht einmal Hiero's Haus blieb von aller Theilnahme am Abfalle rein. Denn sein ältester Prinz, Gelo, dem zugleich des Vaters hohes Alter, und nach der Cannensischen Niederlage das Römische Bündniß, verächtlich wurde, trat zu den Puniern über, und würde in Sicilien Bewegungen veranlasset haben, hätte ihn nicht, als er schon das Volk bewaffnete und Bundsgenossen aufwiegelte, der Tod so zu rechter Zeit weggerafft, daß diesen der Verdacht sogar dem Vater beimaß. Dies sind die Begebenheiten dieses Jahrs in Italien, in Africa, in Sicilien, in Spanien, von ungleichem Erfolge. Am Ende des Jahres hielt Quintus Fabius Maximus bei dem Senate um die Erlaubniß an, den Tempel der Venus Erycina, den er ihr als Dictator verheißen habe, zu weihen. Der Senat fertigte den Befehl aus, daß der ernannte Consul Tiberius Sempronius, sobald er sein Amt angetreten habe, bei dem Gesamtvolke darauf antragen sollte, den Quintus Fabius für diese dem Tempel zu gebende Weihe zum Zweiherrn ernennen zu lassen. Auch gaben dem 53 Marcus Ämilius Lepidus zu Ehren, welcher zweimal Consul und Augur gewesen war, seine drei Söhne Lucius, Marcus und Quintus bei seiner Beerdigung dreitägige Spiele, und ebenfalls drei Tage nach einander auf dem Markte zweiundzwanzig Pare Klopffechter. Die Curulädilen Cajus Lätorius und Tiberius Sempronius Gracchus, der ernannte Consul, der als Ädil zugleich Magister Equitum gewesen war, stellten die Römischen Spiele an, die drei Tage nach einander gegeben wurden. Die bürgerlichen Spiele der Bürgerädilen Marcus Aurelius Cotta und Marcus Claudius Marcellus wurden dreimal gegeben. Als das dritte Jahr des Punischen Krieges sein Ende erreicht hatte, trat Tiberius Sempronius Gracchus am funfzehnten März als Consul sein Amt an. Die Prätoren Quintus Fulvius Flaccus, der schon zweimal Consul, auch Censor, gewesen war, und Marcus Valerius Lävinus erloseten jener die Rechtspflege über die Stadt, dieser die über die Fremden; Appius Claudius Pulcher Sicilien, Quintus Mucius Scävola Sardinien. Dem Marcus Claudius Marcellus wurde vom Gesamtvolke eine Feldherrnstelle als Proconsul gegeben, weil er nach der Cannensischen Niederlage der einzige Römische Feldherr war, der in Italien mit Glück gefochten hatte. 31. Der Senat beschloß auf dem Capitole, gleich an dem Tage seiner ersten Sitzung, um in diesem Jahre eine doppelte Steuer ausschreiben zu können, die einfache schon jetzt eintreiben zu lassen, damit hiervon den sämtlichen Soldaten ihr Sold sogleich gereicht werden könne, diejenigen ausgenommen, die bei Cannä im Dienste gestanden hätten. Über die Heere trafen sie folgende Verfügungen: den zwei Stadtlegionen sollte der Consul Tiberius Sempronius einen Tag bestimmen, auf den sie sich zu Cales zu sammeln hätten: von da sollten diese Legionen in das Claudische Lager oberhalb Suessula abgeführt werden: die hier stehenden Legionen – sie gehörten aber größtentheils zum Cannensischen Heere – sollte der Prätor Appius Claudius Pulcher nach Sicilien übersetzen, 54 und die in Sicilien befindlichen sollten nach Rom herübergebracht werden. Zu dem Heere, welches sich auf den bestimmten Tag zu Cales sammeln mußte, schickte man den Marcus Claudius Marcellus, und befahl ihm, die Stadtlegionen in das Claudische Lager abzuführen. Hier das alte Heer in Empfang zu nehmen und es nach Sicilien abzuführen, schickte Appius Claudius seinen Legaten Titus Metilius Croto . Anfangs hatten alle stillschweigend erwartet, daß der Consul einen Wahltag zur Ernennung eines Mitconsuls halten würde. Jetzt aber, als sie sahen, daß Marcus Marcellus gleichsam absichtlich weggeschickt sei, da sie doch ihn vor allen andern, wegen seiner ausgezeichneten Thaten in der Prätur, zum Consul gewählt haben würden, so wurden sie auf dem Rathhause laut. Als dies der Consul merkte, sprach er: «Beides war dem allgemeinen Besten angemessen, versammelte Väter, sowohl daß Marcus Claudius zur Austauschung der Heere nach Campanien abging, als auch, daß der Wahltag nicht eher angesetzt wurde, bis jener nach Vollendung des Geschäftes, das ihm aufgetragen ist, zurückgekehrt sein wird, damit ihr zu einem Consul, wie ihn die Umstände des Stats erfordern, gerade denjenigen bekommen möchtet, den ihr am liebsten wünscht.» Und nun war über den Wahltag bis zur Rückkehr des Marcellus Alles still. Unterdessen wurden Quintus Fabius Maximus und Titus Otacilius Crassus zu Zweiherren ernannt, den Göttinnen Mens und Venus Erycina die Tempel zu weihen, jenen, Otacilius, diesen, Fabius. Beide Tempel stehen auf dem Capitole, nur durch einen Canal von einander geschieden. Auch that man wegen der dreihundert Campanischen Ritter, welche nach Verlauf ihrer mit aller Treue in Sicilien ausgehaltenen Dienstjahre nach Rom gekommen waren, nunmehr den Antrag bei dem Gesamtvolke, sie unter die Römischen Bürger aufzunehmen, imgleichen, sie um einen Tag früher, als der Abfall des Campanischen Volks vom Römischen erfolgt sei, für Municipalbürger von Cumä gelten zu lassen. Der 55 Hauptbeweggrund, diesen Antrag zu thun, war der, daß diese Ritter sagten, sie wüßten selbst nicht, zu welchem Menschenstamme sie gehörten, da man sie, nachdem sie ihr altes Vaterland verlassen hätten, in dasjenige, in welches sie aus Sicilien zurückgekommen wären, noch nicht aufgenommen habe. Als Marcellus vom Heere zurückkehrte, wurde ein Versammlungstag angesetzt, um den Einen Consul in die Stelle des Lucius Postumius zu wählen. Mit großer Einstimmigkeit ernannte man dazu den Marcellus, und zwar so, daß er sein Amt sogleich übernehmen sollte. Da es aber bei seinem Eintritte in das Consulat donnerte, so erklärten die zu Rathe gezogenen Augurn, ihrer Meinung nach sei die Wahl fehlerhaft; und die Väter brachten allgemein in Umlauf, es sei den Göttern misfällig, daß durch diese Wahl das Consulat zum erstenmale an zwei Bürgerliche gekommen sei. In Marcellus Platz wurde, als er von dem Amte zurücktrat, Fabius Maximus nachgewählt, der zum drittenmale Consul ward. In diesem Jahre brannte das Meer. Bei Sinuessa warf eine Kuh ein Füllen: zu Lanuvium flossen die Bildsäulen am Tempel der Juno Sospita von Blute, und in der Nähe dieses Tempels regnete es Steine. Dieses Regens wegen wurde, wie gewöhnlich, ein neuntägiges Betfest angestellt, und die übrigen Schreckzeichen wurden sorgfältig durch Sühnungen abgewandt. 32. Nun theilten sich die Consuln in die Heere. Dem Fabius beschied das Los das Heer, welches unter dem Dictator Marcus Junius gestanden hatte; dem Sempronius die sämtlichen Freiwilligen vom Sklavenstande und fünfundzwanzigtausend Mann Bundsgenossen. Dem Prätor Marcus Valerius bestimmte man die aus Sicilien zurückgekommenen Legionen, und schickte den Marcus Claudius als Proconsul zu jenem Heere, welches zum Schutze Nola's oberhalb Suessula stand. Die Prätoren gingen nach Sicilien und Sardinien ab. Die Consuln machten bekannt, wenn sie den Senat beriefen, sollten sich die Senatoren und alle, welche das Stimmrecht im 56 Senate hätten, am Capenischen Thore Um die Nachrichten gleich am Thore in Empfang zu nehmen. Aus dem Capenischen Thore führte die Via Appia auch nach Capua, wo Hannibal stand. Nahe am Thore war die nachher zugeworfene und bebauete Piscina Publica, ein Wasserbehälter, der zugleich der öffentliche Übungsplatz für die Schwimmer war. versammeln. Die Prätoren, welche die Gerichtspflege hatten, schlugen ihre Richterstühle am Öffentlichen Schwimmteiche auf. Hier ließen sie die Bürgschaften leisten, und hier wurde in diesem Jahre Recht gesprochen. Unterdeß lief zu Carthago, als Mago, Hannibals Bruder, von hier aus mit zwölftausend Mann zu Fuß und tausend fünfhundert zu Pferde, nebst zwanzig Elephanten und tausend Talenten Silbers unter einer Bedeckung von sechzig Kriegsschiffen nach Italien übergehen sollte, die Nachricht ein, daß man in Spanien unglücklich gewesen und daß fast alle Völkerschaften jenes Landes zu den Römern übergegangen seien. Es fehlte nicht an solchen, die mit Zurücksetzung Italiens den Mago mit dieser Flotte und Mannschaft für Spanien bestimmten, als sich unvermuthet ein Strahl von Hoffnung zeigte, Sardinien wieder zu erobern. «Denn das Römische Heer dort sei nur schwach: der alte, mit dieser Provinz bekannte, Prätor Aulus Cornelius gehe ab; der neue werde erwartet. Außerdem seien die Sardinier der alten Regierung durch die Länge überdrüssig, und im vorigen Jahre habe man sie mit Härte und Habsucht behandelt, habe sie durch schwere Steuern und übertriebene Kornlieferungen gedrückt. Es fehle nur an dem, der ihnen die Hand biete, zu ihm überzugehen.» Dies meldeten ihnen die Häupter der Insel durch eine geheime Gesandschaft, hauptsächlich auf Betrieb des Hampsicora, der damals unter ihnen bei weitem der angesehenste und reichste war. Durch diese Nachrichten beinahe zu gleicher Zeit gebeugt und gehoben, schickte man von Carthago den Mago mit seiner Flotte und Mannschaft nach Spanien. Für Sardinien wählte man einen Hasdrubal zum Anführer, und bestimmte ihm fast eben so viel Truppen als dem Mago . 57 Schon setzten sich auch zu Rom die Consuln, nachdem sie ihre Stadtgeschäfte beseitigt hatten, zum Kriege in Bewegung. Tiberius Sempronius bestimmte seinen Soldaten den Tag, auf den sie sich zu Sinuessa sammeln sollten; und Quintus Fabius verordnete, nachdem er deshalb bei dem Senate angefragt hatte, «daß alle Landbewohner ihr Getreide vor dem nächsten ersten Junius in die festen Städte liefern sollten. Wer es nicht geliefert hätte, dem würde er die Felder verheeren, die Sklaven käuflich versteigern, die Gebäude niederbrennen lassen.» Nicht einmal die Prätoren, welche für die Gerichtspflege gewählt waren, wurden mit Ausrichtung kriegerischer Geschäfte verschont. Man beschloß, den Prätor Valerius nach Apulien gehen zu lassen, um das Heer vom Terentius zu übernehmen: wenn die Legionen aus Sicilien angekommen wären, sollte er eigentlich diese zum Schutze jener Gegend gebrauchen: das Heer des Terentius aber mit einem Legaten nach Tarent Terentianum mitti.] – Aus Livius eignen Worten Cap. 33. militibus Varronianis, quibus L. Apustius legatus Tarenti praeerat, lese ich hier mit Duker: Terentianum Tarentum mitti. Und eben so gleich nachher: Et XXV naves P. (nicht M.) Valerio datae sunt. Denn in eben dem Cap. 38. nennt Livius selbst diesen Valerius , dem die 25 Schiffe gegeben waren, Publius. Man vergl. Drakenb. Note, und die von ihm angeführte Stelle Cap. 16, 13., nach welcher P. Valerius Flaccus in diesem Jahre Legat war. gehen lassen. Auch dem Publius Valerius wurden fünfundzwanzig Schiffe gegeben, um die Seeküste zwischen Brundusium und Tarent decken zu können. Eine gleiche Anzahl von Schiffen wurde dem Stadtprätor Quintus Fulvius bestimmt, um die Küste in der Nähe von Rom zu schützen. Dem Proconsul Cajus Terentius wurde aufgetragen, im Picenischen Gebiete eine Werbung anzustellen, und jene Gegend in Schutz zu nehmen. Auch wurde Titus Otacilius Crassus, nachdem er den Tempel der Mens auf dem Capitole eingeweihet hatte, mit dem Oberbefehle über die Flotte nach Sicilien geschickt. 33. Auf diesen Kampf zweier der mächtigsten Völker auf Erden hatten alle Könige und Nationen ihre 58 Aufmerksamkeit gerichtet; und unter ihnen Philipp, König von Macedonien, so viel ernstlicher, je näher er Italien war, und nur durch das Ionische Meer von ihm geschieden wurde. So wie er auf den ersten Ruf von Hannibals Übergange über die Alpen sich über den zwischen den Römern und Puniern ausgebrochenen Krieg gefreuet hatte, so hatte er doch, so lange das Übergewicht noch unentschieden war, bei sich selbst gewankt, welchem von beiden Völkern er den Sieg am liebsten gönnen sollte. Als jetzt schon mit der dritten Schlacht der dritte Sieg auf Punischer Seite stand, neigte er sich dem Glücke zu und schickte Gesandte an den Hannibal, welche mit Umgehung der Hafen Brundusium und Tarent – denn diese waren von Römischen Wachtschiffen besetzt – bei dem Tempel der Juno Lacinia an das Land stiegen. Da sie von hier durch Apulien ihren Weg auf Capua nahmen, geriethen sie mitten unter die Römischen Posten, und wurden vor den Prätor Marcus Valerius Lävinus geführt, der in der Nähe von Luceria sein Lager hatte. Hier sagte Xenophanes, das Haupt der Gesandschaft, ohne im mindesten verlegen zu sein, König Philipp habe ihn geschickt, um mit dem Römischen Volke Freundschaft und Bündniß zu schließen; er habe Aufträge an die Consuln, an den Römischen Senat und an das Volk. Der Prätor über den neuen Beitritt eines so berühmten Königs mitten unter dem Abfalle der alten Bundsgenossen hocherfreut, nahm seine Feinde als Freunde höflich auf, gab ihnen eine Begleitung mit, die ihnen genau die Wege mit der Bemerkung zeigen mußten, welche Plätze und welche Pässe von den Römern, oder von den Feinden besetzt wären. So kam Xenophanes durch die Römischen Posten nach Campanien, und von hier, sobald er ihm nahe genug war, in Hannibals Lager, und schloß mit ihm einen Vertrag und ein Bündniß unter folgenden Bedingungen: «König Philipp solle mit einer möglichst großen Flotte – und er schien zweihundert Schiffe stellen zu können – nach Italien übersetzen, die Seeküste verheeren und seinerseits am Kriege zu Lande und 59 zu Wasser Theil nehmen. Am Ende des Krieges solle ganz Italien mit der Stadt Rom selbst den Carthagern gehören und alle Beute dem Hannibal heimfallen. Wenn man sich Italien unterworfen habe, dann wollten sie zur See nach Griechenland kommen, und der Cum quibus regibus .] – Ich trete mit Doujat und Crevier der von Gronov vorgeschlagenen Lesart regi bei. Die Abschreiber glaubten, dem Worte regi den Casus des vorangehenden quibus geben zu müssen. Allein regibus kann hier der Ablativ nicht sein 1) weil Philipp, ehe er an Kriege mit Antiochus oder Ptolemäus, Eumenes, Prusias etc. denken durfte, mit Athen, Ätolien und den Achäern, lauter Freistaten, erst fertig sein mußte; 2) dann müßte folgen: Quae regna continentis – – ad Macedonium vergunt: es folgt aber quae civitates. Wollte man aber regibus für den Dativ nehmen, und darunter Philipps Familie, Regentenstamm und Nachfolger verstehen (etwa wie I. 39. init. Clamore – orto excitos reges): so dünkt mich 1) die Bedeutung wäre zu gesucht, 2) wäre der Dativ so unmittelbar hinter dem Ablativ quibus nicht ohne Härte. König werde die Feinde zu bestimmen haben, gegen die es gelten solle. Alle an Macedonien stoßenden Staten des festen Landes und alle nahen Inseln sollten dem Philipp und seinem Reiche gehören.» 34. Ungefähr auf diese Bedingungen kam der Vertrag zwischen dem Punischen Feldherrn und den Macedonischen Gesandten zu Stande: und die diesen mitgegebenen Bevollmächtigten, welche ihn vom Könige selbst bestätigen lassen sollten, Gisgo, Bostar und Mago, gelangten wieder bis zum Tempel der Juno Lacinia, wo ihr Schiff auf einem versteckten Ankerplatze stand. Als sie nach ihrer Abfahrt schon die Höhe erreicht hatten, wurden sie von der Römischen Flotte bemerkt, welche Calabriens Küsten deckte. Den vom Publius Valerius Flaccus ausgeschickten Jachten, welche das Schiff einholen und zurückbringen sollten, suchten die Macedonier anfangs zu entkommen; da sie aber merkten, daß die Römer schneller segelten, ergaben sie sich. Als sie vor den Admiral gebracht wurden, fing Xenophanes auf die Fragen desselben, wer und woher sie wären und wohin ihre Fahrt ginge, wieder an, seine schon einmal glücklich genug gewesene Satis iam semel felix.] – Diese Worte schließt Drakenborch in zwei Commata ein. Dann scheinet felix auf den Xenophanes gezogen zu werden. Crevier hingegen hat diese Commata nicht: und ich habe mit ihm felix auf mendacium gezogen. Lüge wieder aufzutischen: «Er 60 sei von Philipp an die Römer gesandt: bis zum Marcus Valerius sei er gekommen, weil bis zu ihm, aber auch nur zu ihm, der Weg sicher gewesen sei: denn durch Campanien zu kommen, das er ganz von feindlichen Posten umstellt gefunden habe, sei ihm unmöglich gewesen.» Als aber Hannibals Gesandten durch ihre Punische Tracht und Ihr Äußeres Verdacht erregten, und bei den an sie gethanen Fragen ihre Sprache sie verrieth, so kam man durch besondere Abhörung ihrer Bedienten und angebrachte Drohungen dem Briefe Hannibals an Philipp und den Verabredungen zwischen dem Macedonischen Könige und dem Punischen Feldherrn auf die Spur. Nach erhaltener hinlänglichen Kenntniß fand man am besten, die Gefangenen und ihr Gefolge je eher je lieber nach Rom zum Senate oder zu den Consuln abführen zu lassen, wo diese auch sein möchten. Hierzu suchte man die fünf besten Schnellsegler aus, gab ihnen den Lucius Valerius Antias als Befehlshaber mit, und trug ihm auf, die Gesandten auf alle Schiffe zur abgesonderten Bewachung zu vertheilen, und dahin zu sehen, daß keiner den andern sprechen oder ihm Mittheilungen machen könne. Um eben diese Zeit faßten zu Rom die Väter – auf den Bericht des von der Verwaltung Sardiniens abgegangenen Aulus Cornelius Mammula über den Zustand der Insel, daß Alles dort nach Krieg und Abfall aussehe; daß sein Nachfolger Quintus Mucius , weil er gerade bei der ungesunden Jahrszeit und anhaltenden Nässe eingetroffen sei, durch eine zwar nicht gefährliche, aber langwierige Krankheit auf längere Zeit außer Stand gesetzt werde, sich dem Sturme des Krieges zu unterziehen; und daß das dortige Heer bei aller hinreichenden Stärke, die Provinz in Friedenszeiten zu schützen, doch für einen Krieg, der jetzt allem Anscheine nach zum Ausbruche komme, viel zu schwach sei – den Beschluß ab: Quintus Fulvius Flaccus solle fünftausend Mann zu Fuß und vierhundert zu Pferde ausheben, diese Legion je eher je 61 lieber nach Sardinien übersetzen lassen, und ihr nach seiner Wahl einen Befehlshaber mitgeben, der sich den Kriegsgeschäften so lange unterzöge, bis Mucius wieder hergestellt sei. Hierzu wurde Titus Manlius Torquatus abgeschickt, welcher zweimal Consul, auch Censor gewesen war und in seinem Consulate die Sardinier unterjocht hatte. Fast um eben diese Zeit wurde eine von Carthago, unter Anführung Hasdrubals, mit dem Beinamen der Kahle, ebenfalls nach Sardinien gesandte Flotte, die ein schrecklicher Sturm übel zurichtete, an die Balearischen Inseln verschlagen; und darüber, daß hier die Schiffe ans Land gezogen und wieder ausgebessert werden mußten – so sehr waren nicht bloß Masten und Ruder, sondern selbst die Rümpfe beschädigt – ging viele Zeit verloren. 35. In Italien, wo es mit dem Kriege nach der Schlacht bei Cannä nicht so rasch ging, weil auf der einen Seite die Kraft gebrochen, auf der andern der Trieb erschlafft war, unternahmen es die Campaner für sich allein, den Stat von Cumä sich zu unterwerfen; zuerst dadurch, daß sie die Cumaner zum Abfalle von Rom zu bereden suchten: und als dies nicht gelang, legten sie es darauf an, sie durch List zu fangen. Die sämtlichen Campaner hatten bei Hamä einen festgesetzten Opfertag. Sie ließen den Cumanern sagen, der Campanische Senat werde sich dort einfinden, und baten, auch der Senat von Cumä möge hinkommen, um durch gemeinschaftliche Berathung es dahin zu bringen, daß beide Völker dieselben Freunde und Feinde hätten: sie würden dort Mannschaft unter den Waffen haben, um vor den Römern, wie vor den Puniern, außer Gefahr zu sein. Die Cumaner , waren sie gleich nicht ohne Besorgniß einer Hinterlist, erklärten sich doch zu Allem bereit: sie glaubten, auf diese Art eine Falle von ihrer Seite so viel besser verdecken zu können. Der Consul Tiberius Sempronius, der indeß nach Musterung seiner Truppen zu Sinuessa, wohin er sie auf einen gewissen Tag zum Sammelplatze beschieden hatte, 62 über den Fluß Vulturnus gegangen war, setzte sich in der Nähe von Liternum. Weil er hier ein ruhiges Standlager hatte, so ließ er die Soldaten fleißig Übungen machen, damit die Neulinge – sie bestanden größtentheils aus Freiwilligen vom Sklavenstande – der Fahne folgen und sich in der Linie zu ihrer Schar finden lernten. Hierbei hatte der Feldherr sein Hauptaugenmerk darauf gerichtet, und dies auch den Legaten und Obersten zur Vorschrift gemacht, «ja nicht dadurch, daß man irgend jemand seinen vormaligen Stand vorrückte, die Stände unter einander zu entzweien. Der alte Soldat solle sichs gefallen lassen, dem jungen, der Freigeborne, dem Freigekauften sich gleichgestellt zu sehen. Jeder solle die für ehrenwerth und edelbürtig achten, denen das Römische Volk seine Waffen und Fahnen anvertrauet habe. Dieselbe Noth, welche diesen Schritt zu thun geboten habe, gebiete auch, da man ihn gethan habe, ihn zu verfolgen.» Angelegentlicher konnten die Anführer diese Befehle nicht geben, als die Soldaten sie befolgten; und in kurzer Zeit waren alle zu einem so einmüthigen Ganzen geworden, daß es fast in Vergessenheit kam, aus welchem Stande jeder ins Heer getreten sei. Unter diesen Beschäftigungen meldeten dem Gracchus Gesandte von Cumä den Antrag, der ihnen vor einigen Tagen von den Campanern durch eine Gesandschaft gethan sei und was sie selbst darauf geantwortet hätten. Von morgen an daure das Fest drei Tage. Die Campaner würden hier nicht allein ihren ganzen Senat, sondern auch ein Lager und ein Heer haben. Gracchus, der die Cumaner Alles vom Lande in die Stadt zusammenfahren und in ihren Mauern bleiben hieß, brach den Tag vor der festgesetzten Campanischen Opferfeier nach Cumä auf. Hamä liegt von da dreitausend Schritte. Schon hatten sich hier die Campaner der Verabredung gemäß zahlreich versammelt, und nicht weit davon stand Marius Alfius, der Medixtuticus, – bei den Campanern höchstes Oberhaupt – mit vierzehntausend Bewaffneten in einem versteckten Lager, allein weit eifriger auf die 63 Zurüstungen zum Opfer bedacht und dabei zugleich auf Vorbereitung des Überfalls, als auf Befestigung seines Lagers, oder irgend ein kriegerisches Geschäft. Die Opferfeier bei Hamä war Triduum sacrificatum.] – Perizonius beweiset die Unrichtigkeit der Lesart sacrificatum. Er schlugt sacrificandum vor, und Drakenb. billigt dies, sagt aber, was auch Stroth anführt, Crevier wolle sacrificatur lesen und daraus folgern, daß auch noch zu Livius Zeiten dies Campanische Opfer bei Hamä üblich gewesen sei. Wenn dies Drakenb. aus Creviers größerer Ausgabe hat, die ich nicht gesehen habe, so hat es doch Crevier in der kleinern von 1747, die ich vor mir habe, zurückgenommen. Denn da sagt Crevier: Videmur legere debere sacrificabatur, id est, sacrificari mos erat. – Dies Imperfectum sacrificabatur passet freilich sehr gut zu dem gleich folgenden erat; allein des Perizonius Lesart sacrificandum zu nocturnum erat nicht weniger, und hat, wie Drakenb. bemerkt, noch das für sich, daß man leichter einsieht, wie aus sacrificádum das unrichtige sacrificatum entstand. dreitägig; die heilige Handlung ging bei Nacht vor sich, doch mußte sie vor Mitternacht vollzogen sein. Da Gracchus diesem Augenblicke auflauren zu müssen glaubte, so ließ er, nach Besetzung der Thore, damit niemand sein Vorhaben hinausmelden könne, und nachdem er seine Soldaten angehalten hatte, bis zur zehnten Tagesstunde sich zu pflegen und zu schlafen, damit sie mit dem ersten Dunkel auf sein Zeichen sich sammeln könnten, gegen die erste Nachtwache den Aufbruch erfolgen: und da er in aller Stille ausgerückt war, drang er, so wie er um Mitternacht bei Hamä eintraf, durch alle Thore zugleich in das von den Campanern – es war ja Nachtfeier – vernachlässigte Lager: tödtete sie theils, so wie sie im Schlafe hingestreckt lagen, theils wie sie von dem vollzogenen Opfer unbewaffnet zurückkamen. Mehr als zweitausend Menschen verloren in diesem nächtlichen Überfalle samt ihrem Heerführer Marius Alfius ihr Leben: man erbeutete vierunddreißig Fahnen. 36. Gracchus, der mit einem Verluste von nicht vollen hundert Mann das feindliche Lager erobert hatte, zog sich geschwind nach Cumä zurück, weil ihm vor Hannibal bange war, der oberhalb Capua auf der Höhe Tifata sein Lager hatte. Und er hatte sich in dem, was er vorauszusehen glaubte, nicht geirrt. Denn kaum erfuhr man diese Niederlage zu Capua, als Hannibal, der 64 das Heer von Neulingen und großentheils Sklaven über den Sieg in ausgelassener Freude, noch bei Hamä über der Beraubung der Erschlagenen und Wegschaffung der Beute anzutreffen hoffte, in schnellem Zuge vor Capua vorbeieilte, die auf ihrer Flucht ihm begegnenden Campaner unter mitgegebener Bedeckung nach Capua bringen und die Verwundeten auf Wagen hinfahren ließ. Er fand bei Hamä das Lager von den Feinden geräumt, und nichts als die Spuren eines frischen Blutbades und allenthalben die Leichen seiner Bundesgenossen hingestreckt. Einige riethen ihm, sogleich von hier auf Cumä zu gehen und die Stadt anzugreifen. So innig dies Hannibal selbst wünschte, um wenigstens, weil es ihm mit Neapolis nicht gelungen war, an Cumä eine Seestadt in Besitz zu haben, so zog er sich doch, da der Soldat bei dem schnellen Aufbruche nichts als die Waffen mitgenommen hatte, wieder in sein Lager auf Tifata zurück. Auf unablässiges Bitten der Campaner kam er Tages darauf von dort mit allem zum Sturme auf eine Stadt nöthigen Zubehöre wieder vor Cumä, und lagerte sich, nach gänzlicher Verheerung des Cumanischen Gebiets, tausend Schritte von der Stadt, in welcher Gracchus stehen blieb, mehr, weil er sich schämte, Bundesgenossen, die ihn und das Römische Volk um Rettung anflehten, in einer solchen Noth zu verlassen, als daß er sich ganz auf sein Heer hätte verlassen können. Auch der andre Consul, Fabius, der bei Cales sein Lager hatte, wagte sich nicht über den Fluß Vulturnus, zuerst durch Wiedereinholung der Götterleitung behindert, dann durch schlimme Vorbedeutungen, die ihm eine über die andre gemeldet wurden: und als er sie durch Sühnopfer abwenden lassen wollte, zeigten ihm die Priester an; daß es schwer sei, ein günstiges Opfer zu erhalten. 37. Da diese Gründe den Fabius festhielten, so blieb Sempronius in der Stadt eingeschlossen; und sie wurde schon mit Werken bestürmt. Gegen einen ungeheuern hölzernen Thurm, der auf die Stadt anrückte, führte der Römische Consul auf der Mauer selbst einen 65 andern beträchtlich höheren auf, weil er bei Ziehung Subiectis validis sublicis.] – Wenn wir die Lesart subiectis behalten, so müßte sich dies Wort auf ein dabei hinzuzudenkendes turri beziehen: muro – per se alto, quum turri subiiceret validas sublicas, pro solo usus erat. Ich vermuthe aber, daß dies subiectis aus sup iectis entstanden sei. Dann würde ich dies superiectis lieber auf muro beziehen. So wurde aus supererat multidudo I. 6, 3. superat mult., aus prope 37. 49, 2. probe, aus supersit 21. 10, 3. subsit; u. s. w. der starken Grundbalken die an sich schon hohe Mauer als Unterlage genutzt hatte. Von hieraus behaupteten die Vertheidiger ihre Mauern und ihre Stadt anfangs mit Steinen, Pfählen und anderem Geschosse; zuletzt, als sie sahen, daß der herangerollte Thurm an die Mauer stieß, warfen sie vermittelst brennender Fackeln auf einmal eine Menge Feuer hinein. Und als die Menge von Bewaffneten durch den Brand in voller Verwirrung sich vom Thurme herabstürzte, brachte ein aus zwei Thoren zugleich unternommener Ausfall die feindlichen Posten zum Weichen und trieb sie in ihr Lager zurück, so daß die Punier an diesem Tage eher die Belagerten, als die Belagerer, zu sein schienen. An tausend dreihundert Carthager wurden getödtet und neunundfunfzig Gefangene gemacht, welche an der Mauer und auf ihren Posten in aller Sorglosigkeit und Unordnung, weil sie nichts weniger, als einen Ausfall, befürchteten, ehe sie sich dessen versahen, abgeschnitten wurden. Ehe sich die Feinde von dem plötzlichen Schrecken erholten, gab Gracchus das Zeichen zum Rückzuge und barg seine Truppen hinter den Mauern. Am folgenden Tage stellte Hannibal, in der Voraussetzung, der Consul werde, muthig durch sein Glück, sich in eine förmliche Schlacht einlassen, zwischen seinem Lager und der Stadt seine Linie auf. Als er aber niemand von der gewöhnlichen Bewachung der Stadt sich entfernen, nichts im Vertrauen auf gut Glück unternehmen sah, zog er sich unverrichteter Sachen auf Tifata zurück, In eben den Tagen, an welchen Cumä von der Einschließung befreiet wurde, war auch in Lucanien bei Grumentum Tiberius Sempronius mit dem Zunamen 66 Longus in einem Gefechte mit dem Punier Hanno glücklich. Er erlegte über zweitausend Feinde, verlor nur zweihundert achtzig Mann, und erbeutete etwa einundvierzig Fahnen. Hanno, aus den Gränzen Lucaniens weggeschlagen, zog sich wieder in das Bruttische zurück. Auch wurden durch den Prätor Marcus Valerius den Hirpinern drei Städte, welche vom Römischen Volke abgefallen waren, mit Sturm wieder abgenommen, Vercellium, Vescellium und Sicilinum Vercellium, Vescellium, Sicilimim et auctores ] – Ich folge dieser von Stroth aufgenommenen Lesart, welche Gronov aus der Puteanischen, Petavischen und Menardischen Handschrift gab, und Drakenb. in der Florentinischen bestätigt fand. ; und die Urheber des Abfalls mit dem Beile enthauptet. Über tausend Gefangene wurden öffentlich verkauft, die übrige Beute dem Soldaten überlassen, und das Heer nach Luceria zurückgeführt. 38. Als während dieser Begebenheiten im Lucanischen und Hirpinischen, die fünf Schiffe, welche die aufgefangenen Macedonischen und Punischen Gesandten nach Rom bringen sollten, auf ihrer aus dem Obermeere fast um die ganze Küste Italiens bis ins Untermeer gemachten Fahrt vor Cumä vorbeisegelten, und man nicht gewiß wußte, ob sie Feinden oder Freunden gehörten, so schickte ihnen Gracchus Schiffe von seiner Flotte entgegen. Als man nach gegenseitiger Erkundigung auf jenen Schiffen hörte, daß zu Cumä der Consul sei, so landeten sie bei Cumä, und die Gefangenen wurden vor den Consul gebracht und die Briefe abgeliefert. Nachdem der Consul Philipps und Hannibals Brief gelesen hatte, schickte er alles versiegelt zu Lande an den Senat: die Gesandten ließ er zu Schiffe hinbringen. Da nun fast an Einem Tage Briefe und Gesandte zu Rom eintrafen, und in dem angestellten Verhöre die mündliche Aussage mit der schriftlichen übereinstimmte, so geriethen die Väter anfangs in große Besorgniß, da sie sich von einem lastenden Kriege mit Macedonien bedrohet sahen, während sie schon dem Punischen beinahe erlagen. Doch weit entfernt, sich von 67 dieser Besorgniß niederbeugen zu lassen, dachten sie vielmehr sogleich darauf, durch einen zuvorkommenden Angriff diesen Feind von Italien abzuhalten. Nachdem sie die Gefangenen hatten in Fesseln legen und deren Begleiter öffentlich verkaufen lassen, befahlen sie, die Flotte von fünfundzwanzig Schiffen, die unter dem Oberbefehle des Publius Valerius Flaccus stand, mit den zweiten fünfundzwanzig Ad naves XXV etc. ] – Ich lese diese Stelle mit Perizonius und Crevier so: Ad naves XXV. quibus P. Val. praef. praeerat, viginti quinque parandas alias decernunt, und zwar so, daß ich dies parandas statt paratas aufnehme. Was die ersten XXV. betrifft, so hatte uns Livius selbst Cap. 32 gesagt, XXV. naves P. Valerio Flacco datae sunt, quibus oram maritimam inter Brundusium et Tarentum etc. Er kann also diese Flotte hier, wenn ich so sagen soll, nicht anders citiren, als unter der Firma der 25 dem P. Valerius gegebenen Schiffe. Er darf aber auch bei seiner ausdrücklichen Angabe, einmal von triginta und nachher von quinquaginta, nicht fürchten, daß seine Leser etwa aus den 25 ersten, zu welchen einschließlich die zurückgegangenen 5 gehören, und aus den 25 zweiten eine Flotte von 55 Schiffen herauszählen werden, da er uns selbst gesagt hat, daß Valerius von seinen 25 ersten Schiffen 5 mit den gefangenen Gesandten vorerst nach Rom geschickt habe, und diese ihm auch jetzt als zu seinen ersten 25 gehörend wiedergegeben werden. Valerius blieb immer Oberbefehlshaber auch über die 5 nur einstweilen nach Rom geschickten Schiffe. – Die Lesart paratas wollte Gronov in parari verwandeln, Drakenborch das ganze Wort wegstreichen. Da aber dieser oben in Cap. 35 bei den Worten sacrificatum ad Hamas gezeigt hat, wie leicht dies aus sacrificádum entstehen konnte, und an mehrern Stellen auf die Menge ähnlicher Fälle verweiset, so erlaube ich mir auch hier die Vermuthung, daß die Lesart paratas, die auch des folgenden comparatis wegen nicht bleiben kann, aus parádas entstanden sei. noch zu bauenden, zu verstärken. Als diese gebaut und in See gelassen waren, und man die fünf Schiffe, auf denen die aufgefangenen Gesandten gekommen waren, wieder hatte dazu stoßen lassen, gingen diese dreißig Schiffe von Ostia nach Tarent ab; und Publius Valerius erhielt den Befehl, wenn er die zu Tarent unter dem Legaten Lucius Apustius stehenden ehemaligen Truppen des Varro eingeschifft hätte, mit seiner Flotte von funfzig Schiffen nicht bloß die Küste Italiens zu decken, sondern sich auch über den Macedonischen Krieg Gewißheit zu verschaffen. Wären Philipps Maßregeln mit den Briefen und Aussagen der Gesandten übereinstimmend, so solle er den Prätor Marcus Valerius schriftlich davon benachrichtigen, und dieser dann, wenn 68 er nach Abgabe seines Heers an den Legaten Lucius Apustius zur Flotte nach Tarent gegangen sei, je eher je lieber nach Macedonien übersetzen, und alles aufbieten, den Philipp in seinem Reiche festzuhalten. Zu den Kosten der Flotte und des Macedonischen Krieges bestimmte man die Gelder, welche man nach Sicilien an den Appius Claudius geschickt hatte, um sie dem Könige Hiero zurückzuzahlen: diese ließ der Legat Lucius Apustius nach Tarent herüberholen. Mit diesen schickte Hiero zweimalhunderttausend Maß Weizen und hunderttausend Maß Gerste. 39. Während dieser Vorbereitungen und Verfügungen von Seiten der Römer fand das aufgebrachte Schiff, welches mit den nach Rom geschickten ging, unterweges Gelegenheit, zum Philipp zu entkommen: dadurch erfuhr er, daß seine Gesandten mit den Briefen aufgefangen waren. Weil er nun nicht wußte, was seine Gesandten mit dem Hannibal verabredet hatten und was ihm dessen Gesandten mitgetheilt haben würden, so ließ er eine zweite Gesandschaft mit den nämlichen Aufträgen abgehen. Die Gesandten an Hannibal waren Heraclitus mit dem Beinamen Scotinus, Crito von Beröa und Sositheus aus Magnesia. Diese brachten ihre Aufträge glücklich hin und zurück. Allein der Sommer ging zu Ende, ehe sich der König in Bewegung setzen und etwas unternehmen konnte: von solcher Wichtigkeit war die Wegnahme des einzigen Schiffs mit den Gesandten für den Aufschub dieses den Römern bevorstehenden Krieges. Auch in der Gegend von Capua waren jetzt beide Consuln in Thätigkeit, da Fabius nach endlicher Beseitigung der bösen Zeichen über den Vulturnus gegangen war. Die zu den Puniern übergetretenen Städte Compulteria, Trebula und Saticula eroberte Fabius mit Sturm, und machte die dortigen Besatzungen Hannibals und sehr viele Campaner zu Gefangenen. Zu Nola hielt es wieder, wie voriges Jahr, der Senat mit den Römern, der Bürgerstand mit Hannibal, und es fehlte nicht an geheimen Anschlägen, die Vornehmen zu ermorden und die 69 Stadt zu verrathen. Um diesen keinen Fortgang zu verstatten, nahm Fabius, der sein Heer zwischen Capua und Hannibals auf Tifata stehendem Lager hindurch führte, seine Stellung oberhalb Suessula Super Vesuvium. ] – Der Vesuv liegt von Nola und dem Claudischen Lager viel zu weit südlich, noch mehr aber würde sich Fabius entfernt haben, wenn er sich sogar jenseits desselben gelagert hätte. Ich lese also mit Cluner, Gronov und Crevier, der die Stellen Cap. 17. 32. 46. 48 zum Beweise anführt, super Suessulam. In dem gleich folgenden lese ich nach Hrn.  Walchs Berichtigung (S. 96.) Marcellum propraetorem. statt M. proconsulem. im Claudischen Lager, und schickte von hier den Proprätor Marcus Marcellus, mit den Truppen, welche dieser bei sich hatte, zur Besatzung nach Nola . 40. Auch in Sardinien brachte der Proprätor T. Manlium praetorem. ] – Crevier giebt hier dem Manlius und Cap. 41. dem Otacilius statt des Titels Prätor den eines Proprätors, weil beide jetzt nicht mehr Prätoren waren. Duker und Drakenb. erklären sich dagegen, weit Livius auch an andern Stellen die vorjährigen Prätoren, oder auch die es vor 5 und 3 Jahren gewesen waren, noch praetores nenne. Bei dem Otacilius kann dies gelten, denn er war erst vor 2 Jahren Prätor gewesen. Allein unser Manlius war schon vor 9 Jahren Consul gewesen und seitdem nicht wieder vom Volke zum Prätor gewählt. Er kann also auch an unsrer Stelle nicht wirklicher praetor sein, sondern nur pro praetore cum imperio in Sardiniam missus. Und da hier 3 Handschriften ausdrücklich propraetorem lesen, so folge ich dem Crevier, dem auch Perizonius beistimmt. Titus Manlius die Unternehmungen wieder in Gang, die seit der schweren Krankheit des Prätors Quintus Mucius liegen geblieben waren. Dadurch, daß Manlius, um den Krieg zu Lande zu führen, die Kriegsschiffe bei Carales hatte auf das Ufer ziehen lassen und die Seeleute bewaffnet, auch die Truppen vom Prätor übernommen hatte, stellte er ein Heer von zwanzigtausend Mann Fußvolk und tausend zweihundert Reutern auf. Als er mit dieser Stärke an Reuterei und Fußvolk in das feindliche Gebiet gerückt war, schlug er nicht weit von Hampsicora's Lager das seinige auf. Hampsicora war eben zu den Pelz-Sardiniern Als Bewohner der kalten Gebirge trugen sie Pelze. abgegangen, um zur Verstärkung seiner Truppen ihre junge Mannschaft zu bewaffnen. Sein Sohn, Namens Hiostus, hatte den Oberbefehl im Lager: in einem Treffen, auf welches er sich aus jugendlichem 70 Übermuthe unbesonnen einließ, wurde er geschlagen und in die Flucht gejagt. An dreitausend Sardinier blieben in dieser Schlacht; beinahe achthundert wurden Gefangene. Das übrige Heer, welches anfangs auf der Flucht in Feldern und Waldungen umherirrte, rettete sich nachher in die Hauptstadt jener Gegend, Namens Cornus, wohin dem Gerüchte zufolge ihr Anführer geflohen war. Und der Krieg in Sardinien würde mit dieser Schlacht zu Ende gewesen sein, wäre nicht unter Hasdrubal die Punische Flotte, die an die Balearischen Inseln verschlagen gewesen war, für die zu erneurende Stimmung zum Kriege zu rechter Zeit eingetroffen. Auf den Ruf von einer gelandeten Punischen Flotte zog sich Manlius nach Carales zurück. Dies gab dem Hampsicora Gelegenheit, sich mit den Puniern zu vereinigen. Hasdrubal, der nach Ausschiffung seiner Truppen und Zurücksendung seiner Flotte nach Carthago von Hampsicora geführt in das Gebiet der Römischen Bundsgenossen auf Plünderung eingerückt war, würde bis Carales vorgedrungen sein, wenn nicht Manlius dadurch, daß er ihm mit dem Heere entgegen ging, seiner ausgebreiteten Verheerung Gränzen gesetzt hätte. Anfangs standen sie, Lager gegen Lager, in mäßiger Entfernung; dann folgten Ausfälle und leichte Gefechte von wechselndem Ausgange: endlich traten sie in Reihen, und fochten, Heer gegen Heer, vier Stunden lang in einer ordentlichen Schlacht. So leicht sich gewöhnlich die Sardinier besiegen ließen: so lange verzögerten die Punier die Entscheidung: endlich, als rund um sie her die Sardinier niedergehauen waren oder flohen, wurden auch sie geschlagen. Allein als sie jetzt die Flucht ergriffen, umzingelte sie der Römische Feldherr durch Schwenkung des Flügels, mit dem er die Sardinier geschlagen hatte. Und nun erfolgte mehr ein Gemetzel, als ein Gefecht. Zwölftausend Feinde , Sardinier und Punier zusammen, wurden getödtet, beinahe dreitausend und siebenhundert gefangen, und siebenundzwanzig Fahnen erbeutet. 41. Was diese Schlacht vorzüglich berühmt und 71 denkwürdig machte, war die Gefangennehmung des Feldherrn Hasdrubal und zweier Carthagischer Edlen, des Hanno und Mago. Mago, aus dem Barcinischen Geschlechte, war mit Hannibal nahe verwandt: Hanno hatte die Sardinier zur Empörung vermocht und war unstreitig der Anstifter dieses Krieges. Aber auch durch das Unglück der Sardinischen Feldherren kam die Schlacht in nicht geringeren Ruf. Denn Hiostus, der Sohn des Hampsicora, blieb im Treffen; und als Hampsicora, den auf der Flucht nur wenige Reuter begleiteten, in dieser traurigen Lage auch den Tod seines Sohns erfuhr, nahm er in der Nacht, um sein Vorhaben vor jedem darauf zukommenden Verhinderer zu sichern, sich selbst das Leben. Die übrigen fanden wieder, wie vorhin, ihren Zufluchtsort in der Stadt Cornus, welche aber Manlius, als er sie mit seinem siegreichen Heere angriff, in wenig Tagen einnahm. Auch die übrigen Städte, welche zum Hampsicora und den Puniern übergetreten waren, ergaben sich, nachdem sie Geisel gestellt hatten. Als er einer jeden nach Maßgabe ihrer Kräfte oder ihrer Schuld Geld- und Getreidelieferungen auferlegt hatte, führte er sein Heer nach Carales zurück. Als er hier die Kriegsschiffe flott gemacht und die mit ihm herübergeschifften Truppen wieder eingeschifft hatte, segelte er nach Rom und meldete den Vätern die Bezwingung Sardiniens: die eingetriebenen Gelder lieferte er den Schatzmeistern; das Getreide den Ädilen, die Gefangenen an den Prätor Quintus Fulvius. Da um eben diese Zeit der Proprätor T. Otacilius praetor. ] – Ich habe oben zu Cap. 40 gesagt, daß ich Dukers und Drakenborchs Gründe ehre, womit sie in ähnlichen Stellen die Lesart praetor vertheidigen, wo eigentlich propraetor hätte stehen sollen. Da aber auch hier zwei Mss. Otacilius propr. lesen, so nehme ich mit Gronov, Perizonius und Crevier diese Lesart hier als richtig an. Titus Otacilius, der mit einer Flotte von funfzig Schiffen von Lilybäum nach Africa übergesetzt war und das Carthagische Gebiet verheert hatte, von hier nach Sardinien steuerte, wohin dem Rufe nach Hasdrubal neulich von den Balearen übergegangen war, so stieß er auf diese nach Africa zurücksegelnde Flotte, und da es auf der 72 Höhe zu einem leichten Gefechte kam, nahm er ihr sieben Schiffe samt ihren Seeleuten ab: die Übrigen warf die Furcht, gleich einem Sturme, aus einander. Gerade in diesen Tagen landete auch Bomilcar mit den von Carthago geschickten Ergänzungstruppen, Elephanten und Vorräthen zu Locri. Appius Claudius, der in der Absicht, ihn unvermuthet zu überfallen, mit seinem Heere unter dem Scheine, als wolle er in seiner Provinz die Runde machen, schleunig nach Messana ging, setzte mit der Fluth nach Locri über. Allein schon war Bomilcar von hier zum Hanno in das Bruttische abgegangen, und die Locrer schlossen den Römern die Thore. Appius, der mit großen Anstalten nichts gethan hatte, ging nach Messana zurück. In diesem Sommer that Marcellus von Nola aus, welches er besetzt hielt, häufige Einfälle in das Gebiet der Hirpiner und der Samniten von Caudium, und verwüstete alles mit Feuer und Schwert so arg, daß er dadurch bei den Samniten das Andenken an die ehemaligen Verheerungen erneuerte. 42. Deswegen wurden ungesäumt von beiden Völkern zugleich Gesandte an Hannibal geschickt, welche ihn so anredeten: «Anfangs, Hannibal, standen wir als Feinde des Römischen Volks für uns allein da, so lange unsre Waffen, unsre Kräfte uns schützen konnten. Als unser Vertrauen auf diese schwand, schlossen wir uns an den König Pyrrhus an: von ihm im Stiche gelassen bequemten wir uns aus Noth zum Frieden, und hielten in diesem beinahe sechzig Jahre aus, bis auf die Zeit, da du nach Italien kamst. Deine Tapferkeit freilich und dein Glück, nicht weniger aber deine außerordentliche Leutseligkeit und Güte gegen unsre Mitbürger, die du als deine Gefangenen uns znrücksandtest, haben uns so für dich eingenommen, daß wir uns, so lange du, unser Freund, lebst und in deiner Kraft dastehst, nicht nur vor keinen Römern, sondern nicht einmal – wenn der Ausdruck nicht sündlich ist – vor der Ungnade der Götter, fürchten würden. Aber wahrhaftig, nicht bloß 73 bei deiner vollen Kraft und deinen Siegen, sondern sogar in deiner Gegenwart – beinahe könntest du die Wehklage unsrer Gattinnen und Kinder hören, und unsre Häuser brennen sehen, – sind wir in diesem Sommer mehreremal so ausgeplündert, daß bei Cannä Marcus Marcellus, nicht Hannibal, gesiegt zu haben scheint, und die Römer die hohe Sprache führen, du seist, – gleichsam nur zu Einem Stiche lebendig genug, – nachdem du den Stachel stecken gelassen habest, jetzt der Erstorbene. Fast ganzer hundert Jahre haben wir mit dem Römischen Volke Krieg geführt, ohne von einem fremden Feldherrn oder Herrn unterstützt zu werden, außer daß Pyrrhus zwei Jahre lang mehr durch unsre Truppen seine Macht verstärkte, als durch seine Stärke uns vertheidigte. Ich will mich unsres Glücks nicht rühmen, daß wir zwei Consuln und zwei consularische Heere unter dem Jochgalgen durchziehen ließen, und anderer für uns erfreulichen oder ruhmvollen Ereignisse. Aber selbst was uns damals Hartes und Widriges begegnete, können wir dir eher ohne Unwillen erzählen, als was wir jetzt erleben. Große Dictatoren, jeder mit seinem Magister Equitum, immer zwei Consuln mit zwei consularischen Heeren zogen in unsre Gränzen ein, und rückten nie anders auf Plünderung aus, als nach eingezogener Kundschaft, und ausgestelltem Rückhalte, und in Reihe und Glied. Jetzt sind wir die Beute eines einzigen Proprätors Nunc proprii unius. ] – Ich halte Hrn. Walchs Vorschlag für durchaus annehmenswerth, propraetoris, statt proprii zu lesen, theils wegen des schönen Gegensatzes zu magni dictatores und bini consules, theils weil meiner Ansicht nach zu der Abkürzung PROPR. das folgende u im unius dem Abschreiber die angehängten ii hergab. und einer selbst zum Schutze Nola's zu schwachen Besatzung. Nicht einmal in geschlossener Schar, sondern nach Art der Straßenräuber, schwärmen sie in unserm Gebiete; sorgloser, als wenn sie auf Römischem Boden umherstreiften. Der Grund davon ist theils der, daß du selbst dich unsrer nicht annimmst, theils, daß unsre Jugend, welche uns schützen würde, wenn sie zu Hause wäre, sämtlich unter deinen 74 Fahnen dient. Ich müßte weder dich, noch dein Heer, kennen, wenn ich nicht glaubte, daß es Dem, von dem ich so viele Römische Linien besiegt und zu Boden geworfen weiß, ein Leichtes sei, unsre ohne alle Fahnen schwärmenden Plünderer zu vertilgen, die sich immer dahin verlaufen, wo die Hoffnung, zu plündern, so vergeblich sie ist, jeden hinlockt. Sie müssen schon eine Beute für wenige Numider werden, und durch dein uns geschicktes Hülfskohr Et Nolae ademerit. ] – Stroth folgt der Lesart ademer is und der Erklärung des Pithöus, nach welcher praesidium missum auf die von den Römern unter Marcellus nach Nola geschickte Besatzung gezogen wird. Er beruft sich dabei auf die kurz vorhergehende Stelle: Nunc proprii unius et parvi ad tuendam Nolam praesidii praeda sumus. Allein da die Gesandten schon vorher dies praesidium als in voller Thätigkeit geschildert hatten, wie kämen sie dazu, es erst hier praesidium missum zu nennen? Hatten sie früher gesagt, daß dies Kohr von Nola aus ganz Samnium ausplündere, warum erwähnen sie hier dessen, daß es nach Nola geschickt sei? Außerdem muß man dann auch in Gedanken zu dem missum ein Nolae hinzusetzen, wie mich dünkt, nicht ohne Zwang: und dieser wird dadurch noch härter, weil man dann unter praesidium Nolae ademeris die Nola schützende Besatzung oder ein Hülfskohr, und unter praesidium nobis ademeris ein Kohr angreifender, plündernder Feinde verstehen, also praesidium in doppeltem Sinne nehmen müßte. Auch Drakenb. urtheilt über diese Erklärung des Pithöus: Non satisfacit. Ich lese mit Drakenb. ademer it, und beziehe, wie er, das praesidium missum auf die Hülfe, die sich die Samniten von Hannibal erbitten. Dies um so viel lieber, weil Hannibal gleich im Anfange des folgenden Cap. den Bittenden einen Vorwurf daraus macht: Omnia simul facere Samnites; indicare clades suas, et petere praesidium, et queri se indefensos. Also muß doch wohl in der Rede des Samnitischen Gesandten eines praesidii mittendi erwähnt sein. Und das geschieht an unsrer Stelle. Dann hängt praesidiumque missum nobis sehr gut zusammen. Läse man praesidioque misso, so könnte freilich das in allen Mss. befindliche ademeris bestehen, dann aber müßte man die Lesart der besten und fast aller Mss. praesidi um que miss um verlassen. verliert sie Nola zugleich; wenn du anders uns, die du des Bundes mit dir würdig achtetest, jetzt, da du uns in deine Obhut genommen hast, auch deines Schutzes nicht unwürdig hältst.» 43. Hierauf erwiederte Hannibal: «Die Hirpiner und Samniten thäten Alles auf einmal: sie meldeten ihre Verluste; sie bäten um Hülfstruppen, und klagten, daß man sie unbeschützt gelassen und vernachlässigt habe. Zuerst hätten sie die Anzeige thun sollen: dann hätten sie Recht gehabt, um Hülfe zu bitten; und zuletzt, wenn sie diese nicht erhalten hätten, dann erst 75 hätten sie sich beschweren dürfen, daß sie vergeblich um Hülfe gebeten hätten. Er werde sein Heer nicht auf das Gebiet der Hirpiner und Samniten führen, damit nicht auch er ihnen zur Last falle; sondern in die nächsten Gegenden der Römischen Bundsgenossen. Durch deren Verheerung werde er theils seine Soldaten bereichern, theils den für sich selbst besorgten Feind von ihnen weit entfernen. Was den Römischen Krieg betreffe, so werde er, wenn die Schlacht am Trasimenus die am Trebia, wenn die bei Cannä wieder die am Trasimenus an Ruf übertreffe, auch das Andenken der Schlacht von Cannä durch einen größern und glänzendern Sieg verdunkeln.» Mit dieser Antwort und ansehnlichen Geschenken entließ er die Gesandten. Als er, nach Hinterlassung eines mäßigen Kohrs auf Tifata, mit dem übrigen Heere aufgebrochen war, zog er gerade auf Nola. Eben dahin kam auch Hanno aus dem Bruttierlande mit den von Carthago mitgebrachten Ergänzungstruppen und Elephanten. Als Hannibal in der Nähe ein Lager bezogen hatte, fand er bei seinen Erkundigungen Alles ganz anders, als ihm die Gesandten seiner Bundesgenossen gesagt hatten. Denn Marcellus unternahm durchaus nichts, wobei er sich auf Gerathewohl dem Glücke oder dem Feinde überlassen hatte. Er war auf Plünderung ausgegangen, aber nicht ohne Kundschaft, unter starker Bedeckung und nach Sicherung des Rückzuges: und in Allem war er, als hätte er den Hannibal selbst vor sich, auf seiner Hut und gefaßt. Jetzt, sobald er die Ankunft des Feindes gewahr wurde, beschränkte er seine Truppen auf die Stadt; die Nolanischen Senatoren hieß er auf den Mauern die Runde machen und nach allen Seiten die Unternehmungen des Feindes erspähen. Mit zweien von ihnen, dem Herennius Bassus und Herius Pettius, ließ sich Hanno, welcher sie bei seiner Ankunft vor der Stadtmauer zu einem Gespräche eingeladen hatte, zu dem sie mit Marcells Bewilligung hinausgingen, durch einen Dollmetscher in Unterredung ein. Er erhob Hannibals Tapferkeit und Glück; 76 dagegen riß er des Römischen Volkes Hoheit, als zugleich mit seinen Kräften veraltend, in den Staub herab. «Gesetzt aber, beide wären sich noch, wie ehemals, gleich; so müßten dessenungeachtet Leute, welche die Erfahrung gemacht hätten, wie drückend die Römische Regierung ihren Verbündeten, und wie schonend Hannibal sogar gegen alle Gefangenen von Italischem Stamme sei, eine Verbindung und Freundschaft mit den Puniern wünschenswerther finden, als mit den Römern. Wenn beide Consuln mit ihren Heeren bei Nola ständen, so würden sie doch dem Hannibal eben so wenig gewachsen sein, als sie es bei Cannä gewesen wären: geschweige denn, daß ein einziger Prätor mit ein Par neugeworbenen Soldaten Nola sollte schützen können. Es sei wichtiger für sie selbst, als für den Hannibal, ob Nola durch Sturm, oder durch Übergabe, sein werde: denn sein müsse es werden, wie ihm Capua und Nuceria geworden sei: allein der Unterschied zwischen Capua's und Nuceria's Lose könne den Nolanern, die beinahe in der Mitte von beiden wohnten, nicht unbekannt sein. Schon der Vorbedeutung wegen möge er sie nicht daran erinnern, was die Stadt nach einem Sturme zu erwarten haben werde: lieber wolle er sich ihnen verbürgen, daß niemand anders, als sie selbst, wenn sie mit der Stadt Nola den Marcellus und seine Besatzung übergäben, die Bedingungen festsetzen solle, auf welche sie sich der Verbindung und Freundschaft mit Hannibal überlassen wollten.» 44. Hierauf antwortete Herennius Bassus: «Schon seit vielen Jahren bestehe zwischen den Völkern von Rom und Nola eine Freundschaft, welche sich keiner von beiden Theilen bis auf den heutigen Tag habe gereuen lassen: und hätten sie ja mit dem Glücke ihre Verbindung abändern sollen, so sei doch für sie diese Änderung jetzt zu spät; denn wenn sie sich dem Hannibal hätten ergeben wollen, so hätten sie keine Römische Besatzung hereinrufen müssen. Sie theilten mit denen; die zu ihrem Schutze sich eingefunden hätten, 77 Wohl und Weh, und würden es bis auf den letzten Augenblick mit ihnen theilen.» Diese Unterredung vernichtete Hannibals Hoffnung, sich Nola's durch Verrätherei zu bemächtigen. Nun umstellte er die Stadt mit einem Truppenkranze, um von allen Seiten zugleich zu den Mauern hinanzustürmen. Kaum sah ihn Marcellus unter den Mauern ankommen, als er mit seinen innerhalb des Thores gestellten Truppen unter großem Getümmel hervorbrach. Im ersten Angriffe wurden mehrere überrascht und niedergehauen: als hierauf Alles bei den Fechtenden zusammenlief, und beide Theile an Stärke sich gleich wurden, begann ein fürchterliches Gefecht; und es würde seinen Platz unter den denkwürdigsten erhalten haben, hätte nicht ein unter heftigen Stürmen sich ergießender Platzregen die Fechtenden geschieden. So zogen sich beide, da für heute der Kampf unbedeutend blieb und ihren Muth nur gereizt hatte, die Römer in die Stadt, die Punier in ihr Lager zurück. Dennoch waren von den gleich anfangs durch den Ausfall überraschten Puniern nicht weniger Ceciderunt haud plus quam triginta.] – Cap. 43, 7. macht Crevier bei den Worten cauta provisaque fuerunt die Anmerkung: Fortasse: fuerant. Und Drakenb. billigt dies. Dort ist aber, weil das voraufgeschickte plqpf. ierat die verflossene Zeit hinlänglich angedeutet hatte, meiner Meinung nach das perfectum fuerunt richtig, wodurch die in dieser verflossenen Zeit anhaltende Fortdauer bezeichnet wird: denn die Folgen von Marcells vorsichtigen Maßregeln waren ihm jetzt noch heilsam. An unsrer Stelle aber müßte, wenn ich nicht irre, cecider ant gelesen werden, weil sich das perfectum occiderunt nicht als fortlaufende Zeit an das voraufgegangene receperunt anschließen kann, sondern die Zeit des cecider ant vor der des receperunt schon als verflossen gedacht werden muß. – In den hier angegebenen Zahlen folge ich der aus den besten Handschriften und Drakenborchs Vermuthung zusammengesetzten Lesart: Poenorum – – – ceciderunt (lieber ceciderant ) haud plus (ich möchte fast glauben, daß dies plus aus mg [minus] entstanden sei) quadringenti, Romani L. Ich bin ungewiß, zu welcher Periode das tamen den Gegensatz machen soll. Bezieht es sich auf das entferntere atrox coepit esse pugna, memorabilisque inter paucas fuisset, so wäre gegen den Nachsatz tamen haud plus nichts zu erinnern. Geht es aber als adversativa auf das unmittelbar zunächst gesagte, auf commisso modico (tantum) certamine atque irritatis (tantum) animis – se receperunt, so müßte der Nachsatz mit tamen haud minus gemacht werden. Doujat will freilich haud plus quam triginta beibehalten, und von den Puniern weniger, als von den Römern gefallen sein lassen. Dem aber widerspricht Marcells Aussage im Anfange des folgenden Cap. victis ante diem tertium etc. als vierhundert gefallen; von 78 den Römern funfzig. Der anhaltende Regen dauerte die ganze Nacht durch bis den folgenden Morgen um neun Uhr. Also beschränkten sich beide Theile, so kampflustig sie waren, für heute auf ihre Verschanzungen. Am dritten Tage schickte Hannibal einen Theil seiner Truppen im Gebiete von Nola auf Plünderung aus. Als dies Marcellus gewahr wurde, rückte er sogleich mit seinen Truppen zur Schlacht aus; und Hannibal lehnte sie nicht ab. Zwischen der Stadt und dem Lager waren etwa tausend Schritte. Auf diesem Raume – denn rund um Nola sind lauter Felder – trafen sie zusammen. Das von beiden Seiten erhobene Geschrei rief auch von den in die Dörfer auf Plünderung ausgegangenen Cohorten die nächsten in das schon angefangene Treffen zurück. Auch verstärkten die Nolaner die Römische Linie. Doch hieß sie Marcellus, der ihnen ihr Lob ertheilte, den Rückhalt bilden und die Verwundeten aus der Linie wegtragen, allein am Gefechte nicht Theil nehmen, wenn er ihnen nicht ein Zeichen gäbe. 45. Das Treffen war zweifelhaft; und die Feldherren boten eben so im Ermahnen alle ihre Kräfte auf, wie die Soldaten im Fechten. Marcellus forderte die Seinigen auf: «Feinden, über welche sie vorgestern den Vortheil gehabt, welche sie vor wenig Tagen von Cumä verscheucht hätten, und die in vorigem Jahre ebenfalls unter seiner Anführung, nur mit andern Truppen, vor Nola weggeschlagen wären, keine Ruhe zu lassen. Sie wären nicht einmal alle in der Schlacht zugegen: plündernd streiften sie im Lande umher: aber auch die Fechtenden wären durch Campanische Schwelgerei ausgemergelt, und hätten sich durch Wein und Huren und durch Besuchung aller schlechten Winkel den ganzen Winter über zu Grunde gerichtet. Jenes Feuer, jene Lebhaftigkeit habe sie verlassen: verschwunden sei die Körper- und Geisteskraft, mit der sie die Höhen der Pyrenäen und Alpen überstiegen hätten: von jenen Männern fechte nur noch der Überrest, der kaum seine Waffen und eignen Glieder tragen könne. Capua sei Hannibals Cannä 79 geworden. Hier sei alle kriegerische Tapferkeit, hier die Kriegszucht, hier sein Ruhm zu früherer Zeit, hier seine Hoffnung auf die Zukunft erloschen.» Während Marcellus durch diese den Feinden schimpfliche Rüge den Muth seiner Soldaten belebte, brach Hannibal gegen jene in noch weit härtere Vorwürfe aus: «Die Waffen freilich und die Fahnen erkenne er noch für dieselben, die er am Trebia und Trasimenus, und zuletzt bei Cannä gesehen und gehabt habe. Aber wahrlich habe er ganz andre Soldaten in die Winterquartiere nach Capua geführt, und ganz andre wieder herausgebracht. Mit aller Anstrengung bestehet ihr, die ihr euch nie von zwei consularischen Heeren aufhalten ließet, jetzt kaum einen Römischen Legaten und den Kampf mit Einer Legion und ihren Atque alae. ] – Stroth giebt hier dem Worte ala die gewöhnliche Bedeutung: Römische Reuterei, und belegt diese mit Stellen aus Livius. Eben so gültig sind die von Crevier angeführten Stellen, wo unter ala die Bundestruppen (und hauptsächlich zu Fuß) verstanden werden. Da beides an sich richtig ist, so fragt sich nur, welches für unsre Stelle das Schicklichere sei. Da Hannibal hier verkleinern will, so muß er, meiner Meinung nach, unter den nachher erwähnten tirone milite ac Nolanis subsidiis keine andre verstehen, als die er vorher legionem unam atque alam genannt hatte. Denn sonst vermehrt er ja hier die Anzahl der Feinde, wenn wir ihn außer der legio una atque ala, die seinen Soldaten unwiderstehlich sein sollen, noch andre (tirones ac Nolanos) aufstellen lassen, und würde dadurch selbst die Rechtfertigung seinen Puniern gleichsam in den Mund legen. Ich folge also hier lieber Crevier's Erklärung. Bundestruppen? Muß uns Marcellus mit seinen Neulingen und Helfern aus Nola ungestraft schon zum zweitenmale zum Kampfe fordern? Wo fänd' ich ihn, der – mein ächter Soldat – dem vom Pferde herabgerissenen Consul Cajus Flaminius den Kopf abhieb? wo ihn, der bei Cannä den Lucius Paullus erlegte? Sind jetzt eure Schwerter abgestumpft, oder eure Rechten erlahmt? oder was für ein Ungethüm waltet hier? Die ihr sonst gewohnt waret, als kleine Zahl die Menge zu besiegen, ihr haltet jetzt als Mehrzahl kaum Wenigen Stand? Ihr vermaßet euch, in Worten tapfer, Rom zu erobern, wenn euch jemand hinführen wollte. Freilich, das ist auch eine leichtere Aufgabe Enim minor est res. ] – Nach Gronov, Crevier , Stroth und den besten Mss. – Auch XXXIV. 32, 13. soll nach Gronov und Stroth Enim im Anfange der Periode stehen. Dort aber hat Drakenb. gute Gründe, das At enim nicht verdrängen zu lassen; und dann wäre unsre Stelle die einzige, wo Livius mit Enim anfinge. Vermuthlich hat darum Drakenb. auch hier dies Enim verworfen, und sich das von Valla vorgeschlagene En nunc gefallen lassen. Sollte Enim nicht ächt sein, so würde ich es doch lieber in En hic, als in En nunc verändern. Dann würde vielleicht der Zusammenhang: En! hic minor est res: hic experiri vim virtutemque volo, dem Redner noch angemessener sein: und hic den beiden Buchstaben im (von Enim) wenigstens eben so nahe kommen, als das sich gleichfalls bloß auf Conjectur gründende nunc. Die Uebersetzung würde dann etwa so lauten: «Wohlan! hier habt ihr eine leichtere Aufgabe: hier will ich von eurer Kraft etc.» . Hier will ich von eurer Kraft, von eurer 80 Tapferkeit, eine Probe sehen. Erobert Nola, eine Stadt in der Ebene, die keinen Fluß, kein Meer zum Schutze hat. Von hier will ich entweder euch, mit Beute und Siegesgewinn aus einer so reichen Stadt beladen, führen, wohin ihr wollt, oder von euch mich führen lassen.» 46. Allein den Puniern Fassung zu geben, schlugen weder gute, noch böse Worte, an. Da sie von allen Seiten zurückgedrängt wurden, und den Römern der Muth wuchs, weil nicht bloß ihr Feldherr sie ermunterte, sondern auch die Nolaner durch ihr Geschrei, den Zeugen ihres Beifalls, ihren Eifer zum Kampfe befeuerten, so nahmen sie die Flucht und wurden in ihr Lager zurückgejagt. Marcellus führte seine Römer, ob sie gleich begierig waren, es zu stürmen, nach Nola zurück, unter lauten Freudensbezeigungen und Glückwünschen sogar der Bürgerclasse, die es vorher mehr mit den Puniern gehalten hatte. Von den Feinden fielen an diesem Tage über fünftausend; sechshundert wurden Gefangene, neunzehn Fahnen erbeutet und zwei Elephanten: vier tödtete man in der Schlacht. Von den Römern blieben nicht völlig tausend. Den folgenden Tag verwandte man in einem schweigend bewilligten Waffenstillstande auf Beerdigung der von beiden Seiten in der Schlacht Gefallenen. Die den Feinden abgezogenen Waffen verbrannte Marcellus, wie er dem Vulcan gelobet hatte. Drei Tage nachher gingen, vielleicht als Beleidigte, oder auch in Hoffnung eines freundlicheren Dienstes, tausend zweihundert und zweiundsiebzig Reuter, theils Numider, theils Spanier, 81 zum Marcellus über. Ihre Tapferkeit und Treue kam den Römern mehrmals in diesem Kriege zu statten. Nach geendigtem Kriege wurde den Spaniern in Spanien, den Numidern in Africa, zur Belohnung ihrer Tapferkeit, ein Grundstück als Niederlassung Locus datus est. ] – Ich folge dieser von Stroth unter Beistimmung der meisten Mss. aufgenommenen Lesart, um so lieber, da Gronov aus der lex Thoria die Worte citirt: quemve agrum locum, de eo agro loco, qui publicus pop. Romani etc. angewiesen. Nachdem Hannibal den Hanno nebst den mit diesem gekommenen Truppen in das Bruttische zurückgeschickt hatte, zog er von Nola in die Winterquartiere Apuliens und lagerte sich um Arpi. Quintus Fabius, der auf die Nachricht von Hannibals Abzuge nach Apulien sogleich von Nola und Neapolis Getreide in das Lager oberhalb Suessula zusammenfahren ließ, die Werke in Stand setzte und eine Besatzung zurückließ, die den Platz während der Winterquartiere behaupten könnte, verlegte selbst sein Lager näher nach Capua und verheerte das Campanische mit Feuer und Schwert, bis endlich die Campaner sich gezwungen sahen, bei allem Mistrauen auf eigne Kraft, aus den Thoren zu rücken und ein Lager vor der Stadt im Freien zu befestigen. Sie hatten sechstausend Mann untaugliches Fußvolk: mit ihrer Reuterei konnten sie mehr ausrichten, und neckten deswegen den Feind durch Angriffe zu Pferde. Unter den vielen vornehmen Campanischen Rittern war einer, Cerrinus Jubellius, mit dem Zunamen Taurea. Er gehörte zu Capua unter die Römischen Bürger und war unter allen Campanern bei weiten der tapferste Ritter, so daß ihm, als er noch unter den Römern diente, der einzige Römer, Claudius Asellus, an Ritterruhme gleich kam. Jetzt also fragte Taurea Hunc Taurea. ] – Ich lese mit Hrn. Walch (S. 139) Tunc Taurea. , als er lange vor den feindlichen Geschwadern, sie durchspähend, auf und ab geritten war, endlich nach erwinkter Stille, wo Claudius Asellus sei, und warum er nicht jetzt, da er sonst so oft mit ihm in Worten über den Vorzug in der Tapferkeit gestritten habe, 82 die Entscheidung vom Schwerte nehme, und entweder seinen Sieger ausgezeichnete Prunkstücke gewinnen lasse, oder, selbst Sieger, sie erbeute. 47. Asellus, der auf die ihm ins Lager gebrachte Nachricht nur so lange Anstand nahm, bis er sich bei dem Consul erkundigt hatte, ob er gegen einen fordernden Feind außer dem Gliede fechten dürfe, setzte sich, auf erhaltene Erlaubniß, sogleich in die Waffen; und so wie er vor die Posten hinausgeritten war, rief er den Taurea bei Namen und forderte ihn auf, sich mit ihm zu messen, wo er wolle. Schon hatte sich eine Menge Römer, diesem Kampfe zuzusehen, vor ihrem Lager aufgestellt: auch die Campaner erfüllten als Zuschauer nicht bloß den Wall ihres Lagers, sondern auch ihre Stadtmauer. Da beide schon vorher durch muthvolle Äußerungen dem Kampfe ein höheres Ansehen gegeben hatten, so jagten sie jetzt mit eingelegter Lanze gegen einander. Unter neckendem Getummel auf freiem Platze verlängerten sie nun den Kampf ohne einander zu verwunden. Da sprach der Campaner zu dem Römer: «Das wird ein Kampf für die Pferde, und nicht für die Reuter, wenn wir nicht vom Felde in diesen Hohlweg hinabreiten. Dort, wo der Raum jede Abschweifung versagt, müssen wir einander vor die Klinge kommen.» Beinahe ehe jener ausredete, setzte Claudius schon mit seinem Pferde in den Weg hinab. Taurea, muthiger in Worten, als in der That, rief: «Ei mit Erlaubniß! warum nicht gar den Wallach in den Cantherium in fossa. ] – So kann, wie Stroth richtig bemerkt, das Sprichwort lauten, wenn von einem die Rede sein soll, der schon in der Noth steckt. Als Warnung, sich nicht hineinzubegeben, muß es heißen: Minime cantherium in foss am. Stroth nimmt hier zu in fossam ein ausgelassenes deiiciam zu Hülfe. Auch lesen hier mit der Florentinischen noch acht andre Handschriften in foss am . Graben?» Worte, die nachher in ein ländliches Sprichwort übergegangen sind. Als Claudius, der in dem Wege weit hinunter ritt, ohne auf einen Feind zu treffen, wieder auf das Feld herausgekommen war, schalt er auf die Feigheit seines Feindes und kehrte, von lauten Freudensbezeigungen und Glückwünschen als Sieger 83 begleitet, ins Lager zurück. An die Erzählung von diesem Ritterkampfe knüpfen einige Jahrbücher noch einen Umstand, der wenigstens wunderbar klingt: über die Wahrheit desselben bleibt von meiner Seite Ich lese mit Drakenborch quam vera sit, communis per me existimatio est. jedem sein Urtheil freigestellt. Als Claudius den in die Stadt flüchtenden Taurea verfolgt habe, sei er in das offene feindliche Thor hineingeritten, und durch das entgegengesetzte, während die Feinde über das Wunder staunten, unversehrt entkommen. 48. Seitdem stand man einander ruhig gegenüber, ja der Consul zog sich mit seinem Lager zurück, damit die Campaner die Sat bestellen möchten; auch vergriff er sich an den Campanischen Feldern nicht eher, als bis die Sat schon so hoch im Kraute war, daß sie Futter geben konnte. Dies ließ er in das Claudische Lager oberhalb Suessula zusammenfahren und legte hier seine Winterquartiere an. Dem Proconsul Marcus Claudius befahl er, wenn er zu Nola die zur Behauptung der Stadt nöthigen Truppen zurückbehalten hätte, die übrigen nach Rom zu entlassen, damit sie den Bundsgenossen keine Beschwerde und dem State keine Kosten machten. Nachdem auch Tiberius Gracchus seine Legionen von Cumä nach Luceria in Apulien geführt hatte, so schickte er von hier den Prätor Marcus Valerius mit dem Heere, welches dieser zu Luceria gehabt hatte, nach Brundusium mit dem Auftrage, die Küste des Sallentinischen Gebiets zu decken und in Hinsicht auf Philipp und den Macedonischen Krieg die nöthigen Maßregeln zu treffen. Am Ende des Sommers, in welchem laut meiner Erzählung dieses vorfiel, meldete ein von den Scipionen, Publius und Cneus, eingelaufener Brief, was für große und glückliche Thaten sie in Spanien verrichtet hatten, daß es aber an Geld zum Solde für das Heer, an Kleidung und Getreide, und den Seeleuten an Allem Vergl. den Schluß dieses Capitels. fehle. Was den Sold betreffe, so wollten sie, wenn die 84 Schatzkammer zu arm sei, es möglich zu machen suchen, daß sie ihn von den Spaniern nähmen; das Übrige aber müsse nothwendig von Rom geschickt werden, sonst lasse sich weder das Heer, noch die Provinz länger erhalten. Als der Brief verlesen war, fand sich niemand, der nicht die Wahrheit der Angaben und die Billigkeit der Forderungen eingestanden hätte: allein dabei fiel ihnen aufs Herz, «was für große Heere zu Lande und zu Wasser sie zu halten hätten und wie groß die neue nächstens auszurüstende Flotte sein müsse, wenn der Macedonische Krieg zum Ausbruche käme. Sicilien und Sardinien, welche vor dem Kriege Steuern geliefert hätten, ernährten jetzt kaum die zu ihrer Behauptung dort stehenden Heere. Jetzt treibe man die Kosten lediglich durch die Abgaben herbei: allein gerade die Anzahl derer, welche die Abgaben entrichteten, sei durch die großen Niederlagen der Heere, theils am Trasimenischen See, theils bei Cannä, vermindert: wenn man die noch übrigen Wenigen mit so vielfachen Zahlungen belaste, so würden sie einer andern Noth erliegen. Folglich müsse der Stat, da er sich mit barem Gelde nicht retten könne, durch Credit sich retten. Der Prätor Fulvius müsse in der Versammlung auftreten, dem Volke die Verlegenheit des States aufdecken, und diejenigen, die durch Übernahmen vom State ihr Vermögen vergrößert hätten, auffordern, dem State, der sie reich gemacht habe, durch gestattete Frist zu helfen Ut rei p. – tempus commodarent. ] – So habe ich nach Creviers Erklärung, ohne ad, den Sinn auszudrücken gesucht. Mit ad würde es heißen: Auf einige Zeit Vorschuß zu thun. , und die dem Spanischen Heere nöthigen Lieferungen unter der Bedingung zu übernehmen, daß ihnen, sobald die Schatzkammer Geld habe, vor allen andern gezahlt würde.» Der Prätor zeigte dies der Versammlung an und zugleich den Tag, an welchem er die Lieferung der dem Spanischen Heere nöthigen Kleidungsstücke und Kornvorräthe, und was außerdem noch für die Seesoldaten erforderlich sei, verdingen wolle. 85 49. Als dieser Tag gekommen war, fanden sich zur Übernahme neunzehn Menschen in drei Gesellschaften an, und machten folgende zwei Bedingungen. Erstlich, daß sie, so lange sie dem State auf diese Art dienten, vom Kriegsdienste frei wären. Zweitens, wenn sie die Ladungen eingeschifft hätten, daß alsdann alle Gefahr von Seiten der Feinde oder eines Sturmes der Stat zu tragen habe. Nachdem ihnen beides zugestanden war, schlossen sie ab und die Ausgaben des Stats wurden von Privatleuten bestritten. Dies war die Gesinnung, so groß die Vaterlandsliebe, die gleichsam der Reihe nach durch alle Stände ging. So hochherzig man sich zur Übernahme verstanden hatte, so lieferte man auch den Heeren alles mit größter Treue, und nicht anders, als ob sie, wie sonst, aus einer reichen Schatzkammer verpflegt würden. Als diese Zufuhren ankamen, belagerten Hasdrubal und Mago und Hannibal, Bomilcars Sohn, die Stadt Illiturgi wegen ihres Übertritts zu den Römern. Die Scipione, die zwischen diesen drei Lagern durch, unter hartem Kampfe und großem Verluste der sich widersetzenden Feinde, in die Stadt ihrer Bundesgenossen eindrangen, führten ihr Getreide zu, woran sie Mangel litt, und nachdem sie die Bürger ermuntert hatten, eben so muthvoll ihre Mauer zu vertheidigen, als sie das Römische Heer für sie hätten fechten sehen, zogen sie zum Angriffe gegen das größte der drei Lager, wo Hasdrubal den Oberbefehl hatte. Hier sammelten sich aber auch die beiden andern Feldherren und Heere der Carthager, weil sie einsahen, daß das Ganze von diesem Punkte abhänge. Also erfolgte das Gefecht vermittelst eines Ausfalls aus ihren Lagern. Sechzigtausend Feinde standen an diesem Tage in der Schlacht, und sechzehntausend Römer. Dennoch war der Sieg so wenig unentschieden, daß die Römer mehr Feinde erlegten, als sie selbst Leute hatten, über dreitausend Gefangene machten, beinahe tausend Pferde, neunundfunfzig Fahnen und sieben Elephanten erbeuteten, da sie schon fünf im Treffen getödtet hatten. Auch eroberten sie noch an dem Tage alle drei Lager. 86 Nach dem Entsatze von Illiturgi wurden die Punischen Heere zur Belagerung von Intibili geführt, da sie Ergänzungstruppen aus ihrer Provinz bekommen hatten, welche, wenn es nur Beute oder Sold gab, so kriegslustig war, als irgend eine, und jetzt an Mannschaft Überfluß hatte. In einer abermaligen Schlacht hatte der Kampf für beide Theile wieder eben den Erfolg. Über dreizehntausend Feinde wurden getödtet, über zweitausend gefangen, zweiundvierzig Fahnen genommen und neun Elephanten. Nun aber gingen auch fast alle Völker Spaniens zu den Römern über, und es waren in diesem Sommer weit wichtigere Thaten in Spanien verrichtet, als in Italien . Vier und zwanzigstes Buch. Jahre Roms 537 – 539. 88 Inhalt des vier und zwanzigsten Buchs. Hieronymus, König der Syracusaner, dessen Großvater Hiero der Römer Freund gewesen war, tritt zu den Carthagern über, und wird wegen seiner Grausamkeit und seines Übermuths von seinen Unterthanen ermordet. Der Proconsul Tiberius Sempronius Gracchus ficht gegen die Punier und ihren Feldherrn Hanno bei Beneventum mit Glück, hauptsächlich durch die Tapferkeit der Sklaven; und erklärt sie für Freie. Consul Claudius Marcellus berennt in Sicilien, welches fast ganz zu den Puniern abgefallen war, Syracus. Dem Macedonischen Könige Philipp kündigt man den Krieg an. Bei Apollonia in einem nächtlichen Treffen überrascht und geschlagen, flieht er mit einem beinahe wehrlosen Heere nach Macedonien. Zur Führung dieses Krieges war der Prätor (Marcus) Valerius Bellum gerendum Valerius. ] – Ich vermuthe, daß das m in gerendum die Auslassung des Vornamens M. vor Valerius verschuldet habe. abgeschickt. Außerdem enthält dies Buch die Thaten der beiden Scipione, Publius und Cneus in Spanien gegen die Carthager. Syphax, König von Numidien, wird der Römer Freund, und da er von Masinissa, einem Massylischen Prinzen, der auf Carthagischer Seite focht, geschlagen wird, zieht er sich mit einer großen Livius sagt Cap. 49 das Gegentheil: Syphax cum paucis equitibus in Maurusios – – refugit, und nachher erst ingentes brevi copias armavit. Doch wage ich es nicht, cum haud magna manu vorzuschlagen, weil der Epitomator vielleicht beides in Eins zusammenziehen wollte. Schar in das Gebiet der Maurusier, Gades gegenüber, wo Afrika und Spanien durch die schmale Meerenge geschieden werden. Auch die Celtiberer wurden zu Freunden angenommen: und durch den Zutritt ihrer Hülfsvölker zum erstenmale im Römischen Lager Lohntruppen angestellt. 89 Vier und zwanzigstes Buch. 1. Nach seiner Rückkehr aus Campanien ins Bruttische Gebiet machte Hanno, von den Bruttiern unterstützt und angeführt, Versuche auf die Griechischen Städte, die aber in der Verbindung mit Rom so viel lieber beharreten, weil sie sahen, daß die Bruttier, die von ihnen gehaßt und gefürchtet wurden, auf Carthagischer Partei waren. Auf Rhegium machte er den ersten Versuch und verlor hier mehrere Tage. Unterdeß rafften die Locrenser Getreide, Holz und andre Bedürfnisse vom Lande in ihre Stadt zusammen, auch deswegen, um dem Feinde keine Beute zurückzulassen; und täglich strömte eine größere Menge aus allen Thoren. Zuletzt waren bloß die in der Stadt zurückgelassen, welche die Mauern und Thore ausbessern und Vorräthe von Geschossen auf die Vertheidigungswerke bringen mußten. Auf jene aus allen Altern und Ständen gemischte und großentheils wehrlos im Lande umherstreifende Menge schickte der Punier Bomilcar seine Reuterei, welche mit dem ausdrücklichen Verbote, irgend jemand zu verletzen, bloß dazu mit ihren Geschwadern sich ihnen entgegenwarf, um die auf der Flucht sich Zerstreuenden von der Stadt abzuschneiden. Der Feldherr selbst, welcher eine Höhe besetzte, von wo er die Gegend und die Stadt übersehen konnte, ließ eine Cohorte Bruttier an die Mauern rücken, welche die vornehmsten Locrenser zu einer Unterredung herausrufen und sie unter der Zusage von Hannibals Freundschaft zur Übergabe der Stadt bereden sollten. In der Unterredung trauten diese anfangs den Bruttiern durchaus nicht; dann aber, als auf den Höhen sich die Punier zeigten, und einige Zurückgeflohene berichteten, 90 daß der ganze übrige Haufe in feindlicher Gewalt sei, verstanden sie sich aus Furcht zu der Antwort, sie wollten bei dem Gesamtvolke darauf antragen: und da in der sogleich berufenen Versammlung die Leichtsinnigen alle eine neue Verfassung und neue Verbindung gern sahen; diejenigen aber, deren Verwandte außerhalb der Stadt von den Feinden abgeschnitten waren, ihre Neigung, gleich als hätten sie Geisel gegeben, schon verpfändet hatten, und nur wenige die Beharrlichkeit in der Treue mehr in der Stille für recht erkannten, als die für recht erkannte zu vertheidigen wagten, so erfolgte dem Scheine nach mit offenbarer Übereinstimmung die Übergabe an die Punier. Nachdem man den Befehlshaber der Besatzung, Lucius Atilius und seine Römer heimlich in den Hafen gebracht und eingeschifft hatte, um sie nach Rhegium abfahren zu lassen, nahm man den Bomilcar und die Punier auf die Bedingung in die Stadt, daß in den gleich jetzt abzuschließenden Punkten des Bündnisses beide Theile sich gleich gestellt würden. Beinahe wäre ihnen dies nach der Übergabe nicht gehalten, weil der Punische Anführer sie beschuldigte, sie hätten treuloser Weise die Römer abziehen lassen, und die Locrenser dagegen vorschützten, jene hätten sich selbst gerettet. Es wurde auch den Römern Reuterei nachgeschickt, auf den möglichen Fall, daß die Flut die Schiffe in der Meerenge aufhielte oder sie auf das Land triebe. Sie holte die, denen sie nachsetzte, nicht mehr ein, wurde aber andre Schiffe gewahr, welche von Messana durch die Meerenge nach Rhegium übersetzten. Es waren Römische Soldaten, die der Prätor Claudius schickte, um sich dieser Stadt zu versichern. Deswegen zog auch Hanno gleich darauf von Rhegium ab. Der mit Hannibals Zustimmung den Locrensern bewilligte Friede setzte fest: «Sie sollten frei nach ihren Gesetzen leben; die Stadt den Puniern offen stehen, der Hafen den Locrensern gehören: der Bund sollte auf der Verpflichtung beruhen, daß die Punier den Locrensern, die Locrenser den Puniern im Frieden und Kriege Hülfe zu leisten hätten.« 91 2. Nun also zogen sich die Punier von der Meerenge wieder zurück, nicht ohne lautes Murren von Seiten der Bruttier, weil diese Rhegium und Locri, Städte, welche sie sich zum Plündern ausersehen hatten, unangerührt hatten verlassen müssen. Deswegen machten sie für sich allein, nachdem sie unter ihren Dienstfähigen funfzehntausend ausgehoben und bewaffnet hatten, sich auf den Weg, Croto zu belagern, eine ebenfalls Griechische, auch am Meere gelegene Stadt; in der Überzeugung, durch den Besitz einer Seestadt, welche ihres Hafens und ihrer Festigkeit wegen wichtig sei, ihre Macht bedeutend zu erhöhen. Nur diese Sorge beunruhigte sie, daß sie es nicht geradezu wagen wollten, die Punier zur Hülfsleistung ungerufen zu lassen, um sich nicht den Schein zu geben, als hätten sie hier nicht Ne quid non pro sociis egisse. ] – Ich übersetze nach Creviers Erklärung, der die Worte pro sociis auf die Bruttier selbst bezieht: ne quid viderentur egisse, in quo non pro sociis se gessissent; ne quid esset, in quo non tamquam socii egisse viderentur. Denn wollte man, wie einige Übersetzer thun, pro sociis auf die Punier ziehen, so wäre ja die Verstärkung der Bruttischen Macht durch die Eroberung von Croto doch eine res pro sociis gesta. als Bundesgenossen gehandelt; und sie doch auch, wenn die Punier auch diesmal mehr den Schiedsrichter zum gütlichen Vergleiche, als den Gehülfen im Angriffe machten, nicht gern vergebens, und nur für die Freiheit von Croto, so wie vorhin für die von Locri, gefochten haben wollten. Sie hielten es also fürs Beste, an den Hannibal Gesandte zu schicken und es bei ihm zu bevorworten, daß Croto nach der Eroberung den Bruttiern gehören solle. Da sie Hannibal mit der Antwort, das hatten die zu überlegen, die an Ort und Stelle wären, an den Hanno gewiesen hatte, so gab ihnen auch Hanno keine Gewißheit. Denn beide wollten eine so berühmte und reiche Stadt nicht gern geplündert werden lassen, und hofften, wenn die Bruttier sie belagerten, und es sich zeige, daß man von Punischer Seite die Belagerung weder billige, noch unterstütze, daß sie so viel eher zu ihnen übertreten werde. In Croto selbst hatten die Eingebornen weder einerlei Anschläge, noch Absichten. Ich möchte sagen, die Städte Italiens waren 92 sämtlich von derselben Krankheit befallen, daß die Bürgerlichen anders dachten, als die Vornehmen; der Senat die Römer begünstigte, der Bürgerstand sich auf Punische Seite neigte. Diese Uneinigkeit in der Stadt zeigte ein Überläufer den Bruttiern an; zugleich, daß Aristomachus das Haupt des Bürgerstandes sei und die Übergabe der Stadt beabsichtige; daß in einer so großen Stadt und bei ihren weit aus einander laufenden Werken die Posten und Wachen der Senatoren nur einzeln ständen, wo aber Bürgerliche die Wache hätten, der Eingang offen sei. Auf dies Wort des Überläufers und unter seiner Leitung rückten die Bruttier im Sturmkranze an die Stadt, und von den Bürgerlichen beim ersten Angriffe eingelassen, besetzten sie die sämtlichen Plätze, die Burg ausgenommen. Die Burg behaupteten die Vornehmen, welche sie schon früher auf einen solchen Fall als Zufluchtsort in Bereitschaft gesetzt hatten. Eben dahin flüchtete auch Aristomachus, als sei es seine Absicht gewesen, die Stadt den Puniern, nicht aber den Bruttiern zu übergeben. 3. Die Stadt Croto hatte vor des Pyrrhus Ankunft in Italien eine Mauer gehabt, die sich auf zwölftausend Schritte in die Runde erstreckte. Nach der in jenem Kriege erlittenen Entvölkerung wurde kaum noch die Hälfte bewohnt. Der Fluß, welcher die Stadt in der Mitte durchströmt hatte, floß jetzt außerhalb der mit Häusern besetzten Gegend vorüber und die Burg lag von dem bewohnten Theile weit ab. Sechstausend Schritte von der berühmten Stadt, und noch berühmter als die Stadt selbst, stand der Tempel der Juno Lacinia, allen umher wohnenden Völkern heilig. Dort hatte ein von dichter Waldung und hohen Tannenbäumen umschlossener Hain in seiner Mitte die herrlichsten Weideplätze, wo das der Göttinn heilige Vieh aller Art ohne Hirten weidete; und die nach ihren Arten gesondert ausgegangenen Heerden wanderten eben so des Abends wieder den Ställen zu, von auflaurendem Wilde, von menschlicher Bosheit gleich unbeschädigt. Folglich war der Gewinn von diesen Heerden ansehnlich, und man hatte davon einen 93 Pfeiler von gediegenem Golde verfertigen lassen und geweihet; und der Tempel stand auch seines Reichthums wegen, nicht bloß durch seine Heiligkeit, in Ruf. Auch pflegen dergleichen sich auszeichnenden Orten Wunder angedichtet zu werden. So sagt man, im Vorhofe des Tempels stehe ein Altar, dessen Opferasche kein Wind verwehe. Die Burg von Croto nun, die mit der einen Seite über das Meer ragt, mit der andern landeinwärts liegt, ehemals bloß durch ihre natürliche Lage fest, war späterhin auch da mit einer Mauer umzogen, wo Siciliens Tyrann Dionysius von hintenzu über die Felsen sich hereingeschlichen hatte. Diese Burg, die, wie der Augenschein gab, fest genug war, hatten damals die Vornehmsten von Croto besetzt und wurden hier von den Bruttiern und ihren eignen Bürgern belagert. Als die Bruttier zur Eroberung der Burg sich zu schwach fühlten, riefen sie endlich nothgedrungen den Hanno zu Hülfe. Hanno fand mit seinem Versuche, die Crotoniaten zur Übergabe durch die Vorstellung zu vermögen, daß sie sichs gefallen lassen möchten, Bruttische Pflanzer einzunehmen und ihrer öden und menschenarmen Stadt die alte Bevölkerung wiedergegeben zu sehen, bei niemand Eingang, als bei dem Aristomachus; sie versicherten, sie wollten lieber sterben, als im Gemische mit Bruttiern zu fremden Gebräuchen, Sitten und Gesetzen und demnächst auch zu einer andern Sprache übergehen. Aristomachus war der Einzige, der, weil er sie weder zur Übergabe zu bereden vermochte, noch eine Möglichkeit sah, die Burg zu verrathen, wie er die Stadt verrathen hatte, als Überläufer zum Hanno ging. Als aber bald nachher mit Hanno's Erlaubniß Gesandte von Locri sich in die Burg begaben, ließen sich die Crotoniaten von diesen zu der Einwilligung bereden, nach Locri versetzt zu werden und es nicht zum Äußersten kommen zu lassen. Auch hatten sie diese Erlaubniß schon vom Hannibal durch Gesandte erhalten, die sie an ihn selbst geschickt hatten. So wurde Croto geräumt, und die Crotoniaten, die man an die Küste brachte, gingen zu Schiffe. Sie wandten sich sämtlich nach Locri. 94 Zwischen den Römern und dem Hannibal blieb in Apulien auch nicht einmal der Winter ruhig. Der Consul Sempronius überwinterte zu Luceria, Hannibal in der Nähe von Arpi. So wie man sich traf, oder so wie diese oder jene Partei ihren Vortheil ersah, fielen kleine Gefechte vor; und in diesen wurden die Römer bessere Soldaten und lernten sich von Tage zu Tage besser vor Überlistung hüten und schützen. 4. In Sicilien hatte in Hinsicht der Römer Alles eine andre Gestalt bekommen, durch den Tod des Hiero und den Übergang der Regierung auf seinen Enkel Hieronymus, einen Knaben, der von sich erwarten ließ, daß er sich jetzt kaum in seiner Freiheit, geschweige denn in der Oberherrschaft mäßigen würde. Mit dieser Sinnesart kam er in die Hände von Vormündern und Freunden, welche sichs angelegen Ea aetate id ingenium – ad praecipitandum. ] – Das Wort ea steht in keiner einzigen Handschrift, eben so wenig, als das von andern aufgenommene laeti id ingenium. Aus den Lesarten der besten Mss. aetatis id ingenium, oder aetate sit, oder aetates id, in welchen allen das s beibehalten ist, lese ich alacres id ingenium, und ziehe dies alacres zu ad praecipitandum, denn dies ad, welches Drakenb. u. Crevier dreien (nicht den besten) Handschriften zufolge weglassen wollen, hat alle übrigen besseren für sich. So sagt Caesar: ad bella suscipienda Gallorum alacer animus, und Cic. quo sis, Africane, alacrior ad tutandam rem p. Das Wort ingenium muß dann, wie das so oft im Livius der Fall ist, zweimal gedacht werden. Tutores id ingenium acceperunt, alacres ad praecipitandum id ingenium in omnia vitia. Wie hier aus alacres aetates wurde, so 45, 14. x. aus alacritate aequitate . sein ließen, ihn in alle Laster zu stürzen. Hiero, der dies voraus sah, soll noch in seinen letzten Tagen Willens gewesen sein, Syracus als einen Freistat zu hinterlassen, damit sein Königreich, durch löbliche Mittel begründet und festgestellt, nicht unter dem Machtgebote eines Kindes muthwillig zu Grunde gerichtet würde. Diesem seinem Vorsatze arbeiteten seine Töchter mit allen Kräften entgegen, weil sie erwarteten, daß der Prinz den königlichen Titel, die Regierung des Ganzen aber sie und ihre Gatten, Andranodorus und Zoippus haben würden; denn diese hatte Hiero unter den ernannten Vormündern oben an gestellt. Es war allerdings nicht leicht für ihn, im neunzigsten Jahre, Tag 95 und Nacht von liebkosenden Töchtern umlagert, sich die freie Stimmung zu geben, und statt des Besten seines Hauses das des States zu beherzigen. Er that also nur so viel: er hinterließ dem jungen Prinzen funfzehn Vormünder, die er sterbend bat, sie möchten die treue Freundschaft mit dem Römischen Volke, die er funfzig Jahre lang gehalten habe, unverbrüchlich beibehalten, und den Jüngling vorzüglich seinen Fußstapfen und der Zucht folgen lassen, in welcher er bis jetzt gebildet sei. Dies waren seine Bestellungen. Als nach seinem Ableben das Testament durch die Vormünder bekannt gemacht und der Prinz der Versammlung vorgestellt war, – er war aber damals beinahe funfzehn Jahre alt – und nur die Wenigen, die man in der Versammlung vertheilt hatte, um ein Freudengeschrei zu erheben, dem Testamente Beifall gaben, die übrigen aber wie nach dem Verluste eines Vaters in dem verwaiseten State Alles fürchteten, so ging der königliche Leichenzug vor sich, feierlicher durch die Liebe und Werthachtung der Unterthanen, als durch Veranstaltung der Familie. Bald Daß dies sehr bald erfolgt sein müsse, giebt theils die Sache, theils die Geschichte. Um so viel lieber folge ich der Lesart des (besten) Puteanischen Codex celebrevi, aus welcher schon Crevier die von Drakenb. nicht gemisbilligte Verbesserung vorschlug: celebre. Brevi deinde. darauf verdrängte Andranodorus die übrigen Vormünder durch die Behauptung, Hieronymus sei schon Jüngling und selbst regierungsfähig: und dadurch, daß er eine Vormundschaft niederlegte, in die er sich mit Mehreren zu theilen hatte, eignete er die Macht aller Übrigen sich allein zu. 5. Selbst jedem guten und sich mäßigenden Könige möchte es nur mit Mühe gelungen sein, als Nachfolger des so hochgeliebten Hiero die Herzen der Syracusaner zu gewinnen. Hieronymus aber, als wollte er die Leute durch seine Laster seinen Großvater recht vermissen lassen, zeigte gleich, so wie er sich zum erstenmale sehen ließ, in allen Stücken einen nur zu sehr auffallenden Abstich. Hatten die Unterthanen seit so vielen Jahren den Hiero und seinen Prinzen Gelo nie durch ihre Tracht 96 oder ein andres Abzeichen von den übrigen Bürgern sich unterscheiden sehen, so zeigte er sich ihnen jetzt in Purpur, mit einer königlichen Kopfbinde, mit bewaffneten Trabanten, oder, wie er nicht selten auf einem Viergespanne von weißen Rossen, nach Sitte des Tyrannen Dionysius, von der Königsburg herabfuhr. An diesen Prunk im ganzen Zuschnitte des Äußern schlossen sich, wie es sich dazu schickte, Geringschätzung aller Andern, Erwartung eines hochfeiernden Tones, eine beleidigende Sprache, seltenes Vorlassen nicht nur Anderer, sondern auch der Vormünder, ausgedachte Wollüste, unmenschliche Grausamkeit. So überfiel denn auch Alle ein solcher Schrecken, daß einige von den Vormündern durch freiwilligen Tod oder Flucht der gefürchteten Hinrichtung zuvorkamen. Drei von ihnen, die allein einen vertrauteren Zutritt im Innern hatten, Andranodorus und Zoippus, Hierons Schwiegersöhne, und ein gewisser Thraso, fanden zwar in andern Dingen auch wenig Gehör; doch hatten sie darüber, daß ihrer Zwei die Sache Carthago's, Thraso hingegen das Bündniß mit Rom, begünstigt wissen wollten, zuweilen durch ihren Streit und Eifer die Aufmerksamkeit des Jünglings auf sich gezogen; als man von einer Verschwörung gegen das Leben des Tyrannen durch einen gewissen Calon Nachricht erhielt, der, mit dem Hieronymus gleiches Alters, von früher Kindheit an alle Rechte der vertrautesten Freundschaft genossen hatte. Der Anzeiger konnte nur Einen von den Verschwornen nennen, den Theodotus, der ihn selbst zur Theilnahme aufgefordert hatte. Als dieser sogleich ergriffen und dem Andranodorus zur Folterung überliefert war, so verschwieg er, nach dem freimüthigsten Geständnisse über sich selbst, seine Mitverschwornen. Endlich, unter Martern zerfleischt, die alles, was Menschen aushalten können, überstiegen, gab er, indem er sich stellte, als müsse er vor Schmerzen bekennen, statt der Mitwissenden Unschuldige an; machte fälschlich den Thraso zum Urheber des Anschlages, weil sie ohne Rückhalt an einem so mächtigen Haupte auf eine so wichtige Unternehmung sich 97 nicht eingelassen haben würden. Und nun Ab latere inde eos nominat tyranni. ] – Weil die von Gronov durch Weglassung der Worte inde eos nominat aufgestellte Parenthese nach Drakenborchs und Creviers Meinung zu hart ist, so bin ich Strothen gefolgt, der jene Worte aus den ältesten gedruckten Ausgaben wieder aufgenommen hat. nannte er von der nächsten Umgebung des Tyrannen alle die, deren Leben in seinen Augen, so viel er sich bei der unter Schmerzen und Gewimmer auszudenkenden Anklage entsann, den wenigsten Werth hatte. Bei dem Tyrannen gab seiner Aussage dies die meiste Glaubwürdigkeit, daß er den Thraso nannte. Sogleich wurde dieser zur Hinrichtung abgeliefert, die auch an den übrigen eben so Unschuldigen vollzogen wurde. Von den Mitverschwornen versteckte sich, obgleich der Theilnehmer ihres Anschlags lange auf der Folter war, nicht Einer; nicht Einer nahm die Flucht: so fest verließen sie sich auf die Standhaftigkeit und Treue des Theodotus, und so viel Kraft hatte Theodotus selbst, sein Geheimniß zu bewahren. 6. Als auf diese Art Thraso, das einzige Band der Vereinigung mit den Römern, aus dem Wege geräumt war, so war der wirkliche Abfall so gut als ausgemacht: es gingen Gesandte an den Hannibal ab, und er schickte dagegen nebst einem vornehmen Jünglinge, Namens Hannibal, den Hippocrates und Epicydes, die zu Carthago geboren waren, aber durch ihren vertriebenen Großvater aus Syracus stammeten und nur von mütterlicher Seite Punier waren. Durch sie kam ein Bündniß zwischen Hannibal und dem Syracusaner Zwingherrn zu Stande, und Hannibal sah es nicht ungern, daß sie bei dem Zwingherrn zurückblieben. Als der Prätor Appius Claudius, dessen Provinz Sicilien war, dies erfuhr, schickte er sogleich an den Hieronymus Gesandte, welche aber auf die Anzeige, daß sie gekommen waren, das mit seinem Großvater bestandene Bündniß zu erneuern, von Hieronymus nicht ohne Höhnung angehört und entlassen wurden, indem er sich spöttisch bei ihnen erkundigte: «Wie doch die Schlacht bei Cannä für sie abgelaufen sei: denn was Hannibals 98 Gesandte davon erzählten, sei beinahe unglaublich. Er wünsche doch die Wahrheit zu wissen; um sich darnach zu bestimmen, an welche Partei von beiden er sich anzuschließen habe.» Die Römer, die ihm antworteten, sie wollten sich wieder bei ihm einfinden, wann er so weit gekommen sein würde, Gesandschaften mit Ernst anhören zu können, beurlaubten sich mehr im Tone der Warnenden, als der Bittenden, den Bund nicht so leichtsinnig aufzugeben. Hieronymus schickte Gesandte nach Carthago, der Vereinigung mit dem Hannibal gemäß ein Bündniß abzuschließen. In dem Vertrage ward man eins, daß, wenn sie die Römer aus Sicilien vertrieben hätten, – und dies würde bald geschehen, wenn nur die Carthager Schiffe und Truppen schickten – der Fluß Himera, welcher beinahe die Durchschnittslinie der Insel ist, die Länder des Syracusanischen Königreichs und der Punischen Hoheit scheiden sollte. Aufgeblasen durch die Schmeicheleien derer, welche ihn bedenken hießen, daß nicht bloß Hiero sein Großvater gewesen sei, sondern von der Mutter her auch König Dessen Tochter Nereis Gelo, Vater des Hieronymus, zur Gemahlinn gehabt hatte. Pyrrhus, fertigte er späterhin eine zweite Gesandschaft ab, durch welche er erklärte, billig müsse ihm ganz Sicilien überlassen und für Carthago als alleiniges Eigenthum die Herrschaft über Italien erkämpft werden. Sie fanden diese unsichere und schwankende Haltung an einem verrückten Jünglinge eben so wenig befremdend, als zu Gegenvorstellungen geeignet; wenn sie ihn nur den Römern abwendig machten. 7. Allein bei ihm stürzte sich Alles dem Untergange unaufgehalten entgegen. Denn als er nach Voraufsendung des Hippocrates und Epicydes, welche mit zweitausend Mann auf die mit Römischen Besatzungen belegten Städte Versuche machen sollten, für seine Person mit dem ganzen übrigen Heere – es waren an funfzehntausend Mann Fußvolk und Reuterei – ebenfalls nach Leontini abgegangen war, so miethete sich ein Haufe 99 Verschworner – und sie alle dienten gerade unter den Truppen – ein wirthleeres Haus an einer engen Straße, durch welche der König auf den Marktplatz zu kommen pflegte. Einen aus ihrer Mitte, Namens Dinomenes, bestellten sie dazu, weil er zur Leibwache gehörte, während die übrigen in Erwartung des vorübergehenden Königs fertig und gewaffnet daständen, durch irgend eine Veranlassung, wenn sich der König der Hausthür näherte, hinter dem Könige den Zug in der schmalen Straße aufzuhalten. Es ging Alles, wie es verabredet war. Dinomenes, der unter dem Scheine, an seinem aufgehobenen Fuße einen zu fest geschürzten Riemen nachzulassen, die Menge aufhielt, bewirkte dadurch einen so großen Zwischenraum, daß der König, auf welchen der Angriff geschah, als er im Vorübergehen keine Bewaffneten um sich hatte, durch mehrere Wunden niedergemacht wurde, ehe man ihm zu Hülfe kommen konnte. Bei dem ausbrechenden Geschreie und Getümmel, wurde auf den Dinomenes , den man nun offenbar den Weg sperren sah, mit Pfeilen geschossen, unter denen er aber mit zwei Wunden entkam. Die Trabanten, als sie den König liegen sahen, nahmen die Flucht. Die Mörder eilten zum Theile auf den Marktplatz unter die über ihre Freiheit frohlockende Menge, zum Theile nach Syracus, um den Maßregeln Andranodor's und der übrigen Königsfreunde zuvorzukommen. Da Appius Claudius bei dieser ungewissen Lage der Dinge dem Ausbruche des Krieges in seiner Nähe entgegensah, so benachrichtigte er den Senat schriftlich, man gehe damit um, Sicilien den Carthagern und dem Hannibal zu befreunden. Dann zog er, den Maßregeln zu Syracus entgegen zu wirken, alle seine Truppen gegen die Gränzen seiner Provinz und des königlichen Gebiets. Am Ende dieses Jahres machte Quintus Fabius nach einem Gutachten des Senats Puteoli, welches während des Krieges als Handelsplatz bevölkert war, zur Festung und legte eine Besatzung hinein. Auf seiner Reise von hier zum Wahltage nach Rom setzte er den nächsten zur Versammlung sich eignenden Tag zur Wahl an, und nahm 100 seinen Weg vor der Stadt vorbei zum Marsfelde hinab. Da die Dienstfähigen der Aniensischen Centurie an diesem Tage durch das Los die erste Stimme zu geben hatten und sie den Titus Otacilius und den Marcus Ämilius Regillus zu Consuln ernannte, so hielt Quintus Fabius nach gebotener Stille folgende Rede: 8. «Hätten wir entweder Frieden in Italien, oder Krieg mit einem Feinde, gegen den man der Fahrlässigkeit einigen Spielraum gestatten dürfte, so würde ich glauben, daß der Mann, der euren Neigungen, mit denen ihr auf das Wahlfeld kommt, um die Statsämter jedem nach eurem Gefallen anzuvertrauen, das mindeste Hinderniß entgegenstellen wollte, nicht die gehörige Rücksicht auf eure Freiheit nähme. Allein da in diesem Kriege und gegen diesen Feind keiner von unsern Feldherren einen Fehler begangen hat, der nicht für uns den größten Nachtheil zur Folge gehabt hätte, so müßt ihr auch mit eben der Fassung, mit der ihr euch gewaffnet in die Schlachtreihe stellt, bei der Consulnwahl zum Stimmengeben schreiten, und Jeder zu sich selbst sagen: ««Ich wähle im Consul dem Feldherrn Hannibal einen Gegenmann.»» Selbst in diesem Jahre wurde bei Capua dem herausfordernden Jubellius Taurea, als dem besten Campanischen Ritter der beste Römische Ritter Claudius Asellus entgegengestellt. Dem fordernden Gallier, auf der Brücke des Anio, sandten einst unsre Vorfahren den muth- und körperfesten Titus Manlius. Eben dies muß, meiner Meinung nach, einige Jahre später der Grund gewesen sein, warum man in den Marcus Valerius kein Mistrauen setzte, als er bei der ähnlichen Forderung eines Galliers sich waffnete. So wie wir Fußvolk und Reuterei zu haben wünschen, die den feindlichen überlegen, wo nicht, ihnen wenigstens gleich sind, so müssen wir uns nach einem Heerführer umsehen, der dem feindlichen Feldherrn gleich ist. Selbst wenn wir den erfahrensten Feldherrn im State ausgesucht haben, so wird er doch als der jetzt eben gewählte, als der nur auf Ein Jahr angesetzte einem alten und 101 bleibenden Feldherrn gegenüber gestellt, den weder Beschränkung der Zeit noch seiner Rechte abhält, Alles so zu leiten und anzuordnen, wie es die Umstände des Krieges fordern. Uns aber geht noch im Zuschnitte selbst und wenn wir die Sachen eben nur eingeleitet haben, das Jahr schon zu Ende. Nachdem ich über den Punkt, was für Consuln ihr wählen müßtet, genug gesagt habe, bleibt mir noch in Rücksicht der Männer einiges zu bemerken, für welche die zuerst stimmende Centurie sich erklärt hat. Marcus Ämilius Regulus ist Eigenpriester des Quirinus, so daß wir ihn weder in den Krieg abgehen lassen, noch hier behalten können, wenn wir nicht entweder die Sorge für die Götter, oder die für den Krieg verabsäumen wollen. Otacilius hat meiner Schwester Tochter zur Gattinn und Kinder von ihr. Allein eure Verdienste um mich und meine Vorfahren sind nicht so unbedeutend, daß ich nicht des States Bestes allen Familienverbindungen vorziehen sollte. Auf ruhigem Meere kann jeder Schiffer und Mitfahrende das Steuer führen: erhebt sich aber ein wüthender Sturm und das Schiff wird auf wogendem Meere vom Winde fortgeschleudert, dann muß der Mann, der Steuerkundige, herbei. Wir schiffen jetzt nicht auf ruhiger See, sondern durch mehrere Stürme sind wir dem Sinken nahe gebracht. Folglich habt ihr mit der größten Sorgfalt es einzurichten und darüber zu verfügen, wer am Steuer sitzen soll. In einer minder wichtigen Sache, Titus Otacilius, haben wir mit dir einen Versuch gemacht. Wahrlich du hast uns keine solche Probe abgelegt, daß wir Lust hätten, uns im Großen auf dich zu verlassen. Die Flotte, die du zu führen hattest, rüsteten wir in diesem Jahre zu dreierlei Zwecken aus: sie sollte die Africanische Küste verheeren, uns die Küste Italiens sichern, hauptsächlich aber keine Zufuhr an Truppen, Geld und Vorräthen von Carthago zum Hannibal gelangen lassen. Wählet ja den Titus Otacilius zum Consul, wenn er dem State, ich will nicht sagen, dieses Alles, sondern nur Eins davon geleistet hat. 102 Wenn aber, indeß du an der Spitze unsrer Flotte standest, alles mögliche beim Hannibal von Hause sicher und unverkümmert anlangte, nicht anders, als wäre zu Wasser Friede; wenn Italiens Küste in diesem Jahre öfter beunruhigt ward, als die von Africa, was kannst du dann als Grund anführen, warum wir gerade dich als Feldherrn einem Feinde wie Hannibal entgegen stellen sollen? Wenn du jetzt Consul wärest, so müßten wir nach dem Muster unsrer Vorfahren auf Ernennung eines Dictators antragen: und du dürftest nicht darüber unwillig sein, daß im Römischen State jemand für brauchbarer im Kriege gehalten würde, als du. Es kann keinem mehr daran liegen, Titus Otacilius, als dir selbst, daß deinem Nacken keine Last aufgebürdet werde, unter welcher du erliegest.» «Ich fordere euch dringend auf, wie, wenn ihr schon als Bewaffnete in der Schlachtreihe jetzt gleich zwei Feldherren wählen solltet, um unter ihrer Führung und Götterleitung zu fechten, in eben dieser Stimmung auch heute die Consuln zu wählen, denen eure Kinder den Fahneneid leisten, auf deren Ruf sie sich stellen, unter deren Schutze und Aufsicht sie fechten sollen. Der See Trasimenus und Cannä sind für unsre Erinnerung traurige Beispiele, aber zu unserer Belehrung, uns vor ähnlichen Niederlagen zu hüten Ich lese hier: tristia ad recordationem exempla, sed ad praecavendas similes, utiles documento sunt. In den ersten Worten kann ich Strothen nicht beipflichten, wenn er gegen alle Msc. triste statt tristia lesen, und exempla r beibehalten will, da doch Drakenb. sagt: satius fuisset, ultimam literam, του̃ exemplar expungi, und ich auch weiß, daß in Handschriften von einigem Alter (wie die Florentiner, oder Puteanische, oder der Codex vom Mallius Theodorus in Wolfenbüttel) sich r und f so ähnlich sehen. Dadurch, daß aus exempla, sed fälschlich gelesen wurde exemplar, entstand nun die falsche Lesart mehrerer Msc. exemplar et und exemplar at. In den letzten Worten hingegen glaube ich, Strothen Recht geben zu müssen, daß er sich an den Cod. Florent. hält, und unsre Stelle so supplirt: ad praecavendas similes [clades], utiles documento sunt. Ich vertheidige ihn gegen die, welche etwa glauben möchten, wegen des voraufgegangenen tri stia ad recordationem exem pla, müsse es auch nachher heißen ad praecavendas similes [clades], uti lia documento sunt, durch die in der Vorrede zum Cic. de offic. Seite 46. bei der Stelle Cicero's Omni ornatu orationis, tamquam veste detrac ta angeführten ähnlichen Stellen des Nepos und Suetonius, wo die Editoren noch mehrere angegeben haben. , heilsam. Herold, 103 fordere die Dienstfähigen der Aniensischen Centurie auf, noch einmal zu stimmen!» 9. Als Titus Otacilius trotzig rief, Fabius wolle nur sein Consulat fortsetzen, und in Widerworten laut wurde, so hieß der Consul die Gerichtsdiener sich neben jenen stellen; und weil er selbst, ohne in die Stadt zu ziehen, sogleich von der Reise auf das Marsfeld gegangen war, so fragte er ihn, ob er wohl wisse, daß auf seinen Ruthenbündeln noch die Beile steckten. Die zuerst stimmende Centurie schritt wieder zur Stimmensammlung, und von ihr wurden Quintus Fabius Maximus zum viertenmale, Marcus Marcellus zum drittenmale zu Consuln gewählt. Die übrigen Centurien ernannten ohne alle Abweichung dieselben Consuln. Auch Ein Prätor wurde wieder gewählt, Quintus Fulvius Flaccus, die übrigen drei Novi alii creati.] – Ich glaube, die Lesart Gronovs und Creviers novi tres alii creati wieder herstellen zu müssen. Dem Cod. Puteanus zu Liebe warf Drakenborch die Zahl – und Zahlen fallen doch so leicht in den Msc. weg – aus dem Texte. Er selbst aber hielt sich V. 35, 5. in den Worten legati tres M. Fabii Ambusti filii nicht an den schönen Cod. Florentinus, in welchem doch das Wort tres, wie in vielen andern entweder das Wort tres oder der Vorname M. fehlte. Dort sagt er selbst sehr richtig: Ex hac lectionum varietate colligi potest, vocem tres olim per notas III. scriptam fuisse, ob similitudinem autem ductuum inter hanc notam et literam M factum esse, ut alterum ab altero interceptum sit. So geht es gerade an unsrer Stelle. Statt Flaccus: novi III alii findet sich in allen alten Ausgaben Flaccus nonuM, alii u. s. w. und in vielen Handschriften die Spur des M, entweder in nove nn ali oder nove s ali, nove m s ali, nove m s alii, nove m alii creati. Alle diese M, oder alle Spuren desselben, zeugen für das ursprünglich dagewesene III. Und wie schon gesagt, Gronov und Crevier (letzterer noch 1747, nachdem Drakenb. schon 1710 hatte drucken lassen) sind meiner Meinung. waren neue, Titus Otacilius Crassus, der es zum zweitenmale ward; Quintus Fabius, des Consuls Sohn, damals Curulädil, und Publius Cornelius Lentulus. Nach beendeter Prätorenwahl wurde ein Senatsschluß abgefaßt, daß dem Quintus Fulvius die Stadtgeschäfte ohne Los zuerkannt, und er, wenn die Consuln in den Krieg abgegangen wären, die eigentliche Stadtobrigkeit sein sollte. Man hatte in diesem Jahre zweimal großes Wasser, und die Tiber riß in der Überschwemmung auf dem Lande viele Häuser ein, und Heerden und Menschen kamen um. 104 Im fünften Jahre des zweiten Punischen Krieges fanden bei dem Antritte ihres Consulats Quintus Fabius Maximus – es war sein viertes – und Marcus Claudius Marcellus – es war sein drittes – den Stat in Rücksicht ihrer in einer mehr als gewöhnlichen Erwartung. Denn seit vielen Jahren war kein solches Par Consuln gewesen. Greise erzählten: so wären Maximus Rullus und Publius Decius für den Gallischen Krieg, so nachher Papirius und Carvilius gegen die Samniten und Bruttier und gegen das Lucanische Volk samt dem Tarentinischen zu Consuln erklärt. Marcellus war abwesend zum Consul gewählt, da er bei dem Heere stand: dem Fabius wurde das Consulat in seiner Gegenwart verlängert und da er selbst den Wahltag hielt. Die Zeitumstände, der Drang des Kriegs und die Gefahr des Ganzen waren die Ursachen, warum niemand gegen dies gegebene Beispiel eine Rüge unternahm oder den Consul in Verdacht der Herrschsucht zog. Vielmehr pries man seine Geistesgröße, daß er bei der Überzeugung, jetzt habe der Stat seinen größten Feldherrn nöthig, und der sei außer allem Zweifel er selbst, die üble Nachrede, die für ihn daraus erwachsen konnte, weniger geachtet habe, als das Beste des Stats. 10. An dem Tage, an welchem die Consuln ihr Amt antraten, wurde auf dem Capitole Senatssitzung gehalten und vor allen Dingen beschlossen, daß die Consuln darum losen oder sich vergleichen sollten, wer von ihnen, ehe sie zum Heere abgingen, eine Versammlung zur Censornwahl zu halten habe. Dann wurde allen, die bei ihrem Heere standen, der Oberbefehl verlängert, und ihnen sämtlich aufgegeben, in ihrem Wirkungskreise zu bleiben, Tiberius Gracchus zu Luceria, wo er mit dem Heere von Freiwilligen aus dem Sklavenstande hielt; Cajus Terentius Varro im Picenischen Gebiete; Manius Pomponius auf den Gallischen Feldmarken. Von den Prätorn des vorigen Jahrs sollten als Proprätoren Quintus Mucius Sardinien behalten, Marcus Valerius bei Brundusium als Befehlshaber an der Küste die sämtlichen Bewegungen 105 des Macedonischen Königs Philipp beobachten. Dem Prätor Publius Cornelius Lentulus wurde Sicilien als Geschäftskreis bestimmt; dem Titus Otacilius eben die Flotte, die er voriges Jahr gegen die Carthager gehabt hätte. In diesem Jahre meldete man viele Schreckzeichen, und je mehr sie bei jenen schlichten und gewissenhaften Leuten Glauben fanden, desto mehrere wurden gemeldet. Zu Lanuvium hätten im Innersten des Tempels der Juno Sospita Raben genistet; in Apulien habe ein grüner Palmbaum gebrannt, bei Mantua das stehende Wasser des übergetretenen Stromes Mincius eine Blutfarbe gehabt; zu Cales habe es Steine, zu Rom auf dem Rindermarkte Blut geregnet. Ferner auf der Instejischen In vico Insteio .] – So lesen der Cod. Putean. Florent. Petav., also die besten und noch viele andre. Da nun vicus Istricus uns eben so unbekannt ist, als vicus Insteius, für die letzte Lesart aber alle gute Handschriften sich erklären, so habe ich diese aufnehmen zu müssen geglaubt. Auch sagt Jac. Gronov bei Drakenb. Notum in Romanis familiis vocabulum Insteius. Und da man mehrere vicos von Familien benannt hat, z. E. Vicus Aemilius, Sulpicius, so wäre auch ein Vicus Insteius wenigstens in dieser Ähnlichkeit gegründet. Straße soll ein Quell unter der Erde so wasserreich hervorgebrochen sein, daß er irdene Pipen und Fässer, die auf dem Platze standen, wie ein reißender Strom fortgewälzt habe: auf dem Capitole sei der freie Vorplatz vom Blitze getroffen, auf dem Marsfelde der Tempel des Vulcan, im Sabinischen eine Schauhöhe Nucem in Sabinis.] – Ich bleibe, da nucem sich bloß von Valla herschreibt, so lange bei der Lesart der alten Ausgaben arcem, bis die Lesart der Handschriften, Vocem, entweder ihre Erklärung oder Verbesserung findet. Da auch arx in der Augursprache, wie templum, den zur Beobachtung des Vogelflugs geweiheten Platz bedeutet, so läßt sich eher ein prodigium darin finden, wenn der Blitz einen solchen heiligen Ort, als wenn er einen Wallnußbaum trifft. nebst der Heerstraße, zu Gabii die Mauer und ein Thor. Unterdeß trug man sich noch mit andern Wundern: zu Präneste habe sich der Speer des Mars von selbst vorwärts gerückt; in Sicilien ein Ochs gesprochen; im Marrucinischen ein Kind im Mutterleibe: Juchheh! Triumph! gerufen; zu Spoletum ein Weib sich in einen Mann verwandelt: zu Hadria sich am Himmel ein Altar sehen lassen, umringt von Menschengestalten in weißen Gewändern. Ja in der 106 Stadt Rom selbst brachten einige, nach der Erscheinung eines Bienenschwarms auf dem Markte, durch die Behauptung, sie sähen auf dem Janiculum bewaffnete Legionen, die Bürgerschaft in die Waffen: die aber auf dem Janiculum gegenwärtig waren, versicherten, es habe sich außer den gewöhnlichen Anbauern des Hügels niemand sehen lassen. Nach einer Erklärung der Opferschauer wurde die Abwendung dieser Schreckzeichen durch Opferung großer Thiere besorgt und ein öffentlicher Betgang bei allen Göttern verordnet, die in Rom Altäre hatten. 11. Nachdem alles zur Versöhnung der Götter Nöthige besorgt war, brachten die Consuln die Statsgeschäfte und die Führung des Kriegs im Senate zur Sprache, und den Betrag der Heere und wo jedes stehen solle. Man bestimmte die Anzahl der Legionen für den Krieg auf achtzehn: zwei davon sollte sich jeder Consul nehmen; Gallien, Sicilien und Sardinien jedes mit zweien behauptet werden: ferner mit zweien der Prätor Quintus Fabius Apulien decken, mit zwei Legionen Freiwilliger vom Sklavenstande Tiberius Gracchus die Gegend um Luceria: dem Proconsul Cajus Terentius sollte für das Picenische und dem Marcus Valerius für die Flotte bei Brundusium, jedem Eine gelassen werden, und zwei sollten der Stadt zur Besatzung dienen. Um diese Anzahl der Legionen aufzubringen, mußten sechs neue ausgehoben werden. Die Consuln wurden befehligt, diese baldmöglichst auszuheben und eine Flotte in Stand zu setzen, so daß in diesem Jahre, die Schiffe mit eingerechnet, welche zum Schutze Calabriens an der dortigen Küste lagen, die Flotte auf hundert und funfzig Kriegsschiffe vom Range gebracht werden sollte. Nachdem die Werbung gehalten und hundert neue Schiffe in See gelassen waren, hielt Quintus Fabius die Censornwahl: die Gewählten waren Marcus Atilius Regulus und Publius Furius Philus. Als das Gericht von dem in Sicilien ausgebrochenen Kriege allgemeiner wurde, bekam Titus Otacilius Befehl, mit der Flotte dorthin abzugehen. Da es aber an Seeleuten fehlte, so machten die Consuln vermöge eines 107 Senatsschlusses bekannt: «Wer für seine Person oder wessen Väter von den Censorn Lucius Ämilius und Cajus Flaminius als Besitzer von funfzigtausend bis zu hunderttausend Kupferass angeschlagen, oder nachher zu einem solchen Vermögen gelangt sei, solle Einen Matrosen mit sechsmonatlicher Löhnung stellen; wer über hunderttausend bis zu dreimal hunderttausend Ass besitze, drei Matrosen mit ihrem jährigen Solde; der Besitzer von mehr als dreimal hunderttausend Ass bis zur Million, fünf Matrosen; von mehr als einer Million – sieben, und die Senatoren Die 50,000 Kupferass geben etwa in Conventionsgelde 1560 Gulden, die 100,000 Ass 3120 Gulden, die 300,000 Ass 9770 Gulden, und die Million 31,240 Gulden; die Mark zu 20 Gulden gerechnet. acht Matrosen mit dem jährigen Solde.» Die zufolge dieser Verordnung gestellten Seeleute, welche von ihren Herren mit Mundvorrath auf dreißig Tage versehen waren, schifften sich ein. Dies war das erstemal, daß man die Römische Flotte mit Seeleuten bemannete, welche auf Kosten der Privatpersonen gestellt wurden. 12. Diese mehr als gewöhnliche Zurüstung schreckte vorzüglich die Campaner durch die Besorgniß, die Römer möchten den diesjährigen Feldzug mit der Einschließung von Capua eröffnen. Also schickten sie an Hannibal Gesandte mit der Bitte, sich mit seinem Heere Capua zu nähern: «zu Rom würden zu einem Sturme auf Capua neue Heere geworben; denn kein Abfall irgend einer Stadt habe die Römer heftiger erbittert.» Weil sie so bedrängt bei dieser Meldung thaten, so zog Hannibal, welcher eilen zu müssen glaubte, damit ihm die Römer nicht zuvorkamen, nach seinem Aufbruche von Arpi, auf Tifata in sein ehemaliges Lager oberhalb Capua. Von hier ging er, nachdem er die Numider und Spanier zur Bedeckung seines Lagers sowohl als Capua's zurückgelassen hatte, mit dem übrigen Heere zum See Avernus hinab, dem Vorwande nach, um dort ein Opfer zu bringen, in der That aber, um auf Puteoli und die dortige Besatzung einen Versuch zu machen. Als dem Maximus gemeldet wurde, Hannibal sei von Arpi aufgebrochen 108 und ziehe wieder nach Campanien, ging er, ohne seine Reise Tag und Nacht zu unterbrechen, zu seinem Heere, ließ den Tiberius Gracchus von Luceria seine Truppen gegen Beneventum ziehen, und den Prätor Quintus Fabius – dies war sein, des Consuls, Sohn – nach Luceria in Gracchus Stelle rücken. Zu gleicher Zeit gingen zwei Prätoren nach Sicilien ab, Publius Cornelius zum Heere , Otacilius zum Oberbefehle an der Küste und zur See; so auch die übrigen jeder in seine Provinz; und diejenigen, denen der Oberbefehl verlängert war, behielten dieselben Gegenden, wie im vorigen Jahre. 13. Zum Hannibal kamen, als er am See Avernus stand, fünf junge Edelleute von Tarent, die er theils am See Trasimenus, theils bei Cannä gefangen genommen und mit eben der Leutseligkeit in ihre Heimat entlassen hatte, die er – ein Punier – gegen alle Römische Bundesgenossen bewies. Sie sagten: «Eingedenk seiner Wohlthaten hätten sie einen großen Theil junger Tarentiner dahin vermocht, Hannibals Freundschaft und Bündniß wünschenswerther zu finden, als die Römische, und als Abgeordnete der Ihrigen bäten sie den Hannibal, sein Heer in die Nähe von Tarent zu führen. Sobald man von Tarent aus seine Fahnen, sein Lager erblicken werde, würde der Übergabe der Stadt nichts weiter im Wege stehen. Von der bewaffneten Jugend hänge der Bürgerstand ab, und in den Händen des Bürgerstandes sei die ganze Regierung von Tarent .» Hannibal, der ihnen seinen Beifall erklärte und die Menge großer Verheißungen mitgab, hieß sie zur Beschleunigung ihres Unternehmens nach Hause zurückgehen: er werde sich zu rechter Zeit einfinden. Mit dieser Hoffnung entließ er die Tarentiner. Ihm selbst war der Wunsch, Tarent zu besitzen, sehr wichtig geworden. Er dachte sich es, als die reiche, berühmte Stadt, die noch dazu an der Küste und so vortheilhaft Macedonien gegenüber liege, und daß König Philipp im Falle eines Übergangs nach Italien, da die Römer Brundusium hätten, nun auf diesen Hafen steuern könne. Nachdem er das Opfer, das er hatte 109 bringen wollen, vollzogen, und während seines Hierseins die ganze Gegend von Cumä bis zum Vorgebirge des Misenus hatte verheeren lassen, wandte er sich plötzlich gegen Puteoli, um die dortige Besatzung zu überfallen. Sie war aber sechstausend Mann stark, und der Ort auch durch Werke, nicht bloß durch seine Lage, gesichert. Als sich Hannibal hier unter Angriffen, die er auf diese Besatzung von allen Seiten machte, drei Tage aufgehalten hatte, rückte er, weil es ihm durchaus nicht gelang, mehr aus Erbitterung, als aus Hoffnung sich der Stadt zu bemächtigen, zur Verheerung des Gebiets von Neapolis weiter. Bei seiner Ankunft in die Nähe; geriethen die Bürgerlichen zu Nola, die schon lange den Römern abgeneigt und ihrem Senate aufsätzig waren, in Bewegung. Es fanden sich also auch ihre Gesandten beim Hannibal ein, ihn herbei zu ziehen, mit der gewissen Zusage, ihm die Stadt zu übergeben. Der Consul Marcellus, den die Vornehmen gerufen hatten, kam diesem Unternehmen zuvor. Er hatte zu dem Marsche nach Suessula von Cales Einen Tag gebraucht, weil ihn der Übergang über den Strom Vulturnus aufgehalten hatte. Von da schickte er in der nächsten Nacht sechstausend Mann zu Fuß und dreihundert zu Pferde dem Senate zur Stütze nach Nola hinein; und so wie der Consul in Allem rasch zu Werke ging, um sich Nola's früher zu versichern, so war Hannibal der Zögernde, weil er nach zwei vergeblichen früheren Versuchen Anstand nahm, den Nolanern zu trauen. 14. In eben den Tagen kam theils der Consul Quintus Fabius zu einem Versuche vor Casilinum an, wo eine Punische Besatzung lag, theils trafen vor Beneventum, als hätten sie sich verabredet, von der einen Seite Hanno aus dem Bruttischen mit einer bedeutenden Mannschaft zu Fuße und zu Pferde, und von der andern Tiberius Gracchus von Luceria ein, der auch zuerst in die Stadt einzog. Dann aber, als er hörte, Hanno habe beinahe dreitausend Schritte von der Stadt am Flusse Calor ein Lager bezogen und verheere von dort aus die Gegend, schlug er ebenfalls, nachdem er aus der Stadt vorgerückt 110 war, beinahe tausend Schritte vom Feinde sein Lager auf, und hier war es, wo er seine Soldaten in einer Versammlung anredete. Seine Legionen nämlich bestanden größtentheils aus Freiwilligen vom Sklavenstande, welche schon ins zweite Jahr die Freiheit lieber stillschweigend hatten verdienen, als geradezu fordern wollen. Doch war es ihm bei dem Aufbruche aus den Winterquartieren nicht unbemerkt geblieben, daß sie im Zuge halblaut sich gefragt hatten: «Ob sie wohl jemals als Freie dienen würden;» und er hatte dem Senate nicht sowohl geschrieben, was sie erwarteten, als was sie verdient hätten; denn er habe sie als treue und tapfre Leute seither immer gebraucht, und es fehle ihnen, einen vollgültigen Soldaten vorzustellen, nichts als die Freiheit. Er hatte hierin Vollmacht erhalten, so zu handeln, wie er es dem Besten des States angemessen fände. Ehe er also mit dem Feinde sich einließ, erklärte er öffentlich: «Der Augenblick, zum Besitze der lange gehofften Freiheit zu gelangen, sei für sie gekommen. Am folgenden Tage wolle er auf freiem und offenem Felde eine ordentliche Schlacht liefern, wo ohne alle Furcht vor Hinterhalt bloß wahre Tapferkeit die Sache werde auszufechten haben. Wer den Kopf eines Feindes brächte, den werde er auf der Stelle für frei erklären; wer aber wiche, den werde er mit dem Sklaventode bestrafen. Jeder habe also sein Schicksal in seiner Hand: für den Erklärer ihrer Freiheit würden sie nicht sowohl ihn anzusehen haben, als den Consul Marcus Marcellus und den ganzen Senat, der auf geschehene Anfrage von ihm ihre Freisprechung ihm überlassen habe.» Hierauf las er ihnen des Consuls Brief und den Senatsschluß vor, welche sie durch ein Freudengeschrei in großer Einstimmung beantworteten. Sie forderten die Schlacht, und drangen mit Ungestüm darauf, ihnen auf der Stelle das Zeichen zu geben. Gracchus erklärte den folgenden Tag zum Schlachttage und entließ die Versammlung. Voll Freude wandten die Soldaten, vorzüglich die, welche für die Dienstleistung Eines Tages die Freiheit zum Lohne haben sollten, die 111 übrige Zeit dazu an, ihre Waffen in Stand zu setzen. 15. Kaum ließen sich am folgenden Tage die Trompeten hören, so waren sie von Allen die ersten, die bereit und völlig gerüstet vor dem Feldherrnzelte sich sammelten. Nach Sonnenaufgang rückte Gracchus mit seinen Truppen in Linie, und die Feinde säumten nicht, den Kampf anzunehmen. Es waren ihrer siebzehntausend zu Fuß, größtentheils Bruttier und Lucaner; zu Pferde tausend zweihundert, unter diesen nur wenige Italier, die übrigen mochten wohl alle Numider und Mauren sein. Das Gefecht wurde hitzig und anhaltend. Vier Stunden lang neigte sich die Schlacht auf keine Seite, und nichts war den Römern hinderlicher, als daß der Preis ihrer Freiheit auf feindlichen Köpfen stand. Denn so wie einer seinen Feind muthig erlegt hatte, so brachte er einmal darüber, daß er nur mit Mühe im Gedränge und Getümmel den Kopf herunterhieb, die Zeit hin, und zum andern hatten alle die Tapfersten, die ihre Rechte mit dem zu haltenden Kopfe beladen hatten, aufgehört, Kämpfer zu sein: die Schlacht war den Zögerern und Feigen übergeben. Wie also die Obersten dem Gracchus meldeten: «man verwunde schon keinen stehenden Feind mehr, sondern zermetzle die liegenden, und statt der Schwerter hätten die Soldaten Menschenköpfe in der Rechte;» so ließ er geschwind bekannt machen, «sie sollten die Köpfe wegwerfen und auf den Feind gehen. Ihre Tapferkeit sei einleuchtend und ausgezeichnet genug, und die Freiheit könne so tapfern Männern auf keinen Fall entstehen.» Da begann das Treffen von neuem und auch die Reuterei ward auf den Feind gelassen. Da ihr aber die Numider muthig entgegen sprengten, und das Gefecht der Reuterei eben so hitzig wurde, als das des Fußvolks, so sah es um die Entscheidung abermals mißlich aus In dubium adducta res. Quum utrimque.] – Ich folge lieber Creviers Interpunction, der hinter res ein Semikolon setzt: quum utrimque etc. mit dem voraufgehenden zusammenhängt und mit Postremo pronunciat ein neues Punctum anfängt. Man vergl. XXIII. 16. im Anf. , ungeachtet die Feldherren von beiden Seiten 112 in ihren Ermunterungen, der Römische die Bruttier und Lucaner, als so oft von den Vorfahren besiegte und unterjochte Feinde, der Punische die Römer, als Leibeigne und als Soldaten aus dem Sklavenzwinger herabwürdigten. Endlich erklärte Gracchus laut: «auf Freiheit dürften sie sich durchaus keine Rechnung machen, wenn sie nicht heute den Feind besiegten und in die Flucht schlügen.» 16. Dies Wort endlich befeuerte ihren Muth abermals Ita animos accendit, atque.] – Weil atque fast in allen Msc. fehlt, so will Gronov statt ita lieber ira lesen. Dies wäre eine glückliche Verbesserung, wenn die Römer hier etwa durch den Vorwurf mancipia Romana et ex ergastulo milites gereizt von neuem eingedrungen wären. Was sie hier aber bewog, war nicht ira, sondern vox Gracchi minitantis, esse nihil, quod de libertate sperarent. Weil ita, item, interim und iterum fast immer von den Abschreibern vertauscht werden, und Livius von dieser Schlacht schon einmal gesagt hatte: Tum redintegrata pugna est, so glaube ich, daß in der Urschrift nicht ita, sondern iterum gestanden habe. Ea demum vox iterum animos accendit. Renovato etc. . Gleich als wären sie plötzlich verwandelt, stürzten sie mit erneuertem Geschreie in solchem Ungestüme auf den Feind, daß aller fernere Widerstand unmöglich war. Zuerst wurden die Vorderreihen der Punier, dann die unter den Fahnen in Unordnung gebracht, zuletzt die ganze Linie zurückgedrängt: dann wandten sie entschieden sich ab und stürzten so geschreckt und eilig flüchtend in ihr Lager, daß auch nicht einmal an den Thoren oder auf dem Walle der mindeste Widerstand geleistet wurde, und die Römer, die fast in Einem Zuge ihnen folgten, erst mitten in den feindlichen Werken einen neuen Kampf zu bestehen hatten. Je gedrängter hier in der Enge das Gefecht war, je schrecklicher war das Morden; und die Gefangenen vermehrten es noch. Denn da sie im Getümmel Waffen errafft hatten, hieben sie, in einen Trupp gesammelt, zugleich von hinten auf die Punier ein, und sperrten ihnen die Flucht. Darum entkamen auch von einem so großen Heere nicht einmal zweitausend Menschen; und größtentheils nur von der Reuterei, mit dem Feldherrn selbst: die andern alle wurden niedergehauen oder gefangen, und man erbeutete achtunddreißig Fahnen. Von den Siegern fielen gegen zweitausend. 113 Die sämtliche Beute, nur die Gefangenen nicht, wurde dem Soldaten überlassen; auch war das Vieh davon ausgenommen, wozu sich innerhalb dreißig Tagen die Eigenthümer melden würden. Als die Soldaten, beladen mit Beute, ins Lager zurückgekehrt waren, so zogen sich beinahe viertausend Freiwillige, welche in der Schlacht nicht so brav gewesen, auch nicht zugleich mit den andern in das feindliche Lager eingebrochen waren, aus Furcht der Strafe auf eine Anhöhe in der Nähe des Lagers. Als sie Tags darauf durch Obersten von dort herabgeholt wurden, kamen sie, als Gracchus eben die Soldaten zur Versammlung berufen hatte, dazu. Nachdem der Proconsul hier zuerst die alten Soldaten, jeden nach seiner im Treiben bewiesenen Tapferkeit und Thätigkeit, mit Kriegergeschenken belohnt hatte, sprach er: «was die Freiwilligen betreffe, so wolle er lieber alle insgesamt, würdige und unwürdige, belobt, als am heutigen Tage irgend jemand bestraft haben. Er erkläre sie also insgesamt mit dem Wunsche, daß dies dem State und ihnen selbst zum Glücke, Heile und Segen gereichen möge, für freie Männer.» Als auf dies Wort ein lautjubelndes Geschrei ertönte, und sie bald unter gegenseitigen Glückwünschen sich umarmten, bald mit gen Himmel erhobenen Händen für das Römische Volk und den Gracchus selbst nichts als Segen herabfleheten, so fuhr Gracchus weiter fort: «So lange ich noch nicht Alle durch einerlei Freiheitsrechte gleich gestellt hatte, wollte ich niemanden durch ein Abzeichen als braven oder feigen Krieger kenntlich machen. Jetzt, nachdem ich das Wort des Stats gelöset habe, werde ich, um nicht allen Unterschied zwischen Tapferkeit und Feigheit aufzuheben, die Namen derer, die im Bewußtsein, dem Gefechte sich entzogen zu haben, kurz vorher sich von uns trenneten, mir melden lassen, und sie, Einen nach dem Andern, so wie ich sie vorfordere, durch einen Eid verpflichten, daß sie, so lange sie Dienste thun, wenn nicht Krankheit sie entschuldigt, nie anders als stehend Speise und Trank zu sich nehmen wollen. Ihr werdet 114 euch diese Strafe gern gefallen lassen, sobald ihr bedenkt, daß ihr mit keinem glimpflichern Abzeichen der Saumseligkeit belegt werden konntet.» Dann gab er das Zeichen zum Aufbruche, und die Soldaten kamen, ihre Beute tragend und vor sich her treibend, unter Muthwillen und Scherz so lustig nach Beneventum zurück, daß man hätte glauben sollen, sie kehrten von einem an hochgefeiertem oder festlichem Tage gehaltenen Schmause, und nicht aus der Schlacht. Die sämtlichen Beneventaner, die ihnen in herausströmendem Schwarme vor die Thore entgegen gegangen waren, umarmten die Soldaten, wünschten ihnen Glück und luden sie zu sich ins Quartier. Sie alle hatten in ihren Häusern, auf dem Vorplatze, ein Gastgebot ausgerichtet; hierzu nöthigten sie sie, und baten den Gracchus für die Soldaten um Erlaubniß zum Schmause. Und Gracchus gab sie, aber unter der Bedingung, daß Alle auf der Straße essen sollten. So ließ Jeder seine sämtlichen Gerichte vor seiner Hausthür auftragen. Die gewesenen Sklaven hatten beim Essen Hüte auf oder die Köpfe mit weißer Wolle umwunden: einige lagen zu Tische, andere standen, und diese machten zugleich den Aufwärter und den Gast. Dem Gracchus war der Auftritt so viel werth, daß er nach seiner Rückkehr nach Rom die Feier jenes Tages im Tempel der Freiheit, welcher durch seinen Väter aus den Strafgeldern auf dem Aventinus erbauet und geweihet war, in einem Gemälde darstellen ließ. 17. Während dieser Vorfälle bei Beneventum rückte Hannibal, der die Gegend um Neapolis verheert hatte, gegen Nola vor. Als der Consul dessen Annäherung merkte, machte er sich fertig, nachdem er den Proprätor Pomponius mit seinem im Lager oberhalb Suessula stehenden Heere an sich gezogen hatte, dem Feinde entgegen zu gehen und ihm ungesäumt eine Schlacht anzubieten. Den Cajus Claudius Nero schickte er in der Stille der Nacht mit dem Kerne der Reuterei aus dem vom Feinde am weitesten abgelegenen Thore, und hieß ihn, wenn er sich unbemerkt hinter dem Feinde herumgezogen hätte, 115 dem Zuge desselben langsam nachgehen, und sobald er sähe, daß es zum Treffen gekommen sei, sich ihm in den Rücken werfen. Ob Nero dies aus Unkunde der Wege oder Mangel an Zeit nicht habe ausführen können, ist ungewiß. Als das Treffen in seiner Abwesenheit geliefert wurde, behielten freilich die Römer unbezweifelt die Oberhand; weil aber die Reuterei nicht zu rechter Zeit eintraf, so gerieth der verabredete Plan ins Stocken. Marcellus, der es nicht wagen durfte, dem weichenden Feinde nachzusetzen, gab den siegenden Seinigen das Zeichen zum Abzuge. Doch sollen an dem Tage über zweitausend Feinde gefallen sein; von den Römern nicht volle vierhundert. Als um Sonnenuntergang Nero, welcher Tag und Nacht hindurch Pferde und Menschen vergeblich ermüdet hatte, ohne einen Feind gesehen zu haben wiederkam, so machte ihm der Consul so ernstliche Vorwürfe, daß er sagte, nur er sei Schuld daran, daß diesmal die Niederlage bei Cannä dem Feinde nicht vergolten sei. Am folgenden Tage stellten sich die Römer in Schlachtordnung: Hannibal, selbst nach seinem schweigenden Geständnisse besiegt, blieb im Lager. Drei Tage nachher brach er in der Stille der Nacht, ohne die Hoffnung der Eroberung Nola's, die ihm nie hatte glücken wollen, zu verfolgen, nach Tarent auf, wo er einer Verrätherei mit mehr Gewißheit entgegen sah. 18. Der Ernst der Römer in den Statsgeschäften zu Hause war dem im Kriege bewiesenen gleich. Die Censoren, die bei der Armuth der Schatzkammer auf öffentliche in Verding zu gebende Baulichkeiten nicht zu denken hatten, wandten ihre Aufmerksamkeit auf Berichtigung des Lebenswandels und Abstellung der Gebrechen, welche eben so aus dem Kriege erwuchsen, wie mit langwierigen Krankheiten behaftete Körper sie aus sich selbst erzeugen. Zuerst forderten sie diejenigen vor, von denen es hieß, sie hätten nach der Cannensischen Schlacht den Stat verlassen und Italien räumen wollen. Der vornehmste von diesen, Lucius Cäcilius Metellus, war damals gerade Quästor. Da er und die übrigen desselben Verbrechens 116 Beschuldigten bei der ihnen anbefohlnen Verantwortung ihre Unschuld nicht erweisen konnten, so thaten die Censoren den Ausspruch: sie hätten sich auf Äußerungen und Reden gegen den Stat eingelassen, um eine Verschwörung zur Räumung Italiens zu Stande zu bringen. Nach diesen wurden die listigen Deuter der Eidesumgehung vorgefordert, diejenigen von den Kriegsgefangenen, welche dadurch, daß sie unterweges in aller Stille in Hannibals Lager zurückgegangen waren, sich der beschwornen Rückkehr entledigt zu haben glaubten. Ihnen so wie den vorhin genannten wurden, wenn ihnen der Stat das Pferd hielt, diese Pferde genommen, sie selbst aus dem Bürgerrange gestoßen und sämtlich für Steuersassen erklärt. Auch beschränkte sich diese Aufmerksamkeit der Censorn nicht bloß darauf, daß sie im Senate oder Ritterstande auf Sittlichkeit hielten, sondern sie machten aus dem Verzeichnisse der Dienstfähigen einen Auszug von den Namen aller derer, die seit vier Jahren keine Dienste gethan hätten, ob sie gleich weder einen gültigen Urlaub hatten, noch eine Krankheit vorschützen konnten. Alle diese Namen, die sich über zweitausend beliefen, trugen sie in die Reihe der Steuersassen und strichen sie in der Rangliste der Bürger. Und zu dieser an sich unkräftigen Inerti censoriae notae.] – Diese gewöhnliche Lesart inerti kommt doch den meisten Handschriften am nächsten, welche statt dessen Marti, merci, meri u. s. w. lesen. Jac. Gronov's Vorschlag, aus der Lesart des Cod. Put. tamerici lieber tam truci aufzunehmen, weicht einmal von der Lesart der meisten Msc. viel weiter ab, zum andern ist das voraufgehende trux wegen des folgenden schwächeren tristis, welches doch hier als Verstärkung mehr sagen soll, meiner Meinung nach zu hart. Drittens aber ist die Nota censoria wirklich an sich iners, und Crevier irret, wenn er sagt: Vox inerti parum hic convenit. Sie setzte zwar im Range herab, sie erklärte mancher Rechte verlustig, sie belegte mit schwerer Steuer: allein sie nahm dem Manne die bürgerliche Ehre nicht; sie war in gewisser Rücksicht unkräftig, iners. Das sehen wir aus vielen Stellen in Cic. pro Cluent. cap. 42. 43. 44. und aus der Geschichte selbst. Mamercus war IV. 24. tribu motus octuplicatoque censu aerarius factus. Und doch heißt es von ihm IV. 31. als er dessenungeachtet Dictator wird: nihil cen soria animadversio effecit, quo minus regimen rerum ex notata indigne domo peteretur. Hier war sie also iners, oder wie Livius sagt: nihil effecit. XXIX. 37. wird C. Claudius Nero von seinem Collegen unter die aerarios gesetzt, und ist doch XXX, 2. nicht allein unter den Gesandten an den König Ptolemaeus Epiphanes, wozu man doch immer Männer von hoher Ehre nahm, sondern sogar das Haupt der Gesandschaft. Also auch bei ihm war die nota censoria iners . Beschimpfung von Seiten der 117 Censorn kam nun noch der harte Senatsschluß, daß alle, die von den Censorn beschimpft wären, zu Fuße dienen und nach Sicilien zu den Überbleibseln des Cannensischen Heers geschickt werden sollten, zu jener Classe von Soldaten, deren Dienstzeit vor Vertreibung des Feindes aus Italien nicht zu Ende ging. Weil sich auch die Censorn wegen Armuth der Schatzkammer schon nicht mehr darauf einließen, Ausbesserungen der heiligen Gebäude, Lieferungen der Rennpferde und ähnlicher Dinge in Verding zu geben, so fand sich bei ihnen eine Menge solcher Leute ein, welche sich gewöhnlich mit dieser Art von Kaufgebot befasseten, und forderte die Censoren auf, «Alles eben so zu unternehmen und zu verdingen, als ob Geld im Schatze wäre. Sie alle wollten nur erst nach beendigtem Kriege bei der Kammer auf Bezahlung antragen.» Darauf stellten sich die Eigenthümer derer ein, welche Tiberius Sempronius bei Beneventum für Freie erklärt hatte, und sagten, sie wären vor das Zahlamt gefordert, um sich das Geld für ihre Sklaven auszahlen zu lassen; sie würden es aber vor geendigtem Kriege nicht annehmen. Da dieser Wille, der Schatzkammer in ihrem Mangel auszuhelfen, Stimmung des Volkes wurde, so fing man auch an, zuerst die Pupillengelder, dann auch die Witwengelder einzuliefern, weil die Abliefernden überzeugt waren, sie nirgends sicherer und gewissenhafter aufgehoben zu wissen, als wenn sich der Stat dafür verbürgte. Wurde den Pupillen und Witwen von ihren Geldern etwas gekauft oder angeschafft, so stellte der Schatzmeister eine schriftliche Anweisung aus. Diese Hülfswilligkeit der Privatpersonen verbreitete sich von der Stadt auch über das Lager, so daß kein Ritter, kein Hauptmann seinen Sold nahm, und jedem, der ihn sich geben ließ, den Schimpfnamen Söldner entgegenrief. 19. Der Consul Quintus Fabius hatte sein Lager 118 vor Casilinum, wo zweitausend Campaner und siebenhundert Mann von Hannibals Truppen als Besatzung lagen. Den Oberbefehl führte Statius Metius. Er war von dem diesjährigen Medixtuticus zu Capua, Cneus Magius Atellanus, hieher geschickt, welcher auch die Sklaven und Bürgerlichen ohne Unterschied zu dem Zwecke bewaffnete, während den Consul die Bestürmung Casilinums beschäftige, das Römische Lager anzugreifen. Fabius wußte das Alles. Also ließ er seinem Amtsgenossen nach Nola sagen: «Es sei während des Sturmes auf Casilinum ein zweites Heer erforderlich, um es den Campanern entgegen zu stellen. Er möge entweder, mit Hinterlassung einer mäßigen Besatzung zu Nola, selbst kommen; oder falls ihn Nola festhalte, und er Hannibals wegen noch nicht außer Sorgen sei, so wolle er den Proconsul Tiberius Gracchus von Beneventum kommen lassen.» Auf diese Anzeige kam Marcellus, der zu Nola zweitausend Mann zur Besatzung ließ, mit seinem übrigen Heere nach Casilinum, und seine Ankunft erhielt die Campaner, die sich schon in Bewegung gesetzt hatten, in Ruhe. Nun unternahmen beide Consuln den Sturm auf Casilinum. Als hier die Römischen Soldaten, weil sie zu dreist an den Mauern hinaufstiegen, viele Wunden bekamen und ihre Unternehmungen nicht den gewünschten Erfolg hatten, so erklärte sich Fabius dahin, man müsse eine Sache, welche minder erheblich, und doch eben so schwierig sei, als die von Wichtigkeit, aufgeben und abziehen. Marcellus hingegen mit seiner Behauptung: «So wie sich große Feldherren auf dies und jenes nicht einzulassen hätten, so müßten sie, wenn sie sich einmal darauf eingelassen hätten, nicht davon abgehen: denn der Ausschlag des Rufes sei auf beiden Seiten allerdings von Bedeutung;» setzte es durch, daß man nicht unverrichteter Sache abzog. Als darauf die Annäherungshütten und alle Arten von Werken und Kunstgerüsten angebracht wurden, und die Campaner den Fabius baten, ihnen einen sichern Abzug nach Capua zu gestatten; so bemächtigte sich Marcellus, als erst 119 Wenige herausgekommen waren, des Thores, aus dem sie zogen, und nun kam es zuerst am Thore zu einem Gemetzel gegen Alle ohne Unterschied, dann auch, nach bewerkstelligtem Einbruche, in der Stadt. Etwa funfzig der zuerst ausgezogenen Campaner gelangten, da sie sich zum Fabius retteten, unter einer Bedeckung von ihm, nach Capua. So gaben zur Eroberung von Casilinum die Unterredungen und die Unschlüssigkeit der um Schutz Bittenden Gelegenheit. Die Gefangenen, sie mochten Campanische oder von Hannibals Truppen sein, wurden nach Rom geschickt und dort gefänglich eingesperrt: der Schwarm von Einwohnern wurde unter die benachbarten Völker zur Verwahrung vertheilt. 20. In eben den Tagen, da man nach erreichtem Zwecke von Casilinum aufbrach, schickte Gracchus in Lucanien einige in dortiger Gegend geworbene Cohorten unter einem Obersten der Bundsgenossen in das feindliche Gebiet auf Plünderung. Hanno, der diese sich zu weit ausbreitenden Schwärme angriff, brachte hier am Feinde die Niederlage beinahe wieder ein, die er selbst bei Beneventum erlitten hatte, und zog sich geschwind, um nicht vom Gracchus eingeholt zu werden, ins Bruttische. Die Consuln gingen, Marcellus zurück nach Nola, woher er gekommen war; Fabius aber in Samnium weiter vorwärts, um die Dörfer zu plündern und die abgefallenen Städte mit den Waffen zu bezwingen. Mit vorzüglicher Härte wurde das Caudinische Samnium verwüstet. Die Dörfer wurden weit und breit niedergebrannt, und Vieh und Menschen als Beute weggetrieben. Die mit Sturm genommenen Städte waren Compulteria, Telesia, Compsa, Melä, Fulfulä und Orbitanium; im Lucanischen Blandä; in Apulien wurde Äcä belagert. Fünfundzwanzig tausend Feinde wurden in diesen Städten zu Gefangenen gemacht, oder getödtet: auch fielen dem Consul dreihundert und siebzig Überläufer in die Hände, welche er nach Rom schickte, wo sie alle auf dem Versammlungsplatze mit Ruthen gehauen und vom Felsen gestürzt wurden. Dies Alles verrichtete Quintus Fabius in wenig Tagen. 120 Den Marcellus hielt eine Krankheit zu Nola in Unthätigkeit. Auch der Prätor Quintus Fabius, dem sein Wirkungskreis in der Gegend von Luceria angewiesen war, eroberte in diesen Tagen die Stadt Accua mit Sturm, und verschanzte bei Ardoneä sein Standlager. Indeß die Römer diese Thaten in andern Gegenden verrichteten, war Hannibal schon vor Tarent angekommen, nicht ohne die schrecklichste Verwüstung aller Orte, durch die er seinen Weg nahm. Erst im Tarentinischen ging sein Zug friedlich weiter. Hier vergriff man sich an Nichts, und beschränkte sich immer auf die Heerstraße: es war einleuchtend, daß dies nicht aus Bescheidenheit der Soldaten oder des Feldherrn, sondern in der Absicht geschah, die Tarentiner sich geneigt zu machen. Wie er übrigens beinahe bis an die Mauern gerückt war, ohne daß auf den Anblick seines Vortrabes, wie er gehofft hatte, irgend eine Bewegung entstand, so schlug er fast tausend Schritte von der Stadt ein Lager auf. Zu Tarent ließ Marcus Livius, welcher, drei Tage vor Hannibals Ankunft an den Mauern, von dem die Flotte bei Brundusium befehligenden Proprätor Marcus Valerius hiehergeschickt war, nach Aushebung der vornehmeren Jünglinge und Ausstellung von Posten an allen Thoren und wo es im ganzen Umkreise der Mauer nöthig war, bei seiner Tag und Nacht fortgesetzten höchsten Aufmerksamkeit, die Feinde so wenig, als seine unzuverlässigen Bundsgenossen dazu kommen, irgend einen Versuch zu machen. Nachdem also Hannibal mehrere Tage vergeblich hier zugebracht hatte, so brach er, da von denen, welche ihn am See Avernus aufgesucht hatten, weder selbst jemand erschien, noch ihm Boten oder Briefe sandte, mit seinem Lager wieder auf, da er sah, daß er auf gut Glück leeren Versprechungen nachgegangen war. Aber auch jetzt ließ er, ohne sich an den Feldern von Tarent zu vergreifen, – denn hatte ihm gleich der angenommene Schein von Güte bis jetzt nichts geholfen, so gab er doch die Hoffnung, ihre Treue wankend zu machen, gar nicht auf – – als er nach Salapia kam, hier alles Getreide 121 aus den Feldern von Metapontum und Heraclea zusammenfahren; denn der Sommer war schon halb vorüber, und der Platz gefiel ihm zu Winterquartieren. Von hier aus entließ er die Numider und Mauren auf Plünderung in das Sallentinische Gebiet und die nächsten Forsten Apuliens, wo sie zwar an anderer Beute wenig, aber hauptsächlich die Heerden von Pferden wegtrieben, von denen er an viertausend, um sie zuzureiten, unter seine Reuterei vertheilte. 21. Da in Sicilien ein Krieg zum Ausbruche kam, der keinesweges unbeachtet bleiben durfte, und der Tod des Tyrannen den Syracusanern eher tüchtige Feldherren gegeben, als ihr Verhältniß oder ihre Gesinnungen abgeändert hatte, so bestimmten die Römer die Führung dieses Krieges dem einen Consul, dem Marcus Marcellus. Zu Leontini hatten nach Ermordung des Hieronymus die Soldaten anfangs einen Aufruhr gemacht und drohend gerufen, man müsse dem Könige mit dem Blute der Verschwornen ein Todtenopfer bringen. Nachher aber hatte der den Ohren so süße, oft erschallende Name der wiederhergestellten Freiheit; die ihnen gemachte Hoffnung zu Spenden aus dem königlichen Schatze und zu einem Kriegsdienste unter tauglicheren Ich folge mit Crevier, Ernesti und Stroth der von Gronov vorgeschlagenen Lesart: potioribus ducibus. Anführern; und die Schilderung der scheußlichen Frevelthaten des Tyrannen und seiner noch scheußlicheren Lüste, eine solche Veränderung in ihren Gesinnungen bewirkt, daß sie drein willigten, die Leiche des kurz zuvor so sehr vermißten Königs unbegraben liegen zu lassen. Da die übrigen Verschwornen, um sich des Heeres zu versichern, hierblieben, so jagten Theodotus und Sosis auf königlichen Pferden, so schnell sie konnten, nach Syracus, um die Hofpartei, als wüßte sie noch von Allem nichts, zu überfallen. Allein nicht bloß das Gerücht, dem in solchen Fällen nichts in der Welt an Geschwindigkeit vorgeht, sondern auch einer von den königlichen Sklaven war ihnen als Bote zuvorgekommen. Also hatte 122 Anaranodorus sowohl die Insel, als die königliche Burg und andre Plätze, so viele er konnte und die sich dazu eigneten, mit Wachen besetzt. Theodotus und Sosis, die nach Sonnenuntergang schon beim Dunkelwerden durch Hexapylon einritten, das blutige Gewand des Königs und seinen Kopfschmuck zur Schau tragend, beschieden auf ihrem Zuge durch das Stadtviertel Tyche unter beständigem Rufe: Zur Freiheit! und: zu den Waffen! die Bürger zur Versammlung in das Stadtviertel Achradina. Die Leute liefen theils auf die Gasse hinaus, theils standen sie in ihren Vorderthüren, theils sahen sie von den Dächern und Fenstern herab, und wiederholten die Frage: «Was giebt es?» Alles war von Lichtern hell und mit mancherlei Getöse erfüllet. Auf den offenen Plätzen sammelten sich die Bewaffneten. Die Unbewaffneten nahmen im Tempel des Olympischen Jupiter die den Galliern und Illyriern ausgezogenen Waffen, welche Hiero vom Römischen Volke zum Geschenke bekommen und hier aufgehängt hatte, mit der Bitte an den Jupiter, herab, er möge ihnen diese heiligen Waffen mit Wohlgefallen und unter seinem Segen überlassen, da sie sich zum Schutze des Vaterlandes, der Göttertempel und der Freiheit bewaffnen wollten. Auch dieser Haufe schloß sich an die auf den Hauptplätzen der Stadt schon angestellten Posten. Auf der Insel hatte zwar Andranodorus Praesidiis firmat horrea.] – Da Livius schon oben gesagt hatte: Andranodorus et Insulam, et arcem, et alia – – – – praesidiis firmarat, so folge ich Crevier, der auch hier statt firmat firmarat zu lesen wünscht. unter andern auch die öffentlichen Vorrathshäuser mit Truppen besetzt. Allein dieses mit einer Mauer von Quadern umfaßten und gleich einer Burg befestigten Platzes bemächtigte sich die zur Besatzung desselben bestimmte Mannschaft, und ließ nach Achradina hineinsagen, «die Vorrathshäuser und das Getreide seien dem Senate sicher.» 22. Mit Anbruch des Tages kam das ganze Volk, bewaffnet und unbewaffnet, in Achradina vor dem Rathhause zusammen. Hier hielt einer der Vornehmsten, 123 Namens Polyänus, am Altare der Eintracht, der auf diesem Platze stand, eine Rede, die eben so sehr für die Mäßigung, als für die Freiheit sprach. «Mit dem Gefühle der Knechtschaft und des Unwillens vertraut, hätten sie sich gegen dies ihnen bekannte Übel empört. Was für Unglück bürgerliche Zwietracht herbeiführe, hätten die Syracusaner mehr von ihren Vätern gehört, als selbst erfahren. Daß sie ungesäumt zu den Waffen gegriffen hätten, billige er; werde es aber noch mehr billigen, wenn sie von ihnen, nur durch die äußerste Noth gezwungen, Gebrauch machten. Für jetzt müsse man seiner Meinung nach an den Andranodorus Gesandte schicken, ihm anzukündigen, daß er sich dem Senate und Volke zu unterwerfen, die Thore der Insel zu öffnen Ich folge mit Stroth der Lesart, die den meisten Msc. am nächsten kommt: Portas Insulae patefaciat, reddat praesidium. und die Besatzung an ihre Behörde zu überlassen habe. Sollte dieser aber willens sein, auf der Vormundschaft über die Regierung eines Dritten sich selbst einen Thron zu errichten, dann müsse man auch eben so nach seiner Meinung die Freiheit weit ernstlicher vom Andranodorus zurückfordern, als vom Hieronymus. » Nach dieser Rede wurden die Gesandten abgeschickt. Darauf wurde Senat gehalten; welcher freilich, so wie er unter Hiero's Regierung die höchste Statsbehörde geblieben war, nach dessen Tode bis auf diesen Tag in keiner einzigen Angelegenheit weder zusammengerufen noch zu Rathe gezogen war. Als die Gesandten zum Andranodorus kamen, so fand er in der Vereinigung aller Bürger, in der Besatzung der übrigen Theile der Stadt, und in der Übergabe und dem Abfalle sogar des festesten Platzes auf der Insel, für seine Person allerdings triftige Gründe. Allein seine Gemahlinn Demarata, eine Tochter des Hiero, noch voll von königlicher Hoheit und weiblichem Übermuthe, ließ ihn von den Gesandten herausrufen und erinnerte ihn an den so oft angeführten Ausspruch des Tyrannen Dionysius, wodurch er erklärt habe, man müsse die Alleinherrschaft 124 nicht fahren lassen, bis man bei den Füßen heruntergezogen werde, aber nie, so lange man noch zu Pferde sitze. Den Besitz eines hohen Ranges aufzugeben, sei jeden Augenblick, sobald man es für gut finde, etwas Leichtes: allein die Anlage und der Erwerb sei schwierig und steil. Er möge sich beiden Gesandten einige Frist zur Überlegung ausbitten. Diese möge er dazu anwenden, die Soldaten von Leontini kommen zu lassen. Wenn er diesen die königlichen Schätze verspräche, so würde ihm Alles zu Gebote stehen.» Diese weiblichen Eingebungen verwarf Andranodorus weder ganz, noch nahm er sie augenblicklich an; da es seiner Überzeugung nach zur Erlangung der höchsten Macht einen sicherern Weg gab, wenn er für jetzt sich in die Lage der Dinge fügte. Also bat er die Gesandten zurückzumelden, er werde sich dem Senate und Volke als Unterthan stellen. Nachdem er am folgenden Tage mit frühem Morgen die Thore der Insel hatte öffnen lassen, kam er auf den Volksplatz von Achradina. Hier trat er vor den Altar der Eintracht, an welchem Tages zuvor Polyänus die Rede gehalten hatte, und fing seinen Vortrag damit an, daß er für seine Unschlüssigkeit um Verzeihung bat. «Denn er habe die Thore geschlossen gehalten, nicht etwa, um sich in ein vom Ganzen abgesondertes Verhältniß zu setzen, sondern aus ängstlicher Besorgniß, was für Gränzen man, da die Schwerter einmal gezückt gewesen wären, dem Blutvergießen stecken werde: ob sie sich, wie es zur Sicherstellung der Freiheit hinreichend sei, auf die Hinrichtung des Tyrannen beschränken würden; oder ob jeder, der durch Abstammung oder Verheirathung oder durch irgend eine Art von Dienstgeschäft mit dem Hofe in Berührung gestanden habe, als Theilhaber fremder Schuld gemordet werden sollte. Sobald er gesehen habe, daß die Befreier des Vaterlandes es auch nach seiner Befreiung erhalten wissen wollten, und daß man von allen Seiten zu gemeinschaftlicher Berathung zusammentrete, da habe er keinen Anstand genommen, seine Person und Alles, was ihm anvertrauet 125 und in seine Aufsicht gegeben sei, da der, welcher es ihm übergeben gehabt habe, ein Opfer seines eignen Unsinns geworden sei, dem Vaterlande wieder einzuliefern.» Dann sprach er, indem er sich an die Mörder des Tyrannen wandte und namentlich den Theodotus und Sosis anredete: «Ihr habt eine denkwürdige That verrichtet. Aber glaubt mir, euer Ruhm ist nur erst eingeleitet, noch nicht vollendet, und die große Gefahr ist noch nicht beseitiget, daß der Stat, wenn ihr nicht für Frieden und Eintracht sorgt, als Freistat zu Grabe getragen werde.» 23. Nach dieser Rede legte er ihnen die Schlüssel zu den Thoren und zum königlichen Schatze zu Füßen. Und was diesen Tag betrifft, so brachten Alle, voll Freuden aus der Versammlung entlassen, mit Weib und Kind in allen Tempeln der Götter ihre Dankgebete dar. Am folgenden Tage wurde Prätorenwahl gehalten. Einer der zuerst gewählten war Andranodorus: die übrigen waren großentheils von den Mördern des Tyrannen; zwei wählte man sogar in ihrer Abwesenheit, den Sopater und Dinomenes. Als diese beiden von den Auftritten zu Syracus hörten, ließen sie den zu Leontini befindlichen königlichen Schatz nach Syracus fahren und überlieferten ihn den hierzu gewählten Schatzmeistern; auch der auf der Insel wurde Ea, quae in Insula erat, Achradinam tradita est.] – Dies halte ich für die richtige Lesart. Denn da die Lesart tradita est fast in allen, und diese: ea, quae in Insula erat, Achradinam tradita est, in mehrern Msc. sich findet, so sehe ich nicht, warum man diese nicht lieber behalten will, als die in andern Msc. über das Wort tradita geschriebene Glosse translata, statt deren andere Msc. wieder eine andre Glosse, nämlich traducta, aufgenommen haben. Sollte nicht tradere (d. i. transdare oder transdere) argentum Romam eben so gut Latein sein, als transmittere, transferre, traducere argentum Romam? Weil die Abschreiber pecunia Achradinam tradita est nicht verstanden, oder auch weil der M strich in Achradiná erloschen war, so machten sie daraus ihr et Achradina tradita est. nach Achradina herübergebracht, und derjenige Theil der Mauer, welcher die Insel von der übrigen Stadt als gar zu festes Bollwerk abschnitt, wurde mit allgemeiner Beistimmung niedergerissen. Diese Stimmung der Gemüther zur Freiheit hatte auch die übrigen Maßregeln zur Folge. Hippocrates und Epicydes gingen auf die Nachricht 126 vom Tode des Zwingherrn, welche Hippocrates sogar durch Hinrichtung des Boten hatte unterdrücken wollen, von den Soldaten verlassen, nach Syracus zurück, weil sie dies unter den gegenwärtigen Umständen für das Sicherste hielten. Um hier während ihres Aufenthalts nicht in dem Verdachte zu stehen, als suchten sie irgend eine Gelegenheit zu einer Statsumwälzung, wandten sie sich zuerst an die Prätoren, dann durch diese an den Senat. « Hannibal, » sagten sie ganz dreist, «habe sie an den Hieronymus, als seinen Freund und Bundesgenossen, gesandt. Sie hätten sich dem Befehle dessen angeschlossen, an den ihr Feldherr sie gewiesen habe. Jetzt wollten sie zum Hannibal zurückgehen. Weil indeß der Weg nicht sicher sei, da durch ganz Sicilien allenthalben Römische Scharen umherstreiften, so bäten sie, man möge ihnen eine Art von Bedeckung mitgeben, welche sie nach Locri in Italien hinüberbrächte. Man würde sich durch diese kleine Gefälligkeit den Hannibal sehr verbinden.» Dies ward ihnen sehr leicht bewilligt: denn man sah es gern, daß diese königlichen Befehlshaber, die sich auf den Krieg verstanden, und zugleich arm und unternehmend waren, sich entfernen möchten; allein man betrieb die nöthige Beschleunigung dessen, was man wünschte, nicht thätig genug. Unterdessen streuten diese kriegerischen jungen Männer, die mit Soldaten umzugehen verstanden, theils selbst bei diesen, theils bei den Überläufern, welche größtentheils Römische Seeleute waren, theils unter dem niedrigsten Volke allerlei Beschuldigungen gegen den Senat und die Vornehmen aus. «Diese gingen damit um und leiteten es so ein, daß Syracus unter dem Vorwande einer wieder angeknüpften Bundesfreundschaft von den Römern abhängig würde, und dann ihre Partei und die wenigen Beförderer des erneuerten Bündnisses als Herren schalten könnten.» 24. In Syracus strömte, mit jedem Tage sich mehrend, eine Menge Menschen zusammen, denen so etwas zu hören und zu glauben eben recht war, und weckte nicht allein beim Epicydes die Hoffnung einer 127 Statsveränderung, sondern auch bei dem Andranodorus. Bewältigt von den unablässigen Einredungen seiner Gattinn, welche ihm vorstellte, «daß jetzt die rechte Zeit zum Eingreifen sei, so lange bei der neuen und noch nicht begründeten Freiheit allenthalben Verwirrung herrsche, noch die Truppen, von königlichem Solde gepflegt, vor seinen Augen ab- und zugingen, noch die vom Hannibal hergesandten Anführer bei ihrer Vertraulichkeit mit den Soldaten sein Vorhaben unterstützen könnten;» war dieser unvorsichtig genug, die mit dem Themistus, einem Schwiegersohne des Gelo, getroffene Verabredung, wenig Tage nachher, einem gewissen Aristo zu entdecken, der in Trauerspielen die Bühne betrat, und dem er auch sonst seine Geheimnisse anzuvertrauen pflegte. Die Abkunft und Umstände des Mannes waren gut, und seine Kunst warf, weil so etwas bei den Griechen nicht zur Unehre gereicht, auf diese keinen Schatten. In der Überzeugung, dem Vaterlande zu größerer Treue verpflichtet zu sein, brachte er seine Anzeige vor die Prätoren. Als sich diese durch sichere Nachweisungen von der Wahrheit der Sache überzeugt hatten, so besetzten sie, nach genommener Rücksprache mit den Ältesten und auf deren Betrieb, die Thüren des Rathhauses mit einer Wache, und als Themistus und Andranodorus hereintraten, stach man sie nieder: und da über eine solche, dem Anscheine nach noch schrecklichere That, weil den übrigen die Veranlassung unbekannt war, Alles in Aufstand gerieth, so führten sie nach endlich bewirkter Stille den Aussager vor den Senat. Als sie dieser der Reihe nach über Alles belehrte, auch darüber, daß die Verschwörung schon seit dem Beilager der Harmonia, Gelons Tochter, als sie dem Themistus gegeben wäre, im Werke sei; daß die Africanischen und Spanischen Hülfstruppen angewiesen wären, die Prätoren und andre Vornehme zu ermorden; daß deren Güter den Mördern als Beute zugesprochen wären; daß Andranodorus schon eine Schar Miethsoldaten, gewohnt, seinen Befehlen zu gehorchen, in Bereitschaft gehalten habe, um sich der Insel wieder 128 zu bemächtigen; und ihnen dann stückweise Alles, was und durch wen es hatte ausgeführt werden sollen und die ganze Verschwörung mit allen Personen und gewaltsamen Mitteln ihres Plans vor Augen legte; da fand der Senat allerdings ihre Hinrichtung eben so rechtmäßig, als die des Hieronymus. Vor dem Rathhause ertönte das Geschrei einer gemischten und über den Vorgang noch ungewissen Volksmenge, welche aber, so trotzig sie auf dem Vorplatze des Rathhauses drohete, als sie die Leichen der Verschwörer sah, die Furcht so ruhig machte, daß sie ganz still dem vernünftigeren Theile der Bürger zur Versammlung folgte. Sopater bekam vom Senate und seinen Amtsgenossen den Auftrag, zu ihr zu reden. 25. Wie, wenn er als gerichtlicher Ankläger den Andranodorus und Themistus vor sich gehabt hätte, maß er ihnen, von deren früherem Lebenswandel er ausging, von jeder seit Hiero's Tode verübten Schandthat und Bosheit die ganze Schuld bei. «Denn was Hieronymus, dieser Knabe und kaum werdende Jüngling, aus eignem Triebe habe thun können? Seine Vormünder und Hofmeister hätten regiert, indeß er den Haß getragen habe. Sie hätten also schon früher als er, oder doch wenigstens mit dem Hieronymus, ermordet werden müssen. Statt dessen hätten sie, schon selbst des Todes würdig und seine bestimmten Opfer, noch nach des Tyrannen Tode sich auf neue Frevel eingelassen: und zwar gleich anfangs ganz öffentlich, indem Andranodorus nach Verschließung der Inselthore das Königreich als seine Erbschaft angetreten, und was er als Aufseher in Verwahrung gehabt, als Eigenthümer hingenommen habe. Nachher, wie er von denen auf der Insel im Stiche gelassen und von der ganzen, Achradina in Besitz habenden, Bürgerschaft belagert sei, habe er es darauf angelegt, den Thron, den er frei und öffentlich zu besteigen vergeblich versucht habe, insgeheim und mit List sich zuzueignen, und sich nicht einmal durch das mit zuvorkommender Güte ihm übertragene Ehrenamt gewinnen lassen, als man unter den Befreiern des Vaterlandes 129 auch ihn, gerade den heimlichen Feind der Freiheit, als Prätor angestellet habe. Und diesen herrschsüchtigen Sinn hätten ihnen die königlichen Gemahlinnen eingeflößt, da mit dem Einen Hiero's, mit dem Andern Gelo's Tochter verheirathet sei.» Bei diesen Worten erhob sich auf allen Seiten das Geschrei aus der Versammlung: «Keine von ihnen dürfe das Leben behalten, und überhaupt niemand vom Stamme der Tyrannen übrig bleiben.» So ist der große Haufe: er macht entweder den kriechenden Sklaven oder den übermüthigen Zwingherrn. Der in der Mitte liegenden Freiheit versteht er eben so wenig mit Mäßigung sich zu entäußern, als zu genießen; und gewöhnlich fehlt es seiner Erbitterung nicht an dienstwilligen Helfern, welche die gierigen und unbändigen Leidenschaften der Volksmenge zu Blutvergießen und Mordthaten aufreizen. So thaten auch damals die Prätoren sogleich den Vorschlag, – und er wurde beinahe eher angenommen, als gethan – die ganze königliche Familie umzubringen: und Damarata, Hiero's, und Harmonia, Gelo's Tochter, wurden durch die von den Prätoren Abgeschickten ermordet. 26. Eine Tochter Hiero's, Heraclea, war die Gattinn des Zoippus, der als Gesandter vom Hieronymus an den König Ptolemäus geschickt, sich zu einer freiwilligen Verbannung entschlossen hatte. Da sie schon gehört hatte, daß man auch zu ihr kommen werde, so war sie mit zwei erwachsenen Töchtern, mit fliegendem Hare und auch übrigens in einem Mitleid erregenden Aufzuge in ihre Capelle zu den Hausgöttern geflüchtet. Und so brach Addidit preces «Nunc per.] – Dieses nunc hängt mit dem, nach dem Schlusse ihrer Bitte folgenden; tum omissis precibus zusammen. Nunc, so lange sie auch noch für sich selbst zugleich mit bat: tum, dann aber, als sie nur noch für die Töchter bat. Ich würde also lieber so interpungiren: addidit preces, nunc, per memoriam Hieronis patris Gelonisque fratria, «Ne se innoxiam, etc. sie anfangs in die flehentliche Bitte aus, in welcher sie bei dem Andenken ihres Vaters Hiero und ihres Bruders Gelo die Mörder beschwur: «Sie möchten sie als 130 eine Unschuldige nicht auch ein Opfer des Hasses gegen den Hieronymus werden lassen. Sie habe von dessen Regierung nichts, als die Verbannung ihres Mannes: sie habe weder bei Lebzeiten des Hieronymus mit ihrer Schwester gleiches Glück gemacht, noch sei sie jetzt nach dessen Hinrichtung mit ihr in gleicher Verantwortung. Ja, wenn dem Andranodorus seine Anschlage geglückt wären, so würde jene mit ihrem Manne geherrscht haben, sie aber mit allen Andern die Unterthänige gewesen sein. Ob jemand daran zweifeln könne, daß Zoippus, wenn ihm gemeldet würde, Hieronymus sei ermordet und Syracus frei, nicht sogleich zu Schiffe ginge und in sein Vaterland zurückkäme. Wie sich die Menschen in ihren Erwartungen irren könnten! Seine Gattinn und Kinder geriethen im befreieten Vaterlande in Lebensgefahr, weil sie der Freiheit – in welchem denkbaren Falle? – im Wege ständen! Was für Gefahr irgend jemand von ihr, einer Verlassenen und so gut als Witwe, und von zwei in Vaterlosigkeit lebenden Mädchen zu fürchten habe? Wolle man sagen: Gefahr fürchte man von ihr freilich nicht; allein der königliche Stamm sei nun einmal verhaßt; so möge man sie doch weit von Syracus und Sicilien wegschicken, und sie nach Alexandrien bringen lassen, die Gattinn zum Manne, die Tochter zum Vater.» Ohne darauf zu hören und zu achten, griffen, wie sie sah, schon einige, um nicht die Zeit zu verlieren, zu den Dolchen Ferrum enim.] – Dies enim verwirft Drakenb. mit Zustimmung aller Msc. und älteren Ausgaben. Ich interpungire so: (aversis auribus animisque, casse ne tempus tereretur, ferrum quosdam expedientes cernebat:) tum, omissis pro se precibus, puellis ut saltem cet. Die Worte Aversis – – – cernebat stehen hier gleichsam in Parenthese, und das folgende tum schließt sich als Nachsatz an das oben voraufgegangene nunc addidit preces per memoriam etc. . Nun flehete sie, ohne für sich weiter zu bitten: «Sie möchten wenigstens die Mädchen verschonen, an deren Jugend auch der feindliche Krieger seinen Grimm nicht auslasse; sonst würden sie ja selbst in der Rache an den Tyrannen die ihnen verhaßten Gräuelthaten derselben nachahmen!» 131 Unter diesen Worten mordeten sie die von der heiligen Stäte Weggerissene, und gingen nun auf die mit der Mutter Blute bespritzten Mädchen los. Sinnlos vor Schmerz und Furcht zugleich rannten diese, wie von Wuth ergriffen, mit solcher Schnelligkeit aus dem Heiligthume, daß sie gewiß, wenn ihnen nicht die Ausflucht auf die Gasse versperrt gewesen wäre, die ganze Stadt in Aufruhr gesetzt haben würden. Aber auch so retteten sie sich in einem nichts weniger als geräumigen Hause mitten durch so viele Bewaffnete mehreremale ohne eine Wunde zu bekommen, und entrissen sich denen, welche sie schon ergriffen hatten, so vielen und starken Händen sie sich auch zu entwinden hatten. Endlich sanken sie, von so vielen Wunden entkräftet, nachdem sie Alles mit ihrem Blute erfüllt hatten, entseelt zu Boden: und ihre an sich schon bejammernswerthe Ermordung machte der Zufall noch bejammernswerther, weil gleich nachher, bei dem schnell erfolgten Übergange zum Mitleiden, ein Bote eintraf, der ihre Hinrichtung untersagte. An die Stelle des Mitleids trat nun der Unwille, daß man mit der Todesstrafe so sehr geeilt; es unmöglich gemacht habe, sich eines Bessern zu besinnen und von der Hitze des Zorns in sich zurückzugehen. Die Volksmenge wurde laut, und verlangte für die Stelle des Andranodorus und Themistus – denn beide waren Prätoren gewesen – eine neue Wahl, die man gewiß nicht nach den Wünschen der Prätoren ausfallen lassen wollte. 27. An dem zur Wahlversammlung angesetzten Tage rief wider Aller Erwartung einer vom niedrigsten Haufen den Namen Epicydes aus; dann ein Anderer: Hippocrates! Bald wurde dies Rufen allgemeiner und hatte bestimmt den Beifall der Menge. Und die Versammlung war nicht bloß aus einem Schwarme vom Volke, sondern auch von Soldaten zusammengeströmt, in welchen sich auch eine große Anzahl von Überläufern gemischt hatte, für die eine gänzliche Umwälzung etwas Erwünschtes war. Anfangs wollten die Prätoren nichts merken, und die Sache hinhalten: endlich aber überstimmt und nicht ohne 132 Besorgniß eines Aufruhrs erklärten sie jene für gewählte Prätoren. Und diese enthüllten ihre Absichten nicht sogleich nach ihrer Wahl, so unangenehm es ihnen auch war, daß an den Appius Claudius Gesandte mit dem Antrage eines zehntägigen Waffenstillstandes abgingen, und nach dessen Bewilligung eine zweite Gesandschaft abgefertigt wurde, um über die Erneuerung des alten Bündnisses zu unterhandeln. Die Römer standen damals mit einer Flotte von hundert Schiffen bei Murgantia, um den Ausgang der zu Syracus durch Hinrichtung des Herrscherstammes entstandenen Bewegungen abzuwarten, und auf welche Partei die neue und ungewohnte Freiheit die Syracusaner leiten werde. Da Appius in diesen Tagen dem Marcellus, welcher eben in Sicilien ankam, die Syracusanischen Gesandten zuschickte, so ließ Marcellus, nachdem er die Friedensbedingungen angehört hatte, von der Möglichkeit einer Übereinkunft überzeugt, auch von seiner Seite Gesandte nach Syracus abgehen, um an Ort und Stelle mit den Prätoren über die Erneurung des Bündnisses zu unterhandeln. Hier aber war die bisherige Ruhe und Friedlichkeit schon ganz verschwunden. Denn als die Nachricht einlief, bei Pachynum stehe eine Römische Flotte, so gaben Hippocrates und Epicydes, dadurch dreister gemacht, hier bei den Miethsoldaten, dort bei den Überläufern vor, man gehe damit um, Syracus den Römern zu verrathen. Wie nun noch dazu Appius mit der Flotte seinen Stand an der Mündung des Hafens nahm, um auch den Muth der Quo aliae partis.] – Die Lesarten mehrerer Handschriften quo d aliae, qui d aliae, qui dem aliae lassen mich vermuthen, Livius habe geschrieben: quo et aliae. andern Partei zu beleben, so gab dies jenen ungegründeten Beschuldigungen eine große Scheinbarkeit, und in der ersten Hitze war die Volksmenge tobend an den Strand hinabgelaufen, den Römern, falls sie landen wollten, dies zu verwehren: 28. Bei einer so allgemeinen Verwirrung fand man für gut, eine Versammlung zu berufen. Als hier der Eine diesen, der Andre jenen Zweck verfolgte, so daß es 133 beinahe zu einem Aufstande kam, hielt einer der Vornehmsten, Apollonides , eine Rede zum allgemeinen Besten, so gut es unter diesen Umständen sich schaffen ließ. «Nie sei irgend ein Stat seiner gehofften Rettung, aber auch nie seinem Untergange näher gewesen. Denn wenn sie Alle einmüthig entweder auf Roms, oder auf Carthago's Seite träten, so könne es nie für einen Stat eine günstigere oder vortheilhaftere Lage geben. Wenn aber der Eine den Stat auf diese, der Andre auf jene Partei ziehen wolle, so könne der Krieg zwischen den Puniern und Römern nicht schrecklicher sein, als zwischen den Syracusanern unter sich selbst, wenn innerhalb einerlei Mauern jede der beiden Parteien ihre Heere, ihre Waffen, ihre Feldherren finden werde. Folglich müsse man sich durchaus dahin bestreben, daß Alle derselbe Sinn beseele: welche von beiden Verbindungen die vortheilhaftere sei, dies sei eine weit leichtere und unwichtigere Frage. Doch aber sei bei der Wahl der Bundesgenossen Hiero ein nachahmungswürdigeres Beispiel, als Hieronymus; oder man müsse auch eine seit funfzig Jahren glücklich bewährte Freundschaft einer jetzt noch neuen, ehemals ungetreuen, vorziehen. Auch das sei für diese Überlegung nicht ohne Gewicht, daß man einem Vertrage mit den Carthagern ausweichen könne, ohne durchaus mit ihnen für jetzt Krieg führen zu müssen, mit den Römern hingegen sogleich entweder Frieden oder Krieg haben müsse.» Je weniger Leidenschaft und Parteilichkeit diese Rede verrieth, um so viel mehr machte sie sich geltend. Man setzte den Prätoren und einem Ausschusse von Senatoren noch einen Kriegsrath an die Seite, und hieß die Hauptleute und Obersten der Hülfstruppen an den Berathschlagungen Theil nehmen. Nachdem die Sache mehrmals unter großen Streitigkeiten zur Sprache gebracht war, beschloß man endlich, weil ein Krieg mit den Römern durchaus keinen Grund für sich hatte, ihren Gesandten den Frieden zuzusagen und zur Bestätigung desselben mit diesen eigene Gesandte abgehen zu lassen. 134 29. Kaum waren einige Tage verstrichen, als aus Leontini Gesandte eintrafen, welche für ihr Gebiet um eine Bedeckung anhielten. Diese Gesandschaft kam, wie man glaubte, sehr erwünscht, weil man sich der unordentlichen und unruhigen Volksmenge entledigen, und ihre Anführer entfernen wollte. Hippocrates, der Prätor, bekam den Auftrag, die Überläufer dorthin zu führen; und die vielen, ihm nachfolgenden Miethsoldaten machten, daß sich die Zahl auf viertausend Bewaffnete belief. Den Wegschickenden und den Weggeschickten war dieser Zug erfreulich. Denn die Letztern bekamen dadurch Gelegenheit, im State neue Unruhen zu stiften, was sie lange schon wünschten; und jene freuten sich, gewissermaßen die Hefen der Stadt abgelassen zu haben. Doch verschafften sie dadurch dem Statskörper, wie einem Kranken, nur für jetzt Erleichterung, nach welcher er bald in eine so viel schwerere Krankheit zurückfallen mußte. Denn Hippocrates fing damit an, das benachbarte Gebiet Der Römischen Provinz. durch verstohlne Einfälle zu verheeren: und nachher, als Appius, das Gebiet seiner Bundesgenossen zu schützen, einige Mannschaft hinschickte, brachte er durch einen Angriff mit seinen sämtlichen Truppen dem ihm entgegengesetzten Posten einen ansehnlichen Verlust bei. Als dies dem Marcellus gemeldet wurde, schickte er sogleich Gesandte mit der Erklärung nach Syracus, daß der Friede gebrochen sei, und daß es nie an Veranlassungen zum Kriege fehlen werde, wofern nicht Hippocrates und Epicydes, nicht bloß aus Syracus, sondern aus ganz Sicilien weit entfernt würden. Epicydes, welcher ebenfalls nach Leontini abging, entweder, um nicht bei der Klage gegen seinen abwesenden Bruder, wenn er hier bliebe, selbst verantwortlich zu werden, oder auch, um bei der Anregung zum Kriege von seiner Seite nichts zu versäumen, fing jetzt, da er die Leontiner zu einem Kriege gegen Rom erbittert genug glaubte, sogar an, sie auch den Syracusanern abwendig zu machen: «weil diese 135 den Frieden mit den Römern auf die Bedingung geschlossen hätten, daß die sämtlichen Völkerschaften, welche königliche Unterthanen gewesen wären, nun auch zu ihrem Gebiete gehören sollten. Sie begnügten sich schon nicht mehr mit ihrer eignen Freiheit, wenn sie nicht auch herrschten und geböten. Man müsse ihnen also zurücksagen lassen: ««Auch die Leontiner glaubten, frei sein zu müssen, theils weil der Tyrann auf dem Boden ihrer Stadt gefallen sei, theils weil hier zuerst der Aufruf zur Freiheit Statt gehabt und man sich von hieraus mit Hinterlassung der königlichen Heerführer nach Syracus zusammengethan habe. Also müsse entweder jene Bedingung im Friedensvertrage wegfallen, oder sie würden sich zu diesem Punkte des Vertrages nie verstehen.»» Die Menge überredete er leicht. Und so erhielten die Syracusanischen Gesandten sowohl auf ihre Beschwerde wegen des niedergehauenen Römischen Postens, als auf ihren Antrag, daß Hippocrates und Epicydes nach Locri abgehen möchten, oder wohin sie sonst lieber wollten, wenn sie nur Sicilien räumten, die trotzige Antwort: «Sie hätten den Syracusanern nicht aufgetragen, in ihrem Namen Frieden mit den Römern zu machen; und an fremde Verträge wären sie nicht gebunden.» Die Syracusaner zeigten dies den Römern an, mit der Erklärung: «Die Leontiner wären ihre Unterthanen nicht mehr. Also könnten die Römer, dem Vertrage mit ihnen unbeschadet, mit jenen Krieg führen. Auch würden sie selbst bei diesem Kriege nicht ohne Theilnahme bleiben; doch unter der Bedingung, daß jene, wenn man sie bezwungen habe, wieder zu ihrem Gebiete gehörten, wie der Vertrag es festgesetzt habe.» 30. Marcellus, der mit seinem ganzen Heere gegen Leontini aufbrach, auch den Appius an sich zog, um ihn den Angriff von der andern Seite thun zu lassen, wurde von seinen Leuten, welche den Leontinern des während der Friedensunterhandlungen niedergehauenen Postens gedachten, mit so raschem Eifer unterstützt, daß die Stadt im ersten Angriffe genommen war. Hippocrates 136 und Epicydes, als sie sahen, daß die Mauern erstiegen, die Thore erbrochen wurden, zogen sich mit Wenigen in die Burg. Von da entflohen sie heimlich bei Nacht nach Herbessus. Den Syracusanern, die mit einem Zuge von achttausend Mann von Hause aufgebrochen waren, kam am Flusse Mylas ein Bote mit der Nachricht entgegen, die Stadt sei erobert, der aber übrigens ein Gemisch von Wahrem und Falschem berichtete. «Man habe bei dem Gemetzel zwischen Soldaten und Bürgern keinen Unterschied gemacht; er glaube nicht, daß noch ein Erwachsener übrig sei: man habe die Stadt geplündert, das Eigenthum der Reichen verschenkt.» Auf diese so fürchterliche Nachricht machte der Zug Halt, und da Alle empört waren, berathschlagten die Anführer – diese waren Sosis und Dinomenes – was sie thun sollten. Einen Schein von schrecklicher Wahrheit bekam die Lüge dadurch, daß die Überläufer, an zweitausend Mann, gepeitscht und mit dem Beile enthauptet wurden. Übrigens hatte man sich nach Einnahme der Stadt weder an einem Leontiner, noch sonst an irgend einem Soldaten, vergriffen, und alles Eigenthum, außer was im ersten Getümmel der Eroberung verloren gegangen war, wurde ihnen wiedergegeben. Der Zug ließ sich so wenig bewegen, nach Leontini weiter zu rücken, weil Alle klagten, man habe ihre Cameraden zum Niederhauen preisgegeben, als da, wo er stand, gewissere Nachrichten abzuwarten. Da den Prätoren die Neigung der Truppen zum Abfalle einleuchtete, zugleich aber auch, daß diese Aufwallung nicht von Dauer sein werde, sobald man die Rädelsführer des Unsinns aus dem Wege räumte; so führten sie das Heer nach Megara. Sie selbst gingen mit einiger Reuterei nach Herbessus ab, in der Hoffnung, bei dem allgemeinen Schrecken sich der Stadt durch Verrath zu bemächtigen. Als dies Unternehmen fehlschlug, brachen sie, um nun mit Gewalt zu verfahren, am folgenden Tage mit ihrem Lager von Megara auf, um mit ihrer ganzen Macht Herbessus anzugreifen. Hippocrates und Epicydes, welche es nicht sowohl 137 für eine auf den ersten Anblick sichere, als, weil ihnen allenthalben die Hoffnung ausging, für ihre einzige Maßregel hielten; ihr Schicksal in die Hände der Soldaten zu geben, welche großentheils an sie gewöhnt, und jetzt durch das Gerücht von dem Blutbade unter ihren Cameraden erbittert waren, gingen dem Zuge entgegen. Es traf sich so, daß den Vortrab sechshundert Cretenser machten, welche beim Hieronymus unter ihnen gedient und dem Hannibal die Schonung zu verdanken hatten, daß sie von ihm, als er sie am Trasimenus mit andern Römischen Hülfsvölkern zu Gefangenen machte, entlassen waren. Als Hippocrates und Epicydes diese an den Fahnen und der Art ihrer Bewaffnung erkannten, baten sie unter dem Schutze dargereichter Ölzweige und mit der Kopfbinde Gnadeflehender umwunden: «Sie möchten sie unter sich aufnehmen, sie als Aufgenommene ihres Schutzes gewähren, und nur nicht den Syracusanern preisgeben, von denen auch sie selbst nächstens an die Römer zum Niedermetzeln würden abgeliefert werden.» 31. Da Enimvero conclamant.] – Ich habe mit Crevier dies enimvero nicht mit in die Rede, sondern zu conclamant gezogen. So steht es auch I. 51. Enimvero manifesta res visa. schrieen ihnen Alle entgegen: «Sie möchten gutes Muthes sein: sie wollten jedes Schicksal mit ihnen theilen.» Während dieser Unterredung hatten die Fahnen Halt gemacht, und der Zug stand, ohne daß die Ursache des Aufenthalts den Anführern kund geworden war. Als das Gerücht von des Hippocrates und Epicydes Erscheinung bis zu ihnen drang, und ein lautes Rufen durch den ganzen Zug diese offenbar willkommen hieß; jagten die Prätoren zu Pferde sogleich zu den vordersten Fahnen hin, und fragten: «Was das für eine Sitte sei? wie sich die Cretenser herausnehmen könnten, mit Feinden Unterredungen anzuknüpfen und sie ohne Befehl der Prätoren in ihren Zug aufzunehmen?» Sie befahlen, den Hippocrates zu greifen und in Ketten zu legen. Plötzlich erhoben auf dieses Wort zuerst die Cretenser ein solches Geschrei – und dann stimmten die übrigen ein – daß 138 man leicht abnehmen konnte, wenn sie weiter gingen, würden sie für sich selbst zu fürchten haben. Aus Besorgniß und Ungewißheit über ihre Lage gaben sie Befehl zum Rückzuge nach Megara, woher sie gekommen waren, und berichteten über ihren gegenwärtigen Zustand nach Syracus. Bei dieser Empfänglichkeit der Gemüther für jeden Verdacht erhöhete Hippocrates die Wirkung noch durch eine List. Da er durch einige abgeschickte Cretenser die Wege hatte besetzen lassen, so las er einen Brief vor, den er selbst verfertigt hatte, aber aufgefangen haben wollte. «Die Prätoren von Syracus an den Consul Marcellus. » Nach dem gewöhnlichen Gruße hieß es: «Er habe darin recht und planmäßig gehandelt, daß er zu Leontini niemand verschont habe. Allein die sämtlichen Miethsoldaten wären nicht minder strafbar, und Syracus werde nie Ruhe haben, so lange noch von fremden Hülfstruppen entweder in der Stadt, oder in ihrem Heere das Mindeste übrig sei. Er möge sichs also angelegen sein lassen, daß er die unter ihren Prätoren bei Megara im Lager stehenden in seine Gewalt bekäme und durch ihre Hinrichtung Syracus endlich befreiete.» Als er ihnen dies vorgelesen hatte, sprengten sie mit einem solchen Geschreie zur Ergreifung der Waffen aus einander, daß die Prätoren voll Bestürzung während des Auflaufs nach Syracus davon ritten. Allein selbst ihre Flucht beruhigte den Aufstand noch nicht: man ging auf die Syracusanischen Soldaten los, und würde keinen verschont haben, wenn nicht Epicydes und Hippocrates der Erbitterung des großen Haufens gewehrt hätten, nicht aus Mitleiden oder Menschlichkeit, sondern um sich nicht selbst die Hoffnung zur Rückkehr abzuschneiden, und theils selbst diese Syracusanischen Soldaten zugleich als treue Leute, zugleich als Geisel zu behalten, theils auch, um deren Verwandte und Freunde einmal durch eine so hohe Verpflichtung, zum andern durch diese Unterpfänder an sich zu fesseln. Und da sie gesehen hatten, welchen Eindruck die grundlosesten und unwichtigsten Eingebungen auf den Pöbel machten, so richteten sie einen Soldaten ab, an dem sie ihren Mann 139 fanden, einen von denen, welche zu Leontini in der Belagerung gewesen waren, mit den nach dem Flusse Mylas gemeldeten Unwahrheiten übereinstimmende Aussagen nach Syracus zu überbringen, und dadurch, daß er als Bote aufträte und jeden zweifelhaften Umstand als mit Augen angesehen erzählte, die Erbitterung der Leute zu reizen. 32. Er fand nicht allein Glauben bei dem Pöbel, sondern machte selbst, als er in das Rathhaus geführt ward, Eindruck auf den Senat. Manche, sonst nicht unzuverlässige Männer, sagten laut: «Es sei ein großes Glück, daß man zu Leontini die Habsucht und Grausamkeit der Römer ohne Hülle gesehen habe. Sie würden, wenn sie Syracus betreten hätten, eben so, oder noch schändlicher gehandelt haben, je reicher hier für ihre Habsucht der Gewinn gewesen sein würde.» Also stimmten Alle dafür, man müsse die Thore schließen und die Stadt besetzen. Doch waren nicht gerade die Römer die so von Allen Gefürchteten, nicht sie bei Allen die so Gehaßten. Der ganze Soldatenstand und ein großer Theil der Bürgerlichen war gegen Alles, was Römer hieß, eingenommen. Die Prätoren aber und einige Vornehme, wenn gleich durch die falsche Erzählung in Feuer gesetzt, suchten sich eigentlich vor dem näheren und gegenwärtigen Übel zu sichern. Und wirklich standen Hippocrates und Epicydes schon vor dem Hexapylum, und trugen durch die in ihrem Heere dienenden Verwandten der Einwohner darauf an, ihnen die Thore zu öffnen und die Vertheidigung der gemeinschaftlichen Vaterstadt gegen einen Angriff der Römer nicht zu hindern. Schon war man nach Öffnung Eines Thores von Hexapylum damit beschäftigt, sie einzulassen, als die Prätoren dazu kamen. Anfangs drangen diese befehlsweise und unter Drohungen darauf, dann durch angegebene Gründe und vorgehaltene Gefahr, zuletzt, da Alles umsonst war, aller Hoheit sich entäußernd, mit Bitten in sie, ihre Vaterstadt nicht den ehemaligen Trabanten des Tyrannen, den jetzigen Verführern des Heeres preiszugeben. Allein die Ohren der aufgeregten Menge waren für das Alles taub: die Thore wurden eben so gewaltsam von innen als von außen 140 bestürmt, und als sie sämtlich erbrochen waren, nahm man den ganzen Zug in Hexapylon auf. Die Prätoren mit ihren eignen Truppen flohen nach Achradina. Die Miethsoldaten und Überläufer und Alles was von königlichen Truppen in Syracus war, verstärkte den Zug der Feinde. So wurde auch Achradina im ersten Angriffe erobert und die Prätoren, bis auf die, welche während des Getümmels entflohen, wurden sämtlich niedergemacht. Die Nacht endigte das Gemetzel. Am folgenden Tage wurden die Sklaven zur Freiheit gerufen, die Gefesselten aus den Kerkern entlassen; und dieser ganze zusammengerottete Haufe ernannte den Hippocrates und Epicydes zu Prätoren. So fiel Syracus nach einem bald vorübergehenden Strahle von Freiheit, in die alte Sklaverei zurück. 33. Als dies den Römern gemeldet wurde, brachen sie sogleich mit ihrem Lager von Leontini gegen Syracus auf. Die vom Appius gerade jetzt zum Hafen hereingeschickten Gesandten befanden sich auf einem Fünfruderer. Des voraufgeschickten Vierruderers bemächtigten sich, so wie er zur Mündung des Hafens einlief, die Feinde: die Gesandten retteten sich mit genauer Noth. So hatte man sich nicht allein an den Verträgen des Friedens, sondern selbst am Kriegsrechte vergriffen: da lagerte sich ein Römisches Heer bei Olympium – dies ist ein Tempel Jupiters – tausend fünfhundert Schritte von der Stadt. Selbst von hier aus wollte man zuvor noch einen Versuch durch Gesandte machen. Damit diese nicht in die Stadt kommen möchten, gingen ihnen Hippocrates und Epicydes mit einigen von ihrem Anhange vor das Thor entgegen. Der Römische Sprecher sagte: «Er bringe den Syracusanern nicht Krieg, sondern Beistand und Hülfe, sowohl denen, welche, mitten aus dem Blutbade entronnen, sich zu ihnen gerettet hätten, als auch denen, welche, durch Furcht zu Boden gedrückt, sich eine Knechtschaft gefallen lassen müßten, die nicht allein schmählicher sei, als jede Verbannung, sondern selbst als der Tod. Auch würden die Römer die schändliche Ermordung ihrer Bundsgenossen nicht ungerächet lassen. Wenn also denen, 141 welche sich zu ihnen geflüchtet hätten, die sichere Rückkehr in ihre Vaterstadt offen stände, die Anstifter des Blutbades ausgeliefert und den Syracusanern Freiheit und Gesetze wiedergegeben würden, so bedürfe es der Waffen nicht. Geschehe das nicht, so würden sie jeden, der daran hinderlich sei, mit Krieg verfolgen.» Hierauf erwiederte Epicydes: «Wenn sie Aufträge an sie beide gehabt hätten, so würden sie diese beantwortet haben: so aber möchten sie dann wieder kommen, wenn der Syracusanische Stat in den Händen derer sei, an welche sie abgeschickt wären. Sollten sie einen feindlichen Angriff thun, so würden sie durch den Erfolg selbst belehrt werden, daß es nicht einerlei sei, Syracus oder Leontini zu bestürmen.» Dann ließ er die Gesandten stehen und schloß die Thore zu. Nun nahm die Bestürmung von Syracus zu Lande und zu Wasser zugleich ihren Anfang; zu Lande auf das Hexapylum, zur See gegen Achradina, dessen Mauer von den Fluthen bespült wird. Und weil die Römer nicht daran zweifelten, so wie sie Leontini in Schrecken und im ersten Angriffe erobert hatten, auch in eine geräumige und sich weit ausdehnende Stadt auf irgend einer Seite einzudringen, so setzten sie alle zum Sturme auf Städte erforderlichen Werkzeuge gegen die Mauern in Bewegung. 34. Und dies mit so großem Eifer begonnene Unternehmen würde nicht ohne Erfolg geblieben sein, wenn nicht damals in Syracus ein einziger Mann gelebt hätte. Dieser war Archimedes, ein vorzüglicher Beobachter des Himmels und der Gestirne, noch bewundernswürdiger als Erfinder und Angeber solcher Kriegsgeschosse und Werkzeuge, wodurch er Alles, was die Feinde durch ungeheure Veranstaltungen bewirken wollten, von seiner Seite durch einen geringen Aufwand von Kraft vereiteln konnte. Die über ungleiche Hügel fortlaufende Mauer – meistens hatte sie eine hohe Lage und von schwierigem Zugange, an andern Stellen stand sie in der Tiefe, und so, daß man ihr aus den Thalebenen beikommen konnte – besetzte er, je nachdem es ihm an jeder Stelle dienlich schien, mit allen möglichen Arten von Wurfgeschossen. Marcellus bestürmte die Mauer 142 von Achradina, die, wie ich vorhin gesagt habe, vom Meere bespült wird, mit Fünfruderern. Von den übrigen Schiffen aus ließen die Pfeilschützen und Schleuderer und die leichten Wurfschützen, deren Geschoß von Leuten, welche damit unbekannt sind, nicht zum Rückwurfe gebraucht werden kann, kaum jemand ohne Wunde auf der Mauer stehen. Sie hielten ihre Schiffe, weil sie für ihre Geschosse Raum nöthig hatten, in einiger Ferne von der Mauer. Auf andern Fünfruderern, es waren etwa acht Aliae binae ad quinqueremes.] – Duker billigt die aus Polybius von Sigonius und Lipsius vorgeschlagene Verbesserung: Iunctae aliae binae ( ad octo ) quinqueremes, welcher ich folge, weil ad VIIIVremes, meiner Meinung nach, die Abschreiber irre machte. So lese ich auch nachher mit Crevier aus der Puteanischen Handschrift: velut una navis agerentur. , die man parweise so verbunden hatte, daß man ihnen auf den innern Seiten die Ruder nahm; so daß Wand an Wand schloß, indeß sie durch die äußeren Ruderreihen wie ein einzelnes Schiff regiert wurden, standen Thürme mit Stockwerken und andre zur Einstoßung der Mauern dienliche Werkzeuge. Gegen diese Anstalten von der Seeseite vertheilte Archimedes auf den Mauern seine Wurfgeschütze von verschiedener Grüße. Auf die Schiffe in der Ferne warf er Steine von ungeheurem Gewichte: die näheren beschoß er mit leichteren um so zahlreicheren Geschossen: ja zuletzt brach er, damit die Seinigen den Feind beschießen könnten, ohne selbst verwundet zu werden, durch die Mauer von unten bis oben eine Menge Schießscharten, nach innen Cubitalibus fere cavis.] – Ließe man es auch ungerügt, daß Livius hier dem Polybius widersprechen würde, wenn er sagt, die Schießlöcher waren durch und durch eine Elle weit, da Polybius ihre Weite nach innen auf eine Elle, nach außen auf Handbreite angiebt, so kann auch Livius, selbst der Sache nach, diesen Öffnungen nicht durchaus die Breite einer Elle geben, weil dann die Oeffnungen den Schutz nicht gewähret haben würden, welchen Archimedes dabei bezweckte. Durch ein offenes Fenster eine Elle weit konnten eben so viele Pfeile hereinfliegen, als hinausgingen; auch hätte es doch nur etwa den halben Mann gedeckt. Dann hätte Livius lieber die Weite gar nicht, als so unzureichend, angeben sollen. Nehmen wir aber an, Livius habe so geschrieben, wie ich hier übersetze: Crebris, cubitalibus introrsum, extrorsum palmaribus fere, cavis aperuit, so wäre nicht allein der Widerspruch mit Polybius weggeräumt, und Livius in der Sache selbst berichtigt, sondern wir hätten auch wieder einen Fall, wo die Abschreiber, durch das ομοιοτέλευτον cubita libus und palma ribus getäuscht, die auf das erste ibus folgenden Worte ausfallen ließen. von Ellenweite, nach außen etwa einer Hand 143 breit, so daß sie unbemerkt, theils mit Pfeilen, theils mit mäßigen Skorpionen auf den Feind schießen konnten. Wagten sich einige Schiffe näher an die Mauer, um so viel eher dem Wurfgeschütze unter den Schuß zu kommen, so stellte er sie, indem er sie vermittelst einer über die Mauer hinausgehenden Wippe mit einer eisernen an starken Ketten befestigten Zange am Vordertheile faßte, so wie das schwere Bleigewicht auf den Boden zurückschnellete, mit schwebendem Vordertheile auf das Hintertheil: dann ließ die plötzlich loslassende Zange das Schiff, als ob es von der Mauer herabfiele, mit den gewaltsam durch einander fliegenden Seeleuten so heftig auf das Wasser zurückprallen, daß es selbst dann, wenn es gerade niederfiel, eine Menge Wasser einnahm. So wurde der Angriff auf die Seeseite vereitelt, und der ganze Sturm bekam nun die Richtung, mit allen Kräften zu Lande anzudringen. Aber auch diese Seite war auf Kosten und Betrieb des Hiero seit vielen Jahren vom Archimedes mit seltener Kunst durch Aufstellung von Geschützen aller Art in eben so guten Stand gesetzt. Und die Natur kam hier noch zu Hülfe, weil der Felsen, auf welchem der Grund der Mauer steht, meistens so abschüssig ist, daß nicht allein Alles, was vermittelst der Geschütze geschleudert ward, sondern auch das, was durch eigene Schwere fortrollte, die Feinde so viel reißender niederschmetterte. Eben dies machte beim Hinanklimmen den Zugang steil und den Schritt unsicher. Daher beschlossen die Römer in einem Kriegsrathe, weil alle ihre Versuche vereitelt wurden, von der Bestürmung abzustehen; und dem Feinde bloß durch Einschließung zu Wasser und zu Lande die Zufuhr abzuschneiden. 35. Unterdeß eroberte Marcellus, der ungefähr mit dem dritten Theile seines Heeres aufgebrochen war, um sich die Städte zu unterwerfen, welche in diesem Aufstande an die Carthager abgefallen waren, Helorus und Herbessus durch Übergabe. Das mit Sturm eingenommene Megara zerstörte und plünderte er, um die übrigen, hauptsächlich die Syracusaner, zu schrecken. Etwa um eben die Zeit landete auch Himilco, welcher lange mit seiner 144 Flotte am Vorgebirge Pachynus gestanden hatte, bei Heraclea mit dem Beinamen Minoa, mit fünfundzwanzig tausend Mann zu Fuß, dreitausend zu Pferde und zwölf Elephanten, einem Heere, welches gar nicht mehr so unbedeutend war, als das, mit dem er vorher auf der Flotte bei Pachynus stand. Im Gegentheile, da er auf die Nachricht, daß sich Hippocrates in den Besitz von Syracus gesetzt habe, nach Carthago gesegelt war, und sich hier auf einen Brief vom Hannibal stützte, worin dieser behauptete, jetzt sei zur ehrenvollen Wiedereroberung Siciliens die rechte Zeit; so hatte er auch selbst durch eindringliche Vorstellungen an Ort und Stelle leicht bewirkt, daß man Alles, was man an Fußvolk und Reuterei aufbringen konnte, nach Sicilien übergehen ließ. Wenige Tage nach seiner Ankunft zu Heraclea besetzte er Agrigent; und die Hoffnung, die Römer aus Sicilien zu vertreiben, wurde auch in den übrigen Städten, die es mit Carthago hielten, so lebendig, daß sogar die in Syracus Belagerten Muth bekamen, und in der Überzeugung, die Stadt mit einem Theile ihrer Truppen hinlänglich vertheidigen zu können, sich folgendergestalt in die Geschäfte des Krieges theilten, daß Epicydes den Oberbefehl über die Besatzung der Stadt, Hippocrates aber in Vereinigung mit dem Himilco die Führung des Krieges gegen den Römischen Consul haben sollte. Mit zehntausend Mann zu Fuß und fünfhundert zu Pferde zog er sich in der Nacht durch die unbesetzt gebliebenen Stellen, und war noch in der Nähe der Stadt Acrillä mit Anlegung seines Lagers beschäftigt; da überfiel Marcellus die Schanzenden. Auf seinem Rückwege von dem schon eroberten Agrigent, wohin dieser, bei aller Eile, dem Feinde zuvorzukommen, doch vergeblich aufgebrochen war, hatte er sich, so wenig er erwarten konnte, daß er eben jetzt und gerade hier auf ein Heer Syracusaner stoßen würde, dennoch aus Besorgniß vor dem Himilco und den Puniern, weil er ihnen mit den Truppen, die er bei sich hatte, durchaus nicht gewachsen war, bei der möglichsten Aufmerksamkeit, mit seinem Heere auf alle Fälle gefaßt gehalten. 145 36. Und so kam ihm die gegen die Punier gebrauchte Vorsicht gegen die Siculer zu statten. Da er sie bei Aufstellung ihres Lagers in Unordnung und Zerstreuung und meistens unbewaffnet fand, nahm er das ganze Fußvolk in die Mitte: die Reuterei mit dem Hippocrates entfloh nach einem kurzen Gefechte nach Acrä. Da dieses Treffen dem Abfalle der Siculer von den Römern gesteuert hatte, kehrte Marcellus nach Syracus zurück; und wenige Tage nachher schlug Himilco in einer Entfernung von beinahe achttausend Schritten, am Flusse Anapus, in Verbindung mit dem Hippocrates, sein Lager auf. Etwa um eben die Zeit liefen nicht allein unter dem Flottenführer Bomilcar fünfundzwanzig Carthagische Linienschiffe von der Höhe im Großen Hafen von Syracus ein, sondern es setzte auch eine Römische Flotte von dreißig Fünfruderern die erste Legion zu Panormus aus; und es konnte das Ansehen haben – so sehr richteten beide Völker ihr Augenmerk auf Sicilien – als habe sich der Krieg von Italien hieher gezogen. Himilco, welcher sicher darauf rechnete, daß die zu Panormus ausgesetzte Römische Legion auf ihrem Anzuge gegen Syracus seine Beute werden sollte, verfehlte des Weges. Denn der Punische Feldherr nahm seine Richtung mitten durch die Insel; die Legion aber kam durch lauter Seeplätze in Begleitung der Flotte zum Appius Claudius, der ihr mit einem Theile seiner Truppen bis Pachynus entgegen gegangen war. Nun weilten auch die Punischen Anführer nicht länger bei Syracus. Der Eine, Bomilcar, theils aus Mistrauen auf seine Seemacht, da die Römer leicht eine noch einmal so starke Flotte hatten, theils aus Überzeugung, daß durch sein unnützes Verweilen die Seinigen den Mangel ihrer Verbündeten nur noch drückender machten, lief auf die Höhe aus und segelte nach Africa über. Der Andere, Himilco, der dem Marcellus nach Syracus, wiewohl vergeblich, nachgegangen war, um ihm, ehe mehrere Truppen zu ihm stießen, ein Treffen zu liefern, sobald sich eine Gelegenheit zeigte, brach ebenfalls, weil sie sich ihm durchaus nicht darbot, und er sah, wie fest und stark der Feind vor 146 Syracus stand, um nicht unter vergeblichem Stillsitzen und als Zuschauer bei der Belagerung seiner Bundesgenossen die Zeit zu verlieren, sein Lager hier ab, um allenthalben, wo ihn irgend ein zu hoffender Abfall von den Römern hinriefe, mit seinem Heere zu erscheinen und durch seine Gegenwart seinen Anhängern Muth zu machen. Murgantia, wo die Römer große Vorräthe aller Art zusammengefahren hatten, eroberte er zuerst, weil ihm die Römische Besatzung von den Einwohnern verrathen wurde. 37. Auch in andern Städten erwachte die Neigung zu einem gleichen Abfalle, und an mehrern Orten wurden die Römischen Besatzungen entweder aus der Burg vertrieben, oder, wenn man sie treulos verrathen hatte, niedergehauen. Henna war theils auf einer ragenden, von allen Seiten steilen Anhöhe durch seine Lage unüberwindlich; theils hatte es eine starke Besatzung, und an der Spitze dieser Besatzung einen Mann, der sich gewiß keiner Belistigung bloß gab. Dieser war Lucius Pinarius, ein Mann von Unternehmung, der die Unmöglichkeit, hintergangen zu werden, für sicherer hielt, als die Treue der Sicilianer, und vorzüglich jetzt bei den vielen Erzählungen von Verrath und Abfall der Städte und von niedergehauenen Besatzungen gegen Alles so viel eifriger auf seiner Hut war. Also war Alles bei Tage so gut, wie bei Nacht, mit Posten und Wachen versehen und besetzt, und nie trat der Soldat unter dem Gewehre aus oder von seinem Posten ab. Als die Oberhäupter zu Henna, die dem Himilco den Verrath der Besatzung schon zugesagt hatten, jetzt wahrnahmen, daß der Römische Feldherr aller ihrer List nie eine Blöße gebe, so wollten sie ganz offen zu Werke gehen. «Stadt und Burg,» sagten sie, «müßten in ihrer Gewalt sein, wenn sie sich den Römern als freie Leute zum Bunde, nicht als Sklaven zur Haft, hingegeben hätten. Darum hielten sie es für billig, daß die Thorschlüssel ihnen ausgeliefert würden. Für redliche Bundesgenossen sei eigene Treue das stärkste Band; und nur dann könne ihnen das Römische Volk und der Senat Dank wissen, wenn sie aus freiem 147 Willen, und nicht als die Gezwungenen, in der Freundschaft beharreten.» Hierauf erwiederte der Römische Befehlshaber: «Er sei von seinem Feldherrn hier zur Besatzung eingelegt und habe die Thorschlüssel und die Wache auf der Burg von ihm erhalten, so daß er beides weder seinem eigenen, noch der Hennenser, sondern dem Gutbefinden dessen verdanke, der es ihm übergeben habe. Auf Abgang vom Posten stehe bei den Römern der Kopf, und dieses Gesetz hätten Väter sogar durch die Hinrichtung ihrer Kinder unverbrüchlich gemacht. Der Consul Marcellus sei in der Nähe: sie möchten sich mit ihren Gesandten an Den wenden, der hierüber zu gebieten und zu verfügen habe.» Sie hingegen wollten sich zu keiner Absendung verstehen und versicherten, wenn sie mit Worten nichts ausrichteten, so würden sie sich ihre Freiheit auf irgend eine Art zu verschaffen suchen. Da sagte Pinarius: «Wenn sie es denn zu beschwerlich fänden, den Consul zu beschicken, so möchten sie ihn vor dem Volke auftreten lassen, damit er erführe, ob diese Zumuthung von einigen Wenigen, oder von der gesammten Bürgerschaft herrühre.» Und mit ihrer Zustimmung wurde die Versammlung auf den folgenden Tag bestellt. 38. Als er aus dieser Unterredung sich auf die Burg zurückbegeben hatte, hielt er an seine zusammenberufenen Soldaten folgende Rede. «Ich glaube, ihr werdet gehört haben, Soldaten, wie die Römischen Besatzungen von den Sicilianern in diesen Tagen überlistet und zu Grunde gerichtet sind. Dieser List seid ihr zuvörderst durch die Gnade der Götter, dann aber auch durch die Beharrlichkeit entgangen, mit welcher ihr Tag und Nacht unter den Waffen und wach geblieben seid. Möchten wir auch auf die Folge die Zeit hinbringen können, ohne Scheuslichkeiten entweder zu leiden, oder zu begehen! Gegen heimliche List bleibt uns das Vorsichtsmittel, dessen wir uns bis jetzt bedient haben; weil es ihnen aber damit nicht glücken will, so fordern sie die Thorschlüssel geradezu und unverhohlen; und so wie wir diese abliefern, wird 148 Henna den Augenblick Carthagisch sein, und wir noch jämmerlicher zusammengehauen werden, als die Besatzung zu Murgantia gemordet ist. Mit Mühe habe ich mir eine einzige Nacht als zur Überlegung erbeten, um euch in dieser Nacht von der drohenden Gefahr zu benachrichtigen. Mit Anbruch des Tages werden sie eine Versammlung halten, um mich zu beschuldigen und gegen euch das Volk aufzuwiegeln. Am morgenden Tage also wird Henna entweder mit eurem, oder mit Hennensischem Blute überschwemmt werden. Lasset ihr euch zuvorkommen, so habt ihr nirgends die mindeste Hoffnung; seid ihr selbst die Zuvorkommenden, nirgends die mindeste Gefahr. Wer zuerst das Schwert zieht, dem gehöret der Sieg. So wartet denn Alle aufmerksam und bewaffnet auf mein Zeichen. Ich werde in der Versammlung sein, und bis Alles fertig ist, die Zeit mit Schwatzen und Zanken hinbringen. Wenn ich mit meinem Rocke das Zeichen gebe, dann fallet – hört ihr? – mit ringsum erhobenem Geschreie über den Haufen her, strecket Alles mit dem Schwerte zu Boden, und lasset ja Niemand übrig bleiben, von dem Gewalt oder List sich fürchten ließe. Euch, Mutter Ceres und Proserpina, und ihr übrigen himmlischen und unterirdischen Gottheiten, in deren Schutze diese Stadt und diese euch geheiligten Seen und Haine stehen, euch flehe ich an, nur dann uns willig und gnädig beizustehen, wenn wir diese Maßregel ergreifen mußten, uns selbst vor Tücken zu retten, nicht aber, sie auszuüben. Euch, Soldaten, würde ich angelegentlicher ermuntern, wenn dies ein Kampf mit Bewaffneten sein müßte. So aber werdet ihr Unbewaffnete, nichts weniger Erwartende, niederzuhauen haben, bis ihr dessen müde seid. Auch ist ja des Consuls Lager in der Nahe, so daß ihr vom Himilco und den Puniern nichts zu fürchten haben könnt.» 39. Als er sie mit dieser Ermunterung entlassen hatte, nahmen sie Stärkung zu sich. Am folgenden Tage stellten sie sich, diese hier, jene dort, indem sie sich zur Besetzung der Wege und zur Sperrung der Ausgänge 149 aufpflanzten, größtentheils oberhalb des Versammlungsplatzes und um ihn her, auch schon früher nicht ungewohnt, bei den Volksversammlungen Zuschauer zu sein. Als der Römische Befehlshaber, von der Obrigkeit vor das Volk geführt, seine Behauptung, daß es dem Consul und nicht ihm zukomme, über diesen Punkt zu entscheiden und zu verfügen, und meistentheils wieder, wie gestern, dasselbe vorgebracht hatte; und jene anfangs deutlich genug und schon in größerer Zahl; dann aber Alle einstimmig die Auslieferung der Schlüssel verlangten, bei seiner Unschlüssigkeit und Zögerung ihm trotzig droheten und der äußersten Gewalt sich nicht länger enthalten zu wollen schienen: da gab er mit seinem Rocke das verabredete Zeichen. Und die Soldaten, schon lange darauf wartend und gefaßt, fielen theils nach erhobenem Geschreie von oben herab der Versammlung in den Rücken, theils stellten sie sich dichtgedrängt vor die Ausgänge des Platzes. Die Hennenser, im Käfige eingeschlossen, wurden niedergehauen, und stopften sich nicht bloß in dem Gemetzel, sondern auch durch die Flucht, da Einige den Andern über die Köpfe fortstürzten, und die Unverwundeten, wenn sie über die Verwundeten, die Lebenden, wenn sie über die Todten gefallen waren, in Haufen zusammenlagen. Von hier aus ging der Angriff nach allen Seiten, und wie in einer eroberten Stadt, gab es allenthalben Gemetzel und Flucht, da die Soldaten ohne alle Rücksicht, daß sie auf einen wehrlosen Haufen einhieben, eben so wüthend waren, als ob sie Leben gegen Leben setzten oder ein heißer Kampf sie erbitterte. So wurde Henna durch eine That behauptet, die entweder schlecht, oder nothwendig war. Marcellus, der das, was einmal geschehen war, nicht misbilligte, erkannte auch die in Henna gemachte Beute den Soldaten zu, weil er glaubte, die Sicilianer würden, hiedurch abgeschreckt, ihrer Verräthereien an den Besatzungen sich entsehen. Wirklich durchdrang auch der Ruf von dem Unglücke dieser Stadt, die mitten in Sicilien lag, und theils durch ihre natürlich feste Lage, theils durch eine Menge heiliger Spuren der vormals hier geraubten Proserpina berühmt war, 150 beinahe in Einem Tage die ganze Insel. Weil man aber die Sache so ansah, als hätten sich die Römer durch dies unerhörte Gemetzel nicht bloß an einem Wohnsitze der Menschen, sondern auch der Götter, versündigt, so traten nunmehr alle, die schon vorher gewankt hatten, zu den Puniern über. Hippocrates und Himilco, die, von den Verräthern gerufen, ihre Truppen vergeblich vor Henna geführt hatten, zogen sich von hier, jener nach Murgantia, dieser nach Agrigent zurück. Marcellus ging wieder rückwärts ins Leontinische, und nachdem er Getreide und andre Vorräthe in sein Lager zusammengefahren, fand er sich mit Hinterlassung einer mäßigen Besatzung bei der Einschließung von Syracus ein, und setzte, weil er den Appius Claudius zur Bewerbung um das Consulat von hier nach Rom entließ, an dessen Stelle den Titus Quinctius Crispinus über die Flotte und das alte Lager. Er selbst verschanzte sich in einem Winterlager fünftausend Schritte von Hexapylon – der Ort hat den Namen Leon – und baute es aus. So viel geschah in Sicilien bis zu Anfange des Winters. 40. In eben dem Sommer kam auch der Krieg mit dem Könige Philippus, dessen man sich schon versehen hatte, zum Ausbruche. Es kamen Gesandte von Oricum zum Proprätor Marcus Valerius, welcher mit seiner Flotte Brundusium und die Calabrische Küstengegend zu decken hatte, und meldeten, Philippus habe zuerst mit hundert und zwanzig kleinen Fahrzeugen, stromaufwärts auf dem Aous Flumine adverso. ] – Wenn hier von Alexandrien die Rede wäre, so wüßte der Leser, daß unter flumen adversum kein andrer als der Nil, zu verstehen sei. Sollte Livius vorausgesetzt haben, daß der kleine Fluß Aous (er heißt auch Aeas) bei Apollonia, auch ungenannt den Lesern bekannt sei? ich vermuthe, hinter dem Worte flumine sei wegen Ähnlichkeit mit dem gleich folgenden adv das Wort aoo weggefallen. Falls sich diese Vermuthung auch nicht zur Aufnahme in den Text eignete, so mag sie in der Übersetzung als Nachweisung stehen. , einen Versuch auf Apollonia gemacht; als ihm aber dies Unternehmen nicht geschwind genug gelungen sei, sei er heimlich in der Nacht mit seinem Heere vor Oricum gerückt und habe diese in einer Ebene gelegene, 151 weder durch Mauern, noch durch Mannschaft und Waffen geschützte Stadt im ersten Sturme überrascht. Mit dieser Anzeige verbanden sie die Bitte, er möge ihnen helfen, und diesen unstreitigen Feind der Römer, [der vom Lande aus die Hand nach dem Meere ausstrecke,] Romanis terra aut maritimis viribus.] – Crevier sagt: Msc. hic corruptissimi sunt. Alle Editoren wünschen hier eine Verbesserung. Hier ein Versuch. Philipp legte es von seinem Reiche aus durch seine jetzigen Unternehmungen zu Lande darauf an, die Seestädte, Italien gegenüber, in seine Gewalt zu bekommen, um von hier aus die Römer so viel näher und nachdrücklicher zu bekriegen. So etwas stellen, wie mich dünkt, die Gesandten von Oricum dem Römischen Befehlshaber vor. Sollte dieser Sinn vielleicht in den Worten liegen: hostem haud dubium Romanis, mare attrectantem ab terra, maritimis urbibus arceret, quae ob nullam aliam caussam, quam quod imminerent Italiae, peterentur. Die Worte mare attrectantem ab terra nehme ich aus den Spuren der Puteanischen Handschrift: mae actgrra acterra; die Lesart urbibus hat schon Ursinus aus einem alten Msc. vorgeschlagen, und quae findet sich im Florentinischen und noch einem andern. Ab terra hätte hier dann eben die Bedeutung, wie 28, 6. Oppidum munitum ab terra (a parte mediterranea) oder wie 38, 32. a mari fines eorum vastati. Auch ist das Wort attrectare in dieser Bedeutung dem Livius nicht fremd. Er sagt attrectare signum deae, attrectare fasces atque insignia etc. von den Seestädten abhalten, die er aus keiner andern Ursache angreife, als weil sie Italien nahe gegenüber lägen. Marcus Valerius, der zur Sicherung. seines Postens den Legaten Publius Valerius zurückließ, und den Theil seiner Mannschaft, welchen die Kriegsschiffe nicht fassen konnten, auf Lastschiffe brachte, kam Tages darauf mit seiner wohlbemannten und schlagfertigen Flotte zu Oricum an, und nahm diese Stadt bei der schwachen Besatzung, welche Philippus bei seinem Abzuge von hier zurückgelassen hatte, ohne großen Kampf wieder in Besitz. Hier fanden sich Gesandte von Apollonia mit der Anzeige ein, man halte sie, weil sie nicht von den Römern abfallen wollten, eingeschlossen, und sie könnten, wenn ihnen die Römer keine Hülfe schickten, dem Angriffe der Macedonier nicht länger widerstehen. Er versprach ihnen, ihre Bitte zu gewähren, und schickte unter einem Obersten der Bundesgenossen, dem Quintus Nävius Crista, einem muntern und kriegserfahrnen Manne, zweitausend auserlesene Soldaten auf Kriegsschiffen an die Mündung des Flusses. Nachdem dieser seine Leute gelandet und die Schiffe nach Oricum, 152 woher sie kamen, zur Flotte zurückgeschickt hatte, führte er sein Kohr in einiger Entfernung vom Flusse einen Weg, den die königlichen Truppen gar nicht besetzt hatten, und rückte bei Nacht, ohne von einem Feinde bemerkt zu werden, in die Stadt. Den folgenden Tag hielten sie sich ruhig, indeß der Oberste die Mannschaft der Apolloniaten, die Waffen und Kräfte der Stadt in Augenschein nahm. Da ihn ihr Anblick bei dieser Musterung mit gegründetem Muthe erfüllte, und er zugleich durch seine Kundschafter die große Sorglosigkeit und Nachlässigkeit der Feinde erfuhr, so rückte er in tiefer Nacht in aller Stille aus der Stadt, und fand das feindliche Lager bei seinem Eintritte so vernachlässigt und offen, daß man gewiß weiß, es waren schon tausend Mann eingerückt, ehe es jemand merkte; und sie hätten bis zum königlichen Zelte vordringen können, wenn sie sich vom Gemetzel zurückgehalten hätten. Daß man die nächsten am Thore niederhieb, dies machte die Feinde wach. Nun aber überfiel Schrecken und Bestürzung Alle in so hohem Grade, daß nicht allein Niemand daran dachte, zu den Waffen zu greifen, oder die Vertreibung der Feinde aus dem Lager zu versuchen, sondern daß auch selbst der König, so wie er aus dem Schlafe aufgesprungen war, fast als ein halbnackter Flüchtling, in einem Aufzuge, der sich kaum für einen Soldaten, geschweige für einen König schickte, dem Flusse und den Schiffen zueilte. Dahin strömte auch der übrige Haufe. Etwas weniger als dreitausend Mann wurden im Lager entweder gefangen oder getödtet: doch waren der Gefangenen bei weitem mehr, als der Erschlagenen. Nach Plünderung des Lagers führten die Apolloniaten die Katapulten, Ballisten und das übrige schwere Geschütz, was zum Sturme auf ihre Stadt angelegt war, zur Vertheidigung ihrer Mauern in einer ähnlichen Lage, nach Apollonia ab. Die sämtliche übrige Lagerbeute wurde den Römern preisgegeben. Als dies nach Oricum gemeldet wurde, führte Marcus Valerius seine Flotte sogleich vor die Mündung des Flusses, damit der König nicht zu Schiffe die Flucht nehmen könne. Also ging Philippus, der sich zu einem 153 Gefechte, so wenig zu Lande, als zur See, stark genug hielt, nachdem er seine Schiffe ans Ufer gezogen und Aut incensis. ] – Ich folge Dukers Vermuthung, daß man statt subductis aut incensis lesen müsse: subductis atque incensis. verbrannt hatte, zu Lande nach Macedonien, mit einem Heere, das großentheils waffenlos und ausgezogen war. Die Römische Flotte überwinterte mit dem Marcus Valerius zu Oricum . 41. In Spanien hatten die Unternehmungen in diesem Jahre wechselndes Glück. Denn ehe die Römer über den Ebro gingen, schlugen Mago und Hasdrubal große Spanische Heere; und das jenseitige Spanien würde von den Römern abgefallen sein, wäre nicht Publius Cornelius mit seinem in aller Eile über den Ebro gesetzten Heere bei der wankenden Stimmung seiner Bundesgenossen zu rechter Zeit eingetroffen. Zuerst hatten die Römer ihr Lager bei dem Weißen Ad Castrum Altum.] – Nach Drakenborch's Zeugnisse findet sich Castrum Altum nirgends weiter genannt, als hier; und Diodorus Siculus, der doch älter ist, als alle unsre Msc., nennt den Ort ausdrücklich άκρα Λευκή. Auch weiset Drakenb. noch andre Stellen nach, wo altus und albus verwechselt sind. Ich glaube also, Castrum Album übersetzen zu müssen. Schlosse: der Ort ist dadurch merkwürdig, daß hier der große Hamilcar umkam. Dies war eine Bergfestung und die Römer hatten hier schon früher Getreide zusammengefahren. Dennoch zogen sie von hier, weil rund umher die Menge Feinde stand, auch die feindliche Reuterei ungestraft in den Zug der Römer eingehauen und an zweitausend theils Nachzügler, theils in den Dörfern Zerstreute, getödtet hatte, dem Gebiete ihrer Freunde näher, und nahmen am Berge der Victoria ein festes Lager. Hieher kam Cneus Scipio mit allen seinen Truppen, und Hasdrubal, Gisgons Sohn, als der dritte Punische Feldherr mit einem vollständigen Heere, und alle drei nahmen jenseit des Flusses ihre Stellung dem Römischen Lager gegenüber. Publius Scipio, der mit einem fliegenden Kohre in der Stille ausgerückt war, um die Gegend in Augenschein zu nehmen, blieb den Feinden nicht unbemerkt, und sie würden ihn im freien Felde vernichtet 154 haben, wenn er sich nicht auf einen nahen Hügel gezogen hätte. Auch hier umzingelt, wurde er durch seinen dazukommenden Bruder von der Einschließung befreiet. Castulo, eine feste und angesehene Spanische Stadt, und mit dem Puniern in so genauer Verbindung, daß Hannibal von hier seine Gemahlinn hatte, fiel an die Römer ab. Die Carthager ließen sich auf die Bestürmung von Illiturgis ein, weil hier eine Römische Besatzung lag, und es schien, als würden sie den Ort vorzüglich durch Hunger erobern. Cneus Scipio, der den Bundesgenossen und der Besatzung zu Hülfe zu kommen, mit einer Legion ohne Gepäck aufbrach, drang mit großem Verluste der Feinde, zwischen ihren beiden Lagern durch, in die Stadt, und that am folgenden Tage einen eben so glücklichen Ausfall. Sie verloren in diesen zwei Gefechten über zwölftausend Mann; mehr als tausend wurden gefangen und sechsunddreißig Fahnen erbeutet. Natürlich folgte der Abzug von Illiturgis. Nun begannen die Carthager die Belagerung von Bigerra, ebenfalls einer Römischen Bundesstadt. Scipio's Ankunft machte ohne Schlacht der Einschließung ein Ende. 42. Von hier brach das Punische Lager nach Munda auf, und dahin folgten die Römer sogleich. Hier fochten sie beinahe vier Stunden lang, Heer gegen Heer; und mitten im schönsten Siege mußte den Römern das Zeichen zum Rückzuge gegeben werden, weil Cneus Scipio mit einem Wurfspieße durch den Schenkel geschossen war: die Besorgniß, daß die Wunde tödtlich sein möchte, hatte die ihn zunächst umgebenden Soldaten bestürzt gemacht. Übrigens litt es keinen Zweifel, daß man das Punische Lager, wäre nicht dies Hinderniß eingetreten, an diesem Tage hätte erobern können. Schon waren nicht allein die Soldaten, sondern auch die Elephanten bis an den Wall zurückgedrängt, und neununddreißig Elephanten auf dem Walle selbst mit Wurfpfeilen niedergeschossen. Auch in diesem Treffen sollen an zwölftausend Mann geblieben, beinahe dreitausend Gefangene gemacht und siebenundfunfzig Fahnen genommen sein. Darauf zogen sich die Punier nach der Stadt 155 Auringe zurück, und die Römer folgten ihnen, um die Geschreckten nicht loszulassen. Hier lieferte Scipio, der sich in einer Sänfte in die Linie tragen ließ, abermals eine Schlacht: und der Sieg blieb nicht zweifelhaft, obgleich nur halb so viel Feinde fielen, als das vorigemal, weil der Streitbaren so viel weniger übrig waren. Aber eine Familie, wie die Barcinische, zur Erneurung und Wiederbelebung der Kriege wie geboren, ergänzte durch den von seinem Bruder auf Werbung abgeschickten Mago das Heer in kurzer Zeit, und machte ihm Muth, den Kampf von neuem zu wagen. Indeß da die meisten übrigen Soldaten für eine in wenig Tagen so oft besiegte Partei nicht mit höherem Muthe fochten, als vorhin, so war auch jetzt der Erfolg derselbe. Über achttausend Mann blieben, nicht viel weniger als tausend wurden gefangen, fünfundachtzig Fahnen genommen, und die Beute bestand meistens in einer großen Menge Gallischer goldener Halsketten und Armbänder. Auch zwei angesehene Fürsten der Gallier, sie hießen Mönicaptus und Civismarus, fielen in diesem Treffen: acht Elephanten wurden gefangen, drei getödtet. Da jetzt die Sachen in Spanien so günstig standen, so fanden es die Römer nun auch beschämend, wenn die Stadt Sagunt, die Veranlassung zum Kriege, schon ins fünfte Octavum iam annum.] – Schon mehrmals ist es gerügt, daß Livius, wenn er sich nicht selbst widersprechen soll, nicht geschrieben haben könne octavo, sondern quinto. Die Fahrlässigkeit der Abschreiber bei Zahlen haben wir schon oft gesehen. Waren in der Lesart Vto nur noch die drei stärkern Striche der Silbe to sichtbar, so las sie der Abschreiber für III, und so entstand die falsche Lesart octavo . Jahr in Feindes Händen sein sollte. Sie nahmen den Ort nach Vertreibung der Punischen Besatzung wieder ein, gaben ihn den alten Bewohnern, so viele die Wuth des Krieges verschont hatte, zurück, bezwangen auch die Turdetaner, welche jenen den Krieg mit den Carthagern zugezogen hatten, verkauften sie zu Sklaven und zerstörten ihre Stadt. 43. Dies wurde unter dem Consulate des Quintus Fabius und Marcus Claudius in Spanien verrichtet. In Rom setzte, gleich nach dem Antritte der neuen 156 Bürgertribunen, Lucius Metellus, ein Bürgertribun, den Censoren Publius Furius und Marcus Atilius einen Gerichtstag vor dem Gesamtvolke an. Wegen der von ihm bei Cannä angestifteten Verschwörung, Italien zu verlassen, hatten sie ihn als Quästor im vorigen Jahre, nach Abnahme des Ritterpferdes, aus seinem Bezirke gestoßen und zum Steuersassen gemacht. Allein durch den Beitritt der andern neun Tribunen erhielten sie den Befehl, sich während ihres Amtes nicht vor Gericht zu verantworten, und blieben unangefochten. Daß sie die Schatzung nicht schlossen, daran war der Tod des Publius Furius Schuld. Marcus Atilius legte sein Amt nieder. Die Consulnwahl wurde vom Consul Quintus Fabius Maximus gehalten. Zu Consuln wählte man zwei Abwesende, den Quintus Fabius Maximus, des Consuls Sohn, und den Tiberius Sempronius Gracchus zum zweitenmale. Prätoren wurden Marcus Atilius und die dermaligen Curulädilen Publius Sempronius Tuditanus und Cneus Fulvius Centumalus; ferner Marcus Ämilius Lepidus. Man hat es dem Gedächtnisse aufbewahrt, daß in diesem Jahre zum erstenmale die Curulädilen vier Tage nach einander Vorstellungen auf der Schaubühne geben ließen. Nach beendigten Wahlen traten auf Antrieb des Consuls Quintus Fabius die neuernannten Consuln, die man deshalb nach Rom berief, ihr Amt an: sie thaten beim Senate Anfrage wegen des Krieges, wegen ihrer eignen und der Prätoren Kriegsbezirke, auch wegen der Heere, was für welche man gebrauchen und wer sie befehligen solle: und die Standorte des Krieges nebst den Heeren wurden so vertheilt: 44. Der Krieg gegen den Hannibal wurde den Consuln übertragen, und von den Heeren das eine, welches Sempronius selbst, und das andre, welches der Consul Fabius gehabt hatte. Jedes bestand aus zwei Legionen. Der Prätor Marcus Ämilius, dem die Gerichtsbarkeit über die Auswärtigen zugefallen war, sollte seine Gerichtspflege seinem Amtsgenossen, dem Stadtprätor Marcus Atilius übertragen, die Gegend um Luceria zu seinem 157 Standorte und die beiden Legionen haben, welche der nunmehrige Consul Quintus Fabius als Prätor befehligt hatte. Dem Publius Sempronius gab das Los die Kriegsführung bei Ariminum, dem Cneus Fulvius die bei Suessula, jedem eben so mit zwei Legionen, so daß Fulvius die in der Stadt geworbenen Legionen zu führen hatte, und Tuditanus die vom Manius Pomponius übernahm. Mit Beibehaltung des Oberbefehls und Wirkungskreises ließ man dem Marcus Claudius Sicilien, so weit sich das Reich des Hiero erstreckt hatte, dem Proprätor Lentulus die alte Römische Eroberung, dem Titus Otacilius die Flotte. Zugaben an Truppen bekamen sie nicht. Dem Marcus Valerius blieb Griechenland und Macedonien nebst der Legion und Flotte, die er schon hatte; dem Quintus Mucius Sardinien mit dem alten Heere: es bestand aus zwei Legionen; dem Cajus Terentius seine bisherige Legion und das Picenum. Außerdem sollten zwei Legionen in der Stadt und zwanzigtausend Mann Bundesgenossen ausgehoben werden. Dies waren die Feldherren, dies die Truppen, die man zum Schutze des Römerreichs gegen so viele gleichzeitige entweder schon ausgebrochene oder noch zu fürchtende Kriege aufstellte. Nachdem die Consuln zwei Legionen in der Stadt geworben und Ergänzungen für die übrigen ausgehoben hatten, besorgten sie noch vor ihrem Aufbruche aus der Stadt die Sühne der einberichteten Unglückszeichen. Der Blitz hatte in die Mauer und in Thore eingeschlagen, und zu Aricia war sogar Jupiters Tempel vom Blitze getroffen. Auch andere Täuschungen des Gesichts und des Gehörs hatte man für wirkliche Erscheinungen genommen. Auf dem Flusse bei Tarracina wollte man Kriegsschiffe gesehen haben, und doch fand man keine: im Tempel des Jupiter Vicilinus, der im Gebiete von Compsa steht, sollten Waffen geklirrt haben, und der Fluß zu Amiternum blutig geflossen sein. Nachdem die Consuln die Abwendung dieser Zeichen einem Erkenntnisse der Oberpriester gemäß besorgt hatten, rückten sie aus; Sempronius nach Lucanien, Fabius nach Apulien. Der Vater ging, 158 als Unterfeldherr bei seinem Sohne, in das Lager bei Suessula. Als ihm der Sohn entgegen ging, und die vor ihm herschreitenden Lictoren aus Achtung für das ehrwürdige Haupt ohne Anruf vorübergingen, so war der Greis schon vor elf Ruthenbündeln vorbeigeritten, als der Consul den letzten Lictor aufforderte, seine Schuldigkeit zu thun, und dieser dem Greise zurief, er solle absteigen. Jetzt endlich sprang der Vater herab und sagte: «Ich wollte nur sehen, mein Sohn, ob du es gehörig wüßtest, daß du Consul bist.» 45. In dieses Lager kam Dasius Altinius, ein Arpiner, heimlich in der Nacht mit drei Sklaven, und versprach gegen eine Belohnung Arpi zu verrathen. Als Fabius die Sache vor den Kriegsrath brachte, meinten Einige: «Einen Menschen von solchem Doppelsinne, den gemeinsamen Feind beider Parteien, müsse man als einen Überläufer peitschen und hinrichten lassen. Nach der Niederlage bei Cannä sei er, als ob sich die Treue auf die Seite des Glückes halten müsse, zum Hannibal übergegangen und habe Arpi zum Abfalle verleitet. Jetzt, da die Sache Roms gegen seine Hoffnung und Wünsche gleichsam erstände, biete er dafür, ihrer Meinung nach noch niederträchtiger, den vorhin Verrathenen einen neuen Verrath an; er stehe immer auf der Partei, mit deren Gegnern er es halte, als treuloser Bundsgenoß, als unschädlicher Feind. Man müsse in ihm den Überläufern zur Warnung ein Beispiel aufstellen, das sich als das dritte an die Verräther der Stadt Falerii und des Pyrrhus anschließe.» Dagegen sagte Fabius, des Consuls Vater: «Sie schienen ihm, der Zeitumstände uneingedenk, mitten unter den Flammen des Krieges, gerade wie im Frieden, über jeden ohne Rückhalt schalten zu wollen, da sie, statt dahin zu arbeiten und darauf zu sinnen, wenn es irgend möglich zu machen sei, keinen Bundsgenossen von Rom abfallen zu lassen, dies aus der Acht ließen; ja sogar, wenn sich einer eines Bessern besönne und sich wieder nach der alten Freundschaft umsähe, von 159 aufzustellenden Beispielen sprachen. Wenn man von den Römern abtreten, aber nicht wieder zu ihnen zurückkehren dürfe, wem es dann nicht einleuchte: daß in Kurzem die Sache Roms, von ihren sämtlichen Bundsgenossen verlassen, alle Völker in Italien durch Verträge an Carthago gekettet sehen werde. Indeß sei er gar nicht der Mann, der dazu rathe, dem Altinius im mindesten zu trauen: er wolle sich an einen Mittelweg halten. Man solle ihn, ohne ihn gleich jetzt für einen Feind,? oder für einen Freund zu nehmen, unter freier Haft in irgend eine treue Stadt in der Nähe des Lagers, so lange der Krieg daure, in Verwahrung geben: dann habe man nach Beendigung des Krieges zu beherzigen, ob der frühere Abfall strafwürdiger, oder die spätere Rückkehr verzeihlicher sei.» Die Stimmen erklärten sich für den Fabius. Altinius wurde in Ketten gelegt und für seine Person samt seiner Begleitung in Gewahrsam gegeben. Eine ansehnliche Summe Goldes, die er diesmal mitgebracht hatte, ließ man ihm aufbewahren. Zu Cales ging er bei Tage ohne Ketten, von der Wache begleitet; des Nachts war er gefänglich eingeschlossen. Zu Arpi vermißte man ihn zuerst in seinem Hause und suchte ihn; dann erregte das durch die ganze Stadt sich verbreitende Gerücht, da in ihm einer der ersten Männer verschwunden war, einen Auflauf, und aus Furcht vor einer Umwälzung fertigte man sogleich Boten an den Hannibal ab. Hannibal, der sich diese Mittheilung durchaus nicht leid sein ließ, weil er den Altinius als einen zweideutigen Mann schon lange in Verdacht hatte und jetzt einen Vorwand bekam, die Güter eines so reichen Mannes in Besitz zu nehmen und zu verkaufen; um doch die Leute glauben zu lassen, daß er sich hier nicht sowohl von Habsucht, als von Rache leiten lasse, erlaubte Crudelitatem quoque gravitati.] – Ich übersetze nach Stroth's glücklicher Vermuthung: crudelitatem quoque aviditati . seiner Raubgier sogar eine Grausamkeit. Er ließ die Gattinn und Kinder des Altinius 160 ins Lager holen, sie dann, zuerst über dessen Entweichung, nachher über den Belauf des im Hause gebliebenen Goldes und Silbers peinlich vernehmen, und sobald er die nöthige Auskunft hatte, lebendig verbrennen. 46. Fabius, der von Suessula aufbrach, verfolgte zunächst den Angriff auf Arpi. Als er hier in einer Entfernung von etwa fünfhundert Schritten sein Lager aufgeschlagen hatte, beschloß er nach einer näheren Besichtigung der Lage der Stadt und ihrer Mauern, gerade gegen den festesten Theil der Werke anzurücken, weil er hier vorzüglich die Besetzung vernachlässigt sah. Wie Alles, was zum Sturme auf Städte gebraucht wird, herbeigeschafft war, las er im ganzen Heere die tüchtigsten Hauptleute aus, nahm zu den Obersten, die er über sie setzte, Männer von Muth, gab ihnen sechshundert Soldaten mit, so viele ihm hinlänglich schienen, und den Befehl, wenn sie zur vierten Nachtwache blasen hörten, an jener Stelle die Sturmleitern anzuschlagen. Hier war ein niedriges und enges Thor an einer in diesem öden Theile der Stadt wenig besuchten Straße. Sobald sie vermittelst der Leitern die Mauer überstiegen hatten, sollten sie Eam portam scalis prius transgressos ad murum.] – Die Übersetzung folgt der von Roellius vorgeschlagenen Versetzung des Wörtchens ad, und interpungirt so: ad eam portam, scalis prius transgressos murum, pergere, et ex etc. sich an dies Thor machen und von innen das Schloß erbrechen; wenn sie dann im Besitze dieses Theiles der Stadt waren, mit dem Horne ein Zeichen geben, damit er auch die übrigen Truppen anrücken lassen könne: er werde Alles bereit und schlagfertig halten. Es wurde ungesäumt vollzogen: und was ihnen bei der Unternehmung ein Hinderniß werden zu wollen schien, war ihnen vorzüglich behülflich, unbemerkt zu bleiben. Ein Platzregen, welcher um Mitternacht anfing, nöthigte die feindlichen Posten und Wachen mit Verlassung ihres Standortes in die Häuser zu flüchten, ließ sie anfänglich vor dem Rauschen des gießenden Sturmschauers das Getöse der am Thore Brechenden nicht hören, und wie er 161 nun nachließ und dem Ohre mehr eintönig klang, brachte er Vielen von ihnen den Schlaf. Als die Römer im Besitze des Thors waren, mußten die auf dem Wege in gleichen Entfernungen aufgestellten Hornbläser in das Horn stoßen, um den Consul heranzurufen. So wie das verabredete Zeichen erfolgte, rief der Consul zum Aufbruche und rückte kurz vor Tage durch das gesprengte Thor in die Stadt. 47. Jetzt endlich wurden die Feinde wach, da der Regen schon aufhörte und der Tag im Anbrechen war. Die Stadt hatte eine Besatzung vom Hannibal, beinahe fünftausend Mann stark, und die Arpiner selbst stellten dreitausend. Um sich vor diesen gegen jede Untreue in ihrem Rücken zu sichern, stellten die Punier sie gegen den Feind voran. Anfangs focht man im Finstern und in engen Gassen. Als darauf die Römer nicht bloß die Straßen, sondern auch die nächsten Häuser am Thore besetzt hatten, um von oben vor Schuß und Wunde sicher zu sein; erkannten sich einige Arpiner und Römer gegenseitig und nun kam es zu Unterredungen. Die Römer fragten: Was denn die Arpiner hierin eigentlich suchten? Was ihnen die Römer zu Leide gethan, noch mehr Quod autem ob meritum.] – Duker schon wünschte statt aut lieber autem zu lesen. Und Stroth hat diese Lesart, der ich hier folge, aus dem Palatinischen Msc. Nr. 2. in den Text genommen. was sie den Puniern zu verdanken haben könnten, daß sie deswegen als Italier auf der Seite von Ausländern und Barbaren gegen ihre alten Bundesgenossen, die Römer, Krieg führten, und Africanern Italien zinsbar und steuerpflichtig machen wollten? Die Arpiner sagten zu ihrer Entschuldigung, sie wären, ohne es zu wissen, von ihren Oberhäuptern an die Punier verkauft und von einigen Wenigen überlistet und unterjocht. Nach diesem Anfange besprachen sich schon Mehrere mit Mehreren. Endlich wurde der Arpinische Prätor von seinen Leuten zum Consul begleitet, und da man sich unter Fahnen und Schlachtreihen Freundschaft zugesichert hatte, wandten plötzlich die Arpiner ihre Waffen als Freunde der Römer gegen 162 die Carthager. Auch gingen beinahe tausend Spanier, die sich beim Consul nichts weiter ausbedungen, als daß die Punische Besatzung freien Abzug bekäme, mit ihren Fahnen zu ihm über. Den Carthagern öffnete man die Thore, hielt ihnen bei der Entlassung Wort, und sie kamen unangefochten zum Hannibal nach Salapia. So war Arpi ohne alles Unglück, das ausgenommen, welches jenen alten Verräther und neuen Überläufer traf, wieder auf Römische Seite getreten. Den Spaniern ließ man doppelte Kost reichen, und sie leisteten durch ihre Tapferkeit und Treue dem State manchen Dienst. Als der eine Consul in Apulien, der andre in Lucanien stand, kamen hundert und zwölf edle Campanische Ritter, die unter dem Vorwande, auf feindlichem Boden plündern zu wollen, mit Erlaubniß ihrer Obrigkeit aus Capua ausgerückt waren, an das oberhalb Suessula stehende Römische Lager. Sie sagten dem Posten, wer sie wären, und daß sie den Prätor zu sprechen wünschten. Den Oberbefehl im Lager hatte Cneus Fulvius. Als sie ihm gemeldet wurden, und er von den Zehn, die er aus ihrer Anzahl unbewaffnet vor sich bringen ließ, ihre Forderungen vernommen hatte – sie baten aber um weiter nichts, als daß ihnen nach der Wiedereroberung von Capua ihre Güter zurückgegeben würden – nahm er sie Alle als Freunde auf. Auch die Stadt Aternum wurde erobert, von dem andern Prätor, Sempronius Tuditanus. Über siebentausend Menschen fielen in seine Gewalt und eine ganze Menge geprägtes Kupfers und Silbers. In Rom währte eine schreckliche Feuersbrunst zwei Nächte und einen Tag. Zwischen den Salzgruben und dem Carmentalischen Thore brannte Alles nieder, auch das Aquimälium und die Jugarische Straße Jugarioque vico.] – Drakenb. führt aus dem Festus an, Vicum Jugarium nomen habuisse ab ara Junonis Jugae, quae ibi fuit. . Das weit um sich greifende Feuer vernichtete auch im Tempel der Fortuna, der Mutter Matuta und der Spes außerhalb dem Thore, geweihete und ungeweihete Sachen in Menge. 163 48. In eben diesem Jahre erweiterten die beiden Scipione, Publius und Cneus, da ihre Sachen in Spanien erwünscht standen, und sie theils viele ehemalige Bundesgenossen wiedergewannen, theils viele neue dazu bekamen, ihre Aussichten sogar bis nach Africa. Syphax, König von Numidien, brach unerwartet mit Carthago. An ihn schickten sie drei Hauptleute als Gesandte, um Freundschaft und Bündniß mit ihm zu schließen, und ihn zu versichern, wenn er durch Fortsetzung des Krieges den Carthagern zu schaffen machte, so würde er sich dadurch den Römischen Senat samt dem Volke verbinden, und sie würden sichs angelegen sein lassen, zu seiner Zeit und in reichlichem Maße es zu vergelten. Dem fremden Könige war dieser Antrag willkommen, und da er sich mit den Gesandten über die Art der Kriegsführung besprach, so ergab es sich ihm bei den Äußerungen dieser alten Krieger, aus dem Vergleiche eines so wohlgeordneten Kriegswesens, wie Manches ihm selbst noch unbekannt sei. Da bat er sie: «Das Erste, was sie ihm als gute und treue Bundesgenossen zu Liebe thäten, müsse das sein, daß Zwei von ihnen mit der Antwort auf ihre Sendung zu ihren Feldherren zurückgingen, Einer aber als Aufseher des Kriegswesens bei ihm bliebe. Seine Numider wären mit dem Kriegsdienste zu Fuß völlig unbekannt, wären bloß gut eingeritten; so hätten schon seit den frühesten Zeiten ihres Volks ihre Vorfahren die Kriege geführt; und so wären sie selbst gewöhnt. Er habe aber einen Feind vor sich, der sich auf sein Fußvolk verlasse: wenn er es dem in der Stärke gleichthun wolle, so müsse auch er sich ein Fußvolk schaffen. Und Leute genug könne sein Reich dazu hergeben; nur die Kunst, sie zu bewaffnen, zusammenzustellen und einzuüben, verständen sie nicht. Bei ihnen bestehe Alles, wie bei einem blindlings zusammengelaufenen Haufen, in der großen ungeregelten Masse.» Die Gesandten antworteten, sie wollten es vorerst so machen, wie er es wünsche; ließen sich aber von ihm versprechen, wenn ihre Feldherren ihre Zustimmung nicht 164 geben sollten, daß er dann jenen sogleich zurückschicken wolle. Quintus Statorius hieß der, welcher bei dem Könige zurückblieb. Mit den beiden übrigen Römern schickte der Numidische König Gesandte nach Spanien, um sich von den Römischen Feldherren die Zusage geben zu lassen. Auch trug er ihnen auf, sofort die Numider, welche unter Carthagischen Truppen als Hülfsvölker dienten, zum Übergange zu vermögen. Auch Statorius hob dem Könige bei einem Überflusse an Mannschaft ein Fußvolk aus, lehrte die Leute, die er auf Römischen Fuß einreihete, in ihren Stellungen und Entwickelungen der Fahne folgen und Glied halten; und machte sie mit der Schanzarbeit und Allem, was der Soldat zu leisten hat, so vertraut, daß sich der König bald auf sein Fußvolk eben so sehr verlassen konnte, als auf seine Reuterei, und wirklich die Carthager im freien Felde Mann gegen Mann in einer vollständigen Schlacht besiegte. Auch den Römern in Spanien gereichte die Ankunft der königlichen Gesandten zum großen Vortheile. Auf den bloßen Ruf davon erfolgte von Seiten der Numider ein Übertritt nach dem andern. So kam das Bündniß der Römer mit Syphax zu Stande. Als dies die Carthager erfuhren, ließen sie sogleich an den Gala, welcher den andern Theil Numidiens beherrschte, – das Volk hat den Namen Massyler – eine Gesandschaft abgehen. 49. Gala hatte einen Sohn, Namens Masinissa, welcher erst siebenundzwanzig Septem et decem.] – Wesseling und Duker (man sehe Drakenborchs Anmerkung) haben dargethan, daß Masinissa damals nicht 17, sondern 27 Jahre alt war. Er war, wenn ich die Jahrrechnung, welcher Stroth am Rande seiner Ausgabe folgt, beibehalte, im Jahre Roms 512 geboren, und starb in einem Alter von 92 Jahren im J. R. 604. Also war er im J. R. 539, dessen Geschichte Livius in unserm Cap. verfolgt, nicht 17, sondern 27 Jahre alt. Die Abschreiber lasen statt VII et XX. unrichtig VII et X. aus einer Verwechselung des zweiten X mit dem folgenden A, wie in lanX und lanA. 40, 59. 8. Jahre alt war, allein ein junger Mann von solchen Anlagen, daß man schon damals voraussehen konnte, er werde dem Reiche einen größern Umfang und Wohlstand geben, als es bei seinem Antritte gehabt habe. Die Gesandten stellten vor: «Weil 165 Syphax sich den Römern angeschlossen habe, um sich durch das Bündniß mit ihnen gegen die Könige und Völker Africa's mehr Stärke zu geben, so werde auch Gala besser thun, wenn er sich sogleich mit Carthago verbände, ehe noch Syphax nach Spanien, oder die Römer nach Africa übersetzten. Den Syphax könne man, so lange er vom Römischen Bündnisse noch weiter nichts, als den Namen habe, leicht bezwingen.» Gala wurde, da sich sein Sohn für diesen Krieg als Führer anbot, ohne Mühe überredet, ein Heer abzusenden; und dieses, mit den Carthagischen Legionen in Verbindung, besiegte den Syphax in einer Hauptschlacht. Dreißigtausend Menschen sollen in diesem Treffen geblieben sein. Syphax entfloh mit wenigen Reutern vom Schlachtfelde zu den Maurusischen Numidern, welche ganz hinten am Oceane, Gades gegenüber wohnen, und da auf den bloßen Ruf von ihm die Barbaren von allen Seiten herbeiströmten, so hatte er in kurzem wieder ein großes Heer in den Waffen. Ehe er mit diesem nach Spanien über die scheidende schmale Meerenge setzen konnte, erschien Masinissa mit seinem siegreichen Heere, und führte hier den Krieg mit dem Syphax zu seinem großen Ruhme ganz allein ohne alle Mitwirkung von Seiten der Carthager . In Spanien selbst fiel nichts vor, was eine Erwähnung verdient hätte, außer daß die Römischen Feldherren die Truppen der Celtiberier für eben den Sold, um welchen sie mit den Carthagern eins geworden waren, auf ihre Seite brachten, und über dreihundert Spanier aus den besten Häusern nach Italien schickten, um ihre unter Hannibals Hülfsvölkern dienenden Landsleute zum Abfalle zu vermögen. Nur dies zeichnet sich als Denkwürdigkeit vom diesjährigen Spanischen Feldzuge aus, daß damals die Celtiberier die ersten Lohntruppen waren, welche die Römer in ihrem Heere gehabt haben. Fünf und zwanzigstes Buch. Jahre Roms 539 und 540. 168 Inhalt des fünf und zwanzigsten Buchs. Publius Cornelius Scipio, der nachmalige Africanus, wird vor dem dazu erforderlichen Alter zum Ädil erwählt. Durch einige junge Tarentiner, welche eine nächtliche Jagdpartie vorgeben, bemächtigt sich Hannibal der Stadt Tarent bis auf die Burg, in welche sich die Römische Besatzung rettet. Den Göttersprüchen des Marcius zufolge, in welchen man auch die Niederlage bei Cannä vorhergesagt fand, werden die Apollinarischen Spiele eingeführt. Die Consuln Quintus Fulvius und Appius Claudius fechten gegen den Punischen Feldherrn Hanno mit Glück. Der Proconsul Tiberius Sempronius Gracchus, den sein Lucanischer Gastfreund in einen Hinterhalt lockt, wird vom Hanno getödtet. Centenius Penula, bis dahin Hauptmann, der aber auf seinen Antrag im Senate, ihm ein Heer zu geben, und auf sein Versprechen, falls ihm seine Bitte gewährt würde, den Hannibal zu besiegen, über die achttausend Mann, die man ihm giebt, zum Anführer gesetzt wird, liefert dem Hannibal eine Schlacht, und wird mit seinem Heere niedergehauen. Der Prätor Cneus Fulvius ist gegen den Hannibal unglücklich, verliert sechzehntausend Mann in der Schlacht und entkommt mit zweihundert Rittern. Capua wird von den Consuln Quintus Fulvius und Appius Claudius eingeschlossen. Claudius Marcellus erobert Syracus im dritten Jahre und zeigt sich als großen Mann. Im Getümmel der Eroberung verliert Archimedes, vertieft in die Figuren, die er im Sande verzeichnet hatte, sein Leben. Die beiden Scipione, Publius und Cneus, ernten in Spanien von ihren zahlreichen und so großen glücklichen Thaten ein trauriges Ende: sie werden im achten Jahre nach ihrem Eintritte in Spanien fast mit ihren ganzen Heeren niedergehauen: und für die Römer war es um den Besitz ihrer Provinz geschehen, hätte nicht Lucius Marcius, ein Römischer Ritter, durch seine Tapferkeit und Thätigkeit mit den gesammelten Resten der Heere, denen er Muth einsprach, zwei feindliche Lager erobert. Er tödtete an siebenunddreißig tausend Feinde, bekam an tausend achthundert und dreißig gefangen und machte große Beute. Die Soldaten gaben dem Marcius den Titel: Führer . 169 Fünf und zwanzigstes Buch. 1. Während dieser Unternehmungen in Africa und in Spanien brachte Hannibal den Sommer im Tarentinischen zu, in der Hoffnung, durch Verrätherei sich der Hauptstadt der Tarentiner zu bemächtigen, Unterdessen fielen die minder wichtigen Städte ihres und Ipsorum interim Sallentinorum.] – Ich lese mit Ruben., Gron. und Crev.: Ipsorum interim et Sallentinorum. des Sallentinischen Gebietes an ihn ab. Zu gleicher Zeit begaben sich in Bruttien von den zwölf Völkerschaften, welche im vorigen Jahre zu den Puniern übergetreten waren, die Consentiner und Thuriner wieder in den Schutz der Römer. Und es würden mehrere zurückgekehrt sein, hätte sich nicht Titus Pomponius Vejentanus, ein Oberster der Bundesgenossen, welcher durch verschiedene glückliche Streifereien das Ansehen eines ordentlichen Feldherrn bekommen hatte, an der Spitze eines zusammengerafften Heers mit dem Hanno in eine Schlacht eingelassen. Hier wurden viele Menschen, obgleich nur ungeordnete Haufen von Bauern und Sklaven, getödtet oder gefangen, und der kleineste Verlust war der, daß sich unter den Gefangenen der Oberste selbst befand, ein Mensch, dessen Werk nicht allein jetzt dies unbesonnene Gefecht war, sondern der auch schon vorher als Pächter der Statsgüter durch alle möglichen Ränke sowohl dem State als den Theilnehmern seiner Pachtungen treulos und nachtheilig gewesen war. Der Consul Sempronius hatte in Lucanien viele kleine Gefechte, von denen keins denkwürdig ist, und eroberte mehre unbedeutende Lucanische Städte. Je mehr sich der Krieg in die Länge zog und je größer der Wechsel war, welchen Glück und Unglück nicht 170 eigentlicher in den Umständen, als in der Stimmung der Menschen bewirkten, je allgemeiner wurde auch unter den Bürgern der Hang zu frommen, meistentheils ausländischen, Übungen, so daß es schien, als wären plötzlich entweder ganz andre Menschen, oder ganz andre Götter aufgekommen. Die Römischen Gebräuche ließ man nicht bloß insgeheim und innerhalb seiner Hauswände abkommen, sondern auch auf den Gassen, auf dem Markte und Capitole sah man Haufen von Weibern, die nicht mehr nach vaterländischer Weise opferten oder beteten. Opferpriester und Wahrsager hatten sich der Herzen bemächtigt: und ihre Anzahl vermehrte sich, theils durch die gemeinen Landleute, welche aus ihren während des langen Kriegs unbestellten und unsichern Feldern von Dürftigkeit und Furcht in die Stadt getrieben waren, theils durch die Leichtigkeit, in der Einfalt Anderer einen Erwerb zu finden, den sie so dreist betrieben, als hätten sie zur Ausübung ihrer Kunst einen Freiheitsbrief gehabt. Anfangs hörte man die einzelnen Misbilligungen der Redlichen: nachher gedieh die Sache zu einem Antrage an die Väter und zu einer Statsbeschwerde. Als nun die Ädilen und Dreimänner der peinlichen Gerichtspflege, die man im Senate hart darüber anließ, daß sie dem Unwesen nicht steuerten, es auf sich nahmen, den Markt von diesem Gesindel zu säubern und die Anstalten der Weihe zu sprengen, so hätte man sich beinahe an ihnen vergriffen. Wie man sah, daß das Übel zu mächtig geworden sei, um durch Unterobrigkeiten gedämpft zu werden, gab der Senat dem Stadtprätor Marcus Atilius den Auftrag, das Volk dieser Frömmeleien zu entledigen. Er las in einer Volksversammlung den Senatsschluß vor und machte bekannt: «Jeder, der prophetische Bücher, Gebete oder schriftliche Anweisungen zum Gottesdienste besäße, solle diese sämtlichen Bücher und Schriften vor dem ersten April bei ihm einliefern, auch solle niemand an öffentlicher oder heiliger Stätte fremden gottesdienstlichen Gebräuchen folgen.» 2. Auch starben in diesem Jahre einige öffentliche Priester: Lucius Cornelius Lentulus, der Hohepriester, 171 und Cajus Papirius Maso, des Cajus Sohn, ein Oberpriester, und Publius Furius Philus, ein Vogelschauer, und Cajus Papirius Maso, des Lucius Sohn, Zehnherr der gottesdienstlichen Angelegenheiten. In die Stelle des Lentulus wurde Marcus Cornelius Cethegus, in die des Papirius wurde Cneus Servilius Cäpio zum Priester gewählt, Vogelschauer wurde Lucius Quinctius Flamininus ; Zehnherr der gottesdienstlichen Angelegenheiten Lucius Cornelius Lentulus. Schon nahete die Zeit der Consulnwahl; weil man aber die mit dem Kriege beschäftigten Consuln nicht abrufen wollte, so ernannte der Consul Tiberius Sempronius den Cajus Claudius Centho zum Dictator für die Wahlen, und dieser den Quintus Fulvius Flaccus zu seinem Magister Equitum. Unter Vorsitz des Dictators wurden am nächsten Volkstage Quintus Fulvius Flaccus, der Magister Equitum, und Appius Claudius Pulcher, der als Prätor in Sicilien gestanden hatte, zu Consuln erwählt. Dann wählte man die Prätoren, den Cneus Fulvius Flaccus, Cajus Claudius Nero, Marcus Junius Silanus, Publius Cornelius Sulla. Nach Beendigung der Wahlen legte der Dictator sein Amt nieder. Curulädilen waren in diesem Jahre Marcus Cornelius Cethegus und Publius Cornelius Scipio, welcher nachher den Zunamen Africanus hatte. Als diesem bei seiner Bewerbung um das Ädilenamt die Bürgertribunen entgegen waren, und behaupteten, auf ihn könne keine Rücksicht genommen werden, weil er noch nicht das zur Bewerbung gehörige Alter habe, so sprach er: «Wenn alle Quiriten mich zum Ädil machen wollen, so bin ich alt genug.» Und nun eilten die Bürger mit solcher Vorliebe für ihn zur Abgebung der Stimmen auf ihre Bezirksplätze, daß die Tribunen sogleich von ihrem Vorhaben zurücktraten. Die Ädilenspende bestand in folgendem. Sie stellten die Römischen Spiele an, die nach Maßgabe des damaligen Reichthums prächtig genug waren und Einen Tag gefeiert wurden, und vertheilten auf jede Straße ein Stübchen Öl. Die Bürgerädilen Lucius Villius Tappulus und Marcus Fundanius Fundulus belangten mehrere Frauen von Stande 172 vor dem Gesamtvolke wegen schlechter Aufführung: einige, für schuldig erklärte, wiesen sie aus der Stadt. Die Bürgerspiele wurden zwei Tage gefeiert, und in Beziehung auf diese Spiele dem Jupiter zu Ehren ein Gastgebot angestellt. 3. Quintus Fulvius Flaccus trat sein drittes und Appius Claudius sein erstes Consulat an. Auch die Prätoren erloseten ihre Stellen; Publius Cornelius Sulla die Gerichtspflege in der Stadt und über die Fremden, in welche sonst zwei Prätoren sich theilten; Cneus Fulvius Flaccus Apulien, Cajus Claudius Nero Suessula, Marcus Junius Silanus die Tusker. Den Consuln bestimmte man den Krieg gegen den Hannibal und jedem zwei Legionen: der eine sollte die des vorjährigen Consuls Quintus Fabius, der andre die des Fulvius Centumalus übernehmen. Von den Prätoren sollte Fulvius Flaccus die Legionen haben, welche bei Luceria unter dem Prätor Ämilius, Claudius Nero die, welche in Picenum unter dem Cajus Terentius gestanden hätten. Ihre Ergänzungen sollte jeder selbst ausheben. Dem Marcus Junius wurden für Tuscien die Stadtlegionen vom vorigen Jahre gegeben. Dem Tiberius Sempronius Gracchus und Publius Sempronius Tuditanus wurden ihr Oberbefehl und ihre Stellen in Lucanien und Gallien mit Beibehaltung ihrer Heere verlängert; desgleichen dem Publius Lentulus im Bezirke der alten Provinz in Sicilien, dem Marcus Marcellus vor Syracus und so weit sich Hiero's Reich erstreckt habe; dem Titus Otacilius über die Flotte; dem Marcus Valerius über Griechenland, dem Quintus Mucius Scävola über Sardinien; den Corneliern Publius und Cneus über die beiden Spanien. Außer den alten Heeren errichteten die Consuln noch zwei Legionen in der Stadt, und man brachte die Zahl der Legionen in diesem Jahre auf dreiundzwanzig. Die Werbung der Consuln fand einen Aufschub durch das Benehmen des Marcus Postumius von Pyrgi Einer kleinen Festung in Hetrurien . , welches beinahe eine große Bewegung veranlasset hätte. Postumius 173 war ein Statspächter, dem es seit vielen Jahren an Betrug und Geiz niemand unter den Bürgern gleich gethan hatte, außer Titus Pomponius Vejentanus, welchen im vorigen Jahre auf seinen unbesonnenen Plünderungen Lucaniens die Carthager unter Hanno's Anführung gefangen genommen hatten. Weil jeden durch Sturm angerichteten Schaden in Allem, was den Heeren zugeführt wurde, der Stat trug, so hatten diese beiden bald erlogene Schiffbrüche angegeben, bald waren sogar die, welche sie mit Wahrheit meldeten, durch sie selbst aus böser Absicht, nicht durch Zufall, veranlasset. Wenn sie wenige Waaren von schlechtem Werthe auf alte baufällige Schiffe geladen hatten, diese dann auf hohem Meere sinken und die Schiffer in bereitgehaltene Kähne herübersteigen ließen, gaben sie vielfache Ladungen als verloren an. Schon im vorigen Jahre war dieser Betrug dem Prätor Marcus Atilius angezeigt und durch ihn an den Senat berichtet, aber noch durch keinen Senatsschluß geahndet, weil die Väter den Stand der Statspächter bei der gegenwärtigen Lage der Dinge nicht gern unzufrieden machen wollten. Das Volk verfuhr gegen den Betrug mit größerer Strenge, und endlich wurden zwei Bürgertribunen, die beiden Carvilier, Spurius und Lucius, durch die allgemeine Unzufriedenheit und laute Misbilligung dahin vermocht, gegen den Marcus Postumius auf eine Geldstrafe von zweimalhunderttausend Kupferass anzutragen Wenn dies, wie Crevier mit Recht vermuthet, aes grave war (denn hier wird ja die Sache gerichtlich genommen); so betrug diese Geldstrafe etwa 6248 Gulden Conv. Geld. . Als der Tag kam, an welchem man hierüber entscheiden sollte, und das Volk sich so zahlreich eingefunden hatte, daß der freie Platz des Capitols die Menge kaum faßte, so schien für den Postumius nach vorgebrachter Vertheidigung die letzte Hoffnung noch darauf zu beruhen, wenn der Bürgertribun Cajus Servilius Casca, sein Blutsfreund und mütterlicher Verwandter, ehe die Bezirke darüber abstimmten, diese Abstimmung durch seine Einsprache untersagte. Nach Abhörung der Zeugen, ließen die Tribunen das Volk zurücktreten, und die Urne wurde 174 gebracht, um die Stimmgeber Ubi Latini suffragium ferrent.] – Unter Allen, die diese verderbte Stelle auszubessern versucht haben, scheint mir Stroth mit seinem Vorschlage, statt Latini lieber laturi zu lesen, am glücklichsten gewesen zu sein. Doch will er ubi beibehalten, welches er durch quo ordine erklärt: dafür möchte ich lieber uti lesen; denn ubi kann doch nur auf den Ort gehen, wo sie stimmen sollten, uti hingegen würde die Rangordnung der tribuum anzeigen, wie das Los sie bestimmte. Auch will Stroth das folgende ferrent in essent verwandeln. Ich glaube fast, daß man dies ferrent beibehalten könne. Statt zu sagen: ut laturi (i. e. cives oder tribus suffragium laturae) sortirentur, uti (i; e. quo modo, quo ordine, qua praerogativa) suffragium ferrent, setzt Livius das handelnde Subject laturi, wie er so oft thut, in das zweite Komma. Gegen Gronov's Vorschlag: ut sortirentur tribus, ac dein suffragium ferrent, hat schon Stroth nicht mit Unrecht eingewandt, daß er sich zu weit von den Msc. entfernt, und mit dem sortirentur ac dein etwas Gedehntes einschiebt. losen zu lassen, in welcher Ordnung sie stimmen sollten. Indeß drangen die Statspächter in den Casca, die Versammlung für den heutigen Tag aufzulösen. Dagegen schrie das Volk laut; und Casca, dessen Inneres Furcht und Scham zugleich bestürmten, saß gerade auf einer Ecke voran. Da er den erwarteten Schutz nicht gewährte, so brachen die Pächter, um Alles in Verwirrung zu setzen, in einen Keil gestellt, über den vom zurückgewiesenen Volke geräumten Platz herein, und zankten zugleich mit dem Volke und mit den Tribunen. Und schon kam man beinahe zum Schlagen, da sprach der Consul Fulvius zu den Tribunen: «Sehet ihr nicht, wie wenig eure Vorrechte gelten, und daß es zum Aufruhre kommen wird, wenn ihr nicht sogleich die Versammlung der Bürger entlasset?» 4. Als sie das Volk entlassen hatten, wurde der Senat berufen, und die Consuln thaten über die durch der Statspächter Gewaltthat und Frechheit gestörte Volksversammlung folgenden Vortrag. «Marcus Furius Camillus, dessen Verbannung den Untergang der Stadt zur Folge gehabt, habe sich von seinen zürnenden Mitbürgern verurtheilen lassen. Schon vor ihm hätten die Decemvirn, an deren Gesetze man bis diesen Tag sich halte, und späterhin viele der ersten Männer im State sich in den Ausspruch des Volks ergeben. Nur ein Postumius von Pyrgi habe dem Römischen Volke die Stimmfreiheit gewaltsam entrissen, habe die Volksversammlung gesprengt, 175 die Tribunen in die Schranken von Privatpersonen zurückgeworfen, gegen das Römische Volk eine Schlachtreihe aufgestellt, den Platz besetzt, um die Tribunen von den Bürgern abzuschneiden, um die Aufrufung der Bezirke zum Stimmengeben zu verwehren. Vom wirklichen Gemetzel und blutigen Kampfe habe die Leute weiter nichts abgehalten, als die Nachgiebigkeit der Obrigkeiten, mit der sie für dasmal der Wuth und Frechheit einiger Wenigen ausgewichen wären, und es hätten geschehen lassen, daß sie selbst und das Römische Volk die Besiegten geworden wären: mit der sie endlich den Volkstag, den der Beklagte durch Gewalt und Waffen habe hindern wollen, um den Kampflustigen keine Veranlassung zu geben, seinem Wunsche gemäß aufgehoben hätten.» Da nun gerade die redlichsten Männer, der Abscheulichkeit der Sache gemäß, in diesem Tone eiferten, und der Senat dahin erkannt hatte, diese Gewaltthat sei ein Verbrechen gegen den Stat und gebe ein verderbliches Beispiel, so ließen sofort die beiden Carvilier, die Bürgertribunen, die Entscheidung über die Geldstrafe fallen, bestimmten einen Tag zur Klage gegen den Postumius auf Leib und Leben und befehligten den Gerichtsdiener, falls der Beklagte keine Bürgen stelle, ihn zu greifen und ins Gefängniß zu bringen. Postumius stellte Bürgen, erschien aber nicht. Da thaten die Bürgertribunen den Antrag, den der Bürgerstand annahm: «Wenn Marcus Postumius auf den ersten Mai sich nicht stelle und auf diesen Tag als Vorgeladener nicht Rede stehe, oder wegen seiner Abwesenheit sich nicht rechtfertige, so wolle man es so ansehen, als lebe er in der Verbannung; man werde seine Güter verkaufen und jedermann untersagen, ihm Wasser und Feuer zu reichen.» Darauf stellte man der Reihe nach gegen die sämtlichen Urheber jenes Lärms und Auflaufs die Klage auf Leib und Leben an und verlangte Bürgschaft von ihnen; warf dann erst diejenigen ins Gefängniß, welche keine Bürgen stellten, nachher auch solche, welche sie hätten stellen können: und dieser Gefahr auszuweichen; gingen die meisten als Verwiesene ins Ausland. 176 5. Einen solchen Ausgang hatte der Betrug der Statspächter und die Frechheit, mit der sie zuletzt ihn in Schutz nahmen. Darauf wurde eine Versammlung zur Wahl eines Hohenpriesters gehalten: der neue Oberpriester Marcus Cornelius Cethegus hielt sie. Ihrer drei boten bei dieser Bewerbung alle ihre Kräfte auf; der Consul Quintus Fulvius Flaccus, der schon zweimal Consul, auch Censor gewesen war; Titus Manlius Torquatus, ebenfalls durch zwei Consulate und die Censur ausgezeichnet; und Publius Licinius Crassus, der noch nicht einmal um das Amt eines Curulädils angehalten hatte. Und der Jüngling gewann in diesem Wettstreite über die durch Jahre und Ämter ehrwürdigen Männer den Sieg. Vor ihm war seit hundert und zwanzig Jahren, den Publius Cornelius Calussa ausgenommen, niemand zum Hohenpriester gewählt, der nicht schon auf einem Amtsthrone gesessen hatte. Da die Consuln die Werbung nicht ohne Schwierigkeit betrieben, weil die geringe Anzahl der Dienstfähigen keinesweges zu beiden Bedürfnissen hinreichte, nämlich zugleich neue Stadtlegionen zu errichten, und die alten zu ergänzen, so befahl ihnen der Senat, ihr Geschäft gleichwohl nicht aufzugeben, und «einen zwiefachen Ausschuß, jeden zu drei Männern, wählen zu lassen, von denen die Einen diesseit, die Andern jenseit des funfzigsten Meilensteins in den Dörfern, Marktflecken und Gerichtsorten den ganzen Bestand der Freigebornen in Augenschein nehmen, und Alle, die ihnen zum Waffendienste Stärke genug zu haben schienen, wenn sie auch das Dienstalter noch nicht hätten, zu Soldaten machen sollten. Die Bürgertribunen sollten, wenn sie es für gut hielten, bei dem Gesamtvolke darauf antragen, daß Allen denen, die vor ihrem siebzehnten Jahre zur Fahne geschworen hätten, die Dienstjahre eben so angerechnet werden sollten, als wenn sie im Alter von siebzehn Jahren, oder älter, Soldaten geworden wären.» Und nun nahm der doppelte, vermöge dieses Senatschlusses ernannte, Ausschuß von je drei Männern unter den Freigebornen auf dem Lande die Aushebung vor. 177 Um diese Zeit wurde auch im Senate ein Brief des Marcus Marcellus aus Sicilien verlesen, über die Forderungen der Soldaten, welche unter dem Publius Lentulus dienten. Sie bestanden aus dem im Unglücke bei Cannä übrig gebliebenen Heere, das man, wie ich oben gesagt, mit dem Bedeuten nach Sicilien weggeschickt hatte, vor dem Ende des Punischen Krieges nicht nach Italien zurückgebracht zu werden. 6. Sie schickten mit Genehmigung des Lentulus die ersten Ritter und Hauptleute und die Tapfersten vom Fußvolke der Legionen an den Marcus Marcellus in dessen Winterquartier, und nach erhaltener Erlaubniß zu reden sprach einer von ihnen: «Wir hätten uns schon an dich, Marcus Marcellus, als Consul in Italien gewandt, gerade als jener, wo nicht harte, doch niederbeugende Schluß vom Senate über uns gefället war, wenn wir nicht gehofft hätten, in eine durch den Tod ihrer Könige in Aufruhr gesetzte Provinz zu einem schweren Kriege gegen Sicilianer und Punier «zugleich geschickt zu werden, und mit unserm Blute und Wunden dem Senate Genüge zu leisten, so wie ihm zu unsrer Väter Zeiten die vom Pyrrhus bei Heraclea gefangen genommenen im Kampfe gegen eben diesen Pyrrhus Genüge leisteten. Und gleichwohl, was haben wir verschuldet, daß ihr so auf uns gezürnt habt, ihr versammelten Väter, oder noch jetzo zürnet? Mir ist nämlich, wenn ich meine Augen auf dich richte, Marcus Marcellus, nicht anders, als ob ich beide Consuln und den ganzen Senat vor mir sähe: denn hätten wir bei Cannä dich zum Consul gehabt, so stände es jetzt besser um den Stat und um uns. Vergönne mir, ich bitte dich, ehe ich dir unsern Zustand klage, von dem Vorwurfe, den man uns macht, uns zu reinigen. Sind wir nicht durch den Zorn der Götter, nicht durch das Schicksal, nach dessen Gesetzen die unabänderliche Reihe der menschlichen Ereignisse sich zusammenstellt, sondern durch Schuld unglücklich geworden, so frage ich: Wessen war denn diese Schuld? der Soldaten, oder der 178 Feldherren? Freilich darf ich mir als Soldat auch die mindeste Äußerung über meinen Feldherrn nicht erlauben, um so weniger, da ich weiß, daß ihm der Senat feierlich dafür gedankt hat, daß er den Stat nicht gleich für aufgegeben hielt, da ihm nach seiner Flucht von Cannä Jahr auf Jahr der Oberbefehl verlängert ist. Und eben so hören wir, daß auch diejenigen von den Überresten jenes unglücklichen Tages, welche uns als Obersten vorstanden, um Ehrenämter nachsuchen, sie wirklich bekleiden und in Kriegsgegenden angestellt werden. Also wolltet ihr, versammelte Väter, euch selbst und euren Kindern so leicht verzeihen, und nur gegen uns Menschen ohne Werth so hart sein? Einem Consul und den übrigen Großen des Stats soll es nicht schimpflich sein, wenn alle Hoffnung verloren war, zu fliehen, und nur uns Soldaten schicktet ihr schlechterdings zum Sterben in die Schlacht? An der Allia nahm beinahe das ganze Heer die Flucht. Bei den Caudinischen Gabeln lieferte es, sogar ohne den Kampf zu versuchen, seine Waffen dem Feinde ab; anderer unrühmlichen Niederlagen unserer Heere nicht zu erwähnen. Gleichwohl war man so weit davon entfernt, an eine Beschimpfung dieser Heere zu denken, daß man sogar mit eben dem Heere, welches von der Allia nach Veji geflohen war, die Stadt Rom wieder gewann; und daß die Caudinischen Legionen, die ohne Waffen nach Rom zurückgekehrt waren, mit Waffen nach Samnium zurückgeschickt, unter dem Jochgalgen eben den Feind durchgehen lassen konnten, der vorhin von ihrer ähnlichen Beschimpfung den Genuß gehabt hatte.» «Kann aber jemand Flucht oder Bestürzung dem Heere von Cannä vorwerfen, wo mehr als funfzigtausend Menschen sanken? wo der Consul mit siebzig Rittern entkam? wo niemand übrig blieb, außer wen der Feind, vom Niederhauen ermattet, übrig ließ? Als den Gefangenen die Auslösung versagt wurde, lobte man uns allgemein, daß wir uns dem State erhalten hätten; daß wir nach Venusia wieder zum Consul gegangen, und 1790 wenigstens dem Scheine nach als ordentliches Heer aufgetreten wären. Jetzt aber haben wir es weit schlimmer, als die Gefangenen zu unsrer Väter Zeiten. Jene wurden doch nur in Hinsicht der Waffen, in der Rangordnung im Dienste, und durch den Platz, wo ihr Zelt im Lager stand, erniedrigt, und das Alles konnten sie durch Einen dem State geleisteten Dienst, durch Ein glückliches Gefecht, wieder einbringen. Keiner von ihnen wurde in die Verbannung weggeschickt, keinem die Hoffnung genommen, mit seinen Dienstjahren fertig zu werden. Nur wir, denen man nichts vorwerfen kann, als daß wir es uns haben zu Schulden kommen lassen, daß noch ein oder der andre Römische Soldat aus der Schlacht bei Cannä übrig ist, werden nicht allein weit von unserm Vaterlande und Italien, sondern auch aus der Nähe des Feindes weggeschickt, damit wir gar keine Hoffnung, keine Gelegenheit haben sollen, unsern Schimpf zu tilgen, den Zorn unsrer Mitbürger zu besänftigen, ja nicht einmal die, mit Ehren zu sterben. Auch bitten wir ja nicht um Beendigung unsres Schimpfes, um Belohnung unsrer Tapferkeit: nur sei es uns vergönnt, unsern Muth zu versuchen, unsre Kraft zu üben. Beschwerden und Gefahren erbitten wir uns, um als Männer, als Soldaten unsre Pflicht zu thun. In Sicilien wird der Krieg schon ins zweite Jahr mit großer Lebhaftigkeit geführt; da erstürmen hier die Punier Städte, dort die Römer; Heere von Fußvolk und Reuterei treffen zusammen: bei Syracus ficht man zu Lande und zu Wasser: das Geschrei der Kämpfenden, das Geklirr der Waffen hören wir, und sitzen still und unthätig, als hätten wir weder Arme, noch Waffen. Die Legionen von Sklaven hat der Consul Tiberius Sempronius schon so oft gegen den Feind Mann gegen Mann geführt. Sie haben schon zur Belohnung ihrer Dienste die Freiheit und das Bürgerrecht. Möchten wir euch nur so viel gelten, als für diesen Krieg erkaufte Sklaven. Man gönne es uns, an den Feind zu kommen, und fechtend uns die Freiheit zu erstreben. Willst du einen Versuch unsrer Tapferkeit 180 zur See machen? zu Lande? in der Schlachtreihe? im Sturme auf Städte? Jedes Schlimmste in Hinsicht auf Beschwerde, auf Gefahr fordern wir für uns, um das, was wir bei Cannä haben thun sollen, je eher je lieber in Erfüllung gehen zu lassen, weil doch seit jenem Tage unser ganzes Leben der Schande hingegeben sein soll.» 7. Bei diesen Worten fielen sie dem Marcellus zu Fuße. Marcellus sagte, hierüber erstrecke sich eben so wenig sein Recht, als seine Macht. Er wolle an den Senat schreiben und ganz nach dem Willen der Väter verfahren. Sein Brief lief bei den neuen Consuln ein, wurde von ihnen im Senate verlesen und nach geschehener Umfrage folgender Schluß abgefaßt: «Das Wohl des Stats Soldaten anzuvertrauen, welche bei Cannä ihre fechtenden Cameraden im Stiche gelassen hätten, dazu sehe der Senat nicht den mindesten Grund. Sollte der Proconsul Marcus Claudius andrer Meinung sein, so möge er so handeln, wie er es dem Besten des Stats und seiner eigenen Gewissenhaftigkeit gemäß fände, unter der Bedingung, daß keinem von ihnen eine Dienstbarkeit erlassen, keiner wegen seines Wohlverhaltens nach Heeressitte beschenkt, noch, so lange der Feind in Italien stehe, nach Italien zurückgebracht würde.» Hierauf wurde vom Stadtprätor auf Gutachten des Senats und Erkenntniß des Volks ein Versammlungstag gehalten; an welchem Fünfherren zu Ausbesserung der Mauern und Thürme gewählt wurden; imgleichen zwiefache Dreiherren; die Einen, die Heiligthümer zusammenzusuchen und die Weihgeschenke aufzuzeichnen; die Andern, die Tempel der Fortuna und Mutter Matuta innerhalb des Carmentalischen Thors wieder aufzubauen, aber auch den der Göttinn Spes außerhalb des Thores, welche von der vorjährigen Feuersbrunst verzehrt waren. Es gab schreckliche Gewitter. Auf dem Albanischen Berge dauerte ein Steinregen zwei Tage lang. An vielen Orten schlug der Blitz ein; in zwei Tempel auf dem Capitole; im Lager über Suessula an vielen Stellen in den Wall, und erschlug zwei Schildwachen. Zu Cumä 181 wurden die Mauer und verschiedene Thürme nicht bloß vom Blitze getroffen, sondern ganz herabgeworfen. Zu Reate glaubte man ein großes Felsstück liegen zu sehen; die Sonne sah röther, als gewöhnlich und wie Blut aus. Dieser Schreckzeichen wegen wurde ein Bettag angestellt, und die Consuln beschäftigten sich mehrere Tage mit gottesdienstlichen Angelegenheiten; auch wurde während derselben das neuntägige Opferfest begangen. Schon lange war der Abfall der Tarentiner für Hannibal ein Gegenstand der Hoffnung, und für die Römer des Argwohns, als zufälliger Weise von außen eine Veranlassung eintrat, ihn zu beschleunigen. Phileas, ein Tarentiner, welcher sich schon lange unter dem Scheine einer Gesandschaft zu Rom aufhielt, ein Mann, dessen unruhiger Geist sich durchaus nicht in die Unthätigkeit finden konnte, bei deren langer Dauer er jetzt, seiner Meinung nach, alle Kraft verlor, wußte sich den Zugang zu den Tarentinischen Ad obsides Tarentinos.] – Ich möchte wohl hinzusetzen: et Thurinos, S. unten Cap. 15. Geiseln zu verschaffen. Man hütete sie im Vorhofe des Freiheitstempels ziemlich unbesorgt, weil es weder ihr eigener, noch ihres States Vortheil war, den Römern untreu zu werden. Bei wiederholten Zusammenkünften verführte er sie, und als er sie durch Vorschub zweier bestochenen Tempelwärter beim ersten Dunkel ihrem Gewahrsame entführt hatte, gab er sich selbst den in aller Stille Entwichenen zum Begleiter. Mit Tagesanbruche wurde ihre Flucht in der Stadt ruchtbar: die ihnen nachgeschickten Verfolger brachten sie sämtlich von Tarracina, wo sie sie ergriffen hatten, zurück. Sie wurden auf dem Versammlungsplatze der Reihe nach zur Strafe geführt, auf Zustimmung des Gesamtvolks mit Ruthen gepeitscht und vom Felsen herabgestürzt. 8. Die Scheußlichkeit dieser Strafe erbitterte zwei der vornehmsten Griechischen Städte in Italien, insofern diese sie theils als Staten, theils insbesondre ihre einzelnen Bürger betraf, je nachdem jeder von diesen mit den so kläglich Hingerichteten durch Verwandschaft oder 182 Freundschaft in Verbindung stand. Von diesen verschworen sich etwa dreizehn junge Tarentiner aus den ersten Häusern, unter welchen Nico und Philemenus die Vornehmsten waren. Weil sie, ehe sie etwas unternähmen, eine Unterredung mit Hannibal für nöthig hielten, so machten sie sich unter dem Vorwande, als gingen sie bei Nacht auf die Jagd, zu ihm auf den Weg. Als sie nicht mehr weit vom Lager entfernt waren, verbargen sich die Übrigen in einem Walde an der Straße. Nico und Philemenus wurden, so wie sie an die Posten kamen, ergriffen, und, wie sie selbst verlangten, vor Hannibal geführt. Nach Darlegung der Gründe für ihren Entschluß und ihres Plans, bekamen sie, mit Lobeserhebungen und Versprechungen überhäuft, die Erlaubniß, um es ihren Mitbürgern glaublich zu machen, daß sie auf Beutemachen aus der Stadt gegangen wären, einiges Carthagisches Heerdenvieh, das man auf die Weide vor das Lager geschickt hatte, in die Stadt zu treiben. Daß sie dies ohne alle Gefahr und Gefecht sollten bewerkstelligen können, wurde ihnen zugesichert. Die mitgebrachte Beute der Jünglinge fiel ins Auge; um so viel weniger wunderte man sich, daß sie es noch einmal und öfters wagten. Bei einer abermaligen Zusammenkunft mit Hannibal setzten sie vertragsmäßig fest, daß die Tarentiner als freie Leute ihre Gesetze und Eigenthum behalten, den Puniern nicht die geringste Abgabe zahlen, noch wider ihren Willen, eine Besatzung einnehmen sollten; die jetzige Besatzung aber durch den Verrath in Carthagische Gefangenschaft käme. Als sie hierüber eins geworden waren, so machte Philemenus nun vollends von seiner Gewohnheit, bei Nacht durch das Thor aus- und einzugehen, so viel öfteren Gebrauch: und er galt für einen leidenschaftlichen Jäger: Hunde und andres Jagdgeräth waren sein Gefolge, und fast jedesmal machte er mit seinem Wildprette oder mit dem Eingebrachten, das er verabredetermaßen dem Feinde abnehmen durfte, entweder dem Befehlshaber der Besatzung oder den Thorwachen ein Geschenk. Daß er meistens bei Nacht aus- und, einging, dies 183 glaubte man geschehe aus Furcht vor den Feinden. Als dies endlich so zur Gewohnheit geworden war, daß ihm zu jeder Nachtzeit auf sein durch ein Pfeifen gegebenes Zeichen das Thor geöffnet wurde, so glaubte Hannibal, die Sache sei der Ausführung gereift. Er war drei Tagemärsche entfernt; und damit es so viel weniger auffiele, daß er mit seinem Lager so lange auf einem und demselben Platze stände, stellte er sich krank. Selbst den Römern, die zu Tarent in Besatzung lagen, war sein unthätiges Zögern nicht mehr verdächtig. 9. Als er sich entschlossen hatte, auf Tarent zu gehen, brach er mit zehntausend Mann zu Fuß und zu Pferde, wozu er diejenigen auslas, die er wegen persönlicher Schnelligkeit und Leichtigkeit ihrer Waffen für die tauglichsten zu diesem Zuge erachtete, um die vierte Nachtwache auf; und etwa achtzig Numidischen Reutern, die er voranschickte, gab er den Befehl, sich an die Landstraßen zu vertheilen und allenthalben umherzusehen, daß ihnen auch nicht ein Landmann, der ihren Zug aus der Ferne beobachtete, unentdeckt bliebe: Alle, die ihnen vorauf waren, sollten sie umholen; die ihnen begegneten, niederhauen, um sich bei den Anwohnern eher den Schein der Plünderer, als eines Heeres, zu geben. Er selbst schlug nach dem schnellesten Eilmarsche beinahe funfzehn tausend Schritte von Tarent sein Lager auf, und ohne auch hier den Soldaten im mindesten anzuzeigen, wohin sie gingen, schärfte er ihnen bloß bei einem Zusammenrufe ein, auf der Heerstraße zu bleiben, niemand einkehren oder im Zuge aus dem Gliede treten zu lassen, mit vorzüglicher Aufmerksamkeit jedem Befehle entgegen zu sehen, nichts ohne Gebot ihrer Vorgesetzten zu thun: wenn es Zeit sei, werde er ihnen seine Willensmeinung eröffnen. Fast in derselben Stunde traf in Tarent das Gerücht ein, daß einige wenige Numidische Reuter in den Dörfern plünderten und weit und breit die Landleute in Schrecken setzten, Auf den Römischen Befehlshaber machte die Nachricht keinen weitern Eindruck, als daß 184 er den Befehl gab, am nächsten Tage solle ein Theil der Reuterei in der ersten Frühe ausrücken, um den Plünderungen des Feindes zu steuern. Übrigens hielt man sich hiedurch so wenig zu höherer Achtsamkeit aufgefordert, daß man im Gegentheile diese Streiferei der Numider als einen Beweis ansah, daß Hannibal mit seinem Heere noch nicht aufgebrochen sei. Hannibal rückte um die Zeit des Schlafengehens aus. Sein Führer war Philemenus, wie gewöhnlich mit der Ausbeute seiner Jagd beladen. Die übrigen Verräther erwarteten, was verabredet war. Man hatte nämlich ausgemacht, Philemenus sollte, wenn er seinen Fang durch das gewöhnliche Pförtchen einbrächte, Bewaffnete mit hineinnehmen; von einer andern Seite Hannibal sich dem Thore Temenis nähern. Dies lag landeinwärts gegen Morgen, bei den Grabhügeln, welche ziemlich tief in die Ringmauer der Stadt spectabat. aliquantum intra moenia includuntur.] – Sigonius schon und beide Gronove haben es versucht, diese mangelhafte Stelle auszufüllen. Aus der Lesart des alten Cod. Putean. orientem specta best aliquantum intra moenia etc. machte Jac. Gronov : spectat, ad busta, quae Tarenti intra moenia etc. Freilich muß man aus den Worten intra moenia includuntur schließen, daß Livius dessen erwähnt haben müsse, was Polybius μνήματα nennt. Allein man mag die μνήματα des Polybius mit J. Fr. Gronov in monumenta, oder mit Jac. Gronov in busta verwandeln, es bleibt immer noch die Frage: Warum erwähnt Livius dieser Denkmale, wenn er nicht zugleich angeben will, daß sie dem Nico bei seinem Plane zu statten kamen? und überhaupt: Warum ist Nico hier bei der Verabredung der Zeichen ausgelassen, woran er doch so vielen Antheil hatte? Dies hat schon Sigonius gerügt, und Stroth pflichtet ihm bei. Man kann also nicht weiter helfen, als daß man ungefähr erräth, was hier habe gesagt sein mögen. Und vielleicht entstand die Lücke, wie so manche, durch ähnliche Endigung zweier Worte. Ich denke mir den Sinn der Stelle etwa so: Ea mediterranea regione orientem spec tabat. Ibi Nico paratam suorum manum post monumenta occul tabat, quae aliquantum intra moenia includuntur. «Dies lag landeinwärts gegen Morgen; und hier stand Nico mit seiner Schar hinter den Grabmalen in Bereitschaft, welche ziemlich weit in die Stadt hinein in die Ringmauer eingeschlossen sind.» eingeschlossen sind, Als sich Hannibal dem Thore näherte, ließ er das der Verabredung gemäß angezündete Feuer hinüberleuchten: und Nico erwiederte dies Zeichen: dann löschte man die Feuer auf beiden Seiten. Hannibal kam in aller Stille vor das Thor. Nico, der die eingeschlafenen Wachen überfiel, mordete sie auf ihrem Lager und öffnete 185 das Thor. Hannibal rückte mit seinem Fußvolke ein: die Reuterei mußte zurückbleiben, um erforderlichen Falls aus freiem Felde herbeieilen zu können. Auf der andern Seite kam auch Philemenus an das Pförtchen, wo er aus- und einzugehen pflegte. Auf seinen bekannten Ton und das schon zur Gewohnheit gewordene Zeichen erhebt sich die Schildwache, und weil er ruft, er könne die Last des großen Stückes kaum noch tragen, wird ihm das Pförtchen geöffnet. Zwei Jünglingen, die einen Eber tragen, folgt er selbst mit einem leichtbewaffneten Jäger, und durchbohrt die Schildwache, die in sorgloser Bewunderung des großen Thiers nur auf die Träger achtet, mit seinem Jagdspieße. Etwa dreißig hereineilende Soldaten machen die übrigen Wachen nieder, und hinter ihnen her rückt der Zug unter den Fahnen ein. Von hier in aller Stille nach dem Marktplatze geführt, vereinigen sie sich mit Hannibal. Hannibal schickt an der Spitze von zweitausend Galliern, die er in drei Haufen theilt, Tarentiner mit dem Befehle in der Stadt umher, die gangbarsten Straßen zu besetzen, und wenn der Lärm ausbräche, allenthalben die Römer niederzuhauen und der Bürger zu schonen. Um dies möglich zu machen, bedeutete er die jungen Tarentiner, wo sie einen ihrer Landsleute von ferne sähen, sollten sie ihm zurufen, er möge sich ruhig verhalten, schweigen, und ohne alle Besorgniß sein. 10. Schon war der Lärm und das Geschrei so laut, wie in einer eroberten Stadt, allein noch wußte niemand mit Gewißheit was es bedeute. Die Tarentiner glaubten, die Römer hätten sich zu einer Plünderung der Stadt zusammengerottet: die Römer hielten es für einen Aufstand der Bürger in irgend einer bösen Absicht. Der Befehlshaber der Besatzung, der gleich beim ersten Getümmel in Bewegung gerieth, entfloh nach dem Hafen und fuhr, in einen Kahn aufgenommen, von dort nach der Burg herum. Auch eine Trompete, die vom öffentlichen Schauplatze her sich hören ließ, erregte Schrecken. Denn es war freilich eine Römische, welche die Verräther hierzu in Bereitschaft gehalten hatten; allein da sie von einem Griechen 186 ungeschickt geblasen wurde, so wußte man eben so wenig, von wem, als wem dies Zeichen gegeben werde. Als es anfing zu tagen, da freilich ließ den Römern der Anblick der Punischen und Gallischen Waffen keinen Zweifel mehr; und die Griechen, die allenthalben erschlagene Römer liegen sahen, wußten nun, daß Hannibal die Stadt erobert habe. Sobald es völlig Tag geworden war, die dem Gemetzel entronnenen Römer sich auf die Burg geflüchtet hatten und der Tumult allmälig schwieg, bestellte Hannibal eine unbewaffnete Versammlung der Tarentiner. Sie fanden sich sämtlich ein, diejenigen ausgenommen, welche den auf die Burg weichenden Qui, cedentes in arcem, Romanos.] – Nach dieser Interpunction, welche Stroth aus Drakenborch beibehalten hat, scheint cedentes der Nominativ zu sein. Meiner Meinung nach ist die Creviersche: qui cedentes in arcem Romanos (ohne Kommata), wo cedentes als Accusativ zu Romanos gehört, die leichtere. Römern gefolgt waren, um jedes Schicksal mit ihnen zu theilen. Nach einer gütigen Anrede und Berufung auf Alles, was er an ihren beim Trasimenus oder bei Cannä gefangenen Mitbürgern gethan habe, wobei er die harte Tyrannei der Römer nicht ungerügt ließ, machte er es allen Tarentinern zur Pflicht, sich zu Hause zu halten und an ihre Hausthür ihre Namen zu schreiben; denn er werde sogleich auf ein gegebenes Zeichen die nicht bezeichneten Häuser plündern lassen. Wer vor das Quartier eines gebornen Römers – diese lagen nämlich in herrenlosen Häusern – einen Namen setzte, den werde er als Feind behandeln. Als nach entlassener Versammlung die mit Inschriften bemerkten Hausthüren den Unterschied zwischen Freundes und Feindes Wohnung kenntlich machten; zerstreuten sich Hannibals Truppen auf ein Zeichen von ihm zur Plünderung der Römischen Quartiere: und ihre Beute war beträchtlich. 11. Am folgenden Tage führte er sie zur Belagerung der Burg. Da er aber diese auf der Seite des Meeres, von dem sie größtentheils wie eine Halbinsel umflossen ist, durch sehr hohe Felsen, und von der Stadtseite durch eine Mauer und einen großen Graben geschützt sah, und daß sie eben darum so wenig durch Sturm, als durch Werke 187 zu erobern stehe: so beschloß er, damit weder ihn selbst die Sorge, die Tarentiner zu schützen, von wichtigern Dingen abhielte, noch auch die Römer von der Burg aus, so oft sie wollten, über die ohne große Besatzung zurückgelassenen Tarentiner herfallen könnten, die Stadt von der Burg durch einen Wall abzuschneiden; wobei sich ihm zugleich die Hoffnung zeigte, den Römern, wenn sie die Arbeit verhindern wollten, beizukommen, und wenn sie sich zu keck herausmachten, durch eine tüchtige Schlappe die Stärke der Besatzung so zu schwächen, daß die Tarentiner für sich selbst ihre Stadt leicht vor ihnen schützen könnten. Als die Arbeit begann, stürzten die Römer aus dem sich plötzlich öffnenden Thore auf die Schanzenden hervor; und der Posten, der die Arbeiter deckte, ließ sich verdrängen, damit die Feinde durch den Erfolg dreister werden und in größerer Anzahl und so viel weiter hinaus die Geschlagenen verfolgen möchten. Jetzt aber erhoben sich die von Hannibal dazu aufgestellten Punier auf ein gegebenes Zeichen von allen Seiten. Die Römer hielten den Angriff nicht aus: allein der enge Raum und die mancherlei Sperrungen, hier von dem schon angefangenen Werke, dort von den Vorkehrungen dazu, erschwerten ihnen die freie Flucht. Sehr viele stürzten in den Graben, und sie verloren mehr auf der Flucht, als im Gefechte. Seitdem ging auch die Arbeit ohne alle Störung vor sich. Ein großer Graben wurde gezogen, und diesseits ein Wall aufgeführt; ja Hannibal ging daran, in einer mäßigen Entfernung noch auf eben dieser Seite hinter demselben eine Mauer aufzustellen, damit sich die Bürger auch ohne ein Hülfskohr gegen die Römer behaupten könnten. Dennoch ließ er ihnen eine mäßige Besatzung zurück, zugleich auch, damit ihnen diese bei der anzulegenden Mauer helfen sollte. Nach seinem Aufbruche mit den übrigen Truppen schlug er am Flusse Galäsus – er ist fünftausend Schritte von der Stadt entfernt – sein Lager auf. Als das Werk, zu dessen Besichtigung er aus diesem Standlager zurückkam, über seine Erwartung schnell vorgerückt war, so glaubte er, auch die Möglichkeit zu sehen, die 188 Burg zu erobern. Und sie ist vom Lande her Et est non altitudine, ut cetera, tuta.] – Ich lese so: Et est non altitudine a terra tuta. Die Lesart ut cetera entstand aus dem fehlerhaft gelesenen a terra. Wenn der Abschreiber at zusammennahm und es für ut las, so blieb ihm nichts übrig, als das unerklärliche erra für eine Abbreviatur von cetera zu nehmen. Daß die Burg nach dem Lande zu nicht altitudine tuta gewesen sei, behauptet Liv. hier als Gegensatz von dem, was er im Anfange dieses Cap. gesagt hatte: et mari – praealtis rupibus – septam videret. Auch dort wollte Gron. lesen: et a mari. nicht so durch ihre Höhe gesichert, sondern liegt hier auf einer Ebene, und ist von der Stadt bloß durch Mauer und Graben geschieden. Als sie schon mit Maschinen aller Art und aus Werken bestürmt wurde, machte eine aus Metapontum geschickte Verstärkung den Römern so viel Muth, daß sie bei Nacht die feindlichen Werke überfielen. Einige zertrümmerten, andre verbrannten sie. Und nun hatten Hannibals offenbare Angriffe auf die Burg Ea parte.] – Sollten diese zwei Wort vielleicht aus aperte entstanden sein? ein Ende. Die einzige Hoffnung beruhete noch auf der Einschließung; aber auch sie versprach nur wenig Erfolg, weil die Besitzer der Burg, welche durch ihre Lage auf der Halbinsel den Eingang des Hafens beherrscht, das Meer frei hatten, da hingegen der Stadt die Zufuhr zur See abgeschnitten, und die Belagerer dem Mangel eher ausgesetzt waren, als die Belagerten. Da setzte Hannibal den vornehmsten Tarentinern, die er zusammenkommen ließ, alle gegenwärtigen Schwierigkeiten aus einander. «Er sehe weder ein Mittel, eine so feste Burg zu erobern, noch rechne er im geringsten auf die Einschließung, so lange der Feind im Besitze des Meeres sei. Wenn man Schiffe habe, ihm die Einfuhr der Lebensmittel zu wehren, so müsse er sogleich entweder abziehen, oder sich ergeben.» Die Tarentiner stimmten ihm bei, meinten aber: «Wer zu einer Sache rathe, müsse ihr auch durch sein Zuthun zu Hülfe kommen. Wenn er Punische Schiffe aus Sicilien zusammenzöge, so würden diese das bewerkstelligen können: wie aber ihre eigenen Schiffe, die im Innern einer kleinen Bucht eingeschlossen ständen, es möglich machen wollten, da der Feind den Hafen geschlossen halte, auf 189 das offene Meer hinaus zu kommen?» – «Sie sollen hinaus kommen!» sprach Hannibal. «Manche der Natur nach schwierige Aufgabe löset die Klugheit. Ihr habt eine Stadt, die in einer Fläche liegt. Ihre ebenen und hinlänglich breiten Straßen sind nach allen Seiten hin offen. Auf dem Wege, der vom Hafen Via, quae in portum.] – Ich glaube, der Sache selbst und des Polybius εκ του̃ λιμένος gemäß, mit Sigonius und Crevier lesen zu müssen: Via, quae ex portu. Dieser Lesart nähern sich auch zwei Handschriften, in welchen sich Via, quae est in portu findet. mitten durch die Stadt bis zum Meere durchgeführt ist, will ich die Schiffe ohne große Schwierigkeit auf Wagen hinüberschaffen. Dann wird einmal das Meer, das jetzt die Feinde beherrschen, unser sein; zum andern werden wir die Burg von dort aus zur See, von hier aus zu Lande einschließen. Was gilts? in Kurzem werden wir sie, entweder von den Feinden geräumt, oder mit samt den Feinden in unsrer Gewalt haben.» Diese Sprache weckte bei ihnen nicht bloß die Hoffnung zur Ausführung, sondern erfüllte sie auch mit einer außerordentlichen Bewunderung des Feldherrn. Sogleich wurden von allen Seiten Wagen zusammengebracht und an einander gebunden: man brachte Walzen an, die Schiffe auf das Ufer zu heben, und pflasterte zur Erleichterung der Überfahrt für die Wagen und größere Vorkehrungen zu ersparen, den Weg. Man bot Zugvieh und Menschen auf, ging mit Eifer an das Werk; und nach wenig Tagen segelte die Flotte bemannet und fertig um die Burg herum und legte sich gerade vor der Mündung des Hafens vor Anker. In diesem Zustande hinterließ Hannibal Tarent, als er in die Winterquartiere zurückging. Ob übrigens der Abfall der Tarentiner im vorigen, oder in diesem Jahre zu Stande gekommen sei, darüber sind die Geschichtschreiber nicht einig. Die meisten und, ihrer Lebzeit nach, der aufzubehaltenden Begebenheit die nächsten, setzen ihn in dieses Jahr. 12. Zu Rom wurden die Consuln und Prätoren bis zum siebenundzwanzigsten April durch die Latinischen 190 Opferfestlichkeiten aufgehalten. Nachdem sie aber an diesem Tage die Feier auf dem Albanischen Berge begangen hatten, ging jeder zum Orte seiner Bestimmung ab. Jetzt fand man in den Liedern des Marcius einen neuen Gegenstand frommer Beherzigungen. Dieser Marcius war ein berühmter Prophet gewesen, und seine Lieder waren, als im vorigen Jahre vermöge eines Senatsschlusses die Aufsuchung von Schriften dieser Art Statt hatte, dem Stadtprätor Marcus Atilius, der dies Geschäft besorgte, in die Hände gekommen. Er hatte sie dann weiter dem neuen Prätor Sulla abgeliefert. Von zwei Prophezeihungen dieses Marcius verschaffte das vom eingetroffenen Erfolge begleitete Ansehen der einen, erst nach der Erfüllung bekannt gewordenen, auch der zweiten Glauben, deren Zeit noch nicht gekommen war. In dem ersten Liede war die Niederlage bei Cannä ungefähr mit folgenden Worten verkündigt: « Troischer Sprößling, Römer, vermeide den Strom Cannä; daß dich nicht Fremdlinge zwingen, im Felde des Diomedes handgemein ihnen zu werden. Wiewohl du wirst mir nicht glauben, bis du mit deinem Blute die Felder dort überfüllt hast, und der Strom so manches Tausend erschlagener Deinen von fruchtbringender Erde dem großen Meere zuführt, und den Fischen und Vögeln und landbewohnendem Wilde dein Fleisch wird zur Speise, wie Jupiter mir geredet.» Hier fanden diejenigen, welche in jenen Gegenden Kriegsdienste gethan hatten, die Felder des Argivers Diomedes und den Strom Cannä eben so richtig angegeben, als die Niederlage selbst. Darauf wurde auch die zweite Prophezeihung vorgelesen. Sie war nicht allein dunkler als jene, insofern die Zukunft größere Ungewißheit hat, als die Vergangenheit, sondern auch noch verwickelter in der Abfassung. «Wollt ihr, Römer, den Feind aus eurem Hostem, Romani, si expellere.] – Ich folge der Lesart des Macrobius: Hostem, Romani, si ex agro expellere vultis. Stroth führt ihn ebenfalls an, aber unrichtig: ex agro pellere. Lande vertreiben, und das Geschwür, das weit aus fremden 191 Völkern daherkam, müßt ihr, das ist mein Rath, dem Apollo Spiele geloben, jegliches Jahr sie feiren und willig, Apollo zu Ehren. Hat das gesamte Volk vom gemeinen Schatze gegeben? lege der Einzelnen Jeder dazu für sich und die Seinen. Bei den zu haltenden Spielen gehört der Vorsitz dem Prätor, welcher gesamtem Volk' und Bürgern das höchste Recht spricht. Zehnherren bringen ihm Opferthiere nach Griechischer Weise. Thut ihr das, wie sichs gebühret, so werdet ihr immer euch freuen, und euer Zustand wird besser. Denn Er, der Göttliche, wird sie tilgen, die euch bekriegen und eure Felder gemächlich jetzt abweiden.» Man nahm sich einen Tag dazu, diese Weissagung zu deuten. Am folgenden Tage wurde der Senatsschluß abgefaßt, daß die Zehnherren über die dem Apollo anzustellenden Spiele und Opfer in den heiligen Büchern nachschlagen sollten. Als über diese Punkte nachgesehen und an den Senat berichtet war, erklärten die Väter: «Dem Apollo sollten Spiele verheißen und angestellt werden, und wenn die Spiele gefeiert wären, sollten dem Prätor zu Ausrichtung der heiligen Handlung zwölftausend Etwa 366 Gulden Conv. M. Kupferass und zwei große Opferthiere verabfolgt werden.» Ein zweiter Senatsschluß lautete dahin: «Die Zehnherren sollten das Opfer nach Griechischer Weise vollziehen und mit folgenden Opferthieren: dem Apollo mit einem Ochsen mit vergoldeten Hörnern, der Diana Bove aurato et capris duabus albis.] – Ich lese et capris Dianae duabus albis, weil ich vermuthe, daß das Wort diane wegen seiner Ähnlichkeit mit dem folgenden duab 9 ausgefallen sei. Jac. Gronov, welchem auch Crevier beitritt, bemerkt, daß sich dieser Fehler schon früh in die Exemplare des Livius eingeschlichen haben müsse, weil auch Macrobius der gewöhnlichen unrichtigen Lesart folgt. Drakenborch sucht durch zwei Einwendungen die gewöhnliche Lesart zu vertheidigen. 1) In den carminibus Marcii stehe kein Wort von der Diana, warum wir sie also hier einschieben wollten? Ich antworte: In des Marcius Liede kommt auch keine Silbe von der Latona vor, und dennoch wurde sie aus den näheren Nachweisungen, welche die Sibyllinischen Bücher über diese Opfer gaben, im Senatusconsulte mit dem Apollo zugleich genannt. Sollte Drakenborch's Grund gelten, so müßten wir auch die Worte: Latonae bove femina aurata hier wegstreichen. 2) Er glaubt, aus Homers bekannter Stelle (Iliad. A) vom Priester Chryses, aus den Worten ταύρων ηδ' αιγω̃ν darzuthun, daß dem Apollo auch Ziegen geopfert sein müßten. Allein die αι̃γες, die dem Apoll geopfert werden konnten, waren ja λευκοὶ, nicht aber λευκαὶ, und Livius sagt ausdrücklich du a bus. Es muß also an unsrer Stelle nicht von einem Gotte, sondern von einer Göttinn die Rede sein. Ich setze noch hinzu: Da, wo Apollo und Latona Opfer bekommen, pflegt Diana nicht zu fehlen; sie gehörte immer als die dritte zu der Mutter mit ihren zwei Kindern. (Man sehe V. 13. ) Nach der Religion der Alten wäre dies eine Zurücksetzung der Diana gewesen, die man als ein numen summe irritabile (wer denkt nicht an die Kalydonische Eberjagd?) zu beleidigen sich scheuen mußte. mit zwei weißen 192 Ziegen, eben so vergoldet, der Latona mit einer eben so vergoldeten Kuh.» Als der Prätor die Spiele auf der großen Rennbahn anstellen wollte, machte er bekannt, daß jeder im Volke während dieser Spiele zu einer Steuer für den Apollo nach Gutbefinden beitragen möchte. Dies ist der Ursprung der Apollinarischen Spiele, welche in Hoffnung des Sieges, nicht der Gesundheit, wie die meisten glauben, gelobet und angestellt wurden. Das Volk sah ihnen in Kränzen zu; die Frauen von Stande gingen zum Gebete in die Tempel: allenthalben speiste man bei offenen Thüren auf den Vorplätzen und beging den Tag mit heiligen Feierlichkeiten aller Art. 13. Als Hannibal in der Gegend von Tarent, und die beiden Consuln zwar noch in Samnium standen, allein schon auf die Einschließung von Capua zu denken schienen, da litten die Campaner, was sonst nur die schlimme Folge einer anhaltenden Belagerung zu sein pflegt, schon jetzt eine Hungersnoth weil die Römischen Heere sie verhindert hatten, die Sat zu bestellen. Also schickten sie an Hannibal Gesandte mit der Bitte, ehe die Consuln mit den Legionen ihnen ins Land rückten und alle Wege von feindlichen Truppen besetzt würden, aus den benachbarten Orten Getreide nach Capua zusammenfahren zu lassen. Hannibal hieß den Hanno mit seinem Heere aus Bruttien nach Campanien übergehen und dafür sorgen, daß die Campaner mit Getreide versehen würden. Sobald Hanno, der auf dem Zuge aus Bruttien mit seinem Heere jedem feindlichen Lager und den in Samnium stehenden Consuln auswich, in die Nähe von Beneventum kam, bezog er dreitausend Schritte von der Stadt selbst sein Lager auf einer 193 Anhöhe. Von hier ließ er, unter mitgegebener Bedeckung für die Fuhren, aus den verbündeten Völkern der Nachbarschaft das während des Sommers hier zusammengebrachte Getreide in sein Lager fahren, und meldete von da aus nach Capua den Tag, an welchem sie zur Übernahme des Getreides mit Fuhrwerken und Lastthieren aller Art, so viel sie in den Dörfern zusammenbringen könnten, in seinem Lager sich einzufinden hätten. Die Campaner betrieben die Sache mit ihrer gewöhnlichen Sorglosigkeit und Nachlässigkeit. Sie schickten kaum etwas über vierhundert Wagen und außerdem wenige Lastthiere. Hanno, der dies mit dem Verweise rügte, daß bei ihnen auch nicht einmal der Hunger die Achtsamkeit spornen könne, der doch das unvernünftige Vieh in Thätigkeit setze, bestimmte ihnen einen andern Tag, an dem sie das Getreide nach ernstlicheren Vorkehrungen abholen sollten. Da die Beneventaner vom ganzen Vorgange der Sache Nachricht bekamen, so schickten sie sogleich – das Römische Lager stand in der Gegend von Bovianum – dorthin zehn Gesandte an die Consuln. Als diese, auf die Anzeige von den Auftritten zu Capua, übereingekommen waren, daß der eine von ihnen mit dem Heere nach Campanien ziehen sollte, so brach Fulvius, dem diese Unternehmung zugefallen war, sogleich auf und rückte bei Nacht in Beneventum ein. Hier erfuhr er in der Nähe, daß Hanno mit einem Theile des Heers auf Getreideholung ausgegangen sei, daß er durch seinen Zahlmeister den Campanern Getreide geliefert habe, daß bei ihm zweitausend Wagen nebst einem Haufen ungeschlossener Mannschaft und andern Unbewaffneten eingetroffen seien, daß Alles in Auflauf und Verwirrung und die ganze Gestalt des Lagers und alle soldatische Ordnung durch die aus jenen Gegenden hereingeströmten Landleute aufgehoben sei. Als sich der Consul hierüber gehörig unterrichtet hatte, kündigte er seinen Soldaten an, auf die nächste Nacht bloß Fahnen und Waffen bereit zu halten; es gelte einem Sturme aufs Punische Lager. Als sie; mit 194 Hinterlassung ihrer Bündel und lästigen Geräthe zu Beneventum, wo sie um die vierte Nachtwache aufbrachen, kurz vor Tage bei dem Lager ankamen, jagten sie hier Alles so in Schrecken, daß sie es gewiß im ersten Angriffe hätten erobern können, wenn es in der Ebene gelegen hätte. So aber war es durch seine Höhe und Bollwerke geschützt, welche auf allen Seiten nur einen steilen und schwierigen Zugang gestatteten. Mit Tagesanbruch begann ein heftiges Gefecht; und die Punier behaupteten nicht nur ihr Lager, sondern warfen auch, weil ihnen ihr Standort den Vortheil gab, die steil heranklimmenden Feinde hinab. 14. Allein ausdaurende Tapferkeit besiegte jedes Hinderniß und man drang an mehreren Stellen zugleich bis an den Wall und die Graben, wiewohl nicht ohne viele Wunden und Verlust an Leuten. Deswegen erklärte auch der Consul den zusammenberufenen Obersten: «Man müsse von dem zu gewagten Unternehmen abstehen. Er halte es für das Sicherste, für heute das Heer nach Beneventum zurückzuführen, und sich dann morgen dicht an das Lager der Feinde zu legen, damit die Campaner eben so wenig dort weggehen, als Hanno sich zurückziehen könne. Um dies so viel leichter zu bewirken, wolle er auch seinen Amtsgenossen und dessen Heer an sich ziehen und dem vereinten Angriffe diese Richtung geben.» Allein als er schon zum Abzuge blasen ließ, warf das Geschrei, mit dem die Soldaten einen so muthlosen Befehl zurückwiesen, diese Maßregel des Feldherrn über den Haufen. Einem der feindlichen Thore zunächst stand eine Cohorte Peligner. Ihr Oberster, Vibius Accuaus, ergriff eine Fahne und warf sie in die Verschanzung der Feinde. Und unter Flüchen, die er auf sich und seine Cohorte herabrief, wenn diese Fahne in feindlichen Händen bliebe, brach er selbst voran über Graben und Wall in das Lager. Schon fochten die Peligner innerhalb des Pfahlwalles, schon machte auf der Seite gegenüber der Oberste der dritten Legion, Valerius Flaccus, seinen Römern einen Vorwurf über die Feigheit, mit der sie die Ehre von der Eroberung des Lagers ihren 195 Verbündeten überließen; da nahm Titus Pedanius, erster Hauptmann der zweiten Linie, einem Fahnenträger das Feldzeichen und rief: «Gleich sollen diese Fahne und dieser Hauptmann im feindlichen Lager stehen! Wer dem Feinde die Eroberung der Fahne nicht gönnt, der folge mir!» Die Soldaten von seiner Rotte waren die ersten, die ihm über den Graben nachstiegen; dann folgte die ganze Legion. Ja der Consul selbst, der, sobald er jene den Wall ersteigen sah, mit Abänderung seines Plans, vom Abrufen zum Auffordern und Ermuntern überging, zeigte den Soldaten jetzt die dringende Gefahr, in der sich Cohorte und Legion der tapfersten Bundesgenossen und Bürger befanden. Da stiegen sie über ebene und unebene Stellen, mochten ihnen die Feinde unter einem Pfeilregen von allen Seiten Waffen und Menschen entgegenpflanzen, Alle ohne Ausnahme vorwärts und brachen ein. Viele Verwundete, auch solche, denen Blut und Kräfte schwanden, boten noch Alles auf, in den feindlichen Verschanzungen zu fallen. So war das Lager im Umsehen erobert, als hätte es ohne die starken Werke in einer Ebene gestanden. Im Innern desselben trat nun, bei dem so vielfachen Gemische von Leuten, an die Stelle des Gefechts das Gemetzel. Über sechstausend Feinde wurden getödtet; über siebentausend Menschen nebst den Campanischen Getreidefahrern und das ganze Aufgebot von Wagen und Lastvieh geriethen in die Gefangenschaft. Auch die übrige Beute war ansehnlich, welche Hanno, der allenthalben auf seinem Zuge plünderte, aus den Dörfern Römischer Bundesgenossen hier zusammengeschleppt hatte. Von dem niedergerissenen feindlichen Lager kehrte man nach Beneventum zurück, wo beide Consuln – denn wenig Tage nachher traf hier auch Appius Claudius ein – die Beute verkauften und austheilten. Auch wurden die beschenkt, durch deren Verdienst das feindliche Lager erobert war, vor andern der Peligner Accuaus und Titus Pedanius aus der zweiten Linie der dritten Legion. Hanno nahm von Cominium Ceritum, wohin ihm der Verlust seines Lagers gemeldet wurde, mit den wenigen 196 Feldplünderern, die er gerade bei sich hatte, seinen Rückweg, mehr nach Art einer Flucht, als eines Marsches, ins Bruttische . 15. Auch die Campaner beschickten auf die Nachricht von ihrem und ihrer Bundesgenossen Verluste den Hannibal wieder durch Gesandte, welche ihm sagen mußten: «Zwei Consuln ständen bei Beneventum, eine Tagereise von Capua: sie hätten den Krieg fast dicht an ihren Thoren: komme er nicht schleunig zu Hülfe, so werde Capua noch schneller, als Arpi, in der Römer Händen sein. Tarent selbst nicht, geschweige denn das bloße Schloß, dürfe ihm so viel werth sein, daß er Capua, welches er sonst immer der Stadt Carthago an die Seite gesetzt habe, darüber verabsäume und es unvertheidigt dem Römischen Volke überliefere.» Hannibal ließ mit dem Versprechen, für Capua zu sorgen, für jetzt zweitausend Mann Reuterei mit den Gesandten zurückgehen, damit sie ihr Gebiet vor Plünderungen decken könnten. Unterdeß sorgten die Römer, wie für so manches Andere, auch für die Burg von Tarent und die dort eingeschlossene Besatzung. Der Legat Cajus Servilius, den der Prätor Publius Cornelius auf ein Gutachten der Väter zum Aufkaufe von Getreide nach Hetrurien schickte, lief mit mehreren beladenen Schiffen zwischen den feindlichen Posten durch im Hafen von Tarent ein. Waren die Römer vor seiner Ankunft, bei ihrer geringen Hoffnung auf Hülfe, von den Feinden oft in Gesprächen zum Übergeben aufgefordert, so war jetzt die Reihe, die Feinde aufzufordern und zu sich herüber zu rufen, an ihnen. Da auch zum Schutze der Burg von Tarent die Truppen aus Metapontum hieher verlegt waren, so war die Besatzung stark genug. Kaum aber sahen sich die Metapontiner der Furcht, welche sie gefesselt hatte, entledigt, so fielen sie an den Hannibal ab. Dasselbe thaten an eben dieser Küste auch die Thuriner. Es war nicht sowohl der Abfall der Tarentiner, der auf sie wirkte, oder der der Metapontiner, ob sie gleich mit letztern, außer der 197 gemeinschaftlichen Abstammung aus Achaja, auch verwandt waren, als die Erbitterung gegen die Römer wegen der neulich hingerichteten Geisel. Die Freunde und Verwandten von diesen Eorum amici cognatique.] – Mit den Metapontinern hatten die Thuriner einerlei Abstammung, nämlich aus Achaja, nicht mit den aus Lacedämon gekommenen Tarentinern. Mit den ihnen näher wohnenden Metapontinern waren die Thuriner verwandt, nicht mit den entfernteren Tarentinern, die noch über Metapont hinaus in der nordöstlichen Ecke des Tarentiner Meerbusens wohnten, dahingegen Thurii in der entgegengesetzten südwestlichen Ecke jenes Busens stand. Nun waren aber Cap. VII. §. 11. keine Metapontinische Geisel von den Römern hingerichtet, daß man etwa annehmen könnte, die Thuriner hätten als Verwandle der Metapontiner selbst einige von den Ihrigen bei jener Hinrichtung der Geisel verloren, sondern so wie jetzt der Text lautet, bloß Tarentinische. Aus diesem Grunde vermuthe ich, es müssen oben Cap. VII. §. 11. hinter den Worten ad obsides Tarentinos die beiden Worte et Thurinos weggefallen sein. Diese Vermuthung bekommt einige Wahrscheinlichkeit 1) wegen der Ähnlichkeit der Worte Tarentinos und Thurinos; 2) besticht dort Phileas im Atrium Libertatis, wo die Geisel gehütet werden, zweierlei Wächter; ich meine, den der Tarentinischen und den der Thurinischen Geisel; 3) sagt Livius gleich nachher Cap. VIII. ausdrücklich: Huius atrocitas poenae duarum nobilissimarum in Italia Graecarum civitatium animos irritavit, quum publice, tum etiam singulos privatim, ut quisque tam foede interemtos aut propinquitate, aut amicitia contingebat. Können wir es vermuthen, daß er uns erst Cap. XXV. darüber belehren wird, welches diese Zweite Griechische Stadt war? Ist es möglich, daß wir bei den Worten singulos privatim, ut quisque tam foede interemtos aut propinquitate u. s. w. an die über die Hinrichtung ihrer Verwandten erbitterten Thuriner denken können, wenn er bloß von Tarentinern geredet hatte? Dieser Vorwurf träfe ihn dann nicht, wenn er bei den Worten ad obsides Tarentinos hinzugesetzt hätte: et Thurinos. ließen dem Hanno und Mago, welche in der Nähe in Bruttien standen, durch Briefe und Abgeordnete wissen: «Wenn sie mit einem Heere vor ihre Mauern rückten, so wollten sie ihnen die Stadt in die Hände spielen.» Marcus Atinius war zu Thurii Befehlshaber mit einer mäßigen Besatzung. Sie glaubten, er werde sich sehr leicht zum ersten besten Kampfe aus der Stadt locken lassen, nicht sowohl im Vertrauen auf seine Soldaten, – deren hatte er sehr wenige – als auf die Thurinische Mannschaft, die er nicht ohne Absicht in Centurien gereihet und bewaffnet hatte. Als die Punischen Feldherren ihre Truppen unter sich getheilt hatten, ging Hanno bei ihrem Eintritte in das Thurinische mit dem Fußvolke als der Angreifende gegen die Stadt selbst. Mago blieb mit der Reuterei, um seinen 198 Hinterhalt zu verstecken, hinter vortretenden Hügeln stehen. Atinius, der durch seine Kundschafter nur von heranziehendem Fußvolke gehört hatte, rückte zur Schlacht aus, mit der Falle, die ihm in der Stadt bereitet wurde, eben so unbekannt, als mit dem feindlichen Hinterhalte. Das Gefecht der Fußvölker nahm einen zögernden Gang, weil im Vordertreffen nur die wenigen Römer fochten, die Thuriner hingegen den Erfolg mehr abwarteten, als unterstützten; und die Carthagische Linie zog sich geflissentlich zurück, um den nichts ahnenden Feind an den Rücken des von ihrer Reuterei besetzten Hügels zu ziehen. Als sie hier ankamen, jagte sogleich die mit Geschrei hervorbrechende Reuterei den regellosen Schwarm der Thuriner, der ohnehin auf der Partei, auf deren Seite er focht, mit wankender Treue stand, in die Flucht. Die umzingelten Römer, ob ihnen gleich auf der einen Seite Fußvolk, auf der andern Reuterei zusetzte, hielten dennoch das Gefecht eine Zeitlang hin. Endlich kehrten auch sie den Rücken und flüchteten der Stadt zu. Kaum hatte die sich hier zusammendrängende Truppe von Verräthern ihre Mitbürger in die offenen Thore aufgenommen, so schrie sie, als sie die geschlagenen Römer der Stadt zueilen sah, «die Punier wären hinter ihnen, und wenn man nicht eilig die Thore schlösse, würden auch die Feinde, mit ihnen in Einem Haufen, in die Stadt dringen.» Und so gaben sie die ausgeschlossenen Römer dem Feinde zum Niederhauen preis: doch ließen sie den Atinius mit einigen Wenigen ein. Nun begann ein bald vorübergehendes Gezänk, da die Einen sich erklärten, man müsse die Stadt behaupten, jene aber von der andern Seite, man müsse den Umständen nachgeben und die Stadt den Siegern überlassen. Das Schlimmere, im Erfolge wie der Absicht nach, behielt, wie gewöhnlich, die Oberhand. Sie führten den Atinius mit den Seinigen, mehr aus Wohlwollen gegen ihn, weil er sie mit Güte und Gerechtigkeit behandelt hatte, als aus Rücksicht auf die Römer, an den Strand hinab zu den Schiffen, und nahmen die Carthager in die Stadt. 199 Die Consuln führten von Beneventum ihre Legionen in das Gebiet von Capua, nicht bloß die Sat zu verderben, die schon im Kraute stand, sondern Capua selbst anzugreifen: ihrem Consulate, glaubten sie, würde die Eroberung einer so mächtigen Stadt einen Namen machen, und zugleich würden sie ihren Stat von dem schimpflichen Vorwurfe befreien, daß er den Abfall einer so nahen Stadt schon drei Jahre lang ungestraft gelassen habe. Um indeß Beneventum nicht ungeschützt zu lassen, zugleich auch um auf unvorhergesehene Fälle, wenn etwa Hannibal, was man sicher von ihm erwartete, zur Rettung seiner Verbündeten gegen Capua heranzöge, ihrer Reuterei gegen seine Überlegenheit ein Gleichgewicht zu geben, befahlen sie dem Tiberius Gracchus mit seiner Reuterei und den leichten Truppen aus Lucanien nach Beneventum zu kommen; und um die Behauptung Lucaniens nicht aufzugeben, solle er den Oberbefehl über die Legionen und sein dortiges Standlager einem Andern übertragen. 16. Gracchus hatte, als er vor seinem Aufbruche aus Lucanien opferte, eine traurige Vorbedeutung. Zwei Schlangen, welche nach Vollendung des Opfers, man sah nicht, woher, zu den Eingeweiden hinschlüpften, fraßen die Leber, und als man sie bemerkte, waren sie plötzlich verschwunden. Als man auf der Opferschauer Erinnerung das Opfer wiederholte und die Exta reserata servarentur.] – Diese Lesart wird von allen Critikern, ich glaube, mit Recht, verworfen. Stroth folgt der Florent., Cambridg. und Creviers Handschrift, welche reserata ganz weglassen, und bloß reservarentur lesen. Mir scheint in diesen ein der Lesart reserata ähnliches Wort, eben dieser Ähnlichkeit wegen, weggefallen zu sein. Die Versuche eines Salmasius, Gronov, Drakenborch bestätigen meine Vermuthung. Eine von Hearne's Handschriften las exta resecata servarentur. Daraus will Drakenborch prosecta lesen. Dies würde, wie es von einem Drakenborch zu erwarten steht, der einzig wahre Ausdruck sein, wenn hier die exta beim Opfer selbst zur Besichtigung vorgelegt werden sollten. Ich möchte mich lieber noch näher an den alten Codex. Putean. anschließen, welcher resereservarentur lieset, und exta resecta servarentur lesen. An unsrer Stelle, sollen die exta nicht vorgelegt werden, non prosecantur; sondern, nachdem sie ausgenommen sind, weggesetzt und aufgehoben werden: und dies liegt, wenn ich nicht irre, in resecta servarentur, welches auch den Lesarten resecata und reseres am nächsten kommt. ausgenommenen Eingeweide sorgfältiger verwahrte, sollen sich die 200 Schlangen zum zweiten- und drittenmale eingestellt, die Leber angefressen und ohne daß man ihnen beikommen konnte, sich davon gemacht haben. Ob ihm nun gleich die warnenden Opferschauer andeuteten, daß dies Vorzeichen dem Feldherrn gelte, und sich Gracchus vor versteckten Menschen und deren Rathe zu hüten habe, so ließ sich doch das hereinbrechende Schicksal durch alles Vorherwissen nicht abändern. Ein Lucaner, Flavius, war das Haupt derjenigen Lucanischen Partei, welche es, da die andre zum Hannibal übergetreten war, mit den Römern hielt: er stand schon seit einem Jahre im Amte, da er ebenfalls durch jene zum Prätor gewählt war. Plötzlich änderte der Mann seine Gesinnung, und da er sich beim Hannibal beliebt machen wollte, so glaubte er noch nicht genug zu thun, wenn er selbst überginge und die Lucaner zum Abfalle vermöchte, wenn er nicht auch seiner Verbindung mit den Feinden mit dem Leben und Blute eines verrathenen Feldherrn, der zugleich sein Gastfreund war, die Unverbrüchlichkeit gäbe. Heimlich ging er zu einer Unterredung mit Mago ab, der im Bruttischen den Oberbefehl hatte; und auf die von ihm erhaltene Zusage, wenn er ihnen den Römischen Feldherrn lieferte, so sollten die Lucaner bei ihren Gesetzen als freie Leute zu Verbündeten aufgenommen werden, führte er den Punischen Feldherrn an eine Stelle, wohin er den Gracchus mit einem schwachen Gefolge bringen wollte Locum, quo – – occuleret, iubet.] – Das Wort iubet fehlt in allen Msc. Ich stelle also aus Stroth, Gronov und Crevier, deren Vermuthungen und Handschriften ich theilweise folge, diese Lesart auf: deducit Poenum in locum, quo erat cum paucis Gracchum adducturus. Mago, ubi pedites equitesque armasset, caperet eas latebras, ubi ingentem numerum occuleret. Loco satis inspecto etc. . Mago sollte sowohl mit Fußvolk als Reuterei zum Kampfe fertig, diejenigen Schlupfwinkel besetzen, in denen sich eine große Anzahl verstecken ließe. Als sie den Platz gehörig in Augenschein genommen und von allen Seiten untersucht hatten, bestimmten sie den Tag der Ausführung. Flavius kam zum Römischen Feldherrn. Er sagte: «Er habe eine Sache von Wichtigkeit eingeleitet, zu deren 201 Vollendung der Zutritt des Gracchus selbst erforderlich sei. Er habe die Prätoren der sämtlichen Völker, welche in jenem allgemeinen Aufstande Italiens zu den Puniern übergegangen waren, beredet, zur Verbindung mit Rom zurückzukehren, weil doch auch der Römische Stat, der durch das Unglück von Cannä dem Untergange so nahe gebracht sei, von Tage zu Tage glücklicher und stärker werde; Hannibals Kraft hingegen im Abnehmen sei und fast zum Nichts herabsinke. Das Römische Volk werde gegen ein ehemaliges Vergehen nicht unversöhnlich sein. Nie habe sich ein Volk leichter erbitten und zum Verzeihen bereitwilliger finden lassen. Wie oft sie selbst ihren Vorfahren die erneuerten Kriege verziehen hätten? Dies, sagte er, habe er ihnen vorgestellt: indeß wünschten sie, wenn auch nur dasselbe, doch lieber vom Gracchus selbst zu hören, den Handschlag von ihm in Person zu bekommen, und als Unterpfand der Treue mitzunehmen. Zur Verabredung habe er ihnen einen Ort bestimmt, wo man ungesehen sei, nicht weit vom Römischen Lager. Hier könne die Sache mit wenig Worten abgethan werden, deren Erfolg der Beitritt aller Lucaner zur Freundschaft und zum Bündnisse mit Rom sein werde.» Gracchus, der so wenig in dieser Rede, als in der Sache selbst, eine List zu finden glaubte, rückte mit seinen Lictoren und einem Geschwader Reuterei aus dem Lager, und fiel, von seinem Gastfreunde geleitet, in den Hinterhalt. Plötzlich brachen die Feinde hervor, und um den Verrath unbezweifelt zu machen, schloß Flavius an diese sich an. Von allen Seiten fliegen Pfeile auf den Gracchus und seine Ritter. Gracchus springt vom Pferde, heißt die Andern eben das thun und ermahnt sie: «Das Einzige, was ihnen das Schicksal übrig gelassen habe, durch Tapferkeit ehrenvoll zu machen. Was aber einer kleinen, von einer Menge in einem durch Waldung und Gebirge verschlossenen Thale umringten, Schar weiter übrig sei, als der Tod? Nur das mache einen Unterschied, ob sie, sich selbst hingebend, und wie das Vieh ungerächet, sich abschlachten lassen, oder ob sie, ohne einem Gedanken an Stillhalten 202 und an Abwartung des Ausgangs Raum zu geben, nur Angriff und Rache athmend, voll reger Kraft und Muth, in feindlichem Blute gebadet, zwischen hochaufgehäuften Waffen und Körpern ihrer sterbenden Todfeinde fallen wollten. Sie möchten Alle auf den Lucanischen Verräther und Überläufer halten. Wer den als Opferthier vor sich her zur Unterwelt hinabschicke, werde sich ausgezeichneten Ruhm und einen herrlichen Ersatz für eigenen Tod erkaufen.» Nachdem er sich bei diesen Worten den Feldmantel um den linken Arm gewickelt hatte – denn auch nicht einmal Schilde hatten sie mitgenommen – stürzte er auf die Feinde ein. Das Gefecht breitete sich weiter aus, als es sich von einer so kleinen Anzahl erwarten ließ. Vorzüglich waren es die Wurfspieße, welche den Römern die unbedeckten Körper durchbohrten: und der Feind hatte allenthalben von den Höhen den Wurf in das hohle Thal. Die Punier boten Alles auf, den von Vertheidigern schon entblößten Gracchus lebend in ihre Gewalt zu bekommen. Er aber, als er jetzt seinen Lucanischen Gastfreund unter den Feinden erblickte, brach mit solcher Erbitterung in die geschlossenen Glieder, daß man ihn, ohne viele Leute aufzuopfern, nicht schonen konnte. Seine Leiche schickte Mago sogleich an den Hannibal ab, und ließ sie mit den zugleich erbeuteten Ruthenbündeln vor der Thronbühne des Feldherrn niederlegen. So lautet der wahre Bericht. Gracchus fiel im Lucanischen in der Nähe der sogenannten Alten Felder . 17. Dagegen geben Andre in der Gegend von Beneventum, nahe am Flusse Calor, die Stelle an, wo ihn, als er mit den Lictoren und drei Sklaven zum Baden aus dem Lager gegangen sei, die unter dem am Ufer aufgeschossenen Weidengebüsche zufällig versteckten Feinde, nackend und wehrlos und da er sich nur mit den vom Flusse fortgespülten Steinen vertheidigt hätte, getödtet haben sollen. Noch Andre berichten, als er sich auf Erinnerung der Opferschauer fünfhundert Schritte vom Lager entfernt habe, um die oben angeführten Schreckzeichen durch Sühnopfer auf einem unbetretenen Rasenplatze abzuwenden, hätten ihn 203 zwei in dieser Gegend gerade auflauernde Numidische Geschwader überfallen. So wenig ist man bei einem so berühmten und ausgezeichneten Manne weder über den Ort, noch über die Art seines Todes eins. Auch über die Beerdigung des Gracchus lauten die Berichte verschieden. Einige lassen ihn im Römischen Lager von den Seinigen bestatten; Andre – und diese Erzählung ist die gewöhnlichere – lassen den Hannibal auf dem Vorplatze des Punischen Lagers einen Scheiterhaufen errichten, sein ganzes Heer unter den Fahnen sich in Entwickelungen üben, die Spanier in ihrem Kriegstanze, die übrigen in den bei jedem Volke üblichen Waffen- und Körperbewegungen, und den Hannibal selbst durch Anordnungen und Reden dem Leichenbegängnisse die ehrenvolleste Feierlichkeit geben. So erzählen die, welche den ganzen Vorfall nach Lucanien setzen. Will man denen glauben, welche berichten, Gracchus sei am Flusse Galor gefallen, so bekamen die Feinde bloß seinen Kopf in ihre Gewalt. Als dieser dem Hannibal gebracht wurde, schickte er sogleich den Carthalo ab, ihn ins Römische Lager an den Schatzmeister Cneus Cornelius abzuliefern. Dann veranstaltete dieser die Leichenfeier des Feldherrn im Lager, welche nebst dem Heere auch die Beneventaner begingen. 18. Als die Consuln nach ihrem Eintritte in das Campanische hin und wieder plünderten, riefen sie zwar, durch einen Ausfall der Capuaner und des Mago an der Spitze seiner Reuterei in Schrecken und Bestürzung gesetzt, die hier und dort zerstreuten Soldaten zu den Fahnen zurück, allein da sie kaum Zeit hatten, sich in Linie zu stellen, wurden sie geschlagen und verloren über tausend fünfhundert Mann. Da stieg bei diesem an sich schon übermüthigen Volke die Keckheit noch höher, und sie neckten die Römer durch beständige Gefechte: die Consuln hingegen hatte dies Eine, ohne Vorsicht und Plan gelieferte Treffen gelehrt, besser auf ihrer Hut zu sein. Doch ein einziger kleiner Vorfall stellte auf der einen Seite den Muth wieder her, und verminderte die Kühnheit auf der andern: wiewohl im Kriege nichts so geringfügig ist, daß 204 es nicht auf wichtige Dinge einen Ausschlag geben sollte. Des Titus Quinctius Crispinus Gastfreund war der Campaner Badius, der mit ihm in sehr vertrauten Verhältnissen stand. Ihre Freundschaft war dadurch noch enger geworden, daß Badius, vor dem Abfalle der Campaner, zu Rom in einer Krankheit im Hause des Crispinus sehr anständig und gütig behandelt war. Und jetzt ging Tum Badius.] – Ich folge Crevier's Verbesserung, der aus dem Cod. Put. lieset: Is tum Badius. eben dieser Badius über die Posten hinaus, die das Stadtthor außerhalb deckten, und verlangte, man solle den Crispinus rufen. Als man es dem Crispinus meldete, ging er in der Meinung, daß jener eine freundschaftliche und vertrautere Unterredung wünsche, weil er sich auch nach dem Bruche beider Staten doch der Privatverhältnisse noch erinnere, einige Schritte vor die Übrigen hervor. Als sie einander zu Gesicht kamen, rief Badius: « Crispinus, ich fordere dich zum Kampfe. Wir steigen zu Pferde, lassen die Andern zurücktreten, und machen für uns aus, wer von Beiden der Tapfere sei.» Crispinus antwortete: «Ihm so wenig, als ihm, fehle es an Feinden, an denen sie ihre Tapferkeit zeigen könnten. Selbst wenn er ihm in der Schlacht begegnete, würde er ausweichen, um seine Hand nicht durch das Blut seines Gastfreundes zu entweihen.» Hier drehete er sich um und ging. Nun aber fing der Campaner an, noch so viel trotziger ihm Weichlichkeit und Feigheit vorzuwerfen, und gegen den Schuldlosen Schmähungen auszustoßen, die er selbst verdiente; nannte ihn einen gastlichen Feind, der sich die Miene gebe, dessen zu schonen, dem er sich nicht gewachsen fühle. Wenn er etwa glaube, daß durch Auflösung der Statenverbindungen ihre Privatverhältnisse noch nicht hinlänglich abgebrochen wären, so kündige er, Badius aus Capua, dem Titus Quinctius Crispinus aus Rom, hiemit öffentlich vor den Ohren zweier Heere die Gastfreundschaft auf. Er habe mit ihm nicht die mindeste Gemeinschaft; und auch er könne als Feind nicht mit einem 205 Feinde im Bunde stehen, gegen dessen Vaterstadt, gegen dessen Volks- und Hausgötter, er als Belagerer aufgetreten sei. Wenn er ein Mann sei, so möge er sich stellen.» Den Crispinus, welcher lange Anstand nahm, beredeten endlich die Übrigen von seinem Geschwader, den Hohn des Campaners nicht ungestraft zu lassen. Nachdem er sich nur die Zeit genommen hatte, bei seinen Feldherren anzufragen, ob sie ihm erlauben wollten, außer dem Gliede gegen einen fordernden Feind zu fechten, warf er sich nach erhaltener Erlaubniß in die Waffen, bestieg sein Pferd und rief den Badius namentlich zum Kampfe heraus. Der Campaner stellte sich unverzüglich. Sie sprengten, Roß gegen Roß gespornt, zusammen. Crispinus durchbohrte mit seinem Speere dem Badius die linke Schulter über dem Schilde, und sprang zu dem mit seiner Wunde Niedergesunkenen vom Pferde herab, um zu Fuß den Daliegenden völlig zu tödten. Allein Badius ließ, ehe jener über ihn kam, Schild und Pferd im Stiche und entfloh zu den Seinigen. Crispinus, mit erkämpften Roß und Waffen und seinem blutigen Speere, im Schmucke seiner Siegerbeute, prangend, wurde von den Soldaten unter lauten Lobsprüchen und Glückwünschen vor die Consuln geführt und erhielt auch von ihnen auszeichnendes Lob und mehrere Geschenke. 19. Als Hannibal aus der Gegend von Beneventum mit seinem Lager nach Capua aufgebrochen war, führte er am dritten Tage nach seiner Ankunft seine Truppen zur Schlacht vor, in der sichern Erwartung, da die Campaner in seiner Abwesenheit vor wenig Tagen mit Glück gefochten hätten, daß die Römer so viel weniger ihm und seinem so oft siegreichen Heere Stand halten würden. Doch litt die Römische Linie, nachdem die Schlacht begonnen hatte, hauptsächlich nur durch den Angriff der Reuterei, von der sie mit Wurfpfeilen überdeckt wurde, bis endlich auch ihrer Reuterei das Zeichen gegeben wurde, auf den Feind einzusprengen. So focht auf beiden Seiten nur Reuterei, als das in der Ferne entdeckte Heer des Sempronius, den Schatzmeister Cneus Cornelius an seiner Spitze, 206 auf beiden Theilen die gleiche Besorgniß veranlaßte, es möchte ein neuer Feind im Anzuge sein. Auf beiden Seiten wurde, als hätten sie es verabredet, zum Rückzuge geblasen, und sie schieden bei ihrem Abzuge ins Lager fast mit gleichem Verluste. Doch hatten die Römer durch jenen ersten Angriff der Reuterei der Gefallenen mehr. In der folgenden Nacht gingen die Consuln, um den Hannibal von Capua abzuziehen, in entgegengesetzten Richtungen, Fulvius in die Gegend um Cumä, Claudius nach Lucanien. Als dem Hannibal Tages darauf gemeldet wurde, das Römische Lager sei geleeret und sie wären in zwei Zügen nach entgegengesetzten Seiten abgegangen, so bestimmte er sich, nach einiger Unschlüssigkeit, wem er folgen sollte, dem Appius nachzugehen. Der aber traf, nachdem er seiner Absicht gemäß den Feind herumgezogen hatte, auf einem andern Wege wieder vor Capua ein. Und dem Hannibal führte das Glück in diesen Gegenden einen andern Vortheil zu. Unter denen, welche die erste Hauptmannsstelle bekleideten, war Marcus Centenius mit dem Zunamen Penula, ausgezeichnet durch Körpergrüße und Muth. Dieser ausgediente Krieger, dem der Prätor Publius Cornelius Sulla im Senate Zutritt verschaffte, bat die Väter, sie möchten ihm fünftausend Mann geben. «Mit dem Feinde und mit den Gegenden bekannt, wolle er in kurzem etwas leisten, was sie ihm Dank wissen würden. Er werde sich der Kunstgriffe, wodurch bis dahin unsre Feldherren und Heere überlistet wären, gegen den Erfinder selbst bedienen.» Die Thorheit, so etwas zu versprechen, war nicht größer, als die, so etwas zu glauben: gerade als wäre die Tüchtigkeit zum Soldaten mit der zum Feldherrn einerlei. Statt der fünftausend gab man ihm achttausend Mann, die Hälfte Bürger, die Hälfte Bundsgenossen; er selbst zog noch eine ansehnliche Menge von Freiwilligen unterweges in den Dörfern an sich, und kam mit einem beinahe verdoppelten Heere nach Lucanien, wo Hannibal nach seiner vergeblichen Verfolgung des Claudius Halt gemacht hatte. Zwischen einem Feldherrn Hannibal und einem 207 Hauptmanne; zwischen zwei Heeren, von denen das eine unter Siegen ergrauet, das andre ganz neu, ja großentheils zusammengerafft und halbbewaffnet war, war die Sache so gut als entschieden. Als sich die Scharen zu Gesichte kamen und keiner von beiden Theilen den Kampf verweigerte, stellte man sich sogleich in Linie. Das Gefecht dauerte, bei durchaus ungleichen Verhältnissen, dennoch länger als zwei Stunden, weil auch die Römische Linie, so lange ihr Führer stand, mit Lebhaftigkeit einbrach. Als aber dieser, nicht bloß seinem alten Ruhme getreu, sondern auch aus Furcht vor künftiger Schande, wenn er das durch seine Unbesonnenheit herbeigeführte Unglück überlebte, den feindlichen Waffen beständig sich entgegenwerfend fiel, so war die Römische Linie den Augenblick geschlagen. Allein auch der Weg zur Flucht war ihnen, da die Reuterei alle Ausgänge besetzt hatte, so wenig offen gelassen, daß von einer so großen Menge kaum tausend entrannen: die übrigen wurden in der Zerstreuung, der eine durch diesen, der andere durch jenen Tod, aufgerieben. 20. Nun gingen die Consuln wieder mit ganzem Ernste an die Einschließung von Capua, und alles dazu Nöthige wurde herbeigeschafft und in Stand gesetzt. Man fuhr Getreide nach Casilinum zusammen; man legte an der Mündung des Vulturnus, wo jetzt die Stadt ist, eine Schanze an; die Castellum communitum: ante Fabius Maximus munierat.] – Die zweite kleine Festung, welche Fabius angelegt hatte, war Puteoli. ( XXIV. 7. XXV. 22. ) Da es aber scheint, daß Livius hier den Namen nicht ausdrücklich angegeben habe, so muß man entweder mit Stroth annehmen, daß das Wort ante die Auslassung eines voraufgegangenen alteri veranlasset habe, oder man muß dem Cod. Hafn. bei Drakenborch folgen, welcher quod ante Fabius Maximus munierat lieset. Dann würde vor diesem quod ein illi oder alteri zu suppliren sein. Crevier will lieber geradezu das Wort Puteolis einschieben. vorhin vom Fabius Maximus angelegte versah man mit einer Besatzung, um das nahe Meer und den Strom im Besitze zu haben. In diese beiden Küstenschanzen ließ man sowohl das neulich aus Sardinien geschickte, als das vom Prätor Marcus Junius in Hetrurien aufgekaufte Getreide zusammenfahren, damit es dem Heere den Winter über nicht fehlen sollte. Außer dem 208 Verluste, den man in Lucanien erlitten hatte, verlief sich auch das Heer angekaufter Freiwilligen, das, so lange Gracchus lebte, mit größter Treue gedient hatte, von den Fahnen, als ob es mit dem Tode des Feldherrn verabschiedet wäre. Hannibal war gar nicht Willens, Capua zu vernachlässigen, und eben so wenig gerade jetzt in ihrer so großen Gefahr seine Bundesgenossen preiszugeben; allein der glückliche Erfolg, den er durch die Unbesonnenheit Eines Römischen Anführers gewonnen hatte, ließ ihn auf eine Gelegenheit denken, auch einen Zweiten samt seinem Heere zu Grunde zu richten. Apulische Gesandte meldeten ihm nämlich, der Prätor Cneus Fulvius sei anfangs bei seinen Angriffen auf einige Apulische an den Hannibal abgefallene Städte ziemlich vorsichtig zu Werke gegangen: nachher aber habe er samt den Soldaten, bei ihrem zu großen Glücke, bei dem Überflusse an Beute, sich so ganz der Zügellosigkeit und Nachlässigkeit hingegeben, daß alle Kriegszucht aufgehört habe. Hannibal, außer seinen mehrmaligen früheren Erfahrungen, selbst aus den letzten Tagen mit dem Zustande eines Heeres unter einem unwissenden Feldherrn bekannt, brach sogleich nach Apulien auf. 21. Die Römischen Legionen unter dem Prätor Fulvius standen bei Herdonea. Auf die Nachricht vom Anzuge des Feindes hätten sie beinahe ohne Geheiß des Prätors die Fahnen aufgerissen, um zur Schlacht auszurücken. Was sie noch am meisten zurückhielt, war die sichere Hoffnung, dasselbe nach eigner Willkür zu jeder andern Zeit thun zu können. Als Hannibal erfuhr, wie unruhig es in ihrem Lager zugegangen sei, und daß die Meisten unter einem lauten Aufrufe zu den Waffen dem Feldherrn trotzig zugesetzt hätten, ihnen das Zeichen zu geben; so vertheilte er, der die Gelegenheit zum Siege schon vor Augen sah, in der folgenden Nacht dreitausend Mann bloß mit Waffen in die umherliegenden Landhäuser, Gebüsche und Waldungen. Sie sollten auf ein Zeichen alle zugleich aus ihren Winkeln hervorbrechen. Den Mago hieß er mit fast zweitausend Mann Reuterei die sämtlichen 209 Wege besetzen, welche seiner Berechnung nach die Fliehenden einschlagen mußten. Nach diesen in der Nacht getroffenen Vorkehrungen, ließ er mit anbrechendem Tage die Truppen in die Linie ausrücken. Auch Fulvius war sogleich entschlossen, nicht sowohl aus irgend einem Grunde von Hoffnung, als weil er sich von dem zufälligen Ungestüme seiner Soldaten fortreißen ließ. Also wurde auch mit eben der Unbesonnenheit, mit der sie in die Linie ausgerückt waren, die Linie selbst aufgeführt, nach dem Eigenwillen der Soldaten, die auf gut Glück da vortraten, oder da stehen blieben, wie es ihrer Laune behagte, und dann wieder aus Eigenwillen oder Furchtsamkeit diesen Platz verließen. Die erste Legion und die Bundesgenossen vom zweiten Flügel wurden vorangestellt und die Linie in die Länge gedehnt. Mochten die Obersten schreien: «Im Innern sei keine Stärke, keine Haltbarkeit; allenthalben, wo die Feinde angriffen, würden sie durchbrechen:» die Soldaten nahmen keinen heilsamen Rath zu Herzen, sie hörten nicht einmal danach. Und doch war es Hannibal, der jetzt, als ein ganz anderer Feldherr, mit einem ganz andern, gar nicht so aufgestellten Heere anrückte. Also hielten die Römer auch nicht einmal das Geschrei und den ersten Angriff dieses Heeres aus. Ihr Führer, an Unverstand und Unbesonnenheit ein zweiter Centenius, an Muth durchaus mit ihm nicht zu vergleichen, wie er die Sache schlimm stehen und die Seinigen in Verwirrung sah, warf sich auf sein Pferd und entfloh mit beinahe zweihundert Rittern: die übrige Linie, von vorne geschlagen, im Rücken und auf den Flügeln umzingelt, wurde so zusammengehauen, daß von achtzehn tausend Menschen nicht mehr als zwei tausend entkamen. Das Lager fiel in die Hände der Feindes. 22. Die Nachrichten von diesen Niederlagen, welche zu Rom eine über die andre einliefen, bewirkten freilich allgemeine Trauer und Bestürzung; doch machten sie, weil die Consuln auf dem Hauptpunkte bis dahin glücklich waren, einen minder tiefen Eindruck. An die Consuln schickte man den Cajus Lätorius und Marcus 210 Metilius als Abgeordnete mit der Bestellung, sie möchten die Reste jener beiden Heere sorgfältig sammeln, und zu verhindern suchen, daß sie sich nicht aus Furcht und Verzweifelung, wie es nach der Cannensischen Niederlage der Fall gewesen sei, an die Feinde auslieferten; auch sollten sie die Ausreißer vom Heere der angekauften Sklaven wieder aufsuchen lassen. Eben dies Geschäft bekam auch Publius Cornelius, welchem auch die Werbung aufgetragen war: und er machte in allen Marktflecken und auf den Sammelplätzen bekannt, daß eine Aufsuchung der angekauften Sklaven vorgenommen und diese wieder zu den Fahnen geliefert werden sollten. Dies Alles betrieb man mit der angestrengtesten Sorgfalt. Dem Consul Appius Claudius, der an der Mündung des Vulturnus den Decimus Junius, zu Puteoli den Marcus Aurelius Cotta zu Befehlshabern mit der Anweisung ernannt hatte, so wie aus Hetrurien und Sardinien Schiffe anlandeten, das Getreide sofort ins Lager zu liefern, fand nach seiner Zurückkunft vor Capua, daß sein Amtsgenoß zu Casilinum damit beschäftigt sei, zum Angriffe auf Capua Alles herüberzuschaffen und in Stand zu setzen.. Darauf gingen sie beide an die Einschließung der Stadt, und ließen auch den Prätor Claudius Nero von Suessula aus dem Claudischen Lager hieher rufen. Auch er zog sich also, nachdem er zur Behauptung des Platzes eine mäßige Besatzung zurückgelassen hatte, mit allen seinen übrigen Truppen nach Capua herunter. So standen um Capua drei Feldherrnzelte; und drei Heere, die auf entgegengesetzten Seiten das Werk begannen, machten sich daran, die Stadt mit Wall und Graben zu umziehen, sie legten in mäßigen Zwischenräumen Schanzen an, und fochten auf mehreren Punkten zugleich mit den Campanern, als sie die Anlagen stören wollten, mit solchem Erfolge, daß sich diese zuletzt auf ihre Thore und Mauern beschränkten. Ehe aber die Werke Zusammenhang bekamen, schickten sie Gesandte an Hannibal, welche darüber klagen mußten, daß er Capua im Stiche gelassen und so gut als an die Römer abgegeben habe; und ihn 211 beschwören sollten, ihnen als nicht mehr bloß umstellten, sondern schon umschanzten, wenigstens jetzt noch zu Hülfe zu kommen. Den Consuln schrieb der Prätor Publius Cornelius, «ehe sie Capua durch Werke einschlössen, möchten sie den Campanern erklären, daß es jedem von ihnen freistehen solle, Capua zu verlassen und sein Eigenthum mitzunehmen. Wer vor dem funfzehnten März herausginge, sollte frei sein und alles Seinige behalten. Nach jenem Tage würde jedermann, er möge herauskommen, oder darinnen bleiben, als Feind angesehen werden.» Der Antrag wurde den Campanern gethan, und von ihnen so geradezu abgewiesen, daß sie noch oben ein Schmähungen und Drohungen ausstießen. Hannibal hatte in der Hoffnung, sich der Tarentinischen Burg durch Gewalt, oder durch List zu bemächtigen, seine Legionen von Herdonea nach Tarent geführt. Als ihm diese fehlschlug, bog er seitwärts gegen Brundusium, weil er glaubte, man werde ihm diese Stadt verrathen. Als er auch hier die Zeit vergeblich aufwandte, trafen die Campanischen Gesandten unter Klagen und Bitten zugleich bei ihm ein. Hannibal antwortete ihnen in einem hohen Tone: «Seine Ankunft habe schon einmal der Belagerung ein Ende gemacht, und auch jetzt würden die Consuln sie nicht bestehen.» Die Gesandten, mit dieser Hoffnung entlassen, konnten kaum wieder in die Stadt kommen, weil sie schon mit einem doppelten Graben und Walle umgeben war. 23. Gerade als die Aufführung des Pfahlwalles um Capua am eifrigsten betrieben wurde, erreichte die Belagerung von Syracus ihr Ende, welches außer der Thätigkeit und Tapferkeit des Feldherrn und des Heeres, auch durch Verrath von innen bewirket ward. Marcellus nämlich, im Anfange des Frühlings noch unschlüssig, ob er dem Kriege die Richtung auf Agrigent gegen den Himilco und Hippocrates geben, oder ob er die Einschließung von Syracus fortsetzen sollte, wenn er gleich einsah, daß eine von der Land- und Seeseite unüberwindliche Stadt so wenig durch Sturm als durch 212 Hunger zu erobern sei, da die Zufuhr der Lebensmittel von Carthago aus beinahe frei war; forderte doch, um nichts unversucht zu lassen, die zu ihm übergegangenen Syracusaner auf, – es befanden sich aber im Römischen Lager einige der vornehmsten Männer, die man um die Zeit des Abfalls von den Römern, weil sie den neuen Maßregeln nicht beistimmeten, vertrieben hatte – durch Unterredungen mit Leuten von ihrer Partei die Gesinnungen zu erforschen und ihnen zu versprechen, wenn sie Syracus übergäben, sollten sie als freie Leute nach ihren Gesetzen leben. Die Unterredungen ließen sich aber nicht möglich machen, weil bei dem Verdachte gegen die Gesinnung so vieler Mitbürger die Besorgniß und selbst die Blicke Aller darauf gerichtet waren, jedem Anschlage dieser Art auf die Spur zu kommen. Ein einziger Sklave dieser Vertriebenen, den sie wie einen Überläufer in die Stadt gehen ließen, und der sich nur an Einzelne wandte, brach diesen Gesprächen zuerst die Bahn. Dann ließen sich Einige in einem Fischerkahne mit Netzen zudecken, fuhren so zum Römischen Lager herum und besprachen sich mit den Übergegangenen. Eben so machten es zu wiederholten Malen bald diese, bald Andere. Zuletzt waren ihrer gegen achtzig. Und da schon Alles zur Übergabe verabredet war, wurden sie sämtlich auf die von einem gewissen Attalus dem Epicydes gemachte Anzeige – er that das aus Unwillen darüber, daß man ihn nicht in das Geheimniß gezogen hatte – unter Martern hingerichtet. An die Stelle dieser vereitelten Hoffnung trat bald nachher eine andere. Ein gewisser Damippus, ein Lacedämonier, der von Syracus an den König Philippus gesandt wurde, war von Römischen Schiffen aufgebracht. Theils war dem Epicydes sehr daran gelegen, den Mann auszuwechseln, theils war Marcellus nicht abgeneigt, weil es die Römer schon damals auf eine Verbindung mit den Ätolern anlegten, deren Bundesgenossen die Lacedämonier waren. Die Abgeordneten, welche über seine Auswechselung in Unterhandlung treten sollten, fanden einen Ort am Hafen der Trogilier, nahe an dem Thurme, 213 der der Wieselfang hieß, am meisten in der Mitte und für beide Theile am gelegensten. Nach öfterer hier gehaltenen Zusammenkunft meldete ein Römer, der bei näherer Ansicht der Mauer ihre Höhe nach einem muthmaßlichen Überschlage ausmaß, – denn er konnte die Steine zählen und in Gedanken die vordere Höhe eines jeden berechnen – und jetzt zu finden glaubte, daß sie bei weitem niedriger, als er und Andre bisher gemeint hatten, und selbst auf mittelmäßigen Leitern zu ersteigen sei, dem Marcellus seine Entdeckung. Marcellus hielt sie der Beachtung nicht unwerth. Weil aber dieser Stelle nicht beizukommen war, die eben um dieser Rücksicht willen so viel sorgfältiger bewacht wurde., so sah man sich nach einer Gelegenheit um. Und diese bot sich durch einen Überläufer, welcher aussagte, das Fest der Diana werde drei Tage hinter einander begangen, und weil es bei der Belagerung an manchem Andern fehle, so würden die Gastgebote durch reichlicheren Weingenuß gefeiert: diesen habe Epicydes dem gesamten Bürgerstande durch eine Spende möglich gemacht, welche durch die Vornehmsten unter die Bezirke vertheilt sei. Als Marcellus dies erfuhr, besprach er sich mit einigen seiner Obersten, und nachdem er durch sie zur Ausrichtung und Unternehmung eines so wichtigen Vorhabens die tauglichsten Hauptleute und Soldaten ausgesucht und Leitern in aller Stille zusammengebracht hatte, ließ er den Übrigen durch Lagerbefehl bekannt machen, sie sollten bei Zeiten sich gehörig stärken und schlafen legen, weil sie in der Nacht zu einer Unternehmung aufbrechen müßten. Als die Zeit dazusein schien; wo die Belagerten nach ihren noch bei hellem Tage angegangenen Gastereien schon von Wein überfüllt im ersten Schlafe liegen mußten, ließ er die Soldaten von Einer Fahne die Leitern nehmen, und etwa gegen tausend Bewaffnete in einer schmalen Linie ganz in der Stille an jenen Ort führen. Als die Ersten ohne alles Geräusch und Lärm hinaufgestiegen waren, folgten die Andern der Reihe nach, da die Kühnheit der Vorangegangenen auch den minder Entschlossenen Muth machte. 214 24. Schon hatten die tausend Bewaffneten einen Theil der Stadt gewonnen, als die übrigen Truppen Quum ceterae admotae.] – Einige wollen hier lieber ceteri admoti lesen und das que hinter pluribus weglassen. Stroth meint, man müsse ein im Sinne liegendes cohortes zu Hülfe nehmen, doch sei die Auslassung dieses Wortes eine Härte. Sollte nicht die Ähnlichkeit der Abkürzungen ctae und cpae, oder die Ähnlichkeit der Worte ceterae und copiae Schuld daran sein, daß das letztere hier ausgelassen wurde? Ich läse die Stelle gern so: quum ceterae copiae admotae: pluribusque scalis in murum etc. anrückten; und schon erstiegen sie die Mauer auf mehrern Leitern, indem man ihnen ein Zeichen vom Hexapylon aus gab, wohin man, ohne Einem Menschen zu begegnen, gekommen war, weil ein großer Theil, der auf den Thürmen geschmauset hatte, entweder vom Weine eingeschlafen war, oder halbtrunken noch zechte. Man tödtete nur einige, die man auf ihrem Lager überfiel. Erst in der Nähe vom Hexapylon wurde die Gewalt durch Sprengung eines Pförtchens laut: schon war aber von der Mauer das verabredete Zeichen mit der Trompete gegeben; und zugleich ging man auf allen Seiten nicht mehr verstohlen, sondern mit offenbarer Gewalt zu Werke, weil man bis Epipolä, einen stark besetzten Ort, gekommen war, und die Feinde mehr geschreckt, als getäuscht werden mußten. Und sie ließen sich schrecken. Denn sobald man den Klang der Trompeten und das Geschrei derer vernahm, welche die Mauern und einen Theil der Stadt im Besitze hatten, so flohen die Wachen in der Meinung, es sei schon Alles besetzt, zum Theile auf der Mauer weiter, theils sprangen sie von der Mauer oder stürzten im Gewühle der Zusammengeschreckten herab. Bei dem Allen war ein großer Theil mit dem fürchterlichen Unglücke noch unbekannt, entweder weil sie Alle im Rausche und tiefem Schlafe lagen oder weil in einer Stadt von so weitem Umfange das, was in Einem Theile vorging, nicht so vernehmlich nach allen Seiten hinüberscholl. Gegen Morgen setzte sie Marcellus, der nach Erbrechung des Hexapylums mit allen Truppen einrückte, sämtlich in Bewegung und in die Noth, zu den Waffen zu greifen und ihrer fast schon eroberten Stadt, wo 215 möglich, zu Hülfe zu kommen. Epicydes, der von der Insel – sie heißt bei ihnen Nasos – mit einem fortgerafften Haufen anrückte, und gar nicht daran zweifelte, die wenigen etwa durch Nachlässigkeit der Wachen über die Mauer Gestiegenen bald hinauszuwerfen, der sogar die in der Bestürzung ihm entgegen sprengenden mit den Worten anließ: Sie vermehrten nur den Lärmen und machten in ihren Angaben die Sache größer und fürchterlicher, als sie wirklich sei; wandte bald, da er um Epipolä Alles voll Waffen sah, ohne etwas weiter zu thun, als daß er den Feind durch einige Schüsse beunruhigte, mit seinem Zuge nach Achradina um, nicht so sehr aus Furcht vor der Übermacht und Menge der Feinde, als daß bei dieser Gelegenheit ein geheimer Plan im Innern ausbrechen möchte, und er dann bei dem Auflaufe die Thore von Achradina und der Insel verschlossen fände. Als Marcellus nach seinem Einzuge in die Mauern fast die schönste aller damaligen Städte von den höhern Gegenden aus überblickte, soll ihn theils die Freude über eine so wichtige vollbrachte That, theils der uralte Ruhm der Stadt, zu Thränen gerührt haben. Die in Grund gebohrten Flotten der Athenienser, die beiden großen mit ihren beiden weltberühmten Feldherren vertilgten Heere, stellten sich seinem Geiste dar; die vielen, von dieser Stadt mit Carthago geführten, für ihre Feindinn so mißlichen, Kriege; ihre so vielen und so mächtigen Zwingherren und Könige; vor allen Hiero, theils als König aus der neuesten Zeit, theils über alles Andre, was eigner Werth und Glück ihm beschied, durch seine Verdienste um den Römischen Stat so ausgezeichnet. Da ihm dies Alles vor die Seele trat, und ihn der Gedanke ergriff, daß dies vor ihm liegende Ganze, wenn jetzt die Stunde des Unglücks geböte, in Flammen stehen und in Asche zurückkehren werde, so schickte er, ehe er mit den Fahnen gegen Achradina anrückte, die Syracusaner, welche, wie oben gesagt, bei den Römischen Truppen ihre Sicherheit gefunden hatten, vorauf, damit sie durch friedliche Vorstellungen die Feinde bewegen mochten, diese Stadt zu übergeben. 216 25. Allein die Thore und Mauern von Achradina waren meistens mit Überläufern besetzt, welche bei einer unterhandelten Übergabe keine Begnadigung hoffen durften: und sie litten keine Annäherung an die Mauer, keine Unterredung. Marcellus also, wie er die Unthunlichkeit seines Anschlages sah, gab den Truppen Befehl, sich gegen den Euryalus zurückzuziehen. Dies ist ein vom Meere abwärts gelegener Hügel an der äußersten Ecke der Stadt; er beherrscht die in die Felder und in die Mitte Siciliens führende Heerstraße, und gewährt durch seine Lage den Vortheil, alle Zufuhr auffangen zu können. Den Oberbefehl in dieser Festung hatte der vom Epicydes hieher gelegte Argiver, Philodemus. Sosis, einer von den Mördern des Tyrannen, der vom Marcellus an ihn geschickt und nach einer langen Unterredung unter einem leeren Vorwande auf eine andre Zeit wiederbestellt wurde, meldete dem Marcellus, der Mann habe sich Bedenkzeit genommen, Da er aber einen Tag nach dem andern aufschob, bis Hippocrates und Himilco mit ihren Lagern und Heeren in die Nahe kämen, und dann erwarten konnte, daß das zwischen Mauern eingeschlossene Römische Heer, sobald er jene in die Festung einnähme, aufgerieben werden müsse; so schlug Marcellus, wie er sah, daß der Euryalus ihm nicht überliefert werde und daß er auch nicht zu erobern stehe, zwischen Neapolis und Tycha – so heißen diese Städten gleichenden Theile der Stadt – sein Lager auf, zugleich aus Besorgniß, er werde seine beutelustigen Soldaten, wenn er sich auf die bewohnteren Gegenden einließe, nicht von der Zerstreuung zurückhalten können. Hier fanden sich unter dem Schutze der heiligen Binde und andrer Umhüllungen Gesandte von Tycha und Neapolis mit dem Antrage bei ihm ein, er möge nur nicht morden und brennen lassen. Nachdem Marcellus über dies, mehr im Tone der Bitte, als der Forderung vorgebrachte Gesuch Kriegsrath gehalten hatte, so ließ er nach der einstimmigen Meinung aller Mitglieder den Soldaten bekannt machen: «Es solle sich Keiner an einem Freigebornen vergreifen: alles 217 Übrige solle ihnen als Beute gehören.» Das Lager mußte sich an einer Mauer hinter dem Fachwerke Castraque tectis parietum.] – Tectis parietum ist gegen allen Sinn: es müßte ja heißen tectorum parietibus. Auch verwirft Duker mit Recht das que hinter Castra. Er sagt: Oratio scabra est. nam edixit – castraque septa – stationes disposuit non cohaerent. Stroth ist ungewiß, ob er Castra obiectu parietum pro muro septa, oder Castra obiectis parietibus pro muro septa lesen soll. Drakenborch giebt die Stelle ganz auf. Wenn man sich erinnert, daß in den Msc. die Silbe con so oft durch einen Zug ausgedrückt wird, der ungefähr unsrer Zahl 9 gleich kommt, und daß dieser leicht für ein que bedeutendes q. angesehen werden konnte, so findet man vielleicht meinen Vorschlag Castra contextis parietum pro muro septa nicht zu gewagt. Unter contexta parietum (welches so, wie summa montium für summi montes, nichts anders ist, als contexti parietes) verstehe ich dann das Fach- und Flechtenwerk oder Ständerwerk der Häuserwände, oder die im Verbande stehenden Wände selbst. Bei Virgil heißt das Trojanische Pferd equus, trabibus contextus acernis. der Häuserwände schützen. An seine Thore, die gegen die Straßen der Stadt hin sich öffneten, vertheilte er Posten und Truppen, um es, während die Soldaten umherliefen, vor Angriffen zu sichern. Auf das gegebene Zeichen zerstreuten sich die Soldaten zum Plündern; doch enthielten sie sich, selbst bei Erbrechung der Thüren und dem allgemeinen Getöse des Schreckens und Getümmels, alles Mordens. Des Raubens aber war kein Ende, bis sie alle während eines vieljährigen Wohlstandes in den Häusern aufgehäuften Güter herausgeholt hatten. Unterdeß übergab auch Philodemus, der sich, als ihm alle Hoffnung auf Hülfe schwand, das Versprechen geben ließ, daß man ihn, ohne sich an ihm zu vergreifen, zum Epicydes abziehen lassen wolle, mit Abführung seiner Truppen den Römern den Hügel. Gerade als das Getümmel der zum Theile eroberten Stadt die Aufmerksamkeit Aller auf sich zog, segelte Bomilcar, der unter Begünstigung einer Nacht, in welcher die Römische Flotte des Sturmes wegen sich in tiefem Wasser nicht vor Anker legen konnte, mit fünfunddreißig Schiffen aus dem Syracusanischen Hafen abfuhr, ohne daß ihm jemand das Meer streitig machte, auf die Höhe, ließ dem Epicydes und den Syracusanern fünfundfunfzig Schiffe zurück, und nachdem er die Carthager über die mißliche Lage der Dinge zu Syracus unterrichtet hatte, kam er in wenig Tagen mit hundert und zwanzig Schiffen wieder, vom Epicydes, wie es hieß, durch ansehnliche Geschenke aus Hiero's Schatze hierzu vermocht. 218 26. Durch Eroberung und Besetzung des Euryalus hatte sich Marcellus der Einen Sorge entledigt, daß nicht etwa ein feindliches ihm im Rücken in die Festung aufgenommenes Kohr seine von Mauern eingeschlossenen und beengten Truppen beunruhigen möchte. Darauf umschloß er mit drei an vortheilhaften Stellen angelegten Lagern Achradina, in der Hoffnung, bei den Umlagerten einen völligen Mangel an allen Bedürfnissen zu bewirken. Nachdem man sich mehrere Tage lang auf den Posten von beiden Seiten ruhig verhalten hatte, so veranlaßte die unerwartete Ankunft des Hippocrates und Himilco, daß die Römer auf allen Punkten sogar die Angegriffenen wurden. Denn theils unternahm Hippocrates, der sich am großen Hafen verschanzt hatte, auf ein der Besatzung von Achradina gegebenes Zeichen, einen Sturm auf das alte Römische Lager unter dem Crispinus, theils that Epicydes einen Ausfall auf die Posten des Marcellus; und die Punische Flotte legte sich zwischen der Stadt und dem Römischen Lager an den Strand, damit Marcellus dem Crispinus keine Hülfe nachschicken könne. Und doch war der Auflauf, den die Feinde veranlaßten, größer als der Kampf. Denn den Hippocrates trieb Crispinus nicht bloß von den Verschanzungen ab, sondern er verfolgte ihn sogar auf seiner eiligen Flucht; und den Epicydes wies Marcellus in die Stadt zurück. Ja man schien sogar auf die Zukunft den Vortheil erreicht zu haben, daß man von unerwarteten Ausfällen der Feinde nichts zu fürchten hatte. Hierzu kam noch die Pest, ein Übel, welches beiden Theilen gemein und groß genug war, ihre Gedanken von allen Entwürfen des Krieges abzuziehen. Denn in der herbstlichen Jahrszeit und in einer an sich ungesunden Gegend hatte die unerträgliche Hitze fast auf alle Körper in beiden Lagern, wiewohl noch weit mehr in dem außerhalb als in der Stadt, einen nachtheiligen Einfluß. Und anfangs erkrankten und starben sie nur durch Schuld der Jahrszeit und des Ortes; nachher machte selbst die Pflege und Berührung der Kranken die Seuche allgemeiner, so daß Jeder, der einmal befiel; entweder verabsäumt und aufgegeben dahinstarb, oder seine Wärter und Pfleger, von demselben Gifte der Krankheit angesteckt, mit sich ins Grab riß; daß man täglich Leichen und Tod vor Augen hatte und rund um sich her Tag und Nacht das Jammern hörte. Zuletzt wurden die Herzen durch Gewöhnung an das Übel so unempfindlich, daß man den Gestorbenen nicht nur keine Thränen, keine schuldige Todtenklage widmete, sondern sie nicht einmal hinausschaffte oder begrub, so daß die entseelten Körper vor den Augen derer, die denselben Tod erwarteten, über einander lagen; und die Todten die Kranken, die Kranken die Gesunden nicht bloß durch die Furcht, sondern auch durch Fäulniß und todbringenden Geruch zu Grunde richteten; ja, um lieber durch das Schwert zu sterben, fielen Einige ganz allein die feindlichen Posten an. Doch wüthete die Pest weit stärker im Punischen Lager, als unter den Römern, welche sich während der langen Einschließung von Syracus schon mehr an die hiesige Luft und an die nasse Witterung gewöhnt hatten. Bei dem feindlichen Heere verliefen sich die Sicilianer, sobald sie sahen., daß an dem ungesunden Orte die Krankheit um sich greife, jeder in seine nahe Stadt: die Carthager hingegen, die nirgends eine Zuflucht hatten, starben samt ihren Feldherren Hippocrates und Himilco völlig aus. Marcellus hatte, als das Übel so heftig wurde, seine Truppen schon in die Stadt herübergeführt, und der Schutz der Häuser und Schatten stellte die Kranken wieder her. Doch auch im Römischen Heere wurden von dieser Pest Viele hingerafft. 27. Da die Punische Landmacht vertilgt war, schafften diejenigen Sicilianer, welche des Hippocrates Soldaten gewesen waren, in zwei In haud magna oppida.] – Das Wort zwei habe ich in der Übersetzung deswegen hinzugethan, weil Livius nachher sagt: alterum – alterum. Durchaus nöthig ist es freilich nicht, im Grundtexte das Wort duo nach in einzuschieben. Doch leugne ich nicht, da Drakenb. (Index voc. Numeralia ) Beispiele angiebt, daß III und M mit einander von den Abschreibern verwechselt werden, daß ich vermuthe, daß auch hier das N im Worte in oder das H im folgenden haud, Schuld gewesen sein könne, daß die Zahl II wegfiel. eben nicht große, aber 220 durch Lage und Befestigung sichere Städte – die eine liegt dreitausend, die andre funfzehn tausend Schritte von Syracus – aus ihren Städten Lebensmittel zusammen und zogen Hülfsvölker an sich. Unterdeß hatten auch die Vorstellungen Bomilcars zu Carthago, wo er zum zweitenmale mit seiner Flotte angelangt war, und von der Lage der Bundesgenossen eine solche Schilderung machte, daß man hoffen konnte, durch neue Hülfe nicht nur sie selbst zu retten, sondern auch die Römer in der noch nicht ganz eroberten Stadt zu umringen, die Wirkung gehabt, daß man ihm Vorräthe aller Art auf eine Menge von Lastschiffen mitgab und auch seine Flotte verstärkte. Bei seiner Abreise von Carthago mit hundert und dreißig Kriegs- und siebenhundert Lastschiffen hatte er zur Überfahrt nach Sicilien ganz günstige Winde. Eben so waren Sed iidem venti superare.] – Auf Bomilcars Überfahrt von Carthago nach Sicilien war der ihm günstige Wind der West. Und über das Vorgebirge Pachynum hinauszukommen, konnte er sich keinen bessern wünschen. Folglich können wir nicht unter iidem venti, qui Pachynum superare prohibebant, den Westwind verstehen, um so viel weniger, da wir gleich nachher aus der Besorgniß des Epicydes sehen, daß der Wind, der den Bomilcar nicht bei Pachynum vorbeisegeln ließ, der Ostwind war. Da in den Msc. (man sehe Drakenborchs Index) item, idem, itidem, iidem so oft verwechselt werden, so lese ich hier mit Einschaltung eines einzigen T statt iidem lieber itidem; und so habe ich übersetzt. Dem gar zu gewissenhaften Critiker, der auch dies T ohne Msc. nicht aufnehmen will, könnte ich vorschlagen, das Wort iidem als Adjectiv im Sinne seines adverbii zu nehmen; wie etwa in der Vorrede des Livius: in quam civitatem tam serae (dem Sinne nach tam sero ) avaritia luxuriaque immigraverint, oder wie XXI. 21. si cetera prospera (für prospere) evenissent. Dann würde iidem venti so viel bedeuten, als sic venti, eodem modo, (wie XXVII. 22. Idem et Tubulo) itidem venti. Doch auch alsdann kommen wir, wenigstens dem Sinne nach, wieder auf mein vorgeschlagenes itidem zurück. es aber auch die Winde, welche ihn jetzt verhinderten, über Pachynum hinauszukommen. Da die Annäherung Bomilcars zuerst durch ihren Ruf, dann durch ihre unvermuthete Zögerung, bei Römern und Syracusanern wechselsweise Freude und Furcht erregte, so schiffte Epicydes aus Besorgniß, die Punische Flotte möchte, wenn derselbe 221 Ostwind, welcher jetzt wehete, mehrere Tage anhielte, nach Africa zurücksegeln, zum Bomilcar und überließ Achradina den Anführern der Miethsoldaten. Ihn, der mit den Vordertheilen seiner Schiffe Africa zugekehrt stand, und vor einem Seetreffen sich fürchtete, nicht sowohl, weil er an Stärke oder Schiffszahl der Schwächere gewesen wäre – denn hierin war die Überlegenheit auf seiner Seite – sondern weil der Wind der Römischen Flotte günstiger war, als der seinigen, bewog dennoch Epicydes endlich, sein Glück in einer Seeschlacht zu versuchen. Auch Marcellus, um nicht bei seiner Beschränkung auf eine feindliche Stadt zugleich zu Wasser und zu Lande angegriffen zu werden – denn er sah, daß die Sicilianer ein Heer aus der ganzen Insel zusammenbrachten, und daß eine Punische Flotte mit reichen Vorräthen im Anzuge sei – entschloß sich, obgleich an Schiffszahl der Schwächere, den Bomilcar nicht zu Syracus ankommen zu lassen. Zwei einander beobachtende Flotten standen in der Gegend des Vorgebirges Pachynum, als wollten sie, sobald sie bei ruhigem Meere die Höhe gewinnen könnten, zusammentreffen. Wie also der seit mehreren Tagen stürmende Ostwind sich jetzt legte, setzte sich Bomilcar zuerst in Bewegung, und anfangs Cuius prima classis.] – Ich finde dies bei Andern den Worten nach durch dessen erstes Geschwader oder die vordere Linie seiner Flotte übersetzt. Man sieht aber nicht, warum dieser hier besonders erwähnt werde, da von der hinteren Linie, als Gegensatze zum vorigen, nichts gedacht wird. Darum sagt auch Duker: Quae est illa prima classis? an pars, quae prima e portu vel statione egressa fuerat? Vix puto: nam classem totan intelligi, videntur ostendere sequentia. Er will deswegen – ich glaube sehr richtig – statt prima lieber primo gelesen haben. Dagegen sagt Stroth: prima, i. e. prior quam Romana [dagegen ist das den Augenblick vorhergegangene prior Bomilcar movit, worin das prior quam Romana, wie es Stroth erklärt, schon liegt] ipsa Latinitate τὸ prima requirente. Nam si scripsisset primo, ut doctiss. Dukerus volebat, aliud respexisset sermo; quasi primo altum petere visa, deinde in portum reversa esset classis. Stroth hätte meiner Meinung nach in den letzten Worten Recht, wenn das primo hier auf petere sich bezöge. Es bezieht sich aber auf visa est (scil. Romanis). Anfangs schien es den Römern, als wollte Bomilcar darum in die hohe See gehen, damit er um das Vorgebirge herum käme: nachher aber ging er ganz davon. Ich lese also nach Dukers Vorschlage prim o, nicht prim a . schien seine Flotte deswegen die Höhe zu suchen, um so viel leichter um das Vorgebirge 222 hinaus zu kommen. Allein als Bomilcar die Römischen Schiffe auf sich heransegeln sah, nahm er – man weiß nicht, was ihn so plötzlich in Furcht setzte, seinen Lauf in die hohe See, und nachdem er nach Heraclea den Befehl hatte abgehen lassen, daß auch die Frachtschiffe von dort nach Africa zurückgehen sollten, segelte er an Sicilien vorüber nach Tarent. Epicydes, dem auf einmal seine so große Hoffnung fehlgeschlagen war, schiffte, um nicht in die Belagerung einer großentheils schon eroberten Stadt zurückzukehren, nach Agrigent, mehr in der Absicht, den Ausgang abzuwarten, als von hieraus etwas zu unternehmen. 28. Als im Lager der Sicilianer die Nachrichten einliefen, Epicydes habe sich aus Syracus fortgemacht, die Carthager hätten die Insel verlassen und den Römern zum zweitenmale so gut als geräumt, so schickten sie, nachdem sie sich zuvor über die Gesinnung der Belagerten unterrichtet hatten, Gesandte an den Marcellus. Da man hier beinahe darüber Eins wurde, daß Alles, was irgendwo den Königen gehört habe, den Römern gehören, alles Übrige aber nebst ihrer Freiheit und Verfassung den Sicilianern verbleiben solle, so sagten sie denen, welchen Epicydes die Geschäfte übertragen hatte, in einer Unterredung, zu der sie diese herausgerufen hatten, «Das Sicilianische Heer habe sie zugleich an den Marcellus und an sie abgesandt, damit Alle zugleich, die Belagerten sowohl als die Nichteingeschlossenen, ihr Schicksal mit einander theilen, und die Einen nicht etwa Bedingungen für sich allein machen möchten.» Als sie von diesen eingelassen waren, um ihre Verwandten und Gastfreunde einmal zu sprechen, so vermochten sie diese, denen sie ihre schon mit dem Marcellus abgeschlossenen Verträge mittheilten, durch die ihnen gemachte Hoffnung ihres eignen Heils, dahin, daß sie ihnen behülflich waren, des Epicydes Stellvertreter, den Polyclitus, Philistus und Epicydes ( Sindon genannt) zu überfallen. Als sie diese getödtet, die Einwohner zur Versammlung gerufen, und in die Klage über die Hungersnoth eingestimmt hatten, die schon oft unter diesen in der Stille des Gegenstand des Murrens gewesen war, so behaupteten 223 sie: «Bei der Menge der Übel, von denen sie bedrängt wären, dürften sie doch ihr Schicksal nicht anklagen, weil es selbst von ihnen abhinge, wie lange sie solche ertragen wollten. Syracus zu belagern, wären die Römer aus Liebe zu den Syracusanern veranlasset, nicht durch Haß. Denn nur als sie gehört hätten, Hippocrates und Epicydes, Hannibals und späterhin des Hieronymus Trabanten, hätten die Regierung an sich gerissen, nur dann erst hätten sie den Krieg eröffnet, und die Belagerung der Stadt unternommen, um die Tyrannei ihrer Bedrücker, nicht die Stadt selbst, zu erstürmen. Nun aber Hippocrates von der Pest weggerafft, Epicydes von Syracus abgeschnitten, auch die von ihm angestellten Obersten getödtet, und die Carthager aus dem Besitze Siciliens zu Wasser und zu Lande gänzlich vertrieben wären; was die Römer nun noch für einen Grund haben sollten, den Wohlstand von Syracus nicht eben so eifrig zu wünschen, als wenn Hiero, dies Muster der Anhänglichkeit an Rom, selbst noch lebte? Folglich stehe weder der Stadt, noch ihren Bewohnern irgend eine andere Gefahr bevor, als die sie sich selbst bereiten würden, wenn sie es versäumten, Nullam deinde fore) simul libertas.] – Ich folge der Interpunction und Lesart, welche Stroth aufgenommen hat, ob sie gleich für den Übersetzer mehr Schwierigkeit hatte. – und so günstig, wie in diesem entscheidenden Zeitpunkte, werde die Gelegenheit nie wieder kommen – sich mit den Römern in dem Augenblicke auszusöhnen, in welchem ihnen der erste Strahl der Errettung von ihren übermüthigen Tyrannen aufgegangen sei.» 29. Diese Rede fand außerordentlichen Beifall bei Allen, doch beschlossen sie, ehe sie Gesandte ernennten, zuvor Prätoren zu erwählen. Darauf wurden aus der Zahl der Prätoren selbst Abgeordnete an den Marcellus geschickt. Das Haupt der Gesandschaft sprach: «Wir Syracusaner waren es nicht, die in jener ersten Zeit von euch abfielen, sondern das that Hieronymus, der gegen euch lange so frevelhaft nicht war, als gegen uns; eben so wenig hat nachher den durch die Ermordung des 224 Tyrannen wiederhergestellten Frieden irgend ein Syracusaner gestört, sondern das thaten die Trabanten der Tyrannei, Hippocrates und Epicydes, nachdem sie uns theils durch Furcht, theils durch List unterdrückt hatten. Auch kann niemand behaupten, daß es für uns eine Zeit der Freiheit gegeben habe, die nicht zugleich die Zeit des Friedens mit euch gewesen wäre. Wenigstens haben wir uns, sobald wir durch Ermordung derer, welche Syracus unterdrückt hielten, unsre eignen Herren geworden sind, sogleich eingefunden, um unsre Waffen abzuliefern, uns selbst, unsre Stadt und Mauern zu übergeben, und uns jedes Schicksal gefallen zu lassen, das ihr uns auferlegen werdet. Die Ehre, die berühmteste und schönste der Griechischen Städte erobert zu haben, haben die Götter dir beschieden, Marcellus. Was wir je zu Lande und zu Meere Denkwürdiges verrichtet haben, schließt sich an den Ruhm deines Sieges. Könntest du es wünschenswerther finden, daß man die Größe der von dir eroberten Stadt der Sage zuglaube, als daß sie selbst vor dem Anblicke der Nachkommen dastehe? Nein. Wohin Quo quisque terra.] – Ich kann dem Gefühle nicht widerstehen, daß hier – es ist ja eine Rede – das Feuer des Redners durch die eingeschobene Parenthese und durch die bis habendas tradas? fortgesetzte Frage gelähmt werde. Dies scheinen auch Crevier und Stroth gefühlt zu haben. Sie verwerfen die zu lang gedehnte Frage, aber nicht bloß am Schlusse bei tradas? sondern auch schon im ersten Satze bei spectaculo esse? Ich interpungire so: Famaene credi velis, qu. u. a te c. s., quam p. q. eam spectaculo esse? Quo quisque t. q. m. venerit, nunc n. de Ath. Carth. tropaea, nunc t. de nob. ostendat; incolumesque Syracusas familiae, vestrae – – – habendas tradas. Hiernach geht mit Quo quisque die Antwort auf die, meiner Meinung nach, bei spectaculo esse? geendigte Frage an, so wie ich übersetzt habe. Crevier und Stroth und Andre lesen Famae ne credi velis, ohne Frage, und Stroth stützt diese Behauptung auf das folgende Ne plus apud vos etc. Allein eben darum, weil Livius nachher mit dem verbietenden Ne den Satz anfängt, würde auch im Anfange das Ne besser vor famae stehen. So anstößig es uns hier sein müßte, wenn er nachher sagte: Plus ne apud vos statt ne plus apud vos, eben so anstößig ist mir das Famae ne credi velis statt Ne famae credi velis. Darum behält auch Drakenborch Famaene als Frage bei. Dagegen hat er, wie mich dünkt, unrecht, wenn er nun diese Frage bis über die Parenthese ausdehnt und erst bei tradas? damit endigt. Crevier nimmt das quo quisque – – venerit für ita, ut, quicumque in eam terra, qui cumque mari venerint, eis urbs ostendat, nunc nostra etc. Drakenborch zieht das quo richtiger zu venerit, will aber ostendat von dem auf die Tropäen hinzeigenden Fremden verstehen. Nach meiner Meinung ist der Sinn der: Quo i. e. quocumque, quemcumque in locum urbis, [Achradinamne an Tychen, Neapolin, Epipolas, Nasumve, ad quaecumque fora, templa, theatra, porticus arcusve triumphales] hospes seu terra, seu mari veniens accesserit, ibi urbs nostra ei ostendat tropaea etc. ac tu [potius, quam urbem deleri velis,] Syracusas illas celeberrimas – – familiae vestrae – – sub tutela habendas tradas. der 225 Fremde – vom Lande, von der See aus – den Fuß setzt, da müsse sie ihm hier die Denkmale unsrer Siege über Athen und Carthago, dort der deinigen über uns zeigen: und du müssest an dem von dir erhaltenen Syracus deinem Stamme ein dem Schutze des Marcellischen Namens anbefohlnes Pflegekind hinterlassen. Das Andenken des Hieronymus darf bei euch nicht über das des Hiero den Ausschlag haben. Er war weit länger euer Freund, als jener euer Feind: von Hiero's Wohlthaten ward euch der volle Genuß; die Tollheit jenes schlug nur zu seinem eigenen Verderben aus. In Rücksicht auf die Römer hatten sie keine Fehlbitte, keine Unsicherheit zu fürchten. Unter ihnen selbst gab es der blutigen Auftritte und Gefahren desto mehr. Die Überläufer, die sich ihrer Auslieferung an die Römer versahen, flößten dieselbe Furcht auch den Miethsoldaten ein. Sie griffen zu den Waffen, hieben zuerst die Prätoren nieder, vertheilten sich dann, zum Gemetzel unter den Syracusanern, mordeten in der Wuth jeden, der ihnen vorkam, und wo sie zugreifen konnten, plünderten sie. Darauf ernannten sie, um nicht ohne Anführer zu sein, sechs Obersten, drei zu Befehlshabern in Achradina, drei für die Insel. Nach endlich gestilltem Auflaufe, als die Miethsoldaten durch Nachfrage in Erfahrung brachten, was man eigentlich mit den Römern unterhandelt habe, sahen sie, wie es wirklich stand, daß ihr Verhältniß von dem der Überläufer ganz verschieden sei. 30. Gerade jetzt kamen vom Marcellus die Gesandten zurück, welche ihnen aus einander setzten, daß sie sich durch ungegründeten Verdacht hätten aufbringen lassen, und daß die Römer auch nicht einen einzigen Grund wüßten, sie zur Strafe zu ziehen. Unter den drei Obersten in Achradina war ein 226 Spanier, Namens Mericus. An ihn wurde im Gefolge der Gesandten absichtlich einer von den Spanischen Hülfstruppen hineingeschickt, der es sein Erstes sein ließ, sobald er den Mericus allein fand, ihm die Lage zu schildern, in welcher er Spanien verlassen habe: und er war erst neulich dorther gekommen. «Dort sei Alles den Römischen Waffen unterwürfig. Er könne ja, wenn er etwas Dankenswerthes leiste, unter seinen Landesleuten der erste Mann sein, er möge nun lieber auf Römischer Seite fechten, oder in sein Vaterland zurückgehen wollen. Hingegen, wenn er sich lieber länger belagern lasse, was er dann, zu Lande und zu Wasser eingeschlossen, für Aussichten haben könne?» Auf diese Vorstellungen ließ Mericus mit der nächsten an den Marcellus abzuschickenden Gesandschaft seinen Bruder mitgehen. Dieser, der durch eben jenen Spanier ohne die Andern zum Marcellus geführt wurde, ließ sich von ihm die Zusage geben, verabredete mit ihm den der Sache zu gebenden Gang und kam nach Achradina zurück. Da fing Mericus an, um sich bei jedermann außer allen Verdacht einer Verrätherei zu setzen: «Dies Ab- und Zugehen der Gesandten gefalle ihm durchaus nicht. Man müsse so wenig jemand annehmen, als absenden; und damit die Wachen so viel sorgfältiger in Acht genommen würden, müßten die bedenklichen Stellen unter die Obersten vertheilt werden, so daß Jeder für die Aufsicht über seinen Bezirk verantwortlich sei.» Über diese Vertheilung der Plätze waren Alle seiner Meinung: ihm selbst bestimmte das Los die Gegend vom Quelle Arethusa bis zur Mündung des großen Hafens. Er sorgte dafür, daß die Römer dies erfuhren. Marcellus also ließ in der Nacht ein bemannetes Lastschiff im Taue eines Vierruderers an das Ufer von Achradina schleppen und die Soldaten in der Gegend des Thores landen, welches nahe am Quelle Arethusa liegt. Als dies um die vierte Nachtwache geschehen war, und Mericus die ans Land gesetzten Soldaten der Verabredung gemäß in das Thor gelassen hatte, that Marcellus am frühen 227 Morgen mit allen seinen Truppen einen Angriff auf die Mauern von Achradina, so daß er nicht allein die Besatzung von Achradina auf sich richtete, sondern auch die Truppen aus der Insel scharenweise mit Verlassung ihrer Posten herbeiliefen, um den Sturm der andringenden Römer abzuschlagen. In diesem Getümmel mußten einige Schnellruderer, die schon vorher bemannet und hieher herumgefahren waren, ihre Truppen auf der Insel aussetzen, welche durch ihren unvermutheten Angriff auf die halbbesetzten Posten und offengelassenen Pforten des Thores, durch welches so eben die Soldaten dorthin gelaufen waren, ohne großen Kampf die in der Verwirrung von ihrer weggeeilten Besatzung preisgegebene Insel eroberten. Auch zeigten die Überläufer unter Allen die wenigste Festigkeit oder Ausdauer zum Standhalten, da sie, selbst nicht ohne Mistrauen gegen ihre eigene Partei, mitten im Kampfe davonliefen. Als Marcellus erfuhr, daß die Insel erobert, ein Theil von Achradina von den Seinigen besetzt und Mericus mit seinen Truppen zu ihnen gestoßen sei, ließ er zum Rückzuge blasen, damit die königlichen Schätze, deren Ruf die Wahrheit noch überstieg, nicht geplündert werden möchten. 31. Darüber, daß er die Soldaten in ihrer Hitze zurückhielt, wurde theils den in Achradina befindlichen Überläufern Zeit und Raum zur Flucht gegönnt; theils schickten die endlich von ihrer Furcht erlöseten Syracusaner, die sogleich die Pforten von Achradina öffneten, Gesandte an den Marcellus, die um nichts weiter baten, als um ihr und der Ihrigen Leib und Leben. Marcellus antwortete ihnen vor einem berufenen Kriegsrathe, zu welchem er auch jene Syracusaner zog, die, durch Empörungen aus ihrer Vaterstadt vertrieben, im Römischen Lager Schutz gefunden hatten: «Die Zahl des vom Hiero den Römern seit funfzig Jahren erwiesenen Guten übersteige die des Bösen nicht, was ihnen in diesen wenigen Jahren diejenigen angethan hätten, in deren Besitze Syracus gewesen sei. Indeß sei dies meistentheils auf die zurückgefallen, die es verdient hätten; und die Störer der Verträge hätten sich selbst weit härter bestraft, als das Römische Volk es gewollt habe. Freilich halte er Syracus schon in das dritte Jahr eingeschlossen; nicht aber in der Absicht, die Stadt dem Römischen Volke zur Sklavinn zu machen, sondern damit sich nicht die Anführer der Überläufer in der Eroberung und Bedrückung derselben behaupten möchten. Was die Syracusaner hätten thun können, davon wären theils diejenigen ihrer Mitbürger ein Beweis, welche sich in Römischen Schutz geflüchtet hätten, theils sogar ein Spanischer Anführer, Mericus, welcher seinen Posten überliefert habe, und endlich der zwar späte, aber doch mannhafte Entschluß der Syracusaner selbst. Für ihn sei von allen seinen vor den Mauern von Syracus zu Wasser und zu Lande seit so langer Zeit ausgestandenen Beschwerden und Gefahren kein Genuß so groß, als der, daß er Syracus habe erobern können.» Nun wurde zur Übernahme und Bewachung des königlichen Schatzes der Schatzmeister auf die Insel geschickt. Die Stadt wurde den Soldaten zur Plünderung preisgegeben, sobald in die Häuser derer, welche ihre Zuflucht im Römischen Lager gehabt hatten, Schutzwachen vertheilt waren. Unter den mancherlei Gräueln, welche aus Rache und Raubsucht begangen wurden, ist doch der Zufall der Nachwelt aufbewahrt, daß Archimedes, der unter einem Getümmel, so groß es nur in einer eroberten Stadt bei dem Umherstreifen der plündernden Soldaten möglich war, sich ganz in seine in den Sand gezeichneten Figuren vertieft hatte, von einem Soldaten, der ihn nicht kannte, getödtet wurde. Dies soll dem Marcellus sehr nahe gegangen sein, und er soll selbst für die Bestattung der Leiche gesorgt haben, ja der Name und das Andenken des Mannes erwarben seinen Verwandten, welche Marcellus aufsuchen ließ, Ehre und Schutz. Etwa auf diese Art wurde die Stadt Syracus erobert, in welcher sich so viel Beute fand, als damals kaum die Eroberung der Stadt Carthago gegeben haben würde, welche doch als eigentliche Gegnerinn mit Rom im 229 Gleichgewichte stand. Wenig Tage vor der Einnahme von Syracus segelte Titus Otacilius mit achtzig Fünfruderern von Lilybäum nach Utica über. Da er vor Tage in den Hafen eingelaufen war, bemächtigte er sich der mit Korn befrachteten Lastschiffe: er ging ans Land, verheerte eine weite Gegend um Utica und brachte mancherlei Beute auf seine Schiffe. Am dritten Tage nach seiner Abfahrt von Lilybäum traf er hier wieder ein, mit einer schweren Ladung an Korn und Beute auf hundert und dreißig Lastschiffen, und schickte das Getreide sogleich nach Syracus. Wäre dies nicht so zu rechter Zeit zu Statten gekommen, so würde die Hungersnoth den Siegern eben so verderblich geworden sein, als den Besiegten. 32. In Spanien vereinigten die Römischen Feldherren in diesem Sommer, nachdem hier beinahe seit zwei Jahren nichts Merkwürdiges geschehen, und der Krieg mehr durch Einleitungen, als mit den Waffen, geführt war, nach dem Aufbruche aus den Winterquartieren ihre Truppen. Hier hielten sie Kriegsrath, und alle Stimmen waren darin einig, da man bis jetzt nur darauf hingewirkt habe, den Hasdrubal von seinem Zuge nach Italien zurückzuhalten, so sei es nun Zeit, auf die Beendigung des Krieges in Spanien zu denken: und hierzu hielten sie sich durch den Zuwachs an Truppen stark genug, den ihnen das Aufgebot von zwanzigtausend Celtiberern in diesem Winter gegeben hatte. Der Punischen Heere waren drei. Hasdrubal, Gisgons Sohn, und Mago standen beinahe fünf Tagemärsche von den Römern in einem gemeinschaftlichen Lager. Näher war Hamilcars Sohn, Hasdrubal, in Spanien der alte Feldherr. Er hatte sein Heer bei einer Stadt, Namens Anitorgi. Ihn wollten die Römischen Feldherren zuerst aufreiben, und sie hatten die Hoffnung, hierzu überflüssig stark zu sein. Die einzige Sorge blieb ihnen, der andre Hasdrubal und Mago mochten sich, durch seine Besiegung muthlos gemacht, in abgelegene Waldungen und Gebirge zurückziehen und den Krieg verlängern. In der Meinung, so am Besten zu thun, wenn sie mit getheilten Heeren den 230 gesammten Spanischen Krieg zugleich umfasseten, trafen sie die Theilung unter sich so, daß Publius Cornelius an Römern und Bundesgenossen zwei Drittel des Heers gegen den Mago und Hasdrubal mitnehmen, Cneus Cornelius hingegen an der Spitze des übrigen Drittels vom alten Heere und der Celtiberer den Krieg gegen den Barcinischen Hasdrubal führen sollte. Nachdem sich beide Feldherren und Heere zugleich auf den Weg gemacht hatten, auf dem sie die Celtiberer vorangehen ließen, schlugen sie bei der Stadt Anitorgi im Angesichte der Feinde, von denen ein Strom sie schied, ihr Lager auf. Hier blieb Cneus Scipio mit den vorhin benannten Truppen stehen, und Publius Scipio ging nach der ihm bestimmten Seite des Feldzuges ab. 33. Als Hasdrubal bemerkte, daß das Heer im Lager der Feinde an Römern so schwach sei und daß ihre ganze Hoffnung auf den Celtiberischen Hülfsvölkern beruhe, so trug er, bekannt mit der Treulosigkeit der Barbaren überhaupt und vorzüglich aller jener Völker, unter denen er seit so vielen Jahren focht, bei der Leichtigkeit sich zu verständigen, da es in beiden Lagern Spanier in Menge gab, den Anführern der Celtiberer eine große Summe unter der Bedingung an, ihre Truppen hier wegzuziehen. Auch war das in ihren Augen keine so unerhörte That. Denn man unterhandelte ja nicht mit ihnen, daß sie die Waffen gegen die Römer kehren sollten, und noch dazu wurde ihnen jetzt eine Summe, die ihnen selbst zur Führung des Krieges genügt hätte, bloß dazu gegeben, keinen Krieg zu führen: und so wie die Ruhe überhaupt, so war noch mehr die Rückkehr in die Heimat und der Genuß, die Seinigen und sein Eigenthum zu sehen, dem gemeinen Soldaten willkommen. Also wurde der große Haufe eben so leicht gewonnen, als die Anführer: selbst nicht einmal Furcht vor den Römern, deren so wenige waren, konnte hier stattfinden, wenn diese sie etwa mit Gewalt hätten zurückhalten wollen. Davor also werden sich Römische Feldherren immer zu hüten und diese Beispiele in der That als warnende 231 Belehrungen anzusehen haben, sich nie so sehr auf fremde Hülfsvölker zu verlassen, daß ihr Lager nicht noch an innerer Stärke und an eigenthümlichen Truppen eine Überlegenheit behalte. Plötzlich brachen die Celtiberer mit ihren Fahnen auf und zogen ab, ohne den Römern, welche nach der Ursache fragten und sie beschwuren hier zu bleiben, weiter etwas zu antworten, als, sie würden durch eigenen Krieg abgerufen. Als Scipio sah, daß sich die Bundesgenossen weder durch Bitten, noch durch Gewalt halten ließen, daß er eben so wenig ohne sie dem Feinde gewachsen sei, als sich mit seinem Bruder wieder vereinigen könne, und daß sich jetzt weiter nichts zur Rettung thun lasse, so beschloß er, so weit als möglich zurückzugehen, wobei er sein ganzes Augenmerk nur darauf richtete, sich nirgendwo in freiem Felde mit dem Feinde einzulassen, der schon über den Fluß gegangen und den Abziehenden beinahe immer an der Ferse war. 34. In eben den Tagen wurde Publius Scipio von einem gleichen Schrecken, von noch größerer Gefahr, durch einen neuen Feind bedrängt. Der junge Masinissa, welchen Roms Freundschaft nachher so berühmt und mächtig gemacht hat, war damals Bundesgenoß der Carthager. Dieser warf sich dem ankommenden Publius Scipio gleich jetzt mit seiner Numidischen Reuterei entgegen, und kam auch nachher Tag und Nacht beständig als der Angreifende wieder, fing nicht bloß die Zerstreuten auf, die sich auf Holz- und Futterholungen weiter vom Lager entfernten, sondern er setzte auch dadurch, daß er dicht an das Lager heranritt, und oft mitten in die Posten hineinsprengte, nicht ohne großes Getümmel Alles in Unruhe. Oft hatte man durch seinen plötzlichen Angriff sogar bei Nacht an den Thoren und Wällen vollauf zu thun, und den Römern blieb auch keine Stelle, keine Zeit, von Furcht und Besorgniß frei. Und da sie auf ihr Lager zurückgedrängt, aller Nothwendigkeiten beraubt, sich beinahe schon in einer förmlichen Einschließung befanden, und diese offenbar noch enger werden mußte, sobald Indibilis, der Sage nach mit siebentausend fünfhundert 232 Suessatanern schon im Anzuge, sich mit den Puniern vereinigte; so faßte Scipio, dieser behutsame und vorsichtige Feldherr, in der dringenden Noth den allerdings gewagten Entschluß, in der Nacht dem Indibilis entgegen zu gehen und wo er ihm aufstoßen würde, mit ihm zu schlagen. Nachdem er also, mit Hinterlassung einer mäßigen Bedeckung und des Unterfeldherrn Titus Fontejus als Befehlshabers im Lager, abgegangen war, traf er mit den ihm entgegen kommenden Feinden zusammen. Freilich fochten sie hier mehr in Scharenzügen, als in Schlachtreihen: und dennoch hatten die Römer, so viel in diesem wilden Gefechte möglich war, die Oberhand. Allein plötzlich brach auch die Numidische Reuterei, welche nach Scipio's Meinung sie nicht bemerkt haben sollte, sie aber jetzt auf den Flügeln umringte, zu ihrem großen Schrecken auf sie ein. Kaum hatten sie sich auf den neuen Kampf mit den Numidern eingelassen, so kamen, als dritter Feind, noch die Punischen Feldherren dazu, die ihnen, als sie schon im Gefechte standen, im Rücken nachgekommen waren. Und nun sahen sich die Römer allenthalben von der Schlacht umringt, ohne zu wissen, gegen welchen Feind zuerst, und nach welcher Seite zusammendrängend sie den Durchbruch versuchen sollten. Hier wurde dem fechtenden, seine Leute ermunternden, und wo die Noth am größten war, sich aussetzenden Feldherrn die rechte Seite mit einer Lanze durchbohrt; und kaum sah der Keil von Feinden, der auf die um ihren Anführer sich zusammendrängenden Römer eingebrochen war, den Scipio entseelt vom Pferde sinken, so sprengte er unter einem Freudengeschrei mit der Nachricht durch die ganze Linie: Der Römische Feldherr sei gefallen. So wie dieser Ausruf überall sich verbreitete, galten auch unfehlbar die Feinde schon für Sieger, die Römer für die Besiegten. Mit. dem Verluste des Feldherrn begann auch sogleich das Flüchten aus der Linie. Allein so wenig Schwierigkeit es Auxilia haud difficilis res erat.] – Ich vermuthe, Livius habe geschrieben: inter – – – alia auxilia res haud difficilis erat. Darüber, daß die Abschreiber auxiliares zusammenlasen, welches sie mit alia nicht reimen konnten, ließen sie res ausfallen. Man sehe Gronovs, Creviers und Drakenborchs Meinungen über diese Stelle bei letzterem. machte, Numider 233 und andre leichtbewaffnete Hülfsvölker zu durchbrechen, so war es auch kaum möglich, einer so zahlreichen Reuterei, und Fußvölkern, die den Pferden an Schnelligkeit gleich kamen, zu entlaufen: und auf der Flucht fielen der Römer beinahe mehr, als in der Schlacht. Es würde niemand davon gekommen sein; allein da sich der Tag schon tief zum Abend neigte, so wurde die Nacht ihre Retterinn. 35. Die Punischen Feldherren, die ohne Säumen von ihrem Glücke Gebrauch machten, trieben ihr Heer, dem sie kaum die nöthige Erholung gestatteten, gleich nach der Schlacht in Eilmärschen zum Hasdrubal, Hamilcars Sohne, mit der gewissen Hoffnung, wenn sie Non dubia spe, quum copias coniunxissent.] –– Die Worte quum copias, welche Stroth in den Text wieder aufgenommen hat, fehlen fast in allen Msc. Hingegen coniunxissent, woraus Gronov quum iuncti essent machen wollte, haben sie alle. Ich vermuthe, daß wegen des voraufgegangenen SPE die folgenden beiden Wörtchen SI SE ausgefallen sind. So sagte Livius Cap. 34. §. 6. Si se Indibilis – – – Poenis coniunxisset. sich vereinigten, den Krieg beendigen zu können. Als sie hier ankamen, brachen Heere und Heerführer vor Freude über den eben erfochtenen Sieg und in der gewissen Erwartung eines zweiten nicht minder wichtigen, in laute Glückwünsche aus, einen so großen Feldherrn mit seinem ganzen Heere aufgerieben zu haben. Bei den Römern war zwar die Nachricht von diesem großen Verluste noch nicht angekommen, allein es herrschte unter ihnen ein trauriges Schweigen und eine stille Ahnung, wie sie unser Herz zuweilen ergreift, wenn es vom nahenden Unglücke eine Vorempfindung hat. Der Feldherr selbst fühlte sich; außerdem daß er sich von seinen Bundesgenossen verlassen und die feindlichen Truppen so sehr verstärkt sah, durch Vermuthung und Nachdenken mehr zum Argwohne eines erlittenen Verlustes, als zu irgend einer erfreulichen Aussicht gestimmt. «Denn wie hätte sonst Hasdrubal und Mago, wenn sie nicht mit ihrem Kriege fertig waren, 234 ihr Heer ohne Widerstand dort abführen können? Wie sei es aber sonst möglich, daß sein Bruder ihnen nicht hinderlich gewesen oder doch auf dem Fuße gefolgt sei, um wenigstens, wenn er die Vereinigung der Feldherren und der Heere nicht habe abwenden können, eben so mit seinem Heere zu seinem Bruder zu stoßen?» Von diesen Sorgen geängstet hielt er es für jetzt für das einzige Rettungsmittel, sich so weit als möglich zurückzuziehen, und wirklich ließ er in Einer Nacht, so lange die Feinde von nichts wußten und eben darum still lagen, einen beträchtlichen Weg hinter sich. Mit Anbruch des Tages, sobald sie den Abzug ihres Feindes gewahr wurden, fingen sie die Verfolgung in Märschen an, so schnell sie ihnen möglich waren. Noch vor Nacht langten die Numider unter Angriffen, bald im Rücken, bald auf den Seiten, an. Die Römer machten Halt, und deckten ihren Zug so gut als möglich; doch ermunterte sie Scipio, so viel sie mit Sicherheit könnten, zugleich zu fechten und weiter zu rücken, ehe das Fußvolk sie einhole. 36. Allein da sie unter wechselndem Fortziehen und Anhalten in ziemlicher Zeit nur unbedeutend weiter kamen, und die Nacht schon hereinbrach, so rief Scipio seine Leute vom Gefechte zurück und führte sie, als er sie gesammelt hatte, einen Hügel hinan, der zwar keine völlige Sicherheit gewährte, am wenigsten einem von Schrecken befallenen Heere, der aber doch höher war, als die Gegend umher. Das Fußvolk, welches sich hier um sein nebst der Reuterei in die Mitte genommenes Gepäck herumstellte, hielt anfangs ohne Schwierigkeit die Angriffe der heransprengenden Numider zurück: nachher aber, als drei Feldherren mit drei ordentlichen Heeren in vollem Anzuge erschienen, und es einleuchtend war, daß die Römer ohne Verschanzung mit den Waffen allein zur Behauptung des Platzes zu schwach sein würden, so fing ihr Feldherr an sich umzusehen und darauf zu sinnen, wie er es möglich machen wolle, einen Wall umher aufzuführen. Allein der Hügel war so nacket und der Boden so spröde, daß sich hier weder Gebüsch, um Pfähle zu hauen, noch ein zum 235 Rasenstechen, oder zur Führung eines Grabens oder sonst zur Anlage irgend eines Werkes taugliches Erdreich finden ließ: auch nicht Eine Stelle war durch Natur so steil oder abschüssig, daß sie dem Feinde den Zugang oder das Heransteigen erschwert hätte: das Ganze erhob sich allmälig zu einer sanften Höhe. Um indeß doch einen Anschein von Wall vor sich zu haben, legten die Römer um sich her einen Kreis von ihren Packsatteln an mit dem darauf festgebundenen Gepäcke, welches sie zur gewöhnlichen Höhe gleichsam aufmauerten, doch so, daß sie da, wo es an Satteln zum Bollwerke fehlte, alle möglichen Bündel im Haufen vor sich aufbanseten. Als die Punischen Heere ankamen, rückte ihr Zug zwar ohne Schwierigkeit die Höhe hinan, allein die neue Art von Verschanzung fesselte sie anfangs gleich einer Wundererscheinung, ob ihnen gleich ihre Führer von allen Seiten zuriefen: «Warum sie Halt machten, und dies Spielwerk, welches Weiber oder Knaben kaum aufzuhalten vermöchte, nicht aus einander rissen und hinnähmen? Sie hätten den hinter sein Gepäck sich verkriechenden Feind so gut als gefangen.» So verächtlich forderten ihre Feldherren sie auf. Übrigens war es so leicht eben nicht, die ihnen entgegengethürmten Lasten zu überspringen, oder sie loszubrechen, oder die festgepackten und in das Gepäcke selbst vergrabenen Sattel aus einander zu hauen. Lange machte ihnen dies zu schaffen Tardatis diu quum amolita obiecta.] – Allen Herausgebern sind diese vier Participia tardatis und armatis, amolita und obiecta anstößig; vorzüglich, glaube ich, die beiden letzten. Da aber in mehrern Msc. statt tardatis sich traducti ohne s findet, im Florent. traditis ibi –: in keinem einzigen amolita, sondern in den meisten amoliti, in Einem wirklich amolitis; so lese ich so: Tardati sunt diu. Quum amolitis obiecta onera armatis dedissent viam etc. . Sobald aber das weggeräumte Packwerk sie mit den Waffen eindringen ließ, und dies an mehreren Stellen geschah, war auch das Lager auf allen Seiten erobert: die Wenigen wurden von den Vielen, Muthlose von Siegern, allenthalben niedergehauen. Doch ein großer Theil der Soldaten, der in die nahen Wälder entfloh, rettete sich in das Lager des Publius Scipio, 236 welchem der Unterfeldherr Titus Fontejus vorstand. Cneus Scipio soll, nach einigen Berichten, auf dem Hügel beim ersten Angriffe der Feinde gefallen sein, nach andern sich mit Wenigen auf einen Thurm in der Nähe des Lagers geflüchtet haben. Um diesen habe man Feuer gelegt und ihn so durch Verbrennung der Thorflügel, die man mit aller Gewalt nicht erbrechen konnte, erobert, und alle darin befindlichen samt dem Feldherrn niedergehauen. Cneus Scipio verlor sein Leben im achten Jahre nach seiner Ankunft in Spanien, neunundzwanzig Tage nach dem Tode seines Bruders. Die Traurigkeit über ihren Verlust war zu Rom nicht größer, als in ganz Spanien. Bei ihren Mitbürgern ging sogar ein Theil des Schmerzes um sie auf die eingebüßten Heere, auf die verlorene Provinz und auf das Unglück des States ab. In beiden Spanien hingegen beweinte und vermißte man sie in ihrer Person; doch den Cneus noch inniger, insofern er dort den Oberbefehl noch länger gehabt, das Wohlwollen früher in Beschlag genommen, und der Erste gewesen war, der von der Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit der Römer eine Probe gegeben hatte. 37. Als das Heer vertilgt und die Spanischen Provinzen verloren schienen, gab ein einziger Mann der schlimmen Sache eine bessere Wendung. Bei diesem Heere stand Lucius Marcius, des Septimus Sohn, ein Römischer Ritter; dabei ein muntrer junger Mann, von weit größerem Muthe und Geiste, als der Stand, in welchem er geboren war, erwarten ließ. Seinen hohen Fähigkeiten war die Zucht des Cneus Scipio zu Hülfe gekommen, unter der er seit so vielen Jahren in allen Künsten des Krieges gebildet war. Aus den von der Flucht aufgesammelten Soldaten und einigen abgeführten Besatzungen hatte er ein nicht unbedeutendes Heer zusammengebracht und es dem Unterfeldherrn des Publius Scipio, dem Titus Fontejus zugeführt. Allein an Ansehen und Ehre bei den Soldaten hatte der Römische Ritter so sehr den Vorzug, daß diese – als man in dem diesseit des Ebro befestigten Lager nach gemeinschaftlichem Beschlusse zur Ernennung eines 237 Feldherrn über beide Heere eine Wahlversammlung von Soldaten hielt, während welcher immer einer den andern auf den Wachen und Posten ablösete, bis sie sämtlich nach der Reihe gestimmt hatten – alle ohne Ausnahme den Oberbefehl dem Lucius Marcius übertrugen. Die ganze folgende Zeit, so kurz sie war, wurde auf Befestigung des Lagers und Anfuhr von Lebensmitteln verwandt, und die Soldaten vollzogen jeden Befehl nicht nur mit Eifer, sondern auch ohne alle Verzagtheit. Allein als sie jetzt hörten, Hasdrubal, Gisgons Sohn, sei in der Absicht, die Überbleibsel des Krieges zu vertilgen, über den Ebro gegangen und schon in der Nähe, und nun das Zeichen zur Schlacht vom neuen Feldherrn aufgesteckt sahen, da brachen sie alle bei der Rückerinnerung, was für Feldherren sie noch kurz zuvor gehabt hätten, und mit welchem Vertrauen auf Anführer und Truppen sie sonst immer zur Schlacht aufgetreten wären, auf einmal in Thränen aus und schlugen sich vor die Stirn: einige streckten unter Klagen über die Götter die Hände gen Himmel; andre warfen sich zur Erde und riefen jeder seinen Feldherrn bei Namen. Auch ließ sich ihre Wehklage nicht stillen, obgleich jeder Hauptmann die Soldaten seiner Rotte zu ermuntern suchte, und Marcius selbst bald sie tröstete, bald ihnen verweisend zurief: «Warum sie sich lieber zu weibischen und unnützen Thränen erniedrigten, statt daß sie mit ihm zu ihrer eignen und des States Vertheidigung den Muth stählen und ihre Feldherren im Tode nicht ungerächet lassen sollten:» als plötzlich Geschrei und Trompetenklang erscholl; denn die Feinde waren schon nahe vor dem Walle. Da rannten sie, indem plötzlich ihre Trauer in Grimm überging, nach ihren Waffen, stürzten wie von Wuth entflammt zu den Thoren hin und warfen sich auf den nachlässig und unordentlich herankommenden Feind. Die Überraschung jagte sogleich den Puniern Schrecken ein: voll Verwunderung, wie nach beinahe gänzlicher Vertilgung des Heers so viele Feinde, so schnell sich aufgemacht haben könnten, wie die Geschlagenen und in die Flucht Gejagten zu dieser Kühnheit, zu diesem Selbstvertrauen kämen, wer nach dem 238 Falle zweier Scipione noch Feldherr sein könne, wer das Lager befehlige, wer das Zeichen zur Schlacht gegeben habe: über alles dies Unerwartete ohne Aufschluß und staunend, zogen sie sich anfangs zurück, und als sie durch einen kräftigen Andrang geworfen wurden, kehrten sie den Rücken. Und nun würde entweder für die Flüchtigen das Gemetzel schrecklich, oder für die Verfolgenden der Ausfall gewagt und mißlich geworden sein, hätte nicht Marcius schleunig das Zeichen zum Rückzuge gegeben, und dadurch daß er den Seinigen an der Spitze entgegentrat, einige sogar selbst zurückhielt, ihrer fortstürzenden Linie Einhalt gethan. Dann führte er sie noch in ihrer vollen Begierde nach Gemetzel und Blut in das Lager zurück. Als die Carthager, die anfangs flüchtig genug vom feindlichen Walle zurücksprengten, sich von niemand verfolgt sahen, gingen sie in der Meinung, die Römer hätten aus Furcht Halt gemacht, nun wieder voll Verachtung und in langsamem Schritte ihrem Lager zu. Das Lager selbst bewachten sie mit gleicher Nachlässigkeit. Denn war gleich der Feind in der Nähe, so dachten sie ihn sich doch als Überbleibsel zweier vor wenig Tagen von ihnen vertilgten Heere. Da aus diesem Grunde bei den Feinden Alles die Nachlässigkeit selbst war, so ließ sich Marcius, als man es ihm meldete, auf einen Plan ein, der dem ersten Anscheine nach mehr unbesonnen als unternehmend war; selbst einen Angriff auf das feindliche Lager zu thun, weil er es für leichter hielt, das Lager des einzigen Hasdrubal zu erstürmen, als, wenn sich die drei Heere und die drei Feldherren abermals vereinigten, sein eigenes zu vertheidigen; zugleich auch, um entweder durch den glücklichen Erfolg den erlittenen Schaden zu heilen, oder wenn er ja zurückgeschlagen würde, sich wenigstens durch den zuvorkommenden Angriff bei den Feinden aus der Verachtung zu setzen. 38. Weil er es aber nöthig fand, sich gegen die Soldaten darüber auszulassen und sie sogar aufzufordern, damit nicht der völlige Mangel an Vorbereitung und der Aufstand bei Nacht und noch dazu ein in ihrer Lage nicht zu erwartender Etiam non suae fortunae consilium.] – Ich nehme mit Perizonius consilium für den Nominativ, weil ich glaube, die Worte non suae nicht auf den Marcius, sondern auf die Soldaten ziehen zu müssen: denn das vorhergehende subitares. und nocturnus terror kann ja nur auf die Soldaten gehen, nicht auf den Marcius, der mit dem, was sein Werk war, nicht unbekannt sein, nicht davon überrascht werden konnte. Auch geht ja die Lateinische Gedankenfolge so: Alloquendos tamen milites ratus, ne subita res et nocturnus terror, etiam non suae fortunae consilium (eos) perturbaret etc. Sollte consilium hier der Accusativ sein, so würde Livius turbaret gesagt haben. Consilium tur batur, milites per turbantur. Plan sie um alle Fassung brächte; so redete er sie in einer berufenen Versammlung so an: «Sowohl meine kindliche Liebe zu unseren Feldherren im Leben und im Tode, als unserer Aller gegenwärtige Lage können es Jedem glaublich machen, daß mir die jetzige Befehlshaberstelle, so ehrenvoll für mich durch eure Würdigung, in der That sehr drückend und beunruhigend sein müsse. Zu einer Zeit, in der ich meiner selbst, wenn die Furcht den Gram nicht übertäubte, kaum mächtig genug sein würde, für mein bekümmertes Herz einige Tröstungen aufzufinden, bin ich gezwungen, auf eurer Aller Bestes zu denken, und, was in Traurigkeit gerade am schwersten wird, ich ganz allein: und selbst dann nicht einmal, wenn ich darauf denken soll, wie ich diese Überbleibsel zweier Heere dem Vaterlande möchte retten können, ist es mir zu Gemüthe, mein Herz von dem festsitzenden Grame abzurufen. Die schmerzhafte Erinnerung ist immer wieder da; die Scipione beide halten mich Tag und Nacht in Sorgen und Schlaflosigkeit: sie wecken mich oft durch den Gedanken aus dem Schlafe, daß ich sie, daß ich ihre seit acht Jahren in diesen Landen unbesiegten Krieger, eure Kampfgenossen, daß ich den Stat nicht ungerächet lassen darf; und fordern mich auf, an ihre Zucht, an ihre Einrichtungen mich zu halten; und so wie bei ihrem Leben niemand ihren Befehlen folgsamer gewesen sei, als ich, so auch nach ihrem Tode das in jedem Falle als das Beste zu wählen, wovon ich am festesten überzeugt sei, daß auch sie hier so gehandelt haben würden. Auch ihr, Soldaten, dächte ich, müßtet ihnen nicht, gleich Ausgestorbenen, unter Wehklagen und 240 Thränen nachtrauern; – sie leben ja und wirken durch den Ruhm ihrer Thaten; – sondern ihr müsset jedesmal, so oft euch, [im Begriffe zu fechten, und wer auch euer Anführer sein mag.] Quotiescumque occurret.] – Nach der Ordnung der Gedankenfolge des Textes heißt es: quotiescumque memoria Scipionum vobis occurret, vos ita praelia inire velim, veluti si eos – – videatis. Da ist also das Schlachtanfangen eine Folge der Erinnerung an die Scipione. Wie kann aber Marcius seinen Soldaten zumuthen, daß sie jedesmal, wenn ihnen ihre verstorbenen Feldherren einfallen, in die Schlacht gehen sollen? Wie? wenn sie nun gegen keinen Feind ständen? oder gar, wenn Friede ist? sollen sie bei der Erinnerung an die Scipionen Krieg anfangen? Meiner Meinung nach mußte es heißen: so oft ihr zur Schlacht gehet, so erinnert euch ihrer, und fechtet so, als ob ihr sie etc. Ich glaube, Livius habe geschrieben: sed quotiescumque pugnaturis, duce quocumque, occurret memoria illorum, velut si etc. Die ähnlichen Endungen in quoties cumque und duce quocumque waren Schuld, daß die Abschreiber die dazwischen stehenden Worte pugnaturis, duce quocumque ausfallen ließen. Alsdann wäre pugnaturis (vobis) der zu occurret gehörige Dativ der hier fehlte; ferner läge im videatis eos ein so viel stärkerer Gegensatz von duce quocumque; und in den Worten duce quocumque steckte ein verschwiegenes etiam me duce. «Mag euch führen, wer da will, (selbst nur ein Ritter, wie ich jetzt) so denkt nicht an ihn, nicht an mich, sondern an die Scipione: als ob ihr sie [nicht den ducem quemcumque, nicht mich] euch Muth einsprechen, euch das Zeichen geben sähet.» ihr Andenken begegnet, so in die Schlachten gehen, als ob ihr sie euch Muth einsprechen, euch das Zeichen geben sähet. Und gewiß bewirkte keine andere Erscheinung, als die ihrige, dadurch daß sie euren Augen und euren Seelen vorschwebte, am gestrigen Tage das denkwürdige Gefecht, in welchem ihr den Feinden den Beweis gegeben habt, daß nicht zugleich mit den Scipionen Alles, was Römer heißt, ausgestorben sei; sondern daß die Kraft und Tapferkeit dieses Volks, da sie im Unglücke von Cannä nicht versank, sich gewiß aus jedem Sturme des Schicksals emporarbeiten werde. Jetzt, da ihr so viel aus eignem Triebe gewagt habt, möchte ich wohl den Versuch machen, wie viel ihr, aufgefordert von eurem Anführer, wagen würdet. Denn es war gestern, als ich euch von der fortreißenden Verfolgung des in Unordnung fliehenden Feindes durch mein Zeichen zurückrief, nicht meine Absicht, euren Muth zu brechen, sondern ihn für euren größern Ruhm und für ein sich darbietendes Glück zu sparen, damit ihr demnächst als die Vorbereiteten Unbesorgte, als die 241 Bewaffneten Wehrlose, ja sogar im Schlafe Liegende im günstigsten Zeitpunkte überfallen könntet. Und die Hoffnung auf diese Gelegenheit, ihr Soldaten, hege ich nicht etwa, ohne Grund zu haben, sondern weil sie aus der Sache selbst hervorging. Auch ihr würdet, wenn euch jemand fragen sollte, wie eurer so Wenige gegen so Viele, ihr, die Besiegten, gegen die Sieger euer Lager behauptet hättet, gewiß nichts anders antworten, als gerade weil ihr dies befürchtet hättet, hättet ihr Alles durch Werke gehörig gedeckt gehabt, und wäret selbst bereit und schlagfertig gewesen. Und so verhält es sich. Die Menschen sind gegen keinen Schlag weniger gesichert, als den das Glück sie nicht fürchten läßt; weil allemal unsre unbeachtete Seite auch die unbewachte, und offene ist. Nichts in der Welt fürchten unsre Feinde jetzt weniger, als daß wir, so eben noch selbst die Eingeschlossenen und Umstürmten, ihr Lager als die Angreifenden bestürmen könnten. Lasset uns unternehmen, was als Unternehmung von unsrer Seite nicht denkbar ist. Eben darum, weil es so äußerst schwer scheint, wird es äußerst leicht sein. Um die dritte Nachtwache will ich euch in aller Stille hinführen. Ich weiß durch sichere Erkundigungen, daß sie keine Ordnung in ihren Wachen, keine gehörigen Posten haben. Schon der Ton eures Feldgeschreies in ihren Thoren und der erste Sturm werden das Lager erobern. Dann richtet mir unter den von Schlaf Betäubten, durch das überraschende Getümmel Besinnungslosen, auf ihren Schlafstellen wehrlos Überfallenen das Blutbad an, von welchem gestern abgerufen zu werden euch so empfindlich war. Ich weiß, mein Plan scheint gewagt. Allein in dringender Noth und bei schmaler Hoffnung ist immer die kräftigste Maßregel die sicherste; weil wir dann, wenn wir im entscheidenden Augenblicke des im Vorüberfluge sich darbietenden günstigen Zeitpunkts im mindesten gesäumt haben, hinterher den unbenutzten vergebens zurückwünschen. Nur eins ihrer Heere steht in der Nähe«: zwei sind nicht weit entfernt: und ihr habt schon eure Stärke mit der 242 ihrigen gemessen. Lassen wir Einen Tag verstreichen, sind wir nach dem Rufe von unserm gestrigen Ausfalle nicht mehr die Verächtlichen, so laufen wir Gefahr, daß sich die Feldherren alle, die Truppen alle, vereinigen. Werden wir dann drei Feldherren, drei feindlichen Heeren, gewachsen sein, denen ein Cneus Scipio mit dem vollständigen Heere nicht gewachsen war? So wie unsre Feldherren durch die Theilung ihrer Truppen unglücklich wurden, so können auch die Feinde, getrennt und getheilt, zu Grunde gerichtet werden. Einen andern Weg der Unternehmung giebt es für uns nicht. So lasset uns denn auf nichts weiter warten, als auf den günstigen Zeitpunkt der nächsten Nacht. Gehet unter dem gnädigen Beistande der Götter, und thut euch zu gute, um bei voller Kraft und Wirksamkeit mit eben dem Muthe in das feindliche Lager einzubrechen, mit dem ihr das eurige vertheidigt habt.» Der neue Vorschlag vom neuen Feldherrn machte ihnen Freude; und je kühner er war, je mehr gefiel er ihnen. Die übrige Tageszeit brachten sie hin, die Waffen in Stand zu setzen und sich zu gute zu thun, und den größeren Theil der Nacht wandten sie zum Schlafen an. Mit der vierten Nachtwache brachen sie auf. 39. Über das nächste Lager hinaus standen in einer Entfernung von sechstausend Schritten noch andre Punische Truppen. Ein hohles, von Bäumen dichtes Thal war dazwischen. Beinahe in der Mitte dieser Waldung wurde mit Punischer Schlauheit eine Römische Cohorte und Reuterei versteckt. Als man so den Zwischenweg gesperrt hatte, wurden die übrigen Truppen in aller Stille gegen die nächsten Feinde geführt. Und da an den Thoren kein Posten, auf dem Walle keine Wache stand, so zogen sie ohne irgend einigen Widerstand, wie in ihr eignes Lager, völlig ein. Nun erschallen die Trompeten und das Feldgeschrei erhebt sich. Hier hauen sie die halbschlafenden Feinde nieder, dort werfen sie Feuer auf die mit dürrem Strohe gedeckten Hütten; Andre besetzen die Thore, um die Flucht zu sperren. Feuer, Geschrei, 243 Gemetzel, Alles zugleich, läßt die Feinde, wie ihrer Sinne beraubt, nichts hören, nichts veranstalten. Wehrlos gerathen sie unter bewaffnete Scharen; einige rennen nach den Thoren, andre springen, weil sie die Wege gesperrt finden, über den Wall; und so wie sich jeder davon macht, eilt er sofort dem andern Lager zu, wo Alle von der aus dem Hinterhalte hervorbrechenden Cohorte und Reuterei umzingelt und insgesamt niedergehauen werden. Wiewohl wenn auch einer diesem Gemetzel entronnen wäre, so eilten doch die Römer nach Eroberung des näheren Lagers in solchem Fluge zu dem zweiten hinüber, daß ihnen kein Bote des Unglücks voraufkommen konnte. In diesem nun fanden sie, weil es vom Feinde so viel weiter entfernt lag, und weil gegen Morgen viele auf Futter- und Holzholungen, manche auch zum Plündern ausgegangen waren, die Vernachlässigung und Unachtsamkeit in allen Stücken noch größer; auf den Posten bloß die Gewehre hingestellt, die Soldaten ohne Waffen auf der Erde sitzen und liegen, oder außerhalb des Walles und vor den Thoren auf- und abgehen. Auf diese Sorglosen und Unachtsamen hieben jetzt, noch heiß vom eben bestandenen Kampfe und durch ihren Sieg gehoben, die Römer ein. Also war an den Thoren aller Widerstand unmöglich. Aber hinter denselben erhob sich, als auf das erste Geschrei und Getümmel der Zulauf aus dem ganzen Lager sich sammelte, ein heftiger Kampf: und er würde lange gedauert haben, wenn nicht der Anblick der blutigen Römischen Schilde den Puniern den Beweis von der Niederlage des ersten Heers und dadurch Bestürzung mitgetheilt hätte. In diesem Schrecken wandten sie sich Alle zur Flucht, und da sie, bis auf die, welche das Gemetzel übereilte, allenthalben, wo nur ein Weg war, hinausstürzten, so blieb ihr Lager den Siegern. So wurden in Zeit von Nacht und Tag unter Anführung des Lucius Marcius zwei feindliche Lager erobert. Claudius, welcher die Jahrbücher des Acilius aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt hat, giebt die Anzahl der gebliebenen Feinde auf siebenunddreißig 244 tausend, die der Gefangenen auf tausend achthundert und dreißig und den Betrag der Beute sehr groß an; in dieser habe sich auch ein silberner Schild, hundert und achtunddreißig Pfund schwer, mit dem Bilde des Hasdrubal Barcas befunden. Valerius von Antium sagt, nur Mago's Lager sei erobert und siebentausend Feinde getödtet: in der zweiten Schlacht habe man nur in einem Ausfalle mit dem Hasdrubal gefochten, und zehntausend getödtet, viertausend dreihundert und dreißig zu Gefangenen gemacht. Piso schreibt, als Mago den weichenden Unsrigen zu hitzig nachgesetzt habe; habe er durch einen Hinterhalt fünftausend Mann verloren. Alle lassen dem Marcius als Anführer große Ehre. Ja Einige erhöhen seinen wirklichen Ruhm durch Erzählungen von Wundern. Während seiner Rede sei ihm vom Haupte, ohne Empfindung für ihn, aber zum großen Entsetzen der umstehenden Soldaten, eine Flamme aufgelodert: auch soll sich als Denkmal seines Sieges über die Punier der Schild, unter dem Namen: der Marcische, mit Hasdrubals Bildnisse bis auf den Brand des Capitols Im Jahre Roms 669 unter den Consuln Scipio und Norbanus. In dieser vermuthlich zufälligen Feuersbrunst verbrannten auch die Sibyllinischen Bücher. in diesem Tempel befunden haben. Nun hielt man sich in Spanien eine Zeitlang ruhig, weil beide Theile nach so großen gegenseitig zugefügten und erlittenen Niederlagen Anstand nahmen, etwas Entscheidendes zu wagen. 40. Während dieser Ereignisse in Spanien ließ Marcellus, der nach der Eroberung von Syracus alles Übrige in Sicilien mit einer so großen Rechtschaffenheit und Reinheit in Ordnung gebracht hatte, daß er nicht bloß seinen Ruhm, sondern auch die Ehrfurcht gegen den Römischen Stat erhöhete, die Zierden dieser Stadt, die Statuen und Gemälde, woran Syracus einen Überfluß hatte, nach Rom abführen. Freilich war das Alles feindliche Beute, und nach dem Kriegsrechte Eigenthum geworden; allein eben daraus entstand auch die Bewunderung 245 Griechischer Kunstwerke, und diese Dreistigkeit, alles Heilige und Unheilige ohne Unterschied zu plündern, welches nachher die Römischen Götter selbst und gerade zuerst diesen vom Marcellus so herrlich geschmückten Tempel Wahrscheinlich in den Bürgerkriegen. Stroth . traf. Denn sonst besahen sich immer die Fremden in den beiden vom Marcellus am Capenischen Thore geweiheten Tempeln wegen der vortrefflichen Prachtstücke dieser Art, von denen aber jetzt nur noch ein sehr kleiner Theil vorhanden ist. Fast aus allen Städten Siciliens fanden sich nun beim Marcellus Gesandschaften ein. So wie sie ungleiche Sache hatten, hatten sie auch ungleiches Schicksal. Diejenigen, welche vor der Eroberung von Syracus entweder nicht abgefallen, oder zur Verbindung mit Rom zurückgekehrt waren, wurden als treue Bundesgenossen angesehen und behandelt; die sich aber nach der Eroberung von Syracus aus Furcht ergeben hatten, mußten als Besiegte vom Sieger sich Gesetze geben lassen. Doch fanden sich für die Römer in der Gegend von Agrigent nicht unbeträchtliche Reste des Krieges; Epicydes nämlich und Hanno, als die vom bisherigen Kriege noch übrigen Feldherren, und ein dritter, neuer, welchen Hannibal in des Hippocrates Stelle geschickt hatte, ein Libyphönicier von Abkunft aus Hippo – er hieß bei seinen Landsleuten Mutines – ein unternehmender Mann und als Zögling Hannibals mit allen Regeln des Krieges bekannt. Epicydes und Hanno übergaben ihm die Numidischen Hülfstruppen. Mit diesen durchstreifte er das feindliche Gebiet dergestalt, und stellte sich, um die Bundesgenossen in ihrer Treue zu erhalten, oder wo diesem und jenem in der Noth zu helfen war, immer so richtig ein, daß er bald seinen Namen über ganz Sicilien verbreitete, und die Anhänger der Carthagischen Partei auf niemand so große Hoffnung setzten, als auf ihn. Die beiden Feldherren also, der Punische und der Syracusanische, seit einiger Zeit bloß auf die Mauern von Agrigent beschränkt, 246 wagten sich jetzt, ich sage nicht, auf Mutines Rath, aber doch im Vertrauen auf ihn, aus den Mauern hervor und schlugen am Flusse Himera ihr Lager auf. Gleich auf die Nachricht hiervon setzte sich Marcellus mit seinen Truppen in Bewegung und nahm beinahe viertausend Schritte von den Feinden seine Stellung, um ihr Verfahren und ihre Plane abzuwarten. Allein Mutines setzte über den Fluß, bewirkte durch seine Angriffe auf die feindlichen Posten Schrecken und Auflauf, und ließ ihm zum Warten und Überlegen weder Gelegenheit noch Zeit; ja den folgenden Tag jagte er die Römer beinahe in einem ordentlichen Treffen in ihre Verschanzungen. Da ihn nun ein im Lager ausgebrochener Aufstand der Numider , von denen auch beinahe dreihundert nach Heraclea Minoa weggingen, von hier abrief, um sie wieder zu besänftigen und zurückzuholen, so soll er bei seiner Abreise die andern Feldherren ernstlich gewarnt haben, in seiner Abwesenheit sich mit dem Feinde nicht einzulassen. Dies verdroß beide, den Hanno am meisten, weil ihm der Ruhm des Mannes schon lange Kummer machte. «Ein Mutines, ein halber Africaner, wolle ihm, einem Carthagischen, von Senat und Volk ausgesandten Feldherrn, seine Gränzen anweisen.» Er brachte den Epicydes, trotz seines Sträubens, zu der Einwilligung, daß sie über den Fluß setzten und in Linie ausrückten. «Denn wollten sie den Mutines erwarten,» sagte Hanno, «und die Schlacht fiele glücklich aus, so werde sicher Mutines die Ehre davontragen.» 41. Da nun gab Marcellus, der es sich zur Schande rechnete, wenn er diesen von ihm selbst zu Lande und zu Wasser besiegten Feinden auswiche, da er den auf den Sieg bei Cannä fußenden Hannibal von Nola zurückgeschlagen habe, sogleich seinen Soldaten Befehl, zu den Waffen zu greifen und auszurücken. Als er sein Heer stellte, kamen zehn Numider zu Pferde in vollem Laufe aus der feindlichen Linie angesprengt und meldeten, ihre Landsleute würden, theils in Folge jenes Aufstandes, in welchem dreihundert aus ihrer Anzahl nach Heraclea 247 weggegangen wären, theils weil sie ihren Obersten gerade vor dem Tage der Schlacht von beiden seinem Ruhme entgegen arbeitenden Feldherren weggeschickt sahen, in der Schlacht sich ruhig verhalten. Die sonst so treulose Nation hielt diesmal Wort. Folglich wuchs nicht nur den Römern der Muth, als schleunig durch alle Glieder bekannt gemacht wurde, der Feind werde von seiner Reuterei, vor der sie sich am meisten fürchteten, im Stiche gelassen; sondern die Feinde geriethen auch in Schrecken, da sich ihnen, außerdem daß gerade ihre größte Stärke sie nicht unterstützte, noch die Furcht aufdrängte, zugleich von ihrer eignen Reuterei angegriffen zu werden. Also kostete es hier nicht vielen Kampf. Das erste Geschrei beim Angriffe entschied. Als die Numider, die während des Zusammentreffens ruhig auf den Flügeln stehen blieben, die Ihrigen den Rücken kehren sahen, so nahmen sie nur an ihrer Flucht auf eine Strecke als Begleitung Theil: wie sie aber sahen, daß sich der ganze Zug in voller Bestürzung nach Agrigent wende, verliefen sie sich, um sich nicht belagern zu lassen, in die nächsten Städte umher. Viele tausend Menschen wurden getödtet und gefangen, und acht Elephanten. Dies war Marcell's letzte Schlacht in Sicilien. Er ging von hier als Sieger nach Syracus zurück. Schon war das Jahr beinahe zu Ende. Also befahl der Senat zu Rom, der Prätor Publius Cornelius solle den Consuln vor Capua schriftlich anzeigen, während Hannibal weit entfernt sei, und bei Capua nichts von großem Belange vorgenommen werde, möge der Eine von ihnen, wenn sie es für gut fänden, zur Wahl der neuen Obrigkeiten nach Rom kommen. Nach Empfange des Briefes verglichen sich die Consuln so, daß Claudius die Wahlen zu Stande bringen, Fulvius vor Capua bleiben solle. Unter des Claudius Vorsitze wurden Cneus Fulvius Centumalus und Publius Sulpicius Galba, des Servius Sohn, ob er gleich noch kein adliches Amt bekleidet hatte, zu Consuln ernannt. Darauf erwählte man zu Prätoren den Lucius Cornelius Lentulus , 248 Marcus Cornelius Cethegus, Cajus Sulpicius, Cajus Calpurnius Piso. Den Piso traf die Gerichtspflege in der Stadt, den Sulpicius Sicilien, den Cethegus Apulien, den Lentulus Sardinien. Den Consuln wurde der Heerbefehl auf ein Jahr verlängert. Sechs und zwanzigstes Buch. Jahre Roms 541 und 542. 250 Inhalt des sechs und zwanzigsten Buchs. Hannibal schlägt drei Meilensteine von Rom oberhalb des Anio sein Lager auf, und reitet selbst, um sich mit der Lage der Stadt bekannt zu machen, mit zweitausend Mann Reuterei bis nahe an das Capenische Thor Capenam portam.] – Livius selbst sagt richtiger Collinam. Crev. und Drakenb. auf und ab. Von beiden Seiten tritt man drei Tage Per triduum.] – Livius Cap. 11 sagt biduum. Crev. und Drakenb. nacheinander mit allen Truppen zur Schlacht auf, welche jedesmal ein Ungewitter verhindert. (Man sieht dies für eine höhere Misbilligung an Nam quum in castra.] – Dies Nam bringt den gelehrten Crevier auf die nicht ungegründete Vermuthung, daß hier ein par Worte ausgelassen sind. Etwa: Ea res in religionem vertit. ). Denn so oft sie wieder ins Lager zurückgekehrt waren, war gleich wieder heiteres Wetter eingetreten. Capua wird von den a Q. Fulvio et App. Claudio consulibus.] – Livius nennt oft die noch praetores und consules, die schon Proprätoren und Proconsuln waren. Crevier und Drakenb. Proconsuln Quintus Fulvius und Appius Claudius erobert. Die vornehmsten Campaner geben sich den Tod durch Gift. Als die Campanischen Senatoren schon an die Pfähle gebunden waren, um mit dem Beile enthauptet zu werden, legte der Proconsul Quintus Fulvius den vom Senate einlaufenden Brief, welcher ihm Schonung gebot, in seinen Schoß, ließ nach dem Gesetze verfahren und die Hinrichtung vollziehen. Auf die vor dem versammelten Volke geschehene Anfrage, wem der Oberbefehl über die beiden Spanien aufgetragen werden solle, erklärte Publius Scipio, des in Spanien gefallenen Publius Sohn, da sich niemand dazu erbot, er wolle hingehen: und als er durch die Wahl des Volks und mit allgemeiner Beistimmung hingeschickt wurde, eroberte er Neu-Carthago in Einem Tage. Er war erst im vierundzwanzigsten Jahre, und man trauete ihm göttliche Abkunft zu, theils weil er, seitdem er die Männertoga trug, sich täglich auf dem Capitole einfand, theils weil man mehrmals im Schlafzimmer seiner Mutter eine Schlange gesehen hatte. Außerdem enthält dies Buch die Thaten in Sicilien, die Befreundung mit den Ätolern, und den Krieg gegen die Acarnanen und den Macedonischen König Philipp . 251 Sechs und zwanzigstes Buch 1. Als die Consuln Cneus Fulvius Centumalus und Publius Sulpicius Galba am funfzehnten März ihr Amt angetreten hatten, ließen sie den auf das Capitol berufenen Senat über die Statsverwaltung, über die Führung des Krieges, über die Provinzen und Heere sich erklären. Den Consuln des vorigen Jahrs Quintus Fulvius und Appius Claudius verlängerte man den Heerbefehl und hieß sie ihre jetzigen Heere behalten. Dabei wurde bestimmt, sie sollten von Capua, welches sie eingeschlossen hielten, nicht abziehen, bis sie es erobert hätten. Diese Sorge beschäftigte damals die Römer am meisten, nicht sowohl aus Erbitterung, ob diese gleich nie gegen einen Stat gerechter war, als weil sie der Meinung waren, so wie diese berühmte und mächtige Stadt durch ihren Abfall mehrere Völker sich nachgezogen habe, so werde auch ihre Wiedereroberung die Stimmung bewirken, sich wieder nach der ehemaligen Regierung umzusehen. Auch den Prätoren des vorigen Jahrs, Marcus Junius in Hetrurien und Publius Sempronius in Gallien wurde der Heerbefehl über die zwei Legionen, die jeder gehabt hatte, verlängert. Auch sollte ihn Marcus Marcellus behalten, um in Sicilien als Proconsul den Rest des Krieges mit seinem jetzigen Heere zu beenden. Hätten seine Truppen Ergänzung nöthig, so möchte er sie aus den Legionen vollzählig machen, welche unter dem Proprätor Publius Cornelius in Sicilien ständen; nur sollte er dazu nicht Einen Mann von denen nehmen, welchen der Senat den Abschied und die Rückkehr ins Vaterland vor Beendigung des Krieges verweigert habe. Dem Cajus Sulpicius, welcher Sicilien erloset hatte, bestimmte man die zwei Legionen, welche Publius Cornelius gehabt 252 habe, und Ergänzungstruppen von dem Heere des Cneus Fulvius, welches voriges Jahr in Apulien so schimpflich zusammengehauen und in die Flucht geschlagen war. Den hierzu gehörigen Soldaten hatte der Senat für ihre Dienstzeit dasselbe Ziel gesetzt, wie denen von Cannä, und zur Erhöhung ihres Schimpfes durften Beide nie in Städten Winterquartiere nehmen, noch sie unter einer Entfernung von zehntausend Schritten, bei irgend einer Stadt anlegen, Dem Lucius Cornelius gab man für Sardinien die zwei Legionen, welche Quintus Mucius befehligt hatte. Die etwa nöthigen Ergänzungstruppen sollten die Consuln ausheben. Dem Titus Otacilius und Marcus Valerius wurden Siciliens und Griechenlands Küste mit den Legionen und Flotten bestimmt, welchen sie schon vorstanden. In Griechenland gebrauchte man funfzig Schiffe und Eine Legion, für Sicilien hundert Schiffe und zwei Legionen. Die Römer führten den Land- und Seekrieg für dieses Jahr mit dreiundzwanzig Legionen. 2. Als es im Anfange des Jahrs über den vom Lucius Marcius eingelaufenen Bericht zum Vortrage kam, so erklärte zwar der Senat die Thaten desselben für preiswürdig, allein die Ehrenstelle, die er sich in der Überschrift gab – er hatte, ohne den Oberbefehl auf Geheiß des Gesamtvolks oder nach einem Gutachten des Senats zu haben, so geschrieben: « Der Proprätor an den Senat » – fanden Viele anstößig. «Es gebe ein böses Beispiel, wenn man die Feldherren von den Heeren wählen lasse: auch gehe dann die feierliche Sitte der durch heilige Vögel genehmigten Wahlen in das Lager und in die Provinzen über, wo sie in der Ferne der Gesetze und Obrigkeiten von der Unbesonnenheit der Soldaten abhingen.» Obgleich Einige dahin stimmten, die Sache im Senate zur Sprache zu bringen, so hielt man doch für besser, diese Berathschlagung bis nach der Abreise der Ritter zu verschieben, welche den Brief vom Marcius überbracht hatten. Man beschloß, in Absicht des Getreides und der Kleidungsstücke für das Heer ihm zu antworten: «Der Senat werde für Beides Sorge tragen.» Allein die 253 Aufschrift: « An den Proprätor Lucius Marcius » sollte wegfallen, damit er nicht gerade das, was man der Berathschlagung vorbehielt, als vorläufig bewilligt ansehen möchte. Nach Abfertigung der Ritter machten die Consuln diese Sache zum ersten Gegenstande ihres Vortrages, und alle Stimmen vereinigten sich dahin, die Bürgertribunen zu vermögen, daß sie je eher je lieber bei dem Bürgerstande anfragten, wen man als Oberbefehlshaber nach Spanien zu dem Heere schicken solle, welches Cneus Scipio als Oberfeldherr befehligt habe. Man machte dies mit den Tribunen aus, und sie brachten die Sache zum öffentlichen Anschlage. Unterdeß hatte eine Streitigkeit von anderem Inhalte die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Cajus Sempronius Bläsus, der den Cneus Fulvius wegen des in Apulien verlornen Heers vor das Volk beschieden hatte, nahm diesen in seinen Reden sehr heftig mit, deren gewöhnlicher Inhalt dieser war: «Schon mancher Feldherr habe durch Unbesonnenheit und Ungeschicklichkeit sein Heer an den Rand des Verderbens geführt, aber noch keiner, außer Cneus Fulvius, habe seine Legionen, ehe er sie aufgeopfert habe, durch alle Arten von Laster zu Grunde gerichtet. Man könne mit Wahrheit sagen, sie wären schon vorher verloren gewesen, ehe sie einen Feind gesehen hätten, und nicht vom Hannibal, sondern von ihrem Feldherrn zu Überwundenen gemacht. Niemand könne, wenn er zur Stimmenwahl schreite, mit Sicherheit vorhersehen, wem er den Oberbefehl, wem er das Heer anvertraue. Wie ganz anders sich Tiberius Sempronius benommen habe? Dem habe man ein Heer von Sklaven gegeben, und in Kurzem habe er durch Zucht und Gebot bewirkt, daß sie Alle ihrer Abkunft, ihres Ursprungs, in der Schlacht vergessen hätten, und der Bundesgenossen Schutz, der Feinde Schrecken geworden wären; Cumä, Beneventum und andre Städte gleichsam aus Hannibals Klauen dem Römischen Volke wiedergewonnen hätten. Cneus Fulvius aber habe einem Heere Römischer Quiriten, edelbürtigen, frei erzogenen Männern Sklavenlaster eingeimpft. So habe er es dahin gebracht, daß sie gegen 254 Bundsgenossen die Trotzigen und Unfriedlichen, gegen den Feind feig und muthlos geworden wären, und nicht nur den Angriff der Punier, sondern auch schon ihr Feldgeschrei nicht hätten aushalten können. Auch sei es, bei Gott! kein Wunder, daß die Soldaten in der Schlacht nicht Stand gehalten hätten, da der Feldherr von Allen zuerst geflohen sei. Er wundre sich mehr darüber, daß doch noch Einige in Linie stehende gefallen wären, als daß sie nicht Alle den Cneus Fulvius in seiner Bestürzung und Flucht begleitet hätten. Ein Cajus Flaminius, Lucius Paullus, Lucius Postumius, die Scipione Cneus und Publius, hätten lieber in der Schlacht fallen, als ihre umzingelten Heere im Stiche lassen wollen: nur Cneus Fulvius sei beinahe als der alleinige Bote von seinem vertilgten Heere zu Rom angekommen. Es sei unerhört, daß das Heer von Cannä wegen seiner Flucht aus der Schlacht, nach Sicilien abgeführt sei, um dort nicht eher entlassen zu werden, bis der Feind Italien geräumt habe; daß man dasselbe neulich gegen die Legionen des Cneus Fulvius erkannt habe; wenn dem Cneus Fulvius seine Flucht aus dem durch seine Unbesonnenheit gelieferten Treffen ungestraft hinginge; wenn er in den Schenken und liederlichen Winkeln, wo er seine Jugend verlebt habe, auch sein Alter zubringen sollte; und die Soldaten, die weiter nichts verbrochen hätten, als daß sie ihres Feldherrn Ebenbild gewesen wären, so gut als in die Verbannung verwiesen, in einem schimpflichen Dienste ständen. So ungleich sei zu Rom die Freiheit zwischen Reichen und Armen, zwischen denen in Ämtern und den Unbeamteten vertheilt.» 3. Der Beklagte schob die Schuld von sich auf die Soldaten. «Da er sie auf ihre trotzige Forderung, zu schlagen, aber nicht an dem Tage, da sie es gewollt – denn da sei es schon zu spät gewesen – sondern am folgenden ins Treffen geführt und in Hinsicht auf Zeit und Ort dem Feinde gleichgestellt habe, hätten sie entweder dem großen Namen oder der Tapferkeit des Feindes untergelegen. Da sie alle unaufhaltsam geflohen wären; sei auch er vom 255 Gedränge fortgerissen, wie Varro in der Cannensischen Schlacht, wie so mancher andre Feldherr. Wie er aber durch sein alleiniges Standhalten, wenn nicht etwa sein Tod künftige Niederlagen habe abwenden sollen, dem State habe nützen können? Ihm habe es kein Mangel an Lebensmitteln gethan, kein unvorsichtiger Zug auf eine nachtheilige Stelle, kein Überfall aus einem Hinterhalte auf unerkundetem Wege: durch offenen Angriff, mit Waffen, in der Schlacht sei er besiegt. Er habe so wenig den Muth der Seinigen, als der Feinde, in seiner Gewalt gehabt: Kühnheit oder Bangigkeit gebe Jedem sein eigner Sinn.» Er wurde zweimal angeklagt, und der Kläger trug auf Geldstrafe an. Als aber im dritten Termine von den aufgestellten Zeugen, außerdem daß ihm eine Menge von Vorwürfen zur Last fiel, sehr viele eidlich aussagten, der Prätor habe zu dieser Flucht und Muthlosigkeit das erste Beispiel gegeben, und da die von ihm im Stiche gelassenen Soldaten geglaubt hätten, die Furcht ihres Feldherrn müsse nicht ungegründet sein, so hätten auch sie die Flucht genommen: so wurde die Erbitterung so groß, daß die ganze Versammlung rief, man müsse sein bürgerliches Dasein in Anspruch nehmen. Hierüber kam es zu einem neuen Streite. Denn da der Tribun zweimal auf Geldstrafe angetragen hatte, und nun zum drittenmale sagte, er komme gegen des Beklagten bürgerliches Dasein ein, so nahm Fulvius die Tribunen in Ansprache. Und diese erklärten, sie würden ihrem Amtsgenossen nicht hinderlich sein, wie es ihm nach alter Sitte zustehe, entweder Kraft der Gesetze oder des Herkommens, so lange auf Strafe anzutragen, bis er gegen ihn als Privatmann entweder einen Spruch auf Geldstrafe oder gegen dessen bürgerliches Dasein bewirkt habe. Da sagte Sempronius, er klage gegen den Cneus Fulvius auf Hochverrath und erbat sich hierzu vom Stadtprätor Cajus Calpurnius einen Volkstag. Jetzt versuchte der Beklagte einen andern Weg der Hülfe, ob er es möglich machen könnte, seinen Bruder, Quintus Fulvius zum gerichtlichen Beistande zu haben, dessen Thatenruhm bei 256 der zu hoffenden baldigen Eroberung Capua's in voller Blüte stand. Da Fulvius in einem um die Rettung seines Bruders kläglich flehenden Briefe um diese Erlaubniß angehalten, die Väter aber geantwortet hatten, seine Entfernung von Capua werde einen nachtheiligen Einfluß auf das Ganze haben, so ging Cneus Fulvius gegen die Zeit des Gerichtstages in die Verbannung nach Tarquinii: und der Bürgerstand erklärte, die Verbannung sei ihm von Rechtswegen zuerkannt. 4. Indessen hatte sich die ganze Stärke des Krieges gegen Capua gewandt, ob es gleich ernstlicher eingeschlossen, als bestürmt wurde: und die Sklaven und geringen Leute konnten eben so wenig die Hungersnoth länger tragen, als durch so enge Posten an den Hannibal Boten senden. Da fand sich ein Numider, der mit einem Briefe durchzukommen versprach, und da er, um Wort zu halten, bei Nacht mitten durch das Römische Lager ging, bei den Campanern den Muth weckte, so lange sie noch einige Kräfte hätten, auf allen Seiten einen Ausfall zu versuchen. Auch liefen bei dem wiederholten Kampfe die Gefechte mit der Reuterei für sie meistens glücklich ab; nur zu Fuß waren sie die Geschlagenen. Indeß die Freude, zu siegen, war bei weitem nicht so groß, als der Verdruß, auf irgend einer Seite von einem belagerten und fast schon bezwungenen Feinde besiegt zu werden. Endlich fand man ein Mittel, den Abgang an Kraft durch Kunst zu ersetzen. Man hob aus allen Legionen die durch Munterkeit und leichteren Körperbau raschesten Jünglinge aus, und gab ihnen kürzere Rundschilde, als die Ritter hatten und jedem sieben Wurfspieße von vier Fuß Länge, vorne mit Eisen beschlagen, wie es die Lanzen der leichten Truppen haben. Von diesen nahm jeder Ritter einen zu sich aufs Pferd und gewöhnte ihn, hinter ihm aufzusitzen und auf ein Zeichen schnell abzuspringen. Als sie durch die tägliche Übung so weit gekommen zu sein schienen, dies mit der gehörigen Fertigkeit thun zu können, so rückte man auf dem zwischen dem Lager und der Stadtmauer befindlichen Felde 257 gegen die aufgestellte Campanische Reuterei vor. Als man zum Pfeilschusse kam, sprangen auf das Zeichen die Leichtbewaffneten ab; und nun drang plötzlich aus der Reuterei eine Linie zu Fuß auf die feindlichen Ritter ein und schleuderte mit Eindruck Spieße über Spieße auf sie ab. Da diese allenthalben in Menge auf Roß und Mann geworfen wurden, so verwundeten sie viele: doch war es eigentlich das Neue und Unerwartete des Auftritts, was ihnen den meisten Schrecken einjagte; und da nun auf die bestürzten Feinde die Reuterei einhieb, so verbreitete diese Flucht und Gemetzel unter ihnen bis an die Thore. Von nun an hatten die Römer auch an Reuterei die Überlegenheit. Es wurde festgesetzt, in den Legionen solche Absitzer beizubehalten. Diese Mischung der Reuterei mit Fußvolk war, der Angabe nach, das Werk des Hauptmanns Quintus Navius, der davon bei seinem Feldherrn alle Ehre hatte. 5. Bei dieser Lage der Dinge vor Capua sah sich Hannibal von seinen Entwürfen, die Burg von Tarent zu gewinnen und Capua zu retten, nach zwei entgegengesetzten Seiten gezogen: doch behielt die Rücksicht auf Capua die Oberhand, weil er sah, daß die Aufmerksamkeit der sämtlichen Bundesgenossen und Feinde auf diese Stadt gerichtet war, deren Abfall von den Römern in beiden Fällen des Ausgangs als Belehrung gelten werde. Nachdem er also einen großen Theil des Gepäcks und alle schweren Rüstungen im Bruttischen zurückgelassen hatte, eilte er mit Fußvolk und Reuterei, so passend er sie zur Beschleunigung des Zuges auswählen konnte, nach Campanien: doch folgten ihm auf seinem so schnellen Marsche dreiunddreißig Elephanten. In einem versteckten Thale hinter dem in Capua's Nähe ragenden Gebirge Tifata setzte er sich. Nach Eroberung des Kastells Galatia, wo er gleich bei seiner Ankunft die Besatzung im Sturme hinauswarf, wandte er sich gegen die Belagerer Capua's. Weil er nach Capua die Bestellung hatte voraufgehen lassen, daß sie um eben die Zeit, wo er das Römische Lager angreifen würde, zum Ausfalle fertig zu allen 258 Thoren herausstürzen möchten, so setzte er bei den Römern Alles in Schrecken. Denn auf der einen Seite griff er selbst an, auf der andern brachen die sämtlichen Campaner, Fußvolk und Reuterei, und mit ihnen die Punische Besatzung unter Bostar und Hanno aus der Stadt. Die Römer, um nicht in einer solchen Verlegenheit durch ein Zusammenströmen auf Einen Punkt irgend eine Stelle ohne Vertheidigung zu lassen, vertheilten ihre Truppen so. Appius Claudius trat den Campanern entgegen, Fulvius dem Hannibal. Cajus Nero, der Proprätor, nahm mit den Rittern der sechsten Legion seinen Stand auf der Straße nach Suessula, Cajus Fulvius Flaccus, der Legat, dem Strome Vulturnus gegenüber. Das Treffen begann nicht allein mit dem gewöhnlichen Geschreie und Lärmen, sondern außer dem Getöse der Männer, Rosse und Waffen, erhob auch die Menge von Campanern, welche wehrlos auf den Mauern aufgepflanzt stand, unter einem Geklapper mit ehernen Becken, wie man es in nächtlicher Stille bei einer Mondfinsterniß ertönen lässet, ein solches Geschrei, daß es die Aufmerksamkeit der Heere vom Gefechte abzog. Die Campaner hielt Appius ohne Mühe von seinem Walle ab: allein den Fulvius bedrängte von der andern Seite ein wirksamerer Feind, Hannibal mit seinen Puniern. Hier wich die sechste Legion von ihrer Stelle, nach deren Vertreibung eine Cohorte Spanier mit drei Elephanten bis an den Wall vordrang: und schon hatte sie die Linie der Römer in der Mitte gesprengt und schwebte selbst zwischen Hoffnung und Furcht, ob sie bis ins Lager durchbrechen oder von den Ihrigen abgeschnitten würde. Als Fulvius die Legion in Bestürzung, das Lager in Gefahr sah, rief er dem Quintus Navius und mehreren der vornehmsten Hauptleute zu, sie möchten die feindliche schon am Walle fechtende Cohorte angreifen: die Sache stehe zur mißlichsten Entscheidung: entweder müsse man die Feinde durchlassen; und dann würden sie mit leichterer Mühe, als sie die dichte Linie gesprengt hätten, in das Lager einbrechen, oder man müsse sie am Walle 259 zusammenhauen. Und dies werde so großen Kampf nicht kosten. «Der Haufe sei klein, und noch dazu von den Seinigen abgeschnitten; und wenn die Linie, die jetzt bei der Bestürzung der Römer unterbrochen scheine, sich von beiden Seiten gegen den Feind wende, so könne sie von vorne und von hinten die in die Mitte Genommenen einschließen.» Auf dies Wort des Feldherrn riß Navius dem Fähnriche von der zweiten Rotte des ersten Gliedes die Fahne aus der Hand und trug sie unter der Drohung den Feinden entgegen, sie mitten unter sie zu werfen, wenn nicht sogleich jeder Soldat ihm folgte und seinen Theil des Gefechts auf sich nähme. Der Mann war von mächtigem Körperbaue; die Waffen standen ihm schön ; und die emporgehaltene Fahne zog die Aufmerksamkeit von Freund und Feind auf dieses Schauspiel. Freilich schossen die Spanier, als er sich jetzt ihren Fahnen näherte, von allen Seiten ihre Wurfpfeile auf ihn und fast ihre ganze Linie richtete sich gegen den Einen: allein weder die Menge von Feinden, noch ein Hagel von Geschossen vermochte den Andrang dieses Mannes aufzuhalten. 6. Auch der Legat Marcus Atilius zwang den Fähnrich der ersten Rotte im zweiten Gliede eben dieser Legion, mit seiner Fahne auf die Spanische Cohorte einzugehen. Eben so vertheidigten auch die dem Lager vorgesetzten Legaten Lucius Porcius Licinus und Titus Popilius den Wall mit Muth und erlegten die Elephanten beim Übergange auf dem Walle selbst. Allein der Graben, durch diese Körper gestopft, gewährte den Feinden den Durchgang, als führte ein Damm oder eine Brücke hinüber: und auf dieser mit todten Elephanten überdeckten Stelle erhob sich ein fürchterliches Gemetzel. Auf der innern Seite des Lagers waren die Campaner und die Punische Besatzung schon geschlagen; man focht selbst unter dem Thore von Capua, welches nach Vulturnum führt; und es waren nicht sowohl die Bewaffneten, welche den Römern das Eindringen wehrten, als das mit großen und kleinen Wurfgerüsten besetzte Thor, welches die Feinde durch Geschosse fern hielt. Auch that 260 dem Andrange der Römer die Wunde ihres Feldherrn Appius Claudius Einhalt, welchem an der Spitze der Seinigen, denen er Muth einsprach, die Brust oben unter der linken Schulterhöhle von einem Gallischen Wurfspieße getroffen ward. Dennoch wurde eine große Menge Feinde vor dem Thore niedergehauen, und die übrigen in voller Bestürzung in die Stadt getrieben. Als Hannibal die Niederlage der Spanischen Cohorte, und das feindliche Lager mit der höchsten Tapferkeit vertheidigt sah, so fing er an, mit Aufgebung des Angriffs, seine Fahnen zurückzuziehen, und sein Fußvolk zu schwenken, dem er im Rücken die Reuterei vorbreitete, damit es der Feind nicht verfolgen könnte. Die Legionen brannten vor Eifer, dem Feinde nachzusetzen, allein Flaccus ließ zum Rückzuge blasen: er glaubte, beide Zwecke hinlänglich erreicht zu haben, sowohl die Campaner zu belehren, wie wenig ihnen Hannibal helfen könne, als den Hannibal selbst dies fühlen zu lassen. Die Berichte der Geschichtschreiber über diese Schlacht sagen, Hannibal habe an diesem Tage achttausend Mann verloren, die Campaner dreitausend; dem Carthagern habe man funfzehn Fahnen genommen, den Campanern achtzehn. Bei Andern habe ich gefunden, daß die Schlacht keinesweges von solcher Bedeutung, und die Verwirrung größer gewesen sei, als der Kampf, indem die Numider und Spanier unvermuthet mit den Elephanten in das Römische Lager eingebrochen wären, und die mitten durch das Lager fortschreitenden Elephanten unter großem Getöse den Umsturz der Gezelte und die Flucht der von ihren Halftern sich losreißenden Packpferde veranlasset hätten: diese Verwirrung sei durch Hannibals List noch größer geworden, weil er durch Leute, welche der Lateinischen Sprache kundig waren – und er hatte deren mehrere – im Namen der Consuln ausrufen ließ, die Soldaten sollten sich, da das Lager verloren sei, auf das nahe Gebirge retten; doch sei die List bald entdeckt und zum großen Verluste für die Feinde vereitelt; die Elephanten habe man mit Feuer aus dem 261 Lager gescheucht. Diese Schlacht, wie sie auch angefangen und geendet sein mag, war vor der Übergabe von Capua die letzte. Medixtuticus – so heißt bei den Campanern die höchste Obrigkeit – war in diesem Jahre Sappius Lesius, ein Mensch von niedriger Abkunft und dürftigen Umständen. Seine Mutter soll einst bei einem Sühnopfer, das sie zur Abwendung eines ihrer Familie drohenden Schreckzeichens im Namen dieses Unmündigen brachte, auf die Erklärung des Opferschauers, die erste Regierungsstelle zu Capua werde an diesen Knaben kommen, weil sie sich zu dieser Hoffnung durchaus nicht berechtigt sah, geantwortet haben: «Da muß es doch deiner Aussage nach sehr schlecht um Capua stehen, wenn hier die höchste Ehrenstelle an meinen Sohn kommen soll.» Und gerade dieser mit der Wahrheit getriebene Scherz ging gleichwohl in Wahrheit über. Denn als unter dem Drucke der Hungersnoth und des Krieges und bei völliger Verzweiflung an Allem diejenigen, welche vermöge ihrer Geburt auf Ehrenstellen hoffen durften, sich ihnen entzogen, so verschaffte sich durch seine Klagen, daß die Vornehmen Capua preisgäben und verriethen, die höchste obrigkeitliche Würde Lesius, der Niedrigste aller Campaner . 7. Als Hannibal sah, daß er die Feinde weder zu einem neuen Treffen herauslocken, noch durch ihr Lager nach Capua durchbrechen könne, so beschloß er, um sich nicht selbst von den neuen Consuln die Zufuhr abschneiden zu lassen, von seinem vergeblichen Versuche abzustehen und sein Lager von Capua zurückzuziehen. Unter einer Menge von Anschlägen, wohin er sich nun wenden solle, fühlte er in sich den Drang, auf den Hauptsitz des Krieges, auf Rom selbst, zu gehen; eine stets gewünschte Unternehmung, deren günstigen Zeitpunkt nach der Schlacht bei Cannä versäumt zu haben, theils mancher Andere rügte, theils Hannibal selbst nicht geradezu läugnete. «Sollte man daran verzweifeln müssen, durch Überraschung und im Getümmel wenigstens einen Theil der Stadt zu erobern? Auch würden ja, sobald Rom in Gefahr sei, entweder beide Römische 262 Feldherren, oder doch Einer von ihnen, Capua liegen lassen: und hätten sie ihre Truppen getheilt, so würden beide, nun so viel schwächer, entweder ihm oder den Campanern Gelegenheit geben, ihr Glück zu machen.» Die einzige Sorge drückte ihn, daß sich die Campaner, so wie er abgezogen wäre, ergeben möchten, Da vermochte er durch Geschenke einen zu jedem Wagstücke entschlossenen Numider, mit einem Briefe als Überläufer ins Römische Lager, und auf der andern Seite heimlich nach Capua zu gehen. Der Brief war voll von Ermunterungen. «Sein Abzug, der ihnen zur Rettung gereichen werde, solle die Römischen Feldherren und Heere vom Sturme auf Capua zur Vertheidigung Roms herüberziehen. Sie möchten den Muth nicht sinken lassen. Durch Ausdauer auf einige Tage würden sie der ganzen Belagerung ein Ende machen.» Dann befahl er, die Schiffe, die er auf dem Flusse Vulturnus wegnehmen ließ, bei der Schanze zusammen zu bringen, welche er schon früher, sich zu decken, aufgeworfen hatte. Als er hörte, man habe so viele beisammen, daß das Heer in Einer Nacht übersetzen könne, ging er mit den Legionen, die sich mit zehntägiger Kost versehen hatten, in der Nacht bis an den Fluß und noch vor Tage hinüber. 8. Als Fulvius Flaccus, noch ehe es so weit kam, dem Senate nach Rom schrieb, daß man dies zu erwarten habe – er wußte es durch Überläufer; – so machte die Nachricht auf die Bürger nach der Verschiedenheit der Sinnesarten verschiedenen Eindruck. In dem bei so dringender Noth sogleich berufenen Senate wollte Publius Cornelius, mit dem Zunamen Asina, alle Feldherren und Heere aus ganz Italien, ohne weiter an Capua oder sonst etwas zu denken, zum Schutze der Stadt zurückgerufen wissen. Fabius Maximus erklärte es für eine Schande, von Capua abzuziehen und sich durch jeden Wink, jede Drohung Hannibals schrecken und herumführen zu lassen. «Er, der als Sieger bei Cannä dennoch den Muth nicht gehabt habe, auf Rom zu gehen, solle jetzt, von Capua zurückgeschlagen, sich der Hoffnung überlassen, 263 Meister von Rom zu werden? Nicht zur Belagerung Roms, sondern Capua von der Belagerung zu befreien, mache er sich auf den Weg. Rom würden, außer dem Heere, welches in der Stadt stehe, Jupiter, der Zeuge der von Hannibal gebrochenen Verträge, und die übrigen Götter vertheidigen.» Über diese einander widersprechenden Stimmen behielt die Stimme des Publius Valerius Flaccus auf dem Mittelwege die Oberhand. Mit Rücksicht auf Beides rieth er, den vor Capua stehenden Feldherren zu schreiben: «Sie wüßten selbst, wie es mit der Besatzung der Stadt aussehe, wie stark dagegen die unter Hannibal anrückenden Truppen seien, eben so, wie groß das zur Einschließung Capua's erforderliche Heer sein müsse. Wenn zugleich einer von den Feldherren und ein Theil des Heers unter der Bedingung nach Rom kommen könne, daß von dem dort zurückbleibenden Feldherrn und Heere Capua gehörig eingeschlossen gehalten werde, so möchten sie Beide, Claudius und Fulvius, sich darüber vergleichen, wer von ihnen die Belagerung von Capua behalten, und wer zum Entsatze der Vaterstadt nach Rom kommen müsse.» Als dieser Senatsschluß vor Capua ankam, so führte der Proconsul Quintus Fulvius, der unter diesen Umständen, weil sein Amtsgenoß noch nicht von der Wunde genesen war, nach Rom gehen mußte, an funfzehntausend Mann zu Fuß und tausend zu Pferde, lauter erlesene Leute aus drei Heeren, über den Vulturnus. Von hier ließ er, weil er schon gewiß war, daß Hannibal auf der Latinischen Heerstraße weiter gehen werde, in den auf der Appischen Straße und in deren Nähe liegenden Freistädten, in Setia, Cora, Lanuvium, zum voraus ansagen, sie sollten sich in den Städten auf Vorräthe schicken, aus den abgelegenen Dörfern sie an die Heerstraße liefern und in die Städte Mannschaften zusammenziehen, damit jede Stadt den Schutz ihres ganzen Innern in ihrer Gewalt habe. 9. Am Tage seines Überganges über den Vulturnus bezog Hannibal in der Nähe des Flusses ein Lager. Am folgenden kam er vor Cales vorbei in das Sidicinische. 264 Hier brachte er einen Tag unter Plünderungen hin und zog durch die Gebiete von Suessa, Alifä und Casinum auf der Latinischen Straße: bei Casinum stand er zwei Tage und ließ rund umher plündern. Von da kam er vor Interamna und Aquinum vorbei in das Gebiet von Fregellä an den Fluß Liris, wo er, um ihn im Marsche aufzuhalten, von den Fregellanern die Brücke abgeworfen fand. Eben so hatte der Strom Vultumus den Fulvius aufgehalten, der zum Übersetzen seines Heers, weil Hannibal die Schiffe verbrannt hatte, bei dem großen Mangel an Zimmerholz, kaum die nöthigen Flößen bauen konnte. Allein als das Heer auf diesen hinübergeschafft war, kam Fulvius rasch auf dem übrigen Wege vorwärts, weil nicht bloß in den Städten, sondern auch an der Heerstraße Lebensmittel in Menge ausgestellt waren, und die Soldaten voll Munterkeit Einer den Andern aufforderten, er müsse durch den Gedanken, daß dieser Gang der Vertheidigung der Vaterstadt gelte, seine Schritte verdoppeln. Nach Rom brachte ein Bote aus Fregellä, der Tag und Nacht den Weg gemacht hatte, die schreckendsten Nachrichten. Aber noch lärmender, als seine Meldung, hatte das Hin- und Herlaufen der Menschen, die zu dem, was sie hörten, noch Unwahrheiten hinzusetzten, die ganze Stadt in Aufruhr gebracht. Nicht bloß aus den Privathäusern hörte man das Geheul der Weiber, sondern auch die Frauen von Stande, die auf die Gasse hinausströmten, liefen von allen Seiten in die Tempel, fegten mit gelösetem Hare die Altäre, streckten auf den Knieen liegend die Hände zum Himmel und zu den Göttern empor, und fleheten, sie möchten die Stadt Rom aus der Hand der Feinde erretten und die Römischen Mütter mit ihren Kleinen vor Mishandlung schützen. Der Senat stellte sich den Obrigkeiten auf dem Markte, für jeden Fall einer Anfrage. Die Einen nahmen Befehle in Empfang und begaben sich Jeder auf den Posten der Geschäfte: die Andern erboten sich zu Allem, wo ihre Dienste nöthig sein könnten. Truppen wurden auf der Burg, auf dem Capitole, auf den Mauern. um die Stadt her, auch auf dem 265 Albanischen Berge und der Äsulanischen Burg aufgestellt. Unter diesem Getümmel lief die Nachricht ein, der Proconsul Quintus Fulvius habe sich mit seinem Heere von Capua aufgemacht: und damit sein Heerbefehl durch seinen Eintritt in die Stadt nicht an Gültigkeit verlöre, wurde ein Senatsschluß abgefaßt, daß Quintus Fulvius im Oberbefehle den Consuln gleichstehen solle. Hannibal, nachdem er das Gebiet von Fregellä der abgebrochenen Brücken wegen noch feindseliger verheert hatte, kam durch das Gebiet von Frusino, Ferentinum und Anagnia in die Gegend von Lavici. Von da ging er durch den Algidus auf Tusculum, und da ihn die Stadt nicht einließ, zog er unterhalb Tusculum rechts nach Gabii herunter. Als er von hier sein Heer in den Pupinischen Bezirk hinabgezogen hatte, schlug er achttausend Schritte von Rom sein Lager auf. Je näher der Feind heranrückte, je mehr Flüchtende ließ er, da die Numider den Vortrab machten, niederhauen, und je mehr Gefangene machte er von jedem Stande und Alter. 10. In diesem Getümmel zog Fulvius Flaccus, der mit seinem Heere zum Capenischen Thore in Rom eingerückt war, mitten durch die Stadt über die Straße Carinä nach den Esquilien. Von da rückte er wieder aus und schlug zwischen dem Esquilinischen und Collinischen Thore sein Lager auf. Dorthin besorgten ihm die Bürgerädilen die Lebensmittel. Die Consuln und der Senat kamen in das Lager, und hier hielten sie Statsrath. Es wurde ausgemacht, die Consuln sollten in der Gegend des Collinischen und Esquilinischen Thors ein Lager aufstellen; der Stadtprätor Cajus Calpurnius solle das Capitol und die Burg unter Aufsicht haben, und der Senat versammelt auf dem Markte bleiben, falls man bei dem Drange der Umstände einer Anfrage bedürfe, Unterdeß rückte Hannibal mit seinem Lager an den Fluß Anio, dreitausend Schritte von der Stadt. Als er hier seinen Stand genommen hatte, ritt er selbt mit zweitausend Reutern vom Collinischen Thore bis an den Tempel des Hercules heran, und nahm so nahe als möglich im Auf- und 266 Abreiten die Mauern und die Lage der Stadt in Augenschein. Daß er dies so dreist und ungestört thun könne, sah Flaccus als einen Schimpf an und schickte seine Reuterei gegen ihn mit dem Befehle, die feindliche Reuterei abzutreiben und auf ihr Lager zurück zu bringen. Als das Treffen angegangen war, befahlen die Consuln den Numidischen Überläufern, deren damals an tausend zweihundert auf dem Aventinus standen, mitten durch die Stadt nach den Esquilien hinüber zu gehen, weil sie zu Gefechten zwischen Thälern, Gartenhäusern und Gräbern oder lauter Hohlwegen diese Truppen für die paßlichsten hielten. Leute, welche von der Burg und vom Capitole aus diese Numider zu Pferde an der Publicischen Höhe hinuntersprengen sahen, fingen an zu schreien, der Aventinus sei erobert. Und dieser Zufall erregte ein so allgemeines Umhertummeln und Flüchten, daß die ganze Volksmenge in der Angst zu den Thoren hinausgestürzt sein würde, hätte nicht vor der Stadt ein Punisches Lager gestanden: so aber flohen sie in ihre Häuser und auf die Dächer, und warfen auf ihre eigenen in den Straßen zerstreuten Leute, die sie für Feinde hielten, mit Steinen und Pfeilen. Auch war es nicht möglich, den Lärm zu stillen und den Irrthum aufzudecken, weil die Straßen vom Gewühle der Landleute und Heerden gestopft waren, die der plötzliche Schrecken in die Stadt zusammengetrieben hatte. Das Gefecht fiel für die Reuterei glücklich aus; die Feinde wurden zurückgetrieben. Weil indeß hin und wieder so mancher ohne Grund veranlaßte Auflauf gestillt werden mußte, so beschloß man, allen gewesenen Dictatoren, Consuln und Censorn, bis der Feind von den Mauern abgezogen sein würde, die Macht des Heerbefehls beizulegen. Und noch mancher blinde Lärm, der während des Restes vom Tage und in der folgenden Nacht entstand, wurde gestillet. 11. Den Tag darauf rückte Hannibal nach seinem Übergange über den Anio mit allen Truppen zur Schlacht aus; und Flaccus und die Consuln lehnten das Gefecht nicht ab. Als von beiden Seiten die Heere zu einem Kampfe 267 aufgestellt standen, in welchem der Preis des Siegers die Stadt Rom sein sollte, setzte ein gewaltiger Platzregen mit Hagel gemischt beide Linien so in Verwirrung, daß sie sich kaum mit den geretteten Waffen ins Lager zurückziehen konnten und den Feind ihre geringste Sorge sein ließen. Ein gleicher Gewittersturm schied auch am folgenden Tage die auf demselben Platze aufgestellten Linien. Sobald sie sich in ihr Lager zurückgezogen hatten, trat das heiterste Wetter und Windstille ein. Dies nahmen die Punier für einen höheren Wink, und man will vom Hannibal die Äußerung gehört haben: « Roms sich zu bemächtigen, fehle es ihm bald an Sinn, bald an Glück.» Auch sanken seine Hoffnungen durch einen zwiefachen Zufall, von denen der eine unbedeutend, der andre wichtig war. Der wichtige: er hörte, man habe, während er selbst mit einem Heere an den Mauern der Stadt Rom stand, Truppen in Reihe und Glied als Verstärkung nach Spanien abgehen lassen. Der unbedeutende: er erfuhr von einem Gefangenen, daß in diesen Tagen gerade das Feld, auf dem er mit seinem Lager stand, verkauft sei, ohne darum im mindesten am Preise zu verlieren. Dies nun, daß sich zu demselbigen Boden, den er als seine Eroberung besitze und inne habe, zu Rom ein Käufer gefunden habe, schien ihm ein so hoher Übermuth, eine solche Beschimpfung, daß er sogleich einen Ausrufer kommen ließ, der die damals am Römischen Markte stehenden Wechslerbuden käuflich ausbieten mußte. Aus diesen Gründen zog er sein Lager bis an den Fluß Tutia zurück, sechstausend Schritte von der Stadt. Von da ging er weiter zum Haine der Feronia, einem damals durch seinen Reichthum berühmten Heiligthume. Die Capenaten waren die alten Capenates aliqui.] – Dies aliqui verbessert Hr. Walch in antiqui: so wie bald nachher religione inducti in intacti. Anwohner, welche ihm dadurch, daß sie die Erstlinge ihrer Früchte und andre Geschenke nach Vermögen darbrachten, einen reichen Schmuck an Gold und Silber verschafft hatten. Aller dieser Geschenke wurde das Heiligthum damals beraubt. Von 268 Erz in Stücken fand man nach Hannibals Abzuge, weil es die Soldaten, ohne die Sünde zu scheuen, umhergeworfen hatten, große Haufen. Cölius berichtet, Hannibal sei dorthin auf seinem Hingange nach Rom von Eretum aus seitwärts gezogen, und läßt ihn von Reate, von Cutiliä und Amiternum ausgehen. Aus Campanien sei er nach Samnium , dann ins Pelignerland gekommen; sei bei der Stadt Sulmo vorbei ins Marrucinische übergegangen, von da durch das Albenser Gebiet ins Marserland, und dann nach Arniternum und zu dem Flecken Foruli gekommen. Die Ungewißheit rührt nicht daher, daß sich etwa die Spuren eines so großen Heeres binnen so kurzer Zeit Cölius lebte etwa nur 80 Jahre nachher, zu den Zeiten der Gracchen. in dem Andenken verwischt hätten, denn daß er diesen Weg gezogen sei, ist ausgemacht: nur darüber ist man uneins, ob er auf diesem Wege zur Stadt gekommen, oder von der Stadt nach Campanien zurückgegangen sei. 12. Übrigens war Hannibals Beharrlichkeit, die Stadt Capua zu retten, keinesweges so groß, als die der Römer, ihr mit der Belagerung zuzusetzen. Denn aus Lucanien eilte er in das Bruttische, dann aber an die Meerenge und nach Rhegium so schnellen Laufs, daß er hier beinahe durch seine plötzliche Ankunft die Sorglosen überrascht hätte. Der Stadt Capua, war sie gleich diese Tage über eben so ernstlich belagert, wurde dennoch die Ankunft des Flaccus fühlbar; und man wunderte sich, daß Hannibal nicht zugleich zurückgekommen sei. Dann erfuhren sie durch mündliche Mittheilungen, daß sie die Verlassenen und Preisgegebenen waren, und daß die Punier alle Hoffnung, Capua zu behaupten, aufgegeben hatten. Hierzu kam noch der Aufruf des Proconsuls, der vermöge eines Senatsschlusses angeschlagen und den Feinden bekannt wurde: «Jeder Campanische Bürger, der bis zu einem bestimmten Tage überginge, solle frei von Strafe sein.» Doch erfolgte nicht ein einziger Übergang, weil die Furcht sie stärker, als die Treue, zusammenhielt, da für die 269 schweren Vergehungen bei ihrem Abfalle keine Verzeihung zu erwarten stand. So wie sich aber niemand entschloß, für sich allein zum Feinde überzugehen, so berieth man sich auch nicht zur gemeinschaftlichen Rettung. Der Adel hatte sich dem State entzogen und konnte nicht in den Senat zusammengerufen werden; und im höchsten Amte stand ein Mensch, der nicht etwa durch dieses seine Ehre erhöhete, sondern der durch seine Unwürdigkeit das Amt, das er bekleidete, um alle Macht und Gerechtsame brachte. Schon ließ sich weder auf dem Markte, noch sonst auf einem öffentlichen Platze, irgend einer der Vornehmen sehen: zu Hause eingeschlossen sahen sie dem Falle ihrer Vaterstadt und ihrem eignen Untergange mit jedem Tage entgegen. Alle Sorge für das Ganze lag auf dem Bostar und Hanno, den Befehlshabern der Punischen Besatzung, denen ihre eigne Gefahr, nicht die ihrer Bundesgenossen, zu schaffen machte. Diese beklagten sich über den Hannibal in einem Briefe an ihn selbst, nicht bloß in einem freimüthigen, sondern in einem vorwerfenden Tone: «Nicht Capua allein habe er den Feinden in die Hände geliefert, sondern auch sie und ihre Besatzung allen Martern preisgegeben. Er sei ins Bruttierland davongegangen, als wolle er sich abwenden, um nicht Capua vor seinen Augen erobern zu sehen. Aber bei Gott! die Römer hätten sich nicht einmal durch den Sturm auf die Stadt Rom von der Einschließung Capua's abziehen lassen: mit so viel größerer Standhaftigkeit sei der Römer – Feind, als der Punier – Freund. Wenn er nach Capua zurückginge und den ganzen Kriegsschauplatz hieher verlegte, so würden sie sowohl, als die Campaner zum Ausfalle bereit sein. Nicht zu einem Kriege mit den Rheginern oder Tarentinern wären sie über die Alpen gegangen. Wo die Römischen Legionen ständen, da müsse auch das Heer der Carthager sein. So habe man bei Cannä, so am Trasimenus Thaten gethan, dadurch, daß man sich einander genähert, Lager gegen Lager aufgeschlagen und dem Glücke sich geboten habe.» Den also lautenden Brief gab man einigen Numidern mit, die 270 für den ausgelobten Preis ihre Dienste schon angeboten hatten. Da diese als Überläufer zum Flaccus ins Lager gekommen waren, um sich, sobald sie ihre Zeit ersähen, davon zu machen, und beider Hungersnoth, die schon so lange in Capua anhielt, jedermann die Veranlassung zu ihrem Übergange glaublich fand, so kam unvermuthet eine Weibsperson aus Capua ins Lager, die Hure eines der Überläufer, und zeigte dem Römischen Feldherrn an, der Übergang der Numider sei ein listiger Plan; sie hätten einen Brief an den Hannibal bei sich, und sie sei bereit, es dem Einen von ihnen, der ihr die Sache entdeckt habe, auf den Kopf zuzusagen. Als er vorgeführt wurde, gab er sich anfangs mit vieler Haltung den Schein, als sei die Person ihm unbekannt: allein nach und nach durch die Wahrheit überführt, und als er sah, daß die Folter bestellt und herbeigeholt wurde, gestand er. Der Brief kam zum Vorscheine, und außerdem erfuhr man durch seine Aussage, was bis jetzt verheimlicht geblieben war, daß auch andre Numider unter dem Scheine von Überläufern im Römischen Lager herumgingen. Ihrer wurden über siebzig ergriffen, mit den neuen Überläufern gestäupt und mit abgehauenen Händen nach Capua zurückgeschickt. Der Anblick einer so schrecklichen Strafe brach den Campanern den Muth. 13. Der Zusammenlauf des Volks vor dem Rathhause zwang den Lesius, den Senat zu berufen; und man drohte den Vornehmen, die schon lange aus den öffentlichen Berathschlagungen wegblieben, geradezu, wenn sie nicht in den Senat kämen, wolle man Haus bei Haus zu ihnen kommen und sie alle mit Gewalt auf die Straße schleppen. Die Furcht vor einer solchen Behandlung versammelte den Senat um sein Oberhaupt sehr zahlreich. Als hier die Übrigen darauf antrugen, Gesandte an die Römischen Feldherren abgehen zu lassen, und Vibius Virrius, der an dem Abfalle von den Römern Schuld war, um seine Meinung befragt wurde, sagte er: «Diejenigen, welche von Gesandten, von Frieden und Übergabe sprächen, bedächten weder, was sie selbst gethan haben würden, wenn sie die Römer in ihrer Gewalt gehabt hätten, noch was jetzt ihr 271 eignes Schicksal sein müsse. Meint ihr etwa – fuhr er fort – die Übergabe werde von eben der Art sein, wie jene einst, als wir, um uns Schutz gegen die Samniten zu erkaufen, uns und alles Unsrige den Römern übergaben? Habt ihr schon vergessen, in welchem Zeitpunkte, in welcher Lage der Römer wir von ihnen abfielen? vergessen, wie wir bei unserm Abfalle ihre Besatzung, die wir entlassen konnten, unter Martern, und Rom zu höhnen, hinrichteten? wie oft, wie ergrimmt wir auf sie in der Belagerung Ausfälle thaten, ihr Lager bestürmten? den Hannibal zu ihrer Vertilgung riefen? ihn noch neulichst von hier zum Sturme auf Rom entsandten? Nun erinnert euch auf der andern Seite, wie erbittert sie sich gegen uns benahmen, um hiernach selbst bestimmen zu können, was ihr zu hoffen habet. Als ein wildfremder Feind in Italien stand, dieser Feind ein Hannibal war und überall die Flamme des Krieges loderte, schickten sie, ohne auf sonst irgend etwas, ohne selbst auf den Hannibal zu achten, beide Consuln mit zwei consularischen Heeren zum Angriffe auf Capua. Schon ins zweite Jahr martern sie uns Umpfählte und Eingeschlossene durch Hunger, ob sie gleich so gut wie wir die äußersten Gefahren, die drückendsten Beschwerden zu erdulden hatten, da sie oft an ihren Wällen und Graben zusammengehauen sind, zuletzt noch beinahe ihr Lager verloren hätten. Ich will dies nicht weiter verfolgen: bei Belagerung einer feindlichen Stadt Beschwerden und Gefahren auf sich nehmen, ist etwas Altes und Gewöhnliches. Aber das ist doch wohl der Beweis von einem Grimme und Hasse bis zur Vertilgung? Hannibal bestürmt mit einem mächtigen Heere Fußvolk und Reuterei ihr Lager und erobert es zum Theile: sie lassen sich durch keine Größe der Gefahr in der Belagerung stören. Er geht über den Vulturnus, brennt Alles im Calenischen nieder: das höchste Elend ihrer Bundesgenossen ruft sie nicht ab. Er läßt sein Heer ohne Schonung auf Rom selbst gehen: auch dieses heranziehenden Gewitters achten sie nicht. Er geht über den Anio, nimmt 272 dreitausend Schritte von der Stadt sein Lager, rückt zuletzt an die Mauern selbst und an die Thore. Er drohet, ihnen Rom nehmen zu wollen, wenn sie Capua nicht lassen: sie lassen es nicht. Wilde Thiere, wenn sie noch so blind und voll Wuth heranstürzen, lassen sich auf die ihren Lieblingen zu leistende Hülfe dadurch ableiten, daß man seinen Gang geradezu gegen ihre Lagerstellen und Jungen richtet. Die Römer vermochte weder ihr umlagertes Rom, noch Weib und Kind, deren Klaggeschrei wir fast von hieraus hörten, weder Altar noch Herd, nicht die Verunreinigung und Entweihung ihrer Göttertempel und der Gräber ihrer Väter von Capua abzuziehen: so groß ist ihre Gier nach einem Strafgerichte über uns, so groß ihr Durst, in unserm Blute zu schwelgen. Und vielleicht thun sie daran nicht Unrecht: auch wir würden dasselbe gethan haben, wenn wir das Glück gehabt hätten. Da dies nicht der Götter Wille gewesen ist, so kann ich, weil ich mich des Todes nicht einmal weigern darf, doch den Martern und Beschimpfungen, auf die der Feind sich freuet, noch als freier Mann, als Herr meiner selbst, durch einen nicht bloß ehrenvollen, sondern auch gelinden Tod entfliehen. Ich will keinen Appius Claudius, keinen Quintus Fulvius in seinem übermüthigen Siege sich brüsten sehen, mich nicht als Schauspiel des Triumphes gebunden durch die Stadt Rom schleppen lassen, um hinterher im Kerker, oder an den Pfahl gebunden mit zerstäuptem Rücken meinen Hals unter ein Römisches Beil zu strecken; nicht sehen, wie meine Vaterstadt zerstört und in Brand gesteckt wird und die Campanischen Frauen und Jungfrauen und edelbürtigen Knaben zur Entehrung fortgeschleppt werden. Alba, woher sie selbst stammten, haben sie von Grund aus zerstört, um sogar das Andenken ihres Stammorts, ihres Ursprungs zu vertilgen: und ich sollte glauben, daß sie Capua's schonen würden, auf welches sie noch erbitterter sind, als auf Carthago? Für diejenigen also, welche von euch gesonnen sind, dem Schicksale zuvor auszuweichen, ehe sie von so vielen und so kränkenden Auftritten Zeugen werden; soll heute bei mir 273 eine besetzte Tafel bereit stehen. Haben wir uns satt gegessen und getrunken, dann soll derselbe Becher, den man mir reichen wird, herumgehen. Dieser Trunk wird unsern Körper vor aller Marter, den Geist vor allem Hohne, und Auge und Ohr vor dem Anblicke und der Anhörung aller Kränkungen und Entehrungen, welche Besiegten bevorstehen, bewahren. Es werden Leute bestellt sein, welche unsre entseelten Körper auf einen großen im Vorhofe meines Hauses angezündeten Scheiterhaufen werfen sollen. Dies ist der einzige ehrenvolle und freie Weg zum Tode. Selbst die Feinde sollen unsre Festigkeit bewundern, und Hannibal es fühlen, daß die von ihm im Stiche gelassenen und preisgegebenen Bundesgenossen Männer waren.» 14. An Beifall fehlte es dieser Rede des Virrius nicht so sehr, als an Männern, welche es über sich erhalten konnten, den Vorschlag, dem sie beistimmten, mit Entschlossenheit auszuführen. Der größere Theil des Senats, der die Hoffnung nicht aufgab, daß die oft in vielen Kriegen bewährte Gelindigkeit des Römischen Volks auch gegen sie versöhnlich sein werde, beschloß, den Römern Capua durch Gesandte zu übergeben und ließ sie abgehen. Dem Vibius Virrius folgten an siebenundzwanzig Senatoren nach seinem Hause und schmausten mit ihm; und als sie sich durch den Wein, so viel sie konnten, des Gefühls für den herannahenden schweren Schritt entschlagen hatten, nahmen sie Alle den Gifttrank. Nach aufgehobener Tafel reichten sie einander die Hand, beweinten in ihrer letzten Umarmung ihren und ihres Vaterlandes Untergang, und blieben theils, um auf einerlei Scheiterhaufen verbrannt zu werden, da, theils schieden sie in ihre Häuser. Auf die mit Speise und Wein überfüllten Blutgefäße war die Kraft des Giftes zur Beschleunigung des Todes nicht wirksam genug. Also rangen die meisten die ganze Nacht und einen Theil des folgenden Tages mit dem Tode; doch gaben sie noch Alle, ehe den Feinden die Thore geöffnet wurden, den Geist auf. Am folgenden Tage wurde dem Römischen Lager 274 gegenüber das Jupitersthor auf Befehl des Proconsuls geöffnet. In dieses rückten eine Legion und die Geschwader von zwei Legionen mit dem Unterfeldherrn Cajus Fulvius ein. Dieser, der vor allen Dingen dafür sorgte, daß alle zu Capua befindlichen Schutz- und Angriffswaffen bei ihm abgeliefert werden mußten, und an alle Thore Posten stellte, damit niemand hinausgehen oder hinausgeschickt werden könnte, machte die Punische Besatzung zu Gefangenen; den Campanischen Senat hieß er ins Lager zu den Römischen Feldherren gehen. Als sie hier ankamen, wurden sogleich ihnen Allen Ketten angelegt, mit dem Befehle, was sie an Gold und Silber hätten, an die Schatzmeister abzuliefern. Das Gold betrug siebzig Das Gold etwa 22,000, das Silber 100,000 Gulden Conv. , das Silber dreitausend zweihundert Pfund. Fünfundzwanzig Senatoren wurden nach Cales, achtundzwanzig nach Teanum in Gewahrsam gegeben: lauter solche, von denen man wußte, daß sie hauptsächlich für den Abfall von Rom gestimmet hatten. 15. Über die Bestrafung des Campanischen Senats waren Fulvius und Claudius durchaus verschiedener Meinung. Claudius hätte gern Verzeihung zugestanden: Fulvius erklärte sich für die Strenge. Darum wollte Appius die ganze Sache zur Entscheidung an den Senat nach Rom gelangen lassen; auch darum, weil die Väter billig freie Hand behalten müßten, zu untersuchen, ob nicht etwa die Campaner mit einigen von den Latinischen Bundsgenossen und von den Freistädten ein Verständniß unterhalten und durch deren Vorschub Unterstützung im Kriege gehabt hätten. «Gerade dahin,» sagte Fulvius, «müsse man es durchaus nicht kommen lassen, daß man treugesinnte Bundsgenossen durch unerwiesene Beschuldigungen kränke, und sie von der Aussage solcher Menschen abhängig mache, denen es nie darauf angekommen sei, was sie thäten, oder was sie sprächen. Er also werde diese Untersuchung niederschlagen und unmöglich machen.» Als sie nach diesen Worten aus einander 275 gingen und Appius nicht zweifelte, sein Amtsgenoß werde bei allen seinen starken Äußerungen dennoch in einer so wichtigen Sache erst einen Brief aus Rom abwarten, so gab Fulvius, um sich nicht eben dadurch in seinem Plane gehindert zu sehen, gleich bei der Entlassung des Kriegsraths den Obersten der Bundsgenossen, so wie den Kriegstribunen, Befehl, bei der Reuterei zweitausend Auserlesenen anzudeuten, daß sie sich auf das Zeichen der dritten Nachtwache bereit zu halten hätten. Da er in der Nacht mit diesem Geschwader nach Teanum aufbrach, rückte er mit Tagesanbruch ins Thor und dann gerade auf den Markt, und da schon bei dem Eintritte seiner Truppen Alles herbeiströmte, ließ er den Sicidinischen Senat fordern, und befahl ihm, die ihm in Verhaft gegebenen Campaner vorführen zu lassen. Sie wurden sämtlich vorgeführt, mit Ruthen gepeitscht und mit dem Beile enthauptet. Von da ging es in vollem Laufe nach Cales. Als er hier auf der Richterbühne saß und die vorgeführten Campaner schon an die Pfähle gebunden wurden, kam ein Ritter von Rom angesprengt und überreichte dem Fulvius einen Brief vom Prätor Cajus Calpurnius mit einem Senatsbefehle. Da durchlief von der Richterbühne aus die ganze Versammlung das Geflister: die Sache der Campaner bleibe bis zur Entscheidung der Väter unausgemacht. Fulvius, der dies vermuthete, legte den ihm eingehändigten Brief unerbrochen in den Schoß und befahl dem Ausrufer, den Scharfrichter nach dem Gesetze verfahren zu lassen. So wurde auch an denen zu Cales die Hinrichtung vollzogen. Nun las er den Brief und den Senatsbefehl, der zur Verhinderung einer geschehenen Sache zu spät kam, die er geflissentlich beschleunigt hatte, um die Verhinderung unmöglich zu machen. Schon erhob sich Fulvius vom Stuhle, da rief ihn Jubellius Taurea, der Campaner, welcher mitten durch die Stadt und durch den Haufen herangeschritten kam, laut bei Namen, und als Fulvius voll Verwunderung, was er von ihm wolle, sich wieder gesetzt hatte, sprach jener: «Laß auch mich hinrichten, damit du dich rühmen könnest, 276 einen weit tapferern Mann, als du selbst bist, getödtet zu haben.» Da Flaccus behauptete, der Mensch sei gewiß nicht bei Sinnen; bald wieder erklärte, wenn er es auch thun wolle, so verbiete es ihm ja der Senatsbefehl; so fuhr Jubellius fort: «Weil mir denn nach Eroberung meiner Vaterstadt, nach dem Verluste meiner Verwandten und Freunde, nach dem Tode meiner Gattinn und Kinder, die ich, um sie keine Unwürdigkeiten leiden zu lassen, mit eigner Hand getödtet habe, auch nicht einmal derselbe Tod werden kann, der diesen meinen Mitbürgern ward, so gewähre mir eigne Kraft von diesem verhaßten Leben Befreiung!» und da er sich hier das unter dem Kleide verborgen gehaltene Schwert gerade durch die Brust stieß, sank er sterbend vor den Füßen des Feldherrn nieder. 16. Weil sowohl das, was die Hinrichtung der Campaner betrifft, als auch mehreres Andre ganz allein auf Flaccus Gutbefinden vor sich gegangen war, so melden Einige, Appius Claudius sei um die Zeit der Übergabe von Capua gestorben. Auch eben der Taurea habe sich weder von selbst zu Cales eingefunden, noch sich mit eigner Hand getödtet; sondern als er mit den Andern an den Pfahl gebunden wurde, habe Flaccus , weil man vor Geräusch das, was jener rief, nicht gehörig verstanden habe, Stille geboten. Da habe Taurea die Worte gesprochen, deren ich vorhin erwähnte. «Er werde als tapfrer Mann von dem getödtet, der ihm bei weitem an Tapferkeit nicht gleichkomme.» Auf diese Äußerung habe der Ausrufer auf Befehl des Proconsuls den Aufruf ergehen lassen: «Scharfrichter! dem tapfern Manne giebst du einige Hiebe mehr, und verfährst mit ihm zuerst nach dem Gesetze!» Auch berichten Einige, Flaccus habe noch vor Handhabung des Beils den Senatsbefehl gelesen, weil aber auch der Ausdruck darin gestanden habe: «es werde ihm anheim gegeben, die Sache, ohne darin zu verfahren, an den Senat gelangen zu lassen,» so habe er die Auslegung so gemacht, es werde ihm anheim gegeben, was er dem Besten des Stats für angemessener halte. 277 Von Cales ging er nach Capua zurück, dann zur Übernahme von Atella und Calatia, – und auch hier bestrafte er die höchsten Statsmänner mit dem Tode. So waren an siebzig der ersten Senatoren hingerichtet: fast dreihundert der vornehmsten Campaner wurden in Kerker geworfen; die Andern, welche er in die Latinischen Bundesstädte zur Verwahrung gab, fanden ihren Tod auf mancherlei Weise: die übrige Menge Campanischer Bürger verkaufte er. Nun konnte sich also die Berathschlagung nur noch auf die Stadt und das Land erstrecken; und Einige stimmten für die Zerstörung der Stadt, weil sie so vorzüglich mächtig, nahegelegen und feindlich gesinnet sei. Allein der einleuchtende Vortheil gab den Ausschlag. Ihres Bodens wegen, welcher in jeder Art des Feldertrages unstreitig für den ersten in ganz Italien galt, ließ man die Stadt stehen, um doch den Ackerleuten einen Wohnort zu lassen. Zur Bevölkerung der Stadt mußte eine Menge von Einwohnern, Freigelassenen, Umträgern und Handwerkern darin bleiben: alles Land aber und die öffentlichen Gebäude wurden Römisches Statseigenthum. Übrigens hatte man bloß die Absicht, Capua als Stadt bewohnt und bevölkert bleiben zu lassen; allein es sollte keine Statsverfassung, keine Senats- oder Volksversammlung, keine Beamtete haben: dann werde der Haufe ohne Stadtrath, ohne Oberhaupt, und durch nichts mit einander in Verbindung, auch unfähig sein, sich zu irgend etwas zu vereinigen: zur Gerichtspflege wollte man jährlich von Rom aus einen Statthalter hinschicken. So wurde Alles, was Capua betraf, nach einem in jeder Hinsicht zu billigenden Plane beigelegt: gegen die vorzüglich Schuldigen verfuhr man mit Strenge und ohne Aufschub; die Menge der Bürger wurde ohne Hoffnung einer Rückkehr zerstreuet; man ließ nicht durch Brand und Zerstörung seine Wuth an den unschuldigen Häusern und Mauern aus; gab sich, außer dem Gewinne, bei den Bundsgenossen dadurch das Ansehen der Gelindigkeit, daß man eine so berühmte und wohlhabende Stadt unzerstört ließ, über deren Zertrümmerung ganz Campanien und 278 alle Campanien rundum begränzenden Völker geseufzt haben würden; und nöthigte dem Feinde das Geständniß ab, wie sehr es Rom in seiner Gewalt habe, treulose Bundesgenossen zu züchtigen, und wie ohnmächtig Hannibal sei, die, welche sich seinem Schutze anvertrauet hätten, zu schützen. 17. Die Römischen Väter, die sich jetzt, was Capua betraf, ihrer Sorge entledigt sahen, bestimmten dem Cajus Nero von den zwei Legionen, die er bei Capua gehabt hatte, sechstausend Mann zu Fuß und dreihundert zu Pferde, welche er selbst sich aussuchen würde, und von den Latinischen Bundesgenossen ein eben so starkes Kohr zu Fuß und achthundert zu Pferde. Mit diesem zu Puteoli eingeschifften Heere setzte Nero nach Spanien über. Als er mit der Flotte zu Tarraco angekommen war, hier die Truppen ausgeschifft, die Schiffe auf den Strand gebracht und zur Vergrößerung seines Heeres auch die Seeleute bewaffnet hatte, rückte er an den Ebro und übernahm vom Titus Fontejus und Lucius Marcius das Heer. Von da zog er gerade gegen den Feind. Hasdrubal, Hamilcars Sohn, hatte sein Lager im Ausetanischen, bei den schwarzen Steinen: so heißt diese Gegend, zwischen den Städten Illiturgi und Mentissa. Nero besetzte die Pässe dieses Forstes. Hasdrubal, um sich aus der Schlinge zu ziehen, schickte einen Herold mit dem Versprechen, wenn man ihn abziehen ließe, sein ganzes Heer aus Spanien abzuführen. Als sich der Römische Feldherr mit Freuden hierauf einließ, erbat sich Hasdrubal den folgenden Tag zu einer Unterredung, damit die Römer wegen Übergabe der Burgfesten in den Städten die Bedingungen abfassen und einen Tag festsetzen möchten, an welchem die Punier die Besatzungen abführen und ihr sämtliches Eigenthum unangefochten mitnehmen könnten. Als ihm dies bewilligt wurde, ließ er gleich beim ersten Dunkel und dann die ganze Nacht Alles, was unter seinem Heere das Schwerste war, auf jedem möglichen Wege sich aus dem Forste ziehen. Er entließ geflissentlich in dieser Nacht nicht Viele, damit 279 es der kleinen Zahl so viel leichter würde, dem Feinde in der Stille zu entgehen und sich auf den engen und beschwerlichen Pfaden hinauszumachen. Am folgenden Tage kam man zur Unterredung: da man ihn aber damit zubrachte, daß man geflissentlich Manches redete und schrieb, was nicht hieher gehörte, so wurde die Sache bis morgen ausgesetzt. Die gewonnene nächste Nacht gab ihm Zeit, noch Mehrere wegzuschicken, und auch den nächsten Tag kam man noch nicht zum Ende. So gingen mehrere Tage dem Scheine nach mit Auseinandersetzung der Bedingungen, die Nächte unter heimlichen Entlassungen aus dem Carthagischen Lager hin, und als der größere Theil des Heers gerettet war, wollte man auch das nicht halten, wozu man sich erboten hatte, und so wie mit der Noth die Lust zum Worthalten schwand, konnte man immer weniger eins werden. Schon war fast das ganze Fußvolk aus dem Forste entkommen, als mit frühem Morgen ein dicker Nebel den Wald und die Felder umher bedeckte. Hasdrubal, so wie er ihn gewahr wurde, schickte an den Nero um Aufschub der Unterredung auf den folgenden Tag; weil für den heutigen die Gesetze den Carthagern jedes ernste Geschäft untersagten. Auch jetzt argwöhnte Nero noch keinen Betrug. Hasdrubal, der sogleich nach erhaltener Bewilligung dieses Tages mit der Reuterei und den Elephanten sein Lager verließ, entkam ohne Geräusch ins Freie. Gegen zehn Uhr enthüllte der von der Sonne gescheuchte Nebel den Tag, und die Römer sahen das feindliche Lager leer. Als Claudius, dem nun endlich Punischer Betrug sich ankündigte, sich überlistet sah, machte er sich sogleich zur Verfolgung des Abziehenden auf, zur Schlacht in völliger Bereitschaft: allein der Feind wich jedem Kampfe aus, ob es gleich zwischen dem Hintertreffen des Punischen Heerzuges und dem Römischen Vortrabe zu leichten Gefechten kam. 18. Unterdessen kehrten von den Völkern in Spanien weder diejenigen zur Römischen Partei zurück, welche nach der letzten Niederlage abgefallen waren, noch traten irgend einige neue zu ihnen über. In Rom lag 280 jetzt nach der Wiedereroberung von Capua dem Senate und Volke Italien nicht inniger am Herzen, als Spanien; und man beschloß, nicht nur das Heer zu verstärken, sondern auch einen Feldherrn hinzuschicken: doch war es nicht so entschieden, wen man hinsenden solle, als daß man den mit vorzüglicher Umsicht auszusuchen habe, der da, wo zwei der größten Feldherren innerhalb dreißig Tagen gefallen waren, in beider Stelle einrücken müsse. Da der Eine den, der Andre jenen nannte, so traf man endlich die Auskunft, daß das Volk zur Wahl eines Proconsuls für Spanien zusammenkommen sollte: und die Consuln setzten den Wahltag an. Anfangs erwartete man, daß diejenigen, welche sich eines so hohen Oberbefehls würdig erachteten, sich nennen würden. Als diese Erwartung fehlschlug, da fühlte man den Schmerz über die erlittene Niederlage, und wie viel man in den beiden Feldherren verloren habe, von neuem. Traurig also und fast unfähig sich zu rathen, gingen die Bürger am Versammlungstage doch auf das Wahlfeld hinab, und ihre Beamteten ins Auge fassend blickten sie nach den Mienen der Vornehmsten herum, die sich selbst einander ansahen; und schon murreten sie laut, daß der Stat so tief gesunken und seine Erhaltung so ganz aufgegeben sei, daß auch nicht Einer den Muth habe, den Oberbefehl für Spanien anzunehmen So interpungirt mit mir auch Hr. Ruperti. : als unerwartet Publius Cornelius, des in Spanien gefallenen Publius Sohn, jetzt in einem Alter von beinahe vierundzwanzig Jahren, mit der Erklärung, daß er darum anhalte, auf eine höhere Stelle trat, wo man ihn sehen konnte. Da jetzt Alle die Augen auf ihn wandten, so wurde augenblicklich ihr Freudengeschrei und Beifallruf der Vorbote von Glück und Segen in seiner Feldherrnstelle; und als sie darauf zur Stimmenwahl angewiesen wurden, erklärten nicht nur die sämtlichen Centurien, sondern jeder Einzelne einstimmig den Publius Scipio zum Feldherrn in Spanien. Kaum aber war es geschehen und die Aufwallung und heiße Vorliebe hatte 281 sich gelegt, als auf einmal an deren Stelle ein allgemeines Schweigen und die stille Überlegung trat, was sie gemacht hätten; ob hier nicht Zuneigung mehr gethan habe, als Vernunft. Vorzüglich stieß man sich an seine Jugend: Einigen wurde sogar bange vor dem Misgeschicke seines Hauses und dem Namen dessen, der aus zwei in Trauer versetzten Familien in Länder abgehen solle, wo er den Schauplatz für seine Thaten zwischen den Gräbern seines Vaters und Oheims finde. 19. Als er die allgemeine Ängstlichkeit und Besorgniß wahrnahm, der man sich nach einer so leidenschaftlich betriebenen Wahl überließ, lud er das Volk zu Anhörung seiner Rede, und sprach über sein Alter, über die ihm aufgetragene Feldherrnstelle und den zu führenden Krieg mit so viel Geistesgröße und Muth, daß er jenen erkalteten Eifer wieder weckte und erneuerte, und die Zuhörer mit einer festeren Hoffnung erfüllte, als sonst die Sicherheit menschlicher Zusagen und ein vernünftiges Vertrauen auf die Umstände uns gewöhnlich einflößt. Und in der That war Scipio der Mann, dem nicht bloß wirkliche Vorzüge Bewunderung erwarben, sondern der sich auch von Jugend auf eine Geschicklichkeit zu geben wußte, sie sehen zu lassen; insofern er auch seine Sache vor dem Volke fast immer durch angegebene Erscheinungen im Traume oder als durch ihm gewordene göttliche Eingebungen betrieb; entweder weil er selbst von einer Art frommer Einbildung nicht frei war, oder weil er bewirken wollte, daß man seinen Befehl und seinen Rath, als Aussprüche eines Orakels, ohne Anstand befolgte. Hierauf gleich von Anfang die Menschen hinzuleiten, besuchte er von der Zeit an, da er die männliche Toga angelegt hatte, jeden Tag, ehe er irgend ein öffentliches oder Privatgeschäft vornahm, das Capitol, ging in den Tempel, setzte sich und brachte hier mehrentheils einige Zeit allein und im Verborgenen zu. Diese Gewohnheit, die er sein ganzes Leben hindurch beibehielt, sei es absichtlich, oder ohne besondern Zweck, bewirkte bei Einigen den Glauben an die verbreitete Meinung, daß der Mann eine göttliche Abstammung habe; und 282 brachte die schon früher über Alexander den Großen verbreitete, eben so ungegründete und eben so herumgesprochene, Sage wieder in Umlauf, daß er von einer ungeheuren Schlange gezeugt sei, und daß man im Schlafzimmer seiner Mutter sehr oft die Erscheinung des Wunderthiers gesehen habe, das aber, wenn jemand darauf zugekommen, plötzlich entschlüpft und vor den Augen verschwunden sei. Nie machte er selbst den Glauben an diese Wunder lächerlich, vielmehr bestärkte er ihn durch eine gewisse Feinheit, dergleichen so wenig zu widerlegen, als geradezu zu behaupten. Mehrere Dinge dieser Art, theils wahr, theils angedichtet, setzten den jungen Mann in der Bewunderung des Volks über den Menschen hinaus, und hierauf vertraute die Bürgerschaft, als sie seinem durchaus noch nicht gereiften Alter eine solche Last von Geschäften und eine so wichtige Feldherrnstelle übertrug. Zu den Truppen, welche theils in Spanien vom alten Heere noch übrig, theils von Puteoli mit dem Cajus Nero hinübergegangen waren, gab man ihm noch zehntausend Mann und tausend zu Pferde: und der Proprätor Marcus Junius Silanus wurde ihm in seinen Unternehmungen zum Gehülfen gegeben. Als er so mit einer Flotte von dreißig Schiffen – und es waren lauter Fünfruderer – aus der Mündung der Tiber an der Küste des Tuskermeeres, an den Alpen hin den Gallischen Meerbusen entlang, und dann um das Pyrenäische Vorgebirge herumgesegelt war, setzte er die Truppen zu Emporiä, einer Stadt der Griechen – auch diese stammeten aus Phocäa – ans Land; und als er von hier nach ertheiltem Befehle, daß die Schiffe nachfolgen sollten, zu Lande nach Tarraco gegangen war, hielt er eine Versammlung der sämtlichen Bundesgenossen; denn auf das Gerücht von seiner Ankunft waren Gesandschaften aus der ganzen Provinz herbeigeströmt Die Schiffe ließ er hier auf den Strand bringen, nachdem er die vier Massilischen Dreiruderer, die ihm das Ehrengeleit gegeben, nach Hause entlassen hatte. . Nun ging er daran, den durch den Wechsel so vieler Unfälle schwankenden Gesandschaften Antworten zu ertheilen; und diese 283 gab er mit einem durch das volle Vertrauen auf seine Vorzüge so erhöheten Edelmuthe, daß ihm nicht nur kein einziges übermüthiges Wort entfiel sondern auch Alles, was er sagte, in gleich hohem Grade Verehrung und Vertrauen einflößte. 20. Nach seinem Aufbruche von Tarraco besuchte er die Staten der Bundsgenossen und die Winterquartiere des Heers; und gab den Soldaten das rühmliche Zeugniß, daß sie, von zwei so gewaltigen Schlägen nach einander getroffen, die Provinz dennoch behauptet, den Feind, ohne ihn die Früchte seiner Siege genießen zu lassen, vom ganzen Gebiete diesseits des Ebro abgehalten, und die Bundesgenossen treulich beschützt hätten. Den Marcius hatte er immer bei sich, und mit so großer Auszeichnung, daß man wohl sehen konnte, die Furcht, daß ein Andrer seinem Ruhme im Wege stehen könne, sei ihm etwas Fremdes. Darauf rückte Silanus in Nero's Platz, und die neuen Soldaten bezogen die Winterquartiere. Als Scipio Alles in Zeiten bereiset und abgethan hatte, was zu bereisen und abzuthun war, ging er wieder nach Tarraco. War Scipio's Ruf bei seinen Mitbürgern und Bundsgenossen groß, so war er es bei den Feinden nicht weniger, und hier mit einer Ahnung der Zukunft verbunden, die ihnen so viel größere Besorgniß einflößte, je weniger sie sich von dieser ohne Veranlassung bei ihnen aufgestiegenen Furcht den Grund angeben konnten. Die Winterquartiere hatten sie in entgegengesetzten Richtungen bezogen; Hasdrubal, Gisgons Sohn, bis an den Ocean und Gades; Mago mitten im Lande, größtentheils oberhalb des Gebirges von Castulo; Hasdrubal, Hamilcars Sohn, überwinterte, dem Ebro zunächst, in der Gegend von Sagunt . Am Ende des Sommers, in welchem Capua erobert wurde, und Scipio nach Spanien kam, hatte zwar eine Punische Flotte, welche aus Sicilien nach Tarent gerufen war, um der Römischen Besatzung auf der Tarentiner Burg die Zufuhr abzuschneiden, jeden Zugang zur Burg vom Meere aus gesperret; allein durch ihr längeres Stillliegen veranlassete sie bei ihren Bundsgenossen 284 drückendern Mangel, als bei den Feinden. Denn unter dem Schutze Punischer Schiffe konnte den Einwohnern auf freiem Meere und vermittelst ihrer offenen Hafen nicht so viel Getreide zugeführt werden, als die Flotte selbst mit ihrem aus Menschen aller Art gemischten Gewimmel verzehrte; so daß sich die Besatzung der Burg, weil sie schwach war, auch ohne Zufuhr von ihren früheren Vorräthen erhalten konnte, für die Tarentiner hingegen und für die Flotte nicht einmal die Zufuhr hinreichend war. Endlich entließ man die Flotte weit froher, als man sie empfangen hatte: der Mangel aber ließ nur wenig nach, weil nun, da der Schutz zur See aufhörte, kein Getreide eingebracht werden konnte. 21. Marcus Marcellus, der im Ausgange dieses Sommers aus der Provinz Sicilien vor Rom ankam, wurde vom Prätor Cajus Calpurnius dem Senate im Tempel der Bellona vorgestellt. Als er sich hier nach Auseinandersetzung seiner Thaten, mehr in Rücksicht der Soldaten, als seiner selbst, die leise Klage erlaubt hatte, daß er nach völliger Besiegung der Provinz dennoch sein Heer nicht habe abführen dürfen, so trug er auf die Erlaubniß an, im Triumphe in die Stadt einzuziehen. Dies ward ihm nicht bewilligt. Nachdem es darüber zu vielen Worten gekommen war, ob es weniger unstatthaft sei, dem Manne, zu dessen Ehre man für die unter seiner Anführung gelungenen Unternehmungen, in seiner Abwesenheit ein Dankfest angeordnet und den unsterblichen Göttern Opfer dargebracht habe, in seiner Gegenwart den Triumph abzuschlagen; oder eben den Mann, dem der Befehl zur Abgabe des Heers an seinen Nachfolger ertheilt sei, welcher nur dann ausgefertigt werde, wenn der Krieg in der Provinz noch fortdaure, jetzt eben so, als habe er den Krieg gänzlich beendet, triumphiren zu lassen, da doch das Heer, welches jedem verdienten und unverdienten Triumphe als Zeuge beiwohnen müsse, nicht zugegen sei: so schlug man den Mittelweg ein, ihn im kleinen Triumphe in die Stadt einziehen zu lassen. Die Bürgertribunen trugen nach einem Senatsgutachten bei dem Gesamtvolke darauf an, daß Marcus Marcellus auf den Tag, an welchem er im kleinen Triumphe 285 in die Stadt einzöge, den Heerbefehl haben solle. Den Tag vor seinem Einzuge in die Stadt triumphirte er auf dem Albanischen Berge. In dem folgenden kleinern Triumphe kam er mit einer Menge voraufziehender Beute zur Stadt. Nebst einer Abbildung des eroberten Syracus lieferte er großes und kleines Wurfgeschütz und andres Kriegsgeräth aller Art, an einen langen Frieden und an königlichen Reichthum erinnernde Prachtstücke, eine Menge verarbeitetes Silber und Erz, andre Geräthschaften, kostbare Kleidungen, und viele berühmte Kunstwerke, womit Syracus, als eine der ersten Griechischen Städte geprangt hatte. Als Beweis eines Sieges über Punier zogen acht Elephanten auf. Ein nicht weniger auffallendes Schauspiel gewährten die in goldenen Kränzen voraufschreitenden Beiden, der Syracusaner Sosis und der Spanier Mericus, von denen der Erste die Römer bei ihrem nächtlichen Einbruche in Syracus geleitet, der Andre die Inselburg nebst der Besatzung verrathen hatte. Beiden gab man das Bürgerrecht und jedem fünfhundert Morgen Landes. Dem Sosis sollten diese an solchen Syracusanischen Ländereien angewiesen werden, die entweder den Königen oder Feinden des Römischen Volks gehört hätten, ferner zu Syracus nach seiner eignen Wahl eins von den Häusern, deren Eigenthümer nach Kriegsrecht hingerichtet wären; dem Mericus aber und den mit ihm übergegangenen Spaniern eine Stadt in Sicilien und ein Feldeigenthum der vom Römischen Volke Abgefallenen. Den Auftrag, ihnen Stadt und Land nach seinem Gutbefinden anzuweisen, bekam Marcus Cornelius. Auf demselben Grunde und Boden wurden auch dem Belligenes, durch den man den Mericus zum Übertritte vermocht hatte, vierhundert Morgen zuerkannt. Nach Marcell's Abreise aus Sicilien landete eine Punische Flotte achttausend Mann Fußvolk und dreitausend Numidische Reuter. Murgantia mit seinen Umgebungen ergriff ihre Partei, und diesem Abfalle folgten Hybla, Macella und einige andre minder wichtige Städte. Auch brannten die Numider, die unter ihrem Obersten Mutines 286 ganz Sicilien durchstreiften, die Dörfer Römischer Bundsgenossen nieder. Außerdem that selbst das Römische Heer aus Erbitterung, theils weil es nicht mit seinem Feldherrn aus der Provinz abgeführt war, theils wegen der ihm untersagten Winterquartiere in Städten, seine Dienste mit Unlust, und es fehlte ihm zur Empörung mehr an einem Anstifter, als am Willen. Unter allen diesen Schwierigkeiten beruhigte der Prätor Marcus Cornelius nicht nur die Gemüther der Soldaten, bald durch Zureden, bald durch Verweise, sondern brachte auch die abgefallenen Städte sämtlich wieder zum Gehorsame. Und von diesen wies er den Spaniern, denen jener Senatsschluß eine Stadt und Acker bestimmte Urbs agerque debebatur, ex S. C. attribuit.] – Ich folge Crevier's Interpunction: urbs agerque debebatur ex senatus consulto, attribuit. Denn Murgantia gab er ihnen nicht ex senatus consulto, weil im Senatschlusse stand, ut, ubi ei videretur, urbem – eis adsignaret. , Murgantia an. 22. Weil beide Consuln Apulien zum Schauplatze ihrer Kriegsführung hatten, und die Punier und Hannibal selbst schon nicht mehr so furchtbar waren, so wurden ihnen Apulien und Macedonien als die Plätze bestimmt, worüber sie zu losen hätten. Den Sulpicius traf Macedonien, und er wurde des Lävinus Nachfolger. Den Fulvius berief man zum Wahlgeschäfte nach Rom, und als er den Versammlungstag zur Consulnwahl hielt, ernannten die Jüngern in der zuerst stimmenden Centurie Veturia den Titus Manlius Torquatus und Titus Otacilius. Manlius, welcher gegenwärtig war, kam von einem großen Volkshaufen umringt – denn ein Schwarm von Glückwünschenden sammelte sich um ihn, und die Zustimmung des Volks war vorauszusehen – vor die Thronbühne des Consuls und bat, für einige Worte ihm Gehör zu geben, und die Centurie, welche ihre Stimme schon gegeben habe, wieder umrufen zu lassen. Da die Erwartung, was er zu fordern haben möge, Alle in Spannung hielt, so lehnte er seiner Augenkrankheit wegen das Amt ab. «Wenn der Steuermann und der Feldherr Alles mit fremden Augen betreiben müsse, so sei es Unbescheidenheit von ihm, zu 287 verlangen, daß man ihm Anderer Leben und Wohlfahrt anvertrauen solle. Wenn es also dem Consul nicht misfällig sei, so möge er die Jüngern von der Centurie Veturia auffordern, zur neuen Stimmengebung zu schreiten und bei der Consulnwahl den jetzigen Krieg in Italien und die Lage des Stats nicht zu vergessen. Von dem Geräusche und Getöse, was die Feinde gemacht hätten, als sie noch vor wenig Monaten an den Mauern Roms standen, habe sich ja das Ohr kaum schon erholt!» Als ihm hier die Centurie mit lebhaftem Geschreie entgegenrief, «Sie werde ihre Stimme nicht zurücknehmen, sondern dieselben Männer zu Consuln ernennen;» so sagte Torquatus: «Ich werde mich eben so wenig als Consul mit euren Sitten vertragen können, als ihr euch mit meinem Oberbefehle. Gehet wieder an die Stimmengebung, und bedenkt, daß Punier jetzt in Italien Krieg führen und daß der Heerführer der Feinde Hannibal sei.» Da bat die Centurie, theils durch das Ansehen des Mannes, theils durch die ausbrechende Bewunderung der Umstehenden bewogen, den Consul, die Älteren von der Centurie Veturia vorfordern zu lassen. «Sie wünsche mit den Bejahrteren sich zu besprechen und nach deren Gutachten Consuln zu ernennen.» Als die älteren Bürger der Veturia gefordert waren, wurde ihr Zeit gelassen, sich ohne Zeugen mit ihnen in den Schranken zu unterreden. Die Älteren sagten, man habe auf Drei Rücksicht zu nehmen. Zwei von diesen, Quintus Fabius und Marcus Marcellus, hätten schon eine Menge Ämter bekleidet; wenn sie aber durchaus irgend einen Neuen zum Consul gegen die Punier ernannt wissen wollten, so habe sich Marcus Valerius Lävinus gegen den König Philipp zu Lande und zur See durch herrliche Thaten ausgezeichnet. Auf diesen Vorschlag, Drei in Überlegung zu nehmen, schritten die Jüngern nach Entlassung der Alten wieder zur Stimmenwahl. Sie ernannten den Marcus Claudius Marcellus, dem eben jetzt die Eroberung Siciliens einen Glanz gab, und den Marcus Valerius, beide abwesend, zu Consuln; und die Centurien traten sämmtlich der abgegebenen Stimme ihrer Vorgängerinn bei. 288 Mag man jetzt über die Verehrer des Alterthums spotten. Ich wenigstens sollte glauben, wenn es irgendwo jenen Stat der Weisen gäbe, von dem die Weltweisheit mehr Träume als Kunde hat, so könnten weder seine Großen ehrwürdiger und mehr von aller Herrschsucht zurückgezogen, noch seine Volksmenge besser gesittet sein. Daß aber eine Centurie jüngerer Bürger die Alten in Rath genommen haben soll, wem sie durch ihre Stimmen den Oberbefehl zu geben habe, das ist in unsern Tagen, wo sogar die Ältern von ihren Kindern gar nicht oder kaum geachtet werden, beinahe zur Unglaublichkeit geworden. 23. Nun wurde Prätorenwahl gehalten. Publius Manlius Vulso, Lucius Manlius Acidinus, Cajus Lätorius und Lucius Cincius Alimentus waren die Gewählten. Es traf sich gerade so, daß nach Beendigung der Wahl die Nachricht einlief, Titus Otacilius, welchen das Volk, allem Anscheine nach, in seiner Abwesenheit dem Titus Manlius zum Amtsgenossen gegeben hätte, wenn nicht der gewöhnliche Gang der Wahl unterbrochen wäre, sei in Sicilien gestorben.. Im vorigen Jahre waren Apollinarische Spiele angestellt; und als der Prätor Cajus Calpurnius darauf antrug, daß man sie auch dieses Jahr beginge, fertigte der Senat den Befehl aus, daß sie auf immer gelobet sein sollten. Auch wurden in diesem Jahre mehrere Schreckzeichen gesehen und einberichtet. Auf dem Tempel der Eintracht wurde die auf dem Gipfel stehende Siegsgöttinn vom Blitze getroffen und herabgeworfen, blieb aber, ohne weiter zu fallen, an den Bildern der Siegsgöttinn hängen, welche auf dem Vorsprunge standen. Von Anagnia sowohl als von Fregellä meldete man, der Blitz habe in die Mauer und in Thore eingeschlagen; auf dem Markte zu Sudertum sollten einen ganzen Tag lang Bäche Bluts geflossen sein; zu Eretum habe es Steine geregnet, und zu Reate habe eine Mauleselinn geworfen. Die Sühne dieser Schreckzeichen wurde mit größeren Opferthieren besorgt, auch dem Volke eine Betandacht auf Einen Tag und das neuntägige Opfer anbefohlen. Es starben in diesem Jahre einige Statspriester; und neue rückten ein; in 289 die Stelle des Manius Ämilius Numida, eines Zehnherrn gottesdienstlicher Geschäfte, Marcus Ämilius Lepidus; in die Stelle des Manius Pomponius Matho, eines Oberpriesters, Cajus Livius; in die des Spurius Corvilius Maximus, eines Vogelschauers, Marcus Servilius. Weil der Tod des Oberpriesters Titus Otacilius Crassus am Ende des Jahrs erfolgt war, so fand bei ihm die Ernennung eines Nachfolgers nicht Statt. Cajus C. Claudius.] – Vermuthlich soll es heißen Q. Claudius. Drakenb. führt im Register an, daß C und Q oft verwechselt werden. Um so viel eher ist des Sigonius Vermuthung anzunehmen, daß dieser Claudius mit dem XXVII. 22. zweimal genannten Q. Claudius Flamen einerlei Person sei. Wahrscheinlich blieb ihm der Zuname Flamen von dem in unserm Cap. angeführten Vorfalle. Sigonius und Pighius irren, wenn sie ihm darum den Zunamen Flamininus oder Flaminius geben wollen; allein Drakenborch, der die Unsicherheit der Vornamen kannte und darüber Beläge giebt, mußte sie auch nicht bloß (XXVII. 22.) durch die Verschiedenheit des Vornamens widerlegen wollen. Claudius, Eigenpriester des Jupiter, mußte von seinem Priesteramte abtreten, weil er bei dem Auflegen des Opferfleisches einen Fehler begangen hatte. 24. Um diese Zeit traf Marcus Valerius Lävinus, nachdem er zuvor in geheimen Unterredungen die Gesinnung der vornehmsten Ätoler erspähet hatte, mit seiner schnellsegelnden Flotte zu einer Ätolischen Volksversammlung ein, welche sie gerade in dieser Absicht schon früher bestellt hatten. Als er hier zur Beglaubigung des Römischen Waffenglücks in Sicilien und Italien die Eroberungen von Syracus und Capua als Großthaten aufgeführt und dabei behauptet hatte: «Es sei bei den Römern schon von ihren Vorfahren geerbte Sitte, ihre Bundesgenossen in Ehren zu halten, deren sie sogar Einige in ihre Bürgerschaft und zu gleichen Rechten mit sich selbst aufgenommen, Andre so gesetzt hätten, daß sie lieber Roms Bundsgenossen bleiben, als selbst Bürger werden wollten;» so versicherte er: «Die Ätoler würden noch so viel größere Achtung zu erwarten haben, weil sie unter allen Völkern jenseit des Meers die Ersten wären welche sich auf die Freundschaft mit Rom einließen. Sie hätten an Philipp und den Macedoniern 290 beschwerliche Nachbarn. Indeß habe er deren Macht und Stolz theils schon jetzt gebrochen, theils werde er diese noch so herunterstimmen, daß sie nicht allein die den Ätolern gewaltsam abgenommenen Städte wieder räumen, sondern selbst in Macedonien nicht sicher sein sollten. Auch die Acarnanen, deren Trennung von ihrem Statskörper den Ätolern so schmerzhaft sei, wolle er unter die alte Vertragsformel Ätolischer Gerechtsame und Landeshoheit zurückführen.» Diese Äußerungen und Verheißungen des Römischen Feldherrn bestätigten Scopas, der damalige Prätor des Volks, und Dorymachus, einer der Ätolischen Großen, durch ihre geltende Beistimmung, in welcher sie mit weniger Zurückhaltung und größerer Unparteilichkeit die Größe der Römischen Macht und Hoheit darstellten. Den größten Eindruck machte die Hoffnung, Acarnanien wieder zu bekommen. Also wurden die Bedingungen aufgesetzt, unter welchen sie der Freundschaft und dem Bündnisse mit Rom beitreten wollten, mit dem Anhange: «Wenn man es zufrieden sei und jene Völker selbst es wünschten, so sollten auch die Eleer , Lacedämonier, auch Attalus, Pleuratus und Skerdilädus – Attalus war Asiens, die Letztern Könige der Thracier und Illyrier – an diesem Bunde gleiches Recht haben. Den Krieg gegen Philipp zu Lande sollten die Ätoler sogleich anfangen, die Römer sollten mit einer Flotte von wenigstens zwanzig Fünfruderern sie unterstützen. Bis Corcyra, von Ätolien an gerechnet, sollten von den Städten Grund und Boden, Gebäude, Mauern und Ländereien den Ätolern, alle übrige Beute den Römern gehören: auch sollten die Römer dafür sorgen, daß die Ätoler in den Besitz von Acarnanien kämen. Falls die Ätoler mit Philipp Friede machten, so sollten sie zu dem Vertrage hinzusetzen: der Friede könne nur dann gültig sein, wenn sich Philipp aller Angriffe auf die Römer, ihre Bundesgenossen und Alle, welche von diesen abhängig wären, enthielte. Eben so sollte das Römische Volk, wenn es sich durch einen Vertrag mit dem Könige vergliche, bevorworten, daß er nicht befugt sei, 291 die Ätoler und ihre Bundesgenossen zu bekriegen.» Dies waren die Punkte der Übereinkunft, welche zwei Jahre nachher zu desto größerer Unverbrüchlichkeit, als geweihete Denkmale, von den Ätolern zu Olympia, von den Römern auf dem Capitole, schriftlich niedergelegt wurden. Dies hatte sich verzögert, weil die Ätolischen Gesandten in Rom zu lange aufgehalten waren; obgleich die Unternehmungen dadurch nicht gehindert wurden. Die Ätoler ihrerseits brachen sogleich gegen Philipp los, und auch Lävinus nahm Zacynthus, – dies ist eine kleine Insel, nahe an Ätolien; sie hat nur Eine Stadt, gleiches Namens; diese erstürmte er bis auf die Burg – Öniadä und Nasus den Acarnanen weg, und räumte sie den Ätolern ein. Und weil er auch den Philipp so tief in den Krieg mit den Nachbaren verwickelt zu haben glaubte, daß dieser an Italien, an die Punier und seine Verträge mit dem Hannibal nicht denken könne, zog er sich wieder nach Corcyra zurück. 25. Den Abfall der Ätoler erfuhr Philipp, als er zu Pella überwinterte. Weil er nun mit dem Anfange des Frühjahrs gegen Griechenland aufbrechen wollte, so unternahm er, um seinem Macedonien von Seiten der Illyrier und ihrer Nachbarn durch die nun auf sie übergehende Furcht die Ruhe zu sichern, plötzlich einen Zug in die Gegend von Oricum und Apollonia, und schlug die Apolloniaten, die gegen ihn ausgerückt waren, in großer Unordnung und Bestürzung in ihre Mauern zurück. Als er die nächsten Gegenden Illyricums verheert hatte, wandte er sich mit gleicher Schnelligkeit nach Pelagonien, und nahm die Dardanische Stadt Sintia weg, weil sie in den Händen der Dardaner ein Schlüssel zu Macedonien geblieben sein würde. Nachdem er dies im Laufe abgethan, zog er, des Ätolischen und damit verbundenen Römischen Krieges eingedenk, durch Pelagonien, Lyncus und Bottiäa nach Thessalien hinab. Er glaubte, hier die Einwohner gewinnen zu können, mit ihm im Kriege gegen die Ätoler Partei zu nehmen; und nachdem er an dem Passe Thessaliens den Perseus mit viertausend Mann 292 zurückgelassen hatte, um den Ätolern den Eingang zu verwehren, zog er selbst, ehe er in wichtigere Geschäfte verwickelt wurde, mit seinem Heere nach Macedonien und von da nach Thracien und gegen die Mäder. Diese fielen gewöhnlich in Macedonien ein, sobald sie merkten, daß den König ein auswärtiger Krieg beschäftige und sein Reich ohne Bedeckung sei. Er machte den Anfang mit Verheerung ihres Gebietes bei Phragandä, und ging dann an die Bestürmung der Stadt Jamphorina, der ersten Stadt und Festung in Mädica. Als Scopas hörte, der König sei nach Thracien gegangen und mit dem Kriege auf jener Seite beschäftigt, so ließ er die ganze Ätolische Mannschaft zum Kriege gegen Acarnanien in die Waffen treten. Gegen einen solchen Angriff schickten sich die Acarnanen, die ungleich schwächer waren, Öniadä und Nasus schon verloren und sich noch obenein von Römischen Waffen bedrohet sahen, mehr mit Wuth, als planmäßig, zum Kriege an. Nachdem sie ihre Weiber und Kinder und die Greise über sechzig Jahre in das nahe Epirus geschickt hatten, machten sich Alle von funfzehn bis zu sechzig Jahren durch einen Eid anheischig, nicht anders als siegreich heimzukehren. Jeden Eingebornen belegten sie mit dem schrecklichsten förmlich abgefaßten Fluche, wenn er irgend Einem, der aus der Schlacht als Besiegter entflohen wäre, in die Stadt, unter sein Dach, an seinen Tisch, oder bei dem Schutzgotte aufnähme; zu gleichem Zwecke setzten sie an alle auswärtigen Gastfreunde die feierlichste Beschwörung auf; und baten zugleich die Epiroten, allen ihren Landsleuten, welche in der Schlacht fallen würden, die gemeinschaftliche Decke Eines Hügels zu geben und die Beerdigten mit der Inschrift zu beehren: « Hier liegen die Acarnanen, welche im Kampfe gegen Ätolische Gewalt und Mishandlung für ihr Vaterland fielen. » Hiedurch mit Muth beseelt, lagerten sie sich an ihrer äußersten Gränze, da wo der Feind heranziehen mußte. Dadurch, daß sie auch den Philipp von der Größe ihrer 293 Gefahr benachrichtigten, zwangen sie den König, den Krieg, mit dem er eben beschäftigt war, liegen zu lassen, als sich Jamphorina schon ergeben hatte und ihm auch andre Unternehmungen gelangen. Die Ätoler hatten auf den Ruf von der eidlichen Verbindung der Acarnanen zuerst mit ihrem Angriffe gezögert, und die Nachricht von Philipps Anzuge nöthigte sie sogar, sich tief in ihr Land zurückzuziehen. Doch rückte Philipp, ob er gleich, um die Acarnanen nicht unterjochen zu lassen, in starken Märschen herbeigeeilt war, nur bis Dium vor und kehrte ebenfalls, auf die Nachricht vom Rückzuge der Ätoler aus Acarnanien, nach Pella zurück. 26. Als Lävinus, der mit dem Anfange des Frühjahrs von Corcyra absegelte, um das Vorgebirge Leucate herum nach Naupactum gekommen war, erklärte er seinen Vorsatz, von hier nach Anticyra zu steuern, damit Scopas und die Ätoler sich dort einfinden möchten. Anticyra liegt in Locris , wenn man in den Corinthischen Meerbusen einläuft, zur Linken; und von Naupactum war der Weg zu Lande für die Ätoler, wie für ihn zur See nur kurz. Etwa drei Tage nachher begann die Belagerung auf beiden Seiten. Der Sturm von der Seeseite war der wirksamere, theils weil die Flotte mit Wurfgeschützen und Maschinen aller Art versehen war, theils weil hier die Römer stürmten. Nach der in wenig Tagen erfolgten Übergabe wurde die Stadt den Ätolern eingeräumt, die Beute fiel nach dem Vertrage den Römern anheim. Hier meldete dem Lävinus ein Brief, er sei abwesend zum Consul ernannt, und sein Nachfolger Publius Sulpicius sei unterweges; weil ihn aber dort eine langwierige Krankheit festhielt, kam er gegen alle Erwartung erst spät nach Rom. Marcus Marcellus, der am funfzehnten März sein Consulat antrat, eröffnete, bloß weil es Sitte war, an diesem Tage den Senat, und zwar mit der Erklärung: «Er werde in Abwesenheit seines Amtsgenossen so wenig die Lage des Stats, als die Vertheilung der Provinzen, zur Sprache bringen. Er wisse, daß sich viele Sicilianer 294 nahe bei der Stadt in den Landhäusern seiner Neider aufhielten. Ihnen die Erlaubniß zu versagen, die von seinen Feinden ausgesprengten und erdichteten Beschuldigungen öffentlich in Rom bekannt zu machen, liege so ganz und gar außer seinem Plane, daß er sie vielmehr, wenn sie nicht eine Art von Furcht heuchelten, in Abwesenheit seines Amtsgenossen sich über ihn als Consul zu erklären, jetzt gleich vor den Senat gestellt haben würde. Sobald aber sein Amtsgenoß einträfe, würde er auf nichts eher antragen lassen, als auf die Vorlassung der Siculer im Senate. Marcus Cornelius habe in ganz Sicilien, er möchte fast sagen, eine Werbung gehalten, um der Kläger gegen ihn so Viele als möglich nach Rom gehen zu lassen. Derselbe Mann habe, seinem Ruhme Abbruch zu thun, durch lügenhafte Briefe die Nachricht in der Stadt verbreitet, daß in Sicilien der Krieg noch fortdaure.» Der Consul, dem an diesem Tage die Ehre der Selbstbeherrschung zu Theile ward, entließ nun den Senat, und es schien, als würden die sämtlichen Angelegenheiten, bis zur Wiederkehr des andern Consuls zur Stadt, fast wie bei einem Gerichtsstillstande, liegen bleiben. Diese Ruhe weckte, wie gewöhnlich, ein Murren unter dem Bürgerstande. Die Leute klagten: «Der Krieg daure gar zu lange; die Ländereien um die Stadt, wo Hannibal als Feind durchgezogen sei, seien verheert; Italien werde durch die Werbungen erschöpft, und fast jährlich seien Heere niedergehauen; auch habe man zwei kriegerische Consuln gewählt, beide rasche und unternehmende Männer, die im tiefsten Frieden Krieg zu erregen fähig wären, geschweige denn, daß sie im Kriege der Bürgerschaft einige Erholung gönnen sollten.» 27. Diese Geschwätze fanden ihre Unterbrechung durch eine in der Nacht vor dem Quinquatrusfeste in der Gegend des Marktes an mehreren Stellen zugleich entstandene Feuersbrunst. Auf einmal sah man die sieben Kramladen, deren nachher nur fünf waren, und die Wechslerladen, welche jetzt die Neuen heißen, in Flammen, Dann ergriff das Feuer auch Privatgebäude; denn damals 295 standen hier noch keine Statspalläste; ferner den Steinbruchskerker, den Fischermarkt, die Königshalle. Der Tempel der Vesta wurde kaum gerettet, und zwar hauptsächlich durch dreizehn Sklaven, welche nachher der Stat an sich kaufte und freiließ. Eine Nacht und einen Tag hielt das Feuer an. Auch zweifelte niemand daran, daß es boshafter Weise angelegt sei, weil es zugleich an mehrern und zwar entgegengesetzten Orten ausgebrochen war. Deswegen machte der Consul auf ein Senatsgutachten in einer Volksversammlung bekannt, wer die Thäter anzeigen würde, die dies Feuer veranstaltet hätten, sollte zur Belohnung, wenn er ein Freier sei, eine Geldsumme; ein Sklave, die Freiheit haben. Diesen Preis zu verdienen, sagte der Sklave der Calavier, einer Campanischen Familie, – Mannus hieß er – folgendes aus: «Seine Hausherren nebst fünf andern jungen Adlichen aus Capua, deren Väter Quintus Fulvius hatte enthaupten lassen, hätten diesen Brandschaden gestiftet, und würden, wenn man sich ihrer nicht versichere, hin und wieder noch mehrere stiften.» Sie wurden mit ihren Bedienten festgenommen: und anfangs machten sie den Angeber und seine Aussage durch den Vorwurf verdächtig: «Der Mensch sei Tages zuvor von seinen Herren mit Schlägen gezüchtigt und ihnen entlaufen. Aus Rache und Leichtsinn habe er dann diesen Zufall zu ihrer Verläumdung benutzt.» Als aber das persönliche Gegenverhör sie widerlegte, und mit den Handlangern ihres Frevels mitten auf dem Gerichtsplatze die peinliche Untersuchung vor sich ging, da bekannten sie Alle: und Herren und mitschuldige Sklaven wurden hingerichtet. Dem Angeber schenkte man die Freiheit und zwanzigtausend Ass Ungefähr 624 Conventionsgulden. . Als der Consul Lävinus vor Capua vorbeireisete, umringte ihn eine Menge Campaner, die ihn mit Thränen um die Erlaubniß baten, sie nach Rom an den Senat gehen zu lassen, um die Väter, wenn endlich noch einiges Mitleiden sie zu rühren vermöchte, zu bitten, sich 296 doch nicht ihr völliges Verderben zum Zwecke zu machen, und nicht Alles, was Campaner heiße, vom Quintus Flaccus vertilgen zu lassen. Flaccus betheuerte dagegen: «Er stehe durchaus nicht als Privatmann mit den Campanern in einem Misverständnisse. Er hasse sie als Statsbürger und öffentlicher Feind, und werde sie hassen, so lange er überzeugt sei, daß sie eben so gegen Rom gesinnet wären. Denn es sei gegen Alles, was Römer heiße, kein Volk auf Erden, kein Völkerstamm, erbitterter als sie. Darum halte er sie in die Mauern eingeschlossen, weil sie, so wie sie entsprängen, gleich wilden Thieren im Lande umherstreiften und Alles, was ihnen in Wurf komme, zerfleischten und niederrissen. Einige wären zum Hannibal übergelaufen, Andre nach Rom gegangen, um es in Brand zu stecken. Die Spuren Campanischen Frevels werde der Consul auf dem halb niedergebrannten Markte noch finden. Es sei auf den Tempel der Vesta abgesehen gewesen, auf das Ewige Feuer und jenes im Allerheiligsten verwahrt liegende Kleinod, an welches vom Schicksale die Dauer des Römerreichs geknüpft sei. Er halte es durchaus nicht für sicher, Campanern den Eintritt in die Mauern Roms zu gestatten.» Doch erlaubte Lävinus den Campanern, ihm nach Rom zu folgen, nachdem sie dem Flaccus hatten schwören müssen, fünf Tage nach erhaltener Antwort vom Senate, sich wieder in Capua einzustellen. An der Spitze dieses ihm nachströmenden Schwarmes, und zugleich vor den ihm entgegen gegangenen Sicilianern und Ätolern her kam er nach Rom, und führte also die im Kriege Besiegten, jetzt als Kläger gegen die beiden hochgepriesenen Eroberer der berühmtesten Städte, in die Stadt ein. Doch der erste Vortrag der Consuln im Senate betraf die Lage des Stats und die Provinzen. 28. Hier setzte Lävinus die Lage Macedoniens und Griechenlands, der Ätoler, Acarnanen und Locrer, und was er selbst dort zu Lande und zur See geleistet habe, aus einander. « Philipp, der schon gegen die Ätoler 297 angerückt gewesen sei, den er aber nach Macedonien zurückgeschlagen habe, habe sich in das Innerste seines Reichs davon gemacht; und die Legion könne dort abgeführt werden: den König von Italien abzuhalten, sei die Flotte hinreichend.» So viel sagte er über sich selbst und über den Schauplatz seines nun beendigten Oberbefehls. Den Vortrag wegen der anzuweisenden Kriegsplätze thaten die Consuln gemeinschaftlich. Die Väter beschlossen: « Italien und der Krieg gegen Hannibal solle nur Einem Consul angewiesen werden, und der andre die bisher vom Titus Otacilius geführte Flotte haben, und Sicilien als seinen Geschäftskreis mit dem Prätor Lucius Cincius gemeinschaftlich.» Ihm wurden die beiden Heere bestimmt, welche Hetrurien und Gallien hatte: dies waren vier Legionen. Die beiden Stadtlegionen vom vorigen Jahre sollten nach Hetrurien gehen, und die beiden, welche Sulpicius als Consul befehligt habe, nach Gallien. Gallien und seine Legionen sollten unter dem stehen, dem der Consul, welcher Italien bekäme, sie anvertrauen wolle. Cajus Calpurnius, dem man nach seiner Prätur den Heeresbefehl auf ein Jahr verlängerte, wurde nach Hetrurien geschickt, und dem Quintus Fulvius Capua als Provinz bestimmt, ebenfalls mit jähriger Verlängerung seines Heerbefehls. Die Römischen und verbündeten Truppen sollten vermindert werden, so daß aus zwei Legionen nur Eine, von fünftausend Mann zu Fuß und dreihundert Rittern, gemacht würde, und diejenigen, welche die meisten Dienstjahre hätten, entlassen würden: an Bundesgenossen sollte sie siebentausend Mann zu Fuß und dreihundert Ritter behalten, und auch hier bei Entlassung der alten Soldaten auf das Verhältniß der Dienstjahre gesehen werden. Mit dem Consul des vorigen Jahres, Cneus Fulvius, traf man weder in Ansehung seiner Provinz Apulien, noch des Heeres, welches er gehabt hatte, die mindeste Änderung, außer daß man ihm den Heerbefehl auf ein Jahr verlängerte. Sein Amtsgenoß, Publius Sulpicius, wurde angewiesen, sein ganzes Heer, die Seeleute ausgenommen, zu verabschieden. So sollte auch nach der Ankunft des Consuls in 298 Sicilien das Heer, welchem Marcus Cornelius vorstand, aus dieser Provinz entlassen werden. Dem Prätor Lucius Cincius gab man zur Behauptung Siciliens die Soldaten von Cannä, welche zwei Legionen ausmachten. Für Sardinien bestimmte man dem Prätor Publius Manlius Vulso eben so viele Legionen, diejenigen, welche voriges Jahr in dieser Provinz Lucius Cornelius angeführt hatte. Für die Stadtlegionen sollten die Consuln mit der Werbung so verfahren, daß sie niemand zum Soldaten nähmen, der schon unter dem Marcus Claudius, Marcus Valerius, oder Quintus Fulvius im Heere gestanden habe; und die Zahl der Römischen Legionen sollte sich für dieses Jahr nicht über einundzwanzig belaufen. 29. Nach Abfassung dieser Senatsschlüsse loseten die Consuln um ihre Kriegsplätze. Den Marcellus traf Sicilien und die Flotte, den Lävinus Italien und der Krieg gegen den Hannibal. Diese Entscheidung des Loses brachte die Sicilianer, – und sie waren in Erwartung, wie das Los ausfallen würde, den Consuln näher getreten – nicht anders, als sähen sie Syracus zum zweitenmale erobert, so aus aller Fassung, daß sie schon jetzt durch ihre Wehklagen und weinerlichen Stimmen Aller Augen auf sich zogen und auch nachher zu mancherlei Gerede Anlaß gaben. Denn sie gingen in Trauerkleidung bei den Senatoren umher und versicherten: «Sie würden nicht nur Jeder seine Vaterstadt, sondern ganz Sicilien verlassen, wenn Marcellus abermals als Oberbefehlshaber dorthin geschickt würde. Ohne alles ihr Verschulden sei er schon vorher gegen sie der Unversöhnliche gewesen: was er nun aus Rache thun werde, da er wisse, daß die Sicilianer, um über ihn zu klagen, nach Rom gekommen wären? Unter den Feuern des Ätna verschüttet zu werden, oder im Meere zu versinken, sei ihrer Insel zuträglicher, als sich ihrem Feinde gleichsam zur Züchtigung preisgegeben zu sehen.» Diese Klagen der Sicilianer, die anfänglich in den Häusern der Vornehmen herumgingen, und dann durch Äußerungen in Umlauf kamen, welche theils das Mitleiden mit den Sicilianern, theils der Neid gegen den Marcellus 299 veranlaßte, gelangten endlich auch vor den Senat. Hier verlangte man von den Consuln, beim Senate auf eine Vertauschung der Provinzen anzutragen. Da sagte Marcellus: «Wenn der Senat die Sicilianer schon abgehört hätte, so möchte seine Erklärung vielleicht anders ausgefallen sein: so aber wolle er sich bloß deswegen, damit niemand sagen könne, die Furcht halte diese Leute ab, mit der gehörigen Freimüthigkeit über den zu klagen, der sie nächstens in seiner Gewalt haben werde, wenn sein Amtsgenoß nichts dawider habe, den Tausch der Provinzen gefallen lassen. Er verbitte sich aber jede vorgreifende Entscheidung von Seiten des Senats. Denn da es schon unbillig gewesen sein würde, seinem Amtsgenossen die Wahl einer Provinz ohne Losung zu überlassen, wie viel größer dann die Beleidigung, ja die Beschimpfung für ihn sein müsse, wenn man sein Los auf jenen übertrüge?» Und so wurde der Senat, der freilich seine Willensmeinung zu erkennen gegeben hatte, entlassen, ohne sie als Beschluß auszufertigen. Die Consuln verglichen sich selbst über die Provinzen; und der Tausch kam zu Stande, weil das Schicksal den Marcellus zum Hannibal hinriß, zu dessen Ruhme er, so wie er die Ehre davon getragen hatte, ihn zuerst besiegt zu haben, gerade unter den glücklichsten Fortschritten des Krieges als der letzte Römische Feldherr fallen sollte. 30. Nach Vertauschung der Provinzen machten die im Senate vorgelassenen Sicilianer eine weitläufige Schilderung von des Königs Hiero ununterbrochener Treue gegen das Römische Volk, um ihrer Stadt daraus ein Verdienst zu machen. « Hieronymus hingegen, und nachher Hippocrates und Epicydes, wären ihnen zwar auch als Tyrannen aus andern Gründen, hauptsächlich aber wegen ihres Übertritts von den Römern zum Hannibal, verhaßt gewesen. Darum sei auch Hieronymus von ihren vornehmsten jungen Männern, man möchte sagen, auf Anschlag des ganzen Volks, ermordet: und so hätten sich auch zur Ermordung des Epicydes und Hippocrates siebzig der edelsten Jünglinge verschworen gehabt, die aber 300 alle, da durch Marcells Saumseligkeit die Sache ausgekommen sei, – denn er sei nicht zur bestimmten Zeit mit seinem Heere auf Syracus angerückt; – von den Tyrannen hingerichtet wären. Ja selbst dieser Tyrannei des Hippocrates und Epicydes habe Marcellus durch die grausame Plünderung zu Leontini das Dasein gegeben. «Nie hätten es die ersten Männer von Syracus seit jener Zeit an Übertritten zum Marcellus und an Versprechungen fehlen lassen, ihm die Stadt, sobald er wolle, zu überliefern. Allein anfangs habe er sie lieber mit Sturm einnehmen wollen. Dann aber, als ihm dies durch alle Versuche zu Lande und zu Wasser nicht gelungen sei, habe er lieber einem Kupferschmiede Sosis und einem Spanier Mericus, als den ersten Syracusanern, die sich hierzu so oft von selbst, immer umsonst, erboten hätten, die Übergabe von Syracus verdanken wollen; freilich um einen gerechtern Vorwand zu haben, die ältesten Bundesgenossen des Römischen States morden und plündern zu können. Wenn nicht Hieronymus, sondern Volk und Senat von Syracus an den Hannibal abgefallen wären; wenn die Syracusaner selbst vermöge eines Statsbeschlusses, nicht aber, nach Unterdrückung der Syracusaner, ihre Tyrannen, Hippocrates und Epicydes, dem Marcellus die Thore von Syracus verschlossen hätten; wenn die Syracusaner diesen Krieg mit Carthagischer Wuth gegen Rom geführt hätten; ob Marcellus alsdann noch feindseliger hätte verfahren können, als er verfahren sei, es müßte denn sein, daß er Syracus völlig vertilgt hätte. Wenigstens habe er, die Mauern und ausgeplünderten Häuser, und die erbrochenen und entweiheten Göttertempel abgerechnet, da er selbst die Götter samt ihren Kostbarkeiten weggeführt habe, der Stadt Syracus nichts übrig gelassen. Vielen habe er auch ihre Güter genommen, so daß sie auch nicht einmal von dem nackten Boden, dem Überreste ihrer geplünderten Habe, sich und die Ihrigen ernähren könnten. Sie bäten die versammelten Väter, wenn es nicht möglich sei, Alles, wenigstens doch das, was sich finde und anerkannt werden könne, an die 301 Eigenthümer wieder abliefern zu lassen.» Als sie nach diesen Klagen Lävinus aus dem Rathhause abtreten ließ, damit im Senate über ihre Forderungen die Umfrage vor sich gehen könnte, so sagte Marcellus: «Laßt sie ja hier bleiben, damit ich ihnen in ihrem Beisein antworten kann, weil wir Feldherren doch einmal bei Führung eurer Kriege, ihr versammelten Väter, in der Lage sind, daß wir unsre Besiegten zu Anklägern haben müssen. Mögen doch die beiden in diesem Jahre eroberten Städte, Capua den Fulvius, Syracus den Marcellus vor Gericht stellen.» 31. Als die Gesandten wieder in das Rathhaus eingeführt waren, sprach der Consul: «Der Hoheit des Römischen Stats und der Würde dieses Oberbefehls, versammelte Väter, kann ich unmöglich so sehr vergessen, daß ich, wenn jetzt eine Anklage gegen mich zur Sprache käme, mich als Consul gegen beschuldigende Griechen verantworten würde: allein es kommt hier nicht in Untersuchung, was ich etwa gethan haben mag, sondern was ihnen zu leiden oblag. Sind sie nicht unsre Feinde gewesen, so ist es einerlei, ob ich mich jetzt, oder noch bei Lebzeiten des Hiero, an Syracus vergriffen habe. Sind sie aber von uns abgefallen; sind sie auf unsre Gesandten mit Schwert und Waffen eingedrungen; haben sie ihre Stadt und Mauern uns verschlossen und sie mit einem Carthagischen Heere gegen uns vertheidigt: wer darf alsdann darüber unwillig sein, daß sie Feindseligkeiten litten, da sie deren genug begingen? Die ersten Männer von Syracus, die mir die Stadt hätten übergeben wollen, soll ich abgewiesen, soll einen Sosis, einen Spanier Mericus, in einer so wichtigen Sache meines Vertrauens würdiger gehalten haben. Ihr seid doch wohl nicht die Geringsten zu Syracus: denn ihr werft ja Andern die Niedrigkeit vor. Ist einer unter euch, der mir versprochen hätte, mir die Thore zu öffnen? meine Soldaten mit Waffen in die Stadt einzulassen? Ihr hasset, ihr verwünscht ja die, die es thaten, und enthaltet euch nicht einmal hier der Schmähungen gegen sie: so weit waret ihr davon entfernt, so etwas selbst zu thun. Selbst die Niedrigkeit, 302 ihr versammelten Väter, die sie jenen vorwerfen, ist ja der stärkste Beweis, daß ich niemanden, der unserm State seine Dienste leihen wollte, abgewiesen habe. Ehe ich Syracus einschloß, habe ich bald durch abgeschickte Gesandte, bald durch eingegangene Unterredungen den Frieden versucht; dafür aber habe ich auch nachher, als man sich nicht scheute, sich an meinen Gesandten zu vergreifen, und selbst ich in der Zusammenkunft am Thore von ihren Großen nicht einmal eine Antwort erhielt, so viele Beschwerden ich auch zu Lande und zu Wasser zu besiegen hatte, doch endlich Syracus durch Sturm und Waffen erobert. Was ihnen als Besiegten wiederfuhr, darüber dürften sie sich mit mehrerem Rechte bei dem Hannibal und den Carthagern, ihren Victosque iustius.] – Statt victosque lese ich mit Gronov , Drakenborch und Crevier victos secum, wohin auch die Lesart so vieler Msc. (victos sese) leitet. Mitbesiegten, beklagen, als vor dem Senate der Sieger. Daß ich Syracus habe plündern lassen; wenn ich dies leugnen wollte, versammelte Väter, so würde ich ja auf keinen Fall mit der Beute von dort die Stadt Rom verschönert haben. Habe ich als Sieger diesem oder jenem etwas genommen oder zugesprochen, so bin ich gewiß, hierin sowohl nach Kriegsrecht, als nach dem Verdienste eines Jeden gehandelt zu haben. Daß ihr dies genehmigt, versammelte Väter, wahrlich daran liegt dem State mehr, als mir. Ich habe meine Pflicht erfüllt; jetzt muß es Wunsch des States sein, daß ihr nicht etwa durch den Umsturz meiner Verfügungen die Schritte künftiger Feldherren lähmet. Und nun, ihr versammelten Väter, da ihr in beider Theile Gegenwart sowohl die Sicilianer, als mich, gehört habt, so wollen wir auch zugleich von dieser Stäte abtreten, damit der Senat in meiner Abwesenheit so viel freier die Stimmen abgeben könne.» Nachdem er so die Sicilianer entlassen hatte, ging auch er zu einer Aushebung der Truppen auf das Capitol . 32. Der andre Consul that über die Forderungen der Sicilianer den Antrag an die Väter. Hier wurde freilich 303 bei der Abstimmung lange gestritten, und sehr Viele vom Senate, die sich der Stimme des Titus Manlius Torquatus anschlossen, waren der Meinung: «Mit den Tyrannen, als Feinden der Syracusaner und Römer zugleich hatte der Krieg geführt werden müssen; die Stadt aber hätte man wieder in Schutz nehmen, nicht erobern, und nach der Wiederaufnahme auf ihre alte Verfassung und Freiheit begründen, nicht aber in ihrer Ermattung unter der kläglichsten Sklaverei durch Krieg noch elender machen sollen. Über die Kämpfe der Tyrannen mit dem Römischen Feldherrn sei sie selbst, als in der Mitte aufgestellter Preis des Siegers, zu Grunde gegangen, eine der schönsten und berühmtesten Städte, ehemals die Korn- und Schatzkammer des Römischen Volks, die durch ihre Freigebigkeit und Geschenke in so manchem Sturme, selbst noch zuletzt in eben diesem Punischen Kriege, dem State Hülfe und Ehre geschafft habe. Wenn König Hiero, dieser treueste Verehrer des Römischen Stats, von den Todten aufstehen sollte, mit welcher Stirn man ihm entweder Syracus oder Rom zeigen wolle; wenn er, nach dem Hinblicke auf seine halbzerstörte und geplünderte Vaterstadt, schon bei seinem Eintritte in Rom, auf dem Vorplatze der Stadt, beinahe im Thore, die Prunkbeute aus seiner Vaterstadt zu sehen bekäme?» – Ich sage, obgleich dies und mehr dergleichen dem Consul zum Vorwurfe und zur Erregung des Mitleids mit den Syracusanern vorgebracht wurde, so faßten die Väter dennoch in Hinsicht auf den Marcellus den schonenden Beschluß ab: «Was er als kriegführender Feldherr und Sieger verfügt habe, müsse gültig bleiben. Für das Weitere wolle sich der Senat die Sache der Syracusaner empfohlen sein lassen, und dem Consul Lävinus den Auftrag geben, so viel sich ohne Nachtheil für das Ganze thun lasse, sich der Umstände jenes States anzunehmen.» Zwei auf das Capitol an den Consul abgefertigte Senatoren riefen ihn in das Rathhaus zurück, und nach abermaliger Einführung der Sicilianer wurde der Senatsschluß verlesen. Die Gesandten, die man nach einer gütigen Anrede entließ, 304 warfen sich dem Consul Marcellus mit der Bitte zu Füßen: «Was sie zur traurigen Darlegung und Erleichterung ihres Unglücks gesagt hätten, möge er ihnen verzeihen, und sie und die Stadt Syracus seines Beistandes und Schutzes würdigen.» Und darauf wurden sie vom Consul, der ihnen mit Sanftmuth zusprach, entlassen. 33. Nun ließ der Senat die Campaner eintreten, deren Vortrag kläglicher, wie ihre Sache schlimmer, war. Denn sie konnten nicht leugnen, die Strafe verdient zu haben, und hatten auch keine Tyrannen, auf die sie die Schuld wälzen konnten. Doch glaubten sie, da sich so viele ihrer Senatoren vergiftet, so viele unter dem Richtbeile geblutet hätten, Strafe genug gelitten zu haben. «Wären doch nur Wenige von ihren Adlichen noch am Leben; und diese habe weder ihr Gewissen gezwungen, sich selber Leides zu thun, noch der erbitterte Sieger sie zum Tode verdammt. Diese bäten für sich und die Ihrigen um die Freilassung und um die Zurückgabe einiges Vermögens, da sie selbst Römische Bürger, meistentheils vermöge der alten Berechtigung zu Gegenheirathen mit Römischen Häusern verschwägert und durch nahe Verwandschaft mit ihnen verbunden wären.» Nachdem man die Gesandten aus dem Rathhause hatte abtreten lassen, bedachten sich die Väter ein wenig, ob sie nicht den Quintus Fulvius von Capua kommen lassen sollten, – denn der Consul Claudius war gleich nach Einnahme der Stadt gestorben – um die Sache eben so in Gegenwart des Feldherrn auszumachen, der dort der Handelnde gewesen sei, wie man es mit dem Marcellus und den Sicilianern gemacht habe. Als sie aber den Marcus Atilius und den Cajus Fulvius, des Flaccus Bruder, seine beiden Unterfeldherren, und eben so die Unterfeldherren des Claudius, den Quintus Minucius und Lucius Veturius Philo im Senate sitzen sahen; sämtlich Augenzeugen von Allem, was dort vorgenommen war; und sie weder den Fulvius von Capua abrufen, noch die Campaner auf einen andern Tag bestellen wollten, so wurde Marcus Atilius Regulus, unter den vor Capua gewesenen der Geltendste, 305 um seine Meinung befragt. «Ich erkläre,» sprach dieser, «daß ich von den Consuln zu dem Kriegsrathe gezogen bin, in welchem nach Eroberung von Capua die Frage vorkam, ob sich irgend ein Campaner um unsern Stat ein Verdienst erworben habe. Man brachte in Erfahrung, es fänden sich zwei Frauenspersonen, die Vestia Oppia, eine zu Capua wohnende Atellanerinn, und die Faucula Cluvia, welche in früheren Zeiten von ihren käuflichen Reizen gelebt hatte; jene habe täglich für Roms Erhaltung und Sieg geopfert, diese den nothleidenden Gefangenen heimlich Nahrungsmittel gereicht. Die Gesinnung aller übrigen Campaner gegen uns war die der Carthager, und hielt sich Quintus Fulvius bei ihrer Hinrichtung an eine Auszeichnung, so war es mehr die durch Stand, als durch Schuld. Ich sehe ein, daß der Senat gegen die Campaner, weil sie Römische Bürger sind, ohne Beistimmung des Gesamtvolkes nicht verfahren kann: und daher kam es auch bei unsern Vorfahren in der Angelegenheit der abgefallenen Satricaner, daß der Bürgertribun Marcus Antistius vorher bei dem Bürgerstande darauf antragen und der Bürgerstand sich erst erklären mußte, daß der Senat zum Urtheilspruche über die Satricaner berechtigt sein solle. Nach meiner Meinung also müßte man die Tribunen ersuchen, daß einer oder mehrere von ihnen einen Antrag an den Bürgerstand thue, wodurch wir das Recht bekommen, über die Campaner zu verfügen.» Der Bürgertribun Lucius Atilius that nach einem Senatsgutachten den Antrag bei dem Bürgerstande mit diesen Worten: «Über alle Einwohner von Capua, Atella, Calatia und die Sabatiner, welche sich durch die Übergabe an den Proconsul Fulvius der Verfügung und Landeshoheit des Römischen Volks unterworfen haben: auch was sie mit sich zugleich übergeben haben; ihr Land, ihre Stadt, geweihetes und ungeweihetes Eigenthum, ihre Geräthschaften und was sie sonst noch übergeben haben: wie mit dem Allen eurem Willen gemäß verfahren werden solle, darüber befrage ich euch, Quiriten. » Der Bürgerstand erklärte 306 sich so: «Was in einem hierzu vereideten Senate die «Mehrzahl von euch in der Sitzung Gegenwärtigen für Recht erkennen mag, das wollen und beschließen wir.» 34. Der nach diesem Volkserkenntnisse um seine Stimmen befragte Senat erkannte gleich zuerst der Oppia und Cluvia ihre Güter und Freiheit wieder zu, und hieß sie, wenn sie sich noch andre Belobungen beim Senate zu erbitten hätten, nach Rom kommen. In Rücksicht der Campaner richteten sich die Beschlüsse nach den verschiedenen Familien, und es ist nicht der Mühe werth, sie alle anzuführen. Bei einigen beschloß man die Einziehung ihrer Güter: sie selbst, ihre Kinder und Frauen sollten verkauft werden, diejenigen Töchter ausgenommen, welche, ehe die Römer Landesobrigkeit geworden wären, ins Ausland geheirathet hätten. Andre sollten gefesselt, und demnächst über sie verfügt werden. Bei andern Campanern ließen sie auch den Unterschied des Vermögens bestimmen, ob ihre Güter eingezogen werden sollten, oder nicht. Das ihnen weggenommene Vieh, die Pferde ausgenommen, ihre Sklaven, außer die männlichen Erwachsenen, und Alles, was nicht zum Boden gehörte, erklärten sie für zurükzugebendes Eigenthum. Alle Campaner, Atellaner, Calatiner, Sabatiner , diejenigen ausgenommen, die entweder selbst, oder deren Ältern sich bei den Feinden aufhielten, sollten frei sein, doch so, daß niemand von ihnen Römischer oder Latinischer Bürger sein könne; auch sollte keiner von denen, die während der Sperrung in Capua gewesen wären, länger, als bis zu einem bestimmten Tage, in der Stadt und im Gebiete von Capua bleiben dürfen. Diesen sollte ein Wohnort jenseit der Tiber angewiesen werden, der aber die Tiber nicht berühren dürfe. Wer aber in der Zeit des Krieges weder zu Capua, noch in einer von Rom abgefallenen Campanischen Stadt gewesen wäre, sollte bis in die Gegend diesseit des Flusses Liris, nach Rom zu, entfernt werden; und die zu den Römern übergegangen wären, ehe Hannibal vor Capua erschienen sei, bis diesseit des Vulturnus: keiner von ihnen sollte dem Meere näher, als 307 funfzehntausend Schritte, ein Landstück oder Gebäude haben dürfen. Diejenigen von ihnen, welche über die Tiber hinausgewiesen wären, sollten so wenig selbst, als ihre Nachkommen, irgendwo ein Grundeigenthum erwerben oder besitzen können, außer im Gebiete von Veji, Sutrium, Nepete, und auch dies nur unter der Bedingung, daß es das Maß von funfzig Morgen nicht übersteige. Die Güter der sämtlichen Senatoren und Obrigkeiten von Capua, Atella, Calatia sollten zu Capua verkauft werden. Die Freien, deren Verkauf bestimmt war, sollten nach Rom geschickt und zu Rom verkauft werden. Was von den ehernen Bildern und Statüen, welche sie den Feinden abgenommen haben wollten, als Heiligthum anzusehen sei oder nicht, überließ man dem Gesamtamte der Oberpriester zu entscheiden. Durch diese Beschlüsse noch weit tiefer gebeugt, als sie gekommen waren, wurden die Campaner aus Rom entlassen. Und nun klagten sie nicht mehr über die Härte des Quintus Fulvius gegen sie, sondern über die Ungerechtigkeit der Götter und über ihr fluchwürdiges Schicksal. 35. Nach Entlassung der Sicilianer und Campaner nahm man die Aushebung der Truppen vor, und als man ein Heer geworben hatte, beschäftigte man sich mit Entwürfen zur Ergänzung der Ruderknechte. Da man aber hierzu weder Menschen genug hatte, noch in der Schatzkammer zu deren Ankaufe und Besoldung damals das mindeste Geld war, so machten die Consuln bekannt, jeder Einzelne habe nach seinem Vermögen und Stande, so wie vormals, Ruderer zu stellen, mit Sold und Beköstigung auf dreißig Tage. Auf diese Bekanntmachung wurden die Bürger so laut und ihr Unwille so groß, daß es zum Aufruhre mehr an einem Anführer, als an Zunder fehlte. «Bei den Consuln komme nun die Reihe des Vertilgens und Hinwürgens nach den Sicilianern und Campanern an die Römischen Bürger. Seit so vielen Jahren durch Geldlieferungen erschöpft, hätten sie nichts mehr übrig, als den nackten und verödeten Boden. Die Häuser hätten ihnen die Feinde in Brand gesteckt; die Sklaven 308 zum Ackerbaue habe der Stat hingenommen, indem er sie bald für eine Kleinigkeit zum Kriegsdienste ankaufe, bald für die Ruderbank sie fordere. Das Wenige, was dieser und jener an Silber und Kupfer gehabt habe, sei durch die Besoldung der Ruderknechte und die jährlichen Geldlieferungen daraufgegangen. Zu geben, was sie nicht hätten, könne keine Gewalt, kein Befehl sie zwingen. Man möge das Ihrige verkaufen, möge gegen ihre Person, das Einzige ihnen übrig Gebliebene, wüthen; Sie hätten auch nicht einmal so viel noch, daß sie sich als Sklaven freikaufen könnten.» So rief, nicht etwa hinter den Wänden, sondern ganz öffentlich auf dem Markte und unter den Augen der Consuln selbst, ein großer, sie umströmender, Schwarm; und weder durch harte, noch durch sanfte Worte konnten die Consuln die Leute zur Ruhe bringen. Darauf erklärten sie, sie gäben ihnen drei Tage Bedenkzeit; diese Frist aber nutzten sie selbst, die Sache zu prüfen und möglich zu machen. Den Tag nachher hielten sie über die Ergänzung der Ruderer eine Senatssitzung. Als sie hier weitläufig aus einander gesetzt hatten, warum die Weigerung der Bürger nicht unbillig sei, schlossen sie ihren Vortrag mit der Behauptung: «Den Privatpersonen müsse diese Last, es sei nun billig oder unbillig, aufgebürdet werden. Wovon sie sonst die Seeleute stellen sollten, da die Schatzkammer kein Geld habe? Wie man aber ohne Flotten entweder Sicilien behaupten, oder den Philipp von Italien abhalten, oder Italiens Küsten decken wolle?» 36. Als bei diesen Schwierigkeiten niemand Rath zu schaffen wußte, und jeder sich wie am Verstande gelahmt fühlte, da sprach der Consul Lävinus: «Die Statsbeamten müßten dem Senate, und der Senat dem Gesamtvolke, wie sie ihm an Ehre vorgingen, so auch zur Übernahme alles Drückenden und Unangenehmen als Führer vorangehen. Wolle man den Geringeren etwas aufbürden, so würde man sie Alle so viel folgsamer finden, wenn man dieselbe Verpflichtung zuerst sich selbst 309 und den Seinigen auferlegte. Auch wird ihnen die Ausgabe nicht schwer, wenn sie sehen, daß Jeder der Vornehmsten an Beiträgen, mehr als auf seinen Antheil fällt, übernimmt. Wollen wir also, daß das Römische Volk Flotten habe und bemanne, daß die Einzelnen ohne Weigerung Ruderer stellen; so müssen wir sie uns zuerst auferlegen. Alles unser Gold, Silber, geprägtes Kupfer wollen wir Senatoren morgendes Tages dem State einliefern, so daß Jeder nur für sich, seine Gattinn und Kinder die Ringe, für seinen Sohn den Brustknopf, und diejenigen, welche Frau und Töchter haben, für jede eine Unze Gold behalte. Wer schon den Thronsessel bekleidet hat, behält an Silber den Pferdeschmuck und noch ein Pfund, um die Götter mit Salzfaß und Opferschale bedienen zu können. Von uns übrigen Senatoren behält jeder Hausvater für sich nur Ein Pfund Silber und an Kupfermünze fünftausend 5000 Kupferasse. Nach Crevier etwa 94 Gulden Convent. G. Ass. Alles übrige Gold, Silber und gemünzte Kupfer wollen wir sogleich den Dreiherren der Bank einliefern, und zwar ohne vorhergegangenen Senatsschluß, damit unser freiwilliger Beitrag und Wetteifer in Unterstützung des States zuerst dem Ritterstande, dann auch den übrigen Bürgern Lust mache, es uns nachzuthun. Nach Allem, was wir Consuln darüber besprochen haben, fanden wir diesen einzigen Weg. Betretet ihn unter göttlichem Beistande. Die Rettung des Stats verbürgt uns auch die Rettung unseres Eigenthums ohne Schwierigkeit: opfert man den Stat auf, so rettet man das Seinige umsonst.» Hierzu. gaben Alle ihre Beistimmung mit solchem Edelmuthe, daß sie sogar den Consuln ihren Dank erklärten. Nach Entlassung des Senats lieferte Jeder für seine Person sein Gold, Silber, Kupfer dem State ein, mit einem so aufbietenden Wetteifer, ja seinen Namen unter den ersten im öffentlichen Verzeichnisse obenan geschrieben zu sehen, daß die Dreiherren der Bank nicht Hände genug zum in Empfang nehmen, die Buchhalter, 310 nicht zum Einschreiben hatten. Dieser Einstimmigkeit des Senats folgte der Ritterstand, und dem Ritterstande die Bürger. So war der Stat, ohne Abkündigung, ohne obrigkeitlichen Zwang, mit Mannschaft zur Ergänzung der Seeleute und dem Solde für sie versehen; und wie Alles zum Kriege in Bereitschaft war, gingen die Consuln auf ihre Kriegsplätze ab. 37. Auch gab es in diesem Kriege nie einen Zeitpunkt, in welchem Carthager und Römer, beide von mannigfachem Wechsel umkreuzt Casibus immistis.] – Besser nach Hrn. Walch: casibus immisti. , so sehr zwischen Hoffnung und Furcht geschwankt hätten. Bei den Römern hatte theils in den Provinzen, dort das Unglück in Spanien, hier das Glück in Sicilien, Trauer und Freude gemischt; theils in Italien selbst, der Verlust von Tarent Schaden und Betrübniß, aber auch die mit der Besatzung behauptete Burg Tarents, unerwartete Freude veranlasset; und den plötzlichen Schrecken und die Bestürzung bei dem Angriffe und Sturme auf Rom verwandelte die Eroberung Capua's nach wenig Tagen in Jubel. Auch jenseit des Meers wogen sich die Erfolge gewissermaßen auf. Sehr zur Unzeit hatte man an Philipp einen Feind bekommen; dafür waren die Ätoler neue Bundesgenossen geworden, mit ihnen Attalus, der König Asiens; gleich als wollte das Schicksal den Römern schon jetzt auf die Beherrschung der Morgenländer Hoffnung machen. Eben so stellten die Carthager den Verlust von Capua und die Eroberung Tarents gegen einander; und so wie sie sichs zum Ruhme anrechneten, daß sie niemand habe hindern können, bis an die Mauern von Rom zu dringen, so wehe that ihnen die aufgegebene Unternehmung, und sie schämten sich, so wenig geachtet zu sein, daß während sie selbst vor den Mauern Roms lagen, aus einem andern Thore ein Römisches Heer nach Spanien abging. Selbst die beiden Spanien, je näher sie dort der Hoffnung gewesen waren, durch Vertilgung zweier so großer Feldherren und Heere den Krieg beendigt und die 311 Römer ausgetrieben zu haben, erfüllten sie mit so viel größerem Unwillen darüber, daß ihr ganzer Sieg von einem Lucius Marcius, einem solchen Nothfeldherrn, so ganz vereitelt und vernichtet war. Bei diesem Gleichgewichte der Schicksale blieb auf beiden Seiten alles im Schwanken, so daß sie alle ihre Hoffnungen, alle ihre Besorgnisse noch eben so vor sich hatten, als fingen sie gerade jetzt den Krieg erst an. 38. Den Hannibal beunruhigte nichts mehr, als dies, daß der Ruf, wie viele Beharrlichkeit die Römer im Angriffe auf Capua, wie wenig er selbst zur Rettung desselben bewiesen, viele Völker Italiens ihm abwendig gemacht hatte, die er eben so wenig alle durch Besatzungen fesseln konnte, wenn er sein Heer nicht in viele und kleine Theile zerstückeln wollte, was ihm jetzt durchaus nicht zuträglich war; als er es wagen durfte, die Treue seiner Bundsgenossen, wenn er seine Besatzungen abführte, entweder ihren ungehinderten Wünschen, oder einer bedrohenden Gefahr preis zu geben. Seine Neigung zur Habsucht und Grausamkeit bestimmte ihn, was er nicht behaupten konnte, zu plündern, um es dem Feinde verwüstet zu hinterlassen. So schlimm es war, sich auf eine solche Maßregel einzulassen, so war sie in ihren Folgen noch schlimmer: denn dadurch wandte er nicht bloß die Herzen der Gemishandelten, sondern auch der Übrigen von sich ab, weil das Beispiel mehreren fühlbar ward, als der Schade. Und der Römische Consul ließ es an Versuchen auf die Städte, wo sich nur einige Hoffnung zeigte, nicht fehlen. Zu Salapia waren Dasius und Blattius die ersten Männer. Dasius hielt es mit Hannibal, Blattius begünstigte, so viel er mit Sicherheit konnte, die Partei der Römer, und hatte durch geheime Boten dem Marcellus Hoffnung zu einer Übergabe gemacht; allein ohne Mitwirkung des Dasius konnte die Sache nicht durchgesetzt werden. Nach vielen und langen Bedenklichkeiten, und auch jetzt mehr aus Mangel eines bessern Plans, als in Hoffnung des Erfolgs, trug er beim Dasius selbst darauf an. Dieser, eben so sehr gegen die Sache 312 eingenommen, als aus Feindschaft gegen den Nebenbuhler seiner Macht, entdeckt das Ganze dem Hannibal. Als beide vorgefordert waren, Hannibal auf der Richterbühne noch einiges abthat, um sogleich die Untersuchung über den Blattius vorzunehmen, und Kläger und Beklagter, weil das Volk hatte Platz machen müssen, allein standen, so erneuerte Blattius beim Dasius seinen Antrag. Da rief Dasius, der Unläugbarkeit des Verbrechens gewiß, laut aus: «Nun fordere man ihn sogar unter Hannibals Augen zum Verrathe auf.» Eben ihrer Kühnheit wegen schien dem Hannibal und seinen Beisitzern die That so viel weniger wahrscheinlich. «Es sei gewiß zwischen ihnen bloß Eifersucht und Haß; und jener bringe eine Beschuldigung vor, die er eben darum, weil kein Zeuge darüber möglich sei, so viel dreister habe erdichten können.» Sie wurden also entlassen: und Blattius gab seinen kühnen Plan nicht auf, bis er durch fortgesetzte Zudringlichkeit und durch die Vorstellungen, welchen Vortheil sie selbst und ihre Vaterstadt davon haben würden, bei jenem es dahin brachte, daß sie die Punische Besatzung – sie bestand aus fünfhundert Numidern – und Salapia dem Marcellus überlieferten. Doch ging die Übergabe nicht ohne vieles Blutvergießen ab: denn jene waren bei weitem die tapfersten Reuter im ganzen Punischen Heere. Ob sie also gleich überrascht wurden, und von ihren Pferden in der Stadt keinen Gebrauch machen konnten, griffen sie dennoch während des Auflaufs zu den Waffen, suchten sich durchzuschlagen, und als sie nirgend durchbrechen konnten, fielen sie kämpfend bis auf den letzten Mann. Nicht über funfzig von ihnen kamen den Feinden lebendig in die Hände: und der Verlust dieses Geschwaders seiner Reuterei war dem Hannibal empfindlicher, als der von Salapia: auch waren die Punier seitdem an Reuterei, in welcher ihre Hauptstärke bestanden hatte, nicht mehr die Überlegenen. 39. Da um eben diese Zeit der Mangel auf der Tarentiner Burg kaum noch zu ertragen stand, so hatte die dortige Römische Besatzung, so wie ihr und der Burg 313 Befehlshaber Marcus Livius, ihre ganze Hoffnung auf die Zufuhr gesetzt, die ihr von Sicilien geschickt wurde; und damit diese sicher an Italiens Küste vorbeigehen könnte, stand zu Rhegium eine Flotte von beinahe zwanzig Schiffen. Den Oberbefehl über die Flotte, wie über die Zufuhren, hatte Decimus Quinctius, von geringer Herkunft, allein durch viele tapfre Thaten von ausgezeichnetem Kriegsruhme. Anfangs hatte er nur fünf Schiffe, von welchen die beiden größten, zwei Fünfruderer, Marcellus ihm anvertrauet hatte. Nachher wurden ihm wegen seines mehrmaligen braven Benehmens drei Fünfruderer zugegeben; und zuletzt brachte er durch Beitreibung der von den Bundsgenossen, von den Rheginern, von Velia, von Pästum, vertragsmäßig zu stellenden Schiffe, seine Flotte, wie schon gesagt, auf zwanzig Segel. Dieser von Rhegium ausgelaufenen Flotte begegnete Democrates mit eben so viel Tarentiner Schiffen bei Sacriportus beinahe funfzehn tausend Schritte von der Stadt. Die Römer, die sich keines Treffens versahen, hatten sich ganz ihren Segeln überlassen. Doch in der Gegend von Croto und Sybaris hatten sie ihre Ruderknechte vollzählig gemacht, und die Flotte war, der Größe ihrer Schiffe gemäß, vortrefflich ausgerüstet und bemannet: auch traf es sich, daß sich ungefähr zu gleicher Zeit der starke Wind gänzlich legte, und der Feind ihnen zu Gesichte kam, so daß sie völlig Zeit hatten, die Segel einzuziehen und Ruderer und Soldaten zum bevorstehenden Streite in Bereitschaft zu setzen. Nicht leicht trafen vollständige Flotten mit größerer Kampfbegier zusammen: denn sie fochten, um über einen Zweck zu entscheiden, der ihren eignen Werth überstieg; die Tarentiner, um von den Römern, denen sie ihre Stadt fast nach hundert Jahren wieder abgewonnen hatten, nun auch die Burg zu befreien, in der Hoffnung, wenn sie dem Feinde durch die Seeschlacht den Besitz des Meeres entrissen, ihm sogar die Zufuhr abzuschneiden; die Römer, um durch fortgesetzte Behauptung der Burg zu zeigen, daß sie Tarent nicht durch Eroberung oder Tapferkeit, sondern durch Verrath und Büberei verloren hätten. Nachdem sie also von 314 beiden Seiten auf das gegebene Zeichen mit den Schnabeln gegen einander gefahren waren, niemand sein eignes Schiff zurückzog, und eben so vermittelst des angeworfenen Raubhakens dem feindlichen, mit dem er sich eingelassen hatte, alles Losreißen unmöglich machte; so kamen sie in solcher Nähe zum Streite, daß sie nicht bloß mit Geschossen, sondern auch mit dem Schwerte, beinahe Fuß an Fuß, fochten. Die zusammengefahrnen Vordertheile saßen fest; die Wendungen der Hintertheile hingen von den Rudern des feindlichen Schiffes ab. Dicht gedrängt standen sich die Schiffe so nahe, daß zwischen ihnen kaum ein Pfeil, umsonst abgeschossen, ins Meer fiel. Gleich Linien im Felde drangen sie mit der Stirn gegen einander, und die Fechtenden schritten von Schiffe zu Schiffe weiter. Doch zeichnete sich unter den übrigen das Gefecht von zweien aus, die an der Spitze des ganzen Zuges auf einander getroffen waren. Auf dem Römischen Schiffe war Quinctius selbst, auf dem Tarentinischen Nico, mit dem Zunamen Percon, der nicht bloß als öffentlicher Feind, sondern auch für seine Person den Römern verhaßt war, und sie wieder haßte, insofern er zu jener Partei gehörte, welche Tarent dem Hannibal verrathen hatte. Er durchborte den Quinctius, als dieser, mit dem Gefechte und den Ermunterungen seiner Leute zugleich beschäftigt, ihm eine Blöße gab, mit seinem Speere, daß Ille atque praeceps.] – Gronov will dieses atque durch statim oder illico erklären. Allein, in den angeführten Stellen, wo atque diese Bedeutung hat, fängt es den Nachsatz an: atque illum, atque ego u. s. w. nicht wie hier: Ille atque. Auch sagt Drakenborch: De veritate tamen eius lectionis hoc loco dubito. – Bis sich irgendwo die ausgefallenen Worte wieder finden (z. B. etwa so: Ubi hastae affixus ille atque praeceps etc. oder Ubi moribundus ille atque praeceps etc.) will ich für die Übersetzung das gelindere Heilmittel wählen, statt ille atque bloß durch eine Versetzung atque ille übersetzen; und so lange mit Gronov dies atque ille an das Voraufgegangene knüpfen, da es Drakenb. wenn ich nicht irre, lieber zum Anfange des folgenden machen würde. er, in der Rüstung hinabstürzend, am Vordertheile niederfiel. Schon trieb der Tarentiner, als Sieger, welcher rasch auf das durch den Verlust seines Anführers in Verwirrung gesetzte Schiff herüberschritt, die Feinde vor sich her; schon waren die 315 Tarentiner vom Vordertheile Meister, als sich plötzlich am Hintertheile ein neuer Feind, ein Dreiruderer, zeigte. So wurde das in die Mitte genommene Römische Schiff erobert. Kaum sahen die übrigen das Hauptschiff verloren, so bemächtigte sich ihrer der Schrecken. Nach allen Seiten nahmen sie die Flucht, sanken zum Theile auf der Höhe, zum Theile ruderten sie auf den Strand, wo sie gleich nachher den Thurinern und Metapontinern zur Beute wurden. Von den Lastschiffen, welche der Flotte die Lebensmittel nachführten, fielen den Feinden nur sehr wenige in die Hände: die übrigen gewannen dadurch die Höhe, daß sie ihren Segeln gegen die wechselnden Winde bald hier- bald dorthin die schräge Richtung gaben. Bei Tarent selbst hatten die Sachen in diesen Tagen einen ganz andern Erfolg. Denn da ihrer an viertausend, die auf Getreideholung ausgerückt waren, allenthalben in den Dörfern schwärmten, so schickte Livius, der Befehlshaber der Burg und der Römischen Besatzung, der keine Gelegenheit zu einem glücklichen Streiche aus der Acht ließ, den Cajus Persius, einen tüchtigen Mann, an der Spitze von Zweitausenden aus der Burg ab. Dieser überfiel die in den Dörfern ausgelassen umherstreifenden und zerstreuten, hieb sie lange auf allen Seiten nieder; und es retteten sich von den Vielen nur Wenige durch die eiligste Flucht in die Thore, die man ihnen, um nicht die Stadt von dem zugleich heranstürzenden Feinde erobern zu lassen, nur halb geöffnet hatte. So hielten sich bei Tarent der Römische Sieg zu Lande und der Tarentinische zur See das Gleichgewicht. Die gehoffte Zufuhr an Getreide, die sie schon vor Augen sahen, ging beiden verloren. 40. Als um eben diese Zeit nach Verlauf eines großen Theils vom Jahre, der Consul Lävinus, den alten und neuen Bundesgenossen ersehnt, in Sicilien angekommen war, so ließ er es sein erstes und wichtigstes Geschäft sein, die Lage der Dinge zu Syracus, die bei dieser Neuheit des Friedens sich noch nicht gesetzt hatte, zu ordnen. Von da führte er seine Legionen vor Agrigent, wo allein noch Krieg zu führen war, und eine starke Carthagische 316 Besatzung lag. Und hier kam ihm das Glück zu Hülfe. Hanno nämlich war Oberfeldherr der Carthager; sie hatten aber, ihre ganze Hoffnung auf den Mutines mit seinen Numidern gesetzt. Auf seinen Streifereien durch ganz Sicilien trieb dieser von den Römischen Bundesgenossen Beute zusammen, und keiner Tapferkeit, keiner List gelang es, ihn von Agrigent abzuschneiden, oder an seinen Ausfällen, sobald er sie thun wollte, zu hindern. Dieser sein Ruhm, der jetzt schon die Ehre des Feldherrn verdunkelte, ging endlich in Haß über, so daß auch seine gelungensten Thaten dem Hanno des Thäters wegen nicht mehr erfreulich waren. Deswegen gab er zuletzt die Oberstenstelle des Mutines an seinen Sohn, in der Voraussetzung, er werde ihm mit dem Oberbefehle zugleich das Ansehen bei den Numidern nehmen. Gerade das Gegentheil. Die alte Liebe zum Mutines erhöhete er noch dadurch, daß er sich selbst verhaßt machte: und jener verschmerzte die empörende Zurücksetzung nicht, sondern ließ sogleich durch geheime Boten dem Lävinus die Übergabe von Agrigent antragen. Als man ihm durch diese seine Annahme zugesichert und den Gang der Sache verabredet hatte, nahmen die Numider, die sich des zum Meere führenden Thors nach Vertreibung oder Niedermetzelung der Wache bemächtigten, die zu diesem Zwecke abgeschickten Römer in die Stadt auf. Und schon ging ihr Zug unter großem Lärmen in die Mitte der Stadt und nach dem Markte, als Hanno in der Meinung, es sei bloß ein Auflauf und eine Meuterei der Numider, wie das schon früher der Fall gewesen war, zur Dämpfung des Aufruhrs dorthin rückte, Aber freilich, als er eine in der Ferne für bloße Numider zu große Menge erblickte und ihm das wohlbekannte Kriegsgeschrei der Römer zu Ohren drang, begab er sich, noch ehe er sich auf Schußweite näherte, auf die Flucht, nahm den Epicydes in seine Begleitung auf und kam mit Wenigen, zum Hinterthore hinausgelassen, an das Meer. Hier trafen sie zum Glücke ein kleines Fahrzeug, überließen den Feinden das seit so vielen Jahren streitig gemachte Sicilien, und setzten nach Africa über. Die übrigen nicht wenigen 317 Carthager und Sicilianer, die, ohne eine Gegenwehr zu versuchen, sich blindlings auf die Flucht warfen und die Ausgänge gesperrt fanden, wurden an den Thoren niedergehauen. Nach Einnahme der Stadt ließ Lävinus die Mitglieder der Regierung zu Agrigent mit Ruthen peitschen und mit dem Beile enthaupten. Die übrigen, wie auch die Beute, verkaufte er. Das sämtliche Geld schickte er nach Rom. Als der Ruf von diesem Unglücke der Agrigentiner durch Sicilien erscholl, so fiel auf einmal Alles den Römern zu. Durch Verrath gewannen sie in kurzer Zeit zwanzig Städte; sechs nahmen sie durch Sturm; gegen vierzig ergaben sich freiwillig. Nachdem der Consul den Oberhäuptern dieser Städte, jedem nach Verdienste, ihre Belohnung oder Bestrafung hatte angedeihen lassen; nachdem er ferner die Sicilianer gezwungen hatte, endlich die Waffen niederzulegen und sich ganz mit Ackerbau zu beschäftigen, so daß die Insel nicht bloß zur Ernährung ihrer Bewohner ergiebig genug sein müßte, sondern auch einem Mangel in Rom und Italien abhelfen könnte, wie sie schon oft in solchen Verlegenheiten gethan hatte: so nahm er noch von Agathyrna einen Haufen unstätes Gesindels mit sich nach Italien hinüber. Es waren viertausend Menschen, ein Gemisch von allen möglichen Zusammengelaufenen, von Vertriebenen; Verschuldeten und meistentheils Todesverbrechern, die schon früher, als sie noch in ihren Städten und unter Gesetzen lebten, und auch noch nachdem sie ein ähnliches Schicksal unter mancherlei Veranlassungen in Agathyrna zusammengeworfen hatte, von Straßenraub und Dieberei sich ernährten. Theils hielt es Lävinus für zu unsicher, auf einer Insel, die sich so eben nach dem neuen Frieden wieder zu einem Ganzen vereinigte, solche Menschen als einen Zunder neuer Unruhen zurückzulassen; theils konnten sie sich den Rheginern, denen ein solcher in Räuberzügen geübter Haufe erwünscht kam, durch Verheerung des Bruttierlandes nützlich machen. Und so wurde der Krieg, so weit er Sicilien betraf, in diesem Jahre beendet. 318 41. In Spanien ertheilte Publius Scipio, der mit dem Anfange des Frühlings die Schiffe ins Meer ließ und die Hülfstruppen der Bundsgenossen vermittelst einer Bekanntmachung nach Tarraco beschied, der Flotte und den Lastschiffen Befehl, von hier nach der Mündung des Ebro zu steuren. Als er hier auch die Legionen aus den Winterquartieren sich hatte sammeln lassen, ging er selbst mit fünftausend Mann Bundesgenossen zum Heere. Nach seiner Ankunft hielt er, weil er hauptsächlich den alten, nach so harten Niederlagen noch übrigen, Soldaten etwas Angenehmes sagen wollte, vor einer berufenen Versammlung folgende Rede: «Vor mir hat noch nie ein neuer Feldherr seinen Soldaten, noch ehe er von ihren Diensten Gebrauch machte, gerechten und verdienten Dank abstatten können. Mich aber hat das Schicksal euch schon verpflichtet, ehe ich die Provinz oder das Lager zu sehen bekam; einmal durch die liebevolle Gesinnung, die ihr meinem Vater und Oheime im Leben und im Tode bewieset; zum andern dafür, daß ihr den durch eine so schwere Niederlage verlornen Besitz der Provinz sowohl dem Römischen State, als mir, ihrem Nachfolger, durch eure Tapferkeit ungeschmälert erhalten habt. Da wir aber jetzt durch die Gnade der Götter darauf denken können und damit beschäftigt sind, nicht, daß wir in Spanien bleiben wollen, sondern daß kein Punier darin bleibe, nicht, daß wir, an den Ufern des Ebro aufgepflanzt, die Feinde vom Übergange abhalten, sondern daß wir als die Angreifenden hinübergehen und den Krieg auf die andre Seite tragen; besorge ich, diese Maßregel möchte Einem und dem Andern unter euch theils für den gebliebenen Eindruck der neulich erlittenen Niederlagen, theils für meine Jahre zu groß und zu gewagt scheinen. In keinem menschlichen Herzen können unsre unglücklichen Schlachten in Spanien weniger erlöschen, als in dem meinigen. Denn mir fielen Vater und Oheim innerhalb dreißig Tagen, als sollte in meiner Familie Leiche auf Leiche folgen. Schlägt aber, ich möchte sagen, die Verwaisung und Einsamkeit 319 meines Hauses meinen Geist nieder, so läßt mich dagegen das Glück meines Volks und seine Tapferkeit am Erfolge für das Ganze nicht verzweifeln. Durch eine Art von Verhängniß ist uns das Los beschieden, daß wir in allen wichtigen Kriegen als die Besiegten siegen mußten. Ich übergehe die alten, einen Porsenna, die Gallier, die Samniten: laßt mich mit den Punischen Kriegen anfangen. Wie viele Flotten, wie viele Feldherren, wie viele Heere gingen im ersten Kriege verloren? Wozu soll ich derer aus diesem Kriege erwähnen? Bei allen Niederlagen war ich entweder selbst zugegen, oder war da, wo ich fehlte, von Allen der Einzige, der sie am tiefsten fühlte. Trebia, der Trasimenus, Cannä, was sind sie anders, als Denkmale erschlagener Römischer Heere und Consuln? Dazu kam der Abfall Italiens, Siciliens dem größern Theile nach, und Sardiniens. Und dann noch die letzte Noth und Angst – ein Punisches Lager, das zwischen dem Anio und Roms Mauern stand, und Hannibal, der sich als Sieger beinahe in den Thoren zeigte. Unter den Trümmern dieses Einsturzes stand allein der hohe Muth des Römischen Volks unverkümmert und unerschüttert. Er war es, der Alles zu Boden geschlagene wieder aufrichtete und emporhob. Ihr, Soldaten, waret unter allen die ersten, die dem nach unserm Unglücke bei Cannä gegen die Alpen und Italien heranschreitenden Hasdrubal – und hätte er sich mit seinem Bruder vereinigt, so gäbe es jetzt niemand mehr, der Römer hieße – unter der Anführung und Götterleitung meines Vaters euch entgegenstelltet; und eure glücklichen Thaten hier ließen uns das Unglück auf jener Seite ertragen. Jetzt geht durch die Gnade der Götter in Italien und Sicilien Alles gesegnet und glücklich und mit jedem Tage erfreulicher und herrlicher. In Sicilien sind Syracus, Agrigent, erobert, die Feinde von der ganzen Insel vertrieben, und die wiedergenommene Provinz steht unter der Hoheit des Römischen Volks. In Italien ist Arpi wieder unser, Capua erobert. Hannibal, der den ganzen Weg von Rom in eiliger Flucht zurücklegte, in den äußersten 320 Winkel des Bruttierlandes hineingedrängt ist, bittet die Götter um keine größere Wohlthat, als daß sie ihn ohne Einbuße den feindlichen Boden räumen und abziehen lassen. Soldaten! was würde sich weniger schicken, als wenn ihr damals, wie die Niederlagen sich auf einander häuften, und die Götter selbst, ich möchte sagen, auf Hannibals Seite standen, hier mit meinen beiden Vätern – laßt sie mich auch durch diese ehrenvolle Benennung einander gleichstellen! – das wankende Glück des Römischen Stats aufrecht erhalten hattet; und gerade ihr wolltet jetzt, weil dort Alles gesegnet und erfreulich steht, den Muth verlieren? Und selbst die neulichen Unfälle, möchten sie eben so ohne Nachweh für mich, als für euch, sich gewandt haben! Eben die unsterblichen Götter, die Beschützer der Römischen Oberherrschaft, sie, auf deren Eingebung sich alle Centurien erklärten, daß man den Oberbefehl mir geben solle, verkündigen uns jetzt durch ihre Andeutungen, durch den Flug ihrer Vögel und selbst durch Erscheinungen im Traume lauter Freude und Glück. Und mein eigner Sinn, bis jetzt mein gültigster Prophet, sagt mir vorher, Spanien sei unser; bald werde alles, was Punier heißt, hier ausgerottet, Meere und Länder auf schimpflicher Flucht bedecken. Was der Geist aus sich selbst ahnet, eben das geht auch aus untrieglichen Vernunftgründen hervor. Die von jenen gemishandelten Bundesgenossen flehen durch Gesandte um unsern Schutz. Drei Feldherren, unter sich so uneinig, daß beinahe einer vom Andern abfallen möchte, haben ihr dreifach getheiltes Heer in die geschiedensten Länder verschleppt. Dasselbe Schicksal bricht über sie herein, das neulich uns beugte. Denn sie werden so von ihren Bundsgenossen verlassen, wie wir vorher von den Celtiberern, und sie haben ihre Heere getrennt, gerade so, wie dies meinem Vater und Oheime so verderblich wurde. Ihre innere Uneinigkeit wird sie sich nicht vereinigen lassen, und einzeln werden sie uns nicht widerstehen können.» «Gönnet ihr mir, Soldaten, dem Namen der Scipione 321 eure Liebe, dem Sprößlinge eurer Feldherren, der gleichsam aus dem abgehauenen Stamme wieder aufschießt. Wohlan, ihr alten Krieger, führet das neue Heer und den neuen Feldherrn über den Ebro, führet sie hinüber in Länder, die ihr mehrmals unter einer Menge tapfrer Thaten durchzogen habt. Bald hoffe ich es dahin zu bringen, daß ich euch, so wie ihr jetzt an mir die Ähnlichkeit mit meinem Vater und Oheime im Gesichte, in der Miene und in körperlichen Grundzügen wiederfindet, eben so an Geist, an Biedersinn und Tapferkeit ein zum Sprechen getroffenes Nachstück ihres Urbildes geben kann, so daß Jeder sagen soll, sein Feldherr Scipio sei ihm wieder aufgelebt oder von neue, geboren.» 42. Als er durch diese Rede den Muth der Soldaten entflammt hatte, ließ er zur Bedeckung dieser Gegend den Marcus Silanus mit dreitausend Mann zu Fuß und dreihundert zu Pferde zurück, und ging mit den sämtlichen übrigen Truppen – es waren aber fünfundzwanzig tausend zu Fuß und zweitausend fünfhundert zu Pferde – über den Ebro. Da ihm hier einige riethen, weil sich die Punischen Heere auf drei so weit aus einander gelegene Gegenden vertheilt hätten, das nächste anzugreifen, so beschloß er doch aus Besorgniß, sie dadurch Alle nach dem Einen Punkte hinzuziehen, und dann mit seinem Heere allein so vielen nicht gewachsen zu sein, in dieser Frist Neu-Carthago zu belagern, eine Stadt, die theils an sich sehr reich, theils jetzt mit allen Kriegsvorräthen der Feinde angefüllt war; – denn hier hatten sie ihre Waffen, ihre Kriegscasse und die Geisel des gesamten Spaniens: – die außerdem zur Überfahrt nach Africa sehr bequem liegt, und noch dazu an einem Hafen, der für jede noch so große Flotte geräumig genug, und ich möchte wohl sagen, so weit die Spanische Küste an unser Meer stößt, der einzige ist. Wohin der Marsch gehe? wußte von den Übrigen niemand, außer Cajus Lälius. Ihn, der mit der Flotte herumgehen mußte, hatte er angewiesen, seine Fahrt so einzurichten, daß die Flotte, so wie sich die Landmacht zeigte, in den Hafen liefe. In sieben 322 Tagen kam man vom Ebro zu Lande und zu Wasser zugleich vor Carthago an. Auf der Nordseite der Stadt errichtete man ein Lager, und deckte es, weil die Stirn durch die Natur gesichert war, im Rücken durch einen Wall. Die Lage von Neu-Carthago [heute Cartagena] ist übrigens diese. Der Meerbusen, der, etwa in der Mitte der Spanischen Küste, hauptsächlich dem Südwestwinde gegenüber liegt, zieht sich zweitausend Oppositus et quingentos passus introrsus retractus, paullo plus passuum.] – Wenn der Hafen nur 500 Schritte lang und kaum etwas breiter sein soll, so widerspricht Livius der obigen Behauptung, daß er für jede noch so große Flotte geräumig gewesen sei. Auch dem Po1ybius, aus welchem schon Sigonius und Crevier Vorschläge zur Berichtigung des Textes gethan haben. Ich vermuthe, nach ihren Angaben, daß hier in den Msc. stand: oppositus, ∞ ∞ \& quingentos passus introrsus retractus, paullo plus ∞ passuum in latitudinem patens. Das letzte s in oppositus, oder auch die Abbreviatur 9 und das folgende \& ließen, wie Drakenb. so oft bemerkt, die beiden ∞ ∞ (bis mille) wegfallen, so wie nachher das s von plus Schuld war, daß die Zahl ∞ vor den Worten passuum in latitudinem wegfiel. Um den Livius nicht mit sich selbst im Widerspruche zu lassen, habe ich nach diesen Vorschlägen übersetzt. fünfhundert Schritte weit in das Land hinein und erstreckt sich etwas über tausend Schritte in die Breite. Eine kleine Insel, die dem Busen in der Mitte seiner Mündung von der Seeseite vorgebreitet ist, sichert den Hafen vor jedem Winde, den Südwest ausgenommen. Vom Innersten des Busens läuft eine Landzunge aus, gerade die Anhöhe, auf welche die Stadt gebauet ist, die gegen Osten und Süden vom Meere eingefaßt wird; gegen Westen aber schließt sie ein stehender See, der sich auch etwas nordwärts erstreckt, von abwechselnder Tiefe, je nachdem das Meer Fluth oder Ebbe hat. Eine Erdenge, etwa zweihundert funfzig Schritte breit, verbindet die Stadt mit dem festen Lande. So wenig Mühe eine Verschanzung auf dieser Seite gemacht hätte, so zog der Römische Feldherr dennoch hier keinen Wall, entweder um sein Selbstvertrauen dem Feinde durch Nichtachtung zu zeigen, oder um bei den öfteren Angriffen auf die Stadtmauer den Rückweg offen zu behalten. 43. Als er die übrigen erforderlichen Anlagen vollendet hatte, gab er auch den Schiffen im Hafen, als wollte er auch eine Belagerung von der Seeseite erwarten 323 lassen, ihre Stellung; und nachdem er bei seiner Durchfahrt durch die Flotte den Schiffshauptleuten eingeschärft hatte, auf die Nachtwachen mit Sorgfalt zu achten, weil ein belagerter Feind anfangs allenthalben Alles versuche; so hielt er nach seiner Rückkunft ins Lager, um den Soldaten Auskunft über seinen Entschluß zu geben, warum er den Feldzug mit einer Belagerung eröffne, und sie zugleich durch ermunternde Darstellungen die Eroberung hoffen zu lassen, vor dem versammelten Heere folgende Rede: «Wenn jemand glaubt, man habe euch, Soldaten, bloß zum Angriffe auf eine einzige Stadt hieher geführt, so berechnet er eure Mühe richtiger, als euren Gewinn. Denn ihr werdet wirklich nur die Mauern einer einzigen Stadt bestürmen, allein in dieser Einen Stadt das ganze Spanien erobert haben. Hier sind die Geisel aller berühmten Könige und Völker, welche in dem Augenblicke, da sie in eure Hände fallen, Alles, was jetzt den Carthagern gehorcht, an uns übergeben werden. Hier ist der ganze Geldschatz der Feinde, ohne welchen sie den Krieg nicht führen können, weil sie Miethsoldaten füttern; der aber uns, um die Barbaren zu unsern Freunden zu machen, höchst brauchbar sein wird. Hier sind ihre Wurfgeschütze, ihre Waffen, ihr Schiffsgeräth und alle ihre Kriegsvorräthe, die euch reichlich versorgen und zugleich den Feind entblößen werden. Außerdem werden wir Herren der schönsten und reichsten Stadt, mit ihrer äußerst vortheilhaften Lage an einem herrlichen Hafen, von wo aus alle Erfordernisse des Krieges zu Wasser und zu Lande uns zugeführt werden können. So viel uns selbst das Alles werth sein muß, so nehmen wir doch dem Feinde dadurch noch weit mehr. Denn dies ist ihre Burg, ihr Kornboden, ihre Schatzkammer, ihr Zeughaus, kurz die Niederlage von Allem. Von hier geht die gerade Fahrt nach Africa; hier ist zwischen den Pyrenäen und Gades der einzige Flottenstand; von hieraus ist Africa dem gesamten Spanien furchtbar. Doch ich sehe euch ja schon gerüstet und gestellt: so 324 lasset uns mit gesamter Kraft und gutes Muthes zum Sturme auf Neu-Carthago übergehen.» Da ihm ihr einstimmiges Geschrei mit einem: Recht so! antwortete, so führte er sie gegen Carthago ein. Und nun gab er Befehl zum Sturme zu Lande und zu Wasser. 44. Als Mago, der Punische Befehlshaber, den Feind die Belagerung zu Lande und zu Wasser eröffnen sah, so traf auch er unter seinen Truppen die Anordnung zur Gegenwehr. Zweitausend Bürger stellte er den Feinden auf jener Seite entgegen, wo das Römische Lager stand: mit fünfhundert seiner Soldaten besetzte er die Burg, mit fünfhundert eine gegen Osten gelegene Anhöhe der Stadt: die übrige Menge erhielt Befehl, aufmerksam auf Alles, dahin zu eilen, wo ein Geschrei oder sonst ein unerwarteter Vorfall sie hinrufen würde. Jetzt öffnete er das Thor und ließ jene ausrücken, die er auf der zum feindlichen Lager führenden Straße aufgestellt hatte. Die Römer zogen sich, so wollte es ihr Feldherr, ein wenig zurück, um während des Kampfes selbst jeder nachrückenden Unterstützung näher zu sein. Anfangs hielten beide Theile gleiche Linie; dann aber trieben die wiederholten Verstärkungen aus dem Lager die Feinde nicht nur in die Flucht, sondern drangen den Fortstürzenden so hitzig nach, daß sie, allem Anscheine nach, ohne das Zeichen zum Rückzuge mitten im Gewühle der Flüchtenden in die Stadt eingebrochen wären. Die Verwirrung war im Treffen nicht größer gewesen, als jetzt in der ganzen Stadt. Viele Posten wurden vor Bestürzung und Fluchteile aufgegeben, und die Mauern standen verlassen, weil jeder, wo er am nächsten konnte, heruntergesprungen war. Als Scipio, der sich auf den sogenannten Mercurshügel begeben hatte, die Mauern an vielen Stellen von Vertheidigern entblößt sah, ließ er sogleich Alle aus dem Lager zur Bestürmung der Stadt sich aufmachen und Leitern herbringen. Er ging selbst, indem ihm drei handfeste Jünglinge ihre Schilde vorhielten – denn alle Arten von Geschoß kamen schon in Menge von den Mauern geflogen – an die Stadt, ermunterte, traf die 325 zweckmäßigsten Anordnungen, und was den Muth der Soldaten zu entflammen das Wichtigste war, er stand als Zeuge und Zuschauer der Tapferkeit oder Feigheit eines Jeden da. So stürzten sie Wunden und Pfeilen entgegen; und keine Mauern, keine obenstehenden Bewaffneten konnten sie abhalten, wetteifernd hinanzusteigen. Zu gleicher Zeit begann auch von den Schiffen aus der Sturm auf jene Seite der Stadt, wo sie das Meer bespült. Indeß was sich hier anwenden ließ, war mehr Lärm, als Ernst. Indem sie anlegten, theilweise die Leitern und Soldaten aussetzten, und Jeder, wo es ihm am nächsten war, ans Land zu steigen sich tummelte, hinderte vor Eilfertigkeit und Wetteifer Einer den Andern. 45. Unterdessen hatten auch die Punier ihre Mauern völlig wieder mit Vertheidigern besetzt, und Geschosse hatten sie, bei einem so großen aufgehäuften Vorrathe, in vollem Überflusse zur Hand. Allein weder Männer, noch Waffen, noch sonst etwas gewährte der Mauer stärkeren Schutz, als diese sich selbst. Nur einzelne Leitern kamen ihrer Höhe gleich, und je höher jede war, desto schwächer war sie auch. Da also immer der, der oben stand, auf die Mauer nicht kommen konnte, und doch Andre nachstiegen, so brachen die Leitern schon von der Last; und selbst wenn sie standen, stürzte mancher zur Erde herab, weil ihnen in der Höhe der Schwindel vor die Augen trat. Allenthalben sanken Menschen und Leitern, und selbst durch den Erfolg wuchs auf Seiten der Feinde Muth und Thätigkeit, als das Zeichen zum Abzuge ertönte; wovon sich die Belagerten nicht nur für jetzt Ruhe nach so schwerem Kampfe und so großer Anstrengung versprachen, sondern auch für die Zukunft die Gewißheit, daß man ihre Stadt mit Leitern und im Ringsturme nicht erobern werde; die Anlage von Werken aber habe theils ihre Schwierigkeiten, theils werde sie ihren Feldherren Zeit geben, ihnen zu Hülfe zu kommen. Kaum aber schwieg das vorige Getöse, als Scipio andern noch kraftvollen, ungebrauchten Truppen befahl, den Müden und Verwundeten die Leitern abzunehmen, 326 und dem Sturme mehr Ernst zu geben. Er selbst aber nahm, als ihm der Eintritt der Ebbe gemeldet wurde, – denn er hatte durch Fischer von Tarraco, welche den stehenden See theils auf leichten Kähnen, theils, wo diese sitzen blieben, auf den seichten Stellen watend durchkreuzt hatten, in Erfahrung gebracht, daß man hier zu Fuß leicht an die Mauer kommen könne; – fünfhundert Mann mit sich Eo secum armatos.) – Crevier bemerkt, da Livius in der Stelle des folgenden Cap. wo er von diesen Truppen redet, sie bloß durch die Benennung die Fünfhundert kenntlich macht, daß er die Zahl schon vorher, nämlich an unsrer Stelle angegeben haben müsse. Und wie höchst wahrscheinlich ist es nicht, daß bei der Schreibart EODSECVM das D wegen der Ähnlichkeit mit dem voraufgehenden O wegfiel. ) an diese Stelle. Es war beinahe Mittag, und außerdem, daß das Wasser schon von selbst mit der sinkenden Fluth den Zug zum Meere nahm, gab auch ein sich erhebender strenger Nordwind dem abfließenden See mit der Ebbe einerlei Richtung, und hatte die Untiefen so seicht gemacht, daß den Römern das Wasser an einigen Stellen bis an den Nabel reichte, an andern kaum die Knie überstieg. Scipio, der das, was Aufmerksamkeit und Nachdenken ihn wahrnehmen ließ, einem Wunderwerke und den Göttern zuschrieb, die das Meer zu einem Durchgange für die Römer abziehen ließen, dem See es entführten und ihnen bis jetzt von keinem menschlichen Fuße betretene Wege öffneten, forderte sie auf, unter Neptuns Anführung ihren Weg zu verfolgen und mitten durch den See gegen die Mauern fortzuschreiten. 46. Auf der Landseite hatten die Stürmenden schwere Arbeit; und die Mauer wurde ihnen nicht bloß durch ihre Höhe nachtheilig, sondern auch dadurch, daß die Feinde die herankommenden Römer auf beiden Flügeln zum Schusse unter sich hatten, so daß diese sich im Hinansteigen mehr auf den Seiten bedrohet sahen, als von vorne. An jener Stelle hingegen wurde den Fünfhunderten nicht nur der Durchgang durch den See, sondern auch das Ersteigen der Mauer leicht gemacht: denn theils war hier die Befestigung nicht ausgeführt, weil man sie durch die Lage und den See hinlänglich geschützt hielt, theils 327 fanden sie hier keinen Posten, keine Wache gegen sich, weil sich Alle mit ihrer Hülfe dorthin gewandt hatten, wo die Gefahr sich zeigte. Als sie die Stadt ohne Widerstand erstiegen hatten, eilten sie im schnellsten Laufe jenem Thore zu, wo der ganze Kampf sich gesammelt hatte. Und auf diesen waren nicht nur die Gedanken, sondern die Augen und Ohren aller Kämpfenden, aller ihnen Zusehenden und Ermunterung Zurufenden so ganz gerichtet, daß keiner von der Eroberung der Stadt in ihrem Rücken früher etwas merkte, bis von hinten Pfeile unter sie flogen und sie auf zwei Seiten Feinde vor sich hatten. Jetzt brachte die Furcht die Vertheidiger außer Fassung. Zugleich von innen und außen brach man an dem Thore, und gleich nachher, da man die Thorflügel, um jede Sperrung beim Einrücken unmöglich zu machen, zerhauen hatte, stürzten die Truppen in die Stadt. Viele stiegen auch über die Mauern herein, und diese vertheilten sich nach allen Seiten zum Gemetzel unter den Einwohnern. Hingegen die volle Linie, die zum Thore eingerückt war, zog unter ihren Befehlshabern in Reihe und Glied mitten durch die Stadt auf den Hauptplatz. Als Scipio hier bemerkte, daß die Fliehenden zwei Wege einschlugen, die Einen nach dem Hügel gegen Osten, der mit fünfhundert Mann besetzt war; die Andern nach der Burg, wohin sich auch Mago fast mit der ganzen von der Mauer vertriebenen Mannschaft geflüchtet hatte; so schickte er einen Theil seiner Truppen zur Eroberung des Hügels ab, und mit einem andern zog er selbst vor die Burg. Der Hügel wurde im ersten Sturme genommen; und da Mago, welcher anfangs die Burg vertheidigen wollte, Alles umher voll Feinde und nirgends einige Hoffnung sah, so ergab er sich ebenfalls mit der Burg und der Besatzung. Bis zur Übergabe der Burg wurde in der ganzen Stadt das Gemetzel allenthalben fortgesetzt, und keines Erwachsenen, wo man ihn fand, geschont. Dann aber wurde auf ein gegebenes Zeichen dem Blutvergießen ein Ende gemacht; die Sieger gingen ans Plündern, und ihre Beute war in jeder Art sehr beträchtlich. 328 47. An Freigebornen männlichen Geschlechts belief sich die Zahl der Gefangenen auf zehntausend. Von diesen ließ Scipio diejenigen, welche Bürger von Neu-Carthago waren, frei und gab ihnen die Stadt und alles Ihrige, was ihnen der Krieg gelassen hatte, zurück. Der Handwerker fanden sich an zweitausend: diese erklärte er für Kammerknechte des Römischen Stats mit der Hoffnung einer baldigen Freilassung, wenn sie bei den Handreichungen zum Kriege in ihrem Dienste Eifer bewiesen. Den übrigen Haufen junger Einwohner und tüchtiger Sklaven gab er zur Ergänzung seiner Ruderer auf die Flotte, die er mit acht eroberten Schiffen vermehrt hatte. Von dieser Menge waren die Geisel der Spanier ausgeschlossen, für welche man eben so große Sorge trug, als wären sie Kinder der Bundsgenossen. Auch erbeutete man einen ansehnlichen Vorrath an Kriegsgeräth; hundert und zwanzig der größten Catapulten, zweihundert einundachtzig kleinere; an großen Ballisten dreiundzwanzig, an kleinern zweiundfunfzig; große und kleine Skorpione, Schutz- und Angriffswaffen in beträchtlicher Anzahl, und vierundsiebzig Fahnen. Ferner wurde eine ansehnliche Menge Gold und Silber dem Feldherrn eingeliefert: der goldenen Schalen waren zweihundert sechsundsiebzig, fast alle ein Pfund schwer; an verarbeitetem und gemünztem. Silber achtzehntausend dreihundert Ungefähr 571,872 Gulden Conv. M. Pfund, und silberne Gefäße in großer Zahl. Dies Alles wurde dem Schatzmeister Cajus Flaminius zugewogen und zugezählt. An Weizen fanden sich vierzigtausend Maß, an Gerste zweihundert und siebzigtausend. Im Hafen wurden dreiundsechzig Lastschiffe erstiegen und genommen, einige mit ihren Ladungen an Getreide, Waffen, auch Kupfer und Eisen, Segeltuch und Pfriemengras, und anderem zur Ausrüstung einer Flotte erforderlichen Bedarfe; so daß bei einem so großen Gewinne an Kriegsvorräthen Carthago selbst bei weitem der kleinste war. 48. Noch zu dem Tage führte Scipio, der die Stadt 329 dem Cajus Lälius und den Seesoldaten zu bewachen gab, die Legionen selbst in ihr Lager zurück, und hieß die durch alle Arten in Einem Tage bestandener Kriegsarbeiten ermüdeten Soldaten – sie hatten in Linie gefochten, hatten im Sturme auf die Stadt sich so vielen Beschwerden und Gefahren ausgesetzt, hatten nach der Eroberung mit den auf die Burg Geflüchteten, selbst in Rücksicht des Standorts im Nachtheile, den Kampf fortgesetzt – sich zu Gute thun. Am folgenden Tage brachte er vor den zusammen berufenen Land- und Seetruppen zuerst Preis und Dank den unsterblichen Göttern dar, insofern sie ihn nicht bloß in Einem Tage in den Besitz der reichsten aller Spanischen Städte gesetzt, sondern auch zuvor die Schätze beinahe von ganz Africa und Spanien in ihr zusammengehäuft hätten, um den Feinden nicht das Mindeste übrig zu lassen, und ihm und seinen Römern Alles im Überflusse zu geben. Dann ertheilte er der Tapferkeit der Soldaten ihr Lob, daß kein Ausfall der Feinde, keine Höhe der Mauern, keine Unbekanntschaft mit den Tiefen des Sees, nicht die Festung auf hohem Hügel, nicht die so stark verschanzte Burg sie habe abschrecken können, allenthalben hinüberzusteigen und durchzubrechen. Ob er nun gleich Allen Alles zu verdanken habe, so gebühre doch die Auszeichnung des Mauerkranzes dem, der die Mauer zuerst erstiegen habe. Wer sich dieser Belohnung würdig achte, solle sich melden. Es meldeten sich zwei; Quintus Trebellius, Hauptmann in der vierten Legion, und Sextus Digitius, ein Seesoldat: und der Streit unter ihnen selbst war minder heftig, als der Parteigeist, der bei den Truppen, unter welchen jeder stand, in Anregung kam. Für die Seesoldaten sprach Cajus Lälius, Befehlshaber der Flotte; für die von der Legion Marcus Sempronius Tuditanus. Als Scipio, weil der Streit beinahe zum Aufruhre gedieh, erklärt hatte, er wolle ihnen drei Worthalter geben, welche nach untersuchter Sache und Abhörung der Zeugen entscheiden sollten, wer die Stadt zuerst erstiegen habe, so setzte er den Beiständen der Parteien; dem Cajus Lälius und Marcus 330 Sempronius, einen parteilosen Dritten, den Publius Cornelius Caudinus an die Seite, und befahl diesen drei Worthaltern die Sitzung anzufangen und die Sache zu untersuchen. Da sie aber nun noch mit so viel heftigerem Streite betrieben wurde, weil man jene Männer von so hohem Range, bisher nicht sowohl Beistände, als vielmehr Beschränker des Parteigeistes, hatte abtreten lassen, so kam Cajus Lälius aus der Sitzung zum Scipio auf die Richterbühne und meldete ihm: «Die Parteien kennten kein Maß, keine Zurückhaltung mehr; es sei nahe dabei, daß sie handgemein würden. Wenn es aber auch nicht zur Gewaltthätigkeit komme, so gebe doch das Benehmen in der Sache ein höchst verwerfliches Beispiel, insofern man sich den Preis der Tapferkeit durch Betrug und Meineid zuzueignen suche. Auf der einen Seite ständen die Soldaten der Legion, auf der andern die von der Flotte, bereit, bei allen Göttern zu beschwören, mehr; was sie für Wahrheit halten wollten, als was sie dafür erkenneten, brächten den Fluch des Meineids nicht bloß auf sich und ihr eignes Haupt, sondern auch auf ihre Fahnen, auf die Adler, und entweiheten den heiligen Soldatenschwur. Er habe ihm dies von Seiten des Publius Cornelius und Marcus Sempronius melden sollen.» Scipio, der dem Lälius dankte, berief eine Versammlung und erklärte: «Er finde es völlig erwiesen, daß Quintus Trebellius und Sextus Digitius die Mauer zugleich erstiegen hätten; also schenke er Jedem von ihnen für seine Tapferkeit den Mauerkranz.» Nun belohnte er auch die Übrigen, dem Verdienste und der Tapferkeit eines Jeden gemäß; vor allen Andern setzte er den Befehlshaber der Flotte Cajus Lälius durch Ehrenbezeugungen aller Art sich selbst gleich und beschenkte ihn mit einem goldenen Kranze und dreißig Opferstieren. 49. Darauf ließ er die Geisel der Spanischen Staten vor sich rufen. Ihre Zahl mag ich nicht bestimmen, weil ich sie bei Einigen fast auf dreihundert, bei Andern siebenhundert fünfundzwanzig angegeben finde. Eben so wenig einstimmend sind die Geschichtschreiber über andre 331 Punkte. Die Punische Besatzung giebt der eine auf zehn-, der andre auf sieben-, noch ein Andrer nur auf zweitausend an. Bei einigen findet man zehntausend Gefangene, bei andern über fünfundzwanzigtausend. Die Zahl der erbeuteten großen und kleinen Skorpione würde ich auf sechzig bestimmen, wenn ich mich an einen Griechen, den Geschichtschreiber Silenus, halten wollte; hingegen nach dem Valerius von Antium auf sechstausend große und dreizehntausend kleine: so hält man auf keiner Seite im Lügen Maß. Nicht einmal über die Feldherren ist man eins. Die meisten sagen, Lälius habe die Flotte geführt; einige aber, Marcus Junius Silanus. Valerius von Antium nennt den Befehlshaber der Punischen Besatzung, der sich an die Römer ergeben habe, Arines; nach andern Schriftstellern war es Mago. Weder über die Zahl der eroberten Schiffe, noch über den Betrag des Goldes und Silbers, und des gelöseten Geldes sind sie einig. Soll man sich durchaus für diesen oder jenen erklären, so bleiben immer die Angaben der Mittelzahl die wahrscheinlichsten. Scipio also, der die Geisel hatte rufen lassen, hieß sie gleich zuerst sämtlich gutes Muthes sein. «Sie seien dem Römischen Volke anheim gefallen, welches die Menschen lieber durch Wohlthun als durch Furcht mit sich verkette, und die auswärtigen Völker lieber durch Treue und Bündniß mit sich vereinigt, als in trauriger Knechtschaft sich unterwürfig sehe.» Als er sich die Namen von ihren Staten hatte angeben lassen, sah er in der Reihe der Gefangenen nach, wie viele jedem Volke gehörten, und ließ dann in ihre Heimat sagen, daß Jeder kommen könne, die Seinigen wieder in Empfang zu nehmen. Waren gerade von einigen Städten Gesandte gegenwärtig, so gab er diesen die Ihrigen auf der Stelle zurück: die übrigen übergab er dem Schatzmeister Cajus Flaminius zu gütiger Behandlung. Da warf sich mitten aus dem Haufen der Geisel eine hochbejahrte Frau, die Gemahlinn des Mandonius – er war ein Bruder des Königs der Hergeten, Indibilis – 332 dem Feldherrn weinend zu Füßen, und fing an ihn zu beschwören, er möge doch die Wartung und Behandlung der Frauenzimmer den Aufsehern dringend empfehlen. Als Scipio versicherte, es solle ihnen an nichts fehlen: « Darauf kommt es uns so sehr nicht an: denn was wäre in einer Lage, wie diese, nicht genügend? Eine andre Sorge ängstet mich, wenn ich auf die Jugend dieser Mädchen hinblicke; denn ich selbst bin über die Gefahr, als Weib zu leiden, hinaus.» In Jugend und Schönheit blühend standen die Töchter des Indibilis und Andere von gleichem Range um sie her, welche Alle sie als eine Mutter verehrten. Da sprach Scipio: «Schon meiner und der Römischen Kriegszucht zu Liebe würde ich dahin sehen ., daß bei uns nichts entweihet werde, was irgendwo heilig ist. Mir hieraus jetzt noch eine angelegentlichere Sorge zu machen, fordert mich eure Tugend und Würdigkeit auf, die ihr auch nicht einmal im Unglücke des weiblichen Anstandes vergesset.» Darauf übergab er sie einem Manne von bewährter Sittenreinheit, und hieß sie mit eben der Achtung und Bescheidenheit behandeln, als wären sie Gattinnen oder Mütter von Gastfreunden. 50. Dann wurde ihm von den Soldaten eine erwachsene Jungfrau als Gefangene vorgeführt, von so außerordentlicher Schönheit, daß sie, wo sie ging, aller Augen auf sich zog. Scipio, der sie um ihr Vaterland und um ihre Ältern befragte, erfuhr unter andern, daß sie mit einem der vornehmsten jungen Celtiberier verlobt sei: er hieß Allucius. Sogleich ließ er die Ältern und den Bräutigam von Hause kommen, und da er unterdessen hörte, daß dieser sterblich in seine Braut verliebt sei, so wandte er sich, als der Bräutigam vor ihn kam, in seiner Anrede noch angelegentlicher an ihn, als an die Ältern. «Um uns bei dieser Unterredung so viel weniger durch Zurückhaltung zu binden, rede ich als Jüngling in dir den Jüngling an. Weil ich, – als deine gefangene Braut von unsern Soldaten vor mich gebracht war, ich dann hörte, daß du sie innig liebtest, und ihre 333 Schönheit es mich glauben hieß, – selbst den Wunsch hegte, man möchte eben so – falls ich mir jetzt ein solches jugendliches Vergnügen und vollends eine erlaubte und rechtmäßige Liebe gestatten dürfte, und nicht der Stat meine ganze Seele beschäftigte – auch mir eine aufmerksame Liebe für meine Braut zu Gute halten; so will ich auch, was mir vergönnt ist, deine Liebe begünstigen. Deiner Braut wiederfuhr bei uns dieselbe Achtung; wie bei deinen Schwiegerältern, ihren eignen Ältern: sie wurde dir so aufgehoben, daß sie dir als ein unentweihtes, meiner und deiner würdiges, Geschenk übergeben werden konnte. Die einzige Belohnung bedinge ich mir zur Gegengabe: Sei des Römischen States Freund! Und wenn du glaubst, ich sei ein braver Mann, wie ihn diese Völker schon früher in meinem Vater und Oheime gekannt haben, so sage ich dir: Es giebt der Männer, wie wir, unter Roms Bürgern noch viele, und man kann dir jetzt kein Volk auf Erden nennen, das du dir und den Deinigen weniger zum Feinde, und lieber zum Freunde wünschen möchtest.» Durchdrungen zugleich von Beschämung und Freude, und Scipio's Rechte festhaltend, rief der junge Mann alle Götter an, ihm statt seiner zu vergelten, weil er dazu, nach seiner Empfindung und Scipio's Verdienste um ihn, durchaus nicht vermögend genug sei. Nun wandte sich Scipio an die Ältern und Verwandten der Jungfrau. Sie, denen die Tochter unentgeltlich wiedergegeben ward, zu deren Loskaufung sie reichlich Gold mitgebracht hatten, drangen mit der Bitte in den Scipio, dies von ihnen als Geschenk anzunehmen, indem sie versicherten, sie würden ihm dafür eben so innig Dank wissen, als für die Rückgabe der ungekränkten Jungfrau. Scipio, der ihnen auf eine so dringende Bitte die Annahme zusagte, ließ das Gold zu seinen Füßen hinstellen, rief den Allucius näher und sprach: «Zu der Mitgift, die du von deinem Schwiegervater erhalten wirst, kommt noch dies Brautgeschenk von mir:» hieß ihn dann das Gold hinnehmen und als sein Eigenthum ansehen. Unter Freuden über 334 diese Geschenke und Ehrenbezeugungen in seine Heimat entlassen, verbreitete Allucius unter seinen Landesleuten Scipios verdientes Lob: «Da sei ein junger Mann gekommen, ein wahres Ebenbild der Götter, der Alles durch Waffen nicht kräftiger, als durch Güte und Wohlthaten besiege.» Und so stellte er sich, nach vollendeter Werbung unter seinen Schützlingen, mit tausend vierhundert Mann auserlesener Reuter in wenig Tagen beim Scipio wieder ein. 51. Scipio, der den Lälius so lange bei sich behielt, bis er mit dessen Zuziehung über die Gefangenen, über die Geisel und die Beute seine Verfügungen getroffen hatte, schickte ihn, wie Alles in gehöriger Ordnung war, auf einen dazu bestimmten Fünfruderer, auf welchem er auch die Gefangenen, den Mago und etwa fünfzehn zugleich mit ihm zu Gefangenen gemachte Senatoren einschiffte, als Boten seines Sieges nach Rom: er selbst aber verwandte die wenigen Tage, die er noch zu seinem Aufenthalte in Carthago bestimmt hatte, zur Übung seiner See- und Landtruppen. Am ersten Tage machten die Legionen in ihren Waffen auf eine Länge von viertausend Schritten Schwenkungen im Eilschritte: am zweiten ließ er sie vor den Zelten ihre Waffen in Stand setzen und putzen: am dritten Tage lieferten sie einander ordentliche Treffen, aber mit Fechthölzern, und schossen mit vorne beknauften Wurfspießen: am vierten war Rasttag; am fünften wieder Heerschwenkung unter den Waffen. Diese Ordnung der Arbeit und der Ruhe beobachteten sie, so lange sie sich in Carthago aufhielten. Die Ruderer und Seesoldaten, die bei stillem Meere auf die Höhe fahren mußten, versuchten in vorgestellten Seetreffen die Schnelligkeit ihrer Schiffe. Diese Übungen vor der Stadt zu Lande und zu Wasser stählten Körper und Geist zum Kriege. Die Stadt selbst ertönte von Anfertigung der Kriegsgeräthe, zu welcher die Handwerker aller Art in der öffentlichen Werkstatt eingeschlossen wurden. Der Feldherr selbst zeigte sich allenthalben gleich aufmerksam. Bald war er auf der Flotte und bei dem Seegefechte In classe ac navali.] – Ich setze nach Hrn. Walch das durch Verwechselung mit dem folgenden eratnunc ausgefallene Wort certamine wieder hinzu. , bald machte er die Übungen der Legionen mit, bald wandte er seine Zeit auf Besichtigung der Arbeiten, welche in den Werkstätten, im Zeughause, auf den Werften eine Menge von Handwerkern täglich mit großem Eifer betrieb. Nachdem er dies Alles so eingeordnet, die Mauern, wo sie gelitten hatten, wieder ausgebessert und die Truppen zum Schutze der Stadt angewiesen hatte, brach er nach Tarraco auf, und wurde schon unterweges von vielen Gesandschaften angegangen. Zum Theile fertigte er sie noch auf seinem Zuge mit der Antwort ab, zum Theile verschob er diese bis auf Tarraco, wohin er die sämtlichen alten und neuen Bundesgenossen zu einer Versammlung beschieden hatte. Und ungefähr alle diesseit des Ebro wohnenden Völker fanden sich hier ein, einige sogar vom jenseitigen Kriegsschauplatze. Die Carthagischen Feldherren suchten anfangs das Gerücht von der Eroberung Carthago's zu unterdrücken: nachher, wie die Sache zu bekannt wurde, um sie verheimlichen oder ableugnen zu können, stellten sie sie als unbedeutend vor. «Durch Überraschung, und man möchte sagen, durch das Diebesglück eines einzigen Tages, habe man eine einzige Stadt Spaniens weggehaschet. Stolz auf den Preis einer solchen Kleinigkeit habe der übermüthige Jüngling seiner übertriebenen Freude den Anstrich eines großen Sieges gegeben. Wann er aber hören werde, daß drei Feldherren, drei siegreiche feindliche Heere gegen ihn anrückten, dann würden ihm bald die Trauerfälle seines Hauses wieder ins Andenken kommen.» So ließen sie sich gegen die Menge verlauten, so wenig sie es sich selbst bergen konnten, wie viel sie durch den Verlust von Carthago in jeder Hinsicht an Stärke verloren hatten. Sieben und zwanzigstes Buch. Jahre Roms 542 – 545. 338 Inhalt des sieben und zwanzigsten Buchs. Der Proconsul Cneus Fulvius wird mit seinem Heere vom Hannibal bei Herdonea niedergehauen. Mit glücklicherm Erfolge ficht der Consul Claudius Marcellus gegen ihn bei Numistro, und Hannibal zieht sich in der Nacht zurück. Marcellus verfolgt ihn, und drückt dem Weichenden immer nach, bis er sich schlägt. In der ersten Schlacht hat Hannibal die Oberhand, in der folgenden Marcellus. Der Vater Fabius Maximus erobert als Consul Tarent durch Verrätherei wieder. In Spanien schlägt Scipio bei Bäcula mit Hasdrubal, dem Sohne Hamilkars, und siegt. Auch schickt er einen gefangenen jungen Prinzen von vorzüglicher Schönheit mit Geschenken an dessen Mutterbruder Masinissa zurück. Die Consuln Claudius Marcellus und Titus Quinctius Crispinus, die aus ihrem Lager auf Spähung ausgehen, werden vom Hannibal in einem Hinterhalte umringt. Marcellus fällt, Crispinus entflieht. Ausserdem enthält dies Buch die Thaten des Proconsuls P. Sulpicio praetore.] – Crevier zeigt aus XXVI. 22. daß es nicht heißen müsse praetore, sondern proconsule. Es ist einleuchtend, daß aus der Abkürzung procos die falsche Lesart praetor entstanden sei. Publius Sulpicius gegen Philipp und die Achäer. Die Censorn schließen die Schatzung. Die Kopfzahl der geschatzten Bürger betrug hundert und siebenunddreißig tausend einhundert und acht; aus welcher Summe sich ergab, wie viele Menschen das Unglück in so mancher Schlacht dem Römischen Volke genommen hatte. Hasdrubal, der mit einem neuen Heere die Alpen überstiegen hatte, um sich mit Hannibal zu vereinigen, bleibt mit sechsundfunfzig tausend Mann in einem Treffen gegen den Consul Marcus Livius, durch nicht geringere Mitwirkung des Consuls Claudius Nero. Denn dieser, der dem Hannibal gegenüber steht, bringt dadurch, daß er dem Feinde unbemerkt sein Lager verläßt und mit einer auserlesenen Mannschaft dort hinzieht, den Hasdrubal ins Unglück. 339 Sieben und zwanzigstes Buch 1. So standen die Sachen in Spanien. In Italien nahm der Consul Marcellus, nachdem er Salapia durch Verrätherei wiedergewonnen hatte, den Samniten Maronea und Meles durch Sturm. Hier gingen dem Hannibal dreitausend Mann verloren, die er dort zur Besatzung gelassen hatte. Die Beute – und sie war beträchtlich – wurde dem Soldaten zugestanden. Auch fand man an Weizen zweihundert vierzigtausend Maß und hundert und zehntausend an Hafer. Allein die Freude hierüber wog keinesweges die wenig Tage nachher unweit der Stadt Herdonea erlittene Niederlage auf. Hier hatte der Proconsul Cneus Fulvius sein Lager, in der Hoffnung, Herdonea wieder zu bekommen, welches nach der Niederlage bei Cannä von den Römern abgefallen war: das Lager aber hatte weder in der Stellung die gehörige Festigkeit, noch durch aufgestellte Posten Sicherheit. Die dem Feldherrn eigene Unachtsamkeit wurde noch durch die Aussicht vergrößert, daß die Bürger, wie er gemerkt hatte, in ihrer Treue gegen die Punier wankten, sobald sie erfahren hatten, daß sich Hannibal nach dem Verluste von Salapia aus diesen Gegenden in das Bruttierland gezogen habe. Alle diese Umstände, die Hannibal durch geheime Boten von Herdonea erfuhr, weckten in ihm den Wunsch, sich eine Bundesstadt zu erhalten, und zugleich die Hoffnung, den Feind in seiner Sorglosigkeit zu überfallen. Mit einem leichtbeladenen Heere eilte er in starken Märschen, so daß er beinahe dem Rufe von seiner Ankunft zuvorkam, nach Herdonea, und um den Feind noch so viel mehr in Schrecken zu setzen, kam er schon in anrückender Schlachtordnung. An 340 Kühnheit ihm gleich, an Kopf und Truppenstärke unter ihm, nahm der Römische Feldherr, der schleunigst mit seinem Heere ausrückte, die Schlacht an; und die fünfte Legion, begleitet vom linken Flügel der Bundesgenossen, ließ sich hitzig ein. Doch Hannibal, der seiner Reuterei ein Zeichen gegeben hatte, sobald der lebhafte Kampf die Blicke und Gedanken der Linien zu Fuß beschäftigen würde, sollte sie durch einen Umweg theils das feindliche Lager, theils die Bestürzten im Rücken angreifen, sagte unter spöttischen Ausfällen auf den gleichen Namen des Fulvius, weil er vor zwei Jahren in eben dieser Gegend den Prätor Cneus Fulvius besiegt hatte, einen gleichen Ausgang der Schlacht vorher. Und er irrte sich nicht. Denn da bisher die Glieder und Fahnen der Römer noch Stand hielten, so viel ihrer auch Mann gegen Mann und im Kampfe gegen das Fußvolk gefallen waren, so jagte doch das Getöse der Reuterei in ihrem Rücken und zugleich das aus ihrem Lager erschallende feindliche Geschrei zuerst die sechste Legion, welche, als Hintertreffen aufgestellt, auch zuerst von den Numidern geworfen wurde, dann auch die fünfte Legion und alle im ersten Gliede fechtenden vom Platze. Ein Theil stürzte flüchtend fort, die Andern wurden von allen Seiten niedergehauen, und hier fiel auch Cneus Fulvius selbst mit eilf Obersten. Wie viel tausend Römer und Bundesgenossen im Treffen geblieben sind, wer könnte das mit Gewißheit bestimmen, da ich bei Einigen. dreizehn-, bei Andern nicht über siebentausend angegeben finde. Der Sieger nahm das Lager und seine Beute. Herdonea steckte er, nachdem er die gesammte Volksmenge nach Metapontum und Thurii abgeführt hatte, in Brand, weil er erfuhr, daß es zu den Römern übergetreten sein würde, und ihm auch nicht treu bleiben werde, wenn er abgezogen wäre; und die Vornehmen, von denen er in Erfahrung brachte, daß sie mit dem Fulvius geheime Unterredungen gehabt hätten, ließ er hinrichten. Diejenigen von den Römern, welche sich aus der großen Niederlage retteten, flohen halbbewaffnet auf mancherlei Wegen zum Consul Marcellus nach Samnium. 341 2. Marcellus, ohne sich eben durch ein so großes Unglück schrecken zu lassen, schrieb nach Rom an den Senat: «man habe bei Herdonea einen Feldherrn samt dem Heere verloren. Übrigens sei er, derselbe, der nach der Schlacht bei Cannä den auf seinen Sieg trotzenden Hannibal abgeklopft habe, schon auf dem Wege, ihm die Freude, in der er jetzt frohlocke, bald zu benehmen.» Zu Rom freilich war die Trauer über das Vorgefallene eben so groß, als die Besorgniß wegen der Zukunft. Der Consul aber, der aus Samnium nach Lucanien überging, schlug bei Numistro vor Hannibals Augen sein Lager in einer Ebene auf, obgleich der Punische Feldherr auf einer Höhe stand. Ja er ließ dadurch noch mehr Selbstvertrauen blicken, daß er zuerst zum Treffen ausrückte. Und Hannibal, als er die Fahnen aus dem Lager ziehen sah, schlug es nicht aus. Doch stellten sie die Schlachtordnung so, daß Hannibal seinen rechten Flügel zur Höhe hinanzog, die Römer sich mit ihrem linken an die Stadt lehnten. Ob sie nun gleich das Gefecht von Morgens neun Uhr bis gegen die Nacht fortsetzten und die Vorderlinien schon vom Schlagen ermüdet waren, auf Römischer Seite nemlich die erste Legion und der rechte Flügel der Bundesgenossen, auf Seiten Hannibals die Spanischen Truppen, die Baliarischen Schleuderer und auch die Elephanten, die erst während des Kampfes in das Treffen getrieben waren; so blieb doch die Schlacht so lange für beide Theile unentschieden Diu pugna – stetit.] Crevier will diese Worte vor die Worte Ab hora tertia zurückziehen. So viel scheint wenigstens hier gewiß zu sein, daß mit den Worten ab Romanis nicht der Nachsatz angehen könne. Man sehe die Gründe bei Crevier. Ich habe deswegen mit diu pugna den Nachsatz angehen lassen. Mit Primae legioni fange ich also einen neuen Satz an, und so habe ich übersetzt, leugne aber nicht, daß sich diese Worte besser zum Anfange des Nachsatzes schicken würden, wenn nach Crevier die Worte diu – stetit hier weggehoben würden. Sollte vielleicht so geholfen werden können? Meiner Meinung nach hatte Livius so geschrieben: Ita tamen aciem instruxerunt, ut Poenus dextrum cornu in collem erigeret, Romani sinistrum ad oppidum applicarent. Ab Romanis prima legio et dextera ala, ab Hannibale Hispani milites et funditor Baliaris, elephanti quoque, commisso iam certamine, in praelium acti. Diu pugna neutro inclinata stetit. Ab hora tertia quum ad noctem pugnam extendissent, fessaeque pugnando primae acies essent; primae legioni tertia, dextrae alae sinistra subiit. etc. Nachdem er nämlich gesagt hatte: ita aciem instruxerunt, war es doch am natürlichsten, nun die zu nennen, qui in praelium agebantur. Allein der Abschreiber, der nach dem Worte applicarent. fortfahren sollte Ab Romanis, kam, durch die mehreren ab Romanis, ab Hannibale, ab hora tertia, irre gemacht, in die Zeile Ab hora, schrieb seinen Satz bis primae acies essent aus, und holte nun das Ausgelassene von Ab Romanis prima – – neutro inclinata stetit nach. Wenn diese Abänderung richtig sein sollte, so müßte ich etwa so übersetzen: «– die Römer sich mit ihrem linken Flügel an die Stadt lehnten. Von Seiten der Römer wurden die erste Legion und der rechte Flügel der Bundesgenossen, von Seiten Hannibals die Spanischen Truppen und die Baliarischen Schleuderer, auch die Elephanten, doch diese erst während des Gefechts, ins Treffen geführt. Lange stand die Schlacht für beide Theile unentschieden. Als sie den Kampf von Morgens neun Uhr bis gegen die Nacht fortgesetzt hatten, und die Vorderlinien schon vom Schlagen ermüdet waren, trat an die Stelle der ersten Legion die dritte u. s. w.» Eine ähnliche Verirrung wegen eines ομοιόπρωτον, möchte ich es nennen, s. unten Cap. 36. . 342 Nun trat statt der ersten Legion die dritte, statt des rechten Flügels der Bundesgenossen der linke auf, und auch bei den Feinden nahmen frische Truppen den Ermüdeten. das Gefecht ab. Ein neuer und fürchterlicher Kampf glühete plötzlich aus dem so schläfrigen auf, weil Muth und Kräfte neu waren; allein die Nacht schied die Fechtenden bei ungewissem Siege. Tages darauf standen die Römer von Sonnenaufgang bis tief in den Tag in Schlachtordnung. Als ihnen kein Feind entgegentrat, sammelten sie mit Muße den Raub ein und verbrannten ihre zusammengetragenen Todten. In der folgenden Nacht brach Hannibal in aller Stille auf und zog nach Apulien ab. Marcellus, welcher gleich, so wie der Tag die Flucht des Feindes aufdeckte, die Verwundeten mit einer mäßigen Bedeckung in Numistro zurückließ und dem Obersten Lucius Furius Purpureo die Aufsicht anvertrauete, schloß sich als Verfolger ihm an die Spur. Bei Venusia holte er ihn ein. Da man hier mehrere Tage lang von den Posten auf einander sprengte, so kamen Reuterei und Fußvolk gemischt zu Gefechten, die mehr lärmend als wichtig, und meistens für die Römer glücklich waren. Von hier ging der Zug der Heere durch Apulien, ohne irgend ein denkwürdiges Treffen, da Hannibal, um Gelegenheit zu einem Hinterhalte zu bekommen, immer in der Nacht aufbrach, Marcellus nie anders, als bei hellem Tage, und nach eingezogener Kundschaft ihm folgte. 343 3. Während Flaccus unterdessen zu Capua die Zeit mit dem Verkaufe der Güter der Großen und mit Verpachtung der Ländereien zubrachte, welche für Statseigenthum erklärt waren – er verpachtete sie aber sämtlich für Getreidelieferungen –; kam ein neuer im Verborgenen glimmender Entwurf der Bosheit, als sollte es ihm zur Härte gegen die Campaner nie an einem Stoffe fehlen, durch Aussage an den Tag. Theils um auch die Häuser der Stadt, so wie die Länderei, zur Benutzung zu vermiethen, theils aus Besorgniß, auch sein Heer möge, wie es dem Hannibal ging, durch die garzu große Anmuth der Stadt verweichlicht werden, hatte er seine Soldaten die Häuser räumen lassen und sie genöthigt, auf den Thoren und Mauern sich selbst nach Feldsitte ein Obdach zu bauen. Hierzu hatten sie meistens Hürden oder Bretter genommen, zum Theile Schilf geflochten, überall aber Strohdächer angebracht, gleichsam absichtlich lauter Nahrungsmittel einer Feuersbrunst. Dies Alles bei Nacht in Einer Stunde anzuzünden, hatten sich hundert und siebzig Campaner, deren Häupter die Gebrüder Blosius waren, verschworen. Als auf die vom Gesinde der Blosier hierüber gemachte Anzeige die Soldaten, welche plötzlich auf Befehl des Proconsuls die Thore schlossen, auf ein gegebenes Zeichen in die Waffen traten, so wurden alle Schuldigen ergriffen und nach scharfer Untersuchung verurtheilt und hingerichtet: die Angeber bekamen die Freiheit und jeder zehntausend Ass Nach Crevier's richtiger Bemerkung aeris gravis, also etwa 310 Gulden Conv. M. . Die Einwohner von Nuceria und Acerrä wies Fulvius mit ihrer Klage, daß sie keine Wohnungen hätten, weil Acerrä zum Theile verbrannt, Nuceria zerstört sei, nach Rom an den Senat. Die Acerraner bekamen die Erlaubniß, das Abgebrannte wieder aufzubauen: die Nuceriner wurden, weil ihnen dies lieber war, nach Atella übergeführt, und die Atellaner mußten nach Calatia wandern. Unter den vielen und großen Ereignissen, welche bald als Glück, bald als Unglück die Gedanken der Römer beschäftigten, vergaßen sie doch auch der Tarentiner Burg nicht. Marcus 344 Ogulnius und Publius Aquillius gingen als Beauftragte nach Hetrurien, Getreide aufzukaufen, das nach Tarent geliefert werden sollte; und von der Stadtbesatzung schickte man tausend Mann, eben so viele Römer als Bundesgenossen, mit dem Getreide eben dorthin zur Besatzung. 4. Schon ging der Sommer zu Ende und die Zeit der Consulnwahl rückte heran. Allein ein Brief vom Marcellus, worin er bezeugte, es sei für den Stat nachtheilig, den Hannibal jetzt aus der Spur zu lassen, den er eben, weil er weiche und jedes Treffen vermeide, als der Nachstürmende verfolge, hatte die Väter in die Verlegenheit gesetzt, entweder den Consul gerade jetzt in seiner Thätigkeit vom Kriege abrufen zu müssen, oder auf ein Jahr keine Consuln zu haben. Sie fanden für gut, lieber den Consul Valerius, ob er gleich außerhalb Italiens sei, aus Sicilien zurückzurufen. Auf Befehl des Senats schrieb der Stadtprätor Lucius Manlius an diesen und legte den Brief des Marcellus bei, damit er hieraus ersehen möchte, was für Veranlassung die Väter hätten, lieber ihn, als seinen Amtsgenossen aus seinem Wirkungskreise abzurufen. Ungefähr um diese Zeit trafen in Rom Gesandte vom Könige Syphax ein, welche seine Siege über die Carthager meldeten. Sie versicherten, «ihr König sei gegen kein Volk so erbittert, als gegen die Carthager, und gegen keins freundschaftlicher gesinnt, als gegen das Römische. Er habe schon einmal Gesandte nach Spanien an die Cornelier, Cneus und Publius, Roms Feldherren, geschickt; jetzt habe er Roms Freundschaft gleichsam aus der Quelle selbst schöpfen wollen.» Der Senat ertheilte nicht nur den Gesandten eine sehr gütige Antwort, sondern schickte auch von seiner Seite den Lucius Genucius, Publius Pötelius, Publius Popillius als Gesandte mit Geschenken an den König. Sie überbrachten ihm ein purpurnes Ober- und Unterkleid, einen elfenbeinernen Sessel, eine aus fünf Pfund Diese 5 Pfund betragen etwa 1400 Gulden Conv. M. und die folgenden 3 Pfund etwa 800 Gulden. Gold verarbeitete Opferschale. Sie hatten Befehl, noch weiter bei andern Königen Africas ihren Besuch zu machen, und 345 überbrachten ihnen die bestimmten Geschenke, verbrämte Oberkleider und goldene Opferschalen, jede zu drei Pfund. Auch mussten nach Alexandrien, um die ehemalige Freundschaft in Erinnerung zu bringen und zu erneuern, an den König Ptolemäus Philopator. und die Königinn Cleopatra Marcus Atilius und Manius Acilius als Gesandte abgehen und dem Könige ein purpurnes Ober- und Unterkleid nebst einem elfenbeinernen Sessel, der Königinn ein gesticktes Obergewand und einen purpurnen Mantelrock überbringen. Den Sommer über, in welchem man dies beschickte, wurden aus den benachbarten Städten und Gegenden viele Schreckzeichen einberichtet. Zu Tusculum sei ein Lamm mit einem milchenden Euter geboren, der Giebel am Jupiterstempel vom Blitze getroffen und fast das ganze Dach abgedeckt; fast in eben den Tagen habe der Erdboden vor dem Thore von Anagnia, den der Blitz getroffen, ohne alle Feuernahrung Tag und Nacht gebrannt, und im Haine der Diana am Anagninischen Kreuzwege hatten die Vögel ihre Nester auf den Bäumen verlassen: zu Tarracina hätten im Meere nicht weit vom Hafen außerordentlich große Schlangen wie spielende Fische getanzt: zu Tarquinii sei ein Ferkel mit einem Menschengesichte zur Welt gekommen, und im Gebiete von Capena hätten im Haine der Feronia vier Statüen Nacht und Tag viel Blut geschwitzt. Auf Verordnung der Oberpriester wurde die Sühne dieser Schreckzeichen mit großen Opferthieren besorgt, und ein Betumgang zu allen Tempeln auf einen Tag für Rom, auf den andern für die Gegend des Capenatischen Haines der Feronia , abgekündigt. 5. Als der Consul Marcus Valerius, abgerufen durch jenen Brief, Provinz und Heer dem Prätor Cincius übergeben und den Befehlshaber der Flotte, den Marcus Valerius Messalla, mit einem Theile seiner Schiffe nach Africa geschickt hatte, um die Beschäftigungen und Entwürfe der Carthager zu erspähen; so hielt er gleich nach seiner glücklichen Ankunft zu Rom, wohin er mit zehn Schiffen 346 abgegangen war, Senatsversammlung. Hier machte er von seinen Thaten diese Darstellung: «Da man beinahe seit sechzig Jahren in Sicilien zu Lande und zu Wasser, oft mit großem Verluste, Krieg geführt habe, so habe er es zur Provinz gemacht. In Sicilien sei kein Carthager mehr; jeder Sicilianer, der sich als Flüchtling aus Furcht entfernt gehabt habe, sei wieder da: sämtlich in ihre Städte, auf ihre Ländereien zurückgekehrt ackerten und säeten sie jetzt: der lange versäumte Boden gewähre endlich durch Wiederbestellung den Bebauern selbst reichen Ertrag, und dem Römischen Volke, es sei Friede oder Krieg, die treueste Aushülfe in Theurungen.» Darauf wurden Mutines und alle, die der Consul sonst noch wegen ihrer Verdienste um den Römischen Stat dem Senate vorstellen ließ, um das Wort des Consuls nicht unerfüllt zu lassen, ehrenvoll belohnt. Den Mutines machte man sogar zum Römischen Bürger, vermöge eines auf Gutachten der Väter von einem Bürgertribun vor das Volk gebrachten Antrages. Während dies in Rom vorging, landete Marcus Valerius Messalla, welcher sich mit funfzig Schiffen vor Tages Anbruche der Küste von Africa genähert hatte, unvermuthet im Gebiete von Utica ; und nachdem er es weit und breit verheert hatte, schiffte er sich mit einer Menge Gefangener und Beute aller Art wieder ein, fuhr nach Sicilien über und kam dreizehn Tage nach seiner Abfahrt von hier zu Lilybäum wieder an. Von den Gefangenen erfuhr er durch angewandte Befragung, was er auch Alles dem Consul Lävinus, um ihn über die Vorkehrungen in Africa zu belehren, ausführlich schrieb: «Zu Carthago ständen unter dem Masinissa, dem Sohne des Gala, einem sehr unternehmenden jungen Manne, fünftausend Numider, auch würden in ganz Africa Miethsoldaten geworben, die man für den Hasdrubal nach Spanien übersetzen wolle, damit dieser mit einem möglichst großen Heere je eher je lieber nach Italien übergehen und sich mit Hannibal vereinigen könne. Hierauf beruhe, wie man zu Carthago glaube, der Sieg. Außerdem werde eine ansehnliche Flotte 347 ausgerüstet, Sicilien wieder zu erobern, und diese müsse; ihrer Meinung nach, bald hinübergehen.» Als der Consul diese Anzeige vorlas, so machte sie auf die Väter einen solchen Eindruck, daß sie festsetzten, der Consul solle die Wahlen nicht abwarten, sondern zur Haltung des Wahltages einen Dictator ernennen und sogleich in die Provinz zurückgehen. Nur konnte man erst nicht einig werden, als der Consul sagte, er wolle in Sicilien den Marcus Valerius Messalla, der jetzt der Flotte vorstand, zum Dictator ernennen, und die Väter dagegen einwandten, außerhalb dem Römischen Gebiete – und dies gehe doch nicht über Italien hinaus – dürfe kein Dictator ernannt werden. Als der Bürgertribun Marcus Lucretius den Senat hierüber um seine Meinung befragte, beschloß dieser: «Der Consul solle vor seiner Abreise von der Stadt bei dem Gesamtvolke anfragen, wen es zum Dictator ernannt wissen wolle, und wen das Gesamtvolk verlangte, den solle er ernennen. Weigere sich der Consul, so solle die Anfrage bei dem Gesammtvolke der Prätor thun, und wenn auch der nicht wolle, so sollten es die Tribunen an den Bürgerstand gelangen lassen.» Da ihm der Consul erklärte, er werde das Gesamtvolk nicht um eine Sache befragen, die von ihm selbst abhänge, und auch dem Prätor die Anfrage untersagte, so übernahmen sie die Tribunen, und das Volk erkannte dahin, daß Quintus Fulvius, der damals in Capua stand, zum Dictator ernannt würde. Allein in der Nacht vor dem angesetzten Versammlungstage ging der Consul heimlich nach Sicilien ab, und die ohne Hülfe gelassenen Väter mussten sich entschließen, an den Marcus Claudius zu schreiben, er möge sich des von seinem Amtsgenossen verlassenen Stats annehmen und den vom Volke bestimmten Dictator ernennen. So wurde Quintus Fulvius vom Consul Marcus Claudius zum Dictator erklärt und vermöge desselben Bürgerschlusses vom Dictator Quintus Fulvius der Hohepriester Publius Licinius Crassus zu seinem Magister Equitum. 6. Als der Dictator nach Rom kam, schickte er seinen Legaten Cneus Sempronius Bläsus, den er zu Capua 348 gehabt hatte, in die Provinz Hetrurien zum Heere, um den Prätor Cajus Calpurnius abzulösen, den er schriftlich anwies, Capua und sein Heer zu übernehmen. Er selbst setzte die Wahlversammlung auf den nächsten dazu passenden Tag an, die aber wegen des Streites der Tribunen mit dem Dictator nicht beendet werden konnte. Die jüngern Bürger der Centurie Galeria, die dem Lose nach zuerst stimmen musste, hätten den Quintus Fulvius und Quintus Fabius zu Consuln ernannt, und eben so würden sich auch die übrigen Centurien der Reihe nach erklärt haben, hätten nicht die beiden Bürgertribunen Arennius, Cajus und Lucius, Einrede gethan. Sie sagten: «Es sei sehr unbürgerlich, sich obrigkeitliche Amtsführungen verlängern zu lassen, und ein noch weit ärgerlicheres Beispiel, wenn gerade der sich wählen lasse, der den Wahltag halte. Wenn also der Dictator die Angabe seines eigenen Namens gelten ließe, so würden sie gegen die Wahl Einsage thun; wenn aber Andre, mit Vorbeigehung seiner, bedacht würden, so hätten sie gegen die Wahl nichts zu erinnern.» Der Dictator behauptete die Rechtmäßigkeit der Wahl aus dem Senatsgutachten, aus dem Bürgerbeschlusse und aus Beispielen. «Denn unter dem Consul Cneus Servilius, als der andre Consul, Cajus Flaminius, am Trasimenus gefallen war, habe man nach einem Gutachten der Väter bei den Bürgern darauf angetragen und die Bürger hätten es genehmigt, daß das Gesamtvolk das Recht haben solle, so lange in Italien Krieg sei, von den gewesenen Consuln, welche und wie oft es wolle, wieder zu Consuln zu wählen. Er beziehe sich für den jetzigen Fall auf das uralte Beispiel des Lucius Postumius Megellus Im Jahre Roms 460, um die Zeiten des Curius, Fabricius im Samnitenkriege, etwa 10 Jahre vor Ankunft des Pyrrhus. , der an demselben Wahltage, welchen er als Zwischenkönig hielt, mit dem Cajus Junius Bubulcus zum Consul ernannt sei; und auf das neuliche des Quintus Fabius S. oben XXIIII. 7. 8. 9. , der sich gewiß sein Consulat nie würde haben verlängern lassen, wenn es nicht des States Vortheil gewesen wäre.» 349 Als man lange in Reden dieses Inhalts gestritten hatte, kamen zuletzt Dictator und Tribunen dahin überein, sich an die Entscheidung des Senats zu halten. Den Vätern schienen die Umstände des Stats von der Art zu sein, daß man ihn bewährten und kriegskundigen Feldherrn anvertrauen müsse: daher erklärten sie ihr Misfallen gegen jede Behinderung der Wahl. Die Tribunen gaben nach, und die Wahl ging vor sich. Quintus Fabius Maximus wurde zum fünftenmale und Quintus Fulvius Flaccus zum viertenmale zum Consul ernannt. Darauf wurden zu Prätoren, gewählt Lucius Veturius Philo, Titus Quinctius Crispinus, Cajus Hostilius Tubulus, Cajus Aurunculejus. Als Quintus Fulvius die Wahl der nächstjährigen Obrigkeiten besorgt hatte, legte er seine Dictatur nieder. Am Ende dieses Sommers verheerte eine Punische Flotte von vierzig Schiffen, die unter Hamilcars Führung nach Sardinien übersetzte, zuerst die Gegend von Olbia, und als sie von hier, sobald sich der Prätor Publius Manlius Vulso mit seinem Heere zeigte, auf die andre Seite der Insel herumgefahren war, das Gebiet von Caralis und kehrte mit Beute aller Art nach Africa zurück. Es starben in diesem Jahre mehrere von Roms Priestern, und ihre Stellen wurden wieder besetzt. Cajus Servilius trat in den Platz des Titus Otacilius Crassus als Oberpriester. Für eben den Titus Otacilius Crassus wurde Tiberius Sempronius Longus, des Tiberius Sohn, Vogelschauer. Zehnherr der gottesdienstlichen Angelegenheiten in die Stelle des Tiberius Sempronius Longus, eines Sohns vom Cajus, wurde ebenfalls Tiberius Sempronius Longus, des Tiberius Sohn. Der Opferkönig Marcus Marcius starb, auch der oberste Curienpriester Marcus Ämilius Papus; und ihre Stellen blieben dies Jahr unbesetzt. Auch hatte dies Jahr Censoren, den Lucius Veturius Philo und Publius Licinius Crassus, der zugleich Hoherpriester war. Licinius Crassus war weder Consul noch Prätor gewesen, ehe er Censor ward. Vom Ädilenamte that er den Schritt zur Censur. Doch diese Censoren musterten weder den Senat, noch verrichteten sie sonst ein 350 Statsgeschäft. Dies verhinderte der Tod des Lucius Veturius; daher trat auch Licinius von der Censur ab. Die Curulädilen Lucius Veturius und Publius Licinius Varus feierten einen Tag lang die Römischen Spiele wieder. Die Bürgerädilen Quintus Catius und Lucius Porcius Licinus gaben von den Strafgeldern eherne Statüen in den Tempel der Ceres, und feierten ihre Spiele, nach Verhältniß des damaligen Aufwandes, mit vieler Pracht. 7. Am Ende dieses Jahrs kam, in vierunddreißig Tagen nach seiner Abfahrt von Tarraco, Scipio's Legat, Cajus Lälius, nach Rom, und sein Eintritt in die Stadt mit einem Zuge von Gefangenen verursachte einen großen Zusammenfluß des Volks. Als er Tags darauf dem Senate vorgestellt wurde, berichtete er die Eroberung von Neu-Carthago, der Hauptstadt Spaniens, die Wiederbesetzung mehrerer abtrünnig gewesener Städte und den Beitritt neuer zum Römischen Bunde. Was man von den Gefangenen erfuhr, stimmte ungefähr mit dem überein, was Marcus Valerius Messalla geschrieben hatte. Am meisten beunruhigte die Väter Hasdrubals Übergang nach Italien, da dieses sich kaum Hannibals und seiner Waffenmacht erwehren könne. In seiner Aufstellung vor dem Volke wiederholte Lälius jene Mittheilungen. Scipio's Thaten zu Ehren verordnete der Senat ein eintägiges Dankfest: den Cajus Lälius hieß er die Schiffe, mit denen er gekommen war, je eher je lieber nach Spanien zurückführen. Die Eroberung von Neu-Carthago habe ich nach mehreren Angaben in dies Jahr gesetzt, ob ich gleich weiß, daß es nach Einigen erst im folgenden Jahre erobert sein soll: denn es ist mir unwahrscheinlich, daß Scipio in Spanien ein ganzes Jahr unthätig zugebracht habe. Beiden Consuln, dem Quintus Fabius Maximus, der es zum fünften-, und dem Quintus Fulvius Flaccus, der es zum viertenmale war, wurde den funfzehnten März, auf den sie ihr Amt antraten, Italien als Kriegsstelle angewiesen, doch sollten sie den Oberbefehl auf zwei verschiedene Gegenden vertheilen, der Eine ihn bei Tarent 351 haben, der Andre im Lucanischen und Bruttischen. Dem Marcus Claudius wurde der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert. Den Prätoren bestimmte das Los folgende Plätze: dem Cajus Hostilius Tubulus die Gerichtspflege in der Stadt; die über die Fremden nebst Gallien dem Lucius Veturius Philo; dem Titus Quinctius Crispinus Capua, dem Cajus Arunculejus Sardinien. Die Heere wurden auf die verschiedenen Standplätze so vertheilt: dem Fulvius wurden die beiden Legionen angewiesen, welche Marcus Valerius Lävinus in Sicilien habe; dem Quintus Fabius die, welche in Hetrurien unter dem Cajus Calpurnius gestanden hätten. Das Stadtheer sollte wieder für Hetrurien dort eintreten und dem Cajus Calpurnius der Befehl über Provinz und Heer zustehen; Capua mit dem Heere, welches Quintus Fulvius gehabt, solle Titus Quinctius haben. Lucius Veturius C. Hostilius.] – Nach Pighi und Gronov, denen auch Crevier beitritt, muß es heißen L. Veturius. sollte sich vom Proprätor Cajus Lätorius dessen Provinz und Heer, welches damals zu Ariminum stand, übergeben lassen. Dem Marcus Marcellus wurden dieselben Legionen bestimmt, mit denen er sich als Consul so wohl gehalten hatte. Dem Marcus Valerius und dem Lucius Cincius – denn auch ihnen wurde der Oberbefehl in Sicilien auf ein Jahr verlängert – gab man das Heer von Cannä, und den Befehl, durch die von den Legionen des (Proconsuls) Cneus Fulvius (Centumalus) noch übrigen Soldaten es zu ergänzen. Die Consuln ließen diese aufsuchen und schickten sie nach Sicilien: auch wurden sie im Dienste mit eben dem Schimpfe belegt, der auf den Truppen von Cannä und jenen vom Heere des Prätors Cneus Fulvius (Flaccus) haftete, welche der Senat aus Unwillen über ihre ähnliche Flucht gleichfalls dorthin geschickt hatte. Dem Cajus Aurunculejus bestimmte man dieselben Legionen in Sardinien, mit denen Publius Manlius Vulso jener Provinz vorgestanden hatte. Dem Publius Sulpicius, der mit seiner bisherigen Legion Eadem legione.] – Vielleicht ließe sich der Widerspruch in unsrer Stelle mit XXVI. 28. heben, wenn man annehmen dürfte, daß Livius mit den Worten eadem legione bloß milites classicos verstanden habe und unter classe die Schiffzahl. und Flotte Macedonien behalten sollte, wurde der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert. Dreißig Fünfruderer sollten aus Sicilien nach Tarent zum Consul Quintus Fabius geschickt werden, und Marcus Valerius Lävinus entweder selbst mit der übrigen Flotte auf Plünderung nach Africa übergehen, oder den Lucius Cincius, oder den Marcus Valerius Messalla hinschicken. Auch über Spanien traf man keine Änderung, außer daß dem Scipio und Silanus der Oberbefehl nicht auf ein Jahr verlängert ward, sondern bis sie der Senat abrufen würde. So wurden die Standplätze und Feldherrnstellen für dies Jahr vertheilt. 8. Mitten unter den Sorgen für wichtigere Dinge brachte die Wahl eines obersten Curienpriesters, als die Stelle des Marcus Ämilius beim Opferdienste wieder besetzt werden sollte, einen alten Streit in Anregung: denn die Adlichen behaupteten, auf den Cajus Mamilius Vitulus, den einzigen bürgerlichen Mitbewerber, sei keine Rücksicht zu nehmen, weil vor ihm noch niemand, der nicht aus den Vätern gewesen sei, dies Priesterthum bekleidet habe. Die Tribunen, an welche seine Ansprache erging, wiesen die Sache an den Senat, der Senat überließ sie dem Gesamtvolke. So war Cajus Mamilius Vitulus der erste Bürgerliche, dem man das Amt des obersten Curienpriesters gab. Der Hohepriester Publius Licinius zwang den Cajus Valerius Flaccus, sich wider Willen die Weihe zum Eigenpriester Jupiters geben zu lassen. An die Stelle des verstorbenen Quintus Mucius Scävola wurde Cajus Lätorius zum Zehnherrn der gottesdienstlichen Angelegenheiten gewählt. Die Ursache, warum der Eigenpriester zur Weihe gezwungen wurde, hätte ich gern verschwiegen, wenn nicht dadurch sein voriger schlimmer Ruf in einen guten übergegangen wäre. Seiner nachlässigen und ausschweifenden Jugend wegen war Cajus Flaccus, dem auch Lucius Flaccus, sein Bruder von Einem Vater, und die übrigen Verwandten dieser Unarten 353 wegen gram waren, vom Hohenpriester Publius Licinius zum Eigenpriester ausersehen. Als nun die Sorge für den Gottesdienst und die heiligen Gebräuche seinen Geist beschäftigte, zog er so auf einmal die alten Sitten aus, daß von allen jungen Männern keiner mehr galt, als er, keiner bei den Ersten der Väter, bei Verwandten und Fremden größern Beifall fand. Durch einen so einstimmig guten Ruf zu gerechtem Selbstvertrauen gehoben, machte er von einer seit vielen Jahren durch die Unwürdigkeit der vorigen Eigenpriester abgekommenen Gewohnheit wieder Gebrauch, nämlich in den Senat zu gehen; und da er als Eigenpriester nach seinem Eingange in das Rathhaus vom Prätor L. Licinius.] – Dieser hieß Publius. (Sigon. Pighi. Crev. Drakenb.) Publius Licinius wieder hinausgeführt wurde, sprach er die Hülfe der Tribunen an. Er berief sich auf das alte Recht seines Priesteramts; und das sei dem Eigenpriesterthume durch den verbrämten Rock und durch den Thronsessel verliehen. Der Prätor meinte, ein Recht beruhe nicht auf längstverjährten Beispielen aus Jahrbüchern, sondern jedesmal auf der neuerlichsten Ausübung einer Gewohnheit, und so wenig zu der Väter als Großväter Zeiten habe je ein Eigenpriester dies Recht ausgeübt. Da die Tribunen für Recht erkannten, aus dem durch Schläfrigkeit der Eigenpriester abgekommenen Rechte habe für sie selbst, nicht aber für das Priesteramt, ein Nachtheil erwachsen können; so führten sie, ohne weitere Einwendungen selbst von Seiten des Prätors, mit großem Beifall der Väter und Bürger den Eigenpriester in den Senat; da jedermann die Sache so ansah, als habe er den Erfolg mehr der Unsträflichkeit seines Wandels zu verdanken, als dem Rechte seines Priesterthums. Ehe die Consuln zu ihren Standplätzen abgingen, hoben sie zwei Stadtlegionen aus, und an Ergänzungstruppen für die übrigen Heere so viel als nöthig war. Das alte Stadtheer ließ der Consul Fulvius durch seinen Legaten Cajus Fulvius Flaccus – er war des Consuls Bruder – nach Hetrurien abführen und die Legionen, welche 354 in Hetrurien standen, nach Rom zurückbringen. Eben so ließ der Consul Fabius die zusammengebrachten Reste des Fulvischen Heers – sie betrugen an dreitausend dreihundert sechsunddreißig Mann – durch seinen Sohn Quintus Maximus dem Proconsul Marcus Valerius in Sicilien zuführen und von ihm die zwei Legionen und dreißig Fünfruderer in Empfang nehmen. Und durch die Abführung dieser Legionen aus der Insel verlor die Besatzung dieser Provinz weder an innerer Starke, noch im Äußeren. Denn hatte gleich Lävinus Milites scripsit.] – Aus diesem scripsit sieht man, daß vom Proconsul M. Valerius Lävinus die Rede sei. Man muß also entweder proconsul oder Valerius oder Lävinus suppliren. Das letzte könnte vielleicht vor dem Worte legiones gestanden haben, und über die Ähnlichkeit mit diesem ausgefallen sein. Der Zusammenhang ist durch den eingeschobenen Satz: Nihil hae – praesidium zu sehr unterbrochen, so daß man nicht aus dem vorhergegangenen ab eo duas legiones das Subject herübernehmen kann. außer den beiden alten so herrlich ergänzten Legionen noch eine große Menge Numidischer Überläufer zu Pferde und zu Fuß, so nahm er doch auch die Sicilianer, welche unter dem Epicydes oder den Puniern im Heere gedient hatten, als tüchtige Krieger, unter seine Soldaten. Durch diese Anstellung fremder Hülfstruppen bei jeder Römischen Legion erhielt er seiner Macht den Schein zweier Heere. Mit dem einen mußte Lucius Cincius den Theil der Insel decken, der das Reich des Hiero ausgemacht hatte; mit dem andern deckte er selbst den übrigen Theil, der ehemals durch die Gränzen der Römischen und Punischen Herrschaft geschieden war: auch theilte er die Flotte von siebzig Schiffen, um im ganzen Umfange der Küste die Gegenden an der See gesichert zu wissen. Mit der Reuterei des Mutines durchzog er selbst die ganze Provinz, um die Feldmarken zu besichtigen, sich das Bebaute oder Unbebaute zu merken und danach unter die Besitzer Lob oder Tadel auszutheilen. Diese Vorsorge trug ihm so viel Getreide ein, daß er theils davon nach Rom schickte, theils Vorräthe zu Catana aufhäufen ließ, aus welchen das Heer, das den Sommer über bei Tarent stehen sollte, versorgt werden konnte. 355 9. Bald aber hätte die Überschiffung der Soldaten nach Sicilien – und der größere Theil bestand aus Latinern und Bundesgenossen – Veranlassung zu einem bedeutenden Aufstande gegeben: so hängt oft in wichtigen Dingen der Ausschlag von Kleinigkeiten ab. In den Versammlungen der Latiner und Bundsgenossen erhob sich ein lautes Murren: «Schon ins zehnte Jahr würden sie durch Werbungen und Soldlieferungen erschöpft: fast jedes Jahr litten sie in Schlachten großen Verlust. Die Einen fielen in der Schlacht, die Andern stürben durch Ansteckung. Es gingen ihnen mehr Bürger verloren, wenn sie zum Römischen Dienste ausgehoben, als wenn sie von den Puniern gefangen genommen würden: denn der Feind entlasse sie unentgeltlich in ihr Vaterland, die Römer aber verschickten sie weit von Italien, ins Elend eigentlicher, als ins Feld. Schon seit acht Jahren vergreise dort der Soldat von Cannä, der eher sterben werde, ehe der Feind, der gerade jetzt in seiner vollen Stärke sei, Italien räume. Wenn die alten Soldaten nicht heimkehrten, und immer neue ausgehoben würden, so werde bald niemand übrig sein. Ehe es also zur äußersten Entvölkerung und Armuth komme, müsse man den Römern abschlagen, was ihnen doch nächster Tage die Sache selbst abschlagen werde. Wenn sie dann sähen, daß alle Bundsgenossen hierin einig wären, würden sie gewiß darauf denken, mit den Carthagern Frieden zu machen: sonst werde Italien, so lange Hannibal lebe, nie ohne Krieg sein.» So lautete es in ihren Versammlungen. Dem Römischen Volke standen damals dreißig Von den 53 Colonien, welche Rom damals nach Sigonius hatte, hatten 7 vacationem sacrosanctam, und die übrigen waren entweder in Hannibals Händen, oder eingegangen, zum Theile auch zu arm an Menschen. ( Crevier .) Pflanzstädte zu Gebote. Zwölf von ihnen, da sich die Gesandschaften Aller zu Rom befanden, erklärten den Consuln, sie könnten so wenig Soldaten als Geld geben. Diese waren Ardea, Nepete, Sutrium, Alba, Carseoli, Cora, 356 Suessa, Circeji, Setia, Cales, Narnia, Interamna. Die Consuln, die durch eine so unerwartete Erklärung betroffen von ihrem abscheulichen Vorsatze sie abschrecken wollten, sagten ihnen, in der Voraussetzung, mehr durch Verweise und Vorwürfe, als durch Gelindigkeit zu wirken: «Ihre dreiste Äußerung gegen die Consuln im Senate zur Sprache zu bringen, könnten die Consuln unmöglich über sich erhalten. Denn ein solches Benehmen heiße nicht, die Kriegsleistungen verweigern, sondern geradezu vom Römischen State abfallen. Sie möchten also eiligst in ihre Pflanzstädte zurückkehren und, als hätten sie, ohne weitere Folgen, einen solchen Frevel mehr in Worten gehabt, als im Willen, mit den Ihrigen darüber zu Rathe gehen; möchten sie daran erinnern, daß sie ja selbst nicht Campaner, nicht Tarentiner seien, sondern Römer, daß sie von Rom stammeten, daß man sie von Rom aus in die Pflanzungen und auf die eroberten Ländereien geschickt habe, um den Römerstamm zu vermehren. Was Kinder den Ältern schuldig wären, das wären sie den Römern schuldig, wenn sie noch die mindeste kindliche Liebe, noch das mindeste Gefühl für ihren alten Stammort hätten. Sie möchten ihre Berathschlagungen von vorne wieder anfangen; denn der Zweck, auf den sie jetzt so unbesonnen hinarbeiteten, sei kein anderer, als den Römischen Stat zu verrathen und dem Hannibal den Sieg in die Hände zu geben.» Nachdem die Consuln einer um den andern auf Vorstellungen dieser Art viele Zeit verwandt hatten, erklärten die Gesandten, ohne sich bewegen zu lassen: «Hierüber gebe es so wenig für sie etwas zu berichten, als neue Maßregeln dort für ihren Senat, wo es eben so an Leuten zu Aushebungen fehle, als an Gelde zu Soldlieferungen.» Als die Consuln diese Unbiegsamkeit sahen, brachten sie die Sache vor den Senat. Hier geriethen Alle in so große Bestürzung, daß Viele riefen: «Es sei um den Stat geschehen. Die andern Pflanzstädte würden dasselbe thun; die Bundesgenossen alle hätten sich dahin vereinigt, Rom dem Hannibal zu verrathen.» 357 10. Die Consuln ermunterten und trösteten den Senat. Sie sagten; «Die andern Pflanzstädte würden von ihrer Treue und alten Verbindlichkeit nicht abgehen. Selbst diejenigen, welche von ihrer Pflicht abgetreten wären, würden der Regierung, wenn sie durch Gesandte beschickt würden, welche aber im verweisenden, nicht im bittenden Tone reden müßten, ihre Achtung nicht versagen.» Als ihnen der Senat Vollmacht gab, so zu verfahren und zu handeln, wie sie es für des States Bestes hielten, so riefen sie, nachdem sie vorläufig die Gesinnungen der übrigen Pflanzstädte geprüft hatten, die Gesandten derselben zu sich und fragten bei ihnen an, ob sie die vertragsmäßigen Truppen geworben hätten. Da antwortete im Namen der achtzehn Pflanzstädte Marcus Sextilius von Fregellä: «Die vertragsmäßigen Truppen ständen bereit, und sollten mehrere nöthig sein, so werde man auch mehrere stellen: überhaupt werde man sich eifrig angelegen sein lassen, die Forderungen und Wünsche des Römischen Volks zu erfüllen. Es fehle ihnen dazu nicht an Kräften, und noch weniger am Willen.» Die Consuln bezeugten vorläufig, ihrer Meinung nach sei ein bloßes Lob aus ihrem Munde für dies ihr Verdienst noch zu wenig, wenn ihnen nicht auch die gesammten Väter im Rathhause Dank sagten; und hießen sie ihnen in die Senatsversammlung folgen. Der Senat, der sich mit einer Ausfertigung in den ehrenvollsten Ausdrücken an sie wandte, gab den Consuln den Auftrag, sie auch dem Gesamtvolke vorzustellen und in der Reihe von so vielen rühmlichen Verdiensten, welche die Römer und ihre Vorfahren diesen Pflanzstädten zu verdanken hätten, auch dieses ihres neuesten um den Stat zu erwähnen. So werde denn auch von mir, nach so vielen Menschenaltern, ihr Name noch genannt, ihr Ruhm nicht beeinträchtigt! Es waren die Pflanzer von Signia, von Norba, von Saticula, Brundusium, Fregellä, Luceria, Venusia, Hadria, Firmum, Ariminum; und an dem andern Meere die von Pontiä, Pästum, Cosa; aus der Mitte des Landes die von Beneventum, Äsernia, Spoletium, Placentia, 358 Cremona. Die Unterstützung von diesen Pflanzstädten rettete damals dem Römischen Volke seine Herrschaft, und im Senate sowohl als vor dem Volke erhielten sie eine Danksagung. Der zwölf übrigen Pflanzstädte, welche den Gehorsam verweigert hatten, verbot der Senat überall zu erwähnen: die Consuln sollten die Gesandten weder abfertigen, noch zurückbehalten, und sich gar nicht mit ihnen einlassen. Dieser schweigende Verweis schien der Würde des Römischen Volks am angemessensten zu sein. Um den Consuln die Herbeischaffung der übrigen Erfordernisse des Krieges möglich zu machen, beschloß man, den Schatz des Zwanzigsten S. B. VII. C. 16. , oder das in der geheimeren Schatzkammer für Nothfälle aufbewahrte Gold, anzugreifen. Man nahm an viertausend Pfund Gold Diese 4000 Pfund Gold betragen (nach Crevier ) etwa 1,250,000 Gulden Conv. M.; die 500 Pfund aber 156,200 Gulden, und die 100 Pfund etwa 31,200 Gulden. heraus. Davon wurden den Consuln, ferner den Proconsuln Marcus Marcellus und Publius Sulpicius, auch dem Prätor Lucius Veturius, dem das Los Gallien zum Standorte gegeben hatte, jedem fünfhundert Pfund gegeben, und dem Consul Fabius außerdem noch hundert Pfund Gold zugelegt, welche auf die Tarentiner Burg geschafft werden sollten. Das übrige wandte man dazu an, die Lieferung der Kleidungsstücke für das Heer, welches in Spanien sich selbst und seinem Feldherrn Ehre machte, gegen bare Zahlung zu verdingen. 11. Ehe die Consuln aus der Stadt abgingen, sollte auch die Sühne der Schreckzeichen besorgt werden. Auf dem Albanischen Berge hatte der Blitz ein Jupitersbild getroffen und nahe am Tempel einen Baum; zu Ostia einen See, zu Capua die Mauer und Fortunens Tempel, zu Sinuessa die Mauer und ein Thor. Dies waren die Wetterschläge. Andere meldeten, das Albanische Wasser habe blutig geflossen: zu Rom sei im Allerheiligsten des Tempels der Fors Fortuna ein auf dem Haupte der Göttinn in ihrem Kranze stehendes Bild von selbst in ihre 359 Hände herabgefallen: zu Privernum hatte nach Aller Überzeugung ein Rind geredet, und ein Geier war bei voller Versammlung auf dem Markte in eine Bude geflogen; zu Sinuessa ein Kind geboren, dessen Geschlecht als männlich oder weiblich nicht zu bestimmen war, dergleichen der gemeine Mann, nach einer im Griechischen für die meisten Fälle leichteren Zusammensetzung, Androgyne (Mannweibchen) nennt: auch sollte ein Milchregen gefallen, und ein Knabe mit einem Elephantenkopfe geboren sein. Diese Schreckzeichen wurden durch Opferung größerer Thiere gesühnt, ein Betfest in allen Tempeln, und auf Einen Tag eine Litanei angeordnet; ferner festgesetzt, daß der Prätor Cajus Hostilius dem Apollo Spiele geloben und anstellen sollte, so wie sie in diesen Jahren gelobet und angestellt waren. In diesen Tagen hielt auch der Consul Fulvius eine Wahlversammlung zur Ernennung der Censorn. Zu Censorn wurden Marcus Cornelius Cethegus und Publius Sempronius Tuditanus gewählt, welche beide noch nicht Consuln gewesen waren. Nach einem Senatsgutachten wurde bei den Bürgern darauf angetragen, daß diese Censorn die Campanische Länderei zur Benutzung verpachten sollten, und die Bürger genehmigten es. Die Musterung des Senats verzögerte der Streit unter den Censorn, wen sie als Ersten Mann ablesen sollten. Die Ablesung kam dem Sempronius zu. Cornelius aber behauptete: «Man müsse der von den Vorfahren überlieferten Sitte folgen, und den als Ersten Mann ablesen, der von den Jetztlebenden zuerst Censor gewesen sei.» Dies war Titus Manlius Torquatus. Sempronius hingegen sagte: «Wen die Götter durch das Los zur Vorlesung bestimmt hätten, dem hätten auch die Götter eben dadurch die Wahl freigestellt. Er werde hierin nach seinem Gutbefinden verfahren, und diesen Platz dem Quintus Fabius Maximus geben, dessen Vollgültigkeit, als dermaliger Erster Mann des Römischen Stats, er selbst vor Hannibals Richterstuhle zu erweisen hoffe.» Als sein Amtsgenoß nach langem Wortstreite nachgab, las Sempronius den Consul Quintus Fabius 360 Maximus als Ersten Mann des Senats zuerst, dann die ganze Reihe der übrigen Senatoren ab, wobei er acht überging, unter denen auch Lucius Cäcilius Metellus war, der berüchtigte Urheber des Anschlages, Italien nach der Schlacht bei Cannä zu verlassen. Eben diesen Grund ließen sie bei Bestrafung der Ritter Statt finden; es waren aber nur sehr wenige, welche diese Schande traf. Die Pferde wurden ihnen genommen, so wie allen – und deren waren viele – die, als Ritter bei den Legionen von Cannä, in Sicilien standen. Die Härte der Strafe verstärkten sie noch durch Bestimmung der Dauer, daß jenen die zurückgelegten Dienstjahre, in welchen ihnen der Stat das Pferd zum Dienste gehalten hatte, nicht berechnet werden sollten, sondern Jeder auf eignem Pferde noch zehn Dienstjahre zu machen habe. Außerdem machten sie derer eine große Menge ausfindig, welche zu Pferde hätten dienen müssen, und erklärten Alle, die bei dem Anfange des Krieges siebzehn Jahre alt gewesen waren und keine Dienste genommen hatten, für Steuersassen. Darauf gaben sie die am Markte abgebrannten Gebäude, die sieben Buden, die Fleischbank und die Königshalle zum Wiederaufbaue in Verding. 12. Nachdem die Consuln Alles, was sie zu Rom besorgen mußten, abgethan hatten, zogen sie zu Felde. Fulvius ging nach Capua vorauf, und in wenig Tagen kam Fabius nach. Dieser, – der seinem Amtsgenossen mündlich, und dem Marcellus schriftlich die dringendsten Vorstellungen machte, sie Ut quam acerrimo bello detinerent.] – So lese ich mit Periz. und Drakenb. statt detineret. möchten, während er selbst Tarent belagerte, den Hannibal durch die hitzigsten Angriffe festzuhalten suchen; denn nach dem Verluste dieser Stadt werde der allenthalben vertriebene Feind, dem jeder Standort, jeder sichere Rückhalt genommen sei, auch nicht einmal einen Vorwand behalten, warum er länger in Italien bleiben müsse; – schickte auch einen Boten nach Rhegium an den Befehlshaber der Besatzung. Consul Lävinus hatte sie gegen die Bruttier hieher gelegt: 361 es waren achttausend Mann, größtentheils, wie ich oben erwähnte, von Agathyrna aus Sicilien herübergeführt und gewohnt, von Raube zu leben: Bruttische Überläufer, hier aus der Gegend, eben so kühn, als nothgedrungen, Alles zu wagen, waren noch zu ihnen gestoßen. Auch diese Mannschaft mußte auf seinen Befehl ausrücken, zuerst auf Plünderung des Bruttischen Gebiets, dann zur Belagerung der Stadt Caulonia. Sie vollzog diesen Auftrag nicht bloß muthvoll, sondern selbst begierig, und nachdem sie die Landbewohner geplündert und verjagt hatte, that sie auf die Stadt die heftigsten Stürme. Marcellus, welchen theils des Consuls Brief in Bewegung setzte, theils seine eigne Meinung von sich, daß von allen Römischen Feldherren keiner dem Hannibal so ganz gewachsen sei, als er, aus den Winterquartieren aufbrechen ließ, sobald nur Futter auf den Feldern zu haben war, traf den Hannibal bei Canusium. Der Punische Feldherr suchte die Canusiner zum Abfalle zu bewegen. Als er aber Marcells Annäherung erfuhr, brach er auf. Die Gegend war ihm zu offen; ohne alle Schlupfwinkel zu einem Hinterhalte: also zog er sich allmälig in die höheren Waldungen. Marcellus folgte ihm auf dem Fuße, schlug immer Lager gegen Lager auf, und so wie es verschanzt war, trat er mit den Legionen zur Schlacht auf. Hannibal, der seine Reuterei nur geschwaderweise oder von seinem Fußvolke nur die Wurfschützen zu leichten Gefechten kommen ließ, fand das Wagstück eines entscheidenden Treffens nicht nothwendig, und wurde doch zu dem Kampfe, den er mied, gezwungen. Marcellus holte ihn, als er in der Nacht vorwärts gegangen war, in einer ebenen und offenen Gegend ein, und wehrte ihm, als er sich lagern wollte, durch die auf die Schanzgräber von allen Seiten gemachten Angriffe, die Verschanzung. So kam es zur Schlacht: die Truppen sämtlich fochten, und schieden, als die Nacht heranrückte, mit gleichen Vortheilen. Noch vor Nacht wurde die Befestigung beider Lager, die einander sehr nahe standen, vollendet. Am folgenden Tage rückte Marcellus mit frühem Morgen in Schlachtordnung. Auch Hannibal 362 entzog sich dem Kampfe nicht, nachdem er seine Truppen weitläufig ermahnt hatte: «Eingedenk der Schlachten am «Trasimenus und bei Cannä den kecken Feind zu zerstampfen. Er dränge und verfolge sie, lasse sie eben so wenig mit Ruhe weiter gehen, als ein Lager beziehen, gestatte ihnen keine Erholung, keinen Umblick. Die aufgehende Sonne und die Römische Linie sei im Felde der tägliche Anblick. Wenn sie ihn nur in Einer Schlacht mit blutigem Kopfe heimschickten, so werde er seinen Unternehmungen mehr Stillstand und Ruhe geben.» Gespornt durch diese Ermunterungen, und zugleich der Keckheit des täglich andringenden und neckenden Feindes überdrüssig, fingen sie das Treffen hitzig an. Man focht über zwei Stunden, da fingen auf Römischer Seite der rechte Flügel der Bundesgenossen und ihre Auserlesenen an zu weichen. Als dies Marcellus bemerkte, führte er die achtzehnte Legion an die Spitze der Schlacht. Da aber jene voll Bestürzung wichen, diese zögernd nachrückten, so gerieth die ganze Linie in Unordnung, dann wurde sie völlig geworfen, und als die Furcht erst die Scham besiegte, kehrte sie den Rücken. In der Schlacht und auf der Flucht fielen von Bürgern und Bundesgenossen an zweitausend siebenhundert; unter diesen vier Römische Hauptleute, und zwei Obersten, Marcus Licinius und Marcus Helvius. Der Flügel, welcher zuerst gewichen war, büßte vier, die Legion, welche in die Stelle der weichenden Bundesgenossen einrückte, zwei Fahnen ein. 13. Nach der Rückkehr ins Lager machte Marcellus seinen versammelten Soldaten so harte und bittere Vorwürfe, daß ihnen die Rede des zürnenden Feldherrn weher that, als das den ganzen Tag über mit Verlust hingehaltene Treffen. «Den unsterblichen Göttern, sprach er, bringe ich unter solchen Umständen noch obenein mein Lob und meinen Dank dafür, daß der siegreiche Feind, als ihr in voller Angst in die Werke und Thore hineinstürztet, nicht auch das Lager selbst angegriffen hat. Ihr hättet gewiß eben so verzagt euer Lager im Stiche gelassen, als ihr das Treffen aufgegeben habt. So 363 verschüchtert, so verblüfft zu sein! Wie konnte es euch so plötzlich anwandeln, zu vergessen, wer ihr, die Fechtenden, waret, und gegen was für Leute ihr fochtet? Sind es doch gerade dieselben Feinde, mit deren Besiegung und siegreicher Verfolgung ihr den ganzen vorigen Sommer zugebracht habt; die ihr noch in diesen Tagen auf ihrer Flucht bei Tage und bei Nacht verfolgtet; die ihr in leichten Gefechten erschöpftet; denen ihr noch gestern weder fortzugehen, noch ein Lager zu beziehen gestattetet. Nichts mehr von dem, worauf ihr stolz sein müsset: an das muß ich erinnern, was schon ganz allein mit Scham und Unmuth euch erfüllen muß. Hobet ihr doch noch gestern die Schlacht unter gleichen Vortheilen auf. Hat diese einzige Nacht, dieser eine Tag, neue Verhältnisse aufgestellt? Wurden in dieser Zeit eure Scharen vermindert? die feindlichen verstärkt? Mir ist gar nicht so, als redete ich zu meinem Heere, zu Römischen Soldaten. Nur die Gestalten und Waffen sind noch dieselben. Oder hätte der Feind, wenn ihr den alten Muth noch hattet, euch auf den Rücken sehen, einer einzigen Rotte oder Cohorte die Fahne nehmen können? Bisher rühmte er sich bloß niedergehauener Legionen von Römern: durch euch ward ihm zum erstenmale die Ehre, das Heer gejagt zu haben.» Da erhob sich ihr Geschrei: «Er möge ihnen den heutigen Tag verzeihen. Wo er künftig wolle, müsse er den Muth seiner Soldaten auf die Probe stellen.» – «Sie soll gemacht werden, Soldaten, diese Probe!» sprach er. «Morgendes Tages führe ich euch ins Treffen, um euch die erbetene Verzeihung als Siegern, nicht als Besiegten, zu gewähren.» Den Cohorten, welche ihre Fahnen verloren hatten, ließ er Gerste reichen. Von den Rotten, welche ihre Fahnen vermissten, ließ er die Hauptleute ohne Gurt, mit Degen ohne Scheide, zur Schau ausstellen, und befahl, auf den folgenden Tag sollten sich Alle, Reuterei und Fußvolk, mit ihren Waffen einfinden. So wurden sie aus der Versammlung entlassen, nicht ohne eigenes Geständniß, den Verweis habe er ihnen mit Fug und Recht gegeben, und der einzige, der an diesem Tage als Mann in der 364 Römischen Linie gestanden habe, sei der Feldherr selbst, dem sie entweder durch den Tod, oder durch ausgezeichneten Sieg Genüge leisten müßten. Tages darauf stellten sie sich dem Befehle, völlig bereit und gewaffnet. Der Feldherr, der ihnen seinen Beifall bezeigte, kündigte ihnen an: «Er werde diejenigen, welche gestern zuerst geflohen wären, und die Cohorten, die ihre Fahnen verloren hätten, im Treffen voranstellen. Jetzt erkläre er ihnen, daß er Fechten und Siegen von ihnen Allen fordere. Jeder einzeln und Alle im Ganzen müssten dahin streben, daß die Nachricht von ihrer gestrigen Flucht nicht früher zu Rom eintreffe, als vom heutigen Siege.» Dann hieß er sie, sich gütlich thun, damit die Kräfte ausreichten, wenn die Schlacht länger dauern sollte. Wie Alles, was ihren Muth beleben konnte, gesagt und gethan war, rückten sie aus in die Kampfreihen. 14. Als dem Hannibal dies gemeldet wurde, rief er: «Das sage ich ja; wir haben mit einem Feinde zu thun, der weder Glück noch Unglück vertragen kann. Hat er gesiegt, so drängt er keck den Besiegten nach: ist er geschlagen, so stellt er sich den Siegern zu neuem Kampfe.» Er ließ die Trompeten blasen und rückte aus. Von beiden Seiten focht man weit hartnäckiger, als Tags zuvor, da die Punier ihre Kräfte daran setzten, die Ehre von gestern zu behaupten; die Römer, den Schimpf zu tilgen. Auf dem Römischen linken Sinistra ala – – et legio vicesima.] Im vorigen Cap. hieß diese ala nicht sinistra, sondern dextera, und die Legion duodevicesima. Die letztere Verbesserung nehme ich von Perizonius und Drakenborch an. Für sinistra will Drakenb. sinistro lesen, und dies auf cornu beziehen. Des Übellauts wegen, wenn auf das o am Ende ein a zu Anfange des nächsten Wortes folgt, stimme ich dem sinistro ala nicht bei. Wenn ich annähme, es habe hier sinistrae gestanden und vom ae sei nur das Häkchen weggefallen, so wären die cohortes, quae amiserant signa und die ala zugleich sinistrae ab Romanis genannt, und sie könnte immerhin dextra an und für sich oder nur gestern gewesen sein; heute stand sie auf dem linken Flügel, und die cohortes und die ala sociorum selbst waren heute sinistrae. Flügel fochten jene Bundesgenossen und Cohorten, welche ihre Fahnen verloren hatten, an der Spitze; und die achtzehnte Legion war als rechter Flügel aufgestellt. Lucius Cornelius 365 Lentulus und Cajus Claudius Nero, die Legaten, befehligten die Flügel: Marcellus kräftigte durch seine Gegenwart, als Ermunterer und Zeuge, das Mitteltreffen. Auf Hannibals Seite machten die Spanier die Vorderreihe, und sie waren der Kern des ganzen Heers. Als die Schlacht lange unentschieden blieb, ließ Hannibal die Elephanten als Vorderreihe aufführen, um dadurch vielleicht Verwirrung oder Schrecken zu bewirken. Anfangs brachten sie auch die Fahnen und Glieder in Unordnung, und weil sie Alles umher entweder niedertraten oder durch den Schrecken zerstreuten, so bewirkten sie auf der einen Seite der Linie eine Blöße, und die Flucht würde allgemeiner geworden sein, hätte nicht der Oberste Cajus Decimius Flavus, der dem Fähnriche der ersten Rotte im ersten Gliede die Fahne wegriß, die Rotte dieser Fahne aufgefordert, ihm zu folgen. Er führte sie dahin, wo die zusammengedrängten Ungeheuer das größte Getümmel verursachten, und hieß auf sie mit Wurfpfeilen schießen. Wo der Schuß so wenig fehlen konnte, in einer solchen Nähe, auf so große vom Gewühle zusammengeschobene Körper, trafen die Pfeile alle. Wenn aber auch nicht alle Elephanten verwundet wurden, so rissen doch die, in deren Rücken der haftende Wurfpfeil steckte, durch ihre Flucht – wie diese schreckliche Thierart so leicht sich schrecken läßt – (ut est genus anceps)] Ich glaubte anfangs, dem Crevier und Sigonius folgen zu können, welche dies so erklären: ut belua illa eiusmodi est, quae tam in suos, quam in hostes ruat, und wollte es etwa so ausdrücken: «Ein so mißliches Hülfsmittel sind diese Thiere.» Allein ich glaube, wenn Livius dies hätte sagen wollen, so würde er es schicklicher bei den nachfolgenden Worten: eo magis ruere in suos beluae angebracht haben. Hier, an unsrer Stelle, giebt er, wie mich dünkt, nur den Grund an, warum die unverwundeten Elephanten durch die Flucht der verwundeten sich mit wegreißen lassen Genus anceps, tam ad accipiendum, quum ad inferendum terrorem. . Ich fühle es, wie weit ich hinter der Kürze der Urschrift zurückbleibe. Mich tröstet der Gedanke, daß Sigonius und Crevier, wenn sie diese Übersetzung lesen könnten, wenigstens darüber nicht ungewiß sein würden, was für einen Sinn ich dieser Stelle leihe. auch die Unverwundeten mit sich fort. Da schoß nicht mehr die Eine Rotte, sondern jeder Soldat nach Möglichkeit, wenn er nur die Schar der fliehenden Elephanten erreichen konnte, mit 366 Wurfpfeilen auf sie. So viel gewaltiger stürzten die Thiere auf ihr eigenes Heer, und warfen hier noch so viel schrecklicher Alles nieder, als sie unter den Feinden gethan hatten, weil die treibende Angst auf das gescheuchte Thier eine viel stärkere Wirkung hat, als der auf ihm sitzende Lenker seinem Gebote zu geben vermag. Auf die bei diesem Durchbruche ihrer Elephanten zerrüttete Linie rückte jetzt das Römische Fußvolk an, und ohne großen Kampf schlug es die Getrennten und Bestürzten in die Flucht. Gleich schickte Marcellus den Fliehenden seine Reuterei nach, und die Verfolgung hörte nicht eher auf, als bis die Gescheuchten in ihr Lager getrieben waren, Denn außer den übrigen Veranlassungen des Schreckens und der Verwirrung waren auch zwei Elephanten im Thore selbst zu Boden gestürzt, und die Soldaten waren genöthigt, über Graben und Wälle in ihr eigenes Lager einzubrechen. Hier wurde das Blutbad unter den Feinden am stärksten. An achttausend Menschen wurden getödtet und fünf Elephanten. Aber auch auf Seiten der Römer hatte der Sieg Blut gekostet. Von den zwei Legionen waren beinahe tausend siebenhundert Mann und von den Bundesgenossen über tausend dreihundert geblieben. An Verwundeten hatten Bürger und Bundesgenossen sehr viele. In der nächsten Nacht brach Hannibal mit seinem Lager auf. Ihm zu folgen, so sehr Marcellus es wünschte, erlaubte die Menge der Verwundeten nicht. 15. Die dem Zuge nachgeschickten Kundschafter kamen am folgenden Tage mit der Nachricht zurück, Hannibal ziehe sich gegen das Bruttische. Ungefähr in denselben Tagen ergaben sich an den Consul Quintus Fulvius nicht nur et ad Q. Fulvium – – accepti. Et Bruttiis] Ich lese mit Drakenb. aus den meisten und besten Mss. accepti sunt, verwandle aber das Punctum vor Et Bruttiis nur in ein Semikolon. Zu dem ersten et ad Q. Fulvium gehört meiner Meinung nach das zweite et Bruttiis als Nachsatz. die Hirpiner, Lucaner und Volcenter, lieferten Hannibals Besatzungen, die in ihren Städten lagen, aus, und wurden vom Consul, der ihren ehemaligen Fehltritt bloß mit Worten rügte, sehr gütig aufgenommen; 367 sondern da sich auch von Seiten der Bruttier die Brüder Vibius und Pactius, bei weitem die angesehensten Männer jenes Volks, mit der Bitte bei ihm einfanden, sich auf eben die Bedingungen, wie die Lucaner, ergeben zu dürfen, so machte er auch ihnen Hoffnung zu einer ähnlichen Verzeihung. Der Consul Quintus Fabius eroberte im Sallentinischen die Stadt Manduria mit Sturm, machte hier an viertausend Gefangene und außerdem ansehnliche Beute. Von hier brach er nach Tarent auf und nahm sein Lager selbst am Eingange des Hafens. Die Schiffe, mit welchen Livius seine Zufuhr gedeckt hatte, nahm Fabius theils zu Vorrichtungen und Veranstaltungen des Mauersturms, theils versah er sie mit Wurfgeschützen, Steinen und Geschoß aller Art; eben so auch die Lastschiffe und nicht bloß die mit Rudern versehenen; so daß seine Leute hier mit Sturmzeugen und Leitern an die Mauern kommen, dort aber aus der Ferne von den Schiffen auf die Vertheidiger der Mauer schießen konnten. Diese Schiffe hatten die Einrichtung und den Zweck, vom offenen Meere aus die Stadt anzugreifen. Und das Meer war frei, weil die Punische Flotte zu dem Angriffe, den Philipp auf die Ätoler unternahm, nach Corcyra gegangen war. Unterdeß hatten sich im Bruttischen die Belagerer von Caulonia bei Hannibals Annäherung, um nicht aufgehoben zu werden, auf einen Hügel gezogen, der sie nur für den Augenblick gegen einen Angriff schützen konnte. Dem Fabius aber war bei der Belagerung Tarents ein geringfügiger Umstand zur Erreichung seines großen Zwecks behülflich. Unter den Truppen ihrer Besatzung hatten die Tarentiner eine Cohorte Bruttier, die ihnen Hannibal gab. Der Oberste dieser Mannschaft war sterblich in eine Dirne verliebt, deren Bruder im Heere des Consuls Fabius stand. Als dieser aus seiner Schwester Briefe ihren neuen Umgang mit dem reichen und bei seinen Landsleuten so angesehenen Fremden erfuhr, so theilte er, in der Hoffnung, durch seine Schwester den Verliebten zu Allem vermögen zu können, seine Aussichten dem Consul mit. Als sein Anschlag nicht 368 für unstatthaft erklärt wurde, mußte er als Überläufer nach Tarent hineingehen, gewann durch seine Schwester den Obersten, stellte anfangs dessen Gesinnungen unvermerkt auf die Probe und als er von seinem Leichtsinne Begriffe genug hatte, machte er ihn durch die weiblichen Liebkosungen geneigt, auf dem Posten, der ihm anvertrauet war, die Wache zu verrathen. Als sie über das Wie und Wann eins geworden waren, meldete der bei Nacht über die unbesetzten Lücken heimlich aus der Stadt gelassene Soldat dem Consul, wie weit die Sache gediehen und was nach der Verabredung zu thun sei. Fabius, der um die erste Nachtwache die Besatzung der Burg und den Posten am Hafen durch ein Zeichen benachrichtigte, nahm für sich mit Umgehung des Hafens auf der östlichen Seite der Stadt eine verdeckte Stellung. Dann ertönten die Trompeten zugleich von der Burg, vom Hafen und von den Schiffen, die auf der freien Seeseite anlegten: Geschrei und schreckliches Getümmel machte man geflissentlich auf allen Stellen, wo am wenigsten zu fürchten war. Noch immer hielt der Consul seine Leute in aller Stille an sich. Wie also Democrates, der vormalige Flottenführer, der gerade den Oberbefehl an dieser Stelle hatte, Alles um sich her ruhig sah, zu andern Gegenden aber ein so lautes Getöse vernahm, daß das Geschrei zuweilen als aus der schon eroberten Stadt emporzusteigen schien, so zog er aus Besorgniß, der Consul möchte, während er hier säume, an irgend einer Stelle stürmen und eindringen, seine Mannschaft in die Gegend der Burg, von wo das Getöse am fürchterlichsten zu ihm herüberscholl. Als Fabius aus der Länge der Zeit und aus der Stille selbst abnehmen konnte, daß hier die Besatzung abgeführt sei; – denn wo man noch kurz zuvor die Schlafenden aufschrie und zu den Waffen rief, da war jetzt auch nicht ein Laut zu hören –; so ließ er an derjenigen Stelle Leitern an die Mauer legen, wo nach der Aussage des Unterhändlers bei diesem Verrathe, die Bruttische Cohorte die Posten versah. Hier wurde die Mauer zuerst erstiegen, weil die Bruttier den Soldaten hinaufhalfen und ihnen die Hände reichten. Diese kamen in 369 die Stadt hinüber und erbrachen hier das nächste Thor, so daß ganze Züge unter den Fahnen einrücken konnten. Nach erhobenem Geschreie kamen sie fast mit Tagesanbruch, ohne auf Bewaffnete zu stoßen, auf den Marktplatz, und zogen von allen Seiten den Angriff Aller, die bei der Burg und am Hafen fochten, auf sich . 16. Allein der Kampf hier am Eingange des Marktes begann mit größerer Hitze, als Beharrlichkeit. Weder an Muth, noch an Waffen und Kriegesübung, an Munterkeit so wenig als an Körperkraft waren die Tarentiner den Römern gleich. Kaum hatten sie ihre Wurfpfeile abgeschossen, so kehrten sie, fast noch ehe sie handgemein wurden, dem Feinde den Rücken, und zerstreuet entkamen sie, bei ihrer Bekanntschaft mit den Straßen der Stadt, in ihre oder ihrer Freunde Häuser. Zwei von ihren Anführern, Nico und Democrates, fielen unter tapferer Gegenwehr. Philemenus, der dem Hannibal Tarent verrathen hatte, jagte zwar im Schnelllaufe aus dem Gefechte; man erkannte aber gleich nachher sein in der Stadt umherlaufendes Pferd, ohne seinen Körper finden zu können. Man glaubte allgemein, er habe sich vom Pferde in einen offenen Brunnen gestürzt. Carthalo, der Befehlshaber der Punischen Besatzung, der die Waffen gestreckt hatte und unter Berufung auf die väterliche Gastfreundschaft schon dem Consul nahete, wurde von einem herzukommenden Soldaten niedergemacht. Die andern tödteten hier diese, dort jene, Bewaffnete und Unbewaffnete ohne Unterschied, Tarentiner so gut, als Carthager. Auch hieb man viele Bruttier nieder, entweder aus Irrthum, oder aus altem eigenthümlichen Hasse gegen sie, oder auch, um das Gerücht von der Verrätherei niederzudrücken, daß man eher glauben sollte, Tarent sei im Sturme und durch Waffen erobert. Nach dem Gemetzel vertheilten sich die Soldaten zur Plünderung der Stadt. Sie machten, wie es heißt, dreißigtausend Sklaven zu Gefangenen, fanden an verarbeitetem und geprägtem Silber eine gewaltige Menge, dreiundachtzig tausend Pfund LXXXIII millia pondo] Selbst für das reiche Tarent ist diese Summe von mehr als 27 Millionen Gulden Conv, M., wie schon Glareanus erinnert, zu groß. Vermuthlich aber gehören die Worte octoginta tria millia zu der durch die Abschreiber weggefallenen Summe des rohen Silbers, die Livius, bei seinen Angaben der Beute, gewöhnlich auf das Gold folgen lässet. Denn vorher hatte er bloß den Betrag des verarbeiteten und geprägten Silbers angegeben. Gold, 370 und der Statüen und Schildereien so viele, daß sie beinahe dem Reichthume der Syracuser Kunstschätze gleichkamen. Aber hochherziger als Marcellus, konnte sich Fabius der Beute dieser Art enthalten. Auf die Aufrage, wie er es mit den Standbildern gehalten wissen wolle – und es waren lauter Götter in Riesengröße, jeder mit seinen Waffen im Angriffe dargestellt – gab er dem Schreiber zur Antwort: «Die zürnenden Götter sollen den Tarentinern bleiben.» Die Mauer, welche die Burg von der Stadt schied, ließ er noch niederreißen und aus einander werfen. Als Hannibal, an den sich während dieser Ereignisse zu Tarent die Belagerer von Caulonia ergeben mußten, die Belagerung Tarents erfuhr, und nach mehreren zur Beschleunigung des Entsatzes Tag und Nacht fortgesetzten Eilmärschen hörte, die Stadt sei erobert, sagte er: «Auch die Römer haben ihren Hannibal. Über Tarent müssen wir denken: Wie gewonnen, so verloren. » Um indeß bei seinem Rückzuge nicht als der Fliehende zu erscheinen, schlug er da, wo er sein Heer hatte halten lassen, beinahe fünftausend Schritte von der Stadt, ein Lager auf. Dann zog er sich nach einem Aufenthalte von wenigen Tagen auf Metapontum zurück. Von hier ließ er zwei Metapontiner mit Briefen von den Häuptern der Stadt zum Fabius nach Tarent gehen, um sich vom Consul die Zusage zu erbitten, daß ihnen alles Vorige verziehen sein sollte, wenn sie ihm Metapontum mit der Punischen Besatzung überlieferten. Fabius, der ihre Anträge für Wahrheit nahm, bestimmte ihnen den Tag, wann er vor Metapontum ankommen wollte, und gab ihnen an jene Häupter Briefe mit, die dem Hannibal geliefert wurden. Dieser, über seine glücklich angelegte Falle so viel mehr erfreuet, wenn sich selbst Fabius von ihm überlisten lassen müßte, stellte in der Nahe von Metapontum einen Hinterhalt an. Dem Fabius, der vor seinem Aufbruche von Tarent 371 Vogelschau hielt, zeigten die Vögel Einmal und abermals nichts Gutes an, und da er auch im ausgeschlachteten Opferthiere den Wink der Gottheit zu vernehmen suchte, warnte ihn der Opferschauer vor feindlicher List und Nachstellung. Als die Metapontiner, wie er auf den bestimmten Tag nicht kam, sich wieder einfanden, um den Säumenden aufzufordern, wurden sie geschwind festgenommen, und entdeckten, aus Furcht vor härterer Folter, den ganzen Anschlag. 17. Im Anfange des Sommers, in welchem dieses vorfiel, kam zum Publius Scipio, welcher in Spanien den ganzen Winter dazu angewandt hatte, die Herzen der Ausländer. theils durch Geschenke, theils durch Zurücksendung der Geisel und Gefangenen zu gewinnen, Edesco, der bei den Spaniern als Feldherr Ruf hatte. Seine Gattinn und Kinder waren in der Römer Händen: allein außer dieser Veranlassung führte ihn eine Art von unwillkürlicher Zuneigung her, welche fast das ganze Spanien bewog, aus der Punischen Oberherrschaft zur Römischen überzutreten. Dies war auch der Grund, warum Indibilis und Mandonius, unstreitig die ersten Häupter des gesammten Spaniens, mit allen ihren Landestruppen sich vom Hasdrubal trenneten und auf den an sein Lager stoßenden Anhöhen ihre eigene Stellung nahmen, um von hier über die zusammenhängenden Bergrücken einen ungehinderten Weg zu den Römern zu haben. Da Hasdrubal die Macht der Feinde durch so großen Zuwachs sich verstärken, die seinige in Abnahme sah, und voraussehen konnte, daß sie sich, wie sie schon anfinge, völlig auflösen würde, wenn er nicht durch ein Wagstück eine Änderung bewirkte, so beschloß er, je eher je lieber zu schlagen. Noch sehnlicher wünschte Scipio ein Treffen, theils aus Hoffnung des Siegs, die der glückliche Fortgang seiner Unternehmungen verstärkte, theils weil er lieber, ehe die feindlichen Heere sich vereinigten, mit Einem Feldherrn und Einem Heere schlagen wollte, als mit allen zugleich. Doch auch auf den Fall, auf einmal mit Mehreren fechten zu müssen, hatte er ein Mittel gewußt, seine Truppen zu vermehren. Weil er sah, daß er von seinen Schiffen keinen Gebrauch machen konnte – 372 denn die ganze Spanische Küste hatte jetzt keine Punische Flotte – so ließ er die Seesoldaten von den Schiffen, die zu Tarraco auf den Strand gebracht wurden, zu seinen Landtruppen stoßen. Und Waffen hatte er in Überfluß, theils zu Neu-Carthago erbeutet, theils nach der Eroberung durch die Menge eingeschlossener Handwerker gefertiget. Mit diesen Truppen zog Scipio, der zu Anfang des Frühlings von Tarraco ausrückte, – denn auch Lälius war schon von Rom zurückgekommen, ohne den er nichts Wichtiges unternehmen wollte, – gerade gegen den Feind. Auf diesem Zuge durch lauter Freundesland, auf welchem ihn jede Völkerschaft der Bundesgenossen, so wie er durch ihre Gränzen ging, begleitete und empfing, kamen Indibilis und Mandonius mit ihren Truppen ihm entgegen. Indibilis führte in beider Namen das Wort, und gar nicht als der vermessene, rücksichtslose Barbar, sondern vielmehr mit bescheidener Würde, und mehr im Tone dessen, der seinen Übertritt mit der Nothwendigkeit entschuldigt, als daß er sich dessen berühmt hätte, bei dieser ersten Gelegenheit gleichsam zugegriffen zu haben. «Den Namen Überläufer, das wüßten sie sehr gut, treffe, bei den vorigen Bundesgenossen, ihr Fluch, bei den neuen, ihr Mistrauen: auch wollten sie diese Sitte der Menschen nicht tadeln, so lange dieser zwiefache Haß von einem Grunde, nicht aber vom Namen erzeugt werde.» Dann erwähnte er ihrer Verdienste um die Carthagischen Feldherren; wie habsüchtig hingegen, wie übermüthig und in allen Stücken ungerecht sich jene gegen sie und ihre Landsleute benommen hätten. «Darum wären sie bis jetzt auch nur mit ihrem Körper auf jener Partei gewesen; ihr Herz sei längst schon da, wo ihrer Überzeugung nach Gerechtigkeit und Gottesfurcht geachtet werde. Auch die Hülfesuchenden, welche die Gewaltthätigkeiten und Mishandlungen von Menschen nicht länger tragen könnten, nähmen ja ihre Zuflucht zu den Göttern. Sie bäten den Scipio nur darum, in ihrem Übertritte so wenig einen Nachtheil für sie, als eine Empfehlung zu finden, sondern den Werth ihres Diensteifers nur darnach zu bestimmen, wie sie seinen Erfahrungen über sie 373 vom heutigen Tage an sich bewähren würden.» Der Römische Feldherr antwortete: «Er werde sich ganz so verhalten, und Männer nicht als Überläufer ansehen, weil ihnen ein Bündniß mit Menschen ungültig gewesen sei, denen weder göttliche noch menschliche Rechte heilig wären.» Jetzt zeigten sich ihren Blicken ihre vorgelassenen Gemahlinnen und Kinder, die den vor Freude Weinenden zurückgegeben wurden; und Scipio nahm sie für heute als Gäste mit sich in sein Quartier. Am folgenden Tage nahm er vermittelst eines Vertrages die Zusage ihrer Treue an, und entließ sie zur Herbeiführung ihrer Truppen. Seitdem standen ihre Zelte im Römischen Lager, und sie brachten als Wegweiser das Heer vor den Feind. 18. Das nächste Carthagische Heer stand unter Hasdrubal bei der Stadt Bäcula. Vor dem Lager waren Posten von Reuterei aufgestellt. Auf diese thaten die Leichtbewaffneten, die erste Linie und der Vortrab, so wie sie auf dem Marsche ankamen, ehe sie noch einen Platz zum Lager nahmen, ihren Angriff mit so vieler Verachtung, daß man schon hieraus auf den Muth beider Theile schließen konnte. Die Reuterei wurde in unordentlicher Flucht auf ihr Lager geworfen, und die Römischen Fahnen rückten beinahe in die Thore selbst. Für heute blieb es bei der bloßen Aufforderung zum Kampfe, und die Römer schlugen ein Lager auf. In der Nacht zog Hasdrubal seine Truppen auf einen Hügel zurück, der sich oben in eine flache Ebene ausbreitete, im Rücken einen Strom hatte und dessen ganzen Rand vorn und auf den Seiten gleichsam ein steiles Ufer umgab. Unter jener Ebene lag tiefer herab eine zweite, schräg ablaufende. Ein zweiter, eben so schwer zu ersteigender Abhang zog sich auch um diese. Auf dies tiefer gelegene Feld schickte Hasdrubal am folgenden Tage, als er die feindliche Linie vor ihrem Lager in Stellung sah, die Numidische Reuterei und die Baliarischen und Africanischen leichten Truppen herab. Scipio, der bei seinen Gliedern und Fahnen herumritt, hieß sie nicht unbemerkt lassen, «daß der Feind, der, mit Verzichtleistung auf eine Schlacht im freien Felde, nur Höhen zu gewinnen suche, – 374 bloß. im Vertrauen auf seine Stellung, nicht auf Tapferkeit und Waffen, ihnen unter die Augen getreten sei. Allein Neu-Carthago habe noch höhere Mauern gehabt; und doch habe sie Roms Krieger überstiegen. Dort hätten ihren Waffen keine Bergschanzen, keine Burg, nicht einmal das Meer widerstehen können. Die Höhen, welche die Feinde besetzt hätten, würden zu weiter nichts dienen, als daß sie in Sprüngen über Klippen und Abstürze fliehen müßten. Aber auch diese Flucht wolle er ihnen versperren.» Und so ließ er zwei Cohorten, die eine den Eingang des Thals besetzen, durch welches der Strom hinabging, die andre sich an den Weg legen, der von der Stadt am Abhange des Hügels hin ins Feld leitete. Er selbst führte seine Leichtbewaffneten, welche den Tag vorher die feindlichen Vorposten geworfen hatten, gegen die feindlichen leichten Truppen, die auf der unteren Wimper des Berges standen. Anfangs gingen sie auf rauhem Boden, durch nichts, als durch den Weg selbst, aufgehalten. Als sie jetzt dem Feinde in den Wurf kamen, wurden sie von einer schrecklichen Menge Geschosse aller Art überströmt: sie selbst erwiederten dies mit Steinen, welche allenthalben auf dem Boden zerstreuet und zum Wurfe tauglich sich darboten; und dies thaten nicht die Soldaten allein, sondern auch der den Bewaffneten zugegebene Schwarm der Holzknechte. So schwer ihnen indeß das Hinansteigen ward und ob sie gleich mit Geschossen und Steinen beinah überschüttet wurden, so kamen dennoch, des Sturms auf Mauern gewohnt und im Muthe beharrend, die Ersten hinauf. Kaum hatten diese nur ein Plätzchen der Ebene gewonnen, wo sie festen Fuß fassen konnten, so jagten sie einen leichtbewaffneten Feind, der sich nur auf den schnellen Ansprung versteht, sich in seiner sichern Ferne hält, so lange man von weitem mit Geschossen spielend ficht, der aber dem Handgefechte in der Nähe nicht Stand halten kann, von seinem Platze, und warfen ihn mit großem Verluste gegen die auf dem oberen Hügel aufgepflanzte Linie. Da theilte Scipio, der die Sieger gegen das Mitteltreffen hinanrücken 375 ließ, seine übrigen Truppen mit dem Lälius, hieß ihn die rechte Seite des Hügels umgehen, bis er einen sanfteren Aufweg fände, und brach selbst von der linken, nach einem kleinen Umwege, den Feinden in die Flanke. Hier gerieth ihre Linie zuerst in Unordnung, als sie nach dem auf allen Seiten sie umtönenden Geschreie ihre Flügel schwenken und den Gliedern dar Linie die Richtung auf die Flügel geben wollten. Während dieser Verwirrung gewann auch Lälius die Höhe, und als sie sich zurückzogen, um nicht im Rücken verwundet zu werden, lösete sich ihre vordere Linie und machte den im Mitteltreffen Angreifenden das Hinaufsteigen möglich, die auf einem so nachtheiligen Boden, wenn die Glieder unverrückt stehen geblieben wären, vor denen noch dazu Elephanten aufgepflanzt standen, den Platz nie erstiegen hätten. Als schon auf allen Seiten das Niederhauen anfing, hatte Scipio, der mit seinem linken Flügel auf den rechten eingedrungen war, den Hauptvortheil, gegen die unbeschildete Seite des Feindes zu fechten. Schon war ihnen auch kein Ausweg zur Flucht mehr offen. Denn theils hatten sich Römische Posten auf beiden Seiten, zur Rechten und zur Linken, an den Weg gelegt; theils hatte die Flucht des Feldherrn und der Vornehmsten das Lagerthor gesperrt, wozu noch das Getümmel der Elephanten kam, welche jetzt in Scheu ihnen eben so furchtbar waren, als der Feind. Also blieben achttausend Menschen auf dem Platze. 19. Hasdrubal, der das geraubte Geld schon vor der Schlacht, nun auch die Elephanten voraufschickte, und von seinen Flüchtlingen, so viele er konnte, an sich zog, eilte am Flusse Tagus hinauf den Pyrenäen zu. Scipio, der nach der Eroberung des feindlichen Lagers die ganze Beute, mit Ausnahme der Freigebornen, den Soldaten überließ, fand bei Musterung der Gefangenen zehntausend vom Fußvolke, zweitausend von der Reuterei. Die darunter befindlichen Spanier entließ er sämtlich ohne Lösegeld in ihre Heimat; die Africaner mußte der Schatzmeister verkaufen. Da wurde er von der ihn umströmenden Menge Spanier, die sich theils früher ergeben hatten, theils gestern 376 gefangen waren, mit dem einstimmigen Zurufe: König! begrüßt. Scipio ließ durch den Herold Stille gebieten und sagte ihnen: «Für ihn sei die Benennung Oberbefehlshaber, welche ihm seine Soldaten gegeben hätten, die höchste. An andern Orten sei der königliche Titel etwas Großes, zu Rom aber unausstehlich. Daß er königlichen Sinn habe, möchten sie, wenn sie dies für die erhabenste menschliche Gesinnung hielten, bei sich in der Stille anerkennen, allein des Gebrauchs der Benennung sich enthalten.» Selbst den Barbaren machte sich diese Geisteserhabenheit fühlbar, die auf dem Gipfel ihrer Höhe eine Würde zurückwies, deren Wunderglanz andre Sterbliche in Staunen setzt. Darauf theilte er den Spanischen Fürsten und Großen Geschenke aus, und ließ den Indibilis unter der großen Menge erbeuteter Pferde dreihundert nach Belieben sich auswählen. Als der Schatzmeister, dem Befehle des Feldherrn gemäß, die Africaner verkaufte, und unter ihnen einen Knaben in den ersten Jünglingsjahren von außerordentlicher Schönheit fand, so schickte er ihn, als er hörte, er sei von königlicher Abkunft, an den Scipio. Auf die Fragen des Scipio: Wer, woher er sei und warum er so jung schon dem Lager folge, antwortete er: «Er sei ein Numider , heiße mit seinem Landesnamen Massiva; als Waise vom Vater hinterlassen, sei er bei seinem mütterlichen Großvater, dem Numidischen Könige Gala, erzogen, und mit seiner Mutter Bruder Masinissa, welcher neulich den Carthagern Hülfstruppen an Reuterei zugeführt habe, nach Spanien übergegangen. Er sei noch nie in eine Schlacht gekommen, weil es Masinissa seiner Jugend wegen nicht erlaubt habe. Am Tage der Schlacht mit den Römern habe er ohne Vorwissen des Oheims in aller Stille seine Waffen und sein Pferd genommen und sei ins Treffen gegangen; hier aber von seinem stürzenden Pferde vornüber zur Erde geschleudert und von den Römern gefangen.» Nach ertheiltem Befehle zur Verwahrung des Numiders that Scipio seine Geschäfte auf der Richterbühne ab. Dann ließ er, als 377 er in sein Feldherrnzelt zurückgegangen war, ihn rufen und fragte ihn, ob er wohl Lust habe, wieder zum Masinissa zu gehen. Als der Jüngling unter hervorströmenden Freudenthränen antwortete: «O sehr große!» schenkte er ihm einen goldenen Ring, ein breitverbrämtes Unterkleid nebst einem Spanischen Kriegsrocke mit der goldnen Schnalle und ein stattlich aufgeschirrtes Pferd, und entließ ihn mit dem Befehle an einige Reuter, ihn, so weit er es verlange, zu begleiten. 20. Nun wurde Kriegsrath gehalten. Da ihm Einige riethen, sogleich den Hasdrubal einzuholen, so widmete er dennoch in Betracht der Gefahr, daß sich Mago und der andre Hasdrubal mit jenem vereinigen möchten, den Rest des Sommers der Wiederaufnahme Spanischer Völkerschaften in seinen Bund, und schickte bloß zur Besetzung der Pyrenäen einige Mannschaft ab. Und wirklich kamen auch wenige Tage nach der Schlacht bei Bäcula, als Scipio, schon auf der Rückkehr nach Tarraco, sein Heer aus dem Gebirgswalde von Castulo herausgezogen hatte, die Feldherren Hasdrubal, Gisgons Sohn, und Mago aus dem jenseitigen Spanien bei dem Hasdrubal an, freilich zur Hülfe nach geschehenem Unglücke zu spät, aber zu dem über die weitere Führung des Krieges zu verabredenden Entwurfe sehr zur rechten Zeit. Nach gegenseitigen Mittheilungen über die Gesinnungen der Spanier, wie sie jeder von ihnen in der Gegend seiner Provinz gefunden hatte, war der einzige Hasdrubal Gisgons der Meinung, die entfernteste Küste Spaniens am Oceane und gegen Gades sei noch mit den Römern unbekannt und eben darum Carthago völlig treu. Der andre Hasdrubal hingegen und Mago hielten es für ausgemacht, «daß Scipio durch seine Gefälligkeiten die Herzen Aller, der Völker sowohl, als der Einzelnen, schon gewonnen habe, und daß die Spanischen Soldaten nicht eher aufhören würden, zu ihm überzugehen, bis sie alle entweder in das äußerste Spanien entfernt oder nach Gallien übergeführt wären. Wenn es also auch der Senat zu Carthago nicht verlangt hätte, so würde 378 Hasdrubal dennoch nach Italien haben gehen müssen, weil dort vom Hauptsitze des Krieges die Entscheidung des Ganzen abhänge, und zugleich damit er die sämtlichen Spanier, um in der Ferne nichts vom Scipio zu hören, von Spanien wegführte. Sein Heer, durch den häufigen Überlauf, besonders durch das unglückliche Treffen geschwächt, müsse er durch Spanische Soldaten wieder vollzählig machen. So müsse auch Mago nach Übergabe seines Heers an Hasdrubal, Gisgons Sohn, mit einer ansehnlichen Geldsumme, um Miethvölker zu werben, auf die Baliaren übergehen; Hasdrubal Gisgons sich mit seinem Heere in das innere Lusitanien entfernen und sich mit den Römern gar nicht einlassen; Masinissa aber von den ausgesuchtesten Truppen der ganzen Reuterei volle dreitausend Mann haben und in dem (ihnen) diesseitigen Spanien zur Vertheidigung der Bundesgenossen, zu Angriffen auf feindliche Städte und Verheerungen ihres Gebiets umherschwärmen.» Nach diesen Beschlüssen traten die Feldherren, ihre Verabredungen auszuführen, ihre verschiedenen Wege an. Dies geschah in diesem Jahre in Spanien. Zu Rom stieg der Ruf des Scipio mit jedem Tage. Dem Fabius gereichte die Eroberung Tarents, wenn gleich mehr durch List, als durch Tapferkeit bewirkt, dennoch zur Ehre. Der Ruf des Fulvius war im Sinken. Vom Marcellus sprach man sogar übel, weil er, außer dem ersten unglücklichen Gefechte, seine Soldaten mitten im Sommer, während Hannibal in Italien umherzog, nach Venusia in die Quartiere gebracht hatte. Der Bürgertribun Cajus Publicius Bibulus war sein Feind. Dieser hatte schon seit der ersten unglücklichen Schlacht nicht aufgehört, in seinen öffentlichen Reden den Claudius bei den Bürgern verrufen und verhaßt zu machen, und jetzt trug er darauf an, ihm den Oberbefehl absprechen zu lassen: doch bewirkten des Marcellus Verwandte, daß er, mit Hinterlassung eines Legaten zu Venusia, nach Rom kommen durfte, um sich gegen die von seinen Feinden vorgeschlagenen Beschlüsse zu vertheidigen, und daß man 379 die Anfrage über seine Entsetzung vom Oberbefehle in seiner Abwesenheit ruhen ließ. Es traf sich, daß Marcellus, um sich dieser Kränkung durch Gegenvorstellungen zu erwehren, und Consul Quintus Fulvius zur Haltung der Wahlversammlungen, um dieselbe Zeit nach Rom kamen. 21. Die Verhandlung über des Marcellus Oberbefehl ging unter großem Zulaufe der Bürger und aller Stände auf der Flaminischen Rennbahn vor sich; und der Bürgertribun beschuldigte nicht den Marcellus allein, sondern die Adlichen alle. «Ihre Unredlichkeit, ihr Zögern sei Schuld daran, daß Hannibal Italien schon ins zehnte Jahr zu seinem Tummelplatze habe, daß er hier mehrere Jahre gelebt habe, als zu Carthago. Da sehe nun das Römische Volk die Früchte vom verlängerten Oberbefehle des Marcellus: sein zweimal geschlagenes Heer stehe zu Venusia in Sommerquartieren.» Diesen Ausfall des Tribuns schlug Marcellus durch Darlegung seiner Thaten so völlig zu Boden, daß nicht allein der Antrag, ihn des Oberbefehls zu entsetzen, verworfen, sondern er selbst den Tag nachher von allen Centurien mit großer Einstimmung zum Consul ernannt wurde. Zum Amtsgenossen gab man ihm den Titus Quinctius Crispinus, der damals Prätor war. Am folgenden Tage wurden zu Prätoren gewählt der Hohepriester Publius Licinius Crassus Dives, Publius Licinius Varus, Sextus Julius Cäsar, Quintus Claudius Flamen. Selbst in den Tagen der Wahlversammlung befürchtete die Bürgerschaft einen Abfall Hetruriens. Nach einem Briefe des Cajus Calpurnius, welcher als Proprätor über jene Provinz gesetzt war, gaben die Einwohner von Arretium hierzu den Ton an. Also wurde ungesäumt Marcellus, der nächstkünftige Consul, hingeschickt, die Sache zu untersuchen, und wenn er es nöthig fände, durch Herbeiholung seines Heers den Krieg aus Apulien nach Hetrurien zu verlegen. Hiedurch in Schrecken gesetzt, hielten die Hetrusker Ruhe. Die Tarentinischen Gesandten mit ihrem Gesuche um Frieden, Freiheit und Beibehaltung ihrer Gesetze beschied 380 der Senat zur Wiederkehr, wann Consul Fabius in Rom angekommen sei. Die Römischen und die Bürger-Spiele wurden dies Jahr, jede auf Einen Tag, wieder gegeben. Curulädilen waren Lucius Cornelius Caudinus und Servilis Sulpicius Galba; Bürgerädilen Cajus Servilius und Quintus Cäcilius Metellus. Den Servilius beschuldigte man, er sei eben so widerrechtlich Bürgertribun gewesen, als er jetzt Ädil sei, weil sein Vater, den die Bojer, wie man seit zehn Jahren irrig glaubte, als einen der Dreiherren bei der Landvermessung in der Gegend von Mutina erschlagen haben sollten, wie man jetzt gewiß wußte, noch am Leben S. Buch XXX. Cap. 18. und in Feindes Händen war. 22. Im elften Jahre dieses Punischen Krieges traten Marcus Marcellus zum fünftenmale (wenn ich das Consulat mitzähle, welches er wegen des Wahlfehlers nicht bekleidete) und Titus Quinctius Crispinus das Consulat an. Bei den Consuln bestimmte man Italien zum Standorte, und zu ihren Heeren die beiden consularischen des vorigen Jahrs; – das dritte stand damals zu Venusia und hatte den Marcus Marcellus zum Anführer gehabt – so, daß sie sich aus diesen dreien nach eigner Wahl zwei aussuchen konnten, und das dritte dem übergäben, der Tarent und das Sallentinische zum Standorte bekäme. Die übrigen Geschäftsstellen wurden unter die Prätoren so vertheilt: Publius Licinius Varus wurde bei der Gerichtspflege in Rom angestellt, Publius Licinius Crassus, der Hohepriester, bei der auswärtigen oder wozu ihn sonst der Senat bestimmen würde; Sextus Julius Cäsar in Sicilien , Quintus Claudius Flamen zu Tarent. Auf ein Jahr verlängerten Oberbefehl bekam Quintus Fulvius Flaccus, so daß er Capua, den bisherigen Standort des Prätors Titus Quinctius, mit einer Legion haben sollte. Man verlängerte ihn auch dem Cajus Hostilius Tubulus, der als Proprätor bei den zwei Legionen in Hetrurien in die Stelle des Cajus Calpurnius rücken sollte; verlängerte ihn auch dem Lucius Velurius Philo, der nun als 381 Proprätor dieselbe Provinz Gallien mit denselben Legionen behalten sollte, die er als Prätor gehabt hatte. Wie über den Lucius Veturius, eben so verfügte auch der Senat über den Cajus Aurunculejus, und dahin ging auch der Antrag bei dem Gesamtvolke, ihm den Oberbefehl zu verlängern, da er als Prätor die Provinz Sardinien mit zwei Legionen gehabt hatte. Auch wurden ihm zur Deckung der Provinz funfzig Schiffe zugegeben, die ihm Publius Scipio aus Spanien senden würde. Sowohl dem Publius Scipio, als dem Marcus Silanus wurden beide Spanien ferner nebst ihren Heeren auf ein Jahr bestimmt. Scipio sollte von den achtzig Schiffen, welche er theils aus Italien mitgenommen, theils in Neu-Carthago erobert habe, funfzig nach Sardinien übergehen lassen: denn das Gerücht sagte, zu Carthago mache man für dieses Jahr große Seerüstungen und wolle mit zweihundert Schiffen alle Küsten Italiens, Siciliens und Sardiniens überdecken. Auch für Sicilien traf man folgende Eintheilung. Dem Sextus Cäsar wurde das Heer von Cannä gegeben. Marcus Valerius Lävinus – denn auch ihm verlängerte man den Oberbefehl – sollte die bei Sicilien stehende Flotte von siebzig Schiffen haben, die dreißig Schiffe, welche voriges Jahr bei Tarent gewesen waren, dazu nehmen, und mit dieser Flotte von hundert Schiffen, wenn er es gerathen fände, auf Plünderungen nach Africa übergehen. Auch dem Publius Sulpicius wurde der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert, so daß er für Macedonien und Griechenland dieselbe Flotte behielt. Mit den beiden Legionen, welche zu Rom gestanden hatten, traf man keine Änderung. Ergänzungstruppen, wo sie auch nöthig sein möchten, sollten die Consuln ausheben dürfen. Roms Oberherrschaft wurde dies Jahr von einundzwanzig Legionen vertheidigt. Auch dem Stadtprätor Publius Licinius Varus gab man den Auftrag, die dreißig alten Kriegsschiffe, welche zu Ostia standen, auszubessern und zwanzig neue mit Seeleuten zu bemannen, um mit einer Flotte von funfzig Schiffen die Rüste in der Nähe der Stadt Rom zu decken. Cajus Calpurnius 382 erhielt Befehl, mit seinem Heere nicht eher von Arretium aufzubrechen, als wenn sein Nachfolger angekommen sei. Eben Idem et Tubulo.] – Perizonius, der dies idem in zu strengem Sinne auf das vorige bezieht, will deswegen Eidem et Tubulo lesen, und Drak. Crev. und Duker, die ihm beitreten, wollen dann auch nachher caveret in caverent abändern. Wenn man idem ungefähr in dem Sinne nähme, wie eadem cautio, eadem providentia Tubulo imperata, wie ich in der Übersetzung gethan habe, so könnte man dieser beiden Abänderungen überhoben sein. So hießen auch XXV. 27. venti iidem nicht dieselben Winde, sondern so viel als eodem modo venti prohibebant. (Accedit WALCHIVS pag. 203). so machte man es dem Tubulus zur Pflicht, sich vorzüglich dagegen zu verwahren, daß die Hetrusker eine Umwälzung einleiten könnten. 23. Die Prätoren gingen auf ihre Standplätze ab. Die Consuln hielt eine fromme Bedenklichkeit auf; weil ihnen nach eingegangenen Berichten von mehreren Schreckzeichen kein Opfer gelingen wollte. Auf jener Seite war aus Campanien gemeldet, zu Capua habe der Blitz zwei Tempel getroffen, den der Fortuna und des Mars, und mehrere Gräber; zu Cumä hatten die Mäuse – so mischt ein verkehrter Glaube die Götter auch in die größten Kleinigkeiten – im Tempel Jupiters am Golde genagt; zu Casinum habe sich ein ungeheurer Bienenschwarm auf dem Markte niedergelassen. Von dieser Seite: zu Ostia habe der Blitz in die Mauer und in ein Thor eingeschlagen; zu Cäre sei ein Geier in Jupiters Tempel geflogen; zu Volsinii habe der See Blutwasser gehabt. Dieser Schreckzeichen wegen wurde ein eintägiges Betfest angestellt. Mehrere Tage lang schlachtete man große Opferthiere ohne Erfolg und konnte lange den Frieden der Götter nicht erbitten. Die unglückliche Erfüllung der Schreckzeichen kostete, ohne den Stat zu treffen, den Consuln das Leben. Die Apollospiele waren zum erstenmale unter den Consuln Quintus Fulvius und Appius Claudius vom Stadtprätor Publius Cornelius Sulla angestellt. Seitdem hatten sie alle Stadtprätoren der Reihe nach begangen, sie gelobten sie aber nur auf das eine Jahr und feierten sie auf einen unbestimmten Tag. In diesem Jahre wurde die 383 Stadt und ihre Gegend von einer schweren Pest heimgesucht, die aber mehr zu langwierigen als tödlichen Krankheiten ausschlug. Dieser Seuche wegen wurden in der ganzen Stadt auf den Kreuzwegen Betübungen angestellt, und der Stadtprätor Publius Licinius Varus mußte bei dem Gesamtvolke darauf antragen, daß die Feier dieser Spiele auf immer, auf einen festgesetzten Tag, verheißen sein sollte. Er war der erste, der sie auf diese Bedingung gelobete und am fünften Quinctilis beging. Dieser Tag blieb nachher ein unbeweglicher Festtag. 24. Das über die Stadt Arretium sich verbreitende Gerücht wurde täglich schlimmer und für die Väter beunruhigender. Deswegen schrieben sie dem Cajus Hostilius, er möge die Abforderung der Arretinischen Geisel nicht aufschieben, und Cajus Terentius Varro wurde mit der Vollmacht eines Oberfeldherrn hingeschickt, um sie sich von ihm zur Ablieferung nach Rom übergeben zu lassen. Als dieser ankam, ließ Hostilius sogleich eine Legion, die ihr Lager vor der Stadt hatte, in die Stadt einrücken, stellte an den gehörigen Plätzen Wachen aus und forderte auf dem Markte von den vor ihn beschiedenen Senatoren Geisel. Als sich der Senat zwei Tage Bedenkzeit ausbat, kündigte er ihnen an, sie müßten sie entweder sogleich stellen, oder er werde morgen lauter Senatorenkinder nehmen. Darauf erhielten die Kriegstribunen, die Obersten der Bundsgenossen und die Hauptleute Befehl, die Thore zu besetzen, damit niemand bei Nacht aus der Stadt ginge. Dies wurde nicht schnell und thätig genug vollzogen. Sieben der ersten Senatoren entkamen noch vor Nacht mit ihren Kindern, ehe die Wachen an den Thoren ausgestellt waren. Tages darauf, als am frühen Morgen der Senat auf den Markt gefordert wurde, vermißte man sie und verkaufte ihre Güter. Von den übrigen Senatoren nahm man hundert und zwanzig Geisel, ihre eigenen Kinder, in Empfang und lieferte sie dem Cajus Terentius zur Abführung nach Rom. Dieser gab der Sache vor dem Senate in allen Stücken ein noch verdächtigeres Ansehen, als sie schon gehabt hatte. Also 384 erhielt, gleich als wäre ein Hetrusker-Aufstand schon im Ausbruche, er selbst, Cajus Terentius, Befehl, eine von den beiden Stadtlegionen nach Arretium zu führen und sich mit ihr dort in Besatzung zu legen. Mit dem übrigen Heere sollte Cajus Hostilius in der ganzen Provinz umherziehen und Alles abwenden, was ihnen bei ihrer Lust zur Umwälzung zu statten kommen könnte. Als Cajus Terentius mit der Legion zu Arretium ankam, forderte er der Stadtobrigkeit die Thorschlüssel ab. Als sie ihm antworteten, sie wären nicht zu finden, und er vermuthete, sie möchten eher absichtlich weggeschafft als aus Nachlässigkeit verloren gegangen sein, belegte er die sämtlichen Thore mit neuen Schlössern, und ließ sichs eifrig angelegen sein, Alles in seiner Gewalt zu haben. Den Hostilius forderte er ernstlich auf, seine ganze Hoffnung, daß die Hetrusker keine Unruhen anfangen würden, nur darein zu setzen, wenn er dafür sorgte, daß sie keine anfangen könnten . 25. Nun kam im Senate die Angelegenheit der Tarentiner unter lebhaften Erörterungen zur Sprache, und zwar in Gegenwart des Fabius, der seine Überwundenen in Schutz nahm, da Andre auf sie erbittert und großentheils geneigt waren, sie für eben so schuldig und strafbar zu erklären, als die Campaner. Der Senatsschluß wurde so abgefaßt, wie Manius Acilius gestimmet hatte: die Stadt sollte mit einer Besatzung belegt werden, die sämtlichen Tarentiner sich auf ihre Mauern beschränken, und ihre Sache demnächst, wenn Italien mehr Ruhe habe, von neuem zum Vortrage gebracht werden. Über den Marcus Livius, den Befehlshaber der Tarentinischen Burg, entstand ein eben so lebhafter Streit; denn Einige stimmten dahin, es ihm in einem Senatsschlusse zu verweisen, daß er als Befehlshaber durch seine Sorglosigkeit Tarent den Feinden preisgegeben habe; Andre trugen für ihn auf Belohnungen an, weil er doch die Burg fünf Jahre lang behauptet und man vorzüglich durch sein Zuthun Tarent wieder gewonnen habe; und zwischen beiden in der Mitte behaupteten die Dritten, die Untersuchung über ihn 385 gehöre vor die Censorn, nicht vor den Senat. Dieser Meinung trat auch Fabius bei, doch fügte er hinzu: «Er gestehe, daß Tarent durch Zuthun des Livius wieder erobert sei; wie dessen Freunde so laut im Senate gerühmt hätten; denn die Wiedereroberung würde ja nicht möglich gewesen sein, wenn es nicht verloren gewesen wäre.» Der eine von den Consuln, Titus Quinctius Crispinus ging mit den Ergänzungstruppen nach Lucanien zu dem Heere, welches Quintus Fulvius Flaccus gehabt hatte. Den Marcellus hielten noch die frommen Bedenklichkeiten, die sich ihm eine nach der andern aufdrängten. Dahin gehörte, daß die Oberpriester ihm die Weihe des Tempels nicht gestatten wollten, den er im Gallischen Kriege bei Clastidium dem Honos und der Virtus verheißen hatte. Sie behaupteten, Eine Götterwohnung könne nicht gut Zweien gewidmet werden, denn wenn der Blitz hineinschlüge, oder sich sonst ein Wunderzeichen darin ereignete, so habe die Sühne ihre Schwierigkeiten, weil man nicht wissen könne, welcher von beiden Gottheiten das Opfer zu bringen sei; denn dasselbe Opferthier Zweien zugleich zu weihen, es müßten denn gewisse Gottheiten sein, gehöre sich nicht. So wurde in beeiltem Baue für die Virtus noch ein Tempel angehängt; wiewohl er selbst die Weihe beider nicht vollzog. Nun endlich ging er mit den Ergänzungstruppen zu dem Heere ab, welches er im vorigen Jahre zu Venusia gelassen hatte. Crispinus, in dessen Augen sich Fabius durch die Eroberung von Tarent so großen Ruhm erworben, hatte zur Belagerung von Locri im Bruttischen alle Arten von Wurfgeschütz und Maschinen aus Sicilien kommen lassen: auch waren Schiffe von dort hieher beschieden, welche die Stadt von der Seeseite bestürmen sollten. Diese Belagerung unterblieb, weil Hannibal schon bis Lacinium vorgerückt war, und auch dem Crispinus das Gerücht sagte, sein Amtsgenoß, mit dem er sich vereinigen wollte, sei schon mit dem Heere von Venusia aufgebrochen. Also ging er aus dem Bruttischen nach Apulien zurück, und zwischen Venusia und Bantia standen beide 386 Consuln, nicht volle dreitausend Schritte aus einander, in zwei Lagern. Als Hannibal den Angriff auf Locri abgewandt hatte, zog auch er wieder in jene Gegend. Hier rückten nun die Consuln, beide voll Unternehmungsgeist, beinahe täglich zur Schlacht aus, in der gewissen Hoffnung, wenn es der Feind mit zwei vereinigten consularischen Heeren aufnähme, dem Kriege ein Ende zu machen. 26. So wie sich Hannibal, weil er im vorigen Jahre bei seinem zweimaligen Zusammentreffen mit dem Marcellus Sieger und Besiegter gewesen war, wenn er jetzt nur wieder mit ihm allein kämpfen sollte, zur Hoffnung und zur Besorgniß berechtigt halten mußte, so hielt er sich doch beiden Consuln durchaus nicht gewachsen. So viel mehr sah er sich, ganz im Geiste seiner alten Schliche, nach einem Hinterhalte um. Indessen gab es zwischen beiden Lagern leichte Gefechte von wechselndem Ausgange. Da die Consuln, wenn sie auch glaubten, den Sommer damit hinbringen zu können, doch die Belagerung von Locri hierbei für thunlich hielten, so schrieben sie an den Lucius Cincius, er möchte mit seiner Flotte von Sicilien nach Locri übersetzen. Und damit die Mauern auch von der Landseite angegriffen würden, ließen sie von Tarent einen Theil des Heeres, das dort in Besatzung lag, heranrücken. Hannibal, der diese Vorkehrungen durch einige Thuriner erfuhr, ließ den Weg von Tarent besetzen. Hier nahmen unter der Höhe von Petelia dreitausend Mann Reuterei, zweitausend zu Fuß eine verdeckte Stellung, und da die ohne eingezogene Kunde heranrückenden Römer ihnen in die Hände fielen, so hatten sie einen Verlust von etwa zweitausend Todten und fast tausend zweihundert Gefangenen. Die andern kamen, als Flüchtlinge über die Felder und Waldungen zerstreuet, nach Tarent zurück. Zwischen dem Punischen und Römischen Lager war ein waldiger Hügel, anfangs von beiden unbesetzt: denn die Römer wußten nicht, wie er auf der dem feindlichen Lager zugekehrten Seite aussehe, und Hannibal hielt ihn für tauglicher zu einem Hinterhalte, als zum Lager. 387 Deswegen hatte er auch einige bei Nacht dazu ausgeschickte Numidische Geschwader mitten im Walde versteckt, von denen bei Tage niemand vom Posten ging, um so wenig Waffen als Leute in der Ferne sichtbar werden zu lassen. Im Römischen Lager rief man durchgängig, der Hügel müsse besetzt und mit einer Schanze belegt werden, damit man nicht, wenn ihn Hannibal besetze, den Feind wie auf dem Nacken habe. Marcellus, der darauf hörte, sagte seinem Amtsgenossen: «Sollen wir selbst mit einiger Reuterei hingehen, ihn zu erkunden? Die Ansicht wird uns so viel sicherer bestimmen.» Als Crispinus einwilligte, rückten sie mit zweihundert und zwanzig Rittern aus, von denen vierzig Fregellaner, die übrigen Hetrusker waren. Mit ihnen gingen als Obersten Marcus Marcellus, Sohn des Consuls, und Aulus Manlius, und ebenfalls zwei Obersten der Bundesgenossen, Lucius Arennius und Manius Aulius. Einige Schriftsteller haben die Erzählung aufbewahrt: Consul Marcellus habe an dem Tage geopfert. Bei dem zuerst ausgeschlachteten Opferthiere habe an der Leber ein Lappen gefehlt: bei dem zweiten habe sich Alles, wie gewöhnlich, gezeigt, ja man habe sogar den einen Lappen übergroß gefunden, und dies sei dem Opferschauer gar nicht lieb gewesen, daß sich nach Erscheinung des Verstümmelten und Misgestalteten gleich etwas Übererfreuliches gezeigt habe. 27. Allein bei dem Consul Marcellus war die Begierde, mit Hannibal zu schlagen, so groß, daß ihm nie Lager an Lager nahe genug stand. Auch jetzt gab er, schon im Wegreiten aus dem Lager, Befehl, der Soldat solle sich schlagfertig auf seiner Stelle Ad locum.] – Ich nehme hier nicht paratus ad locum zusammen, sondern verstehe ad locum für in loco, wie ad urbem, ad Capuam, ad aedem u. s. w. Quisque in tentorio paratus (ad pugnam) esset; nemo pabulatum, lignatum, ambulatum ex castris abiret. – Ich sehe jetzt, daß Hr.  Walch S. 24. dies noch mit andern Beispielen belegt. halten, um sogleich, falls ihnen der Hügel, den sie jetzt in Augenschein nehmen wollten, gefiele, aufbrechen und folgen zu können. Vor dem Lager war eine kleine Feldstrecke; von da führte ein auf allen Seiten offener und 388 übersehbarer Weg zum Hügel. Den Numidern gab ihr Auflaurer, den sie wahrlich nicht in Hoffnung eines so großen Fangs ausgestellt hatten, sondern nur, um kleine Streifparteien aufheben zu können, die sich etwa bei Futter- oder Holzholungen zu weit vom Lager entfernten, das Zeichen, auf einmal aus ihren verschiedenen Winkeln hervorzubrechen. Die, welche dem Feinde gerade entgegen von der Höhe her aufbrechen mußten, kamen ihm nicht eher zu Gesichte, bis ihn die, welche ihm den Weg im Rücken abschneiden sollten, schon umgangen hatten. Da brachen Alle von allen Seiten hervor und thaten mit Feldgeschrei den Angriff. Ob sich gleich die Consuln in einem Thale befanden, aus dem sie weder zu der vom Feinde besetzten Höhe hinaufdringen, noch sich zurückziehen konnten, weil sie im Rücken umzingelt waren, so hätte sich doch der Kampf länger fortsetzen lassen, wenn nicht die Hetrusker durch ihren Anfang zur Flucht die übrigen bestürzt gemacht hätten. Dennoch gaben die von den Hetruskern im Stiche gelassenen Fregellaner das Gefecht nicht auf, so lange noch die Consuln unverwundet durch ihre Ermunterungen und selbst für ihren Theil als Mitstreiter die Sache hinhielten. Als sie aber beide Consuln verwundet, den Marcellus sogar, von einer Lanze durchbohrt, sterbend vom Pferde sinken sahen, so machten auch sie – es waren aber nur sehr wenige übrig – mit dem von zwei Wurfspießen getroffenen Consul Crispinus, und dem jungen ebenfalls verwundeten Marcellus sich davon. Der Oberste Aulus Manlius blieb auf dem Platze, und von den beiden Obersten der Bundsgenossen wurde Manius Aulius getödtet, Lucius Arennius gefangen. Auch fielen den Feinden fünf Lictoren der Consuln in die Hände; die übrigen wurden entweder getödtet oder entkamen mit dem Consul. Dreiundvierzig Ritter fielen entweder im Gefechte oder auf der Flucht; achtzehn wurden gefangen. Auch im Lager war man in Bewegung gerathen, um den Consuln zu Hülfe zu eilen, als man schon den einen Consul und den Sohn des andern, beide verwundet, mit dem kleinen Reste der unglücklichen Unternehmung auf das 389 Lager zukommen sah. Der Tod des Marcellus, an sich schon bedaurenswerth, war es dadurch noch mehr, daß er weder seinen Jahren, – denn er war schon über sechzig – noch der Klugheit eines alten Feldherrn gemäß, so unvorsichtig sich selbst, seinen Mitconsul und beinahe den ganzen Stat ins Verderben stürzte. Ich würde mich bei diesem Einen Umstande auf viele Nebenwege einlassen müssen, wenn ich die verschiedenen Angaben der Geschichtschreiber über den Tod des Marcellus sämtlich verfolgen wollte. Um der andern nicht zu erwähnen; Lucius Cölius allein stellt den Gang der Begebenheit in einem dreifachen Verfolge auf; in dem einen, wie das Gerücht sie erzählt habe; in dem andern, wie sie in der vom Sohne, einem Augenzeugen, gefertigten Leichenrede zu lesen sei; und im dritten, wie er sie selbst seinen Untersuchungen und Erfahrungen gemäß berichte. So verschieden indeß die Aussagen sind, so erzählen doch die meisten, daß Marcellus bei einem Ritte aus dem Lager, zur Besichtigung einer Gegend, und alle, daß er in einem Hinterhalte gefallen sei. 28. Hannibal, der es sich dachte, wie sehr der Tod des einen, und die Verwundung des andern Consuls die Feinde geschreckt haben müsse, verlegte sein Lager sogleich, um keine Gelegenheit unbenutzt zu lassen, auf den Hügel, wo sie gefochten hatten. Hier fand man den Körper des Marcellus, den er begraben ließ. Crispinus, muthlos durch den Tod seines Mitconsuls und seine eigne Wunde, brach in der folgenden Nacht in aller Stille auf und nahm sein Lager auf den nächsten Bergen, die er erreichen konnte, in einer hohen ringsum gedeckten Stellung. Hier boten die Feldherren beide ihre Schlauheit auf, der Eine, jenem einen Streich zu spielen, der Andre, sich dagegen zu verwahren. Mit des Marcellus Leiche war auch sein Siegelring in Hannibals Hände gekommen. Aus Besorgniß, der Punische Feldherr möge durch eine Täuschung mit dem Petschafte irgend jemand belisten, hatte Crispinus die nächsten Städte mit der Anzeige beschickt, sein Mitconsul sei gefallen, und dessen Siegelring 390 in Feindes Händen: sie möchten keinem Briefe unter Marcellus Namen trauen. Eben war dieser Bote vom Consul zu Salapia angekommen, als ein Brief von Hannibal, in Marcells Namen abgefaßt, die Bestellung machte: «Er werde in der nächstfolgenden Nacht zu Salapia eintreffen. Die Truppen der Besatzung sollten sich bereit halten, wenn er etwa ihre Dienste nöthig habe.» Die Salapitaner durchschauten die List; und weil sie fürchteten, seine Rache suche nur Gelegenheit, sie theils für ihren Abfall, theils für seine getödtete Reuterei, Man sehe B. XXVI. C. 38. zur Strafe zu ziehen, so vertheilten sie nach Zurücksendung des Boten – es war aber ein Römischer Überläufer – um den Soldaten bei ihren Vorkehrungen freie Hand zu lassen, ihre Bürger auf die Mauern und dazu sich eignenden Stadtplätze, und besorgten die Anstellung der Posten und Wachen für diese Nacht mit vieler Pünktlichkeit. An dem Thore, wo sie die Ankunft des Feindes erwarten mußten, stellten sie ihm die ganze Stärke der Besatzung entgegen. Hannibal kam gegen die vierte Nachtwache vor der Stadt an. Den Vortrab machten die Römischen Überläufer, die auch Römische Waffen hatten. Als sich diese dem Thore näherten, riefen sie, alle in Lateinischer Sprache, die Wachen an und hießen sie das Thor öffnen: der Consul sei da. Die Wachen, gleich als kämen sie durch ihren Anruf aus dem Schlafe, machten sich laut, thaten sehr eilig und arbeiteten am Thore. Es war durch ein niedergelassenes Fallgatter gesperrt. Dies lüfteten sie theils mit Hebebäumen, theils zogen sie es durch Seile so weit in die Höhe, daß man aufrecht darunter weggehen konnte. Kaum war der Durchgang groß genug, als die Überläufer wetteifernd zum Thore hereinstürzten: und als ihrer beinahe sechshundert eingedrungen waren, stürzte das Fallgatter, weil das Seil, an dem es hing, nachgelassen wurde, mit großem Geprassel nieder. Nun fielen die Salapitaner hier auf die Überläufer, die ihre Waffen 391 noch vom Marsche nachlässig, wie in Freundes Lande, auf den Schultern hängen hatten; dort trieben sie vom Thurme des Thors und von den Mauern herab den Feind mit Steinen, Pfählen und Wurfpfeilen zurück. So mußte Hannibal, in seiner eignen Schlinge gefangen, hier abziehen. Er machte sich nun auf den Weg, die Stadt Locri zu entsetzen, welche Cincius aus allen Kräften mit Werken und aus Sicilien herbeigeführtem Wurfgeschütze aller Art bestürmte. Dem Mago, der schon beinahe den Muth aufgab, die Stadt zu behaupten und den Feind abzuhalten, ging der erste Strahl von Hoffnung auf, als er den Tod des Marcellus erfuhr. An diese Nachricht schloß sich die zweite: Hannibal, der die Numidische Reuterei vorangehen lasse, komme selbst mit dem Fußvolke in den schnellsten Eilmärschen herangezogen. Sobald ihm also das von den Warten ihm mitgetheilte Zeichen die Ankunft der Numider verkündigte, brach auch er aus einem plötzlich geöffneten Thore mit dreister Kühnheit auf die Feinde ein. Und anfangs blieb das Gefecht unentschieden, mehr weil er sie überrascht hatte, als weil er ihnen gewachsen gewesen wäre. Als aber nachher die Numider dazu kamen, wurde die Bestürzung unter den Römern so groß, daß sie allenthalben, mit Hinterlassung ihrer Werke und Maschinen, die sie zum Stoße auf die Mauern gebraucht hatten, dem Meere und ihren Schiffen zueilten. So nahm durch Hannibals Ankunft die Belagerung von Locri ein Ende. 29. Als Crispinus sah, daß sich Hannibal in das Bruttische gezogen habe, trug er dem Obersten Marcus Marcellus auf, das Heer, welches sein Mitconsul befehligt hatte, nach Venusia abzuführen. Er selbst, mit seinen Legionen schon auf dem Wege nach Capua, auf dem er bei seinen schweren Wunden kaum die Bewegung der Sänfte ertragen konnte, meldete durch einen Brief den Tod seines Amtsgenossen und seine eigene bedenkliche Lage nach Rom. «Er könne zu den Wahlversammlungen nicht nach Rom kommen, theils weil man es ihm nicht zutraue, die Beschwerden der Reise aushalten zu 392 können, theils weil er für Tarent besorgt sei, wenn sich Hannibal aus dem Bruttischen dort hinwenden sollte. «Es sei nöthig, ihn durch Absendung einiger einsichtsvollen Männer in den Stand zu setzen, daß er seine Vorschläge in Hinsicht des States mündlich thun könne.» Dieser vorgelesene Brief erregte gleich große Trauer über den Tod des einen und Besorgniß wegen des andern Consuls. Also schickte man nicht bloß zum Heere nach Venusia den Quintus Fabius, den Sohn, sondern auch an den Consul drei Abgeordnete, den Sextus Julius Cäsar, Lucius Licinius Pollio, Lucius Cincius Alimentus, der kaum einige Tage vorher aus Sicilien zurückgekommen war. Sie mußten dem Consul sagen, wenn er selbst zu den Wahlversammlungen nach Rom nicht kommen könne, so möge er auf Römischem Boden einen Dictator zur Haltung der Wahlen ernennen. Falls der Consul schon nach Tarent abgegangen sei, finde man es nöthig, den Prätor Quintus Claudius mit den Legionen von dort in eine Gegend rücken zu lassen, wo er die meisten verbündeten Städte decken könne. In diesem Sommer ging Marcus Valerius mit der Flotte von hundert Schiffen aus Sicilien nach Africa über, und nach einer bei der Stadt Clupea bewerkstelligten Landung verheerte er, fast ohne einem Bewaffneten zu begegnen, das Land weit umher. Aber eilig warfen sich die Plünderer wieder auf ihre Schiffe, weil ihnen unerwartet das Gerücht von Annäherung einer Punischen Flotte zu Ohren kam. Sie bestand aus dreiundachtzig Schiffen. Nicht weit von Clupea hatten die Römer mit ihr ein glückliches Gefecht. Sie nahmen achtzehn Schiffe, schlugen die übrigen in die Flucht und kehrten reich an Beute, die sie zu Lande und zur See gemacht hatten, nach Lilybäum zurück. In diesem Sommer kam auch Philipp den Achäern auf ihre Bitte zu Hülfe. Der Lacedämonische Zwingherr Machanidas bedrängte sie als Nachbar mit Kriege, und von den Ätolern, welche mit einem Heere über die, von den Einwohnern Rhion genannte, Naupactus und Paträ 393 scheidende, Meerenge setzten, waren sie ausgeplündert. Auch sagte man, Attalus, König von Asien, werde nach Europa herüberkommen, weil ihm die Ätoler auf ihrer letzten Versammlung die höchste obrigkeitliche Stelle ihres Landes übertragen hätten. 30. Als Philipp aus diesen Gründen nach Griechenland herabzog, stießen ihm bei der Stadt Lamia die Ätoler auf, unter ihrem Feldherrn Pyrrhias, den sie für dies Jahr nebst dem abwesenden Attalus zum Prätor gewählt hatten. Auch standen Hülfsvölker vom Attalus bei ihnen, und fast tausend Mann von der Römischen Flotte, die ihnen Publius Sulpicius geschickt hatte. Gegen diesen Feldherrn und diese Truppen focht Philipp zweimal mit glücklichem Erfolge. In beiden Gefechten tödtete er an tausend Feinde. Als sich die Ätoler hiedurch geschreckt auf die Mauern der Stadt Lamimia beschränkten, ging Philipp mit seinem Heere nach Phalara zurück. Dieser Ort liegt an dem Maliacischen Meerbusen, und war vormals wegen seines herrlichen Hafens, der sichern Ankerplätze in seiner Nähe und bei so manchen ihm zu Wasser und zu Lande eigenen Vortheilen sehr bevölkert. Hier fanden sich Gesandte von Ägyptens Könige Ptolemäus, von den Rhodiern, Athenern und Chiern ein, um den Krieg zwischen Philipp und den Ätolern beizulegen. Die Ätoler zogen auch von ihren Nachbaren den König der Athamanen, Amynander, als Friedensvermittler mit dazu. Bei allen aber war dies nicht sowohl Sorge für die Ätoler, deren Trotz für die Sinnesart jedes Griechischen Volks viel zu groß war, als vielmehr die, daß sich Philipp und Macedonien, von denen einst für die Freiheit zu fürchten war, in Griechenlands Angelegenheiten mischen möchten. Die Berathschlagung über den Frieden wurde bis zur Versammlung der Achäer verschoben, und zu dieser Versammlung Ort und Tag angesetzt, indeß aber ein Waffenstillstand von dreißig Tagen bewilligt. Der König, der von hier aufbrach, kam durch Thessalien und Böotien nach Chalcis auf Euböa, um dem Attalus, von dem er gehört hatte, er werde mit seiner Flotte auf Euböa zusteuren, die Hafen und die Anfahrt an die Küste zu 394 verwehren. Nach seinem Aufbruche von hier, wo er einige Mannschaft gegen den Attalus zurückließ, wenn dieser unterdessen übersetzen sollte, kam er nur mit wenigen Reutern und Leichtbewaffneten nach Argos. Von hier, wo ihm die Besorgung der Junonischen und Nemeischen Spiele durch Stimmenwahl des Volks übertragen wurde, weil die Macedonischen Könige ihre Abkunft aus dieser Stadt herleiten, ging er, so wie die Junonischen Spiele beendigt waren, unmittelbar nach der Feierlichkeit, nach Ägium zu der schon längst dorthin beschiedenen Versammlung seiner Bundesgenossen. Hier besprach man sich über die Beendigung des Ätolischen Krieges, damit weder die Römer, noch Attalus einen Vorwand hätten, Griechenland zu betreten. Dies Alles wurde, beinahe noch vor Ablauf des Waffenstillstandes, durch die Ätoler wieder umgeworfen, sobald sie nur hörten, daß Attalus nach Ägina gekommen sei und daß bei Naupactus eine Römische Flotte stehe. Denn als sie in die Versammlung der Achäer gerufen waren, in welcher sich dieselben Gesandschaften einfanden, die zu Phalara den Frieden zu bewirken suchten, so beklagten sie sich zuerst über einige Kleinigkeiten, welche während des Waffenstillstandes gegen die Verabredung vorgefallen waren, und am Ende erklärten sie, der Krieg könne nicht beigelegt werden, wofern nicht die Achäer den Messeniern Pylus wiedergäben, die Römer die Landschaft Atintania zurückbekämen, und Skerdilädus und Pleuratus das Land der Ardyäer. Voll höheres Unwillens, daß seine Besiegten ihm, dem Sieger, sogar Bedingungen vorschreiben wollten, sagte Philipp: «Er habe schon vorher den Friedensvorschlägen nicht etwa deswegen Gehör gegeben oder den Waffenstillstand bewilligt, weil er von Seiten der Ätoler die mindeste Friedfertigkeit erwartet habe, sondern um alle Bundesgenossen zu Zeugen zu haben, daß er selbst es auf den Frieden, jene aber auf Krieg angelegt hätten.» Als er die Versammlung, ohne Frieden geschlossen zu haben, entlassen hatte, ließ er den Achäern zum Schutze viertausend Mann seiner Truppen hierbleiben, und sich dagegen von ihnen fünf 395 Linienschiffe geben. Denn er hatte sich vorgenommen, wenn er diese mit der ihm neulich zugeschickten Carthagischen Flotte und mit jenen Schiffen vereinigt hätte, welche aus Bithynien vom Könige Prusias unterwegs waren, den Römern, welche lange schon in dieser Gegend zu Meere die Oberhand hatten, eine Schlacht anzubieten. Er selbst ging von jener Versammlung nach Argos zurück; denn die Zeit der Nemeischen Spiele ruckte heran, welche er durch seine Gegenwart glänzender machen wollte. 31. Indeß sich der König mit Veranstaltung der Spiele beschäftigte und während der Feiertage sich der Abspannung mit größerer Ungebundenheit überließ, als Kriegszeiten sie gestatten, landete Publius Sulpicius, der von Naupactus mit seiner Flotte absegelte, zwischen Sicyon und Corinth, und verheerte die durch ihre Fruchtbarkeit so berühmte Gegend weit und breit. Das Gerücht hiervon störte den Philipp von den Spielen auf. Nach einem raschen Zuge mit seiner Reuterei, auf dem seine Fußvölker ihm folgen mußten, überfiel er die Römer, die sich, ohne so etwas zu ahnen, allenthalben in den Dörfern zerstreut und mit Beute beladen hatten, und jagte sie auf die Schiffe. So kehrte die Römische Flotte, welcher das Beutemachen gar nicht gut bekommen war haud quaquam laeta praeda.] Nach Crevier: haudquaquam laetâ praedâ. (Cui praedatio haudquaquam laetabilis facta erat.) , nach Naupactus zurück. Der Ruf dieses, wenn auch unbedeutenden, doch über Römer erfochtenen Sieges machte auch für Philipp die Feierlichkeit der noch übrigen Spiele so viel festlicher, und man beging die Feiertage mit ungemeiner Freude; um so viel mehr noch, weil er mit Ablegung seines Kopfschmucks, seines Purpurs und des übrigen königlichen Anzuges, sich im Äußern Allen gleichstellte, was in Freistaten so wohl aufgenommen wird. Auch würde er ihnen dadurch Hoffnung für die Sicherheit ihrer Freiheit gemacht haben, wenn er nicht dies Alles durch empörende Wollüste verunehrt und entwürdigt hätte. So aber durchschwärmte er mit Einem oder Zweien seines Gefolges bei Tage und bei Nacht die Häuser, wo es Ehen gab; je weniger er auffiel, weil 396 er seine Höhe auf den Fuß eines Privatmannes herabstimmte, desto mehr erlaubte er sich, und machte von aller Freiheitsliebe, die er gegen Andre aus Eitelkeit blicken ließ, nur für seine Zügellosigkeit Gebrauch. Und nicht immer erkaufte oder erschmeichelte er die Gunstbezeugungen: er lieh seinen schändlichen Zwecken auch Gewalt; und Gatten und Ältern liefen Gefahr, wenn sie mit ungefälliger Strenge einem Lustgenusse des Königs in den Weg traten. Sogar einem der vornehmsten Achäer, Aratus Dieser war Aratus der jüngere. Der berühmte Stifter des Achäischen Bundes war sein Vater. Crevier. , ließ er die Frau, Polycratia hieß sie, wegnehmen und unter Versprechung des königlichen Beilagers nach Macedonien bringen. Nachdem er unter solchen Schandthaten die Feier der Nemeischen Spiele hingebracht und hier noch einige Tage zugegeben hatte, brach er auf, um die Ätolische Besatzung, welche die Eleer gerufen und in die Stadt genommen hatten, zu verjagen. Cycliadas, der Oberfeldherr, und seine Achäer stießen bei Dymä zu dem Könige, theils aus Haß gegen die Eleer, weil sie sich vom Bunde der übrigen Achäer ausgeschlossen hatten, theils aus Erbitterung gegen die Ätoler, denen sie es beimaßen, daß auch die Römer Krieg mit ihnen angefangen hätten. Nach ihrem Aufbruche von Dymä gingen sie mit vereintem Heere über den Strom Larisus, der das Gebiet von Elis vom Dymäischen scheidet. 32. Den ersten Tag, an welchem sie über die feindliche Gränze zogen, brachten sie mit Plündern zu. Am folgenden rückten sie in Schlachtordnung den Eleern vor die Stadt, und schickten die Reuterei voran, welche durch nahes Schwärmen an den Thoren die zu Ausfällen gleich fertigen Ätoler reizen sollte. Sie wußten aber nicht, daß Sulpicius mit funfzehn Schiffen von Naupactus nach Cyllene hinübergesetzt, mit viertausend Mann gelandet, und um seinen Anzug zu verheimlichen, in der Stille der Nacht in Elis eingerückt war. Daher setzte sie die Überraschung in großen Schrecken, als sie zwischen den Ätolern und Eleern Römische Fahnen und Truppen erblickten. Und anfangs hatte der König seine Truppen zurückziehen 397 wollen; weil er aber in dem Gefechte, auf welches sich die Ätoler und die Trallen, ein Illyrisches Volk, schon eingelassen hatten, die Seinigen leiden sah, so sprengte auch er mit seiner Reuterei auf eine Römische Cohorte. Da hier das Pferd, mit einem Wurfpfeile durchschossen, den über Kopf abgeworfenen König zur Erde schleuderte, so wurde der Kampf von beiden Seiten heftig, weil die Römer auf den König eindrangen, und ihn die Seinigen beschützten. Und der König focht nicht ohne Auszeichnung, da er sich zu Fuß unter lauter Reuterei zum Kampfe gezwungen sah. Als endlich der Streit schon ungleich wurde, und viele um den König her sanken und Wunden bekamen, begab er sich, durch die Seinigen weggerissen und auf ein anderes Pferd gesetzt, auf die Flucht. An dem Tage noch nahm er sein Lager fünftausend Schritte von der Stadt Elis. Tags darauf rückte er mit allen Truppen gegen eine kleine Feste, der Thurm genannt, wohin sich, wie er erfuhr, eine Menge Landleute aus Furcht vor Plünderung mit ihren Heerden geflüchtet hatte. Diese ungeordnete und wehrlose Menge machte er bei seiner Ankunft gleich im ersten Schrecken zu Gefangenen, und bekam an dieser Beute für den bei Elis erlittenen Schimpf Ersatz. Als er die Beute und die Gefangenen vertheilte, – es waren viertausend Menschen, und an Vieh edler Art an zwanzigtausend Stück – kam die Nachricht aus Macedonien, daß ein gewisser Eropus, von dem sich der Befehlshaber der Besatzung habe bestechen lassen, sich der Stadt Lychnidus bemächtigt, einige Flecken im Gebiete der Dassaretier besetzt habe, und auch die Dardaner aufwiegele. Da er also vom Achäischen Kriege in so weit abtrat, daß er doch noch zweitausend fünfhundert Mann an Truppen aller Art unter Anführung des Menippus und Polyphantes zum Schutze seiner Bundesgenossen zurückließ, brach er von Dymä auf und kam durch Achaja, Böotien und über Euböa in zehn Tagemärschen zu Demetrias in Thessalien an. 33. Hier kamen ihm schon andere Boten mit der Nachricht von einem noch größeren Aufstande entgegen. 398 Die Dardaner, welche in Macedonien eingebrochen wären, hätten schon die Landschaft Orestis besetzt und sich in die Argestäische Ebene herabgezogen; auch habe sich unter den Barbaren das Gerücht verbreitet, daß Philipp getödtet sei. Auf jenem Zuge, als er in der Gegend von Sicyon das Gefecht mit den Plünderern hatte, hatte er durch einen Satz seines Pferdes gegen einen Baum an einem hervorstehenden Aste das eine Horn seines Helms abgebrochen. Ein Ätoler hatte es gefunden; und da es nach Ätolien an den Skerdilädus kam, welcher den Helm, den es schmückte, kannte, so wurde dadurch der Ruf vom Tode des Königs allgemein. Nach dem Abzuge des Königs aus Achaja vereinigte sich Sulpicius, der mit seiner Flotte nach Ägina ging, mit dem Attalus. Die Achäer lieferten den Ätolern und Eleern nicht weit von Messene ein glückliches Treffen. König Attalus und Publius Sulpicius überwinterten auf Ägina . Am Ende dieses Jahrs starb der Consul Titus Quinctius Crispinus, nachdem er den Titus Manlius Torquatus zur Haltung der Wahlversammlungen und Spiele zum Dictator ernannt hatte, an seiner Wunde; Einige sagen, zu Tarent, Andere, in Campanien, So hinterließen, was noch in keinem Kriege der Fall gewesen war, beide Consuln, die nicht einmal in einer denkwürdigen Schlacht fielen, den Stat gleichsam verwaiset. Der Dictator Manlius ernannte den damaligen Curulädil Cajus Servilius zu seinem Magister Equitum. Am ersten Tage seiner Zusammenkunft befahl der Senat dem Dictator, die Großen Spiele anzustellen, welche der Stadtprätor Marcus Ämilius unter den Consuln Cajus Flaminius und Cneus Servilius angestellt und auf alle fünf Jahre gelobet hatte. Der Dictator besorgte die Spiele und gelobte sie wieder auf das nächste Schatzungsopfer. Da nun zwei consularische Heere ohne Feldherren in einer solchen Nähe des Feindes standen, so beschäftigte die Väter und das Volk mit Beiseitsetzung alles Andern die Hauptsorge, je eher je lieber Consuln zu wählen, und zwar ganz vorzüglich solche zu wählen; die sich bei ihrer Tapferkeit auch gehörig gegen 399 Punische List zu sichern wüßten. «Denn außerdem, daß in diesem ganzen Kriege die vorschnellen und hitzigen Köpfe der Feldherren nur Schaden gestiftet hätten, so wären selbst in diesem Jahre beide Consuln über ihre Sucht, sich mit dem Feinde zu messen, in eine unvorhergesehene Schlinge gefallen. Allein aus Mitleid mit dem Römerstamme hätten die unsterblichen Götter der unschuldigen Soldaten geschont, und ihr Misfallen an der Unbesonnenheit der Consuln durch den über sie selbst verhängten Tod offenbaret.» 34. Als sich die Väter nach Männern umsahen, die sie zu Consuln machen könnten, fiel ihnen vor allen andern Cajus Claudius Nero auf. Für ihn suchte man nun einen Amtsgenossen: denn ihn selbst hielten sie freilich für einen vortrefflichen Mann, allein auch für rascher und unternehmender, als die Verhältnisse des Krieges und ein Feind Hannibal ihn verlangten: seinen unternehmenden Geist glaubten sie durch einen als Mitconsul ihm an die Seite zu stellenden Mann von Bedacht und Einsicht mildern zu müssen. So ein Mann war Marcus Livius, der vor mehreren Jahren bei seinem Abgange vom Consulate durch einen Gerichtsspruch des Volks verurtheilt war. Dieser Schimpf war ihm so empfindlich gewesen, daß er auf das Land hinauszog und viele Jahre lang sich der Stadt und aller Zusammenkünfte enthielt. Beinahe schon im achten Jahre nach seiner Verurtheilung hatten ihn die Consuln Marcus Claudius Marcellus und Marcus Valerius Lävinus wieder in die Stadt geholt: allein noch immer ging er im abgetragenen Rocke mit langgewachsenem Hare und Barte, und legte in Miene und Aufzug das unverkennbare Bewußtsein des erlittenen Schimpfes zu Tage. Die Censoren Lucius Veturius und Publius Licinius zwangen ihn, sich scheren zu lassen, das trübe Äußere abzulegen, in den Senat zu kommen und andere öffentliche Verrichtungen zu übernehmen. Allein auch jetzt noch gab er seine Zustimmung mit einem Ja, oder trat zu einem Stimmgeber hinüber, bis er sich in der Sache eines seiner Verwandten, des Marcus Livius Macatus, dessen guter Name 400 gefährdet ward, genöthigt sah, vor dem Senate aufzutreten und seine Meinung vorzutragen. Der Redner, der nach so langer Zwischenzeit sich wieder hören ließ, zog aller Augen auf sich, und gab Gelegenheit, daß man äußerte: «Er habe das Unrecht vom Volke nicht verdient, und es sei für den Stat ein großer Verlust gewesen, in diesem schweren Kriege die Thätigkeit und den Rath eines solchen Mannes nicht benutzt zu haben. Dem Cajus Nero könne man weder den Quintus Fabius, noch den Marcus Valerius Lävinus zum Amtsgenossen geben, weil man zwei Consuln von Adel nicht wählen dürfe. Dies sei auch der Fall bei dem Titus Manlius, außerdem daß er schon einmal das angetragene Consulat ausgeschlagen habe und es auch wieder ausschlagen werde. Das würde ein herrliches Par Consuln sein, wenn man den Marcus Livius dem Cajus Claudius zum Amtsgenossen gäbe.» Auch das Volk wies den von den Vätern ausgegangenen Vorschlag nicht von der Hand. Nur Einer von der ganzen Bürgerschaft, gerade der Mann, dem die Ehrenstelle geboten wurde, verweigerte die Annahme, weil ihm die Bürger zu leichtsinnig wären. «Sie hätten mit ihm, als Beklagten im Trauergewande, kein Mitleiden gehabt, und jetzt trügen sie ihm gegen seinen Willen die blendende Toga an. Mit Ehrenämtern und Strafen behäuften sie denselben Mann. Wenn sie ihn für einen rechtschaffenen Mann hielten, warum sie ihn als den Schlechten und Strafwürdigen verurtheilt hätten? Hätten sie ihn schuldig befunden, wozu dem, dem das erste Consulat so übel anvertraut gewesen sei, ein zweites anvertrauen?» Diese und ähnliche Vorwürfe und Klagen verwiesen ihm die Väter, und erinnerten ihn, «auch Marcus Furius, den man doch aus der Verbannung zurückgerufen, habe die von ihrer Stelle verrückte Vaterstadt wieder eingesetzt. Die Härte «des Vaterlandes müsse man, wie die der Ältern, durch Dulden und Tragen mildern.» Alle drangen in ihn; und mit dem Cajus Claudius wurde Marcus Livius Consul. 35. Drei Tage nachher war Prätorenwahl. Die gewählten Prätoren waren Lucius Porcius Licinus, Cajus 401 Mamilius und die beiden Hostilius Cato, Aulus und Cajus. Nach Beendigung der Wahlen und Vollziehung der Spiele gingen der Dictator und Magister Equitum von ihrem Amte wieder ab. Cajus Terentius Varro wurde als Proprätor nach Hetrurien geschickt, weil aus dieser Provinz Cajus Hostilius (Tubulus) nach Tarent zu dem Heere gehen sollte, welches der Consul Titus Quinctius gehabt hatte. Auch sollte Lucius Manlius als Gesandter auf die jenseitige Küste gehen und zusehen, wie es dort stände. Zugleich sollte er, weil für diesen Sommer die Spiele zu Olympia bevorstanden, welche Griechenland durch eine äußerst zahlreiche Zusammenkunft verherrlichte, wenn er es der Feinde wegen mit Sicherheit könnte, diese Versammlung besuchen; um theils die während des Krieges dorthin verschlagenen Sicilianer, theils die vom Hannibal verwiesenen Tarentiner zur Heimkehr einzuladen und sie wissen zu lassen, daß ihnen das Römische Volk Alles, was sie vor dem Kriege gehabt hätten, wiedergebe. Weil dies Jahr so viele Gefahren mitzubringen schien und der Stat noch ohne Consuln war, so wünschte man, die nächstbestimmten Consuln, auf die sich Aller Augen richteten, sobald als möglich um die Plätze ihrer Bestimmung losen zu lassen, und früh genug zu erfahren, welchen Standort jeder von ihnen bekommen, welchen Feind er vor sich haben werde. Auch kam es im Senate über ihre Aussöhnung zur Sprache, wozu Quintus Fabius Maximus die Einleitung machte. Ihre Feindschaft nämlich war stadtkundig, und die Erbitterung und der Unwille auf Seiten des Livius noch durch sein Unglück vergrößert, weil er sich bei seinem Misgeschicke für den Verachteten hielt. Er also war auch der Unversöhnlichere, und behauptete: «Es bedürfe keiner Aussöhnung: sie würden Alles mit so viel mehr Eifer und Anstrengung betreiben, um nicht im Amtsgenossen den Feind auf ihre Kosten glänzen zu lassen.» Doch der Einspruch des Senats bestimmte sie, mit Beiseitsetzung alles Grolls, zur einträchtigen Führung der Geschäfte und Befolgung gemeinschaftlicher Plane. Ihre Standorte wurden ihnen, nicht wie im vorigen Jahre auf 402 vereinigtem Gebiete, sondern auf entgegengesetzten Punkten des äußersten Italiens angewiesen; dem Einen, als Gegner Hannibals, die Bruttier und Lucaner, dem Andern gegen den Hasdrubal, welcher sich schon den Alpen nähern sollte, Gallien. Von den zwei in Gallien und Hetrurien stehenden Heeren mit Zugabe der Stadttruppen, sollte sich der, dem das Los Gallien beschiede, eins nach Gefallen aussuchen. Wem aber sein Platz in Bruttien zufiele, sollte sich, nach Aushebung neuer Stadtlegionen, eins von den beiden Heeren der vorjährigen Consuln wählen. Das vom Consul nicht gewählte Heer sollte der Proconsul Quintus Fulvius übernehmen und auf ein Jahr den Oberbefehl behalten. Den Cajus Hostilius (Tubulus), den sie vorhin seinen Platz in Hetrurien gegen Tarent hatten vertauschen lassen, hießen sie jetzt Tarent gegen Capua vertauschen. Er bekam die eine Legion, welche voriges Jahr unter dem Fulvius gestanden hatte. 36. Die Besorgniß wegen Hasdrubals Annäherung gegen Italien nahm mit jedem Tage zu. Seinen Übergang nach Gallien hatten die Gesandten der Massilier zuerst gemeldet, auch den Eindruck, den seine Ankunft auf die Gallier gemacht habe, weil er eine Menge Goldes mitgebracht haben sollte, Hülfstruppen in Sold zu nehmen. Die mit den Massiliern von Rom aus zu näherer Erkundigung abgegangenen Gesandten Sextus Antistius und Marcus Räcius hatten berichtet, sie hätten mit Massilischen Wegweisern Leute ausgechickt, welche ihnen durch Vorschub ihrer Gastfreunde unter den Oberhäuptern der Gallier von Allem genauere Nachricht hätten geben müssen. Jetzt hielten sie es für ausgemacht, daß Hasdrubal mit seinem großen schon zusammengerückten Heere im nächsten Frühjahre über die Alpen gehen werde; und schon jetzt halte ihn nichts weiter ab, als daß ihm der Winter die Alpen sperre. An die Stelle des Marcus Marcellus wurde Publius Älius Pätus zum Vogelschauer gewählt und geweihet. Statt des vor zwei Jahren verstorbenen Marcus Marcius bekam Cneus Cornelius Dolabella die Weihe als Opferkönig Hoc eodem anno et]. Diese vier Worte verschiebe ich nach Creviers Vermuthung, der ich völlig beistimme, bis zu den Worten comitium tectum, und nehme die des folgenden Perioden Eo anno primum – – – in Italiam venisset vor die Worte Lustrum conditum herüber. Man sehe eine ähnliche Verirrung der Abschreiber, in unserm Buche oben Cap. 2. . In diesem Jahre wurde zum erstenmale seit Hannibals Ankunft in Italien ein Schatzungsopfer gehalten, von den Censorn Publius Sempronius Tuditanus und Marcus Cornelius Cethegus. Geschatzt wurden hundert und siebenunddreißig tausend einhundert und acht Bürger, eine beträchtlich kleinere Zahl, als sie vor dem Kriege gewesen war. Von eben diesem Jahre finde ich noch bemerkt: einmal, der Versammlungsplatz habe ein Obdach bekommen; zum andern: die Curulädilen Quintus Metellus und Cajus Servilius hätten die Römischen Spiele auf Einen Tag, und die Bürgerädilen Quintus Mamilius und Marcus Cäcilius Metellus die Bürgerspiele an zwei Tagen gegeben. Diese stellten auch drei Statüen im Tempel der Ceres auf. Auch war in Bezug auf die Spiele Jupitern zu Ehren ein Opferschmauß. Nun traten Cajus Claudius Nero und zum zweitenmale Marcus Livius ihr Consulat an. Weil sie schon als bestimmte Consuln um ihre Standplätze geloset hatten, so ließen sie nun die Prätoren losen. Den Cajus Hostilius (Cato) traf die Rechtspflege in der Stadt; man gab ihm die über Ausländer dazu, damit man noch für drei Prätoren Plätze behielte. Aulus Hostilius erlosete Sardinien, Cajus Mamilius Sicilien, Lucius Porcius Gallien. Die sämtlichen dreiundzwanzig Legionen wurden so auf die Provinzen vertheilt, daß man für jeden Consul zwei; für Spanien vier; für jeden der drei Prätoren in Sicilien, Sardinien und Gallien, zwei; für den Cajus Terentius in Hetrurien zwei; zwei für den Quintus Fulvius im Bruttischen ; zwei dem Quintus Claudius für die Gegend von Tarent und das Sallentiner Gebiet, und eine dem Cajus Hostilius Tubulus für Capua bestimmte, und noch zwei Stadtlegionen ausgehoben werden sollten. Die Obersten bei den vier ersten Legionen wählte das Volk; bei den übrigen stellten die Consuln sie an. 404 37. Noch vor dem Aufbruche der Consuln wurde der neuntägige Gottesdienst gehalten, weil zu Veji Steine vom Himmel gefallen waren. Auf die Angabe Eines Schreckzeichens folgte gleich, wie gewöhnlich, die Meldung noch anderer: zu Minturnä sei der Tempel Jupiters und der Hain der Marica, so auch zu Atella die Mauer und ein Thor vom Blitze getroffen. Ja was noch schrecklicher sei, erzählten die Minturnenser, in ihrem Thore habe ein Blutstrom geflossen. Und zu Capua hatte ein Wolf, der bei Nacht ins Thor gekommen war, einen Wächter zerrissen. Die Sühnung dieser Schreckzeichen wurde mit großen Opferthieren besorgt, und auf ein Erkenntniß der Oberpriester ein Bettag gehalten. Dann wurde der neuntägige Gottesdienst abermals angestellt, weil man auf der Waffenweihe einen Steinhagel fallen sah. Kaum hatten sich die Gemüther vor diesen heiligen Drohungen gesichert, so beunruhigte sie die neue Anzeige, zu Frusino sei ein Kind geboren, so stark, als ein vierjähriges; doch sei das Befremdende an ihm nicht sowohl die Größe, als die Ungewißheit, so wie bei jenem, vor zwei Jahren zu Sinuessa gebornen, ob in ihm ein Knabe, oder ein Mädchen, zur Welt gekommen sei. Dies nun vollends erklärten die aus Hetrurien berufenen Zeichendeuter für ein abscheuliches und häßliches Ungethüm, das man aus dem Römischen Gebiete verbannen und fern von aller Berührung mit dem festen Lande im tiefen Meere versenken müsse. So steckte man es lebend in eine Kiste, fuhr mit ihm auf die Höhe und warf es über Bord. So verordneten auch die Oberpriester, daß drei Chöre, jeder von neun Jungfrauen, in einem Aufzuge durch die Stadt ein Lied singen sollten. Als diese sich im Gesange des vom Dichter Livius verfaßten Liedes im Tempel des Jupiter Stator übten, schlug der Blitz auf dem Aventinus in den Tempel der Juno Regina: und weil die Zeichendeuter erklärten, dies Schreckzeichen gelte den Standesfrauen, so wählten diese, welche sich sämtlich, so viele ihrer in der Stadt und innerhalb des zehnten Meilensteines von Rom wohnhaft waren, nach einer Verordnung der Curulädilen auf dem Capitole einfanden, aus 405 ihrem Mittel fünfundzwanzig Frauen, um diesen von ihrer Mitgift ihre Beisteuer einzuliefern. Hiervon wurde ein goldenes Becken als Weihgeschenk verfertigt, in den Tempel auf dem Aventinus getragen und dabei von den Frauen mit aller Reinheit und Andacht das Opfer verrichtet. Gleich darauf wurde von den Zehnherren der heiligen Geschäfte ein Tag zu einer andern Opferfeier eben dieser Göttinn zu Ehren angesetzt. Die Ordnung dabei war folgende. Vom Tempel des Apollo führte man zwei weiße Kühe zum Carmentalischen Thore herein in die Stadt. Zwei cypressene Standbilder der Juno Regina wurden ihnen nachgetragen. Dann folgten zu Fuß siebenundzwanzig Jungfrauen in langen Gewändern und sangen ein Loblied auf die Juno Regina, das damals vielleicht bei dem noch ungebildeten Geschmacke Beifall fand, das aber jetzt, wenn ich es hersetzen wollte, unverständlich und übelklingend sein möchte. Dem Zuge der Mädchen folgten die Zehnherren im Lorberkranze und in der Purpurverbrämung. Vom Thore ab kamen sie über die Jugarische Straße auf den Markt. Auf dem Markte stand der Zug still, und die Mädchen machten an einem Seile, das ihnen Allen durch die Hand lief, eine schreitende Reihe, in welcher sie zum Tonmaße des Gesanges mit dem Fußschlage den Einklang gaben. Von da ging der Zug weiter, über die Tuskerwik [das Tuskerviertel] , das Velabrum, den Rindermarkt, auf die Publicische Höhe und zum Tempel der Juno Regina. Hier opferten die Zehnherren die beiden Thiere und stellten die cypressenen Bilder im Tempel auf. 38. Nach gehöriger Aussöhnung der Götter hielten die Consuln eine Werbung, welche strenger und ausgedehnter war, als sich dessen irgend jemand aus früheren Jahren erinnern konnte. Denn die Gefahr des Krieges hatte sich durch den Anzug eines neuen Feindes gegen Italien verdoppelt, und der Dienstfähigen, aus denen sie die Soldaten nehmen sollten, waren weniger. Also forderten sie auch die Pflanzstädte der Seeküste, welche der Sage nach eine unverletzliche Dienstfreiheit hatten, zu Truppenstellungen auf. Als sie sich weigerten, setzten sie ihnen 406 einen Tag fest, an welchem jede von ihnen im Senate anzeigen sollte, aus welchem Rechtsgrunde sie die Dienstfreiheit genieße. An diesem Tage erschienen vor dem Senate die Volksbürger von Ostia, Alsium, Antium, Anxur, Minturnä, Sinuessa, und von Sena am Obermeere. Als jede Völkerschaft ihren Freiheitsbrief vorgelesen hatte, ließ man aus dem Grunde, daß jetzt der Feind in Italien stehe, bei keiner, Antium und Ostia ausgenommen, die Verschonung vom Dienste gelten: und selbst die Dienstfähigen dieser Pflanzstädte wurden darauf beeidigt, so lange der Feind in Italien sei, nicht über einen Monat außer den Mauern ihrer Pflanzstadt zu übernachten. Da Alle dafür stimmten, die Consuln müßten je eher je lieber zum Kriege aufbrechen; – denn theils müsse man dem von den Alpen herabsteigenden Hasdrubal entgegengehen, damit er nicht die Gallier diesseits der Alpen, oder Hetrurien in Bewegung setze, welches einer Veränderung der Dinge entgegensähe; theils müsse man den Hannibal durch einen nur ihm geltenden Feldzug beschäftigen, damit er nicht aus dem Bruttischen entschlüpfen und seinem Bruder entgegenziehen könne: – so war Livius der Säumige, weil er meinte, er könne sich auf die Heere seiner Bezirke nicht so ganz verlassen; sein Mitconsul hingegen habe aus zwei herrlichen consularischen Heeren, und einem dritten, welches zu Tarent unter dem Quintus Claudius stand, das Aussuchen; und schon hatte er den Vorschlag gethan, abermals Freiwillige aus den Sklaven unter die Fahnen zu nehmen. Der Senat gab den Consuln freie Vollmacht, sowohl die Ergänzungen herzunehmen, wo sie wollten, als auch von allen Heeren die zu wählen und zu vertauschen, welche sie wollten, und selbst aus Provinzen Heere in eine andre herüberzunehmen, wenn sie es dem State für zuträglich hielten. Alles dies setzten die Consuln mit höchster Eintracht ins Werk. Freiwillige aus den Sklaven nahmen sie in die neunzehnte und zwanzigste Legion. Nach einigen Schriftstellern sandte auch Publius Scipio dem Marcus Livius zu diesem Kriege ansehnliche Verstärkungen aus Spanien, achttausend Mann Spanier 407 und Gallier, zweitausend Legionsoldaten, und an Reuterei, aus Numidern und Spaniern zusammengesetzt, tausend Mann. Diese Truppen habe Marcus Lucretius auf Schiffen gebracht; und auch aus Sicilien habe Cajus Mamilius an viertausend Bogenschützen und Schleuderer geschickt. 39. Die Unruhe zu Rom wurde noch dadurch vermehrt, daß der Prätor Lucius Porcius aus Gallien schrieb: « Hasdrubal sei aus den Winterquartieren aufgebrochen und gehe schon über die Alpen. Achttausend Ligurier, schon ausgehoben und bewaffnet, würden nach seinem Übergange in Italien zu ihm stoßen, wenn man nicht jemand hingehen lasse, der ihnen durch einen Angriff auf Ligurien zuvorkäme. Er selbst wolle mit seinem schwachen Heere so weit vorrücken, als er für sicher erachte.» Dieser Brief bestimmte die Consuln, nach schnell beendigter Werbung früher auf ihre Plätze abzugehen, als sie sich vorgenommen hatten, mit dem Vorsatze, jeder seinen Feind in seiner Gegend festzuhalten, und ihm keine Vereinigung, kein gemeinschaftliches Wirken auf Einen Punkt zu gestatten. Am meisten war ihnen hierin Hannibal selbst durch seine Meinung beförderlich; weil er, wenn er gleich seines Bruders Heerzug gegen Italien auf diesen Sommer erwartete, ihm gleichwohl, wenn er sich erinnerte, wie viel er selbst auf seinem Zuge zuerst über die Rhone, dann über die Alpen, mit Menschen und Natur im Kampfe, fünf Monate lang habe ausstehen müssen, keinen so leichten und baldigen Übergang zutrauete. Und darum brach er auch später aus den Winterquartieren auf. Allein mit Hasdrubal ging Alles über seine und Anderer Erwartung schnell und ungehindert. Denn die Arverner und die übrigen Gallischen und Alpinischen Völker der Reihe nach nahmen ihn nicht allein auf, sondern folgten ihm in den Krieg: und so wie er größtentheils durch Gegenden kam, welche seines Bruders Übergang, so unwegsam sie vorher waren, gebahnt hatte, so ging auch sein Zug, weil der offene Weg über die Alpen schon eine Dauer von zwölf Jahren hatte, durch viel milder gewordene Völker. Denn vorher eben so 408 wenig von Ausländern besucht, als selbst gewohnt, Ankömmlinge in ihrem Lande zu sehen, waren sie gegen alle andern Menschen unverträglich. Auch hatten sie anfangs, ehe sie wußten, wohin die Punier gingen, geglaubt, es sei auf ihre Klippen und Bergschanzen, auf Vieh- und Menschenraub abgesehen. Nachher hatte sie der Ruf des Punischen Krieges, von welchem Italien nun ins zwölfte Jahr litt, hinlänglich belehrt, daß über ihre Alpen nur der Weg gehe, daß zwei der mächtigsten Städte, durch Meere und Länder weit von einander geschieden, um Oberherrschaft und Macht sich bekriegten. Diese Gründe hatten dem Hasdrubal die Alpen geöffnet. Was er indeß auf seinem Zuge an Schnelligkeit gewann, verlor er wieder durch seinen Aufenthalt vor Placentia, welches er vergeblich, ich möchte lieber sagen, sperrte, als belagerte. Er hatte sich die Eroberung einer Stadt in der Ebene so leicht gedacht, und der Ruf dieser Pflanzung hatte ihn glauben lassen, er werde durch Zerstörung dieser Stadt die übrigen in großen Schrecken setzen. Diese Belagerung aber wurde nicht nur ein Hinderniß für ihn selbst, sondern ließ auch den Hannibal still sitzen, als er auf den über seine Erwartung schnell erfolgenden Ruf von Hasdrubals Übergange schon aus den Winterquartieren aufbrechen wollte. Er kannte ja den langsamen Gang der Städtebelagerungen, und wußte, daß er selbst, obgleich als Sieger vom Trebia kehrend, auf eben diese Pflanzstadt einen vergeblichen Versuch gemacht hatte. 40. Dadurch, daß die Consuln auf zwei entgegengesetzten Wegen von der Stadt aufbrachen, gaben sie der allgemeinen Theilnahme die Richtung als auf zwei verschiedene gleichzeitige Kriege. Indem man sich hier zurückerinnerte, wie manches Unglück Hannibals Einbruch gleich anfangs über Italien gebracht habe, überließ man sich dort der ängstlichen Betrachtung: «Wo die Götter wären, die der Stadt Rom und ihrem State gnädig genug sein möchten, um ihm zu gleicher Zeit auf beiden Punkten Glück zu verleihen. Noch habe man bei dem Gegengewichte der Vortheile gegen die Unfälle sich bis 409 jetzt so hingehalten. Als die Sache Roms in Italien am « Trasimenus und bei Cannä die stürzenden Fälle gethan habe, hätten die glücklichen Kriege in Spanien sie vom Sturze wieder aufgerichtet. Als in Spanien eine Niederlage nach der andern nach dem Verluste zweier ausgezeichneten Feldherren zwei Heere großentheils aufgerieben habe, hätten die Siege in Italien und Sicilien den leckgewordenen Stat bei sich geborgen. Und selbst bei der Entfernung des Schauplatzes, da der eine dieser Kriege an den äußersten Küsten der Welt geführt sei, habe man Raum gehabt sich zu erholen. Jetzt nähmen zwei, in Italien eingelassene, Kriege, zwei Feldherren vom höchsten Rufe die Stadt Rom in die Mitte, und der ganze Schwall und alle Last der Gefahr habe sich auf Einen Punkt geworfen. Wer von den Beiden zuerst siegen würde, werde sich in wenig Tagen mit dem Andern vereinigen.» Und das vorige Jahr, durch den Tod beider Consuln so trauervoll, vermehrte die Ängstlichkeit. Unter diesen marternden Sorgen gab man den Consuln, als sie beim Abgange nach ihren Standplätzen schieden, das Geleit. Marcus Livius, der, wie ich aufgezeichnet finde, noch voll Erbitterung auf seine Bürger zum Kriege aufbrach, soll dem Quintus Fabius auf seine Warnung: «Ehe er seinen Feind nicht kenne, sich ja nicht unbehutsam einzulassen,» geantwortet haben: «Sobald er das feindliche Heer zu Gesicht bekomme, wolle er schlagen.» Auf die Frage, Was ihn so eilen heiße, antwortete er: «Entweder will ich mir am Feinde einen glänzenden Ruhm, oder an meinen geschlagenen Mitbürgern eine, mir wenigstens zu gönnende, wenn auch ruhmlose, Freude erwerben.» Ehe noch der Consul Claudius auf seinem Kriegsplatze eintraf, überfiel Cajus Hostilius Tubulus mit seinen schlachtfertigen Cohorten den Hannibal, der sein Heer durch die äußerste Ecke des Gebiets von Larinum in das Sallentinische zog, und brachte den ungeschlossenen Zug in eine fürchterliche Verwirrung. Er tödtete ihm gegen viertausend Mann und erbeutete neun Fahnen. 410 Als der Feind von sich hören ließ, war auch Quintus Claudius, dessen Truppen vertheilt in den Städten des Sallentinischen Gebietes lagen, aus den Winterquartieren aufgebrochen. Um also nicht mit zwei Heeren zugleich zu schlagen, brach Hannibal in der Nacht sein Lager im Tarentinischen ab und zog sich in das Bruttische, und Claudius wandte sich wieder in das Sallentinische. Hostilius, der seinen Zug nach Capua verfolgte, begegnete bei Venusia dem Consul Claudius. Hier wurden aus beiden Heeren vierzigtausend Mann zu Fuß und zweitausend fünfhundert zu Pferde ausgesucht, welche der Consul dem Hannibal entgegenstellen wollte; die übrigen mußte Hostilius nach Capua führen, um sie dem Proconsul Quintus Fulvius zu übergeben. 41. Hannibal kam mit seinem aus den Winterquartieren oder aus den Besatzungen des Bruttischen Gebiets von allen Seiten zusammengezogenen Heere in das Land der Lucaner, nach Grumentum, in der Hoffnung, die Städte wieder zu gewinnen, welche aus Furcht zu den Römern übergetreten waren. Eben dahin eilte auch der Römische Consul auf ausgesicherten Wegen und schlug etwa tausend fünfhundert Schritte vom Feinde sein Lager auf. Der Punische Lagerwall schien mit Grumentums Mauern beinahe zusammen zu hängen. Die Entfernung betrug nur fünfhundert Schritte. Zwischen dem Punischen und Römischen Lager war ein Feld. Den Puniern zur Linken und den Römern zur Rechten ragten nackte Hügel, beiden gleich unverdächtig, weil sie ohne alle Waldung, ohne Schlupfwinkel zu Hinterhalten waren. Auf der in der Mitte liegenden Ebene ließ man sich bei Ausfällen von den Posten in Gefechte ein, die keiner Erwähnung verdienen. Der Römer Zweck schien nur der zu sein, den Feind nicht abziehen zu lassen. Hannibal, der sich loszuwinden suchte, trat immer mit seiner ganzen Macht zum Kampfe auf. Da hieß der Consul, ganz im Geiste seines Feindes, eben weil sich auf so offenen Hügeln kein Hinterhalt fürchten ließ, fünf Cohorten mit einer Verstärkung von fünf Rotten die Höhe bei Nacht 411 übersteigen und ihr im Rücken sich in die Thäler legen. Über die Zeit zum Aufbruche aus ihrem Hinterhalte und zum Angriffe auf den Feind bekamen die ihnen mitgegebenen Anführer, der Oberste Tiberius Claudius Asellus und Publius Claudius, Oberster der Bundsgenossen, seine Anweisung. Er selbst rückte bei Anbruch des Tages mit allen seinen Truppen zu Fuß und zu Pferde in Linie auf. Gleich darauf steckte auch Hannibal das Zeichen zur Schlacht aus, und sein Lager ertönte vom Geschreie der zu den Waffen Greifenden. Wetteifernd strömten Reuterei und Fußvolk aus den Thoren, und eilten, über das Feld sich verbreitend, dem Feinde zu. Als sie der Consul heranschwärmen sah, befahl er dem Cajus Aurunculejus, Obersten in der dritten Legion, die Reuterei dieser Legion im heftigsten Anfluge auf die Feinde los zu lassen: sie hätten sich, wie Heerden, ohne allen Schluß auf dem ganzen Felde so verlaufen, daß man sie niederreiten und zertreten könne, ehe sie noch gestellt würden. 42. Noch war Hannibal nicht aus dem Lager gegangen, als er schon das Geschrei der Fechtenden hörte. Aufgestört durch den Lärm jagte er seine Truppen dem Feinde entgegen. Noch waren die von der Reuterei zuerst Angegriffenen in voller Bestürzung, und schon rückte die erste Legion Fußvolk und der rechte Flügel Bundesgenossen zum Kampfe an. Die Feinde ohne Schluß kamen ins Gefecht, so wie jeden der Zufall auf Fußvolk oder Reuterei gerathen ließ. Die Nachrückenden gaben dem Gefechte mehr Ernst, und durch die Menge der zum Kampfe Hervorbrechenden ward es allgemeiner. Dennoch würde Hannibal seine schon fechtenden Truppen – was nur einem alten Feldherrn bei seinem alten Heere möglich ist – mitten unter Getümmel und Angriff aufgestellt haben, wenn sie nicht bei dem ihnen im Rücken ertönenden Geschreie der Cohorten und Rotten, die von den Hügeln herabgerannt kamen, hatten fürchten müssen, von ihrem Lager abgeschnitten zu werden. Dies brachte sie aus der Fassung: auf allen Seiten begann die Flucht, und das Gemetzel war so groß nicht, weil die Nähe des Lagers 412 ihnen den Weg der Flucht verkürzte, so geschreckt sie auch waren. Denn die Reuterei lag ihnen im Rücken, und die Cohorten, die von den Hügeln auf offenem und abhängigem Wege im Zulaufe herabrannten, waren ihnen in die Flanken gefallen. Dennoch blieben über achttausend Menschen, über siebenhundert wurden Gefangene; neun Fahnen gingen verloren, und von den Elephanten, die sie in einem so unerwarteten und unvorbereiteten Gefechte gar nicht hatten gebrauchen können, wurden vier getödtet, zwei gefangen. Der Sieger waren ungefähr fünfhundert, Römer und Bundsgenossen, gefallen. Am folgenden Tage lagen die Punier still. Als der Römische Feldherr, der mit seinen Truppen ausrückte, niemand ihm entgegentreten sah, ließ er die Rüstungen der erschlagenen Feinde sammeln und die zusammengetragenen Leichen der Seinigen begraben. Mehrere der folgenden Tage nach einander näherte er sich den feindlichen Lagerthoren so sehr, daß es den Schein hatte, als wollte er hineinbrechen: bis endlich Hannibal, der in seinem Lager auf der Feindesseite viele Feuer und Zelte, und um sie auf dem Walle und an den Thoren sehen zu lassen, einige Numider zurückließ, in der dritten Nachtwache aufbrach und den Weg nach Apulien nahm. Als es tagete, rückte die Römische Linie an den Wall. Die Numider zeigten sich, wie sie sollten, noch ein Weilchen an den Thoren und auf dem Walle, und als sie den Feind eine Zeitlang getäuscht hatten, holten sie auf gespornten Pferden den Zug der Ihrigen ein. Als der Consul die Stille im Lager, und auch die Wenigen nicht mehr bemerkte, die am frühen Morgen vorn hin und her gegangen waren, ließ er zwei Ritter auf Kundschaft in das Lager voraufgehen, und wie Alles völlig sicher befunden wurde, die Truppen einrücken. Hier verweilte er nur so lange, als die Soldaten die Beute zusammenholten, ließ dann zum Abzuge blasen, und brachte noch lange vor Nacht seine Truppen zurück. Am folgenden Tage brach er mit frühem Morgen auf, ging in starken Märschen dem Rufe und der Spur des feindlichen Zuges nach und erreichte ihn nicht weit von Venusia. Auch 413 hier kam es zu einem unvorbereiteten Gefechte. Über zweitausend Punier blieben auf dem Platze. Von hier zogen sie immer bei Nacht und über Gebirge, um keine Schlacht zuzulassen, bis Metapontum. Von da wurde Hanno – denn er hatte der Besatzung des Ortes vorgestanden – mit schwacher Begleitung in das Bruttische geschickt, ein neues Heer aufzubringen. Hannibal vereinigte die Truppen desselben mit den seinigen, ging auf seinen vorigen Wegen nach Venusia zurück und rückte von da bis Canusium vor. Nie war Nero dem Feinde von der Spur gewichen; und als er selbst ihm auf Metapontum folgte, hatte er nach Lucanien, um diese Gegend nicht ohne Bedeckung zu lassen, den Quintus Fulvius hereingerufen. 43. Unterdessen wurden vier Gallische und zwei Numidische Reuter, welche Hasdrubal nach aufgehobener Einschließung von Placentia mit einem Briefe an den Hannibal abfertigte, und die fast die ganze Länge Italiens mitten durch die Feinde schon zurückgelegt hatten, die aber jetzt, als sie dem nach Metapontum sich zurückziehenden Hannibal nachgehen wollten, aus Unkunde der Wege nach Tarent gerathen waren, von den im Lande herumstreifenden Römischen Futterholern zum Proprätor Quintus Claudius gebracht. Anfangs suchten sie ihn durch unbestimmte Antworten zu hintergehen, als sie aber die Furcht vor der angedroheten Folter zum Geständnisse der Wahrheit zwang, sagten sie aus, sie hätten einen Brief von Hasdrubal an Hannibal. Mit diesem Briefe, den er, so wie er war, unentsiegelt ließ, übergab er sie dem Obersten Lucius Virginius zur Ablieferung an den Consul Claudius, und ließ zwei Geschwader Samniten zur Bedeckung mitgehen. Als sie bei dem Consul Claudius angekommen waren, der Brief durch einen Dollmetscher gelesen und die Gefangenen abgehört wurden, so war seinen Ansichten nach der Stat jetzt nicht in einer solchen Lage, daß sich jeder Feldherr nach dem gewöhnlichen Gange, auf die Gränzen seines Bezirks beschränken durfte, um bloß mit seinen Truppen den vom 414 Senate nur ihm angewiesenen Feind zu bestreiten; sondern man mußte sich zu einer unerwarteten, überraschenden That erheben, die durch ihren ersten Schritt die Bürger nicht weniger, als die Feinde, in Schrecken setzen mußte, in der Ausführung aber die große Besorgniß in große Freude verwandeln sollte: und diese seine Absicht theilte er, als er Hasdrubals Brief nach Rom an den Senat schickte, in seinem eigenen den Vätern mit: zugleich machte er es ihnen zur Pflicht, da Hasdrubal laut seinem Briefe seinen Bruder in Umbrien zu treffen hoffe, die Legion von Capua nach Rom kommen zu lassen, in Rom selbst eine Werbung zu halten und die Stadttruppen bei Narnia gegen den Feind aufzustellen. So viel schrieb er dem Senate: zugleich schickte er in das Larinatische, Marrucinische, Frentanische, Prätutianische, durch welche er seinen Zug machen wollte, Leute mit der Bestellung voraus, alle Einwohner sollten zur Speisung der Soldaten Lebensmittel aus den Dörfern und Städten auf die Heerstraße liefern, und Pferde und anderes Zugvieh stellen, damit es nicht an Fuhrwerk für die Ermüdeten fehle. Dann hob er im ganzen Heere von Bürgern und Bundsgenossen die besten Truppen aus, sechstausend Mann zu Fuß, tausend zu Pferde, und machte bekannt, er wolle die nächste Stadt in Lucanien mit ihrer Punischen Besatzung überrumpeln; Jeder solle sich marschfertig halten. Er brach in der Nacht auf, und ging seitwärts gegen das Picenische . 44. Was also den Consul betraf, so eilte dieser in möglichst starken Märschen seinem Amtsgenossen zu, nachdem er den Legaten Quintus Catius als Befehlshaber im Lager zurückgelassen hatte. Zu Rom aber war der Schrecken und der Auflauf nicht geringer, als vor drei Biennio ante.] – Legendum: triennio ante. Crev. Drakenb. Jahren, als Roms Mauern und Thoren ein Punisches Lager gegenüber stand: und man konnte mit sich selbst nicht Eins werden, ob man den so kühnen Zug des Consuls loben oder tadeln wollte. Offenbar sollte sein Ruf – und 415 das ist doch so unbillig, als möglich – vom Erfolge abhängen. «Ständen doch die Truppen dicht vor einem Feinde Hannibal, ohne Feldherrn, in einem Lager, dem die kräftigsten, die blühendsten Männer entzogen wären: und der Consul, der ihnen eingebildet habe, er gehe nur nach Lucanien, ziehe gegen das Picenum und Gallien, und lasse sein Lager im Stiche, dessen ganze Sicherheit auf dem Irrthume des Feindes beruhe, so lange dieser nicht wisse, daß hier der Feldherr und ein Theil des Heeres fehle. Was aber daraus werden wolle, wenn dies kund würde, und Hannibal auf die Gedanken käme, entweder mit seinem ganzen Heere den Nero zu verfolgen, der nur mit sechstausend Mann abgegangen sei, oder auf das Lager loszugehen, das man ihm ohne Stärke, ohne Oberbefehl, ohne Götterleitung zur Beute hingegeben habe?» Mit Schrecken dachte man an die früheren Niederlagen dieses Krieges zurück, und an die beiden im vorigen Jahre gebliebenen Consuln. «Und das Alles habe man schon erlebt, da doch nur Ein Feldherr, nur Ein Heer der Feinde in Italien gewesen sei: jetzt aber wären zwei Punische Kriege daraus geworden; zwei gewaltige Heere und beinahe zwei Hanniballe ständen in Italien. Denn Hasdrubal sei ebenfalls Hamilcars Sohn, ein eben so unternehmender Feldherr, seit so vielen Jahren in Spanien im Römerkriege eingeübt, verherrlicht durch einen zwiefachen Sieg, in welchem er zwei Heere mit ihren berühmten Feldherren vernichtet habe. Ja mit der Schnelligkeit seines Zuges aus Spanien , mit der Aufwiegelung der Spanischen Völkerschaften zu den Waffen, könne er sich noch höher rühmen, als Hannibal selbst; da er gerade in den Gegenden ein Heer gesammelt habe, in welchen jener den größeren Theil seiner Soldaten durch die kläglichste Todesart, durch Hunger und Frost, verloren hätte.» Wer mit den Vorfällen in Spanien bekannt war, setzte noch hinzu: «Er werde im Cajus Nero nicht auf einen ihm unbekannten Feldherrn treffen, sondern auf denselben, den er einst, als ihn jener durch Zufall in einem unwegsamen Gebirge überrascht hatte, gleich einem Knaben durch Abfassung trieglicher Friedensbedingungen überlistet und sich ihm entwunden habe.» Ja in dem Lichte, in welchem die Furcht sich ihnen zeigte, die sich immer auf die schlimme Seite neigt, schienen ihnen alle Hülfsmittel der Feinde größer, als sie waren, und ihre eigenen geringer. 45. Als sich Nero jetzt so weit vom Feinde entfernt hatte, daß er seine Absicht mit Sicherheit entdecken konnte, hielt er an seine Soldaten eine kurze Anrede. Er sagte: «Nie sei eine Maßregel eines Feldherrn dem Scheine nach gewagter, in der That aber sicherer gewesen, als die seinige. Er führe sie zum gewissen Siege. Denn in einem Kriege, zu dem sein Mitconsul nicht eher abgegangen sei, bis ihm der Senat Fußvolk und Reuterei zur eigenen vollen Genüge bewilligt habe, und zwar zahlreicher und stattlicher gerüstet, als wenn es gegen den Hannibal selbst ginge, müßten sie jetzt, wenn sie auch noch so geringe Kraft zum Ausschlage einlegten, der ganzen Sache die Entscheidung geben. Sobald man nur in der Schlacht hören werde, – und daß man es nicht eher hören solle; dafür wolle er sorgen – der zweite Consul und das zweite Heer sei angekommen, so werde auch der Sieg außer Zweifel sein. Den Ausgang der Kriege bestimme der Ruf; und menschliche Hoffnung und Furcht hänge von kleinen Einwirkungen ab. Fast den ganzen Ruhm vom erfochtenen Siege würden sie ernten. Jede zuletzt noch zutretende Kraft scheine immer Alles gethan zu haben. Sie sähen ja selbst, wie ihr Zug der allgemeine Gegenstand des Zusammenlaufs, der Bewunderung und Liebe sei.» Und in der That zogen sie allenthalben durch aufgestellte Reihen von Männern und Weibern, die von allen Seiten aus den Dörfern herbeigeströmt waren, unter Gelübden, Gebeten und Lobeserhebungen weiter; sie nannte man die Stützen des Stats, die Retter der Stadt Rom und ihres Reichs: auf den Waffen, auf der Rechte dieser Männer, hieß es, beruhe ihre und ihrer Kinder Erhaltung und Freiheit. Man rief alle Götter und Göttinnen an, ihnen Segen auf den Weg, einen glücklichen Kampf und baldigen Sieg 417 über die Feinde zu verleihen: man wünschte zur Bezahlung der Gelübde verpflichtet zu werden, die man für sie gethan habe; um in wenig Tagen, so wie man jetzt voll Sorge ihnen das Geleit gäbe, eben so voll Freude sie im Siegerjubel empfangen zu können. Dann nöthigte sie Jeder nach seiner Weise, bot ihnen an, und bestürmte sie mit Bitten, was sie für sich und ihre Pferde nöthig hätten, doch ja am liebsten von ihm zu nehmen; und gab ihnen mit willigem Herzen Alles in Überfluß. Da wetteiferten auch die Soldaten in der Bescheidenheit, nichts weiter anzunehmen, als was sie nothwendig gebrauchten: nirgends hielten sie sich auf; traten nicht aus dem Gliede; machten selbst beim Essen nicht Halt Nec ab signis absistere cibum capientes.] – Ich übersetze die aus Mss. von Gronov vorgeschlagene Lesart, der auch Crevier und Drakenborch beistimmen: nec ab signis absistere, nec subsistere cibum capientes. , sondern gingen Tag und Nacht, und erlaubten sich kaum so viele Ruhe, als die Natur für den Körper forderte. An den andern Consul waren Boten voraufgeschickt, ihre Annäherung zu melden, und bei ihm anzufragen, ob sie in der Stille oder öffentlich ankommen, ob sie einerlei Lager mit ihm, oder ein zweites beziehen sollten. Er hielt es für rathsamer, sie bei Nacht unbemerkt einrücken zu lassen. 46. Der Consul Livius hatte im Lager den Befehl ausgegeben, jeder Oberste sollte einen Obersten, jeder Hauptmann einen Hauptmann, der Ritter den Ritter, der Fußgänger den Fußgänger bei sich einnehmen: das Lager dürfe man nicht erweitern, damit der Feind die Ankunft des andern Consuls nicht merke. Auch mußten sich mehrere auf den engen Raum Eines Zeltes so viel leichter zusammendrängen lassen, weil das Claudische Heer auf diesen Zug fast nichts als die Waffen mitgenommen hatte. Doch war auf dem Marsche selbst der Zug durch Freiwillige vermehrt, da nicht nur alte Soldaten, die schon ausgedient hatten, sich unaufgefordert anboten, sondern auch Jünglinge, welche Nero bei ihrem Wetteifer sich annehmen zu lassen, wenn ihr Wuchs und ihre Kräfte zum Dienste tauglich schienen, angestellt hatte. Das Lager des 418 andern Consuls stand bei Sena , und Et quingentos.] – Dies et fehlt in mehrern Mss. Ich vermuthe, daß die Zahl ∞ (mille) von den Abschreibern für \& genommen wurde, oder auch, weil sie sie nicht verstanden, wegfiel, und daß Livius geschrieben habe mille quingentos inde ferme etc. Einmal hätte doch wohl Hasdrubaln, wenn er nicht einmal 500 Schritte entfernt war, der Einzug von 6000 Mann nicht unbemerkt bleiben können. Zum andern treten ja (Cap. 47. anf.) in dieser Ebene zur Schlacht, zu der es freilich nachher auf einem andern Platze wirklich kommt, zwei Heere auf, welche jedes wenigstens 70,000 Mann ausmachen: denn allein vom Einen Heere gehen 61,000 Mann an Todten und Gefangenen verloren, und die Gallier und Ligurier retten sich noch. Für zwei so große Heere war doch eine Ebene von nicht vollen 500 Schritten zu klein. fast fünfhundert Schritte davon stand Hasdrubal. Deswegen blieb Nero, als er sich jetzt näherte, hinter den Bergen stehen, um nicht vor Nacht ins Lager einzurücken. Als sie in der Stille eingezogen waren, wurden sie, Jeder von Einem seines Ranges, ins Zelt aufgenommen, und unter großer allgemeiner Freude bewirthet. Am folgenden Tage wurde Kriegsrath gehalten, welchem auch der Prätor Lucius Porcius Licinus beiwohnte. Er hatte sein Lager mit dem Lager der Consuln in Verbindung gesetzt, und schon vor ihrer Ankunft, indem er mit seinem Heere nur auf Höhen weiter zog, dem Feinde durch alle möglichen Kriegslisten Abbruch gethan; hatte bald die engen Pässe besetzt, um ihm den Durchgang abzuschneiden, bald dessen Zug von der Seite oder im Rücken angegriffen. Jetzt war er mit im Kriegsrathe. Viele stimmten dafür, das Treffen müsse noch aufgeschoben werden, bis Nero sein vom Marsche und Wachen erschöpftes Heer sich habe erholen lassen, und sich selbst einige Tage Zeit genommen habe, den Feind kennen zu lernen. Nero aber rieth nicht bloß, sondern hörte nicht auf so dringend als möglich zu bitten: «Man möge seine Maßregel, deren Sicherheit nur auf Schnelligkeit beruhe, nicht durch Zögern zu einer Unbesonnenheit machen. Hannibal, gleichsam im Schlummer der Unwissenheit, die aber nicht lange dauern werde, denke weder daran, sein ohne Feldherrn zurückgelassenes Lager anzugreifen, noch habe er sich zu seiner Verfolgung in Marsch gesetzt. Ehe der sich rege, könne Hasdrubals Heer schon aufgerieben sein, und er nach Apulien 419 zurückgehen. Wer durch Aufschub dem Feinde Zeit gebe, verrathe dem Hannibal nicht nur jenes Lager, sondern öffne ihm auch den Weg nach Gallien, um sich in aller Muße, sobald er wolle, mit Hasdrubal zu vereinigen. Ungesäumt müsse man das Zeichen geben und zur Schlacht ausrücken, und von dem Irrthume des entfernten sowohl, als des gegenwärtigen Feindes Gebrauch machen, so lange jener noch nicht wisse, daß er mit Wenigeren, dieser, daß er es mit Mehreren zu thun habe.» Nach Entlassung des Kriegsraths wurde das Zeichen zur Schlacht aufgesteckt, und sogleich rückten sie in Linie aus. 47. Schon standen die Feinde vor ihrem Lager aufgepflanzt, doch wurde die Schlacht bloß dadurch verzögert, daß Hasdrubal, als er mit einigen Rittern vor die Glieder ritt, bei den Feinden alte Schilde erblickte, die er vorher nicht bemerkt hatte, auch abgerittene Pferde. Ja die Menge schien ihm größer als gewöhnlich. Da muthmaßte er allerdings, wie es stand, ließ sogleich zum Rückzuge blasen, und schickte Truppen an den Fluß, wo die Feinde Wasser holten, ob sie vielleicht einige auffangen, oder schon durch die Ansicht bemerken könnten, daß dieser oder jener, wie vom neulichen Marsche, mehr gebräunt sei; zugleich ließ er das feindliche Lager in der Ferne umreiten, um zu sehen, ob es nicht auf irgend einer Seite erweitert sei, und vorzüglich darauf Acht geben, ob zum Lagerzeichen ein- oder zweimal geblasen werde. Da ihm hierüber Alles Punkt vor Punkt berichtet wurde, so blieb ihm nur das unerklärlich, daß das Lager nicht erweitert war. Es waren immer noch die zwei Lager, wie vor der Ankunft des andern Consuls; das eine, des Marcus Livius : das andre, des Lucius Porcius: bei keinem von beiden waren, um etwa für mehrere Zelte Platz zu gewinnen, die Werke im Mindesten herausgerückt. Allein der Umstand, daß man ihm meldete, im Lager des Prätors sei einmal, im Lager des Consuls zweimal geblasen, war für den alten, mit Römern als Gegnern bekannten Feldherrn entscheidend. «Gewiß wären zwei Consuln da.» Nun machte er sich Sorge darüber, wie der andere sich vom Hannibal habe 420 losmachen können. Am wenigsten konnte er die Wahrheit vermuthen, daß sich Hannibal die hohe Täuschung habe abgewinnen lassen, nicht zu wissen, wo der Feldherr, wo das Heer sei, dem er Lager an Lager gegenüber stehe. «Gewiß habe Jener, durch eine bedeutende Niederlage geschreckt, den Muth zum Nachzuge verloren. Er fürchte gar sehr, nach geschehenem Unglücke, zur Hülfe zu spät zu kommen. Und die Römer möchten wohl schon in Italien eben so viel Glück haben, als in Spanien. » Zuweilen glaubte er auch, sein Brief müsse nicht angekommen sein, und da der Consul diesen aufgefangen habe, sei er herbeigeeilt, um mit ihm fertig zu werden. Unter so ängstigenden Sorgen ließ er die Feuer löschen, und auf ein in der ersten Nachtwache gegebenes Zeichen, in aller Stille einzupacken; ging der Marsch vor sich. In dieser Eile und nächtlichen Unruhe blieb von seinen nicht sorgfältig genug beobachteten Wegweisern der eine in einem Schlupfwinkel sitzen, den er sich schon vorher ausersehen hatte, der andre, mit dem Flußbette des Metaurus bekannt, schwamm hinüber. So irrte der Zug von seinen Führern verlassen anfangs über die Felder: ihrer mehrere, vom vielen Wachen todtmüde, warfen sich, wo es sein mochte, auf den Boden und ließen die Fahnen unbesetzt. Hasdrubal ließ die Fahnen, bis der Tag den Weg zeigen würde, dem Ufer des Flusses folgen, und setzte, ohne an den Krümmungen und Windungen des sich schlängelnden Stromes viel weiter zu kommen, seinen Irrweg fort, immer in der Absicht, sobald ihm der Morgen einen bequemen Durchgang zeigen würde, hinüberzusetzen. Da er aber nirgends auf seichte Stellen traf, weil er, je weiter er sich vom Meere entfernte, den Strom immer von steilen Ufern eingeschlossen fand, so verlor er diesen Tag und gab dem Feinde Zeit, ihn einzuholen. 48. Zuerst erschien Nero mit der ganzen Reuterei. Dann holte ihn Porcius mit den Leichtbewaffneten ein. Als diese von allen Seiten in dem ermüdeten Zuge Einzelne wegrafften und einbrachen, und die Punier eben mit Aufgebung ihres Marsches, der mehr einer Flucht ähnlich war, 421 auf einer Höhe am Ufer ein Lager abstecken wollten, kam Livius mit der ganzen Macht des Fußvolks dazu, nicht bloß im Anmarsche, sondern, wie zur augenblicklichen Schlacht, in Stellung und Rüstung. Als sie die sämtlichen Truppen vereinigt hatten und die Linie gerichtet wurde, stellte Claudius den rechten Flügel zur Schlacht auf, Livius den linken: die Anführung des Mitteltreffens bekam der Prätor. Als Hasdrubal sah, daß er schlagen müsse, stellte er, mit Aufgebung der Lagerarbeiten, seine Elephanten im ersten Treffen vor die Fahnen, ihnen zur Seite auf dem linken Flügel gegen den Claudius die Gallier, nicht so sehr aus Vertrauen auf sie, als weil er glaubte, sie würden vom Feinde gefürchtet: für sich selbst und für die Spanier – und auf diese alten Soldaten setzte er die meiste Hoffnung – nahm er den rechten Flügel gegen den Marcus Livius. Die Ligurier bekamen ihren Platz in der Mitte hinter den Elephanten: allein die Linie hatte mehr Länge, als Tiefe. Die Gallier deckte ein vortretender Hügel. Jene Vorderseite, welche die Spanier besetzt hatten, ließ sich mit dem linken Römischen Flügel ein, aber die ganze Linie zur Rechten blieb, über die Schlacht hinausragend, in Unthätigkeit: der vorliegende Hügel ließ sie weder von vorn, noch seitwärts zum Angriffe kommen. Zwischen Livius und Hasdrubal war das Treffen sehr lebhaft geworden und auf beiden Seiten wurde schrecklich gemordet. Hier standen beide Feldherren; hier der größere Theil der Römer an Fußvolk und Reuterei; hier die Spanier, diese alten Soldaten und des Gefechts mit Römern gewohnt, und die Ligurier, ein unter den Waffen ausdauerndes Volk. Hierher stürzten auch die Elephanten, die gleich durch ihren Angriff beide Römische Vordertreffen in Unordnung brachten und denen selbst die Linie der Fahnen den Platz räumte. Nachher aber bei dem steigenden Kampfe und Geschreie ließen sie sich schon so gut nicht lenken, tummelten sich, als wüßten sie nicht, zu welcher sie gehörten, zwischen beiden Linien um, gleich Schiffen, die ohne Steuer treiben. 422 Claudius hingegen, als er unter dem Zurufe an seine Soldaten: «Wozu haben wir denn in stürzendem Laufe einen so langen Weg gemacht?» mit seiner Linie zur vorliegenden Höhe hinaufzurücken vergeblich versucht hatte, und die Unmöglichkeit sah, auf dieser Seite an den Feind zu kommen, zog aus seinem rechten Flügel, wo er statt eines Gefechts nur einen müssigen Postenstand zu erwarten hatte, mehrere Cohorten heraus, und führte sie hinter der Linie herum. Den Römern eben so unerwartet, als den Feinden, fiel er in den rechten In sinistrum hostium latus.] – Wenn ich hier statt sinistrum dextrum lese, so habe ich außer dem Gebote des Zusammenhangs einen Glarcanus , Perizonius, Crevier und Drakenborch auf meiner Seite. Letzterer hat zu VII. 15, 6. eine Menge von Beispielen gesammelt, wo die Abschreiber dexter und sinister vertauschen. So unwahrscheinlich diese Vertauschung manchem scheinen kann, so möchte ich doch heute beinahe die Abschreiber um Vergebung bitten, da mir gerade an dieser Stelle meiner Übersetzung, bei dem festen Vorsatze, das Wort rechten zu schreiben, die Feder das l schon hingesetzt hatte, um das Wort linken anzufangen. feindlichen Flügel, und mit solcher Schnelligkeit, daß die Cohorten, als sie sich eben auf der Flanke gezeigt hatten, dem Feinde schon im Rücken fochten. So wurden die Spanier und Ligurier auf allen Punkten, von vorn, auf der Seite, im Rücken, niedergehauen; und schon kam das Gemetzel an die Gallier. Hier war der Kampf am schwächsten: denn ein großer Theil fehlte bei den Fahnen, weil er sich in der Nacht verlaufen und allenthalben in den Feldern zum Schlafe hingestreckt hatte; und die noch dastehenden, schon von Natur zur Ausdauer in Beschwerden untauglichen Körpermassen schleppten, vom Marsche und Wachen erschöpft, kaum die Waffen auf den Schultern. Auch war es schon Mittag: lechzend vor Durst und Hitze ließen sie sich bei Scharen niederhauen oder gefangen nehmen. 49. Von den Elephanten tödteten ihre eigenen Lenker mehrere, als der Feind. Sie führten einen Werkmeißel und Hammer bei sich. Wurde das Thier wüthend und rannte auf sein Heer, so setzte ihm der Führer den Meißel zwischen die Ohren, gerade auf das 423 Gelenk, wo Kopf und Nacken zusammenhängen, und trieb ihn, so stark er schlagen konnte, hinein. Wenn man die Hoffnung, Thiere von einem solchen Riesenkörper zu lenken, aufgeben mußte, war dies die beste Erfindung, sie schnell zu tödten; und Hasdrubal hatte sie zuerst eingeführt, ein Feldherr, der sich schon so manchesmal, vorzüglich aber durch diese Schlacht denkwürdig machte. Hielten die Fechtenden Stand, so war dies das Werk seiner Ermunterung, seiner gleichen Theilnahme an der Gefahr. Er war es, der den von Überdruß und Arbeit Erschöpften und des Kampfes sich Weigernden bald durch Bitten, bald durch Vorwürfe wieder Muth machte; der die schon aufgegebene Schlacht auf mehreren Punkten wieder herstellte. Endlich als sich das Glück offenbar für die Feinde erklärte, stürzte er sich, um ein so großes Heer, das seinem Feldherrnruhme gefolgt war, nicht zu überleben, auf gesporntem Rosse in eine Römische Cohorte. Fechtend fiel er, seines Vaters Hamilcar, seines Bruders Hannibal würdig. Nie waren in diesem Kriege in Einer Schlacht so viele Feinde geblieben, und die Niederlage von Cannä schien durch den Verlust sowohl des Feldherrn, als des Heeres, vergolten. Sechsundfunfzig tausend Feinde lagen todt, fünftausend vierhundert waren gefangen: die Beute aller Art war ansehnlich, vorzüglich die an Gold und Silber. Auch bekamen die Römer über viertausend Bürger wieder, welche bei den Feinden Gefangene gewesen waren. So hatten sie für den in diesem Treffen erlittenen Verlust einige Erleichterung: denn der Sieg hatte allerdings Blut gekostet. Beinahe achttausend Römer und Bundesgenossen lagen auf dem Platze; und selbst die Sieger waren des Blutvergießens und Mordens so satt, daß der Consul Livius, als ihm am folgenden Tage gemeldet wurde, die Cisalpinischen Gallier und die Ligurier, die theils im Treffen nicht gewesen, theils während des Gemetzels entflohen waren, zögen in Einem Haufen ab, ohne sichere Führung, ohne Fahnen, völlig ohne Ordnung und Oberbefehl; wenn ihnen Ein Flügel Reuterei 424 nachgeschickt würde, könnten sie alle vernichtet werden; zur Antwort gab: «Es müssen ja Boten von des Feindes Niederlage und unsrer Tapferkeit übrig bleiben.» 50. Nero, der noch in der Nacht nach dem Treffen aufbrach, kam mit seinen Truppen, die er noch schneller eilen ließ, als auf dem Herwege, am sechsten Tage in seinem Lager und bei seinem Feinde wieder an. Seinen Zug machte, weil kein Bote vorausgegangen war, kein so großer Zulauf feierlich, aber ein so großer Jubel, daß die Menschen vor Freude kaum ihrer selbst mächtig waren. Die Stimmung der Gemüther zu Rom in beiderlei Lagen gehörig anzugeben und zu beschreiben vermag ich nicht, so wenig jene, da die Bürger über die Erwartung des Ausgangs in Ungewißheit waren, als diese, mit der sie den Siegesruf vernahmen. Seitdem das Gerücht den Hinzug des Consuls Claudius gemeldet hatte, war Tag vor Tag, von Sonnenaufgang bis an den Abend, weder ein Senator vom Rathhause und von den oberen Behörden, noch das Volk vom Platze gewichen. Die Frauen, die zum Selbsthelfen zu schwach, zu Gebeten und Anrufungen ihre Zuflucht nahmen, bestürmten die Götter von Tempel zu Tempel mit Flehen und Gelübden. In dieser ängstlichen Spannung hörten die Bürger zuerst die ungewisse Sage: Zwei Ritter von Narnia sollten aus der Schlacht in das Lager gekommen sein, das in Umbriens Engpässen angelegt war, und den Sieg über die Feinde gemeldet haben. Anfangs ließen sie sich das mehr zu Ohren, als zu Herzen gehen: es war zu wichtig, zu erfreulich, als daß sie es fassen oder sicher glauben konnten, und der Glaube stieß sich selbst an die Schnelligkeit, weil die Schlacht erst vor zwei Tagen vorgefallen sein sollte. Darauf kam ein Brief vom Lucius Manlius Acidinus aus dem Lager an, der die Ankunft der Narniensischen Ritter meldete. Dieser Brief, als er über den Markt zum Prätor auf die Richterbühne gebracht wurde, trieb den Senat aus dem Rathhause, und das Volk lief in solchem Gedränge und Getümmel an den Thüren des Rathhauses zusammen, daß der Bote nicht durchkommen konnte, und sich immer von 425 Leuten gehalten fühlte, die ihn ausfragen wollten und laut riefen: Der Brief müsse erst auf der Rednerbühne und dann im Senate vorgelesen werden. Endlich ließen die Obrigkeiten Platz machen und den Haufen in seine Schranken weisen; und nun konnte man die Freude auf die Gemüther, die wie unbändig darauf gesteuert waren, mit Ordnung vertheilen. Im Senate wurde der Brief zuerst vorgelesen, dann vor dem Volke. Und je nachdem Jeder dachte, genoß der Eine schon der sichern Wonne, der Andre wollte nichts eher glauben, bis er den Bericht der Consuln selbst entweder durch Gesandte, oder aus ihrem Briefe erführe. 51. Da kam denn die Nachricht, die Gesandten wären im Anzuge. Und nun lief ihnen Alt und Jung entgegen, die alle die Ersten sein wollten, die Botschaft einer so hohen Wonne mit Augen und Ohren zu verschlingen. Bis zur Mulvischen Brücke riß der Zug nicht ab. Die Gesandten, Lucius Veturius Philo, Publius Licinius Varus, Quintus Cäcilius Metellus, gelangten, umflutet von einer Volksmenge aus allen Ständen, auf den Markt, doch so, daß man bald hier sie selbst, bald dort ihr Gefolge über das Vorgefallene befragte: und so wie Jeder hörte, das Heer der Feinde sei mit dem Feldherrn erlegt, die Römischen Legionen seien wohlbehalten und die Consuln gesund, theilte er sogleich seine Freude Andern weiter mit. Als die Gesandten mit Mühe im Rathhause ankamen, und noch weit mühsamer der Schwarm abgehalten wurde, zwischen die Väter zu stürzen, wurde der Brief im Senate verlesen, und dann die Gesandten der Volksversammlung vorgeführt. Lucius Veturius setzte nach Vorlesung des Briefs den ganzen Vorgang weitläufiger aus einander, nicht ohne großen Beifall und zuletzt unter dem Geschreie der ganzen Versammlung, da sich die Leute vor Freude kaum zu lassen wußten. Nun verliefen sich diese in die Tempel, den Göttern ihren Dank zu bringen; jene in ihre Häuser, um Frau und Kindern eine so große erfreuliche Botschaft mitzutheilen. Der Senat verordnete ein dreitägiges Dankfest, mit der Angabe: Weil die Consuln Marcus Livius und Cajus 426 Claudius mit Erhaltung ihres eignen Heeres den Feldherrn und die Legionen der Feinde erlegt hätten. Dies Dankfest kündigte der Prätor Cajus Hostilius der Versammlung an, und es wurde von Männern und Frauen begangen. Alle Tempel hatten die ganzen drei Tage hindurch gleich zahlreiche Besucher, und die Mütter in ihrem kostbarsten Kleide, mit ihren Kindern, brachten den unsterblichen Göttern ihren Dank, so ganz aller Furcht entledigt, als wäre der Krieg schon völlig geendet. Auch auf den innern Zustand des Stats hatte dieser Sieg den Einfluß, daß man es nun wieder, wie zu Friedenszeiten, wagte, sich mit andern auf Verträge des Verkaufs oder Kauf, auf Darleihen und Abtragung geliehener Gelder einzulassen. Als der Consul Cajus Claudius im Lager wieder angekommen war, ließ er Hasdrubals Kopf, den er sorgfältig aufbewahrt und mitgebracht hatte, vor die feindlichen Posten hinwerfen, und die gefangenen Africaner in ihren Fesseln zur Schau stellen, auch zwei von ihnen entfesselt zum Hannibal gehen, damit sie ihm erzählen könnten, was vorgefallen war. Hannibal, von einem so harten Schlage des Stats und seiner Familie zugleich getroffen, soll gesagt haben: «Er verkenne Carthago's Schicksal nicht.» Nachdem er aufgebrochen war, um seine sämtlichen Hülfsvölker, welche er in zu weiter Ausdehnung nicht schützen konnte, auf den äußersten Winkel Italiens, in das Bruttische , zusammenzuziehen, nahm er auch alle Einwohner des Metapontinischen Stats, die er auswandern hieß, und was von Lucanern in seinem Bereiche war, in das Bruttische Gebiet hinüber. Acht und zwanzigstes Buch. Jahre Roms 545 – 547. 428 Inhalt des acht und zwanzigsten Buchs. Erzählung dessen, was Silanus, Scipio's Legat, und Scipio's Bruder Lucius gegen die Punier in Spanien, was der Proconsul Sulpicius und der Asiatische König Attalus gegen den Macedonischen König Philipp zum Besten der Ätoler ausrichten. Da den Consuln Marcus Livius und Claudius Nero der Triumph zuerkannt wird, so zieht Livius, unter dessen Oberbefehle in einer Provinz der Sieg erfochten war, auf dem Triumphwagen ein: Nero, der nur in der Provinz seines Mitconsuls ihm bei dem Siege geholfen hatte, folgt zu Pferde und erntet in diesem Aufzuge mehr Ehre und Achtung, als sein Amtsgenoß: er hatte auch in diesem Feldzuge mehr geleistet. Im Tempel der Vesta erlischt durch die Nachlässigkeit einer Vestalinn das Feuer, das sie unbewacht gelassen hatte. Sie wird zur Strafe gegeißelt. In Spanien macht Publius Scipio im vierzehnten Jahre dieses Krieges, im fünften nach seiner Ankunft dem dortigen Kriege mit den Puniern ein Ende und erobert Spanien mit gänzlicher Ausschließung der Feinde vom Besitze desselben: geht von Tarraco auf zwei Schiffen zum Numidischen Könige Syphax nach Africa über und schließt mit ihm ein Bündniß. Hier lag Gisgons Sohn Hasdrubal mit ihm auf Einem Polster zu Tafel. Seinem Vater und Oheime zu Ehren giebt er zu Neu-Carthago ein Fechterspiel, nicht von Fechtsklaven, sondern von solchen, die entweder ihrem Feldherrn zu Ehren, oder auf Herausforderung in den Zweikampf sich einließen: hier fechten auch zwei königliche Brüder um den Thron. Als die Römer die Stadt Astapa belagern, ermorden die Einwohner nach Errichtung eines Scheiterhaufens ihre Kinder und Frauen und stürzen sich ihnen nach ins Feuer. Scipio selbst dämpft nach seiner Widergenesung einen Aufruhr, der während seiner schweren Krankheit bei einem Theile des Heeres ausbrach, und zwingt die sich empörenden Völker Spaniens, sich zu ergeben. Nach gestifteter Freundschaft mit dem Numidischen Könige Masinissa, der ihm, wenn er nach Africa herüberkäme, Hülfe zusagt; auch mit den Gaditanern, welche Mago vermöge eines schriftlichen Befehls aus Carthago, nach Italien überzugehen, verlassen muß, kehrt Scipio nach Rom zurück und wird zum Consul gewählt. Da er sich Africa zum Standorte ausbittet, wird ihm auf den Widerspruch des Quintus Fabius Maximus Sicilien gegeben, mit der Erlaubniß, wenn er es dem State zuträglich fände, nach Africa überzusetzen. Mago, Hamilcars Sohn, geht von Minorca, wo er überwintert hatte, nach Italien über. 429 Acht und zwanzigstes Buch. 1. Da Spanien der Erwartung nach vom Kriegssturme so viel mehr Erleichterung hätte haben müssen, je mehr durch Hasdrubals Übergang auf Italien abgeleitet war; so brach hier plötzlich ein neuer Krieg aus, so heftig als der vorige. Beide Spanien waren damals so zwischen Römern und Puniern getheilt. Hasdrubal, Gisgons Sohn, hatte sich ganz bis an das Weltmeer und nach Gades zurückgezogen. Die Küste unsres Meers und fast das ganze östliche Spanien stand unter Scipio und den Römern. Da der neue Feldherr, Hanno, der in die Stelle des Barcinischen Hasdrubal mit einem neuen Heere aus Africa herübergekommen und zum Mago gestoßen war, in Celtiberien, welches zwischen beiden Meeren liegt, sehr bald eine große Menge Menschen bewaffnet hatte, so schickte Scipio gegen ihn den Marcus Silanus ab mit nicht mehr, als zehntausend Mann zu Fuß und fünfhundert zu Pferde. Silanus kam durch Märsche, so stark er sie machen konnte, – freilich waren ihm die rauhen Wege und die in Spaniens häufige Waldungen eingeklemmten Engpässe hinderlich – dennoch nicht nur den Verkündigern, sondern selbst dem Rufe seiner Ankunft zuvor und gelangte unter der Führung von Überläufern, welche selbst geborne Celtiberer waren, an den Feind. Durch diese erfuhr er auch, als sie ungefähr noch zehntausend Schritte vom Feinde entfernt waren, daß an der Straße, auf der sie zogen, zwei Lager ständen; das zur Linken gehöre den Celtiberern, einem neugeworbenen über neuntausend Mann starken Heere; das zur Rechten den Puniern. Dieses sei durch Posten, Wachen und alle im Felde nöthige Aufmerksamkeit gesichert und 430 verwahrt; in dem andern herrsche Unordnung und Nachlässigkeit, wie gewöhnlich bei Barbaren, noch dazu bei Neugeworbenen, und eben weil sie in ihrem Lande ständen, so viel eher Unbesorgten. Silanus, der den frühern Angriff auf das Letztere vorzog, hielt sich auf seinem Zuge so viel möglich linker Hand, um den Punischen Vorposten auf keinem Punkte sichtbar zu werden, ließ seine Späher vorausgehen und eilte rasch auf den Feind. 2. Schon war er nicht volle dreitausend Schritte mehr entfernt, und von den Feinden hatte noch niemand das Mindeste gemerkt. Nur die Hügel, von Schluchten durchschnitten und mit Gebüsch bewachsen, hielten Obsita virgultis.] – Ich folge der Lesart der beiden besten und noch andrer Msc. obsiti virgultis, und ziehe tenebant auf ein ausgelassenes Silanum, in dem Sinne, wie im vorigen Cap. impediebant autem et asperitate viarum et angustiae etc. ihn auf. Hier ließ er in einem hohlen, eben darum verdeckten Thale die Soldaten Halt machen und Speise genießen: indeß kamen seine Späher zurück und bestätigten die Aussage der Überläufer. Da griffen die Römer, die ihr Gepäck zusammenwarfen, zu den Waffen und rückten in ordentlicher Linie zur Schlacht an. Tausend Schritte waren sie noch entfernt, als die Feinde sie bemerkten, und plötzlich Alles in Bewegung gerieth. Auch Mago kam auf das erste Geschrei und Getümmel aus seinem Lager zu Pferde herangesprengt. Das Celtiberische Heer hatte viertausend Mann Beschildete und zweihundert Reuter. Diese vollzählige Legion, die auch beinahe den Kern ausmachte, stellte er in die erste Linie; die übrigen, lauter Leichtbewaffnete, ins Hintertreffen. Als er sie so geordnet aus dem Lager führte, empfingen die Römer die kaum Ausgerückten mit ihren Wurfpfeilen. Die Spanier legten sich gegen die feindlichen Geschosse auf das eine Knie, und hoben sich wieder, um die ihrigen abzuschießen. Als die Römer in ihrem gewöhnlichen Schlusse diese mit zusammengeschobenen Schilden aufgefangen hatten, stand jetzt Fuß gegen Fuß und nun galt die Klinge. Den Celtiberern, zum Gefechte auf Ansprung geübt, machte der 431 unebene Boden ihre Schnelligkeit unnütz; den Römern hingegen, der stehenden Schlacht gewohnt, war er nicht nachtheilig, außer daß die schmalen Stellen und die zwischentretenden Gebüsche ihre Glieder trennten und sie nöthigten, einzeln und parweise, wie im Zweikampfe zu fechten. Was den Feinden die Flucht hinderte, das gab sie auch, wie Gefesselte, dem Gemetzel preis. Schon wurden auch die leichtbewaffneten Celtiberer, nachdem ihre Beschildeten fast sämtlich gefallen waren, und die aus dem andern Lager zu Hülfe gekommenen Carthager, noch in ihrer Bestürzung niedergehauen. Nicht über zweitausend Mann zu Fuß entkamen, und die ganze Reuterei, die sich kaum auf ein Gefecht eingelassen hatte, mit dem Mago. Der andre Feldherr Hanno wurde mit denen, welche noch zuletzt bei der schlimmen Wendung des Treffens dazu gekommen waren, gefangen genommen. Fast die ganze Reuterei und was sich noch als Rest des alten Fußvolks an den fliehenden Mago angeschlossen hatte, gelangte in zehn Tagen in die Gegend von Gades zum Hasdrubal. Die Celtiberer, diese Neugeworbenen, die in die nächsten Waldungen entschlüpften, liefen aus einander in ihre Heimat. Durch diesen Sieg zu rechter Zeit war nicht sowohl ein schon ausgebrochener Krieg von Wichtigkeit getilgt, als vielmehr ein reicher Stoff zu einem künftigen Kriege, wenn die Feinde Zeit gehabt hätten, nach Aufwiegelung der Celtiberer auch die übrigen Völker zu Ergreifung der Waffen zu bereden. Also ertheilte Scipio dem Silanus kein geringes Lob, und da sich ihm jetzt die Hoffnung zeigte, wenn er sie nicht durch eignes Säumen verzögerte, dem Kriege ein Ende zu machen, so zog er, um das Übrige noch abzuthun, in das äußerste Spanien gegen den Hasdrubal. Der Punische Feldherr, welcher damals, um sich der Treue seiner Bundsgenossen im Bätischen Spanien zu versichern, hier im Lager stand, brach sogleich auf und ging, mehr auf der Flucht, als im Marsche, ganz an den Ocean und nach Gades. Weil er aber besorgen mußte, so lange er sein Heer beisammen hielte, das Ziel der feindlichen Angriffe 432 zu sein, so vertheilte er die sämtlichen Truppen hin und wieder in die Städte, um sie selbst durch die Mauern, und die Mauern wieder durch ihre Waffen schützen zu lassen. 3. Als Scipio sah, daß sich der Krieg auf mehrere Gegenden vertheilt habe, und er das Herumziehen zum Angriffe aller einzelnen Städte für noch langwieriger, als beschwerlich, hielt, so ging er wieder zurück. Um aber diese Gegend den Feinden nicht zu überlassen, schickte er seinen Bruder Lucius Scipio mit zehntausend Mann zu Fuß und tausend zu Pferde ab, die wohlhabendste Stadt in diesem Bezirke, bei den Barbaren hieß sie Oringis, zu belagern. Sie liegt im Gebiete der Melesser, eines Spanischen Stamms. Ihr Boden ist fruchtbar; auch haben die Einwohner Silberbergwerke. Bei Hasdrubals Ausfällen auf die landeinwärts wohnenden Völker rund umher, war sie sein fester Standort gewesen. Ehe Scipio die Stadt, in deren Nähe er sein Lager nahm, mit einem Pfahlwerke umschloß, schickte er an die Thore, um durch eine Unterredung in der Nähe auf die Einwohner einen Versuch zu machen, und sie dahin zu stimmen, sich lieber auf eine Probe von der Freundschaft der Römer, als von ihrer Überlegenheit, einzulassen. Als die Antwort gar nicht friedlich lautete, umzog er die Stadt mit einem Graben und doppelten Walle, und gab seinem Heere drei Abtheilungen, um immer die eine stürmen zu lassen, indeß die beiden andern ruheten. Als die erste den Sturm begann, erfolgte in der That ein schrecklicher und mißlicher Kampf. Vor der Menge herabfliegender Pfeile konnten die Römer kaum anrücken, kaum die Leitern zur Mauer bringen. Ja schon wurden die, welche ihre Leiter an der Mauer aufgerichtet hatten, zum Theile mit dazu verfertigten Gabeln herabgestoßen; Andern warf man von oben eiserne Raubhaken an, so daß sie Gefahr liefen, schwebend zur Mauer hinaufgezogen zu werden. Als Scipio bemerkte, daß die geringe Anzahl der Seinigen dem Gefechte die Gleichheit gebe und daß der Feind schon dadurch überlegen sei, weil er auf 433 der Mauer fechte; so ließ er seine erste Abtheilung sich zurückziehen und bestürmte die Stadt mit den beiden andern zugleich. Schon ermüdet vom Gefechte mit der ersten geriethen die Belagerten hiedurch in einen solchen Schrecken, daß die Bürger in schleuniger Flucht die Mauern verließen, und sich die Punische Besatzung aus Furcht, die Stadt möchte verrathen sein, mit Verlassung ihrer Posten, in Einen Haufen sammelte. Jetzt kamen die Bürger auf die Besorgniß, wenn der Feind in die Stadt dränge, möchte er Punier und Spanier ohne Unterschied, allenthalben wo sie ihm aufstießen, niederhauen. Durch ein schleunig geöffnetes Thor stürzten sie in Menge zur Stadt hinaus, hielten sich bloß die Schilde vor, um nicht aus der Ferne getroffen zu werden, und die unbewehrte Rechte in die Höhe, um sehen zu lassen, daß sie die Schwerter weggeworfen hätten. Ob man dies in der Entfernung nicht deutlich genug bemerkt, oder eine List gefürchtet habe, ist unausgemacht. Die Überläufer wurden feindlich angegriffen, und eben so niedergemacht, als hätte man sie in Schlachtordnung vor sich gehabt. Zu eben dem Thore drang der angreifende Feind in die Stadt; auch auf andern Seiten wurden die Thore mit Äxten und Brecheisen eingehauen und gesprengt; so wie jeder Reuter eindrang, jagte er, zur Besetzung des Marktplatzes, wie ihm befohlen war, in gestrecktem Laufe dorthin; und der Reuterei war eine Unterstützung vom dritten Gliede zugegeben. In die übrigen Theile der Stadt drangen die Legionsoldaten: der Plünderung und des Niederhauens der ihnen Begegnenden, wenn diese nicht in Waffen Widerstand thaten, enthielten sie sich. Alle Carthager wurden in Verwahr gegeben, auch beinahe dreihundert von den Bürgern, welche die Thore verschlossen hatten. Den übrigen wurde die Stadt wieder eingeräumt und ihr Eigenthum gelassen. In dem Sturme auf diese Stadt fielen von den Feinden beinahe zweitausend, von den Römern nicht über neunzig Mann. 4. Erfreulich war diese Eroberung sowohl denen, welche sie bewirkt hatten, als dem Feldherrn und dem 434 übrigen Heere: und ihrer Ankunft gaben sie dadurch ein Ansehen, daß sie einen großen Schwarm von Gefangenen vor sich hergehen ließen. Nachdem Scipio dem Bruder sein Lob ertheilt, und so ehrenvoll als möglich, die durch ihn gelungene Eroberung von Oringis seiner eigenen von Neu-Carthago an die Seite gesetzt hatte, führte er alle seine Truppen, weil auch der Winter herannahete, so daß er weder einen Versuch auf Gades machen, noch dem allenthalben in der Provinz zerstreuten Heere Hasdrubals nachziehen konnte, in das diesseitige Spanien zurück: er entließ die Legionen in die Winterquartiere, schickte seinen Bruder Lucius Scipio mit dem feindlichen Feldherrn Hanno und den übrigen vornehmen Gefangenen nach Rom und ging für seine Person nach Tarraco . In diesem Jahre verheerte auch eine Römische Flotte, die mit dem Proconsul Marcus Valerius Lävinus nach Africa überging, das Gebiet von Utica und Carthago weit umher: sie machte Beute auf den äußersten Carthagischen Gränzen, selbst vor den Mauern von Utica. Auf ihrer Rückfahrt nach Sicilien begegnete ihr eine Punische Flotte von siebzig Linienschiffen. Von diesen eroberte sie siebzehn, und bohrte vier in den Grund. Die übrige Flotte wurde geschlagen und floh. Zu Lande und zu Meere Sieger, segelte der Römische Befehlshaber mit einer großen Beute aller Art nach Lilybäum zurück. Da die feindlichen Schiffe vom ganzen Meere vertrieben waren, so hatte Rom ansehnliche Zufuhr von Getreide. 5. Im Anfange des Sommers, in welchem sich dieses zutrug, gingen der Proconsul Publius Sulpicius und König Attalus; welche, wie vorhin gesagt ist, auf Ägina überwintert hatten, mit einer vereinigten Flotte von fünfundzwanzig Römischen und fünfunddreißig königlichen Fünfruderern von dort nach Lemnus über. Auch Philipp, um zu jeder Unternehmung bereit zu sein, er möchte nun zu Lande oder zur See dem Feinde entgegen gehen müssen, begab sich nach Demetrias an die Küste; seinem Heere bestimmte er einen Tag, sich in Larissa zu sammeln. Auf den Ruf von der Ankunft des Königs trafen 435 von allen Seiten zu Demetrias Gesandschaften seiner Bundsgenossen ein. Die Ätoler nämlich waren auf ihr Bündniß mit den Römern, noch mehr durch die Ankunft des Attalus keck geworden und plünderten ihre Nachbaren: und nicht allein die Acarnanen, die Böotier und Einwohner von Euböa waren in großer Besorgniß, sondern auch die Achäer, welche sich außer dem Ätolischen Kriege auch vom Machanidas, dem Lacedämonischen Zwingherrn bedroht sahen, der an der Argivischen Gränze ein Lager bezogen hatte. Sie Alle schilderten, Jeder für sich, die Gefahr, die ihren Staten zu Lande und zu Wasser drohe und baten um seine Hülfe. Ja laut den Nachrichten aus seinem eigenen Reiche war selbst dessen Ruhe nicht ungestört; hatten sich Skerdilädus und Pleuratus in Bewegung gesetzt; wollten von Thraciens Seite her hauptsächlich die Mäder in die nächsten Gegenden Macedoniens einbrechen, sobald der König durch einen Krieg in der Ferne abgerufen werde. Noch meldeten ihm die Böotier und die Völker des inneren Gräciens, der Gebirgswald von Thermopylä werde in der schmalen Schlucht, die den engen Weg bildet, von den Ätolern durch Graben und Wall gesperrt, damit Philipp, wenn er seinen Bundesstädten zu Hülfe ziehen wollte, keinen Durchgang fände. Auch einen säumigen Feldherrn hätten so viele ihn umtönende Schreckensnachrichten rege gemacht. Sogleich fertigte Philipp die Gesandschaften mit dem Versprechen ab, so wie sich Zeit und Umstände bieten würden, ihnen Allen Hülfe zu schaffen. Für dasmal schickte er, was jetzt das Dringendste war, eine Besatzung in die Stadt der Insel Peparethus, weil ihm von dorther gemeldet war, Attalus, der von Lemnus aus mit seiner Flotte hinübergegangen sei, habe alles Land im Umkreise der Stadt verwüstet. Nach Böotien schickte er eine mäßige Mannschaft mit dem Polyphantas; den Menippus, gleichfalls einen seiner Heerführer, mit tausend Leichtbeschildeten – der Macedonische leichte Schild ist dem Spanischen Lederschilde nicht unähnlich – nach Chalcis. Um alle Theile der Insel Euböa decken zu können, gab er 436 ihm fünfhundert Agrianen zu. Er selbst ging nach Scotussa, und auch die Macedonischen Truppen mußten sich von Larissa dorthin ziehen. Hier erfuhr er, die Ätoler hätten eine Versammlung zu Heraclea angesetzt, auf welcher auch König Attalus erscheinen werde, um sich mit ihnen über den Krieg im Allgemeinen zu berathen. Um diese Zusammenkunft durch seine Überraschung zu stören, eilte er in den stärksten Märschen nach Heraclea. Freilich kam er, als die Versammlung schon entlassen war; allein er verheerte die Feldfrüchte, welche schon im Reifen waren, hauptsächlich am Änianischen Meerbusen, und führte dann seine Truppen nach Scotussa zurück. Hier ließ er sein ganzes Heer und ging bloß mit der königlichen Leibcohorte wieder nach Demetrias. Um von hier aus jeder feindlichen Bewegung begegnen zu können, schickte er Leute nach Phocis, Euböa und Peparethus, Höhen auszusuchen, die ihn ein gegebenes Feuerzeichen sehen ließen. Er selbst legte auf dem Tisäus, einem Berge mit einem außerordentlich hohen Gipfel, eine Warte an, um sich durch das in der Ferne ausgesteckte Feuer, so wie die Feinde etwas unternähmen, gleich ein Zeichen geben zu lassen. Der Römische Befehlshaber und König Attalus setzten von Peparethus nach Nicäa über. Von hier ließen sie die Flotte nach Euböa vor die Stadt Oreum gehen, welche man auf der Fahrt aus dem Meerbusen von Demetrias nach Chalcis und in den Euripus als die erste Stadt auf Euböa linker Hand liegen sieht. Attalus und Sulpicius waren übereingekommen, daß den Sturm von der Seeseite die Römer, vom Lande aus die königlichen Truppen unternehmen sollten. 6. Erst am vierten Tage nach ihrer Landung mit der Flotte griffen sie die Stadt an: so lange währten die geheimen Unterredungen mit Plator, welchem Philipp die Stadt anvertrauet hatte. Diese hat zwei Schlösser: das eine liegt am Meere, das andre mitten in der Stadt. Aus letzterem führt ein unterirdischer Gang an das Meer, den auf der Seeseite ein treffliches Bollwerk schloß, ein Thurm 437 von fünf Stockwerken. Hier gab es anfangs einen wüthenden Kampf, theils weil der Thurm mit Geschossen aller Art versehen war, theils weil man zum Sturme auf diesen Wurfgeschütze und Maschinen von den Schiffen gelandet hatte. Während dieser Kampf Aller Aufmerksamkeit und Blicke auf sich zog, ließ Plator in das Thor des Seeschlosses die Römer ein und im Augenblicke war diese Burg genommen. Die Bürger, von dort in die Mitte der Stadt getrieben, eilten der andern Burg zu. Aber auch hier fanden sie Wachen gestellt, welche die Thorflügel zuwarfen. So wurden die Ausgeschlossenen von allen Seiten niedergemacht und gefangen genommen. Die Macedonische Besatzung hielt als ein dichter Haufe unten an der Burgmauer, sprengte zwar nicht zur Flucht aus einander, focht aber auch nicht mit Nachdruck. Plator, der sie mit Bewilligung des Sulpicius einschiffte, setzte sie zu Demetrium in Phthiotis aus: er selbst nahm seinen Aufenthalt bei dem Attalus . Sulpicius, durch den ihm so leicht gewordenen Erfolg bei Oreum kühn gemacht, fuhr mit seiner siegreichen Flotte sogleich von da nach Chalcis; hier aber entsprach der Ausgang seiner Erwartung nicht. Das Meer, das sich hier auf zwei Seiten von der offenen Höhe her in eine schmale Enge schließt, könnte auf den ersten Anblick den Schein eines doppelten Hafens gewähren, der sich nach zwei Mündungen hinziehe: und doch giebt es nicht leicht für Schiffe einen unsicherern Standort. Denn theils stürzen sich von den sehr hohen Gebirgen beider Landseiten plötzliche und stürmische Winde herab; theils hat die Meerenge des Euripus selbst nicht, wie die Sage erzählt, siebenmal des Tages ihren bestimmten Flutenwechsel, sondern bei einer Wogenflut, die eben so unregelmäßig, als der Wind, ihren Zug bald hier- bald dorthin nimmt, ist sie so reißend, wie ein von steilem Gebirge sich herabwälzender Strom. Folglich haben die Schiffe Tag und Nacht keine Ruhe. Kaum hatte sich die Flotte diesem so gefährlichen Standorte hingegeben, so fand sie nun auch die Stadt auf der einen Seite vom Meere 438 geschlossen, auf der andern, der Landseite, trefflich befestigt und durch eine starke Besatzung gedeckt, und über das Alles durch die Treue der Befehlshaber und Volkshäupter, die bei Oreum so unzuverlässig und triegend gewesen war, völlig haltbar und unüberwindlich. Hatte sich indeß der Römische Befehlshaber unvorsichtig eingelassen, so handelte er wenigstens darin klug, daß er sogleich, als ihm die Schwierigkeiten einleuchteten, um sich den Zeitverlust zu ersparen, von seiner Unternehmung abließ, und mit der Flotte nach Cynus in Locris überging, einem der Stadt Opus, die nur tausend Schritte vom Meere entfernt liegt, gehörigen Ladungsplatze. 7. Für Philipp war theils das Feuer, das ihm von Oreum aus die Anzeige that, durch Plators Untreue zu spät auf der Warte ausgesteckt; theils war auch bei seiner Schwäche zur See eine Landung auf der Insel für seine Flotte zu mißlich: über dies Zögern unterblieb die ganze Unternehmung. Desto rascher setzte er sich auf das erhaltene Zeichen in Bewegung, der Stadt Chalcis zu Hülfe zu kommen. Freilich liegt die Stadt Chalcis ebenfalls auf jener Insel, allein sie ist vom festen Lande nur durch eine so schmale Meerenge geschieden, daß sie vermittelst einer Brücke mit ihm zusammenhängt und vom Lande aus zugänglicher ist, als von der See. Philipp, der von Demetrias nach Scotussa ging Igitur Philippus, deiecto.] – Ich halte Creviers Versetzung für richtig, und lasse nach seinem Vorschlage die Wortfolge diese sein: Igitur Philippus, quum ab Demetriade Scotussam, inde de tertia vigilia profectus, deiecto praesidio fusisque Aetolis, qui saltum Thermopylarum insidebant, trepidos hostes Heracleam compulisset, ipse uno die etc. Denn Cap. 5 ließ Philipp sein Heer zu Scotussa und ging mit der königlichen Cohorte nach Demetrias. Also muß er von Demetrias wieder über Scotussa und so zum Angriffe weiter gehen. , hier wieder um die dritte Nachtwache aufbrach, die Besatzung und die geschlagenen Ätoler aus dem Passe Thermopylä verjagte, und die Feinde in voller Bestürzung nach Heraclea trieb, machte in Einem Tage einen Marsch von mehr als sechzigtausend Schritten bis nach Elatea in Phocis. Dies war etwa derselbe Tag, an welchem König Attalus die eroberte Stadt Opus plünderte. Sulpicius nämlich hatte diesmal die 439 Beute dem Könige überlassen, weil zu Oreum wenig Tage vorher die Römischen Soldaten geplündert hatten, ohne die königlichen Theil nehmen zu lassen. Die Römische Flotte war dorthin zurückgegangen, und Attalus, ohne von Philipps Annäherung etwas zu wissen, brachte die Zeit damit hin, von den Vornehmen Gelder einzutreiben. Er wurde so überrascht, daß er hätte aufgehoben werden können, wenn nicht einige Cretenser, die sich gerade auf Futterholung etwas weiter von der Stadt entfernt hatten, den Zug der Feinde von weitem gesehen hätten. In vollem Laufe rannte Attalus ohne Waffen, in der höchsten Unordnung dem Meere und den Schiffen zu. Noch brachten sie die Schiffe vom Ufer ab, als Philipp dazukam und vom Lande aus selbst die Seesoldaten in großen Schrecken setzte. Von hier ging er nach Opus zurück, unter Klagen über Götter und Menschen, daß ihm das Glück, einen solchen Hauptstreich auszuführen, beinahe vor seinen Augen habe schwinden müssen: in diesem Unwillen machte er auch den Opuntiern Vorwürfe, daß sie, statt die Belagerung bis zu seiner Ankunft hinzuhalten, gleich bei Erscheinung des Feindes sich zu einer beinahe freiwilligen Übergabe verstanden hätten. Als er zu Opus Alles angeordnet hatte, zog er nach Thronium Toronem.] – Mit Glareanus, Sigonius, Gronov, Crevier, Palmer und Drakenborch lese ich hier und in den nächsten Stellen Thronium. Und gegen das Ende dieses Cap. statt in Phoceas mit Drakenb. inde Oxeas. . Attalus zog sich zuerst auf Oreum zurück. Von da fuhr er auf das Gerücht, König Prusias von Bithynien sei ihm ins Reich gefallen, mit Beiseitsetzung alles Übrigen, auch des Ätolischen Krieges, nach Asien über. Auch Sulpicius ging mit seiner Flotte nach Ägina zurück, wo er im Anfange des Frühlings abgefahren war. So leicht Attalus Opus erobert hatte, eroberte Philipp Thronium. Die Bewohner dieser Stadt waren Flüchtlinge von Thebä Phthioticä. Als ihnen Philipp ihr Theben nahm, hatten sie sich in den Schutz der Ätoler begeben, und diese hatten ihnen jenen Wohnort eingeräumt, eine schon in früherem Kriege ebenfalls mit Philipp verwüstete 440 und entvölkerte Stadt. Als er von dem, wie ich eben gesagt habe, eroberten Thronium wieder aufbrach, nahm er Tritonos und Drymä, kleine und unbekannte Städte in Doris, ein. Von hier kam er nach Elatea, wo ihn die Gesandten des Ptolemäus und der Rhodier auf seine Bestellung erwarteten. Als hier auf Beendigung des Ätolischen Krieges angetragen wurde – denn diese Gesandten hatten auch neulich der Versammlung der Römer und Ätoler zu Heraclea beigewohnt; – lief die Nachricht ein, Machanidas gehe damit um, die Eleer bei ihren Anstalten zur Feier der Olympischen Spiele zu überfallen. Ihm zuvorzukommen brach Philipp, nachdem er die Gesandten sehr freundschaftlich mit der Erklärung entlassen hatte: «er sei an dem Kriege nicht Schuld gewesen und werde auch einem Frieden nicht hinderlich sein, wenn es ihm irgend billige und ehrenvolle Bedingungen erlaubten»: mit schlachtfertigen Truppen auf, zog durch Böotien, nach Megara und dann nach Corinth hinab, versorgte sich hier mit Lebensmitteln und eilte nach Phlius und Pheneus. Da er schon bei seiner Ankunft zu Heräa erfuhr, Machapidas sei, durch die Nachricht von seiner Annäherung geschreckt, nach Lacedämon zurückgeflohen, so ging auch er zurück nach Ägium zur Versammlung der Achäer, zugleich in der Erwartung, hier eine Punische Flotte vorzufinden, die er sich dorthin bestellt hatte, um auch zur See sich geltend zu machen. Wenige Tage zuvor waren die Punier nach den spitzen Inseln hinübergesegelt: von da hatten sie die Hafen Acarnaniens aufgesucht, weil sie seit der Nachricht, Attalus und die Römer wären von Oreum ausgelaufen, besorgen konnten, daß diese gegen sie heranzögen, und sie dann innerhalb Rhium – so heißt die Mündung des Corinthischen Meerbusens – aufgehoben würden. 8. Freilich machte sich Philipp darüber Kummer und Sorgen, daß er, bei seinen schnellen Ausflügen nach allen Punkten, dennoch nirgends zu rechter Zeit gekommen war, und daß das Schicksal, indem es ihm Alles vor seinen Augen entrückt hatte, seine Geschwindigkeit höhnte. 441 Allein vor der Versammlung sprach er, seines Verdrusses Meister, in einem hohen Tone; rief Götter und Menschen zu Zeugen: «Daß er es an keinem Orte, zu keiner Stunde an sich habe fehlen lassen, mit der möglichsten Schnelligkeit allenthalben hinzueilen, wo nur der Klang einer feindlichen Waffe hörbar geworden sei. Allein es lasse sich kaum ausmitteln, ob die Kühnheit, mit welcher er, oder die Fluchtliebe, womit die Feinde den Krieg führten, größer sei. So sei von Opus Attalus, von Chalcis Sulpicius, so in diesen Tagen Machanidas ihm aus den Händen entschlüpft. Indeß die Flucht gelinge nicht jedesmal, auch sei ein Krieg gerade nicht für schwierig zu halten, in welchem man schon gesiegt habe, sobald man mit den Feinden zusammentreffe. Er habe, was schon jetzt von hohem Werthe sei, das Geständniß der Feinde, daß sie ihm nicht gewachsen seien: nächstens werde er den Sieg eben so gewiß haben; sie aber würden gegen ihn mit nicht glücklicherem Erfolge kämpfen, als sie Jetzt sich selbst versprächen.» An seinen Bundesgenossen hatte der König erfreute Zuhörer. Darauf gab er den Achäern Heräa und Triphylia zurück; Aliphera aber räumte er den Megalopolitanern Man vergleiche XXXII. 5. um zu bemerken, daß es diesmal mit allen diesen Abtretungen nur bei dem Versprechen blieb. wieder ein, weil sie sattsam bewiesen, daß es zu ihrem Gebiete gehört habe. Von hier setzte er, nachdem er sich von den Achäern hatte Schiffe geben lassen – es waren aber drei Vierruderer und eben so viel Zweiruderer – nach Anticyra über. Als er von da wieder mit sieben Fünfruderern und mehr als zwanzig Jachten ausgelaufen war – er hatte sie in den Corinthischen Meerbusen gehen lassen, weil sie sich mit der Carthagischen Flotte hatten vereinigen sollen; – unternahm er bei dem Ätolischen Erythrä, welches nahe bei Eupalium liegt, eine Landung. Die Ätoler hatten sich dessen versehen. Was sich von Menschen entweder in den Dörfern befand, oder in den kleinen Schanzen in der Nähe von Potidania und Apollonia, rettete sich in die Wälder und Gebirge. Nur 442 das Vieh, was sie in der Eile nicht hatten wegtreiben können, wurde geraubt und eingeschifft. Mit dieser und der übrigen Beute schickte er den Prätor der Achäer Nicias nach Ägium, segelte nach Corinth und ließ von da seine Landtruppen durch Böotien zu Lande weiter gehen. Er selbst kam zur See, von Cenchreä aus, der Attischen Küste entlang, um Sunium herum, beinahe mitten durch die feindlichen Flotten nach Chalcis. Nachdem er hier die Bürger für ihre Treue und Tapferkeit gelobt hatte, und daß weder Furcht noch Hoffnung sie in ihren Gesinnungen wankend gemacht habe, sie auch auf die Zukunft ermahnt hatte, mit gleicher Festigkeit bei seinem Bunde zu beharren, wenn sie anders ihr eignes Los glücklicher fänden, als das der Städte Oreum und Opus, so schiffte er von Chalcis nach Oreum, überließ hier denjenigen Großen, welche nach Eroberung der Stadt lieber hatten entweichen, als sich den Römern ergeben wollen, die Regierung und Besetzung der Stadt, und fuhr von Euböa nach Demetrias über, wo er den Zug zur Unterstützung seiner Bundesgenossen angetreten hatte. Darauf ließ er zu Cassandrea zu hundert neuen Linienschiffen die Kiele legen, zog zur Förderung der Arbeit eine Menge Schiffszimmerleute herbei, und weil theils die Abreise des Attalus, theils seine eigene den nothleidenden Bundesgenossen zu rechter Zeit geleistete Hülfe Griechenland beruhigt hatte, so ging er in sein Reich zurück, die Dardaner zu bekriegen. 9. Als am Schlusse des Sommers, in welchem dies in Griechenland geschah, Quintus Fabius, des Maximus Sohn, als Abgeordneter vom Consul Marcus Livius an den Senat zu Rom, berichtete, nach des Consuls Meinung sei die Provinz Gallien durch die Legionen unter dem Lucius Porcius hinlänglich gedeckt; er selbst könne dort abgehen und das consularische Heer abgeführt werden; so verordneten die Väter, nicht allein Marcus Livius solle nach Rom zurückkommen, sondern auch sein Mitconsul Cajus Claudius. Nur darin lautete die Ausfertigung verschieden, daß Marcus Livius sein Heer zurückbringen, 443 Nerons Legionen aber dem Hannibal gegenüber auf ihrem Standorte bleiben sollten. Die Consuln machten schriftlich mit einander aus, da sie die Sache des Stats so einmüthig ausgefochten hätten, so wollten sie, ob sie sich gleich aus ganz entgegengesetzten Provinzen zusammenfinden müßten, nun auch zu Einer Zeit zu Rom eintreffen: wer zuerst zu Präneste ankäme, sollte seinen Amtsgenossen dort erwarten. Es traf sich, daß Beide an Einem Tage zu Präneste ankamen. Nach voraufgeschickter Bekanntmachung, daß sich die Senatsversammlung am dritten Tage im Tempel der Bellona einzufinden habe, kamen sie zur Stadt, aus der ihnen alles Volk entgegenströmte. Der ganze sie umringende Zug hieß sie willkommen; aber auch jeden Einzelnen drängte der Wunsch, auch für seine Person die siegerischen Rechten der Consuln zu berühren, und hier empfing man sie unter Glückwünschen, dort dankte man ihnen mit der Erklärung, die Rettung des Stats sei ihr Werk. Als sie im Senate, wie alle Feldherren thun, nach Darlegung ihrer Thaten, darauf antrugen: «Man möge im Betracht ihrer von Tapferkeit und Glück begleiteten Führung der Statsgeschäfte den unsterblichen Göttern den Ehrendank darbringen, und zugleich ihnen erlauben, triumphirend in die Stadt einzuziehen;» gaben die Väter diese Antwort: «Zum verdienten Danke bewilligten sie diese Forderungen, den Göttern zuerst und nächst den Göttern den Consuln.» Als darauf zu Ehren beider Consuln ein Dankfest und jedem von ihnen der Triumph bestimmt wurde, so machten sie mit einander aus: «Da sie in der Führung des Krieges selbst so einmüthig gewesen wären, so wollten sie auch im Triumphe nicht getrennt sein.» Weil nun aber theils ihr Sieg in des Marcus Livius Provinz erfochten sei, theils auch er gerade am Schlachttage die Götterleitung gehabt habe, weil ferner des Livius Heer, als das abgeführte, nach Rom habe kommen können, Nerons Heer aber von seinem Standorte nicht abgeführt werden dürfe, so solle Marcus Livius im Gefolge des Heers auf dem Triumphwagen in die Stadt fahren, Cajus Claudius aber zu Pferde ohne Heer einziehen.» 444 Diese Vereinigung des Triumphs gewährte Beiden noch größern Ruhm, vorzüglich dem, der seinem Amtsgenossen, je mehr er selbst ihn an Verdienst übertraf, einen desto größern Vorrang an Ehre überließ. «Der dort zu Pferde, sagte man, habe in Zeit von sechs Tagen die ganze Länge Italiens durchlaufen, und auf denselben Tag in Gallien dem Hasdrubal eine förmliche Schlacht geliefert, an welchem er nach Hannibals Meinung ihm in Apulien im Lager gegenüber stand. So habe der Eine Consul, auf beiden Punkten Italiens Beschützer, gegen zwei feindliche Heerführer, gegen zwei Hauptfeldherren, dort seine Maßregel, hier seine Person aufgepflanzt. Nerons Name sei hinreichend gewesen, Hannibaln in seinem Lager festzuhalten: Hasdrubal aber sei, wodurch denn sonst, als durch die Dazwischenkunft dieses Helden? zu Boden geschlagen und vernichtet. Möge der andre Consul hinziehen, prunkend auf hohem Triumphwagen, mit Rossen, wenn er wolle, vielfach bespannt. Der wahre Triumphzug gehe dort mit dem Einen Pferde durch die Stadt; und den Nero werde nicht allein der in diesem Kriege erworbene, sondern auch der bei diesem Triumphe abgelehnte Ruhm denkwürdig machen.» Solche Äußerungen der Zuschauer begleiteten den Nero bis in das Capitol . An Gelde lieferten die Consuln drei Millionen Sestertien Die 3,000,000 Sestertien betragen etwa 234,372 Conv. Gulden, die 80,000 Ass etwa 2500 Gulden; also die ganze Summe 236,872 Gulden. und achtzigtausend Kupferass in die Schatzkammer. Unter seine Soldaten vertheilte Marcus Livius Mann vor Mann sechsundfunfzig Ass 56 Ass, also jedem 1 Rthlr. 4 Ggr., wenn nämlich auch hier aes grave zu verstehen ist; widrigenfalls betrüge die Summe nur 14 Ggr. . Eben so viel versprach Cajus Claudius seinen abwesenden Soldaten zu geben, wann er zum Heere zurückkäme. Man hat angemerkt, daß die munteren Lieder der Soldaten an diesem Tage mehr den Cajus Claudius feierten, als ihren eignen Consul, auch daß die Ritter der beiden Unterfeldherren Lucius Veturius und Quintus Cäcilius große Lobsprüche ertheilten 445 und den Bürgerstand aufforderten, sie für das nächste Jahr zu Consuln zu wählen. Dieser vorläufigen Stimme der Ritter hätten die Consuln dadurch Gewicht gegeben, daß sie Tags darauf in ihrer Rede an das Volk bezeugten, wie viel sie der Tapferkeit und Treue vorzüglich dieser beiden Legaten zu danken hätten. 10. Da die Zeit der Wahlversammlungen herannahete und man diese durch einen Dictator halten lassen wollte, so ernannte der Consul Cajus Claudius seinen Amtsgenossen Marcus Livius zum Dictator; Livius den Quintus Cäcilius zum Magister Equitum. Unter dem Vorsitze des Dictators Marcus Livius wurden Lucius Veturius und Quintus Cäcilius, eben der, welcher jetzt Magister Equitum war, zu Consuln gewählt. Nun ging die Prätorenwahl vor sich. Die Gewählten waren Cajus Servilius, Marcus Cäcilius Metellus, Tiberius Claudius Asellus, Quintus Mamilius Turinus, der damalige Bürgerädil. Der Dictator, der nach beendigten Wahlen sein Amt niederlegte und sein Heer entließ, ging vermöge eines Senatsbeschlusses in die Provinz Hetrurien ab, um dort Untersuchungen anzustellen, welche Völkerschaften Hetruriens oder Umbriens um die Zeit von Hasdrubals Anzuge damit umgegangen wären, von den Römern zu ihm überzutreten, und welche ihn durch Hülfstruppen, Zufuhren und andre Begünstigungen unterstützt hätten. Dies waren die Begebenheiten dieses Jahres im Innern und im Felde. Die Curulädilen Cneus Servilius Cäpio und Servius Cornelius Lentulus begingen die vollständige Feier der Römischen Spiele dreimal. Eben so vollständig war die eintägige Feier der Bürgerspiele, welche die Bürgerädilen Marcus Pomponius Matho und Quintus Mamilius Turius gaben. Im dreizehnten Jahre dieses Punischen Krieges, welches den Lucius Veturius Philo und Quintus Cäcilius Metellus zu Consuln hatte, wurde diesen beiden das Bruttische als Standort des Krieges gegen den Hannibal bestimmt. Als darauf die Prätoren loseten, traf den Marcus Cäcilius Metellus die Gerichtspflege in der Stadt, den Quintus Mamilius die über die Fremden, den Cajus 446 Servilius Sicilien, den Tiberius Claudius Sardinien. Die Heere wurden so vertheilt: dem einen Consul das bisherige Heer des vorjährigen Consuls Cajus Claudius; dem andern das des Proprätors Quintus Claudius: jedes bestand aus zwei Legionen. In Hetrurien sollte Marcus Livius, als Proconsul mit Verlängerung des Heerbefehls auf ein Jahr, vom Proprätor Cajus Terentius die zwei Legionen Freiwilliger vom Sklavenstande übernehmen. Ferner wurde dem Quintus Mamilius bestimmt, nach Übertragung seiner Gerichtspflege an seinen Amtsgenossen, Gallien mit dem Heere vorzustehen, welches der Prätor L. Porcius propraetor praefuerat.] – Pighi, Duker, Crevier, Drakenborch lesen praetor statt propraetor. So wollte es Livius selbst B. XXVII. 35.  ff. Und wie leicht machte der Abschreiber aus L. Porcius pr. praefuerat einen propraetor. Lucius Porcius befehligt hatte, und das Gebiet der Gallier zu verheeren, welche bei Hasdrubals Anzuge zu den Puniern übergegangen waren. Dem Cajus Servilius wurde mit den beiden Legionen von Cannä, so wie sie Cajus Mamilius gehabt hatte, Sicilien anvertraut. Aus Sardinien wurde das alte Heer, das unter dem Aulus Hostilius gestanden hatte, abgeführt: eine neue Legion, welche Tiberius Claudius mit hinübernehmen sollte, hoben die Consuln aus. Dem Quintus Claudius und dem Cajus Hostilius Tubulus wurde der Heerbefehl auf ein Jahr verlängert, jenem für seinen Standort zu Tarent, diesem für Capua. Der Proconsul Marcus Valerius, der die Seeküste im Umkreise Siciliens zu schützen gehabt hatte, erhielt Befehl, dreißig Schiffe an den Cajus Servilius abzugeben und mit der ganzen übrigen Flotte nach Rom zurückzukommen. 11. Weil die Bürger aus Ängstlichkeit bei einem so mißlichen Kriege die Ursachen jedes Glücks und Unglücks den Göttern zurechneten, so wurden ihnen auch die Menge Schreckzeichen gemeldet; zu Tarracina habe der Blitz in den Tempel Jupiters, zu Satricum in den Tempel der Mutter Matuta geschlagen. Daß in den Tempel Jupiters zwei Schlangen sogar durch die Thorflügel geschlüpft 447 waren, fanden die Satricaner nicht minder schrecklich. Von Antium wurde gemeldet, den Mähern hätten sich blutige Ähren gezeigt. Zu Cäre war ein Ferkel mit zwei Köpfen und ein Zwitterlamm zur Welt gekommen. Zu Alba wollte man zwei Sonnen gesehen haben, und zu Fregellä ein bei Nacht entstandenes Licht. Selbst auf der Feldmark Roms sollte ein Ochse geredet, auf der Flaminischen Rennbahn Neptuns Altar von vielem Schweiße geflossen haben; und die Tempel der Ceres, der Salus, des Quirinus hatte der Blitz getroffen. Die Consuln erhielten Befehl, die Sühne dieser Schreckzeichen mit großen Opferthieren besorgen, und einen Bettag halten zu lassen. Es geschah, dem Senatsschlusse gemäß. Aber mehr als alle von außen einberichteten oder selbst in Rom wahrgenommenen Drohungen schreckte die Gemüther das im Tempel der Vesta erloschene Feuer; und auf Verordnung des Oberpriesters Publius Licinius wurde die Vestalinn, die in jener Nacht die Wache gehabt hatte, gegeißelt. War dies gleich, ohne Andeutung von Seiten der Götter, eine Folge menschlicher Nachlässigkeit gewesen, so mußte dies Unheil dennoch mit großen Opferthieren abgewandt und im Tempel der Vesta ein Bettag gehalten werden. Ehe die Consuln zum Kriege aufbrachen, wurde ihnen vom Senate aufgegeben, für die Zurückführung der Bürger auf ihre Feldmarken Sorge zu tragen. «Durch die Gnade der Götter habe sich der Krieg von der Stadt Rom und von Latium weggezogen; und man könne wieder ohne Furcht auf dem Lande wohnen. Es sei sehr unrecht, größere Sorgfalt auf Siciliens, als auf Italiens Anbau zu wenden.» Und doch war es für die Bürger keine leichte Aufgabe: die freigebornen Ackerleute hatte der Krieg weggerafft; an Sklaven fehlte es sehr; die Heerden waren weggetrieben; die Landhäuser zerstört oder niedergebrannt. Gleichwohl gingen Viele, durch die Vorstellungen der Consuln vermocht, in ihre Dörfer zurück. Die Sache war eigentlich durch die Klage der Gesandten von Placentia und Cremona zur Sprache gekommen, daß 448 ihnen die benachbarten Gallier das Land durchstreiften und verheerten, daß ein großer Theil ihrer Anbauer sich verlaufen habe, und ihnen nichts übrig sei, als entvölkerte Städte, und wüste, verödete Länderei. Den Auftrag, die Pflanzstädte vor dem Feinde zu schützen:, erhielt der Prätor Mamilius. Vermöge eines Senatsschlusses machten die Consuln bekannt, daß sich jeder Bürger aus Cremona und Placentia vor einem bestimmten Tage in seiner Pflanzstadt wieder einzufinden habe. Dann gingen auch sie mit Anfang des Frühjahrs zum Kriege ab. Der Consul Quintus Cäcilius übernahm das Heer vom Cajus Nero; Lucius Veturius das vom Proprätor Quintus Claudius und ergänzte es durch neue Truppen, die er selbst geworben hatte. Beide Consuln rückten nun in das Gebiet von Consentia, und als sie es weit und breit verheert und schon ihren Zug mit Beute beladen hatten, geriethen sie in einem engen Passe durch einen Angriff von Bruttiern und Numidischen Wurfschützen in ein solches Gedränge, daß nicht allein ihre Beute, sondern selbst die Truppen in Gefahr kamen. Doch wurde das Getümmel größer, als das Gefecht, und als sie erst die Beute vorangeschickt hatten, zogen sich auch die Legionen ohne Verlust auf sichere Gegenden heraus. Von da gingen sie nach Lucanien, und ohne sich zu wehren gab sich dies ganze Volk wieder unter Römische Hoheit. 12. Mit dem Hannibal kam es in diesem Jahre nicht zu Thätlichkeiten. Bei der erst neulich dem State und ihm geschlagenen Wunde bot er selbst sich den Römern nicht, und sie ließen den Ruhenden ungestört. So viel Kraft trauten sie dem Einzigen, als Feldherrn, zu, wenn auch Alles um ihn her zusammenstürzte. Und ich möchte wohl sagen: Er war im Unglücke noch bewundernswürdiger, als im Glücke. Denn eben der Mann, der seit dreizehn Jahren, sogar in Feindes Lande, so weit von Hause, bei wechselndem Glücke Krieg führte, und nicht an der Spitze eines Heers von Landesleuten, sondern eines gemischten Zusammenflusses aus allen Völkern; denen weder Gesetz, noch Sitte, noch Sprache gemein war; 449 deren jedes sich anders trug, andre Kleidung, andre Waffen, Gebräuche und Gottesdienst, ja beinahe andre Götter hatte; wußte sie dennoch durch Ein gemeinschaftliches Band so zu verknüpfen, daß es nie, weder unter ihnen selbst, noch gegen den Feldherrn zu einem Aufstande kam, so oft auch die Gelder für den Sold, und in Feindes Lande die Zufuhr fehlten; Erfordernisse, deren Mangel im ersten Punischen Kriege viele Schändlichkeiten zwischen den Heerführern und Truppen veranlaßt hatte. Daß aber sogar nachher, als Hasdrubals Heer samt dem Feldherrn vernichtet war, auf dem doch die ganze Hoffnung des Sieges beruhete, daß auch da, als Hannibal durch seinen Rückzug in den Winkel Bruttiens das übrige Italien räumte, nie die mindeste Unruhe in seinem Lager ausbrach, wer fände das nicht der Bewunderung werth? Zu so manchen andern Verlegenheiten kam noch die, daß er seine ganze Hoffnung, das Heer zu ernähren, auf das Bruttische Gebiet beschränkt sah, das zur Erhaltung eines so großen Heeres, gesetzt, es wäre auch allenthalben bestellt, doch viel zu klein war; und außerdem fanden so viele dem Ackerbaue entzogene junge Männer ihre Beschäftigung im Kriege und in der, diesem Volke eigenen, bösen Gewohnheit, Straßenraub als Übung im Kriegsdienste zu treiben. Und von Hause aus wurde ihm nichts geschickt, weil man sich dort nur um die Behauptung Spaniens Sorge machte, gleich als stände in Italien Alles erwünscht. In Spanien hatten die Dinge in gewisser Rücksicht dieselbe, in anderer eine ganz verschiedene Lage: dieselbe, insofern die Carthager durch den Verlust einer Schlacht und eines Feldherrn an die äußerste Küste Spaniens, bis zum Ocean, zurückgedrängt waren: verschieden hingegen, insofern Spanien durch die Eigenthümlichkeit seiner Gegenden und seiner Menschen zur Erneuerung des Krieges nicht nur geschickter ist, als Italien, sondern als jedes Land in der Welt. Eben darum wurde es auch, ob es gleich von allen Provinzen des festen Landes die erste war, welche die Römer betraten, dennoch unter allen zuletzt, erst zu unsern Zeiten, unter der Anführung und 450 Götterleitung Cäsars Augustus, uns unterwürfig. Hier stellte damals Hasdrubal, Gisgons Sohn, in jenem Kriege nächst denen aus dem Hause Barcas der größte und angesehenste Feldherr, nach seiner Rückkehr von Gades in der Hoffnung, den Krieg erneuern zu können, von Hamilcars Sohne Mago unterstützt, durch Werbungen, die er im jenseitigen Spanien gehalten hatte, an funfzigtausend Mann zu Fuß und viertausend fünfhundert zu Pferde unter die Waffen. Über die Stärke der Reuterei sind die Schriftsteller ziemlich eins; aber das bei der Stadt Silpia versammelte Fußvolk geben einige auf siebzigtausend an. Hier lagerten sich auf offenen Feldern beide Punische Feldherren, mit dem Vorsatze, den Kampf nicht abzulehnen. 13. Als der Ruf dem Scipio die Aufstellung eines so großen Heeres verkündigte, schickte er in der Überzeugung, daß er einer so großen Macht bloß mit Römischen Legionen nicht gewachsen sei, wenn er ihr nicht wenigstens zum Scheine auch fremde Hülfstruppen entgegenstellte, ohne doch diesen so viel Gewicht einzuräumen, daß etwa ihre Treulosigkeit, so wie sie seinen Vater und Oheim unglücklich gemacht habe, einen bedeutenden Ausschlag bewirken könne, den Silanus an den Colcha vorauf, einen Beherrscher von achtundzwanzig Städten, um von ihm die Truppen zu Pferde und zu Fuß in Empfang zu nehmen, die er im Winter zu sammeln versprochen hatte; zog selbst nach seinem Aufbruche von Tarraco bei seinen Bundesgenossen, wie er der Reihe nach auf seinem Wege an sie kam, mäßige Verstärkungen an sich und kam nach Castulo. Hier führte ihm Silanus die Hülfsvölker zu, dreitausend Mann zu Fuß, fünfhundert zu Pferde. Von da rückte Scipio mit seinem ganzen Heere von Römern und Bundsgenossen, an Fußvolk und Reuterei zusammen fünfundvierzig tausend, nach Bäcula vor. Als sie sich lagern wollten, griffen Mago und Masinissa mit der ganzen Reuterei an, und würden sie bei der Schanzarbeit in Unordnung gebracht haben, hätte sich nicht die Reuterei, welche Scipio hinter einer hierzu sehr vortheilhaft 451 gelegenen Höhe versteckt hatte, auf den ausgebreiteten Feind geworfen. Sie trieb die Unternehmendsten, welche dicht an den Wall und auf die Schanzer vorangesprengt waren, durch den kaum begonnenen Kampf zurück: mit den Übrigen aber, welche unter den Fahnen und in Gliedern anrückten, war das Gefecht anhaltender und lange mißlich. Als aber zuerst die schlagfertigen Cohorten von den Posten, dann auch die von der Arbeit abgeführten und zur Bewaffnung aufgerufenen Truppen, als die Zahlreicheren und Geschonten die Ermüdeten ersetzten, und schon ein großer Zug in vollen Waffen aus dem Lager ins Treffen eilte, da war die Flucht der Punier und Numider entschieden. Anfangs zogen sie in Geschwadern ab, ohne die Glieder in der Bestürzung und Eile zu brechen; als aber die Römer mit Nachdruck auf die Letzten einhieben, und ihr Angriff unwiderstehlich ward, da löseten sie sich ohne Glied zu halten allenthalben, wo es Jedem am nächsten war, zur Flucht auf. Ob aber gleich durch dieses Treffen den Römern der Muth um ein Großes erhöhet, und den Feinden gemindert war, so unterblieb doch mehrere der folgenden Tage hindurch das Heransprengen der Reuterei und der Leichtbewaffneten nicht. 14. Als Hasdrubal in diesen leichten Kämpfen seine Kräfte hinlänglich geprüft zu haben glaubte, rückte er zuerst zur Schlacht aus: dann traten auch die Römer auf. Beide Linien blieben aber vor ihrem Walle aufgestellt; und da von keiner Seite der Kampf begann, so führte, weil sich der Tag schon zum Abend neigte, der Punische Feldherr zuerst, dann auch der Römische, seine Truppen ins Lager ab. Eben so ging es mehrere Tage nach einander: Hasdrubal war immer der Erste, der seine Truppen ausrücken ließ, aber auch der Erste, der seinen vom Stehen Ermüdeten das Zeichen zum Rückzuge gab. Von beiden Seiten erfolgte kein Angriff, kam kein Pfeil, ertönte kein Laut. Hier besetzten das Mitteltreffen die Römer, dort die Carthager mit Africanern untermischt, und die Bundesgenossen die Flügel: auf beiden Seiten standen Spanier auf den Flügeln. Vor der Punischen Linie 452 nahmen sich die Elephanten von weitem als Schanzen aus. Schon sprachen beiderlei Truppen in ihrem Lager darüber ab, daß sie so zum Gefechte kommen würden, wie sie gestellt wären. Beide Mitteltreffen, Römer und Punier, die eigentlichen Parteien des Krieges, würden, an Muth und Rüstung sich gleich, auf einander treffen. Als Scipio diesen festen Glauben sah, änderte er auf den Tag, an dem er schlagen wollte, Alles geflissentlich ab. Abends ließ er im Lager den Befehl herumgehen, Mann und Pferd sollten vor Tagesanbruch sich gepflegt und gefuttert haben; der Reuter sein Pferd aufgestanget und gesattelt halten. Noch war es nicht völlig hell, als er schon die ganze Reuterei mit den leichten Truppen die Punischen Posten angreifen ließ; und sogleich rückte er selbst mit den schweren Legionen so auf, daß er, gegen die sichere Erwartung seines eigenen und des feindlichen Heers, die Flügel mit Römern besetzte, die Bundesgenossen in die Mitte nahm. Wie Hasdrubal , durch das Geschrei der Reuterei geweckt, aus seinem Zelte sprang, das Getümmel vor dem Lagerwalle, die Bestürzung der Seinigen, in der Ferne die blitzenden Adler der Legionen und die Ebene voll Feinde sah, schickte er ungesäumt seine ganze Reuterei gegen die feindliche ab, zog selbst mit dem Fußvolke zum Lager heraus, änderte aber in der gewöhnlichen Weise der Stellung nicht das Mindeste. Lange schon blieb sich das Gefecht der Reuterei auf beiden Seiten gleich; auch konnte es nicht durch sich selbst entschieden werden, weil die Geschlagenen – und dies waren sie beinahe wechselsweise – jedesmal in der Linie ihres Fußvolks eine sichere Aufnahme fanden. Als aber diese nur noch fünfhundert Schritte von einander entfernt waren, ließ Scipio nach gegebenem Zeichen zum Rückzuge die Glieder sich öffnen und die ganze Reuterei nebst den Leichtbewaffneten in die Mitte nehmen, und stellte diese in zwei Haufen vertheilt als Hintertreffen auf die Flügel. Dann ließ er, als jetzt die Schlacht beginnen sollte, die Spanier – sie standen im Mittelpunkte, mit gehaltenem Schritte aufrücken. Er selbst ließ vom 453 rechten Flügel, wo er seinen Stand hatte, dem Silanus und Marcius sagen, sie möchten ihren Flügel nach der Linken ausdehnen, wie sie ihn selbst den seinigen nach der Rechten dehnen sahen, und ihre raschesten Truppen zu Fuß und zu Pferde mit dem Feinde zusammentreffen lassen, ehe die Mittelpunkte einander erreichen könnten. So wurden auf beiden verlängerten Flügeln drei Cohorten zu Fuß und drei Geschwader Reuterei nebst den Leichtbewaffneten im Schnellschritte auf den Feind geführt, indeß die andern in schräger Richtung folgten. Die Mitte gab eine Bucht, weil die Spanier langsamer aufrückten. So waren die Flügel schon in voller Arbeit, indeß die Punischen Altkrieger und Africaner, gerade der Kern des feindlichen Heeres, noch nicht zum Pfeilschusse gekommen waren, und auch auf die Flügel, um an deren Kampfe theilzunehmen, sich nicht ausbreiten durften, wenn sie nicht den Mittelpunkt dem gegenüber ankommenden Feinde öffnen wollten. Ihre Flügel sahen sich auf zwei Seiten bedrängt: die Reuterei und die Leichtbewaffneten, die Veliten, hatten ihre Flügel herumgezogen und fielen ihnen in die Flanke, und die Cohorten drängten von vorn heran, um die Flügel von der übrigen Linie zu trennen. 15. Sie hatten also auf keiner Seite des Gefechts das Gleichgewicht, auch deswegen nicht, weil ein Schwarm Balearen und neugeworbene Spanier Römische und Lateinische Krieger zu Gegnern hatten, und weil Hasdrubals Heer mit dem fortrückenden Tage sich immer kraftloser fühlte, da es durch das frühe Getümmel überrascht und ehe es sich durch Speise gestärkt hatte, gezwungen gewesen war, eiligst zur Schlachtordnung auszurücken. Noch dazu hatte Scipio absichtlich bis tief in den Tag gezögert, um spät genug zu schlagen. Denn erst Nachmittags um Eins griff das Fußvolk die Flügel an: die Mitteltreffen kamen weit später zum Gefechte, so daß die Punier, noch ehe sie mit dem Feinde handgemein wurden, schon die Hitze der Mittagssonne, das beschwerliche Stehen unter den Waffen und dabei Hunger und Durst entkräftete. Also standen sie an ihre Schilde gelehnt. Außerdem hatten sich auch, 454 durch die geräuschvolle Art des Gefechts der Reuterei, der Absitzer und Leichtbewaffneten gescheucht, die Elephanten von den Flügeln auf das Mittelheer gestürzt. Erschöpft an Körperkraft und Muth wichen die Punier, hielten sich aber noch in Gliedern, gerade so, als zöge sich ihre Linie ungebrochen, auf Befehl des Feldherrn, zurück. Als aber jetzt die Sieger, die den Kampf sich entscheiden sahen, so viel nachdrücklicher von allen Seiten hereinstürzten und ihr Andrang unwiderstehlich ward, da gewann bei den Puniern, ob sie gleich Hasdrubal aufhalten wollte, den Weichenden in den Weg trat, und ihnen zurief: «Sie hätten im Rücken Hügel und sichere Zuflucht, wenn sie nur allmälig sich zurückzögen;» dennoch die Furcht die Oberhand über das Ehrgefühl; und da immer der dem Feinde Zunächststehende auswich, so kehrten sie bald Alle den Rücken und warfen sich auf die Flucht. Zwar machten sie anfangs, weil die Römer nicht Lust zu haben schienen, ihre Linie gerade bergan zu richten, am Fuße der Höhen Halt und suchten die Glieder wieder herzustellen; als sie aber den Feind muthig zum Angriffe heranschreiten sahen, erneuerten sie die Flucht und ließen sich im Schrecken in ihr Lager treiben. Die Römer waren nicht mehr weit vom Walle, und in dieser Hitze des Angriffs würden sie das Lager genommen haben, hätte sich nicht nach dem stechenden Sonnenscheine, so wie er zwischen regenschwangern Wolken hervorbricht, ein so gewaltiger Platzregen ergossen, daß auch die Sieger sich kaum in ihr Lager zurückziehen konnten, und einige hierin selbst einen göttlichen Wink fanden, für heute nichts weiter zu unternehmen. Waren gleich für die durch Beschwerden und Wunden erschöpften Carthager die Nacht und der Regen sehr einladend zur nöthigen Ruhe, so verstärkten sie doch, weil ihnen Furcht und Gefahr zum Säumen nicht Zeit ließ, – sahen sie doch mit dem Anbruche des Tages dem feindlichen Sturme auf ihr Lager entgegen – ihre Brustwehr durch Steine, die sie allenthalben aus den nahen Thälern zusammentrugen, um sich bei dem zu schwachen Schutze ihrer Waffen durch 455 Bollwerke zu vertheidigen. Allein der Übergang ihrer Bundesgenossen zum Feinde ließ sie doch die Flucht als sicherer dem längeren Bleiben vorziehen. Den Anfang zum Abfalle machte Attanes, Fürst der Turdetaner. Er ging mit einem großen Zuge seiner Unterthanen über: dann wurden auch zwei Festungen mit ihren Besatzungen von ihren Befehlshabern den Römern übergeben. Damit also bei dieser Stimmung zum Abfalle das Übel nicht um sich greifen möchte, brach Hasdrubal in der Stille der folgenden Nacht mit seinem Lager auf. 16. Scipio, so wie ihm in der ersten Frühe seine Posten den Abzug der Feinde meldeten, hieß der voraufgeschickten Reuterei die Fahnen folgen. Und der Zug ging so schnell, daß sie den Feind, wenn sie seiner Spur gerades Weges gefolgt wären, ohne Zweifel eingeholt haben würden. Allein sie trauten der Versicherung ihrer Wegweiser, daß ein kürzerer Weg zum Flusse Bätis führe, wo sie den Feind beim Übergange anzugreifen hofften. Da Hasdrubal den Übergang über den Fluß gesperrt fand, wandte er sich seitwärts nach dem Weltmeere. In vollem Laufe machten sich die Punier, gleich Fliehenden, davon, und dies gab ihnen vor den Römischen Legionen einen bedeutenden Vorsprung. Nur die Reuterei und die leichten Truppen, die ihnen bald in den Rücken fielen, bald auf den Flanken entgegensprengten, machten ihnen Noth und hielten sie auf: da sie indeß bei den öfteren Angriffen Halt machen, und sich bald mit der Reuterei, bald mit den Absitzern und dem Fußvolke der Hülfstruppen einlassen mußten, so kamen die Legionen nach. Nun erfolgte, schon nicht mehr eine Schlacht, sondern ein wahres Gemetzel, wie unter Viehheerden, bis endlich ihr Feldherr, selbst Aufforderer zur Flucht, sich mit beinahe sechstausend Mann Halbbewaffneter auf die nächsten Anhöhen rettete. Die Übrigen wurden niedergehauen oder gefangen. Hier legten die Punier in größter Eile auf dem höchsten Hügel ein Nothlager an, und von da herab vertheidigten sie sich gegen die vergeblichen Versuche des Feindes, an dem unersteiglichen Abhange 456 hinaufzukommen, mit leichter Mühe. Allein die Einschließung ließ sich auf einem nackten und dürftigen Boden kaum einige Tage aushalten: und so gingen Überläufer in Menge zu den Feinden. Zuletzt ließ sich der Feldherr, weil das Meer in der Nähe war, Schiffe geben, verließ in der Nacht sein Heer und floh nach Gades. Als Scipio die Flucht des feindlichen Feldherrn erfuhr, ließ er dem Silanus, um das Lager eingeschlossen zu halten, zehntausend Mann zu Fuß und tausend zu Pferde. Er selbst kehrte mit den übrigen Truppen in siebzig Tagemärschen, auf denen er der Reihe nach die Theilnahme der Fürsten und Staten für Rom untersuchte, um sie nach gehöriger Würdigung ihrer Verdienste belohnen zu können, zurück nach Tarraco. Als Scipio abgezogen war, ging auch Masinissa nach einer geheimen Unterredung mit dem Silanus, um sich bei seinen neuen Maßregeln der Folgsamkeit seines Volks zu versichern, mit einigen seiner Unterthanen nach Africa über: und war gleich jetzt die Ursache dieser schnellen Veränderung so einleuchtend nicht, so diente doch seine nachherige bis in sein spätestes Alter unerschütterliche Treue zum Beweise, daß er auch damals nicht ohne triftigen Grund gehandelt habe. Auf den von Hasdrubal zurückgeschickten Schiffen ging nun auch Mago nach Gades. Die übrigen Punier, von ihren Feldherren verlassen, zerstreuten sich theils als Überläufer, theils als Flüchtlinge in die nächsten Städte; lauter Scharen, an Zahl eben so unbedeutend, als an Kraft. So etwa wurden unter der Anführung und Götterleitung des Publius Scipio, im dreizehnten Jahre nach Eröffnung des Kriegs, im fünften, seitdem Publius Scipio diese Provinz und das Heer übernommen hatte, die Carthager aus Spanien getrieben. Nicht lange nachher traf Silanus mit der Nachricht, daß der Krieg zu Ende sei, zu Tarraco bei dem Scipio wieder ein. 17. Lucius Scipio wurde mit vielen vornehmen Gefangenen, die Eroberung Spaniens zu melden, nach Rom geschickt. Und während hier Jedermann die That als 457 Gegenstand der allgemeinen Wonne und des lautesten Preises feierte, sah nur Einer, der Thäter selbst, bei seinem unbefriedigten Streben nach Verdienst und wahrem Ruhme, in der Eroberung Spaniens eine kleine Probe dessen, was ihm seine Aussicht und seine Geistesgröße versprach. Schon sah er nach Africa, nach Groß-Carthago hinüber, und auf den ganzen Ruhm aus diesem Kriege vom Schicksale zu seiner Verherrlichung, zu seiner Benennung, gleichsam für ihn zusammengehäuft. In der Voraussetzung, er habe seine Voranstalten dort schon jetzt zu treffen und sich die Könige und Völker zu Freunden zu machen, beschloß er, sich zuerst an den König Syphax zu wagen. Dieser war König der Masäsyler. Die Masäsyler, Nachbaren der Mauren, haben Spanien sich gegenüber, am geradesten die Gegend von Neu-Carthago. Jetzt stand der König mit den Carthagern im Bunde: da aber Scipio glaubte, daß ihm dieser nicht wichtiger und heiliger sein werde, als den meisten Barbaren, deren Treue vom Glücke abhängt; so ließ er den Cajus Lälius als Gesandten mit Geschenken an ihn abgehen. Hierüber erfreut und in Betracht dessen, daß die Römer jetzt allenthalben Glück, die Punier in Italien Unglück, in Spanien gar nichts mehr hatten, erklärte sich der ausländische König zur Freundschaft mit Rom bereit: allein das Wort zum Abschlusse des Bundes gebe er keinem Andern, und nehme es auch von keinem Andern, als vom Römischen Feldherrn in Person. So ließ sich Lälius vom Könige nur darauf das Wort geben, daß Scipio sicher kommen dürfe, und kehrte zu diesem zurück. Für den, der sein Augenmerk auf Africa richtete, war Syphax in jeder Hinsicht ein Mann von großem Ausschlage; der mächtigste König dieser Weltgegend, im Kriege mit Carthago schon versucht, und durch die Lage seines Reichs in Verbindung mit Spanien , von welchem jenes nur durch die schmale Meerenge geschieden ist. Da also Scipio die Sache wichtig genug fand, weil sie sich nicht anders thun lasse, sie selbst nicht ohne große Gefahr zu unternehmen, so ließ er zur Behauptung 458 Spaniens zu Tarraco den Lucius Marcius, zu Neu-Carthago, wohin er von Tarraco zu Lande in starken Märschen gegangen war, den Marcus Silanus zurück, reisete mit dem Cajus Lälius auf zwei Fünfruderern von Neu-Carthago ab und fuhr bei Windstille, meistentheils vermittelst der Ruder, und nur zuweilen mit Hülfe eines schwachen Windes, nach Africa. Es traf sich so, daß gerade jetzt der aus Spanien getriebene Hasdrubal, der mit sieben Dreiruderern im Hafen eingelaufen war, seine Schiffe schon vor Anker sich ans Land legen ließ; als auf einmal der Anblick der beiden Fünfruderer, die jeder gleich für feindliche erkannte und mit der überlegenen Macht, ehe sie noch in den Hafen liefen, nehmen zu können glaubte, dennoch weiter nichts bewirkte, als ein Getümmel und Durcheinanderlaufen der Soldaten, so wie der Seeleute, welche vergebens Waffen und Schiffe in Stand setzten. Denn die Segel, die jetzt von der Höhe her ein etwas stärkerer Wind traf, trugen die Fünfruderer schon in den Hafen, ehe die Punier die Anker lichten konnten: und im königlichen Hafen selbst es noch weiter kommen zu lassen, als zum Lärme, wagte keiner. Also stieg zuerst Hasdrubal ans Land, bald auch Scipio und Lälius; und Alle begaben sich zum Könige. 18. Syphax fand es, was es auch wirklich war, ehrenvoll für sich, daß die Feldherren der beiden mächtigsten Völker damaliger Zeit sich an Einem Tage eingefunden hatten, um Frieden und Freundschaft mit ihm zu haben. Er nöthigte beide, bei ihm abzutreten; und weil sie das Schicksal unter Ein Dach, zu einerlei Hausgöttern zusammengeführt hatte, so versuchte er es auch zur Beilegung ihrer Feindseligkeiten eine Unterredung zu vermitteln, bis ihn Scipio versicherte, er hege gegen den Punischen Feldherrn nicht die mindeste persönliche Abneigung, um etwa diese durch eine Unterredung zu tilgen; er könne sich aber auch über Statssachen ohne Vollmacht vom Senate mit einem Feinde durchaus nicht einlassen. Und weil dem Könige, damit nicht der Eine seiner Gäste von der Tafel ausgeschlossen schiene, so sehr 459 daran gelegen war, daß er sichs gefallen lassen möchte, mit Hasdrubal bei Einem Mahle zu erscheinen, so sagte er sich zu. Sie speisten also zugleich beim Könige, und weil dieser etwas darin suchte, lagen Scipio und Hasdrubal sogar auf Einem Tafelpolster. Scipio aber hatte so viel Gefälliges und in allen Stücken eine so große ihm natürliche Gewandheit, daß er nicht allein den Syphax, diesen mit Römischen Sitten unbekannten Wilden, sondern selbst seinen abgesagten Feind durch die Unbefangenheit in seinen Unterhaltungen gewann; so daß dieser laut sagte: «Der Mann habe sich durch die persönliche Bekanntschaft bei ihm in noch höhere Achtung gesetzt, als durch seine Thaten im Kriege. Auch werde ganz gewiß in Kurzem Syphax und sein Reich den Römern zu Befehle stehen: so habe dieser Mann darauf ausgelernt, die Herzen zu gewinnen. Man habe also in Carthago nicht nachzufragen, wie Spanien habe verloren gehen können, sondern darauf zu denken, wie man sich Africa erhalte. Nicht zur Lustreise, nicht um liebliche Küsten zu befahren, habe sich ein so hoher Römischer Feldherr, mit Hinterlassung einer neueroberten Provinz, mit Hinterlassung seiner Heere, auf zwei Schiffen nach Africa gewagt, in ein feindliches Land, in die Gewalt eines Königs, den er nicht kenne, sondern im Anschlage auf die Eroberung Africa's. Schon längst gehe er damit in Gedanken um, und äußere seine Unzufriedenheit laut, daß nicht schon jetzt, wie Hannibal in Italien, so Scipio in Africa den Krieg führe.» Nach geschlossenem Bündnisse mit Syphax reiste Scipio aus Africa ab, und erreichte, von wechselnden und meistens stürmischen Winden auf offenem Meere umgetrieben, am vierten Tage den Hafen von Neu-Carthago . 19. Hatte gleich Spanien vom Punischen Kriege Ruhe, so zeigte sich es doch offenbar, daß einige Staten im Bewußtsein ihrer Schuld, sich mehr aus Furcht, als aus Anhänglichkeit an Rom, ruhig verhielten. Die bedeutendsten, aber auch die strafbarsten darunter waren Illiturgi und Castulo. Die Einwohner von Castulo, die mit 460 Rom zur Zeit seines Glücks im Bunde standen, waren nachher, als die Scipione mit ihren Heeren niedergehauen wurden, zu den Puniern abgefallen. Die Illiturgitaner hatten als Verräther und Mörder der Flüchtlinge, die sich aus jenem Unglücke zu ihnen retteten, ihren Abfall noch durch Frevel verschlimmert. Härte gegen diese Völker würde gleich bei Scipio's Ankunft, bei den wankenden Gesinnungen der Spanier, freilich verdient, aber nicht rathsam gewesen sein. Allein da ihm jetzt bei der allgemeinen Ruhe die Zeit der Bestrafung gekommen zu sein schien, so schickte er den Lucius Marcius, den er von Tarraco berief, mit dem dritten Theile der Truppen zum Angriffe auf Castulo ab; er selbst traf mit dem übrigen Heere beinahe in vier Tagemärschen vor Illiturgi ein. Die Thore waren geschlossen, und Alles in Verfassung und Bereitschaft, sich des Sturmes zu erwehren: so völlig hatte bei ihnen das Bewußtsein, das ihnen sagte, was sie verdient hatten, die Stelle der Kriegserklärung vertreten. Deswegen leitete auch Scipio die Anrede an seine Soldaten etwa so ein: «Durch die Schließung ihrer Thore gäben diese Spanier selbst zu erkennen, was sie zu fürchten berechtigt wären. Deswegen müsse auch der Sturm gegen sie mit weit regerem Grolle ausgeführt werden, als gegen die Carthager selbst. Denn mit diesen streite man fast ohne Erbitterung um Oberherrschaft und Ruhm: an jenen aber müsse man die Strafe der Treulosigkeit, der Grausamkeit und des Frevels vollziehen. Die Zeit sei gekommen, für die schändliche Ermordung ihrer Kampfbrüder, und für eine, wenn die Flucht auch sie hieher verschlagen hätte, auch auf sie angelegte Bosheit Rache zu üben, und durch ein nachdrückliches Strafexempel für alle Zeiten die Warnung aufzustellen, daß sich niemand einfallen lasse, ein Römischer Bürger oder Soldat, in welcher Lage sich dieser auch befinde, sei ihm zur Mishandlung preisgegeben.» Durch diese Aufforderung des Feldherrn angefeuert, theilten sie unter die rottenweise Erlesenen die Sturmleitern aus, und mit getheiltem Heere, so daß die eine 461 Hälfte den Unterfeldherrn Lälius an der Spitze hatte, setzten sie die Stadt durch einen doppelten Angriff, von zwei Seiten zugleich, in Schrecken. Den Einwohnern gebot nicht etwa ein Hauptfeldherr, oder mehrere ihrer Vornehmen, sondern die Furcht ihres eigenen bösen Gewissens die muthigste Vertheidigung der Stadt. Sie wußten es selbst, und Einer rief es dem Andern zu, daß es hier darauf abgesehen sei, Rache, nicht Sieg, zu ernten. Es komme also nur auf die Stelle an, wo Jeder seinen Tod finde; ob sie lieber im Streite und in der Schlachtreihe, wo das Kampfglück unparteiisch zuweilen auch den Besiegten wieder aufrichte und den Sieger niederwerfe, oder später, nach Verbrennung und Zertrümmerung ihrer Vaterstadt, vor den Augen ihrer gefangenen Gattinnen und Kinder, unter Schlägen und Ketten, nach Erduldung der schmählichsten und empörendsten Mishandlungen ihren Geist aufgeben wollten. Und so leisteten denn nicht bloß das kriegerische Alter, nicht die Männer allein, sondern auch Weiber und Kinder eine thätigere Hülfe, als ihr Muth und ihre Körperkraft sie versprach: sie reichten ihren Vertheidigern die Geschosse, trugen den Arbeitern an der Mauer die Steine zu. Hier galt es nicht bloß die Freiheit, die nur tapfern Männern die Brust stählt; sondern die schmählichste Hinrichtung, und der kläglichste Tod Aller schwebte ihnen vor Augen. Ihren Muth erhöhete der Wetteifer in Übernehmung der Beschwerden und Gefahren, und schon ihr gegenseitiger Anblick. Daher begann auch der Kampf mit einer solchen Wuth, daß selbst dies Heer von Unterjochern des gesamten Spaniens, durch die Mannschaft einer einzigen Stadt mehrmals von den Mauern abgeschlagen, bei diesem ihm gar nicht ehrenvollen Gefechte in Verlegenheit kam. Als Scipio dies bemerkte, gab er von der Besorgniß, durch die vereitelten Anstrengungen der Seinigen möge den Feinden der Muth wachsen und seinen Soldaten die Lust vergehen, auf den Gedanken geleitet, er selbst müsse Hand anlegen und einen Theil der Gefahr übernehmen; den Befehl, bei dem er seine Soldaten den Vorwurf der Feigheit hören 462 ließ: «Man solle ihm Leitern bringen; und drohete, wenn die Andern zu muthlos wären, so werde er selbst hinansteigen.» Schon war er nicht ohne große Gefahr an den Fuß der Mauer gekommen, als die für ihren Feldherrn besorgten Soldaten von allen Seiten ein Geschrei erhoben und zugleich an mehrern Stellen Leiter bei Leiter angeschlagen wurde. Und eben so drang von der andern Seite Lälius heran. Da unterlag die Anstrengung der Belagerten. Die Vertheidiger wurden geworfen, die Mauer gewonnen. Ja in diesem Getümmel wurde auch die Burg gerade von der Seite, wo sie unersteiglich schien, erobert. 20. Denn indeß die Belagerten auf die Vertheidigung solcher Stellen aufmerksam waren, wo sich Gefahr zeigte, und die Römer da hinanstiegen, wo die Möglichkeit den Sturm gestattete, bemerkten die Africaner, welche damals als Überläufer unter den Römischen Hülfsvölkern standen, daß gerade die steileste Gegend der Stadt, weil sie als überaus hoher Felsen gesichert war, eben so wenig durch irgend ein Werk befestigt, als mit Vertheidigern besetzt sei. Mit ihrem leichten, im Hinanschwingen sehr geübten Körper, und mit eisernen Nägeln versehen, fingen sie, wo die hervorstehenden Ungleichheiten der Klippe es möglich machten, an zu steigen. Kamen sie auf gar zu steile und glatte Stellen des Felsen, so machten sie sich durch die in mäßigen Zwischenräumen eingeschlagenen Nägel gleichsam eine Treppe, und da die Ersten den Nachfolgenden die Hand reichten, die Letzten aber die Voransteigenden stützten, so gelangten sie auf den Gipfel. Mit Geschrei rannten sie von da herab in die von den Römern schon gewonnene Stadt. Und nun sah man, daß Rachsucht und Haß den Ort bestürmt hatten. Niemand dachte daran, Gefangene zu machen, niemand an Beute, obgleich Alles zur Plünderung offen stand. Unbewaffnete eben so wie Bewaffnete, Weiber so gut wie Männer hieben sie nieder: die Rache ging in ihrer Grausamkeit bis zur Ermordung der Unmündigen. Dann warfen sie Feuer in die Häuser, und was nicht hatte verbrennen können; zerstörten sie: so angelegen 463 ließen sie sichs sein, selbst die Spur der Stadt zu vertilgen und die Erinnerung an den feindlichen Wohnort zu vernichten. Von hier führte Scipio das Heer vor Castulo, eine Stadt, welche nicht bloß zusammengelaufene Spanier, sondern auch die nach ihrer Zerstreuung sich hier sammelnden Reste des Punischen Heeres besetzt hatten. Der Ruf vom Unglücke der Illiturgitaner war der Ankunft des Scipio vorausgegangen. Schrecken und Verzweiflung hatte sich seitdem ihrer bemächtigt; und da sich, in ganz verschiedenem Verhältnisse beider Theile zu den Römern, jeder, ohne Rücksicht auf den andern, zu retten suchte, so bewirkte zuerst der schweigende Verdacht, dann die offenbare Mishelligkeit zwischen den Carthagern und Spaniern eine Trennung. Den letzten rieth Cerdubellus geradezu zur Übergabe. Befehlshaber der Punischen Hülfstruppen war Himilco. Ihn und die Stadt überlieferte Cerdubellus, nach insgeheim erhaltener Zusage der Verzeihung, den Römern. Hier waren die Sieger schonender. Theils hatten jene nicht so viel verbrochen; theils hatte die freiwillige Übergabe die Erbitterung um ein Großes gemildert. 21. Von hier wurde Marcius abgeschickt, diejenigen Barbaren, die etwa noch nicht bezwungen waren, zur Unterwürfigkeit zu bringen. Scipio kehrte nach Neu-Carthago zurück, den Göttern seine Gelübde zu bezahlen, und die Faustfechterspiele zu geben, die er als Leichenfeier zur Ehre seines Vaters und Oheims veranstaltet hatte. Das Schauspiel dieses Fechtkampfes gewährten nicht etwa Leute einer solchen Classe, aus welcher die Fechtmeister sie aufzustellen pflegen, von Sklaven, oder denen, die ihr Leben verkaufen. Die Fechtenden sämtlich leisteten diesen Dienst freiwillig und unbezahlt. Denn Einige waren von ihren Fürsten geschickt, um von der ihrem Volke eigenen Tapferkeit eine Probe abzulegen: Andre erboten sich selbst zum Kampfe, aus Gefälligkeit gegen den Feldherrn: noch Andre bewog Wetteifer und Lust sich zu messen zur Herausforderung, und die Geforderten, sie 464 nicht auszuschlagen. Einige, welche ihre Streitigkeiten durch Auseinandersetzung nicht hatten schlichten können oder wollen, ließen nach getroffener Übereinkunft, daß der streitige Besitz dem Sieger anheimfallen solle, das Schwerdt entscheiden. Auch thaten dies nicht bloß Leute von geringer Herkunft, sondern Angesehene und Vornehme; selbst Corbis und Orsua, zwei Brudersöhne, die um die Regierung ihrer Stadt, Namens Ibes, stritten, fanden sich an, ihre Sache mit dem Schwerdte auszumachen. Corbis war der Ältere; allein Orsua's Vater, der von seinem älteren Bruder bei dessen Tode die Regierung bekommen hatte, war zuletzt Regent gewesen. Als sie Scipio durch Vorstellungen auseinandersetzen und ihre Erbitterung besänftigen wollte, sagten Beide, das hätten sie ihren gemeinschaftlichen Verwandten schon abgeschlagen, und würden unter Göttern und Menschen keinen andern Richter erkennen, als den Mars. Da sie Beide, der Ältere auf seine Stärke, der Jüngere auf seine blühende Jugend trotzend, bei dem Wunsche, lieber im Kampfe zu fallen, als einer vom andern abhängig zu sein, von einer so heftigen Wuth nicht abzubringen waren; so gewährten sie dem Heere einen gleich auffallenden Anblick und Beweis, was für ein mächtiges Übel unter den Sterblichen die Herrschsucht sei. Durch Waffenübung und List siegte der Ältere über die vermessene Starke des Jüngeren ohne Mühe. An diesen Schaukampf der Fechtenden schlossen sich die übrigen Leichenspiele, so gut man sie darnach, daß die Anstalten theils in einer Provinz, theils im Lager getroffen wurden, nur haben konnte. 22. Indeß hatten die Unternehmungen durch Scipio's Unterfeldherren ihren Fortgang. Dem Marcius ergaben sich nach seinem Übergange über den Strom Bätis, der bei den Einwohnern Certis heißt, zwei mächtige Städte ohne Kampf. Eine Stadt, Astapa hieß sie, hatte es immer mit Carthago gehalten: doch war dies kein so gerechter Grund zur Erbitterung gegen ihre Bürger, hätten sie nicht gegen die Römer einen tödtlichern Haß gehegt, als selbst der Krieg gebot. Ihre Stadt war weder durch die Lage, 465 noch durch Werke so fest, daß sie darauf hätten trotzen können; allein der Hang der Einwohner zum Straßenraube hatte sie verführt, in die angränzenden Länder der Römischen Bundsgenossen Einfälle zu thun und die abstreifenden Römischen Soldaten, Marketender und Kaufleute aufzuheben. Einmal hatten sie auch die für den Durchzug durch ihr Gebiet, das für eine kleine Zahl zu unsicher war, mitgegebene stärkere Begleitung in einem Hinterhalte umzingelt und, weil sie durch ihre Stellung im Vortheile waren, niedergehauen. Als das Heer zum Angriffe auf die Städte anrückte, verabredeten sich die Einwohner, ihrer Frevel sich bewußt, bei der Unsicherheit der Übergabe an einen so erbitterten Feind, und ohne von ihren Mauern oder Waffen ihre Rettung hoffen zu können, zu einer scheußlichen und unmenschlichen That gegen sich selbst und die Ihrigen. Sie bestimmten einen Platz auf dem Markte, ihre besten Kostbarkeiten hier zusammenzutragen. Über den aufgeschütteten Haufen mußten ihre Weiber und Kinder sich setzen: sie thürmten Holz umher auf, bewarfen es mit Reisbündeln, und gaben funfzig jungen Kriegern den Auftrag: «So lange der Ausgang des Gefechts noch ungewiß sei, sollten sie auf diesem Platze als Bedeckung ihre Habe und die Personen, die ihnen noch theurer wären, als ihre Habe, bewachen. Sahen sie ihr Unglück entschieden und die Stadt auf dem Punkte, erobert zu werden; so könnten sie überzeugt sein, daß Alle, welche sie jetzt ins Treffen gehen sähen, auch ihren Tod im Gefechte selbst zu finden wüßten. Dann bäten sie sie bei allen Göttern des Himmels und der Unterwelt, eingedenk der Freiheit, die an diesem Tage entweder durch ehrenvollen Tod, oder durch ehrlose Sklaverei ihr Ende nehmen müsse, nichts übrig zu lassen, woran der ergrimmte Feind seine Wuth ausüben könne. Feuer und Schwert hätten sie in Händen. Es sei besser, die vom Tode nicht zu Rettenden durch treue Freundeshand vernichten, als den höhnenden Feind mit ihnen sein grausames Spiel treiben zu lassen.» Diese Aufforderungen verstärkten sie durch die schrecklichsten Verwünschungen 466 gegen den, der sich etwa durch Hoffnung oder Weichlichkeit von seinem Vorsatze ableiten ließe. In fortstürzendem Zuge brachen sie mit gewaltigem Getöse aus den geöffneten Thoren. Es war ihnen kein Posten von hinreichender Stärke entgegengestellt, weil sich nichts weniger fürchten ließ, als daß sie es wagen würden, aus ihren Mauern hervorzukommen. Nur wenige Geschwader Reuterei und die leichten Truppen, zu diesem Zwecke eiligst aus dem Lager abgeschickt, kamen ihnen entgegen. Das Gefecht war durch die Wuth im Angriffe mehr heftig als durch gehörige Aufstellung geordnet. Die Reuterei, die sich dem Feinde zuerst entgegengeworfen hatte, trug, als sie geschlagen wurde, den Schrecken unter ihre leichten Truppen, und das Gefecht würde sich unter den Lagerwall gezogen haben, wenn nicht die festen Legionen, so wenig Zeit sich zu stellen sie auch hatten; in gerader Linie aufgerückt wären. Und selbst hier geriethen die Glieder auf eine Zeitlang in Verlegenheit, weil der Feind blind vor Wuth, ohne Wunden und Waffen zu scheuen, mit rasender Kühnheit hereinstürzte. Dann aber hemmten diese Altkrieger, gegen die Anläufe der Unbesonnenheit standfest, durch ihr Gemetzel unter den Vordersten den Andrang der Nachfolgenden. Und als sie gleich nachher bei ihrem Versuche, selbst einzubrechen, niemand weichen, sondern sie Alle, jeden zum Tode auf seiner Stelle, verschworen sahen, dehnten sie ihre Linie – und dieses konnten sie bei ihrer Truppenmenge sehr leicht – umfaßten die feindlichen Flügel und machten die in die Runde um sich Hauenden bis auf den Letzten nieder. 23. Handelte so der erbitterte Feind, und zwar da, wo er Leben gegen Leben setzte, so verfuhr er doch nach Kriegsrecht gegen Bewaffnete und sich zur Wehr Setzende. Allein unmenschlicher war das Gemetzel in der Stadt, wo Mitbürger selbst den unkriegerischen wehrlosen Haufen ihrer Weiber und Kinder mordeten, die Körper meistens noch halblebend auf den angezündeten Holzstoß warfen, Blut in Bächen die auflodernde Flamme erstickte, und sie 467 selbst zuletzt, vom kläglichen Morde der Ihrigen erschöpft, sich mit ihren Waffen mitten in die Glut hineinstürzten. Schon war der Mord vollbracht, als die Römer vom Siege dazukamen. Und anfangs stutzten sie, durch den Anblick einer solchen Unmenschlichkeit in Staunen gesetzt. Als sie aber nachher mit der dem Menschen eigenen Gier das zwischen den zusammengeworfenen Sachen hervorblitzende Gold und Silber aus dem Feuer reißen wollten, wurden Manche von der Flamme ergriffen, Andere von dem anschlagenden Broden gesengt, weil die Vordersten, bei dem großen Gewühle der Nachdrängenden, nicht zurückweichen konnten. So wurde Astapa, ohne Beute für die Soldaten, mit Feuer und Schwert vertilgt. Marcius, an den sich alles Übrige in dieser Gegend aus Furcht ergab, führte sein siegreiches Heer nach Neu-Carthago zum Scipio zurück. In denselben Tagen kamen Überläufer von Gades, mit dem Versprechen, die Stadt, die darin liegende Punische Besatzung und deren Befehlshaber nebst der Flotte zu überliefern. Mago war dort nach seiner Flucht stehen geblieben; und vermittelst einiger auf dem Weltmeere gesammelten Schiffe hatte er nicht unbeträchtliche Verstärkungen theils jenseit der Meerenge von der Africanischen Küste, theils aus den nächsten Gegenden Spaniens durch den Unterfeldherrn Hanno an sich gezogen. Nach gegenseitiger Zusage zwischen den Überläufern und Römern wurde sowohl Marcius mit Cohorten ohne schweres Gepäcke, als Lälius mit sieben Dreiruderern und einem Fünfruderer, dorthin geschickt, um zu Lande und zu Wasser nach gemeinschaftlichem Plane zu wirken. 24. Eine schwere Krankheit, die den Scipio befiel, von der aber die Nachrichten noch schlimmer lauteten, weil bei der dem Menschen eigenen Sucht, Gerüchte wissentlich zu nähren, ein Jeder das, was er gehört hatte, vergrößerte, brachte die ganze Provinz, vorzüglich die entlegnern Gegenden, in Gährung; und es zeigte sich, welch einen Schwall von Unruhen sein wirklicher Verlust erzeugt haben würde, da schon das leere Gerücht so große 468 Stürme erregte. Die Bundsgenossen blieben nicht bei ihrer Treue, das Heer nicht in seiner Pflicht. Mandonius und Indibilis, deren Erwartung eben darum völlig unbefriedigt blieb, weil sie sich nach Vertreibung der Carthager den Thron von Spanien versprachen, boten ihre Unterthanen auf – diese waren die Lacetaner (Lacetani autem erant) et iuventute.] – Weil Livius dem Indibilis an mehrern andern Stellen die Ilergeten zu Unterthanen giebt, so findet man es anstößig, daß hier ganz allein die Lacetaner genannt werden. Darum wollte Crevier statt autem lieber et Ilergetes lesen. Allein mit Recht nimmt Drakenb. das autem der Parenthese in Schutz. Ich lese: (Lacetani autem erant et Ilergetes) et iuventute, und glaube dazu drei Gründe zu haben. 1) Daß Livius hier beide Völker angegeben haben müsse sieht man aus Cap. 34. wo Mandonius in seiner Abbitte selbst sagt: quum – non Ilergetes modo et Lacetani, sed castra quoque Romana insanierint. 2) Vielleicht ließ der eine oder andre Abschreiber die Worte et Ilergetes mit Vorsatz weg, weil ihm, wenn er in die Parenthese bloß die drei Worte nahm, Lacetani autem erant, nachher die Worte et Ilergetes mit et iuventute Celtiberorum nicht zusammenpassen wollten. 3) Andre ließen sie darum ausfallen, weil sie bei dem ersten et (Ilergetes et ) iuventute schon bei dem zweiten zu sein glaubten, und mit iuventute fortfuhren. Livius wählte, wenn ich nicht irre, die Parenthese Lacetani autem erant et Ilergetes hier gerade deswegen, weil sich sonst die vielen Ablativi concitatis popularibus, Lacetanis et Ilergetibus, et iuventute hier gehäuft hätten, und es selbst dann, wenn er so geschrieben hätte unbestimmt geblieben wäre, ob die Worte et Ilergetibus auch zu popularibus gezogen werden, oder, mit dem Folgenden zusammengenommen, ein dem Indibilis nicht unterwürfiges Volk anzeigen sollten. und Ilergeten – riefen die jungen Celtiberer zu den Waffen und verheerten das Gebiet der Suessetaner und Sedetaner, Römischer Bundesvölker, als Feinde. Ein andrer Unsinn kam selbst unter Römern, im Lager bei Sucro, zum Ausbruche. Hier standen, die Völker diesseit des Ebro zu bewachen, achttausend Mann. Sie geriethen aber auf ihren verkehrten Sinn nicht etwa jetzt erst, als die bedenklichen Nachrichten über das Leben ihres Feldherrn einliefen, sondern schon früher durch die bei ihnen eingerissene, nach langer Unthätigkeit gewöhnliche, Zügellosigkeit; zum Theile auch dadurch, daß sie, verwöhnt, von ihrem Raube in Feindeslande mehr aufgehen zu lassen, auf friedlichem Gebiete sich schmaler behelfen mußten. Anfangs kam es nur insgeheim zu Gesprächen darüber: «Was sie unter lauter friedlichen Völkern zu thun hätten, wenn doch in der Provinz noch Krieg sei? Sei 469 aber der Krieg schon zu Ende und die Provinz bezwungen, warum sie dann nicht nach Italien zurückgebracht würden?» Auch hatten sie den Sold mit größerm Ungestüme gefordert, als es sich für die Zucht und für gesittete Soldaten schickte: die Wachen hatten sich gegen die Obersten, wenn diese die Runde machten, unanständige Ausdrücke erlaubt; Manche waren bei Nacht auf die nächsten Gegenden in Freundes Lande zum Plündern ausgegangen: zuletzt gingen sie bei Tage und ganz öffentlich ohne Urlaub von den Fahnen. Die Willkür und Anmaßung der Soldaten galt überall; die alte Einrichtung und Kriegszucht oder der Befehl der Vorgesetzten nirgend. Doch behielt das Ganze noch die Gestalt eines Römischen Lagers; aber auch dies hing bloß von ihrer Voraussetzung ab, vermöge welcher sie ihren Obersten, die gewiß von dem allgemeinen Schwindel ergriffen an Aufruhr und Abfall theilnehmen würden, bis jetzt noch die Übung der Gerichtspflege auf dem Hauptplatze gestatteten, das Losungswort von ihnen holten, der Reihe nach auf Posten und Wachen zogen, und so wie sie allem Oberbefehle die Kraft genommen hatten, gleichwohl den Schein der aufs Wort Gehorchenden dadurch beibehielten, daß sie sich selbst befehligten. Allein der Aufstand kam zum Ausbruche, sobald sie merkten, daß die Obersten dies Benehmen tadelten und misbilligten, ihnen entgegen zu arbeiten suchten und sich laut von aller zu erwartenden Theilnahme an ihrer Verblendung lossagten. Nachdem sie also die Obersten vom Hauptplatze und bald nachher aus dem Lager vertrieben hatten, übertrugen sie mit allgemeiner Beistimmung den Oberbefehl den Anführern des Aufruhrs, zwei gemeinen Soldaten, dem Cajus Albius von Cales und dem Cajus Atrius, einem Umbrier. Diese, mit den Auszeichnungen eines Obersten nichts weniger als zufrieden, streckten dreist genug die Hand nach den Ehrenzeichen des höchsten Oberbefehls, nach den Ruthenbündeln und Beilen aus, ohne daran zu denken, daß diese Ruthen und diese Beile, die sie sich zum Schrecken Anderer vortragen ließen, über ihrem Rücken, über 470 ihrem Nacken schwebten. Der fälschlich geglaubte Tod des Scipio verblendete die Leute; und wenn sich nun nächstens das Gerücht davon ausbreitete, so ergriff, wie sie gar nicht zweifelten, das Feuer des Krieges ganz Spanien: in diesem Aufruhre könnten sie dann die Bundsgenossen brandschatzen, die benachbarten Städte plündern, und wenn bei der allgemeinen Verwirrung Keinem ein Frevel zu groß sei, so würde das, was sie selbst gethan hätten, so viel weniger bemerklich sein. 25. Da sie nun von Zeit zu Zeit andere neuere Nachrichten nicht bloß von seinem Tode, sondern auch von der Beerdigung erwarteten, diese aber ausblieben und das ohne Grund entstandene Gerücht verstummete, so fingen sie an, sich nach den ersten Aussagern umzusehen: und da sich Jeder zurückzog, um lieber den Schein eines zu voreiligen Glaubens, als einer Erdichtung von solcher Wichtigkeit auf sich zu laden; da freilich überfiel die nun allein stehenden Anführer ein Schauder vor ihren eignen Ehrenzeichen; und statt des Schattenbildes von Oberbefehl, womit sie sich bekleidet hatten, sahen sie die wirkliche Macht in ihrer ganzen Stärke nächstens gegen sich im Anzuge. Als noch während dieser Betroffenheit der Aufrührer, zuerst über das Leben, bald auch über die Gesundheit des Scipio sichere Nachrichten einliefen, wurden vom Scipio selbst sieben Obersten geschickt. Ihre Ankunft bewirkte anfangs allgemeine Erbitterung. Bald aber, als sie sich ihren Bekannten, so wie sie mit ihnen zusammenkamen, durch freundliche Gespräche gefällig machten, wurde Alles friedfertiger. Indem sie nämlich anfangs von Zelt zu Zelt gingen; dann auch, wo sie auf der Hauptgasse und dem Feldherrnplatze mehrere im Gespräche beisammen sahen, redeten sie die Soldaten an, mehr im Tone derer, die darüber Auskunft haben wollten, wie sie in aller Welt zu diesem Grollen und dieser Verschüchterung hätten kommen können, als daß sie ihnen über das Geschehene Vorwürfe machten. Meistens wurde ihnen der nicht zur gehörigen Zeit gezahlte Sold als Grund angegeben: «auch habe man, da sie doch zu eben der Zeit, 471 als der Frevel der Illiturgitaner zum Ausbruche gekommen sei, nach dem Verluste zweier Feldherren und zweier Heere die Ehre Roms geschützt und die Provinz behauptet hätten, über die Illiturgitaner längst die verdiente Strafe verhängt, allein ihre Verdienste zu belohnen finde sich niemand.» Auf diese Klagen antworteten die Obersten: «Ihre Forderung sei billig, und sie würden sie dem Feldherrn berichten. Sie wären herzlich froh, daß das Übel nicht schlimmer, nicht unheilbarer sei. Durch die Gnade der Götter sei ja eben sowohl Publius Scipio, als der Stat, im Stande, ihnen seine Schuld abzutragen.» Scipio, mit dem Kriege vertraut, mit Stürmen des Aufruhrs unbekannt, war in nicht geringer Verlegenheit, um weder die Soldaten in ihren Fehltritten das Maß überschreiten zu lassen, noch in seinen Strafen es selbst zu überschreiten. Für jetzt, beschloß er, bei der Gelindigkeit, mit der er angefangen habe, zu bleiben, und ihnen, durch Absendung der Einforderer an die zinsbaren Staten, zur baldigen Zahlung des Soldes Hoffnung zu machen. Bald darauf ließ er den Befehl ergehen, sie sollten zur Abholung des Soldes nach Neu-Carthago kommen; wie sie am liebsten wollten, in mehrern Abtheilungen, oder Alle zusammen. Der schon von selbst erschlaffende Aufruhr sank bei der unerwarteten Ruhe der Spanischen Empörer zur völligen Stille zurück. Denn als Mandonius und Indibilis erfahren hatten, daß Scipio noch lebe, waren sie mit Aufgebung ihres Unternehmens in ihre Gränzen zurückgegangen; und nun hatten die Soldaten weder Landsmann, noch Ausländer, an den sie sich in ihrer Verblendung hätten anschließen können. Bei ihrem Haschen nach Maßregeln blieb ihnen doch keine übrig, als der, freilich nicht ganz sichere, Rückschritt von ihrem bösen Vorhaben, um sich entweder dem gerechten Zorne, oder der immer noch möglichen Gnade ihres Feldherrn zu überlassen. «Habe er doch sogar Feinden verziehen, gegen die es Leben und Tod gegolten habe. Ihr Aufstand sei ohne Wunde, ohne Blut abgegangen; sei an sich 472 selbst so arg nicht gewesen, und auch keiner so argen Strafe werth,» – ganz so, wie die Erfindungskraft jeden Menschen zur Verkleinerung seiner Fehler nur zu beredt macht. Nur darüber nahmen sie noch Anstand, ob sie zur Abholung des Soldes in einzelnen Cohorten, oder zusammen hingehen wollten. Der Beschluß fiel dahin aus, was ihnen das Sicherste schien, mit einander zu gehen. 26. In eben den Tagen, in welchen jene sich so beriethen, wurde über sie zu Neu-Carthago Kriegsrath gehalten; und die Meinungen waren darüber streitig, ob man bloß gegen die Stifter des Aufruhrs – es waren ihrer nicht über fünfunddreißig – verfahren solle, oder ob man nicht einen Aufstand, oder vielmehr gar einen Abfall, von einem so schändlichen Beispiele durch die Hinrichtung Mehrerer ahnden müsse. Die gelindere Meinung, die Strafe auf diejenigen zu beschränken, von denen die Schuld ausgegangen sei, und die Menge mit einem Verweise abkommen zu lassen, behielt die Oberhand. Nach aufgehobener Sitzung wurde dem Heere zu Neu-Carthago, als habe sie gerade diesen Zweck gehabt, der Aufbruch gegen den Mandonius und Indibilis angekündigt und der Befehl gegeben, sich auf mehrere Tage mit Lebensmitteln zu versehen. Jedem der sieben Obersten, eben denen, die vorhin zu Stillung des Aufruhrs nach Sucro gegangen waren, und die man jetzt dem Heere entgegensandte, wurden fünf Rädelsführer mit Namen angegeben, um sie durch dazu schickliche Leute mit Freundlichkeit und guten Worten zu Gaste zu bitten, und im Rausche schlafend binden zu lassen. Sie waren schon nicht weit mehr von Neu-Carthago, als die Erzählung der ihnen Begegnenden, daß morgen das ganze Heer unter dem Marcus Silanus gegen die Lacetaner aufbreche, sie nicht nur völlig von ihrer insgeheim gehegten Furcht befreiete, sondern ihnen große Freude machte, weil sie so den allein gelassenen Feldherrn eher in ihrer Gewalt haben, als selbst von ihm abhängen würden. Gegen Sonnenuntergang rückten sie in die Stadt und sahen, wie das andere Heer Alles zum Marsche in 473 Stand setzte. Mit Ausdrücken empfangen, welche, absichtlich so gestellt, ihnen sagen mußten, wie erfreulich, wie ganz zu rechter Zeit für den Feldherrn ihre Ankunft sei, da sie gerade gegen den Auszug des andern Heeres einträfen, thaten sie im Genusse sich gütlich. Ohne allen Lärm lockten die von den Obersten dazu Ausgesuchten die Stifter des Aufruhrs glücklich in die Quartiere, nahmen sie fest und banden sie. Um die vierte Nachtwache setzte sich das Gepäck des angeblich ausrückenden Heeres in Zug. Gegen Morgen brachen die Fahnen auf, mußten aber im Thore Halt machen, und an die sämtlichen Thore wurden Wachen gestellt, um niemand aus der Stadt zu lassen. Als darauf die Tags zuvor Eingerückten zur Versammlung gefordert wurden, liefen sie voll Keckheit auf den Markt, der Richterbühne des Feldherrn zu, den sie sogar von ihrer Seite durch ihr Dazwischenschreien zu schrecken hofften. Zu gleicher Zeit bestieg itzt der Feldherr die Bühne und die von den Thoren zurückgeführten Bewaffneten schlossen sich im Rücken um die wehrlose Versammlung. Da sank ihr ganzer Trotz, und wie sie nachher gestanden, erschütterte sie nichts so sehr, als die unerwartete Gesundheitsfülle und frische Farbe des Feldherrn, den sie als den Verfallenen wiederzufinden geglaubt hatten, und eben so sein Blick, dessen sie sich so, ihrer Aussage nach, selbst aus keiner Schlacht zu erinnern wußten. Eine Weile saß er schweigend da, bis ihm gemeldet wurde, man habe die Anstifter der Empörung auf den Platz gebracht und es sei Alles fertig. 27. Jetzt ließ er durch den Herold Stille gebieten und begann: «Nie habe ich geglaubt, daß es mir am Vortrage fehlen würde, mein Heer anzureden; nicht etwa darum, weil ich mich mehr auf Worte, als auf Thaten geübt hatte, sondern weil ich, fast von Kindheit an im Lager gegenwärtig, mit dem Eigenthümlichen des Soldaten vertraut geworden war. Wie ich aber zu euch reden soll, dies giebt mir kein Nachdenken, keine Sprache an, da ich nicht einmal weiß, wie ich euch in meiner Anrede zu nennen habe. Mitbürger? – euch, die ihr 474 von eurem Vaterlande abgefallen seid? Vielleicht Soldaten? – die ihr von allem Oberbefehle, von aller Götterleitung euch losgesagt, den euch bindenden Fahneneid gebrochen habt? oder Feinde? – kann ich doch in eurer Gestalt, Bildung, Kleidung und dem ganzen Äußern meine Mitbürger nicht verkennen, wenn ich gleich in euren Handlungen, Worten, Maßregeln und Gesinnungen nur Feinde erblicke. Denn sagt, hattet ihr andre Wünsche, andre Hoffnungen, als die Ilergeten und Lacetaner? Und diese folgten doch noch einem Mandonius und Indibilis, Männern von königlichem Range, als Führern ihrer Verblendung: ihr aber übertruget die Götterleitung und den Oberbefehl einem Umbrier Atrius und dem Albius einem Calener. Sagt immer, Soldaten, ihr hättet das nicht Alle gethan, nicht Alle gern gesehen; es sei dies eine Verblendung, eine Raserei nur einiger Wenigen: und wie gern will ich eurem Leugnen Glauben beimessen! Denn die Verbrechen sind wahrlich nicht von der Art, daß sie, falls das ganze Heer davon angesteckt wäre, ohne große Sühnmittel gebüßet werden könnten. Ungern berühre ich diese Dinge, gerade so, wie Wunden: allein wenn sie nicht angerührt, nicht gehandhabet werden, so können sie auch nicht heilen.» Als wir die Carthager aus Spanien vertrieben hatten, bildete ich mir ein, nun gebe es in der ganzen Provinz keinen Ort, keinen Menschen mehr, wo mein Leben verhaßt sein könne: so hatte ich mich nicht nur gegen unsre Bundsgenossen, sondern selbst gegen die Feinde benommen. Und siehe da! in meinem eignen Lager – wie sehr hat mich meine Erwartung getäuscht! – ist die Nachricht von meinem Tode nicht bloß willkommen; man sieht ihr sogar entgegen. Ich sage das nicht in der Absicht, das Verbrechen auf Alle auszudehnen; denn wenn ich glauben müßte, mein ganzes Heer habe mir den Tod gewünscht, so würde ich, nach meiner Denkungsart, hier auf der Stelle vor euren Augen sterben, und ein Leben könnte mir ja nicht erfreulich sein, das meinen Mitbürgern und meinen Soldaten verhaßt wäre. Nein, jede 475 Menge – so ist das Meer durch sich selbst unbeweglich; Winde nur und Lüfte regen es auf: eben so giebt es bei euch Windstille, oder Sturm; und die Veranlassung oder der Ausbruch eurer Verblendung ist jedesmal das Werk der Aufwiegeler: auf euch ging der Unsinn nur durch die Ansteckung über. Ihr selbst scheinet mir noch heute nicht einmal zu wissen, wie weit ihr in eurer Tollheit gegangen seid; was für ein Verbrechen ihr gegen mich, gegen das Vaterland und eure Ältern und Kinder; gegen die Götter, die Zeugen eures Fahneneides; gegen die Götterleitung, unter der ihr dienet; gegen die Sitte des «Kriegsdienstes und die alte angestammte Zucht; gegen die Majestät des höchsten Oberbefehls gewagt habt. Von mir selbst schweige ich. Mögt ihr mehr übereilt, als gern, die Gläubigen gewesen sein; mag ich sogar der Mann sein, bei dem man sich über die Unzufriedenheit des Heeres mit seiner Leitung gar nicht zu verwundern hätte: was hätte aber das Vaterland um euch verschuldet, daß ihr, durch Vereinigung eurer Anschläge mit einem Mandonius und Indibilis, an ihm zu Verräthern wurdet? oder das Römische Volk, daß ihr den durch Stimmenwahl des Volks ernannten Obersten den Oberbefehl nahmet, und ihn Privatleuten übertruget? und selbst hiemit noch nicht zufrieden, sie für eure Obersten anzusehen, übertruget ihr auch die Ruthenbündel eures Feldherrn Leuten, die nie einen Sklaven hatten, dem sie befehlen konnten; ihr, ein Heer von Römern! Auf dem Hauptplatze standen die Feldherrnzelte eines Albius und Atrius! bei ihnen gab die Trompete das Zeichen; von ihnen holtet ihr die Losung; auf Publius Scipio's Richterbühne saßen sie; ihnen leistete der Häscher den Dienst; sie hießen ihn Platz machen, wo sie einhertraten; Ruthen und Beile wurden ihnen vorgetragen. Wenn es Steine regnet, Wetterschläge vom Himmel fahren, die Thiere niegesehene Ausgeburten zur Welt bringen, dann glaubt ihr Schreckzeichen zu sehen: hier habt ihr ein Schreckzeichen, welches ohne das Blut derer, die einen solchen Frevel wagten, durch 476 keine Opfer, keine Bettage, zu sühnen sein möchte! 28. «Auch möchte ich, obgleich ein Frevel nie Vernunft zur Grundlage hat, dennoch wohl wissen, was hierbei, so viel sich dessen in einer Schandthat finden lässet, euer Sinn, eure Absicht gewesen sei. Ehemals machte sich eine nach Rhegium zur Besatzung gelegte Legion, nach frevelhafter Ermordung der vornehmsten Bürger, die reiche Stadt auf zehn Jahre eigen. Die ganze Legion von viertausend Menschen wurde dieses Verbrechens wegen zu Rom auf dem Markte mit dem Beile enthauptet. Aber Einmal folgten doch jene nicht einem Halbmarketender Atrius aus Umbrien, vor dem man als Oberhaupte schon seines Namens Atrius ex Umbria klang ungefähr wie Schwarzer aus Schattenland. wegen schaudern muß, sondern ihrem Kriegsobersten Decius Jubellius. Zum andern vereinigten sie sich nicht mit dem Pyrrhus, nicht mit den Samniten oder Lucanern, den Feinden Roms. Ihr aber zoget den Mandonius und Indibilis in euren Plan und würdet auch mit euren Waffen zu ihnen gestoßen sein. Jene wollten, so wie die Campaner Capua, das sie den alten Bewohnern, den Tuskern, genommen hatten, so wie die Mamertiner in Sicilien Messana, eben so Rhegium als bleibenden Wohnort behalten, ohne im mindesten einen Kriegsangriff gegen das Römische Volk, oder gegen die Bundsgenossen des Römischen Volks zum Zwecke zu haben. War es so auch euer Wille, Sucro als eure Heimat zu behalten? Hätte ich als nach Eroberung der Provinz abgehender Feldherr euch dort zurückgelassen, so mußtet ihr euch ja bei Göttern und Menschen beklagen, daß man euch nicht zu euren Gattinnen und Kindern zurückkehren ließe. Doch auch an sie, so wenig als an euer Vaterland und mich, soll euer Herz gedacht haben. Mein Zweck ist nur der, daß aus der Untersuchung eures Plans hervorgehen möchte, er sei zwar frevelhaft, aber doch nicht die höchste Tollheit gewesen. Und doch wolltet ihr, bei meinem Leben, bei dieser Stärke meines übrigen Heers, mit dem ich in 477 Einem Tage Neu-Carthago eroberte, mit dem ich vier Feldherren, vier Heere der Carthager warf, vom Felde schlug, aus Spanien verjagte, ihr, sage ich, achttausend Menschen, Alle wenigstens von minderem Werthe, als Albius und Atrius, denen ihr euch selbst unterworfen habt, wolltet die Provinz Spanien dem Römischen Volke entreißen? Mich selbst will ich aus der Sache wegdenken, mich ganz bei Seite setzen. Mag ich selbst von euch außer eurem zu willigen Glauben an meinen Tod nicht beleidigt sein. Wie aber? wenn ich auch starb, mußte dann mit mir der Stat auch ausgelebt haben? würde mit mir auch die Oberherrschaft des Römischen Volks gefallen sein? Das wolle der allmächtige Jupiter nicht geschehen lassen, daß eine mit göttlicher Genehmigung, unter Einwirkung der Götter, für die Ewigkeit erbaute Stadt mit diesem zerbrechlichen und sterblichen Körper auf gleiche Dauer gesetzt sein sollte! Wenn einen Flaminius, einen Paullus, Gracchus, Postumius Albinus, Marcus Marcellus, Titus Quinctius, Crispinus, Cneus Fulvius, meine Scipione und so viele, so vortreffliche Feldherren dieser einzige Krieg wegraffte, so steht doch das Römische Volk noch da, und wird noch dastehen, wenn auch tausend Andre hier durch das Schwert, dort in Krankheiten ihren Tod finden; und mit meiner einzigen Leiche sollte der Römische Stat zu Grabe getragen werden? Ihr selbst habt hier in Spanien, als mein Vater und Oheim, eure beiden Feldherren, gefallen waren, gegen die über ihren so eben erfochtenen Sieg frohlockenden Punier den Marcius Septimus zu eurem Feldherrn erwählt. Und ich nehme die Lage der Dinge so, als ob Spanien ohne Feldherrn gewesen sein würde. Sollte Marcus Silanus, der mit eben den Rechten, mit eben dem Range des Oberbefehls, wie ich, in die Provinz gesandt wurde, sollten mein Bruder Lucius Scipio und Cajus Lälius, meine Unterfehlherren, gesäumt haben, die Hoheit des Oberbefehls in Schutz zu nehmen? Ließ sich hier zwischen Heer und Heer, zwischen Feldherren und Feldherren, oder 478 in Hinsicht der Würde, oder der gerechten Sache ein Vergleich anstellen? Wenn ihr aber auch in allen diesen Stücken die Überlegenen wäret, wolltet ihr dann mit den Puniern zugleich die Waffen gegen euer Vaterland, gegen eure Mitbürger tragen? in Africa Italiens, in Carthago Roms Beherrscherinn suchen? Womit hatte dies das Vaterland verschuldet?» 29. «Daß ehemals Coriolanus sich aufmachte, seine Vaterstadt zu belagern, dazu vermochte ihn eine ungerechte Verurtheilung, eine traurige und empörende Verbannung; und dennoch rief ihn von einer frevelhaften Vernichtung seiner Vaterstadt die Zärtlichkeit gegen die Seinigen zurück. Welches Leiden aber empörte euch? worüber hattet ihr zu zürnen? Konnte die bei der Krankheit des Feldherrn um einige Tage sich verspätende Zahlung des Soldes für euch ein hinreichender Grund sein, deswegen eurem Vaterlande den Krieg anzukündigen? deswegen vom Römischen Volke an die Ilergeten abzufallen? euch darum an Gott und Menschen zu versündigen? Wahrhaftig, Soldaten, ihr waret verrückt, und die Wuth der Krankheit befiel meinen Körper nicht heftiger, als euren Verstand. Mich schaudert davor, das Alles zur Sprache zu bringen, was die Menschenkinder geglaubt, gehofft, gewünscht haben mögen! Möge Vergessenheit, wenn sie kann, das Alles als ungeschehen mit sich wegnehmen; wo nicht, Stillschweigen, so gut es sich thun lassen will, es decken!» «Ich will nicht leugnen, daß ihr meine Rede hart und schrecklich gefunden haben könnt: was meint ihr aber; wie viel schrecklicher müssen eure Thaten sein, als meine Worte? und verlangt ihr, daß ich das Alles, was ihr gethan habt, mit Gleichmuth tragen soll, und ihr wolltet schon die Beleidigten sein, wenn man es euch mit Worten vorhält? Aber auch vorgeworfen werden soll es euch nicht weiter. Möget ihr dessen eben so leicht vergessen, als ich es vergessen will! Wenn ihr also eure Verirrung bereuet, so bin ich, so viel euch insgesamt betrifft, mit dieser Strafe vollkommen 479 abgefunden. Aber Albius, der Calener, und Atrius, der Umbrier, und die übrigen Anstifter der schandbaren Meuterei, sollen mit ihrem Blute büßen, was sie verwirkt haben. Euch muß der Anblick ihrer Hinrichtung nicht nur nicht schmerzhaft, sondern, wenn ihr wirklich zur richtigen Besinnung zurückgekehrt seid, sogar erfreulich sein. Denn mit niemand haben sie es schlimmer und feindseliger im Willen gehabt, als mit euch.» Kaum hatte er die Rede geendet, als die getroffenen Vorkehrungen ihre Augen und Ohren mit lauter Erregungen des Schreckens überfüllten. Das Heer, welches die Versammlung im Kreise umschloß, ließ seine Schwerter gegen die Schilde klirren. Der Ruf des Heroldes erscholl, der die im Kriegsrathe Verurtheilten bei Namen vorforderte. Entkleidet wurden sie mitten auf den Platz geschleppt, und zugleich die sämtlichen Geräthschaften des Blutgerichts in Bewegung gesetzt. Während die Verbrecher an den Pfahl gebunden, mit Ruthen gehauen und mit dem Beile enthauptet wurden, waren die Zuschauer vor Furcht so erstarret, daß nicht allein kein dreisteres Wort gegen die Härte der Strafe, sondern auch nicht einmal ein Ach sich hören ließ. Dann wurden die Körper alle aus der Mitte weggezogen, der Platz gereinigt; die Soldaten, so wie sie namentlich gefordert wurden, schwuren vor ihren Obersten dem Publius Scipio Gehorsam, und empfingen, so wie sie aufgerufen antworteten, ihren Sold. Mit einem solchen Ausgange endigte sich die von den Soldaten bei Sucro angefangene Meuterei. 30. Um diese Zeit brachte Hanno, ein Oberster, welchen Mago von Gades aus mit einer kleinen Schar Africaner an den Fluß Bätis abgehen ließ, durch den Reiz des gebotenen Soldes an viertausend Mann in die Waffen. Allein Lucius Marcius nahm ihm sein Lager, und da er den größten Theil seiner Truppen im Getümmel dieser Eroberung, auch Manche, denen die Reuterei als Versprengten nachsetzte, auf der Flucht verloren hatte, entfloh er nur für seine Person mit Wenigen. Während dieser Auftritte am Flusse Bätis landete Lälius, der durch 480 die Meerenge in das Weltmeer hinausfuhr, mit seiner Flotte bei Carteja. Die Stadt liegt an der Küste des Oceans, wo das Meer eben anfängt, von der schmalen Straße sich auszubreiten. Man hatte, wie ich schon gesagt, Hoffnung gehabt, Gades ohne Kampf, durch Verrath zu gewinnen, weil sich einige Bürger mit dem zuvorkommenden Antrage im Römischen Lager eingestellt hatten. Noch. unreif wurde die Verrätherei entdeckt. Mago ließ jene sämtlich einziehen und überlieferte sie dem Prätor Adherbal zur Abführung nach Carthago. Adherbal, der die Verschwornen auf einen Fünfruderer einschiffte, und diesen, weil er seinem Dreiruderer zu langsam segelte, voraufgehen ließ, folgte selbst mit acht Dreiruderern in mäßigem Zwischenraume. Schon kam der Fünfruderer in der Meerenge an, als Lälius, der aus dem Hafen von Carteja, ebenfalls auf einem Fünfruderer, im Gefolge von sieben Dreiruderern ausgelaufen war, seine Richtung gegen den Adherbal und gegen die Dreiruderer nahm, denn den Fünfruderer hielt er in der reißenden Meerenge für schon aufgebracht, weil diesem die entgegenströmende Flut alle wechselnde Wendung unmöglich mache. Adherbal, durch die Überraschung in Verlegenheit gesetzt, blieb eine Weile unschlüssig, ob er seinem Fünfruderer folgen, oder dem Feinde die Stirn zu bieten sich wenden sollte. Eben dies Zaudern machte es ihm unmöglich, der Schlacht auszuweichen: denn schon konnten sie sich mit Geschossen erreichen, und von allen Seiten drangen die Feinde heran: auch konnte er wegen des Seestromes seine Schiffe nicht nach Willkür lenken. Überhaupt hatte das Gefecht mit einer Seeschlacht gar keine Ähnlichkeit, weil hier kein eigener Wille, keine Kunst oder Maßregel galt. Die über den ganzen Kampf gebietende Eigenthümlichkeit der Meerenge riß mit der Flut die vergebens mit ihren Rudern entgegenarbeitenden Schiffe bald auf ihre eigenen, bald auf die feindlichen fort, so daß man hier ein fliehendes Schiff, vom Strudel zurückgeschleudert, auf seine Sieger losgehen, dort ein verfolgendes, wenn es in die widrige Richtung des Seestromes gerieth, gleich einem fliehenden sich 481 abwenden sah. Ja selbst im Augenblicke des Kampfs bekam hier ein Schiff, wenn es eben mit seinem Schnabel auf das feindliche einging, mit seiner eignen Seite jenem vorgebreitet, den Stoß von dessen Schnabeln; dort sah sich ein anderes, das dem feindlichen in die Quere entgegengeworfen war, durch einen plötzlichen Umschwung auf sein eignes Vordertheil herumgedreht. Während die Dreiruderer unter der Leitung des Zufalls in unentschiedenem Kampfe zu fechten hatten, bohrte der Römische Fünfruderer, welcher sich besser regieren ließ, entweder weil ihn seine Schwere standfester machte, oder weil er die Strudel mit mehreren Ruderreihen durchschnitt, zwei feindliche Dreiruderer in den Grund, und streifte einem dritten, an welchem er im Schusse vorüberfuhr, auf der einen Seite die Ruder ab. Auch würde er die andern, so wie er sie erreicht hatte, übel zugerichtet haben, wäre nicht Adherbal mit den übrigen fünf Schiffen mit Hülfe der Segel nach Africa übergegangen. 31. Wie Lälius, der als Sieger nach Carteja zurücksegelte, das zu Gades Vorgefallene erfuhr, daß man die Verrätherei entdeckt und die Verschwornen nach Carthago geschickt habe, daß die ganze Hoffnung, in welcher er und Lucius Marcius gekommen waren, vereitelt sei, so ließ er diesem sagen, wenn sie nicht mit vergeblichem Stillsitzen bei Gades die Zeit verlieren wollten, so müßten sie zu ihrem Feldherrn zurückkehren, und als ihm Marcius beistimmte, gingen sie Beide wenige Tage darauf nach Neu-Carthago zurück. Mit ihrem Abzuge kam Mago, der sich bis dahin auf zwei Seiten, zu Lande und zu Wasser, von Besorgnissen bedrängt sah, nicht allein wieder zu Athem, sondern da er auch auf die Nachricht von der Empörung der Ilergeten neue Hoffnung schöpfte, Spanien wieder zu gewinnen, so beschickte er den Senat zu Carthago und ließ ihn unter vergrößernden Darstellungen sowohl des Aufruhrs im eignen Lager der Römer, als des Abfalls ihrer Bundesgenossen, dringend auffordern, Truppen herüberzusenden, mit denen sich die von den Vätern auf sie vererbte Herrschaft über Spanien wieder erfechten lasse. 482 Mandonius und Indibilis, die sich in ihre Staten zurückgezogen hatten, blieben eine Zeitlang, um indessen zu erfahren, wie das Urtheil über die Aufrührer ausfallen würde, erwartungsvoll in Ruhe, ohne daran zu verzweifeln, wenn anders die Unterthanen wegen ihres Fehltritts Verzeihung erhielten, daß auch ihnen verziehen werden könne. Als sie aber aus der mit Strenge vollzogenen Todesstrafe, so wie diese bekannt wurde, abzunehmen glaubten, daß auch ihr Verbrechen zu einer gleichen Strafe berechnet sei; so riefen sie ihre Unterthanen von neuem zu den Waffen, zogen die vorigen Hülfstruppen wieder an sich, und gingen mit zwanzigtausend Mann zu Fuß und zweitausend fünfhundert zu Pferde in das Sedetanische herüber, wo sie nach ihrem Abfalle gleich anfangs ihr Standlager gehabt hatten. 32. Scipio, der durch gewissenhafte Zahlung des Soldes an Einen wie den Andern, an Schuldige sowohl als Unschuldige, noch mehr durch die aus Blick und Worten sprechende Versöhnung, die Herzen seiner Soldaten leicht wiedergewann, ließ sie, ehe er von Neu-Carthago aufbrach, zur Versammlung rufen, und nach wiederholten Äußerungen seines Unwillens über die Treulosigkeit der sich empörenden Herrscherlinge, erklärte er, «Daß er zur Bestrafung dieses Frevels mit ganz andern Empfindungen sich aufmache, als womit er neulich die Verirrung seiner Mitbürger geheilt habe. Damals habe er unter Ächzen und Thränen, wie einer, der in seinem eigenen Fleische schneide, die Unbesonnenheit oder das Verbrechen? von Achttausenden mit dreißig Köpfen gesühnt; jetzt mache er freudiges und hohes Muthes sich auf, die Ilergeten zusammenzuhauen. Denn diese seien nicht mit ihm auf Einer Vatererde geboren, noch durch irgend eine Verbindung an ihn geknüpft. Die einzige bisher obwaltende, die der Treue und Freundschaft, hätten sie selbst so frevelhaft zerrissen. Für sein Heer aber nehme ihn außerdem, daß er in ihm lauter Mitbürger oder Bundsgenossen und Latiner vor sich sehe, auch der Gedanke ein, «daß sich fast kein einziger Soldat darunter finde; der 483 nicht entweder von seinem Oheim Cneus Scipio, dem ersten Römer, der diese Provinz betreten habe, oder von seinem Vater als Consul, oder von ihm selbst, aus Italien hierher gebracht sei. Sie Alle, an den Namen und die Götterleitung der Scipione gewohnt, wünsche er mit sich ins Vaterland zum verdienten Triumphe abzuführen, und verspreche sich von ihnen, daß sie ihn bei seiner Bewerbung ums Consulat unterstützen würden, als gelte es ihrer Aller gemeinschaftliche Ehre. Was übrigens den bevorstehenden Feldzug betreffe, so würde man sich seiner Thaten nicht mehr erinnern, wenn man hierin einen Krieg finden wolle. Mago, der sich mit ein Par Schiffen zur Welt hinaus, auf eine vom Oceane umflutete Insel geflüchtet habe, mache ihm in der That mehr Sorge, als die Ilergeten. Denn dort sei doch ein Carthagischer Feldherr, und, so klein es sei, ein Kohr von Puniern; hier aber Straßenräuber und Häupter von Räuberbanden. «Gesetzt, diese zeigten auch in Plünderung des Nachbarlandes, in Niederbrennung der Häuser und bei wegzuraffenden Heerden eine Art von Stärke, so sei doch die in der Schlachtreihe und in einem förmlichen Treffen ein wahres Nichts: sie würden fechten mehr im Vertrauen auf ihre Schnelligkeit zur Flucht, als auf ihre Waffen. Er habe also nicht darum, weil er von dort irgend eine Gefahr, oder den Zunder zu einem größeren Kriege zu sehen glaube, die Unterjochung der Ilergeten vor seinem Abgange aus der Provinz für nöthig erachtet; sondern Einmal, damit eine so frevelhafte Empörung nicht ungestraft bleibe; zum Andern, damit es nicht heißen könne, er habe in der Provinz, die sie mit eben so viel Tapferkeit als Glück bezwungen hätten, einen Feind zurückgelassen. So möchten sie ihm denn unter göttlichem Beistande folgen, nicht sowohl zur Führung eines Krieges, – denn es sei ja kein Kampf gegen einen gleichen Feind – als zur Bestrafung von Frevlern.» 33. Als er sie mit dieser Rede entließ, befahl er ihnen, sich auf den folgenden Tag marschfertig zu halten, brach dann auf und kam in zehn Märschen an den Fluß 484 Ebro. Nachdem er über den Fluß gegangen war, schlug er am vierten Tage im Angesichte der Feinde sein Lager auf. Vor ihm lag eine Ebene, rund um von Bergen umschlossen. In dieses Thal ließ Scipio die meistens auf feindlichem Gebiete geraubten Heerden den wilden Barbaren zur Lockung vortreiben, schickte leichtes Fußvolk zur Bedeckung nach, und befahl dem Lälius, wenn diese durch kleine Angriffe das Gefecht in Gang gebracht hätten, aus einer verborgenen Stellung mit der Reuterei hervorzubrechen. Den zu deckenden Hinterhalt der Reuterei begünstigte ein vortretender Berg: und bald nachher begann die Schlacht. Die Spanier stürzten auf die von fern erblickten Heerden, das leichte Fußvolk auf die mit der Beute beschäftigten Spanier. Es suchte sie anfangs durch Wurfpfeile zu schrecken, als es aber die leichten Pfeile, welche das Gefecht mehr reizen, als entscheiden konnten, verschossen hatte, zog es die Schwerter und focht nun Fuß gegen Fuß; auch stand es um den Kampf des Fußvolks mißlich, wäre nicht die Reuterei dazugekommen. Sie ritt nicht allein, wo sie von vorn einbrach, Alles, was ihr in den Wurf kam, nieder, sondern ein Theil, der sich am Fuße der Anhöhe herumzog, warf sich den Feinden, um sie dem größten Theile nach zu umzingeln, im Rücken entgegen. Auch war ihr Verlust größer, als er sich von einem leichten Gefechte vorsprengender Parteien hätte erwarten lassen. Und doch entflammte dies den Barbaren nachtheilige Gefecht, statt ihren Muth zu schwächen, vielmehr ihre Erbitterung. Deswegen traten sie, um nicht die Verzagten zu scheinen, am folgenden Tage mit dem frühesten Morgen in Linie auf. Das enge Thal, dessen ich vorhin erwähnte, konnte ihre Truppen nicht alle fassen. Nur zwei Drittel ihres Fußvolks und die ganze Reuterei rückten in die Linie: was sie an Fußvolk übrig hatten, stellten sie schräg am Hügel auf. Scipio, der die Beschränktheit des Platzes für seinen Vortheil nahm, theils weil der Römische Soldat im dichten Schlusse tauglicher sei, als der Spanische, theils weil sich die feindliche Linie auf eine Gegend habe 485 herablocken lassen, die ihrer ganzen Menge zu klein sei, ließ sich deswegen noch auf eine andere Maßregel ein. War es ihm selbst unmöglich, auf so engem Raume seine Reuterei auf die Flügel herumzustellen, so konnten auch die Feinde von der mit dem Fußvolke ins Feld geführten ihrigen keinen Gebrauch machen. Also gab er dem Lälius auf, mit der Reuterei so versteckt als möglich an den Hügeln herumzugehen und das Gefecht der Reuterei vom Gefechte des Fußvolks so weit, als er könne, abzuziehen. Er selbst wandte sich mit seinem ganzen Fußvolke gegen den Feind; und pflanzte an der Spitze nur vier Cohorten auf, weil er des engen Raumes wegen die Linie nicht weiter ausdehnen konnte. Und sogleich fing er die Schlacht an, um selbst vermittelst des Gefechts den Übergang seiner Reuterei über die Höhen dem Auge zu entziehen. Auch merkten die Feinde von der Umgehung nichts, als bis sie das Getümmel der fechtenden Reuterei vom Rücken her vernahmen. So gab es hier zwei Schlachten in entgegengesetzter Richtung Ita duo diversa proelia erant.] – Diversus heißt beim Liv. fast immer in weit aus einandergehender, oder auch entgegengesetzter Richtung. Also darf es hier nicht als Glosse (in dem Sinne von verschieden ) angesehen werden. Es standen hier nicht zwei Treffen in latitudinem campi neben einander, sondern wie Liv. selbst sagt per longitudinem campi, also hinter einander. Das feindliche Fußvolk steht voran, dem Römischen Fußvolke gegenüber; die Reuterei dahinter wird von der Römischen im Rücken angegriffen; also muß sie sich nach der entgegengesetzten Seite wenden; es entstehen duo proelia diversa. So Cap. 41. et in Italia et in Africa duos diversos exercitus alere aerarium non potest, zwei Heere auf so weit verschiedenen Punkten etc. XXXIII. 15. haec tria diversa agmina dicessere. Auch Crevier hat die Lesart diversa beibehalten. Gronov u. Drakenb. mußten sie meiner Meinung nach nicht verwerfen, wenn sie gleich in mehrern und in den besten Mss. fehlt. Findet sie sich nur in Einigen, so ist das hinreichend; 1) weil duo und diu (in diuersa) Ähnlichkeit genug haben, um das Eine ausfallen zu lassen. 2) weil die Abschreiber das unrecht verstandene Wort diversa als eine Glosse ausfallen ließen. : zwei Linien zu Fuß und zwei Reutereien waren die Länge des Feldes hinab im Gefechte, denen der enge Raum eine Zusammensetzung beider Arten von Truppen nicht gestattete. Da von Seiten der Spanier weder das Fußvolk die Reuterei, noch die Reuterei das Fußvolk unterstützen konnte; das Fußvolk, das sich bloß im Vertrauen auf eine Reuterei auf Gerathewohl in die Ebene gewagt hatte, schon 486 zusammengehauen wurde, und ihre umgangene Reuterei so wenig von vorn den Angriff des Fußvolks – denn ihr eigenes Fußvolk war schon zu Boden gestreckt – als in ihrem Rücken die Reuterei aufzuhalten vermochte; so wurde sie ebenfalls, nachdem sie sich lange von den stehenden Pferden herab im Kreise gewehrt hatte, bis auf den letzten Mann zusammengehauen, und von Allen, die zu Fuß und zu Pferde in diesem Thale gefochten hatten, entkam nicht Einer. Nur jenes Drittel, welches mehr zum sichern Genusse des Schauspiels, als zur Theilnahme an der Schlacht, am Hügel stand, hatte Platz und Zeit zum Fliehen. Und mit diesem nahmen auch die beiden Fürsten die Flucht, die sich in der allgemeinen Verwirrung, ehe noch die Linie ganz umschlossen wurde, dorthin gerettet hatten. 34. Das Spanische Lager, das noch an diesem Tage erobert wurde, gab, außer der übrigen Beute, beinahe dreitausend Gefangene. Der Römer und Bundesgenossen fielen in diesem Treffen an tausend zweihundert; verwundet waren über dreitausend Mann. Der Sieg würde weniger Blut gekostet haben, wenn sie auf einem offnern, die Flucht mehr begünstigenden Felde gefochten hätten. Indibilis, der mit Aufgebung aller kriegerischen Entwürfe die schon erprobte Offenheit und Gnade des Scipio in seiner schlimmen Lage für die sicherste Zuflucht hielt, schickte seinen Bruder Mandonius an ihn. Dieser brach nach einem gethanen Fußfalle in Klagen über das Schicksal aus, «das eine solche Verblendung über diesen Zeitraum verhängt habe, in welchem, wie von der Pest angesteckt, nicht bloß die Ilergeten und Lacetaner, sondern selbst das Römische Lager, geraset hätten. Er und sein Bruder und ihre übrigen Landsleute wären in einer solchen Lage, daß sie entweder dem Publius Scipio, wenn er so über sie entscheide, mit dem Leben bezahlen müßten, das sie ihm schon einmal verdankt hätten; oder daß sie als Begnadigte dies Leben, das sie demselben Manne zum zweitenmale schuldig würden, beständig für ihn zum Opfer darzubringen hätten. Vormals hätten sie, mit seiner Gnade noch unbekannt, sich auf ihre Sache verlassen; 487 jetzt, gerade umgekehrt, ließen sie ihre Hoffnung durchaus nicht auf ihre Sache, sondern ganz auf das Mitleiden des Siegers beruhen.» Es war alte Sitte der Römer, jede fremde Macht, mit der sie nicht durch Vertrag, oder als gleiche Theile in Bündniß traten, nicht eher als mit ihnen in Friede begriffen zu behandeln, bis ihnen jene alles Göttern und Menschen gehörige Eigenthum übergeben hatte, bis sie sich hatten Geisel geben lassen, ihr die Waffen genommen und in die Städte Besatzungen gelegt hatten. Nach vielen Vorwürfen, die er dem gegenwärtigen Mandonius und dem abwesenden Indibilis machte, sagte Scipio: «Nach Verdienst hätten sie für ihre Übelthat sterben müssen; allein durch seine und des Römischen Volks Wohlthat sollten sie leben. Übrigens werde er weder ihnen die Waffen nehmen; das wären nur Pfänder für die, denen vor einem erneuerten Kriege bange sei: – er lasse ihnen den freien Gebrauch ihrer Waffen und die volle Unbefangenheit ihres Muths: noch werde er, wenn sie abfielen, gegen schuldlose Geisel, sondern gegen sie selbst, der Harte sein, und nicht den wehrlosen, sondern den bewaffneten Feind zur Strafe ziehen. Da sie das eine Verhältniß, wie das andre, kennen gelernt hätten, so stelle er es ihnen anheim, ob sie mit den Römern lieber im Guten, oder im Bösen, zu thun haben wollten.» So wurde Mandonius entlassen, nur mit auferlegter Geldlieferung, um den Soldaten Zahlung leisten zu können. Scipio, der den Marcius in das jenseitige Spanien voraufschickte, den Silanus nach Tarraco zurückgehen ließ, holte nach einem Aufenthalte von wenig Tagen, während welcher die den Ilergeten auferlegten Geldsummen einliefen, mit seinen Truppen ohne Gepäck den Marcius wieder ein, als dieser sich schon dem Oceane näherte. 35. Bald durch diese, bald durch jene Behinderung war der schon früher eingeleitete Abschluß mit dem Masinissa immer verschoben, weil der Numidische König durchaus mit dem Scipio selbst zusammenkommen und die Festigkeit des Bündnisses auf Scipio's Handschlag 488 gründen wollte. Jetzt war dies für den Scipio die Veranlassung zu einem so weiten und so abschweifenden Zuge. Als Masinissa, der noch zu Gades war, durch den Marcius benachrichtigt wurde, daß Scipio unterweges sei, beredete er den Mago unter dem Vorwande, die Pferde gingen über die Einschließung auf der Insel zu Grunde, verursachten für Andere Mangel an Allem und müßten ihn selbst entgelten, und außerdem verlägen sich die Reuter in Unthätigkeit; daß er ihm erlaubte, auf das feste Land überzusetzen, um die nächsten Gegenden Spaniens auszuplündern. Nach seinem Übergange schickte er drei vornehme Numider voran, um Zeit und Ort zur Unterredung auszumachen: zwei sollte Scipio als Geisel zurückbehalten. Nach Zurücksendung des dritten, der den Masinissa zur bestimmten Stelle bringen mußte, kamen sie, von Wenigen begleitet, zur Unterredung. Schon vorher war der Numidische König durch den Ruf von Scipio's Thaten von Bewunderung eingenommen, und seine Einbildungskraft hatte ihm den Mann auch in einem ansehnlichen und würdevollen Äußern dargestellt. Jetzt aber, als er ihn vor sich sah, fühlte er sich von noch größerer Verehrung ergriffen: denn außerdem daß Scipio schon von Natur viel Erhabenes hatte, schmückten ihn ein lang herabhängendes Har, und ein Äußeres im ganzen Anstande, das nicht durch Putz gesucht, sondern wahrhaft männlich und eines Kriegers würdig war; dazu ein Alter in der Mitte der vollen Kraft, welcher eine nach der Krankheit gleichsam neuaufblühende Jugend noch mehr Fülle und Glanz verlieh. Jetzt, durch die Annäherung selbst, fast wie bedonnert, sagte ihm der König für die Zurücksendung seines Neffen Fratris filio.] – Durch die Übersetzung des Neffen weicht man der Schwierigkeit aus, die von Seiten des Stammbaums entsteht. Der junge Massiva war nach XXVII. 19. vom Masinissa nicht fratris filius, sondern sororis. Und ich glaube, daß man an unsrer Stelle so lesen müsse, da die Worte fratris und sororis der ähnlichen Buchstaben so viele und gleiche Endigung haben, um von den Abschreibern leicht vertauscht zu werden. Ohnehin gehören soror und frater, wie equites und pedites, ulterior und citerior, uxor und soror, socer und gener zu den gewöhnlichen Verwechselungen. Wenn Jac. Gronov meint, Livius sei durch das Griechische αδελφιδου̃ς irre geleitet, so läßt er der Ehre seines Scharfsinns zu Liebe den Livius einen Widerspruch mit sich selbst begehen. Stände bloß in unsrer Stelle fratris filio, so könnte mir Gronovs Vermuthung, daß Livius unrecht übersetzt habe, eher genügen. Da aber Livius selbst an der früheren Stelle den Massiva als Schwestersohn des Masinissa anführt, so kann ich ihn hier sich nicht widersprechen lassen, so lange noch Abschreiber die Schuld tragen können. Eine andre Auskunft, daß Livius unter frater den Schwager verstehe, genügt mir darum nicht, weil ein Schwager selbst den andern schmeichelnd frater nennen kann, nicht aber der Geschichtschreiber ihn als frater angeben muß. Dank. Er versicherte: «Seit 489 jener Zeit habe er sich nach dieser Gelegenheit gesehnt, welche er nun, da sie ihm endlich durch die Gnade der unsterblichen Götter geboten sei, nicht habe versäumen wollen. Er wünsche, ihm und dem Römischen State seine Dienste zu widmen, und zwar so, daß noch nie irgend ein Auswärtiger Roms Sache mit höherem Eifer unterstützt haben solle. So sehr dies lange schon sein Wille gewesen sei, so habe er es doch in Spanien, einem ihm nicht gehörigen und unbekannten Lande nicht leisten können: allein in dem Lande, wo er geboren und zur Hoffnung auf den väterlichen Thron erzogen sei, werde er es ohne Mühe leisten. Wenn nämlich die Römer den Scipio eben so als Feldherrn nach Africa schickten, so sei er gewiß, daß Carthago die längste Zeit gestanden habe.» Scipio sah und hörte ihn mit vieler Freude, da er wußte, daß Masinissa in der feindlichen Reuterei das Meiste gethan habe, und der junge Mann auch unverkennbare Proben der Geistesgröße gab. Nach gegenseitiger Zusicherung der Treue ging Scipio nach Tarraco zurück. Als Masinissa mit Bewilligung der Römer die nächsten Gegenden verheert hatte, um einen Grund seiner Überfahrt nach dem festen Lande angeben zu können, kam er wieder in Gades an. 36. Dem Mago, der mit Aufgebung Spaniens, zu dessen Behauptung ihm zuerst der Aufruhr der Römischen Soldaten und dann der Abfall des Indibilis Hoffnung gemacht hatte, sich eben zur Überfahrt nach Africa anschickte, kam die Weisung von Carthago, auf Befehl des Senats mit der Flotte, die er bei Gades habe, nach Italien überzugehen; wenn er hier so viele Gallier und Ligurier angeworben habe, als ihm möglich sei, sich mit dem Hannibal zu vereinigen, und einen Krieg nicht 490 unwirksam werden zu lassen, den man mit der größten Lebhaftigkeit und noch größerem Glücke angefangen habe. Theils wurde dem Mago zu diesem Zwecke Geld von Carthago geschickt, theils trieb er selbst, so viel er konnte, von den Gaditanern ein, plünderte nicht allein ihre Schatzkammer, sondern auch ihre Tempel und zwang jeden Eigenthümer, sein Gold und Silber dem State einzuliefern. Als er an der Küste Spaniens hinunterfuhr, setzte er nicht weit von Neu-Carthago seine Truppen ans Land, verheerte die nächsten Dörfer und ging von da mit der Flotte vor die Stadt. So lange es noch Tag war, behielt er die Truppen auf den Schiffen, setzte sie aber in der Nacht an der Küste aus und führte sie gegen die Stelle der Mauer, wo die Römer Carthago erobert hatten: denn seiner Meinung nach war theils die Besatzung der Stadt nicht stark genug, theils sollte auch die Aussicht auf eine neue Regierung selbst manche Einwohner zu Unternehmungen veranlassen. Allein Boten aus den Dörfern hatten voll Bestürzung Alles auf Einmal gemeldet, die Plünderung, das Flüchten der Landleute und die Ankunft der Feinde: bei Tage hatte man die Flotte gesehen und es ergab sich von selbst, daß dieser Standort vor der Stadt nicht ohne Absicht gewählt sei. Also mußten sich die Truppen innerhalb des Thores, das nach dem stehenden See und zum Meere führte, in Ordnung und bewaffnet beisammenhalten. Als aber die Feinde in vollem Haufen, Soldaten mit einem Schwarme von Seeleuten gemischt, mehr lärmend, als mit Wirkung, gegen die Mauern anrückten, da brachen die Römer plötzlich aus dem geöffneten Thore mit Geschrei hervor, und verfolgten die in Unordnung gerathenden und bleich beim ersten Angriffe und Speerwurfe umkehrenden Feinde mit deren großem Verluste bis ans Ufer; und hätten nicht die anfahrenden Schiffe die Herzustürzenden aufgenommen, so würde aus dem Treffen und auf der Flucht niemand davongekommen sein. Ja selbst auf die Schiffe ging die Verwirrung über. Um die Feinde nicht mit den Ihrigen zugleich eindringen zu lassen; zogen die Punier die Schiffsleitern ein und 491 kappten die Hinterseile und Anker, um nicht beim Lichten zu verweilen: und Viele, die den Schiffen zuschwammen, kamen im Dunkeln bei der Ungewißheit, wohin sie sich richten und wo sie ausweichen sollten, kläglich ums Leben. Am folgenden Tage, als die Flotte wieder gegen das Weltmeer zurückgeflohen war, woher sie gekommen war, fand man zwischen der Mauer und dem Seeufer an achthundert Erschlagene und gegen zweitausend Stück Waffen. 37. Als Mago, der nach Gades zurücksegelte, allein nicht eingelassen wurde, bei Cimbis – dies liegt nicht weit von Gades – gelandet war, so wußte er durch Abgeordnete und Klagen darüber, daß man ihm, einem Bundsgenossen und Freunde, die Thore zugeschlossen habe, ein Verfahren, welches die Gaditaner mit dem Auflaufe der Menge entschuldigten, die über einzelne von seinen Soldaten beim Einschiffen verübte Plünderungen aufgebracht sei, ihre Suffeten – so heißt bei den Puniern die höchste Obrigkeit – und ihren Schatzmeister zu einer Unterredung herauszulocken, ließ sie auf das härteste prügeln und ans Kreuz schlagen, und segelte von dort, beinahe hunderttausend Schritte vom festen Lande ab, nach der Insel Pityusa, welche damals Punier bewohnten. Also fand die Flotte hier eine freundliche Aufnahme, und wurde nicht allein reichlich mit Lebensmitteln versorgt, sondern bekam auch zur Ergänzung ihrer Truppen Mannschaft und Waffen. Im Vertrauen auf diese setzte Mago nach den Balearischen Inseln über: sie liegen funfzigtausend Schritte von jener. Der Balearischen Inseln sind zwei: die Eine ist größer, hat größern Reichthum an Waffen und Menschen, und einen Hafen, in welchem er sehr bequem überwintern zu können glaubte; denn der Herbst war schon im Ablaufe. Allein die Flotte wurde so feindlich empfangen, als hätten die Insel Römer bewohnt. Die Schleuder war, wie noch jetzt die vorzügliche, so damals die einzige Waffe der Einwohner; und in der Geschicklichkeit, sie zu führen, übertrifft bei keinem andern Volke ein Einziger seine Landsleute so weit, 492 als die Balearen alle jeden Andern. Gleich dem dichtesten Hagel überströmte die Flotte eine solche Menge von Steinen, daß die Punier, ohne das Einlaufen in den Hafen zu wagen, in die hohe See umkehrten. Sie gingen von da nach der kleineren Balearischen Insel über, die einen fruchtbaren Boden hat, aber in Mannschaft und Waffen jener nicht gleichkommt. Nach ihrer Landung schlugen sie über dem Hafen auf einem haltbaren Orte ein Lager auf, gewannen die Stadt und ihr Gebiet ohne Gefecht, hoben zweitausend Mann Hülfstruppen aus, schickten sie nach Carthago und brachten ihre Schiffe zum Überwintern auf das Land. Als Mago die Küste des Oceans verlassen hatte, überlieferte sich Gades den Römern. 38. So viel geschah in Spanien unter der Anführung und Götterleitung des Publius Scipio. Er selbst ging, nachdem er die Provinz dem Lucius Lentulus und Lucius Manlius Acidinus übergeben hatte, mit zehn Schiffen nach Rom zurück. Als ihn der Senat außerhalb der Stadt im Tempel der Bellona vorließ, setzte er seine Verrichtungen in Spanien aus einander, wie oft er förmliche Schlachten geliefert, wie viele feindliche Städte er erstürmt, wie viele Völker er der Römischen Landeshoheit unterworfen habe. Nach Spanien hin sei er gegen vier Feldherren, gegen vier siegreiche Heere gegangen, und habe im ganzen Reiche keinen Carthager zurückgelassen. Die Hoffnung des Triumphs als Belohnung für diese Thaten äußerte er mehr versuchsweise, als um sie ernstlich zu verfolgen, weil bekanntlich bis auf diesen Tag noch niemand triumphirt hatte, der als kriegführender Feldherr nicht zugleich in obrigkeitlichem Amte stand. Nach Entlassung des Senats zog er in die Stadt und ließ vor sich her vierzehntausend dreihundert und zweiundvierzig Etwa 448,186 Gulden Conv. M. Pfund Silber und eine große Menge Silbermünze in die Schatzkammer tragen. Darauf hielt Lucius Veturius Philo den 493 Versammlungstag zur Consulnwahl und alle Centurien ernannten unter lauten Äußerungen des Wohlwollens den Publius Scipio zum Consul. Als Amtsgenoß wurde ihm Publius Licinius Crassus, der Hohepriester, zugegeben. Es findet sich aufgezeichnet, daß dieser Wahltag zahlreicher besucht sei, als irgend einer während dieses Krieges. Von allen Orten her hatten sich die Leute gesammelt, nicht bloß ihre Stimme abzugeben, sondern auch um den Publius Scipio zu sehen; sie strömten haufenweise theils zu ihm ins Haus, theils zu seinem Opfer auf das Capitol, als er dem Jupiter die in Spanien im Gelübde verheißenen hundert Stiere darbrachte; ihr Sinn sagte ihnen zu, so wie Cajus Lutatius den vorigen Punischen Krieg geendigt habe, so werde den gegenwärtigen Publius Cornelius endigen; so wie er die Punier aus ganz Spanien vertrieben habe, so werde er sie aus Italien vertreiben: und gleich als wären sie mit dem Kriege in Italien schon fertig, bestimmten sie ihm Africa zum Schauplatze seiner Thaten. Darauf wurde Prätorenwahl gehalten. Zwei wurden gewählt, welche jetzt Bürgerädilen waren, Spurius Lucretius und Cneus Octavius; zwei noch Unbeamtete, Cneus Servilius Cäpio und Lucius Ämilius Papus . Als Publius Cornelius Scipio und Publius Licinius Crassus im vierzehnten Jahre dieses Punischen Krieges das Consulat antraten, wurden ihnen als Consuln die Plätze ihrer Bestimmung angewiesen; dem Scipio, ohne darum zu losen, Sicilien, da es ihm sein Amtsgenoß überließ, weil diesen als Hohenpriester die Besorgung der gottesdienstlichen Geschäfte in Italien zurückhielt; dem Crassus das Bruttierland. Darauf wurden die Bestimmungen der Prätoren verloset. Den Cneus Servilius traf die Gerichtspflege in der Stadt; Ariminum – so nannte man damals Gallien – den Spurius Lucretius, Sicilien den Lucius Ämilius, den Cneus Octavius, Sardinien. Es folgte eine Senatssitzung auf dem Capitole. Hier wurde auf Antrag des Publius Scipio durch einen Senatsschluß bewilligt, daß er die Spiele, die er in Spanien bei dem Aufstande der Soldaten im Gelübde 494 verheißen hatte, von dem Gelde anstellen sollte, das er selbst in den Schatz geliefert hatte. 39. Jetzt führte er die Gesandten der Saguntiner dem Senate vor. Der Älteste von ihnen sprach: «Gehen gleich keine Leiden, versammelte Väter, über die hinaus, die wir, um euch unsre Treue bis in den Tod zu bewähren, erduldet haben; so sind doch eure und eurer Feldherren Verdienste um uns so groß, daß wir selbst unser vielfaches Unglück uns nicht leid sein lassen. Unserntwegen nahmet ihr den Krieg auf euch: schon ins vierzehnte Jahr führet ihr den übernommenen mit einer solchen Beharrlichkeit, daß ihr mehrmals, bald selbst in die höchste Gefahr geriethet, bald die Carthager darein versetztet. Als ihr selbst in Italien einen so schrecklichen Krieg und einen Hannibal als Feind vor euch hattet, schicktet ihr euren Consul mit einem Heere nach Spanien, als wolltet ihr sogar die Trümmer unsres Schiffbruchs sammeln lassen. Die beiden Cornelier, Publius und Cneus, haben seit ihrem Eintritte in die Provinz nie aufgehört, Alles zu thun, was uns vortheilhaft und unsern Feinden nachtheilig sein konnte. Vor allen Dingen stellten sie unsre Stadt wieder her; führten unsre durch ganz Spanien verkauften Mitbürger durch umhergeschickte Leute, welche sie zusammensuchen mußten, aus der Sklaverei der Freiheit wieder zu. Als wir schon nahe daran waren, nach dem traurigsten Schicksale ein wünschenswerthes zu genießen, fanden Publius und Cneus, die Cornelier, obgleich eure Feldherren, doch zu größerer Trauer für uns, als für euch, ihren Tod. Da freilich glaubten wir, nur dazu aus den verschiedensten Gegenden auf unsern alten Wohnort zurückgeschleppt zu sein, um abermal zu Grunde zu gehen und eine zweite Zerstörung unserer Vaterstadt zu erleben; und daß man zu unserm Verderben nicht gerade eines Feldherrn oder Heeres von Carthago bedürfe; daß wir schon von den Turdulern, unsern alten Feinden, die auch unsre frühere Zerstörung herbeigeführt hatten, vertilgt werden könnten: als ihr auf Einmal, ohne daß wir 495 es hoffen konnten, Ihn, den Publius Scipio, uns sandtet. Wir schätzen uns vor allen Saguntinern höchst glücklich, daß wir ihn als erklärten Consul gesehen haben, und unsern Mitbürgern wiedersagen können: So haben wir Ihn gesehen, ihn, auf dem unsre ganze Hoffnung und Wohlfahrt beruhet. Er war es, der, bei seinen Eroberungen so vieler feindlichen Städte in Spanien, die Saguntiner allenthalben aus der Zahl der Gefangenen ausgesucht, in ihre Vaterstadt zurückschickte; der endlich Turdetanien diese Macht, deren Feindseligkeit gegen uns so weit geht, daß bei ihrem Bestande Sagunt nicht stehen kann, durch seinen Krieg so herunterbrachte, daß es nicht nur uns, – fern sei alle sträfliche Überhebung! – selbst unsern Nachkommen nicht weiter furchtbar sein kann. Wir sehen deren Stadt zerstört, denen zu Gefalle Hannibal Sagunt zerstört hatte. Wir erheben Abgaben von ihrem Boden, die uns durch den Ertrag nicht erfreulicher sind, als durch die Vergeltung. Euch für diese Wohlthaten, die wir selbst von den unsterblichen Göttern nicht größer hoffen, noch wünschen konnten, Dank abzustatten, haben Senat und Volk von Sagunt uns zehn Gesandte hieher geschickt; zugleich, euch dazu Glück zu wünschen, daß ihr diese Jahre über euren Krieg in Spanien und Italien so geführt habt, daß ihr Spanien, nicht bis an den Ebro, sondern bis an die durch den Ocean bestimmte Weltgränze euren Waffen unterworfen, und von Italien dem Punier nichts als den Fleck gelassen habt, den sein Lagerwall umschließt. Wir haben Befehl, dem allmächtigen Jupiter, dem Schutzgotte der Capitolinischen Burg, nicht allein dafür Dank zu sagen, sondern auch diesen goldenen Kranz, wenn ihr es erlauben würdet, als Geschenk für den verliehenen Sieg auf dem Capitole niederzulegen. Um diese Erlaubniß ersuchen wir euch; auch darum, den Begünstigungen, welche eure Feldherren uns gewährt haben, durch euer Machtwort, wenn es euch so gefällig sein sollte, Gültigkeit und Dauer zu ertheilen.» Der Senat antwortete den Saguntinischen 496 Gesandten: « Sagunts Zerstörung und Wiederherstellung werde allen Völkern ein Beweis auf beiden Seiten gehaltener Bundestreue sein. Daß die Römischen Feldherrn Sagunt wieder hergestellt und die Saguntiner Bürger aus der Sklaverei befreiet hatten, daran hätten sie recht gethan, dem gebührenden Gange und des Senates Willen gemäß; und was sie ihnen sonst noch Gutes erzeigt haben möchten, sei Alles nach den Wünschen des Senats geschehen. Ihr Geschenk auf dem Capitole niederzulegen, solle ihnen gestattet sein.» Dann erfolgte der Befehl, den Gesandten Wohnung und Ehrenbewirthung zu geben und einem Jeden nicht unter 310 Gulden Conv. M. zehntausend Ass als Geschenk zu reichen. Nun erhielten die übrigen Gesandschaften Vortritt und Gehör im Senate. Auch gab man den Saguntinern auf ihre Bitte, so weit es sich mit Sicherheit thun lasse, sich in Italien umsehen zu dürfen, Wegweiser mit und schrieb an die Städte, sie möchten diese Spanier freundschaftlich aufnehmen. Nun kam es zu Vorträgen, welche den Stat, die Werbungen und Bestimmung der Kriegsplätze betrafen. 40. Weil man sich allgemein damit trug, Africa sei dem Scipio ohne Los als neuer Kriegsschauplatz zugedacht, weil ferner er selbst, mit einem mäßigen Ruhme schon nicht mehr zufrieden, behauptete, er sei nicht bloß zur Führung, sondern zur Beendigung des Krieges zum Consul ernannt; dies aber sei nicht anders möglich zu machen, als wenn er selbst mit dem Heere nach Africa hinüberginge; er auch gerade heraussagte, wenn ihm der Senat entgegen sei, so werde er die Sache durch das Gesamtvolk betreiben, so trat, da diese Maßregel bei den Ersten der Väter durchaus keinen Beifall fand, und die übrigen aus Furcht oder Gefälligkeit nicht laut werden mochten, Quintus Fabius Maximus, als er seine Stimme abgeben sollte, mit folgenden Worten auf: «Ich weiß es, versammelte Väter, es scheint Vielen unter euch so, als befasseten wir uns heute mit einer 497 schon abgemachten Sache, und als würde der einen vergeblichen Vortrag thun, der über die Bestimmung Africa's zum Kriegsschauplatze seine Meinung als über eine noch unentschiedene Frage abgeben wollte. Allein Einmal weiß ich nicht, wie Africa dem Consul, diesem übrigens tapfern und tüchtigen Manne, schon als Standort überwiesen sein kann, da es weder vom Senate als diesjähriger Standort anerkannt, noch vom Gesamtvolke dafür erklärt ist. Ist es das aber; nun, so handelt nach meinem Bedünken der Consul unrecht, wenn er, nach schon abgethaner Sache Qui de re transacta.] – Ich folge Hrn. Walchs Vorschlage, statt qui de lieber quippe zu lesen. , durch den sich gegebenen Schein, sie zur Sprache zu bringen, den ganzen Senat zum Besten hat, nicht bloß den einzelnen Senator, der über die als Gegenstand der Berathschlagung aufgestellte Frage, so wie die Reihe an ihn kommt, sein Gutachten abgiebt. Ja ich sehe vorher, daß ich mich, wenn ich dieser Eilfertigkeit nach Africa überzugehen, meine Zustimmung versage, einem zwiefachen Scheine aussetzen werde: Einmal dem einer mir eigenthümlichen Zauderhaftigkeit, welche die jüngeren Männer immerhin sogar Furchtsamkeit und Saumseligkeit nennen mögen, so lange ich darüber nicht unzufrieden sein kann, daß man immer die Maßregeln Anderer beim ersten Anblicke scheinbarer, die meinigen durch die Erfahrung bewährter fand. Zum Andern dem, als arbeitete ich neidisch dem mit jedem Tage wachsenden Ruhme des tapfersten Consuls entgegen. Rettet mich von diesem Verdachte weder mein geführtes Leben und meine Handlungsart, noch die Dictatur nebst fünf Consulaten und des im Kriege und Frieden erworbenen Ruhms eine solche Fülle, daß mir der Ekel davor näher liegt, als der Wunsch danach; so soll mich wenigstens mein Alter freisprechen. Wie kann ich der Nebenbuhler dessen sein, der nicht einmal so alt ist, als mein Sohn? In meiner Dictatur, in der Blüte meiner Kräfte, im Laufe der wichtigsten Thaten, hat niemand weder im Senate, noch vor dem Volke ein 498 Wort von mir gehört, wodurch ich es zu hindern gesucht hätte, daß eben der Magister Equitum, der mein Ankläger war, nicht im Oberbefehle – so unerhört dies bis dahin war – mir gleichgesetzt würde. Ich wollte es lieber durch Thaten, als durch Worte, dahin bringen, daß eben der nach andrer Urtheile mir gleich Gestellte, in kurzem durch sein eigenes Geständniß mir vor sich selbst den Vorzug geben sollte: und nun, nachdem ich längst durch alle Statsämter durchgegangen bin, sollte ich mir Nebenbewerbungen und Wettkämpfe mit einem Manne von den blühendsten Jahren zum Ziele setzen? wahrscheinlich in der Absicht, mir, der ich schon des Lebens, nicht bloß des Thatenthuns müde bin, Africa, wenn es ihm abgeschlagen würde, zum Schauplatze meiner Thaten geben zu lassen! Nein! mit dem Ruhme, den ich mir erworben habe, will ich leben und sterben. Ich wehrte dem Hannibal den Sieg, damit ihr, die ihr jetzt in der Blüte eurer Kräfte seid, ihn auch solltet besiegen können.» 41. «Das aber mußt du mir billig verzeihen, Publius Cornelius, daß ich, der ich meinen eigenen Ruf bei den Leuten nie höher hielt, als das Beste des Stats, auch deinem Ruhme vor dem allgemeinen Besten nicht den Vorrang gebe: mag auch immerhin, wenn wir entweder gar keinen Krieg in Italien, oder hier einen Feind vor uns hätten, durch dessen Besiegung nicht der mindeste Ruhm zu erwerben stände; der Mann, der dich in Italien zurückhalten wollte, gesetzt er thäte es auch zum Besten des Ganzen, den Schein auf sich laden, als habe er dir zugleich mit dem Kriege den Stoff zum Ruhme entreißen wollen. Wenn aber ein Feind wie dieser, wenn ein Hannibal mit seinem vollen Heere schon ins vierzehnte Jahr Italien belagert hält, wird dir dann, Publius Cornelius, der Ruhm nicht genügen, diesen Feind, der uns die Ursache so vieler Leichen, so vieler Niederlagen war, als Consul aus Italien getrieben zu haben, und eben so die Ehre von der Beendigung dieses Punischen Krieges zu ernten, wie Cajus Lutatius 499 vom vorigen? Oder wollen wir annehmen, daß Hamilcar als Feldherr den Hannibal, daß jener Krieg den jetzigen übertreffe, oder daß jener Sieg herrlicher und ruhmvoller war, als dieser – wenn es nur der Himmel verleihet, daß wir ihn unter deinem Consulate erfechten! – für uns werden wird? Möchtest du lieber einen Hamilcar aus Drepana und Eryx herausgenöthigt, oder einen Hannibal mit seinen Puniern aus Italien vertrieben haben? Du selbst, so sehr du es auch lieber mit einem schon erworbenen, als noch zu hoffenden Ruhme hältst, würdest dich doch nicht so gern der Befreiung Spaniens, als Italiens, rühmen wollen. Noch ist Hannibal nicht so weit, daß ein Feldherr, der einen andern Krieg lieber wählt, sich nicht eher den Schein zuziehen sollte, ihn gefürchtet, als ihn verachtet zu haben. Warum machst du dich also nicht an diesen Krieg, und giebst ihm, ohne dich auf solche Umwege einzulassen, daß du lieber darauf hoffest, Hannibal solle dir folgen, wenn du nach Africa übersetztest, gerades Weges die Richtung dorthin, wo Hannibal steht? Du strebst nach jenem ausgezeichneten Preise, den Punischen Krieg geendet zu haben? Der Natur nach geht das voran, daß man sein Eigenthum rettet, ehe man hingeht, fremdes anzutasten. Erst muß Friede in Italien sein, ehe Krieg in Africa wird; und erst müssen wir uns der Furcht entledigen, ehe wir durch Angriff Andre schrecken. Kann Beides unter deiner Anführung und Götterleitung geschehen, so erobere, wenn du hier den Hannibal besiegt hast, dort Carthago. Mußt du einen von beiden Siegen neuen Consuln überlassen, so wird doch der erste nicht allein wichtiger und ruhmvoller, sondern auch die Ursache des folgenden sein. Denn für jetzt – außerdem daß die Schatzkammer zwei Heere zugleich in Italien und in Africa auf so weit geschiedenen Punkten nicht ernähren kann; außerdem, daß uns zur Erhaltung der Flotten, zur Bestreitung der anzuschaffenden Zufuhren nichts übriggeblieben ist – ich bitte dich, wem leuchtet nicht auch die Gefahr ein, in die wir uns 500 wagen? Man sage nicht: Den Krieg in Italien wird Publius Licinius führen und den in Africa Publius Scipio. Wie? wenn aber – mögen alle Götter die Vorbedeutung abwenden! auch schaudert mich davor, dies auszusprechen: allein Einmal Geschehenes kann wieder geschehen – wie? wenn Hannibal als Sieger gegen die Stadt heranzöge, sollen wir dann erst dich unsern Consul aus Africa holen lassen, wie etwa den Quintus Fulvius von Capua? Wie? ist das Kriegsglück nicht auch in Africa mißlich? Laß dir die Beispiele deines Stammes zur Lehre dienen; deinen Vater und Oheim, die innerhalb dreißig Tagen eben da samt ihren Heeren fielen, wo sie durch so große Thaten zu Wasser und zu Lande den Namen des Römischen Volks und den eures Geschlechts bei den auswärtigen Völkern verherrlicht hatten. Der Tag würde mir zu kurz, wenn ich die Könige und Feldherren aufzählen wollte, die zu ihrem und ihrer Heere größtem Nachtheile zu dreist auf feindlichen Boden übergingen. Die Athener, ein so statskluges Volk, ließen den Krieg im Lande hinter sich, gingen auf Antrieb eines eben so thätigen als edeln jungen Mannes mit einer großen Flotte nach Sicilien über und stürzten in einer einzigen Seeschlacht ihren blühenden Stat auf ewig ins Unglück.» 42. «Warum gehe ich auf Geschichten des Auslandes und des hohen Alterthums zurück? Gerade dieses Africa und Marcus Atilius, dies ausgezeichnete Beispiel für beide Fälle des Glücks, sollten uns zur Warnung dienen. Wahrhaftig, Publius Cornelius, wenn du erst vom hohen Meere aus Africa erblicken wirst, dann werden dir deine beiden Spanien nur als ein Spiel, nur als ein Spaß, erscheinen. Denn was wäre dort und hier sich gleich? Dorthin segeltest du auf friedlichem Meere, die Küste von Italien und Gallien entlang; gingst mit deiner Flotte nach Emporiä, einer Bundesstadt; führtest dein ausgeschifftes Heer durch lauter völlig sichere Gegenden zu Römischen Bundesgenossen und Freunden nach Tarraco; von Tarraco ging der Weg durch Römische Posten; am Ebro fandest du deines Vaters und 501 Oheims Heere, nach dem Verluste ihrer Feldherren und selbst durch ihr Unglück noch muthvoller; Lucius Marcius dort war freilich nur ein im Drange, nur durch die Stimmen der Soldaten vorerst gewählter Anführer, übrigens, wenn ihn Abkunft und die gehörige Amtsbekleidung gehoben hätte, in jeder Kriegskunst den berühmtesten Feldherren gleich; man ließ dir zu dem Sturme auf Neu-Carthago alle mögliche Ruhe, da von drei Punischen Heeren auch nicht Eins seinen Bundesgenossen zu Hülfe kam. Alles Übrige, so wenig ich es verkleinern will, ist doch in keinem Stücke mit dem Kriege in Africa zu vergleichen, wo nicht Ein Hafen für unsre Flotte offen, kein Gebiet mit uns in Frieden, kein Stat mit uns im Bunde, kein König unser Freund ist, und uns die Stelle fehlt, auf der wir stehen bleiben, zu der wir weiterschreiten könnten. So weit du um dich blickst, ist Alles Feind und feindselig. Oder trauest du dem Syphax und den Numidern? Laß es genug sein, ihnen Einmal getraut zu haben. Nicht immer hat Leichtgläubigkeit so viel Glück: und der Betrüger begründet sich bei uns in Kleinigkeiten als der Vertrauenswerthe, um uns dann, wenn es der Mühe werth sein wird, zu seinem größern Vortheile zu täuschen. Ihren bewaffneten Feinden gingen dein Vater und Oheim nicht eher in die Hände, als nach der Treulosigkeit der verbündeten Celtiberer; und dir selbst wurden Mago und Hasdrubal, die feindlichen Heerführer, nicht so gefährlich, als Indibilis und Mandonius, die du in Schutz genommen hattest. Kannst du Numidern trauen, du, der du den Abfall deiner Truppen erfahren mußtest? Freilich gönnen sowohl Syphax, als Masinissa, sich selbst das Übergewicht in Africa lieber, als den Carthagern; aber doch den Carthagern eher, als jedem Andern. Jetzt werden sie von Schelsucht und allen möglichen Veranlassungen zu Streitigkeiten gespornt, weil alle Furcht von außen her ihnen fern genug ist. Aber laß sie Römische Waffen, laß sie ein ausländisches Heer erblicken: zusammenlaufen werden sie, als wollten sie einen Brand 502 löschen, der sie Alle trifft. Ganz anders vertheidigten dieselben Carthager Spanien, und ganz anders werden sie die Mauern der Vaterstadt vertheidigen, die Tempel ihrer Götter, Altar und Herd, wenn beim Auszuge zur Schlacht die bange Gattinn sie begleitet und die kleinen Kinder ihnen in den Weg treten. Und wie dann, wenn nun die Carthager in sicherm Vertrauen auf die Beistimmung von Africa, auf die Treue ihrer verbündeten Könige, auf ihre Mauern, sobald sie Italien von dir und deinem Heere unbeschützt sehen, selbst angriffsweise entweder ein neues Heer aus Africa nach Italien senden, oder dem Mago, von dem wir schon wissen, daß er nach seiner Abfahrt von den Balearen an der Küste der Alpinischen Ligurier kreuzt, den Befehl geben, sich mit Hannibal zu vereinigen? Offenbar haben wir dann denselben schrecklichen Auftritt wieder, den wir neulich hatten, als Hasdrubal nach Italien herüberstieg, weil du, der du mit deinem Heere nicht bloß Carthago, sondern ganz Africa sperren willst, ihn dir aus der Hand nach Italien hattest entschlüpfen lassen. Du wirst sagen: Den habe ich ja besiegt! Um so viel weniger wünschte ich, und das in Rücksicht auf dich, nicht auf den Stat allein, du hättest einem Besiegten nicht den Weg nach Italien gestattet. Laß uns Alles, was für dich und Roms Oberherrschaft zum Glücke ausschlug, deinen Maßregeln zuschreiben; alles Mislungene als Wechselfälle des Kriegs und als Schickung abrechnen; so hält das Vaterland und ganz Italien, je glücklicher und tapferer du bist, in dir einen solchen Beschützer so viel fester. Du selbst kannst nicht in Abrede sein, daß da der Hauptpunkt und eigentliche Sitz des Krieges sei, wo Hannibal steht: Denn du erklärst ja laut, daß du darum nach Africa übersetzen willst, um den Hannibal dorthin zu ziehen. Es mag also hier, oder dort geschehen, genug du wirst mit Hannibal dich einlassen müssen. Solltest du nun wohl, ich bitte dich, in Africa und allein, stärker sein, als hier, wo du dein und deines Mitconsuls Heer bei einander hast? Beweisen dir die Consuln 503 Claudius und Livius, selbst durch ihr noch so neues Beispiel nicht, was das für einen Unterschied macht? Ferner, was gäbe wohl dem Hannibal eine größere Überlegenheit an Waffen und Truppen? der äußerste Winkel des Bruttierlandes, wo er schon so lange vergeblich von Hause aus Unterstützung fordert, oder die Nähe von Carthago, und ganz Africa mit ihm im Bunde? Was ist das für ein Entschluß, es lieber da zur Entscheidung kommen zu lassen, wo man selbst an Truppen um die Hälfte schwächer und der Feind so vielmal stärker ist, als wo man mit zwei Heeren gegen Eines zu kämpfen hat, das schon durch so viele Schlachten und durch einen so langwierigen und beschwerlichen Dienst entkräftet ist? Bedenk, wie wenig dein Entschluß dem deines Vaters gleiche. Er war als Consul nach Spanien abgegangen, und kehrte aus seiner Provinz nach Italien zurück, um dem von den Alpen herabsteigenden Hannibal zu begegnen: und du machst dich fertig, da Hannibal in Italien steht, Italien zu verlassen; nicht weil du das für dem State heilsam, sondern für dich selbst für ehrenvoll und rühmlich hältst: gerade so, als damals, da du ohne durch ein Gesetz, oder durch einen Senatsschluß befehligt zu sein, deine Provinz und dein Heer im Stiche ließest, und als Oberbefehlshaber des Römischen Volks das Wohl des Stats und die Würde des Oberbefehls, welche beide in deiner Person gefährdet wurden, zwei Schiffen anvertrautest. Meines Erachtens, versammelte Väter, wurde Publius Cornelius für den Stat und für uns, nicht sich selbst zu eignen Absichten, zum Consul ernannt; und unsre Heere haben wir zum Schutze Roms und Italiens aufgebracht, nicht aber um sie von den Consuln auf königlichen Fuß nach hohem Gutdünken in jeden Welttheil hinüberführen zu lassen.» 43. Als Fabius durch diese den Zeitumständen angemessene Rede, eben so sehr auch durch sein Ansehen und den seit Jahren bewährten Ruf seiner Vorsicht einen großen Theil der Senatoren, hauptsächlich die älteren, gewonnen hatte, und ihrer mehrere sich für die Maßregel 504 des Greises, als für den kühnen Entwurf des Jünglings erklärten; soll Scipio so etwa geredet haben: « Quintus Fabius selbst, ihr versammelten Väter, hat im Anfange seiner Rede nicht unbemerkt gelassen, daß seine ausgesprochene Meinung dem Verdachte einer Verkleinerungssucht Raum gebe. So wenig ich selbst zu dieser Beschuldigung eines so großen Mannes Muth genug habe, so ist doch dieser Verdacht, ich weiß nicht, ob durch Schuld des Vortrags, oder der Sache selbst, nichts weniger als weggeräumt. Denn um den Vorwurf eines Neides von sich abzuwälzen, hat er in seinem Vortrage seinen Amtsführungen und dem Rufe seiner Thaten eine Höhe gegeben, als ob ich zu besorgen hätte, daß sich auch jeder noch so Niedrige mit mir in einen Wettstreit einlassen möchte, und nicht vielmehr der, der eben darum, weil er über Andere ragt, wohin auch, ohne dessen Hehl zu haben, mein Bestreben geht, die Absicht haben kann, sich von mir nicht erreichen zu lassen. Sich selbst hat er so ganz als den mit Ehrenämtern übersättigten Greis aufgestellt, und mich noch unter die Jahre seines Sohns herabgesetzt, als ob sich der Wunsch nach Ruhm nicht über die Spanne des menschlichen Lebens erstreckte, und sein Hauptaugenmerk nicht auf unser Andenken und auf die Nachwelt hinüberreichte. Je größer der Geist, je eher muß ihm, meiner Überzeugung nach, das begegnen, daß er sich nicht bloß den berühmten Männern seiner, sondern aller Zeiten, anpasset. Und ich läugne nicht, daß ich deinen Ruhm, Quintus Fabius, nicht bloß zu erreichen, sondern – mit deiner gütigen Erlaubniß sei es gesagt – wenn ich kann, auch zu übertreffen wünsche. So mußt du weder gegen mich, noch ich gegen Jüngere gesinnet sein, daß wir es nicht gern sähen, wenn irgend Jemand ein solcher Bürger wird, wie wir: denn das wäre ja ein Nachtheil nicht bloß für die, denen wir dies misgönneten, sondern für den Stat und fast für das ganze menschliche Geschlecht.» «Er hat nicht ungerügt gelassen, wie groß die Gefahr für mich sein würde, wenn ich nach Africa 505 übersetzte, so daß er der Besorgnißvolle nicht allein um den Stat und um das Heer, sondern auch für meine Person zu sein schien. Woher kommt denn auf Einmal diese Sorge für mich? Als mein Vater und Oheim gefallen, ihre beiden Heere so gut als zusammengehauen, beide Spanien verloren waren; vier Punische Heere und vier Feldherren sich Alles durch Schrecken und Gewalt unterworfen hatten; bei der Nachfrage nach einem Feldherrn für diesen Krieg sich niemand sehen ließ; sich namentlich dazu zu melden, außer mir niemand den Muth hatte, und das Römische Volk mir in einem Alter von vierundzwanzig Jahren den Oberbefehl übertrug: warum rügte damals niemand meine Jugend, die Übermacht der Feinde, die Schwierigkeit dieses Krieges, die Niederlage, die meinen Vater und Oheim so eben betroffen hatte? Haben wir etwa jetzt in Africa ein größeres Unglück erlitten, als damals in Spanien? Oder haben sie jetzt größere Heere in Africa stehen, mehrere und geschicktere Feldherren, als damals in Spanien standen? Oder war mein Alter damals zur Führung des Krieges reifer, als jetzt? Oder eignet sich ein Krieg, in welchem Carthago der Feind ist, eher in Spanien, als in Africa? Freilich! nachdem die vier Punischen Heere besiegt und verjagt, so viele Städte durch Sturm erobert oder durch Furcht zur Übergabe gezwungen sind; Alles bis zum Oceane hin, so viele Könige, so viele wilde Völker, sich unterworfen haben; das ganze Spanien so gewonnen ist, daß auch nicht eine Spur von Krieg zurück blieb: jetzt ist es leicht, meine Thaten zu verkleinern; wahrhaftig eben so leicht, als es nach meiner siegreichen Rückkehr zu Africa sein wird, Alles das zu verkleinern, was man jetzt, um mich zurückzuhalten, durch die Darstellung zu einer Größe hebt, die ihm den Schein des Schrecklichen geben muß. Er sagt, Africa sei unzugänglich; nicht ein einziger Hafen stehe uns offen. Er führt die Gefangennehmung des Marcus Atilius in Africa an, gerade als wäre es dem Marcus Atilius gleich bei seinem Eintritte in Africa so widrig 506 gegangen; und erinnert sich nicht daran, daß selbst diesem unglücklichen Feldherrn doch die Hafen in Africa offen standen, daß er im ersten Jahre die herrlichsten Thaten verrichtete, und wenns ihm die Carthagischen Heerführer hätten thun sollen, bis ans Ende unbesiegt geblieben wäre. Mit diesem Beispiele also wirst du mich durchaus nicht schrecken. Wenn wir jene Niederlage im jetzigen, nicht im vorigen Kriege, wenn wir sie in diesen Tagen, nicht vor mehr als vierzig Jahren erlitten hätten, warum sollte ich deswegen weniger nach Africa übergehen, weil Regulus dort in Gefangenschaft gerieth, als nach Spanien, weil hier meine Scipione getödtet wurden? Dann würde ich doch den Lacedämonier Xanthippus nicht zu größerem Glücke für Carthago geboren sein lassen, als mich selbst für mein Vaterland; und selbst der Gedanke, daß die Tapferkeit eines einzigen Menschen einen so großen Ausschlag geben könne, würde mir ein so viel höheres Selbstvertrauen geben. Doch wir sollen uns ja auch von den Athenern belehren lassen, daß sie, mit Verabsäumung des Kriegs im Lande, auf gut Glück nach Sicilien übergegangen sind. Wenn wir denn Einmal Zeit haben, uns Griechische Geschichtchen vorzuerzählen, warum kommst du nicht auf die, daß Agathocles, König von Syracus, in dem langen Kriege, in welchem die Punier Sicilien verheerten, durch seinen Übergang gerade in dieses Africa, den Krieg in das Land hinüberspielte, von dem er ausgegangen war?» 44. «Allein wozu ist es nöthig, durch alte und ausländische Beispiele daran zu erinnern, wie vortheilhaft es ist, als der Angreifende den Feind in Besorgniß zu setzen, und mit Entfernung der Gefahr von sich selbst den Gegner auf den Punkt der Entscheidung zu ziehen? Kann es irgend ein auffallenderes und gegenwärtigeres Beispiel geben, als Hannibal ist? Ob wir fremdes Gebiet verheeren, oder unser eignes verbrennen und zerstören sehen, macht einen großen Unterschied. Wer die Gefahr bringt, ist unternehmender, als wer sie abwehrt. Außerdem ist uns Manches schrecklicher, weil wir nicht 507 damit bekannt sind. Unsers Feindes stärkere und schwächere Seite müssen wir dadurch näher kennen lernen, daß wir ihm ins Land gehen. Hannibal hatte es nicht erwartet, daß in Italien so viele Völker zu ihm übergehen würden, als nach dem Unglücke bei Cannä zu ihm übertraten: wie viel weniger können sich die Carthager, diese treulosen Bundsgenossen, diese drückenden und übermüthigen Tyrannen, irgendwo in Africa Treue und Zuverlässigkeit versprechen? Ferner, selbst von unsern Bundesgenossen verlassen, standen wir durch eigene Kraft, durch Römische Truppen. Die Carthager wissen nichts von heimischer Stärke; sie haben Miethlinge für Sold, Africaner und Numider, zum Abspringen vom Worte die leichtfertigsten Geschöpfe. Werde nur von hieraus kein Hinderniß gemacht, so sollt ihr die Nachrichten, daß ich übergegangen bin, daß Africa in Kriegesflammen steht, daß Hannibal an seiner Abfahrt arbeitet, daß Carthago eingeschlossen ist, zu gleicher Zeit bekommen. Sehet erfreulichern und öfteren Meldungen aus Africa entgegen, als ihr aus Spanien empfingt. Zu diesen Hoffnungen berechtigen mich das Glück des Römischen Stats, die Götter als Zeugen des vom Feinde entweiheten Bundes, die Könige Syphax und Masinissa, auf deren Treue ich mich so verlassen werde, daß ich gegen ihre Untreue gesichert bin. So Manches, was uns jetzt in der Ferne nicht deutlich ist, wird der Krieg selbst aufklären: und darin eben liegt ja die Tüchtigkeit des Mannes und des Feldherrn, dem sich bietenden Glücke nicht zu entstehen und die Handreichungen des Zufalls in seinen Plan zu verflechten. Allerdings werde ich zum Gegner den haben, den du mir bestimmst, Quintus Fabius, den Hannibal: allein ich will lieber der sein, der ihn sich nachzieht, als der von ihm sich zurückhalten laßt. Zwingen will ich ihn, in seinem Lande zu fechten, und Carthago soll ein würdigerer Preis des Sieges sein, als die halbzerstörten Schanzen der Bruttier. Das aber leisten zu können, daß der Stat, während ich hinübersegle, mein Heer in Africa ausschiffe, mit 508 meinem Lager gegen Carthago vorrücke, nicht hier gefährdet werde; was du, Quintus Fabius, leisten konntest, als der Sieger Hannibal ganz Italien durchschwärmte; bedenk, ob es nicht Schmähsucht sein würde, jetzt, da Hannibal zusammengeschüttelt und beinahe entkräftet ist, dies dem Consul Publius Licinius, einem der tapfersten Männer abzusprechen; der bloß darum auf das Los über einen so entfernten Wirkungskreis sich nicht einläßt, um nicht als Hoherpriester bei den gottesdienstlichen Verrichtungen zu fehlen. Wenn aber auch der Krieg auf diesem von mir vorgeschlagenen Wege um nichts früher beendet würde, so gehörte sichs doch für die Würde des Römischen Stats und für unsern Ruf bei den auswärtigen Königen und Völkern, daß wir nicht bloß Muth zu haben scheinen, Italien zu vertheidigen, sondern auch unsre Waffen nach Africa zu tragen; daß es nicht Glaube und Volksgespräch wird: Was Hannibal sich unterstanden habe, das unterstehe sich von den Römischen Feldherren keiner; und im ersten Punischen Kriege, als man nur um Sicilien gekämpft habe, sei Africa so oft von unsern Heeren und Flotten angegriffen; jetzt aber, da man um Italien kämpfe, habe Africa Frieden. Endlich muß das so lange geplagte Italien sich erholen, und Brand und Verheerung nun auch in Africa an die Reihe kommen. Lieber lassen wir ein Römisches Lager an Carthago's Thoren ragen, als daß wir noch einmal die feindlichen Werke vor unsern Mauren sehen. Der Sitz des ferneren Krieges sei Africa; dorthin sollen sich Schrecken und Flucht, Plünderung der Dörfer, Abfall der Bundesgenossen und jedes andre Unglück des Krieges wenden, das vierzehn Jahre lang über uns hereinbrach.» «Ich begnüge mich, über die Lage des Stats und den bevorstehenden Feldzug, auch was dessen Schauplätze betrifft, über die wir uns hier berathen, meine Meinung gesagt zu haben. Meine Rede würde zu lang werden, und auch für euch ohne Beziehung sein, wenn ich, so wie Quintus Fabius, meine Thaten in Spanien verkleinerte, 509 dagegen eben so seinen Ruhm anfechten und den meinigen durch die Darstellung heben wollte. Keins von beiden werde ich thun, versammelte Väter; und ich hoffe, wenn es mir anders in irgend Einem Stücke gelingt, wenigstens so in der Bescheidenheit und Bezähmung meiner Zunge als Jüngling den Greis besiegt zu haben. In meinem Wandel und an der Spitze des Heers habe ich mich so benommen, daß ich, auch wenn ich davon schweige, gern mit eurer Meinung von mir zufrieden sein kann, der ihr so entgegenkommend Raum gegeben habt.» 45. Scipio fand nicht ganz günstiges Gehör, weil man sichs allgemein sagte, er wolle, wenn er es beim Senate nicht durchsetzte, daß ihm Africa als Wirkungskreis zuerkannt würde, die Sache vor das Gesamtvolk bringen. Darum verlangte auch Quintus Fulvius, welcher Consul viermal und Censor gewesen war, der Consul solle sich geradezu im Senate erklären, ob er den Vätern die Entscheidung über die Standplätze überlassen, nach dem, was sie verfügen würden sich richten, oder die Sache an das Gesamtvolk gelangen lassen werde. Als Scipio erklärte, er werde dem Besten des Stats gemäß handeln, da sprach Fulvius: «Ich that die Frage nicht, weil ich nicht schon gewußt hätte, wie du antworten oder verfahren würdest; da du es selbst nicht verhehlest, daß du den Senat mehr auf die Probe stellst als befragst, und wenn wir dir nicht sofort den Standort zuerkennen, den du wünschest, über den Antrag an das Volk schon mit dir eins bist. So verlange ich denn von euch, ihr Bürgertribunen, Beistand, wenn ich mich aus dem Grunde weigere, meine Meinung abzugeben, weil der Consul selbst dann, wenn man meiner Meinung beiträte, sie nicht gelten lassen will.» Nun entstand ein Wortwechsel, weil der Consul behauptete, die Tribunen dürften einen Senator von der Verbindlichkeit, nach der Aufforderung in der Reihe seine Stimme zu geben, durch ihre Einsage nicht befreien. Die Tribunen faßten ihren Ausspruch so: «Wenn der Consul die Bestimmung der Kriegsplätze dem Senate überläßt, so muß es, unsrer Meinung nach, bei dem bleiben, was 510 der Senat erachten wird, und wir werden darüber keinen Antrag an das Gesamtvolk gestatten: überläßt er sie ihm nicht, so versprechen wir dem, der darüber seine Meinung abzugeben sich weigert, unsern Beistand.» Der Consul bat sich diesen Tag aus, um mit seinem Amtsgenossen Abrede zu nehmen. Am folgenden Tage überließen sie die Sache dem Senate. Die Kriegesschauplätze wurden so bestimmt. Dem einen Consul Sicilien und dreißig Kriegsschiffe, welche im vorigen Jahre Cajus Servilius gehabt habe: auch wurde ihm freigestellt, nach Africa überzugehen, wenn er es dem Besten des States zuträglich fände. Dem andern die Bruttier und der Krieg gegen Hannibal, und hierzu das Heer des Lucius Veturius oder Quintus Cäcilius. Auch sollten diese darum losen, oder sich vergleichen, wer von ihnen Beiden die zwei Legionen im Bruttischen befehligen solle, die der Consul nicht gewählt hätte: wem dieser Platz zufiele, dem solle der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert sein. Auch den Übrigen, welche außer den Consuln und Prätoren, an der Spitze von Heeren und in Kriegsgegenden stehen sollten, wurde der Oberbefehl verlängert. Das Los, mit dem Consul gemeinschaftlich im Bruttischen den Krieg gegen Hannibal zu führen, traf den Quintus Cäcilius. Nun feierte Scipio seine Spiele unter großem Zulaufe und Beweisen der Liebe von Seiten der Zuschauer. Die nach Delphi zur Überbringung eines Geschenks von Hasdrubals Beute abgegangenen Gesandten, Marcus Pomponius Matho und Quintus Catius, überreichten einen goldenen Kranz zweihundert Pfund 6248 Gulden. Die gleich folgenden 1000 Pfund Silber sind 31,248 Gulden. schwer, und Nachbildungen von erbeuteten feindlichen Waffen, aus tausend Pfund Silber gefertigt. Scipio, der es nicht erlangt, aber auch nicht sehr betrieben hatte, eine Werbung anstellen zu dürfen, bekam die Erlaubniß, Freiwillige zuzulassen, und, weil er versichert hatte, die Flotte solle dem State keine Kosten verursachen, von den Bundesgenossen die 511 Beiträge anzunehmen; die sie ihm zur Erbauung neuer Schiffe geben wollten. Die Völker Hetruriens waren die ersten, welche sich für den Consul, jedes nach seinem Vermögen, zur Unterstützung erboten. Die Bürger von Cäre versprachen Getreide für die Seeleute und Lebensmittel aller Art; die von Populonia Eisen; von Tarquinii Leinwand zu Segeln; von Volaterrä den Bedarf zu Verstreichung der Schiffe und Getreide; von Arretium dreitausend Schilde und eben so viel Helme; an Wurfpfeilen, kurzen Spießen und langen Lanzen wollten sie die volle Zahl von funfzigtausend Stück zusammen, von jeder Art gleich viel liefern, und an Beilen, Grabscheiten, Mauerhaken, Mulden und Handmühlen soviel als vierzig Linienschiffe nöthig hätten; an Weizen hundertundzwanzig tausend Maß aufbringen, und den Ruderern und ihren Oberleuten ein Reisegeld; die von Perusia, Clusium, Rusellä Tannenholz zum Schiffbau und eine große Menge Getreide: doch nahm Scipio das Tannenholz aus den Forsten des Stats. Umbriens Völker, und außer ihnen die Bürger von Nursia, Reate, Amiternum und das ganze Sabinerland versprachen Soldaten. Die Marser, Peligner und Marruciner stellten sich haufenweise als Freiwillige für die Flotte. Die Camerten , ungeachtet Camertes, quum]. – Ich übersetze dieses quum durch ungeachtet, nach Sigonius Erklärung. Duker scheint dem Sigonius mit Unrecht zu widersprechen. Den übrigen Bundesgenossen, die nicht aequo foedere mit Rom standen, hätte der Senat befehlen können. Allein durch den Abfall selbst von zwölf eigenen Colonien ( XXVII. 9. ) scheu gemacht, und schon zur Härte gegen die, welche sacrosanctam vacationem hatten, ungern gezwungen ( XXVII. 38. ) trägt der Senat um so mehr Bedenken, von Bundesgenossen zu fodern. Er läßt es darauf ankommen, was sie aus Liebe zum Scipio geben werden. Den Camerten aber konnte er auch nicht befehlen, quia aequo foedere erant. Um so viel größer ist ihr Verdienst. sie mit Rom zu gleichen Rechten im Bunde standen, schickten eine gerüstete Cohorte von sechshundert Mann. Da zu dreißig Schiffen, zu zwanzig Fünfruderern und zehn Vierruderern die Kiele gelegt waren, betrieb Scipio selbst den Bau so eifrig, daß fünfundvierzig Tage nach Herbeiholung des Bauholzes aus den Wäldern die Schiffe ausgebaut und segelfertig auf das Wasser gebracht wurden. 512 46. Er ging mit dreißig Linienschiffen, auf die er gegen siebentausend Mann Freiwillige eingeschifft hatte, nach Sicilien ab. Auch Publius Licinius kam im Bruttischen bei den beiden consularischen Heeren an, und wählte sich von diesen das, welches der Consul Lucius Veturius gehabt hatte. Den Metellus ließ er aus dem Grunde, daß ihm an seinen Befehl gewöhnte Truppen die Unternehmungen erleichtern würden, die Legionen, die er bisher befehligt hatte, behalten. Auch die Prätoren gingen nach entgegengesetzten Richtungen auf ihre Standplätze. Desgleichen wurde den Schatzmeistern aufgetragen, weil das Geld zum Kriege fehlte, den Strich des Campanischen Gebiets, der sich vom Griechischen Graben nach dem Meere zieht, zu verkaufen: zugleich mußten sie Jeden Indicio quoque permisso.] – Ich verstehe unter indicium quodque (denn ich nehme quoque nicht für auch ) indicium sine discrimine, liber an servus ederet, delatum. zu der Angabe berechtigen, was für Feldmarken Campanischen Bürgern gehört hätten, damit diese unter Römisches Statseigenthum begriffen wären. Dem Anzeiger wurde der zehnte Theil vom Geldwerthe des nachgewiesenen Grundstücks zur Belohnung gesetzt. Auch bekam der Stadtprätor Cneus Servilius den Auftrag dahin zu sehen, daß jeder Campanische Bürger wirklich da wohne, wo ihm der Senatsschluß zu wohnen gestatte, und diejenigen, welche an andern Orten wohnten, zu bestrafen. In diesem Sommer setzte Hamilcars Sohn, Mago, der die während seines Winteraufenthalts auf der kleineren Balearischen Insel ausgehobene Mannschaft eingeschifft hatte, auf etwa dreißig Kriegs- und vielen Ladungsschiffen zwölftausend Mann zu Fuß und fast zweitausend zu Pferde nach Italien über, und bemächtigte sich, weil die Seeküste durch keine Bedeckung geschützt war, durch seine überraschende Ankunft der Stadt Genua. Von da fuhr er mit seiner Flotte an die Küste der Alpen-Ligurier, um hier, wo möglich, Bewegungen zu veranlassen. Die Ingauner – sie sind ein Ligurisches Volk – führten eben mit den 513 auf Gebirgen wohnenden Epanteriern Krieg. Der Punische Feldherr also, der in der Alpenstadt Savo seine Beute absetzte, zehn Linienschiffe zu seiner eigenen Sicherheit auf der Rhede behielt und die übrigen zur Deckung der Seeküste nach Carthago zurückschickte – denn das Gerücht meldete ihm Scipio's bevorstehenden Übergang – ließ sich mit den Ingaunern, deren Freundschaft ihm lieber war, in ein Bündniß ein und ging damit um, die Bergbewohner anzugreifen. Und mit jedem Tage wuchs sein Heer, da auf den Ruf seines Namens Gallier von allen Seiten ihm zuströmten. Diese Umstände, über welche die Väter ein Brief vom Spurius Lucretius belehrte, erregten bei ihnen die große Besorgniß, ihre Freude, vor zwei Jahren den Hasdrubal mit seinem Heere erlegt zu haben, möchte vergeblich gewesen sein, wenn sich von dorther ein neuer gleicher Krieg, nur unter einem andern Feldherrn, erhöbe. Deswegen befahlen sie dem Proconsul Marcus Livius, mit dem Heere von gewesenen Sklaven aus Hetrurien nach Ariminum vorzurücken, und gaben dem Prätor Cneus Servilius den Auftrag, wenn es seiner Meinung nach das Beste des Stats zuließe, so sollte er die Stadtlegionen unter Anführung eines Mannes, den er zu wählen habe, aus der Stadt aufbrechen lassen. Marcus Valerius Lävinus war es, der diese Legionen nach Arretium führte. Daß in denselben Tagen in der Nähe von Sardinien Cneus Octavius, der Befehlshaber dieser Provinz, gegen achtzig Punische Lastschiffe aufgebracht habe, melden Cölius und Valerius: nur waren sie nach jenem mit Ladungen von Getreide und Zufuhr für den Hannibal abgegangen; nach diesem sollten sie Beute aus Hetrurien und gefangene Bergbewohner aus Ligurien weiter nach Carthago bringen. Im Bruttischen fiel dieses Jahr fast nichts von Bedeutung vor. Römer und Punier wurden von einer Pest heimgesucht, die beiden gleich verderblich war; doch litt das Punische Heer außer der Krankheit auch durch Hungersnoth. Hannibal stand den Sommer über in der Nähe 514 vom Tempel der Juno Lacinia; und hier errichtete und weihete er einen Altar mit einer pomphaften Angabe seiner Thaten, die er an demselben in Punischer und Griechischer Sprache eingraben ließ. Neun und zwanzigstes Buch. Jahre Roms 547 und 548. 516 Inhalt des neun und zwanzigsten Buchs. Cajus Lälius, der vom Scipio aus Sicilien nach Africa geschickt wird, bringt große Beute zurück, und eröffnet dem Scipio die Aufträge des Masinissa und dessen Klagen darüber, daß Scipio noch nicht mit dem Heere nach Africa übergegangen sei. Der Krieg in Spanien, welchen Indibilis erregt hatte, endigt sich mit dem Siege der Römer. Er selbst bleibt im Treffen; Mandonius wird auf die Forderung der Römer von den Seinigen ausgeliefert. Dem Mago, der in Gallien und Ligurien stand, schickt man aus Africa eine ansehnliche Truppenzahl und Geldsummen, wofür er Hülfsvölker werben soll, und befiehlt ihm, sich mit Hannibal zu vereinigen. Scipio geht von Syracus ins Bruttische über, wo er Locri wieder erobert, die Punische Besatzung verjagt und den Hannibal zurücktreibt. Friede mit Philipp. Von der Phrygischen Stadt Pessinus wird die Idäische Mutter nach Rom geholt, weil sich in den Sibyllinischen Büchern die Prophezeihung fand, «der ausländische Feind könne aus Italien vertrieben werden, wenn man die Idäische Mutter nach Rom hole.» Übergeben wurde sie den Römern von Asiens Könige Attalus. Sie war ein Stein, den die Landesbewohner Mutter der Götter nannten. Publius Scipio Nasica, des in Spanien umgekommenen Cneus Sohn, den der Senat als noch nicht Quästor gewesenen Jüngling für den rechtschaffensten Mann erklärt, nimmt sie in Empfang, weil das Orakel befahl, diese Gottheit sollte von dem rechtschaffensten Manne in Empfang genommen und an geweiheter Stäte aufgestellt werden. Die Einwohner von Locri beklagen sich durch eine Gesandschaft zu Rom über die Zügellosigkeit des Legaten Quintus Pleminius, weil er die Schätze der Proserpina geraubt und ihnen Kinder und Weiber entehrt hatte. Pleminius, der in Ketten nach Rom gebracht wird, stirbt im Kerker. Da sich in der Stadt vom Publius Scipio, damals Proconsul in Sicilien, das falsche Gerücht verbreitet, daß er ein ausschweifendes Leben führe, so schickt der Senat Gesandte hin, die Wahrheit der Sache zu untersuchen; und Scipio, der die Nachrede widerlegt, geht mit Bewilligung des Senats nach Africa über. Syphax kündigt nach seiner Vermählung mit der Tochter des Hasdrubal Gisgo dem Scipio die Freundschaft auf, die er in Person mit ihm geknüpft hatte. Masinissa, König der Massylier, war nach dem Tode seines Vaters Gala, während er in Spanien für die Sache der Carthager focht, seines Reichs verlustig geworden, und nach mehrmaliger Wiedereroberung, durch einige gegen den Numidischen König Syphax verlorne Schlachten, desselben völlig beraubt. So stößt er als Landflüchtiger mit zweihundert Reutern zum Scipio und erlegt, mit ihm in Verbindung, gleich im Anfange des Feldzuges Hamilcars Sohn, Hanno, mit einer großen feindlichen Schar. Scipio, der bei der Annäherung des Hasdrubals und Syphax, welche fast mit hunderttausend Mann heranziehen, die Einschließung von Utica aufgiebt, verschanzt sein Winterlager. Consul Sempronius ficht im Gebiete von Croton gegen Hannibal mit Glück. Die Censoren schließen die Schatzungsfeier: der geschatzten Bürger waren zweihundert und vierzehntausend. Zwischen den Censoren Marcus Livius und Claudius Nero entsteht ein merkwürdiger Zwist. Claudius spricht seinem Amtsgenossen Livius das Pferd ab, weil dieser vom Gesamtvolke verdammt [und aus der Stadt verwiesen Ich habe diesen Umstand mit einer Frage bezeichnet, weil ihn nach Creviers Bemerkung der Epitomator für sich gegen Livius Angabe hinzuthut. ?] war; und Livius dem Claudius, weil dieser gegen ihn falsch gezeuget und sich nicht ehrlich mit ihm ausgesöhnt habe. Auch erklärt er die sämtlichen Bezirke, bis auf einen, für Steuersassen, weil sie ihn unschuldig verdammet und nachher zum Consul und Censor gemacht hätten. 517 Neun und zwanzigstes Buch. 1. Nach seiner Ankunft in Sicilien brachte Scipio die Freiwilligen in Abtheilungen und Centurien, behielt aber dreihundert von ihnen, die sich durch Jugendblüte und Körperkraft auszeichneten, unbewaffnet um sich, ohne daß sie wußten, zu welchem Zwecke sie ohne Anstellung und Waffen blieben. Darauf hob er aus den sämtlichen dienstfähigen Sicilianern dreihundert der vornehmsten und begütertsten Ritter aus, als sollten sie mit ihm nach Africa übergehen, und machte ihnen den Tag bekannt, auf den sie beritten und gewaffnet in völliger Rüstung sich stellen sollten. Dieser nicht leichte Dienst, so weit von Hause, ließ sie vielen Beschwerden und großen Gefahren zu Lande und zu Wasser entgegensehen, und machte nicht bloß ihnen selbst, sondern auch ihren Ältern und Verwandten das Herz schwer. Als der bestimmte Tag erschien, zeigten sie Waffen und Pferde auf. Da äußerte Scipio, «Es sei ihm wiedergesagt, daß einige Sicilianische Ritter gegen diesen Dienst, als sei er beschwerlich und hart, eine Abneigung hätten. Er wünsche, daß diejenigen, welche so dächten, ihm dies lieber gleich jetzt geständen, als daß sie nachher unter Klagen, nur mit Unlust und ohne Nutzen für den Stat, Soldaten wären. Sie möchten ihre Meinung von sich sagen, er wolle sie, ohne es ihnen übel zu nehmen, anhören.» Da nun Einer von ihnen sich den Muth nahm, zu gestehen: «Er wolle wirklich, wenn ihm von beiden die Wahl gelassen werde, lieber nicht dienen,» so sprach Scipio: «Weil du so offen heraussagst, junger Mann, wie du hierüber denkst, so will ich dir einen Stellvertreter ausmitteln, an den du Waffen und Pferd und die übrigen Erfordernisse des Feldzuges 518 abliefern, ihn gleich von hier mit dir nach Hause nehmen, üben und für seinen Unterricht im Reiten und Fechten sorgen kannst.» Mit Freuden nahm dieser den Vorschlag an, und Scipio übergab ihm Einen von den Dreihunderten, die er ohne Waffen gelassen hatte. Als die Übrigen sahen, daß dieser, ohne den Feldherrn zu beleidigen, seinen Abschied erhalten hatte, so brachte Jeder seine Gründe vor und ließ sich einen Stellvertreter geben. So traten, ohne Kosten für den Stat, statt der Sicilianer dreihundert Römer als Reuter ein. Die Sorge für ihre Unterweisung und Übung hatten die Sicilianer, weil der Feldherr den Befehl ergehen ließ, wer das nicht thäte, sollte selbst dienen. Dies soll ein ausgezeichnetes Reutergeschwader geworden und in vielen Treffen dem State von Nutzen gewesen sein. Als er dann die Legionen musterte, hob er aus ihnen die Soldaten von den meisten Dienstjahren aus, vorzüglich solche, die unter dem Marcellus gedient hatten: von ihnen versprach er sich nicht allein die beste Zucht, sondern auch, wegen der langen Einschließung von Syracus, im Sturme auf Städte die meiste Erfahrenheit: denn er hatte nichts Kleines, sondern schon jetzt die Eroberung Carthago's im Sinne. Nun vertheilte er sein Heer in die Städte, ließ sich Getreide von den Sicilianischen Staten liefern und sparte das aus Italien mitgebrachte: die alten Schiffe ließ er ausbessern und den Cajus Lälius mit diesen nach Africa auf Beute ausgehen; die neuen brachte er bei Panormus auf den Strand, um sie auf dem Trocknen überwintern zu lassen, weil sie in der Eile aus grünem Holze gezimmert waren. Nach allen Vorkehrungen zum Feldzuge ging er nach Syracus, das nach so großen Stürmen des Krieges noch nicht völlig beruhigt war. Von mehreren gebornen Italern forderten die Griechen die Rückgabe ihres vom Senate ihnen zugesprochenen Eigenthums, das aber diese eben so gewaltthätig, als sie es im Kriege genommen hatten, an sich behielten. Da er es für seine wichtigste Pflicht hielt, das Wort des Stats gültig zu erhalten, so gab er, theils durch allgemeinen Befehl, theils durch ergangenen Rechtsspruch gegen die in der 519 Behauptung ihres Unrechts Hartnäckigen, den Syracusanern das Ihrige wieder. Nicht sie allein wußten ihm dies Verfahren Dank, sondern alle Volker Siciliens, und so viel eifriger unterstützten sie ihn in seinen Anstalten zum Kriege. Während dieses Sommers brach in Spanien ein heftiger Krieg aus, welchen der Ilerget Indibilis aus keiner andern Veranlassung erregte, als weil bei ihm die Bewunderung des Scipio in eine Verachtung der andern Feldherren übergegangen war. Er bildete sich ein, «Da Hannibal die übrigen Römischen Feldherren erlegt habe, so sei Jener noch der eine Lebende. Darum hätten auch die Römer, als die beiden Scipione in Spanien gefallen wären, keinen Andern schicken können; und sobald sie der Krieg in Italien ernstlicher bedrängt habe, hätten sie ihn auf den Platz gegen den Hannibal abgerufen. Außerdem daß die Römer nur noch dem Namen nach Feldherren in Spanien hätten, sei ja auch das alte Heer von hier abgeführt. Alles sei, wie bei einem ungebildeten Haufen von Neugeworbeuen, in Verwirrung. Nie werde es eine so günstige Gelegenheit zur Befreiung Spaniens wieder geben. Bis dahin sei man entweder den Carthagern, oder den Römern dienstbar gewesen, und nicht den einen, oder den andern wechselsweise, sondern zuweilen beiden zugleich. Von den Römern wären die Carthager vertrieben; von den Spaniern, wenn sie eins wären, könnten nun die Römer vertrieben werden; so daß Spanien, von aller auswärtigen Herrschaft frei, auf ewig zu seinen vaterländischen Sitten und Gebräuchen zurückkehrte.» Durch diese und andere Vorstellungen wiegelte er nicht bloß seine Unterthanen, sondern auch seine Nachbaren, die Ausetaner auf, und noch andere ihm und ihnen nahe wohnenden Völker. In wenig Tagen also stellten sich dreißigtausend Mann zu Fuß, beinahe viertausend zu Pferde im Sedetanischen Gebiete ein, wohin sie beschieden waren. 2. Auch die Römischen Feldherren, Lucius Lentulus und Lucius Manlius Acidinus, welche ebenfalls ihre Heere vereinigten, um nicht den Krieg, wenn sie ihn im Entstehen vernachlässigten, weiter um sich greifen zu 520 lassen, kamen durch das Ausetanische, wo sie auf feindlichem Boden ihre Truppen mit einer Schonung, wie in Freundeslande, durchführten, zu dem Standorte der Feinde. Dreitausend Schritte weit von dem Lager derselben schlugen sie das ihrige auf. Anfangs suchten sie, aber vergeblich, durch Gesandte sie zu bewegen, von den Waffen abzutreten. Nachher, als die Römischen Futterholer unerwartet von Spanischer Reuterei angegriffen wurden, kam es zwischen den Reutereien, weil die Römer auch von ihrem Posten die ihrige nachrücken ließen, zu einem Treffen, das für beide Theile ganz ohne denkwürdigen Erfolg war. Am andern Tage bei Sonnenaufgang zeigten sich die Feinde beinahe tausend Schritte weit vom Römischen Lager in gewaffneter und schlagfertiger Linie. In der Mitte standen die Ausetaner ; den rechten Flügel hatten die Ilergeten besetzt, minder bekannte Völker Spaniens den linken. Zwischen den Flügeln und ihrem Mitteltreffen hatten sie ziemlich weite Zwischenräume gemacht, um durch diese, wann es Zeit sein würde, die Reuterei hervorbrechen zu lassen. Die Römer, die ihrem Heere die gewöhnliche Stellung gaben, ahmten nur darin den Feinden nach, daß sie zwischen den Legionen ebenfalls der Reuterei offene Wege ließen. Da aber nach des Lentulus Urtheile nur die Partei von der Reuterei Gebrauch machen konnte, welche die ihrige zuerst in die durch jene Zwischenräume geöffnete feindliche Linie einbrechen ließ, so gab er dem Obersten Servius Cornelius den Befehl, auf den in der feindlichen Linie sich öffnenden Wegen die Reuterei hineinsprengen zu lassen. Er selbst verweilte, da der Anfang der Schlacht für sein Fußvolk nicht ganz glücklich war, nur so lange, bis er zur Unterstützung der weichenden zwölften Legion, welche am linken Flügel gegen die Ilergeten aufgestellt war, die dreizehnte Legion vom Hintertreffen vorgeführt hatte; kam dann, sobald das Gefecht hier wieder im Gleichgewichte stand, zum Lucius Manlius, der die Vorderlinie ermunterte und, wo es nöthig war, Verstärkungen nachrücken ließ, und meldete ihm, der linke Flügel sei gedeckt und er habe schon den Servius Cornelius abgehen lassen, der die Feinde mit der einstürmenden Reuterei umströmen solle. Kaum hatte er die Worte gesprochen, als die mitten in die Feinde eingebrochene Römische Reuterei zugleich die Linie des Fußvolks zusammenwarf, und zugleich der Spanischen Reuterei den Weg, mit ihren Pferden einzudringen, versperrte. Die Spanier, die das Gefecht zu Pferde aufgeben mußten, saßen ab, um zu Fuß zu fechten. Sobald die Römischen Feldherren die Zerrüttung in den feindlichen Gliedern, ihre Verlegenheit und Bestürzung, und die Haufen in schwankender Haltung sahen, ermunterten und baten sie ihre Soldaten, auf die Fassungslosen einzugehen und das Treffen nicht wieder herstellen zu lassen. Und diesen so nachdrücklichen Angriff würden die Barbaren nicht ausgehalten haben, wenn nicht Fürst Indibilis selbst mit seinen abgestiegenen Rittern sich der ersten Linie seines Fußvolks vorgebreitet hätte. Hier behauptete sich der Kampf eine ganze Zeitlang mit Heftigkeit. Als endlich auch die, die um den König fochten, der halblebend noch Stand hielt, dann aber mit einem Wurfpfeile am Boden festgeboret ward, von Pfeilen überdeckt hinsanken, da begann auf verschiedenen Punkten die Flucht, und sehr Viele wurden niedergehauen, weil die Reuterei nicht dazukommen konnte, ihre Pferde zu besteigen, und weil die Römer den Geschreckten mit Hitze nachsetzten. Und sie ließen nicht eher ab, bis sie dem Feinde auch das Lager genommen hatten. Dreizehntausend Spanier wurden an dem Tage niedergehauen, beinahe achthundert gefangen genommen. Von den Römern und ihren Bundestruppen fielen etwas über zweihundert, hauptsächlich auf dem linken Flügel. Die zu ihrem Lager hinausgeschlagenen oder dem Treffen entronnen Spanier verliefen sich anfangs in die Dörfer, dann gingen sie; Jeder in seine Stadt, zurück. 3. Als sie nun Mandonius zu einer Versammlung beschieden und sie sich hier über ihr Unglück beklagt hatten, faßten sie unter Schmähungen gegen die Stifter des Krieges den Schluß ab, sich durch Gesandte zur Ablieferung der Waffen und zum Abschlusse einer Übergabe zu 522 erbieten. Ob diese gleich alle Schuld dem Indibilis, als Urheber des Krieges, und den übrigen Großen beilegten, welche meistentheils in der Schlacht gefallen waren, auch die Ablieferung der Waffen und die Übergabe antrugen, so erhielten sie doch zur Antwort: «Die Übergabe werde nur angenommen, wenn sie den Mandonius und die übrigen Aufwiegeler zum Kriege lebendig auslieferten. Wo nicht, so werde man mit beiden Heeren den Ilergeten, Ausetanern und so der Reihe nach den übrigen Völkern ins Land rücken.» Dies war der Bescheid, den die Gesandten bekamen und der Versammlung überbrachten. Da wurden Mandonius und die übrigen Häupter festgenommen und zur Hinrichtung ausgeliefert. Spaniens Völkern gab man den Frieden, befahl ihnen für dieses Jahr den doppelten Sold, Getreide auf sechs Monate und dem Heere Kriegsröcke und Oberkleider zu liefern, und ließ sich von beinahe dreißig Völkerschaften Geisel geben. Da auf diese Art Spaniens Aufwallung zum Kriege ohne große Erschütterung innerhalb weniger Tage zum Ausbruche und zum Ende gekommen war, so wandte sich nun der ganze Schrecken des Angriffs auf Africa . Cajus Lälius, der in der Nacht bei Hippo Regius landete, führte mit dem frühen Morgen seine Soldaten und Seeleute in Reih und Glied zur Verheerung der Gegend aus. Da hier Alle wie im Frieden in voller Sorglosigkeit lebten, so litten sie desto größeren Verlust; und Eilboten erfüllten Carthago mit der fürchterlichen Nachricht, eine Römische Flotte sei angekommen und Scipio als Oberbefehlshaber: denn seinen Übergang nach Sicilien hatte das Gerücht schon verkündigt. Und weil sie nicht mit Gewißheit erfahren konnten, wie viele Schiffe jene gesehen hätten, noch, wie stark die Mannschaft sei, die im Lande plündere; so dachten sie sich Alles, da die Furcht es vergrößerte, weit schlimmer. Also bemächtigte sich ihrer anfangs Schrecken und Bestürzung; dann aber Betrübniß, «weil das Glück sich so geändert habe, daß eben sie, die sie noch jüngst als Sieger ihr Heer vor Roms Mauern stehen gehabt, und nach Erlegung so vieler feindlichen Heere alle Völker Italiens 523 zur gezwungenen oder willigen Unterwerfung gebracht hätten, jetzt auf der Kehrseite des Kriegsglücks Africa's Verheerungen und Carthago's Einschließung vor Augen haben sollten; sie, zur Ertragung dieser Übel durchaus ohne jene Kraft, welche die Römer gezeigt hätten. Jenen habe der Römische Bürgerstand, habe Latium die Mannschaft dargeboten, die in die Stelle so vieler niedergehauenen Heere immer stärker und zahlreicher nachgewachsen sei. Ihr Bürgerstand bestehe aus unkriegerischen Städtern, aus unkriegerischen Landleuten. Für Bezahlung müßten sie sich Hülfstruppen von den Africanern schaffen, einem Volke, das bei jedem lockenden Lüftchen von Hoffnung wankend und treulos sei. Schon seien die Könige, Syphax nach der Unterredung mit Scipio von ihnen abgewandt, Masinissa durch offenbaren Abfall ihr erbitterter Feind. Nirgend sei noch einige Hoffnung, nirgend einige Hülfe. Mago bewirke weder von Gallien aus die mindeste Bewegung, noch stoße er zum Hannibal; und selbst beim Hannibal sei Ruhm und Kraft schon im Welken.» 4. Von diesen Klagen, zu welchen sie bei der eben angekommenen Nachricht herabsanken, rief sie bald der dringende Schrecken wieder ab zu der Berathschlagung, wie sie den Gefahren des Augenblicks begegnen sollten. Sie beschlossen, Aushebungen in der Stadt und auf dem Lande zu beschleunigen, Africaner durch Abgeschickte in Sold zu nehmen, die Stadt haltbar zu machen, Getreide anzufahren, Geschosse und Waffen zu fertigen, Schiffe auszurüsten und sie nach Hippo der Römischen Flotte entgegengehen zu lassen. Schon waren sie hiermit beschäftigt, als endlich die Nachricht kam, Lälius, nicht Scipio, sei herübergekommen, und nur so viele Truppen, als zu einem Streifzuge auf dem Lande hinreichten; der Hauptsitz des Krieges sei noch in Sicilien. Da schöpften sie wieder freier Athem und ließen Gesandschaften an Syphax und andre Fürsten abgehen, die Verbindungen mit ihnen zu sichern. Auch schickten sie Abgeordnete an Philipp, und ließen ihm zweihundert Talente Silber versprechen, 524 wenn er nach Sicilien oder nach Italien überginge. Und ihren beiden Feldherren in Italien ließen sie sagen, sie müßten durch jede drohende Vorkehrung den Scipio festhalten. An den Mago gingen nicht allein Gesandte ab, sondern auch fünfundzwanzig Linienschiffe, sechstausend Mann Fußvolk, achthundert Reuter, sieben Elephanten und noch eine große Summe Geldes für anzuwerbende Hülfsvölker, um stark genug zu sein, sein Heer näher gegen Rom zu führen und sich mit Hannibal zu vereinigen. So rüstete und beeilte man sich zu Carthago. Bei dem Lälius, der von einem unbewehrten und ungeschützten Lande eine Menge Beute zusammentrieb, erschien, durch das Gerücht einer Römischen Flotte herbeigerufen, Masinissa mit einer kleinen Anzahl Reuter. Er beschwerte sich über Scipio's Langsamkeit, «daß er nicht schon jetzt mit dem Heere nach Africa herübergekommen sei, während die Carthager noch in Bestürzung wären, und Syphax, außer seiner Behinderung durch Kriege mit den Nachbaren, noch als der Unentschiedener still säße. Lasse man diesem Zeit, seine Angelegenheiten nach Wunsch in Ordnung zu bringen, so werde nie ächtes Wohlwollen gegen Rom seine Schritte leiten. Lälius müsse den Scipio auffordern und antreiben, zu eilen. Er selbst, obgleich aus seinem Reiche vertrieben, werde mit einer nicht unbedeutenden Mannschaft an Fußvolk und Reuterei sich einstellen. Auch Lälius selbst dürfe sich in Africa nicht aufhalten: er glaube, es sei schon von Carthago eine Flotte abgegangen; und sich mit dieser in Abwesenheit des Scipio in ein Gefecht einzulassen, sei bedenklich.» 5. Lälius, der den Masinissa nach dieser Unterredung entließ, segelte am folgenden Tage mit schweren Ladungen von Beute von Hippo ab, und legte bei seiner Rückkunft nach Sicilien dem Scipio die Aufträge des Masinissa vor. Fast in eben diesen Tagen landeten die von Carthago an den Mago abgegangenen Schiffe zwischen dem Lande der Albingauner, eines Ligurischen Volks, und Genua. In dieser Gegend hatte Mago gerade 525 damals seine Flotte stehen: und nach Anhörung der Gesandten, welche ihn so große Truppenmassen, als möglich, aufbringen hießen, hielt er sogleich eine Versammlung der Gallier und Ligurier – denn es befand sich hier aus beiden Völkern eine große Menschenmenge – und sagte ihnen: «Schon er sei ausgesandt, sie in Freiheit zu setzen, und jetzt würden ihm, wie sie selbst sähen, Verstärkungen nachgeschickt: allein wie stark die Anstrengungen, wie groß die Heere sein sollten, mit welchen man diesen Krieg führen wolle, dies hänge von ihnen ab. Zwei Römische Heere ständen, das eine in Gallien, das andre in Hetrurien. Er wisse gewiß, daß sich Spurius Lucretius mit dem Marcus Livius vereinigen werde. Auch sie müßten viele Tausende bewaffnen, um zwei Römischen Feldherren und zwei Heeren widerstehen zu können.» Die Gallier versicherten: «An der höchsten Bereitwilligkeit fehle es ihnen hierzu nicht; allein da sie das eine Römische Heer in ihrem Lande, das andre im benachbarten Hetrurien beinahe vor Augen hätten, so würden ihnen, sobald es bekannt würde, daß sie den Puniern Hülfstruppen gäben, von beiden Seiten jene Heere als Feinde ins Land rücken. Von den Galliern müsse er solche Unterstützungen fordern, die sie ihm in der Stille zufließen lassen könnten. Die Ligurier hingegen hätten, da das Römische Lager von ihrem Lande und ihren Städten weit genug entfernt sei, freie Hand. Diesen könne man es zumuthen, daß sie ihre Dienstfähigen bewaffneten und als kriegführender Theil das Ihrige thäten.» Die Ligurier weigerten sich dessen nicht, nur baten sie sich für die anzustellenden Werbungen die Zeit von zwei Monaten aus. Unterdeß sammelte Mago, der die Gallier hatte nach Hause gehen lassen, heimlich in ihren Dörfern Truppen für Sold; auch lieferten ihm die Gallischen Völker insgeheim Zufuhr aller Art. Marcus Livius führte das Heer von Freiwilligen aus dem Sklavenstande aus Hetrurien nach Gallien hinüber, und nachdem er sich mit dem Lucretius vereinigt hatte, machte er sich darauf gefaßt, wenn sich Mago aus Ligurien 526 näher gegen Rom wenden sollte, ihm entgegen zu gehen; wenn sich aber der Punische Feldherr ruhig auf den Fuß seiner Alpenecke beschränkte, so wollte auch er auf seinem Platze bei Ariminum zum Schutze Italiens stehen bleiben. 6. Da nach der Rückkehr des Cajus Lälius aus Africa nicht bloß die Aufforderungen des Masinissa den Scipio spornten, sondern auch die Soldaten durch den Anblick, daß eine ganze Flotte Beute von Feindes Lande auslud, darauf erpicht wurden, baldmöglichst hinüberzugehen; so trat zwischen die Ausführung des größeren Zwecks ein kleinerer, der, die Stadt Locri wieder zu erobern, welche um die Zeit des Abfalls von Italien eben so auf Punische Seite getreten war. Die Hoffnung, sich auf diese Unternehmung einlassen zu können, leuchtete aus einer Kleinigkeit auf. Im Bruttischen nahm das Ganze mehr den Gang einer Straßenräuberei, als eines ordentlichen Krieges. Die Numider hatten hierin den Ton angegeben, und die Bruttier eben so sehr aus eigner Neigung, als durch ihre Verbindung mit den Puniern, sich in diese Sitte gefügt. Zuletzt machten auch die Römer, als wären sie von dieser Lust am Raube angesteckt, so viel sie vor ihren Feldherren durften, Streifereien in die feindlichen Dörfer. Einige Locrenser, die sich aus der Stadt wagten, waren von ihnen übermannt und nach Rhegium fortgeschleppt. Unter diesen Gefangenen befanden sich auch Zimmerleute, zufällig einige von denen, welche bei den Puniern auf der Burg zu Locri gegen Bezahlung zu arbeiten pflegten. Da sie von den vornehmen Locrensern, welche sich damals, als ihre Gegenpartei Locri dem Hannibal übergab, als Flüchtlinge nach Rhegium begeben hatten, jetzt erkannt wurden, und ihnen auf die nach langer Abwesenheit gewöhnliche Frage: «Wie es zu Hause stehe,» – über Alles Auskunft gegeben hatten; so machten sie diesen Hoffnung, wenn man sie auswechseln und zurückschicken wolle, so wollten sie ihnen die Burg übergeben; sie wohnten da und hätten in allen Stücken das Zutrauen der Carthager. Die Vertriebenen, bei 527 ihrer peinigenden Sehnsucht nach der Vaterstadt, und zugleich brennend vor Begierde nach Rache an ihren Feinden, sobald sie mit jenen über den Plan der Ausführung und die Zeichen eins waren, welche sie aus der Ferne erwarten müßten, hatten sie sogleich losgekauft und zurückgehen lassen; und da sie selbst durch eine Reise zum Scipio nach Syracus, wo er einen Theil ihrer Mitvertriebenen bei sich hatte, dem Consul die Versprechungen der Gefangenen hinterbrachten, so gab er ihnen, weil sich von den Hoffnungen, die sie ihm machten, ein Erfolg versprechen ließ, die Obersten Marcus Sergius und Publius Matienus mit, befahl diesen, von Rhegium dreitausend Mann nach Locri mitzunehmen, und der Proprätor Quintus Pleminius wurde schriftlich angewiesen, die Ausführung zu unterstützen. Die von Rhegium ausgerückten Truppen, mit Leitern versehen, die nach der angegebenen Höhe der Burg gemacht waren, gaben etwa gegen Mitternacht von der verabredeten Stelle aus, den Verräthern der Burg das Zeichen. Da diese, schon bereit und aufmerkend, eben so zu diesem Zwecke gefertigte Leitern herunterließen und an mehrern Orten zugleich die Hinaufsteigenden in Empfang nahmen, so wurden, ehe sich noch ein Geschrei erhob, die Punischen Wachen – hatten sie doch nichts dergleichen fürchten können – im Schlafe überfallen. Zuerst hörte man diese im Tode winseln; dann ein plötzliches Aufstürzen Mehrerer vom Schlafe und Getümmel, ohne die Veranlassung zu wissen; zuletzt, da die Ersten wieder Andre weckten, die hervorgehende Wahrheit. Schon rief Einer wie der Andre: «Zu den Waffen! die Feinde sind in der Burg! die Wachen werden niedergehauen!» und die Römer, an Zahl bei weitem die Schwächeren, würden übermannt sein, wenn nicht das von denen, die noch nicht in der Burg waren, erhobene Geschrei, bei dem nächtlichen jede Unwichtigkeit vergrößernden Getümmel, die Punier in der Ungewißheit gelassen hätte, von wem es komme. Als wäre die ganze Burg schon voll Feinde, flohen sie im Schrecken, ohne 528 weiteren Kampf auf die andre Burg: denn Locri hat deren zwei von geringer Entfernung. Die Stadt, zwischen den Siegern zum Preise aufgestellt, hatten die Bürger. Aus beiden Schlössern wurden täglich kleine Gefechte geliefert. Befehlshaber der Römischen Besatzung war Quintus Pleminius, der Punischen ein Hamilcar; und beide verstärkten sich durch aus der Nähe hereingezogene Truppen. Zuletzt kam Hannibal selbst: und die Römer würden sich nicht gehalten haben, wäre nicht die Volksmenge zu Locri, aus Erbitterung über die Härte und Raubsucht der Punier, gut Römisch gewesen. 7. Als dem Scipio gemeldet wurde, die Sache bekomme zu Locri mehr Wichtigkeit, und Hannibal selbst sei im Anzuge, so ließ auch er, um nicht die Besatzung selbst aufs Spiel zu setzen, die sich nicht leicht von dort zurückziehen konnte, von Messana aus, welches er seinem Bruder Lucius Scipio zu decken überließ, sobald die Flut der Meerenge die günstige Strömung gab, sich mit seinen Schiffen vom Meere hinübertragen. Und Hannibal, der vom Flusse Butrotus – er fließt nicht weit von der Stadt Locri – den Seinigen voraus hineinsagen ließ, sie möchten mit Tagesanbruch das Gefecht gegen die Römer und Locrenser so nachdrücklich als möglich anfangen, während er selbst bei der allgemeinen Richtung auf jenes Getümmel die unbeachtete Stadt im Rücken angriffe; hatte für sich, als er das Gefecht mit dem Tage eröffnet fand, freilich keine Lust, sich in die Burg einzuschließen, wo er den engen Platz mit seiner Truppenmenge nur gestopft haben würde, hatte aber auch keine Leitern mitgebracht, die Stadtmauer ersteigen zu können. Als er nach Zusammenwerfung des Gepäcks auf Einen Haufen, seine Linie, um die Feinde zu schrecken, nicht weit von den Mauern aufgestellt hatte, umritt er die Stadt, um so lange, bis die Leitern und übrigen Sturmgeräthe fertig würden, zu untersuchen, wo er am vortheilhaftesten angreifen könne. Da aber beim Anrücken gegen die Mauer gerade der nächste Mann bei ihm von einer Armbrust getroffen wurde, so ließ er, abgeschreckt durch ein so mißliches Ungefähr, 529 zum Rückzuge blasen, und legte sein Lager außerhalb Schußweite an. Die Römische Flotte von Messana fuhr bei Locri an, als noch einige Stunden vom Tage übrig waren. Alle Truppen wurden ausgeschifft und rückten noch vor Sonnenuntergange in die Stadt. Am folgenden Tage eröffneten die Punier von der Burg aus das Gefecht: und Hannibal, der nun die Leitern und alles Übrige zum Sturme fertig hatte, rückte gegen die Mauern an, als plötzlich, da er so etwas am allerwenigsten erwartete, aus einem geöffneten Thore die Römer gegen ihn herausbrachen. Bei diesem Angriffe tödteten sie der Überraschten gegen zweihundert. Mit den Übrigen zog sich Hannibal, der jetzt die Anwesenheit des Consuls merkte, in sein Lager zurück; und nachdem er denen auf der Burg hatte hineinsagen lassen, sie möchten sich selbst berathen, hob er in der Nacht sein Lager auf und zog ab. Die in der Burg steckten die Häuser, worin sie lagen, um den Feind durch diesen Lärm aufzuhalten, in Brand, und holten in fluchtähnlichem Laufe den Zug der Ihrigen noch vor Nacht wieder ein. 8. Als Scipio die Burg von den Feinden verlassen und das Lager leer sah, berief er die Locrenser zur Versammlung, machte ihnen wegen ihres Abfalls die bittersten Vorwürfe, belegte die Urheber mit der Todesstrafe, und überließ ihre Güter für die den Römern bewiesene vorzügliche Treue den Häuptern der Gegenpartei. «Den Locrensern, » sagte er, «als Stat betrachtet, gebe er so wenig etwas, als er ihnen nehme. Sie möchten Gesandte nach Rom schicken: ihr Schicksal werde künftig so sein, wie es der Senat gerecht fände. Das aber wisse er gewiß, daß sie, so schlecht sie sich auch um den Römischen Stat verdient gemacht hätten; doch unter den zürnenden Römern sich besser stehen würden, als unter den Carthagern, als Freunden.» Er ließ den Legaten Quintus Pleminius und das Kohr, welches die Burg erobert hatte, zur Bedeckung der Stadt zurück, und ging selbst mit den Truppen, mit welchen er gekommen war, nach Messana über. 530 Die Bürger von Locri waren nach ihrem Abfalle von Rom mit solcher Härte und Grausamkeit von den Carthagern behandelt, daß sie ein mäßiges Unrecht nicht allein gleichmüthig, sondern beinahe mit einer Art von Behagen erdulden konnten. Aber freilich thaten es Pleminius dem Befehlshaber Hamilcar und die Römischen Besatzungstruppen den Punischen an Frevelthaten und Raubsucht so weit zuvor, daß sie mit ihnen nicht in den Waffen, sondern in Lastern zu wetteifern schienen. Nichts von Allem, was dem Hülflosen das Übergewicht des Mächtigeren verhaßt machen kann, ließen weder der Anführer, noch die Soldaten, gegen die Bewohner unausgeübt: sie begingen gegen deren Personen, gegen ihre Kinder und Weiber unerhörte Mishandlungen. Und ihre Habsucht enthielt sich nicht einmal der Beraubung des Heiligen: sie vergriffen sich nicht allein an den übrigen Tempeln, sondern auch an den Schätzen der Proserpina, an welche sich noch nie eine Hand gewagt hatte, außer daß sie vom Pyrrhus geplündert sein sollten, der aber nicht ohne schwer zu büßen, die Beute seines Tempelraubes zurücklieferte. So wie also ehemals die königliche Flotte, durch Schiffbruch zertrümmert, nichts unversehrt ans Land brachte, als das heilige Geld der Göttinn, das sie geladen hatte; so ließ auch jetzt dasselbe Geld alle mit der Schuld dieses Tempelraubes Behafteten von einem andern Unglücke, von einer Raserei befallen, und hetzte sie, Führer gegen Führer, Soldaten gegen Soldaten in feindlicher Wuth auf einander. 9. Den Oberbefehl hatte Pleminius: von den Soldaten standen die, die er selbst von Rhegium mitgenommen hatte, unter ihm; die übrigen unter ihren Obersten. Einem Soldaten des Pleminius, der mit einem geraubten silbernen Becher aus einem Bürgerhause gelaufen kam, und den der Eigenthümer mit den Seinigen verfolgte, begegneten zufällig die Obersten Sergius und Matienus. Da ihm auf der Obersten Befehl der Becher abgenommen wurde, so kam es darüber zwischen den Soldaten des Pleminius und der Tribunen zum Zanken, Schreien und 531 endlich zum Gefechte, in welchem der Zulauf und der Lärmen immer größer wurde, so wie Jeder, seiner Partei willkommen, sich anschloß. Da die Soldaten des Pleminius als die Besiegten mit Geschrei und Erbitterung bei ihm zusammenliefen, Blut und Wunden aufzeigten, und ihm die Schmähungen wiedersagten, die man in dem Gezänke gegen ihn selbst ausgestoßen habe, so rannte er in vollem Zorne zum Hause hinaus, hieß die Obersten vorfordern und den Lictor sie entkleiden und peitschen. Weil es mehrere Zeit kostete, ihnen die Kleidung abzureißen, – denn sie widersetzten sich und riefen ihre Soldaten zur Hülfe auf – so stürzten diese, keck auf ihren eben erfochtenen Sieg, schleunig von allen Seiten herbei, nicht anders als riefe man sie zu den Waffen gegen den Feind zusammen. Kaum aber sahen sie ihre Obersten in Person durch Ruthenhiebe mishandeln, ja da fielen sie, zu einer noch weit zügelloseren Wuth entglühend, ohne Rücksicht, ich will nicht sagen auf seinen hohen Stand, sondern selbst auf alle Menschlichkeit, über den Unterfeldherrn her, nachdem sie zuerst seine Lictoren auf das schändlichste zugerichtet hatten. Dann behandelten sie ihn selbst, da sie ihn von seinen Leuten abgeschnitten und in ihrer Mitte hatten, auf das schmählichste, verstümmelten ihm Nase und Ohren und ließen ihn fast verblutet liegen. Als Scipio, der auf die hievon zu Messana geschehene Anzeige wenige Tage nachher zu Locri auf einem Sechsruderer ankam, die Sache des Pleminius und der Obersten untersucht hatte, sprach er den Pleminius frei, ließ ihn hier den Oberbefehl behalten, erklärte aber die Tribunen für schuldig, ließ sie in Fesseln legen, um sie nach Rom an den Senat zu schicken, und ging nach Messana und von da nach Syracus zurück. Pleminius, der vor Zorn seiner selbst nicht mächtig sich einbildete, Scipio habe die ihm zugefügte Mishandlung übersehen und zu leicht genommen, und diesen Streit könne niemand würdigen, außer, wer die schreckliche Behandlung als leidender Theil gefühlt habe, ließ die Tribunen herbeischleppen, unter allen Martern, die nur einem Menschen 532 angethan werden können, sie hinrichten, und durch ihre Bestrafung im Leben noch nicht befriedigt, ihre Leichname unbeerdigt hinwerfen. Mit gleicher Grausamkeit verfuhr er gegen diejenigen Großen zu Locri, von denen er hörte, daß sie die Reise zum Publius Scipio gemacht hätten, sich über ihre Mishandlung zu beklagen; und hatte er die Bundsgenossen vorher aus Muthwillen und Raubsucht seine Unthaten fühlen lassen, so übte er diese jetzt aus Rache vielfach aus, und brachte nicht allein sich selbst in Schande und Haß, sondern auch seinen Feldherrn. 10. Schon nahete die Zeit der Wahlversammlungen, als ein zu Rom eingelaufener Brief des Consuls Publius Licinius meldete: «Er und sein Heer werde von einer schweren Krankheit heimgesucht: auch würde er nicht haben bestehen können, wenn nicht dies Übel eben so arg, oder noch heftiger, bei den Feinden ausgebrochen sei. Weil er also selbst zum Wahltage nicht kommen könne, so wolle er, wenn es den Vätern so gefällig sei, den Quintus Cäcilius Metellus zur Haltung des Wahltages zum Dictator ernennen. Man thue am besten, wenn man das Heer des Quintus Cäcilius entlasse: denn Einmal könne man jetzt von diesen Truppen keinen Gebrauch machen, da Hannibal sein Heer schon in die Winterquartiere zurückgezogen habe; und zum Andern wüthe die Krankheit in jenem Lager so heftig, daß er glaube, es werde von Allen, wenn man sie nicht früh genug aus einander gehen lasse, nicht Einer übrig bleiben.» Die Väter gaben dem Consul Vollmacht, hierin so zu verfahren, wie er es bei dem State und bei seinem Gewissen verantworten wolle. Unerwartet sah sich jetzt die Bürgerschaft in Beziehung auf die Götter durch eine neue Sorge beunruhigt; weil sich in den Sibyllinischen Büchern, die man wegen des in diesem Jahre häufigen Steinregens nachgeschlagen hatte, der Spruch fand: «Wenn einmal ein auswärtiger Feind den Krieg in das Land Italien tragen sollte, so könne man ihn aus Italien vertreiben und besiegen, wenn man die Idäische Mutter von Pessinus nach Rom 533 bringen ließe.» Dieser von den Zehnherren des Gottesdienstes aufgefundene Spruch machte so viel größeren Eindruck auf die Väter, weil auch die Gesandten, welche das Geschenk nach Delphi gebracht hatten, berichteten, der Pythische Apollo habe ihnen nicht nur zum Opfer Segen verliehen, sondern ihnen sei auch vom Orakel die Prophezeihung gegeben: Das Römische Volk habe einen weit größeren Sieg zu erwarten, als den, von dessen Beute sie jetzt dies Geschenk brachten. Zur Summe dieser Hoffnungen rechneten sie auch Scipio's die Beendigung dieses Krieges gleichsam vorempfindenden Sinn, insofern er Africa zu seinem Wirkungsplatze verlangt habe. Um also des durch die Bücher des Schicksals, durch Ahnungen und Orakelsprüche sich ankündigenden Sieges so viel eher theilhaftig zu werden, dachten sie auf Mittel, die Göttinn nach Rom herüberzubringen. 11. Noch hatten die Römer in Asien keine verbündeten Staten. Allein in Erwägung dessen, daß sie auch ehemals bei einer im Volke herrschenden Seuche, aus Griechenland, mit dem sie noch in gar keiner Verbindung gestanden, den Äsculap geholt hatten; daß zu einer Freundschaft mit dem Könige Attalus, bei ihrem gemeinschaftlichen Kriege gegen Philipp, der Anfang schon gemacht sei, und daß er für das Römische Volk alles Mögliche thun werde, ernannten sie zu Abgeordneten an ihn den Marcus Valerius Lävinus, der zweimal Consul und in Griechenland Feldherr gewesen war, den Marcus Cäcilius Metellus, der schon die Prätur, den Servius Sulpicius Galba, der das Ädilenamt, und zwei, welche die Schatzmeisterstelle bekleidet hatten, den Cneus Tremellius Flaccus und Marcus Valerius Falto. Damit ihre Ankunft in jenen Gegenden, wo sie den Namen Roms in Achtung setzen sollten, der Würde des Römischen Volks entspräche, bestimmte man ihnen fünf Fünfruderer. Die nach Asien reisenden Gesandten landeten auf diesem Wege zu einem Gange nach Delphi, besuchten das Orakel und fragten an: Was für Hoffnung es ihnen und dem Römischen Volke zu Ausrichtung des Geschäftes mache, zu dem f 534 sie aus ihrer Heimat abgeschickt waren. Sie sollen zur Antwort bekommen haben: «Durch den König Attalus würden sie dessen, was sie beabsichtigten, gewährt werden. Wenn sie die Göttinn nach Rom gebracht hätten, möchten sie dafür sorgen, daß Roms rechtschaffenster Mann sie gastlich in Empfang nehme.» Sie langten zu Pergamus bei dem Könige an. Der König begleitete die sehr artig aufgenommenen Gesandten nach Pessinus in Phrygien, und übergab ihnen den heiligen Stein, der nach der Bewohner Aussage die Mutter der Götter war, zur Abführung nach Rom. Die Gesandten schickten den Marcus Valerius Falto mit der Nachricht voraus, die Göttinn werde gebracht, und man habe den rechtschaffensten Mann des States auszumitteln, welcher sie der Vorschrift gemäß gastlich in Empfang nehmen müsse. Quintus Cäcilius Metellus wurde vom Consul im Bruttierlande für den Wahltag zum Dictator ernannt, und sein Heer entlassen: sein Magister Equitum war Lucius Veturius Philo. Die Wahlversammlungen wurden vom Dictator gehalten. Consuln wurden Marcus Cornelius Cethegus und Publius Sempronius Tuditanus, dieser in seiner Abwesenheit, da sein jetziger Standort Griechenland war. Darauf wurden zu Prätoren gewählt Tiberius Claudius Nero, Marcus Marcius Ralla, Lucius Scribonius Libo, Marcus Pomponius Matho. Nach vollendeter Wahl legte der Dictator sein Amt nieder. Die Römischen Spiele wurden dreimal, die Bürgerlichen siebenmal gegeben. Curulädilen waren die beiden Cornelius Lentulus, der eine mit Vornamen Cneus, der andre Lucius. Lucius, der seinen Standort in Spanien hatte, wurde abwesend gewählt, und bekleidete dies Amt abwesend. Bürgerädilen waren Tiberius Claudius Asellus. und Marcus Junius Pennus. In diesem Jahre weihete Marcus Marcellus den Tempel der Tapferkeit am Capenischen Thore, den sein Vater im ersten Consulate bei Clastidium in Gallien vor siebzehn Jahren gelobet hatte. Auch starb in diesem Jahre der Eigenpriester des Mars, Marcus Ämilius Regillus . 535 12. Die Angelegenheiten in Griechenland hatte man in diesen zwei Jahren aus der Acht gelassen. Also hatte Philipp die von den Römern, ihrem einzigen Zuversicht gewährenden Beistande, verlassenen Ätoler genöthigt, unter ihm beliebigen Bedingungen den Frieden zu suchen und abzuschließen. Hätte er nicht aus allen Kräften geeilet, dies zu Stande zu bringen, so würde ihm bei dem Kriege mit den Ätolern ein Angriff vom Proconsul Publius Sempronius zu viel geworden sein, da dieser mit zehntausend Mann zu Fuß, tausend zu Pferde und fünfunddreißig Kriegsschiffen, einer zur Unterstützung der Bundesgenossen gewiß nicht unwirksamen Macht, hieher geschickt wurde, dem Sulpicius im Oberbefehle zu folgen. Kaum war der Friede geschlossen, so erhielt der König Nachricht, die Römer wären zu Dyrrhachium angekommen, hätten die Parthiner und andre benachbarte Völker durch die Hoffnung einer neuen Regierung zum Aufstande vermocht, und bestürmten Dimallum. Dahin hatten sich die Römer gewandt, statt den Ätolern, an welche sie geschickt waren, zu helfen; aus Verdruß, daß diese ohne ihr Gutachten, dem Vertrage zuwider, mit dem Könige Frieden geschlossen hatten. Sobald Philipp dies erfuhr, eilte er, um jeder bedeutendern Bewegung unter den benachbarten größern und kleinern Völkerschaften zuvorzukommen, in starken Märschen nach Apollonia, wohin sich Sempronius zurückgezogen hatte, weil er seinen Unterfeldherrn Lätorius , theils um sich durch nähere Ansicht zu belehren, theils, wo möglich, den Frieden wieder umzustoßen, mit einem Theile des Heers und funfzehn Schiffen nach Ätolien hatte abgehen lassen. Philipp verheerte das Gebiet der Apolloniaten, und bot durch Annäherung seiner Truppen an die Stadt dem Römischen Feldherrn ein Treffen an. Da er diesen sich ruhig auf die Vertheidigung der Mauern beschränken sah, sich selbst zu einem Sturme auf die Stadt nicht stark genug hielt, und mit den Römern eben so, wie mit den Ätolern, wo möglich, Frieden, wo nicht, doch Waffenstillstand zu schließen wünschte, so zog er sich, ohne durch neuen 536 Kampf die Erbitterung weiter zu reizen, in sein Reich zurück. Um eben diese Zeit schickten die Epiroten, des langen Krieges überdrüssig, nachdem sie zuvor die Römer über ihre Gesinnungen ausgeforscht hatten, mit dem Vorschlage zu einem gemeinschaftlichen Frieden an Philipp Gesandte, die ihn versicherten, der Friede werde, wie sie gewiß wüßten, zu Stande kommen, wenn er den Schritt zu einer Unterredung mit dem Römischen Feldherrn Publius Sempronius thun wolle. Da der König selbst nicht abgeneigt war, so gab er ohne Schwierigkeit seine Einwilligung, nach Epirus hinüberzugehen. In Epirus liegt eine Stadt Phönice. Hier besprach sich der König vorher mit dem Aeropus Dardas und Philippus, den Prätoren der Epiroten, und dann kam er mit dem Publius Sempronius zusammen. Auch Amynander, König der Athamanen, war bei der Unterredung zugegen, und andre obrigkeitliche Personen aus Epirus und Acarnanien. Zuerst nahm der Prätor Philipp das Wort, und ersuchte den König und den Römischen Feldherrn zugleich, dem Kriege ein Ende zu machen und diese Bitte der Epiroten zu genehmigen. Publius Sempronius stellte folgende Friedensbedingungen auf, daß die Parthiner, ferner Dimallum, Bargulum und Eugenium den Römern gehören sollten, Atintania solle an Macedonien fallen, wenn der König durch eine nach Rom zu schickende Gesandschaft vom Senate die Zustimmung erhielte. Als der Friede auf diese Bedingungen zu Stande kam, traten auf Seiten des Königs der Bithynische König Prusias , die Achäer, Böotier, Thessalier, Acarnanen und Epiroten dem Vertrage bei; auf Seiten der Römer der Stat von Ilium, König Attalus, Pleuratus, der Lacedämonische Zwingherr Nabis, die Staten Elis, Messene, Athen. Diese Punkte wurden aufgesetzt und untersiegelt, und auf zwei Monate Waffenstillstand gemacht, indeß die Gesandten nach Rom gehen sollten, um den Frieden auf diese Bedingungen vom Gesamtvolke bestätigen zu lassen. Und alle Bezirke genehmigten ihn, weil sie, bei dem Übergange des Krieges nach Africa, sich für jetzt aller andern 537 Kriege entledigen wollten. Nach dem Friedensschlusse ging Publius Sempronius nach Rom ab, sein Consulat anzutreten. 13. Den Consuln Publius Sempronius und Marcus Cornelius – es war das funfzehnte Jahr dieses Punischen Krieges – wurden als Standorte dem Cornelius Hetrurien mit dem alten Heere zugesprochen, dem Sempronius Bruttien, für welches er neue Legionen ausheben solle. Die Prätoren bekamen durch das Los, Marcus Marcius die Gerichtspflege über die Stadt, Lucius Scribonius Libo die über die Fremden und zugleich Gallien, Marcus Pomponius Matho Sicilien, Tiberius Claudius Nero Sardinien. Dem Publius Scipio wurde über das Heer und die Flotte, die er schon hatte, der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert. So sollte auch Publius Licinius das Bruttische mit zwei Legionen behalten, so lange der Consul dessen Aufenthalt als Befehlshaber auf diesem Standorte rathsam fände. Auch dem Marcus Livius und Spurius Lucretius wurde, jedem bei seinen zwei Legionen, womit sie Gallien gegen den Mago gedeckt hatten, der Oberbefehl verlängert. Auch dem Cneus Octavius, und zwar so, daß er nach Abgabe Sardiniens und seiner Legionen an den Tiberius Claudius, dagegen mit vierzig Linienschiffen die vom Senate ihm zu bestimmende Gegend der Seeküste zu decken hatte. Dem Prätor Marcus Pomponius wurden in Sicilien die beiden Legionen des Heeres von Cannä angewiesen. Als Proprätoren sollten Titus Quinctius Tarent, Cajus Hostilius Tubulus Capua, beide so wie im vorigen Jahre, mit der alten Besatzung behalten. Wegen des Oberbefehls in Spanien ließ man einen Antrag an das Gesamtvolk gelangen, die zwei auf jenem Standorte anzustellenden Proconsuln zu ernennen. Alle Bezirke hießen dieselben Proconsuln, den Lucius Cornelius Lentulus und Lucius Manlius Acidinus, jene Plätze behalten, wie sie dieselben voriges Jahr gehabt hätten. Nun gingen die Consuln an die Werbung, sowohl der neuen Legionen für das Bruttische Gebiet, als der Ergänzungstruppen für die übrigen Heere, wie es ihnen vom Senate aufgetragen war. 538 14. War gleich Africa noch nicht öffentlich zur Kriegsbühne erklärt – ich glaube, die Väter hielten es geheim, damit es die Carthager nicht vorher erführen – so hatte sich doch die Bürgerschaft einmal zu der Erwartung hinaufgestimmt, dies Jahr werde in Africa entscheiden und der Punische Krieg nahe seinem Ende. Eben darum waren sie auch voll frommer Besorgnisse; waren geneigt, hier Unglückszeichen einzuberichten, dort, sie zu glauben. Desto mehrere wurden unter das Volk gebracht. «Es hätten sich zwei Sonnen sehen lassen; mitten in der Nacht sei es helle geworden; zu Setia habe man einen Feuerstreif von Morgen nach Abend laufen sehen; zu Tarracina habe der Blitz ein Thor, zu Anagnia ein Thor und die Mauer an vielen Stellen getroffen; im Tempel der Juno Sospita zu Lanuvium habe sich ein Getöse mit fürchterlichem Gekrache hören lassen.» Zu Darbringung der Sühne wurde ein eintägiges Betfest begangen, und weil ein Steinregen gefallen sein sollte, die neuntägige Andacht. Hierzu kam die Berathschlagung über den Empfang der Idäischen Mutter, welche der neuesten Nachricht zufolge, da schon der von den Gesandten vorausgegangene Eine, Marcus Valerius, ihre Ankunft in Italien als nahe angezeigt hatte, schon zu Tarracina war. Die Senatoren beschäftigte die Entscheidung der wichtigen Frage, wer der rechtschaffenste Mann des Stats sei. Wenigstens hätte sich Jeder den wirklichen Sieg in diesem Streite lieber gegönnt, als alle durch die Stimmen der Väter oder Bürger ihm gebotenen Feldherrnstellen und Ehrenämter. Sie thaten den Ausspruch, unter allen rechtschaffenen Männern im ganzen State sei der rechtschaffenste Publius Scipio, des in Spanien gefallenen Cneus Sohn, ein junger Mann, der noch nicht Quästor gewesen war. Was für Vorzüge ihm eigen waren, von denen sie sich bei diesem Urtheile leiten ließen, so gern ich dies der Nachwelt überlieferte, wenn es von den jener Zeit zunächstlebenden Geschichtschreibern uns aufbehalten wäre, so wenig mag ich in Vermuthungen über eine im Alterthume vergrabene Begebenheit mit meiner Meinung mich aufdringen. Genug; Publius Cornelius 539 erhielt den Auftrag, mit den sämtlichen Standesfrauen nach Ostia der Göttinn entgegen zu gehen, diese vom Schiffe in Empfang zu nehmen, und wenn er sie ans Land gehoben, an jene abzuliefern, um sie weiter zu tragen. Als das Schiff der Mündung des Tiberstromes nahete, fuhr er, dem Auftrage gemäß, auf einem Schiffe in See, nahm die Göttinn von den Priestern in Empfang und hob sie ans Land. Die ersten Frauen des Stats übernahmen sie. Unter diesen zeichnet sich der Name der Quinta Claudia aus, deren Keuschheit ein, wie erzählt wird, vorhin bezweifelnder Ruf durch dies so heilige Geschäft bei der Nachwelt nur noch verherrlichte. Sie trugen die Göttinn, die bei ihnen der Reihe nach aus Hand in Hand ging, unter dem Zulauf der ganzen entgegenströmenden Stadt, da man vor allen Thüren, wo sie vorübergetragen wurde, Rauchfässer aufgestellt hatte, und bei angezündetem Weihrauche sie anflehte, sie möge gern und gnädig in die Stadt Rom eingehen, in den Tempel der Siegesgöttinn, der auf dem Palatium steht. Es war der zwölfte April, und dieser Tag ist sonst ihr Fest gewesen. Zahlreich brachte das Volk der Göttinn seine Gaben auf das Palatium: es wurden ein Göttermahl und Spiele angestellt, welche man die Megalesien nannte. 15. Als man im Senate über die Ergänzung der Legionen sprach, welche in den Kriegsgegenden standen, so erinnerten Einige: «Jetzt sei es Zeit, da endlich durch die Gnade der Götter alle Besorgniß gehoben sei, sich das was man in mißlicher Lage getragen habe, so gut es habe gehen wollen, nicht länger gefallen zu lassen.» Da die Väter vor Erwartung gespannt waren, fuhren jene fort: «Die zwölf Latinischen Pflanzstädte, welche den Consuln Quintus Fabius und Quintus Fulvius die Truppenstellung verweigert hätten, habe man beinahe schon ins sechste Jahr, als ob man sie dadurch ehren und belohnen wolle, mit allem Kriegsdienste verschont, während man die guten und willigen Bundsgenossen bei ihrer Treue und Folgsamkeit gegen Rom durch alljährlich fortgesetzte Aushebungen erschöpft habe.» Mit diesen Worten wurde 540 bei den Vätern nicht sowohl ein beinahe schon vergessener Auftritt in Erinnerung gebracht, als ihr Unwille geweckt. Ohne also die Consuln auf etwas Andres antragen zu lassen, faßten sie den Schluß ab: «Die Consuln sollten die Obrigkeiten und zehn der ersten Männer aus jeder dieser Pflanzstädte, aus Nepete, Sutrium, Ardea, Cales, Alba, Carseoli, Sora, Suessa, Setia, Circeji, Narnia, Interamna – sie waren es, die dieser Vorwurf traf – nach Rom entbieten; sollten ihnen die Auflage machen, daß jede von ihnen an Fußvolk die höchste Anzahl, die sie seit dem Einbruche des Feindes in Italien dem Römischen Volke gestellt hätten, in doppeltem Betrage zu stellen habe, und jede hundert und zwanzig Reuter. Sollte Eine oder die Andre so viele Reuter nicht aufbringen können, so stehe es ihr frei, statt Eines Reuters drei Mann zu Fuß zu geben: zu diesem Fußvolke und dieser Reuterei sollten die reichsten Leute ausgesucht, und dahin geschickt werden, wo man nur irgend außerhalb Italien Ergänzungstruppen nöthig habe. Auf den Fall, daß sich Einige von ihnen weigerten, sei es des Senats Wille, die Obrigkeiten und Gesandten einer solchen Pflanzstadt festzuhalten, und sie trotz aller Anforderungen nicht eher im Senate vorzulassen, bis sie das Anbefohlene geleistet hätten. Außerdem solle in diesen Pflanzstädten von tausend Assen Einer als Steuer entrichtet und jährlich eingetrieben, und die Schatzung nach einem von den Römischen Censoren aufzusetzenden Anschlage gehalten werden. Dieser solle auf den nämlichen Fuß eingerichtet sein, wie bei dem Römischen Volke, und beeidigte Censoren der Pflanzstädte hätten ihn, ehe sie ihr Amt niederlegten, zu Rom einzureichen.» Als nun die Consuln vermöge dieses Senatsschlusses den nach Rom geforderten Obrigkeiten und Vornehmsten aus jenen Pflanzstädten die Truppenstellungen und Geldlieferungen anbefahlen, so weigerten sich die Einen noch mehr als die Andern und schrieen laut dagegen. « So viele Truppen, sagten sie, könnten sie nicht stellen. Kaum würden sie, wenn ihnen das vertragsmäßig zu stellende Einfache auferlegt würde, 541 dieses erschwingen können. Sie bäten sichs aus, und drängen auf die Erlaubniß, im Senate vorgelassen zu werden und bittend dagegen einzukommen. Sie hätten nichts verbrochen, womit sie ihren Untergang verdient hätten; wenn sie aber auch zu Grunde gehen sollten, so erwachse doch für sie so wenig aus ihrem Vergehen, als aus dem Zorne des Römischen Volks die Möglichkeit, mehr Truppen zu stellen, als sie hätten.» Die Consuln, die nicht nachgaben, hießen die Gesandten zu Rom bleiben, die Obrigkeiten aber nach Hause gehen, um die Werbungen vorzunehmen, und versicherten, es werde ihnen niemand Zutritt im Senate verschaffen, bevor nicht die verlangte Truppenzahl in Rom angelangt sei. Da sie also mit Gegenvorstellungen vor den Senat zu kommen nicht hoffen durften, so gingen diese zwölf Pflanzstädte an die Werbung, und da sich während ihres langen Zurückbleibens vom Dienste die jungen Leute bei ihnen sehr gemehret hatten, so kam sie ohne Schwierigkeit zu Stande. 16. Ein zweiter Punkt, der ungefähr Prope aeque longo]. – Ich übersetze prope durch ungefähr, wie Cap. 28. in den Worten: annis prope quinquaginta. eben so lange unbeachtet geblieben war, wurde vom Marcus Valerius Lävinus in Anregung gebracht. Er sagte: «Es sei billig, die unter seinem und des Marcus Claudius Consulate eingelieferten Gelder den Privatleuten endlich wieder auszuzahlen. Auch dürfe es niemand befremden, wenn er sich einer Schuld, die eigentlich auf dem State laste, so vorzüglich annehme: denn außerdem, daß die Sache doch auf den Consul jenes Jahrs, in welchem man die Gelder zusammengeschossen, ihre besondere Beziehung habe, sei auch diese Einlieferung bei der damaligen Armuth der Kammer und dem Unvermögen der Bürger, eine Steuer zu leisten, auf seinen Betrieb geschehen.» Den Vätern war diese Erinnerung willkommen, und als sie den Consuln aufgegeben hatten, die Sache zum Vortrage zu bringen, faßten sie den Schluß ab: «Dies Geld solle in drei Zahlungen abgetragen werden: die erste hätten jetzt 542 gleich die zeitigen Consuln zu leisten, die beiden andern, die Consuln über drei und fünf Jahre.» Nun verdrängte alle andern Sorgen eine einzige, weil jetzt das vielfache Leiden der Locrenser, das man bis dahin nicht gekannt hatte, durch die Ankunft ihrer Gesandten ruchtbar wurde. Und den allgemeinen Unwillen erregte nicht so sehr des Quintus Pleminius Frevel, als Scipio's schonende Gefälligkeit für ihn, oder seine Nachlässigkeit. Von Wust und Schmutz überdeckt warfen sich zehn Locrensische Gesandte, welche als Schutz Flehende den auf dem Versammlungsplatze thronenden Consuln statt der umwundenen Stäbe, nach Griechischer Sitte Ölzweige entgegenreichten, unter lautem Wehklagen vor der Richterbühne zur Erde. Auf die Nachfrage der Consuln erklärten sie sich für Locrenser, die von dem Unterfeldherrn Quintus Pleminius und von Roms Soldaten solche Dinge gelitten hätten, wie sie das Römische Volk nicht einmal Carthager leiden lassen wolle. Sie bäten die Consuln um die Erlaubniß, vor dem Senate aufzutreten und ihm ihren Jammer zu klagen.» 17. Als sie vor den Senat kamen, sprach der Älteste von ihnen: «Ich weiß, versammelte Väter, daß eure Beachtung unsrer Klage hauptsächlich davon abhängt, wenn ihr völlige Kunde darüber habt, theils, wie Locri dem Hannibal verrathen wurde, theils wie es nach Vertreibung der Besatzung Hannibals unter eure Hoheit zurückkehrte. Denn bliebe der öffentliche Wille mit aller Schuld eines Abfalls außer Berührung, und ergäbe sichs, daß wir unter eure Hoheit nicht bloß nach unserm Wunsche, sondern selbst durch unsere Mitwirkung und Tapferkeit zurückkehrten, so dürftet ihr so viel ungehaltener werden, daß wir als gute und treue Bundesgenossen, so schreckliche und empörende Ungerechtigkeiten von euren Legaten und euren Soldaten haben leiden müssen. Allein ich glaube die Untersuchung unsers beidesmaligen Übertritts auf eine andre Zeit aussetzen zu müssen; und das aus zwei Gründen: Einmal, damit sie in Gegenwart des Publius Scipio verhandelt werde, welcher Locri 543 wiedereroberte und uns Alles, was wir recht und unrecht gethan haben, bezeugen kann: zum Andern, weil wir, wenn wir auch noch so strafbar sein sollten, doch das, was wir gelitten haben, nicht leiden mußten. Wir können es nicht leugnen, versammelte Väter; als wir noch eine Punische Besatzung in unsrer Burg hatten, da haben wir sowohl von Hamilcar, dem Befehlshaber der Besatzung, als von den Numidern und Africanern manche schmähliche und empörende Behandlung erlitten. Was ist das aber im Vergleiche mit dem, was wir jetzt erleiden? Ich bitte euch, versammelte Väter, haltet es mir zu Gnaden, wenn ich etwas sage, was ich euch nur ungern hören lasse. Es steht jetzt auf dem Punkte der Entscheidung, ob das gesammte Menschengeschlecht in euch oder in den Carthagern die Herren der Erde erblicken soll. Wenn danach, was wir Locrenser entweder von jenen gelitten haben, oder noch diesen Augenblick von eurer Besatzung leiden, die Herrschaft Roms oder die der Punier gewürdigt werden sollte, so würde alle Welt lieber sie, als euch, sich zu Herren wünschen. Und dabei erkennet nun, wie wir Locrenser dessenungeachtet gegen euch gesinnet sind. Als wir von den Carthagern so viel leidlicheres Unrecht litten, nahmen wir unsre Zuflucht zu eurem Feldherrn: da wir von eurer Besatzung ärger als feindlich behandelt werden, haben wir uns mit unsern Klagen an niemand, als an euch gewandt. Entweder ihr, versammelte Väter, werdet auf unsre traurige Lage Rücksicht nehmen, oder es bleibt uns auch nicht einmal bei den unsterblichen Göttern weiter etwas zu erbitten. Quintus Pleminius wurde als Unterfeldherr mit einem Kohre abgeschickt, den Carthagern Locri zu nehmen, und blieb mit diesem dort in Besatzung. Dieser euer Unterfeldherr, versammelte Väter, – die höchste Noth giebt mir den Muth, frei herauszureden – hat von einem Menschen nichts weiter an sich, als die Gestalt und den Schein, und von einem gebornen Römer nichts, als das Äußere, die Tracht und den Klang der Sprache Latiums. Ein Tod verbreitendes, scheuseliges Ungeheuer 544 ist er, gleich jenen, die einst, der Sage nach, zum Verderben der Seefahrer, die Meerenge besetzt hielten, die uns von Sicilien trennt. Wenn er sich nun damit begnügte, bloß seinen Frevel, seine Wollust und Raubsucht an euren Bundesgenossen auszuüben, so würden wir den einen, wenn auch tiefen, Strudel bei unsrer Duldsamkeit füllen: allein alle eure Hauptleute und Soldaten – so allgemein sollte nach seinem Willen die Zügellosigkeit und Bosheit sein – hat er zu Pleminiern gemacht: sie Alle rauben, plündern, prügeln, verwunden, morden: sie entehren Frauen, Mädchen und aus der Ältern Armen weggerissene Edelbürtige. Täglich wird unsre Stadt erobert, täglich geplündert: Tag und Nacht wird allenthalben, wo es auch sein mag, das Klaggeschrei der Weiber und Knaben laut, die man wegnimmt und fortschleppt. Wer das so Alles erführe, müßte sich eben so sehr darüber wundern, daß bei uns die Geduld ausreichte, es zu ertragen, als daß so schrecklicher Mishandlungen die Thäter noch nicht müde sind. Ich kann unmöglich Alles, was wir gelitten haben, einzeln durchgehen, und euch ist auch nicht damit gedient, es zu hören. Ich will es in ein Ganzes zusammenfassen. Ich behaupte, es ist zu Locri nicht Ein Haus, nicht Ein Mensch ohne Mishandlung geblieben: ich behaupte, es ist keine Art von Frevel, von schandbaren Lüsten und Raubgier mehr übrig, die nicht an irgend Einem, an dem sie ausgelassen werden konnte, verübt sei. Es läßt sich kaum ausmitteln, welches Unglück von beiden für einen Stat schauderhafter ist; das, wenn die Feinde die Stadt mit Sturm erobert haben, oder wenn ihn ein verderblicher Tyrann durch die Gewalt der Waffen unterjochet hat. Aber Alles, was eroberte Städte zu leiden pflegen, haben wir gelitten, und leiden es gerade jetzt, versammelte Väter; und jeden Frevel, den die grausamsten und unbändigsten Tyrannen gegen ihre unterdrückten Mitbürger zu üben pflegen, hat Pleminius an uns und unsern Weibern und Kindern ausgeübt.» 18. « Ein Verbrechen aber machen wir in unsrer 545 Klage namhaft, theils weil eine tief in uns begründete heilige Scheu uns dazu zwingt, theils weil es unser Wunsch ist, daß ihr es hören, und wenn ihr es aus eben dem Gesichtspunkte ansehet, euren Stat von einem Frevel entsündigen mögt. Haben wir doch gesehen, mit welcher Feierlichkeit ihr nicht allein eure Götter verehrt, sondern auch fremde aufnehmt. Proserpina hat bei uns ein Heiligthum, einen Tempel, von dessen Unverletzlichkeit ihr, wie ich glaube, im Kriege mit Pyrrhus etwas vernommen habt. Als er nämlich auf der Rückkehr aus Sicilien mit seiner Flotte vor Locri vorbeifuhr, beging er unter andern Schandthaten, die er wegen unsrer unverbrüchlichen Treue gegen euch uns fühlen ließ, auch einen Raub an dem bis dahin von niemand angetasteten Schatze der Proserpina; lud dann das Geld auf seine Schiffe, und rückte selbst zu Lande weiter. Was geschah, versammelte Väter? Den Tag darauf überfiel die Flotte der schrecklichste Sturm, und warf alle Schiffe, welche die heiligen Gelder führten, auf unsern Strand. Der König, bei allem Hochdünkel doch endlich durch einen so großen Verlust über das Dasein höherer Wesen belehrt, hieß das Geld zusammensuchen und wieder in den Schatz der Proserpina legen. Dennoch hatte er seitdem weder Glück noch Stern; und verjagt aus Italien starb er bei seinem unbesonnenen nächtlichen Einbruche in Argos eines unrühmlichen und schimpflichen Todes. Ungeachtet euer Unterfeldherr und seine Obersten dies und tausend andre Dinge gehört hatten, die wir nicht gerade in der Absicht, ihnen größere Ehrfurcht einzuflößen, sondern als unsre und unsrer Vorältern mehrmalige Erfahrungen über die offenbare Einwirkung der Göttinn erzählten; so erfrechten sie sich dennoch, ihre tempeldiebischen Hände an jene nie berührten Schätze zu legen und sich und die Ihrigen und eure Soldaten mit einem so schändlichen Raube zu beflecken. Wir beschwören euch bei eurem uns heiligen Schutze, versammelte Väter, waget mit diesen Leuten, ehe ihr ihren Frevel gesühnet habt, ja nicht die mindeste Unternehmung, 546 weder in Italien, noch in Africa, damit sie nicht den auf sich geladenen Fluch sowohl mit ihrem eigenen Blute, als mit einem Unglücke des Stats büßen. Wiewohl schon jetzt, versammelte Väter, ist der Zorn der Göttinn so wenig bei jenen Anführern, als bei euren Soldaten ausgeblieben. Schon mehrmal haben sie unter sich ordentliche Schlachten geliefert. Auf der einen Seite stand Pleminius als Anführer, auf der andern die beiden Obersten. Erbitterter haben sie nie gegen die Carthager gefochten, als unter sich selbst: und durch ihre Wuth würden sie dem Hannibal Gelegenheit gegeben haben, Locri wieder zu erobern, wenn nicht auf unsre Einladung Scipio dazu gekommen wäre. Nun ja! ruft man mir entgegen, die Soldaten freilich tummelt der Fluch des Tempelraubes als Wüthende gegen einander; allein in Bestrafung der Anführer selbst hat sich doch keine Wirkung der Göttinn gezeigt? – Gerade da war sie am sichtbarsten. Der Legat ließ die Obersten mit Ruthen hauen. Die auflaurenden Obersten bemächtigten sich des Legaten, zerfleischten ihn am ganzen Körper, schnitten ihm Nase und Ohren ab und ließen ihn halbtodt liegen. Kaum erholte sich der Legat von seinen Wunden, so ließ er die Obersten in Fesseln werfen, peitschen, mit allen möglichen Sklavenmartern quälen und gliedweise hinrichten; verbot noch, ihre Leichen zu begraben. Diese Strafen hat die Göttinn von den Räubern ihres Tempels schon genommen, und sie wird nicht aufhören, mit allen Rachgöttinnen sie zu verfolgen, bis das heilige Geld wieder in den Schatz gelegt ist. Einst wollten unsre Vorfahren, in einem schweren Kriege mit den Crotoniaten, weil der Tempel außerhalb der Stadt liegt, jene Gelder in die Stadt herüberholen. In der Nacht ließ sich eine Stimme aus dem Heiligthume hören: Sie sollten keine Hand anlegen: ihre Tempel wisse die Göttinn selbst zu schützen. Weil sie jetzt, von heiliger Scheu ergriffen, die Gelder nicht fortbringen konnten, beschlossen sie; den Tempel mit einer Mauer zu umgeben. Schon war die Mauer zu einer beträchtlichen Höhe aufgeführt, als 547 plötzlich Alles wieder einstürzte. Ihren Sitz also und ihren Tempel hat die Göttinn sowohl jetzt, als sonst schon oft entweder geschützt, oder an ihren Beleidigern schwer gerächet. Unsre Mishandlungen aber kann und soll niemand anders rächen, als ihr, versammelte Väter. Zu euch und zu eurem Schutze nehmen wir flehend unsre Zuflucht. Es ist uns einerlei, ob ihr Locri unter diesem Legaten, unter dieser Besatzung länger lasset, oder ob ihr es dem aufgebrachten Hannibal und den Puniern zur Bestrafung überliefert. Wir verlangen nicht, daß ihr uns auf der Stelle, daß ihr uns über einen Abwesenden, daß ihr uns, ohne ihn zu hören, Glauben beimessen sollt. Lasset ihn kommen, ihn selbst unsre Anklage hören; ihn selbst sie entkräften. Hat er irgend einen Frevel, den ein Mensch Menschen anthun kann, an uns unverübt gelassen, so weigern wir uns nicht, das Alles, wenn wir es noch einmal leiden können, noch einmal zu leiden, und ihn von allen seinen Schandthaten gegen Gott und Menschen freisprechen zu lassen.» 19. Als die Gesandten so geredet hatten, und Quintus Fabius sie fragte, ob sie diese Klagen vor den Publius Scipio gebracht hätten, so antworteten sie: «Sie hätten Gesandte hingeschickt, er sei aber mit den Zurüstungen zum Kriege beschäftigt, und entweder nach Africa schon übergegangen, oder werde doch in wenig Tagen hinübergehen. Wie viel auch der Unterfeldherr bei seinem Oberfeldherrn gelte, hätten sie daraus gesehen, daß er, nach angestellter Untersuchung zwischen ihm und den Obersten, die Obersten habe in Fesseln legen lassen, den Legaten aber, der eben so sträflich, oder noch strafbarer sei, auf seinem Posten gelassen habe.» Nachdem man die Gesandten aus dem Versammlungssale hatte abtreten lassen, wurden nicht nur Pleminius, sondern auch Scipio in den Reden der Ersten des Senates heftig mitgenommen. Vorzüglich gab ihm Quintus Fabius Schuld, «er sei recht dazu geboren, die Kriegszucht zu verderben. So habe er auch in Spanien beinahe mehr Soldaten durch Aufruhr, als durch Krieg, 548 verloren. Das heiße sich unrömisch und als ein König benehmen, wenn er bald den Soldaten zu viele Freiheit gestatte, bald sie mit Grausamkeit behandle.» In seinem Gutachten am Schlusse dieser Rede erklärte er mit gleicher Härte: «Seiner Meinung nach müsse der Legat Pleminius gefesselt nach Rom abgeführt werden, und sich in Fesseln verantworten; und wenn die Klagen der Locrenser gegründet wären, müsse man ihn im Kerker hinrichten lassen und sein Vermögen einziehen. Den Publius Scipio, weil er ohne Geheiß des Senats von seinem Posten gegangen sei, müsse man zurückrufen, und es mit den Bürgertribunen ausmachen, daß sie beim Gesamtvolke darauf antrügen, ihm den Oberbefehl abzusprechen. Den Locrensischen Gesandten sei im Senate die Antwort zu ertheilen: Die ihnen zugefügten Ungerechtigkeiten, über die sie klagten, hätten in Rom sowohl des Senates als des Gesamtvolkes Misfallen. Dann müsse man sie für biedere Männer, für Bundesgenossen und Freunde Roms erklären; ihre Kinder, Frauen, und was ihnen sonst geraubt sei, ihnen wiedergeben, das sämtliche dem Schatze der Proserpina entwandte Geld beitreiben und den doppelten Betrag in den Schatz liefern, und ein Sühnopfer anstellen lassen, wenn man vorher bei dem Gesamtamte der Oberpriester angefragt habe, vermittelst welcher Entsündigungen, bei welchen Göttern und mit was für Opferthieren die Ausräumung und Entweihung eines heiligen Schatzes zu sühnen sei. Alle in Locri liegenden Soldaten müsse man nach Sicilien hinüberbringen, und vier Cohorten Latinischer Bundsgenossen als Besatzung nach Locri gehen lassen.» Bei der warmen Theilnahme für und wider den Scipio kam man mit Abhörung der Stimmen an diesem Tage nicht zu Ende. Denn außer dem Frevel des Pleminius und dem Elende der Locrenser sprach man auch viel über des Feldherrn eignen, nicht allein unrömischen, sondern auch unsoldatischen Aufzug. «In Griechischem Mantel und Pantoffeln gehe er in den Schulgebäuden lustwandeln, gebe sich mit Lesereien und Anstandsübungen ab; und eben so unthätig und weichlich, 549 als er, ließen sich Alle von seiner näheren Umgebung die Annehmlichkeiten von Syracus gefallen. An Carthago und an Hannibal werde nicht mehr gedacht. Das ganze Heer, wie vorhin zu Sucro in Spanien, wie jetzt zu Locri, in Zügellosigkeit verwildert, sei den Bundsgenossen furchtbarer, als den Feinden.» 20. Hatten gleich diese Anführungen als zum Theile wahr, zum Theile nur halb wahr, eben darum so viel mehr Wahrscheinlichkeit, so behielt doch die Meinung des Quintus Metellus die Oberhand, der im Übrigen dem Maximus beipflichtete, in Ansehung des Scipio aber ihm widersprechend die Frage aufwarf: «Wie es sich schicken würde, wenn man eben den Mann, den der Stat unlängst zur Wiedereroberung Spaniens noch so jung zum Feldherrn ausersehen habe; den man, weil er Spanien den Feinden wirklich abgenommen, zum Consul gewählt habe, um durch ihn den Punischen Krieg zu beendigen; im Geiste dazu bestimmt habe, durch ihn den Hannibal aus Italien hinauszuzwingen und Africa zu unterjochen; wenn man den so auf Einmal, nicht anders wie einen Quintus Pleminius, unverhörter Sache so gut als schon verurtheilt, von seinem Posten abrufen ließe? da doch die Locrenser selbst sagten, daß bei den Schändlichkeiten, über welche sie zu klagen hätten, Scipio nicht einmal gegenwärtig gewesen sei, und man ihm nichts weiter zur Last legen könne, als daß er seines Unterfeldherrn aus Langmuth oder Ehrgefühl geschont habe? Sein Vorschlag sei, den Prätor Marcus Pomponius, dem das Los Sicilien zur Provinz gegeben habe, in den nächsten drei Tagen in diese Provinz abgehen zu lassen: die Consuln könnten zehn, ihrem Ermessen anheimzustellende, Abgeordnete im Senate sich aussuchen, um diese mit dem Prätor, zwei Bürgertribunen und einem Ädil hinzuschicken. Mit diesen Beisitzern müsse der Prätor die Sache untersuchen. Fände sichs, daß das, worüber sich die Locrenser beschwerten, auf Befehl oder mit Zustimmung des Publius Scipio geschehen sei, so müßten sie ihm anbefehlen, die Provinz zu verlassen. Sollte Publius Scipio schon nach Africa 550 übergesetzt sein, so müßten die Bürgertribunen und der Ädil mit zwei Bevollmächtigten, die der Prätor hierzu am meisten geeignet fände, nach Africa gehen; die Tribunen und der Ädil, den Scipio von dort zurückzubringen; die Bevollmächtigten, dem Heere so lange vorzustehen, bis der neue Feldherr bei diesem Heere einträfe. Sollten aber der Prätor und die zehn Abgeordneten ersehen, daß das Vorgefallene weder Scipio's Befehl, noch dessen Zustimmung für sich habe, so sollte Scipio bei dem Heere bleiben und in der Führung des Krieges seine Maßregeln verfolgen.» Als ein Senatsschluß dieses Inhalts zu Stande kam, besprach man sich mit den Bürgertribunen, daß sie sich über die beiden, die mit dem Prätor und den Abgeordneten die Reise machen sollten, vergleichen oder sie durch das Los wählen möchten. Dann erging an das Gesamtamt der Oberpriester ein Antrag wegen der Sühne, in Bezug auf Alles das, was im Tempel der Proserpina zu Locri angetastet, entheiligt und entwandt sei. Die Bürgertribunen, die mit dem Prätor und den zehn Bevollmächtigten abreiseten, waren Marcus Claudius Marcellus und Marcus Cincius Alimentus. Man gab ihnen einen Bürgerädil mit, damit sie diesem, falls Scipio entweder in Sicilien auf das Wort des Prätors nicht hören wollte, oder schon nach Africa übergegangen wäre, die Festnehmung des Scipio als Tribunen anbefehlen und ihn vermöge ihres unverletzlichen Amts zurückbringen könnten. Daß sie eher nach Locri gingen, als nach Messana, lag im Plane. 21. Übrigens hat man, was den Pleminius betrifft, zweierlei Nachrichten. Einige erzählen, gerade als er auf die Nachricht von den Verhandlungen zu Rom unterweges gewesen sei, nach Neapolis auszuwandern, sei er auf den Quintus Metellus , einen der Abgeordneten, getroffen und von ihm mit Gewalt nach Rhegium zurückgeschleppt. Andere, Scipio selbst habe einen Unterfeldherrn mit dreißig der vornehmsten Ritter hingeschickt, den Quintus Pleminius und mit ihm die Häupter dieser Eigenthätlichkeit in Ketten zu legen. Sie sämtlich wurden, entweder 551 schon früher auf Scipio's, oder damals auf des Prätors Befehl, den Rheginern in Gewahrsam gegeben. Der Prätor und die Abgeordneten ließen bei ihrer Ankunft zu Locri ihrem Auftrage gemäß das Religionsgeschäft ihre erste Sorge sein. Alles heilige Geld, das sie bei dem Pleminius und bei den Soldaten zusammensuchten, legten sie mit der Summe, die sie selbst mitgebracht hatten, wieder in den Schatz und brachten das Sühnopfer. Dann hieß der Prätor die zur Versammlung berufenen Soldaten unter den Fahnen aus der Stadt rücken und schlug in der Ebene ein Lager auf, mit Androhung einer schweren Strafe «für jeden Soldaten, der entweder in der Stadt bliebe, oder etwas mit sich hinausnähme, das nicht sein eigen sei. Den Locrensern erlaube er, was Jeder als sein Eigenthum erkenne, hinzunehmen, und was sich nicht finde, einzufordern. Vor allen Dingen sollten den Locrensern ungesäumt alle Freigebornen zurückgegeben werden: wer sie nicht auslieferte, werde es schwer zu büßen haben.» Darauf berief er auch die Locrenser und sagte ihnen: «Das Römische Volk und der Senat setze sie wieder in ihre Freiheit und Gesetze ein. Sollte jemand den Pleminius oder wer es sonst sei, verklagen wollen, so möge er mit nach Rhegium gehen. Hätten sie selbst im Namen ihres Stats gegen den Publius Scipio die Klage anzubringen, daß die zu Locri gegen Götter und Menschen begangenen Schandthaten auf Befehl oder mit Zustimmung des Publius Scipio begangen wären, so möchten sie Gesandte nach Messana schicken. Er wolle dort mit seinen Beiräthen die Sache untersuchen.» Die Locrenser erklärten dem Prätor, den Abgeordneten und dem Römischen Senate und Volke ihren Dank, und daß sie zur Klage gegen den Pleminius mitgehen wollten. Scipio aber, habe er gleich die Mishandlungen ihrer Bürger nicht hoch genug empfunden, sei doch ein Mann, den sie lieber zum Freunde, als zum Feinde haben möchten. Sie wären überzeugt, daß diese so vielen und so großen Schändlichkeiten, weder auf Befehl, noch mit Zustimmung eines Publius Scipio verübt wären: er habe entweder dem Pleminius zu 552 viel, oder ihnen zu wenig zugeglaubt. Es sei bei Manchen natürliche Stimmung, daß sie gegen das Unrechte mehr einen Widerwillen, als den Muth hätten, es zu bestrafen.» Sowohl der Prätor als seine Beisitzer waren einer nicht geringen Last überhoben, einer Untersuchung gegen Scipio . Den Pleminius und außer ihm an zweiunddreißig Andre verurtheilten sie und schickten sie in Ketten nach Rom. Sie selbst reiseten zum Scipio, um auch über die herumgesprochenen Beschuldigungen des Feldherrn, über seinen Aufzug, seine Unthätigkeit und vernachlässigte Kriegszucht, so wie sie es bei eigner Ansicht finden würden, in Rom Auskunft zu geben. 22. Bei ihrer Annäherung gegen Syracus machte sich Scipio fertig, sich vor ihnen durch Sachen, nicht durch Worte, zu reinigen. Er ließ hier das ganze Heer zusammenkommen, die Flotte sich schlagfertig halten, als sollte noch heute zu Lande und zu Wasser den Carthagern eine Schlacht geliefert werden. Nachdem er sie am Tage ihrer Ankunft sehr gefällig bei sich aufgenommen hatte, zeigte er ihnen den Tag darauf seine Land- und Seemacht, nicht bloß in voller Rüstung, sondern jene im Eilschritte sich entwickelnd, und die Flotte, wie auch sie im Hafen eine Seeschlacht darstellte; dann wurden Prätor und Abgeordnete herumgeführt, die Zeughäuser, die Kornvorräthe und die übrigen Anstalten zum Kriege in Augenschein zunehmen. Und er erfüllte sie mit einer solchen Bewunderung jedes Einzelnen und des Ganzen, daß sie sicher glaubten, der Sieg über Carthago werde entweder durch diesen Feldherrn möglich und durch dieses Heer, oder nie; daß sie ihn aufforderten, unter der segnenden Leitung der Götter nach Africa überzugehen, und dem Römischen Volke die Hoffnung, die es sich von ihm an jenem Tage gemacht habe, an welchem ihn alle Centurien zum ersten Consul ernannten, bald möglichst zu gewähren: und sie reiseten in so froher Stimmung ab, als hätten sie schon den Sieg, nicht bloß die staunenswerthen Anstalten zum Kriege, nach Rom zu melden. 553 Pleminius und seine Mitschuldigen wurden gleich nach der Ankunft zu Rom in den Kerker gelegt: und bei ihrer ersten Aufstellung vor dem Volke durch die Tribunen fand für sie in Herzen, welche schon von dem Unglücke der Locrenser eingenommen waren, kein Mitleiden einen Platz. Als man sie nachher öfters vorführte, milderte sich, so wie der Haß etwas Altes wurde, auch der Zorn; und selbst die Verunstaltung des Pleminius und die Erinnerung an den abwesenden Scipio machten ihm das Volk geneigter. Er starb aber im Gefängnisse, ehe das Volk über ihn zum Spruche kam. Clodius Licinius erzählt im dritten Buche seiner Römischen Geschichte, dieser Pleminius habe die Absicht gehabt, während der festlichen Spiele, welche Africanus zu Rom in seinem zweiten Consulate einem Gelübde gemäß anstellte, durch einige Bestochene die Stadt an mehreren Orten anzünden zu lassen, um so zur Erbrechung des Kerkers und zum Entkommen Gelegenheit zu haben. Da aber sein boshafter Anschlag entdeckt sei, habe er auf Befehl des Senats in das Tullianum hinabwandern müssen. Scipio's Sache kam bloß im Senate zur Sprache. Und hier bewirkten die Lobeserhebungen, mit welchen die Abgeordneten und Tribunen einstimmig von dieser Flotte, von diesem Heere und Feldherrn sprachen, daß der Senat dahin stimmte, die Überfahrt nach Africa solle je eher je lieber vor sich gehen; und dem Scipio freigestellt wurde, von den Truppen in Sicilien sich selbst diejenigen auszusuchen, die er mit sich nach Africa hinübernehmen, und die er zum Schutze der Provinz zurücklassen wolle. 23. Indeß die Römer dies betrieben, verschafften sich auch die Carthager, die, von ihren auf allen Vorgebirgen erbauten Warten auf jede Nachricht lauschend und schüchtern, den Winter in Ängstlichkeit zugebracht hatten, eine Beihülfe, die für sie auf die Vertheidigung von Africa von großem Ausschlage war; eine Verbindung mit eben dem Könige Syphax, auf dessen Mitwirkung der Römische Feldherr ihrer Meinung nach seine Unternehmung auf Africa vorzüglich begründete, Hasdrubal, Gisgons Sohn, war nicht nur, wie ich oben gesagt, 554 seitdem Scipio und Hasdrubal gerade zu gleicher Zeit aus Spanien bei dem Könige zusammentrafen, des Königs Gastfreund, sondern es war auch eine Verwandschaft unter ihnen in Vorschlag gekommen, eine Vermählung des Königs mit Hasdrubals Tochter. Da Hasdrubal, um diese zu Stande zu bringen und die Zeit zum Beilager zu bestimmen– denn die Jungfrau war schon mannbar – wieder hingereiset war, so ließ er, weil er den König vor Verlangen glühen sah – und bei den Numidern ist der Hang zur sinnlichen Liebe weit heftiger, wie bei allen andern Barbaren – die Tochter von Carthago kommen und beschleunigte die Vermählung: und unter andern frohen Festlichkeiten wurde auch in der Absicht, an den Familienverein einen Statenbund zu knüpfen, zwischen dem Carthagischen Volke und dem Könige unter gegenseitigem Versprechen, einerlei Freunde und Feinde zu haben, ein Bündniß feierlich beschworen. Weil aber Hasdrubal, in Hinsicht auf das vom Könige auch mit dem Scipio geschlossene Bündniß und auf die unzuverlässige und veränderliche Sinnesart der Barbaren, befürchtete, selbst diese Ehe möchte, wenn Scipio nach Africa herüberkäme, ein zu schwaches Bindemittel sein, so verführte er seinen Numidischen Schwiegersohn im Rausche der neuen Liebe mit zu Hülfe genommenen Liebkosungen von Seiten der jungen Frau zu dem Schritte, daß er Gesandte nach Sicilien an den Scipio abgehen und ihm sagen ließ: «Er möge nicht im Vertrauen auf seine frühere Zusage nach Africa übergehen. Er selbst sei theils durch seine Vermählung mit einer gebornen Carthagerinn, einer Tochter des Hasdrubal, den er als Gast bei ihm gesehen habe, theils auch durch ein Statenbündniß an Carthago gebunden. Am liebsten wünsche er, die Römer möchten, wie sie bisher gethan hätten, in der Ferne von Africa ihren Krieg mit den Carthagern ausmachen, damit er nicht nöthig habe, sich in ihren Streit zu mischen, und mit Aufgebung des Einen Bündnisses den Waffen entweder dieser, oder jener Partei beizutreten. Sollte sich aber Scipio Africa's nicht entsehen, und mit 555 einem Heere gegen Carthago anrücken, so werde er gezwungen sein, theils für den Africanischen Boden, auf welchem auch er geboren sei, theils für die Vaterstadt seiner Gattinn, für deren Väter und Hausgötter, sein Glück zu versuchen. 24. Die Gesandten, die mit diesen Aufträgen vom Könige an den Scipio abgingen, trafen ihn zu Syracus. Scipio, der sich einer kräftigen Stütze seines in Africa auszuführenden Plans und einer großen Hoffnung beraubt sah, schickte die Gesandten, ehe die Sache ruchtbar würde, eiligst nach Africa zurück und gab ihnen einen Brief an den König mit, worin er ihm dringende Vorstellungen machte, «Nicht gegen die Pflichten der Gastfreundschaft, die er mit ihm, nicht gegen die des Bundes, den er mit Rom geknüpft habe, noch an Allem, was Gottesfurcht und Redlichkeit heiße, an dem gegebenen Handschlage, und an den Göttern, den Zeugen und Richtern ihrer beiderseitigen Verträge so treulos zu handeln.» Weil indeß die Ankunft der Numider sich nicht verheimlichen ließ – sie waren ja in der Stadt herumgegangen und hatten sich oft auf dem Hauptplatze sehen lassen – und er besorgen mußte, wenn er über den Zweck ihrer Ankunft schwiege, die Wahrheit möchte gerade darum, weil sie verheimlicht würde, so viel eher aus sich selbst hervorgehen, und dann das Heer in Furcht gerathen, daß es nun zugleich mit dem Könige und den Carthagern zu fechten haben werde, so entrückte er den Vermuthungen die Wahrheit durch zuvorkommende falsche Angaben. Er sagte den Soldaten, die er zur Versammlung berufen ließ: «Länger dürfe man nun nicht säumen. Die verbündeten Könige drängen in ihn, je eher je lieber nach Africa überzugehen. Zuerst sei Masinissa selbst zum Lälius gekommen und habe geklagt, daß die Zeit mit Säumen hingebracht werde. Jetzt kämen Gesandte vom Syphax, der es eben so unerklärlich finde, was man für Grund haben könne, so lange zu zögern, und der darauf dringe, endlich einmal ein Heer nach Africa überzusetzen, oder, wenn man sich anders entschlossen habe, es ihn wissen 556 zu lassen, damit auch er für sich und sein Reich seine Maßregeln nehmen könne. Da also Alles fertig und in Ordnung sei, und die Sache kein längeres Säumen gestatte, so habe er sich entschlossen, die Flotte bei Lilybäum anfahren zu lassen, dort seine ganze Macht zu Fuß und zu Pferde zusammenzuziehen, und am ersten Tage, der das Auslaufen gestatte, in Gottes Namen nach Africa überzugehen.» An den Marcus Pomponius schrieb er, wenn er nichts dagegen habe, möchte er nach Lilybäum kommen, damit sie gemeinschaftlich überlegen könnten, was für Legionen eigentlich und wie viele Truppen er mit nach Africa zu nehmen habe. So beschickte er auch die ganze Küste umher, um Ladungsschiffe pressen und nach Lilybäum zusammenbringen zu lassen. Da nun Alles, was es von Soldaten und Schiffen in Sicilien gab, sich zu Lilybäum sammelte, und weder die Stadt die Menge Menschen, noch der Hafen die Schiffe fassen konnte, so war in Allen der Eifer, nach Africa überzugehen, so lebendig, als würden sie nicht zum Kriege, sondern zu sichern Belohnungen des Sieges geführt. Vorzüglich hofften die noch übrigen Krieger des Heeres von Cannä, durch Dienste; die sie dem State nur unter diesem und keinem andern Feldherrn leisten könnten. ihre schimpfliche Dienstzeit zu endigen. Und dem Scipio waren Soldaten von diesem Schlage gar nicht unwillkommen, da er wußte, daß die Niederlage bei Cannä nicht einer Feigheit von ihrer Seite beizumessen sei, und daß es im ganzen Römischen Heere keine Soldaten gebe, die so lange gedient und in mehreren Arten des Gefechts oder gar im Sturme auf Städte so viele Übung hätten. Die fünfte und sechste Legion waren Truppen von Cannä. Nachdem er erklärt hatte, er wolle diese nach Africa hinübernehmen, musterte er die Soldaten einzeln; ließ die, die er untüchtig fand, zurück; ersetzte ihre Stelle aus denen, die er aus Italien mitgebracht hatte und ergänzte diese Legionen so, daß jede sechstausend zweihundert Mann zu Fuß und dreihundert Ritter hatte: eben so nahm er die Latinischen Bundestruppen zu Fuß und zu Pferde aus dem Heere von Cannä . 557 25. Wie viele Truppen damals nach Africa hinübergeschafft sind, darüber sind die Schriftsteller in den Summen weit aus einander. Hier finde ich zehntausend Mann zu Fuß, zweitausend zweihundert zu Pferde; dort sechzehntausend zu Fuß und tausend sechshundert zu Pferde; bei Andern Alles über die Hälfte vergrößert und an Fußvolk und Reuterei fünfunddreißigtausend Mann als eingeschifft angegeben. Einige geben die Summe nicht an, und unter diese möchte ich bei den darüber obwaltenden Zweifeln am liebsten gehören. Cölius, läßt er sich gleich nicht auf die Summe des Ganzen ein, so giebt er ihm doch den Schein einer ungeheuren Menge. Vögel, sagt er, seien vom Geschreie der Soldaten auf die Erde gefallen, und der zu Schiffe Gehenden eine solche Menge gewesen, daß man hätte denken sollen, weder in Italien, noch in Sicilien bleibe irgend ein Sterblicher zurück. Die Sorge für die ordentliche und ruhige Einschiffung der Soldaten übernahm Scipio selbst. Unterdeß hielt der Befehlshaber der Flotte, Cajus Lälius, die Seeleute, die er früher hatte einsteigen lassen, auf den Schiffen beisammen. Die Einladung der Lebensmittel bekam der Prätor Marcus Pomponius zu besorgen: man lud auf fünfundvierzig Tage Mundvorrath und darunter für funfzehn Tage Gebackenes. Wie Alle eingeschifft waren, ließ Scipio Kähne umhergehen, um von jedem Schiffe den Steuermann, den Schiffshauptmann und zwei Soldaten zum Empfange seiner Befehle auf den Markt zusammenkommen zu lassen. Als sie beisammen waren, that er zuerst die Frage, ob sie für Menschen und Vieh auf eben so viele Tage Wasser eingenommen hätten, als Getreide. Sie antworteten, es sei auf fünfundvierzig Tage Wasser auf den Schiffen; und nun zeigte er den Soldaten an, daß sie gegen die Seeleute mit aller Ruhe, ohne Widersetzlichkeit, in allen zu leistenden Handreichungen als die willig Folgsamen, sich schweigend zu verhalten hätten. Er selbst und Lucius Scipio würden die Fahrschiffe auf dem rechten Flügel mit zwanzig Kriegsschiffen decken; den linken eben so viele Kriegsschiffe unter dem Befehlshaber der 558 Flotte Cajus Lälius, nebst dem Marcus Porcius Cato; dieser war damals Schatzmeister. Jedes Kriegsschiff solle Ein, jedes Fahrschiff zwei Lichter haben; ihres Feldherrn Schiff werde bei Nacht an drei Lichtern kenntlich sein. Den Steuermännern befahl er, auf Emporia zu gehen. Dies ist eine äußerst fruchtbare Landschaft, und darum hat die Gegend reichen Überfluß an Allem; ihre Barbaren sind, wie auf üppigem Boden gewöhnlich, unkriegerisch; und er hoffte sie bezwungen zu haben, ehe man ihnen von Carthago zu Hülfe käme. Nachdem er ihnen diese Befehle bekannt gemacht, hieß er sie auf die Schiffe zurückgehen und am folgenden Tage in Gottes Namen auf das gegebene Zeichen die Anker lichten. 26. Schon manche Römische Flotte war aus Sicilien und selbst aus diesem Hafen abgegangen. Allein nicht bloß in diesem Kriege, – und das wäre kein Wunder; denn die meisten Flotten waren nur auf Plünderung ausgelaufen – sondern auch nicht einmal im vorigen hatte die Abfahrt irgend einer ein solches Schauspiel gewährt. Freilich wenn man bloß die Größe seiner Flotte in Anschlag brachte, so waren ehemals zwei Consuln zugleich mit zwei Heeren übergegangen, und bei jenen Flotten hatten sich fast so viele Kriegsschiffe befunden, als Scipio jetzt Ladungsschiffe hinüberführte. Allein Einmal hatten der Umstand, daß dieser Krieg in Italien geführt wurde, und die großen Niederlagen so vieler Heere, mit denen zugleich ihre Feldherren fielen, die Wirkung, daß in den Augen der Römer der eine Krieg gegen den andern, der zweite gegen den ersten, weit schrecklicher erschien. Zum Andern zog auch ein Feldherr, wie Scipio, den theils seine tapfern Thaten, theils ein gewisses ihm eigenes Glück, um seinen außerordentlichen Ruhm zu erhöhen, zum Allgepriesenen Partim suapte fortuna quadam ingentis ad incrementa gloriae celebratus]. – Diese celebritas, die manchem andern großen Manne nachtheilig wird, ihm das Entgegenarbeiten und den Neid Andrer zuzieht, gereichte dem Scipio suapte fortuna quadam ad incrementa gloriae. machten, die Aufmerksamkeit Aller auf sich; so wie auch sein Zweck bei dieser 559 Überfahrt, auf welchen sich kein Feldherr vor ihm in diesem Kriege einließ; insofern er selbst in Umlauf gebracht hatte, er gehe hinüber, um den Hannibal aus Italien hinauszuzwingen, den Krieg nach Africa überzutragen und dort zu endigen. Zu diesem Schauspiele war das ganze Gewühl nicht allein von Lilybäums Einwohnern am Hafen zusammengeströmt, sondern auch von allen Gesandschaften aus Sicilien, welche theils aus Höflichkeit sich einfanden, um sich vom Scipio zu beurlauben, theils an den Prätor der Provinz, den Marcus Pomponius, sich angeschlossen hatten. Außerdem waren auch die in Sicilien zurückbleibenden Legionen ausgerückt, ihre Waffenbrüder zu entlassen; und so wie die Flotte den ihr vom Lande aus Nachsehenden, so gewährte das ganze rund umher dicht mit Menschen besetzte Gestade den Abfahrenden ein nicht geringeres Schauspiel. 27. Als es helle war, ließ Scipio durch den Herold Stille gebieten und sprach vom Hauptschiffe herab also: «Ihr Götter und Göttinnen, die ihr die Meere und die Lande bewohnet, euch bete ich, euch flehe ich an. Möge Alles, was unter meinem Oberbefehle geschehen ist, geschiehet und noch geschehen wird, für mich, für Roms Gesamtvolk und seine Bürger, für seine Bundsgenossen und die Latiner, für Alle, die des Römischen Volks und meiner Partei, die meinem Oberbefehle und meiner Götterleitung zu Lande, zu Wasser und auf Strömen folgen, zum Heile ausschlagen! Möget ihr dies Alles gnädig unterstützen, durch segensreiches Gedeihen heben; sie selbst aber gesund und wohlbehalten, von den überwundenen Feinden als Sieger kehrend, mit Waffenraube geschmückt, mit Beute beladen und triumphirend mit mir zur Heimat zurück geleiten; uns Rache nehmen lassen an unsern Widersachern und Feinden, und mir und dem Römischen Volke die Macht verleihen, an dem State der Carthager solche Beispiele aufzustellen, als das Carthagische Volk an unserm State zu stiften geschäftig war!» Nach diesem Gebete reichte er das Opferfleisch roh, wie es Sitte ist, ins Meer hinab, und ließ 560 durch die Trompete das Zeichen zur Abfahrt geben. Da sie mit gutem ziemlich starken Winde abfuhren, so kamen sie dem Lande schnell aus dem Gesichte; auch erhob sich nach Mittag ein so dunkler Nebel, daß sich die Schiffe kaum vor dem Zusammenstoßen hüten konnten. Auf der Höhe ließ der Wind nach. Eben der Nebel dauerte die folgende Nacht, verzog sich aber nach Sonnenaufgange und der Wind ward stärker. Jetzt sahen sie Land; und gleich darauf meldete der Steuermann dem Scipio: « Africa sei nicht über fünftausend Schritte entfernt; er sehe das Vorgebirge Mercurs. Wenn er dort hinzusteuern befehle, so solle die ganze Flotte bald im Hafen sein.» Als Scipio das Land im Gesichte hatte, bat er die Götter, sie möchten ihn Africa zum Segen für den Stat und für ihn haben erblicken lassen, hieß die Segel aussetzen und weiter abwärts eine andre Anfahrt suchen. Sie gingen noch mit demselben Winde: allein der fast um eben die Zeit, wie gestern, sich erhebende Nebel entzog ihnen den Anblick des Landes und unter der Nebelhülle legte sich der Wind. Darauf machte die Nacht Alles noch unsicherer. Also mußten die Schiffe, um nicht auf einander zu stoßen, oder gegen den Strand zu laufen, sich vor Anker legen. Als es Tag wurde, erhob sich eben der Wind wieder und enthüllete ihnen nach zerstreuetem Nebel die ganze Küste von Africa. Da dem Scipio auf die Frage, wie das nächste Vorgebirge heiße, gesagt wurde, das Vorgebirge des Pulcher ( des Schönen ), so rief er: « Die Vorbedeutung ist gut: lenket die Schiffe darauf zu!» Da hin also fuhr die Flotte, und die sämtlichen Truppen wurden ans Land gesetzt. Daß die Fahrt glücklich gewesen sei, ohne alle Gefahr und Beunruhigung, habe ich auf das Zeugniß so vieler Griechischen und Lateinischen Schriftsteller geglaubt. Der einzige Cölius, außer daß er die Schiffe nicht in den Fluten begräbt, schildert sie uns unter allen möglichen Schrecken des Himmels und der See, läßt zuletzt die Flotte durch Sturm von Africa nach der Insel Ägimurus verschlagen werden, von da nur mit Mühe auf ihre Bahn wieder einlenken, und die Soldaten 561 von ihren beinahe gesunkenen Schiffen, ohne Geheiß des Feldherrn, auf Kähnen, gleich Schiffbrüchigen ohne Waffen in großer Unordnung sich ans Land retten. 28. Nach Ausschiffung ihrer Truppen steckten die Römer auf den nächsten Hügeln ein Lager ab. Schon hatte sich, zuerst beim Anblicke der Flotte, dann über das Getümmel der Landung, Bestürzung und Schrecken nicht bloß über die Dörfer der Küste, sondern selbst bis in die Städte verbreitet. Allenthalben hatte die Wege nicht bloß ein Gewühl von Menschen erfüllt, in welchem Züge von Weibern und Kindern sich mischten, sondern die Landleute trieben auch ihre Heerden vor sich weg: man hätte denken sollen, Africa werde auf Einmal geräumt. Den Städten selbst aber jagten sie einen größern Schrecken ein, als sie mit sich hineinnahmen; vorzüglich war in Carthago der Aufruhr beinahe so groß, als ob es schon erobert wäre. Die Bürger hatten nach den Consuln Marcus Atilius Regulus und Lucius Manlius, seit etwa Prope quinquaginta]. – Gesner giebt im Thes. dem Worte prope die Bedeutung von fere. Dann könnte es also eben so gut ein Par mehr, als ein Par weniger bedeuten. Derselbe Fall war oben Cap. 16. gleich im Anfange. Eigentlich war dies jetzt das 53ste Jahr seit jener Landung. funfzig Jahren kein Römisches Heer gesehen, nur etwa auf Plünderung ausgelaufene Flotten, die an den Küsten Truppen ausgesetzt, und wenn sie das, was ihnen zufällig aufstieß, geraubt hatten, immer wieder ihren Schiffen zugeeilt waren, ehe noch das Geschrei die Landleute zusammenrief. Um so viel größer war jetzt das Flüchten und die Bestürzung in der Stadt. Und in der That hatten sie jetzt weder ein tüchtiges Heer zu Hause, noch einen Feldherrn entgegenzustellen. Hasdrubal, Gisgons Sohn, war freilich durch Adel, Ruf, Reichthum, und jetzt auch durch seine Verwandschaft mit einem Könige bei weitem der erste Mann im State; allein sie wußten auch, daß er von eben diesem Scipio in Spanien in mehrern Schlachten besiegt und verfolgt war, und daß er als Feldherr dem Römischen Feldherrn eben so wenig gewachsen sei, als ihr zusammengerafftes Heer dem 562 Römischen Heere. Folglich ertönte allenthalben das Geschrei: Zu den Waffen! nicht anders, als ob Scipio sogleich die Stadt selbst angreifen würde: eiligst wurden die Thore geschlossen, die Mauern mit Truppen besetzt, Wachen und Posten ausgestellt, und in der nächsten Nacht blieb Alles wach. Die fünfhundert Reuter, die man am folgenden Tage ausschickte, sich an der Küste umzusehen, und die Feinde bei der Landung zu beunruhigen, stießen schon auf Römische Posten. Denn Scipio hatte nach Absendung seiner Flotte gegen Utica, ohne weit vom Meere vorzurücken, schon die nächsten Höhen besetzt und Reuterei theils auf schickliche Posten ausgestellt, theils auf Plünderung in die Dörfer gehen lassen. 29. Diese erlegte, als sie mit der Carthagischen Reuterei zum Gefechte kam, einige im Treffen selbst, die meisten aber auf der Flucht im Nachsetzen, und unter letztern auch den Anführer Hanno, einen jungen Mann von Adel. Scipio verwüstete nicht allein das Land umher, sondern eroberte auch die nächste ziemlich wohlhabende Africanische Stadt, wo außer den übrigen Gütern, die er sogleich auf Frachtschiffe laden und nach Sicilien abgehen ließ, achttausend Freigeborene und Sklaven seine Beute wurden. Doch war den Römern für den Anfang ihrer Unternehmungen nichts erfreulicher, als die Ankunft des Masinissa. Einige geben an, er sei mit nicht mehr als Zweihunderten zu Pferde, Andre, er sei mit einer Reuterei von zweitausend Mann angekommen. Doch da er unter allen Königen seiner Zeit bei weitem der größeste war und dem Römischen State so vorzügliche Dienste geleistet hat, so darf ich mir wohl für die Schilderung der mancherlei Schicksale, unter denen er sein Erbreich verlor und wiedereroberte, eine kleine Abschweifung erlauben. Während er in Spanien für Carthago focht, starb ihm sein Vater: dieser hieß Gala. Die Regierung fiel an des Königs hochbetagten Bruder, Ösalces; so ist es bei den Numidern Sitte. Als auch bald nachher Ösalces starb, bekam der ältere von seinen beiden Söhnen, Capusa – der andre war noch sehr jung – den väterlichen 563 Thron. Da ihn aber auf diesem mehr das Erbrecht, als eigenes Gewicht bei den Unterthanen oder Macht schützte, so trat ein gewisser Mezetulus auf, der zwar auch zum königlichen Hause, aber zu einer Linie gehörte, die mit der jetzt regierenden immer in Feindschaft lebte und ihr mit wechselndem Glücke den Thron streitig machte. Durch sein großes Ansehen bei denjenigen Unterthanen, die mit dem regierenden Hause unzufrieden waren, brachte er diese zum Aufstande, schlug in offenem Felde ein Lager auf und zwang den König, sich auf eine Schlacht einzulassen und sein Reich daran zu wagen. In diesem Treffen blieb Capusa mit vielen Vornehmen, und das ganze Massylische Volk unterwarf sich der Hoheit und Regierung des Mezetulus. Doch enthielt er sich des königlichen Namens, und mit dem bescheidenen Titel eines Vormundes sich begnügend, erklärte er den vom königlichen Stamme noch übrigen unmündigen Prinzen Lacumaces zum Könige. In der Aussicht auf eine Verbindung mit Carthago vermählte er sich mit einer vornehmen Carthagerinn, einer Schwestertochter Hannibals, welche unlängst mit dem Könige Ösalces vermählt war; und erneuerte auch durch eine abgefertigte Gesandschaft das alte Bündniß mit Syphax; lauter Vorkehrungen, sich gegen den Masinissa Beistand zu verschaffen. 30. Als Masinissa hörte, daß sein Oheim gestorben, und dann, daß sein Vetter gefallen war, setzte er aus Spanien nach Mauretanien über. König der Mauren, war damals Bocchar. Auf sein flehentliches, wehmüthiges Bitten erhielt er von diesem viertausend Mauren, aber ohne ihre Begleitung in den Krieg bewirken zu können, nur zur Bedeckung auf der Reise. Als er mit diesen, nach Voraussendung eines Boten an seines Vaters und seine Freunde, an die Gränzen seines Reichs gekommen war, so sammelten sich bei ihm gegen fünfhundert Numider. Hier ließ er die Mauren, der Abrede gemäß, zu ihrem Könige zurückgehen, und war gleich die Zahl der bei ihm sich Einfindenden weit unter seiner Hoffnung, und gar nicht so, daß er mit ihr eine so große 564 Unternehmung sicher hätte wagen können, so zog er dennoch in der Voraussetzung, er werde durch Handeln und Versuchen auch an Kraft zum Handeln gewinnen, dem jungen Könige Lacumaces, der eben auf dem Marsche zum Syphax war, bei Thapsus entgegen. Voll Bestürzung floh der Zug in die Stadt: Masinissa eroberte die Stadt im ersten Angriffe, nahm diejenigen von den königlichen Truppen, die sich ergaben, unter die Seinigen und ließ die sich zur Wehr Setzenden niederhauen. Der größte Theil entkam im Getümmel mit dem Knaben selbst zum Syphax, zu welchem zu gehen ihre erste Absicht gewesen war. Der Ruf von dieser mäßigen That, die gleich anfangs mit Glück ausgeführt war, wandte die Numider dem Masinissa zu. Von allen Seiten strömten aus Dörfern und Flecken die alten Soldaten des Gala herbei und riefen den jungen Helden zur Wiedereroberung seines väterlichen Reichs. An Truppenzahl war ihm Mezetulus bei weitem überlegen. Denn theils hatte er selbst noch jenes Heer, womit er den Capusa schlug, und eine Menge derer, die er nach des Königs Falle begnadigte; theils hatte ihm der junge Lacumaces vom Syphax ansehnliche Verstärkungen zugeführt. Beim Mezetulus standen funfzehntausend Mann Fußvolk, zehntausend Mann Reuterei. Lange nicht so stark, weder zu Fuß, noch zu Pferde, lieferte ihnen Masinissa eine Schlacht. Und doch siegte theils die Tapferkeit der alten Krieger, theils der Scharfblick eines Feldherrn, der sich so oft zwischen Römischen und Punischen Waffen umgetummelt hatte. Der junge König mit seinem Vormunde und eine kleine Schar Masäsyler retteten sich auf das Carthagische Gebiet. Weil aber Masinissa, der so seines väterlichen Reiches wieder Herr geworden war, einem weit größern Kampfe mit Syphax entgegen sah, so schickte er, um sich lieber mit seinem Vetter auszusöhnen, an ihn, ließ dem Prinzen die Aussicht eröffnen, wenn er sich dem Masinissa ergäbe, so sollte er bei ihm denselben ehrenvollen Rang haben, in welchem Ösalces bei dem Gala gestanden habe; ließ auch dem Mezetulus außer der Ungestraftheit die 565 gewissenhafteste Rückgabe aller seiner Güter versprechen, und brachte sie, da sie beide ein mäßiges Glück zu Hause dem Leben im Auslande vorzogen, so angelegentlich es auch die Carthager zu hintertreiben suchten, zu sich herüber. 31. Gerade als dieses sich zutrug, war Hasdrubal bei dem Syphax. Und als der Numidische König meinte, es habe wenig Beziehung auf ihn, ob das Massylische Reich in Lacumaces oder Masinissa's Händen sei, so sagte ihm Hasdrubal: «Er täusche sich sehr, wenn er glaube, Masinissa werde sich mit derselben Macht begnügen, wie sein Vater Gala, oder sein Oheim Ösalces. Der sei mit weit größerem Muthe und Geiste ausgestattet, als irgend Einer seines Stammes. Oft habe er in Spanien Proben einer bei Menschen seltenen Tapferkeit vor Freunden und Feinden abgelegt: und Syphax sowohl, als die Carthager, wenn sie dies Feuer nicht gleich im Entstehen erstickten, würden sich demnächst von einer gewaltigen Feuersbrunst ergriffen sehen, wann sie schon mit aller Hülfe zu spät kämen. Jetzt nur sei seine Kraft noch zart und leicht zu knicken, so lange er noch an seinem kaum zusammenheilenden State zu bähen habe.» Unter beständigem Anhalten und Treiben redete er ihm ein, er müsse ein Heer an die Massylische Gränze rücken lassen, und einen gewissen Bezirk, über den es schon oft mit dem Gala nicht bloß zum Wortstreite, sondern selbst zu Treffen gekommen war, als sein unstreitiges Eigenthum vermittelst eines Lagers besetzen. Wolle ihn jemand vertreiben, und das sei gerade das Wünschenswerthe, so müsse er es zur Schlacht kommen lassen; räume man ihm den Strich aus Feigheit ein, so müsse er in das Innere des Königreiches selbst dringen: entweder würden die Massyler ohne Schwertschlag sich seiner Hoheit unterwerfen, oder ihm doch auf keine Weise im Felde gewachsen sein.» Durch diese Vorstellungen aufgeregt kündigte Syphax dem Masinissa den Krieg an, und gleich im ersten Treffen schlug er die Massyler völlig. Masinissa rettete sich vom Schlachtfelde nur mit 566 wenig Reutern auf einen Berg, der bei den Einwohnern Balbus heißt. Mehrere Familien zogen mit ihren Hütten und Heerden – diese sind ihr Geld – dem Könige nach: die übrigen Massyler sämtlich unterwarfen sich der Hoheit des Syphax . Der Berg, den die Flüchtlinge besetzt hatten, ist reich an Gras und Wasser, und weil er so zur Viehweide taugte, so gab er auch Leuten, die von Fleisch und Milch lebten, vollkommen hinreichende Nahrung. Von hier aus wurde nun, anfangs durch nächtliche und verstohlne Ausfälle, dann durch offenbaren Straßenraub, die ganze Gegend umher unsicher: am meisten litt das Gebiet von Carthago, theils weil es hier mehr Beute gab, als im Numidischen, theils weil sich es hier mit mehr Sicherheit rauben ließ. Und schon trieben sie ihren höhnenden Unfug so ungehindert, daß sie ihren ans Meer gefahrnen Raub an Kaufleute verhandelten, die bloß darum mit ihren Schiffen anlegten; und daß mehr Carthager getödtet und gefangen genommen wurden, als zuweilen in einem ordentlichen Kriege. Hierüber beschwerten sich die Carthager beim Syphax; und bei seinem alten Grolle brachten sie ihn zu dem Entschlusse, die Überbleibsel des Krieges abzuthun. Allein für den König selbst schien es doch fast zu schimpflich, auf einen im Gebirge umherstreifenden Räuber Jagd zu machen. 32. Bocchar, einer von den königlichen Befehlshabern, ein rascher und unternehmender Mann, wurde dazu ausersehen. Man gab ihm viertausend Mann zu Fuß, zweitausend zu Pferde: und überhäuft mit versprochenen hohen Belohnungen, wenn er den Kopf des Masinissa brächte, oder gar zu einer nicht zu berechnenden Freude ihn lebendig gefangen lieferte, that er auf die Zerstreuten, sorglos sich Umtreibenden einen unvermutheten Angriff, schnitt Heerden und Menschen in großer Menge von ihrer bewaffneten Bedeckung ab, und jagte den Masinissa selbst mit Wenigen auf den Gipfel des Berges. Nachdem er von hier, als sei der Krieg so gut als geendet, nicht bloß seine Beute an gefangenen Heerden und 567 Menschen dem Könige zugeschickt, sondern auch die für den Überrest des Krieges viel zu zahlreichen Truppen zurückgesandt hatte, verfolgte er den von der Höhe herabgekommenen Masinissa nur mit fünfhundert Mann zu Fuß und zweihundert zu Pferde, und schloß ihn in einem engen Thale zwischen beiden besetzten Mündungen ein. Hier ging es schrecklich über die Massyler her. Mit nicht mehr als funfzig Reutern entriß sich ihm Masinissa durch Gebirgskrümmen, die seine Verfolger nicht kannten. Dennoch blieb ihm Bocchar auf der Spur, und da er ihn in den offenen Gefilden nahe bei der Stadt Clupea einholte, umzingelte er ihn so, daß er bis auf vier Reuter die andern sämtlich niederhieb. Und im Getümmel entschlüpfte mit diesen auch der verwundete Masinissa ihm unter den Händen. Aber die Fliehenden waren ihm noch nicht aus den Augen. Ein Geschwader von Reutern, über das ganze Feld verbreitet, zum Theile seitwärts absprengend, um den Flüchtigen entgegenzukommen, jagte fünf Feinden nach. Ein großer Strom nahm die Fliehenden auf – denn ohne Säumen hatten sie sich, von einer größern Furcht bedrängt, auf ihren Pferden hineingestürzt: – der Strudel faßte sie und führte sie quer vorüber; und da ihrer Zwei vor den Augen der Feinde vom reißenden Strudel verschlungen wurden, so hielten sie auch ihn für ertrunken. Aber die beiden übrigen Reuter stiegen mit ihm unter dem Gebüsche des jenseitigen Ufers ans Land. Hier hatte Bocchars Verfolgung ein Ende, theils weil er in den Fluß sich nicht wagte, theils weil er glaubte, er habe niemand mehr zu verfolgen. Er kehrte mit dem falschen Berichte, Masinissa sei ertrunken, zum Könige zurück: nach Carthago wurden Boten geschickt, die große Freude zu verkündigen; und in ganz Africa, so weit der Ruf von Masinissa's Tode es erfüllte, erregte er sehr ungleiche Empfindungen. Masinissa lebte in einer verborgenen Höhle mehrere Tage lang, während er mit Kräutern seine Wunde heilte, von den Räubereien seiner beiden Reuter. Sobald die Wunde geharscht war und die Bewegung zu gestatten 568 schien, machte er sich mit unglaublicher Kühnheit auf den Weg zur Wiedereroberung seines Reichs. Und als er bei seiner Ankunft in Massylien mit nicht mehr als vierzig unterwegs gesammelten Reutern sich öffentlich kundgab, so bewirkte theils die alte Liebe zu ihm, theils die unverhoffte Freude, ihn frisch und gesund zu sehen, den man für todt gehalten hatte, eine so allgemeine Bewegung, daß sich in wenig Tagen sechstausend Bewaffnete zu Fuß, viertausend zu Pferde, bei ihm einfanden; und er nicht allein schon im Besitze seines väterlichen Reiches, sondern sogar im Stande war, das Gebiet Carthagischer Bundesvölker und das Land der Masäsyler – dies war das Reich des Syphax – zu verheeren. Da er hiedurch den Syphax zum Kriege gereizt hatte, nahm er zwischen Cirta und Hippo eine Stellung auf Gebirgshöhen, die er zu jeder Absicht benutzen konnte. 33. Syphax, dem die Sache ernsthafter wurde, als daß er sie einem Unterfeldherrn überlassen dürfte, gab seinem Prinzen, dem jungen Vermina, der mit einem Theile des Heers vorausgehen sollte, den Auftrag, den Feind, während er selbst ihn beschäftige, zu umgehen und im Rücken anzugreifen. Vermina, der den versteckten Angriff zu machen hatte, trat seinen Marsch in der Nacht an; Syphax aber zog mit seinem Lager bei hellem Tage weiter, und auf offener Straße, um auch für den genommen zu werden, der ein förmliches Treffen in Linie anbieten will. Wie seiner Rechnung nach die Zeit da war, wo die sich Herumziehenden zur Stelle sein konnten, so ließ er auch im Vertrauen auf seine Menge und auf die dem Feinde von hinten drohende List, obgleich ein mäßiger Abhang zu ihm hinanführte, seine bergaufsteigende Linie anrücken. Masinissa, vorzüglich durch den Platz gesichert, der ihm im Gefechte bei weitem den größern Vortheil gewähren mußte, stellte die Seinigen ebenfalls. Das Treffen war fürchterlich und lange unentschieden, weil Stellung und Tapferkeit der Fechtenden auf Seiten des Masinissa, allein eine mehr als zu große Überzahl auf Seiten des Syphax war. Und da diese Übermacht in zwei Haufen, theils von vorn eindrang, 569 theils von hinten sich herumgezogen hatte, so gab sie dem Syphax den entschiedenen Sieg: und die hier von vorn, dort vom Rücken her Eingeschlossenen behielten nicht einmal einen offenen Ausweg zur Flucht. So wurden die Übrigen, Fußvolk und Reuterei, niedergehauen, oder gefangen genommen: nur gegen zweihundert Reuter, welche Masinissa um seine Person gesammelt und als Geschwader in drei Haufen getheilt hatte, forderte er mit Angabe des Orts, wo sie aus der Zerstreuung sich zusammenfinden wollten, auf, sich durchzuschlagen. Er selbst brach auf dem Punkte, den er sich gesetzt hatte, mitten unter den feindlichen Pfeilen durch. Die beiden andern Geschwader blieben stecken: das eine ergab sich muthlos den Feinden, das andre wurde bei seinem hartnäckigeren Widerstande mit Pfeilen überströmt und niedergeschossen. Den Vermina, der ihm beinahe an der Ferse hing, brachte er, dadurch, daß er in beständigen Abbeugungen auf neue Seitenwege ihm entschlüpfte, endlich so weit, daß er vor Überdruß und Verzweiflung vom Verfolgen abstand. Und so kam er mit sechszig Reutern bei der kleinern Syrte an. In der Gegend zwischen der Punischen Landschaft Emporia und dem Volke der Garamanten brachte er die ganze Zeit bis zur Ankunft des Cajus Lälius und der Römischen Flotte irr Africa unter dem herrlichen Bewußtsein zu, die Wiedereroberung seines Erbreichs so oft gewagt zu haben. Dies macht mich geneigt, lieber zu glauben, daß sich Masinissa mit einer mäßigen, als mit einer starken Bedeckung von Reuterei auch nachher beim Scipio eingefunden habe: denn jener angebliche Heerhaufen bezeichnet den Herrscher, meine kleine Schar hingegen stimmt zu der Lage des Flüchtlings. 34. Die Carthager, die nach dem Verluste ihres Reutereigeschwaders und seines Obersten eine andere Reuterei durch neue Werbung aufstellten, gaben ihr den Sohn Hamilcars, Hanno, zum Anführer. Mehreremale beriefen sie den Hasdrubal und Syphax durch Briefe, durch Boten und zuletzt sogar durch Gesandte. Dem Hasdrubal befahlen sie, zur Rettung seiner beinahe eingeschlossenen 570 Vaterstadt heranzuziehen; den Syphax baten sie, Carthago und dem ganzen Africa zu Hülfe zu kommen. Scipio hatte damals bei Utica, beinahe tausend Schritte von der Stadt, sein Lager, das er vom Meere, wo es einige Tage mit der Flotte in Verbindung geblieben war, hieher verlegt hatte. Hanno, dem man eine Reuterei gegeben hatte, die bei weitem nicht stark genug zu einem Angriffe auf den Feind war, ja nicht einmal, das Land gegen Plünderungen zu decken, ließ es sein erstes Geschäft sein, durch Werbungen seine Reuter zu verstärken; und ohne die aus andern Völkern abzuweisen, nahm er doch meistens Numider – in Africa die Reuterei vom besten Schlage – in Sold. Schon hatte er an viertausend beisammen, als er eine Stadt, Namens Saläca, besetzte, in einer Ferne von beinahe funfzehntausend Schritten vom Römischen Lager. Als dies dem Scipio gemeldet wurde, rief er: «Eine Reuterei in Sommerquartieren unter Dach und Fach! Mögen ihrer noch Mehrere sein, wenn sie solch einen Anführer haben.» Und da er so viel weniger säumen zu müssen glaubte, je unthätiger jene zu Werke gingen, so hieß er den Masinissa, der mit der Reuterei vorangehen mußte, an die Stadtthore sprengen und den Feind zu einer Schlacht herauslocken. Wenn dann der ganze Schwarm herausstürzte und ihm so sehr im Gefechte zu viel würde, daß er nicht ohne Gefahr länger widerstehen könne, so möchte er sich allmälig zurückziehen; er wolle zur rechten Zeit bei dem Gefechte sich einstellen. Nachdem er nur die Zeit abgewartet hatte, die seiner Rechnung nach der Voraufgegangene dazu nöthig hatte, die Feinde herauszulocken, folgte er mit der Römischen Reuterei, und rückte, unter dem Schutze der Höhen, welche ihm sehr willkommen die Seitenwände des sich krümmenden Weges machten, unbemerkt weiter. Masinissa, der bald als der Drohende, bald als der Furchtsame, entweder bis an die Thore sprengte, oder sich zurückzog, lockte die Feinde, die der gegebene Schein von Furcht kühn machte, zur Verfolgung auf gut Glück heraus. Noch waren sie nicht alle ausgerückt, und ihr Anführer 571 hatte seine vielfache Noth, die Einen halbschlafend und berauscht dahin zu bringen, daß sie die Waffen zur Hand nahmen und die Pferde aufstangeten; den Andern in den Weg zu treten, daß sie nicht zerstreuet, ohne Glied, ohne Ordnung und Fahnen zu allen Thoren hinausliefen. Zuerst nahm Masinissa die zu dreist Herausjagenden in Empfang; bald aber, als Mehrere zugleich in dichter Schar zu den Thoren herausströmten, hielten sie ihm das Gleichgewicht; zuletzt, wie schon ihre ganze Reuterei am Kampfe Theil nahm, konnte er ihnen nicht länger widerstehen. Doch warf sich Masinissa nicht in gestrecktem Laufe auf die Flucht, sondern unter allmäligem Weichen ließ er ihre Angriffe an sich kommen, bis er sie zu den die Römische Reuterei deckenden Hügeln zog. Die hier hervorbrechenden Reuter, selbst noch bei voller Kraft und auf frischen Pferden, umzingelten den Hanno und seine von Fechten und Verfolgen ermüdeten Africaner; und Masinissa, der schnell mit seinen Pferden umlenkte, trat wieder zum Gefechte auf. Beinahe tausend, die sich so viel weniger zurückziehen konnten, weil sie am weitesten vorauf gewesen waren, wurden mit ihrem Führer Hanno abgeschnitten und niedergemacht: von den Übrigen, die hauptsächlich durch den Tod ihres Anführers geschreckt in voller Flucht davonjagten, machten die Sieger, die ihnen dreitausend Schritte weit nachsetzten, noch außerdem an zweitausend Reuter entweder zu Gefangenen oder hieben sie nieder. Unter diesen befanden sich, was man als gewiß erfuhr, nicht weniger als zweihundert Carthagische Ritter, und einige von ausgezeichnetem Vermögen und Adel. 35. Es traf sich so, daß gerade an dem Tage, an welchem dieses vorfiel, die Schiffe, welche die Beute nach Sicilien gebracht hatten, mit Lebensmitteln zurückkamen, als wären sie von einer Ahnung zur Abholung einer zweiten Beute hergeführt. Daß zwei Carthagische Befehlshaber gleiches Namens in zwei Gefechten der Reuterei geblieben sind, wird nicht von allen Schriftstellern angegeben. Vermuthlich wollten sie sich hüten, sich eine zweimalige Erzählung desselben Umstandes entschlüpfen zu 572 lassen. Cölius dagegen und Valerius sagen auch, Hanno sei gefangen genommen. Scipio belohnte die Obersten und Ritter, nach eines Jeden Verdienste, vor Allen den Masinissa, durch auszeichnende Geschenke. Er legte in Saläca eine starke Besatzung, brach mit dem übrigen Heere auf und nachdem er nicht allein durch Plünderung aller Gegenden, in die er nur kam, sondern auch durch Erstürmung einiger Städte und Flecken den Schrecken des Krieges weit verbreitet hatte, kehrte er sieben Tage nach seinem Aufbruche mit einem langen Zuge von Gefangenen, weggetriebenen Heerden und aller Art von Beute in sein Lager zurück und entließ die Flotte abermals mit feindlichem Raube schwer beladen. Nun richtete er mit Aufgebung aller kleinern Züge und Plünderungen seine ganze Kriegsmacht auf die Belagerung von Utica, um für die Folge an dieser Stadt, wenn er sie erobert hätte, einen Standpunkt seiner Unternehmungen zu haben. Zu gleicher Zeit mußten auf der Seite, wo die Stadt vom Meere bespült wird, von der Flotte die Seesoldaten, und von einer beinahe an die Mauern stoßenden Höhe das Landheer anrücken. Wurfgeschütze und Maschinen hatte er theils mitgebracht, theils waren sie ihm mit der Zufuhr aus Sicilien nachgeschickt; und in der Waffenschmiede, wo er eine Menge Arbeiter dieser Art beisammen hielt, wurden neue gefertigt. Die auf allen Seiten von einem so gewaltigen Sturmdrange umschlossenen Uticenser hatten ihre ganze Hoffnung auf die Carthager gesetzt, und die Carthager die ihrige auf den Hasdrubal, wenn er anders den Syphax zur Thätigkeit vermöchte: allein für die Sehnsucht der Hülfsbedürftigen setzte sich Alles zu langsam in Bewegung. Hatte gleich Hasdrubal durch die strengste Werbung gegen dreißigtausend Mann zu Fuß und dreitausend zu Pferde zusammengebracht, so wagte er es doch nicht, vor des Syphax Ankunft sein Lager dem Feinde näher zu rücken. Syphax kam mit funfzigtausend Mann zu Fuß, zehntausend zu Pferde: und sogleich brach er von Carthago auf und lagerte sich nicht weit von Utica und den Verschanzungen der Römer. Ihre Ankunft hatte 573 wenigstens die Wirkung, daß Scipio, der beinahe seit vierzig Tagen in der Belagerung von Utica alles Mögliche vergebens versucht hatte, unverrichteter Sache abzog. Und weil der Winter schon nahete, so legte er auf einer Landspitze, die vermittelst eines schmalen Bergrückens mit dem festen Lande im Zusammenhange sich ziemlich weit ins Meer erstreckt, sein Winterlager an, und umschloß auch den Standort der Schiffe mit demselben Walle. Er ließ die Legionen sich mitten auf der Höhe lagern: am nördlichen Ufer hatten die auf den Strand gebrachten Schiffe und die Seetruppen ihren Platz, in dem gegen Süden zu dem andern Ufer ablaufenden Thale die Reuterei. Dies waren die Verrichtungen in Africa bis zum Ende des Herbstes. 36. Außer dem allenthalben aus den geplünderten nahen Dörfern zusammengefahrenen Getreide und den aus Sicilien und Italien gelieferten Zufuhren brachte ihm auch der Proprätor Cneus Octavius einen ansehnlichen Getreidevorrath aus Sardinien vom Prätor Tiberius Claudius, dessen Provinz dies war; und es wurden nicht allein die schon angelegten Vorrathshäuser gefüllt, sondern auch neue gebaut. Nur an Kleidung fehlte es seinem Heere: und Octavius bekam den Auftrag, bei dem Prätor anzufragen, ob man nicht aus jener Provinz welche anschaffen und überschicken könne. Auch dies wurde ohne Anstand besorgt, und in kurzem waren zwölfhundert Oberkleider und zwölftausend Brusttücher geschickt. In dem Sommer, in welchem dies in Africa verrichtet wurde, schlug der Consul Publius Sempronius, dessen Standort das Bruttische war, selbst auf dem Marsche in einem unvorbereiteten Treffen mit Hannibal. Die Truppen fochten mehr in Zügen, als in Linie. Die Römer waren die Geschlagenen, und vom Heere des Consuls blieben in diesem – ich möchte lieber sagen: Auflaufe, als Treffen, an zwölfhundert Mann. In voller Unordnung gingen sie in ihr Lager zurück; doch wagten die Feinde keinen Angriff auf dieses. Der Consul aber, der in der Stille der nächsten Nacht von hier aufbrach, stieß mit seinen Truppen zum Proconsul Publius Licinius, dem er durch einen 574 vorausgeschickten Boten hatte sagen lassen, er möchte sich mit seinen Legionen nähern. So zogen zwei Feldherren und zwei Heere wieder gegen den Hannibal. Man nahm keinen Anstand, sich zu schlagen, weil dem Consul seine verdoppelte Stärke, den Puniern ihr jüngster Sieg Muth machte. Seine eignen Legionen führte Sempronius als Vordertreffen auf; in das Hintertreffen stellten sich die Legionen des Publius Licinius. Im Anfange der Schlacht gelobte der Consul dem Glücke der Erstgebornen einen Tempel, wenn er am heutigen Tage die Feinde schlüge. Sein Wunsch ward ihm gewährt. Die Punier wurden besiegt und flohen: sie verloren über viertausend Mann: etwas weniger als dreihundert wurden gefangen genommen, vierzig Pferde und elf Fahnen erbeutet. Durch dies unglückliche Gefecht muthlos gemacht führte Hannibal sein Heer nach Croton ab. Damals hielt der Consul Marcus Cornelius auf der andern Seite Italiens Hetrurien, wo fast Alles dem Mago und einer durch ihn zu bewirkenden Umwälzung entgegen sah, nicht sowohl durch die Waffen, als durch sein gerichtliches Verfahren in Schrecken. Bei diesen Untersuchungen nahm er dem Senatsschlusse gemäß nicht die mindeste Rücksicht auf Stand: und so waren zuerst viele vornehme Hetrusker, die wegen des Übertritts ihrer Völkerschaften entweder selbst zum Mago gereiset gewesen waren; oder an ihn geschickt hatten, in Person verurtheilt. Späterhin ließen die, welche abwesend verdammt wurden, weil sie sich im Bewußtsein ihrer Schuld selbst mit der Verbannung bestraften, mit Entziehung ihrer Person den strafenden Richter sich bloß an ihre einzuziehenden Güter halten. 37. Während dieser Verrichtungen der Consuln auf entgegengesetzten Punkten, lasen zu Rom die Censorn Marcus Livius und Cajus Claudius das Verzeichniß der Senatoren vor. Quintus Fabius Maximus wurde abermals als Erster Mann abgelesen. Sieben wurden übergangen; doch war keiner darunter, der den Thronsessel schon bekleidet gehabt hätte. Die in Pacht gegebene Erhaltung 575 der Statsgebäude betrieben sie mit Strenge und größter Gewissenhaftigkeit. Die Anlegung einer Straße vom Ochsenmarkte bis zum Tempel der Venus, der öffentlichen Schausitze dort herum und eines Tempels der Großen Mutter auf dem Palatium gaben sie in Verding. Auf den Salzverkauf legten sie eine neue Abgabe. Zu Rom und in ganz Italien galt das Maß Salz ein Sechstel Ass. Nach ihrem Verdinge mußte das Salz in Rom zu demselben Preise gegeben werden, zu einem höheren in den Marktflecken und Versammlungsörtern, und andrer Orten zu andern Preisen. Diese Auflage hielt man allgemein für das Werk des Einen Censors, der auf das Volk erbittert sei, weil es ihn ehemals durch einen ungerechten Spruch verurtheilt habe: man glaubte auch, daß er mit dem Salzpreise vorzüglich jene Bezirke belastet habe, durch deren Zuthun er verdammet sei. Er bekam davon den Zunamen: Livius der Salzkrämer. Den Schatzungsschluß feierten die Censorn später, weil sie erst an die Standorte der Heere herumschickten, um die Zahl der in jedem dienenden Römischen Bürger zu erfahren. Mit diesen war die Zahl der Geschatzten zweihundert vierzehntausend Köpfe. Geschlossen wurde die Schatzung vom Cajus Claudius Nero. Darauf ließen sie sich, was vorher noch nie geschehen war, die Schatzungslisten der zwölf Pflanzstädte einreichen, welche die Censorn jener Pflanzstädte selbst ablieferten; um in den Statsrechnungen eine Urkunde darüber zu haben, wie viele Truppen jene stellen könnten, wie hoch sich ihr baares Vermögen belaufe. Nun ging die Schatzung der Ritter vor sich; und gerade hatten beide Censorn ein Pferd vom State. Als die Reihe an den Pollischen Bezirk kam, dessen Liste den Namen des Marcus Livius enthielt, und der Herold Anstand nahm, den Censor selbst vorzufordern, sprach Nero: «Rufe den Marcus Livius her!» und entweder aus einem Überreste von alter Feindschaft, oder mit einer unzeitig zur Schau getragenen Strenge sich brüstend, hieß er den Marcus Livius sein Pferd verkaufen, weil er durch einen Volksspruch verurtheilt sei. Eben so befahl auch Marcus 576 Livius, als er an den Arniensischen Bezirk und an den Namen seines Amtsgenossen kam, dem Cajus Claudius, sein Pferd zu verkaufen, und das aus zwei Gründen, Einmal, weil er gegen ihn ein falsches Zeugniß abgelegt, zum Andern, weil er es bei der Aussöhnung mit ihm nicht ehrlich gemeint habe. So gab es hier, nicht ohne Nachtheil eigner Ehre, einen unanständigen Wettstreit, die Ehre des Andern zu beschmutzen. Als Cajus Claudius beim Abgange von seiner Censur den Eid auf die Gesetze abgelegt hatte und in die Urkundenkammer hinaufging, setzte er unter die Namen derer, die er als Steuersassen hinterließ, auch den Namen seines Amtsgenossen. Nachher ging Marcus Livius auf die Kammer und setzte, außer dem Mäcischen Bezirke, der ihn nicht verdammt, also auch nicht als Verurtheilten zum Consul oder Censor ernannt habe, das ganze Römische Volk, alle vierunddreißig Bezirke, als Steuersassen an, weil sie ihn unschuldig verurtheilt, weil sie ihn nach der Verdammung zum Consul und zum Censor gemacht hätten, und weil sie nicht leugnen könnten, daß sie entweder Einmal in ihrem Urtheilspruche, oder Zweimal in ihrer Wahl Unrecht gethan hätten. Unter den vierunddreißig Bezirken werde sich denn auch Cajus Claudius als Steuersasse befinden: sonst würde er, wenn er ein Beispiel gefunden hätte, daß man Einen und denselben Mann zweimal als Steuersassen ansetzen könne, den Cajus Claudius namentlich als Steuersassen angesetzt haben. Der Wettstreit der Censorn, sich gegenseitig zu beschimpfen, war ärgerlich: allein die Rüge des Wankelmuths am Volke war der Censorwürde und dem Ernste jener Zeiten angemessen. Da man auf die Censorn übel zu sprechen war, so setzte ihnen beiden der Bürgertribun Cneus Bäbius, der jetzt eine Gelegenheit zu finden glaubte, an ihnen groß zu werden, einen Klagetag vor dem Gesamtvolke. Damit nicht künftig die Censur von der Stimmung des Volks abhängig sein möchte, so vereinigten sich die Väter und schlugen die Sache nieder. 38. In diesem Sommer eroberte der Consul im Bruttischen Clampetia mit Sturm: Consentia und Pandosia 577 und andre minder namhafte Städte unterwarfen sich freiwillig. Deswegen beschloß man auch, als jetzt die Zeit der Wahlversammlungen herannahete, lieber aus Hetrurien, wo es keinen Krieg gab, den Consul Cornelius nach Rom zu berufen. Unter seinem Vorsitze wurden Cneus Servilius Capio und Cajus Servilius Geminus zu Consuln gewählt. Darauf ging die Prätorenwahl vor sich. Gewählt wurden Publius Cornelius Lentulus, Publius Quinctilius Varus, Publius Älius Pätus, Publius Villius Tappulus. Diese beiden wurden Prätoren, da sie noch Bürgerädilen waren. Nach vollendeten Wahlen ging der Consul zum Heere nach Hetrurien zurück. Die in diesem Jahre verstorbenen und an deren Stelle gewählten Priester waren folgende. Tiberius Veturius Philo wurde als Eigenpriester des Mars in die Stelle des im vorigen Jahre verstorbenen Marcus Ämilius Regillus gewählt und eingeführt: und in die Stelle des gewesenen Vogelschauers und gottesdienstlichen Zehnherrn Marcus Pomponius Matho wählte man zum Zehnherrn den Marcus Aurelius Cotta, zum Vogelschauer den Tiberius Sempronius Gracchus, einen noch sehr jungen Mann, was damals bei Übertragung der Priesterämter sehr selten geschah. Die Curulädilen Cajus Livius und Marcus Servilius Geminus stellten in diesem Jahre ein goldnes Viergespann im Capitole auf. Auch gaben sie die Römischen Spiele zwei Tage nach einander. Auch Idem per biduum]. – Drakenb. hat zwar Idem im Texte beibehalten, weiset aber selbst die Stelle nach, wo er idem mit item verwechselt fand. Da auch einige Mss. iterum haben, so wird die Lesart item dadurch so viel annehmlicher. die Bürgerädilen Publius Älius und Publius Villius stellten zwei Tage lang die Bürgerspiele an, und mit den Spielen war Jupitern zu Ehren ein heiliges Mahl verbunden. Dreissigstes Buch. Jahre Roms 549 –551. 580 Inhalt des dreissigsten Buchs. In Africa besiegt Scipio die Carthager, und zwar immer den Numidischen König Syphax nebst dem Hasdrubal, in mehreren Treffen durch Hülfe des Masinissa und erobert zwei feindliche Lager, in welchen vierzigtausend Menschen durch Schwert und Feuer aufgerieben werden. Durch den Cajus Lälius und den Masinissa bekommt er den Syphax gefangen. Masinissa verliebt sich gleich in die gefangene Sophonisba, des Syphax Gemahlinn, des Hasdrubals Tochter, und nach vollzogenem Beilager hält er sie als Gemahlinn. Nach einer Zurechtweisung vom Scipio schickt er ihr Gift. Sie trinkt es und stirbt. Endlich bewirken Scipios viele Siege, daß die in Verzweiflung gerathenen Carthager zur Rettung ihres Stats den Hannibal zurückrufen. Im sechszehnten Jahre räumt er Italien, geht nach Africa über, sucht in einer Unterredung mit Scipio den Frieden zu Stande zu bringen, und da sie über die Friedensbedingungen nicht eins werden können, wird er in einer Schlacht besiegt. Den Carthagern wird der erbetene Friede bewilligt. Den Gisgo, der den Frieden widerräth, zieht Hannibal mit eigner Hand vom Platze, entschuldigt sich wegen seiner Unbesonnenheit und redet selbst zur Empfehlung des Friedens. Mago, der im Gebiete der Insubren in einer Schlacht mit den Römern verwundet war, stirbt auf seiner Reise nach Africa, wohin er durch Gesandte zurückgerufen war, an seiner Wunde. Masinissa bekommt sein Reich wieder. Scipio hält bei seiner Rückkehr in die Stadt den prächtigsten und ruhmvollsten Triumph, wobei ihm der Senator Quintus Terentius Culleo mit einem Hute folgt. Scipio wird als der Africanische – es ist ungewiß, ob ihm diesen Zunamen schon früher die Liebe seiner Soldaten, oder ob Zuneigung des Volkes ihm denselben gab – wenigstens als der erste Feldherr durch die Benennung nach dem von ihm besiegten Volke, verherrlicht. 581 Dreissigstes Buch. 1. Als die Consuln Cneus Servilius Cäpio und Cajus Servilius Geminus – ihr Jahr war das sechszehnte dieses Punischen Krieges – die Lage des Stats, den Krieg und die Vertheilung der Standplätze im Senate zur Sprache brachten, so beschlossen die Väter, die Consuln sollten darüber sich vergleichen oder losen, wer von ihnen die Bruttier als Hannibals Gegenmann, und wer Hetrurien und Ligurien zum Standorte haben solle. Wem die Bruttier zufielen, der solle das Heer vom Publius Sempronius übernehmen. Publius Sempronius – denn auch ihm wurde als Proconsul der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert – sollte in den Platz des Publius Licinius rücken, dieser aber nach Rom zurückkommen, ein Mann, der außer seinen übrigen Vorzügen, worin ihn zu seiner Zeit nach der Meinung seiner Mitbürger kein Anderer übertraf, auch für einen guten Krieger galt. Weil Natur und Glück alle menschlichen Güter in ihm zusammenhäuften, so hatte er zugleich bei hoher Abkunft Reichthum, war von ausgezeichneter Schönheit und Körperkraft, galt für den beredtesten Mann sowohl im Vortrage einer Rechtssache, als wenn er im Senate oder vor dem Volke einen Vorschlag zu empfehlen oder zu widerrathen hatte; für den Erfahrensten im priesterlichen Rechte: und nun hatte ihn auch der Kriegerehre sein Consulat theilhaftig gemacht. Mit dem Beschlusse über die Führung der Geschäfte im Bruttischen war der über Hetrurien und Ligurien gleichlautend; Marcus Cornelius solle sein Heer an den neuen Consul abgeben und mit Verlängerung seines Oberbefehls Gallien als seinen Standort nebst den Legionen haben, welche im vorigen Jahre der Prätor Lucius 582 Scribonius gehabt habe. Nun loseten sie um ihre Plätze: Cäpio bekam das Bruttische, Servilius Geminus – Hetrurien. Dann wurden die Standorte der Prätoren verloset. Die Gerichtspflege in der Stadt bekam Älius Pätus, Sardinien Publius Lentulus, Sicilien Publius Villius, Ariminum mit zwei Legionen – sie hatten unter dem Spurius Lucretius gestanden – Quinctilius Varus. Auch dem Lucretius wurde der Oberbefehl verlängert, damit er die vom Punier Mago zerstörte Stadt Genua wieder aufbauen könnte. Den dem Publius Scipio verlängerten Oberbefehl begränzte man nicht auf eine Zeit, sondern auf die Ausführung seines Geschäfts, bis er den Krieg in Africa geendigt haben würde; und verordnete eine feierliche Bitte an die Götter, da Scipio durch die Überfahrt seinen Standort in Africa genommen habe, so möchten sie diese Unternehmung dem Römischen State und dem Feldherrn selbst und seinem Heere zum Segen gereichen lassen. 2. Für Sicilien wurden dreitausend Mann geworben, theils weil Alles, was diese Provinz an Kerntruppen gehabt hatte, nach Africa übergesetzt war, theils weil man beschlossen hatte, um jeder Africanischen Flotte die Überfahrt zu wehren, die Küste von Sicilien von vierzig Schiffen bewachen zu lassen. Dreizehn neue Schiffe nahm Villius mit nach Sicilien; die übrigen waren die alten, in Sicilien ausgebesserten. Marcus Pomponius, Prätor des vorigen Jahrs, der mit verlängertem Oberbefehle dieser Flotte vorgesetzt wurde, schiffte die aus Italien angekommenen neuen Soldaten ein. Eine gleiche Anzahl Schiffe bestimmten die Väter dem Cneus Octavius, dem gleichfalls vorjährigen Prätor, mit derselben Berechtigung zum Oberbefehle, um die Küste Sardiniens zu decken. Der Prätor Lentulus erhielt Befehl, zweitausend Soldaten auf diese Schiffe zu liefern. Auch zum Schutze der Küste Italiens, weil man nicht wußte, wohin die Carthager eine Flotte senden würden; – man vermuthete aber, daß sie jeden unbesetzten Fleck zum Ziele nehmen möchten; – wurden dem Prätor des vorigen Jahrs, Marcus Marcius, eben so viel Schiffe gegeben. Die dreitausend Mann für diese 583 Flotte hoben nach einem Schlusse der Väter die Consuln aus, und noch zwei Stadtlegionen für unvorhergesehene Fälle des Krieges. Beide Spanien mit ihren Heeren und deren Oberbefehl wurden den beiden alten Feldherren Lucius Lentulus und Lucius Manlius Acidinus gelassen. Rom hatte zur Führung seines Krieges in diesem Jahre überhaupt zwanzig Legionen und hundert und sechzig Kriegsschiffe. Die Prätoren erhielten Befehl, auf ihre Posten zu gehen. Den Consuln wurde aufgetragen, ehe sie von der Stadt abgingen, die großen Spiele anzustellen, welche der Dictator Titus Manlius Torquatus auf das fünfte Jahr gelobet habe, wenn der Stat noch eben so in seinem Bestande wäre. Auch erregten die von mehreren Orten gemeldeten Schreckzeichen in den Gemüthern neue Besorgnisse von Seiten der Götter. Man glaubte, auf dem Capitole hätten Raben Gold nicht allein mit den Schnabeln zerhackt, sondern sogar gefressen. Zu Antium benagten die Mäuse einen goldenen Kranz. Bei Capua bedeckte eine gewaltige Menge Heuschrecken das ganze Gefilde umher, ohne daß man recht .wußte, wo sie herkamen. Zu Reate kam ein Füllen mit fünf Füßen zur Welt. Zu Anagnia brannten zuerst zerstreute Feuerhaufen am Himmel, und dann eine ungeheure Fackel. Zu Frusino umgab die Sonne ein Hof mit einem schmalen Streifen, und diesen Kreis umschloß nachher die sich vergrößernde Sonnenscheibe von der äußern Seite. Bei Arpinum sank das Erdreich im Feldlande zu einem tiefen Kessel ein. Als der eine Consul sein erstes Opfer brachte, fehlte an der Leber des Thiers ein Lappen. Die Sühne dieser Schreckzeichen wurde mit großen Opferthieren besorgt: das Gesamtamt der Oberpriester gab die Götter an, denen man die Opfer bringen mußte. 3. Nach Beseitigung dieser Geschäfte gingen Consuln und Prätoren auf ihre Posten ab: sie alle aber sorgten, als hätten sie sich diesen erloset, für Africa; entweder weil sie sahen, daß das ganze Glück des Stats und des Krieges von dort abhänge; oder um sich dem Scipio gefällig zu machen, auf welchen damals der ganze Stat seine 584 Augen richtete. Folglich gingen dorthin nicht allein aus Sardinien, wie ich oben sagte, sondern auch aus Sicilien und Spanien Kleidungsstücke, Getreide, aus Sicilien auch Waffen, und Zufuhren aller Art. Auch hatte Scipio, den ganzen Winter über, die Geschäfte des Kriegs, die ihn in Menge und auf allen Seiten zugleich umringten, nie ausgesetzt. Utica hielt er eingeschlossen: das Lager, das er vor sich sah, gehörte dem Hasdrubal: ihre Schiffe hatten die Carthager schon in See gelassen; seine Zufuhren aufzufangen, hatten sie ihre Flotte schon fertig und in Bereitschaft. Bei dem Allen gab er selbst den Plan nicht auf, mit Syphax wieder anzuknüpfen, wenn ihn vielleicht der freie Zutritt bei seiner Gemahlinn in der Liebe gesättigt hätte. Allein von Seiten des Syphax wurden mehr Vorschläge zu einem Frieden mit Carthago gemacht, daß nämlich die Römer Africa, die Punier Italien räumen sollten, als irgend einige Hoffnung zu einem Übertritte, wenn der Krieg fortdauern sollte. Daß diese Unterhandlungen durch Abgeschickte betrieben wurden, ist mir wahrscheinlicher – und dafür stimmen auch die meisten Berichte, – als daß Syphax selbst, wie Valerius von Antium meldet, zu einer Unterredung in das Römische Lager gekommen sei. Anfangs würdigte der Römische Feldherr diese Bedingungen kaum des Anhörens; späterhin zeigte er sich gegen eben diese Vorschläge, um den Seinigen einen scheinbaren Vorwand zum Ab- und Zugehen in das feindliche Lager zu erhalten, weniger abgeneigt, und machte Hoffnung, daß die Sache durch öftere Rücksprache von beiden Seiten zu Stande kommen könne. Die Winterhütten der Carthager, aus dem ersten dem besten vom Lande zusammengeholten Stoffe gebaut, waren fast ganz von Holz. Und vorzüglich lagen die Numider größtentheils unter Flechtwerk von Schilf, das mit Matten gedeckt war, hie und da, ohne alle Ordnung; einige sogar, da sie sich ohne Anweisung die Plätze selbst gegeben hatten, außerhalb des Grabens und Walles. Auf diesen Bericht baute Scipio die Hoffnung, bei Gelegenheit das feindliche Lager in Brand stecken zu können. 585 4. Den an den Syphax abzuschickenden Unterhändlern gab er statt der Bedienten einige seiner ersten Hauptleute, Männer von bewährter Tapferkeit und Umsicht, in Sklavenkleidung mit, welche, während die Abgeordneten zur Unterhandlung gezogen würden, beim Herumgehen im Lager, der Eine hier, der Andre dort, die sämtlichen Ein- und Ausgänge, die Lage und Gestalt, sowohl des ganzen Lagers als seiner Theile, den Standort der Punier und den der Numider, die Entfernung zwischen Hasdrubals und des Königs Lager erspähen und sich zugleich über die dort gewöhnliche Anstellung der Posten und Wachen unterrichten sollten; ob es thunlicher sei, sie bei Nacht oder bei Tage zu überfallen. Bei den öftern Unterredungen schickte er geflissentlich immer wieder Andere mit, damit sich ihrer so viel mehrere mit Allem bekannt machen könnten. Als die öftere Verhandlung der Sache den Carthagern und durch sie dem Syphax mit jedem Tage so viel gewissere Aussicht zum Frieden versprach, so erklärten die Römischen Gesandten, «sie dürften zu ihrem Feldherrn nicht eher wiederkommen, bis sie eine bestimmte Antwort mitbrächten. Wenn er also seinen Entschluß schon gefaßt habe, so wünschten sie ihn zu hören, oder müsse er noch mit Hasdrubal und den Carthagern Rücksprache nehmen, so möge er bei diesen anfragen. Es sei Zeit, entweder den Frieden abzuschließen, oder den Krieg mit Ernst zu führen.» Während Syphax bei Hasdrubal, Hasdrubal wieder bei den Carthagern anfragen ließ, hatten die Späher Zeit, Alles in Augenschein zu nehmen, und Scipio, die nöthigen Vorkehrungen zu treffen. Und bei der Erwähnung und Hoffnung des Friedens waren natürlich die Carthager und der Numidische König so viel weniger auf ihrer Hut, sich bis dahin vor jedem feindlichen Angriffe zu sichern. Endlich ertheilten sie die Antwort, in die sie aber, weil man Römischer Seite so sehr auf den Frieden gesteuert zu sein schien, mit Benutzung dieses Anscheins, einige harte Punkte hatten einfließen lassen. Bei seinem Wunsche, den Waffenstillstand abzubrechen, gewährte dies dem 586 Scipio einen willkommenen Vorwand; und da er dem königlichen Bevollmächtigten gesagt hatte, er werde die Sache dem Kriegsrathe vorlegen, so gab er ihm am folgenden Tage den Bescheid: «Es habe außer ihm selbst, der umsonst den Frieden zu bewirken gesucht habe, niemand weiter dafür gestimmt. Er möge also die Antwort mitnehmen, Syphax könne auf einen Frieden mit Rom nur dann sich Hoffnung machen, wenn er die Partei der Carthager verließe.» So hob er den Waffenstillstand auf, um bei der Ausführung seines Plans nicht durch sein Wort gebunden zu sein; und besetzte seine ins Meer gelassenen Schilfe – denn es war schon Frühlingsanfang – mit Maschinen und Wurfgeschützen, als ob er Utica von der Seeseite angreifen wollte. Auch schickte er zweitausend Mann ab, den Hügel oberhalb Utica zu besetzen, auf dem er das vorigemal gestanden hatte, theils um die Aufmerksamkeit der Feinde von seinem wirklichen Vorhaben auf etwas Anderes abzulenken; theils auch, damit nicht während seines Zuges gegen Syphax und Hasdrubal ein Ausfall aus der Stadt und ein Angriff auf sein nur schwach besetzt gelassenes Lager geschähe. 5. Nachdem er diese Vorbereitungen getroffen und vor dem versammelten Kriegsrathe seine Späher über ihre mitzutheilenden Wahrnehmungen abgehört hatte, so wie auch den Masinissa, der um Alles bei den Feinden Bescheid wußte, so setzte er selbst hinterher seinen Plan für die nächste Nacht aus einander. Den Obersten befahl er, wenn sie nach aufgehobenem Kriegsrathe die Trompete hörten, sogleich die Legionen ausrücken zu lassen. Diesem Befehle gemäß setzten sich die ersten Fahnen gegen Sonnenuntergang in Bewegung; um die erste Nachtwache war der Zug marschfertig, und um Mitternacht erreichte er – er hatte siebentausend Schritte zu machen – das feindliche Lager. Hier übergab Scipio einen Theil seiner Truppen, auch den Masinissa und die Numider dem Lälius, hieß ihn des Syphax Lager angreifen und Feuer hineinwerfen. Dann führte er beide, den Lälius und Masinissa, einzeln auf die Seite und ermahnte sie 587 dringend, «durch Achtsamkeit und Sorgfalt zu ersetzen, was ihnen bei Nacht an Umsicht abgehe. Er selbst wolle den Hasdrubal und das Punische Lager angreifen: allein er werde sich nicht eher darauf einlassen, bis er im königlichen Lager die Flamme sehe.» Und sie blieb nicht lange aus. Denn so wie das auf die vordersten Hütten geworfene Feuer haftete, ergriff es augenblicklich die nächsten, dann der Reihe nach die folgenden und verbreitete sich über das ganze Lager. Die Bestürzung wurde so allgemein, wie sie bei einer nächtlichen, so arg um sich greifenden Feuersbrunst sein mußte; weil aber Alle das Feuer nur für zufällig hielten, ohne an einen Feind und eine Kriegslist zu denken, so strömten sie unbewaffnet zum Löschen herbei und fielen dann bewaffneten Feinden in die Hände, vorzüglich den Numidern, welche Masinissa bei seiner Bekanntschaft mit dem königlichen Lager sehr zweckmäßig auf die Ausgänge der Gassen vertheilt hatte. Viele ergriff die Flamme noch auf ihrem Lager halbschlafend: Viele wurden, da im Sturme der Flucht die Einen über die Andern stürzten, bei dem Gedränge in den Lagerthoren zertreten. 6. Da zuerst die Carthagischen Wachen und dann auch Andre, vom nächtlichen Getümmel aufgeweckt, die aufleuchtende Flamme sahen, so glaubten auch sie in eben dem Wahne, das Feuer sei zufällig entstanden. Und das Geschrei, das die Niedergehauenen und Verwundeten erhoben, ließ sie, bei dem festen Glauben An ex trepidatione nocturna esset, confu sus ]. – Confusus oder confusis soll nach Crevier und Döring auf der Punier Ungewißheit gehen. Da aber Livius die zum Löschen Herbeieilenden nicht als die Ungewissen darstellt, vielmehr nachher sagt: Inermes – igitur, ut quibus nihil hostile suspectum esset u. s. w. so meine ich, er müßte auch vorher ihre Überzeugung, daß dies Geschrei ein bloßer Feuerlärm sei, angegeben haben. Und das läge dann in den Worten, wenn ich annehmen darf, daß an oder ac (denn beides findet sich in Msc.) aus hc oder hnc entstanden sei, welches hunc heißen sollte. Dann läse ich so: Et clamor, inter caedem et vulnera sublatus, hunc ex trepidatione nocturna esse conf isis sensum veri adimebat. Und so habe ich, weil hiebei die wenigsten Änderungen nöthig waren, übersetzt. , dies sei Folge des nächtlichen Schreckens, nicht auf die 588 Vermuthung der Wahrheit kommen. Sie strömten also, jeder für sich allein, ohne Waffen, ohne im mindesten etwas Feindliches zu argwöhnen, aus allen Thoren, wo es Jedem am nächsten war, nur mit dem beladen, was zum Löschen diente, gerade in den Zug der Römer hinein. Nachdem sie Alle nicht bloß aus feindlicher Erbitterung niedergehauen waren, sondern auch, um keinen von ihnen mit der Nachricht entkommen zu lassen, that Scipio sogleich auf die bei einem solchen Getümmel natürlich verabsäumten Thore den Angriff, und als er in die nächsten Hütten Feuer hatte werfen lassen, loderte die Flamme unaufhaltsam, zuerst wie an mehrern Stellen ausgestreuet, empor, dann aber verschlang sie in zusammenhängendem Fortschritte Alles auf Einmal in Einem allgemeinen Brande. Halbverbrannte Menschen und Thiere stopften zuerst durch ihre jammervolle Flucht, und dann zu Boden gestreckt, die Wege nach den Thoren: was die Flamme nicht verzehrte, fraß das Schwert; und Eine unglückliche Nacht vertilgte beide Lager. Doch retteten sich die Feldherren beide; und von so viel tausend Bewaffneten nur zweitausend zu Fuß und fünfhundert Reuter, halbbewaffnet, großentheils verwundet und vom Anhauche der Flamme beschädigt. Vom Schwerte oder in den Flammen kamen vierzigtausend Menschen um, gefangen wurden über fünftausend; unter diesen waren viele Carthagische Edle und elf Senatoren: hundert vierundsiebzig Fahnen wurden erbeutet, über zweitausend siebenhundert Numidische Pferde und sechs Elephanten – acht hatte Feuer und Schwert weggerafft – und eine große Menge Waffen, die der Feldherr alle, als ein Weihgeschenk für den Vulcan, verbrennen ließ. 7. Hasdrubal hatte sich auf der Flucht, von Wenigen begleitet, in die nächste Stadt der Africaner begeben, und dorthin hatten sich alle Übriggebliebenen, da sie der Spur des Feldherrn folgten, gesammelt. Aus Furcht aber, daß sich die Stadt dem Scipio ergeben möchte, räumte er sie. Bald nachher ließ sie die Römer bei offenen Thoren ein, und blieb, weil sie sich freiwillig unterworfen 589 hatte, von Feindseligkeiten verschont. Dann wurden nach einander zwei Städte mit Sturm erobert und geplündert. Diese Beute und die aus dem angezündeten Lager und dem Feuer entrissene wurde dem Soldaten überlassen. Beinahe achttausend Schritte von hier setzte sich Syphax in einer befestigten Stellung. Hasdrubal eilte nach Carthago, um jeden nachgiebigen Entschluß, den der neuliche Verlust veranlassen könnte, zu verhindern. Denn der erste Schrecken, der sich dorthin verbreitete, war so groß, daß sie Alle glaubten, Scipio werde mit Aufgebung Utica's sogleich Carthago einschließen. Also beriefen die Suffeten – dies ist bei ihnen eine Art consularischen Amts – den Senat. Hier behielt von drei Meinungen – die erste erklärte sich für Gesandte an den Scipio um Frieden; die andre rief den Hannibal zurück, seine Vaterstadt vom verderblichen Kriege zu retten; die dritte, von Römischer Standhaftigkeit im Unglücke, drang auf Wiederherstellung des Heers und auf Vorstellungen an Syphax, ja nicht vom Kriege abzutreten – diese letzte, sage ich, behielt die Oberhand, weil Hasdrubal, der in Person zugegen war, und die sämtlichen Mitglieder der Barcinischen Partei den Krieg vorzogen. Nun fing man die Aushebung in der Stadt und in den Dörfern an und ließ Gesandte an Syphax abgehen, der ohnehin schon alle Kräfte zur Erneurung des Feldzuges aufbot: denn diesmal hatte seine Gemahlinn nicht wie sonst, durch Liebkosungen, auf ihn gewirkt, so viel diese über das Herz des Liebenden vermochten, sondern durch ihr Flehen und Jammern; hatte unter Strömen von Thränen ihn beschworen, ihren Vater und ihr Vaterland nicht preis zu geben, und Carthago nicht von denselben Flammen verzehren zu lassen, welchen sein Lager zum Raube geworden sei. Auch brachten die Gesandten eine Hoffnung mit, die sich ihnen zur rechten Zeit geboten hatte: es seien ihnen bei einer Stadt – sie hieß Abba – viertausend durch ihre Werber in Spanien in Sold genommene Celtiberer begegnet, auserlesene Leute; auch werde Hasdrubal nächster Tage mit einem bedeutenden Kohre sich einstellen. Also gab auch 590 er den Gesandten nicht bloß eine freundschaftliche Antwort, sondern er führte ihnen auch die Menge seiner Numidischen Landleute vor, denen er in diesen Tagen Waffen und Pferde gegeben hätte, und versprach alle Dienstfähigen seines Königreiches aufzubieten. «Sie wüßten ja selbst, daß jenes Unglück einem Brande, nicht dem Treffen zuzurechnen sei: im Kriege aber sei nur der der Besiegte, der den Waffen erliege.» So antwortete er den Gesandten. Und nach wenig Tagen vereinigten Hasdrubal und Syphax ihre Truppen wieder. Dies ganze Heer belief sich fast auf dreißigtausend Mann. 8. Den Scipio, der jetzt, als hätte er alle Gefechte mit Syphax und den Carthagern schon abgethan, mit der Bestürmung Utica's beschäftigt war und schon Maschinen an die Mauern rücken ließ, rief das Gerücht von dieser Erneurung des Feldzuges hier wieder ab; und nachdem er zu Lande und zu Wasser bloß zum Scheine einer Einschließung mäßige Posten zurückgelassen hatte, setzte er selbst mit dem Kerne seines Heers gegen die Feinde sich in Marsch. Zuerst machte er Halt auf einer Anhöhe, die beinahe viertausend Schritte vom königlichen Lager entfernt war: den folgenden Tag brachte er, als er mit der Reuterei in die unter der Anhöhe gelegenen, sogenannten Großen Gefilde hinabgegangen war, mit Annäherung auf die feindlichen Posten und Neckereien in kleinen Gefechten zu: und auch an den beiden nächsten Tagen fiel bei allem Getümmel in wechselnden Angriffen von beiden Seiten nichts Merkwürdiges vor: am vierten traten beide Heere zur Schlacht auf. Der Römische Feldherr stellte auch jetzt hinter das vorangereihete erste Glied das zweite, und das dritte ins Hintertreffen, lehnte seine Italische Reuterei an den rechten, und an den linken Flügel die Numider mit dem Masinissa. Syphax und Hasdrubal, die der Italischen Reuterei die Numidische, die Punische dem Masinissa entgegenpflanzten, nahmen die Celtiberer den Legionen gegenüber ins Mitteltreffen. In dieser Stellung geschah der Angriff. Beim ersten Zusammentreffen wurden beide feindliche Flügel, die Numider 591 sowohl als die Carthager, geschlagen. Denn weder die Numider, größtentheils Landleute, konnten einer Römischen Reuterei, noch die Carthager, ebenfalls Neugeworbene, einem Masinissa widerstehen, der außer seinen übrigen Vortheilen auch durch den neulichen Sieg ihnen furchtbar war. Allein obgleich auf beiden Seiten von ihren Flügeln entblößt, hielt die Linie der Celtiberer Stand, weil sie für sich in einem fremden Lande auf der Flucht keine Rettung sahen, und weil sie vom Scipio keine Begnadigung hoffen durften, da sie, bei seinen Verdiensten um sie und ihr Volk, gegen ihn zu fechten sich nach Africa verdungen hatten. Auf allen Seiten von Feinden umringt, starben sie, einer über den andern stürzend, auf der Stelle; und darüber, daß Alles auf sie einhieb, gewannen Syphax und Hasdrubal auf ihrer Flucht einen bedeutenden Vorsprung. Die vom langen Gemetzel mehr als vom Gefechte ermüdeten Sieger überfiel die Nacht. 9. Tages darauf ließ Scipio den Lälius und Masinissa mit der ganzen Römischen und Numidischen Reuterei und leichtem Fußvolke zur Verfolgung des Syphax und Hasdrubal abgehen. Er selbst mit dem schweren Fußvolke unterwarf sich die Städte im Umkreise, welche alle Carthagischer Hoheit waren, theils durch gemachte Hoffnung, theils durch Drohung, theils durch Sturm. Carthago war in großem Schrecken; denn man glaubte dort, Scipio werde im Fortschritte seiner Siege, wenn er alles Nahegelegene im Fluge erobert habe, plötzlich vor Carthago selbst erscheinen. Man besserte die Mauern aus, man besetzte sie zur Vertheidigung mit Maschinen, und Jeder brachte nach seinen Umständen für eine länger auszuhaltende Belagerung die Bedürfnisse vom Felde herein. Eines Friedens erwähnten nur Wenige, Mehrere einer Gesandschaft an den Hannibal, um ihn einzuberufen: die Meisten schlugen vor, die Flotte, die man ausgerüstet hatte, alle Zufuhr aufzufangen, nach Utica gehen zu lassen, um die dort liegenden Schiffe in ihrer Sorglosigkeit zu überfallen; vielleicht könne man sich sogar des nur 592 mit schwacher Bedeckung zurückgebliebenen Lagers der Seetruppen bemächtigen. Dieser Vorschlag fand den meisten Beifall: doch beschloß man die Absendung der Boten an Hannibal; denn gesetzt, die Flotte sei noch so glücklich, so bekomme dadurch nur das belagerte Utica einige Erleichterung; allein Carthago selbst zu schützen, habe man weiter keinen andern Feldherrn, als den Hannibal, und kein anderes Heer, als das seinige. Tages darauf ließen sie die Schiffe in See gehen und zugleich die Gesandten nach Italien: Alles wurde in der dringenden Noth eiligst gefördert, und Jeder glaubte, wenn er irgendwo der Säumige sei, an der Rettung Aller zum Verräther zu werden. Scipio, dem sein mit dem Raube so vieler Städte beladenes Heer zu schwerfällig wurde, schickte die Gefangenen und die übrige Beute in sein altes Lager bei Utica, und besetzte, schon mit Hinsicht auf Carthago, das von den entflohenen Wachen verlassene Tunes. Der Ort, kaum funfzehntausend Schritte von Carthago entfernt, ist theils durch Werke, theils durch die Natur befestigt, liegt im Angesichte von Carthago und gewährt selbst die Aussicht nach der Stadt und dem sie umgebenden Meere. 10. Gerade als die Römer ihre Schanzpfähle setzten, erblickten sie von hier die feindliche Flotte, die von Carthago nach Utica steuerte. Mit Aufgebung der Arbeit wurde gleich zum Marsche gerufen und der Aufbruch erfolgte eiligst, weil man die Schiffe, die in ihrer Anstellung gegen die Küste und zur Belagerung durchaus auf kein Seegefecht eingerichtet waren, nicht überfallen lassen wollte. Denn wie hätten einer so regsamen, mit allem Schiffsgeräthe versehenen und schlagfertigen Flotte jene Schiffe widerstehen können, welche Wurfgeschütz und Maschinen auf sich hatten, und entweder als Frachtschiffe gebraucht wurden, oder sich so nahe an die Mauer angelegt hatten, daß sie als Damm oder Brücke zum Hinansteigen dienten? Scipio also, der ganz gegen die Gewohnheit einer Seeschlacht die Schnabelschiffe, welche den übrigen hätten Schutz gewähren können, dicht ans Land 593 in die letzte Linie nahm, stellte dem Feinde eine vierfache Reihe von Lastschiffen als eine Mauer entgegen, verband diese, damit die Linien im Getümmel der Schlacht nicht zerrissen würden, durch Mastbäume und Segelstangen, die er von einem Schiffe in das andre hinüberragen und mit starken Seilen, wie in fortlaufender Verbindung, daran befestigen ließ; belegte sie dann mit Brettern, um über die ganze Reihe einen Gang zu haben, und unter diesen Übergängen machte er Zwischenräume, wo die Spähschiffe gegen den Feind auslaufen und sich sicher zurückziehen konnten. Wie Alles eiligst nach Maßgabe der Zeit ins Werk gerichtet war, wurden die Lastschiffe mit beinahe tausend auserlesenen Vertheidigern besetzt, und Waffen, vorzüglich zum Schusse, in großer Menge herbeigeschafft, um für einen noch so langen Kampf auszureichen. So gerüstet und gefaßt erwarteten sie die Ankunft der Feinde. Die Carthager, die, wenn sie geeilt hätten, Alles im Gewühle der sich durch einander Tummelnden auf den ersten Angriff hätten vernichten können, liefen, durch ihre Niederlagen im Felde muthlos, und eben deswegen auch nicht einmal auf der See, wo sie doch die Stärkeren waren, vom nöthigen Selbstvertrauen belebt, nach einer den Tag über langsam fortgesetzten Fahrt gegen Sonnenuntergang in einen Hafen ein, den die Africaner Ruscino nennen. Am folgenden Tage, mit Sonnenaufgang, stellten sie auf der Höhe ihre Schiffe wie zu einer förmlichen Seeschlacht, als ob die Römer gegen sie auslaufen würden. Als sie lange gestanden hatten, und auf Seiten der Feinde nicht die mindeste Bewegung wahrnahmen, dann endlich thaten sie auf die Lastschiffe den Angriff. Der Auftritt hatte nicht die mindeste Ähnlichkeit mit einem Seegefechte, sondern ganz den Schein eines von Schiffen aus auf Mauern unternommenen Sturms. An Höhe hatten die Lastschiffe bei weitem den Vorzug: aus ihren Schnabelschiffen schossen die Punier ihre meisten Pfeile – kam doch der Wurf aus übergebogener Hand – vergeblich zur Höhe hinan; aus den Lastschiffen hingegen fiel der Schuß von oben 594 herab mit so viel mehr Nachdruck und selbst durch das Gewicht in stärkerem Schwunge. Allein Speculatoriae naves ac levia]. – Ich lasse nach Drakenborchs Wunsche das ac wegfallen, lese aber aus dem voraufgegangenen ictus erat. At speculatoriae naves, levia ipsa navigia. Man sehe in Drakenb. Register At. Livius hatte so weit von den Vortheilen der Römer in diesem Gefechte gesprochen. Nun geht er zum Gegentheile über. Sollte da das at nicht durch die vorhergehende Endsilbe des Wortes erat ausgefallen sein? Vor die Worte postremo asseres setze ich ein Punctum. die Späherschiffe wurden, selbst schon als die leichten Fahrzeuge, wenn sie unter den bretternen Brücken durch die Zwischenräume ausliefen, zuerst durch den bloßen Angriff und die Größe der Kriegsschiffe überwältigt: dann wurden sie auch den Vertheidigern des Bollwerks hinderlich, weil sie im Gemenge mit den feindlichen Schiffen jene oft nöthigten, mit dem Geschosse anzuhalten, um nicht bei der Unsicherheit des Wurfs die Ihrigen zu treffen. Zuletzt fingen die Punier an, aus ihren Schiffen mit einem eisernen Haken beschlagene Stangen – man nennt sie Raubhaken – an die Römischen Schiffe zu werfen; und da sich so wenig die Stangen selbst, als die Ketten, an denen sie hängend geworfen wurden, abhauen ließen, so eröffnete sich nun das Schauspiel, daß, so wie jedes rückwärts steuernde Kriegsschiff sein am Haken hängendes Lastschiff fortzog, hier die Bande, wodurch ein Schiff an das andere befestigt war, zerrissen, dort eine Reihe mehrerer Schiffe zugleich davongeführt wurde. Hauptsächlich auf diese Art wurden also die sämtlichen Brücken zertrümmert, und kaum den Vertheidigern so viel Zeit gelassen, in die zweite Reihe der Schiffe hinüber zu springen. An Sex ferme ]. – Beinahe sechs, also nicht einmal sechs. Soll gleich die Freude nicht bedeutend sein, so ist doch die Zahl sechs fast zu klein. In einem Ms. steht XI ferme; in einem andern XLVI; noch in einem andern sexaginta ferme. Wenn ich nicht irre, so ergiebt sich schon aus dem ferme (nicht fere) daß die Zahl größer gewesen sein müsse, als sechs. die sechs Lastschiffe wurden im Schlepptaue nach Carthago fortgeführt, zu einem Jubel, der freilich ihren Werth überstieg, und doch so viel willkommner war, je unerwarteter ihnen unter lauter Unfällen und Thränen diese einzige, wenn auch kleine, Freude lächelte, die ihnen zugleich den Beweis gab, daß die Römische Flotte der Vernichtung nahe gewesen sein 595 würde, wenn nicht die Befehlshaber der Punischen Schiffe gezögert hätten, und Scipio zu rechter Zeit zu Hülfe gekommen wäre. 11. Als gerade in diesen Tagen Lälius und Masinissa nach einem beinahe funfzehntägigen Marsche in Numidien angekommen waren, so traten die Massyler, die Unterthanen des Masinissa von seinem Vater her, mit Freuden zu ihm, als ihrem lange ersehnten Könige, über. Syphax, dessen Befehlshaber und Besatzungen hier vertrieben wurden, sah sich auf sein altes Reich beschränkt, aber keinesweges mit der Absicht still zu sitzen. Gattinn und Schwiegervater setzten dem Liebekranken zu, und er hatte an Mann und Pferden solchen Überfluß, daß sich bei der Übersicht der Kräfte seines so viele Jahre blühenden Reichs auch ein minder roher und unbändiger Geist hohe Gedanken hätte machen können. Nachdem er also Alle, die zum Kriege tauglich waren, zu Einem Ganzen zusammengetrieben hatte, gab er ihnen Rosse und Waffen zur Vertheidigung und zum Angriffe. Die Reuterei vertheilte er in Geschwader, das Fußvolk in Cohorten, wie er es ehedem von den Römischen Hauptleuten gelernt hatte. Mit einem Heere, das nicht kleiner war, als sein voriges, übrigens aber fast ganz neugeworben und ungeübt, ging der Marsch gegen die Feinde vorwärts. Als sein Lager in ihrer Nähe stand, machten sich anfangs nur wenige Reuter auf gedeckte Spähung von ihren Posten hervor; durch Wurfspieße gescheucht jagten sie zu der Ihrigen zurück: dann wechselten die Ausfälle, und weil die Geschlagenen der Unwille spornte, so rückten Mehrere nach, der gewöhnlichen Lockung bei Reutereigefechten gemäß, wenn Hoffnung den Siegenden, Erbitterung den Besiegten Verstärkungen zuführt. Als so das Treffen von Wenigen angefacht war, strömte der Wetteifer im Kampfe zuletzt die ganze Reuterei von beiden Seiten ins Feld. Und so lange es ungemischtes Reutereitreffen blieb, war die Menge der Masäsyler, die Syphax in mächtigen Schwärmen entließ, fast unaufhaltbar. Als aber das Römische Fußvolk; durch plötzliches Eindringen zwischen seine ihm den Weg 596 öffnenden Geschwader, eine feste Linie bildete und dem ausgelassen hereinstürzenden Feinde Gränzen setzte; da sprengten die Barbaren schon gehaltener heran, dann hielten sie still und kamen über die neue Art des Kampfs aus der Fassung; zuletzt wichen sie nicht allein dem Fußvolke, sondern hielten auch der Reuterei nicht Stand, die auf den Schutz von ihrem Fußvolke dreister ward. Jetzt rückten auch die Legionen unter den Fahnen heran: und nun vollends hielten die Masäsyler nicht nur keinen Angriff, sondern nicht einmal den Anblick dieser Fahnen und Waffen aus; so mächtig wirkte auf sie entweder die Erinnerung an die früheren Niederlagen, oder der Schrecken des Augenblicks. 12. Hier wurde Syphax, der sich mit dem Versuche, ihre Flucht durch Beschämung und Aussetzung seiner Person zu hemmen, den feindlichen Geschwadern entgegenwarf, nach einem Sturze mit seinem schwer verwundeten Pferde, übermannt, gefangen genommen und lebendig zum Lälius geschleppt, ein Anblick, der keinem erfreulicher sein mußte, als dem Masinissa. Cirta war die Hauptstadt im Reiche des Syphax: dahin flüchtete eine gewaltige Menge Menschen. Denn das Blutbad im Treffen war nicht so groß, als der Sieg, weil nur die Reutereien gefochten hatten. Es fielen nicht über fünftausend Mann, und weniger als halb soviel wurden gefangen genommen, als die Römer in das Lager einbrachen, wohin sich die über den Verlust ihres Königs bestürzte Menge geflüchtet hatte. Da sagte Masinissa: «Für ihn könne freilich für jetzt nichts reizender sein, als sich in seinem Siege den Anblick seines nach so langer Zwischenzeit wiedereroberten Erbreichs zu erlauben: allein Glück vertrage sich mit Zeit zum Aufschube eben so wenig, als Unglück. Wenn Lälius ihn mit der Reuterei und dem gebundenen Syphax nach Cirta voraufgehen lasse, so werde er dort Alles in der ängstlichsten Bestürzung überraschen. Lälius könne dann mit dem Fußvolke in mäßigen Tagemärschen nachfolgen.» Mit Zustimmung des Lälius ging er nach Cirta vorauf und ließ die vornehmsten Cirtenser zu einer 597 Unterredung herausrufen. Allein auf diese, noch mit dem Unglücke ihres Königs unbekannt, wirkten seine Erzählungen des Vorgefallenen, seine Drohungen und Ermahnungen nicht eher, bis ihnen der König gebunden dargestellt wurde. Bei diesem traurigen Anblicke erhob sich ein allgemeines Klaggeheul, und theils verließen sie die Mauern in der Betäubung, theils wurden durch schleunige Vereinigung derer, die sich bei dem Sieger beliebt machen wollten, die Thore geöffnet. Masinissa, der an die Thore und sich dazu eignenden Plätze der Mauern Posten ausstellte, um alle Auswege zur Flucht zu sperren, sprengte auf gesporntem Rosse zur Burg, sie zu besetzen. Als er in den Vorplatz trat, kam ihm schon an der Schwelle Sophonisba, Gemahlinn des Syphax, Tochter des Puniers Hasdrubal, entgegen, und da sie in der umgebenden Schar von Kriegern den durch Waffen und übrige Tracht sich auszeichnenden Masinissa erblickte, sprach sie, für den, der er war, für den König ihn erkennend, kniefällig: «Dir Alles über uns erlauben zu können, haben Götter, Tapferkeit und Glück dir freigestellt. Darf aber eine Gefangene vor dem Gebieter über ihr Leben und ihren Tod ihre flehende Stimme erheben, darf sie seine Kniee, seine siegerische Rechte berühren; so bitte ich dich, so flehe ich bei der Hoheit der Königswürde, in der auch wir so eben noch gestanden haben; bei dem Namen: Geborner Numider! der dir mit Syphax gemein war; bei den Schutzgöttern dieser Königsburg, die dich unter segenvollerer Leitung hier aufnehmen mögen, als sie den Syphax von hier entlassen haben; gewähre einer Flehenden die einzige Bitte und verfüge über sie, als deine Gefangene, wie eigner Wille dich schalten heißt, nur laß sie nicht der übermüthigen und grausamen Willkür irgend eines Römers hingegeben sein. Wäre ich auch nichts weiter, als Gemahlinn des Syphax, gewesen, so würde ich mich doch lieber der Gnade eines Numiders und mit mir in demselben Africa Gebornen, als der eines Ausländers und Fremden überlassen. Was aber die Carthagerinn vom Römer, was Hasdrubals Tochter zu 598 fürchten habe, weißt du selbst. Hast du kein anderes Mittel, so bitte ich, so beschwöre ich dich, rette mich vor der Willkür der Römer durch den Tod.» Sie war außerordentlich schön und von blühender Jugend. Da sie also, seine Rechte umfassend nur dazu seine Zusage sich erbat, keinem Römer übergeben zu werden, und ihr Vortrag der Liebkosung näher kam, als der Bitte, so fühlte sich das Herz des Siegers nicht bloß zum Mitleiden hingerissen, sondern – wie die Numider alle zu den Lüsten der Liebe hastig sind – von der Liebe zu seiner Gefangenen gefesselt, begab sich der Sieger, der ihr zur Versicherung seines Worts für ihre Bitte, die Rechte bot, in den Pallast. Nun ging er mit sich zu Rathe, wie er sein Versprechen erfüllen möchte; und als er das nicht auszumitteln wußte, borgte er von der Liebe eine Maßregel, die eben so zufahrend als unanständig war. Er befahl, noch auf denselben Tag sogleich die Vermählungsfeier zu veranstalten, um durchaus weder dem Lälius, noch dem Scipio selbst, freie Hand zu lassen, gegen die als eine Gefangene zu verfahren, die schon Masinissa's Gemahlinn sein würde. Nach vollzogenem Beilager kam Lälius an, und verbarg seine Misbilligung des Geschehenen so wenig, daß er sogar anfangs Willens war, sie aus der Ehekammer abholen zu lassen und mit dem Syphax und den übrigen Gefangenen an den Scipio zu schicken. Indessen auf dringendes Anliegen des Masinissa, der ihn bat, es auf die Entscheidung des Scipio ankommen zulassen, welchem von den beiden Königen Sophonisba als Theilnehmerinn an seinem Lose zugegeben werden solle, schickte er bloß den Syphax mit den andern Gefangenen ab, und eroberte mit Masinissa's Beistande die übrigen vom Könige mit Besatzungen belegten Städte Numidiens . 13. Als die Nachricht kam, Syphax werde ins Lager gebracht, so strömte die ganze Menge wie zum Schauspiele eines Triumphs hinaus. Er selbst ging gebunden voran; ein Haufe Numidischer Vornehmen folgte. Nun legte Jeder, so viel er konnte, der Größe des Syphax, dem Rufe der Numider bei, indem er dadurch seinen eignen Sieg verherrlichte: «Das sei der König, dessen hohem Namen die beiden mächtigsten Völker der Erde, das Römische und das Carthagische, so viel Ehre erwiesen hätten, daß Scipio, ihr eigner Feldherr, um die Freundschaft desselben zu gewinnen, mit Hinterlassung der Provinz Spanien und seines Heeres, auf zwei Fünfruderern nach Africa geschifft sei; und Hasdrubal der Punische Feldherr nicht bloß zu ihm in sein Königreich gekommen sei, sondern ihm sogar seine Tochter zur Ehe gegeben habe. Er habe zu gleicher Zeit zwei Feldherren, einen Punischen und einen Römischen, in seiner Gewalt gehabt. So wie beide Parteien durch Darbringung der Opferthiere bei den unsterblichen Göttern Gnade suchten, so hätten auch bei ihm beide Theile um Freundschaft nachgesucht. Noch mehr, er habe eine solche Macht gehabt, daß er den von Land und Leuten verjagten Masinissa so weit gebracht habe, daß sein Leben nur durch den Ruf von seinem Tode, nur in den Schlupfwinkeln, wo er nach Art der Thiere im Walde von Raub gelebt habe, geschützt gewesen sei.» So wurde der König, in diesen Gesprächen aller Umstehenden der wichtigste Mann, zum Scipio in das Feldherrnzelt geführt. Auch den Scipio rührte sowohl das frühere Los des Mannes im Vergleiche mit seinem gegenwärtigen, als die Erinnerung an ihre Gastfreundschaft, an die ihm dargereichte Rechte und die öffentliche und persönliche Verbindung mit ihm. Eben diese Verhältnisse gaben auch dem Syphax in der Anrede an den Sieger Muth. Denn als ihn Scipio fragte: «Wo er doch hingedacht habe, als er nicht bloß der Verbindung mit Rom entsagt, sondern ungereizt ihm den Krieg angekündigt habe;» so gestand er zwar, «er habe gefehlt und sei toll gewesen, allein nicht dann erst, als er gegen das Römische Volk die Waffen ergriffen habe: dies sei nur der Ausgang gewesen, den sein Wahnwitz genommen habe, aber nicht der Anfang. Da, da sei er toll gewesen, und da habe er alles, was Gastfreundschaft, und persönliches und öffentliches Bündniß heiße, aus seinem Herzen vertilgt, als er die 600 Carthagische Edelfrau in sein Haus gebracht habe. Bei dieser hochzeitlichen Fackel sei sein Reich in Flammen aufgegangen. Diese Furie, diese Unglückstifterinn habe durch alle möglichen Schmeichellockungen sein Herz den Römern entzogen und entfremdet, und nicht eher geruht, bis sie ihm mit eignen Händen die gottlosen Waffen gegen den Gast, gegen seinen Freund, angelegt habe, Doch in seiner Vernichtung und in seinem Unglücke finde er darin einen Trost für seine Leiden, es noch erlebt zu haben, daß gerade diese Verderberinn, diese Furie, in das Haus, in die Kammer seines ärgsten Todfeindes übergegangen sei. Und Masinissa sei weder klüger, noch standhafter als Syphax; wenigstens habe sie jener noch mit größerer Unvernunft und Unenthaltsamkeit zu seiner Frau gemacht, als er. » 14. Da er so nicht bloß als der feindlich Hassende, sondern auch als der Eifersüchtige sprach, der seine Geliebte in den Händen seines Nebenbuhlers sah, so setzte er den Scipio in nicht geringe Verlegenheit. Wahrscheinlichkeit bekamen die. Beschuldigungen dadurch, daß Masinissa so gut als mitten unter den Waffen, ohne den Lälius zu fragen, oder zu erwarten, mit einer Hochzeit zugeplatzt war; ferner durch die beschleunigte Hast, mit der er sich mit seiner Feindinn an eben dem Tage, da er sie als seine Gefangene erblickte, durch die Ehe verband. In Scipio's Augen hatte das Alles noch so viel größere Unanständigkeit, weil ihn selbst Ipsum in Hispania iuvenem]. – Folgende Gründe bestimmen mich diese Worte auf den Scipio, nicht auf den Masinissa, zu beziehen. 1) Dann erinnert Livius stillschweigend an den Auftritt mit der Braut des Allucius XXVI, 50. 2) Bezieht sich nachher Scipio selbst gegen den Masinissa darauf, daß er (Scipio) in Spanien für den Enthaltsamen in diesem Punkte gegolten habe. 3) Vom Masinissa hingegen war es (ut est genus Numidarum in Venerem praeceps) nicht wahrscheinlich; wenigstens konnte Scipio den Masinissa, welcher dort mehrere Jahre im Punischen Lager stand, und nicht mit dem Scipio zusammen lebte, nicht beobachtet haben. in Spanien als den jungen Mann nie die Schönheit einer Gefangenen gereizt hatte. Noch hing er diesen Betrachtungen nach, als Lälius und Masinissa ankamen. Beide empfing er mit gleich freundlicher Miene, erhob sie vor dem ganzen Kriegsrathe mit 601 auszeichnenden Lobsprüchen, führte dann den Masinissa auf die Seite und redete so mit ihm: «Ich glaube, Masinissa, daß du in Rücksicht auf eine oder die andre gute Seite an mir sowohl anfangs in Spanien zu mir gekommen bist, Freundschaft mit mir zu stiften, als nachher in Africa dich selbst und alle deine Hoffnungen in meine Hand gegeben hast. So muß ich dir sagen: Unter diesen Vorzügen, die dir vielleicht meine Bekanntschaft wünschenswerth gemacht haben, ist keiner, auf den ich so stolz sein möchte, als auf meine Selbstbeherrschung und Enthaltsamkeit. Ich wünschte, Masinissa, du legtest deinen übrigen herrlichen Vorzügen auch diesen bei. Lange, lange nicht so viele Gefahren, glaube mir, drohen uns in unserm Alter von bewaffneten Feinden, als von den uns allenthalben umringenden Lüsten. Wer diese durch seine Enthaltsamkeit zügelt und zähmt, der hat sich eine weit größere Ehre, einen weit größeren Sieg erworben, als wir durch Besiegung des Syphax haben. Was du in meiner Abwesenheit als der tüchtige, als der tapfre Mann gethan hast, dessen erwähnte ich vorhin und erinnere mich noch daran mit Vergnügen. Über das Andre will ich dich selbst lieber in der Stille nachdenken, als, wenn ich es zur Sprache brächte, dich erröthen lassen. Bei unserm Siege über den Syphax, bei seiner Gefangennehmung, ging uns die Götterleitung des Römischen Volks voran. Folglich sind Syphax, seine Gattinn, sein Reich, seine Felder, seine Städte mit allen Einwohnern, kurz Alles, was dem Syphax gehörte, eine Beute des Römischen Volks; und der König und seine Gattinn, wäre sie auch nicht geborne Carthagerinn, sähen wir auch ihren Vater nicht an der Spitze der feindlichen Heere, müßte doch nach Rom geschickt werden, und des Senats und Römischen Volks Erkenntniß und Entscheidung müßte doch über die ergehen, die es sich nachsagen lassen muß, daß sie einen mit uns verbündeten Regenten uns abwendig gemacht und ihn so mit dem Kriege hat zuplatzen lassen. Besiege deine Leidenschaft! Hüte dich, dein vielfaches Gute durch einen einzigen Fehler zu verunstalten, und durch eine 602 größere Verschuldung, als der Gegenstand dieser Verschuldung werth ist, dir selbst den Dank für so viele Verdienste zu verderben!» 15. Dem Masinissa, als er dieses hörte, trat nicht allein die Röthe ins Gesicht, sondern auch die Thränen brachen ihm hervor, und nach gegebener Versicherung, daß er sich seinem Oberfeldherrn überlassen werde, und hinzugefügter Bitte, für sein unüberlegt gegebenes Wort so viel thun zu dürfen, als die Umstände erlaubten; – denn er habe ihr versprochen, sie in keine andre Gewalt kommen zu lassen; – ging er aus dem Feldherrnzelte wie betäubt in sein eignes. Nachdem er hier ohne Zeugen unter vielem Seufzen und Ächzen, so daß es die vor dem Zelte Stehenden deutlich hören konnten, eine lange Zeit zugebracht hatte, rief er, nach einem endlich ausgestoßenen lauten Seufzer, von seinen Sklaven einen Getreuen herein, der, wie es bei Königen Sitte ist, Gift auf unvorhergesehene Fälle unter seiner Aufsicht hatte, hieß ihn eine Mischung davon im Becher zur Sophonisba bringen und ihr dabei melden: « Masinissa würde ihr so gern sein erstes Versprechen geleistet haben, wie er als Gatte seiner Gattinn schuldig sei. Da ihn aber die, welche die Macht dazu hätten, hierüber nicht verfügen ließen, so halte er sein zweites Versprechen, sie nicht lebendig in Römische Gewalt kommen zu lassen. Mit dem Hinblicke auf ihren Vater als Feldherrn, auf ihr Vaterland und zwei Könige, denen sie vermählt gewesen sei, möge sie sich selbst berathen.» Als der Überbringer mit dieser Bestellung und dem Giftbecher in der Hand zur Sophonisba kam, sprach sie: «Ich nehme es an, als sein Hochzeitsgeschenk, das mir nicht einmal unwillkommen sein darf, wenn es das höchste ist, was er als Gemahl seiner Gemahlinn gewähren konnte. Das aber sage ihm wieder, ich würde eines schönern Todes gestorben sein, wenn ich mich nicht am Grabe noch vermählt hätte.» Mit eben der Geistesstärke, mit der sie dies sprach, trank sie den in Empfang genommenen Becher, ohne alles Zeichen von Verlegenheit, gelassen aus. Als dies dem Scipio gemeldet wurde, ließ er 603 aus Besorgniß, der rasche junge Mann könne sich in seiner kranken Stimmung Leides thun, ihn sogleich zu sich rufen. Bald sprach er ihm Trost ein, bald verwies er es ihm mit Sanftmuth, daß er Eine Unbesonnenheit durch die andre habe gut machen wollen und die Sache schlimmer gemacht habe, als nöthig gewesen sei. Am folgenden Tage bestieg er, um ihn von der gegenwärtigen Gemüthsbewegung abzulenken, die Feldherrnbühne und ließ zur Versammlung rufen. Hier beschenkte er den Masinissa, den er zum erstenmale mit dem Titel König anredete und mit außerordentlichen Lobsprüchen belegte, mit einem goldenen Kranze, einer goldnen Opferschale, einem Thronsessel, elfenbeinernen Stabe, gesticktem Oberkleide, und einem mit Palmzweigen durchwirkten Unterkleide. Diesem Geschenke gab er noch höheren Werth durch die Erklärung, daß in den Augen der Römer nichts erhabener sei, als ein Triumph, und für die Triumphirenden nichts ehrenvoller, als dieser Schmuck, dessen das Römische Volk den Masinissa, als den einzigen Ausländer, würdige. Dann beschenkte er den Lälius, den er ebenfalls mit Lob überhäufte, mit einem goldenen Kranze: auch die übrigen Helden des Heers erhielten, jeder nach dem, was er geleistet hatte, ihre Belohnungen. Diese Ehrenbezeigungen beruhigten des Königs Herz und erhoben ihn zu der Hoffnung, nun bald nach Entfernung des Syphax ganz Numidien zu besitzen. 16. Als Scipio den Cajus Lälius nebst dem Syphax und den übrigen Gefangenen nach Rom geschickt hatte, mit denen auch Gesandte vom Masinissa abreiseten, verlegte er sein Lager wieder nach Tunes und vollendete die angefangenen Verschanzungen. Die Carthager, die nach einem für dasmal ziemlich gelungenen Angriffe auf die Römische Flotte nicht allein eine kurze, sondern beinahe vergebliche Freude genossen hatten, die aber bei dem Rufe von des Syphax Gefangennehmung, auf den sie beinahe mehr Hoffnung gesetzt hatten, als auf den Hasdrubal und ihr eignes Heer, in großen Schrecken geriethen, schickten nun, ohne weiter auf einen Fürsprecher des Krieges zu hören, Friedensgesandte ab und zwar dreißig der vornehmsten Alten. Dies war bei ihnen ein ehrwürdigerer Ausschuß von Räthen und selbst auf die Leitung des Senats von größtem Einflusse. Als sie im Römischen Lager und auf dem Feldherrnplatze ankamen, warfen sie sich nach Art der Anbetenden – ich glaube, diese Sitte schrieb sich aus dem Lande ihrer früheren Abkunft her – zur Erde. Ihre Rede war einer so demüthigen Verehrung angemessen: denn sie rechtfertigten ihre Schuld nicht, schoben aber die Veranlassung dazu auf den Hannibal und die Beförderer seiner Zügellosigkeit. Sie baten um Verzeihung für ihren Stat, «der schon zweimal vorher Bis iam ante]. – Das erste Mal durch den ersten Punischen Krieg; das zweite Mal durch den Krieg mit den Miethvölkern an den Thoren von Carthago. Das erste Mal rettete der von Rom bewilligte Friede, das andre Mal Hamilcars Gewandtheit und Glück, Wenn also Carthago gleich dreimal durch Schuld seiner Bürger (den zweiten Punischen Krieg mit eingerechnet) unglücklich wird, so verdankt es doch seinen Feinden, den Römern, die Rettung jetzt nur zum zweiten Male. Dukers und Creviers Verdacht gegen das Wörtchen ante ist also ohne Grund. Und wenn Drakenb. sagt: Crevierius delet vocem ante, favente cod. Put. in quo scriptum est bis iam teversae, so ist ja dies gerade eine Stimme mehr für das ante, so wie die Lesart des ebenfalls so schätzbaren Cod. Florent. bisiamteversae. » Man sieht, daß bloß das an zwischen iam und te der Ähnlichkeit wegen mit dem vorhergehenden iam weggefallen ist. Alle Handschriften haben das ante beibehalten, oder doch Spuren davon. durch die Unbesonnenheit seiner Eingebornen zu Grunde gerichtet sei, und abermals seine Rettung Feinden verdanken werde. Das Römische Volk gehe nur darauf aus, über besiegte Feinde zu herrschen, nicht aber auf ihr Verderben. Er möge ihnen, die sie zu folgsamer Unterwürfigkeit sich bereit erklärten, was ihm beliebe, anbefehlen.» Scipio antwortete: «Er sei zwar mit der Hoffnung nach Africa gekommen, und durch den glücklichen Erfolg des Krieges sei diese seine Hoffnung noch gehoben, den Sieg, aber keinen Frieden, mit sich nach Hause zurückzunehmen. Doch wolle er, ob er gleich den Sieg beinahe schon in Händen habe, den Frieden nicht zurückweisen; damit alle Völker erfahren möchten, daß das Römische Volk seine Kriege mit eben der Rechtlichkeit, mit der es sie anfange, auch endige. Er bestimme folgende Friedensbedingungen. Die Gefangenen, die 605 Überläufer und entflohenen Sklaven sollten sie ausliefern; aus Italien und Gallien ihre Heere abführen; Spaniens sich enthalten; alle Inseln zwischen Italien und Africa abtreten; ihre sämtlichen Linienschiffe bis auf zwanzig, ihm überlassen und fünfmal hunderttausend Maß Weizen geben, und zweimal hunderttausend Maß Gerste.» Wie groß die ihnen auferlegte Geldlieferung gewesen sei, darüber sind die Angaben zu sehr verschieden. Hier finde ich, habe er ihnen fünftausend Talente Etwa 5,375,000 Gulden Conv. auferlegt, dort, fünftausend Dies hingegen nur 150,248 Gulden. Pfund Silber, wieder bei Andern, für die Soldaten den doppelten Sold. «Ob euch der Friede,» fuhr er fort, «unter diesen Bedingungen anständig sei, darüber gebe ich euch drei Tage Bedenkzeit. Nehmt ihr ihn an, so schließt mit mir Waffenstillstand und schickt nach Rom an den Senat Gesandte.» Da die Carthager nach diesem Bescheide für gut fanden, keine der Friedensbedingungen zu verweigern – denn sie suchten nur Zeit zu gewinnen, bis Hannibal nach Africa herüberkäme – so schickten sie die eine Gesandschaft an den Scipio zur Schließung des Waffenstillstandes, die andre nach Rom, welche um den Frieden anhalten sollte, und zum Scheine, um ihn so viel leichter zu erlangen, eine Anzahl von Gefangenen, Überläufern und entflohenen Sklaven mitnehmen mußte. 17. Lälius kam mit dem Syphax und den vornehmen Numidischen Gefangenen mehrere Tage früher in Rom an und setzte den Vätern die sämtlichen Verrichtungen in Africa der Reihe nach auseinander, zu ihrer Aller eben so großen Freude für jetzt, als Hoffnung für die Zukunft. Bei der Umfrage beschlossen die Väter, den König nach Alba in Verwahrung zu schicken, den Lälius aber in der Stadt zu behalten, bis die Carthagischen Gesandten kämen. Sie verordneten ein viertägiges Dankfest. Nach Entlassung des Senats und Berufung des Volks bestieg der Prätor Publius Älius mit dem Cajus Lälius die 606 Rednerbühne. Als hier nun die Leute vernahmen, die Heere der Carthager seien geschlagen, ein König von so hohem Rufe besiegt und gefangen, ganz Numidien im glänzendsten Siege durchzogen, da war es ihnen nicht möglich, sich auf eine stille Wonne zu beschränken und ihre unbegränzte Freude nicht durch Jubelgeschrei und andere der Volksmenge gewöhnliche Zeichen an den Tag zu legen. Darum ließ auch der Prätor sogleich die Bekanntmachung ergehen: «Die Tempelwärter sollten in der ganzen Stadt alle Gotteshäuser öffnen: es müsse dem Volke frei stehen, den ganzen Tag über aus Tempel in Tempel zu gehen und den Göttern Preis und Dank zu bringen.» Den Tag darauf führte er die Gesandten des Masinissa in den Senat. Zuerst wünschten sie dem Senate Glück zu den dem Publius Scipio in Africa gelungenen Thaten: dann sagten sie dafür Dank, daß er den Masinissa nicht bloß König benannt, sondern ihn auch durch Wiedereinsetzung in sein Erbreich dazu gemacht habe, welches der König nun, nach Entthronung des Syphax, wenn die Väter diese genehmigten, ohne Besorgniß und Nebenbuhler regieren werde.» Auch dafür: «daß er ihn unter Lobsprüchen vor der Versammlung mit den ehrenvollsten Geschenken ausgestattet habe: ihrer nicht unwürdig zu sein, sei Masinissas Bestreben vorhin gewesen und werde es ferner sein. Er bitte die Väter, ihm den Königstitel und die übrigen Wohlthaten und Verehrungen vom Scipio durch einen Senatsschluß zu bestätigen. Auch bitte Masinissa, wenn es nicht zu viel Beschwerde mache, die Numidischen Gefangenen, die zu Rom in Haft wären, ihm zurück zu schicken: dies würde ihm bei seinen Unterthanen zur großen Empfehlung gereichen.» Hierauf bekamen die Gesandten zur Antwort: «Die Freude über das Siegsglück in Africa theilten die Väter mit dem Könige. Daß ihn Scipio König benannt habe, daran habe er ihres Erachtens recht gehandelt und wie es sich gehöre. Und was er sonst noch Masinissa's Wünschen gemäß gethan haben möge, das Alles habe die Zustimmung und den Beifall der Väter.» Zu Geschenken, welche die 607 Gesandten dem Könige mitnehmen sollten, bestimmte man zwei purpurne Kriegskleider, jedes mit einer goldenen Schnalle und Westen mit breiter Verbrämung, ferner zwei aufgeschmückte Pferde, zwei Ritterrüstungen nebst Panzern, auch solche Zelte und Feldgeräth, wie man sie gewöhnlich einem Consul hielt. Der Prätor bekam Befehl, dies dem Könige zu übersenden. Jedem Gesandten wurden nicht unter Etwa 150 Gulden Conv. M. fünftausend, ihren Begleitern jedem tausend Kupferass Etwa 30 Gulden. als Geschenk bestimmt, ferner jedem Gesandten zwei Kleider, den Begleitern eins, so wie auch den Numidern, die, ihrer Haft entlassen, dem Könige wiedergegeben werden sollten. Außerdem bestimmte man den Gesandten ein freies Haus zur Wohnung, Ehrenplätze und Bewirthung. 18. In demselben Sommer, in welchem es zu Rom jene Beschlüsse, in Africa jene Thaten gab, lieferten der Prätor Publius Quinctilius Varus und der Proconsul Marcus Cornelius im Gebiete der Insubrischen Gallier dem Punischen Feldherrn Mago eine förmliche Schlacht. Die Legionen des Prätors standen im Vordertreffen, Cornelius, ob er gleich selbst in die vordere Linie ritt, ließ die seinigen hintenan stehen; und an der Spitze beider Flügel boten Prätor und Proconsul Alles auf, ihre Soldaten zum Einbruche in die Feinde zu vermögen. Als dies ohne Wirkung blieb, sprach Quinctilius zum Cornelius: «Das Gefecht geht, wie du siehst, zu schläfrig. Durch seinen unverhofften Widerstand hat sich des Feindes Feigheit gesetzt, und wir laufen Gefahr, daß sie in Kühnheit übergehe. Wollen wir ihn in Unordnung und aus dem festen Schritte bringen, so müssen wir den Sturm der Reuterei sich erheben lassen. Entweder halt du den Kampf vorn in der Linie aus, so will ich die Reuterei ins Gefecht führen; oder ich will hier im ersten Treffen mich halten, und du lässest die Ritter unsrer vier Legionen auf den Feind.» Da sich der Proconsul 608 zur Übernahme des einen oder des andern Postens, welchen der Prätor ihm lassen wollte, bereit erklärte, so machte sich Prätor Quinctilius mit seinem Sohne, Marcus mit Vornamen, einem muthvollen jungen Manne, zu den Rittern hin, hieß sie aufsitzen und ließ sie plötzlich auf den Feind. Den Lärm vom Angriffe der Reuterei verstärkte das ihn begleitende Schlachtgeschrei der Legionen: und die feindliche Linie würde nicht Stand gehalten haben, hätte nicht Mago gleich beim ersten Andringen der Reuterei die in Bereitschaft gehaltenen Elephanten ins Treffen vorgeführt. Die durch das Gekreische, den Geruch und Anblick dieser Thiere scheu gewordenen Pferde machten die Hülfe der Reuterei unwirksam: und so wie der Römische Ritter im Schlachtgewühle, wenn er Spieß und Schwert in der Nähe gebrauchen konnte, die Überlegenheit behielt; so hatten auf ihn, wenn das scheue Pferd mit ihm durchging, die Numider aus der Ferne einen so viel sicherern Schuß. Über Vermögen behauptete die zwölfte, großentheils zusammengehauene, Legion des Fußvolks ihren Platz nur noch aus Scham, und würde ihn nicht länger behauptet haben, wenn nicht die dreizehnte Legion, die aus dem Hintertreffen vorn in die Linie einrückte, den mißlichen Kampf auf sich genommen hätte. Zwar setzte auch Mago dieser frischen Legion aus seinem Hintertreffen die Gallier entgegen. Da aber diese ohne große Mühe geworfen wurden, setzte sich das erste Glied der elften Legion in Schluß und ging auf die Elephanten los, die jetzt auch schon in der Linie des Fußvolks Unordnung bewirkten. Da sie bei dem Angriffe auf die sich drängenden Thiere fast keinen Wurfpfeil vergebens abschossen, so jagten sie diese auf ihre eigne Linie zurück: vier stürzten mit Wunden bedeckt zu Boden. Hier wich die feindliche Vorderreihe, weil plötzlich das ganze Römische Fußvolk, sobald es den Elephanten auf den Rücken sah, um sie noch scheuer und wilder zu machen, ihnen nachstürzte. Doch setzten ihre Glieder, die sich, so lange Mago noch an ihrer Spitze stand, nur Schritt vor Schritt zurückzogen, das Gefecht 609 ununterbrochen fort. Allein als sie ihn mit durchbohrtem Schenkel sinken und halbtodt aus der Schlacht wegtragen sahen, da wandten sie sogleich Alle zur Flucht sich ab. Gegen fünftausend Feinde fielen an dem Tage; zweiundzwanzig Fahnen wurden erbeutet. Aber auch den Römern war dies ein blutiger Sieg. Bei dem Heere des Prätors, und zwar größtentheils von der zwölften Legion, wurden zweitausend dreihundert vermißt; von dieser auch zwei Obersten, Marcus Cosconius und Marcus Mänius. Von der dreizehnten Legion, welche erst am Ende des Treffens auftrat, fiel der Oberste Cneus Helvius bei Wiederherstellung des Gefechts; sie verlor an zweiundzwanzig angesehene Ritter, welche von den Elephanten zertreten wurden, nebst mehreren Obersten. Überhaupt würde der Kampf länger angehalten haben, wäre nicht über die Wunde des Feldherrn der Sieg preisgegeben. 19. Mago, der nach seinem Aufbruche in der Stille der nächsten Nacht so starke Märsche machte, als sie ihm seine Wunde erlaubte, erreichte das Meer im Gebiete der Ingaunischen Ligurier. Hier kamen Gesandte von Carthago, welche wenige Tage zuvor im Gallischen Meerbusen gelandet waren, mit dem Befehle zu ihm, je eher je lieber nach Africa überzusetzen. «Sein Bruder Hannibal, an welchen ebenfalls Gesandte mit demselben Befehle abgegangen wären, werde dasselbe thun. Es stehe jetzt um Carthago gar nicht so, daß es Eroberungen in Gallien und Italien behaupten könne.» Mago, nicht bloß durch den Befehl des Senats und durch die Gefahr des Vaterlandes aufgefordert, sondern auch aus Besorgniß, der siegende Feind möge ihn, wenn er bliebe, verfolgen, ja selbst die Ligurier, wenn sie die Punier Italien räumen sähen, möchten zu denen übertreten, in deren Gewalt sie doch nächstens sein würden; zugleich auch in der Hoffnung, bei einer Seefahrt werde die Erschütterung seiner Wunde gelinder, als auf der Landstraße, und Alles zu seiner Heilung bequemer sein; segelte nach Einschiffung seiner Truppen, ab, starb aber, als er kaum über Sardinien hinaus war, an seiner Wunde: und mehrere 610 Punische Schiffe, die auf der Höhe verschlagen waren, wurden von der bei Sardinien stehenden Römischen Flotte genommen. Dies waren die Ereignisse zu Lande und zu Meere auf jener Seite Italiens, die an die Alpen stößt. Der Consul Cajus Servilius, welcher auf seinem Posten in Hetrurien, auch in Gallien, wohin er gleichfalls vorgerückt war, nichts Merkwürdiges verrichtete, der aber seinen Vater Cajus Servilius und den Cajus Lutatius, welche bei dem Flecken Tanetum von den Bojern gefangen genommen waren, aus sechzehnjähriger Sklaverei zurückbrachte; gab seiner Rückkehr nach Rom, wobei ihm sein Vater auf der einen, Catulus auf der andern Seite ging, mehr Auszeichnung durch sein Verdienst um ein Par Einzelne, als um den Stat. Nun wurde an das Gesamtvolk der Antrag gemacht: «Da Cajus Servilius den Gesetzen zuwider Bürgertribun und Bürgerädil gewesen sei, während sein Vater, der doch ein Thronsesselamt bekleidet gehabt, noch gelebt habe, so solle er, weil er dies nicht gewußt habe, ohne Verantwortung sein.» Als der Vorschlag angenommen war, ging der Consul wieder auf seinen Standort. Zu dem im Bruttischen stehenden Consul Cneus Servilius traten Consentia, Uffugum, Vergä, Besidiä, Hetriculum, Sypheum, Argentanum, Clampetia und viele andre unberühmte Völkerschaften über, weil sie den Punischen Krieg sich zum Ende neigen sahen. Auch lieferte dieser Consul im Gebiete von Croton dem Hannibal eine Schlacht. Die Nachrichten darüber sind unbestimmt. Valerius von Antium giebt die Zahl der gefallenen Feinde auf fünftausend an. Ein so bedeutendes Gefecht müßte entweder mit Unverschämtheit erlogen, oder aus Nachlässigkeit übergangen sein. In Italien hat wenigstens Hannibal nichts weiter gethan. Denn gerade in denselben Tagen, wie beim Mago, trafen auch bei ihm Gesandte von Carthago ein, die ihn nach Africa abriefen. 20. Knirschend und seufzend und kaum der Thränen sich enthaltend hörte er, wie man erzählt, den Antrag der Gesandten. Als sie ihm die Befehle kund gethan 611 hatten, sprach er: «So rufen sie mich denn nicht länger durch versteckte List, sondern geradezu zurück, sie, die durch Verweigerung der nachzusendenden Truppen und Gelder schon lange mich zurückzerreten! So wurden denn Hannibals Sieger – nicht die Römer, die er so oft zusammenhieb und schlug, sondern der Senat von Carthago durch entgegenarbeitenden Parteienhaß! Und über diesen meinen schimpflichen Abzug wird Scipio nicht lauter frohlocken und sich erheben, als Hanno, der meine Familie, weil er es durch andre Mittel nicht konnte, unter Carthagos Trümmern begrub.» Aus Vorgefühl, daß es so kommen möchte, hatte er die Schiffe schon in Bereitschaft gehalten. Nachdem er den Haufen untauglicher Truppen unter dem Vorwande, dort die Besatzungen zu machen, in die wenigen Bruttischen Städte weggeschickt hatte, welche mehr aus Furcht als Ergebenheit auf seiner Partei geblieben waren, ging er mit dem Kerne des Heers nach Africa über, ließ aber noch viele geborne Italier, weil sie sich, um ihm nicht nach Africa zu folgen, in das Heiligthum der Juno Lacinia geflüchtet hatten, das bis auf diesen Tag unentweiht geblieben war, selbst im Tempel schändlich ermorden. Man sagt, die Traurigkeit dessen, der als Verbanneter aus seinem Vaterlande scheide, könne nicht leicht größer sein, als die, mit welcher Hannibal das Land der Feinde räumte. Oft habe er unter Klagen über Götter und Menschen nach Italiens Küsten zurückgeblickt, und unter Verwünschungen seiner selbst und seines Lebens sich es vorgeworfen, «daß er nicht sein Heer, noch blutig vom Siege bei Cannä, vor Rom geführt habe. Ein Scipio, der als Consul keinen feindlichen Punier in Italien gesehen habe, erdreiste sich, vor Carthago zu rücken: und er, vor welchem am Trasimenus und bei Cannä hunderttausend mit ihren Waffen gesunken seien, habe sich bei Casilinum, Cumä und Nola verlegen.» Unter solchen Vorwürfen und Klagen wurde er von dem lange behaupteten Besitze Italiens weggerissen. 21. Zu Rom liefen die Nachrichten von Magos und 612 Hannibals Abfahrt in denselben Tagen ein. Die Wonne dieses doppelten Jubels wurde einmal dadurch gemindert, daß es den Römischen Feldherren entweder am Willen, oder an Kraft gefehlt zu haben schien, sie festzuhalten, da ihnen dies doch vom Senate befohlen war; dann auch dadurch, daß man besorgt war, da sich jetzt die ganze Masse des Krieges auf Einen Feldherrn und Ein Heer geworfen hatte, wie dies ablaufen werde. In diesen Tagen kamen auch Gesandte von Sagunt und brachten die samt ihren Geldsummen aufgehobenen Carthager mit, welche auf Truppenwerbung nach Spanien übergesetzt waren. Sie lieferten zweihundert funfzig Pfund Gold An Golde etwa 78,000 Gulden Conv. An Silber 25,000 Gulden. , achthundert Pfund Silber in der Vorhalle des Rathhauses ab. Die Gefangenen wurden angenommen und in den Kerker gebracht, das Gold und Silber zurückgegeben und den Gesandten Dank abgestattet: man gab ihnen außerdem Geschenke und zur Rückkehr nach Spanien Schiffe. Dann äußerten die Bejahrteren im Senate die Bemerkung: «Der Mensch empfinde doch immer das Gute weniger, als das Schlimme. Wie Alles bei Hannibals Einbruche in Italien voll Schrecken und Bestürzung gewesen sei, hätten sie noch nicht vergessen. Wie mancherlei Unglück sich nachher ereignet habe? wie manche Veranlassung zur Trauer? Von Roms Mauern habe man das feindliche Lager gesehen. Wie da die Gelübde jedes Einzelnen und Aller insgesamt gelautet hätten? Wie oft habe man die Bürger in den Versammlungen mit gen Himmel erhobenen Händen ausrufen hören: Ob denn nie der Tag erscheinen wolle, an welchem sie Italien, vom Feinde geräumt, der Segnungen des Friedens genießen sehen könnten? Im sechzehnten Jahre endlich hätten dies die Götter verliehen, und nun trage niemand darauf an, den Göttern dafür zu danken. Mit so wenig Herzlichkeit nähmen die Menschen sogar die ankommende Wohlthat auf, geschweige daß sie der vormaligen sich gehörig erinnern sollten.» Da riefen Stimmen von allen Seiten des 613 Sales: Der Prätor Publius Älius solle die Sache zum Vortrage bringen: und es wurde der Beschluß ausgefertigt, fünf Tage lang vor allen Altären Betandachten zu halten und hundert und zwanzig große Thiere zu opfern. Weil schon nach Entlassung des Lälius und der Gesandten des Masinissa die Nachricht einlief, Carthagische Friedensgesandte an den Senat, die man schon zu Puteoli gesehen habe, würden von dort zu Lande ankommen, so beschloß man, den Cajus Lälius wieder umzurufen, um über den Frieden in seiner Gegenwart zu unterhandeln. Quintus Fulvius Gillo, ein Legat des Scipio, brachte die Carthager bis vor Rom. Sie durften die Stadt nicht betreten, bekamen Quartier in der Statsmeierei, und Zutritt vor dem Senate im Tempel der Bellona. 22. Sie brachten ungefähr dasselbe vor, wie beim Scipio. «Der Krieg sei, ohne alle Zustimmung von Seiten des Stats, ganz Hannibals Werk. Der sei ohne Befehl des Senats nicht nur über die Alpen, sondern auch über den Ebro gegangen, und habe nicht bloß die Römer, sondern schon vorher die Saguntiner für sich bekriegt. Senat und Volk von Carthago stehe mit den Römern, wenn man es genau nehmen wolle, noch diesen Tag in unverletztem Bunde. Also hätten sie auch den Auftrag, nur darum zu bitten, daß es bei dem zuletzt mit dem Consul Lutatius geschlossenen Frieden bleiben dürfe.» Als der Prätor nach der herkömmlichen Sitte den Vätern freistellte, wenn sie wollten, den Gesandten Fragen vorzulegen, und die Bejahrteren, die an dem Abschlusse des Friedens Theil gehabt hatten, der Eine nach diesem, der Andre nach einem andern Punkte fragten, die Gesandten aber – sie waren fast alle junge Männer – erwiederten, sie wären noch nicht so alt, daß sie dies wissen könnten; so rief man von allen Seiten des Sales: «Das sei ein ächt Punischer Kniff, zum Antrage auf Beibehaltung eines Friedens Gesandte zu nehmen, die sich dessen nicht erinnern könnten.» 23. Als man die Gesandten hatte abtreten lassen, wurden die Stimmen abgehört. Marcus Livius schlug vor: «Den Consul Cajus Servilius, der von beiden der nähere sei, kommen zu lassen. Da nie über einen wichtigern Gegenstand, als der vorliegende sei, eine Berathschlagung eintreten könne, so sei es seines Erachtens der Würde des Römischen Stats nicht ganz angemessen, eine solche Sache ohne den Einen, oder gar ohne beide Consuln vorzunehmen.» Quintus Metellus, der vor drei Jahren Consul, auch schon Dictator, gewesen war, sagte: «Da Publius Scipio die Feinde durch Erlegung ihrer Heere, durch Verwüstung ihres Landes, so weit gebracht habe, daß sie um Frieden flehen müßten, und kein Mensch richtiger beurtheilen könne, in welcher Absicht dieser Friede gesucht werde, als der Feldherr, der vor den Thoren von Carthago stehe, so müsse man auch nach keines Andern, als Scipio's, Gutachten den Frieden annehmen oder verweigern.» Marcus Valerius Lävinus, der zweimal Consul gewesen war, erklärte die Angekommenen für Kundschafter, nicht für Gesandte. «Denen müsse man andeuten, Italien zu räumen; müsse sie unter Aufsicht bis an die Schiffe bringen lassen, und dem Scipio schreiben, er möge mit dem Kriege nicht nachlassen.» Für diese Meinung führten Lälius und Fulvius noch an: «Auch Scipio habe die Hoffnung zum Frieden nur darauf gesetzt, wenn Hannibal und Mago nicht aus Italien zurückgerufen würden. Die Carthager würden, so lange sie diese Feldherren, diese Heere erwarteten, sich jeden Schein zu geben suchen; dann aber, selbst den diesen Augenblick geschlossenen Verträgen und allen Göttern zum Hohne, ihren Krieg fortsetzen.» Um so viel eher trat man zu der Meinung des Lävinus über. Die Gesandten wurden ohne Friedensschluß, ja fast ohne Antwort entlassen. 24. Um diese Zeit segelte der Consul Cneus Servilius, in der festen Einbildung, daß die Ehre, Italien beruhigt zu haben, ihm gebühre, nicht anders als zur Verfolgung des durch ihn verjagten Hannibal, nach Sicilien über, um von da nach Africa überzugehen. Als dies zu Rom bekannt wurde, erklärten sich die Väter 615 zuerst dahin, der Prätor solle dem Consul schreiben: Der Senat finde für gut, daß er nach Italien zurückkomme. Als aber der Prätor vorstellte, der Consul werde auf einen Brief von ihm nicht achten; so wurde ausdrücklich hierzu ein Dictator ernannt, Publius Sulpicius, der vermöge seines höheren Amts den Consul nach Italien zurückrief: den übrigen Theil des Jahres wandte er mit seinem Magister Equitum Marcus Servilius dazu an, die Städte Italiens, welche während des Krieges abgefallen waren, zu bereisen und sich von einer jeden ihre Sache vorlegen zu lassen. Während des Waffenstillstandes gingen auch aus Sardinien vom Prätor Lentulus hundert Lastschiffe mit Vorräthen unter einer Bedeckung von zwanzig Kriegsschiffen, von Feinden und von Stürmen gleich unangefochten, nach Africa über. Cneus Octavius, der mit zweihundert Lastschiffen und dreißig Linienschiffen aus Sicilien hinüberfuhr, hatte nicht dasselbe Glück. Er sah nach einer glücklichen Fahrt Africa beinahe schon vor sich, da blieb anfangs der Wind aus, dann setzte er sich in den Südwest um, wurde stürmisch und warf die Flotte aus einander. Mit den Kriegsschiffen erreichte er zwar, weil seine Ruderer mit höchster Anstrengung gegen die Fluten ankämpften, das Vorgebirge Apolls: allein die Lastschiffe wurden größtentheils nach Ägimurus, – diese Insel schließt von der Höhe her die Bucht, in welcher Carthago liegt, in einer Entfernung von fast dreißigtausend Schritten von der Stadt – die andern, der Stadt selbst gegenüber, an die warmen Bäder verschlagen. Das Alles hatte man in Carthago vor Augen. Also entstand ein Zusammenlauf aus der ganzen Stadt nach dem Markte. Die Obrigkeit berief den Senat; das Volk am Eingange des Rathhauses verlangte tobend, man solle die herrliche Beute, die man schon vor Augen und in Händen habe, nicht fahren lassen. Stellten gleich Einige dagegen vor, dies würde ein Bruch des Friedensgeschäfts sein; Andre, des Waffenstillstandes, dessen Frist noch nicht abgelaufen war; so vereinigte man sich, da die Versammlung des Senats und die des Volks beinahe zusammenfloß, 616 dennoch dahin, mit einer Flotte von funfzig Schiffen den Hasdrubal nach Ägimurus hinübergehen zu lassen, um von dort die an den Küsten und in den Hafen zerstreuten Römischen Schiffe zusammenzuholen. Und so wurden die von den entflohenen Seeleuten verlassenen Frachtschiffe zuerst von Ägimurus, dann auch die von den Bädern, im Schlepptaue nach Carthago gebracht, 25. Noch waren die Gesandten nicht von Rom zurückgekommen; noch wußte man nicht, wie der Römische Senat über Krieg und Frieden entschieden habe, und eben so wenig war die Frist des Waffenstillstandes abgelaufen. Also schickte Scipio, der eine so viel empörendere Beleidigung darin fand, daß die, welche selbst um Frieden und Waffenstillstand gebeten hätten, die Hoffnung des Friedens und das Wort des Waffenstillstandes vernichteten, sogleich den Lucius Bäbius, Lucius Sergius, Lucius Fabius als Gesandte nach Carthago. Da sich der zusammenlaufende Pöbel beinahe an ihnen vergriffen hätte, und sie selbst sahen, daß sie keinen sicherern Rückweg haben würden, so baten sie sich bei der Obrigkeit, welche sie gegen die Thätlichkeiten in Schutz genommen hatte, Schiffe zur Begleitung aus. Sobald die beiden mitgegebenen Dreiruderer bis zum Flusse Bagrada gekommen waren, von wo man das Römische Lager sehen konnte, gingen sie wieder nach Carthago zurück. Allein bei Utica stand eine Punische Flotte. Von dieser machten drei Vierruderer – sei es nun, daß es so insgeheim von Carthago aus bestellt war, oder daß der Befehlshaber der Flotte, Hasdrubal, den treulosen Streich ohne höhere Eingebung unternahm, – auf den Römischen Fünfruderer, als er eben um das Vorgebirge herumkam, plötzlich von der Höhe her Jagd. Allein einen Schnabelstoß konnten sie ihm nicht anbringen, weil er, schneller als sie, ihnen entglitt; eben so wenig konnten die Punier aus ihren niedrigern Schiffen in das höhere hinüberspringen: und die Römer, so lange ihre Geschosse ausreichten, vertheidigten es herrlich; als diese ausgingen, und nur noch die Nähe der Küste und die aus dem Lager 617 herbeiströmende Menge sie schützen konnte, steuerten sie mit vollen Rudern so heftig als möglich gegen den Strand und retteten sich selbst, bloß mit Verlust des Schiffs. Da so durch Einen Frevel über den andern der Waffenstillstand offenbar gebrochen war, trafen von Rom aus Lälius und Fulvius mit den Carthagischen Gesandten ein. Den Letztern sagte Scipio: «Obgleich die Carthager nicht allein das Wort des Waffenstillstandes gebrochen, sondern auch an seinen Gesandten das Völkerrecht entweihet hätten, so wolle er sich doch gegen sie nichts erlauben, was Römischer Ordnung und seiner eignen Handlungsart unwürdig sei:» entließ sie und fing die Unternehmungen wieder an. Schon nahete Hannibal der Küste. Einer von seinen Seeleuten mußte den Mast besteigen, um zu sehen, in welche Gegend sie kämen. Als ihm dieser sagte, das Vordertheil sehe gerade auf ein verfallenes Grab, hieß er, nicht ohne Äußerung des Misfallens an einer solchen Vorbedeutung, den Steuermann vorbeisegeln, fuhr mit seiner Flotte bei Leptis an und schiffte hier die Truppen aus. 26. Dies waren die Begebenheiten dieses Jahrs in Africa. Die folgenden gehen in das Jahr hinaus, in welchem Marcus Servilius Geminus, der damalige Magister Equitum, und Tiberius Claudius Nero Consuln wurden. Weil übrigens zu Ende des vorigen Jahrs Gesandte aus Griechenland von den mit Rom verbündeten Städten mit der Klage eingekommen waren, daß Truppen des Königs ihr Gebiet verheert hätten, und daß König Philipp ihre Gesandten, die sie mit dem Antrage auf Erstattung nach Macedonien geschickt hatten, nicht vorgelassen habe; und sie dabei meldeten, wie es heiße, habe er unter dem Sopater viertausend Mann als Hülfstruppen für Carthago nach Africa gehen lassen und eine ansehnliche Summe Geldes mitgeschickt: so beschloß der Senat, Gesandte an den König abgehen zu lassen, welche ihm erklären sollten: Nach der Meinung der Väter könne dies mit ihren Verträgen nicht bestehen. Cajus Terentius Varro, Cajus Mamilius, Marcus Aurelius wurden hingeschickt, 618 und ihnen drei Fünfruderer gegeben. Dies Jahr zeichnete sich aus durch eine große Feuersbrunst, in welcher die Häuser auf der Publicischen Höhe bis auf den Boden abbrannten; und durch eine Wassersnoth.. Doch die Lebensmittel waren wohlfeil, weil außerdem, daß bei der Befreiung vom Feinde die Zufuhr durch ganz Italien offen stand, auch aus Spanien eine große Menge Getreide geliefert wurde, welches die Curulädilen Marcus Valerius Falto und Marcus Fabius Buteo das Maß zu vier 2 Ggr. wenn nämlich aes grave gemeint ist. Ass Straße vor Straße an das Volk vertheilten. In diesem Jahre starb auch Quintus Fabius Maximus in hohem Alter, wenn es nämlich gegründet ist, daß er das Amt eines Vogelschauers zweiundsechzig Jahre bekleidet hat, wie einige Schriftsteller angeben. Der Mann verdiente wenigstens seinen hohen Zunamen, sogar dann, wenn dieser neu bei ihm angefangen hätte. In der Menge der Amtsführungen that er es seinem Vater zuvor, seinem Großvater gleich. Sein Großvater Rullus zeichnete sich durch mehrere Siege und größere Schlachten aus: doch diese alle kann der einzige Feind Hannibal ausgleichen. Dennoch galt er mehr für den Vorsichtigen, als Thätigen; und so wie man zweifeln könnte, ob er aus Anlage der Zauderer gewesen sei, oder weil es dem Kriege, der damals geführt wurde, so eigentlich angemessen war; so ist doch nichts gewisser, als daß der Eine Mann, wie Ennius sagt, uns durch sein Zaudern den Stat wiedergab. Zum Vogelschauer wurde an seine Stelle sein Sohn Quintus Fabius Maximus geweihet; und eben so an seine Stelle zum Oberpriester – denn er hat zwei Priesterämter gehabt – Servius Sulpicius Galba. Die Römischen Spiele wurden Einen Tag, die Bürgerlichen dreimal vollständig gegeben, von den Ädilen Marcus Sextius Sabinus und Cneus Tremellius Flaccus. Diese wurden beide zu Prätoren erwählt, und mit ihnen Cajus Livius Salinator und Cajus Aurelius Cotta. Ob die Wahlversammlungen für dieses Jahr der Consul Cajus Servilius selbst 619 gehalten habe; oder, weil ihn seine Geschäfte in Hetrurien festhielten, wo er einem Senatsschlusse zufolge über die Verschwörungen der Großen Untersuchungen anstellte, der von ihm ernannte Dictator Publius Sulpicius; darüber lassen uns die widersprechenden Angaben in Ungewißheit. 27. Mit dem Anfange des folgenden Jahres thaten Marcus Servilius und Tiberius Claudius im Senate, den sie auf das Capitol beriefen, den Vortrag über die Standplätze der Heere. Sie verlangten, daß über Italien und Africa geloset würde, und beide wünschten sich Africa. Allein hauptsächlich auf Betrieb des Quintus Metellus wurde ihnen Africa weder bewilligt noch abgeschlagen. Man bestimmte, die Consuln möchten es mit den Bürgertribunen ausmachen, daß diese, falls sie nichts dagegen hätten, bei dem Gesamtvolke anfragten, wen es den Krieg in Africa führen lassen wolle. Die sämtlichen Bezirke bestimmten dazu den Publius Scipio. Gleichwohl brachten die Consuln Africa als Standplatz mit in Losung: denn so lautete der Senatsbeschluß. Tiberius Claudius bekam durch das Los Africa, so, daß er mit einer Flotte von funfzig Schiffen, lauter Fünfruderern, nach Africa übergehen und dem Scipio im Oberbefehle gleichstehen sollte. Marcus Servilius erlösete Hetrurien. Auch dem Cajus Servilius wurde der Oberbefehl in eben dieser Provinz auf den Fall verlängert, wenn der Senat gutfinden sollte, den Consul in der Stadt zu behalten. Von den Prätoren erlosete Marcus Sextius Gallien, und Publius Quinctilius Varus sollte ihm seine beiden Legionen nebst der Provinz übergeben; Cajus Livius das Bruttische mit den zwei Legionen, welche voriges Jahr der Proconsul Publius Sempronius befehligt hatte; Cneus Tremellius Sicilien, um vom Prätor des vorigen Jahrs, Publius Villius Tappulus, die Provinz mit den zwei Legionen in Empfang zu nehmen: Villius sollte dann als Proprätor mit zwanzig Kriegsschiffen und tausend Mann die Küste Siciliens decken, und von dort Marcus Pomponius auf den übrigen zwanzig Schiffen tausend fünfhundert Mann nach 620 Rom zurückbringen. Die Gerichtspflege in der Stadt traf den Cajus Aurelius Cotta. Den Übrigen wurde, jedem auf seinem Standorte und bei seinem Heere sein Oberbefehl verlängert. In diesem Jahre verfocht Rom seine Herrschaft mit nicht mehr als sechzehn Legionen. Um aber in allen Stücken unter dem Beistande der Götter zu beginnen und zu verfahren, sollten auch die Consuln, ehe sie in den Krieg auszögen, die Spiele anstellen und die großen Opferthiere darbringen, welche unter dem Consulate des Marcus Claudius Marcellus und Titus Quinctius der Dictator Titus Manlius den Göttern verheißen hatte, wenn sie in den nächsten fünf Jahren den Stat in demselben Wohlstande erhalten hätten. Diese Spiele wurden in der Rennbahn vier Tage lang gefeiert und die Opferthiere denjenigen Göttern, denen sie versprochen waren, dargebracht. 28. Bei dem Allen nahmen zugleich Hoffnung und Besorgniß mit jedem Tage zu, und man konnte mit sich selbst nicht eins werden, ob es zu höherer Freude berechtige, daß Hannibal bei seinem Abzuge aus Italien nach sechzehn Jahren dem Römischen Volke den Besitz desselben geräumt habe, oder zu größerer Besorgniß, daß er mit seinem ganzen Heere nach Africa übergegangen sei. Der Schauplatz habe sich allerdings verändert, nicht aber die Gefahr: und der neulich mit Tode abgegangene Verkündiger dieser so wichtigen Entscheidung, Quintus Fabius, habe gewiß nicht ohne Grund sich mehrmals prophetisch verlauten lassen, daß Hannibal in seinem Lande ein furchtbarerer Feind sein werde, als er im fremden gewesen sei. Und Scipio werde nicht einen Syphax vor sich haben, den König einer rohen Barbarei, dem gewöhnlich der Halbmarketender Statorius die Heere geordnet habe; noch den Schwiegervater des Syphax, Hasdrubal, den Ausreißer unter den Feldherren; noch jene im Nu erstandenen, aus einem halbbewaffneten Schwarme von Landleuten eiligst zusammengerafften Heere; sondern den Hannibal, ihn, so gut als im Hauptquartiere des tapfersten Feldherrn, seines Vaters, geboren, unter 621 Waffen herangewachsen und erzogen, als Knabe vorhin schon Soldat, kaum Jüngling schon Feldherr; der, unter Siegen verjahrt, beide Spanien, beide Gallien, Italien von den Alpen bis zur Meerenge mit Denkmalen gewaltiger Thaten erfüllt habe: und das Heer, das er führe, sei ihm selbst an Dienstjahren gleich, abgehärtet durch die Ausdauer unter allen Arten von Noth, deren Erduldung man Menschen kaum zutrauen könne; sei unzähligemal von Römerblute durchnässet und trage sich mit Rüstungen, die es den Soldaten, ja die es Feldherren abgenommen habe. Da würden dem Scipio in der Schlacht Viele aufstoßen, die mit eigner Hand Römische Prätoren, Imperatoren, Consuln erlegt, Mauer- und Lagerkränze aufzuweisen, und Römische eroberte Lager, eroberte Städte durchschwärmt hätten. Die Obrigkeiten des Römischen Volks könnten jetzt nicht so viele Ruthenbündel aufzeigen, als Hannibal nach Erlegung so vieler Feldherren sich vortragen lassen könne.» Und wenn sich nun die Römer in Gedanken mit solchen Schreckbildern beschäftigten, so schufen sie sich auch darum noch größere Sorge und Unruhe, weil jetzt, da sie gewohnt gewesen waren, mehrere Jahre hindurch den Krieg vor ihren Augen in dieser oder jener Gegend Italiens auf entfernte Aussichten und ohne alle Erwartung einer nahen Beendigung zu führen, Scipio und Hannibal, dies gleichsam zum letzten Kampfe gegen einander aufgestellte Feldherrenpar, die Aufmerksamkeit Aller gespannt hatten. Auch diejenigen, welche ein unbegränztes Vertrauen und ihre ganze Hoffnung des Sieges auf Scipio setzten, fühlten sich, je näher sie demselben entgegensahen, zu so viel größerer Theilnahme aufgeregt. Eine ähnliche Stimmung herrschte in den Gemüthern zu Carthago. Bald gereuete es sie, wenn sie an Hannibal und die Größe seiner Thaten dachten, um Frieden gebeten zu haben; bald aber, wenn sie ihre beiden verlornen Schlachten, die Gefangennehmung des Syphax, ihre Vertreibung aus Spanien, aus Italien beherzigten, und daß dies Alles durch die Tapferkeit und Klugheit des einzigen Scipio bewirkt sei, überfiel sie ein Schauder vor 622 diesem Feldherrn, als habe ihn das Schicksal zu ihrem Verderben geboren werden lassen. 29. Schon war Hannibal zu Adrumetum angekommen. Von hier eilte er, nachdem er sich nur wenige Tage zur Wiederherstellung seiner Truppen von der Seekrankheit genommen hatte, aufgeschreckt durch die ängstlichen Meldungen, daß um Carthago her Alles von Feinden besetzt sei, in großen Tagemärschen nach Zama. Zama liegt fünf Tagereisen von Carthago. Als seine von hier ausgeschickten und von Römischen Posten aufgefangenen Kundschafter vor den Scipio gebracht wurden, so übergab sie dieser einigen Obersten, und hieß sie ganz unbesorgt Alles in Augenschein nehmen, ließ sie im ganzen Lager, wo sie wollten, herumführen, und nachdem er sich bei ihnen erkundigt hatte, ob sie auch Alles zur Gnüge beobachtet hätten, ließ er sie unter einer mitgegebenen Begleitung zum Hannibal zurückgehen. War gleich für den Hannibal von Allem, was sie meldeten, auch nicht ein einziger Umstand erfreulich; – erzählten sie doch auch, daß gerade an demselben Tage Masinissa mit sechstausend Mann zu Fuß und viertausend zu Pferde eingetroffen sei; – so beunruhigte ihn doch vorzüglich die Zuversicht des Feindes, die gewiß ihren guten Grund haben müsse De nihilo profecto concepta est]. – Ich folge der von Drakenb. und Crevier gebilligten Lesart Gronovs concepta esset. Daß das Wort profecto hier den Indicativ est nothwendig mache, will mir darum nicht einleuchten, weil Livius selbst zweimal in Einem Cap. (XXVII. 47.) das profecto eben so in oratione obliqua gebraucht. Dort vermuthet Hasdrubal: duos profecto consules esse. Und nachher über seinen Bruder Hannibal: Profecto haud mediocri clade absterritum insequi non ausum. . Ob er also gleich selbst am Kriege Schuld war, und durch seine Ankunft den geschlossenen Waffenstillstand und die Hoffnung eines Vergleichs vernichtet hatte, so trug er doch in der Voraussetzung, billigere Bedingungen zu erhalten, wenn er jetzt in seiner ganzen Stärke, als wenn er nach einer Niederlage Frieden suchte, beim Scipio darauf an, ihm eine Unterredung zu bewilligen. Ob er dies für sich oder auf Angabe des Senats gethan habe, dies entscheidend zu behaupten, fehlt es mir an 623 Beweisen. Valerius von Antium berichtet, nach Verlust des ersten Treffens, in welchem zwölftausend Punier geblieben, tausend siebenhundert gefangen seien, sei Hannibal mit zehn andern Abgeordneten als Gesandter zum Scipio ins Lager gekommen. Genug, da Scipio die Unterredung nicht ausschlug, so rückten beide Feldherren vermöge einer Übereinkunft mit ihrem Lager weiter vor, um aus der Nähe zusammen kommen zu können. Scipio lagerte sich nicht weit von der Stadt Naraggara auf einem sowohl übrigens vortheilhaften Platze, als auch, weil sich die Wasserholung mit dem Schusse be[st]reichen ließ. Hannibal besetzte viertausend Schritte von hier eine sonst auch sichere und bequeme Höhe, außer daß die Wasserholung entlegener war. Hier wählten sie in der Mitte einen Platz, den man von allen Seiten übersehen konnte, um vor jedem Hinterhalte sicher zu sein. 30. Nachdem sie ihre Bewaffneten gleich weit zurückgeschickt hatten, traten sie, jeder mit einem Dollmetscher, gegen einander auf, die beiden größten Feldherren, nicht allein ihres Zeitalters, sondern auch jedem Könige oder Heerführer der ganzen früheren Geschichte bei allen Völkern gleich. Ein Weilchen schwiegen sie, Einer bei des Andern Anblicke, von gegenseitiger Bewunderung wie betroffen. Dann fing Hannibal an. «Wenn es mir so vom Schicksale beschieden war, daß ich, der ich im Kriege gegen Rom der Angreifende war und so oft den Sieg beinahe schon in Händen hatte, zuerst mich einstellen mußte, um auf einen Frieden anzutragen, so freue ich mich der mir gewordenen Bestimmung, ihn gerade bei dir suchen zu müssen. Und eben so gehört auch für dich unter so manchen Auszeichnungen, die dir zu Theil wurden, diese vielleicht nicht zu den letzten, daß eben der Hannibal, dem die Götter über so viele Römische Feldherren den Sieg verliehen, vor dir zurücktritt, und daß du es bist, der diesem, früher durch eure, als durch unsre Niederlagen sich auszeichnenden, Kriege sein Ende giebt. Mag auch das Glück, um zu spielen, den Zufall haben eintreten lassen, 624 daß ich, der ich unter deines Vaters Consulate die Waffen ergriff, mit ihm unter allen Römischen Feldherren zuerst im Felde mich maß, jetzt waffenlos bei seinem Sohne mich einstelle, ihn um Frieden zu bitten. Am besten wäre es freilich gewesen, die Götter hätten unsern Vätern den Sinn verliehen, daß ihr mit Italiens, wir mit Africa's Beherrschung zufrieden gewesen wären: denn selbst euch sind ja Sicilien und Sardinien kein würdiger Ersatz für den Verlust so vieler Flotten, so vieler Heere und so manches ausgezeichneten Feldherrn. Doch das Vergangene läßt sich eher tadeln, als gut machen. Wir haben mit dem Erfolge nach fremdem Gute gerungen, daß wir unser Eigenthum aufs Spiel setzen mußten; daß nicht bloß ihr in Italien, so wie wir in Africa, Krieg zu führen hattet, sondern daß auch ihr eben so beinahe in euren Thoren und vor euren Mauern die Fahnen und Waffen der Feinde erblicktet, wie wir jetzt von Carthago aus das Getöse eines Römischen Lagers vernehmen. Folglich sind wir jetzt in einem Falle, der für uns so traurig als möglich, euch aber höchst erwünscht sein muß, daß die Friedensunterhandlungen in einem Zeitpunkte angeknüpft werden, der für euch der günstigere ist; und es knüpfen sie zwei Männer, denen nicht nur selbst so viel daran liegt, Frieden zu haben, sondern die auch sicher sind, daß ihre Staten alle ihre Abschlüsse genehmigen werden. Wir bedürfen also nur eines von friedlichen Maßregeln nicht abgeneigten Sinnes. Was mich betrifft, so haben mich, der ich bejahrt in mein Vaterland zurückkehre, das ich als Knabe verließ, nicht nur mein Alter, sondern auch bald einmal Glück, bald einmal Unglück, so in die Lehre genommen, daß ich mich lieber an die Vernunft, als an das Glück zu halten wünsche. Nur deine Jugend und dein ununterbrochenes Glück, die dir beide mehr Muth einflößen, als sich mit dem Entschlusse zum Frieden verträgt, machen mir bange. Wen das Glück nie hinterging, der läßt den unbestimmbaren Zufall so ziemlich unbeachtet. Was ich am Trasimenus, was ich bei Cannä war, das bist du heute. 625 Kaum zum Soldaten alt genug und schon mit der Feldherrnwürde bekleidet, unternahmst du Alles mit höchster Kühnheit; und nirgends täuschte dich das Glück. Du zogest hin, den Tod deines Vaters und Oheims zu rächen; erntetest so vom Trauerfalle deines Stammes einen ausgezeichneten Ruhm der Tapferkeit und musterhafter kindlicher Liebe; und gewannest beide verlorne Spanien wieder, wo du vier Punische Heere vertrieben hattest. Du wurdest Consul; und da die Übrigen nicht Muth hatten, Italien zu behaupten, rissest du mich durch deinen Übergang nach Africa, wo du zwei Heere zusammenhiebst; in Einer Stunde zwei Lager zugleich erobertest und verbranntest; den Syphax, diesen mächtigen König, gefangen nahmst; so manche ihm, so manche uns gehörige Stadt erobertest; aus dem Besitze Italiens, so fest ich ihn seit sechzehn Jahren gehalten hatte. So kann dir, ich wiederhole es, der Sieg wünschenswerther sein, als der Friede. Ich kenne ihn, diesen mehr hohen, als gedeihlichen, Sinn: auch mir lächelte einst ein solches Glück. Gäben uns die Götter im Glücke auch die rechte Sinnesart, so würden wir nicht das bloß erwägen, was sich begeben hat, sondern auch, was sich begeben kann. Wenn du dich an keinen Andern erinnertest, so bin ich selbst für jeden Glückswechsel dir Beispiels genug. Derselbe Mann, den ihr sein Lager zwischen dem Anio und eurem Rom nehmen und mit seinen Fahnen auf Roms Mauern anrücken sahet, siehe, ich stehe vor dir, zweier tapfrer Helden, die meine Brüder und berühmte Feldherren waren, beraubt, und bitte dich an den Mauern meiner beinahe eingeschlossenen Vaterstadt, diese meine Vaterstadt mit dem zu verschonen, womit ich die eurige bedrohet habe. Dem größten Glücke muß man immer am wenigsten trauen. In deiner günstigern Lage, in unserer bedenklichern, ist der Friede für dich, den Geber, glorreich und glänzend; für uns, die wir ihn suchen, ist er mehr nothwendig, als ehrenvoll. Erfreulicher und sicherer ist ein gewisser Friede, als ein noch gehoffter Sieg. Jener steht in deiner, dieser in der Götter Hand. Setze 626 nicht das Glück so vieler Jahre auf den Ausschlag einer einzigen Stunde. Nimm allerdings Rücksicht auf deine Stärke, aber auch auf den Einfluß des Glücks und das bald den einen, bald den andern Theil begünstigende Schicksal einer Schlacht. Nirgend trifft der Erfolg weniger zu, als im Kriege. Du kannst dem Ruhme, den du jetzt durch Ertheilung des Friedens haben kannst, wenn du die Schlacht gewinnst, nicht so viel Zuwachs geben, als du einbüßen wirst, wenn sie dir mislingen sollte. Die erworbenen und die gehofften Siegeszeichen zugleich kann das Schicksal einer einzigen Stunde vernichten. Bei einem abzuschließenden Frieden, Publius Cornelius, hängt Alles von dir ab: im entgegengesetzten Falle mußt du mit dem Schicksale vorlieb nehmen, das dir die Götter zumessen. Hier, in unserm Welttheile, würde vormals Marcus Atilius als eines der seltenern Beispiele des Glücks und der Tapferkeit geglänzt haben, wenn er als Sieger unsern Vätern den Frieden auf ihre Bitte bewilligt hätte. Darüber, daß er seinen Fortschritten nicht endlich ein Ziel setzte, sein sich überhebendes Glück nie beschränkte, stürzte er so viel schimpflicher zusammen, je höher er gestiegen war.» «Freilich hat der, der den Frieden ertheilt, nicht der, der ihn sucht, die Bedingungen anzugeben; vielleicht aber sind wir nicht unwürdig, unsre Strafe uns selbst aufzuerlegen. Wir weigern uns nicht, euch Alles zu überlassen, worüber der Krieg entstand; Sicilien, Sardinien, Spanien und alle in dem ganzen Meere zwischen Africa und Italien belegenen Inseln. Wir Carthager wollen, auf Africa's Ufer beschränkt, weil es so der Götter Wille war, zusehen, wie ihr zu Wasser und zu Lande auswärtiger Staten Beherrscher seid. Ich will es nicht leugnen, die Punische Treue kann euch des neulich nicht gar zu gewissenhaft erbetenen oder abgewarteten Friedens wegen verdächtig sein. Allein Scipio, für den redlichen Willen, den Frieden festzustellen, kommt viel darauf an, durch wen er gesucht wird. Haben doch eure Väter, wie ich höre, gewissermaßen den Frieden auch darum 627 versagt, weil die Gesandschaft nicht Würde genug hatte. Ich selbst, Hannibal, bitte um Frieden. Ich würde nicht darum bitten, wenn ich ihn nicht für wohlthätig hielte, und eben dieses Wohlthätigen wegen, das mich bewog, ihn zu suchen, werde ich ihm auch die Gültigkeit geben. Und so wie ich, weil ich doch den Krieg eröffnet habe, es zu bewirken wußte, daß niemand mit ihm unzufrieden war, bis die Götter selbst unsre Neider wurden; so werde ich auch dahin zu wirken suchen, daß niemand mit dem durch mich gestifteten Frieden unzufrieden sein soll.» 31. Hierauf antwortete der Römische Feldherr ungefähr so: «Es ist mir nicht entgangen, Hannibal, daß bloß die Hoffnung auf deine Ankunft die Carthager bewog, sowohl die ausdrückliche Zusage des Waffenstillstandes, als die Hoffnung des Friedens umzustoßen. Und du selbst bist wahrlich nicht Willens, dies abzuleugnen, da du von den vorigen Friedensbedingungen Alles wieder zurücknimmst, außer was schon längst in unsrer Gewalt ist. Allein so wie du dir es zur Angelegenheit machst, deine Mitbürger fühlen zu lassen, welch einer großen Last sie durch dich entledigt werden, so habe auch ich dahin zu arbeiten, daß sie nicht etwa von solchen Punkten, zu denen sie sich damals verstanden, wenn ich sie diese heute aus den Friedensbedingungen zurücknehmen ließe, eine Belohnung ihrer Treulosigkeit ernten. Unwerth, daß man euch die vorigen Bedingungen offen läßt, macht ihr eure Forderungen so, daß ihr sogar von eurer Unredlichkeit Vortheil haben wollt. Weder unsre Väter haben über Sicilien, noch wir über Spanien Krieg angefangen. Damals geboten uns bei der Gefahr unsrer Bundsgenossen, der Mamertiner, und diesmal bei der Zerstörung Sagunts, Treue und Pflicht, die Waffen zu ergreifen. Daß ihr selbst die Angreifenden gewesen seid, gestehst du nicht allein selbst, sondern dessen sind auch die Götter Zeugen, die den Ausgang jenes Krieges so geleitet haben, und den des jetzigen schon so leiten und noch leiten werden, wie menschliche und göttliche Rechte es fodern.» 628 «Was mich anbetrifft, so bin ich der menschlichen Unsicherheit nicht uneingedenk, beherzige den Einfluß des Schicksals allerdings, und weiß, daß Alles, was wir unternehmen, tausend Zufällen unterworfen ist. So wie ich mich indeß eines übermüthigen und gewaltthätigen Verfahrens schuldig bekennen würde, wenn ich jetzt dich abweisen wollte, falls du vor meinem Übergange nach Africa Italien freiwillig geräumt, und nach Einschiffung deines Heers von selbst dich eingefunden hättest, auf einen Frieden anzutragen; so bin ich dir jetzt; da ich beinahe habe Hand an dich legen müssen, um dich bei allem deinen Sperren und Ausweichen nach Africa herzuziehen, zu keiner Verbindlichkeit verpflichtet. Wenn ihr außer jenen Bedingungen, auf welche dem Anscheine nach der Friede damals zu Stande gekommen sein würde – du kennst sie – noch für die während des Waffenstillstandes mit ihren Ladungen aufgebrachten Schiffe und für die Beleidigung unsrer Gesandten eine Geldstrafe zahlt, so läßt sich die Sache vor einen Kriegsrath bringen. Scheinen euch aber jene Bedingungen schon zu hart, nun so macht euch fertig zum Kampfe, weil ihr euch in den Frieden nicht habt finden können.» Als sie ohne Frieden geschlossen zu haben, nach der Unterredung zu den Ihrigen zurückkamen, zeigten sie ihnen an, «Es sei bei vergeblichen Worten geblieben. Das Schwert müsse entscheiden, und man habe sich an das Schicksal zu halten, das die Götter bescheiden würden.» 32. Als sie in ihrem Lager ankamen, kündigten Beide ihren Truppen an: «Sie möchten sich mit Waffen und Muth zum letzten Kampfe rüsten, nicht, um auf Einen Tag, sondern, wenn das Glück ihnen beistände, auf immer Sieger zu werden. Ob Rom oder Carthago den Völkern Gesetze geben solle, würden sie vor der morgenden Nacht erfahren. Denn nicht etwa Africa oder Italien, sondern der Erdkreis werde der Preis des Sieges sein, aber auch diesem Preise angemessen die Gefahr derer, für welche die Schlacht unglücklich abliefe.» Und wirklich war auch den Römern in einem fremden 629 unbekannten Lande jeder Weg zum Entfliehen geschlossen; und eben so sah Carthago, wenn es seine letzte Kraft verbraucht hatte, offenbar der nahen Zerstörung entgegen. Zu einer solchen Entscheidung traten am folgenden Tage die beiden berühmtesten Feldherren zweier so mächtiger Staten und die beiden tapfersten Heere auf, um ihren vielfachen früher erworbenen Ruhm an diesem Tage entweder zu erhöhen oder zu vernichten. So hielt denn die Gemüther ein Gemisch von eben so unsichern Hoffnungen als Besorgnissen in Unruhe; und wenn sie bald auf ihre eigne, bald auf die feindliche Linie hinblickten, – beurtheilten sie gleich die Kräfte mehr mit den Augen als nach Vernunftgründen: – so schwebten ihnen zugleich erfreuliche und niederschlagende Bemerkungen vor. Was ihnen von selbst nicht beifiel, riefen ihnen die Feldherren als Erinnerer, als Ermunterer, ins Gedächtniß. Hannibal nannte ihnen die seit sechzehn Jahren auf Italischem Boden erfochtenen Siege her, die vielen erschlagenen Römischen Feldherren und Römischen Heere, und so wie er an Krieger kam, die sich in irgend einer Schlacht eine Auszeichnung ihres Namens erworben hatten, jedem Einzelnen seine Ehrenthat. Scipio erinnerte die Römer an beide Spanien, an die neulichen Schlachten in Africa, an das eigne Geständniß der Feinde, insofern sie aus Furcht hätten um Frieden bitten müssen und ihn doch aus angeborner Treulosigkeit nicht hätten halten können. Außerdem legte er seiner Unterredung mit Hannibal, da sie ohne Zeugen gewesen war und ihm zu jeder Angabe freien Spielraum ließ, einen Inhalt unter, wie er selbst wollte. Er verkündigte ihnen, bei ihrem Ausrücken zur Schlacht hätten ihnen die Götter dieselbe Leitung zugesagt, unter welcher einst ihre Väter bei den Ägatischen Inseln gefochten hätten. «Das Ende des Krieges und der Anstrengung sei da: sie hätten die Beute Carthago's, die Heimkehr ins Vaterland, zu ihren Ältern, Kindern, Gattinnen und Hausgöttern schon in Händen.» Dies sprach er mit der seinem Äußern eignen Erhabenheit und einer so frohen Miene, daß man hätte glauben sollen, er habe schon gesiegt. Dann stellte er das 630 erste Glied voran, hinter dieses das zweite, und schloß mit dem dritten sein Hintertreffen. 33. Er ließ aber seine Cohorten nicht in dichtem Schlusse vor ihren Fahnen auftreten, sondern gab den Rotten einige Entfernung von einander, um einen Raum zu gewinnen, in welchen man die feindlichen Elephanten ohne Störung für die Glieder einlassen könne. Dem Lälius, den er vorher als Legaten, in diesem Jahre aber einem Senatsschlusse zufolge als außerordentlichen Quästor zum Beistande hatte, stellte er mit der Italischen Reuterei am linken, den Masinissa und die Numider am rechten Flügel auf. Die Lücken zwischen den Rotten der beiden ersten Glieder füllte er mit den Abspringern, den damaligen leichten Truppen, die den Befehl hatten, beim Ansturze der Elephanten sich entweder hinter die gerade Linie zu retten, oder rechts und links aus einander sprengend sich an die beiden ersten Glieder anzuschließen, um den Thieren den Weg offen zu lassen, auf dem sie in die von beiden Seiten ihnen entgegen gestreckten Lanzen rennen müßten. Hannibal pflanzte zum ersten Schrecken die Elephanten an die Spitze: er hatte deren achtzig, mehr als in irgend einer Schlacht vorher; dann die Hülfstruppen von den Liguriern und Galliern, an die sich die Balearen und Mauren schlossen; in das zweite Treffen die Carthager, Africaner und die Macedonische Legion; in einem mäßigen Zwischenraume hinter diesen als Rückhalt eine Linie von Italiern; diese waren meistentheils Bruttier, deren mehrere aus Zwang und Noth, als aus Neigung, ihm bei seinem Abzuge aus Italien gefolgt waren. Die Reuterei schloß er ebenfalls an die Flügel; den rechten besetzten die Carthager, den linken Numider. Bei einem Heere von so vielerlei Menschen, an Sprache, an Sitten, Gesetzen, Waffen, Tracht .und Haltung so verschieden, wie an Beweggründen zum Kriegsdienste, gab es auch der Ermunterungen mancherlei. Die Hülfsvölker spornte die Hoffnung augenblicklicher Zahlung und der durch die Beute vervielfachte Sold. Die Gallier entflammte man durch ihren alten, gegen die Römer ihnen eignen Haß. Die 631 Ligurier vertröstete man in Hoffnung des Sieges auf die reichen Fluren Italiens, auf welche sie von ihren rauhen Gebirgen herabgeführt würden. Die Mauren und Numider schreckte er mit der bevorstehenden tyrannischen Regierung eines Masinissa. Bei den Einen wurde diese, bei Andern eine andre Hoffnung oder Besorgniß geweckt. Die Carthager wurden auf die Mauern ihrer Vaterstadt hingewiesen, auf ihre Hausgötter, auf die Grabmale ihrer Vorfahren, auf ihre Kinder, Ältern und bebenden Gattinnen, und daß sie entweder Zerstörung und Knechtschaft, oder Weltherrschaft, aber auch nichts in der Mitte Liegendes zu fürchten oder zu hoffen hätten. Noch unterhielt seine Carthager ihr Feldherr, und von den Anführern der übrigen Völker jeder seine Landsleute mit diesen Vorstellungen, die meisten freilich ihre mit Fremden gemischten Haufen durch Dolmetscher, als die Römer Trompeten und Hörner erschallen ließen und ein so fürchterliches Geschrei erhoben, daß sich die Elephanten, vorzüglich auf dem linken Flügel, gegen ihr eignes Heer, auf die Mauren und Numider, zurückwarfen. Hier brachte Masinissa leicht die Bestürzten völlig in Verwirrung und durch ihn war für die feindliche Linie die Reuterei auf diesem Flügel verloren. Gleichwohl richteten einige Elephanten, die, ohne scheu zu werden, in den Feind getrieben wurden, unter den Reihen der Leichtbewaffneten eine gewaltige Niederlage an, so viele Wunden sie selbst dabei bekamen. Denn da die auf ihre Rotten zurückflüchtenden Leichtbewaffneten, um nicht zertreten zu werden, den Elephanten den Weg offen ließen, so schossen sie nun von hier und von dort auf die dem Schusse zu beiden Seiten ausgesetzten Thiere ihre Lanzen ab, und die beiden Vorderlinien ließen es eben so wenig an Wurfspießen fehlen; bis die Elephanten endlich, durch die von allen Seiten auf sie zusammenstürzenden Geschosse aus der Römischen Linie gejagt wurden, und nun auch auf ihrem eignen rechten Flügel die Carthagische Reuterei zur Flucht zwangen. Lälius, so wie er hier die Feinde in Unordnung sah, brachte die Bestürzten vollends in Verwirrung. 632 34. Schon war die Punische Linie auf beiden Flügeln ohne Reuterei; da erst kam ihr Fußvolk zum Gefechte, dem Feinde an Vertrauen und Stärke nun nicht mehr gleich. Hierzu kam ein Umstand, für den Geschichtschreiber geringfügig, aber von eben so großer Wirkung im Augenblicke der Schlacht. Das Geschrei der Römer war einstimmig, und darum so viel stärker und fürchterlicher; gegenüber stimmten bei so vielerlei Völkern von ungleich klingenden Sprachen die Töne nicht zusammen. Das Gefecht der Römer, die mit Körper- und Waffengewichte sich auf den Feind einsenkten, war feststehend: auf jener Seite war mehr ein Ansprung, mehr Behendigkeit, als Kraft. Also schoben die Römer gleich im ersten Angriffe die Linie der Feinde vom Platze. Als sie jetzt gegen die durch Stöße mit Arm und Schild Weggedrückten sich in Schritt setzten, rückten sie., als hätten sie niemand gegen sich, eine ziemliche Strecke vor: auch drängten die letzten Glieder, sobald sie das Fortrücken der Linie bemerkten, den vordersten nach, und gerade dies war das wirksamste Mittel, den Feind zu werfen. Bei den Feinden hingegen waren die Africaner und Carthager so weit davon entfernt, als zweite Linie ihre weichenden Hülfsvölker aufzuhalten, daß sie sich sogar selbst zurückzogen, damit der Feind durch das Einhauen auf die hartnäckig Stand haltenden Vorderen nicht auch an sie gelangen möchte. Also kehrten ihre Hülfsvölker auf einmal dem Feinde den Rücken, und gegen die Ihrigen gewandt flohen sie theils in die zweite Linie, theils hieben sie diejenigen, welche sie nicht einlassen wollten, nieder; wurden sie doch von ihnen vorhin nicht unterstützt, und jetzt ausgeschlossen. Hier bekam die Schlacht beinahe eine zwiefache Mischung, weil sich die Carthager genöthigt sahen, zugleich mit den Feinden und mit den Ihrigen zu fechten. Und dennoch nahmen sie diese Bestürzten und Ergrimmten nicht in ihre Linie auf; sondern vermittelst ihres Gliederschlusses drängten sie jene aus dem Gefechte auf die Flügel und in das umliegende freie Feld hinaus, um nicht in ihrer festen, frisch auftretenden Linie ein Gemisch von Leuten zu 633 haben, welche durch Flucht und Wunden verschüchtert waren. Übrigens hatten den Platz, auf welchem diese Hülfsvölker kurz zuvor gestanden hatten, so viele hingestreckte Leichen und Waffen bedeckt, daß es beinahe schwerer ward, hier durchzukommen, als vorher durch die dichtgedrängten Feinde. Folglich geriethen in der voranschreitenden ersten Linie, wo jeder Römer, so gut er konnte, über Haufen von Körpern und Waffen und durch zu Koth vertretenes Blut den Feind verfolgte, die Fahnen und Reihen in Unordnung; auch ihr zweites Treffen verlor die Richtung, weil es die Linie vor sich ohne Haltung sah. Als Scipio dies gewahr wurde, ließ er dem ersten Treffen sogleich das Zeichen zum Rückzuge geben, dann die Verwundeten hinter die letzte Linie bringen, und führte das zweite und dritte Treffen als Flügel auf, um so dem in die Mitte genommenen ersten so viel mehr Schutz und Stärke zu geben. So begann die Schlacht von neuem wieder: denn nun erst trafen die Römer auf die eigentlichen Feinde, die an Waffen, an Kriegserfahrenheit, an Thatenruf, wie in Rücksicht der Wichtigkeit dessen, was sie zu hoffen oder zu fürchten hatten, ihnen gleich kamen. Doch an Zahl sowohl als an Muth war das Übergewicht auf Seiten der Römer, weil sie schon die Reuterei, schon die Elephanten geschlagen hatten, schon nach Besiegung der ersten Linie gegen die zweite fochten. 35. Da fielen Lälius und Masinissa, die der geschlagenen Reuterei auf eine ziemliche Weite nachgeeilt waren, bei ihrer Rückkehr zur rechten Zeit der feindlichen Linie in den Rücken: und dieser Angriff der Reuterei warf endlich den Feind. Viele wurden im Treffen umringt und niedergehauen: Viele, die die Flucht auf das offene Feld umher aus einander warf, auf dem sich die Reuterei überall verbreitete, fanden ihren Tod in der Zerstreuung. Von den Carthagern und ihren Verbündeten blieben an diesem Tage über zwanzigtausend: fast eben so viele kamen mit hundert und dreiunddreißig Fahnen und elf Elephanten in die Gefangenschaft. Der Sieger fielen an zweitausend. Hannibal, der in dem Getümmel nur mit wenigen 634 Reutern entkam, floh nach Adrumetum, nachdem er sowohl vor dem Treffen, als während der Schlacht Omnia et]. – Nach der von Drakenb. berichtigten Verbesserung Dukers lese ich: omnia et ante aciem, et in praelio, priusquam excederet pugna, expertus. , ehe er das Gefecht verließ, alles Mögliche versucht, und selbst nach Scipio's und aller Kriegskundigen Geständnisse sich den Ruhm erworben hatte, daß er seine Linie an diesem Tage mit seltener Kunst geordnet habe. Die Elephanten nämlich vorn an die Spitze, damit durch deren regellosen Ansturz und ihre unwiderstehliche Gewalt die Römer gehindert würden, den Fahnen zu folgen und Glied zu halten, worauf sie gerade ihre meiste Hoffnung setzten. Dann die Hülfsvölker vor der Carthagischen Linie, damit diese aus einem Zusammenflusse aller Völker gemischten Truppen, die nur der Sold, nicht eigne Treue bei der Fahne hielt, nicht nach Willkür die Flucht nehmen könnten: zugleich sollten sie den ersten hitzigsten Angriff der Feinde als Ableiter brechen, und, wenn auch weiter nichts, den feindlichen Stahl durch ihre Wunden stumpfen. Hinter diesen dann diejenigen Truppen, auf denen die ganze Hoffnung beruhete, die Carthager und Africaner, so daß diese, in jeder andern Hinsicht dem Feinde gleich, schon dadurch das Übergewicht bekommen müßten, daß sie als frische Truppen nur mit Ermüdeten und Verwundeten zu fechten hätten. Und endlich die Italier, die er eben so gut für Feinde als für Bundesgenossen nehmen konnte, sogar durch einen Zwischenraum geschieden, als die in die hinterste Linie Zurückgesetzten. Als Hannibal, der hier gleichsam die letzte Probe von seinem Feldherrnwerthe ablegte, nach Adrumetum geflohen war, und von dort nach Carthago berufen, nach einer Abwesenheit von sechs und dreißig Jahren, seitdem er es als Knabe verlassen hatte, zurückkam, so gestand er dem Senate, er sei nicht bloß für diese Schlacht, sondern für den ganzen Krieg der Besiegte, und es lasse sich keine andre Rettung hoffen, als ein auszumittelnder Friede. 36. Scipio, der gleich nach der Schlacht das feindliche Lager eroberte und plünderte, ging auf die eingelaufene Nachricht, daß Publius Lentulus mit funfzig Kriegs- 635 und hundert Ladungsschiffen mit Zufuhr aller Art zu Utica eingetroffen sei, an das Meer und zu seinen Schiffen zurück. Da er also glaubte, das bestürzte Carthago von allen Seiten bedrohen zu müssen, so hieß er den Cneus Octavius – denn den Lälius schickte er mit der Siegsnachricht nach Rom – mit den Legionen zu Lande gegen Carthago gehen; er selbst richtete, nach Vereinigung der neuen Flotte des Lentulus mit seiner alten, von Utica ab seine Fahrt auf den Hafen von Carthago. Er war nicht weit mehr entfernt, als ihm ein mit Bändern und Ölzweigen umhangenes Schiff von Carthago entgegenkam. Es führte zehn Gesandte, die Ersten des Stats, die man auf Hannibals Betrieb abgeschickt hatte, um Frieden zu bitten. Als sie an das Hintertheil des Hauptschiffes kamen, hielten sie nach Art demüthig Flehender die umwundenen Zweige empor, und baten und fleheten um Scipio's Schutz und Erbarmen; doch gab er ihnen keinen andern Bescheid, als, sie möchten nach Tunes kommen, wohin er mit seinem Lager vorrücken werde. Nachdem er die Lage von Carthago, nicht sowohl um für jetzt von dieser Runde Gebrauch zu machen, als um die Feinde völlig niederzuschlagen, in Augenschein genommen hatte, ging er wieder nach Utica, wohin er auch den Octavius zurückrief. Als sie von hier nach Tunes aufbrachen, lief die Nachricht ein, Vermina, des Syphax Sohn, komme, stärker an Reuterei als Fußvolk, den Carthagern zu Hülfe. Nur ein Theil des Heers, der mit der ganzen Reuterei gerade am ersten Tage der Saturnalien die Numider angriff, schlug sie nach leichtem Kampfe, und da ihnen, weil die Reuterei sie auf allen Seiten umgab, auch der Ausweg zur Flucht abgeschnitten wurde, so blieben ihrer funfzehntausend; tausend zweihundert wurden gefangen genommen; tausend fünfhundert Numidische Pferde und zweiundsiebzig Fahnen erbeutet. Der Prinz selbst entkam im Getümmel nur mit Wenigen. Darauf nahm Scipio bei Tunes sein Lager an der vorigen Stelle und hier fanden sich dreißig Gesandte von Carthago ein. Freilich thaten sie jetzt, je dringender 636 ihre Noth war, weit kläglicher, als das erstemal, wurden aber, weil ihre Treulosigkeit noch in frischem Andenken war, mit weit geringerm Mitleiden angehört. Im Kriegsrathe selbst waren Alle, so gerecht auch die Erbitterung war, welche die sämtlichen Mitglieder zur Zerstörung Carthago's aufforderte, dennoch für den Frieden gestimmt; theils weil sie bedachten, was für eine schwere und langwierige Unternehmung es sein werde, eine so feste und mächtige Stadt zu belagern, theils weil den Scipio der Gedanke an einen zu erwartenden Nachfolger beunruhigte, der sich zu dem durch die Anstrengungen und Gefahren eines Andern ihm erworbenen Ruhme, den Krieg beendigt zu haben, nur einzufinden brauche. 37. Nachdem er Tags darauf die Gesandten wieder vorgefordert und ihnen unter einem scharfen Verweise ihrer Treulosigkeit ans Herz gelegt hatte, doch nun durch so viele Niederlagen belehrt nicht länger Götter und Eide für Nichts zu halten, gab er ihnen folgende Friedensbedingungen. «Sie sollten frei nach eigenen Gesetzen leben. Ihre Städte und Länder sollten sie nach den Gränzen, die sie vor dem Kriege gehabt, behalten; und das Römische Heer sollte mit dem heutigen Tage alle Plünderung einstellen. Alle Überläufer, flüchtigen Sklaven und Gefangenen sollten sie den Römern zurückgeben: ihre Kriegsschiffe sollten sie bis auf zehn Dreiruderer, die zahmen Elephanten, so viele sie hätten, ausliefern und keine wieder zähmen; so wenig in als außerhalb Africa ohne Erlaubniß der Römer Krieg führen; dem Masinissa das Seinige erstatten und Frieden mit ihm schließen; bis die Gesandten von Rom wiederkämen, Getreide liefern und den Sold für die Hülfstruppen; zehntausend Silbertalente zahlen, auf funfzig Jahre in gleiche Summen vertheilt Decem milia talentorum]. – Wenn wir das Talent zu 1000 Rthlr. annehmen, so wäre die ganze Summe zehn Millionen Rthlr. Also hatten sie in fünf Jahren eine Million, oder jährlich 500,000 Rthlr. abzuzahlen. Crevier nimmt hier das Talent zu 1200 Rthlr. an. Dies gäbe die Summe von zwölf Millionen Thlr. ; hundert und . . . . Centum]. – Daß hier die Abschreiber eine Zahl ausgelassen haben, ergiebt sich aus XXXII. 2. Geisel 637 stellen, wie Scipio sie wählen würde, nicht jünger als vierzehn, nicht älter als dreißig Jahre. Waffenstillstand werde er ihnen nur dann bewilligen; wenn sie die während des vorigen Waffenstillstandes weggenommenen Frachtschiffe und Alles, was darauf gewesen sei, herausgäben; widrigenfalls sei so wenig an Waffenstillstand, als an Frieden zu denken.» Diese Bedingungen mußten die Gesandten mit nach Hause nehmen. Als sie diese der Volksversammlung vorlegten, und die eben so unkriegerische als unruhige Menge dem Gisgo, welcher auftrat, um den Frieden zu widerrathen, Gehör gab, ergriff Hannibal voll Unwillen, daß man unter diesen Umständen dergleichen vorbringe und anhöre, den Gisgo und zog ihn mit eigner Hand von der Rednerbühne herab. Da das Volk über diesen einem freien State ungewohnten Auftritt laut wurde, sprach Hannibal, der durch diese Äußerung städtischer Freiheit als Krieger in Verlegenheit gerieth: «Nach sechsunddreißig Jahren bin ich, der als neunjähriger Knabe von euch schied, zurückgekommen. Die Regeln des Krieges, über die mich von Kindheit an theils meine eigne Lage, theils die des States belehrte, soll ich so ziemlich inne haben. Allein über die Rechte der Stadt und des Gerichts, über Gesetze und Gebräuche bedarf ich eurer Belehrung.» Nach Entschuldigung seiner Unkunde setzte er ihnen weitläufig aus einander, wie dieser Friede gar nicht unbillig und wie nöthig er sei. Die größte Schwierigkeit machte der Umstand, daß von den während des Waffenstillstandes genommenen Schiffen sich nichts weiter vorfand, als die Schiffe selbst; und die Untersuchung war mißlich, weil diejenigen, die man hätte in Anspruch nehmen können, eben deswegen den Frieden zu hintertreiben suchten. Man beschloß, die Schiffe zurückzugeben und vor allen Dingen die Menschen aufsuchen zu lassen, für das übrige Fehlende dem Scipio die Angabe des Werths anheimzustellen, so daß Carthago den Ersatz in barem Gelde zu leisten habe. Nach einigen Schriftstellern ging Hannibal vom Schlachtfelde an das Meer und fuhr sogleich auf einem 638 bereit gehaltenen Schiffe zum Könige Antiochus; und Scipio bekam auf die erste seiner Forderungen, ihm den Hannibal auszuliefern, zur Antwort: Hannibal sei nicht mehr in Africa . 38. Als die Gesandten zum Scipio zurückkamen, mußten die Schatzmeister das Statseigenthum, das auf den Schiffen gewesen war, in Abschrift aus den Statsrechnungen, und die Privateigenthümer das Ihrige angeben; der ganze Betrag wurde gleich bar mit fünfundzwanzigtausend Ungefähr 781,248 Gulden Conv. M. Pfund Silbers bezahlt; und nun den Carthagern auf drei Monate Waffenstillstand bewilligt. Mit diesem wurde die Bedingung verbunden, daß sie in der Zeit des Waffenstillstandes nirgendwo Gesandte hinschicken sollten, außer nach Rom, und alle Gesandten, die nach Carthago kämen, nicht eher entließen, bis sie dem Römischen Feldherrn angezeigt hätten, woher sie kämen und was sie suchten. Den Carthagischen Gesandten nach Rom wurde Lucius Veturius Philo mitgegeben und Marcus Marcius Ralla und Lucius Scipio, des Feldherrn Bruder. In diesen Tagen bewirkten die Zufuhren aus Sicilien und Sardinien einen so wohlfeilen Marktpreis, daß der Kaufmann den Schiffern das Getreide statt des Frachtlohns überließ. Zu Rom war man auf die erste Nachricht vom Wiederausbruche des Krieges bei Carthago in Unruhe gerathen, und Tiberius Claudius hatte Befehl bekommen, seine Flotte zeitig nach Sicilien zu führen, und von da nach Africa überzusetzen: ja der andre Consul, Marcus Servilius, mußte in der Stadt verweilen, bis man wüßte, wie die Sachen in Africa ständen. Allein Consul Tiberius Claudius hatte die ganze Ausrüstung und das Auslaufen der Flotte langsam genug betrieben, weil durch den Schluß der Väter die Festsetzung der Friedensbedingungen dem Scipio und nicht dem Consul überlassen war. Auch die Schreckzeichen, welche ungefähr mit dem Gerüchte von der Erneurung der Feindseligkeiten zugleich gemeldet 639 wurden, hatten Bestürzung verbreitet. Zu Cumä hatte man die Sonnenscheibe sich verkleinern sehen; auch war ein Steinregen gefallen. Im Gebiete von Veliträ war der Erdboden in ungeheure Höhlen eingesunken und Bäume waren vom Abgrunde verschlungen. Zu Aricia waren der Marktplatz und die Buden umher, zu Frusino die Mauer an mehreren Stellen, auch ein Thor, vom Blitze getroffen; und auf dem Palatium hatte es Steine geregnet. Dies Schreckzeichen wurde nach väterlicher Sitte durch eine neuntägige Opferfeier, die übrigen durch Opferung großer Thiere abgewandt. Auch die während dieser Ereignisse eingetretene ungewöhnliche Höhe des Wassers zog man auf Ungnade der Götter. Denn die Tiber trat so gewaltig aus, daß man schon, weil die Rennbahn überschwemmt war, die Feier der Apollinarischen Spiele vor dem Collinischen Thore bei dem Tempel der Venus Erycina veranstaltete. Allein am Tage der Spiele selbst, bei überraschender Aufheiterung des Himmels, ließ man den Feierzug, der sich schon bei dem Collinischen Thore in Gang setzte, auf die Nachricht, daß sich das Wasser auf der Rennbahn verlaufen habe, umrufen und dorthin vor sich gehen: und der dem gewöhnlichen Schauspiele wiedergegebene eigenthümliche Platz erhöhete die Freude des Volks und die Feierlichkeit der Spiele. 39. Den Consul Claudius, der endlich von der Stadt absegelte, brachte ein schrecklicher Sturm, der ihn zwischen den Hafen von Cosa und Cäre Lauretanumque]. – Ich lese Caeretanumque. L und C werden von den Abschreibern so oft vertauscht. Caere ist zwar keine Hafenstadt, allein Pyrgi wird, selbst auf den Karten, Navale Caeretanorum genannt. überfiel, in große Noth. Als er endlich Populonii erreicht und hier so lange gestanden hatte, ging er nach der Insel Ilva und von Ilva nach Corsica über, von Corsica nach Sardinien. Hier fuhr er eben um das Rasende Gebirge herum, als ein weit heftigerer Sturm, der ihn noch dazu in einer gefährlicheren Gegend traf, die Flotte zerstreute. Viele Schiffe wurden leck und verloren ihr Takelwerk; einige wurden ganz zertrümmert. So kam die Flotte übel 640 zugerichtet und zerschlagen nach Carales. Während hier die aufs Land gebrachten Schiffe ausgebessert wurden, überfiel ihn der Winter; das Jahr war abgelaufen, und Claudius brachte die Flotte, da ihm niemand den Oberbefehl verlängerte, als Privatmann nach Rom zurück. Marcus Servilius . ging erst dann in seine Provinz ab, nachdem er, um nicht des Wahltages wegen nach der Stadt zurückgerufen zu werden, einen Dictator, den Cajus Servilius Geminus, ernannt hatte. Der Dictator wählte den Publius Älius Pätus zum Magister Equitum. Die mehrmals angesagten Wahlversammlungen wurden durch Gewitter unterbrochen. Da also am vierzehnten März die bisherigen Obrigkeiten abgegangen und an ihre Stelle noch keine neue gewählt waren, so war der Stat ohne curulische Obrigkeit. In diesem Jahre starb der Oberpriester Titus Manlius Torquatus: an seine Stelle kam Cajus Sulpicius Galba. Von den Curulädilen Lucius Licinius Lucullus und Quintus Fulvius wurden die Römischen Spiele dreimal ganz gegeben. Durch einen Angeber erfuhr man, daß die Schreiber und Amtsdiener der Ädilen heimlich aus der Schatzkammer Geld weggeholt hatten, und sie wurden, nicht ohne üble Nachrede für den Ädil Lucullus, zur Strafe gezogen. Die Bürgerädilen Publius Älius Tubero und Lucius Lätorius, bei deren Wahl ein Fehler vorgefallen war, legten ihr Amt nieder, nachdem sie schon die Spiele und den mit den Spielen verbundenen Ehrenschmaus Jupiters angestellt und von den Strafgeldern drei silberne Statüen im Capitole aufgestellt hatten. Vermöge eines Senatsschlusses feierten der Dictator und Magister Equitum Spiele zur Ehre der Ceres . 40. Als aus Africa die Römischen und Carthagischen Gesandten zugleich nach Rom kamen, so wurde im Tempel der Bellona Senat gehalten. Hier erzählte Lucius Veturius Philo zu großer Freude der Väter, daß man dem Hannibal eine Schlacht, und zwar für die Carthager die letzte, geliefert habe und daß endlich dem traurigen Kriege ein Ziel gesetzt sei. Er fügte hinzu, als eine kleine Zugabe zu jenen glücklichen Thaten könne 641 man auch einen über den Vermina, des Syphax Sohn, erfochtenen Sieg ansehen. Nun mußte er in der Versammlung auftreten und die Freude auch dem Volke mittheilen. Da wurden unter allgemeiner Freudensbezeigung alle Tempel in der Stadt geöffnet und auf drei Tage feierliche Dankgebete angesagt. Den Gesandten der Carthager und des Königs Philipp – denn auch diese waren gekommen – mußte auf ihre Bitte, im Senate vorgelassen zu werden, der Dictator auf Befehl der Väter antworten, die neuen Consuln würden sie dem Senate vorstellen. Nun wurde der Wahltag gehalten. Cneus Cornelius Lentulus und Publius Älius Pätus wurden zu Consuln gewählt; von den Prätoren bestimmte das Los dem Marcus Junius Pennus die Gerichtspflege in der Stadt, dem Marcus Valerius Falto die Bruttier, dem Marcus Fabius Buteo Sardinien, dem Publius Älius Tubero Sicilien. Über die Geschäftsplätze der Consuln beschloß man vorher nichts auszumachen, bis man die Gesandten Königs Philipp und der Carthager gehört habe. Man sah schon vorher, daß das Ende des einen Krieges der Anfang des andern sein werde. Der Consul Cneus Lentulus brannte vor Begierde, Africa zu seinem Standorte zu erhalten; denn er versprach sich dort, wenn der Krieg fortdauerte, einen leichten Sieg; oder wenn er dann aufhörte, die Ehre, daß er als Consul einen so wichtigen Krieg geendet habe. Also erklärte er, er werde keine Verhandlung gestatten, bevor nicht ihm Africa zuerkannt sei; denn sein Amtsgenoß trat zurück, als ein gemäßigter und kluger Mann, der es begriff, daß der Kampf um diese Ehre mit einem Scipio, die Unbilligkeit abgerechnet, auch sehr ungleiche Parteien haben möchte. Da sprachen die beiden Bürgertribunen Quintus Minucius Thermus und Marcus Acilius Glabrio: « Cneus Cornelius mache denselben Versuch, den schon im vorigen Jahre Consul Tiberius Claudius vergebens gemacht habe. Vermöge eines Senatsgutachtens sei bei dem Gesamtvolke angefragt, was in Betreff des Oberbefehls in Africa des Volkes Wille sei; und alle 642 fünfunddreißig Bezirke hätten diesen Oberbefehl dem Publius Scipio zuerkannt.» Nach vielen Streitigkeiten, welche die Sache im Senate und vor dem Volke veranlaßte, kam man zuletzt dahin, daß die Tribunen die Entscheidung dem Senate anheimstellten. Die Väter also, und zwar, nach eigner Verabredung, hierzu beeidigt, erklärten, die Consuln sollten über ihre Anstellungsposten sich entweder vergleichen oder losen, wer von ihnen beiden Italien, und wer eine Flotte von funfzig Schiffen haben solle. Wem die Flotte zufiele, sollte nach Sicilien segeln, und, wenn der Friede mit den Carthagern nicht zu Stande käme, nach Africa übersetzen. Dann solle der Consul den Oberbefehl zur See haben, und Scipio mit allen seinen Rechten, wie bisher, zu Lande. Würde man über die Friedensbedingungen eins, so sollten die Bürgertribunen bei dem Gesamtvolke anfragen, ob es die Abschließung des Friedens dem Consul oder dem Publius Scipio übergebe, und wenn nun das siegreiche Heer aus Africa abgeführt werden müsse, wem die Abführung. Wenn es sich dahin erkläre, daß Publius Scipio den Frieden zu schließen und so auch das Heer abzuführen habe, so sollte der Consul aus Sicilien nicht nach Africa übergehen dürfen. Der andre Consul, welchem Italien zufallen würde, sollte sich die zwei Legionen vom Prätor Marcus Sextius übergeben lassen. 41. Dem Publius Scipio wurde der Oberbefehl auf seinem Posten in Africa über dieselben Heere verlängert, die er hatte. Dem Prätor Marcus Valerius Falto wurden die beiden Legionen im Bruttischen bestimmt, welche im vorigen Jahre Cajus Livius befehligt hatte. Der Prätor Publius Älius sollte die beiden Legionen in Sicilien vom Cneus Tremellius übernehmen. Dem Marcus Fabius wurde für Sardinien die eine Legion bestimmt, welche Publius Lentulus als Proprätor gehabt hatte. Dem vorjährigen Consul Marcus Servilius wurde ebenfalls der Oberbefehl über seine zwei Legionen in Hetrurien verlängert. Was beide Spanien betreffe, so ständen dort Lucius Cornelius Lentulus und Lucius Manlius 643 Acidinus schon mehrere Jahre. Die Consuln also sollten mit den Tribunen ausmachen, daß diese sichs gefallen ließen, bei den Bürgern anzufragen, wem sie den Oberbefehl in Spanien zusprächen. Der sollte dann von jenen zwei Heeren die dort dienenden Römer in Eine Legion und die Latinischen Bundesgenossen in funfzehn Cohorten zusammenziehen, um mit diesen die Provinz zu behaupten; die alten Soldaten aber sollten Lucius Cornelius und Lucius Manlius nach Italien abführen. Dem Consul Cornelius bestimmte man eine Flotte von funfzig Schiffen aus den beiden Flotten, der des Cneus Octavius, welche bei Africa stand, und der des Publius Villius, welche Siciliens Küste schützte, so daß er sich die Schiffe nach eignem Gefallen auswählen sollte, Publius Scipio sollte die vierzig Schiffe, die er bisher gehabt habe, behalten. Wünsche er, daß Cneus Octavius den Oberbefehl über diese, so wie er ihn bisher gehabt, behalte, so solle Octavius für dies Jahr als Proprätor angestellt sein: übergebe er sie aber dem Lälius, so solle Octavius nach Rom abgehen, und die Schiffe, von welchen der Consul keinen Gebrauch mache, zurückführen. Auch dem Marcus Fabius wurden für Sardinien zehn Kriegsschiffe bestimmt; ferner, die Consuln befehligt, zwei Stadtlegionen zu werben, so daß der Stat in diesem Jahre vierzehn Legionen und hundert Kriegsschiffe in Thätigkeit setzte. 42. Der nächste Gegenstand der Berathschlagung waren die Gesandschaften Philipps und der Carthager. Es wurde beliebt, die Macedonier zuerst hereintreten zu lassen. Ihr Vortrag war sich sehr ungleich, da sie theils gegen die Vorwürfe der von Rom aus an den König abgeschickten Gesandten, Römische Bundesgenossen geplündert zu haben, sich vertheidigten, theils selbst zwar auch über diese Bundesgenossen Klage führten, weit härter aber über den Marcus Aurelius; – denn ob er gleich zu den drei an sie abgeschickten Gesandten gehört habe, sei er, mit Truppenaushebungen sich beschäftigend, dort geblieben, habe gegen allen Vertrag sie feindlich 644 angegriffen und ihren Heerführern mehrmals ordentliche Treffen geliefert: – theils auch darauf antrugen, daß ihnen die Macedonier mit ihrem Anführer Sopater, welche bei dem Hannibal um Sold gedient hätten und jetzt als Gefangene in Fesseln lägen, zurückgegeben würden. Dagegen setzte Marcus Furius, welchen Aurelius in dieser Absicht aus Macedonien geschickt hatte, aus einander: « Aurelius, der dort habe bleiben sollen, um die Bundesgenossen Roms nicht unter den Verheerungen und Mishandlungen erliegen und an den König abfallen zu lassen, habe sich nie aus den Gränzen der Bundesgenossen entfernt, aber freilich sichs zum Geschäfte gemacht, die Plünderer nicht ungestraft in die Gränzen derselben einbrechen zu lassen. Sopater sei Hofbeamter und Verwandter des Königs, und gerade einen solchen Mann habe er mit viertausend Macedoniern und einer Geldsumme noch vor kurzem dem Hannibal und Carthago zu Hülfe gesandt.» So verwickelt die Antwort war, welche die über diese Punkte befragten Macedonier vorbrachten, so gerade heraus Ante responsum tulerunt]. – Daß ante eine verderbte Lesart sei, zeigen theils die mancherlei gezwungenen Erklärungen, theils die Vorschläge der Critiker. Ich lese statt dessen aperte, als Gegensatz von perplexe, und glaube, daß die falsche Lesart ante dadurch entstand, daß in der Abbreviatur a p te der Fuß des p mit dem Querstriche erloschen war. So heißt es XXXIII. 34. Nihil iam perplexe, ut ante, – – sed aperte pronunciatum: ut excederet caet. Einen ähnlichen Fehler finden wir bei Drakenb. 39, 43, 3 in zwei Handschriften, welche in p uelle (pervelle) den Querstrich des p übersahen und puelle daraus machten. Man vergleiche XXXIII, 40. im Anfange. wurde ihnen geantwortet: «Der König suche Krieg; und wenn er so fortfahre, solle er ihn nächster Tage haben. Den Frieden habe er doppelt gebrochen; einmal weil er sich gegen Roms Bundesgenossen Mishandlungen erlaubt und sie feindlich angegriffen; zum andern weil er dessen Feinde mit Hülfstruppen und Gelde unterstützt habe. Nicht bloß Publius Scipio scheine darin ganz recht und ordnungsmäßig gehandelt zu haben und noch zu handeln, daß er diejenigen, die er im Gebrauche ihrer Waffen gegen das Römische Volk gefangen nähme, als Feinde 645 in Fesseln halte; sondern auch Marcus Aurelius handle, wie das Beste des Stats es fordere; und der Senat wisse es ihm Dank, daß er die Bundesgenossen des Römischen Volks, sobald ihm die rechtliche Hülfe des Friedens unmöglich gemacht werde, mit den Waffen schütze.» Mit dieser unfreundlichen Antwort wurden die Macedonier entlassen, und die Carthagischen Gesandten hereingerufen. Als die Väter lauter Männer von Jahren und Stande vor sich sahen – und sie waren bei weitem die Ersten ihres Stats – äußerte jeder auf seine Art: «Nun sei es Carthago mit dem Frieden ein Ernst.» Doch zeichnete unter den Übrigen Hasdrubal sich aus – er hatte bei seinen Landsleuten den Zunamen Hädus ( Bock ) – der beständige Forderer des Friedens und Gegner der Barcinischen Partei. So viel mehr Gewicht hatte er jetzt, wenn er die Schuld des Krieges vom State ab auf die Herrschsucht einiger Privatpersonen hinüberleitete. Nachdem er seinen Vortrag geendet hatte, – dem er mehrere Wendungen gab, insofern er bald Beschuldigungen widerlegte, bald diese oder jene einräumte, um sich nicht durch die Unverschämtheit, womit sie Thatsachen ableugneten, die gesuchte Verzeihung zu erschweren; bald sogar warnend den versammelten Vätern einen bescheidenen und gemäßigten Gebrauch ihres Glückes empfahl: «denn wenn die Carthager ihn und den Hanno hätten hören wollen, so würden sie die Friedensbedingungen, um die sie jetzt bitten müßten, selbst haben geben können. Nur selten würden den Sterblichen gute Tage und gute Entschließungen zugleich verliehen. Das Römische Volk sei darum unüberwindlich: weil es zur Zeit des Glücks weise zu sein und sich zu berathen nicht vergesse. Und in der That, wenn es anders handelte, so würde dies haben befremden müssen. Denn nur die, denen Glück etwas Neues sei, verlören über die Ungewohnheit die Besinnung, weil sie sich in ihre Freude nicht finden könnten. Dem Römischen Volke hingegen sei die Freude des Siegs etwas Gewöhnliches, fast etwas Altes; und es habe seine Oberherrschaft beinahe 646 mehr durch Schonung der Besiegten, als durch Siege erweitert:» – sprachen die Übrigen mehr im Tone der Klagenden, indem sie zu bedenken gaben, «von welcher großen Höhe und zu welcher Tiefe die Macht ihres Stats herabgesunken sei. Sie, die noch vor kurzem beinahe den Erdkreis mit ihren Waffen besetzt gehabt hätten, sähen sich nichts übrig gelassen, als Carthago's Mauern. Auf diese beschrankt sähen sie weder zu Lande noch zu Wasser das mindeste Eigenthum. Ja Stadt und Obdach selbst würden sie nur unter der Voraussetzung behalten, wenn die Römer nicht auch diese noch übrigen letzten Reste ihren Zorn treffen lassen wollten.» Als der Eindruck des Mitleidens auf die Väter unverkennbar war, soll einer der Senatoren aus Unmuth über die Punische Treulosigkeit den Gesandten zugerufen haben: «Bei welchen Göttern sie den Vertrag beschwören wollten, da sie denen, bei welchen sie den vorigen beschworen hatten, eidbrüchig geworden wären.» Da sprach Hasdrubal: «Bei eben denen, deren Rache die Bundbrüchigen so sichtbar verfolgt.» 43. Alle zeigten ihre Stimmung für den Frieden: nur der Consul Cneus Cornelius, dessen Wirkungskreis vom Auslaufen der Flotte abhing, that gegen den Senatsschluß Einsage. Da legten die Bürgertribunen Manius Acilius und Quintus Minucius dem Gesamtvolke die Frage vor: «Ob Roms Bürger darein willigten und den Senat zu der Ausfertigung bevollmächtigten, daß man mit Carthago Frieden mache. Ferner, wen sie dazu bestimmten, diesen Frieden zu ertheilen, und wer die Heere aus Africa zurückführen solle.» In Absicht des Friedens gaben alle Bezirke ihre Beistimmung zu dem geschehenen Antrage, hießen den Publius Scipio den Frieden ertheilen und die Heere abführen. Der eingeholten Volkserklärung gemäß fertigte der Senat den Schluß aus, daß Publius Scipio mit Beistimmung von zehn Bevollmächtigten mit dem Carthagischen Volke auf die Bedingungen, die er gut finden würde, Frieden machen sollte. Jetzt statteten die Carthagischen Gesandten den 647 Vätern Dank ab und baten um die Erlaubniß, in die Stadt zu gehen und um eine Unterredung mit ihren Landsleuten, welche im Statsgefängnisse lagen. Es wären darunter theils ihre eignen Verwandten und Freunde, Leute von Stande, theils solche, an welche sie Aufträge von Verwandten hätten. Nachdem sie diese gesprochen hatten, und nun wieder um die Bewilligung baten, diejenigen von den Gefangenen, welche sie aussuchen würden, loskaufen zu dürfen; mußten sie die Namen angeben: und als sie gegen zweihundert angegeben hatten, wurde der Senatsschluß ausgefertigt: «Die Römischen Bevollmächtigten sollten von den Gefangenen zweihundert, welche sich die Carthager aussuchen würden, zum Publius Scipio nach Africa mitnehmen, und ihm bestellen, wenn der Friede zu Stande käme, sie den Carthagern ohne Lösegeld zurückzugeben.» Als die Bundespriester aufgefordert wurden, zur Schließung des Friedens nach Africa abzugehen, wurde auf ihre Vorstellung ein Senatsbefehl in folgenden Worten ausgefertigt: «Jeder von ihnen sollte einen Kieselstein, jeder geweihetes Gras mitnehmen. Der Römische Prätor sollte ihnen anbefehlen, den Friedensvertrag zu schließen, und sie sollten vom Prätor das geweihete Gras verlangen.» Dieses Gras, das man von der Burg holt, wird jedesmal den Bundespriestern gereicht. Als die hierauf von Rom entlassenen Gesandten der Carthager in Africa beim Scipio angekommen waren, schlossen sie den Frieden unter den oben angegebenen Bedingungen. Ihre Kriegsschiffe, Elephanten, die Überläufer, entlaufenen Sklaven und viertausend Gefangene lieferten sie aus. Unter den letztern befand sich der Senator Quintus Terentius Culleo. Die Schiffe ließ Scipio auf die hohe See fahren und verbrennen. Nach einigen Angaben sollen sich diese auf fünfhundert Ruderschiffe aller Art belaufen haben, und der plötzliche Anblick ihres Brandes den Carthagern so traurig gewesen sein, als stände jetzt Carthago selbst in Flammen. Die Überläufer wurden härter bestraft, als die entflohenen Sklaven. 648 Geborne Latiner wurden enthauptet, geborne Römer ans Kreuz gehängt. 44. Vierzig Jahre früher war mit Carthago der letzte Friede geschlossen, unter den Consuln Quintus Lutatius, Aulus Manlius. Dreiundzwanzig Jahre nachher, unter den Consuln Publius Cornelius, Tiberius Sempronius, war der Krieg wieder ausgebrochen. Er wurde im siebzehnten Jahre unter den Consuln Cneus Cornelius, Publius Älius Pätus geendet. Scipio soll nachher oft gesagt haben, die Ehrsucht zuerst des Tiberius Claudius und dann des Cneus Cornelius habe ihn gehindert, diesen Krieg mit der Zerstörung Carthago's zu endigen. Als die erste Aufbringung der Kriegssteuer bei der Erschöpfung von dem langwierigen Kriege zu Carthago Schwierigkeiten fand, und es auf dem Rathhause nur Trauer und Thränen gab, wollte man gesehen haben, daß Hannibal lachte. Wie ihn nun Hasdrubal, der Bock, darüber anfuhr, daß er bei der allgemeinen Wehklage lachen könne, da er selbst die Ursache der Thränen sei, sprach er: «Könnte man so, wie man die Mienen des Gesichts mit den Augen wahrnimmt, auch die Stimmung im Innern beobachten, so würde sichs euch deutlich ergeben, daß dies von euch getadelte Lachen nicht aus einem freudigen, sondern aus einem durch mancherlei Unglück fast empfindungslosen Herzen kommt. Und doch ist es lange nicht so unzeitig, als diese eure abgeschmackten und unstatthaften Thränen. Da hättet ihr weinen sollen, als uns die Waffen genommen, die Schiffe verbrannt, die Kriege mit dem Auslande untersagt wurden. Mit dieser Wunde empfingen wir den Todesstreich. Wahrhaftig Nec esse in vos]. – Bei Drakenborchs Vermuthung, necesse est in vos, muß doch auch das est eingeschoben werden. Herr Walch will das Ganze als eine Frage annehmen. Ich glaube, dann würde der Indicativ creditis (glaubt ihr es noch nicht?) natürlicher sein. Auch dünkt mich ist die Frage zu unerwartet, zu sehr vom Vorhergehenden und Nachfolgenden abgerissen. Daß dies Herr W. ebenfalls gefühlt habe, vermuthe ich aus der von ihm selbst angehängten Erklärung: (Immo maxime credatis!) Nulla (enim) magna civitas, etc. Und gerade dies gewünschte immo maxime credatis! sagt Livius selbst, wenn wir nur statt nec esse lesen wollen nae esse – – credatis; wie ich übersetzt habe. In Mss. von höherem Alter, z. B. in dem Codex Guelpherb. Mallii de metris, sieht das a einem cc so ähnlich, daß aus nae sehr leicht nec gelesen werden kann, Doch ich sehe jetzt, daß schon Hr.  Ruperti sagt: Possis etiam – – nae legere pro nec. , ihr könnt es glauben, diese 649 Maßregel hat den Römern der Haß gegen euch eingegeben. Kein großer Stat verträgt eine lange Ruhe. Hat er keinen Feind auswärts, so findet er ihn im Innern; so wie ein von Stärke strotzender Körper vor Angriffen von außen gesichert scheint, aber mit seinen eignen Kräften überladen ist. Wir – in der That! – fühlen vom Unglücke des Stats grade nur so viel, als unsre besondern Umstände trifft, und selbst hiebei erbittert uns nichts heftiger, als die Einbuße an unserm Gelde! Wie also dem besiegten Carthago die Denkmale seiner Siege entführt wurden, wie ihr es von nun an entwaffnet und hülflos zwischen die vielen bewaffneten Völker Africa's hingestellt sahet, da seufzte niemand: und jetzt heult ihr, weil ihr die Steuer aus eigenem Vermögen aufbringen sollt, als würde der Stat zu Grabe getragen. Wie sehr fürchte ich, ihr werdet nächstens empfinden, daß das Übel, worüber ihr heute weint, gerade das kleinste war!» So nahm sich Hannibal zu Carthago . Scipio beschenkte vor dem versammelten Heere den Masinissa mit der Stadt Cirta und den übrigen Städten und Bezirken, welche die Römer in den Staten des Syphax erobert hatten, als einer Zugabe zu seinem Erbreiche. Den Cneus Octavius hieß er die Flotte nach Sicilien abführen und dem Consul Cneus Cornelius übergeben; die Carthager aber Gesandte nach Rom abschicken, um seine mit Zuziehung der zehn Bevollmächtigten getroffenen Verfügungen durch ein Gutachten des Senats und durch eine Verordnung des Gesamtvolks bestätigen zu lassen. 45. Als Friedensstifter zu Wasser und zu Lande segelte er mit seinem eingeschifften Heere nach Lilybäum in Sicilien über. Von hier ließ er einen großen Theil seiner Truppen zu Schiffe weiter gehen; er selbst verfolgte seinen Weg durch das über den Frieden nicht weniger, als über den Sieg, erfreute Italien: die 650 Städtebewohner strömten zu seinem ehrenvollen Empfange aus den Thoren, Scharen von Landleuten besetzten die Heerstraßen, und sein Triumpheinzug in die Stadt war der glorreichste von allen. An Silber lieferte er in die Schatzkammer hundert und dreiundzwanzigtausend Pfund Ungefähr 3,125,720 Gulden Conv. M. Die Soldaten erhielten jeder 8 Rthlr. 8 Ggr. . Jedem Soldaten gab er als Antheil an der Beute vierhundert Quadragenos]. – Glareanus, Perizonius, Duker, Drakenborch lesen quadringenos, weil quadragenos (etwa 20 Ggr.) für diesen Sieg und eine Beute von Millionen zu schimpflich sein würde: und ich folge diesen Vermuthungen. Die 400 Asses betragen doch etwa 8 Rthlr. Kupferass. Den Syphax, der kurz vorher zu Tibur starb, wohin er von Alba versetzt war, entzog der Tod der Augenweide der Zuschauer, dem Glanze des Triumphirenden unbeschadet. Doch hatte sein Tod eine Auszeichnung, weil er auf öffentliche Kosten begraben wurde. Polybius , dessen Angabe allerdings Gewicht hat, sagt, dieser König sei im Triumphe aufgeführt. Hinter dem triumphirenden Scipio ging, mit einem Hute auf dem Kopfe, Quintus Terentius Culleo; und nachher bewies er, so lange er lebte, dem Retter seiner Freiheit, wie billig, jede Art der Verehrung. Ob den Zunamen, der Africanische, schon früher die Liebe der Truppen, oder das Wohlwollen des Volks geltend gemacht habe, oder ob ihn, wie zu unsrer Väter Zeiten beim Sulla den Zunamen des Glücklichen, beim Pompejus den des Großen, die Schmeichelei der nähern Umgebungen veranlaßte, darüber habe ich keine hinlängliche Auskunft. Wenigstens war Scipio der erste Feldherr, der durch die Benennung nach dem von ihm besiegten Volke verherrlicht wurde. Nach seinem Beispiele stellten späterhin Andre, konnten sich gleich ihre Siege mit diesem keinesweges messen, eine Reihe von Ahnenbildern mit auszeichnenden Unterschriften und prunkende Zunamen in ihrer Familie auf. Ein und dreissigstes Buch. Jahre Roms 551 und 552. 2 Inhalt des ein und dreissigsten Buchs. Als Ursachen, warum der Krieg gegen Macedoniens König Philipp nach seiner Unterbrechung erneuert wurde, werden folgende angegeben. Zur Zeit der Weihe kamen zwei junge Acarnanen, welche die Weihe nicht hatten, nach Athen und gingen mit andern ihrer Landsleute in das Heiligthum der Ceres. Darüber wurden sie, als hätten sie die höchste Schandthat begangen, von den Athenern erschlagen. Die Acarnanen, aufgebracht über die Ermordung der Ihrigen, suchten zu ihrer Rache Hülfe bei Philipp. Wenig Monate nach dem den Carthagern bewilligten Friedensschlusse, im Jahre nach Erbauung Roms fünfhundert und zweiundfunfzig, kommen von Athen, welches Philipp belagert, Gesandte und bitten den Senat um Hülfe; und da der Senat dafür stimmt, sie ihnen zu leisten, der Bürgerstand aber, dem die fortdauernde Anstrengung in so vielen Kriegen zu schwer wird, sich dagegen setzt, dringt der Senat mit seinem Gutachten durch, so daß auch das Gesamtvolk die dem verbündeten State zu leistende Hülfe bewilligt. Dieser Krieg wird dem Consul Publius Sulpicius aufgetragen. Er geht mit dem Heere nach Macedonien und ist in einigen Gefechten der Reuterei gegen Philipp glücklich. Die von Philipp belagerten Einwohner von Abydus ermorden so, wie die Saguntiner, die Ihrigen und sich selbst. Der Prätor Lucius Furius besiegt die den Krieg erneuernden Insubrischen Gallier und den Punier Hamilcar, den Stifter des Kriegs in jener Gegend, Hamilcar selbst bleibt in der Schlacht und sechsunddreißig tausend Menschen. Außerdem erzählt dies Buch die Unternehmungen des Königs Philipp und des Consuls Sulpicius, und was für Städte Beide eroberten. Consul Sulpicius führte diesen Krieg mit Hülfe des Königs Attalus und der Rhodier. Der Prätor Lucius Furius triumphirte über die Gallier. 3 Ein und dreissigstes Buch. 1. Auch mir thut es wohl, nicht anders, als hätte auch ich von jener Noth und Gefahr meinen Theil getragen, daß ich das Ende des Punischen Krieges erreicht habe. Denn so wenig der, der den Muth hatte, sich zur Lieferung der ganzen Römischen Geschichte anheischig zu machen, bei einzelnen Theilen dieser großen Arbeit ermüden darf; so sehe ich doch, wenn ich erwäge, daß mir dreiundsechzig Jahre – denn so viele verflossen vom Anfange des ersten Punischen Krieges bis zum Ende des zweiten – eben so viel Bücher weggenommen haben, als mir die vierhundert achtundachtzig Jahre von Erbauung Roms bis auf den Consul Appius Claudius weggenommen hatten, der zuerst mit Carthago kriegte, im Geiste voraus, daß ich eben so, wie die, die sich von den nächsten Untiefen an der Küste verführen lassen, zu Fuße ins Meer zu gehen, je weiter ich fortschreite, mich in eine ausgebreitete Tiefe und gleichsam in einen Abgrund hineinbegebe, und daß das Werk, welches immer durch Beseitigung des Zunächstfolgenden kleiner zu werden schien, ich möchte sagen, sich vergrößere. An den Punischen Frieden reihete sich sogleich der Macedonische Krieg; in Hinsicht der Gefahr mit jenem keinesweges zu vergleichen, man sehe auf die Tüchtigkeit des feindlichen Heerführers oder auf die Stärke der Truppen; allein durch den glänzenden Namen der ehemaligen Macedonischen Könige, durch den alten Ruhm ihres Volks und durch die Größe seiner Oberherrschaft, der es einst einen großen Theil von Europa, einen größeren von Asien durch seine Waffen unterworfen hatte, fast noch berühmter. Übrigens hatte der Krieg gegen Philipp, der vor drei Jahren aufgegeben war, beinahe zehn Jahre früher 4 seinen Anfang genommen, und die Ätoler hatten den Frieden, so wie den Krieg, veranlasset. Nun aber ließen die Römer, denen jetzt der Punische Friede freie Hände, und Philipp theils durch seine unredliche Beobachtung des Vertrages mit den Ätolern und andern dortigen Bundesgenossen Roms, theils durch die nach Africa neulich an den Hannibal und die Punier gesandte Unterstützung an Truppen und Gelde Ursachen zur Beschwerde gab, sich durch die Bitten der Athener, welche Philipp nach Verheerung ihres Gebiets in ihre Stadt getrieben hatte, bewegen, den Krieg wieder anzufangen. 2. Etwa um dieselbe Zeit trafen Gesandte sowohl vom Könige Attalus, als von den Rhodiern ein, und zeigten an, daß Philipp auch Asiens Staten aufzuwiegeln suche. Die Gesandschaften bekamen zur Antwort, der Senat werde für die Angelegenheiten Asiens Sorge tragen. Die Berathschlagung über den Macedonischen Krieg verschob man, ohne vorzugreifen, auf die Zurückkunft der Consuln, welche damals beide, jeder in seiner Provinz tunc in prælio cum Boiis ]. – Diese falsche Lesart entstand, wie ich vermuthe, dadurch, daß der Abschreiber die Abbreviatur prvciis in das Wort prælio verwandelte und die Worte ambo suis unrichtig in cum Boiis zerlegte. Man denke sich das a in ambo als zwei cc geschrieben, um die Leichtigkeit eher einzusehen, wie aus am ein cum werden konnte. Consul Älius allein stand in Gallien gegen die Bojer ; Lentulus war in Sicilien: folglich waren die Consuln in provinciis ambo suis. , waren. Unterdeß wurden an den König von Ägypten, Ptolemäus (Epiphanes) drei Gesandte geschickt, Cajus Claudius Nero, Marcus Ämilius Lepidus, Publius Sempronius Tuditanus, theils um dem Könige den Sieg der Römer über den Hannibal und die Punier zu melden, theils ihm dafür zu danken, daß er in ihrer mißlichen Lage, in welcher sogar benachbarte Bundesgenossen die Römer im Stiche gelassen hatten, ihnen treu geblieben sei, und ihn zu bitten, falls sie durch Beleidigungen von Philipp gezwungen würden, den Krieg gegen diesen zu unternehmen, seine ehemalige Gesinnung gegen das Römische Volk beizubehalten., Etwa um eben die Zeit ließ der Consul Publius 5 Älius in Gallien, der auf die Anzeige, daß schon vor seiner Ankunft die Bojer Streifereien in das Gebiet der Bundesgenossen gethan hätten, zur Dämpfung dieses Aufstandes zwei eiligst zusammengebrachte Legionen aufstellte, denen er vier Cohorten von seinem Heere zugab, den Obersten der Bundestruppen, Cajus Oppius, mit diesem schnell errichteten Kohre durch jenen Bezirk von Umbrien, der dort den Namen der Sappinische führt, in das Land der Bojer einrücken. Er selbst nahm seinen Weg auf offener Straße mitten durch das Gebirge eben dahin. Oppius unternahm nach seinem Eintritte in das feindliche Gebiet anfangs einige Plünderungen mit Glück und Sicherheit. Als er aber nachher bei dem Schlosse Mutilum eine ganz vortheilhafte Stellung genommen hatte, und nun wieder, um das Getreide einzuernten, auszog, – denn schon waren die Saten reif – ohne die Gegend ausgekundschaftet, noch hinlängliche Posten ausgestellt zu haben, die mit ihren Waffen die Unbewaffneten und mit ihrer Arbeit Beschäftigten hätten decken können, so wurde er mit seinen Mähern in einem Überfalle von den Galliern umzingelt. Darüber verbreitete sich Bestürzung und Flucht auch unter seinen Bewaffneten. An siebentausend der in den Kornfeldern Zerstreuten wurden niedergehauen; mit ihnen der Oberste Cajus Oppius selbst. Die übrigen, welche die Furcht ins Lager trieb, kamen in der folgenden Nacht, von keinem gewissen Anführer, sondern bloß durch eigne Übereinstimmung geleitet, mit Zurücklassung eines großen Theils von ihrem Eigenthume, über beinahe unwegsame Waldgebirge bei dem Consul wieder an, der, ohne in seiner Provinz etwas Denkwürdiges verrichtet zu haben, außer daß er das Bojische geplündert und mit den Ingaunischen Liguriern ein Bündniß geschlossen hatte, nach Rom zurückging. 3. Da in der ersten von ihm gehaltenen Senatssitzung Alle darauf drangen, daß nichts eher vorgenommen würde, als die Sache Philipps und die Klagen der Bundesgenossen, so brachte er dies sogleich zum Vortrage. Und der zahlreich versammelte Senat beschloß, der Consul Publius 6 Älius sollte nach eigner Wahl jemand als Oberbefehlshaber abgehen lassen, der nach Übernehmung der Flotte, welche jetzt Cneus Octavius aus Sicilien zurückbrachte, nach Macedonien übersetzte. Marcus Valerius Lävinus war es, der als Proprätor in der Gegend von Vibo achtunddreißig Schiffe vom Cneus Octavius in Empfang nahm und nach Macedonien überging. Bei ihm fand der Legat Marcus Aurelius sich ein, machte ihm die Stärke der Heere und die Schiffzahl bemerklich, die der König zusammengebracht habe, und wie er nicht allein in allen Städten des festen Landes, sondern auch auf den Inseln theils in Person, theils durch Abgeschickte die Bewaffnung betreibe; so daß die Römer diesen Krieg, wenn nicht Philipp, während sie säumten, dasselbe wagen sollte, was Pyrrhus mit der Macht eines weit kleinern Reichs schon einmal gewagt habe, mit größerm Nachdrucke eröffnen müßten; und Beide beschlossen, Aurelius solle eben diese Vorstellungen auch an die Consuln und den Senat schriftlich gelangen lassen. 4. Auf den am Ende des Jahrs gethanen Vortrag über die Austheilung von Ländereien an diejenigen Altkrieger, welche unter der Anführung und Götterleitung des Publius Scipio den Krieg in Africa zu Ende gebracht hatten, beschloß der Senat, der Stadtprätor Marcus Junius solle, wenn er nichts dagegen habe, Zehnherren ernennen, um durch sie die dem Römischen State zuständigen Ländereien in Samnium und Apulien vermessen und vertheilen zu lassen. Er ernannte den Publius Servilius, Quintus Cäcilius Metellus, die beiden Servilier, Cajus und Marcus – beide hatten den Zunamen Geminus – die beiden Hostilius Cato, Lucius und Aulus, den Publius Villius Tappulus, Marcus Fulvius Flaccus, Publius Älius Pätus, Quintus Flaminius. In diesen Tagen wurden unter dem Vorsitze des Consuls Publius Älius bei den Wahlversammlungen Publius Sulpicius Galba und Cajus Aurelius Cotta zu Consuln gewählt. Darauf wurden Quintus Minucius Rufus, Lucius Furius Purpureo, Quintus Fulvius Gillo, Cneus Sergius Plancus Prätoren. Die 7 Curulädilen Lucius Valerius Flaccus und Lucius Quinctius Flamininus gaben in diesem Jahre die Römischen Spiele nach prächtigen Veranstaltungen auf der Bühne zwei Tage nach einander, und vertheilten mit großer, eben so dankbar anerkannter, Gewissenhaftigkeit den großen Vorrath von Getreide, welchen Publius Scipio aus Africa geschickt hatte, unter das Volk, das Maß zu vier Kupferass. Die Bürgerädilen, Lucius Apustius Fullo und Quintus Minucius Rufus, der als Ädil zum Prätor gewählt wurde, gaben die ganze Feier der Bürgerspiele drei Tage nach einander; und in Beziehung auf die Spiele wurde dem Jupiter zu Ehren ein Opferschmaus angestellt. 5. Im Jahre fünfhundert und zweiundfunfzig nach Erbauung Roms, unter den Consuln Publius Sulpicius Galba und Cajus Aurelius, nahm der Krieg mit dem Könige Philipp seinen Anfang, wenig Monate nach Abschlusse des Friedens mit Carthago. Am funfzehnten März, dem damaligen Antrittstage der Consuln, machte Consul Sulpicius dies zum ersten Gegenstande seines Vortrags, und der Senat beschloß, die Consuln sollten den Göttern, denen sie opfern zu müssen glaubten, größere Thiere darbringen, und der Gebetsformel den Inhalt geben: «Der Schritt, welchen Roms Senat und Gesamtvolk den Stat thun zu lassen, und der neue Krieg, welchen sie zu eröffnen, gesonnen wären, möchte für das Römische Volk, seine Bundesgenossen und die sämtlichen Latiner zu Heil und Segen gereichen:» und nach verrichtetem Opfer und Gebete sollten sie die Lage des Stats und die zu besetzenden Geschäftsplätze im Senate zur Sprache bringen. In diesen Tagen liefen, um die Gemüther für den Krieg zu stimmen zu rechter Zeit, nicht allein Briefe von dem Legaten Marcus Aurelius und dem Proprätor Marcus Valerius Lävinus ein, sondern es kam auch eine zweite Gesandschaft der Athener, mit der Anzeige, daß der König ihnen naher rücke und daß in kurzem ihr Land und selbst ihre Stadt in seiner Gewalt sein werde, wenn sie nicht auf Hülfe von Rom rechnen dürften. Nach der Erklärung der Consuln, daß das Opfer 8 gehörig verrichtet, daß das Gebet nach Aussage der Opferschauer von den Göttern gnädig angenommen, die Ausschlachtung erfreulich ausgefallen sei, und Erweiterung der Gränzen, Sieg und Triumph angedeutet werde, wurden nun die Briefe des Valerius und Aurelius vorgelesen und die Attischen Gesandten angehört. Dann wurde ein Senatsschluß ausgefertigt, daß den Bundesgenossen Dank gesagt werden solle, weil sie der anhaltenden Versuchungen ungeachtet, selbst bei der Furcht vor einer Belagerung, ihrer Treue nicht entsagt hätten. Über die ihnen zu sendende Hülfe wolle man ihnen dann Auskunft geben, wenn die Consuln über ihre Plätze geloset, und derjenige Consul, dem das Los Macedonien zu seinem Standorte anwiese, bei dem Gesamtvolke darauf angetragen hätte, Macedoniens Könige Philipp den Krieg zu erklären. 6. Publius Sulpicius war es, dem das Los Macedonien zu seinem Geschäftsplatze anwies, und er ließ die Anfrage aushängen: Ob das Volk es billige und genehmige, daß man dem Könige Philipp und seines Reiches Unterthanen, den Macedoniern, wegen der von ihnen an Roms Bundesgenossen ausgeübten Beleidigungen und Gewaltthaten den Krieg ankündige. Dem andern Consul, Aurelius, bestimmte das Los Italien zu seinem Posten. Bei ihrer darauf folgenden Ziehung erhielten die Prätoren, Cneus Sergius Plancus die Gerichtspflege in der Stadt, Quintus Fulvius Gillo Sicilien, Quintus Minucius Rufus das Bruttische Gebiet, Lucius Furius Purpureo Gallien. Die Anfrage wegen des Macedonischen Krieges wurde am ersten Versammlungstage fast von allen Centurien verworfen. Durch den langen und schweren Krieg erschöpft, hatten dies theils die Leute aus Überdruß der Noth und Gefahren von selbst gethan; theils hatte ein Bürgertribun, Quintus Bäbius, der den alten Weg der Klage über die Väter einschlug, diesen den Vorwurf gemacht, daß sie nur Kriege aus Kriegen erwachsen ließen, um den Bürgerstand nie eines Friedens froh werden zu lassen. Dies kränkte die Väter tief: schneidende Schmähungen trafen im Senate den Bürgertribun, und jeder forderte in seinem eigenen 9 Namen den Consul auf, einen Versammlungstag zur Wiederholung der Anfrage anzusetzen, das Volk über seine Stumpfheit zurecht zu weisen und es über die Größe des Nachtheils und der Schande zu belehren, welche dieser Aufschub des Krieges zur Folge haben werde. 7. Auf dem auf dem Marsfelde gehaltenen Volkstage redete der Consul, ehe er die Centurien zur Stimmensammlung schreiten ließ, zu der vorgeforderten Versammlung so: «Es kommt mir vor, Quiriten, als sei es eurer Einsicht entgangen, daß jetzt die Frage an Euch nicht die sein kann, ob ihr Krieg oder Frieden haben wollet; – denn hierin lässet Euch Philipp, der es zu Wasser und zu Lande auf einen fürchterlichen Krieg anlegt, keine freie Wahl: – sondern, ob ihr eure Legionen nach Macedonien übersetzen, oder den Feind in Italien aufnehmen wollt. Ist es euch je einleuchtend geworden, was für einen großen Unterschied dies macht, so war das doch wohl der Fall im letzteren Punischen Kriege. Denn wer kann darüber ungewiß sein, daß wir, hätten wir gleich auf der Stelle den belagerten, uns um Rettung anflehenden, Saguntinern Hülfe gewährt, wie sie unsre Väter den Mamertinern leisteten, den ganzen Krieg auf Spanien abgeleitet haben würden, den wir durch unser Säumen zu unserm höchsten Nachtheile in Italien herübernahmen? Selbst das leidet keinen Zweifel, daß wir eben diesen Philipp, der seinen Übergang nach Italien dem Hannibal schon durch Gesandte und Briefe zugesagt hatte, durch Absendung unsrer Flotte unter dem Lävinus, der ihm im Angriffe zuvorkommen mußte, in Macedonien festgehalten haben. Und was wir damals gethan haben, ob wir gleich einen Feind Hannibal in Italien hatten, das wollten wir jetzt zu thun Anstand nehmen, nachdem wir den Hannibal aus Italien vertrieben und die Carthager besiegt haben? Lassen wir den König bei seiner Erstürmung Athens von unsrer Unregsamkeit eine Probe sehen, wie wir sie dem Hannibal bei Sagunts Erstürmung sichtbar werden ließen: so wird er, nicht in fünf Monaten, wie Hannibal von Sagunt, 10 sondern in fünf Tagen nach seiner Abfahrt von Corinth in Italien eintreffen. Ohne den Philipp gerade mit einem Hannibal, ohne die Macedonier mit den Carthagern in Vergleich zu bringen, werdet ihr sie wenigstens dem Pyrrhus gleichstellen. Gleichstellen, sage ich Pyrrho certe æquabitis: dico, quantum]. – Ich kann mich nicht enthalten, mit Hrn. Jacobs zu lesen: Pyrrho certe æquabitis. Aequabitis, dico? Quantum vel – – praestat! Siehe Hrn.  Walchs Emendd. Liv. pag. 171. ? Wie weit übertrifft hier der Mann den Mann, und diese Nation jene! Epirus ist von jeher Macedoniens unbedeutendste Zugabe gewesen, und ist das noch heute. Philipp hingegen hat den ganzen Peloponnes in seiner Gewalt, und selbst jenes, durch des Pyrrhus Tod eben so sehr, als durch eignen alten Ruf, verherrlichte Argi. Man lasse mich nun unsre Lage in Anschlag bringen. Italiens weit blühendern Zustand, seine weit mehr geschonten Kräfte – denn ihm standen ja die vielen Feldherren, die vielen Heere zu Gebote, welche nachher der Punische Krieg verschlang – erschütterte Pyrrhus durch seinen Angriff dessen ungeachtet und drang als Sieger beinahe bis vor die Stadt Rom! Und nicht bloß die Tarentiner und jene Küste Italiens, die den Namen Großgriechenland führt, fielen von uns ab, so daß man hätte denken können, sie hätten sich von der Sprache, vom Namen verleiten lassen, sondern auch die Lucaner, Bruttier, Samniten. Glaubt ihr, daß diese, wenn Philipp nach Italien herüberkommt, stillsitzen oder euch treu bleiben werden? Blieben sie es doch, denke ich, nachher im Punischen Kriege! Jedesmal werden diese Völker von uns abfallen; es müßte denn niemand da sein, an den sie abfallen könnten. Wäret ihr zu unlustig dazu gewesen, nach Africa überzugehen, so hättet ihr noch heute den Hannibal und die Carthager als Feinde in Italien. Wir wollen lieber Macedonien, als Italien, den Krieg tragen lassen; die Verwüstung durch Feuer und Schwert lieber den Städten der Feinde, den Ländereien der Feinde gönnen. Haben wir doch die Erfahrung gemacht, daß unsre Waffen im 11 Auslande glücklicher und kraftvoller sind, als daheim. So schreitet denn unter dem segnenden Beistande der Götter zur Stimmensammlung, und gebt dem, was die Väter für gut erachtet haben, die Bestätigung. Zu diesem Entschlusse werdet ihr nicht sowohl von mir, eurem Consul, als von den unsterblichen Göttern selbst geleitet, welche mir bei meinem Opfer und auf mein Gebet, daß dieser Krieg mir selbst, dem Senate, Euch, unsern Bundesgenossen und dem gesamten Latium erwünscht und glücklich ausschlagen möchte, lauter erfreuliche, Segen verkündende Winke gegeben haben.» 8. Als er sie nach dieser Rede zur Stimmensammlung gehen hieß, genehmigten sie den Krieg seinem Antrage gemäß. Dann wurde von den Consuln einem Senatsschlusse zufolge ein dreitägiges Betfest ausgeschrieben, und an allen Altären flehete man zu den Göttern, daß der vom Gesamtvolke gutgeheißene Krieg gegen Philipp erwünscht und glücklich ausschlagen möge: auch befragte Consul Sulpicius die Bundespriester, ob sie es nöthig fänden, daß der dem Könige Philipp zu erklärende Krieg ihm durchaus selbst angekündigt werden müsse, oder ob es hinlänglich sei, ihn der nächsten Truppenmasse innerhalb der Gränzen seines Reiches kund zu thun. Die Bundespriester erklärten, er werde in beiden Fällen recht handeln. Die Väter stellten es dem Consul anheim, nach eigner Wahl jemand von denen, die nicht Rathsglieder wären, als Boten abzusenden, der dem Könige den Krieg ankündigte. Nun schritt man zur Berathschlagung über die Heere der Consuln und Prätoren. Die Consuln wurden angewiesen, jeder zwei Legionen auszuheben, und die alten Heere zu entlassen. Sulpicius, dem der neue, seinem Namen nach so wichtige Krieg bestimmt war, erhielt die Erlaubniß, von dem durch den Publius Scipio aus Africa abgeführten Heere so viele Freiwillige mitzunehmen, als er könnte; doch sollte er nicht berechtigt sein, irgend einen alten Krieger mit Zwang zu nehmen. Den Prätoren Lucius Furius Purpureo und Quintus Minucius Rufus sollte der Consul jedem fünftausend Mann Latinischer 12 Bundestruppen geben, mit denen sie die ihnen angewiesene Gegend, der eine Gallien, der andre das Bruttische, behaupten könnten. Eben so bekam auch Quintus Fulvius Gillo den Auftrag, aus dem Heere, welches Consul Publius Älius gehabt habe, nach der mindesten Zahl der Dienstjahre eine Aushebung vorzunehmen, bis er ebenfalls fünftausend Mann Bundesgenossen und Latiner aufgestellt hätte: diese sollten die Provinz Sicilien decken. Dem Marcus Valerius Falto, der im vorigen Jahre als Prätor Campanien zu seinem Standorte gehabt hatte, wurde der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert, um als Proprätor nach Sardinien überzugehen und von dem dortigen Heere fünftausend Mann Latinischer Bundestruppen nach der mindesten Zahl der Dienstjahre auszuheben. Auch mußten die Consuln zwei Stadtlegionen aufbringen, welche man dahin schicken wollte, wo etwa die vielen Völker Italiens es nöthig machen würden, die sich während des Krieges als Bundesgenossen der Punier ihrem Einflusse hingegeben hatten und noch immer voll aufbrausender Erbitterung waren. Der Stat bestimmte seine diesjährigen Streitkräfte auf sechs Legionen Römer. 9. Noch während der Vorkehrungen zum Kriege trafen Gesandte vom Könige Ptolemäus mit der Anzeige ein: «Die Athener hätten den König um Hülfe gegen Philipp gebeten. Indeß ob sie gleich ihre gemeinschaftlichen Bundesgenossen wären, würde doch der König, ohne das Gutachten des Römischen Volks für sich zu haben, weder Flotte noch Heer zur Vertheidigung oder Bekämpfung irgend einer Partei nach Griechenland abgehen lassen. Habe das Römische Volk zur Vertheidigung der Bundesgenossen freie Hände, so wolle er ruhig in seinen Staten bleiben: er werde aber auch damit zufrieden sein, falls die Römer die Ruhe vorziehen sollten, und dann von seiner Seite Hülfstruppen hinsenden; denen die Behauptung Athens gegen Philipp ein Leichtes sein solle.» Der Senat sagte dem Könige Dank und gab die Antwort: «Die Römer seien entschlossen, die Bundesgenossen selbst zu schützen. Sollte für diesen Krieg irgend ein Bedürfniß eintreten, so würden sie es dem Könige eröffnen, und sie 13 verließen sich mit Sicherheit auf den Überfluß seines Reiches, als die stärkste und treueste Stütze ihres States.» Dann wurde nach einem Senatsschlusse jedem der Gesandten ein Geschenk von fünftausend Ungefähr 150 fl. Conv. M. Kupferassen zugeschickt. Als die Consuln die Werbung hielten und Alles, was zum Kriege nöthig war, besorgten, beschloß der Stat, der vorzüglich beim Ausbruche neuer Kriege auf die Götter Rücksicht nahm, obgleich die Bettage schon gefeiert und die Andachten an allen Altären gehalten waren, um nichts zu unterlassen, was sonst wohl geschehen sei, der Consul, welchem Macedonien als Standort zugefallen sei, solle dem Jupiter Spiele nebst einem Weihgeschenke geloben. Dies Statsgelübde verzögerte sich durch die Behauptung des Hohenpriesters Licinius, «daß man ein Gelübde nicht von einer unbestimmten Summe thun dürfe; insofern ein solches Geld zum Kriege nicht gebraucht werden könne. Es müsse sogleich zurückgelegt werden, und nicht mit dem übrigen Gelde zusammengeworfen sein, Geschehe dies nicht, so werde die Bezahlung des Gelübdes nicht ohne Unrichtigkeit bleiben.» Konnte man gleich den Einwurf selbst so wenig, als den Angeber, unbeachtet lassen, so ließ man doch den Consul bei dem Gesamtamte der Oberpriester anfragen, ob sich mit gutem Gewissen von einer unbestimmten Geldsumme ein Gelübde thun lasse. Nach der Erklärung der Oberpriester war das nicht allein erlaubt, sondern sogar noch gottgefälliger. Der Consul that das Gelübde vermittelst derselben vom Hohenpriester ihm vorgesagten Formel, nach welcher man sonst gewöhnlich die fünfjährigen Gelübde verhieß; außer daß er diesmal angelobte, die Spiele und Weihgeschenke von einer Geldsumme darzubringen, deren Größe der Senat bei Bezahlung des Gelübdes bestimmen würde. So oft waren vorher die Großen Spiele von einer benannten Summe verheißen; diese waren die ersten von einer unbenannten. 10. Da Alle dem Macedonischen Kriege entgegen sahen, entstand gerade in einem Zeitpunkte, wo man es am 14 wenigsten befürchtete, auf einmal das Gerücht von einem Einbruche der Gallier. Die Insubrier, Cenomaner und Bojer hatten nach Aufwiegelung der Statieller und Iriaten Salyis Ilvatibusque]. – Da diese hier, der Geographie nach, keine Stelle haben können, so folge ich Cluver's Verbesserung: Statiellis Iriatibusque.»Wenn es XXXXII. 8. von den Statiellaten heißt: qui uni ex Ligurum gente non tulissent arma adversus Romanos, so hindert uns dies nicht, den Namen an unsrer Stelle gelten zu lassen. Denn jenes Zeugniß für sie bezieht sich nur auf den damaligen Krieg im J. 579. und aus dem gleich darauf folgenden deditos in fidem populi Rom. ließe sich vermuthen, daß sie früher mit Rom Krieg geführt haben, und schon länger dediticii waren. und der übrigen Ligurischen Völkerschaften, unter Anführung des Puniers Hamilcar, welcher von Hasdrubals Heere in jener Gegend stehen geblieben war, Placentia überfallen; und jetzt zogen sie, nachdem sie die Stadt geplündert, in der Wuth großentheils eingeäschert, und kaum zweitausend Menschen auf Brandstäten und Trümmern übriggelassen hatten, schon über den Po zur Plünderung von Cremona heran. Der Ruf vom Unglücke der Nachbarstadt gab den Pflanzstädtern Zeit, ihre Thore zu schließen und die Mauern zu besetzen, um sich wenigstens eher belagern, als erobern zu lassen, und dem Römischen Prätor Nachricht geben zu können. Lucius Furius Purpureo war es, der damals dieser Provinz vorstand. Nachdem er dem Senatsschlusse gemäß sein übriges Heer bis auf fünftausend Mann Bundesgenossen und Latiner entlassen hatte, war er mit diesen Truppen, in der Nachbarschaft seiner Provinz, in der Gegend von Ariminum stehen geblieben. Jetzt schrieb er dem Senate, in welchem Aufruhre die Provinz sei. «Von zwei Pflanzstädten, welche jenem schrecklichen Sturme des Punischen Krieges entgangen wären, sei die eine von den Feinden erobert und geplündert, die andre belagert. Sein Heer werde zum Schutze der bedrängten Pflanzstädter nicht stark genug sein, wenn er nicht fünftausend Mann Bundesgenossen vierzigtausend Feinden – denn so viele ständen unter den Waffen – zum Niederhauen vorwerfen und den durch die Zerstörung der einen Römischen Pflanzstadt schon geschwellten Muth 15 der Feinde durch seine eigene große Niederlage noch erhöhen wolle.» 11. Nach Vorlesung dieses Briefes beschlossen die Väter, der Consul Cajus Aurelius solle das Heer, das er schon auf einen bestimmten Tag nach Hetrurien beschieden habe, auf denselben Tag sich zu Ariminum stellen lassen, und dann, wenn es ihm die Lage der Dinge erlaube, entweder selbst zur Dämpfung des Gallischen Aufruhres abgehen, oder dem Prätor Lucius Furius schreiben. Wenn die Legionen aus Hetrurien bei ihm angelangt wären, so möchte er dagegen die fünftausend Mann Bundesgenossen zurückgehen lassen, damit diese indeß Hetrurien decken könnten, und selbst zum Entsatze der belagerten Pflanzstadt aufbrechen. Auch beschlossen sie, Gesandte nach Africa abgehen zu lassen, und zwar nach Carthago und nach Numidien an den Masinissa dieselben. Nach Carthago sollten sie gehen, um dort die Anzeige zu thun, «daß ein Hamilcar, ein geborner Carthager, der in Gallien, man wisse nicht, ob früher von Hasdrubals, oder nachher von Mago's Heere, zurückgeblieben sei, gegen den Friedensvertrag sich mit einem Kriege befasse. Wenn sie den Frieden behalten wollten, müßten sie ihn abrufen und den Römern ausliefern.» Zugleich sollten sie ihnen zu wissen thun, daß nicht alle Überläufer ausgeliefert wären. «Eine große Menge von diesen gehe, wie es heiße, «öffentlich in Carthago umher: diese müßten sie greifen und aufsuchen lassen, um sie ihnen dem Vertrage gemäß herauszugeben.» So weit die Aufträge an die Carthager . Dem Masinissa sollten sie dazu Glück wünschen, «daß er nicht allein sein väterliches Reich wieder erobert, sondern es auch mit dem hinzugekommenen blühendsten Theile von den Staten des Syphax vermehrt habe.» Außerdem sollten sie ihm melden: «Man habe gegen König Philipp den Krieg unternommen, weil er die Carthager durch Truppen unterstützt habe; weil er ferner durch die Roms Bundesgenossen zugefügten Beleidigungen selbst während des Kriegsfeuers in Italien die Römer genöthigt habe, Flotten und Heere nach Griechenland zu senden, 16 und es ihm vorzüglich wegen dieser Vertheilung ihrer Truppen zuzuschreiben sei, daß sie nicht früher nach Africa übergegangen wären. Sie bäten, der König möge ihnen zu diesem Kriege Unterstützung an Numidischer Reuterei senden.» Es waren ihnen kostbare Geschenke mitgegeben, um sie dem Könige zu überreichen: goldene und silberne Gefäße, ein purpurnes Statskleid, eine Weste mit gestickten Palmzweigen nebst einem Zepter von Elfenbein, auch ein verbrämtes Statskleid nebst einem Thronsessel. Zugleich sollten sie die Versicherung geben: «Wenn er zur Befestigung oder Erweiterung seines Reichs irgend etwas für nöthig erachten sollte, so werde das Römische Volk dies seinem Verdienste angelegentlichst zu gewähren suchen.» In diesen Tagen erschienen auch Gesandte vom Vermina, dem Sohne des Syphax, vor dem Senate, die unter Entschuldigungen seines Fehltritts und seiner Jugend alle Schuld auf die Hinterlist der Carthager fallen ließen. «Auch sei ja Masinissa aus einem Feinde der Römer Freund geworden. Vermina werde sich ebenfalls bestreben, in Gefälligkeiten gegen den Römischen Stat sich es weder von Masinissa, noch von sonst jemand zuvorthun zu lassen. Er bitte darum, vom Senate die Benennung König, Bundesgenoß und Freund zu erhalten.» Die Gesandten bekamen zur Antwort: «Theils sei sein Vater Syphax ohne Ursache aus einem Bundesgenossen und Freunde auf einmal des Römischen Volkes Feind geworden: theils habe er selbst die Lehrjahre seiner Jugend auf feindliche Angriffe gegen die Römer verwandt. Er habe also zuvor bei dem Römischen Volke um Frieden nachzusuchen, ehe er darum bitten könne, König, Bundesgenoß und Freund zu heißen. Die Ehre dieser Benennung pflege das Römische Volk nur wichtigen Verdiensten der Könige um seinen Stat einzuräumen. Es würden Römische Gesandte nach Africa kommen, welchen der Senat auftragen werde, dem Vermina den Frieden auf Bedingungen zu ertheilen, die das Römische Volk ihrer Willkür anheimstelle. Sollte er bei diesen etwas hinzuzufügen, wegzulassen oder abzuändern wünschen, 17 so habe er sich mit seinem Gesuche von neuem bei dem Senate zu melden.» Als Gesandte mit des Senats Aufträgen gingen Cajus Terentius Varro, Spurius Lucretius, Cneus Octavius nach Africa ab. Jedem wurde ein Fünfruderer gegeben. 12. Darauf wurde im Senate ein Brief vom Prätor Quintus Minucius vorgelesen, der im Bruttischen Gebiete seinen Standort hatte, worin er meldete, daß zu Locri aus dem Schatze der Proserpina eine Summe durch nächtlichen Diebstahl entwandt, und keine Spur zu finden sei, auf wen dieser Frevel fallen könne. Mit Unwillen sah der Senat, daß immer wieder Kirchenräubereien begangen würden, und daß selbst ein Pleminius, als ein so sehr in die Augen fallendes und noch neues Beispiel der Verschuldung, so wie der Bestrafung, die Menschen nicht abschrecke. Er trug dem Consul Cajus Aurelius auf, nach Bruttien an den Prätor zu schreiben: «Dem Willen des Senats gemäß müsse er die Beraubung des Tempelschatzes mit eben der Strenge untersuchen, wie vor drei Jahren der Prätor Marcus Pomponius. Das ausfindig gemachte Geld sei wieder in den Schatz zu legen; gebe das Gefundene noch nicht die ganze Summe, so sei diese zu ergänzen: auch könnten, falls er der Meinung sei, zur Sühne für diese Entheiligung des Tempels Opfer angestellt werden, wie sie die Oberpriester das vorigemal für nöthig erachtet hätten.» Auch ließen sich Schreckzeichen sehen, die man um dieselbe Zeit von mehrern Orten meldete. Im Lucanischen sollte der Himmel in Flammen gestanden haben. Zu Privernum sei bei heitrem Wetter die Sonne den ganzen Tag roth gewesen. Zu Lanuvium sei im Tempel der Juno Sospita bei Nacht ein schrekliches Getöse entstanden. Ja von mehreren Orten meldete man häßliche Misgeburten unter Menschen und Thieren. Im Sabinischen war ein Kind geboren, von dem man nicht wußte, ob es männlichen oder weiblichen Geschlechtes sei. Man fand noch ein anderes, schon sechzehn Jahre alt, ebenfalls ungewissen Geschlechts. Zu Frusino kam ein Lamm mit einem Schweinskopfe, zu Sinuessa ein Schwein mit einem 18 Menschenkopfe zur Welt; im Lucanischen auf einer Statsmeierei ein Füllen mit fünf Füßen. Alle diese Erscheinungen hielt man für gräuelhafte Unregelmäßigkeiten, für Fehlgriffe der bei der Erzeugung des Einen sich auf ein Anderes verirrenden Natur. Als vorzügliche Unglückszeichen verabscheute man die Zwitter und ließ sie sogleich im Meere auswerfen, so wie man noch vor kurzem unter den Consuln Cajus Claudius und Marcus Livius eine eben so schauderhafte Zwittergeburt im Meere versenkt hatte. Noch mehr; man ließ wegen dieses drohenden Zeichens die Zehnherren in den heiligen Büchern nachschlagen. Nach Angabe der Bücher verordneten die Zehnherren dieselbigen heiligen Feierlichkeiten, die man das letztemal bei jener Schreckenserscheinung beobachtet hatte. Außerdem sollten drei Chöre, jeder von neun Jungfrauen, mit Absingung eines Liedes durch die Stadt ziehen und der Juno Regina ein Weihgeschenk darbringen. Der Consul Cajus Aurelius besorgte die Ausrichtung, wie die Zehnherren sie angeordnet hatten. Das Lied dichtete diesmal Publius Licinius Tegula, wie jenes zur Zeit der Väter Livius . 13. Als die Consuln nach Beseitigung aller frommen Besorgnisse – denn auch zu Locri war Quintus Minucius den Tempelräubern auf die Spur gekommen und das Geld von dem Vermögen der Thäter in den Schatz zurückgeliefert – auf ihre Posten abgehen wollten, erschienen Mehrere von jenen Privatpersonen, welchen der Stat von dem Gelde, das sie ihm unter den Consuln Marcus Valerius und Marcus Claudius geliehen hatten, in diesem Jahre ein Drittel zahlen sollte, vor dem Senate: denn die Consuln hatten ihnen, da die Schatzkammer den neuen mit einer großen Flotte und großen Heeren zu bestreitenden Krieg kaum decken konnte, schon gesagt, es sei jetzt nichts da, wovon sie bezahlt werden könnten. Der Senat blieb nicht ohne Rührung, als sie ihre Klage dagegen erhoben, «wenn der Stat das Geld, das sie ihm für den Punischen Krieg gegeben hätten, nun auch zum Macedonischen Kriege nutzen wolle. Dies sei ja gerade so, da 19 immer Ein Krieg aus dem andern entstehe, als ob ihr Geld, das sie so wohlwollend hergegeben hätten, ihres Verbrechens wegen vom State eingezogen wäre.» Da auf der einen Seite die Forderung der Einzelnen billig war, und doch auf der andern der Stat seine Schuld nicht bezahlen konnte, so nahmen die Väter in ihrer Erklärung folgenden Mittelweg zwischen Billigkeit und Nutzen: «Da ein großer Theil der Gläubiger davon spreche, daß man für Jedermann käufliche Ländereien genug habe, und ihnen damit gedient sei, welche zu kaufen, so solle es ihnen frei stehen, von den innerhalb des funfzigsten Meilenzeigers belegenen Statsländereien einen Ankauf zu machen. Die Consuln sollten dies Land schätzen lassen, und zum Beweise, daß es Statsland sei, jede Hufe mit einem Ass Grundzins belegen; so daß der, der um die Zeit, wann der Stat zahlfähig sei, lieber sein Geld haben wolle, als den Acker, diesen dem Volke zurückgeben könne.» Mit Freuden nahmen sie diesen Vorschlag an. Man nannte dieses Land, weil es ihnen für ein Drittel ihrer Schuldforderung überlassen war, das Drittel- auch das Schuldregisterland . 14. Publius Sulpicius, welcher unmittelbar nach Ablegung der Statsgelübde auf dem Capitole, seinen Auszug im Feldherrnpurpur mit den vorauftretenden Beilträgern hielt, kam darauf nach Brundusium, und nachdem er die Freiwilligen von den alten Soldaten des Africanischen Heers in die Legionen eingeordnet und sich aus der Flotte des Consuls Cornelius die Schiffe ausgesucht hatte, setzte er in zwei Tagen nach seiner Abfahrt von Brundusium nach Macedonien über. Hier traf er die Gesandten der Athener, die ihn baten, sie von der Belagerung zu befreien. Sogleich sandte er den Cajus Claudius Centho nach Athen, mit zwanzig Kriegsschiffen und einer mäßigen et – militum copiis]. – Nach Crevier's Vermuthung, die auch Drakenborch nicht misbilligt, ist hier ein Wort ausgefallen, etwa parvis, exiguis oder modicis, welches ich übersetzt habe. Anzahl Truppen. Denn es stand nicht der König selbst als Belagerer vor Athen. Gerade jetzt belagerte er 20 Abydus, und hatte schon in zwei Gefechten zur See seine Kräfte gegen die Rhodier und den Attalus, gegen beide ohne Glück, versucht. Allein außer dem ihm eignen Unternehmungsgeiste machte ihm theils das mit Syriens Könige Antiochus geschlossene Bündniß Muth, theils die mit ihm verabredete Theilung des Ägyptischen Reichs, welche seit der Nachricht vom Tode des Königs Ptolemäus (Philopator) beide bezweckten. Übrigens hatten sich die Athener den Krieg mit Philipp durch eine gar nicht würdige Veranlassung zugezogen, weil sie von ihrem ehemaligen Wohlstande nichts als den hohen Sinn behalten hatten. Zwei Acarnanische Jünglinge gingen zur Zeit der Weihe, ob sie gleich nicht geweihet waren, und ohne zu wissen, daß dies ein heiliges Verbot war, mit dem übrigen Haufen in den Tempel der Ceres. Bald verrieth sie ihre Rede, da sie einige unpassende Fragen thaten: sie wurden vor die Aufseher des Tempels geführt, und ob es gleich am Tage lag, daß sie aus Unwissenheit hineingegangen waren, dennoch, als hätten sie einen unerhörten Frevel begangen, hingerichtet. Diese so unwürdige und feindselige Behandlung klagte das Acarnanische Volk dem Philipp, und erhielt von ihm die Bewilligung, mit Macedonischen Hülfstruppen die Athener zu bekriegen. Dieses Heer, welches anfangs Attica mit Feuer und Schwert verwüstete, kehrte mit Beute aller Art nach Acarnanien zurück. Doch dies war nur der erste Grund zur Erbitterung. Dann wurde daraus durch die zuvorkommenden Ankündigungen von Seiten des Attischen Stats ein förmlicher Krieg. Denn da König Attalus und die Rhodier, als Verfolger des nach Macedonien sich zurückziehenden Philipp, nach Ägina gekommen waren, so ging der König, um die alte Freundschaft mit den Athenern zu erneuern und zu befestigen, in den Piräeus über. Alle Bürger mit Weib und Kind strömten hinaus ihm entgegen; bei seinem Einzuge in die Stadt empfingen ihn die Priester im heiligen Schmucke und es fehlte nicht viel, man hätte die Götter selbst zu seinem Empfange von ihren Sitzen aufgestört. 21 15. Das Volk wurde sogleich zur Versammlung gerufen, weil ihm der König seine Beschlüsse in Person mittheilen wollte: dann aber hielt er es für anständiger, seine Meinung schriftlich abzugeben, als entweder bei Aufzählung seiner Verdienste um den Attischen Stat, oder bei den Freudensbezeigungen und dem wiederholten Zurufe der Volksmenge, die durch übertriebene Äußerung ihres Beifalls der Bescheidenheit lästig würde, als der Erröthende dazustehen. Das an die Versammlung geschickte und ihr vorgelesene Schreiben erwähnte zuerst seiner Wohlthaten gegen den verbündeten Stat, dann seiner Thaten gegen Philipp, und zuletzt forderte es die Athener auf, «zum Kriege zu greifen, da sie jetzt ihn, da sie die Rhodier, und noch mehr, da sie auch die Römer zu Gehülfen hätten. Vergebens würden sie nachher, wenn sie jetzt zauderten, nach der versäumten Gelegenheit sich umsehen.» Darauf bekamen die Gesandten von Rhodus Gehör. Sie hatten sich in diesen Tagen ein Verdienst erworben, insofern sie vier Attische, von den Macedoniern eroberte und diesen wieder abgenommene, Kriegsschiffe abgeliefert hatten. Folglich wurde der Krieg gegen Philipp mit allgemeiner Beistimmung beschlossen. Nun erhielten zuerst der König Attalus, dann auch die Rhodier, übertriebene Ehrenbezeigungen. Jetzt that man zum erstenmale den Vorschlag, die zehn alten Bezirke mit einem neuen, unter der Benennung des Attalischen, zu vermehren: der Stat von Rhodus erhielt für sein Verdienst einen goldnen Kranz zum Geschenke; und den Rhodiern wurde das Bürgerrecht ertheilt, wie es die Rhodier schon früher den Athenern ertheilt hatten. Hierauf begab sich König Attalus wieder nach Ägina zu seiner Flotte. Die Rhodier segelten von Ägina nach Cia, von da zwischen den Inseln durch nach Rhodus, nachdem sie diese alle, bis auf das mit Macedoniern belegte Andrus, Parus und Cythnus, in ihren Bund aufgenommen hatten. Den Attalus hielt zu Ägina die Absendung seiner Boten nach Ätolien und die Erwartung einer Gesandschaft von dort in ziemlich langer Unthätigkeit. So wenig es ihm gelang, die Ätoler zu Ergreifung der 22 Waffen aufzuwiegeln, da sie des mit Philipp abgeschlossenen Friedens, so gut er sich hatte machen lassen wollen, froh waren; so gewiß würde er selbst samt den Rhodiern, hätten sie jetzt den Philipp nicht losgelassen, die ehrenvolle Auszeichnung, Griechenlands Befreier zu sein, davon getragen haben: da sie diesem aber Zeit ließen, wieder in den Hellespont hinüberzugehen und durch Eroberung vortheilhafter Plätze in Thracien sich zu verstärken, so gaben sie dem Kriege Nahrung und überließen den Ruhm, ihn ausgefochten und geendigt zu haben, den Römern . 16. Philipp ging mehr mit königlichem Muthe zu Werke. Waren ihm gleich Attalus und die Rhodier als Feinde überlegen gewesen, so schickte er dennoch, ohne sich selbst durch den bevorstehenden Römischen Krieg schrecken zu lassen, einen seiner Unterfeldherren, den Philocles, mit zweitausend Mann zu Fuß und zweihundert zu Pferde zur Verheerung des Attischen Gebietes ab; übergab dem Heraclides die Flotte, um nach Maronea zu steuern, und ging selbst mit zweitausend Mann leichter Truppen zu Fuß und zweihundert zu Pferde zu Lande eben dahin. Und Maronea eroberte er im ersten Sturme; gewann auch Änus, freilich mit vieler Mühe, doch zuletzt durch Verrätherei des Ganymedes, eines Unterfeldherrn des Ptolemäus: dann besetzte er andre kleine Festungen der Reihe nach, Cypsela, Doriscus und Serrheum; rückte nach Chersones vor, unterwarf sich Eläus und Alopeconnesus, die sich ihm freiwillig übergaben: auch Callipolis und Madytos ergaben sich nebst einigen andern geringeren Festungen. Nur die Einwohner von Abydus sperrten dem Könige ihre Thore, ohne einmal seine Gesandten zuzulassen. Die Bestürmung dieser Stadt hielt den Philipp lange auf, und wären nicht Attalus und die Rhodier saumselig gewesen, so hätte sie entsetzt werden können. Attalus schickte nur dreihundert Mann zu ihrer Vertheidigung, und die Rhodier von ihrer Flotte, die doch bei Tenedos stand, einen einzigen Vierruderer. Als späterhin, wie die Eingeschlossenen die Belagerung fast nicht mehr aushalten konnten, auch Attalus nach Tenedos überging, so zeigte 23 er ihnen die gehoffte Hülfe nur in der Nähe, ohne für seine Bundesgenossen zu Wasser und zu Lande das Geringste zu thun. 17. Die Abydener hielten anfangs durch ihre auf der Mauer angebrachten Geschütze nicht nur die zu Lande Stürmenden vom Hinansteigen ab, sondern beunruhigten selbst die feindlichen Schiffe auf ihrem Ankerplatze. Endlich, als schon ein Theil der Mauer in Trümmern lag, und sich der Feind durch Erdgänge auch der innern eiligst aufgeworfenen Mauer näherte, schickten sie Gesandte an den König, die Bedingungen der Übergabe zu verabreden. Sie verlangten die Erlaubniß, den Rhodischen Vierruderer mit den Seeleuten, wie auch die Truppen des Attalus abziehen zu lassen, und für ihre Person, jeder nur mit Einem Kleide aus der Stadt gehen zu dürfen. Da aber Philipp die Gesandten keine Schonung hoffen hieß, wenn ihm nicht Alles überlassen bliebe, so erhöhete der erstattete Bescheid den Unwillen und die Verzweifelung der Abydener zum Grimme, so daß sie sich der Wuth der Saguntiner überließen und Befehl gaben, alle Frauen in den Dianentempel, die freigebornen Knaben und Jungfrauen, selbst die Unmündigen mit ihren Ammen, in die Übungsschule zu sperren; Gold und Silber auf den Stadtplatz zusammenzutragen, die kostbaren Kleider auf das Schiff von Rhodus und eins von Cyzicus zu bringen, die im Hafen lagen; Priester und Opferthiere herbeizuholen und öffentlich Altäre zu errichten. Hier wurde zuerst ein Ausschuß ernannt, der, sobald er sehen würde, daß die vor der zertrümmerten Mauer fechtende Linie der Ihrigen gefallen sei, sogleich die Weiber und Kinder tödten, Gold und Silber und die auf die Schiffe gebrachten Kleider ins Meer werfen, der öffentlichen und Privathäuser so viele als möglich in Brand stecken sollte, und nach einer von den Priestern ihm vorgesagten Verfluchungsformel sich zur Ausführung dieser That beeidigen ließ: dann schwuren auch die unter den Waffen Stehenden, ihr Leben Alle, falls sie nicht siegten, in der Schlacht zu lassen. Treu ihrem den Göttern gegebenen Worte fochten sie so hartnäckig, daß der 24 König, obgleich die Nacht die Kämpfenden geschieden haben würde, durch ihre Wuth geschreckt, zuerst vom Gefechte abließ. Da nun ihre Vornehmen, welche die gräßlichere Hälfte der That auszuführen hatten, die kleine Anzahl sahen, die vom Treffen noch übrig und von Wunden und Entkräftung erschöpft war, so schickten sie mit Tagesanbruch ihre Priester im heiligen Schmucke an Philipp, ihm die Stadt zu übergeben. 18. Noch vor der Übergabe kam von den drei Römischen Gesandten, welche nach Alexandrien abgegangen waren, auf die Nachricht von der Belagerung der Stadt Abydus, der jüngste, Marcus Ämilius – so hatten sie es unter sich ausgemacht – zu Philipp. Als der König auf die ihm darüber gemachten Vorwürfe, daß er den Attalus und die Rhodier angegriffen habe, und gerade jetzt Abydus belagere, zur Antwort gab, Attalus und die Rhodier hätten ihn mit Krieg überzogen, so sagte Ämilius: «Sind etwa auch die Abydener gegen dich die Angreifenden gewesen?» Ungewohnt die Wahrheit zu hören, nahm er diese Worte für eine zu dreiste Äußerung gegen einen König. «Deine Jugend,» sprach er, «deine Bildung und, mehr als dies Alles, der Römername, macht dich dreister, als du sein solltest. Ich für meine Person, möchte am liebsten, ihr hieltet, der gemachten Zusage eingedenk, mit mir Frieden. Solltet ihr mich aber zum Kriege auffordern, so bin auch ich willens, euch fühlen zu lassen, daß der Thron und der Name von Macedonien des Ruhms im Kriege so viel hat, als der Römische. » So entließ Philipp den Gesandten, nahm das in Haufen zusammengetragene Gold und Silber hin, ging aber aller Gefangenen verlustig. Denn der Volkshaufe wurde von einer solchen Wuth ergriffen, daß plötzlich Alle, in der Meinung, man habe die fechtend Gefallenen verrathen, und unter gegenseitigen Vorwürfen des Meineids, – die hauptsächlich die Priester hören mußten, weil sie diejenigen, denen sie selbst die Weihe zum Tode gegeben, durch Übergabe lebendig dem Feinde geliefert hätten – daß plötzlich Alle aus einander sprengten, nm die Weiber und Kinder zu tödten 25 und sie sich selbst durch alle Arten des Todes mordeten. Staunend über diese Wuth rief der König seine Truppen vom Eindringen zurück und sagte: «Er gebe den Abydenern drei Tage zum Sterben.» Und in dieser Zeit übten die Besiegten mehr Unthaten gegen sich selbst aus, als die erbitterten Sieger sich erlaubt haben würden; und es kam nicht Einer lebendig in feindliche Gewalt, wenn ihn nicht etwa Ketten oder sonst ein Zwang am Sterben verhinderten. Philipp belegte Abydus mit einer Besatzung und ging in sein Reich zurück. Da eben so, wie bei Hannibal die Zerstörung Sagunts, bei Philipp das Unglück der Abydener, den Entschluß zum Kriege mit Rom gereift hatte, erfuhr er unterweges, der Consul sei schon in Epirus und habe die Landtruppen nach Apollonia, die Seemacht aber nach Corcyra in die Winterquartiere gelegt. 19. Unterdeß erhielten die wegen jenes Hamilcar, der sich an die Spitze eines Gallischen Heers gestellt hatte, nach Africa geschickten Gesandten von den Carthagern die Antwort: «Sie könnten weiter nichts thun, als daß sie ihn mit der Landesverweisung belegten und seine Güter einzögen. Die Überläufer und entflohenen Sklaven, die sie hätten ausfindig machen können, hätten sie ausgeliefert; und würden auch deshalb Gesandte nach Rom schicken, die den Senat zufrieden stellen sollten.» Sie schickten zweihundert tausend Maß Weizen nach Rom, und zweihundert tausend zum Heere nach Macedonien. Von da reiseten die Gesandten nach Numidien zu den Königen. Dem Masinissa überreichten sie die Geschenke und bestellten ihre Aufträge. Ob er gleich zweitausend Numidische Reuter stellen wollte, nahmen sie doch nur tausend an. Er selbst besorgte deren Einschiffung, und sandte sie nebst zweihundert tausend Maß Weizen und zweihundert tausend Maß Gerste nach Macedonien. Der dritte Tertia legatio ist hier nicht eine dritte Gesandschaft, sondern das dritte Geschäft einer und derselben Gesandschaft, so etwa wie extrema oratio nicht die letzte Rede ist, die jemand hält, sondern der letzte Gegenstand seiner Rede. , zu welchem die Gesandschaft ging, war Vermina. Er kam den Gesandten an die äußersten 26 Gränzen seines Reichs entgegen, und überließ die vorzuschreibenden Friedensbedingungen ihrer Willkür. Jeder Friede mit dem Römischen Volke, sagte er, werde für ihn vortheilhaft und billig sein. Sie setzten die Bedingungen des Friedens fest und hießen ihn zu deren Bestätigung Gesandte nach Rom schicken. 20. Um diese Zeit kehrte Lucius Cornelius Lentulus als Proconsul aus Spanien zurück. Als er im Senate seine so viele Jahre über mit Tapferkeit und Glück verrichteten Thaten aus einander gesetzt und um die Erlaubniß angehalten hatte, triumphirend in die Stadt einzuziehen, so erklärte der Senat: «Seine Thaten verdienten den Triumph; allein es sei von allen Zeiten her ohne Beispiel geblieben, daß jemand, ohne auf dem Posten eines Dictators, Consuls oder Prätors zu stehen, triumphirt habe. Er aber habe die Geschäftsführung in Spanien als Proconsul bekommen, nicht als Consul oder Prätor.» Doch schlug man den Mittelweg ein, ihn im kleinen Triumphe einen Einzug halten zu lassen, wiewohl nicht ohne Widerspruch von Seiten des Bürgertribuns Tiberius Sempronius Longus, welcher behauptete, dies werde eben so wenig der Sitte der Vorfahren, als irgend einem Beispiele gemäß sein. Endlich gab der Tribun dem einstimmigen Willen des Senates nach, und zufolge eines Senatsschlusses zog Lucius Lentulus im kleinen Triumphe zur Stadt ein. An Beute lieferte er vier und vierzigtausend Pfund Silber, zweitausend vierhundert funfzig Pfund Gold, und gab jedem Soldaten von der Beute hundert und zwanzig Kupferass Diese drei Summen betragen ungefähr, die erste 1,375,000 Gulden, die zweite 750,000 Gulden Conv. M. und die dritte 2½ Thaler, wenn aes grave zu verstehen ist. . 21. Schon war das consularische Heer von Arretium nach Ariminum geführt und fünftausend Mann Latinischer Bundestruppen waren aus Gallien nach Hetrurien hinübergegangen. Also nahm Lucius Furius, der in starken Märschen gegen die jetzt eben Cremona belagernden Gallier herangezogen war, in einer Entfernung von 27 tausend fünfhundert Schritten ein Lager, dem Feinde gegenüber. Er hätte eine herrliche That ausführen können, wenn er sein Heer sogleich vom Marsche zur Erstürmung des feindlichen Lagers geführt hätte. Rund umher in die Dörfer zerstreut streiften sie umher, ohne eine hinlängliche Besatzung zurückzulassen. Er fürchtete aber, seine Truppen möchten zu sehr erschöpft sein, weil der Zug so schnell gegangen war. Die Gallier, denen das Geschrei der Ihrigen das Zeichen zum Rückzuge aus den Dörfern gab, ließen die Beute, die sie schon in Händen hatten, fahren, eilten in ihr Lager zurück, und rückten am folgenden Tage in Schlachtordnung aus. Auch die Römer nahmen keinen Anstand zu fechten. Sie hatten aber kaum Zeit sich zu stellen, so schnellen Laufes kamen die Feinde zum Kampfe heran. Der rechte Heerhaufe – das Heer der Bundesgenossen war damals in zwei Haufen getheilt – wurde in die erste Linie gestellt; im Hintertreffen standen die zwei Römischen Legionen. Den rechten Heerhaufen führte Marcus Furius, die Legionen Marcus Cäcilius, die Reuterei Lucius Valerius Flaccus, lauter Legaten. Zwei andre Legaten, den Cneus Lätorius und Publius Titinius, hatte der Prätor an seiner Seite, um Alles beobachten und jedem unvorhergesehenen Angriffe der Feinde begegnen zu können. Anfangs hofften die Gallier, wenn sie mit ihrer ganzen Masse gegen Einen Punkt zusammendrängten, den rechten Heerhaufen, der in der Vorderlinie stand, übermannen und niedertreten zu können. Als ihnen dies nicht nach Wunsch gelang, versuchten sie die feindlichen Flügel zu umgehen und die Linie einzuschließen, was ihnen bei ihrer Menge gegen so Wenige ein Leichtes schien. Als dies der Prätor bemerkte, ließ er, um ebenfalls seine Linie zu dehnen, die beiden Legionen aus dem Hintertreffen sich rechts und links dem in der ersten Linie fechtenden Heerhaufen anschließen; ja Aedemque deo Iovi ]. – Mit Recht ist das Wort deo den Critikern anstößig. Sigonius lieset statt dessen duas, Crevier Diiovi mit Jovi zusammen, Drakenborch dein. Ich lese ædemque adeo Iovi; in dem Sinne, wie Cic. Catil. I. sagt: Ducem hostium intra mœnia atque adeo in senatu videtis, wo adeo ein noch dazu, noch mehr oder ja sogar bedeutet. er gelobte, wenn er heute 28 die Feinde schlüge, dem Jupiter einen Tempel. Dem Lucius Valerius befahl er, auf der einen Seite die Ritter beider Legionen, auf der andern die Reuterei der Bundsgenossen gegen die feindlichen Flügel loszulassen und nicht zu leiden, daß sie die Linie umgingen. Zugleich hieß er selbst, wie er die Linie der Gallier in der Mitte durch die Abführung ihrer Flügel geschwächt sah, seine Soldaten geschlossen anrücken und die Glieder durchbrechen. Sowohl von der Reuterei wurden die Flügel, als vom Fußvolke das Mitteltreffen geschlagen. Und plötzlich kehrten die Gallier, da sie auf allen Seiten schrecklich niedergehauen wurden, den Rücken und eilten in gestrecktem Laufe ihrem Lager zu. Die Reuterei setzte den Fliehenden nach und bald thaten auch die nachgefolgten Legionen einen Angriff auf das Lager. Aus diesem retteten sich nicht volle sechstausend Mann. Über fünfunddreißig tausend wurden niedergehauen, oder eine Beute der Römer, nebst siebzig Fahnen und mehr als zweihundert mit vieler Beute beladenen Gallischen Wagen. In dieser Schlacht fiel Hamilcar, der Punier, und drei angesehene Gallische Feldherren. An zweitausend gefangen gewesene Freigeborne aus Placentia wurden der Pflanzstadt zurückgegeben. 22. Der Sieg war wichtig und erregte Freude zu Rom. Auf den eingegangenen Bericht wurde ein dreitägiges Dankfest angeordnet. Von den Römern und ihren Bundesgenossen waren in dem Treffen an zweitausend gefallen, hauptsächlich von dem rechten Heerhaufen der Verbündeten, den die Feinde gleich anfangs mit großer Überlegenheit anfielen. Hatte gleich der Prätor den Krieg beinahe geendigt, so ging doch auch der Consul Cajus Aurelius, als er seine Geschäfte zu Rom abgethan hatte, nach Gallien und übernahm vom Prätor das siegreiche Heer. Der andre Consul, der fast im Ablaufe des Herbstes auf seinem Posten eintraf, überwinterte in der Gegend von Apollonia. Als 29 Cajus Claudius und die Römischen Dreiruderer, die, wie ich oben gesagt, von der bei Corcyra auf das Land gebrachten Flotte nach Athen gehen mußten, im Piräeus eingelaufen waren, hatte ihre Ankunft den schon verzagenden Bundesgenossen große Hoffnung eingeflößt. Denn theils hatten nun die Streifereien zu Lande von Corinth aus, welche gewöhnlich über Megara ins Attische Gebiet unternommen wurden, ein Ende; theils getrauten sich die Kaperschiffe von Chalcis, welche den Athenern nicht bloß das Meer, sondern auch die ganze Küstengegend unsicher gemacht hatten, nicht allein nicht mehr, um Sunium herumzukommen, sondern sie wagten sich nicht einmal aus der Meerenge des Euripus ins offene Meer. Nun kamen noch zu jenen drei Rhodische Vierruderer, und man hatte auch drei Attische unbedeckte Schiffe, die zur Vertheidigung der Küstengegend ausgerüstet waren. Da bot sich dem Claudius, der für jetzt damit zufrieden gewesen wäre, mit dieser Flotte die Stadt Athen und ihr Gebiet zu decken, sogar die Gelegenheit, noch etwas mehr zu thun. 23. Flüchtlinge von Chalcis, von den königlichen Machthabern durch Mishandlungen verjagt, zeigten ihm an, Chalcis könne ohne Schwertschlag genommen werden: denn die Macedonier streiften, weil kein Feind in der Nähe zu fürchten sei, nach allen Seiten umher; und die Einwohner, voll Vertrauen auf die Macedonische Besatzung, dächten nicht daran, die Stadt zu bewachen. Durch diese Aussage bewogen, lief er aus, und ob er gleich so früh bei Sunium ankam, daß er noch bei Tage Ut inde provehi ]. – Das Weitersegeln von hier blieb ihm ja möglich, er mochte bei Tage oder bei Nacht weitergehen. Deswegen vermuthe ich, daß dieses inde aus einer falsch gelesenen Abbreviatur von interdiu entstanden sei. bis zum Eingange der Meerenge von Euböa hätte weitersegeln können, so ließ er doch, um nicht entdeckt zu werden, wenn er um das Vorgebirge herumkäme, die Flotte bis zur Nacht sich vor Anker legen. Beim ersten Dunkel fuhr er ab, und da er bei stiller See nach Chalcis kam, nahm er kurz vor Tage auf der unbewohntesten Seite der Stadt mit 30 wenigen Truppen den nächsten Thurm und die Mauer umher durch Sturmleitern, weil an einigen Stellen die Wachen im Schlafe lagen, an andern gar keine standen. Als sie weiterhin in eine bewohntere Gegend kamen, machten sie die Wachen nieder, erbrachen ein Thor und ließen die sämtlichen übrigen Truppen ein. Von hier zerstreuten sie sich über die ganze Stadt, die dadurch in noch größeren Tumult gerieth, daß die Häuser am Marktplatze in Brand gesteckt wurden. Die königlichen Kornkammern und das Zeughaus mit einem großen Vorrathe von Rüstzeugen und Geschütze gingen im Feuer auf. Nun begann allenthalben das Gemetzel, unter den Fliehenden sowohl, als den sich Wehrenden; und wie schon Alles, was die Waffen tragen konnte, entweder niedergehauen oder in die Flucht geschlagen war, selbst Sopater, aus Acarnanien, Befehlshaber der Besatzung, gefallen war, brachten sie die sämtliche Beute zuerst auf den Marktplatz zusammen, und luden sie dann auf die Schiffe. Die Rhodier erbrachen auch das Gefängniß, und entließen die Gefangenen, welche Philipp hier seiner Meinung nach in die sicherste Verwahrung gegeben hatte. Nachdem sie noch die Standbilder des Königs umgestürzt und verstümmelt hatten, schifften sie auf das gegebene Zeichen zum Rückzuge sich ein und segelten in den Piräeus zurück, von wo sie gekommen waren. Hätten die Römer so viele Truppen gehabt, daß sie Chalcis hätten behaupten können, ohne die Sicherstellung Athens aufzugeben, so wären – gleich als erste That bei Eröffnung des Krieges wie wichtig! – Chalcis und der Euripus dem Könige genommen: denn so wie der Paß Thermopylä zu Lande, so schließt die Meerenge des Euripus Griechenland zur See. 24. Philipp war damals zu Demetrias. Als hier die Nachricht von dem Misgeschicke seiner Bundesstadt einlief, so brach er, freilich den Unglücklichen zu helfen, zu spät, aber doch, nächst der Hülfe das Tröstendste, ihnen Rache zu schaffen, ungesäumt auf, mit fünftausend Mann leichter Truppen zu Fuß und dreihundert Reutern, und eilte beinahe im Laufe nach Chalcis, in der gewissen 31 Erwartung, die Römer würden sich überraschen lassen. Als ihm diese Hoffnung fehlschlug und er zu weiter nichts angekommen war, als zu dem kläglichen Anblicke einer halbzerstörten und noch dampfenden Bundesstadt, die kaum noch Menschen genug behalten hatte; um die im Gefechte Gebliebenen zu beerdigen, so ging er eben so schnell, als er gekommen war, über die Brücke des Euripus und zog durch Böotien gegen Athen, indem er sich von gleicher Unternehmung einen nicht ungleichen Erfolg versprach. Und dieser würde ihm geworden sein, wäre nicht ein vorausgeeilter Kundschafter – die Griechen nennen diese Tageläufer, weil sie in Einem Tage eine erstaunliche Strecke durchlaufen – der den Zug des Königs von einer Warte beobachtet hatte, um Mitternacht nach Athen gekommen. Hier herrschte dieselbe Schlaftrunkenheit, dieselbe Nachlässigkeit, welche wenige Tage zuvor Chalcis preisgegeben hatte. Von dem Lärm machenden Boten aufgeweckt hießen sowohl der Attische Feldherr, als auch Dioxippus, unter welchem die Cohorte der besoldeten Hülfstruppen stand, sobald sie ihre Soldaten auf den Markt zusammengerufen hatten, von der Burg aus ein Zeichen mit der Trompete geben, um Jedermann von der Ankunft der Feinde zu benachrichtigen. So eilte man von allen Seiten an die Thore, auf die Mauern. Philipp, der wenige Stunden nachher, wiewohl noch lange vor Tage, der Stadt sich näherte, wie er die vielen Lichter gewahr wurde, und, wie natürlich bei einem solchen Auflaufe, das Getöse der durch einander eilenden Menschen hörte, machte Halt, und ließ sein Heer sich lagern und ausruhen, um mit offenbarer Gewalt zu Werke zu gehen, weil ihm die List nicht gelungen war. Auf der Seite von Dipylon rückte er an. Dies gleichsam in der Mündung der Stadt ragende Thor ist weit größer und weiter, als die übrigen, und innerhalb und außerhalb desselben sind die Wege breit, so daß nicht nur die Bürger vom Marktplatze bis ans Thor in Linie aufrücken konnten, sondern auch ein beinahe tausend Schritte breiter Fußweg, der nach der Übungsschule der Academie führte, den feindlichen Truppen zu Fuß und zu Pferde 32 freien Raum gab. Die Athener, die ihre Linie hinter dem Thore stellten, rückten mit den Truppen des Attalus und der Cohorte des Dioxippus auf diesem Fußwege aus. Als sie Philipp erblickte, spornte er, in der Hoffnung, die Feinde schon in seiner Gewalt zu haben, und in einem längst gewünschten Gemetzel unter ihnen seine Rache zu sättigen – denn keine von allen Griechischen Städten war ihm verhaßter – unter dem Zurufe an seine Truppen, «sie möchten, ihren Blick auf ihn gerichtet, fechten und nicht vergessen, daß da die Fahnen, da die Linie stehen müßten, wo der König sei,» sein Pferd auf die Feinde, zugleich von Zorn und Ehre entflammt, weil er sich die Auszeichnung versprach, vor der großen Menge Menschen, welche die Mauern auch als Zuschauer erfüllten, mit seinem Gefechte sich sehen zu lassen. Weit vor die Linie sprengte er mit einer kleinen Anzahl Ritter mitten unter die Feinde, und erregte bei den Seinigen so große Kampflust, als unter den Feinden Verwirrung. Er setzte denen, die er in Menge aus der Nähe und Ferne verwundet und in das Thor zurückgetrieben hatte, in Person nach, und nachdem er ihrer im Drange der Verwirrung noch mehrere erlegt hatte, gelang es ihm, von seinem unbesonnenen Schritte sich ohne Schaden zurückzuziehen, weil die auf den Thürmen des Thores Stehenden, um nicht die mit den Feinden gemischten Ihrigen zu treffen, ihr Geschoss anhielten. Als hierauf die Athener ihre Truppen innerhalb der Mauer halten ließen, gab auch Philipp das Zeichen zum Rückzuge, und schlug bei Cynosarges – hier steht ein Herkulestempel, auch eine Übungsschule, und das Ganze umschließt ein Hain – sein Lager auf. Und nun wurden Cynosarges, das Lyceum, jedes Heiligthum und jede schöne Anlage in den Umgebungen der Stadt in Brand gesteckt; nicht allein die Gebäude, sondern auch die Grabmäler wurden zerstört, und die ungezügelte Wuth ließ so wenig, was Göttern, als was Menschen gehörte, stehen. 25. Tags darauf, als die Thore, die anfänglich geschlossen gewesen waren, jetzt plötzlich geöffnet wurden, 33 weil die Truppen des Attalus von Ägina und die Römer vom Piräeus in die Stadt gerückt waren, verlegte der König sein Lager auf beinahe dreitausend Schritte rückwärts von der Stadt. Da er von hier nach Eleusis aufgebrochen war, um den dortigen Tempel und die den Tempel deckende und umschließende Festung zu überrumpeln, die Wachen aber durchaus nicht vernachlässigt fand und die Flotte vom Piräeus der Stadt zu Hülfe kommen sah, gab er sein Vorhaben auf, rückte nach Megara und gleich weiter bis Corinth. Und da er hörte, zu Argi werde Bundestag der Achäer gehalten, erschien er, den Achäern unerwartet, in der Versammlung. Sie berathschlagten über den Krieg gegen den Zwingherrn der Lacedämonier, den Nabis, der sogleich, als er die Hülfstruppen der Achäer sich verlaufen sah, weil die Achäer den Oberbefehl an Philopömens Statt, dem Cycliadas übertragen hatten, der als Feldherr jenem durchaus nicht gleichkam, den Krieg erneuert hatte, die Länder seiner Nachbarn verheerte und selbst den Städten furchtbar ward. Als sie sich beriethen, wie viel Truppen jede Stadt gegen diesen Feind zu stellen habe, erklärte sich Philipp bereit, die Sorge für den Nabis und die Lacedämonier auf sich zu nehmen, und nicht bloß das Gebiet seiner Verbündeten vor Plünderungen zu schützen, sondern sogleich mit seinem Heere in Laconien einzurücken und alle Schrecken des Krieges dorthin zu verlegen. Als diese Erklärung mit unglaublichem Beifalle aufgenommen wurde, fuhr er fort: «Doch fordert die Billigkeit, daß mein eignes Land, wahrend meine Waffen das eurige decken, nicht von Truppen entblößt sei. Seid ihr damit zufrieden, so schaffet so viele Leute an, als zur Besetzung von Oreum, Chalcis und Corinth hinreichen, damit ich mein Eigenthum im Rücken sicher weiß, und ohne Besorgniß den Krieg mit Nabis und Lacedämon anfangen kann.» Es entging den Achäern nicht, was er mit diesem großmüthigen Versprechen und der angebotenen Hülfe gegen die Lacedämonier bezwecke; daß er nur darauf es anlege, die Achäischen Krieger als Geisel dem Peloponnes zu entführen, um die Nation in den 34 Krieg mit Rom zu verwickeln. Cycliadas, Prätor der Achäer, hielt es für unnöthig, dies zu rügen; schützte vor, es sei gegen die Gesetze der Achäer, etwas Anderes zum Vortrage zu bringen, als wozu sie zusammenberufen seien, und entließ nach Abfassung des Beschlusses, gegen den Nabis ein Heer aufzustellen, die Versammlung, die er mit fester Haltung und Freimüthigkeit geleitet hatte, er, den man bis auf jenen Tag unter die Schmeichler des Königs zählte. Philipp, der seine große Hoffnung vereitelt sah, ging mit einigen Freiwilligen, die er zusammenbrachte, nach Corinth und von da nach Attica zurück. 26. In denselben Tagen, als Philipp in Achaja war, überstieg einer seiner Feldherren, Philocles, der mit zweitausend Thraciern und Macedoniern zur Verheerung des Attischen Gebiets von Euböa ausrückte, Eleusis gegenüber das Waldgebirge Cithäron. Von hier schickte er die Hälfte seiner Truppen nach allen Seiten zur Plünderung der Dörfer aus, mit der andern nahm er auf einem zum Hinterhalte tauglichen Platze eine verdeckte Stellung, um die Feinde, wenn sie aus der Festung von Eleusis seine Plünderer angriffen, ehe sie sich dessen versähen, in ihrer Zerstreuung plötzlich zu überfallen. Seine List blieb nicht unentdeckt. Er rief also die Truppen, die sich zum Plündern zerstreut hatten, zurück, versah sie mit allem Nöthigen und ging auf Eleusis zur Bestürmung der Feste; zog aber mit vielen Verwundeten ab und vereinigte sich mit Philipp, der aus Achaja kam. Nun versuchte der König ebenfalls den Angriff auf diese Feste. Allein die Römischen Schiffe, die vom Piräeus eintrafen, und die eingerückte Besatzung, zwangen ihn, von seinem Vorhaben abzustehen. Nun theilte er sein Heer, schickte mit der einen Abtheilung den Philocles auf Athen, und zog mit der andern selbst gegen den Piräeus, um so viel leichter, während Philocles durch Annäherung an die Mauern und durch gedrohete Bestürmung die Athener in der Stadt beisammenhielte, den schwach besetzten Piräeus zu erobern. Allein der Sturm auf den Piräeus gelang ihm nicht besser, als der auf Eleusis, weil hier und dort fast dieselben 35 Vertheidiger fochten. Vom Piräeus rückte er unerwartet vor Athen. Durch einen überraschenden Ausfall mit Fußvolk und Reuterei wurde er auch hier auf dem beengenden Kampfboden einer halb zerstörten Mauer, die in zwei Armen die Verbindung Athens mit dem Piräeus macht, zurückgeschlagen, brach nach aufgehobener Belagerung der Stadt und abermaliger Theilung des Heers mit Philocles, zur Verheerung der Gegend auf; und hatte er seine vorige Verwüstung durch Zerstörung der die Stadt umgebenden Grabmäler ausgeübt, so ließ er nun, um auch Nichts unentweihet zurückzulassen, die Göttertempel, in welchen sie dort als Landgemeinen ihr Heiligthum verehrten, niederreißen und verbrennen. Attica, das bei dem leicht zu habenden Landesmarmor und dem schöpferischen Geiste seiner Künstler mit Werken dieser Art vorzugsweise geschmückt war, gab dieser Wuth einen reichen Stoff. Denn der König begnügte sich nicht damit, die Tempel selbst niederzureißen und die Götterbilder umzustürzen, sondern er ließ auch die Steine zerschlagen, damit sie, auch nicht einmal in Trümmern ganz, auf einander lägen. Und als es ihm nun, nicht sowohl an unbefriedigter Rache, als an dieser Art des Stoffs zu ihrer Ausübung fehlte, ging er aus dem feindlichen Gebiete nach Böotien über, und that in Griechenland weiter nichts Merkwürdiges. 27. Der Consul Sulpicius hatte damals sein Lager am Flusse Apsus, zwischen Apollonia und Dyrrhachium. Dorthin berief er den Unterfeldherrn Lucius Apustius und sandte ihn mit einer Abtheilung der Truppen auf Plünderung in das Gebiet der Feinde. Apustius, der das äußerste Macedonien verheerte, und die kleinen Festungen Corragum, Gerunnium und Orgessus im ersten Angriffe eroberte, kam vor die Stadt Antipatria, die hinter einem schmalen Zugange lag. Zuerst versuchte er, die zu einer Unterredung herausgerufenen Vornehmsten zu überreden, sich dem Schutze der Römer anzuvertrauen. Als sie, im Vertrauen auf die Größe, auf die Mauern und Lage ihrer Stadt seine Vorstellungen verwarfen, lief er Sturm und eroberte sie durch Gewalt der Waffen; ließ alle 36 Erwachsenen niedermachen, gab die ganze Beute den Soldaten preis, riß die Mauern nieder und steckte die Stadt in Brand. Dieser Schrecken bewirkte, daß sich Codrio, eine bedeutende und feste Stadt, ohne Schwertschlag den Römern ergab. Hier ließ er eine Besatzung und nahm Ilion – ein mehr durch die andre Stadt in Asien, als durch dies Städtchen, bekannter Name – mit Sturm. Als der Unterfeldherr mit einer ganz ansehnlichen Beute auf dem Rückwege zum Consul war, brachte Athenagoras , einer der königlichen Fehlherren, der ihn bei dem Übergange über einen Fluß im Rücken angriff, die Letzten des Zuges in Unordnung. Doch als der Legat, der auf das Geschrei der durch einander stürzenden Seinigen sogleich zu Pferde herbeisprengte, den Zug eine Schwenkung machen, das Gepäck in die Mitte zusammenwerfen hieß, und dem Feinde eine Linie entgegenstellte, hielten die Truppen des Königs den Angriff der Römer nicht aus. Viele wurden getödtet, noch mehrere gefangen. Der Legat, der sein Heer ohne Verlust dem Consul wieder zugeführt hatte, wurde sogleich von dort wieder zur Flotte gesandt. 28. Nach dieser für die Eröffnung des Feldzuges nicht unglücklichen Unternehmung fanden sich von den Fürsten und Großen aus Macedoniens Nachbarschaft folgende im Römischen Lager ein; Pleuratus, der Sohn des Skerdilädus; Amynander, König der Athamanen, und aus Dardanien Bato, des Longarus Sohn. Longarus hatte schon für sich allein mit Philipps Vater Demetrius Krieg geführt. Auf ihr Erbieten, Hülfsvölker zu stellen, erwiederte der Consul, von der Dardaner und des Pleuratus Beistande wolle er Gebrauch machen, wann er in Macedonien einrücke. Dem Amynander gab er das Geschäft, die Ätoler zur Theilnahme am Kriege zu bewegen. Den Gesandten des Attalus – denn auch sie waren um diese Zeit angekommen – trug er die Bestellung auf, der König möge in seinem Winterquartiere, auf Ägina, die Ankunft der Römischen Flotte abwarten, und dann mit ihr in Vereinigung den Krieg gegen Philipp, wie bisher, zur See verfolgen. Auch an die Rhodier ging eine 37 Gesandschaft ab, sie zur Theilnahme am Kriege aufzufordern. Philipps Anstalten zum Kriege – schon war er in Macedonien angekommen – waren nicht minder lebhaft. Seinen noch sehr jungen Prinzen Perseus, dem er einige von seinen Freunden als Leiter seiner Jugend mitgab, schickte er mit einer Abtheilung seiner Truppen hin, die Pässe bei Pelagonia zu besetzen. Sciathus und Peparethus, diese nicht unbedeutenden Städte, zerstörte er, damit sie nicht der feindlichen Flotte Beute und Vortheile gewähren möchten. An die Ätoler ließ er eine Gesandschaft abgehen, damit dies unruhige Volk nicht etwa bei der Ankunft der Römer seine Partei verließe. 29. Der bei den Ätolern zur allgemeinen Versammlung festgesetzte Tag – sie nennen diese das Panätolium – rückte heran. Nicht nur die Gesandten des Königs beschleunigten ihre Hinreise, um hierzu einzutreffen, sondern es kam auch der Legat Lucius Furius Purpureo, den der Consul sandte. Auch Gesandte von Athen fanden sich zu dieser Versammlung ein. Die neuesten Verbündeten, die Macedonier, bekamen den Vortrag zuerst. Sie sagten: «Da keine Veränderung eingetreten sei; so hätten auch sie auf keine Abänderung anzutragen. Denn aus denselben Gründen, vermöge welcher die Ätoler, sobald sie das Nachtheilige ihrer Verbindung mit Rom entdeckten, mit Philipp Frieden geschlossen hätten, müßten sie diesen einmal bestehenden Frieden auch beibehalten.» – «Oder wolltet ihr etwa,» fuhr einer von den Gesandten fort, «die Keckheit oder den Leichtsinn der Römer zum Muster nehmen; eben dieser Römer, welche euren Gesandten zu Rom die Antwort ertheilen ließen: ««Warum kommt ihr zu uns, ihr Ätoler, da ihr doch den Frieden mit Philipp ohne unsre Genehmigung geschlossen habt?»» und gleichwohl jetzt verlangen, daß ihr im Kriege gegen Philipp auf ihrer Seite stehen sollt? Vormals stellten sie sich, als hätten sie in Hinsicht auf euch und zu eurem Schutze gegen ihn die Waffen ergriffen, und jetzt wollen sie es verwehren, daß ihr mit Philipp in Frieden lebt? Der Stadt Messana zu helfen, stiegen sie das erstemal 38 auf Sicilien aus; das zweitemal, um das von den Carthagern unterdrückte Syracus in Freiheit zu setzen. Jetzt haben sie Messana, und Syracus, und ganz Sicilien selbst; haben es als eine steuerpflichtige Provinz ihren Ruthen und Beilen unterworfen. Ihr denkt, so wie ihr jetzt zu Naupactum nach euren Gesetzen, durch die von euch gewählten Obrigkeiten, Versammlung haltet, um nach eignem freien Willen zu bestimmen, wer euer Freund, wer euer Feind sein soll, und um nach eurem Belieben Frieden und Krieg zu haben; so werde vielleicht den Siculischen Staten Syracus, oder Messana, oder Lilybäum zum Versammlungsorte bestimmt? Nicht also. Die Versammlungen hält ein Römischer Prätor; zu diesen stellen sie sich ein, befehlsweise hinberufen: sie sehen ihn auf einer erhabenen Richterbühne, von Beilträgern umpflanzt, seine Machtsprüche ertheilen; über ihren Rücken ragen die Bündelruthen, über ihren Nacken die Beile; und mit jedem Jahre giebt ihnen das Los wieder einen andern Zwingherrn. Auch darf und kann sie dies nicht Wunder nehmen, da sie selbst Italiens Städte, Rhegium, Tarent, Capua – der Nachbarinnen Roms, durch deren Trümmer es sich vergrößerte, erwähne ich jetzt nicht – ebenfalls seinem Befehle unterwürfig sehen. Freilich steht Capua noch da, als Gruft und Denkmal eines Campanischen Volks, nachdem sie das Volk selbst zu Grabe getragen und aus dem Lande gestoßen haben; als verstümmelter Stat, ohne Senat, ohne Bürgerstand, ohne Obrigkeiten, ein wahres Ungethüm; das sie mit mehr Grausamkeit für Bewohner stehen ließen, als wenn sie es vertilgt hätten. Es ist Unsinn, die Hoffnung zu hegen, wenn wildfremde Menschen, die durch Sprache, Sitten und Gesetze weiter von uns abstehen, als durch die Strecke von Meeren und Ländern, sich dieser Gegenden bemächtigen sollten, daß alsdann irgend Etwas in seinem Zustande bleiben werde. Philipps Reich erscheint euch, als eurer Freiheit nicht ganz vortheilhaft; und doch hat er, als er mit Recht auf euch böse sein konnte, weiter nichts von euch verlangt, als Frieden; und auch noch 39 heute wünscht er nur die Gültigkeit des ihm zugesagten Friedens. Gewöhnet fremde Legionen an diese Lande; lasset euch ihr Joch gefallen: zu spät und umsonst werdet ihr dann, wenn ihr den Römer zum Zwingherrn habt, in Philipp einen Bundesgenossen suchen. Auf kurze Zeit herbeigeführte Kleinigkeiten veranlassen zwischen den Ätolern, Acarnanen, Macedoniern, Völkern Einer Sprache, Trennungen und Verbindungen: allein mit Ausländern, mit Barbaren, haben alle Griechen einen ewigen Krieg und werden ihn haben. Sie sind Feinde durch die Natur, welche unwandelbar ist; nicht aus Gründen, die mit jedem Tage sich ändern. Doch meine Rede soll damit schließen, womit sie begann. An eben dieser Stäte habt ihr, noch eben dieselben Männer, mit eben dem Philipp vor drei Jahren über den Frieden abgeschlossen, und eben die Römer misbilligten damals diesen Frieden, den sie jetzt nach seinem Abschlusse und in seinem Bestande zu stören suchen. Da also das Schicksal selbst für eure Berathschlagung Alles unverändert gelassen hat, so sehe ich nicht ein, warum ihr sie abändern wolltet.» 30. Nach den Macedoniern ließ man, selbst mit Bewilligung und auf Verlangen der Römer, die Athener auftreten, weil sie vermöge ihrer vom Könige erlittenen schrecklichen Mishandlung so viel eher berechtigt waren, über seine Grausamkeit und Unmenschlichkeit sich mit Bitterkeit auszulassen, Nach einer jammervollen Schilderung der traurigen Verheerung und Plünderung ihres Gebiets, sagten sie: «Sie wollten sich nicht darüber beklagen, daß ihr Feind sie feindlich behandelt habe; denn der Krieg habe seine Rechte, die man sich eben so gefallen lassen müsse, als man sie ausüben dürfe. Niederbrennung der Saten, Zerstörung der Häuser, Wegführung der Beute an Menschen und Heerden, sei für den, der dies zu leiden habe, mehr traurig, als unverdient. Allein darüber hätten sie zu klagen, daß eben der, der die Römer Wildfremde und Barbaren heiße, Alles was Göttern und Menschen heilig sei, so völlig entweihet habe, daß seine erste Plünderung ein sündhafter Krieg mit den Göttern 40 der Unterwelt, und die zweite, mit den Göttern des Himmels gewesen sei. Alle Gräber und Denkmale innerhalb ihrer Gränzen habe er zerstört, alle Leichen entblößt; über keinem Gebeine die deckende Erde gelassen. Sie hätten noch von ihren Vorfahren geweihete Tempel gehabt, welche diese als einen Gegenstand der Verehrung für sie, so lange sie noch als Landgemeinen in jenen kleinen Festungen und Flecken wohnten, auch dann nicht einmal unbesucht gelassen hätten, wie sie schon in die gemeinschaftliche Stadt eingezunftet gewesen wären. Alle diese Tempel habe Philipp mit feindlichem Feuer heimgesucht; und nun lägen zwischen den hingestürzten Pfosten der Tempel die Bildnisse der Götter halb verbrannt und verstümmelt. Was er aus dem ehemals so prächtigen und wohlhabenden Attica gemacht habe, das werde er, sobald es ihm freistehe, auch aus Ätolien und ganz Griechenland machen. Sogar ihre Stadt würde eine ähnliche Verunstaltung zu erwarten gehabt haben, wenn ihr nicht die Römer zu Hülfe gekommen wären. Denn eben diese frevelnde Mishandlung sei auch den Göttern in der Stadt zugedacht gewesen; der Beschützerinn der Burg, Minerva; dem Tempel der Ceres zu Eleusis; dem Jupiter und der Minerva im Piräeus. Da er aber nicht bloß von den Tempeln dieser Götter, sondern auch von den ihnen geweiheten Mauern mit gewaffneter Hand zurückgeschlagen sei, so habe er seine Wuth an jenen Tempeln ausgelassen, deren einziger Schutz ihre Heiligkeit gewesen sei. Sie bäten deshalb die Ätoler inständigst, aus Mitleiden mit Athen, auf diesen Krieg unter Anführung der unsterblichen Götter, so wie auch der nächst den Göttern das meiste vermögenden Römer, sich einzulassen.» 31. Da sprach der Römische Legat: «Meinen Vortrag haben zuerst die Macedonier, und dann die Athener, völlig umgewandelt. Denn da ich gekommen war, mich über Philipps Mishandlungen so vieler mit uns verbündeten Städte zu beklagen, so nöthigen mich die Macedonier durch ihre selbst gegen uns Römer 41 vorgebrachten Klagen, eine Vertheidigung statt der Anklage aufzustellen; und da die Athener seine unerhörten und unmenschlichen Frevelthaten gegen die Götter des Himmels und der Unterwelt geschildert haben, was hätten sie mir oder sonst jemand zu weiteren Vorwürfen gegen ihn übrig gelassen? Seid aber versichert, daß eben diese Klage die Bewohner von Cius, von Abydas, Änei, Maronea, Thasus, Parus, Samus , Larissa und von Messene führen, das euch hier so nahe in Achaja liegt; und noch härtere und bitterere Klagen diejenigen, denen wehe zu thun er mehr Gelegenheit hatte. Denn was die Vorwürfe betrifft, die er uns gemacht hat, so bekenne ich, wenn uns diese nicht zur Ehre gereichen müssen, daß sie sich nicht entschuldigen lassen. Er wirft uns Rhegium und Capua und Syracus vor. Im Kriege mit Pyrrhus, nahm eine von uns auf Bitte der Rheginer zur Besatzung in ihre Stadt geschickte Legion, eben die Stadt, zu deren Schutze sie hingeschickt war, frevelhafter Weise in Besitz. Haben wir etwa diese Unthat gebilligt? oder gaben wir nicht vielmehr, nachdem wir die Legion von Bösewichtern bekriegt und bezwungen hatten, und sie durch Saupenschlag und Enthauptungen den Bundesgenossen hatte büßen müssen, den Rheginern ihre Stadt, ihr Land und alles Eigenthum nebst ihrer Freiheit und ihrer Statsverfassung wieder? Den Syracusanern, denen wir in ihrer Unterdrückung von auswärtigen Tyrannen, was die Sache noch unwürdiger macht, zu Hülfe gekommen waren, gaben wir, obgleich erschöpft durch die beinahe drei Jahre zu Wasser und zu Lande fortgesetzte Belagerung einer so starken Festung; als selbst die Syracusaner schon lieber ihren Tyrannen fröhnen, als sich von uns erobern lassen wollten; die gleichfalls durch unsre Waffen eroberte und befreiete Stadt dennoch zurück. Auch leugnen wir nicht, daß Sicilien unsre Provinz sei, daß die Staten, welche auf Carthagischer Partei waren und im Einverständnisse mit Carthago Krieg gegen uns geführt hatten, uns soldpflichtig und zinsbar sind: im Gegentheile wünschen wir, daß ihr und alle Völker es 42 erfahren, daß eines Jeden Schicksal sich darnach richte, was er um uns verdient hat. Oder sollten wir uns etwa die Bestrafung der Campaner gereuen lassen, über die sie selbst nicht einmal sich beklagen können? Diese Elenden, für welche wir beinahe siebenzig Jahre lang einen Krieg nicht ohne unsre großen Niederlagen mit den Samniten geführt hatten; die wir zuerst durch einen Bundesvergleich, dann durch Wechselheirathen und daraus entstehende Verwandschaft, zuletzt noch durch Ertheilung des Bürgerrechts mit uns verschmolzen hatten, waren zur Zeit unsres Unglücks unter allen Völkern Italiens die ersten, die zum Hannibal, und das nach kläglicher Ermordung unsrer Besatzung, übertraten; die nachher aus Unmuth, sich von uns belagert zu wissen, den Hannibal den Angriff auf Rom thun ließen. Wenn weder ihre Stadt, noch irgend eine Seele von ihnen vorhanden wäre, wer könnte es rügen? daß wir härter mit ihnen verfahren wären, als sie verdient hätten? Auch haben sich Mehrere von ihnen im Bewußtsein ihrer Frevelthaten das Leben selbst genommen, als von uns mit dem Tode bestraft sind. Die Übrigen schlossen wir von ihrer Stadt, von ihrem Lande auf die Art aus, daß wir ihnen Land und Wohnort gaben, und die unschuldige Stadt unversehrt stehen ließen; so daß Jeder, der sie heute sieht, dort keine Spur von Belagerung oder Eroberung findet. Doch wozu erwähne ich Capua's, da wir selbst dem besiegten Carthago Frieden und Freiheit gewährt haben? Wir haben weit mehr zu besorgen, daß wir, indem wir den Besiegten gar zu willig verzeihen, eben dadurch so viel mehrere reizen, ihr Glück im Kriege gegen uns zu versuchen.» «Dies mag zu unsrer Vertheidigung und zur Widerlegung Philipps gesagt sein, dessen Ermordungen in seinem häuslichen Kreise, dessen Hinrichtungen seiner Verwandten und Freunde, dessen Unzucht, beinahe scheußlicher als seine Grausamkeit, euch so viel besser bekannt sein müssen, je näher ihr Macedonien seid. Was euch betrifft, ihr Ätoler, so hatten wir den Krieg zu eurem 43 Schutze gegen Philipp auf uns genommen; ihr habt ohne uns mit ihm Frieden gemacht. Und vielleicht könnt ihr sagen, da wir mit dem Punischen Kriege beschäftigt gewesen wären, hättet ihr aus Furcht von dem, der damals der Mächtigere war, die Friedensbedingungen angenommen. Auch wir haben, von größerer Noth bedrängt, den von euch aufgegebenen Krieg ebenfalls liegen lassen. Jetzt aber, da wir durch die Gnade der Götter den Punischen Krieg beendigt haben, wenden wir uns mit unsrer ganzen Kraft gegen Macedonien, und auch euch wird die Gelegenheit geboten, der Freundschaft und Verbindung mit uns euch wieder anzuschließen, wenn ihr nicht etwa gesonnen seid, lieber mit Philipp zu Grunde zu gehen, als mit den Römern zu siegen.» 32. Da nach dieser Rede des Römischen Legaten Alle für die Römer gestimmt waren, sprach Damocritus, der Ätolische Prätor, wie es heißt, von Philipp bestochen, ohne sich selbst für die eine oder die andre Partei zu erklären: «Für Berathschlagungen von wichtiger Entscheidung sei nichts nachtheiliger, als Übereilung. Denn die Reue folge geschwind, obgleich zu spät und umsonst; da hingegen zu schnell beeilte Maßregeln sich weder ungeschehen machen, noch auf den vorigen Standort zurückführen ließen. Die Zeit dieser Berathschlagung, die man seiner Meinung nach erst zur Reife kommen lassen müsse, könne gleichwohl schon jetzt dadurch bestimmt werden, wenn man sogleich den Beschluß fassete, daß der Prätor, da nach den Gesetzen nur auf dem Panätolischen und Pyläischen Landtage über Krieg und Frieden verhandelt werden dürfe, unverantwortlich gemacht werde, wenn er, so wie er über Krieg oder Frieden einen Vortrag zu thun habe, den Landtag beriefe; und daß Alles, was dann zur Sprache gebracht und beschlossen würde, eben so richtig und gültig sein solle, als ob es auf dem Panätolischen oder Pyläischen Versammlungstage vorgenommen sei.» Dadurch, daß man so die Gesandten unausgemachter Sache entließ, hatte er, seiner Behauptung nach, der Nation einen wichtigen Dienst geleistet: denn 44 nun könne sie sich zur Partei dessen schlagen, den das Kriegsglück vor dem Andern begünstigen werde. Dies waren die Verhandlungen auf dem Ätolischen Landtage. 33. Philipp. rüstete sich zu Wasser und zu Lande sehr thätig. Seine Seetruppen zog er nach Demetrias in Thessalien zusammen. In der Voraussetzung, daß Attalus und die Römische Flotte mit Frühlingsanfange sich von Ägina aus in Bewegung setzen würden, übergab er den Befehl auf der Flotte und an der Küste dem Heraclides, dem er ihn auch vorhin anvertrauet hatte. Er selbst setzte die Landtruppen in Stand, und glaubte, den Römern zwei wichtige Unterstützungen genommen zu haben, hier die Ätoler, und dort die Dardaner, denen er den Paß bei Pelagonia durch seinen Sohn Perseus gesperrt hatte. Der Consul rüstete jetzt nicht mehr zum Kriege, sondern er führte ihn schon. Er zog mit seinem Heere durch das Gebiet der Dassaretier, ohne das Getreide, das er aus den Winterquartieren mitgenommen hatte, anzugreifen, weil sich so viel, als die Truppen bedurften, in den Dörfern fand. Die Städte und Flecken ergaben sich, theils freiwillig, theils aus Furcht. Einige wurden erstürmt, andre fand man verlassen, weil die Barbaren in das nahe Gebirge geflüchtet waren. Bei Lyncus schlug er sein Standlager auf, nahe am Flusse Bevus. Von hier aus schickte er seine Getreideholer zu den Scheuren der Dassaretier umher. Philipp sah zwar die ganze Gegend in Aufruhr und die Einwohner in großer Bestürzung; da er aber nicht gewiß wußte, nach welcher Seite sich der Consul gewandt habe, so schickte er ein Geschwader seiner Reuterei aus, um zu erfahren, wohin die Feinde ihren Weg genommen hätten. In eben der Ungewißheit war der Consul. Daß der König aus den Winterquartieren aufgebrochen sei, wußte er, allein ohne die Gegend zu wissen, die jener gewählt habe. Auch er also hatte Reuterei auf Kundschaft ausgeschickt. Diese beiden Geschwader trafen von ganz entgegengesetzten Seiten, nachdem sie lange auf ungewissen Wegen im Dassaretischen umhergestreift waren, endlich auf Einen Weg zusammen. Beide merkten die 45 Annäherung des Feindes, sobald sie aus der Ferne das Getöse von Menschen und Rossen vernahmen. Noch ehe sie also einander zu Gesicht kamen; setzten sie Roß und Waffen in Stand. Und so wie sie den Feind erblickten, erfolgte der Angriff ungesäumt. Es traf sich so, daß sie, auf beiden Theilen Auserlesene, an Zahl und Tapferkeit sich nicht ungleich waren; und sie fochten mehrere Stunden mit gleichem Eindrucke. Die Ermüdung, der sie selbst und ihre Rosse erlagen, trennte die Fechtenden, ohne den Sieg zu entscheiden. Auf Seiten der Macedonier fielen vierzig Ritter, von den Römern fünfunddreißig. Und doch brachten weder jene ihrem Könige, noch diese dem Consul, im mindesten gewissere Auskunft darüber, wo das feindliche Lager stehe. Endlich erfuhr man es durch die Überläufer, die sich immer im Kriege aus Leichtsinn dazu hergeben, den Zustand des Feindes in Erfahrung zu bringen. 34. Philipp, der sowohl in der Liebe seiner Unterthanen, als auch in ihrer Bereitwilligkeit, sich für ihn Gefahren zu unterziehen, zu gewinnen hoffte, wenn er für das Begräbniß der auf diesem Zuge gefallenen Reuter Sorge trüge, ließ sie ins Lager bringen, um die Ehre ihrer Bestattung Allen zur Schau zu stellen. Nichts ist so wenig zuverlässig, so wenig zu berechnen, als die Empfindungen des großen Haufens. Was die Menschen bereitwilliger machen sollte, jeden Kampf zu wagen, das flößte ihnen Furcht und Unlust ein. Denn da sie, gewohnt mit Griechen und Illyriern zu fechten, nur Wunden von Spießen und Pfeilen, seltener von Lanzen, gesehen hatten, so lag es ihnen hier, als sie die mit dem Spanischen Säbel verstümmelten Körper mit weggehauenen Armen, oder die mit Abhauung des ganzen Halses vom Rumpfe getrennten Köpfe, das weit geöffnete Fleisch und die übrige Scheußlichkeit der Wunden erblickten, zu Aller Entsetzen vor Augen, gegen was für Waffen, gegen was für Männer sie zu fechten haben würden. Selbst den König ergriff der Schrecken, noch ehe er den Römern eine ordentliche Schlacht geliefert hatte. Da er also seinen Sohn und das in Dassaretiens Pässen stehende Kohr zurückrief, um dadurch seine 46 Truppen zu verstärken, so eröffnete er dem Pleuratus und den Dardanern den Eingang in Macedonien. Von Überläufern geführt, zog er selbst mit zwanzigtausend Mann zu Fuß, viertausend zu Pferde gegen den Feind, befestigte etwas weiter als zweihundert [recte: 1000] Schritte vom Römischen Lager einen Hügel nahe bei Athacus durch Graben und Wall, und soll, als er das Römische Lager übersah, sowohl die ganze Gestalt desselben bewundert haben, als auch die durch die Ordnung der Zelte und durch die Zwischenräume der Gassen bestimmte Begränzung jeder einzelnen Abtheilung; auch gesagt haben, dies könne niemand für ein Lager von Barbaren ansehen. Zwei Tage lang hielten der Consul und der König, einer des Andern Unternehmungen abwartend, die Ihrigen in der Verschanzung: am dritten Tage rückte der Römische Feldherr mit allen seinen Truppen zur Schlachtordnung aus. 35. Der König aber, der eine so schnelle Entscheidung durch ein allgemeines Treffen scheute, sandte vierhundert Trallen – sie sind, wie ich an einem andern Orte gesagt habe, ein Illyrischer Stamm – und dreihundert Cretenser, indem er diesen Fußvölkern eine gleiche Anzahl Reuter zugab, unter Anführung eines seiner Großen, des Athenagoras, ab, die feindliche Reuterei zu necken. Von Seiten Ab Romanis autem ]. – Ich lese mit Gron. und Crev. Ab Romanis item. der Römer, deren Linie nur etwas über fünfhundert Schritte entfernt Stand, wurden ebenfalls die Leichtbewaffneten und meistentheils die Reuterei von zwei Legionen ausgesandt, so daß ihre Reuterei und ihr Fußvolk den Feinden auch an Zahl gleich kam. Philipps Truppen hatten sich ein Gefecht versprochen, wie sie es gewohnt waren; daß nämlich die Reuterei, wechselsweise verfolgend und zurückfliehend, bald zum Schusse käme, bald den Rücken wendete; daß ihnen dann die Geschwindigkeit der Illyrier zu Ausfällen und plötzlichen Angriffen zu statten kommen, und die Cretenser den wild heranstürzenden Feind mit ihren Pfeilen 47 überdecken würden. Allein diesen Gang unterbrach der eben so standhafte, als kräftige Angriff der Römer. Denn nicht anders, als ob sie in ganzer Linie kämpften, griffen die Leichtbewaffneten, als sie ihre Spieße abgeschossen hatten, zum Schwerte; und die Ritter, wie sie einmal gegen den Feind angesprengt waren, hielten die Pferde an, und fochten theils selbst von den Pferden, theils sprangen sie ab und mischten sich unter das Fußvolk. So war weder die Reuterei des Königs, bei ihrer Unbekanntschaft mit einem stehenden Kampfe, der Reuterei gewachsen, noch sein sich nur herbeitummelndes und nie Stand haltendes Fußvolk, das vermöge seiner Bewaffnung kaum halb gedeckt war, dem Römischen Leichtbewaffneten, der seinen Schild und sein Schwert hatte, und so gut zu seiner Bedeckung, wie zum Angriffe auf den Feind, gewaffnet war. Also hielten sie den Kampf nicht aus, und flohen, durch nichts als durch ihre Geschwindigkeit geschützt, in ihr Lager. 36. Da der König, der nur Einen Zwischentag verstreichen ließ, seine ganze Reuterei mit allen Leichtbewaffneten zur Schlacht aufführen wollte, so hatte er in der Nacht die Beschildeten, – die sogenannten Peltasten – an einer vortheilhaften Stelle zwischen beiden Lagern in einen Hinterhalt gelegt, und dem Athenagoras mit der Reuterei den Befehl gegeben, so lange ihnen ein offener Kampf gelänge, sich ihres Glücks zu bedienen; wo nicht, durch allmäliges Weichen den Feind auf die Stelle des Hinterhaltes zu ziehen. Und wirklich wich die Reuterei: allein die Anführer der beschildeten Cohorte, brachten sich dadurch, daß sie ihre Leute, ohne das Zeichen gehörig abzuwarten, zu früh in Bewegung setzten, um die Gelegenheit eines glücklichen Gefechts. Die Römer, nicht nur im offenen Kampfe Sieger, sondern auch von aller List im Hinterhalte unangefochten, gingen in ihr Lager zurück. Am folgenden Tage rückte der Consul mit allen Truppen, an deren Spitze er die Elephanten aufpflanzte – von ihrer Mitwirkung machten die Römer jetzt zum erstenmale Gebrauch; denn sie hatten im Punischen Kriege ihrer 48 mehrere gefangen genommen – in Schlachtordnung. Als er sah, daß die Feinde hinter ihrem Walle gedeckt blieben, kam er, nicht ohne laute Rüge ihrer Feigheit näher heran. Da sich aber auch jetzt niemand zum Kampfe stellte, so verlegte er, weil wegen der Nähe beider Lager das Futterholen zu unsicher war und die feindliche Reuterei die auf den Feldern zerstreuten Truppen sogleich überfallen konnte, um seinen Futterholungen durch die Entfernung mehr Sicherheit zu geben, sein Lager fast achttausend Schritte weiter, nach Octolophus (Achtkegel) – so heißt der Ort. Als die Römer aus der Nähe Getreide holten, behielt der König seine Leute anfangs im Lager, um mit der Kühnheit der Feinde zugleich ihre Sorglosigkeit steigen zu lassen. Wie er ihre Zerstreuung gewahr wurde, so flog er mit der ganzen Reuterei und den Cretensischen Hülfstruppen, so geschwind diese Schnellläufer zu Fuß der Reuterei folgen konnten, herbei, und nahm seine Stellung zwischen dem Lager der Römer und ihren Futterholern. Dann theilte er seine Truppen, sandte die eine Hälfte ab, die zerstreuten Futterholer zu verfolgen, mit dem Bescheide, keinen lebend zurückzulassen; mit der andern besetzte er die Wege, auf denen er die nach ihrem Lager zurückeilenden Feinde erwarten konnte. Schon war Gemetzel und Flucht allgemein, und noch war nicht die mindeste Nachricht von diesem Unglücke im Römischen Lager eingetroffen, weil die Zurückfliehenden dem Posten des Königs in die Hände fielen, und ihrer Mehrere von denen niedergemacht wurden, welche die Wege besetzt hatten, als von denen, welche abgeschickt waren, sie nieder zu hauen. Die Wenigen, die endlich mitten durch die feindlichen Posten entschlüpften, setzten durch ihre Bestürzung das Lager mehr in Aufruhr, als in zuverlässige Kunde. 37. Sobald der Consul die Ritter befehligt hatte, wo jeder zukommen könne, den Nothleidenden zu Hülfe zu eilen, so rückte er selbst mit den Legionen aus dem Lager und führte sie in Schlachtordnung auf den Feind. Von den über die Feldmarken zerstreuten Rittern geriethen 49 manche auf Abwege, weil das von so verschiedenen Orten sich erhebende Geschrei sie irre führte. Andre gelangten an den Feind; und das Gefecht begann auf mehreren Punkten zugleich. Der Posten des Königs bestand den hartnäckigsten Kampf, denn theils machte er schon an sich durch seine Menge Truppen zu Pferde und zu Fuß beinahe ein völliges Heer aus; theils aber rannten auch, weil er den Weg in der Mitte besetzt hielt, die meisten Römer gegen ihn an. Auch dadurch waren die Macedonier im Vortheile, daß ihr König als Ermunterer zugegen war, und daß die Cretensischen Hülfstruppen Manchen verwundeten, ehe er sich dessen versah, weil sie selbst geschlossen und schußfertig ihren Feind in der Zerstreuung und Auflösung bekämpften. Hätten sie sich im Verfolgen gemäßigt, so würden sie nicht allein in Hinsicht der Ehre vom heutigen Treffen, sondern selbst für die Entscheidung des Krieges gewonnen haben: so aber stießen sie, da sie aus Mordgier zu hitzig nachsetzten, auf die mit den Obersten vorausgegangenen Römischen Cohorten. Die fliehenden Ritter, sobald sie die Fahnen der Ihrigen erblickten, kehrten mit ihren Pferden um gegen den heranwogenden Feind: und in einem Augenblicke wandte sich das Schicksal der Schlacht, so daß die die Flucht nahmen, welche eben noch Verfolger waren. Viele kamen im Handgemenge um, viele auf der Flucht. Sie fanden den Tod nicht vom Schwerte allein, sondern viele wurden in die Sümpfe gesprengt und versanken mit ihren Pferden im tiefen Schlamme» Auch der König gerieth in Gefahr. Denn da sein verwundetes Pferd stürzte, und er vorne über zu Boden sank, so wäre er da liegend beinahe übermannt. Sein Retter war ein Reuter, welcher schleunig absprang und auf sein Pferd den betäubten König warf. Er selbst, der zu Fuß mit der fliehenden Reuterei nicht fortkommen konnte, wurde von den auf den Sturz des Königs herandringenden Feinden niedergestochen. Der König, der um die Moräste herum, wo es Weg gab und wo es keinen gab, flüchtig fortjagte, kam endlich, als schon fast Alle seine Rettung aufgegeben hatten, in seinem Lager an. In diesem Treffen fielen 50 zweihundert Macedonische Reuter, beinahe hundert wurden gefangen genommen: auch nahmen die Römer zugleich mit den erbeuteten Waffen achtzig kostbar geschmückte Pferde mit sich. 38. Es hat nicht an Vorwürfen gefehlt, der König habe sich an diesem Tage zu unbesonnen, der Consul zauderhaft benommen. Philipp habe sich ruhig verhalten müssen, da er wußte, daß die Feinde in wenig Tagen, wenn sie die ganze umliegende Gegend erschöpft hatten, in den äußersten Mangel gerathen mußten; und der Consul, der die feindliche Reuterei und die leichten Truppen schon geschlagen und den König beinahe gefangen genommen hatte, habe sogleich auf das feindliche Lager losgehen müssen; denn die Feinde würden in einer so großen Bestürzung nicht Stand gehalten und der Krieg durch die Entscheidung dieses Augenblicks sein Ende erreicht haben. Dies ist, wie gewönlich, leichter gesagt, als gethan. Freilich wenn sich der König mit allen seinen Truppen, auch seines Fußvolks, eingelassen hätte, so hätte man ihn vielleicht in der Verwirrung, wenn die ganze geschlagene und bestürzte Masse aus dem Treffen in ihre Verschanzungen und dann vor dem über die Werke hereinsteigenden feindlichen Sieger weiter geflohen wäre, sein Lager nehmen können. Da aber sein Fußvolk ungeschwächt im Lager geblieben, Posten an den Thoren und Bedeckungen aufgestellt waren, was würde da der Consul weiter gewonnen haben, als daß er zu jener Unbesonnenheit des Königs, womit dieser kurz zuvor der geschlagenen Reuterei nachgestürzt war, selbst ein Nachbild geliefert hätte? Denn sogar des Königs erste Maßregel, die im Felde zerstreuten Futterholer zu überfallen, würde keinen Tadel verdienen, wenn er sich im Glücke des Gefechts zu mäßigen gewußt hätte. Daß er sein Glück versuchte, darf uns auch darum so viel weniger Wunder nehmen, weil das Gerücht sagte, Pleuratus und die Dardaner wären mit einem starken Heere aus ihrem Lande aufgebrochen und schon in Macedonien eingedrungen. Wäre er auf allen Seiten von so vielen Truppen umringt, so wurde es 51 wahrscheinlich, daß die Römer den Krieg stillsitzend beendigen konnten. Da nun Philipp, der nach zwei unglücklichen Gefechten seiner Reuterei, einen längeren Aufenthalt an demselben Standorte so viel weniger für sicher hielt, gern abziehen, und zwar vom Feinde unbemerkt abziehen wollte, so täuschte er die Feinde dadurch, daß er gegen Sonnenuntergang einen Herold an den Consul schickte, der um Waffenstillstand zur Beerdigung der gefallenen Ritter nachsuchen mußte, und zog um die zweite Nachtwache, mit Hinterlassung vieler Wachtfeuer im Lager, in aller Stille ab. 39. Der Consul speiste schon, als ihm die Ankunft des Heroldes und sein Gesuch gemeldet wurde. Da er ihm bloß sagen ließ, er werde morgen früh zu sprechen sein, so gewann Philipp, was er gewünscht hatte, die Nacht und einen Theil des folgenden Tages zum Vorsprunge. Er nahm den Weg in das Gebirge, weil er wußte, daß diesen die Römer mit ihrem schwerfälligen Zuge nicht einschlagen würden. Als der Consul, der am frühen Morgen den Herold nach Bewilligung des Waffenstillstandes entlassen hatte, bald nachher den Abzug des Feindes erfuhr, brachte er, ungewiß, auf welchem Wege er ihm folgen sollte, mehrere Tage in demselben Lager mit Einholungen des Getreides zu. Dann zog er nach Stubera, und ließ aus Pelagonien alles Getreide, so viel im Felde stand, zusammenfahren. Von hier rückte er nach Pluvina vor, ohne noch zu wissen, nach welcher Gegend der Feind sich gewandt habe. Philipp, der sein Standlager anfangs bei Bryanium gehabt hatte, rückte von dort auf Querwegen heran und verursachte dem Feinde einen plötzlichen Schrecken. Deshalb brachen die Römer von Pluvina auf und nahmen ihr Lager am Flusse Osphagus. Nicht weit davon lagerte sich der König ebenfalls hinter Werken, die er am Ufer eines Stromes zog: die Einwohner nennen ihn Erigonus. Von hier eilte er, auf die sichere Nachricht, daß die Römer nach Eordäa gehen würden, zur Besetzung des engen Weges voraus, um dem Feinde den in einen schmalen Paß sich verengenden Eingang unmöglich zu machen. Hier 52 befestigte er einige Stellen durch einen Wall, andre durch einen Graben, oder durch aufgeführte Steine, die eine Mauer abgeben sollten, oder auch durch ein Verhau, je nachdem es die Lage forderte oder sich der Stoff zur Bearbeitung Suppeditabat operi, permuniit]. – Ich folge dieser von Walch vorgeschlagenen Verbesserung so viel lieber, weil 1) die wenigen Handschriften, in welchen opere fehlte, gerade nicht die besten sind; 2) weil es mir viel wahrscheinlicher ist, daß in diesen wegen des folgenden per das Wort operi ausfallen konnte, als daß in so vielen besseren aus dem per das ganze Wort operi geschaffen sein sollte. fand; und machte, seiner Meinung nach, den an sich schon schwierigen Weg durch die jedem Durchgange vorgeschobenen Werke unüberwindlich. Die Gegend umher war meistens Waldung, womit sich der Macedonische Phalanx gerade am wenigsten verträgt, der sich nicht sonderlich gebrauchen läßt, außer wo er seine überlangen Speere als eine Pfahlreihe vor seine Schilde gepflanzt hat; und dies zu können, muß er freies Feld haben. Auch den Thraciern waren ihre ebenfalls außerordentlich langen Schwerter unter den allenthalben vorragenden Baumästen hinderlich. Die einzige Cohorte der Cretenser war hier nicht unbrauchbar: allein so gut sie auch gegen den Angreifenden, wenn Roß und Reuter sich aussetzten, ihre Pfeile abschießen konnte, so hatte doch auch sie, wenn ihr Römische Langschilde gegenüber standen, weder Kraft genug, diese zu durchschießen, noch irgend eine Blöße, worauf sie hätte zielen können. Da sie also merkten, daß ihre Art des Geschosses unwirksam sei, so griffen sie den Feind mit den Steinen an, die allenthalben im ganzen Thale lagen. Dies freilich mehr tosende, als im mindesten verwundende Geklapper auf ihren Schilden ließ die Römer ein Weilchen stutzen. Dann aber verachteten sie auch dies und brachen entweder in geschlossenem Schilddache gerade durch die Feinde; oder erstiegen auf kurzem Umwege die Höhe des Hügels und jagten die Macedonier in voller Hast von ihren Schutzwehren und Posten hinunter, und weil die Flucht, wie gewöhnlich auf verwachsenem Boden, nicht leicht war, hieben sie die meisten nieder. 53 40. So war der Paß mit geringerem Kampfe gewonnen, als sie sich vorgestellt hatten, und sie kamen im Eordäischen an. Der Consul, der die ganze Gegend verwüsten ließ, zog sich wieder in das Elimäische; von hier fiel er in die Landschaft Orestis und machte sich an die auf einer Halbinsel gelegene Stadt Celetrum. Ihre Mauern umgiebt ein See: zu Lande hat sie nur einen einzigen Zugang über eine schmale Erdenge. Die Bürger, im Vertrauen auf ihre Lage, schlossen anfangs die Thore und verweigerten die Unterwerfung. Als sie aber die Fahnen sich nähern, ein Sturmdach an ihr Thor rücken und die Erdenge vom Zuge der Feinde bedeckt sahen, ergaben sie sich aus Furcht, ohne einen Kampf zu versuchen. Von Celetrum rückte er in Dassaretien ein und nahm die Stadt Pelium mit Sturm. Er führte hier die Sklaven nebst der übrigen Beute ab, entließ die Freigebornen ohne Lösegeld, und gab ihnen die Stadt wieder, in die er aber eine starke Besatzung legte, weil ihre Lage auch zum Einfalle in Macedonien Vortheile gewährte. Nach diesen Streifzügen durch das feindliche Gebiet führte er seine Truppen wieder auf Freundes Land nach Apollonien, von wo aus er den Feldzug eröffnet hatte. Dem Philipp hatten die Ätoler, die Athamanen, die Dardaner und so viele hier und dort unerwartet ausbrechenden Kriege eine andre Richtung gegeben. Gegen die Dardaner, die sich aus Macedonien schon wieder zurückzogen, schickte er den Athenagoras mit schlagfertigem Fußvolke und dem größeren Theile seiner Reuterei, mit dem Befehle, den Abziehenden im Rücken nachzusetzen und ihnen durch Einhauen in ihren Nachtrab die Lust zu künftigen Heereszügen aus ihrer Heimat zu benehmen. Die Ätoler hatte der Prätor Damocritus, derselbe, der zu Naupactus mit der Kriegserklärung zu zögern rieth, auf der letzten Versammlung zur Ergreifung der Waffen gestimmt: denn der Ruf hatte ihm das Treffen der Reuterei bei Octolophus gemeldet; die Dardaner und Pleuratus mit den Illyriern waren in Macedonien eingefallen; noch mehr, eine Römische Flotte war zu Oreum angekommen, und außer der Umzingelung von 54 so vielen Völkern stand Macedonien auch eine Einschließung zur See bevor. 41. Diese Gründe brachten den Damocritus und die Ätoler wieder auf Römische Seite, und in Vereinigung mit Amynander , dem Könige der Athamanen, zogen sie hin und belagerten Cercinium. Die Bürger hatten die Thore geschlossen, man weiß nicht, ob gezwungen, oder aus eignem Willen; denn sie hatten eine königliche Besatzung. Doch wurde Cercinium in wenig Tagen erobert und verbrannt: Alle, die diesem großen Unglücke entrannen, Freigeborne und Sklaven, wurden mit der übrigen Beute abgeführt. Die Furcht vor gleicher Behandlung nöthigte die sämtlichen Anwohner des Sees Böbe, mit Hinterlassung ihrer Städte, auf das Gebirge zu fliehen. Und die Ätoler, die der Mangel an Beute hier wegtrieb, zogen weiter, in das Perrhäbische. Hier eroberten sie Cyretiä mit Sturm und plünderten es schrecklich. Die Einwohner von Mallöa, die sich gutwillig ergaben, wurden als Verbündete angenommen. Aus Perrhäbien rieth Amynander vor Gomphi zu ziehen: denn Athamanien hat diese Stadt in seiner Nähe und ihre Eroberung schien nicht viel Kampf zu kosten. Allein die Ätoler wandten sich gegen die an Beute reichen Gefilde Thessaliens, wohin ihnen Amynander folgte, ob er gleich ihre ausgelassenen Plünderungen eben so wenig billigte, als daß sie auf gut Glück, an der ersten der besten Stelle, ohne alle Auswahl, ohne alle Sorge für Befestigung, ihr Lager aufschlugen. Damit also nicht ihre Unbesonnenheit und Sorglosigkeit auch ihm und den Seinigen einen Nachtheil zuziehen möchte, wählte er, als er sie in einer flachen Gegend ihr Lager unter der Stadt Phecadus nehmen sah, für die Seinigen etwas über fünfhundert Schritte weiter einen Hügel, wenn dieser gleich nur geringen Schutz gewährte. Als nun die Ätoler, außer daß sie plünderten, kaum daran zu denken schienen, daß sie in Feindes Lande waren; die Einen zerstreuet und halbbewaffnet umherstreiften; die Andern im Lager ohne Posten unter Schlaf und Wein die Tage an die Nächte reiheten, rückte plötzlich Philipp heran. Auf die Nachricht 55 von seiner Erscheinung, welche einige aus den Dörfern Zurückflüchtende in voller Bestürzung meldeten, geriethen Damocritus und die übrigen Anführer in Verlegenheit; und es war gerade Mittagszeit, wo die Meisten mit vollem Magen im Schlafe lagen. Da weckte der Eine diesen, der Andre den, und hieß sie sich waffnen; wieder Andre wurden umhergeschickt, die in den Dörfern zerstreuten Plünderer zurückzurufen; und es ging Alles so übereilt zu, daß Einige von der Reuterei sogar ohne Schwert ausrückten, und die Meisten keinen Panzer angelegt hatten. So zum Lager herausgerissen trafen sie, an Reuterei und Fußvolk zusammen kaum sechshundert stark, auf die an Zahl, Muth und Bewaffnung überlegene Reuterei des Königs. So eilten sie denn auch, im ersten Angriffe geschlagen, fast ohne ein Gefecht zu versuchen, in schimpflicher Flucht, in ihr Lager zurück. Doch schnitt die Reuterei Manchen vom Strome der Fliehenden ab, und hieb sie nieder, oder nahm sie gefangen. 42. Philipp ließ den Seinigen, die sich schon dem Walle näherten, das Zeichen zum Rückzuge geben: denn was er an Roß und Mann bei sich hatte, war erschöpft, nicht sowohl vom Treffen, als zugleich von der Länge und übereiligen Schnelligkeit des Marsches. Also ließ er die Reuterei nur geschwaderweise, auch die Leichtbewaffneten in wechselnden Haufen Wasser holen und essen; und Andre in den Waffen die Posten besetzen, während er das in der schweren Rüstung langsamer ziehende Fußvolk erwartete. So wie diese Truppen ankamen, erhielten sie gleichfalls Befehl, nach aufgepflanzten Fahnen und vor sich hingelegten Waffen in aller Geschwindigkeit zu essen, und nur durch zwei, höchstens drei aus jedem Haufen Wasser holen zu lassen: indessen standen die Reuterei und die Leichtbewaffneten auf jede Bewegung des Feindes bereit und schlagfertig. Die Ätoler – denn nun hatte sich auch die in den Dörfern zerstreut gewesene Menge im Lager wieder eingefunden – stellten Bewaffnete an die Thore und auf den Wall, völlig mit der Miene, so lange sie nämlich auf unangefochtener Stäte keck dem still liegenden 56 Feinde zusahen, als wollten sie ihre Werke vertheidigen. Als sich aber die Fahnen der Macedonier in Bewegung setzten, und sie in voller Rüstung und schlagfertig gegen den Wall herangeschritten kamen, da flohen auf einmal Alle mit Hinterlassung ihrer Posten aus dem hinteren Lagerthore dem Hügel zu, in das Lager der Athamanen. Auch auf dieser so eiligen Flucht wurden viele Ätoler gefangen oder getödtet. Philipp, der sich die sichere Hoffnung gemacht hatte, wenn es länger Tag geblieben wäre, auch die Athamanen aus ihrem Lager zu vertreiben, ließ sich zwar, weil der Tag über das Treffen und dann über die Plünderung des Lagers verstrichen war, auf der nächsten Ebene unter der Anhöhe nieder, doch mit dem Vorsatze, in der ersten Frühe des folgenden Tages den Feind anzugreifen. Allein eben so fassungslos, als sie ihr Lager verlassen hatten, liefen auch hier die Ätoler in der nächsten Nacht als zerstreute Flüchtlinge davon. Vorzüglich kam ihnen hier Amynander zu statten, unter dessen Anführung die der Wege kundigen Athamanen sie über die höchsten Gebirge auf Pfaden, welche den sie verfolgenden Feinden unbekannt waren, nach Ätolien brachten. Von den zerstreuten Flüchtlingen geriethen manche, wiewohl nicht sehr viele, in der Verirrung unter die Macedonische Reuterei, welche Philipp mit Tagesanbruch, als er die Anhöhe verlassen fand, dem fliehenden Feinde nachhauen ließ. 43. In diesen Tagen erreichte auch der königliche Oberste Athenagoras die Dardaner auf dem Rückzuge in ihre Gränzen, und brachte anfangs ihren Nachtrab in Unordnung. Als sich darauf die gegen ihn umkehrenden Dardaner in Linie stellten, kam es zur förmlichen Schlacht, in welcher sich beide gleich waren. Traten die Dardaner ihren Zug wieder an, so wurden die königlichen Truppen durch ihre Reuterei und Leichtbewaffneten den Dardanern, die ohne alle ähnliche Unterstützung und mit schwerfälligen Waffen belastet waren, äußerst beschwerlich; und die Gegend selbst kam ihnen dabei zu statten. Getödtet wurden nur wenige, verwundet mehrere, gefangen nicht 57 Einer; weil sie nicht ohne Noth aus dem Gliede treten, sondern, es sei im Gefechte oder auf dem Rückzuge, immer im Schlusse bleiben. So hatte Philipp die Unfälle, die er im Kriege gegen die Römer erlitt, dadurch wieder eingebracht, daß er durch diese zu rechter Zeit gemachten Züge zwei Völkerschaften in ihre Schranken zurückwies; mannhaft in seiner Unternehmung, nicht bloß im Erfolge der Glückliche. Ein zufälliges Ereigniß verminderte nachher auch die Zahl seiner Feinde, der Ätoler. Scopas, der erste Mann in diesem Volke, war vom Könige Ptolemäus mit vielem Golde aus Alexandrien abgeschickt, und führte sechstausend in Sold genonmene, Fußvolk und Reuter, nach Ägypten. Er würde keinen dienstfähigen Ätoler zurückgelassen haben, hätte nicht Damocritus, der sie an den bevorstehenden Feldzug und an die zu erwartende Entvölkerung erinnerte – man weiß nicht, ob aus Besorgniß für den Stat, oder um dem Scopas entgegen zu sein, weil er nicht genug mit Geschenken bedacht war – durch seine Zurechtweisungen einen Theil der Mannschaft im Lande zurückgehalten. Dies ist, was die Römer und Philipp in diesem Sommer thaten. 44. Die Flotte, die von Corcyra im Anfange dieses Sommers unter dem Legaten Lucius Apustius auslief, ging um Malea herum und vereinigte sich auf der Höhe von Scylläum, das zum Gebiete von Hermione gehört, mit dem Könige Attalus. Und nun schüttete die Bürgerschaft von Athen den Haß gegen Philipp, den sie aus Furcht so lange gezügelt hatte, im Vertrauen auf die sich zeigende Hülfe in vollem Maße aus. Dort nämlich finden sich immer zur Erregung des großen Haufens fertige Sprecher; eine Classe von Leuten, die sich zwar in allen Freistaten, hauptsächlich aber in Athen, wo der Vortrag Alles gilt, von der begünstigenden Menge gehegt sieht. Sogleich thaten sie den Vorschlag, den der Bürgerstand zum Gesetze machte: «Daß Philipps Standbilder, seine sämtlichen Abbildungen mit ihren Unterschriften, imgleichen die von allen seinen Vorfahren männlichen und weiblichen 58 Geschlechts, weggenommen und verlöschet; die Festtage, Opfer und Priester, welche ihm oder seinen Vorfahren zu Ehren angeordnet wären, sämtlich entheiligt sein sollten. Auch die Plätze, wo irgend etwas zu seiner Ehre aufgestellt oder eingehauen gewesen sei, sollten verflucht sein, und mit des Volkes Willen künftig von dem Allen nicht das Mindeste hier aufgestellt und geheiligt werden können, was die Religion auf unentweihter Stäte aufzustellen oder zu heiligen befehle. So oft die Statspriester für Athens Gesamtvolk, für seine Bundesgenossen, seine Heere und Flotten Gebete darbrächten, sollten sie jedesmal Philippen, seine Kinder, sein Reich, seine Land- und Seemacht und Alles, was Macedonischen Stammes und Namens sei, verwünschen und verfluchen.» Im Anfange zu diesem Volksschlusse hieß es: «Sollte auch künftig jemand irgend etwas in Vorschlag bringen, was zu Philipps Schimpf und Schande dienen könnte, so sollte Athens Gesamtvolk dies Alles genehmigen: redete aber oder unternähme jemand etwas, um die Beschimpfung desselben zu hindern oder zur Rettung seiner Ehre, dann sollte der, der einen solchen umbrächte, ihn von Rechtswegen erschlagen haben.» Zuletzt brachten sie auch das noch hinein: «Daß alle ehemaligen Verordnungen gegen die Pisistratiden auch gegen Philipp gültig sein sollten.» Die Athener also führten ihren Krieg gegen Philipp mit Schriften und Worten, dem Einzigen, worin sie stark sind. 45. Attalus hingegen und die Römer, die von Hermione zuerst in den Piräeus steuerten, hier nur wenig Tage sich aufhielten, und von den Athenern mit Verordnungen belastet wurden, die in Ehrenbezeigungen gegen ihre Bundesgenossen eben so wenig gemäßigt waren, als jene in der Erbitterung gegen ihren Feind, schifften aus dem Piräeus nach Andrus. Nachdem sie sich in einen Hafen – er hieß Gaureleos – gelegt hatten, ließen sie durch Abgesandte einen Versuch auf die Stimmung der Bürger machen, ob sie die Stadt lieber gutwillig übergeben oder auf Sturm es ankommen lassen wollten: und als diese zur Antwort gaben, ihre Burg sei in den Händen einer 59 königlichen Besatzung und sie hingen nicht von sich selbst ab, so landeten der König und der Römische Legat auf entgegengesetzten Punkten ihre Truppen und das sämtliche Belagerungsgeräth, und rückten vor die Stadt. Aber weit wirksamer zum Schrecken für diese Griechen waren die Römischen Adler und Waffen, die sie nie zuvor gesehen hatten, und der Muth der Soldaten, die so flink zu den Mauern hinanstiegen. Also nahmen sie gleich die Flucht auf die Burg, und die Feinde waren Herren der Stadt. Da sie sich auch in der Burg mehr im Vertrauen auf den Platz als auf ihre Waffen zwei Tage gehalten hatten, ergaben sie sich nebst der Besatzung auf die Zusage, daß sie Alle, jeder mit Einem Rocke, nach Delium in Böotien übergesetzt werden sollten. Die Besitzungen räumten die Römer dem Könige Attalus ein: die Beute und die Zieraten der Stadt nahmen sie mit sich. Attalus, um nicht eine verödete Insel zu besitzen, beredete die Macedonier fast alle, auch einige Andrier, daß sie blieben. Nachher ließen sich auch die vermöge des Vertrags nach Delium Übergesetzten, durch die Versprechungen des Königs, denen sie aus Sehnsucht nach dem Vaterlande so viel williger glaubten, von dort zurückrufen. Von Andrus gingen die Verbündeten nach Cythnus über. Hier brachten sie mehrere Tage mit Bestürmung der Stadt vergeblich zu, und weil sie kaum der Mühe werth war, zogen sie ab. Bei Prasiä – es liegt auf dem festen Lande in Attica – stießen zu der Römischen Flotte zwanzig Bothe von Issa. Diese wurden zur Verheerung des Gebietes von Carystus abgeschickt. Die übrige Flotte hielt zu Gerästus an, einem bekannten Hafen von Euböa, bis die Issäer von Carystus zurückkamen. Von hier segelten sie Alle auf die Höhe und kamen auf offenem Meere bei der Insel Scyrus vorbei nach Icus. Da sie der stürmende Nord einige Tage hier aufgehalten hatte, setzten sie, sobald sie wieder ruhiges Meer hatten, nach Sciathus über, wo Philipp neulich die Stadt verwüstet und geplündert hatte. Die Soldaten, die die Gefilde durchstreiften, brachten Getreide und was ihnen sonst als Mundvorrath 60 brauchbar sein konnte, auf die Schiffe. Beute fand sich nicht; auch hatten diese Griechen keine Plünderung verdient. Auf ihrer Fahrt von hier nach Cassandrea hielten sie zuerst bei Mendis an, einem zu dieser Stadt gehörigen Küstenflecken. Als sie von hier nach Umsegelung des Vorgebirges die Flotte gegen die Mauern der Stadt selbst umbeugen lassen wollten, machte sich ein schrecklicher Sturm auf, begrub sie beinahe in den Wellen, und zerstreuet retteten sie sich mit großem Verluste an ihrem Takelwerke an das Land. Auch war dieser Sturm zur See ein Vorbote ihres Schicksals bei ihrer Unternehmung zu Lande. Denn als sie die Schiffe wieder gesammelt und die Truppen gelandet hatten, wurden sie bei dem Angriffe auf die Stadt – sie hatte eine starke königliche Besatzung – mit vielen Wunden zurückgeschlagen, zogen unverrichteter Sache ab und setzten nach Canasträum in Pallene über. Von da ging ihre Fahrt um das Vorgebirge von Torona nach Acanthus. Hier verwüsteten sie zuerst die Gegend, dann eroberten sie die Stadt mit Sturm und plünderten sie. Ohne weiter vorzudringen – denn auch ihre Schiffe, mit Beute beladen, gingen schwer – fuhren sie wieder, woher sie gekommen waren, nach Sciathus, und von Sciathus nach Euböa . 46. Hier ließen sie die Flotte stehen und liefen mit zehn erleichterten Schiffen, um mit den Ätolern den Plan der Kriegsführung zu verabreden, in den Malischen Meerbusen. Der Ätoler Sipyrrhicas war das Haupt der Gesandschaft, welche sich zu Heraclea einfand, um mit dem Könige und dem Römischen Legaten gemeinschaftliche Maßregeln zu nehmen. Sie verlangten vom Attalus vermöge des Vertrags mit ihm, die tausend Mann zu stellen: denn zu so viel hatte er sich, wenn sie Krieg mit Philipp führten, anheischig gemacht. Dies wurde den Ätolern verweigert, weil sie ebenfalls vorhin sich gesperrt hätten, zur Plünderung Macedoniens auszurücken, gerade in dem Zeitpunkte, wo sie Philippen, der in der Nähe von Pergamus Heiliges und Unheiliges niederbrannte, durch die auf sein eigenes Reich zu nehmende Rücksicht von dort hätten 61 abziehen können. So wurden die Ätoler mehr mit Hoffnung, da die Römer Alles versprachen, als mit wirklicher Hülfe entlassen. Apustius ging mit dem Attalus zur Flotte zurück. Dann berathschlagten sie sich über den Angriff auf Oreum. Die Stadt hatte sehr feste Mauern und wegen des früher auf sie gemachten Versuchs eine starke Besatzung. Nach der Eroberung von Andrus waren zwanzig Rhodische Schiffe, alle mit Verdecken, unter der Anführung des Agesimbrotus, zu ihnen gestoßen. Diese Flotte ließen sie eine Stellung bei Zelasium nehmen, – und gerade hierzu kam ihnen die Lage dieses Vorgebirges, oberhalb Demetrias , Histiäa gegenüber, sehr zu statten – Zelasium miserunt) Isthmiæ id]. – Hier vereinigen sich für uns aus Mangel genauerer Angaben in der alten Geographie und durch die Unzuverlässigkeit der Abschreiber mehrere Schwierigkeiten, die ich zu heben mich nicht getraue. 1) Zelasium findet sich nirgends. Darum könnte es dennoch ächt sein; wenigstens darf Gronov nicht Phalasiam dafür aufnehmen wollen. Denn da Oreus auf der schmalen nordwestlichen Küste von Euböa liegt, das Vorgebirge Phalasia aber viel weiter südöstlich, der Insel Scyros gegenüber, so kann Phalasia, so wenig in Rücksicht der Stadt Oreus, als der Stadt Demetrias, opportune obiecta heißen. 2)  Gronov will Isthmiæ in Istiææ verwandeln. Dann sind wir ungewiß, ob Istiæa die Stadt Oreus selbst sein soll, die jenen Namen ebenfalls führte, oder die Landschaft Istiæotis, wofür es Drakenborch nimmt, der Istiæotidis super Demetriadem lesen will. 3) Soll man Istiææ für den Dativ nehmen? id promontorium est opportune Istiææ obiectum? so müssen wir ein Vorgebirge in Thessalien suchen, um so mehr, da Heraclides die Stadt Demetrias im Rücken behalten wollte: oder für den Genitiv? Istiææ id oder Istiæotidis promontorium est, opportune (Oreo) obiectum? so begreift man wieder nicht, wie die Römer und Attalus mit ihrer überlegenen Flotte den Heraclides, wenn er mit ihnen an der Küste von Istiæotis stand, nicht aus ihrer Nähe vertrieben, noch auch, wie Heraclides mit den Römern an derselben Istiäischen Küste so stehen kann, daß er in Einer Linie, die Römer und Oreum gegen sich über und doch Demetrias hinter sich haben kann. 4) Super Demetriadem soll nach Gronov so viel heißen, als e regione Demetriadis in alto mari. Allein das von ihm vorgeschlagene Phalasia liegt nicht Demetrias gegenüber, und wenn es ein promontorium ist, so liegt es ja auch nicht in alto mari, auf der Meereshöhe, sondern ist ein Theil der Küste. Ich erinnere mich, in mehrern alten Handschriften oben an der Spitze des großen A einen Schnirkel bemerkt zu haben, der ihm diese Gestalt A giebt. In dem Worte Æātium (Aeantium) glaubte der Abschreiber ein Monogramm von ZEL zu sehen, und las Zelasium, ein andrer Celaxium, wo ich das in ein X leicht übergehende T nicht zu übersehen bitte. Das Vorgebirge Aeantium liegt auf einem Isthmus der Landschaft Magnesia und schließt nebst dem gegenüber bei Pagasæ gelegenen Vorgebirge Pyrrha den Pagasäischen Meerbusen, in dessen innerster Bucht Demetrias in der Mitte liegt, so daß die Fahrt von Demetrias über Aeantium nach Oreus eine gerade Linie macht. Wäre Aeantium die richtige Lesart, so käme ich in Versuchung so zu lesen: Aeantium miserunt, (Isthmi id super Demetriadem promon torium Oreo est peropportune obiectum) ut, si cet. Die Übersetzung: . . . . . . «ließen sie eine Stellung bei Äantium (oder Äanteum ) nehmen, – und gerade hierzu kam ihnen die Lage dieses Vorgebirges auf der Landzunge oberhalb Demetrias, Oreum gegenüber, sehr zu statten – um einen Vorposten zu haben u. s. w.» um einen 62 Vorposten zu haben, falls sich die Macedonische Seemacht von dort aus in Bewegung setzte. Hier stand Heraclides, der königliche Befehlshaber, mit der Flotte, mehr, um bei Gelegenheit, die ihm vielleicht von einer Nachlässigkeit des Feindes geboten würde, als durch offenen Angriff etwas zu unternehmen. Oreum bestürmten die Römer und König Attalus auf zwei verschiedenen Punkten: die Römer von der Seite der Seeburg; die königlichen Truppen in der Gegend des Thals, das zwischen den zwei Burgen liegt, von dem auch die Stadt durch eine Mauer geschieden ist. Und so wie ihre Stellungen verschieden waren, so war auch ihr Sturm von ungleicher Art: denn die Römer drangen gegen die Mauern mit Sturmdächern, Annäherungshütten und Mauerbrechern ein; die königlichen Truppen hingegen schossen Pfeile mit großem und kleinem Wurfgeschütze und allen Arten von Schleuderwerken, warfen Felsstücke von ungeheurem Gewichte, nahmen Erdgänge zu Hülfe, und Alles, was sie in der vorigen Belagerung vortheilhaft gefunden hatten. Indeß vertheidigten die Macedonier die Stadt und die beiden Burgen jetzt mit einer stärkern Mannschaft, und mit mehr Entschlossenheit, weil ihnen auch der König durch die öftere Rüge ihrer früheren Schuld seine Drohungen für die Zukunft, so wie seine Versprechungen, unvergeßlich gemacht hatte; so daß die Hoffnung, die Stadt bald zu erobern, schwach genug war. Der Legat, der unterdessen auch etwas Anderes leisten zu können glaubte, ließ so viele Truppen, als ihm zur Vollendung der Werke hinreichend schienen, zurück, setzte auf das nahe feste Land über und eroberte durch seine plötzliche Erscheinung Larissa – nicht jene berühmte Stadt Thessaliens, sondern die andre mit Zunamen Cremaste – 63 bis auf die Burg. Auch Attalus überraschte Ägeleos, dessen Bewohner sich so etwas, während er eine andre Stadt belagerte, am wenigsten versahen. Jetzt waren nun schon die Werke um Oreum in voller Wirksamkeit, und die Besatzung in der Stadt durch die anhaltenden Beschwerden, durch beständiges Wachen bei Tage und bei Nacht, und durch Wunden erschöpft. Auch die Strecke der Mauer quodque super portum est]. Daß diese Worte nicht hinter Romani stehen können, ist einleuchtend; sie müßten auf apertum ruina iter folgen. Aber auch da geben sie keinen Sinn, weil, wie Hr. Walch (Emendd. Liv. p. 128.) sehr richtig erinnert, kein anderer Weg hier angegeben ist, von welchem der, quod super portum est, der Gegensatz sein könnte. Hr.  Walch schlägt ebenfalls eine Versetzung vor. Meine Ansicht ist diese. Livius hatte oben gesagt, die Römer bestürmten Oreus von der Seeseite, testudinibus, vineis, ariete admovendo; Attalus vom Thale her, catapultis, ballistis, cuniculo u. s. w. So spricht er auch an unsrer Stelle zuerst vom Erfolge der Römer (durch ihren aries) und dann vom Attalus. Quodque supra portum est bezeichnet also eben die Stelle der Mauer, die ariete incusso subruta heißt, nämlich die Hafenseite, wo die Römer angriffen. Ich lese so: Muri quoque, quæ super portum est, pars, ariete incusso subruta, multis iam locis prociderat, perque apertum ruina iter nocte Romani in arcem perruperunt. Auch glaube ich, der Veranlassung zu dieser Versetzung und der falschen Lesart quodque auf die Spur gekommen zu sein. Wenn nämlich der Abschreiber in den Worten muri quoqueque super portum est pars das zweite que für einen Schreibfehler hielt, so gaben ihm nun die Worte muri quoque super portum est pars keinen richtigen Zusammenhang. Er schob also die Worte super portum est in der Gegend von iter ein und verband sie mit diesem durch quod. Über dies quod schrieb ein späterer, was er in seinem Originale fand, das que, als Variante über. Ein dritter verband beide Lesarten zu Einer durch quodque. Eben so machte, damit meine Leser nicht glauben, daß ich scherze, wie Drakenborch anführt, ein Abschreiber aus Roman os, über dessen letzter Silbe um (die Variante Roman um ) geschrieben stand, durch Vereinigung beider Roman osum ; ein Andrer aus des censuris, über dessen erster Silbe er a (Variante a scensuris) gezeichnet fand, deas censuris; ein Dritter aus dem über con iuncta gesetzten in (von in iuncta) die Lesart incon iuncta. Man sehe in Drakenb. Register Lectiones duæ simul in contextum receptæ ac iunctæ. über dem Hafen, von den Stößen des Mauerbrechers untergraben, war schon an vielen Stellen hingesunken und auf dem durch ihren Einsturz geöffneten Wege brachen die Römer in die Burg ein. Attalus drang mit frühem Morgen auf das ihm aus der Burg von den Römern gegebene Zeichen eben so in die Stadt, deren Mauer er großentheils schon niedergeworfen hatte. Die Besatzung und die Bürger flohen auf die andre Burg, wo zwei Tage 64 später die Übergabe erfolgte. Die Stadt fiel dem Könige, die Gefangenen den Römern anheim. 47. Schon nahete die Herbstgleiche; und dem Euböischen Meerbusen, der sogenannten Höhlung, trauen die Seeleute nicht. Da sie also vor den Winterstürmen hier hinauszukommen wünschten, so suchten sie den Piräeus wieder auf, von wo sie zur Eröffnung des Krieges abgefahren waren. Hier ließ Apustius dreißig Schiffe zurück, und schiffte um Malea herum nach Corcyra. Der König aber, um den Feierlichkeiten am Weihfeste der Ceres beizuwohnen, blieb während desselben in Athen. Nach dem Weihfeste ging er ebenfalls ab, zurück nach Asien, nachdem er den Agesimbrotus und die Rhodier zur Heimfahrt entlassen hatte. Dies war es, was in diesem Sommer zu Wasser und zu Lande gegen Philipp und dessen Bundesgenossen der Römische Consul und der Römische Legat mit Hülfe des Königs Attalus und der Rhodier verrichteten. Der andre Consul Cajus Aurelius, der nach Beendigung des Krieges in der Provinz eintraf, ließ sehr deutlich seinen Unwillen darüber merken, daß in seiner Abwesenheit der Prätor eine Schlacht geliefert habe. Er schickte ihn also nach Hetrurien, rückte selbst mit den Legionen in der Feinde Land und führte den Krieg durch Plünderungen, die ihm mehr Beute, als Ruhm erwarben. Lucius Furius, der in Hetrurien nichts fand, was ihn hatte beschäftigen können, und zugleich seinen Gallischen Triumph beabsichtigte, den er in Abwesenheit des zürnenden und ihn beneidenden Consuls leichter erhalten zu können meinte, erschien unerwartet vor Rom, hielt im Tempel der Bellona eine Senatssitzung, und bat, nach erstattetem Berichte über seine Thaten, um die Erlaubniß, triumphirend in die Stadt einziehen zu dürfen. 48. Bei einem nicht geringen Theile der Senatoren sprach die Größe seiner Thaten und die Freundschaft für ihn. Die Bejahrteren versagten ihm den Triumph, weil er seine Unternehmung mit dem Heere eines Andern bewerkstelligt, und aus Begierde, den Triumph in einem 65 günstigen Zeitpunkte zu erhaschen, die Provinz verlassen habe: um so zu handeln, sei ohne Beispiel. Vorzüglich sagten die Consularen: «Er habe den Consul erwarten sollen. Wenn er sich in der Nähe von Cremona gelagert hätte, so hätte er auf die Sicherstellung der Pflanzstadt sich beschränkend, ohne eine Schlacht zu liefern, bis zu dessen Ankunft die Sache hinhalten können. Was der Prätor nicht gethan habe, müßten jetzt die Senatoren thun: sie müßten den Consul erwarten. Wenn sie den Consul und den Prätor gegen einander abgehört hätten, würden sie die Frage richtiger beurtheilen können.» Ein großer Theil des Senats war der Meinung, der Senat habe nur die Thaten des Prätors selbst, und den Umstand ins Auge zu fassen, ob er sie in seinem Amte und unter ihm übertragener Götterleitung verrichtet habe. «Da von den beiden Pflanzstädten, die zur Beschränkung der Gallischen Ausbrüche als Vormauern dastanden, die eine geplündert und niedergebrannt sei, und dieser Krieg mit seiner Flamme, wie über zusammenstoßende Dächer, auf die andre so nahe gelegene Pflanzstadt habe hinüber schlagen wollen; was da der Prätor anders habe thun sollen? Denn wenn ohne den Consul nichts habe unternommen werden dürfen, so habe entweder der Senat daran unrecht gethan, daß er dem Prätor ein Heer gegeben habe – der Senat habe nämlich, falls es sein Wille gewesen sei, daß das Heer nicht unter dem Prätor, sondern nur unter dem Consul, sich mit dem Feinde einlasse, den Senatsschluß mit der Bestimmung abfassen dürfen, daß mit dem Feinde sich eiuzulassen nicht der Prätor, sondern nur der Consul berechtigt sei – oder der Consul daran, daß er, nach seinem Befehle an das Heer, aus Hetrurien in Gallien überzugehen, nicht selbst mit dem Heere in Ariminum zusammengetroffen sei, um nicht in einem Kriege zu fehlen, der ohne ihn nicht habe geführt werden dürfen. Im Kriege pflege die Entscheidung des Augenblicks auf den ausbleibenden oder verschiebenden Feldherrn nicht zu warten: und zuweilen müsse man schlagen, nicht, weil man wolle, sondern weil der Feind dazu 66 zwinge. Hier müsse die Schlacht selbst und der Erfolg der Schlacht beherzigt werden. Die Feinde seien geschlagen und niedergehauen; ihr Lager erobert und geplündert; die Pflanzstadt von der Einschließung befreiet; die aus der andern Pflanzstadt Weggeführten dem Feinde abgenommen und den Ihrigen wiedergegeben; der ganze Krieg durch dies Eine Treffen geendet. Nicht Menschen allein sei dieser Sieg erfreulich gewesen, sondern selbst den unsterblichen Göttern habe man drei Tage nach einander dafür Dankgebete dargebracht, daß der Prätor Lucius Furius die Sache des Stats gut und glücklich, nicht aber deswegen, weil er sie schlecht und unbesonnen verfochten habe. Selbst das Verhängniß scheine die Kriege mit den Galliern dem Stamme der Furier angewiesen zu haben.» 49. Durch die in diesem Tone von ihm selbst und seinen Freunden gehaltenen Reden trug die Zuneigung für den anwesenden Prätor über den höheren Rang des abwesenden Consuls den Sieg davon, und eine große Mehrheit der Stimmen erkannte dem Lucius Furius den Triumph zu. Diesen Triumph über die Gallier hielt Lucius Furius als Prätor noch während seines Amts. In die Schatzkammer lieferte er dreihundert und zwanzig tausend Ungefähr an Kupfer 10,000 Gulden, an Silber 5,312,500 Gulden Conv. M. Kupferass und hundert siebzig tausend Pfund Silber. Keine Gefangene zogen dem Wagen voran, keine eroberten Waffen wurden voraufgetragen; auch fehlte das Gefolge von Soldaten. Man sah, es war Alles, den Sieg ausgenommen, in des Consuls Händen. Nun feierte Publius Cornelius Scipio die Spiele, die er als Consul in Africa gelobet hatte, mit großer Pracht. Auch wurde über die seinen Soldaten zu gebenden Grundstücke der Befehl ausgefertigt, daß jeder von ihnen, so viele Jahre er in Spanien oder in Africa gedient habe, für jedes Jahr zwei Hufen bekommen solle. Zehnherren sollten ihnen die Länderei anweisen. Dann wurden zur 67 Ergänzung der Anbauer von Venusia, weil der Krieg mit Hannibal diese Pflanzstadt sehr herabgebracht hatte, Dreimänner ernannt, nämlich Cajus Terentius Varro, Titus Quinctius Flamininus, Publius Cornelius Scipio, Sohn des Cneus. Sie führten die für Venusia eingezeichneten Anbauer ab. In diesem Jahre schlug auch Cajus Cornelius Cethegus, der als Proconsul dem Heere in Spanien vorstand, auf Sedetanischem Gebiete ein großes feindliches Heer. Funfzehn tausend Spanier sollen in diesem Treffen gefallen, achtundsiebzig Fahnen erbeutet sein. Als der Consul Cajus Aurelius zur Haltung des Wahltages aus seiner Provinz nach Rom gekommen war, führte er nicht, wie man vermuthet hatte, Beschwerden deshalb, «daß der Senat ihn nicht erwartet, nicht einmal die wörtliche Auseinandersetzung mit dem Prätor ihm, einem Consul, freigelassen habe;» sondern darüber, «daß der Senat jemand den Triumph zuerkannt, und dabei nur auf die Aussage des Einzigen, welcher selbst den Triumph halten wollte, und Keinen von denen gehört habe, die dem Feldzuge beigewohnt hätten. Die Einrichtung, bei einem Triumphe die Unterfeldherren, die Obersten, die Hauptleute, ja die Soldaten gegenwärtig sein zu lassen, hätten die Vorfahren darum getroffen, damit die Thaten dessen, dem eine so große Ehre erwiesen werde, auch öffentlich sich als wahr bewähren sollten. Ob nun von diesem Heere, das gegen die Gallier gefochten habe, er wolle nicht sagen, ein Soldat, sondern nur ein Marketender dagewesen sei, bei dem der Senat habe nachfragen können, was an den Erzählungen des Prätors wahr oder unwahr sei?» Er setzte darauf den Tag zur Wahl an, an welchem Lucius Cornelius Lentulus und Publius Villius Tappulus zu Consuln ernannt wurden. Dann wurden Lucius Quinctius Flamininus, Lucius Valerius Flaccus, Lucius Villius Tappulus, Cneus Bäbius zu Prätoren gewählt. 50. Auch waren in diesem Jahre die Lebensmittel sehr wohlfeil. Die Curulädilen Marcus Claudius 68 Marcellus und Sextus Älius Pätus vertheilten eine große Menge aus Africa angefahrenes Getreide unter das Volk, das Maß Ein Sechstel eines Berliner Scheffels zu etwa 6 Pfennige. zu zwei Kupferass. Sie feierten auch die Römischen Spiele mit vieler Pracht, begingen sie auch diesmal wieder Einen Tag, und stellten in der Schatzkammer von den eingelaufenen Strafgeldern fünf eherne Standbilder auf. Die bürgerlichen Spiele wurden von den Ädilen Lucius Terentius Massiliota und Cneus Bäbius Tamphilus, welcher zum Prätor bestimmt war, dreimal ganz gegeben. Ferner stellten in diesem Jahre bei dem Tode des Marcus Valerius Lävinus seine Söhne, Publius und Marcus, vier Tage lang auf dem Markte Leichenspiele an: sie gaben auch ein Klopffechterspiel: es fochten fünfundzwanzig Pare. Ein Zehnherr der gottesdienstlichen Angelegenheiten, Marcus Auretius Cotta, starb. An seine Stelle wurde Manius Acilius Glabrio gewählt. Es traf sich, daß am Wahltage zwei Curulädilen ernannt wurden, welche beide das Amt sogleich nicht antreten konnten. Denn Cajus Cornelius Cethegus war in seiner Abwesenheit gewählt, da er dem Heere in Spanien vorstand; und Cajus Valerius Flaccus, der bei der Wahl zugegen gewesen war, konnte, als Eigenpriester Jupiters, die Gesetze nicht beschwören: wer aber die Gesetze nicht beschworen hatte, durfte ein Amt nicht über fünf Tage verwalten. Auf die Bitte des Flaccus, ihn von der Forderung der Gesetze zu entbinden, befahl der Senat: Wenn der Ädil einen den Consuln anständigen Mann stellte, der den Eid für ihn leisten könnte, so sollten die Consuln, wenn sie nichts dawider hätten, mit den Bürgertribunen ausmachen, daß diese dem Bürgerstande die Sache vortrügen. Den Eid für seinen Bruder zu leisten, stellte sich Lucius Valerius Flaccus, der ernannte Prätor. Die Tribunen brachten die Sache an das Volk, und das Volk erkannte, daß der Eid eben so 69 angesehen werden solle, als wenn er ihn selbst geleistet habe. Auch über den andern Ädil kam ein Erkenntniß des Volks zu Stande. Die Tribunen hatten angefragt, Was für zwei Männer das Volk dazu bestimmen wolle, als Oberfeldherren zu den Heeren in Spanien abzugehen, damit Cajus Cornelius als Curulädil sich zur Führung seines Amtes einstellen, und Lucius Manlius Acidinus nach so vielen Jahren von seinem Posten in der Provinz abgehen könne. Das Volk erkannte: Cneus Cornelius Lentulus und Lucius Stertinius sollten an Consuln Statt in Spanien den Oberbefehl haben. Zwei und dreissigstes Buch. Jahre Roms 553 – 555. 72 Inhalt des zwei und dreissigsten Buchs. Mehrere aus verschiedenen Gegenden gemeldete Wunderzeichen werden aufgeführt, unter andern, daß in Macedonien am Hintertheile eines Kriegsschiffes ein Lorberbaum hervorgewachsen sei. Der Consul Titus Quinctius Flamininus ficht im Eingangspasse von Epirus gegen Philipp mit Glück, und zwingt ihn, in sein Reich zurückzufliehen. Er selbst und seine Bundesgenossen, die Ätoler und Athamanen, nehmen das an Macedonien stoßende Thessalien übel mit. Im Kriege zur See erobert des Consuls Bruder, Lucius Quinctius Flamininus, unter dem Beistande des Königs Attalus und der Rhodier die beiden Seestädte auf Euböa, Carystus und In Eubœam et maritimam oram traiectus]. – Die Worte in maritimam oram haben in diesem Zusammenhange, vollends wenn man ihn mit Livius selbst vergleicht, keinen Sinn. Ich vermuthe – und Crevier unterstützt mich in dieser Vermuthung, daß der Abschreiber aus in Eubœa IIas (duas) maritimas urbes, Carystum et Eretriam, expugnavit, die aufgenommene Lesart in Eubœam et maritimam oram traiectus Eretriam expugnavit geschaffen habe. Die beiden von Drakenborch ausgelassenen Worte navali bello, sollten hier, wie ich glaube, als Gegensatz des bis dahin erzählten Krieges zu Lande, nicht fehlen. Eretria. Die Achäer werden Roms Bundesgenossen. Die Verschwörung der Sklaven, welche die Befreiung der Carthagischen Geisel zur Absicht hat, wird unterdrückt: zweitausend werden hingerichtet. Die Anzahl der Prätoren wird verstärkt, so, daß immer sechs gewählt wurden. Der Consul Cornelius Cethegus siegt in einem Treffen über die Insubrischen Gallier. Mit den Lacedämoniern und ihrem Zwingherrn Nabis schließt Rom ein Bündniß. Außerdem werden die Eroberungen Macedonischer Städte erzählt. 73 Zwei und dreissigstes Buch. 1. Nach dem Antritte ihrer Ämter am funfzehnten März loseten die Consuln und Prätoren um ihre Posten. Dem Lucius Cornelius Lentulus fiel Italien zu, dem Publius Villius Macedonien; von den Prätoren dem Lucius Quinctius die Gerichtspflege in der Stadt, dem Cneus Bäbius Ariminum, dem Lucius Valerius Sicilien, dem Lucius Villius Sardinien. Der Consul Lentulus bekam den Auftrag, neue Legionen zu werben; Villius, das Heer vom Sulpicius zu übernehmen. Man überließ es ihm, zur Ergänzung desselben so viel Truppen zu werben, als er nöthig fände. Dem Prätor Bäbius wurden die Legionen, welche der Consul Cajus Aurelius gehabt habe, mit der Bestimmung angewiesen, daß er sie bei sich behalten solle, bis der Consul mit dem neuen Heere einträfe. Wenn dieser in Gallien ankäme, dann sollten die sämtlichen Soldaten als verabschiedet entlassen werden, fünftausend Mann Bundesgenossen ausgenommen, welche hinreichen würden, die Provinz von Ariminum zu decken. Nachdem den Prätorn des vorigen Jahrs der Oberbefehl verlängert war, – dem Cneus Sergius, um den Soldaten, welche in Spanien, Sicilien, Sardinien so viele Jahre gedient hätten, Ländereien anweisen zu lassen; dem Quintus Minucius, um im Bruttischen durch denselben Mann die Untersuchungen wegen der Verschwörungen zu beenden, die er als Prätor mit so viel Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt betrieben hatte; ferner um durch ihn diejenigen, welche er als des Tempelraubes Überwiesene in Fesseln nach Rom geliefert habe, nach Locri zu ihrer Hinrichtung absenden zu lassen; dann auch, die Wiedererstattung der aus dem Heiligthume der Proserpina entwandten Schätze nebst den Sühnopfern zu besorgen; – so wurden vermöge eines Schlusses der 74 Oberpriester die Latinischen Feiertage noch einmal begangen, weil sich die Abgeordneten von Ardea im Senate darüber beschwert hatten, daß ihnen bei der Latinischen Feier auf dem Albanischen Berge das gewöhnliche Fleischtheil nicht gereicht sei. Von Suessa meldete man, der Blitz habe in zwei Thore eingeschlagen und in die Mauer zwischen beiden; dasselbe berichteten die Gesandten aus Formiä vom Tempel Jupiters, und die aus Ostia eben so von ihrem Jupiterstempel, die aus Veliträ von den Tempeln des Apollo und des Sancus, und daß sich am Tempel des Hercules Hare erzeugt hätten. Aus dem Bruttischen schrieb der Proprätor Quintus Minucius, es seien ein Füllen mit fünf Füßen, und drei junge Hühner, jedes mit drei Füßen, zur Welt gekommen. Da lief ein Schreiben vom Proconsul Publius Sulpicius aus Macedonien ein, worin er unter andern anzeigte, am Hintertheile eines Kriegsschiffes sei ein Lorberbaum gewachsen. In Betreff der früher gemeldeten Vorzeichen hatte der Senat schon erklärt, die Consuln sollten denjenigen Göttern, die ihrer Meinung nach hier in Betracht kommen könnten, große Thiere opfern: allein über dies Eine wurden die Opferschauer in den Senat gefordert, und ihrer Angabe gemäß dem Gesamtvolke ein Betfest auf einen einzelnen Tag angesetzt und an allen Altären geopfert. 2. In diesem Jahre lieferten die Carthager zum erstenmale die ihnen auferlegte Geldsteuer nach Rom. Auf die Erklärung der Schatzmeister, daß das Silber nicht ächt sei, und weil auch in der Probe der vierte Theil verflogen war, ersetzten sie den Abgang des Silbers von einer in Rom aufgeliehenen Summe. Als sie darauf die Bitte thaten, der Senat möge ihnen, wenn er schon jetzt so gütig sein wolle, ihre Geisel zurückgeben, wurden ihnen hundert wiedergegeben: zu den übrigen wurde ihnen Hoffnung gemacht, wenn sie treue Freunde blieben. Auf ihre fernere Bitte, die Geisel, die ihnen nicht zurückgegeben würden, von Norba, wo ihnen der Aufenthalt nicht ganz paßlich sei, anderswohin zu bringen, wurde diesen erlaubt, 75 nach Signia und Ferentinum zu ziehen. Ferner wurde den Gaditanern auf ihr Gesuch darin nachgesehen, daß ihnen kein Statthalter nach Gades geschickt werden sollte; wogegen sie sich damals, als sie sich an die Römer ergaben, in dem Vertrage mit dem Lucius Marcius Septimus verwahrt hatten. Da auch die Gesandten von Narnia sich beklagten, daß sie nicht die volle Zahl von Pflanzstädtern hätten, und manche eingeschlichene Fremde sich als Pflanzstädter benähmen, so erhielt aus diesen Gründen der Consul Lucius Cornelius den Auftrag, Dreimänner zu wählen. Er wählte die beiden Älier, Publius und Sextus – beide mit Zunamen Pätus – und den Cajus Cornelius Lentulus. Was den Narniensern bewilligt wurde, daß die Vollzahl ihrer Pflanzbürger beigetrieben würde, erlangten die Bewohner von Cosa bei gleicher Bitte nicht. 3. Als die Consuln mit Allem fertig waren, was sie in Rom abzuthun hatten, gingen sie in ihre Provinzen ab. Publius Villius war kaum in Macedonien angekommen, als er sich schon mit einem stürmischen Aufruhre seiner Soldaten, der schon früher eingeleitet und nicht gleich anfangs gehörig unterdrückt war, befassen mußte. Es waren zweitausend Mann, die aus Africa nach dem Siege über Hannibal nach Sicilien, und von da etwa ein Jahr später nach Macedonien als Freiwillige übergeführt waren. Jetzt sagten sie: «Es sei nicht ihr freier Wille gewesen. Trotz ihrer Weigerung hätten ihre Obersten sie eingeschifft. Wie dem aber sein möge, der Dienst möge ihnen aufgezwungen, oder von ihnen willig übernommen sein, so sei auch der nun überstanden, und Einmal müsse doch das Dienen ein Ende haben. In vielen Jahren hätten sie Italien nicht gesehen. Unter den Waffen wären sie in Sicilien, Africa, Macedonien ergreiset. Längst hätten Beschwerden und Arbeit sie entkräftet, und so viele empfangene Wunden ihr Blut verströmt.» Der Consul erklärte: «Wenn sie um den Abschied mit Bescheidenheit anhielten, so scheine ihm der Grund, warum sie ihn forderten, ganz billig. Allein zu einem Aufstande eigne sich, als ordentlicher Rechtsgrund, weder 76 dieser, noch irgend ein andrer. Wenn sie also bei den Fahnen aushalten und aufs Wort gehorchen wollten, so werde er über ihren Abschied an den Senat schreiben; und sie würden das, was sie suchten, durch Bescheidenheit leichter erlangen, als durch Trotz.» 4. Philipp bestürmte damals Thaumaci aus allen Kräften, durch Erdwälle und Annäherungshütten, und wollte schon den Sturmbock an die Mauern rücken lassen. Allein diese Unternehmung aufzugeben, zwang ihn die plötzliche Ankunft der Ätoler, welche unter der Anführung des Archidamus zwischen den Macedonischen Posten durch in die Stadt gedrungen waren und Tag und Nacht nicht aufhörten, bald auf die Posten, bald auf die Werke der Macedonier Ausfälle zu thun. Und selbst die Lage des Orts unterstützte sie. Thaumaci liegt nämlich, wenn man von Thermopylä und dem Malinischen Meerbusen über Lamia geht, auf einer Höhe, dicht über dem Passe, der dort Thessaliens Höhlung heißt quas Cœla vocant Thessaliæ. Quæ etc.] – So lese ich mit Crev. und Drakenb. : und so wie man die mit Tiefen wechselnden Höhen und die mit gewundenen Thälern verflochtenen Wege zurückgelegt hat, und nähert sich der Stadt; so breitet sich auf einmal eine unermeßliche Fläche, wie die des ungeheuren Meeres, aus, so daß das Auge die unten vor ihm liegenden Ebenen kaum zu begränzen vermag. Von dieser überraschenden Aussicht hat die Stadt den Namen Thaumaci (die wundervolle ) bekommen; und sie ist nicht allein durch ihre hohe Lage gesichert, sondern auch, weil sie auf Felsen erbaut ist, deren Klippenwände auf allen Seiten abgeschnitten sind. Durch diese Schwierigkeiten und die viele Mühe und Gefahr, welche sich hier kaum belohnte, wurde Philipp bewogen, die Unternehmung aufzugeben. Auch nahete schon der Winter, als er hier abzog und seine Truppen zurück nach Macedonien in die Winterquartiere führte. 5. Hier nahmen die Übrigen in der ihnen gegönnten ruhigeren Zwischenzeit die Abspannung an Geist und 77 Körper vorlieb. Nur Philipp, dem der entscheidende Erfolg des Krieges am Herzen lag, fühlte sich, je mehr ihn die Jahrszeit den anhaltenden Beschwerden der Märsche und Gefechte enthob, so viel mehr von Sorgen beengt, weil ihm nicht allein vor den zu Lande und zu Wasser ihn bedrängenden Feinden, sondern bald vor der Stimmung seiner Bundesgenossen, bald seiner eignen Unterthanen, bange war, daß jene in der Aussicht auf ein Bündniß mit den Römern von ihm abfallen, und diese, die Macedonier selbst, sich eine Regierungsveränderung wünschen möchten. Darum schickte er auch Gesandte nach Achaja, theils um die Eidesleistung einzufordern; – denn sie hatten sich dazu verstanden, ihm jährlich ihre Freundschaft zuzuschwören – theils, um den Achäern Orchomenos, Heräa und Triphylia wieder zu geben; und den Megalopoliten et Triphyliam; Eleis Alipheram]. – J. F. Gronov (man sehe seine Anm. bei Drakenb. ) hat dargethan, daß Aliphera nicht den Eleern, sondern den Megalopoliten wiedergegeben werden mußte. Die Eleer hatten Aliphera den Megalopoliten weggenommen, Philipp wieder den Eleern und giebt es nun den rechten Eigenthümern, den Megalopoliten, wieder, wozu er sich schon XXVIII. 8. anheischig gemacht hatte. Ich trete hier in Allem Gronovs Verbesserung bei, nur darin nicht, wenn er meint, aus dem halb erloschenen Worte Megalopolitis sei die Lesart Eleis entstanden. Dazu sind sich meiner Meinung nach beide Worte doch gar zu ungleich; und noch sonderbarer wäre es, wenn der Abschreiber in seinem Versehen so glücklich gewesen wäre, gerade durch sein Falschlesen die hier in den Zusammenhang gehörenden Eleer zu erhaschen, wenn nicht das Wort Eleis in der Nähe stand. Da nicht die Eleer selbst Aliphera an die Megalopoliten zurückgeben, sondern Philipp, nachdem er es den Eleern wieder abgenommen hatte, so glaube ich, Livius habe so geschrieben: et Triphyl iam; Megalopolitis (nam ademerat iam Eleis), Alipheram cet. Die Endigung iam in Triphyliam und das iam vor Eleis verführten den Abschreiber, die drei Worte dazwischen ausfallen zu lassen. Auf diese Art konnte das Wort Megalopolitis hier ganz verschwinden. – denn er hatte es den Eleern schon abgenommen – Aliphera, weil sie darauf bestanden, daß diese Stadt nie zu Triphylia gehört habe, sondern ihnen wieder eingeräumt werden müsse, weil sie Eine von den Städten sei, welche durch den Landtagsschluß der Arcader zur gemeinschaftlichen Erbauung von Megalopolis aufgeboten wären. Durch dieses Mittel sicherte er sich die Verbindung mit den Achäern: die Liebe der Macedonier aber dadurch, daß 78 er den Heraclides festnehmen sibi conciliavit cum Heraclide]. – Die beiden ersten Worte fehlen in allen Msc. auch in allen Ausgaben vor dem Jahre 1513. Sie sind ein Glossem derer, die nicht bemerkten, daß die Worte Macedonum animos eben so gut von firmabat abhängen, als die: societatem cum Achaeis. Philipp fürchtete den Abfall der Achäer, den Aufstand der Macedonier. Wenn er dies bei beiden verhütet, so kann Livius in Rücksicht auf jene sagen firmabat societatem, in Rücksicht auf diese firmabat animos; so wie Tacitus, wenn Claudius ins Lager gehen und den Aufstand der Prätorianer verhüten soll, sagen kann (Ann. XI. 31.) Iret in castra, firmaret prætorias cohortes. Livius hatte, wie ich vermuthe, geschrieben: Et cum Achæis quidem per hæc societatem firmab at, at Macedonum animos vincto Heraclide. Das at, der Gegensatz von et cum Achæis quidem, fiel wegen der Endigung at in firmabat aus; und wenn im Worte uīcto die letzte Hälfte des o erloschen war, so glaubte der Abschreiber im ersten Striche des u ein c zu sehen; der letzte Strich des u und das i gaben ihm ein u, und die drei Striche des c, t und halben o galten ihm für ein m; und so war sein cum gemacht. Was Livius mit den Worten vincto Heraclide sagen will, erklärt er gleich deutlicher durch: nam – – criminibus oneratum in vincula coniecit. ließ. Denn da er sah, daß er sich den Haß hauptsächlich durch diesen Menschen zuzog, so ließ er ihn unter vielen Beschuldigungen, zur großen Freude der Unterthanen, ins Gefängniß legen. Hatte er sich je mit vorzüglichem Eifer zum Feldzuge angeschickt, so that er es jetzt; übte die Macedonier, so wie die Miethsoldaten, in den Waffen, und schickte mit anbrechendem Frühjahre alle fremden Hülfsvölker und die sämtlichen leichten Truppen unter dem Athenagoras durch Epirus nach Chaonien, um den Paß bei Antigonea – er heißt bei den Griechen die Engen – zu besetzen. Er selbst folgte in wenig Tagen mit dem schweren Heere, und fand nach genommener Übersicht der Gegend einen Platz am Flusse Aous zu Verschanzungen sehr vortheilhaft. Zwischen zwei Bergen, deren einen die Anwohner Aeropus, den andern Asnaus nennen, strömt dieser in einem engen Thale, so daß er am Ufer nur einen schmalen Weg übrig läßt. Die Besetzung und Befestigung des Asnaus übertrug der König dem Athenagoras mit den leichten Truppen; er selbst nahm sein Lager auf dem Aeropus. An den schroffen Stellen der Felsen waren nur wenige Bewaffnete als Posten hinreichend; die minder sichern ließ er hier durch Graben, dort durch Wälle, dort durch Thürme 79 befestigen. Auch eine große Menge Wurfgeschütz wurde auf dienliche Plätze vertheilt, den Feind aus der Ferne durch Geschosse abzuhalten. Sein Königszelt ließ er außerhalb dem Walle auf einer in die Augen fallenden Höhe errichten, um durch dies Selbstvertrauen bei den Feinden Bangigkeit, bei den Seinigen gute Hoffnung zu wecken. 6. Der Consul, der durch den Epiroten Charopus benachrichtigt wurde, was für Gebirgspässe der König mit seinem Heere besetzt habe, ging ebenfalls mit Anbruch des Frühlings aus seinen Winterquartieren zu Corcyra auf das feste Land über und führte sein Heer gegen den Feind. Als er beinahe noch fünftausend Schritte vom Lager des Königs entfernt war, ließ er die Legionen in ihrer verschanzten Stellung, rückte selbst zur Besichtigung der Gegend mit leichten Truppen aus, und hielt den Tag darauf Kriegsrath, ob er bei aller dabei vor Augen liegenden Beschwerde und Gefahr dennoch den Durchgang durch diesen vom Feinde besetzten Gebirgspaß versuchen sollte, oder mit seinen Truppen eben den Umweg nähme, auf dem im vorigen Jahre Sulpicius in Macedonien eingedrungen war. Während er hierüber viele Tage lang zu Rathe ging, lief die Nachricht ein, Titus Quinctius, der zum Consul ernannt sei, und durch das Los Macedonien zu seinem Posten bekommen habe, sei nach beschleunigter Abreise schon nach Corcyra übergegangen. Valerius von Antium berichtet, Villius sei in den Wald hineingerückt, und da er geradezu nicht habe durchdringen können, weil der König Alles besetzt hatte, so sei er dem Thale nachgegangen, durch dessen Mitte der Strom Aous fließt; habe vermittelst einer Nothbrücke das Ufer gewonnen, auf dem des Königs Lager stand, und ihm eine Schlacht geliefert; der König, geschlagen und verjagt, habe sein Lager verloren; zwölftausend Feinde seien in diesem Treffen gefallen, zweitausend und zweihundert gefangen, hundert und zwei und dreißig Fahnen erbeutet und zweihundert und dreißig Pferde. Auch habe Villius während dieses Treffens dem Jupiter; wenn er ihm Sieg verliehe, einen Tempel gelobet. Die übrigen Jahrbücher 80 von Griechischen und Lateinischen Verfassern, so viele ich gelesen habe, sagen uns, Villius habe nichts Denkwürdiges verrichtet und der folgende Consul Titus Quinctius den Krieg noch völlig unentschieden übernommen. 7. Während dieser Unternehmungen in Macedonien hielt der andre Consul, Lucius Lentulus, einen Versammlungstag zur Censornwahl. Unter der Mitbewerbung vieler ausgezeichneten Männer wurden Publius Cornelius Scipio Africanus und Publius Älius Pätus zu Censorn erwählt. Mit großer Eintracht in ihrem Amte vollzogen sie die Musterung des Senats, ohne auch nur Einen auszuschließen; verpachteten die Einnahme vom Waarenzolle zu Capua, Puteoli und Castra – wo jetzt eine Stadt steht; – gaben diesem Orte nach der vom Senate bestimmten Zahl dreihundert neue Pflanzer zu und verkauften die Länderei von Capua am Fuße des Berges Tifata. Um diese Zeit hielt Lucius Manlius Acidinus nach seinem Abgange aus Spanien, weil ihm der Bürgertribun Publius Porcius Läca den kleinen Triumph untersagte, ob er ihm gleich vom Senate bewilligt war, seinen Einzug in die Stadt als Privatmann und lieferte tausend zweihundert Pfund Silber und gegen dreißig Pfund Gold An Silber ungefähr 37,500 Gulden, an Gold 9.200 Gulden Conv. M. in den Schatz. In eben diesem Jahre wurde Cneus Bäbius Tamphilus, der vom vorigjährigen Consul Cajus Aurelius die Kriegsführung in Gallien übernommen hatte und zu unvorsichtig in das Gebiet der Insubrischen Gallier eingerückt war, fast mit seinem ganzen Heere aufgerieben. Er verlor über sechstausend sechshundert. Mann. So groß war die Niederlage in einem Kriege, vor dem man schon außer Furcht zu sein glaubte. Dieser Vorfall rief den Consul Lucius Lentulus aus der Stadt. In der Provinz fand er Alles in Bestürzung, übernahm das muthlose Heer, und hieß den Prätor, dem er derbe Verweise zu hören gab, seinen Posten niederlegen und nach Rom abgehen. Doch verrichtete auch der Consul nichts Denkwürdiges, weil er des Wahltages wegen nach Rom zurückgerufen wurde. Denn gerade 81 diesen verhinderten die Bürgertribunen Marcus Fulvius und Manius Curius, weil sie nicht zugeben wollten, daß Titus Quinctius Flamininus unmittelbar nach der Quästur um das Consulat anhalten dürfte. «Schon finde man das Ädilenamt und die Prätur zu schlecht, und die Leute vom Adel möchten schon nicht mehr auf den Stufen der Ehrenämter unter abzulegenden Beweisen ihrer Tüchtigkeit zum Consulate hinansteigen, sondern reiheten mit Überschreitung der Mittelstellen die höchsten sogleich an die niedrigsten.» Nach diesem Streite auf dem Wahlfelde kam die Sache vor den Senat. Die Väter erklärten: «Wenn jemand um ein Amt anhalte, dessen Übernahme ihm die Gesetze gestatteten, so müsse dem Gesamtvolke die Freiheit zustehen, zu wählen, wen es wolle.» Die Tribunen fügten sich in den Ausspruch der Väter. Sextus Älius Pätus und Titus Quinctius Flamininus wurden zu Consuln gewählt. Dann folgte die Prätorenwahl. Sie traf den Lucius Cornelius Merula, Marcus Claudius Marcellus, Marcus Porcius Cato, Cajus Helvius, welche beide Bürgerädilen gewesen waren. Sie stellten wieder die Bürgerspiele an, und auf Veranlassung der Spiele dem Jupiter zu Ehren einen Opferschmaus. Auch die Curulädilen Cajus Valerius Flaccus, Jupiters Eigenpriester, und Cajus Cornelius Cethegus begingen die Feier der Römischen Spiele mit vieler Pracht. Die Oberpriester, Sulpicius Galba, der eine Servius, der andre Cajus mit Vornamen, starben in diesem Jahre. An deren Stelle wurden Marcus Ämilius Lepidus und Cneus Cornelius Scipio zu Oberpriestern gewählt. 8. In der Senatsversammlung, welche die Consuln Sextus Älius Pätus und Titus Quinctius Flamininus nach Antritt ihres Amtes auf dem Capitole hielten, setzten die Väter fest: «Die Consuln sollten über Macedonien und Italien, als ihre Amtsposten, sich vergleichen oder losen. Wem von beiden Macedonien zufiele, der sollte zur Ergänzung der Legionen dreitausend geborne Römer ausheben und dreihundert Ritter; und von den verbündeten Latinern fünftausend Mann zu Fuß, fünfhundert 82 zu Pferde.» Dem andern Consul wurde ein ganz neues Heer bestimmt; dem vorigjährigen Consul Lucius Lentulus der Oberbefehl verlängert, und ihm untersagt, aus der Provinz, vor der Ankunft des Consuls mit den neuen Legionen, eben so wenig selbst abzugehen, als das alte Heer abzuführen. Die Consuln ließen über ihre Standplätze das Los entscheiden. Älius zog Italien, Quinctius Macedonien: und die Prätoren, Lucius Cornelius Merula die Gerichtspflege in der Stadt, Marcus Claudius Sicilien, Marcus Porcius Sardinien, Cajus Helvius Gallien. Nun gingen die Werbungen vor sich: denn außer den Heeren, welche von den Consuln aufgestellt wurden, hatten auch die Prätoren Befehl, Soldaten auszuheben; und zwar für den Marcellus nach Sicilien aus den verbündeten Latinern viertausend Mann zu Fuß und dreihundert zu Pferde; für den Cato nach Sardinien von eben diesen Truppen dreitausend zu Fuß, zweihundert zu Pferde; damit diese beiden Prätoren nach ihrer Ankunft in den Provinzen die alten Truppen zu Fuß und zu Pferde entlassen könnten. Dann führten die Consuln die Gesandten des Königs Attalus in den Senat. Als diese aus einander gesetzt hatten, «wie der König mit seiner Flotte und allen Truppen zu Lande und zu Wasser den Römischen Stat unterstütze, und bis heute Alles, was ihm die Römischen Consuln auferlegten, unverdrossen; und willig geleistet habe,» so äußerten sie seine Besorgniß, «sich durch den König Antiochus an der ferneren Leistung gehindert zu sehen. «Denn da Antiochus das Reich des Attalus von See- und Landmacht unbesetzt gesehen, habe er es angefallen. Deswegen ersuche Attalus die versammelten Väter, wenn sie von seiner Flotte und seiner Mitwirkung zum Macedonischen Kriege Gebrauch machen wollten, ihm von ihrer Seite zum Schutze seines Reichs Truppen zukommen zu lassen, oder falls ihnen dies nicht gefällig sei, zur Vertheidigung seines Eigenthums ihm mit seiner Flotte und den übrigen Truppen die Rückkehr zu erlauben.» Der Senat ließ den Gesandten zur Antwort ertheilen: «Daß König Attalus den Römischen Befehlshabern mit seiner 83 Flotte und übrigen Truppen behülflich gewesen sei., darüber erkläre der Senat sein Wohlgefallen. Sie würden weder von ihrer Seite dem Attalus gegen den Antiochus, einen Bundesverwandten und Freund der Römer, Hülfsvölker zusenden, noch die ihnen vom Attalus gestellten länger zurückhalten, als dem Könige lieb sei. Das Römische Volk sei immer bei seinem Gebrauche fremdes Eigenthums der Verfügung von jener Seite gefolgt; und diejenigen, die durch ihren Zutritt Rom hätten unterstützen wollen, hätten nach eigner Willkür damit anfangen und aufhören können. Sie würden aber Gesandte an den Antiochus abgehen lassen, mit der Anzeige, daß das Römische Volk jetzt den Beistand des Attalus, so wie dessen Schiffe und Truppen gegen Philipp, diesen gemeinschaftlichen Feind, benutze. Wenn Antiochus das Reich des Attalus unangefochten ließe und vom Kriege abträte, so würde er auch dem Wohlgefallen des Senats gemäß handeln. Billig sollten doch mit dem Römischen Volke verbündete und befreundete Könige auch unter einander den Frieden beibehalten.» 9. Den Consul Titus Quinctius, der bei der Werbung die Maßregel befolgt hatte, meistens nur Krieger von bewährter Tapferkeit auszuheben, die in Spanien oder Africa gedient hatten, hielten bei aller Eile, auf seinen Feldherrnposten abzugehen, die gemeldeten Schreckzeichen und ihre Sühnung noch in Rom zurück. Der Blitz hatte eingeschlagen, zu Veji in die offene Straße, zu Lanuvium auf dem Marktplatze und in den Jupiterstempel, zu Ardea in den Tempel des Hercules, zu Capua in die Mauer, in Thürme und in den sogenannten Weißen Tempel. Zu Arretium hatte man den Himmel brennen sehen. Zu Veliträ war die Erde in einem Umfange von drei Hufen zu einer großen Höhe eingesunken. Zu Suessa Aurunca war laut der Meldung ein Lamm mit zwei Köpfen zur Welt gekommen, zu Sinuessa ein Schwein mit einem Menschenkopfe. Auf Veranlassung dieser Schreckzeichen wurde ein Bettag gehalten. Die Consuln besorgten selbst die gottesdienstlichen Angelegenheiten, und nach Versöhnung der Götter 84 reisten sie auf ihre Posten ab. Älius nebst dem Prätor Cajus Helvius nach Gallien. Er übergab das vom Lucius Lentulus ihm abgetretene Heer, dessen Entlassung ihm aufgetragen war, dem Prätor, weil er selbst von den neuen Legionen, die er mitgebracht hatte, Gebrauch machen wollte: doch verrichtete er nicht das mindeste Denkwürdige. Und der andre Consul, Titus Quinctius, der seine Überfahrt von Brundusium wider die Gewohnheit der vorigen Consuln beschleunigte, lief mit achttausend Mann Fußvolk und achthundert Rittern auf Corcyra ein. Von Corcyra ging er in einem Fünfruderer auf die nächste Küste von Epirus über und eilte in starken Märschen dem Römischen Lager zu. Hier entließ er den Villius, wartete einige Tage, bis die Truppen von Corcyra nachkamen, und hielt dann Kriegsrath, ob er geradezu durch das feindliche Lager einen Durchbruch wagen sollte, oder, ohne ein so schwieriges und gefahrvolles Unternehmen auch nur zu versuchen, lieber auf sicherem Umwege durch Dassaretien und über Lycus in Macedonien eindränge. Die letztere Meinung würde gesiegt haben, wenn er nicht gefürchtet hätte, daß ihm alsdann, wenn er bei einer weiteren Entfernung vom Meere den Feind aus den Handen ließe, sobald Philipp wieder, wie vorher, sich durch Einöden und Wälder decken sollte, der Sommer ohne Erfolg verstreichen würde. Es möge stehen, wie es wolle, so beschloß man, gerade an dieser so ungünstigen Stelle auf den Feind einzubrechen. Doch hieß dies mehr, den Einbruch beschließen, als die Möglichkeit ausmitteln. 10. Vierzig Tage hatten sie ohne den mindesten Versuch, im Angesichte der Feinde still liegend, zugebracht. Daraus ging bei Philipp die Hoffnung hervor, durch Vermittelung der Epiroten einen Frieden einleiten zu können: und der Prätor Pausanias und der Anführer der Reuterei Alexander, die im Kriegsrathe dazu ausersehen wurden, die Sache zu Stande zu bringen, führten den Consul und den König zu einer Unterredung auf den Platz, wo der Fluß Aous in ein sehr enges Bette gezwängt wird. Die Forderungen des Consuls gingen dahin, «der König solle 85 aus den Stäten seine Truppen abführen; was von geraubten Sachen sich anfände, denen wiedergeben, deren Dörfer und Städte er geplündert habe; den Werth des Übrigen nach einer billigen Würdigung bestimmen lassen.» Philipp erwiederte: «Unter Staten und Staten sei hier ein Unterschied. Die er selbst erobert habe, wolle er räumen. Die ihm aber von seinen Vorfahren überliefert wären, von deren erblichem und rechtmäßigem Besitze werde er nie zurücktreten. Sollten die Staten, mit denen er Krieg geführt habe, über diesen oder jenen erlittenen Kriegsschaden klagen, so wolle er die Entscheidung von ihnen selbst gewählter Völker, die mit beiden Theilen in friedlichen Verhältnissen geblieben wären, anerkennen.» Der Consul sagte: «Hierzu bedürfe es keiner Entscheidung und keines Richters. Wem es nicht einleuchte, daß das Unrecht von dem ausgegangen sei, der zuerst einen feindlichen Angriff gethan habe? Philipp sei von niemand mit Krieg überzogen: er selbst habe sich zuerst gewaltsame Mittel gegen Alle erlaubt.» Als man nun zu der Frage kam: Welche Staten Philipp zu räumen habe; nannte der Consul vor allen andern Thessalien. Hierüber wurde der König so von Unwillen entflammt, daß er laut rief: «Was könntest du mir Härteres zumuthen, Titus Quinctius, wenn du mich schon besiegt hättest?» Hiermit stürzte er fort von der Unterredung; und kaum enthielten sich beide Theile, mit Pfeilen, weil der dazwischen fließende Strom sie schied, einen Kampf anzufangen. Am folgenden Tage veranlaßten die Ausfälle von den Vorposten viele kleine Gefechte, zuerst in einer Ebene, die hierzu Raum genug gab: nachher, als sich die Truppen des Königs auf enge und unebene Gegenden zurückzogen, drangen die Römer, von Kampfbegierde entflammt, auch dahin nach. Auf ihrer Seite waren Ordnung, Kriegskunst, Waffenart, die ganz dazu taugte, sie den Königlichen überlegen zu machen; auf Seiten der Feinde die Gegend, und die kleineren und größeren Wurfgeschütze, womit fast alle Klippen, wie Mauern, bepflanzt waren. Nachdem sie gegenseitig viele Wunden bekommen 86 hatten, auch eben so, wie in einer ordentlichen Schlacht, mehrere gefallen waren, machte die Nacht dem Gefechte ein Ende. 11. So stand die Sache, als ein Hirt, den der Fürst der Epiroten, Charopus, hergeschickt hatte, vor den Consul gebracht wurde. Dieser sagte: «Er weide sonst in der Forst, welche jetzt der König mit seinem Lager gesperrt tunc oneratus castris erat]. – Ich folge der von Herrn Walch vorgeschlagenen Lesart: Obseratus castris erat; und füge zu den von ihm angeführten Beispielen noch die Stelle aus Liv. XL, 8. hinzu: Reseratæ aures sunt, quæ posthac – – claudentur. hätte, die Kühe, und kenne in diesem Gebirge jede Windung, jeden Fußsteig. Wolle ihm der Consul einige Leute mitgeben, so sollten diese unter seiner Führung auf einem nicht gefahrvollen, nicht sehr beschwerlichen Wege über den Stand der Feinde hinaufkommen.» Dabei ließ Charopus sagen: «So sehr der Consul hierauf bauen könne, so möge er doch durchaus nicht sowohl dem Hirten, als seinem eignen Ermessen folgen.» Der Consul, der sich darauf einzulassen mehr Lust als Muth hatte, und unter Empfindungen von Freude und Besorgniß schwankte, beschloß endlich im Vertrauen auf Charopus, auf die ihm dargebotene Hoffnung einzugehen; und um allen Verdacht abzuwenden, ließ er in den beiden folgenden Tagen den Feind ununterbrochen durch Truppen beunruhigen, die er auf allen Seiten aufstellte, und so, daß immer frische in die Stelle der ermüdeten einrückten. Nun übergab er viertausend auserlesene Leute zu Fuß und dreihundert zu Pferde einem Obersten. Die Reuterei sollte er so weit mitnehmen, als die Gegend es gestatten würde: käme sie so weit, daß sie nicht weiter könne, so sollte sie sich irgendwo in einer Ebene aufstellen; das Fußvolk aber dem Wege folgen, den ihm der Führer zeigen werde: wären sie, wie er verspräche, auf der Höhe über dem Feinde angelangt, so sollten sie durch Rauch ein Zeichen geben, allein nicht eher ein Geschrei erheben, bis der Oberste aus dem von ihm selbst erhaltenen Zeichen abnehmen könne, daß der Angriff gethan sei. Bei Nacht sollte er die 87 Märsche machen, – und gerade schien der Mond die Nacht durch; – am Tage sich die Zeit zum Essen und Ausruhen nehmen. Den Wegweiser, den er mit den größten Versprechungen überhäufte, wenn sich seine Verheißung bewährte, übergab er dem Obersten gebunden. Nachdem er so diese Truppen entlassen hatte, drang er allenthalben so viel eifriger darauf, die feindlichen Stellungen zu erstürmen. 12. Unterdessen gaben die Römer am dritten Tage durch Rauch das Zeichen, daß sie den Gipfel, auf den es angesehen war, gewonnen und besetzt hätten. Sogleich theilte der Consul seine Truppen in drei Züge, rückte mit dem Kerne seiner Leute mitten durch das Thal heran und ließ seine Flügel rechts und links das Lager angreifen. Die Feinde gingen ihm eben so rasch entgegen: und so lange sie aus Begierde zum Kampfe herandrängend außerhalb ihrer Verschanzungen fochten, hatte der Römische Soldat durch Tapferkeit, Übung und Waffenart ein bedeutendes Übergewicht. Als aber die Macedonier mit Wunden und Verlust sich auf Plätze zurückzogen, die durch Werke oder von der Natur gesichert waren, da ging die Noth auf die Römer über, weil sie zu unvorsichtig in nachtheilige Stellen und den Rückzug erschwerende Engpässe vorgedrungen waren: und sie würden sich, nicht ohne ihre Unbedachtsamkeit zu büßen, zurückgezogen haben, wenn nicht zuerst das vom Rücken her erschallende Geschrei, dann das schon beginnende Gefecht die königlichen Truppen durch den plötzlichen Schrecken ihrer Sinne beraubt hätte. Ein Theil warf sich auf die Flucht; ein andrer, der mehr deswegen Stand hielt, weil Fliehen unmöglich war, als weil er Muth zu fechten hatte, wurde von dem von vorn und im Rücken andrängenden Feinde niedergemacht. Das ganze Heer hätte aufgerieben werden können, wenn die Sieger die Fliehenden verfolgt hätten: so aber hinderte den Reuter der geschlossene Raum und die Gebirgsgegend, den Fußgänger das Gewicht seiner Waffen. Der König floh anfangs in vollem Laufe und ohne sich umzusehen. Dann aber, als er nach Zurücklegung 88 einer Strecke von fünftausend Schritten auf die Vermuthung kam, die die Wahrheit selbst war, daß ihm der Feind nicht folgen könne, machte er auf einer Anhöhe Halt, und schickte auf alle Bergrücken und in die Thäler Leute aus, die Zerstreuten zu sammeln. Nach einem Verluste, der nicht über zweitausend Mann betrug, fand sich die ganze übrige Menge, als wäre sie einem gegebenen Zeichen nachgegangen, wieder zusammen und nahm in gut besetzten Reihen ihren Weg nach Thessalien. Die Römer , die ihnen nachhieben und die Erschlagenen beraubten, so lange sie mit Sicherheit folgen konnten, plünderten nun das königliche Lager, welches sie, selbst ohne Vertheidigung, nur mit Mühe erstiegen, und übernachteten in ihrem eignen Lager. 13. Tags darauf zog der Consul durch den eigentlichen Engpaß, wo sich der Strom zwischen die Thäler drängt, dem Feinde nach. Der König erreichte am ersten Tage Pyrrhus Lager. So heißt ein Ort in Stymphäa est in Triphylia terræ Melotidis]. – Ich folge der von Drakenborch nach Palmer verbesserten Lesart Gronovs: est in Stymphæa terræ Elimiotidis. , einer Gegend von Elimiotis. Am folgenden Tage verlängerte er seinen Marsch – für ein ingens iter agminis, sed]. – Ich glaube, daß die vor Drakenb. gewöhnliche Lesart: agminis, et aus agmini, (set oder) sed entstanden sei; und nehme ingens agmini zusammen. Heer außerordentlich weit; allein die Furcht gebot – bis auf das Gebirge Lingos. Diese Berge selbst gehören zu Epirus, sie liegen aber zwischen Macedonien und Thessalien. Die gegen Thessalien gelegene Seite sieht nach Morgen; nach Macedonien zu haben sie Mitternacht; sind mit vieler Waldung bekleidet, und oben auf den Höhen giebt es geräumige Flächen und Quellwasser. Nachdem der König hier mehrere Tage sein Standlager gehabt hatte, konnte er nicht schlüssig werden, ob er sich geradezu in sein Reich zurückzöge, oder sich es erlaubte, nach Thessalien umzukehren. Endlich fiel sein Entschluß dahin aus, unerwartet suum in Thessaliam agmen]. – Ich folge der von Herrn Walch vorgeschlagenen Lesart: subitum in Thessaliam agmen. Oder stand hier secum? Denn er konnte ja agmen etiam per alium ducem demittere. 89 nach Thessalien hinabzuziehen, und er ging auf den nächsten Feldwegen nach Tricca. Von hier durcheilte er die in seinem Wege liegenden Städte im Fluge. Die Menschen, die ihm folgen konnten, störte er aus ihren Wohnsitzen auf; die Städte zündete er an. Die Eigenthümer durften, so viel sie vom Ihrigen tragen konnten, mitnehmen: das Übrige ward Beute des Soldaten: und sie hätten vom Feinde keine grausamere Behandlung erleiden können, als sie jetzt von ihren Bundesgenossen erlitten. So zu verfahren, war freilich schmerzhaft für Philipp selbst; allein er wollte doch in einem Lande, das bald dem Feinde gehören würde, diesem wenigstens die Personen seiner Verbündeten entreißen. So wurden die Städte Phacium, Iresiä, Euchydrium, Eretria, Paläpharus verwüstet. Pherä schloß ihm, als er heranzog, die Thore. Weil die Eroberung, wenn er dazu Lust gehabt hätte, einen Aufenthalt forderte, und er keine Zeit hatte, so ging er, ohne sich darauf einzulassen, nach Macedonien hinüber. Denn das Gerücht sagte ihm, daß auch die Ätoler im Anzuge wären. Auf die Nachricht von dem am Flusse Aous vorgefallenen Treffen verwüsteten sie zuerst die Gegend um Sperchiä und Come (mit dem Zunamen Macra ); gingen dann nach Thessalien hinüber und eroberten Cymine und Angea im ersten Angriffe. Von Metropolis wurden sie, da während ihrer Plünderungen in den Dörfern sich die Bürger zur Vertheidigung ihrer Mauern gesammelt hatten, zurückgeschlagen. Bei ihrem folgenden Angriffe auf Callithera hielten sie einen ähnlichen Anfall der Einwohner mit mehr Festigkeit aus, schlugen die, die sich herausgewagt hatten, in die Festung zurück, begnügten sich aber, weil sie an eine Eroberung gar nicht denken durften, mit diesem Siege und zogen weiter. Dann eroberten und plünderten sie die Flecken Theuma und Calathana; Acharrä bekamen sie, weil es sich ergab. Eben so verließen aus Furcht die Einwohner Xyniä. Allein auf ihrem Zuge aus der Vaterstadt 90 begegneten die Flüchtlinge einer Truppenabtheilung, die, um so viel sicherer Futter zu holen, den Weg nach Thaumacum genommen hatte; und der ungeordnete, unbewaffnete Haufe, mit dem Gewühle seiner Hülfslosen im Gemische, wurde von den Bewaffneten niedergehauen. Das verlassene Xyniä wurde geplündert. Dann eroberten die Ätoler Cyphara, eine kleine Festung, die durch ihre Lage Dolopien bedroht. Dies Alles thaten die Ätoler wie im Fluge innerhalb weniger Tage. Aber auch Amynander und die Athamanen blieben auf den Ruf von der für die Römer glücklichen Schlacht nicht unthätig. 14. Amynander, der sich auf seine eignen Truppen nicht ganz verlassen konnte, erbat sich vom Consul eine mäßige Unterstützung und eroberte gleich auf seinem Zuge nach Gomphi die zwischen Gomphi und dem, Thessalien von Athamanien scheidenden, Engpasse gelegene Stadt, Namens Pheca, mit Sturm. Von hier zog er zum Angriffe auf Gomphi, und wehrten sich gleich die Einwohner mehrere Tage lang mit der größten Tapferkeit, so vermochte doch auch sie die Furcht vor einer Erstürmung, da er die Leitern anschlagen ließ, sich zu ergeben. Diese Übergabe von Gomphi setzte Thessalien in großen Schrecken; und es ergaben sich der Reihe nach Argens, Pherinum, Thimarum, Lisinä, Stimon, Lampsus und andre gleich unwichtige Festungen. Während die Athamanen und Ätoler, nunmehr vor den Macedoniern außer Furcht, den fremden Sieg zum Beutemachen benutzten, und Thessalien von drei Heeren zugleich verwüstet wurde, ohne zu wissen, wen es als Feind oder als Freund ansehen sollte; ging der Consul durch den Paß, den ihm die Flucht der Feinde geöffnet hatte, auf das Gebiet von Epirus über; und wußte er gleich sehr gut, mit welcher Partei die Epiroten, den Fürsten Charopus ausgenommen, es gehalten hatten, so beherzigte er doch, da er sie seine Befehle, auch um ihn wieder gut zu machen, so eifrig erfüllen sah, mehr ihr jetziges als ihr ehemaliges Benehmen, und erwarb sich gerade durch die so leicht gewährte Verzeihung ihre Liebe 91 auf die Zukunft. Dann ließ er nach Corcyra die Bestellung abgehen, daß sich die Ladungsschiffe im Ambracischen Meerbusen einfinden sollten, rückte in mäßigen Märschen weiter, und schlug am vierten Tage auf dem Berge Cercetius sein Lager auf, wohin er auch den Amynander mit seinen Hülfstruppen berief, nicht sowohl, weil er sie zur Verstärkung nöthig gehabt hätte, als nach Thessalien Wegweiser zu haben. Eben dieser Maßregel zufolge wurden auch die meisten Epiroten als Freiwillige unter den Hülfstruppen angestellt. 15. Die erste Stadt Thessaliens, die er angriff, war Phaloria. Sie hatte zweitausend Macedonier zur Besatzung, die anfangs, so weit ihnen Waffen und Mauern Schutz gewährten, aus allen Kräften widerstanden: allein der anhaltende Sturm, der Tag und Nacht nicht nachließ, weil der Consul glaubte, es würde für die Stimmung der übrigen Thessalier entscheidend sein, wenn gleich die Ersten einem Römischen Angriffe nicht hätten widerstehen können, brach die Hartnäckigkeit der Macedonier. Nach der Eroberung von Phaloria kamen von Metropolis und Piera Gesandte und übergaben diese Städte. Sie erhielten die gesuchte Verzeihung, Phaloria aber wurde in Brand gesteckt und geplündert. Von hier zog er gegen Äginium. Da er aber sah, daß der Ort, den auch eine mäßige Besatzung behaupten könne, so gut als unüberwindlich sei, so ließ er auf den nächsten Posten nur einige Pfeile abschießen und zog seitwärts in das Gebiet von Gomphi. Als er auf Thessaliens Ebenen herabkam und es seinem Heere, weil er die Gefilde der Epiroten verschont hatte, schon an Allem fehlte, so schickte er nach angestellter Erkundigung, ob die Ladungsschiffe zu Leucas, oder im Ambracischen Busen eingelaufen wären, seine Cohorten wechselsweise zur Futterholung nach Ambracia: und der Weg von Gomphi nach Ambracia, so rauh und beschwerlich er ist, ist doch sehr kurz. Da man also in wenigen Tagen die Vorräthe vom Strande herüberschaffen konnte, so hatte das Lager Überfluß an Allem. Von hier brach er nach Atrax auf, das fast zehntausend Schritte von Larissa 92 entfernt ist. Die Einwohner stammen aus Perrhäbien; die Stadt liegt oberhalb dem Strome Peneus. Die Thessalier ließen sich durch die Ankunft der Römer nicht sogleich aus der Fassung bringen: und wagte Philipp es gleich nicht selbst, in Thessalien vorzurücken, so wußte er doch vermittelst einer im Tempe genommenen Stellung, so wie der Feind sich an eine Festung machte, gelegentlich Truppen hineinzubringen. 16. Fast um dieselbe Zeit, als der Consul zuerst in den Engpässen von Epirus sich dem Könige Philipp gegenüber lagerte, segelte auch des Consuls Bruder Lucius Quinctius, dem der Senat die Führung der Flotte und den Oberbefehl an der Küste übertragen hatte, mit zwei Fünfruderern nach Corcyra über; und da er auf die Anzeige, daß die Flotte schon abgegangen sei, ohne sich einen Aufenthalt zu gestatten, bei der Insel Zama sie eingeholt hatte, entließ er den Lucius Apustius, dem er im Amte folgte und kam nur langsam nach Malea, weil die Flotte die mit der Zufuhr nachfolgenden Schiffe fast immer am Schlepptaue hatte. Von Malea, wo er den übrigen ihm so schnell als möglich zu folgen befahl, segelte er selbst mit drei lastfreien Fünfruderern nach dem Piräeus voraus und übernahm die vom Legaten Lucius Apustius zum Schutze Athens dort zurückgelassenen Schiffe. Zu gleicher Zeit fuhren auch zwei Flotten aus Asien ab; die eine mit dem Könige Attalus, – dies waren vierundzwanzig Fünfruderer; – die andre, die Rhodische, von zwanzig Verdeckschiffen, geführt vom Agesimbrotus. Nach ihrer Vereinigung auf der Höhe der Insel Andrus segelten beide Flotten nach Euböa hinüber, das von jener nur durch eine schmale Meerenge geschieden ist. Zuerst verheerten sie das Carystische Gebiet, dann aber gingen sie, weil ihnen Carystus durch eine von Chalcis aus eiligst hineingeworfene Besatzung verwahrt schien, vor Eretria. Hier fand sich auf die Nachricht von des Königs Attalus Ankunft auch Lucius Quinctius mit jenen Schiffen ein, die im Piräeus gelegen hatten, und hatte die Bestellung hinterlassen, daß auch die Schiffe seiner eignen Flotte, so wie sie 93 dort ankämen, nach Euböa steuren sollten. Im Sturme auf Eretria wurden alle Kräfte aufgeboten. Denn außerdem, daß die Schiffe dreier vereinigten Flotten mit allen Arten von Wurfgeschütz und Werkzeugen zur Zerstörung von Städten besetzt waren, lieferte auch die Gegend den Stoff zur Errichtung neuer Werke sehr reichlich. Anfangs vertheidigten die Bürger ihre Mauern mit regem Eifer: dann aber neigten sich mehrere vor Ermattung und Wunden, als sie nun auch schon einen Theil der Mauer durch die feindlichen Werke umgestürzt sahen, zur Übergabe. Allein ihre Besatzung bestand aus Macedoniern, vor denen sie sich eben so sehr, als vor den Römern fürchteten; und der königliche Befehlshaber Philocles ließ ihnen von Chalcis her sagen, er werde, wenn sie die Belagerung hinhielten, zu rechter Zeit erscheinen. Durch diese mit Furcht gemischte Hoffnung wurden sie gezwungen, länger zu zögern, als sie geneigt oder vermögend waren. Als sie darauf erfuhren, Philocles sei zurückgeschlagen und in voller Eile nach Chalcis hineingeflohen, schickten sie sogleich Abgeordnete an den Attalus, ihn um Schonung und Schutz zu bitten. Während sie aber, von Hoffnungen des Friedens begeistert, im Dienste gegen den Feind zu säumig waren, und mit Vernachlässigung der übrigen Plätze bloß da bewaffnete Posten aufstellten, wo die Mauer zertrümmert war, griff Quinctius in der Nacht auf einer Seite an, wo sie am wenigsten fürchteten und erstieg die Stadt mit Leitern. Der ganze Schwarm von Bürgern floh mit Weib und Kind auf die Burg; nachher ergab er sich. An Gelde, an Gold und Silber gab es hier nur wenig: aber an Standbildern, Schildereien der alten Kunst- und ähnlichen Prachtstücken fand sich mehr, als sich nach Verhältniß der Größe oder der übrigen Wohlhabenheit von dieser Stadt erwarten ließ. 17. Von hier rückte man wieder vor die Stadt Carystus, aus der sich aber, ehe die Truppen ausgeschifft werden konnten, der ganze Volkshaufe mit Hinterlassung der Stadt auf die Burg rettete. Von dort schickten sie Abgeordnete und baten den Römischen Befehlshaber um Gnade. 94 Den Bürgern wurde sogleich Leben und Freiheit zugestanden, den Macedoniern ein Lösegeld, von dreihundert Drachmen trecenti numi]. – Crevier zeigt, daß hierunter Drachmen zu verstehen sind. Die Drachme beträgt etwa 4, höchstens 5 Ggr. unsres Conventionsgeldes. auf jeden Kopf, gesetzt und der Abzug nach Ablieferung ihrer Waffen bewilligt. Als die Summe für sie gezahlt war, wurden sie ohne Waffen nach Böotien übergesetzt. Und so fuhren die Seetruppen, die in wenig Tagen zwei berühmte Städte auf Euböa erobert hatten, um Sunium, das Vorgebirge von Attica, herum und liefen zu Cenchreä ein, dem Stapelplatze von Corinth. Unterdessen war der Consul mit der Bestürmung von. Atrax Longiorem atrocioremque]. – Daß die Abschreiber den Namen Atracis hier ausfallen ließen (s. Cap. XV. am Ende) ist von allen Editoren anerkannt. Gronov und Crevier wollen das Wort atrocioremque, das Drakenborch mit Gründen vertheidigt, ganz wegfallen lassen, und statt dessen Atracis einschieben. Drakenborch selbst will longiorem atrocioremque Atracis lesen. Ich vermuthe, die richtige Lesart sei longiorem Atracis atrocioremque. Denn auf diese Art erklärt sich die Auslassung des Wortes Atracis, wenn ich nicht irre, am leichtesten. beschäftigt, die über alle Erwartung anhaltend und fürchterlich war; und noch dazu leisteten die Feinde da Widerstand, wo er es am wenigsten vermuthet hätte. Er nämlich hatte geglaubt, das Einstoßen der Mauer werde die ganze Arbeit sein; hätte er nur seinen Bewaffneten den Eingang in die Stadt geöffnet, dann würde auf Seiten der Feinde Flucht und Niederlage, dem Schicksale eroberter Städte gemäß, unausbleiblich sein. Allein als seine Bewaffneten, denen der Einsturz eines Theils der Mauer vermittelst der Sturmböcke gelungen war, über eben diese Trümmer zur Stadt hereinschritten, da eröffnete sich gleichsam ein neuer Kampf und in seiner ganzen Stärke. Die Macedonier nämlich, eine zahlreiche Besatzung von Auserlesenen, die selbst eine ehrenvolle Auszeichnung darin suchten, die Stadt lieber durch Waffen und Tapferkeit, als durch Mauern, zu schützen, wurden kaum gewahr, daß die Römer über die Trümmer hereinschritten, als sie in geschlossener Stellung und in einer Linie, der sie in der Tiefe durch viele Glieder Haltbarkeit gaben, den Feind über den verschütteten, den Rückzug erschwerenden, Platz 95 wieder hinauswarfen. Der Consul, voll Unwillen, und überzeugt, daß dieser Schimpf nicht bloß bei dieser Einen Stadt die Dauer der Belagerung, sondern den ganzen Erfolg des Krieges bestimmen werde, der so oft von einwirkenden Kleinigkeiten abhänge, ließ den vom Sturze der halb zertrümmerten Mauer behäuften Platz reinigen, und einen Thurm von außerordentlicher Höhe, der eine Menge Streiter in vielfachem Stockwerke trug, heranrollen: zugleich mußten seine Cohorten im Angriffe abwechseln, um wo möglich den Keil der Macedonier – in ihrer Sprache die Phalanx – mit Gewalt zu durchbrechen. Allein auf einem engen Raume – und die Strecke der eingestürzten Mauer gab keine sehr weite Öffnung – war die Art der Waffen und des Kampfes dem Feinde zuträglicher. Wenn sich die Macedonier im Schlusse ihre überlangen Lanzen vorhielten, so konnten die Römer, die jetzt nach vergeblich abgeschossenen Wurfspießen gegen dies gleichsam aus übertretenden Schilden dichtgefugte Schuppendach die Schwerter zogen, weder nahe genug herankommen, noch die Lanzen vorn abhauen; und hatten sie einige durchgehauen oder abgebrochen, so füllten doch die Schaffte mit ihrem scharfen Bruche in der Spitzenreihe der unverkürzt gebliebenen Lanzen gleichsam ihre Pfahlstelle. Auch deckte der noch stehende Theil der Mauer den Feinden beide Flügel, und sie hatten nicht nöthig, – was sonst die Glieder so leicht in Unordnung bringt, – aus der Ferne weder auf die Ihrigen sich zurückzuziehen, noch auf den Feind auszubrechen. An dies Alles schloß sich zur Erhöhung ihres Muthes ein Zufall. Als der Thurm über den nicht fest genug gestampften Erddamm gerollt wurde, gab ihm das eine Rad, das in ein zu tiefes Geleise einsank, eine so starke Neigung, daß die Feinde schon glaubten, sie sähen ihn stürzen, und die darauf stehenden Bewaffneten ein fürchterlicher Schrecken befiel. 18. Als der Erfolg in keinem Stücke günstiger wurde, war dem Consul nichts empfindlicher, als daß eine Vergleichung zwischen Truppen und Truppen, zwischen Waffen und Waffen, nicht ausblieb; zugleich sah er weder 96 Hoffnung zu einer baldigen Eroberung, noch die Möglichkeit, in dieser Weite vom Meere und in einer durch die unglücklichen Folgen des Kriegs verheerten Gegend zu überwintern. Da er also die Belagerung aufgab, und sich an der ganzen Küste Acarnaniens und Ätoliens kein Hafen fand, der im Stande war, die sämtlichen Ladungsschiffe zu fassen, welche dem Heere die Vorräthe zuführten, und zugleich den Legionen für den Winter Obdach zu geben; so schien ihm das am Corinthischen Meerbusen in Phocis gelegene Anticyra hierzu am tauglichsten; weil sie sich dann nicht zu weit von Thessalien und den Standplätzen des Feindes entfernten, und zugleich gegenüber, nur durch ein schmales Meer geschieden, den Peloponnes, im Rücken Ätolien und Acarnanien, auf den Seiten Locris und Böotien hatten. In Phocis eroberte er Phanotea ohne Kampf im ersten Angriffe. Die Belagerung von Anticyra machte keinen langen Aufenthalt. Dann bekam er Ambrysus und Hyampolis. Daulis ließ sich wegen seiner Lage auf einem hohen Hügel weder durch Leitern noch durch Werke erobern. Die Römer also lockten die Besatzung durch neckende Pfeilschüsse zu Ausfällen, und brachten sie durch abwechselndes Fliehen und Verfolgen und leichte nichts entscheidende Gefechte zu einem so hohen Grade von Sorglosigkeit und Feindesverachtung, bis sie mit den ins Thor Zurückfliehenden in Einem Schwarme zur Stadt hereinstürzten. Sechs andre unwichtige kleine Festungen in Phocis kamen mehr durch Drohungen, als Gewalt, in der Römer Hände. Elatia schloß ihnen die Thore und schien, wenn nicht Gewalt gebraucht würde, so wenig den Wegweiser aut ducem, aut exercitum Romanum]. – Es läßt sich denken, daß mehrere Griechische Städte, wenn sie vom Consul zur Übergabe aufgefordert wurden, sich lieber an die bei dem Römischen Heere als Hülfstruppen stehenden Griechen, als an die Römer selbst ergeben wollten, die ihnen fremder waren. Bei dem Heere des Quinctius standen viele Epiroten; und den Amynander mit seinen Athamanen hatte der Consul zu seinem Vortrabe und zu Wegweisern gemacht, ( Cap. 14 am Ende) non tam virium eius egens, quam ut duces in Thessaliam haberet. Nimmt man das Wort ducem in diesem Sinne, dann hat man nicht nöthig, die Worte aut ducem; aut exercitum als Glossem wegzustreichen, welches Drakenborch thun wollte, weil er, ohne sich jener Stelle zu erinnern, unter ducem den Römischen Consul verstand. Eben so ergab sich Eretria bei dem Angriffe der Römischen Flotte lieber an den König Attalus, als an des Consuls Bruder Lucius, und wurde, während der Unterhandlung mit jenem, von den Römern durch Überfall genommen. Cap. 16. der Römer, als ihr Heer, einlassen zu wollen. 97 19. Bei der Belagerung von Elatea ging dem Consul die Hoffnung auf, einen wichtigeren Zweck zu erreichen, nämlich das Volk der Achäer von der Verbindung mit dem Könige in ein Bündniß mit Rom zu ziehen. Sie hatten den Cycliadas, das Oberhaupt der den Philipp begünstigenden Partei vertrieben. Aristänus, nach dessen Wunsche sich die Nation an die Römer schließen sollte, war Prätor. Bei Cenchreä stand eine Römische Flotte mit dem Attalus und den Rhodiern, welche sich alle gemeinschaftlich dazu anschickten, Corinth zu belagern. Folglich hielt es der Consul für sehr zweckmäßig, ehe sie sich auf die Unternehmung einließen, der Achäischen Nation durch Gesandte das Versprechen zu geben, wenn sie vom Könige zu den Römern überträten, so wolle man ihnen Corinth zur Mitgenossenschaft am alten Stammvereine wieder einräumen. Auf Betrieb des Consuls gingen von seinem Bruder Lucius Quinctius, ferner vom Attalus, von den Rhodiern und Athenern die Gesandten an die Achäer ab; und zu Sicyon wurden sie der Versammlung vorgestellt. Allein der Rücksichten, welche die Achäer beherzigten, gab es mehr als Eine. Von Lacedämon aus drohete ihnen ein beschwerlicher, nie ablassender Feind; dem Kriege mit Rom sahen sie mit Schrecken entgegen; den Macedoniern waren sie für ältere und neuere Wohlthaten verpflichtet, allein dem Könige trauten sie nicht, wegen seiner Grausamkeit und Treulosigkeit; und ohne ihn darnach zu beurtheilen, wie er sich jetzt den Zeitumständen gemäß benahm, sahen sie seinen schweren Herrscherdruck nach dem Kriege voraus. Keiner von ihnen wußte so wenig, was er im Senate seiner Stadt, als in den gemeinschaftlichen Versammlungen des Gesamtvereines, als seine Meinung behaupten sollte; ja sie konnten bei eignem 98 Nachdenken mit sich selbst nicht einig werden, was sie zu wünschen oder zu wählen hätten. Eingeführt in die Versammlung dieser Unschlüssigen bekamen nun die Gesandten die Erlaubniß zu reden. Zuerst hatte der Römische Gesandte, Lucius Calpurnius, den Vortrag, darauf die Gesandten des Attalus; nach ihnen die Rhodier; dann erhielten Philipps Gesandte die Bewilligung, und die letzten Redner waren, um die Behauptungen der Macedonier zu widerlegen, die Athener. Und sie waren es, die wohl am heftigsten gegen den König sich ausließen; denn niemand hatte mehr und härtere Mishandlungen von ihm erfahren. Und für heute wurde mit Sonnenuntergange, da die sich an einander reihenden Reden so vieler Gesandschaften den Tag weggenommen hatten; die Versammlung entlassen. 20. Am folgenden Tage wurde sie wieder berufen. Als hier nach Griechischer Sitte jedermann von der Obrigkeit durch den Herold bevollmächtigt wurde, seine Vorschläge zu thun, und niemand auftrat, so herrschte, weil Einer den Andern ansah, ein langes Schweigen. Und es war kein Wunder, wenn Leute, deren Geist von der Beherzigung jener mit einander kämpfenden Rücksichten schon von selbst wie betäubt war, nun vollends durch die einen ganzen Tag über von beiden Seiten gehaltenen Reden irre geworden waren, worin ihnen jede Schwierigkeit aufgedeckt und ans Herz gelegt wurde. Endlich fing Aristänus, der Achäische Prätor, um die Versammlung nicht als eine stumm gewesene zu entlassen, so an zu reden: «Wo blieb denn die Hitze des Parteienstreits, ihr Achäer, die euch auf euren Gastgeboten und in euren Zirkeln, wenn die Rede auf Philipp und die Römer fiel, beinahe zu Thätlichkeiten kommen ließ? Jetzt seid ihr auf der Tagesatzung, die einzig zu diesem Zwecke berufen wurde, wo ihr die Eröffnungen der beiderseitigen Gesandten gehört habt, wo die Obrigkeiten die Sache bei euch zur Sprache bringen, wo der Herold euch zu Vorschlägen auffordert, die Verstummten? Wenn die Theilnahme für das allgemeine Beste nicht auf euch wirkt, kann denn auch nicht einmal euer Lieblingswunsch, der 99 euer Herz entweder auf diese oder auf jene Seite neigt, aus einem Einzigen nur ein Wort hervorpressen? noch dazu, da niemand so blödsinnig ist, daß er nicht wissen sollte, nur jetzt, ehe wir zum Beschlusse kommen, sei Jedem noch vergönnt zu reden und das zu empfehlen, was er wünscht, oder für das Beste hält. Ist einmal für Einen Bund entschieden, dann müssen ihn Alle, auch die, denen er vorher nicht anstand, als gut und heilsam verfechten.» Diese Aufforderung des Prätors vermochte auch nicht Einen, als Redner hervorzutreten; ja sie bewirkte in einer so großen, aus so vielen Völkern entbotenen Versammlung nicht einmal ein Geräusch oder Gemurmel. 21. Da begann Prätor Aristänus von neuem: «Euch, Achaja's ersten Männern, fehlt es so wenig an Fertigkeit im Vortrage, als an Vorschlägen: nur will keiner seinen Rath für das allgemeine Beste auf eigne Gefahr mittheilen. Wäre ich ohne Amt, dann schwiege auch ich vielleicht. Allein als Prätor habe ich die Ansicht, daß wir entweder den Gesandten diese Zusammenkunft nicht bewilligen mußten, oder sie nicht ohne Antwort abtreten lassen müssen. Wie kann ich ihnen aber eine Antwort geben, wenn kein Beschluß von euch sie ausspricht? Und weil denn Keiner von euch Allen, die ihr zu dieser Versammlung berufen seid, Lust oder Muth genug hat, mit seiner eigenen Erklärung aufzutreten, so wollen wir die gestern von den Gesandten gehaltenen Reden als abgegebene Stimmen durchgehen, wollen die Sache so ansehen, nicht, als hätten sie zu ihrem eignen Vortheile Forderungen an uns gemacht, sondern als hätten sie uns das anempfohlen, worin sie unsern Vortheil zu sehen glaubten. Die Römer und Rhodier und Attalus bitten uns um Bündniß und Freundschaft, und ihrer Meinung nach wäre dann in dem Kriege, den sie mit Philipp führen, eine Unterstützung von unsrer Seite Pflicht. Philipp erinnert uns nur an unsern Bund mit ihm, an unsern Bundeseid, und bald ruft er uns auf seine Seite, bald will er schon zufrieden sein, wenn wir nur am Kriege nicht Theil nehmen. Kommt niemand unter euch 100 darauf, wie es zugehe, daß die, die noch nicht mit uns verbündet sind, mehr von uns fordern, als unser Bundesgenoß? Dies ist so wenig die Wirkung der Bescheidenheit auf Philipps, als einer Unverschämtheit auf der Römer Seite. Der Hafen Cenchreä Achæi portus et dant – et demunt]. – Drakenborch versichert, daß alle seine Handschriften et dat – et demit lesen. So viel mehr verdient Hrn.  Walchs glückliche Verbesserung in den Text aufgenommen zu werden, die uns statt Achæi Cenchreæ lesen heißt. Für sie spricht auch das gleich folgende: Romana classis ad Cenchreas stat. erfüllt den einen Forderer mit Zutrauen und beraubt dessen den andern. Von Philipp sehen wir nichts weiter, als einen Gesandten. Aber eine Römische Flotte steht bei Cenchreä, prunkend mit der Beute Euböischer Städte. Einen Consul sehen wir mit seinen Legionen, von uns durch ein schmales Meer geschieden, Phocis und Locris durchstreifen. Ihr wundert euch, warum so eben Philipps Gesandter Cleomedon so schüchtern uns zumuthete, für seinen König die Waffen gegen die Römer zu ergreifen. Allein wenn wir jetzt kraft eben des Bündnisses und dieses Bundeseides, den er uns scheuen hieß, ihn bitten wollten, daß uns Philipp dort gegen den Nabis und die Lacedämonier, hier gegen die Römer vertheidigen möchte, so würde er eben so wenig wissen, wo er die Truppen zu unserm Schutze hernehmen, als was er uns antworten sollte: bei Gott! eben so wenig, als vor einem Jahre Philipp selbst, der unter dem Versprechen, unsern Krieg mit dem Nabis auf sich zu nehmen, es darauf anlegte, unsre Mannschaft von hier weg nach Euböa hinüberzuziehen; als er aber sah, daß wir ihm die Truppenstellung nicht bewilligten und uns in keinen Krieg mit Rom verwickeln lassen wollten, unser Land dem Nabis und den Lacedämoniern zur Verheerung und Plünderung überließ, ohne an den Bund mit uns, auf den er jetzt so laut sich beruft, zu denken. Nach meiner Ansicht schien auch Cleomedons Rede mit sich selbst im Widerspruche zu sein. Er machte den Krieg mit den Römern so unwichtig, und verhieß uns von dem jetzigen denselben 101 Ausgang, wie von dem, den sie schon einmal mit Philipp geführt hätten. Warum hält denn dieser aus der Ferne bei uns um Hülfstruppen an, und kommt nicht lieber selbst, uns seine alten Bundesgenossen zugleich vor dem Nabis und den Römern zu schützen? Ich führe uns an? «Warum ließ er Eretria und Carystus wegnehmen? warum so viele Städte Thessaliens? warum Locris und Phocis? warum leidet er noch jetzt, daß Elatia belagert wird? Warum räumte er entweder besiegt, oder aus Furcht, oder freiwillig, die Engpässe von Epirus und jene unbezwingliche Klause über dem Flusse Aous, und zog sich mit Hinterlassung des Gebirgwaldes, den er besetzt hatte, tief in sein Reich? Gab er aus eignem Willen so viele Bundesgenossen den Feinden zur Plünderung preis, wie kann er etwas dawider haben, daß auch die Bundesgenossen für sich selbst sorgen? Oder aus Furcht; so muß er auch uns diese Furcht verzeihen. Oder wenn er als der Besiegte wich, so sollen wir Achäer , Cleomedon, Roms Waffen aufhalten, die ihr Macedonier nicht aufhalten konntet? Sollen wir es lieber dir zuglauben, daß die Römer den Krieg diesmal nicht mit mehreren Truppen und größerer Anstrengung führen, als sie ihn vorhin geführt haben; und die Sache nicht so ansehen, wie sie vor uns liegt? Damals kamen sie den Ätolern mit einer Flotte zu Hülfe: sie führten den Krieg weder durch einen Consul, noch durch ein consularisches Heer: Philipps Bundesgenossen in den Seestädten waren in Schrecken und Aufruhr; das Mittelland blieb vor den Römischen Waffen so sicher, daß Philipp die um Roms Hülfe vergeblich flehenden Ätoler ausplündern konnte. Jetzt aber haben die Römer, da sie mit dem Punischen Kriege fertig sind, den sie sechzehn Jahre lang im Herzen Italiens dulden mußten, nicht etwa den Krieg führenden Ätolern einige Mannschaft gesandt, sondern selbst als kriegführende Hauptmacht Macedonien, zu Lande und zu Wasser zugleich, angegriffen. Schon der dritte Consul führt diesen Krieg mit aller Kraft. Sulpicius, der mit dem Könige in Macedonien selbst zusammentraf, 102 schlug und warf ihn, und verheerte den blühendsten Theil seines Königreichs. Jetzt hat ihn im Besitze des Engpasses von Epirus, ungeachtet seines Vertrauens auf Stellung, Werke und Heer, Quinctius zum Lager hinausgeschlagen, und da er ihm auf der Flucht nach Thessalien folgte, die königlichen Besatzungen und die mit ihm verbündeten Städte fast im Angesichte des Königs bezwungen.» «Angenommen, es sei nichts von allen dem wahr, was so eben Athens Gesandte von des Königs Grausamkeit, Habsucht und Wollust erzählt haben: alle die Frevel, die im Gebiete von Attica gegen die Götter der Ober- und Unterwelt verübt wurden, sollen uns nicht angehen, noch viel weniger, was die von uns so weit entfernten Bewohner von Cia und Abydus gelitten haben; auch die uns selbst geschlagenen Wunden wollen wir, wenn es so sein soll, vergessen; die Hinrichtungen und Beraubungen, die er mitten im Peloponnes zu Messene vornahm; daß er zu Cyparissia seinen Wirth Garitenes gegen alle menschlichen und göttlichen Rechte beinahe noch an der Tafel morden ließ; daß er die beiden Sicyonier, Aratus, Vater und Sohn, hinrichtete, ob er gleich den unglücklichen Greis so oft Vater genannt hatte; daß er sogar die Gattinn des Sohnes zur Befriedigung seiner Lüste nach Macedonien entführte: wir wollen die Entehrung so mancher andern Jungfrau und Gattinn vergessen; wollen annehmen, Philipp stehe mit unsern Angelegenheiten außer aller Beziehung; da euch ohnehin die Furcht vor seiner Grausamkeit sprachlos gemacht hat: – denn aus welchem andern Grunde könnten zur Statenversammlung Berufene so stumm sein? – wir wollen thun, als hätten wir unsre Sache mit dem sanften, gerechten, um uns so hochverdienten Könige Antigonus Antigonus Doson, Philipps gewesener Vormund und nächster Vorfahr auf dem Throne. auszumachen; sollte der uns auffordern, etwas zu leisten, was uns für dasmal unmöglich wäre? «Denn Peloponnes ist eine Halbinsel, die durch den 103 schmalen Paß der Landenge mit dem festen Lande zusammenhängt, und keinem Angriffe so offen und ausgesetzt ist, als dem zur See. Wenn jetzt hundert Deckschiffe, funfzig leichtere ohne Deck und von Issa dreißig Boote sich daran machen, die Küste zu verheeren und die beinahe am Ufer selbst bloß liegenden Städte zu bestürmen, sollen wir uns etwa dann in die Städte des Mittellandes zurückziehen? als fühlten wir nicht auch da die Qual des heimischen, in unsern Eingeweiden haftenden Krieges? Wenn uns zu Lande Nabis und die Lacedämonier, zur See eine Römische Flotte, bedrängen, von wo aus sollen wir dann den verbündeten König und Macedonische Truppen zu Hülfe rufen? Oder sollen wir etwa die Städte, die der feindliche Römer angreifen wird, mit eignen Waffen in Schutz nehmen? Haben wir doch im vorigen Kriege Dymä so herrlich vertheidigt! Das Unglück Andrer giebt uns der Belehrungen genug: laßt uns nicht darauf ausgehen, Andern zur Warnung zu dienen. Weiset doch nicht aus diesem Grunde, weil die Römer mit der Bitte um Freundschaft uns zuvorkommen, gerade das, was wir uns wünschen und aus allen Kräften erstreben müßten, von euch ab. Denn es treibt sie, ««ja freilich!»» die leidige Furcht, in einem fremden Lande, wo sie unter dem Schatten eures Beistandes sich ducken wollen, sich in den Bund mit euch zu flüchten, um in eure Hafen einlaufen zu können und Zufuhr zu haben. Auf dem Meere gebieten sie; so wie sie ein Land betreten, machen sie es sich unterwürfig. Was sie von uns erbitten, können sie erzwingen. Weil sie euch zu schonen wünschen, wollen sie euch euren Untergang nicht verschulden lassen. Denn was euch so eben Cleomedon als Mittelweg und als den sichersten Entschluß empfahl, daß ihr stillsitzen und gar keinen Antheil am Kriege nehmen solltet, das ist nicht Auskunft auf einem Mittelwege, sondern gar keine. Denn außerdem daß ihr gezwungen seid, die Verbindung mit Rom entweder anzunehmen oder feindlich zu verwerfen, was wird, wenn wir nirgends auf sichere Freundschaft rechnen können, insofern wir selbst 104 den Ausgang gleichsam abgewartet hätten, um unsern Entschluß dem Glücke anzupassen, aus uns anders werden, als eine Beute des Siegers? Wenn man euch das, worauf alle unsre Wünsche gerichtet sein mußten, von freien Stücken anbietet, so stoßt es doch nicht von euch. So wie ihr heute beides in eurer Gewalt habt, werdet ihr es nicht immer haben. Ein günstiger Augenblick ist nicht oft, und nicht lange, derselbe. Schon lange habt ihr mehr den Willen, als den Muth, euch von Philipp zu befreien. Mit großen Flotten und Heeren sind sie über Meer gekommen, die euch ohne eure Mühe, ohne eure Gefahr, in Freiheit setzen wollen. Stoßt ihr diese Bundesgenossen von euch, so kommt man freilich über euren gesunden Verstand in Zweifel: allein sie entweder zu Bundesgenossen zu haben, oder zu Feinden, ist für euch ein Muß.» 22. Nach der Rede des Prätors wurden Einige laut durch Bezeigung ihres Beifalls, Andre durch ihre harten Äußerungen gegen die Beistimmenden. Bald geriethen nicht Einzelne allein, sondern ganze Völkerschaften in Wortwechsel. Zuletzt wurde der Streit unter den Obrigkeiten der Nation – sie heißen Damiurgen, und ihrer werden immer zehn gewählt – eben so hitzig, als unter der Menge. Ihrer fünf erklärten, sie würden auf das Bündniß mit den Römern antragen und selbst dafür stimmen; die fünf Andern führten das Gesetz für sich an, welches den Obrigkeiten jeden Antrag, der Versammlung jeden Beschluß, der dem Bündnisse mit Philipp zuwider sei, untersagte. So wurde auch dieser Tag mit Zänkereien hingebracht. Zu einer gültigen Versammlung hatten sie nun noch Einen Tag – denn ein Gesetz bestimmte die Abfassung des Beschlusses auf den dritten Tag; – und auf diesen schickten sie sich mit einer Parteiwuth an, die beinahe Vater gegen Sohn bewaffnet hätte. Der Sohn des Rhisiasus von Pellene, Namens Memnon, war Damiurg und auf der Partei, welche sich der Vorlesung des Beschlusses und der Abhörung der Stimmen widersetzte. Nach langem flehentlichen Anhalten bei seinem Sohne, die Achäer 105 auf das allgemeine Wohl Rücksicht nehmen zu lassen und nicht durch seinen Starrsinn die ganze Nation unglücklich zu machen, schwur Rhisiasus, als seine Bitten nicht gehörig wirkten, er wolle ihn mit eigner Hand umbringen und ihn nicht für seinen Sohn, sondern als Feind ansehen; und vermochte ihn durch die Drohung, sich am folgenden Tage mit denen zu vereinigen, die für den Vortrag waren. Als nun diese, die eben dadurch die Mehrheit bekamen, den Antrag thaten und die Völkerschaften fast alle offenbar dem Antrage beistimmten und ohne Rückhalt zu erkennen gaben, wie ihr Beschluß lauten solle, so standen, noch ehe dieser abgefaßt wurde, die Bürger von Dymä, von Megalopolis und einige von Argos auf und verließen die Versammlung, ohne indeß Befremden oder Misfallen zu erregen. Denn die Megalopolitaner, deren Vorfahren von den Lacedämoniern vertrieben waren, hatte Antigonus in ihre Heimat zurückgeführt; und die Dymäer, deren Stadt neulich vom Römischen Heere erobert und geplündert war, hatte Philipp allenthalben aus der Sklaverei loskaufen lassen und ihnen mit der Freiheit ihre Vaterstadt wiedergegeben. Die Argiver endlich waren, außer dem Glauben, daß die Macedonischen Könige von ihnen abstammten, meistentheils auch für ihre Person durch Gastrecht und Familienfreundschaft mit Philipp in Verbindung. Darum traten sie aus einer Versammlung ab, welche sich für die Anerkennung des Bündnisses mit den Römern entschied, und man konnte ihnen bei ihren großen und neuen Verbindlichkeiten diesen Austritt nicht verdenken. 23. Die übrigen Achäischen Völkerschaften gaben nach Abhörung der Stimmen dem Bündnisse mit Attalus und den Rhodiern gleich auf der Stelle durch einen Beschluß die Wirklichkeit; das mit den Römern aber wurde, weil es ohne Genehmigung des Römischen Volks nicht gültig sein konnte, bis zum Abgange einer Gesandschaft nach Rom verschoben. Für jetzt beschlossen sie, nur an den Lucius Quinctius drei Gesandte abgehen zu lassen und mit dem ganzen Achäischen Heere vor die Stadt Corinth zu rücken, welche Quinctius nach der Eroberung 106 von Cenchreä schon belagerte. Sie lagerten sich dem nach Sicyon führenden Thore gegenüber: die Römer stürmten auf der nach Cenchreä liegenden Stadtseite; Attalus, der mit seinem Heere über die Landenge gegangen war, von Lechäum her, dem Hafen des andern Meers; anfangs nicht ernstlich, weil sie auf eine Trennung in der Stadt zwischen den Bürgern und der königlichen Besatzung rechneten. Da aber bei vollkommener Eintracht unter Allen, die Macedonier wie für eine gemeinschaftliche Vaterstadt fochten, und die Corinthier dem Befehlshaber der Besatzung, Androsthenes, als ob er ihr Mitbürger und von ihnen selbst angestellt wäre, die volle Gewalt ließen, so mußten nun die Belagerer ihre ganze Hoffnung auf Sturm, auf Waffen und Werke setzen. Von allen Seiten wurden Dämme, so schwierig die Annäherung war, bis an die Mauern aufgeführt. Auf der Seite, wo die Römer stürmten, hatte der Widderkopf schon eine ganze Strecke der Mauer eingestoßen. Da nun die Macedonier herbeieilten, die unbedeckte Stelle mit den Waffen zu schützen, so kam es zwischen ihnen und den Römern zu einem schrecklichen Gefechte. Anfangs wurden die Römer von der Menge leicht hinausgedrängt; als sie aber von den Achäern und dem Attalus Verstärkung erhielten, waren sie dem Kampfe gewachsen, und sicher würden sie die Macedonier und Griechen bald vom Platze getrieben haben. Allein es war eine große Menge Italischer Überläufer im Orte, die theils aus Hannibals Heere aus Furcht vor der von den Römern zu erwartenden Strafe Philipps Fahnen gefolgt, theils als Seesoldaten ihren Flotten neulich entlaufen waren, weil sie zu einem ehrenvolleren Dienste überzugehen hofften. Die Überzeugung, ohne Schonung verloren zu sein, wenn die Römer siegten, entflammte sie mehr zur Wuth, als zur Kühnheit. Sicyon gegenüber liegt das Vorgebirge der sogenannten Juno Acräa, das weit ins Meer hervortritt. Die Überfahrt von hier nach Corinth beträgt beinahe siebentausend Schritte. Dahin zog sich durch Böotien ein andrer königlicher Befehlshaber, Philocles, mit tausend fünfhundert Mann; und diese Truppen fanden schon 107 Jachten von Corinth zu ihrer Einnahme und Überfahrt nach Lechäum bereit. Da rieth Attalus, sogleich alle Werke anzuzünden und die Belagerung aufzugeben. Quinctius war mehr für die Beharrlichkeit in dem, was man einmal unternommen habe. Als er aber sah, daß an alle Thore königliche Posten vertheilt waren, und daß er ihnen die Ausfälle schwerlich werde wehren können, da stimmte auch er der Meinung des Attalus bei. Sie gaben das Unternehmen auf, entließen die Achäer und schifften sich wieder ein. Attalus segelte nach dem Piräeus, die Römer nach Corcyra. 24. Während seine Seetruppen hiermit beschäftigt waren, suchte der Consul, der sich in Phocis vor Elatea gelagert hatte, anfangs in Unterredungen seinen Zweck durch die vornehmeren Elateer zu erreichen. Als er aber zur Antwort erhielt, sie hätten in keinem Stücke freie Hand und die königliche Besatzung sei zahlreicher und besser im Stande, als die Bürger, so griff er die Stadt auf allen Seiten zugleich durch Werke und Gefechte an. Als ihm jetzt der angebrachte Mauerbrecher, so weit er eine Strecke der Mauer von einem Thurme zum andern niedergeworfen hatte, unter schrecklichem Krachen und Getöse die Festung aufschloß, drang nicht allein die Römische Cohorte auf diesem ihr so eben durch den Sturz geöffneten Wege herein, sondern zu gleicher Zeit eilte aus allen Theilen der Stadt Jeder mit Hinterlassung seines Postens der Stelle zu, welche dem Einbruche des Feindes ausgesetzt war. Allein in eben dem Augenblicke, da die Römer über die Trümmer der Mauer hereinschritten, schlugen sie auch allenthalben ihre Leitern an die noch stehende Mauer, und während der Kampf die Blicke und Gedanken der Feinde nur auf jene Seite zog, erstiegen sie die Mauer an mehreren Stellen und drangen mit dem Schwerte in die Stadt. Durch das lautwerdende Getümmel geschreckt flohen die Feinde mit Hinterlassung der Stelle, die sie in gedrängter Schar behauptet hatten, voll Furcht auf die Burg, wohin der Schwarm der Wehrlosen ihnen folgte. So gewann der Consul die Stadt. Nach der Plünderung ließ er in die 108 Burg hineinsagen, er wolle den königlichen Truppen, wenn sie ohne Waffen abzögen, das Leben, und den Elateern die Freiheit schenken, und als er auf diese Bedingungen mit ihnen abgeschlossen hatte, sah er sich in wenig Tagen auch im Besitze der Burg. 25. Durch des königlichen Obersten Philocles Ankunft in Achaja wurde aber nicht allein Corinth von der Belagerung frei, sondern auch die Stadt Argos von einigen der Vornehmeren, nach einem vorläufigen Versuche über die Gesinnung der Bürger, dem Philocles verrathen. Es war hier Gebrauch, am ersten Tage der Wahlversammlungen den Jupiter, Apollo und Hercules, gleichsam der guten Vorbedeutung wegen, als Prätoren auszurufen. Später war durch ein Additum legi erat]. – Daß beide Lesarten legi und lege ihren guten Sinn haben, und die eine so gut bestehen könne, wie die andre, hat Duker gezeigt. Da aber die Abschreiber, wenn eine von beiden ihre Geburt sein soll, eher geschrieben haben möchten additum legi, als additum lege, und dies letztere wirklich in vier Msc. steht, so ziehe ich lege vor. Gesetz bestimmt, den König Philipp jenen anzureihen. Da nun nach dem mit den Römern geschlossenen Bündnisse der Herold diesen Namen nicht nachfolgen ließ, so entstand anfangs ein Murren unter der Menge, und dann ein lautes Geschrei von denen, welche den Namen Philipp hinzufügten, und die Beibehaltung der gesetzmäßigen Ehre für ihn verlangten, bis endlich mit großem Beifalle auch sein Name abgerufen ward. Philocles, den sie im Vertrauen auf diese Volksstimmung eingeladen hatten, besetzte in der Nacht eine an der Stadt ragende Höhe, – diese Burg hat den Namen Larissa – als er aber mit Zurücklassung einer Truppenzahl bei Tagesanbruch zum Angriffe auf den unter der Burg liegenden Markt hinabzog, rückte ihm eine schlagfertige Linie entgegen. Dies war die erst neulich von den Achäern hier eingelegte Besatzung, etwa fünfhundert Mann aus allen ihren Städten Auserlesener. Änesidemus von Dymä war ihr Anführer. Der Redner Adhortator]. – Gronov, Crevier, Drakenborch, lesen Ad hos orator. Und ich folge ihnen. , welcher von dem königlichen 109 Obersten an sie geschickt wurde und sie die Stadt räumen hieß; – denn sie würden ja nicht einmal den Bürgern allein gewachsen sein, die mit den Macedoniern einverstanden wären, geschweige denn, wenn sich die Macedonier an diese anschlössen – machte anfangs weder auf den Anführer, noch auf sie selbst einigen Eindruck: ja selbst, als sie gleich darauf auch die Argiver bewaffnet von der andern Seite in einem langen Zuge herankommen sahen, schienen sie jeder Gefahr, wenn ihr Anführer darauf bestanden hätte, Trotz bieten zu wollen. Änesidemus, der nicht mit der Stadt zugleich den Kern der Achäischen Mannschaft aufopfern wollte, machte mit dem Philocles aus, daß sie abziehen könnten, wich aber für seine Person mit einigen seiner Schützlinge nicht von der Stelle, die er in voller Rüstung behauptete. Philocles ließ bei ihm anfragen: Was er weiter wolle nihil fatus, tantummodo]. – Zehn Handschriften haben das Wort fatus nicht. Einige haben tantummodo in statu modo verderbt. Drakenborchs Vorschlag, nihil statu motus, ist an sich schön, scheint mir aber in der Verbindung: nihil statu motus, quum staret, anstößig. Da er selbst sagt: solus tantum Lov. 5. vulgatum servat, quemadmodum solet, editis adsentiens, so lasse ich das Wort fatus fallen, und interpungire so: Missus a Philocle, qui quæreret, quid sibi vellet. « Nihil! tantummodo (quum projecto præ se clipeo staret) in præsidio creditæ urbis moriturum se armatum, respondit.» Dann gehören Nihil! tantummodo zu den Worten des Änesidemus. . Er antwortete: «Weiter nichts, als in der Vertheidigung der ihm anvertrauten Stadt» – – er blieb hinter seinem vorgehaltenen Schilde in Stellung – – «mit den Waffen in der Hand sterben.» Da ließ der Oberste seine Thracier sie zusammenschießen, und sie fielen Alle. So waren seit dem zwischen den Achäern und Römern abgeschlossenen Bündnisse zwei der angesehensten Städte, Argi und Corinth, in des Königs Gewalt. Dies ist Alles, was die Römer in diesem Sommer in Griechenland zu Lande und zu Wasser ausrichteten. 26. In Gallien verrichtete der Consul Sextus Älius eben nichts Denkwürdiges. Ob er gleich zwei Heere in der Provinz hatte, das eine, das er behielt, ob er es gleich hätte entlassen sollen, welchem der Proconsul Lucius Cornelius vorgestanden hatte; (er aber setzte den Prätor 110 Cajus Helvius darüber) und das andre, mit dem er selbst in die Provinz zog, so brachte er doch beinahe das ganze Jahr damit zu, daß er die Pflanzer von Cremona und Placentia anhielt, in die Pflanzstädte zurückzukehren, aus welchen die Unfälle des Krieges sie verscheucht hatten. Eben so unerwartet, als für dieses Jahr die Ruhe von Seiten Galliens war, kam in Roms Nähe ein Sklavenaufruhr beinahe zum Ausbruche. Zu Setia waren die Geisel von Carthago in Verwahrung. Als Kinder der Vornehmsten hatten sie eine große Schar von Sklaven bei sich. Diese wurde noch zahlreicher, insofern auch die Einwohner von Setia von der Beute des erst neulich geendigten Punischen Krieges mehrere Gefangene als Sklaven angekauft hatten. Als diese nach eingeleiteter Verschwörung aus ihrer Zahl einige abgeschickt hatten, um in dem Gebiete von Setia, dann in der Gegend von Norba und Circeji, die Sklaven aufzuwiegeln, so setzten sie, wie jetzt schon Alles in Bereitschaft war, fest, an den Spielen, die nächstens zu Setia vor sich gehen sollten, das seiner Augenweide sich hingebende Volk zu überfallen und, wenn sie Setia's durch Mord und Überrumpelung sich bemächtigt hätten, auch Norba und Circeji wegzunehmen. Von diesem scheußlichen Entwurfe gelangte eine Anzeige nach Rom an den Stadtprätor Lucius Cornelius Merula. Vor Tage kamen zwei Sklaven zu ihm und setzten ihm Alles, was schon geschehen war und was noch folgen sollte, der Reihe nach aus einander. Als der Prätor, der sie in seinem Hause in Gewahrsam gab, den Senat berufen und von der Anzeige seiner Aussager benachrichtigt hatte, so ging er, weil er selbst den Auftrag erhielt, zur Untersuchung und Dämpfung dieser Verschwörung sich aufzumachen, mit fünf Legaten ab und ließ alle in den Dörfern ihm Begegnenden den Soldateneid schwören, die Waffen nehmen und ihm folgen. In dieser eilfertigen Werbung bewaffnete er an zweitausend Mann, und kam, ohne daß jemand wußte, wohin er zöge, nach Setia. Als hier die Häupter der Verschwörung schleunigst eingezogen wurden, begaben sich die Sklaven aus der Stadt auf die Flucht. Es wurden also Leute in die Dörfer 111 umhergesandt, sie aufzusuchen. Vorzüglich kam ihnen hier die Dienstleistung der beiden aussagenden Sklaven und Eines Freigebornen zu statten. Die Väter befahlen, diesem hunderttausend schwere Die erste Summe beträgt 3124 Gulden Conv., die zweite 781 Gulden. Kupferasse zu geben, und den beiden Sklaven jedem fünfundzwanzig tausend Asse nebst der Freiheit. Ihr Kaufwerth wurde den Eigenthümern aus der Schatzkammer ersetzt. Nicht gar lange nachher wurde von Präneste berichtet, daß auch die dortigen Sklaven, noch im Zusammenhange mit jener Verschwörung, sich der Stadt bemächtigen wollten. Der Prätor Lucius Cornelius ging dahin ab und belegte ihrer etwa fünfhundert, die sich dessen schuldig gemacht hatten, mit der Todesstrafe. Zu Rom war man in Besorgniß, das Ganze möchte ein Werk der Punischen Geisel und Gefangenen sein. Deswegen wurden nicht allein in Rom in den Straßen Wachen gehalten, wobei die Obrigkeiten vom niederen Range die Runde zu machen hatten, und die Dreimänner der peinlichen Gerichtspflege zu strengerer Aufsicht über den Steinbruchskerker angewiesen; sondern der Prätor schickte auch in ganz Latium den schriftlichen Befehl umher, daß man die Geisel auf ihre Wohnung beschränken und ihnen nicht gestatten solle, öffentlich zu erscheinen, ferner daß die Gefangenen mit Fußeisen belegt würden, die nicht unter zehn Diese zehn Pfund Römischen Gewichts betragen acht Pfund Pariser. Crevier. Pfund wiegen dürften, und nirgendwo anders als in dem öffentlichen Kerker in Verwahrung sein sollten. 27. In diesem Jahre legten auch Gesandte vom Könige Attalus einen goldenen Kranz, zweihundert sechsundvierzig Pfund Etwa 77,000 Gulden. schwer, auf dem Capitole nieder, und erkannten es mit Dankbarkeit gegen den Senat, daß Antiochus auf Verwendung einer Römischen Gesandschaft sein Heer aus des Attalus Staten abgeführt habe. Auch kamen in diesem Sommer zweihundert Reuter, zehn 112 Elephanten und zweihundert tausend Maß Weizen vom Könige Masinissa bei dem Heere an, welches in Griechenland stand. Auch aus Sicilien und Sardinien erhielt dies Heer große Zufuhren und Kleidungsstücke. Sicilien verwaltete Marcus Marcellus, Sardinien Marcus Porcius Cato, der öffentlichen Meinung nach ein ehrwürdiger, unsträflicher Mann, nur zu hart in Beschränkung des Wuchers. Die Wucherer wurden aus der Insel verjagt; und die Ausgaben, welche die Bundesgenossen gewöhnlich für den Hofstat der Prätoren machen mußten, verminderte er entweder oder schaffte sie ganz ab. Unter dem Vorsitze des Consuls Sextus Älius, der zur Haltung der Wahlen aus Gallien nach Rom zurückkam, wurden Cajus Cornelius Cethegus und Quintus Minucius Rufus zu Consuln gewählt. Die Prätorenwahl war zwei Tage später. In diesem Jahre wurden zum erstenmale sechs Prätoren ernannt, weil jetzt die Geschäfte sich häuften und die Herrschaft sich immer weiter ausbreitete. Die Gewählten waren Lucius Manlius Vulso, Cajus Sempronius Tuditanus, Marcus M. Sergius Silus]. – Auch der Denarius in meiner Sammlung, obgleich nur ein subæratus, hat nicht Manius Sergius, wie Sigonius lesen wollte, sondern das von Drakenborch aufgenommene Marcus. Sergius Silus, Marcus Helvius, Marcus Minucius Rufus, Lucius Atilius. Von diesen waren Sempronius und Helvius Bürgerädilen. Curulädilen waren Quintus Minucius Thermus und Tiberius Sempronius Longus. Die Römischen Spiele dauerten in diesem Jahre vier Tage. 28. Die Consuln Cajus Cornelius und Quintus Minucius thaten vor allen Dingen den Antrag wegen der Geschäftsplätze der Consuln und Prätoren. Die Auseinandersetzung der Prätoren wurde zuerst abgethan, weil sie sich durch das Los abthun ließ. Die Gerichtspflege in der Stadt fiel dem Sergius zu, die über die Fremden dem Minucius. Sardinien erlosete Atilius, Sicilien Manlius, das diesseitige Spanien Sempronius, Helvius das jenseitige. Als aber die Consuln über Italien und Macedonien losen wollten, waren die Bürgertribunen Lucius Oppius und 113 Quintus Fulvius deshalb dagegen, «weil Macedonien ein so entfernter Posten sei, und bis jetzt das größte Hinderniß in diesem Kriege darin bestanden habe, daß immer der frühere Consul, wenn er kaum seine Unternehmungen eingeleitet hatte, gerade im Anlaufe zur Eröffnung des Krieges zurückgerufen wurde. Seit dem Beschlusse, den Macedonischen Krieg zu führen, sei dies schon das vierte Jahr. Sulpicius habe den größeren Theil des Jahres damit hingebracht, den König und sein Heer nur aufzufinden. Villius sei eben als er an den Feind gelangte, unverrichteter Sache zurückgerufen. Quinctius, über ein halbes Jahr durch gottesdienstliche Geschäfte in Rom zurückgehalten, habe sich gleichwohl so benommen, daß er den Krieg, wenn er entweder früher auf seinem Posten angekommen, oder der Winter nur etwas später eingetreten wäre, hätte beendigen können. Jetzt höre man, wiewohl er Nunc prope in]. – Dies prope wollen Crev. und Drakenb. in quoque verwandeln, weil sie das Wort profectum von dem Zuge des Quinctius aus Thessalien in die Winterquartiere nach Phocis verstehen. Es bedeutet aber hier, als Gegensatz des mehrmals vorausgegangenen revocatus (in urbem) so viel, als profectum (ab urbe) in provinciam: und dann giebt prope im Munde des vergrößernden Tribuns einen sehr guten Sinn. beinahe nur dazu hingegangen sei, um die Winterquartiere zu beziehen, dennoch von seinen Vorkehrungen zum Feldzuge so viel Gutes, daß er vermuthlich, wenn ihn kein Nachfolger unterbreche, im nächsten Sommer am Ziele sein werde.» Durch diese Reden bewirkten sie, daß die Consuln erklärten, sie würden sich dem Gutachten des Senats unterwerfen, wenn auch die Tribunen sich dazu verständen. Da also die Väter von beiden Theilen ungehindert verfügen konnten, so wiesen sie beiden Consuln ihren Posten in Italien an; dem Titus Quinctius aber verlängerten sie den Oberbefehl bis dahin, wo er einen Nachfolger bekäme. Den Consuln bestimmten sie jedem zwei Legionen und den Krieg mit den von Rom abgefallenen Galliern diesseit der Alpen. Dem Quinctius wurden als Ergänzungstruppen für Macedonien fünftausend Mann zu Fuß, dreihundert Ritter und dreitausend Seesoldaten bewilligt. Die 114 Prätoren bekamen für beide Spanien jeder achttausend Mann zu Fuß an Bundesgenossen und Latinern und jeder vierhundert zu Pferde, um die alten Soldaten aus beiden Spanien entlassen zu können; auch sollten sie durch Begränzungen festsetzen, was künftig zu der jenseitigen oder zur diesseitigen Provinz zu rechnen sei. Dem Heere in Macedonien wurden Publius Sulpicius und Publius Villius, welche als Consuln dort ihren Stand gehabt hatten, als Unterfeldherren zugegeben. 29. Ehe die Consuln und Prätoren auf ihre Plätze abgingen, sollten die Drohungen der Schreckzeichen abgewandt werden. Denn zu Rom waren die Tempel des Vulcanus und Summanus oder Summus Manium ist Pluto. Summanus, ferner zu Fregellä die Mauern und ein Stadtthor vom Blitze getroffen; zu Frusino war bei Nacht eine Tageshelle entstanden; zu Asculum ein Lamm mit zwei Köpfen und fünf Beinen zur Welt gekommen; in die Stadt Formiä waren zwei Wölfe eingebrochen und hatten von den ihnen Begegnenden mehrere zerfleischt; zu Rom hatte sich ein Wolf nicht allein in die Stadt, sondern sogar auf das Capitol gewagt. Der Bürgertribun Cajus Acilius that den Vorschlag, an der Seeküste fünf Pflanzstädte anzulegen; zwei an den Mündungen der Flüsse Vulturnus und Liternus, eine zu Puteoli; eine zu Castrum Salerni; die letzte war Buxentum. Für jede Pflanzstadt wurden dreihundert Familien bewilligt. Die zu ihrer Abführung erwählten Dreimänner, welche drei Jahre lang ihre Obrigkeit sein sollten, waren Marcus Servilius Geminus, Quintus Minucius Thermus, Tiberius Sempronius Longus. Als die Consuln die Werbung und die übrigen theils heiligen, theils bürgerlichen Geschäfte, welche sie in eigner Person verrichten mußten, abgethan hatten, gingen sie beide nach Gallien ab. Cornelius nahm den geraden Weg gegen die Insubrier, die damals, mit den Cenomanern vereinigt, in den Waffen waren; Quintus Minucius bog auf die linke Seite Italiens ein, dem Unteren Meere zu; führte 115 sein Heer auf Genua und begann den Krieg mit dem Angriffe auf die Ligurier. Die Städte Caristum und Ritubium Clastidium et Litubium]. – Bei dem ersten Namen folge ich dem Sigonius. Denn Cluvers Grund, dieses Clastidium und jenes Cap. 31. wegen der Ungewißheit der Gränzen zu Einer Stadt zu machen, ist hier, wie mich dünkt, nicht anwendbar. Warum hätte der zweite Consul dieselbe Stadt Clastidium verbrannt, die sich dem ersten schon früher ergeben hatte? Und wenn er es that, warum giebt Livius keine Ursache an? Sigonius lieset aus Liv. 42, 7. Caristum oder Carystum. Bei dem zweiten Namen habe ich statt Litubium die Cluversche Lesart Ritubium aufgenommen. , beide Ligurisch, und zwei Völkerschaften desselben Stammes, die Celelaten und Cerdiciaten ergaben sich. Und schon hatte er sich außer den Bojern, welche zu Gallien, und den Ilvaten, welche zu Ligurien gehörten, diesseit des Po Alles unterworfen. Man sagte, funfzehn Städte hätten sich ergeben und zwanzigtausend Menschen. Von hier führte er die Legionen in das Gebiet der Bojer . 30. Nicht gar lange zuvor hatte das Heer der Bojer über den Po gesetzt und sich mit den Insubren und Cenomanern vereinigt, um sich ebenfalls durch Zusammenstellung ihrer Kräfte auf Einen Punkt mehr Stärke zu geben, weil sie gehört hatten, die Consuln würden ihre Legionen vereinigt wirken lassen. Kaum aber sagte ihnen das Gerücht, der eine Consul verheere das Bojische, als sogleich Mishelligkeit entstand. Die Bojer forderten für die Nothleidenden die Hülfe Aller. Die Insubren weigerten sich ihr Eigenthum preiszugeben. So theilten sie ihre Truppen, und als die Bojer, ihr Land zu schützen, abgezogen waren, lagerten sich die Insubren mit den Cenomanern am Ufer des Flusses Mincius. Fünftausend Schritte weiter unten lehnte auch der Consul Cornelius sein Lager an eben diesen Strom. Als er hier durch seine Aussendungen in die Flecken der Cenomaner und in ihre Hauptstadt Brixia mit Gewißheit erfuhr, die Mannschaft habe ohne Zustimmung ihrer Ältesten die Waffen ergriffen, und der Beitritt der Cenomaner zur Empörung der Insubren sei nicht das Werk eines allgemeinen Entschlusses, so legte er es in Unterhandlungen mit ihren Großen, die er zu sich 116 geladen hatte, darauf an, daß die Cenomaner sich von den Insubren lossagen und mit ihren Fahnen entweder in ihre Heimat zurückkehren, oder zu den Römern übergehen sollten. So viel konnte er freilich nicht bewirken. Aber darauf gaben sie dem Consul ihr Wort, daß sie in der Schlacht entweder unthätig, oder wenn sich die Gelegenheit fände, den Römern sogar beförderlich sein wollten. Von dieser Verabredung wußten die Insubren nichts: und doch waren sie nicht ohne allen Argwohn, daß die Treue ihrer Bundesgenossen wanke. Da sie also beim Ausrücken in die Linie ihnen so wenig den einen als den andern Flügel anzuvertrauen wagten, damit sie nicht durch treuloses Weichen der ganzen Sache den Ausschlag gäben, so stellten sie sie hinter den Gliedern als Rückhalt auf. Der Consul verhieß bei dem Anfange der Schlacht der Juno Sospita ein Heiligthum, wenn er heute als Sieger die Feinde aus dem Felde schlüge. Die Soldaten betheuerten durch ihr Geschrei, sie wollten dem Consul zur Leistung seines Gelübdes verhelfen, und der Angriff auf den Feind begann. Gleich dem ersten Zusammentreffen erlagen die Insubren. Nach dem Berichte einiger Schriftsteller sollen sie, weil ihnen auch die Cenomaner mitten im Gefechte unerwartet in den Rücken gefallen waren, durch den Angriff von zwei Seiten in Unordnung gerathen sein, und weil sie in die Mitte genommen waren, fünfunddreißig tausend Mann an Todten, fünftausend siebenhundert an Gefangenen verloren haben; unter diesen sei auch der Punische Feldherr Hamilcar gewesen, der sie zu diesem Kriege verführt habe; außerdem hundert und dreißig Fahnen, und über zweihundert Kriegswagen. Die Städte, welche die Partei der Empörer genommen hatten, ergaben sich den Römern. 31. Der Consul Minucius war anfangs auf ausgebreiteten Plünderungen im Lande der Bojer umhergestreift. Als sie darauf, nach ihrer Trennung von den Insubren, zum Schutze ihres Eigenthums sich einstellten, hielt er sich an sein Lager, weil er glaubte mit den Feinden schlagen zu müssen. Auch würden die Bojer sich der Schlacht nicht geweigert haben, wenn ihnen nicht die eingelaufene 117 Nachricht von der Besiegung der Insubren den Muth gebrochen hätte. Da sie sich also mit Hinterlassung ihres Feldherrn und ihres Lagers, jeder um das Seinige zu retten, in ihre Flecken zerstreuten, veranlaßten sie den feindlichen Feldherrn, seine Maßregeln abzuändern. Denn da er die Hoffnung aufgeben mußte, durch einen einzigen Schlag zur Entscheidung zu kommen, so fing er wieder an, das Land zu verheeren, die Häuser niederzubrennen und die Flecken zu erstürmen. So wurde damals Clastidium verbrannt. Von hier führte er die Legionen gegen die Ilvaten in Ligurien, die einzigen noch ungehorsamen. Als diese Nation hörte, daß die Insubren eine Schlacht, und die Bojer sogar den Muth verloren hätten, sich auch nur auf den Versuch einer Schlacht einzulassen, ergab sie sich ebenfalls. Die Berichte der Consuln aus Gallien über ihre glücklichen Fortschritte liefen in Rom zu gleicher Zeit ein. Der Stadtprätor Marcus Sergius las sie dem Senate vor, dann auf Geheiß der Väter auch dem Volke. Es wurde ein viertägiges Dankfest angesetzt. Und nun war es schon Winter. 32. Als Titus Quinctius nach der Eroberung von Elatea schon in den auf Phocis und Locris vertheilten Winterquartieren stand, kam es in Opus zu einem Aufruhre der Parteien. Die eine rief die Ätoler, welche näher waren, die andre die Römer herein. Die Ätoler kamen zuerst herbei; allein die bedeutendere Partei schloß den Ätolern die Thore, gab dem Römischen Feldherrn Nachricht und behauptete bis zu seiner Ankunft die Stadt. Auf der Burg lag eine königliche Besatzung; und diese ließ sich so wenig durch die Drohungen der Opuntier, als durch das Machtgebot des Römischen Consuls bewegen, von dort herabzukommen. Sie sogleich zu bestürmen unterließ man, weil vom Könige ein Herold ankam, der auf Ort und Zeit zu einer Unterredung antrug. Dies wurde dem Könige nicht ungern bewilligt Id gravate]. – Drakenb. und Crev., denen ich folge, billigen Gronovs Berichtigung dieser Stelle und lesen: Id non gravate concessum regi est, quum cuperet Quinctius cet. , weil es dem 118 Quinctius lieb sein mußte, wenn die Beendigung des Krieges durch Waffenthaten und Unterhandlungen nur als sein Werk erschien. Denn er wußte noch nicht, ob nicht der eine von den beiden neuen Consuln in seine Stelle geschickt würde, oder ob man ihm den Oberbefehl verlängern werde, was ihm seine Freunde und Verwandten seinem Auftrage gemäß aus allen Kräften bewirken sollten; eine Unterredung aber schien ihm gerade dazu paßlich, daß er freie Hand behielte, sich im Falle seines Hierbleibens für den Krieg, oder wenn er abginge, für den Frieden zu entscheiden. Sie wählten das Ufer bei Nicäa am Malinischen Meerbusen. Dahin kam der König mit fünf Booten und einem Schnabelschiffe von Demetrias. Mit ihm waren zwei Erant cum eo principes]. – Weil Livius selbst Cap. 35, 8. sagt: Rex cum duobus, quos pridie adhibuerat, so vermuthet Crevier, an unsrer Stelle dürften die Namen Apollodorus et Demosthenes aus dem Polybius nachzutragen sein. Dies findet Drakenb. unnöthig. Wenn er Recht hat, so wünschte ich doch, wegen des duobus (Cap. 35.), es möchte an unsrer Stelle heißen: Erant cum eo duo principes Macedonum; und ich vermuthe, daß dieses duo wegen des unmittelbar voraufgehenden cūeo ausgefallen sei. vornehme Macedonier und der von den Achäern vertriebene Cycliadas, ein ausgezeichneter Mann. Bei dem Römischen Feldherrn waren König Amynander; Dionysodorus, Gesandter des Attalus; Agesimbrotus, Befehlshaber der Rhodischen Flotte; Phäneas, Oberhaupt der Ätoler, und die beiden Achäer, Aristänus und Xenophon. Als der König auf das Vordertheil seines vor Anker liegenden Schiffs vorgetreten war, sagte der Römische Consul, der mit seiner Begleitung bis zum Rande des Ufers herankam: «Wenn du zu uns an das Land kämest, würden wir in der Nähe von beiden Seiten besser reden und hören können.» Als der König erklärte, daß er das nicht thun werde, sprach Quinctius: «Vor wem fürchtest du dich denn?» Stolz und ganz König antwortete Philipp: «Furcht habe ich vor niemand, als vor den unsterblichen Göttern; ich traue aber nicht Allen, die ich um dich sehe, und am wenigsten den Ätolern .» – «Auf die 119 Gefahr, keinen ut nulla fides sit]. – Diese Lesart hat Gelenius mit Unrecht aufgenommen. Alle Msc. haben ut in nullo fides sit, gerade wie es der Gegensatz des Quinctius gegen die Auswahl fordert, die Philipp zwischen Ätolern und Römern machen will. Hätte Livius nicht die Tautologie gemieden, so würde er etwa so gesagt haben: Istud quidem par omnibus periculum est, qui cum hoste ad colloquium congredimur, ut eorum, qui ex hostibus ad colloquium nobiscum congrediuntur, nulli habenda fides sit, oder ne uni quidem habenda fides sit. Einzigen trauen zu dürfen,» erwiederte Quinctius, «wagen es doch Alle, die zu einer Unterredung mit dem Feinde zusammentreten.» – «Allein, wenn es hier unredlich hergehen sollte, Titus Quinctius ,» versetzte der König, «so würden doch Philipp und Phäneas sehr ungleiche Preise der Treulosigkeit sein: denn die Anstellung eines andern Prätors möchte wohl den Ätolern so schwer nicht werden, als die eines Königs in meinen Platz den Macedoniern. » Und nun erfolgte eine Stille. 33. Als der Consul behauptete, es sei schicklich, daß der zuerst rede, der die Unterredung gesucht habe; der König hingegen, den ersten Vortrag müsse der haben, der die Friedensbedingungen ertheile, nicht, wer sie annähme, so sagte der Consul: «Was er vorzutragen habe, sei sehr einfach. Denn er werde nur solche Bedingungen zur Sprache bringen, ohne deren Erfüllung sich über den Frieden nicht weiter reden lasse. Der König müsse aus allen Städten Griechenlands seine Besatzungen abführen, den Bundesgenossen des Römischen Volks alle Gefangenen und Überläufer ausliefern, den Römern die Plätze Illyricums wieder einräumen, die er nach dem in Epirus geschlossenen Frieden besetzt habe, und dem Könige Ägyptens, Ptolemäus, die nach dem Tode des Ptolemäus Philopator genommenen Städte zurückgeben. So weit die Bedingungen, welche er und die Römer zu machen hätten: doch sei es billig, auch die Forderungen der Bundesgenossen zu hören.» Der Gesandte des Königs Attalus sagte: « Philipp müsse die Schiffe und Gefangenen, die er im Seetreffen bei Chius genommen, ferner Nicephorium und den Venustempel, welche beide er 120 geplündert und verwüstet habe, so gut als unversehrt zurückgeben.» Die Rhodier forderten Peräa zurück – dies ist ein Strich des festen Landes, der Insel gegenüber, ihr uraltes Eigenthum; – ferner wollten sie die Besatzungen von Jassus, Bargyliä, der Stadt Euromum, und am Hellesponte von Sestus und Abydus abgeführt, den Byzantinern Perinthus et Panopolim Byzantiis]. – Lege: et Perinthum Byzantiis, ex Polybio et Livio ipso, I, XXXIII. c. 30. Crevier. Dasselbe behauptete schon Sigonius. Und in elf Handschriften hat dieser Name in der ersten Silbe Pe – und in der letzten um, so daß man sieht, daß bloß die unrichtig gelesenen mittleren Buchstaben dieses Worts die Abschreiber veranlasseten, Penopium, Penoplum, Penopolim, Panopolim zu schreiben. in den vertragsmäßigen Bestand ihrer alten Gerechtsame zurückgegeben, und alle Handelsplätze und Häfen Asiens in Freiheit gesetzt wissen, Die Achäer forderten Corinth und Argi zurück. Nachdem der Ätolische Prätor Phäneas fast dieselben Forderungen wie die Römer gemacht hatte, daß Griechenland geräumt und den Ätolern die Städte wiedergegeben werden müßten, über die sie ehemals Gerichtspflege und Landeshoheit gehabt hätten, so nahm nach ihm Alexander das Wort, einer der vornehmsten Ätoler und, für einen Ätoler, beredt genug. Er sagte: «Er habe lange geschwiegen, nicht etwa, weil er glaube, daß durch diese Unterredung irgend etwas werde ausgerichtet werden, sondern um keinen Redner der Verbündeten zu unterbrechen. Philipp aber unterhandle den Frieden eben so wenig mit Aufrichtigkeit, als er je mit wahrer Tapferkeit seine Kriege geführt habe. Bei den Unterhandlungen sei er der Hinterlistige, der Auflaurer; im Kriege gebe er sich nie auf freiem Felde, wage er nie eine förmliche Schlacht; sondern im Zurückflüchten verbrenne und plündere er die Städte und verderbe dem Sieger – er, der Geschlagene – den Preis des Sieges. Nicht so die alten Macedonischen Könige! die hätten ihre Kriege immer durch Schlachten geführt und der Städte so viel möglich geschont, um Oberherren eines so viel wohlhabendern Reichs zu sein. Sich selbst nichts als den Krieg übrig zu lassen, indem man das, um dessen Besitz gekämpft werde, vernichte, was das für eine 121 Maßregel sei? Im vorigen Jahre habe Philipp allein mehr Städte seiner Bundesgenossen in Thessalien verwüstet, als Alle, die je Thessaliens Feinde gewesen wären. Auch selbst den Ätolern habe er, mit ihnen im Bündnisse, mehr Städte genommen, als im offenbaren Kriege. Er habe Lysimachia mit Verjagung des Ätolischen Prätors und ihrer Besatzung weggenommen. Die Stadt Cius, die ebenfalls ihr Eigenthum sei, habe er von Grund aus umgeworfen und vernichtet; und eben so hinterlistig habe er sich in den Besitz von Theben in Phthia, von Echinus, Larissa und Pharsalus gesetzt.» 34. Philipp, gereizt durch Alexanders Rede, legte sich, um besser verstanden zu werden, mit seinem Schiffe näher an das Land. Als er sich, vorzüglich gegen die Ätoler, sehr heftig ausließ, unterbrach ihn Phäneas und sagte: «Es komme hier nicht auf Worte an, sondern entweder müsse man im Kriege Sieger sein, oder dem Überlegenen sich fügen.» Da sprach Philipp: «Das leuchtet auch einem Blinden ein;» nicht ohne Anspielung auf die Augenkrankheit des Phäneas. Er erlaubte sich gern im Witze mehr, als einem Könige anstand und konnte sieh auch in ernsthaften Dingen das Lachen nicht immer versagen. Nun begann er voll Unwillen seine Rüge, «Daß die Ätoler, als ob sie die Römer wären, ihm gebieten wollten, Griechenland zu räumen, sie, die nicht einmal anzugeben wüßten, wie weit Griechenlands Gränzen gingen. Denn Agräi, Apodoti und Amphilochi, diese zu Ätolien gehörenden Gebiete, die einen beträchtlichen Theil desselben ausmachten, seien kein Griechenland. – Können sie das mit Recht zur Klage bringen, daß ich mich an ihren Bundesgenossen vergriffen haben soll, da sie selbst von Alters her, gleich als einem Gesetze, der Gewohnheit treu bleiben, die ihren jungen Leuten bloß mit Vorbehalt der öffentlichen Genehmigung, gegen ihre eignen Bundesgenossen Dienste zu nehmen gestattet, so daß oft die einander gegenüber stehenden Heere auf beiden Seiten Ätolische Hülfsvölker aufzuweisen haben? Auch habe nicht ich Cius erstürmt, sondern dem Prusias, meinem Bundesgenossen und Freunde 122 half ich in der Belagerung: auch Lysimachia habe ich vor den Thraciern gerettet; da mich aber der Drang des gegenwärtigen Krieges von der Bewachung jener Stadt abrief, so haben jetzt die Thracier sie wieder. So viel den Ätolern. Dem Attalus aber und den Rhodiern bin ich dem Rechte nach zu nichts verpflichtet. Denn nicht von mir, sondern von ihnen ist der Krieg ausgegangen. Doch will ich aus Achtung für die Römer den Rhodiern Peräa, und dem Attalus seine Schiffe nebst den Gefangenen, so viele deren sich auffinden lassen, wiedergeben. Denn was die Wiederherstellung des Haines Nicephorium und des Venustempels betrifft, so weiß ich nicht, was ich auf diese verlangte Wiederherstellung weiter antworten soll, als daß ich – das einzige Mittel, wie niedergehauene Haine und Wälder wieder hergestellt werden können, – die Anpflanzung besorgen und bezahlen will; weil es doch einmal beliebt, daß Könige unter einander solche Forderungen machen und beantworten sollen.» Der Schluß seiner Rede ging gegen die Achäer. Hierbei ließ er, nachdem er zuerst des Antigonus, dann seine eignen Verdienste um diese Nation aufgeführt hatte, ihre Beschlüsse vorlesen, worin sie Alles, was Götter und Menschen ehren kann, auf ihn zusammenhäuften, und reihete an diese zuletzt ihren neulichen recens de exercitu ]. – Ich lese mit Crevier recens decretum. Wenn in dem Worte decretū der Strich über dem u verloschen war, so machte der eine Abschreiber daraus (s.  Drakenb. ) de exitu, der andre de exercitu. Und noch dazu sagt hier Polybius (Sigon. und Crev.) τελευται̃ον δ' ανέγνω τὸ περὶ τη̃ς αποστάσεως ψήφισμα . Vielleicht ist aber selbst das später in de exitu und de exercitu ausgeartete Wort decretū eine ältere Randglosse eines, der es nöthig fand, bei den Worten adiecit recens, quo ab se descivissent, den Leser an das voraufgehende recitari decreta eorum iussit zu erinnern. Beschluß, worin sie den Abfall von ihm erklärt hatten. Endlich, nach einer bittern Rüge ihrer Treulosigkeit, sagte er: «Er wolle ihnen dennoch Angi wiedergeben. Die Rückgabe Corinths wolle er mit dem Römischen Feldherrn in Überlegung nehmen, und zugleich bei ihm anfragen, ob seine Meinung sei, daß er bloß diejenigen Städte räumen müsse, 123 die er nach Kriegsrecht als eigne Eroberung besitze, oder auch die von seinen Vorfahren geerbten Eroberungen.» 35. Eben wollten die Achäer und Ätoler hierauf antworten, als die Unterredung, weil die Sonne nahe am Untergehen war, auf den folgenden Tag verschoben wurde, und Philipp auf seinen Ankerplatz, von wo er hergekommen war; die Römer und ihre Bundesgenossen in ihr Lager znrückgingen. Am folgenden Tage stellte Quinctius bei Nicäa, wo man der Verabredung nach sich finden wollte, zur bestimmten Zeit sich ein; allein kein Philipp Philippi nullus usquam]. – Besser mit Dukern (aus Cicero und der Lesart Philipp o ) Philippus vero nullus usquam, nec nuncius ab eo cæt. Und Drakenb. stimmet bei. ließ sich sehen, auch mehrere Stunden lang nicht einmal ein Bote von ihm; und schon glaubte niemand mehr, daß er kommen werde, als auf einmal die Schiffe sich zeigten. Er selbst sagte zwar, «Da ihm so harte und empörende Bedingungen gemacht würden, so habe er, ohne sich entschließen zu können, den Tag mit Überlegungen zugebracht.» Indeß glaubten Alle, er habe sich geflissentlich verspätet, weil dann aus Mangel an Zeit den Achäern und Ätolern nicht gestattet werden könne, ihm zu antworten. Und diese Meinung bestärkte er selbst durch die Bitte, daß ihm eine Unterredung, ohne weitere Zeugen, mit dem Römischen Feldherrn allein vergönnt sein möchte, damit die Zeit nicht über den Wortwechsel verloren ginge und doch endlich ein Abschluß möglich werde. Dies wurde nicht sogleich angenommen; man hätte sich ja den Schein gegeben, als schlösse man die Bundesgenossen von der Unterredung aus, Als aber der König mit Bitten nicht abließ, so ging, mit Zustimmung Aller, der Römische Feldherr von dem Obersten Appius Claudius begleitet, ohne die Andern mitzunehmen, an den Rand des Ufers; und der König kam mit den Beiden, die er auch gestern bei sich gehabt hatte, ans Land. Nachdem sie sich hier ziemlich lange allein unterredet hatten, kam Philipp zu den Seinigen zurück, ohne daß man weiß, wie viel er ihnen von der Unterhandlung selbst eröffnet habe. Was Quinctius 124 seinen Bundesgenossen mittheilte, war Folgendes: «Den Römern trete der König die ganze Küste Illyricums ab, gebe die Überläufer heraus und was sich an Gefangenen fände; dem Attalus die Schiffe mit den darauf zu Gefangenen gemachten Seesoldaten; den Rhodiern die Landschaft, Peräa genannt; Jassus aber und Bargyliä wolle er nicht räumen. Den Ätolern gebe er Pharsalus und Larissa zurück, nur Theben nicht. Den Achäern wolle er nicht bloß Argi, sondern auch Corinth einräumen.» Mit dieser Bestimmung der einzelnen Stücke, die er theils abtreten, theils nicht abtreten wollte, waren Alle unzufrieden, weil dadurch mehr verloren gehe, als gewonnen werde. Auch behalte er, wenn er seine Besatzungen nicht aus ganz Griechenland abführe, zu neuen Streitigkeiten immer einen Vorwand. 36. Da sich so die ganze Versammlung mit lautem Wetteifer erklärte, so drangen die Worte auch bis zu Philipp, der nur in einiger Ferne stand. Also ersuchte er den Quinctius, die ganze Sache bis auf den folgenden Tag zu verschieben: er hoffe gewiß, ihn dann zu überreden, oder werde sich von ihm überreden lassen. Für diese Zusammenkunft wurde das Ufer bei Thronium bestimmt: und sie fanden sich zeitig ein. Hier bat Philipp zuerst den Quinctius und alle Anwesenden, doch nicht absichtlich die Hoffnung des Friedens zu stören. Endlich suchte er um Frist nach, eine Gesandschaft nach Rom an den Senat zu schicken; denn er werde entweder auf diese Bedingungen den Frieden erlangen, oder die Gesetze des Friedens, die ihm der Senat gäbe, wie sie auch sein möchten, sich gefallen lassen. Die Übrigen erklärten sich durchaus dagegen, weil er nur Zeitgewinn und Aufschub suche, um seine Kräfte zu sammeln. Quinctius sagte: «Sie würden allerdings Recht gehabt haben, wenn es Sommer und Zeit zu Unternehmungen wäre. Jetzt, beim Einbruche des Winters, werde durch Bewilligung der Frist zu Absendung einer Gesandschaft nichts verloren. Denn Einmal werde ohnehin von Allem, was sie selbst mit dem Könige ausgemacht hätten, ohne des Senates Gutachten nicht 125 das Mindeste gültig sein; und zum Andern könne man ja, während der Winter selbst das Ausruhen vom Kriege nöthig mache, ein Senatsgutachten zu erfragen suchen.» Dieser Meinung traten auch die übrigen Häupter der Bundesgenossen bei, und nach Bewilligung eines Waffenstillstandes auf zwei Monate, beschlossen auch sie, jeder für ihren Theil einen Gesandten abgehen zu lassen, um den Senat gehörig zu unterrichten, damit er nicht vom Könige hintergangen würde. Der verabredete Waffenstillstand war nicht ohne den Anhang, daß alle königlichen Besatzungen aus Phocis und Locris sogleich abgeführt werden sollten. Auch Quinctius selbst ließ Gesandte abgehen, und zwar mit den Abgeordneten der Bundesgenossen den Amynander, der als König der Athamanen der Gesandschaft ein Ansehen geben sollte; ferner den Quintus Fabius – er war ein Schwestersohn von des Quinctius Gattinn – den Quintus Fulvius und Appius Claudius . 37. Nach ihrer Ankunft zu Rom wurden die Gesandten der Bundesgenossen früher vernommen, als die des Königs. Zwar verwandten sie fast ihre ganze Rede auf Schmähungen des Königs, doch machten sie vorzüglich dadurch Eindruck auf den Senat, daß sie ihm das Meer und die Länder jener Gegend der Lage nach darstellten, so daß Alle einsahen, wenn der König in Thessalien Demetrias, auf Euböa Chalcis und in Achaja Corinth im Besitze habe, so könne Griechenland nicht frei sein, und daß Philipp diese freilich nicht ohne Hohn, aber auch nicht ohne Grund, die Fußeisen Griechenlands nenne. Darauf wurden die Gesandten des Königs vorgelassen. Ob sie aber gleich zu einem langen Vortrage ausholten, so benahm ihnen doch die kurze Frage, ob der König diese drei Städte räumen werde, alle Worte, da sie selbst gestanden, daß er ihnen über diese namentlich keinen Auftrag gegeben habe. So wurden sie ohne abgeschlossenen Frieden entlassen. Quinctius bekam freie Vollmacht über Frieden und Krieg. Wie es sich also deutlich ergab, daß der Senat den Krieg noch nicht aufgebe, so gab auch Quinctius, ohnehin mehr siegs- als friedenslustig, dem Könige keine 126 weitere Unterredung, und erklärte, er werde keine neue Gesandschaft vor sich lassen, wenn sie ihm nicht die gänzliche Räumung Griechenlandes anzuzeigen habe. 38. Als Philipp sah, daß nun nur eine Schlacht entscheiden könne, und daß er dazu seine Truppen von allen Orten an sich ziehen müsse; – dann aber kam er hauptsächlich wegen der Städte des ihm so entfernten Achaja und mehr noch in Rücksicht auf Argi, als auf Corinth, in Verlegenheit – so entschloß er sich, Argi dem Lacedämonischen Zwingherrn Nabis gleichsam in Verwahrung zu geben, um sich die Stadt, wenn er siegte, von ihm zurückgeben, und wenn er Unglück hätte, sie ihn behalten zu lassen, und schrieb dem Philocles, den er über Corinth und Argi gesetzt hatte, er möge selbst mit dem Zwingherrn darüber sprechen. Philocles fügte außerdem, daß er schon mit einer Schenkung kam, zum Unterpfande der künftigen Freundschaft zwischen dem Könige und dem Zwingherrn, die Versicherung hinzu, der König wünsche seine Prinzessinnen an die Söhne des Nabis zu vermählen. Der Zwingherr sagte anfangs, er werde die Stadt unter keiner andern Bedingung annehmen, als wenn er durch einen eigenen Beschluß der Argiver zum Schutze ihrer Stadt berufen werde. Als er aber nachher erfuhr, daß sie in voller Versammlung den Namen eines Zwingherrn nicht bloß verabscheuet, sondern sogar verflucht hätten, so glaubte er sich dadurch zu ihrer Plünderung berechtigt, und hieß den Philocles ihm die Stadt übergeben, sobald er wolle. Philocles ließ bei Nacht, ehe sich dessen die Argiver versahen, den Zwingherrn in die Stadt. Mit frühem Morgen besetzte dieser die sämtlichen Anhöhen und schloß die Thore. Die Güter der Vornehmeren, deren nur wenige beim ersten Auflaufe entkommen waren, wurden in ihrer Abwesenheit geplündert; denen, die geblieben waren, wurde ihr Gold und Silber genommen und ungeheure Zahlungen auferlegt. Lieferten sie ungesäumt, so wurden sie ohne Beschimpfung und körperliche Mishandlung entlassen; war aber gegen sie der mindeste Verdacht einer Verheimlichung oder eines Zurückbehalts, so wurden 127 sie wie Sklaven zerpeitscht und gefoltert. Darauf hielt er eine Volksversammlung, in welcher er zwei Bekanntmachungen ergehen ließ, die eine, daß lauter neue Schuldbücher angefertigt, die andre, daß alle Ländereien dem Volke Mann vor Mann vertheilt werden sollten; zwei Feuerbrände in Empörungsstifterhänden, womit sie das Volk zur Wuth gegen die Vornehmen entflammen. 39. Als der Zwingherr die Stadt der Argiver in seiner Gewalt sah, schickte er, ohne daran zu denken, von wem und zu welchem Zwecke er sie bekommen hatte, Gesandte nach Elatea an den Quinctius, und an den Attalus, der auf Ägina überwinterte, mit der Anzeige: «Er habe jetzt Argi in seiner Gewalt. Wenn Quinctius zu einer Unterredung dorthin kommen wolle, so würden sie, wie er nicht zweifle, gleich über Alles einverstanden sein.» Da Quinctius, um Philippen auch dieser Unterstützung zu berauben, sich zusagte, so ließ er zugleich an den Attalus bestellen, er möchte von Ägina aus in Sicyon mit ihm zusammentreffen und er selbst ging von Anticyra mit zehn Fünfruderern, welche gerade in diesen Tagen sein Bruder Lucius Quinctius aus den Winterquartieren zu Corcyra hieher geführt hatte, nach Sicyon über. Attalus war schon hier. Durch seine Behauptung, der Zwingherr müsse zum Römischen Feldherrn kommen, nicht der Römische Feldherr zum Zwingherrn, bewirkte er, daß Quinctius ihm nachgab und nicht in die Stadt Argi selbst hineinging. Nicht weit von der Stadt ist ein Platz, Mycenica genannt. Dorthin wurde die Zusammenkunft bestellt. Quinctius kam mit seinem Bruder und einigen Obersten, Attalus mit einem königlichen Gefolge, der Achäische Prätor Nicostratus mit einigen Wenigen von den Hülfstruppen. Den Zwingherrn fanden sie schon hier, der mit allen seinen Truppen sie erwartete. Selbst bewaffnet kam er mit bewaffneten Trabanten bis in die Mitte des zwischen ihnen liegenden Feldes; Quinctius ohne Waffen mit seinem Bruder und zwei Obersten: der König, ebenfalls unbewaffnet hatte den Achäischen Prätor und einen seiner Höflinge zu beiden Seiten. 128 Den Anfang des Gesprächs machte der Zwingherr mit der Entschuldigung, daß er selbst bewaffnet und mit Bewaffneten umpflanzt zu dieser Unterredung gekommen sei, da er den Römischen Feldherrn und den König unbewaffnet sehe. «Er fürchte aber, setzte er hinzu, nicht sie, sondern die aus Argi Vertriebenen.» Als darauf die Bedingungen des Bündnisses zur Sprache kamen, machte Quinctius an den Nabis zwei Forderungen; die eine, den Krieg gegen die Achäer zu endigen; die andere, ihm gegen Philipp Hülfstruppen mitzugeben. Diese versprach er; allein statt des Friedens mit den Achäern bewilligte er ihnen einen Waffenstillstand bis der Krieg mit Philipp geendigt wäre. 40. Auch über Argi veranlaßte König Attalus einen Wortwechsel, weil er behauptete, Nabis halte die durch des Philocles Treulosigkeit ihm verrathene Stadt durch Waffengewalt im Gehorsame; Nabis hingegen, die Argiver selbst hätten ihn zu ihrem Schutze gerufen. Der König trug auf eine Versammlung der Argiver an, damit man die Wahrheit erfahren könne. Dies schlug der Zwingherr nicht ab. Allein der König setzte hinzu, er müsse, nach Abführung seiner Truppen aus der Stadt, die Versammlung frei vor ihnen auftreten lassen, da sie nur ohne Einmischung Lacedämonischer Zeugen erklären könne, was man zu Argi wünsche. Seine Truppen aber wollte der Zwingherr nicht abführen; und der ganze Wortwechsel blieb ohne Erfolg. Der Zwingherr stellte den Römern sechshundert Cretenser; zwischen dem Achäischen Prätor Nicostratus und dem Lacedämonischen Zwingherrn wurde ein Waffenstillstand auf vier Monate geschlossen, und die Unterredung ward aufgehoben. Quinctius brach von hier nach Corinth auf, und rückte mit der Cohorte Cretenser bis an das Thor, um dem Befehlshaber der Stadt, dem Philocles, den Abfall des Zwingherrn von Philipp bemerklich zu machen. Philocles kam auch zu einer Unterredung mit dem Römischen Feldherrn heraus, und gab auf dessen Antrag, jetzt gleich zu ihm überzutreten und die Stadt zu übergeben, eine 129 Antwort, welche mehr den Zögernden, als den Weigernden verrieth. Von Corinth setzte Quinctius nach Anticyra über, und schickte von da, die Acarnanen zum Übertritte zu bewegen, seinen Bruder an sie. Attalus brach von Argi nach Sicyon auf. Hier vermehrte nicht nur die Bürgerschaft ihrerseits die alten Beschlüsse zu Ehren des Königs mit neuen, sondern auch der König beschenkte sie außerdem, daß er schon ein dem Apollo heiliges Grundstück für eine große Summe eingelöset hatte, auch jetzt, um gegen die Stadt seiner Bundesgenossen und Freunde bei seiner Durchreise nicht unfreigebig zu sein, mit zehn Talenten Silber Nach Crevier über 12000 Thaler. Nach ihm beträgt der Attische Medimnus sechs Pariser Maß. und zehntausend Attischen Scheffeln Korn. Und so kehrte er nach Cenchreä zur Flotte zurück. Nabis, der nach verstärkter Besatzung zu Argi, nach Lacedämon ebenfalls zurückging, schickte, weil er selbst die Männer geplündert hatte, nun auch zur Beraubung der Frauen die Seinige nach Argi. Sie lud bald einzelne Vornehme, bald mehrere mit einander verwandte zugleich zu sich, und durch Schmeicheleien und Drohungen nahm sie ihnen nicht nur ihr Gold, sondern zuletzt auch ihre Kleider und allen weiblichen Putz. Drei und dreissigstes Buch. Jahre Roms 555 – 557. 132 Inhalt des drei und dreissigsten Buchs. Titus Quinctius Flamininus macht als Proconsul durch den Sieg über Philipp bei Cynoscephalä dem Kriege ein Ende. Lucius Quinctius Flamininus, des Proconsuls Bruder, nöthigt die Acarnanen durch Eroberung ihrer Hauptstadt Leucas zur Übergabe. Der Prätor Cajus Sempronius Tuditanus wird mit seinem Heere von den Celtiberern niedergehauen. Attalus läßt sich von Theben, wo er plötzlich befällt, nach Pergamus bringen und stirbt. Philipp erhält auf seine Bitte den Frieden, und Griechenland die Freiheit. Die Consuln Lucius Furius Purpureo und Claudius Marcellus bezwingen die Bojer und Insubrischen Gallier. Marcellus triumphirt. Hannibal, der vergebens Africa zum Kriege zu bringen sucht und deswegen von den Häuptern seiner Gegenpartei schriftlich in Rom angegeben wird, rettet sich vor den Römern, welche seinetwegen den Senat zu Carthago beschieden, durch die Flucht zum Syrischen Könige Antiochus, der sich gegen die Römer zum Kriege rüstet. 133 Drei und dreissigstes Buch. 1. So weit, was während des Winters geschah. Mit Frühlingsanfange berief Quinctius den Attalus nach Elatea, zog in der Absicht, die noch immer in Unentschiedenheit schwankenden Böotier sich zu unterwerfen, durch Phocis, und lagerte sich fünftausend Schritte von Theben, der Hauptstadt Böotiens. Von hier machte er sich am folgenden Tage auf den Weg zur Stadt, begleitet von den Soldaten Einer Fahne, vom Attalus und von den Gesandschaften, welche sich zahlreich von allen Orten her bei ihm eingefunden hatten, und hatte vom ersten Treffen seiner Legionen iussis legionis hastatis]. – Für die Anzahl der Hastaten von Einer Legion sind 2000 zu viel, und für zwei zu wenig. Also folge ich der von Hrn.  Walch vorgeschlagenen Lesart legionariis statt legionis; so daß, wie die Zahl 2000 beweiset, mehr als von Einer, und weniger als von zwei Legionen verstanden werden. einer Anzahl, welche zweitausend Mann betrug, Befehl gegeben, in einer Entfernung von tausend Schritten ihm zu folgen. Fast auf halbem Wege kam ihm der Böotische Prätor Antiphilus entgegen; indeß die übrige Volksmenge von der Mauer den Römischen Feldherrn und den König aus der Ferne herankommen sah. Sie bemerkte um diese her nur einzelne Waffen und wenig Soldaten: denn die weiter hinten nachkommenden Legionsoldaten wurden ihr durch die Krümmungen der Wege und dazwischen liegende Thäler verdeckt. Als sich Quinctius jetzt der Stadt näherte, ging er, gleich als bezeigte er dem ihm entgegenkommenden Schwarme seine Achtung, etwas langsamer. Er weilte aber absichtlich, damit die vom ersten Treffen nachkommen sollten. Die Bürger Oppidani, ante lictorem turba acta]. – Ich folge der Gron. und Drakenb. Lesart: lictorum turba acti, aus zwei Gründen. 1) Sollte Livius die Bürger, die er zwei Zeilen vorher turbam egredientem genannt hatte, hier schon wieder turbam nennen? 2) Hat nicht Drakenb. Recht, wenn er sagt: Videat Doujatius, quo iure tueatur vulgatum ante lictorem, quum Quinctius duodecim lictores habuerit. Nur mußte Drakenb. das ante nicht in autem verwandeln wollen, da es hier als Gegensatz des insecutum agmen nöthig ist. Ich vermuthe, hinter ante sei das so oft einzeln geschiedene r weggefallen, und lese, wie ich übersetzt habe: Oppidani, ante Romanum lictorum turba acti u. s. w. Man vergl. Cap.=31. Note 726 . , die 134 vor dem Quinctius her von der Menge Lictoren vorausgedrängt wurden, erblickten den sogleich nachgekommenen Zug von Bewaffneten nicht eher, als vor dem Absteigequartiere des Feldherrn. Da geriethen sie alle, in der Meinung, die Stadt sei durch die List ihres Prätors Antiphilus verrathen und erobert, in Staunen; und sie sahen wohl ein, daß in der Versammlung, welche den Böotiern auf den folgenden Tag angesetzt wurde, ihnen keine freie Berathschlagung übrig bliebe. So verbargen sie ihren Schmerz, den sie freilich auch vergebens und nicht ohne Gefahr geäußert haben würden. 2. In der Versammlung hatte Attalus den Vortrag zuerst. Er sprach anfangs von seiner Vorfahren und seinen eignen Verdiensten sowohl um ganz Griechenland insgesamt, als um die Nation der Böotier insbesondre, wurde aber, weil er schon zu bejahrt und zu schwach war, die Anstrengung des Redens auszuhalten, plötzlich stumm und sank nieder. Während man den König aufhob und den an einer Seite Gelähmten an Ort und Stelle brachte, war die Versammlung eine Zeitlang unterbrochen. Dann trat Aristänus, der Achäer Prätor, auf, und redete mit so viel mehr Gewicht, weil er den Böotiern gerade dasselbe empfahl, was er den Achäern empfohlen hatte. Nach ihm fügte Quinctius nur wenig Worte hinzu, in denen er mehr der Römer Redlichkeit, als ihre Waffen und ihre Macht hervorhob. Darauf wurde der Antrag, mit den Römern in ein Bündniß zu treten, welchen Dicäarchus von Platää vorschlug und ablas, von allen Staten Böotiens, da niemand zu widersprechen wagte, einstimmig angenommen und zur Verordnung gemacht. Quinctius, der nach Entlassung der Versammelten nur so lange in Theben verweilte, als der plötzliche Zufall des Attalus es forderte, 135 ließ ihn nun, da er sah, daß das Übel keine augenblickliche Lebensgefahr, sondern eine Lähmung zur Folge habe, zu der nöthigen körperlichen Pflege hier, und ging nach Elatea, von wo er hieher gekommen war, mit dem Bewußtsein zurück, nun auch die Böotier, wie vorhin die Achäer, gewonnen zu haben; und da er beide gesichert und als Freunde sich im Rücken ließ, in seinen Entwürfen nur mit Philipp und dem noch übrigen Kriege beschäftigt. 3. Auch Philipp war mit dem Anfange des Frühlings, als seine Gesandten keinen Frieden von Rom zurückbrachten, darüber aus, in allen Städten seines Reichs Truppen auszuheben, so sehr es auch an Dienstfähigen fehlte. Denn die seit mehreren Menschenaltern fortdaurenden Kriege hatten die Macedonier weggerafft: selbst unter seiner Regierung war in den Kriegen zur See mit den Rhodiern und dem Attalus, und zu Lande gegen die Römer eine große Anzahl gefallen. Also nahm er auch junge Leute von sechzehn Jahren unter die Truppen, und Manche, die schon über die Dienstjahre hinaus waren, wurden, wenn sie nur noch einige Körperkraft hatten, wieder zu den Fahnen gerufen. Als er so sein Heer ergänzt hatte, zog er nach der Frühlingsgleiche seine ganze Macht bei Dium zusammen, nahm hier ein Standlager und erwartete unter täglicher Übung seiner Truppen den Feind. Auch Quinctius kam fast in denselben Tagen nach seinem Aufbruche von Elatea, vor Thronium und Scarphäa vorbei, nach Thermopylä. Die nach Heraclea beschiedene Versammlung der Ätoler, die darüber zu Rathe gingen, in welcher Stärke sich ihre Kriegsvölker den Römern anschließen sollten, hielt ihn hier auf. Nach drei Tagen, als er über die Beschlüsse seiner Bundesgenossen gewiß war, rückte er von Heraclea bis Xyniä, bezog auf der Gränze der Änianen und Thessalier ein Lager und wartete auf die Ätolischen Hülfstruppen. Und die Ätoler blieben nicht lange aus. Unter Anführung des Phäneas kamen zweitausend Mann zu Fuß, vierhundert zu Pferde. Um niemand in Zweifel zu lassen, worauf er gewartet habe, brach 136 Quinctius sogleich auf. Als er auf das Gebiet von Phthiotis gekommen war, stießen fünfhundert Cretenser von Gortyne unter Anführung des Cydas zu ihm, und dreihundert Apolloniaten, mit jenen fast von gleicher Bewaffnung; bald darauf auch Amynander mit tausend zweihundert Mann Athamanischer Fußvölker. Da Philipp auf die Nachricht vom Aufbruche der Römer aus Elatea, weil es jetzt Entscheidung galt, seine Truppen ermuntern zu müssen glaubte, so kam er, nach den schon mehrmals wiederholten Schilderungen von der Tapferkeit ihrer Vorfahren und von dem Kriegsruhme der Macedonier, auch auf das, was ihnen gerade jetzt den Muth benahm, und eben so, was sie zu einiger Hoffnung erheben konnte. 4. Der Einen am Flusse Aous, in einem Engpasse, erlittenen Niederlage stellte er die dreimalige Territa Macedonum Phalange]. – Nach Gron. und Drakenb. ter a Mac. phal. Besiegung der Römer durch den Macedonischen Phalanx vor Atrax entgegen. «Und selbst daran, daß sie dort die besetzt gehabte Klause von Epirus nicht behauptet hatten, wären zuerst diejenigen Schuld gewesen, die ihre Posten vernachlässigt hätten, und nachher, im Gefechte selbst, die leichten Truppen und Miethsoldaten. Der Macedonische Phalanx aber habe damals Stand gehalten, und werde auch immer auf gleichem Kampfboden und in ordentlicher Schlacht unüberwindlich bleiben.» Es waren ihrer sechzehntausend Mann, der ganze Kern seiner Kriegsmacht und seines Reichs. Hierzu kamen zweitausend Rundschildner; dort heißen sie Peltasten; und an Thraciern und Illyriern – dieser Volksstamm hat den Namen der Trallen – von jeden ebenfalls zweitausend; ferner aus mehrern Völkern gemischte, für Sold gedungene, Hülfstruppen, fast tausend Mann; und zweitausend zu Pferde. Mit diesen Truppen erwartete der König den Feind. Die Römer waren fast eben so stark; nur an Reuterei waren sie durch den Beitritt der Ätoler ihm überlegen. 5. Als Quinctius mit seinem Lager bis an 137 Phthiotisch-Theben gekommen war, so ging er, weil er sich Hoffnung machte, Timon, einer der vornehmsten Einwohner, solle ihm die Stadt verrathen, mit einer kleinen Bedeckung von Reuterei und Leichtbewaffneten an die Mauer. Allein diese Hoffnung schlug so gänzlich fehl, daß es nicht allein mit den Herausfallenden zum Gefechte kam, sondern er auch selbst in die drohendste Gefahr gerathen sein würde, wenn nicht schleunig Fußvolk und Reuterei aus dem Lager herbeigerufen und ihm zu rechter Zeit zu Hülfe gekommen wären. Da auch die zu leicht gefaßte Hoffnung nicht den mindesten Erfolg gewährte, so stand er zwar für jetzt von allen weiteren Versuchen auf die Stadt ab; weil er indeß sichere Nachricht hatte, daß der König schon in Thessalien stehe, ohne jedoch zu wissen, in welche Gegend er sich gewandt habe; so ließ er seine Soldaten auf das Land ausgehen, um Schanzpfähle zu hauen und zuzurichten. Des Schanzpfahls bedienten sich auch die Macedonier und Griechen, wußten aber dessen Gebrauch weder mit einer Bequemlichkeit für den Träger, noch mit der Festigung des Werkes selbst zu vereinigen. Denn die Bäume, die sie fälleten, waren größer und hatten mehr Zweige, als daß der Soldat unter den Waffen sie hätte tragen können; und wenn sie ihr Lager mit diesen vorgepflanzten Pfählen verzäunt hatten, so war die Niederreißung ihres Pfahlwalls ein leichtes Werk. Denn weil die ragenden Stämme der großen Bäume viel zu einzeln standen, und die vielen und starken Zweige der Hand den festen Zugriff gestatteten, so rissen zwei, höchstens drei junge Leute, wenn sie ihre Kraft anwandten, zwar nur Einen Baum aus; allein wenn dieser ausgerissen war, so war auch sogleich eine Öffnung da, wie ein Lagerthor, und nichts bei der Hand, womit man diese hätte verrammeln können. Die Römer hingegen hauen sich leichtere, meistentheils nur zweizackige Schanzpfähle, oder bifurcos plerosque et trium]. – Weil Drakenb. über dieses et nichts anmerkt, so folge ich Crev., welcher statt dessen vel lieset. Auch Polyb. hat δύο κεραίας ή τρει̃ς έχουσιν οι χάρακες, ότι δὲ πλείστας, τέτταρας. mit 138 drei, höchstens vier Ästen, so daß der Soldat, die Waffen auf dem Rücken, ihrer mehrere zugleich bequem tragen kann; dann zwängen sie auch die Äste so dicht über und durch einander, daß man weder deutlich bemerken kann, zu welchem Auswuchse jeder Stamm Ut neque quæ]. – Wenn das hier Fehlende, wie Crevier vorschlägt und Drakenb. billigt, aus Polybius ersetzt werden soll, so ließe sich annehmen, der Abschreiber sei so viel leichter irre geworden, wenn Livius geschrieben hätte: ut neque cuius quisque stipes palmæ, nec quæ cuiusque stipitis palma sit, pervideri possit. Die fünf cursiv gedruckten Worte hinter neque wären dann die ausgefallenen; und sie fielen wegen des neque – nec quæ aus. , noch zu welchem Stamme jeder Auswuchs gehört: und die spitzen, in einander greifenden Schrägläufer lassen zum Durchstecken einer Hand so wenig Platz, daß es, eben weil die in einander geschobenen Äste, sich gegenseitig festhalten, so wenig möglich ist, etwas zu fassen, um daran ziehen zu können, als dieses selbst wegzuziehen: und würde ja einer ausgerissen, so macht er nur eine unbedeutende Öffnung, und wie leicht läßt sich an seine Stelle ein andrer hinsetzen. 6. Als sich Quinctius am folgenden Tage nach einem mäßigen Marsche – auf welchem der Soldat seine Schanzpfähle mit sich trug, um allenthalben zum Lagerschlagen bereit zu sein – fast sechstausend Schritte von Pherä gelagert hatte; so schickte er Späher aus, sich über den Standort der Feinde in Thessalien und ihre Vorkehrungen zu erkundigen. Der König stand in der Gegend von Larissa; und als er den Aufbruch der Römer von Theben nach Pherä erfuhr, zog er, ebenfalls mit dem Wunsche, je eher je lieber mit einer Schlacht fertig zu werden, dem Feinde entgegen und lagerte sich etwa viertausend Schritte von Pherä. Die leichten Truppen, die von hier Tags darauf von beiden Seiten zur Besetzung der Hügel oberhalb der Stadt ausgeschickt wurden, machten fast in gleicher Entfernung von der zu besetzenden Anhöhe, als sie einander gewahr wurden, Halt, und erwarteten ruhig ihre Boten, die sie mit der Anfrage, wie sie sich gegen den ihnen unvermuthet aufgestoßenen Feind zu verhalten hätten, ins 139 Lager zurückgeschickt hatten. Und für heute wurden sie, ohne sich in einen Kampf einzulassen, in ihr Lager zurückgerufen. Am folgenden Tage kam es an eben diesen Höhen zu einem Gefechte der Reuterei, in welchem hauptsächlich durch Mitwirkung der Ätoler die Königlichen geschlagen und in ihr Lager getrieben wurden. Sich hier weiter einzulassen, sahen sich beide Theile durch die mit vielen Bäumen besetzte Gegend nicht wenig gehindert, ferner durch die in den Umgebungen der Städte gewöhnlichen Gartenanlagen und Wege, die durch Planken beengt und hin und wieder ganz ohne Ausweg waren. Also ergriffen beide Feldherren die Maßregel, diese Gegend zu räumen, und beide zogen, als hätten sie es verabredet, nach Scotussa; Philipp in der Hoffnung, dort Getreide zu finden; Quinctius, als der Voraufeilende, dies dem Feinde zu verderben. Den ganzen Tag über gingen die Züge, von einer langen Bergkette geschieden, ohne einander irgendwo zu Gesicht zu kommen. Bei Eretria in Phthiotis bezogen die Römer ein Lager, Philipp oberhalb dem Flusse Onchestus. Nicht einmal am folgenden Tage, als Philipp schon bei dem im Scotussilischen Gebiete sogenannten Melambium, Quinctius bei Thetidium im Pharsalischen sein Lager genommen hatte, wußten die Einen, oder die Andern, mit Gewißheit, wo der Feind stehe. Am dritten Tage hielt anfangs ein herabströmender Platzregen, dann eine nachtähnliche Dunkelheit die Römer aus Furcht vor einem Hinterhalte in ihrem Lager. 7. Ohne sich durch die nach dem Regengusse auf die Erde herabgesunkenen Nebelwolken abhalten zu lassen, befahl Philipp, um schleunig weiter zu kommen, den Aufbruch. Allein der dicke Nebel verdunkelte das Tageslicht so sehr, daß weder die Fahnenträger den Weg, noch die Soldaten die Fahnen erkennen konnten, und das Heer, auf jedes halbgehörte Geschrei hin- und herschwankend, wie in nächtlicher Verirrung durch einander lief. Als sie die Hügel, welche die Hundsköpfe (Cynoscephalä) heißen, überstiegen hatten, ließen sie hier einen starken Posten Fußvolk und Reuterei und schlugen ein Lager. Der 140 Römische Feldherr, ob er gleich in seinem Lager bei Thetidium blieb, schickte dennoch, um den Stand des Feindes auszuspähen, zehn Geschwader Reuterei und tausend Mann leichter Truppen aus, nicht ohne Warnung, vor jedem Hinterhalte auf ihrer Hut zu sein, den ein so dunkler Tag selbst in offener Gegend verdecken könne. Als diese an die besetzten Höhen kamen, blieben beide Theile, von gegenseitiger Bestürzung gleichsam gelähmt, in Unthätigkeit. Sobald sich aber, nach Absendung ihrer Boten an die Feldherren ins Lager, der erste Schrecken des unerwarteten Anblicks gelegt hatte, setzten sie den Kampf nicht länger aus. Anfangs war das Gefecht nur eine Neckerei einiger Vorsprengenden; dann wurde es durch die den zurückgetriebenen Ihrigen zu Hülfe Eilenden allgemeiner; und da die Römer, die ihm durchaus nicht gewachsen waren, ihrem Feldherrn durch Boten über Boten sagen ließen, sie litten Noth; so schickte er ihnen sogleich fünfhundert Mann Reuterei und zweitausend zu Fuß, meistens Ätoler, von zwei Obersten geführt, wodurch sie wieder in den Vortheil kamen; und nun waren umgekehrt die Macedonier die Leidenden, die bei ihrem Könige um Hülfe flehen ließen. Weil er aber einen großen Theil von Truppen aller Art auf Futterholung ausgeschickt hatte – denn bei dem Alles einhüllenden Nebel hatte er heute nichts weniger, als ein Treffen, erwartet – so war er in unschlüssiger Verlegenheit. Als aber die Boten dringender wurden, der Nebel die Gipfel der Berge schon aufgedeckt hatte, und die Macedonier sichtbar wurden, die auf einen über die andern merklich hervorragenden Hügel gedrängt, sich mehr durch den Ort als mit ihren Waffen behaupteten; so glaubte er, er müsse es nun, es möge gehen, wie es wolle, um die im Stiche Gelassenen nicht ganz zu verlieren, zur völligen Entscheidung kommen lassen, und schickte den Anführer der Miethsoldaten, Athenagoras, mit allen Hülfstruppen, die Thracier ausgenommen, und der Macedonischen und Thessalischen Reuterei. Durch diese Anrückenden von der Höhe herabgetrieben hielten die Römer nicht 141 eher wieder Stand, bis sie in das flache Thal kamen. Daß sie nicht in völliger Flucht hinuntergesprengt wurden, verdankten sie hauptsächlich der Reuterei der Ätoler: denn zu Pferde waren diese damals in Griechenland bei weitem die besten; in den Truppen zu Fuß thaten es ihnen ihre Nachbaren zuvor. 8. Die Nachricht hiervon, die im Verhältnisse mit dem Erfolge des Gefechts viel zu erfreulich klang, da von den aus dem Treffen Zurückeilenden Einer über den Andern laut versicherte, die Römer nähmen voll Bestürzung die Flucht, bewog den König, so ungern und zögernd er einwilligte, und selbst äußerte, es sei viel zu gewagt; ihm gefalle eben so wenig die Gegend, als die Zeit; dessen ungeachtet, mit allen seinen Truppen zur Schlacht auszurücken. Dasselbe that auch der Römische Feldherr, mehr vom Zwange, als von irgend einem begünstigenden Umstande zur Schlacht aufgefordert. Er ließ seinen rechten Flügel, vor dessen Fahnen er die Elephanten aufpflanzte, im Hintertreffen; den linken und die sämtlichen leichten Truppen führte er gegen den Feind, mit der Erinnerung: «Sie würden mit denselben Macedoniern zu fechten haben, welche sie am Eingangspasse von Epirus, aus ihren Verschanzungen hinter Bergen und Flüssen, selbst mit Besiegung des nachtheiligen Kampfbodens, verjagt und durch den Angriff in Linie hinausgestürmt hätten; mit denselben, die schon früher von ihnen unter Anführung des Publius Sulpicius geschlagen wären, als sie ihnen den Eingang in Eordäa hätten sperren wollen. Das Macedonische Reich habe bis jetzt auf seinem Rufe, nicht auf eigner Kraft, dagestanden. Endlich sei auch dieser Ruf verschollen.» Schon war er bei den unten im Thale stehenden Seinigen angelangt, die bei der Ankunft ihres Heeres und Feldherrn das Gefecht erneuerten, in den Feind eindrangen und ihn abermals warfen. Philipp ging mit den Leichtbeschildeten und dem rechten Flügel seines Fußvolks, dem Kerne des Macedonischen Heers, der sogenannten Phalanx, in vollem Laufe gegen den Feind. Dem Nicanor, einem der Ersten seines 142 Hofes, befahl er, mit den übrigen Truppen ihm sogleich zu folgen. Zuerst, als er auf die Höhe gelangte, und sah, weil hier feindliche Waffen und Körper lagen, daß hier das Treffen gewesen sei, daß die Römer von hier zurückgetrieben waren und daß jetzt schon nahe am feindlichen Lager gefochten werde, fühlte er sich von außerordentlicher Freude gehoben. Bald aber, als die Seinigen zurückflohen und jetzt der Schrecken auf sie überging, blieb er in der Verlegenheit ein Weilchen ungewiß, ob er seine Truppen in das Lager znrückziehen sollte. Als darauf die Feinde näher kamen, und ihm selbst, außerdem daß seine Leute im Rücken niedergehauen wurden und ohne Unterstützung verloren waren, nicht einmal ein sicherer Rückzug blieb; so stellte er, nunmehr gezwungen, Alles zu wagen, obgleich ein Theil seiner Truppen noch nicht nachgekommen war, die Reuterei und die Leichtbewaffneten, die schon im Treffen gewesen waren, auf den rechten Flügel. Die Leichtbeschildeten und der Phalanx der Macedonier hieß er die Lanzen niederlegen, weil ihnen ihre Länge hinderlich war, und mit dem Schwerte fechten. Zugleich gab er, damit die Linie nicht so leicht durchbrochen würde, dadurch, daß er die Stirnlänge um die Hälfte verkürzte, den in die Tiefe gedehnten Gliedern eine Verdoppelung, so daß seine Linie mehr Höhe, als Breite hatte: auch ließ er die Glieder zusammenrücken, daß Mann an Mann, Waffe an Waffe schloß. 9. Sobald Quinctius die im Treffen gewesenen Truppen in seine Fahnen und Glieder aufgenommen hatte, ließ er die Trompete das Zeichen geben. Nicht leicht soll sich bei dem Anfange einer Schlacht ein so starkes Geschrei erhoben haben: denn es traf sich so, daß es beide Linien zugleich anstimmten, und nicht bloß die schon Fechtenden, sondern auch die Hintertreffen und Alle, die jetzt erst zur Schlacht sich einfanden. Auf dem rechten Flügel hatte der König, hauptsächlich durch Begünstigung des Kampfbodens, die Oberhand, denn er focht von höheren Hügelstellen herab: auf seinem linken, wo eben jetzt der Theil des Phalanx ankam, der im Zuge den letzten Platz gehabt 143 hatte, lief Alles in voller Unordnung durch einander. Die Truppen im Mitteltreffen, welches dem rechten Flügel näher stand, gaben Zuschauer eines Kampfes ab, der sie nichts anzugehen schien. Der eben phalanx, quae venerat]. – Ich folge der von Crevier vorgeschlagenen und von Drakenb . nicht gemisbilligten Lesart: phalanx, quae modo venerat. angekommene Phalanx, einem Zuge ähnlicher, als einer Linie, und mehr zum Marsche geeignet, als zur Schlacht, hatte kaum die Höhe erstiegen. Da ließ Quinctius, ob er gleich seinen linken referentes in dextro cornu suos]. – Daß dies nicht der rechte Flügel war, sondern der linke, lehrt der Zusammenhang und die Critiker sind darüber eins. Einige wollen in lævo lesen, Andre in altero. Wenn ich mir aber erklären soll, wie es zuging, daß der Abschreiber den Fehler machte, so muß ich annehmen, daß es hier in sinistro geheißen habe. Waren die Worte referente sin sinistro, wie das oft in sehr alten Msc. der Fall ist, ohne Zwischenraum zusammengeschrieben, so veranlaßte das erste sin den Abschreiber, das zweite wegzulassen, und von dem noch übrigen istro war der Platz für das kürzere dextro paßlicher, als für das längere sinistro. Flügel weichen sah, zuerst die Elephanten auf den Feind, und that dann auf diese Ungeordneten einen Angriff, weil er darauf rechnete, daß der geschlagene Flügel alles Übrige mit sich fortreißen werde. Der Erfolg blieb nicht zweifelhaft. Die Macedonier gaben sogleich den Rücken preis, da sie schon im ersten Schrecken vor den Unthieren sich abgewandt hatten. Nun verfolgten die übrigen Römer diese Geschlagenen. Einer aber von ihren Obersten entschloß sich auf der Stelle, mit zwanzig Fahnen den offenbar siegenden Flügel der Seinigen zu verlassen, und fiel durch einen kurzen Umweg den rechten Flügel der Feinde von hinten an. Durch einen Angriff im Rücken würde er jedes Heer in Unordnung gebracht haben: hier aber kam zu der Verwirrung, die unter solchen Umständen gewöhnlich auch Andre trifft, noch das hinzu, daß der schwere und unbewegliche Phalanx der Macedonier sich nicht schwenken konnte, und daß ihm dies auch die Feinde nicht erlaubten, die nun, da sie noch kurz zuvor gewichen waren, als die Angreifenden auf die Muthlosen eindrangen. Auch waren die Macedonier jetzt durch den Ort im Nachtheile, weil sie die Höhe, wo sie den Kampf von oben 144 gehabt hatten, während sie den Geschlagenen bergabwärts nachdrangen, dem hinter ihnen herumgezogenen Feinde in Besitz gegeben hatten. Umzingelt, wurden sie eine Zeitlang niedergehauen; dann ergriffen sie, meistens mit Wegwerfung ihrer Waffen, die Flucht. 10. Philipp machte sich anfangs mit einer kleinen Bedeckung von Fußvolk und Reuterei auf einen über die andern ragenden Hügel, um zu sehen, was die Seinigen auf dem linken Flügel für Glück hätten. Als er sie hier in voller Flucht davonstürzen sah, sah, daß alle Höhen umher von Römischen signis atque armis fulgere, tum]. – Das hier irgendwo ausgefallene Wort Romanis glaubt Gronov in dem tum gefunden zu haben, welches aus dem unrecht gelesenen rom. entstanden sei. Perizonius aber nimmt das tum in Verbindung mit deinde gegen ihn nicht mit Unrecht in Schutz. Sollte hier vielleicht ursprünglich so gestanden haben? et rom. omnia circa iuga d. i. et Romanis omnia circa iuga signis atque armis fulgere. Dann wäre wegen des om in omnia das voraufgehende rom. weggefallen. Fahnen und Waffen blitzten, da verließ auch er die Schlacht. Quinctius, der den Fliehenden nachsetzte, machte plötzlich, weil er die Macedonier ihre Lanzen emporrichten sah, und sich ihre Absicht nicht erklären konnte, bei dieser für ihn neuen Erscheinung einen Augenblick Halt. Als er hörte, dies sei das gewöhnliche Zeichen der Macedonier, wenn sie sich ergeben wollten, so war es sein Wille, der Besiegten zu schonen. Allein die Soldaten, die eben so wenig wußten, daß der Feind hiedurch alle Gegenwehr aufgebe, als was die Meinung ihres Feldherrn sei, fielen über sie her; und da die Vordersten niedergehauen waren, sprengten die Übrigen zur Flucht aus einander. Der König eilte in vollem Laufe nach Tempe. Hier blieb er einen Tag bei Gonni stehen, um die vom Treffen etwa noch Übriggebliebenen in Empfang zu nehmen. Voll Hoffnung auf Beute brachen die siegreichen Römer in das feindliche Lager, fanden es aber großentheils schon von den Ätolern geplündert. An dem Tage fielen achttausend Feinde, fünftausend wurden Gefangene. Die Sieger vermißten ihrerseits gegen siebenhundert Mann. Wollte man dem Valerius glauben, der in allen Stücken 145 die Zahlen unmäßig vergrößert, so wären an diesem Tage vierzigtausend Feinde gefallen; gefangen wären – und hier ist die Lüge bescheidener – fünftausend siebenhundert, und zweihundert einundvierzig Kriegsfahnen erbeutet. Auch Claudius giebt die Zahl der erschlagenen Feinde auf zweiunddreißig tausend an, der Gefangenen auf viertausend dreihundert. Ich habe mich nicht gerade an die kleinste Zahl halten wollen, sondern bin dem Polybius gefolgt, einem Schriftsteller, der überhaupt in der Römischen Geschichte, und vorzüglich wenn ihr Schauplatz Griechenland ist, nicht unter die Unzuverlässigen gehört. 11. Als Philipp die durch mancherlei Unfälle der Schlacht zerstreuten Flüchtlinge, die seiner Spur gefolgt waren, gesammelt, und Leute nach Larissa geschickt hatte, die königlichen Papiere zu verbrennen, um sie nicht in Feindes Hände kommen zu lassen, zog er sich nach Macedonien. Quinctius, der die Gefangnen und die Beute verkauft, zum Theile auch den Soldaten überlassen hatte, brach nach Larissa auf, ohne bis jetzt mit Sicherheit zu wissen, in welche Gegend sich der König gewandt habe und was er für Vorkehrungen treffe. Dorthin kam ein königlicher Herold, dem Scheine nach eines Waffenstillstandes wegen, während dessen die in der Schlacht Gefallenen zur Beerdigung abgeholt werden könnten, in der That aber, sich die Erlaubniß zu erbitten, Gesandte schicken zu dürfen. Der Römische Feldherr bewilligte ihm beides, und gab ihm noch die Bestellung mit, dem Könige zu sagen, Er möge gutes Muths sein; wodurch sich vorzüglich die Ätoler beleidigt hielten, die schon jetzt die Aufgebrachten waren und sich beschwerten, daß der Sieg den Feldherrn zu einem ganz Andern gemacht habe. «Vor der Schlacht habe er immer über jeden wichtigen und unwichtigen Gegenstand mit seinen Bundesgenossen sich besprochen; jetzt hätten sie an allen seinen Entschließungen keinen Theil; er verfahre in allen Stücken nach eigner Willkür; schon lege er es bei Philipp darauf an, ihn sich allein verbindlich zu machen, daß also die Ätoler die ganze Last und Gefahr des Krieges getragen 146 haben sollten, und die Römer allen Dank und Vortheil vom Frieden sich selbst zuwendeten.» Auch hatten sie unstreitig an Achtung nicht wenig verloren, ohne doch den Grund der Zurücksetzung zu wissen. Nach ihrer Meinung sah der Mann, dessen Geist einer solchen Begierde nie erlag, nach Geschenken vom Könige aus; er aber hatte theils seine Gründe, auf die Ätoler unwillig zu sein, da ihre Gier nach Beute so unersättlich war, und sie mit einer Anmaßung, deren hoher Ton jedes Ohr beleidigte, die Ehre des Sieges an sich zu reißen suchten; theils sah er, wenn Philipp ganz vernichtet würde, da jetzt die Macht des Macedonischen Reiches gebrochen sei, in den Ätolern die künftigen Tyrannen Griechenlands. Eben deswegen that er geflissentlich Manches, wodurch nicht allein ihr Werth und ihre Wichtigkeit allenthalben geschmälert, sondern dies auch bemerklich werden mußte. 12. Er hatte dem Feinde einen Waffenstillstand von funfzehn Tagen bewilligt und eine Unterredung mit dem Könige selbst zugesagt. Ehe die gesetzte Zeit herankam, berief er die Bundesgenossen zu einem Kriegsrathe, und brachte die Bestimmung der Friedensbedingungen zur Umfrage. Amynander, der König der Athamanen, gab seine Stimme mit den wenigen Worten ab: «Der Friede müsse so geschlossen werden, daß Griechenland auch in Abwesenheit der Römer völlig im Stande sei, zugleich Frieden und Freiheit zu behaupten.» Die Ätoler drückten sich härter aus. Nachdem sie als Einleitung Einiges darüber gesagt hatten, «daß der Römische Feldherr sehr recht und dem Herkommen gemäß handle, wenn er diejenigen, die er zu Bundesgenossen im Kriege gehabt habe, auch an den Berathschlagungen des Friedens Theil nehmen lasse,» meinten sie, «Er habe völlig Unrecht, wenn er sich einbilde, er werde sowohl den Römern den Frieden, als den Griechen ihre Freiheit hinlänglich gesichert hinterlassen, ohne Philipp entweder das Leben, oder das Reich zu nehmen. Und beides sei ihm doch, wenn er sein Glück verfolgen wolle, so leicht.» Hierauf erwiederte Quinctius: «Die Ätoler wären 147 bei der Abgabe ihrer Stimme so wenig der Römischen Sitte eingedenk, als gegen sich selbst ohne Widerspruch geblieben. Sie selbst hätten in allen früheren Zusammenkünften und Unterredungen über die Friedenspunkte immer dafür gesprochen, daß dies kein Vertilgungskrieg sein solle; und die Römer hätten außer ihrer uralten Gewohnheit, der Besiegten zu schonen, durch den sogar dem Hannibal und den Carthagern bewilligten Frieden einen auffallenden Beweis ihrer Milde gegeben. Er wolle Carthago's nicht weiter erwähnen: allein wie oft sei man mit Philipp selbst in Unterredung getreten? und nie sei die Rede davon gewesen, daß er sein Reich abgeben solle. Ob etwa der Krieg bloß dadurch zu einem unversöhnlichen geworden sei, daß Philipp eine Schlacht verloren habe? Gegen den bewaffneten Feind müsse man mit Erbitterung auftreten; gegen Besiegten – gelte immer mitissimum quemque animum maximum habere]. – Das Wort animum wird von den Critikern (s.  Drakenb. ) als späterer Zusatz verworfen. Darum folge ich Horrion und Crevier: mitissimum quemque maximum habere. der Mildeste für den Hochherzigsten. Macedoniens Könige schienen der Freiheit Griechenlandes gefährlich? Wenn aber diese Macht und diese Nation vernichtet werde, dann würden die Thracier, die Illyrier, dann die Gallier, lauter wilde und unbändige Völker, Macedonien und Griechenland überströmen. Sie möchten nicht durch Wegräumung jedes näheren Übels größeren und gefährlicheren den Zugang öffnen.» Da ihm hier der Ätolische Prätor Phäneas mit der Behauptung in die Rede fiel: «Wenn man den Philipp für dasmal entschlüpfen lasse, so werde er bald einen weit schlimmeren Krieg wieder anfangen;» sprach Quinctius: «Höret endlich auf, da Lärm zu machen, wo gerathschlagt werden soll. Die Bedingungen, an die der Friede mit ihm gebunden wird, sollen nicht von der Art sein, daß er sich auf Kriegführen einlassen kann.» 13. Als diese Versammlung entlassen war, kam Philipp den folgenden Tag in den Paß, der in das Tempe 148 führt: dies war der zur Unterredung ihm bestimmte Ort: am dritten Tage empfing man ihn in einer zahlreichen Versammlung von Römern und Bundesgenossen. Hier sagte Philipp, klug genug, diejenigen Punkte, ohne welche der Friede nicht zu erlangen stand, lieber freiwillig aufzugeben, als sie durch Wortwechsel sich abzwingen zu lassen: «Er wolle Alles abtreten, was ihm in der vorigen Unterredung entweder die Römer angedeutet, oder ihre Bundesgenossen verlangt hätten, und die übrigen Punkte dem Senate anheimstellen.» Hätte man gleich denken sollen, dies habe seinen sämtlichen, auch noch so erbitterten, Feinden den Mund verschließen müssen, so that doch der Ätoler Phäneas, da Alles schwieg, die Frage: «So, Philipp? giebst du uns endlich Pharsalus und Larissa Cremaste und Echinus und Phthiisch-Theben wieder?» Da Philipp versicherte, er wolle ihnen in deren Besitznehmung nicht hinderlich sein, so erhob sich zwischen dem Römischen Feldherrn und den Ätolern ein Streit über orta est de Thebis]. – Die Inconsequenz dieser Stelle, so wie wir sie jetzt haben, hat dem Livius fast bei allen Editoren Tadel zugezogen. Perizonius w ill sie daraus herleiten, daß Livius den Polybius nicht recht verstanden, eine doppelte, also verstärkte Negation des Griechischen für eine Bejahung angesehen habe. Wir müssen aber nicht vergessen, daß von den ersten 17 Capiteln dieses Buchs nur eine einzige Handschrift vorhanden ist, daß man also so viel mehr zu Vermuthungen seine Zuflucht nehmen muß. Wenn die Ätoler drei Thessalische Städte und Phthiotisch-Theben wiederfordern, und Quinctius dagegen einwendet: (wie Perizonius will) Theben könnten sie nicht bekommen, weil es durch das Kriegsrecht Römisches Eigenthum geworden sei; oder (wie ich mit Crevier behaupte) Theben könnten sie allerdings aus diesem Grunde zurückfordern, weil es sich den Römern nicht freiwillig ergeben habe; und weiter unten: die Thessalischen Städte aber deswegen nicht, weil sich diese den Römern freiwillig ergeben hätten; so kann Livius da, wo er sagt: « Es kam zum Wortwechsel, » nicht bloß sagen: über Theben; sondern er muß, wenn Perizonius Recht hat, sagen, über die Thessalischen Städte und über Theben; wenn aber Crevier Recht hat, bloß: über die Thessalischen Städte. Darum glaube ich, Livius habe etwa so geschrieben: disceptatio inter imp. R. et Aetolos orta est de Thessalis urbibus. « His, ut sponte deditis, se non cessurum; sed Thebis: nam eas populi Rom. iure belli factas esse,» Quinctius dicebat, quod integris rebus etc. Die Zeile nach den Worten orta est de, von Thessalis an, bis an das Wort Thebis ließ der Abschreiber ausfallen, weil er, statt mit dem Worte Thessalis fortzufahren, mit dem ähnlichen Thebis fortfuhr. Crevier erklärt. ob er gleich den Livius gegen Perizonius unvertheidigt lässet, in seiner kleinen Ausgabe die Stelle sehr richtig: Nulla disceptatio inter imperatorem Romanum et Aetolos orta est de Thebis, quas, utpote vi redactas in ditionem, Quinctius reddi Aetolis posse et debere non negabat. Tota contentio fuit de tribus aliis urbibus modo memoratis, quæ voluntate in amicitiam Romanorum venerant. Earum nullam Aetolis tradendam Quinctius contendebat. Man vergl. die Anm. zu Cap. 34, 8 . Phocenses, Locrenses et quæ. 149 [die Thessalischen Städte. «Nie werde er jene, da sie sich ihm freiwillig übergeben hätten, abtreten, sondern] Theben: denn dieses sei,» sagte Quinctius, «durch das Kriegsrecht Römisches Eigenthum geworden, weil die Bürger, die er noch vor Entscheidung der Dinge mit seinem vor die Stadt gerückten Heere zum Beitritte aufgefordert habe, bei völliger Freiheit, vom Könige abzutreten, dennoch den Bund mit dem Könige dem Römischen vorgezogen hätten.» Phäneas führte dagegen an: «Theils sei es billig, daß den Ätolern, als Bundesgenossen in diesem Kriege, Alles wiedergegeben werde, was sie vor dem Kriege gehabt hätten; theils sei auch in dem ersten Bundesvertrage ausdrücklich festgesetzt, daß die Beute und Alles, was fortgebracht oder weggetrieben werden könne, den Römern, der Boden aber und die eroberten Städte den Ätolern zufallen sollten.» Da rief Quinctius: «Ihr selbst habt ja die Punkte dieses Vertrages damals gebrochen, als ihr, ohne euch um uns zu bekümmern, mit Philipp Frieden machtet. Wäre er aber auch jetzt noch gültig, so bezöge sich dennoch dieser Punkt nur auf die eroberten Städte: Thessaliens Städte aber haben sich unsrer Hoheit freiwillig unterworfen.» Diese Erklärung, die den Beifall aller Bundesgenossen hatte, war den Ätolern nicht nur für dasmal sehr empfindlich zu hören, sondern sie wurde auch bald nachher für sie die Veranlassung zu einem Kriege und großer aus ihm hervorgehender Unglücksfälle. Mit Philipp wurde verabredet, daß er seinen Sohn Demetrius und einige seiner Freunde zu Geiseln, zweihundert Talente geben und wegen der übrigen Punkte Gesandte nach Rom schicken sollte. Auf den Fall, daß der Senat den Frieden nicht bewilligte, wurde die Rückgabe der Geisel und des Geldes an Philipp bevorwortet. Unter den Gründen zur Beschleunigung des 150 Friedens soll für den Römischen Feldherrn der wichtigster der gewesen sein, daß es einstimmig hieß, Antiochus setze sich zum Kriege und zum Übergange nach Europa in Bereitschaft. 14. Eben um diese Zeit, und nach einigen Angaben, an eben dem Tage, besiegten bei Corinth die Achäer den königlichen Feldherrn Androsthenes in einer förmlichen Schlacht. Philipp, der sich dieser Stadt gegen die übrigen Griechischen Staten als einer Zwingburg bedienen wollte, hatte theils ihre ersten Männer unter dem Vorwande, mit ihnen zu verabreden, wie viel Reuterei die Corinthier zum Kriege stellen könnten, aus der Stadt gelockt und als Geisel behalten; theils außer den fünfhundert Macedoniern und achthundert aus allen Völkern zusammengesteckten Hülfstruppen, welche schon darin lagen, noch tausend Macedonier hineingeschickt, ferner tausend zweihundert Illyrier und Thracier, und von den auf beiden Theilen dienenden Cretensern achthundert. Die noch hinzugekommenen tausend Mann Böotier, Thessalier und Acarnanen, lauter beschildete Truppen, und siebenhundert et ex ipsorum Corinthiorum]. – Da an der Summe von 6000 gerade 700 fehlen, so folge ich der wahrscheinlichen Vermuthung des Hrn.  Walch, daß man hier lesen müsse et dcc ex ipsorum. Das voraufgegangene et verdrängte das d, und das folgende ex die beiden cc. junge Leute aus Corinth selbst, machten dem Andrasthenes, der nun sechstausend Mann vollzählig hatte, Muth zu einer Entscheidung im Felde. Der Achäische Prätor Nicostratus stand mit zweitausend Mann zu Fuß und hundert Reutern zu Sicyon. Allein im Bewußtsein seiner Schwäche, sowohl in der Zahl, als in der Art seiner Truppen, wagte er sich nicht aus den Mauern. Die Königlichen, zu Fuß und zu Pferde umherstreifend, plünderten die Gegenden von Pellene, Phlius und Cleonä. Zuletzt gingen sie, den furchtsamen Feind höhnend, auf das Gebiet von Sicyon herüber, ja sie umschwärmten zu Schiffe die ganze Küste von Achaja und plünderten sie. Da die Feinde hierin immer ausgelassener und, wie es bei zu großer Zuversicht geht, immer sorgloser wurden, so beschickte Nicostratus, 151 dem dies Hoffnung machte, sie zu überfallen, insgeheim die benachbarten Städte mit der Bestellung, an welchem Tage und wie zahlreich sie sich aus jeder Stadt bei Apelaurus – es liegt im Gebiete von Stymphalus – bewaffnet einfinden sollten. Als auf den bestimmten Tag Alles fertig war, rückte er sogleich aus, und kam bei Nacht durch das Gebiet von Phlius nach Cleonä, wo niemand um sein Vorhaben wußte. Er hatte fünftausend Mann Fußvolk bei sich – hierunter In diesem und dem nächsten Satze folge ich den vorgeschlagenen Lesarten des Perizonius. Die Zahl der Leichtbewaffneten hat der Abschreiber ausfallen lassen. . . . . Leichtbewaffnete – und dreihundert Reuter. Mit diesen Truppen wartete er, nach Aussendung seiner Späher, bloß darauf, nach welcher Gegend hinaus die Feinde fortstürzen würden. 15. Androsthenes, der von dem Allen nichts wußte, schlug nach seinem Aufbruche von Corinth sein Lager am Nemea auf, einem Strome, der zwischen dem Corinthischen und Sicyonischen die Gränze macht. Als er hier die Hälfte seiner Truppen zu ihrem Lagerdienste entlassen hatte, befahl er der andern Hälfte – diese theilte er in drei Haufen trifariam divisit]. – Ich sehe diese beiden Worte nach Hrn. Walch's Vorschlage so an, als ständen sie in einer Parenthese. Vielleicht wählte Livius hier die Einschließung, um dem Übelklange von dimidi am trifari am divis am zu entgehen. – und der sämtlichen Reuterei, sich zugleich auf Plünderung der Gebiete von Pellene, Sicyon und Phlius zu vertheilen. So gingen die drei Züge nach verschiedenen Seiten ab. Als die Nachricht nach Cleonä an den Nicostratus kam, schickte er sogleich einen starken Trupp Miethvölker zur Besetzung des Waldes vorauf, durch welchen der Weg auf das Gebiet von Corinth führt, gab ihnen die Reuterei als Vortrab an die Spitze und eilte selbst in zwei Zügen ihnen nach. Auf der einen Seite gingen die Miethvölker mit den Leichtbewaffneten, auf der andern seine Schildträger, die mit den altera clipeati, dein aliarum gentium]. – Crevier will das Wort Achæorum einschieben, daß es heiße: altera clipeati Achæorum, dein aliarum gentium, (scil. clineati), Drakenb. will lesen: altera clipeati, quod in illarum gentium exercitibus robur erat. Für das von Crevier vorgeschlagene Achæorum findet sich keine Spur, und wenn Nicostratus Achäer führt, so versteht es sich von selbst, daß seine clipeati Achäer sein müssen, um so mehr, wenn gleich hinterher aliarum gentium den Gegensatz macht. Drakenborchs Lesart giebt einen sehr guten Sinn, nur verwandelt sie dein aliarum in quod in illarum. Da Livius selbst §. 11., wo er abermals dieser Theile des Heers erwähnt, sie auf folgende Art unterscheidet: levis armatura ab latere, clipeati cætratique a fronte; so glaube ich, er habe auch hier geschrieben: altera clipeati, cætrati dein aliarum gentium. Das ομοιοτέλευτον clipeati, cætrati ließ das zweite Wort wegfallen. Rundschildnern 152 aus andern Völkern den Kern des Heeres ausmachten. Schon waren Fußvolk und Reuterei in der Nähe des feindlichen Lagers angekommen und Abtheilungen von Thraciern hatten auf die zerstreuten, in den Dörfern umherschweifenden Feinde einen Angriff gethan, als der Schrecken plötzlich in das Lager drang. Der Feldherr war um so mehr in Verlegenheit, weil sich nirgendwo Feinde hatten sehen lassen, außer zuweilen auf den Höhen vor Sicyon, wo sie sich aber nie in die Ebene hinunter wagten: daß sie bis Cleonä vorrücken würden, hatte er nie geglaubt. Die Trompete mußte den nach verschiedenen Richtungen ausgerückten Schwärmen das Zeichen zum Rückzuge geben. Er selbst ließ die Soldaten eiligst zu den Waffen greifen, rückte in schwach besetztem Zuge aus dem Thore und stellte am Flusse seine Linie auf. Die übrigen Truppen, die sich kaum zusammenbringen und aufstellen ließen, hielten nicht einmal den ersten Angriff der Feinde aus. Die Macedonier waren nicht nur die am stärksten besetzten Fahnen, sondern ließen auch die Hoffnung des Sieges lange unentschieden. Endlich, durch die Flucht der Übrigen preisgegeben, als schon zwei feindliche Linien von zwei Seiten, die Leichtbewaffneten auf der Flanke, die Schildträger und Rundschildner von vorn in sie drangen, zogen auch sie bei dem Übergewichte des Feindes anfangs sich nur zurück; dann aber durch einen Ansturz geworfen, nahmen auch sie die Flucht und eilten meistens mit Wegwerfung ihrer Waffen, da ihnen keine Hoffnung ihr Lager zu behaupten übrig blieb, auf Corinth. Nicostratus, der zur Verfolgung dieser seine Miethsoldaten, die Reuterei aber und die Thracischen Hülfstruppen gegen 153 die Plünderer des Gebiets von Sicyon abgehen ließ, richtete unter beiden Zügen ein großes Gemetzel an, beinahe größer, als selbst in der Schlacht. Auch von denen, welche bei Pellene und Phlius geplündert hatten, wurden die Einen, die in Unordnung und von nichts wissend nach ihrem Lager zurückgingen, von den feindlichen Posten da, wo sie ihre eignen erwarteten, in Empfang genommen; die Andern, die aus der Eile der Versprengten das Vorgefallene vermutheten, zerstreueten sich so nach allen Seiten auf die Flucht, daß sie in der Irre sogar den Landleuten zur Beute wurden. Tausend fünfhundert wurden an diesem Tage niedergehauen, dreihundert gefangen. Ganz Achaja sah sich von großer Furcht befreiet. 16. Ehe bei Cynoscephalä gefochten wurde, hatte Lucius Quinctius dadurch, daß er die Häupter der Acarnanen, der einzigen Griechischen Nation, welche bei dem Bunde mit Macedonien beharrte, nach Corcyra kommen ließ, den ersten Anlaß zu Bewegungen unter ihnen gegeben. Zwei Hauptursachen hatten sie bisher der Freundschaft mit dem Könige treu erhalten; die eine, die der Nation eigenthümliche Redlichkeit; die andre, Furcht und Abneigung vor den Ätolern. Jetzt wurde eine Volksversammlung nach Leucas angesetzt. Dahin aber kamen weder die sämtlichen Völkerschaften der Acarnanen, noch konnten die, die sich eingefunden hatten, eins werden. Doch setzten es die ersten Männer des Volks und die Beamteten durch, daß wenigstens von ihrer Seite ein Beschluß zu Gunsten einer Verbindung mit Rom abgefaßt wurde. Alle nicht zugegen Gewesenen waren damit unzufrieden, und während dieses Murrens im Volke brachten es Androcles und Echedemus, zwei vornehme von Philipp hergeschickte Acarnanier, dahin, daß nicht allein der Beschluß über die Verbindung mit Rom wieder aufgehoben, sondern daß auch Archelaus und Bianor, beide die ersten Männer der Nation, weil sie vorzüglich dafür gestimmt hatten, auf einer Versammlung als Landesverräther verurtheilt wurden, und Zeuxidas, der Prätor, weil er den Antrag gemacht, seinen Posten verlor. Da 154 schlugen die Verurtheilten einen Weg ein, der freilich gewagt, aber von glücklichem Erfolge war. Da ihnen nämlich ihre Freunde riethen, den Umständen nachzugeben und in den Schutz der Römer nach Corcyra zu fliehen, so beschlossen sie, sich lieber der Volksmenge hinzugeben, und entweder eben dadurch ihren Zorn zu besänftigen, oder zu leiden, was das Schicksal geben werde. Als sie in die zahlreiche Versammlung eintraten, erhob sich zuerst unter den dadurch Befremdeten ein Murren und lautes Rufen, dann aber bewirkte zugleich Achtung für ihre ehemalige Würde und Mitleid mit ihrer jetzigen Lage eine allgemeine Stille. Da sie auch Erlaubniß zu reden bekamen, sprachen sie anfangs in bittendem Tone, aber im weiteren Verlaufe, als sie an die Widerlegung der ihnen gemachten Vorwürfe kamen, mit einer Festigkeit des Selbstvertrauens, die nur die Unschuld ihnen gab; ja zuletzt, da sie es sogar wagten, über dies und jenes sich zu beklagen und die ihnen wiederfahrne Ungerechtigkeit und Härte zu misbilligen, machten sie einen solchen Eindruck auf die Gemüther, daß man, beinahe vollstimmig, alle Beschlüsse gegen sie zurücknahm; obgleich festgesetzt wurde, zum Bündnisse mit Philipp zurückzukehren und die Verbindung mit den Römern auszuschlagen. 17. Es war zu Leucas, wo sie dies beschlossen, der Hauptstadt Acarnaniens, wo sich dessen sämtliche Volksstämme zur Versammlung einzufinden pflegten. Als nun die Nachricht von dieser plötzlichen Umänderung nach Corcyra an den Legaten Flamininus kam, ging er sogleich mit der Flotte ab und landete bei Leucade]. – Ich habe die von Drakenb. beibehaltene Lesart Leucade durch bei Leucas ausgedrückt. Er verwirft, um dem Msc. treu zu bleiben, sowohl das vorgeschlagene Leuca di – applicuit, als auch profectus Leuca dem . Doch wünschte ich, Drakenb. möchte hier weniger bedenklich gewesen sein. Denn zu Leucas (Leuca de ) landete doch wirklich Flamininus nicht, sondern in der Nähe, bei Heräum, und rückte von dort erst an die Stadt. Darum möchte ich auch Leuca di – applicuit nicht billigen. Sollte vielleicht dies Leuca de aus Leucadie (Leucadiæ) entstanden sein? Dann ginge applicuit Leucad iæ auf die Insel. Auf dieser landet er bei Heräum und rückt von hier an die Stadt Leucas. Leucas, in der Gegend des sogenannten Heräums (Junotempels). Von hier 155 rückte er mit Wurfgeschützen und Belagerungswerkzeugen aller Art an die Mauern, in der Erwartung, die Bürger im ersten Schrecken zur Nachgiebigkeit zu bringen. Da sich aber nichts von friedlichen Gesinnungen zeigte, so ließ er Annäherungshütten und Thürme errichten und den Sturmbock gegen die Mauern anbringen. Ganz Acarnanien liegt zwischen Ätolien und Epirus gegen Abend und hat die Aussicht auf das Siculer Meer. Leucadia, jetzt eine Insel, und durch eine seichte Meerenge, die durch Kunst ausgestochen ist, von Acarnanien geschieden, war damals eine Halbinsel, die im Westen von Acarnanien vermittelst einer schmalen Landenge mit ihm zusammenhing. Diese Landenge war beinahe fünfhundert Schritte lang, nicht über hundert und zwanzig breit; und auf diesem engen Raume steht Leucas, an einen Hügel gelehnt, der nach Morgen und nach Acarnanien sieht. Der untere Theil der Stadt ist flach und liegt am Meere, welches Leucadien von Acarnanien scheidet. Hier ist der Stadt zu Lande und zu Wasser beizukommen. Denn die Meeresstellen sind seicht, einem stehenden See ähnlicher, als einem Meere, und der Boden der ganzen Fläche ist Erde und macht die Anlagen nicht schwer. Folglich wurden die Mauern an vielen Stellen zugleich entweder untergraben, oder mit dem Mauerbrecher herabgeworfen. So vortheilhaft aber die Lage der Stadt für die Angreifenden war, so unbesiegbar war der Muth der Feinde. Tag und Nacht in Arbeit, besserten sie die zerstoßenen Stellen aus; versperrten, was der Einsturz geöffnet hatte; gingen muthvoll in den Kampf und schützten mehr die Mauern durch ihre Waffen, als sich selbst durch die Mauer. Ja sie würden die Belagerung über die Erwartung der Römer verlängert haben, hätten nicht einige zu Leucas ansässige Verwiesene, Italer von Geburt, von der Burg aus den Soldaten hereingeholfen. Und selbst diesen, die von dem höheren Platze mit großem Getümmel herabgerannt kamen, thaten die Leucadier, auf ihrem Markte in Linie gestellt, eine ganze Zeitlang in vollem Kampfe Widerstand. Indeß aber wurden die Mauern an mehrern Stellen durch 156 Leitern gewonnen, auch über die zur Erde gerollten Steine und Trümmer stieg der Feind in die Stadt; und schon hatte der Legat selbst die Fechtenden mit einem langen Zuge umschlossen. Die Umringten wurden zum Theile niedergehauen, zum Theile warfen sie die Waffen weg und ergaben sich dem Sieger. Und wenig Tage nachher unterwarfen sich dem Legaten auf die Nachricht von der bei Cynoscephalä gelieferten Schlacht die sämtlichen Völkerschaften Acarnaniens . 18. In diesen Tagen – als wollte das Glück überall zugleich den Ausschlag geben – schickten auch die Rhodier, um sich von Philipp den Strich des festen Landes zu erkämpfen, der bei ihnen Peräa heißt und im Besitze ihrer Vorfahren gewesen war, ihren Prätor Pausistratus ab, mit achthundert Miethsoldaten zu Fuß cum octingentis Achæis]. – Statt Achæis lese ich mit Hrn.  Ruperti mercenariis, und gleich nachher statt mille et nongentis, so wie er, mille et ducentis, auch §. 16. statt mille et ipsi quadringentos mit ihm mille et ipsi Agrianas. Gronovs und Drakenborchs Erinnerungen und die Berechnung selbst machen diese Veränderungen meiner Meinung nach nothwendig. Eins möchte ich noch vom Meinigen hinzuthun. §. 9. Dinocrates quingentos Macedonas dextro cornu, lævo Agrianas locat. Hier fiel, wie ich glaube, nach dem Worte læ vo das mit vo so leicht zu verwechselnde ∞ (mille) weg. Ich glaube, Livius hatte geschrieben laevo mille Agrianas locat. und etwa tausend zweihundert Mann, die sie aus verschiedenen Arten von Hülfsvölkern zusammengestellt hatten. Diese waren Gallier; Pisueten; ferner Nisueten, Tamianer und Areer aus Africa; und Laodiceer aus Asien. Mit diesen Truppen besetzte Pausistratus Tendeba, einen Ort von sehr vortheilhafter Lage im Gebiete von Stratonicea, als die königlichen Truppen, die ihn inne hatten, [auf Holzholung ignaris regiis, qui tenuerant]. – Wer stimmt nicht Gronoven bei, wenn er fragt: An credibile est, nullum in eo castello tam opportuno præsidium fuisse? Wenn er aber diese Frage thut, so muß er nicht den Fehler in den Worten qui tenuerant suchen, und diese entweder in qui Stratoniceæ erant, oder mit Rubenius in qui Theræ erant verwandeln wollen. Denn alsdann bleiben wir immer noch zu der von ihm selbst aufgeworfenen Frage berechtigt. Ohne die Worte qui tenuerant anzufechten, glaube ich den Irrthum in ignaris regiis suchen zu müssen, und frage an, ob Livius vielleicht geschrieben haben könne: lignatis regiis, qui tenuerant i. e. lignatum egressis, lignatione occupatis regiis. ausgegangen waren.] Und gerade für diesen Zweck zu rechter Zeit trafen die zu Hülfe gerufenen Achäer ein, 157 tausend Mann zu Fuß nebst hundert Reutern. Ihr Führer war Throxenus. Die kleine Feste wiederzuerobern, rückte Dinocrates, der königliche Befehlshaber, mit seinem Lager zuerst vor Tendeba selbst; von da vor eine andre, ebenfalls im Gebiete von Stratonicea, Namens Astragos; und nachdem er alle Truppen von seinen vielfach vertheilten Posten und selbst aus Stratonicea die Thessalischen Hülfsvölker an sich gezogen hatte, ging er gerade auf Alabanda, wo die Feinde standen. Die Rhodier verweigerten das Treffen nicht, und sobald sich beide Theile einander näher gelagert hatten, rückten sie in Linien. Dinocrates stellte auf seinen rechten Flügel fünfhundert Macedonier, auf seinen linken [tausend] Agrianen; in die Mitte nahm er die aus den Besatzungen der kleinen Festen Zusammengezogenen; größtentheils Carier: die Flügel deckte er mit Reuterei und Cretensischen, auch Thracischen Hülfstruppen. Die Rhodier hatten auf dem rechten Flügel die Achäer, auf dem linken die Lohntruppen, ein auserlesenes Fußvolk; in der Mitte die aus mehreren Völkern gemischten Hülfstruppen: die Reuterei und was sie an Leichtbewaffneten hatten, wurde auf die Flügel umhergestellt. An diesem Tage standen beide Linien an den Ufern eines zwischen ihnen hinfließenden seichten Stromes einander nur gegenüber, schossen einige Pfeile ab und kehrten in ihr Lager zurück. Den Tag darauf lieferten sie, in eben der Ordnung aufgestellt, ein bei weitem ernsthafteres Treffen, als man von dieser Zahl der Fechtenden hätte erwarten sollen: denn es waren auf jeder Seite nicht über dreitausend Mann zu Fuß und an hundert Reuter. Allein sie fochten nicht nur an Zahl und Waffenart sich gleich, sondern auch an Muth und Hoffnung zu siegen. Die Achäer waren die ersten, welche über den Strom gingen und auf die Agrianen einen Angriff thaten: dann setzte die ganze Linie beinahe im Laufe über den Fluß. Lange stand die Schlacht unentschieden. Die Achäer, eben so wie die Agrianen tausend Mann stark, warfen diese aus ihrer Stellung. Als darauf das Mitteltreffen Inclinat dein dextrum omne cornu]. – Die Unrichtigkeit dieser Lesart ist anerkannt. Gronov beweiset sie. Um ihr abzuhelfen, schlägt er vor, so zu lesen: Inclinata dein omnis media acies. Dextrum cornu, Macedones cæt. Die älteste Ausgabe (nach dem Mainzer Msc.) lieset so, wie auch die übrigen im Alter ihr zunächst folgenden: Inclina to dein dextrum omn is cornu. Ich glaube also, mich an diese näher anzuschließen, wenn ich so zu lesen vorschlage: Inclinato dein medio, invadunt dextrum omnes cornu. Und so habe ich, weil die gewöhnliche Lesart allem Zusammenhange widerspricht, übersetzt. zum Weichen 158 gebracht war, griffen Alle den rechten Flügel an. Die Macedonier, so lange ihr Phalanx in Reih und Glied und wie in einander gedrängt feststand, blieben unbeweglich. Als sie aber wegen der Blöße auf ihrer Linken gegen den auf der Flanke anrückenden Feind sich mit ihren Spießen umwenden wollten, geriethen sie, sogleich in Unordnung gebracht, unter sich selbst in ein Getümmel, dann kehrten sie den Rücken, zuletzt nahmen sie, mit Wegwerfung ihrer Waffen in stürzender Flucht fortströmend den Weg nach Bargyliä. Dorthin flüchtete sich auch Dinocrates. Die Rhodier, die ihnen nur so lange nachsetzten, als es noch Tag war, zogen dann in ihr Lager zurück. Wären die Sieger sogleich auf Stratonicea gegangen, so würden sie, wie Alle behaupten, diese Stadt ohne Kampf haben nehmen können. Sie verabsäumten diese Gelegenheit, indem sie mit Wiedereroberung kleiner Festen und Flecken in Peräa die Zeit hinbrachten. Indessen bekam die Besatzung zu Stratonicea wieder Muth. Bald darauf hielt auch Dinocrates mit den Truppen, die er aus dem Treffen gerettet hatte, seinen Einzug. Nun belagerten und bestürmten die Rhodier die Stadt ohne Erfolg, und sie konnten sie nur erst lange nachher durch die Römer recipi nisi aliquanta prosperam Antiocho potuit]. – Dies ist die alte Lesart des Mainzer Codex. Daß Stratonicea den Rhodiern gleich im folgenden Jahre (556 nach Erb. R.) im Friedensschlusse mit Philipp wiedergegeben sei, führt Livius Cap. 30. nur als Angabe des Valerius Antias an. Er selbst kann dieser Meinung nicht sein, sonst könnte er nicht sagen aliquanto post. Nach Livius bekamen sie Carien erst 564 in dem Römischen Friedensschlusse mit Antiochus, XXXVIII. 39. Die falsche Lesart prosperam Antiocho entstand vermuthlich aus post per rom. ab Antiocho. Auch möchte ich das im Msc. nach dem Worte Antiocho fehlende non nicht hier einschieben, sondern lieber so lesen: nec recipi, nisi aliquanto post per Romanos ab Antiocho, potuit. vom Antiochus wieder bekommen. Dies waren die fast gleichzeitigen Vorfälle in Thessalien, in Achaja, in Asien . 159 19. Als Philipp hörte, daß die aus Geringschätzung seiner jetzt geschwächten Macht über Macedoniens Gränzen hereingebrochenen Dardaner die höheren Gegenden desselben verwüsteten, so war ihm, so sehr auch das Schicksal fast in allen Weltgegenden auf ihn und seine Unterthanen von allen Seiten losschlug, dennoch der Gedanke, sich auch aus Macedoniens Besitze treiben zu lassen, schrecklicher als der Tod; und mit sechstausend Mann zu Fuß und fünfhundert zu Pferde, die er eiligst in Macedonischen Städten ausgehoben hatte, überfiel er bei Stobi in Päonien die Feinde, die ihn nicht vermutheten. In der Schlacht wurden viele Menschen getödtet, aber derer noch mehr, die sich aus Lust zum Plündern in die Dörfer zerstreuet hatten. Diejenigen, welche zum Entfliehen nicht zu schwer beladen waren, kehrten in ihr Land zurück, ohne die Gefahr einer Schlacht auch nur gewagt zu haben. Durch diesen einzigen, ganz im Abstiche gegen sein übriges Geschick ihm gelungenen Zug hatte er den Seinigen wieder Muth gemacht und ging nach Thessalonich zurück. Die Beendigung des Punischen Krieges konnte kaum so für Rom zu rechter Zeit eintreten, um nicht zugleich auch mit Philipp kriegen zu müssen, als jetzt der Augenblick, mit Philipp fertig zu sein, erwünscht war, da Antiochus in Syrien schon zum Kriege rüstete. Denn außerdem, daß der Krieg mit Jedem einzeln leichter wurde, als wenn Beide ihre Kräfte zusammengelegt hätten, erhob sich um die nämliche Zeit auch Spanien in furchtbarem Aufstande zum Kriege. War gleich Antiochus, der sich im vorigen Sommer alle dem Ptolemäus zugehörigen Städte in Cöle-Syrien unterwarf, in die Winterquartiere nach Antiochien gegangen, so gestatteten ihm doch nun seine Vorkehrungen keine größere Ruhe. Denn da er im Aufgebote aller Kräfte seines Reichs eine gewaltige Land- und Seemacht zusammengebracht, im Anfange des Frühjahrs seine beiden Söhne Ardyes und Mithridates zu Lande mit dem Heere voraufgeschickt und ihnen befohlen hatte, auf ihn in Sardes zu 160 warten, so fuhr er selbst mit einer Flotte von hundert Deckschiffen, und außerdem noch mit zweihundert leichtern Fahrzeugen, Jachten und Booten ab, theils um an der ganzen Küste Ciliciens und Cariens Versuche auf die Städte zu machen, die unter des Ptolemäus Hoheit standen, theils auch um mit seinem Heere und seiner Flotte den König Philipp – denn noch war die entscheidende Schlacht nicht geliefert – zu unterstützen. 20. Die Rhodier haben für die Verbindung mit dem Römischen State und für das Gesamtvolk der Griechen zu Lande und zu Meere manche ausgezeichnete Unternehmung gewagt, allein keine, die ihnen ruhmvoller wäre, als die, daß sie damals, ohne sich durch den drohenden Sturm eines so gefährlichen Krieges schrecken zu lassen, dem Könige durch eine Gesandschaft nach Nephelis – dies ist das durch den ehemaligen Friedensschluß Athens Man vermuthet, Livius meine hier den in der alten Geschichte so berühmten Cimonischen Frieden. Cimon schloß ihn mit den Persern nach dem in dieser Gegend, am Ausflusse des Eurymedon, erfochtenen Land- und Seesiege. berühmt gewordene Vorgebirge Ciliciens – andeuten ließen, sie würden ihm, wenn er seinen Heerzug nicht auf jenen Ort beschränkte, entgegenrücken, nicht aus irgend einer feindseligen Absicht, sondern weil sie nicht zugeben könnten, daß er sich mit Philipp vereinige und die Römer in der Befreiung Griechenlandes hindere. Antiochus stand damals eben in den Belagerungswerken vor Coracesium. Nachdem er nämlich Zephyrium, Soli, Aphrodisias, Corycus und nach Umsegelung Anemuriums – dies ist gleichfalls ein Cilicisches Vorgebirge – auch Selinus gewonnen hatte, weil alle diese und noch andre kleine Festen an dieser Küste aus Furcht oder freiwillig sich ihm ohne Kampf ergaben; sah er sich wider Vermuthen vor Coracesium aufgehalten, das ihm die Thore schloß. Hier ließ er die Abgeordneten der Rhodier vor; und that ihm gleich die Gesandschaft einen Antrag, der einen Königskopf leicht hätte in Feuer setzen können, so gebot er doch seinem Zorne und gab zur Antwort: «Er werde nach 161 Rhodus Gesandte schicken und ihnen den Auftrag geben, seine und seiner Vorfahren alte Verbindungen mit diesem State zu erneuern und sie über die Ankunft des Königs zu beruhigen, die weder ihnen noch ihren Bundesgenossen im mindesten nachtheilig oder beeinträchtigend sein solle. Denn daß er die Freundschaft mit Rom nicht brechen wolle, davon wären nicht allein seine neuerlich dorthin gegangenen Gesandten, sondern auch die ehrenvollen Beschlüsse und Erklärungen des Senats Beweises genug.» Seine Gesandten waren nämlich eben von Rom zurückgekommen, wo man sie sehr freundschaftlich vernommen und entlassen hatte, ganz den Zeitumständen gemäß, so lange der Erfolg gegen Philipp noch ungewiß war. Gerade als die Gesandten des Königs vor der Versammlung zu Rhodus sich dieses Auftrags entledigten, lief die Meldung ein, der Krieg sei bei Cynoscephalä entschieden. Und gleich auf diese Nachricht hatten die Rhodier, die nun von Philipp nichts mehr fürchten durften, anfangs den Vorsatz gefaßt, dem Antiochus mit einer Flotte entgegen zu gehen. Wenigstens ließen sie doch einen zweiten Gegenstand nicht unbeachtet, die Bundesgenossenstädte des Ptolemäus, auf welche ein Angriff vom Antiochus gewiß war, bei ihrer Freiheit zu erhalten. Einigen wurden sie durch Truppensendungen, Andern durch Vorbeugung und Warnung vor feindlichem Überfalle behülflich; und so retteten sie den Bürgern von Caunus, Myndus, Halicarnaß und Samos ihre Freiheit. Ich darf die einzelnen Vorfälle jener Gegenden nicht verfolgen, da ich kaum für die ausreiche, die der eigentliche Römische Krieg in sich begriff. 21. Um diese Zeit starb auch König Attalus, den man von Theben krank nach Pergamus gebracht hatte, im zweiundsiebzigsten Lebensjahre nach vierundvierzigjähriger Regierung. Zur Hoffnung auf einen Thron hatte ihm das Glück weiter nichts verliehen, als Reichthum. Die mit Klugheit verbundene prachtvolle Größe, mit der er ihn zu gebrauchen wußte, stellte ihn zuerst in seinen eignen, 162 dann auch in Anderer Augen des Throns nicht unwürdig dar. Als er darauf die Gallier, die als neue Ankömmlinge den Asiaten noch furchtbarer waren, in einer einzigen Schlacht besiegt hatte, nahm er den königlichen Titel an, mit dessen Größe sein Geist beständig gleichen Schritt hielt. Sein Volk beherrschte er mit der größten Gerechtigkeit, seinen Bundesgenossen bewies er eine seltene Treue, seinen Freunden war er der Gütige und Freigebige mitis ac munificus amicis]. – Ich lasse diese Worte nach Crevier's Vorschlage dem nächstfolgenden Satze vorangehen. Die ähnlichen Endigungen fuit und habuit veranlaßten die unschickliche Versetzung. . Er hinterließ eine Gemahlinn und vier Kinder, und die Thronfolge so feststehend und gesichert, daß sie bis ins dritte Glied fortging. Bei diesem Zustande der Dinge in Asien, Griechenland und Macedonien, als der Krieg mit Philipp kaum geendigt, wenigstens der Friede noch nicht abgeschlossen war, brach ein gewaltiger Krieg im jenseitigen Spanien aus. Marcus Helvius hatte dort seinen Posten. Er schrieb dem Senate: «Die kleinen Könige Colca und Luscinus wären in den Waffen, mit dem Colca siebzehn Decem et septem]. – Nach Sigonius Vermuthung entstand die Lesart XVII aus XXVII. Vergl. B. XXVIII. C. 13. Städte, mit dem Luscinus die beiden mächtigen Städte Cardo und Bardo; auch die ganze Seeküste, die sich über ihre Gesinnungen noch nicht bloß gegeben habe, werde bei den Bewegungen unter ihren Nachbaren sich erheben.» Als der Prätor Marcus Sergius, der die Gerichtspflege über die Bürger hatte, diesen Brief den Vätern vorlas, beschlossen sie, wenn die Prätorenwahl vor sich gegangen sei, sollte der Prätor, welchem das Los Spanien zu seinem Posten bestimmen werde, sobald als möglich den Spanischen Krieg im Senate zum Vortrage bringen. 22. Um diese Zeit langten die Consuln vor Rom an. Als sie im Tempel der Bellona Senat hielten und für ihre glücklichen Verrichtungen im Kriege den Triumph verlangten, drangen die Bürgertribunen Cajus Atinius Labeo und Cajus Ursanius darauf, daß sich die Consuln jeder 163 besonders zum Triumphe melden sollten. «Einen gemeinschaftlichen Antrag über diesen Punkt würden sie nicht gestatten, weil sonst ungleichen Verdiensten gleiche Ehre widerfahren möchte.» Ob nun gleich Minucius behauptete, Italien sei ihnen beiden als bestimmter Posten zugefallen; er und sein Amtsgenoß hätten ihre Unternehmungen nach einerlei Zweck und Entwürfen ausgeführt; und Cornelius hinzusetzte: die Bojer, die zum Angriffe gegen ihn selbst über den Po gegangen wären, um den Insubren und Cenomanern zu Hülfe zu kommen, wären dadurch, daß sein Amtsgenoß ihre Flecken und Dörfer verheert habe, zum Schutze ihres Eigenthums abgerufen: so räumten die Tribunen zwar ein: « Cornelius habe in diesem Kriege so große Thaten verrichtet, daß man eben so wenig Anstand nehmen dürfe, ihm den Triumph, als den Göttern die gebührende Ehre zuzuerkennen;» versicherten aber auch: «Weder er noch irgend ein Bürger habe je so viel Einfluß und Übergewicht gehabt, daß er mit dem für sich selbst ausgewirkten Triumphe dieselbe Ehre zugleich der unbescheidenen Bitte eines Amtsgenossen habe bewilligen können. Quintus Minucius habe in Ligurien einige kleine Gefechte gehabt, von denen kaum die Rede sein könne, und in Gallien viele Leute verloren.» Sie nannten auch die beiden Obersten Titus Juventius und den Cneus Et Cneum, Labeonis fratrem]. – Diese Lesart, welcher selbst Drakenborch den Vorzug giebt, macht den Cneus zum Bruder des Tribuns Labeo. , des Labeo Bruder, welche mit vielen andern Tapfern, Bürgern und Bundesgenossen, in einem unglücklichen Gefechte gefallen wären. Er habe bloß die vorgegebene, auf einige Zeit erheuchelte Übergabe einiger Städtchen und Flecken angenommen, ohne sich auch nur ein Unterpfand geben zu lassen. Diese Streitigkeiten zwischen den Consuln und Tribunen dauerten zwei Tage, und durch die Beharrlichkeit der Tribunen besiegt thaten die Consuln ihren Antrag jeder besonders. 23. Dem Cajus Cornelius wurde der Triumph einmüthig zuerkannt, und diese günstige Stimmung für den 164 Consul wurde noch durch die Gegenwart der Flacentiner und Cremoneser verstärkt, welche ihm ihre Dankbarkeit bezeigten und es rühmten, daß er ihre belagerte Stadt entsetzt und sehr viele von ihnen in Feindes Lande aus der Sklaverei errettet habe. Quintus Minucius, der den Antrag bloß versuchte, erklärte, als er den ganzen Senat gegen sich sah, er werde vermöge des ihm als consularischem Oberbefehlshaber zustehenden Rechts und nach dem Beispiele so vieler angesehenen Männer seinen Triumphzug auf dem Albanerberge halten. Cajus Cornelius triumphirte noch in seinem Amte über die Insubren und Cenomaner. Viele Fahnen wurden zur Schau getragen, eine Menge Gallischer Beute zog auf eroberten Kriegswagen durch die Straßen und viele vornehme Gallier gingen seinem Wagen vorauf, unter welchen nach einigen Schriftstellern der Punische Feldherr Hamilcar gewesen sein soll. Noch mehr aber zog die Schar von Cremoneser und Placentiner Pflanzbürgern, die mit Hüten bedeckt dem Wagen folgten, die Augen Aller auf sich. Dem Schatze führte er in diesem Triumphe zweihundert siebenunddreißig tausend fünfhundert Ungefähr 7,426 Gulden Conv. Kupferass zu und neunundsiebzig tausend Etwa 24,686 Gulden Conv. Silberdenare. Jeder Soldat erhielt zu seinem Antheile siebzig Ungefähr 1 Thlr. 8 Ggr. Conv. Kupferass, doppelt so viel der Ritter, der Hauptmann das Dreifache. Der Consul Quintus Minucius triumphirte auf dem Albanerberge über die Ligurier und Bojischen Gallier. War dieser Triumph freilich in Hinsicht auf die Stelle, auf den Thatenruf und auch darum minder ehrenvoll, weil Jedermann wußte, daß ihm die Kosten dazu nicht aus der Schatzkammer bewilligt waren, so kam er doch jenem in der Menge der gelieferten Fahnen, Kriegswagen und Rüstungen beinahe gleich. Auch die Geldsumme war fast dieselbe. Er lieferte zweihundert vierundfunfzig tausend 16,624 Gulden Conv. 165 Kupferass, dreiundfunfzig tausend Silberdenare 7,934 Gulden Conv. , und gab jedem Soldaten, Hauptmanne und Ritter eben das, was sein Amtsgenoß gegeben hatte. 24. Nach dem Triumphe wurde Consulnwahl gehalten. Lucius Furius Purpureo und Marcus Claudius Marcellus wurden gewählt. Die am folgenden Tage ernannten Prätoren waren Quintus Fabius Buteo, Tiberius Sempronius Longus, Quintus Minucius Thermus, Manius Acilius Glabrio, Lucius Apustius Fullo, Cajus Lälius. Am Ende des Jahrs kam vom Titus Quinctius die schriftliche Meldung, daß er in Thessalien dem Könige Philipp eine förmliche Schlacht geliefert und das feindliche Heer besiegt und in die Flucht geschlagen habe. Diesen Brief verlas der Prätor Sergius zuerst im Senate, dann mit Genehmigung der Väter in der Volksversammlung. Dieser glücklichen Thaten wegen wurde ein fünftägiges Dankfest angeordnet. Bald nachher kamen auch die Gesandten sowohl vom Titus Quinctius, als vom Könige. Die Macedonier wurden in ein außerhalb der Stadt gelegenes Statsgebäude geführt, und bekamen dort Quartier und Beköstigung; im Tempel der Bellona wurde Senat gehalten. Hier wurden nicht viel Worte gemacht, weil die Macedonier erklärten, ihr König werde sich zu Allem verstehen, was der Senat festsetzen würde. Dem Herkommen gemäß beschloß man, zehn Abgeordnete hinzusenden, mit deren Zuziehung Titus Quinctius als Oberfeldherr dem Könige die Friedensbedingungen bestimmen solle, und machte noch den Anhang, daß in der Zahl dieser Abgeordneten Publius Sulpicius und Publius Villius sein sollten, die als Consuln ihren Posten in Macedonien gehabt hatten. Da in eben dieser Sitzung auch die Bürger von Cosa auf eine Vermehrung der Anzahl ihrer Pflanzbürger antrugen, so wurde befohlen, noch tausend auf ihre Liste zu setzen, unter denen sich aber keiner befinden solle, der nach dem Consulate des Publius Cornelius und Tiberius Sempronius Diese waren Consuln im ersten Jahre des zweiten Punischen Krieges. gegen Rom gefochten habe. 166 25. In diesem Jahre gaben die Curulädilen Publius Cornelius Scipio und Cneus Manlius Vulso die Römischen Spiele in der Rennbahn und auf der Schaubühne, und zwar prachtvoller als sonst. Den Zuschauern machten die Spiele wegen der glücklichen Ereignisse im Kriege so viel größere Freude, und sie wurden dreimal von vorn an gegeben: die bürgerlichen siebenmal. Diese veranstalteten Acilius Glabrio und Cajus Lälius. Von den Strafgeldern stellten sie drei eherne Standbilder auf, der Ceres, dem Liber und der Libera . Lucius Furius und Marcus Claudius Marcellus baten den Senat, als bei dem Antritte ihres Consulats die Kriegsplätze zur Sprache kamen, und der Senat ihnen Beiden Italien als Posten bestimmte, zugleich über Macedonien und Italien losen zu dürfen. Marcellus, der nur zu sehr auf jenen Posten gesteuert war, hatte durch die Behauptung, der Friede sei erheuchelt und trieglich, und der König werde, sobald das Heer dort abgeführt sei, den Krieg erneuren, die Väter wankend gemacht. Und vielleicht hätten die Consuln ihren Zweck erreicht, wenn nicht die Bürgertribunen Quintus Marcius Rex und Cajus Atinius Labeo erklärt hätten, sie würden Einsage thun, wenn man sie nicht vorher bei dem Volke anfragen lasse, ob es dafür stimme und sich dahin erkläre, daß mit König Philipp Friede sein solle. Dieser Antrag an das Volk ging auf dem Capitole vor sich, Alle fünfunddreißig Bezirke stimmten für die Anfrage bejahend. Auch wurde die Gewißheit des Friedens mit Macedonien für Alle noch so viel erfreulicher, als aus Spanien die traurige Nachricht einlief und mehrere herumgegebene Briefe meldeten: «Der Proconsul Cajus Sempronius Tuditanus habe im diesseitigen Spanien eine Schlacht verloren; sein Heer sei geworfen und geflohen und mancher ausgezeichnete Mann auf dem Schlachtfelde gefallen. Tuditanus sei schwer verwundet aus dem Treffen getragen und bald nachher verschieden.» Nun wurde beiden Consuln Italien zu ihrem Posten angewiesen mit Beibehaltung der Legionen, welche die vorigen Consuln gehabt hätten; doch sollten sie vier neue 167 Legionen ausheben scriberent: duas, quæ, quo senatus]. – Man sehe über diese verderbte Stelle Drakenb. und Crev. Ich lese so: scriberent: duas urbi; duas, quæ, quo senatus censuisset, mitterentur. et T. Quinctius Flamininus provinciam eodem exercitu cæt. Die drei Worte cum duabus legionibus fallen nach Drakenb. und Crev. richtigem Urtheile ganz weg. , zwei für die Stadt, und zwei zu Sendungen, welche der Senat bestimmen werde. Auch sollte Titus Quinctius Flamininus bei demselben Heere auf seinem Posten bleiben; für die Verlängerung seines Oberbefehls scheine schon früher hinlänglich gesorgt zu sein. 26. Darauf theilte das Los den Prätoren ihre Amtsstellen zu; dem Lucius Apustius Fullo die Gerichtspflege in der Stadt; dem Manius Acilius Glabrio die zwischen Bürgern und Fremden; Quintus Fabius Buteo das jenseitige Spanien Quintus Minucius Thermus das diesseitige; Cajus Lälius Sicilien, Tiberius Sempronius Longus Sardinien. Dem Quintus Fabius Buteo und Quintus Minucius, welchen beide Spanien zugefallen waren, sollten die Consuln nach Gutbefinden, laut des Beschlusses, von den vier neugeworbenen Legionen jedem Eine geben, und an Bundesgenossen und Latinern jedem viertausend Mann zu Fuß und dreihundert zu Pferde; und diese Prätoren sollten sobald als möglich auf ihre Stellen abgehen. Der Krieg in Spanien brach fünf Jahre nachher wieder aus, als er zugleich mit dem Punischen beigelegt war. Vor dem Aufbruche der Prätoren zu diesem, ich möchte sagen, neuen Kriege, – denn jetzt zum erstenmale traten die Spanier für sich selbst, ohne Punische Heere oder Feldherren, zum Kampfe auf – und ehe die Consuln selbst aus der Stadt rückten, mußten sie, wie gewöhnlich, die Abwendung der gemeldeten Schreckzeichen besorgen. Lucius Julius Sequestris war auf einer Reise in das Sabinische mit seinem Pferde vom Blitze erschlagen. Im Capenatischen hatte der Blitz den Tempel der Feronia getroffen. Im Tempel der Moneta hatten an zwei Lanzen die Spitzen gebrannt. Ein Wolf, der zum Esquilinischen Thore hereinkam, war durch die volkreichste Gegend der Stadt bis auf den Markt gelaufen, und durch die Tuskerwik und das 168 Intemelium Tusco vico atque Intemelio]. – Wenn ich in dem Worte Intemelio von Drakenborchs Lesart abgehen sollte, so würde ich am liebsten Herrn Ruperti folgen, und mit ihm Intermontio lesen. Da ich aber XXXX, 41. Intemelios Ligures angegeben finde, so läßt sichs denken, daß es in Rom, so wie es einen Tuscus vicus gab, auch einen Intemelius vicus gegeben habe. zum Capenischen Thore hinaus fast unbeschädigt entkommen. Diese Drohungen wurden mit großen Opferthieren gesühnet. 27. In diesen Tagen zog Cneus Cornelius Lentulus, der dem diesseitigen Spanien als Vorgänger des Sempronius Tuditanus vorgestanden hatte, nach einem Senatsschlusse im kleinen Triumphe in die Stadt. Vor ihm her trug man tausend fünfhundert funfzehn Etwa 473,400 Gulden Conv. Pfund Gold, zwanzig tausend Pfund 625,000 Gulden Conv. Silber, an geprägtem Silber vierunddreißig tausend fünfhundert und funfzig 10,800 Gulden Conv. Denare. Lucius Stertinius lieferte aus dem jenseitigen Spanien, ohne auf den Triumph auch nur Anspruch zu machen, funfzigtausend Pfund Silber 1,562,500 Gulden Conv. in den Schatz, und von seinem Antheile an der Beute ließ er auf dem Rindermarkte zwei Schwibbogen aufführen vor dem Tempel der Fortuna und der Mutter Matuta, und Einen in der großen Rennbahn, und besetzte die Bogen mit vergoldeten Standbildern. Fast Alles dies geschah noch während des Winters. Quinctius stand damals zu Elatea in den Winterquartieren. Unter den vielen Gesuchen, welche die Bundesgenossen an ihn brachten, war auch eins, was er den Böotiern gewährte, daß ihnen ihre Landsleute, welche auf Philipps Seite gefochten hätten, zurückgegeben würden. Quinctius bewilligte ihnen dies gern, nicht weil sie es seiner Meinung nach so vorzüglich verdienten, sondern weil Rom bei dem gegen den König Antiochus schon obwaltenden Verdachte sich die Liebe dieser Staten erwerben mußte. Kaum hatte sie ihnen Quinctius wiedergegeben, so zeigte sichs, wie wenig es ihm die Böotier Dank wußten. Denn einmal ließen sie für die Rückgabe der 169 Ihrigen durch eine Gesandschaft Philipp ihren Dank sagen, gleich als hätten es Quinctius und die Römer aus Gefälligkeit gegen ihn gethan; zum andern ernannten sie auf dem nächsten Wahltage einen gewissen Brachyllas aus keinem andern Grunde zum Böotarchen, als weil er bei den Böotiern in des Königs Diensten Oberster gewesen war, und übergingen den Zeuxippus, Pisistratus und Andre, welche die Verbindung mit Rom befördert hatten. Diese nahmen das nicht allein für jetzt sehr übel, sondern sie dachten auch mit Besorgniß an die Zukunft: wenn dergleichen geschehe, während ein Römisches Heer fast vor ihren Thoren stehe, was aus ihnen werden wolle, wenn die Römer nach Italien abgezogen wären, Philipp dann aus der Nähe seine Freunde unterstütze, und Alle, die es mit der Gegenpartei gehalten hätten, verfolge. 28. Weil sie also jetzt noch den Schutz der Römischen Waffen so nahe hatten, beschlossen sie, das Oberhaupt der Königsfreunde, den Brachyllas, aus dem Wege zu räumen. Sie warteten die Gelegenheit ab, als er von einem öffentlichen Gastgebote, bezecht und im Gefolge von Schändlingen, welche der zahlreichen Tafelgesellschaft Vergnügen gewahrt hatten, zu Hause ging. Hier wurde er von sechs Bewaffneten, drei Italern und drei Ätolern, angefallen und getödtet. Seine Begleiter flohen, schrien um Hülfe und das Getümmel der mit Fackeln Umherlaufenden erfüllte die Stadt. Die Mörder entkamen aus dem nächsten Thore. Mit Tagesanbruch fand sich auf den Ruf des Heroldes, als wären die Thäter schon angegeben, eine zahlreiche Versammlung auf dem Schauspielplatze ein. Laut riefen die Leute, sein Gefolge und jene Unzüchtigen hätten ihn gemordet, in Gedanken aber sahen sie den Anstifter des Mordes im Zeuxippus. Für jetzt beschloß man, die dabei Gewesenen greifen und peinlich befragen zu lassen. Während diese sich suchen ließen, befolgte Zeuxippus, um alle Beschuldigung von sich abzuwälzen, die entgegengesetzte Maßregel consimili animo]. – Ich folge dem von H.  Walch vorgeschlagenen non simili animo, und zwar in der bei dem Livius so oft vorkommenden Bedeutung: maxime dissimili, plane diverso. , trat vor die Versammlung, sagte, 170 Man irre sehr, wenn man einen so schrecklichen Mord jenen Halbmännern zutraue; und stellte für seine Behauptung so manche Wahrscheinlichkeit auf, daß er wirklich Einige glaubend machte, er werde, wenn er selbst darum wisse, sich nie der Versammlung gestellt und ungefordert die That zur Sprache gebracht haben. Bei Andern hingegen litt es keinen Zweifel, daß er durch sein freches Entgegenkommen allen Verdacht von sich abwenden wolle. Jene, welche bald darauf unschuldig gefoltert wurden, bauten auf die allgemeine Meinung, die ihnen bekannt war, ihre Aussage, und nannten den Zeuxippus und Pisistratus, ohne doch einen Grund anzugeben, aus welchem sie irgend etwas zu wissen scheinen konnten, Dennoch entfloh Zeuxippus mit einem gewissen Stratonidas in der Nacht nach Tanagra, mehr aus Furcht vor seinem Gewissen, als vor der Aussage von Leuten, die nicht das Mindeste wußten. Pisistratus setzte sich über die Aussagen weg und blieb zu Theben. Zeuxippus hatte einen Sklaven, der über die ganze Sache die Unterhandlungen und Bestellungen gehabt hatte. Pisistratus, der von diesem Menschen eine Aussage fürchtete, zwang ihm eben durch diese Furcht die Aussage ab. Er schrieb an den Zeuxippus, er möge den mitwissenden Sklaven aus dem Wege räumen. So gut er zur Ausführung gewesen sei, so wenig scheine er ihm dazu gemacht, die Sache geheim zu halten. Dem Briefträger befahl er, dem Zeuxippus den Brief bald möglichst einzuhändigen. Dieser aber, der den Zeuxippus nicht zu sprechen bekommen konnte, überlieferte den Brief eben jenem Sklaven, dem er eine vorzügliche Treue für seinen Herrn zutrauete, und fügte hinzu, er komme vom Pisistratus in einer für den Zeuxippus höchst wichtigen Angelegenheit. Der Sklave versprach, ihn sogleich zu übergeben, allein die Sache fiel ihm aufs Herz: er erbrach ihn, las und flüchtete in der Angst nach Theben. Zeuxippus freilich, durch die Flucht seines Sklaven gewarnt, rettete 171 sich nach Athen, das ihm in seiner Verbannung mehr Sicherheit gab; allein Pisistratus und Andre De Pisistrato aliquæ]. – Dem von H. Walch vorgeschlagenen æque würde ich gleich beistimmen, wenn nicht die Worte Torti post paullo insontes zu weit entfernt stünden. Ich folge Gronovs aliisque, weil es auch Cap. 27 heißt Zeuxippo et Pisistrato aliisque, qui Romanæ cæt. wurden auf der Folter vernommen und hingerichtet. 29. Der Umstand, daß Zeuxippus einen solchen Frevel gerade gegen Efferaverat ea res Theb. – – Zeuxippum in principem gentis]. – So lese ich nach Perizonius und Gronov. den ersten Mann des States eingeleitet hatte, empörte die sämtlichen Thebaner und Böotier zu einem wüthenden Hasse gegen die Römer. Allein zu einem neuen Kriege fehlte es ihnen sowohl an Kräften, als an einem Anführer. Also schlugen sie einen andern Weg ein, der dem Kriege sehr nahe kam; die Soldaten, die bei ihnen im Quartiere lagen, oder wenn sie, während der Winterquartiere zerstreuet, zu mancherlei Geschäften ab und zugingen, meuchelmörderisch zu tödten. Sie mordeten manche auf den Wegen, wo sie mit den Schlupfwinkeln bekannt ihnen auflauerten; andre, wenn sie ihnen in böser Absicht verlassene Häuser zur Einkehr hatten anweisen lassen oder sie selbst hingeleitet hatten. Zuletzt übten sie diesen Frevel nicht bloß aus Haß, sondern auch aus Raubsucht, weil die Soldaten, wenn sie auf Urlaub waren, fast immer in Handelsgeschäften ihr Geld im Gürtel hatten. Da man anfangs nur einige, dann täglich mehrere vermißte, so wurde Böotien ordentlich verrufen, und der Soldat war bei jedem Ausgange aus dem Lager ängstlicher, als in Feindes Lande. Da schickte Quinctius Gesandte an die Städte, um über diese Mordthaten Klage zu führen. Vorzüglich fand man viele vom Fußvolke im See Copais. An die Leichen, die man hier aus dem Schlamme losgrub und aus dem Sumpfe hervorzog, waren Steine oder große Krüge gebunden, damit die Last sie zu Boden zöge. Es fand sich, daß viele dieser Frevelthaten zu Acräphia und Coronea verübt waren. Anfangs forderte Quinctius, die Böotier sollten ihm die Thäter ausliefern, und für die 172 fünfhundert Soldaten – so viel waren der heimlich Gemordeten – fünfhundert Talente Ungefähr fünfhundert tausend Thaler, oder nach Crevier 614,000. bezahlen. Als keins von beiden geschah und es die Städte bei der Entschuldigung bewenden ließen, der Stat habe zu dem Allen keine Veranlassung gegeben; so schickte er Gesandte nach Athen und Achaja, welche den Bundesgenossen bezeugen mußten, daß sein Krieg gegen die Böotier gerecht und pflichtmäßig sei, ließ den Publius Claudius mit dem einen Theile der Truppen gegen Acräphia gehen und schloß selbst mit dem andern Coronea ein; nachdem er noch, ehe sich von Elatea aus das Heer in zwei Züge theilte, die Gegend verwüstet hatte. Durch dies Unglück gebeugt, und allenthalben von Schrecken verfolgt und flüchtend, schickten die Böotier Gesandte. Diese wollte man nicht ins Lager einlassen, als gerade die Achäer und Athener dazu kamen. Auf die Fürbitte der Achäer wurde vorzüglich Rücksicht genommen; auch erklärten sie sich, wenn sie den Böotiern den Frieden nicht auswirken könnten, zum gemeinschaftlichen Kriege gegen sie bereit. Durch die Achäer erhielten die Böotier Erlaubniß, vor dem Römischen Feldherrn zu erscheinen und ihre Sache vorzutragen, und unter der Bedingung, die Schuldigen auszuliefern und dreißig Talente Dreißigtausend Thaler, oder nach Crevier 37000. als Strafe zu bezahlen, bewilligte er ihnen den Frieden und hob die Belagerung auf. 30. Wenig Tage nachher kamen die zehn Abgeordneten von Rom, nach deren Gutbefinden dem Philipp der Friede unter folgenden Bedingungen bewilligt wurde. «Alle Griechischen Städte, sie möchten zu Europa oder zu Asien gehören, sollten frei sein und nach eigenen Gesetzen leben. Aus denen, welche unter Philipps Hoheit gestanden hatten, sollte Philipp seine Besatzungen abführen. [Diese Philippus deduceret: his, quæ in Asia essent]. – Um den Livius gegen die Vorwürfe zu retten, die ihm Crevier, Duker und Mehrere über diese Stelle gemacht haben, nehme ich die Worte des Polybius zur Richtschnur, die uns Livius, meiner Meinung nach, getreulich wiedergab, die aber durch die Abschreiber verstümmelt wurden. Ich lese diese ganze Stelle so: «præsidia ex his Philippus deduceret; Romanis, antequam Isthmia essent, eas traderet, exceptis his, quæ in Asia essent, Euromo, et Pedasis, et Bargyliis, et Iasso, et Abydo; et Myrina quoque et Thaso et Perintho: eas enim placere liberas esse.». Die Worte Romanis eas traderet, die ich einschiebe, oder etwas dem Ähnliches, muß Livius geschrieben haben, aus folgenden Gründen. 1) Das Ganze ist sonst durchaus verstümmelt und der Sinn des Friedensschlusses entstellt. Daher die Vorwürfe gegen Livius, die man bei Drakenborch angegeben findet. 2) Livius folgt beinahe als Übersetzer dem Polybius; und Polybius sagt ausdrücklich: παραδου̃ναι Φίλιππον ‘Ρωμαίοις πρὸ τη̃ς τω̃ν Ισθμαίων πανηγύρεως. 3) Die Ätoler sagen Cap. 31. im vollen Unwillen über diesen Friedensschluß: Cur enim alias Romanis tradi urbes nec nominari eas, alias nominari et sine traditione iuberi liberas esse. Also muß doch dessen im Friedensschlusse erwähnt sein. 4) Der Verfolg der Geschichte zeigt (Cap. 31. am Ende), daß die urbes non nominatæ, welche die Römer mit ihren Besatzungen belegten, Acrocorinthus, Chalcis und Demetrias waren: – Daß die Worte antequam Isthmia essent hier gestanden haben müssen, beweiset mir 1) die schon angeführte Stelle des Polybius; 2) weil Livius Cap. 32, ohne alle Einleitung, daß die Isthmischen Spiele diesmal ein auch zu Statsgeschäften bestimmter Termin waren, so anfängt: Isthmiorum statum ludicrum aderat. Einen Wink dieser Art brauchte er Cap. 32. nicht mehr zu geben, wenn er ihn an unsrer Stelle bei den angeführten Friedensbedingungen gegeben hatte; 3) ich erkläre mir aus der Ähnlichkeit der Worte rn is a tqu a Isthmia essent mit his quæ in Asia essent den Irrthum des Abschreibers, welcher rn is (Romanis) mit dem folgenden his verwechselte und darüber die dazwischen stehenden Worte antequam Isthmia essent, eas traderet, exceptis wegfallen ließ. – Die Worte his, quæ in Asia essent glaube ich in Schutz nehmen zu müssen, wenn gleich Duker sagt: Polybius, quem hic Latine interpretatus est Livius, pannum istum non habet. Denn 1) Livius schrieb für Römer, die mit den Asiatischen Griechen nicht in so naher Verbindung standen, als Polybs Europäische Griechen. 2) Die Ätoler wiederholen unwillig die Worte des Friedensschlusses Cap. 31. Und da heißt es: Cur enim alias Romanis tradi urbes, nec nominari eas; alias nominari et sine traditione iuberi liberas esse? nisi ut, quæ in Asia sint, liberentur, longinquitate ipsa tutiores etc. 3) Nach meiner Voraussetzung wurde die Ähnlichkeit zwischen Isthmia essent und in Asia essent dem Abschreiber zur Falle. – Zuletzt noch die Partikel quoque in den Worten eas quoque enim placere liberas esse. Sie entstellt den Sinn, wie Crevier beweiset, und Polybius hat sie nicht. Sie ist aber nur versetzt. Ich lasse den Livius in der Angabe der Städte die von Polybius angegebene Reihe beibehalten; so bleiben die Asiatischen Euromum, Pedasa, Barguliae oder Bargylia (orum), Iassus und Abydus beisammen, und in den Worten et Myrina quoque etc. giebt das quoque zu verstehen, daß die drei letzten Namen nicht mit den ersten zu Einer Classe, sondern zu Europa gehören. sollte er vor dem Eintritte der 173 Isthmischen Spiele den Römern einräumen, ausgenommen] die in Asien gelegenen Euromum, Pedasa, Bargyliä, Jassus und Abydus; auch Myrina, Thasus und Perinthus; denn diese sollten frei sein. Wegen der Freiheit der Bürger von Cia sollte Quinctius dem Bithynischen Könige Prusias schreiben, was der Senat und die zehn 174 Abgeordnetcn für gut gefunden hätten. Die Gefangenen und Überläufer sollte Philipp den Römern zurückgeben, und alle Deckschiffe ausliefern, ausgenommen quin et regiam]. – Ich lese mit Pighius und Meibom: praeter quinque et regiam; um so viel lieber, da Meibom und Jac. Gronov selbst unter dem Ausdrucke des Polybius, σκαφω̃ν, nicht lembos, sondern naves tectas verstehen: und das große Königsschiff bringt erst (45, 35.) Ämilius Paullus nach Rom. fünf nebst dem Einen Königsschiffe von beinahe unbrauchbarer Größe, weil es sechzehn Reihen Ruder hatte. Er sollte nicht mehr als fünftausend ne plus quingentis armatorum]. – Ich folge dem Pighius, der aus dem Zoharas quinque millibus lieset; 1) weil es nicht möglich war, ein Königreich Macedonien mit 500 Soldaten im Gehorsame zu erhalten, 2) weil B. 39. Cap. 23 , 24. Philipp mit den Athamanen Krieg führt, und über ihn Klage geführt wird, daß er in Thessalien, Thracien u. s. w. viele Städte erobert habe – – und er sollte nur 500 Mann gehabt haben? Bewaffnete halten und keinen einzigen Elephanten. Ohne Erlaubniß des Senats sollte er außerhalb Macedoniens Gränzen keinen Krieg führen. Dem Römischen Volke sollte er tausend Talente entrichten; die Hälfte jetzt bar; die andre in zehn jährlichen Zahlungen.» Valerius von Antium setzt die zehnjährige Abgabe auf jährliche viertausend Pfund Silber, und die gleich bar gezahlte Summe Nach Gronov und Drakenb. muß der Text so lauten: Val. Ant. quaternum millium pondo argenti vectigal in decem annos, praesens triginta quatuor millia et ducenta viginti pondo. auf vierunddreißig tausend zweihundert und zwanzig Pfund. Auch schreibt er, es sei dem Philipp ausdrücklich verboten, mit des Attalus Sohne Eumenes – dieser war jetzt der neue König – einen Krieg zu führen. Zur Versicherung nahmen die Römer Geisel, unter diesen auch den Sohn Philipps, Demetrius. Valerius von Antium setzt noch hinzu, dem abwesenden Attalus habe man die Insel Ägina und die Elephanten geschenkt, den Rhodiern Stratonicea Daß dies nur des Valerius, nicht des Livius Meinung sei, darüber s. oben Cap. 18. Note 699 . Vergl. mit B. 38. Cap. 39. in Carien und andre vorher von Philipp beherrschte Städte, den Athenern aber die Inseln Paros, Imbrus, Delus, Scyrus gegeben. 175 31. Da die sämtlichen Staten Griechenlands diesem Friedensschlusse ihren Beifall gaben, so waren die Ätoler die einzigen, welche insgeheim den von den zehn Gesandten erlassenen Beschluß durch halblauten Tadel verunglimpften. «Es sei ein gehaltloses Geschreibsel, mit einem leeren Scheine von Freiheit aufgestutzt. Denn warum würden einige Städte den Römern überliefert und nicht benannt; andre hingegen benannt und ohne alle Übergabe für frei erklärt, wenn es nicht etwa darum geschehe, die in Asien gelegenen, schon eher durch ihre Entfernung gesicherten, für frei zu erklären; hingegen der in Griechenland gelegenen Städte Corinth, Chalcis, Oreum, Eretria und Demetrias, ohne sie namhaft zu machen, sich zu bemeistern?» Und ganz ohne Grund war die Beschuldigung nicht. Denn über Corinth sowohl, als über Chalcis und Demetrias, war man in Ungewißheit, weil in dem Senatsbeschlusse, kraft dessen die Zehn von Rom abgeordnet waren, offenbar die übrigen Städte Griechenlands und Asiens freigegeben wurden; allein wegen dieser drei Städte waren sie angewiesen, so, wie es die Umstände des Stats erfordern würden, seinem Besten und ihrem eignen Gewissen gemäß sich zu benehmen und zu verfügen. König Antiochus war es, an dessen Übergange nach Europa, sobald er mit seinen Vorkehrungen zufrieden sein würde, sie nicht mehr zweifelten, und ihn wollten sie diese Städte von so wichtiger Lage nicht so offen in Besitz nehmen lassen. Von Elatea fuhr der Römische Feldherr Ab Elatia]. – Polybius sagt: ‘Ο δὲ Τίτος ορμήσας εκ τη̃ς Ελατείας. Wenn es des Livius Sitte wäre, den Quinctius bloß mit seinem Vornamen zu nennen, so könnte man annehmen, daß über das t in dem vorhergegangenen Worte nolebant das T. vor Ab Elatia weggefallen sei. Crevier lieset geradezu: Quinctius ab Elatia caet. Ich glaube, daß hinter den Worten Ab Elatia Anticyram wegen der Silbe ram das folgende rom. (Romanus) ausgefallen sei. Sonst würde auch das Wort Quinctius zu bald wiederholt sein. Man vergl. Cap. I. Note 682 . mit den zehn Gesandten nach Anticyra, von da nach Corinth über. Hier gingen die zehn Gesandten mit ihm zu Rathe. Quinctius betheuerte zu wiederholten Malen: «Man müsse ganz 176 Griechenland frei machen, wenn man die Stachelreden der Ätoler entkräften, wenn man dem Römischen Namen bei aller Welt wahre Liebe, wahre Hoheit erwerben, wenn man es beglaubigen wolle, daß die Römer über das Meer gekommen wären, Griechenland zu befreien, nicht aber, die Beherrschung desselben von Philipp auf sich selbst überzutragen.» Gegen die Freiheit jener Städte hatten die Andern nichts einzuwenden; indeß meinten sie, es sei für die Städte selbst rathsamer, auf kurze Zeit unter dem Schutze einer Römischen Besatzung zu stehen, als statt Philipps den Antiochus zum Herrn zu bekommen. Endlich wurde der Beschluß so abgefaßt: « Corinth solle den Achäern wiedergegeben werden, doch so, daß in Acrocorinth eine Besatzung bliebe. Chalcis und Demetrias wolle man behalten, bis man wegen des Antiochus außer Sorgen sei.» 32. Der festgesetzte Tag der Isthmischen Spiele war gekommen, die freilich auch sonst sehr stark besucht wurden, theils weil die Nation bei der Theilnahme, womit sie den Wettkämpfen in allen Arten der Geschicklichkeit, der Körperkraft und Schnelligkeit zusieht, einen Hang für diese Augenweide hat; theils weil wegen der begünstigenden Lage des Orts über die Meere von zwei Seiten her alle Griechen von allen Seiten herbeiströmen: [diesmal aber waren weit zahlreicher, als je, die angesehensten Männer ihrer Staten zugegen; und kaum blieben sie ruhig auf ihren Plätzen, nicht etwa, weil sie mit jener Sucht, welche die Menge herbeigeführt hatte, auf die Spiele gesteuert waren;] undique conventus erat. Sed exspectatione erecti]. – Die Worte conventus erat hat erst Froben. aufgenommen, statt der Lesart der älteren Ausgaben convenerat, welche ich beibehalte. Daß hier eine Lücke sei, sahen schon Crevier, Duker u. A. Ich denke sie mir zwischen den Worten undique und convenerat. Crevier sagt: Pluscula desunt, und wird durch Drakenborchs Behauptung, daß alii auch nur Einmal stehen könne, nicht widerlegt. Das erste alii selbst kann immerhin wegbleiben, wenn nur ein zweites folgt, wie Drakenb. durch Gronov's und seine eignen angeführten Beispiele sattsam erweiset. Allein wenn auch das erste alii nicht ausdrücklich dasteht, so muß doch etwas dasein, worauf das zweite als Gegensatz sich beziehen kann; und gerade diesen ersten Gegensatz vermißte Crevier, wie mich dünkt, sehr richtig. Als Übersetzer habe ich mir einen Zusammenhang geschaffen, wie ich ihn dem Livius anpassen zu müssen glaubte, und nahm den Polybius zu Hülfe. Ihm gehören die επιφανέστατοι άνδρες συνεληλυθότες: das Übrige mußte ein Gegensatz zu sed exspectatione erecti werden. Ich habe so übersetzt, als hätte ich etwa folgende Worte vor mir gehabt: Isthmiorum statum ludicrum aderat; a) semper quidem et alias frequens, 1) quum propter spectaculi studium insitum genti, quo certamina omnis generis artium viriumque ac pernicitatis visuntur; 2) tum quia propter opportunitatem loci per duo diversa maria omnium Graecorum undique [ confluxus est: b)  iam vero multo quam unquam alias frequentiores aderant viri civitatis suae nobilissimi; et vix quieti remanebant in sua quisque sede, non eo quidem spectandi studio ludis inhiantes, excitata quo multitudo undique ] convenerat, sed exspectatione erecti, qui deinde status futurus Graeciae, quae sua fortuna esset: alii non taciti solum opinabantur caet. Durch die beiden Buchstaben und Zahlen habe ich bemerklich machen wollen, daß die Lücke nicht nach dem Vorschlage der Gothaer Ausgabe durch ein bloßes tum frequentissimum gedeckt werden könne. sondern aufgeregt von der Erwartung, wie 177 künftig die Verfassung Griechenlands, wie ihr eignes Schicksal sein werde: ja Einige begnügten sich nicht mit ihren Muthmaßungen in der Stille, sondern knüpften darüber Gespräch an Gespräch. Jetzt setzten sich die Römer zum Schauspiele nieder; der Herold trat mit einem Trompeter, wie es Sitte ist, in die Mitte des Kampfplatzes, von wo die Spiele mit der gehörigen Formel angekündigt werden, und als die Trompete Stille geboten hatte, erscholl sein Ausruf: «Der Römische Senat und der Oberfeldherr Titus Quinctius erklären nach Besiegung des Königs Philipp und der Macedonier für freie, niemand steuerpflichtige, nach eignen Gesetzen waltende Staten die Corinther, Phocenser und alle Locrenser, ferner die Insel Euböa, die Magneten, Thessalier, Perrhäber und die Phthiotischen Achäer. » So hatte er der Reihe nach alle die Völker hergenannt, welche unter König Philipps Hoheit gestanden hatten. Bei den Zuhörern erhob sich auf diese Worte des Herolds eine Freude, die sie in ihrer ganzen Größe nicht fassen konnten. Kaum glaubte Jeder, das wirklich gehört zu haben. Einer sah den Andern an als über eine leere Traumerscheinung staunend. Weil sie ihren eignen Ohren über das, was sie selbst anging, am wenigsten traueten, so befragten sie darüber die Nächststehenden. Da Alle vor Begierde brannten, nicht bloß zu hören, sondern auch den Verkündiger ihrer 178 Freiheit zu sehen, so mußte der Herold noch einmal auftreten pronunciaret eadem]. – Gronov und Duker verwerfen dies pronunciaret, und ich glaube, es entstand nur durch den Abschreiber, der es mit dem vorhergehenden averet übereinstimmend machen wollte. Wenn Bauer meint: infinitivus hic non satis commode poni videtur, so gestehe ich, daß ich ihn hier bei den voraufgegangenen vix satis credere; alii alios intueri, und bei der Lebhaftigkeit des Vortrags sehr passend finde. Irre ich nicht, so könnte man dieser durch folgende Interpunction noch zu Hülfe kommen: Revocatus ( scil. est) praeco, quum unusquisque – averet. Iterum pronunciare eadem. . Er wiederholte dasselbige. Da nun wurde durch die Vergewisserung der Freude das mit Geschrei begleitete Beifallklatschen so laut und so oft wiederholt, daß es sich deutlich ergab, unter allen Gütern des Lebens sei dem Volke keines lieber, als die Freiheit. Die Spiele selbst wurden nun mit der größten Eilfertigkeit abgethan, da niemand seine Gedanken oder seine Blicke mit ihnen beschäftigte: so wenig gab die außerordentliche Freude dem Gefühle für jedes andere Vergnügen Raum. 33. Nach Beendigung der Kampfspiele eilten Alle beinahe im Laufe zum Römischen Feldherrn; so daß er, da der ganze Schwarm von Menschen, die ihm nahen, ihm die Hand reichen wollten und ihm Kränze und Kranzbänder zuwarfen, auf den Einen Mann heranstürzte, beinahe in Gefahr kam. Doch war er fast dreiunddreißig Jahre alt; und Jugendkraft und Freude über einen so ausgezeichneten Genuß von Ehre lieh ihm Stärke. Auch überließen sich Alle nicht bloß für heute dem Ausbruche der Freude, sondern sie erneuerten sie viele Tage lang durch dankbare Erinnerung und durch das Geständniß: «Es sei doch noch auf Erden ein Volk, das auf seine eignen Kosten, mit eigner Beschwerde und Gefahr für die Freiheit Anderer Krieg führe; das diese Wohlthat nicht etwa nur Anwohnern seiner Gränzen, nahe benachbarten und mit ihm zu Einem festen Lande gehörenden Völkern erweise; nein, das über die Meere setze, um auf dem ganzen Erdboden jede ungerechte Herrschaft zu tilgen und allenthalben menschlichem und göttlichem Rechte und dem Gesetze die höchste Gewalt zu geben. Durch den bloßen Ausruf eines Heroldes habe es alle dienstbaren Städte 179 Griechenlands und Asiens frei gemacht. Sich hierzu Hoffnung zu machen, habe schon hohen Muth erfordert; es zur Ausführung zu bringen, außerordentliche Kraft und Glück.» 34. Hiernächst ertheilten Quinctius und die zehn Abgeordneten den Gesandschaften der Könige, der Völker und Städte Gehör. Früher als alle andern wurden die Gesandten des Königs Antiochus vorgelassen. Da sie fast eben so, wie vorhin zu Rom, Versicherungen aufstellten quae fere Romae erant – – iactata. Nihil]. – Ich wünschte, hier so lesen zu dürfen: His, eadem, quae fere Romae fecerant, verba sine fide rerum iactantibus, ( Crev. ) nihil iam perplexe caet. Und weiter unten: eas sineret liberas omnesque Graecas. , denen die Wahrheit widersprach, so erklärte man ihnen, nicht mehr so umwunden, wie damals, als vor Philipps Besiegung der Ausgang noch zweifelhaft war, sondern gerade heraus, Antiochus müsse die Städte Asiens, welche den Königen Philipp oder Ptolemäus gehört hätten, räumen, und diese, so wie alle Griechischen Städte frei sein lassen. Vor allen Dingen wurde ihm angedeutet, weder selbst nach Europa überzugehen, noch Truppen herüber zu senden. Nach Entlassung der königlichen Gesandten wurden die der Völker und Städte zu einer Versammlung gezogen, welche so viel früher zu Ende ging, weil die zehn Abgeordneten durch ihre Beschlüsse die namentlich schon bestimmten Städte quod decreta decem legatorum]. – Ich vermuthe, Livius habe etwa so geschrieben: quod decreta decem iam parata decem legatorum, und daß die Worte, die unsern Exemplaren jetzt fehlen, durch das wiederholte decem ausfielen. Denn daß es hier nicht ein commune decretum war, schließe ich aus dem Plural decreta. Jede Völkerschaft bekam die ihr bestimmte Anweisung, wie es Livius nachher auch bei den Ätolern durch adiecta decreti auctoritate anzudeuten scheint. Daß es aber zehn Decrete waren, schließe ich aus der Zahl der Völker, welche Livius als Geschichtschreiber den einzelnen Völkern nur nicht vorsetzen durfte; wohl aber der erklärende Notenschreiber. 1) Orestae, 2) Magnetes; 3) Perrhaebi, 4) Delopes, 5) Thessali, 6) Aetoli; 7) Achaei, 8) Euboeae urbes, Eumeni destinatae, 9) Illyrii (Pleuratus), 10) Athamanes (Amynander). Die Übersetzung würde dann etwa so lauten: «Weil die zehn Abgeordneten in ihren zehn schon gefertigten Beschlüssen die Städte nur noch namentlich kund thaten.» Eben darum konnte die Versammlung so viel eher entlassen werden. Diesem Sinne gemäß erklärt auch Crevier die Stelle so: quod ibi pronunciabantur solummodo decreta iam a legatis facta . nur kund zu thun hatten. Den 180 Oresten – dies ist eine Macedonische Völkerschaft – wurden ihre eignen Gesetze wiedergegeben. Die Magneten, Perrhäber, Dolopen, wurden ebenfalls für frei erklärt. Der Nation der Thessalier wurden außer der zugestandenen Freiheit die Phthiotischen Achäer zugetheilt, doch mit Ausnahme von Phthiotisch Theben und Pharsalum. Die Ätoler wurden mit ihrer Forderung, daß ihnen Pharsalus und Leucas vermöge des Vertrages wieder eingeräumt werden müßten, an den Senat verwiesen. Aber das Gebiet der Phocenser, der Locrenser [und Theben ] et quae, sicut ante fuerant, adiecta decreti auctor.] – Es ist sonderbar, daß Livius vorhin Theben ausdrücklich unter den den Thessaliern einzuräumenden Städten ausnimmt, und doch nicht sagt, wer es denn wirklich bekommt. Noch dazu hatte er oben Cap. 13. den Quinctius sich bereit erklären lassen, Theben den Ätolern wieder einzuräumen. Es fragt sich also jetzt nur noch, ob auch die zehn Abgeordneten dazu einstimmten. Und was will er damit sagen, daß er hier allein bei den Ätolern die auctoritatem decreti anführt: die Andern alle waren ja eben so gut auctoritate decreti auf diese oder jene Städte angewiesen, wie die Ätoler auf die ihnen bestimmten. Um diese Zweifel zu beantworten, nehme ich das von den übrigen Editoren verworfene et quae wieder in Schutz, und glaube darin die rechte Lesart et Thebas zu finden. Dann ergiebt es sich, warum es hier heißen konnte, das ihnen schon vorläufig von Quinctius bewilligte Theben wurde ihnen nun auch durch hinzukommende Bestätigung des Beschlusses der 10 Abgeordneten zuerkannt. Wäre diese Vermuthung richtig, so müßte man aus des Livius beiden Worten et Thebas auch im Polybius die zwei Worte καὶ Θήβας hinzuthun, die das folgende καθάπερ verschlang; denn die Abbreviaturen κθ πρ und κὶθ η sind sich so sehr ähnlich. Und beim Polybius ist es eben so befremdend, daß auch er Theben ausdrücklich, wie Livius, unter den Ausnahmen nennt; und nachher sollte er davon schweigen? , so wie sie dies vorher gehabt hatten, wurde ihnen nun durch hinzukommende Bestätigung des Beschlusses zugesprochen. Corinth, Triphylia, Heräa – auch dies ist eine Stadt des Peloponnes – wurden den Achäern wiedergegeben. Oreum und Eretria gaben die zehn Abgeordneten dem Könige Eumenes, des Attalus Sohne. Weil aber Quinctius nicht beistimmte, wurde die Sache der Entscheidung des Senats überlassen. Der Senat gab diesen Städten die Freiheit, und zog Carystus mit dazu Carysto adiecto]. – Ich lese Carysto adlecta. Livius sagt Cap. 16. Carystus – firm a vis a est, und Cap. 17. Carystus inde repetit a . Und adlegere in senatum, in libertatem, in numerum etc. sind bekannt. Ob adiicere hier den verlangten Sinn haben könne, bezweifelt mit mir auch Crevier. . Dem Pleuratus wurden Lychnidus und Parthini gegeben; 181 beides Illyrische Völkerschaften, die unter Philipps Hoheit gestanden hatten. Den Amynander hießen sie die eroberten Festungen behalten, die er während des Krieges dem Philipp abgenommen hatte. 35. Als die Versammlung entlassen war, reiseten die zehn Abgeordneten, die sich in die Geschäfte theilten, nach verschiedenen Gegenden ab, jeder, um die Städte der ihm angewiesenen Landschaft in Freiheit zu setzen; Publius Lentulus nach Bargyliä; Lucius Stertinius nach Hephästia, Thasus und den Städten Thraciens; Publius Villius und Lucius Terentius zum Könige Antiochus; Cneus Cornelius zum Philipp. Als er ihm nach Mittheilung der minder wichtigen Aufträge die Frage vorgelegt hatte, ob er wohl einem nicht bloß nützlichen, sondern auch sehr heilsamen Rathe sein Ohr leihen wolle, und der König ihn versicherte, er werde es ihm sogar Dank wissen, wenn er ihm etwas eröffnete, was zu seinem Besten diente; so rieth er ihm dringend, er möge jetzt, da ihm der Friede bewilligt sei, Gesandte nach Rom schicken und um Bündniß und Freundschaft bitten, damit er sich, auf den Fall, daß Antiochus etwas unternähme, nicht den Schein gäbe, bloß gezögert und nach einem günstigen Zeitpunkte zum Kriege ausgesehen zu haben. Es war in dem Thessalischen Tempe, wo er mit Philipp zusammenkam. Als ihm dieser zugesagt hatte, er wolle sogleich die Gesandten abgehen lassen, begab sich Cornelius nach Thermopylä, wo an festgesetzten Tagen eine zahlreiche Versammlung der Griechen sich einzufinden pflegt – sie nennen sie das Pylaicum – und forderte vorzüglich Daß Livius hier den Polybius misverstanden, aus einer Versammlung der Ätolischen Völkerschaften zu Thermus eine Zusammenkunft aller Griechen zu Thermopylä gemacht habe, und den Cornelius die Ätoler vorzüglich warnen lasse, da er doch zu Thermus keine andere, als Ätoler, vor sich hatte, ist schon von Mehreren anerkannt. die Ätoler auf, mit Festigkeit und Treue bei der Freundschaft gegen Rom zu beharren. Hier beklagten sich einige der Ätolischen Großen in sehr alii interquesti sunt]. – Ich folge Creviers Vermuthung: alii leniter questi sunt; wegen des folgenden alii ferocius incusarunt, und weil Polybius sagt: πράως. Daß zwischen lii und inter das Wort leniter verloren ging, ist so wahrscheinlich. gemäßigtem Tone, daß die Gesinnung 182 der Römer gegen ihre Nation nach dem Siege nicht mehr dieselbe sei, die sie während des Krieges gewesen; andre waren in ihren Beschuldigungen trotziger und rückten den Römern vor: «Ohne die Ätoler hätten sie nicht allein den König Philipp nicht besiegen, sondern nicht einmal nach Griechenland übergehen können.» Hierauf zu antworten hielt der Römische Legat, um es nicht zu einem Gezänke kommen zu lassen, für unnöthig, und sagte bloß: «Wenn sie nach Rom schickten, würden sie jede billige Forderung erlangen.» So wurde auf sein Gutachten die Absendung beschlossen. Einen solchen Ausgang hatte der Krieg mit Philipp. 36. Während dieser Verrichtungen in Griechenland, Macedonien und Asien wäre Hetrurien durch eine Sklavenverschwörung beinahe feindlich gegen Rom aufgetreten. Der Prätor Manius Acilius, dem das Los die Rechtspflege über Bürger und Ausländer beschieden hatte, den man aber, die Sache zu untersuchen und zu dämpfen, mit einer von den beiden Stadtlegionen abgehen ließ, besiegte einen Theil, der sich schon zusammengerottet hatte, im Gefechte; – von diesen wurden viele getödtet, viele gefangen – andere, die Häupter der Verschwörung, ließ er prügeln und kreuzigen; noch andre lieferte er ihren Herren wieder ein. Nun gingen die Consuln auf ihre Standplätze ab; Als Marcellus nach seinem Eintritte in das Land der Bojer seine durch den Marsch eines ganzen Tages ermüdeten Soldaten auf einer Anhöhe ein Lager schlagen ließ, griff ihn Corolamus, Fürst der Bojer, mit einem großen Schwarme an und tödtete ihm an dreitausend Leute. Auch fielen in diesem wilden Gefechte verschiedene angesehene Männer, unter andern die den Bundsgenossen vorgesetzten Obersten, Titus Sempronius Gracchus und Marcus Junius Silanus und die Obersten von der zweiten Legion Aulus Ogulnius und Publius Claudius. Doch vollendeten die Römer unerschrocken die Befestigung ihres Lagers und behaupteten es, so daß der Angriff, den die Feinde gleich 183 nach ihrem Siege thaten, ohne Erfolg blieb. Mehrere Tage lang hielt sich der Consul in diesem Standlager still, theils zur Heilung der Verwundeten, theils um bei seinen Soldaten nach einem solchen Unfalle den Muth wieder herzustellen. Die Bojer, ein Volk, das jedes Aufenthalts so leicht überdrüssig wird, verliefen sich in ihre kleinen Festungen und Flecken. Marcellus, der sogleich über den Po ging, führte seine Legionen in das Gebiet von Comum, wo die Insubren mit den zu den Waffen gerufenen Comensern ihr Lager hatten. Die Gallier, die den Legionen entgegen rückten ducit legiones in ipso itinere]. – Das Wort ducit fehlt in den ältesten Ausgaben. Frobenius las: ducit legiones etc., und Glareanus: legiones induxit. Sigonius wollte die Lücke so ausfüllen: legiones induxit. Cuius adventu audito, Galli confestim concurrunt atque in ipso itinere etc. Drakenb. nimmt zwar das Wort ducit auf, meint aber, daß weiter keine Ergänzung nöthig sei. Dann aber sieht man nicht, wie die Feinde, die bei Comum im Lager stehen, die Römischen Legionen auf dem Marsche treffen können. Auch können die Worte in ipso itinere praelium committunt nicht in Einem Komma stehen bleiben, weil praelium committunt, des Folgenden wegen, auf die Gallier sich beziehen muß; in ipso itinere aber auf die Römischen Legionen. Vielleicht hatte Livius geschrieben: in agrum Comensem – – legiones ducit. Galli obviam egressi nactique legiones in ipso itinere, praelium committunt. Dann erklärt es sich leichter aus der Wiederholung des Worts legiones, wie das Wort ducit und die übrigen dazwischen stehenden ausfallen konnten. und sie noch auf dem Marsche trafen, fingen sogleich das Treffen an und drangen anfangs mit solcher Heftigkeit ein, daß sie die ersten Glieder zum Weichen brachten. Als dies der Consul wahrnahm, schob er aus Besorgniß, die einmal Zurückgedrängten möchten sich in die Flucht schlagen lassen, eine Cohorte Marser vor und ließ die sämtlichen Geschwader der Latinischen Ritter auf den Feind. Als ihr erster und zweiter Ansturz den keck hereindringenden Feind zurückgeworfen hatte, hielt auch die übrige Römische Linie, dadurch ermuthigt, anfangs Stand und darauf drang sie hitzig mit ihren Fahnen ein. Länger hielten die Gallier den Kampf nicht aus: sie kehrten den Rücken und flohen in vollem Laufe. Valerius von Antium schreibt, man habe ihrer in diesem Treffen über vierzigtausend getödtet, fünfhundert und sieben Kriegsfahnen erbeutet, vierhundert zweiunddreißig Wagen und viele goldene Halsketten, von denen, wie 184 Claudius meldet, eine von ansehnlichem Gewichte auf dem Capitole als Geschenk für den Jupiter in der Capelle niedergelegt sei. Das Lager der Gallier wurde noch an diesem Tage erstürmt und geplündert, und die Stadt Comum in wenig Tagen erobert. Darauf unterwarfen sich dem Consul achtundzwanzig kleine Festungen. Auch das ist bei den Geschichtschreibern unausgemacht, ob der Consul sein Heer zuerst gegen die Bojer, oder gegen die Insubren führte und das nachtheilige Gefecht durch das gelungene in den Hintergrund stellte, oder ob der bei Comum errungene Sieg durch die im Bojerlande erlittene Niederlage verunstaltet wurde, 37. Um die Zeit dieser von so wechselndem Glücke begleiteten Unternehmungen, kam Lucius Furius Purpureo, der andre Consul, durch den Sappinischen Bezirk im Bojischen an. Schon war er nahe bei Castrum Mutilum, als er aus Besorgniß, zugleich von den Bojern und Liguriern eingeschlossen zu werden, auf demselben Wege, den er gekommen war, wieder zurückzog und nach einem großen Umwege durch offene, aber sichere Gegenden, bei seinem Amtsgenossen anlangte. Nun durchzogen sie, mit vereinten Heeren plündernd, zuerst das Bojische Gebiet bis an die Stadt Felsina. Diese Stadt und die übrigen kleinen Festungen ergaben sich, auch fast alle Bojer, mit Ausschluß ihrer Mannschaft, die aus Lust zu plündern unter die Waffen getreten war und sich jetzt in unwegsame Wälder zurückgezogen hatte. Nun ging das Heer in das Ligurische hinüber. Die Bojer hofften den Zug der Römer, der in der Voraussetzung, sie weit entfernt zu wissen, nicht so genau zusammenhalten würde, unvermuthet zu überfallen, und folgten ihnen durch versteckte Waldpässe. Als sie sie aber nicht erreichten, gingen sie eilig auf Schiffen über den Po, und als sie nach Ausplünderung der Läver und Libuer durch die äußerste Ecke von Ligurien zurückkehrten, trafen sie mit ihrem Raube vom Lande auf den Zug der Römer. Das Gefecht begann rascher und heftiger, als wenn sie, nach Bestimmung der Zeit und des Platzes zum Kampfe; mit entgegensehendem Muthe 185 einander angegriffen hätten. Hier zeigte sichs, wie kräftig die Rache den Muth spornt. Mit einer Wuth zum Morde mehr, als zum Siege, fochten die Römer so, daß sie vom Feinde kaum einen Boten seiner Niederlage entkommen ließen. In Bezug auf diese Thaten wurde zu Rom, als die schriftliche Anzeige von den Consuln einlief, ein dreitägiges Dankfest angeordnet. Bald nachher kam Marcellus nach Rom, und mit großer Einstimmigkeit der Väter wurde ihm der Triumph zuerkannt. Er hielt ihn, noch in seinem Amte, über die Insubren und Comenser. Sich auf einen Triumph über die Bojer Hoffnung zu machen, überließ er seinem Amtsgenossen, weil er für seine Person gegen diese Nation Verlust, sein Amtsgenoß hingegen Sieg gehabt hatte. Eine große den Feinden abgenommene Beute zog auf eroberten Kriegswagen durch die Straßen, viele Fahnen wurden ihm voraufgetragen, an Kupfergelde dreihundert und zwanzigtausend Ungefähr 10,000 Gulden Conv. M. Ass, an Silber zweihundert vierunddreißig tausend Etwa 73,124 Gulden. Denare. Jeder vom Fußvolk bekam achtzig Ungefähr 1 Thlr. 16 Ggr. Ich lese mit Glarean., Gron. und Crev. octogeni statt octingenti. Kupferass, der Ritter und Hauptmann das Dreifache. 38. In diesem Jahre unternahm der König Antiochus, der seine Winterquartiere zu Ephesus gehalten hatte, die sämtlichen Städte Kleinasiens wieder auf den alten Fuß der Unterwürfigkeit zu setzen, insofern wenigstens die übrigen, entweder wegen ihrer Lage in der Ebene, oder weil sie sich auf ihre Mauern, Waffen und Mannschaft nicht ganz verlassen konnten, das Joch ohne große Mühe sich auflegen lassen würden. Nur Smyrna und Lampsacus waren im wirklichen Besitze der angemaßten Freiheit; und es stand zu besorgen, wenn man ihnen dies einräumte, [gerade als sollten sie davon zur Verführung Gebrauch machen] quos in Theba]. – Diese den Sinn entstellenden Worte konnte und durfte ich nicht übersetzen. Ich hätte Gronovs vorgeschlagenes quasi tabe aufgenommen, wenn es mir nicht geschienen hätte, als verwechsle hier Gronov tabes mit contagio. Ich glaube nicht einmal, daß Gronov hier Recht hätte, wenn er vorschlüge: urbes tabe correptae oder contactae Smyrnam et Lampsacum sequerentur: noch weniger kann ich ihm beipflichten, wenn er sagen will: urbes tabe Smyrnam et L. sequuntur. Auch sagt Drakenb.: neque illa (emendatio Gronovii) Crevierio placet, cui dura nec satis aperta videtur. Ich wage die Vermuthung, im Texte habe gestanden: ne, si concessum his foret quasi in inlece ba . Dies sollte heißen: ne, si concessum his foret quasi in illecebram, cet. So sagt Livius: concessumque in conditiones (II. 33.). Den Sinn habe ich, weil doch in der Übersetzung Sinn sein mußte, deutlich genug ausgedrückt. Daß das zweimal nöthige in Einmal ausfiel, davon finden sich bei Drakenb. Beispiele genug. Das übrigbleibende lece ba konnte, meine ich, eher in theba übergehen, als mit gerade entgegengesetzter Vertauschung der beiden Vocale Gronovs t a b e . daß es alsdann auch andere Städte in Äolis 186 und Ionien wie Smyrna, und am Hellesponte wie Lamp4 6#ci;siiiacheii möchten. Deswegen schickte er selbst von Ephesus zur Einschließung von Smyrna Truppen ab, und befahl auch, die zu Abydus liegenden, mit Zurückbehaltung einer nur mäßigen Besatzung, zur Belagerung vor Lampsacus rücken zu lassen. Er brauchte aber nicht bloß Gewalt, sie zu schrecken, sondern suchte ihnen auch durch Abgeschickte, welche ihnen in Güte zureden und ihre Unbesonnenheit und Hartnäckigkeit misbilligen mußten, die Hoffnung einzuflößen, daß sie mit nächstem ihre Wünsche erreicht haben würden; aber dann, wenn sie selbst und jeder Andre davon überzeugt sein müßten, daß sie die Freiheit vom Könige bewilligt erhalten, nicht aber gelegentlich erhascht hätten. Hierauf antworteten sie: «Es müsse den König weder befremden, noch unwillig machen, wenn sie sich die gewünschte Freiheit nicht gern aufschieben ließen.» Mit Frühlingsanfange segelte Antiochus selbst von Ephesus mit seiner Flotte in den Hellespont, setzte seine Landtruppen nach Madytus über, einer Stadt des Chersones, ließ die Seesoldaten zu seiner Landmacht stoßen, und weil ihm die Bürger die Thore schlossen, umstellte er die Mauern mit seinem Heere. Schon rückten die Werkzeuge zum Sturme an, als die Übergabe erfolgte. Eben so ergaben sich aus Furcht auch die Einwohner anderer Städte im Chersones. Von hier kam er mit allen seinen See- und Landtruppen nach Lysimachia. Weil er dies verödet und beinahe in Trümmern liegen sah – die Thracier hatten es wenig Jahre zuvor erobert 187 und nach der Plünderung angezündet – so kam ihm die Lust, eine so berühmte und trefflich gelegene Stadt wieder herzustellen. Also unternahm er mit großem Eifer Alles zugleich; die Häuser und Mauern wieder aufzubauen, die Lysimachier theils aus der Knechtschaft loszukaufen, theils ihre am Hellesponte und im Chersones zerstreuten Flüchtlinge aufzusuchen und zusammenzubringen; auch neue Anbauer unter angebotenen Vortheilen anzustellen und auf alle Art die Bevölkerung zu befördern. Um sie aber auch vor den Thraciern zu sichern, brach er selbst mit der Hälfte seiner Landmacht auf, die nächsten Gegenden Thraciens zu verheeren; die andre Hälfte und die sämtlichen Seetruppen ließ er bei dem Wiederaufbaue der Stadt als Arbeiter zurück. 39. Um diese Zeit machte nicht nur Lucius Cornelius, der als Gesandter vom Senate die Streitigkeiten zwischen den Königen Antiochus und Ptolemäus beilegen sollte, auf seiner Reise zu Selymbria Halt, sondern auch von den zehn Abgeordneten gingen Publius Lentulus von Bargyliä, Publius Villius und Lucius Terentius von Thassus nach Lysimachien; und eben da trafen auch Lucius Cornelius von Selymbria und nach wenig Tagen Antiochus aus Thracien ein. Die erste Zusammenkunft mit den Gesandten und die darauf folgende Bewirthung war sehr artig und gastfreundschaftlich. Sobald aber ihre Aufträge und der gegenwärtige Zustand Kleinasiens zur Sprache kamen, gerieth Alles in feindselige Stimmung. Die Römer ließen sich deutlich merken, daß alle Unternehmungen des Königs, seitdem er mit seiner Flotte von Syrien abgegangen sei, das Misfallen des Senates hätten, und erklärten es für seine Pflicht, dem Ptolemäus alle Städte, die zu dessen Hoheit gehört hätten, wieder herauszugeben. «Denn was jene Städte betreffe, deren sich Antiochus als ehemaliger Besitzungen Philipps bei der Gelegenheit ermächtigt habe, da Philipp durch den Krieg gegen Rom hier abgerufen sei, so sei es vollends unerhört, daß die Römer mehrere Jahre lang zu Lande und zu Wasser so große Gefahren und Beschwerden erduldet haben sollten, 188 und den Preis des Krieges Antiochus im Besitze habe. Gesetzt aber, die Römer hätten sich den Schein geben können, daß sie auf seinen Einbruch in Kleinasien, gleich als habe dieser auf sie keinen Bezug, nicht achteten, was denn jetzt bei seinem Übergange sogar nach Europa mit allen seinen See- und Landtruppen, zu einem offenbaren Kriege a bello aperto Romanis]. – Nach Gronov, Crevier und Drakenborch: a bello aperto cum Romanis. mit Rom noch fehle? Er freilich werde selbst dann, wenn er nach Italien übersetzte, immer noch beim Leugnen bleiben.» 40. Der König erwiederte: Ad ea rex: Satis iam ante videre se]. – Diese 8 Worte fehlen in der Mainzer Ausgabe ganz. Die letzten 5 aus dem Schlusse des 25sten Capitels hieher gesetzt zu haben, gesteht Gelenius ein. Dort gaben sie einen guten Sinn: allein hier sehe ich nicht, wie Antiochus sagen kann: ante videre se, da er doch erst nach den Anmaßungen der Römer diese Erfahrung machte. Ich habe indeß, weil diese Worte einmal dastanden, so gethan, als könnten sie den Sinn haben: iam ante vidisse se et adhuc videre. Ständen die Worte wirklich in einem Msc., so würde ich glauben, daß auch hier, wie 30, 42. ante aus dem unrichtig gelesenen a p te (aperte) entstanden sei, und dann so interpungiren: Satis iam aperte, videre se, Romanos inquirere, «Er sehe wohl, daß die Römer schon ganz geradezu u. s. w. – Wenn sie im Stillen den Syrischen König nicht unbeobachtet ließen, darüber konnte er ihnen keine Vorwürfe machen: allein wenn sie jetzt ganz unverholen ihm vorschreiben wollen, wie er verfahren soll, u. s. w. «Er sehe schon lange deutlich genug, daß die Römer sich darum bekümmerten, wie König Antiochus zu handeln habe, aber nicht daran dächten, wie weit sie selbst zu Lande und zu Wasser vorschreiten dürften. Kleinasien gehe das Römische Volk nichts an, und die Römer hätten eben so wenig darnach zu fragen, was Antiochus in Kleinasien, als Antiochus, was die Römer in Italien thäten. Was den Ptolemäus betreffe, dem er, laut ihrer Klage, Städte genommen haben solle, so bestehe zwischen ihm und Ptolemäus die Freundschaft noch jetzt, und er gehe damit um, nächstens mit ihm auch eine Verwandschaft zu knüpfen. Selbst nicht von Philipps Unglücke habe er für sich eine Beute zu ziehen gesucht, noch sei er zum Kriege gegen Rom nach Europa übergegangen. Aber den Chersones, der dem Lysimachus gehört habe, – und nach dessen Besiegung sei ja Alles, was er im Besitze gehabt, durch 189 das Recht des Krieges, Eigenthum des Seleucus geworden – rechne er zu den Ländern seiner Hoheit. Während seine Vorfahren bald mit dieser, bald mit jener Angelegenheit zu thun gehabt hätten, hätten zuerst Ptolemäus, nachher auch Philipp, als Benutzer fremdes Eigenthums, einige der dortigen Städte im Besitze gehabt, so wie auch einige in dem benachbarten Thracien, die doch unbezweifelt dem Lysimachus gehört hätten. Er sei Ad ea facienda in antiquum venisse]. – Gronovs Vorschlag, dieser mangelhaften Stelle so zu helfen: Ad ea redigenda in antiquum ius venisse, geht nur zu weit von der Spur ab. Wenn in der Urschrift stand: Ad ea sua facienda dnm antiquum (dominum antiquum) venisse, so ließ der Abschreiber das sua ausfallen, weil es mit dem folgenden faci Ähnlichkeit und gleich viele Hauptstriche hatte; das dn von dnm fiel wegen des davorstehenden da weg, und aus dem übrig bleibenden m wurde unser in. Suum facere ist dem Livius nicht fremd. Er sagt 32, 14. In aliena victoria praedam suam faciunt; und 44, 24. Asiam iam ex parte – suam fecerint. Noch eigentlicher aber passet das suum facere zu dominus, wie aus Gronovs Anmerkung zu 41, 8., ne quis quem – suum faceret, hervorgeht. Der Accusativ se ist hier nicht durchaus nöthig, sonst läßt er sich auch aus dem voraufgehenden sua suppliren: ( Se ) ad ea sua facienda dominum antiq. venisse. , als angestammter Landesherr, gekommen, von diesen Besitz zu nehmen. So baue er auch die durch einen Einbruch der Thracier zerstörte Stadt Lysimachia von neuem wieder auf, um sie seinen Sohn Seleucus als Hauptstadt eines eignen Reichs bewohnen zu lassen.» 41. Als unter solchen Gegenerklärungen mehrere Tage verstrichen waren, bewirkte ein unverbürgtes Gerücht, das den Tod des Königs Ptolemäus angab, [bei den Gesandten sowohl, als bei dem Könige Diese eingeklammerten Worte habe ich hinzugesetzt. Man sieht nämlich, daß hinter den Worten Ptolemaei regis etwas fehlt. Gronov schiebt nach regis das Wort effecit ein; Crevier bloß fecit. Außerdem daß mir dies auf rumor zu beziehende Verbum, wenn es nach dem langen Zwischensatze so einzeln und abgebrochen dastände, von der Rundung des Periodenbaues im Livius zu sehr abzuweichen scheint, kann ich mich auch der Frage nicht erwehren, wie es zuging, daß dies effecit oder fecit ausfiel. Wenn wir aber annähmen, Livius habe so geschrieben: rumor – – – allatus de morte Ptolemaei regis ita et legatorum animos affecit et regis (sc. Antiochi); so ergäbe sichs, wie die auf das erste regis folgenden Worte nebst dem zweiten ausfallen konnten. Der Abschreiber las nach den Worten Ptolemaei regis, durch das zweite regis getäuscht, gleich weiter: ut nullus exitus etc. ] eine solche Stimmung, daß es nun vollends in den Unterredungen zu keiner Entscheidung kam. Denn auf beiden Seiten gab man sich den 190 Schein, als ob man nichts gehört habe. Hier suchte Lucius Cornelius, dem die Gesandschaft an beide Könige, an den Antiochus und Ptolemäus aufgetragen war, einige Zeit zu gewinnen, um früher zu einer Unterredung mit dem Ptolemäus nach Ägypten zu kommen, ehe die neuliche Thronbesteigung andere Verhältnisse hervorbrächte: Dort glaubte Antiochus , Ägypten müsse ihm werden, wenn er jetzt daran kommen könne. Nachdem er sich also von den Römern beurlaubt, und seinen Sohn Seleucus mit den Landtruppen zu der schon angefangenen Wiederaufbauung Lysimachiens zurückgelassen hatte, ging er mit seiner ganzen Flotte nach Ephesus unter Segel, ließ an den Quinctius eine Gesandschaft abgehen, welche unter dem Scheine Ad fidem]. – Wollte man annehmen, das Wort faciendam sei hier ausgefallen, so müßte man auch mit Duker und Drakenb. annehmen, daß noch mehr Worte ausgelassen wären. Sollte vielleicht die Abbreviatur ad fil n dam fidem den Abschreiber verführt haben, zwischen ad und fidem das Wort simulandam ausfallen zu lassen? seiner aufrichtigsten Gesinnungen auf ein Bündniß antragen sollte; kam, ohne sich von Asiens Küste zu entfernen, nach Lycien, und als er zu Patara erfuhr, daß Ptolemäus noch lebe, gab er freilich den Plan, nach Ägypten zu segeln, auf. Als er aber gleichwohl, um auf Cypern loszugehen, um das Vorgebirge Chelidonium herumgefahren war, wurde er durch einen Aufstand seiner Ruderknechte in Pamphylien in der Nähe des Flusses Eurymedon einige Zeit aufgehalten, und nach seiner Abfahrt von hier bei den sogenannten Köpfen des Flusses Sarus durch einen entstandenen schrecklichen Sturm fast mit seiner ganzen Flotte zu Grunde gerichtet. Viele Schiffe strandeten: viele verschlang das Meer, ohne daß sich auch nur Ein Mann an das Land rettete. Eine Menge Menschen fand hier ihren Tod, und nicht bloß Ruderer und unbekannte Soldaten, sondern auch einige seiner ausgezeichneten Vertrauten. Nachdem er die Überbleibsel des Schiffbruchs gesammelt hatte, brachte er, weil er jetzt nicht in der Lage war, auf Cypern einen Versuch zu machen, ein weit schwächeres Heer, als mit dem er ausgezogen war, 191 nach Seleucien zurück. Hier ließ er die Schiffe auf das Land ziehen – denn auch der Winter kam schon heran – und rückte selbst weiter nach Antiochien in die Winterquartiere. So standen die Angelegenheiten der Könige. 42. Zu Rom wurden in diesem Jahre zum ersten Male Dreiherren des feierlichen Götterschmauses angestellt, nämlich Cajus Licinius Lucullus, der als Tribun den Vorschlag zu ihrer Ernennung gethan hatte, Publius Manlius und Publius Porcius Läca. Diesen Dreiherren wurde durch das Gesetz zugestanden, eben so wie die Oberpriester die Toga mit der Verbrämung zu tragen. Mit den sämtlichen Priestern aber hatten in diesem Jahre die Schatzmeister der Stadt Quintus Fabius Labeo und Lucius Aurelius einen großen Streit. Man hatte Geld nöthig, weil man beschlossen hatte, von der für den Krieg zusammengeschossenen Summe den Privatpersonen die letzte Zahlung abzutragen. Da forderten die Schatzmeister von den Vogelschauern und Oberpriestern den Beitrag, den sie während des Krieges nicht geliefert hätten. Vergeblich sprachen die Priester die Tribunen an, und man trieb von ihnen die Gelder für alle die Jahre ein, in denen sie nicht gezahlt hatten. In diesem Jahre starben auch zwei Oberpriester und an ihre Stelle wurden neue gewählt; in die Stelle des Cajus Sempronius Tuditanus, der als Prätor in Spanien gestorben war, der Consul Marcus Marcellus; und an die Stelle des Marcus Cornelius Cethegus kam Lucius Valerius. Auch der Vogelschauer Quintus Fabius Maximus starb als ein noch sehr junger Mann, ehe er irgend ein Statsamt bekleidet hatte, und in diesem Jahre wurde kein Vogelschauer in seine Stelle gewählt. Darauf hielt der Consul Marcus Marcellus die Wahlversammlungen. Die erwählten Consuln waren Lucius Valerius Flaccus, Marcus Porcius Cato. Dann wurden Cajus Fabricius Luscinus, Cajus Atinius Labeo, Cneus Manlius Vulso, Appius Claudius Nero, Publius Manlius, Publius Porcius Läca Prätoren. Die Curulädilen Marcus Fulvius Nobilior und Cajus Flaminius theilten dem Volke zehnmalhunderttausend Maß Weizen zu einem 192 Preise von zwei Kupferassen Zu etwa 1 Ggr. aus. Dies Getreide hatten aus Achtung für den Cajus Flaminius und dessen Vater die Siculer nach Rom fahren lassen. Flaminius ließ den Dank dafür auch seinen Amtsgenossen einernten. Die Römischen Spiele wurden mit Pracht veranstaltet und dreimal von vorn gegeben. Die Bürgerädilen Cneus Domitius Ahenobarbus und Cajus Scribonius Curio zogen viele Triftenpächter vor das Volksgericht: drei von diesen wurden verurtheilt, von deren Strafgeldern bauten sie auf der Tiberinsel dem Faunus einen Tempel. Die Bürgerspiele wurden zwei Tage lang gegeben und in Verbindung mit den Spielen ein Götterschmaus gefeiert. 43. Als Lucius Valerius Flaccus und Marcus Porcius am ersten Tage ihres Amts bei dem Senate auf die Vertheilung der Amtsplätze antrugen, erklärten die Väter: «Weil in Spanien ein so bedeutender Krieg entglimme, daß er schon einen Consul und ein consularisches Heer erfordere, so sei ihre Meinung, die Consuln möchten über das diesseitige Spanien und über Italien als ihre Amtsplätze sich vergleichen oder losen. Wer von beiden seinen Posten in Spanien bekäme, sollte zwei Legionen und fünftausend Latinische Bundsgenossen nebst fünfhundert Rittern hinführen und zwanzig Kriegsschiffe mitnehmen. Der andere Consul sollte zwei Legionen errichten. Diese würden zur Behauptung der Provinz Gallien hinreichen, weil man im vorigen Jahre den Trotz der Insubrier und Bojer gebrochen habe.» Das Los gab Spanien dem Cato, Italien dem Valerius. Darauf zogen auch die Prätoren das Los über ihre Plätze. Es gab dem Cajus Fabricius Luscinus die Gerichtspflege in der Stadt, dem Cajus Atinius Labeo die über die Ausländer, dem Cneus Manlius Vulso Sicilien, dem Appius Claudius Nero das jenseitige Spanien, dem Publius Portius Läca Pisä, so daß er den Liguriern im Rücken stände: Publius Manlius wurde für das diesseitige Spanien dem Consul zum Gehülfen gegeben. Bei dem Verdachte nicht allein gegen 193 den Antiochus und die Ätoler, sondern auch gegen den Nabis, den Zwingherrn der Lacedämonier, verlängerte man dem Titus Quinctius die Feldherrnstelle auf ein Jahr, so daß er zwei Legionen befehligen sollte. Falls diese Legionen Ergänzungstruppen nöthig hätten, waren die Consuln angewiesen, sie auszuheben und nach Macedonien zu schicken. Appius Claudius erhielt die Erlaubniß, noch über die Legion, welche Quintus Fabius gehabt hatte, zweitausend Mann neue Truppen zu Fuß und zweihundert zu Pferde aufzubringen. Eine gleiche Zahl neuer Truppen zu Fuß und zu Pferde wurde dem Publius Manlius für das diesseitige Spanien bestimmt und ihm dieselbe Legion gegeben, die unter dem Prätor Minucius gestanden hatte. Auch dem Publius Porcius Läca wurden für Hetrurien in der Gegend von Pisä vom Gallischen Heere zweitausend Mann zu Fuß und fünfhundert zu Pferde zuerkannt. Der Oberbefehl in Sardinien wurde dem Sempronius Longus verlängert. 44. Nach dieser Vertheilung der Geschäftsplätze stellten die Consuln, ehe sie von der Stadt aufbrachen, auf Anforderung der Oberpriester die Frühlingsfeier an, welche der Prätor Aulus Cornelius Mammula dem Willen des Senats und der Genehmigung des Volks gemäß unter den Consuln Cneus Servilius und Cajus Flaminius angelobt hatte. Sie wurde einundzwanzig Jahre später begangen, als sie gelobt war. In diesen Tagen wurde auch Cajus Claudius Pulcher, des Appius Sohn, als Vogelschauer an die Stelle des im vorigen Jahre verstorbenen Quintus Fabius Maximus gewählt und eingeweihet. Als man sich schon allgemein darüber wunderte, daß der von Seiten Spaniens angefangene Krieg aus der Acht gelassen werde, meldete Quintus Minucius schriftlich: «Er habe bei der Stadt Turba in einem förmlichen Treffen die Spanischen Feldherren Budar und Besasis besiegt, zwölftausend Feinde erschlagen, den Feldherrn Budar gefangen, und die Übrigen verjagt und zerstreuet.» Nachdem man diesen Brief gelesen hatte, fand man den Krieg mit Spanien, den man sich so groß gedacht hatte, nicht mehr so 194 furchtbar; und alle Sorgen nahmen nun ihre Richtung auf den König Antiochus, vollends nach der Ankunft der zehn Abgeordneten. Als diese zuerst aus einander gesetzt hatten, was sie mit Philipp abgeschlossen und unter welchen Bedingungen sie ihm den Frieden bewilligt hatten, so bewiesen sie, daß ein nicht minder lastender Krieg, nämlich mit Antiochus, bevorstehe. «Er sei mit einer großen Flotte, mit einer trefflichen Landmacht, nach Europa übergegangen. Hätte ihm nicht die ungegründete, auf ein noch ungegründeteres Gerücht gebaute, Hoffnung, Ägypten überfallen zu können, eine andre Richtung gegeben, so würde die Flamme des Krieges Griechenland sogleich ergriffen haben. Denn sogar die Ätoler würden nicht ruhig bleiben, dies von Natur unruhige, und jetzt den Römern zürnende Volk. Außerdem hafte im Herzen Griechenlands noch ein andres schweres Übel, nämlich Nabis, jetzt Lacedämons, bald aber, wenn man ihn dazu kommen lasse, des gesammten Griechenlandes Zwingherr, der an Habsucht und Grausamkeit den verrufensten Tyrannen gleichkomme. Wenn diesem gestattet werde , Argos, als eine über dem Peloponnes ragende Zwingburg, zu behaupten, so werde Griechenland, sobald die Römischen Heere nach Italien abgeführt wären, aus Philipps Fesseln vergebens frei gemacht, statt eines, wenigstens doch entfernteren, Königs, den benachbarten Zwingherrn zum Herrscher haben.» 45. Da diese Aussage von Männern kam, die nicht allein an sich glaubwürdig waren, sondern auch Alles, was sie erzählten, selbst in Erfahrung gebracht hatten, so schien freilich die Sache mit dem Antiochus mehr Gewicht, allein da der König, aus was für Ursachen es immer sei, sich nach Syrien zurückgezogen habe, die Berathschlagung wegen des Tyrannen mehr Eile zu haben. Nachdem die Väter lange darüber gestritten hatten, ob sie sich schon für berechtigt halten könnten, den Krieg Cur decerneretur]. – Vel intellige, vel adde bellum. Crevier. zu beschließen, oder ob sie den Titus Quinctius bevollmächtigen 195 sollten, in Ansehung des Lacedämoniers Nabis so zu handeln, wie er es dem Besten des Stats angemessen fände, so ertheilten sie diese Vollmacht, weil sie überzeugt waren, es könne dem Römischen State im Ganzen nicht viel verschlagen, ob die Sache beschleunigt oder aufgeschoben werde. Ein Gegenstand größerer Aufmerksamkeit sei der, wie sich Hannibal und die Carthager verhalten würden, falls der Krieg mit Antiochus zum Ausbruche käme. Denn von Hannibals Gegenpartei schrieben Einige an die ersten Männer Roms, jeder an seinen Freund, zu wiederholten Malen: «Es gingen von Hannibal Boten und Briefe an den Antiochus, und vom Könige hätten sich in aller Stille Gesandte bei ihm eingefunden. So wie einige wilde Thiere nie zahm würden, so sei auch dieser Mann der Hartherzige, der Unversöhnliche. Er klage darüber, daß die Unterthanen durch Muße und Stillliegen erschlafften, in Unthätigkeit erstarrten Inertia operis ]. – Inertia torpere. Bauer. , und nur durch Waffengetöse aufgeregt werden könnten.» Die Erinnerung an den vorigen Krieg, den dieser eine Mann nicht eigentlicher geführt, als erregt hatte, machte dies wahrscheinlich. Auch hatte er unlängst etwas gethan, was viele Männer von Einfluß gegen ihn erbitterte. 46. Zu Carthago hatte damals die Zunft der Richter eine willkürliche Gewalt, hauptsächlich deswegen, weil dieselben Männer zeitlebens Richter blieben. Gut, Ehre, Leben eines Jeden stand in ihren Händen. Wer Einen dieser Zunft zum Feinde hatte, hatte sie Alle gegen sich; und an einem Kläger vor anfeindenden Richtern fehlte es nie. Hannibal, der unter der ausgelassenen Tyrannei dieser Menschen, – – denn in der That sie bedienten sich ihres zu großen Einflusses nicht als Bürger eines Freistats – – Prätor geworden war, ließ den Schatzmeister vorfordern. Dieser achtete nicht darauf: denn theils gehörte er zu der Gegenpartei, theils war er, weil man von der Schatzmeisterstelle unter die Richter, diese allgewaltige Zunft, aufgenommen wurde, in Rechnung auf seinen baldigen 196 Einfluß, der Trotzige. Hannibal, der dies ärgerlich fand, schickte den Gerichtsdiener hin, den Schatzmeister zu greifen, stellte ihn unten hin vor die Volksversammlung und begann die Anklage, nicht eigentlicher gegen ihn, als gegen die ganze Zunft der Richter, vor deren Übermuthe und Einflusse kein Gesetz und keine Obrigkeit das Mindeste gelte. Und als er bemerkte, daß seine Rede mit Beifall aufgenommen werde und daß selbst die niedrigste Classe ihre Freiheit von diesem Übermuthe gedrückt fühle, so brachte er sogleich ein Gesetz in Vorschlag und setzte es durch: «Daß die Richter nur auf Ein Jahr gewählt würden und niemand zwei Jahre nach einander Richter sein solle.» So viel er aber durch diesen Schritt an Liebe bei dem Bürgerstande gewann, so sehr beleidigte er dadurch einen großen Theil der Vornehmeren. Eben so zog er durch einen zweiten Schritt, dem allgemeinen Besten zu Liebe, sich selbst Privatfeindschaften zu. Die Einkünfte des Stats gingen theils durch Unachtsamkeit verloren, theils wußten einige der Großen und Beamteten sie zu erbeuten und sich darin zu theilen; ja es fehlte an dem Gelde, welches den Römern jährlich als bestimmter Tribut entrichtet werden mußte, und den Privatpersonen schien eine drückende Auflage bevorzustehen. 47. Als Hannibal sah, wie hoch sich die Einkünfte zu Lande und zu Wasser beliefen, zu was für Ausgaben sie bewilligt würden, was die gewöhnlichen Statsbedürfnisse davon verbrauchten und wie viel der Unterschleif entwende; so erklärte er, nachdem er durch Beitreibung aller vorenthaltenen Gelder die Auflage von den Bürgern abgewandt hatte, öffentlich in der Versammlung, der Stat werde zu Abtragung des Tributs an die Römer reich genug sein. Und sein Versprechen ging in Erfüllung. Nun aber hetzten die, welche seit mehreren Jahren vom Unterschleife der öffentlichen Gelder sich bereichert hatten, gleich als hätte er ihnen ihr Eigenthum entrissen und nicht das Gestohlene ihren Händen entwunden, voll Erbitterung und Wuth gegen den Hannibal die Römer auf, die schon aus eignem Triebe nach einem Vorwande der Rache sich 197 umsahen. So setzten es diese endlich durch, daß nach Carthago, obgleich Scipio Africanus lange dagegen sprach – denn er hielt es unter der Würde des Römischen Volks, gegen den Hannibal Anfeindungen und Anklagen zu unterzeichnen, im Namen des Stats den Parteien zu Carthago beifällig zu sein, und sich nicht damit zu begnügen, den Hannibal im Felde besiegt zu haben, wenn man nicht auch, nach Art der Ankläger, feierlich gegen ihn aufträte und ihn namentlich belangte – Gesandte abgeschickt wurden, welche dort bei dem Senate darüber Klage führen sollten, daß sich Hannibal mit dem Könige Antiochus auf Entwürfe zum Kriege einlasse. Man ließ drei Abgeordnete hingehen, den Cajus Servilius, Marcus Claudius Marcellus, Quintus Terentius Culleo. Nach ihrer Ankunft ließen sie auf den Rath der Feinde Hannibals Allen, die nach der Ursach ihres Hierseins fragten, die Antwort geben, sie wären gekommen, die Streitigkeiten beizulegen, die zwischen Carthago und dem Numidischen Könige Masinissa obwalteten. Dies galt durchgängig für wahr. Nur dem Hannibal entging es nicht, daß er allein der sei, auf den die Römer es anlegten, und daß sie zwar mit Carthago Frieden geschlossen, aber darum den unversöhnlichen Krieg gegen ihn allein nicht aufgegeben hätten. Er beschloß also den Zeitumständen und dem Schicksale zu weichen: und da er schon früher Alles zur Flucht vorbereitet hatte, erschien er, um jeden Verdacht abzuwenden, auf dem Gerichtsplatze und ging noch denselben Tag mit dem ersten Dunkel in seiner Amtskleidung, begleitet von zwei Bedienten, die von seinem Plane nichts wußten, zum Thore hinaus. 48. An einem bestimmten Orte standen Pferde in Bereitschaft, und da er noch während der Nacht im Schnellritte einen Strich des Vocanischen Gebiets zurücklegte, so kam er schon am folgenden Tage frühmorgens zwischen Acholla und Thapsus bei seinem Thurme an, wo ihn ein bestelltes segelfertiges Schiff aufnahm. So schied Hannibal aus [dem Ita Africa]. – Die Mainzer Ausgabe hat Ita Lucius Africa. Es folgte also in dem Msc., das sie vor sich hatte, auf Ita ein l oder li. Dieses li fand auch Aldus. Er hängt es aber an das voraufgehende Ita, und macht daraus: na vis I talic a. Africa etc. Sollte dies vielleicht auf ein durch das ähnliche ita verdrängtes nata führen, welches, mit dem li zusammengelesen, den Livius sagen ließe: Ita natali Africa Hannibal excessit? So kommt natale solum, natalia rura bei den Lateinern vor. In den nächstfolgenden Worten halte ich Drakenborchs quam suorum eventuum miseratus für die ächte Lesart, weil, wie ich vermuthe, das m in eventuum durch das m in miseratus verloren ging. Über den Genitiv bei miseratus sehe man Drakenb. 198 mütterlichen] Africa, unter Klagen mehr über die Schicksale seiner Vaterstadt, als über seine eigenen. An diesem Tage ging er auf die Insel Cercina über. Da er hier im Hafen mehrere Frachtschiffe mit Waren vorfand, und bei seinem Austritte aus dem Schiffe Alles zusammenlief, ihn zu bewillkommnen, so ließ er den Nachfragenden den Bescheid geben: Er gehe als Gesandter nach Tyrus. Weil er indeß fürchtete, von diesen Schiffen könnte eins in der Nacht auslaufen, und die Nachricht, daß man ihn auf Cercina gesehen habe, nach Thapsus oder Acholla bringen, so ließ er, nach ertheiltem Befehle zu Veranstaltung eines Opfermahls, die Schiffsherren und Kaufleute dazu einladen, und um am Strande für seine Gäste Schatten zu haben – es war gerade mitten im Sommer – aus den Schiffen alle Segel und Segelstangen zusammenleihen. So gut die Umstände und die Zeit es gestatteten, wurde das Gastgebot zubereitet und gefeiert, und die Tafel dauerte bei reichlich gegebenem Weine bis tief in die Nacht. Sobald Hannibal seine Zeit ersah, denen im Hafen zu entkommen, fuhr er ab. Die Übrigen, die in Schlaf gefallen waren und am folgenden Tage endlich in vollem Kopfwehe vom Schlafe aufstanden, brachten mehrere Stunden, gerade wie er es gewollt hatte id quod serum erat], – Ohne zu wissen, daß Gronov schon statt serum die Lesart quaesitum vorgeschlagen hatte, hatte ich dies statt serum in meinem Exemplare angezeichnet. Zwar will Drakenb. die alte Lesart serum nicht geradezu verwerfen; allein sollte Livius dreimal so kurz hinter einander dasselbe gesagt haben? 1)  in serum noctis convivium productum; 2) quum postero die tandem ex somno surrexissent, und nun noch 3) id quod serum erat? Hierzu kommt noch, daß die Silbe quae vollends in der bekannten Abbreviatur, wegen der Ähnlichkeit mit dem verkürzten quod so leicht ausfallen konnte. In den bald folgenden Worten remis in naves collocandis verwirft Drakenb. mit Recht das Wort remis. Von den Rudern war nicht die Rede gewesen. Er will statt dessen velis lesen. Wenn ich die letzten Buchstaben des Worts horas mit remis zusammenlese, so ließe sich, dünkt mich, in asremis wahrscheinlicher der Lesart antennis auf die Spur kommen. , damit zu, die Segelstangen 199 wieder auf die Schiffe zu bringen und das Takelwerk in Stand zu setzen. Zu Carthago lief die Menge, die gewöhnlich in Hannibals Hause ab- und zuging, im Vorhofe des Pallastes zusammen, und als es ruchtbar wurde, daß er nicht zu finden sei, sammelte sich ein Schwarm auf dem Gerichtsplatze, den ersten Mann des Stats zu suchen: und Einige sagten, er habe, wie es auch wirklich war, die Flucht genommen; Andere, und zwar die Meisten, die Römer hätten ihn heimlich morden lassen. Hier konnte man auf den Gesichtern die verschiedenen Mienen bemerken, je nachdem in einem von Parteien aufgeregten in civitate – – – factionibus.] – Das hier ausgelassene Participium ersetzt Crevier durch ein eingeschobenes distracta oder plena. Näher läge vielleicht in den sich ähnlichen Abbreviaturen cita te 9 citata die Lesart: ut in civitate, concitata aliorum alias partes foventium factionibus. Freistate jener die eine, dieser die andre begünstigte. Endlich lief die Nachricht ein, Hannibal sei auf Cercina gesehen. 49. Als die Römischen Gesandten im Senate erklärten: «Roms Väter wüßten mit Gewißheit, daß nicht allein vorher König Philipp, hauptsächlich auf Hannibals Anregungen, die Römer bekriegt habe, sondern daß auch jetzt Briefe und Boten von diesem an den König Antiochus abgegangen seien; daß er nicht eher ruhen werde, bis er sie mit der ganzen Welt in Krieg verwickelt habe; und er müsse nicht zweimal Nec his debere impune esse]. Ich halte mich an Herrn Walchs glückliche Verbesserung: Nec bis debere etc. ungestraft bleiben, wenn anders die Carthager das Römische Volk überzeugen wollten, daß dies Alles ohne ihren Willen und ohne Zustimmung von Seiten des Stats geschehen sei:» so gaben die Carthager zur Antwort, sie wären bereit, Alles zu thun, was die Römer für nöthig hielten. Hannibal kam nach einer glücklichen Fahrt zu Tyrus an, wurde hier von den Erbauern Carthago's, wie in seiner zweiten Vaterstadt, als der Mann aufgenommen, der in jeder Art von Ehre sich ausgezeichnet hatte, verweilte 200 einige Tage und segelte nach Antiochien. Als er hier erfuhr, der König sei schon abgereiset, begab er sich zu dessen Sohne, der bei Daphne die Feierlichkeit der Spiele beging; und so gütig er Convenisset: comiter ab eo]. – Ich lese mit Jak. Gronov und Drakenb. convenit et comiter ab eo cet. aufgenommen wurde, säumte er doch nicht, sogleich weiter zu schiffen. Zu Ephesus holte er den König ein, der in Absicht des Krieges mit Rom noch im Entschlusse wankte und unentschieden war: allein Hannibals Ankunft gab seiner Bestimmung, ihn zu unternehmen, keinen geringen Ausschlag. Um diese Zeit trennten sich auch die Ätoler von dem Bündnisse mit Rom, weil der Senat ihre Gesandten mit ihren auf das frühere Bündniß sich gründenden Ansprüchen auf Pharsalus und Leucas und einige andre Städte an den Quinctius verwiesen hatte ad Quinctium reiecit]. – Ich wünschte, es stände hier reiecerat, dann wäre es so viel deutlicher, daß quorum legatos – senatus r– reiecerat, so viel heißen solle, als quod eorum legatos – senatus – reiecerat. . Vier und dreissigstes Buch. Jahre Roms 557 – 559. 202 Inhalt des vier und dreissigsten Buchs. Das Oppische Gesetz, welches der Bürgertribun Cajus Oppius im Punischen Kriege zur Beschränkung des Frauenputzes in Vorschlag gebracht hatte, wird unter großer Theilnahme am Streite darüber abgeschafft, obgleich Porcius Cato gegen die Aufhebung dieses Gesetzes gesprochen hatte. Nach seiner Ankunft in Spanien eröffnet dieser den Feldzug von Emporiä aus und bringt das diesseitige Spanien zur Ruhe. Titus Quinctius Flamininus endigt den gegen die Lacedämonier und ihren Zwingherrn Nabis glücklich geführten Krieg durch Bewilligung eines Friedens, wie er selbst ihn gut findet und nach Befreiung der Stadt Argi, die der Zwingherr in seiner Gewalt gehabt hatte. Jetzt zum erstenmale saßen die Senatoren als Zuschauer bei den Spielen vom Volke abgesondert, eine Änderung, welch zur großen Unzufriedenheit des Bürgerstandes die Censoren Sextus Älius Pätus und Cajus Cornelius Cethegus bewirkten. Mehrere Bürgerpflanzungen werden ausgeführt. Marcus Porcius Cato triumphirt wegen Spanien. Außerdem erzählt dies Buch die glücklichen Unternehmungen in Spanien auch gegen die Bojer und Insubrischen Gallier. Titus Quinctius Flamininus, der Sieger des Macedonischen Königs Philipp und des Lacedämonischen Zwingherrn Nabis, der Befreier des gesamten Griechenlands, hält bei dieser Menge von Thaten drei Tage nach einander Triumph. Gesandte von. Carthago melden, der zum Antiochus geflüchtete Hannibal treffe mit diesem Vorkehrungen zum Kriege. Hannibal hatte nämlich durch den Tyrier Aristo, den er ohne Brief nach Carthago abschickte, den Versuch gemacht die Punier zur Erneuerung des Krieges aufzureizen. 203 Vier und dreissigstes Buch. 1. Zwischen die Sorgen der großen entweder kaum geendigten oder noch heranziehenden Kriege reihete sich ein dem Erzähler geringfügiger Auftritt, der aber durch die Hitze der Theilnehmenden zu einem großen Streite ausschlagen konnte. Marcus Fundanius und Lucius Valerius, die Bürgertribunen, trugen bei dem Bürgerstande auf Abschaffung des Oppischen Gesetzes an. Cajus Oppius, ein Bürgertribun, hatte unter dem Consulate des Quintus Fabius und Tiberius Sempronius, mitten im Sturme des Punischen Krieges, den Vorschlag durchgesetzt, daß kein Frauenzimmer mehr als eine halbe Unze Goldes besitzen, keine bunte Kleidung tragen, und weder in Rom noch in einer Römischen Stadt, noch unter tausend Schritten davon, ausgenommen zu heiligen Feierlichkeiten, mit einem Zweispanne fahren sollte. Die Bürgertribunen Junius Brutus (der eine Marcus, der andre Publius ) nahmen das Oppische Gesetz in Schutz und erklärten, sie würden die Abschaffung nicht zugeben. Den Vorschlag zu empfehlen, oder ihn zu widerrathen, traten Viele vom Adel auf. Das Capitolium war voll von Menschen, die dem Vorschlage wohl oder übel wollten. Die Frauen ließen sich durch kein Abrathen, durch keine Regel des Anstandes, durch kein Verbot der Männer in ihren Häusern halten: sie besetzten alle Straßen der Stadt und die Zugänge zum Gerichtsplatze und baten die zu Gericht gehenden Männer, doch nicht dagegen zu sein, daß man bei dieser Wohlhabenheit des States, bei dem täglichen Wachsthume jedes Privatvermögens auch den Frauen ihren ehemaligen Schmuck wieder zugestehe. Mit jedem Tage wurde der Zulauf der Weiber größer; denn sie sammelten sich auch aus den kleineren Städten und Gerichtsorten. Schon wagten sie es, 204 sogar die Consuln, die Prätoren und andre Obrigkeiten anzusprechen und zu bitten. Indeß hatten sie an dem einen Consul, Marcus Porcius Cato, einen durchaus unerbittlichen Mann; und er vertheidigte das Gesetz, dessen Abschaffung in Vorschlag war, durch folgende Rede. 2. «Wenn es Jeder von uns bei seiner Frau sich zur Weise gemacht hätte, ihr Quiriten, des Mannes Recht und Würde zu behaupten, so würden uns jetzt die Frauen sämtlich nicht so viel zu schaffen machen. So aber wird unsre in unsern Häusern durch die weibliche Unbändigkeit besiegte Freiheit sogar hier auf dem Gerichtsplatze zu Boden und unter die Füße getreten; und weil wir, Jeder seiner Einen, nicht widerstehen konnten, werden sie Alle uns furchtbar. Ich hielt es für ein Mährchen, für eine erdichtete Sage, daß auf irgend einer Insel das ganze männliche Geschlecht durch eine Verschwörung der Weiber völlig ausgerottet sein sollte. Allein jede Menschenart wird höchst gefährlich, wenn man ihr Zusammenlauf, Versammlung und geheime Berathschlagung gestattet. Auch kann ich kaum mit mir selbst darüber eins werden, ob die Sache an und für sich, oder ihre Verhandlung als Beispiel schlimmer ist. Dieses würde mehr vor uns Consuln und Obrigkeiten gehören, jenes mehr vor euch, ihr Quiriten. Denn ob der Vorschlag, der an euch gebracht wird, dem State zuträglich sei, oder nicht, dies zu erwägen, ist eure Sache, die ihr darüber zur Stimmengebung schreitet. Ob aber dies Herbeistürzen der Weiber, das unstreitig den Obrigkeiten zu Schulden kommt, mag es nun ihr eigner Betrieb, oder euer Werk sein, Marcus Fundanius und Lucius Valerius, euch Tribunen oder uns Consuln zu größerer Unehre gereiche, weiß ich nicht. Euch alsdann, wenn ihr nun schon so weit gekommen seid, zur Erregung tribunicischer Empörungen auch Weiber aufzuführen: uns, wenn wir eben so, wie einst durch den Austritt des Bürgerstandes, jetzt durch den der Weiber gezwungen werden, Gesetze anzunehmen. Nicht ohne roth zu werden kam ich so eben durch einen Zug von Weibern auf den Gerichtsplatz. Und 205 hätte ich nicht aus Achtung mehr für die Würde und weibliche Ehre dieser und jener, als für die des ganzen Haufens, an mich gehalten, damit es nicht heißen sollte: Der Consul habe sie zur Rede gesetzt; so hätte ich gesagt: Was ist das für Sitte, auf die Gassen herauszulaufen, die Straßen zu besetzen, und fremde Männer anzusprechen? Konntet ihr nicht um das Nämliche Jede ihren Mann zu Hause bitten? Seid ihr mehr auf offener Straße die Schmeichelnden, als zu Hause? mehr gegen fremde Männer, als gegen eure eignen? wiewohl ihr, wenn Sittsamkeit die Hausfrauen auf die Gränzen ihres Rechts beschränkte, euch nicht einmal zu Hause darum bekümmern mußtet, was für Gesetze hier in Vorschlag kämen, oder abgeschafft würden. – Nach dem Willen unsrer Vorfahren sollten Frauenzimmer keine einzige, selbst keine Privatsache ohne Vormund führen: sie sollten des Vaters, des Bruders, des Mannes Eigenthum sein. Wir aber lassen es, wenn es die Götter wollen, sogar geschehen, daß sie sich beinahe auf dem Gerichtsplatze selbst in die öffentlichen Zusammenkünfte und Abstimmungen mischen. Denn was thun sie auf den Straßen und Kreuzwegen anders, als daß sie hier den Vorschlag der Bürgertribunen anpreisen, dort sich für die Abschaffung des Gesetzes erklären? Lasset diesen leidenschaftlichen Wesen, diesen unbezähmbaren Geschöpfen die Zügel schießen, und lebt dann der Hoffnung, daß sie von selbst, ohne euer Zuthun, ihrer Ausgelassenheit ein Ziel stecken werden! Von Allem, was die Frauenzimmer als ihnen entweder durch Gebräuche, oder durch Gesetze aufgelegte Bürden so ungern dulden, ist dies das Geringste. Wenn wir die Wahrheit sagen wollen, so sehnen sie sich nach Freiheit, ja nach Ausgelassenheit in Allem. Was wäre noch, woran sie sich nicht wagen werden, wenn sie dies errungen haben?» 3. «Gehet alle, die Weiber betreffenden, Rechtsregeln durch, an welche unsre Vorfahren ihre Ausgelassenheit festbinden und sie den Männern unterwerfen wollten: und bei allen diesen Verstrickungen könnt ihr sie doch 206 kaum im Zaume halten. Wie? wenn ihr ihnen gestattet, daß sie erst an diesem und jenem zwicken, es den Männern entwinden, und endlich diesen gleichgestellt sind; glaubt ihr, daß ihr euch dann noch ihrer werdet erwehren können? Den Augenblick, so wie sie anfangen, euch gleich zu sein, werden sie eure Obern sein.» – «Aber in der That,» sagt man, «sie wollen ja nur nichts Neues gegen sich in Vorschlag bringen lassen. Nicht, was Rechtens ist, sondern Ungerechtigkeit verbitten sie sich.» – «Ei ja! ihr sollt nur ein vorgeschlagenes Gesetz, das ihr genehmigtet, durch eure Stimmen bestätigtet, durch so vieljährige Anwendung und Erfahrung bewährt fandet, dies sollt ihr ja nur abschaffen; das heißt, ihr sollt durch Aufhebung des Einen die andern Alle entkräften. Kein einziges Gesetz ist Allen gleich zuträglich: man sieht nur darauf, ob es dem größeren Theile und im Ganzen nützlich ist. Wenn Jeder ein Gesetz, das ihm in seinem Kreise im Wege steht, umstoßen und zu Boden werfen darf, wozu sollen wir dann Vorschläge zu Gesetzen an das Gesamtvolk bringen, da sie bald nachher Jeder, gegen den sie gegeben sind, abschaffen kann? Doch möchte ich wohl hören, was denn das sein mag, warum sogar Frauen von Stande so außer sich auf die Gassen gerannt sind und sich kaum noch vom Gerichtsplatze und der Volksversammlung entfernt halten. Wollen sie etwa die Auswechselung ihrer von Hannibal zu Gefangenen gemachten Väter, Männer, Söhne oder Brüder bewirken? Weit entfernt: und weit entfernt bleibe auch immer vom State ein solches Unglück! gleichwohl schluget ihr dies damals, zur Zeit des Unglücks, ihren pflichtmäßigen Bitten ab. Wenn also nicht die Liebe, nicht Ängstlichkeit für die Ihrigen sie versammelt hat, so that es vielleicht die Andacht: sie wollen die Idäische Mutter, die aus Pessinus in Phrygien ankommt, in Empfang nehmen. Wenn sich doch dieser Weiberaufruhr hinter einen wenigstens anständigen Vorwand verhüllete! Wir wollen – dies ist die Antwort – in Gold und Purpur strahlen; wollen an Werktagen, wie an Festtagen, über das 207 besiegte und abgeschaffte Gesetz, über eure eroberten und euch abgezwungenen Stimmen gleichsam triumphirend in Kutschen durch die Stadt fahren; wir wollen im Aufwande, in der Verschwendung durchaus von keiner Beschränkung wissen.» 4. «Oft habt ihr mich über den Aufwand der Weiber, oft über den der Männer, und nicht bloß der Unbeamteten, sondern selbst der Obrigkeiten Klage führen hören, und daß unser Stat an zwei entgegengesetzten Lastern, der Habsucht und der Verschwendung krank liege; an Seuchen; welche die Zerstörerinnen aller großen Reiche wurden. Je gesegneter und erfreulicher von Tage zu Tage die Lage des States wird, je weiter unsre Oberherrschaft sich verbreitet; wenn wir schon nach Griechenland und Asien hinüberschreiten, die mit allen Lockungen der Lüste überladen sind; wenn wir schon nach den Schätzen der Könige greifen: um so viel ängstlicher besorge ich, daß diese Dinge uns gewisser erobert haben, als wir sie. Ich versichere euch, jene Standbilder von Syracus sind als Feinde in Rom eingerückt. Schon höre ich gar zu Viele Corinths und Athens Prachtstücke preisen und bewundern, und über die irdenen Römischen Götter auf unsern Giebelzinnen lachen. Ich lobe mir diese, uns gnädigen Götter; und gnädig, hoffe ich, sollen sie uns bleiben, wenn wir sie ruhig an ihrer Stäte lassen. Zu unsrer Väter Zeiten suchte Pyrrhus durch seinen Gesandten Cineas mit Geschenken nicht nur Männer, sondern auch Frauen zu gewinnen. Noch war kein Oppisches Gesetz zur Beschränkung weiblicher Schwelgerei gegeben: dennoch nahm keine einzige ein Geschenk. Was, meint ihr, war davon der Grund? Derselbe, den unsre Vorfahren hatten, nichts über diesen Punkt durch ein Gesetz zu bestimmen. Es gab noch keine zu beschränkende Schwelgerei. So wie man nothwendig die Krankheiten eher kennt, als ihre Gegenmittel, so gingen auch die Gelüste eher hervor, als die Gesetze, die ihnen eine Gränze geben sollten. Was sonst, als die übermäßige Begierde, Land an Land zu reihen, rief das Licinische Gesetz über die 208 fünfhundert Hufen ins Daseyn? Und das Cincische Gesetz über Geschenke und Spenden, was sonst, als der Umstand, daß der Bürger schon anfing, dem Senate zinsbar und dienstpflichtig zu werden? So ist es denn durchaus kein Wunder, daß man weder ein Oppisches, noch irgend ein anderes Gesetz zur Beschränkung des Aufwandes der Weiber in jenen Zeiten nöthig fand, als sie Gold und Purpur, die ihnen geschenkt sein sollten und zuvorkommend angeboten wurden, nicht annahmen. Wenn Cineas jetzt mit seinen Geschenken in der Stadt herumginge, auf den Straßen würde er die Abnehmerinnen stehen sehen. Und bei einigen dieser Lüsternheiten weiß ich mir nicht einmal eine Veranlassung oder einen Grund zu denken. Denn zugegeben, daß etwa die Natur selbst eine Art von Scham oder Unwillen in dir rege machte, wenn du nicht darfst, was eine Andre darf; so sagt mir doch, was kann jede Einzelne unter euch, wenn die Tracht bei Allen auf gleichen Fuß gesetzt ist, als etwas an ihr allein Auffallendes fürchten? Die verwerflichste Scham ist die vor Spärlichkeit, oder vor Armuth. Der einen, wie der andern überhebt euch das Gesetz, wenn ihr das nicht habt, was ihr nicht haben dürft. – Gerade diese Gleichstellung ist mir unausstehlich! so lautet der Einwurf einer Reichen. Warum soll man nicht sehen, daß ich mich durch Gold und Purpur auszeichne? Warum soll sich die Armuth Anderer hinter diesen Vorwand des Gesetzes verstecken, so daß es scheinen muß, sie könnten, wenn es nur erlaubt wäre, das wohl haben, was sie doch nicht haben können? – Wollt ihr bei euren Gattinnen, ihr Quiriten, diesen Wettstreit anregen, daß die Reicheren gerade das haben wollen, was keine Andre haben kann? und die Ärmeren, um nicht eben deswegen verachtet zu werden, über ihr Vermögen hinausgehen? Wahrhaftig! fängt man erst an sich zu schämen, wo man nicht sollte, so wird man da, wo man sollte, sich nicht mehr schämen. Die es vom Ihrigen kann, wird sich etwas anschaffen: die es nicht kann, wird ihren Mann angehen. O den unglücklichen Mann! er mag sich erbitten, 209 oder nicht erbitten lassen! weil er doch, was er selbst nicht gegeben hatte, ihr von einem Andern geschenkt sehen wird. Schon jetzt gehen sie ohne Unterschied fremde Männer an; und was noch schlimmer ist, bitten für den Vorschlag und um die Stimme, und finden bei diesem und jenem Gehör; sie, gegen euch und euer Vermögen und eure Kinder die Unerbittlichen! Sobald das Gesetz aufhört, den Aufwand deiner Gattinn zu beschränken, beschränkst du selbst ihn nie. Glaubt doch nicht, Quiriten, daß die Sache wieder eben so stehen werde, wie sie stand, ehe ein Gesetz darüber in Vorschlag kam. Einen Bösewicht nicht anklagen, ist rathsamer, als ihn lossprechen: so würde auch die Schwelgerei ungereizt erträglicher sein, als sie nun sein wird, wenn sie, wie ein wildes Thier, selbst durch die Banden wüthend gemacht und dann entlassen wird. Ich stimme auf keine Weise für die Abschaffung des Oppischen Gesetzes: was ihr darüber verfügen werdet, mögen alle Götter gesegnet sein lassen!» 5. Als hierauf auch diejenigen Bürgertribunen, die sich mit ihrer Einsage schon angekündigt hatten, noch einige Worte von gleicher Beziehung hinzugefügt hatten, hielt Lucius Valerius für seinen ausgehängten Vorschlag folgende Rede. «Wären bloß Privatpersonen aufgetreten, das, was wir vorgeschlagen haben, zu empfehlen oder zu widerrathen, so würde auch ich, in der Meinung, es sei von beiden Seiten genug gesagt, eure Stimmengebung schweigend abgewartet haben. Allein jetzt, da ein so ehrwürdiger Mann, der Consul Marcus Porcius, nicht bloß durch Angabe seiner Meinung, die auch ohne Worte Gewicht genug gehabt haben würde, sondern sogar in einer langen planmäßigen Rede unsern Vorschlag angegriffen hat; jetzt wird es nothwendig, mit Wenigem zu antworten. Doch er hat mehr Worte darauf verwandt, unsre Frauen zu tadeln, als unsern Vorschlag zu widerrathen, und zwar so, daß er es in Zweifel stellte, ob die Frauen das, was er rügte, aus eigner Bewegung, oder auf unsern 210 Betrieb gethan hätten. Ich will die Sache vertheidigen, nicht uns; da der Consul die Beschuldigungen mehr in Worten gegen uns ausgestoßen hat, als daß er uns wirklich verdächtig gemacht haben sollte. Daß die Frauen euch auf öffentlicher Straße gebeten haben, im Frieden und unter diesen blühenden und gesegneten Umständen des Stats ein Gesetz abzuschaffen, das über sie während des Krieges und in Zeiten der Noth gegeben war, das nennt er ein Zusammenlaufen, einen Aufruhr und mitunter gar einen Austritt der Weiber. Ich kenne diese starken Ausdrücke, die man zur Vergrößerung einer Sache herbeiholt, und deren es noch mehrere giebt: und wir Alle wissen ja, daß Marcus Cato, bei aller ihm eigenen Sanftmuth, als Redner nicht allein der Kräftige, sondern zuweilen auch der Derbe ist. Was haben denn nun die Frauen Neues gethan, wenn sie in einer sie betreffenden Sache zahlreich und öffentlich auftraten? Haben sie sich vorher nie öffentlich sehen lassen? Deine eigne Urgeschichte werde ich gegen dich aufschlagen. Vernimm, wie oft sie dies gethan haben und immer zum Segen für den Stat. Gleich anfangs, unter Romulus Regierung, als das Capitol von den Sabinern erobert war und mitten auf dem Markte eine förmliche Schlacht geliefert ward, wurde da nicht durch die zwischen beide Reihen eindringenden Frauen der Kampf geschlichtet? Ferner, nach Vertreibung der Könige, als von Marcus Coriolanus geführt die Legionen der Volsker sich bei dem fünften Meilensteine gelagert hatten, waren es da nicht die Frauen, vor denen jener Heerhaufe, unter dem die Stadt hätte erliegen müssen, sich abwandte? Weiter, nach Eroberung der Stadt durch die Gallier, womit kaufte damals die Stadt sich los? Ich meine doch, mit dem Golde, das die Frauen alle einmüthig dem State einlieferten. Im letzten Kriege endlich – um nicht lauter alte Beispiele anzuführen – kam da nicht bei dem Geldmangel die Barschaft der Witwen der Schatzkammer zu Hülfe? und als sogar fremde Götter, in unsrer mißlichen Lage uns zu helfen, herbeigeholt wurden, zogen da nicht die 211 sämtlichen Hausfrauen zum Empfange der Idäischen Mutter an den Strand hinaus? Du sagst: das sind ganz andre Veranlassungen! – Es ist auch nicht mein Zweck, die Veranlassungen als gleich darzustellen: genug, wenn ich erhärte, daß jetzt nichts Neues geschah. Wenn es aber niemanden befremdet hat, daß sie dies in Angelegenheiten gethan haben, die alle Männer und Weiber zugleich betrafen, warum soll es denn uns befremden, wenn sie es in einer Angelegenheit thun, ganz eigentlich sie selbst betrifft? Und was haben sie denn gethan? Bei Gott! wir müssen übermüthige Ohren haben, wenn wir, die wir uns als Herren für die Bitten unsrer Sklaven nicht zu hoch halten, es unter unsrer Würde finden, von ehrbaren Frauen gebeten zu werden.» 6. «Nun komme ich auf den auszumachenden Hauptpunkt. Hier hat sich der Consul über zweierlei ausgelassen. Denn Einmal eiferte er dagegen; daß überhaupt irgend ein Gesetz abgeschafft würde; und dann vorzüglich dieses, das zur Beschränkung weiblicher Verschwendung gegeben sei. Jene Vertheidigung der sämtlichen Gesetze bewährte sich ganz als die Rede eines Consuls; und diese Rüge der Verschwendung entsprach der höchsten Strenge seiner Sitten. Folglich müßte ich fürchten, wenn ich euch nicht zeige, was in beiden Behauptungen unhaltbar ist, daß man euch hier einen Irrthum vorschweben ließe. Denn so wie ich gern gestehe, daß von solchen Gesetzen, die nicht für eine gewisse Zeit, sondern ihres bleibenden Nutzens wegen auf ewig gegeben sind, kein einziges abgeschafft werden müsse, außer wenn die Erfahrung es verwerflich, oder die Lage des Stats es unbrauchbar macht; so sehe ich doch, daß solche Gesetze, welche durch gewisse Umstände nöthig wurden, wenn ich so sagen soll, sterblich sind und gerade selbst durch die Umstände abänderlich werden. Die der Friede gab, schaffet gewöhnlich der Krieg ab, und die im Kriege gegebenen der Friede: so wie bei Leitung eines Schiffs andre Maßregeln bei günstigem, andre bei widrigem Winde anwendbar sind. Da sie also wesentlich so verschieden 212 sind, so fragt es sich: Zu welcher von beiden Classen gehört das Gesetz, auf dessen Abschaffung wir antragen? Ist es ein altes königliches Gesetz und bekam zugleich mit der Stadt selbst sein Dasein? Oder ist es – was ihm den zweiten Rang gäbe – von den zu Abfassung der Rechte ernannten Zehnherren in die Zwölf Tafeln eingetragen; so daß auch wir, weil etwa unsre Vorfahren geglaubt hätten, ohne dies Gesetz lasse die weibliche Ehre sich nicht erhalten, jetzt fürchten müßten, wir möchten zugleich mit ihm auch alle Zucht und Unschuld des weiblichen Geschlechtes aufheben? Wer weiß denn nicht, daß dies Gesetz neu, daß es unter den Consuln Quintus Fabius und Tiberius Sempronius vor zwanzig Jahren gegeben sei? und wenn unsre Frauen so viele Jahre lang ohne dasselbe den besten Lebenswandel geführt haben, was ist denn für Gefahr vorhanden, daß sie mit Abschaffung des Gesetzes sich der Schwelgerei preisgeben sollten? Wenn es in der Absicht gegeben wäre, die Ausschweifung der Weiber zu beschränken, so stände zu fürchten, daß seine Abschaffung für sie ein Reiz werden könnte. Allein zu welchem Zwecke es gegeben sei, hat jene Zeit selbst nicht unbezeugt gelassen. Hannibal war in Italien, war bei Cannä Sieger. Schon hatte er Tarent, hatte Arpi, hatte Capua. Er schien sein Heer vor die Stadt Rom führen zu wollen. Unsre Bundesgenossen waren abgefallen. Wir hatten zur Ergänzung des Heers keine Soldaten, zur Behauptung der Flotte keine Seeleute, in der Schatzkammer kein Geld. Sklaven, die man bewaffnen wollte, wurden auf die Bedingung gekauft, daß man den Eigenthümern nach Beendigung des Krieges den Kaufpreis bezahlen wollte. Die Statspächter erklärten sich bereit, gegen Sicherung eben dieses Zahltages die Lieferungen an Getreide und andern Kriegsbedürfnissen zu übernehmen. Sklaven auf die Ruderbänke stellten wir selbst in einer nach Verhältniß des Vermögens festgesetzten Zahl und leisteten ihnen die Löhnung vom Unsrigen. Alles Gold und Silber lieferten wir, da die Senatoren uns hierin vorangingen, dem State ein. 213 Die Witwen und Unmündigen legten ihre Gelder in die Schatzkammer. Es wurde eine Summe festgesetzt, über welche niemand an verarbeitetem Golde und Silber, niemand an geprägtem Silber und Kupfer im Hause haben sollte. Waren in einer solchen Zeit unsre Frauen so auf Verschwendung und Putz versessen, daß zur Steuer derselben das Oppische Gesetz nöthig geworden wäre? damals, als der Senat, weil alle Frauen in Trauer waren und darüber das Opfer der Ceres unterblieb, die Trauer mit dreißig Tagen zu endigen befahl? Wem leuchtet nicht ein, daß Mangel und Elend des Stats, und die Nothwendigkeit, alle Privatgelder zum Gebrauche des Stats zu verwenden, dieses Gesetz abgefaßt haben, um es so lange gelten zu lassen, als der Zweck seiner Abfassung gelten würde? Denn wenn Alles, was damals auf Veranlassung der Umstände entweder der Senat erkannte, oder das Volk zum Gesetze machte, auf immer beibehalten werden soll, warum tragen wir denn jetzt den Privatpersonen ihre Gelder ab? warum verpachten wir die Lieferungen an den Stat für bares Geld? warum kauft man nicht noch zum Waffendienste Sklaven? warum stellet nicht jeder Privatmann seine Ruderknechte, wie wir sie damals stellten?» 7. «Alle anderen Stände, jeder Einzelne, sollen den Übergang des States in eine glücklichere Lage empfinden; nur auf unsre Gattinnen soll sich der Genuß des Friedens und der allgemeinen Ruhe nicht erstrecken? Wir Männer sollen Purpur tragen, wenn wir als Obrigkeiten, als Priester, in der Verbrämung gehn: unsre Kinder sollen mit Purpur verbrämte Röcke tragen; den Obrigkeiten in den Pflanz- und Freistädten; selbst ihrer niedrigsten Classe, den Bezirksmeistern hier in Rom, sollen wir das Recht gestatten, die verbrämte Toga zu tragen, und nicht bloß bei ihrem Leben diese Auszeichnung zu haben, sondern auch noch im Tode darin verbrannt zu werden: nur unsern Frauen wollen wir den Gebrauch des Purpurs verbieten? und wenn es dir, als Manne, erlaubt sein soll, Purpur auf deiner Reitdecke zu haben, willst du der 214 Mutter deines Hauses auch nicht einmal ein Purpurmäntelchen gestatten? dein Roß soll prächtiger gedeckt, als deine Gattinn gekleidet sein? Doch bei dem Purpur, der sich abträgt und verbraucht wird, sehe ich, wenn gleich keinen gerechten, doch noch immer einigen Grund, warum du so zähe bist: allein bei dem Golde, an welchem nichts als das Arbeitslohn verloren geht, wozu da diesen Geiz? Es ist vielmehr ein Nothpfennig, sowohl für den Familien- als für den Statsbedarf, gerade wie ihr davon die Erfahrung habt. Der Consul sagte: Wenn Alle so etwas nicht haben dürften, so würden sie auch einzeln nicht eifersüchtig auf einander sein. Aber bei Gott! es ist für sie Alle schmerzhaft und kränkend, wenn sie sehen, daß den Frauen der Latinischen Bundesgenossen ein Putz gestattet ist, den man ihnen genommen hat; daß jene durch Gold und Purpur sich auszeichnen; daß jene durch die Stadt fahren, und sie – zu Fuße folgen, nicht anders, als ginge die Regierung von den Städten der Latinerinnen, nicht von der ihrigen aus. Männerherzen könnte dies verwunden; was meint ihr, wie viel eher schwache Weiber, auf die auch Kleinigkeiten Eindruck machen? Obrigkeitliche Ämter, Priesterthümer, Triumphe, kriegerische Auszeichnungen, Ehrengeschenke, erbeutete Prunkstücke, können ihnen nicht werden. Nettigkeit, Putz und Anzug, dies sind die Kleinodien der Weiber: hierin finden sie ihre Freude, ihren Stolz; darum bekamen diese Dinge bei unsern Vorfahren den Namen: Weibliche Welt. Ist nicht Purpur und Gold das Einzige, was sie bei einer Trauer ablegen? das Einzige, was sie nach vollendeter Trauer wieder anlegen? Und wenn sie an Freudenfesten und Bettagen ein Mehreres thun wollen, besteht dies nicht ganz allein in einem köstlicheren Anzuge? Aber freilich, wenn ihr das Oppische Gesetz aufhebt, so wird es nicht mehr in eurer Macht stehen, von dem, was ihnen jetzt das Gesetz untersagt, dies oder jenes, falls ihr wolltet, ihnen zu untersagen? die Töchter, die Frauen, bei Einigen auch die Schwestern werden weniger abhängig sein? – – Nie werden Weiber, so lange 215 die männlichen Ihrigen leben, das Band der Unterwürfigkeit abstreifen: sie selbst verabscheuen die Ungebundenheit, die ihnen durch des Mannes, oder des Vaters Absterben zu Theil wird. Daß ihr Putz von eurer Willkür abhänge, wollen sie gern; nur nicht, vom Gesetze. Und ihr müßt sie ja auch in Abhängigkeit von euch, unter Vormundschaft, behalten; nicht in Sklaverei; müsset lieber Väter und Männer heißen wollen, als Dienstherren. Es waren verunglimpfende Ausdrücke, die sich vorhin der Consul erlaubte, wenn er von Aufruhr und Austritt der Weiber sprach. Denn freilich, es ist große Gefahr, daß sie, wie ehemals der aufgebrachte Bürgerstand, den Heiligen Berg oder den Aventinus besetzen? Gefallen lassen müssen sich diese Schwachen, was ihr über sie beschließen werdet: und an euch ist es, je mehr ihr über sie vermögt, eurer Obergewalt mit desto größerer Mäßigung euch zu bedienen.» 8. Nach diesen gegen und für das Gesetz gehaltenen Reden strömten am folgenden Tage eine weit größere Schar von Weibern auf die Straßen, und Alle in Einem Zuge besetzten sie die Hausthüren der beiden Tribunen, die dem Vorschlage ihrer Amtsgenossen widersprechen wollten: sie ließen auch nicht eher ab, bis die Tribunen die Einsage aufgaben. Nun war kein Zweifel mehr, daß alle Bezirke das Gesetz abschaffen würden. Im zwanzigsten Jahre nach seiner Aufstellung wurde es abgeschafft. Der Consul Marcus Porcius, der gleich nach Aufhebung des Oppischen Gesetzes mit fünfundzwanzig Kriegsschiffen – fünf hatten die Bundesgenossen gestellt – nach dem Hafen Luna segelte, wo er auch sein Heer sich hatte sammeln lassen, und durch einen längs der Küste erlassenen Befehl Schiffe aller Art zusammenzog, machte bei seiner Abfahrt von Luna bekannt, daß sie ihm nach dem Hafen der Pyrenäen folgen sollten: von dort wolle er mit seiner vollzähligen Flotte gegen den Feind gehen. Sie fuhren an den Gebirgen Liguriens und dem Gallischen Meerbusen herum und stießen an dem Tage zu ihm, den er ihnen bestimmt hatte. Von da kamen sie nach Rhoda 216 und warfen die Spanische Besatzung, die im Schlosse lag, mit Sturm von den Mauern. Von Rhoda segelten sie mit günstigem Winde nach Emporiä. Hier wurden, mit Ausnahme der Seeleute, die sämtlichen Truppen ausgeschifft. 9. Schon damals bestand Emporiä aus zwei durch eine Mauer geschiedenen Städten. Die eine bewohnten Griechen, die mit den Massiliern aus Phocäa stammten, die andre Spanier. Die Griechische Stadt, die ins Meer hinauslag, hatte im ganzen Umfange ihrer Mauer nicht volle vierhundert Schritte: die Spanische Mauer, weiter vom Meere zurückgezogen, hatte im Umkreise dreitausend Schritte. Einen dritten Stamm, aus Römischen Pflanzern bestehend, ließ der vergötterte Cäsar nach Besiegung der Söhne des Pompejus sich hier ansetzen. Jetzt sind sie Alle in Ein Ganzes verschmolzen, nachdem zuerst die Spanier, zuletzt auch die Griechen in das Römische Bürgerrecht aufgenommen sind. Wer diese damals gesehen hätte, auf der einen Seite dem offenen Meere ausgesetzt, auf der andern den Spaniern, diesem wilden und kriegerischen Volke, der würde nicht haben begreifen können, wodurch sie sich hier behaupteten. Der Schutzengel ihrer Schwäche war die Zucht, die unter lauter Stärkeren an der Furcht die beste Stütze hat. Der nach der Landseite gelegene Theil der Mauer war herrlich befestigt, nach dieser Gegend hin nur mit Einem Thore versehen, dessen beständiger Aufseher immer jemand aus der Obrigkeit war. Nachts hielt der dritte Theil der Bürger auf den Mauern Wache; und sie thaten die Wachen und machten die Runde nicht bloß, weil es der Gebrauch oder das Gesetz haben wollte, sondern mit einer Sorgfalt, als stände der Feind vor den Thoren. Keinen Spanier ließen sie in die Stadt. Sie selbst gingen nie regellos hinaus. Nach dem Meere hin stand der Ausgang Allen offen. Aus dem nach der Spanischen Stadt führenden Thore gingen sie nie anders, als zahlreich, etwa jener dritte Theil der Bürger, der in der letzten Nacht auf den Mauern die Wache gehabt hatte. Was sie hinauszugehen trieb, war Folgendes. Die des Meeres unkundigen Spanier hatten gern Verkehr mit ihnen, und wünschten 217 ohnehin, die zu Schiffe eingeführten fremden Erzeugnisse zu kaufen und die von ihren Ländereien abzusetzen. Das Bedürfniß dieses gegenseitigen Umgangs machte, daß die Stadt der Spanier den Griechen offen stand. Diese waren um so viel sicherer, weil sie sich hinter den Schutz der Römischen Freundschaft steckten, welcher sie dagegen ihre Anhänglichkeit, freilich ohne die Macht der Massilier zu haben, doch mit gleicher Treue, bewiesen. Auch jetzt nahmen sie den Consul und sein Heer freundlich und hülfreich auf. Cato, der hier einige Tage verweilte, um den Standort und die Stärke der feindlichen Truppen zu erkunden, verwandte diese ganze Zeit, um selbst als der Säumende, nicht unthätig zu sein, auf Übungen seiner Soldaten. Gerade war jetzt die Jahrszeit, wo man das Getreide auf den Dreschtennen hat. Also verbot er den Fruchtlieferern alle Anschaffung von Getreide, schickte sie nach Rom, und sagte: Der Krieg muß sich selbst nähren. Nach seinem Aufbruche von Emporiä brannte und verheerte er im feindlichen Gebiete, und verbreitete allenthalben Flucht und Schrecken. 10. Zu gleicher Zeit kamen dem Marcus Helvius, der mit einer ihm vom Prätor Appius Claudius gegebenen Bedeckung von sechstausend Mann aus dem jenseitigen Spanien abzog, die Celtiberer mit einem großen Heere bei der Stadt Illiturgi entgegen. Valerius meldet, sie hätten zwanzig tausend Mann unter den Waffen gehabt; davon seien zwölftausend im Gefechte geblieben, die Stadt Illiturgi erobert und alle Erwachsenen niedergehauen. Von hier aus erreichte er das Lager des Cato; und weil jetzt die Gegend vor Feinden sicher war, schickte er seine Bedeckung in das jenseitige Spanien zurück, ging nach Rom ab und zog im kleinen Triumphe wegen des ihm gelungenen Sieges in die Stadt ein. An unverarbeitetem Silber Etwa 460,372 Gulden Conv. M. lieferte er vierzehn tausend siebenhundert zweiunddreißig Pfund in die Schatzkammer; an geprägtem Etwa 5,340 Gulden. 218 siebzehn tausend dreiundzwanzig Denare, und an Silber von Osca Etwas über 30,100 Gulden. hundert und zwanzig tausend vierhundert achtunddreißig. Die Ursache, ihm den Triumph zu verweigern, fand der Senat darin, daß er die Schlacht unter der Götterleitung eines Andern, auch im Bereiche des Oberbefehls eines Andern, geliefert hatte. Er war aber erst nach zwei Jahren wiedergekommen, weil er, als er seinen Posten schon seinem Nachfolger Successori Q. Minucio]. – Hier und gleich nachher macht Livius unrichtig den Minucius, den Prätor des diesseitigen Spaniens, wo er in den Platz des C. Sempronius Tuditanus einrückte, zum Nachfolger des M. Helvius, der doch das jenseitige Spanien gehabt hatte, wo ihm Q. Fabius Buteo gefolgt war. Quintus Minucius eingeräumt hatte, durch eine lange und schwere Krankheit dort zurückgehalten war. Darum zog auch Helvius in seinem kleinen Triumphe nur zwei Monate früher in die Stadt ein, als sein Nachfolger Quintus Minucius im großen. Auch dieser lieferte an Silber 1,087,500 Gulden, vierunddreißig tausend achthundert Pfund, achtundsiebzig tausend 24,372 Gulden. Denare, und aus Oskersilber 86,736 Gulden. zweihundert achtundsiebzig tausend. 11. In Spanien hatte unterdeß der Consul sein Lager nicht weit von Emporiä., Dahin kamen vom Fürsten der Ilergeten, Bilistages, drei Gesandte, von denen der eine sein Sohn war, und klagten: «Ihre Festungen würden angegriffen, und sie müßten alle Hoffnung zum Widerstande aufgeben, wenn nicht Römische Truppen sie in Schutz nähmen. Dreitausend Mann wären hinreichend, und die Feinde würden, wenn die Römer in dieser Stärke anrückten, nicht Stand halten,» Der Consul erwiederte: «Sowohl ihre Gefahr, als ihre Besorgniß gehe ihm zu Herzen; allein er habe durchaus so viele Truppen nicht, daß er, bei dieser Nähe eines so großen feindlichen Heeres, mit dem er sogleich schlagen zu müssen, täglich erwarte, durch Theilung seines Heeres seine Stärke ohne Gefahr 219 verringern könne.» Als dies die Gesandten hörten, stürzten sie weinend dem Consul zu Füßen. Sie baten ihn, in dieser dringenden Noth sie nicht zu verlassen. Denn an wen sie, von den Römern abgewiesen, sich wenden sollten? Sie hätten keine Bundesgenossen und nirgendwo auf Erden irgend eine andre Hoffnung. Sie hätten dieser Gefahr überhoben sein können, wenn sie hätten treulos werden, wenn sie sich mit den Übrigen hätten verschwören wollen. Durch keine Drohungen, durch keine Schreckmittel hätten sie sich bewegen lassen, in der Hoffnung, an den Römern hinreichenden Schutz und Beistand zu haben. Wenn es den nicht gebe; wenn ihn der Consul ihnen versage; so nähmen sie Götter und Menschen zu Zeugen, daß sie ungern und gezwungen, um nicht dasselbe Schicksal zu leiden, was die Saguntiner erlitten hätten, von Rom abfallen würden, und lieber zugleich mit den übrigen Spaniern, als allein, zu Grunde gehen wollten.» 12. Für heute mußten sie ohne weitere Antwort abtreten. In der folgenden Nacht setzte dem Consul die Verlegenheit von zwei Seiten zu. Er wollte seine Bundesgenossen nicht im Stiche lassen, und wollte auch seine Truppen nicht schwächen, weil dies entweder die Schlacht verspäten, oder in der Schlacht gefährlich werden konnte. Sein Entschluß blieb der, sein Heer nicht zu schwächen, um nicht mit Schimpf zu bestehen, falls ihn unterdeß die Feinde angriffen. Den Bundesgenossen, glaubte er, statt wirklich zu helfen, nur die Aussicht auf Hülfe eröffnen zu müssen. Schon oft habe, vorzüglich im Kriege, der Schein die Wahrheit ersetzt, und mancher sei in der Einbildung, Hülfe zu haben, gleich als habe er sie wirklich gehabt, gerade durch dies Vertrauen und durch Hoffen und Wagen gerettet. Am folgenden Tage gab er den Abgesandten die Antwort: «Ob er gleich seine eignen Kräfte zu schwächen fürchte, wenn er sie Andern liehe, so wolle er doch auf ihre Lage und Gefahr mehr Rücksicht nehmen, als auf sich selbst.» Nun ließ er Befehl ergehen, von den sämtlichen Cohorten solle sich der dritte Theil 220 bei Zeiten mit Gebackenem versehen, um es mit auf die Schiffe zu nehmen, und die Schiffe auf den dritten Tag segelfertig sein. Zwei von den Gesandten hieß er dies dem Bilistages und den Ilergeten melden; den Prinzen wußte er durch leutselige Begegnung und Geschenke bei sich zu behalten. Die Gesandten reiseten nicht eher ab, bis sie dir Einschiffung der Soldaten gesehen hatten. Und da sie dies schon als nicht zu bezweiflende Wahrheit berichteten, so wurde dadurch nicht bloß unter den Ihrigen, sondern selbst bei den Feinden, der Ruf vom Anzuge Römischer Hülfstruppen allgemein. 13. Sobald der Consul nicht mehr nöthig hatte, dies Blendwerk zur Schau auszustellen, ließ er die Soldaten von den Schiffen zurückrufen. Weil schon die Jahrszeit zu Unternehmungen herannahete, bezog er dreitausend Schritte von Emporiä ein Winterlager. Von hier aus führte er seine Truppen, so daß er eine mäßige Bedeckung im Lager zurückließ, wie es die Gelegenheit gab, bald auf dieser, bald auf jener Seite, zur Plünderung des feindlichen Gebiets. Sie brachen meistens bei Nacht auf, theils um so viel weiter vorrücken zu können, theils um die Feinde unvermuthet zu überfallen. Dadurch wurden nicht nur die neuen Soldaten geübt, sondern auch die Feinde in großer Menge aufgefangen; und schon wagten sie es nicht mehr, aus den Werken ihrer kleinen Festungen hervorzukommen. Als er den Muth der Seinigen und der Feinde zur vollen Genüge erprobt hatte, ließ er seine Obersten, auch die der Bundesgenossen, und alle Ritter und Hauptleute zusammenrufen. «Die Zeit,» sprach er, «die ihr oft gewünscht habt, ist gekommen; sie, die euch Gelegenheit geben sollte, eure Tapferkeit zu zeigen. Noch habt ihr euren Dienst mehr nach Räuber- als nach Kriegerart gethan. Jetzt sollt ihr in förmlicher Schlacht als feindliches Heer mit den Feinden euch einlassen: dann werdet ihr nicht mehr Dörfer zu plündern, sondern reiche Städte auszuleeren haben. Als Spanien noch den Carthagern gehörte, hier ihre Feldherren und Heere standen, ließen unsre Väter, ob sie gleich dort keinen Feldherrn, keine 221 Truppen hatten, dennoch ausdrücklich in das Bündniß setzen, daß der Strom Ebro ihrer Landeshoheit Gränze sein solle. Und jetzt, da zwei Prätoren, ein Consul, drei Römische Heere Spanien behaupten, beinahe schon seit zehn Jahren in diesen Provinzen kein Carthager zu sehen ist, ist für uns diesseit des Ebro die Landeshoheit verloren. Diese müßt ihr durch Waffen und Tapferkeit wieder gewinnen, und ein Volk, welches Kriege mehr aus Leichtsinn erneuert, als mit Standhaftigkeit führt, dazu zwingen, das Joch, dessen es sich entschüttelt, wieder auf sich zu nehmen.» Nachdem er sie so ungefähr ermuntert hatte, machte er ihnen bekannt, er wolle in dieser Nacht vor das feindliche Lager rücken. Nun wurden sie entlassen, um sich durch Stärkungen vorzubereiten. 14. Mitten in der Nacht rückte er, nach Abwartung der Vogelschau, aus, zog, um seiner Absicht gemäß, eine Stellung zu gewinnen, ehe es die Feinde gewahr würden, an ihrem Lager vorbei, und da er mit anbrechendem Tage in Schlachtordnung stand, schickte er drei Cohorten ihnen gerade vor den Lagerwall. Die Barbaren, voll Verwunderung, daß sich die Römer ihnen im Rücken sehen ließen, liefen zu ihren Gewehren. Unterdeß redete der Consul die Seinigen so an: «Soldaten, hier ist nichts, worauf ihr bauen könntet, als eure Tapferkeit. Und ich habe die Anlage gemacht, daß euch nichts Anderes bleiben sollte. Zwischen unserm Lager und uns stehen in der Mitte die Feinde: hinter uns ist Feindes Land. Was das Ehrenvolleste ist, ist jetzt auch das Sicherste, alle Hoffnung auf die Tapferkeit beruhen zu lassen.» Zugleich gab er jenen Cohorten Befehl zum Rückzuge, um durch den Anschein einer Flucht die Barbaren herauszulocken. Was er erwartet hatte, erfolgte. In der Meinung, die Römer wichen aus Furcht, brachen sie aus dem Thore hervor und erfüllten den ganzen zwischen ihrem Lager und der feindlichen Linie leergelassenen Platz mit Truppen. Während sie sich tummelten, ihre Schlachtreihe zu ordnen, griff der Consul, der schon Alles bereit und in Ordnung hatte, sie an, ehe sie sich aufstellten. Von beiden Flügeln führte er 222 die Reuterei voran in die Schlacht. Allein auf dem rechten sogleich geschlagen und in Unordnung weichend setzte sie auch ihr Fußvolk in Bestürzung. Der Consul bemerkte es und befahl zwei auserlesenen Cohorten, den Feind auf der rechten Seite zu umgehen, und sich ihm im Rücken zu zeigen, ehe noch die Reihen des Fußvolks auf einander träfen. Diese dem Feinde entgegengestellte Drohung, machte das Gefecht, das schon durch die Muthlosigkeit der Römischen Reuterei eine schlimme Wendung genommen hatte, wieder gleich. Und doch war auf dem rechten Flügel Reuterei und Fußvolk so außer Fassung, daß der Consul Mehrere mit eigner Hand zurückhielt und Abgewandte wieder gegen den Feind umdrehete. So war das Gefecht nicht allein, so lange man auf einander schoß, unentschieden, sondern auf dem rechten Flügel, wo Schrecken und Flucht zuerst begann, hielten auch die Römer kaum noch Stand. Vom linken Flügel hingegen und von der Stirnreihe wurden die Barbaren bedrängt, und sahen sich schüchtern nach den ihnen im Rücken drohenden Cohorten um. Als sie ihre Wurfeisen und Brandspieße verschossen hatten und nun die Schwerter zogen, da begann die Schlacht wie von neuem. Nun gab es nicht mehr überraschende Wunden aus der Ferne von nicht zu gewahrenden Schüssen, sondern man setzte, Fuß gegen Fuß, seine ganze Hoffnung auf Tapferkeit und Festigkeit. 15. Der Consul machte den schon ermattenden Seinigen dadurch wieder Muth, daß er Cohorten vom Rückhalte aus der zweiten Reihe ins Treffen führte. Dies gab eine neue Linie. Die frischen Kämpfer, die mit ungestumpften Spießen auf die ermüdeten Feinde losgingen, brachen zuerst in raschem Ansturze, wie im Keile, ein; dann schlugen sie die aus einander geworfenen in die Flucht; und in vollem Laufe suchten diese über das Feld ihr Lager wieder zu gewinnen. Als Cato ihre Flucht sich überall verbreiten sah, ritt er zurück zur zweiten Legion, die er in den Rückhalt gestellt hatte, hieß sie die Fahnen ihm vortragen und in vollem Schritte zum Sturme auf das feindliche Lager anrücken. Schritt Einer zu hitzig dem Gliede 223 voran, so schlug er, die Reihen durchreitend, ihn mit seinem Feldstabe, und forderte auch die Obersten und Hauptleute auf, Zucht zu halten. Schon wurde das feindliche Lager bestürmt: mit Steinen, Pfählen und allen Arten von Geschoß wurden die Römer vom Pfahlwerke abgetrieben. Beim Anrücken der frischen Legion wuchs hier den Stürmenden der Muth, dort kämpften die Feinde für ihren Wall so viel erbitterter. Die Blicke des Consuls späheten nach allen Seiten, um da einzubrechen, wo der Widerstand am schwächsten sei. Er sieht das Thor zur Linken weniger besetzt: dahin führt er das erste und zweite Treffen seiner zweiten Legion. Ihrem Andrange hielt der Posten am Thore nicht Stand, und die Übrigen, als sie schon Feinde im Lager erblickten, warfen, nach Verlust des Lagers selbst, auch ihre Fahnen und Waffen von sich. In den Thoren wurden sie zusammengehauen, weil sie im Gedränge in ihrem eignen Zuge hängen blieben. Die zweite Legion war es, die den Feinden in den Rücken hieb; die Übrigen plünderten das Lager. Valerius von Antium giebt die Zahl der an diesem Tage gefallenen Feinde über vierzig tausend an. Cato selbst, gewiß nicht Verkleinerer seiner Verdienste, sagt, es seien Viele geblieben; die Zahl giebt er nicht an. 16. Man rechnet ihm an diesem Tage dreierlei zum Verdienste an. Einmal, daß er sein hinter den Feinden herumgezogenes Heer, in der Ferne von seiner Flotte und seinem Lager, die Schlacht da liefern ließ, wo Tapferkeit die einzige Hoffnung gab. Zum Andern, daß er die zwei Cohorten dem Feinde im Rücken entgegenwarf. Drittens, daß er die zweite Legion, während die übrigen Alle zur Verfolgung des Feindes fortstürzten, in vollem Schritte, und unter ihren Fahnen aufgestellt und schlagfertig gegen das Lagerthor anrücken hieß. Auch nach dem Siege säumte er im mindesten nicht. Kaum hatte er auf das zum Rückzuge gegebene Zeichen seine mit Beute Beladenen ins Lager zurückgeführt, so stellte er sich, da er ihnen nur wenige Stunden der Nacht zur Ruhe gegönnt hatte, zum Ausplündern des Landes wieder an ihre Spitze. Weil 224 die Feinde durch die Flucht zersprengt waren, so breitete sich die Plünderung der Römer so viel freier aus. Und dies vermochte eben so sehr, wie die Tags zuvor verlorne Schlacht, die Spanier zu Emporiä mit ihren Nachbarn zur Übergabe. Auch ergaben sich Viele, die aus andern Staten nach Emporiä geflüchtet waren. Diese Alle entließ er nach einer gütigen Anrede und Verpflegung mit Wein und Speise, nach ihrer Heimat. Von hier rückte er sogleich mit seinem Lager weiter, und auf seinem ganzen Zuge eilten ihm allenthalben Gesandte mit der Übergabe ihrer Staten entgegen. Als er nach Tarraco kam, war schon ganz Spanien diesseit des Ebro bezwungen, und die Barbaren führten dem Consul ihre gefangenen Römer, Bundesgenossen und Latiner, deren sie sich bei verschiedenen Unfällen in Spanien ermächtigt hatten, als ein Geschenk wieder zu. Darauf verbreitete sich das Gerücht, der Consul werde mit seinem Heere in Turdetanien einrücken: und den entlegenern Bergbewohnern wurde fälschlich sogar gemeldet, er werde nach Rom Profecturum etiam falso perlatum est]. – Crevier und Drakenborch gestehen die Unrichtigkeit dieser Stelle ein. Vielleicht läßt sich ihr helfen. Der Consul war in der Seestadt Tarraco, wo die Römischen Befehlshaber gewöhnlich anzukommen und wieder nach Rom abzugehen pflegten. \&ām und Rām konnte, dünkt mich, leicht verwechselt werden. Ich wage es also, für etiam lieber Romam zu lesen. In der Nähe von Tarraco konnte man bald erfahren, daß der Consul nicht ganz abreise; hier also verbreitete sich das Gerücht, er gehe nach Turdetanien. Wenn aber die entfernteren Gebirgsvölker hörten, er sei schon in Tarraco, so konnten sie das Gerücht von seiner nahen Abfahrt nach Rom eher für wahr halten. Da auch Cato wirklich ( Cap. 19. zu Anfang) nach Turdetanien geht, so beziehen sich die Worte Ad hune vanum et sine ullo auctore rumorem, wenn ich nicht irre, nicht auf die Worte fama vulgatur, cos. in Turdetaniam exerc. ducturum – – dies war nicht vanus rumor; es geschah wirklich – – sondern auf profecturum Romam, falso perlatum est. abgehen. Auf diese unstatthafte und völlig unverbürgte Sage empörten sich sieben kleine Festungen im State der Bergistaner. Der Consul führte sein Heer hin, und ohne denkwürdigen Kampf brachte er sie wieder in seine Gewalt. Bald nachher, als der Consul nach Tarraco zurückgegangen und von hier aus noch nirgend wohin vorgerückt war, fielen eben diese wieder ab. Sie wurden abermals unterjocht, fanden aber nach der diesmaligen Besiegung nicht gleiche 225 Nachsicht. Damit sie den Frieden nicht noch öfter stören möchten, wurden sie Alle im Heerkreise zu Sklaven verkauft. 17. Unterdeß brach der Prätor Publius Manlius, der das alte Heer vom Quintus Minucius, in dessen Stelle er trat, übernommen, und das gleichfalls alte Heer des Appius Claudius Nero aus dem jenseitigen Spanien an sich gezogen hatte, nach Turdetanien auf. Unter allen Spaniern hält man die Turdetaner für am wenigsten kriegerisch. Doch gingen sie im Vertrauen auf ihre Menge dem Römischen Heere entgegen. Die auf sie gelassene Reuterei brachte ihre Linie sogleich in Verwirrung, und das Treffen zu Fuß kostete fast gar keinen Kampf. Die alten Streiter, mit dem Feinde und seinem Kriege bekannt, ließen über den Ausgang der Schlacht keinen Zweifel. Und doch war der Krieg mit dieser Schlacht nicht zu Ende. Die Turduler nahmen zehntausend Celtiberer in Sold und erneuerten den Krieg mit Hülfe fremder Waffen. Der Consul unterdessen, der, durch den Aufstand der Bergistaner betroffen, erwarten konnte, daß auch die übrigen Staten bei Gelegenheit ein Gleiches thun würden, nahm allen Spaniern diesseit des Ebro die Waffen. Dies war ihnen so kränkend, daß viele sich selbst den Tod gaben. Ein Völkerstamm voll Kühnheit, achteten sie ein Leben ohne Waffen für keins. Als dies dem Consul angezeigt wurde. ließ er die Ältesten der sämtlichen Staten vor sich rufen und sagte ihnen: «Uns liegt daran, daß ihr euch nicht empöret, nicht so viel, als euch: denn so oft es geschah, haben hoch immer die Spanier mehr Unglück davon gehabt, als die Römischen Heere Mühe. Daß es nie geschehe, kann, meines Erachtens, nur durch Ein Mittel verhütet werden: wenn man bewirkte, daß ihr euch nicht empören könnt. Ich möchte dies gern auf dem schonendsten Wege erreichen. Unterstützt auch ihr mich hierin mit eurem Rathe. Keinen will ich lieber befolgen, als den ihr selbst mir ertheilen werdet.» Da sie schwiegen, sagte er, er gebe ihnen einige Tage zur Überlegung. Als sie, wieder vorgefordert, auch in der zweiten 226 Zusammenkunft schwiegen, mußten die Städte alle auf Einen Tag ihre Mauern niederreißen, und da er selbst gegen die, die noch nicht Folge leisteten, ausrückte; mußten sich ihm, so wie er in eine Gegend kam, alle umliegenden Völker ergeben. Das einzige Segestica, eine wichtige und wohlhabende Stadt, eroberte er durch Annäherungshütten und Sturmplanken. 18. Ihm stießen aber in Unterjochung der Feinde so viel mehr Schwierigkeiten auf, als jenen zuerst nach Spanien gekommenen Römern, weil die Spanier aus Überdruß der Carthagischen Herrschaft zu jenen übertraten; er hingegen mußte sie nach dem Genusse der Freiheit gleichsam wieder zur Sklaverei in Beschlag nehmen: und er fand Alles schon so völlig in Aufruhr, daß Einige schon unter den Waffen standen, Andre durch Belagerungen zum Abfalle gezwungen werden sollten, und wenn man ihnen nicht noch zu rechter Zeit zu Hülfe gekommen wäre, nicht länger hätten widerstehen können. Allein der Consul hatte auch so viel Geist und Geschicklichkeit, daß er Alles, das Kleinste wie das Größte, selbst in Augenschein nahm und besorgte; nicht bloß, was nöthig war, bedachte und befahl, sondern auch meistens selbst vollzog; den Oberbefehl gegen niemand härter und strenger ausübte, als gegen sich selbst; in Sparsamkeit, Wachen und Anstrengung mit den gemeinsten Soldaten wetteiferte, und vor seinem Heere weiter nichts voraus hatte, als die Ehre und den Oberbefehl. 19. Den Krieg in Turdetanien machten dem Prätor Publius Manlius die von den Feinden, wie ich vorhin gesagt habe, durch den gebotenen Sold aufgewiegelten Celtiberer sehr schwer. Darum führte der Consul, vom Prätor in einem Briefe zu Hülfe gerufen, seine Legionen dorthin. Als er ankam, ließen sich die Römer sogleich mit den Turdetanern ( Celtiberer und Turdetaner standen in abgesonderten Lagern) durch Angriffe auf ihre Posten in kleine Gefechte ein, und aus jedem kehrten sie als Sieger, mochten sie auch noch so planlos sich eingelassen haben. Zu den Celtiberern hieß der Consul einige Obersten 227 gehen, sich mit ihnen unterreden und ihnen unter drei Vorschlägen die Wahl anzubieten; Der erste war: Ob sie zu den Römern übergehen und doppelt so viel Sold annehmen wollten, als sie sich bei den Turdetanern bedungen hätten. Der zweite: Ob sie nach Hause abziehen wollten, unter der feierlichen Zusicherung, für ihre jetzige Vereinigung mit Roms Feinden nie zur Strafe gezogen zu werden. Der dritte: Wenn sie durchaus Krieg wünschten, so möchten sie Tag und Ort bestimmen, wann und wo sie ihre Sache durch die Waffen mit ihm ausmachen wollten. Die Celtiberer forderten einen Tag Bedenkzeit. Sie hielten ihre Versammlung, weil sich die Turdetaner einmischten, unter lautem Lärmen: um so viel weniger konnte etwas beschlossen werden. Bei dieser Ungewißheit, ob mit den Celtiberern Krieg oder Friede sei, holten gleichwohl die Römer, nicht anders als im Frieden, aus den Dörfern und festen Schlössern der Feinde ihre Zufuhr; da sie eben so oft in die feindlichen Werke hineingingen, als wäre durch einen Privatwaffenstillstand ein gegenseitiger Verkehr verabredet. Als der Consul die Feinde zu keiner Schlacht herauslocken konnte, rückte er mit einigen Cohorten ohne Gepäck aus, um vorerst unter dem Schutze der Fahnen auf dem Gebiete einer noch verschonten Gegend zu plündern; allein auf die Nachricht, daß die Celtiberer alle ihre Feldbündel mit dem schweren Gepäcke in Seguntia zurückgelassen hätten, zog er zum Angriffe gegen die Stadt. Da sie sich aber durch kein Mittel in Bewegung setzen ließen, zahlte er nicht nur seinen, sondern auch des Prätors Truppen den Sold aus, ließ das ganze Heer im Lager des Prätors zurück, und nur mit sieben Cohorten ging er zurück an den Ebro . 20. Mit dieser so kleinen Schar eroberte er mehrere Städte. Die Sedetaner, Ausetaner, Suessetaner traten zu ihm über. Die Lacetaner, ein abgelegenes Waldvolk, legten die Waffen nicht nieder, theils aus angeborner Wildheit, theils waren sie sich bewußt, während der Beschäftigung des Consuls und seines Heers im Turdetanischen Kriege, durch unerwartete Einfälle seine Verbündeten 228 geplündert zu haben. Also zog der Consul zum Angriffe auf ihre Stadt, nicht bloß mit seinen Römischen Cohorten, sondern auch mit der Mannschaft seiner mit Recht auf sie erbitterten Bundesgenossen. Ihre Stadt hatte weit mehr Länge, als Breite. In einer Entfernung von beinahe vierhundert Schritten machte er Halt. Einem Posten von seinen auserlesenen Cohorten, den er hier stehen ließ, gab er Befehl, aus dieser Stellung nicht eher aufzubrechen, bis er selbst zu ihnen käme. Mit den übrigen Truppen zog er sich auf die andre Seite der Stadt herum. Unter seinen sämtlichen Hülfsvölkern waren die jungen Suessetaner die zahlreichsten. Ihnen übertrug er den Sturm auf die Mauer. Als die Lacetaner sie an ihren Waffen und Fahnen erkannten, stürzten sie im Bewußtsein ihres so oft auf Suessetanischem Boden ungestraft verübten Hohns, ihrer so oft in förmlicher Schlacht erfochtenen vollständigen Siege, aus plötzlich geöffnetem Thore insgesammt auf sie heraus. Kaum ihr Geschrei hielten die Suessetaner aus, viel weniger den Angriff. Sobald der Consul wirklich eintreten sah, was er erwartet hatte, sprengte er an der feindlichen Mauer hin zu seinen Cohorten, rückte mit ihnen im Schnellschritte, da Alles zur Verfolgung der Suessetaner hinausgestürzt war, auf der stillen und menschenleeren Seite in die Stadt, und eroberte sie ganz, ehe noch die Lacetaner umkehrten. Bald mußten auch sie, da sie nichts als Waffen hatten, sich ihm überliefern. 21. Gleich nach seinem Siege brach er von hier gegen das Schloß Vergium auf. Hier bargen sich größtentheils Räuber; und Streifereien von hier aus in die friedlichen Gegenden jener Provinz waren die Folge davon. Ein vornehmer Vergestaner kam als Überläufer zum Consul heraus und fing an, sich und seine Landsleute zu entschuldigen. «Sie selbst hätten die Regierung nicht in ihrer Gewalt. Die aufgenommenen Räuber hätten die ganze Feste von sich abhängig gemacht.» Der Consul hieß ihn, unter irgend einer wahrscheinlichen Angabe für seine Abwesenheit, wieder zu Hause gehen; und wenn er ihn an die Mauern rücken und die Räuber mit Vertheidigung der 229 Werke beschäftigt sähe, dann sollte er ja nicht versäumen, mit den Anhängern seiner Partei die Burg zu besetzen. Sie befolgten den Befehl. Plötzlich umringte die Barbaren der Schrecken von zwei Seiten, weil hier die Römer zur Mauer heranstiegen, dort die Burg genommen war. Schon im Besitze des Orts schenkte der Consul denen, welche die Burg gewonnen hatten, nebst ihren Angehörigen die Freiheit und ihr sämtliches Eigenthum. Die übrigen Vergestaner mußte der Schatzmeister auf seinen Befehl zu Sklaven verkaufen: die Räuber bestrafte er mit dem Tode. Nach Beruhigung der Provinz begründete er die beträchtlichen Einkünfte von den Eisen- und Silberbergwerken, und durch diese damals getroffene Einrichtung gewann die Provinz mit jedem Tage an Reichthum. Für diese glücklichen Verrichtungen in Spanien verordnete der Senat ihm zu Ehren ein dreitägiges Dankfest. 22. In diesem Sommer lieferte auch der andre Consul Lucius Valerius Flaccus in Gallien dem Heerhaufen der Bojer am Walde Litana eine förmliche Schlacht, die für ihn glücklich ausfiel. Achttausend Gallier sollen geblieben sein: die übrigen verliefen sich, ohne den Krieg weiter fortzusetzen, in ihre Flecken und Dörfer. So lange der Sommer noch dauerte, ließ der Consul sein Heer am Po zu Placentia und Cremona bleiben, und in diesen Städten wieder aufbauen, was durch den Krieg zerstört war. Dies war die Lage der Dinge in Italien und Spanien um die Zeit, als bei dem Titus Quinctius, – – der sich während der Winterquartiere in Griechenland so benommen hatte, daß mit Ausnahme der Ätoler – (denn sie hatten vom Siege nicht so viele Vortheile geerntet, als sie erwartet hatten, und mit der Ruhe konnten sie sich nie lange vertragen) – das gesamte Griechenland im vollen Genusse der vereinigten Segnungen des Friedens und der Freiheit, über seinen Zustand hoch erfreuet war, und die Enthaltsamkeit, Gerechtigkeit und Mäßigung des Römischen Feldherrn im Siege eben so sehr bewunderte, als seine Tapferkeit im Kriege – – der Senatsschluß einlief, in welchem gegen Nabis, den Lacedämonier, der Krieg 230 beschlossen war. Als Quinctius nach Durchsicht desselben die Gesandschaften der sämtlichen verbündeten Staten auf einen bestimmten Tag zur Versammlung nach Corinth beschieden, und die Großen von allen Orten her sich zahlreich eingefunden hatten, so daß auch nicht einmal die Ätoler fehlten, redete er zu ihnen etwa so: «Folgten gleich in dem mit Philipp geführten Kriege Römer und Griechen ihrer gemeinschaftlichen Stimmung und Maßregel, so hatten doch beide zu diesem Kriege ihre besondern Ursachen. Die Freundschaft mit den Römern hatte er dadurch gebrochen, daß er theils ihre Feinde, die Carthager, unterstützte, theils hier unsre Bundsgenossen angriff: und gegen euch hatte er sich so benommen, daß uns, hätten wir auch unsrer Beleidigungen vergessen wollen, eure Mishandlungen die gerechteste Ursache zum Kriege geben mußten. In der heutigen Berathschlagung aber gehet Alles von euch aus. Ich lege euch nämlich die Frage vor, ob ihr Argi, das, wie ihr selbst wisset, von Nabis besetzt ist, in seiner Botmäßigkeit lassen wollt, oder ob ihr es recht findet, daß man die edelste, älteste, im Mittelpunkte Griechenlands gelegene Stadt, wieder in Freiheit und mit den übrigen Städten des Peloponnes und Griechenlands in gleiche Lage setze. Diese ganze Berathschlagung betrifft, wie ihr sehet, eine Sache, die bloß die eurige ist: mit uns Römern kommt sie nicht in Berührung, außer in sofern die Dienstbarkeit dieser Einen Stadt unsern Ruhm, Griechenland befreit zu haben, nicht vollständig, nicht unverkümmert sein läßt. Wenn aber euch eure Theilnahme für diese Stadt, wenn euch das Beispiel und die Gefahr, daß durch Ansteckung das Übel um sich greifen könne, keine Unruhe macht; so kann das uns recht und willkommen sein. Dies ist der Gegenstand, über den ich euch so zu Rathe ziehe, daß ich mich an das halten will, was die Mehrzahl unter euch für gut erachten wird.» 23. Nach der Rede des Römischen Feldherrn fing man an, die Stimmen der Übrigen abzuhören. Da der 231 Gesandte der Athener in den dankvollsten Ausdrücken, die er finden konnte, die Verdienste der Römer um Griechenland erhob: «die ihnen auf ihre flehentliche Bitte um Beistand gegen Philipp, Hülfe geleistet hätten; jetzt, ungebeten, mit ihrem Anerbieten zum Beistande gegen den Tyrannen Nabis ihnen zuvorkämen;» und dann voll Unwillen hinzusetzte: «gleichwohl würden diese so großen Verdienste in Gesprächen von diesen und jenen verkleinert, die die Zukunft gern verunglimpfen möchten, statt daß sie sich für das Vergangene dankbar erklären sollten:» so war es einleuchtend, daß dies den Ätolern galt. Alexander also, einer der Ätolischen Großen, griff zuerst die Athener an, «die, ehemals Führer und Aufforderer zur Freiheit, jetzt, um sich allein gefällig zu machen, am Wohle Aller zu Verräthern würden:» dann klagte er darüber, daß die Achäer, die ehemals auf Philipps Seite gefochten hätten und zuletzt bei seinem sinkenden Glücke Überläufer geworden wären, nicht nur Corinth hingenommen hätten, sondern auch darauf ausgingen, die Stadt Argi zu haben; daß hingegen die Ätoler, diese ersten Feinde Philipps und beständigen Bundesgenossen Roms, ob sie sich gleich in dem Vertrage ausbedungen hätten, daß nach Philipps Besiegung die Städte und Länder ihnen gehören sollten, sich um Echinus und Pharsalus hintergangen sähen: und zuletzt machte er die Römer der Unredlichkeit verdächtig, weil sie, bei allem Prunke mit ihrer nichtigen Verheißung von Freiheit, in Chalcis und Demetrias ihre Besatzungen stehen ließen, sie, die jedesmal, wenn Philipp der Räumung dieser Städte von seinen Truppen habe ausweichen wollen, ihm die Einwendung gemacht hätten, Griechenland werde nie frei sein, so lange Demetrias und Chalcis und Corinth besetzt blieben: endlich noch, weil sie jetzt Argi und den Nabis zum Vorwande nähmen, um länger in Griechenland zu bleiben und ihr Heer hier zu behalten. «Sie möchten ihre Legionen nach Italien abführen. Die Ätoler versprächen, entweder solle Nabis durch Verträge und mit eigner Zustimmung seine Besatzung aus Argi 232 ziehen, oder sie wollten ihn durch Gewalt der Waffen zwingen, sich dem einmüthigen Willen Griechenlands zu fügen.» 24. Empört über diese Großsprecherei, war Aristänus, Prätor der Achäer, der erste, der gegen ihn auftrat. «Das wolle, rief er, der allmächtige Jupiter und die Königinn Juno , die Schutzgöttinn von Argi, verhüten, daß diese Stadt zwischen einem Lacedämonischen Tyrannen und den Räubern aus Ätolien als Kampfpreis aufgestellt werde; so daß wir Gefahr liefen, sie in einem noch traurigeren Zustande wieder zu erobern, als in den sie durch die Eroberung des Tyrannen gerieth. Jetzt, Titus Quinctius , schützet uns vor diesen Straßenräubern nicht einmal das scheidende Meer. Wie wird es uns gehen, wenn sie sich eine Zwingburg mitten in Peloponnes anschaffen? Von Griechen haben sie nur die Sprache, so wie von Menschen nur das Äußere. Bei Gewohnheiten und Gebräuchen einer Wildheit, die man so groß bei keinen Barbaren sieht, leben sie, wie die Ungeheuer der Thierwelt. Deshalb bitten wir euch, ihr Römer, daß ihr nicht allein Argi dem Nabis wieder abnehmt, sondern auch Griechenland in eine solche Lage setzt, daß ihr uns hier auch in gehöriger Sicherheit vor der Straßenräuberei der Ätoler znrücklassen könnt.» Da nun Alle von allen Seiten gegen die Ätoler laut wurden, so sagte der Römische Feldherr: «Er würde den Ätolern geantwortet haben, wenn er nicht bemerkt hätte, daß die allgemeine Erbitterung gegen sie so groß sei, daß er statt aufzureizen, lieber beruhigen müsse. Und so frage er, mit der Meinung, die sie von den Römern und Ätolern hätten, sich begnügend, hiemit an, was sie über den Krieg mit Nabis, falls er den Achäern Argi nicht herausgäbe, beschließen wollten.» Da sich Alle für den Krieg erklärten, so ging sein Antrag dahin, daß jeder Stat nach Maßgabe seiner Kräfte Hülfstruppen zu stellen habe. Ja an die Ätoler ließ er sogar einen Gesandten abgehen, mehr um sich über ihre Gesinnungen ohne Hülle zu belehren, was auch wirklich der Fall wurde, als 233 weil er an die Möglichkeit einer Bewilligung geglaubt hätte. 25. Nun gab er seinen Obersten Befehl, das Heer von Elatea herüberzuholen. In diesen Tagen ertheilte er auch den Gesandten des Antiochus, die auf ein Bündniß antrugen, die Antwort: In Abwesenheit der zehn Abgeordneten habe er gar keine Stimme. Sie müßten nach Rom an den Senat gehen. Mit den von Elatea ihm zugeführten Truppen zog er nun selbst gegen Argi; in der Gegend von Cleonä stieß der Prätor Aristänus mit zehntausend Achäern und tausend Reutern zu ihm, und nicht weit davon schlugen sie nach Vereinigung ihrer Heere ein Lager auf. Am folgenden Tage rückten sie in das ebene Argivische Gebiet, und wählten fast viertausend Schritte von Argi einen Ort zum Lager. Befehlshaber der Lacedämonischen Besatzung war Pythagoras, zugleich Schwiegersohn des Tyrannen und seiner Gattinn Bruder. Bei der Annäherung der Römer versah er sowohl die beiden Schlösser – denn Argi hat deren zwei – als auch andre schickliche oder ihm verdächtige Posten mit starken Besatzungen: doch war es ihm nicht möglich, bei seinen Vorkehrungen den Schrecken zu verbergen, in den ihn das Anrücken der Römer versetzte: und zu der Drohung von außen gesellte sich noch ein innerer Aufruhr. Damocles, ein Argiver, ein Jüngling von mehr Muth, als Klugheit, der sich schon mit einigen dazu Tauglichen unter dem Eide der Verschwiegenheit darüber besprochen hatte, die Besatzung zu vertreiben, war bei seinem Eifer, die Verschwörung durch Mehrere zu verstärken, in der Beurtheilung ihrer Zuverlässigkeit nicht vorsichtig genug. Da ihn in einer Unterredung mit seinen Vertrauten der Befehlshaber durch einen abgeschickten Trabanten vor sich fordern ließ, merkte er, daß der Anschlag verrathen sei, ermahnte die Verschwornen, so viele ihrer gegenwärtig waren, ehe sie auf der Folter stürben, lieber mit ihm zu den Waffen zu greifen, und zog mit diesen Wenigen gerade auf den Marktplatz, unter dem wiederholten Aufrufe, Wer es mit dem State redlich meine, solle an ihn, den Aufforderer und Führer zur Freiheit, sich anschließen. Dies machte auf 234 niemand Eindruck, weil niemand Hoffnung in der Nähe, geschweige jetzt eine hinlängliche Mannschaft sah. Während seines lauten Rufens wurde er mit seinen Begleitern von den Lacedämoniern umringt und niedergehauen. Nachher ergriff man auch Andere. Von diesen wurden die Meisten hingerichtet, nur Wenige gefangen gelegt. Viele ließen sich in der nächsten Nacht an Seilen an der Mauer hinab und flohen zu den Römern über. 26. Auf ihre Versicherung, daß dieser Aufstand nicht ohne Wirkung geblieben sein würde, wenn das Römische Heer vor den Thoren gestanden hätte, und daß die Argiver gewiß nicht ruhig bleiben würden, wenn Quinctius sein Lager näher rückte, schickte er leichtes Fußvolk und Reuterei ab, welche bei Cylarabis, einer Übungsschule, nicht ganz dreihundert Schritte von der Stadt, mit den aus dem Thore hervorbrechenden Lacedämoniern zum Gefechte kamen und sie ohne großen Kampf in die Stadt zurücktrieben. Auf den Platz, wo sie gefochten hatten, verlegte der Römische Feldherr sein Lager. Hier blieb er Einen Tag lang auf der Lauer, ob es vielleicht zu einem neuen Aufstande kommen würde. Als er aber sah, daß die Bürgerschaft zu sehr eingeschüchtert war, berief er wegen des Angriffs auf Argi einen Kriegsrath. Die sämtlichen Häupter Griechenlands, den Aristänus ausgenommen, waren einerlei Meinung: da Argi die einzige Ursache des Krieges sei, so müsse man es auch zum ersten Gegenstande des Krieges machen. Dies gefiel dem Quinctius ganz und gar nicht; im Gegentheile hörte er den Aristänus, als dieser die einstimmige Meinung bestritt, mit unzweideutigem Beifalle und fügte selbst noch hinzu: «Da man den Krieg, den Argivern zum Besten, nur gegen den Tyrannen unternommen habe, so frage er, ob es nicht höchst unzweckmäßig sei, mit Beiseitsetzung des Feindes, Argi anzugreifen. Statt dessen werde er auf den Sitz des Krieges, auf Lacedämon und den Tyrannen losgehen.» Er schickte auch nach Entlassung des Kriegsraths leichte Cohorten auf Getreideholung aus. Was in der Umgegend reif war, ließ er mähen und 235 zusammenfahren; was noch grün war, damit es nicht die Feinde nächstens ernteten, zertreten und vernichten. Dann brach er auf, zog über das Parthenische Gebirge bei Tegea vorbei und lagerte sich am dritten Tage bei Caryä. Hier wartete er, bevor er das feindliche Gebiet beträte, auf die Hülfstruppen der Verbündeten. Es trafen tausend fünfhundert Macedonier von Philipp ein und vierhundert Thessalische Reuter. Und jetzt hielten ihn nicht mehr die Hülfstruppen auf – ihrer hatte er zur Genüge – sondern die den benachbarten Städten auferlegte Zufuhr. Auch sammelte sich eine ansehnliche Seemacht. Schon war von Leucas mit vierzig Schiffen Lucius Quinctius eingetroffen; dann kamen achtzehn Rhodische Deckschiffe, ferner stand König Eumenes bei den Cycladischen Inseln mit zehn Deckschiffen, dreißig Jachten und mehrerlei kleineren Fahrzeugen. Ja es sammelten sich auch viele Flüchtlinge selbst aus Lacedämon, welche widerrechtlich von den Tyrannen verjagt waren, im Römischen Lager, in der Hoffnung, ihre Vaterstadt wieder zu gewinnen. Es waren nämlich Viele schon seit einigen Menschenaltern, so lange Lacedämon unter Zwingherren stand, von diesem oder von jenem vertrieben. Der Vornehmste unter diesen Verbannten war Agesipolis, dem vermöge seines Stammrechts der Thron zu Lacedämon gehörte, der aber als Kind nach dem Tode des Cleomenes, des ersten Zwingherrn zu Lacedämon, von dem Zwingherrn Lycurgus vertrieben war. 27. Der Tyrann, ob ihn gleich zu Wasser und zu Lande ein so furchtbarer Krieg rundum bedrohete, und ihm bei einer richtigen Schätzung seiner eignen und der feindlichen Kräfte fast keine Hoffnung übrig bleiben konnte, gab dennoch den Krieg nicht auf; sondern er ließ aus Creta tausend der dortigen auserlesensten Mannschaft kommen, da er ihrer schon tausend hatte; stellte dreitausend Miethsoldaten und an Eingebornen nebst den Landleuten aus den Bergflecken zehntausend unter die Waffen und befestigte die Stadt durch einen Graben und Pfahlwerk. Und jedem inneren Aufstande vorzubeugen, fesselte er Alle durch Furcht und harte Strafen, da er nicht 236 darauf rechnen durfte, daß die Erhaltung ihres Zwingherrn ihr Wunsch werden möchte. Einige Bürger waren ihm verdächtig. Er ließ also seine sämtlichen Truppen auf die Ebene ausrücken, die dort der Laufplatz heißt, die Lacedämonier ohne Waffen zur Versammlung rufen und umstellte diese mit seinen bewaffneten Trabanten. Nach einer kurzen voraufgeschickten Erklärung: «Warum sie ihm, wenn er gegen Alles in Furcht und auf seiner Hut sei, unter den jetzigen Umständen dies verzeihen müßten; auch müsse ihnen selbst daran gelegen sein, wenn die gegenwärtige Lage der Dinge den und jenen verdächtig werden lasse, daß man diesen lieber jede Unternehmung unmöglich mache, als sie schon mitten in der Unternehmung bestrafe; daß er also Einige in Gewahrsam behalten werde, bis der drohende Sturm vorübergehe; nach Zurücktreibung der Feinde, vor denen sie sich, wenn sie gegen innern Verrath gehörig gesichert wären, nicht sehr zu fürchten hätten, werde er jene sogleich wieder frei geben;» ließ er an die achtzig der vornehmsten jungen Männer namentlich aufrufen, und sie, so wie jeder auf seinen Namen sich meldete, in Verwahrung nehmen. In der folgenden Nacht wurden sie alle hingerichtet. Dann wurden auch verschiedene Heloten – sie sind der ländliche, seit uralten Zeiten in Bergflecken wohnende, Volksstamm – unter der Beschuldigung eines vorgehabten Übergangs zum Feinde, durch alle Gassen gepeitscht und getödtet. Durch solche Schreckmittel war der Volksgeist zu jedem Versuche einer Statsumwälzung erlahmt. Seine Truppen behielt Nabis innerhalb der Werke, theils weil er sich zu einer Schlacht in Linie nicht stark genug hielt, theils weil er es bei der allgemeinen Spannung und unzuverlässigen Stimmung nicht wagte, die Stadt zu verlassen. 28. Als Quinctius, schon in allen Stücken bereit, aus seinem Standlager aufgebrochen war, kam er den folgenden Tag nach Sellasia oberhalb des Flusses Önus, wo der Macedonische König Antigonus, wie man erzählte, dem Lacedämonischen Zwingherrn Cleomenes eine Schlacht 237 geliefert hatte. Da er hörte, daß es von hier auf einem beschwerlichen und engen Wege bergan gehe, so schickte er auf einem kurzen Umwege Leute durch das Gebirge vorauf, den Weg zu bahnen und kam auf einer hinlänglich breiten und offenen Straße an den Fluß Eurotas, der beinahe dicht unter den Mauern von Sparta fließt. Hier griffen die Hülfstruppen des Tyrannen die mit Absteckung eines Lagers beschäftigten Römer und den Quinctius , der selbst mit der Reuterei und den leichten Truppen vorausgegangen war, an und brachten sie in Schrecken und Unordnung: denn sie hatten so etwas gar nicht erwartet, weil ihnen auf dem ganzen Marsche niemand entgegen gerückt und sie nicht anders als durch Freundes Land gegangen waren. Die Verwirrung dauerte ziemlich lange, weil aus Mangel an Selbstvertrauen das Fußvolk die Reuterei, die Reuter das Fußvolk zu Hülfe riefen. Endlich kamen die Legionen unter den Fahnen dazu, und sobald die Cohorten des Vordertreffens ins Gefecht geführt waren, wurden die, die eben noch die Schreckenden gewesen waren, in voller Bestürzung zur Stadt hineingetrieben. Die Römer, die von der Mauer wieder so weit zurückwichen, daß sie außer dem Pfeilschusse waren, blieben eine Zeitlang in aufgestellter Linie stehen. Als niemand von Seiten des Feindes gegen sie ausrückte, gingen sie wieder in ihr Lager. Am folgenden Tage führte Quinctius seine Truppen in Schlachtordnung nahe am Flusse bei der Stadt vorbei gerade an den Fuß des Menelausberges. Vorauf gingen die Cohorten der Legionen: die Leichtbewaffneten und die Reuterei schlossen den Zug. Nabis hatte seine Miethvölker – auf diese setzte er das meiste Vertrauen – hinter der Mauer in Ordnung und zum Angriffe fertig unter den Fahnen stehen, um den Feind im Rücken anzugreifen. Als die Letzten des Zuges vorüber waren, stürzten jene an mehreren Stellen zugleich, eben so lärmend, wie Tages vorher, zur Stadt heraus. Appius Claudius schloß den Zug. Er hatte seine Leute auf den vorauszusehenden Fall, damit er ihnen nicht unerwartet käme, vorbereitet, ließ sogleich die Fahnen umkehren und bot durch diese 238 Schwenkung mit dem ganzen Zuge dem Feinde die Stirn. Also fochten sie, als wären sie in gerader Linie auf einander getroffen, eine ganze Zeitlang in förmlicher Schlacht. Endlich neigten sich die Truppen des Nabis zur Flucht. Diese würde für sie weniger gefährlich und unruhig gewesen sein, wenn ihnen nicht die Achäer nachgesetzt hätten, die der Gegend kundig waren. Diese richteten unter ihnen ein großes Blutbad an, und entwaffneten von den allenthalben versprengten Flüchtlingen die Meisten. Quinctius nahm sein Lager bei Amyclä. Nachdem er die sämtlichen Umgebungen der Stadt mit ihren zahlreich bewohnten und reizenden Fluren verheert hatte, und schon kein Feind das Stadtthor mehr überschritt, rückte er mit seinem Lager an den Fluß Eurotas. Von hieraus verwüstete er das unter dem Taygetus gelegene Thal und die bis zum Meere sich erstreckenden Dörfer. 29. Beinahe um dieselbe Zeit gewann Lucius Quinctius die Städte an der Seeküste theils durch freiwillige Übergabe, theils durch Drohung oder Erstürmung. Als er jetzt erfuhr, die Lacedämonier hätten von allen zum Seewesen nöthigen Vorräthen ihre Niederlage in der Stadt Gythium, und das Römische Lager sei schon nicht mehr weit vom Meere, so beschloß er, mit seiner ganzen Macht diese Stadt anzugreifen. Sie hatte damals eine bedeutende Stärke, theils durch die Menge ihrer Bürger und Einwohner, theils durch ihren Reichthum an Kriegsvorräthen aller Art. Dem Quinctius zur rechten Zeit – denn er machte sich an keine kleine Arbeit – kamen König Eumenes und die Rhodische Flotte dazu. Diese große Menge Seetruppen, die aus drei Flotten zusammengezogen war, brachte alle zum Sturme auf eine zu Wasser und zu Lande befestigte Stadt nöthigen Werke in wenig Tagen zu Stande. Schon wurde die Mauer unter angebrachten Sturmdächern untergraben, schon mit Widderköpfen eingestoßen. Unter wiederholten Stößen sank ein Thurm, und bei seinem Falle stürzte auch die Mauer auf beiden Seiten: und die Römer, um von dieser offenern Stelle die Feinde abzuziehen, suchten zugleich vom Hafen her, wo sie einen ziemlich flachen 239 Zugang hatten, und zugleich auf jenem durch den Einsturz gebahnten Wege einzudringen. Und es fehlte nicht viel, so wären sie da, wo sie hindrängten, durchgebrochen: da hemmte ihren Andrang die ihnen gemachte Hoffnung zur Übergabe, die sich aber bald wieder zerschlug. Dexagoridas und Gorgopas hatten als Befehlshaber der Stadt gleiche Rechte. Dexagoridas hatte dem Römischen Unterfeldherrn sagen lassen, er wolle die Stadt übergeben. Als hierzu das Wann und Wie schon verabredet war, tödtete Gorgopas den Verräther. Nun war der Eine in Vertheidigung der Stadt noch eifriger, und der Sturm würde noch viel größere Schwierigkeiten gefunden haben, wenn nicht jetzt Titus Quinctius mit viertausend Mann auserlesener Truppen angekommen wäre. Da er am Abhange eines der Stadt nahe gelegenen Hügels sein Heer in Schlachtordnung zur Schau stellte, und von der andern Seite Lucius Quinctius aus seinen Werken zu Wasser und zu Lande den Belagerten zusetzte, so zwang endlich die Verzweiflung auch den Gorgopas, sich zu demselben Entschlusse zu verstehen, den er an dem Andern mit dem Tode bestraft hatte. Unter der Bedingung eines freien Abzuges mit seiner Besatzung überlieferte er die Stadt dem Quinctius. Noch vor der Übergabe von Gythium überließ der von Nabis in Argi zurückgelassene Befehlshaber Pythagoras die Aufsicht über die Stadt dem Timocrates von Pellene und traf mit tausend Mann Miethsoldaten und zweitausend Argivern in Lacedämon bei dem Nabis ein. 30. Als Nabis, den eben so, wie ihn die erste Ankunft einer Römischen Flotte und die Übergabe seiner Städte an der Seeküste in Schrecken setzte, einige Hoffnung wieder beruhigte, weil seine Truppen Gythium behaupteten, nun auch die Übergabe dieser Stadt an die Römer erfuhr, und daß er, ohne alle Aussicht zu Lande, wo ihn ringsum Feinde umgaben, nun auch gänzlich vom Meere abgeschnitten sei; so hielt er es für das Beste, sich in sein Misgeschick zu fügen und schickte zuerst einen Herold in das Lager, welcher zuhören sollte, ob man geneigt sei, Gesandte anzunehmen. Nach erhaltener 240 Bewilligung stellte sich Pythagoras bei dem Feldherrn ein ohne weiteren Auftrag, als für den Zwingherrn um eine Unterredung mit dem Feldherrn zu bitten. Da nun in dem deshalb berufenen Kriegsrathe Alle für die Bewilligung stimmten, so wurden Tag und Ort festgesetzt. Als sie sich mit einem kleinen Gefolge von Truppen in der zwischen ihnen liegenden Gegend auf ein Par Anhöhen begeben hatten, ließen sie hier auf einem beiden Theilen sichtbaren Posten ihre Cohorten zurück, und Nabis kam mit wenigen Auserlesenen seiner Leibwache, Quinctius mit seinem Bruder, mit dem Könige Eumenes, dem Rhodier Sosilaus, dem Prätor der Achäer, Aristänus und einigen Obersten herab. 31. Hier fing der Zwingherr, dem man die Wahl ließ, ob er zuerst Redner oder Hörer sein wolle, so an: «Wenn ich mir selbst eine Ursache ausdenken könnte, Titus Quinctius und ihr übrigen Anwesenden, warum ihr entweder den Krieg mir angekündigt haben könntet, oder ihn jetzt gegen mich führet, so würde ich den Ausgang meines Schicksals schweigend abgewartet haben. So aber kann ich den Wunsch nicht unterdrücken, ehe ich zu Grunde gehe, zu erfahren, warum ich zu Grunde gelten soll. Und bei Gott! wäret ihr die Leute, die die Carthager sein sollen, so daß euch Treue im Bunde nicht im mindesten heilig wäre, so sollte es mich nicht wundern, wenn ihr euch daraus nichts machtet, wie ihr an mir handeltet. Jetzt, wenn ich euch ansehe, erblicke ich Römer, bei denen in Hinsicht ihrer Beziehung auf die Götter – die Bündnisse, und in sofern sie unter Menschen ausgeübt wird, die Bundestreue – die höchste Heiligkeit haben. Wenn ich auf mich selbst zurücksehe, so hoffe ich, derselbe zu sein, der schon von Seiten seines Vaterlandes, wie alle übrigen Lacedämonier, mit euch im uralten Bunde steht, und der auch ganz besonders in seinem eignen Namen die Freundschaft und Verbindung mit euch vor kurzem erst in dem Kriege gegen Philipp erneuert hat. Aber vielleicht habe ich sie dadurch verletzt und umgestoßen, daß ich die Stadt Argi besetzt halte. Womit soll ich mich hier vertheidigen? 241 Mit der Sache? oder mit der Zeit? Die Sache selbst nimmt mich zwiefach in Schutz. Denn Einmal habe ich die Stadt angenommen, weil die Argiver selbst mich riefen und sie mir übergaben; habe sie nicht überraschet: zum andern habe ich sie angenommen, als sie auf Philipps Partei, nicht mit euch im Bunde stand. Die Zeit spricht mich frei, insofern ich Argi schon besaß, als wir den Bund mit einander ausmachten, und ich mußte euch versprechen, euch Hülfstruppen zum Kriege zu stellen, nicht, meine Besatzung aus Argi zu ziehen. Ja, so bleibe ich denn, bei Gott! in dem Streite über Argi oben, sowohl nach der Billigkeit der Sache, insofern ich nicht eure, sondern eine feindliche Stadt, insofern ich sie mit ihrem Willen, nicht mit Zwang und Gewalt, hingenommen habe; als auch nach eurem Geständnisse, da ihr bei den Bundesbedingungen mir Argi gelassen habt: allein der Name Zwingherr und meine Handlungen fallen mir zur Last, insofern ich die Sklaven zur Freiheit rufe, den dürftigen Bürger in den Besitz von Grundstücken setze? In Ansehung des Namens kann ich antworten, daß ich, wie ich auch sein mag, immer noch derselbe bin, der ich war, als du selbst, Titus Quinctius, mit mir das Bündniß schlossest. Ich erinnere mich, daß ihr mich damals König anredetet: jetzt, sehe ich, heiße ich Zwingherr. Hätte ich selbst meine Regierung unter einem andern Namen aufgestellt, so hätte ich meine eigne Unbeständigkeit zu verantworten; da aber die Abänderung von Euch kommt, ihr nur die eurige. Was die durch Befreiung der Sklaven vermehrte Volkszahl betrifft und die Vertheilung der Ländereien an Dürftige, so könnte ich auch hier mich auf mehr Recht vermöge der Zeit berufen. Das Alles, sei es, wie es wolle, hatte ich schon gethan, als ihr den Bund mit mir schlosset und im Kriege gegen Philipp Hülfstruppen von mir annahmt. Allein, selbst wenn ich es jetzt gethan hätte, sage ich nicht: Wie habe ich Euch dadurch Leides gethan oder eure Freundschaft verletzt? sondern: Das habe ich der Sitte und Anordnung meiner Vorfahren gemäß gethan. Was zu Lacedämon geschieht, 242 müßt ihr nicht nach euren Gesetzen und Einrichtungen abmessen wollen. Ich habe nicht nöthig, bei diesem Vergleiche in das Einzelne zu gehen. Ihr hebt nach dem Vermögen den Ritter, nach dem Vermögen den Fußgänger aus. Euch ist es recht, daß einige Wenige durch Wohlhabenheit über die Andern hervorragen, und daß der Bürgerstand ihnen untergeordnet sei. Unser Gesetzgeber wollte die Regierung nicht in den Händen jener Wenigen wissen, die ihr den Senat nennt, noch auch, daß irgend der eine, oder der andre Stand im State hervorragen sollte, sondern glaubte durch Ausgleichung des Vermögens und Ranges zu bewirken, daß ihrer Viele sein sollten, die zum Schutze des Vaterlandes das Schwert führten. Ich bekenne, daß ich, für einen Vortrag, nach der bei uns sittlichen Kürze, schon zu viel Worte gemacht habe: und ich hätte Alles mit den kurzen Worten abthun können: Daß ich seit Errichtung unsrer Freundschaft nichts begangen habe, wodurch sie euch unangenehm werden konnte.» 32. Hierauf antwortete der Römische Feldherr: «Mit dir haben wir keine Freundschaft, kein Bündniß geschlossen, sondern mit dem Pelops , einem ordentlichen und rechtmäßigen Könige Lacedämons. Von dieser Begünstigung haben auch jene Tyrannen, welche nachher die Herrschaft über Lacedämon mit Gewalt behaupteten, Gebrauch gemacht, weil uns bald die Punischen, bald die Gallischen, bald andre auf einander folgende Kriege beschäftigten; so wie auch du in diesem Macedonischen Kriege gethan hast. Denn was würde sich weniger schicken, als wenn wir, während wir für Griechenlands Freiheit gegen Philipp Krieg führten, mit einem Tyrannen Freundschaft begründeten, und zwar mit dem gegen sein Volk grausamsten und gewaltthätigsten von allen Tyrannen, die es je gegeben hat? Wir aber mußten – du mochtest nun Argi hinterlistig genommen haben und behalten, oder nicht – wenn wir ganz Griechenland befreiten, auch Lacedämon wieder zu seiner alten Freiheit und zu seinen Gesetzen verhelfen, deren du, gleich als 243 thätest du es einem Lycurg nach, vorhin erwähntest. Sollen wir etwa dafür sorgen, daß Philipp seine Besatzungen aus Jassus und Bargyliä zieht; Argi aber und Lacedämon, die beiden berühmtesten Städte, ehemals die Zierden Griechenlands, dir zu Füßen liegen lassen, damit sie in ihrer Dienstbarkeit uns die Ehre der Befreiung Griechenlands entstellen? Ei! sagst du, damals hielten es ja die Argiver mit Philipp. – Wir erlassen dir das, unsern Rächer zu spielen. Wir haben in sichere Erfahrung gebracht, daß hieran ihrer Zwei, höchstens Drei, Schuld waren, nicht aber ihr ganzer Stat Schuld war. Aber bei Gott!. eben so gewiß, als wir wissen, daß es von ihrer Seite durchaus nicht Statsbeschluß war, dich und deine Besatzung einzuladen und in die Burg aufzunehmen Nihil sit publico consilio actum]. – Dies Allen anstößige sit soll entweder ganz wegfallen, oder in esse verwandelt werden. Ich glaube darin die Spuren des Wortes scimus zu sehen; und interpungire so: Tam, Hercle, quam in te tuoque praesidio arcessendo accipiendoque in arcem nihil scimus publico consilio actum, Thessalos et Phocenses et Locrenses consensu omnium scimus partium Philippi fuisse. Dann, dünkt mich, wird auch die in den folgenden Worten tamen cum ceteram liberaverimus Graeciam vorgeschlagene Abänderung unnöthig. Denn in der von mir aufgestellten Verbindung bezieht sich cetera Graecia, in welches die Thessalier, Phocenser und Locrenser mit einbegriffen sind, nur als Gegensatz auf die einzigen Argiver. , wissen wir auch das, daß die Thessalier, Phocier und Locrer alle einmüthig auf Philipps Seite waren. Und wenn wir dessen ungeachtet das ganze übrige Griechenland befreiet haben, wie, meinst du, werden wir uns gegen die Argiver benehmen, da sie sich hierin keinen Statsbeschluß haben zu Schulden kommen lassen? Du sagtest vorhin, wir machten dir Vorwürfe darüber, daß du die Sklaven zur Freiheit riefest und Ländereien unter die Armen vertheiltest. Freilich ist auch dies nicht unbedeutend: allein was ist es gegen die übrigen Frevel, die von dir und den Deinigen täglich einer über den andern verübt werden? Gestatte einmal entweder zu Argi, oder zu Lacedämon, eine freie Volksversammlung, wenn du Lust hast, die Vorwürfe wegen deiner gränzenlosen Tyrannei der Wahrheit gemäß zu hören. 244 Um alles andre Frühere zu übergehen, welch ein Gemetzel stellte nicht zu Argi der saubere Pythagoras, dein Schwiegersohn, fast unter meinen Augen an? was für ein Gemetzel du selbst, als ich fast schon auf Lacedämonischem Grund und Boden stand? Laß doch gleich die Alle, die du in der Volksversammlung festnahmest, und so, daß alle deine Mitbürger es hörten, nur in Gewahrsam zu behalten versprachst, in ihren Fesseln vorführen, damit ihre unglücklichen Ältern sehen, daß die, um die sie in ihrer falschen Einbildung trauern, noch am Leben sind. Aber, sagst du, gesetzt, dies Alles verhalte sich so, was geht es euch Römer an? Eine solche Sprache wolltest du gegen Griechenlands Befreier führen? gegen sie, die, um es befreien zu können, über das Meer setzten? den Krieg zu Lande und zu Wasser führten? Bei dem Allen, sagst du, habe ich doch nicht eigentlich Euch, noch die Freundschaft und Verbindung mit Euch beleidigt. Soll ich dir beweisen, wie oft du das gethan hast? Doch ich verschmähe die mehreren Angaben; ich will Alles in Eins zusammenfassen. Wodurch verletzt man die Freundschaft? Doch wohl vorzüglich durch zweierlei; wenn man meine Verbündeten als Feinde behandelt, und wenn man sich mit meinen Feinden verbindet. Welches von beiden hättest du nicht gethan? Messene , das wir gerade mit Lacedämon selbst durch einen und denselben Vertrag in unsre Freundschaft aufgenommen hatten, hast du, da du doch unser Bundesgenoß warest und die Stadt mit uns im Bunde stand, mit stürmender Hand genommen: und mit Philipp, unserm Feinde, hast du nicht bloß ein Bündniß, sondern durch seinen Feldherrn Philocles – o Himmel! sogar ein Band der Verwandschaft verabredet: hast uns, ordentlich als mit uns im Kriege, das Meer um Malea durch deine Raubschiffe unsicher gemacht; hast beinahe mehr Römische Bürger, als Philipp, gefangen genommen und gemordet; und die mit Zufuhr für unsre Heere geladenen Schiffe hatten die Macedonische Küste nicht so zu fürchten, als das Vorgebirge Malea. Also sei so gut und wirf nicht weiter mit Bundestreue 245 und Bundesrechten um dich. Spare die einschmeichelnden Worte: sprich als Tyrann und Feind.» 33. Hier nun fing Aristänus an, den Nabis zu warnen und dann wieder zu bitten, so lange er es noch in seiner Gewalt habe, so lange es noch Zeit sei, sich selbst und sein Bestes zu bedenken. Dann nannte er ihm die Zwingherren der benachbarten Städte, namentlich, die ihre Regierung niedergelegt, dem Volke die Freiheit wiedergegeben und ihr Alter nicht bloß in Sicherheit, sondern sogar in Ehren unter ihren Mitbürgern verlebt hätten. Über diese Vorträge von beiden Seiten wurde es beinahe Nacht und die Unterredung aufgehoben. Am folgenden Tage erklärte Nabis: «Er wolle Argi abtreten und seine Besatzung herausziehen, wenn es die Römer so haben wollten, auch die Gefangenen und Überläufer zurückgeben. Sollten sie sonst noch Forderungen machen wollen, so bat er, ihm diese schriftlich anzugeben, um sie mit seinen Freunden überlegen zu können.» Also wurde dem Zwingherrn Bedenkzeit gegeben, und auch Quinctius konnte noch einen Kriegsrath halten, zu welchem er auch die Häupter der Verbündeten zog. Die Meisten waren der Meinung: «Man müsse bei dem Kriege beharren und den Zwingherrn fortschaffen; sonst werde Griechenlands Freiheit nie sicher sein. Es wäre viel besser gewesen, den Krieg gegen ihn nicht anzufangen, als ihn nun nach der Eröffnung liegen zu lassen. Nabis selbst werde dann gleichsam unter der Genehmigung seiner Tyrannei so viel fester stehen, wenn er die Römer als Bestätiger seiner unrechtmäßigen Regierung aufstellen könne, und auch sein Beispiel werde in andern Staten Manche verführen, der Freiheit ihrer Mitbürger eine Falle zu legen.» Der Feldherr selbst war mehr zum Frieden geneigt: denn er sah, es sei nun, da sie den Feind in die Mauern getrieben hatten, nichts weiter übrig, als Einschließung. Diese aber werde langwierig sein. «Denn sie würden kein Gythium zu bestürmen haben – und selbst dieses hätten sie durch Übergabe, nicht durch Sturm 246 bekommen – sondern Lacedämon in der vollen Kraft der Gegenwehr. Man habe noch die einzige Hoffnung gehabt, daß vielleicht das Anrücken des Heeres unter den Bürgern selbst Uneinigkeit und Aufstand erregen sollte: allein es habe sich niemand gerührt, ob sie gleich die feindlichen Fahnen beinahe schon in den Thoren gesehen hätten.» Er fügte hinzu: « Villius, der von seiner Gesandschaft zum Antiochus zurückkomme, melde die Unzuverlässigkeit des Friedens mit ihm: der König sei mit einer weit stärkeren Land- und Seemacht, als zuvor, nach Europa übergegangen. Beschäftige nun das Heer die Belagerung Lacedämons, mit welchen andern Truppen man alsdann mit einem so rüstigen und mächtigen Könige den Krieg führen wolle?» – Dies waren seine angegebenen Gründe. Seine geheime Sorge aber war, das Los möchte dem neuen Consul Griechenland zum Schauplatze anweisen; dann würde er die Ehre des Sieges in diesem von ihm angefangenen Kriege seinem Nachfolger überlassen müssen. 34. Als er sah, daß seine Gegenvorstellungen bei den Bundesgenossen keinen Eingang fanden, so brachte er sie unter dem Scheine, als ginge er in ihre Meinung über, sämtlich dahin, daß sie beifallend zu seinem Plane übertraten. «In Gottes Namen,» sagte er, «wenn es so sein soll, so laßt uns Lacedämon einschließen. Nur dürft ihr hiebei nicht vergessen, da die Belagerung einer Stadt, wie ihr wisset, eine so langweilige Sache ist, und ihrer oft die Belagerer eher, als die Belagerten, müde werden, daß ihr euch schon jetzt darauf gefaßt machen müßt, an den Mauern Lacedämons zu überwintern. Wäre dieser Zeitaufwand bloß mit Beschwerde und Gefahr verbunden, so würde ich euch auffordern, mit Muth und Körperkraft euch dagegen anzuschicken. So aber macht er auch große Summen nöthig, zu Werken, zu Sturmzeug, zu Geschütz, womit eine solche Stadt angegriffen sein will; zur Herbeischaffung von Vorräthen auf den Winter für euch und für uns. Damit ihr also nicht unerwartet in Verlegenheit kommt, oder mit Schimpf von dem angefangenen Werke 247 abstehen müsset, so rathe ich euch, vorher an eure Staten zu schreiben und zuzuhören, wie es bei jedem um den Willen, wie es um die Kräfte stehe. An Hülfstruppen habe ich überflüssig genug: allein je mehr unsrer sind, je mehr Bedürfnisse werden wir haben. Jetzt hat das feindliche Gebiet nichts, als den nackten Boden. Der Winter mit seinen Schwierigkeiten für die Zufuhr aus der Ferne kommt dazu.» Diese Rede führte sie Alle dahin zurück, daß Jeder seine heimischen Übel in Betracht zog; die Saumseligkeit, den Neid und die feindselige Stimmung der zu Hause Bleibenden gegen die im Felde Dienenden, die jeden einmüthigen Beschluß erschwerende Freiheit, den Mangel der Schatzkammer und die Kargheit in Beiträgen aus eignem Vermögen. Auf Einmal also völlig umgestimmt überließen sie es dem Feldherrn, so zu handeln, wie er es dem Besten der Römer und ihrer Bundesgenossen gemäß erachte. 35. Dann setzte Quinctius bloß mit Zuziehung seiner Unterfeldherren und Obersten folgende Bedingungen auf, unter welchen der Friede mit dem Zwingherrn zu Stande kommen sollte. «Es sollte zwischen Nabis und den Römern nebst dem Könige Eumenes und den Rhodiern ein sechsmonatlicher Waffenstillstand sein. Titus Quinctius und Nabis sollten sogleich, zur Bestätigung des Friedens durch ein Senatsgutachten, nach Rom Gesandte abgehen lassen. Mit dem Tage, an welchem die schriftlichen Friedensbedingungen dem Nabis eingehändigt wären, sollte der Waffenstillstand seinen Anfang nehmen; und innerhalb zehn Tagen, von diesem Tage an zu rechnen, sollten von Argi und den übrigen im Argivergebiete belegenen Städten alle Besatzungen abgeführt und diese Plätze geräumt und frei den Römern übergeben werden. Kein Leibeigner, möchte er dem Regenten, dem State, oder einem Privatmanne gehören, sollte aus diesen Orten abgeführt, und die etwa schon früher Abgeführten ihren Eigenthümern gehörig wieder ausgeliefert werden. Alle den Seestädten genommenen Schiffe sollte Nabis herausgeben, und weiter kein Schiff behalten, als zwei Jachten, 248 die aber nicht über sechzehn Ruder haben dürften. Allen Bundesstaten des Römischen Volks sollte er ihre Überläufer und Gefangenen herausgeben, und den Messeniern alles Ihrige, das sich anfände und von den Eigenthümern dafür erkannt würde. Den Lacedämonischen Vertriebenen, sollte er Lacedaemoniis liberos et coniuges]. – Aus dem folgenden Cap. sieht man, daß ihnen auch ihre Güter, nicht bloß ihre Angehörigen wiedergegeben wurden. Darum will Crevier lesen: Lacedaemoniis bona, liberos et coniuge. Mir ist es wahrscheinlicher, daß hier sua gestanden habe. Wenn der Abschreiber das s zu dem voraufgehenden Lacedaemoni is rechnete, dann waren die beiden Buchstaben ua in seinen Augen unnütz. das Ihrige, ihre Kinder und Frauen, wenn sie ihren Männern folgen wollten, verabfolgen; gezwungen aber sollte keine werden, den Mann in der Verbannung zu begleiten. Denen von des Nabis Miethsoldaten, die entweder in ihre Heimat, oder zu den Römern übergegangen wären, sollte alles ihr Eigenthum gehörig zurückgegeben werden. Auf der Insel Creta sollte er keine Stadt inne haben; die er gehabt habe, den Römern übergeben. Er sollte mit Niemand, weder in Creta, noch sonst, ein Bündniß schließen oder Krieg führen. Aus allen Städten, die er selbst herausgäbe, so wie auch aus denen, die sich und ihr Eigenthum unter der Römer Schutz und Hoheit gegeben hätten, sollte er alle seine Besatzungen herausziehen, und er sowohl, als sein Anhang mit ihnen außer Berührung bleiben. Weder auf eignem, noch auf fremdem Gebiete sollte er irgend eine Stadt oder ein Schloß anlegen. Für die Sicherheit der Erfüllung dieser Punkte sollte er fünf Geisel stellen, die der Römische Feldherr annehmlich fände, und unter ihnen seinen Sohn; auch für jetzt hundert Talente Silbers Nach Crevier etwa 187,500 Gulden Conv. M. und die funfzig etwa 93,750 Gulden. bezahlen, und acht Jahre lang jährlich funfzig.» 36. Quinctius rückte mit seinem Lager näher gegen die Stadt Lacedämon an, und schickte die aufgesetzten Bedingungen hinein. Auch nicht Eine darunter wollte dem Zwingherrn recht gefallen, außer daß, wider seine Erwartung, einer Wiederaufnahme der Vertriebenen gar nicht 249 gedacht war. Vor allen misfiel ihm der Punkt, daß ihm sowohl die Schiffe, als die Seestädte genommen wurden. Denn vom Meere hatte er große Vortheile gezogen, da er die ganze Rüste von Malea mit seinen Raubschiffen unsicher machte. Außerdem hatte er an der jungen Mannschaft aus diesen Städten bei weitem die besten Ergänzungstruppen. So geheim er nun mit seinen Vertrauten über diese Bedingungen zu Rathe ging, so trug man sich doch allgemein damit, weil die Zuverlässigkeit seiner Thronhüter, wie überhaupt bei Forderungen der Treue, so auch in der Verschweigung seiner Geheimnisse nicht Stich hielt. Und nun misbilligten nicht sowohl Alle die sämtlichen Punkte, als jeder Einzelne den, der ihn selbst betraf. Hatte einer die Gattinn eines Vertriebenen geheirathet, oder von dessen Gütern dies und jenes im Besitze, so war er so aufgebracht, als träfe ihn, nicht die Rückgabe, sondern der Verlust. Die durch den Zwingherrn freigewordenen Sklaven sahen nicht allein für die Zukunft ihre Freiheit verloren gehen, sondern einer weit schrecklicheren Sklaverei entgegen, als worin sie vorher gelebt hatten, weil sie nun in die Gewalt racheschnaubender Eigenthümer zurückkehrten. Die Miethsoldaten sahen mit Ärger den Preis ihrer Kriegsdienste im Frieden sinken, und sich selbst die Rückkehr in ihre Städte unmöglich gemacht, wo die Trabanten der Tyrannei noch gehaßter waren, als die Tyrannen selbst. 37. Anfangs murreten sie hierüber nur unter einander in den Gesprächen ihrer Zirkel, dann aber lief Alles plötzlich zu den Waffen. Da der Zwingherr bei diesem Aufstande das Volk schon aus eigner Bewegung so erbittert sah, so ließ er eine Versammlung berufen. Als er ihm hier die Forderungen der Römer bekannt gemacht, noch einige härtere und empörendere fälschlich hinzugedichtet hatte, und die Versammlung bei jedem Punkte, bald insgesamt, bald theilweise ihm zuschrie, so legte er ihnen die Frage vor, Was er hierauf nach ihrem Willen antworten oder wie er handeln solle? Fast einstimmig riefen Alle: «Gar keine Anwort! Krieg!» Jeder nach seiner Weise hieß ihn, wie es der große Haufe macht, guten 250 Muth haben; hieß ihn unter der Versicherung, daß das Glück es mit der Tapferkeit halte, das Beste hoffen. Der Zwingherr, durch ihren Zuruf ermuntert, sagte laut, Antiochus und die Ätoler würden ihnen zu Hülfe kommen, und er selbst habe Truppen genug, eine Belagerung auszuhalten. Verschwunden war der Gedanke an Frieden aus Aller Herzen, und mit der längeren Unthätigkeit unverträglich eilte Jeder auf seinen Posten. Der Ausfall einiger Wenigen zu einem Angriffe und ihre hergeschossenen Wurfspieße ließen die Römer nicht länger an der Unvermeidlichkeit des Krieges zweifeln. Dann fielen leichte Gefechte vor, die in den ersten vier Tagen ohne bestimmte Entscheidung blieben. Am fünften wurden die Lacedämonier nach einem beinahe ordentlichen Treffen in so völliger Flucht in die Stadt getrieben, daß einige Römische Soldaten, die den Fliehenden nachsetzten, durch die offengelassenen Stellen der Mauer, die sich damals noch nicht schloß, in die Stadt eindrangen. 38. Quinctius, dem jetzt, da die Feinde hiedurch von allen weiteren Ausfällen zurückgeschreckt waren, nichts als die Bestürmung der Stadt übrig blieb, schickte nach Gythium, um von dort die sämtlichen Seetruppen kommen zu lassen, und machte unterdeß mit seinen Obersten zu Pferde, um sich über die Lage der Stadt zu unterrichten, seine Rundgänge um die Mauern. Ehemals war Sparta ohne Mauer gewesen: erst neulich hatten die Zwingherren vor die offenen und flachen Stellen eine Mauer gezogen; die höheren und nicht so leicht zu ersteigenden Plätze schützten sie statt aller Werke durch vorgeschobene Posten von Bewaffneten. Nachdem Quinctius Alles hinlänglich in Augenschein genommen und sich zum Ringsturme entschlossen hatte, so umstellte er die Stadt mit allen seinen Truppen: und er hatte an Römern und Bundesgenossen, Fußvolk und Reuterei, Land- und Seetruppen zusammengenommen, gegen funfzigtausend Mann. Die Einen trugen Leitern herbei, die Andern Fackeln, Andere noch andere Dinge, nicht bloß zum Sturme, sondern auch den Feind zu schrecken. Sie bekamen Befehl, mit erhobenem 251 Kriegsgeschreie Alle auf einmal zu stürmen, so daß die Lacedämonier, auf allen Seiten geschreckt, nicht wüßten, wo zuerst sie sich entgegenstellen, oder helfen sollten. Die Kerntruppen des Heers hatte er in drei Theile getheilt. Der eine sollte bei dem Tempel des Phöbus, der andre bei dem Tempel der Dictynna, der dritte bei den sogenannten Sieben Ecken den Angriff thun, lauter offenen Gegenden ohne Mauer. Bei diesem ringsum auf die Stadt hereinbrechenden Schrecken stellte sich der Zwingherr, bald durch ein plötzliches Geschrei, bald durch herbeistürzende Boten hingerufen, je nachdem ein Posten vorzüglich Noth litt, entweder in Person ein, oder sandte Unterstützung. Als ihn aber das Schreckgetöse von allen Seiten umgab, wurde er so betäubt, daß er zweckdienliche Maßregeln so wenig selbst angeben, als anhören konnte, und nicht nur völlig ohne Überlegung, sondern fast ohne Besinnung war. 39. In den engen Zwischenräumen hielten die Lacedämonier anfänglich den Angriff der Römer aus; und drei verschiedene Linien fochten zu gleicher Zeit an drei verschiedenen Stellen. Als aber die Hitze des Kampfes stieg, blieb das Gefecht durchaus nicht mehr auf beiden Seiten gleich. Vor dem Wurfgeschosse, dessen sich die Lacedämonier bedienten, konnte sich der Römische Soldat nicht nur sehr leicht durch die Größe seines Schildes decken, sondern mancher Schuß traf auch entweder gar nicht, oder nur leicht. Denn bei dem Mangel an Raum und im Gedränge des Gewühls fehlte es ihnen nicht nur an Platz, die Wurfspieße mit dem Zulaufe abzuschleudern, der ihnen den meisten Schwung giebt, sondern auch an einer freien und festen Stellung zum Ausholen. Also bohrten sich ihre geradezu herübergeschossenen Spieße nie in die Körper, nur selten in die Schilde. Durch die auf den Seiten Stehenden wurden einige Römer von den Höhen herab verwundet, und bald darauf, als sie vorrückten, trafen schon von den Dächern nicht bloß Geschosse, sondern auch Ziegel, vor denen sie sich nicht hüteten. Da nahmen sie ihre Schilde über die Köpfe, reiheten sie so dicht auf einander, 252 daß sie nicht allein keinem unvorhergesehenen Schusse, sondern auch keinem Stoße aus der Nähe zum Eindringen Platz ließen, und rückten so im geschlossenen Sturmdache heran. Der erste Engweg, gestopft von ihrem und der Feinde Gewühle, hielt sie ein Weilchen auf; sobald sie aber, den Feind allmählig wegdrängend, auf eine breitere Straße der Stadt vorgerückt waren, war die Gewalt ihres Ansturzes unwiderstehlich. Als die Lacedämonier dem Feinde den Rücken zukehrten und in voller Flucht auf die Höhen eilten, sah sich Nabis, seines Orts so in Bestürzung, als sei die Stadt schon erobert, nach einem Wege um, auf dem er entkommen könnte. Pythagoras aber, der schon in allen übrigen Stücken dem Muthe und dem Amte eines Feldherrn Genüge that, war es auch diesmal ganz allein, der die Eroberung der Stadt verhinderte. Er ließ die nächsten Häuser an der Mauer anzünden. Da diese sogleich in Flammen standen, weil die, die sonst zum Löschen hülfreiche Hände bieten, das Feuer beförderten, so stürzten die Dächer auf die Römer ein, und nicht bloß Ziegel in Bruchstücken, sondern auch brennende Balken erreichten die Bewaffneten; die Flamme schlug weit um sich; und selbst der Rauch vergrößerte den Schrecken, wenn auch nicht die Gefahr. Also kehrten nicht nur diejenigen Römer, die noch außerhalb der Stadt waren und eben hineinbrechen wollten, an der Mauer um, sondern auch die schon Eingedrungenen zogen sich zurück, um nicht durch die ihnen im Rücken ausbrechende Feuersbrunst von den Ihrigen abgeschnitten zu werden. Auch ließ Quinctius, sobald er sah, wie die Sache stand, zum Rückzuge blasen. So gingen sie, von der beinahe schon eroberten Stadt zurückgerufen, wieder in ihr Lager. 40. Quinctius, dem nicht sowohl der Erfolg selbst, als die Feinde durch ihre Furcht Muth machten, ließ in den drei folgenden Tagen nicht nach, ihnen zuzusetzen, so daß er sie bald durch Gefechte beunruhigte, bald durch seine Werke einige Stellen sperrte, um ihnen den Ausweg zur Flucht zu nehmen. Durch diese drohenden Vorkehrungen in die Enge getrieben, schickte der Zwingherr den 253 Pythagoras abermals als seinen Gesandten, welchen Quinctius anfangs mit dem Befehle, das Lager zu verlassen, abwies, weil er aber so demüthig bat und ihm zu Füßen fiel, endlich vorließ. Pythagoras fing damit an, daß er Alles dem Ermessen der Römer anheimstellen wolle, und da er hiermit, als nichtigen, ohne Erfüllung bleibenden Worten nichts ausrichtete, so kam es dahin, daß auf eben die Bedingungen, die wenig Tage zuvor schriftlich angegeben waren, ein Waffenstillstand geschlossen, und das Geld nebst den Geiseln angenommen wurde. Während ihr Zwingherr belagert wurde, machten auch den Argivern die sich fast überholenden Nachrichten, daß Lacedämon schon so gut als erobert sei, und zugleich der Umstand Muth, daß Pythagoras mit dem stärksten Theile der Besatzung abgezogen war; und da die Wenigen auf der Burg ihnen nicht furchtbar sein konnten, trieben sie die Besatzung aus der Stadt. Dem Timocrates von Pellene, weil er sie schonend behandelt hatte, schenkten sie das Leben und hielten ihm ihr Wort, ihn zu entlassen. Mitten in ihrer Freude kam Quinctius dazu, der jetzt dem Zwingherrn den Frieden bewilligt, von Lacedämon den Eumenes und die Rhodier entlassen, und seinen Bruder Lucius Quinctius auf die Flotte zurückgeschickt hatte. 41. In ihrer frohen Stimmung setzte die Bürgerschaft ihren größten Festtag und die berühmte Feier der Nemeischen Spiele, die an dem verordneten Tage bei dem Drucke des Krieges unterblieben war, auf den Einzug des Römischen Feldherrn und seines Heeres an, und bei den Spielen gab sie dem Feldherrn selbst den Vorsitz. Hier häufte sich Freude auf Freude, aus mehrern Rücksichten. Aus Lacedämon waren ihnen ihre Mitbürger wieder zugeführt, welche neulich Pythagoras, und die, welche vormals Nabis weggeführt hatten. Auch die waren zurückgekehrt, die nach der von Pythagoras entdeckten Verschwörung und unter den schon angegangenen Hinrichtungen entflohen waren. Nach langer Zwischenzeit sahen sie die Freiheit wieder, und in den Römern die 254 Wiederbringer der Freiheit, die sogar ihnen zu Liebe den Krieg mit dem Zwingherrn angefangen hatten: und am Tage der Nemeischen Spiele selbst wurde den Argivern ihre Freiheit durch die Stimme des Herolds bestätigt. So froh es hingegen die Achäer machte, Argi dem gemeinschaftlichen Bunde Achajens wiedergegeben zu sehen, so ließ sie doch der Gedanke, daß man Lacedämon in der Dienstbarkeit gelassen habe, daß eine Zwingherrschaft lateri adhaerens tyranni]. – Ich folge der von Crevier gebilligten Lesart des Jak. Gronov: lateri adhaerens tyrannis. Denn lateri adhaerens kann ja nur in Beziehung auf die Achäer gesagt werden. ihnen zur Seite festsitze, keine reine Freude genießen. Die Ätoler aber verunglimpften dies in allen ihren Versammlungen ohne Schonung. «Mit Philipp habe man nicht eher aufgehört zu kriegen, als bis er Griechenlands sämtliche Städte geräumt habe; aber einem Tyrannen werde Lacedämon gelassen; und der rechtmäßige König, der sich im Römischen Lager befunden habe, und die übrigen angesehensten Bürger möchten in der Verbannung leben. Zu des Herrscherlings Nabis Thronhütern hätten sich die Römer hergegeben.» Von Argi führte Quinctius seine Truppen nach Elatea zurück, von wo er zu dem Kriege gegen Sparta aufgebrochen war. Einige geben an, der Zwingherr habe den Krieg nicht non ex oppido proficiscentem bellum gessisse ]. – Statt proficiscentem lese ich profligantem, und erkläre dies so: tyrannum bellum non ita gessisse, ut illud, ex oppido pugnans, profligaret. Denn 1) frage ich, wenn Nabis selbst ausgerückt sein soll, lieferte er dann die Gefechte proficiscens ex oppido? Müßte das nicht profectus heißen? 2) Wenn Livius selbst Cap. 28 am Ende sagt: Intra munitiones copias continebat, – – urbem relinquere, tam suspensis et incertis omnium animis, metuens, kann er hier das Alles vergessen, und die von den Lacedämoniern ohne den Tyrannen gethanen Ausfälle durch tyrannus proficiscens andeuten wollen? , ihn von der Stadt aus abwehrend, geführt, sondern dem Römischen Lager gegenüber sich gelagert. Nach langem Zaudern, weil er auf Ätolische Hülfstruppen gewartet habe, sei er endlich zu einer Schlacht in Linie gezwungen, weil die Römer seine Truppen auf einer Getreideholung angegriffen hätten. Hier sei er geschlagen, habe sein Lager verloren und um Frieden gebeten, 255 nachdem funfzehntausend Mann von den Seinigen gefallen und über viertausend gefangen genommen waren. 42. Fast zu gleicher Zeit lief ein Brief vom Titus Quinctius über seine Verrichtungen bei Lacedämon, und einer vom Consul Marcus Porcius aus Spanien ein. Beiden zu Ehren wurde für jeden ein dreitägiges Dankfest vom Senate angesetzt. Der Consul Lucius Valerius, der nach seinem Siege am Walde Litana über die Bojer einen ruhigen Stand gehabt hatte, kam zur Haltung der Wahlen nach Rom zurück und hatte den Vorsitz, als Publius Cornelius Scipio Africanus zum zweitenmale und Tiberius Sempronius Longus zu Consuln gewählt wurden. Ihre Väter waren im ersten Jahre des zweiten Punischen Krieges Consuln gewesen. Nun folgte die Prätorenwahl. Die gewählten waren Publius Cornelius Scipio, und zwei Cornelier, mit Vornamen Cneus; mit Zunamen, der eine Merenda, der andre Blasio; ferner Cneus Domitius Ahenobarbus und Sextus Digitius und Titus Juventius Thalna. Nach beendigter Wahl ging der Consul in die Provinz zurück. In diesem Jahre wurde von Novum ius eo anno a Ferentinatibus]. – Dies ist eine der schwierigsten Stellen im Livius, und Duker sagt ganz recht: non una obscuritate laborat. Ich mag ihn hier nicht abschreiben: meine Note wird doch lang genug. Livius erzählt in zwei Perioden: in der ersten: die Ferentinaten – Ferentinum war eine Latinische Stadt im Gebiete der Herniker – hätten das neue Recht aufbringen wollen, daß die colonis adscripti für Römische Bürger gelten sollten. Und in der zweiten Periode: Als die für Puteoli, Salernum und Buxentum (drei Campanische Städte) angenommenen colonis adscripti aus diesem Grunde, weil sie adscripti colonis Romanis waren, für Römische Bürger hätten gelten wollen, habe der Senat erklärt, sie wären keine Römische Bürger. Hier fragt es sich, ob beide Perioden ohne Beziehung auf einander sind, so daß die Ferentinaten für sich allein stehen, und nicht mit den nach Puteoli, Salernum und Buxentum abzuführenden adscriptis einerlei sind, oder ob sie dieselben sind, die für Put., Sal. und Bux. sich gemeldet haben. Stehen sie für sich allein, ohne Bezug auf diese, so hat Duker Recht, wenn er sagt: Ex hoc loco apparet, Perentinum iam tum coloniam Romanam fuisse; denn sie haben ja alsdann ihre Latinos adscriptos, sind also selbst coloni Romani. Wenn aber beide Perioden sich so auf einander beziehen, daß die Ferentinaten als bloße Latiner, nicht als Römische Colonisten, dieselben sind, die nach Put., Sal. und Bux. als adscripti abgeführt sein wollen; so ist Dukers Folgeschluß, daß Ferentinum an dieser Stelle für eine Römische Colonie erklärt werde, falsch. Dann sagt Livius bloß, Ferentinaten hätten verlangt, als adscripti Latini zu den abzuführenden drei Campanischen Colonien, für Römische Bürger zu gelten, und dies habe der Senat nicht gestattet. Hieraus ergiebt sich so wenig, daß sie schon wirkliche Römische Colonisten waren, daß man im Gegentheile sich wundern müßte, wenn sie Römische Colonisten gewesen wären, wie sie sich hätten aus Römischen Bürgern zu bloßen adscriptis latinis erniedrigen lassen wollen. Nur als Latiner konnten sie sich zur Abführung als adscripti nach den drei Campanischen Städten gemeldet haben. – Nehmen wir nun den ersten Fall, daß hier von den Ferentinaten, als für sich allein dastehend, geredet werde, und sie also, nach Dukers Meinung, Römische Colonisten sind; so ist doch die Art der Erzählung äußerst sonderbar: die Römische Colonie Ferentinum verlangt dies und das, und der Senat verweigert dies den adscriptis für drei Campanische Städte. Warum wird bloß diesen abgeschlagen, was doch auch jene forderten? Ferner, wie sonderbar, daß jene für sich von Ferentinum im Hernikerlande diese Forderung thun, und zu gleicher Zeit, auch so ganz für sich, die adscripti zu den drei neuen Colonien? Ferner, wie kann Livius sagen: a Ferentinatibus? von den Ferentinaten? Dies that ja nicht die Römercolonie zu Ferentinum, sondern nur ihre adscripti. Er mußte ja so sagen: Novum ius eo anno tentatum est ab iis, qui in coloniam Romanam Ferentinum adscripti fuerant. Hier ist die Übersetzung von beiden für sich bestehenden Perioden: «In diesem Jahre versuchten es die Ferentinaten [diese Römische Bürgercolonie], ein neues Recht aufzubringen, daß nämlich Latiner, wenn sie sich für eine Römische Pflanzstadt hatten einzeichnen lassen, Römische Bürger sein sollten. Da die als zugegebenen Pflanzer für Puteoli, Salernum und Buxentum eingezeichneten [Latiner] Pflanzbürger, aus diesem Grunde [weil sie eingezeichnete Pflanzer waren], für Römische Bürger gelten wollten, so erklärte ihnen der Senat, sie wären keine Römische Bürger.» Ich finde hier nichts als Sonderbarkeiten, und Mangel an Zusammenhang. – Nimmt man hingegen an, und dies hat Sigonius mit Recht gethan (er lässet nämlich in seinem Indice coloniarum ante bellum Italicum, deductarum Ferentinum aus), daß Ferentinum keine Colonie war, und daß, vermöge eines Zusammenhangs beider Perioden, die Ferentinaten, als bloße Latiner, dieselben sind, die sich als adscripti für Put., Sal. u. Bux. melden, dann fallen zwar die oben gerügten Ungereimtheiten weg und die Übersetzung lieset sich, so wie ich sie im Texte gegeben habe, des bessern Zusammenhanges wegen, etwas besser. Allein die Ferentinaten sind uns immer noch im Wege. Denn die adscripti wurden gewöhnlich aus den Städten selbst genommen, wohin die Colonie geführt wurde. Warum werden also hier zu den adscriptis nicht Puteolaner, Salerniner und Buxentiner genommen, sondern Latiner gerade aus Ferentinum? Und schloß man etwa aus altem Hasse gegen die Campaner diese absichtlich aus, oder nahm man vielleicht auch darum Latiner mit auf, weil die Anzahl der Puteolaner, Salerniner und Buxentiner nicht zureichte, warum werden denn alle andern Latiner ausgeschlossen? warum müssen es gerade Ferentinaten sein? Es hat ja nicht etwa Eine Latinische Stadt das Vorrecht, sich zu Bürgercolonien zu melden. Alle Städte, Flecken und Dörfer Latiums konnten ja eben so gut ihre dürftigeren Mitbewohner als adscribendos hergeben: warum hier gerade Ferentinum allein? Diejenigen, qui nomina dabant, ut adscriberentur, meldeten sich ja Alle freiwillig: warum hier bloß aus Ferentinum? – Alle diese Schwierigkeiten machen mir das Wort Ferentinatibus verdächtig, und ich glaube, die Stelle läßt sich heilen, wenn wir dieses Wort abändern. Hier der Versuch: Hundert Jahre später, im bello sociali oder Italico, J. Roms 661. 62. 63. versuchten die sämtlichen Colonien dasselbe, was die für Puteoli, Salernum und Buxentum im J. 557. Eingezeichneten verlangten, mit besserem Glücke. Zwar wurden sie besiegt, allein der Senat sah doch ein, daß ihnen das Bürgerrecht eingeräumt werden müsse, wenn man nicht beständig bella socialia führen wollte. Nur jetzt, schon Anno 557. kam dieser Versuch noch zu früh. Wie, wenn Livius, mit Rücksicht auf die Geschichte Roms überhaupt, an unsrer Stelle gesagt hätte: Novum ius eo anno a præfestinantibus tentatum. Dann hieße die Übersetzung so: «In diesem Jahre wurde der Versuch gemacht, mit dem man aber jetzt noch zu früh kam, das neue Recht aufzubringen, daß auch Latiner, wenn sie sich für eine Römische Pflanzstadt hatten einzeichnen lassen, Römische Bürger sein sollten. Da die als zugegebenen Pflanzer für Puteoli, Salernum und Buxentum Eingezeichneten aus diesem Grunde für Römische Bürger gelten wollten, so erklärte der Senat, sie wären keine Römischen Bürger.» Wenn in dem Worte prefestinātibus der Strich über dem a erloschen war, so setzte der Abschreiber dem Schlusse tinatibus, weil er hier einen Namen vermuthete, die Buchstaben feren vor, die dem noch übrigen refe am nächsten kamen. Ferentinaten der 256 Versuch gemacht, ein neues Recht aufzubringen, daß nämlich Latiner, wenn sie sich für eine Römische Pflanzstadt 257 hatten einziehen lassen, Römische Bürger sein sollten. Daß sie als zugegebene Pflanzer für Puteoli, Salernum und Buxentum eingezeichnet, aus diesem Grunde für Römische Bürger gelten wollten, so entschied der Senat, sie wären keine Römischen Bürger. 43. Im Anfang des Jahrs, in welchem Publius Scipio Africanus zum zweitenmale und Tiberius Sempronius Longus Consuln waren, kamen die Gesandten des Zwingherrn Nabis nach Rom. Im Apollotempel außerhalb der Stadt wurden sie vom Senate vorgelassen. Sie baten um Bestätigung des mit Titus Quinctius verabredeten Friedens, und erhielten sie. Als auf die Bestimmung der Geschäftsplätze angetragen wurde, traten viele Senatoren der Meinung bei, daß beiden Consuln, weil in Spanien und Macedonien der Krieg zu Ende sei, Italien als Standort angewiesen werden müsse. Scipio hingegen meinte, «Für Italien sei Ein Consul hinreichend: dem andern müsse man Macedonien geben. Man sehe einem schweren Kriege mit dem Antiochus entgegen. Er sei schon auf eignen Antrieb nach Europa übergegangen. Was sie glaubten, von ihm erwarten zu müssen, wenn auf der einen Seite die Ätoler, diese offenbaren Feinde Roms, ihn zur Theilnahme am Kriege aufforderten, und auf der andern Hannibal, als Feldherr durch Roms Niederlagen ausgezeichnet, ihm Muth mache.» Während dieser 258 Erörterungen über die Standplätze der Consuln loseten die Prätoren um die ihrigen. Die Rechtspflege der Stadt zog Cneus Domitius, die über die Fremden Titus Juventius; Publius Cornelius das jenseitige Spanien, Sextus Digitius das diesseitige; die beiden Cneus Cornelius, der eine, Blasio, Sicilien, der andre, Merenda, Sardinien. Nach Macedonien wollte man kein neues Heer hinüberschicken, das dort stehende solle Quinctius nach Italien zurückbringen und entlassen. So solle auch das Heer entlassen werden, das unter dem Marcus Porcius Cato in Spanien stehe. Beide Consuln sollten ihren Stand in Italien haben und zwei Stadtlegionen errichten, so daß nach Entlassung der vom Senate dazu bestimmten Heere, überhaupt acht Römische Legionen wären. 44. Im vorigen Jahre unter den Consuln Marcus Porcius und Lucius Valerius war die heilige Frühlingsweihe begangen. Da nun der Oberpriester Publius Licinius zuerst dem Gesamtamte der Oberpriester und dann nach einem Gutachten des Gesamtamts den Vätern anzeigte, daß sie nicht gehörig begangen sei, so erklärten diese, «sie solle nach einer von den Oberpriestern zu treffenden Einrichtung noch einmal begangen werden: auch solle man die zugleich mit jener Weihe verheißenen großen Spiele anstellen, und zwar mit dem gewöhnlichen Kostenaufwande. Zur heiligen Frühlingsweihe sei aber das sämtliche Heerdenvieh zu rechnen, das unter den Consuln Publius Cornelius Scipio und Tiberius Sempronius Longus zwischen dem ersten März und letzten April zur Welt komme.» Darauf ging die Censornwahl vor sich. Sextus Älius Pätus und Cajus Cornelius Cethegus, die erwählten Censoren, nannten, bei der Ablesung ihres Verzeichnisses von den Senatoren, den Consul Publius Scipio zuerst, den auch die vorigen Censoren obenan gesetzt hatten. Nur drei Senatoren in Allem ließen sie ungenannt, von denen aber keiner ein Thronamt bekleidet hatte. Sie machten sich diesen Stand auch dadurch sehr verbindlich, daß sie bei der Feier der Römischen Spiele den Curulädilen befahlen, die Senatoren mit 259 ihren Sitzen vom Volke abzusondern; denn vorher saßen sie als Zuschauer zwischen allen Andern. Auch nur wenigen Rittern nahmen sie das Pferd, und bewiesen überhaupt gegen keinen Stand eine Härte. Sie ließen auch die Halle der Freiheit und den Bürgerhof ausbessern und erweitern. Die Frühlingsweihe und die gelobten Spiele, welche Publius Sulpicius Galba als Consul verheißen hatte, wurden begangen. Während Jeder seine Aufmerksamkeit auf dies Schauspiel richtete, hatte Quintus Pleminius, der wegen seiner vielen zu Locri gegen Götter und Menschen verübten Frevel im Gefängnisse saß, Leute bestellt, welche bei Nacht an mehrern Orten der Stadt zugleich Feuer anlegen sollten, um sein Gefängniß, während die Bürger über den nächtlichen Lärmen in Bestürzung wären, erbrechen zu können. Durch die Aussage einiger Mitverschwornen wurde die Sache entdeckt und dem Senate gemeldet. Pleminius wurde in den tiefern Kerker gebracht und hingerichtet. 45. In diesem Jahre wurden nach Puteoli, Vulturnum, Liternum Römische Pflanzbürger ausgeführt, nach. jedem Orte dreihundert Hausväter. So wurden auch nach Salernum und Buxentum Römische Bürger als Pflanzer abgeführt. Die Dreimänner, von denen sie hingeführt wurden, waren Tiberius Sempronius Longus, der damalige Consul; Marcus Servilius, Quintus Minucius Thermus. Das unter sie vertheilte Land hatte ehemals Campanern gehört. Noch andre Dreimänner, Decimus Junius Brutus, Marcus Bäbius Tamphilus, Marcus Helvius, führten Römische Pflanzbürger nach Sipontum auf Ländereien von Arpi. Ferner wurden nach Tempsa und Croton Römische Bürgerpflanzungen ausgeführt. Das Tempsaner Gebiet war den Bruttiern abgenommen; von den Bruttiern waren die Griechen vertrieben. Croton hatten noch Griechen inne. Die nach Croton ausführenden Dreimänner waren Cneus Octavius, Lucius Ämilius Paullus, Cajus Plätorius; die nach Tempsa, Lucius Cornelius Merula, – – – – – und Cajus Salonius. Auch Schreckzeichen wurden in diesem Jahre theils in Rom selbst gesehen, theils 260 gemeldet. Auf dem Markte, auf dem Versammlungsplatze, auf dem Capitole hatte man Blutstropfen gesehen: es hatte mehrmals Erde geregnet, und einem Standbilde Vulcans hatte der Kopf gebrannt. Gemeldet wurden folgende: Im Flusse Nar habe Milch geflossen; zu Ariminum seien Kinder von freien Ältern ohne Augen und Nase, im Picenischen eins ohne Hände und Füße zur Welt gekommen. Die Abwendung dieser Schreckzeichen wurde nach Anordnung der Oberpriester besorgt. Auch wurde das neuntägige Opfer angestellt, weil die Einwohner von Hadris meldeten, es habe auf ihrem Gebiete Steine geregnet. 46. In Gallien lieferte der Proconsul Lucius Valerius Flaccus bei Mediolanum den Insubrischen Galliern und den Bojern, welche, um die Insubren aufzuwiegeln, unter ihrem Heerführer Dorulacus über den Po gegangen waren, eine förmliche Schlacht, mit Entscheidung. Zehntausend Feinde wurden erlegt. Sein Amtsgenoß Marcus Porcius Cato triumphirte in diesen Tagen wegen Spanien. Sein Triumph lieferte an unverarbeitetem Silber Ungefähr 581,248 Gulden Conv. M. (nach Crevier ). fünfundzwanzig tausend Pfund, an Silberdenaren 37,434 Gulden. (nach Crev.) hundert dreiundzwanzig tausend, aus Oscer Silber 135,000 Gulden. (nach Eckhel und Drakenb. ) fünfhundert vierzigtausend; und tausend vierhundert Pfund 438,200 Gulden. (nach Crevier ). Gold. Als Antheil an der Beute gab er jedem Soldaten zweihundert siebzig 5 Thlr. 15 Ggr. Daß die Worte duplex centurioni ausgefallen sind, haben schon Mehrere angemerkt. Kupferass, [einem Hauptmanne das Doppelte,] dem Ritter das Dreifache. Der Consul Tiberius Sempronius führte nach seiner Ankunft auf seinem Standorte die Legionen zuerst in das Gebiet der Bojer. Bojorix, damals ihr König, hatte mit seinen zwei Brüdern das ganze Volk zum neuen Kriege aufgewiegelt, und lagerte sich in einer offenen Gegend, um zu zeigen, daß sie schlagen wollten, falls der Feind ihr Gebiet beträte. Als der Consul die Stärke des Feindes und dieses große 261 Selbstvertrauen bemerkte, ließ er seinem Amtsgenossen sagen, wenn es ihm nicht ungelegen sei, so möge er eilig zu ihm stoßen. Durch Zögern wolle er bis zu seiner Ankunft den Krieg hinhalten. Was den Consul bewog, zu zaudern, gerade dies war für die Gallier, außerdem, daß ihnen das Zögern der Feinde Muth machte, ein Sporn, die Sache zu beschleunigen, um sie abzuthun, ehe die Heere beider Consuln sich vereinigten. Doch ließen sie es zwei Tage lang dabei bewenden, in Schlachtordnung bereit zu stehen, wenn jemand gegen sie ausrücken wolle: am dritten endlich zogen sie vor den Wall und griffen das Lager zugleich auf allen Seiten an. Der Consul ließ die Soldaten sogleich zu den Waffen greifen, behielt sie aber dann noch eine Weile unter den Waffen im Lager, theils, um bei dem Feinde dies thörichte Selbstvertrauen noch weiter zu treiben, theils um seine eignen Truppenabtheilungen anzuweisen, aus welchem Thore jede ihren Ausfall zu thun habe. Beide Legionen sollten zu den beiden Seitenthoren ausrücken: allein gerade am Ausgange stellten sich ihnen die Gallier so gedrängt entgegen, daß sie den Weg sperreten. Lange stand die Schlacht so eingeengt; und sie fochten mit Faust und Schwert nicht ernstlicher, als sie mit Schild und Körper sich in den Feind hineinstämmten, die Römer, um mit ihren Fahnen hinauszukommen, die Gallier, um entweder in das Lager selbst einzudringen, oder doch die Römer nicht ausrücken zu lassen. Und eine rückgängige Bewegung ließ sich weder auf der einen, noch auf der andern Linie bewirken, bis Quintus Victorius, Hauptmann der ersten Pike, und der Oberste Cajus Atinius, dieser bei der vierten, jener bei der zweiten Legion – schon mehrmals war in schweren Gefechten dies Mittel versucht – die ihrem Fahnenträger genommene Fahne unter die Feinde warfen. Über die Anstrengung, die Fahne wieder zu gewinnen, wurden die von der zweiten Legion die ersten, die zum Thore hinausbrachen. 47. Schon fochten diese draußen vor dem Walle, während die vierte Legion noch im Thore festsaß, als auf der Rückseite des Lagers sich ein andrer Lärmen erhob. Die 262 Gallier waren am Hinterthore hereingebrochen und hatten den Schatzmeister Lucius Postumius mit dem Zunamen Tympanus, die Bundsgenossenobersten Marcus Atinius und Publius Sempronius und gegen zweihundert Mann nach hartnäckigem Widerstande getödtet. Das Lager blieb auf dieser Seite so lange erobert, bis die Cohorte auserlesener Bundestruppen, die der Consul zur Behauptung des Hinterthors herschickte, nicht nur die Feinde innerhalb des Walles theils niederhieb, theils aus dem Lager drängte, sondern auch den Eindringenden wehrte. Fast zu gleicher Zeit brach auch die vierte Legion mit zwei Cohorten auserlesener Bundestruppen aus dem Thore. So umstanden das Lager auf verschiedenen Punkten drei Treffen zugleich, deren mistönendes Geschrei die Aufmerksamkeit der Fechtenden von dem Kampfe vor ihrem Angesichte auf den ihnen unbekannten Erfolg der Ihrigen hinüberzog. Bis zum Mittage focht man mit gleichen Kräften und mit fast gleicher Hoffnung. Als aber Arbeit und Hitze die Gallier bei ihren fleischigen, leicht schwitzenden und mit allem Durste durchaus unverträglichen Körpern, das Gefecht aufzugeben zwang, da hieben die Römer auf die wenigen sich noch Wehrenden ein und trieben sie in voller Flucht in ihr Lager. Jetzt gab der Consul das Zeichen zum Rückzuge, welchem auch der größere Theil folgte; die Übrigen blieben in der Hitze des Kampfs und in Hoffnung, sich des feindlichen Lagers zu bemächtigen, im Angriffe auf dasselbe stehen. Voll Verachtung gegen so Wenige brachen die Gallier sämtlich aus ihrem Lager. Die Römer wurden geschlagen und eilten, was sie vorhin auf Befehl des Consuls nicht thun wollten, jetzt von selbst voll Bestürzung und Schrecken in ihr Lager. So wechselte diesmal auf beiden Seiten bald Flucht, bald Sieg. Doch waren der Gallier an elftausend, der Römer fünftausend gefallen; und die Gallier zogen sich tief in ihr Gebiet zurück. 48. Der Consul führte seine Legionen nach Placentia. Einige berichten, Scipio habe nach Vereinigung seines Heers mit seinem Amtsgenossen das Bojische und 263 Ligurische Gebiet verheerend durchzogen, so weit ihm Waldungen und Moräste das Vorrücken erlaubt hätten; Andre, er sei, ohne etwas Denkwürdiges gethan zu haben, zur Haltung der Wahlen nach Rom zurückgekehrt. In eben diesem Jahre brachte Titus Quinctius zu Elatea, wohin er mit seinen Truppen in die Winterquartiere gegangen war, die ganze Winterzeit mit richterlichen Entscheidungen und Abänderung jener Anordnungen zu, die sich entweder Philipp selbst, oder seine Statthalter in der Absicht in den Staten erlaubt hatten, um durch Hebung seiner Partei die Rechte und die Freiheit der Gegner zu unterdrücken. Mit Frühlingsanfang ging er nach Corinth zu der von ihm angesetzten Zusammenkunft. Hier hielt er an die gleich einer Volksversammlung ihn umströmenden Gesandschaften der sämtlichen Staten eine Anrede, worin er zuerst an die erste freundschaftliche Verbindung Roms mit der Griechischen Nation und an Alles das erinnerte, was die Feldherren gethan, die vor ihm in Macedonien gestanden hatten, und was er selbst gethan. Das Alles fand bei den Zuhörern außerordentlichen Beifall, nur meinte man, als er in der Reihe seiner Erwähnungen auf den Nabis kam, es sei durchaus dem Befreier Griechenlands nicht angemessen gewesen, einen Zwingherrn stehen zu lassen, der nicht allein für seine eigne Vaterstadt so drückend, sondern auch allen umliegenden Staten furchtbar sei, da er sich im Schoße eines so weltberühmten States festgesetzt habe. 49. Quinctius, dem diese Stimmung nicht unbekannt war, gestand ihnen: «Wenn es ohne Lacedämons Zerstörung sich hätte thun lassen, so hätte man dem Vorschlage eines Friedens mit dem Zwingherrn kein Gehör geben müssen. So aber, da er nur mit dem Untergange einer so ehrwürdigen ruina gravissima]. – Ich folge der Lesart der besten, ja fast aller Handschriften, gravissi mae, die auch Crevier und Clericus beibehalten haben. Duker erinnert dagegen, gravis civitas könne nur so viel bedeuten, als potens, valida; und das sei doch Lacedämon damals nicht mehr gewesen. Ich hingegen nehme gravissimus hier in dem Sinne, wie Cap. 5. vir gravissimus, consul M. Porcius; und wem ist es unbekannt, daß eine Catonische gravitas in Sparta heimisch war, ihres Lykurgus, Leonidas u. s. w. nicht zu gedenken? Stadt habe gestürzt werden können, sei es gerathener gewesen, lieber den 264 Zwingherrn geschwächt und fast für Alle unschädlich gemacht noch stehen zu lassen, als den Stat an den für seine jetzigen Kräfte zu starken Heilmitteln sterben zu lassen, so daß ihm gerade diese Erwerbung der Freiheit das Leben gekostet hätte.» Nach diesen Anführungen des Vergangenen setzte er hinzu: «Er sei Willens nach Italien abzugehen und sein ganzes Heer mitzunehmen. Noch vor Ablauf der nächsten zehn Tage würden sie von dem Abzuge der Besatzungen aus Demetrias und Chalcis hören; Acrocorinth werde er sogleich vor ihren Augen geräumt den Achäern übergeben, damit die Welt erfahre, ob die Lüge bei den Römern zu Hause sei, oder bei den Ätolern, die allenthalben herumgesprochen hätten, man habe sehr übel gethan, seine Freiheit den Römern anzuvertrauen, und sich statt der Macedonier die Römer zu Herren genommen. Doch diese Leute hätten nie etwas in Überlegung gezogen, weder was sie sprächen, noch was sie thäten. Die übrigen Staten wolle er erinnert haben, ihre Freunde nach den Thaten, nicht nach den Worten abzuwägen; und darüber verständigt zu sein, wem sie zu trauen und vor wem sie sich zu hüten hätten. Sie möchten sich ihrer Freiheit mit Mäßigung bedienen: gemildert, sei sie sowohl dem Einzelnen, als den Staten, heilsam; in der Übertreibung nicht nur für Andere drückend, sondern selbst in den Händen ihrer Besitzer ungezügelt und halsbrechend. Für die Eintracht möchten in den Staten die Häupter und Stände unter sich, und in Hinsicht auf das Ganze alle Staten Sorge tragen. Wären sie einig, so werde kein König, kein Zwingherr, ihnen als Gegner gewachsen sein. Zwietracht und Trennung gebe auf allen Seiten dem Auflaurer Blöße, weil die Partei, die zu Hause im Streite unterliege, sich lieber an Auswärtige anschließe, als ihren Mitbürgern nachgebe. Die durch fremde Waffen errungene, durch die 265 Redlichkeit einer auswärtigen Nation ihnen wiedergegebene Freiheit zu bewahren und zu erhalten, möchten sie nun ihre eigne Sorge sein lassen, damit das Römische Volk sehe, es habe die Freiheit Würdigen verliehen und sein Geschenk in gute Hände gegeben.» 50. Es war ihnen, als hörten sie die Worte eines Vaters: Allen rannen die Thränen vor Freude, so daß sie selbst den Redner aus der Fassung brachten. Eine Weile verging darüber, daß sie seiner Rede lauten Beifall nachriefen und sich einander aufforderten, diese Worte, wie aus einem Orakel gesprochen, sich tief ins Herz und in die Seele zu prägen. Nach angeforderter Stille bat er sie, die Römischen Bürger, die etwa bei ihnen in Sklaverei lebten, aufzusuchen, und sie ihm nach Thessalien zu schicken. «Ihnen selbst sei es nicht ehrenvoll, wenn in ihrem befreieten Lande seine Befreier Sklaven wären.» Alle riefen ihm zu: «Sie dankten ihm außer für alles Übrige auch dafür, daß er sie daran erinnere, einer so pflichtmäßigen, so unerläßlichen Gefälligkeit sich zu unterziehen.» Die Zahl der Gefangenen aus dem Punischen Kriege, welche Hannibal, weil sie von den Ihrigen nicht ausgelöset wurden, zu Sklaven verkauft hatte, war sehr bedeutend. Als Beweis für ihre Menge mag die Angabe des Polybius gelten, daß dies den Achäern allein auf hundert Talente Also auf 100,000 Thlr. Die Rechnung trifft zu, wenn man den Denar oder die Drachme zu 4 Ggr. und das Talent zu 1000 Thlr. annimmt. zu stehen gekommen sei, da sie, zum Ersatze für die Eigenthümer, den Preis jedes Kopfes auf fünfhundert Denare gesetzt hatten. Nach dieser Rechnung hatte Achaja allein zwölfhundert. Man rechne nun verhältnißmäßig so viele hinzu, als man mit Wahrscheinlichkeit für das ganze Griechenland annehmen kann. Noch waren sie auf der Zusammenkunft nicht verabschiedet, als sie von Acrocorinth die Besatzung herabkommen, sofort dem Thore zugeführt und abziehen sahen. Der Feldherr, der unter dem Zurufe: der Erretter! der Befreier! von Allen begleitet, jenem Zuge folgte, sagte ihnen beim Abschiede sein Lebewohl, und ging auf derselben Straße, die 266 er gekommen war, nach Elatea zurück. Von hier entließ er den Unterfeldherrn Appius Claudius mit allen Truppen, und hieß ihn durch Thessalien und Epirus sie nach Oricum führen und ihn dort erwarten, weil er Willens sei, das Heer von da nach Italien überzusetzen. Auch schrieb er seinem Bruder Lucius Quinctius, als Unterfeldherrn und Befehlshaber der Flotte, er möge ebenfalls dorthin von der ganzen Küste Griechenlands seine Ladungsschiffe zusammenziehen. 51. Er selbst ging nach Chalcis, und hielt hier, als er nicht nur aus Chalcis, sondern auch aus Oreum und Eretria seine Besatzungen gezogen hatte, eine Versammlung aus allen Euböischen Städten; gab ihnen zu beherzigen, in welchem Zustande er sie vorgefunden habe, und in welchem er sie verlasse, und entließ sie. Von da ging er nach Demetrias, zog seine Besatzung heraus, und eben so, wie zu Corinth und Chalcis, von Allen vor das Thor begleitet, nahm er seinen Weg weiter nach Thessalien, wo er die Städte nicht bloß in Freiheit setzen, sondern aus einer Flut von Verwirrungen aller Art in eine wenigstens erträgliche Verfassung bringen mußte. Diese Verstörung war nicht bloß Folge der nachtheiligen Zeitumstände oder der Gewaltthaten und Ermächtigungen des Königs, sondern sie selbst haben auch bei der unruhigen ihrem Volke eigenen Sinnesart, von ihrem Entstehen an bis auf unsere Zeiten, nie eine Wahl, nie eine Zusammenkunft oder Versammlung ohne Aufruhr und Tumult vorübergehen lassen. Deswegen nahm Quinctius bei der Wahl ihrer Senatoren und Ritter hauptsächlich das Vermögen zum Maßstabe, und gab in jeder Bürgerschaft demjenigen Theile die größere Macht, dem an der allgemeinen Wohlfahrt und Ruhe am meisten gelegen sein mußte. 52. Nachdem er so in ganz Thessalien Schatzung gehalten hatte, kam er durch Epirus nach Oricum, von wo er überschiffen wollte. Von Oricum setzte er alle seine Truppen nach Brundusium über. Von hier zogen sie durch ganz Italien bis zur Stadt beinahe im Triumphe, weil sie einen Zug von erobertem Gute voraufgehen 267 ließen, der nicht kleiner war, als ihr eigner. Als sie vor Rom ankamen, ließ der Senat außerhalb der Stadt den Quinctius zur Auseinandersetzung seiner Thaten vor und bewilligte ihm den verdienten Triumph mit Freuden. Er triumphirte drei Tage lang. Am ersten führte er Rüstungen, Waffen, eherne und marmorne Standbilder auf, meistens von Philipp gewonnene Beute; nur wenig aus den Städten: am zweiten Tage Gold und Silber, verarbeitet, roh und gemünzt. Das unverarbeitete Silber betrug achtzehntausend Pfund Etwa 592,500 Gulden. , das verarbeitete zweihundert siebzig 8434 Gulden. Die Zahl scheint aber von den Abschreibern zu klein angegeben zu sein. . Darunter waren viele Gefäße aller Art, meistens von getriebener Arbeit, manche von vorzüglicher Kunst; auch viele Kunstwerke von Erz, und zehn silberne Schilde. Das geprägte Silber betrug vierundachtzig tausend 186,000 Gulden. Attiker; sie heißen dort Vierdrachmenstücke, deren jedes an Silber etwa vier Denare hält. Hierzu kamen dreitausend siebenhundert und vierzehn Pfund 160,620 Gulden. Gold, ein ganz goldener Schild und vierzehntausend fünfhundert und vierzehn Der Goldphilipp hielt etwa, wie der Römische numus aureus, 6 Thaler. Goldphilippe. Am dritten Tage zogen die goldenen Kränze vorüber, die ihm die Städte verehrt hatten, hundert und vierzehn an der Zahl; die Opferthiere folgten; dem Wagen vorauf gingen viele vornehme Gefangene und Geisel, unter diesen König Philipps Prinz Demetrius, und des Zwingherrn Nabis Sohn Armenes von Lacedämon. Ihnen nach trug der Triumphwagen den Quinctius in die Stadt: das Gefolge von Soldaten war stark, weil das ganze Heer vom Kriegsschauplatze zurückkam. In der Theilung bekam jeder Gemeine zu Fuß zweihundert und funfzig Kupferass 5 Thlr. 5 Ggr. , doppelt so viel ein Hauptmann, jeder Ritter das Dreifache. Als Nachzug verherrlichten den Triumph die aus der Leibeigenschaft Befreieten, die alle mit geschornem Haupte gingen. 268 53. Am Ende des Jahrs that der Bürgertribun Quintus Älius Tubero nach einem Senatsgutachten dem Bürgerstande den Vorschlag, den dieser auch annahm, daß zwei Latinische Pflanzungen, die eine auf das Bruttische, die andre auf das Thurinische Gebiet ausgeführt würden. Die zu ihrer Ausführung erwählten auf drei Jahre mit obrigkeitlicher Macht versehenen Dreimänner waren, für das Bruttische Quintus Nävius, Marcus Minucius Rufus, Marcus Furius Crassipes; für das Thurinische Cneus Manlius, Quintus Älius, Lucius Apustius. Diese beiden Wahlversammlungen hielt der Stadtprätor Cneus Domitius auf dem Capitole. In diesem Jahre wurden mehrere Tempel eingeweihet: einer der Juno Erhalterinn auf dem Kohlmarkte, welchen ihr Cajus Cornelius vor vier Jahren im Gallischen Kriege als Consul verheißen, auch den Bau verdungen hatte: jetzt weihete er ihn als Censor. Ein zweiter dem Faun. Aus den Strafgeldern hatten diesen Bau vor zwei Jahren die Ädilen verdungen, Cajus Scribonius und Cneus Domitius, der ihn als Stadtprätor weihete. Ferner weihete dem Glücke der Erstgebornen der hierzu ernannte Duumvir Quintus Marcius Ralla einen Tempel auf dem Quirinalischen Hügel. Verheißen hatte ihn vor zehn Jahren im Punischen Kriege Publius Sempronius: auch den Bau hatte er als Consul P. Sempronius Sophus. locaverat idem censor]. – Die Hauptschwierigkeit in diesen Worten ist die, daß Sempronius schon fünf Jahre früher Censor gewesen war, ( XXVII, 11. ) ehe er als Consul diesen Tempel ( XXIX, 36 ) gelobte. Man sehe darüber die Anmerk. bei Drakenb. u. Andern. Vermuthlich ist das Wort censor von einem Abschreiber, dem hinter den Worten locaverat idem etwas zu fehlen schien und der wenige Zeilen vorher gelesen hatte: censor idem dedicavit, hier sehr am unrechten Orte nachgetragen. Die voraufgegangenen Gegensätze von vota, locata, dedicata schienen ihn dazu zu berechtigen. Bliebe das Wort censor stehen, so widerspricht sich Livius so arg, daß er den Sempronius einen Tempelbau als Censor schon fünf Jahre früher in Verding geben läßt, den er erst fünf Jahre später als Consul in einer Schlacht mit Hannibal gelobte. Den zweiten Anstoß giebt der Name Sophus, da Livius diesen Sempronius vorher mehrmals Tuditanus, nie Sophus, genannt hat. Weil indeß eine Familie der Sempronier wirklich den Zunamen Sophus führte, so will Pighius beide Zunamen vereinigen und so lesen: P. Sempronius Sophus Tuditanus. Ferner hingen sechs Handschriften an das Wort Sophus noch die Silbe to, sechs andre die Silbe co, so daß bei diesen der Name Sophusco heißt, worin Pighius sehr richtig das Wort cos (consul) wiederfand: denn als Consul hatte Sempronius diesen Tempel gelobet. Allein sein vorgeschlagenes Tuditanus ist als Einschiebsel gar zu lang: darum nimmt auch kein Drakenborch, kein Crevier diese Lesart auf. Auch nennt Livius diesen Sempronius oft nur P. Sempronius, ohne den Zunamen Tuditanus; z. B. 29, 12. fünfmal in Einem Capitel. Cap. 13 gleich im Anfange wieder, und Cap. 30. noch zweimal, so wie er oft den Q. Fabius ohne den Zunamen Maximus, und viele Andre ohne ihre Zunamen nennt. – Bis diese Schwierigkeiten von einem Andern glücklicher beseitigt werden, will ich annehmen, Livius habe geschrieben: Voverat eam decem annis ante Punico bello P. Sempronius: opus consul locaverat idem; so wie ich, weil ich den Livius keinen so groben Widerspruch begehen lassen mochte, übersetzt habe. Ich nehme dabei an, daß das letzte S im Namen Sempronius, mit opus zusammengelesen, dem Abschreiber, dem zwischen Sempronius und consul noch ein Name erforderlich schien, den Namen Sophus in die Feder geführt habe, den er früher (B. IX.) im Livius gelesen hatte. Das Wort cos. nehme ich aus der in zwölf Mss. angehängten Silbe co oder to in den Text auf ; und das Wort censor muß ohnehin als historische Lüge fallen. verdungen. Imgleichen weihete den Tempel 269 Jupiters auf der Tiberinsel der Duumvir Cajus Servilius. Verheißen war er vor sechs Jahren im Gallischen Kriege von dem Lucius Furius Purpureo in seiner Prätur, und nachher auch von ihm in seinem Consulate verdungen. So weit geht, was in diesem Jahre geschah. 54. Publius Scipio kam aus der Provinz Gallien, neue Consuln wählen zu lassen. Die Consulnwahl ging vor sich, und die Ernannten waren Lucius Cornelius Merula und Quintus Minucius Thermus. Am folgenden Tage wurden zu Prätoren gewählt Lucius Cornelius Scipio, Marcus Fulvius Nobilior, Cajus Scribonius, Marcus Valerius Messalla, Lucius Porcius Licinus und Cajus Flaminius. Die Curulädilen Cajus Atilius Serranus und Lucius Scribonius Libo waren die ersten, welche die Megalesien als Bühnenspiele gaben. Den Römischen Spielen eben dieser Ädilen sah der Senat zum erstenmale in seiner Absonderung vom Volke zu, und gab dadurch – wie das gewöhnlich alles Neue thut – zu mancherlei Reden Anlaß, sowohl bei der einen Partei – denn diese erklärte: «Endlich habe man doch dem erhabensten Stande das, was ihm längst gebührt habe, eingeräumt;» – als bei der andern, welche die Sache so auslegte: «Was der Majestät der Väter zugelegt werde, sei der Würde des Gesamtvolks genommen, und alle solche 270 Unterscheidungen, wodurch die Stände getrennt würden, dienten eben so sehr dazu, Eintracht und Freiheit zu schmälern. Bis auf das jetzige Jahr fünfhundert achtundfunfzig hätten die Zuschauer gemischt gesessen. Was sich auf Einmal zugetragen habe, daß die Väter den Bürgerstand nicht länger in ihren Sitzen zulassen wollten, daß den Reichen vor dem armen Nebensitzer ein Ekel befalle? dies sei eine neue, eine übermüthige Anmaßung, die man bis jetzt noch nie im Senate irgend eines Volks wünschenswerth gefunden oder eingeführt habe.» Ja Africanus selbst soll es endlich bereuet haben, daß er als Consul den Vorschlag unterstützt hatte. So wenig kann man bei irgend einer Abänderung des Hergebrachten auf Beifall rechnen. Tritt die Erfahrung nicht ganz offenbar gegen das Alte auf, so wollen es die Leute lieber bei diesem gelassen wissen. 55. Im Anfange des Jahrs, in welchem Lucius Cornelius und Quintus Minucius Consuln waren, liefen so häufige Nachrichten von Erdbeben ein, daß die Leute nicht nur des Ereignisses selbst, sondern auch der deshalb verordneten Bettage überdrüssig wurden. Es konnte kein Senat gehalten, kein Statsgeschäft betrieben werden, weil die Consuln genug mit Opferungen und Sühnungen zu thun hatten. Endlich bekamen die Zehnherren den Auftrag, in den heiligen Büchern nachzusehen, nach deren Ausspruche ein dreitägiges Betfest angestellt wurde. Bekränzt hielten die Leute ihre Andacht in allen Tempeln, und es war verordnet, daß alle Glieder einer Familie die Andacht zugleich begehen sollten. Auch verordneten auf ein Senatsgutachten die Consuln, es solle Niemand an einem Tage, der schon wegen eines gemeldeten Erdbebens zu einem Bettage bestimmt sei, ein neues Erdbeben einberichten. Darauf loseten, zuerst die Consuln, dann die Prätoren, um ihre Standplätze. Den Cornelius traf Gallien, den Minucius Ligurien. Den Cajus Scribonius die städtische, den Marcus Valerius die fremde Gerichtspflege; den Lucius Cornelius Sicilien, den Lucius Porcius Sardinien, den Cajus Flaminius das diesseitige, den Marcus Fulvius das jenseitige Spanien. 271 56. Bei den Consuln, die für dieses Jahr gar keinen Krieg erwarteten, lief vom Marcus Cincius – er war Gerichtsverwalter zu Pisä – die schriftliche Anzeige ein: «Nach einer auf allen Versammlungsplätzen des ganzen Ligurischen Völkerstamms beschwornen Vereinigung hätten zwanzigtausend ihrer Bewaffneten zuerst das Gebiet von Luna verheert, dann ihren Zug durch die Gegend von Pisä genommen und sich in Streitereien über die ganze Seeküste ausgebreitet.» Da bestieg der Consul Minucius, dem das Los seinen Posten in Ligurien angewiesen hatte, nach einem Senatsgutachten die Rednerbühne und machte bekannt: «Die beiden im vorigen Jahre geworbenen Stadtlegionen hätten sich nach zehn Tagen zu Arretium einzufinden. An ihre Stelle wolle er zwei Stadtlegionen ausheben.» So gab er auch den Bundsgenossen und Latinerstaten, den Obrigkeiten nämlich und Gesandten derer, an denen die Reihe der Truppenstellung war, die Anweisung, sich auf dem Capitole bei ihm zu melden. Hier vertheilte er auf sie, nach der Zahl der Dienstfähigen in jeder Gemeine, funfzehntausend Mann Fußvolk und fünfhundert Ritter, die sie zu stellen hatten, hieß sie sogleich vom Capitole dem Thore zueilen und zur Beschleunigung der Sache auf Werbung abgehen. Dem Fulvius und Flaminius wurden Jedem dreitausend Mann Römisches Fußvolk und hundert Ritter zu Ergänzungen bestimmt, und eben so Jedem fünftausend Mann Latinischer Bundestruppen und zweihundert Ritter: zugleich erhielten diese Prätoren den Auftrag, wenn sie auf ihrem Posten angekommen waren, die alten Soldaten zu entlassen. Schon hatten sich viele Soldaten in den Stadtlegionen an die Bürgertribunen gewandt, um diese entscheiden zu lassen, wie viele von ihnen schon ausgedient hätten, oder wegen Kränklichkeit mit dem Feldzuge verschont werden müßten, da vereitelte diese Untersuchung ein Brief vom Tiberius Sempronius, worin er meldete: «Zehntausend Ligurier hätten das Gebiet von Placentia überfallen und unter Mord und Brand bis an die Mauern der Pflanzstadt selbst und bis an die Ufer des Po verheert. Auch schicke sich das 272 Volk der Bojer zu einem neuen Kriege an.» Aus diesen Gründen erklärte der Senat, Jetzt sei ein Aufstandskrieg; und er finde es für die Bürgertribunen unstatthaft, auf die Angaben der Soldaten, warum sie sich dem Aufrufe nicht stellen könnten, sich einzulassen. Noch stand in dem Senatsschlusse, Die Latinischen Bundestruppen, die im Heere des Publius Cornelius und Tiberius Sempronius gestanden hätten und von diesen Consuln entlassen waren, sollten sich auf den ihnen vom Consul Lucius Cornelius zu bestimmenden Tag in Hetrurien auf dem Sammelplatze einfinden, den er ebenfalls ihnen bestimmen werde. Ferner, Der Consul Lucius Cornelius sollte auf seinem Marsche zur Provinz, in allen Städten und Dörfern, wo er durchzöge, alle ihm Anständigen zu Soldaten ausheben, bewaffnen und mitgehen lassen; auch das Recht haben, von ihnen zu verabschieden wen und wann er wolle. 57. Als die Consuln nach gehaltener Werbung auf ihre Standplätze abgegangen waren, trug Titus Quinctius darauf an: «Man möge sich im Senate die von ihm in Vereinigung mit den zehn Abgeordneten getroffenen Anordnungen vortragen lassen, und wenn man sie genehmige, durch ein Gutheißen bestätigen. Dies werde man sich erleichtern, wenn man die Gesandten, die aus ganz Griechenland, aus einem großen Theile Asiens, und von den Königen sich eingefunden hätten, selbst reden ließe.» Also wurden diese Gesandschaften vom Stadtprätor Cajus Scribonius dem Senate vorgestellt und erhielten alle eine freundliche Antwort. Nur wurde die Auseinandersetzung mit des Antiochus Gesandten, als zu weitläufig, den zehn Abgeordneten übertragen, von denen Mehrere in Asien, oder bei dem Könige selbst zu Lysimachien, gewesen waren. Titus Quinctius wurde bevollmächtigt, mit Zuziehung derselben den Vortrag der königlichen Gesandten anzuhören, und ihnen eine Antwort zu ertheilen, so gut sie sich der Würde und Wohlfahrt des Römischen Volks unbeschadet geben lasse. Die Häupter der königlichen Gesandschaft waren Menippus und Hegesianax. Der eine, Menippus, sagte: «Er 273 begreife nicht, was man in ihrer Gesandschaft Räthselhaftes finden könne, da sie gekommen wären, ganz offen um Freundschaft zu bitten und ein Bündniß einzuleiten. Der Bündnisse aber, vermittelst welcher Staten und Könige Freundschaft unter einander abschlössen, gebe es drei Classen. Die eine, wenn den Besiegten Bedingungen vorgeschrieben würden. Wenn nämlich an den, der durch die Waffen die Oberhand habe, Alles ausgeliefert sei, dann stehe es in seiner Macht und Willkür, was er hiervon dem Besiegten lassen, oder was er ihm zur Strafe abnehmen wolle. Die andre, wenn zwei im Kriege sich gleiche Mächte sich vermittelst eines gleichstellenden Vertrages auf Frieden und Freundschaft einließen. Da fordere, da gebe man nach einer Übereinkunft einander Ersatz; und sei man durch den Krieg in diesem oder jenem Besitze gestört gewesen, so werde das entweder nach dem Ausspruche des vorher bestehenden Rechts oder den Vortheilen Beider gemäß ausgeglichen. Die dritte Art sei die, wenn sich Staten, welche nie Feinde gewesen wären, zu einer durch Bundesvertrag unter ihnen zu stiftenden Freundschaft verbänden. Bedingungen hätten sie weder vorzuschreiben, noch anzunehmen; denn dies fände nur zwischen Sieger und Besiegten Statt. Da nun Antiochus zu dieser Classe gehöre, so wundre er sich, wie es die Römer billig finden könnten, seinem Könige darüber Vorschriften zu machen, welche Städte in Asien er frei und ohne Abgaben lassen müsse, welche hingegen ihm steuerpflichtig sein sollten, und wie sie den Besatzungen des Königs und dem Könige selbst verbieten könnten, diese oder jene zu betreten. Auf diesen Fuß hätten sie allerdings mit Philipp, ihrem Feinde, einen Frieden abzuschließen, nicht aber mit einem Antiochus, ihrem Freunde, einen Bundesvertrag.» 58. Quinctius antwortete: «Weil es euch denn Vergnügen macht, Alles so bestimmt zu scheiden und die Bundesschlüsse nach Classen aufzuzählen, so will auch ich zwei Bedingungen feststellen, die ihr eurem Könige als die einzigen angeben könnt, unter welchen für ihn eine 274 freundschaftliche Verbindung mit Rom möglich bleibt. «Die eine: Will er, daß wir uns um alles das nicht bekümmern, was Asiens Städte angeht, so muß auch er von ganz Europa die Hand abziehen. Die andre: Will er sich auf Asiens Gränzen nicht beschränken und nach Europa herüberschreiten dürfen, so müssen auch die Römer das Recht haben, ihre mit den Staten Asiens schon bestehenden Verbindungen aufrecht zu erhalten und neue daran zu reihen.» Da rief Hegesianax: «Ohne Unwillen lasse sich das nicht einmal anhören, daß Antiochus von den Städten Thraciens und des Chersones weggewiesen sein solle, die ihm sein Ahnherr Seleucus, nachdem er den König Lysimachus besiegt und in der Schlacht erlegt, als eine höchst ehrenvolle Eroberung hinterlassen habe; und die mit eben so viel Ehre Antiochus theils durch seine Waffen den Händen der Thracier entrissen, theils als öde Plätze, wie Lysimachien selbst, durch Zurückführung der Bewohner wieder bevölkert, und wenn sie zusammengestürzt oder niedergebrannt waren, mit großen Kosten wieder aufgebauet habe. Ob sich das im mindesten in Vergleich bringen lasse, wenn Antiochus ein so begründetes, so wieder erworbenes Eigenthum aufgeben, die Römer hingegen sich Asiens enthalten sollten, das ihnen nie gehört habe? Antiochus suche um der Römer Freundschaft nach, doch so, daß es ihm zur Ehre gereichen möge, sie erlangt zu haben, und nicht zur Schande.» Hierauf erwiederte Quinctius: «Weil wir denn das Ehrenvolle in Erwägung ziehen, so wie es entweder als das einzige, oder als das höchste Gut vom ersten Volke der Erde und einem so großen Könige erwogen werden muß; so frage ich: Welches von beiden erscheint denn ehrenvoller, alle Griechischen Städte, wo sie auch liegen mögen, frei wissen zu wollen, oder sie sich dienstbar und steuerpflichtig zu machen? Rechnet es sich Antiochus zur Ehre, Städte, welche seinem Ahnherrn das Kriegsrecht gab, auf deren Besitz aber sein Großvater und Vater nie Anspruch gemacht haben, auf ihre 275 Dienstbarkeit zurückzuführen, so rechnet es sich das Römische Volk zur Treue und Standhaftigkeit, den einmal übernommenen Schutz der Griechischen Freiheit nicht aufzugeben. So wie es Griechenland von Philipp befreiet hat, so ist es auch Willens, die Städte Asiens aus Griechischem Stamme vom Antiochus zu befreien. Denn die Pflanzungen haben die Griechen nach Äolien und Ionien nicht zur Sklaverei unter Königen ausgeführt, sondern zur Erweiterung ihres Stammes und zur Verbreitung ihres uralten Volkes über die Welt.» 59. Als Hegesianax in Verlegenheit gerieth, und nicht leugnen konnte, daß der Verfechter der Freiheit von seinem Aushängeschilde mehr Ehre habe, als ihr Unterdrücker, so sprach Publius Sulpicius, von den zehn Abgeordneten der Älteste: «Wozu die vielen Umschweife? entweder wählt euch eine von den Bedingungen, die euch so eben von Quinctius unzweideutig genug angegeben sind, oder sparet die Mühe, weiter auf Freundschaft anzutragen.» – «Nein,» sprach Menippus , «wir wollen und können nichts eingehen, wodurch Antiochus an seinen Staten einbüßen müßte.» Als Quinctius am folgenden Tage die sämtlichen Gesandschaften Griechenlands und Asiens mit in den Senat genommen hatte, so legte er, damit sie selbst erfahren sollten, wie das Römische Volk und wie Antiochus gegen die Griechischen Staten gesinnet sei, sowohl seine eignen Forderungen, als die des Königs, vor; und hieß sie an ihre Staten den Bescheid mitnehmen: «Das Römische Volk werde mit eben der Tapferkeit und Treue, mit der es ihre Freiheit von Philipp errettet habe, falls Antiochus nicht von Europa abstände, sie auch von ihm erretten.» Da bat Menippus ihn und die Väter inständig, «Nicht so eilig einen Beschluß zu fassen, durch den sie die Ruhe der ganzen Welt stören würden. Sie möchten sich selbst Zeit nehmen, und dem Könige zur Überlegung Frist gönnen. Er werde gewiß die Sache überlegen, sobald ihm die Bedingungen angezeigt wären, und dann entweder noch einige Bewilligungen erlangen, oder dem Frieden 276 zu Liebe sich dazu verstehen.» So wurde die Sache ohne Entscheidung ausgesetzt. Man beschloß, an den König dieselben Gesandten abgehen zu lassen, die ihn zu Lysimachien gesprochen hatten, den Publius Sulpicius, Publius Villius, Publius Älius . 60. Kaum waren sie abgereist, als von Carthago Gesandte mit der Nachricht eintrafen, es sei gewiß, daß sich Antiochus unter Hannibals Einwirkung zum Kriege rüste; dadurch erregten sie die Besorgniß, daß zu gleicher Zeit auch ein Punischer Krieg eingeleitet werde. Hannibal war, wie vorhin gesagt ist, als Flüchtling aus seinem Vaterlande zum Antiochus gekommen, und stand bei ihm in großer Ehre, durch kein anderes Verdienst, als weil der König, der über einem Kriege mit Rom schon so lange brütete, in seinen Unterredungen über diesen wichtigen Gegenstand sich an niemand besser wenden konnte; als an ihn. Seine Meinung blieb immer eine und dieselbe, «daß man diesen Krieg in Italien führen müsse. Einem auswärtigen Feinde werde Italien Zufuhr und Truppen liefern. Wenn man nicht dort auf der Stelle Regungen veranlasse, und gestatte den Römern, mit Italiens Kräften und Truppen den Krieg außerhalb Italien zu führen, so sei weder der König, noch irgend ein Stat den Römern gewachsen. Er verlange nur hundert Deckschiffe, zehntausend Mann zu Fuß und tausend zu Pferde. Mit dieser Flotte wolle er zuerst nach Africa gehen. Er rechne stark darauf, daß sich auch die Carthager von ihm zu einem neuen Kriege würden bewegen lassen. Sollten sie aber unschlüssig sein, so werde er auf irgend einer Seite Italiens den Römern Krieg zu erregen wissen. Der König müsse mit allen seinen übrigen Truppen nach Europa übergehen und mit ihnen in irgend einer Gegend stehen bleiben, zwar ohne selbst überzusetzen, wohl aber, was dem Kriege Schein und Ruf zu geben hinreichend sei, immer zum Übersetzen in Bereitschaft. 61. Ob er es nun gleich für rathsam hielt, sobald er den König für seine Meinung gewonnen hatte, seinen 277 Landsleuten zum voraus hierzu die nöthige Stimmung zu geben, so wagte er es doch nicht, sich schriftlich an sie zu wenden, weil ein Brief, zufällig aufgefangen, den Versuch verrathen könnte. Da er aber zu Ephesus an einem gewissen Tyrier, Aristo, einen Mann fand, dessen Gewandtheit sich ihm in minder wichtigen Dienstleistungen bewährte, so überhäufte er diesen theils mit Geschenken, theils mit Aussichten auf Belohnungen, zu denen selbst der König seine Einwilligung gab, und schickte ihn mit Aufträgen nach Carthago, gab ihm die Namen derer an, mit denen er nothwendig sprechen müsse, und machte ihn mit gewissen geheimen Angaben bekannt, auf welche sie offenbar ihn selbst in den Bestellungen erkennen würden. Die Absicht, in welcher dieser zu Carthago herumgehende Aristo gekommen sei, entdeckten Hannibals Feinde eben so bald, als seine Freunde. Anfangs war dies nur in ihren Zirkeln und bei Gastgeboten der Gegenstand des allgemeinen Gesprächs; dann aber sagten sogar Einige im Senate: «Der Zweck von Hannibals Verbannung sei durchaus verfehlt, wenn er auch abwesend Umwälzungen einzuleiten und durch Aufwiegelung der Unterthanen die Verhältnisse des States umzustoßen im Stande sei. Da sei ein gewisser Aristo angekommen, ein reisender Tyrier, der vom Hannibal und vom Könige Antiochus Aufträge habe. Täglich hielten mit ihm gewisse Leute geheime Unterredungen; und hier werde im Verborgenen in occulto conloqui]. – Ich folge Crevier's Vermuthung. Statt conloqui lieset er coqui. Dasselbe vermuthete, ohne die kleine Ausgabe von Crevier gesehen zu haben, Herr Walch. Man sehe seine Emendatt. Liv. p. 274. eingerührt, was nächstens als ein Unglück für Alle zum Ausbruche kommen werde.» Alle riefen einstimmig: «Den Aristo müsse man fordern, über die Absicht seines Hierseins vernehmen, und falls er keine Auskunft gäbe, mit einer Gesandschaft nach Rom schicken. Man habe die Unbesonnenheit eines Einzigen schwer genug gebüßt. Sollten sich Privatpersonen hierin vergehen, so thäten sie das auf eigene Gefahr. Den Stat aber müsse man 278 nicht nur von wirklicher Schuld, sondern auch von jeder Nachrede einer Schuld rein erhalten.» Der vorgeforderte Aristo vertheidigte sich und führte als den haltbarsten Grund seiner Rechtfertigung den an, daß er auch nicht eine schriftliche Zeile an irgend jemand mitgebracht habe. Allein die Ursache seiner Ankunft brachte er nicht ganz aufs Reine, und stockte da besonders, als sie ihm vorhielten, daß er seine Unterredungen bloß mit Gliedern der Barcinischen Partei gehabt habe. Nun kam es zum Wortwechsel: denn Einige verlangten, man müsse ihn als einen Aushorcher einziehen und festsetzen: Andre sagten: «Dies sei noch keine Ursache, so viel Lärm zu machen. Um ein Nichts Fremde greifen zu lassen, gebe ein böses Beispiel. Dann könne den Carthagern sowohl zu Tyrus, als in andern Handelsplätzen, welche ihrer so viele besuchten, dasselbe widerfahren.» So wurde die Sache für heute verschoben. Aristo, der sich unter Puniern gut Punisch benahm, hängte beim ersten Dunkel auf dem besuchtesten Stadtplatze über dem täglichen Sitze der Obrigkeiten einen aufgesetzten Brief hin, ging um die dritte Nachtwache zu Schiffe und entfloh. Als sich am folgenden Tage die Sufeten zu ihren richterlichen Sitzungen niederließen, bemerkte man den Brief, nahm ihn ab und las. Der Inhalt war: « Aristo habe an keinen Einzelnen, sondern nur an die Ältesten (so nannte man dort den Senat) Aufträge für den Stat gehabt.» Da er so die ganze Regierung in Anspruch genommen hatte, so war die über einige Wenige verfügte Untersuchung so viel weniger strenge. Doch beschloß man, Gesandte nach Rom abgehen zu lassen, um den Consuln und dem Senate den Vorfall anzuzeigen, und zugleich über die Gewaltthätigkeiten des Masinissa sich zu beklagen. 62. Masinissa nämlich hatte kaum in Erfahrung gebracht, daß das Gerücht die Carthager anklage, auch daß sie unter sich selbst uneins wären, daß ihre Großen wegen der Unterredungen mit dem Aristo bei dem Senate in Verdacht ständen, und der Senat durch die Angabe eben 279 dieses Aristo bei dem Volke; so nutzte er die Gelegenheit, ihnen wehe thun zu können, verheerte ihr Gebiet an der Seeküste und zwang einige den Carthagern zinsbare Städte, die Gefälle an ihn zu entrichten. Diese Gegend heißt bei ihnen Emporia, ist eine Küste an der kleineren Syrte und von fruchtbarem Boden. Eine ihrer Städte ist Leptis. Diese trug den Carthagern an Steuern täglich ein Talent ein. Jetzt behandelte Masinissa die ganze Gegend feindlich, und mit einem Theile derselben hatte er es schon bis zur Streitfrage gebracht, ob dessen Besitz seinem Reiche, oder den Carthagern gebühre. Weil er nun hörte, daß sie nach Rom gehen würden, sich gegen die Beschuldigungen zu rechtfertigen, und zugleich, sich über ihn zu beklagen, so schickte er ebenfalls Gesandte nach Rom, welche theils jenen durch Bestärkungen des Verdachts mehr Gewicht geben, theils seine Ansprüche auf die Zollgefälle behaupten sollten. Die Carthager, die mit der Anzeige über ihren Tyrischen Fremden zuerst Gehör bekamen, erregten bei den Vätern die Besorgniß, daß sie mit dem Antiochus und den Puniern zugleich Krieg haben würden. Was diesen als Verdacht einer bösen Absicht am meisten zur Last fiel, war der Umstand, daß sie, selbst nach dem Beschlusse, den Mann festzunehmen und nach Rom zu schicken, sich so wenig seiner Person als seines Schiffes versichert hatten. Darauf folgte die Auseinandersetzung mit des Königs Gesandten über das Landeigenthum. Die Carthager beriefen sich auf die durch das Recht bestimmten Gränzen; «weil dies Land innerhalb der Abmarkungen liege, durch welche Publius Scipio nach seinem Siege die Länder bestimmt habe, die unter Carthagischer Hoheit stehen sollten:» ferner auf das Geständniß des Königs selbst. «Als er den aus seinem Reiche entflohenen und mit einer Schar Numider in der Gegend von Cyrenä umherstreifenden Aphires habe verfolgen wollen, habe er bittweise um freien Durchzug durch eben diese Gegend, als unstreitiges Eigenthum der Carthager, bei ihnen nachgesucht.» Die Numider wandten dagegen ein: «Die 280 Gränzbestimmung durch Scipio sei erlogen. Und wolle man das Recht des Grundbesitzes bis auf seinen wahren Ursprung verfolgen, wo dann in Africa das Land liege, das Carthagisches Eigenthum bleibe? Auf ihre Bitte habe man den Ankömmlingen zu Anlegung einer Stadt so viel Platz eingeräumt, als sie mit einer zerschnittenen Rindshaut hätten umziehen können. So weit sie ihren Ursitz Byrsa überschritten hätten, sei Alles durch Gewalt und Unrecht erworbenes Gut. Ja selbst von diesem Stücke Landes, wovon die Rede sei, könnten sie nicht nur nicht beweisen, daß sie es seit ihrem ersten Besitze immer, sondern nicht einmal, daß sie es lange gehabt hätten, So wie sich die Gelegenheit gefunden habe, hätten bald sie, bald die Numidischen Könige das Recht sich angemaßt, und der Besitz sei immer in den Händen dessen gewesen, dem die Waffen die Oberhand gegeben hätten. Die Väter möchten erlauben, daß die Sache in dem Zustande bleibe, in welchem sie gewesen sei, ehe die Carthager Roms Feinde, und Numidiens König Roms Bundesgenoß und Freund geworden seien; und nichts dagegen haben, daß der im Besitze bleibe, der ihn behaupten könne.» Die Väter fanden für gut, den Gesandten beider Theile zur Antwort zu geben, sie würden jemand nach Africa schicken, um die Sache zwischen dem State von Carthago und dem Könige an Ort und Stelle auszumachen. Die dahin Abgeschickten, Publius Scipio Africanus, Cajus Cornelius Cethegus und Marcus Minucius Rufus, stellten Abhörungen und Besichtigungen an, und ließen, ohne eine Partei zu begünstigen, Alles unentschieden. Ob sie das ungeheißen thaten, oder dazu angewiesen waren, ist nicht so gewiß, als es wahrscheinlich den Zeitumständen angemessen war, den Streit der Parteien völlig in seinem Gange zu lassen. Denn wenn wir dies nicht annehmen, so hätte ja der einzige Scipio entweder vermöge seiner Sachkunde, oder seines Ansehens, als der um Beide so hochverdiente Mann, durch einen Wink dem Streite ein Ende machen können. Fünf und dreissigstes Buch. Jahre Roms 559 und 560. 282 Inhalt des fünf und dreissigsten Buchs. Als Abgesandter an den Antiochus läßt sich Publius Scipio Africanus zu Ephesus mit Hannibal, der sich an den Antiochus angeschlossen hatte, auf eine Unterredung ein, um ihm, wo möglich, die Besorgniß, die er sich von Seiten der Römer machte, zu benehmen. Auf die ihm unter andern vorgelegte Frage: «Wer nach seiner Meinung der größte Feldherr gewesen sei; antwortet Hannibal: Alexander, König von Macedonien; denn er habe mit einer kleinen Schar unzählbare Heere geschlagen und die äußersten Weltgegenden durchzogen, welche nur zu sehen andre Menschen nicht einmal hoffen dürften. Auf die Frage: Wem er den zweiten Platz gebe, antwortet er: Dem Pyrrhus; denn er habe zuerst gelehrt, sich kunstmäßig zu lagern; außerdem habe niemand so geschickt Lagerplätze gewählt und Posten ausgestellt. Scipio fragt weiter: «Wen er für den Dritten erkläre; und Hannibal nennt sich selbst. Lachend erwiedert Scipio: Was würdest du sagen, wenn du mich besiegt hättest: und Hannibal antwortet: Ja dann setzte ich mich über Alexandern, Pyrrhus und alle Andere. – Zu den Schreckzeichen, deren es sehr viele gegeben haben soll, gehört auch unter andern dies, daß ein Ochs des Consuls Cneus Domitius die Worte spricht: « Rom, sei auf deiner Hut! » – Die Römer rüsten sich zum Kriege gegen den Antiochus. Nabis, Zwingherr zu Lacedämon, tritt auf Anstiften der Ätoler, welche auch den Philipp und Antiochus zum Kriege mit Rom zu bewegen suchen, vom Bunde mit Rom ab; führt Krieg gegen den Prätor der Achäer, Philopömen, und wird von den Ätolern und ihrem Feldherrn Alexamenus ermordet. Auch die Ätoler brechen die Verbindung mit Rom ab. Mit ihnen schließt der Syrische König Antiochus ein Bündniß, überzieht Griechenland mit Krieg und besetzt mehrere Städte, unter andern auch Chalcis und ganz Euböa. Außerdem enthält dies Buch die Thaten der Römer in Ligurien und des Antiochus Zurüstungen zum Kriege. 283 Fünf und dreissigstes Buch. 1. Im Anfange des Jahrs, in welchem dies geschah, lieferte der Prätor Sextus Digitius im diesseitigen Spanien den Städten, die nach der Abreise des Marcus Cato in großer Menge zum Kriege aufgestanden waren, mehr häufige als merkwürdige Gefechte, und meistens so zu seinem Nachtheile, daß er an seinen Nachfolger kaum halb so viel Truppen ablieferte, als er selbst bekommen hatte. Auch würde sich ohne Zweifel ganz Spanien erhoben haben, wenn nicht der andre Prätor, Publius Cornelius Scipio, des Cneus Sohn, jenseit des Ebro in vielen Schlachten gesiegt hätte, so daß, hiedurch geschreckt, nicht weniger als funfzig Städte zu ihm übertraten. Dies hatte Scipio als Prätor ausgerichtet. Als Proprätor griff er die Lusitanier, die nach Verheerung der jenseitigen Provinz mit einer ansehnlichen Beute in ihre Heimat zurückkehrten, noch unterweges an, und schlug mit ihnen von Morgens neun Uhr bis Nachmittags um zwei ohne bestimmten Erfolg, weil er ihnen an Truppenzahl nachstand, so sehr er ihnen sonst in allen Stücken überlegen war. Denn mit seiner starkbesetzten schlagfertigen Linie hatte er ihren gedehnten in ein Gewühl von Viehheerden verwickelten Zug, und mit frischen Truppen die vom langen Marsche Ermüdeten angegriffen. Die Feinde waren nämlich mit der dritten Nachtwache ausgerückt; drei Stunden vom Tage waren auf diesen nächtlichen Marsch schon zugegeben und ohne ihnen einige Ruhe zu gestatten, schloß sich jetzt an den ermüdenden Marsch die Schlacht. Also zeigten sie sich beim Ausbruche des Kampfes an Körperkraft und Muth noch rüstig genug und brachten anfangs die Römer in Unordnung: dann aber wurde das Gefecht allmälig sich gleich. In diesem Augenblicke der Entscheidung gelobte 284 der Proprätor dem Jupiter Spiele, wenn es ihm gelänge, die Feinde zu werfen und niederzuhauen. Endlich drangen die Römer mit Nachdruck ein und die Lusitanier wichen; dann nahmen sie völlig die Flucht. Und da die Sieger den Fliehenden nachsetzten, so verloren diese an zwölftausend Mann: fünfhundert vierzig wurden gefangen genommen, meistens Reuter, und hundert vierunddreißig Fahnen erbeutet. Der Verlust des Römischen Heeres bestand in dreiundsiebzig Mann. Die Schlacht fiel in der Nähe der Stadt Ilipa vor. In diese führte Publius Cornelius sein siegreiches, mit Beute beladenes Heer zurück. Die ganze Beute wurde vor der Stadt ausgestellt, und den Eigenthümern die Erlaubniß gegeben, das Ihrige auszusuchen. Was übrig blieb, wurde dem Schatzmeister zum Verkaufe abgeliefert und die daraus gelosete Summe unter die Soldaten vertheilt. 2. Noch war der Prätor Cajus Flaminius nicht von Rom aufgebrochen, als dies in Spanien vorging. So gab er denn mit seinen Freunden sowohl den widrigen als den günstigen Ereignissen durch vergrößernde Mittheilungen einen Ruf, und hatte schon versuchsweise vorgeschlagen, «da doch in der Provinz der Krieg so bedeutend geworden sei, und er vom Sextus Digitius nur kleine Reste eines Heeres, und diese noch dazu in einer solchen Stimmung zur Muthlosigkeit und Flucht, in Empfang zu nehmen habe, ihm eine von den Stadtlegionen anzuweisen, um sich dann, wenn er die von ihm zufolge des Senatsbeschlusses geworbenen Truppen dazunähme, aus der ganzen Anzahl sechstausend fünfhundert Mann zu Fuß und dreihundert Ritter auszuwählen. Mit dieser Legion getraue er sich – denn von des Sextus Digitius Heere lasse sich nicht viel erwarten – den Krieg zu übernehmen.» Allein die Bejahrteren im Senate erklärten ihm: «Auf bloße Sagen, die von Privatpersonen geradezu erdacht würden, um die Beamteten zu begünstigen, ließen sich keine Senatsschlüsse ausfertigen. Es dürfe nichts als gültig angenommen werden, wenn es nicht entweder die Prätoren aus ihren Provinzen schriftlich, oder von ihnen Abgeschickte mündlich berichteten. Eigne sich der 285 Krieg in Spanien zum Aufstande, so solle der Prätor durch ein Aufgebot außerhalb Italien Truppen zusammenbringen.» Die Absicht des Senats war die, durch ein Aufgebot Truppen in Spanien ausheben zu lassen. Valerius von Antium schreibt, Cajus Flaminius sei auf Werbung nicht allein nach Sicilien gesegelt, sondern da er auf seiner Fahrt von Sicilien nach Spanien durch Sturm nach Africa verschlagen sei, habe er von des Publius Africanus Heere dort hin und wieder zerstreute Soldaten in Eid genommen, und diese Aushebungen in zwei Provinzen noch in Spanien durch die dritte verstärkt. 3. Auch der eben so lebhafte Krieg in Italien gegen die Ligurier wurde wichtiger. Schon umlagerten Pisä vierzigtausend Menschen, weil auf den Ruf des Krieges und in Hoffnung auf Beute täglich Scharen herbeiströmten. Consul Minucius kam auf den Tag zu Arretium an, auf den zufolge seiner Bekanntmachung die Soldaten sich stellen mußten. Von hier führte er sie in Schlachtordnung nach Pisä, und da sich die Feinde mit ihrem Lager auf die andre Seite des Flusses, tausend Schritte von der Stadt, zurückzogen, so rückte der Consul in die unstreitig durch seine Ankunft gerettete Stadt. Am folgenden Tage lagerte er sich ebenfalls jenseit des Flusses, etwa fünfhundert Schritte vom Feinde; und von hier aus schützte er durch leichte Gefechte das Gebiet seiner Bundsgenossen vor Plünderungen. In Linie auszurücken wagte er nicht, weil seine Truppen neu, aus mehrern Arten von Menschen zusammengeworben und zum gegenseitigen Vertrauen auf einander sich noch zu unbekannt waren. Die Ligurier hingegen, die sich auf ihre Menge verließen, rückten in Linie aus, zu einer entscheidenden Schlacht bereit; bei ihrem Überflusse an Truppen sandten sie ganze Scharen auf Plünderung in die Gränzgegenden, und wenn sie Viehheerden und Beute in großer Menge zusammengetrieben hatten, so war schon eine Bedeckung in Bereitschaft, um sie in ihre festen Plätze und Flecken abzuführen. 4. Während der Ligurische Krieg sich auf die Gegend von Pisä beschränkte, führte der andre Consul 286 Lucius Cornelius Merula sein Heer durch die äußerste Ecke von Ligurien auf das Gebiet der Bojer, wo der Krieg eine ganz andre Gestalt annahm, als in Ligurien. Hier rückte der Consul in Linie aus und die Feinde weigerten sich der Schlacht. Die Römer, weil ihnen niemand entgegentrat, zerstreueten sich zum Beutemachen. Die Bojer wollten lieber ihr Eigenthum ungestraft plündern lassen, als zur Beschützung desselben auf ein Treffen eingehen. Als der Consul Alles mit Feuer und Schwert völlig verheert hatte, räumte er das feindliche Gebiet, und nahm, ohne seinen Zug zu decken – er war in Freundes Lande – seinen Weg auf Mutina. Kaum merkten die Bojer, daß der Feind ihr Gebiet verlassen habe, so zogen sie ihm in der Absicht, ihm einen Hinterhalt zu legen, in aller Stille nach; gingen in der Nacht über das Römische Lager hinaus und besetzten einen Waldpaß, durch den die Römer gehen mußten. Weil sie sich aber nicht verdeckt genug gehalten hatten, so wartete der Consul, der sonst erst in später Nacht aufzubrechen pflegte, diesmal den Anbruch des Tages ab, um den Kampf in einem ungeregelten Treffen nicht durch die Nacht noch gefährlicher zu machen; ja, ob er gleich bei Tage ausrückte, schickte er doch ein Geschwader Reuterei auf Umsicht aus. Als ihm die Stärke der Feinde und ihre Lage gemeldet war, ließ er das Gepäck des ganzen Zuges in die Mitte zusammenwerfen und vom letzten Treffen mit einem Pfahlwerke umschließen. Mit dem übrigen Heere rückte er schlagfertig gegen den Feind. Das thaten auch die Gallier; denn sie sahen ihren Hinterhalt entdeckt und sich zu einem förmlichen Treffen in Linie gezwungen, in welchem nur wirkliche Tapferkeit siegen könne. 5. Etwa gegen acht Uhr Morgens erfolgte der Angriff. Die linke Abtheilung der Bundsgenossen und die Auserlesenen fochten vorn in der Linie, befehligt von zwei consularischen Unterfeldherren, dem Marcus Marcellus und Tiberius Sempronius, dem vorigjährigen Consul. Der neue Consul war bald im Vordertreffen, bald wehrte er den Legionen seines Rückhaltes, aus Kampflust eher 287 hervorzubrechen, als das Zeichen gegeben war. Mit der Reuterei dieser Legionen mußten sich die beiden Obersten Minucius – Quintus und Publius – aus der Schlachtreihe in eine freie Stellung ziehen. Von dort aus sollten sie, wenn er das Zeichen gäbe, einen offenen Angriff thun. Noch war er bei dieser Bestellung, als Tiberius Sempronius Longus ihm sagen ließ: «Die Auserlesenen könnten dem Angriffe der Gallier nicht widerstehen und hätten schon größere Verlust gehabt: die noch Übrigen hätten theils aus Ermattung, theils aus Furcht im Eifer des Gefechts nachgelassen. Finde er es rathsam, so möge er die eine von den beiden Legionen ihm nachschicken, ehe sie ein Unglück erlebten.» Er schickte ihm die zweite Legion, und diese nahm die Auserlesenen zwischen ihre Glieder. Nun ging die Schlacht von neuem an. Da jetzt eine Legion frischer Truppen und in so vollen Gliedern eingerückt war, so konnte sich nun auch die linke Abtheilung der Bundsgenossen aus dem Gefechte ziehen, und die rechte trat als Vordertreffen auf. Brennend heiß stach die Sonne den mit der Hitze unverträglichen Galliern auf den Leib; doch hielten sie noch in geschlossenen Gliedern, bald einer auf den andern, bald auf ihre Schilde sich stützend, den Angriff der Römer aus. Als dies der Consul bemerkte, gab er, um sie aus dem Schlusse zubringen, dem Cajus Livius Salinator, dem Anführer der Bundesreuterei, Befehl, im stärksten Schnellaufe gegen sie anzusprengen; und der Reuterei der Legionen, im Rückhalte stehen zu bleiben. Dieser Sturmangriff der Reuterei brachte zuerst Unordnung und Verwirrung unter die Gallier, und trennte dann auch ihre Linie; doch wandten sie sich noch nicht ab zur Flucht. Dies wehrten ihnen ihre Anführer, die von hinten mit ihren Lanzen auf die Unschlüssigen losschlugen und sie ins Glied zurücktreiben wollten: dies aber ließ die dazwischen sprengende Bundesreuterei nicht geschehen. Da beschwur der Consul die Soldaten, «nur noch einen Augenblick sich anzustrengen. Der Sieg sei in ihren Händen. Jetzt müßten sie eindringen, so lange sie noch diese Unordnung und Verlegenheit vor sich 288 sähen. Ließen sie den Feind seine Glieder wieder aufstellen, so würden sie einen völlig erneueten und mißlichen Kampf zu bestehen haben.» Zugleich befahl er den Fahnenträgern, mit der Fahne vorzudringen. Alle in vereinter Kraft zwangen sie endlich die Feinde zur Flucht. Als sie schon den Rücken wandten und nach allen Seiten zur Flucht fortstürzten, da erst wurde zur Verfolgung die Reuterei der Legionen ihnen nachgeschickt. Vierzehntausend Bojer wurden an diesem Tage niedergehauen, tausend zweiundneunzig gefangen genommen, siebenhundert einundzwanzig Reuter und drei ihrer Feldherren. Zweihundert und zwölf Fahnen wurden erbeutet und dreiundsechzig Kriegswagen. Aber auch auf Seiten der Römer war der Sieg nicht ohne Blut. Über fünftausend Mann, Römer oder Bundesgenossen, waren gefallen, dreiundzwanzig Hauptleute, vier Obersten der Bundestruppen, und von der zweiten Legion die Obersten Marcus Genucius und Marcus Marcius . 6. Fast zugleich trafen die Briefe beider Consuln ein, der des Lucius Cornelius über die bei Mutina den Bojern gelieferte Schlacht, und des Quintus Minucius von Pisä, des Inhalts: «Das Los habe zwar ihm die Haltung der Wahlen bestimmt, allein er sehe in Ligurien Alles in einer so bedenklichen Lage, daß er, ohne Aufopferung der Bundsgenossen und ohne Nachtheil für den Stat sich nicht entfernen könne. Fänden es die Väter rathsam, so möchten sie seinen Amtsgenossen beschicken, damit dieser, der über das Mißliche des Krieges schon hinaus sei, zur Haltung der Wahlen nach Rom zurückkäme. Sollte dieser Anstand nehmen, weil ihm das Los dies Geschäft nicht angewiesen habe, so wolle er freilich dem Ermessen der Väter Folge leisten, bitte sie aber ernstlich zu erwägen, ob es nicht dem Besten des Ganzen angemessener sei, lieber eine Zwischenregierung eintreten zulassen, als ihn unter solchen Umständen von seinem Posten abzurufen.» Der Senat gab dem [Prätor] Cajus Scribonius den Auftrag, aus den Mitgliedern des Senats zwei Abgeordnete an den Consul Lucius Cornelius zu schicken, um ihm den 289 beim Senate eingegangenen Brief seines Amtsgenossen einhändigen und ihm zu sagen: «Wenn er nicht zur Wahl der neuen Obrigkeiten nach Rom käme, so werde der Senat, ehe er den Quintus Minucius mitten im Laufe des Krieges abrufen lasse, lieber seine Einwilligung zu einer Zwischenregierung geben.» Die Abgeschickten brachten die Antwort, Lucius Cornelius wolle zur Wahl der neuen Obrigkeiten nach Rom kommen. Über den Brief des Lucius Cornelius, den er gleich nach der Schlacht mit den Bojern geschrieben hatte, äußerten sich die Meinungen im Senate verschieden, weil der Unterfeldherr Marcus Claudius an mehrere Senatoren in Privatbriefen geschrieben hatte: «Man müsse es dem Glücke des Römischen Volks und der Tapferkeit der Soldaten Dank wissen, wenn Alles so gut abgelaufen sei. Auf des Consuls Rechnung komme Einmal, daß er den bedeutenden Verlust an Leuten gehabt, zum Andern, daß er die Feinde habe entkommen lassen, da es in seiner Macht gestanden habe, sie aufzureiben. Der Soldaten seien deswegen mehrere gefallen, weil die im Rückhalte, die den Nothleidenden hätten zu Hülfe kommen sollen, zu spät angerückt wären. Die Feinde habe man aus den Händen gelassen, weil die Reuterei der Legionen das Zeichen zu spät bekommen und die Fliehenden nicht habe verfolgen dürfen.» 7. Die Väter beschlossen, in dieser Sache nicht geradezu zu entscheiden: die Berathschlagung darüber wurde bis zu einer zahlreicheren Senatsversammlung ausgesetzt. Sie sahen sich nämlich von einer andern Sorge bedrängt, insofern ihre Bürger dem Wucher erlagen, und die Habsucht alle sie beschränkenden Wuchergesetze listig genug dadurch umging, daß die Ausleiher den Schuldbrief an einen Bundsgenossen ausstellen ließen: denn auf diese erstreckten sich jene Gesetze nicht. So richteten sie durch Zinsen nach eigner Bestimmung die Anleiher zu Grunde. Da die Väter auf ein Mittel dachten, diesem Übel zu steuern, so beschlossen sie, das zuletzt eingefallene Fest aller Seelen als festgesetzten Tag anzunehmen, so daß 290 jeder Bundsgenoß, der nach diesem Tage einem Römischen Bürger Geld geliehen habe, es angeben und der Gläubiger über jede seit jenem Tage ausgeliehene Summe sich den Rechtsspruch gefallen lassen müsse, je nachdem der Anleiher nach den einen oder den andern Gesetzen gerichtet sein wolle. Da nun aus den Angaben die Größe der aus diesem Betruge erwachsenen Schuldenmasse hervorging, so trug mit Genehmigung der Väter der Bürgertribun Marcus Sempronius bei dem Bürgerstande darauf an, und der Bürgerstand machte es zum Gesetze, daß gegen Bundsgenossen und Latiner in Schuldsachen dasselbe Recht gelten sollte, das gegen Römische Bürger galt. So viel von den Stats- und Kriegsangelegenheiten in Italien . In Spanien war der Krieg bei weitem nicht so groß, als ihn das Gerücht gemacht hatte. Cajus Flaminius eroberte im diesseitigen Spanien die Stadt Illucia im Oretanischen; dann führte er die Truppen in die Winterquartiere. Auch während des Winters fielen mehrere Gefechte vor, welche keine Erwähnung verdienen, mehr gegen Streifzüge von Räubern als von Feinden, doch mit ungleichem Erfolge und nicht ohne Verlust an Leuten. Marcus Fulvius that mehr. Bei der Stadt Toledum lieferte er den Vaccäern, Vectonen und Celtiberern eine wirkliche Schlacht, warf das Heer dieser Völker, trieb es in die Flucht und nahm den König Hilermus gefangen. 8. Noch waren dies die Beschäftigungen in Spanien, als der Tag der Wahlen schon heranrückte. Also ließ der Consul Lucius Cornelius den Unterfeldherrn Marcus Claudius beim Heere zurück und kam nach Rom. Nachdem er im Senate seine Verrichtungen und den Zustand der Provinz aus einander gesetzt hatte, machte er den versammelten Vätern einen Vorwurf daraus, daß man für die durch einen einzigen Sieg bewirkte glückliche Beendigung eines so wichtigen Krieges den unsterblichen Göttern den Ehrendank nicht dargebracht habe. Dann verlangte er von ihnen die Bewilligung eines Dankfestes und zugleich des Triumphs., Ehe es aber hierüber zum Antrage kam, sagte Quintus Metellus, der schon Consul und Dictator gewesen 291 war: «Es seien zu gleicher Zeit Briefe vom Consul Lucius Cornelius an den Senat, und von dem Marcus Marcellus an einen großen Theil der Senatoren eingelaufen, die einander widersprächen; und darum habe man die Berathschlagung verschoben, um die Sache in Gegenwart der Verfasser jener Briefe auszumachen. Er für seine Person habe erwartet, der Consul, dem es doch bekannt sei, daß sein Unterfeldherr ungünstig von ihm geschrieben habe, werde diesen, da er selbst habe kommen müssen, nach Rom mitnehmen; da es ohnehin schicklicher gewesen sei, dem mit dem Oberbefehle bekleideten Tiberius Sempronius das Heer zu übergeben, als einem Unterfeldherrn. Jetzt scheine es so, als sei dieser mit Fleiß entfernt gehalten, damit er das, was er geschrieben habe, nicht mündlich aussagen, und diceret, aut argueret coram, et si quid]. – Ich folge in der Übersetzung Creviers Lesart: qui ea quae scripsisset praesens dicer et, et aut argueret coram, aut, si quid vani afferret, argui posset. Drakenb. selbst begünstigt sie, durch die aus dem Cod. Gaert. angeführte Lesart cor au t si quid vani afferret. entweder dem Consul ins Gesicht behaupten, oder, falls er Unwahrheiten vorbringe, überführt werden könne; so daß die Wahrheit hätte aufs Klare gebracht werden müssen. Er also gebe seine Stimme dahin, daß dem Consul für jetzt keine seiner Forderungen zu bewilligen sei.» Da dieser nun dessenungeachtet darauf antragen wollte, daß ein Dankfest verordnet und ihm gestattet würde, triumphirend in die Stadt einzuziehen, so erklärten die Bürgertribunen, beide Titinier – Marcus und Cajus – wenn es hierüber zum Senatsschlusse kommen sollte, so würden sie dagegen Einsage thun. 9. Censoren waren die im vorigen Jahre gewählten Sextus Älius Pätus und Cajus Cornelius Cethegus. Cornelius schloß die Schatzung. Geschatzt wurden hundert dreiundvierzig tausend siebenhundert und vier Bürger. In diesem Jahre war das Wasser groß und die Tiber überschwemmte die flachen Gegenden der Stadt; ja in der Gegend des Flußthores stürzten einige Gebäude ein. 292 Ferner schlug der Blitz in das Cälimontanische Thor, und die Mauer umher wurde an mehreren Stellen getroffen. Zu Aricia, zu Lanuvium und auf dem Aventinus regnete es Steine; und von Capua wurde gemeldet, es sei ein großer Wespenschwarm auf den Markt geflogen und habe sich auf dem Tempel des Mars niedergelassen: man habe sie alle sorgfältig gesammelt und verbrannt. Dieser Schreckzeichen wegen mußten sich die Zehnherren an die heiligen Bücher wenden; man beging die neuntägige Opferfeier, ordnete einen Bettag an und entsündigte die Stadt. In diesen Tagen weihete auch Marcus Porcius Cato neben dem Tempel der Siegesgöttinn der jungfräulichen Siegesgöttinn einen kleinern Tempel, den er ihr vor zwei Jahren gelobet hatte. In diesem Jahre wurden auch Latinische Pflanzbürger auf das Thurinische Gebiet von den Dreiherren Cneus Manlius Vulso, Lucius Apustius Fullo und dem Quintus Älius Tubero ausgeführt, der diese Ausführung in Vorschlag gebracht hatte. Dreitausend Mann zu Fuß gingen hin und dreihundert Reuter; für den Überfluß an Land eine sehr kleine Zahl. Es konnten ihnen, jedem zu Fuß dreißig Morgen, und jedem Reuter sechzig Morgen gegeben werden. Aber auf des Apustius Vorschlag wurde der dritte Theil des Ackers zurückbehalten, um für diesen, falls man in Zukunft wollte, eine Sendung neuer Pflanzer einzeichnen zu können. So bekam der Mann zu Fuß zwanzig Morgen, der Reuter vierzig. 10. Schon war das Jahr im Ablaufe, und die Bewerbungen am consularischen Wahltage wurden hitziger betrieben, als je. Es rangen nach der Ehre viele und geltende Männer vom Adel und vom Bürgerstande. Der aus der Provinz Spanien nach großen Thaten erst neulich abgegangene Publius Cornelius Scipio, des Cneus Sohn; ferner Lucius Quinctius Flamininus, der in Griechenland die Flotte befehligt hatte, und Cneus Manlius Vulso waren die Adlichen; die Bürgerlichen Cajus Lälius, Cneus Domitius, Cajus Livius Salinator, Manius Acilius. Doch aller Augen waren auf den Quinctius und Cornelius gerichtet. Denn für beide als Bewerber vom Adel war 293 doch nur der Eine Platz offen; und ihr noch neuer Thatenruhm empfahl sie beide. Vorzüglich aber veranlaßten eine lebhaftere Theilnahme für den Streit dieser Bewerber ihre Brüder, die beiden berühmtesten Feldherren ihres Zeitalters. Auf Scipio's Seite stand der größere Ruhm; doch auch je größer, desto näher dem Neide; auf Quinctius Seite der frischere Ruhm; hatte er doch in diesem Jahre triumphirt. Dazu kam noch, daß Jener fast schon ins zehnte Jahr den Bürgern beständig vor Augen gelebt hatte, und gerade dies, wodurch uns die großen Männer etwas Altes werden, macht sie weniger ehrwürdig. Nach Hannibals Besiegung war ihm das zweite Consulat zu Theile geworden, auch die Censur. Beim Quinctius hingegen hatte Alles, was ihn begünstigte, Neuheit und frisches Leben. Nach seinem Triumphe hatte er bei dem Volke um nichts nachgesucht, nichts von ihm erhalten. «Er bitte, sagte er, für einen leiblichen Bruder, nicht für seines Vaters Brudersohn; für seinen Unterfeldherrn und Theilnehmer an der Führung des Krieges: den Oberbefehl zu Lande habe er, zur See sein Bruder gehabt.» Dadurch wirkte er ihm den Vorzug vor einem Mitwerber aus, den ein Africanus als Vaters Brudersohn, den das Geschlecht der Cornelier, gerade da ein Cornelier als Consul bei der Wahl den Vorsitz hatte, den eine ehrenvolle frühere Erklärung des Senats empfahl, vermöge welcher er für den rechtschaffensten Mann im State anerkannt wurde, der die Idäische Mutter bei ihrer Ankunft von Pessinus zur Stadt in Empfang nehmen durfte. Lucius Quinctius und Cneus Domitius Ahenobarbus wurden Consuln. So drang Africanus, der sich für den Cajus Lälius verwandte, auch nicht einmal mit dem bürgerlichen Consul durch. Tags darauf wurden zu Prätoren gewählt Lucius Scribonius Libo, Marcus Fulvius Centumalus, Aulus Atilius Serranus, Marcus Bäbius Tamphilus, Lucius Valerius Tappo, Quintus Salonius Sarra. Marcus Ämilius Lepidus und Lucius Ämilius Paullus zeichneten sich in ihrem diesjährigen Ädilenamte aus. Sie verurtheilten viele Triftenpächter, und stellten von den Strafgeldern 294 vergoldete Schilde auf den Giebel des Jupiterstempels. Vor dem Drillingsthore legten sie einen Säulengang an, mit einem daranstoßenden Warenlager an der Tiber; einen zweiten vom Brunnenthore bis an den Altar des Mars, als Weg nach dem Marsfelde . 11. In Ligurien war lange nichts Merkwürdiges vorgefallen. Aber am Ende des Jahrs sah es hier zweimal sehr gefährlich aus. Die Feinde unternahmen einen Sturm auf des Consuls Lager, und es wurde nur mit Mühe behauptet. Und nicht lange nachher, als der Zug der Römer durch einen engen Gebirgspaß ging, besetzte das Heer der Ligurier die Mündung. Als hier der Ausgang gesperrt war, ließ der Consul sogleich den Zug sich wenden und zurückgehen; aber auch die Mündung des Passes hinter ihm war mit einer Abtheilung feindlicher Truppen besetzt; und nun hatten die Römer das Unglück bei Caudium nicht bloß in der Erinnerung, sondern beinahe als Anblick vor sich. Doch der Consul hatte beinahe achthundert Numidische Reuter unter seinen Hülfstruppen. Ihr Oberster versprach ihm, «auf einer von beiden Seiten, auf welcher er es verlange, sich mit seinen Leuten durchzuschlagen. Nur möge er ihm sagen, wo hinaus die meisten Dörfer lägen; in diese wolle er einfallen, und sein Erstes sein lassen, die Häuser in Flammen zu setzen; damit der Schrecken von dorther die Ligurier zwänge, den gesperrten Paß zu räumen und sich schnell zur Rettung des Ihrigen zu vertheilen.» Unter Lobsprüchen überhäufte ihn der Consul mit Zusagen auf Belohnung. Die Numider saßen auf und ritten, ohne angreifend zu werden, vor den feindlichen Posten auf und ab. Ihr erster Anblick weckte tiefe Verachtung. Pferde und Menschen klein und schmächtig; der Reiter schlotterig in Kleidung und ohne Waffen, außer daß er einige Wurfspieße bei sich führt; die Pferde ohne Zügel; selbst ihr Lauf häßlich, denn sie rennen mit straffem Halse und vorgestrecktem Kopfe. In der Absicht, sich noch verächtlicher zu machen, fielen die Numider zuweilen vom Pferde und gaben sich dem Spotte zum Schauspiele her. 295 Also sahen die, die anfangs, auf den Fall eines Angriffs gespannt und in Bereitschaft, auf ihren Posten gestanden hatten, jetzt schon größtentheils unbewaffnet und sitzend ihnen zu. Die Numider ritten heran, flohen wieder, ließen aber ihre Pferde allmälig in die Nähe des Schlupfweges vorsprengen, als ob diese wider den Willen ihrer ungeschickten Lenker mit ihnen durchgingen. Zuletzt gaben sie ihnen die Spornen, brachen mitten durch die feindlichen Posten, und sobald sie ins Freie hinausgejagt waren, zündeten sie alle Gebäude in der Nähe ihres Weges an. Dann steckten sie das nächste Dorf in Brand und verheerten Alles mit Feuer und Schwert. Zuerst erblickte man im Lager den Rauch, hörte bald das Geschrei der Nothleidenden in den Dörfern, endlich setzten die herüberflüchtenden Greise und Kinder das ganze Lager in Aufruhr. Ohne Plan, ohne Befehl, lief Jeder für sich hin, sein Eigenthum zu schützen. Im Umsehen stand das Lager leer, und der Consul, aus der Einschließung gerettet, erreichte das Ziel seines Marsches. 12. Doch weder Sed neque Boii]. – Livius setzt den Völkern, mit welchen Rom in diesem Jahre offenbaren Krieg führte, die Ätoler, mit denen es nicht kriegete, entgegen und sagt von den letzteren, sie hätten sich gegen Rom feindseliger benommen, als jene. Da er nun im vorigen Cap. den Krieg gegen die Ligurier so wenig zu den unerheblichen gerechnet hatte, daß er vielmehr sagte: bis in magnum periculum res adducta est, und nachher: Caudinae cladis memoria – – oculis obversabatur, wie kann er in der Aufzählung der Völker, mit denen Rom damals Krieg führte, die Ligurier ungenannt lassen? Es mußte ja heißen: «Doch weder die Ligurier, noch die Bojer, noch die Spanier, mit welchen etc. Ich vermuthe, er habe geschrieben: Sed neque Ligures, neque Boii, neque Hispani, cum quibus etc. Über die vielen neque ließen die Abschreiber die beiden auf Sed neque folgenden Worte: Ligures, neque, ausfallen, und lasen gleich weiter Boii, neque Hispani. die Bojer, noch die Spanier, mit welchen Rom in diesem Jahre Krieg geführt hatte, waren gegen die Römer so feindselig und aufwiegelnd, als die Ätoler. Nach Abführung der Heere aus Griechenland hatten sie sich anfangs Hoffnung gemacht, Antiochus werde zu der ihm offen gelassenen Besitznehmung nach Europa herüberkommen, und eben so wenig Philipp oder Nabis still sitzen. Da sie aber nirgends Bewegungen entstehen sahen, so beriefen sie in der Überzeugung, daß sie 296 selbst sich regen und etwas einrühren müßten, wenn ihre Entwürfe nicht durch Zögern unwirksam werden sollten, eine Versammlung nach Naupactus. Hier gab ihr Prätor Thoas nach vielen Klagen über die Ungerechtigkeiten der Römer und über die Lage der Ätoler, die unter allen Volksstämmen und Staten Griechenlands den schlechtesten Lohn von einem Siege ernteten, den sie selbst begründet hätten, seine Stimme dahin ab, man müsse an die Höfe der Könige Gesandte schicken, die nicht bloß die Gesinnungen aushören, sondern auch zur Anregung eines Römerkrieges auf jeden die rechten Reizmittel anwenden müßten. An den Nabis wurde Damocritus, Nicander an Philipp, und des Prätors Bruder Dicäarchus an den Antiochus geschickt. Dem Zwingherrn von Lacedämon gab Damocritus etwa dies zu hören: «Mit den Seestädten habe man ihm die Nerven seiner Alleinherrschaft genommen: aus ihnen habe er seine Truppen gehabt, aus ihnen seine Schiffe und Seeleute. Jetzt beinahe auf seine Mauern beschränkt, müsse er zusehen, wie die Achäer im Peloponnes die Herrscher spielten. Nie werde er Gelegenheit haben, wieder zum Besitze des Seinigen zu kommen, wenn er sie, so wie sie jetzt sei, vorbeilasse. Jetzt hätten die Römer kein Heer in Griechenland, und um Gythiums oder andrer Lacedämonischen Seeplätze willen abermals ihre Legionen nach Griechenland herüberzuschicken, würden sie nicht der Mühe werth halten,» Dies war die Sprache, die den Zwingherrn erbittern sollte, damit er sich, wenn Antiochus nach Griechenland überginge, im Bewußtsein, die Freundschaft der Römer durch Beleidigung ihrer Verbündeten gekränkt zu haben, dem Antiochus anschließen müßte. In ähnlichen Vorträgen setzte Nicander dem Philipp zu; und hier fanden die Darstellungen noch reicheren Stoff, da der König von einem weit höheren Gipfel hatte herabsteigen müssen, als der Zwingherr, und weit größere Einbuße gehabt hatte. Noch mehr; Nicander ließ sich auf den alten Ruhm der Macedonischen Könige ein, auf die Siege, unter welchen einst die Nation den Erdkreis 297 durchzogen habe; ferner auf die Sicherheit des ihm mitgetheilten Entwurfs, Philipp möge nun auf den Anfang, oder auf den Erfolg sehen. «Denn er fordere ihn ja nicht auf, sich eher zu regen, als bis Antiochus mit einem Heere nach Griechenland übergegangen sei: und wo die Römer die Macht hernehmen wollten, ihm zu widerstehen, da er ohne den Antiochus den Krieg gegen Römer und Ätoler so lange ausgehalten habe, wenn er nun mit Antiochus vereinigt die Ätoler zu Bundsgenossen haben werde, die ihm den Krieg schwerer gemacht hätten, als die Römer.» Hannibal, als Anführer, blieb nicht unerwähnt, er, der zum Feinde der Römer geboren, ihnen mehr Feldherren und Krieger erschlagen habe, als sie jetzt aufstellen könnten. Andre Eingänge machte bei dem Antiochus Dicäarch, und gleich zuerst diesen: « Geplündert hätten den Philipp freilich die Römer, besiegt aber die Ätoler; ohne die Ätoler hätten die Römer Griechenland gar nicht betreten können und auch zum Siege hätten ihnen jene die Kräfte geliehen.» Dann, wie viele Truppen zu Fuß und zu Pferde die Ätoler dem Antiochus zu diesem Kriege überlassen würden, welche Plätze für sein Heer zu Lande, welche Hafen für seine Seemacht. Endlich benutzte er auch die Freiheit, hier vom Philipp und Nabis lügen zu können: sie seien beide zur Wiedereröffnung des Krieges bereit, und würden die erste die beste Gelegenheit ergreifen, sich das wieder zu verschaffen, was sie durch den Krieg verloren hätten. So schürten die Ätoler in allen Weltgegenden zugleich einen Krieg gegen die Römer an. Indeß die beiden Könige ließen sich entweder gar nicht, oder doch erst später in Bewegung setzen. 13. Nur Nabis schickte sofort in alle Seeplätze herum, um hier Empörungen zu stiften: von ihren Häuptern brachte er einige durch Geschenke auf seine Seite, andre, die mit Festigkeit bei dem Römischen Bündnisse beharreten, ließ er morden. Die Sorge für den Schutz der sämtlichen Lacedämonischen Küstenbewohner hatte Titus Quinctius den Achäern aufgetragen. Diese schickten also 298 sogleich an den Zwingherrn Gesandte, die ihn an das Bündniß mit Rom erinnern und ihm andeuten mußten, den Frieden, den er so sehnlich gesucht habe, nicht zu stören; zugleich auch nach Gythium, welches schon von dem Z wingherrn belagert wurde, Hülfstruppen, und mit der Anzeige von dem Allen Gesandte nach Rom . König Antiochus, der in diesem Winter zu Raphia in Phönicien eine Tochter an den König Ägyptens, Ptolemäus, vermählt hatte, ging, nach seiner Zurückkunft nach Antiochien, durch Cilicien und kam, über das Gebirge Taurus, schon am Ende des Winters in Ephesus an: von da brach er mit Frühlingsanfang, nachdem er, um sich auch im Rücken während seiner Abwesenheit vor Unruhen zu sichern, seinen Sohn Antiochus zur Hut der entlegenern Provinzen seines Reichs nach Syrien geschickt hatte, mit seiner ganzen Landmacht zu einem Angriffe gegen die Pisiden auf, die Nachbarn von Sida. Um diese Zeit kamen die Römischen Gesandten Publius Sulpicius und Publius Villius, die, wie oben gesagt ist, zum Antiochus gehen, vorher aber bei dem Eumenes einsprechen sollten, nach Eläa, und gingen von da hinauf nach Pergamus, dem Königssitze des Eumenes. Eumenes hatte zum Kriege gegen Antiochus große Lust, weil er, wenn Friede bliebe, in einem so viel mächtigeren Könige einen furchtbaren Nachbar sah; käme es aber zum Kriege, so würde jener, seiner Meinung nach, den Römern eben so wenig gewachsen sein, als es Philipp gewesen sei, und entweder gänzlich zu Grunde gerichtet werden, oder falls auch dem Besiegten ein Friede zugestanden würde, doch manches Jenem Abgenommene ihm zufallen; so daß er dann auch ohne allen Römischen Schutz sich seiner leicht erwehren könne. Sollte es auch nicht so glücklich ausfallen, so werde es doch für ihn besser sein, in Verbindung mit den Römern sich jedem Schicksale zu unterwerfen, als so allein sich entweder des Antiochus Oberherrschaft gefallen zu lassen, oder im Weigerungsfalle mit Gewalt der Waffen dazu gezwungen zu werden. Aus diesen Gründen stimmte er die Römer, so viel er durch 299 sein Gewicht und durch seine Rathgebungen auf sie wirken konnte, für den Krieg. 14. Sulpicius, von einer Krankheit befallen, blieb zu Pergamus. Villius, der auf die Nachricht, der König sei mit einem Kriege gegen Pisidien beschäftigt, nach Ephesus abging, suchte in den wenigen Tagen seines dortigen Aufenthalts mit dem Hannibal, der sich eben hier befand, öfters zusammenzukommen, um wo möglich seine Gesinnungen zu erspähen, zugleich auch ihm die Besorgniß zu benehmen, daß er sich von den Römern irgend einer Gefahr zu versehen habe. Durch diese Unterredungen wurde freilich weiter nichts ausgerichtet, das aber folgte daraus von selbst, gleich als wäre es absichtlich darauf angelegt gewesen, daß eben darum Hannibal dem Könige weniger werth und in Allem verdächtig wurde. Claudius, der der Griechischen Urschrift des Acilius folgt, erzählt, in dieser Gesandschaft sei Publius Africanus gewesen und er habe zu Ephesus den Hannibal gesprochen. Auch führt er eins der Gespräche an, in welchem Hannibal dem Africanus auf die Frage: Wen er für den größten Feldherrn halte, geantwortet haben soll: Den Macedonischen König Alexander; denn der habe mit einer kleinen Schar unzählbare Heere geschlagen, und Länder durchzogen, welche nur zu sehen andre Menschen nicht hoffen dürften. Auf die Frage: Wem er den zweiten Platz gebe, habe er geantwortet: Dem Pyrrhus. Er habe zuerst gelehrt, sich kunstmäßig zu lagern: außerdem habe niemand so geschickt Lagerplätze gewählt und Posten ausgestellt: auch habe er die Kunst, die Menschen zu gewinnen in so hohem Grade verstanden, daß die Völker Italiens ihm, einem ausländischen Könige, die Oberherrschaft lieber gegönnt hätten, als der Römischen Nation, die schon so lange in Italien obenan gestanden habe. Als er weiter fragte: Wen er für den Dritten halte, soll Hannibal ganz unbefangen sich selbst genannt haben. Da habe Scipio, der sich des Lachens nicht habe enthalten können, hinzugesetzt: Was würdest du denn sagen, wenn du mich besiegt hättest? Ja dann, versetzte Hannibal, 300 würde ich sagen, ich sei über Alexander, über Pyrrhus und über alle andern Feldherren hinaus. Diese mit Punischer Schalkheit verwebte Antwort soll nicht ohne Wirkung auf Scipio geblieben sein, so wenig, als die unerwartete Art der Schmeichelei, mit der ihn Hannibal, gleichsam als den Unbestimmbaren, von der Menge der Feldherren ausgesondert hatte. 15. Villius reisete von Ephesus weiter nach Apamea. Hier kam Antiochus auf die Nachricht von der Ankunft Römischer Gesandten dazu. Auf ihren Zusammenkünften zu Apamea hatte der Wortwechsel fast denselben Inhalt, den jener zu Rom zwischen dem Quinctius und des Königs Gesandten gehabt hatte. Die Nachricht von dem Tode des Prinzen Antiochus, dessen Sendung nach Syrien ich kurz vorher erwähnt habe, hob die Unterredungen auf. Im Pallaste herrschte große Trauer und der Verlust des Jünglings wurde allgemein beklagt. Er hatte schon solche Proben von sich gezeigt, daß man sicher annehmen konnte, seine Anlagen würden, wenn er länger gelebt hätte, einen großen und gerechten König gegeben haben. Je größer sein Werth und seine Liebe bei Allen war, um so mehr erregte sein Tod den Verdacht, der Vater, der für seine späteren Jahre in ihm einen lästigen Thronfolger heranreifen sah, habe ihn durch Verschnittene, wie sie gewöhnlich wegen ihrer Dienstleistung in Ausrichtungen dieser Art die Lieblinge der Könige sind, vergiften lassen. Als zweite Veranlassung der geheimen Unthat gab man auch diese an: Der Vater, da er dem Seleucus Lysimachien zum Wohnsitze angewiesen hatte, habe für den Antiochus, um auch ihn mit Ehren von sich zu entfernen, keinen ähnlichen Hofsitz anzuweisen gewußt, Indessen herrschte dem Scheine nach mehrere Tage lang am königlichen Hofe tiefe Trauer, und der Römische Gesandte, um nicht zur Unzeit als der Unwillkommene zu erscheinen, begab sich nach Pergamus. Der König, der den angefangenen Krieg liegen ließ, ging nach Ephesus zurück. Hier pflog er, so lange der Trauer wegen niemand bei Hofe vorgelassen wurde, mit einem 301 gewissen Minio, dem vornehmsten seiner Günstlinge, geheime Berathschlagungen. Minio, unbekannt mit Allem, was Ausland hieß, und seines Königs Macht nur nach dessen Thaten in Syrien oder Asien beurtheilend, glaubte nicht allein, daß Antiochus die gerechte Sache für sich habe, weil die Römischen Forderungen lauter Unbilligkeiten wären, sondern auch, daß er im Kriege die Oberhand behalten werde. Da der König einer Auseinandersetzung mit den Gesandten auswich, entweder weil er schon erfahren hatte, wie wenig er dadurch gewann, oder weil er noch bei seinem neuen Kummer außer Fassung war, so beredete ihn Minio, mit dem Erbieten, zu sagen, was sich für seine Sache sagen lasse, daß er die Gesandten von Pergamus zu sich laden ließ. 16. Sulpicius war schon genesen: also kamen sie beide nach Ephesus. Der König ließ sich durch Minio entschuldigen und die Verhandlung ging ohne dessen Beisein vor sich. Hier sagte Minio, der sich zu seiner Rede vorbereitet hatte: «Ich sehe, ihr Römer gebt die Befreiung der Griechischen Staten als euren glänzenden Vorwand an: allein eure Thaten stimmen nicht zu diesem Tone; und ihr schreibt dem Antiochus ein andres Recht vor, als ihr selbst ausübt. Denn in wiefern sind die Bürger von Smyrna und Lampsacus in eigentlicherem Sinne Griechen, als die von Neapolis, von Rhegium und Tarent, von denen ihr Abgaben, von denen ihr Schiffe vertragsmäßig eintreibt? Warum schickt ihr nach Syracus und in die andern Griechischen Städte Siciliens jährlich euren Prätor mit dem Rechte, über Leben und Tod zu gebieten? Ihr könnt sicher keinen andern Grund angeben, als daß ihr ihnen, nach eurem Waffensiege über sie, diese Gesetze auferlegt habt. So laßt euch denn auch vom Antiochus in Hinsicht auf Smyrna, Lampsacus und die übrigen Städte Ioniens und Äoliens dieselbe Angabe gefallen. Diese Städte, die von seinen Vorfahren besiegt, ihnen zinsbar und steuerpflichtig wurden, fordert er unter seine alte Gerichtsbarkeit zurück. Ich wünschte also, daß ihm dies beantwortet würde, wenn 302 wir nämlich unsre Auseinandersetzung auf Billigkeit beruhen lassen, und nicht zum Kriege nur ein Vorwand gesucht wird.» Hierauf antwortete Sulpicius: «Es ist Artigkeit von Antiochus, wenn sich nichts Besseres für seine Sache sagen ließ, dies lieber durch jeden Andern sagen zu lassen, als es selbst zu sagen. Denn was haben die von dir zusammengestellten Staten in ihrem Verhältnisse für Ähnlichkeit? Von den Rheginern, von den Neapolitanern, von den Tarentinern, lassen wir bei gleichem, fortwährenden, immer ausgeübten, nie nachgelassenen Bestande unsers Rechts, uns das entrichten, was sie vertragsmäßig schuldig sind. Kannst du, ich bitte dich! ebenfalls behaupten: so wie jene Völker nie, weder selbst, noch durch sonst irgend jemand, unsre Verträge gestört haben, eben so hätten die Städte Asiens, nachdem sie einmal den Vorfahren des Antiochus unterwürfig geworden waren, als bleibendes Eigenthum zu eurem Reiche gehört? hätten nie – die Einen unter Philipp, die Andern unter Ptolemäus gestanden? und wieder Andre viele Jahre lang die Freiheit behauptet, ohne daß sie ihnen jemand streitig machte? Denn wenn der Vorwand, daß sie im Drange ungünstiger Zeitumstände einmal dienstbar gewesen sind, noch nach so vielen Menschenaltern jemand berechtigen soll, sie wieder dienstbar zu machen; – – bedarf es denn noch eines Mehrern, unsre Befreiung Griechenlands von Philipp zur ungeschehenen Arbeit zu machen, und Philipps Nachkommen, Corinth, Chalcis, Demetrias und ganz Thessalien wieder hinnehmen zu lassen? Doch wozu führe ich die Sache der Städte, da es sich für uns, ja selbst für den König, besser schickt, sie uns von ihnen als eignen Sachführern vorlegen zu lassen?» 17. Nun ließ er die Gesandschaften der Städte hereinrufen, welche Eumenes schon vorbereitet und abgerichtet hatte, weil er sich von Allem, was der Macht des Antiochus abgehen würde, einen Zuwachs für sein Reich versprach. Da aber von den vielen Vorgelassenen jeder 303 bald seine Klagen, bald seine Forderungen einfließen ließ, und die billigen und unbilligen im Gemische aufstellte, so machten sie die Verhandlung zum Gezänke. Ohne etwas nachgegeben oder erlangt zu haben, gingen die Gesandten, gerade wie sie gekommen waren, in völliger Ungewißheit wieder nach Rom zurück. Nach ihrer Entlassung berief der König über den Krieg mit Rom seine Räthe. Hier in Keckheit mit einander wetteifernd – denn Jeder hoffte, je bitterer er sich gegen die Römer ausließe, sich so viel gefälliger zu machen – schalt der Eine auf den Übermuth der Römer in ihren Forderungen, «mit dem sie nicht anders, als ihrem besiegten Nabis, auch einem Antiochus, dem größten unter Asiens Königen, Gesetze aufbürden wollten. Gleichwohl hätten sie doch dem Nabis die Zwingherrschaft über seine Vaterstadt, und zwar in dieser Vaterstadt über ein Lacedämon! zugestanden: und wenn nur ein Smyrna, ein Lampsacus die Befehle eines Antiochus befolgten, so hielten sie dies für empörend Ibi alius alio ferocius (– –) alius – – indignum videri; alii]. – Ich folge dieser Drakenborchischen, von Hrn.  Walch (Emend. Liv. p. 214.) noch verbesserten Interpunction. :» Andre sagten: «Für einen so großen König würden diese Städte «eine zu kleinliche, kaum nennenswerthe Veranlassung zum Kriege sein: allein bei ungerechten Zumuthungen mache man immer mit Kleinigkeiten Semper a parvis]. – Ich behalte diese Lesart bei, weil sie der Zusammenhang zu fordern scheint, und weil meiner Meinung nach, wenn die Wege der Kritik für die beiden Lesarten a parvis und per ius im Gleichgewichte stände, das a in der Lesart apius für a parvis das Übergewicht giebt. den Anfang; man müßte denn glauben, es sei den Persern, als sie von den Lacedämoniern Wasser und Erde forderten, um eine Erdscholle und einen Trunk Wassers zu thun gewesen. Mit einem ähnlichen Versuche ließen sich die Römer über zwei Städte ein. Auch andre Städte würden, sobald sie sähen, daß jene beiden das Joch abgestreift hätten, auf die Seite der Freiheit bringenden Nation übertreten. Hätte die Freiheit nicht schon ihre Vorzüge vor der 304 Dienstbarkeit, so finde doch jedermann in der Aussicht auf eine neue Verfassung mehr Reiz, als in der jedesmaligen Lage seiner gegenwärtigen Umstände.» 18. Bei dieser Berathschlagung war Alexander aus Acarnanien zugegen, ehedem ein Vertrauter Philipps, der aber diesen, von der größeren Hofhaltung des Antiochus angezogen, neulich verlassen hatte, und dem der König, als dem Manne, der Griechenland kenne und mit den Römern nicht unbekannt sei, einen so hohen Grad des Wohlwollens angedeihen ließ, daß er auch den geheimen Berathschlagungen beiwohnen durfte. Gerade so, als wäre hier nicht die Frage, ob man Krieg führen müsse oder nicht, sondern wo und wie man ihn zu führen habe, versicherte dieser: «Er sehe den gewissen Sieg schon vor Augen, sobald der König nach Europa überginge und in irgend einem Theile von Griechenland dem Kriege seinen Standpunkt gäbe. Vor allen Andern werde er die Ätoler im Herzen von Griechenland schon unter den Waffen finden, bereit, immer in den gefährlichsten Auftritten des Krieges voranzugehen. Gleichsam auf den beiden Flügeln von Griechenland werde – vom Peloponnes aus – Nabis Alles aufbieten, die Stadt Argi wieder zu gewinnen, seine Seestädte wieder zu gewinnen, nach deren Abnahme ihn die Römer auf Lacedämons Mauern beschränkt hatten; und von Macedonien aus werde Philipp auf den ersten Schlachtruf der Feldposaune zu den Waffen greifen. Er kenne den Hochsinn, kenne die Denkungsart des Mannes; wisse, daß ihm, so wie bei wilden Thieren, die man im Zwinger oder in Ketten halte, ein fürchterlicher Grimm schon lange im Busen koche; ja er erinnere sich, wie oft Philipp während des Krieges die Bitte an alle Götter gethan habe, ihm doch den Antiochus zum Mitstreiter zu geben. Würde ihm jetzt dieser Wunsch gewähret, so werde er sich keinen Augenblick bedenken, den Krieg wieder anzufangen. Nur müsse man nicht unschlüssig, nicht unthätig sein. «Denn darauf beruhe der Sieg, daß man sich der dienlichen Plätze und der beitretenden Völker zuvorkommend 305 versichere. Auch müsse man ungesäumt den Hannibal nach Africa gehen lassen, um die Römer auf mehreren Seiten zu beschäftigen.» 19. Hannibal, der nicht zu dieser Sitzung gezogen wurde, weil er durch seine Unterredungen mit Villius dem Könige verdächtig geworden und seitdem keiner Ehre gewürdigt war, trug diese Zurücksetzung anfangs in aller Stille: da er es aber weiterhin für besser hielt, nach dem Grunde dieser plötzlichen Entfremdung sich zu erkundigen und sich zu rechtfertigen, so fragte er bei einer schicklichen Gelegenheit den König mit aller Offenheit um die Ursache seiner Ungnade, erfuhr sie und sprach: « Antiochus! mein Vater Hamilcar ließ mich bei einem seiner Opfer als zarten Knaben unter Berührung des Altars eidlich angeloben, nie der Römer Freund zu werden. Dies war mein Fahneneid, unter dem ich sechsunddreißig Jahre gedient habe; er war es, der mich im Frieden aus meinem Vaterlande trieb, der mich aus meinem Vaterlande Verbanneten an deinen Hof führte: von ihm geleitet, will ich, wenn du meine Hoffnung unerfüllt lässest, hingehen, wo ich noch eine Macht, wo ich noch Waffen anzutreffen glaube, um irgendwo in der Welt Roms Feinde aufzufinden. Ist also dieser oder jener in deinem Kreise willens, durch Eingebungen gegen mich bei dir sich zu heben, so muß er, um sich durch mich zu heben, hierzu einen andern Stoff an mir aufsuchen. Ich hasse die Römer, und werde von ihnen gehaßt. Daß ich hierin die Wahrheit sage, deß ist mein Vater Hamilcar, deß sind die Götter Zeugen. Denkst du also auf Krieg mit den Römern, so zähle den Hannibal zu deinen ersten Freunden: bestimmt dich aber irgend eine Rücksicht zum Frieden, so wähle dir zum Theilnehmer an dieser Berathung einen Andern.» Eine solche Sprache rührte den König nicht bloß; sie söhnte ihn mit Hannibal aus. Auch jene Berathschlagung endigte mit der Entscheidung für Krieg. 20. Zu Rom sah man zwar den Antiochus, wo man von ihm sprach, schon als Feind an, allein zu einem Kriege gegen ihn schickte man sich noch mit nichts weiter an 306 als mit dem Willen. Beiden Consuln wurde Italien als ihr Posten angewiesen, so daß sie sich darüber zu vergleichen oder zu losen hätten, wer von ihnen die diesjährigen Wahlversammlungen halten solle. Wer von beiden dies Geschäft nicht zu besorgen habe, solle sich bereit halten, nöthigenfalls mit den Legionen außerhalb Italien zu gehen, wohin es sein möchte. Dieser Consul bekam die Vollmacht, zwei neue Legionen aufzubringen, und zwanzigtausend Latinische Verbündete und achthundert Ritter. Dem andern Consul wurden die beiden Legionen bestimmt, welche Lucius Cornelius, der Consul des vorigen Jahrs, gehabt habe und von demselben Heere an Verbündeten und Latinern funfzehn tausend Mann und fünfhundert Ritter. Dem Quintus Minucius wurde der Oberbefehl bei dem Heere, mit welchem er in Ligurien stand, verlängert: außerdem sollten zur Ergänzung desselben viertausend Römer zu Fuß und hundert funfzig Ritter geworben, und die Bundesgenossen angewiesen werden, ebenfalls für jene Gegend fünftausend Mann zu Fuß und zweihundert funfzig Ritter zu stellen. Dem Cneus Domitius würde durch das Los sein Posten außerhalb Italien auf einen vom Senate ihm zu bestimmenden Platz angewiesen; dem Lucius Quinctius Gallien und die Haltung der Wahlversammlungen. Dann wurden den Prätoren durch das Los ihre Posten beschieden; dem Marcus Fulvius Centumalus die Rechtspflege in der Stadt, dem Lucius Scribonius Libo die über die Fremden; dem Lucius Valerius Tappo Sicilien, dem Quintus Salonius Sarra Sardinien, dem Marcus Bäbius Tamphilus das diesseitige Spanien, dem Aulus Atilius Sertanus das jenseitige. Doch diesen beiden wurden zuerst durch ein Senatsgutachten, dann auch vermöge eines Volksschlusses, ihre Posten umgeändert; dem Atilius nämlich die Flotte nebst Macedonien, dem Bäbius die Bruttier zuerkannt. Dem Flaminius und Fulvius wurde für beide Spanien der Oberbefehl verlängert. Dem Bäbius Tamphilus wurden für das Bruttische die beiden Legionen bestimmt, die im vorigen Jahre in der Stadt gelegen hatten; und zu derselben Bestimmung sollten ihm 307 auch die Bundesgenossen funfzehn tausend Mann zu Fuß und fünfhundert Ritter stellen; Atilius erhielt Befehl, dreißig neue Fünfruderer auszurüsten, die alten etwa noch brauchbaren vom Holme zu nehmen und Seeleute zu werben. Auch wurden die Consuln angewiesen, ihm zweitausend Mann Bundesgenossen und Latiner zu geben und tausend Römer zu Fuß. Der Angabe nach waren diese beiden Prätoren und diese beiden Heere, sowohl das zu Lande, als das zu Wasser, gegen den Nabis bestimmt, der schon geradezu eine Römische Bundesstadt belagerte. Allein man wartete noch auf die an den Antiochus abgeschickten Gesandten; und der Senat hatte dem Consul Cneus Domitius befohlen, vor ihrer Wiederkunft die Stadt nicht zu verlassen. 21. Die Prätoren Fulvius und Scribonius, deren Amt die Rechtspflege in Rom war, erhielten den Auftrag, außer der Flotte, welche Atilius befehligen sollte; noch hundert Fünfruderer auszurüsten. Ehe der Consul und die Prätoren auf ihre Posten abgingen, wurde der Schreckzeichen wegen ein Bettag gehalten. Es war nämlich aus dem Picenischen gemeldet, eine Ziege habe sechs Lämmer [recte: Böcklein] auf einmal geworfen; zu Arretium war ein Knabe mit Einer Hand geboren; zu Amiternum ein Erdregen gefallen; zu Formiä Thor und Mauer vom Blitze getroffen; und was den meisten Schrecken erregte, ein Ochs des Consuls Cneus Domitius sollte die Worte gesprochen haben: «Rom sei auf deiner Hut!» Der übrigen Schreckzeichen wegen wurde der Bettag gehalten: für den Ochsen hießen die Opferschauer Sorge tragen, daß er Leben und Futter behielt. Die Tiber, die sich in noch wilderer Flut, als das vorigemal, über die Stadt ergoß, riß zwei Brücken ein und viele Gebäude, hauptsächlich in der Gegend des Flußthors. Ein ungeheures Felsenstück, entweder durch Regengüsse gelöset, oder durch ein übrigens unbemerktes leichtes Erdbeben, stürzte vom Capitole auf die Jochstraße herab und erschlug viele Menschen. An mehreren Orten auf dem Lande trieb die Überschwemmung die Heerden weg und riß die Landhäuser ein. 308 Noch vor der Ankunft des Consuls Lucius Quinctius auf seinem Kriegsplatze lieferte Quintus Minucius im Gebiete von Pisä den Liguriern eine förmliche Schlacht, erlegte neuntausend Feinde und trieb die übrigen in voller Flucht in ihr Lager. Bis in die Nacht wurde dies unter heftigem Kampfe bestürmt und vertheidigt: in der Nacht machten sich die Ligurier unbemerkt davon. Mit anbrechendem Tage fielen die Römer über das leere Lager her. Beute fanden sie wenig, weil die Ligurier von Zeit zu Zeit den Raub aus den Dörfern nach Hause zu schicken pflegten. Von nun an gestattete Minucius den Feinden nicht die mindeste Erholung. Er brach aus der Gegend von Pisä nach Ligurien auf, verheerte ihre kleinen Festungen und Flecken mit Feuer und Schwert, und hier belud sich der Römische Soldat mit der ganzen Hetrurischen Beute. welche von jenen Plünderern hieher geschickt war. 22. Um diese Zeit kamen in Rom die Gesandten zurück von den Königen. Da ihre Berichte nichts enthielten, was schon jetzt einen gültigen Grund zum Kriege abgeben konnte, außer gegen den Zwingherrn von Lacedämon, und zugleich die Achäischen Gesandten von seinem vertragswidrigen Angriffe auf die Lacedämonischen Seeplätze Anzeige machten, so wurde nur der Prätor Atilius zum Schutze der Verbündeten mit seiner Flotte nach Griechenland geschickt. Und weil die Gefahr von Seiten des Antiochus noch nicht dringend war, so wurde beschlossen, die Consuln beide auf ihre Posten abgehen zu lassen. Domitius kam von Ariminum auf dem nächsten Wege, Quinctius durch Ligurien in das Land der Bojer; und die beiden Heere der Consuln verwüsteten von zwei Seiten her das Gebiet der Feinde weit und breit. Da gingen zuerst nur kleine Scharen Reuterei mit ihren Obersten, dann ihr ganzer Senat und der Bemittelten oder Angesehenen gegen tausend fünfhundert zu den Consuln über. Auch in beiden Spanien waren die Römischen Waffen in diesem Jahre glücklich. Cajus Flaminius auf seiner Seite gewann die feste und wohlhabende Stadt Litabrum durch Belagerung, und machte den Corribilo, einen 309 Fürsten von großem Rufe, zum Gefangenen: auf der andern lieferte Marcus Fulvius zwei feindlichen Heeren zwei glückliche Schlachten, erstürmte zwei Spanische Städte Vesceflia und Holo und viele kleine Festungen: andere unterwarfen sich freiwillig. Nun rückte er gegen die Oretaner vor, bemächtigte sich auch hier der beiden Städte Noliba und Cusibi und zog weiter zum Flusse Tagus. Hier lag die Stadt Toletum; zwar nur klein, aber auf einer befestigten Höhe. Als er sie belagerte, kamen die Vectonen mit einem großen Heere den Toletanern zu Hülfe. Er besiegte sie in einer ordentlichen Schlacht und eroberte, nach Verjagung der Vectonen, Toletum durch Werke. 23. Jetzt aber machten die Kriege, welche wirklich im Gange waren, den Vätern weniger Sorge, als der noch nicht ausgebrochene Krieg mit dem Antiochus, dem sie entgegensahen. Freilich unterrichteten sie sich von Allem immerfort durch Gesandte, allein durch zufällig unverbürgte Gerüchte bekam die Wahrheit manchen falschen Zusatz. Unter andern hieß es, Antiochus werde gleich nach seiner Ankunft in Ätolien eine Flotte nach Sicilien gehen lassen. Also schickte der Senat, ob er gleich den Prätor Atilius mit der Flotte nach Griechenland gehen ließ, dennoch, weil es nöthig war, den Muth der Verbündeten nicht bloß durch Truppen, sondern auch durch Männer von Gewicht aufrecht zu erhalten, den Titus Quinctius, auch den Cneus Octavius, ferner den Cneus Servilius und Publius Villius als Gesandte nach Griechenland. Auch beschloß er, Marcus Bäbius sollte mit seinen Legionen aus dem Bruttischen bis Tarent und Brundusium vorrücken, um nöthigenfalls von da nach Macedonien überzugehen; auch sollte der Prätor Marcus Fulvius eine Flotte von dreißig Schiffen abgehen lassen, die Küste Siciliens zu schützen; wer diese führen würde – Lucius Oppius Salinator, im vorigen Jahre Bürgerädil, führte sie – dem sollte das volle Recht des Oberbefehls zustehen; ferner sollte eben jener Prätor seinem Amtsgenossen Lucius Valerius schreiben: «Es sei zu fürchten, daß eine Flotte des 310 Königs Antiochus aus Ätolien nach Sicilien übergehe: darum sei des Senates Meinung, Valerius möge das schon unter ihm stehende Heer mit zwölftausend Mann durch einen Aufruf zusammengebrachter Truppen und vierhundert Reutern verstärken, damit er im Stande sei, die Griechenland gegenüber liegende Küste seiner Provinz zu decken.» Diese Truppen hob der Prätor nicht bloß in Sicilien aus, sondern auch auf den umliegenden Inseln, und sicherte alle nach Griechenland sehenden Küstenstädte durch Besatzungen. Die Ankunft des Attalus, eines Bruders vom Eumenes, gab jenen Gerüchten Nahrung. Er meldete, König Antiochus sei mit seinem Heere über den Hellespont gegangen, und die Ätoler schickten sich an, um die Zeit seiner Ankunft in den Waffen zu sein. Sowohl dem abwesenden Eumenes, als seinem gegenwärtigen Bruder, stattete der Senat seinen Dank ab; verordnete für diesen ein besondres Haus, einen Standplatz und die Ehrenbewirthung, und machte ihm ein Geschenk mit zwei Pferden, zwei Ritterrüstungen, einem Silbergeräthe von hundert, und einem Goldgeräthe von zwanzig Pfund Der Werth des ersten 3124 Gulden; des zweiten 6240 Gulden Conv. . 24. Da nun Eine Nachricht über die andre den nahen Krieg verkündigte, so fand man es zweckmäßig, je eher je lieber Consuln wählen zu lassen. Also erließ der Senat die Verordnung: Der Prätor Marcus Fulvius solle sogleich an den Consul schreiben und ihm den Willen des Senates kund thun, daß er seinen Posten und sein Heer an die Unterfeldherren abgeben, nach Rom zurückkommen und noch unterwegs seine Bekanntmachung, in der er den Tag der Consulnwahl bestimme, vorabschicken möge. Diesem Schreiben leistete der Consul Folge, schickte die Bekanntmachung vorauf und kam nach Rom. Auch bei der diesjährigen Bewerbung sah man ein großes Parteienspiel, weil um die Eine adliche Stelle ihrer Drei sich bewarben; der bei der vorigen Wahl durchgefallene Publius Cornelius Scipio, Sohn des Cneus; ferner Lucius Cornelius Scipio und Cneus Manlius Vulso. – Publius Scipio bekam das 311 Consulat; so daß man sah, einem solchen Manne sei die Ehrenstelle nur aufgespart, nicht versagt gewesen. Der ihm an die Seite gesetzte Amtsgenoß vom Bürgerstande war Manius Acilius Glabrio. Den Tag darauf wurden folgende Prätoren gewählt: Lucius Ämilius Paullus, Marcus Ämilius Lepidus, Marcus Junius Brutus, Aulus Cornelius Mammula, Cajus Livius und Lucius Oppius, beide mit dem Zunamen Salinator. Dies war der Oppius, der die Flotte von dreißig Schiffen nach Sicilien geführt hatte. Marcus Bäbius erhielt Befehl, so lange das Los den neuen Obrigkeiten die Plätze ihrer Bestimmung noch nicht angewiesen habe, von Brundusium mit allen seinen Truppen nach Epirus überzugehen und sie in der Nahe von Apollonia beisammen zu halten; und dem Stadtprätor Marcus Fulvius wurde aufgetragen, funfzig neue Fünfruderer auszurüsten. 25. Und so setzten sich die Römer ihrerseits gegen alle Unternehmungen des Antiochus in Bereitschaft. Nabis hingegen war so weit davon entfernt, mit dem Kriege noch zu warten, daß er vielmehr schon jetzt aus allen Kräften Gythium bestürmte, und aus Erbitterung auf die Achäer, weil sie den Belagerten Hülfe geschickt hatten, ihr Land verwüstete, Die Achäer, die es nicht gewagt hatten, den Krieg zu eröffnen, bevor ihre Gesandten von Rom zurückgekehrt wären, um sich erst über die Meinung des Senates zu belehren, setzten nach der Zurückkunft der Gesandten eine Versammlung zu Sicyon an, und schickten Abgeordnete an den Titus Quinctius, sich seinen Rath zu erbitten. Auf der Versammlung entschieden sich die Stimmen alle für schleunige Eröffnung des Krieges; allein ein Brief vom Titus Quinctius, worin er ihnen rieth, den Römischen Prätor mit der Flotte abzuwarten, machte sie unschlüssig. Da einige der Vornehmeren auf ihrer Meinung beharreten, Andere den Rath dessen befolgt wissen wollten, den sie selbst darum befragt hätten, so sahen die Meisten der Erklärung Philopömens entgegen. Er war jetzt Prätor und übertraf sie Alle damals an Klugheit und Ansehen. Nach einer Einleitung, in welcher er die 312 Achäische Sitte pries, vermöge welcher kein Prätor, wenn er über einen zu beschließenden Krieg die Stimmen abgehört, sein eignes Gutachten abgeben darf, forderte er sie auf, sobald als möglich zu bestimmen, was ihr Wille sei. «Ihr Prätor werde dann ihre Beschlüsse mit aller Treue und Sorgfalt vollziehen und seine Kräfte aufbieten, daß sie sich weder den Frieden, noch den Krieg, so weit dies von menschlicher Leitung abhängig sei, gereuen lassen sollten.» Diese Rede gab für die Stimmung zum Kriege einen weit stärkeren Ausschlag, als wenn er durch offenbares Zurathen etwa Thatensucht hätte blicken lassen. Also wurde der Krieg mit großer Einstimmigkeit beschlossen; die Zeit aber und die Art ihn zu führen, dem Prätor völlig überlassen. Philopömen war außerdem, daß er hierin den Willen des Quinctius sah, schon selbst der Meinung, man müsse die Römische Flotte erwarten, um durch diese Gythium von der Seeseite decken zu können: weil er aber besorgte, die Sache möchte keinen Aufschub leiden, und nicht allein Gythium, sondern auch das der Stadt zu Hülfe geschickte Kohr verloren gehen, so ließ er die Schiffe der Achäer vom Strande auf das Wasser bringen. 26. Auch der Zwingherr hatte sich eine kleine Flotte angeschafft, um den Verstärkungen, die den Belagerten zur See geschickt werden möchten, das Einlaufen zu wehren; die aus drei Deckschiffen, einigen Barken und Jachten bestand: denn seine alte Flotte hatte er im Friedensschlusse den Römern ausgeliefert. Um die Leichtigkeit seiner noch neuen Schiffe zu prüfen, zugleich auch um Alles zum Kampfe in gehörigem Stande zu haben, ließ er seine Ruderer und Soldaten täglich auslaufen und sich durch Nachbildungen von Seegefechten üben, Weil er sich von der Belagerung nur dann Erfolg versprach, wenn er alle Hülfsleistungen von der See her unmöglich machte. Der Achäische Prätor, so sehr er in der Kunst der Landschlachten jedem berühmten Feldherrn an Übung und Erfindung gleichkam, so wenig verstand er vom Seewesen, als ein geborner Arcadier, mitten im Lande heimisch und mit Allem, 313 was Ausland hieß, unbekannt, außer daß er in Creta, als Oberster über die Hülfsvölker, gedient hatte. Es stand noch ein altes vierrudriges Schiff, das die Achäer vor achtzig Jahren, als es die Gemahlinn des Craterus, Nicäa, von Naupactus nach Corinth führen sollte, aufgebracht hatten. Durch den Ruf desselben verleitet – denn es war ehemals in der königlichen Flotte ein hochberühmter Kiel gewesen – ließ er dies schon so anbrüchige, vor Alter baufällige Schiff von Ägium auslaufen. Jetzt ging es als Hauptschiff, da es den Befehlshaber der Flotte, den Tiso von Paträ an Bord hatte, vor der Flotte her, als ihr von Gythium aus die Lacedämonischen Schiffe entgegen kamen: und gleich beim ersten Stoße auf ein neues und festes Schiff fiel das alte, das ohnehin in allen Fugen Wasser zog, aus einander; und Alle, die es an Bord hatte, wurden Gefangene. Nach dem Verluste des Hauptschiffes entflohen die übrigen, so gut sich jedes durch seine Ruder half. Philopömen selbst entkam auf einem leichten Spähschiffe, und setzte seiner Flucht nur dann erst ein Ziel, als er Paträ erreicht hatte. Allein den Muth des Krieggewohnten, der schon so manches Misgeschick erfahren hatte, minderte dieser Unfall nicht: im Gegentheile, dafür daß es im Seekriege, von dem er keine Kenntniß habe, mislungen sei, sich desto mehr für das Fach versprechend, in welchem er eingeübt sei, versicherte er, er wolle dem Zwingherrn die Freude bald wieder verderben. 27. Nabis, durch diesen glücklichen Vorfall gehoben, ja schon mit der sichern Hoffnung sich schmeichelnd, daß er vom Meere aus nichts weiter zu besorgen habe, wollte nun auch durch zweckmäßig aufgestellte Posten dem Feinde jeden Zugang zu Lande sperren. Er führte den dritten Theil seiner Truppen von der Belagerung Gythiums ab und nahm ein Lager bei Plejä. Dieser Ort liegt in der Nähe von Leucä und Acriä an dem Wege, auf welchem seiner Meinung nach die Feinde heranziehen mußten. Da er in diesem Lager stehen blieb, wo nur Wenige unter Zelten lagen, die Übrigen aber ihren aus Schilf geflochtenen Hütten, um nur Schatten zu haben, ein Dach von 314 Laubwerk gegeben hatten, so entschloß sich Philopömen, ehe er noch dem Feinde zu Gesicht käme, ihn wider alle Erwartung durch eine Kriegslist anzugreifen, auf die er unvorbereitet sei. Auf eine verdeckte Stellung an der Argivischen Küste zog er mehrere kleine Fahrzeuge zusammen, bemannete sie mit Truppen ohne Gepäck, die meistens nur kleine Schilde, Schleudern, Wurfpfeile und andre leichte Waffen hatten, fuhr an der Küste hin, stieg an einem Vorgebirge in der Nähe des feindlichen Lagers aus, kam auf ihm bekannten Fußsteigen in der Nacht nach Plejä, und weil die Wachen, die keine Gefahr in der Nähe ahneten, eingeschlafen waren, ließ er von allen Seiten auf die Lagerhütten Feuer werfen. Da verbrannten Viele, ohne etwas von einem ankommenden Feinde zu wissen, und die ihn gewahr wurden, konnten keine Hülfe leisten: Feindes Schwert und Flammen vertilgten Alles. So von zwei Übeln in die Mitte genommen retteten sich doch noch Einige in das größere Lager vor Gythium. Während dieser Bestürzung der Feinde ging Philopömen sogleich weiter, um Tripolis zu verheeren, eine Landschaft des Laconischen Gebiets, wo es an die Gränze von Megalopolis stößt; raffte viele Heerden und Menschen zusammen und zog wieder ab, ehe der Zwingherr dem Lande von Gythium aus Hülfe schicken konnte. Als er sein Heer von dort nach Tegea zusammengezogen und hieher die Achäer mit ihren Verbündeten zu einer Versammlung berufen hatte, auf welcher auch die vornehmsten Epiroten und Acarnanen erschienen, entschloß er sich, weil jetzt die Seinigen für ihre zur See gekränkte Ehre schon völlig wieder entschädigt und die Feinde die Muthlosen waren, vor Lacedämon selbst zu gehen, insofern dies das einzige Mittel sei, den Feind von der Belagerung Gythiums abzuziehen. Bei Caryä nahm er auf feindlichem Boden sein erstes Lager. Gerade an diesem Tage wurde Gythium erobert. Philopömen, der davon nichts wußte, rückte bis zum Barbosthenes vor, einem Berge zehntausend Schritte von Lacedämon. Und Nabis, der nach der Eroberung von Gythium mit seinem schlagfertigen Heere dort aufbrach, 315 führte es im Eilmarsche vor Lacedämon vorbei und besetzte das sogenannte Pyrrhus-Lager, weil er an der Absicht der Achäer, diese Stellung zu beziehen, nicht zweifelte. Von hier aus ging er den Feinden entgegen. Sie dehnten sich aber wegen der schmalen Straße auf einen langen Zug von beinahe fünftausend Schritten aus. Diesen Zug schloß die Reuterei und der größte Theil der Hülfsvölker, weil Philopömen vermuthete, der Zwingherr werde mit seinen Söldnern, auf die er sich am meisten verließ, die Achäer im Rücken angreifen. Hier aber setzten ihn auf einmal zwei unerwartete Umstände in Verlegenheit. Der Eine: die Stellung, die er hatte nehmen wollen, war schon vom Feinde besetzt; der Andre: er sah die Feinde auf seinen Vortrab stoßen, wo bei diesem Wege über Klippengänge ohne eine Bedeckung von leichten Truppen alles weitere Vorrücken seiner Einsicht nach unmöglich war. 28. Allein einen Marsch zu leiten, eine Stellung zu nehmen, gerade darin hatte Philopömen außerordentliche Geschicklichkeit und Erfahrung, und hierin vorzüglich hatte er nicht bloß zur Zeit des Krieges, sondern auch im Frieden, seinen Geist geübt. Machte er irgendwohin eine Reise und kam an einen Gebirgspaß, wo der Durchgang schwierig war, so nahm er die Beschaffenheit des Orts von allen Seiten in Augenschein; war er allein, so ging er darüber mit sich selbst zu Rathe; hatte er Begleiter, so warf er die Fragen auf: «Wenn sich hier ein Feind zeigte, wie man seine Maßregeln zu nehmen habe, falls er von vorn, wie, wenn er von dieser oder der Seite, wie, wenn er im Rücken, angriffe. Man könne schlagfertig in gerader Linie auf ihn stoßen, man könne aber auch in ungeschlossenem Zuge und bloß zum Marsche eingerichtet sein.» Dann ließ er sich auf weiteres Nachdenken oder Fragen darüber ein, «welche Stellung er nehmen müsse, wie viele Truppen er dazu brauchen werde und von welcher Art der Bewaffnung; denn auch darauf komme nicht wenig an: wohin er das schwere Heergeräth, wohin das leichte Gepäck entfernen wolle, wohin den unbewehrten Troß: wie stark für diese die Bedeckung sein müsse, und von 316 was für Truppen: ob es besser sei, den einmal eingeschlagenen Weg zu verfolgen, oder auf dem, den man gekommen sei, zurückzugehen: ferner, welchen Platz er zum Lager wählen werde, und wie viel er mit seinen Werken zu umfassen habe: wo man am besten Wasser holen, wo man sich die Zufuhr an Futter und Holz offen halten könne: welcher Weg beim Aufbruche am folgenden Tage der sicherste; wie der Zug geordnet sein müsse.» Mit dergleichen Beherzigungen und Rücksichten hatte er von Jugend auf seinem Geiste zu thun gegeben, so daß ihm in keinem Falle dieser Art eine zu nehmende Rücksicht neu war. Auch jetzt ließ er vor allen Dingen den Zug Halt machen; schickte dann die Cretensischen Hülfsvölker und die sogenannten Tarentinischen Reuter, deren jeder zwei Pferde bei sich führt, an die Spitze des Zuges, ließ seine Reuterei am Schlusse folgen und besetzte über einem Bache, wo sie Wasser holen konnten, einen Felsen. Dorthin wurden das sämtliche Heergeräth und der Troß der Knechte ausgeschieden, und mit einer Bedeckung umgeben, und ein Lager befestigt, so gut es die Beschaffenheit des Orts erlaubte. Schwer war es, auf einem felsichten und unebenen Boden die Zelte aufzuschlagen. Fünfhundert Schritte davon standen die Feinde. Das Wasser holten beide Heere unter einer Bedeckung von Leichtbewaffneten aus demselben Bache, und ehe es noch zu Gefechten kam, wie sie in einer solchen Nähe beider Lager gewöhnlich sind, brach die Nacht ein. Daß man am folgenden Tage zur Vertheidigung der Wasserholer am Bache werde zu fechten haben, war einleuchtend. Also versteckte er während der Nacht in einem Thale, das den Feinden aus dem Gesichte lag, so viele Leichtbeschildete, als der Ort verdeckt halten konnte. 29. Mit Tagesanbruch ließen sich die Cretensischen Leichtbewaffneten nebst den Tarentinischen Reutern am Bache mit den Feinden ein. Telemnastus, ein Cretenser, befehligte seine Landsleute, die Reuter Lycortas Des Polybius Vater. von 317 Megalopolis. Bei den Feinden waren ebenfalls die Cretensischen Hülfsvölker und eben solche Tarentinische Reuter den Wasserholern zur Bedeckung. Eine Zeitlang blieb also das Gefecht unentschieden; war doch auf beiden Seiten die Art der Truppen und ihre Bewaffnung gleich. Doch bei der Dauer des Kampfs siegten die Hülfstruppen des Zwingherrn, theils durch ihre Überlegenheit, theils weil es Philopömen so bei seinen Obersten bestellt hatte: nach einem mäßigen Gefechte sollten sie sich auf eine Flucht einlassen und die Feinde auf die Stelle des Hinterhaltes ziehen. In vollem Laufe setzten diese durch das Thal den Fliehenden nach, und viele von ihnen wurden schon verwundet, schon getödtet, ehe sie den versteckten Feind bemerkten. Philopömens Leichtbeschildete hatten sich, so gut es die Breite des Thals gestattete, in einer solchen Stellung gehalten, daß sie die Fliehenden leicht in die Zwischenräume ihrer Glieder aufnehmen konnten. Jetzt erhoben sie sich, ohne Wunde, bei voller Kraft, im Schlusse; und fielen auf den in Unordnung heranstürzenden, von Arbeit und Wunden ermattenden Feind. Der Sieg war entschieden. Die Truppen des Zwingherrn kehrten sogleich den Rücken, und weit schneller fliehend, als sie vorhin verfolgt hatten, wurden sie in ihr Lager getrieben. Noch auf der Flucht wurden viele getödtet und gefangen. Selbst im Lager würde die Verlegenheit groß geworden sein, hätte nicht Philopömen zum Rückzuge blasen lassen, weil er die felsige, bei jedem unvorsichtigen Vorrücken gefahrvolle Gegend mehr, als den Feind, fürchtete. Doch da er sich aus dem Erfolge der Schlacht und aus der Sinnesart dessen, der sie verloren hatte, die Größe seiner jetzigen Bestürzung berechnete, so ließ er durch Einen von den Hülfstruppen, den er als Überläufer hinschickte, ihm als gewisse Nachricht zutragen: Es sei bei den Achäern beschlossen, morgen bis an den Fluß Eurotas vorzurücken – dieser bespült fast die Mauer von Sparta – und den Weg zu sperren; theils um dem Zwingherrn, falls er sich zum Rückzuge in die Stadt entschlösse, diesen unmöglich zu machen; theils um keine Zufuhr aus der Stadt ins Lager 318 zu lassen, zugleich auch, um zu versuchen simul etiam tentaturus]. – Ich behalte lieber die von Crevier in den Text genommene, auch durch den Codex des Victorius und noch durch andre Msc. bestätigte Lesart tentaturos bei. Man mag das von Drakenb. eingeführte tentatur us mit Modius auf Philopömen, oder mit Döring auf den Überläufer ziehen, so bleibt der Zusammenhang doch gesucht; denn von beiden Subjecten steht das tentaturus zu weit entfernt. Tentatur os hingegen hat außer den erwähnten mehreren Msc. 1) dies für sich, daß man sieht, warum Livius die Nähe des Eurotas an der Mauer von Sparta angiebt: dann konnten nämlich die Achäer mit den auf der Mauer befindlichen Spartanern reden. 2) schließen sich dann die Worte fidem dictis perfuga fecit weit besser an das, was Livius den Überläufer so eben hatte sagen lassen. Tentaturus hingegen ist von jenen Subjecten dort abgerissen und unterbricht hier nicht weniger. , ob sich nicht Mancher bereden lasse, vom Zwingherrn abzufallen. Die Aussagen des Überlaufers fanden bei Nabis gerade nicht so viel Glauben, als sie ihm vielmehr bei seiner Ängstlichkeit einen scheinbaren Vorwand gaben, das Lager zu verlassen. Am folgenden Tage ließ er den Pythagoras mit den Hülfsvölkern und der Reuterei sich vor dem Lagerwalle aufstellen. Er selbst rückte mit den Kerntruppen dem Scheine nach zur Schlacht aus, und gebot dann den Eilmarsch nach Lacedämon . 30. Als Philopömen ihren Zug so hastig den engen und abschüssigen Weg entlang fortstürzen sah, sandte er seine ganze Reuterei und die Cretensischen Hülfstruppen gegen die vor ihrem Lager aufgestellten Feinde. Diese, die den Feind vor Augen und sich von den Ihrigen verlassen sahen, wollten sich zuerst in ihr Lager zurückziehen: als aber jetzt die ganze Linie der Achäer schlagfertig anrückte, blieb ihnen bei der Furcht, mit samt dem Lager dem Feinde in die Hände zu fallen, nichts übrig, als dem schon ziemlich vorausgeeilten Zuge der Ihrigen zu folgen. Sogleich fielen die Achäischen Leichtbeschildeten in das Lager und plünderten es: die Übrigen zogen gleich weiter, den Feind zu verfolgen. Der Weg war so, daß sich ein Heerzug, auch ohne alle Beunruhigung von einem Feinde, nur mit Mühe durchwinden konnte. Wie also jetzt bei dem Nachtrabe das Gefecht anging, und vom Rücken her das fürchterliche Geschrei der Nothleidenden zu den vorderen Fahnen drang, da rettete sich Jeder so gut er 319 konnte mit Wegwerfung seiner Waffen in die Wälder auf beiden Seiten des Weges, und im Augenblicke war der Weg von zusammengestürzten Waffen gesperrt, hauptsächlich von Speeren, die den Gang, da sie fast alle mit der Spitze in die Erde gesunken waren, wie ein hingepflanztes Pfahlwerk schlossen. Philopömen, der seinen Hülfstruppen Befehl gab, die Verfolgung, so gut sie könnten, fortzusetzen; denn vorzüglich werde für die Reuterei die Flucht beschwerlich sein, führte selbst seine schweren Truppen einen offenern Weg zum Flusse Eurotas. Als es sich gegen Sonnenuntergang hier gelagert hatte, erwartete er seine Leichtbewaffneten, die er zur Verfolgung des Feindes zurückgelassen hatte. Als diese um die erste Nachtwache mit der Nachricht ankamen, der Zwingherr habe nur mit Wenigen die Stadt erreicht, die übrige Menge irre ohne Waffen im ganzen Walde zerstreuet umher, so befahl er ihnen, sich zu pflegen; nahm aber von den übrigen Truppen, die, wegen ihrer früheren Ankunft im Lager, schon Erquickung durch Speise und einige Ruhe gehabt hatten, sogleich eine auserlesene bloß mit Schwertern versehene Mannschaft mit sich, und stellte sie an die Heerstraßen, die aus zwei Stadtthoren, hier nach Pherä, dort zum Barbosthenes, führen, auf welchen, wie er voraussetzte, die Feinde aus ihrer Zerstreuung sich zur Stadt zurück begeben würden. Er hatte sich nicht geirrt. So lange es noch einigermaßen Tag war, nahmen die Lacedämonier ihren Rückweg mitten durch den Wald auf abgelegenen Pfaden. Als sie mit Abendwerden die Feuer im feindlichen Lager erblickten, hielten sie sich ihm gegenüber an verdeckte Fußsteige; sobald sie aber über dasselbe hinaus waren, wagten sie sich, ihrer Meinung nach mit Sicherheit, auf die offenen Landstraßen. Hier wurden sie von dem allenthalben auflaurenden Feinde in Empfang genommen, und so Viele niedergehauen und gefangen, daß vom ganzen Heere kaum der vierte Theil sich rettete. – Nach dieser Einschließung des Zwingherrn auf seine Stadt brachte Philopömen fast die dreißig nächstfolgenden Tage mit Verheerung des Lacedämonischen Gebietes zu; und 320 hatte bei seinem Abzuge die Macht des Zwingherrn gebeugt, in beinahe gebrochen, so daß ihn die Achäer an Thatenruhm dem Römischen Feldherrn an die Seite, und in Rücksicht auf den Lacedämonischen Krieg noch über jenen stellten. 31. Während dieses Krieges zwischen den Achäern und dem Zwingherrn bereiseten die Römischen Gesandten die Städte ihrer Bundesgenossen, weil sie fürchteten, die Ätoler möchten einige von ihnen für die Partei des Antiochus gewonnen haben. Die Achäer zu besuchen ließen sie sich am wenigsten angelegen sein, da sie sich von ihnen, bei ihrer Erbitterung gegen den Nabis, auch im Übrigen die erforderliche Freundschaft versprachen. Sie gingen zuerst nach Athen, von da nach Chalcis, dann nach Thessalien, und nach einem Vortrage an die zahlreich versammelten Thessalier, wandten sie sich nach Demetrias, wo eine Zusammenkunft der Magneten angesetzt wurde. Hier war bei ihrem Vortrage größere Umsicht nöthig, weil mehrere Vornehme die Partei der Römer verlassen hatten und ganz am Antiochus und an den Ätolern hingen. Denn als sie schon erfahren hatten, dem Philipp werde sein Prinz, bisher Geisel zu Rom, zurückgegeben und die ihm auferlegte Zahlung erlassen, hörten sie unter andern unverbürgten Sagen auch diese, die Römer würden ihm auch Demetrias wiedergeben. Ehe sie dies geschehen ließen, wollten Eurylochus, einer der ersten Magneten, und einige seiner Anhänger lieber durch die Ankunft der Ätoler und des Antiochus dem Ganzen eine neue Gestalt geben lassen. Gegen diese also mußte man eine solche Sprache führen, daß man sich nicht etwa, wenn man ihnen die Besorgniß als ungegründet ausredete, den Philipp durch diese vereitelte Hoffnung zum Feinde machte, da er in Allem einen weit größeren Ausschlag gab, als die Magneten. Also wurde nur dessen erwähnt, «Daß zwar ganz Griechenland für das Geschenk der Freiheit den Römern verpflichtet sei, diese Stadt aber ganz vorzüglich. Denn dort hätten die Macedonier nicht allein eine Besatzung gehabt, sondern auch eine Königsburg aufgebaut, so daß 321 die Bürger den Herrscher in Person beständig hätten vor Augen haben müssen. Doch hätten die Römer das Alles vergebens gethan, wenn jetzt die Ätoler in Philipps Pallast den Antiochus einführten, und die Bürger sich statt des alten schon gewohnten Königs einen neuen und unbekannten gefallen lassen müßten.» Die höchste Obrigkeit heißt dort der Magnetarch. Dies war damals Eurylochus. In seiner Würde sich fühlend sagte er: «So wenig er, als die Magneten, brauchten damit an sich zu halten, daß ihnen das allgemeine Gerücht von der Zurückgabe der Stadt Demetrias an Philipp bekannt sei. Ehe die Magneten dies zugäben, müßten sie sich auf jeden Versuch, auf jedes Wagstück einlassen.» Vom Eifer seiner Rede zur Unbesonnenheit fortgerissen ließ er die Worte fallen: «Selbst jetzt sei Demetrias nur dem Scheine nach frei; in der That gehe Alles nach dem Winke der Römer. » Über diese Ausdrücke wurde die Versammlung laut, da sie in großer Uneinigkeit dem dreisten Redner hier ihren Beifall, dort ihren Unwillen zu erkennen gab. Und Quinctius wurde so aufgebracht, daß er, die Hände zum Himmel emporstreckend, die Götter zu Zeugen der Undankbarkeit und Treulosigkeit der Magneten anrief. Als dieser Aufruf sie Alle in Schrecken setzte, bat Zeno, einer ihrer Vornehmeren, ein Mann, dem sein musterhafter Lebenswandel und seine nie zu verkennende Anhänglichkeit an die Römer ein großes Gewicht gab, den Quinctius und die übrigen Gesandten mit Thränen, «den Unsinn Eines nicht dem State anzurechnen. Die Tollheit des Einzelnen treffe diesen selbst. Die Magneten verdankten nicht bloß ihre Freiheit, sondern Alles, was Menschen heilig und theuer sei, dem Titus Quinctius und den Römern. Niemand könne die unsterblichen Götter um Etwas bitten, was die Magneten nicht schon von den Römern erhalten hätten; und eher würden sie sich wüthend an sich selbst vergreifen, als die Römische Freundschaft verletzen.» 32. An seine Rede schlossen sich die Bitten der übrigen Menge. Nach der Versammlung machte sich 322 Eurylochus in aller Stille an das Thor und sogleich von da weiter nach Ätolien. Denn schon gaben die Ätoler, und zwar von Tage zu Tage deutlicher, ihren Abfall zu erkennen, und gerade jetzt war Thoas, der erste Mann im State, den sie an den Antiochus abgeschickt hatten, zurückgekommen und hatte von dort den Menippus als königlichen Gesandten mitgebracht. Noch ehe diese einer Versammlung vorgestellt wurden, hatten sie schon Allen von der großen Land- und Seemacht genug zu hören gegeben: «Es komme eine ungeheure Menge Fußvolk und Reuterei; Elephanten aus Indien; vorzüglich aber» – und dies mußte ihrer Meinung nach auf die Stimmung des großen Haufens am meisten wirken – «habe Antiochus so viel Gold geladen, daß er die Römer selbst kaufen könne.» Es ließ sich voraussehen, was diese Reden in einer Versammlung wirken würden. Denn daß diese angekommen waren, und Alles, was sie vornahmen, wurde den Römischen Gesandten hinterbracht; und war gleich alle Hoffnung so gut als abgeschnitten, so hielt es Quinctius doch nicht für unzweckmäßig, von den Bundsgenossen einen und andern Gesandten an dieser Versammlung theilnehmen zu lassen, weil diese die Ätoler an ihr Bündniß mit Rom erinnern und gegen den Gesandten des Königs die Sprache freier Männer führen könnten. Die Athener schienen ihm hierzu am besten zu passen, theils wegen ihres so angesehenen Stats, theils als uralte Ätolische Bundesgenossen. Quinctius ersuchte sie, zur Ätolischen Statenversammlung ihre Gesandten zu schicken. In der Versammlung stattete Thoas zuerst von seiner Gesandschaft Bericht ab. Menippus, der nach ihm vorgelassen wurde, sagte: «Es würde freilich für alle Bewohner Griechenlands und Asiens das Beste gewesen sein, wenn Antiochus schon zur Zeit der ungeschwächten Macht Philipps hätte ins Mittel treten können: dann würde Jeder das Seinige behalten haben und nicht so ganz Alles dem Winke und der Landesherrlichkeit der Römer unterwürfig geworden sein. Aber auch jetzt noch, fuhr er fort, wenn ihr anders euren eingeleiteten Plan mit 323 Festigkeit bis zu seiner Ausführung verfolgt, wird Antiochus unter göttlichem Beistande und in Verbindung mit den Ätolern Griechenlands Macht, sei sie noch so sehr gesunken, auf die ehemalige Würde zurückführen können. Diese beruhet aber auf einer Freiheit, die auf innerer Kraft dasteht und nicht von fremder Willkür abhängig ist.» Die Athener, die nach der königlichen Gesandschaft zuerst die Erlaubniß bekamen, ihre Meinung vorzutragen, forderten, ohne im mindesten des Königs zu erwähnen, die Ätoler auf, «den Bund mit Rom und die Verdienste des Titus Quinctius um das gesammte Griechenland zu bedenken, und jenen Bund nicht auf ein Gerathewohl durch übereilte Maßregeln umzustoßen. Die raschen und gewagten Entwürfe seien auf den ersten Anblick so heiter, in der Behandlung so schwierig, von so ernstem Erfolge. Roms Gesandte, und Titus Quinctius unter ihnen, ständen in der Nähe. Mit diesen möchten sie, so lange die Sache noch unverdorben sei, die streitigen Punkte lieber durch Worte ausmachen, als zu einem verderblichen Kriege Asien und Europa in die Waffen rufen.» 33. Die Menge, die immer nach neuen Verfassungen aussieht, war ganz auf des Antiochus Seite; ja ihrer Meinung nach mußten die Römer nicht einmal in der Versammlung zugelassen werden; doch setzten es hauptsächlich unter den Vornehmen die Bejahrteren vermöge ihres Ansehens durch, daß ihnen der Zutritt freigestellt wurde. Als die Athener den Quinctius von diesem Beschlusse benachrichtigten, bestimmte er sich zur Reise nach Ätolien. Denn entweder werde er irgend etwas bewirken, oder alle Welt zum Zeugen haben, daß die Schuld des Krieges an den Ätolern liege; dann würden die Römer bei Ergreifung der Waffen das Recht, ja die Nothwendigkeit, für sich haben. Als man dort zusammengekommen war, ließ sich Quinctius vor der Versammlung, der er zuerst den Anfang der Ätolischen Verbindung mit Rom erzählte, und wie oft sie ihr Bundesversprechen abgeändert hätten, mit wenig Worten auf Erörterung der streitigen Ansprüche auf 324 jene Städte ein. «Wenn sie aber ihren Forderungen nur irgend einige Billigkeit zutrauten, wie viel sie dann besser thun würden, Gesandte nach Rom zu schicken, und nach ihrem Ermessen ihre Sache vor dem Senate entweder als streitende Partei, oder als die Bittenden, zu führen; als wenn nun die Römer mit dem Antiochus, gerade wie ein von den Ätolern zusammengestelltes Fechterpar, nicht ohne große Erschütterung der Welt, nicht ohne Griechenlands Verderben, einen Gang wagen müßten? Auch werde niemanden das Elend des Krieges früher fühlbar werden, als denen, die seinen Ausbruch betrieben hätten.» Umsonst sprach hier Quinctius als Prophet. Hingegen Thoas nach ihm und Andre von derselben Partei wurden mit allgemeinem Beifalle gehört und setzten es durch, daß man, selbst ohne die Versammlung zu vertagen oder die Abwesenheit der Römer abzuwarten, den Beschluß abfaßte, nach welchem Antiochus eingeladen wurde, Griechenlands Befreier und zwischen Ätolern und Römern Schiedsrichter zu werden. Diesen so stolzen Schluß begleitete ihr Prätor Damocritus noch mit einer Beleidigung von seiner Seite. Denn als Quinctius von ihm die Mittheilung eben dieses Beschlusses verlangte, gab er ihm, ohne die mindeste Achtung für die Würde eines solchen Mannes, zur Antwort: «Er habe für dasmal ein anderes, dringenderes Geschäft vorher abzuthun; werde ihm aber mit dem Beschlusse seinen Bescheid nächstens in Italien geben, wenn sein Lager am Ufer der Tiber stehe.» So groß war damals bei der Ätolischen Nation, so groß bei ihren Obrigkeiten die Verblendung. 34. Quinctius und die Gesandten gingen nach Corinth zurück. Die Ätoler inde, ut quaeque]. – Ich halte mich in dieser Stelle an Creviers Erklärung, und lese statt der drei Worte inde, ut quaeque mit ihm Aetoli, ne quaeque. Herrn Dörings Vermuthung, wie die fehlerhafte Lesart entstanden sein möge, hat meiner Meinung nach sehr viele Wahrscheinlichkeit; und er unterstützt Creviers Erklärung durch Gründe, die der Verfolg der Erzählung bestätigt. , um den Schein zu meiden, als ob sie, ohne sich selbst zu regen, Alles vom Antiochus erwarteten, und nur stillsitzend der Ankunft des Königs 325 entgegensähen, hielten zwar nach Entlassung der Römischen Gesandten keine neue Zusammenkunft ihres ganzen Völkervereins, thaten aber durch ihre Auserwählten – so heißt bei ihnen der höhere Rath, der in einem engeren Ausschusse besteht – alles Mögliche, um auf irgend eine Art in Griechenland eine Umwälzung zu bewirken. Darüber war man allgemein einverstanden, daß alle die Ersten und Gutdenkenden in den Städten zum Römischen Bunde gehörten; daß aber der große Haufe und Alle, die mit ihrer Lage unzufrieden waren, eine Umänderung des Ganzen wünschten. Da machten die Ätoler an Einem und demselben Tage den Entwurf, der, auch nur als Hoffnung gedacht, nicht bloß zu den kühnen, sondern zu den unbescheidenen gehörte, sich der Städte Demetrias, Chalcis und Lacedämon zu bemächtigen. Nach jeder schickten sie einen ihrer Großen ab; den Thoas nach Chalcis, den Alexamenus nach Lacedämon, nach Demetrias den Diocles. Der hier ausgewanderte Eurylochus, von dessen Flucht und ihrer Veranlassung ich oben geredet habe, unterstützte diesen, weil ihm keine andre Hoffnung der Rückkehr in seine Vaterstadt übrig blieb. Durch einen Brief vom Eurylochus aufgefordert, ließen seine Anverwandten und Freunde und andre Mitglieder dieser Partei seine Kinder und Gattinn in Trauerkleidern und im Aufzuge der Schutzflehenden in der zahlreichen Volksversammlung erscheinen, mit der flehentlichen Bitte an jeden Einzelnen und an Alle insgesammt, den Unschuldigen, nie Verurtheilten, nicht in der Verbannung seine Tage verleben zu lassen. Auf die Gutmüthigen wirkte das Mitleid, auf die Schlechten und Aufrührischen die Aussicht auf eine durch den Einbruch der Ätoler begünstigte Verwirrung. Jeder stimmte auf seine Weise für die Zurückberufung. Nach diesen Vorkehrungen brach Diocles mit der ganzen Reuterei auf, – und er war gerade damals ihr Oberster – unter dem Scheine, den beherbergten Flüchtling wieder in sein Vaterland zu geleiten; und nachdem er in Tag und Nacht einen langen Weg zurückgelegt hatte, ging er bei Tagesanbruch, als er von der Stadt nur noch sechstausend 326 Schritte entfernt war, mit drei ausgewählten Geschwadern vorauf und hieß die übrigen Reuter nachfolgen. Als er dem Thore näher kam, mußten seine Reuter sämtlich absitzen und die Pferde am Zügel führen, ganz wie auf einem Reisezuge, ohne allen Gliederschluß, so daß sie eher für des Obersten Gefolge, als für sein Kohr angesehen wurden. Eins seiner Geschwader ließ er hier am Thore stehen bleiben, damit die nachfolgende Reuterei nicht ausgeschlossen werden könne, und brachte den Eurylochus an seiner Hand mitten durch die Stadt und über den Markt unter manchem Willkommen! und Glückwunsche bis an sein Haus. Bald war die ganze Stadt voll Reuter, und er ließ die dienlichen Plätze besetzen: dann schickte er in die Häuser und ließ die Häupter der Gegenpartei ermorden. So kam Demetrias in die Hände der Ätoler . 35. Bei Lacedämon durften sie nicht Gewalt gegen die Stadt brauchen, sondern mußten nur den Zwingherrn überlisten. War er gleich von allen seinen Seeplätzen durch die Römer entblößt, und jetzt sogar in die Mauern von Lacedämon durch die Achäer zurückgedrängt Gratiam rei apud Lacedaem.]. – Sollte nicht nach dem Worte rei die Abbreviatur ap pb at (apparebat) durch das folgende apud verdrängt sein? Ich gestehe, daß ich nichts finden kann, wovon das folgende eum – habiturum abhinge. , so ließ sich doch leicht einsehen, daß der, der sich zuerst das Verdienst erwürbe, ihn zu tödten, bei den Lacedämoniern den Dank für Alles das davontragen werde. An einem Vorwande, jemand hinzuschicken, fehlte es ihnen nicht, da er selbst sie dringend bat, ihm Hülfstruppen zu geben, weil er auf ihr Wort den Krieg wieder angefangen habe. Sie gaben dem Alexamenus tausend Mann zu Fuß und dreißig auserlesene junge Männer zu Pferde. Letzteren Iis a praetore]. – Ich folge Creviers Gründen, statt Iis lieber His zu lesen. Da Iis, Hiis und His so unzählige Male in den Msc. verwechselt werden, so sind, dünkt mich, hier 2 Msc. (cod. Victor et Gaertn.), wenn sie ausdrücklich His haben, zur Entscheidung hinreichend. wurde vom Prätor Damocritus in dem geheimen Senate, dessen ich oben erwähnte, angedeutet: «Sie möchten nicht glauben, daß sie zu einem Kriege 327 mit den Achäern, oder zu irgend einem Geschäfte abgeschickt würden, was der Eine so, der Andre so zu errathen hoffen könne. Wenn die Umstände dem Alexamenus noch so schleunig zu einem Entschlusse bestimmten, so müßten sie, so unerwartet, so unbesonnen und gewagt es immer sein möge, zur folgsamen Ausführung bereit sein, und die Sache so ansehen, als wären sie sich bewußt, gerade zu diesem einzigen Geschäfte von Hause abgeschickt zu sein.» Mit diesen so Unterrichteten ging Alexamenus zu dem Zwingherrn ab, den er gleich bei seiner Ankunft mit Hoffnungen erfüllte: « Antiochus sei schon nach Europa herübergekommen; nächstens werde er in Griechenland sein, und Länder und Meere mit Rüstungen und Mannschaft überdecken. Dann würden die Römer überführt werden, daß sie es nicht mit einem Philipp zu thun hätten. Die Zahl der Fußvölker, der Reuter, der Schiffe, lasse sich nicht ausmitteln: eine Linie von Elephanten werde schon durch ihren Anblick die Schlachten entscheiden. Die Ätoler hätten sich schon in Bereitschaft gesetzt, mit ihrem ganzen Heere nach Lacedämon zu kommen, sobald es die Umstände forderten; nur hätten sie jetzt dem Könige bei seiner Ankunft gern starkbesetzte Linien zeigen wollen. Auch Nabis müsse sich ebenfalls so einrichten, daß er die ihm zu Gebote stehenden Truppen nicht in den Quartieren in Unthätigkeit erschlaffen, sondern sie ausrücken lasse: er müsse sie unter den Waffen Entwickelungen machen lassen, um zugleich ihren Muth zu spornen, und ihre Körper zu üben. Durch die Gewohnheit werde ihnen die Beschwerde leichter werden, und Freundlichkeit und Güte des Feldherrn könne sie ihnen sogar angenehm machen.» Von nun an wurden die Truppen oft vor die Stadt in die Ebene am Flusse Eurotas geführt. Die Leibwache des Zwingherrn stand fast immer in der Mitte der Linie: er selbst ritt mit höchstens drei Rittern, unter denen sich gewöhnlich Alexamenus befand, vor den Reihen auf und ab und musterte auf den Ecken die Flügel: auf dem rechten standen die Ätoler, sowohl die schon vorher 328 als Hülfstruppen bei dem Zwingherrn gedient hatten, als die Tausend, die mit dem Alexamenus gekommen waren. Alexamenus hatte sichs zur Sitte gemacht, jetzt mit dem Zwingherrn einige Glieder durchzugehen und ihn auf das, was etwa zweckdienlich war, aufmerksam zu machen; dann ritt er wieder zu seinen Leuten auf dem rechten Flügel, und kam dann bald, als habe er seine nöthigen Anordnungen gemacht, zu dem Zwingherrn zurück. Als er aber an dem Tage, den er zur Ausführung der That bestimmt hatte, nach einem kurzen Ritte an der Seite des Zwingherrn, jetzt bei den Seinigen ankam, redete er die ihm von Hause mitgegebenen Reuter so an: «Jetzt, ihr jungen Männer, soll die That vor sich gehen und gewagt werden, die ihr unter meiner Anführung muthig auszuführen befehligt seid. Halte sich jeder gefaßt, mit Muth und Hand, mir das, was er mich thun sieht, sogleich nachzuthun. Nimmt einer Anstand und will nicht meinem, sondern seinem Bedünken folgen, der wisse, daß er nie seine Heimat wiedersehen wird.» Ein Schauer überfiel sie Alle und sie erinnerten sich der beim Ausmarsche ihnen mitgegebenen Weisung. Jetzt kam der Zwingherr vom linken Flügel. Alexamenus hieß seine Reuter die Lanzen einlegen und auf ihn sehen. Von der Richtung auf eine so wichtige That in seinem Innern selbst befangen rief er sich zur nöthigen Fassung zurück. Als der Zwingherr sich näherte, sprengte er auf ihn ein, durchbohrte ihm das Pferd und warf ihn nieder. Als er da lag, richteten die Reuter ihn hin. Nach vielen vergeblichen Stößen auf den Panzer drangen endlich mehrere Stiche in den Körper selbst; und noch ehe man ihm aus der Mitte der Linie zu Hülfe kommen konnte, gab er den Geist auf. 36. Gleich von hier machte sich Alexamenus mit allen seinen Ätolern im Schnellschritte auf, zur Besetzung der Burg. Die Leibtrabanten wurden anfangs, weil die That vor ihren Augen geschah, von Entsetzen ergriffen: als sie aber die Ätoler abziehen sahen, liefen sie bei der zurückgelassenen Leiche des Zwingherrn zusammen, und 329 aus den Beschützern seines Lebens und Rächern seines Todes wurde ein Schwarm von Angaffern. Auch würde sich niemand geregt haben, hatte man nur sogleich, ohne von den Waffen Gebrauch zu machen, die Volksmenge zur Versammlung berufen, den Umständen gemäß eine Rede an sie gehalten, und dann ein Kohr Ätoler , ohne sich an jemand zu vergreifen, in den Waffen bleiben lassen. So aber that man, wie es bei einem tückisch angelegten Entwurfe gehen mußte, gerade Alles, was das Verderben derer beschleunigen mußte, die ihn ausgeführt hatten. Der Anführer, der sich auf die Burg einschloß, brachte Tag und Nacht damit zu, die Schätze des Zwingherrn hervorzusuchen: die Ätoler, nicht anders, als hätten sie die Stadt erobert, deren Befreier sie doch heißen wollten, machten sich ans Plündern. Eben so sehr hierüber empört, als sie verachtend, bekamen die Lacedämonier Muth, sich zusammenzuthun. Einige sagten, man müsse die Ätoler aus der Stadt jagen, und der Freiheit, um die man, gerade jetzt unter dem Scheine sie wiederzubekommen, betrogen würde, sich versichern; Andre, um den Unternehmungen ein Haupt zu geben, müsse man für die äußere Form irgend jemand vom königlichen Stamme hineinziehen. Laonicus Laconicus]. – Da die Lesart der meisten Msc. Laconicus kein Name eines Spartanischen Prinzen sein kann, und Eine Handschrift Lanonicus lieset, so folge ich Gronovs Lesart Laonicus, die wenigstens nach Laodamas, Laodamia, Laomedon u. dgl. analogisch richtig ist. war aus diesem Geschlechte, ein noch zarter Knabe, mit den Kindern des Zwingherrn erzogen. Ihn setzten sie auf ein Pferd, griffen zu den Waffen und hieben die in der Stadt zerstreuten Ätoler nieder. Dann brachen sie in die Burg. Hier wurde Alexamenus, der sich nur mit Wenigen zur Wehr setzte, getödtet. Die Ätoler, die sich am Chalciöcos, dem ehrnen Minerventempel, sammelten, wurden zusammengehauen. Nur Wenige retteten sich mit Wegwerfung ihrer Waffen theils nach Tegea, theils nach Megalopolis. Hier wurden sie von den Obrigkeiten aufgehoben und öffentlich zu Sklaven verkauft. 330 37. Da Philopömen, der auf die Nachricht von der Ermordung des Zwingherrn nach Lacedämon aufgebrochen war, Alles in ängstlicher Verwirrung fand, so berief er die Großen und gewann durch eine so an sie gehaltene Rede, wie sie Alexamenus hätte halten sollen, die Lacedämonier dem Bunde der Achäer; noch um so leichter, weil gerade um dieselbe Zeit Aulus Atilius mit vierundzwanzig Fünfruderern vor Gythium angekommen war. In diesen Tagen traf den Thoas bei Chalcis ein Schicksal von ganz andrer Art, als jenes war, das die Überrumpelung von Demetrias durch den Eurylochus begünstigte; ob er gleich durch den Euthymidas, einen der dortigen Großen, der nach des Titus Quinctius und seiner Mitgesandten Ankunft von der Römischen Partei vertrieben war, und durch den Herodorus, einen Kaufmann von Cia, der aber zu Chalcis durch seinen Reichthum ein Mann von Einfluß war, die Anhänger des Euthymidas zu einer Verrätherei schon vorbereitet hatte. Euthymidas näherte sich von Athen – dies hatte er zu seinem Wohnorte gewählt – zuerst nach Theben, von da nach Salganeus; Herodorus bis Thronium. Nicht weit von hier hatte Thoas an der Malieischen Bucht zweitausend Mann zu Fuß, zweihundert zu Pferde und an die dreißig leichte Frachtschiffe. Diese hieß er den Herodorus mit sechshundert Mann zu Fuß nach der Insel Atalanta hinüberführen, um von da, auf die erste Nachricht, daß die Landtruppen sich schon Aulis und dem Euripus näherten, nach Chalcis überzusetzen. Er selbst zog mit den übrigen Truppen, meistens in Nachtmärschen, so schnell er konnte, gegen Chalcis heran. 38. Mictio und Xenoclides, in deren Händen damals zu Chalcis, nach der Vertreibung des Euthymidas, die Regierung war, setzten bei dieser entweder von selbst vermutheten, oder ihnen angezeigten Gefahr, in der ersten Bestürzung ihre Hoffnung auf nichts anders, als auf Flucht. Als sich aber ihr Schrecken legte und sie einsahen, daß sie nicht allein ihre Vaterstadt als Verräther im Stiche ließen, sondern auch den Bund mit Rom, ließen 331 sie sich auf folgenden Plan ein. Zu Eretria war gerade um diese Zeit das jährliche Opferfest der Diana Amarynthis, zu welchem sich nicht nur die dortigen Einwohner, sondern auch die von Carystus zahlreich versammelten. Dahin schickten sie und, ließen die Eretrier und Carystier bitten: «Sie möchten sich nicht bloß ihrer, als Eingeborne Einer Insel, erbarmen, sondern auch des Bündnisses mit Rom eingedenk sein; sie möchten nicht zugeben, daß Chalcis an die Ätoler komme. Diese würden Euböa haben, sobald sie Chalcis hätten. Die Macedonier wären drückende Gebieter gewesen; noch weit unerträglicher würden die Ätoler sein.» Hauptsächlich bewog die beiden Städte die Rücksicht auf die Römer, deren Tapferkeit im Kriege, deren Gerechtigkeit und Milde im Siege sich ihnen erst neulich bewähret hatte. Beide also bewaffneten ihre besten jungen Krieger und schickten sie. Die Mauern von Chalcis zu bewachen, übertrugen die Bürger diesen, gingen dann mit ihrer ganzen Mannschaft über den Euripus und lagerten sich bei Salganeus. Von hier schickten sie zuerst einen Herold, und nachher Gesandte an die Ätoler mit der Anfrage: Welche Beleidigung durch Wort oder That sie als Bundsgenossen und Freunde durch einen Angriff auf Chalcis rächen wollten. Der Ätoler Feldherr Thoas antwortete: «Er komme nicht, sie anzugreifen, sondern sie von den Römern zu befreien. Sie lägen jetzt an einer glänzendern, aber auch weit schwereren Kette, als damals, da sie auf ihrer Burg Macedonische Besatzung gehabt hätten.» Die Gesandten von Chalcis versicherten: «Sie wüßten weder von irgend einer Dienstbarkeit, noch bedürften sie jemandes Schutz;» und mit dieser Behauptung gingen sie aus der Unterredung zurück zu den Ihrigen. Thoas und seine Ätoler, die ihre ganze Hoffnung nur auf eine überraschende Eroberung gesetzt hatten, zum offenen Kriege aber und zum Angriffe auf eine zu Wasser und zu Lande feste Stadt bei weitem nicht stark genug waren, nahmen ihren Rückweg nach Hause. Euthymidas, der von einem Lager seiner Landsleute bei Salganeus, und vom Abzuge der Ätoler 332 hörte, begab sich ebenfalls von Theben wieder nach Athen. Und Heradorus, der von Atalanta seit mehrern Tagen in vergeblicher Spannung nach dem verabredeten Zeichen aussah, auch ein Spähschiff abgehen ließ, um die Ursache der Zögerung zu erfahren, und nun den Plan von seinen Bundsgenossen aufgegeben sah, zog wieder nach Thronium ab, wo er hergekommen war. 39. Auch Quinctius kam auf diese Nachrichten von Corinth mit der Flotte, und traf im Euripus vor Chalcis mit dem Könige Eumenes zusammen. Sie machten aus, König Eumenes solle fünfhundert Mann zur Besatzung in Chalcis zurücklassen, selbst aber nach Athen gehen. Quinctius steuerte, weshalb er ausgelaufen war, weiter nach Demetrias, in der Erwartung, auch für die Magneten könne der Entsatz von Chalcis eine Veranlassung werden, die Verbindung mit Rom wieder aufzusuchen. Damit auch die Mitglieder seiner Partei nicht ohne allen Schutz sein möchten, so schrieb er dem Thessalischen Prätor Eunomus, er möge die Dienstfähigen bewaffnen. Auch schickte er nach Demetrias den Villius vorauf, um dort die Stimmung zu prüfen, weil er selbst unter keiner Bedingung sich auf die Sache einlassen wollte, wenn nicht wenigstens ein Theil der Einwohner geneigt sei, sich wieder nach der ehemaligen Verbindung umzusehen. Villius segelte mit seinem Fünfruderer nur bis in die Mündung des Hafens, und da die ganze Volksmenge der Magneten hieher hinausströmte, that er die Frage an sie, ob sie lieber wollten, daß er zu ihnen als Freunden, oder als Feinden komme. Eurylochus, als Magnetarch, antwortete: «Zu Freunden sei er gekommen; doch möge er aus dem Hafen bleiben, die Magneten bei ihrer Eintracht und Freiheit lassen, und nicht unter dem Vorwande einer Unterredung Unruhen im Volke stiften.» Und nun war das Ganze ein Gezänk, nicht mehr Unterredung, da der Römer die Magneten laut Undankbare schalt und ihnen ihr herannahendes Unglück vorhersagte; das Volk aber ihn mit Vorwürfen, bald gegen den Senat, bald gegen den Quinctius, tobend unterbrach. So nahm Villius 333 unverrichteter Sache seinen Rückweg zum Quinctius. Quinctius aber ließ dem Prätor sagen, er möge seine Truppen wieder nach Hause führen, und ging mit der Flotte zurück nach Corinth . 40. Griechenlands Angelegenheiten in dieser Verwickelung mit den Römischen haben mich gleichsam von meiner Bahn abgeführt, nicht etwa, weil sie eine eigene Auseinandersetzung verdienten, sondern weil sie den Krieg mit dem Antiochus veranlasseten. Nach Ernennung der Consuln – denn hier lenkte ich ab – gingen die Consuln Lucius Quinctius und Cneus Domitius auf ihre Standplätze; Quinctius gegen die Ligurier, Domitius gegen die Bojer. Die Bojer verhielten sich ruhig; ja ihre Obrigkeiten ergaben sich samt ihren Familien an den Consul, auch die Heerführer mit der Reuterei; in Allem tausend fünfhundert Mann. Der andre Consul verheerte das Gebiet der Ligurier weit und breit und eroberte mehrere kleine Festungen, wo er nicht allein Beute aller Art und Gefangene machte, sondern auch den Feinden mehrere Römer und Römische Bundesgenossen, die sie in ihrer Gewalt hatten, wieder abnahm. In eben diesem Jahre wurde vermöge eines Senatsgutachtens und Volksschlusses eine Pflanzung nach Vibo ausgeführt. Dorthin gingen dreitausend siebenhundert Mann vom Fußvolke und dreihundert Ritter. Als Dreimänner leiteten die Ausführung Quintus Nävius, Marcus Minucius, Marcus Furius Crassipes. Jedem vom Fußvolke wurden funfzehn Morgen Landes gegeben, dem Ritter doppelt so viel. Das Land hatte zuletzt den Bruttiern gehört; die Bruttier hatten es den Griechen abgenommen. In dieser Zeit sah man in Rom zwei der schrecklichsten Ereignisse. Das eine, länger anhaltend, aber minder heftig, war ein achtunddreißigtägiges Erdbeben. In allen diesen Tagen standen bei der allgemeinen Beunruhigung und Furcht alle Geschäfte still, und man hielt deshalb eine dreitägige Betandacht. Das andre ließ es nicht bei dem bloßen Schrecken, sondern machte wirklich viele Unglückliche. In einer Feuersbrunst; die am Ochsenmarkte ausbrach, 334 standen einen Tag und eine Nacht die der Tiber zugekehrten Häuser in Flammen, und die sämtlichen Kramladen mit Waren von großem Werthe brannten nieder. 41. Schon war das Jahr fast zu Ende und mit jedem Tage vermehrte sich das Gerücht vom Kriege mit dem Antiochus und die Sorge der Väter. Deswegen brachten sie die Vertheilung der Amtsplätze unter die schon ernannten Obrigkeiten zur Sprache, um so viel eher bei ihnen Allen der Thätigkeit eine Richtung zu geben. Sie verordneten, die Posten der beiden Consuln sollten Italien und – noch Einer sein, den der Senat bestimmen werde: schon wußte jedermann, daß der Krieg mit dem Könige Antiochus gemeint sei. Wer diesen Platz bekäme, dem wurden viertausend Mann Römisches Fußvolk nebst dreihundert Rittern und sechstausend Mann Latinische Bundestruppen mit vierhundert Rittern bewilligt. Der Consul Lucius Quinctius bekam den Auftrag, sie auszuheben, damit der neue Consul durch nichts aufgehalten werde, sogleich auf den vom Senate ihm anzuweisenden Posten abzugehen. So wurde auch über die Plätze der Prätoren festgesetzt: Mit dem ersten Posten sollten zwei Ämter vereinigt sein; die Gerichtspflege über die Stadt und die über Bürger und Auswärtige; der zweite Posten sollte das Bruttische sein; der dritte die Flotte mit einer Bestimmung des Orts, die ihr der Senat noch anweisen werde; der vierte Sicilien; der fünfte Sardinien; der sechste das jenseitige Spanien. Außerdem wurde dem Consul Lucius Quinctius aufgetragen, zwei neue Legionen aus Römischen Bürgern und bei den Bundsgenossen und Latinern zwanzigtausend Mann zu Fuß und achthundert Ritter auszuheben. Dieses Heer bestimmten die Väter dem Prätor, welchem das Bruttische zufallen würde. Dem Jupiter wurden in diesem Jahre zwei Tempel auf dem Capitole geweihet; verheißen hatte sie ihm Lucius Furius Purpureo, den einen als Prätor im Gallischen Kriege, den andern als Consul. Die Einweihung hatte Quintus Marcius Ralla als Zweiherr. Gegen die Wucherer sprachen die Gerichte in diesem Jahre, auf die 335 von den Curulädilen Marcus Tuccius und Publius Junius Brutus geschehenen Anklagen der Einzelnen, mehrmals mit Strenge. Von den Strafgeldern der Verurtheilten stellten sie auf dem Capitole in Jupiters Allerheiligstem ein vergoldetes Viergespann auf, und auf dem in cella Iovis supra fastigium]. – Ich folge hier Drakenborchs Vorschlage, das et vor dem Worte duodecim lieber zwischen die Worte Iovis und supra zu setzen, da es sich nicht gut denken läßt, daß etwas zugleich in cella und supra fastigium aediculae aufgestellt sein könne. Gipfel dieser Capelle zwölf vergoldete Schilde: sie waren es auch, die vor dem Drillingsthore den Säulengang bei den Holzhändlern anlegten. 42. Wahrend die Römer die Zurüstungen zum neuen Kriege so ernstlich betrieben, säumte auch selbst Antiochus nicht länger ne ab Antiocho quidem]. – Ich glaubte anfangs aus den von Hrn.  Döring aufgeführten Gründen, die Partikel ne weglassen zu müssen: denn, beim ersten Anscheine steht sie hier ganz an der unrechten Stelle. Da aber alle Msc. und Ausgaben dies ne beibehalten, und die drei Msc., die statt dessen nec lesen, selbst durch dies unrichtige nec doch anzeigen, daß in ihrer Urschrift ein diesem nec ähnliches Wort stand, so versuche ichs, das von Drakenborch, wie ich glaube, mit Recht beibehaltene ne zu retten. Livius hatte schon in einer Menge Stellen vom Kriege mit Antiochus so gesprochen, daß er seine Römer als die den Angriff Erwartenden und sich Rüstenden vorstellt, und es kommt immer nur von Seiten des zögernden Antiochus noch nicht dazu. XXXIIII.  33 . 43 . 59 . 60. XXXV.  12 . 20 . 22. 23. 24. 25. 33 . 41 . Nun endlich, da er zum Entschlusse des bisher Zögernden einleitet, sagt er: ne ab Antiocho quidem u. s. w. Darum heißt es auch Cap. 43. Extemplo consilium mittendi Hannibalis – abiectum est, und gleich darauf: non ultra differre profectionem in Graeciam constituit. Wenn also die Römer schon so lange davon gehört und sich dazu angeschickt hatten, so kann Livius da, wo er endlich zur Erzählung der Überfahrt und des Angriffes übergehen will, mit Recht sagen ne ab Antiocho quidem cessabatur. Und dies finde ich auch durch die Rede des Antiochus an die Ätoler Cap. 44. bestätigt. Dort thut Antiochus gar nicht so, als ob er sich zu entschuldigen habe, quod cessaverit, sondern quod nimis festinaverit. Er sagt, er sei gekommen, quamvis nondum paratus ulla re et tempore ad navigandum immaturo. Folglich hatte er ja jetzt geeilt, und selbst durch diese Gründe sich nicht abhalten lassen. So spricht, dünkt mich, nicht der, der sich seines Zögerns wegen, sondern wegen seiner zu großen Eilfertigkeit entschuldigen will. . Nur hielten ihn noch die drei Städte auf, Smyrna, Alexandria Troas und Lampsacus, die er bis jetzt so wenig hatte erstürmen, als durch Erbietungen zum Übertritte bereden können, und doch auch, wenn er selbst nach Europa überginge, nicht gern als Feinde im Rücken behalten wollte. Auch war er lange 336 über den Hannibal unschlüssig gewesen. Und zwar fehlte es anfangs an den unbedeckten Schiffen, die er ihm nach Africa hatte mitgeben wollen. Dann wurde sogar die Frage, ob man ihn überhaupt abschicken solle, vorzüglich von dem Ätoler Thoas, in Anregung gebracht. Denn nachdem dieser in Griechenland Alles mit Empörungen erfüllet hatte, kam er mit der Nachricht an, Demetrias gehöre schon ihnen: und so wie er durch seine Unwahrheiten über den König und durch seine die Truppenzahl desselben vervielfältigenden Berichte so Manchen in Griechenland zu hohen Aussichten verleitet hatte, so schwellte er auch die Hoffnungen des Königs durch die Lüge: «Alles flehe in Gelübden um seine Ankunft. Alles werde an den Küsten zusammenlaufen, wo sich die königliche Flotte blicken lasse.» So nahm auch er sichs heraus, den beinahe schon festen Entschluß des Königs über den Hannibal zu hintertreiben. Er ließ sich so darüber aus: «Die königliche Flotte dürfe überhaupt keinen Theil ihrer Schiffe abgeben: und wolle man ja ein Geschwader nach Africa senden, so sei Hannibal gerade der Letzte, dem man die Anführung geben müsse. Er sei ein Flüchtling, und ein Punier, dem sein Schicksal und sein Kopf mit jedem Tage tausend neue Entwürfe eingeben könne. Und selbst dieser Kriegsruhm, der ihn gleichsam als seine Aussteuer an den Mann bringe, sei für den Feldherrn eines Königs zu groß. Der in die Augen fallende müsse der König sein; der König als der einzige Führer, als der einzige Oberfeldherr erscheinen. Sollte Hannibal eine Flotte, sollte er ein Heer verlieren, so werde der Schaden derselbe sein, als wenn sie durch einen andern Anführer verloren gingen: sollte er aber Glück haben, so werde den Ruhm Hannibal davontragen, nicht Antiochus. Ließe ihn gar das Glück den Krieg im Ganzen mit Besiegung der Römer endigen, ob es sich denken lasse, daß dann ein Hannibal unter einem Könige, abhängig von dem Einen, werde leben wollen, der sich kaum mit seinem Vaterlande vertragen habe? So habe er sich nicht von seiner Jugend zu benommen, er, dessen 337 Aussichten und Geist den Erdkreis umfasset hätten; daß er sich im Alter einen Herrscher sollte gefallen lassen. Mit dem Hannibal als Feldherr sei dem Könige nichts gedient; aber als Gehülfen und Rathgeber könne er ihn im Kriege gebrauchen. Eine mäßige Benutzung eines solchen Mannes falle weder zur Last, noch sei sie ohne Vortheil: allein der höchste Ertrag, bei einem solchen gesucht, werde auf dem Empfänger nicht weniger lasten, als auf dem Geber.» 43. Bei keiner Art von Menschen regt sich der Neid so geschwind, als bei denen, deren Geistesfähigkeiten einer hohen Geburt und großen Besitzungen nicht gleichkommen: denn eben deswegen sind ihnen Verdienst und Werth an Andern verhaßt. Sogleich wurde die einzige heilsame, beim Anfange des Krieges gefaßte, Maßregel, den Hannibal nach Africa gehen zu lassen, aufgegeben; und vorzüglich gehoben durch den Übertritt der Stadt Demetrias von den Römern zu den Ätolern , beschloß Antiochus, den Zug nach Griechenland nicht länger zu verschieben. Ehe er die Schiffe auslaufen ließ, ging er von der Küste nach Ilium hinauf, um der Minerva ein Opfer zu bringen. Nach seiner Rückkehr von dort zur Flotte fuhr er ab mit vierzig Deckschiffen und sechzig offnen; zweihundert Ladungsschiffe mit Zufuhr aller Art und andern Kriegsvorräthen folgten. Zuerst hielt er bei der Insel Imbrus an und setzte von hier nach Sciathus über. Als er hier die von der Flotte abgekommenen Schiffe auf der Höhe an sich gezogen hatte und zuerst bei Pteleum das feste Land erreichte, kamen ihm hier von Demetrias der Magnetarch Eurylochus und die vornehmsten Magneten entgegen. Voll Freude über ihre zahlreiche Gegenwart lief er am folgenden Tage mit der Flotte in den Hafen der Stadt ein. Nicht weit davon setzte er seine Truppen aus. Dies waren zehntausend Mann zu Fuß und fünfhundert zu Pferde, sechs Elephanten; eine Mannschaft, die kaum hinreichte, ein unbewaffnetes Griechenland zu besetzen, geschweige denn, einen Krieg mit den Römern auszuhalten. Als die Ätoler erfuhren, Antiochus sei zu 338 Demetrias angekommen, schrieben sie einen Landtag aus und faßten den Beschluß ab, ihn einzuladen. Der König, von dieser Ausfertigung zum voraus unterrichtet, war schon von Demetrias aufgebrochen und an die Malieische Busenküste, bis Phalara vorgerückt. Von da kam er, als die Ausfertigung angelangt war, nach Lamia, wo ihn der große Haufe mit außerordentlichen Beweisen der Zuneigung, unter Beifallruf und Jubelgeschrei und allen Äußerungen empfing, wodurch der Pöbel seine ausgelassene Freude zu erkennen giebt. 44. Als man in die Statenversammlung kam, in welche der Prätor Phäneas und die Vornehmen den König nur mit Mühe einführen konnten, nahm dieser nach erfolgter Stille zuerst das Wort. Im Eingange seiner Rede entschuldigte er sich, «daß er mit so viel weniger Truppen gekommen sei, als sie Alle gewünscht und geglaubt hätten. Dies müsse ihnen für seine eifrige Zuneigung zu ihnen der größte Beweis sein, daß er, obgleich noch in keinem Stücke gehörig in Bereitschaft und in dieser für die Schiffahrt noch zu frühen Jahrszeit, der Einladung ihrer Gesandten ohne Anstand Folge geleistet, und sich geschmeichelt habe, die Ätoler würden, wenn er sich ihnen nur zeigte, dies so aufnehmen, als werde ihnen schon in seiner Person jede Art des Schutzes verbürgt. Doch auch die Hoffnung derer, die für jetzt in ihren Erwartungen getäuscht schienen, werde er reichlich befriedigen. Denn sobald nur die früheste simul primum]. – Dies primum gehört nicht zu simul, sondern zu anni tempus. Jahrszeit ein schiffbares Meer darbiete, wolle er ganz Griechenland mit Waffen, Menschen, Rossen, und die ganze Seeküste mit Flotten überfüllen. Auch werde er keine Kosten, keine Anstrengung oder Gefahr scheuen, bis er die Griechen, durch Abwälzung des Römischen Jochs von ihrem Nacken, in Wahrheit frei und unter ihnen die Ätoler zum ersten Volke gemacht habe. Mit seinen Heeren würden auch Zufuhren aller Art aus Asien ankommen. Für jetzt aber müßten die Ätoler dahin sehen, daß seine 339 Truppen mit Getreide versorgt und ihnen für einen leidlichen Preis auch die übrigen Bedürfnisse gereicht würden.» 45. So etwa redete der König unter großem Beifalle aller Zuhörer, und entfernte sich. Nach dem Austritte des Königs erhob sich unter den beiden Häuptern der Ätoler, Phäneas und Thoas, ein Streit. Phäneas sagte: «Man werde wohlthun, wenn man den Antiochus lieber als Friedensvermittler und Schiedsrichter in jenen Punkten gebrauche, worüber man mit den Römern in Streit sei, nicht aber als Anführer zum Kriege. Durch seine Gegenwart und hohe Würde könnten die Römer eher dahin vermocht werden, sich eines und des andern zu entsehen, als selbst durch die Waffen. Die Völker verständen sich, um nur nicht zum Kriege genöthigt zu sein, von selbst zu manchem Erlasse, zu dem sie durch keinen Krieg, durch keine Waffen gezwungen werden könnten.» Thoas antwortete: «Die wahre Absicht des Phäneas sei nicht der Friede, sondern daß sich die Zurüstungen zum Kriege zerschlagen sollten, damit einmal der König des langen Wartens müde in seinem Eifer nachlasse, und zum andern die Römer Zeit hätten, sich zu rüsten. Denn daß sie sich von den Römern durchaus keine Bewilligung selbst des Billigsten versprechen dürften, davon gäben die öftern nach Rom geschickten Gesandschaften und die mehrmaligen Wortkämpfe mit dem Quinctius selbst einen hinlänglichen Beweis; und wäre ihnen nicht alle Hoffnung abgeschnitten gewesen, so würden sie ja den Antiochus nicht um Hülfe angeflehet haben. Da man nun diese über alle Erwartung schnell eintreten sehe, so müsse man sich nicht verliegen, sondern den König bitten, da er schon den wichtigsten Schritt gethan und sich in Person als Griechenlands Retter gezeigt habe, nun auch seine Land- und Seemacht kommen zu lassen. Mit den Waffen in der Hand werde der König etwas bewirken; unbewehrt werde er sowohl für die Ätoler, als für sich selbst, in den Augen der Römer nicht das mindeste Gewicht haben.» Diese Meinung behielt die Oberhand. Sie beschlossen, den König zum Oberfeldherrn zu 340 ernennen, und wählten unter ihren Großen dreißig aus, die der König, falls er es für nöthig fände, zu Rathe ziehen sollte. 46. Nach dieser Verfügung schieden sie Alle, als die Versammlung entlassen wurde, in ihre Städte. Den folgenden Tag ging der König mit ihren Auserwählten darüber zu Rathe, mit welcher Unternehmung er den Krieg zu eröffnen habe. Man glaubte, am besten zu thun, wenn man zuerst Chalcis angriffe, auf welches die Ätoler neulich den fruchtlosen Versuch gemacht hatten; und hierzu habe man große Anstrengung und Vorkehrungen nicht so nöthig, als Geschwindigkeit. Also rückte der König mit tausend Mann zu Fuß, die ihm von Demetrias gefolgt waren, durch Phocis vor: auf einem andern Wege stießen die Häupter der Ätoler mit einer kleinen aufgebotenen Mannschaft bei Chäronea zu ihm und folgten ihm mit zehn Deckschiffen nach. Der König nahm sein Lager bei Salganeus, ging mit den Ätolischen Großen zu Schiffe über den Euripus, und da er nicht weit vom Hafen ausstieg, so begaben sich auch die Obrigkeiten und die Vornehmsten von Chalcis zu ihm hinaus vor das Thor. Zu einer Unterredung traten von beiden Seiten nur Wenige zusammen. Von den Ätolern wurden die Einwohner dringend aufgefordert: «der Römischen Freundschaft unbeschadet auch den König zu ihrem Bundesgenossen und Freunde anzunehmen. Er sei ja nicht nach Europa herübergekommen, Griechenland zu bekriegen, sondern es zu befreien, und zwar um es wirklich zu befreien, nicht den Worten und dem Scheine nach, wie die Römer gethan hätten. Für die Staten Griechenlands könne nichts von größerem Vortheile sein, als sich auf beide Verbindungen einzulassen. Dann nämlich werde es immer, geschützt durch die Eine und ihres Beistandes gewiß, vor Beeinträchtigungen von beiden sicher sein. Nähmen sie den König nicht auf, so möchten sie sehen, was ihnen jetzt gleich wiederfahren werde, da die Hülfe der Römer so fern, Antiochus aber, dem sie mit eigner Macht nicht widerstehen könnten, als Feind vor ihren Thoren sei.» 341 Hierauf antwortete Mictio, einer der Vornehmsten aus Chalcis: «Er könne nicht begreifen, was das für Leute sein möchten, zu deren Befreiung Antiochus mit Hinterlassung seines Reichs nach Europa herübergekommen sei. Denn er kenne in Griechenland keine einzige Stadt, die entweder eine Römische Besatzung habe, oder an die Römer Abgaben entrichte, oder an ein nachtheiliges Bündniß gekettet Gesetze zu dulden habe, in welche sie sich nicht fügen wolle. Die Bürger von Chalcis bedürften also weder eines Befreiers, da sie frei wären, noch einer Besatzung, da sie durch die Wohlthat des Römischen Volks zugleich Frieden und Freiheit hätten. Die Freundschaft des Königs wollten sie nicht zurückgewiesen haben, selbst die der Ätoler nicht; nur möchten diese sich dadurch zum ersten Male als ihre Freunde zeigen, daß sie die Insel räumten und abzögen. Denn sie hätten sich fest entschlossen, niemand in ihre Mauern aufzunehmen, auch sich nie auf irgend ein Bündniß einzulassen, außer mit Zustimmung der Römer. » 47. Als der König bei den Schiffen, wo er geblieben war, diesen Bescheid erhielt, beschloß er für jetzt – denn er war nicht mit so viel Truppen gekommen, daß er hätte Gewalt brauchen können – nach Demetrias zurückzugehen. Hier hielt er mit den Ätolern Rath, weil ihre erste Unternehmung fehlgeschlagen sei, was sie nun zu thun hätten. Es wurde beschlossen, einen Versuch auf die Achäer Placuit, Achaeos et Amynandrum]. – Ich glaube, hier so lesen zu müssen: Placuit, Achaeos, et Boeotos, et Amynandrum cet. Daß das Wort Boeotos hier ausgefallen sei, hat schon Perizonius aus dem folgenden Zusammenhange bewiesen: nur bestimmt er diesem Worte nicht seinen eigentlichen Platz; und Andre haben geglaubt, es dem Worte Achaeos vorsetzen zu müssen. Allein Livius liebt es nicht, da, wo er eine Reihe wiederholt, sich an die einmal beobachtete Ordnung zu binden: er springt immer ab. Statt eine Menge von Beispielen anzuführen, verweise ich nur auf XXXV. 41.  6., vergl. mit XXXVI. 2.  6. Auch ist es nicht die Weise der Abschreiber, von mehrern ähnlichen Worten das erste auszulassen, sondern eins aus der Mitte. Wenn nämlich der Abschreiber Achae os et geschrieben hatte, so ließ er wegen der gleichen Endungen die Worte Boeotos et aus. Wäre hingegen Boeotos das erste gewesen, so würden wir dies noch im Texte finden, und stattdessen Achaeos ausgefallen sein. , auf die Böotier und den Amynander, den König der 342 Athamanen, zu machen. Von den Böotiern glaubten sie, sie hätten seit der Ermordung des Brachyllas und den daraus erfolgten Auftritten sich ganz von den Römern abgewandt. Bei den Achäern war, ihrer Meinung nach, das Oberhaupt, Philopömen, aus Eifersucht über den Ruhm im Lacedämonischen Kriege, dem Quinctius abgeneigt und eben so bei diesem nicht gelitten. Amynander hatte die Tochter eines gewissen Alexander von Megalopolis, Apame, zur Gemahlinn, der, seiner Angabe nach ein Abkömmling Alexanders des Großen, seinen beiden Söhnen die Namen Philipp und Alexander, und der Tochter den Namen Apame filiae Apamiam]. – Die nach dem Namen mehrerer Königinnen Apame benannten Städte heißen Apamia oder Apamea, die Frauen selbst Apame. Also lese ich auch hier mit Sigonius (aus Appians Απάμαν) Apamam. Wenn aber der Arcadier Alexander seiner Tochter den Namen Apame giebt, um dadurch auf eine Verwandschaft mit Alexander dem Großen schließen zu lassen, so bemerke ich: Apame, die Gemahlin des Seleucus Nicator und durch ihn die Stammmutter der Syrischen Seleuciden, war eine Schwester der Perserin Barsine, welche dem Macedonischen Alexander den jungen Hercules gebar. gegeben hatte: und ihr, in dem Glanze einer königlichen Gemahlinn, war der älteste ihrer Brüder, Philipp, nach Athamanien gefolgt. Diesem, den sie hierzu stolz genug fanden, ließen die Ätoler und Antiochus, wenn er den Amynander und die Athamanen zu des Antiochus Verbündeten machte, den Thron der Macedonischen Könige hoffen, da er ja ein ächter Sprößling dieses Stammes sei. Und dies leere Versprechen fand nicht bloß bei Philipp, sondern selbst beim Amynander eine Gültigkeit. 48. In Achaja wurden die Gesandten des Antiochus und der Ätoler zu Ägium einer Versammlung vorgestellt, in welcher Titus Quinctius zugegen war. Den Gesandten des Antiochus ließ man zuerst reden, nachher den Ätolischen. Jener, ein Großsprecher, wie so viele, die vom Überflusse der Könige mitessen, erfüllte Meer und Land mit seinem leeren Wortgetöne. «Von Reutern gehe eine unzählbare Menge über den Hellespont nach Europa über, theils gepanzert – diese heißen die Cataphracten – theils vom Pferde herab mit Pfeilen schießend, und 343 vor denen niemand sich völlig decken könne, da sie sogar auf fliehendem Rosse von rückwärts noch sichrer träfen. Könnten gleich die zusammengetriebenen Heere des gesammten Europa schon von diesen Reutereien niedergeritten werden, so komme doch ein vielfaches Fußvolk, wie er versicherte, noch hinzu», und selbst die fürchterlichen Namen solcher Völker, die kaum vor Menschenohren genannt waren, ließ er erklingen, indem er die Daher, Meder und Elymäer und Caddusier hernannte. «Von den Seetruppen aber, für welche alle Häfen in Griechenland zu klein wären, machten die Sidonier und Tyrier nur den rechten Flügel aus; den linken die Aradier und aus Pamphylien die Sideten; und nie habe irgend ein Volk an Geschicklichkeit und Tapferkeit zur See es ihnen gleich gethan. Nun noch des Geldes, noch der übrigen Kriegsvorräthe zu erwähnen, sei überflüssig. Sie wüßten selbst, daß Asiens Könige immer Gold in Überfluß gehabt hätten. Also würden es die Römer nicht mit einem Philipp, nicht mit einem Hannibal zu thun haben, von denen der eine ein Mann von Bedeutung in einer Freistadt, der andre auf die Gränzen des Macedonischen Reichs beschränkt sei, sondern mit dem Großen Könige von ganz Asien und einem Theile Europa's. Und dennoch fordere er, ob er gleich als Griechenlands Befreier von den äußersten Gränzen des Orients komme, von den Achäern nichts, wodurch ihre Treue gegen die Römer, ihre früheren Bundsgenossen und Freunde, verletzt werde. Denn er verlange nicht, daß sie mit ihm gegen jene zu den Waffen greifen, sondern nur, daß sie keinem von beiden Theilen sich anschließen sollten. Den Frieden möchten sie, wie es für Freunde von beiden sich schicke, beiden Theilen wünschen; nur in den Krieg selbst sich nicht mischen.» Fast gleiches Inhalts war der Antrag des Ätolischen Gesandten Archidamus: «Sie möchten nur, was ihnen so leicht und für sie das Sicherste sei, sich ruhig verhalten, und als Zuschauer des Krieges die Entscheidung des Schicksals über Andre, ohne die mindeste Gefahr für sich 344 selbst, abwarten.» Und nun fuhr er, weil er seiner Zunge nicht Herr war, in Schmähreden bald gegen die Römer insgesamt heraus, bald insbesondere gegen den Quinctius selbst; indem er sie Undankbare nannte, und ihnen vorwarf, «nicht bloß den Sieg über Philipp, sondern selbst ihr Leben müßten sie der Tapferkeit der Ätoler danken. Die Rettung des Quinctius und seines Heers sei sein Werk. Er möchte wohl wissen, worin jener je seine Pflicht als Feldherr gethan habe. Indeß er, ihn zu decken, seine Person den feindlichen Pfeilen entgegengestellt habe, habe er ihn in der Schlacht, gleich einem Opfer begaffenden Wahrsager, die Vögel beobachten, Opferthiere schlachten und Gelübde herbeten sehen.» 49. Hierauf antwortete Quinctius: « Archidamus habe mehr Rücksicht darauf genommen, vor wem, als bei wem er zu reden habe. Denn die Achäer wüßten sehr gut, daß der ganze Trotz der Ätoler in Worten, nicht im Handeln, bestehe, und sich mehr in Versammlungen und Reden an das Volk, als in Schlachten zu Tage lege. Also habe ihr Gesandter sich wenig darum bekümmert, was die Achäer von ihnen denken möchten, da sie wüßten, daß diese sie kenneten: allein vor den königlichen Gesandten, und durch diese vor dem abwesenden Könige, habe er sich eine Größe geben wollen. Sollte jemand es vorher noch nicht gewußt haben, wodurch eigentlich die Verbindung zwischen Antiochus und den Ätolern bewirkt sei, so würde er dies aus der Sprache der Gesandten deutlich haben ersehen können. Durch gegenseitige Lügen, durch Großthun mit einer Macht, die sie nicht hätten, habe der Eine den Andern mit täuschenden Hoffnungen geschwellt, und von ihm sich schwellen lassen: während jene – so fuhr er fort – von sich erzählen, wie sie es gewesen, die den Philipp besiegt, wie sie durch ihre Tapferkeit das Römische Heer gerettet hätten, und, was ihr so eben gehört habt; so auch, daß ihr mit allen übrigen Städten und Völkern ihre Partei ergreifen würdet; und der König dagegen die Lüfte mit Wolken von Fußvolk und Reuterei erfüllt und 345 mit seinen Flotten die Meere pflastert. Es geht damit fast eben so zu, wie an der Tafel meines Gastfreundes zu Chalcis, eines braven Mannes und der seine Gäste zu bewirthen weiß. Als wir, um die Zeit des längsten Tages von ihm zu einem freundlichen Mahle geladen, uns wunderten, wie er zu dieser Jahrszeit so viel und so mancherlei von der Jagd aufzuweisen habe, so sagte der Mann – kein solcher Prahler, wie diese hier – mit Lächeln, mit Gewürzen habe man zahmes Schweinfleisch so verschiedenartig zugerichtet und ihm den Wildgeschmack gegeben. Dies läßt sich sehr gut auf die Truppen des Königs anwenden, mit denen man kurz vorhin so groß that. Die mancherlei Arten von Bewaffneten, die vielen unerhörten Namen von Völkerschaften, die Daher, die Meder, die Caddusier, die Elymäer, sind insgesammt nur Syrier; sind ihres knechtischen Sinnes wegen weit bessere Sklaven, als Soldaten. Und o! daß ich euch, ihr Achäer, das Hin- und Hertrippeln des Großen Königs bald von Demetrias nach Lamia zum Landtage der Ätoler, dann wieder nach Chalcis, vor die Augen stellen könnte! Sehen würdet ihr da im Lager des Königs ein Etwas, das kaum wie ein par halbvollzählige Legionen im Kleinen aussieht: würdet den König sehen, wie er bald bei den Ätolern um Getreide, das sie seinen Truppen zumessen sollen, beinahe bettelt; bald zur Löhnung für diese Geld auf Zinsen sucht; dann vor den Thoren von Chalcis steht, und geschwind wieder, weil er hier abgewiesen wird, ohne weiter etwas gethan zu haben, als Aulis und den Euripus nur zu sehen, nach Ätolien zurückgeht. Antiochus hat sehr übel gethan, daß er den Ätolern, und die Ätoler, daß sie der Großsprecherei eines Königs getrauet haben. Um so viel weniger müßt ihr euch hintergehen lassen; müsset so viel lieber auf die geprüfte und bewährte Treue der Römer bauen. Denn was auch jene immerhin sagen mögen, es sei für euch das Beste, euch gar nicht in den Krieg zu mischen; so betheure ich euch dennoch: Nichts verträgt sich mit eurer Lage weniger. Dann würdet ihr ja 346 ohne Dank, ohne Werth, die Beute des Siegers sein.» 50. Was er sagte, galt schon durch sich selbst als treffende Antwort gegen Beide, und bei wohlwollenden Zuhörern fand auch seine Rede so viel leichter Eingang. Ohne allen Wortstreit, ohne weiteres Bedenken erklärten Alle: Das Achäische Volk wolle eben die für seine Feinde und Freunde ansehen, die das Römische Volk für die seinigen erkenne; und beschlossen, sowohl dem Antiochus, als den Ätolern, den Krieg anzukündigen. Auch schickten sie sogleich Hülfstruppen, wohin sie Quinctius bestimmte; fünfhundert Mann nach Chalcis, und fünfhundert in den Piräeus. Denn zu Athen war die Lage der Dinge einem Aufruhre nahe, weil Einige den für Geld immer feilen Pöbel durch die zu hoffenden königlichen Spenden auf die Seite des Antiochus lenkten; bis die Römische Partei den Quinctius herbeirief, und Apollodorus, der den Abfall einleitete, auf die Anklage eines gewissen Leon verurtheilt und aus der Stadt verwiesen wurde. So kam denn die Gesandschaft des Antiochus von den Achäern mit einer unfreundlichen Antwort zum Könige zurück. Die Böotier antworteten sehr unbestimmt: «Wann Antiochus nach Böotien käme, würden sie in Überlegung nehmen, was sie zu thun hätten.» Als Antiochus hörte, sowohl die Achäer, als König Eumenes , ließen zum Schutze von Chalcis Truppen abgehen, so fand er, er müsse eilen, wenn die Seinigen jenen zuvorkommen und sie noch im Anzuge auffangen sollten, und schickte mit fast dreitausend Mann den Menippus ab und mit der ganzen Flotte den Polyxenidas. Er selbst brach einige Tage später auf mit sechstausend Mann seiner eignen Leute und einer kleinen Anzahl Ätoler, so viel man zu Lamia von ihrem Truppenbestande in der Eile hatte sammeln können. Die fünfhundert Achäer und das mäßige Hülfskohr vom Könige Eumenes gelangten unter Anführung des Chalcidiers Xenoclides auf noch unbesetzten Wegen sicher über den Euripus nach Chalcis. Als aber die Römischen Truppen kamen – sie waren ebenfalls gegen fünfhundert stark – hatte schon Menippus vor Salganeus 347 ein Lager bei Hermäum, wo man aus Böotien nach der Insel Euböa überfährt. Mictio war bei ihnen, der als Gesandter von Chalcis an den Quinctius geschickt war, sich diese Hülfe zu erbitten. Als dieser den Paß von den Feinden besetzt sah, gab er den Weg nach Aulis auf und lenkte auf Delium ein, um von dort nach Euböa überzusetzen. 51. Delium ist ein auf der Küste ragender Tempel des Apollo, fünftausend Schritte von Tanagra, und nicht ganz viertausend beträgt von hier die Überfahrt zu Meere auf das nächste Ufer von Euböa. Diesem Heiligthume und seinem Haine gaben Verehrung und Rechte dieselbe Unverletzbarkeit, wie den übrigen Tempeln, die bei den Griechen den Namen der Freistätten führen: und die Römischen Soldaten, in aller Ruhe – weil der Krieg noch nicht angekündigt, oder doch nicht so weit gediehen war, daß ihnen das Gerücht hätte sagen können, das Schwert sei gezogen oder irgendwo schon Blut geflossen – waren hier darüber aus, Tempel und Hain in Augenschein zu nehmen, dort streiften sie ohne Waffen auf der Küste umher, und eine Menge hatte sich zur Holz- und Futterholung auf die Dörfer vertheilt; als plötzlich Menippus die allenthalben Zerstreuten angriff, sie zusammenhieb und an funfzig Gefangene machte. Nur sehr wenige entflohen, unter ihnen auch Mictio, den ein kleines Frachtschiff aufnahm. War dieser Vorfall für den Quinctius und die Römer durch den Verlust an Leuten kränkend, so fanden sie sich aber auch so viel mehr dadurch berechtigt, dem Antiochus den Krieg zu erklären. Antiochus, an der Spitze seines bis Aulis vorgerückten Heeres, schickte abermals einige Abgeordnete, theils aus seinen Leuten, theils Ätoler, nach Chalcis hinein, ließ die neulichen Anträge unter härteren Drohungen wiederholen, und erreichte, aller Gegenbemühungen des Mictio und Xenoclides ungeachtet, seinen Zweck sehr leicht. Die Thore wurden ihm geöffnet. Die von der Römischen Partei räumten gegen die Ankunft des Königs die Stadt. Die Truppen der Achäer und des Eumenes hatten 348 Salganeus in Besitz genommen, und die wenigen Römer legten am Euripus eine Schanze an, um durch diesen Posten sich der Gegend zu versichern. Auf Salganeus unternahm Menippus den Angriff, auf die Schanze am Euripus der König selbst. Die Achäer und die Truppen des Eumenes waren die ersten, die unter der Bedingung eines freien Abzuges ihren Posten räumten: die Römer am Euripus vertheidigten sich hartnäckiger. Aber auch sie konnten, da sie zu Lande und zu Wasser eingeschlossen waren und schon das Sturmgeräth und Wurfgeschütz herbeikommen sahen, keine Belagerung aushalten. Als der König jetzt die Hauptstadt von Euböa in Besitz hatte, verweigerten ihm auch die übrigen Städte der Insel die Unterwerfung nicht; und er glaubte den Krieg mit einer reichen Vorernte eröffnet zu haben, da er schon jetzt eine so große Insel und so viele Städte von so vortheilhafter Lage gewonnen sah. Sechs und dreissigstes Buch. Jahr Roms 561. 350 Inhalt des sechs und dreissigsten Buchs. Der Consul Manius Acilius Glabrio treibt den bei Thermopylä mit Hülfe des Königs Philipp besiegten Antiochus aus Griechenland, auch bezwingt er die Ätoler. Publius Cornelius Scipio Nasica weihet als Consul den Tempel der Göttermutter ein, die er selbst auf das Palatium getragen hatte, als er vom Senate für den rechtschaffensten Mann erklärt war; auch zwingt er durch seinen Sieg die Bojischen Gallier zur Übergabe und triumphirt über sie. Außerdem werden die glücklichen Treffen zur See gegen die Befehlshaber des Königs Antiochus erzählt. 351 Sechs und dreissigstes Buch. 1. Die Consuln Publius Cornelius Scipio, des Cneus Sohn, und Manius Acilius Glabrio wurden bei dem Antritte ihres Amts von den Vätern angewiesen, ehe sie auf die Vertheilung der Standplätze antrügen, in allen Heiligthümern, in welchen gewöhnlich die meiste Zeit im Jahre Göttermahle gegeben würden, die Opfer mit größeren Thieren ausrichten zu lassen, und die Götter anzuflehen, da der Senat zu einem neuen Kriege entschlossen sei, diesen Vorsatz für Roms Senat und Volk von glücklichen und segensreichen Folgen sein zu lassen. Alle diese Opfer fielen erfreulich aus und versprachen gleich bei den ersten Thieren die volle Gnade der Götter. Die Opferschauer erklärten, sie sähen die Gränzen des Römischen Stats durch diesen Krieg sich erweitern und Sieg und Triumph angedeutet. Da man sich vermöge dieser Mittheilung von Seiten der Götter gedeckt sah, so gaben nun die Väter den Befehl, bei dem Gesamtvolke darauf anzutragen: «Ob die Quiriten damit zufrieden wären und es bewilligten, daß man gegen den König Antiochus und Alle, die sich an seine Partei geschlossen hätten, auf einen Krieg eingehe;» Wenn der Vorschlag durchginge, dann möchten es sich die Consuln gefallen lassen, die Sache ganz von vorn an im Senate zur Sprache zu bringen. Publius Cornelius brachte die Frage vor das Gesamtvolk und sie ging durch. Darauf stimmte der Senat, die Plätze, worüber die Consuln zu losen hätten, sollten Italien und Griechenland sein: wem Griechenland zufiele, der sollte außer jener Truppenzahl, welche Lucius Quinctius für jenen Standort nach einem Senatsgutachten selbst angeworben oder eingefordert habe, auch jenes Heer übernehmen, welches der Prätor Marcus Bäbius im vorigen Jahre einem Senatsschlusse zufolge nach 352 Macedonien übergesetzt habe. So wurde ihm freigestellt, wenn es die Umstände erforderten, auch außerhalb Italien sich von den Bundesgenossen, doch nicht über fünftausend Mann, Hülfstruppen geben zu lassen. Der Consul des vorigen Jahres, Lucius Quinctius, wurde für diesen Krieg zum Unterfeldherrn bestimmt. Der andre Consul, der zu seinem Standorte Italien bekäme, sollte zum Kriege gegen die Bojer sich eins von den beiden Heeren wählen, welche die vorigen Consuln gehabt hätten, das andre aber nach Rom schicken, damit an ihm der Senat Stadtlegionen in Bereitschaft habe, die er abgehen lassen könnte, wohin er es nöthig fände. 2. Als dies Alles im Senate bis auf den Punkt ausgemacht war, welcher Standort jedem zufallen werde, so ließ man nun die Consuln losen. Den Acilius traf Griechenland, den Cornelius Italien. Nach entschiedener Bestimmung erließ der Senat den Beschluß: «In Beziehung auf den Krieg, welchen das Römische Gesamtvolk zu dieser Frist gegen den König Antiochus und alle unter ihm stehenden Völker beschlossen habe; in Rücksicht auf diesen Gegenstand sollten die Consuln ein Betfest anordnen: ferner solle der Consul Manius Acilius dem Jupiter große Spiele geloben und eine Darlegung von Geschenken auf alle Altäre.» Dies Gelübde legte der Consul nach folgender Formel ab, wie sie ihm der Hohepriester Publius Licinius angab: «Wenn der Krieg, den das Gesamtvolk gegen den König Antiochus zu eröffnen beschlossen hat, des Senats und des Römischen Gesamtvolks Wünschen gemäß geendet sein wird; dann wird dir, Jupiter, das Römische Gesamtvolk zehn Tage daurende große Spiele feiren und auf alle Altäre sollen Geschenke niedergelegt werden, wozu der Senat die Geldsumme anweisen wird. Wenn nur eine obrigkeitliche Person diese Spiele anstellt, wann und wo es auch sein mag, so soll die Feier der Spiele gültig, und die Darbringung der Geschenke gültig sein.» Das hierauf von beiden Consuln angeordnete Betfest dauerte zwei Tage. Als die Consuln über ihre Plätze geloset hatten, loseten 353 sogleich auch die Prätoren. Den Marcus Junius Brutus traf die doppelte Gerichtspflege, den Aulus Cornelius Mammula das Bruttische, den Marcus Ämilius Lepidus Sicilien, den Lucius Oppius Salinator Sardinien, den Cajus Livius Salinator die Flotte, den Lucius Ämilius Paullus das jenseitige Spanien. Die Heere wurden ihnen so bestimmt. Dem Aulus Cornelius wurden die neuen Truppen gegeben, welche im vorigen Jahre der Consul Lucius Quinctius nach einem Senatsschlusse geworben hatte, und der Befehl, die ganze Küste von Tarent und Brundusium zu decken. Lucius Ämilius Paullus sollte in das jenseitige Spanien außer dem Heere, welches er vom Proprätor Marcus Fulvius übernehmen würde, dreitausend Mann neuer Truppen mitnehmen und dreihundert Ritter; und zwar sollten zwei Drittel davon verbündete Latiner, und eins geborne Römer sein. Eine eben so starke Ergänzung wurde dem Cajus Flaminius, dem man den Oberbefehl verlängerte, in das diesseitige Spanien zugeschickt. Marcus Ämilius Lepidus sollte vom Lucius Valerius, in dessen Platz er träte, Provinz und Heer zugleich übernehmen; wenn er es gerathen fände, den Lucius Valerius als Proprätor in der Provinz bleiben lassen, und diese so eintheilen, daß die eine Hälfte sich von Agrigent bis Pachynum, die andre von Pachynum bis Tyndarium erstrecke. Die letztere Seeküste sollte Lucius Valerius mit zwanzig Kriegsschiffen decken. Auch wurde dem Prätor aufgetragen, den doppelten Getreidezehnten zu erheben, und die Hinlieferung des Getreides an das Meer und die Überfuhr nach Griechenland zu besorgen. Eine gleiche Erhebung des doppelten Zehnten in Sardinien wurde auch dem Lucius Oppius befohlen; doch wolle man dies Getreide nicht nach Griechenland, sondern nach Rom geschafft wissen. Der Prätor Cajus Livius, dem die Flotte zugefallen war, erhielt Befehl, mit dreißig gefertigten Schiffen sobald als möglich nach Griechenland überzugehen und vom Atilius die Flotte zu übernehmen. Die alten Schiffe, die auf den Holmen standen, auszubessern und zu bemannen, dies 354 Geschäft wurde dem Prätor Marcus Junius gegeben, auch zu Seetruppen für diese Flotte Freigelassene auszuheben. 3. Nach Africa schickte man an die Carthager drei Gesandte und drei nach Numidien, um Getreide zu bestellen, das nach Griechenland geliefert würde, doch gegen bare Bezahlung von Römischer Seite. Und die Aufmerksamkeit der Bürgerschaft auf die Anstalten und Vorkehrungen zu diesem Kriege ging so weit, daß der Consul Publius Cornelius bekannt machte: «Von allen denen, welche Senatoren wären, oder welche im Senate stimmen dürften, auch, die in den kleineren Ämtern ständen, solle keiner sich so weit von Rom entfernen, daß er nicht noch an dem Tage zurückkommen könnte, auch sollten nicht fünf Senatoren auf einmal von der Stadt Rom abwesend sein.» In der raschen Ausrüstung der Flotte hielt den Prätor Cajus Livius ein mit den Pflanzstädtern von der Seeküste entstandener Streit ein Weilchen auf. Denn als sie auf die Flotte gepreßt wurden, nahmen sie den Schutz der Bürgertribunen in Anspruch: von diesen wurden sie an den Senat verwiesen. Der Senat, in welchem auch nicht ein Einziger anders stimmte, fertigte den Schluß aus, daß diesen Pflanzstädtern die Befreiung vom Seedienste nicht zukomme. Ostia, Fregenä, Castrum novum, Pyrgi, Antium, Tarracina, Minturnä und Sinuessa waren die, die den Streit über die Dienstfreiheit mit dem Prätor führten. Nun that der Consul Manius Acilius nach einem Senatsschlusse bei dem Gesamtamte der Bundespriester die Anfrage: «Ob der Krieg durchaus dem Könige Antiochus in Person angekündigt werden müsse, oder ob man dies bloß irgend einem bewaffneten Posten andeuten könne.» Ferner: «ob sie es für nöthig erachteten, daß man auch den Ätolern den Krieg besonders erkläre.» Endlich: «ob man vor der Kriegserklärung Bündniß und Freundschaft aufzukündigen habe.» Die Bundespriester antworteten: «Schon das vorigemal, als man sie Philipps wegen befragt habe, hätten sie erklärt, es verschlage nichts, ob man die Anzeige ihm selbst, oder bei einem 355 seiner Posten mache. Die Freundschaft scheine ihnen schon dadurch aufgekündigt, daß sich jene gegen die so oft Ersatz fordernden Gesandten weder zur Herausgabe, noch zu einer Genugthuung hätten verstehen wollen. Die Ätoler hätten zuvorkommend sich selbst den Krieg dadurch erklärt, daß sie Demetrias, eine Römische Bundesstadt, durch einen Gewaltstreich besetzt, daß sie sich darauf eingelassen hätten, Chalcis zu Lande und zu Wasser zu belagern, daß sie den König Antiochus nach Europa herübergeführt hätten, um mit dem Römischen Volke Krieg anzufangen.» Als der Consul Manius Acilius mit allen Vorkehrungen fertig war, ließ er den Befehl ergehen: «Die Truppen, welche Lucius Quinctius ausgehoben, auch die, welche er sich von den Bundesgenossen und Latinern habe stellen lassen, die nun mit ihm auf seinen Posten abgehen müßten, so auch die Obersten bei der ersten und dritten Legion, hätten sich sämtlich auf den funfzehnten Mai zu Brundusium einzufinden.» Er selbst zog am dritten Mai im Feldherrnpurpur aus Rom. Auch die Prätoren gingen in diesen Tagen auf ihre Posten ab. 4. Um diese Zeit kamen auch Gesandte von zwei Königen, von Philipp in Macedonien und von Ptolemäus in Ägypten zu Rom an, und versprachen zu diesem Kriege Hülfstruppen, Geld und Getreide. Die vom Ptolemäus brachten sogar tausend Pfund Gold und zwanzig tausend Pfund Silber mit. Von dem Allen nahm der Senat nichts an, ließ aber die Könige seines Danks versichern. Da sich auch beide bereit erklärten, mit allen ihren Truppen in Ätolien einzutreffen und den Krieg mitzumachen, so lehnte man dies in Ansehung des Ptolemäus ab; Philipps Gesandte aber erhielten die Antwort, der König werde Roms Senate und Volke eine Gefälligkeit erzeigen, wenn er dem Consul Manius Acilius seine Hülfe nicht versage. So kamen auch von den Carthagern und vom Könige Masinissa Gesandte an. Die Carthager versprachen, ....... tausend Maß Weizen und fünfhundert tausend Maß Gerste dem Heere zu liefern und halb so viel nach Rom; sie 356 baten die Römer, dies von ihnen als ein Geschenk anzunehmen: auch wollten sie eine Flotte mit eigner Bemannung auf ihre Kosten ausrüsten; und die Steuer, die sie auf viele Jahre in mehreren Zahlungen zu entrichten hätten, auf einmal bar auszahlen. Die Gesandten des Masinissa sagten, der König wolle fünfhundert tausend Maß Weizen, dreihundert tausend Maß Gerste an das Heer in Griechenland, und dreihundert tausend Maß Weizen nebst zweihundert funfzig tausend Maß Gerste nach Rom abgehen lassen; auch dem Consul Manius Acilius fünfhundert Reuter und zwanzig Elephanten zusenden. In Ansehung des Getreides erhielten beide die Antwort, das Römische Volk wolle davon Gebrauch machen, wenn sie die Bezahlung annähmen. Die Flotte wurde den Carthagern erlassen, außer was sie etwa an Schiffen vertragsmäßig zu stellen hätten. So bekamen sie auch wegen des Geldes zur Antwort, man werde vor dem bestimmten Tage keins annehmen. 5. Während dies in Rom geschah, war Antiochus in Chalcis, um auch in den Winterquartieren nicht unthätig zu sein, damit beschäftigt, durch seine ausgeschickten Gesandten mehrere Staten für sich zu gewinnen: aus andern kam man unaufgefordert zu ihm. So fanden sich die Epiroten nach einem gemeinschaftlichen Beschlusse ihres Gesamtvolkes bei ihm ein, und aus dem Peloponnes die Eleer. Die Eleer baten um Hülfe gegen die Achäer, weil sie glaubten, nach der wider ihre abgegebene Stimme erfolgten Kriegserklärung gegen den Antiochus würden sie nun auch zuerst von diesen angegriffen werden. Ihnen wurden unter Anführung des Cretensers Euphanes tausend Mann Fußvolk zu Hülfe geschickt. Die Epiroten benahmen sich durch ihre Gesandschaft gegen keine Partei nur einigermaßen mit Unbefangenheit oder Offenheit. Bei dem Könige wollten sie Dank verdienen, doch mit der Rücksicht, ohne es mit den Römern zu verderben. Sie baten ihn: «Er möge sie nicht geradezu für ihn Partei nehmen lassen, da sie als Vorlage des gesamten Griechenlandes Italien gegenüber ständen und 357 die ersten Angriffe der Römer auszuhalten hätten. Wenn er sich aber in Person mit seiner Land- und Seemacht zum Schutze des Epirus aufstellen könne, so würden ihn alle Epiroten mit Sehnsucht in ihre Städte und Häfen aufnehmen. Könne er das nicht, so müßten sie ihn bitten, sie nicht als die Ungeschützten und Wehrlosen einem Kriege mit den Römern auszusetzen.» Offenbar legten sie es durch diese Gesandschaft darauf an, daß sie, falls sich der König das Einrücken in Epirus nicht erlaubte – und dies war ihnen das Wahrscheinlichste – bei den Römischen Heeren eine völlig unverdorbene Sache behielten, und sich doch den König dadurch hinlänglich zum Freunde gemacht hätten, daß sie ihn, wenn er gekommen wäre, hätten aufnehmen wollen: käme er aber, so ließ sich auch dann noch bei den Römern dafür Verzeihung hoffen, daß sie, ohne die ihnen so ferne Hülfe abwarten zu können, der Übermacht des im Lande Stehenden hätten erliegen müssen. Der König, der auf einen Antrag mit so vielen Verknotungen jetzt gleich nicht zu antworten wußte, sagte ihnen, er werde zur Verabredung dessen, was sie und ihn gemeinschaftlich betreffe, Gesandte schicken. 6. Er selbst brach nach Böotien auf, wo man freilich als Vorwand der Erbitterung gegen die Römer jene Gründe angeben konnte, die ich früher erwähnte, die Ermordung des Brachyllas und den Angriff auf Coronea, mit welchem Quinctius die gemordeten Römischen Soldaten rächete; wo aber eigentlich schon seit vielen Menschenaltern die ehemals so treffliche Sittenzucht des Volks im Ganzen und im Einzelnen wankte, und Viele in einer Lage waren, daß sie ohne eine Statsumwälzung sich nicht halten konnten. Mit den ihm allenthalben entgegenströmenden Böotischen Vornehmen kam er nach Theben. Ob er nun gleich hier in ihrer Statenversammlung, bei allen seinen nicht unbedeutenden, nicht zweideutigen Schritten, die er durch seinen Angriff auf den Römischen Posten bei Delium, und dann bei Chalcis, zu einem Kriege mit den Römern gethan hatte, seinem Vortrage dieselbe Einleitung gab, wie 358 seiner ersten Unterredung mit ihnen bei Chalcis, und dem Antrage seiner Gesandten auf der Versammlung der Achäer; daß er nämlich bloß ihre Freundschaft, keine Kriegserklärung gegen Rom verlange; so leuchtete doch Jedem ein, worauf es abgesehen sei. Und dennoch wurde unter einer nichtigen Beschönigung ein Beschluß zu Gunsten des Königs gegen die Römer abgefaßt. Als er den Beitritt auch dieses Volks bewirkt hatte, ging er nach Chalcis zurück, ließ von hier an die Ätolischen Großen die schriftliche Einladung zu einer Zusammenkunft in Demetrias, wo er sich mit ihnen über den Krieg im Ganzen zu berathen habe, vorangehen, und kam auf den zur Versammlung angesetzten Tag zu Schiffe dort an, Auch Amynander wurde zu dieser Berathschlagung aus Athamanien berufen, und diesmal erschien im Statsrathe auch der schon lange nicht dazu gezogene Punier Hannibal. Hier ging man über das Gesamtvolk der Thessalier zu Rathe, auf deren Stimmung, nach der Meinung der sämtlichen Anwesenden, ein Versuch gemacht werden sollte. Nur waren die Stimmen insofern getheilt, daß Einige meinten, dies müsse sogleich geschehen; Andere, es lasse sich vom Winter, der beinahe halb verflossen war, bis auf den Anfang des Frühjahrs verschieben: auch riethen Einige, bloß Gesandte hinzuschicken; Andere, mit allen Truppen hinzugehen, um sie, wenn sie zögerten, durch Drohungen zu schrecken. 7. Da sich nun die ganze Verhandlung fast um diese einzige Frage drehete, so gab Hannibal, namentlich um seine Stimme befragt, dem Könige und den übrigen Anwesenden durch folgende Rede die Richtung zum Nachdenken über den Krieg im Ganzen: «Wäre ich seit unsrer Ankunft in Griechenland zu Rathe gezogen, als man sich über Euböa, über die Achäer und Böotien berieth, ich würde dieselbe Meinung geäußert haben, die ich jetzt vortragen werde, da die Rede von Thessalien ist. Ich stimme dahin, daß man vor allen Dingen den Philipp und die Macedonier durch jedes Mittel zur Theilnahme am Kriege bewegen müsse. Denn was Euböa, die Böotier und Thessalier betrifft, 359 wer zweifelt daran, daß diese als Völker ohne eigne Macht auch als jedesmalige Schmeichler der im Lande Stehenden, aus eben der Furchtsamkeit, die sie bei Ergreifung ihrer Maßregel leitete, auf eine zu erflehende Verzeihung Rücksicht nehmen? daß sie, sobald sie in Griechenland ein Römerheer erblicken, unter den gewohnten Oberbefehl zurückkehren? und daß ihnen kein Verbrechen daraus gemacht wird, wenn sie bei der weiten Entfernung der Römer nicht Lust hatten, deine und deines Heeres Überlegenheit auf der Stelle zu fühlen. Wie viel dringender und wichtiger ist es also, lieber den Philipp mit uns zu vereinigen, als jene; da er, wenn er sich einmal für unsre Sache eingelassen hat, dies nicht ungeschehen machen kann, und uns eine Macht zuführt, die in einem Kriege gegen Rom nicht als eine bloße Zugabe gelten kann, sondern neulich noch für sich selbst es mit den Römern aufnehmen konnte. Haben wir ihn mit uns verbunden, wie könnte mir dann noch der Ausgang des Krieges – fern sei von diesem Ausdrucke alles Anstößige! – zweifelhaft sein? dann, wenn ich sehe, daß eben die Kräfte, durch welche die Römer gegen Philipp oben blieben, nun zum Angriffe auf sie selbst angewandt werden? Die Ätoler, wie jeder weiß, die eigentlichen Sieger Philipps, werden auf Philipps Seite gegen die Römer fechten. Amynander und die Athamanen, die nächst den Ätolern das meiste in jenem Kriege leisteten, werden auf unserer Seite stehen. Damals unterzog sich Philipp, während du still saßest, der ganzen Last des Krieges: und jetzt werdet ihr, zwei der größten Könige, mit den Kräften Asiens und Europens, gegen ein einziges Volk Krieg führen, – meines sich umändernden Glückes gegen Rom werde hier nicht gedacht! – das aber wenigstens zu unsrer Väter Zeiten nicht einmal einem einzigen Könige der Epiroten gewachsen war; und wo bleibt dieser gar im Vergleiche mit euch? Und welches sind die Gründe, die mich die Möglichkeit einer Verbindung zwischen uns und Philipp hoffen lassen? Der eine ist der gemeinschaftliche Vortheil, Jeder 360 Verbindung stärkstes Band: der andre, euer Wort, ihr Ätoler. Denn euer hier gegenwärtiger Gesandter Thoas betheuerte unter mehrerem, was er, um den Antiochus nach Griechenland zu rufen so oft erzählte, dies beständig vorzugsweise: Philipp tobe laut; er fühle es voll Unwillen, daß man ihm unter dem Scheine des Friedens Gesetze der Dienstbarkeit aufgebürdet habe. Thoas verglich in seinen Schilderungen den ergrimmten König mit dem wilden Thiere, welches angekettet oder eingeschlossen ist, und seine Riegel zu sprengen strebt. Ist dies die Stimmung Philipps, so laßt uns doch die Kette ihm abnehmen, laßt uns die Riegel sprengen, damit er den lange verhaltenen Groll gegen die gemeinschaftlichen Feinde heraustoben könne. Bleibt unsre Gesandschaft an ihn ohne Wirkung, nun dann lasset uns, weil wir ihn nicht mit uns verbinden können, wenigstens verhüten, daß er sich mit unsern Feinden vereinige. Dein Sohn Seleucus steht zu Lysimachien. Wenn der mit dem Heere, das er bei sich hat, durch Thracien in die nächsten Gegenden Macedoniens auf Plünderung ausgeht, so wird Philipp bald, von der den Römern zu leistenden Hülfe abgerufen, den Schutz seines Eigenthums allem Andern vorziehen. Hier hast du meine Meinung über Philipp. Was ich über den Krieg im Ganzen denke, blieb dir gleich von Anfang an nicht unbekannt. Hätte ich damals Gehör gefunden, so sollten die Römer jetzt nicht von der Einnahme der Stadt Chalcis auf Euböa, nicht von Erstürmung einer Schanze am Euripus hören, sondern von einem Kriegsfeuer, welches Hetrurien und die Küste von Ligurien und Gallien diesseit der Alpen ergriffen habe, und was ihnen immer eine schreckliche Nachricht bleibt, von Hannibals Erscheinung in Italien. Noch jetzt rathe ich dir, deine ganze See- und Landmacht kommen zu lassen. Der Flotte müssen die Lastschiffe mit Zufuhren folgen. Denn so wie unserer hier zu den Geschäften des Krieges zu Wenige sind, so sind unsrer bei diesem Mangel an Lebensmitteln viel zu Viele. Hast du dann alle deine Kräfte gesammelt, so behältst du von deiner 361 getheilten Flotte das eine Geschwader bei Corcyra auf dem Posten, um die Römer nicht so frei und ungestört landen zu lassen; das andre lässest du an jene Küste Italiens hinübergehen, welche Sardinien und Africa zugekehrt ist: du selbst rückst mit deiner ganzen Landmacht in das Gebiet von Byllis. Von hier aus deckst du Griechenland so, daß du den Römern immer den Anschein erhältst, als wolltest du hinübergehen, und auch wirklich, wenn es erforderlich sein sollte, hinübergehen kannst. So rathe ich dir, der ich, ohne mir darum für jeden andern Krieg eine große Einsicht beizumessen, wenigstens den Krieg mit Rom, unter guten und schlimmen Erfahrungen für mich selbst, gelernt habe. Wozu ich dir meinen Rath ertheilt habe, dazu verspreche ich auch meine treue, meine thätige Mitwirkung. Mögen den Entschluß, welcher dir als der beste gelten wird, die Götter genehmigen!» 8. Dies etwa war Hannibals Rede, die mehr für diesen Augenblick von den Anwesenden gepriesen, als in der That befolgt wurde: denn es geschah von dem Allen nichts, außer daß der König den Polyxenidas abschickte, die Flotte und die Truppen aus Asien zu holen. Die Versammlung der Thessalier zu Larissa beschickte er durch Gesandte, Den Ätolern und dem Amynander wurde ein Tag bestimmt, auf den sie sich zu Pherä bei dem Heere einzufinden hätten. Hieher kam auch sogleich der König mit seinen Truppen. Während er hier den Amynander und die Ätoler erwartete, schickte er den Megalopolitaner Philipp mit zweitausend Leuten ab, um bei Cynoscephalä, wo Philipp die Schlacht verloren hatte, die Gebeine der Macedonier zu sammeln; wozu ihn entweder jener beredete, der sich dadurch bei den Macedoniern beliebt machen und ihrem Könige den Vorwurf zuziehen wollte, die Beerdigung seiner Soldaten vernachlässigt zu haben; oder Antiochus selbst war aus einer den Königen eigenen Eitelkeit auf diese dem Scheine nach ehrenvolle, in der That nichts sagende Maßregel verfallen. Die zerstreut herumliegenden Knochen bildeten nun, auf Einen Haufen zusammengetragen, einen Hügel, der ihm bei den Macedoniern 362 nicht den mindesten Dank, aber Philipps ganzen Haß erwarb. Eben der Philipp also, der bis jetzt Willens gewesen war, das Glück zu Rathe zu ziehen, ließ sogleich dem Proprätor Marcus Bäbius sagen: « Antiochus sei in Thessalien eingefallen; finde er es gerathen, so möge er zu den Winterquartieren aufbrechen; er selbst wolle ihm entgegenrücken, damit sie mit einander ausmachen könnten, was sie zu thun hätten.» 9. Zum Antiochus, der schon sein Lager bei Pherä hatte, wo die Ätoler und Amynander zu ihm gestoßen waren, kamen Gesandte von Larissa, und fragten an, durch welche That oder Äußerung sich die Thessalier von ihm einen feindlichen Angriff zugezogen hätten: auch baten sie, er möge nach seinem Abzuge, was er ihnen etwa zuzumuthen habe, durch Gesandte ausmachen. Zu gleicher Zeit aber schickten sie fünfhundert Mann unter Anführung des Hippolochus zur Besatzung nach Pherä. Da diese jeden Zugang unmöglich fanden, weil die königlichen Truppen schon alle Wege besetzt hatten, so zogen sie sich nach Scotussa. Den Gesandten der Larissäer antwortete der König sehr gnädig: «Er sei nicht in Thessalien eingerückt, um Krieg anzufangen, sondern die Freiheit der Thessalier zu schützen und zu befestigen.» Nach Pherä schickte er einen Abgeordneten hinein mit einer ähnlichen Erklärung. Ohne diesem zu antworten ließen die Pheräer von ihrer Seite den Pausanias, den ersten Mann ihres Stats, als Gesandten zum Könige gehen. Da dieser fast dasselbige, was unter gleichen Umständen die Chalcidier in der Unterredung an der Meerenge des Euripus vorschützten, manches auch in dreisterem Tone äußerte, so entließ der König die Gesandschaft mit der Warnung an die Pheräer, sie möchten die Sache recht ernstlich überlegen, damit sie nicht einen Entschluß faßten, von dem sie, aus gar zu großer Behutsamkeit und Vorsicht für die Zukunft, den Schaden gleich auf der Stelle hätten. Als dieser Bescheid nach Pherä zurückkam, bedachten sich die Bürger auch nicht einen Augenblick, aus Treue gegen die Römer Alles zu erdulden, was das Schicksal des Krieges über sie verhängen würde. 363 Sie also schickten sich aus allen Kräften an, die Stadt zu vertheidigen. Der König unternahm den Sturm auf die Mauern von allen Seiten zugleich; und da er sehr richtig einsah, was auch keinen Zweifel litt, daß der Erfolg seines Angriffs auf die erste Stadt darüber entscheiden werde, ob ihn das ganze Thessalische Gesamtvolk künftig verachten oder fürchten solle, so setzte er von allen Seiten jedes Schreckmittel gegen die Belagerten in Bewegung. Den ersten Anfall des Sturms hielten sie mit aller Standhaftigkeit aus; als aber von den Vertheidigern so Mancher sank oder verwundet ward, da fing ihr Muth an zu wanken. Doch durch die Weisungen ihrer Oberhäupter zur Beharrlichkeit auf ihrem Vorsatze zurückgerufen, zogen sie sich mit Hinterlassung des äußeren Mauerkreises, weil es ihnen anfing an Leuten zu fehlen, auf den innern Theil der Stadt, den eine engere Ringmauer umschloß. Endlich der Noth erliegend, und aus Besorgniß, nach der Eroberung durch Sturm bei dem Sieger gar keine Gnade zu finden, ergaben sie sich. Ohne zu säumen schickte der König, den noch neuen Schrecken zu benutzen, viertausend Mann gegen Scotussa. Hier fand die Übergabe keinen Anstand, weil die Bürger vor Augen sahen, wie es so eben den Pheräern ergangen war, die zu dem, was sie anfangs so hartnäckig verweigert hatten, durch die gebietende Noth sich dennoch endlich hatten bequemen müssen. Mit der Stadt selbst wurde ihm auch Hippolochus und die Larissäische Besatzung übergeben. Sie alle entließ der König ohne ihnen das mindeste Leid zu thun, weil er sich von einem solchen Benehmen für die zu erwerbende Liebe der Larissäer große Wirkung versprach. 10. Da er so viel innerhalb zehn Tagen nach seiner Ankunft bei Pherä ausgerichtet hatte, brach er mit seinem ganzen Heere nach Cranon auf, und eroberte es gleich bei seiner Ankunft. Dann nahm er Cypära, Metropolis und die umherliegenden kleineren Festungen, und schon war Alles in dieser Gegend, bis auf Atrax und Gyrton in seiner Gewalt. Nun beschloß er Larissa anzugreifen, nicht ohne Hoffnung, die Bürger würden entweder, durch 364 die Erstürmung der übrigen Städte geschreckt, oder durch die in ihrer entlassenen Besatzung ihnen erwiesene Wohlthat, oder durch das Beispiel so vieler sich ergebenden Städte bewogen, von ihrer Hartnäckigkeit nachlassen. Sich mit Schrecken anzukündigen, ließ er die Elephanten an der Spitze voraufgehen, und rückte in voller Schlachtordnung an die Stadt, so daß ein großer Theil der Larissäer über die Wahl zwischen der dringenden Gefahr vom Feinde und der schuldigen Rücksicht auf ihre entfernten Bundesgenossen in völliger Unentschlossenheit schwankte. In diesen Tagen besetzte auch Amynander mit seinen jungen Athamanen Pellinäum; und Menippus, der mit dreitausend Ätolern zu Fuß und dreihundert Reutern in Perrhäbien einrückte, erstürmte Mallöa und Cyretiä und plünderte die Landschaft Tripolitis. Das Alles thaten sie im Fluge ab und kehrten nach Larissa zum Könige zurück, wo sie eben ankamen, als er über seine Unternehmung auf Larissa Kriegsrath hielt. Hier hatten die Stimmen eine sehr verschiedene Richtung. Einige meinten, man müsse Gewalt brauchen und mit dem Angriffe durch Werke und Sturmgeräth von allen Seiten auf die Mauern einer Stadt nicht länger zögern, die in einer Ebene liege und auf allen Seiten dem apertae, campestri]. – Ich folge der von Döring verbesserten Interpunction: in plano, apertae campestri undique aditu (für aditui). Zugange vom Felde her offen sei; Andere gaben bald die Stärke der Stadt zu erwägen, die man durchaus nicht mit Pherä vergleichen dürfe; bald den Winter und die Jahrszeit, die sich überhaupt nicht zu kriegerischen Unternehmungen, am wenigsten zu Einschließungen und zum Sturme auf Städte schicke. Gerade als der König zwischen Furcht und Hoffnung schwankte, machte ihm die Ankunft einer Gesandschaft von Pharsalus, welche ihm diese Stadt übergab, wieder Muth. Unterdessen hatte sich Marcus Bäbius in Dassaretien mit Philipp besprochen und schickte nach gemeinschaftlicher Übereinkunft zum Entsatze von Larissa den Appius Claudius ab, der in starken Märschen durch 365 Macedonien bis auf den Bergrücken gelangte, der über Gonni ragt. Die Stadt Gonni liegt zwanzig tausend Schritte von Larissa, gerade in dem Eingange zu dem Gebirgswalde, der den Namen Tempe führt. Dadurch daß er hier sein Lager nach Maßgabe seiner Truppen viel zu groß aufschlug und mehrere Feuer anzünden ließ, als er nöthig hatte, gab er sich, wie seine Absicht war, in den Augen der Feinde den Schein, als stehe hier das ganze Römische Heer mit samt dem Könige Philipp. Antiochus also, der bei den Seinigen den dringenden Winter vorwandte, verweilte vor Larissa nur noch einen Tag, dann zog er ab und ging nach Demetrias zurück: auch die Ätoler und Athamanen zogen sich wieder in ihre Gränzen. Sah Appius gleich die Belagerung der Stadt, zu deren Entsatze er geschickt wurde, schon aufgehoben, so kam er doch, um die Bundesgenossen in ihrer Treue auch auf die Zukunft zu befestigen, nach Larissa herab; und nun war die Freude doppelt, weil ihr Gebiet von Feinden geräumt war und sie in ihren Mauern eine Römische Besatzung sahen. 11. Der König, der von Demetrias nach Chalcis ging, verliebte sich in die unverheirathete Tochter des Chalcidiers Cleoptolemus; und als er von dem Vater, den er zuerst durch Beschickungen, dann durch Bitten in eigner Person bestürmte, endlich die Bewilligung erhielt – denn auf eine so übergroße Partie hatte sich dieser nur ungern eingelassen – so feierte er das Beilager wie mitten im Frieden: und ohne daran zu denken, was für zwei wichtige Dinge er zugleich unternommen habe, einen Krieg gegen Rom und die Befreiung Griechenlands, brachte er den übrigen Winter, um Alles unbekümmert, in Gastereien und vom Weine erzeugten Wollüsten zu, endlich, wie er sich mehr darin erschöpft, als gesättigt hatte, mit Schlafen. In gleiche Schwelgerei verfielen die sämtlichen Unterfeldherren des Königs, wo sie allenthalben über die Winterquartiere gesetzt waren, hauptsächlich in der Gegend von Böotien: auch die Soldaten überließen sich ihr unaufhaltsam. Keiner von ihnen legte seine Waffen an, versah seinen Posten, oder seine Wache: keiner befaßte sich mit 366 irgend einer Kriegerarbeit oder Dienstsache. Wie also der König mit Frühlingsanfang durch Phocis nach Chäronea kam, wo sich das ganze Heer von allen Orten hatte zusammenziehen müssen, bemerkte er leicht, daß die Soldaten keine strengere Zucht in den Winterquartieren beobachtet hätten, als ihr Oberfeldherr. Von hier ließ er den Acarnanier Alexander und den Macedonier Menippus die Truppen nach Stratus in Ätolien führen. Er selbst brachte zu Delphi dem Apollo ein Opfer und ging weiter nach Naupactus. Nachdem er hier mit den Oberhäuptern Ätoliens einen Statsrath gehalten hatte, nahm er den Weg, der neben Calydon und Lysimachia vorbeiführt, und traf bei Stratus fert ad Stratum, suis – – occurrit.] – Ich ziehe die Worte ad Stratum suis occurrit zusammen, und setze das Komma, das hinter Stratum steht, hinter das Wort fert. Er trifft sie nicht auf seinem Wege nach Stratus; dann müßte es heißen in via; sondern via (scil. progressus), quae praeter Calydonem et Lysimachiam fert, ad Stratum – hieher hatte er sein Heer beschieden – suis occurrit. Es wundert mich, daß niemand die folgenden Worte per Maliacum sinum anstößig gefunden hat. Ich gestehe, ich kann sie mir nicht erklären. Denn Antiochus hatte seine sämtlichen Truppen (auch die aus den nördlichen Winterquartieren bei Demetrias und an der Malieischen Bucht durch den Paß Thermopylä ) schon nach Chäronea kommen lassen. Hier fand er sie alle so verschlimmert, wie Hannibal die seinigen beim Aufbruche aus Capua. Nun sollen sie unter zwei andern Führern westwärts von Chäronea nach Stratos in Ätolien gehen; so können sie die Malieische Bucht nicht wieder berühren. Wozu sollten sie nach Nordost zurückgehen, und statt die Hypothenuse von Chäronea nach Stratos zu verfolgen, die beiden Catheten von Chäronea nach dem Passe Thermopylä und von da nach Stratos wählen? Ich würde mir selbst antworten: der König mit Wenigen konnte den Umweg über Delphi, Naupactus u. s. w., durch Phocis und Locris wohl machen; nicht aber das ganze Heer: dies mußte nach dem Passe an der Malieischen Bucht zurück; denn ( Cap. XV. am Ende) Haec una militaris via est, qua traduci exercitu – possint. Allein wenn er sein Heer ( XII. am Ende und XV.  3.) durch Phocis wieder zurückführen kann, so konnte es ja auch den Hinweg durch Phocis nehmen. Noch mehr: Ätolien und Acarnanien, also die Gegend von Stratos, liegt (nach XV.  8.) innerhalb des langen Bergrückens der Thermopylen südlich, so wie Chäronea. Es war also weit natürlicher, die Truppen diesseits bleiben und gleich durch Phocis nach Stratos gehen zu lassen, als sie von Chäronea ab durch den Malieischen Paß über den Bergrücken hinauszuschicken. Denn alsdann mußten sie, wo sie sich außerhalb am Fuße des Gebirges fast durch die ganze Breite von Griechenland westwärts gezogen hatten, wieder von auswärts einen Weg über den Bergrücken nach Ätolien hinein suchen. Bis ich über diese Zweifel belehrt werde, will ich glauben, die Lesart sei nicht richtig, und per Maliacum sinum vielleicht aus per medium sinum entstanden, so daß die Krümmung des Umweges, den der König über Delphi, Naupactus u. s. w. nahm, sinus genannt wäre, und unter den Worten per medium der gerade Diameter gemeint würde, den die Truppen von Chäronea durch Phocis nahmen. Iudicent acutiores. sein Heer, das durch den Paß der Malieischen  (?) 367 Bucht gekommen war. Durch große Geschenke erkauft suchte hier Mnesilochus, einer der Acarnanischen Vornehmen, nicht nur für seine Person dem Könige die Nation zuzuführen, sondern er hatte auch den Prätor Clytus, der damals die höchste Gewalt in Händen hatte, für seine Absicht gewonnen. Da dieser sah, daß die Leucadier, das Hauptvolk Acarnaniens, aus Furcht vor der unter dem Atilius oder der bei Cephalenia stehenden Römischen Flotte nicht so leicht zum Abfalle zu bewegen sein würden, so suchte er auf sie durch List zu wirken. Denn als er in der Versammlung erklärt hatte, man müsse das Innere von Acarnanien decken und alle Waffenfähigen nach Medion und Thyrium ausrücken lassen, damit Antiochus oder die Ätoler diese Städte nicht besetzten, so behaupteten Einige dagegen, es sei nicht nöthig, das ganze Volk so lärmend aufzubieten; eine Besatzung von fünfhundert Mann sei dazu hinreichend. Diese Mannschaft ließ er sich geben, legte dreihundert als Besatzung in Medion, zweihundert in Thyrium und hatte dabei die Absicht, sie als künftige Geisel dem Könige in die Hände zu liefern. 12. Auch kamen in diesen Tagen Gesandte vom Könige nach Medion. Als man sie vernommen hatte, ging man über die dem Könige zu ertheilende Antwort in einer Volksversammlung zu Rathe; und da Einige dafür stimmten, man müsse in dem Bündnisse mit den Römern beharren, Andre, die Freundschaft des Königs nicht zurückstoßen; so schien die Meinung des Clytus den Mittelweg zu gehen und wurde eben darum angenommen; man müsse an den König Gesandte schicken und ihn bitten, den Medioniern zu gestatten, daß sie sich über eine so wichtige Sache in der Statenversammlung von Acarnanien berathen könnten. Mnesilochus und seine Anhänger, welche nicht ohne Absicht in dieser Gesandschaft angestellt wurden, ließen dem Könige heimlich sagen, er möge mit seinen Truppen anrücken, und sie selbst suchten die Zeit zu 368 verlieren. Kaum also waren die Gesandten zur Stadt hinaus, so stand Antiochus schon auf ihrem Gebiete, gleich darauf an ihren Thoren; und während die, die um den Verrath nicht wußten, in Verlegenheit geriethen und lärmend die Mannschaft in die Waffen riefen, wurde der König durch den Clytus und Mnesilochus in die Stadt geführt, und da auch Andre aus Zuneigung von selbst herbeiströmten, so fanden sich aus Furcht auch die, die anders dachten, bei dem Könige ein. Da er diese in ihrem Schrecken durch eine gnädige Anrede beruhigte, so fielen im Vertrauen auf seine ruchtbar werdende Gnade mehrere Völker Acarnaniens an ihn ab. Von Medion brach er nach Thyrium auf, wohin er eben den Mnesilochus und die Gesandten voraufgehen ließ. Allein die List, die sich zu Medion entdeckt hatte, hatte die Bürger von Thyrium nur vorsichtiger, nicht furchtsam gemacht. Sie gaben ihm die offene Antwort, ohne Genehmigung der Römischen Oberbefehlshaber würden sie keine neue Verbindung eingehen, schlossen die Thore zu und vertheilten ihre Mannschaft auf die Mauern. Die Acarnanen in dieser Gesinnung zu befestigen, kam gerade zu rechter Zeit Cneus Octavius, welcher vom Quinctius geschickt wurde und ein Kohr nebst einigen Schiffen vom Aulus Postumius in Empfang genommen hatte, der als Unterfeldherr vom Atilius zu Cephalenia angestellt gewesen war, zu Leucas an und erfüllte die Bundesgenossen mit Muth durch die Nachricht, daß der Consul Manius Acilius mit den Legionen schon über das Meer gesetzt sei und in Thessalien ein Römisches Lager stehe. Weil die bei der vorgerückten Jahrszeit schon offene Schifffahrt diesem Gerüchte Wahrscheinlichkeit gab, so zog der König, mit Hinterlassung einer Besatzung zu Medion und in einigen andern Acarnanischen Städten, vor Thyrium ab und nahm durch die Städte von Ätolien und Phocis seinen Rückweg nach Chalcis . 13. Um diese Zeit rückten auch Marcus Bäbius und König Philipp, die nach ihrer früheren Unterredung während des Winters in Dassaretien (von wo sie den Appius 369 Claudius zum Entsatze Larissa's nach Thessalien schickten) bei der damals für jede Unternehmung noch zu frühen Jahrszeit in ihre Winterquartiere zurückgegangen waren, in Thessalien ein, da sie mit Frühlingsanfang ihre Truppen vereinigt hatten. Antiochus stand damals im Acarnanien. Bei ihrer Ankunft griffen sie, Philipp Mallöa in Perrhäbien, Bäbius Phacium an, und da er dies beinahe im ersten Sturme gewonnen hatte, eroberte er Phästus eben so schnell. Von hier ging er nach Atrax zurück, nahm dann Cyretiä und Eritium ein, legte Besatzungen in die eroberten Städte und vereinigte sich wieder mit Philipp, der noch Mallöa belagerte. Da die Stadt bei der Ankunft eines Römischen Heers, entweder aus Furcht vor der Überlegenheit oder weil sie nun Schonung hoffte, sich ergab, unternahmen sie, zu Einem Zuge vereinigt, die Wiedereroberung der von den Athamanen besetzten Städte. Diese waren Äginium, Ericinium, Gomphi, Silana, Tricea, Meliböa, Phaloria. Von hier zogen sie zur Einschließung von Pellinäum, wo Philipp aus Megalopolis mit fünfhundert Mann Fußvolk und vierzig Reutern in Besatzung lag, und ließen, ehe sie zum Sturme schritten, den Philipp durch einen Abgeschickten warnen, es nicht auf das Äußerste kommen zu lassen. Er antwortete ihnen trotzig genug, den Römern oder den Thessaliern würde er sich anvertrauet haben, allein in Philipps Gewalt werde er nie sich hingeben. Da sie sahen, sie müßten Gewalt brauchen und sich in eben der Zeit ein Angriff auch auf Limnäa thun ließ, so machten sie aus, der König solle auf Limnäa gehen, und Bäbius blieb zur Belagerung vor Pellinäum . 14. Der Consul Manius Acilius, der gerade in diesen Tagen mit zwanzig tausend cum decem millib. ped. duob. millibus equitum]. – Ich folge Drakenborchen, der mit Gronov und Crevier aus Gründen, die der Cod. Victor. bestätigt, statt decem die Lesart viginti aufgenommen und das Ganze so geordnet hat: consul cum viginti peditum, duobus millibus equitum cet. Mann zu Fuß, zweitausend zu Pferde und funfzehn Elephanten über das Meer gekommen war, ließ durch Obersten, die er dazu ernannte, 370 sein Fußvolk nach Larissa führen: er selbst stieß mit der Reuterei vor Limnäa zum Könige Philipp. Nach der Ankunft des Consuls erfolgte die Übergabe ohne Aufschub: die königliche Besatzung ergab sich und mit ihr auch die Athamanen. Von Limnäa brach der Consul nach Pellinäum auf. Hier ergaben sich zuerst die Athamanen, dann auch Philipp der Megalopolitaner. König Philipp, der gerade herankam, als dieser von seinem Posten abzog, gab, ihm zum Spotte, den Befehl, ihn König zu begrüßen, ging auf ihn zu und erlaubte sich den seiner Würde eben nicht anständigen Scherz, ihn Bruder anzureden. Nach seiner Abführung zum Consul wurde er in Verhaft genommen und bald darauf in Fesseln nach Rom geschickt. Der übrige Haufe von Athamanen oder Soldaten des Königs Antiochus, die in den Städten, welche sich in diesen Tagen ergaben, als Besatzungen gelegen hatten, wurde an den König Philipp abgegeben. Sie beliefen sich auf dreitausend Mann. Nun zog der Consul nach Larissa, den allgemeinen Plan des Krieges zu verabreden. Unterweges begegneten ihm Gesandte von Piera und Metropolis, die ihm ihre Städte übergaben. Philipp, der durch die gütige Behandlung, die er vorzüglich den Athamanischen Gefangenen in der Absicht widerfahren ließ, durch sie ihre Nation zu gewinnen, auf die Hoffnung geleitet wurde, sich Athamaniens zu bemächtigen, führte sein Heer dorthin, schickte aber die Gefangenen vorauf in ihre Städte. Ihre Erzählungen von der ihnen zu Theile gewordenen Huld und Freigebigkeit des Königs thaten freilich bei ihren Landsleuten große Wirkung: zugleich aber flüchtete auch Amynander, der durch seine Würde, wenn er hier geblieben wäre, Manchen auf seiner Partei erhalten hätte, aus Furcht, an seinen alten Feind Philipp und an die Römer ausgeliefert zu werden, deren Haß er jetzt durch seinen Abfall verdient habe, mit seiner Gemahlinn und seinen Kindern aus seinem Reiche und begab sich nach Ambracia. Also unterwarf sich ganz Athamanien der Landeshoheit Philipps . 371 Vorzüglich um den Lastthieren einige Erholung zu geben, welche durch die Seefahrt und nachher durch die Märsche gelitten hatten, verweilte der Consul einige Tage in Larissa, und rückte dann mit seinem durch die mäßige Ruhe gleichsam verjüngten Heere nach Cranon. Bei seiner Ankunft ergaben sich Pharsalus , Scotussa und Pherä mit den darin liegenden Besatzungen des Antiochus. Tausend Mann von diesen Truppen, welche sich auf die Anfrage, wer von ihnen bei ihm bleiben wolle, bereitwillig erklärten, gab er an Philipp ab: die übrigen schickte er entwaffnet zurück nach Demetrias. Darauf besetzte er Proerna und die umherliegenden kleinen Festungen. Dann zog er weiter an die Küste der Mulieischen Bucht. Als er dem Passe nahete, über welchem Thaumaci liegt, hatte Alles, was wehrhaft war, die Stadt verlassen, sich in den Wäldern und an den Wegen in Hinterhalt gelegt und brach von den Höhen herab auf den Zug der Römer ein. Zuerst schickte der Consul einige ab, um sie durch Unterredung in der Nähe vor dieser Tollheit warnen zu lassen. Als er sah, daß sie auf ihrem Vorsatze beharreten, ließ er einen Obersten mit den Truppen zweier Fahnen sich herumziehen, schnitt so den Bewaffneten den Rückweg ab, und nahm ihnen die unbesetzte Stadt. Als sie auf das Geschrei der ihnen im Rücken eroberten Stadt aus ihrem Hinterhalte von allen Seiten des Waldes zurückfliehen wollten, wurden sie niedergehauen. Von Thaumaci kam der Consul am andern Tage bis zum Strome Sperchius; von hier aus verheerte er das Gebiet von Hypata . 15. Antiochus war unterdeß zu Chalcis. Schon jetzt sah er ein, daß er sich aus Griechenland nichts geholt habe, als die Vergnügungen in den Winterquartieren zu Chalcis und die üble Nachrede wegen seiner Vermählung, und brach in Klagen über die leeren Versprechungen der Ätoler und über den Thoas aus; den Hannibal aber staunte er an, nicht bloß als den Mann von Einsicht, sondern beinahe als den verkündigenden Seher alles dessen, was jetzt in Erfüllung ging. Um indeß das unbesonnene Unternehmen nicht noch oben ein durch Unthätigkeit zu 372 vernichten, ließ er nach Ätolien sagen, sie möchten alle ihre Truppen aufbieten und nach Lamia zusammenziehen: auch kam er selbst hieher mit etwa zehntausend Mann Fußvolk, welches durch die aus Asien Nachgekommenen ergänzt war und fünfhundert Reutern. Als sie sich aber in weit schwächerer Anzahl, als je vorher, hier einfanden, fast nur die Vornehmen mit einigen ihrer Schützlinge erschienen, und dabei versicherten, sie hätten allen Ernst angewandt, so viele als möglich aus ihren Städten aufzubringen, aber weder durch Vorstellungen, noch durch Liebe oder Befehl auf die Dienstweigernden wirken können; so zog er sich, von allen Seiten verlassen, sowohl von seinen Unterthanen, die in Asien säumten, als von seinen Bundesgenossen, welche das nicht leisteten, worauf sie ihm bei ihrer Einladung Hoffnung machten, zurück in das Waldgebirge der Thermopylen . Dies Hochgebirge durchschneidet Griechenland eben so, wie der Bergrücken des Apenninus Italien scheidet. Vor dem Walde der Thermopylen gegen Mitternacht liegen Epirus, Perrhäbien, Magnesien, Thessalien, das Phthiotische Achaja und die Küste der Malieischen Bucht: hinter dem Passe, gegen Mittag gelegen, sind der größere Theil von Ätolien, dann Acarnanien, Phocis nebst Locris und Böotien mit seiner Insel Euböa und dem gleich einem Vorgebirge in das Meer auslaufenden Attica; und im Rücken auch Peloponnes. Dies Hochgebirge, das sich von Leucate und dem Meere gegen Westen durch Ätolien bis zu dem andern Meere gegen Osten erstreckt, ist so mit rauhen Wilderungen und Klippen durchsetzt, daß selbst unbeladene Fußgänger, geschweige denn Heere, kaum irgend einen schmalen Pfad zum Durchgange finden. Die äußersten Gebirge nach Morgen nennt man dort den Öta, und das höchste darunter das Callidromon, durch dessen Thal mit der Aussicht auf die Malieische Bucht der Weg geht, der nur sechzig Schritte in die Breite hat. Dies ist der einzige Heerweg, auf welchem Züge von Bewaffneten, wenn ihnen der Durchgang nicht gewehret wird, hinüber kommen können. Daher hat diese Gegend den Namen 373 Pylä (das Thor), oder wie sie Andre nach den in dem Passe selbst befindlichen warmen Quellen nennen, Thermopylä (Warmbrunnenthor): berühmt durch die Lacedämonier, welche hier gegen die Perser noch denkwürdiger starben, als fochten. 16. Bei weitem nicht mit gleichem Muthe suchte damals Antiochus, als er hier innerhalb des Thores ein Lager genommen hatte, den Forst durch Verschanzungen noch unwegsamer zu machen. Er befestigte Alles mit einem doppelten Walle und Graben, ja wo es nöthig war, von der großen Menge allenthalben umherliegender Steine mit einer Mauer, und weil er sich ganz darauf verließ, daß nie ein Römisches Heer hier einen Sturm wagen werde, schickte er von den viertausend Ätolern – denn so viel hatten sich eingefunden – einen Theil zur Behauptung von Heraclea, welches dicht vor dem Passe liegt, als Besatzung hin, einen andern nach Hypata: denn einen Angriff des Consuls auf Heraclea erwartete er gewiß, und von Hypata meldeten ihm schon Viele, daß dort Alles umher verheeret werde. Als der Consul zuerst die Gegend von Hypata, dann die um Heraclea geplündert hatte, ohne daß die zu Hülfe geschickten Ätoler an beiden Orten etwas geleistet hätten, schlug er im Passe selbst bei den warmen Quellen dem Könige gegenüber sein Lager auf. Die beiden Abtheilungen der Ätoler schlossen sich in Heraclea ein. Glaubte Antiochus, ehe er einen Feind erblickte, Alles hinlänglich befestigt und durch Posten gesperrt zu haben, so befiel ihn jetzt die Furcht, die Römer könnten über die zunächst ragenden Höhen vielleicht auf schmalen Steigen einen Durchweg finden. Hatte er doch gehört, daß einst die Lacedämonier so von den Persern, und neulich noch Philipp gerade von den Römern umgangen wären. Also ließ er nach Heraclea den Ätolern sagen, sie möchten ihm in diesem Kriege doch wenigstens den Dienst leisten, sich der Gebirgsgipfel umher zu versichern und sie besetzen, damit die Römer nicht irgendwo durchdrängen. Als die Ätoler die Bestellung hörten, geriethen sie in 374 Streit. Einige meinten, man müsse dem Könige Folge leisten und hinziehen; Andere, eben hier in Heraclea müsse man sich auf beide Fälle bereit halten, damit sie, wenn der König vom Consul geschlagen würde, ihre noch ungeschwächten Truppen zur Hülfe für ihre nahen Städte bei der Hand hätten; oder wenn er siegte, die auf der Flucht zerstreuten Römer verfolgen könnten. Beide Parteien blieben nicht allein bei ihrer Meinung, sondern brachten auch ihre Maßregel zur Ausführung. Zweitausend blieben zu Heraclea: zweitausend besetzten in drei Abtheilungen Callidromum, Rhoduntia und Tichius: so heißen jene Gipfel. 17. Als der Consul die höchsten Gegenden von Ätolern besetzt sah, schickte er seine consularischen Unterfeldherren, den Marcus Porcius Cato und Lucius Valerius Flaccus, jeden mit zweitausend Auserlesenen vom Fußvolke gegen die Verschanzungen der Ätoler; gegen Rhoduntia und Tichius den Flaccus; den Cato gegen Callidromum. Ehe er selbst die Truppen gegen den Feind führte, hielt er an die zur Versammlung Berufenen diese kurze Anrede: «Ich sehe, Soldaten, daß von jedem Range Viele unter euch sind, die schon auf eben diesem Kriegsschauplatze unter der Anführung und Götterleitung des Titus Quinctius gefochten haben. Im Macedonischen Kriege war der Waldpaß am Strome Aous weit unersteiglicher als dieser. Denn hier ist ja ein wahres Thor, ist der einzige Durchgang, den die Natur gleichsam gelassen hat, als sie das Ganze zwischen zwei Meere einschloß. Dort standen die Verschanzungen auf vortheilhafteren Plätzen und waren auch der Anlage nach stärker: dort hatte das feindliche Heer eine größere Zahl und Truppen von weit besserer Art. Dort gab es Macedonier und Thracier und Illyrier, lauter streitbare Völker; hier giebt es nur Syrer und Asiatische Griechen, Menschen vom schlechtesten Gehalte und zur Sklaverei geboren. Dort war der König der erfahrenste Krieger, von früher Jugend in den Nachbarkriegen mit den Thraciern, Illyriern und allen 375 Anwohnern rund umher geübt: dieser hier – wenn ich auch seinen übrigen Lebenslauf ganz übergehe – ist eben derselbe, der aus Asien nach Europa überging, das Römische Volk mit Krieg zu überziehen und während der ganzen Zeit der Winterquartiere nichts Denkwürdigeres verrichtete, als daß er in Folge einer Liebschaft aus einem Privathause, aus einer selbst den Mitbürgern kaum bekannten Familie, sich eine Frau nahm; und nun tritt der neue Ehemann, als hätte er sich auf den hochzeitlichen Gastmahlen zu gut gefüttert, zur Schlacht auf. Seine ganze Stärke und Hoffnung beruhte auf den Ätolern, dem windigsten und undankbarsten Volke, wie ihr schon früher erfahren habt und Antiochus jetzt erfährt. Sie stellten sich weder zahlreich ein, noch ließen sie sich im Lager halten, und sind gegen einander selbst in Aufruhr: ja als man ihnen auf ihre Forderung Hypata und Heraclea zu schützen gab, haben sie sich, ohne auch nur eins von beiden zu schützen, zum Theile auf die Gebirgsgipfel geflüchtet, zum Theile in Heraclea eingesperrt. Der König selbst hat, nicht ohne das Geständniß, daß er nicht den Muth habe, ich will nicht sagen, in offenem Felde zur Schlacht aufzutreten, sondern sich nur im Freien zu lagern, hat, sage ich, mit Aufopferung der ganzen vor ihm liegenden Gegend, die er uns und dem Philipp abgenommen zu haben sich rühmte, sich zwischen die Klippen gesteckt, und zwar so, daß er sich mit seinem Lager nicht etwa bis vor den Eingang des Passes, wo einst der Erzählung nach die Lacedämonier standen, sondern tief in das Innere zurückgezogen hat. Ist es nicht, um seine Feigheit weltkundig zu machen, fast eben so gut, als ob er sich in eine Stadt einschlösse und sich hinter den Mauern belagern ließe? Doch den Antiochus werden seine Schlupfwinkel eben so wenig schützen, als die Ätoler jene von ihnen besetzten Höhen. Es ist schon auf allen Seiten vorgebaut und dafür gesorgt, daß in der Schlacht euch nichts entgegenstehe, als der Feind. Der Gedanke aber müsse eurem Geiste vorschweben, daß ihr euch nicht bloß für Griechenlands Freiheit wagt – 376 wiewohl sich auch dies mit Ehren angeben ließe, die schon einmal von Philipps Joche Geretteten jetzt wieder von den Ätolern und vom Antiochus zu befreien – und daß euch nicht bloß Alles das belohnen werde, was jetzt im Lager des Königs vorhanden ist; sondern daß euch auch alle die Vorräthe zufallen, die sie täglich von Ephesus erwarten, und daß dann durch euch Asien, Syrien und alle jene äußerst reichen bis zum Aufgange der Sonne sich erstreckenden Königreiche dem Oberbefehle der Römer geöffnet werden. Wie viel wird dann noch daran fehlen, daß wir unser Reich von Gades bis zum Rothen Meere durch den Ocean begränzen, der als Umgebung den Erdkreis schließt, und vom ganzen menschlichen Geschlechte nächst den Göttern der Name Roms verehrt wird? Auf so hohe Belohnungen macht euch mit einem Muthe gefaßt, wie er ihnen angemessen ist, so daß wir morgen unter dem Beistande der Götter die Schlacht entscheiden lassen.» 18. Die Soldaten, mit dieser Rede entlassen, setzten, ehe sie noch an ihre eigne Pflege gingen, Rüstung und Waffen in Stand. Mit dem frühesten Morgen stellte der Consul, nach ausgehängtem Zeichen zur Schlacht, die Linie; die Stirn schmal, der Lage und Beschränkung des Orts gemäß. Als der König die feindlichen Fahnen erblickte, führte auch er seine Truppen heraus. Einen Theil seiner Leichtbewaffneten stellte er voran vor den Wall, dann pflanzte er seine Kerntruppen, die Macedonier, die bei ihnen Lanzenträger heißen, als einen Schlußreif um die Verschanzungen selbst. Auf ihrem linken Flügel ließ er die Wurf- und Bogenschützen mit den Schleuderern ihren Stand dicht am Fuße des Berges nehmen, um dort aus der höheren Stellung den Feinden die ungedeckte Seite zu treffen. Den Macedoniern zur Rechten, ganz an das Ende der Verschanzungen, wo die bis zum Meere hin durch schlammige Moräste und Sumpflöcher ungangbare Gegend den Weg sperret, stellte er die Elephanten mit ihrer gewöhnlichen Bedeckung; hinter diese die Reuterei, dann in einem mäßigen Zwischenraume die übrigen Truppen als zweites Treffen. 377 Die vor dem Walle aufgestellten Macedonier hielten anfangs die Römer, die auf allen Seiten einzudringen versuchten, mit leichter Mühe ab; denn sie hatten eine große Unterstützung an jenen, die von der höhern Stellung, aus ihren Schleudern gleichsam einen Sturmregen von Bleikugeln und zugleich Pfeile und Wurfspieße herabschütteten. Als aber der Feind mit größerer, schon nicht mehr abzuwehrenden Kraft einbrach, wichen sie, aus der Stellung gedrängt, in rückwärts schreitenden Gliedern In ihre Verschanzungen, und hier bildeten sie auf dem Walle durch ihre vorgestreckten Lanzen gleichsam einen zweiten Wall: denn der Wall selbst hatte eine so mäßige Höhe, daß er seinen Vertheidigern zwar im Gefechte die höhere Stellung gewährte, sie aber auch mit ihren langen Lanzen den unten stehenden Feind erreichen ließ. Viele Römer, die zu dreist sich hinan machten, wurden durchbohrt; und man würde entweder nach vergeblichem Angriffe abgezogen sein, oder noch mehrere verloren haben. Da zeigte sich Marcus Porcius unter dem Gipfel des Callidromon, von dem er die Ätoler verjagt und sie größtentheils niedergehauen hatte – denn sorglos hatten sie und meistens im Schlafe sich überfallen lassen – auf einem an das Lager stoßenden Hügel. 19. Flaccus hatte bei Tichius und Rhoduntia – er suchte vergebens an den Bergfesten hinanzukommen – nicht gleiches Glück. Die Macedonier und die Übrigen im königlichen Lager glaubten anfangs, so lange sich in der Ferne weiter nichts als ein Gewühl und ein Truppenzug sehen ließ, die Ätoler hätten von Ferne das Schlachtgetümmel bemerkt und kämen ihnen zu Hülfe. Sobald ihnen aber die in der Nähe erkannten Fahnen und Waffen den Irrthum entdeckten, befiel auf einmal sie Alle eine so große Bestürzung, daß sie die Waffen wegwarfen und flohen. Den Verfolgern waren theils die Schanzwerke hinderlich, theils das enge Thal, durch welches sie folgen mußten, und vor allem andern, daß die Elephanten im Zuge die Letzten waren, an welchen sie zu Fuß nur mit Mühe, zu Pferde durchaus 378 nicht vorbei kommen konnten, weil die Pferde sich scheueten und hier unter sich mehr Getümmel machten, als in der Schlacht. Auch die Plünderung des Lagers dauerte eine ziemliche Zeit. Dennoch verfolgten die Römer den Feind an dem Tage bis nach Scarphea. Nachdem sie viele Pferde und Menschen auf dem Zuge selbst getödtet und gefangen genommen, auch die Elephanten, die sie nicht fangen konnten, niedergestochen hatten, kehrten sie in ihr Lager zurück, auf welches an eben diesem Tage die Ätoler, die in Heraclea zur Besatzung lagen, während der Schlacht selbst einen Angriff gethan hatten, ohne von ihrer wahrlich sehr gewagten Unternehmung einigen Erfolg zu haben. Der Consul, der in der folgenden Nacht um die dritte Nachtwache die Reuterei zur Verfolgung des Feindes voraufgehen ließ, brach mit dem ersten Tageslichte mit den Legionen in Ordnung auf. Der König hatte einen großen Vorsprung, denn er hielt mit dem gestrecktesten Schnelllaufe nicht eher inne, als zu Elatea, wo er zuerst die Überbleibsel der Schlacht und der Flucht sammelte und sich dann mit einem sehr kleinen Häufchen halbbewaffneter Truppen nach Chalcis zurückzog. Die Römische Reuterei erreichte zwar den König selbst zu Elatea nicht, aber sehr Viele vom Zuge, die entweder vor Ermattung stehen blieben, oder als Verirrte sich zerstreuten – denn auf unbekannten Wegen flohen sie ohne Wegweiser – und machte sie nieder. Von dem ganzen Heere kam auch nicht Einer davon; außer die Fünfhundert, die um den König waren; was selbst als Rest von Zehntausenden, so hoch ich auf des Polybius Zeugniß die Summe der mit dem Könige nach Griechenland Übergegangenen nur angegeben habe, eine sehr kleine Zahl ist. Und wie, wenn wir dem Valerius von Antium glauben wollten, nach dessen Aussage im Heere des Königs sechzig tausend standen, von denen vierzigtausend fielen, und über fünftausend gefangen genommen, auch zweihundert dreißig Fahnen erbeutet wurden? Auf Römischer Seite fielen im wirklichen Kampfe der Schlacht hundert funfzig: von denen, die sich gegen den Einbruch der Ätoler vertheidigen mußten, blieben nicht über funfzig. 379 20. Als der Consul sein Heer durch Phocis und Böotien führte, standen die Bürger der des Abfalls sich bewußten Städte, aus Besorgniß, feindlich geplündert zu werden, im Aufzuge der Gnadeflehenden vor den Thoren. Allein der Zug rückte alle diese Tage über nicht anders weiter, als wäre hier Freundes Gebiet, ohne sich irgend woran zu vergreifen, bis er in das Gebiet von Coronea kam. Hier weckte das Standbild des Königs Antiochus, im Tempel der Itonischen Minerva aufgestellt, den Unwillen, und der Soldat erhielt Erlaubniß, die Gegend um den Tempel zu verheeren. Bald aber nahm man die Unbilligkeit zu Herzen, die einzige Gegend von Coronea mit Härte zu behandeln, da doch jenes Standbild vermöge eines gemeinschaftlichen Beschlusses aller Böotier gesetzt war. Sogleich wurde der Soldat wieder einberufen, die Plünderung hatte ein Ende, und den Böotiern wurde ihre Undankbarkeit bei so großen und so neuen Wohlthaten der Römer nur mit Worten verwiesen. Wahrend der Schlacht selbst standen zehn königliche Schiffe unter dem Befehle des Isidorus in der Malieischen Bucht bei Thronium. Als nun der schwer verwundete Acarnanier Alexander mit der Nachricht von der verlornen Schlacht hieher geflüchtet kam, segelten die Schiffe im ersten Schrecken schleunigst ab nach Cenäum auf Euböa, wo Alexander starb und begraben wurde. Drei Schiffe, die nach ihrer Abfahrt aus Asien eben diesen Hafen erreicht hatten, gingen auf die Nachricht von dem Unglücke ihres Heers nach Ephesus zurück. Von Cenäum segelte Isidorus nach Demetrias hinüber, wenn etwa die Flucht den König dorthin verschlüge. In diesen Tagen fing auch Aulus Atilius, der Befehlshaber der Römischen Flotte, viele für den König bestimmte Zufuhren auf, welche schon die Meerenge bei der Insel Andrus zurückgelegt hatten: einige Schiffe versenkte, einige nahm er. Die letzten im Zuge nahmen ihren Lauf zurück nach Asien. Atilius, der in den Piräeus, aus welchem er abgesegelt war, mit einem Zuge von erbeuteten Schiffen, zurück fuhr, vertheilte eine große Menge Getreide an die 380 Athener und andre Bundesgenossen dieser Gegend. 21. Antiochus, der gegen die Ankunft des Consuls von Chalcis absegelte, hielt zuerst bei der Insel Tenus an; von hier ging er nach Ephesus über. Der Consul fand bei seiner Ankunft zu Chalcis die Thore offen, da bei seiner Annäherung der königliche Befehlshaber Aristoteles die Stadt geräumt hatte. Auch die übrigen Städte auf Euböa ergaben sich ohne Kampf; und nach wenig Tagen ging das Heer, das Alles wieder in friedlichen Stand gesetzt hatte, nach Thermopylä zurück, ohne sich an irgend einer Stadt zu vergreifen; und machte sich durch diese Mäßigung nach dem Siege eines weit höheren Lobes würdig, als selbst durch den Sieg. Von hier schickte der Consul den Marcus Cato nach Rom, damit durch ihn Roms Senat und Volk aus sicherem Munde vernähmen, was man gethan habe. Dieser segelte von Creusa, einem tief zurück in der innersten Krümmung des Corinthischen Busens gelegenen Landungsplatze der Bürger von Thespiä, nach Paträ in Achaja: von Paträ bis Corcyra fuhr er an der Ätolischen und Acarnanischen Küste hin und setzte so nach Hydrus in Italien über. Wie im Fluge machte er die ganze Reise von hier bis Rom zu Lande in fünf Tagen, eilte noch vor Tage in die Stadt und gleich vom Thore zum Prätor Marcus Junius. Mit dem frühesten Morgen berief dieser den Senat. Hier kam Lucius Cornelius Scipio, den der Consul schon mehrere Tage vorher abgeschickt hatte, und der bei seiner Ankunft hörte, Cato sei schon vor ihm in den Senat gegangen, so eben dazu, als dieser über das Geschehene Bericht abstattete. Beide Unterfeldherren wurden dann auf Befehl des Senats dem versammelten Volke vorgestellt, wo sie so, wie im Senate, über die Verrichtungen in Ätolien Auskunft gaben. Es wurde ein dreitägiges Dankfest angeordnet, und ein Opfer, welches der Prätor den Göttern, die er selbst bestimmen möchte, mit vierzig großen Opferthieren zu bringen habe. In diesen Tagen zog auch Marcus Fulvius Nobilior , der vor zwei Jahren als Prätor nach Spanien gegangen war, im kleinen Triumphe in die Stadt. Vor ihm her fuhren 381 die Wagen mit hundertunddreißig tausend Silberdenaren, und außer dem in Münze gezählten Gelde mit zwölftausend Pfund Silber und hundert und siebenundzwanzig Pfund Gold Die erste Summe beträgt nach Crevier etwa 40,624 Gulden, die zweite 375,000 und die dritte 39,780 Gulden (nach dem Zwanzigguldenfuße). Dasselbe erzählt Livius, wahrscheinlich aus Versehen, Cap. 39. noch einmal. . 22. Der Consul Acilius ließ vor seinem Aufbruche von Thermopylä nach Heraclea den Ätolern sagen: «Sie möchten doch jetzt wenigstens, da sie über die Unzuverlässigkeit des Königs die Erfahrung gemacht hätten, wieder vernünftig sein, und wenn sie Heraclea übergeben hätten, darauf denken, sich vom Senate Verzeihung für ihre Tollheit oder für ihre Verirrung zu erbitten. Auch andre Staten Griechenlands wären in diesem Kriege von den so hoch um sie verdienten Römern abgefallen: weil sie aber nach der Flucht des Königs, dessen Beistand sie verleitet habe, ihrer Pflicht zu entsagen, ihre Verschuldung nicht durch Hartnäckigkeit gehäuft hätten, so habe man ihnen wieder Schutz angedeihen lassen. Auch die Ätoler, ob sie gleich nicht dem Könige sich bloß angeschlossen, sondern ihn geholt hätten, und seine Anführer zum Kriege, nicht bloße Theilnehmer gewesen wären, könnten ebenfalls, wenn sie nur der Reue fähig wären, ohne Schaden davonkommen.» Als hierauf keine friedliche Antwort erfolgte, und es sich ergab, daß man die Waffen entscheiden lassen müsse, und, war gleich der König besiegt, doch den ganzen Krieg mit den Ätolern noch vor sich habe; so brach der Consul mit seinem Lager von Thermopylä gegen Heraclea auf, und nahm noch an demselben Tage, um sich mit der Lage der Stadt bekannt zu machen, zu Pferde die Mauern auf allen Seiten in Augenschein. Heraclea liegt am Fuße des Gebirges Öta; die Stadt selbst in einer Ebene hat neben sich die auf einer bedeutenden überall steilen Anhöhe ragende Burg. Nachdem der Consul Alles, was er wissen mußte, in Übersicht genommen hatte, beschloß er, die Stadt an vier Punkten zugleich anzugreifen. Die Aufsicht über die Werke 382 und den Angriff da, wo der Asopus fließt und wo die Übungsschule steht, gab er dem Lucius Valerius. Den Sturm auf den Theil, wo arcem extra muros, quae]. – Ich bin in der Übersetzung dieser Stelle dem Vorschlage Gronovs gefolgt, so zu lesen: partem, qua extra muros freq. prope; quam in urbe habitabatur. Denn daß es hier nicht heißen könne: arcem – – oppugnandam dedit, hat Glareanus aus C. 24. hinlänglich erwiesen, und Gronov, Duker, Drakenb., Crevier stimmen ihm hierin bei. der Platz außerhalb der Mauern fast stärker bewohnt wurde, als die Stadt selbst, übertrug er dem Tiberius Sempronius Longus. Auf der Seite nach dem Malieischen Meerbusen, welcher nur schwer beizukommen war, mußte sich Marcus Bäbius aufstellen; auf der zu dem kleineren Flusse, Melas genannt, Appius Claudius. Bei ihrem großen Wetteifer wurden Thürme, Mauerbrecher und das übrige zum Sturme auf Städte nöthige Geräth in wenig Tagen fertig. Theils lieferte ihnen der Boden um Heraclea, der allenthalben sumpfig und an hohen Bäumen reich war, das Bauholz zu allen Arten der Werke in Menge; theils gaben auch, weil sich die Ätoler in die Stadt geflüchtet hatten, die vor der Stadt stehenden verlassenen Häuser zu den verschiedenen Bedürfnissen nicht bloß Balken und Bretter her, sondern auch Backsteine, Schutt und Bruchsteine von mancherlei Größe. 23. Die Römer von ihrer Seite griffen die Stadt mehr durch Werke, als in Gefechten an; die Ätoler hingegen vertheidigten sich durch Gefecht. Waren die Sturmböcke gegen die Mauern in Arbeit, so zogen die Ätoler nicht, wie gewöhnlich, durch Stricke die aufgefangenen Stöße seitwärts, sondern zahlreich bewaffnet thaten sie einen Ausfall, und manche brachten Feuer mit, um es auf den Balkendamm zu werfen. Auch erleichterten gewölbte Ausgänge in der Mauer die Ausfälle, und bei der Ausbesserung der niedergestoßenen Mauerstellen legten sie deren mehrere an, um von mehreren Punkten auf den Feind auszubrechen. In den ersten Tagen thaten sie dies, so lange sie noch die vollen Kräfte hatten, zahlreich genug und mit Munterkeit, allein von Tage zu Tage mehr einzeln und säumiger. Denn ob sie sich gleich von 383 mancherlei Noth bedrängt sahen, griff dennoch nichts sie stärker an, als das Wachen; weil auf Römischer Seite bei der großen Truppenmenge immer wieder andre auf die Posten einrücken konnten, hingegen bei der geringeren Anzahl der Ätoler die Tag und Nacht fortdauernde Arbeit immer auf denselben lastete. Seit vierundzwanzig Tagen reiheten sich gegen einen, zugleich auf vier Seiten stürmenden, Feind die Arbeiten der Nächte an die der Tage so ununterbrochen, daß es auch nie eine Zwischenzeit ohne Gefecht gab. Als der Consul schon aus der Berechnung der Zeit die Erschöpfung der Ätoler wissen konnte, und die Aussagen der Überläufer sie bestätigten, nahm er seine Maßregel so. Mitten in der Nacht ließ er zum Rückzuge blasen und behielt seine sämtlichen zugleich vom Sturme abgerufenen Truppen bis zur dritten Tagesstunde ruhig im Lager. Dann ging der Sturm wieder bis Mitternacht fort und wurde wieder bis zur dritten Tagesstunde unterbrochen. Die Ätoler, welche diese Unterbrechung des Sturms der Ermüdung zuschrieben, so wie diese ja auch sie ergriffen hatte, gingen sämtlich, wenn den Römern das Zeichen zum Abzuge gegeben war, gleich als würden auch sie dadurch abgerufen, jeder von seinem Posten, und vor der dritten Tagesstunde ließen sich keine Bewaffnete auf der Mauer sehen. 24. Als der Consul wieder Quum nocte media intermisisset].– Sollte nicht durch die Schreibart īterm (im Worte intermisisset) ein iterum hier ausgefallen sein? um Mitternacht mit dem Sturme inne gehört hatte, ließ er schon um die vierte Nachtwache auf drei Seiten den Angriff mit größter Heftigkeit erneuern, und auf der Einen den Tiberius Sempronius mit seinen Soldaten in Bereitschaft das Zeichen von ihm erwarten: er setzte voraus, die Feinde würden unstreitig nach jenen Stellen zusammenlaufen, aus welchen das Geschrei hörbar würde. Die Ätoler, zum Theile eingeschlafen, entwinden sich, in der Erschöpfung von Arbeit und Wachen, dem Schlafe; zum Theile noch wachend, laufen sie im Dunkeln nach dem Getöse der Fechtenden. 384 Die Feinde wagen sich theils über die Trümmer der zu Boden liegenden Mauer, theils versuchen sie das Hinansteigen auf Leitern: gegen sie laufen die Ätoler von allen Seiten zur Hülfe herbei. Die Eine Stelle, bei welcher außerhalb der Stadt die Gebäude waren, wurde weder vertheidigt, noch angegriffen; aber die den Angriff thun sollten, standen schon in gespannter Erwartung des Zeichens: und kein Vertheidiger ließ sich blicken. Jetzt fing es an zu tagen, als der Consul das Zeichen gab; und ohne Kampf stiegen die Römer hier über die Bruchstellen, dort auf Leitern über die noch stehende Mauer hinein. Kaum erscholl, die Eroberung verkündigend, ihr Geschrei, so flohen die Ätoler von allen Seiten, mit Aufgebung ihrer Posten auf die Burg. Den Siegern überließ der Consul die Stadt zur Plünderung, nicht aus Erbitterung, oder Haß, sondern um den Soldaten, dem er bei so mancher den Händen der Feinde entrissenen Stadt Enthaltung geboten hatte, doch auch endlich einmal den Vortheil des Sieges genießen zu lassen. Nachdem er fast gegen Mittag die Truppen wieder zusammengerufen und sie in zwei Abtheilungen gestellt hatte, mußte sich die eine am Fuße der Gebirge nach dem Felsen herumziehen, der mit der Burg in gleicher Höhe ragend, durch das dazwischen gelegene Thal von ihr wie abgerissen war: allein diese Berge stehen mit ihrem Doppelgipfel einander so nahe, daß man von der Spitze des einen in die Burg hineinschießen kann: mit der andern Hälfte der Soldaten erwartete der Consul, um von der Stadt aus gegen die Burg anzurücken, von denen, die den Felsen im Rücken ersteigen sollten, das Zeichen. Die Ätoler, die auf der Burg waren, hielten so wenig das erste Geschrei derer aus, die den Felsen gewonnen hatten, als nachher den Angriff der Römer von der Stadt her; theils weil sie schon muthlos waren, theils weil hier zur längern Ausdauer in einer Belagerung auch nicht die mindeste Vorkehrung getroffen war, da sogar Weiber, Kinder und ein Schwarm von andern Wehrlosen sich in die Burg zusammengedrängt hatten, so daß diese eine solche Menge kaum fassen, viel weniger schützen 385 konnte. Also warfen sie bei dem ersten Angriffe die Waffen weg und ergaben sich. Unter den andern Ausgelieferten befand sich auch jener vornehme Ätoler , Damocritus, der im Anfange des Krieges, als ihm Titus Quinctius die Verordnung der Ätoler abforderte, vermöge welcher Antiochus zur Hülfe gerufen werden sollte, zur Antwort gegeben hatte: «Er wolle sie ihm in Italien geben, wann dort die Ätoler ihr Lager hätten.» Dieses Trotzes wegen machte seine Übergabe den Siegern so viel größere Freude. 25. Zu gleicher Zeit, als die Römer Heraclea belagerten, belagerte auch Philipp, nach einer Verabredung mit ihnen, die Stadt Larnia; denn er hatte sich bei dem Consul, als dieser aus Böotien zurückkehrte, in der Gegend von Thermopylä eingefunden, um ihm und dem Römischen Volke zum Siege Glück zu wünschen und sich zu entschuldigen, daß er, durch Krankheit abgehalten, bei dem Kriege nicht habe gegenwärtig sein können. Von hier brachen sie nach verschiedenen Seiten zur gleichzeitigen Belagerung der beiden Städte auf. Diese sind nicht ganz siebentausend Schritt von einander entfernt; und weil Lamia nicht nur auf einem Hügel liegt, sondern auch vorzüglich nach dieser Seite sich herabneigt, so erscheint die Entfernung wirklich despectat oppidum, qua breve]. – Ich folge hier Crevier. Er lieset so: et quia Lamia quum posita in tumulo est, tum regionem eam maxime despectat; oppidò quàm (id est, valde ) breve intervallum videtur etc. Sehr passend ist die von ihm angeführte Stelle XXXIX. 47. Nec enim multa solum, sed etiam pleraque oppidò quàm parva (admodum parva) erant. Und dieser Lesart oppidò quàm stimmen 6 Msc. bei und die Edd. Rom. 1472. Parm, Ascens. 1513; und noch fünf andre Handschriften, welche oppido qua lesen, stimmen doch auch für oppido. Mit quum enise fängt Crevier einen neuen Satz an. Statt omnia lese ich mit Ruperti moenia. als sehr unbedeutend, und beide haben die Mauern der andern vor Augen. Da also Römer und Macedonier, als hätten sie sich einen Wettstreit angekündigt, in den Werken oder in den Gefechten alle Kräfte aufboten, so wurde doch den Macedoniern die Arbeit schwerer, weil die Römer die Belagerung durch Erdwälle, Annäherungshütten und nur durch Werke über der Erde betrieben, die Macedonier hingegen durch 386 unterirdische Gänge; und oft kamen sie in dem felsichten Boden auf Gestein, das allem Eisen undurchdringlich war. Auch suchte der König, weil das Werk kaum weiter gedieh, durch Unterredungen die vornehmsten Bürger zur Übergabe zu vermögen; denn er zweifelte nicht daran, wenn Heraclea früher erobert würde, daß sie sich lieber an die Römer, als an ihn ergeben würden, und der Consul durch die aufgehobene Belagerung sich bei ihnen beliebt machen werde. Und seine Vermuthung traf ein. Gleich nach der Eroberung von Heraclea ließ ihm der Consul sagen: «Er möge mit der Belagerung inne hören: es sei schicklicher, daß die Römischen Soldaten, da sie gegen die Ätoler in der Schlacht gefochten hätten, auch den Lohn vom Siege ernteten.» Also sah Lamia seine Belagerer abziehen und entging durch das Unglück seiner Nachbarstadt einer ähnlichen Erfahrung. 26. Wenig Tage vor der Eroberung von Heraclea schickten die Ätoler nach einer zu Hypata gehaltenen Statenversammlung Gesandte an den Antiochus, worunter sich auch eben der Thoas befand, der schon einmal hingeschickt war. Ihr Auftrag war, den König zu bitten, einmal, er möge selbst, wenn er seine Land- und Seemacht wieder gesammelt habe, nach Griechenland herüberkommen: zum andern, sollte er für seine Person Abhaltungen haben, so möge er Geld und Hülfstruppen schicken. «Nicht bloß sein hoher Rang und Fürstenwort verpflichte ihn, seine Verbündeten nicht aufzuopfern, sondern auch das Wohl seines eignen Reiches, den Römern nicht zu gestatten, daß sie nach Vertilgung der Ätolischen Nation ganz sorglos, mit ihrer ganzen Macht nach Asien übergehen könnten.» Sie sagten die Wahrheit: um so mehr Eindruck machten sie auf den König. Für jetzt also gab er den Gesandten die zu den Bedürfnissen des Krieges nöthigen Gelder mit, und versprach Land- und Seetruppen zur Hülfe zu schicken. Einen aus der Gesandschaft, den Thoas behielt er dort, der auch nicht ungern in der Absicht zurückblieb, um durch seine Gegenwart die Erfüllung des Versprechens zu betreiben. 387 27. Indeß brach doch endlich die Eroberung von Heraclea den Trotz der Ätoler, und wenig Tage nachher, als sie, um den Krieg zu erneuern und den König einzuladen, Gesandte nach Asien hatten abgehen lassen, schickten sie, mit Aufgebung aller kriegerischen Maßregeln, Abgeordnete mit dem Gesuche um Frieden an den Consul. So wie sie ihren Vortrag anfingen, unterbrach sie der Consul, sagte, er habe jetzt nöthigere Dinge zu thun Dies war bloß Wiedervergeltung. Man vergleiche B. 35. Cap. 33. am Schlusse. und hieß sie unter zugestandenem zehntägigen Waffenstillstande nach Hypata zurückgehen, und was sie mit ihm abzuhandeln gehabt hätten oder sonst etwa verlangten, dem Lucius Valerius Flaccus vorlegen, den er ihnen mitgab. Nach ihrer Ankunft zu Hypata gingen die Ersten der Ätoler, bei dem Flaccus versammelt, darüber zu Rathe, wie sie dem Consul ihre Sache vorzustellen hätten. Und da Einige schon eine Einleitung fertigen wollten, die mit den alten Bundesartikeln und den Verdiensten der Ätoler um Rom anheben sollte, so sagte Flaccus, «diese müßten sie aufgeben, da sie selbst sie verletzt und gebrochen hätten. Durch das Geständniß ihrer Schuld und einen durchaus bittenden Ton würden sie weit mehr gewinnen. Denn ihre Rettung lasse sich nicht von ihrer gerechten Sache hoffen, sondern von der Großmuth der Römer. Auch wolle er, wenn sie demüthig bittend kämen, sowohl bei dem Consul ihr Beistand sein, als auch zu Rom vor dem Senate: denn auch dorthin müßten sie Gesandte schicken.» Alle erkannten dies für ihr einziges Rettungsmittel, sich in den Schutz der Römer hinzugeben. «Auf diese Weise würden sie die Römer durch ihre eigne Ehre binden, sich an Schutzflehenden nicht zu vergreifen, und dabei dennoch, wenn das Glück eine bessere Aussicht eröffnete, von sich selbst abhängen.» 28. Nach ihrer Ankunft beim Consul erklärte Phäneas, das Haupt der Gesandschaft, am Schlusse seiner langen Rede, die in mancherlei Wendungen auf 388 Besänftigung des zürnenden Siegers berechnet war: «Die Ätoler gäben sich und alles Ihrige in des Römischen Volkes Schutz.» Als der Consul dies hörte, sprach er: «Es muß euch hiemit hoher Ernst sein, euch in dieser Form an uns zu ergeben.» Phäneas zeigte also den Beschluß vor, in welchem dies ausdrücklich geschrieben stand. Und der Consul fing so an: «Weil ihr euch denn in dieser Form ergebt, so verlange ich, daß ihr euren Landsmann Dicäarch und den Epiroten Menestas, – – er hatte sich mit Truppen in Naupactus geworfen und es zum Abfalle verleitet – – ferner den Amynander und die Ersten der Athamanen, auf deren Betrieb ihr von uns abgefallen seid, mir ungesäumt ausliefert.» Phäneas, der dem Römischen Feldherrn beinahe in die Rede fiel, sagte: «Nicht in die Sklaverei, sondern in deinen Schutz haben wir uns gegeben, und ich bin gewiß, daß du bloß aus Unkunde das Versehen machst, uns etwas zu befehlen, was bei Griechen nicht Sitte ist.» – «Jetzt kümmert es mich auch wahrhaftig sehr wenig,» antwortete der Consul, «ob die Ätoler mein Verfahren der Griechischen Sitte gehörig angemessen finden, wenn ich nur nach Römischer Sitte die Landeshoheit über diejenigen ausübe, die sich mir so eben durch ihren Volksschluß übergeben haben und die schon vorher durch die Waffen bezwungen waren. Geschieht also nicht sogleich, was ich verlange, so gebe ich auf der Stelle Befehl, euch zu fesseln;» und er ließ die Ketten herbeibringen, und seine Beilträger die Gesandten umstellen. Dies brach dem Phäneas und den übrigen Ätolern den Trotz: jetzt endlich beherzigten sie ihre gegenwärtige Lage, und Phäneas sagte: «Er und die anwesenden Ätoler wüßten, daß sie das zu befolgen hätten, was ihnen anbefohlen werde: allein um es verordnen zu lassen, bedürfe es einer Statenversammlung der Ätoler: hierzu bitte er um einen Waffenstillstand von zehn Tagen.» Auf Fürbitte des Flaccus wurde ihnen der Waffenstillstand bewilligt und sie gingen wieder nach Hypata. Als Phäneas hier dem versammelten Ausschusse, der bei ihnen den Namen der Auserwählten hat, die 389 Forderungen mittheilte, ferner, was ihnen selbst beinahe begegnet sei; brachen freilich die Ätolischen Großen über ihr Schicksal in Seufzer aus, gaben aber ihre Stimme dahin, man müsse dem Sieger gehorchen und aus allen Ätolischen Städten eine Versammlung berufen. 29. Als aber die ganze versammelte Menge eben diese Angaben hörte, geriethen Alle über die Härte des Befehls und vor Unwillen so in Erbitterung, daß sie in diesem Sturme der Leidenschaft, selbst wenn sie in Frieden gewesen wären, sich zum Kriege hätten empören können. Ihren Unmuth erhöhete auch die Schwierigkeit dessen, was ihnen anbefohlen wurde; – «Wie sie sogar den König Amynander sollten ausliefern können?» – und Schon Perizonius zog die Worte accedebat et difficultas und et spes forte oblata zusammen, und schloß, ganz in der Manier des Livius, den eingeschalteten Grund: quonam modo – – – se tradere posse, in eine Parenthese ein. Mag die Übersetzung darunter leiden! eine zufällig jetzt sich zeigende Hoffnung, da Nicander, der gerade in dieser Zeit vom Könige Antiochus ankam, dem großen Haufen die nichtige Aussicht auf einen gewaltigen Krieg gab, zu dem man dort zu Lande und zu Wasser sich rüste. Nach vollbrachter Gesandschaft war er auf seiner Rückfahrt nach Ätolien, zwölf Tage nachher, als er sich eingeschifft hatte, zu Phalara im Malieischen Meerbusen eingelaufen. Von hier schaffte er das Geld nach Lamia, machte sich selbst mit einer flinken Begleitung um die erste Abenddämmerung auf den Weg nach Hypata, so daß er sich auf ihm bekannten Pfaden zwischen dem Macedonischen und Römischen Lager in der Mitte hielt, stieß aber auf einen Macedonischen Posten und wurde zum Könige geführt, ehe noch die Tafel aufgehoben war. Als Philipp die Meldung bekam, nahm er ihn als Gast, nicht als Feind auf, nöthigte ihn, Platz zu nehmen und mitzuspeisen, behielt ihn nachher, als die Gäste entlassen waren, allein bei sich, und versicherte ihn, daß er für seine Person nichts zu fürchten habe. Nur beschwerte er sich über die verkehrten Maßregeln der Ätoler, die immer ihnen selbst über dem Kopfe zusammenschlügen, insofern sie 390 zuerst die Römer, dann den Antiochus in Griechenland eingeführt hätten. «Doch ohne an das Vergangene, das sich eher tadeln als bessern lasse, zu denken, werde er sich gegen sie in ihrem Unglücke nie eine Mishandlung erlauben. Aber auch die Ätoler müßten endlich den Haß gegen ihn aufhören lassen, und Nicander insbesondere dieses Tages nicht vergessen, an welchem er ihm das Leben geschenkt habe.» Er ließ ihn, bis er in Sicherheit war, begleiten, und so kam Nicander in Hypata eben dazu, als man sich über den Frieden mit Rom berathschlagte. 30. Nachdem Manius Acilius die bei Heraclea gemachte Beute verkauft, oder den Soldaten überlassen hatte, und nun erfuhr, daß auch zu Hypata die Beschlüsse nicht friedlich ausfielen, und daß die Ätoler nach Naupactus zusammenströmten, um sich dort gegen den ganzen Sturm des Krieges zu behaupten; so schickte er den Appius Claudius mit viertausend Mann vorauf, die Höhen zu besetzen, wo der Übergang über die Gebirge Schwierigkeiten hatte; er selbst rückte am Öta hinauf und brachte dem Hercules auf jener Stelle ein Opfer, welche den Namen der Brandstäte führt, weil hier der sterbliche Körper des Gottes verbrannt sein soll. Von hier brach er mit dem ganzen Heere auf, und der übrige Weg wurde dem Zuge nicht sehr beschwerlich. Als er aber an den Corax kam, – dies ist der höchste Berg zwischen Callipolis und Naupactus – da stürzten die Lastthiere in Menge samt ihrer Ladung in den Abgrund und die Menschen litten sehr. Hier drängte sich ihm die Bemerkung auf, mit was für einem unthätigen Feinde er zu thun habe, da zur Sperrung eines so schwierigen Bergpasses nicht einmal ein Posten aufgestellt war. Er zog mit dem Heere, das auch so schon genug gelitten hatte, gegen Naupactus herab, warf gegen die Burg eine Schanze auf, und schloß mit den nach der Lage der Mauern vertheilten Truppen die Stadt auf allen übrigen Seiten ein. Ihre Belagerung erforderte aber eben so viele Werke und Arbeit, als die von Heraclea . 391 31. Um diese Zeit unternahmen auch die Achäer die Belagerung der Stadt Messene im Peloponnes, weil sie sich geweigert hatte, an ihrem Bunde Theil zu nehmen. Zwei Staten, Messene und Elis, schlossen sich vom Achäischen Bunde aus und hielten es mit den Ätolern. Doch hatten die Eleer nach Verjagung des Antiochus aus Griechenland den Gesandten der Achäer die mildere Antwort gegeben, «Wenn die Besatzung des Königs abgezogen sei, wollten sie darauf denken, was sie zu thun hätten.» Die Messenier hatten, ohne die Gesandten mit einer Antwort zu entlassen, den Krieg angefangen; und nun in nicht geringer Verlegenheit, als sie ihr Gebiet allenthalben von einem ausgebreiteten Heere verwüsten und nahe an der Stadt ein Lager stehen sahen, schickten sie an den Wiederbringer der Freiheit, den Titus Quinctius, Gesandte nach Chalcis und ließen ihm sagen, den Römern, aber nicht den Achäern, wären die Messenier bereit ihre Thore zu öffnen und die Stadt zu übergeben. Quinctius, der sogleich, als er die Gesandten vernommen hatte, sich auf den Weg machte, schickte von Megalopolis jemand ab an den Prätor der Achäer Diophanes mit der Andeutung, sogleich sein Heer von Messene abzuführen und zu ihm zu kommen. Diophanes gehorchte aufs Wort, hob die Belagerung auf, ging ohne Begleitung dem Zuge voraus und traf in der Gegend von Andania, einer kleinen Stadt, die zwischen Megalopolis und Messene liegt, den Quinctius. Als er die unternommene Belagerung rechtfertigen wollte, verwies es ihm Quinctius mit aller Sanftmuth, daß er sich ohne seine Billigung auf eine so wichtige Unternehmung eingelassen habe, und machte es ihm zur Pflicht, sein Heer zu entlassen und den zum Segen für Alle errungenen Frieden nicht zu stören. Den Messeniern befahl er, die Verbanneten wieder aufzunehmen und sich dem Bunde der Achäer anzuschließen. Wollten sie gegen dies und jenes Einwendungen machen oder darüber auf die Zukunft sicher gestellt sein, so möchten sie zu ihm nach Corinth kommen. Den Diophanes forderte er auf, ihn sogleich einer Statenversammlung der Achäer 392 vorzustellen. Hier beschwerte er sich über die Unredlichkeit, mit der sie sich den Besitz der Insel Zacynthus zugeeignet hätten und verlangte ihre Rückgabe an die Römer. Die Insel Zacynthus hatte dem Macedonischen Könige Philipp gehört. Er hatte sie dem Amynander überlassen und für diesen Preis den Durchzug mit seinem Heere durch Athamanien nach der obern Gegend Ätoliens erhalten, hatte auch durch diesen Zug die Ätoler muthlos gemacht und sie genöthigt, um Frieden zu bitten. Amynander machte den Philipp von Megalopolis zum Statthalter über die Insel. Als er nachher in dem Kriege, in welchem er sich mit Antiochus gegen die Römer verband, den Philipp zu Geschäften des Krieges abrief, schickte er den Agrigentiner Hierocles in dessen Stelle. 32. Nach der Flucht des Antiochus von Thermopylä und der Verjagung des Amynander aus Athamanien durch Philipp, übergab Hierocles, der sich hierzu aus eigner Bewegung durch Unterhändler bei dem Prätor der Achäer, Diophanes, für eine Summe Geldes erbot, die Insel den Achäern. Die Römer aber hielten es für billig, daß sie als eine Belohnung ihres Sieges ihnen zukomme; denn der Consul Manius Acilius und seine Legionen hätten bei Thermopylä nicht dem Diophanes und den Achäern ein Eigenthum erfechten wollen. Diophanes suchte dagegen bald sich und die Nation zu entschuldigen, bald die Rechtmäßigkeit des Verfahrens auseinander zu setzen. Einige Achäer bezeugten nicht nur, daß sie von Anfang an gegen die Sache gewesen wären, sondern ließen auch jetzt bei der Unnachgiebigkeit des Prätors ihre Misbilligung laut werden; und auf ihren Betrieb wurde der Schluß abgefaßt, die ganze Sache dem Titus Quinctius zu überlassen. Quinctius, gegen Widerspenstige hart, war aber auch, wenn man ihm nachgab, der Versöhnliche. Mit Entfernung aller Heftigkeit in Stimme und Blick sprach er: «Wenn ich den Besitz dieser Insel den Achäern für nützlich hielte, so würde ich dem Römischen Senate und Volke rathen, sie euch behalten zu lassen. Allein so 393 wie ich an der Schildkröte bemerke Nach Creviers Bemerkung war das Gleichniß für Peloponnesier so viel passender, da sie selbst auf Münzen ihren Peloponnes unter dem Bilde einer Schildkröte andeuteten. , daß sie vor jedem Schlage gesichert ist, wenn sie sich unter ihr Dach gesammelt hat, daß hingegen, sobald sie Theile hervorstreckt, jeder entblößte Theil preisgegeben und wehrlos ist; ungefähr eben so, glaube ich, muß es euch ringsum vom Meere eingeschlossenen Achäern leicht werden, Alles, was innerhalb der Gränzen des Peloponnes liegt, mit euch zu vereinigen und in der Vereinigung zu behaupten; sobald ihr aber, aus Begierde, mehr zu umfassen, über jene Gränzen hinausgeht, möchte für euch alles außerhalb Gelegene zu wenig geschützt, zu sehr jedem Angriffe ausgesetzt sein.» Da die ganze Versammlung ihm beistimmte, und auch Diophanes keine weiteren Gegenbehauptungen wagte, so wurde Zacynthus den Römern abgetreten. 33. Da um diese Zeit König Philipp bei dem Consul, als dieser vor Naupactus zog, anfragte, ob er unterdeß die vom Bunde mit Rom abgefallenen Städte wieder erobern solle, und dieser seine Einwilligung gab, so rückte er mit seinen Truppen vor Demetrias, weil er wußte, wie groß dort jetzt die Verwirrung sei. Denn die Bürger, aller Hoffnung beraubt, da sie sich vom Antiochus verlassen sahen, und sich von den Ätolern keinen Beistand versprechen durften, erwarteten Tag und Nacht von ihrem Feinde Philipp einen Angriff, oder von den Römern einen noch feindseligern, weil diese noch gerechtere Ursache zum Zorne hatten. Es war hier ein ungeordneter Haufe von Truppen des Antiochus, die anfangs in geringer Zahl als Besatzung hier zurückgelassen, nachher in größerer Menge, aber meistens ohne Waffen, aus der verlornen Schlacht hieher geflüchtet, weder Kraft noch Muth genug hatten, eine Belagerung auszuhalten. Auch gaben sie denen, welche Philipp vor sich her schickte, um der Stadt seine Bereitwilligkeit zum Verzeihen zuzusichern, zur Antwort: Ihre Thore ständen dem Könige offen. Einige ihrer Großen verließen beim Einrücken 394 seines Vortrabes die Stadt: Eurylochus nahm sich das Leben. Die Soldaten des Antiochus wurden, der Übereinkunft gemäß, zu ihrer Sicherheit, unter Macedonischem Geleite durch Macedonien und Thracien nach Lysimachia abgeführt. Auch standen einige Schiffe bei Demetrias, worüber Isidorus den Oberbefehl hatte. Auch diese wurden mit ihrem Vorgesetzten entlassen. Darauf eroberte Philipp die Landschaften Dolopien, Aperantien und einige Städte in Perrhäbien . 34. Indeß Philipp hiermit beschäftigt war, segelte Titus Quinctius, dem der Achaische Bund Zacynthus abgetreten hatte, nach Naupactus hinüber, welches schon seit zwei Monaten, aber so, daß die Eroberung nahe war, belagert wurde: und wurde es mit Sturm genommen, so fand auch hier wahrscheinlich Alles, was Ätoler hieß, seinen Untergang. War er aber gleich auf die Ätoler mit Recht unwillig, – denn er hatte es noch nicht vergessen, daß sie allein bei der Befreiung Griechenlands seinen Ruhm verkleinerten, daß sie auf sein Wort so gar nichts gegeben hatten, als er, um sie von ihrem wüthenden Vorhaben abzuschrecken, ihnen Alles, was gerade jetzt sie betroffen hatte, vorhersagte; – so glaubte er doch, daß es ihm vor allen Andern obliege, in dem durch ihn befreieten Griechenlande auch nicht ein Volk ganz vertilgen zu lassen, und fing also an, vor den Mauern auf und nieder zu gehen, so daß ihn die Ätoler leicht bemerken mußten. Sogleich erkannten ihn die Vorposten und durch alle Stände verbreitete sich der Ruf: « Quinctius ist da!» Von allen Seiten strömten sie auf die Mauern zusammen; Jeder streckte, so hoch er konnte, die Hände empor, und mit einstimmigem Geschreie forderten sie ihn bittend mit Namen auf, ihnen zu helfen und ihr Retter zu sein. Für jetzt gab er, so sehr diese Stimmen ihn rührten, mit der Hand ein Zeichen, daß er nicht helfen könne. Als er aber zum Consul kam, sprach er: «Hast du entweder nicht bemerkt, Manius Acilius, wie die Sachen jetzt stehen, oder glaubst du, ob du es gleich völlig durchschauest, es könne auf das Ganze nicht viel 395 verschlagen?» Dies spannte des Consuls Erwartung. «Warum,» sprach er, «erklärst du dich nicht näher, wie du das meinst?» Da fuhr Quinctius fort: «Du siehst doch wohl, daß du nach Besiegung des Antiochus über die Belagerung zweier Städte die Zeit verlierst, so sehr auch das Jahr deines Oberbefehls schon im Ablaufe ist? daß hingegen Philipp, der keine feindliche Linie, keine Fahne, gesehen hat, nicht bloß Städte, sondern schon so viele Völkerschaften, Athamanien, Perrhäbien, Aperantien, Dolopien an sich gebracht hat? Wahrlich es ist für uns so wichtig nicht, den Einfluß und die Kräfte der Ätoler zu schwächen, als den Philipp nicht zu groß werden zu lassen, und daß du mit deinen Soldaten als Lohn des Sieges noch nicht zwei Städte hast, indeß Philipp in Griechenland so viele Völker gewinnt.» 35. Der Consul gab dem seine Beistimmung: dagegen trat die Beschämung auf, wenn er unverrichteter Sachen die Belagerung aufhöbe: endlich überließ er dem Quinctius das Ganze. Dieser ging wieder in der Gegend an die Mauer, wo ihn die Ätoler kurz zuvor so laut angerufen hatten; und als sie ihn hier noch flehentlicher baten, sich der Ätolischen Nation zu erbarmen, sagte er, es möchten Einige zu ihm herauskommen. Phäneas selbst und andere Vornehme gingen sogleich hinaus. Als sie ihm zu Fuße fielen, sprach er: «Euer Unglück macht, daß ich mit meinem Zorne und meinen Ausdrücken an mich halte. Gekommen ist Alles, wovon ich euch vorhersagte, es werde kommen; und auch das bleibt euch nicht einmal übrig, daß ihr denken könntet, es habe euch ohne euer Verschulden getroffen. Doch da ich gewissermaßen vom Schicksale dazu bestimmt scheine, mit Griechenland zu zärteln, so will ich auch nicht aufhören, Undankbaren wohlzuthun. Schickt Abgeordnete an den Consul, die ihn um einen so langen Waffenstillstand bitten müssen, daß ihr Gesandte nach Rom schicken könntet, um durch sie dem Senate euer Schicksal anheim zu stellen. Ich will beim Consul als Fürbitter und Vertheidiger euch beistehen.» Sie thaten, wie ihnen 396 Quinctius rieth, und der Consul wies die Gesandschaft nicht ab. Nach Bewilligung des Waffenstillstandes bis zu einem bestimmten Tage, auf welchen die Gesandschaft die Antwort von Rom zurückbringen konnte, wurde die Belagerung aufgehoben und das Heer nach Phocis geschickt. Der Consul schiffte mit dem Titus Quinctius nach Ägium über zur Achaischen Statenversammlung. Hier brachten sie die Sache der Eleer und die Wiederaufnahme der Lacedämonischen Flüchtlinge zur Sprache, konnten aber keins von beiden durchsetzen, weil sich die Achäer das Letztere als Wohlthat von ihrer Seite verdanken lassen, und die Eleer lieber aus freiem Entschlusse, als auf Verlangen der Römer, dem Achaischen Bunde beitreten wollten. Bei dem Consul meldete sich eine Gesandschaft der Epiroten. Daß ihre Bundestreue sehr zweideutig gewesen war, war ausgemacht, doch hatten sie dem Antiochus keine Truppen gestellt: ihn mit Geld unterstützt zu haben, gab man ihnen Schuld; daß sie an den König Gesandte geschickt hatten, leugneten sie selbst nicht. Auf ihre Bitte, als alte Freunde beibehalten zu werden, antwortete der Consul: «Ob er sie als Feinde, oder als Freunde ansehen solle, wisse er noch nicht. Der Senat werde darüber entscheiden. Er verweise sie, ohne in ihrer Sache vorzugreifen, nach Rom, und bewillige ihnen hierzu einen Waffenstillstand von neunzig Tagen.» Also erschienen nach Rom gesandte Epiroten im Senate. Da sie sich mehr darüber ausließen, was für Feindseligkeiten sie nicht begangen hätten, als gegen die ihnen gemachten Vorwürfe sich rechtfertigten, so gab man ihnen eine Antwort, aus der sie abnehmen konnten, daß sie zwar Verzeihung erhalten, ihre Unschuld aber nicht erwiesen hätten. Um diese Zeit wurden dem Senate auch die Gesandten des Königs Philipp vorgestellt, die seinen Glückwunsch zum Siege überbrachten. Die Bitte, auf dem Capitole ein Opfer bringen und im Tempel des allmächtigen Jupiters ein Geschenk von Golde niederlegen zu dürfen, wurde ihnen vom Senate gewährt. Das dargebrachte Geschenk bestand in einem goldenen hundert Pfund schweren Kranze. Die 397 Gesandten bekamen nicht allein eine verbindliche Antwort, sondern man gab ihnen auch Philipps Sohn, Demetrius, mit, der als Geisel in Rom war, um ihn dem Vater zurückzubringen. So weit reichen die Begebenheiten in Griechenland bis zum Ende des Krieges, welchen der Consul Manius Acilius gegen den König Antiochus führte. 36. Ehe der andre Consul Publius Cornelius Scipio, welchem das Los Gallien angewiesen hatte, zu dem Kriege, den er mit den Bojern führen sollte, aufbrach, verlangte er vom Senate, ihm zu den Spielen, die er als Proprätor in Spanien im entscheidenden Augenblicke der Schlacht angelobt hatte, die Gelder anweisen zu lassen. Diese Forderung fiel als neu und unbillig auf. Deswegen erklärten die Väter: «Die Spiele, die er ohne Anfrage beim Senate, nach eignem Gutdünken angelobt habe, möge er entweder von dem Ertrage der Beute, wenn er in dieser Absicht Geld zurückbehalten hätte, oder auf seine eignen Kosten begehen.» Publius Cornelius beging sie in zehntägiger Feier. Fast zu gleicher Zeit wurde der Tempel der Großen Idäischen Mutter geweihet. Die Göttinn hatte eben dieser Publius Cornelius, als sie unter dem Consulate des Publius Cornelius Scipio, welcher nachher mit Zunamen Africanus hieß, und des Publius Licinius aus Asien ankam, vom Meere auf das Palatium getragen. Der Bau des Tempels war nach einem Senatsschlusse von den Censoren Marcus Livius und Cajus Claudius unter dem Consulate des Marcus Cornelius und Publius Sempronius in Verding gegeben: dreizehn Jahre nach der Verdingung weihete ihn Marcus Junius Brutus, und zur Feier dieser Weihe wurden Spiele angestellt, welche nach dem Berichte des Valerius von Antium die ersten unter dem Namen der Megalesien aufgeführten Bühnenspiele gewesen sein sollen. Ferner weihete der Zweiherr Cajus Licinius Lucullus den Tempel der Juventas auf der Großen Rennbahn. Verheißen hatte diesen der Consul Marcus Livius vor sechzehn Jahren, an dem Tage, an welchem er den Hasdrubal samt seinem Heere niederhieb, und er hatte auch als Censor unter den Consuln Marcus 398 Cornelius , Publius Sempronius den Bau verdungen. Auch in Beziehung auf diese Weihe wurden Spiele angestellt: und das Alles that man mit so viel pünktlicherer Gottesverehrung, weil man sich vom Antiochus eines neuen Krieges versah. 37. Im Anfange des Jahrs, in welchem dies geschah, als nach dem Aufbruche des Manius Acilius zum Kriege der Consul Publius Cornelius noch in Rom blieb, sollen dem Berichte nach in einem Hause auf der Kielstraße [in den Carinen ] zwei zahme Ochsen die Treppen hinauf auf das Dach gegangen sein. Man ließ sie, dem Ausspruche der Opferdeuter zufolge, lebendig verbrennen und die Asche in die Tiber schütten. Zu Tarracina und Amiternum sollte laut Berichten mehrmals ein Steinregen gefallen sein, zu Minturnä der Blitz den Tempel Jupiters und die Buden am Markte getroffen haben, und zu Vulturnum sollten zwei Schiffe in der Mündung des Stroms durch einen Wetterstrahl verbrannt sein. Die Zehnherren, die auf Senatsbefehl dieser Schreckzeichen wegen die Sibyllinischen Bücher nachschlugen, gaben den Ausspruch an: «Man müsse eine Fasten zur Ehre der Ceres anordnen und sie immer im fünften Jahre wieder begehen; das neuntägige Opferfest feiern, ferner ein eintägiges Betfest, und bei dem Gebete bekränzt sein: auch müsse der Consul Publius Cornelius denjenigen Göttern Opfer bringen, für welche die Zehnherren ihm die Opferthiere bestimmen würden.» Nachdem man die Götter theils durch gehörige Bezahlung der Gelübde, theils durch Sühnung der Schreckzeichen besänftigt hatte, ging der Consul auf seinen Kriegsposten ab, und ließ von dort den Proconsul Cneus Domitius nach Entlassung seines Heers nach Rom zurückgehen: er selbst rückte mit den Legionen in das Gebiet der Bojer . 38. Ungefähr um diese Zeit griffen die Ligurier mit einem durch Banngesetze aufgebotenen Heere unvermuthet in der Nacht das Lager des Proconsuls Quintus Minucius an. Minucius behielt seine Soldaten bis zu Tages Anbruche innerhalb des Walles, und sorgte nur dafür, daß der 399 Feind die Verschanzung nirgendwo überstiege. Mit dem ersten Tageslichte that er aus zwei Thoren zugleich einen Ausfall; doch ließen sich die Ligurier nicht so, wie er gehofft hatte, durch den ersten Angriff abtreiben. Länger als zwei Stunden ließen sie den Kampf nicht zur Entscheidung kommen. Zuletzt, da ein Zug nach dem andern ausbrach und in die Stelle der Ermüdeten frische Truppen einrückten, nahmen die Ligurier, die außer den übrigen Beschwerden auch vom Wachen erschöpft waren, endlich die Flucht. Über viertausend Feinde wurden niedergehauen: von den Römern und ihren Verbündeten fielen nicht ganz dreihundert. Etwa zwei Monate später erfocht der Consul Publius Cornelius in einer förmlichen Schlacht einen herrlichen Sieg über die Bojer. Nach dem Valerius von Antium hatten die Feinde achtundzwanzig tausend Todte: man machte dreitausend und vierhundert Gefangene, erbeutete hundert und vierundzwanzig Fahnen, tausend zweihundert und dreißig Pferde, zweihundert siebenundvierzig Kriegswagen; und von den Siegern wären tausend vierhundert vierundachtzig gefallen. Gesetzt, in den angegebenen Zahlen sei dem Erzähler nicht ganz zu trauen, – denn keiner übertreibt die Vergrößerung so sehr, als er – so ergiebt sich doch die Größe des Sieges schon daraus, daß er auch die Eroberung des Lagers zur Folge hatte, daß sich die Bojer gleich nach der Schlacht ergaben, daß der Senat dieses Sieges wegen ein Dankfest verordnete und den Göttern große Opferthiere dargebracht wurden. 39. In diesen Tagen zog Marcus Fulvius Nobilior wegen seiner Thaten im jenseitigen Spanien im kleinen Triumphe in die Stadt. Er lieferte an Silber zwölftausend Pfund; hundertdreißig tausend Stück Silberdenare und hundert siebenundzwanzig Pfund Gold Siehe oben Cap. 21. am Schlusse. . Der Consul Publius Cornelius nahm zuerst den Bojern, die ihm Geisel hatten stellen müssen, zur Strafe etwa die Hälfte ihres Landes, um sie von den Römern, 400 wenn sie wollten, mit Pflanzstädten besetzen zu lassen. Dann entließ er, um zu dem Triumphe, den er sich sicher versprach, nach Rom abzugehen, sein Heer mit dem Befehle, auf den Tag des Triumphs vor Rom zu sein. Den Tag nach seiner Ankunft berief er den Senat in den Tempel der Bellona, stattete über seine Thaten Bericht ab und hielt um die Erlaubniß an, triumphirend in die Stadt einzuziehen. Da stimmte der Bürgertribun Publius Sempronius Bläsus so: «Diese Ehre sei dem Scipio nicht zu verweigern, aber doch vorerst auszusetzen. Die Kriege der Ligurier hätten immer mit denen der Gallier in Verbindung gestanden: beide Völker leisteten sich gegenseitigen nachbarlichen Beistand. Hätte nun Publius Scipio nach erfochtenem Siege über die Bojer sich entweder selbst mit seinem siegreichen Heere auf das Gebiet der Ligurier hinübergewandt, oder einen Theil seiner Truppen dem Quintus Minucius zugeschickt, welchen dort ein mißlicher Krieg schon ins dritte Jahr festhalte, so hätte der Krieg mit den Liguriern geendigt sein können. So aber habe er, um seinem Triumphe ein zahlreiches Gefolge zu geben, die Truppen abgeführt, die dort dem State die herrlichsten Dienste hätten leisten können, und noch leisten könnten, wenn der Senat das durch Beeilung des Triumphs Versäumte durch Aufschub des Triumphs wieder einbringen wolle. Die Väter möchten den Consul mit seinen Legionen in die Provinz zurückgehen und dahin wirken lassen, daß die Ligurier bezwungen würden. So lange diese noch nicht unter Römischer Hoheit und Gerichtsbarkeit ständen, würden nicht einmal die Bojer ruhig sein. Nach Bezwingung der Ligurier werde dann Publius Cornelius in wenig Monaten als Proconsul seinen Triumph halten, wie schon so mancher Andre auch nicht in seinem Amtsjahre triumphirt habe.» 40. Hierauf antwortete der Consul: «Den Krieg in Ligurien habe ihm das Los nicht zum Posten beschieden, und auch er habe mit den Liguriern keinen Krieg geführt, verlange auch über sie nicht zu 401 triumphiren. Er zweifle nicht, daß Quintus Minucius nächstens, wenn er sie bezwungen habe, den verdienten Triumph erwarten und erhalten werde. Er verlange den Triumph über die Bojischen Gallier, denen er eine Schlacht abgewonnen, denen er ihr Lager abgenommen, die er dahin gebracht habe, daß sich ihre ganze Nation zwei Tage nach der Schlacht habe ergeben müssen; von denen er, zum Unterpfande des Friedens für die Zukunft, Geisel mitgebracht habe. Allein zu seiner noch weit größeren Ehre könne er behaupten, eine so große Anzahl der Gallier in der Schlacht erlegt zu haben, daß wenigstens alle Feldherren vor ihm so viel tausend Bojer nicht einmal im Treffen vor sich gehabt hätten: von funfzigtausend Menschen seien mehr als die Hälfte gefallen, viele Tausende gefangen genommen: nur Greise und Knaben habe er den Bojern gelassen. Ob es also jemand befremden könne, daß das siegreiche Heer, wenn es in der Provinz keinen Feind übrig gelassen habe, nach Rom gekommen sei, den Triumph seines Consuls feierlich zu machen? Wenn der Senat die Dienste dieser Truppen auf einem andern Schauplatze gebrauchen wollte, in welchen von beiden Fällen er sich dann größere Bereitwilligkeit zur Übernehmung neuer Gefahren und neuer Arbeiten zu versprechen wage, wenn ihnen der Lohn für die frühere Gefahr und Arbeit ohne Vorenthaltung abgetragen sei, oder wenn er sie statt der That bloß eine Hoffnung mitnehmen lasse, die ihnen schon das erste Mal vereitelt sei? Denn was ihn selbst betreffe, so sei ihm auf sein ganzes Leben des Ruhmes genug an jenem Tage zu Theil geworden, an welchem der Senat ihm als dem anerkannt rechtschaffensten Manne der Empfang der Idäischen Mutter aufgetragen habe. Unter dieser Aufschrift, wenn auch kein Consulat, kein Triumph daneben geschrieben stehe, werde einst das Ahnenbild des Publius Scipio Nasica ehrenvoll und betitelt genug erscheinen.» Der gesamte Senat vereinigte sich nicht allein, ihm den Triumph zuzuerkennen, sondern bewog auch durch sein Beispiel den Bürgertribun, von der Einsage abzustehen. 402 Publius Cornelius triumphirte als Consul über die Bojer. In diesem Triumphe ließ er auf Gallischen Kriegswagen die Waffen, die Fahnen, die erbeuteten Rüstungen aller Art und eherne Gallische Gefäße vor den Zuschauern vorüberfahren, und führte außer den vornehmen Gefangenen auch eine Heerde erbeuteter Pferde auf. Getragen wurden tausend vierhundert einundsiebzig goldene Halsketten, außerdem zweihundert 247 Pfund Gold sind etwa 79,040 Gulden; siebenundvierzig Pfund Gold, an rohem und verarbeiteten Silber – dies waren Gefäße, nach Gallischem Geschmacke nicht ohne Kunst – zweitausend 2340 Pf. Silber etwa 73,124 Gulden; dreihundert vierzig Pfund und zweihundert vierunddreißig tausend 234,000 Silberdenare etwa 74,050 Gulden; Silberdenare. Den Soldaten im Gefolge seines Triumphwagens gab er Mann vor Mann hundert fünfundzwanzig 125 Kupferasse etwa 5 Gulden. Kupferasse; das Doppelte dem Hauptmanne, dem Ritter das Dreifache. Den Tag darauf berief er eine Volksversammlung, erzählte seine Thaten, dann die Kränkung, daß ein Tribun, bloß ihn um den Genuß seines Sieges zu bringen, ihm einen Krieg habe aufbürden wollen, der einem Andern aufgetragen sei, und entließ die Soldaten mit Ertheilung ihres Abschiedes. 41. Während dieser Begebenheiten in Italien war Antiochus zu Ephesus über den Krieg mit Rom völlig sorglos, als würden die Römer nie nach Asien herüberkommen. Und in diese Sorglosigkeit versetzten ihn die meisten seiner Vertrauten, entweder aus eignem Wahne, oder aus Schmeichelei. Hannibal, dessen Wort damals bei dem Könige ganz vorzüglich galt, sagte ganz allein: «Er wundere sich mehr, daß die Römer nicht schon in Asien seien, als daß er an ihrer Ankunft zweifeln solle. Aus Griechenland nach Asien sei der Übergang Propius esse]. – Ich wundre mich, warum mit Doujat auch selbst Crevier dies propius durch promtius oder facilius erklärt, oder warum man sogar die Lesart abändern will. Hier ist von traiicere, vom eigentlichen Übergange aus Europa nach Asien die Rede, nicht von dem langen Zuge aus Italien nach Asien. Die Scipione gehen über den Hellespont, über welchen Xerxes sogar vermittelst einer Schiffbrücke ging, und der doch lange nicht so breit ist, als zwischen Italien und Griechenland das Hadriatische oder Ionische Meer. Als die Scipione vom Eumenes so leicht über den Hellespont gesetzt waren, sagt Livius (XXXVII. 33.): Ea vero res Romanis auxit animos, concessum sibi cernentes transire in Asiam, quam rem magni certaminis futuram crediderant. Auch hier ist ja nur der eigentliche Übergang aus Europa nach Asien zu verstehen. Der König wenigstens hat den Hannibal richtig verstanden, wie wir am Ende dieses Cap. aus seinen Vorkehrungen im Chersones sehen. 403 näher, als aus Italien nach Griechenland; und ein Antiochus sei für sie ein weit einladenderer Grund, als die Ätoler. Auch seien die Römer zur See nicht minder geübte Krieger, als zu Lande. Schon längst stehe ihre Flotte in der Gegend von Malea. Er höre, daß vor kurzem ein neuer Befehlshaber mit neuen Schiffen aus Italien angekommen sei, um sich in Angriff zu setzen. Antiochus möge sich ja nicht länger in nichtigen Hoffnungen einen Frieden erträumen. Nächstens werde er in Asien, und um den Besitz Asiens selbst, zu Lande und zu Wasser mit den Römern zu kämpfen haben, und entweder ihnen die Herrschaft über die Welt, die sie erringen wollten, entreißen oder sein eignes Reich verlieren müssen.» Er allein schien von der Zukunft die richtige Ansicht, und Redlichkeit genug zu haben, sie vorauszusagen. Also ging der König mit den Schiffen, welche segelfertig und bemannt waren, nach dem Chersones ab, um jene Gegenden, wenn etwa die Römer zu Lande kämen, durch Besatzungen zu decken; die übrige Flotte in Stand zu setzen und auf das Meer zu bringen, trug er dem Polyxenidas auf, und schickte Spähschiffe nach den Inseln umher, um überall Kundschaft einzuziehen. 42. Cajus Livius, der Befehlshaber der Römischen Flotte, ging nach seiner Abfahrt mit funfzig Deckschiffen von Rom nach Neapel, wo sich auf seinen Befehl die offnen Schiffe hatten sammeln müssen, welche die Bundesgenossen an dieser Küste vertragsmäßig zu stellen hatten; von da nach Sicilien; fuhr dann durch die Meerenge an Messana hin; ließ sechs zu Hülfe geschickte 404 Punische Schiffe sich anschließen, trieb von Rhegium, von Locri und andern gleichpflichtigen Bundesgenossen die zu liefernden Schiffe bei, musterte die Flotte bei Lacinium und segelte auf die Höhe. Als er nach seiner Ankunft auf Corcyra, dem ersten Griechischen State, wo er landete, bei seiner Erkundigung nach dem Gange des Krieges – denn noch war in Griechenland die Ruhe Necdum enim omnia]. – Nach Verjagung des Antiochus war Griechenland, Ätolien ausgenommen, so ziemlich beruhigt. Liv. will uns durch diese eingeschalteten Worte in die früheren Zeiten des Kriegs zurückführen, damit wir nicht, irre geführt durch seine Versicherung (C. 35), Bellum, cum Antiocho rege in Graecia gestum, hunc finem habuit, glauben sollen, die Flotte unter C. Livius sei nach Beendigung des ganzen Krieges angekommen. nicht überall hergestellt – und nach dem Standorte der Flotte, die Nachricht erhielt, der Consul und der König hätten sich im Waldpasse der Thermopylen aufgestellt, die Flotte stehe im Piräeus; so segelte er, durch alle diese Gründe zur Eile bewogen, sogleich nach dem Peloponnes. Im Fluge plünderte er Same und Zacynthus, weil sie die Partei der Ätoler gewählt hatten, nahm seinen Lauf nach Malea, und war in wenig Tagen nach einer glücklichen Fahrt im Piräeus bei der alten Flotte. Bei Scylläum stieß König Eumenes mit drei Schiffen zu ihm, welcher zu Ägina lange unschlüssig gewesen war, ob er zur Beschützung seines Reichs nach Hause ginge – denn er hörte, daß Antiochus zu Ephesus seine See- und Landmacht in Stand setze – oder ob er den Römern allenthalben zur Seite bliebe, da sein Schicksal von dem ihrigen abhing. Aus dem Piräeus ging Aulus Atilius, nachdem er seinem Nachfolger fünfundzwanzig Deckschiffe übergeben hatte, nach Rom ab. Livius setzte mit einundachtzig gedeckten Una et octoginta rostratis]. – Statt rostratis lese ich mit Duker constratis. Schiffen, und außerdem mit vielen kleineren, zum Theile offenen Schnabelschiffen, zum Theile ungeschnäbelten Spähschiffen nach Delus über. 43. Ungefähr um diese Zeit belagerte der Consul Acilius Naupactus. Widrige Winde hielten zu Delus – denn dies ist die windigste Gegend bei den Cycladen, die 405 theils durch größere, theils durch kleinere Meerengen von einander geschieden sind – den Livius mehrere Tage auf. Als Polyxenidas durch seine ausgestellten Spähschiffe erfuhr, daß die Römische Flotte bei Delus stehe, ließ er dies durch mehrere dem Könige anzeigen. Der König gab seine Vorkehrungen am Hellesponte auf, ging mit den Schnabelschiffen, so schnell er konnte, nach Ephesus zurück, und hielt sogleich Kriegsrath, ob man eine Seeschlacht wagen solle. Polyxenidas sagte: «Man dürfe nicht säumen; ja man müsse früher schlagen, ehe sich die Flotte des Eumenes und die Schiffe von Rhodus mit den Römischen vereinigten. So würden sie jetzt an Zahl ihnen fast gleich, und in allen übrigen Stücken, sowohl an Schnelligkeit der Schiffe als an Mannigfaltigkeit der Hülfsmittel ihnen überlegen sein. Denn die Römischen Schiffe, schon an sich durch ihren plumpen Bau so schwerfällig, schleppten sich noch dazu, weil sie in feindliche Gegend kämen, mit der Last der Zufuhr: ihre eignen hingegen, die Alles um sich her in friedlicher Ruhe zurückließen, würden nur Truppen und Waffen zu tragen haben. Auch werde ihnen die Bekanntschaft mit dem Meere, mit den Küsten und Winden sehr zustatten kommen; lauter Verlegenheiten für einen Alles dessen unkundigen Feind.» Dieser Maßregel traten Alle bei, weil der Mann sie angab, der gerade diese Maßregel durch die That zur Ausführung bringen wollte. Zwei Tage nahm die Zurüstung weg: am dritten Tage liefen sie mit hundert Schiffen aus, worunter siebzig gedeckt, die übrigen offen, alle minoris omnes formae]. – Aus XXXVII. 23. beweiset Crevier, daß dieses omnes hier sich nicht bloß auf die offenen, sondern auch auf die gedeckten Schiffe beziehe. Zu den Schiffen vom größeren Caliber gehörten bei den Alten die quadriremes, quinqueremes, hexeres und hepteres. Die triremes aber, ob sie gleich größer waren, als die apertae, zu denen minoris formae. aber von kleinerem Baue waren, und segelten nach Phocäa. Von hier begab sich der König, auf die Nachricht, daß die Römische Flotte schon im Anzuge sei, weil er selbst einer 406 Seeschlacht nicht beiwohnen wollte, nach Magnesia am Sipylus, um die Landtruppen in Stand zu setzen. Die Flotte nahm ihren Lauf nach Cyssus, dem Hafen von Erythrä, als ob sie hier den Feind am besten erwarten könne. Sobald sich die Nordwinde legten, – denn diese hatten seit mehreren Tagen angehalten – gingen die Römer von Delus nach Phanä, einem dem Ägäermeere zugekehrten Hafen der Insel Chius: von hier fuhren sie herum nach der Stadt Chius selbst, nahmen Lebensmittel ein und setzten nach Phocäa über. Eumenes, der nach Eläa zu seiner Flotte abgegangen war, kehrte in wenig Tagen von dort mit vierundzwanzig Deckschiffen und einigen offenen mehr apertis pluribus paullo, Phocaeam ad Rom.]. – So lese ich mit Duker, Drakenborch, Crevier. Daß paullo dem Worte pluribus nachgesetzt ist, darf uns nicht anstößig sein, da Gesner aus Cic. Hor. und Ter. Beispiele genug gesammelt hat, und selbst aus Liv. post paullo statt paullo post (nebst Gronovs Bemerkung darüber) anführt. , nach Phocäa zu den Römern zurück, die schon mit den Anstalten und Zurüstungen zu einer Seeschlacht beschäftigt waren. Von hier gingen sie mit hundert und fünf Deckschiffen und beinahe funfzig ungedeckten unter Segel; sahen sich anfangs, weil sie der Nordwind von der Seite gegen die Küste trieb, genöthigt, einen schmalen Zug, beinahe eine Reihe von einzelnen Schiffen zu bilden; dann aber, als sich die Heftigkeit des Windes ein wenig legte, suchten sie nach Corycus überzusetzen, einem Hafen jenseit Cyssus. 44. Als dem Polyxenidas die Annäherung der Feinde gemeldet wurde, gab er selbst, erfreut über die gebotene Schlacht, seinem linken Flügel eine Dehnung nach dem offenen Meere; den Hauptleuten der Schiffe befahl er, den rechten an der Küste auszubreiten, und rückte in gerader Linie zum Treffen auf. Der Römische Befehlshaber sah es, zog seine Segel ein, senkte die Masten, legte das Tauwerk bei und erwartete seine nachfolgenden Schiffe. Schon bildeten ihrer etwa dreißig die Stirn: um seinen linken Flügel diesen gleich zu machen, nahm er selbst, mit aufgesteckten kleineren Segeln, seine Richtung 407 nach der hohen See, und befahl den nachfolgenden Schiffen, geradezu dem feindlichen adversus dextrum cornu]. – Sollte nicht hinter dem Worte dextrum, wegen der gleichen Endigung, das Wort hostium ausgefallen sein? rechten Flügel an der Küste entgegen zu gehen. Eumenes schloß ihren Zug: sobald er aber ihr Getümmel beim Einziehen der Segel sah, ließ er auch seine Schiffe so schnell als möglich anrücken. Schon erschienen sie alle Iam omnes in conspectu erant]. – So lesen Perizonius und Crevier. Sie haben nebst allen früheren Ausgaben auch wirklich Eine Handschrift für sich: dies ist bei einer dem Sinne nach überwiegend bessern Lesart, wie mich dünkt, hinreichend. in der Linie. Zwei Punische Schiffe gingen der Römischen Flotte voran: ihnen kamen drei königliche entgegen, und wie es sich bei der ungleichen Zahl erwarten ließ, zwei königliche umstellten das Eine, streiften ihm gleich auf beiden Seiten die Ruder ab, ihre Truppen enterten, stürzten die Vertheidiger herab, oder machten sie nieder und eroberten das Schiff. Kaum sah das andre, welches nur seinen Einen Gegenmann hatte, jenes erste Schiff genommen, so zog es sich schnell, um nicht von dreien zugleich umringt zu werden, auf seine Flotte zurück. Livius, von Unwillen entflammt, ging mit seinem Hauptschiffe den Feinden entgegen. Als wieder die beiden, welche das Punische Schiff überflügelt hatten, in gleicher Hoffnung auf ihn eindrangen, mußten seine Ruderer, um ihrem Schiffe Haltung zu geben, auf beiden Seiten die Ruder ins Wasser hängen lassen; dann ließ er an die feindlichen Schiffe, so wie sie ankamen, eiserne Enterhaken werfen, und als er so den Kampf beinahe in ein Gefecht zu Lande verwandelt hatte, hieß er seine Leute der Römischen Tapferkeit eingedenk sein und Königssklaven nicht für Männer achten. Weit leichter, als vorhin die beiden das Eine, bezwang jetzt das Eine die beiden Schiffe und nahm sie. Schon hatten sich auch die Flotten auf allen Punkten eingelassen, und hier und dort war ein Gewühl von fechtenden Schiffen. Als Eumenes, der nach schon eröffnetem Kampfe zuletzt ankam, den linken feindlichen Flügel vom Livius in 408 Unordnung gebracht sah, wandte er seinen Angriff gegen den rechten, wo das Gefecht noch gleich war. 45. Bald nachher nahm auch die Flucht auf dem linken Flügel den Anfang. Denn als Polyxenidas sah, daß ihm der Feind offenbar an Tapferkeit der Truppen überlegen sei, steckte er die kleineren Segel auf und ging in voller Flucht davon; und bald machten es die, die an der Küste sich mit dem Eumenes eingelassen hatten, eben so. Die Römer und Eumenes folgten ihnen, so lange ihre Ruderer noch Kräfte und sie selbst die Hoffnung hatten, dem Nachzuge schaden zu können, mit vieler Beharrlichkeit. Als sie aber sahen, daß ihre von Ladungen schweren Schiffe aller Anstrengung ungeachtet den Feind bei der Schnelligkeit seiner so leichten Schiffe uneingeholt ließen, hörten sie endlich mit der Verfolgung auf, nachdem sie dreizehn Schiffe mit Truppen und Ruderern genommen und zehn versenkt hatten. Die Römische Flotte hatte das einzige Punische Schiff verloren, das im Anfange der Schlacht von zweien umringt war. Polyxenidas endigte seine Flucht erst im Hafen von Ephesus . Die Römer blieben den Tag auf der Stelle liegen, wo die königliche Flotte ausgerückt war: am nächsten Tage gingen sie zur Verfolgung des Feindes aus. Etwa in der Mitte der Fahrt begegneten ihnen fünfundzwanzig Rhodische Deckschiffe unter dem Oberbefehle des Pausistratus. Als sich diese angeschlossen hatten, ging die Verfolgung des Feindes weiter bis Ephesus, wo sie vor der Mündung des Hafens sich in Schlachtordnung aufstellten. Nachdem sie sich von den Besiegten das volle Geständniß ihrer Schwäche erzwungen hatten, wurden die Rhodier und Eumenes nach Hause entlassen. Die Römer, die auf Chius steuerten, fuhren bei Phönicus, dem ersten Hafen des Gebiets von Erythrä, vorbei, blieben die Nacht vor Anker, und gingen am folgenden Tage, bei der Stadt Chius selbst, auf die Insel über, von welcher sie nach einigen Tagen Frist, die sie hauptsächlich den Ruderern zur Erholung gaben, nach Phocäa übersetzten. Hier ließ die Flotte zum Schutze der Stadt vier Fünfruderer zurück und ging 409 ach Canä; und weil der Winter schon herankam, wurden die Schiffe auf den Strand gebracht und mit Graben und Wall umzogen. Am Ende des Jahrs gingen zu Rom die Wahlen vor sich. Zu Consuln wurden Lucius Cornelius Scipio und Cajus Lälius gewählt, weil Alle, um den Krieg mit dem Antiochus zu beendigen, auf diese beiden Unterfeldherren Scipio et C. Laelius, intuentibus cunctis ad finiendum]. – In dieser Lesart fehlt etwas, wie schon Gronov, Crevier u. A. angemerkt haben: vorzüglich war ihnen das intuentibus ad finiendum bellum anstößig. Zehn Handschriften und alle Ausgaben vor der Mainzer haben hinter dem Worte C. Laelius den Namen Africanus; die elfte lieset: C. Laelius, Africanum intuentibus; die zwölfte, der berühmte von Crevier verglichene Cod. Victor., hat so: C. Laelius Africanus legitur, und die dreizehnte gar C. Laelius Africanus legatus. Auf so viele Handschriften müßte man doch wohl einige Rücksicht nehmen, und aus ihnen die wahre Lesart herzustellen suchen. Ich glaube, daß es mir diesmal gelungen sei, wenn ich so zu lesen vorschlage: creati sunt consules L. Cornelius Scipio et C. Laelius; Africani duo legatos intuentibus cunctis, ad finiendum cum Antiocho bellum. Dann fällt die gezwungene Verbindung des intuentibus mit ad finiendum bellum weg, weil intuentibus nun auf legatos sich bezieht. Für die kritische Richtigkeit sprechen die oben genannten 13 Handschriften, mehr oder weniger, am meisten die, wo auf Africanus das Wort legitur oder legatus folgt: die übrigen, welche statt Africani II. unrichtig Africanus od. Africanum lasen, konnten dann vollends in der Abkürzung leg. (legatos) keinen Sinn finden und ließen sie ausfallen. Die Zahl II. (duo). hinter dem Worte Africani verleitete sie, das letzte i in um oder us zu verwandeln. Und nun habe ich noch die innere Wahrheit der Lesart aus der Geschichte selbst zu beweisen. Beide, Laelius und L. Scipio, waren Unterfeldherren (legati) des Africanus gewesen. Vom Laelius bezeugt dies die Menge Stellen, B. 28. 29. 30. Man sehe nur auf den Krieg gegen Syphax in Africa B. 30. C. 15. 16.; und B. 30. C. 33. sagt Livius ausdrücklich: Laelium, cuius antea legati, eo anno quaestoris – opera utebatur. Daß aber Africanus auch seinen Bruder L. Scipio als Unterfeldherrn gebraucht habe, sehen wir aus B. 28. C 3. , wo er ihn in Spanien an der Spitze von 11,000 Mann gegen die Stadt Oringi abschickt. Hier sagt Pighius in seinen Annalen (ad ann. 546.): L. Scipionem fratrem legatum cum X. millibus peditum, M. equitibus misit. (Ferner B. 28. C. 4. und Pighius ad ann. 547. und ad ann. 553.) Selbst bei der Abfahrt der Flotte aus Sicilien nach Africa sagt Publius B. 29. C. 25. : «er und sein Bruder Lucius wollten den rechten Flügel der Flotte führen, Laelius und Cato den linken.» B. 30, 38. schickt er ihn mit den Carthagischen Gesandten, die um Frieden bitten wollen, nach Rom: lauter Aufträge, wie sie einem Legatus zukamen; und 38, 58. heißt er bei Livius selbst legatus fratris. – Daß aber das Römische Publicum von des Africanus Unterfeldherren das Ende des Kriegs mit Antiochus erwartete, bezieht sich, außer dem gerechten Vertrauen auf die Zöglinge und Gehülfen des großen Feldherrn, auf die ähnliche allgemeine Erwartung, mit der man sich ehemals vom Africanus das Ende des zweiten Punischen Krieges versprochen hatte. Man sehe B. 23. C. 28. Suadebant animis, sicut C. Lutatius superius bellum etc. C. 40. quum – non ad gerendum modo bellum, sed ad finiendum etc.; ferner B. 29. C. 24 u. 26. Wenn also Beide, Lälius und Lucius Scipio, Legaten des Africanus gewesen waren, wenn der Römische Senat darum von ihnen eben so sich das Ende des Kriegs gegen Antiochus versprach, wie vormals die Erwartung der Römer vom Kriege mit Hannibal durch den Africanus befriedigt war, so dünkt mich: man kann gegen den Sinn der Worte consules creati sunt L. Scipio et C. Laelius; Africani duo legatos intuentibus cunctis, ad finiendum cum Antiocho bellum nichts einwenden. – Drakenborch widerlegt die Lesart der einen Handschrift, welche Africanum intuentibus hat, von der er selbst sagt: «quae lectio veri speciem habere posset» sehr bündig, lässet aber darüber die andern aus der Acht, und geht eben dadurch bei der Wahrheit vorbei. Wenn er gegen diese letztre Lesart mit Recht einwendet, die Mehrheit im Senate habe den Krieg gegen Antiochus dem L. Scipio nicht so gern auftragen wollen, als dem Laelius, und darum könne nicht gesagt werden: Africanum cunctis intuentibus, so dient dies zur Bestätigung der von mir vorgeschlagenen Lesart. Denn alle Senatoren, sie mochten nun den Laelius in Gedanken haben, oder dem L. Scipio ihre Stimme geben wollen, sahen doch in ihnen beiden legatos Africani; und dies ist ein Grund mehr für die Richtigkeit des Wortes duo. des Africanus ihr Augenmerk richteten. Die am 410 folgenden Tage gewählten Prätoren waren Marcus Tuccius, Lucius Aurunculejus, Cneus Fulvius, Lucius Ämilius, Publius Junius, Cajus Atinius Labeo. Sieben und dreissigstes Buch. Jahre Roms 562 und 563. 412 Inhalt des sieben und dreissigsten Buchs. Der Consul Lucius Cornelius Scipio, der den Publius Scipio Africanus zum Unterfeldherrn hat – denn dieser hatte sich zum Unterfeldherrn seines Bruders angeboten, wenn man jenem Griechenland zu seinem Posten anwiese, weil es bei dem großen Einflusse des Cajus Lälius im Senate das Ansehen hatte, als sollte dieser Posten ihm übertragen werden – geht zum Kriege gegen den Antiochus ab, und ist der erste Römische Heerführer, der nach Asien übersetzt. Ämilius Regillus ficht bei Myonnesus mit Hülfe der Rhodier glücklich gegen die Flotte des Königs Antiochus. Des Africanus Sohn, Gefangener des Antiochus, wird dem Väter zurückgeschickt. Manius Acilius Glabrio hält seinen Triumph über den Antiochus, den er aus Griechenland vertrieben hatte, und über die Ätoler. Dem nachher vom Lucius Cornelius Scipio (mit Hülfe des Königs von Pergamus Eumenes, eines Sohns vom Attalus) besiegten Antiochus wird der Friede unter der Bedingung bewilligt, alle Länder diesseit des Gebirges Taurus abzutreten. Eumenes, mit dessen Hülfe Antiochus besiegt war, erhält einen Zuwachs an Ländern. Auch den Rhodiern werden, ebenfalls für ihren Beistand, einige Städte überlassen. Nach Bononia werden Pflanzbürger geschickt. Ämilius Regillus, der die Befehlshaber des Antiochus in einer Seeschlacht besiegt hatte, zieht in einem Seetriumphe ein. Dem Lucius Cornelius Scipio, der dem Kriege gegen den Antiochus ein Ende gemacht hatte, giebt man, um ihn durch einen Zunamen seinem Bruder gleichzustellen, den Namen: Der Asiatische . 413 Sieben und dreissigstes Buch. 1. Unter dem Consulate des Lucius Cornelius Scipio und Cajus Lälius waren im Senate nächst dem, was die Gottesverehrungen betraf, die Ätoler der erste Gegenstand. Theils betrieben dies ihre Gesandten, weil ihnen nur ein kurzer Waffenstillstand bewilligt war, theils wurden sie hierin von dem damals aus Griechenland nach Rom zurückgekehrten Titus Quinctius unterstützt. Weil nun die Ätoler mehr auf das Mitleiden des Senates bauten, als auf ihre eigne Sache, so sprachen sie in einem flehenden Tone und legten gegen ihre neueren Übelthaten ihre früheren Verdienste in die Schale. Allein im Senate wurden sie von allen Seiten durch die Fragen der Senatoren bestürmt, welche von ihnen, statt sie zur Antwort kommen zu lassen, nur das Geständniß ihrer Schuld erzwangen; und als sie aus dem Rathhause hatten abtreten müssen, kam es über sie unter den Senatoren selbst zu einem heftigen Streite. Der Unwille sprach in ihrer Sache lauter, als das Mitleiden; denn die Väter sahen im Zorne nicht bloß Feinde in ihnen, sondern eine unbezähmte, mit jedem Bunde unverträgliche Menschenart. Nach mehreren Tagen des Streits beschlossen sie endlich, ihnen den Frieden weder zu bewilligen, noch abzuschlagen. Man legte ihnen zwei Bedingungen vor, sich entweder ganz der Verfügung des Senats zu überlassen, oder tausend 1,875,000 Gulden. Crev. Talente zu zahlen und Roms Freunde oder Feinde auch für die ihrigen anzusehen. Als sie herauszubringen wünschten, in welchen Stücken sie dem Senate die Verfügung über sich gestatten sollten, erhielten sie keine bestimmte Antwort. So wurden sie unverrichteter Sache entlassen, mit dem 414 Befehle, Rom noch heute, Italien innerhalb funfzehn Tagen zu räumen. Nun wurden die Standplätze der Consuln in Überlegung genommen. Beide wünschten sich Griechenland. Lälius hatte großen Einfluß im Senate. Wie also der Senat die Consuln aufforderte, über ihre Standplätze entweder zu losen, oder sich zu vergleichen, so äußerte er, ihr Benehmen werde anständiger sein, wenn sie die Sache lieber dem Urtheile des Senats, als dem Lose, überließen. Scipio, der ihm die Antwort gab, er wolle überlegen, was er zu thun habe, sprach darüber ganz allein mit seinem Bruder, und auf dessen Rath, dem Senate Alles dreist zu überlassen, brachte er seinem Amtsgenossen den Bescheid, er sei bereit, es so zu machen, wie er vorgeschlagen habe. Da nun bei einem Antrage, wie dieser, der entweder wirklich neu, oder bei dem hohen Alter ähnlicher Fälle dem Gedächtnisse Aller entfallen war, der Senat in Erwartung eines Streites gespannt war, so erklärte Scipio Africanus: «Wenn die Väter seinem Bruder Lucius Scipio Griechenland zum Standplatze gäben, so wolle er als dessen Unterfeldherr mitgehen.» Dies Wort, mit großem Beifalle vernommen, schlug allen Streit nieder. Man wünschte doch zu erfahren, ob König Antiochus an dem besiegten Hannibal eine kräftigere Hülfe haben werde, als Roms Consul und seine Legionen am Sieger Africanus: und fast einmüthig wurde Griechenland dem Scipio, Italien dem Lälius zuerkannt. 2. Darauf beschied das Los den Prätoren ihre Stellen; dem Lucius Aurunculejus die Gerichtspflege in der Stadt, die über die Fremden dem Cneus Fulvius, dem Lucius Ämilius Regillus die Flotte, dem Publius Junius Brutus die Tusker, dem Marcus Tuccius Apulien und die Bruttier, dem Cajus Atinius Sicilien. Ferner bewilligte man dem Consul, dessen bestimmter Posten Griechenland war, zu dem Heere, welches er vom Manius Acilius in Empfang nehmen würde – es bestand aus zwei Legionen – eine Ergänzung von dreitausend Römern zu Fuß nebst hundert Rittern, und fünftausend Latinern zu Fuß nebst 415 zweihundert Rittern; mit dem Beisatze: Wenn er nach seiner Ankunft auf seinem Posten es vortheilhaft finde, so könne er sein Heer nach Asien übersetzen. Dem andern Consul wurde ein ganz neues Heer bestimmt; zwei Legionen Römer und an Latinischen Bundestruppen funfzehn tausend Mann zu Fuß, sechshundert zu Pferde. Quintus Minucius wurde befehligt, aus Ligurien – denn er hatte geschrieben, daß er das Land in eine Provinz verwandelt und daß Alles, was Ligurier heiße, sich ergeben habe – das Heer in das Gebiet der Bojer hinüberzuführen und dem Proconsul Publius Cornelius zu übergeben. Die aus jenem Striche Landes, um welches er die Bojer gestraft hatte, abgeführten Legionen, welche voriges Jahr in der Stadt geworben waren, wurden nebst funfzehn tausend Mann Latinischer Bundestruppen zu Fuß und sechshundert zu Pferde dem Prätor Marcus Tuccius gegeben, um Apulien und das Bruttierland zu besetzen. Der vorigjährige Prätor Aulus Cornelius, welcher das Bruttierland nebst dem dortigen Heere gehabt hatte, erhielt Befehl, wenn er die Zustimmung des Consuls habe, seine nach Ätolien übergesetzten Legionen dem Manius Acilius zu übergeben, falls dieser dort noch bleiben wolle. Wolle Acilius lieber nach Rom zurückgehen, so solle Aulus Cornelius mit diesem Heere in Ätolien bleiben. Dem Cajus Atinius Labeo wurde aufgetragen, sich seinen Posten in Sicilien nebst dem Heere vom Marcus Ämilius abtreten zu lassen, und wenn er es wünsche, in der Provinz selbst zweitausend Mann zu Fuß und hundert zu Pferde zur Ergänzung auszuheben. Publius Junius Brutus sollte für Tuscien ein neues Heer errichten, eine Legion Römer und zehntausend Mann Latinischer Bundestruppen zu Fuß und vierhundert zu Pferde. Lucius Ämilius, der seinen Posten zur See hatte, sollte sich zwanzig Linienschiffe nebst den Seetruppen vom vorigjährigen Prätor Marcus Junius geben lassen und selbst tausend Mann Seetruppen und zweitausend Mann Fußvolk aufbringen; mit diesen Schiffen und Truppen sollte er nach Asien gehen und vom Cajus Livius die Flotte übernehmen. Den Befehlshabern über beide Spanien 416 und Sardinien wurden mit dem auf ein Jahr verlängerten Oberbefehle dieselben Heere wieder bestimmt. Sicilien und Sardinien wurde für dieses Jahr die doppelte Lieferung des Getreidezehntens auferlegt; das Siculische Getreide sollte sämtlich nach Ätolien zum Heere geliefert werden; das aus Sardinien zum Theile nach Rom, zum Theile nach Ätolien mit dem Siculischen an einerlei Ort der Bestimmung. 3. Ehe die Consuln auf ihre Posten abgingen, ließ man durch die Oberpriester die Sühnung der Schreckzeichen besorgen. Zu Rom hatte ein Wetterschlag den Tempel der Juno Lucina getroffen und den Stirngiebel nebst den Thorflügeln verunstaltet. Zu Puteoli waren an mehreren Stellen Mauer und Stadtthor vom Blitze getroffen, auch zwei Menschen erschlagen. Daß sich zu Nursia bei heiterm Himmel ein Gewitterschauer ergossen und auch hier zwei Freigeborne erschlagen habe, wußte man mit Gewißheit. Die Einwohner von Tusculum berichteten, bei ihnen sei ein Erdregen gefallen, und die von Reate, in ihrem Gebiete habe eine Mauleselinn ein Füllen geworfen. Die Sühnung für alles dieses wurde besorgt, auch das Latinerfest darum noch einmal begangen, weil den Bürgern von Laurentum das ihnen gebührende Opferfleisch nicht gereicht war. Auch wurde dieser frommen Besorgnisse wegen denjenigen Göttern ein Festopfer gebracht, welche von den Zehnherren aus den heiligen Büchern dazu bestimmt wurden. Zehn Jünglinge und zehn Jungfrauen von Stande, welche sämtlich noch Väter und Mutter hatten, wurden zu diesem Gottesdienste gebraucht, und die Zehnherren richteten das Opfer bei Nacht mit noch saugenden Thieren aus. Ehe Publius Cornelius Scipio Africanus abreisete, errichtete er auf dem Capitolinus, der Straße gegenüber, auf der man zum Capitole hinangeht, einen Schwibbogen mit sieben vergoldeten Standbildern und zwei Rossen, und vor dem Schwibbogen zwei marmorne Wasserhälter. In diesen Tagen wurden dreiundvierzig vornehme Ätoler, worunter auch Damocritus und sein Bruder waren, durch zwei vom Manius Acilius mitgeschickte 417 Cohorten nach Rom geliefert und in die Steinbrüche geschickt: die Cohorten ließ der Consul Lucius Cornelius wieder zum Heere zurückgehen. Vom Ptolemäus [Epiphanes] und der Cleopatra, Ägyptens Thronbeherrschern, kamen Gesandte, die den Römern Glück wünschten, daß sie durch den Consul Manius Acilius den König Antiochus aus Griechenland vertrieben hätten, und sie ermunterten mit einem Heere nach Asien überzugehen: «denn nicht bloß in Kleinasien, sondern selbst in Syrien sei «Alles in Bestürzung: Ägyptens Beherrscher seien zu Allem, was der Senat belieben werde, bereit.» Dem königlichen Pare stattete der Senat seine Danksagung ab und befahl, die Gesandten zu beschenken, jeden mit viertausend Etwa 125 Gulden, nach dem Zwanzigguldenfuße. Kupferassen. 4. Als der Consul Lucius Cornelius Alles, was für ihn in Rom zu thun war, abgethan hatte, machte er in einer Volksversammlung bekannt, daß die Soldaten, die er selbst als Ergänzungstruppen geworben habe, auch die; welche im Bruttischen unter dem Proprätor Aulus Cornelius standen, sich sämtlich auf den funfzehnten Julius zu Brundusium einfinden sollten. Ferner ernannte er drei Unterfeldherren, den Sextus Digitius, Lucius Apustius und Cajus Fabricius Luscinus , welche von allen Plätzen der Seeküste die Schiffe nach Brundusium zusammenziehen sollten, und als nun Alles bereit war; zog er im Feldherrnkleide von Rom aus. An fünftausend Freiwillige, so wohl Römer, als Bundesgenossen, welche ihre Dienstjahre schon unter dem Oberbefehle des Publius Africanus zurückgelegt hatten, stellten sich dem Consul bei seinem Abzuge und nahmen Dienste. In den Tagen, in welchen der Consul aufbrach, den elften Julius, an den Apollinarischen Festspielen, verschwand bei heitrem Himmel das Tageslicht, weil der Mond vor die Sonnenscheibe trat. Um diese Zeit ging auch Lucius Ämilius Regillus ab, der den Posten zur See erlöset hatte. Dem Lucius Aurunculejus trug der Senat auf, dreißig Fünfruderer, zwanzig 418 Dreiruderer zu bauen; denn das Gerücht sagte, Antiochus rüste seit dem Seetreffen eine weit größere Flotte. Als den Ätolern ihre Gesandten den Bescheid von Rom zurückbrachten, daß kein Friede zu hoffen sei, so besetzten sie, ob ihnen gleich die Achäer die ganze dem Peloponnes zugekehrte Seeküste verheert hatten, dennoch mehr der Gefahr, als ihres Schadens, eingedenk, den Berg Corax, um den Römern den Weg zu sperren. Denn sie zweifelten nicht daran, daß sie mit Frühlingsanfang wieder zur Belagerung von Naupactus gehen würden. Also hielt es Acilius, da ihm diese ihre Erwartung bekannt war, für besser, etwas Unerwartetes zu unternehmen und Lamia anzugreifen. Denn theils sei die Stadt schon von Philipp beinahe bis zur Eroberung gebracht, theils könne sie jetzt, eben weil sie dergleichen nicht besorge, unvorbereitet überrascht werden. Nach seinem Aufbruche von Elatea lagerte er sich auf feindlichem Boden zuerst am Strome Sperchius; von hier brach er in der Nacht auf und griff mit frühem Morgen die Mauern im Ringsturme an. 5. Die Überraschung erregte, wie gewöhnlich, großen Schrecken und Auflauf. Allein ob man es gleich den so plötzlich bedrohten Einwohnern nicht zugetrauet hatte, so vertheidigten sie doch die Stadt an diesem ersten Tage mit Standhaftigkeit; indem die Männer gegen die schon allenthalben angeschlagenen Sturmleitern in den Kampf gingen, und die Weiber alle Arten von Geschoß und Steinen auf die Mauern brachten. Fast gegen Mittag rief Acilius durch ein Zeichen zum Rückzuge die Seinigen wieder ins Lager, und nachdem sie sich durch Speise und Ruhe erquickt hatten, erklärte er ihnen, ehe er noch den Kriegsrath entließ: «Sie müßten vor Tage in den Waffen und bereit sein: ehe die Stadt nicht erstürmt sei, werde er sie nicht wieder ins Lager führen.» Um eben die Zeit, wie gestern, griff er noch an mehreren Stellen an, und da den Bürgern endlich die Kraft, das Geschoß und, mehr als dies Alles, der Muth ausging, so gewann er die Stadt in wenig Stunden. Nachdem er hier die Beute entweder verkauft oder vertheilt hatte, hielt er Kriegsrath, was nun 419 zu thun sei. Vor Naupactus zu gehen hatte niemand Lust, weil die Ätoler den Bergpaß am Corax besetzt hatten. Um aber den Sommerfeldzug nicht zu versäumen, ferner um nicht die Ätoler durch seine Unthätigkeit einen Frieden genießen zu lassen, den ihnen der Senat abgeschlagen habe, beschloß Acilius, Amphissa anzugreifen. Er ging mit dem Heere von Heraclea über den Öta. Als er sich vor den Mauern gelagert hatte, eröffnete er die Belagerung nicht, wie bei Lamia, mit dem Ringsturme, sondern durch Werke. Der Sturmbock wurde an mehreren Stellen zugleich angebracht; und obgleich die Mauern litten, wandten doch die Belagerten gegen diese Art von Sturmzeug kein Mittel an, und dachten auch auf keines. Sie setzten alle ihre Hoffnung auf ihre Waffen und Tapferkeit, und schreckten durch häufige Ausfälle nicht bloß die Posten der Feinde, sondern selbst die, die mit den Werken und Sturmzeugen beschäftigt waren. 6. Doch hatte Acilius die Mauer schon an vielen Stellen niedergeworfen, als die Nachricht einlief, sein Nachfolger komme mit dem zu Apollonia gelandeten Heere durch Epirus und Thessalien heran. Der Consul kam mit dreizehn tausend Mann zu Fuß und fünfhundert Rittern. Schon war er an der Malieischen Bucht eingetroffen. Da seine nach Hypata Voraufgeschickten auf die Forderung, ihm die Stadt zu übergeben, die Antwort erhielten, man werde ohne den gemeinschaftlichen Beschluß der Ätoler nichts bewilligen, so ließ er, um sich nicht bei der Belagerung von Hypata aufzuhalten, da Amphissa noch nicht erobert sei, seinen Bruder Africanus voraufgehen und zog vor Amphissa. Bei der Ankunft dieser Truppen zogen sich die sämtlichen Einwohner, Bewaffnete und Wehrlose, weil die Stadt großentheils schon von ihren Mauern entblößt war, mit Hinterlassung der Stadt auf ihre unbezwingliche Burg. Der Consul nahm fast sechstausend Schritt davon sein Lager. Hieher kamen zuerst zum Publius Scipio, der, wie ich vorhin sagte, dem Zuge vorangegangen war, und dann auch zum Consul selbst, Gesandte von Athen mit einer Fürbitte für die Ätoler. Vom Africanus 420 bekamen sie eine ganz milde Antwort, weil sich dieser bei seinem Augenmerke auf Asien und auf den König Antiochus nur nach einem Vorwande umsah, vom Ätolischen Kriege mit Ehren abzutreten, und die Athener aufgefordert hatte, nicht bloß den Römern, sondern vielmehr den Ätolern die Stimmung zu geben, daß sie lieber Frieden wünschten als Krieg. Sogleich kam auf Betrieb der Athener von Hypata eine zahlreiche Ätolische Gesandschaft, und eine Unterredung mit dem Africanus, bei dem sie sich zuerst meldeten, bestärkte ihnen wirklich die Hoffnung zum Frieden, indem er sie daran erinnerte, «daß sich an ihn früher in Spanien, später in Africa ganze Stammvölker und Völkerschaften ergeben hätten; und bei allen habe er größere Denkmale der Schonung und Milde, als der kriegerischen Tapferkeit hinterlassen.» Sie hielten den Frieden schon für ausgemacht, als sie in dem Gehöre beim Consul dieselbe Antwort bekamen, mit der sie vom Senate zurückgestoßen waren. Die Ätoler, betroffen durch diese, ihnen jetzt gleichsam neue, Erklärung, – denn sie sahen nun, daß sie weder durch die Gesandten von Athen, noch durch des Africanus gütige Antwort das mindeste gewonnen hatten – sagten bloß, sie wollten dies den Ihrigen berichten. 7. Sie kamen zurück nach Hypata: und hier wußte man keine Auskunft. Tausend Talente aufzubringen war ihnen unmöglich; und ergaben sie sich auf unbedingte Willkühr, wer stand ihnen dann vor persönlicher Mishandlung? Sie hießen also eben die Gesandten noch einmal zum Consul und zum Africanus gehen, mit der Bitte, wenn sie ihnen im Ernste Frieden geben, und ihn nicht, um ihre Hoffnung in ihrem Elende zu täuschen, bloß von ferne zeigen wollten, so möchten sie entweder in der Geldforderung nachlassen, oder die Übergabe nicht auf die Personen ausdehnen. Bei dem Consul wirkten sie keine Abänderung aus, und auch diese Gesandschaft zog unverrichteter Sachen ab. Die Gesandten von Athen folgten ihr, und Echedemus, das Haupt derselben, rief bei den durch so viel Abweisungen gebeugten, in unnützem Gewinsel das 421 Schicksal ihres Volks bejammernden, Ätolern dadurch wieder einige Hoffnung hervor, daß er ihnen rieth, um einen Waffenstillstand von sechs Monaten zu bitten, damit sie Gesandte nach Rom schicken könnten. «Der Aufschub werde zu ihrem gegenwärtigen Leiden, das schon die größte Höhe erreicht habe, keine Zugabe sein: vielmehr sei durch mancherlei Zufälle während der Zwischenzeit für ihr Elend eine Erleichterung möglich.» Auf diesen Vorschlag des Echedemus wandten sich dieselben Gesandten zuerst wieder an den Publius Scipio, erhielten durch ihn vom Consul den Waffenstillstand auf die verlangte Zeit; Manius Acilius hob die Belagerung von Amphissa auf, übergab dem Consul das Heer und trat seinen Posten ab: der Consul ging von Amphissa zurück nach Thessalien, um durch Macedonien und Thracien nach Asien zu ziehen. Da sprach Africanus zu seinem Bruder: «Der Weg, den du einschlägst, Lucius Scipio, hat auch meine Zustimmung: er hängt aber ganz von Philipps Gesinnung ab. Ist er unserm State treu, so wird er Durchweg, Zufuhr und Alles, was einem Heere auf weitem Marsche Nahrung reicht und forthilft, uns gewähren. Läßt er uns im Stiche, so hast du auf dem Wege durch Thracien nirgends einige Sicherheit. Laß uns also vorher des Königs Stimmung erforschen. Am besten erfahren wir sie, wenn der, der an ihn abgeschickt wird, ihn in seinem Thun als den Unvorbereiteten überraschet.» Tiberius Sempronius Gracchus, damals bei weitem einer der muntersten jungen Männer, den sie zu diesem Geschäfte ausersahen, kam mit untergelegten Pferden in fast unglaublicher Geschwindigkeit von Amphissa – hier sandten sie ihn ab – am dritten Tage zu Pella an. Der König war auf einem Gastgebote und hatte im Weine ziemlich viel gethan: gerade diese Abspannung des Geistes beseitigte allen Verdacht, daß er neue Verhältnisse suche. Für heute wurde der Fremde gütig aufgenommen, und Tages darauf sah er reichliche Vorräthe für das Heer in Bereitschaft, über die Ströme Brücken geschlagen, die Heerstraßen an schwierigen Stellen 422 gangbar gemacht. Mit dieser Anzeige ging er eben so schnell, wie auf der Hinreise, zurück und begegnete dem Consul bei Thaumaci. Auf dem Zuge von hier nach Macedonien von der Freude über die ihm zugesicherte und erhöhete Erwartung geleitet, fand das Heer bei seiner Ankunft Alles zu seiner Unterstützung bereit. Der König nahm sich bei dem Empfange der Römer als königlicher Wirth und schloß sich an ihren Zug. Er zeigte viele Gewandheit und Leutseligkeit, die ihm bei dem Africanus zur Empfehlung gereichten, einem Manne, der bei seiner hohen Auszeichnung im Übrigen auch kein Feind der Geselligkeit war, wenn sie nicht in Üppigkeit überging. So kamen sie weiter, nicht bloß durch Macedonien, sondern auch durch Thracien bis an den Hellespont, unter Philipps Geleite und überall getroffenen Voranstalten. 8. Nach dem Seetreffen bei Corycus war Antiochus, der zu seinen Rüstungen zu Lande und zu Wasser den ganzen Winter frei gehabt hatte, hauptsächlich darauf bedacht gewesen, seine Flotte wieder herzustellen, damit ihm der Besitz des Meeres nicht ganz genommen würde. Ihm entging die Bemerkung nicht, daß ihn die Römer selbst in Abwesenheit der Rhodischen Flotte besiegt hatten. Nähme nun auch diese am Kampfe Theil, – und die Rhodier würden sich gewiß eine abermalige Verspätung nicht zu Schulden kommen lassen – so habe er, um der feindlichen Flotte in der Bemannung und Größe gleich zu kommen, eine Menge Schiffe nöthig. Also hatte er nicht allein den Hannibal nach Syrien geschickt, die Schiffe der Phönicier zu holen, sondern auch dem Polyxenidas aufgetragen, da er so wenig Glück gehabt habe, nun um so viel eifriger sowohl die noch übrigen Schiffe auszubessern, als auch neue auszurüsten. Er selbst überwinterte in Phrygien, wo er Hülfsvölker von allen Seiten zusammenzog: auch hatte er Gallogräcien beschickt, dessen Einwohner in jenen Zeiten kriegerischer waren, weil sie, ihrem Stammvolke noch nicht entartet, immer noch den Gallischen Muth beibehielten. Seinen Sohn Seleucus hatte er mit einem Heere in Äolis zurückgelassen, um die Seestädte zu behaupten, 423 welche auf der einen Seite, von Pergamus aus, Eumenes, auf der andern, von Phocäa und Erythrä, die Römer zum Abfalle aufforderten. Die Römische Flotte überwinterte, wie ich vorhin gesagt habe, bei Canä. Fast in der Mitte des Winters kam König Eumenes hier an, mit zweitausend Mann zu Fuß und hundert Reutern. Da er versicherte, es lasse sich auf dem feindlichen Gebiete in der Gegend von Thyatira viele Beute machen, so bewogen seine Vorstellungen den Livius, ihm fünftausend Mann mitzugeben. Sie brachten von diesem Zuge in wenig Tagen ansehnliche Beute mit. 9. Unterdeß kam es zu Phocäa, wo Einige das Volk für den Antiochus zu gewinnen suchten, zu einem Aufstande. Die überwinternde Flotte wurde drückend; drückend war die Auflage, weil sie fünfhundert Bürgerkleider und fünfhundert Westen liefern mußten; drückend endlich der Getreidemangel, um dessentwillen auch sowohl die Flotte, als die Besatzung der Römer die Stadt verließ. Nun aber hatte die Partei, welche die Bürger in den Volksversammlungen auf des Antiochus Seite zog, niemand zu fürchten. Der Senat und die Vornehmen stimmten für die Beharrlichkeit im Römischen Bunde: allein die Verführer zum Abfalle hatten bei dem Haufen das Übergewicht. Waren die Rhodier im vorigen Sommer saumselig gewesen, so sandten sie darum so viel früher, schon um die Frühlingsgleiche, denselben Pausistratus als Oberbefehlshaber einer Flotte von sechsunddreißig Schiffen. Schon steuerte Livius von Canä mit dreißig Schiffen und sieben vom Könige Eumenes ihm zugeführten Vierruderern dem Hellesponte zu, um zur Überfahrt des Heeres, das, wie er vermuthete, zu Lande kommen mußte, alles Nöthige in Stand zu setzen. Er ließ die Flotte zuerst in dem sogenannten Hafen der Achäer landen. Von hier ging er nach Ilium hinauf, brachte der Minerva ein Opfer und gab den Gesandschaften aus der Nahe, von Eläus , von Dardanum und Rhöteum, welche ihre Städte in Römischen Schutz gaben, geneigtes Gehör. Von hier segelte er zum Eingange des Hellesponts, ließ zehn Schiffe als 424 Posten gegen Abydus zurück und ging mit der übrigen Flotte nach Europa über, um Sestus zu belagern. Schon wollten seine Bewaffneten die Mauern angreifen, als ihnen zuerst die begeisterte Priesterschar der Galler in feierlicher Amtstracht vor das Thor entgegenkam. Ihrer Angabe nach kamen sie auf Befehl der Göttermutter, als Diener der Göttinn für ihre Mauern und ihre Stadt bei den Römern um Schonung zu bitten; und Keinem von ihnen that man Leides: ihnen folgte gleich der Zug des gesamten Senats mit den Obrigkeiten, um die Stadt zu übergeben. Von hier fuhr die Flotte nach Abydus hinüber. Hier erfolgte in den zum Versuche angestellten Unterredungen keine friedliche Antwort, und die Römer machten sich zum Angriffe fertig. 10. Während dieser Unternehmungen am Hellesponte sann der königliche Admiral Polyxenidas – – er war nämlich aus Rhodus vertrieben, hatte gehört, daß die Flotte seiner Landsleute von Rhodus ausgelaufen sei, und daß Pausistratus, ihr Befehlshaber, in einer öffentlichen Rede mit Übermuth und Verachtung von ihm gesprochen habe, und hatte sich deswegen vorzüglich gegen ihn zu einem Wettkampfe in der Feindschaft entschlossen – – Tag und Nacht auf weiter nichts, als wie er jene hochklingenden Reden durch Thaten widerlegen möchte. Er schickte jemand an ihn, den jener ebenfalls kannte, und ließ ihm sagen: «Er wolle dem Pausistratus und seinem Vaterlande, wenn sie es ihm erlaubten, einen großen Dienst thun, und dann könne Pausistratus ihn wieder in sein Vaterland einführen.» Als Pausistratus voll Verwunderung fragte, wie das irgend möglich werden könne, so verlangte jener von ihm sein Wort darauf, die Sache entweder gemeinschaftlich zu betreiben, oder sie mit Stillschweigen zuzudecken; und er gab es ihm. Da eröffnete ihm der Unterhändler, « Polyxenidas wolle ihm entweder die königliche Flotte ganz, oder doch größtentheils, überliefern. Zur Belohnung für eine so verdienstliche That bedinge er sich weiter nichts, als die Rückkehr in sein Vaterland.» Die Wichtigkeit der Sache machte, daß 425 Pausistratus weder dem Vorschlage trauete, noch ihn abwies. Er segelte nach Samisch-Asien, und nahm hier seinen Stand, um den Antrag prüfen zu können. Eilboten gingen ab und zu; doch gab Pausistratus nicht eher Glauben, bis Polyxenidas vor den Augen seines Boten mit eigner Hand niederschrieb, «Er werde, was er versprochen habe, erfüllen» und den Brief mit seinem aufgedrückten Siegel abgehen ließ. Durch dieses Unterpfand, meinte er, habe sich der Verräther an ihn verkauft: denn ein Mensch, der so wie jener, unter einem Könige lebe, werde sich nicht dazu verstehen, Beweise von seiner eignen Hand gegen sich selbst auszustellen. Nun wurde der Plan des scheinbaren Verraths verabredet. Polyxenidas versprach: «Er wolle jede Zurüstung unterlassen; die Flotte weder mit Rudern noch Seesoldaten gehörig besetzen; einige Schiffe unter dem Vorwande der Ausbesserung auf das Ufer bringen, andere auf die benachbarten Seehafen vertheilen. Vor dem Hafen von Ephesus sollten nur wenige Schiffe See halten, die er, wenn es zum Ausrücken käme, zum Kampfe aufstellen werde.» Kaum hatte Pausistratus gehört, daß Polyxenidas auf seiner Flotte den Nachlässigen machen wolle, so war er es selbst von diesem Augenblicke an wirklich. Einen Theil seiner Schiffe schickte er nach Halicarnassus, um Zufuhr zu holen; einen andern nach der Stadt Samus ad urbem misit]. – Hinter diesen drei Worten denke ich mir, nach Creviers Vorschlage, die drei, ipse Panormi substitit, als ausgefallen. Die Nothwendigkeit dieser oder einer ähnlichen Ergänzung wird von Drakenb. und Andern anerkannt. ; er selbst blieb zu Panormus stehen, um auf das Zeichen des Verräthers zum Angriffe bereit zu sein. Polyxenidas erhöhete die Täuschung durch Scheinhandlungen. Er ließ einige Schiffe auf das Ufer bringen, und gleich als ob er noch andre nachholen wollte, ließ er den Holm in Stand setzen: die Ruderer ließ er aus den Winterquartieren nicht nach Ephesus kommen, sondern in aller Stille sich zu Magnesia sammeln. 11. Es traf sich so, daß einer von des Antiochus 426 Soldaten, der in eigenen Angelegenheiten nach Samus gekommen war, als Kundschafter ergriffen und nach Panormus vor den Befehlshaber gebracht wurde. Als ihn dieser fragte, womit man sich zu Ephesus beschäftige, entdeckte der Mensch, ich weiß nicht, ob aus Furcht, oder weil er es mit seinen Landsleuten nicht redlich meinte, ihm Alles: «die Flotte stehe gerüstet und segelfertig im Hafen, alle Ruderknechte habe man nach Magnesia Magnesiam ad Sipylum]. – Die beiden Worte ad Sipylum fallen nach den Bemerkungen der Kritiker weg, weil hier nicht Magnesia am Sipylus gemeint sein kann, sondern das näher bei Ephesus gelegene Magnesia ad Maeandrum, welches Livius mehrmals schlechtweg Magnesia nennt. geschickt; nur sehr wenig Schiffe seien auf das Ufer gebracht, und der Holm werde bedachet: nie habe man die Anstalten zur See eifriger betrieben.» Doch einem von Irrwahn und leerer Hoffnung eingenommenen Kopfe galt diese Aussage nicht für Wahrheit. Als Polyxenidas, in Allem gehörig vorbereitet, die Ruderknechte bei Nacht von Magnesia einberufen, die auf das Ufer gebrachten Schiffe eiligst ins Meer gelassen und den Tag nicht sowohl auf seine Vorkehrungen verwandt hatte, als weil man das Absegeln der Flotte nicht bemerken sollte; so lief er nach Sonnenuntergang mit siebzig Deckschiffen aus und erreichte bei widrigem Winde den Hafen Pygela noch vor Tage. Hier lag er in eben der Absicht bei Tage still, und setzte in der Nacht auf die nächste Küste von Samisch-Asien über. Von hier ließ er einen Seeräuberhauptmann Nicander mit fünf Deckschiffen nach Palinurus segeln und von dort seine Truppen auf dem nächsten Wege durch die Felder gegen Panormus den Feinden in den Rücken führen: er selbst steuerte unterdeß mit getheilter Flotte, um den Eingang zum Hafen von zwei Seiten besetzen zu können, auf Panormus. Pausistratus, anfangs nicht ohne Bestürzung – er hatte sich dessen ja nicht versehen – gab sich als alter Krieger bald seine Fassung wieder, und weil er glaubte, die Feinde besser auf der Landseite als zur See abhalten zu können, 427 führte er seine Truppen in zwei Zügen den Vorgebirgen zu, welche durch ihre gegen das Meer vortretenden Krümmungen den Hafen bilden, weil er von dort herab den Feind, der auf zwei Seiten unter den Schuß kam, leicht abzutreiben hoffte. Da ihm aber Nicander, der sich von der Landseite zeigte, diesen Vorsatz vereitelte, so befahl er mit schneller Abänderung seines Plans, eine allgemeine Einschiffung. Dies gab nun unter den Soldaten, wie unter den Seeleuten, eine gewaltige Verwirrung, nicht anders als flüchteten sie auf ihre Schiffe, weil sie sich zugleich zu Wasser und zu Lande umringt sahen. Pausistratus , der nur darin einen Weg zur Rettung fand, wenn er den Ausgang aus dem Hafen erzwingen und sich auf die offene See durchschlagen könnte, befahl seinen übrigen Truppen, sobald er sie eingeschifft sah, ihm zu folgen: er selbst voran eilte mit seinem durch die Ruder fortgeschnellten Schiffe der Mündung des Hafens zu. Schon fuhr er zur Öffnung hinaus, als sein Schiff Polyxenidas mit drei Fünfruderern umstellte. Es wurde durch Schnabelstöße überwältigt, seine Vertheidiger fielen mit Pfeilen überdeckt und unter ihnen nach tapfrem Widerstande auch Pausistratus. Die übrigen Schiffe wurden theils vor, theils in dem Hafen erobert, einige schon vom Nicander genommen, während sie an der Küste lichteten. Nur fünf Rhodische Schiffe entkamen mit zwei Coischen, und machten sich durch das Schreckmittel der lodernden Flamme einen Weg mitten durch die dicht gedrängten Schiffe. Denn zwei Stangen, die vom Vordertheile herüberhingen, trugen in eisernen Töpfen ein großes flammendes Feuer ihnen voran. Da die Dreiruderer von Erythrä nicht weit von Samos die Rhodischen Schiffe, denen sie zu Hülfe kommen sollten, schon auf der Flucht fanden, so nahmen sie ihren Lauf rückwärts zu den Römern am Hellesponte. Um diese Zeit eroberte Seleucus Phocäa durch Verrath, da ihm die Wache ein Thor öffnete, und Cyme nebst andern Städten eben dieser Küste trat aus Furcht zu ihm über. 12. Abydus hatte, während dies in Äolis vorging, schon mehrere Tage die Belagerung ausgehalten, weil eine 428 königliche Besatzung die Mauern vertheidigte: jetzt aber waren alle Kräfte erschöpft, und selbst mit Bewilligung des Befehlshabers der Besatzung, Philotas, unterhandelte die Stadtobrigkeit mit dem Livius über die Bedingungen der Übergabe. Das Einzige hielt die Sache noch auf, daß man nicht ganz darüber einverstanden war, ob die königlichen Truppen mit oder ohne Waffen abziehen sollten. Da aber während dieser Unterhandlungen die Nachricht von der Niederlage der Rhodier einlief, so mußte Livius die Eroberung aus den Händen geben. Denn aus Besorgniß, Polyxenidas möge, durch diesen wichtigen Erfolg muthig gemacht, die bei Canä stehende Flotte überfallen, gab er sogleich die Belagerung von Abydus und seinen Posten am Hellesponte auf, und ließ die Schiffe, die bei Canä auf dem Ufer standen, ins Meer. Auch kam Eumenes nach Eläa. Livius ging mit seiner ganzen Flotte, die er noch mit zwei Dreiruderern von Mytilene verstärkt hatte, nach Phocäa. Als er hörte, die Stadt habe eine starke königliche Besatzung und Seleucus in ihrer Nähe ein Lager, verheerte er die Küste, brachte geschwind seinen meist aus Menschen bestehenden Raub zu Schiffe, wartete nur noch, bis Eumenes mit seiner Flotte nachkam und nahm dann seinen Lauf auf Samos . Bei den Rhodiern erregte die erste Nachricht von ihrer Niederlage zugleich große Bestürzung und Trauer. Außer der Einbuße an Schiffen und Leuten hatten sie die Blüte und den Kern ihrer Mannschaft verloren, weil Viele vom Adel, außer andern Gründen, auch dem Namen des Pausistratus gefolgt waren, der unter seinen Bürgern mit Recht im größten Ansehen stand. Dann aber ging ihre Trauer in Erbitterung über, weil sie nur überlistet waren, und noch dazu von einem gebornen Rhodier. Sogleich sandten sie zehn Schiffe ab, und wenige Tage darauf zehn andre, sämtlich unter dem Oberbefehle des Eudamus, an dem sie sich, stand er gleich in andern kriegerischen Verdiensten dem Pausistratus weit nach, eben weil er weniger Unternehmungsgeist besaß, einen so viel behutsameren Anführer versprachen. Die Römer und König Eumenes 429 hielten zuerst mit ihrer Flotte an der Küste von Erythrä an: hier weilten sie Eine Nacht und erreichten am folgenden Tage Corycus, das Vorgebirge im Gebiete von Teos. Da sie von hier auf die nächste Küste von Samisch-Asien übersetzen wollten, überließen sie die Flotte, ohne Sonnenaufgang abzuwarten, woraus die Schiffer hätten abnehmen können, was für einen Himmel sie haben würden, der ungewissen Witterung. Mitten auf ihrer Fahrt setzte sich der Nordost in Nordwind um, und sie trieben auf einem zu Wogen aufgethürmten Meere. 13. Polyxenidas, der von Ephesus in der Voraussetzung auslief, die Feinde würden nach Samos gehen, um sich mit der Rhodischen Flotte zu vereinigen, nahm seinen Stand zuerst vor Myonnesus Myonnesus, ein Vorgebirge zwischen Teos und der Insel Samos. ; von da ging er nach der Insel, Namens Macris, über, um wo möglich auf die vom Zuge der vorübersegelnden Flotte abstreifenden Schiffe, oder gelegentlich auf das Hintertreffen einen Angriff zu thun. Als er die Flotte vom Sturme zerstreuet sah, fand er hierin anfangs eine Aufforderung zum Angriffe; da aber gleich nachher der Wind heftiger wurde und höhere Wogen wälzte, so setzte er, weil er sah, er könne nicht an die Feinde kommen, nach der Insel Äthalia über, um von hier am folgenden Tage die vom hohen Meere auf Samos Zusteuernden anzugreifen. Mit dem ersten Dunkel erreichte nur ein kleiner Theil der Römischen Flotte an der Küste von Samisch-Asien einen verödeten Hafen; die übrige Flotte lief nur dann erst in diesen Hafen ein, als sie die ganze Nacht über auf hoher See Sturm gehabt hatte. Auf die Anzeige der Landleute, daß die feindliche Flotte bei Äthalia stehe, wurde hier Kriegsrath gehalten, ob man sogleich eine Schlacht liefern, oder die Rhodische Flotte noch erwarten solle. Die Schlacht wurde – so wollte es die Mehrheit der Stimmen – verschoben, und man setzte wieder nach Corycus über, woher man gekommen war. Auch Polyxenidas, der seinen Stand vergebens genommen hatte, ging nach Ephesus zurück. Nun segelten 430 die Römischen Schiffe über das von den Feinden geräumte Meer nach Samos. Wenig Tage nachher fand sich hier auch die Rhodische Flotte ein; und um zu zeigen, daß man nur auf diese gewartet habe, segelte man sogleich auf Ephesus, um entweder ein Seetreffen zu liefern, oder dem Feinde, falls er den Kampf verweigern sollte, das Geständniß der Muthlosigkeit abzunöthigen, was auf die Stimmung in den Städten von großer Wirkung sein mußte. Der Mündung des Hafens gegenüber standen sie mit allen ihren die Stirn bietenden Schiffen in Schlachtordnung. Als niemand gegen sie herauskam, theilten sie die Flotte, ließen den einen Theil am Eingange des Hafens in See vor Anker stehen, und den andern Truppen an das Land setzen. Als diese schon eine ansehnliche Beute aus der weit umher geplünderten Gegend wegführten, brach der Macedonier Andronicus, der zu Ephesus in Besatzung lag, so wie sie den Mauern näher kamen, gegen sie heraus, nahm ihnen einen großen Theil der Beute ab und trieb sie zurück zum Meere und an die Schiffe. Am folgenden Tage nahmen die Römer, nachdem sie etwa auf halbem Wege einen Hinterhalt aufgestellet hatten, ihren Zug gerade gegen die Stadt, um den Macedonier aus den Mauern herauszulocken; weil aber gerade diese Vermuthung den Feind von jedem Ausfalle abschreckte, kehrten sie zu ihren Schiffen zurück; und weil sich der Feind so wenig zu Lande als zu Wasser einzulassen wagte, nahm die Flotte ihren Lauf wieder nach Samos, wo sie hergekommen war. Hier ließ der Prätor zwei Dreiruderer von den Italischen Bundesschiffen und eben so viele Rhodische unter dem Rhodischen Befehlshaber Epicrates abgehen, um die Cephallenische Meerenge zu bewachen. Ein Lacedämonier, Hybrystas, mit einer Mannschaft von Cephallene machte sie durch seine Seeräubereien unsicher, und schon war aller Zufuhr für Italien das Meer gesperrt. 14. Im Piräeus traf Epicrates den neuen Befehlshaber zur See, den Lucius Ämilius Regillus. Als dieser die Niederlage der Rhodier erfuhr, nahm er, weil er selbst nur zwei Fünfruderer bei sich hatte, den Epicrates mit den vier Schiffen mit sich nach Asien zurück. Auch folgten ihm mehrere offene Schiffe der Athener. Er ging auf dem Ägeer Meere nach Chius Aegeo mari traiecit]. – Ich nehme mit Duker an, daß hinter traiecit das Wort Chium ausgefallen sei. Auch Crevier will es einschieben, setzt es aber, nicht so wahrscheinlich, vor das Wort traiecit. Vermuthlich veranlaßte die Ähnlichkeit der Silbe cit mit der gleich folgenden chi die Auslassung. über. Hieher kam auch von Samos noch in später Nacht der Rhodier Timasicrates mit zwei Vierruderern; wurde dem Ämilius vorgestellt und berichtete, er sei geschickt, diese Meeresgegend zu decken, weil die königlichen Schiffe durch ihre Streifzüge, vom Hellesponte und von Abydus aus, sie für Ladungsschiffe unsicher machten. Als Ämilius von Chius nach Samus überfuhr, nahmen zwei vom Livius ihm entgegengeschickte Rhodische Vierruderer und König Eumenes mit zwei Fünfruderern ihn in Empfang. Nach seiner Ankunft auf Samus übernahm Ämilius die Flotte vom Livius, und nach gehöriger Ausrichtung des gewöhnlichen Opfers berief er einen Kriegsrath. Hier sagte Cajus Livius – denn er wurde um seine Stimme zuerst befragt: «Niemand könne einem Andern einen treueren Rath geben, als der, der ihm das zu thun riethe, was er selbst, wenn er an dessen Stelle stände, gethan haben würde. Sein Vorsatz sei gewesen, mit der ganzen Flotte vor Ephesus zu gehen, Lastschiffe mit Kiesladungen mitzunehmen und sie in der Mündung des Hafens zu versenken. Diese Sperre erfordere so viel weniger Anstalten, weil der Eingang zum Hafen gleich einem Flusse lang und schmal sei und seichte Stellen habe. So würde er den Feinden die Verbindung mit dem Meere genommen und ihnen die Flotte unnütz gemacht haben.» 15. Dieser Meinung gab niemand Beifall. König Eumenes warf die Fragen auf: «Wie nun? wenn sie also durch Versenkung der Schiffe den Paß zum Meere geschlossen hätten, ob sie dann mit ihrer eignen freien Flotte dort abziehen sollten, um ihre Verbündeten zu schützen und den Feind in Schrecken zu setzen? oder ob 432 sie auch dann noch mit der ganzen Flotte den Hafen belagert halten sollten? Denn wenn sie weggingen, wer dann daran zweifeln könne, daß die Feinde die versenkten Lasten herausziehen und den Hafen mit geringeren Anstalten wieder öffnen würden, als womit man ihn jetzt verschütte. Müsse man aber auch dann noch dort bleiben, wozu es dann helfe, den Hafen zu verstopfen? Im Gegentheile würden Jene im Genusse des sichersten Hafens und der wohlhabendsten Stadt, in welcher ihnen Asien Alles liefere, ruhige Sommerquartiere haben; und die Römer, auf offenem Meere den Fluten und Stürmen ausgesetzt, an Allem Mangel leidend, auf ihrem beständigen Posten stehen; ja sie selbst würden hier mehr die Festgebundenen und gehindert sein, irgend etwas zu unternehmen, was doch gethan werden müsse, als die Feinde eingeschlossen halten.» Eudamus, der Oberbefehlshaber der Rhodischen Flotte, äußerte mehr sein Misfallen an jener Meinung, als daß er selbst eine Unternehmung in Vorschlag gebracht hätte. Der Rhodier Epicrates stimmte so: «Für jetzt müsse man mit Verzichtleistung auf Ephesus einen Theil der Flotte nach Lycien gehen lassen und Patara, die Hauptstadt des Landes, für den Bund gewinnen. Dies werde zweierlei große Vortheile gewähren. Einmal würden die Rhodier, wenn sie mit dem festen Lande ihrer Insel gegenüber in Frieden wären, alle ihre Kräfte auf die Sorge für den einzigen Krieg mit dem Antiochus wenden können: zum Andern werde es der Flotte, welche er jetzt in Lycien ausrüsten lasse, unmöglich gemacht, zur Vereinigung mit dem Polyxenidas auszulaufen.» Diese Meinung machte vorzüglichen Eindruck. Doch beschloß man, Regillus solle, um die Feinde in Schrecken zu setzen, mit der ganzen Flotte vor den Hafen von Ephesus gehen. 16. Cajus Livius aber wurde mit zwei Römischen Fünf- und vier Rhodischen Vierruderern und zwei offenen Smyrnäer Schiffen nach Lycien geschickt, mit dem Befehle, vorher bei den Rhodiern einzulaufen und mit ihnen gemeinschaftlich zu Rathe zu gehen. Die Städte, 433 bei welchen er vorfuhr, Miletus, Myndus, Halicarnassus , Cous Halicarnassus, Cnidus, Cous]. – Die Reihe der hier genannten Städte geht von Norden nach Süden bis Rhodus; folglich muß Cous eher genannt werden, als Cnidus; sonst wären die Römer, als sie, von Cnidus aus, der Insel Rhodus schon näher waren, weiter westwärts zurück nach Cos oder Cous gesegelt, und dann, um nach Rhodus zu kommen, wieder vor Cnidus vorbeigegangen. Da ohnehin diese Worte, die in allen Msc. fehlen, nur aus dem einzigen Mainzer Codex aufgenommen sind, so hat man bei der Versetzung nur diese Eine Stimme gegen sich. , Cnidus, leisteten mit Eifer seinen Forderungen Genüge. Als er nach Rhodus kam, setzte er den Bürgern den Zweck seiner Sendung aus einander und nahm sie zugleich in Rath. Mit ihrer Aller Zustimmung, und nachdem er in die Flotte, die er schon hatte, noch drei Vierruderer aufgenommen, schiffte er nach Patara. Anfangs trieb die Römer ein günstiger Wind gerade gegen die Stadt, und sie versprachen sich von dem überraschenden Schrecken einige Wirkung. Als aber bei dem sich umsetzenden Winde das Meer in Fluten von ungewisser Richtung wogte, so gelang es ihnen freilich durch Rudern, das Land zu erreichen; allein in der Nähe der Stadt war der Standort nicht sicher, und vor der Mündung ante hostium portus.] – Ich übersetze nach Drakenborch: ante ostium portus, und bald nachher statt Phoenicunta mit Jak. Gronov, Crevier und Drakenborch Phellum. des Hafens konnte die Flotte bei dem Toben des Meeres und bei einbrechender Nacht nicht in See bleiben. Sie fuhren also an den Stadtmauern vorbei und liefen in den nicht ganz zweitausend Schritte entfernten Hafen Phellus, der den Schiffen vor der Gewalt des Meers Sicherheit gewährte; allein hohe Klippen ragten über ihm, welche die Bürger, mit den Truppen der königlichen Besatzung in Vereinigung, sogleich besetzten. Gegen diese schickte Livius, so nachtheilig auch die Gegend und so schwer hier das Aussteigen war, die Hülfstruppen von Issa und die Leichtbewaffneten von Smyrna. Anfangs, so lange das Treffen, bloß mit Geschoß und durch leichten Ansprung auf eine kleine Schar, mehr eingeleitet als wirklich geliefert wurde, hielten diese den Kampf aus. Als aber von der Stadt immer mehrere herbeiströmten und schon die 434 ganze Volksmenge herausstürzte, wurde Livius besorgt, seine Hülfstruppen möchten umringt werden, ja selbst seine Schiffe vom Lande aus zu fürchten haben. Also führte er nicht bloß seine Truppen, sondern auch die Schiffsoldaten, einen Schwarm von Ruderknechten, alle mit Waffen, wie sie jeder haben konnte, ins Treffen. Auch jetzt war der Kampf noch zweifelhaft, und in diesem regellosen Gefechte fielen nicht allein mehrere Soldaten, sondern auch Lucius Legat des Lucius Scipio. S. Cap. 4. Apustius. Zuletzt wurden doch die Lycier völlig geschlagen und in die Stadt getrieben, und die Römer kehrten mit einem blutigen Siege zu ihren Schiffen zurück. Von hier segelten sie in die Bucht von Telmissus, die mit der einen Seite Carien, mit der andern Lycien berührt, und ließen, ohne den Anschlag auf Patara weiter zu verfolgen, die Rhodier nach Hause gehen. Livius fuhr an der Küste Asiens vorbei nach Griechenland hinüber, um die Scipione zu sprechen, welche damals in Thessalien standen und dann nach Italien überzugehen. 17. Als Ämilius, der mit seiner Flotte von Ephesus, durch Stürme zurückgetrieben, unverrichteter Sache nach Samus zurückgegangen war, die Nachricht bekam, die Unternehmung in Lycien sei aufgegeben und Livius nach Italien abgegangen, so beschloß er, weil er den fehlgeschlagenen Versuch auf Patara für schimpflich hielt, mit seiner ganzen Flotte dort hinzugehen und die Stadt mit allen Kräften anzugreifen. Sie fuhren Milet und die übrige Küste ihrer Verbündeten vorbei und machten im Meerbusen von Bargyliä bei Jassus eine Landung. Die Stadt hatte eine königliche Besatzung; die Gegend umher plünderten die Römer feindlich. Dann suchte Ämilius durch Abgeschickte in Unterredungen mit den Vornehmeren und obrigkeitlichen Personen ihre Stimmung zu erfahren, und als diese antworteten, sie selbst hätten über nichts zu verfügen, zog er zum Sturme gegen die Stadt heran. Bei den Römern befanden sich Vertriebene aus Jassus. 435 Zahlreich drangen diese mit der Bitte in die Rhodier: «Sie möchten eine ihnen benachbarte und mit ihnen verwandte Stadt nicht unschuldig zu Grunde richten lassen. Daß sie selbst verbannet wären, daran sei bloß ihre persönliche Treue gegen die Römer schuld. Allein dieselbe Gewaltthätigkeit der königlichen Befehlshaber, welche sie verbannet habe, binde auch den in der Stadt Gebliebenen die Hände. In dem Wunsche, der königlichen Sklaverei zu entlaufen, seien die Bürger von Jassus sich alle gleich.» Die Rhodier, gerührt durch diese Bitten, nahmen den König Eumenes zu Hülfe, brachten ihre dortigen Verwandten in Erwägung, beklagten die Stadt, die von der königlichen Besatzung zu ihrem Verderben gezwungen werde, und bewirkten dadurch, daß die Belagerung unterblieb. Weil hier alles Übrige Freundes Land war, so ging die Fahrt weiter, der Küste Asiens entlang nach Loryma, einem Hafen gegen Rhodus über. Hier gab es zuerst im Vertrauen unter den Obersten an der Hauptwache das Gerede, das bald auch selbst dem Ämilius zu Ohren kam, es sei nicht recht, daß man die Flotte so weit von Ephesus, wo sie den Krieg für sich selbst führe, entferne, daß der hinter ihr zurückgelassene Feind gegen so viele benachbarte Bundesstädte sich Alles ungestraft erlauben könne. Dies wirkte auf den Ämilius. Er ließ die Rhodier rufen und fragte sie, ob der Hafen zu Patara für die ganze Flotte Platz habe. Als sie dies verneinten, nahm er dies zum Vorwande, die Unternehmung aufzugeben und führte die Schiffe nach Samos zurück. 18. Um diese Zeit kam des Antiochus Sohn Seleucus, der sich während der ganzen Winterquartiere mit seinem Heere in Äolis darauf beschränkt hatte, theils seinen Verbündeten Hülfe zu leisten, theils diejenigen, die er nicht für seine Partei gewinnen konnte, zu plündern, auf den Entschluß, während Eumenes fern von seinen Staten mit den Römern und Rhodiern Lyciens Seestädte belagere, zu einem Angriffe auf das Gebiet desselben hinüberzugehen. Zuerst brach er gegen Eläa heran, gab nachher die Belagerung der Stadt auf, verheerte feindlich ihr 436 Gebiet und zog zum Angriffe auf Pergamus, die Hauptstadt und erste Festung des Reichs. Durch die anfangs vom Attalus vor der Stadt aufgestellten Posten und die Ausfälle der Reuterei und Leichtbewaffneten wurden die Feinde mehr gereizt, als aufgehalten. Zuletzt, als ihn die kleinen Gefechte belehrten, daß er ihnen in keinem Stücke gewachsen sei, zog er sich in die Mauern zurück und die Stadt wurde eingeschlossen. Fast um dieselbe Zeit hatte auch Antiochus nach seinem Aufbruche von Apamea anfangs zu Sardes, dann nicht weit von des Seleucus Lager an der Quelle des Flusses Caicus sein Standlager mit einem großen aus allerlei Völkern gemischten Heere. Die furchtbarsten darunter waren die in Sold genommenen viertausend Gallier. Mit einer kleinen beigegebenen Mannschaft schickte er diese ab, das Gebiet von Pergamus allenthalben von Grund aus zu verheeren. Als diese Nachrichten auf Samos einliefen, segelte Eumenes, durch den Krieg in seinem Reiche abgerufen, mit seiner Flotte zuerst nach Eläa: von da eilte er unter dem Schutze der hier vorgefundenen Reuterei und leichten Fußtruppen, ehe es noch die Feinde merkten oder in Bewegung kamen, nach Pergamus. Hier kam es wieder durch Ausfälle zu leichten Gefechten, da Eumenes offenbar einem entscheidenden Treffen auswich. Nach wenig Tagen kamen die Flotten der Römer und Rhodier zum Beistande des Königs von Samos nach Eläa. Als dem Antiochus gemeldet wurde, daß sie in Eläa ihre Truppen ans Land gesetzt, und in diesem Einen Hafen so viele Flotten sich vereinigt hätten; und er zugleich erfuhr, der Consul stehe schon mit seinem Heere in Macedonien und man treffe die nöthigen Vorbereitungen zum Übergange über den Hellespont; so glaubte er, jetzt sei es Zeit, ehe er sich zu Lande und zu Wasser zugleich bedrängt sähe, den Frieden zu unterhandeln und besetzte mit seinem Lager eine Höhe, Eläa gegenüber. Hier ließ er sein sämtliches Fußvolk zurück, kam mit der Reuterei – sie bestand aus sechstausend Mann – auf die Ebene dicht unter den Mauern von Eläa herab und ließ dem Ämilius durch einen Herold anzeigen, er wolle einen Frieden unterhandeln. 19. Ämilius ließ den Eumenes von Pergamus abrufen, und zog auch die Rhodier mit zum Kriegsrathe. Die Rhodier wiesen den Frieden nicht zurück. Allein Eumenes behauptete, «Jetzt sei es weder ehrenvoll, sich auf Friedensunterhandlungen einzulassen, noch könnten diese für die Sache von Entscheidung sein. Denn, sagte er, wie können wir entweder mit Ehren Friedensbedingungen eingehen, da wir auf unsre Mauern eingeschlossen und so gut als belagert sind? oder wer wird einen Frieden gelten lassen, den wir ohne Consul, ohne Genehmigung des Senats, ohne Bewilligung des Römischen Volks verabredet haben? Ich frage dich selbst; willst du, wenn der Friede durch dich geschlossen wird, dann sogleich nach Italien zurückgehen? Flotte und Heer von hier abführen? Oder willst du abwarten, wie er dem Consul gefalle, was der Senat dazu sage, ob das Volk ihn genehmige. Dir bliebe also nichts übrig, als in Asien zu bleiben und wieder von deinen in die Winterquartiere geführten Truppen, weil du den Krieg aufgegeben hättest, die Bundesgenossen durch Lieferungen der Bedürfnisse erschöpfen zu lassen: hinterher fingen wir dann, sobald es der Wille derer wäre, die hierüber zu entscheiden hätten, den Krieg wieder ganz von vorn an, den wir, wenn wir nicht etwa durch Aufschub in dem jetzigen raschen Gange nachlassen, vor dem Winter mit Gottes Hülfe geendigt haben können.» Diese Meinung behielt die Oberhand, und Antiochus bekam zur Antwort: Vor des Consuls Ankunft lasse sich kein Friede unterhandeln. Nach diesem vergeblichen Versuche zum Frieden verheerte Antiochus zuerst das Gebiet von Eläa, dann das Pergamenische, ließ hier seinen Sohn Seleucus, zeigte sich auf dem Marsche nach der Stadt Adramytteum als Feind und rückte dann in ihr fruchtbares Gebiet, genannt das Gefilde von Thebe, dieser durch Homers Gesang bekannten Stadt. In keiner Gegend Kleinasiens machten die königlichen Soldaten größere Beute. Nun nahmen 438 auch die Flotten des Ämilius und Eumenes den Weg in einem Bogen nach eben diesem Adramytteum, um die Stadt zu schützen. 20. Gerade in diesen Tagen kamen zu Eläa tausend Mann zu Fuß und hundert zu Pferde aus Achaja an, sämtlich unter der Anführung des Diophanes. So wie sie aus den Schiffen traten, geleiteten die vom Attalus ihnen entgegen Geschickten sie nach Pergamus. Sie alle waren alte, erfahrne Krieger, und der Anführer selbst ein Zögling Philopömens, des größten unter allen Griechischen Feldherren jener Zeit. Zur Erholung für Menschen und Pferde, zugleich um die Stellungen der Feinde kennen zu lernen, auch wo und wann sie anzurücken und sich zurückzuziehen pflegten, nahmen sie sich zwei Tage. Die königlichen Truppen rückten gewöhnlich bis etwa an den Fuß des Hügels, auf welchem die Stadt liegt. So hatten sie im Rücken die Plünderung frei, weil aus der Stadt niemand einen Ausfall that, auch nicht einmal um aus der Ferne auf ihre Posten zu schießen. Und als sich die Belagerten einmal, aus Furcht zusammengedrängt, auf ihre Mauern eingeschlossen hatten, erwuchs daraus bei den Königlichen Verachtung des Feindes und aus dieser – Nachlässigkeit. Viele hatten ihre Pferde nicht gesattelt, nicht aufgezäumt. Mit Hinterlassung einiger Wenigen unter den Waffen und im Gliede, zerstreueten sich die aus einander laufenden Übrigen allenthalben im ganzen Felde: diese beschäftigten sich mit jugendlichem Spiele und Muthwillen; jene lagen im Schatten beim Essen, einige auch zum Schlafe hingestreckt. Als Diophanes von der hochgelegenen Stadt Pergamus herab dies wahrgenommen hatte, hieß er seine Leute zu den Waffen greifen und seines Befehls gewärtig sein, Er selbst ging zum Attalus und meldete ihm seine Absicht, auf die feindlichen Posten einen Versuch zu machen, So ungern Attalus seine Einwilligung gab, – denn er sah ihn mit hundert Reutern gegen dreihundert, mit tausend Mann zu Fuß gegen viertausend fechten; – – so zog Diophanes doch vor das Thor, und nahm in der Nähe der feindlichen Stellung einen 439 Stand, wo er seines Zeitpunktes wartete. Nicht allein die in Pergamus hielten dies mehr für Wahnsinn, als für Kühnheit, sondern selbst die Feinde, die einen Augenblick aufmerksam auf sie geworden waren, änderten auch auf ihrer Seite, als sie keine weitere Unternehmung sahen, in ihrer gewohnten Nachlässigkeit nicht das Mindeste ab. Diophanes hielt seine Leute, als wären sie nur zum Zusehen ausgerückt, eine Zeitlang beisammen. Als er aber sah, daß die Feinde ihren Gliedern entlaufen waren, befahl er seinem Fußvolke, so schnell als möglich nachzufolgen, und stürzte, mit seinem Geschwader der übrigen Reuterei voran, im gestrecktesten Schnelllaufe, unter einem zugleich von Fußvolk und Reuterei erhobenen Geschreie plötzlich auf die feindlichen Posten. Der Schrecken traf nicht bloß die Menschen; auch die Pferde, die sich von den Halftern losrissen, brachten Verwirrung und Getümmel unter die Ihrigen: nur wenige Pferde standen, ohne scheu zu werden, aber auch diese zu satteln, aufzuzäumen, zu besteigen, war nicht so leicht, da schon die Achäische Reuterei einen weit größeren Schrecken verbreitete, als ihre Anzahl erwarten ließ. Und nun überfiel das Fußvolk in Reihe und Glied und in völliger Fassung die nachlässig Umherlaufenden oder beinahe halb Schlafenden. Auf den Feldern war allenthalben Gemetzel und Flucht. Diophanes, der den Fortstürzenden, so weit es sich mit Sicherheit thun ließ, nachsetzte, und der Achäischen Nation ungemeinen Ruhm erwarb – denn ganz Pergamus, Männer und Frauen, hatten von den Mauern zugesehen, – kehrte auf seinen Posten zur Besetzung der Stadt zurück. 21. Am folgenden Tage nahmen die königlichen Truppen mehr im Schlusse und geordnet ihr Lager fünfhundert Schritte weiter von der Stadt. Fast um dieselbe Zeit, wie vorhin, rückten auch die Achäer aus und auf denselben Platz. Mehrere Stunden des Tages erwartete man auf beiden Seiten gespannt den Angriff, als würde er gleich jetzt erfolgen. Als es gegen Sonnenuntergang Zeit wurde, ins Lager umzukehren, nahmen die Königlichen ihre Fahnen 440 zusammen und traten, in einem mehr zum Marsche, als zum Kampfe geordneten Zuge den Rückweg an. Diophanes verhielt sich, so lange er sie sehen konnte, ruhig. Dann aber warf er sich mit eben dem Ungestüme, wie Tags zuvor, auf den Nachtrab, und bewirkte abermals so viel Bestürzung und Verwirrung, daß von Allen, weil sie im Rücken niedergehauen wurden, auch nicht Einer zum Fechten Stand hielt. Im Eilschritte und kaum auf ihrem Zuge Reihe und Glied haltend wurden sie in ihr Lager getrieben. Diese Kühnheit der Achäer nöthigte den Seleucus aus dem Gebiete von Pergamus abzuziehen. Als Antiochus hörte, daß die Römer und Eumenes angekommen wären, Adramytteum zu schützen, ließ er die Stadt, bis auf die Plünderung ihres Gebiets, unangefochten. Darauf eroberte er Peräa, eine Pflanzstadt von Mitylene. Cotton, Corylenus, Aphrodisias, Crene, wurden im ersten Sturme genommen. Von da kehrte er über Thyatira nach Sardes zurück. Seleucus, der an der Seeküste blieb, wurde für manche Städte der Bedrohende, für andre der Beschützer. Die Römische Flotte ging mit dem Eumenes und den Rhodiern zuerst nach Mitylene, von da wieder nach Eläa zurück, wo sie ausgelaufen war. Auf ihrer Fahrt von hier nach Phocäa landeten sie auf der Insel, welche Bachium heißt und nahe an der Stadt Phocäa liegt; und da sie vorher der Tempel und Standbilder – die Insel ist herrlich damit geschmückt – sich enthalten hatten, so plünderten sie jetzt feindlich und, setzten nach der Stadt selbst über. Als sie sich in den Sturm auf die Mauern getheilt hatten, und sahen, daß sie ohne Werke, bloß durch Leute und Sturmleitern nicht zu erobern ständen, weil ein vom Antiochus abgeschicktes Kohr von dreitausend Mann hineingekommen war, so zogen sie sich nach aufgegebenem Sturme sogleich mit der Flotte auf die Insel zurück, nachdem sie bloß das Gebiet um die Stadt, so weit es feindlich war, geplündert hatten. 22. Hier wurde beschlossen, Eumenes solle nach Hause entlassen werden und für den Consul und dessen Heer die nöthigen Vorkehrungen zum Übergange über den 441 Hellespont besorgen, die Römische und Rhodische Flotte aber nach Samos zurücksegeln, dem Polyxenidas das Auslaufen von Ephesus zu wehren. So gingen, der König nach Eläa, die Römer und Rhodier nach Samos zurück. Hier starb Marcus Ämilius, des Prätors Bruder. Nach seiner feierlichen Bestattung segelten die Rhodier gegen eine dem Gerüchte nach aus Syrien kommende Flotte nach Rhodus ab mit dreizehn eigenen Schiffen, einem Coischen Fünfruderer und einem Gnidischen, um sich dort aufzustellen. Zwei Tage früher, als Eudamus mit seiner Flotte von Samos ankam, waren von Rhodus dreizehn Schiffe unter dem Befehle des Pamphilidas gegen eben diese Syrische Flotte ausgeschickt, sie zogen noch vier Schiffe, welche Carien deckten, an sich und entsetzten Dädala und andre Bergfestungen in Peräa alia parva castella]. – Ich lese mit Crevier statt parva: Peraeae, und folge den Spuren der richtigen Lesart, die sich in 8 Handschriften finden, darum hier so viel lieber, weil sonst gar keine Gegend namhaft gemacht wäre, wo diese castella gelegen haben. Hätte Livius vorausgesetzt, daß jeder Leser wisse, Dädala sei in Peräa zu suchen, und deswegen bei den übrigen die Angabe der Gegend unnöthig gefunden, so würde er wahrscheinlich et alia eiusdem regionis castella oder etwas Ähnliches gesagt haben. , welche die Königlichen belagerten. Eudamus beschloß sogleich auszulaufen. Man gab auch ihm zu der Flotte, die er schon hatte, noch sechs offene Schiffe. Er ging ab, machte die Fahrt mit möglichster Schnelligkeit, und bei dem Hafen, welcher Megiste heißt, holte er die früher Ausgelaufenen ein. Als sie von hier in vereintem Zuge nach Phaselis gekommen waren, hielten sie es für das Beste, den Feind hier zu erwarten. 23. Phaselis liegt auf der Zusammengränzung Lyciens mit Pamphilien, tritt weit ins Meer hinaus, ist die erste sichtbare Landspitze, wenn man von Cilicien nach Rhodus fährt, und auch von dort sieht man jedes Schiff schon von weitem. Darum hauptsächlich wählten sie sich diesen Platz, um hier immer der königlichen Flotte am Wege zu sein. Allein es brachen, und dies hatten sie nicht vorher gesehen, in dieser ungesunden Gegend und Jahrszeit – es war die Mitte des Sommers – und bei einem ihnen 442 ungewohnten übeln Geruche, Krankheiten unter den Gemeinen, vorzüglich unter den Ruderern aus. Als sie aus Furcht vor dieser Seuche aufbrachen und mit Vorbeischiffung des Pamphylischen Busens die Flotte am Strome Eurymedon lande ließen, hörten sie bei den Einwohnern von Aspendus, die Feinde ständen schon bei Sida. Die Königlichen hatten eine langsamere Fahrt gehabt, weil ihnen die Zeit der Jahreswinde ungünstig war, die für den Nordwest gleichsam festgesetzt ist. Die Rhodier hatten zweiunddreißig Vierruderer und vier Dreiruderer. Die königliche Flotte bestand aus siebenunddreißig Schiffen von größerem Baue, worunter sie drei Siebenruderer und vier Sechsruderer hatte, und außer diesen noch zehn Dreiruderer. Auch ihr wurde von einer Warte die Nähe des Feindes kund gethan. Am folgenden Tage rückten beide Flotten mit frühem Morgen gleichsam als zum heutigen Schlachttage aus dem Hafen. Und als die Rhodier um das von Sida in die hohe See vortretende Eckgebirge herumliefen, kamen sie sogleich den Feinden und die Feinde ihnen zu Gesichte. Auf dem königlichen linken Flügel, der sich gegen die Seeseite aufgestellt hatte, war Hannibal Anführer, auf dem rechten Apollonius, der Hochbetrauten Einer: und schon hatten sie ihren Schiffen die gerade Richtung gegeben. Die Rhodier kamen in einem langen Zuge; das Hauptschiff mit dem Eudamus voran: Chariclitus schloß den Zug, und das Mitteltreffen befehligte Pamphilidas. Als Eudamus die feindliche Linie gestellt und zum Schlagen bereit sah, steuerte er ebenfalls der Höhe zu, und befahl den nachfolgenden Schiffen, sich eins nach dem andern mit Beachtung der Ordnung zur Reihe aufzustellen. Dies veranlaßte anfangs Verwirrung. Denn er selbst war nicht so weit auf die Höhe ausgelaufen, daß sich die ganze Linie von Schiffen an der Küste hätte ausbreiten können, und aus Eilfertigkeit ging er zu vorschnell bloß mit fünf Schiffen auf den Hannibal ein. Die übrigen folgten ihm nicht, weil sie Befehl hatten, sich in die Linie zu stellen. Für die vom Hintertreffen war an der Küste 443 nicht der mindeste Platz geblieben, und während sich diese durch einander tummelten, war der rechte Flügel schon mit dem Hannibal im Gefechte. 24. Allein im Augenblicke war bei den Rhodiern durch ihre vortrefflichen Schiffe und ihre Erfahrenheit zur See aller Schrecken vorüber. Denn jedes Schiff machte sich schnell auf die See hinaus und gab dadurch dem ihm an die Küste nachfolgenden Platz, und wenn eines mit einem feindlichen si qua concurrerat rostro]. – Ich glaube, daß das Wort rostro in dieses Komma durch ein Versehen gesetzt sei. Es gehört, meine ich, in das folgende, und ich lese so: aut rostro proram lacerabat, aut remos detergebat etc. zusammentraf, so zerstieß es ihm entweder mit dem Schnabel das Vordertheil, oder streifte ihm die Ruder ab, oder lief auf dem freien Durchgange zwischen den Reihen herum und fiel ihm auf das Hintertheil. Nicht ohne großen Schrecken sahen die Königlichen einen ihrer Siebenruderer nach einem einzigen Stoße von einem weit kleineren Rhodischen Schiffe sinken. Also neigte sich der rechte feindliche Flügel offenbar schon zur Flucht. Eudamus auf der Seeseite sah sich, bei seiner großen Überlegenheit in allen übrigen Stücken, dennoch vom Hannibal hauptsächlich durch die Mehrzahl der Schiffe bedrängt, und würde von ihm umringt sein, wären nicht auf das aus seinem Hauptschiffe aufgesteckte Zeichen, auf welches die zerstreute Flotte sich zu sammeln gewohnt war, alle Schiffe, welche auf dem andern quae in dextro cornu vicerant]. – Statt dextro übersetze ich das von Perizonius vorgeschlagene und von Crevier gebilligte altero, weil dextro, wie der Zusammenhang lehrt und alle Herausgeber bemerken, falsch ist. Livius soll hier die Flügel irrig verwechselt haben. Dies ließe sich einräumen, wenn er nicht vier Zeilen vorher in den Worten haud dubio dextrum cornu hostium und eben so am Ende des vorigen Cap. in den Worten iam in dextro cornu adversus Hannibalem deutlich gezeigt hätte, daß er die Flügel richtig unterscheide. So wenig es hier aber heißen darf in dextro cornu, eben so unrecht würde man hier, wie ich glaube, in sinistro sagen. Denn es gab in dieser Schlacht keinen Rhodischen linken Flügel. Eudamus lief mit seinem rechten Flügel nicht weit genug aus, daß die nachfolgenden Schiffe Platz gehabt hätten, einen linken Flügel zu bilden. Nehmen wir auch an, daß etwa Pamphilidas mit dem Centrum noch so viel Raum fand, sich zwischen der Küste und dem Eudamus einzuschieben, so blieb doch für den Chariclitus, der mit dem Nachzuge den linken Flügel hätte ausmachen müssen, nicht Raum genug. Livius sagt ausdrücklich: Extremo agmini loci nihil ad terram relicti erat. Die Rhodier machten zwar durch ihre Gewandheit den Fehler des Eudamus wieder gut: so wie sich die Schiffe einzeln auf der schmalen Gasse zwischen der Küste und den schon aufgestellten Schiffen vornehin drängten, liefen sie gleich aus Mangel an Raum auf die Mitte des – Schlachtfeldes (würde ich sagen, wenn von einem Landtreffen die Rede wäre); in altum celeriter evectae etc., um den einzeln nachkommenden Platz zu machen: locum post se quaeque venienti ad terram, dedere. Diese Nachkommenden gewannen aber darum noch keinen Platz, einen ganzen linken Flügel zu bilden, sondern in einem schmalen Zuge, und einzeln, griffen sie an; si qua concurrerat, proras lacerabat, remos detergebat etc. Da also der ganze linke Flügel zerstreuet blieb, so könnte man auf die Vermuthung kommen, Livius habe geschrieben: naves – – omnes, quae incomposito, incondito, oder inordinato cornu, oder in disperso, in distracto (oder districto ) cornu vicerant, oder ein ähnliches Wort, aus welchem die Abschreiber dextro machten. Zu einem solchen disperso, distracto oder districto würden dann die eben voraufgegangenen Worte: signum, quo dispersam classem, in unum colligi mos erat, nicht übel passen. 444 Flügel gesiegt hatten, zu seiner Hülfe herbeigeeilt. Nun nahm auch Hannibal mit den unter ihm stehenden Schiffen die Flucht, und die Rhodier konnten ihn, weil ihre Ruderer großentheils krank und darum früher erschöpft waren, nicht verfolgen. Als sie sich auf der hohen See, wo sie still hielten, mit Speise stärkten, ließ Eudamus, der die Feinde ihre gelähmten und verstümmelten Schiffe im Schlepptaue durch offene Schiffe fortführen und nur mit wenigen über zwanzig unbeschädigten abziehen sah, von einem Bollwerke seines Hauptschiffes Stille gebieten und rief: «Erhebt euch und gönnet euren Augen ein herrliches Schauspiel!» Alle richteten sich auf, und als sie die Verwirrung und Flucht der Feinde gewahr wurden, riefen Alle, wie aus Einem Munde, man müsse sie verfolgen. Das Schiff des Eudamus selbst war durch viele Stöße beschädigt. Er befahl also dem Pamphilidas und Chariclitus, so weit sie es für sicher hielten, nachzusetzen. Eine Zeitlang folgten sie. Als sich aber Hannibal dem Lande näherte, kehrten sie aus Furcht, vom Winde an der feindlichen Küste festgehalten zu werden, zum Eudamus zurück, und schleppten einen genommenen, gleich vom ersten Zusammenstoße durchbohrten Siebenruderer mit Mühe nach Phaselis. Von hier gingen sie nach Rhodus zurück, nicht so voll Freude über ihren Sieg, als mit gegenseitigen Vorwürfen unter einander, daß sie die 445 feindliche Flotte, da es in ihrer Macht gestanden, nicht ganz in den Grund gebohrt oder genommen hätten. Hannibal, ohne sich durch ein einziges mislungenes Treffen Ictus uno – – ne tum quidem – – audebat]. – Davon abgesehen, daß Hannibal der Feldherr nicht war, der sich praelio adverso, und noch dazu uno, irre machen ließ, hat überhaupt diese Periode in diesem Zusammenhange wahren Unsinn, wie schon Crevier zeigte. Denn das ne tum quidem stellt die Sache so – – nun folgen Creviers Worte – –: quasi vero clades accepta animos Hannibali facere debuisset ad peragendum inceptum. Crevier fährt fort: Vitium residere videtur in verbo audebat. Und aus diesem audebat hat Herr Döring, meiner Meinung nach sehr glücklich, ambigebat hergestellt: denn das am in ambigebat fiel wegen des am in Lyciam aus, und dann mußte sich der Rest bigebat in audebat verwandeln lassen. Non ambigebat wäre dann in der dem Livius so gewöhnlichen Litotes (wie sein non contemnendus auctor) gerade so viel, als decreverat, certus erat, apud se constitutum habebat. Allein auch so ist die Stelle noch nicht ganz geheilt. Der Mainzer Codex lieset statt ictus, wie Drakenb. anführt: victus. Dies victus kann, wie Drakenb. zeigt, wegen des adverso, nicht die richtige Lesart sein: allein der Mainzer hilft uns doch auch hier auf die Spur. Aus beiden Lesarten, aus ictus und victus, glaube ich, wenn ich auf das Wort uno und auf ne tum quidem Rücksicht nehme, invidus lesen zu müssen. Das l von Hanniba l wurde von dem Mainzer mit dem folgenden ī in dem Worte īuictus verwechselt, so blieb ihm nur victus übrig. Dann blieben die Worte des Livius so, wie ich übersetzt habe – denn Unsinn wollte ich nicht übersetzen –: Hannibal, invictus uno praelio adverso, ne tum quidem praetervehi Lyciam ambigebat, quum etc. abschrecken zu lassen, war auch jetzt noch völlig entschlossen; vor Lycien vorbeizusegeln, weil er sich mit der alten königlichen Flotte möglichst bald zu vereinigen wünschte. Damit Et, id ne ei facere]. – Meiner Meinung nach ist dieses et eine unnütze, hier den nöthigen Gegensatz aufhebende Wiederholung der Endsilbe des vorhergegangenen Wortes cuper et. ihm dies nicht freistehen möchte, schickten die Rhodier den Chariclitus mit zwanzig Schnabelschiffen nach Patara und dem Hafen Megiste. Den Eudamus ließen sie mit sieben der größten Schiffe aus der von ihm bisher befehligten Flotte nach Samos zu den Römern zurückkehren, um sie, so viel er durch seinen Rath und sein Gewicht vermöchte, zu einem Angriffe auf Patara zu bewegen. 25. Den Römern brachte schon früher der Siegesbote, und dann die Ankunft der Rhodier, große Freude: und es war offenbar, wenn jene Sorge den Rhodiern genommen war, so konnten sie unbefangen den Meeren 446 ihrer Gegend Sicherheit gewähren. Allein der Aufbruch des Antiochus von Sardes, der sie einen Überfall der Seestädte fürchten ließ, erlaubte es nicht, Ionien und Äolis ungehütet zu lassen. Also ließen sie nur den Pamphilidas mit vier Deckschiffen zu jener Flotte gehen, welche bei Patara stand. Antiochus zog nicht allein die Besatzungen aus den Städten in seiner Nähe an sich, sondern er ließ auch an Bithyniens König, Prusias, eine Gesandschaft mit einem Schreiben abgehen, in welchem er den Übergang der Römer nach Asien in heftigen Ausdrücken darstellte. «Sie kämen, alle Königreiche zu vertilgen, damit es nirgendwo in der Welt eine Regierung gebe, außer die Römische. Den Philipp und den Nabis hätten sie bezwungen; auf ihn gingen sie als den Dritten. So wie Jeder auf den Unterdrückten zunächst folge, würden sie, wie eine fortlaufende Feuersbrunst, sie Alle ergreifen. Ihr nächster Schritt von ihm werde nach Bithynien gehen, insofern sich Eumenes schon zur freiwilligen Sklaverei hingegeben habe.» Den Prusias, auf welchen dies Eindruck machte, brachte ein Brief vom Consul, und mehr noch einer von dessen Bruder Africanus, von allem Argwohn dieser Art zurück. Dieser weckte im Prusias den Wunsch, sich um seine Freundschaft verdient zu machen, nicht nur durch Anführung der ununterbrochenen Römischen Gewohnheit, die Majestät der mit ihnen verbündeten Könige durch jede ehrenvolle Auszeichnung zu erhöhen, sondern auch durch Beispiele aus seinem eignen Kreise. «In Spanien habe er kleine Fürsten, die sich in seinen Schutz gegeben hätten, als Könige zurückgelassen. Den Masinissa habe er nicht allein in sein väterliches Reich wieder eingeführt, sondern auch auf den Thron eben des Syphax gesetzt, von dem er vorher vertrieben gewesen sei. Jetzt sei er nicht nur in Africa bei weitem der mächtigste unter den Königen, sondern an Hoheit und Macht jedem Herrscher auf Erden gleich. Den Philipp und Nabis, beide durch Krieg besiegte Feinde, habe Titus Quinctius dennoch in ihren Reichen gelassen. Dem 447 Philipp habe man im vorigen Jahre die Zahlungen erlassen, ihm seinen als Geisel gestellten Prinz wieder zugeschickt, und mit Bewilligung der Römischen Feldherren habe er manche Staten außerhalb Macedonien wieder an sich gebracht. Auch Nabis würde sich immer auf seinem Posten behauptet haben, wenn ihn nicht zuerst seine eigne Tollheit, und nachher die List der Ätoler gestürzt hätten.» Am meisten bestärkte den König in dieser Stimmung die Ankunft des Cajus Livius, welcher vorher als Prätor die Flotte befehligt hatte, jetzt als Gesandter von Rom kam, und ihm aus einander setzte, wie viel gewisser sich der Sieg für die Römer, als für den Antiochus, hoffen lasse, und wie er von den Römern eine weit heiligere und dauerhaftere Freundschaft zu erwarten habe. 26. Antiochus, als ihm die gehoffte Verbindung mit Prusias fehlschlug, brach von Sardes nach Ephesus auf, um die Flotte, die schon seit mehrern Monaten bemannet und segelfertig gestanden hatte, in Augenschein zu nehmen, mehr, weil er einsah, er sei mit seinen Landtruppen einem Römischen Heere, und zwei Scipionen an dessen Spitze, nicht gewachsen, als daß er vom Seekriege an sich selbst entweder je mit Glück Gebrauch gemacht, oder sich viel Großes und Sicheres versprochen hätte. Doch gab seiner Erwartung für jetzt der Umstand einen Ausschlag, daß er gehört hatte, ein großer Theil der Rhodischen Flotte stehe bei Patara und König Eumenes sei mit allen seinen Schiffen dem Consul entgegen nach dem Hellesponte gesegelt: auch machte ihm das einigen Muth, daß es bei Samos geglückt war, durch jene listige Einleitung die Rhodische Flotte zu vernichten. Aus diesen Gründen ließ er den Polyxenidas mit der ganzen Flotte abgehen, um durchaus sein Glück in einer Schlacht zu versuchen; er selbst führte seine Truppen vor Notium. Dies den Colophoniern gehörige Städtchen, das ins Meer hinausliegt, ist vom alten Colophon nicht ganz zweitausend Schritt entfernt; und selbst die Stadt Colophon wünschte er sich eigen zu machen, weil sie so nahe an Ephesus lag, daß Alles, was er zu Lande und zu Wasser vornahm, 448 nicht nur vor den Augen der Colophonier geschah, sondern auch durch sie sogleich den Römern bekannt wurde, die dann, wie er nicht zweifelte, wenn sie von der Belagerung hörten, zum Schutze ihrer verbündeten Stadt mit der Flotte sich von Samos aufmachen würden. Dann werde Polixenidas Gelegenheit haben, einen Streich auszuführen. Er machte also den Angriff auf die Stadt durch Werke, und nachdem er seine Verschanzungen von zwei Seiten zugleich bis zum Meere geleitet hatte, führte er auf beiden Seiten Annäherungshütten nebst einem Damme bis an die Mauer und ließ unter Sturmdächern Widderköpfe anrücken. Von so vielen Übeln bedrohet schickten die Colophonier Gesandte nach Samos, an den Lucius Ämilius und fleheten um den Schutz des Prätors und des Römischen Volks. Ämilius war schon lange über seinen unthätigen Aufenthalt zu Samos verdrießlich, weil er nichts weniger vermuthete, als daß Polixenidas, dem er zweimal eine Schlacht vergeblich geboten hatte, sich jetzt darauf einlassen werde; zugleich hielt er es sich für schimpflich, wenn er sich, indeß die Flotte des Eumenes den Consul beim Übersetzen der Legionen nach Asien unterstütze, durch den Entsatz eines belagerten Colophon fesseln ließe, der noch von ungewissem Erfolge sei. Allein der Rhodier Eudamus, der ihn gegen seinen Wunsch, zum Hellesponte abzugehen, zu Samos festgehalten hatte, und die übrigen Alle drangen in ihn und sagten: «Wie viel besser es für ihn sei, entweder die Bundsgenossen von der Belagerung zu erretten, oder die schon einmal besiegte Flotte noch einmal zu schlagen und den Feind aus dem Besitze des Meers völlig zu vertreiben, als mit Aufopferung der Bundesgenossen, mit Hingebung Asiens zu Lande und zu Wasser an den Antiochus, von dem ihm angewiesenen Schauplatze des Krieges zum Hellesponte abzugehen, wo die Flotte des Eumenes hinreichend sei.» 27. Sie machten sich fertig, von Samos, weil sie ihre Lebensmittel verbraucht hatten, um neue zu holen, nach Chius überzusetzen. Denn dies war die 449 Vorrathskammer der Römer; und alle aus Italien abgegangenen Ladungsschiffe richteten ihren Lauf hieher. Als sie nach ihrer Herumfahrt von der Stadt Samos auf die Rückseite der Insel – diese liegt nordwärts, Chius und Erythrä gegenüber – schon im Übersetzen begriffen waren, meldete ein Brief dem Prätor, auf Chius sei ein großer Vorrath Getreide angekommen, allein die Schiffe mit Weinladungen würden noch vom Sturme zurückgehalten. Zugleich bekam er Nachricht, die Tejer hätten die königliche Flotte reichlich mit Lebensmitteln versorgt und ihr noch fünftausend Krüge Wein versprochen. Er wandte die Flotte mitten aus ihrem Laufe sogleich nach Teos ab, um sich entweder den für die Feinde angeschafften Vorrath von den Tejern gutwillig geben zu lassen, oder sie als Feinde zu behandeln. Schon richteten sie die Vordertheile der Küste zu, als sich in der Nähe von Myonnesus gegen funfzehn Schiffe sehen ließen, auf welche der Prätor anfangs, weil sie seiner Meinung nach von der königlichen Flotte waren, Jagd machen wollte. Nachher zeigte sichs, daß es Jachten und Barken von Seeräubern waren. Sie hatten auf der Küste von Chius geplündert, waren mit Beute aller Art auf dem Rückwege und nahmen, sobald sie auf der Höhe eine Flotte sahen, die Flucht. Sie waren mit ihren leichten und hierzu gebauten Fahrzeugen den Römern nicht nur an Schnelligkeit überlegen, sondern auch dem Lande schon näher. Ehe also die Flotte herankam, retteten sie sich nach Myonnesus. Der Prätor, des Ortes unkundig, folgte ihnen, in der Hoffnung, die Schiffe aus dem Hafen abholen zu können. Myonnesus ist ein Vorgebirge zwischen Teos und Samos Inter Teum Samnumque]. – Statt Samumque wollen Glarean und Doujat Lebedumque lesen, weil nach Strabo und Stephanus Myonnesus zwischen Teos und Lebedus lag. Allein Livius giebt ja nur den Ort an, woher und wohin (von Samos nach Teos ) die Römer gekommen waren, und zwischen diesen Endpunkten lag Myonnes. Wenn der Geschichtschreiber erzählte: Friedrich zog von Breslau nach Dresden , und zwischen beiden liegt Hochkirchen, muß er dann fürchten, daß ihm der Geograph zurufen werde: Ei, ei: es liegt ja zwischen Bauzen und Löbau? . Der Hügel selbst steigt in Kegelform von einem ziemlich breiten Fuße 450 zu einem spitzen Gipfel auf: von der Landseite läßt er sich auf einem schmalen Pfade ersteigen: vom Meere her sperren ihn Klippen, von den Fluten so ausgespült, daß an einigen Stellen die herüberhangenden Felsen weiter ins Meer hinaustreten, als die darunter haltenden Schiffe. Da es die Römer nicht wagten, sich hier mit ihren Schiffen zu nähern, um den auf den Klippen stehenden Seeräubern nicht in den Schuß zu kommen, so ging ihnen dieser Tag verloren. Gegen die Nacht gaben sie endlich ihr vergebliches Unternehmen auf und landeten am folgenden Tage bei Teos. Der Prätor ließ die Schiffe in dem Hafen stehen, der der Stadt im Rücken liegt – dort nennt man ihn Gerästicus – und schickte Truppen aus, die umliegende Gegend der Stadt zu verheeren. 28. Die Tejer, unter deren Augen die Plünderung geschah, schickten an den Römischen Befehlshaber Gesandte im Aufzuge der Gnadeflehenden. Als diese behaupteten, ihrem State falle keine feindliche Handlung, kein feindliches Wort gegen die Römer, zur Last, hielt er ihnen vor, «daß sie der königlichen Flotte mit Lebensmitteln ausgeholfen und wie viel Wein sie dem Polyxenidas zugesagt hätten. Würden sie der Römischen Flotte dasselbe geben, so wolle er seine Truppen von der Plünderung zurückrufen; wo nicht, sie als Feinde behandeln.» Als die Gesandten diesen traurigen Bescheid zurückbrachten, beriefen die Obrigkeiten das Volk zur Versammlung, um zu überlegen, was sie thun sollten. Als Polyxenidas hörte – er war gerade an diesem Tage mit der königlichen Flotte von Colophon ausgelaufen – die Römer hatten sich von Samos aufgemacht, hätten bis Myonnesus Seeräuber verfolgt, das Gebiet von Teos geplündert und ihre Schiffe ständen im Hafen Gerästicus, so ging er selbst, Myonnesus gegenüber, an der von den Schiffern Macris genannten Insel in einem verdeckt gelegenen Hafen vor Anker. Bei seinen hier in der Nähe angestellten Spähungen nach dem Verhalten der Feinde machte er sich anfangs große Hoffnung, eben so, wie er bei Samos die Rhodische Flotte durch Besetzung 451 der schmalen Straße am Ausgange des Hafens besiegt habe, auch die Römische zu besiegen. Und der Platz hatte eine ähnliche Lage. Zwei gegen einander tretende Vorgebirge schließen den Hafen so enge, daß hier kaum zwei Schiffe zugleich auslaufen können. Polyxenidas nahm sich vor, in der Nacht den Eingang zu besetzen, an jedem Vorgebirge zehn Schiffe aufzustellen, welche von beiden Landspitzen die auslaufenden Schiffe in der Flanke angreifen sollten, die Truppen der übrigen Flotte so, wie er bei Panormus gethan hatte, an die Küste auszusetzen und die Feinde zu Lande und zu Wasser zugleich zu überflügeln. Sein Plan würde nicht fehlgeschlagen sein, wären nicht die Römer, als sich die Tejer zu den Lieferungen bereit erklärten, um die Vorräthe in Empfang zu nehmen, mit ihrer Flotte lieber in den andern Hafen herumgegangen, der vor der Stadt liegt. Auch soll der Rhodier Eudamus dem Prätor die nachtheilige Lage jenes Hafens bemerklich gemacht haben, als sich zufällig zwei Schiffe in der engen Mündung so in einander verwickelten, daß sie die Ruder zerbrachen. Unter andern war für den Prätor auch dies ein Grund zur Verlegung der Flotte, daß ihm dort das feste Land gefährlich wurde, wo Antiochus mit seinem Lager in der Nähe stand. 29. Ohne das Mindeste zu ahnen, waren Soldaten und Schiffer, als sie die Flotte nach der Stadt herumgeführt hatten, ans Land gegangen, um die Vorräthe und hauptsächlich den Wein auf die Schiffe zu vertheilen; da meldete gerade um Mittag ein Landmann, den man vor den Prätor brachte: «Bei der Insel Macris stehe schon in den zweiten Tag eine Flotte, und kurz vorher habe er einige Schiffe Bewegungen machen sehen, als wollten sie auslaufen.» Der Prätor, durch die unerwartete Anzeige betroffen, ließ die Trompeter das Zeichen geben, daß die etwa auf dem Lande Zerstreuten zurückkommen sollten; die Obersten schickte er in die Stadt, um die Soldaten und Seeleute an Bord zu bringen. Nicht anders, als bei einer plötzlichen Feuersbrunst oder bei Erstürmung einer Stadt, stürzten Alle durch einander, weil die Einen 452 in die Stadt liefen, ihre Cameraden herauszurufen, die Andern aus der Stadt nach den Schiffen zurückrannten: Verwirrung kam durch das viele unverständliche Geschrei, zwischen dem die Trompeten durchschmetterten, Verwirrung selbst in die Befehle, doch strömte endlich Alles bei den Schiffen zusammen. Aber kaum konnte Jeder das seinige herausfinden oder vor Getümmel hinankommen; und die Verwirrung würde auf der See und auf der Küste gleich gefährlich geworden sein, wären nicht Ämilius und Eudamus, durch Theilung der Geschäfte unter sich, jener zuerst mit dem Hauptschiffe aus dem Hafen auf die Höhe ausgelaufen, wo er die nachfolgenden in Empfang nahm und jedes auf seinen Platz zur Schlachtreihe aufstellte; dieser mit der Rhodischen Flotte an der Küste stehen geblieben, damit die Leute sich ohne Unordnung einschiffen und alle Schiffe, so wie sie einzeln fertig waren, auslaufen konnten. So breiteten sich nicht nur die ersten unter des Prätors Augen in Linie aus, sondern auch die Rhodier schlossen sich als Hintertreffen an, und die Linie rückte geordnet, gleich als sähe sie die königliche Flotte vor sich, auf die Höhe vor. Sie waren zwischen Myonnesus und dem Vorgebirge Corycus, als sie den Feind erblickten. Auch die königliche Flotte, die in einem langen Zuge von zwei Gliedern herankam, breitete sich ebenfalls gegenüber in Linie aus, und dehnte ihren linken Flügel so lang, daß sie den rechten Flügel der Römer umfassen und umgehen konnte. Als Eudamus, der den Schluß des Zuges machte, gewahr wurde, daß die Römer nicht gleiche Linie halten könnten und beinahe schon auf ihrem rechten Flügel umgangen würden, so eilte er mit seinen Schiffen herbei – die Rhodischen aber waren bei weitem unter allen die schnellsten in der ganzen Flotte – und als er die Flügellänge ausgeglichen hatte, stellte er dem feindlichen Hauptschiffe, auf welchem Polyxenidas war, sein eignes entgegen. 30. Schon waren die ganzen Flotten auf allen Punkten zugleich mit einander im Gefechte. Auf Römischer Seite fochten achtzig Schiffe, worunter zweiundzwanzig Rhodische 453 waren. Die Flotte der Feinde bestand aus neunundachtzig Schiffen und hatte vom größten Baue drei Sechsruderer, zwei Siebenruderer. An Haltbarkeit der Schiffe und Tapferkeit der Fechtenden waren die Römer den königlichen weit überlegen, und die Rhodischen Schiffe an Schnelligkeit, an Geschicklichkeit ihrer Steuerleute und Fertigkeit der Ruderer. Doch hauptsächlich waren die Schiffe den Feinden furchtbar, welche Feuer vor sich her trugen; und was bei Panormus für die umringten Rhodier das einzige Rettungsmittel gewesen war, das gab auch jetzt den größten Ausschlag zum Siege. Denn wenn die königlichen Schiffe aus Furcht vor dem ihnen entgegen segelnden Feuer dem Zusammentreffen mit dem Vordertheil auswichen, so konnten sie selbst dem feindlichen Schiffe keinen Schnabelstoß geben und boten sich von der Seite den Stößen des andern dar. Ließ sich Eins mit dem Feinde ein, so wurde es mit eingeschüttetem Feuer überströmt; und sie waren bei dem Brande in größerer Verlegenheit, als im Kampfe. Am meisten wirkte indeß, wie gewöhnlich bei Schlachten, die Tapferkeit der Truppen. Denn als die Römer die Linie der Feinde in der Mitte durchbrochen hatten, warfen sie sich mit einer Schwenkung den gegen die Rhodier fechtenden königlichen Schiffen in den Rücken, und im Augenblicke waren nicht allein die Schiffe im Mitteltreffen des Antiochus, sondern auch die auf seinem linken Flügel umringten, zu Grunde gerichtet. Die noch unversehrten auf dem rechten schreckte mehr die Niederlage ihrer Mitstreiter, als eigne Gefahr: indeß als sie die übrigen besiegt, und das Hauptschiff des Polyxenidas, der seine Schlachtgenossen im Stiche ließ, davon segeln sahen, steckten sie eiligst die kleinen Segel auf – und zur Fahrt nach Ephesus hatten sie günstigen Wind – und nahmen die Flucht, nachdem sie in dieser Schlacht zweiundvierzig Schiffe verloren hatten, worunter dreizehn genommene den Feinden in die Hände fielen, und die übrigen verbrannt oder gesunken waren. Der Römischen Schiffe waren zwei zertrümmert, mehrere beschädigt. Ein Rhodisches Schiff wurde durch einen merkwürdigen Zufall genommen. Denn als es 454 mit seinem Schnabel ein Sidonisches Schiff durchbohrte, flog durch den Stoß der Anker aus seinem Schiffe und klammerte mit seinem krummen Zahne das Vordertheil des andern so fest, als wäre ihm ein eiserner Enterhaken angeworfen; und als die Rhodier, dadurch in Schrecken, um sich von dem feindlichen loszureißen, mit ihrem Schiffe rückwärts ruderten, streifte diesem das langgezogene und sich in die Ruder verwickelnde Ankertau die eine Seite ab: so verstümmelt wurde es von eben dem Schiffe genommen, welches auf den Schnabelstoß an ihm hangen geblieben war. So etwa wurde die Seeschlacht bei Myonnesus geliefert. 31. Hiedurch geschreckt gab Antiochus, welcher jetzt um den Besitz des Meeres gebracht, sich nicht getrauete, entfernte Plätze behaupten zu können, den Befehl, die Besatzung zu Lysimachien, damit sie nicht dort von den Römern gefangen genommen würde, abzuführen; eine, wie sich später aus der Sache selbst ergab, verkehrte Maßregel. Denn nicht allein das war leicht, daß sich Lysimachien gegen den ersten Angriff der Römer behauptete, sondern auch, daß es den ganzen Winter über eine Belagerung aushielt, die Belagerer selbst durch das lange Hinhalten auf den äußersten Mangel brachte; und während deß konnte man, wenn sich die Umstande boten, neue Friedensversuche einleiten. Und nicht bloß Lysimachien gab er nach dieser unglücklichen Seeschlacht den Feinden preis, sondern hob auch die Belagerung von Colophon auf, ging zurück nach Sardes und schickte von hier nach Cappadocien an den Ariarathes, um Hülfsvölker abholen zu lassen, und wohin er sonst konnte, um Truppen zusammenzubringen; nur noch auf den einzigen Gedanken gerichtet, eine entscheidende Schlacht zu liefern. Ämilius Regillus, der nach seinem Seesiege gegen Ephesus segelte, stellte seine Schiffe vor dem Hafen in Linie, und als er den Feinden das offenbare Geständniß, daß sie das Meer ihm räumten, abgezwungen hatte, schiffte er nach Chius, wohin von Samos aus seine Richtung schon vor der Seeschlacht gegangen war. Als er hier die 455 im Treffen beschädigten Schiffe ausgebessert hatte, schickte er den Lucius Ämilius Scaurus mit dreißig Schiffen nach dem Hellesponte, um das Heer überzusetzen: die Rhodischen Schiffe, die er mit einem Theile der Beute und mit Ehrenzeichen vom Seesiege beschenkte, sollten nach Hause gehen. Rasch kamen ihm die Rhodier zuvor, segelten hin, um die Truppen des Consuls überzusetzen, und als sie auch diesen Dienst geleistet hatten, dann erst kehrten sie nach Rhodus zurück. Die Römische Flotte ging von Chius nach Phocäa über. Diese Stadt liegt tief in einer Bucht am Meere: sie dehnt sich in die Länge. Die Mauer hat einen Umfang von zweitausend fünfhundert Schritten, dann zieht sie sich von beiden Seiten gleichsam in einen engeren Keil zusammen, welcher dort die Leuchte ( Lampter ) heißt. Hier beträgt die Breite tausendzweihundert Schritte. Eine Landzunge, die von hier ab tausend Schritte weit ins Meer ausläuft, durchschneidet den Meerbusen ungefähr in der Mitte wie ein Strich; wo sie mit der schmalen Landenge zusammenhängt, hat sie zwei sehr sichere, nach beiden Himmelsgegenden sehende Hafen. Den gegen Mittag nennen sie dort von der Sache selbst den Schiffstand ( Naustathmos ), weil er eine große Menge Schiffe faßt; der andre liegt dicht neben der Leuchte . 32. Als die Römische Flotte diese beiden äußerst sichern Hafen besetzt hatte, fand der Prätor für gut, ehe er die Mauern mit Sturmleitern oder durch Werke angriffe, einige hingehen zu lassen, um die Stimmung der Vornehmsten und der Obrigkeiten zu erfahren. Als er sie zum Widerstande entschlossen fand, fing er die Bestürmung auf zwei Stellen zugleich an. Der eine Theil der Stadt hatte nur wenig Wohnhäuser; die Göttertempel nahmen einen bedeutenden Raum ein: hier machte er den Anfang, mit dem angebrachten Sturmbocke Mauern und Thürme einzustoßen: nachher, als sich hier die Menge zur Vertheidigung aufstellte, ließ er den Mauerbrecher auch gegen den andern Theil anrücken: und schon wurden an beiden Stellen die Mauern niedergestreckt. Als bei ihrem Sturze die Römischen Soldaten selbst über die am Boden liegenden 456 Trümmer eindringen wollten, einige auch auf Leitern zu den Mauern hinanzusteigen suchten, leisteten die Bürger einen so hartnäckigen Widerstand, daß man deutlich sah, sie fanden größern Schutz in ihren Waffen und in ihrer Tapferkeit, als an ihren Mauern. Die Gefahr seiner Leute, die er jetzt bei ihrer Dreistigkeit einem vor Verzweiflung und Wuth rasenden Feinde nicht bloßstellen wollte, zwang den Prätor, zum Rückzuge blasen zu lassen. Auch jetzt nach aufgehobenem Kampfe dachten die Feinde nicht an Ruhe, sondern von allen Seiten liefen Alle zusammen, um die durch den Einsturz verursachten Lücken wieder zuzumauern und zu verrammen. Noch waren sie bei dieser Arbeit, als Quintus Antonius dazukam, der ihnen, vom Prätor abgeschickt, ihre Hartnäckigkeit verweisen und sie überzeugen sollte, «Daß die Römer mehr dafür sorgten, als sie selbst, den Kampf nicht zum Verderben der Stadt gereichen zu lassen. Wenn sie von ihrer Wuth ablassen wollten, so wolle er ihnen die Übergabe unter denselben Bedingungen zugestehen, auf die sie sich vormals in den Schutz des Cajus Livius gegeben hätten.» Als sie dies hörten, ließen sie sich fünf Tage Bedenkzeit geben, suchten während derselben beim Antiochus Hülfe, und als die an den König abgegangenen Gesandten ihnen meldeten, von ihm sei kein Beistand zu hoffen; da erst öffneten sie, unter der Bedingung, nicht als Feinde behandelt zu werden, ihre Thore. Obgleich der Prätor beim Einrücken in die Stadt bekannt gemacht hatte, er wolle der Bürger, weil sie sich ergeben hätten, schonen, so entstand doch von allen Seiten ein Geschrei: «Es sei unerhört, daß die Phocäer, diese niemals treuen Bundesgenossen, diese immer erbitterten Feinde, ihnen ungestraft entkommen sollten.» Und mit diesen Worten, gleich als habe der Prätor das Zeichen gegeben, zerstreuten sich die Soldaten durch die ganze Stadt zur Plünderung. Anfangs trat ihnen Ämilius in den Weg und rief sie mit den Worten um: «Erstürmte Städte plündere man, nicht aber übergebene; und selbst bei jenen hänge das von der Willkür des Feldherrn, nicht der Soldaten, ab.» Als ihnen aber Rache und Habsucht 457 mehr galten, als Feldherrnbefehl, ließ er durch in der Stadt herumgeschickte Herolde alle Freigebornen, um sie nicht mishandeln zu lassen, zu sich entbieten; und in Allem, was von ihm abhing, hielt ihnen der Prätor sein Wort. Er gab ihnen ihre Stadt, ihre Ländereien, ihre Gesetze wieder, und weil der Winter schon nahete, wählte er die Häfen von Phocäa, um hier mit der Flotte zu überwintern. 33. Ungefähr um diese Zeit lief bei dem Consul, als er die Gebiete von Änos und Maronea Aeniorum Maronitarumque]. – Die Römer kamen eher nach Maronea, als nach Änos. Sollten vielleicht die Abschreiber, was ihnen bei Namen so oft begegnet, die Worte Maronitarum Aeniorumque versetzt haben? Oder ist das que hier emphatisch so viel, als et – quoque, und es hieße dann: das Gebiet von Änos und folglich auch Maronea? zurückgelegt hatte, die Nachricht ein, die königliche Flotte sei bei Myonnesus geschlagen und Lysimachien von seiner Besatzung geräumt. Letzteres freute die Römer noch weit mehr, als der Seesieg; vollends als sie hinkamen, und eine Stadt sie aufnahm, die mit Vorräthen aller Art, als wären sie zur Ankunft des Heeres angeschafft, gestopft war, wo sie sich schon auf die höchste Noth und Anstrengung bei Belagerung der Stadt gefaßt gemacht hatten. Hier hatten sie einige Tage ihr Standlager, damit das Gepäck und die Kranken nachkommen möchten; da sie allenthalben in den kleinen Festungen Thraciens Kranke und vom langen Wege Ermüdete zurückgelassen hatten. Nachdem sie alle an sich gezogen hatten, machten sie sich wieder auf den Weg durch den Chersones, und kamen an den Hellespont, wo sie, weil König Eumenes Alles zum Übergange sorgfältig veranstaltet hatte, als wie auf Freundes Küsten, von niemand gehindert, und so, daß einige Schiffe hier, andre dort anfuhren, ohne die mindeste Unordnung übersetzten. Dies gab den Römern noch mehr Muth, da sie sahen, daß ihnen der Übergang nach Asien, bei dem sie sich eines harten Kampfes versehen hatten, nicht einmal gewehret wurde. Darauf hatten sie am Hellesponte eine Zeitlang ihr Standlager, weil gerade jetzt die für einen 458 zu unternehmenden Marsch bedenklichen Tage einfielen, in welchen die Ancilien umgetragen werden. Eben diese Feiertage, die den Publius Scipio, weil er Salischer Priester war, noch näher angingen, hatten ihn auch vom Heere getrennt gehalten, und bis er nachkommen konnte, gab schon sein persönliches Ausbleiben zu diesem längeren Aufenthalte die Veranlassung. 34. Gerade in diesen Tagen war als Gesandter vom Antiochus der Byzantiner Heraclides mit Anträgen zum Frieden in das Lager gekommen. Daß dieser zu erlangen stehe, machte ihm das Säumen und Zögern der Römer sehr wahrscheinlich; da er geglaubt hatte, so wie sie Asien beträten, würden sie gleich in fortstürzendem Zuge dem königlichen Lager zueilen. Doch nahm er sich vor, zum Consul nicht eher zu gehen, als zum Publius Scipio; auch hatte ihm dies der König befohlen. Auf diesen setzte er die größte Hoffnung; außerdem, daß seine Seelengröße und Sättigung an Ruhm ihm vor allen Andern eine Stimmung zur Versöhnlichkeit gab, und es den Nationen kund war, wie er sich als Sieger in Spanien und in Africa benommen hatte; auch deswegen, weil sein Sohn als Gefangener in des Königs Gewalt war. Wo und wann und durch welchen Unfall er Gefangener wurde, darüber sind die Schriftsteller, wie über so manches Andre, nicht ganz einig. Die Einen sagen, er sei im Anfange des Krieges auf der Fahrt von Chalcis nach Oreum von königlichen Schiffen umringt: die Andern: nach dem Übergange auf Asien sei er mit einem Geschwader Fregellanischer Reuterei gegen das königliche Lager auf Kundschaft ausgeschickt, sei auf dem Rückzuge, weil ein Schwarm königlicher Reuterei auf ihn heraussprengte, mit dem Pferde gestürzt, mit noch zwei Rittern übermannet und so vor den König gebracht. Darin aber sind Alle eins, daß er, selbst wenn der Friede mit Rom Bestand gehabt, und der König mit den Scipionen in einer engeren gastlichen Verbindung gestanden hätte, nicht anständiger, nicht gütiger habe behandelt und gehalten werden können, als er wirklich gehalten wurde. Da also der Gesandte aus diesen Gründen die 459 Ankunft des Publius Scipio abgewartet hatte, so begab er sich, als dieser ankam, zum Consul, und erbat sich für seine Anträge Gehör. 35. Nach Berufung eines zahlreichen Kriegsraths wurde dem Gesandten Gehör ertheilt. Er sagte: «Gerade aus dem Umstande, daß von den vielen des Friedens wegen schon früher vergebens hin und her gegangenen Gesandschaften alle diese früheren Gesandten nie etwas erlangt hätten, verspreche er sich, diesmal etwas auszurichten. Denn immer sei Smyrna, Lampsacus, Alexandria, Troas, und in Europa Lysimachien der Vorwurf jener Unterhandlungen gewesen. Von diesen Städten habe der König Lysimachien schon geräumt, so daß sie nicht sagen könnten, er habe Besitzungen in Europa: er sei bereit, jene in Asien liegenden Städte herauszugeben, und auch noch die, welche die Römer etwa, weil sie es mit ihnen gehalten hätten, von der königlichen Oberherrschaft befreit zu sehen wünschten. Auch wolle der König dem Römischen Volke die Hälfte der Kriegskosten abtragen.» Dies waren die Friedensbedingungen. Der übrige Inhalt seiner Rede war: «Sie möchten, des Wechsels in menschlichen Dingen eingedenk, in ihrer Lage sich mäßigen und Andre in der ihrigen nicht bedrängen. Sie möchten ihre Herrschaft auf Europa begränzen. Auch dann sei sie schon unermeßlich. Sie hätten sich bei dem Erwerbe leichter in den Besitz des Einzelnen setzen können, als sie das Ganze zusammenhalten könnten. Wenn sie jetzt auch von Asien ein Stück abreißen wollten, so werde der König, wofern sie nur die Gränzen nicht unbestimmt ließen, dem Frieden und der Eintracht zu Liebe, seine eigene Enthaltsamkeit gegen die Römische Erwerbsucht die nachgebende sein lassen.» Alles, was der Gesandte zur Erlangung des Friedens als Wichtigkeiten angesehen hatte, erschien den Römern als Kleinigkeit. Sie meinten: «Der König müsse die auf einen Krieg verwandten Kosten, an dessen Ausbruche er schuld sei, ganz tragen: ferner, nicht bloß aus Ionien und Äolis müßten die königlichen Besatzungen abgeführt 460 werden, sondern so wie Griechenland insgesamt frei gemacht sei, so müßten auch die Städte, die zu Kleinasien gehörten, insgesamt frei werden. Dies könne nicht anders möglich werden, als wenn Antiochus seinen ganzen Antheil an Kleinasien diesseit des Gebirges Taurus abträte.» 36. Al8 der Gesandte glaubte, er werde in einem Kriegsrathe nie annehmliche Bedingungen erhalten, so versuchte er, in einer besondern Unterredung – dazu hatte er ja den Auftrag – seine Einwirkungen auf den Publius Scipio zu machen. Gleich zuerst sagte er, der König werde ihm seinen Sohn ohne Lösegeld zurückgeben; und dann versprach er ihm, unbekannt mit Scipio's Geiste und Römischer Sitte, eine ansehnliche Summe Goldes, und, bloß mit Ausnahme des königlichen Titels, völlige Gemeinschaft des Throns, wenn der König durch ihn den Frieden erlangte. Hierauf antwortete Scipio: «Daß du die Römer alle, daß du mich, an den du abgeschickt bist, nicht kennest, wundert mich weniger, da ich sehe, daß dir selbst die Lage dessen unbekannt ist, von dem du kommst. Lysimachien mußtet ihr behaupten, um uns nicht in den Chersones eindringen zu lassen; oder uns am Hellesponte entgegentreten, um uns nicht nach Asien übergehen zu lassen, wenn ihr mit uns – angenommen, wir wären über den Erfolg des Krieges in Unruhe gewesen – einen Frieden unterhandeln wolltet. Jetzt, da ihr uns den Übergang nach Asien gestattet habt, nicht bloß den Zügel, sondern sogar das Joch euch habet auflegen lassen; was bleibt da noch für Unterhandlung als zwischen zwei gleichen Theilen übrig, wo der eine sich das Gebot gefallen lassen muß? Von der Freigebigkeit des Königs wird für mich mein Sohn das größte Geschenk sein; der übrigen möge – das hoffe ich zu den Göttern – meine Lage nie bedürfen! wenigstens soll mein Herz es nie. Für jenes mir gemachte große Geschenk wird er mich dankbar finden, wenn er den Dank des Privatmannes für die dem Privatmanne erwiesene Wohlthat wünschenswerth findet: in Beziehung auf den Stat werde ich so wenig 461 von ihm das Mindeste annehmen, als ihm geben. Was ich für jetzt geben kann, ist ein treu gemeinter Rath. Geh hin, sage ihm in meinem Namen, er solle vom Kriege abtreten und auch keiner Friedensbedingung sich weigern.» Auf den König blieb dies ohne Wirkung, und er hielt sich bei dem mißlichen Glückswurfe des Krieges immer noch gedeckt, wenn ihm gerade als einem schon jetzt Besiegten Gesetze vorgeschrieben würden. Ohne für jetzt des Friedens weiter zu erwähnen, richtete er seine ganze Sorge auf die Erfordernisse des Krieges. 37. Als der Consul nach allen Vorkehrungen zu Erreichung seiner Zwecke aus seinem Standlager aufgebrochen war, kam er zuerst nach Dardanum, von da nach Rhöteum; und aus beiden Städten strömten ihm die Bürger entgegen. Von hier rückte er nach Ilium vor, nahm sein Lager in der Ebene vor den Mauern, ging hinauf in die Stadt und zur Burg, und brachte der Minerva, der Schutzgöttinn der Burg, ein Opfer; und so wie die Ilier durch Thaten und Worte in allen ihren Ehrenbezeigungen die Römer als ihre Nachkömmlinge priesen, so freuten die Römer sich ihres Stammortes. Nach ihrem Aufbruche von hier kamen sie in sechs Märschen an die Quelle des Stromes Caicus. König Eumenes war anfangs Willens gewesen, mit seiner Flotte vom Hellesponte in die Winterquartiere nach Eläa zurückzugehen; weil ihn aber widrige Winde mehrere Tage lang gehindert hatten, um das Vorgebirge Lecton zu kommen, war er ans Land gegangen; und um nicht gleich bei dem Anfange der Unternehmungen zu fehlen, eilte er mit einer kleinen Bedeckung auf den nächsten Wegen ebenfalls hieher in das Römische Lager. Aus dem Lager mußte er, um Zufuhr zu besorgen, nach Pergamus zurückgehen, ließ das Getreide an die vom Consul dazu Ernannten abliefern und traf noch in eben diesem Standlager wieder ein. Von hier wollte man, als sich die Soldaten auf mehrere Tage mit Kost versorgt hatten, gegen den Feind gehen, ehe man vom Winter überrascht würde. Das Lager des Königs stand bei Thyatira. Als er hier erfuhr, Publius Scipio sei krank nach Eläa 462 gebracht, so schickte er Gesandte, die ihm seinen Sohn wiederbrachten. Dies war nicht allein dem Vaterherzen ein willkommenes Geschenk, sondern die Freude beförderte auch die körperliche Genesung des Scipio, und als er endlich in den Umarmungen des Sohns seine Sehnsucht gestillt hatte, sprach er: «Vermeldet dem Könige meinen Dank; sagt ihm, jetzt könne ich mich auf keine andre Art dankbar erweisen, als daß ich ihm riethe, sich nicht eher auf eine Schlacht einzulassen, bis er quam ut in castra]. – Perizonius will in diesem ut den Sinn eines ub oder postquam annehmen. Gronov und Crevier wollen es geradezu wegwerfen. Sollte nicht durch ein Versehen des Abschreibers dies ut in aus ubiin entstanden sein? Wenn er in dem i von ubi schon das i von in zu sehen glaubte, so blieb ihm nichts übrig, als ub in ut zu verwandeln. meine Rückkehr in das Lager erfahren habe.» Ließen gleich zweiundsechzig tausend Mann zu Fuß und mehr als zwölftausend zu Pferde die Aussicht des Königs auf eine Schlacht zuweilen nicht ohne Hoffnung, so hörte er doch auf das Wort eines so großen Mannes, auf den er bei dem ungewissen Ausgange des Krieges die ganze Rettung seines Glückes baute, zog sich über den Strom Phrygius zurück und nahm sein Lager bei Magnesia, welches am Sipylus liegt: und damit nicht etwa die Römer, wenn er Zeit gewinnen wollte, einen Angriff auf seinen Lagerwall thäten, so zog er einen sechs Ellen tiefen und zwölf Ellen breiten Graben herum, und den Graben umgab er von außen mit einem doppelten Walle; am inneren Rande führte er eine Mauer mit vielen Thürmen auf, um von da herab dem Feinde so viel leichter den Übergang über den Graben zu verwehren. 38. Der Consul, in der Meinung, der König stehe bei Thyatira , kam in ununterbrochenen Märschen am fünften Tage auf das Gefilde Hyrcanium herab. Als er hörte, er sei von hier aufgebrochen, folgte er seiner Spur und schlug diesseit des Stromes Phrygius viertausend Schritte vom Feinde sein Lager auf. Hier machten fast tausend Mann Reuterei, – größtentheils waren es Gallogräcier, mit einigen beigegebenen Dahen und berittenen Bogenschützen 463 von andern Völkern – die mit großem Lärmen über den Strom setzten, einen Angriff auf die Posten. Anfangs setzten sie diese, die nicht im Schlusse waren, in Schrecken. Als aber das Gefecht langer dauerte und die Römer, bei der Leichtigkeit, aus ihrem nahen Lager Hülfe zu bekommen, sich verstärkten, so machten sich die Königlichen, schon ermüdet und der verstärkten Anzahl nicht gewachsen, auf den Rückweg, und hatten am Ufer des Stromes, als sie ins Wasser gehen wollten, gegen ihre Verfolger einigen Verlust. Dann waren zwei ruhige Tage, in welchen niemand von beiden Theilen über den Strom setzte. Am dritten Tage kamen die Römer sämtlich zugleich herüber und schlugen etwa zweitausend fünfhundert Schritte vom Feinde ein Lager. Noch waren sie mit der Absteckung und Verschanzung beschäftigt, als dreitausend Mann auserlesener königlicher Truppen, Reuterei und Fußvolk, drohend und lärmend ankamen. Der Posten, bei weitem schwächer, aber doch zweitausend stark, behauptete sich nicht allein im Anfange des Gefechts, ohne jemand von der Arbeit am Lager abzurufen, sondern schlug auch bei fortgesetztem Kampfe den Feind wirklich, tödtete ihm hundert Mann und machte gegen hundert Gefangene. In den folgenden vier Tagen standen die Heere von beiden Seiten vor ihrem Walle in Schlachtordnung: am fünften rückten die Römer in die Mitte des Feldes vor. Der König aber kam mit seinen Reihen nicht näher, so daß sein Hintertreffen nicht einmal tausend Schritte von seinem Walle entfernt war. 39. Als der Consul den Feind die Schlacht verweigern sah, fragte er in einem Tags darauf berufenen Kriegsrathe an: «Was er thun solle, wenn sich Antiochus auf keine Schlacht einließe. Der Winter rücke heran. Entweder müsse man die Soldaten unter Zelten aushalten lassen, oder, wenn man Winterquartiere beziehen wolle, den Krieg bis in den Sommer verschieben.» Nie haben die Römer einen Feind so sehr verachtet. Von allen Seiten wurde gerufen: «Er möge sie sogleich gegen den Feind führen, und die Kampflust der Soldaten benutzen.» Und wirklich waren diese, nicht als hätten sie mit so viel 464 tausend Feinden fechten, sondern eben so viele Schafe niederhauen sollen, bereit, wenn der Feind nicht zum Treffen herauskäme, über Graben und Wälle ihm ins Lager zu brechen. Wie also Cneus Domitius, den der Consul ausschickte, den Weg in Augenschein zu nehmen und wo man dem feindlichen Walle beikommen könne, über Alles sichere Auskunft gab, so wurde beschlossen, am folgenden Tage mit dem Lager näher anzurücken, und am dritten Tage zogen die Truppen in die Mitte des Feldes und die Stellung der Linie begann. Und Antiochus, der auch nicht länger zaudern zu müssen glaubte, damit er nicht durch Verweigerung des Treffens seinem Heere den Muth schwäche und des Feindes Vertrauen verstärke, führte ebenfalls seine Truppen aus und schritt vom Lager so weit vor, daß man sah, er wolle schlagen. Die Römische Schlachtordnung war sowohl in Betracht der Männer, als der Waffen, beinahe einförmig. Sie hatte zwei Legionen Römer und zwei duae socium ac Latini]. – Das mit Recht von Crev. und Drak. eingeschaltete Wort alae möchte ich lieber auf das Wort socium folgen lassen, weil es dann wahrscheinlich wird, daß dies ale durch das gleich folgende acl verdrängt wurde. Also: duae socium alae ac Latini nom. In der Übersetzung der gleich folgenden Worte: quina millia et quadringenos singulae habebant, habe ich, weil quadringenos in Beziehung auf die Legionen unrichtig ist, wie Duker aus vielen Stellen, selbst des Livius, beweiset, eine Lücke gelassen. Quadringenos sollte ich, so wie es dasteht, nicht übersetzen, und das von Duker vorgeschlagene ducenos nehme ich aus Gründen nicht statt quadringenos an: denn ich möchte mir das durch alle Handschriften, selbst durch die, welche irrig quadragenos lesen, gesicherte quadringenos nicht nehmen lassen. Wären von vier C (CCCC) zwei verblichen, so konnte der Abschreiber quadringenos in ducenos verwandeln. Daß aber zu CC noch einmal CC hinzugesetzt und ducenos in quadringenos übergegangen sei, ist unwahrscheinlicher. Zum Andern: so richtig hier Duker durch ducenos die Zahl der Legionen bestimmt, so leiden doch dagegen durch dies ducenos die ungleich stärkern alae sociorum. Duker und Drakenborch helfen sich durch die Vermuthung, daß die Latiner von ihrer Überzahl schon zur Besetzung der unterwegs an die Römer übergegangenen Städte abgegeben hätten. Folgt aber daraus ein so genaues Zusammentreffen, daß auf Seiten der Latiner ganz und gar kein Überschuß blieb? Dies und die Rücksicht auf quadringenos bringen mich auf folgende Vermuthung. Wenn Livius geschrieben hätte: duae legiones Romanae, duae socium alae ac Latini nominis erant: quina millia et ducenos illae, alae quina millia et quadringenos singulae habebant, und der Abschreiber verlief sich aus dem ersten quina millia in das zweite, so fielen die cursiv gedruckten Worte aus und unser et quadringenos blieb stehen. Appian hilft hier durch seine Angabe nicht, weil er die Einen und die Andern in runder Summe jede zu 10,000 berechnet, und die überzähligen Hunderte bei Beiden auslässet. Daß wir durch die gewonnenen 400 der von Appian auf 30,000 angegebenen Summe des Ganzen noch etwas näher kommen, mag ich selbst nicht einmal in Anschlag bringen. Abtheilungen 465 Bundesgenossen: jede bestand aus fünftausend und ..... Mann. Im Mittelpunkte standen die Römer, auf den Flügeln die Latiner. Das erste Treffen machten die Hastaten aus, auf diese folgten die Principes, zuletzt schlossen die Triarier. Außerhalb dieser gleichsam schon für sich bestehenden Linie ließ der Consul ihr zur Rechten die unter die beschildeten Achäer gemischten Hülfstruppen des Eumenes, beinahe dreitausend Mann Fußvolk, in gleicher Linie auftreten: noch weiter nach außen stellte er die Reuterei auf, nicht volle dreitausend Mann, worunter achthundert vom Eumenes, alle Übrigen Römische Reuterei waren. Den äußersten Platz gab er den Trallen und Cretensern: beide zusammen machten fünfhundert Mann aus. Der linke Flügel schien solcher Hülfstruppen nicht zu bedürfen, weil ihn der Fluß und abschüssige Ufer deckten; doch wurden auch hier vier Geschwader Reuterei aufgestellt. Dies war Alles, was die Römer an Truppen hatten, außer noch zweitausend Mann, aus Macedoniern und Thraciern gemischt, welche als Freiwillige mitgegangen waren. Diese wurden als Besatzung im Lager zurückgelassen. Sechzehn Elephanten bekamen ihren Platz als Rückhalt hinter den Triariern. Denn außerdem, daß sie wahrscheinlich der Menge der königlichen Elephanten – ihrer waren vierundfunfzig – nicht Stand halten konnten, können selbst bei gleicher Anzahl die Africanischen den Indischen nicht widerstehen, entweder weil sie von ihnen an Größe – denn darin haben diese bei weitem den Vorzug – oder an Ausdauer im Muthe übertroffen werden. 40. Die Linie des Königs war in ihren vielen Völkerschaften, bei der Verschiedenheit der Waffen und Hülfstruppen, weit bunter. Sechzehntausend Mann zu Fuß, Phalangiten genannt, waren Macedonisch gewaffnet. Im Mittelpunkte aufgestellt, hatten sie auf der Stirnbreite fünfhundert Haec media acies fuit in fronte]. – Die beiden letzten Worte erklärt Crevier für unnütz. Ja, ich glaube sogar, sie führen uns, wenn sie so ohne eine Zahl allein stehen, auf die falsche Vermuthung, daß dieses Centrum der Armee noch einen Rückhalt oder Hintertreffen gehabt habe, wovon aber Livius nichts sagt, und was auch bei der Tiefe von 32 Gliedern nicht nöthig war. Crevier vermuthet, wie ich glaube, sehr richtig, daß hier das Wort quingentorum ausgefallen sei; und wie leicht konnte die Zahl, durch D ausgedrückt – vollends, wenn dem Abschreiber fuit din fronte dictirt wurde – hier ausfallen! Ich lese also: Haec media acies fuit quingentorum in fronte. Auch beim Appian kommen, wie Crev. bemerkt, die Fünfhundert auf die Fronte, nur berechnet er sie nach den 10 Abtheilungen jede zu 50. ες δέκα μέρη· καὶ τούτων εκάστου μέρους η̃σαν ΕΠΙ ΤΟΥ μὲν ΜΕΤΩΠΟΥ πεντήκοντα άνδρες. Mann in zehn Abtheilungen: diese trennte er 466 durch zwei zwischen jeder Abtheilung aufgepflanzte Elephanten. Von der Stirnseite nach innen breiteten sich diese Truppen in zweiunddreißig Glieder aus. Sie waren der Kern des königlichen Heeres und gewährten eben sowohl durch ihr übriges Äußere, als durch die so hoch zwischen den Bewaffneten herausragenden Elephanten, einen fürchterlichen Anblick. Diese gehörten schon zu den sehr großen, und was ihnen noch mehr Ansehen gab, waren ihr Stirnschmuck, ihr Federbusch, der auf ihren Rücken gelagerte Thurm und vier Bewaffnete, die noch außer dem Lenker auf jedem Thurme standen. Den Phalangiten zur rechten Seite stellte er tausend fünfhundert Gallogräcische Reuter auf, Mit diesen verband er dreitausend Mann schwergepanzerte Reuter; sie hießen Cataphracten, und als Zugabe noch ein Geschwader von beinahe tausend Reutern, Agema Agema]. – Agema genannt. Ich behalte das Wort bei, ohne es zu verdeutschen. Denn wenn ich es durch Zug, Sturm, die Durchbrecher, die Staunenswerthen übersetzen wollte, würde jede dieser Auslegungen ihren Gewährsmann finden. genannt. Es waren Meder, auserlesene Männer, und aus vielen Völkern jener Gegend zusammengebrachte Reuter. An diese schloß sich als Rückhalt eine Heerde von sechzehn Elephanten: eben da stand auf etwas hervor gedehntem Flügel die Königscohorte, von ihrer Rüstung die Silberschildner genannt. Dann die Dahen, berittene Bogenschützen, tausend zweihundert. Weiter hin dreitausend Leichtbewaffnete, zum Theile Cretenser, zum Theile Trallen, beide fast in gleicher Anzahl. Ihnen waren zweitausend fünfhundert Mysische Bogenschützen zugegeben. Den Flügel 467 schlossen auf der Ecke viertausend Cyrtäische Schleuderer und Elymäische Bogenschützen unter einander gestellt. Auf dem linken Flügel stießen an die Phalangiten tausend fünfhundert Gallogräcische Reuter, und in ähnlicher Rüstung zweitausend Cappadocier: Ariarathes hatte sie dem Könige geschickt. Dann folgten zweitausend siebenhundert Mann Hülfsvölker aller Art unter einander, und dreitausend schwergepanzerte Reuter, und noch andere tausend, das sogenannte Königsgeschwader, mit den vorigen fast von gleicher Rüstung, außer daß Mann und Roß leichtere Panzer hatten; meistentheils Syrer, mit Phrygiern und Lydiern untermischt. Vor dieser Reuterei standen die vierspännigen Sichelwagen und die dort Dromedare genannten Kameele. Auf diesen saßen Arabische Bogenschützen mit schmalen Degen, vier Ellen lang, um von einer solchen Höhe herab den Feind erreichen zu können. Dann folgten noch die übrigen Truppen, mit denen auf dem rechten Flügel in gleicher Stärke; zuerst Tarentiner, dann zweitausend fünfhundert Gallogräcische Reuter, ferner tausend Neucretenser, und mit diesen in gleicher Rüstung tausend fünfhundert Carier und Cilicier, eben so viele Trallen, ferner dreitausend Rundschildner; – dies waren Pisiden, Pamphylier und Lycier – dann eben so viele Cyrtäische und Elymäische Hülfsvölker, als auf dem rechten Flügel standen, und in einiger Entfernung sechzehn Elephanten. 41. Der König selbst war auf dem rechten Flügel: seinen Sohn Seleucus und seines Bruders Sohn Antipater setzte er über den linken; das Mittelheer übergab er Dreien, dem Minio, Zeuxis und Philipp, dem Vorgesetzten der Elephanten. Ein Morgennebel, der mit zunehmendem Tage als Gewölk aufstieg, verbreitete eine Dunkelheit; und, wie bei Regenwinde, durchzog seine Feuchtigkeit Alles. Beides war den Römern gar nicht, den Königlichen sehr nachtheilig. Denn das trübe Licht benahm den Römern in einer so mäßigen Linie die Übersicht aller Theile keinesweges; und die Feuchtigkeit konnte bei ihrer größtentheils schweren Rüstung die Schwerter oder Wurfspieße 468 nicht stumpfen. Allein die Königlichen in einer so langen Linie konnten nicht einmal aus dem Mittelpunkte ihre Flügel, viel weniger auf beiden Ecken sich unter einander erkennen; und die Feuchtigkeit machte ihre Bogen und Schleudern und die Riemen ihrer Wurfpfeile schlaff. Auch die vierspännigen Sichelwagen, wodurch Antiochus die feindliche Linie in Unordnung zu bringen gehofft hatte, brachten den Schrecken über sein eignes Heer. Die Art ihrer Bewaffnung war etwa folgende. Sie hatten an der Deichsel gleich Hörnern cuspides circa temonem ab iugo decem cubita]. – Diese von Drakenb. Crevier für unrichtig anerkannte Lesart ist, wie ich vermuthe, aus cuspides duas circa temonem ab iugo duo item cubita exstantes entstanden. Die Silbe des in cuspides verschlang das Wort duas, und aus duoitem oder II.item entstand das Ungeheuer decem. Zehn Ellen lang konnten die Spieße nicht sein, wenn sie nicht brechen oder eben wegen dieser Länge mit der vorderen Spitze auf der Erde schleppen sollten: und so wie ihnen Livius die Länge von zwei Ellen giebt, giebt ihnen Xenophon drei Spannen (τρισπίθαμα). Zehn Spieße konnten es nicht sein, sonst hätten sie, wie man in der Abbildung bei Scheffer sehen kann, als ein zusammengefaßtes Bündel Einen Feind unnützer Weise zehnfach durchstochen. Auch Potter hat in der Abbildung nur zwei von der Deichsel hervorragende Spieße gegeben; doch scheinen sie auch hier näher zusammengestellt, als sie billig sollten. Ich glaube, Livius würde weiter hin nicht gesagt haben: et in extremis iugis binae, sondern ohne et, bloß: in extremis iugis binae, wenn er nicht durch dies et auf gleichfalls zwei im Vorhergehenden Rücksicht genommen hätte; auch Xenophons άλλα δύο ( noch andere zwei ) scheint eben das anzudeuten. zwei ebenfalls zwei Ellen lang vor dem Wagen herausstehende Spieße, die Alles, was ihnen entgegen kam, durchbohren sollten: auch an der Hinterwage ragten an jeder Seite zwei Sicheln hervor; die eine mit dem Wagen in gleicher Höhe, die andre niedrigere sich abwärts zur Erde senkend; jene sollte Alles, was ihr von der Seite in den Wurf kam, durchschneiden; diese die Gefallenen und Unterkriechenden erreichen: und so waren wieder zwei Sicheln auf beiden Seiten an den Axen der Räder in eben so verschiedener Richtung befestigt. Diese so bewaffneten Wagen hatte der König, wie ich vorhin sagte, vor der Linie aufgestellt, weil sie, wenn er ihnen ihren Platz hinten oder in der Mitte gegeben hätte, durch seine Leute hätten durchfahren müssen. Als dies Eumenes sah, der mit dieser Art des Gefechts bekannt 469 war, und wußte, wie mißlich dies Hülfsmittel sei, wenn man, statt einen förmlichen Angriff zu thun, lieber die Pferde scheu machte; so ließ er die Cretensischen Bogenschützen, die Schleuderer und berittenen Wurfschützen, nicht im Schlusse, sondern so viel möglich vereinzelt gegen sie heransprengen, und sie von allen Seiten zugleich mit Pfeilen beschießen. Nicht anders als ein Wettersturm machte dies die Pferde theils durch die ihnen von allen Seiten her mit Geschossen beigebrachten Wunden, theils durch das mistönende Geschrei so wild, daß sie plötzlich, wie zügellos, ohne Bahn zu halten, hier und dorthin rannten. Auch wichen ihrem Anlaufe die Leichtbewaffneten, die flinken Schleuderer und der schnelle Cretenser ohne Mühe aus; durch die nachsetzende Reuterei wurde unter den Pferden und eben so scheu gewordenen Kameelen das Getümmel und der Schrecken noch größer, und hierzu kam noch das mannigfaltige Geschrei der übrigen auf den Seiten sie umgebenden Menge. So wurden die Wagen aus dem Felde zwischen beiden Linien hinausgedrängt, und als dies leere Possenspiel entfernt war, da erst erhob man sich auf das von beiden Seiten gegebene Zeichen zum förmlichen Angriffe. 42. Gleichwohl wurde diese Posse die Veranlassung zu der bald nachher eintretenden wirklichen Niederlage, Denn da die als Rückhalt aufgestellten Hülfstruppen, die den Sichelwagen zunächst standen, voll Schrecken über die scheu gewordenen und durch einander stürzenden Gespanne, ebenfalls die Flucht nahmen, so entblößten sie den ganzen Flügel bis an die schwergepanzerten Reuter. Und als die Römische Reuterei nach Zerstreuung jenes Rückhalts an diese kam, hielten diese auch nicht einmal den ersten Angriff aus; theils wurden sie verjagt, theils wegen der Schwere ihrer Panzer und Waffen niedergemacht. Jetzt bekam der ganze linke Flügel eine Beugung; und da nun die zwischen der Reuterei und den sogenannten Phalangiten aufgestellten Hülfsvölker geworfen waren, so ging der Schrecken auf das Mitteltreffen über. Hier geriethen die 470 Glieder in Unordnung und zugleich Ibi simul perturbati]. – Auch Crevier setzt mit Sigonius vor die Worte intulere signa ein Punctum. Dann ist dies simul nicht so viel, als simulac, sondern ein bloßes zugleich. konnten sie von ihren überlangen Lanzen – sie heißen bei den Macedoniern Sarissen – keinen Gebrauch machen. Die Römischen Legionen rückten an und beschossen sie in ihrer Unordnung noch mit Wurfpfeilen. Nicht einmal die zwischengepflanzten Elephanten schreckten den Römischen Soldaten zurück, da er schon seit den Africanischen Kriegen gewohnt war, dem Anlaufe eines solchen Ungeheuers auszuweichen, und ihm von der Seite entweder mit Wurfpfeilen zuzusetzen, oder ihm, wenn er in der Nähe daran kommen konnte, mit dem Schwerte die Kniekehle abzuhauen. Von vorn her war fast das ganze Mitteltreffen schon zu Boden gestreckt; das umgangene Hintertreffen wurde im Rücken niedergehauen; da sahen die Römer auf der andern Seite die Flucht der Ihrigen, und vernahmen das Geschrei von denen, die in ihrem eignen Lager fast schon in Noth waren. Antiochus nämlich hatte von seinem rechten Flügel, weil er sah, daß die Römer hier, durch den Fluß gesichert, keinen stärkern Rückhalt, als die vier Geschwader Reuterei, aufgestellt hatten, und daß diese, um sich den Ihrigen anzuschließen, das Ufer bloßgaben, mit seinen Hülfstruppen und der schwergepanzerten Reuterei auf dieser Seite einen Angriff gethan, und drang nicht bloß von vorn ein, sondern bedrängte auch diesen auf der Seite des Flusses umgangenen Flügel in der Flanke, so daß zuerst die geschlagene Reuterei und dann auch das zunächst stehende Römische Fußvolk nach ihrem Lager getrieben wurde. 43. Über das Lager war der Oberste Marcus Ämilius gesetzt, ein Sohn desjenigen Marcus Lepidus, der wenige Jahre nachher Gerade 10 Jahre nachher, im J. R. 572. S. B. 40. Cap. 42. Hoherpriester wurde. Als er die Seinigen fliehen sah, rückte er ihnen mit seiner ganzen Besatzung entgegen. Zuerst befahl er ihnen, Stand zu halten; dann, ins Treffen zurückzukehren, und schalt auf ihre 471 Bestürzung und schimpfliche Flucht. Nun folgte die Drohung, sie würden, wenn sie sich an seinen Befehl nicht kehrten, blindlings in ihr Verderben rennen. Zuletzt gab er den Seinigen das Zeichen, die vordersten Flüchtlinge niederzuhauen und den Schwarm, der Nachfolgenden durch Schwertschlag und Wunden auf den Feind zurückzutreiben. Diese größere Besorgniß überwand die kleinere. Von zwei Seiten bedroht, machten sie anfangs Halt; dann gingen nicht sie allein in das Treffen zurück, sondern auch Ämilius that mit seiner Besatzung – es waren zweitausend tapfre Männer – dem als Verfolger heranstürzenden Könige nachdrücklich Widerstand. Auch Attalus, des Eumenes Bruder, kam vom rechten Flügel, von welchem der feindliche linke gleich beim ersten Angriffe geschlagen war, als er die Flucht der Seinigen auf dem linken Flügel und das Gewühl in der Nähe des Lagers sah, zu rechter Zeit mit zweihundert Reutern herbei. Als Antiochus die Truppen, die ihm eben noch den Rücken zugekehrt hatten, das Gefecht erneuern, und hier einen andern Schwarm aus dem Lager, dort aus der Linie herbeiströmen sah, wandte er sein Pferd zur Flucht um. So zogen die Römer, auf beiden Flügeln Sieger, über die Haufen von Leichen, die sie vorzüglich im Mittelpunkte des Treffens über einander gestreckt hatten, weil hier die Kerntruppen theils ihre Tapferkeit, theils die schwere Rüstung nicht fliehen ließ, gerade auf das Lager zu, um es zu plündern. Des Eumenes Reuter, allen andern voran, und ihnen nach auch die übrige Reuterei, verfolgten überall im ganzen Felde die Feinde, und hieben die Letzten, so wie sie sie erreichten, nieder. Allein zu größerem Verderben gereichte den Fliehenden Pestis, intermixtis]. – Crevier wünschte, vor intermixtis möchte ab stehen. Dann würde freilich die Verbindung ungezwungener. Nach meiner Vermuthung entstand das et vor sua ipsorum turba aus dem t des voraufgegangenen erat. Dann hinge maior pestis sua ipsorum turba zusammen. ihr eignes mit Sichelwagen, Elephanten, Kameelen sich mischendes Gewühl, in welchem sie ohne Gliederschluß, wie blind einer über den andern fortstürzend, 472 von den zwischenlaufenden Thieren zertreten wurden. Auch im Lager erfolgte ein schreckliches Gemetzel, fast größer noch, als in der Schlacht. Denn die ersten Scharen der Fliehenden hatten meistens ihre Richtung nach dem Lager genommen, und im Vertrauen auf diese Menge vertheidigte die Besatzung ihren Wall so viel hartnäckiger. Als nun die Römer, aufgehalten in Thoren und vor einem Walle, welche sie im ersten Anlaufe zu erobern gehofft hatten, dennoch endlich durchbrachen, so vergossen sie in der Erbitterung des Blutes so viel mehr. 44. An funfzigtausend zu Fuß und dreitausend von der Reuterei sollen an diesem Tage getödtet sein. Der Gefangenen waren tausend vierhundert; auch funfzehn Elephanten mit ihren Lenkern. Die Römer hatten mehrere Verwundete; an Gefallenen nicht über dreihundert vom Fußvolke, vierundzwanzig von der Reuterei, und fünfundzwanzig vom Heere des Eumenes. Für heute kehrten die Sieger, nach Plünderung des feindlichen Lagers, mit großer Beute in das ihrige zurück; am folgenden Tage zogen sie die Erschlagenen aus und brachten die Gefangenen zusammen. Von Thyatira und Magnesia am Sipylus kamen Gesandte, welche ihre Städte übergaben. Antiochus, der nur von Wenigen begleitet floh, erreichte doch mit einer ziemlichen Bedeckung von Soldaten, weil sich Mehrere unterweges angeschlossen hatten, beinahe um Mitternacht Sardes. Von hier brach er, weil er hörte, sein Prinz Seleucus sei schon mit einigen Günstlingen nach Apamea vorausgegangen, ebenfalls mit seiner Gemahlinn und Tochter um die vierte Nachtwache nach Apamea auf, nachdem er den Zeno zum Befehlshaber in der Stadt, den Timon zum Statthalter in Lydien gemacht hatte. Doch ohne sich an diese zu kehren, schickte man von Sardes mit Übereinstimmung der Bürger sowohl, als der Soldaten auf der Burg, Gesandte an den Consul ab, 45. Fast zu gleicher Zeit kamen von Tralles, von Magnesia jenseit des Mäander, und von Ephesus Gesandte, welche ihre Städte übergaben. Ephesus hatte Polyxenidas auf die Nachricht von der Schlacht verlassen, 473 und da er mit der Flotte bis nach Patara in Lycien gesegelt war, war er aus Furcht vor dem Posten Rhodischer Schiffe, der bei Megiste stand, ans Land gegangen und machte nur mit Wenigen die Reise nach Syrien zu Lande. Die Städte Kleinasiens gaben sich in den Schutz des Consuls und unter die Landeshoheit des Römischen Volks. Der Consul war schon zu Sardes. Dahin kam auch von Eläa Publius Scipio, sobald er die Beschwerde der Reise ertragen konnte. Ungefähr um dieselbe Zeit suchte und erhielt ein Herold des Antiochus durch den Publius Scipio bei dem Consul für seinen König die Erlaubniß, Gesandte zu schicken. Wenige Tage nachher kamen Zeuxis, gewesener Statthalter von Lydien, und Antipater, des Königs Brudersohn. Zuerst besuchten sie den Eumenes, von dem sie sich, der alten Streitigkeiten wegen, einer vorzüglichen Abneigung gegen den Frieden versahen; und als sie ihn über ihre und ihres Königs Erwartung versöhnlich fanden, so ließen sie sich nun beim Publius Scipio einführen, und durch ihn bei dem Consul: auf die Bitte, ihre Aufträge vorlegen zu dürfen, wurden sie einem zahlreichen Kriegsrathe vorgestellt, und Zeuxis sprach: «Wir haben nicht sowohl von unsrer Seite einen Vortrag zu thun, als vielmehr bei euch, ihr Römer, anzufragen, mit welchem Sühnopfer wir den Fehltritt des Königs büßen und von den Siegern Frieden und Verzeihung erlangen können, Immer habt ihr mit der höchsten Großmuth besiegten Königen und Völkern verziehen. Mit wie viel höherer Großmuth und Versöhnlichkeit müßt ihr jetzt dasselbe in einem Siege thun, der euch zu Beherrschern des Erdkreises gemacht hat! Mit Aufgebung alles Unfriedens gegen die Sterblichen überall, müßt ihr eben so wie die Götter, des menschlichen Geschlechts euch annehmen und seiner schonen.» Schon vor der Ankunft der Gesandten war die ihnen zu gebende Antwort bestimmt, und Africanus sollte sie geben. Seine Worte sollen etwa folgende gewesen sein: «Was wir Römer an solchen Gütern besitzen, welche von der Gewalt der unsterblichen Götter abhingen, darin 474 erkennen wir der Götter Geschenk. Unser Sinn, dies Eigenthum unsers Geist es, der uns in allen Schicksalen blieb, bleibt auch jetzt derselbe: er überhob sich weder im Glücke, noch stimmte Unglück ihn herab. Hierüber würde ich euch, mit Übergehung aller Andern, euren Hannibal zum Zeugen geben, wenn ich nicht diese Zeugen in euch selbst aufstellen könnte. Dieselben Forderungen, die wir nach unserm ersten Übergange über den Hellespont an euch machten, ehe wir noch des Königs Lager, ehe wir noch seine Linie erblickten; die wir an euch machten, als wir vom Mars den Sieg uns noch beide versprachen und der Ausgang des Krieges noch ungewiß war; die wir, als ihr auf den Frieden antruget, als Gleich an Gleich an euch machten, eben diese machen wir jetzt als Sieger an unsre Besiegten. Enthaltet euch Europa's, und tretet ganz Kleinasien ab, so weit es diesseit des Gebirges Taurus liegt. Als Kriegskosten sollt ihr uns funfzehntausend Euböische Das Euböische Talent betrug nach Creviers kleinerer Ausgabe (er hat auch eine größere) 40 Minen – (das Attische hatte 60) – oder 52 Pariser Mark, oder 1,048 Gulden nach dein Zwanzigguldenfuße. Dann betrüge die ganze Summe 18,650,000 Gulden. S. unten XXXVIII. 9. Talente zahlen; fünfhundert sogleich; zweitausend fünfhundert dann, wenn Roms Senat und Volk den Frieden genehmigen; dann zwölf Jahre nach einander tausend Talente. Auch an den Eumenes müßt ihr fünfhundert Talente entrichten, und den Rückstand von dem Getreide, das ihr seinem Vater liefern mußtet. Wenn wir diese Bedingungen machen, so wird es zwar eine Art von Unterpfand sein, das uns die Erfüllung von eurer Seite sichert, wenn ihr uns nach unsrer Auswahl vierzig Geisel stellt; allein nie werden wir die Gewißheit haben, daß da für Römer Friede sei, wo Hannibal ist. Vor allen Dingen fordern wir seine Auslieferung. Auch den Ätoler Thoas, den Urheber des Krieges mit den Ätolern, der euch im Vertrauen auf sie, und sie in Vertrauen auf euch gegen uns bewaffnete, müßt ihr uns herausgeben, und mit ihm den Acarnanen Mnasilochus, und die 475 beiden Chalcidier Philo und Eubulidas. Jetzt wird der König in seiner schlimmern Lage Frieden machen, weil er ihn später macht, als er ihn machen konnte. Sollte er jetzo säumen, so mag er sich gesagt sein lassen, daß es schwieriger ist, Könige vom höchsten Gipfel ihrer Würde zur Mittelstufe herab zu nöthigen, als sie von der Mittelmäßigkeit in das tiefste Untenhin zu stürzen.» Die Gesandten waren vom Könige mit der Vollmacht abgeschickt, jede Friedensbedingung anzunehmen. Also kam es zu dem Beschlusse, Gesandte nach Rom zu schicken. Der Consul vertheilte die Truppen auf die Winterquartiere nach Magnesia am Mäander, nach Tralles und Ephesus. Wenig Tage nachher wurden die Geisel vom Könige nach Ephesus an den Consul geliefert; und die nach Rom bestimmten Gesandten trafen ein. Mit den königlichen Gesandten reiste auch Eumenes zu gleicher Zeit nach Rom. Ihnen folgten die Gesandschaften der sämtlichen Völker Kleinasiens. 46. Während dieser Verrichtungen in Asien kehrten ungefähr um dieselbe Zeit zwei Proconsuln von ihren Standplätzen mit der Hoffnung auf einen Triumph nach Rom zurück; Quintus Minucius aus Ligurien, Manius Acilius aus Ätolien. Nachdem die Väter Beide über ihre Thaten vernommen hatten, verweigerten sie dem Minucius den Triumph, bewilligten ihn aber mit großer Übereinstimmung dem Acilius, und er zog wegen seines Sieges über den König Antiochus und die Ätoler triumphirend in Rom ein. In dem Triumphe wurden seinem Wagen voraufgetragen zweihundert und dreißig Fahnen; an unverarbeitetem Silber dreitausend Dreitausend Pfund Silber sind nach Crevier etwa 93,748 Gulden. Auch die Vierdrachmen sind Gulden, und die Cistophoren haben jeder etwa den Werth eines halben Guldens. Unrichtig ist es, wenn Crevier und Andere den Namen der Münze Cistophorus so erklären, quod in eo κιστοφόροι essent expressi cum mystica Bacchi cista, da doch nach Eckhel die Münze keine Kistenträger zeigte, sondern selbst metaphorisch Kistenträger hieß, weil nicht die Personen mit einer cista, sondern die cista selbst darauf abgebildet waren. Pfund; an gemünztem hundert dreizehntausend Attische Vierdrachmenstücke; 476 zweihundert achtundvierzig tausend Cistophoren (Kistegulden); auch viele silberne Gefäße von getriebener Arbeit und großer Schwere. Auch ließ er silbernes Geräth des Königs vorantragen und prächtige Kleidungsstücke; fünfundvierzig goldene Kränze, von verbündeten Staten ihm geschenkt, und erbeutete Rüstungen aller Art. Der vortretenden Gefangenen von Stande waren sechsunddreißig, theils Ätolische, theils Syrische Anführer. Einige Tage vorher war der Ätolische Feldherr Damocritus bei Nacht dem Kerker entlaufen, und als ihn am Tiberufer die Wache einholte, durchstach er sich, ehe sie ihn greifen konnte, mit seinem Schwerte. Bloß das Gefolge des Wagens, die Soldaten, fehlten; übrigens verherrlichte den Triumph der prachtvolle Anblick und der Thatenruhm. Die Freude über diesen Triumph wurde durch die traurige Nachricht aus Spanien gemindert, daß in einer unglücklichen Schlacht gegen die Lusitanier im Vastetanischen Gebiete unter der proconsularischen Anführung des Lucius Ämilius bei der Stadt Lycon das Römische Heer sechstausend Mann verloren habe. Die Übrigen hätten sich in voller Bestürzung hinter ihren Wall geflüchtet, das Lager nur mit Mühe behauptet, und wären dann, wie auf der Flucht, in Zwangmärschen auf Freundesgebiet zurückgeführt. So weit die Nachricht aus Spanien. Aus Gallien kamen Gesandte von Placentia und Cremona, die der Prätor Lucius Aurunculejus dem Senate vorstellte. Auf ihre Klage über die Verringerung ihrer Mitpflanzer, welche theils durch Unfälle des Krieges, theils durch Krankheit, weggerafft, zum Theile auch aus Überdruß der Gallischen Nachbarschaft weggezogen waren, beschloß der Senat: «Der Consul Cajus Lälius sollte, wenn er es für nöthig hielte, sechstausend Familien zur Vertheilung auf diese Pflanzstädte sich einschreiben lassen, und der Prätor Lucius Aurunculejus die Dreimänner zur Ausführung dieser Pflanzbürger wählen lassen.» Die gewählten waren Marcus Atilius Serranus, Lucius Valerius Flaccus, des Publius Sohn, Lucius Valerius Tappo, Sohn des Cajus . 47. Nicht lange nachher kam der Consul Cajus 477 Lälius, weil schon die Zeit der Consulnwahl heranrückte, aus Gallien nach Rom zurück. Er brachte nicht allein nach dem in seiner Abwesenheit ausgefertigten Senatsschlusse die Pflanzbürger zur Wiederbevölkerung von Cremona und Placentia zusammen, sondern trug auch darauf an, daß auf die ehemaligen Bojischen Ländereien zwei neue Bürgerpflanzungen ausgeführt würden, und dies wurde, seinem Vorschlage gemäß, von den Vätern beschlossen. Zu gleicher Zeit meldete ein Schreiben des Prätors Lucius Ämilius (Regillus) den Seesieg bei Myonnesus und den Übergang des Consuls Lucius Scipio mit seinem Heere nach Asien. Wegen des Seesieges wurde ein feierlicher Gottesdienst auf einen Tag angeordnet; auf den folgenden Tag ein zweiter, damit das Ereigniß, das jetzt zum ersten Male ein Römisches Heer sein Lager in Asien bezogen hatte, glückliche und erfreuliche Folgen haben möchte. Der Consul erhielt den Auftrag, an jedem dieser beiden Festtage zwanzig große Thiere zum Opfer darzubringen. Nun ging die Consulnwahl vor sich, nicht ohne großen Bewerberkampf. Marcus Ämilius Lepidus hatte bei seinem Gesuche die öffentliche Meinung gegen sich, weil er, um sich zum Consulate zu melden, seinen Amtsposten in Sicilien verlassen hatte, ohne bei dem Senate um Erlaubniß anzufragen. Mit ihm bewarben sich Marcus Fulvius Nobilior, Cneus Manlius Vulso, Marcus Valerius Messalla. Man ernannte zu dem Einen Consul – denn die Andern hatten die Stimmen nicht vollzählig – den Fulvius. Am folgenden Tage machte er, mit Verdrängung des Lepidus – und Messalla meldete sich nicht weiter – den Cneus Manlius als seinen erwählten Amtsgenossen bekannt. Die gleich darauf ernannten Prätoren waren die beiden Quintus Fabius, der eine mit dem Zunamen Labeo, der andre: Pictor, der in diesem Jahre zum Eigenpriester des Quirinus geweihet war, ferner Marcus Sempronius Tuditanus, Spurius Postumius Albinus, Lucius Plautius Hypsäus, Lucius Bäbius Dives . 48. Als Marcus Fulvius Nobilior und Cneus Manlius Vulso Consuln geworden waren; ging, nach der 478 Angabe des Valerius von Antium, in Rom das Gerücht allgemein, und wurde beinahe als zuverlässig geglaubt, der Consul Lucius Scipio und zugleich Publius Africanus hätten sich vom Könige, um die Rückgabe des jungen Scipio zu bewirken, zu einer Unterredung herauslocken lassen; da habe er beide festgenommen, und so wie er die . Feldherren in seiner Gewalt gehabt, sei sogleich ein Heer vor das Römische Lager gerückt, habe es erobert und die Römischen Truppen sämtlich aufgerieben. Dies habe den Ätolern Muth gemacht; sie hätten sich aller an sie gemachten Forderungen geweigert und ihre Häupter nach Macedonien, in das Gebiet der Dardaner und nach Thracien abgehen lassen, um Hülfsvölker in Sold zu nehmen. Als Überbringer dieser Nachricht nach Rom habe der Proprätor Aulus Cornelius den Aulus Terentius Varro und Marcus Claudius Lepidus aus Ätolien abgefertigt. – An diese Erzählung knüpfte er noch die Zugabe: Man habe im Senate die Ätolischen Gesandten unter andern auch darüber befragt, woher sie wüßten, daß Antiochus die Römischen Feldherren in Asien gefangen genommen und das Heer zu Grunde gerichtet habe. Die Ätoler hätten geantwortet, sie hätten den Bericht von ihren Gesandten erhalten, die bei dem Consul gestanden hätten. Weil ich für dieses Gerücht keinen andern Gewährsmann hatte, so wollte ich die Sache selbst weder durch eine Äußerung von meiner Seite bestätigen, noch als eine Erdichtung übergehen. 49. Forderte gleich die dem Senate vorgestellten Ätolischen Gesandten ihre eigene Sache und ihr Schicksal auf, sich für ihre Schuld oder für ihren Fehltritt durch ein demüthiges Bekenntniß Verzeihung zu erbitten; so fingen sie doch von ihren Verdiensten um die Römer an, erwähnten ihrer im Kriege mit Philipp bewiesenen Tapferkeit beinahe in einem vorwerfenden Tone, beleidigten durch ihre übermüthige Sprache jedes Ohr, und brachten es dadurch, daß sie auf alte und vergessene Dinge zurückgingen, so weit, daß sich die Väter an weit mehrere Übelthaten, als Wohlthaten von ihrer Nation, erinnerten und 479 sie selbst, des Mitleids so sehr bedürftig, gegen sich Erbitterung und Haß erregten. Als sie nun auf die Frage eines von den Senatoren; «Ob sie sich ganz in des Römischen Volkes Gewalt gäben,» und auf die des zweiten: «Ob sie mit dem Römischen Volke einerlei Freunde und Feinde haben wollten,» keine Antwort gaben, so wurde ihnen angedeutet, das Rathhaus zu verlassen. Dann riefen beinahe Alle im Senate einstimmig: «Die Ätoler hingen noch ganz am Antiochus; er sei die eigentliche Hoffnung, auf welche ihr Trotz sich gründe. Also müsse man mit ihnen als unbezweifelten Feinden den Krieg fortsetzen und ihren übermüthigen Sinn bezähmen.» Auch das brachte die Senatoren auf, daß die Ätoler gerade in der Zeit, als sie bei den Römern Frieden suchten, Dolopien und Athamanien bekriegten. Der Senatsschluß wurde so abgefaßt, wie Manius Acilius, der Sieger des Antiochus und der Ätoler, gestimmet hatte: «Den Ätolern zu befehlen, daß sie noch heute die Stadt räumen, und in funfzehn Tagen Italien verlassen sollten.» Den Aulus Terentius Varro gab man ihnen zum Hüter auf die Reise mit, und deutete ihnen an: «Sollten abermals Gesandte aus Ätolien nach Rom kommen, ohne Erlaubniß von dem Feldherrn, der dort seinen Standort habe, und ohne einen Römischen Abgeordneten bei sich zu haben, so werde man sie alle als Feinde betrachten.» So wurden die Ätoler entlassen. 50. Nun brachten die Consuln die Amtsplätze zum Vortrage. Es wurde beliebt, sie um Ätolien und Asien losen zu lassen. Wen Asien träfe, dem bestimmte man das Heer, welches jetzt Lucius Scipio habe, und zur Ergänzung desselben viertausend Römer zu Fuß nebst zweihundert Rittern, und achttausend Bundsgenossen und Latiner zu Fuß mit vierhundert Rittern, um mit diesen Truppen den Krieg gegen den Antiochus fortzusetzen. Dem andern Consul wurde das Heer bestimmt, welches in Ätolien stand, und um es zu ergänzen, ihm bewilligt, eben so viele Bürger und Bundesgenossen zu werben, als sein Amtsgenoß. Dieser Consul bekam auch den Befehl, die 480 im vorigen Jahre fertig gewordenen Schiffe völlig in Stand zu setzen und mitzunehmen, auch nicht bloß den Krieg gegen die Ätoler zu führen, sondern gleichfalls nach der Insel Cephallenia überzugehen. Zugleich wurde ihm aufgetragen, wenn er es ohne Nachtheil des Stats thun könne, zu den Amtswahlen nach Rom zurückzukommen. Denn, außerdem daß die neuen jährigen Obrigkeiten ernannt werden müßten, wolle man auch Censorn wählen lassen. Sollte ihn irgend ein Hinderniß abhalten, so möge er den Senat wissen lassen, daß er gegen die Wahlzeit nicht eintreffen könne. Ätolien beschied das Los dem Marcus Fulvius, Asien dem Cneus Manlius . Nun erhielten die Prätoren, durch das Los, Spurius Postumius Albinus die Gerichtspflege in der Stadt und über die Ausländer, Marcus Sempronius Tuditanus Sicilien; Quintus Fabius Pictor, der Eigenpriester des Quirinus, Sardinien; Quintus Fabius Labeo die Flotte, Lucius Plautius Hypsäus das diesseitige Spanien, das jenseitige Spanien Lucius Bäbius Dives. Für Sicilien bestimmte man die Eine Legion und die Flotte, die in jener Provinz standen; auch sollte der neue Prätor die Siculer den doppelten Getreidezehnten liefern lassen, und den einen nach Asien, den andern nach Ätolien schicken. Eben so viel sollte auch von den Sardiniern erhoben, und dies Getreide an dieselben Heere abgeliefert werden, die das Siculische bekämen. Dem Lucius Bäbius wurden zur Ergänzung für Spanien tausend Römer zu Fuß nebst funfzig Rittern, sechstausend Latiner zu Fuß mit zweihundert Rittern bewilligt. Dem Plautius Hypsäus für das diesseitige Spanien tausend Römer zu Fuß, zweitausend verbündete Latiner und zweihundert Ritter. Mit diesen Ergänzungen sollten beide Spanien jedes Eine Legion haben. Den Beamteten vom vorigen Jahre, dem Cajus Lälius wurde nebst seinem Heere der Oberbefehl mit Verlängerung auf Ein Jahr gelassen; auch dem Proprätor Publius Junius der Oberbefehl in Hetrurien, nebst dem in dieser Provinz stehenden Heere; ferner dem Proprätor Marcus Tuccius über das Bruttische Gebiet und Apulien . 481 51. Ehe die Prätoren auf ihre Plätze abgingen, entstand zwischen dem Hohenpriester Publius Licinius und dem Quirinalischen Eigenpriester Quintus Fabius Pictor ein Streit von eben der Art, wie es ihn zu ihrer Väter Zeiten zwischen dem Lucius Metellus und dem Postumius Albinus gegeben hatte. Diesem, der als Consul mit seinem Amtsgenossen Cajus Lutatius nach Sicilien zur Flotte abgehen wollte, hatte damals der Hohepriester Metellus die Entfernung von seinen priesterlichen Verrichtungen nicht gestattet; und jetzt untersagte Publius Licinius dem Prätor die Abreise nach Sardinien. Im Senate und vor dem Volke boten sie in ihrem Streite Alles auf; auf beiden Seiten gebot der Eine dem Andern von Amtswegen, ließ ihn pfänden, verurtheilte ihn zur Geldstrafe; es kam zum Aufrufe der Volkstribunen, zur Ansprache bei dem Gesamtvolke. Zuletzt behielt die Rücksicht auf die Götter die Oberhand, so daß der Eigenpriester dem Hohenpriester Folge leisten mußte: die Geldstrafen wurden durch einen Ausspruch des Gesamtvolkes erlassen. Der Prätor, der aus Unwillen über die ihm entrissene Befehlshaberstelle sein Statsamt niederlegen wollte, ließ sich durch die Misbilligung der Väter davon abhalten, und sie erkannten ihm die Rechtspflege über die Fremden zu. Als darauf innerhalb weniger Tage die Werbungen beendigt waren, – denn die Aushebung forderte nicht viele Truppen – so gingen die Consuln und Prätoren auf ihre Posten ab. Nun verbreitete sich ohne geltende Veranlassung von dem Siege in Asien zuerst ein unverbürgtes Gerücht, und wenig Tage nachher liefen auch sichere Nachrichten und ein Schreiben des Feldherrn ein. Dies erregte nicht sowohl darum Freude, weil man bis jetzt in Furcht geschwebt hatte, – denn man fürchtete den in Ätolien besiegten König nicht mehr – sondern wegen des ehemaligen quam averterunt famam]. – Drakenborchs Geständniß: Rubenii coniectura, quam a vetere fama, et mihi admodim probabilis videtur; Gronovs Valde placet: neque aliter scripsit Livius, und Creviers Lege sine ulla dubitatione, quam a vetere fama, verstärkt durch den Beitritt dreier Msc. welche fama (nicht famam) lesen, lassen mich keinen Anstand nehmen, dem Rubenius zu folgen; da mir ohnehin avertere famam in der Verbindung mit nuncii und literae sehr fremd vorkommt, und fama hier ohne den Beisatz vetere, der. sich durch den Gegensatz recenti metu erklärt, immer unbestimmt und unverständlich bliebe. Rufs, weil die Römer 482 den König, als sie diesen Krieg anfingen, theils wegen seiner eignen Macht, theils weil er die Unternehmungen vom Hannibal leiten lassen würde, für einen gefährlichen Feind gehalten hatten. Dennoch fanden sie für gut, die Absendung eines Consuls nach Asien nicht abzuändern, noch seine Truppenzahl zu vermindern; denn sie besorgten, mit den Galatern kriegen zu müssen. 52. Nicht lange nachher kam Marcus Aurelius Cotta, Legat des Lucius Scipio mit des Königs Antiochus Gesandten in Rom an, auch König Eumenes und die Rhodier. Cotta setzte zuerst im Senate, dann auch auf Befehl der Väter in einer Volksversammlung aus einander, was man in Asien gethan habe. Dann wurde eine dreitägige Dankfeier angesetzt und ein Opfer von vierzig großen Thieren verordnet. Nun gab der Senat vor allen Andern dem Eumenes Gehör. In aller Kürze sagte er den Vätern seinen Dank, «daß sie ihn und seinen Bruder von der Belagerung befreiet und sein Reich gegen die Eingriffe des Antiochus geschützt hätten; bezeigte ihnen seine Freude über ihre Siege zu Wasser und zu Lande, auch darüber, daß sie den König Antiochus geschlagen und als einen Flüchtling mit Verlust seines Lagers, zuerst aus Europa, dann auch aus Kleinasien, so weit es sich diesseit des Gebirges Taurus erstreckt, vertrieben hätten, und zuletzt äußerte er den Wunsch, daß sie das; was er für sie gethan habe, lieber von ihren Feldherren und Legaten, als aus seinem Munde, erfahren möchten.» Da ihm Alle ihren Beifall bezeigten und ihn aufforderten, «für diesmal ohne Zurückhaltung selbst zu bestimmen, was ihm Roms Senat und Volk seiner Meinung nach zu gewähren habe: bei seinen großen Verdiensten werde ihm der Senat, wenn es irgend möglich sei, mit noch so viel größerer Bereitwilligkeit, mit noch so viel vollerem Maße messen:» so 483 sagte der König: «Wenn ihm Andere die Wahl seiner Belohnungen überließen, so würde er, sobald er die Erlaubniß habe, den Römischen Senat zu befragen, den Rath eines so erlauchten Ordens benutzt haben, um sich nicht den Schein eines zu unbescheidenen Wunsches oder einer zu dreisten Bitte zuzuziehen: allein da sie selbst die Geber sein wollten, so müsse er ihre Freigebigkeit gegen ihn und seine Brüder um so mehr ihrem Gutbefinden überlassen.» Die Väter ließen sich durch diese Erklärung nicht abhalten, bei dem Könige auf eigene Angabe zu dringen. Als beide Theile dadurch, daß sie wechselseitig Alles dem Andern überließen, hier in der Bereitwilligkeit, dort in der Bescheidenheit, mit einer nicht sowohl gegenseitigen, als gegenseitig sich verwickelnden Gefälligkeit lange gewetteifert hatten, verließ Eumenes das Rathhaus. Der Senat beharrete auf seiner Meinung und sagte: «Es lasse sich nicht denken, daß der König nicht wissen sollte, mit was für Hoffnungen, was für Wünschen, er gekommen sei. Was seinem Reiche zuträglich sei, wisse er selbst am besten: Asien kenne er weit besser, als der Senat. Man müsse ihn also wieder hereinrufen und ihn nöthigen, seine Wünsche und Gedanken von sich zu sagen.» 53. Der König, von dem Prätor abermals in den Versammlungssal eingeführt und zu einer Erklärung aufgefordert, sprach: «Ich würde bei meinem Schweigen geblieben sein, versammelte Väter, wenn ich nicht wüßte, daß ihr nun bald die Rhodische Gesandschaft vortreten lassen werdet, und daß ich dann, wenn ihr sie gehört habt, nothwendig werde reden müssen. Und dieser Vortrag wird so viel schwieriger sein, weil ihre Forderungen von der Art sein werden, daß man sieht, ihre Bitte ist nicht allein nicht gegen mich gerichtet, sondern betrifft eigentlich nicht einmal sie selbst. Sie werden nämlich die Sache der Griechischen Städte führen und es euch zur Pflicht machen, diese für frei zu erklären. Wer könnte, wenn sie dies erreichen, noch daran zweifeln, daß sie dann auch, nicht bloß diejenigen Städte unserm 484 Reiche abwendig machen werden, welche für frei erklärt werden, sondern auch die, welche uns ehemals dienstpflichtig waren; für ihren Theil aber an diesen, durch eine so hohe Wohlthat ihnen Verpflichteten, dem Namen nach Verbündete, in der That aber wirkliche Unterthanen und ihrer Oberherrschaft preisgegebene Vasallen haben werden? Und bei allem diesem Aussehen nach einer so ausgebreiteten Macht werden sie sich, wenn es Gottes Wille ist, den Schein geben, als ständen sie damit auf keiner Seite in Berührung; werden bloß sagen, so sei es eurer würdig und eurem bisherigen Benehmen angemessen. Ihr habt euch also vorzusehen, daß euch diese Sprache nicht täusche; um nicht, auf einen zu ungleichen Fuß, einige von euren Bundesgenossen zu sehr niederzudrücken und andre über die Maße zu erheben; ja, um nicht diejenigen, welche gegen euch in den Waffen gestanden haben, in eine bessere Lage zu setzen, als eure Bundesgenossen und Freunde. Was mich betrifft, so will ich in allen übrigen Verhältnissen lieber den Schein haben, mich gegen Jedermann auf die diesseitige Gränze meiner Gerechtsame zurückzuziehen, als in ihrer Behauptung mich gar zu hartnäckig zu sperren; nur in dem einzigen Wettstreite der Freundschaft zwischen uns, des Wohlwollens gegen euch, und in der Ehre, die ihr mir erweisen wollet, kann ich mich nicht ohne Wehmuth besiegen lassen. Dies ist das schätzbarste Erbtheil, das mir mein Vater hinterließ, der unter allen Einwohnern Asiens und Griechenlands zuerst in eure Freundschaft zugelassen ward, und sie bis an den letzten Augenblick seines Lebens mit ununterbrochener und standhafter Treue sich erhielt; der gegen euch nicht bloß in seiner Gesinnung Redlichkeit und Ergebenheit blicken ließ, sondern der allen euren Kriegen, die ihr in Griechenland führtet, zu Lande und zu Wasser, persönlich beiwohnte, und euch so mit aller Art von Zufuhr unterstützte, daß es ihm von allen euren Bundesgenossen niemand in irgend einem Stücke gleichthun konnte. Noch zuletzt, als er den Böotiern die Verbindung mit euch empfahl, sank 485 er mitten in seiner Rede entathmet nieder und starb bald nachher. Seinen Fußstapfen nachschreitend konnte ich freilich an Zuneigung und Eifer, euch als Freunde zu behandeln, nichts hinzuthun; denn hierin war er nicht zu übertreffen: allein ihn öfters durch die That selbst, durch Dienstleistungen, durch Aufwand in meinen Pflichterfüllungen übertreffen zu können, dazu ließen es das Verhängniß, die Zeitumstände, Antiochus und Asien als Kriegesschauplatz, mir an Stoff nicht fehlen. Als König Asiens und eines Theils von Europa wollte mir Antiochus seine Tochter zur Gemahlinn geben; wollte mir sogleich die Städte zurückgeben, welche von mir abgefallen waren; machte mir große Hoffnung auch zur künftigen Erweiterung meines Reichs, wenn ich in dem Kriege gegen euch auf seiner Seite sein wollte. Ich will mich nicht damit rühmen, daß ich mich gegen euch nicht verging; lieber will ich anführen, was die uralte Freundschaft meines Hauses mit euch von mir fordern mußte. Mit Truppen zu Lande und zur See habe ich eure Feldherren unterstützt, so daß von euren Bundesgenossen keiner mir es gleich thun konnte; habe Zufuhren zu Lande und zu Wasser geliefert; habe den Seeschlachten, die an mehrern Orten gefochten wurden, sämtlich beigewohnt, mich nirgendwo der Beschwerde, der Gefahr für meine Person entzogen. Eins der traurigsten Schicksale im Kriege, eine Belagerung, habe ich ausgehalten, auf Pergamus eingeschlossen, nicht ohne die äußerste Gefahr für mein Leben und mein Reich. Kaum war ich von der Belagerung befreiet, so ließ ich, obgleich auf der einen Seite Antiochus, auf der andern Seleucus, in der Nähe meiner Hauptstadt ihr Lager hatten, Alles hinter mir, und stellte mich mit meiner ganzen Flotte am Hellesponte bei eurem Consul Lucius Scipio ein, ihn beim Übersetzen seines Heeres zu unterstützen. Nach dem Übergange eures Heeres auf Asien, bin ich dem Consul nie von der Seite gewichen: kein Römischer Soldat hielt mit mehr Treue in eurem Lager aus, als ich und meine Brüder. Keine Unternehmung, kein Gefecht der Reuterei ging vor sich 486 ohne mich. In der Hauptschlacht stand ich da, und befehligte den Theil, auf dem ich nach des Consuls Willen stehen sollte. Ich will, versammelte Väter, damit nicht etwa nur so viel sagen: Wer kann an Dienstleistungen, die ich euch in diesem Kriege erwies, mit mir verglichen werden? sondern ich hätte wohl den Muth, allen jenen Völkern, allen Königen, die ihr in so hohen Ehren haltet, mich an die Seite zu stellen. Masinissa ist früher euer Feind, als euer Verbündeter, gewesen. Er führte euch nicht etwa aus der Fülle seiner Statskräfte seine Hülfsvölker zu, sondern landflüchtig, vertrieben, nach dem Verluste aller seiner Truppen fand er selbst mit einem Reutergeschwader Zuflucht in eurem Lager. Und doch habt ihr ihn, weil er in Africa so treu und unverdrossen gegen den Syphax und die Carthager euch zur Seite stand, nicht nur in sein Erbreich wieder eingesetzt, sondern ihm durch die Zugabe des blühendsten Theils von Syphax Reiche ein Übergewicht über Africa's Könige gegeben. Welcher Belohnung, welcher Ehre werden wir also würdig sein, die wir nie eure Feinde, immer eure Bundesgenossen waren? Mein Vater, ich und meine Brüder, haben nicht bloß in Asien, sondern auch fern von unsrer Heimat, in Peloponnes, in Böotien, in Ätolien, im Kriege mit Philipp, mit Antiochus, mit den Ätolern, zu Lande und zur See für euch die Waffen geführt. Was verlangst du also? könnte jemand sagen. Weil ich denn eurem ausdrücklichen Willen, zu reden, Folge leisten muß, so erkläre ich, versammelte Väter, ich werde, wenn ihr den Antiochus in der Absicht über die Höhen des Taurus hinausgewiesen habt, um diese Länder selbst zu besitzen, in euch die liebsten Anwohner, die liebsten Nachbaren sehen, und verspreche mir davon für mein Reich auf die Zukunft größere Sicherheit und Festigkeit, als von jedem andern Mittel. Seid ihr aber gesonnen, sie zu räumen und eure Heere abzuführen, so erkühne ich mich auch, zu behaupten: Die von euch in diesem Kriege gemachten Eroberungen zu besitzen, ist unter allen euren Bundesgenossen keiner würdiger, als ich. Aber – 487 es ist doch ruhmvoll, dienstbare Städte frei zu machen. Das ist auch meine Meinung, wenn sie nicht als Feinde gegen euch gehandelt haben. Sind sie aber auf des Antiochus Seite gewesen, wie viel werdet ihr dann eurer Klugheit und eurer Billigkeit würdiger handeln, wenn ihr lieber für die um euch wohl verdienten Bundesgenossen, als für eure Feinde, sorgt?» 54. Die Rede hatte den Beifall der Väter, und es zeigte sich deutlich, daß sie ganz nach den Eingebungen der Freigebigkeit und des Wohlwollens handeln würden. Die vortretende Gesandschaft von Smyrna – denn die Rhodier waren noch nicht alle beisammen – machte einen kurzen Zwischenact. Nach einer äußerst ehrenvollen Erwähnung dessen, daß die Smyrnäer – lieber alles Äußerste hätten dulden, als sich dem Könige hingeben wollen, wurden die Rhodier eingeführt. Der Wortführer an der Spitze ihrer Gesandschaft ließ sich anfangs über die Entstehung ihrer Freundschaft mit Rom aus, über die Verdienste der Rhodier, zuerst im Kriege mit Philipp und nachher mit Antiochus und sprach dann folgendermaßen: «Nichts ist uns in dieser ganzen Auseinandersetzung, versammelte Väter, schwieriger und unangenehmer, als eine Erörterung zwischen uns und dem Eumenes, mit dem gerade unter allen Königen am innigsten, nicht nur Einzelne unter uns in besonderer, sondern, was uns die Sache noch empfindlicher macht, von Seiten des States wir Alle in gastfreundlicher Verbindung stehen. Doch was uns scheidet, versammelte Väter, liegt nicht in unsern Gesinnungen gegen ihn, sondern in der allgewaltigen Natur der Verhältnisse selbst; insofern wir als freie Bürger auch der Freiheit Anderer uns annehmen, Könige hingegen allenthalben Unterthänigkeit und Abhängigkeit von ihrem Zepter haben wollen. Gleichwohl ist uns, wie sich auch die Sache verhalten mag, mehr unsre Achtung für den König hinderlich, als daß die Erörterung selbst entweder für uns mit großer Mühe, oder für euch mit einer sehr verwickelten Prüfung verbunden sein sollte. Denn wenn es euch nicht möglich wäre, einem Könige, 488 der euer Verbündeter und Freund ist, der sich gerade in diesem Kriege um euch so verdient machte, und dessen Belohnung in Rede steht, den Ehrendank auf andre Art zu reichen, als daß ihr ihm freie Städte in die Dienstbarkeit hingäbt; dann hättet ihr bei dieser Prüfung zweierlei zu fürchten; entweder den König, euren Freund, ohne Ehrenbelohnung entlassen zu müssen, oder von eurem Grundsatze abzugehen und den im Kriege mit Philipp erworbenen Ruhm jetzt durch die Hingebung so vieler Städte in die Dienstbarkeit zu verunglimpfen. Allein von dieser Nothwendigkeit, entweder der Erkenntlichkeit gegen euren Freund, oder eurem Ruhme Eintrag zu thun, befreiet euch das Glück auf eine sehr ausgezeichnete Art. Denn die Gnade der Götter gab euch nicht bloß einen rühmlichen, sondern auch einen so reichen Sieg, daß er sehr leicht diese eure – Schuld will ich es einmal nennen – abtragen kann. Lycaonien, beide Phrygien, ganz Pisidien, der Chersones und die daneben liegenden Länder Europa's sind in eurer Gewalt. Durch jedes von diesen, einzeln dem Könige zugegeben, läßt sich das Reich des Eumenes vervielfachen; und die Zugabe aller macht ihn den größten Königen gleich. Folglich steht es euch frei, eure Bundesgenossen vom Ertrage des Sieges reich zu machen, ohne von eurem Grundsatze abzugehen; ohne zu vergessen, wie ruhmvoll die Angabe klang, die ihr vorhin bei dem Kriege mit Philipp, jetzt bei diesem gegen Antiochus, vorschütztet; und wie ihr nach Philipps Besiegung handeltet; was man endlich, nicht sowohl, weil ihr es einmal gethan habt, als weil so zu handeln eurer würdig ist, von euch sich ersehnt und erwartet. Denn von andern Völkern hat das Eine diese, das Andre jene ehrenvolle und gültige Veranlassung zum Kriege. Jene wollen Land, diese wollen Dörfer haben, wieder Andere Städte, Seehäfen oder eine Strecke an der Seeküste. Ihr habt nach allem dergleichen nie vor dem wirklichen Besitze euch gesehnt; und jetzt könnt ihr euch, da der Erdkreis eure Hoheit anerkennt, nicht mehr darnach sehnen. Für eure Würde habt ihr gefochten und für euren 489 Ruhm bei dem ganzen menschlichen Geschlechte, das schon längst nächst den unsterblichen Göttern auf Roms Namen, auf Roms Befehle sieht. Dies so mühsam erworbene Eigenthum zu behaupten, ist, wie mich dünkt, noch schwerer. Ihr habt es übernommen, die Freiheit eines uralten sowohl durch den Ruhm seiner Thaten, als durch jegliche Empfehlung von Seiten der Bildung und Gelehrsamkeit weltbekannten Volks vor der Dienstbarkeit unter Königen zu schützen. Diese eure Vorwaltung dem einmal in euren Schutz, in eure Vormundschaft aufgenommenen ganzen Stamme auf immer angedeihen zu lassen, fordert eure Ehre. Allein die Städte sind bloß darum Quae in solo modo antiquo sunt]. – Wenn Crevier dieses modo entweder durch etiamnum erklären oder ganz wegstreichen will, so irrt er nach meiner Ansicht. Es hat hier, meine ich, die Bedeutung von tantum, und drückt diesen Sinn aus, den ich aber in der Übersetzung, ohne weitläufig zu werden, nicht deutlicher anzugeben wußte: quae nulla alia re a nobis differunt, nisi quod in antiquo solo iacent. Oder quae in solo tantum antiquo Graecae sunt, ideo non magis Graecae sunt. , weil sie auf dem alten Boden stehen, nicht ächter Griechisch, als ihre Pflanzstädte, welche einst von ihnen nach Asien ausgingen. Auch hat in diesen die Veränderung des Wohnlandes weder ihren Stamm, noch ihre Sitten geändert. Jeder von uns Staten hat den Muth gehabt, in jeder edlen Wissenschaft und Geschicklichkeit mit seinen Vätern und Stiftern sich auf einen kindlichen Wettstreit einzulassen. Die Meisten unter euch haben Griechenlands, haben Asiens Städte besucht. Wir stehen jenen in keinem Stücke nach, außer daß wir von euch entfernter sind. Könnte die angeborne Natur von dem – ich möchte sagen Geiste – des Landes überwältigt werden, so wären die Massilier von so vielen sie umschwärmenden rohen Völkern längst zu Wilden gemacht, da sie doch bei euch, wie wir hören, mit Recht in eben so hoher Ehre und Achtung stehen, als ob sie im Mittelpunkte von Griechenland wohnten. Denn sie haben nicht bloß den Klang der Sprache, die Kleidung und das Äußere, sondern vorzüglich die Sitten, die Gesetze, den Geist, von 490 aller Ansteckung durch die Nachbarschaft, rein und ungefälscht erhalten.» «Die Gränze eurer Herrschaft ist jetzt das Gebirge Taurus. Was diesseit dieses Schlagbaumes liegt, dürft ihr gar nicht als abgelegen betrachten. Wohin eure Waffen reichten, dahin reiche auch das von euch ausgehende Recht. Die Barbaren, denen immer die Befehle ihrer Gebieter als Gesetze galten, mögen, weil es ihnen so recht ist, Könige haben: die Griechen schalten mit ihren Angelegenheiten selbst, und in eurem Sinne. Ehemals umfaßten sie aus eigner Kraft auch eine Oberherrschaft: jetzt wünschen sie der Regierung in den Händen, in welchen sie ist, ununterbrochene Dauer. Es genügt ihnen, ihre Freiheit durch eure Waffen zu schützen, weil sie das durch eigene nicht können. Aber, sagt ihr, einige von diesen Städten haben es doch mit Antiochus gehalten. – Hielten es doch vormals auch andre mit Philipp; die Tarentiner mit Pyrrhus. Ohne andre Völker aufzuzählen: sogar Carthago ist frei bei eigenen Gesetzen. Achtet darauf, versammelte Väter, wie viel ihr diesem eurem Beispiele schuldig seid. Verstehet euch dazu, den Wünschen des Eumenes etwas zu versagen, was ihr eurer gerechtesten Rache versagt habt. Wie tapfer und wie treu wir Rhodier sowohl in diesem, als in allen Kriegen, die ihr in jener Gegend geführt habt, euch unterstützt haben mögen, überlassen wir eurer Würdigung. Selbst jetzt im Frieden ist die Maßregel, die wir euch vorschlagen, von der Art, daß die Welt, wenn ihr sie genehmigen solltet, eingestehen muß, der Gebrauch, den ihr von eurem Siege gemacht hättet, sei noch herrlicher, als der Sieg.» Man fand den Ton dieser Rede der Römischen Größe angemessen. 55. Nach den Rhodiern wurden die Gesandten des Antiochus vorgerufen. Nach der gewöhnlichen Weise der um Verzeihung Bittenden gestanden sie den Fehler des Königs ein und baten die versammelten Väter flehentlich, «bei ihren Beschlüssen lieber ihrer eignen Großmuth eingedenk zu sein, als der Verschuldung des Königs, der 491 schon mehr als zu viel gestraft sei;» und zuletzt: «sie «möchten den vom Feldherrn Lucius Scipio ihm bewilligten Frieden unter den zugestandenen Bedingungen durch ihre Genehmigung bestätigen.» Der Senat stimmte für die Beibehaltung dieses Friedens und wenige Tage nachher erklärte ihn auch das Volk für gültig. Der Vertrag selbst wurde mit dem Antipater, dem Haupte der Gesandschaft, der zugleich des Königs Antiochus Brudersohn war, auf dem Capitole abgeschlossen. Darauf wurden auch die übrigen Gesandschaften aus Asien abgehört. Sie alle erhielten den Bescheid: «Der Senat werde dem Herkommen gemäß zehn Abgeordnete senden, welche die Angelegenheiten Asiens untersuchen und schlichten sollten. Im Ganzen werde man darauf sehen, daß Alles, was diesseit des Gebirges Taurus zum Reiche des Antiochus gehört habe, dem Eumenes angewiesen werde, mit Ausnahme Lyciens und Cariens bis an den Mäander. Diese sollten zum State der Rhodier gehören. Die übrigen Städte Asiens, welche dem Attalus steuerpflichtig gewesen wären, sollten auch dem Eumenes die Abgaben entrichten; die aber, welche dem Antiochus gezahlt hätten, sollten als Freistädte an niemand zu zahlen haben.» Zu den zehn Abgeordneten ernannten sie den Quintus Minucius Rufus, den Lucius Furius Purpureo, den Quintus Minucius Thermus, Appius Claudius Nero, Cneus Cornelius Merenda Merulam]. – Zur Rechtfertigung der Lesart Merenda setze ich die von Drakenb. angegebene Folgereihe der vom Livius genannten Abgeordneten in ihren Ämtern her, Q. Minucius Rufus war Consul im J. 556. L. Furius Purpureo 557. Q. Minucius Thermus 560, Ap. Claudius Nero war Prätor 558. Cn. Cornelius Merenda 559. Marcus Junius Brutus 562. L. Aurunculejus 563. L. Ämilius Paullus auch 563. Die beiden jüngsten hatten, nach Drakenborchs wahrscheinlicher Vermuthung, entweder nur unbedeutende oder noch gar keine Stellen bekleidet. Wie sollte sich ein Cn. Cornelius Merula, den Niemand kennt, mitten unter die Prätoren verirren? , Marcus Junius Brutus, Lucius Aurunculejus, Lucius Ämilius Paullus, Publius Cornelius Lentulus, Publius Älius Tubero . 56. Zu Entscheidungen an Ort und Stelle bekamen sie freie Vollmacht. Die Hauptpunkte setzte der Senat 492 fest. Ganz Lycaonien, beide Phrygien, Mysien, die königlichen Waldungen, die Städte Lydiens und Ioniens, (mit Ausnahme derer, welche am Tage der Schlacht mit dem Könige Antiochus schon frei gewesen waren) und zwar namentlich Magnesia am Sipylus, und Caria mit dem Zunamen Hydrela, das an Phrygien stoßende Gebiet von Hydrela, die kleinen Festungen und Flecken ad Maeandrum]. – Ich folge aus den Gründen, die Drak. angiebt, der Lesart trans Maeandrum. jenseit des Mäander, auch die Städte, die nicht schon vor dem Kriege frei gewesen waren; ferner Telmissus namentlich und Castra Telmissium, mit Ausnahme der Länderei, die dem Telmissier Ptolemäus gehört habe, Alles dieses, was ich oben angegeben habe, sollten sie an den König Eumenes iussa dari]. – Um nicht mit Duker hier ein ανακόλουθον anzunehmen, welchem auszuweichen, auch Drakenb. die Lesart iuss i dar e in Vorschlag bringt, halte ich mich an die Lesart zweier Msc.: iuss ere dari. Es ist mir nämlich wahrscheinlicher, daß die Abschreiber das Wort iussere – diesen zum Collectivum senatus constituit gehörigen Plural anstößig fanden, und daraus ein zu haec omnia ihrer Meinung nach besser passendes iussa gemacht haben, als daß sie, wenn das, dem Anscheine nach, leichtere haec omnia iussa dari wirklich dagestanden hätte, dies in das schwerere: senatus – – haec omnia iussere dari verwandelt haben sollten. geben. Den Rhodiern wurde Lycien gegeben, mit Ausschluß des genannten Telmissus und Castra Telmissium und des dem Telmissier Ptolemäus gehörigen Ackers haec et ab Eumene et ab Rhodiis excepta]. – Daß Eumenes Telmissus haben sollte, hatte Livius nicht nur kurz vorher gesagt, sondern sagt es auch B. 38. C. 39. Folglich kann es, wenn er sich hier nicht widersprechen soll, durchaus nicht heißen: haec et ab Eumene – excepta. Es freut mich, daß Herr Ruperti mit mir einerlei Meinung ist. daß statt haec hier hic zu lesen sei. In den Msc. kann hic sehr leicht in hec übergehen, und hier verwandelten es vielleicht die Abschreiber mit Fleiß in hec, weil sie das Neutrum excepta folgen sahen, und nicht ahneten, daß man aus diesem excepta zu hic (ager) ein exceptus suppliren müsse. Doch kann ich Hrn.  R. darin nicht beistimmen, wenn er except a in except us umändern will; denn die Msc. sämtlich lesen except a . Ich muß aber noch auf eine andre Kleinigkeit aufmerksam machen, die mir zur Wiederauffindung der richtigen Lesart mitzuwirken scheint. Zehn Handschriften lesen ab Eumene et Rhodiis, lassen also das ab vor Rhodiis aus. Wie, wenn wir annähmen, Livius habe so geschrieben: hic et ab Eumene et Rhodiis, illa ab Rhodiis excepta. Nämlich der ager Ptolemaei wurde beiden (sowohl dem Eumenes, als den Rhodiern ) abgesprochen; jene vorhergenannten Stücke aber (Telmissus und Castra Telmissiorum), welche schon dem Eumenes zuerkannt waren, mußten allein von dem ausgenommen werden, was die Rhodier haben sollten. Wie oft die Abschreiber Worte, die zwischen zwei gleichen standen, nebst dem einen von beiden sich gleichenden, ausfallen ließen, davon giebt es unzählige Beispiele. Und hier sieht man aus ihrem Fehllesen die doppelte Lesart et Rhodiis und ab Rhodiis entstehen. Einige nämlich hatten die Worte hic ab Eumene et geschrieben, übersprangen nun die beiden Worte Rhodiis, illa und fuhren mit ab Rhodiis excepta fort; daher die Lesart: haec ab Eumene et ab Rhodiis excepta. Andre hatten die Worte ab Eumene et Rhodiis geschrieben, und lasen sich nun aus diesem ersten Rhodiis in das zweite hinüber; daher die andre Lesart: ab Eumene et Rhodiis excepta. Ich übersetze also auch diese Stelle, um den Livius sich nicht widersprechen zu lassen, so, wie ich im Texte lesen zu können wünschte: hic ab Eumene et Rhodiis, illa ab Rhodiis excepta; «diesen nahm man von den dem Eumenes und den Rhodiern, jene Stücke von den den Rhodiern einzuräumenden Ländern aus.» – – – Bei einer späteren Prüfung dieses Vorschlages sah ich, daß ich auf das et in den Worten haec et ab Eumene nicht gehörig Rücksicht genommen hatte; und lassen gleich drei Msc. bei Drakenb. dies et aus, so behalten doch alle anderen es bei. Jetzt ist es mir wahrscheinlicher, daß Drakenborch, Duker und wir Alle nur deswegen die Stelle, wie sie im Texte steht, anstößig finden konnten, weil wir dies et – et für collectiv ansahen. Nur dann widerspricht sich Livius, wenn hier der Sinn dieser sein soll: «diese Stücke wurden sowohl von dem ausgenommen, was Eumenes, als auch von dem, was die Rhodier haben sollten»: – denn Telmissus und Castra Telmissium sollte ja Eumenes haben, also können sie nicht von dem, was er haben soll, als ausgenommen aufgeführt werden. Wie aber, wenn wir dies et – et distributiv nähmen? Dann fiele der Anstoß weg. Ich lasse also die Stelle haec et ab Eumene et ab Rhodiis excepta unverändert, und übersetze so: «Dies waren die Stücke, welche theils von dem, was Eumenes, theils von dem, was die Rhodier haben sollten, ausgenommen worden.» Dann trifft die Ausnahme des Ptolemäischen Grundstücks den Eumenes, und die übrigen Stücke die Rhodier . : dies waren die Stücke, 493 welche theils von dem, was Eumenes, theils von dem, was die Rhodier haben sollten, ausgenommen wurden. Auch wurde diesen der Theil von Carien gegeben, welcher jenseit des Mäanderstroms näher an der Insel Rhodus liegt, ferner die Städte, Flecken, Schanzen und Dörfer, welche gegen Pisidien zuliegen, mit Ausnahme derjenigen Städte, welche schon den Tag vorher in Freiheit waren, ehe dem Könige Antiochus die Schlacht in Asien geliefert wurde. Als die Rhodier für dieses Alles ihre Danksagung abgestattet hatten, thaten sie wegen der Stadt Soli, die in Cilicien liegt, eine Vorstellung. Die Solier stammten eben so, wie sie, von Argi her; und diese Verbrüderung habe zwischen ihnen eine Bruderliebe gestiftet. Sie bäten sichs also zu einer außerordentlichen Vergünstigung aus, diese Stadt von der Dienstbarkeit des Königs frei zu sprechen.» 494 Man rief die Gesandten des Königs Antiochus herein, nahm mit ihnen Rücksprache, konnte aber nichts auswirken, weil sich Antipater auf die Friedenspunkte berief, mit denen es sich nicht vertrage, daß die Rhodier – den Worten nach es auf Soli, in der That – auf Cilicien anlegten und die Höhen des Taurus überschritten. Als die Väter den wieder in den Senat gerufenen Rhodiern eröffnet hatten, wie ernstlich der königliche Gesandte dagegen sei, fügten sie hinzu: «Wenn die Rhodier glaubten, die Sache stehe durchaus mit der Ehre ihres States in Verbindung, so wolle der Senat den Starrsinn der Gesandten auf alle Weise zu bekämpfen suchen.» Da aber bezeigten die Rhodier ihre dankbaren Gesinnungen noch angelegentlicher, als zuvor und erklärten, sie wollten lieber gegen Antipaters Anmaßung zurückstehen, als Anlaß zur Störung des Friedens geben. Also traf man mit Soli keine Abänderung. 57. In den Tagen, in welchen dieses vorging, brachten Gesandte aus Massilia die Nachricht: «Der Prätor Lucius Bäbius sei auf dem Zuge nach Spanien, seinem Standorte, von den Liguriern umzingelt. Nicht ohne großen Verlust an seinem Gefolge, habe er, selbst verwundet, nur mit Wenigen, und ohne Beilträger, sich nach Massilia gerettet, und den dritten Tag nicht überlebt.» Auf diese Nachricht beschloß der Senat: « Publius Junius Brutus, der als Proprätor in Hetrurien stehe, solle nach Abgabe dieser Provinz und des Heeres an einen von ihm selbst zu bestimmenden Unterfeldherren nach dem jenseitigen Spanien aufbrechen und hier seinen Standort haben.» Dieser Senatsschluß ging mit einem Schreiben vom Prätor Spurius Postumius nach Hetrurien ab, und der Proprätor Publius Junius brach nach Spanien auf. In dieser Provinz hatte Lucius Ämilius Paullus, welcher in der Folge den König Perseus mit so vielem Ruhme besiegte, ob er gleich im vorigen Jahre im Felde gar nicht glücklich gewesen war, schon lange vor der Ankunft seines Nachfolgers, in der Eile ein Heer zusammengebracht und den Lusitaniern eine förmliche Schlacht 495 geliefert. Die Feinde wurden völlig geschlagen; achtzehn tausend Mann getödtet, dreitausend dreihundert gefangen und ihr Lager erobert. Der Ruf von diesem Siege machte auch Spanien wieder ruhiger. Am dreißigsten December dieses Jahrs führten zufolge eines Senatsschlusses Lucius Valerius Flaccus, Marcus Atilius Serranus, Lucius Valerius Tappus als Dreiherren Latinische Anbauer nach Bononien. Dreitausend Männer wurden ausgeführt: jeder Ritter bekam siebzig Morgen, die übrigen Pflanzbürger jeder funfzig. Das Land hatte man den Bojischen Galliern abgenommen, und die Gallier hatten vorher die Tusker daraus vertrieben. In diesem Jahre suchten auch viele und angesehene Männer das Censoramt; und dies erregte, als wäre der dadurch ohnehin veranlaßte Wettstreit nicht groß genug, einen andern weit hitzigern Kampf. Die Bewerber waren Titus Quinctius Flamininus; Publius Cornelius Scipio, des Cneus Sohn; Lucius Valerius Flaccus, Marcus Porcius Cato, Marcus Claudius Marcellus, Manius Acilius Glabrio, der Sieger des Antiochus bei Thermopylä und der Ätoler. Diesem war die Stimmung des Volks vorzüglich günstig, wegen der vielen Spenden quod multa congiaria habuerat]. – Ich habe diese Stelle, zu deren Berichtigung die von Drak. angegebenen Varianten zu arm waren, übersetzt, ob ich gleich gestehe, daß der Sinn, den ich hineinzufinden suchen mußte, in den Worten nicht liegt. Duker sagt sehr richtig: eum, qui congiaria dat, illa habere dici posse non puto. Überdem waren, wie Duker ebenfalls bemerkt, zu den Zeiten des Glabrio derer, welche dergleichen congiaria gaben oder geben konnten, nur sehr Wenige; um so weniger konnte es von einem Einzelnen heißen: multa congiaria dedit; und aus diesem Grunde mochte ich auch in unsrer Stelle statt habuerat kein multa congiaria dederat oder distribuerat als richtig anerkennen. Ich weiß der Stelle nicht zu helfen. Also mögen meine Vorschläge zu ihrer Berichtigung bloß als Beweise dastehen, daß ich darüber nachgedacht habe, und sie veranlassen vielleicht einmal eine gründliche Berichtigung. Gesner führt in Convivalis eine Stelle aus Livius an, die ich jetzt nicht finden kann. Sie heißt: multaque convivalia ex auro et argento vasa. Sollte es hier, da Cato gleich nachher dem Glabrio Schuld giebt: se vasa aurea atque argentea, quae captis castris in regia praeda viderit, in triumpho non vidisse, vielleicht so geheissen haben; multa convivalia aera (od. vasa) habuerat, quibus magnam partem hominum obligaverat, und also die Lesart im Texte congiaria aus convivalia aera entstanden sein? In dem habuerat läge dann, daß er sie weggeschenkt habe. Oder da elf Msc. statt congiaria theils consilia, theils concilia lesen, sollte vielleicht, zur größern Ehre für den Glabrio, hier ungefähr so gestanden haben: multa consilia domi, ipsi honestiora, salubriora egentibus, quam congiaria, habuerat, und die Zeile zwischen con silia und con giaria, wegen der ähnlichen ersten Silben, überschlagen sein? Doch ich fürchte, wie Cicero sagt: ne hariolari videar, ut Cassandra, cui nemo credidit. , wodurch er 496 sich einen großen Theil der Bürger verbindlich gemacht hatte. Da es nun so viele vom alten Adel verdroß, daß ihnen ein Neuadlicher so sehr vorgezogen wurde, so beschieden ihn die Bürgertribunen Publius Sempronius Gracchus und Cajus Sempronius Rutilus auf einen Gerichtstag, mit der Anklage, er habe von den königlichen Geldern und der übrigen im Lager des Antiochus gemachten Beute einen ansehnlichen Theil weder im Triumphe mit aufgeführt, noch in die Schatzkammer geliefert. Die Aussagen seiner Unterfeldherren und Obersten fielen verschieden aus. Vor den übrigen Zeugen zeichnete sich Marcus Cato aus: allein in der Toga des Bewerbers verlor er viel von dem Gewichte, das ihm ein sich ununterbrochen gleicher Lebenswandel erworben hatte. Dieser versicherte als Zeuge, viele goldene und silberne Gefäße, die er nach Eroberung des Lagers unter der übrigen königlichen Beute bemerkt habe, habe er im Triumphe nicht gesehen. Zuletzt erklärte Glabrio, er stehe, zum Vorwurfe für den Cato, von seiner Bewerbung ab, weil jener ihn bei diesem Gesuche, worüber sich doch die Adlichen nur in der Stille ärgerten, als Mitbewerber, und an Ahnen nicht reicher, wie er selbst, durch einen Meineid bekämpfe, der über alle zu bestimmende Strafe sei. 58. Es war gegen ihn auf eine Geldstrafe von hundert tausend Kupferass Etwa 3124 Gulden. angetragen; und zweimal wurde die Sache vor Gericht verfochten. Am dritten Gerichtstage wollte das Volk, weil der Beklagte von seiner Bewerbung zurückgetreten war, über die Geldstrafe nicht stimmen, und die Tribunen ließen die Klage fallen. Zu Censorn wurden Titus Quinctius Flamininus und Marcus Claudius Marcellus gewählt. In diesen Tagen wurde auch dem Lucius Ämilius Regillus, der mit seiner Flotte den 497 Admiral des Königs Antiochus besiegt hatte, außerhalb der Stadt im Tempel des Apollo Zutritt vor dem Senate ertheilt, und als er den Vätern auseinandergesetzt hatte, was er geleistet, mit was für großen feindlichen Flotten er zu kämpfen gehabt, und wie viele von ihren Schiffen er in Grund gebohrt oder genommen habe, bewilligten sie ihm mit großer Übereinstimmung einen Seetriumph. Er hielt ihn am ersten Februar. In diesem Triumphe wurden neunundvierzig goldene Kränze vorübergetragen. Die Summe des Geldes war für den Glanz eines Triumphs über einen König nequaquam tanta]. – Ich weiß nicht, warum Gronov, Crevier und Drakenb. das Wort tanta, als den Sinn entstellend, verdrängen wollen. Mit etwas andern Worten würde es hier so heißen: Summa pecuniae, praesertim si ad splendorem victoriae de tanto rege referretur, nequaquam tanta erat, quanta pro numero tot coronarum a sociis cellatarum exspectari potuisset. so groß bei weitem nicht, und betrug vierunddreißig tausend siebenhundert Attische Vierdrachmenstücke Schon Cap. 46 habe ich den Werth der Vierdrachmenstücke zu Einem Gulden, so wie den der Kistegulden oder Cistophoren ungefähr auf einen halben Gulden angegeben. und hundert einunddreißig tausend dreihundert Cistophoren. Darauf wurde nach einem Senatsschlusse ein Dankfest gefeiert, dem Siege zu Ehren, welchen Lucius Ämilius in Spanien erfochten hatte. Bald nachher kam Lucius Scipio zur Stadt. Um seinem Bruder im Zunamen nicht nachzustehen, ließ er sich Asiaticus nennen. Es fehlte nicht an solchen, welche diesem Kriege das Ansehen zu geben suchten, als habe er mehr einen großen Ruf, als wirkliche Schwierigkeiten gehabt; mit einem einzigen erheblichen Treffen sei er beendet gewesen, und am Ruhme dieses Sieges sei die erste Blüte schon bei Thermopylä gebrochen. Allein genau erwogen, führten den Krieg bei Thermopylä mehr die Ätoler, als der König. Denn mit dem wie vielsten Theile seiner Macht lieferte dort Antiochus das Treffen? In Asien hingegen standen die Kräfte des gesamten Asiens in der Schlacht, weil er Truppen von allen seinen Völkern aus den Gegenden des äußersten Morgenlandes zusammengezogen hatte. 498 59. Mit vollem Rechte also wurde nicht allein den unsterblichen Göttern, dafür, daß sie einen so großen Sieg auch so leicht gemacht hatten, der Dank so feierlich als möglich dargebracht, sondern auch dem Feldherrn der Triumph zuerkannt. Er hielt ihn am letzten Tage Dies war nicht der letzte Februar, oder, wie man denken könnte, diesmal der 29ste Februar; sondern der letzte Tag des nach dem 23sten Februar alle zwei Jahre eingeschalteten Monats, welcher bloß den Namen intercalarius, und abwechselnd einmal 22, das andre Mal 23 Tage hatte. Cäsar änderte dies ab. des Schaltmonates. Eine weit größere Augenweide gewährte dieser sein Triumph, als ehemals der seines Bruders Africanus: erinnerte man sich aber an die Thaten, erwog man die Gefahr und den Kampf, so war dieser jenem ebenso wenig zu vergleichen, als wenn man Heerführer gegen Heerführer, oder den Antiochus als Feldherrn mit dem Hannibal zusammengestellt hätte. Er führte in diesem Triumphe zweihundert vierunddreißig Fahnen auf, hundert vierunddreißig ins Kleine nachgeformte Städte, tausend zweihundert einunddreißig Elephantenzähne, zweihundert vierunddreißig goldene Kränze, hundert siebenunddreißig tausend vierhundert und zwanzig Pfund Silber Etwa 4,294,372 Gulden. , zweihundert vierundzwanzig tausend Attische Vierdrachmen, dreihundert einunddreißig tausend und siebzig Kistegulden, hundert und vierzig tausend 1,050.000 Gulden. Goldphilippe; an Silbergefäßen – sie waren alle von getriebener Arbeit – 44,500 Gulden. tausend vierhundert vierundzwanzig Pfund, an goldenen 320,000 Gulden. tausend und vierundzwanzig Pfund. Vor dem Wagen gingen als Gefangene zweiunddreißig königliche Feldherren, Statthalter und andre von hohem Range. Den Soldaten gab er jedem fünfundzwanzig 4 Thlr. 4 Ggr. Denare, einem Hauptmanne das Doppelte, jedem Ritter das Dreifache. Auch erhielten die Soldaten nach dem Triumphe eine doppelte Löhnung 499 an Sold und Getreide. Schon Praelio in Asia facto]. – Nach Creviers Vermuthung ist hier ein iam ausgefallen. Ich glaube, es hat vor dem Worte praelio gestanden, und wurde von der unmittelbar vorhergehenden Silbe tum des Wortes datum verschlungen. nach der Schlacht in Asien hatte er sie ihnen doppelt gegeben. Die Zeit seines Triumphs war etwa ein Jahr nach Niederlegung seines Consulats. 60. Ungefähr um dieselbe Zeit kam sowohl der Consul Cneus Manlius in Asien, als der Prätor Quintus Fabius Labeo auf der Flotte an. Der Consul freilich fand in dem Kriege gegen die Galater genug zu thun: allein auf dem Meere war nach Besiegung des Antiochus Friede. Da also Quintus Fabius in Überlegung nahm, auf was für eine Unternehmung er sich eigentlich einlassen sollte, um sich nicht etwa einem Scheine von Unthätigkeit auf seinem Posten auszusetzen; so glaubte er, am besten zu thun, wenn er auf die Insel Creta hinüberginge. Dort führte der Stat von Cydonia Krieg mit denen von Gortyna und Gnossus; auch hieß es, eine große Anzahl gefangener Römer und Italier lebe, auf der ganzen Insel zerstreuet, in der Sklaverei. Sobald er nach seiner Abfahrt von Ephesus mit der Flotte das Ufer von Creta erreicht hatte, ließ er den sämtlichen Staten kund thun, sie sollten die Waffen niederlegen, jeder die in seinen Städten und Dörfern aufgesuchten Gefangenen ihm wieder zuführen und Gesandte schicken, mit denen er sich über Gegenstände, welche die Cretenser eben so wie die Römer angingen, auseinandersetzen könne. Auf die Cretenser machte dies wenig Eindruck, und außer den Gortyniern gab niemand Gefangene zurück. Valerius von Antium hat angegeben, die ausgelieferten Gefangenen, die man aus Furcht vor dem angedroheten Kriege von der ganzen Insel zusammengebracht habe, hätten sich auf viertausend belaufen, und eben aus diesem Grunde habe Fabius, ohne alle weitere Verrichtung, vom Senate einen Seetriumph bewilligt erhalten. Von Creta kehrte Fabius nach Ephesus zurück, und sandte 500 von hier drei Schiffe nach der Küste von Thracien, mit dem Befehle, von Änus und Maronea, weil diese Städte frei werden sollten, die Besatzungen des Antiochus abzuführen. Acht und dreissigstes Buch. Jahre Roms 563 – 565. 502 Inhalt des acht und dreissigsten Buchs. Der Consul Marcus Fulvius gewinnt in Epirus die belagerte Stadt Ambracia durch Übergabe, unterwirft sich Cephallenia, und giebt den bezwungenen Ätolern den Frieden. Sein Amtsgenoß, der Consul Cneus Manlius, besiegt die Galatischen Völker, die Tolistobojer, Tectosager und Trocmer, die, von einem Brennus geführt, nach Asien übergegangen waren, damals die einzigen diesseit des Taurusgebirges, welche sich noch nicht unterworfen hatten. Ihre Herkunft wird angegeben, und wie sie sich dieser Besitzungen bemächtigt haben. Auch wird ein Beispiel von weiblicher Tugend und Keuschheit erzählt. Die Gemahlinn des Ortiagon nämlich tödtet den Hauptmann, ihren Aufseher, der sie als Gefangene gewaltsam entehrt hatte. Die Schatzungsfeier wird von den Censoren geschlossen. Geschatzt wurden zweihundert achtundfunfzig tausend dreihundert achtundzwanzig Bürger. Geschlossene Freundschaft mit Cappadociens Könige Ariarathes. Cneus Manlius, dem die zehn Abgeordneten, nach deren Gutachten er den Bundesvertrag mit dem Antiochus abgefaßt hatte, den Triumph über die Galater streitig machen, führt seine Sache vor dem Senate, und triumphirt. Scipio Africanus, nach Einigen von dem Bürgertribun Quintus Petillius, nach Andern von einem Nävius vor Gericht beschieden, weil er dem Schatze einen Theil der Beute vom Antiochus untergeschlagen habe, spricht, als er am Gerichtstage auf die Bühne gefordert wird: «Quiriten, am heutigen Tage überwand ich Carthago!» und geht, vom Gesamtvolke begleitet, zum Capitole hinauf. Nachher begiebt er sich, um nicht länger durch tribunicische Angriffe gekränkt zu werden, nach Liternum in eine freiwillige Verbannung; so daß man nicht weiß, ob er dort oder zu Rom gestorben ist: denn an beiden Orten stand sein Grabmal. Als des Africanus Bruder, Lucius Scipio Asiaticus, den man eben dieses Unterschleifs beschuldigte und verurtheilte, schon in Fesseln und Kerker gelegt werden soll, thut Tiberius Sempronius Gracchus, vorhin ein Feind der Scipione, als Bürgertribun Einsage, und bekommt für dieses Verdienst des Africanus Tochter. Die Schatzmeister, vom State bevollmächtigt, das Vermögen des Asiaticus einzuziehen, finden nicht allein keine Spur von königlichen Geldern, sondern bringen auch bei weitem nicht die Summe heraus, zu der er verurtheilt war. Ein ungeheures Geld, das seine Verwandten und Freunde zusammenlegen, schlägt er aus, doch lösen sie für ihn den nöthigen Hausrath wieder ein. 503 Acht und dreissigstes Buch. 1. Während des Krieges in Asien waren auch in Ätolien Unruhen, wozu die Athamanen den Anfang machten. Athamanien hatte damals, nach Vertreibung des Amynander, königliche Besatzungen unter Philipps Statthaltern, welche durch übermüthige und ungemäßigte Herrschergewalt die Sehnsucht nach dem Amynander weckten. Ihm, der sich jetzt als Vertriebener in Ätolien aufhielt, machten Briefe von seinen Unterthanen, worin sie ihm Athamaniens Lage schilderten, Hoffnung zur Wiedererlangung seines Reichs. Und er ließ nach Argithea – dies war Athamaniens Hauptstadt – den Ersten im Volke zurücksagen, wenn ihm seine Landsleute ihre Stimmung hinlänglich bewährten, so wolle er mit Hülfstruppen, welche ihm die Ätoler überließen, nach Athamanien kommen, begleitet von Einigen des engern Ausschusses, der den Statsrath der Nation ausmache, und dem Prätor Nicander. Als er gewiß war, daß sie schon zu Allem in Bereitschaft wären, ließ er ihnen bald nachher zu wissen thun, an welchem Tage er mit dem Heere in Athamanien einrücken werde. Zuerst hatten sich nur ihrer Vier auf die Verschwörung gegen die Macedonische Besatzung eingelassen. Diese nahmen sich zur Ausführung Jeder sechs Gehülfen. Noch nicht ganz gedeckt durch eine so kleine Anzahl, welche eher dazu taugte, die Sache zu verheimlichen, als durchzusetzen, ließen sie noch eben so viele beitreten, als vorhin. So auf zweiundfunfzig gebracht, trennten sie sich in vier Abtheilungen. Die eine ging nach Heraclea, die andre nach Tetraphylia, wo gewöhnlich die königlichen Gelder niedergelegt wurden, die dritte nach Theudoria, die vierte nach Argithea. Sie alle hatten 504 verabredet, sich anfangs ganz ruhig, als wären sie zur Betreibung von Privatangelegenheiten gekommen, auf dem Gerichtsplatze sehen zu lassen; an dem bestimmten Tage wollten sie dann die ganze Volksmenge zusammenrufen, die Macedonischen Besatzungen aus den Burgen zu vertreiben. Als dieser Tag kam, und Amynander mit tausend Mann Ätoler schon diesseit der Gränze stand, wurden der Verabredung gemäß an vier Orten zugleich die Macedonischen Besatzungen verjagt, und nach allen Seiten ergingen an die übrigen Städte schriftliche Aufforderungen, von Philipps ausgelassener Tyrannei sich zu befreien und sich der angestammten, gesetzmäßigen Regierung wiederzugeben. Allenthalben wurden die Macedonier ausgetrieben. Die Stadt Theium, wo der Befehlshaber Zeno den Brief aufgefangen, und die königlichen Truppen sich in die Burg geworfen hatten, that den Belagerern einige Tage Widerstand; dann ergab auch sie sich an den Amynander, und er hatte schon ganz Athamanien in seiner Gewalt, die kleine Feste Athenäum ausgenommen, die der Gränze Macedoniens zu nahe lag. 2. Als Philipp den Abfall Athamaniens hörte, brach er mit sechstausend Bewaffneten auf und kam in der größten Geschwindigkeit zu Gomphi an. Hier ließ er den größeren Theil seines Heers stehen – denn so starke Märsche hätte dieser nicht ausgehalten – und kam mit zweitausend Mann nach Athenäum, dem einzigen Orte, der noch in den Händen seiner Truppen war. Als er aus einigen Versuchen in der Nähe leicht abnahm, daß es weiterhin nichts als Feinde gebe, ging er wieder auf Gomphi und kehrte mit seinen sämtlichen Truppen nach Athamanien zurück. Dem Zeno, den er mit tausend Mann Fußvolk voraufgehen ließ, gab er Befehl, Ethopia zu besetzen, das über Argithea sehr vortheilhaft auf einer Höhe liegt, Als er sah, daß die Seinigen den Platz besetzt hatten, lagerte er sich selbst am Tempel des Jupiter Acräus. Hier von einem schrecklichen Unwetter einen Tag aufgehalten, setzte er am folgenden den Marsch nach Argithea fort. Gleich als sie weiter rückten, ließen sich 505 Athamanen sehen, welche sich eiligst auf die den Weg beherrschenden Höhen vertheilten. Bei ihrem Anblicke machten die ersten Glieder Halt; Bestürzung und Verlegenheit ging durch den ganzen Zug und Jeder dachte sichs auf seine Art, wie es ihm ergehen werde, wenn sich der Zug in die unter den Felsen liegenden Thäler hinabließe. Diese Unruhe unter seinen Truppen nöthigte den König, der so gern, wenn sie ihm gefolgt wären, den Paß im Fluge zurückgelegt hätte, die Vordersten umzurufen und sich auf demselben Wege, den er gekommen war, zurückzuziehen. Die Athamanen folgten ihm anfangs ruhig in der Ferne; als aber die Ätoler zu ihnen gestoßen waren, ließen sie diese hinten bleiben, um dem Zuge vom Rücken her zuzusetzen, sie selbst umströmten ihn auf den Seiten. Andre eilten, mit den Pfaden bekannt, auf kürzerem Wege ihm vorauf und besetzten die Durchgänge: und die Macedonier geriethen in solche Unordnung, daß sie mehr in völliger Flucht, als auf einem gliedhaltenden Marsche, mit Zurücklassung vieler Waffen und Leute über den Strom setzten. Hier hatte die Verfolgung ein Ende. Von da nahmen die Macedonier ihren sichern Rückweg nach Gomphi und von Gomphi nach Macedonien. Die Athamanen und Ätoler eilten von allen Seiten nach Ethopia, um den Zeno mit seinen tausend Macedoniern aufzuheben. Die Macedonier, durch den Platz nicht hinlänglich gesichert, zogen von Ethopia auf einen höheren rundum mehr abschüssigen Hügel. Die Athamanen fanden an mehreren Stellen einen Aufgang, trieben sie herab, und nahmen die Versprengten, die ihrer Flucht über unwegsame, ihnen unbekannte Klippen keine feste Richtung geben konnten, theils gefangen, theils machten sie sie nieder: Viele stürzten in der Angst über die Abhänge hinunter und nur sehr Wenige retteten sich mit dem Zeno zum Könige. Den Tag nachher erhielten sie in einem Waffenstillstande die Erlaubniß zur Beerdigung ihrer Todten. 3. Nach Wiedereroberung seines Reichs schickte Amynander Gesandte nach Rom an den Senat und nach Asien an die Scipione, die nach der großen Schlacht 506 gegen Antiochus sich zu Ephesus aufhielten. Er bat um Frieden, entschuldigte sich, zur Wiedereroberung seines väterlichen Reichs die Ätoler gebraucht zu haben, und schob die Schuld zu Philipp. Die Ätoler zogen aus Athamanien auf das Gebiet der Amphilochier und machten das ganze Volk mit Einstimmung des größeren Theils zu ihren Unterthanen. Nach der Wiedereroberung von Amphilochien – denn, es hatte ehemals den Ätolern gehört – gingen sie in gleicher Hoffnung in die Landschaft Aperantia hinüber. Auch diese ergab sich ihnen, großentheils ohne Kampf. Die Dolopen hingegen waren nie Ätolisch gewesen; sie gehörten zu Philipps Reiche. Diese ergriffen anfangs die Waffen: als sie aber die Verbindung der Amphilochier mit den Ätolern, Philipps Flucht aus Athamanien und die Niederlage seiner Truppen erfuhren, traten sie ebenfalls von Philipps Partei zu den Ätolern über. Schon glaubten die Ätoler, durch diese sie umgebenden Völkerschaften sich auf allen Seiten gegen die Macedonier gesichert zu haben, als das Gerücht von dem Siege der Römer in Asien über den Antiochus auch zu ihnen kam. Und bald nachher kamen auch ihre Gesandten von Rom ohne alle Hoffnung zum Frieden und mit der Nachricht zurück, der Consul Fulvius sei schon mit einem Heere über das Meer gegangen. Hiedurch geschreckt wirkten sie sich gleich zuerst von Rhodus und Athen Gesandschaften aus, um ihren neulich abgewiesenen Bitten durch die Fürsprache dieser Staten bei dem Senate leichtern Eingang zu verschaffen, und schickten dann die Häupter ihres Volks zu einem letzten Friedensversuche nach Rom, ohne früher auf die Abwendung des Krieges gedacht zu haben, als bis sie den Feind beinahe vor Augen hatten. Schon überlegte Marcus Fulvius, der sein Heer nach Apollonia übergesetzt hatte, mit welcher Unternehmung er den Krieg eröffnen sollte. Die Epiroten riethen zu einem Angriffe auf Ambracia, welches sich damals den Ätolern angeschlossen hatte. «Denn entweder kämen die Ätoler zum Entsatze, dann böten die Umgebungen der Stadt offene Flächen zur Schlacht, oder sie wichen dem Kampfe aus, 507 dann würde die Belagerung nicht schwierig sein. Denn Bauholz zur Aufführung der Sturmwälle und andrer Werke gebe es in der Nähe die Menge, und der schiffbare Strom Arethon, zur Herbeischaffung der Bedürfnisse so bequem, fließe an den Mauern vorbei: auch sei der Sommer, zu einer solchen Unternehmung die beste Jahrszeit, vor der Thür.» Durch diese Vorstellungen bewogen sie ihn, den Zug durch Epirus anzutreten. 4. Bei seiner Ankunft vor Ambracia fand der Consul die Belagerung sehr schwierig. Ambracia liegt unter einem felsichten Hügel; die Einwohner nennen ihn Perranthes. Wo sich die Mauer nach den Feldern und dem Flusse hinzieht, hat die Stadt die Aussicht nach Abend; die Burg hingegen, die auf dem Hügel liegt, gegen Morgen. Der Strom Aretho, der aus Athamanien kommt, fällt in den nach dem Namen der nahen Stadt genannten Ambracischen Meerbusen. Außerdem, daß auf der einen Seite der Strom, auf der andern die Höhen die Stadt schützen, war sie auch von einer festen Mauer umschlossen, welche etwas über dreitausend Schritte im Umfange hatte. Fulvius führte vom Felde her in einer mäßigen Entfernung von einander zwei Lager auf, und auf einer Höhe eine Schanze gegen die Burg. Dies Alles wollte er durch Wall und Graben so verbinden, daß die Eingeschlossenen keinen Ausgang aus der Stadt haben sollten, und auch niemand von außen, wenn er etwa Hülfstruppen hineinbringen wollte, einen Eingang. Auf das Gerücht von der Belagerung Ambracia's hatten sich die Ätoler schon vermöge eines Aufrufs vom Prätor Nicander zu Stratus eingefunden. Ihr erster Vorsatz war, mit allen Truppen zu kommen, um die Belagerung zu hindern; als sie aber die Stadt schon großentheils mit Werken umschlossen, und jenseit des Flusses auf einer Ebene das Lager der Epiroten stehen sahen, beschlossen sie, ihre Truppen zu theilen. Eupolemus, der mit tausend Mann ohne Gepäck nach Ambracia aufbrach, kam, durch eine noch offene Lücke in den Werken, in die Stadt. Nicander war zuerst Willens gewesen, mit den übrigen Truppen 508 bei Nacht das Lager der Epiroten anzugreifen, wo ihnen die Römer, weil der Fluß sie schied, nicht so leicht zu Hülfe kommen konnten. Nachher aber, als er die mit dieser Unternehmung verbundene Gefahr erwog, daß die Römer es merken könnten, und ihm der Rückzug ins Freie abgeschnitten würde, fand er diesen Plan zu gewagt, kehrte um und verheerte Acarnanien. 5. Als der Consul schon die Schanzarbeiten zur Einschließung der Stadt, schon die Werkzeuge, die er gegen die Mauern gebrauchen wollte, vollendet sah, unternahm er den Sturm auf die Mauern an fünf Stellen zugleich. Drei seiner Werke brachte er in gleichen Zwischenräumen, da wo der Zugang von der Ebene her leichter war, gegen das sogenannte Pyrrheum an, eins dem Tempel des Äsculap gegenüber, eins gegen die Burg. Mit Widderköpfen stieß er auf die Mauern, mit gesichelten Sturmpfählen riß er die Zinnen herab. Bei diesem Anblicke und bei den Stößen auf die Mauer, die ein fürchterliches Getöse machten, befiel die Bürger anfangs Schrecken und Bestürzung. Als sie aber ihre Mauern über ihre Erwartung feststehen sahen, faßten sie wieder Muth; schnellten auf die Widderköpfe vermittelst einer Wippe Massen von Blei oder Steinen oder Eichenstämme nieder, brachen vorn von den Sturmpfählen, die sie durch angeworfene Krummeisen auf die innere Seite der Mauer herabzogen, die Sicheln ab, ja durch Ausfälle, sowohl bei Nacht auf die Wachen bei den Werken, als bei Tage auf die Posten, machten sie sich sogar furchtbar. So standen die Sachen vor Ambracia, als die Ätoler von der Verheerung Acarnaniens schon nach Stratus zurückgekehrt waren. Von da schickte ihr Prätor Nicander, in der Hoffnung, durch einen kühnen Streich der Belagerung ein Ende zu machen, einen gewissen Nicodamus mit fünfhundert Ätolern nach Ambracia hinein. Eine bestimmte Nacht, ja die Stunde der Nacht, wurde verabredet, wann jene von der Stadt aus die feindlichen Werke dem Pyrrheum gegenüber angreifen sollten, und er zugleich das Römische Lager bedrohen wolle, weil er es 509 nicht für unmöglich hielt, bei diesem von zwei Seiten einbrechenden Feindeslärme, wenn die Nacht den Schrecken noch vergrößere, eine denkwürdige That auszuführen. Auch drang Nicodamus mitten in der Nacht, nachdem er sich bei einigen Wachen durchgeschlichen, bei andern in festem Anlaufe durchgeschlagen, und die Umwallungslinie überstiegen hatte, in die Stadt, flößte den Belagerten großen Muth, Alles zu wagen, und neue Hoffnung ein, und that unvermuthet, als die bestimmte Nacht gekommen war, den verabredeten Ausfall auf die Werke. Doch war diese Unternehmung im ersten Ausbruche gefährlicher, als in der Wirkung, weil von der Außenseite kein Angriff erfolgte. Entweder hatte Furcht den Ätolischen Prätor abgeschreckt, oder er hatte es für dienlicher erachtet, den neulich in Schutz genommenen Amphilochiern zu Hülfe zu eilen, auf welche Perseus, den sein Vater Philipp abgeschickt hatte, Dolopien und Amphilochien wieder zu erobern, den Angriff aus allen Kräften betrieb. 6. Gegen das Pyrrheum standen, wie vorhin gesagt ist, an drei Stellen Römische Werke. Auf alle diese zugleich thaten die Ätoler ihren Angriff, nur nicht mit gleichen Mitteln und gleicher Kraft. Einige kamen mit brennenden Fackeln, Andere hatten gepichtes Werg und Brandspindeln Crevier giebt aus Ammian die Beschreibung des malleolus, aus der ich hier nur einige Worte anführe: Sagitta est cannea, – – ferro coagmentata, quod in muliebris coli formam – concavatur. , so daß ihre ganze Linie von Flammen leuchtete. Im ersten Anlaufe tödteten sie viele Wachen. Als aber das Geschrei und Getümmel in das Lager hinüberscholl und der Consul das Zeichen gab, griffen die Römer zu den Waffen und strömten aus allen Thoren zur Hülfe herbei. An Einer Stelle machten die Ätoler Gebrauch von Schwert und Feuer zugleich; auf zweien aber zogen sie unverrichteter Sache ab, und hatten den Kampf mehr versucht, als wirklich angefangen. Die Wuth des Gefechts zog sich ganz nach jener Einen Stelle. Hier ermunterten auf zwei verschiedenen Seiten die beiden Feldherren Eupolemus und Nicodamus die Fechtenden und erhielten sie 510 bei dem Vertrauen auf die fast gewisse Erwartung, daß Nicander nach der Verabredung den Augenblick erscheinen und dem Feinde in den Rücken fallen werde. Dies hielt auch eine Zeitlang den Muth der Fechtenden aufrecht. Als sie aber von den Ihrigen kein verabredetes Zeichen gewahr wurden, die Zahl der Feinde immer stärker werden und sich im Stiche gelassen sahen, drangen sie schon nicht mehr so muthig ein. Zuletzt gaben sie die ganze Sache auf, als der Rückzug kaum noch ohne Gefahr thunlich war, und wurden fliehend in die Stadt getrieben; doch hatten sie einen Theil der Werke in Brand gesteckt und weit mehr von den Feinden erlegt, als von ihrer Seite gefallen waren. Wäre der Plan nach der Verabredung ausgeführt, so litt es keinen Zweifel, daß sie, vorzüglich an der einen Stelle, die Werke mit großem Verluste auf Seiten der Feinde hätten erobern können. Nun aber standen die Ambracier nebst den in der Stadt befindlichen Ätolern nicht bloß von dieser nächtlichen Unternehmung ab, sondern boten sich auch für die Folge, als von den Ihrigen preisgegeben, den Gefahren nicht mehr so willig. Schon fochten sie durchaus nicht mehr, wie vorhin, in Ausfällen mit den Posten der Feinde, sondern auf sicherem Standorte von ihren Mauern und Thürmen. 7. Perseus, der auf die Nachricht von der Ankunft der Ätoler, von der Einschließung der Stadt, die er bestürmte, zur bloßen Plünderung des Landes überging, räumte nun Amphilochien und ging nach Macedonien zurück. Aber auch die Ätoler wurden durch eine Plünderung auf ihrer Seeküste dort abgerufen. Pleuratus, König von Illyrien, war mit sechzig Barken und den zu ihm gestoßenen Achaischen Schiffen, welche zu Paträ standen, in den Corinthischen Meerbusen eingelaufen und verheerte die Küstengegenden Ätoliens. Gegen diesen Feind wurden von den Ätolern tausend Mann abgeschickt, welche der Flotte an jedem Orte, nach welchem sie um die Krümmungen des Ufers herumlief, schon über kürzere Pfade zuvorkamen. Vor Ambracia hatten zwar die Römer dadurch, daß sie die Mauern an mehreren Stellen mit 511 Sturmböcken niederstießen, einen ziemlichen Theil der Stadt schon entblößt, und dennoch konnten sie in die Stadt selbst nicht eindringen. Theils wurde ihnen eben so schnell statt der niedergestürzten Mauer eine neue entgegengestellt, theils vertraten die auf den Trümmern stehenden Bewaffneten die Stelle eines Bollwerks. Weil also die Unternehmung dem Consul im offenbaren Sturme nicht rasch genug gelang, so beschloß er, unter einem Platze, den er vorher mit Annäherungshütten verdeckte, einen unsichtbaren Erdgang anzulegen. Und eine Zeitlang merkten die Feinde, obgleich die Römer Tag und Nacht daran arbeiteten, eben so wenig, daß sie unter der Erde gruben, als daß sie Erde ausförderten. Nur der plötzlich emporragende Erdhügel verrieth den Belagerten die Arbeit; und nicht ohne Ängstlichkeit, daß durch Untergrabung der Mauern der Weg in die Stadt schon gebahnt sei, beschlossen sie, dem durch die Annäherungshütten verdeckten Werke gegenüber innerhalb der Mauer einen Graben zu ziehen. Wie sie mit diesem so weit in die Erde gekommen waren, als die größte Bodentiefe eines Erdganges betragen konnte, ließen sie Alles still sein, legten an mehrere Stellen das Ohr an und lauschten nach einem Getöse der Grabenden. Als sie dieses vernahmen, gruben sie sich einen geraden Weg nach dem Erdgange, und dieser machte ihnen wenig Mühe; denn sie kamen gleich an die hohle Stelle, wo die Feinde die Stadtmauer mit Stützböcken unterstellt hatten. Als hier, wo beide Werke zusammentrafen, der Weg vom Graben aus in den Erdgang nun geöffnet war, lieferten sich zuerst die Arbeiter mit ihrem Werkgeräthe, und als geschwind statt ihrer Bewaffnete eintraten, auch diese unter der Erde ein Gefecht im Verborgenen. Nachher war dies so lebhaft nicht mehr, weil sie den Erdgang, so oft sie wollten, durch vorgespannte Hardecken oder eilig vorgemachte Thüren absperren konnten. Auch ersannen sie gegen die im Erdgange ein neues Mittel, das wenig Mühe kostete. Sie gaben einem Fasse im Boden eine Öffnung, so daß eine mäßige Röhre hineingesteckt werden konnte. Die Röhre machten sie von Eisen, auch den 512 Deckel des Fasses von Eisen, der ebenfalls und zwar an mehreren Stellen durchlöchert war. Dies locker mit Flaumfedern gefüllte Faß legten sie mit der obern Mündung dem Erdgange zugekehrt. Durch einige Löcher im Deckel ragten lange Lanzen, ihre sogenannten Sarissen, hervor, um die Feinde nicht daran kommen zu lassen. Ein Stückchen glimmenden Zunder, zwischen die Federn gelegt, bliesen sie mit einem in das Vorderende der Röhre gesteckten Schmiedeblasebalge zum Feuer an. Dies erfüllte den ganzen Erdgang mit einem Rauche, der nicht allein dick genug, sondern durch den schrecklichen Geruch der angebrannten Federn noch mehr zum Ersticken war, und kaum konnte ein Mensch darin aushalten. 8. So standen die Sachen vor Ambracia, als Phäneas und Damoteles, von den Ätolern vermöge eines Volksschlusses mit unumschränkter Vollmacht abgesandt, zum Consul kamen. Denn als ihr Prätor sah, daß hier Ambracia belagert, dort die Küste von einer feindlichen Flotte bedroht, wieder auf einer andern Seite Amphilochien und Dolopien von Macedoniern verheeret wurde, und daß die Ätoler nicht Truppen genug hatten, diesen Angriffen zugleich auf drei verschiedenen Punkten zu begegnen, so fragte er in einer berufenen Versammlung bei den Ätolischen Großen an, was zu thun sei. Alle Stimmen gingen dahin, «daß man den Frieden, wo möglich, auf billige, wo nicht, auf erträgliche, Bedingungen suchen müsse. Im Vertrauen auf Antiochus hätten sie den Krieg unternommen. Nun, da Antiochus zu Lande und zu Wasser überwunden, und, beinahe zur Welt hinaus, hinter die Höhen des Taurus gebannet sei; was sie nun für Hoffnung haben könnten, den Krieg auszuhalten? Phäneas und Damoteles möchten so handeln, wie sich der Vortheil der Ätoler, unter einem solchen Misgeschicke, mit der Zustimmung ihres Gewissens vereinigen lasse. Habe ihnen nicht das Schicksal selbst jeden Anschlag, jede Auswahl unmöglich gemacht?» Mit diesen Aufträgen abgefertigt, baten die Gesandten den Consul, «der Stadt zu schonen, Mitleiden mit einem Volke zu haben, 513 das einst mit Rom im Bunde gestanden habe, und, wenn sie auch nicht sagen wollten, durch Kränkungen, durch vielfache Noth gezwungen sei, besinnungslos zu handeln. Die Ätoler hätten im Kriege der Römer gegen Antiochus auf ihre Rechnung nicht so viel Böses gebracht, als in dem früheren Kriege gegen Philipp Gutes. Damals habe man ihnen nicht überflüssig vergolten; so müsse man sie auch jetzt nicht mit übermäßigen Strafen belegen.» Hierauf antwortete der Consul: «Die Ätoler bäten oft genug, nur nie im Ernste um Frieden. Den Antiochus, den sie zum Kriege vermocht hätten, möchten sie im Gesuche um Frieden zum Muster nehmen. Nicht etwa nur die wenigen Städte, über deren Freiheit man in Streit gewesen sei, habe er geräumt, sondern ein herrliches Königreich, das ganze Asien diesseit des Taurusgebirges. Er werde auf die Friedensanträge der Ätoler gar nicht hören, bis sie die Waffen niedergelegt hätten. Vorher müßten sie ihm ihre Waffen und alle Pferde ausliefern, dann dem Römischen Volke tausend Talente Silber erlegen, und die Hälfte dieser Summe gleich bar zahlen, wenn sie Frieden haben wollten. Außer diesen Punkten werde er zu dem Vertrage noch hinzusetzen, daß sie mit dem Römischen Volke einerlei Freunde und Feinde haben müßten.» 9. Ohne sich hierüber im mindesten zu erklären, gingen die Gesandten, theils weil die Bedingungen hart waren, theils weil sie den unbändigen und veränderlichen Sinn ihrer Landsleute kannten, nach Hause zurück, um auch jetzt noch einmal, da sie noch nichts in der Sache vergeben hatten, bei dem Prätor und den Ersten des Volks anzufragen, was sie thun sollten. Man empfing sie mit Geschrei und der vorwerfenden Frage: «Wie lange sie die Sache hinhielten, da sie doch Befehl hätten, Frieden mitzubringen, möchte er sein, wie er wolle;» und auf dem Rückwege nach Ambracia fielen sie in einen nahe an der Heerstraße aufgestellten Hinterhalt der Acarnanen, mit denen sie jetzt Krieg hatten, und wurden nach Thyrium in Verwahrung gebracht. Dadurch wurde der Friede 514 verzögert. Während der Anwesenheit der Attischen und Rhodischen Gesandten, welche mit einer Fürbitte für die Ätoler zum Consul gekommen waren, hatte sich auch der Athamanische König Amynander auf sicheres Geleit im Römischen Lager eingefunden, mehr aus Theilnahme für die Stadt Ambracia, wo er als der Landflüchtige sich meistens aufgehalten hatte, als für die Ätoler. Der Consul, der durch sie das Schicksal der Gesandten erfuhr, ließ diese von Thyrium holen; und nach ihrer Ankunft nahm die Friedensunterhandlung ihren Anfang. Amynander arbeitete mit Eifer daran, was auch sein eigentliches Hauptgeschäft war, die Bürger von Ambracia zur Übergabe zu bewegen. Da er seinen Zweck in den Unterredungen mit ihren Oberhäuptern, wenn er unter die Mauer trat, nicht ganz erreichte, so ging er endlich mit Bewilligung des Consuls in die Stadt und brachte es theils durch Vorstellungen, theils durch Bitten dahin, daß sie sich an die Römer ergaben. Auch den Ätolern leistete Cajus Valerius, ein Sohn jenes Lävinus, der zuerst mit dieser Nation ein Bündniß geschlossen hatte, und Bruder des Consuls von Einer Mutter, wesentliche Dienste. Die Ambracier öffneten nach erhaltener Zusage, daß die Ätolischen Hülfstruppen unangefochten abziehen dürften, ihre Thore. Dann schlossen auch die Ätoler ab: «Sie sollten fünfhundert Das Euböische Talent (s. B. XXXVII. C. 45. ) zu 40 Minen oder 1,248 Gulden angenommen, gäbe die Summe von 624,000 Gulden Conv. M. Nimmt man es zu der größern Summe von 56 Minen oder 1,760 Gulden an, so betrügen die 500 Talente 883,000 Gulden. Euböische Talente erlegen; zweihundert jetzt gleich, und die dreihundert binnen sechs Jahren in gleichen Zahlungen; alle Gefangenen und Überläufer den Römern ausliefern; auf keine von den Städten, welche seit der Überfahrt des Titus Quinctius nach Griechenland entweder von den Römern erobert oder dem Bunde mit ihnen freiwillig beigetreten wären, ihre Gerichtsbarkeit ausdehnen wollen; ferner die Insel Cephallenia sollte von allem Antheile an diesem Vertrage ausgeschlossen sein.» Fanden gleich die Ätolischen Gesandten diese 515 Bedingungen weit über ihre Erwartung erträglich, so baten sie doch um Erlaubniß, sie der Statenversammlung vorzulegen, und erhielten sie. Hier kam es über die Städte zu einem kleinen Wortwechsel. Denn da diese ehemals unter ihrer Landeshoheit gestanden hatten, so willigten sie nur ungern darein, sie gleichsam von ihrem Statskörper abreißen zu lassen; doch stimmten Alle insgesamt für die Annahme des Friedens. Die Bürger von Ambracia machten dem Consul ein Geschenk mit einem goldnen Kranze, hundert und funfzig Nach Crevier 234 Mark Goldes. Jede zu 280 Silbergulden (Conv. M.) angenommen, gäbe die Summe von 65,520 Gulden. Pfund schwer. Die Standbilder von Erz und Marmor, und die Gemälde, womit Ambracia, der ehemalige Königssitz des Pyrrhus, reichlicher geschmückt war, als die übrigen Städte jener Gegend, wurden abgehoben und weggeführt: übrigens blieb Alles unberührt und unbeschädigt. 10. Nach seinem Aufbruche von Ambracia in das innere Ätolien lagerte sich der Consul bei Argos Amphilochium, zweiundzwanzig tausend Schritte von Ambracia. Hier trafen endlich die Ätolischen Gesandten bei dem Consul ein, dem ihr Zögern schon auffallend gewesen war. Als er hörte, daß die Statenversammlung der Ätoler den Frieden genehmigt habe, befahl er ihre Abreise von hier nach Rom zum Senate, erlaubte den Gesandten von Rhodus und Athen, als Fürsprecher mitzugehen, gab ihnen auch seinen Bruder Cajus Valerius zum Begleiter mit, und setzte dann selbst nach Cephallenia über. Zu Rom fanden sie bei den Großen schon durch Philipps Beschuldigungen Ohr und Herz gegen sich eingenommen; und da er durch Gesandte und in Briefen sich beklagte, daß sie ihm Dolopien, Amphilochien und Athamanien schon entrissen, und seine Besatzungen, zuletzt auch seinen Sohn Perseus, aus Amphilochien vertrieben hätten, so hatte er den Senat gar nicht geneigt gemacht, auf ihre Bitten zu hören. Doch bei dem Vortrage der Rhodier und Athener herrschte allgemeine Stille. Auch soll die Beredsamkeit 516 des Attischen Gesandten Leon, eines Sohnes des Icesias, ihre Wirkung gethan haben. Er bediente sich eines oft gebrauchten Gleichnisses, und sagte, indem er die Ätolische Volksmenge mit dem ruhigen Meere verglich, das nur die Winde auftürmten: «So lange sie dem Römischen Bündnisse treu geblieben wären, wären sie auch bei der dem Volke natürlichen Neigung zur Ungestörtheit, in ihrer Ruhe geblieben; als aber von Asien her ein Thoas, ein Dicäarchus, von Europa ein Menestas, ein Damocritus gewehet hätten, da sei jener Sturm ausgebrochen, der sie dem Antiochus – ihrer Klippe – zugeführt habe.» 11. Lange mußten sich die Ätoler umhertreiben; endlich bewirkten sie, daß die Friedensbedingungen zu Stande kamen. Sie waren folgende: «Die Ätolische Nation soll ohne alle bösliche List der Römischen ihre Oberherrschaft und ihren Vorrang behaupten helfen. Sie darf keinem Heere, das gegen deren Verbündete und Freunde geführt wird, den Durchzug durch ihr Gebiet gestatten, noch ihm irgend eine Unterstützung gewähren. Die Feinde des Römischen Volks soll sie auch für die ihrigen ansehen, gegen sie unter die Waffen treten, und den Krieg gemeinschaftlich führen. Die Überläufer, die flüchtigen Sklaven und die Gefangenen soll sie den Römern und deren Bundesgenossen zurückgeben; ausgenommen wenn etwa Gefangene, nach der Rückkehr in ihre Heimat, zum zweitenmale ihre Gefangenen geworden sind; oder wenn sie noch von jener Zeit Gefangene hat, welche damals Feinde der Römer waren, als die Ätoler mit unter den Römischen Truppen standen. Alle übrigen, welche sich vorfinden, mögen binnen hundert Tagen ohne alle bösliche List an die Obrigkeiten auf Corcyra abgeliefert werden: die jetzt nicht erscheinen, mögen zurückgegeben werden, so wie jeder von ihnen sich anfindet. Sie soll vierzig Geisel stellen, nach der Auswahl des Römischen Consuls, keinen unter zwölf, keinen über vierzig Jahre alt. Kein Prätor, kein Oberster bei der Reuterei, kein öffentlicher Schriftverwalter darf Geisel werden, auch 517 keiner, der schon vormals bei den Römern Geisel gewesen ist. Cephallenia soll von diesen Friedenspunkten ausgeschlossen sein.» Über die Geldsumme, welche sie erlegen sollten, und über die Zahlungen derselben wurde in dem, was sie mit dem Consul ausgemacht hatten, nichts abgeändert. Wollten sie statt in Silber, lieber im Golde abtragen, so konnten sie, vermöge der Übereinkunft auch hierin zahlen, nur mußten sie auf zehn Früher war das Verhältniß des Goldes zum Silber wie 15 zu 1. Daß man jetzt des Goldes schon mehr hatte, zeigt das hier angegebene Verhältniß: 10: l. Crev. Silberstücke Ein Goldstück rechnen. «Haben die Ätoler vormals Städte, Ländereien und Bewohner unter ihrer Gerichtsbarkeit gehabt, und diese sind unter den Consuln Titus Quinctius, Cneus Cn. Domitio]. – Daß es hier statt Cn. Domitio heißen müsse: P. Aelio, haben nach Perizonius auch Drakenb. und Crevier anerkannt; denn des Titus Quinctius Mitconsul war nicht Cn. Domitius, sondern P. Aelius. Wie man sehr wahrscheinlich annimmt, hat Livius diesen Fehler begangen, weil er dem Polybius folgte, welcher, mit der Römischen Consulnfolge nicht so bekannt, unrichtig statt des P. Älius den Cn. Domitius mit dem Quinctius zusammenstellt. Polybius selbst aber fiel vermuthlich dadurch, wie schon Andre bemerkt haben, in diesen Fehler, daß er bei der Übersicht der Consularfolge aus den Consuln T. Quinctius, P. Aelius auf die Consuln L. Quinctius, Cn. Domitius überging. Domitius oder nach deren Consulate entweder durch Gewalt der Waffen oder freiwillig unter Römische Landeshoheit gekommen, so sollen sich die Ätoler von dem Allen nichts wieder zueignen wollen. Die Stadt Öniadä mit ihrem Gebiete soll den Acarnanen gehören.» Unter diesen Bedingungen wurde der Friede mit den Ätolern abgeschlossen. 12. Nicht allein in eben dem Sommer, sondern fast in eben den Tagen, in welchen der Consul Marcus Fulvius dies in Ätolien verrichtete, führte der andre Consul Cneus Manlius den Krieg in Gallogräcien, auf den ich mich jetzt im Verfolge der Geschichte einlasse. Mit Anfang des Frühjahrs kam der Consul nach Ephesus, übernahm vom Lucius Scipio die Truppen, musterte das Heer und hielt eine Rede an die Soldaten, worin er ihre Tapferkeit lobte, mit der sie dem Kriege gegen den Antiochus in Einer Schlacht ein Ende gemacht hätten; sie dann 518 ermunterte, sich auch dem neuen Kriege gegen diese Gallier zu unterziehen, die nicht nur den Antiochus durch Hülfstruppen unterstützt, sondern überhaupt eine so rohe Sinnesart hätten, daß Antiochus, wenn sie nicht die Macht dieser Gallier brächen, vergebens von ihnen hinter die Höhen des Taurus hinausgewiesen sein werde; und zuletzt auch einiges über sich selbst hinzufügte, worin Wahrheit und Bescheidenheit sprach. Mit Vergnügen und wiederholtem Beifalle hörten die Soldaten dem Consul zu: und in den Galliern sahen sie ja nur einen Theil der Kräfte des Antiochus, der nach Besiegung des Königs, als Gallisches Heer allein stehend, keinen Ausschlag geben könne. Nur glaubte der Consul, daß ihm Eumenes – er war eben in Rom – jetzt zur unrechten Zeit fehle, insofern er mit den Gegenden und Menschen bekannt, und ihm selbst darum zu thun sei, daß die Macht der Gallier geschwächt wurde. Er ließ also dessen Bruder Attalus von Pergamus kommen, forderte ihn auf, mit ihm zugleich den Krieg zu eröffnen, und als ihm dieser versprach, in Person und durch seine Truppen mitzuwirken, entließ er ihn, um sich in Stand zu setzen, nach Hause. Wenige Tage nachher, als der Consul von Ephesus nach Magnesia aufgebrochen war, stieß Attalus schon mit tausend Mann zu Fuß und zweihundert zu Pferde unterweges zu ihm, hatte seinem Bruder Athenäus befohlen, mit den übrigen Truppen zu folgen, und den Schutz der Stadt Pergamus Männern übertragen, auf deren Anhänglichkeit an seinen Bruder und die Regierung er rechnen konnte. Der Consul lobte den jungen Mann, rückte mit allen Truppen bis zum Mäander vor und schlug hier sein Lager auf, weil der Fluß zum Durchgehen zu tief war, und zum Übersetzen des Heers erst Schiffe zusammengebracht werden mußten. Nach dem Übergange über den Mäander kamen sie nach Hiera Come . 13. Hier ist ein heiliger Hain des Apollo mit einem Orakel: die Priester sollen die Antworten in ganz netten Versen geben. In zwei Märschen kam der Consul von hier an den Fluß Harpasus, wo ihn Gesandte von Alabanda 519 ersuchten, eine kleine, neulich von ihnen abgefallene Festung, entweder durch seine Verwendung, oder durch die Waffen zur Unterwerfung unter die alte Behörde zu nöthigen. Hieher kam auch des Eumenes und Attalus Bruder, Athenäus, mit dem Cretenser Leusus und dem Macedonier Corragus. Sie führten ihm tausend Mann zu Fuß, ein Gemisch aus mehreren Völkern, und dreihundert Reuter zu. Der Consul, der einen Obersten mit einem mäßigen Kohre abschickte, gab die durch Sturm gewonnene Feste den Bürgern von Alabanda wieder. Ohne vom Wege abzubeugen, nahm er sein Lager bei Antiochia jenseit des Mäanderstromes. Die Quellen dieses Flusses entspringen zu Celänä. Die Stadt Celänä war einst die Hauptstadt Phrygiens. Man wanderte von da in die Nähe des alten Celänä aus, und gab der neuen Stadt, von des Königs Seleucus Gemahlin Apame, den Namen Apamea ab Apamea, sorore Seleuci]. – Die Städte heißen Apamea, der Name der Frau ist Apame. Man sehe Dukers Anmerkung und oben B. 35. C. 47. Ferner war diese Apame nicht eine Schwester des Seleucus Nicanor, sondern seine Gemahlinn. Sollte Livius zwei Fehler auf einmal begangen haben? Ich stimme zwar dem Ausspruche eines der neuesten Editoren völlig bei: Errores, quibus unusquisque scriptor obnoxius est, notare nobis licet, sed non pro lubitu ipsos scriptores corrigere; sobald ich gewiß zu sein glaube, daß der scriptor ipse den Fehler wirklich gemacht habe, wie z. B. im 11ten Cap. in der Angabe des Consuls Domitius, statt Aelius. Allein die Kritik soll durch lindernde, vertreibende Mittel heilen, soll dem Ursprunge des Schreibfehlers nachspüren, die Verwechselung der Buchstaben anzugeben suchen, und dem Schriftsteller nicht zur Last legen, was Schuld seiner oft rohen, oft überklugen Abschreiber war. An unzähligen Stellen verwechseln die Abschreiber dexter und sinister, equites und pedites, warum nicht auch hier uxor und soror, da sie hier in dem x einen Fehler begingen, der ihnen so gewöhnlich ist? Drakenb. nämlich führt 26, 29, 4. die Menge Stellen an, wo sie statt des x ein s setzten, iusta statt iuxta lasen, mos statt mox, res statt rex, Nasus statt Naxus, ausi statt auxi und – ich mag nicht noch mehr abschreiben. Er selbst vermuthet, daß die fehlerhafte Lesart ab Apamea sorore aus der alten zusammenhängenden Schreibart abapame uc sore (ab Apame uxore) entstanden sei. Das u ging in a über und veranlaßte den Fehler Apamea; das csore ging in sorore über. Mir ist diese Conjectur so wahrscheinlich und die glückliche Vermeidung zweier Fehler so willkommen, daß ich keinen Anstand nehme, nach Drakenborchs Vorschlage zu übersetzen. . Auch der Fluß Marsyas, der nicht weit von den Quellen des Mäanders entspringt, fällt in den Mäander, und die Sage behauptet, Marsyas habe mit Apoll den Wettstreit auf der Flöte zu Celänä gehabt. Der Mäander, der 520 oben auf der Burg von Celänä entspringt und mitten durch die Stadt herabläuft, ergießt sich zuerst durch Carien, danach durch Ionien in den Meerbusen zwischen Priene und Milet. In das Lager des Consuls bei Antiochia kam des Antiochus Prinz Seleucus, um nach dem mit Scipio geschlossenen Vertrage dem Heere Getreide zu bringen. Da entstand ein kleiner Streit über die Hülfstruppen des Attalus, weil Seleucus behauptete, Antiochus habe sich nur verpflichtet, Römischen Soldaten Getreide zu liefern. Auch endigte ihn die Festigkeit des Consuls, der durch einen abgeschickten Obersten bekannt machen ließ, die Römischen Soldaten sollten nichts annehmen, bevor nicht die Hülfstruppen des Attalus das Ihrige empfangen hätten. Von hier rückten sie nach Gordiutichos vor – so heißt die Stadt – und kamen dann in drei Märschen nach Tabä. Diese Stadt liegt im Gebiete von Pisidien, auf jener Seite, wo es sich nach dem Pamphylischen Meere erstreckt. Als dieses Land noch bei vollen Kräften war, hatte die Stadt in ihren Bürgern muthige Krieger. Auch jetzt bewirkte ihre Reuterei durch einen Ausfall auf den Zug der Römer bei dem ersten Angriffe eine nicht geringe Unordnung: als es sich aber zeigte, daß sie ihnen weder an Zahl, noch an Tapferkeit gleich waren, baten sie, in ihre Stadt zurückgetrieben, um Verzeihung ihres Fehlers und erboten sich zur Übergabe der Stadt. Ihnen wurden fünfundzwanzig Silbertalente Ungefähr 25,000 Thaler. Auf den Griechischen Medimnus gingen 6 Römische Modii. und zehntausend Medimnen Weizen auferlegt und so die Übergabe angenommen. 14. In drei Tagen gelangten die Römer weiter zum Flusse Chaus: nach ihrem Aufbruche von hier eroberten sie die Stadt Eriza im ersten Angriffe. Sie kamen zur Feste Thabusion in der Nähe des Flusses Indus, dem man diesen Namen gegeben hatte, weil hier ein Indier vom Elephanten abgeworfen war. Sie waren nicht weit mehr von Cibyra, und noch immer kam keine Gesandschaft von dem Moagetes, dem Zwingherrn dieser Stadt, einem in allen 521 Stücken treulosen Übermüthigen. Einen Versuch zu machen, wie dieser gesinnet sei, schickte der Consul den Cajus Helvius voraus, mit viertausend Mann zu Fuß und fünfhundert zu Pferde. Als dieser Zug schon die Gränze betrat, kamen ihm Gesandte mit der Anzeige entgegen, der Zwingherr sei bereit, jede Forderung zu erfüllen; sie baten den Helvius, als Freund in ihr Gebiet einzurücken und seinen Soldaten keine Plünderung auf dem Lande zu gestatten: zugleich überreichten sie einen goldenen Kranz von funfzehn Talenten. Helvius versprach, das Land mit der Plünderung verschonen zu lassen und hieß die Gesandten zum Consul gehen. Der Consul, dem sie die nämlichen Eröffnungen machten, antwortete: «Einmal haben wir Römer nicht den mindesten Beweis von einer günstigen Gesinnung eures Zwingherrn gegen uns: zum Andern gilt er überall für einen solchen Menschen, daß wir eher auf seine Bestrafung zu denken hätten, als auf seine Freundschaft.» Durch eine solche Sprache in Verlegenheit gesetzt, konnten ihn die Gesandten nur noch bitten, den Kranz anzunehmen und dem Zwingherrn den Zutritt zu gestatten, um selbst mit ihm zu reden und sich zu entschuldigen. Mit Bewilligung des Consuls kam Tages darauf der Zwingherr in das Lager, seiner Kleidung und Begleitung nach kaum mit dem Anstande eines mäßig begüterten Privatmannes: auch machte er in seiner Rede den Demüthigen, den Vernichteten, setzte seine Macht so sehr herab und klagte über die Armuth der ihm unterwürfigen Städte. Unter ihm standen außer Cibyra auch Syleum und das sogenannte Alimne. Er gab Hoffnung, wiewohl er selbst die Möglichkeit zu bezweifeln schien, von diesen, wenn er sich und seine Unterthanen rein ausplünderte, fünfundzwanzig Talente zusammen zu bringen. «Aber eine solche Hohnneckerei,» rief der Consul, «ist doch nicht länger auszustehen. Dir war es nicht genug, als du uns durch deine Gesandten zum Besten hattest, in der Ferne von uns nicht zu erröthen: vor unsern Augen beharrest du auf derselben Schamlosigkeit. Fünfundzwanzig Talente sollten den Bereich deiner Zwingherrschaft arm 522 machen? So mache dich denn, wenn du nicht in drei Tagen fünfhundert Talente zahlst, auf Plünderung im Lande, auf Belagerung der Stadt gefaßt.» Zusammengeschreckt durch diese Ankündigung fuhr er dennoch hartnäckig fort, Armuth zu heucheln, und nur stufenweise ließ er sich durch ein unanständiges Zulegen, bald unter Ausflüchten, bald unter Bitten und verstellten Thränen, bis auf hundert Talente treiben. Zehntausend Medimnen Auf den Griechischen Medimnus gingen sechs Römische Modii. Getreide wurden noch dazu gefordert. Dies Alles war in sechs Tagen eingetrieben. 15. Von Cibyra wurde das Heer durch das Gebiet von Sinda geführt, ging über den Fluß Caularis und lagerte sich. Am folgenden Tage ging der Zug der Römer neben dem See Caralitis hin. Bei Mandropolis ruheten sie. Als sie nach der nächsten Stadt, Lagos, vorrückten, nahmen die Bewohner aus Furcht die Flucht. Von Menschen leer und mit einer Menge von allen Vorräthen gestopft, wurde die Stadt geplündert. Von hier, von der Quelle des Flusses Lysis, zogen die Römer am folgenden Tage weiter an den Strom Cobulatus. Gerade damals belagerten die Termessier die Burg der schon eroberten Stadt Isionda. Die Eingeschlossenen schickten, weil für sie keine andre Hülfe zu hoffen war, Gesandte an den Consul, mit der Bitte, sie zu retten: denn mit Weib und Kind auf die Burg eingeschlossen, sahen sie täglich dem Tode entgegen, den sie entweder unter dem Schwerte, oder durch den Hunger erleiden würden. So bot sich dem Wunsche des Consuls ein Vorwand zu einem Seitenzuge nach Pamphilien. Seine Ankunft befreite die Bewohner von Isionda von der Belagerung. Termessus erhielt den Frieden gegen Zahlung von funfzig Talenten Silbers; so auch die Aspendier und Pamphiliens übrige Völker. Auf seinem Rückzuge aus Pamphilien lagerte er sich den ersten Tag am Flusse Taurus, den folgenden bei Come, mit dem Zunamen Xyline Übersetzt würde Hiera Come ( Cap. 12. am Ende) der heilige Flecken heißen, so wie hier Xyline Come der Holzflecken. . Nach seinem 523 Aufbruche von hier kam er in fortgesetzten Märschen zur Stadt Corbasa. Dann war Darsa die nächste Stadt. Diese fand er von ihren Bewohnern aus Furcht verlassen und voll von Vorräthen aller Art. Auf seinem weiteren Zuge, neben den Sümpfen hin, begegneten ihm Gesandte von Lysinoe, welche ihm diese Stadt übergaben. Von hier kam er in das Gebiet von Sagalassus, ein ergiebiges und an allen Arten von Früchten tragbares Land. Die Bewohner sind Pisidier, bei weitem die geübtesten Krieger jener Gegend. Nicht dies allein macht ihnen Muth, sondern auch die Fruchtbarkeit ihres Landes, ihre Volksmenge und die Lage ihrer Stadt mit einer seltenen Befestigung. Der Consul, bei dem sich keine Gesandschaft an der Gränze einstellte, schickte Truppen auf Plünderung in die Dörfer. Da wurde endlich ihr Trotz gebrochen, als sie ihr Eigenthum wegtragen und forttreiben sahen. Sie schickten Gesandte, verstanden sich zur Lieferung von funfzig Talenten, zwanzigtausend Medimnen Weizen, zwanzigtausend an Gerste, und erlangten dafür den Frieden. Er rückte bis an die Quellen des Obrima vor und lagerte sich bei einem Flecken, Come Aporidos genannt. Tages darauf traf hier von Apamea aus Seleucus bei ihm ein. Von hier schickte er die Kranken und das hinderliche Gepäck nach Apamea, ließ sich vom Seleucus Wegweiser geben, rückte noch denselben Tag in das Metropolitanische Gefilde und ging den folgenden bis Diniä in Phrygien. Von da kam er nach der Stadt Synnada, deren Nachbaren sämtlich ihre Städte aus Furcht verlassen hatten. Mit der hier abgeführten Beute, die seinen Zug schon schleppend machte, kam er so, daß er in einem ganzen Tage kaum fünftausend Schritt zurücklegte, nach Beudos, mit dem Zunamen das Alte. Nach seinem Aufbruche von hier lagerte er sich bei Anabura, den Tag darauf an den Quellen des Alander, den dritten Tag bei Abbassus. Hier blieb er mehrere Tage stehen, weil nun die Tolistobojische Gränze erreicht war. 16. Ein großer Schwarm Gallier, der entweder aus Mangel an Land, oder aus Lust zur Beute und in der 524 Voraussetzung auswanderte, daß ihnen keines von allen Völkern, durch welche ihr Zug ginge, in den Waffen gewachsen sei, drang unter Anführung eines Brennus bis zu den Dardanern Dardania, in Nordwest von Macedonien; das heutige Servien . vor. Hier veruneinigten sie sich: und an zwanzigtausend Menschen, die sich unter ihren Herzogen Leonorius und Lutarius vom Brennus trennten, nahmen ihren eignen Weg nach Thracien. Hier kamen sie unter Siegen, wenn man sich ihnen widersetzte, unter auferlegten Lieferungen, wenn man sie um Schonung bat, bis Byzanz, und behaupteten sich eine Zeitlang in dem Besitze der Städte am Propontis, so daß ihnen jene Küste steuerpflichtig war. Nun kam ihnen die Lust, nach Asien überzugehen, von dessen großer Fruchtbarkeit sie in dieser Nähe gehört hatten. Sie bemächtigten sich Lysimachiens mit List, besetzten den ganzen Chersones mit ihren Waffen und kamen an den Hellespont herab. Da sie sich hier von Asien nur durch die schmale Meerenge geschieden sahen, wurde ihr Wunsch hinüberzugehen noch so viel lebhafter, und sie beschickten, in Hinsicht auf diese Überfahrt, den Statthalter in jener Gegend, den Antipater. Indeß sich dies Geschäft über ihre Erwartung verzögerte, kam es wieder zwischen ihren Herzogen zu einer neuen Trennung. Leonorius ging mit der größeren Hälfte des Schwarms zurück nach Byzanz, wo er hergekommen war: Lutarius hingegen nahm den Macedoniern, welche Antipater unter dem Scheine einer Gesandschaft als Kundschafter hingeschickt hatte, ihre zwei Deckschiffe und drei Barken ab. Auf diesen setzte er in wenig Tagen, da er Tag und Nacht immer andre überfahren ließ, seine sämtlichen Truppen über. Bald nachher kam auch von Byzantium aus, mit Hülfe des Königs Nicomedes von Bithynien, Leonorius herüber. Nun schlossen sich die Gallier wieder an einander, und gaben dem Nicomedes Hülfstruppen, der eben mit dem Zyböta, dem Besitzer eines Theils von Bithynien, Krieg führte: und vorzüglich durch ihre Mitwirkung wurde Zyböta besiegt und ganz 525 Bithynien dem Nicomedes unterwürfig. Nach ihrem Aufbruche aus Bithynien rückten sie in Asien weiter vor. Unter ihren zwanzigtausend Menschen waren nur zehntausend Bewaffnete. Dennoch jagten sie allen Völkern diesseit des Taurus einen solchen Schrecken ein, daß sich Alle, wohin sie kamen, und wohin sie nicht kamen, die entfernten so gut, als die benachbarten, ihrer Oberherrschaft fügten. Endlich theilten sie, weil sie aus drei Völkerstämmen bestanden, den Tolistobojern, Trocmern und Tectosagern, auch Asien in drei Theile, je nachdem jeder Theil einer von ihren Völkerschaften zinsbar sein sollte. Die Trocmer bekamen die Küste des Hellesponts; den Tolistobojern gab das Los Äolis und Ionien, den Tectosagern das mittelländische Kleinasien. Diese erhoben in ganz Kleinasien diesseit des Taurus ihre Schatzungen: sie selbst aber ließen sich auf beiden Seiten des Flusses Halys nieder. Der Schrecken ihres Namens wurde nun, da sich auch ihre Volksmenge durch zahlreiche Kinder vermehrte, so groß, daß sich endlich sogar Syriens Könige zur Abtragung einer Steuer verstehen mußten. Der erste unter allen Bewohnern Asiens, der sie ihnen verweigerte, war Attalus, des Königs Eumenes Vater. Sein kühnes Unternehmen wurde, gegen die Erwartung Aller, vom Glücke begünstigt, und er behauptete in einer Feldschlacht den Sieg. Doch brach er ihren Muth nicht so, daß sie ihrer Oberherrlichkeit entsagt hätten. Bis auf den Krieg des Antiochus mit den Römern war ihre Macht dieselbe geblieben. Und auch jetzt, nach Besiegung des Antiochus, standen sie in der festen Meinung, weil sie so weit vom Meere entfernt wohnten, werde bis zu ihnen kein Römisches Heer kommen. 17. Weil der Consul seinen Krieg mit diesem Feinde zu führen hatte, der allen Völkern jener Gegend so furchtbar war, so redete er in einer Versammlung seiner Soldaten ungefähr so zu ihnen: «Ich weiß es sehr wohl, Soldaten, daß die Gallier an Kriegsruhm allen Völkern vorgehen, welche Asien bewohnen. Dies wilde Volk, das unter Kriegen fast den ganzen Erdkreis 526 durchschwärmte, wählte sich seinen Wohnsitz unter der sanftesten Menschenart. Ihr schlanker Körperwuchs, ihr langes und geröthetes Har, die ungeheuren Schilde, die überlangen Schwerter; ferner der Gesang, womit sie das Treffen eröffnen, ihr Geheul, ihr Schlachttanz, und – dies ist ihnen eine Art von Erbsitte, – das fürchterliche Geklirr ihrer Waffen, wenn sie auf ihre Schilde schlagen; dies Alles ist absichtlich darauf berechnet, Schrecken zu erregen. Mögen sich denn Leute davor fürchten, denen dies neu und fremd ist, Griechen, Phrygier, Carier: Römer aber, denen ein Gallischer Lärmkrieg nichts Ungewohntes ist, sind auch mit allen seinen Nichtigkeiten bekannt. Nur Einmal liefen vor langer Zeit, beim ersten Zusammentreffen an der Allia, die Vorfahren vor ihnen ad Alliam olim fuderunt maiores nostros]. – Da hier so viele Handschriften, denen auch die Mainzer durch ihr ve stri beizutreten scheint, statt no stros – wiewohl im Widerspruche mit der Geschichte – no stri lesen, so könnte man, angenommen, daß die gewöhnliche Lesart, welche eos ausschließt, ad Alliam olim fuderunt maiores – die richtige sei, auf die Vermuthung kommen, nostros und nostri gehöre beides in den Text, und in einigen Msc. sei nostros durch nostri, in anderen nostri durch nostros, wegen der Ähnlichkeit, verdrängt. Dann hieße es hier so: Semel primo congressu ad Alliam olim fuderunt maiores nostros: nostri ex eo tempore per CC iam annos pecorum in inodum consternatos caedunt fugantque. Dann hätten caedunt fugantque in nostri ihr Subject, und nostri wäre so viel, als maiores, avi, patres, nos ipsi, oder mit Einem Worte: Romani. Allein der Cod. Longob. Mog. – so oft in diesen Büchern der einzige Erhalter der ächten Lesart – lieset so: Semel primo congressu ad Alliam eos olim fuderunt maiores vestri. Dies fu d erunt (wofür auch ein andres Msc. fuerunt hat) verwandelte Modius in fu g erunt, und selbst Drakenb. sagt: Non displicet Modii coniectura, qui unica tantum litera mutata fu g erunt emendat pro fu d erunt. Solent illa verba etiam alibi in MSS. commutari. – Fuderunt maiores vestros wollte Manlius aus Artigkeit nicht sagen, und konnte es auch der Geschichte nach nicht sagen: denn Modius fügt sehr richtig zur Unterstützung seines fu g erunt hinzu: fuga ibi potius sua et trepidatio Romanis exitio fuit, quam Gallorum virtus. Und Livius selbst sagt V. 38: ignotum hostem prius paene quam viderent, non modo non tentato certamine, sed ne clamore quidem reddito, integri intactique fugerunt. Nec ulla caedes pugnantium fuit. Nur hat Modius, glaube ich, nicht recht gethan, daß er auch das Wort vestri in nostri verwandelte. Manlius will seinen Zuhörern nicht geradezu sagen: maiores vestri oder nostri fugerunt. Er vermeidet dies dadurch, daß er unbestimmt sagt: maiores olim eos fugerunt. Dann fängt nach meiner Meinung der neue Satz an: Vestri ex eo tempore per CC iam annos – – eos caedunt fugantque. Vos allein konnte er hier nicht sagen, weil sie vor 200 Jahren noch nicht gelebt hatten: er kommt ihnen aber mit dem Complimente so nahe, als er kann, wenn er sagt: Vestri, nämlich avi, patres, vos ipsi, cives vestri u. s. w. Da Drakenborch so oft in diesen Büchern dem Cod. Mog. ganz allein, als dem bewährtesten, gegen die Lesart aller andern Msc. folgt, und die Nachhülfe des Modius billigt, so glaube ich, auch das vestri konnte, richtig interpungirt, beibehalten werden. ; seit jener Zeit aber, schon zweihundert Jahre lang, werden sie von den Eurigen, wie durcheinandergescheuchte Heerden zusammengehauen und gejagt; und der über Gallier gehaltenen Triumphe giebt es beinahe mehr, als über die Länder des ganzen Erdkreises zusammen. Hält man nur ihren ersten Angriff aus – dies wissen wir schon aus Erfahrung – in welchem sie 527 die ganze ihnen eigene Glut und blinde Erbitterung ausströmen; so fließen ihnen die Glieder von Schweiß und Ermattung; so wanken ihnen die Waffen; so strecken ihren erschlafften Körper, und wenn die Hitze verraucht ist, auch ihren erschlafften Muth, ohne daß es unsers Schwertes bedürfte, Sonnenstich, Staub und Durst zu Boden. Wir haben uns nicht bloß in Legionen gegen ihre Legionen versucht, sondern Titus Manlius, Marcus Valerius, welche einzeln Mann gegen Mann auftraten, haben bewiesen, wie mächtig Römische Tapferkeit die Gallische Tollheit besiege. Ja der einzige Marcus Manlius warf einen Zug zum Capitole heransteigender Gallier hinab. Und jene unsre Vorfahren hatten doch mit unbezweifelten, im eignen Vaterlande gebornen, Galliern zu thun. Diese hier sind schon ausgeartet, sind Halblinge, sind wirklich, was ihr Name sagt, Gallogriechen geworden, gerade so, wie bei Früchten und Thieren der Same zur Erhaltung ihrer Art nicht so wirksam ist, als die Eigenthümlichkeit des Bodens und des Himmels, unter dem sie sich nähren, zu ihrer Abänderung. Die Macedonier, welche Alexandrien in Ägypten, auch die, welche Seleucien und Babylon, so wie die, welche andre über den Erdkreis zerstreute Pflanzstädte bewohnen, sind in Syrer, Parther, Ägypter ausgeartet. Massilien hat, weil es unter Galliern liegt, nicht wenig von der Gemüthsart seiner Nachbaren angenommen. Was ist den Tarentinern von 528 jener harten und rauhen Spartanischen Zucht noch geblieben? Immer wird Alles auf seinem Urstamme edler erzeugt: einem fremden Boden aufgepfropft artet es, mit Verwandlung seiner Natur, in das aus, was ihm die Nahrung giebt. Folglich werdet ihr in diesen mit Gallischen Waffen belasteten Phrygiern, wie ihr sie schon in des Antiochus Heere niedergehauen habt, eure schon Besiegten als Sieger niederhauen. Meine Sorge ist mehr die, daß es bei ihnen des Ruhmes für uns zu wenig, als des Krieges zu viel gebe. Hat sie doch König Attalus oft geschlagen und gejagt. Ihr müßt nicht denken, nur Thiere, welche eben eingefangen jene Wildheit vom Walde her zwar anfangs behielten, würden mit der Zeit, wenn sie lange genug von Menschenhänden gefüttert wären, zahmer; allein in Besänftigung menschlicher Wildheit zeige sich die Natur nicht eben so. Haltet ihr denn diese Menschen für eben das, was ihre Väter und Großväter waren? Aus Mangel an Ackerfeldern landflüchtig, zogen sie durch die rauheste Gegend Illyricums; von hier wanden sie sich unter Gefechten mit den trotzigsten Völkern durch Päonien und Thracien, und bemächtigten sich hier dieser Länder. Diese durch so mancherlei Noth gehärteten und verschlimmerten Menschen nahm nun ein Land auf, das mit seinem Überflusse an Allem sie mästen sollte. Bei der Fruchtbarkeit des Bodens, der Milde des Himmels, der sanftesten Sinnesart ihrer Nachbaren, ging die ganze Wildheit, mit der sie gekommen waren, in Zahmheit über. Ihr, vom Mars stammende Helden, müsset vor dieser Annehmlichkeit Asiens euch hüten und sie so bald als möglich fliehen: so mächtig sind diese Reize des Auslandes, die Kraft des Geistes auszutilgen, so ansteckend die Zucht und Weise seiner Bewohner. Das ist aber für uns eine günstige Fügung, daß sie sich, so wenig ihnen gegen euch die alte Kraft geblieben ist, doch bei den Griechen in einem Rufe erhalten haben, der jenem alten gleicht, mit dem sie gekommen sind; und ihr werdet als Sieger bei euren Bundesgenossen euch einen eben so hohen Kriegsruhm erwerben, als wenn ihr 529 Gallier von unverkennbarer alter Tapferkeit besiegt hättet.» 18. Als er die Versammlung entlassen und Gesandte an den Eposognatus abgefertigt hatte, den einzigen von den dortigen Fürsten, der nicht nur des Eumenes Freund geblieben war, sondern auch dem Antiochus Hülfsvölker gegen die Römer verweigert hatte; brach er mit seinem Lager auf. Den ersten Tag kamen sie bis an den Fluß Alander, den folgenden an einen Flecken, der dort den Namen Tyscos führt. Als hier Gesandte der Bürger von Oroanda mit einem Freundschaftsgesuche erschienen, wurde ihnen zur Bedingung gemacht, zweihundert Talente zu zahlen, und die Bitte, mit diesem Bescheide nach Hause zurückzugehen, zugestanden. Von hier führte der Consul sein Heer nach Plitendum; dann lagerte er sich bei Alyattos. Hieher kamen die an den Eposognatus Abgefertigten zurück, und mit ihnen Gesandte des Fürsten, welche den Consul baten, die Tolistobojer Ne Tectosagis]. – Nach Polybius und Livius selbst (am Ende dieses Cap. und im Anfange des folgenden) muß es heißen Ne Tolistoboiis. Da die Abschreiber (Cap. 13. am Ende) den Namen Tolistoboii in Thobostebori, Theostebogii, Tobostagii, Tobostobosii, Tolobostogri u. s. w. verderben konnten, warum will man denn hier lieber dem Livius vorwerfen, er habe den Polybius unrecht gelesen, als die Abschreiber die Schuld tragen lassen, welche nach meiner Meinung Tolistoboiis in Tectosagis, so wie oben in Tobostagiis, verwandelten? nicht zu bekriegen. « Eposognatus selbst wolle zu dieser Völkerschaft gehen und sie bereden, den Forderungen sich zu fügen.» Dies wurde dem Fürsten bewilligt, und das Heer zog von hier durch die Landschaft; welche Axylos (die Holzlose ) heißt. Sie führt den Namen mit der That. Denn sie liefert nicht allein gar kein Holz, sondern auch nicht einmal Dorngesträuche, oder irgend ein anderes Nahrungsmittel des Feuers. Statt des Holzes bedienen sie sich dort des Kuhmistes. Als die Römer bei der Gallogräcischen Feste Cuballum im Lager standen, zeigte sich eine laut lärmende feindliche Reuterei. Durch ihren unvermutheten Angriff brachte sie die Römischen Posten nicht bloß in Unordnung, sondern tödtete ihnen auch 530 einige Leute. Kaum aber scholl dies Getümmel in das Lager hinüber, als die ganze Römische Reuterei plötzlich aus allen Thoren hervorströmte, die Gallier warf, in die Flucht trieb und mehrere der Fliehenden tödtete. Von hier an rückte also der Consul, weil er sah, er war nun an die Feinde gekommen, nur auf ausgesichertem Wege und in sorgfältig geschlossenem Zuge weiter: und als er in fortgesetzten Märschen an den Fluß Sangarius kam, beschloß er, weil der Fluß zum Durchgehen nirgend flach genug war, eine Brücke zu schlagen. Der Sangarius, der vom Gebirge Adoreus durch Phrygien fließt, vereinigt sich bei seinem Eintritte in Bithynien mit dem Flusse Tymbretes, läuft von hier, durch die Verdoppelung seiner Gewässer verstärkt, durch Bithynien und ergießt sich in den Propontis Es mußte heißen: in den Pontus. Oder man müßte annehmen, daß bei den Alten vielleicht die südwestlichen Gegenden des Pontus, in der Nähe des Propontis, gleichsam als Vorsprung des Pontus, noch mit unter den Namen Propontis begriffen gewesen wären, wovon ich aber kein Beispiel finde. , nicht durch seine Größe so merkwürdig, als wegen der ungeheuren Menge Fische, die er den Anwohnern liefert. Als die Römer nach ihrem Übergange über die vollendete Brücke am Ufer hinzogen, kamen ihnen von Pessinus die Priester der Großen Mutter in ihrem Ehrenschmucke entgegen und verkündigten in Liedern voll Seherwuth den Römern auf diesen Krieg die Leitung der Göttinn, Sieg und die Herrschaft über diese Lande. Der Consul hieß die gute Vorbedeutung willkommen und nahm auf dieser Stelle ein Lager. Am folgenden Tage kam er nach Gordium. Die Stadt ist zwar nicht groß, aber für ein Warenlager mitten im Lande stark besucht und volkreich. Sie hat drei Meere fast in gleicher Ferne, den Hellespont, den Pontus Hellespontum, ad Sinopen]. – Ich trete Freinsheims Vermuthung bei, daß hinter Hellespontum das Wort Pontum, welches zu ad Sinopen gehörte, ausgefallen sei: denn es läßt sich kaum erwarten, daß die Abschreiber von diesen beiden Pontum nicht das eine sollten ausgelassen haben. Das gleich folgende Wort alterius nehme ich, wie die Griechen ihr έτερος, in der Bedeutung von diversus, entgegengesetzt. bei Sinope, und den Strand der gegenüber liegenden Gegend, wo die Küsten-Cilicier 531 wohnem Außerdem gränzt sie mit vielen und großen Völkerschaften, mit welchen das gegenseitige Bedürfniß vorzüglich diesen Ort in Verkehr setzt. Jetzt fanden die Römer die Stadt durch die Flucht ihrer Bewohner menschenleer, aber gestopft voll von Vorräthen aller Art. Als sie hier ihr Standlager hatten, kamen Gesandte vom Eposognatus und meldeten: «Er habe durch seine Hinreise zu den Gallischen Herzogen keine billige Bedingungen auswirken können. Die Gallier wanderten in Scharen aus den Flecken und Dörfern der Ebene; und so daß sie Alles vor sich hintrieben und forttrügen, was sich tragen und treiben lasse, zögen sie mit Weib und Kind auf das Gebirge Olympus, um sich von dort herab durch die Waffen und zugleich durch die vortheilhafte Stellung zu schützen.» 19. Noch bestimmtere Auskunft gaben nachher die Gesandten von Oroanda: «Der Stamm der Tolistobojer habe das Gebirge Olympus besetzt. Die Tectosager hätten sich auf die entgegengesetzte Seite gezogen, auf einen andern Berg, Namens Magaba. Die Trocmer hätten ihre Weiber und Kinder bei den Tectosagern untergebracht und wollten mit dem Heere ihrer Waffenfähigen den Tolistobojern zu Hülfe ziehen.» Die damaligen Herzoge der drei Völkerschaften hießen Ortiagon, Combolomarus und Gaulotus. Der Plan, nach welchem sie sich auf den Krieg eingelassen hatten, gründete sich hauptsächlich auf die Voraussetzung, daß sie den Feind durch Überdruß ermüden würden, wenn sie selbst im Besitze der höchsten Berge dieser Gegend, alle Vorräthe dort zusammenfahren ließen, um für ihre Bedürfnisse auf noch so lange Zeit auszureichen. «Denn die Römer würden es nicht wagen, über einen so steilen, so unvortheilhaften Boden anzurücken, und versuchten sie es, so könne man sie mit einer kleinen Mannschaft zurückhalten und hinabstürzen. Sie würden nicht einmal der Kälte und dem Mangel widerstehen können, wenn sie sich, ohne anzugreifen, am Fuße der kalten Gebirge lagern wollten.» Ob nun gleich die Höhe der Gegend sie schützte, so 532 umzogen sie doch die Gipfel, welche sie besetzt hatten, mit einem Graben und andern Befestigungen. Am wenigsten sorgten sie dafür, sich mit Geschoß zu versehen, weil sie glaubten, die rauhe Gegend werde ihnen ohnehin Steine in Menge darbieten. 20. Der Consul hingegen, der nicht auf eine Schlacht in Reihe und Glied, sondern auf Bestürmungen aus der Ferne rechnete, hatte eine große Menge Wurfpfeile, leichter Spieße, Bogenpfeile, Bleieicheln und mäßig großer Steine zum Wurfe aus der Schleuder, angeschafft; so mit einem Vorrathe von Geschoß versehen zog er gegen den Berg Olympus heran und schlug in einer Entfernung von beinahe fünftausend Schritten ein Lager auf. Als er den Tag darauf mit vierhundert Reutern und dem Attalus ausgerückt war, um sich über die Beschaffenheit des Berges und die Stellung des feindlichen Lagers zu belehren, nöthigte ihn eine doppelt so starke Anzahl feindlicher Reuter, die aus ihren Thoren hervorstürzten, zur Flucht; und sie tödteten ihm einige von seinen Fliehenden, mehrere verwundeten sie. Als er den dritten Tag mit der ganzen Reuterei zur Besichtigung der Gegend aufgebrochen war, und niemand von den Feinden aus den Verschanzungen vorrückte, umritt er den Berg ungestört, und fand auf der Mittagsseite mit Erdreich bekleidete und bis auf eine gewisse Höhe mäßig bergangehende Hügel, gegen Norden steile und beinahe senkrechte Klippen, und bei der Unzugänglichkeit fast aller übrigen Stellen, drei mögliche Wege; den einen an der Mitte des Berges, wo sich das Erdreich gezeigt hatte; und zwei beschwerlichere, auf der Nordost- und Südwestseite. Nach diesen Wahrnehmungen lagerte er sich für heute dicht unter dem Berge. Als ihm Tags darauf bei Darbringung des Opfers gleich die ersten Thiere zusagten, ging er mit seinem Heere in drei Abtheilungen gegen den Feind. Mit dem stärksten Theile der Truppen nahm er selbst den flachesten Aufweg, den der Berg gestattete. Seinen Bruder Lucius Manlius hieß er auf der Nordostseite hinangeben, soweit es die Gegend erlaube und es mit Sicherheit thunlich sei. Stieße er auf 533 gefährliche und abgerissene Stellen, so sollte er nicht gegen die Hindernisse des Bodens ankämpfen, nicht gegen unübersteigliche Schwierigkeiten Gewalt brauchen, sondern sich schräg am Berge herabziehen und zu ihm in den Zug einrücken. Mit dem dritten Theile sollte Cajus Helvius den Fuß des Berges in aller Stille umgehen und sich dann auf der Südwestseite zur Höhe hinanziehen. Auch von den Hülfstruppen des Attalus gab er den drei Abtheilungen eine gleiche Zahl: den jungen Prinzen selbst behielt er bei sich. Die Reuterei mit den Elephanten ließ er auf der den Anhöhen nächsten Ebene zurück. Den Obersten gab er Befehl, sorgfältig zu beachten, was überall geschehe, und wo es nöthig sei, eiligst Hülfe zu leisten. 21. Die Gallier, voll Vertrauen auf die Unzugänglichkeit ihrer beiden Flügel, schickten nun, um den Weg auf der Seite, welche gegen Mittag sah, durch Truppen zu sperren, beinahe viertausend Bewaffnete zur Besatzung einer Anhöhe ab, welche den Weg beherrschte und nicht ganz tausend Schritte von ihrem Lager entfernt war: so, glaubten sie, wie durch eine Schanze, den Zugang unmöglich zu machen. Als dies die Römer sahen, machten sie sich fertig zum Gefechte. Vor ihren Reihen gingen in mäßiger Entfernung ihre Leichtbewaffneten, und von des Attalus Hülfsvölkern die Creter Bogenschützen, die Schleuderer, die Trallen und Thracier. Die Reihen des Fußvolks ließ man, wie es der steile Aufgang forderte, in gehaltenem Schritte anrücken, und die Schilde so vor sich nehmen, daß sie sich nur gegen den Schuß sicherten, ohne auf das Zusammentreffen im Gefechte zu rechnen. Das Treffen, das mit Schüssen aus der Ferne eröffnet wurde, blieb sich anfangs gleich, weil den Galliern ihr Stand, den Römern die Mannigfaltigkeit und Menge ihres Geschosses zu statten kam. Allein bei der Fortdauer verlor der Kampf bald alles Gleichgewicht. Von ihren zwar langen, aber zum Schutze so ansehnlicher Körper viel zu schmalen und noch dazu platten Schilden wurden die Gallier nur schlecht gedeckt. Auch hatten sie schon keine andre Waffen mehr, als ihr Schwert, von dem sie, weil 534 der Feind nicht zum Handgefechte kam, keinen Gebrauch machen konnten. Ihrer Steine, die noch dazu nicht klein genug waren, weil sie nicht vorher dafür gesorgt hatten, sondern nur zugriffen, so wie sie jedem ohne Wahl in der Eile vor die Hand kamen, bedienten sie sich als ungeübte Werfer, ohne durch Kunst oder Kraft den Wurf zu verstärken. Sie aber wurden mit Pfeilen, Bleieicheln, Wurfspießen, ohne dagegen verwahrt zu sein, von allen Seiten zusammengeschossen; von Wuth und Bestürzung geblendet wußten sie nicht, was sie thun sollten; und sahen sich durch eine Art von Gefecht überrascht, zu der sie durchaus nicht tauglich waren. Denn so wie im Handgefechte, wo man gegenseitig Wunden bekommen und geben kann, ihren Muth die Rache befeuert; so brechen sie hingegen, wenn sie aus einem Hinterhalte oder aus der Ferne durch leichtes Geschoß verwundet werden, und kein Gegenstand da ist, auf den sie blindlings zum Angriffe hinstürzen könnten, wie angeschossenes Wild geradezu auf die Ihrigen ein. Daß sie nackend fechten, daß ihre Körper auseinandergeflossen und weiß sind – denn sie entblößen sich nie, als im Gefechte – deckte ihre Wunden noch mehr auf; so gab auch ihr vieles Fleisch mehr Blut und fürchterlicher spreitende Wunden, und auf den weißen Körpern fleckte das schwarze Blut so viel abstechender. Doch machen sie sich aus offenen Wunden nicht viel. Ist die Wunde mehr breit als tief, so schlitzen Interdum insecta cute]. – Drakenborchs Erklärung dieser Worte: Si latior quam altior plaga et cutis tantum quasi insecta est, genügt mir nicht, weil dann die von Livius vorangeschickten Worte insecta cute ganz unnöthig wären: denn bei jeder Wunde, sie sei weit oder tief, muß doch die Haut durchschnitten sein; und Drakenborchs quasi ist dem Livius aufgezwungen. Ich folge lieber Creviers Erklärung: ipsi secant cutem, ubi, latiore quam profundiore plaga, spes est, evelli posse telum – –: atque sic dilatatis plagis eo se gloriosius pugnare putant, latas illas plagas, tamquam pignora fortitudinis, obstentantes. Dann, dünkt mich, passen die Worte besser zu dem unmittelbar vorhergehenden: non tam patentibus plagis moventur. – Die bald folgenden, schwer in den Zusammenhang zu bringenden Worte: sic ut passim procumberent, habe ich aus Noth so übersetzt, als stände hier; sicut tum passim procubuerunt. sie selbst zuweilen die Haut weiter auf, und fechten so ihres Bedünkens noch ehrenvoller. Peinigt sie aber der Stachel 535 eines tiefer steckenden Pfeils oder einer Bleieichel in einer dem Anscheine nach leichten Wunde, und kommt beim Nachsuchen dessen, was sie herauszuziehen haben, das Geschoß nicht mit heraus, so strecken sie sich, ergriffen von Wuth und Scham, an einem so kleinen Schaden sterben zu müssen, auf die Erde hin, so wie sie auch jetzt allenthalben sich niederwarfen. Andre rannten auf den Feind ein und wurden von allen Seiten niedergeschossen; oder kamen sie zum Handgefechte, so wurden sie von dem Leichtbewaffneten mit dem Schwerte niedergemacht. Diese Truppen haben einen Rundschild von drei Fuß Länge, in der Rechten Spieße zum Gebrauche für die Ferne. Sie sind mit einem Spanischen Schwerte gegürtet, und müssen sie Mann gegen Mann fechten, so nehmen sie ihre Spieße in die Linke und ziehen ihr Schwert. Jetzt waren nur noch wenig Gallier übrig. Diese, die sich von leichten Truppen überwunden und die schweren Legionen anrücken sahen, flohen in vollem Laufe ihrem Lager zu, wo es schon lauter Schrecken und Getümmel gab, weil hier Weiber und Kinder und der übrige Schwarm von Wehrlosen sich mischten. Die Hügel, von den flüchtigen Feinden verlassen, nahmen die siegenden Römer auf. 22. Zu gleicher Zeit beugten Lucius Manlius und Cajus Helvius, die so lange bergan gestiegen waren, als der Abhang der Hügel einen Weg gestattete, wie sie an die unersteiglichen Stellen kamen, nach jener Seite des Berges ein, welche allein einen Weg darbot, und fingen nun an, beide in mäßiger Entfernung, als hätten sie es verabredet, dem Zuge des Consuls zu folgen; durch die wirkliche Noth zu einer Maßregel gezwungen, welche gleich anfangs die beste gewesen wäre. Denn gerade an solchen Stellen von nachtheiliger Lage haben oft die Nachtruppen den wesentlichen Dienst geleistet, daß sie, als die Zweiten, wenn etwa die Ersten zurückgeworfen sind, nicht nur die Geschlagenen decken, sondern in ihrer frischen Kraft die Schlacht selbst übernehmen. Der Consul ließ, sobald die ersten Züge der Legionen die von den Leichtbewaffneten genommenen Höhen erreicht hatten, seine 536 Truppen sich erholen und ein Weilchen ausruhen; zugleich zeigte er ihnen die über die Hügel zerstreuten Leichen der Gallier, und fragte sie: «Da schon die leichten Truppen so gefochten hätten, was sich nun von den Legionen, von ihrer vollen Bewaffnung, von dem Muthe der tapfersten Krieger erwarten lasse? Sie müßten das Lager erobern, in welchem der Feind, der sich von leichten Truppen habe hineintreiben lassen, außer aller Fassung sei.» Doch ließ er die Leichtbewaffneten vorangehen, welche selbst die Zeit, während das Heer stillstand, nicht unthätig hatten verstreichen lassen, sondern auf den Anhöhen, um mit dem Geschosse auszureichen, die Wurfwaffen zusammengelesen hatten. Jetzt naheten sie dem Lager; und die Gallier hatten sich aus Besorgniß, ihre Verschanzung möge ihnen nicht Schutz genug gewähren, vor ihrem Walle bewaffnet aufgepflanzt. Mit Geschoß aller Art überschüttet, mußten sie sich, da ein Fehlschuß so viel weniger möglich war, je zahlreicher und dichter sie dastanden, sehr bald in ihren Wall hineintreiben lassen und stellten nur an den Eingängen bei den Thoren starke Posten auf. Über den in das Lager getriebenen Schwarm ergoß sich nun eine ungeheure Menge von Pfeilen, und daß ihrer Viele verwundet wurden, gab ihr Geschrei zu erkennen, das mit dem Geheule der Weiber .und Kinder sich mischte. Gegen die zur Sperrung der Thore aufgestellten Posten schleuderte das erste Glied der Legionen seine Wurfpfeile ab. Die Gallier bekamen nicht etwa Wunden, sondern meistentheils hinter ihren durchschleuderten Schilden mit einander zusammengeschossen, steckten sie fest: auch hielten sie den Angriff der Römer nicht länger aus. 23. Schon war der Eingang zu den Thoren frei, als die Gallier aus ihrem Lager, ehe noch die Sieger eindrangen, nach allen Seiten die Flucht nahmen. Blindlings rannten sie über Wege und Unwege: kein steiler Absturz, kein Felsen hielt sie zurück; sie fürchteten nichts, als den Feind. Meistentheils also fanden sie, wenn sie sich von der ungeheuern Höhe stürzten, den Tod entweder gleich auf der Stelle oder nachher durch die Beschädigung. 537 Nach Eroberung des Lagers untersagte der Consul seinen Soldaten alles Plündern und Beutemachen, hieß jeden, so gut er könne, ihm folgen, sich angreifen und unter den muthlosen Feinden die Bestürzung vergrößern. Nun kam der zweite Zug mit dem Lucius Manlius dazu. Auch diese ließ er nicht in das Lager hinein: sie mußten sogleich zur Verfolgung des Feindes weiter, und er selbst folgte ihnen, sobald er die Aufsicht über die Gefangenen einigen Obersten übertragen hatte; denn er sah den Krieg, wenn in dieser Bestürzung so viele als möglich getödtet oder gefangen würden, für beendigt an. Schon war der Consul ausgerückt, als Cajus Helvius mit dem dritten Zuge ankam. Er vermochte es nicht, seine Truppen von der Plünderung des Lagers abzuhalten, und so beschied ein höchst unbilliges Los die Beute denen, die nicht einmal mitgefochten hatten. Die Reuterei, die von der Schlacht und dem Siege der Ihrigen nichts wußte, hielt lange still: dann aber holte auch sie, so weit sie mit den Pferden hinankommen konnte, die auf der Flucht zerstreuten Gallier am Fuße des Berges ein, hieb sie nieder oder nahm sie gefangen. Die Zahl der Getödteten ließ sich nicht leicht bestimmen, weil sich die Flucht und das Gemetzel weit umher über alle Krümmungen der Gebirge verbreitete; auch war ein großer Theil der Feinde von den unwegsamen Klippen in die Abgründe des Thals gestürzt oder in Wäldern und Gebüschen niedergehauen. Claudius, nach welchem es am Berge Olympus zu zwei Schlachten kam, giebt die Getödteten zu vierzig tausend an: Valerius von Antium, der sich sonst in Vergrößerung der Zahlen nicht so zu mäßigen pflegt, nicht über zehntausend. Die Gefangenen beliefen sich gewiß auf volle vierzig tausend, weil die Gallier, nicht als ob sie zu Felde zögen, sondern als ob sie auswanderten, die ganze Volksmasse, ohne Unterschied des Standes und Alters, mitgeschleppt hatten. Der Consul ließ die feindlichen Waffen in Einem Haufen verbrennen, befahl Allen, die übrige Beute einzuliefern, verkaufte so viel, als in den Schatz geliefert werden mußte, und ließ es bei der Vertheilung des Übrigen seine Sorge 538 sein, Alles möglichst gleich zu machen. Auch lobte er vor der Versammlung sie Alle und beschenkte jeden nach seinem Verdienste, vorzüglich den Attalus mit voller Beistimmung Aller. Denn der junge Held hatte in jeder Anstrengung und Gefahr eine seltene Tapferkeit und Thätigkeit, und sich dabei doch als den Bescheidenen gezeigt. 24. Mit den Tectosagern hatte man nun den ganzen Krieg noch vor sich. Der Consul brach gegen sie auf, und kam in drei Märschen nach Ancyra, einer in jener Gegend angesehenen Stadt, von wo die Feinde etwas über zehntausend Schritte entfernt waren. Während hier das Lager eine Zeitlang stehen blieb, führte eine Gefangene eine denkwürdige That aus. Mit mehreren Gefangenen war auch eine Frau von außerordentlicher Schönheit, die Gemahlinn des Herzogs Ortiagon, unter Aufsicht gestellt, und diese führte ein Hauptmann, unzüchtig und geldgierig, wie ein roher Soldat. Zuerst machte er Versuche auf ihre Neigung: als er sah, daß sie gegen jede entehrende Bewilligung sich empörte, so verübte er an der vom Schicksale zur Sklavinn Hingegebenen die körperliche Mishandlung mit Gewalt. Ihren Unwillen über die schnöde That zu besänftigen, machte er ihr nunmehr Hoffnung zur Rückkehr zu den Ihrigen, aber auch diese nicht etwa, wie ein Verliebter, unentgeltlich: nein, er ließ sich dafür eine benannte Summe versprechen, und um keinen seiner Mitsoldaten etwas erfahren zu lassen, stellte er ihr selbst frei, einen von den Gefangenen, welchen sie wolle, als Boten an die Ihrigem abzusenden; bestimmte ihr dann am Flusse eine Stelle, wo zwei von ihren Angehörigen, aber nicht mehr, mit dem Golde sich einfinden sollten, sie in der folgenden Nacht abzuholen. Zufällig war unter den Gefangenen, über welche der Hauptmann die Aufsicht hatte, auch ein Sklave dieser Frau. Diesen führte er als den Boten beim ersten Dunkel vor die Posten hinaus. In der folgenden Nacht stellten sich sowohl die beiden Verwandten der Frau an dem bestimmten Orte ein, als auch der Hauptmann mit seiner Gefangenen. Als sie ihm hier das Gold vorzeigten, welches ein volles Attisches Talent 539 betragen mußte – denn so viel hatte er bedungen; – befahl ihnen die Gefangene in ihrer Sprache, ihre Schwerter zu ziehen, und den Hauptmann, der das Gold nachwog, zu tödten. Mit dem abgehauenen Kopfe des Ermordeten, den sie selbst unter der Hülle ihrer Kleidung trug, kam sie bei ihrem Gemahle Ortiagon an, der sich vom Olympus in seine Heimat gerettet hatte. Ehe sie ihn umarmte, warf sie ihm den Kopf des Hauptmanns vor die Füße, und da er nicht begreifen konnte, wessen Kopf dies sein könne, oder wie sie zu einer so unweiblichen That gekommen sei, bekannte sie ihrem Gatten die erlittene Mishandlung, und wie sie für die ihrer Ehre angethane Gewalt sich gerächet habe: und wie die Geschichte sagt, behauptete sie durch Unsträflichkeit und Würde in ihrem ferneren Wandel den Ruhm dieser weiblichen Heldenthat bis an ihr Ende. 25. In dem Standlager bei Ancyra kamen Gesandte der Tectosager zum Consul, die ihn baten, nicht eher von Ancyra vorzurücken, bis er mit ihren Fürsten eine Unterredung gehabt habe. Jede Friedensbedingung werde ihnen lieber sein, als Krieg. Also wurde auf den folgenden Tag eine Zeit bestimmt, und ein Platz, den man vom Lager der Gallier und von Ancyra gleich weit entfernet fand. Als hier der Consul zur gesetzten Zeit unter einer Bedeckung von fünfhundert Rittern angekommen, und ohne dort einen Gallier gesehen zu haben, in sein Lager zurückgekehrt war, kamen dieselben Gesandten wieder und zwar mit der Entschuldigung, daß ein ungünstiges Vorzeichen ihren Fürsten nicht erlaube, sich einzustellen. Allein die Vornehmsten ihres Volks, durch welche die Sache eben so gut abgethan werden könne, sollten kommen. Da sagte der Consul, so wolle auch er statt seiner den Attalus schicken. Von beiden Seiten fand man sich zur Unterredung ein. Attalus nahm zu seiner Bedeckung dreihundert Reuter mit, und die Friedensbedingungen kamen zur Sprache. Weil aber die Sache ohne Beisein der Oberanführer nicht beendigt werden konnte, so verabredete man eine Zusammenkunft des Consuls und der Fürsten auf den folgenden Tag an eben dieser Stelle. Bei diesem Hinhalten hatten 540 die Gallier die Absicht, einmal, die Zeit hinzubringen, bis sie ihre Sachen, die sie der Gefahr nicht aussetzen wollten, mit ihren Weibern und Kindern über den Fluß Halys geschafft hätten; zum andern, den Consul selbst in die Falle zu locken, weil er gegen Büberei bei einer Unterredung doch nicht ganz gedeckt sein konnte. Zu diesem Zwecke suchten sie unter ihrer ganzen Anzahl tausend Reuter von bewährter Kühnheit aus. Und die List wäre ihnen gelungen, hätte nicht für das Völkerrecht, dessen Verletzung in ihrem Plane lag, das Glück Partei genommen. Die Römer ließen ihre Futterholer und Holzträger in jene Gegend gehen, wo die Unterredung Statt haben sollte. Die Obersten nämlich fanden dies so viel sicherer, weil sie dann die Bedeckung des Consuls ebenfalls als einen gegen den Feind aufgestellten Posten benutzen konnten; doch stellten auch sie einen zweiten Posten, ihren eignen, von sechshundert Rittern etwas näher am Lager auf. Als der Consul, der auf die Versicherung des Attalus, daß sich die Fürsten einstellen würden und die Sache abgeschlossen werden könne, aus dem Lager rückte, unter einer eben so starken Bedeckung, wie das vorigemal, etwa fünftausend Schritte zurückgelegt hatte und nicht weit mehr von dem verabredeten Platze entfernt war, da mit einmal sah er die Gallier in gestrecktem Schnelllaufe zu feindlichem Angriffe dahersprengen. Er ließ den Zug halten, hieß seine Ritter mit Waffen und Muth sich gefaßt machen, und begegnete dem Kampfe anfangs mit Festigkeit, ohne zu weichen; nachher, als die Überlegenheit der Menge zu groß wurde, zog er sich ohne alle Unordnung in den Gliedern seiner Geschwader langsam zurück; zuletzt aber, da ein längeres Säumen mehr Gefahr brachte, als der Gliederschluß Vortheil, sprengten sie Alle zur Flucht nach allen Seiten aus einander. Nun setzten die Gallier den Zerstreuten nach, und fingen an niederzuhauen: und die Römer würden Viele eingebüßt haben, wäre nicht der Posten von sechshundert Rittern, die Bedeckung der Futterholer, dazugekommen. Da diese auf das in der Ferne gehörte Nothgeschrei der Ihrigen sich gleich 541 zum Lanzenstoße in Ansprung gesetzt halten, so nahmen sie nun das Gefecht in ihrer vollen Kraft den Geschlagenen ab. Sogleich wandte sich das Glück, wandte sich der Schrecken von den Besiegten auf die Sieger. Die Gallier wurden nicht bloß im ersten Angriffe geworfen, sondern aus den Dörfern trafen nun auch die Futterholer ein, und auf allen Seiten hatten die Gallier Feinde vor sich, so daß sie, weil die Römer mit frischen Pferden den ermüdeten nachsetzten, ihre Flucht eben so wenig bewerkstelligen, als sichern konnten. Also retteten sich nur Wenige. Gefangen wurde nicht Einer: bei weitem der größere Theil bezahlte den Misbrauch des Vertrauens auf ihr zu einer Unterredung gegebenes Wort mit dem Leben. Von Rache glühend gelangten die Römer Tages darauf mit ihren sämtlichen Truppen an den Feind. 26. Zwei Tage wandte der Consul dazu an, den Berg in eigner Person zu besichtigen, um mit jeder Stelle bekannt zu sein. Nachdem er am dritten Tage die Vögel befragt und dann geopfert hatte, rückte er so mit seinen Truppen aus, daß er vier Abtheilungen hatte, um mit zweien im Mittelpunkte gegen den Berg anzurücken, und zwei auf den Seiten gegen die Flügel der Gallier hinaufdringen zu lassen. Auf Seiten der Feinde standen ihre Kerntruppen, die Tectosager und Trocmer, im Mitteltreffen; funfzigtausend Mann. Die Reuterei, zehntausend stark, die sie absitzen ließen, weil sich zwischen den unebenen Klippen von den Pferden kein Gebrauch machen ließ, stellten sie auf den rechten Flügel. Die Cappadocischen Hülfstruppen des Ariarathes und die des Morzus machten beinahe viertausend Mann auf dem linken aus. Der Consul, der so, wie am Berge Olympus, seinen leichten Truppen ihre Stelle im Vordertreffen gab, sorgte dafür, daß auch eben so von aller Art des Geschosses ein großer Vorrath zur Hand war. Als sie einander naheten, stand auf beiden Seiten Alles gerade so, wie in dem vorigen Treffen, den Muth ausgenommen, welchen ihr Waffenglück den Siegern erhöhet, den Feinden gebrochen hatte: denn waren sie gleich nicht selbst die 542 Geschlagenen, so sahen sie doch in der Niederlage ihrer Landsleute die ihrige. Also hatte auch das Gefecht, das gleich anfangs denselben Gang nahm, eben den Ausgang. Die Linie der Gallier wurde wie von einer herübergeschleuderten Wolke leichten Geschosses überdeckt. Vorzudringen obruit aciem Gallorum. nec aut procurrere]. – Daß über dieses aut, auf welches kein zweites aut folgt, auch nicht ein einziger Kritiker ein Wort gesagt hat, setzt mich in Verlegenheit. Das nec mit et in Verbindung, ist etwas Gewöhnliches: man darf das nec nur in et non zerlegen. Et procurrere – non audebant; et stantes – vulnera accipiebant. Allein mit dem aut weiß ich mir nur auf zweierlei Weise zu helfen. Entweder müßten wir annehmen, Livius sei aus dem aut in das et übergegangen, und habe etwa diese Gedankenfolge im Sinne gehabt: nec aut procurrere – – audebant, aut stare poterant; nam stantes – – vulnera accipiebant; und habe statt der Worte aut stare poterant; nam – gleich sein vorangegangenes nec mit et in Verbindung gesetzt, ohne auf das allein gelassene aut weiter zu achten. Dann wäre dies ein Beispiel mehr von der dem Livius nachgesagten durities in connectendis periodis. Oder ich denke mir, Livius habe geschrieben: obruit aciem Gallorum. nec aut promovere eam, aut procurrere quisquam – – audebant, et stantes – – vulnera accipiebant. Der Abschreiber ging aus dem ersten aut pro . . . in das zweite aut pro . . . über; dann fielen die Worte promovere eam (scil. aciem) aus. Das erste et, welches in nec liegt, hätte dann zwei Glieder zur Folge. Theils wagten sie weder, im Ganzen vorzurücken, noch irgend Jemand einzeln aus dem Gliede vorzutreten: theils bekamen sie, wenn sie stehen blieben – – Wunden. In der Übersetzung habe ich mich an dies letztere Heilmittel gehalten. – Sollte nicht auch in eben dieser Stelle die Schreibart hocplura ro velut den Abschreiber veranlaßt haben, wegen des unmittelbar vorhergegangenen ra die Silbe ro zu übersehen? Dann hieße es so: hoc plura, Romanis velut etc. wagten sie eben so wenig, als einzeln aus den Gliedern hervorzutreten, um nicht den Geschossen von allen Seiten Blöße zu geben; und blieben sie stehen, so bekamen sie der Wunden so viel mehr, je dichter sie standen, da die Römer gleichsam ihr Ziel nicht verfehlen konnten. In der Überzeugung, daß diese, ohnehin schon in Unordnung Gerathenen, sich sogleich alle zur Flucht umdrehen würden, wenn er ihnen das schwere Fußvolk mit seinen Adlern unter die Augen treten ließe, nahm der Consul die Leichtbewaffneten und das Gemisch der übrigen Hülfsvölker zwischen seine Glieder auf und ließ die Linie vorrücken. 27. Die Gallier, durch die Erinnerung an die Niederlage der Tolistobojer geschreckt, mit den ihnen im 543 Körper steckenden Pfeilen sich schleppend, durch Stehen und Wunden ermattet, hielten nicht einmal den ersten Angriff und das Geschrei der Römer aus. Ihre Flucht zog sich nach ihrem Lager hin; allein nur Wenige retteten sich in die Verschanzungen. Der größere Theil, der zur Rechten und zur Linken vorbeistürzte, floh, wohin jeden sein Zulauf führte. Die Sieger, die ihnen bis an das Lager nachsetzten, hieben sie im Rücken nieder: dann aber blieben sie aus Begierde nach Beute im Lager hängen, und ließen den Feind unverfolgt. Auf den Flügeln blieben die Gallier länger stehen, weil der Angriff auf sie später erfolgte: doch hielten auch sie nicht einmal dem Anfluge der ersten Wurfpfeile Stand. Der Consul, der die ins Lager Eingerückten von der Plünderung nicht abzuziehen vermochte, sandte die, welche auf den Flügeln angegriffen hatten, zur weiteren Verfolgung der Feinde ab. Ob sie ihnen gleich eine ganze Strecke weit nacheilten, erlegten sie ihrer doch nicht mehr, als achttausend auf der Flucht: denn eine Schlacht hatte es hier nicht gegeben: die Übrigen setzten durch den Fluß Halys. Von den Römern blieb diese Nacht ein großer Theil im feindlichen Lager; die übrigen führte der Consul in ihr Lager zurück, Am folgenden Tage nahm der Consul die Gefangenen und die Beute in Übersicht, welche so groß war, daß sie nur ein so raubsüchtiges Volk in den vielen Jahren hatte aufhäufen können, während welcher die ganze Gegend diesseit des Taurusgebirges unter der Gewalt seiner Waffen stand. Als sich die Gallier von ihrer nach allen Seiten ausgebreiteten Flucht wieder an Einem Orte gesammelt hatten, schickten sie, großentheils verwundet oder waffenlos und von Allem entblößt, Gesandte an den Consul mit der Bitte um Frieden. Manlius hieß sie nach Ephesus kommen. Er selbst führte sein siegreiches Heer, weil es ihm darum zu thun war, aus diesen durch die Nähe des Taurusgebirges kalten Gegenden abzuziehen – und es war schon mitten im Herbste – zurück in die Winterquartiere an der Seeküste. 28. Während dies in Asien ausgerichtet wurde, war 544 auf den übrigen Standpunkten Alles ruhig. Zu Rom lasen die Censorn Titus Quinctius Flamininus und Marcus Claudius Marcellus das Verzeichniß der Senatoren ab, und dies war das drittemal, daß Publius Scipio Africanus für den Ersten im Senate erklärt wurde. Nur vier blieben ungenannt, von denen aber keiner ein curulisches Ehrenamt bekleidet hatte. Auch bei der Musterung des Ritterstandes bewiesen diese Censorn viele Gelindigkeit. Sie gaben einen Grundbau auf dem Äquimälium am Capitolinus in Verding, auch die Pflasterung der Heerstraße, vom Capenischen Thore bis an den Marstempel, mit Kieseln. Die Campaner fragten bei dem Senate an, wo sie sich schatzen lassen sollten; und ihnen wurde der Beschluß, es zu Rom thun zu lassen. Das Wasser wurde dies Jahr sehr hoch. Zwölfmal überschwemmte die Tiber das Marsfeld und die flachen Gegenden der Stadt. Schon war durch den Consul Cneus Manlius der Krieg in Asien mit den Galliern beendigt, als der andre Consul, Marcus Fulvius, nach Bezwingung der Ätoler nach Cephallenia übersetzte und die Städte der Insel mit der Anfrage beschickte, ob sie sich lieber den Römern ergeben, oder ihr Glück im Kriege versuchen wollten. Die Furcht vermochte sie alle dahin, der Übergabe sich nicht zu weigern. Darauf stellten die Städte Proni, Cranium, Palää und Same Ich folge in der Angabe dieser Namen den bei Drakenb. angegebenen Berichtigungen. Die erste Stadt heißt οι Πρόνοι, ihre Bürger Πρόναιοι. Die zweite τὸ Κράνιον, ihre Bewohner Κράνιοι oder Κραναει̃ς. Die dritte Παλαιὰ oder Παλαιαὶ, auch Πάλη; die Bürger Παλαιει̃ς oder Παλει̃ς und Παλλη̃ς. Die vierte Σάμη, auch ή Σάμος, und ihre Einwohner Σαμαι̃οι und Σάμιοι. die nach Verhältniß eines so dürftigen Volks einer jeden auferlegten zwanzig Geisel. So lächelte den Cephalleniern ein unerwarteter Friede, als plötzlich die Bürger der einzigen Stadt Same, man weiß nicht, aus welcher Ursache, abfielen. Sie sagten nachher, wegen der vortheilhaften Lage ihrer Stadt hätten sie gefürchtet, von den Römern zur Auswanderung gezwungen zu werden. Übrigens bleibt es unausgemacht, ob sie selbst 545 diese Furcht sich einbildeten und aus ungegründeter Besorgniß die Ruhe verschmäheten, oder ob die 8ache wirklich bei den Römern zur Sprache kam und jenen wiedergesagt wurde: genug sie schlossen, als sie schon Geisel gestellt hatten, unvermuthet die Thore, und wollten nicht einmal auf die Bitten der Ihrigen, die der Consul unter die Mauer gehen ließ, wenn sie etwa auf das Mitleiden ihrer Verwandten und Landsleute wirken könnten, von ihrem Vorhaben abstehen. Als sie sich auf keine friedliche Erklärung einließen, nahm die Belagerung der Stadt ihren Anfang. Der Consul hatte die sämtlichen mit herübergenommenen Wurfgeschütze und Werkzeuge von dem Sturme auf Ambracia bei sich, auch brachten die Soldaten die anzulegenden Werke mit Unverdrossenheit zu Stande; und schon schmetterten an zwei Stellen angebrachte Widderköpfe gegen die Mauer. 29. Aber auch die Samäer unterließen nichts, was die feindlichen Werke oder den Feind selbst abhalten konnte. Den stärksten Widerstand leisteten sie durch zwei Mittel. Das eine: sie bauten immer statt der niedergestoßenen Mauer eine innere eben so starke auf. Das andere: sie thaten; bald auf die Werke, bald auf die Posten der Feinde, plötzliche Ausfälle und hatten meistentheils in diesen Gefechten den Vortheil. Da verfiel man auf ein Mittel, ihnen Einhalt zu thun, so einzig in seiner Wirkung, als für die Angabe unwichtig. Man ließ von Ägium, Paträ und Dymä hundert Schleuderer kommen. Diese Leute übten sich nach einer Volkssitte von Kindheit an, aus ihrer Schleuder runde Steine, wie sie sich häufig in ihrem Küstensande fanden, in das offene Meer hinauszuwerfen. Deswegen treffen sie mit dieser Waffe weiter, sicherer und kräftiger, als der Balearische Schleuderer. Auch hat sie nicht einen einfachen Zaum, wie die Schleuder der Balearen und andrer Völker, sondern der Riemen ist dreifach und durch viele Nähte gesteift, damit sich die Eichel nicht etwa, wenn der Zügel schlaff wäre, im Werfen verschiebe, sondern, weil sie unter dem Schwunge fest liegt, wie von einer Bogensehne fortgeschnellet werde. 546 Gewohnt, aus weiter Ferne durch Ringe von mäßigem Umkreise zu schießen, verwundeten sie die Feinde nicht bloß am Kopfe, sondern an jeder zum Ziele genommenen Stelle des Gesichts. Diese Schleudern setzten den häufigen und kühnen Ausfällen der Samäer eine Gränze, daß sie sogar von der Mauer herab die Achäer baten, ein Weilchen auf die Seite zu gehen und ihnen im Gefechte mit den Römischen Posten ruhig zuzusehen. Vier Monate lang hielt Same die Einschließung aus. Da aber von ihrer kleinen Anzahl täglich doch Einige fielen oder Wunden bekamen, und bei den Übrigen Körperkraft und Muth sich erschöpfte, so erstiegen die Römer bei Nacht die Mauer und drangen durch die Burg, Cyatis genannt – denn die Stadt selbst zieht sich weiter abendwärts nach dem Meere hinunter – bis auf den Markt. Als es sich den Samäern entdeckte, daß ein Theil ihrer Stadt von den Feinden erobert sei, flüchteten sie mit Weib und Kind auf die größere Burg. Von hier aus erfolgte Tags darauf die Übergabe. Ihre Stadt wurde geplündert und sie alle zu Sklaven verkauft. 30. Als der Consul die Angelegenheiten Cephalleniens in Ordnung gebracht hatte, legte er eine Besatzung in Same und fuhr nach dem Peloponnes hinüber, wohin ihn lange schon vorzüglich die Ägier und Lacedämonier eingeladen hatten. Denn seit dem Anfange des Achaischen Bundes waren immer die Zusammenkünfte des Gesamtvolkes nach Ägium beschieden; ein Vorrecht, das man entweder dem Ansehen, oder der begünstigenden Lage dieser Stadt eingeräumt hatte. Philopömen, der in diesem Jahre zum erstenmale diese Gewohnheit zu entkräften suchte, ging damit um, das Gesetz vorzuschlagen, daß diese Zusammenkünfte der Reihe nach in allen Städten gehalten werden sollten, welche zum Achaischen Bunde gehörten: und als gegen die Ankunft des Consuls die Damiurgen – so heißt in den Städten die höchste Obrigkeit– die Einladung nach Ägium machten, beschied Philopömen – er war damals Prätor – die Zusammenkunft nach Argi. Da es keinen Zweifel litt, daß fast Alle sich hier einfinden würden, so kam auch der Consul, ob er gleich 547 die Ansprüche der Ägier begünstigte, nach Argi; und als es hier zu einer Erörterung kam, und er sah, daß der Sache nicht mehr zu helfen war, gab er seinen Vorsatz auf. Nun riefen ihn die Lacedämonier zu ihren Streitigkeiten ab. Die Hauptveranlassung zu Besorgnissen für diesen Stat waren die Verbanneten, großentheils die Bewohner jener kleinen Festungen an der Küste, welche den Lacedämoniern gänzlich genommen war. Die Lacedämonier, welche dies nicht verschmerzen konnten, überfielen, um doch irgendwo, wenn sie Gesandte nach Rom oder an andre Orte zu schicken hätten, den Zutritt zum Meere frei zu haben und sich zugleich für fremde Waren zum nothwendigen Gebrauche einen Ladungsplatz und eine Niederlage zu verschaffen, in der Nacht einen dieser Seeflecken, Namens Las (Stein) und besetzten ihn in der ersten Überraschung. Die Bürger und die dort wohnenden Verbanneten waren anfangs, weil sie nichts weniger erwartet hatten, die Geschreckten; gegen Morgen aber traten sie zusammen und vertrieben die Lacedämonier nach leichtem Kampfe. Doch verbreitete dies einen Schrecken über die ganze Seeküste und gemeinschaftlich fertigten die sämtlichen Festen, die Flecken und die hier ansässigen Verbanneten an die Achäer eine Gesandschaft ab. 31. Der Prätor Philopömen, der die Sache der Vertriebenen gleich anfangs begünstigt, und den Achäern immer gerathen hatte, die Macht und das Ansehen der Lacedämonier zu schwächen, führte die Gesandten mit ihrer Klage in die Rathsversammlung, und auf seinen Antrag wurde folgender Schluß ausgefertigt: «Da Titus Quinctius und die Römer die Festen und Flecken an der Lacedämonischen Küste den Achäern in Schutz und Aufsicht gegeben und die Lacedämonier laut des Vertrages sich deren zu enthalten hätten; nun aber auf den Flecken Las ein Angriff gethan und dort Blut vergossen sei: so müsse man, wofern nicht die Anstifter und Theilnehmer dieser That den Achäern ausgeliefert würden, den Vertrag als gebrochen ansehen.» Und sogleich wurden Abgeordnete nach Lacedämon geschickt, um sich die Leute 548 ausliefern zu lassen. Die Lacedämonier fanden dies Gebot so hart und so empörend, daß sie ganz gewiß in der ehemaligen Lage ihres Stats sogleich zu den Waffen gegriffen hätten. Vorzüglich aber wurden sie durch die Besorgniß aufgebracht, Philopömen möchte, wenn sie durch Befolgung der ersten Befehle das Joch einmal auf sich genommen hätten, seinem längst entworfenen Plane gemäß Lacedämon den Verbanneten überliefern. Wüthend vor Zorn ermordeten sie dreißig von jener Partei, welche an den Entwürfen Philopömens und der Verbanneten einigen Antheil hatten, und faßten den Schluß ab, den Achäern den Bund aufzukündigen und sogleich Gesandte nach Cephallenia abgehen zu lassen, welche dem Consul Marcus Fulvius und den Römern Lacedämon übergeben und ihn bitten sollten, in den Peloponnes zu kommen, um die Stadt Lacedämon in den Schutz und Besitz der Römer aufzunehmen. 32. Als die Achaischen Gesandten diese Nachrichten zurückbrachten, wurde mit Beistimmung aller dem Bunde angehörigen Staten den Lacedämoniern der Krieg angekündigt. Seine augenblickliche Eröffnung hinderte nur der Winter: doch wurde ihr Gebiet durch kleine Streifzüge, mehr nach Straßenräuber- als Kriegersitte, nicht bloß zu Lande, sondern auch auf der Seeseite durch Fahrzeuge verheert. Diese Friedensstörung führte den Consul in den Peloponnes, und vor eine auf seinen Befehl nach Elis beschiedene Versammlung wurden die Lacedämonier zur Auseinandersetzung berufen. Hier wurde nicht bloß die Auseinandersetzung, sondern auch das Gezänk laut genug; doch machte ihm der Consul, der über manches Andre, unter gehörigen Schmeicheleien mit beiden Parteien zärtelnd, unbestimmte Antworten gab, durch die einzige Andeutung ein Ende, sie sollten sich, bis sie Gesandte an den Senat nach Rom geschickt hätten, des Krieges enthalten. Beide Theile ließen eine Gesandschaft nach Rom gehen: auch die Lacedämonischen Verbannten schlossen sich mit ihrer Sache und mit ihrer Gesandschaft an die Achäer. Diophanes und Lycortas, beide von Megalopolis, waren 549 die Häupter der Achäischen Gesandschaft, die bei der Unverträglichkeit ihrer Ansichten vom State auch diesmal in ihren Reden weit von einander abgingen. Diophanes übergab die Auseinandersetzung der sämtlichen Punkte den Senatoren: sie würden die Streitigkeiten zwischen den Achäern und Lacedämoniern am besten schlichten. Lycortas hingegen, von Philopömen gestimmt, verlangte, den Achäern müsse die Ausführung alles dessen freistehen, was sie beschlössen Ut Achaeis ex foedere ac legibus suis, quae decressent, agere liceret]. – Ich wünschte lieber so zu interpungiren, wie ich übersetzt habe: Ut Achaeis, ex foedere ac legibus suis quae decressent, agere liceret. , ohne gegen den Vertrag und die Gesetze anzustoßen; auch müßten ihnen diejenigen, die selbst die Stifter ihrer Freiheit wären, diese ungekränkt erhalten. Die Achäische Nation hatte damals bei den Römern ein großes Gewicht; gleichwohl bewilligte man über die Lacedämonier keine neuen Verfügungen. Allein die Antwort war so verflochten, daß die Achäer sie als eine ihnen gegebene Vollmacht über Lacedämon ansahen, und die Lacedämonier sie so auslegten, als sei den Achäern nicht Alles zugestanden. Übrigens machten die Achäer von dieser Befugniß ohne sich zu mäßigen und mit vieler Härte Gebrauch. 33. Sie verlängerten dem Philopömen die Prätur. Und er, der mit dem Eintritte des Frühlings dem Heere den Sammelplatz bestimmte, nahm sein Lager auf Lacedämonischem Gebiete. Dann schickte er, um sich die Urheber des Abfalls ausliefern zu lassen, Gesandte mit dem Versprechen, daß nicht nur ihr Stat, wenn sie sich hierzu verständen, Frieden behalten, sondern auch diesen Leuten selbst unverhörter Sache kein Leid geschehen solle. Aus Furcht schwiegen alle Übrigen still. Allein sie selbst, die er namentlich abfordern ließ, erboten sich mitzugehen, da ihnen die Gesandten ihr Wort gaben, daß man sich, vor dem angestellten Verhöre, keine Gewalt gegen sie erlauben werde. Andre angesehene Männer gingen ebenfalls mit, theils diesen Einzelnen zum gerichtlichen Beistande, 550 theils weil deren Sache, ihrer Meinung nach, auch den Stat betraf. Noch nie hatten die Achäer bisher das Lacedämonische Gebiet in Begleitung von dort Verbanneten betreten, weil dies natürlich die unausbleibliche Folge haben mußte, ihnen die Bürger abgeneigt zu machen. Jetzt aber bestand fast ihr ganzes Vordertreffen aus Verbanneten. Diese rannten in einer Schar den ankommenden Lacedämoniern an das Lagerthor entgegen. Zuerst machten sie ihnen beleidigende Vorwürfe, und als bei dem entstandenen Wortwechsel die Erbitterung stieg, fielen die Dreistesten unter den Vertriebenen über die Lacedämonier her. Als diese über Frevel gegen die Götter, über Wortbrüchigkeit der Gesandten schrieen, und die Gesandten selbst, auch der Prätor, die Stürmer zurückstießen, die Lacedämonier in Schutz nahmen und die Fesseln, die ihnen einige schon anwerfen wollten, von ihnen abwehrten, so wurde bei dem aufwogenden Getümmel das Gewühl immer größer. Zwar die Achäer liefen anfangs nur als Zuschauer herbei. Nachher aber, als die Verbanneten schreiend erzählten, wie viel sie gelitten hätten, sie zur Hülfe aufforderten, und zugleich versicherten: «Nie werde man eine solche Gelegenheit wieder haben, wenn man diese vorbeigehen ließe; daß der auf dem Capitole, zu Olympia, auf der Burg zu Athen beschworne Vertrag gebrochen sei, sei das Werk dieser Menschen; ehe man sich von neuem durch einen andern Vertrag die Hände binden lasse, müsse man die Schuldigen zur Strafe ziehen;» wurde die Menge durch diese Schreier so aufgebracht, daß sie, als ihr ein Einziger zurief, sie möchten darauf losschmeißen, sogleich zur Steinigung schritt: und so fanden siebzehn, während des Getümmels Gefesselte, ihren Tod. Dreiundsechzig, die der Prätor vor Gewalt geschützt hatte, nicht, weil er ihre Rettung wünschte, sondern weil er sie nicht ohne Verhör sterben lassen wollte, wurden am folgenden Tage hergeschleppt und dem erbitterten Volksschwarme preisgegeben, der sie alle nach kurzer Verantwortung, auf welche niemand hörte, zum Tode verurtheilte und hinrichten ließ. 551 34. An die auf eine solche Art in Schrecken gesetzten Lacedämonier ergingen nun folgende Befehle. Erstlich, sie sollten ihre Stadtmauer niederreißen: zum Andern, alle fremden Hülfstruppen, welche bei den Zwingherren in Sold gestanden hätten, sollten das Laconische Gebiet räumen: ferner, die von den Zwingherren in Freiheit gesetzten Sklaven – dies war eine bedeutende Menge – sollten vor einem bestimmten Tage abziehen; über die etwa zurückgebliebenen sollte den Achäern das Recht zustehen, sie zu greifen, zu verkaufen oder mitzunehmen. Lycurg's Gesetze und Gebräuche sollten sie abschaffen; sollten sich an die Gesetze und Einrichtungen der Achäer gewöhnen; dann würden sie zu demselben Statskörper gehören und so viel leichter mit ihnen in allen Stücken übereinstimmen. Nichts konnte größer sein, als die Folgsamkeit, mit der die Lacedämonier ihre Mauer schleiften; nichts aber ging ihnen härter ein, als daß man die Verbanneten wieder einführte. Der Beschluß, diese wieder einzusetzen, wurde zu Tegea auf einem allgemeinen Landtage der Achäer abgefaßt; und auf die Nachricht, daß die fremden Truppen entlassen wären, und die den Lacedämoniern Einverleibten – so nannte man die von den Zwingherren in Freiheit gesetzten Sklaven – die Stadt geräumt und sich in die Dörfer zerstreuet hatten, beschloß man, ehe das Heer entlassen würde, sollte der Prätor mit Truppen, die nur Waffen mitnähmen, hinziehen, jener Menschenclasse sich bemächtigen und sie als Kriegsbeute verkaufen. Auch wurden viele aufgegriffen und verkauft. Von dem Gelde wurde mit Bewilligung der Achäer ein Säulengang zu Megalopolis, den die Lacedämonier zerstört hatten, wieder aufgebaut. Eben dieser Stadt wurde auch das Gebiet von Belbina, das die Lacedämonischen Zwingherren widerrechtlich in Besitz gehabt hatten, zurückgegeben, in Beziehung auf einen ehemaligen Beschluß, den die Achäer zur Zeit der Regierung Philipps, des Sohns vom Amyntas, ausgefertigt hatten. Durch alles dieses gleichsam entnervt blieb der Stat von Lacedämon lange den Achäern unterwürfig: doch gereichte ihm nichts 552 so sehr zum Nachtheile, als die Abstellung der Lycurgischen Sittenzucht, an die sich die Bürger seit siebenhundert Jahren gewöhnt hatten. 35. Marcus Fulvius, welcher von der Zusammenkunft, auf der die Auseinandersetzung der Achäer und Lacedämonier vor ihm, als Consul, Statt gehabt hatte, weil das Jahr schon zu Ende ging, nach Rom zu dem Wahlgeschäfte abgereiset war, hielt den Wahltag, auf welchem Marcus Valerius Messalla und Cajus Livius Salinator Consuln wurden, und verdrängte den Marcus Ämilius Lepidus, seinen Feind, auch bei der Man vergleiche 37, 47. mit 40, 46. diesjährigen Bewerbung. Die darauf gewählten Prätoren waren Quintus Marcius Philippus, Marcus Claudius Marcellus, Cajus Stertinius, Cajus Atinius, Publius Claudius Pulcher, Lucius Manlius Acidinus. Nach Beendigung der Wahlen fand man für gut, den Consul Marcus Fulvius auf seinen Posten zum Heere zurückgehen zu lassen, und ihm, wie seinem Amtsgenossen Cneus Manlius, wurde der Oberbefehl verlängert. In diesem Jahre wurden, einer Erklärung der Zehnherren zufolge, auf dem Tempel des Hercules die Bildsäule dieses Gottes, und auf dem Capitole vom Publius Cornelius ein vergoldeter sechsspänniger Wagen aufgestellt. In der Inschrift wird der Geber Consul consulem dedisse]. – Dies cos. in der Inschrift sollte heißen: Qui ante consul fuit. Perizon. Anim. Hist. p. 314. benannt. Auch hingen die Curulädilen Publius Claudius Pulcher und Servius Sulpicius Galba zwölf vergoldete Schilde von der Geldstrafe auf, zu welcher auf ihre Klage die Kornhändler wegen verheimlichten Fruchtvorraths verurtheilt waren. Auch der Bürgerädil Quintus Fulvius Flaccus stellte zwei vergoldete Standbilder auf, weil auf seinen Antrag – denn er hatte sich mit seinem Amtsgenossen in die Klagen getheilt – das Volk Einen Schuldigen verurtheilt hatte. Unter den von seinem Amtsgenossen Aulus Cäcilius Angeklagten wurde keiner verurtheilt. Die Römischen Spiele wurden dreimal, die Bürgerlichen fünfmal, vollständig gegeben. 553 Als darauf am funfzehnten März Marcus Valerius Messalla und Cajus Livius Salinator ihr Consulat angetreten hatten, brachten sie ihre Anfrage über die ganze Statsverwaltung, über die Amtsstellen und über die Heere vor den Senat. Über Ätolien und Asien wurde nichts Neues verfügt. Den Consuln wurde, dem Einen Pisä, nebst Ligurien, dem Andern Gallien, zum Standorte angewiesen, Sie sollten sich darüber vergleichen oder losen, und jeder zwei Legionen als neue Heere errichten, und für Jedes von den Latinischen Bundesvölkern funfzehntausend Mann zu Fuß und zwölfhundert zu Pferde einberufen. Ligurien fiel dem Messalla zu, dem Salinator Gallien. Nun loseten die Prätoren. Den Marcus Claudius traf die Rechtspflege in der Stadt, den Publius Claudius die über die Fremden; den Quintus Marcius Sicilien, den Cajus Stertinus Sardinien, den Lucius Manlius das diesseitige Spanien, das jenseitige den Cajus Atinius . 36. In Ansehung der Heere erklärte der Senat: Aus Gallien sollten die Legionen, die unter dem Cajus Lälius gestanden hatten, in das Bruttische zum Proprätor Marcus Tuccius geführt werden; das Heer in Sicilien sollte den Abschied haben und der Proprätor Marcus Sempronius die dortige Flotte nach Rom zurückführen. Beiden Spanien wurde jedem seine Legion, welche jetzt dort ihren Standort hatten, zuerkannt, und beide Prätoren sollten zu deren Ergänzung jeder dreitausend Mann zu Fuß, zweihundert zu Pferde bei den Bundesvölkern aufbieten und mit dorthin nehmen. Ehe die neuen Befehlshaber auf ihre Standplätze abgingen, wurde auf allen Kreuzwegen eine vom Gesamtamte der Zehnherren auf drei Tage angeordnete Betandacht gehalten, weil bei Tage etwa zwischen der dritten und vierten Stunde eine Finsterniß entstanden war: auch wurde das neuntägige Opferfest angeordnet, weil auf dem Aventinus ein Steinregen gefallen war. Die Campaner hielten, weil sie vermöge eines im vorigen Jahre ausgefertigten Senatsschlusses von den Censorn gezwungen wurden, sich zu Rom schatzen zu lassen 554 – denn vorher war der Ort ihrer Schatzung nicht bestimmt gewesen – um die Erlaubniß an, geborne Römerinnen heirathen zu dürfen, auch daß diejenigen, welche früher eine solche Frau genommen hatten, sie behalten könnten, und die schon jetzt aus dieser Ehe Erzeugten als rechtmäßige und erbfähige Kinder gelten möchten. Beides wurde bewilligt. Der Bürgertribun Cajus Valerius Tappo C. Valerius Tappo]. – So gebe ich den Namen auch hier (nicht Tappus) nach 12 Msc. und Drakenb. zu 37, 46. that zum Besten der Freistädter von Formiä, Fundi und Arpinum den Vorschlag, ihnen auch das Stimmrecht zu geben; denn bisher hatten sie nur das Bürgerrecht ohne Stimmrecht gehabt. Die vier Bürgertribunen, welche sich diesem Vorschlage widersetzten, weil er ohne des Senats Genehmigung gethan sei, traten auf die Weisung, daß das Gesamtvolk berechtigt sei, das Stimmrecht zu ertheilen, wem es wolle, und nicht der Senat, mit ihrer Einsage zurück. Und so ging der Vorschlag durch, daß die von Formiä und Fundi ihre Stimmen im Ämilischen, die von Arpinum im Cornelischen Bezirke abzugeben hätten; und in diesen Bezirken wurden sie auch jetzt zum erstenmale, dem vom Valerius veranlaßten Volksschlusse zufolge, geschatzt. Das Vorrecht, die Schatzungsfeier zu schließen, ertheilte das Los dem Censor Marcus Claudius Marcellus vor dem Titus Quinctius. Geschatzt wurden zweihundert achtundfunfzigtausend dreihundert achtzehn Bürger. Nach beendigter Schatzung gingen die Consuln auf ihre Amtsposten ab. 37. In eben dem Winter, in welchem dies zu Rom vorging, fanden sich bei dem Cneus Manlius, der zuerst als Consul, nachher als Proconsul, seine Winterquartiere in Asien hatte, aus allen Städten und Völkern, welche diesseit des Taurusgebirges wohnen, Gesandschaften von allen Seiten ein. War gleich der Sieg der Römer über den König Antiochus glänzender und ruhmvoller, als der über die Gallier, so war doch für die Bundsgenossen der Sieg 555 über die Gallier erfreulicher, als der über den Antiochus. Die Abhängigkeit vom Könige war ihnen erträglicher gewesen, als die Rohheit jener unmenschlichen Barbaren, und als die tägliche angstvolle Ungewißheit, auf welche Gegend – der Sturm, möchte ich sagen – diese Räuberhorden herabschleudern werde. Da ihnen also durch Vertreibung des Antiochus ihre Freiheit, und durch Bändigung der Gallier friedliche Ruhe zu Theil geworden war, so waren sie nicht bloß gekommen, ihre freudige Theilnahme zu bezeigen, sondern sie hatten auch Alle, nach Maßgabe ihrer Umstände, goldene Kränze mitgebracht. Auch vom Antiochus und selbst von den Galliern waren Gesandte angekommen, um sich die Friedensbedingungen angeben zu lassen, und von Cappadociens Könige Ariarathes, ihm Verzeihung zu erbitten, und sein Unrecht, daß er dem Antiochus Hülfstruppen gegeben hatte, mit einer Geldsumme zu tilgen. Ihm wurden sechshundert Silbertalente auferlegt. Die Gallier erhielten vom Manlius den Bescheid, er werde ihnen die Bedingungen angeben, wann König Eumenes angekommen sei. Die Gesandschaften der Städte wurden von ihm mit gütigen Antworten noch vergnügter entlassen, als sie gekommen waren. Die Gesandten des Antiochus hieß er das Geld und das im Vertrage mit dem Lucius Scipio versprochene Getreide nach Pamphylien liefern; denn er werde mit seinem Heere dort hinkommen. Mit Frühlingsanfang brach er nach Musterung des Heeres auf und kam in acht Tagen nach Apamea. Hier blieb er drei Tage stehen und kam ebenfalls nach einem Marsche von drei Tagen von Apamea nach Pamphylien, wohin ihm, nach seiner Bestellung bei den königlichen Gesandten, Geld und Getreide geliefert werden sollte. Tausend fünfhundert Talente Silber nahm er in Empfang und ließ sie nach Apamea abführen: das Getreide wurde unter das Heer vertheilt. Von hier brach er nach Perga auf, der einzigen Stadt in jener Gegend, welche noch eine königliche Besatzung hatte. Bei seiner Annäherung kam ihm der Befehlshaber der Besatzung entgegen und bat um dreißig Tage Frist, um bei dem Könige 556 wegen Übergabe der Stadt anzufragen. Die Frist wurde bewilligt, und auf den Tag zog die Besatzung ab. Nachdem er von Perga seinen Bruder Lucius Manlius mit viertausend Mann nach Oroanda geschickt hatte, um von dem Gelde, wozu sie sich verstanden hatten, den Rückstand einzufordern, führte er selbst, auf die Nachricht, daß König Eumenes und die zehn Abgeordneten von Rom zu Ephesus angekommen wären, das Heer nach Apamea zurück und hieß die Gesandten des Antiochus ihm folgen. 38. Hier wurde nach dem Gutachten der zehn Abgeordneten der Bundesvertrag mit dem Könige Antiochus etwa in folgenden Worten abgefaßt: «Zwischen dem Könige Antiochus und dem Römischen Volke besteht künftig eine Freundschaft unter folgenden Festsetzungen und Bedingungen. Der König soll keinem Heere, das mit Rom oder dessen Verbündeten Krieg führen will, den Durchmarsch durch die Gränzen seines Reichs oder der von ihm abhängigen Völker gestatten, und ihm weder Zufuhr noch andre Unterstützung zukommen lassen. Dasselbe leisten die Römer dem Antiochus und den unter seiner Herrschaft stehenden Völkern. Antiochus soll nicht befugt sein, mit den Inselbewohnern Krieg zu führen, oder nach Europa überzusetzen. Er soll die Städte, Ländereien, Flecken und kleinen Festungen diesseit des Berges Taurus bis an den Strom Halys räumen, und vom Thale des Taurus bis an jene Höhen, wo er sich nach Lycaonien zieht. Aus den Städten, Ländereien und Festungen, die er räumt, nimmt er nichts als die Ne qua arma]. – Nach Drakenborchs Vorschlage lese ich: Ne qua praeter militum arma efferto. Dies stimmt mit Polybius überein. Waffen seiner Soldaten mit. Hat er schon etwas mitgenommen, so liefert er dies redlich wieder ein und wohin es gehört. Aus dem Reiche des Eumenes darf er keinem Soldaten, noch sonst jemand Zuflucht bei sich gestatten. Befinden sich jetzt Bürger derjenigen Städte, welche nunmehr seinem Reiche abgehen, in Diensten des Antiochus und in der Heeresmacht intraque fines eius]. – Ich lese nach den von Hrn. Walch angeführten Gründen, vorzüglich wegen des vom Polybius hier gebrauchten Ausdrucks δυνάμεως, nicht fines, sondern vires. Ich gestehe, daß mir anfangs die Verbindung des intra mit vires befremdend war: allein ich erinnerte mich an XXV. 24 Syracusanos, qui intra praesidia Romana fuerant, und fand dort in Creviers Note: Praesidia hic nihil aliud sunt, quam copiae, vires, castra. Weil auch vorher von Soldaten aus des Eumenes Reiche die Rede ist, so läßt sich erwarten, daß auch die aus Kleinasiens Freistaten nicht vergessen werden. seines Reichs, so sollen diese 557 Alle vor einem bestimmten Tage nach Apamea zurückkommen. Die hingegen aus dem Reiche des Antiochus bei den Römern und ihren Verbündeten stehen, sollen das Recht haben, zu gehen oder zu bleiben. Sklaven, sie mögen ihm zugelaufen oder gefangen genommen sein, auch jeden freigebornen Gefangenen oder Überläufer soll er den Römern und ihren Verbündeten ausliefern. Alle Elephanten soll er herausgeben und keine neue zulegen. Auch seine Kriegsschiffe mit ihrem Zubehöre soll er herausgeben, und nur zehn Frachtschiffe halten, deren keines über dreißig Ruder haben darf: und zu keinem Kriege, den er selbst anfängt, soll er ein Kriegsschiff, auch nur von Einer Reihe Ruder Wenn er aber angegriffen wurde, konnte er sich Moneren (die kleinste Art der Kriegsschiffe, nur mit Einer Reihe Ruder, aber doch mit einem Verdecke) anlegen; und diese scheinen noch größer gewesen zu sein, als die offenen Frachtschiffe von dreißig Rudern. Crevier. halten dürfen. Diesseit der Vorgebirge Calycadnus und Sarpedon hat er keine Schiffahrt, außer wenn das Schiff Gelder, Kriegssteuern, Gesandte oder Geisel überbringen soll. Von den unter Römischer Herrschaft stehenden Völkern Truppen in Sold zu nehmen, ist dem Könige Antiochus nicht erlaubt: er darf nicht einmal Freiwillige annehmen. An den den Rhodiern oder ihren Verbündeten zuständigen Häusern und Gebäuden auf dem Gebiete des Königs Antiochus sollen die Rhodier dasselbe Recht behalten, das sie vor dem Kriege hatten. Wer dort Gelder ausstehen hat, behält das Recht, sie einzutreiben. Eben so bleibt das Recht, alles Weggenommene aufzusuchen, in Anspruch zu nehmen und sich wieder zuzueignen. Sind Städte, welche Antiochus abtreten muß, noch im Besitze derer, welchen er sie anvertrauet hat, so führt er 558 nicht allein die Besatzungen aus diesen Städten ab, sondern sorgt auch dafür, daß sie gehörig übergeben werden. Er liefert zwölftausend Attische Talente – und das Talent darf an Gewicht nicht unter achtzig Römische Attica talenta – – LXXX Rom. ponderibus]. – Nach B. 37. Cap. 45. setzt L. Scipio dem Antiochus die zu liefernde Geldsumme auf Euböische Talente; hier fordert der Senat Attische Talente. Das Euböische Talent betrug nur 40, nach Andern 56 Minen – (die Mine zu 20 Thaler angenommen) – das Attische hingegen 60 Minen. Der Senat ändert also hier, wie mehrmals die früheren Anordnungen und Forderungen seiner Feldherren ab. Ja, die Verachtung, mit der man in Rom den Antiochus behandelte – und nicht leicht war den Römern ein Feind verächtlicher – geht so weit, daß man sogar das Attische Talent, auf welches sonst eben so viel Römische Pfunde (librae) als Attische Minen, also 60, gerechnet wurden, auf 80 pondera Romana erhöhete. Crevier. – Ich setze hinzu: Nähmen wir das Euböische Talent nach Creviers kleinster Berechnung zu 40 Minen, so hätte der Senat dem Antiochus die zu liefernde Summe in den auf 80 Minen erhöheten Attischen Talenten gerade noch einmal so hoch angesetzt, als L. Scipio gethan hatte. Pfunde halten – in gleichen Zahlungen auf zwölf Jahre, und fünfhundert vierzigtausend Maß Weizen. Dem Könige Eumenes zahlt er in fünf Jahren dreihundert funfzig Talente; und für das Getreide – quod aestimatione fiat]. – Crevier sagt: Latet mendum in voce fiat . Und in der That, wie können die Römer sagen, der Anschlag solle noch gemacht werden, fiat; da sie doch die nach Antiochus eignem Anschlage schon bestimmten 127 Talente anerkennen? Ich übergehe Drakenborchs und andere Vorschläge, weil sie, wie mich dünkt, zu weit von der alten Lesart sich entfernen. Ich vermuthe, daß das Wort fiat aus fiiat, der falsch gelesenen Abkürzung des Worts finierat entstanden sei. Die Worte: quod aestimatione finierat, setzt Livius eben so hinein, wie Polybius sein καθὼς ετίμησεν ο βασιλεὺς ’Αντίοχος. Finire heißt hier so viel, als pretium, summam, numerum definire, wie 3, 13. quot vades darentur permissum tribunis est: decem finierunt; 40, 44. de pecunia finitur, ne maior – consumeretur, quam quanta – decreta esset; 9, 33. Aemilia lege finitum censurae spatium temporis; 39, 17. diem certam se finituros. Sollte diese Lesart die richtige sein, so könnte man das quod auf das vorhergehende frumentum beziehen: pro frumento, quod (i. e. cuius pretium) aestimatione finierat; oder auch auf die folgende Summe, etwa so: pro frumento talenta CXXVII, quod (i. e. quantum, quantam summam) aestimatione finierat. er selbst hatte es so hoch angeschlagen – hundert siebenunddreißig Talente. Den Römern stellt er zwanzig Geisel, welche alle drei Jahre abgelöset werden; sie dürfen alle nicht unter achtzehn, und nicht über fünfundvierzig Jahre alt sein. Wird Antiochus von Römischen Verbündeten feindlich angegriffen, so bleibt ihm das Recht, 559 Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, nur darf er eben so wenig eine Stadt durch Kriegsrecht sich zueignen, als sie in ein Bündniß aufnehmen. Streitigkeiten sollen sie unter einander auf dem Wege Rechtens und durch Ausspruch ausmachen, oder wenn beide Parteien nicht anders wollen, durch Krieg.» Auch in diesem Vertrage bestimmt ein Anhang die Auslieferung des Puniers Hannibal, des Ätolers Thoas, des Acarnanen Mnasimachus und der Chalcidier Eubulidas und Philo; und sollte man in der Folge etwas hinzusetzen, weglassen oder ändern wollen, so sollte dies dem Vertrage unbeschadet geschehen dürfen. 39. Der Consul beschwur den Vertrag. Ihn vom Könige beschwören zu lassen, mußten Quintus Minucius Thermus und Lucius Manlius, der gerade jetzt von Oroanda zurückkam; zu ihm reisen. Dem Befehlshaber der Flotte, dem Quintus Fabius Labeo, schrieb der Consul, er möge sogleich nach Patara absegeln und die dort stehenden königlichen Schiffe zerhauen und verbrennen. Fabius fuhr von Ephesus ab und ließ funfzig Deckschiffe zerhauen oder verbrennen. Auf eben diesem Zuge nahm er Telmissus ein, dessen Bewohner die plötzliche Erscheinung einer Flotte in Schrecken gesetzt hatte. Von Lycien aus machte er, nachdem er die zu Ephesus Zurückgelassenen befehligt hatte, ihm zu folgen, seine Überfahrt nach Griechenland geradezu durch das Inselmeer; hielt zu Athen nur ein par Tage an, bis die Schiffe von Ephesus im Piräeus ankamen, und führte von dort die ganze Flotte zurück nach Italien . Als Cneus Manlius mit Allem, was ihm Antiochus abliefern mußte, auch die Elephanten in Empfang genommen und sie zusammen dem Eumenes geschenkt hatte, so mußten ihm nun die Staten sämtlich, da in so vielen durch die Umwälzung der Dinge die Verfassung zerrüttet war, ihre Angelegenheiten vortragen. Und König Ariarathes hatte es dem Eumenes zu verdanken, mit dem er in diesen Tagen seine Tochter verlobte, daß ihm die auferlegte Summe zur Hälfte erlassen und er als Freund der 560 Römer anerkannt wurde. Nach beendigtem Statenverhöre bestimmten die Zehn Abgeordneten das Los des einen so, des andern anders. Denen, die dem Könige Antiochus steuerpflichtig gewesen waren und es mit den Römern gehalten hatten, gaben sie die Steuerfreiheit. Die aber auf der Partei des Antiochus, oder dem Könige Attalus zinsbar gewesen waren, wurden sämtlich angewiesen, die Abgaben an den Eumenes zu entrichten. Außerdem ertheilten sie die Steuerfreiheit namentlich den in Notium wohnenden Colophoniern, den Bewohnern von Cyme und Mylasa. Den Clazomeniern schenkten sie außer der Steuerfreiheit auch die Insel Drymusa; den Milesiern räumten sie die sogenannte heilige Länderei wieder ein, und vermehrten das Gebiet von Ilium mit Rhöteum und Gergithum, nicht sowohl wegen neuerer Verdienste, als aus Rücksicht auf die gemeinschaftliche Abstammung: aus gleichem Grunde gaben sie auch Dardanum die Unabhängigkeit. Auch den Bewohnern von Chius, Smyrna und Erythrä machten sie Geschenke mit Ländereien und behandelten sie, wegen ihrer in diesem Kriege bewiesenen seltenen Treue, in allen Stücken mit vorzüglicher Auszeichnung. Die Phocäer bekamen nicht nur ihr Land wieder, das sie vor dem Kriege gehabt hatten, sondern auch die Erlaubniß, nach ihren alten Gesetzen zu leben. Den Rhodiern wurden die Bewilligungen des früheren Beschlusses bestätigt: sie bekamen Lycien und Carien bis an den Mäanderstrom, Telmissus ausgenommen. Das Reich des Königs Eumenes vergrößerten die Römer in Europa durch den Chersones mit Lysimachien und allen Festungen, Dörfern und Ländereien, so weit sie Antiochus in Besitz gehabt hatte; in Asien durch beide Phrygien – das eine am Hellesponte, das andre ist das sogenannte Großphrygien; – auch Mysien, welches ihm König Prusias genommen hatte, gaben sie ihm zurück; und außerdem Lycaonien, die Landschaft Milyas, Lydien und namentlich die Städte Tralles, Ephesus und Telmissus. Da über Pamphylien zwischen dem Eumenes und den Gesandten des Antiochus ein Streit entstand, weil der eine Theil 561 desselben diesseit, der andre jenseit des Taurus liegt quum esset; quia]. – Da Livius immer mit dem Polybius hier im Widerspruche bleibt, man mag mit Drakenb. oder mit Crevier interpungiren, so folge ich dem Letztern, weil mir dieser Zusammenhang natürlicher scheint. ; so wurde die Sache unentschieden dem Senate überlassen. 40. Nach Ausfertigung dieser Verträge und Beschlüsse bestimmte Manlius, der mit den Zehn Abgeordneten und seinem ganzen Heere nach dem Hellesponte aufbrach, den dorthin beschiedenen Herzogen der Gallier die Bedingungen, die sie im Frieden mit dem Eumenes zu beobachten hätten, und deutete ihnen an, sie sollten die Gewohnheit, bewaffnet umherzustreifen, abstellen und sich auf die Gränzen ihres Gebiets beschränken. Als er darauf seine Schiffe von der ganzen Küste zusammengezogen, auch Athenäus, des Eumenes Bruder, ihm von Eläa die Flotte des Königs zugeführt hatte, sezte er seine sämtlichen Truppen nach Europa über. Auf seinem Zuge, den er von hier inde, per Cheronesum]. – Ich habe mit Crevier das Komma hinter inde weggelassen, weil inde zu trahens, nicht zu habuit gehört. durch den Chersones, mit Beute aller Art belastet, nur in mäßigen Märschen fortsetzte, hielt er bei Lysimachia in einem Standlager an, damit seine Lastthiere, wenn er Thracien beträte – ein Durchzug, vor welchem Alle sich fürchteten – so munter und kraftvoll sein möchten, als möglich. Noch am Tage seines Aufbruchs von Lysimachien gelangte er an den Strom, der den Namen Melas hat, und von hier am folgenden nach Cypsela. Von Cypsela hatte er einen waldigen, engen von Felsen durchschnittenen Weg von etwa zehntausend Schritten vor sich. Wegen der Beschwerlichkeit eines solchen Marsches theilte er sein Heer in zwei Züge; ließ den einen vorauf gehen, den andern nach einem großen Zwischenraume den Schluß machen und zwischen beide stellte er das Gepäck: die Wagen nämlich mit den Statsgeldern und anderer kostbarer Beute. Und als er so durch den Gebirgswald zog, lagerten sich die Thracier aus vier Völkerschaften, die Astier, Cäner, Maduatener und Coreler, nicht über zehntausend stark, an 562 dem Engpasse selbst, auf beiden Seiten des Weges. Man meinte, es sei nicht ohne Anstiften des Macedonischen Königs Philipp geschehen. Er habe gewußt, daß die Römer keinen andern Rückweg, als durch Thracien, nehmen würden, auch daß sie so viel Geld mit sich führten. In dem vordersten Zuge befand sich der Feldherr, wegen der gefährlichen Gegend nicht ohne Besorgniß. So lange die Bewaffneten vorüberzogen, regten sich die Thracier nicht. Als sie aber sahen, daß die Ersten über den Paß hinaus waren, und die Letzten noch nicht näher kamen, fielen sie auf die Lastwagen mit dem Gepäcke, hieben die Bedeckung nieder, und rafften theils die Ladungen von den Fuhrwerken, theils führten sie die Thiere selbst mit ihren Lasten davon. Als sich von hier das Geschrei zuerst bis zu denen verbreitete, die schon im Eingange des Waldes nachkamen, und dann auch zu dem vorderen Zuge, so stürzte man von beiden Seiten der Mitte zu, und an mehrern Stellen zugleich begann ein regelloses Gefecht. Die Thracier giebt ihre eigne Beute, da sie mit Lasten bepackt und größtentheils, um die Hände zum Plündern frei zu haben, ungewaffnet sind, dem feindlichen Schwerte preis; die Römer liefert die nachtheilige Gegend den Barbaren in die Hände, die über nur ihnen bekannte Pfade auf sie einspringen, oder auch in hohle Thäler sich versteckt haben. Selbst die Ballen des Gepäcks und die Wagen, die den Einen oder den Andern, wie sichs trifft, zu ihrem Nachtheile in den Wurf kommen, werden den Fechtenden hinderlich: hier erliegt der Räuber, dort der Abnehmer des Raubes. Je nachdem der Platz diesen oder jenen ungünstig oder günstig ist, je nachdem die Fechtenden Muth haben, oder nach Verhältniß der Anzahl – denn Manche stießen auf ihnen überlegene Parteien, Andre auf schwächere, als sie selbst waren –; ist auch das Glück des Gefechts verschieden. Auf beiden Seiten fallen Viele. Schon brach die Nacht ein, als die Thracier sich aus dem Treffen zogen, nicht weil sie Tod oder Wunden scheueten, sondern weil sie Beute genug hatten. 41. Der vordere Zug der Römer schlug außer dem 563 Walde beim Tempel der (Diana) Bendis auf einem offenen Platze ein Lager: die andre Hälfte blieb zur Hut des Gepäcks mitten im Walde, hinter einer doppelten Umpfählung. Am folgenden Tage untersuchten sie vor ihrem Aufbruche die Wege durch den Wald und stießen zu den Ersteren. Der größte Verlust, welchen die Römer in einem Treffen erlitten, in dem auch ein Theil der Lastthiere und Packknechte und mehrere Soldaten fielen, weil sich das Gefecht überall fast durch den ganzen Wald verbreitete, war der Tod des Quintus Minucius Thermus, eines tapfern und tüchtigen Mannes. Noch an diesem Tage kamen sie bis an den Fluß Hebrus. Von hier gingen sie, am Tempel des Apollo vorbei – diesen nennen die Einwohner Zerynthius – über das Gebiet der Änier hinaus. Nun hatten sie in der Gegend von Tempyra – so heißt der Ort – einen andern Engpaß vor sich, der eben so, wie der vorige, von Felsen durchschnitten war; weil er aber keine Waldung hatte, gewährte er nicht einmal einen Schlupfwinkel zum Hinterhalte. Hier sammelten sich die Thrausen, ebenfalls ein Thracisches Volk, in der nämlichen Hoffnung auf Beute. Da sich aber bei der Nacktheit der Thäler schon in der Ferne wahrnehmen ließ, daß sie den Paß besetzt hatten, so verminderte dies auch die Besorgniß und Unruhe der Römer; denn hier sahen sie ja, wenn auch auf nachtheiligem Boden, doch einer ordentlichen Schlacht entgegen, einer unverdeckten Linie, einem förmlichen Angriffe. Mit Schlachtgeschrei rückten sie in geschlossenen Gliedern bergauf, griffen an, trieben die Feinde zuerst aus ihrer Stellung, dann zwangen sie sie zu fliehen. Nun wurde Flucht und Gemetzel unter ihnen allgemein, da ihnen ihre eignen Engpässe den Ausweg sperrten. Nach diesem Siege schlugen die Römer bei einem Flecken der Maroniten, Namens Sare, ihr Lager auf. Am folgenden Tage kamen sie auf offenem Wege in die Priatische Ebene; und hier lagen sie drei Tage still, um Getreide theils von den Maroniten in Empfang zu nehmen, die es ihnen aus den Dörfern zuführten, theils von ihrer eignen Flotte, welche ihnen mit allen Arten von 564 Zufuhr folgte. Von diesem Standlager machten sie einen Tagemarsch nach Apollonia. Von da kamen sie durch das Gebiet von Abdera nach Neapolis. Diesen ganzen Weg machten sie ungestört durch lauter Griechische Pflanzstädte. Von hier an aber blieben sie, auf beiden Seiten von Thraciern umgeben, Tag und Nacht über, wenn gleich ohne Angriff, doch nicht ohne Besorgniß, bis sie Macedonien erreichten. In den Thraciern hatte dasselbe Heer, als es eben diesen Weg vom Scipio geführt wurde, aus keinem andern Grunde friedlichere Menschen gefunden, als weil damals bei ihm weniger Beute zu holen war. Indeß berichtet Claudius, daß sich auch damals an funfzehntausend Thracier dem Numider Mutines, der die Gegend zu erspähen dem Zuge voranging, entgegen geworfen hatten. Die Numider hatten vierhundert Mann zu Pferde gehabt und einige Elephanten. Des Mutines Sohn habe sich mit hundert und funfzig auserlesenen Reutern mitten durch die Feinde durchgeschlagen, und bald nachher, als Mutines, der seine Elephanten in die Mitte nahm und die Reuterei auf beide Flügel vertheilte, sich mit den Feinden eingelassen hätte, habe er ihnen im Rücken sich furchtbar gemacht: und durch diesen Sturm der angreifenden Reuterei geschreckt, hätten sich die Feinde nicht an das Fußvolk gewagt. Durch Macedonien führte Cneus Manlius sein Heer nach Thessalien. Als er von hier durch Epirus nach Apollonien gekommen war, bezog er die Winterquartiere, weil er, um das Heer schon jetzt zur See überzusetzen, noch zu viele Rücksicht auf die Winterstürme nehmen mußte, zu Apollonia. 42. Beinahe zu Ausgange des Jahrs traf der Consul Marcus Valerius aus Ligurien zur Wahl der neuen Obrigkeiten in Rom ein, ohne irgend eine denkwürdige That auf seinem dortigen Posten verrichtet zu haben, die ihm bei seinem Zögern zum schicklichen Vorwande gedient hätte, warum er sich später als gewöhnlich zu den Wahlversammlungen eingefunden habe. Die Wahlversammlung zur Ernennung der Consuln war den achtzehnten Februar. Man wählte den Marcus Ämilius Lepidus und Cajus 565 Flaminius. Den Tag darauf wurden zu Prätoren ernannt Appius Claudius Pulcher, Servius Sulpicius Galba, Quintus Terentius Culleo, Lucius Terentius Massiliota, Quintus Fulvius Flaccus, Marcus Furius Crassipes. Nach beendeter Wahl fragte der Consul bei dem Senate an, was für Standplätze man den Prätoren anzuweisen Willens sei. Man bestimmte zwei für die Rechtspflege in Rom, zwei außerhalb Italien, nämlich Sicilien und Sardinien, zwei in Italien, Tarent nämlich und Gallien; und die Prätoren erhielten Befehl, sogleich zu losen, ehe sie ihr Amt anträten. Servius Sulpicius erlosete die Gerichtspflege in der Stadt, Quintus Terentius die über die Fremden; Lucius Terentius Sicilien, Quintus Fulvius Sardinien; Appius Claudius Tarent, Marcus Furius Gallien. In diesem Jahre wurden Lucius Minucius Myrtilus und Lucius Manlius, auf die Beschuldigung, Carthagische Gesandte geschlagen zu haben, vermöge eines Befehls vom Stadtprätor Marcus Claudius, durch Bundespriester an die Gesandten ausgeliefert und nach Carthago abgeführt. In Ligurien ging der Krieg, wie das Gerücht sagte, ins Große, und griff täglich weiter um sich. Also bestimmte der Senat an eben dem Tage, da die neuen Consuln über die Standplätze und die Statsgeschäfte den Vortrag thaten, beiden Ligurien zu ihrem Posten. Diesem Senatsbeschlusse widersprach der Consul Lepidus in den Ausdrücken: «Es sei unwürdig, beide Consuln auf Liguriens Thäler einzusperren. Schon seit zwei Jahren hätten Marcus Fulvius und Cneus Manlius, der eine in Europa, der andre in Asien, als habe man sie statt des Philipp und Antiochus eingesetzt, königliche Gewalt. Wolle man in diesen Ländern Heere halten, so müsse man an deren Spitze lieber Consuln, als Privatleute, haben wollen. Mit allen Schrecken des Krieges schwärmten sie durch Nationen, denen man nicht einmal Krieg angekündigt habe, und trieben mit dem Frieden einen Handel gegen Bezahlung. Wenn es erforderlich sei, jene Provinzen durch Heere zu behaupten, so hätten eben so, wie Lucius Scipio als Consul in die Stelle des Manius Acilius, 566 wie Marcus Fulvius und Cneus Manlius als Consuln in die des Lucius Scipio eingerückt wären, Cajus Livius und Marcus Valerius als Consuln den Fulvius und Manlius ablösen müssen. Wenigstens müßten doch jetzt, da Rom den Ätolischen Krieg geendigt, dem Antiochus Kleinasien abgenommen und die Gallier besiegt habe, entweder jenen consularischen Heeren Consuln zugesendet, oder die Legionen von dort abgeführt und dem State endlich einmal wiedergegeben werden.» Der Senat hörte diese Vorstellungen an, ohne seine Erklärung, daß beide Consuln in Ligurien stehen sollten, zurückzunehmen; doch beschloß er, Manlius und Fulvius sollten von ihren Standplätzen abgehen, die Heere dort abführen und nach Rom zurückkehren. 43. Zwischen dem Marcus Fulvius und dem Consul Marcus Ämilius herrschte Feindschaft, und von allem Übrigen abgesehen, glaubte Ämilius, er sei durch Einwirkung des Marcus Fulvius zwei Jahre später Consul geworden. Um ihn also in ein gehässiges Licht zu setzen, stellte er die Gesandten von Ambracia mit an die Hand gegebenen Beschuldigungen dem Senate vor. Sie beklagten sich: «Sie hätten Frieden gehalten, hätten die Forderungen der vorigen Consuln erfüllt, wären bereit gewesen, in Gehorsam dasselbe dem Marcus Fulvius zu leisten; da habe man gegen sie Krieg angefangen, zuerst ihr Gebiet verheert, und ihre Stadt mit Plünderung und Blutvergießen bedrohet, um sie durch diese Furcht zu Schließung ihrer Thore zu zwingen. Dann habe man sie belagert und bestürmt, und durch Mord und Brand, durch Einsturz und Plünderung alle Auftritte des Krieges bei ihnen zur Wirklichkeit gebracht; ihre Gattinnen und Kinder zur Sklaverei weggerissen, alles Eigenthum ihnen genommen, und, was sie mehr als alles Andre schmerze, die Tempel in der ganzen Stadt ihrer Zierden beraubt. Die Bildnisse der Götter, ja die Götter selbst, habe man von ihren Standorten losgebrochen und weggeführt; außer den entkleideten Wänden und Pfosten habe man den Ambraciern nichts übrig gelassen, was sie anbeten, wo 567 sie ihre Gebete vortragen, ihre Andacht halten könnten.» Unter diesen Klagen lockte der Consul, der Verabredung gemäß, durch manche zur Angabe verleitende Frage noch Mehreres aus ihnen heraus, gleich als ob sie so etwas von selbst zu sagen nicht gewagt hätten. Als dies auf die Väter Eindruck machte, übernahm der Consul Cajus Flaminius die Sache des Fulvius. «Die Ambracier, » sagte er, «hätten einen alten, schon ungangbaren Weg eingeschlagen. Eben so hätten die Syracusaner den Marcus Marcellus, eben so die Campaner den Quintus Fulvius angeklagt. Ob man nicht in Einem Abthun auch den Titus Quinctius vom Könige Philipp, den Manius Acilius und Lucius Scipio vom Antiochus, den Cneus Manlius von den Galliern, und ebenfalls den Marcus Fulvius von den Ätolern und den Völkern auf Cephallenia anklagen lassen wolle? Glaubt ihr, versammelte Väter, daß ich im Namen des Marcus Fulvius, oder daß Marcus Fulvius selbst es ableugnen werde, daß er Ambracia belagert und erobert, daß er Standbilder und Zierrathen dort abgeführt habe, und auch im Übrigen mit der Stadt verfahren sei, wie es bei eroberten Städten gewöhnlich ist; da er gerade für diese Thaten euch um die Bewilligung eines Triumphs angehen, die Abbildung des eroberten Ambracia, die Standbilder, deren Wegnahme sie ihm zur Last legen, und die übrige Prunkbeute von dieser Stadt seinem Wagen vorantragen lassen und an den Pfosten seiner Hausthür aufhängen wird? Daß sie zwischen sich und den Ätolern einen Unterschied machen, ist eine Nichtigkeit. Ambracier und Ätoler stehen in gleicher Verantwortung. Also mag mein Amtsgenoß entweder in einer andern Sache seiner Feindschaft Raum geben, oder will er es durchaus lieber in dieser, so mag er seine Ambracier bis zur Ankunft des Marcus Fulvius hier behalten. Ich werde es in Abwesenheit des Marcus Fulvius so wenig über die Ambracier als über die Ätoler zu einem Beschlusse kommen lassen.» 44. Da nun Ämilius die schlauen Tücke seines 568 Feindes, gleichsam als allgemein bekannt, in Anspruch nahm, und versicherte, jener werde unter Zögerungen die Zeit verstreichen lassen, um nur nicht unter dem Consulate seines Feindes in Rom anzukommen; so gingen über diesen Streit der Consuln zwei Tage hin. Auch schien es, so lange Flaminius gegenwärtig sei, zu keinem Schlusse kommen zu können. Man nutzte aber die Gelegenheit, da Flaminius eben einer Krankheit wegen nicht zugegen war; und auf des Ämilius Antrag wurde der Senatsschluß abgefaßt, «Daß den Ambraciern alles Eigenthum zurückgegeben werden solle. Sie sollten frei sein und nach eignen Gesetzen leben; zu Lande und zur See Zölle erheben können, wie sie wollten, wenn nur die Römer und die Latinischen Bundesvölker davon frei blieben. Wegen der Standbilder und übrigen Zierrathen, welche man laut ihrer Klage aus Heiligthümern weggenommen habe, solle dann, wenn Marcus Fulvius nach Rom zurückgekehrt sei, an das Gesamtamt der Oberpriester berichtet und nach deren Gutachten verfahren werden.» Und auch hiermit begnügte sich der Consul nicht, sondern fertigte noch in einer minder zahlreichen Senatssitzung die neue Erklärung aus: « Ambracia scheine nicht mit Sturm erobert zu sein.» Darauf wurde nach einer Erklärung der Zehnherren ein dreitägiges Betfest für die Gesundheit des Volks begangen, weil eine schwere Seuche die Stadt und die Dörfer verheerte. Dann waren die Latinischen Feiertage. Als die Consuln diese gottesdienstlichen Angelegenheiten beseitigt und die Werbung abgethan hatten – denn beide wollten lieber neugeworbene Truppen haben – gingen sie zu ihrem Standorte ab, und entließen die alten Soldaten sämtlich. Nach der Abreise der Consuln kam der Proconsul Cneus Manlius vor Rom an. Als er vom Prätor Servius Sulpicius im Tempel der Bellona dem Senate vorgestellt wurde, und nach Auseinandersetzung dessen, was er verrichtet habe, nun selbst im Senate darauf antrug, daß man in Rücksicht dessen den unsterblichen Göttern ihre Ehre erweisen und ihm erlauben möge, im 569 Triumphe in die Stadt einzuziehen, so wandten der größere Theil der Zehn ihm zugegebenen Abgeordneten und vor allen Lucius Furius Purpureo und Lucius Ämilius Paullus dagegen ein: 45. «Sie seien dem Cneus Manlius als Abgeordnete zugegeben, um mit dem Antiochus Frieden zu machen, und den Vertrag und die Bedingungen, welche Lucius Scipio schon eingeleitet gehabt habe, abzuschließen. Cneus Manlius habe Alles angewandt, diesen Frieden zu stören, und des Antiochus, sobald er seiner Person beikommen ließe, durch einen Laurerstreich sich zu bemächtigen; der König aber habe, von der bösen Absicht des Consuls unterrichtet, so oft es dieser durch nachgesuchte Unterredungen auf ihn angelegt habe, sich gehütet, mit ihm zusammenzukommen, ja sogar ihm ansichtig zu werden. Von seinem Vorsatze, über den Taurus hinauszugehen, habe sich Manlius kaum durch die Bitten der sämtlichen Abgeordneten, sich doch nicht dem Unglücke auszusetzen, welches die Sprüche der Sibylle demjenigen ankündigten, der diese vom Schicksale festgesetzten Gränzen überschreiten werde, abbringen lassen. Dennoch habe er sein Heer wenigstens hinangeführt und beinahe selbst auf den Höhen, am Scheidewege der Wasserquellen, sein Lager genommen. Als er hier bei dem ruhigen Verhalten der königlichen Posten keinen Vorwand zum Kriege gefunden habe, sei er mit dem Heere umgekehrt, gegen die Gallogräcier, und habe diese Nation ohne Vollmacht vom Senate, ohne Auftrag vom Volke, bekriegt. Ob je ein Feldherr so etwas nach eignem Gutdünken gewagt habe? Die zuletzt geführten Kriege wären die mit Antiochus, Philipp, Hannibal und den Puniern. Über alle diese sei bei dem Senate Anfrage geschehen, vom Volke die Zustimmung ertheilt. Oft habe man Gesandte zuvor abgehen lassen, Genugthuung gefordert, und dann zuletzt die zur Kriegserklärung Bevollmächtigten hingeschickt. Was von dem Allen, Cneus Manlius, hast du gethan, um uns hierin einen öffentlichen Krieg des 570 Römischen Stats und nicht deinen eigenen Räuberzug, finden zu lassen? Doch vielleicht beschränktest du dich bloß auf diesen? führtest dein Heer gerades Weges gegen die, die du zu Feinden dir ausersehen hattest? Oder durchstreiftest du auch nach allen Krümmungen der Heerstraßen, so daß du an den Scheidewegen Halt machtest, um dem Attalus, dem Bruder des Eumenes, auf jedem abbeugenden Zuge, – du, als Römischer Consul sein Söldner – mit einem Römischen Heere nachzuziehen, jeden Abort und jeden Winkel Pisidiens, Lycaoniens, Phrygiens, und sammeltest bei den verstecktesten Zwingherren und Schloßinhabern ein Almosen ein? Denn was ging dich sonst Oroanda, was gingen andre eben so unschuldige Völker dich an? Den Krieg selbst aber, den du bei deinem Gesuche um einen Triumph zum Vorwande nimmst, wie hast du ihn geführt? Schlugest du, als der Kampfboden für dich, der Zeitpunkt dein war? Ja mit vollem Rechte verlangst du, daß wir den unsterblichen Göttern ihre Ehre geben sollen; einmal nämlich dafür, daß sie die Frechheit eines Feldherrn, der den Krieg gegen alles Völkerrecht unternahm, nicht an seinem Heere strafen wollten; zum andern, daß sie uns auf unvernünftiges Vieh, nicht auf Feinde treffen ließen.» 46. «Glaubet ja nicht an die bloße Mischung des Namens Gallogräcier. Viel früher schon schwächte diese Mischung ihre Körper, ihren Geist. Sollte wohl von dort, danach, wie es unser Feldherr anfing, wenn sie noch jene Gallier wären, gegen die wir tausendmal in Italien mit wechselndem Glücke gefochten haben, auch nur ein Bote zurückgekehrt sein? Zweimal schlug er mit ihnen; beidemal rückte er am nachtheiligen Boden hinauf, gab im tiefen Thale seine Linie den Feinden so gut als unter die Füße. Schossen sie aus der Stellung über uns nicht mit Pfeilen, sondern warfen sich nur mit ihren Körpern ohne Waffen auf uns, so konnten sie uns erdrücken. Was für ein Wunder trat denn ein? Das Römische Volk hat sich seines 571 großen Glücks, seines großen und furchtbaren Rufs zu erfreuen. Dadurch, daß neulich Schlag auf Schlag den Hannibal, den Philipp, den Antiochus traf, waren die Feinde bei aller ihrer Riesengröße wie bedonnert. Mit Schleudern, mit Pfeilen wurden sie in die Flucht geschreckt: kein Schwert färbte sich in diesem Gallischen Kriege mit Blut: beim ersten Pfeilgerassel flogen sie, gleich Vogelschwärmen, davon. Dafür aber, bei Gott! waren wir es denn auch – als wollte uns das Glück zu Gemüthe führen, wie es ausgefallen sein möchte, wenn wir einen Feind gehabt hätten – die auf dem Rückzuge auf ein par armselige Truppe Thracischer Räuber stießen, von ihnen niedergehauen, in die Flucht geschlagen und unsers Gepäcks beraubt wurden. Quintus Minucius Thermus, in welchem wir einen weit größeren Verlust erlitten haben, als wenn er, durch dessen Unbesonnenheit dies Unglück über uns kam, wenn Cneus Manlius getödtet wäre, blieb mit vielen Tapfern auf dem Platze; das Heer, mit seiner Beute vom Antiochus heimkehrend, lag eine ganze Nacht in drei Haufen versprengt, mit dem ersten Zuge hier, dort mit dem letzten, und wieder dort mit dem Gepäcke, unter Dornbüschen in den Schlupfwinkeln des Wildes versteckt. Und dafür forderst du einen Triumph? Gesetzt, du hättest dir in Thracien keine Niederlage, keinen Schimpf, geholt; wer waren denn die Feinde, über welche zu triumphiren du verlangen könntest? Ich dächte doch diejenigen, welche dir der Senat oder das Römische Volk zu Feinden gegeben hätte. So wurde über den König Antiochus dem Lucius Scipio hier, dem Manius Acilius dort, so kurz vorher über den König Philipp dem Titus Quinctius, eben so über den Hannibal und die Punier und den Syphax dem Publius Africanus ein Triumph bewilligt. Und selbst wenn der Senat schon für den Krieg gestimmet hätte, kam es doch noch zu Fragen über jene – – Kleinigkeiten, wem er anzukündigen sei, ob man ihn durchaus den Königen selbst erklären müsse, oder ob 572 es hinreichend sei, irgend einem Posten die Eröffnung zu machen. Wollt ihr dies Alles geschändet und zusammengeworfen wissen? die bundespriesterlichen Rechte abschaffen? keine Bundespriester mehr haben? So mag denn – verzeihen es mir die Götter! – die Religion zu Grunde gehen, Gottesvergessenheit sich eurer Herzen bemächtigen: aber soll über einen Krieg auch der Senat nicht mehr in Rath genommen, nicht mehr bei dem Volke angefragt werden, ob es zu einem Kriege mit den Galliern seine Zustimmung, seine Vollmacht gebe? So eben wenigstens, als sich die Consuln Griechenland und Asien wünschten, und ihr dennoch auf eurer Meinung heharrtet, ihnen Ligurien zum Standorte zu bestimmten, fügten sie sich eurer Erklärung. Mit Recht also werden sie nach glücklicher Führung des Krieges, euch um einen Triumph angehen, da sie den Krieg auf eure Vollmacht geführt haben.» 47. In diesem Tone sprachen Furius und Ämilius. Manlius soll ihnen etwa so geantwortet haben: «Ehemals, versammelte Väter, hatte man bei dem Gesuche um einen Triumph die Bürgertribunen zu Gegnern. Diesen fühle ich mich jetzt verpflichtet, weil sie, sei es nun aus Rücksicht auf meine Person oder auf die Größe dieser Thaten, mein Ehrengesuch nicht allein durch ihr Schweigen gebilligt haben, sondern sogar, wenn es nöthig sein sollte, bereit schienen, deshalb einen Antrag zu thun. Ich habe meine Gegner – unerhört! – unter den Zehn Abgeordneten, dem Beirathe, welchen unsre Vorfahren den Feldherren zugegeben haben, den Gewinn des Sieges auszutheilen und seinen Ruhm mit zu erhöhen. Lucius Furius und Lucius Ämilius wehren mir, den Triumphwagen zu besteigen; sie nehmen meinem Haupte den Ehrenkranz, sie, die ich, wenn die Tribunen mir den Triumph untersagten, zu Zeugen meiner Thaten aufrufen würde. Ich misgönne niemand seine Ehre, versammelte Väter. Aber noch neulich habt ihr die Bürgertribunen, sonst wackere und 573 tüchtige Männer, als sie den Triumph des Quintus Fabius Labeo verhindern wollten, durch eure Erklärung beschwichtiget. Er triumphirte, obgleich seine Widersacher laut sagten, zwar nicht, er habe einen ungerechten Krieg geführt, sondern überhaupt keinen Feind gesehen. Und ich, der ich Hunderttausenden der wildesten Feinde so manche förmliche Schlacht geliefert, ihrer mehr als vierzigtausend gefangen genommen oder getödtet, zweimal ihr Lager erobert, diesseit der Höhen des Taurus Alles in einem tiefern Frieden hinterlassen habe, als unser Italien ihn hat, werde nicht allein um den Triumph gebracht, sondern muß hier vor euch, versammelte Väter, gegen die Anklagen meiner eignen Beiräthe mich verantworten. Wie ihr bemerkt habt, versammelte Väter, war ihre Beschuldigung zwiefach. Denn einmal behaupteten sie, ich hätte gar keinen Krieg mit den Galliern führen müssen; zum andern, ich hätte ihn unbesonnen und ungeschickt geführt. ««Die Gallier waren keine Feinde, sondern du hast dich an dem friedlichen Volke, das deine Forderungen erfüllte, vergriffen.»» Ich werde euch nicht zumuthen, versammelte Väter, daß ihr das Alles, was ihr von der Unmenschlichkeit der Gallischen Nation im Ganzen, von ihrem erbitterten Hasse gegen Alles, was Römer heißt, schon wisset, auch von jenen Galliern glauben sollt, die in Asien wohnen. Ohne auf den bösen Ruf und den Haß, in welchem die ganze Nation steht, zu sehen, beurtheilt jene dort nach ihrem wirklichen Werthe. Und o möchte doch jetzt König Eumenes, möchten die Staten Asiens sämtlich zugegen sein, und ihr lieber ihre Klagen, als von mir Beschuldigungen, hören! Schicket, ich bitte euch, Gesandte an alle Städte Asiens umher, und fraget bei ihnen an, ob die Knechtschaft die drückendere war, von der sie durch Zurückweisung des Antiochus hinter die Höhen des Taurus, oder die, von der sie durch Bezwingung der Gallier befreiet sind: lasset sie erzählen, wie vielmal ihr Gebiet verheeret, wie 574 vielmal die Geraubten weggetrieben wurden, ihnen auch dann kaum vergönnet wurde, die Gefangenen loszukaufen; und sie hören mußten, daß Menschen als Opferthiere gewürgt und ihre Kinder auf Altären geschlachtet waren. Wisset, daß eure Bundesgenossen den Galliern Jahrgelder gezahlt haben, und diese, obgleich durch euch vom königlichen Joche befreiet, noch jetzo zahlen würden, wenn ich der Unthätige gewesen wäre.» 48. «Je weiter Antiochus zurückgewiesen wäre, je zügelloser würden in Asien die Gallier die Tyrannen gespielt haben; und alle die Länder diesseit der Höhen des Taurus hättet ihr zur Zugabe eines Gallierreichs, nicht des eurigen, gemacht. Ja, sagt man, das Alles ist freilich wahr; sie haben sogar Delphos quondam, commune]. – So lese ich nach Hrn. Walchs richtigerer, aus Cicero bestätigten, Interpunction. einst Delphi, das gemeinschaftliche Orakel der Welt, den Mittelpunkt des Erdkreises, ausgeplündert; darum aber hat der Römische Stat einen Krieg weder ihnen angekündigt, noch mit ihnen geführt. – Ich, meines Orts, glaubte einen Unterschied zu finden zwischen jener Zeit, wo Griechenland und Asien noch nicht so unter eurer Gerichtsbarkeit und Landeshoheit standen, daß ihr euch darum hättet bekümmern und Alles beachten müssen, was in diesen Ländern vorging, und dieser; wo ihr als Gränze der Römischen Oberherrschaft das Gebirge Taurus festgesetzt habt; wo ihr den Staten Selbstständigkeit und Steuerfreiheit gebt, die Gränzen des einen erweitert, den andern durch Abtretungen straft, wieder andere steuerpflichtig macht; Reiche vergrößert, verkleinert, verschenkt und nehmt, und dafür sorgen zu müssen glaubt, daß sie zu Lande und zu Wasser Frieden haben. Würdet ihr nur dann, falls Antiochus seine Besatzungen aus den Bergschlössern, wo sie ruhig standen, nicht abgeführt hätte, Asien für nicht befreiet halten? dann aber, wenn Gallische Heere 575 ausgelassen umherschwärmten, sollten dem Könige Eumenes die Geschenke, die ihr ihm gemacht habt, sollte den Staten ihre Freiheit gesichert bleiben? Doch wozu führe ich alle diese Gründe auf, gleich als hätte ich in den Galliern nicht Feinde gefunden, sondern gemacht? An dich, Lucius Scipio, wende ich mich, dessen Tapferkeit und Glück zusammen ich mir, als dein Nachfolger im Oberbefehle, nicht ohne Erhörung von den unsterblichen Göttern erflehet habe; an dich, Publius Scipio, der du wie bei deinem Bruder, dem Consul, so bei dem Heere, das Recht eines Unterfeldherrn und den hohen Rang eines Amtgenossen hattest, ob ihr nicht wisset, daß im Heere des Antiochus Legionen der Gallier standen; ob ihr sie nicht in seiner Linie, auf beiden Flügeln – denn diese galten ja für seine Hauptmacht – aufgepflanzt gesehen habt; ob ihr nicht gegen sie als wirkliche Feinde gefochten, sie niedergehauen, Beute von ihnen eingebracht habet. Ja, sagt man, zu einem Kriege gegen den Antiochus, aber nicht mit den Galliern, hatte der Senat den Beschluß, das Volk die Vollmacht gegeben. Meines Bedünkens aber hatten sie ihn zugleich gegen die beschlossen, und gegen die die Vollmacht dazu gegeben, welche unter seinen Truppen standen, unter denen also, den Antiochus ausgenommen, – mit welchem Scipio Frieden geschlossen hatte und mit welchem namentlich eurem Auftrage gemäß ein Vertrag eingegangen war, – alle diejenigen unsere Feinde waren, die für den Antiochus die Waffen gegen uns geführt hatten. Ob nun gleich diese Schuld vor allen andern die Gallier traf, auch einige Fürsten und Zwingherren; so habe ich doch mit Einigen, nachdem ich sie ihr Vergehen, der Ehre eures Reichs gemäß hatte büßen lassen, Frieden geschlossen; habe selbst auf die Gemüther der Gallier den Versuch gemacht, ob sich ihrer angebornen Wildheit eine sanftere Stimmung geben lasse; und als ich sie unbezähmbar und unversöhnlich fand, da erst glaubte ich, sie durch Gewalt der Waffen zügeln zu müssen. 576 Nachdem ich mich von dem Vorwurfe wegen Unternehmung des Krieges gereinigt habe, muß ich nun Rechenschaft über seine Führung geben. Und hier würde ich auf meine gute Sache vertrauen, wenn ich sie auch nicht vor dem Senate in Rom, sondern vor dem in Carthago zu führen hätte, wo die Feldherren, wie es heißt, gekreuzigt werden, wenn sie den Krieg noch so glücklich, aber nach falschem Plane geführt haben. Allein in einem State, welcher eben darum solche Thaten Sed ego in ea civitate]. – Ich finde in diesem langen Satze mehreres zu erinnern. 1) Das gegen das Ende dieses Satzes hinter den Worten profectus sum (vor negaretis) befindliche Punctum, das sich aus Drakenb. auch in andre Edd. eingeschlichen hat, ist bei Drakenb. nur ein Druckfehler. Denn er selbst erklärt den Zusammenhang so: Sed si ego – – hoc tantum postularem, ut diis honos haberetur – – an hoc non mihi solum, verum etiam diis negaretis? 2) Ich kann es nicht über mich erhalten, in der Übersetzung der Worte: quae ideo omnibus rebus incipiendis gerendisque deos adhibet, quia nullius calumniae subiicit ea, quae dii comprobaverunt – meinen Vorgängern zu folgen, und ich wundere mich, daß auch von den Editoren Niemand die Stelle anstößig fand. Romulus, Numa u. A. haben ja nicht deswegen die Augurien, Auspicien und die Abwendung der Prodigien eingeführt, und nicht darum lässet der Stat sich alles auf die Götter beziehen, damit die Feldherren von ihren Neidern ungehudelt bleiben sollen, sondern umgekehrt, die Feldherren bleiben darum unangetastet, weil sie unter göttlicher Mitwirkung gewirkt hatten, und es müßte heißen: quae ideo nullius calumniae subiicit ea, quae dii comprobaverunt, quia omnibus rebus incipiendis gerendisque deos adhibet. So habe ich diese Stelle übersetzt, weil mir die gewöhnliche Lesart gegen alle Geschichte, und die Übersetzungen, die mir zu Gesichte gekommen sind, äußerst gezwungen zu sein schienen. Ich glaube, dreist fragen zu können, ob z. B. Ostertags Übersetzung: «Allein in einem State, welcher nichts unternimmt und ausführt, ohne sich an die Götter zu wenden, um dadurch jeder Verläumdung eines von den Göttern beglückten Unternehmens vorzubeugen» – – ob dies, sage ich, in den Worten liegt: quae ideo – – deos adhibet, quia nullius calumniae subiicit ea, quae dii comprobaverunt. Dann müßte ja im Livius nicht ideo – quia stehen, sondern ideo – ut , oder etwa so: quae eo consilio deos omnibus adhibet, ut ea, quae dii comprobarunt; ab omni calumnia vindicarentur. Meiner Meinung nach müßte hier also angenommen werden, daß das Wort quia gleich auf die Worte quae ideo, folgen, und das Ganze so heißen müsse: quae ideo, quia omnibus rebus – – deos adhibet, nullius calumniae subiicit ea, quae dii comprobaverunt; oder daß beide Zeilen so versetzt werden müßten, wie ich sie oben angegeben habe. Das erste ist als Correctur leichter, das letztere ist mir aber wahrscheinlicher, weil die Ähnlichkeit der Worte quae ideo (vollends in der Abkürzung) mit quia die Abschreiber leicht veranlaßte, das letzte zuerst zu schreiben, und dann, ihrer Gewohnheit nach, das Ausgelassene nachzuholen. 3) In den Worten: Quod bene ac feliciter rem p. administra rit habe ich das letzte Wort so übersetzt, als stände hier der Indicativ administra vit, weil mir der Conjunctiv, den die Lateinische Sprache forderte, im Deutschen zu schleppend schien. 4) Vor den Worten pro felicitate mea exercitusque mei wünschte Crevier, noch ein si einzuschieben; und es könnte allerdings wegen der ähnlichen Endigung ri des unmittelbar vorhergehenden Worts gloria ri ausgefallen sein. Duker wollte statt dieses si lieber sed lesen, und Drakenb. möchte, wenn mehrere Msc beiträten, aus Cod. Lov. 2. die Lesart at vorziehen. Die letzte würde hier sehr schön passen, wenn mit diesem at pro felicitate mea cet. der Nachsatz schon anginge. Allein dieser folgt erst in der Frage: hoc mihi – negaretis? Ich habe mir, um diesem pro felicitate mea doch einigen Abstich zu geben, mit dem eingeschalteten lieber zu helfen gesucht; wenn nicht vielleicht gar ein potius, seiner Ähnlichkeit wegen mit postu in postu larem, vor diesem Worte ausgefallen ist. , die den Beifall der Götter selbst erhielten, von 577 niemanden verunglimpfen läßt, weil er bei allen Unternehmungen und Ausführungen die Götter zu Hülfe nimmt; der immer, wenn er einem Feldherrn ein Dankfest oder einen Triumph zuerkennt, sich der eingeführten Formel bedient: ««Weil er dies öffentliche Geschäft gut und glücklich verwaltet hat:»» wenn ich in diesem State ungern daran ginge, es beleidigend und übermüthig fände, mich meiner Tapferkeit zu rühmen; lieber darauf antrüge, für mein und meines Heeres Glück, ohne allen Verlust an Leuten eine große Nation besiegt zu haben, den unsterblichen Göttern ihre Ehre zu geben und mich selbst triumphirend zum Capitole hinaufziehen zu lassen, von wo ich nach feierlich ausgesprochenen Gelübden aufgebrochen war; wolltet ihr dann mir und zugleich den unsterblichen Göttern dies versagen?» 49. «Aber freilich, ich habe auf ungünstigem Kampfboden geschlagen? So sagt mir denn, wo ich auf günstigerm hätte schlagen können. Da die Feinde einen Berg besetzt hatten und hinter ihren Verschanzungen blieben, so mußte ich doch wohl zu den Feinden hinangehen, wenn ich sie besiegen wollte. Wie? wenn sie nun hier eine Stadt gehabt, sich hinter den Mauern gehalten hätten? Dann mußte ich sie ja belagern. Und wie? Hatte etwa Manius Acilius in der Schlacht bei Thermopylä gegen den König Antiochus die Gegend für sich? Oder trieb Titus Quinctius nicht eben so den Philipp von den Gipfeln der Berge über dem Strome Aous, die er besetzt hielt? Noch bis jetzt kann ich nicht ausfinden, wie sie 578 den Feind entweder sich selbst einbilden, oder in euren Augen erscheinen lassen möchten. Etwa als den ausgearteten und durch Asiens Reize verweichlicht? Was liefen wir alsdann für Gefahr im Angriffe, selbst auf ungünstigem Boden? Oder seines unbändigen Muths und seiner Körperkraft wegen furchtbar? Und einem solchen Siege versagt ihr den Triumph? Der Neid, versammelte Väter, ist blind, und versteht sich auf weiter nichts, als Verdienste zu verkleinern, und ihnen jede Ehre und Belohnung zu verderben. Eure Verzeihung, versammelte Väter, erbitte ich mir nur dann, wenn es nicht eigne Ruhmsucht, sondern nothgedrungene Zurückweisung der Anklagen ist, die jetzt meinen Vortrag noch länger macht defensio fecit]. – Behält man die Lesart fecit bei, so sehe ich nicht, wie die Entschuldigung, so lange geredet zu haben, schon hier stehen konnte, da doch Manlius noch nicht schließt, sondern noch einmal auf die Beschuldigungen sich einläßt. Auch entschuldigt er ja seinen langen Vortrag überhaupt am Ende der Rede wieder. Wozu dasselbe zweimal, wenn einerlei in beiden Worten läge? Ich folge also der von Drakenb. angeführten Lesart (des Cod. Lovel. 2.) facit, worin die Entschuldigung liegt, daß er noch fortfahren muß. . Ich konnte also wohl auch die Gebirgspässe durch Thracien, da sie enge genug waren, erweitern? die Höhen zu Ebenen, die waldigen Gegenden zu angebaueten umschaffen? bewirken, daß sich das Thracische Raubgesindel nirgendwo in seinen alten Schlupfwinkeln versteckte? daß uns kein Stück des Gepäckes entwandt, aus einem so langen Zuge kein Packpferd entführt, niemand verwundet wurde, und Quintus Minucius, der tapfre, tüchtige Mann! nicht an seiner Wunde starb? Über diesen Zufall, der die unglückliche Folge hatte, daß wir einen so vorzüglichen Mitbürger einbüßten, verbreiten sie sich. Daß aber, so gebirgig der Wald, so ungünstig der Boden war, als der Feind uns angriff, dennoch unsre beiden Linien, der Vortrab mit dem Nachtrabe zugleich, das in unser Gepäck sich verwickelnde Heer der Barbaren umringten, ihrer noch an diesem Tage viele Tausende, und wenige Tage nachher noch weit mehrere niederhieben und gefangen nahmen; glauben sie 579 etwa, daß ihr dies, wenn sie es verschwiegen, nicht erfahren würdet, da das ganze Heer Zeuge meiner Rede ist? Hätte ich in Asien nie das Schwert gezogen, dort keinen Feind gesehen, so würde ich mir noch in Thracien als Proconsul den Triumph durch zwei Schlachten erworben haben. Doch ich habe genug geredet. Und selbst dafür, daß ich durch mehr Worte, als ich zu machen Willens war, euch ermüdet habe, wünsche ich, euch um Verzeihung bitten zu dürfen, versammelte Väter, und sie zu erhalten.» 50. Die Anklagen hätten an diesem Tage über die Vertheidigung die Oberhand behalten, wenn sie nicht einen Wortwechsel veranlaßt hätten, der bis gegen Abend dauerte. Der Senat wurde so entlassen, daß man glaubte, er würde den Triumph abgeschlagen haben. Am folgenden Tage boten nicht allein die Verwandten und Freunde des Cneus Manlius ihren ganzen Einfluß auf, sondern auch die Bejahrteren setzten ihr Gutachten mit der Behauptung durch, es lasse sich kein Beispiel nachweisen, daß ein Feldherr, der nach Besiegung der Feinde und völliger Beendigung des ihm aufgetragenen Krieges das Heer zurückgebracht habe, ohne Siegswagen und Lorbeer, amtlos und jedes Ehrenempfangs verlustig, zur Stadt eingegangen sei. Das Gefühl für das Schickliche siegte den bösen Willen nieder und die Stimmenmehrheit entschied für den Triumph. Nachher wurde die Erwähnung und das ganze Andenken dieses Zwistes durch einen größeren Streit unterdrückt, der sich gegen einen größeren und berühmteren Mann erhob. Dem Publius Scipio Africanus setzten, nach dem Berichte des Valerius von Antium, die beiden Quintus Petillius einen Gerichtstag. Dies legte Jeder nach seiner Denkungsart aus. Einige machten, nicht etwa diesen Bürgertribunen, sondern dem ganzen State einen Vorwurf daraus, daß er dies leiden könne. «Die beiden größten Städte der Welt ließen sich fast zu gleicher Zeit auf einer Undankbarkeit gegen ihre ersten Männer betreffen: die undankbarere aber sei Rom: denn Carthago habe doch als die Besiegte den besiegten Hannibal ins Elend 580 ausgestoßen; Rom aber, die Siegerinn, stoße im Africanus den Sieger aus.» Andre sagten: «Kein Bürger dürfe sich als der Einzelne so hoch erheben, daß man ihn nicht nach den Gesetzen zur Verantwortung ziehen könne. Nichts sei zur Gleichstellung der Freiheit so wirksam, als wenn auch für den Mächtigsten die Möglichkeit bleibe, den Gerichten Rede stehen zu müssen. Und wie man denn einem Manne irgend etwas, geschweige denn den ganzen Stat, mit Sicherheit anvertrauen könne, wenn er keine Rechenschaft abzulegen habe? Wer die Gleichheit des Rechts nicht über sich dulden könne, gegen den sei Zwang kein Unrecht.» Hiermit trug man sich in Gesprächen, bis der Tag der gerichtlichen Verantwortung erschien. Nie wurde früher irgend jemand, und selbst eben dieser Scipio als Consul oder Censor nie in einem größeren Gefolge von Menschen aller Art auf den Markt begleitet, als an diesem Tage als Beklagter. Auf erhaltenen Befehl, sich zu vertheidigen, begann er, ohne die Klagepunkte auch nur zu berühren, eine Rede, so voll Erhebung seiner Thaten, daß Alle darüber eins waren, es sei nie jemand schöner, nie mit mehr Wahrheit gelobt. Denn die Thaten schilderte hier derselbe Muth, derselbe Geist, der sie verrichtet hatte; und ohne den Zuhörern unangenehm zu werden, weil er sie zu Abwendung eigener Gefahr, nicht um sich zu rühmen, erzählte. 51. Nachdem die Bürgertribunen zur Beglaubigung ihrer diesmaligen Anklagen die ihm ehemals zum Vorwurfe gemachten üppigen Winterquartiere in Syracus und den Pleminischen Aufstand zu Locri in Erinnerung gebracht hatten, beschuldigten sie den Beklagten, mehr nach Vermuthungen als mit Beweisen, eines Unterschleifs barer Gelder. «Den gefangen genommenen Sohn habe ihm Antiochus ohne Lösegeld zurückgegeben, und den Scipio in allen übrigen Stücken so verehrt, als stehe Krieg und Friede mit Rom in der Hand des Einzigen. Auf dem Schauplatze des Krieges habe der Consul an ihm einen Dictator gehabt, statt eines Unterfeldherrn; und er selbst sei auch in keiner andern Absicht dorthin mitgegangen, 581 als gerade das, was längst schon Spaniens, Galliens, Siciliens, Africa's feste Überzeugung sei, auch dem gesamten Griechenlande, Asien und allen Königen und Völkern des Morgenlandes einleuchten zu lassen, daß ein einziger Mann das Haupt und die Stütze des Römerreiches sei; daß der Stat, der den Erdkreis beherrsche, im Schatten eines Scipio sich berge; daß ein Wink von ihm Verordnungen der Väter, Vollmachten des Volkes vertrete.» Da sie seinem guten Namen nicht beikommen konnten, so stellten sie, und dies konnten sie, den Neid gegen ihn an. Nachdem die Reden bis in die Nacht gedauert hatten, wurde ein anderer Gerichtstag angesetzt. Als dieser erschien, nahmen die Tribunen mit anbrechendem Morgen ihren Sitz auf der Rednerbühne. Der vorgeladene Beklagte ging mit einem langen Zuge von Freunden und Schützlingen mitten durch die Versammlung auf die Bühne, und nach bewirkter Stille sprach er: «An diesem Tage, ihr Bürgertribunen und ihr, Quiriten, habe ich über den Hannibal und die Carthager in einer förmlichen Schlacht in Africa einen schönen und glücklichen Sieg erfochten. Da es also billig ist, heute die Streitsachen und Zänkereien hintanzusetzen, so werde ich von hier sogleich auf das Capitolium gehen, den allmächtigen Jupiter, die Juno, Minerva und die übrigen Götter, in deren Schutze das Capitolium und die Burg stehen, zu verehren, und ihnen meinen Dank darbringen, daß sie mir sowohl gerade an diesem Tage, als auch sonst öfters den Sinn und die Gelegenheit verliehen haben, des States Sache mit Auszeichnung zu führen. Auch ihr, Quiriten, – wem es unter euch Vergnügen macht – gehet mit mir und bittet die Götter darum, mir gleiche Männer an eurer Spitze zu haben. Darum bittet sie, wenn ihr anders von meinen siebzehn Jahren an bis in mein Alter immer meinen Jahren mit euren Ehrenstellen zuvorgekommen seid, und ich euren Ehrenstellen mit meinen Thaten voraus war.» Von der Rednerbühne ging er hinauf zum Capitole. Zugleich wandte sich die ganze 582 Versammlung von den Tribunen ab und folgte dem Scipio, so daß zuletzt auch die Schreiber und Gerichtsdiener die Tribünen verließen, und niemand außer ihrer Begleitung von Hausbedienten und dem Ausrufer bei ihnen blieb, der immer noch von der Bühne herab den Beklagten vorforderte. Scipio ging nicht allein auf dem Capitole, sondern auch in der ganzen Stadt nach allen Göttertempeln mit dem Römischen Volke umher. Der Beweis der allgemeinen Liebe und die Anerkennung der wirklichen Größe des Mannes machte diesen Tag beinahe noch feierlicher, als jenen, an dem er, triumphirend über den König Syphax und die Carthager, zur Stadt einzog. 52. Dieser Tag war für den Publius Scipio als der letzte glanzvolle aufgegangen; und da er sich seitdem von der ausgesetzten Untersuchung nichts als Neid und Streitigkeiten mit den Tribunen versprach, so zog er sich auf sein Landgut bei Liternum zurück, mit dem festen Vorsatze, sich in seiner Sache nicht zu stellen. Ihm war ein höherer Geist schon angeboren, er selbst an ein größeres Glück gewöhnt, als daß er sich hätte als Beklagter benehmen und zu dem demüthigen Tone einer Vertheidigung herablassen können. Als der Tag kam und der abwesende Beklagte gefordert wurde, gab Lucius Scipio eine Krankheit als Ursache seiner Abwesenheit an. Da die beiden Tribunen, welche Kläger waren, diese Entschuldigung nicht annehmen wollten, vielmehr die neue Klage vorbrachten: «Daß Scipio jetzt nicht zu seiner Vertheidigung erscheine, sei derselbe Stolz, mit dem er sich von dem Gerichte, von den Bürgertribunen und der Volksversammlung abgewandt; mit dem er in Begleitung derselben Bürger, denen er das Recht des Ausspruchs über ihn und ihre Freiheit genommen, als schleppe er sich seine Gefangenen nach, seinen Triumphzug über das Römische Volk gehalten und damals den Bürgertribunen ihre Bürger auf das Capitol entführt habe;» [ja in die Worte ausbrachen]: In den meisten Ausgaben fängt am Ende dieser Rede mit den Worten Tribuni plebis appellati ein neues Punctum an. Allein eben diese Worte machen den Nachsatz zu dem Vordersatze: Quum tribuni, qui diem dixerant, – arguerent; worin Hr.  Ruperti mir beistimmt. Um dies auch im Deutschen anschaulich zu machen, habe ich den leider! langen Satz im Zusammenhange, so gut ich's vermochte, durchgeführt, und um dies zu können, die Einschaltung der eingeklammerten Worte mir erlauben müssen. Auch sehe ich nicht, wie das Fragezeichen hinter mittere non audeamus bestehen könne. Habetis mercedem: – relicti estis: et tantum animorum decrescit, ut etc. lässet keine Frage zu. Auch hat sie Crev. nicht. Vermuthlich ist das Fragezeichen bei Drak. aus einem Kolon entstanden. Ich interpungire mittere non audeamus: tribuni plebis, appellati etc. «Da 583 habt ihr nun den Lohn für jene Unbesonnenheit. Eben der, unter dessen Anführung, auf dessen Wort ihr uns stehen ließet, läßt euch jetzt wieder stehen. Und so sehr sinkt uns der Muth mit jedem Tage, daß wir, die wir noch vor siebzehn Jahren das Herz hatten, gegen denselben Mann, ob er gleich an der Spitze eines Heeres und einer Flotte stand, Bürgertribunen und einen Ädil nach Sicilien abzuschicken, um ihn zu greifen und ihn nach Rom zurückzubringen, es jetzt nicht wagen, ihn als Privatmann aus seinem Landgute abholen zu lassen, um sich zu rechtfertigen: – – so gab das zum Schutze aufgerufene Gesamtamt der Tribunen folgende Erklärung: «Wenn er unter der Angabe einer Krankheit entschuldigt werde, so sei ihre Meinung, man müsse diese Angabe gelten lassen; und ihre Amtsgenossen hätten einen späteren Tag zu bestimmen.» Tiberius Sempronius Gracchus war damals Bürgertribun und lebte mit dem Publius Scipio in Feindschaft. Da er sichs verbat, der Ausfertigung seiner Amtsgenossen seinen Namen beizufügen, und Jedermann von ihm ein härteres Urtheil erwartete, so ließ er gerichtlich niederschreiben: «Da Lucius Scipio zur Entschuldigung seines Bruders eine Krankheit vorschütze, so sei dies, seiner Meinung nach, genügend. Er werde gegen den Publius Scipio, bevor dieser nach Rom zurückgekommen sei, keine Anklage gestatten. Und auch dann werde er, wenn jener ihn zum Beistande aufrufe, ihn gegen die geforderte Verantwortung in Schutz nehmen. Publius Scipio habe, worin Götter und Menschen übereinstimmeten, durch seine Thaten und durch die vom Römischen Volke ihm 584 verliehenen Ehrenämter eine solche Höhe erreicht, daß es für das Römische Volk entehrender sein werde, als für ihn selbst, wenn er als Beklagter am Fuße der Rednerbühne stehen und sich von jungen Leuten Schmähungen sagen lassen solle.» 53. Die Ausfertigung begleitete er mit diesen Worten des Unwillens: «Zu euren Füßen soll er stehen, ihr Tribunen? Africa's edler Überwinder, Scipio? Hat er deswegen in Spanien vier der berühmtesten Punischen Feldherren, vier Heere geschlagen und zerstreuet; deswegen den Syphax gefangen genommen, den Hannibal niedergesiegt, den Antiochus – – denn Lucius Scipio machte ja seinen Bruder zum Mitgenossen dieses Ruhmes – – über die Höhen des Taurus hinausgewiesen, damit er den beiden Petilliern erliegen und ihr euch die Siegespalme am Publius Africanus erringen möchtet? Sollen ausgezeichnete Männer niemals durch alle ihre Verdienste, durch alle von euch ihnen verliehenen Würden eine sichere und gleichsam geheiligte Freistäte erreichen, so daß hier ihr Alter, ich will nicht sagen Ehrfurcht gebietend, wenigstens unangetastet, seinen Ruhesitz fände?» Das Erkenntniß sowohl, als seine begleitende Rede machte nicht allein auf die Übrigen Eindruck, sondern selbst auf die Kläger; und sie sagten, sie wollten überlegen, was Recht und Amt von ihnen fordern. Nachdem sie die Bürgerversammlung entlassen hatten, wurde nun Senat gehalten. Hier dankten dem Tiberius Gracchus der ganze Rath und besonders die Consularen und Bejahrteren angelegentlichst, daß er die Privatfeindschaft dem allgemeinen Besten habe nachstehen lassen; und die Petillier wurden mit bittern Vorwürfen beladen, daß sie hätten auf Unkosten eines Andern glänzen und im Triumphe des Africanus für sich einen Raub finden wollen. Nachher war über den Africanus Alles still. Er lebte zu Liternum, ohne Sehnsucht nach Rom. Als er auf seinem Landgute starb, soll er verordnet haben, ihn auch hier zu begraben und hier sein Denkmal aufzuführen, damit ihm die undankbare Vaterstadt kein Leichenbegängniß halten könne. Ein 585 denkwürdiger Mann! Doch war die erste Hälfte seines Lebens, und auch diese mehr durch seine Verdienste im Kriege, als im Frieden, denkwürdiger, als die letzte: denn in seiner Jugend führte er Krieg auf Krieg; mit seinem Alter verblühete auch sein Thatenruhm und seinem Geiste bot sich kein Stoff. Wie sticht sein zweites Consulat, wollte man auch die Censur mit in Anschlag bringen, gegen sein erstes ab? wie seine Unterfeldherrnstelle in Asien, die ihn wegen seiner Krankheit so wenig leisten ließ, und auch an Glanz theils durch den Unfall seines Sohns verlor, theils durch die nach seiner Rückkehr ihm auferlegte Nothwendigkeit, entweder dem Gerichte sich zu stellen, oder sich ihm und zugleich seiner Vaterstadt zu entziehen? Doch den Punischen Krieg geendigt zu haben, den wichtigsten und gefährlichsten, welchen je die Römer führten, diesen vorzüglichen Ruhm machte nur Er sich zu eigen. 54. Mit dem Tode des Africanus wuchs seinen Feinden der Muth. Der Vornehmste unter ihnen war Marcus Porcius Cato, der die Größe des Mannes auch schon bei dessen Leben anzuklaffen gewohnt war. Auf sein Anstiften, glaubt man, ließen sich die Petillier noch bei Lebzeiten des Africanus auf die Sache ein, und brachten auch nach dessen Tode einen Antrag an das Volk. Dieser Antrag lautete so: «Gebt ihr eure Einwilligung und Vollmacht, ihr Quiriten, in Betreff derjenigen Gelder, die wir vom Könige Antiochus und den unter seinem Befehle Stehenden erbeutet, genommen und eingetrieben haben, und dessen, was davon nicht in die Schatzkammer abgeliefert ist, daß hierüber der Stadtprätor Servius Sulpicius bei dem Senate anfrage, wen von den jetzigen Prätoren der Senat die Sache untersuchen lassen wolle?» Diesem Antrage widersetzten sich anfangs die beiden Mummius, Quintus und Lucius mit Vornamen. Sie meinten, die Untersuchung über nicht abgelieferte Gelder gehöre, wie man es sonst immer gehalten habe, vor den Senat. Die Petillier sprachen gegen den Adel, und gegen Scipio's Königthum im Senate. Der Consular Lucius 586 Furius Purpureo, der unter den zehn Abgeordneten in Asien gewesen war, meinte, die vorgeschlagene Untersuchung müsse sich weiter erstrecken, nicht bloß auf die Gelder, die man dem Antiochus, sondern auch die man den übrigen Königen und Völkern abgenommen habe; ein Stich, den er seinem Feinde Cneus Manlius gab. Auch Lucius Scipio trat gegen diesen Antrag auf, ob man gleich in seiner Rede mehr den Anwald seiner selbst, als den Gegner des Vorschlages erwarten mußte. Er brach darüber in Klagen aus, «daß man mit einem solchen Antrage erst nach dem Tode seines großen und ausgezeichneten Bruders Publius Africanus hervortrete. Nicht genug, daß einem Publius Africanus nach seinem Tode keine öffentliche Lobrede gehalten sei; man wolle ihn auch noch anklagen. Sogar die Carthager hätten sich mit Hannibals Verbannung begnügt. Nur das Römische Volk lasse sich nicht einmal durch den Tod des Publius Scipio versöhnen, wenn es nicht auch noch im Grabe seinen guten Namen zerfleische, und den Bruder obenein als Zugabe seinem Hasse zum Opfer bringe.» Für den Antrag sprach Marcus Cato; seine Rede: über die Gelder vom Könige Antiochus, ist noch vorhanden; und sein Gutachten schreckte die Tribunen Mummius ab, sich dem Vorschlage länger zu widersetzen. Da diese also ihre Einsage zurücknahmen, so gaben die sämtlichen Bezirke ihre Stimme: «angetragener Maßen.» 55. Auf die Anfrage des Servius Sulpicius, wer dem Antrage der Petillier zufolge die Untersuchung haben solle, ernannten die Väter den Quintus Terentius Culleo. Vor diesem Prätor, einem so innigen Freunde der Cornelischen Familie, daß diejenigen, nach welchen Publius Scipio zu Rom starb und begraben wurde, – denn man hat ja auch dies Gerücht – uns erzählen, Terentius sei eben so mit dem Hute auf dem Kopfe, wie er bei Scipio's Triumphe einhergeschritten war, auch bei dessen Leichenzuge vor der Bahre hergegangen, und habe am Capenischen Thore dem Leichengefolge einen Honigwein reichen lassen, weil ihn Scipio in Africa nebst andern Gefangenen den 587 Feinden wieder abgenommen hatte; – oder aber ihrem so erbitterten Feinde, daß ihn die Gegenpartei der Scipione eben dieser erklärten Abneigung wegen gerade am liebsten zu der anzustellenden Untersuchung gewählt haben soll: genug, vor diesem Prätor, mag er nun zu sehr für oder wider gewesen sein, wurde Lucius Scipio sofort belangt. Zugleich wurden auch seine Unterfeldherren, die beiden Hostilius Cato – Aulus und Lucius mit Vornamen – und sein Zahlmeister Cajus Furius Aculeo, als Mitbeklagte aufgeführt und angenommen; ja, um der Sache den Schein zu geben, als erstrecke sich das Einverständniß zu diesem Unterschleife über alle Classen, auch zwei Schreiber und ein Gerichtsdiener. Lucius Hostilius, die Schreiber und der Gerichtsdiener wurden, noch ehe das Urtheil über Scipio erging, freigesprochen; Scipio und sein Unterfeldherr Aulus Hostilius, auch Cajus Furius wurden verurtheilt: «Um dem Antiochus einen gefälligen Frieden zu geben, habe sich Scipio sechstausend Pfund Gold, vierhundert achtzig Pfund Silber mehr geben lassen, als er in den Schatz abgeliefert habe; Aulus Hostilius achtzig Pfund Gold, vierhundert und drei Pfund Silber; der Zahlmeister Furius hundert und dreißig Pfund Gold, zweihundert Pfund Silber.» So finde ich diese Summe in Gold und Silber bei dem Valerius von Antium angegeben. Bei dem Lucius Scipio will ich in der Summe des Goldes und des Silbers lieber ein Versehen des Abschreibers, als eine lügenhafte Angabe des Schriftstellers finden. Denn es ist doch wahrscheinlicher, daß die Pfundezahl des Silbers die des Goldes überstieg; wahrscheinlicher, daß die in Klage stehende Summe zu vier Millionen Sestertien angeschlagen wurde, als zu vierundzwanzig Millionen Die mehreren in diesem Cap. aufgeführten Summen gebe ich nach Crevier in Pariser Marken, die Mk. Silber (nach dem Zwanzigguldenfuße) mit 20 multiplicirt, und die Mark Goldes, weil damals in Rom das Gold zum Silber sich etwa wie 10 zu 1 verhielt, mit 200 multiplicirt. 1ste Summe: 6000 Pf. Gold, sind 9375 Mk. Gold, oder 1,875,000 Gulden, oder 24,000,000 HS. 2te — 480 Pf. Silber, sind 750 Mk. Silb., oder 15,000 Gulden, oder 192,000 HS. 3te — 80 Pf. Gold, sind 125 Mk. Gold, oder 25,000 Gulden. 4te — 403 Pf. Silber, sind 629 Mk. Silber, oder 12,580 Gulden. 5te — 130 Pf. Gold, sind 203 Mk. Gold, oder 40,600 Gulden. 6te — 200 Pf. Silber, sind 312 Mk. Silb., oder 6,240 Gulden. In den beiden dem L. Scipio zur Last gelegten Summen scheint Livius, nach Creviers Bemerkung, anzunehmen, daß der Abschreiber des Valerius Antias die Summen des Goldes und Silbers vertauscht, und sex millia pondo auri, quadringenta octoginta argenti geschrieben habe, statt daß er hätte schreiben sollen: quadringenta octoginta pondo auri, sex millia argenti. Diese 480 Pfund Gold und 6000 Pfund Silber giebt Livius in Römischem Gelde zu quadragies (centena millia sestertiorum) an: denn das Pfund Silber macht 400 HS. und das Pf. Gold 4000 HS. Also 6000 Pf. Silber sind 2,400,000 HS. 480 Pf. Gold — 1,920,000 HS. Zusammen: 4,320,000 HS. ; um 588 so mehr, da laut einigen Berichten Publius Scipio selbst nur über jene Summe im Senate in Anspruch genommen wurde; die darüber geführte Rechnung, die er durch seinen Bruder Lucius holen ließ, vor den Augen des Senats mit eignen Händen zerriß, und es ärgerlich fand, über vier Millionen sich zur Rede stellen zu lassen, da er vierhundert Millionen in den Schatz geliefert habe. Mit eben dieser Festigkeit des Muths soll er, als sich die Schatzmeister nicht getraueten, dem Gesetze zuwider Geld aus dem Schatze herzugeben, die Schlüssel gefordert und gesagt haben, er werde ihn aufschließen, da er es sei, der das Zuschließen nöthig gemacht habe. 56. Noch viele andre Angaben, vorzüglich über die letzten Tage des Scipio, über die gerichtliche Anklage, 589 über seinen Tod, sein Leichenbegängniß und Grabmal, gehen soweit von einander ab, daß ich nicht weiß, an welche Sage, an welche Schriften, ich mich halten soll. Man ist nicht eins über den Kläger; Einige melden, Marcus Nävius, Andre die Petillier hätten ihn vor Gericht gefordert; nicht über die Zeit der Vorforderung; nicht über das Jahr seines Todes; noch über den Ort seines Todes oder seines Begräbnisses. Einige sagen, er sei zu Rom, Andre, zu Liternum sowohl gestorben, als begraben: an beiden Orten zeigt man sein Denkmal und sein Standbild. Denn er hat nicht nur zu Liternum ein Grabmal, und auf dem Grabmale war sein Standbild aufgestellt, dessen Zerstückelung durch den Sturm wir neulich selbst erlebt haben; sondern auch bei Rom befinden sich auf dem Grabmale der Scipione vor dem Capenischen Thore drei Standbilder, von welchen zwei die Scipione, Publius und Lucius, vorstellen sollen, und das dritte den Dichter Quintus Ennius. Auch gehen nicht bloß die Geschichtschreiber von einander ab, sondern es widersprechen sich auch die Reden, wenn anders die si modo ipsorum sunt, quae feruntur, P. Scip. et Ti. Gracchi abhorrent]. Dem Stile des Livius, dünkt mich, ist folgende Interpunction angemessener: si modo ipsorum sunt, quae feruntur P. Scipionis et Ti. Gracchi, abhorrent inter se. , welche man dem Publius Scipio und dem Tiberius Gracchus beilegt, von ihnen selbst sind. Die Aufschrift der Rede des Publius Scipio giebt für den Bürgertribun den Namen Marcus Nävius an: die Rede selbst hat den Namen des Anklägers nicht; hier heißt er nur bald der Schurke, bald der Schwätzer. Selbst die Rede des Gracchus erwähnt weder der Petillier als Kläger gegen den Africanus, noch einer gegen den Africanus ergangenen Klage im mindesten. Ich muß eine ganz andre Erzählung zusammenstellen, wenn sie mit der Rede des Gracchus übereinstimmen soll, und der Aussage derer folgen, welche berichten, sowohl zur Zeit der Anklage gegen den Lucius Scipio, als zur Zeit seiner Verurtheilung, Geld vom Könige genommen zu haben, sei Africanus als Unterfeldherr in Hetrurien gewesen. Als das Gerücht vom Misgeschicke 590 seines Bruders dorthin gekommen sei, sei er mit Aufgebung seiner Unterfeldherrnstelle nach Rom geeilt, habe sich geradesweges vom Thore, weil ihm gesagt wurde, man führe seinen Bruder ins Gefängniß, auf den Markt begeben, den Häscher von der Person seines Bruders weggestoßen, und sich gegen die Tribunen, die ihn hätten zurückhalten wollen, mehr nach Bruder- als Bürgerpflicht, Thätlichkeiten erlaubt. Gerade darauf bezieht sich die Klage des Gracchus selbst, daß ein Privatmann die tribunicische Gewalt vernichtet habe; und am Ende, wo er dem Lucius Scipio seinen Beistand verspricht, fügt er hinzu: Der Fall sei nicht von so schlimmen Folgen, wenn man einen Bürgertribun, als wenn man einen Privatmann dafür ansehen müsse, daß ihm die tribunicische Gewalt und die ganze Statsverfassung sich habe fügen müssen. Allein selbst diese einzige leidenschaftliche Gewaltthat weiß er dem Africanus so zur Last zu legen, daß er ihn gerade in dem Vorwurfe, sich selbst so ungetreu geworden zu sein, durch Anführung seiner ehemaligen rühmlichen Beispiele von Mäßigung und Selbstbeherrschung für die diesmalige Rüge in vollem Maße entschädigt. Sagt er doch, Scipio habe einst dem ganzen Volke einen Verweis gegeben, als es ihn zum immerwährenden Consul und Dictator machen wollte: daß seine Standbilder nicht auf dem Wahlplatze, nicht auf der Rednerbühne, auf dem Rathhause, auf dem Capitole, in Jupiters Allerheiligstem aufgestellt wurden, habe er selbst hintertrieben, und eben so die Ausfertigung hintertrieben, daß sein Bild immer im Schmucke eines Triumphators aus dem Tempel des allmächtigen Jupiter abgeholt werden solle. 57. Solche Beispiele, wenn sie nur in einer Lobrede aufgeführt ständen, würden auch da noch immer für die ausgezeichnete Größe seines Geistes, in Beschränkung seiner hohen Amtsstellen auf den Fuß der Bürgergleichheit, zum Beweise dienen; und hier werden sie selbst von einem Feinde, der sie ihm vorwirft, eingestanden. Daß von den beiden Töchtern des Africanus – die ältere hatte unstreitig der Vater selbst dem Publius Cornelius Nasica 591 zur Ehe gegeben – die jüngere an diesen Gracchus verheirathet wurde, ist ausgemacht. Darin aber ist man nicht ganz eins, ob sie ihm erst nach des Vaters Tode verlobt und zur Frau gegeben, oder ob die Meinung derer gegründet sei, welche den Gracchus, als Lucius Scipio ins Gefängniß geführt werden sollte, und sich seiner von des Gracchus Amtsgenossen auch nicht Einer annahm, den Schwur thun lassen: «Er lebe noch mit den Scipionen in eben der Feindschaft, wie sonst, und thue auch durchaus nichts, um sich einen Dank zu erwerben; allein daß in eben den Kerker, in welchen er den Publius Africanus feindliche Könige und Feldherren habe führen sehen, jetzt dessen eigener Bruder geführt werden solle, das werde er nicht zugeben.» Der Senat, der gerade an diesem Tage auf dem Capitole zu Abend speisete, sei vom Tische aufgestanden und habe den Africanus gebeten, seine Tochter an den Gracchus noch über Tafel zu verloben. Die Versprechung, sagt man, wurde noch während der öffentlichen Feierlichkeit mit den gehörigen Gebräuchen bündig gemacht; Scipio ging zu Hause und sagte seiner Gattinn Ämilia, er habe die jüngere Tochter versprochen. Sie ließ sich in weiblichem Unwillen darüber aus, daß sie über eine Tochter, die doch auch ihr gehöre, nicht zu Rathe gezogen sei, und setzte hinzu, als Mutter hätte sie um den Plan wissen müssen, selbst dann, wenn er sie an den Tiberius Gracchus verlobt hätte. Voll Freude über ihre so zusammentreffende Würdigung des Mannes habe Scipio geantwortet ipsi desponsam]. – Auch mir genügt dies bloße ipsi nicht, und ich folge gern der Walchischen Verbesserung ei ipsi, die dich auf die Lesart so vieler Msc. gründet, in welchen et ipsi steht. Man vergl. XXI. 38. nomen et iugo Alpium, woraus Gronov und Crevier ei herstellen. : Der eben sei es, an den er sie versprochen habe. – Möchten diese Sagen als Vermuthungen, als schriftliche Nachrichten, noch so sehr von einander abweichen: über einen so großen Mann mußte ich sie mittheilen. 58. Als der Prätor Quintus Terentius die gerichtlichen Untersuchungen geendigt hatte, stellten Hostilius 592 und Furius als Verurtheilte, noch an eben dem Tage bei den Schatzmeistern der Stadt, Bürgschaft. Allein mit dem Scipio, weil er dabei beharrte, alles ihm gezahlte Geld sei im Schatze und er habe nichts dem State gehöriges, kam es schon zur Abführung ins Gefängniß. Da that Publius Scipio Nasica Ansprache bei den Tribunen und hielt eine Rede, in der er die wirklichen Verdienste, zwar auch des ganzen Cornelischen Geschlechts überhaupt, insbesondre aber seines Nebenstammes gesammelt hatte. «Sein Vater, und der Vater des Publius Africanus und dieses Lucius Scipio, den man zum Kerker führe, wären jene beiden Scipione, Cneus und Publius, gewesen, die ausgezeichnetsten Männer. Nachdem sie mehrere Jahre lang in Spanien, im Kampfe mit vielen Punischen und Spanischen Heerführern und Heeren, die Ehre des Römischen Stammes ausgebreitet hätten, und die nicht bloß durch Waffen, sondern durch die jenen Völkern gegebenen Proben Römischer Mäßigung und Treue, hätten sie zuletzt beide im Dienste des Stats ihren Tod gefunden. Den Glanz dieser Männer zu behaupten, hätte ihren Erben genügen können: allein Publius Africanus habe den Ruhm seiner Väter so weit übertroffen, daß man auf den Glauben gekommen sei, er stamme nicht aus sterblichem Blute, sondern sei göttlicher Abkunft. Im Lucius Scipio, dem Gegenstande dieser Ansprache – wenn er auch alles das übergehen wolle, was der Mann in Spanien, in Africa, als Unterfeldherr seines Bruders geleistet habe – habe der Senat den Consul gefunden, den er für würdig halten konnte, ihm den Posten in Asien und den Krieg gegen den König Antiochus ohne Los zuzuerkennen; und sein Bruder den, dem er selbst nach zwei Consulaten, nach der Censur, nach einem Triumphe, sich zum Unterfeldherrn nach Asien hingeben konnte. Dort habe sichs – als sollte die Größe und der Glanz des Unterfeldherrn den Ruhm des Consuls nicht verdunkeln – so fügen müssen, daß an eben dem Tage, an welchem Lucius Scipio bei Magnesia den Antiochus durch die ihm gelieferte Schlacht bezwungen habe, 593 Publius Scipio in einer Entfernung von mehreren Tagemärschen zu Eläa krank gewesen sei. Das feindliche Heer sei hier nicht schwächer gewesen, als das unter dem Hannibal in der Schlacht in Africa. Und eben der Hannibal, der im Punischen Kriege der Oberbefehlshaber gewesen sei, habe hier noch viele andre königliche Feldherren neben sich gehabt. Was den Krieg selbst betreffe; so sei dieser ja so geführt, daß niemand, selbst nicht einmal dem Glücke etwas zur Last legen könne. Dafür lege man dem Scipio den Frieden zur Last. Man sage, er habe ihn verkauft. Alsdann würden ja zugleich die Zehn Abgeordneten beschuldigt, nach deren Ermessen Scipio den Frieden ertheilt habe. Noch mehr: unter den Zehn Abgeordneten seien ja Einige als Kläger gegen den Cneus Manlius aufgetreten: dennoch habe sich aus ihrer Anklage eben so wenig ein Beweis für diese ad criminis fidem]. – Für diese dem Manlius, und folglich auch für die dem Scipio gemachte Beschuldigung. Beschuldigung ergeben, als sie damals auch nur einen Aufschub des Triumphs habe bewirken können.» 59. «Aber, sagt man, ««bei dem Scipio sind die Friedensbedingungen selbst, als den Antiochus gar zu begünstigend, verdächtig. Sein ganzes Reich ist ihm gelassen; er hat noch alle Besitzungen, die vor dem Kriege sein waren; von seiner ungeheuren Menge Gold und Silber ist nichts in den Schatz geliefert, ist Alles in Privathäuser gegangen.»» – Ob nicht im Triumphe des Lucius Scipio vor Aller Augen so viel Gold und Silber vorübergezogen sei, als das von zehn andern Triumphen, wenn man es zusammenwerfen wollte, nicht betragen würde? Ob er nöthig habe, sich auf den Umfang des Syrischen Reichs einzulassen? Antiochus habe ganz Kleinasien und die nächsten Länder von Europa besessen: alle Welt wisse, welch ein großes Stück vom Erdboden die vom Gebirge Taurus bis in das Ägäermeer hinaustretende Strecke sei; wie viele, er wolle nicht 594 sagen: Städte, sondern: Völker, sie umfasse. Diese ganze Strecke, die doch mehr als dreißig Tagemärsche in die Länge, und zwischen den beiden Meeren zehn in die Breite betrage, sei bis an die Gipfel des Taurusgebirges dem Antiochus genommen, der in den äußersten Winkel der Welt zurückgetrieben wurde. Was ihm noch mehr habe genommen werden können, selbst wenn man ihm die Zahlungen für den Frieden erlassen hätte? Dem besiegten Philipp sei Macedonien, dem Nabis Lacedämon geblieben; und niemand habe dem Quinctius daraus einen Vorwurf gemacht: denn er habe keinen Africanus zum Bruder gehabt, der als der Beneidete dem Lucius Scipio nachtheilig geworden sei, statt daß sein Ruhm ihn hatte schützen sollen. Das Gold und Silber, das dem Erkenntnisse zufolge zum Hause des Lucius Scipio eingewandert sein soll, belaufe sich so hoch, daß aus dem Verkaufe seines ganzen Eigenthums so viel nicht herauskommen könne. Wo denn nun dies königliche Gold, wo die vielen erschlichenen Gelder geblieben wären? In einer Haushaltung, die sich nicht durch Verschwendung erschöpft habe, müßte doch die Fülle des noch neuen Reichthums sichtbar gewesen sein. Aber freilich, was sich aus dem Vermögen des Lucius Scipio nicht herausbringen lasse, das würden seine Feinde an seiner Person durch peinliche Mishandlungen und Beschimpfungen zu gewinnen wissen, und dafür sorgen, daß der Mann von seltener Auszeichnung, zu nächtlichen Dieben und Straßenräubern in den Kerker gesperrt, in der Eichenkammer und ihrem Nachtgraun den Geist aufgeben müsse, und sein nackter Leichnam vor dem Kerker hingeworfen werde; für den Stamm der Cornelier zur großen, zur größern Beschimpfung für Rom. » 60. Dagegen las der Prätor Terentius den Petillischen Antrag, den Senatsschluß und das gegen den Lucius Scipio ergangene Urtheil vor. Werde die zuerkannte Summe nicht in den Schatz geliefert, so könne er für seine Person nicht anders verfahren, als daß er Befehl gebe, den Verurtheilten zu greifen und ins Gefängniß abzuführen. Die 595 Tribunen traten bei Seite, um darüber zu Rathe zu gehen; und bald darauf gab Cajus Fannius, nach seinem und seiner Amtsgenossen Gutachten – den Gracchus ausgenommen – den Bescheid: die Tribunen würden dem Prätor in der Ausübung seines Amts nicht hinderlich sein. Da gab Tiberius Gracchus folgende Erklärung ab: «Er werde dem Prätor nicht hinderlich sein, die vom Gerichte geforderte Summe aus dem Vermögen des Lucius Scipio beizutreiben. Aber daß Lucius Scipio selbst, er, der den reichsten König auf Erden besiegt, die Oberherrschaft Roms bis zu den äußersten Gränzen der Welt erweitert, der den König Eumenes, die Rhodier, so viele andere Städte Asiens den Wohlthaten des Römischen Volks verbindlich gemacht, eine Menge feindlicher Feldherren, nach ihrer Aufführung im Triumphe, dem Kerker geliefert habe, daß dieser Lucius Scipio zwischen Roms Feinden in Kerker und Banden liegen solle, das werde er nicht zugeben und fordere dessen Entlassung.» Dieser Erklärung hörte die Versammlung mit so großem Beifalle zu, und die Entlassung des Lucius Scipio war ihr ein so erfreulicher Anblick, daß sich seine Verurtheilung als Spruch derselben Statsbürger kaum denken ließ. Nun ließ der Prätor die Schatzmeister hingehen und im Namen des Stats das Vermögen des Lucius Scipio in Besitz nehmen. Es fand sich darunter nicht allein keine Spur von königlichem Gelde, sondern es kam auch bei weitem die Summe nicht heraus, zu der er verurtheilt war. Die Verwandten, Freunde und Schützlinge des Lucius Scipio schossen für ihn so viel Geld zusammen, daß er, wenn er es angenommen hätte, weit reicher geworden wäre, als er vor seinem Unglücke war. Er nahm nichts. Die nothwendigen Bedürfnisse des Äußeren erstanden ihm seine nächsten Verwandten. Und schon hatten den Haß gegen die Scipione der Prätor, seine Beisitzer und die Ankläger zu tragen. Neun und dreissigstes Buch. Jahre Roms 565 – 569. 2 Inhalt des neun und dreissigsten Buchs. Der Consul Ämilius führt nach Bezwingung der Ligurier eine Pflasterstraße von Placentia bis Ariminum, die mit der Flaminischen zusammenläuft. Der Anfang der Schwelgerei wird erzählt, die das Heer von Asien einführt. Die sämtlichen Ligurier diesseit des Apenninus werden unterjochet. Die Bacchanalien, ein Griechischer, noch dazu ein nächtlicher, Gottesdienst, die Pflanzschule aller Frevel, der schon zu einer zahlreichen Verschwörung gediehen war, werden vom Consul entdeckt und nach Bestrafung vieler Mitglieder abgeschafft. Von den Censorn Lucius Valerius Flaccus und Marcus Porcius Cato, diesem durch Verdienste im Kriege und Frieden größten Manne, wird Lucius Quinctius Flamininus, der Bruder des Titus Quinctius, aus dem Senate gestoßen, weil er damals, als er in Gallien auf seinem consularischen Posten stand, auf die bei Tafel vorgetragene Bitte seines Lieblings Philipp, eines Carthagers und bekannten Unzüchtlings, einen Gallier mit eigner Hand hingerichtet hatte; oder, wie Andre melden, auf die Bitte einer Placentiner Buhldirne, in die er sterblich verliebt war, einem der zum Tode Verurtheilten den Kopf abschlagen ließ. Die Rede des Marcus Cato gegen ihn hat man noch. Scipio stirbt zu Liternum. Und gleich als wollte das Schicksal die beiden Todesfälle der größten Männer gleichzeitig machen, gab auch Hannibal sich den Tod durch Gift, als ihn Bithyniens König Prusias, zu dem er nach Besiegung des Antiochus geflohen war, den Römern ausliefern wollte, die den Titus Quinctius Flamininus hingeschickt hatten, ihn abzufordern. Auch Philopömen, der Achäer Feldherr, einer der größten Männer, wird von den Messeniern, die ihn im Kriege zum Gefangenen gemacht hatten, mit Gift hingerichtet. Nach Potentia, Pisaurum, Mutina und Parma werden Pflanzbürger ausgeführt. Außerdem enthält dies Buch die glücklichen Unternehmungen gegen die Celtiberer und die Keime und Veranlassungen zu einem Macedonischen Kriege. Seine Entstehung war eine Folge von Philipps Unzufriedenheit darüber, daß ihm sein Reich von den Römern geschmälert und er gezwungen wurde, aus Thracien und andern Plätzen seine Besatzungen abzuführen. 3 Neun und dreissigstes Buch. 1. Während dies sich in Rom zutrug, (wenn es sich anders in diesem Jahre zugetragen hat) führten beide Consuln den Krieg in Ligurien. Dieser Feind schien gleichsam dazu geboren, in den Unterbrechungen der größeren Kriege die Kriegszucht bei den Römern zu erhalten, und kein andrer Posten war für die Tapferkeit des Soldaten ein stärkerer Sporn. Denn Asien machte durch die Annehmlichkeit seiner Städte, durch den Überfluß seiner Erzeugnisse zu Lande und zu Wasser, durch die Weichlichkeit der Feinde und durch die königlichen Schätze die Truppen mehr reich, als streitbar. Vorzüglich waren sie unter dem Oberbefehle des Cneus Manlius die Ungebundenen und Vernachlässigten. Daher gereichte ihnen auch in Thracien ein etwas beschwerlicherer Marsch und ein geübterer Feind nicht ohne ihren großen Verlust zur Züchtigung. In Ligurien hingegen war Alles, was den Soldaten in Athem setzen konnte: die Gegenden bergig und rauh; sie nur quae et ipsis]. – Ich folge der Lesart quae et ipsa. Gleich nachher sagt Livius: oppugnatio – laboriosa simul periculosaque. Dadurch könnte man auch in unsrer Stelle auf die Vermuthung kommen, daß er dem Worte labor etwas Ähnliches, wie periculum, entgegengesetzt habe. Sollte er vielleicht geschrieben haben: quae et ipsa capere, labor erat, et ex praeoccupatis deiicere hostem, metus? Mehrere Msc. nämlich haben hostem et. Das m, mit hostē zusammengelesen, ließ von et 9 das falsch gelesene et übrig. So sagt Livius XXXI. 23. im Anf. nullus in propinquo hostium metus für periculum ab hoste. Ich habe das Wort gefährlich eingeschoben, weil mir ohne dies etwas zu fehlen schien. so zu gewinnen war mühsam, von den vorbesetzten den Feind hinabzuwerfen, gefährlich; die Wege steil, enge, mit Hinterhalten drohend: der Feind gewandt, schnell und überraschend, so daß er zu keiner Zeit, an keinem Orte Ruhe oder Sicherheit gestattete: die 4 unnachläßliche Eroberung der befestigten Bergschlösser war zugleich beschwerlich und gefahrvoll; das Land arm, so daß es den Soldaten auf Sparsamkeit beschränkte und wenig Beute gab. Also folgte dem Heere kein Marketender; keine lange Reihe von Lastthieren vergrößerte den Zug: hier gab es nichts, als Waffen und Krieger, die ihre ganze Hoffnung auf die Waffen setzten. Auch fehlte es zu Gefechten mit den Feinden nie an Stoff oder Veranlassung, weil sie bei ihrer Armuth zu Hause immer Einfälle in die benachbarten Länder thaten, und es doch nicht zu einer entscheidenden Schlacht kam. 2. Dem Consul Cajus Flaminius, der mit den Friniatischen Liguriern mehrere glückliche Gefechte auf ihrem Gebiete gehabt hatte, ergab sich dieser ganze Stamm, und er nahm ihnen die Waffen. Da er sie, weil sie diese nicht ehrlich ablieferten, zur Strafe zog, flüchteten sie mit Hinterlassung ihrer Flecken auf das Gebirge Auginus. Sogleich zog ihnen der Consul nach. Abermals flüchtig stürzten die Übrigen über Unwege und schroffe Klippen hinab, auf denen der Feind sie nicht verfolgen könnte, und so entkamen sie auf die andre Seite des Apenninus. Die im Lager geblieben waren, wurden eingeschlossen und das Lager erstürmt. Nun wurden die Legionen über den Apenninus geführt. Hier schützte die Feinde auf kurze Zeit die Höhe des Berges, den sie besetzt hatten; bald aber ergaben sie sich. Jetzt wurden die Waffen mit angestrengterer Sorgfalt eingetrieben und sämtlich ihnen genommen. Nun zog sich der Krieg zu den Apuanischen Liguriern hinüber, welche auf die Gefilde von Pisa und Bononia solche Streifzüge gemacht hatten, daß sie nicht bestellt werden konnten. Der Consul verschaffte dadurch, daß er auch diese bezwang, ihren Nachbaren Frieden; und weil er auf seinem Standorte Ruhe vom Kriege bewirkt hatte, legte er, um seine Soldaten nicht müssig sein zu lassen, von Bononia nach Arretium eine Heerstraße an. Marcus Ämilius, der andre Consul, verbrannte und verheerte den Liguriern, während sie die beiden Berge 5 Balista und Suismontium besetzt hielten, die in den Ebenen oder Thälern gelegenen Dörfer und Flecken. Dann griff er sie in ihrer Stellung auf den Bergen an, hielt sie zuerst durch leichte Gefechte in beständiger Bewegung, und als er sie endlich in Linie herabzukommen zwang, besiegte er sie in einem ordentlichen Treffen; in welchem er auch der Diana einen Tempel gelobte. Nachdem Ämilius Alle diesseit des Apenninus bezwungen hatte, griff er nun die jenseit des Gebirges an – hierzu gehörten auch diejenigen Friniatischen Ligurier, bis zu welchen Flaminius nicht vorgedrungen war – und bezwang sie Alle; nahm ihnen die Waffen und führte den Schwarm von den Gebirgen auf die Ebenen herab. Nach Beruhigung der Ligurier führte er seine Truppen auf Gallischen Boden, und ließ sie eine Heerstraße von Placentia bis Ariminum anlegen, so daß sie mit der Flaminischen Diese via Flaminia ist nicht die vorhin erwähnte, vom Amtsgenossen des Ämilius angelegte, sondern die ältere und berühmtere (von Rom bis Ariminum), die der Censor Flaminius hatte pflastern lassen, welcher vier Jahre später in seinem zweiten Consulate gegen den Hannibal am Trasimenus Schlacht und Leben verlor; dieses jüngeren Flaminius Vater. zusammentraf. In dem letzten Treffen, welches er den Liguriern im Felde lieferte, gelobte er der Juno Königinn einen Tempel. So weit für dieses Jahr die Verrichtungen in Ligurien . 3. In Gallien hatte der Prätor Marcus Furius, der selbst dem Frieden einen Anschein des Krieges geben wollte, den schuldlosen Cenomanern ihre Waffen genommen. Die Cenomaner, die sich hierüber zu Rom vor dem Senate beschwerten und an den Consul Ämilius gewiesen wurden, – ihm hatte der Senat die Untersuchung und Entscheidung aufgetragen – behielten, nach einem hitzigen Streite mit dem Prätor, Recht. Der Prätor bekam Befehl, den Cenomanern ihre Waffen wiederzugeben, und jenen Standort zu verlassen. Darauf ließ der Senat die Bundesgesandten Latinischen Stammes vor, die sich zahlreich von allen Orten aus ganz Latium eingefunden hatten. Auf ihre Klage, daß ihre Mitbürger in großer 6 Menge nach Rom gezogen wären und sich hier hätten schatzen lassen, bekam der Prätor Quintus Terentius Culleo den Auftrag, diese aufsuchen zu lassen, und alle diejenigen, von denen die Bundesgenossen beweisen könnten, daß sie selbst oder ihre Väter unter den Censorn Cajus Claudius, Marcus Livius oder noch unter spätern Censoren bei ihnen geschatzt waren, zu zwingen, daß sie dahin zurückkehrten, wo sie geschatzt waren. Vermöge dieser Zusammenberufung kehrten zwölftausend Latiner in ihre Heimaten zurück. Schon damals also fiel der Stadt die Menge von Fremden zur Last. 4. Ehe die Consuln nach Rom. zurückkehrten, kam Marcus Fulvius als Proconsul aus Ätolien zurück; und als er im Apollotempel dem Senate seine Verrichtungen in Ätolien und Cephallonien aus einander gesetzt hatte, ersuchte er die Väter, es für Recht zu erklären, daß für die mit Geschicklichkeit und Glück dem State geleisteten Dienste die den unsterblichen Göttern zu haltende Dankfeier anbefohlen und ihm der Triumph zuerkannt werde. Da zeigte der Bürgertribun Marcus Aburius an: «Wenn man in dieser Sache vor Ankunft des Consuls Marcus Ämilius entscheiden wolle, so werde er Einsage thun. Jener habe Einwendungen zu machen, und ihm bei der Abreise auf seinen Standposten aufgetragen, dahin zu sehen, daß diese Verhandlung bis zu seiner Ankunft unausgemacht bliebe. Für den Fulvius sei dies ein bloßer Aufschub, und der Senat könne immer noch, wie es ihm gefalle, beschließen, wenn auch der Consul gegenwärtig sei.» Hierauf erwiederte Fulvius: «Wenn es nicht allgemein bekannt wäre, daß Marcus Ämilius mit ihm im Misverhältniß lebe, oder wie leidenschaftlich und beinahe tyrannenmäßig ergrimmt jener diese Feindschaft ausübe, so müsse man es sich doch nicht gefallen lassen, daß ein abwesender Consul dem den Göttern darzubringenden Ehrendanke sich widersetze und einen verdienten und gebührenden Triumph verhindere, so daß ein Feldherr nach ausgezeichneten Thaten und ein siegreiches Heer mit seiner Beute und seinen Gefangenen vor den 7 Thoren stehen müsse, bis es dem gerade jetzt absichtlich zögernden Consul beliebig sei, sich nach Rom zurückzubegeben. Jetzt aber vollends, da seine Feindschaft mit dem Consul stadtkündig sei, wer da die mindeste Billigkeit von einem Manne erwarten könne, der die einem schwach besetzten Senate abgelistete Erklärung in der Urkundenkammer niedergelegt habe: ««Man halte die Wegnahme der Stadt Ambracia für keine Waffenthat:»» zu deren Erstürmung gleichwohl ein Schanzwall und Annäherungshütten gewirkt hätten; wo die Belagerten die Werke verbrannt und von Grund auf neue Anlagen nöthig gemacht hätten; wo man über und unter der Erde funfzehn Tage lang mit den Mauern gekämpft habe; wo selbst dann, als der Soldat die Mauern schon erstiegen hatte, das Gefecht dennoch, von Anbruch des Tages bis in die Nacht, lange ohne Entscheidung angehalten habe; wo man über dreitausend Feinde niedergehauen habe. Wie armselig endlich die bei den Oberpriestern eingereichte Beschuldigung sei, daß er in der eroberten Stadt die Tempel der unsterblichen Götter geplündert habe. Wenn es Sünde gewesen sei, Rom mit den Prachtstücken von Syracus und andern eroberten Städten auszuschmücken, dann freilich möchte wohl gegen das einzige Ambracia das Kriegsrecht bei der Eroberung nicht gegolten haben. Er ersuche die versammelten Väter, er bitte den Tribun, einem so übermüthigen Feinde ihn nicht zum Spiele preis zu geben.» 5. Von allen Seiten wandte sich die ganze Versammlung, hier mit Fürbitten, dort mit Verweisen, an den Tribun. Am meisten wirkte auf ihn, was sein Amtsgenoß, Tiberius Gracchus, sagte: «Es gebe schon kein gutes Beispiel, wenn man von seinem Statsamte Gebrauch in eignen Feindschaften mache; daß sich aber ein Bürgertribun bei Feindschaften Anderer zum Anwalde hergebe, sei unanständig, sei für die Würde dieses Gesamtamtes und für die beschwornen Gesetze entehrend. Andern abgeneigt sein, oder sie lieben, ihre Thaten 8 billigen oder misbilligen, müsse Jeder nach eigner Ansicht; nicht aber von dem Blicke, von dem Winke eines Dritten abhängen, nicht von den Einwirkungen einer fremden Stimmung sich herumtreiben lassen, nicht als Bürgertribun einem zürnenden Consul beistimmig sein: eben so wenig, als dessen eingedenk sein, was ihm Marcus Ämilius unter vier Augen aufgetragen habe, und darüber sein vom Römischen Gesamtvolke ihm übertragenes Tribunat vergessen; vergessen, daß es ihm zum Schutze der Einzelnen, zur Erhaltung der Freiheit übertragen sei, nicht, ein consularisches Königthum zu verfechten. Der Mann sehe nicht einmal so viel, daß es einst der Geschichte, daß es der Nachwelt aufbehalten bleibe: Von zwei zugleich im Amte stehenden Bürgertribunen ließ der eine dem State zu Liebe seine persönliche Feindschaft fallen, der andre erhielt die eines Dritten, und zwar vermöge Auftrags, in Regung.» Als der Tribun, durch solche Zurechtweisungen gedemüthigt, den Tempel verlassen hatte, wurde auf Antrag des Prätors Servius Sulpicius dem Marcus Fulvius der Triumph zuerkannt. Seiner Danksagung an die versammelten Väter fügte dieser noch hinzu: «Er habe am Tage der Eroberung von Ambracia dem allmächtigen Jupiter Große Spiele verheißen. Hierzu hätten ihm die Städte hundert Pfund Etwa 31,090 Gulden Conv. M. Gold zusammengebracht. Er bitte, dieses Gold von der Geldsumme abziehen zu lassen, die er, nach der Aufzeigung im Triumphe, in den Schatz liefern werde. » Der Senat ließ bei dem Gesamtamte der Oberpriester anfragen, ob es nothwendig sei, diese ganze Summe Goldes zu den Spielen zu verwenden. Als die Oberpriester erklärten, die Größe der auf die Spiele zu wendenden Kosten habe auf die Gottesverehrung keinen Bezug, so überließ es der Senat dem Fulvius, wie viel er aufwenden wolle, nur müsse er die Summe von achtzigtausend Nur 2,500 Gulden Conv. M. Weil die Summe so klein ist, so vermuthet Duker entweder eine Unrichtigkeit im Texte, oder daß der Feldherr zur Bestreitung der weit größeren Kosten aus seinem Vermögen zugeschossen habe. Ass nicht 9 übersteigen. Er hatte im Monate Januar triumphiren wollen. Da er aber hörte, der Consul Marcus Ämilius sei nach Empfange eines Briefs vom Bürgertribun Aburius über die aufgegebene Einsage, schon selbst auf dem Wege nach Rom, um diesen Triumph zu hindern, und bloß eine Krankheit halte ihn unterweges auf; so setzte er, um bei dem Triumphe nicht des Kampfes noch mehr zu haben, als selbst im Kriege, den Tag des Triumphes früher an. Am dreiundzwanzigsten December triumphirte er über die Ätoler und über Cephallenia. Seinem Wagen wurden vorangetragen an Golde in Kränzen 375,000 Gulden Conv. M. hundert und zwölf Pfund, dreiundachtzigtausend 2,593,748 Gulden. Pfund Silber, zweihundert dreiundvierzig 75,800 Gulden. Pfund Gold, hundert und achtzehntausend 147,500 Gulden. Attische Vierdrachmenstücke, zwölftausend vierhundert zweiundzwanzig 77,600 Gulden. Goldphilippe, zweihundert fünfundachtzig Standbilder aus Erz, von Marmor zweihundert dreißig, eine große Menge Waffen, Geschosse und andrer feindlicher Beute, kleineres und größeres Wurfgeschütz und Sturmgerüste aller Art; der Ätolischen und Cephallenischen oder vom Antiochus dort zurückgelassenen königlichen Feldherren an siebenundzwanzig. Noch an dem Tage seines Einzugs in die Stadt beschenkte er vorher in der Flaminischen Rennbahn die Römischen und Bundesgenossen-Obersten, die Ritter und Hauptleute der Römer und Bundesgenossen mit kriegerischen Ehrenzeichen. Von der Beute gab er jedem Soldaten zu seinem Antheile fünfundzwanzig 4 Thaler 4 Ggr. Denare, dem Hauptmanne das Doppelte, dem Ritter das Dreifache. 6. Schon nahete die Zeit der consularischen Wahlversammlungen. Da nun der Consul Marcus Ämilius, 10 dem das Los dies Geschäft bestimmt hatte, nicht dazu eintreffen konnte, so kam Cajus Flaminius nach Rom. Unter seinem Vorsitze wurden Spurius Postumius Albinus, Quintus Marcius Philippus zu Consuln gewählt. Nachher zu Prätoren Titus Mänius, Publius Cornelius Sulla, Cajus Calpurnius Piso, Marcus Licinius Lucullus, Cajus Aurelius Scaurus, Lucius Quinctius Crispinus. Am Schlusse des Jahrs, als die Obrigkeiten schon gewählt waren, am fünften März, triumphirte Cneus Manlius Vulso über die in Asien wohnenden Gallier. Seine Absicht bei dem so späten Triumphe war, sich nicht noch während der Prätur des Quintus Terentius Culleo dem Petillischen Gesetze zufolge vor Gericht zu stellen, und in der Klagesache eines Dritten – sie war ja zur Verurtheilung des Lucius Scipio ausgefallen – ein Opfer der um sich greifenden Gerechtigkeit zu werden; da die Richter gegen ihn weit mehr erbittert waren, als gegen jenen, weil gerade er die von jenem strenge gehandhabte Zucht als Nachfolger durch gestattete Ausschweifungen aller Art vernichtet hatte. Auch gereichte ihm nicht sowohl das zum schlimmen Rufe, was in der Gegend des Krieges fern von den Augen der Richter vorgefallen sein sollte, als vielmehr, was täglich an seinen Soldaten auffiel. Denn die ersten Reize der ausländischen Üppigkeit hielten in Rom mit diesem Asiatischen Heere ihren Einzug. Dies Heer brachte zuerst die Tafelsessel mit ehernen Füßen, die kostbaren Zeugdecken, die Vorhänge und andres Kunstgewebe nach Rom, und die damaligen Prachtstücke des Hausraths, die Rundtische mit Einem Fuße und die Trinktischchen. Nun erhöhete man die Freuden des Mahles durch Sängerinnen, Harfnerinnen und durch die während der Tafel belustigenden Kunstspieler; auch das Mahl selbst wurde mit größerer Sorgfalt, mit größerem Aufwande ausgerichtet: nun erhielt der Koch, bei den Alten im Preise und im Gebrauche der schlechteste Sklav, einen Werth, und was Knechtsgeschäft gewesen war, galt nun als Kunst. Und doch war Alles das, was damals auffiel, im Verhältnisse zu der Üppigkeit; welche noch kommen sollte, kaum der Keim. 11 7. Die in seinem Triumphe vom Cneus Manlius eingeführten Summen betrugen an goldenen Kränzen zweihundert und (a) zwölf Pfund, an Silber zweihundert und (b) zwanzigtausend Pfund, an Golde zweitausend einhundert (c) und drei Pfund, an Attischen Vierdrachmenstücken (d) hundert siebenundzwanzigtausend, an Kistegulden (e) zweihundert und funfzigtausend, an Goldphilippen (f) sechzehntausend dreihundert und zwanzig. Gallische Waffen und Beute in Menge fuhren auf zweirädrigen Kriegswagen vorüber. Dem Siegswagen voran gingen zweiundfunfzig feindliche Anführer. Jedem Soldaten gab er zum Antheile an der Beute zweiundvierzig (g) Denare; dem Hauptmanne das Doppelte; auch gab er Jedem im Fußvolke eine doppelte Löhnung, dem Ritter die dreifache. Dem Wagen folgten viele mit kriegerischen Ehrenzeichen Beschenkte von allen Graden. Auch sangen die Soldaten auf den Feldherrn solche Lieder, daß man wohl sehen konnte, sie galten einem nachsichtigen und um Gunst buhlenden Befehlshaber, und der Triumph zeichne sich mehr durch den Beifall der Soldaten, als des Volkes aus. Doch dem Manlius auch die Volksliebe zu erwerben, waren seine Freunde wirksam genug. Auf ihren Betrieb wurde der Senatsschluß abgefaßt: «Von dem Gelde, das in diesem Triumphe eingebracht sei, sollten die der Kammer vom Volke gemachten Beisteuern, die sie bisher noch nicht zurückgezahlt habe, bezahlt werden.» Mit treuer Pünktlichkeit zahlten die Schatzmeister der Stadt auf jede tausend (h) Kupferass fünfundzwanzig und einen halben (i) Ass als cum fide et cura solverunt]. – Ich folge in dieser schwierigen Stelle Creviers Erklärung, nach welcher die 25½ Ass die Zinsen von den dem State geliehenen Beiträgen sein sollen, die noch außer dem Capitale abgetragen wären. Die übrigen in diesem Cap. angegebenen Summen betragen ungefähr: a) 750,000 Gulden Conv. M., b) 6,875,000 Gulden, c) 657,310 Gulden, d) 283,748 Gulden, e) 41,460 Gulden, f) 101,800 Gulden, g) 7 Thaler, h) 20 Thaler, i) 12 Ggr.; daß also die Römische Kammer drittehalb Procent an Zinsen gab. Zinsen. Um diese Zeit kamen aus den beiden Spanien zwei Obersten mit Briefen vom Cajus Atinius und Lucius Manlius; welche auf jenen Posten standen. Aus 12 diesen Briefen ersah man, daß die Celtiberer und Lusitaner in den Waffen waren und auf dem Gebiete Römischer Bundsgenossen plünderten. Die ganze Berathschlagung hierüber verschob der Senat auf die neuen Obrigkeiten. Bei der diesjährigen Feier der Römischen Spiele, welche Publius Cornelius Cethegus und Aulus Postumius Albinus anstellten, schlug auf der Rennbahn ein zu schwach befestigter Stützpfahl auf das Standbild der Pollentia nieder und warf es herab. Voll frommer Bedenklichkeit hierüber verordneten die Väter, der Feierlichkeit der Spiele Einen Tag zuzugeben, und statt des Einen Standbildes zwei aufzustellen, und das neue vergolden zu lassen. Auch die Bürgerspiele wurden von den Ädilen Cajus Sempronius Bläsus und Marcus Furius Luscus einen Tag lang gefeiert. 8. Das folgende Jahr gab den Consuln Spurius Postumius Albinus und Quintus Marcius Philippus statt der Sorge für das Heer, für Kriege und Heeresposten, eine Rotte im Innern zu dämpfen. Die Prätoren erhielten vom Lose ihre Standplätze; Titus Mänius die Rechtspflege in der Stadt, Marcus Licinius Lucullus die über Bürger und Fremde, Cajus Aurelius Scaurus Sardinien, Publius Cornelius Sulla Sicilien, Lucius Quinctius Crispinus das diesseitige Spanien, Cajus Calpurnius Piso das jenseitige. Beiden Consuln wurde die Untersuchung der geheimen Zusammenrottungen aufgetragen. Ein gemeiner Grieche kam zuerst nach Hetrurien, ohne irgend eine von jenen Geschicklichkeiten zu besitzen, deren das unterrichtetste aller Völker so manche zur Bildung des Geistes und des Körpers bei uns eingeführt hat; ein bloßer Opferpriester und Wahrsager; und zwar kein solcher, der durch unversteckte Ausübung gottesdienstlicher Gebräuche, bei offener Angabe seines Erwerbes und seiner Lehre, in den Gemüthern ein heiliges Grauen zu wecken suchte, sondern er leitete einen geheimen und nächtlichen Gottesdienst. Die Geheimnisse der Weihe wurden zuerst nur Wenigen mitgetheilt, dann wurden sie mehr allgemein, unter Männern und Weibern. Um 13 Mehrere anzulocken, wurden die Reize des Weins und des Mahles mit dem Gottesdienste in Verbindung gesetzt. Wenn der Wein die Besinnung, wenn die Nacht und das Gemisch aus Männern und Weibern, des zarteren Alters mit Bejahrteren jede schamhafte Entfernung vernichtet hatte, so führte dies zuerst zu Sünden der Unzucht aller Art, da sich Jeder den Genuß dessen, wozu er sich am stärksten gelüstet fühlte, geboten sah: allein die Entehrungen des eignen und des andern Geschlechts an freigebornen Knaben und Weibern blieben nicht die einzige Art der Verbrechen, sondern falsche Zeugnisse, falsche Siegel, Testamente und Anklagen gingen aus derselben Werkstatt hervor. Eben daraus Vergiftungen und Familienmorde, bei welchen zuweilen nicht einmal die Leichname zum Begräbnisse aufzufinden waren. Vieles unternahm hier die List, das meiste die Gewalt: und die Gewaltthat blieb unter der Hülle; weil man vor vielfachem Geheule, vor dem Getöse der Pauken und Schallbecken bei allen Schändungen und Mordthaten kein Hülferufen hören konnte. 9. Dies verderbliche Übel zog sich, wie eine ansteckende Seuche, aus Hetrurien nach Rom. Zuerst gab ihm die Größe der Stadt, für solche Übel geräumiger und empfänglicher, eine Verborgenheit. Endlich fand eine Anzeige ihren Weg zum Consul Postumius, etwa auf folgende Art. Publius Äbutius war von seinem Vater, der in seinen Felddiensten ein Pferd vom State gehabt hatte, unmündig hinterlassen, und dann nach dem Absterben seiner Vormünder unter der Aufsicht seiner Mutter Duronia und seines Stiefvaters Titus Sempronius Rutilus erzogen. Die Mutter hing ganz an ihrem Manne, und der Stiefvater wünschte, weil er die Aufsicht so geführt hatte, daß er keine Rechnung ablegen konnte, seinen Zögling entweder aus dem Wege zu räumen, oder ihn durch irgend eine Fessel von sich abhängig zu machen. Der sicherste Weg, ihn zu Grunde zu richten, waren die Bacchanalien. Die Mutter nahm den Jüngling vor. «Sie habe für ihn in seiner Krankheit das Gelübde gethan, ihm nach seiner 14 Genesung von den Bacchantinnen die Weihe geben zu lassen. Da sie nun durch die Gnade der Götter ihres Wunsches gewährt sei, so wolle sie sich ihres Gelübdes entledigen. Er müsse eine zehntägige Keuschheit beobachten: am zehnten Tage wolle sie ihn, wenn er sich nach dem Abendessen durch ein Bad gereinigt habe, in das Heiligthum einführen.» Eine bekannte Lustdirne, die Freigelassene Fecenia Hispala, eines anständigeren Erwerbes würdig, als der, an den sie als junge Sklavinn gewöhnt war, nährte sich auch noch nach ihrer Freilassung auf gleiche Art. Die Nachbarschaft hatte auch zwischen ihr und dem Äbutius einen Umgang gestiftet, der aber für das Vermögen und den guten Ruf des Jünglings nicht im mindesten nachtheilig war. Denn der zuerst Geliebte, der Angelockte, war er; und da ihm die Seinigen Alles sehr kärglich gaben, so lebte er von der Freigebigkeit seines Lustmädchens. Ja von seinem Umgange bezaubert war sie so weit gegangen, daß sie sich, weil sie nach ihres Freigebers Tode in Niemands Gewalt stand, von den Tribunen und dem Prätor einen Pfleger erbat, und bei Niederlegung ihres Testaments den Äbutius zu ihrem alleinigen Erben einsetzte. 10. Da sie solche Beweise von Liebe und Beide kein Geheimniß vor einander hatten, sagte ihr einst der Jüngling scherzend, «sie müsse sich nicht wundern, wenn er sich auf mehrere Nächte von ihr bette. Aus einer frommen Rücksicht, um sich eines für seine Genesung gethanen Gelübdes zu entledigen, wolle er sich bei den Bacchantinnen die Weihe geben lassen.» Kaum hörte dies das Mädchen, als sie voll Bestürzung ausrief: «Bewahre Gott! Ihr und ihm,» sagte sie, «sei Sterben besser, als wenn er sich darauf einließe, und sie wünsche alle dadurch herbeigeführten Schrecknisse und Gefahren Denen auf den Kopf, die ihm dazu gerathen hätten.» Der Jüngling sowohl über diese Worte, als über ihre so große Bestürzung sich verwundernd, hieß sie der Verwünschungen sich entsehen. «Seine Mutter sei es, die ihm dies, mit Zustimmung des Stiefvaters zur Pflicht gemacht habe.» 15 «So ist denn dein Stiefvater,» sprach sie, – «denn eine Mutter dessen zu beschuldigen, möchte Sünde sein – darüber aus, deine Sittsamkeit, deine Ehre, Hoffnung und Leben durch diesen Schritt zu Grunde zu richten.» Bei seinem um so mehr wachsenden Staunen, und auf seine Frage, was sie damit sagen wolle, bat sie alle Götter und Göttinnen um Schonung und Verzeihung, wenn sie, von der Liebe zu ihm gezwungen, aussagte, was sie verschweigen sollte, und erzählte: «Als Sklavinn habe sie, ihre Hausfrau zu begleiten, dies Heiligthum besucht: so lange sie frei sei, habe sie es nie betreten. Sie wisse, es sei die Werkstatt aller möglichen Verführungen, und gewiß seit zwei Jahren niemand dort eingeweiht, der über zwanzig Jahre alt sei. So wie jemand eingeführt sei, werde er den Priestern als Schlachtopfer übergeben. Diese führten ihn an einen Ort, welchen vielfaches Geheul, ein Zusammenklang von Flöten, und Becken- und Paukenschlag rund umtöne, damit man sein Hülferufen, wenn er gewaltsam geschändet werde, nicht hören könne.» Dann bat und beschwur sie ihn, die Sache auf alle mögliche Art rückgängig zu machen, und sich ja nicht dahinein zu stürzen, wo er alle Schande erst leiden und dann selbst ausüben müsse. Sie ließ den Jüngling nicht eher von sich, bis er ihr sein Wort gab, diese Weihe nicht an sich kommen zu lassen. 11. Als er zu Hause kam und die Mutter in Erinnerung brachte, was er heute, was er die folgenden Tage nach einander in Bezug auf die Weihe zu thun habe, so erklärte er, er werde von dem Allen nichts thun, und sei auch nicht gewillet, sich einweihen zu lassen. Bei diesem Gespräche war der Stiefvater gegenwärtig. Sogleich schrie die Mutter auf: «Er könne sich die Bettgesellschaft der Hispala nicht auf zehn Tage versagen. Bezaubert von den Verlockungen, von dem Gifte dieser Hyder, habe er für Mutter, für Pflegevater, für Götter keine Achtung mehr.» Unter Vorwürfen, hier von der Mutter, dort vom Stiefvater, wurde er, mit vier Sklaven ausgestattet cum quatuor eum servis]. – Ich finde dies allenthalben so übersetzt, als hätten die Ältern ihre vier Sklaven dazu gebraucht, den Sohn aus dem Hause zu werfen. Ich leugne nicht, daß dies der Sinn sein kann, glaube aber, Livius würde dann gesagt haben: servorum ope, auxilio, oder: servis convocatis, servis adiuvantibus, oder etwas Ähnliches. So wie die Worte dastehen, cum quatuor eum servis eiecerunt, glaube ich den Sinn zu finden, den ich auszudrücken gesucht habe. Die angegebene Zahl war sonst unnöthig. Ferner, seinem Stande nach ein Ritter, mußte er einige Bedienung behalten. Und endlich scheint es, sie wollten, da sie sein väterliches Vermögen vergeudet hatten, sich den Schein einer Auseinandersetzung geben, sich gleichsam mit ihm abgefunden haben, wenn sie ihm einen Theil der Sklaven mitgaben, die er entweder mit zu der Äbutia nehmen, oder durch deren Verkauf er sich gleich eine Summe Geldes verschaffen konnte. Dies sollte den Schein eines ihm herausgegebenen Erbtheils haben. zum Hause 16 hinausgetrieben. Der Jüngling begab sich nun zur Äbutia, seines Vaters Schwester, und erzählte ihr, warum ihn seine Mutter ausgestoßen habe. Auf ihr Anrathen meldete er die Sache am folgenden Tage dem Consul Postumius unter vier Augen. Der Consul entließ ihn mit dem Befehle, nach drei Tagen wieder zu ihm zu kommen; erkundigte sich aber selbst bei seiner Schwiegermutter Sulpicia, einer ehrwürdigen Frau, ob ihr eine gewisse bejahrte Äbutia vom Aventinus bekannt sei. Auf ihre Antwort, sie kenne sie als eine rechtliche Frau noch von altväterlicher Sitte, sagte er, es liege ihm daran, sie zu sprechen, sie möge ihr sagen lassen, daß sie kommen solle. Die geforderte Äbutia stellte sich bei der Sulpicia ein: und bald nachher brachte der Consul, welcher zufällig dazuzukommen schien, das Gespräch auf den Äbutius, ihres Bruders Sohn. Da brach die Frau in Thränen aus, und ließ sich auf Klagen über das Schicksal des Jünglings ein, welcher gerade von denen um sein Vermögen gebracht, die es am wenigsten thun müßten, sich jetzt bei ihr aufhalte, da ihn seine Mutter verstoßen habe, weil der zu gut gesinnte junge Mensch in einen – Gott möge es ihr verzeihen! – der Sage nach schandbaren Gottesdienst sich nicht einweihen lassen wolle. 12. Als der Consul genug herausgebracht zu haben glaubte, um die Aussage des Äbutius nicht unwahr zu finden, bat er, nach Entlassung der Äbutia, seine Schwiegermutter, auch die Freigelassene Hispala, welche 17 ebenfalls auf dem Aventinus wohne und dort der Nachbarschaft nicht unbekannt sei, zu sich rufen zu lassen: er habe auch diese um eins und das andre zu befragen. Hispala, schon über diese Einladung in Schrecken, weil sie ohne zu wissen, warum, zu einer so vornehmen und ehrwürdigen Frau gerufen wurde, erblickte kaum im Vorhause die Beilträger, das consularische Gefolge und den Consul selbst, als sie beinahe in Ohnmacht sank. Der Consul rief sie mit Zuziehung seiner Schwiegermutter in eins der innern Zimmer und sagte: «Wenn sie sich dazu verstehen könne, die Wahrheit zu sagen, so habe sie nicht nöthig, verlegen zu sein. Dies könne sie entweder der Sulpicia, einer Frau von solcher Bedeutung, oder ihm selbst aufs Wort glauben. Sie möge ihm aus einander setzen, wie es im Haine der Simila an den Bacchanalien bei dem nächtlichen Gottesdienste herzugehen pflege.» Auf diese Worte wurde das Mädchen von einem solchen Schrecken und Zittern in allen Gliedern befallen, daß sie lange nicht lauten konnte. Endlich kam sie zu sich selbst und sagte: «Als eine noch ganz junge Sklavinn habe sie mit ihrer Hausfrau die Weihe bekommen: seit mehreren Jahren aber, so lange sie Freigelaßne sei, wisse sie von Allem, was dort vorgehe, nichts.» Schon selbst das lobte der Consul, daß sie, die Weihe empfangen zu haben, nicht leugne. «Sie möge nun auch das Übrige eben so ehrlich angeben.» Als sie versicherte, sie wisse nichts weiter, sagte er: «Sie werde weder dieselbe Verzeihung, noch denselben Dank zu erwarten haben, wenn sie von einem Dritten überführt würde, als wenn sie von selbst gestände. Ihm sei schon Alles von jemand aus einander gesetzt, der es von ihr selbst gehört habe.» 13. Sie, in der sichern Voraussetzung der Wahrheit, daß Äbutius ihr Geheimniß verrathen habe, fiel der Sulpicia zu Füßen und legte sich zuerst bei ihr aufs Bitten: «Sie möchte doch das Gespräch eines freigelassenen Mädchens mit ihrem Liebhaber nicht zu einer ernsthaften, ja sogar zur Halssache werden lassen. Sie habe das gesagt, 18 bloß um ihn abzuschrecken; nicht, als ob sie selbst das Mindeste wisse.» Da sprach Postumius voll Unwillen: «Sie glaube gewiß, auch jetzt ihren Liebhaber Äbutius zum Besten zu haben, nicht aber im Hause dieser so ehrwürdigen Frau mit einem Consul zu reden.» Und Sulpicia, welche die Betäubte vom Boden aufhob, sprach zugleich ihr zu und suchte zugleich ihren Schwiegersohn zu besänftigen. Endlich faßte sie sich, klagte bitter über die Treulosigkeit des Äbutius, der ihr gerade dies so große Verdienst um ihn so schlecht vergelte, und sagte: «Sie habe große Furcht vor den Göttern, deren geheime Weihe sie jetzt enthüllen solle, aber noch weit größere vor den Menschen, welche sie als die Verrätherinn mit eignen Händen zerreißen würden. Deswegen bitte sie die Sulpicia, bitte den Consul um dies Einzige, sie außerhalb Italien irgend wohin bringen zu lassen, wo sie ihre noch übrigen Tage in Sicherheit verleben könne.» Der Consul hieß sie gutes Muthes sein, und sagte, er werde schon dafür sorgen, daß sie sicher in Rom wohnen bleibe. Nun gab Hispala Auskunft, wie dieser Gottesdienst aufgekommen sei. «Das Heiligthum sei anfänglich nur für Frauenzimmer bestimmt gewesen und der Regel nach keine Mannsperson zugelassen. Nur drei Tage im Jahre hätten sie gehabt, an welchen sie die Aufzunehmenden den Bacchantinnen bei Tage geweiht hätten. Zu Priesterinnen habe man regelmäßig die Hausfrauen von Stande eine nach der andern gewählt. Paculla Annia, eine Campanerinn, habe als Priesterinn gleichsam auf Anforderung der Götter Alles abgeändert. Sie habe in ihren Söhnen, den beiden Cerriniern, Minius und Herennius, zum ersten Male Männer eingeweiht; sie habe aus dem Gottesdienste bei Tage einen nächtlichen, aus den drei Weihetagen im Jahre fünf für jeden Monat gemacht. Seitdem die Theilnahme an der Feier frei gegeben, die Zirkel aus Männern und Weibern gemischt gewesen und die nächtliche Ungebundenheit dazu gekommen sei, sei hier kein Frevel, keine Schandthat unausgeübt geblieben. Die Männer begingen mehr Unzucht 19 unter sich, als mit Weibern. Litten Einige die Entehrung nicht willig genug, oder wären sie zu bedenklich, sie an Andern zu üben, so würden sie als Schlachtvieh geopfert. Nichts für Sünde halten, sei ihr heiligstes Glaubensgesetz. Die Männer sprächen, wie wahnsinnig, unter schwärmerischen Verzuckungen des Körpers, Weissagungen: die Weiber liefen in Bacchantinnentracht, mit fliegendem Hare und brennenden Fackeln an die Tiber, tauchten ihre Fackeln ins Wasser und zögen sie, weil sie mit gediegenem Schwefel und Kalk überzogen wären, in voller Flamme wieder heraus. Es heiße:» ««Die Götter haben sie von uns entrückt!»» «wenn man Menschen, an eine Winde gebunden und in verborgene Höhlen fortgerissen, verschwinden lasse. Das wären aber solche, die dem Eide nicht hätten beitreten, an den Freveln keinen Theil nehmen, oder sich der Entehrung nicht hätten hingeben wollen. Die Gesellschaft sei von bedeutender Größe, fast schon ein zweites Volk; und darunter mehrere Männer und Frauen von Stande! Seit den letzten zwei Jahren habe man festgesetzt, niemand einzuweihen, der über zwanzig Jahre sei. Man mache die Plane auf jene Jahre, die sich den Verirrungen, die sich der Entehrung williger überließen.» 14. Als sie mit der Aussage fertig war, fiel sie wieder auf die Knie und erneuerte die Bitte, der Consul möge sie fortschicken. Der Consul ersuchte seine Schwiegermutter, einen Theil ihres Hauses zu räumen, daß Hispala bei ihr einziehen könne. Zu dem Speisezimmer oben auf der Platte, welches ihr eingeräumt wurde, mußte die auf die Gasse führende Treppenthür verriegelt werden, so daß der Zugang in das Innere des Hauses führte. Sogleich wurden alle Sachen der Fecenia in das Haus geschafft und ihr Gesinde nachgeholt. Auch Äbutius mußte bei einem von des Consuls Schützlingen einziehen. Als sich so Postumius beider Aussager versichert hatte, brachte er die Sache vor den Senat, dem er Alles, was gleich anfangs bei ihm angezeigt war, so wie, was er selbst durch weitere Untersuchung erfahren hatte, der Reihe nach 20 vorlegte. Die Väter wurden von großem Schrecken befallen, theils aus Besorgniß für den Stat, für welchen diese Zusammenrottungen und nächtlichen Zirkel ein geheimes Bubenstück oder Gefahr herbeiführen konnten, theils Jeder aus eigner Rücksicht auf die Verhältnisse der Seinigen, ob sich nicht einer darunter auf dies Verbrechen eingelassen habe. Der Senat erkannte auf eine Danksagung an den Consul, weil er der Sache mit einer so seltenen Umsicht und ohne alles Geräusch auf die Spur gegangen sei. Dann trug er beiden Consuln außerordentlich die Untersuchung über die Bacchanalien und nächtlichen Gottesdienste auf; hieß sie dafür sorgen, daß den Aussagern, dem Äbutius und der Fecenia, hieraus kein Nachtheil erwachse, und durch Belohnungen noch Mehrere zur Aussage auffordern. Die Priester dieses Gottesdienstes, möchten sie Männer oder Weiber sein, sollten nicht bloß in Rom, sondern in allen Marktflecken und Gerichtsorten aufgesucht werden, damit die Consuln sie in ihrer Gewalt hätten. Ferner sollten in Rom und durch ganz Italien die Befehle ergehen, «daß niemand, wer bei den Bacchantinnen eingeweihet sei, sich zu diesem Gottesdienste einfinden oder mit Andern vereinigen, noch auf irgend eine Ausübung eines solchen Gottesdienstes einlassen solle.» Vor allen Dingen sollte eine Untersuchung mit denen vorgenommen werden, welche sich zusammengethan oder eidlich verbunden hätten, an Andern Unzucht oder Schandthat auszuüben. Dies waren die Ausfertigungen des Senats. Nun befahlen die Consuln den Curulädilen, alle Priester dieses Gottesdienstes aufsuchen zu lassen und die Eingezogenen zum Verhöre in Haft zu behalten, wo sie es für gut fänden; den Bürgerädilen aber, dahinzusehen, daß kein Gottesdienst in geheimen Winkeln gehalten werde. Den Dreimännern der peinlichen Gerichtspflege wurde aufgetragen, Wachen in der Stadt zu vertheilen, und darauf zu achten, daß keine nächtlichen Zusammenrottungen entständen; und zur Verhütung von Feuersbrünsten sollten mit den Dreimännern andre Fünfmänner als Gehülfen uti cis Tiberim.] – Wäre diese Lesart richtig, so sieht man nicht ein, warum die Polizei nicht auch für die jenseit der Tiber wohnenden Bürger sorgt. Gern folge ich also Creviers Vorschlage, uti in uls zu verwandeln. Nur würde ich das zwischen uls und cis von ihm eingeschobene et nicht auch aufnehmen, weil davon in den Msc. sich keine Spur findet. Uls cis kann ja eben so gut ohne et beisammen stehen, wie ultro citro, clam palam, hinc illinc, sursum deorsum und andere. Hier noch so viel eher, da Livius die Formel anzudeuten scheint. Und Livius läßt auch in andern Verbindungen das et ausfallen. Hi ferre, agere plebem (3, 37.) und foro, circo, urbe prohiberent (39, 16.) 21 jenseit und diesseit der Tiber jeder über die Gebäude seines Sprengels die Aufsicht haben. 15. Als die Consuln die Unterobrigkeiten zu diesen Ausrichtungen entlassen hatten, bestiegen sie die Rednerbühne, beriefen eine Versammlung; Postumius consul ita coepit]. – Aus den vorigen Cap. läßt sich vermuthen, daß dieser Consul – Postumius gewesen sei. Daß aber sein Name hier fehlt, daß die Verbindung so sonderbar ist: Consules in rostra escenderunt – et – consul ita coepit, daß eben dadurch der Leser ungewiß werden muß, welcher von beiden Consuln der Redner war, ist vermuthlich nicht die Schuld des Livius. Die Handschrift Lovel 3. (bei Drakenb.) lieset consul tum coepit. Der Abschreiber fand in der Urschrift cos.tum. Dieses costum ist, wenn ich nicht irre, noch das Überbleibsel des falsch gelesenen Wortes postumius. verrichtete das Gebet nach der feierlichen Formel, welche die Obrigkeiten ihren Anreden an das Volk gewöhnlich voraufgehen lassen und begann darauf so: «Bei keiner Versammlung, ihr Quiriten, war diese Anrufung der Götter, nicht allein so schicklich, sondern auch so nothwendig, weil sie euch zu Gemüthe führte, «daß dies die Götter sind, welchen ihr nach der Anordnung eurer Vorfahren zu dienen, sie zu verehren und anzubeten habt; nicht aber jene, welche die von verderblichem und fremdem Aberglauben bezauberten Sinne, wie unter Furienschlägen, allen Frevelthaten, allen Lüsten nachjagen lassen. Ich für meine Person weiß weder, wie viel ich verschweigen, noch wie weit ich mich auslassen soll. Verhehle ich euch einen Theil, so möchte ich euch zur Sorglosigkeit verleiten: decke ich Alles auf, so fürchte ich, euch zu sehr mit Schrecken zu erfüllen. Was ich aber auch sagen werde, so müßt ihr doch wissen, daß ich im Verhältnisse der Abscheulichkeit und Größe des Übels noch zu wenig gesagt habe. Euch 22 wenigstens so weit zu belehren, daß ihr euch dagegen verwahren könnt, dies soll jetzt mein Bestreben sein.» «Daß es schon längst in ganz Italien und jetzt auch in der Stadt an vielen Orten Bacchanalien giebt, ist euch gewiß nicht bloß durch die Sage, sondern auch durch das nächtliche Beckengeklapper und Geheul, das allenthalben in der Stadt ertönt, bekannt geworden; nicht aber, was die Sache zu bedeuten habe. Einige von euch glauben etwa, es sei eine Art von Gottesdienst; Andre es sei eine erlaubte Posse und Belustigung, und die ganze Sache, möge sie bestehen, worin sie wolle, gehe doch nur Wenige an. Wenn ich euch also in Rücksicht auf ihre Menge erkläre, daß es viele tausend Menschen sind, so müßte euch auf der Stelle ein Schrecken überfallen, wenn ich nicht zugleich angäbe, wer und von was für Art sie sind. Erstlich also besteht ein großer Theil aus Weibern, und von ihnen schreibt sich eigentlich das Übel her; dann aus Mannspersonen, die nicht besser als Weiber sind, Geschändete und Schänder, Schwärmer, Nachtwacher, vom Weine, vom nächtlichen Getöse und Geheule sinnlos. Noch hat die Rotte keine Stärke, aber sie geht mit großen Schritten einer Stärke entgegen, weil ihrer täglich Mehrere werden. Eure Vorfahren haben, so wie ihr, sich es nie gestattet, auf den ersten besten Anlaß sich zusammenzuthun; nur dann kamen sie, wenn entweder nach Aussteckung der Fahne auf der Burg das Heer zu den Wahlversammlungen ausrückte, oder die Tribunen bei dem Bürgerstande eine Zusammenkunft bestellten, oder wenn jemand von der Obrigkeit eine Volksversammlung berief; und allenthalben, wo die Menge sich einfand, hielten sie auch einen gesetzmäßigen Aufseher der Menge für nothwendig. Was meint ihr nun, von was für Art sind einmal diese nächtlichen, und dann diese aus Weibern und Männern gemischten Zusammenströmungen? Wenn ihr erfahret, in welchem Alter dort die Mannspersonen eingeweihet werden, so werdet ihr sie nicht bloß bemitleiden, sondern auch ihrer euch schämen. Quiriten, möchtet ihr Jünglinge, die solch 23 ein Schwur geweihet hatte, zu Soldaten machen? möchtet ihr diesen aus dem Tempel der Schandthat Genommenen die Waffen anvertrauen? diese mit Sünden eigener und fremder Unzucht Belasteten sollten das Schwert für die Keuschheit eurer Weiber und Kinder ziehen?» 16. «Dennoch hätte es weniger auf sich, wenn sie durch Entehrungen bloß verweibet wären – diese Schande träfe großentheils nur sie selbst – und hätten der Hand die Frevelthat, dem Herzen die Tücke nicht gestattet. Aber nie gab es im State ein Übel von dieser Größe; nie umfaßte eines mehr Schuldige, nie der Verbrechen mehr. Wisset; Alles, was in diesen Jahren durch Unzucht, Bosheit und Frevel gesündigt ist, ging ganz allein aus diesem Weihwinkel hervor. Und bis jetzt stehen die Verbrechen, zu denen sie sich verschworen haben, nicht alle auf der Liste der schon verübten. Bis jetzt beschränkt sich die ruchlose Vereidung, weil sie zur Unterdrückung des Stats noch nicht Stärke genug hat, auf Verschuldungen am Einzelnen. Allein das Übel wächset und greift täglich um sich. Schon ist es größer, als daß es auf Habe und Gut eines Privatmannes sich einengen sollte: es richtet seinen Blick auf den gesammten Stat. Seid ihr nicht auf eurer Hut, Quiriten, dann könnte bald dieser bei Tage gehaltenen, gesetzmäßig vom Consul berufenen Versammlung jene nächtliche gleich sein. Jetzt fürchten sie einzeln eure Versammlung des Ganzen. Bald aber, wenn ihr in eure Häuser, auf eure Fluren aus einander gehet, und sie dann zusammentreten, dann rathschlagen sie über ihre Erhaltung und euer Verderben zu gleicher Zeit: dann wird ihre Gesamtheit euch Einzelnen furchtbar sein. Folglich muß Jeder von euch wünschen, daß die Seinigen Alle ihr Herz bewahret haben. Hat aber Unkeuschheit, hat Wahnsinn Einen von ihnen in jenen Strudel fortgerissen, dann sehe er ihn als Jenen gehörig an, mit denen er sich zu jeder Schandthat, zu jedem Frevel verschworen hat, nicht als den Seinigen. Ja ich bin selbst in Rückgicht eurer nicht außer Sorge, daß nicht Einer 24 oder der Andre aus Irrthum fehle. Denn nichts hat einen trieglicheren Schein, als falsche Götterfurcht. Wo der heilige Wille der Götter Frevelthaten zum Deckmantel gegeben wird, da schleicht sich in unser Herz die Besorgniß, wir könnten uns durch Bestrafung dessen, was menschliche Bosheit ist, an dem versündigen, was dabei Gottes ist. Von dieser frommen Bedenklichkeit befreien euch unzählige Verordnungen der Oberpriester, Senatsbefehle und Bescheide der Opferschauer. Wie oft ist zu unserer Väter und Großväter Zeiten den Obrigkeiten der Auftrag gegeben, ausländischem Gottesdienste zu steuern, Opferern und Wahrsagern den Markt, die Rennbahn, die Stadt zu verbieten, prophetische Bücher aufzusuchen und zu verbrennen, jede Lehrart des Opferdienstes, die sich nicht an Römische Gebräuche hält, zu verbannen? Nach dem Urtheile dieser, des gesammten sittlichen und menschlichen Rechts so kundigen Männer war nichts so wirksam, alle Gottesfurcht zu vertilgen, als wenn man bei den heiligen Gebräuchen, statt der vaterländischen Sitte, die des Auslandes befolgt. Dies glaubte ich euch im voraus sagen zu müssen, damit euch nicht etwa ein Irrglaube beunruhigen möchte, wenn ihr uns die Winkel der Bacchanalien zerstören und die schändlichen Rotten aus einander sprengen sähet. Das Alles werden wir thun unter Begünstigung und Zustimmung der Götter, welche ungnädig darüber, daß ihre Heiligkeit durch Verbrechen und Unzucht befleckt wurde, diese aus ihrem geheimen Dunkel an das Licht hervorgezogen haben, und nicht die Absicht hatten, sie dazu offenbar werden zu lassen, daß sie ungestraft bleiben, sondern daß wir uns ihrer erwehren und sie unterdrücken sollten. Der Senat hat zur Untersuchung der Sache mir und meinem Amtsgenossen den Auftrag außerordentlich gegeben: wir werden, was uns selbst dabei obliegt, mit Eifer ins Werk richten. Die Sorge für die Nachtwachen in der Stadt haben wir den Unterobrigkeiten aufgetragen. Auch euch geziemt es, was eure Obliegenheiten sind, da, wo Jeder angestellt wird, und 25 was ihm befohlen wird, mit Eifer auszurichten, und dahin zu sehen, daß nicht aus der Bosheit der Schuldigen für uns Gefahr oder Aufruhr entstehe.» 17. Nun ließen die Consuln die Senatsbeschlüsse vorlesen und setzten eine Belohnung für jeden Angeber aus, der ihnen einen der Schuldigen lieferte oder den Namen eines Abwesenden anzeigte. «Wer als Angegebener entflöhe, dem würden sie einen festgesetzten Tag bestimmen, und wenn er sich auf die Vorladung an diesem nicht meldete, ihn abwesend verurtheilen. Würde jemand genannt, der jetzt nicht auf Italischem Boden sei, so wollten sie ihm, wenn er sich zur Verantwortung stellen wolle, eine längere Frist gestatten.» Darauf machten sie bekannt: «Es solle niemand, um zu fliehen, etwas verkaufen oder kaufen: ferner solle niemand die Flüchtigen aufnehmen, verbergen oder irgend womit unterstützen.» Nach entlassener Versammlung war ganz Rom in großem Schrecken, und er beschränkte sich nicht auf die Ringmauern der Stadt oder auf ihr Gebiet, sondern allenthalben in ganz Italien, so wie Briefe von Gastfreunden mit der Nachricht von dem Senatsschlusse, von der gehaltenen Versammlung, von der Verordnung der Consuln einliefen, gerieth Alles in Bewegung. Viele wurden in jener Nacht, welche dem Tage folgte, an dem die Entdeckung der Versammlung mitgetheilt war, auf ihrer Flucht von den Dreimännern der peinlichen Gerichtspflege ergriffen und zurückgebracht: Viele wurden namentlich angegeben. Einige darunter, Männer und Weiber, gaben sich den Tod. Wie es hieß, hatten sich an Männern und Weibern über siebentausend auf diesen Geheimbund eingelassen. Die Häupter der Rotte aber waren – und dies wußte man – die beiden Atinier, Marcus und Cajus, von der niedrigen Volksclasse zu Rom; Lucius Opiternius, ein Falisker, und Minius Cerrinius, der Campaner; auch, daß alle Frevel und Schandthaten von ihnen herrührten; daß sie die Oberpriester und Stifter dieses Gottesdienstes waren. Man ließ sichs angelegen sein, sie, so bald als möglich, festzunehmen. Sie wurden vor die 26 Consuln gebracht, und gestanden, was sie selbst betraf, ohne den Gang der Untersuchung aufzuhalten. 18. Übrigens war das Flüchten aus der Stadt so groß geworden, daß die Prätoren Titus Mänius und Marcus Licinius, weil so Manchem sein Klagerecht und seine Ansprüche verloren gingen, sich genöthigt sahen, alle Klagesachen auf dreißig Tage auszusetzen, bis die Consuln die Untersuchungen beendigt hätten. Eben dies Ausbleiben der Angegebenen, die zu Rom weder sich stellten, noch hier aufgefunden wurden, nöthigte die Consuln, die Gerichtsorte zu bereisen und hier Untersuchungen und Gericht zu halten. Diejenigen, welche bloß eingeweiht waren, und bei der Eidesformel, die ihnen der Priester wörtlich vorsagte, zwar das Gelübde nachgebetet hatten, in welchem die ruchlose Vereinigung zu allen Freveln und Schandthaten enthalten war, jedoch von allen den Unthaten, wozu der Eid sie verpflichtete, keine weder an sich noch an Andern ausgeübt hatten, blieben in gefänglicher Haft: aber die durch Schändungen oder Mordthaten Entweiheten, oder die sich durch falsche Zeugnisse, nachgemachte Siegel, untergeschobene Testamente und andre Bubenstücke entehrt hatten, wurden mit dem Tode bestraft. Die Zahl der Hingerichteten überstieg die der Verhafteten; unter beiden waren Männer und Weiber in großer Menge. Die verurtheilten Sünderinnen übergab man ihren Verwandten, oder denen, unter deren Aufsicht sie standen, damit diese selbst die Strafe in der Stille vollziehen könnten; fand sich niemand, der zu ihrer Hinrichtung sich eignete, so wurde sie öffentlich vollzogen. Nun bekamen die Consuln den Auftrag, jede Stätte der Bacchanalien zuerst in Rom, dann durch ganz Italien, zu zerstören, die alten Altäre oder geweihten Götterbilder, die etwa in denselben ständen, ausgenommen. Dann wurde für die Zukunft durch einen Senatsschluß verordnet: «Es sollten weder in Rom, noch in Italien Bacchanalien sein. Glaube jemand, die Feier eines solchen Gottesdienstes sei für ihn festgesetzt und nothwendig, und er könne sie ohne Gewissensangst und Versündigung nicht unterlassen, 27 so möge er darüber bei dem Stadtprätor Anzeige thun und der Prätor bei dem Senate anfragen. Würde ihm in einer Senatssitzung, die nicht unter hundert Mitglieder haben dürfe, die Erlaubniß ertheilt, so könne er diesen Gottesdienst unter der Bedingung begehen, daß nicht über fünf Personen am Opfer Theil nähmen, daß sie keine Gemeincasse hätten, und niemand Vorsteher des Gottesdienstes oder Priester sei.» 19. Dann wurde auf Antrag des Consuls Quintus Marcius ein zweiter, jenem sich anschließender, Senatsbefehl abgefaßt: «Daß über diejenigen, welche die Consuln zu Aussagern gehabt hätten, von neuem bei dem Senate angefragt werden solle, wenn Spurius Postumius nach beendigten Untersuchungen wieder in Rom einträfe.» Die Väter beschlossen, den Campaner Minius Cerrinius zur gefänglichen Haft nach Ardea zu schicken und den Obrigkeiten der Ardeaten andeuten zu lassen, daß sie ihn in genauerer Verwahrung hielten, damit er weder entfliehen könne, noch Gelegenheit finde, sich Gewalt anzuthun. Eine geraume Zeit nachher kam Spurius Postumius wieder nach Rom. Auf seinen Antrag wurde über die Belohnung des Publius Äbutius und der Fecenia Hispala ein Senatsschluß abgefaßt, «daß ihnen die Schatzmeister der Stadt aus dem Statsschatze Jedem hunderttausend Etwa 3124 Gulden Conv. M. Ass auszahlen sollten. Auch solle der Consul die Bürgertribunen dahin vermögen, so bald als möglich bei dem Bürgerstande darauf anzutragen, daß Publius Äbutius so angesehen werde, als habe er seine Dienstjahre ausgehalten, daß er zu Kriegsdiensten nicht gezwungen werde und kein Censor ihm ein Pferd vom State zutheile. Ferner solle Fecenia Hispala berechtigt sein, von ihren Gütern wegzugehen, sie zu vermindern, aus der Familie ihres Freigebers herauszuheirathen, und sich selbst ihren Pfleger zu wählen, als habe ihr dies Recht der Mann im Testamente gegeben. Ferner solle ihr erlaubt sein, sich an einen Mann von Stande zu 28 verheirathen, und dem, der sie zur Frau nähme, solle dies nicht zum Vorwurfe oder zum Schimpfe gereichen. Ferner die Consuln und Prätoren, die jetzigen und die künftigen sollten dafür sorgen, daß sich niemand an dieser Person vergreife und daß sie Sicherheit habe. Dies sei des Senats Wille, und er erkläre für recht, daß dies also geschehe.» Alles dies kam bei dem Bürgerstande zum Antrage und ging dem Senatsschlusse gemäß in Erfüllung: auch erhielten die Consuln Vollmacht, die übrigen Aussager theils zu begnadigen, theils zu belohnen. 20. Und schon war Quintus Marcius, der in seiner Gegend die Untersuchungen beendigt hatte, im Begriffe, auf seinen Posten nach Ligurien abzugehen, und hatte an Römern dreitausend Mann Fußvolk, hundert und funfzig Ritter; an Latinern fünftausend Mann zu Fuß und zweihundert Ritter als Ergänzungstruppen bekommen. Eben dieser Posten und eben so viele Truppen zu Fuß und zu Pferde waren auch seinem Amtsgenossen angewiesen. Sie bekamen die Heere, welche im vorigen Jahre die Consuln Cajus Flaminius und Marcus Ämilius gehabt hatten. Außerdem wurden sie durch einen Senatsschluß befehligt, zwei neue Legionen zu errichten; ließen die Bundsgenossen und Latiner zwanzigtausend Mann zu Fuß und tausend dreihundert Ritter stellen, und hoben dreitausend Römer zu Fuß und zweihundert Ritter aus. Dies ganze Heer mit Ausnahme der Legionen sollte dem Spanischen Heere zur Ergänzung zugeführt werden. Während also die Consuln selbst durch die Untersuchungen verhindert wurden, übergaben die Väter die Leitung des Werbungsgeschäfts dem Titus Mänius. Nach beendigten Untersuchungen brach zuerst Quintus Marcius gegen die Apuanischen Ligurier auf. Darüber, daß er sie tief in ihre versteckten Bergpässe verfolgte, welche ihnen immer zu Schlupfwinkeln und Zufluchtsörtern gedient hatten, wurde er in einer engen, schon von den Feinden besetzten Stellung, wo er im Nachtheile stand, umringt. Er verlor viertausend Mann: auch fielen drei Fahnen der zweiten Legion und elf Standarten von den Latinischen 29 Bundestruppen den Feinden in die Hände und eine Menge Waffen, welche man allenthalben von sich geworfen hatte, weil sie auf Pfaden durch Waldungen die Flucht erschwerten. Die Ligurier hörten eher auf, zu verfolgen, als die Römer, zu fliehen. Sobald sich der Consul aus dem feindlichen Gebiete gerettet hatte, entließ er, um die Größe seines Verlustes an Leuten nicht sichtbar werden zu lassen, in Freundes Lande sein Heer. Dennoch konnte er den Ruf von seiner erlittenen Niederlage nicht vertilgen: denn der Wald, aus welchem ihn die Ligurier zurückgeschlagen hatten, hieß nachher der Marcische . 21. Um die Zeit, als diese Nachricht aus Ligurien bekannt wurde, wurde ein Brief aus Spanien vorgelesen, der eine mit Freude gemischte Traurigkeit bewirkte. Cajus Atinius, der vor zwei Jahren als Prätor auf jenen Posten abgegangen war, hatte den Lusitanern im Gebiete von Asta eine förmliche Schlacht geliefert. Von den Feinden fielen gegen sechstausend; die Übrigen wurden geschlagen, verjagt und verloren ihr Lager. Nun führte er seine Legionen zum Angriffe auf die Stadt Asta. Er nahm auch diese, wie das Lager, nach einem nicht viel schwereren Kampfe; allein wenig Tage darauf starb er an seiner Wunde, die er bei zu dreister Annäherung an die Mauern bekommen hatte. Nach vorgelesenem Berichte über den Tod des Proprätors beschloß der Senat, nach dem Hafen Luna, dem Prätor Cajus Calpurnius einen Boten nachzuschicken und ihm sagen zu lassen, der Senat finde für gut, damit jener Posten nicht ohne Oberbefehlshaber sei, ihn seine Abfahrt beschleunigen zu lassen. In vier Tagen kam der Bote nach Luna, und wenige Tage vorher war Calpurnius schon abgefahren. Auch im diesseitigen Spanien lieferte Lucius Manlius Acidinus – er und Cajus Atinius waren zugleich auf ihre Posten abgegangen – den Celtiberern eine Schlacht. Beide Theile schieden, ohne des Sieges gewiß zu sein; doch in der nächsten Nacht verlegten die Celtiberer ihr Lager weiter rückwärts, und die Römer konnten die Ihrigen begraben und die feindlichen Leichen ausziehen. Wenige Tage 30 nachher forderten die Celtiberer mit einem zusammengebrachten größeren Heere bei der Stadt Calagurris die Römer zum Treffen auf. Warum sie, trotz dieser Verstärkung, dennoch unterlagen, darüber finde ich nichts angegeben. Genug, sie verloren die Schlacht. Ihrer gegen zwölftausend fielen, über zweitausend wurden Gefangene; auch nahmen ihnen die Römer das Lager: und hätte nicht sein Nachfolger durch seine Ankunft den Lauf des Siegers unterbrochen, so würden die Celtiberer bezwungen sein. Beide neuen Prätoren führten ihre Heere in die Winterquartiere. 22. In den Tagen, da diese Nachrichten aus Spanien einliefen, wurde die zweitägige gottesdienstliche Feier der Taurischen Spiele begangen. Darauf gab Marcus Fulvius zehn Tage lang die prächtigen Spiele, die er im Ätolischen Kriege verheißen hatte. Ihm zu Ehren fanden sich dabei viele Künstler aus Griechenland ein; und die Römer hatten jetzt zum ersten Male das Schauspiel eines Wettstreites von Athleten: auch gab er eine Löwen- und Pantherjagd; und die Feier dieser Spiele erreichte an Mannigfaltigkeit und Abwechselung beinahe unser Zeitalter. Darauf trat ein neuntägiges Opferfest ein, weil im Picenischen ein dreitägiger Steinregen gefallen war und weil hin und wieder ein vom Himmel gekommenes Feuer mehrere Leute hauptsächlich an den Kleidern leicht versengt haben sollte. Nach einer Verordnung der Oberpriester wurde noch Ein Bettag zugegeben, weil der Tempel der Ops auf dem Capitole vom Blitze getroffen war. Diese Sühne besorgten die Consuln mit größeren Opferthieren, und sie entsündigten die Stadt durch feierliche Reinigung. Um eben die Zeit wurde auch aus Umbrien gemeldet, man habe einen beinahe zwölfjährigen Zwitter entdeckt. Mit Abscheu sich dagegen verwahrend gab man den Befehl, dies Ungethüm schleunigst aus Roms Gebiete zu tilgen und zu tödten. Die Gallier, die in diesem Jahre von jener Seite der Alpen ohne Plünderung oder Krieg in das Venetianische herüberzogen, besetzten nicht weit von der Gegend, wo jetzt Aquileja steht, einen Platz zur Anlegung 31 einer Stadt. Die Römischen Gesandten, die deswegen über die Alpen gehen mußten, bekamen zur Antwort: «Die Nation habe jene eben so wenig zur Auswanderung aufgefordert, als sie jetzt wisse, was sie in Italien vernähmen.» Jetzt gab Lucius Scipio zehn Tage lang von den ihm hierzu von mehreren Königen und Staten eingelieferten Geldern die Spiele, die er laut seiner Angabe im Kriege gegen den Antiochus verheißen hatte. Valerius von Antium berichtet, Scipio sei nach seiner Verurtheilung und nach dem Verkaufe seiner Güter als Gesandter nach Asien geschickt, um die Streitigkeiten zwischen den Königen Antiochus und Eumenes beizulegen. Damals habe er diese zusammengelegten Summen erhalten und die Künstler in Asien gesammelt: und erst nach dieser Gesandschaft sei es im Senate zur Verhandlung über die Spiele gekommen, deren Scipio gleich nach dem Kriege, in welchem er sie seiner Angabe nach verheißen hatte, nicht Erwähnung gethan habe. 23. Schon war mit dem Ausgange des Jahres die Zeit da, wo der abwesende Quintus Marcius sein Amt niederlegen mußte. Spurius Postumius, der die Untersuchungen mit höchster Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt beendigt hatte, hielt die Wahlversammlungen. Zu Consuln wurden gewählt Appius Claudius Pulcher, Marcus Sempronius Tuditanus. Die am folgenden Tage ernannten Prätoren waren Publius Cornelius Cethegus, Aulus Postumius Albinus, Cajus Afranius Stellio, Cajus Atilius Serranus, Lucius Postumius Tempsanus, Marcus Claudius Marcellinus. Am Schlusse des Jahrs ernannte der Stadtprätor Titus Mänius, weil der Consul Spurius Postumius angezeigt hatte, er habe, bei den gerichtlichen Untersuchungen auf seinen Reisen an beiden Küsten Italiens, die beiden Pflanzstädte, Sipontum am Ober-, Buxentum am Untermeere; entvölkert gefunden; vermöge eines Senatsschlusses den Lucius Scribonius Libo, Marcus Tuccius, Cneus Bäbius Tamphilus zu Dreiherren, um die dorthin zu führenden Pflanzbürger aufzuzeichnen. 32 Der damals noch zukünftige Krieg mit dem Könige Perseus und den Macedoniern, wurde nicht auf die Art, wie man meistens glaubt, auch nicht vom Perseus selbst veranlasset. Den Anfang leitete schon Philipp ein; und er selbst würde, wenn er länger gelebt hätte, diesen Krieg geführt haben. Als er sich nach seiner Besiegung an Vorschriften gebunden sah, war ihm vorzüglich der Eine Punkt empfindlich, daß ihm der Senat die Befugniß genommen hatte, diejenigen Macedonier, die in diesem Kriege von ihm abgefallen waren, seinen Zorn empfinden zu lassen, so sehr er auch, weil Quinctius in den Friedensbedingungen die Sache unentschieden ließ, auf eine mögliche Bewilligung gehofft hatte. Als sich darauf, nach Besiegung des Königs Antiochus bei Thermopylä, Consul Acilius und Philipp in die Unternehmungen theilten, und zu gleicher Zeit jener Heraclea, dieser Lamia belagerten, so fand sich Philipp dadurch beleidigt, daß der Consul nach der Eroberung von Heraclea ihm die Belagerung von Lamia aufzuheben befahl und die Stadt den Römern zu Theile wurde. Der Consul besänftigte den Zürnenden dadurch, daß er ihm, weil er selbst nach Naupactus eilte, wohin die fliehenden Ätoler ihren Weg genommen hatten, die Erlaubniß gab, Athamanien und den Amynander zu bekriegen und die den Thessaliern von den Ätolern weggenommenen Städte seinem Reiche einzuverleiben. Ohne großen Kampf hatte Philipp nicht allein den Amynander aus Athamanien vertrieben, sondern auch mehrere Städte erobert. Ja er hatte sich auch Demetrias, diese starke Festung von einer in jeder Rücksicht vortheilhaften Lage und das Volk der Magneten unterworfen. Dann hatte er noch einige Städte in Thracien, die der verführerische Genuß einer neuen und ungewohnten Freiheit durch die Meutereien ihrer Großen in Aufruhr gesetzt hatte, sich dadurch eigen gemacht, daß er sich immer den Parteien anschloß, welche in dem inneren Kriege die Schwächeren waren. 24. Hiedurch war der Zorn des Königs auf die Römer für jetzt beruhigt; doch verlor er nie sein Augenmerk, 33 während des Friedens Kräfte zu sammeln, um davon, bei der ersten günstigen Gelegenheit, zum Kriege Gebrauch zu machen. Die Einkünfte des Throns vermehrte er nicht bloß durch Abgaben von den Feldfrüchten und durch Seezölle, sondern er setzte auch die alten liegen gebliebenen Bergwerke wieder in Bau und legte an vielen Orten neue an. Um die ehemalige, durch die Niederlagen im Kriege geschmälerte, Volksmenge wieder herzustellen, beförderte er nicht bloß den Anwachs einer neuen Jugend durch den Befehl an Jedermann, zu heirathen und Kinder zu erziehen, sondern er hatte auch eine große Menge Thracier nach Macedonien herübergeführt, und bei der dauernden Ruhe vom Kriege seine ganze Sorge darauf gerichtet, die Kräfte seines Reichs zu verstärken. Nun traten wieder Veranlassungen ein, seinen Zorn gegen die Römer von neuem zu wecken. Die Klagen der Thessalier und Perrhäber über seine Besitznehmungen von ihren Städten, die Klagen der Gesandten des Königs Eumenes über die von Philipp mit Gewalt genommenen Städte Thraciens und über die nach Macedonien verpflanzte Menschenmasse waren so aufgenommen, daß man wohl sah, sie blieben nicht unbeachtet. Den meisten Eindruck machte bei den Vätern die Nachricht, daß Philipp es jetzt auch auf den Besitz von Änus und Maronea anlege: um die Thessalier kümmerten sie sich weniger. Auch Athamanische Gesandte fanden Athamanes quoque venerunt.] – Der Cod. Lov. 2. lieset venerant. Ohne dies geradezu als die richtigere, besser zu den übrigen venerant passende, Lesart anzunehmen, setze ich doch dies venerunt in diejenige Zeit, als Philipp ( XXXVI. 14. ) ganz Athamanien erobert hatte, ehe es ihm ( XXXVIII. 1. 2. 3.) von Amynander wieder abgenommen wurde. Denn Cap. 25. am Ende können die Athamanen, die ihr übriges Land schon wieder haben, nur noch Athenäum und Pötneum von ihm zurückfordern. Konnten gleich die Römer Philipps Macht jetzt nicht mehr aus dem Grunde fürchten, daß sie durch Athamaniens Besitz verstärkt sei, so wußten sie doch, daß er es hatte erobern können. sich ein, nicht etwa mit der Klage über den Verlust eines Theils, oder über Schmälerung ihres Gebiets, sondern daß sich der König in den völligen Besitz von ganz Athamanien gesetzt habe. Ferner meldeten die verbanneten Maroniten – sie waren, weil sie 34 die Sache der Freiheit verfochten hatten, von der königlichen Besatzung vertrieben – nicht bloß Maronea, sondern auch Änus sei in Philipp's Gewalt. Von Philipp erschienen ebenfalls Gesandte, ihn dagegen zu rechtfertigen. Sie versicherten, das Alles sei mit Genehmigung der Römischen Feldherren geschehen. «Die Städte der Thessalier, Perrhäber und Magneten, auch das Volk der Athamanen, so wie Amynander, hätten mit den Ätolern gleiche Sache gehabt. Nach Vertreibung des Königs Antiochus habe der Consul, beschäftigt mit Belagerungen Ätolischer Städte, den König Philipp hingeschickt, jene Städte wegzunehmen. Durch Gewalt der Waffen unterjocht leisteten sie jetzt Gehorsam.» Der Senat, um nicht in Abwesenheit des Königs zu verfügen, ließ zur Untersuchung dieser Streitigkeiten den Quintus Cäcilius Metellus, Marcus Bäbius Tamphilus, Tiberius Sempronius als Gesandte abgehen. Gleich nach ihrer Ankunft wurden die sämtlichen Städte, welche mit dem Könige in Streit waren, in das Thessalische Tempe zu einer Versammlung beschieden. 25. Als hier die Römischen Gesandten auf dem Platze der Schiedsrichter, die Thessalier, Perrhäber und Athamanen als die ausgemachten Kläger, Philipp um Beschuldigungen anzuhören gleichsam als Beklagter, sich gesetzt hatten, so sprachen die Häupter der Gesandschaften, Jeder nach seiner Sinnesart, und et gratia cum Phil. aut odio]. – Daß der eine lenius, der andre acerbius sprach, hatte seine zwei Gründe. Sie sprachen pro ingenio quisque suo; ET (si Philippum spectes) gratia aut odio. je nachdem er mit Philipp wohl oder übel stand, in einem mehr bitteren oder mehr sanften Tone. In Streitfrage kamen aber Philippopolis, Tricca, Phaloria, Eurymenä und die übrigen Städte ihrer Nachbarschaft; ob sie zu Thessalien gehört hätten, als die Ätoler sie gewaltsam wegnahmen und besetzten; – denn daß Philipp sie den Ätolern abgenommen habe, war ausgemacht – oder ob sie von jeher Ätolische Städte gewesen wären. «Denn nur dann habe sie Acilius dem Könige überlassen, wenn sie zu Ätolien gehört hätten und aus eignem Willen, nicht durch Gewalt und Waffen gezwungen, es mit den Ätolern hielten.» Gleiches Inhalts war die Streitfrage über die Städte der Perrhäber und Magneten: denn die Ätoler hatten durch die gelegentliche Besitznehmung die Verhältnisse Aller umgestoßen. Zu diesen Punkten, welche zu einer Auseinandersetzung sich eigneten, kamen nun noch die Klagen der Thessalier, «daß er ihnen jene Städte, wenn sie ihnen auch jetzt zurückgegeben würden, doch nicht anders als geplündert und verödet wiedergeben werde. Denn außerdem, daß so Mancher durch die Unfälle des Krieges weggerafft sei, habe Philipp fünfhundert der vornehmsten Jünglinge nach Macedonien fortgeführt und misbrauche ihre Dienste zu Sklavengeschäften: und habe er ja eins und das andre den Thessaliern herausgeben müssen, so habe er auch dafür gesorgt, es ihnen unbrauchbar zurückzugeben. Phthiotisch Thebä Dies ist die Stadt, die Philipp nach sich benannt hatte, und die oben in unserm Cap. Philippopolis genannt wird. Die Thessalier aber nennen sie mit Fleiß nach dem alten Namen, den sie als Thessalische Stadt gehabt hatte. Crev. , ihr vorzüglichster Lagerplatz an der Küste, sei ehemals den Thessaliern sehr vortheilhaft und einträglich gewesen. Den ganzen dortigen Seehandel habe der König dadurch, daß er Frachtschiffe zugelegt habe, welche vor Thebä vorbei nach Demetrias hätten gehen müssen, hieher gezogen. Schon entsehe er sich seiner Gewaltthaten nicht einmal an den Gesandten, welche doch das Völkerrecht heilige. Er habe ihnen auf ihrer Reise zum Titus Quinctius auflauern lassen. Dadurch habe er denn auch allen Thessaliern eine solche Furcht eingejagt, daß niemand in seiner eignen Vaterstadt, niemand auf den allgemeinen Zusammenkünften der Nation zu lauten wage. Denn die Römer, die Stifter ihrer Freiheit, seien zu weit entfernt; aber ein furchtbarer Herrscher sei ihnen an die Seite gebannt und lasse sie die Wohlthaten des Römischen Volks nicht genießen. Was da frei sein könne, wo nicht einmal die Sprache frei sei? Selbst jetzt, im 36 Vertrauen auf die Gesandten und unter ihrem Schutze, brächten sie doch mehr – Seufzer als Worte vor. Träfen die Römer nicht irgend eine Vorkehrung, bei den an Macedonien wohnenden Griechen die Furcht und bei Philipp den Übermuth zu beschränken, so sei es umsonst, daß sie ihn besiegt und sie befreiet hätten. Er müsse, wie ein störriges Roß, das dem Zügel nicht gehorche, durch ein härteres Gebiß gebändigt werden.» So bitter sprachen die letzten Redner, da die früheren, mit sanfter Schonung seines Zorns, ihn nur gebeten hatten, «Er möge ihnen verzeihen, wenn sie für ihre Freiheit sprächen; möge die Härte eines Sklavenherrn ablegen und sich daran gewöhnen, als Bundsgenoß und Freund sich zu zeigen; möge die Römer zum Muster nehmen, «denen es lieber sei, wenn ihre Bundsgenossen aus Liebe, als aus Furcht sich ihnen anschlössen.» Als die Thessalier geredet hatten, behaupteten die Perrhäber, Gonnocondylum, von Philipp mit dem Namen Olympias belegt, habe zu Perrhäbien gehört und müsse ihnen zurückgegeben werden. Eben so forderten sie Mallöa und Ericinium. Die Athamanen verlangten Sicherheit libertatem repetebant.] – Man vergleiche Drakenborch zu Cap. 24. §. 8. und meine dort gemachte Anmerkung. Die Athamanen waren schon wieder im Besitze ihres Landes, Athenäum und Pötneum ausgenommen. Also können sie nicht die Freiheit von Philipp fordern, sondern daß er sie in Freiheit lassen, ihre Freiheit anerkennen, seine Ansprüche aufgeben soll. Durch diese Erklärung glaube ich den von Drakenb. gerügten Widerspruch wegzuräumen, dessen sich Livius sonst schuldig machen würde. vor seinen Ansprüchen und die Zurückgabe der kleinen Festungen Athenäum und Pötneum . 26. Philipp, um sich lieber das Ansehen des Klägers, als des Beklagten zu geben, begann ebenfalls mit Klagen, und beschwerte sich: «Die Thessalier hätten in Dolopien die Stadt Menelais, die zu seinem Reiche gehört habe, mit stürmender Hand genommen; eben so hätten gleichfalls die Thessalier und Perrhäber die Stadt Petra in Pierien erobert. Xyniä, unstreitig eine Ätolische Stadt, hätten sie sich selbst zugesprochen; und Parachelois, welches unter Athamanien stehe, sei 37 widerrechtlich unter Thessalische Hoheit gekommen. Was aber die ihm gemachten Vorwürfe betreffe, daß er einer Gesandschaft habe auflauern lassen, daß der eine Seehafen viel Besuch habe, der andre gar keinen; so sei das zweite eine höchst lächerliche Forderung, daß er darüber Rechenschaft geben solle, in was für Hafen die Kaufleute oder Schiffer einliefen; und das erste sei gegen seine Art zu handeln. In einer Reihe von Jahren habe es nie an Gesandten gefehlt, welche Verläumdungen gegen ihn bald den Römischen Feldherren, bald, nach Rom selbst, dem Senate zugetragen hätten. Ob jemals irgend einer nur mit einem Worte beleidigt sei? Einmal habe er ihnen – so sage man – auf ihrer Reise zum Quinctius auflauern lassen; man setze aber nicht hinzu, was ihnen denn widerfahren sei. Solche Beschuldigungen kämen nur von Leuten, die eben darum, weil sie nichts Wahres anzugeben hätten, auf falsche Anklagen ausgingen. Die Thessalier misbrauchten die Nachsicht der Römer durch Übermuth und Unmäßigkeit, gerade so, als ob sie in dem geistigen Getränke der Freiheit nach langem Durste gar zu gierige Züge thäten. Darum erlaubten sie sich auch, gleich Sklaven, die man wider ihre Erwartung auf einmal freigebe, diese Dreistigkeit in Ton und Sprache, und gefielen sich in der Verunglimpfung und Schmähung ihrer Herrschaft.» Im Zorne herausfahrend setzte er hinzu: «Noch sei nicht aller Tage Abend gekommen.» Nicht bloß die Thessalier, sondern auch die Römer, zogen sich dies als eine Drohung an. Ein lautes Murren erhob sich auf diese Worte, und als es sich endlich legte, kam er nun den Perrhäbischen und Athamanischen Gesandten zur Antwort. «Mit den Städten, welche sie in Anspruch nähmen, habe es gleiche Bewandniß. Der Consul Acilius und die Römer hatten sie ihm als damals feindliche Städte überlassen. Wenn die Geber selbst ihr Geschenk zurücknehmen wollten, so wisse er, daß er es abtreten müsse; sie aber würden, leichtsinnigen und unbrauchbaren Bundesgenossen zu Liebe, einem tauglichen und treuen Unrecht thun. 38 Für keine Wohlthat sei der Dank von kürzerer Dauer, als für ertheilte Freiheit; vorzüglich bei Leuten, welche sie durch einen schlechten Gebrauch sich selbst verderben würden.» Als sich die Römischen Gesandten über die Sache unterrichtet hatten, thaten sie den Ausspruch: «Sie fänden für gut, daß die Macedonischen Besatzungen aus jenen Städten abgeführt würden, und Macedonien sich auf seine alten Reichsgränzen beschränke. Wie zwischen diesen Völkern und Macedonien über die Beleidigungen zu entscheiden sei, welche sie laut ihrer Klage sich gegenseitig zugefügt hätten, darüber solle ihnen zur Verfolgung ihres Rechts eine Formel festgesetzt werden.» 27. So sehr sie auch den König beleidigt hatten, gingen sie doch von hier weiter nach Thessalonice, um auch das Verhältniß der Thracischen Städte zu untersuchen. Hier sprachen die Gesandten des Eumenes: «Wenn die Freiheit von Änus und Maronea im Plane der Römer liege, so wüßten sie sich zu bescheiden, daß sie nichts weiter zu sagen, sondern die Römer bloß zu erinnern hätten, diese Städte auch in der That, nicht bloß den Worten nach, als frei zu hinterlassen und nicht zuzugeben, daß ihr Geschenk von einem Dritten untergeschlagen werde. Sollten aber die Römer an diesen in Thracien liegenden Städten nicht so viel Antheil nehmen, so sei es weit billiger, daß sie als ehemalige Unterthanen des Antiochus ein Preis des Krieges für den Eumenes, als für Philipp, würden; theils für die Verdienste seines Vaters Attalus in dem Kriege, den die Römer gegen Philipp selbst geführt hätten; theils für seine eigenen, da er in dem Kriege gegen Antiochus sich zu Wasser und zu Lande allen Beschwerden und Gefahren unterzogen habe. Außerdem habe er die vorläufige Entscheidung der zehn Abgeordneten für sich, welche ihm durch die Anweisung auf Chersones und Lysimachien unstreitig auch Maronea und Änus gegeben hätten, die schon durch ihre nahe Lage gleichsam zu Anhängen des Hauptgeschenkes würden. Denn was den Philipp 39 betreffe, so möchten sie wohl fragen, entweder welchem Verdienste um die Römer, oder welchem Besitzgrunde zufolge er diese von Macedoniens Gränzen so entfernt liegenden Städte mit Besatzungen belegt habe. Sie möchten die Maroniten rufen lassen: von ihnen würden sie über das Verhältniß dieser Städte Alles noch bestimmter erfahren.» Die hereingerufenen Gesandten der Maroniten erzählten: «Bei ihnen liege nicht so, wie in andern Städten, eine königliche Besatzung bloß in Einem Platze der Stadt, sondern zugleich in mehrern, und Maronea sei voll von Macedoniern. Folglich wären die königlichen Schmeichler ihre Herrscher. Diese allein hätten die Freiheit, im Senate und in den Versammlungen zu sprechen. Alle Ehrenstellen besetzten diese theils selbst, theils gäben sie sie Andern. Die Rechtlichsten alle, die Freunde der Freiheit und der Gesetze, lebten entweder, aus ihrer Vaterstadt vertrieben, in der Verbannung, oder ohne Amt und von Nichtswürdigen abhängig schwiegen sie.» Auch gaben sie noch in wenig Worten über die Gränzgerechtigkeit die Auskunft: « Quintus Fabius Labeo habe bei seinem Hiersein der Gränze Philipps die Richtung der alten Heerstraße entlang gegeben, die zwar an Thraciens Küstenlande hinlaufe, nirgends aber zum Meere selbst abbeuge. Philipp aber habe nachher einen neuen Weg ablaufen lassen, der ihm die Städte und das Gebiet der Maroniten mit einschließe.» 28. Hiergegen schlug Philipp einen ganz andern Weg der Rechtfertigung ein, als neulich gegen die Thessalier und Perrhäbe. «Nicht mit den Maroniten, sprach er, «oder mit dem Eumenes, sondern jetzt habe ich es mit euch zu thun, ihr Römer, von denen ich, wie ich schon lange bemerke, auch die Gewährung des Billigsten nicht erlangen kann. Daß mir die Macedonischen Städte, welche während des Waffenstillstandes von mir abgefallen waren, wiedergegeben würden, hielt ich für billig; nicht etwa, weil dies für mein Reich ein großer Zuwachs gewesen sein würde – denn es sind ja nur kleine 40 Städte und sie liegen auf den äußersten Gränzen; – sondern weil dies als Beispiel sehr wirksam sein mußte, die übrigen Macedonier in ihrer Pflicht zu erhalten. Es ist mir abgeschlagen. Als ich im Ätolischen Kriege, vom Consul Manius Acilius angewiesen, Lamia zu belagern, mich lange vor dem Platze in Gefechten und Anlegung der Werke abgemühet hatte, und jetzt eben daran war, über die Mauern einzudringen, rief mich der Consul von der beinahe schon erstürmten Stadt zurück und zwang mich, mit meinen Truppen abzuziehen. Diese Kränkung verschmerzen zu können, bekam ich Erlaubniß, in Thessalien einige – Städte, kann ich nicht sagen, sondern Schanzen – hinzunehmen. Auch diese, Quintus Cäcilius, habt ihr vor wenig Tagen mir genommen. Und so eben nahmen es die Gesandten des Eumenes, wenn es Gottes Wille war, als völlig ausgemacht an, daß die vom Antiochus besetzt gewesenen Stücke billiger dem Eumenes gehören müßten, als mir. Darüber bin ich ganz andrer Meinung. Eumenes nämlich konnte sich in seinem Reiche nicht halten, ich will nicht sagen, wenn die Römer nicht siegten, sondern auch dann nicht, wenn sie diesen Krieg nicht führten. Also habt ihr ein Verdienst um ihn, nicht er um euch. Mein Reich hingegen war in allen seinen Theilen vor jeder Gefahr so gesichert, daß ich den Antiochus, ob er mir gleich für meinen Beitritt dreitausend Talente, eine Flotte von funfzig Deckschiffen und den Wiederbesitz aller Griechischen Städte ungefordert antrug, abweisen konnte. Ja ich erklärte mich schon für seinen Feind, ehe noch der Consul Manius Acilius sein Heer nach Griechenland übersetzte, und ließ mich mit diesem Consul gemeinschaftlich auf jeden von ihm angewiesenen Zweig der Kriegsunternehmungen ein. So ließ ich auch den folgenden Consul Lucius Scipio, als er den Heerzug an den Hellespont zu Lande machen wollte, nicht bloß durch meine Staten ziehen, sondern ich pflasterte ihm auch die Straßen, baute Brücken, versah ihn mit Zufuhr; und das nicht bloß auf dem Wege durch 41 Macednien? sondern auch durch Thracien, wo ich ihm über das Alles noch vor den Barbaren Sicherheit schaffen mußte. Römer! mußtet ihr zur Vergeltung dieses meines Eifers, ich will nicht sagen, meiner Verdienste um euch, mir aus eigner Freigebigkeit lieber einiges zulegen, mein Reich ansehnlicher und größer machen, oder mußtet ihr, was ich aus eignem Rechtsanspruche oder als euer Geschenk besaß, mir entreißen? Und das thut ihr jetzt. Macedonische Städte, die selbst nach eurem Geständnisse meinem Reiche gehören, werden mir nicht zurückgegeben. Eumenes kommt, mich zu plündern, als wäre ich Antiochus, und beschönigt die schamloseste Rechtsverdrehung, wenn es Gottes Wille wäre, mit derselben Verordnung der zehn Bevollmächtigten, die gerade dazu geeignet ist, ihn zu widerlegen und zu überführen. Denn es steht darin ausdrücklich und mit klaren Worten: Chersones und Lysimachia werden dem Eumenes gegeben. – Wo sind hier Änus, Maronea und Thraciens Städte als Zugabe genannt? Was er von ihnen nicht einmal zu fordern wagte, soll er von euch, als hätten es ihm jene bewilligt, erhalten? Es kommt jetzt darauf an, für wen ich bei euch gelten soll. Habt ihr euch vorgenommen, mich als euren Widersacher und Feind zu verfolgen, so fahret so fort, wie ihr angefangen habt. Habt ihr aber noch einige Rücksicht auf mich, als einen mit euch verbündeten und befreundeten König, so bitte ich euch, es auch unwürdig zu finden, daß ich so tief gekränkt werde.» 29. Die Rede des Königs machte starken Eindruck auf die Gesandten. Also wichen sie der Entscheidung auf einem Mittelwege durch die Antwort aus: «Wenn eine Verordnung der zehn Bevollmächtigten jene Städte dem Eumenes zugesprochen habe, so änderten sie darin nichts. Habe sie Philipp in dem Kriege bekommen, so müsse er nach Kriegesrecht den Lohn seines Sieges behalten. Sei beides nicht der Fall, so bleibe ihrer Meinung nach die Entscheidung dem Senate, und müßten, um Alles völlig in seinem Zustande zu lassen, die Besatzungen, die in 42 jenen Städten lägen, abgeführt werden.» Vorzüglich aus diesen Gründen kamen Philipps feindliche Gesinnungen gegen die Römer; so daß es den Anschein gewinnt, sein Sohn Perseus habe den Krieg nicht aus neuen Veranlassungen eröffnet, sondern der Vater habe ihn aus jenen Gründen dem Sohne vermacht. Zu Rom versah man sich eines Macedonischen Krieges im geringsten nicht. Der Proconsul Lucius Manlius war aus Spanien zurückgekehrt. Als er im Tempel der Bellona bei dem Senate um den Triumph anhielt, sprach freilich die Größe seiner Thaten für die Gewährung; man scheute aber das Beispiel: denn es war immer bei dem Gebrauche der Vorfahren geblieben, daß niemand triumphiren durfte, der sein Heer nicht mitbrachte, außer, wenn er das eroberte Land seinem Nachfolger völlig in Unterwürfigkeit und Frieden übergeben hatte. Doch traf man, dem Manlius seine Ehre zu erweisen, den Ausweg, ihn im kleinen Triumphe zur Stadt einziehen zu lassen. Er brachte zweiundfunfzig goldene Kränze ein, ferner hundert und zweiunddreißig Pfund Etwa 41,166 Gulden Conv. M. Gold, sechzehntausend dreihundert Pfund 509,372 Gulden. Silber, und zeigte im Senate an, daß sein Schatzmeister Quintus Fabius noch zehntausend 312,500 Gulden. Pfund Silber und achtzig Pfund 25,000 Gulden. Gold nachbringe: auch diese werde er dem Schatze einliefern. In diesem Jahre war in Apulien ein großer Sklavenaufstand. Tarent hatte der Prätor Lucius Postumius zu seinem Posten. Er also hielt über diese Zusammenrottung der Hirten, welche die Heerwege und öffentlichen Trifften durch Straßenräubereien unsicher machten, eine strenge Untersuchung, und verurtheilte an siebentausend Menschen. Viele nahmen die Flucht, viele wurden hingerichtet. Die Consuln, durch die Werbungen lange in der Stadt gehalten, gingen endlich auf ihre Posten ab. 30. In Spanien rückten in diesem Jahre die Prätoren 43 Cajus Calpurnius und Lucius Quinctius, als sie mit Frühlingsanfang nach dem Aufbruche aus den Winterquartieren ihre Truppen in Bäturien vereinigt hatten, in die Gegend, wo das feindliche Lager stand, nach Carpetanien, mit dem Vorsatze, nach gemeinschaftlichem Entschlusse und Plane zu Werke zu gehen. Nicht weit von den Städten Hippo und Toletum kam es zwischen den Futterholenden zu einem Gefechte. Dadurch, daß ihnen auf beiden Seiten aus ihrem Lager Hülfe nachrückte, wurden nachher die sämtlichen Truppen in die Schlachtreihe hinausgezogen. In diesem ungeregelten Kampfe gaben dem Feinde seine Gegenden und die Art des Gefechts den Vortheil. Beide Römischen Heere wurden geschlagen und in ihr Lager getrieben: doch setzten den Bestürzten die Feinde nicht nach. Die Römischen Prätoren, die für den folgenden Tag einen Angriff auf das Lager fürchteten, führten in der Stille der nächsten Nacht ihr Heer auf ein geräuschloses Zeichen davon. Mit anbrechendem Tage rückten die Spanier in Schlachtordnung vor den Wall, und bei ihrem Einzuge in das wider ihre Erwartung leer gefundene Lager, rafften sie zusammen, was die Römer in der nächtlichen Eile zurückgelassen hatten, gingen in ihr Lager zurück und blieben hier einige Tage ruhig stehen. Die Römer und ihre Verbündeten hatten im Treffen und auf der Flucht gegen fünftausend Gefallene. Mit den ihnen abgenommenen Waffen machten sich die Feinde bewehrt, und zogen nun weiter an den Tagusstrom. Diese ganze Zeit wandten indeß die Römischen Prätoren dazu an, aus den Spanischen Bundesstädten Hülfsvölker an sich zu ziehen, und den durch das unglückliche Gefecht niedergeschlagenen Muth der Ihrigen wieder aufzurichten. Als sie sich stark genug hielten, auch der Soldat, den früheren Schimpf zu tilgen, einen Gang mit dem Feinde forderte, schlugen sie zwölftausend Schritte vom Flusse Tagus ein Lager. Von hier brachen sie um die dritte Nachtwache auf, und in schlagfertigem Zuge kamen sie mit dem ersten Morgenlichte am Ufer des Tagus an. Jenseit des Flusses stand auf einem Hügel das Lager der Feinde. 44 Sogleich führten an zwei Orten, wo der Fluß seichte Stellen sehen ließ , Culpurnius zur Rechten, zur Linken Quinctius das Heer hindurch; und der Feind, der sie gerade jetzt, im Gedränge des Übergangs durch den Strom, hätte in Verwirrung bringen können, saß über ihre plötzliche Erscheinung staunend und unter Entwürfen still. Die Römer, die unterdeß auch ihr sämtliches Gepäck herüberbrachten und auf Einen Platz zusammenführten, stellten sich nun, weil sie den Feind in Bewegung sahen und zur Befestigung eines Lagers die Zeit fehlte, in Schlachtordnung. In der Mitte standen die fünfte Legion, des Calpurnius, und die achte, des Quinctius. Sie machten die Stärke des ganzen Heeres aus. Bis zum Lager der Feinde hatten sie ein offenes Feld, wo kein Hinterhalt zu fürchten war. 31. Als die Spanier die Römer in zwei Zügen auf dem diesseitigen Ufer erblickten, brachen sie plötzlich, um ihnen zuvorzukommen, ehe sie sich vereinigen und stellen könnten, in vollem Laufe aus ihrem Lager zur Schlacht heran. Das Gefecht war gleich anfangs schrecklich, weil den Spaniern der neuliche Sieg Muth machte, und den Römischen Krieger der ungewohnte Schimpf erbitterte. Am hitzigsten focht das Mitteltreffen, die beiden tapfern Legionen. Da die Feinde sahen, daß sie diese auf keine andre Art vom Platze drängen konnten, so setzten sie das Gefecht in keilförmiger Stellung fort; und immer zahlreicher und dichter drückten sie ihren in der Mitte Fechtenden nach. Als hier der Prätor Calpurnius seine Linie leiden sah, schickte er eilends seine Unterfeldherren, den Titus Quinctilius Varus und Lucius Juventius Thalna zur Ermunterung der Legionen, an jede Einen, ab. Sie mußten ihnen beweisen und zu bedenken geben: «Daß die ganze Hoffnung zum Siege und zur Behauptung Spaniens auf ihnen beruhe. Wichen sie vom Platze, so werde nie einer vom ganzen Heere Italien wiedersehen, ja nicht einmal das jenseitige Ufer des Tagus. » Er selbst sprengte in einem kleinen Umwege mit den Rittern beider Legionen dem feindlichen Keile, der das 45 Mitteltreffen bedrängte, auf die Flanke. Quinctius mit seinen cum suis equitibus]. – Wenn hier nicht ehemals cum sociis equitibus gestanden hat, so muß man doch unter suis, weil schon Calpurnius equites duarum legionum weggenommen hat, hier die Reuterei der Bundesgenossen verstehen. Rittern griff den Feind auf der andern Seite an. Aber weit lebhafter fochten die Ritter des Calpurnius und vor allen Andern der Prätor selbst. Er war der Erste, der in die Feinde einhieb und warf sich so tief in ihre Mitte, daß man kaum erkennen konnte, zu welcher Partei er gehöre. Die Ritter befeuerte die ausgezeichnete Tapferkeit ihres Prätors, das Fußvolk die der Ritter. Schamgefühl spornte die vordersten Hauptleute, als sie den Prätor mitten unter den Waffen der Feinde sahen. Also setzte Jeder auf seine Art seinem Fahnenträger zu, hieß ihn mit der Fahne einrücken, und die Soldaten ihm auf dem Fuße folgen. Alle erneuern das Feldgeschrei: es erfolgt ein Angriff, wie von einer Höhe herab. Wie ein Gießstrom reißen sie die Zurückgedrängten fort und werfen sie, und werden, immer hinter einander her im Andrange, unaufhaltbar. Die in ihr Lager flüchtenden Feinde verfolgte die Reuterei, und mit dem Schwarme im Gemische drang sie in die Verschanzung. Hier erneuerte die im Lager gebliebene Besatzung das Gefecht, und die Römischen Ritter sahen sich genöthigt, abzusitzen. Noch kämpften sie, als die fünfte Legion dazukam; und nun strömten die übrigen Scharen, je nachdem es einer jeden möglich war, herbei. Im ganzen Lager wurden die Spanier allenthalben niedergehauen; und nicht mehr als viertausend Menschen entkamen. Etwa dreitausend von diesen, welche noch Waffen hatten, zogen sich auf einen nahen Berg: tausend meistens Halbbewaffnete zerstreuten sich in die Dörfer. Die Feinde hatten über fünfunddreißigtausend Mann gehabt, von denen nur ein so kleiner Theil die Schlacht überlebte. Hundert und dreiunddreißig Fahnen wurden erbeutet. Von den Römern und Latinern fielen etwas über sechshundert, von den Bundestruppen des Landes gegen hundert und funfzig. Daß der Sieg nicht ohne 46 Blut erkauft schien, machte hauptsächlich der Verlust von fünf Römischen Obersten und einigen Rittern. Weil die Römer nicht Zeit gehabt hatten, ein eigenes Lager anzulegen, so nahmen sie das Nachtquartier im feindlichen. Am folgenden Tage ertheilte Cajus Calpurnius vor der Versammlung den Rittern ihr Lob, beschenkte sie mit Putzschildern an ihre Pferde, und erklärte laut, daß man den Feind geschlagen, sein Lager erstiegen und erobert habe, sei hauptsächlich ihr Werk. Der andre Prätor, Quinctius, beschenkte seine Ritter mit Kettenschmuck und Schnallen. Sehr viele Hauptleute vom Heere Beider erhielten Geschenke, meistens solche, die im Mitteltreffen gestanden hatten. 32. Als die Consuln die Werbungen und andre in Rom zu verrichtende Geschäfte abgethan hatten, führten sie ihr Heer nach Ligurien, seinem bestimmten Posten. Sempronius brach von Pisä gegen die Apuanischen Ligurier auf, und unter Verheerung ihres Gebiets und Niederbrennung ihrer Flecken und Schlösser öffnete er sich den Gebirgswald bis zum Flusse Macra und dem Hafen Luna. Die Feinde zogen sich auf einen Berg, den alten Standort ihrer Vorfahren; allein die Römer, welche die Schwierigkeiten des Bodens besiegten, warfen sie im Gefechte von dort herab. Und in dem Gebiete der Ingaunischen Ligurier that es Appius Claudius durch mehrere Siege seinem Amtsgenossen an Glück und Tapferkeit gleich. Außerdem erstürmte er sechs ihrer Städte, machte in diesen viele Tausende zu Gefangenen und ließ dreiundvierzig von ihnen als Urheber des Krieges unter dem Beile bluten. Schon nahete die Zeit der Wahlversammlungen. Zwar hatte das Los dem Sempronius das Wahlgeschäft beschieden; allein noch vor ihm kam Claudius in Rom an, weil sein Bruder Publius Claudius das Consulat suchte. Zu Nebenbuhlern unter den Adlichen hatte er den Lucius Ämilius, Quintus Fabius, Servius Sulpicius Galba, lauter ehemalige Bewerber, die nach ihrer Abweisung jetzt um so mehr die Anstellung als eine Schuld einforderten, 47 weil sie ihnen früher versagt war; und weil man aus dem Adelstande nicht mehr als Einen wählen durfte, so sahen sich vier Suchende bei ihrer Bewerbung so viel mehr bedrängt. Auch vom Bürgerstande bewarben sich Männer von Einfluß; Lucius Porcius, Quintus Terentius Culleo, Cneus Bäbius Tamphilus; und auch sie waren, als schon Abgewiesene, auf die Hoffnung hingehalten, endlich einmal die Stelle zu bekommen. Unter Allen war Claudius der einzige neue Bewerber. Allgemein hielt man den Quintus Fabius Labeo und Lucius Porcius Licinus für die unbezweifelt Ausersehenen. Allein der Consul Claudius flog ohne Beilträger mit seinem Bruder den ganzen Markt auf und ab, und so laut ihm auch seine Gegner und der größere Theil des Senats entgegen schrieen: «Es sei für ihn schicklicher, darauf Rücksicht zu nehmen, daß er Consul, als daß er des Publius Claudius Bruder sei. Warum er nicht auf seinem obrigkeitlichen Sitze bei der Wahl entweder den Zeugen, oder den schweigenden Zuschauer mache?» so war doch nichts im Stande, seinen ausgelassenen Parteieifer zu beschränken. Durch die heftigen Streitigkeiten, auch der Bürgertribunen, welche entweder gegen den Consul, oder für seine Wünsche kämpften, wurden die Wahlversammlungen mehrmals gestört; bis endlich Appius es durchsetzte, mit Ausstechung des Fabius seinen Bruder einzudrängen. Wider seine eigne und aller Andern Erwartung wurde Publius Claudius Pulcher gewählt. Lucius Porcius Licinius behauptete seinen Platz, weil sich die Bürgerlichen mit gemäßigtem Eifer, nicht mit Claudischem Ungestüme, bekämpften. Nun ging die Prätorenwahl vor sich. Prätoren wurden Cajus Decimus Flavus, Publius Sempronius Longus, Publius Cornelius Cethegus, Quintus Nävius Matho, Cajus Sempronius Bläsus, Aulus Terentius Varro. Dies ging in dem Jahre, welches den Appius Claudius und Marcus Sempronius zu Consuln, hatte, zu Hause und im Felde vor. 33. Als im Anfange des folgenden Jahres Quintus Cäcilius , Marcus Bäbius und Tiberius Sempronius, 48 welche zur Untersuchung der Zwistigkeiten zwischen den Königen Philipp und Eumenes und den Städten Thessaliens abgeschickt gewesen waren, über ihre Gesandschaft Bericht erstattet hatten, so stellten die Consuln Publius Claudius, Lucius Porcius auch die Gesandten dieser Könige und Städte dem Senate vor. Diese wiederholten von beiden Seiten dasselbe, was sie in Griechenland bei den Gesandten vorgebracht hatten. Darauf beschloß der Senat, eine andre neue Gesandschaft, an deren Spitze Appius Claudius stand, nach Macedonien und Griechenland abgehen zu lassen, um zuzusehen, ob den Thessaliern und Perrhäbern die Städte wiedergegeben wären. Sie bekam auch den Auftrag, die Besatzungen aus Änus und Maronea abführen zu lassen und die ganze Thracische Seeküste von Philipp und den Macedoniern zu befreien. Ferner sollte sie den Peloponnes besuchen, wo die vorige Gesandschaft die Sachen bei ihrer Abreise in einer ungewisseren Lage hinterlassen hatte, als wenn sie nie gekommen wäre. Denn das Übrige abgerechnet, hatte man sie ohne Bescheid entlassen, und ihr die begehrte Versammlung der Achäer nicht bewilligt. Da sich Quintus Cäcilius nachdrücklich darüber beschwerte, und zugleich die Lacedämonier die bittere Klage führten, die Achäer hätten ihnen ihre Mauer zerstört, ihre Bürger nach Achaja weggeführt und verkauft, Lycurgs Gesetze, bei denen ihr Stat bis auf den heutigen Tag bestanden habe, ihnen genommen; so entschuldigten die Achäer besonders die Verweigerung des Landtages, und lasen ein Gesetz vor, welches ihnen einen Landtag auszuschreiben verbot, außer zu Krieg und Frieden, und wenn Gesandte vom Senate mit einem Schreiben oder schriftlichen Aufträgen kämen. Dieser Ausflucht auf die Zukunft vorzubeugen, eröffnete ihnen der Senat, sie hatten dafür zu sorgen, daß Roms Gesandte jederzeit an eine Ständeversammlung gelangen könnten, so wie auch sie, so oft sie wollten; im Senate Zutritt bekämen. 34. Als nach Entlassung dieser Gesandschaften Philipp durch die seinige erfuhr, er müsse die Städte 49 abtreten und seine Besatzungen herausziehen, so ließ er, erbittert auf sie Alle, seinen Grimm an den Maroniten aus. Er trug seinem Statthalter an der Seeküste, Onomastus, auf, die Häupter der Gegenpartei zu ermorden. Dieser richtete durch seine Thracier, die von einem gewissen Casander, einem schon lange zu Maronea wohnenden Königsfreunde, bei Nacht eingelassen wurden, ein Gemetzel an, wie in einer mit den Waffen erstürmten Stadt. Bei den Römischen Gesandten, welche den König einer solchen Grausamkeit gegen die unschuldigen Maroniten, eines so hohen Übermuths gegen das Römische Volk anklagten, daß er gerade diejenigen als Feinde niederhauen lasse, denen er nach dem Willen des Senats ihre Freiheit zurückgeben solle, behauptete er: «Sowohl er als seine sämtlichen Unterthanen hätten mit der ganzen Sache nichts zu thun. Bei einem Aufruhre hätten die Maroniten selbst gegen einander gefochten, weil die eine Partei die Stadt ihm, die andre sie dem Eumenes habe unterwerfen wollen. Dies könnten sie leicht erfahren, sie dürften nur die Maroniten selbst abhören.» Er hielt sich nämlich überzeugt, bei dem allgemeinen durch das neuliche Gemetzel bewirkten Schrecken, werde niemand das Herz haben, zu sprechen. Allein Appius antwortete: «Eine offenbare Sache brauche man nicht als zweifelhaft zu untersuchen. Wolle er sich außer Schuld setzen, so möge er den Onomastus und Casander, die namhaften Vollzieher der That, nach Rom schicken, um sie vom Senate vernehmen zu lassen.» Diese Sprache brachte anfangs den König so aus der Fassung, daß sich seine Farbe und seine Miene verwandelte. Als er endlich wieder zu sich kam, sagte er: «Den Casander, wolle er, wenn sie es durchaus verlangten, hinschicken, weil der zu Maronea gewohnt habe. Was aber die Sache den Onomastus angehe, der gar nicht in Maronea, ja nicht einmal in der Nachbarschaft gewesen sei?» Theils wollte er lieber im Onomastus den Freund von höherem Range schonen, theils fürchtete er eine Aussage von diesem bei weitem mehr, weil er die Sache mit ihm besprochen und 50 ihn bei mancher ähnlichen That zu seinem Werkzeuge und Mitwisser gemacht hatte. Aber auch den Casander, dem er einige mitgab, die ihn durch Epirus an die Küste begleiten mußten, schaffte er, um auch durch ihn nichts auskommen zu lassen, wie man glaubt, durch Gift aus der Welt. 35. Nicht allein die Gesandten schieden so aus der Unterredung mit Philipp, daß sie geradezu erklärten, das Alles habe ihr Misfallen; sondern auch Philipp hielt einen neuen Krieg für unabwendbar: weil aber hierzu seine Kräfte noch nicht gereift waren, beschloß er, um Aufschub zu gewinnen, seinen jüngeren Prinzen Demetrius nach Rom gehen zu lassen, um durch ihn zugleich die Beschuldigungen zu widerlegen und den Zorn des Senats zu besänftigen; weil er sich auch von der persönlichen Erscheinung des Jünglings, der vormals zu Rom als Geisel königlichen Edelmuth gezeigt hatte, einige Wirkung versprach. Da er unterdessen, dem Scheine nach, den Byzantinern zu helfen, in der That aber, die Fürsten der Thracier zu schrecken, ausgezogen war, sie in Einem Treffen gedemüthigt und ihren Heerführer Amadocus zum Gefangenen gemacht hatte, so kehrte er nach Macedonien zurück, beschickte aber noch vorher die am Flusse Ister wohnenden Barbaren, um sie zu einem Einbruche in Italien aufzuwiegeln. Auch im Peloponnes erwartete man die Ankunft der Römischen Gesandten, weil sie Befehl hatten, aus Macedonien nach Achaja zu gehen. Damit sich die Achäer gegen sie auf Maßregeln anschicken könnten, setzte ihr Prätor Lycortas einen Landtag an. Hier hatte die Verhandlung in Betreff der Lacedämonier folgenden Inhalt. «Aus Feinden wären sie Ankläger geworden, und man müsse besorgen, daß man an diesen Überwundenen furchtbarere Gegner haben werde, als man an ihnen im Gefechte gehabt habe. Denn im Kriege hätten die Achäer die Römer zu Bundsgenossen gehabt: jetzt hielten es eben diese Römer nicht so sehr mit den Achäern, als mit Lacedämon; wo sogar ein Areus, ein Alcibiades, zwei 51 Vertriebene, welche ihre Zurückberufung den Achäern verdankten, eine Gesandschaft nach Rom als Ankläger der Achäischen Nation übernommen hätten, die sich so hoch um sie verdient gemacht habe, und dort eine so feindselige Sprache geführt hätten, als wären sie aus ihrer Vaterstadt durch die Achäer vertrieben, nicht, durch diese wieder eingesetzt.» Von allen Seiten schrie man dem Prätor zu, er möge namentlich über diese Beiden abstimmen lassen; und weil Erbitterung ohne Rücksicht das Ganze leitete, so wurden Beide zum Tode verdammt. Wenig Tage nachher kamen die Römischen Gesandten an und wurden auf einem Landtage zu Clitor in Arcadien zugelassen. 36. Ehe noch etwas vorgenommen wurde, überfiel die Achäer ein Schrecken, und die Ahnung, daß sie bei der Verhandlung wenig Unparteilichkeit zu erwarten hätten; denn sie sahen bei den Gesandten den Areus und Alcibiades, diese auf dem letzten Landtage von ihnen zum Tode Verurtheilten: und keiner wagte zu mucksen. Appius eröffnete ihnen: «Die Behandlung, über die sich die Lacedämonier bei dem Senate beklagt hätten, habe ganz des Senates Misfallen. Einmal hätten sie bei Compasium ad conflictum factam]. – Aus Polybius stellte Crevier sehr glücklich die richtige Lesart her: ad Compasium factam. Und Drakenb. stimmt ihm bei. diejenigen gemordet, die auf Philopömens Forderung, sich zu verantworten, vor der Stadt sich eingefunden hätten. Nach dieser gegen die Menschen ausgeübten Wuth hätten sie ferner, um ihre Grausamkeit an allen Gegenständen in Thätigkeit zu setzen, die Mauern einer so angesehenen Stadt geschleift, ihre uralten Gesetze abgeschafft und Lycurg's Sittenzucht, bei allen Völkern in so hohem Rufe, aufgehoben.» Auf diese Äußerungen des Appius gab Lycortas, theils als Prätor, theils als Anhänger des Philopömen, auf dessen Veranlassung Alles dies über Lacedämon ergangen war, folgende Antwort: «Unser Vortrag bei euch Gesandten hat für uns 52 größere Schwierigkeiten, Appius Claudius, als neulich der vor dem Senate zu Rom. Denn damals waren die, denen wir zu antworten hatten, unsre Ankläger, die Lacedämonier; jetzt sind wir von euch selbst angeklagt, vor denen wir unsre Sache zu führen haben. Auf einen so nachtheiligen Standpunkt lassen wir uns mit der Hoffnung ein, du werdest mit der Gesinnung eines Richters uns anhören, und den Geist des Widersachers, in welchem du so eben uns bestrittest, ruhen lassen. Ich will wenigstens, ob du gleich selbst kurz vorher eben das, was die Lacedämonier sowohl früher hier bei dem Quintus Cäcilius, als nachher zu Rom klagbar gemacht haben, wieder vorgebracht hast, mich so ansehen, als antwortete ich nicht dir, sondern nur ihnen vor deinem Richterstuhle. Ihr werft uns die Ermordung jener Leute vor, die damals getödtet wurden, als sie der Prätor Philopömen aus der Stadt rufen ließ, sich zu verantworten. Diese Beschuldigung, ihr Römer, mußte uns, meiner Meinung nach, nicht allein nicht von euch, sondern auch nicht einmal vor euch gemacht werden können. Und warum das? Weil in dem Vertrage mit euch geschrieben stand, die Lacedämonier hätten sich aller Seestädte zu enthalten. Hätte also zu der Zeit, als sie die Waffen ergriffen und durch nächtlichen Überfall gerade die Städte eroberten, deren sie sich vorschriftsmäßig zu enthalten hatten, ein Titus Quinctius, ein Römisches Heer, wie in früherer Zeit, im Peloponnes gestanden, natürlich würden dann die durch die Eroberung ihrer Städte unglücklich Gemachten zu ihnen geflüchtet sein. Da ihr aber fern waret, zu wem sollten sie da sonst fliehen, als zu uns, euren Verbündeten, welche sie früherhin der Stadt Gythium Man vergleiche B. 35. Cap. 25 und 27. hatten zu Hülfe eilen, und mit euch selbst aus ähnlichem Grunde gegen Lacedämon hatten herabziehen sehen? Folglich haben wir diesen gerechten und pflichtmäßigen Krieg an eurer Statt übernommen. Andre loben uns darum; 53 tadeln können es nicht einmal die Lacedämonier; ja wir hatten selbst die Genehmigung der Götter, die uns den Sieg verliehen: und nun sollten wir wegen dessen, was das Kriegsrecht mit sich brachte, verantwortlich sein? Gleichwohl trifft auch hiervon das Meiste nicht uns. Was wir gethan haben, ist, daß wir Leute zur Verantwortung herausriefen, welche den Pöbel zu den Waffen gerufen, die Seestädte erobert, geplündert, die ersten Männer dort gemordet hatten. Daß aber jene bei ihrem Eintritte in unser Lager umgebracht sind, das gehet euch an, Areus und Alcibiades, die ihr jetzt, so Gott will! unsre Kläger seid, nicht uns. Lacedämonische Vertriebene – unter ihnen waren ebenfalls diese Beiden – standen auch damals in unserm Heere, und in dem Wahne, die Lacedämonier hatten es auf sie angelegt gehabt, weil sie sich in den Seestädten häuslich niedergelassen hatten, fielen sie über diejenigen her, auf welche sie erbittert waren, weil sie, schon durch sie aus dem Vaterlande verbannet, auch nicht einmal in der Verbannung vor ihnen sicher sollten ergreisen können. Folglich waren die Mörder der Lacedämonier selbst Lacedämonier, nicht Achäer. Auch bedarf es hier der Frage nicht, ob sie mit Recht oder mit Unrecht hingerichtet wurden.» 37. «Aber, sagt man, so war doch das euer Werk, ihr Achäer, daß ihr die uralte Sittenzucht des Lycurgus abschafftet, daß ihr die Mauern schleiftet. – Wie kann uns beides zugleich von einerlei Menschen vorgeworfen werden, da nicht Lycurg den Lacedämoniern Mauern gegeben hat, sondern diese vor nicht gar langen Jahren aufgeführt sind, um die Sittenzucht Lycurgs zu vernichten? Die Zwingherren haben sie ja erst neulich angelegt, als Burg und Bollwerk für sich selbst, nicht für den Stat: und stände heute Lycurg von den Todten auf, freuen würde er sich über ihre Trümmer, würde gestehen, daß er nun erst seine Vaterstadt, sein altes Sparta, wiedererkenne. Nicht auf einen Philopömen, nicht auf die Achäer mußtet ihr warten; sondern selbst, mit 54 eignen Händen, mußtet ihr Lacedämonier jede Spur der Zwingherrschaft wegschaffen und zerstören. Denn sie waren euch geblieben, als die häßlichen Narben eurer Knechtschaft: und da ihr ohne Mauern beinahe achthundert Jahre lang frei, und einst sogar Griechenlands Haupt gewesen waret, so laget ihr nun, mit euch umschlingenden Mauern, wie mit Fußeisen gefesselt, seit hundert Jahren in der Sklaverei.» «Was die ihnen genommenen Gesetze betrifft, so denke ich, die alten Gesetze haben den Lacedämoniern ihre Zwingherren genommen: nicht von uns sind ihnen die ihrigen genommen, die sie nicht mehr hatten, sondern die unsrigen gegeben; und wir haben es mit ihrem State nicht übel gemeint, wenn wir ihn in unsern Gesamtbund aufnahmen, ihn uns einverleibten, so daß sich der ganze Peloponnes in Einen Statskörper, in Einen Gesamtbund schloß. Wenn wir selbst nach andern Gesetzen lebten, und wieder andre ihnen aufgebürdet hätten, dann, denke ich, könnten sie klagen, könnten darüber murren, daß sie mit uns nicht gleiche Verfassung hätten.» «Mein bisheriger Vortrag – ich weiß es, Appius Claudius – ist nicht die Sprache eines verbündeten Volks bei seinen Verbündeten, nicht die einer freien Nation, sondern die wahre Sprache der Sklaven, wenn sie ihre Sache vor ihre Herrschaft bringen. Denn wenn jener Ausruf des Heroldes, durch welchen ihr uns Achäer vor allen Andern zuerst für frei erklärtet, keine Posse war, wenn unser Vertrag noch gültig ist, wenn auf Bündniß und Freundschaft gleiche Rücksicht für beide Theile genommen wird, warum werfe ich denn nicht die Frage auf, wie ihr Römer mit dem besiegten Capua verfahren seid, da ihr uns doch darüber zur Rechenschaft zieht, was wir Achäer als Sieger mit den Lacedämoniern gemacht haben? – Ei! es sind einige umgebracht! – Nimm einmal an, wir hätten das gethan. Wie? ließet ihr nicht die Senatoren von Capua unter dem Beile bluten? Wir haben ihnen die Mauern 55 geschleift. Ihr nahmet jenen nicht die Mauern allein, sondern Stadt und Land.» Du antwortest: ««Das Bündniß ist nur dem Scheine nach gleich; in der That gilt die Freiheit der Achäer nur bittweise, auf Seiten der Römer hingegen ist sogar die Oberherrlichkeit.»» – «Das fühle ich, Appius, und murre nicht darüber, so lange dies nicht Pflicht wird: allein ich bitte euch, lasset den Unterschied zwischen Römern und Achäern noch so groß sein, nur gebt euren und unsren Feinden mit uns, euren Bundsgenossen, nicht gleichen Rang bei euch, oder gar vor uns noch Vorrechte. Denn daß sie uns gleich stehen sollten, war unser Betrieb, als wir ihnen unsre Gesetze gaben; als wir es dahin brachten, daß sie zum Achäischen Gesamtbunde gehörten. Als Besiegte haben sie nicht genug zu dem, was den Siegern genügt: als Feinde verlangen sie mehr, als die Bundesgenossen haben. Was wir durch Eidschwur, durch in Stein gehauene Denkschrift für ewige Zeiten geheiligt und geweihet haben, das wollen sie umstoßen, so daß sie zugleich uns dadurch meineidig machen. Ja, wir verehren euch, ihr Römer, und wenn ihr es so wollt, wir fürchten euch auch: allein noch höher verehren und fürchten wir die unsterblichen Götter.» Er hatte den Beifall des größten Theils der Zuhörer und nach Aller Meinung seiner obrigkeitlichen Würde gemäß geredet; so daß sich mit Sicherheit annehmen ließ, die Römer würden bei schonendem Verfahren ihr Ansehen nicht behaupten können. Da sagte Appius: «Er rathe den Achäern ernstlich, so lange ihnen, nach eignem Entschlusse zu handeln noch frei stehe, hierbei einen Dank zu erwerben, um nicht dasselbe in kurzem wider Willen und gezwungen zu thun.» So wie sie diesen Ausspruch hörten, seufzten sie freilich Alle; und doch schreckte er sie ab, sich des Befohlnen zu weigern. Nur darum baten sie: «Die Römer möchten die Veränderungen, die sie in Ansehung der Lacedämonier nöthig fänden, selbst treffen, und den Achäern nicht dadurch ihr Gewissen beschweren, daß sie heilig beschworne 56 Verordnungen selbst widerrufen müßten.» Bloß das neulich gegen den Areus und Alcibiades ausgesprochene Todesurtheil wurde zurückgenommen. 38. Zu Rom wurde im Anfange dieses Jahrs, als es über die Standplätze der Consuln und Prätoren zur Sprache kam, den Consuln, weil sonst nirgendwo Krieg war, Ligurien bestimmt. Von den Prätoren erlosete Cajus Decimius Flavus die Rechtspflege in der Stadt, Publius Cornelius Cethegus die zwischen Bürgern und Ausländern, Cajus Sempronius Bläsus Sicilien, Quintus Nävius Matho Sardinien und zugleich die Untersuchungen über Giftmischereien, Aulus Terentius Varro das diesseitige, Publius Sempronius Longus das jenseitige Spanien. Aus diesen beiden Provinzen trafen ungefähr um diese Zeit die Unterfeldherren Lucius Juventius Thalna und Titus Quinctilius Varus ein. Nachdem sie dem Senate die Wichtigkeit des nun gedämpften Spanischen Krieges aus einander gesetzt hatten, trugen sie zugleich darauf an, für diese so glücklichen Erfolge den unsterblichen Göttern ein Dankfest zu widmen und die Prätoren zu Abführung des Heeres zu bevollmächtigen. Das Dankfest wurde auf zwei Tage angesetzt. Das Gesuch in Betreff der abzuführenden Legionen sollten sie wieder zum Vortrage bringen, wann den Consuln und Prätoren ihre Heere bestimmt würden. Wenig Tage nachher wurden für Ligurien jedem Consul zwei Legionen angewiesen, welche bisher Appius Claudius und Marcus Sempronius gehabt hatten. Über die Heere für Spanien kam es zwischen den neuen Prätoren und den Freunden der abwesenden, des Calpurnius und Quinctius, zu einem heftigen Streite. Auf beiden Seiten waren Bürgertribunen, auf beiden ein Consul. Die Einen erklärten, sie würden gegen den Senatsschluß Einsage thun, wenn man die Abführung der Heere bewilligte: die Andern, wenn es zu dieser Einsage käme, so würden sie keinen Beschluß über sonst irgend etwas zu Stande kommen lassen. Am Ende war doch der Einfluß der Abwesenden der schwächere, und der Senatsschluß fiel dahin aus: «Die beiden Prätoren 57 hätten jeder ut praetores quatuor millia]. – Crevier bemerkt sehr richtig, daß Spanien bis dahin nur 2 Römische Legionen gehabt hatte (ich finde dies auch 37, 50. ut singulas legiones duae Hispaniae haberent; und 39, 30. halten die Prätoren Calpurnius und Quinctius nur die 5te und 8te Legion) daß es aber jetzt zum ersten Male, wie nachher gewöhnlich, vier Legionen bekam. Angenommen, daß jene beiden alten Legionen in Spanien [nach den Worten 42, 31. quina millia et duceni pedites ex vetere instituto] zusammen 10,400 Mann Römisches Fußvolk ausmachten; wenn man ferner ihren 39, 30. 31. erlittenen ansehnlichen Verlust in zwei Schlachten nicht in Anschlag bringt, so ist es doch unmöglich, diese 10,400 Mann, wenn sie nur mit 4000 Mann ergänzt, also nur auf 14,400 verstärkt werden, so auf vier Legionen zu vertheilen, daß jede Legion 5000 Mann Römisches Fußvolk bekommt und noch einen Überschuß abgeben soll. Ich reiche zwar nicht ganz aus, aber ich komme doch weit näher, wenn ich jeden Prätor 4000 Mann mitnehmen lasse. Dann müßten aber entweder die Cardinalzahlen quatuor millia – quadringentos etc. hier alle in distributive Zahlen, in quaterna millia – quadringenos etc. verwandelt werden; wie das sehr häufig der Fall ist: oder es müßte bei praetores etwa das Wort singuli ausgefallen sein. Aber auch so kommt meine Rechnung doch nur auf 18,400 Mann, die sich immer noch nicht in 4 Legionen, jede zu 5000, vertheilen lassen. Es muß also entweder an unsrer Stelle eine Unrichtigkeit in den Zahlen sein, oder es waren schon vorher in Spanien mehr als 2 Legionen. Daß man die Bundesgenossen hier nicht mit einrechnen darf, versteht sich von selbst, und schon Crevier sagt ausdrücklich: Solos intellige Romanos: socii enim in legiones non describebantur. Übrigens halte ich bei den Worten quum eas legiones quatuor descripsissent, Gronovs Änderung für unnöthig. Er schlägt vor, zu lesen: quum eos in quatuor legiones descripsissent, und Clericus, Crevier und. Drak. stimmen ihm bei. Da aber describere hier nicht werben (scribere oder conscribere) heißt, sondern so viel als distribuere, dispertiri: die Geworbenen einreihen, so sagen die Worte: quum eas quatuor legiones descripsissent dasselbe, was in quatuor legiones eos descripsissent sagen sollten; eben so wie 1, 42. Tum classes centuriasque et hunc ordinem ex censu descripsit, nichts anders heißt, als Tum populum ex censu in classes centuriasque et in hunc ordinem descripsit. So wie ich hier populum einschiebe, um in classes construiren zu können, so schiebt dort Gronov eos ein, um legiones mit in zu verbinden. viertausend Römer zu Fuß nebst vierhundert Rittern, und fünftausend verbündete Latiner zu Fuß nebst fünfhundert Rittern auszuheben, um sie nach Spanien mitzunehmen. Hätten sie diese vier Legionen eingeordnet, so sollten sie bei jeder Legion die Überzähligen über fünftausend zu Fuß und dreihundert zu Pferde verabschieden; zuerst die, welche ihre Dienstjahre schon ausgehalten hätten, dann, je nachdem Jeder dem Calpurnius und Quinctius in der Schlacht die besten Dienste geleistet habe.» 39. Dieser Streit war beigelegt, und sogleich veranlaßte der Tod des Prätors Cajus Decimius einen neuen. Um seine Stelle bewarben sich Cneus Sicinius und 58 Lucius Pupius, die im vorigen Jahre Ädilen gewesen waren, auch Cajus Valerius, Jupiters Eigenpriester, und Quintus Fulvius Flaccus; und dieser, weil er schon erwählter Curulädil war, zwar nicht in der weißen Toga des Bittenden, aber mit größerer Zudringlichkeit, als die andern Alle. Er hatte es mit dem Eigenpriester auszumachen. Als er diesem anfangs gleichzukommen, bald sogar ihm überlegen zu sein schien, so behauptete ein Theil der Bürgertribunen, auf ihn müsse keine Rücksicht genommen werden, weil er in Einer Person zwei Stellen zugleich, noch dazu adliche, weder annehmen noch verwalten könne. Ein anderer Theil meinte, man müsse ihn von der Verbindlichkeit gegen die Gesetze lossprechen, damit es dem Gesamtvolke freistehe, zum Prätor zu wählen, wen es wolle. Der Consul Lucius Porcius hielt sich anfangs bloß an seine eigene Meinung, den Namen des Fulvius nicht anzunehmen. Nachher berief er, um auch mit Zustimmung des Senats so handeln zu können, die Väter, und sagte ihnen: «Er habe ihnen anzuzeigen, da ein ernannter Curulädil gegen alles Recht und zu einem mit einem Freistate unverträglichen Beispiele sich um die Prätur bewerbe, so sei er Willens, bei dieser Wahl, wenn sie nicht andrer Meinung wären, sich an das Gesetz zu halten.» Die Väter stimmten dahin, der Consul Lucius Porcius solle dem Quintus Fulvius Vorstellungen machen, daß er der gesetzmäßigen Wahl eines in die Stelle des Cajus Decimius einzusetzenden Prätors nicht hinderlich sein möge. Auf die vermöge des Senatsschlusses ihm gemachten Eröffnungen erklärte Flaccus dem Consul: «Er werde nichts thun, was seiner unwürdig sei.» Durch diese zweideutige Antwort machte er denen, welche sie nach ihrem Wunsche auslegten, Hoffnung, er werde sich dem erklärten Willen des Senats fügen, Auf dem Wahltage aber warb er nun noch dringender, als zuvor, nicht ohne klägerische Rüge, daß der Consul und der Senat ihm die Wohlthat des Römischen Volkes entwanden, und ihn wegen doppelter Amtssuchung verhaßt machten, als ob es sich nicht von selbst verstände, daß er in dem 59 Augenblicke, da er zum Prätor ernannt sei, vom Ädilenamte abdanken werde. Als der Consul ihn immer eifriger werben sah; sah, wie das Wohlwollen des Volks immer mehr und mehr sich zu ihm hinneigte: so entließ er die Wahlversammlung und berief den Senat. Die Stimmenmehrheit that den Ausspruch: «Weil sich Flaccus der Willenserklärung der Väter nicht gefügt habe, so müsse man diesem Flaccus Vorstellungen vor dem Gesamtvolke machen.» Der Consul machte ihm seine Vorstellungen vor der berufenen Volksversammlung. Er aber, auch jetzt noch nicht anderes Sinnes, brachte seine Danksagungen vor, «daß ihn Roms Gesamtvolk, so oft es auch jetzt Gelegenheit finde, seine Gesinnung zu erklären, mit so vieler Liebe zum Prätor habe ernennen wollen. Er sei nicht gewillet, seine Mitbürger bei dieser ihrer Liebe zu ihm von seiner Seite im Stiche zu lassen.» Diese feste Erklärung erwarb ihm vollends eine so allgemeine Zuneigung, daß er offenbar Prätor war, so bald sich der Consul dazu verstand, den Namen Fulvius mit auf die Liste zu setzen. Der Streit der Tribunen, unter einander sowohl, als mit dem Consul, wurde heftig. Endlich berief der Consul den Senat, und dieser erklärte: «Weil die Hartnäckigkeit des Quintus Flaccus und die unerlaubte Theilnahme mancher Bürger für ihn die gesetzmäßige Ernennung eines nachzuwählenden Prätors verhindere, so erkenne der Senat, man habe Prätoren genug. Publius Cornelius solle in der Stadt beiderlei Rechtspflege haben, und die Feier der Apollinischen Spiele besorgen.» 40. Durch Klugheit und Festigkeit hatte der Senat diese Wahl vereitelt: da veranlaßte eine andre einen so viel größeren Streit, je wichtiger der Gegenstand, und je größer die Zahl und der Einfluß der Männer war, die ihn führten. Mit höchster Beeiferung bewarben sich um die Censur Lucius Valerius Flaccus, die beiden Scipio Publius und Lucius, Cneus Manlius Vulso, Lucius Furius Purpureo, die Adlichen: die Bürgerlichen waren Marcus Porcius Cato, Marcus Fulvius Nobilior, die beiden Sempronius Tiberius und Marcus, jener mit dem 60 Zunamen Longus, dieser Tuditanus. Aber vor allen Adlichen und Bürgerlichen der angesehensten Geschlechter hatte Marcus Porcius bei weitem den Vorzug. In diesem Manne hatte Muth und Geist eine solche Kraft, daß es schien, er würde, auf welcher Stufe er geboren sein möchte, sich seinen Stand selbst geschaffen haben. Zur Führung der Privat- oder Statsangelegenheiten fehlte ihm der Geschicklichkeiten keine. Auf die städtischen, auf die ländlichen Geschäfte verstand er sich gleich gut. Zu den höchsten Ehrenstellen hat Andre ihre Kenntniß des Rechts, Andre ihre Beredsamkeit, noch Andre ihr Ruhm im Felde emporgehoben. Er aber hatte für das Alles zugleich eine solche Gewandheit des Geistes, daß man hatte sagen mögen, er sei einzig für das, was er jedesmal betrieb, geboren. Im Kriege von der größten persönlichen Tapferkeit und durch viele ausgezeichnete Gefechte berühmt, war er, als er zu den hohen Stellen gelangte, der größte Feldherr; war eben so im Frieden, wenn man ihn über das Recht zu Rathe zog, der größte Rechtskundige, und galt es eine Rede vor Gericht, der größte Redner; und nicht etwa so, daß seine Vorträge zwar bei seinem Leben gewirkt, aber kein Denkmal ihrer Kraft nachgelassen hätten: nein, noch lebt und wirkt seine Beredsamkeit, durch Schriften aller Art geheiligt. Noch haben wir viele Reden von ihm, zu seiner eignen und zu Andrer Vertheidigung gehalten, auch gegen Andre. Denn er demüthigte seine Feinde nicht bloß durch Anklagen, sondern auch in Verantwortungen. Nur hielten ihn zu viele Feindschaften in Spannung, so wie er sie; und es ist nicht leicht zu bestimmen, ob der Adel mehr ihn gedrückt, oder ob er den Adel mehr gehetzt habe. Er war unstreitig der Hartgesinnte; seine Zunge bitter und freimüthig ohne Maß; aber sein Geist jeder Begierde unbesiegbar; von unbiegsamer Rechtschaffenheit; der Gunst, des Reichthums Verächter. In Sparsamkeit, in Ausdauer gegen Arbeit und Gefahr war er an Körper und Geist, ich möchte sagen, der Eiserne: konnte doch sogar das Alter, das sonst Alles abspannt, ihn nicht brechen; führte er doch 61 noch in seinem sechsundachtzigsten Jahre seinen Rechtsstreit selbst, vertheidigte sich in einer Rede und setzte sie auf, zog er doch noch in seinem neunzigsten Jahre den Servius Galba vor das Volksgericht. 41. Ihn wollte, so wie in seinem ganzen Leben, besonders bei diesem Amtsgesuche der Adel niederhalten; und die sämtlichen Bewerber, seinen gewesenen Mitconsul Lucius Flaccus ausgenommen, hatten sich zusammengethan, ihm die Stelle zu versperren, nicht allein um sie lieber selbst zu erlangen, oder aus Unwillen, in einem Emporkömmlinge den Censor zu sehen, sondern auch weil sie eine strenge Führung der Censur und Gefahr für die Ehre so Vieler von einem Manne erwarteten, den die meisten gekränkt hatten, und dessen Wunsch es war, ihnen zu schaden. Denn selbst jetzt warb er in drohendem Tone, und ließ sie den Vorwurf hören, «Daß ihm Alle die entgegen arbeiteten, die vor einer freien und mannhaften Censur sich fürchteten.» Zugleich sagte er zur Empfehlung des Lucius Valerius: «Nur in der Amtsgemeinschaft mit diesem Einzigen sei es ihm möglich, die neuen Laster zu züchtigen und die alten Sitten zurückzurufen.» Die Bürger, hiedurch rege gemacht, wählten nicht allein den Marcus Porcius bei allen Gegenbemühungen des Adels zum Censor, sondern gaben ihm auch den Lucius Valerius Flaccus zum Amtsgenossen. Als die Censorenwahl vollzogen war, gingen die Consuln und Prätoren auf ihre Standplätze ab, den Quintus Nävius ausgenommen; denn ihn hielten bis zu seiner Abreise nach Sardinien ganzer vier Monate lang die Untersuchungen über die Giftmischereien fest, die er größtentheils, weil es so zweckdienlicher schien, außerhalb der Stadt in den Freistädten und Marktplätzen anstellte. Will man dem Valerius von Antium glauben, so verurtheilte Nävius an zweitausend Menschen. Auch zog der Prätor Lucius Postumius, welcher zu seinem Standorte Tarent bekommen hatte, eine Menge Hirten wegen Zusammenrottungen zur Strafe, und betrieb den Verfolg der Untersuchung über die Bacchanalien mit aller Sorgfalt. Eine 62 Menge Menschen, die entweder auf die Vorladung nicht gekommen, oder ihren Bürgen davongegangen waren und sich in dieser Gegend Italiens verbargen, erklärte er theils für schuldig, theils schickte er sie als Verhaftete nach Rom an den Senat. Sie Alle wurden vom Publius Cornelius in den Kerker geworfen. 42. Im jenseitigen Spanien herrschte Ruhe, weil die Lusitanier im letzten Kriege gedemüthigt waren. Im diesseitigen eroberte Aulus Terentius die Stadt Corbio im Suessetanischen durch Annäherungshütten und Werke, und verkaufte die Einwohner zu Sklaven. Nun hatten auch auf dem diesseitigen Posten die Winterquartiere Ruhe. Die früheren Prätoren, Cajus Calpurnius Piso und Lucius Quinctius gingen nach Rom zurück. Beiden wurde mit großer Einstimmung der Väter der Triumph zuerkannt. Zuerst triumphirte Cajus Calpurnius, über die Lusitanier und Celtiberer. Er brachte dreiundachtzig goldene Kränze mit und zwölftausend Pfund Silber Etwa 375,000 Gulden Conv. M. . Wenig Tage nachher triumphirte Lucius Quinctius Crispinus, ebenfalls über die Lusitanier und Celtiberer. In diesem Triumphe wurde eben so viel Gold und Silber aufgefahren. Nun erfolgte unter banger Erwartung die Musterung des Senats durch die Censoren Marcus Porcius und Lucius Valerius. Sie stießen sieben aus dem Senate, und unter diesen Einen, durch Adel und Ehrenämter von Auszeichnung, den Consular Lucius Quinctius Flamininus. – Es soll zu unsrer Väter Zeiten Sitte geworden sein, daß die Censorn dem Namen der aus dem Senate Gestoßenen ihre Anmerkungen schriftlich beisetzten. Vom Cato hingegen sind ganze Reden voll Bitterkeit, freilich auch gegen Andre vorhanden, denen er entweder den Senatorenrang, oder das Ritterpferd nahm: allein bei weitem die heftigste ist die Rede gegen den Lucius Quinctius : und hatte er sie noch vor der censorischen Rüge nur als Ankläger, nicht als Censor nach dieser Rüge gehalten, so 63 würde doch selbst Titus Quinctius, wenn er jetzt Censor gewesen wäre, seinen eignen Bruder Quinctius nicht haben im Senate halten können. Unter andern wirft er ihm vor, er habe seinen geliebten und bekannten Schandbuben, den Punier Philippus, durch die Hoffnung großer Geschenke vermocht, ihm von Rom nach Gallien, seinem Standorte, zu folgen. Dieser Bube habe dem Consul, den er aus Muthwillen neckte, oft einen Vorwurf daraus gemacht, daß er sich, um mit seinen Gefälligkeiten immer für den Liebhaber bereit zu sein, gerade gegen die Zeit der Klopffechterspiele von Rom habe müssen wegführen lassen. Einst beim Schmause, als der Wein sie schon erhitzt hatte, sei über Tafel gemeldet, daß ein vornehmer Bojer als Überläufer mit seiner Familie angekommen sei. Er wünsche den Consul zu sprechen, um die Zusicherung des Schutzes von ihm in Person anzunehmen. Nach seiner Einführung in das Zelt habe er angefangen, durch einen Dollmetscher sich mit dem Consul zu unterreden. Mitten in der Rede des Mannes fragte Quinctius seinen Buben: «Hast du Lust, weil du doch die Augenweide des Fechterspiels hast im Stiche lassen müssen, jetzt diesen Gallier sterben zu sehen?» Und er hatte kaum in halbem Ernste dazu genickt, als der Consul auf den Wink eines Schandbuben sein Schwert zog, das ihm zum Haupte hing, dem Gallier während seiner Rede zuerst einen Hieb in den Kopf gab, und als er fliehend den Römischen Stat und alle Anwesende zu seinem Schutze aufrief, ihn durchbohrte. 43. Valerius von Antium führt uns das Stück, weil er vielleicht die Rede des Cato nicht gelesen hatte, und sich nur an eine unverbürgte Sage hielt, nach einem andren Inhalte auf, der aber, was Unzucht und Grausamkeit betrifft, jenem ähnlich ist. Er berichtet, Quinctius habe zu Placentia eine berüchtigte Person, in die er sterblich verliebt war, zu seinem Schmause holen lassen. Hier habe er, um gegen seine Dirne groß zu thun, unter andern erzählt, wie scharf es bei seinen Untersuchungen hergegangen sei, und wie viele zum Tode Verurtheilte er in 64 Haft habe, deren Köpfe unter dem Beile fallen sollten. Da habe sie, die ihm zur Linken zu Tische lag, gesagt, sie habe noch nie mit dem Beile köpfen sehen, und wünsche sehr, es zu sehen. Und nun habe der gefällige Liebhaber Einen von jenen Unglücklichen herbeischleppen und mit dem Beile enthaupten lassen. Mag die That auf die Art begangen sein, wie sie ihm der Censor vorgeworfen hat, oder wie sie Valerius berichtet, so bleibt es immer grausam und abscheulich, wenn beim Becher und über dem Mahle, wo es Sitte ist, den Göttern ihren Antheil zu weihen und Segenswünsche zu sprechen, einem frechen unzüchtigen Geschöpfe, das dem Consul in den Armen lag, zur Augenweide, ein Mensch als Opferthier geschlachtet und die Tafel mit Blut bespritzt ward. Am Schlusse seiner Rede thut Cato dem Quinctius den Antrag, wenn er diese und die andern ihm vorgeworfenen Thaten leugnen wolle, so möge er nach Verbürgung einer Geldsumme sich vertheidigen; gestehe er sie aber ein, ob er dann glaube, daß seine Beschimpfung irgend jemand nahe gehen werde, da er selbst, von Wein und Liebe sinnlos, mit dem Blute eines Menschen bei einem Schmause gespielt habe. 44. Bei der Musterung der Ritter wurde dem Lucius Scipio Asiagenes das Pferd genommen. Auch bei der Annahme der Vermögensangaben war diese Censur strenge und hart gegen alle Stände. Was an weiblichen Putzsachen, Kleidungsstücken und Fuhrwerken Daß diese von den Censorn gemachte Auflage das Werk des Cato war, glaubt man so viel eher, wenn man sich aus B. XXXIV. 1.  2. 3. erinnert, daß Cato schon als Consul gegen die Damen das Oppische Gesetz beibehalten wissen wollte, worin es hieß: Ne qua mulier plus semunciam auri haberet, neu vestimento versicolori uteretur, neu iuncto vehiculo in urbe u. s. w. mehr als funfzehntausend Ass kostete, das mußten die Listenführer in censum referre viatores iussit]. – Die viatores, deren Geschäft zu niedrig war, als daß sie bei der Schatzung aller, selbst der vornehmsten Römer, die Registratoren hätten vorstellen können, sind hier wahrscheinlich mit Recht Allen anstößig, da sie, als servi publici, nicht einmal cives Romani, sondern nur liberti waren, vielleicht meistens nicht schreiben konnten, und hauptsächlich dazu gebraucht wurden, botenweise zu gehen und die Vornehmen von ihren Villen in den Senat zu laden. Gronovs Vorschlag: in censum de ferre iuratos iussit, hat beim ersten Anscheine viel Empfehlendes. Allein seine Vermuthung steht und fällt mit der Lesart iussit; und diese kann doch wohl nicht die richtige sein. Worauf soll iussit sich beziehen? Auf das vorhergegangene Wort censura? Livius konnte sehr richtig sagen: tristis et aspera censura fuit; wie man sagen kann: Scipionis consulatus insignis fuit. Allein Valerii et Catonis censura iussit würde in dem hier erforderlichen Sinne eben so unlateinisch sein, wie Scipionis consulatus iussit. – So ist vielleicht zu iussit das Wort Cato zu suppliren? Auch dies kann nicht sein; denn Livius spricht hier noch von beiden Censoren. Im vorigen Cap. hieß es: senatum legerunt: septem moverunt senatu; dann kam er auf Cato's Rede gegen den L. Quinctius. Nun leitet er wieder auf beide ein: Scipioni ademtus equus; (nicht: Cato ademit equum) und: censura (scil. amborum) tristis et aspera fuit. Eben so fährt er nachher fort: ademerunt; demoliti sunt. Und was jeder Censor allein gethan habe, bemerkt er ausdrücklich erst nachher: Et separatim Flaccus molem (locavit), Cato atria duo. Also auch aus diesem Grunde kann zwischen die Verrichtungen beider Censoren nicht im Singular iussit, ohne den Cato ausdrücklich zu nennen, eingeschaltet und auf den Cato allein gedeutet werden. Bemerkt man ferner, daß auf das Wort iussi (denn dies ist die seit 1535 aufgenommene Lesart) it in item unmittelbar folgt, so wird es um so viel wahrscheinlicher, daß die Abschreiber das zusammengelesene iussi it in iussit verwandelten, und daß die ehemalige Lesart iussi nicht verdrängt werden mußte. Ist aber iussi richtig, so fällt Gronovs de ferre iu rat os, das außerdem an zwei Worten Änderungen vornimmt, von selbst weg. Ich denke, jeder, dem die Sorge für ein gewisses Geschäft übertragen wird (cui muneris, cui negotii cura committitur), sei es eine Registratur oder eine Bienenwartung, heißt im Lateinischen curator. So finden sich nicht nur curatores ludorum, viae, reficiendi Capitolii, sondern auch apum, gregis, gallinarii etc. Wie, wenn Livius hier diejenigen, quorum curae commissae erant tabulae, censoribus exscribendae, digerendae et exhibendae (die Registratoren und Verfertiger der Verzeichnisse) curatores genannt hätte? Und wirklich lesen hier sechs Handschriften iuratores, wo nur aus dem c ein i gemacht ist. Und für diejenigen Abschreiber, welche das c in curatores, wegen seiner Ähnlichkeit mit dem letzten e in referre, übersahen, blieb fast kein anderes Mittel, eine erträgliche Lesart zu schaffen, als aus uratores ihr uiatores zu bilden. Dann bliebe übrigens die alte Lesart stehen: Ornamenta et vestem – – in censum referre curatores iussi. Wenn ich mir auch selbst den Einwurf mache, daß Popina unter den servis publicis eine Classe aus dem Corpore Iuris nachweiset, welche curatores hießen, und daß eben so die Curatores gallinarii oder gregis nichts anders waren, als Sklaven, daß wir also doch vielleicht wieder auf Freigelassene od. Sklaven zurückkämen; so gab es doch auch curatores genug, die keine Sklaven waren, z. B. Capitolii reficiendi; und waren auch die an unsrer Stelle gemeinten wirklich servi publici, wie 43, 16. 13., so passet doch – (außerdem, daß die Msc. meinem Vorschlage so nahe kommen) – auch dann die allgemeinere und ehrenvollere Benennung curatores besser, als die schlechtere Classe der bloß zu Umläufern gebrauchten Viatoren, welche Liv. immer den scribis nachstehen lässet. 30, 39. 38, 51. als zur Vermögensteuer gehörig in Rechnung 65 bringen. Ferner alle Leibeigenen unter zwanzig Jahren, welche seit der letzten Schatzung mit zehntausend 312 Gulden. Ass oder 66 noch höher bezahlt waren, mußten zu dem zehnfach erhöheten Einkaufspreise angerechnet, und alle diese Dinge mit einer Steuer zu drei 18 Pfennige. Ass vom Tausend belegt werden. Die Censoren nahmen den Privatleuten alles Wasser, was diese aus öffentlichen Leitungen in ihre Häuser oder auf ihre Ländereien geführt hatten; und wo ein Privatmann mit seinem Hause oder aufgeführten Werke in den Gemeinboden hineingerückt war, da mußte er es in dreißig Tagen wegnehmen lassen. Die Werke, die sie dann von einer ihnen hierzu ausgesetzten Summe in Verding gaben, waren die Pflasterung der Wasserbehälter, die Reinigung der Abführungscanäle, wo sie nöthig war, und die Anlegung neuer auf dem Aventinus und in andren Theilen der Stadt, welche bisher noch keine hatten. Ein besonderes Werk des Flaccus war ein Damm nach Aquä Neptuniä, als künftiger Weg für jedermann, und eine Heerstraße über den Formianischen Berg. Cato hingegen kaufte dem State zwei Hallen, die Mänische und die Tizische, bei den Steinbrüchen, nebst vier Krambuden, und führte hier das nachher so genannte Porcische Statsgebäude auf. Die Zollpachten brachten sie gegen die höchsten Gebote unter, die Zahlungen ultro tributa]. – Dies sind die Zahlungen, welche die Statscasse nicht empfängt, sondern welche sie von ihrer Seite (ultro) zu machen hat. So erklären dies Turnebus, Lipsius, Gruter, Duker u. A. sehr richtig. Aus den früheren Ausgaben des Glossar. Liv. Ern. ist eine unrichtige Erklärung dieses ultro auch in neuere Commentare übergegangen. Dort wird nämlich ultro durch freiwillig erklärt, und hinzugesetzt: Dicuntur ultro tributa, quia sunt arbitrii liberi, quum liberum sit, velis aedificare, nec ne. Ernesti zog dies ultro unrichtig auf die Pächter. Dann mußte es aber ultro in se recepta heißen; denn die Pächter sind hierbei nicht dantes oder tribuentes, sondern accipientes. Wenn aber diese Gelder aus der Kammer dantur, erogantur oder tribuentur, wenn die Casse diesmal von ihrer Seite die Zahlende ist, so geht dies ultro auf sie, nicht auf die Pächter. Auch heißt es in Dukers Note bei Drakenborch: Eadem, quae Turnebus, dicit Lipsius, et caussam nominis explicat, quia non capiebantur, sed res p. ipsa ea mancipibus ultro dabat. Dies ultro, welches oft durch vielmehr, sogar, zuvorkommend, übersetzt werden kann, heißt auch oft so viel, als von dieser Seite, von unserer Seite, wie z. B. XXIII. 38. Die Römer, die einen Krieg mit Macedoniens Philipp fürchten, denken darauf, quemadmodum ultro inferendo bello averterent ab Italia hostem, wie sie durch einen Angriff von ihrer Seite diesen Feind von Italien abwenden wollen. In der Schäferschen Ausgabe des Glossariums ist schon die unrichtige Erklärung weggelassen. aus der 67 Statscasse gegen die niedrigste Forderung. Als der Senat, gerührt durch die Bitten und Thränen der Pächter, die Pachtverträge aufzuheben und eine neue Verpachtung vorzunehmen befahl, schlossen die Censoren durch eine Bekanntmachung diejenigen, welche die erste Verpachtung rückgängig gemacht hatten, von den Bietenden aus, und verpachteten Alles wieder zu einem etwas herabgesetzten Preise. Diese Censur zeichnete sich aus, und sie veranlaßte viele Feindschaften, die dem Marcus Porcius, dem man ihre Härte zuschrieb, sein ganzes Leben hindurch zu schaffen machten. In diesem Jahre wurden auch zwei Pflanzungen, die eine in das Picenische, nach Potentia, die andre in das Gallische Gebiet, nach Pisaurum, abgeführt. Jedem Pflanzbürger wurden sechs Morgen Landes angewiesen. Die Landvertheilung, so wie die Abführung der Pflanzer hatten in beiden dieselben Dreiherren, Quintus Fabius Labeo und die beiden Fulvius, Marcus und Quintus, jener mit Zunamen Flaccus, dieser Nobilior. Die Consuln dieses Jahres verrichteten nichts Denkwürdiges, weder zu Hause, noch im Felde. Für das folgende Jahr wählten sie den Marcus Claudius Marcellus und den Quintus Fabius Labeo zu Consuln. 45. Am funfzehnten März, dem Antrittstage ihres Consulats, brachten Marcus Claudius und Quintus Fabius die Vertheilung der Standplätze unter sie und die Prätoren zum Vortrage. Die gewählten Prätoren waren Cajus Valerius , Jupiters Eigenpriester und schon im vorigen Jahre Bewerber um die Prätur; ferner Spurius Postumius Albinus und Publius Cornelius Sisenna, Lucius Pupius, Lucius Julius, Cneus Sicinius. Den Consuln wurde zu ihrem Standplatze Ligurien bestimmt, mit eben den Heeren, welche Publius Claudius und Lucius Porcius gehabt hatten. Beide Spanien wurden, ohne darum zu losen, den vorjährigen Prätoren nebst ihren Heeren gelassen. Die Prätoren mußten so losen, daß dem Eigenpriester Jupiters durchaus die eine der beiden 68 Rechtspflegen zu Rom vorbehalten blieb. Er zog die über die Fremden. Den Cornelius Sisenna traf die in der Stadt, den Spurius Postumius Sicilien, den Lucius Pupius Apulien, den Lucius Julius Gallien, den Cneus Sicinius Sardinien. Lucius Julius bekam Befehl, zu eilen. Denn die Gallier jenseit der Alpen waren, wie oben gesagt ist, durch die Gebirgspässe eines vorher unbekannten Weges nach Italien herübergegangen und legten auf dem Gebiete, das jetzt zu Aquileja gehört, eine Stadt an. Der Prätor erhielt den Auftrag, so viel ihm ohne Krieg möglich sein würde, sie hieran zu hindern. Müßten sie mit gewaffneter Macht abgehalten werden, so möge er die Consuln benachrichtigen. Dann sollte der Eine von ihnen die Legionen gegen die Gallier ducere legiones.] – So gleichgültig in den meisten Fällen die Abtheilung in Capitel sein mag, so spricht doch im Anfange sowohl, als am Schlusse dieses Capitels, der schicklichere Zusammenhang für die von Crevier getroffene Abtheilung, welcher ich gefolgt bin. führen. 46. Am Ende des vorigen Jahrs hatte das Gesamtamt der Augurn comitia habita]. – Mein Vorschlag, dieser schwierigen Stelle zu helfen, ist folgender. Drakenb. sagt: Totum locum ita exhibet editio Moguntina: Extremo prioris anni comitia auguris creandi habita erant. in demortui Cn. Cornelii locum creatus erat Sp. Post. Alb. Editores vero monuerunt, CODICEM SVVM OPTIMVM legere: in demortui C.  Cornelii Lentuli locum. – Den Zunamen Lentulus nimmt auch Drakenb. auf; denn Livius führt bei allen hier erwähnten Wiederbesetzungen der Priesterthümer die Männer mit allen ihren drei Namen auf, und der Zusatz Lentuli sieht keiner Erfindung eines Abschreibers ähnlich. Den Vornamen Cn. aber behält Drakenb. gegen den Mainzer Codex bei, wie ich glaube, auch mit Recht, weil Cn. Cornelius Lentulus, als der weit angesehenere Mann, vermuthlich auch Augur war. Wie nun aber Drak. und Duker mit Gruchius der Hauptschwierigkeit abhelfen wollen, nämlich der, daß hier schon im J. 568 Comitien zu einer Augurwahl vom Volke gehalten wären, da doch erst im J. 650 dem Volke dies gestattet wurde, und beständig bis dahin das collegium augurum selbst per cooptationem seine erledigten Plätze besetzt hatte; dies bitte ich, bei Drakenb. selbst nachzusehen. Ich halte mich mit Drakenb. an den Codex Optimus, so weit ich kann; lese aber statt comitia – – habita erant lieber cooptatio – – habita erat. Das fremdere Wort cooptatio, noch unkenntlicher, wenn es in der Verkürzung co opt io geschrieben, oder auch verblichen war, verwandelte der Abschreiber, weil doch von einer Wahl die Rede war, in das ihm bekanntere comitia. Da cooptatio eine Handlung ist, so denke ich, cooptationem habere sei eben so gut Latein, als orationem, disputationem, quaestionem, conquisitionem, contentionem, comitia habere. Ich lese also: Extremo prioris anni cooptatio auguris creandi habita erat. In demortui Cn. Cornelii Lentuli locum creatus erat Sp. Postum. Albinus. einen erledigten Platz besetzt: an die 69 Stelle des verstorbenen Cneus Cornelius Lentulus war Spurius Postumius Albinus gewählt. Zu Anfange dieses Jahrs starb der Hohepriester Publius Licinius Crassus. An seine Stelle wählte das Gesamtamt den Marcus Sempronius Tuditanus zum Oberpriester; Hoherpriester aber wurde Cajus Servilius Geminus. Bei der Leichenfeier des Publius Licinius war eine Fleischvertheilung; hundert und zwanzig Klopffechter kämpften; drei Tage lang wurden Leichenspiele angestellt und nach den Spielen ein Gastmahl. Als hierzu der ganze Markt schon mit Tafellagern besetzt war, nöthigte ein Ungewitter, das unter großen Stürmen ausbrach, die meisten, auf dem Markte Zelte aufzuschlagen, die aber bald nachher, als es sich von allen Seiten aufklärte, wieder weggenommen wurden. Und nun war man, wie man sich im Volke sagte, darüber hinaus, daß nach der Angabe der Seher zu den Verhängnissen auch dies gehörte: Es müßten einst auf dem Markte Zelte zu stehen kommen. Als sie sich dieser frommen Besorgniß entledigt sahen, waren sie von einer andern befallen, weil es zwei Tage lang auf dem Vulcanusplatze Blut geregnet haben sollte; und die Zehnherren hatten zur Sühne dieses Schreckzeichens einen Bettag angesetzt. Ehe die Consuln nach ihren Standorten aufbrachen, stellten sie die über das Obermeer gekommenen Gesandschaften dem Senate vor: und nie waren vorher in Rom der Menschen aus jenen Gegenden so viele gewesen. Denn seitdem sich unter den Völkern, welche an Macedonien gränzen, das Gerücht verbreitet hatte, daß man zu Rom die Beschuldigungen und Klagen gegen Philipp nicht gleichgültig anhöre, daß Manche sogar von ihren Klagen Vortheil gehabt hätten, meldeten sich zu Rom Städte und Völkerschaften, jede in ihrer Angelegenheit, ja auch Einzelne in ihrer eigenen Sache – denn er war ihnen Allen ein beschwerlicher Nachbar – entweder in Hoffnung, die Bedrückung gemildert zu sehen, oder doch Tröstung für ihre Thränen zu finden. Auch vom Könige Eumenes kam eine Gesandschaft mit seinem Bruder Athenäus, um Klage 70 zu führen, theils, daß die Besatzungen noch nicht aus Thracien abgeführt würden, theils, daß Philipp dem Prusias zum Kriege gegen den Eumenes Hülfstruppen nach Bithynien geschickt habe. 47. Auf das Alles sollte nun der noch so junge Demetrius antworten, da es gar nicht leicht war, bald die ihm gemachten Vorwürfe, dann wieder, was er darauf zu erwiedern hatte, ins Gedächtniß zu fassen, Denn es waren nicht allein der Punkte viele, sondern die meisten auch sehr unbedeutend; es waren Gränzstreitigkeiten, Klagen über geraubte Menschen und weggetriebene Heerden, über willkürlich gesprochenes oder gar nicht gesprochenes Recht, über Entscheidungen durch Machtsprüche oder nach Gunst. Da der Senat einsah, daß Demetrius über keinen dieser Punkte eine lichtvolle Darstellung geben, und er selbst von ihm die gehörige Aufklärung nicht erwarten könne, zugleich auch den Jüngling bei seiner Probearbeit und Verlegenheit bedauerte, so ließ er bei ihm anfragen, ob er hierüber von seinem Vater nichts Schriftliches erhalten habe. Der Prinz bejahete es; und nun fand man nichts für nöthiger und dienlicher, als sich des Königs eigne Beantwortung der einzelnen Punkte geben zu lassen. Man verlangte den Aufsatz vom Sohne, überließ es ihm aber nachher, selbst ihn vorzulesen. Bei jedem Umstande hatte Philipp die Gründe kurz zusammengestellt, so daß er bei einigen nachwies, er habe so nach den Verfügungen der Abgeordneten gehandelt; bei andern, wenn er nicht so gehandelt habe, so liege dies nicht an ihm, sondern an den Klägern selbst. Hin und wieder hatte er auch Klagen angebracht, über die Unbilligkeit der Verfügungen; wie man sich in der Auseinandersetzung vor dem Cäcilius so wenig unparteiisch gezeigt habe, und wie empörend er und ohne alles sein Verschulden von Allen gehöhnt sei. Diese Beweise von Erbitterung merkte sich der Senat. Da indeß der Prinz einige Punkte entschuldigte, bei andern sich verbürgte, es solle so geschehen, wie es der Senat am liebsten sähe, so beschloß man, die Antwort so zu geben: «Sein Väter habe in keinem 71 Stücke mehr recht gehandelt, und mehr dem Willen des Senats gemäß, als daß er, wie es sich auch um die geschehenen Dinge verhalten möge, durch seinen Sohn Demetrius den Römern habe Genugthuung geben wollen. Die Väter könnten von den Vergangenheiten manche nicht wissen wollen, manche vergessen, manche duldend ertragen, sie glaubten auch, daß Demetrius Glauben verdiene. Denn noch sei ihnen seine Liebe als Geisel geblieben, ob sie gleich die Person dem Vater zurückgegeben hätten; und sie wüßten, daß er der Römer Freund sei, so weit er es ohne Verstoß gegen die kindliche Liebe sein könne. Aus ehrenvoller Rücksicht auf ihn wollten sie Gesandte nach Macedonien schicken, damit dies oder jenes, was nicht so geschehen sei, wie es hätte geschehen sollen, sich auch jetzt noch ohne Straffälligkeit für das Vergangene nachholen lasse. Auch wünschten sie, der König möge darin, daß es mit Roms Freundschaft gegen ihn völlig bei dem Alten bleibe, ein verdienstliches Werk seines Sohns Demetrius erkennen.» 48. Gerade das, was man gethan hatte, dem jungen Manne einen höheren Werth zu geben, veranlaßte sogleich Haß gegen ihn, und bald sogar seinen Untergang. Nun wurden die Lacedämonier dem Senate vorgestellt. Hier kamen viele und kleine Streitigkeiten zur Sprache; was aber den Hauptinhalt ausmachte, war, ob die von den Achäern Verurtheilten wieder eingesetzt werden sollten, oder nicht; ob sie die Getödteten unrechtmäßig oder mit Recht getödtet hätten. Auch kam es darüber zur Frage, ob die Lacedämonier im Achäischen Bunde bleiben, oder ob sie, wie vormals, der einzige Stat im Peloponnes sein sollten, der seine besondre Verfassung habe. Es wurde beschlossen, die Verurtheilten sollten wieder eingesetzt und die gegen sie ergangenen Aussprüche widerrufen werden; Lacedämon solle im Achäischen Bunde bleiben, dieser Beschluß aufgesetzt und von den Lacedämoniern und Achäern unterzeichnet werden. Als Gesandter nach Macedonien mußte Quintus Marcius abgehen. Zugleich erhielt er Befehl, sich 72 im Peloponnes über die Lage der Bundsgenossen zu unterrichten: denn auch hier waren noch Unruhen die nachgebliebene Folge der ehemaligen Uneinigkeit; und Messene war vom Achäischen Bunde abgefallen. Wollte ich die Ursachen und den Gang dieses Krieges darlegen, so müßte ich den Vorsatz vergessen, der mich bestimmte, die Angelegenheiten des Auslandes nur in so weit zu berühren, als sie mit der Römischen Geschichte zusammenhängen. 49. Allein sein Ausgang war merkwürdig, weil Philopömen, der Prätor der Achäer, ob sie gleich im Felde |Sieger waren, in Gefangenschaft gerieth, da ihn die Feinde auf seinem Wege Coronen [profectus]. – Die Übersetzung, auf seinem Wege nach Corone, kann ich stehen lassen, wie meine Leser gleich sehen sollen; das eingeschobene Wort profectus mag stehen bleiben oder nicht. Drakenb. sagt, in keiner einzigen seiner Handschriften, auch in keiner alten Ausgabe vor 1553 finde sich dieses profectus. Doch glaubt er, es könne nicht entbehrt werden. Er meint nämlich in Rücksicht auf ad praeoccupandam Coronen. Doch hat er profectus eingeklammert, um es als fremden Zusatz zu bezeichnen. Crevier hat die Klammern weggelassen,, und scheint eben so das Wort nicht entbehren zu wollen. Und doch giebt es im Zusammenhange, weil es ohne Copula mit oppressus verbunden ist, eine wahre Härte. Diese hat auch Hr.  Döring gefühlt, und schlägt deswegen vor, das Wort praeoccupandam wegzustreichen; so kann auch profectus entbehrt werden, und der Zusammenhang ist dieser: capitur, ad – Corone – – oppressus. Allein dies Wort praeoccupandam möchte ich, da ohnehin alle Msc. und alle alten Ausgaben für dasselbe sprechen, auch deswegen nicht entbehren, weil sonst die Worte quam hostes petebant unnöthig sind. Wird Philopömen bei Corone von Feinden gefangen, so versteht es sich ohnehin, daß Feinde dort in der Nähe waren: dann konnte Livius den Zusatz quam hostes petebant, als sehr überflüssig, weglassen. Vielmehr stützen sich die Worte quam hostes petebant und ad praeoccupandam einander wechselseitig. – Mich dünkt, Livius habe geschrieben: capitur, ad praeoccupandam Coronen, quam hostes petebant, in via, in valle cet. Die auf inuia folgenden Buchstaben inua von in valle) waren Schuld daran, daß in via ausfiel. Der Sinn wäre dann dieser: capitur, (quum) in via (esset) ad praeoccupandam Coronen cet. Sollte man dagegen einwenden, die Worte in via ständen nicht gut so nahe bei in valle, und würden, wenn sich Livius ihrer bedient hätte, in folgender Verbindung stehen müssen; capitur, in via ad praeocc. Coronen, – so antworte ich: Zu Philopömens Entschuldigung – und daß Livius Alles zusammenstellt, um den großen Feldherrn zu entschuldigen, sieht man offenbar aus dem Nächstfolgenden – konnte Livius, meiner Meinung nach, die Worte nicht besser stellen, als in der Gradation so nahe beisammen: in via, in valle iniqua, cum equitibus paucis. So nimmt er den Siegern alles Verdienst. Und eben so, wie hier profectus durch in via ausgedrückt wird, sagt Liv. 36,  11., wo es hätte heißen können: praeter Chalcidem et Lysimachiam profectus, ad Stratum suis occurrit, lieber so, wie hier: viâ, quae praeter Ch. et Lys, fert, ad Stratum suis occurrit. nach Corone – welches er, weil sie 73 dagegen anrückten, früher besetzen wollte – in einem beengenden Thale mit seiner kleinen Anzahl Reuter übermanneten. Man sagt, er für seine Person habe unter der Bedeckung von Thraciern und Cretensern entkommen können. Allein das Schamgefühl seine Ritter zu verlassen, die edelsten im Volke, die er selbst erst neulich ausgesucht hatte, hielt ihn zurück. Während er selbst durch Zusammenhalten des Zuges, ihnen den Ausweg aus dem engen Passe möglich machte, und die Angriffe der Feinde aushielt, stürzte ihm das Pferd; und theils von seinem eigenen Falle, theils von der Last des über ihn hingesunkenen Thiers, blieb er beinahe auf der Stelle todt; schon ein siebzigjähriger Mann, dessen Kräfte durch eine lange Krankheit, von der er sich so eben erholte, noch sehr geschwächt waren. In dieser Lage bemächtigten sich seiner die über ihn herstürzenden Feinde; und als sie ihn erkannten, hoben sie ihn gleich zuerst, aus Achtung und Erinnerung an seine Verdienste, von der Erde, nicht anders, als wäre er ihr eigener Feldherr, brachten ihn wieder zu sich, und trugen ihn aus dem abgelegenen Thale auf die Heerstraße, indem sie vor unerwarteter Freude kaum sich selber trauten. Andre schickten Boten nach Messene mit der Nachricht vorauf: Der Krieg sei zu Ende; sie brächten den Philopömen gefangen. Zuerst schien die Sache so unglaublich, daß man den Boten nicht bloß für einen Lügner, sondern kaum für bei Sinnen hielt. Als aber einer über den andern, Alle mit gleicher Aussage, ankamen, fand sie endlich Glauben; und ehe sie noch mit Sicherheit wußten, ob auch der Zug der Stadt schon näher komme, strömten Alle zu diesem Schauspiele hinaus, Freie und Sklaven, Kinder und Weiber. Folglich stopften die Haufen von Menschen das Thor, weil es Jedem für seine Person so vorkam, als könnte er das große Ereigniß kaum fassen, wenn er es nicht seinen eignen Augen glauben müßte. Nur mit Mühe durch die Entgegeneilenden sich durchdrängend kamen die, die den Philopömen brachten, ins Thor. Ein eben potuerunt, atque turba conferta]. – Ich folge der glücklichen Vermuthung des Hrn. Walch: potuerunt. Aeque conferta turba, um so viel lieber, weil alle Msc. und die ältesten Ausgaben nicht turba conferta, sondern conferta turba lesen, so daß man sehen kann, die unrichtige Versetzung sei erst der falschen Lesart atque zu Gunsten vorgenommen. so 74 dichter Volksschwarm hatte den übrigen Weg gesperrt: und da der größte Theil vom Anblicke ausgeschlossen war, so besetzten sie geschwind das nahe an der Gasse stehende Schauspielhaus und riefen Alle einstimmig, Philopömen solle dem Volke zur Schau hieher gebracht werden. Die Obrigkeit und die Vornehmeren, aus Besorgniß, das Mitleiden mit einem so großen Manne, wenn er vor den Leuten dastände, könne Bewegungen veranlassen, wenn die Einen durch die Ehrfurcht für seine ehemalige Größe im Vergleiche mit seinem gegenwärtigen Schicksale, die Andern durch die Erinnerung an seine außerordentlichen Verdienste sich rühren ließen, stellten ihn den Zuschauern nur in einiger Ferne auf. Bald wurde er ihren Augen plötzlich wieder entzogen, und der Prätor Dinocrates sagte, die Obrigkeit wolle ihn über einige den Krieg betreffende Hauptpunkte vernehmen. Er wurde von hier auf das Rathhaus abgeführt, der Senat berufen und die Rathschlagung begann. 50. Schon kam der Abend heran, und sie hatten noch nichts von Allem aufs Reine gebracht, nicht einmal das, wo sie ihn auf die nächste Nacht mit völliger Sicherheit verwahren könnten. Vor der Größe seines ehemaligen Glücks und seiner Tapferkeit waren sie in Staunen gerathen; und niemand hatte Muth genug, ihn zur Bewachung selbst zu sich ins Haus zu nehmen, und getrauete sich doch nicht, irgend einem Einzelnen die Bewachung zu übertragen. Da brachten Einige in Erinnerung, man verwahre ja den öffentlichen Schatz unter der Erde in einer Einfassung von Quadersteinen. Hier ließ man ihn gebunden hinab, und der Deckel, ein ungeheurer Stein, wurde vermittelst eines Hebezeuges darüber gelegt. In der Überzeugung, sich bei diesem Gefangenen lieber auf den Ort verlassen zu müssen, als auf irgend einen Menschen, erwarteten sie den folgenden Morgen. Die 75 unbefangene Volksmenge, eingedenk der ehemaligen Verdienste des Mannes, selbst um ihren Stat, stimmte dafür, seiner zu schonen und durch ihn die Abstellung ihrer gegenwärtigen Leiden auszumitteln: allein die Urheber des Abfalls, in deren Hand die Regierung war, waren in ihren geheimen Berathschlagungen Alle über seinen Tod einig, und nur darüber ungewiß, ob sie ihn beschleunigen, oder aufschieben sollten. Die mordgierige Partei behielt die Oberhand, und das Gift wurde ihm durch einen Abgeschickten überbracht. Als er den Becher hingenommen hatte, soll er weiter nichts gesagt, sondern bloß gefragt haben: «Ob Lycortas » – dies war der andre Feldherr der Achäer – «und die Ritter sich glücklich gerettet hätten.» Als man ihm dies versicherte, sagte er: «So steht Alles gut;» trank den Becher unerschrocken aus und verschied bald nachher. Seines Todes freuten sich die, deren Werk diese Grausamkeit war, nicht lange. Das besiegte Messene lieferte den fordernden Achäern die Schuldigen aus und gab Philopömens Gebeine zurück. Bei seinem Begräbnisse folgte der ganze Achäische Landtag, und man überhäufte ihn so mit aller Art menschlicher Ehre, daß man es sogar an göttlicher nicht fehlen ließ. Griechische und Lateinische Geschichtschreiber legen diesem Manne einen so hohen Werth bei, daß es Einige von ihnen, gleichsam zur kenntlichen Bezeichnung dieses Jahrs, der Nachwelt aufbehalten haben, es wären in diesem Jahre drei berühmte Feldherren mit Tode abgegangen, Philopömen, Hannibal, Publius Scipio. So ganz setzten sie ihn den größten Feldherren der beiden mächtigsten Staten gleich. 51. Zum Könige Prusias, welchen nicht nur die Aufnahme Hannibals nach Besiegung des Antiochus, sondern auch der gegen den Eumenes unternommene Krieg den Römern verdächtig machte; kam Titus Quinctius Flamininus als Gesandter. Hatte hier entweder Flamininus dem Prusias unter andern Vorwürfen auch den gemacht, daß er den Mann bei sich dulde, der unter allen lebenden Menschen Roms erbittertster Feind sei; der 76 zuerst sein Vaterland, und als dies seine Kräfte aufgeopfert hatte, den König Antiochus gegen Rom zum Kriege vermocht habe; oder hatte Prusias sich aus eigner Bewegung entschlossen, um sich seinem Gaste Flamininus und den Römern gefällig zu machen, den Hannibal hinzurichten oder auszuliefern: genug, gleich nach der ersten Unterredung mit dem Flamininus wurden Soldaten abgeschickt, Hannibals Wohnung zu besetzen. Einem solchen Ausgange seines Lebens hatte Hannibal im Geiste beständig entgegengesehen, weil er den unversöhnlichen Haß der Römer gegen ihn kannte, und auf die Zuverlässigkeit der Großen bauete er so gut als gar nicht. Vom Leichtsinne des Prusias hatte er ohnehin schon Proben, und gleich in der Ankunft des Flamininus hatte er den Vorboten seines Todes geahnet. Um bei allen diesen ihn von allen Seiten umringenden Gefahren immer noch einen Ausweg zur Flucht offen zu behalten, hatte er seiner Wohnung sieben Ausgänge gegeben, und einige versteckt genug, damit keine Wache sie besetzen möchte. Allein die Machtgewalt der Großen laßt nichts unaufgespürt, was sie erforschen wollen. Der ganze Umfang des Hauses wurde so mit Wachen umsetzt, daß hier niemand entkommen konnte. Hannibal, der auf die Anzeige, im Vorhause ständen königliche Soldaten, aus der Hinterthür zu entfliehen suchte, die am meisten abgelegen und der geheimste Ausgang war, als er auch diese von vortretenden Soldaten gesperrt und Alles rundum von Wachen geschlossen sah, forderte das Gift, das er auf solche Fälle längst in Bereitschaft hielt. «So will ich denn die Römer,» sprach er, «von ihrer anhaltenden Besorgniß erlösen; weil es ihnen doch zu lange währt, den Tod eines Greises abzuwarten. Der Sieg, mit welchem Flamininus heimkehrt, über einen Wehrlosen, über einen Verrathenen, ist weder groß noch ehrenvoll. Wie sehr sich aber die Römer in ihrer Art zu handeln geändert haben, davon wird selbst der heutige Tag ein Beweis sein. Ihre Väter warneten den König Pyrrhus, der, als Feind gewaffnet, mit einem Heere in Italien stand, sich vor Gift zu 77 hüten: und diese haben einen Consular als Gesandten hergeschickt, der den Prusias auffordern muß, seinen Gast durch ein Bubenstück zu morden.» Dann rief er Verwünschungen auf das Haupt und auf den Thron des Prusias herab, rief die gastlichen Götter zu Zeugen der von ihm gebrochenen Treue, und trank den Becher leer. so endigte Hannibal . 52. Nach Polybius und Rutilius starb in diesem Jahre Scipio. Ich stimme weder ihnen bei, noch dem Valerius von Antium. Ihnen nicht, weil ich finde, daß in der Censur des Marcus Porcius und Lucius Valerius der Censor Lucius Valerius selbst, als der erste Mann des Senats abgelesen sei, da es doch alle drei Mal in den letzten fünf Jahren Africanus gewesen war, bei dessen Leben, wenn er nicht aus dem Senate gestoßen wurde – und diesen Schimpf sagt ihm doch nicht ein einziger Schriftsteller nach – kein Anderer als erster Mann in seine Stelle eingesetzt sein würde. Und die Angabe des Valerius widerlegt der Umstand, daß die Rede des Publius Africanus in der Aufschrift den Bürgertribun Marcus Nävius als seinen Widersacher nennt. Dieser Nävius ist im Verzeichnisse der Obrigkeiten als Bürgertribun des Jahres angegeben, welches den Publius Claudius und Lucius Porcius [568] zu Consuln hatte: er trat aber sein Tribunat schon unter den Consuln Appius Claudius und Marcus Sempronius den zehnten December [567] an. Von hieran gerechnet bis zum funfzehnten März, an welchem Publius Claudius und Lucius Porcius ihr Consulat anfingen, sind noch drei Monate. Er hat also, wie es scheint, noch unter dem Tribunate des Nävius gelebt, und der Gerichtstag hat ihm von diesem angesetzt werden können, ist aber noch vor der Censur des Lucius Valerius und Marcus Porcius [568] gestorben. Diese drei Männer, jeder einer der berühmtesten seiner Nation, lassen sich in ihrem Tode nicht bloß seiner Gleichzeitigkeit wegen zusammenstellen, sondern auch, weil bei keinem von ihnen der Ausgang ihres Lebens dem Glanze desselben ganz entsprach. Gleich das Erste: keiner von ihnen 78 fand seinen Tod, fand sein Grab in der Vaterstadt. Hannibal und Philopömen kamen durch Gift um; Hannibal als Verbanneter und vom Gastfreunde verrathen; Philopömen endete als Gefangener in Kerker und Banden. Scipio, zwar nicht verbannet, nicht verurtheilt, aber doch, weil er auf den Gerichtstag als Beklagter nicht erschienen war, abwesend vorgeladen, entsagte der Heimat für sich und sein Grab durch freiwillige Verbannung. 53. Während dieser Vorgänge im Peloponnes – denn bei ihnen lenkte mein Vortrag ab – hatte die Rückkehr des Demetrius und der Gesandten nach Macedonien den Gemüthern eine sehr verschiedene Stimmung gegeben. Die gemeinen Macedonier, denen vor einem bevorstehenden Kriege mit den Römern grauete, sahen auf den Demetrius, als den Friedensvermittler, mit vieler Liebe, und zugleich bestimmten sie ihm mit fester Zuversicht nach des Vaters Tode den Thron. «Möchte er immerhin jünger sein, als Perseus, so sei er doch von einer rechtmäßigen Gemahlinn, jener aber von einer Lustdirne geboren. Jener, das Kind einer sich Jedem hingebenden Person, habe kein Kennzeichen von einem bestimmten Vater an sich: an diesem sei die auffallendste Ähnlichkeit mit Philipp sichtbar. Außerdem würden die Römer auf den väterlichen Thron gewiß den Demetrius setzen: Perseus habe bei ihnen nicht die mindeste Liebe.» So sprach man allgemein. Folglich ängstigte nicht bloß den Perseus die Besorgniß, das Alter allein möchte für ihn nicht geltend genug sein, da ihm in allen andern Stücken sein Bruder überlegen sei; sondern Philipp selbst sah in der Voraussetzung, daß es kaum von ihm abhängen werde, wen er als Thronerben hinterlassen wolle, seinen jüngern Sohn selbst gegen ihn mehr Gewicht bekommen, als ihm lieb war. Zuweilen fand er sich durch den Zusammenlauf der Macedonier um den Prinzen beleidigt, und äußerte voll Unwillen, es gebe schon bei seinem Leben einen zweiten Hofstat. Unstreitig hatte auch der Jüngling einigen Stolz mit zurückgebracht, weil er es fühlte, daß sich der Senat so begünstigend für ihn 79 erklärt, und ihm zugestanden hatte, was seinem Vater abgeschlagen war: und ein je größeres Ansehen ihm bei den übrigen Macedoniern jede seiner Berufungen auf die Römer lieh, desto größere Abneigung zog sie ihm nicht allein bei seinem Bruder, sondern auch bei dem Vater zu; vollends dann, als eine neue Römische Gesandschaft kam, und Philipp gezwungen wurde, Thracien zu räumen, seine Besatzungen abzuführen, und sich, entweder dem Beschlusse der vorigen Gesandten gemäß, oder nach der neuen Festsetzung des Senats, noch zu manchem Andern zu verstehen. Das Alles that er freilich mit innerem Grame und seufzend – um so mehr, weil er seinen Sohn fast häufiger in der Römer, als in seiner Gesellschaft sah – aber doch mit aller Folgsamkeit gegen diese, um ihnen keine Gelegenheit zum augenblicklichen Kriege zu geben. Um sich auch bei ihnen in Hinsicht ähnlicher Maßregeln außer allen Verdacht zu setzen, rückte er mit seinem Heere in die Mitte von Thracien, gegen die Odrysen, Dentheleter und Besser. Die Stadt Philippopolis, verödet durch die Flucht ihrer Bewohner, die mit ihren Familien auf die nächsten Höhen der Gebirge gezogen waren, besetzte er. Er ließ in Philippopolis eine Besatzung zurück, die aber bald von den Odrysen vertrieben wurde, und beschäftigte sich mit Anlegung einer Stadt im Deuriopus – dies ist eine Gegend Päoniens in der Nähe der alten Stadt Stobi, am Flusse Erigonus, der aus Illyricum durch Päonien fließt, und in den Strom Axius ausläuft. – Die neue Stadt Novam urbem]. – Mit diesen Worten fange ich, wie Perizon und Drakenborch es beide wollen, ein neues Punctum an. Doch kann ich dem ersten nicht darin folgen, daß er die Worte in Axium amnem editur haud procul Stobis zusammennimmt. Denn von dem Zusammenflusse dieser Ströme liegt Stobi ungemein weit nördlich. Drakenb. zieht die Worte am Flusse Erigonus auf die neu anzulegende Stadt, worin ich ihm folge. ließ er seinem älteren Sohne zu Ehren Perseis nennen. 54. Während dieser Vorgänge in Macedonien brachen die Consuln nach ihren Standplätzen auf. Marcellus ließ durch einen Voraufgeschickten bei dem Proconsul Lucius Porcius bestellen, er möge sich mit den Legionen 80 gegen die neue Stadt der Gallier ziehen; Bei seiner Ankunft ergaben sich dem Consul die Gallier. Sie waren zwölftausend Mann stark. Ihre Waffen hatten sie meistens in den Dörfern geraubt. Diese wurden ihnen zu ihrem großen Kummer genommen, auch was sie sonst noch entweder auf Plünderungen in den Dörfern geraubt, oder mitgebracht hatten. Hierüber ihre Klage anzubringen, schickten sie Gesandte nach Rom. Der Prätor Cajus Valerius stellte sie vor den Senat und sie erzählten: «Bei der übergroßen Volksmenge in Gallien wären sie aus Mangel an Land und aus Armuth über die Alpen gegangen, sich einen Wohnsitz aufzusuchen. Ohne jemand zu beleidigen, hätten sie auf einem Boden, den sie aus Mangel an Menschen ungebaut gefunden, sich niedergelassen; hätten auch angefangen eine Stadt zu bauen, welches Beweises genug sei, daß sie nicht gekommen wären, sich an fremden Ländereien oder Städten zu vergreifen. Da habe Marcus Claudius ihnen sagen lassen, wenn sie sich nicht an ihn ergäben, werde er sie bekriegen. Sie, aus Vorliebe für einen sichern, wenn auch minder ehrenvollen Frieden, gegen einen ungewissen Krieg, hätten sich mehr in den Schutz, als in die Gewalt der Römer hingegeben. Nach ein par Tagen habe man ihnen angedeutet, sowohl ihr Gebiet als ihre Stadt zu räumen, und sie waren schon entschlossen gewesen, stillduldend hinzuziehen, wo in der Welt es sein möchte. Da habe man ihnen ihre Waffen, und zuletzt auch alles Übrige genommen, was sie getragen oder getrieben hätten. Sie bäten den Senat und das Römische Volk, gegen sie als schuldlose Schützlinge nicht härter zu verfahren, als gegen Feinde.» Auf diese Rede ließ ihnen der Senat zur Antwort geben: «Sie hätten freilich nicht recht daran gethan, daß sie nach Italien gekommen wären und es gewagt hätten, ohne Einwilligung der Römischen Obrigkeit, die dort ihren Standort habe, auf fremdem Boden eine Stadt anzulegen; doch sei es auch nicht der Väter Wille, Schützlinge berauben zu lassen. Sie wollten ihnen also Gesandte an den Consul mitgeben, welche 81 ihnen unter der Bedingung, daß sie zurückgingen, wo sie hergekommen wären, alles Ihrige wiedergeben lassen, und dann geradezu über die Alpen gehen und den Gallischen Völkern andeuten sollten, ihre Menschenmenge in der Heimat festzuhalten. Die Alpen ständen als eine fast unübersteigliche Gränzlinie zwischen ihnen beiden in der Mitte: und sicher solle es ihnen jetzt nicht besser bekommen, als jenen, welche die Alpen zuerst gangbar gemacht hätten.» Als Gesandte wurden ihnen Lucius Furius Purpureo, Quintus Minucius, Lucius Manlius Acidinus mitgegeben. Man lieferte den Galliern Alles wieder aus, was sie nicht mit Gewalt genommen hatten, und sie verließen Italien . 55. Die Völker jenseit der Alpen gaben den Römischen Gesandten eine gütige Antwort. Ihre Volksältesten tadelten sogar die zu große Gelindigkeit der Römer, «daß sie solche Menschen, die von der Nation unaufgefordert sich aufgemacht und es gewagt hätten, ein unter Römischer Hoheit stehendes Gebiet zu besetzen und auf fremdem Boden eine Stadt anzulegen, ungestraft hätten ziehen lassen. Für ihre Unbesonnenheit hätten sie sie mit schwerer Strafe belegen sollen. Daß sie ihnen aber sogar das Ihrige wiedergegeben hätten, sei eine so große Nachsicht, daß sie fürchteten, dies möchte noch für Mehrere eine Ermunterung zu ähnlicher Keckheit sein.» Sie behandelten die Gesandten nicht nur als Gäste, sondern entließen sie auch mit Geschenken. Nach Vertreibung der Gallier aus seiner Provinz legte es der Consul Marcus Claudius auf einen Krieg mit den Istriern an, und bat den Senat schriftlich um die Erlaubniß, die Legionen nach Istrien hinüberzuführen. Die Väter bewilligten es. Denn sie gingen damit um, nach Aquileja Pflanzbürger führen zu lassen; es war aber noch nicht entschieden, ob sie Latiner oder Römische Bürger hingehen lassen wollten. Zuletzt bestimmten sie sich für die Absendung Latinischer Pflanzer. Die hierzu erwählten Dreimänner waren Publius Scipio Nasica, Cajus Flaminius, Lucius Manlius Acidinus. In diesem Jahre wurden auch 82 Mutina und Parma Römische Bürgerpflanzungen. Zweitausend Mann für jede Pflanzung bekamen von dem Boden, der zuletzt den Bojern, vorhin den Tuskern gehört hatte, zu Parma jeder acht Morgen, zu Mutina jeder fünf. Die Dreimänner Marcus Ämilius Lepidus, Titus Äbutius Carus, Lucius Quinctius Crispinus führten sie hin. Auch auf das Gebiet von Caletra Caletranum]. – Caletra lag in Hetrurien. Die bekannteren Städte, die es zunächst umgaben, waren Russellae, Clusium, Vulsinii, Tarquinii. , nach Saturnia, ging eine Pflanzung Römischer Bürger ab. Die Dreimänner, welche sie abführten, waren Quintus Fabius Labeo, Cajus Afranius Stellio, Tiberius Sempronius Gracchus. Jedem wurden zehn Morgen gegeben. 56. In eben diesem Jahre hatte Aulus Terentius, als consularischer Stellvertreter, in der Nähe des Flusses Ebro im Ausetanischen Gebiete mit den Celtiberern einige glückliche Gefechte, und eroberte mehrere Städte, welche sie hier befestigt hatten. Im jenseitigen Spanien ging für dieses Jahr Alles friedlich ab, weil der consularische Stellvertreter Publius Sempronius proconsul]. – Ich übersetze dies Wort hier und bei dem A. Terentius durch Stellvertreter, weil beide nicht Proconsuln, sondern als gewesene Prätoren jetzt Proprätoren waren; sie handelten aber pro consule. in eine langwierige Krankheit verfiel, und glücklicher Weise die Lusitanier, da sie niemand reizte, sich ruhig verhielten. Auch in Ligurien verrichtete der Consul Quintus Fabius nichts Denkwürdiges. Marcus Marcellus, den man aus Istrien abrief, kehrte nach Entlassung seines Heers, um die Wahlversammlungen zu halten; nach Rom zurück. Unter seinem Vorsitze wurden Cneus Bäbius Tamphilus und Lucius Ämilius Paullus zu Consuln gewählt. Dieser hic aedilis curulis fuerat]. – B. XXXV. Cap. 10. im J. R. 559. – Livius sagte von ihm 39, 32. , er sei im J. 567 schon vetus candidatus gewesen et ab repulsis – debitum honorem repetens.. Hier gibt er uns dazu die Nachweisung. war mit dem Marcus Ämilius Lepidus Curulädil gewesen; jetzt war es schon das fünfte Jahr nach dem Consulate des Lepidus, und selbst dieser war erst nach zweimaliger Abweisung Consul geworden. Dann wurden 83 zu Prätoren gewählt Quintus Fulvius Flaccus, Marcus Valerius Lävinus, Publius Manlius iterum]. – Daß dies damals nichts Seltenes gewesen sei, zeigt Duker in mehreren Beispielen. zum zweiten Male, Marcus Ogulnius Gallus, Lucius Cäcilius Denter, Cajus Terentius Istra. Am Ende des Jahrs war auf Veranlassung der Schreckzeichen ein Bettag, weil man allgemein glaubte, es habe zwei Tage nach einander auf dem Concordienplatze Blut geregnet, zugleich weil man erfahren hatte, in der Nähe von Sicilien sei eine Insel, die vorher noch nicht da war, neu aus dem Meere hervorgegangen. Nach der Angabe des Valerius von Antium starb Hannibal zwar in diesem Jahre; doch setzt er hinzu, man habe außer dem Titus Quinctius Flamininus, dessen Name hiebei allgemein genannt wird, auch den Lucius Scipio Asiaticus und den Publius Scipio Nasica als Gesandte zu diesem Zwecke an den Prusias abgehen lassen. Vierzigstes Buch. Jahre Roms 570 – 573. 86 Inhalt des vierzigsten Buchs. Weil Philipp sich die Kinder derer, die er hatte hinrichten lassen, zu Geiseln zusammenholen läßt, so bringt Theoxena, die für die zarte Jugend ihrer und ihrer Schwester Söhne von den Lüsten des Königs fürchtet, Dolche und Giftbecher herbei, fordert sie auf, der bevorstehenden Mishandlung durch den Tod zu entgehen, und als sie ihren Willen befolgt sieht, stürzt sie sich mit ihrem Gemahle aus dem Schiffe ins Meer. Die Streitigkeiten zwischen Perseus und Demetrius, den Söhnen Königs Philipp von Macedonien werden erzählt: wie Demetrius von der Bosheit seines Bruders zuerst durch ersonnene Verläumdungen, unter andern durch Beschuldigung des Brudermordes und geheimer Absichten auf den Thron verunglimpft, endlich weil er ein Freund der Römer ist, mit Gift hingerichet wird, und dann der Macedonische Thron nach Philipps Tode an Perseus kommt. Ferner die glücklichen Gefechte mehrerer Feldherren gegen die Ligurier und in Spanien gegen die Celtiberer. Ackerleute finden auf des Schreibers Lucius Petillius Feldmark am Fuße des Janiculus die Bücher des Numa Pompilius in einem steinernen Kasten verwahrt, und Griechisch und Lateinisch abgefaßt. Da der Prätor, dem sie gebracht werden, Manches darin findet, was dem Gottesdienste zum Verfalle gereichte, so versichert er dem Senate durch einen Eid, es sei dem State nachtheilig, diese Bücher zu lesen und aufzubehalten; und auf Befehl des Senats werden sie auf dem Versammlungsplatze verbrannt. Nach Aquileja wird eine Bürgerpflanzung abgeführt. Philipp, der sich darüber abhärmt, daß er seinen Sohn Demetrius auf die falschen Angaben seines andern Sohnes, Perseus, hat vergiften lassen, denkt auf Bestrafung des Perseus, und will lieber seinen Freund Antigonus zum Reichsnachfolger hinterlassen. Allein in diesem Entwurfe übereilt ihn der Tod. Perseus folgt ihm auf dem Thron. 87 Vierzigstes Buch. 1. Mit Anfang des folgenden Jahrs loseten die Consuln und Prätoren um ihre Standplätze. Den Consuln konnte kein andrer angewiesen werden, als Ligurien. Den Marcus Ogulnius Gallus traf die Rechtspflege in der Stadt, den Marcus Valerius die über die Fremden; von den beiden Spanien das diesseitige den Quintus Fulvius Flaccus, das jenseitige den Publius Manlius; den Lucius Cäcilius Denter Sicilien, den Cajus Terentius Istra Sardinien. Die Consuln erhielten Vollmacht zur Werbung. Quintus Fabius nämlich hatte aus Ligurien geschrieben, die Apuaner träfen Anstalten zur Erneuerung des Krieges, und es sei von ihnen ein Einfall in das Gebiet von Pisä zu fürchten. Auch wußte man aus beiden Spanien, daß das diesseitige in den Waffen und der Krieg mit den Celtiberern im Gange sei; daß im jenseitigen, bei der langen Krankheit des Prätors, Ausgelassenheit und Unthätigkeit alle Kriegszucht aufgelöset habe. Deswegen beschloß man, neue Heere zu werben; vier Legionen für Ligurien., so daß jede fünftausend zweihundert Mann zu Fuß und dreihundert Ritter hatte: dazu kamen noch an Latinischen Bundestruppen funfzehntausend Mann zu Fuß und achthundert Ritter. Dies sollten die beiden consularischen Heere sein. Die Prätoren mußten zu Latinischen Bundestruppen siebentausend Mann zu Fuß aufbringen und vierhundert Ritter, und sie nach Gallien zum Marcus Marcellus gehen lassen, dem man den Oberbefehl nach seinem Consulate verlängert hatte. Auch mußten, mit der Bestimmung für beide Spanien, viertausend Römische Bürger als Fußvolk nebst zweihundert Rittern, und siebentausend Bundestruppen zu Fuß nebst 88 dreihundert Rittern ausgehoben werden. Ferner wurde dem Quintus Fabius Labeo bei dem Heere, welches er in Ligurien hatte, der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert. 2. Der Frühling war in diesem Jahre sehr stürmisch. Am Tage vor dem Parilienfeste beinahe um Mittag brachte ein fürchterliches Ungewitter, das mit Sturm ausbrach, Verheerung über manche geweihete und ungeweihete Stäte, warf auf dem Capitole eherne Standbilder nieder, hob am Tempel der Luna auf dem Aventinus einen Thorflügel aus und führte ihn fort, daß er hinten am Tempel der Ceres hängen blieb. Noch andre Standbilder auf der großen Rennbahn stürzte er mit den Säulen um, auf denen sie standen, riß an mehreren Tempeln die Stirngiebel von ihren Firsten und warf sie in kläglichen Trümmern umher. Natürlich wurde ein solches Wetter für ein Schreckzeichen genommen, und die Opferdeuter fanden die Sühne nöthig. Zugleich veranstaltete man eine Sühne wegen der Meldung, daß zu Reate ein dreibeiniges Maulthier zur Welt gekommen, zu Formiä et a Formiis]. – Ich folge hier Drakenborchs Vorschlage, theils in Rücksicht auf den Julius Obsequens, theils weil in den besten Msc. das a vor Formiis und das ac vor Caietae fehlen. Drakenb. lieset so: et Formiis aedem Iovis, item aedem Apollinis Caietae de c. t., daß also der Abschreiber aus dem ersten aedem in das zweite übergegangen sei. Auf diese Art (sagt Drak. ) könnte schon in dem Exemplare, welches Julius Obsequens vor sich hatte, der Tempel Jupiters ausgelassen sein. Daß aber Formiä einen Jupiterstempel gehabt habe, zeigt Drak. aus XXXII, 1. [ Jupiters? ] Tempel, zu Cajeta der des Apoll vom Blitze getroffen sei. Dieser Schreckzeichen wegen wurde ein Opfer mit zwanzig großen Thieren gebracht und ein Bettag gehalten. In diesen Tagen erfuhr man aus einem Schreiben des Proprätors Aulus Terentius, daß im jenseitigen Spanien Publius Sempronius, nachdem er über ein Jahr krank gelegen, gestorben sei. Um so viel früher mußten die Prätoren nach Spanien abgehen. Nun wurden die über Meer gekommenen Gesandschaften vor den Senat geführt. Die ersten Prima Eumenis]. – Ich lese mit Crevier so viel lieber Primae, weil sich das nächstfolgende Wort mit e anfängt. Prima stände hier freilich für primum, so wie auch primae; nur sehe ich nicht, wie der Singular prima auf alle drei bezogen werden könne. Eben so Cap. 20. im Anf. regum prim as, Eumenis et Ariarathis etc. – Die Sachen erläutert Drakenborch: Eumenes und Pharnaces (Großvater Mithridats des Großen ) führten Krieg. Pharnaces hatte die freie Stadt Sinope (am Pontus) unterjocht. Ihre Bürger können also nicht selbst kommen; sondern ihre Klage führen ihre Verbündeten, die Rhodier, die ihnen schon gegen des Pharnaces Vater, Mithridates den IV., beigestanden hatten. waren die der Könige Eumenes und Pharnaces, 89 und die von den Rhodiern, welche über das Unglück der Stadt Sinope Klage führten. Um dieselbe Zeit kamen auch Gesandte von Philipp, von den Achäern und von den Lacedämoniern. Diese erhielten ihre Antwort erst, nachdem man zuvor den Marcius vernommen hatte, welcher hingeschickt gewesen war, sich über den Zustand der Dinge in Griechenland und Macedonien zu unterrichten. Asiens Könige und die Rhodier bekamen zur Antwort, der Senat werde zur Ansicht dieser Dinge Gesandte abgehen lassen. 3. Die Besorgniß wegen Philipp hatte Marcius noch vergrößert. Denn er gestand, der König habe das, was ihm vom Senate zugemuthet sei, so gethan, daß man deutlich gesehen habe, er werde es nicht länger thun, als es die Noth gebiete. Und es ließ sich nicht verkennen, daß er den Krieg erneuern werde: alle seine damaligen Handlungen und Äußerungen hatten darauf Bezug. Gleich zuerst versetzte er aus den Seestädten fast die ganze Bürgermenge mit ihren Familien in das jetzige Emathien – ehemals hieß es Päonien, – und gab die Städte Thraciern und andern Barbaren zu bewohnen, weil er sich von dieser Art Menschen einst im Kriege gegen Rom mehr Zuverlässigkeit versprach. Dies erregte in ganz Macedonien ein lautes Murren. Nur wenige hielten, wenn sie jetzt mit Weib und Kind ihre Hausgötter verließen, schweigend mit ihrem Schmerze an sich, und aus den Zügen der Wandernden ertönten, weil der Haß die Furcht überwog, Verwünschungen gegen den König. Ihm, hierüber innig empört, wurden nun alle Menschen, jede Gegend und Zeit verdächtig. Endlich ließ er sich ohne Rückhalt in die Erklärung aus: es gebe für ihn nirgend völlige Sicherheit, wenn er nicht die Söhne derer, die er 90 habe hinrichten lassen, einziehen und verwahren ließe, und den Einen dann, den Andern ein ander Mal, aus der Welt schaffte. 4. Diese Grausamkeit, schon an sich scheußlich genug, wurde durch das Unglück Einer Familie noch scheußlicher. Er hatte vor vielen Jahren einen der Thessalischen Großen, Herodicus, umbringen lassen. Nachher ermordete er auch dessen Schwiegersöhne. Die Töchter, nunmehr hinterlassene Witwen, hatten jede einen noch kleinen Sohn. Theoxena und Archo hießen diese Frauenzimmer. Theoxena schlug, bei mehreren Anträgen, eine zweite Ehe aus. Archo vermählte sich mit einem gewissen Poris, bei weitem dem angesehensten Manne seines Volks, der Äneaten. Ihm gebar sie mehrere Kinder, und hinterließ bei ihrem Tode sie alle noch sehr klein. Theoxena, um die Erziehung ihrer Schwestersöhne selbst zu leiten, gab sich dem Poris zur Frau, und gleich als hätte sie alle selbst geboren, widmete sie ihrem eigenen und ihrer Schwester Söhnen gleiche Sorgfalt. Als sie den königlichen Befehl vernahm, die Kinder der Hingerichteten sollten eingezogen werden, so verfiel sie über den Gedanken, sie künftig nicht bloß den Lüsten des Königs, sondern auch ihrer Hüter, preisgegeben zu wissen, auf einen schrecklichen Entwurf; und hatte den Muth, zu erklären: Ehe sie die Kinder in Philipps Gewalt kommen lasse, wolle sie lieber mit eigner Hand sie alle ermorden. Poris, der die Erwähnung einer so schrecklichen That schon um der Vorbedeutung willen abscheulich fand, versprach, sie nach Athen zu sichern Gastfreunden zu bringen und selbst mit ihnen die Flucht zu nehmen. Sie reisen von Thessalonich nach Änea zu einem festgesetzten Opfer, welches dem Erbauer Äneas jährlich mit großer Feierlichkeit gebracht wird. Nachdem sie den Tag bei dem festlichen Mahle hingebracht haben, besteigen sie, indeß Alles schläft, um die dritte Nachtwache das von Poris bereit gehaltene Schiff, als zur Rückfahrt nach Thessalonich; ihr Vorsatz aber ist, nach Euböa überzugehen. Allein nach vergeblichem Kampfe mit dem 91 widrigen Winde überrascht sie noch nahe an der Küste der Tag; und die königliche Besatzung des Hafens schickte eine bewaffnete Jacht ab, jenes Schiff ans Land zu ziehen, mit dem ernstlichsten Befehle, nicht ohne dasselbe zurückzukommen. Schon nahen diese: und Poris bietet Alles auf, seine Ruderer und Schiffer zu ermuntern, zuweilen fleht er mit zum Himmel erhobenen Händen zu den Göttern, hier zu helfen. Unterdessen rührt sie, auf ihre längst überdachte That zurückgebracht, voll muthigen Trotzes, Gift ein und holet Waffen, stellt den Becher mit den gezogenen Dolchen vor ihren Augen hin und spricht: «Tod ist die einzige Rettung. Hier habt ihr Wege zum Tode. Entfliehet, auf welchem jeder am liebsten will, der Tyrannei des Königs. Auf! meine Jünglinge, greift ihr zuerst, als die Ältesten, nach dem Stahle, oder zieht ihr den minder raschen Tod vor, so trinkt.» Von dort kamen die Feinde heran, hier wurde die Auffordrerinn zum Tode zugleich die Dringende. Der eine dieses, der andre jenes Todes Opfer, wurden sie noch halblebend über Bord geworfen. Dann stürzte sie sich, ihren Mann, ihren Begleiter im Tode, umarmend, ins Meer. So bekamen die königlichen Soldaten das Schiff, als seine Besitzer es geräumt hatten. 5. Das Schreckenvolle dieser That ließ den Haß gegen den König wie zur neuen Flamme auflodern, so daß man im Volk ihm und seinen Kindern fluchte: und bald machten ihn diese Flüche, von allen Göttern erhört, gegen sein eignes Kind zum Tyrannen. Denn da Perseus mit jedem Tage die Liebe und Achtung für seinen Bruder Demetrius bei dem Macedonischen Volke und eben so die Zuneigung der Römer für ihn zunehmen sah, so richtete er in der Voraussetzung, er könne sich die Hoffnung zum Throne nur durch eine Frevelthat offen erhalten, alle seine Gedanken auf diese. Weil er sich aber auch nicht einmal zur Ausführung seines mit weiblicher Leidenschaft ausgedachten Entwurfs die Kraft zutraute, so wurde es nun sein Geschäft, auf jeden von seines Vaters Vertrauten durch umwundene Äußerungen seinen Versuch zu 92 machen. Einige von ihnen, nach deren Erwartung Demetrius weit mehr versprach, gaben sich anfangs die Miene, als würden sie sich nie auf so etwas einlassen. Als sie aber bei Philipps von Tage zu Tage steigendem Hasse gegen die Römer, welchen Perseus nährte, Demetrius hingegen aus allen Kräften bestritt, den Ausgang des gegen die Ränke seines Bruders zu unbehutsamen Jünglings schon im Geiste voraussahen, so schlossen sie sich, klug genug, dahin mitzuwirken, wie es doch kommen mußte, und den Hoffnungen des Mächtigern zu schmeicheln, dem Perseus an. Was sie übrigens zu thun hätten, das Alles versparten sie bis zu seiner Zeit: für jetzt machten sie aus, sie wollten durch jede Einwirkung den König gegen die Römer erbittern und ihn in seinen Entwürfen zum Kriege bestärken, zu denen er ohnehin schon so geneigt sei. Um zugleich den Demetrius mit jedem Tage verdächtiger zu machen, leiteten sie nach einer Verabredung alle Gespräche auf Verachtung der Römer. Wenn in diesen der Eine über ihre Sitten und Einrichtungen, der Andre über ihre Thaten, ein Dritter über das schlechte Äußere ihrer Hauptstadt, die in der Schönheit der öffentlichen und Privatgebäude noch so weit zurück sei, ein Vierter über einzelne Große spottete; so machte der unbehutsame Jüngling, der aus Liebe für Alles, was Römer hieß und aus Rechthaberei gegen seinen Bruder, Alles in Schutz nahm, sich seinem Vater verdächtig und gab der Verläumdung Blöße. Folglich ließ ihn der Vater an den Berathschlagungen über die Verhältnisse mit Rom durchaus nicht theilnehmen, gab sich ganz dem Perseus hin und brütete über Entwürfen, die sich hierauf bezogen, mit diesem Tag und Nacht. Die Gesandten, welche er um diese Zeit zu den Bastarnen geschickt hatte, um Hülfsvölker zu holen, waren zurückgekommen und hatten von dort mehrere vornehme Jünglinge, einige sogar von königlicher Abkunft, mitgebracht. Einer von diesen versprach seine Schwester einem Prinzen Philipps zur Gemahlinn, und die Verbindung mit dieser Nation gab dem Könige neue Aussichten. Da sagte ihm Perseus: «Was hilft das Alles? Wir haben 93 von der Hülfe von außen bei weitem nicht so viel Schutz, als Gefahr von den Ränken im Innern. Einen Verräther – will ich nicht sagen, wenigstens einen Späher, nähren wir am Busen: ihn haben uns, seit er zu Rom Geisel war, dem Körper nach die Römer wiedergegeben; seine ganze Seele haben sie noch. Fast alle Macedonier richten ihre Augen auf ihn, und versprechen sich auf die Zukunft keinen andern König, als den ihnen die Römer gegeben habe.» Reden dieser Art ließen in dem schon wunden Herzen des Greises ihre Stacheln zurück, und gingen tiefer in sein Inneres, als seine Miene merken ließ. 6. Grade jetzt kam für das Heer die Zeit der Musterungsweihe, die in folgender Feierlichkeit besteht. Der Kopf und der Vordertheil eines in der Mitte von einander gehauenen Hundes werden auf die rechte, der Hintertheil mit den Eingeweiden auf die linke Seite des Weges gelegt. Zwischen diesen Stücken des Opferthiers zieht das Heer unter den Waffen vorüber. Dem vordersten Zuge werden die Prachtwaffen aller Macedonischen Könige, die seit der Gründung des Reichs regierten, vorangetragen, dann folgt der König selbst mit den Prinzen; ihm zunächst die königliche Cohorte und die Leibtrabanten; den letzten Zug schließt die Menge der übrigen Macedonier. Den König deckten auf beiden Seiten seine zwei erwachsenen Söhne, Perseus, schon im dreißigsten Jahre, Demetrius fünf Jahre jünger; jener in voller Jugendkraft, dieser in voller Jugendblüte; gereifte Stammhalter eines beglückten Vaters, wenn es um die Herzen richtig gestanden hätte. Es war Sitte, daß das Heer nach vollbrachtem Musterungsopfer seine Übung machte, und in zwei Abtheilungen, die einander als Linien angriffen, ein Treffen im Bilde gab. Anführer bei diesem Lustgefechte waren die Prinzen. Diesmal aber war es nicht bloßes Bild einer Schlacht, sondern der Angriff wurde so hitzig, als kämpften sie um den Thron: es gab mit den Fechtstäben Wunden über Wunden, und zu einer Schlacht in völliger Form fehlte nichts als der Stahl. Die Abtheilung, die 94 unter dem Demetrius stand, hatte bei weitem die Oberhand. Ärgerte dies gleich den Perseus, so waren doch seine weiter sehenden Freunde darüber froh, und sie versicherten ihn, gerade dies werde für ihn zu Beschuldigungen des Jünglings eine neue Quelle werden. 7. Ihren Jugendfreunden, welche die Übung mitgemacht hatten, gaben an diesem Tage beide Prinzen einen Schmaus; denn Perseus hatte die Einladung, bei dem Demetrius zu speisen, nicht angenommen. An einem so festlichen Tage, bei gastfreier Nöthigung, bei jugendlicher Heiterkeit, wurde im Weine an beiden Tafeln mehr gethan. Es fehlte nicht an Erwähnungen des Kampfspiels, nicht an witzigen Scherzen über die Gegenpartei, und selbst die Anführer wurden nicht geschont. Einer von des Perseus Gästen, als Horcher abgeschickt, solche Äußerungen aufzufangen, ist bei seinem Auf- und Abgehen nicht vorsichtig genug, läßt sich von einigen jugendlichen Gästen, die einmal aus dem Speisesale gehen, ertappen und wird übel zugerichtet. Demetrius, der nichts davon weiß, sagt: «Warum schwärmen wir nicht zu meinem Bruder hinüber, und besänftigen den Zorn, der ihm vom Kampfe noch geblieben sein könnte, durch unsre Offenheit und Heiterkeit?» Alle schrieen: «Wir gehen mit!» nur schwiegen die, welche für die dem Späher gegebenen Schläge auf der Stelle Vergeltung zu fürchten hatten. Da sie nun Demetrius dennoch mit fortzog, so steckten sie Dolche unter die Kleider, um sich im Falle eines Angriffs zu wehren. Bei Zwietracht in Familien kann nichts verborgen bleiben; und in beiden Häusern gab es Späher und Verräther genug. Ein Angeber läuft zum Perseus voraus und meldet, Demetrius komme mit vier Jünglingen, welche versteckte Waffen hätten. Leuchtete ihm gleich die Ursache ein – denn er hatte schon gehört, daß sie seinen Gast geschlagen hatten – so ließ er doch, um der Sache einen bösen Ruf zu geben, seine Thür verriegeln, und versagte vom oberen Stockwerke und aus den Fenstern nach der Straße herab, den Nachtschwärmern, als kämen sie, ihn zu morden, den Zutritt in sein Haus. 95 Demetrius, den der Wein ein Weilchen laut werden ließ, weil er sich so abgewiesen sah, ging, mit der ganzen Sache unbekannt, wieder zu seiner Gesellschaft. 8. Als Perseus am folgenden Tage, sobald er bei seinem Vater Zutritt haben konnte, in den Pallast gegangen war, stellte er sich mit verstörtem Blicke, schweigend und in einiger Ferne dem Vater vor die Augen. Auf des Vaters Frage, ob ihm etwas zugestoßen sei, und was diese Traurigkeit bedeute, antwortete er: «Du kannst von Glück sagen, daß ich noch lebe. Schon legt mir mein Bruder seine Fallen nicht mehr heimlich, In dieser Nacht kam er mit Bewaffneten, mich zu morden, vor mein Haus; und nur die verschlossenen Thorflügel und der Schutz der Wände retteten mich vor seiner Wuth.» Als er so den Vater in Bestürzung und Staunen gesetzt hatte, fuhr er fort: «Und doch will ich dich, wenn du dein Ohr dazu hergeben kannst, dahin bringen, daß die Sache erwiesen vor dir liegen soll.» «Allerdings will ich das hören,» sagte Philipp, befahl, sogleich den Demetrius zu rufen, und ließ zwei seiner älteren Günstlinge holen, die an den Streitigkeiten der Brüder ohne Theilnahme waren und nur hoch selten bei Hofe erschienen, den Lysimachus und Onomastus, die seine Beisitzer sein sollten. Bis die Räthe kamen, ging er allein, während der Sohn in einiger Ferne stand, unter mancherlei Überlegungen auf und ab. Als man sie meldete, begab er sich mit diesen zwei Vertrauten und eben so viel Trabanten in eins der innern Zimmer, und gab jedem Sohne die Erlaubniß, drei Unbewaffnete mit sich einzuführen. Als er sich hier gesetzt hatte, sprach er: «Da sitze ich, der unglücklichste Vater, Richter zwischen meinen zwei Söhnen, dem Kläger auf Brudermord und dem Beklagten, um den Schandfleck entweder der erlogenen oder der verwirkten Beschuldigung auf den Meinigen haften zu sehen. Schon lange befürchtete ich diesen drohenden Sturm, wenn ich eure gegenseitigen gar nicht brüderlichen Blicke sah, wenn ich diese und jene Worte hörte. Doch zuweilen hoffte mein Herz, euer 96 Grimm sollte verlodern, euer gegenseitiger Argwohn sich aufklären. Hatten doch selbst Feinde mit Niederlegung der Waffen sich zu Bündnissen vertragen, und so viele Andre ihre Privatfeindschaft aufgegeben. So werde auch einst bei euch die Erinnerung an eure brüderliche Abstammung, an eure ehemalige kindliche Offenheit und Vertraulichkeit, ja selbst an meine Lehren erwachen, die ich – ich fürchte! – tauben Ohren gepredigt habe. Wie oft bezeigte ich, so daß ihr es hören mußtet, über Beispiele der Zwietracht unter Brüdern meinen Abscheu, erzählte euch die schauderhaften Folgen, durch welche sie sich und ihren Stamm, ihre Königsburg und ihr Reich zu Grunde richteten. Auf der andern Seite stellte ich euch auch erfreulichere Beispiele auf; die verträgliche Gemeinschaft in jedem Lacedämonischen Königspare, die viele Jahrhunderte lang ihnen und dem Vaterlande so heilsam war; den Untergang eben dieses States, sobald es Sitte wurde, daß Jeder die Alleinherrschaft an sich reißen wollte. Ferner, daß sich die Brüder Eumenes und Attalus, durch nichts so sehr, als durch ihre brüderliche Eintracht, von einem so kleinen Anfange, daß sie sich selbst des königlichen Titels beinahe schämten, zu einer Macht von gleichem Range mit mir und dem Antiochus, und jedem Könige unsres Zeitalters gehoben haben. Selbst Römische Beispiele ließ ich nicht unangeführt, mochte ich sie gesehen, oder von ihnen gehört haben; das der beiden Quinctier, Titus und Lucius, die ich im Kriege mir gegenüber hatte; das der beiden Scipione, Publius und Lucius, die den Antiochus besiegt haben; und ihres Vaters und Oheims, für deren im Leben ununterbrochene Eintracht selbst der Tod zum neuen Bande ward. Ihr habt euch eben so wenig durch den Frevel der Erstern und die ihrem Frevel entsprechenden Schicksale von eurer unsinnigen Zwietracht abschrecken lassen, als die guten Gesinnungen der Letzteren und ihr segensreicher Erfolg zu eurer Genesung gefruchtet haben. Ich lebe und athme noch, und ihr habt Beide schon, mit eben so strafbarer Hoffnung als 97 Gier, meine Erbschaft angetreten. Ihr wollt, daß ich so lange leben soll, bis ich, den einen von euch beiden überlebend, den andern durch meinen Tod zum unbezweifelten Könige mache. Ihr könnt so wenig Bruder, als Vater ertragen. Nichts ist euch theuer, nichts euch ehrwürdig: in die Stelle aller dieser Empfindungen tritt bei euch eine unersättliche Begierde nach dem Einzigen, dem Throne. Wohlan! entweihet eures Vaters Ohren zu Mitwissern um eure Frevel: bekämpft euch mit Beschuldigungen, ihr, die ihr euch bald mit dem Schwerte bekämpfen werdet! saget laut heraus, was ihr entweder mit Wahrheit sagen könnt, oder was euch zu erfinden beliebt. Mein Ohr ist euch aufgethan; aber allen gegenseitigen Beschuldigungen hinter des Andern Rücken wird es künftig geschlossen sein.» Als er so, wüthend vor Zorn, gesprochen hatte, kamen Allen die Thränen, und lange herrschte eine traurige Stille. 9. Darauf sprach Perseus: «Allerdings mußte ich in der Nacht meine Thür öffnen, mußte die bewaffneten Schwärmer einlassen und meinen Hals ihrem Mordstahle darbieten; weil man freilich hier eine Frevelthat nicht eher glaublich findet, bis sie vollbracht ist; und weil ich, dessen Leben es galt, mit dem Straßenräuber und Auflaurer einerlei anzuhören bekomme. Nicht umsonst sagen jene Elenden, du habest im Demetrius deinen einzigen Sohn, und nennen mich den Untergeschobenen, den Jungfernsohn. Denn wenn ich bei dir Rang und Werth eines Sohnes hätte, so würdest du nicht gegen mich toben, wenn ich dir klage, einen Anschlag auf mein Leben entdeckt zu haben, sondern gegen den, der ihn gemacht hatte; und mein Leben würde nicht bei dir in so geringem Preise stehen, daß du bei der Gefahr, der ich entging, die mir aber, wenn die Meuchler ungestraft bleiben, noch bevorsteht, der Gleichgültige bleiben könntest. Wenn ich also den Tod leiden soll, ohne zu mucksen, so will ich schweigen und nur noch die Götter bitten, daß der eingeleitete Frevel bei mir sein Ende finden möge und der Stoß durch meine Brust nicht 98 auf dich gehe. Wenn aber auch ich, so wie dem überfallenen Einzelnen die Natur selbst es eingiebt, Menschen, die er nie vorher gesehen hatte, dennoch um Hülfe anzurufen; wenn ich eben so bei dem Anblicke des auf mich gezückten Dolchs meine Stimme erheben darf; so bitte ich dich um dein selbst, um deines Vaternamens willen – du fühltest es längst, wem von uns beiden er heiliger sei – höre mich jetzt so, als wärest du, von meiner Stimme, von meiner nächtlichen Wehklage geweckt, auf mein Hülferufen dazugekommen, und fändest den Demetrius mit seinen Bewaffneten in tiefer Nacht auf meinem Vorplatze über der That. Was ich dir da im Augenblicke der Gefahr, als der Bestürzte entgegenschreien würde, das klage ich dir jetzt, den Tag nachher.» «Bruder, wir leben unter uns schon lange nicht mehr auf den Fuß nachtschwärmender Zecher. Du willst durchaus regieren. Entgegen steht dieser deiner Hoffnung mein Alter, entgegen steht ihr das Völkerrecht entgegen Macedoniens alte Sitte, entgegen endlich selbst des Vaters Ausspruch. Über das Alles hinaus kannst du nicht anders, als durch mein Blut. Du bietest Alles auf, du versuchst Alles. Bis jetzt hat entweder meine Vorsicht oder mein Glück deinem Brudermorde gewehret. Am gestrigen Tage, bei der Musterungsweihe, bei Entwickelungen zur Übung, bei einer zum Spiele nachgebildeten Schlacht, machtest du das Gefecht beinahe zum Leichenzuge, und ich rettete mich nur dadurch vom Tode, daß ich mich und meine Leute besiegen ließ. Nach diesem feindlichen Treffen wolltest du mich, als wäre dies ein brüderliches Spiel gewesen, an deine Tafel locken. Glaubst du, Vater, daß ich dort unter unbewaffneten Gästen würde zu Tische gesessen haben, da sie mit ihren Waffen zu mir herüber geschwärmt sind? Glaubst du, daß ich bei Nacht nichts von ihren Dolchen zu fürchten gehabt hätte, da sie mich vor deinen Augen beinahe mit Fechtstäben mordeten? Warum kamest du, zu dieser Nachtzeit? warum als Feind zu dem 99 Zürnenden? warum mit heimlich bewaffneten Jünglingen? Ich hatte es nicht gewagt, mich dir als Gast anzuvertrauen, und sollte dich aufnehmen, wenn du schwärmend mit Gewaffneten kamest? Stand meine Thür offen, Vater, so dachtest du in diesem Augenblicke, da du meine Klage hörst, auf meine Beerdigung. Ich lasse mich nicht darauf ein, im Tone des Anklägers die Sache zu verschlimmern oder ungewisse Beschuldigungen durch Folgerungen aufzustellen. Denn wozu? Leugnet er etwa, daß er mit einem Schwarme vor meine Thür gekommen sei? daß er heimlich Bewaffnete bei sich gehabt habe? Laß sie rufen, so wie ich sie dir nennen werde. Leute, die sich hierzu erfrechen konnten, können zwar Alles wagen; aber dies zu leugnen unterstehen sie sich nicht. Brächte ich sie, als innerhalb meiner Schwelle Ergriffene, mit ihren Dolchen vor dich, so nähmest du die Sache für erwiesen: so sieh sie doch, da sie Alles eingestehen, als Ergriffne an.» 10. «Verfluche nun die Herrschsucht, und ruf die Rachgöttinnen des Bruderhasses auf. Allein damit deine Flüche, Vater, nicht blindlings treffen, so unterscheide und sondere den Laurer von dem Belauerten. Belege mit ihnen nexium huic esse caput]. – Ich folge dem von Crevier ergänzten Vorschlage des Rubenius, und lese noxium his incesse caput. Die falsche Lesart, huic esse, entstand aus hisīcesse. Wenn der Kopf des s mit dem Striche über dem i erloschen oder nur durch einen Fleck verdeckt war, so war die Lesart huic esse gemacht. Selbst die Zahl der Buchstabenstriche trifft zu. Es läßt sich ohnehin wünschen, da bei incessere, in dieser Bedeutung, gewöhnlich ein Ablativ steht (lapidibus, maledictis, diris etc. etc.), daß er hier nicht fehle. Und Crevier sagt bei Drak. ausdrücklich, er setze dies his hinzu, 1) ut sensus clarior fiat; 2) ut verba propius ad veteris scripturae vestigia accedant. Drakenb. will dem Rubenius, welcher (ohne his) bloß incesse vorschlug, darum lieber folgen, weil dies der Lesart zweier Msc., h inc esse, so nahe komme. Aber auch selbst in diesen beweiset ja das h, das er nun ganz herauswerfen muß, daß his dagestanden habe. das Haupt des Schuldigen. Wer seinen Bruder morden wollte, dem bleibe der Zorn der väterlichen Götter: Wer durch das Bubenstück des Bruders fallen sollte, dem bleibe in des Vaters Erbarmung und Gerechtigkeit eine Zuflucht. Denn wohin sonst soll ich 100 flieheu, ich, dem die Opferfeier bei deiner Heeresmusterung, dem die Übungen deiner Truppen, sein eignes Haus, sein Gastmahl, dem selbst die Nacht, die durch die Wohlthat der Natur den Sterblichen zur Ruhe beschieden ist, keine Sicherheit gewähren? Gehe ich auf seine Einladung zu meinem Bruder hin, so muß ich sterben: lasse ich meinen Bruder als herübergekommenen Trinkbesuch in meine Thür, so muß ich sterben. Ich mag gehen oder bleiben, ich entwinde mich der Schlinge nie. Wohin soll ich mich wenden? Ich habe mich an niemand gehalten, als an die Götter und an dich, Vater. Ich habe keine Römer, zu denen ich fliehen könnte. Mein Tod käme ihnen erwünscht, weil es mir wehe thut, wenn sie dich kränken; weil ich mich ärgere, daß sie dir so viele Städte, so viele Völker nahmen, und so eben noch die ganze Küste Thraciens. So lange ich und du leben, das sehen sie voraus, gehört Macedonien nicht ihnen. Nimmt aber mich meines Bruders Bubenstück, dich das Alter hinweg, oder wird auch dies nicht einmal abgewartet, dann wissen sie, sind der König und das Reich von Macedonien ihr Eigenthum. Hätten dir die Römer irgend etwas außerhalb Macedonien gelassen, so wollte ich glauben, dies sei auch mir als Zufluchtsort gelassen. Du hast ja, ruft man mir zu, Schutz genug an den Macedoniern. Gestern hast du den Angriff der Truppen auf mich gesehen. Was fehlte diesen, als das Schwert? Und was diesen bei Tage fehlte, nahmen sich meines Bruders Gäste bei Nacht. Und was soll ich von so vielen der Großen sagen, welche die ganze Hoffnung ihres Ansehens und Glücks auf die Römer gesetzt haben, und auf ihn, der bei den Römern Alles vermag? und ihn nicht bloß mir, dem älteren Bruder vorziehen, sondern beinahe selbst dir, seinem Könige und Vater? Denn er ist es ja, dem du die Wohlthat der vom Senate erlassenen Strafe zu verdanken hast, unter dessen Schutze du jetzt von den Römern unangegriffen bleibst, nach dessen Meinung dein Alter seiner Jugend verpflichtet und unterwürfig sein 101 muß. Für ihn stehen die Römer, für ihn alle von deiner Oberherrschaft befreieten Städte, für ihn die Macedonier, die sich den Frieden mit Rom gefallen lassen. Wo aber giebt es für mich außer bei dir, Vater, irgend eine Aussicht oder Schutz?» 11. «Was meinst du, Vater, was bezwecket Titus Quinctius jetzt mit seinem Briefe an dich, wenn er dich versichert, du habest darin deinen Vortheil gekannt, daß du nach Rom den Demetrius schicktest, und dich zugleich auffordert, ihn wieder hinzuschicken, an der Spitze einer zahlreicheren Gesandschaft, und zwar der vornehmsten Macedonier? Titus Quinctius ist jetzt für ihn der Angeber seines ganzen Verhaltens und sein Lehrmeister. Ihn hat er sich, nachdem er sich von dir losgesagt, an deine Stelle gesetzt: dort sind alle die geheimen Anschläge vorher ausgebrütet. Jetzt sucht man für diese Plane auch Helfershelfer, wenn man dich mehrere in seiner Begleitung und die ersten Macedonier senden heißt. Gehen sie von hier unbefangen und unverführt nach Rom, des festen Glaubens, Philipp sei ihr König; so kommen sie als die Eingeweiheten und von Römischen Lockungen Angesteckten zurück. Demetrius allein ist ihr Alles: schon jetzt nennen sie ihn, bei des Vaters Lebzeiten, König! Und wenn ich nun darüber unwillig werde, gleich geben mir nicht allein Andre, sondern selbst du, den Vorwurf anzuhören, daß ich nach dem Throne trachte. Ich aber für mein Theil, wenn der Vorwurf einen von uns beiden treffen soll, kann mich nicht dazu bekennen. Denn wen verdrängte ich denn aus seinem Platze, um selbst an seinen Platz zu treten? Vor mir habe ich den Vater ganz allein; und daß er es noch lange sein möge, darum bitte ich die Götter. Überlebe ich ihn – und dies wünsche ich mir nur, wenn ichs verdienen werde, daß er selbst es mir wünscht – so will ich, wenn ich sie aus Vaterhand erhalte, die Erbschaft des Reiches annehmen. Der aber gieret nach dem Throne, und gieret als Bösewicht nach ihm, wer über die Folgereihe des Alters, der Natur, der 102 Macedonischen Sitte, des Völkerrechts nicht geschwind genug sich wegsetzen kann.» ««Mein älterer Bruder ist mir im Wege, dem der Thron von Rechts wegen, auch nach des Vaters Willen, gebührt. Weg mit ihm! ich werde nicht der Erste sein, der durch Brudermord zum Throne hinansteigt. Der alte Vater, in seiner kinderlosen Einsamkeit, wird um sich selbst zu sehr besorgt sein, als daß er den Mord des Sohnes rächen könnte. Meine Römer werden jubeln, meine That genehmigen, werden sie rechtfertigen.»» «Diese Hoffnungen, Vater, sind noch nicht fest gegründet, aber auch nicht ohne Grund. Denn die Sache steht so: Vor der Lebensgefahr kannst du mich sichern, wenn du diejenigen bestrafst, die um mich zu morden, das Schwert zu sich steckten: gelingt es aber ihrem Frevel, dann wirst du für deine Person meines Todes Rächer nicht sein können.» 12. Als Perseus aufgehört hatte zu reden, richteten die Anwesenden ihre Augen auf den Demetrius, in der Erwartung, daß er sogleich antworten werde. Es erfolgte aber eine lange Stille, und sie sahen Alle, daß der in Thränen Schwimmende nicht reden konnte. Endlich, als sie ihn aufforderten, zu sprechen, besiegte die Nothwendigkeit den Schmerz, und er begann so: «Vater, mit allem dem, was bis jetzt Beklagten zu statten kommen konnte, hat sich schon mein Ankläger in den Vortheil gesetzt. Durch falsche Thränen, zum Verderben seines Nächsten geweint, hat er dir meine ungeheuchelten verdächtig gemacht. Während er selbst, seit meiner Rückkunft von Rom, Tag und Nacht in geheimen Unterredungen mit seinen Helfern mir Schlingen legt, hängt er noch oben ein mir selbst die Larve des Laurers, ja die des offenbaren Straßenräubers und Meuchelmörders vor. Mit seiner Gefahr setzt er dich in Schrecken, um eben durch dich seinem unschuldigen Bruder den Untergang zu beschleunigen. Für ihn, sagt er, sei in der ganzen Welt keine Zuflucht mehr, damit nur mir, auch nicht einmal bei dir die mindeste Hoffnung übrig bleiben soll. Dem Umstellten, einsam 103 Dastehenden, Hülflosen legt er noch die Liebe im Auslande zur Last, die ohnehin für mich von größerem Nachtheile, als Nutzen, ist. Wie ganz im Geiste des Anklägers weiß er in die Beschuldigung von dieser Nacht jede andre Verunglimpfung meines Wandels einzuflechten, um mich zugleich durch den ganzen übrigen Gang meines Lebens, dieses Vorwurfs, dessen wahre Beschaffenheit du gleich erfahren sollst, verdächtig zu machen, und jene nichtige Verläumdung meiner Aussichten, meiner Wünsche und Anschläge durch dies ersonnene und verabredete Nachtstück zu stützen. Auch sucht er dadurch der Anklage den Schein zu geben, als sei sie Wirkung des Augenblicks und ohne alle Vorbereitung, insofern sie erst durch seine Angst in dieser Nacht und durch den unvorhergesehenen Lärm veranlasset sei. War ich aber meines Vaters und seines Reichs Verräther, hatte ich mit den Römern und andern Feinden meines Vaters mich auf Entwürfe eingelassen, dann, Perseus, mußtest du nicht erst das Mährchen dieser Nacht abwarten, sondern meines Verrathes mich früher zeihen: auch mußtest du jene Anklage, wenn sie nicht etwa si illa separata ab hac vana]. – Ich sehe, daß mehrere Erklärer und Übersetzer das Wort vana, meiner Meinung nach sehr unrichtig, als Ablativ zu ab hac ziehen. Ich kann der Stelle den hier erforderlichen Sinn nicht anders abgewinnen, als wenn ich, nach Drakenb. Vorschlage, annehme, daß wegen des unmittelbar vorhergehenden m von accusatu m die Silbe ni von ni si illa separata für dies m angesehen und so ausgefallen sei. Dann ist, meiner Meinung nach, der schon von Drakenb. nur kürzer angedeutete Zusammenhang dieser: eam quoque accusationem (proditionis a me paratae) hodie aut a te praetermitti oportuit, aut in aliud tempus differri, ut hodie id solum ac potissimum perspiceretur, utrum ego tibi, an tu mihi – – insidias fecisses; nisi metuebas fore, ut illa (proditionis accusatio), separata ab hac (nocturni impetus accusatione), vana fieret, hac ipsa separatione evanesceret, et magis invidiam tuam adversus me, quam crimen meum (proditionis, mihi intentatum) indicaret. , getrennt von dieser, unhaltbar wurde, und mehr deinen Haß gegen mich, als den mir gemachten Vorwurf darthat, heute entweder ungerügt lassen, oder bis auf eine andre Zeit verschieben, damit es klar werden konnte, ob ich dir, oder du mir, freilich aus einem seiner Art nach unerhörten und einzigen Hasse, nach dem Leben gestanden 104 habest. Ich aber werde, so viel ich bei diesem plötzlichen Gemüthssturme kann, was du vermengt hast, von einander sondern, und den von dir, oder von mir, in dieser Nacht versuchten Meuchelmord aufdecken.» «Es soll so scheinen, als hätte ich den Plan gehabt, ihn umzubringen, in der Absicht nämlich; wenn ich den älteren Bruder aus dem Wege geräumt hätte, welchen nach dem Völkerrechte, nach Macedonischer Sitte, ja, wie er sagt, auch nach deinem Willen, der Thron werden soll, daß ich, der jüngere, dann in seine, des Gemordeten, Stelle rückte. Was soll denn nun der andere Punkt seiner Angabe, nach welchem ich mich an die Römer gehalten und mir im Vertrauen auf sie Hoffnung zum Throne gemacht haben soll? Denn wenn ich den Römern so viel Gewicht zutraute, daß sie, wen sie wollten, zum Könige über Macedonien setzen könnten, und mich auf meine Liebe bei ihnen so sehr verließ, wozu bedurfte es dann eines Brudermordes? Etwa dazu, die Königsbinde befleckt mit Bruderblut zu tragen? selbst ihnen, bei denen ich mir entweder durch wahre, oder wenigstens durch geheuchelte Rechtschaffenheit Liebe erwarb, wenn ich mir anders einige erworben habe, der Fluchwürdige und Verabscheuete zu sein? wenn du nicht etwa glaubst, eben der Titus Quinctius, dessen mannhafte Anschläge mich ja jetzt leiten sollen, habe mir bei der zärtlichen Liebe, worin er mit seinem Bruder lebt, zum Brudermorde gerathen. – Derselbe Ankläger, der nicht allein meine Liebe bei den Römern, sondern auch die Urtheile der Macedonier, und, ich möchte sagen, die Beistimmung des Himmels und der Erde als lauter Gründe zusammenstellt, nach welchen er glauben müsse, einst im Kampfe mit mir zu unterliegen; eben der beschuldigt mich, ich hätte, gleich als stände ich in jeder andern Rücksicht ihm nach, meine letzte Zuflucht zum Entwurfe eines Frevels genommen. Willst du bei der Untersuchung uns dies zur Richtschnur annehmen lassen, daß demjenigen von uns beiden, welcher fürchten konnte, der andre möge des Thrones 105 würdiger erscheinen, der Anschlag des Brudermordes zugesprochen werde?« 13. «Doch laßt uns einmal die Beschuldigung, so elend sie zusammengefunden sein mag, in ihrem Gange verfolgen. Er giebt mir Schuld, ihm auf mancherlei Art nachgestellt zu haben; und alle die Einleitungen zum Meuchelmorde stellt er auf Einen Tag zusammen. Ich habe ihn bei Tage ermorden wollen, nach dem Entsündigungsopfer, als wir den Angriff thaten, und – ist es vor Gott erhört? – selbst am Tage der Entsündigungen: ich habe ihn, als ich ihn zur Tafel lud, – vermuthlich mit Gift – hinrichten wollen: ich habe ihn, als in meiner Begleitung Bewaffnete zu ihm hinüberschwärmten, niedermachen wollen. Du siehst, welche Zeiten zum Brudermorde gewählt wurden; die des Lustgefechtes, des Schmauses, des Trinkschwärmens. Und nun? was für ein Tag? Der, an welchem das Heer die Musterungsweihe feierte, an welchem zwischen dem zertheilten Opferthiere, unter Vortragung der königlichen Waffen von allen Macedonischen Königen, die es jemals gegeben hat, wir beiden allein, indem wir dir, Vater, die Seite deckten, voranritten und der Zug der Macedonier folgte. An diesem Tage also, an dem ich, wenn ich vorher etwas Sühnungswerthes begangen hätte, doch jetzt der Gereinigte und Entsündigte war, beschäftigte ich gerade jetzt, als ich das Opfer auf beiden Seiten unsres Ganges vor Augen hatte, meine Gedanken mit einem Brudermorde, mit Gift und Dolchen, die ich für die Nachtschwärmerei bereit halten wollte; um mein von lauter Frevel beflecktes Herz – mit was für Opfern denn nun noch? – entsündigen zu lassen. Doch von Verläumdungssucht geblendet, stößt er, indem er Alles verdächtig machen will, das Eine durch das Andre um. Denn war ich Willens, dich beim Essen zu vergiften, was vertrug sich dann hiermit weniger, als durch einen hartnäckigen Angriff im Wettgefechte dich aufzubringen, so daß du aus gegründeten Ursachen, was du ohnehin gethan hast, die Einladung zum Essen ausschlagen 106 konntest? Und wenn du sie nun aus Verdruß ausgeschlagen hattest, mußte ich nicht dann mir Mühe geben, dich zu besänftigen, um mir, weil ich doch einmal mein Gift in Bereitschaft hatte, eine andre Gelegenheit zu verschaffen; oder mußte ich von diesem Plane auf den neuen gleichsam hinüberspringen, dich durch Dolche, und zwar noch an diesem Tage, unter dem Schutze einen Nachtschwärmerei zu morden? Und wie war es mir nun möglich, wenn ich einmal glaubte, du habest aus Furcht vor Lebensgefahr meine Tafel gemieden, dennoch nicht zu glauben, daß du aus gleicher Besorgniß auch dem Besuche der Trinkgesellschaft ausweichen werdest?» 14. «Ich finde darin keine Ursache zum Erröthen, Vater, wenn ich einmal an einem Festtage unter Jugendgenossen etwas reichlicher getrunken habe. Ich wünschte, auch du möchtest dich darnach umhören, wie froh, wie lustig es bei meinem gestrigen Schmause zugegangen sei, da auch die – vielleicht tadelnswerthe – Freude uns aufforderte, daß in dem jugendlichen Waffenkampfe unsere Partei nicht die schwächere gewesen war. Nur einem so traurigen Auftritte, wie dieser, und seinen Schrecken wurde es leicht, unsern Rausch zu vertreiben: kamen diese nicht dazwischen, so lägen wir Meuchelmörder noch in tiefem Schlafe. Wenn ich Willens war, Perseus, dein Haus zu erstürmen, nach dem Einbruche den Hausherrn zu morden, sollte ich mich dann nicht einmal auf den einzigen Tag im Weine gemäßigt, nicht meine Soldaten davon zurückgehalten haben? Und um nicht der Einzige zu sein, der sich mit gar zu großer «Gutmüthigkeit vertheidigt, – mein herzensguter, von Argwohn weit entfernter Bruder sagt ja selbst: ««Ich weiß weiter nichts, ich habe weiter keinen Beweis, als daß sie bei ihrem Herüberschwarme zu mir bewaffnet gewesen sind.»» Wie, wenn ich dich nun frage, woher du selbst dieses weißt? Dann mußt du nothwendig gestehen, entweder, mein Haus sei von deinen Spähern voll gewesen, oder, jene hätten die Dolche so offenbar zu sich gesteckt, daß es Jedermann habe sehen 107 können. Und um sich nicht den Schein zu geben, als habe er die Sache schon früher erkundschaftet, oder hasche jetzt als Verläumder nach Beweisen, forderte er dich vorhin auf, Vater, die selbst, die er dir nennen würde, zu befragen, ob sie nicht Dolche gehabt hätten; damit sie dann, wenn du sie, gleich als bei zweifelhafter Sache, um das befragtest, was sie doch selbst eingestehen, als die Überführten erscheinen sollen. Warum verlangst du nicht, daß sie darüber befragt werden, ob sie die Dolche beisteckten, um dich zu morden? ob auf mein Geheiß und mit meinem Wissen? Denn dahin soll doch, nach deiner Absicht, der Schein fallen, nicht auf das, was sie eingestehen, was offenbar ist. Sie sagen ja selbst at sui se tuendi caussa sumsisse dicunt]. – Dies at, unser ja in diesem Sinne, ist (wie ich glaube, sehr passend) von Hrn. Ruperti vorgeschlagen. Wenn Gronov und Crevier et und dicunt wegstreichen wollen, so haben sie alle Msc. gegen sich. , daß sie zu ihrem eigenen Schutze sie beigesteckt haben. Ob sie daran recht oder unrecht gethan haben, darüber müssen sie, als über ihre That, Rechenschaft geben. Meine Sache, die mit dieser That nichts zu thun hat, mußt du nicht hineinmischen, oder du mußt uns aus einander setzen, ob wir dich haben mit offenbarer Gewalt, oder heimlich angreifen wollen. Sollte es offenbare Gewalt sein, warum waren wir denn nicht Alle bewaffnet? warum weiter niemand, als die, welche deinen Horcher geschlagen hatten? oder heimlich? was war alsdann der Gang unsres Planes? Nach geendigtem Schmause, da ich um zu dir hinüberzuschwärmen, weggegangen war, ihrer vier aber dort zurückblieben quatuor substitissent, ut sopitum te adgrederentur?]. – Daß diese Stelle schwierig sei, beweisen schon die mehreren Vorschläge, substitissent in ein andres Wort umzuschaffen; auch Dukers und Drakenb. Meinung, daß das Fragezeichen hinter adgrederentur wegfallen müsse. Ich verstehe die ersten Worte so: Quum convivio soluto comissator (oder commissatum) discessissem ex domo mea, quatuor autem ibi (qui sibi ob pulsatum speculatorem tuum metuentes mecum ire noluerant) substitissent – und nun setzt er, spöttisch fragend, um den Ungrund zu zeigen, hinzu: ut te sopitum (in domo tua) adgrederentur? Denn da er kurz vorher den Perseus aufgefordert hatte: Explica! und: Quis ordo consilii fuit? so kann er, um ihn zu widerlegen, den Gang des ihm angeschuldigten Plans nicht ungereimt genug zusammenstellen: und größer kann die Ungereimtheit nicht sein, als wenn er sagt: Ihrer Vier blieben in meinem Hause, um dich im deinigen zu morden. Allein nun fehlt ein Übergang in der Darstellung des Vorfalls von dem substitissent in domo mea bis zu dem quomodo fefellissent. Und hier vermuthe ich, es sei hinter den Worten quatuor substitissent, – ut sopitum te adgrederentur? eine Lücke, vielleicht wegen ihrer ähnlichen Endigung mit te adgrederentur eine Zeile ausgefallen, die etwa so ausgesehen haben konnte: quum tandem inscio me armati ad te traherentur; aus Cap. 7. quum eos quoque Demetrius traheret. Das Ganze hinge dann so zusammen: Convivio soluto, quum comissator ego discessissem, quatuor substitissent, – ut sopitum te adgre derentur? – quum tandem, inscio me armati, ad te tra herentur; quomodo fefellissent? Ich habe diese Verbindung in der Übersetzung durch Klammern abgezeichnet. – 108 um dich hier im Schlafe zu überfallen? – [und ich nun endlich diese ohne mein Wissen Bewaffneten zu deinem Hause mit fortzog]; wie hätten sie da als Fremde, als meine Leute, und noch dazu so verdächtig, weil sie so eben bei der Schlägerei gewesen waren, sich einschleichen können? wie hätten sie ferner, wenn sie dich nun gemordet hätten, für ihre Person entkommen wollen? Konnte dein Haus mit vier Dolchen genommen und erstürmt werden?» 15. «Warum giebst du nicht lieber die ganze nächtliche Geschichte auf und kommst auf das zurück, was dir so wehe thut und deinem Neide zur Marter wird? ««Wie kann irgend in der Welt, Demetrius, von deiner Regierung die Rede sein? warum scheinst du diesem und jenem ein würdigerer Nachfolger in des Vaters Rang, als ich? warum machst du mich in meiner Hoffnung, die mir, wenn du nicht wärest, sicher war, so ungewiß und ängstlich?»» So denkt Perseus, wenn er es auch nicht sagt. Dies macht ihn zu meinem Feinde, zu meinem Ankläger: dies macht deinen Pallast und dein Reich zum Sammelplatze der Verläumdung und des Argwohns. So wenig ich aber jetzt, Vater, auf den Thron hoffen, und diesen Punkt deswegen vielleicht nie zur Streitfrage machen darf, weil ich der Jüngere bin, weil du mich dem Ältern nachstehen lassen willst; so wurde ich doch nie, und werde dadurch auch jetzt noch nicht berechtigt, mich so aufzuführen, daß mich Alle indignus te patre, indignus omnibus]. – Ich interpungire so: ut indignus, te patre indignus, omnibus videar. Herr Walch hat sehr richtig bemerkt, daß dies omnibus der Gegensatz von quibusdam (in den Worten: cur dignior patris fortunae succesor quibusdam videris?) sei, und also nicht in omnibus abgeändert werden dürfe. Nur darin kann ich ihm nicht beistimmen, daß zwischen te und patre ein Komma stehen und beides geschieden sein soll; denn in te liegt doch immer auch patre, und in patre eben so te. Dies Auseinanderreißen würde ich mir nur dann gefallen lassen, wenn hier ausdrücklich stände: indignus te rege et patre cet. Meiner Meinung nach sagt Demetrius auf den Vorwurf, daß er Einigen des Thrones würdiger scheine: Darum darf ich mich doch nicht so aufführen, daß ich nun Allen als unwürdig (des Thrones nämlich, wovon die Rede war) und folglich (als der unwürdige Nachfolger) auch als der unwürdige Sohn erscheine; nicht bloß als Nachfolger, sondern auch als Sohn deiner unwürdig erscheine. Bei dem ersten indignus also behält Demetrius ein eo, de quo loquimur, i. e. regno, in Gedanken: und irre ich nicht, so war hier gerade die Zurückbehaltung des dem Vater empfindlichen Wortes für den bescheidenen sowohl, als für den klugen Selbstvertheidiger, an der rechten Stelle. für 109 unwürdig, für deiner, meines Vaters, unwürdig halten müssen. Denn dies würde die Folge meiner Unarten sein, nicht die der Nachgiebigkeit gegen den, dem ich nach menschlichen und göttlichen Rechten nachgeben soll, nicht die der Bescheidenheit. – Du wirfst mir die Römer vor, und machst aus dem, was mir zum Ruhme gereichen muß, eine Anklage. Ich habe weder darum gebeten, den Römern als Geisel überliefert, noch, als Gesandter nach Rom geschickt zu werden. Weil du mich hingehen ließest, setzte ich mich nicht dagegen, hinzugehen. Beide Male habe ich mich so betragen, daß ich dir, daß ich deinem Reiche, daß ich der Macedonischen Nation keine Schande machte. Also bist du, Vater, zu meiner Freundschaft mit den Römern die Veranlassung gewesen. So lange dein Frieden mit ihnen bleibt, bleibt auch das gute Vernehmen mit mir: bricht ein Krieg aus, so werde ich, der ich auf meines Vaters Partei als Geisel, als Gesandter, nicht der Untaugliche war, eben so ihr thätigster Feind sein. Und auch für heute verlange ich nicht, von dem Wohlwollen der Römer Vortheil zu ziehen; nur daß es mir nicht schade, das ist meine Bitte. Es nahm seinen Anfang nicht im Kriege, und wird auch nicht für den Krieg gehegt. Ich war Unterpfand des Friedens, war der zur Beibehaltung des Friedens hingeschickte Gesandte: beides gereiche mir weder 110 zum Ruhme, noch zum Vorwurfe. Vater, habe ich mich irgend an dir gegen die kindliche Liebe, oder an meinem Bruder aus frevelhafter Absicht vergangen, so weigere ich mich keiner Strafe: bin ich aber unschuldig, so bitte ich, nicht vom Neide mich stürzen zu lassen, da es die Anklage nicht konnte. Mein Bruder verklagt mich heute nicht zum ersten Male; aber heute zum ersten Male so offenbar, ohne alles mein Verschulden um ihn. Zürnte mein Vater auf mich, so mußtest du als älterer Bruder für den jüngeren eine Fürbitte einlegen, mußtest seiner Jugend, seinem Fehltritte, Verzeihung auswirken. Aber da, wo ich für mich Schutz finden sollte, gerade da finde in eo, ubi – ibi]. – Ich sehe nicht, warum dies ibi weggestrichen werden soll. Außerdem, daß es hier verstärkt, ist dies so ganz in der Manier des Livius. Von vielen solchen Stellen nur die eine von der Lucretia: Cultrum, quem sub veste abditum habebat, eum in corde defigit. ich mein Verderben. Vom Schmause, von Nachtschwärmereien, beinahe halbschlafend, werde ich fortgeschleppt, mich wegen eines Brudermordes zu verantworten. Ohne Beistände, ohne Sachführer, muß ich für mich selbst sprechen. Hätte ich für einen Andern zu reden, so würde ich mir doch Zeit zum Nachdenken und zur Einkleidung meines Vortrags genommen haben, ob ich gleich dabei – was denn für größere? Gefahr liefe, als die, den Ruf eines guten Kopfes einzubüßen. Unwissend, warum ich geholt sei, höre ich dich in der Sprache des Zürnenden, und deinen Befehl, mich zu verantworten, und meinen Bruder als Kläger. Er greift mich in einer lange vorbereiteten, überdachten Rede an; ich behalte nur die Zeit, in welcher ich angeklagt werde, um zu erfahren, worauf es ankomme. Sollte ich in diesen wichtigen Augenblicken auf meinen Kläger hören? oder meine Vertheidigung entwerfen? Betäubt von dem überraschenden und ungeahnten Unglücke konnte ich kaum verstehen, was man mir vorwarf, geschweige denn wissen, wie ich mich vertheidigen sollte. Was für Hoffnung bliebe mir, wenn ich nicht in meinem Richter meinen Vater hätte; und stehe 111 ich gleich bei ihm in der Liebe meinem älteren Bruder nach, so darf ich wenigstens als Beklagter in seiner Erbarmung diesem nicht nachstehen. Denn ich bitte, daß du mir und dir mich erhalten mögest, er aber verlangt, daß du zu seiner Sicherheit mich hinrichten sollst. Was glaubst du? wie wird er mich behandeln, wenn du ihm einst die Regierung hinterlassen hast, da er schon jetzt die Forderung für billig hält, ihm zu Gefallen mich bluten zu lassen?» 16. Bei diesen Worten verschlossen ihm die Thränen beides, Athem und Stimme. Philipp, der sie abtreten ließ, erklärte nach einer kurzen Rücksprache mit seinen Vertrauten: «Er wolle ihre Sache so wenig durch mündlichen Ausspruch, als nach einer Untersuchung von Einer Stunde, entscheiden, sondern dadurch, daß er künftig über beider Leben und Wandel Nachfrage hielte, und ihre Reden und Handlungen, bei wichtigen Dingen und in Kleinigkeiten, beobachtete: so daß es Allen einleuchtete, die Anklage wegen der vorigen Nacht sei vollkommen widerlegt, nur sei ihm des Demetrius gar zu große Freundschaft mit den Römern verdächtig. So wurde noch bei Philipps Leben zu jenem Macedonischen Kriege gleichsam der Same ausgestreut, der eigentlich mit Perseus geführt werden sollte. Die Consuln beide brachen nach Ligurien auf, welches damals der einzige consularische Standort war: und weil sie dort mit Glück fochten, wurde ein Dankfest auf Einen Tag angesetzt. Etwa zweitausend Ligurier kamen an die äußerste Gränze der Provinz Gallien, wo Marcellus sein Lager hatte, und baten ihn, ihre Übergabe anzunehmen. Marcellus, der die Ligurier da, wo sie standen, bis auf weiter, warten hieß, fragte deshalb schriftlich bei dem Senate an. Der Senat hieß den Prätor Marcus Ogulnius dem Marcellus antworten: «Es würde besser gewesen sein, die Consuln, die dort ihren Stand hatten, entscheiden zu lassen, was hierbei des States Bestes sei, als den Senat. Auch jetzt stimme der Senat, falls Marcellus die Ligurier vermittelst einer 112 Übergabe annehmen werde, nicht dafür, ihnen nach der Übergabe die Waffen zu nehmen; und sei überhaupt der Meinung, sie müßten an die Consuln gewiesen werden.» Die Prätoren kamen zu gleicher Zeit auf ihre Standplätze, in das jenseitige Spanien Publius Manlius; und, was jener ulteriorem Hispaniam, quam et priore]. – Diese Worte mußte ich eigentlich übersetzen, wenn ich den Livius den Widerspruch mit zwei früheren Stellen, 33, 43. und 34, 17., begehen lassen wollte, in welchem er diesem P. Manlius Hispaniam citeriorem gab. Er ist aber gerettet, wenn die Abschreiber seine Worte: P. Manlius in ulteriorem Hispaniam, et quam is priore praetura provinciam obtinuerat, Q. Fulvius Flaccus, in citeriorem pervenit, in unsre jetzige unrichtige Lesart umgeschaffen haben. in seiner ersten Prätur zum Standplatze gehabt hatte, in das diesseitige Quintus Fulvius Flaccus. Hier übernahm er vom Terentius das Heer: im jenseitigen Spanien aber hatte seit dem Tode des Proconsuls Publius Sempronius kein Befehl über ein Heer statt gehabt. Den Fulvius Flaccus griffen bei der Belagerung einer Spanischen Stadt, Namens Urbicua, die Celtiberer an. Hier kam es zu mehreren harten Gefechten. Die Römer hatten viele Verwundete und Getödtete. Die Celtiberer erlagen der Beharrlichkeit des Fulvius, welchen alle ihre Angriffe von der Belagerung nicht abzuziehen vermochten, und erschöpft durch die Gefechte von wechselndem Ausgange zogen sie ab. Die Stadt, die sie ohne Hülfe ließen, wurde wenig Tage nachher erobert und geplündert. Die Beute überließ der Prätor den Soldaten. Als Fulvius diese Stadt erobert, und Publius Manlius bloß das vertheilt gewesene Heer zusammengezogen hatte, führten sie, ohne weiter etwas Denkwürdiges gethan zu haben, ihre Truppen in die Winterquartiere. Dies sind die Vorfälle dieses Sommers in Spanien. Terentius, der dort abgegangen war, zog im kleinen Triumphe in die Stadt ein. Das vorüber gefahrne Silber betrug 291,248 Gulden Conv. M, neuntausend dreihundert zwanzig Pfund, das Gold achtzig 25,000 Gulden. Pfund, zwei goldene Kränze sieben und 20,800 Gulden. sechzig Pfund. 17. In diesem Jahre fanden sich auch wegen eines 113 zwischen Carthago und dem Könige Masinissa streitigen Gebietes Schiedsrichter von Rom an Ort und Stelle ein. Des Masinissa Vater, Gala, hatte es den Carthagern abgenommen, den Gala hatte Syphax daraus vertrieben und es nachher, aus Gefälligkeit für seinen Schwiegervater Hasdrubal, den Carthagern geschenkt. Die Carthager hatte in diesem Jahre Masinissa hinaus getrieben. Beide führten ihre Sache vor den Römern mit eben der Erbitterung, mit der sie in bewaffneter Linie gefochten hatten. Die Carthager forderten das Land zurück, weil es von Anfang ihren Vorfahren gehört habe und dann von Syphax an sie gekommen sei. Masinissa sagte: «Er habe mit diesem Landstriche ein Stück seines väterlichen Reichs wieder an sich gebracht und besitze es nach dem Völkerrechte, und sei sowohl im Sach- als im Besitzrechte. Er fürchte bei dieser Untersuchung weiter nichts, als daß ihm das Ehrgefühl der Römer nachtheilig werden möge, wenn sie den Schein fürchteten, einen verbündeten und befreundeten König gegen ihre und seine gemeinschaftlichen Feinde begünstigt zu haben.» Die Abgeordneten machten in dem Besitzstande keine Änderung, sondern verwiesen die Sache ohne zu entscheiden an den Senat. – In Ligurien geschah nachher nichts weiter. Zuerst zogen sich die Feinde in ihre unwegsamen Waldgebirge; dann verliefen sie sich mit Entlassung ihres Heeres in ihre Flecken und kleinen Festungen. Auch die Consuln wollten ihr Heer entlassen und fragten deshalb bei den Vätern an. Diese befahlen, der Eine von ihnen solle, nach Entlassung Alterum ex his, dimisso exercitu]. – Aus Cap. 19 und 25. ergiebt sich, daß dies der Umstände wegen abgeändert wurde; Ämilius blieb bei seinem Heere in Ligurien, und Bäbius mit seinem in Pisä. Crevier. seines Heers, zur Wahl der jährigen Obrigkeiten nach Rom kommen; der Andre mit seinen Legionen zu Pisä überwintern. Es hieß nämlich, die Gallier jenseit der Alpen bewaffneten ihre Mannschaft; und man wußte nicht, in welche Gegend Italiens dieser Schwarm hinüberströmen werde. Also verglichen sich die Consuln, daß Cneus Bäbius zur Haltung der Wahlen 114 nach Rom gehen solle, weil sich sein Bruder Marcus Bäbius um das Consulat bewarb. 18. Die Consulnwahl ging vor sich. Die gewählten waren Publius Cornelius Cethegus, Marcus Bäbius Tamphilus. Dann wurden Prätoren zwei Quintus Fabius, der Eine mit Zunamen Maximus, der Andre Buteo, Tiberius Claudius Nero, Quintus Petillius Spurinus, Marcus Pinarius Posca, Lucius Duronius. Ihnen bestimmte das Los nach dem Antritte ihres Amts folgende Standplätze. Ligurien den Consuln; den Prätoren Quintus Petillius die Rechtspflege über die Bürger, Quintus Fabius Maximus die über die Fremden, Quintus Fabius Buteo Gallien, Tiberius Claudius Nero Sicilien, Marcus Pinarius Sardinien, Lucius Duronius Apulien nebst dem zugegebenen Istrien. Denn die Tarentiner und Brundusiner berichteten, ihre Gegenden am Meere litten durch Seeräuberschiffe von der jenseitigen Küste. Dieselbe Klage führten die Massilier über die Schiffe der Ligurier. Nun wurde jedem sein Heer angewiesen; den Consuln vier Legionen – jede sollte fünftausend zweihundert Mann Römisches Fußvolk und dreihundert Ritter haben – und jedem funfzehntausend Mann Latinische Bundestruppen nebst achthundert Rittern. In beiden Spanien sollten die bisherigen Prätoren den Oberbefehl, nebst den Heeren, welche sie jetzt hatten, behalten; und man bestimmte ihnen als Ergänzungstruppen dreitausend Römer zu Fuß nebst zweihundert Rittern, und sechstausend verbündete Latiner zu Fuß nebst dreihundert Rittern. Auch die Seemacht ließ man nicht außer Acht. Die Consuln wurden befehligt, hierzu Zweimänner anzustellen, um durch diese zwanzig Schiffe in See gehen zu lassen und sie mit Seeleuten zu bemannen, welche jetzt Römische Bürger, vorher aber Sklaven gewesen wären: nur ihre Vorgesetzten sollten Freigeborne sein. Die Beschützung der Küste wurde jedem der Zweimänner mit zehn Schiffen so zugetheilt, daß sie das Vorgebirge der Minerva In Campanien. Das rechts und links ist von dem zu verstehen, der in Rom gegen Abend sieht. zu ihrem 115 Wendepunkte in der Mitte hätten: der Eine sollte die Küste rechts bis nach Massilia, der Andre die zur Linken bis Barium zu decken haben. 19. In diesem Jahre ließen sich viele traurige Schreckzeichen in Rom sehen, und viele wurden von auswärts einberichtet. Auf dem dem Vulcan und der Eintracht geweiheten Platze regnete es Blut. Die Oberpriester meldeten, Spieße hätten sich gerührt und zu Lanuvium habe das Bild der Juno Sospita geweint. Auch wüthete auf dem Lande, in den Gerichtsorten und Marktflecken, und in Rom selbst eine so schlimme Pest, daß das Libitinenamt kaum alle Leichen bestatten konnte. Durch diese Schreckzeichen und Sterbefälle in Angst gesetzt gaben die Väter Befehl, die Consuln sollten denjenigen Gottheiten, denen sie es nöthig fänden, Opfer mit großen Thieren bringen, und die Zehnherren sollten die heiligen Bücher befragen. Auf einen Beschluß von ihnen wurde eine Betandacht an allen Altären zu Rom auf Einen Tag verordnet. Auf ihr Gutachten beschloß auch der Senat und die Consuln machten es bekannt, daß durch ganz Italien eine dreitägige Betandacht und Ferien sein sollten. Die Pest war so arg, daß die Consuln, als der Senat wegen einer Empörung der Corsen und eines auf Sardinien von den Iliern erregten Krieges, achttausend Mann Latinische Bundestruppen zu Fuß und dreihundert zu Pferde auszuheben befahl, um sie mit dem Prätor Marcus Pinarius nach Sardinien übersetzen zu lassen, die Anzeige machten, es wären so viele Menschen gestorben und lägen allenthalben so viele krank, daß man diese Anzahl von Soldaten nicht habe aufbringen können. Also erhielt der Prätor Befehl, sich die fehlenden Leute vom Proconsul Cneus Bäbius geben zu lassen, welcher zu Pisä überwinterte, und von hier nach Sardinien überzugehen. Dem Prätor Lucius Duronius, welchem Apulien als Standplatz zugefallen war, wurde auch die Untersuchung wegen der Bacchanalien aufgetragen, weil sich ein von diesem früheren Übel gleichsam nachgebliebener Samenstoff schon im vorigen Jahre gezeigt hatte; allein bei dem Prätor 116 Lucius Pupius waren die Untersuchungen mehr eingeleitet gewesen, als zu irgend einem Ausgange gediehen. Die Väter befahlen dem Prätor, diesen neuen Krebs völlig auszuschneiden, damit er nicht noch einmal weiter um sich greife. Auch brachten die Consuln nach einem Gutachten des Senats Gesetze wegen der Amtsbewerbungen an das Volk. 20. Dann stellten sie dem Senate die Gesandschaften vor. Zuerst die der Könige; des Eumenes; des Cappadocischen, Ariarathes; und des Pontischen, Pharnaces. Sie erhielten weiter keine Antwort, als die, die Väter würden zur Untersuchung und Entscheidung ihrer Streitigkeiten Abgeordnete schicken, Nun wurden die Gesandten der vertriebenen Lacedämonier und der Achäer eingeführt, und den Vertriebenen die Hoffnung gemacht, daß der Senat wegen ihrer Wiedereinsetzung den Achäern schreiben werde. Die Achäer setzten den Vätern nicht ohne Beifall ihre Wiedereroberung von Messene und die Beilegung der dortigen Angelegenheiten aus einander. Auch von Philipp, dem Könige der Macedonier, kamen zwei Gesandte, Philocles und Apelles, aber ohne etwas bei dem Senate zu suchen. Sie waren mehr als Späher abgeschickt, um den Unterredungen nachzuspüren, welche Perseus dem Demetrius Schuld gegeben hatte, als ob sie dieser mit Römischen Großen, besonders mit dem Titus Quinctius, seinem Bruder zum Nachtheile über die Thronfolge gehabt habe. Der König hatte sie, als wären sie die Unparteiischen, und ohne Vorliebe für einen von beiden, abgehen lassen. Aber auch sie waren Werkzeuge und Theilnehmer der Bosheit des Perseus gegen seinen Bruder. Demetrius, der von Allem nichts wußte, außer was ihm praeterquam fraterno scelere]. – So lese ich mit Gron., Crev., Drak. und fast allen Msc. das neulich an den Tag gekommene Bubenstück seines Bruders verrathen hatte, hegte anfangs zwar keine große, aber doch einige Hoffnung, seinen Vater versöhnen zu können: nachher traute er der Stimmung seines Vaters, dessen Ohr 117 er von seinem Bruder besetzt sah, von Tage zu Tage weniger. Seine eignen Worte und Handlungen beachtend, um niemandes Verdacht gegen sich zu mehren, enthielt er sich besonders aller Erwähnung und Annäherung der Römer, so, daß er nicht einmal Briefe haben wollte, weil er sah, daß sein Vater hauptsächlich über Vorwürfe dieser Art erbittert wurde. 21. Philipp, um seine Soldaten nicht durch Unthätigkeit schlechter werden zu lassen, zugleich um allen Verdacht von sich abzuwenden, als denke er auf einen Römischen Krieg, beschied sein Heer nach Stobi in Päonien und rückte dann mit ihm weiter in das Gebiet Mädica. Es war ihm die Lust angekommen, den Gipfel des Hämusgebirgs zu besteigen, weil er der allgemeinen Meinung Glauben beimaß, man könne dort zugleich das Pontische und Hadriatische Meer, die Donau und die Alpen sehen; und er versprach sich von dieser Übersicht für seinen Plan zu einem Römischen Kriege Winke von Entscheidung. Als er die der Gegend Kundigen über das Hinansteigen zum Hämus befragt hatte und Alle darin übereinstimmten, für ein Heer gebe es gar keinen Weg und nur für Einzelne, Leichtbeladene einen äußerst beschwerlichen Aufgang, so legte er seinem jüngeren Sohne, den er nicht mitnehmen wollte, um ihm mit ein par vertrauten Worten zu liebkosen, zuerst die Frage vor: «Ob man bei einer so groß angegebenen Schwierigkeit des Weges bei dem Unternehmen beharren, oder davon abstehen müsse. Falls er aber dennoch weiter ginge, so könne er unter diesen Umständen nicht umhin, sich an den Antigonus zu erinnern, von dem man erzähle, er habe einst in einem schweren Seesturme, als er die Seinigen alle auf demselben Schiffe bei sich hatte, es seinen Söhnen zur Vorschrift gemacht, sowohl für ihre Person es nie zu vergessen, als auch ihren Nachkommen die Lehre aufzubehalten, daß sich keiner von ihnen bei mißlichen Umständen zugleich mit allen den Seinigen wagen solle. Und so wolle er, dieser Lehre eingedenk, nicht seine beiden Söhne zugleich auf das Spiel dieser angedeuteten 118 Möglichkeit setzen; und weil er den älteren Sohn mitnehme, wolle er zur Stütze seiner Hoffnung und zur Hut seines Throns den jüngeren nach Macedonien zurücksenden.» Es entging dem Demetrius nicht, daß man ihn wegschicke, damit er nicht bei der Berathschlagung zugegen sei, wenn der Väter bei dem Überblicke der Gegenden in Erwägung zöge, welchen Weg er zunächst an das Hadriatische Meer und nach Italien zu nehmen habe, und wie der Gang des Krieges sein müsse. Allein jetzt war es Zeit, dem Vater nicht bloß zu gehorchen, sondern sogar beifällig zu sein, um nicht in den Verdacht zu kommen, als gehorche er ungern. Damit er aber auf dem Wege nach Macedonien Sicherheit hätte, wurde Didas, einer von den königlichen Befehlshabern und Statthalter in Päonien, befehligt, ihn mit einer mäßigen Bedeckung zu begleiten. Aber auch dieser stand mit dem Perseus, so wie die meisten von seines Vaters Vertrauten, seitdem niemand mehr darüber ungewiß war, an wen bei dieser Stimmung des Vaters die Erbschaft des Thrones fallen werde, zum Verderben seines Bruders im Bunde. Für jetzt trug dieser ihm auf, sich durch alle Arten von Gefälligkeit bei dem Demetrius auf den Fuß der innigsten Vertraulichkeit zu setzen, um ihm alle seine Geheimnisse abzulocken und seine verstecktesten Gedanken zu erspähen. So schied Demetrius; bei dieser Bedeckung viel unsicherer, als wenn er allein gereiset wäre. 22. Philipp, der zuerst durch Mädica, dann durch die zwischen Mädica und dem Hämus liegenden Einöden zog, gelangte erst in sieben Tagemärschen an den Fuß des Gebirges. Hier verweilte er Einen Tag, um die auszuwählen, die er mitnehmen wollte. Am dritten Tage unternahm er den Gang. Anfangs war auf den untersten Hügeln die Beschwerlichkeit nur mittelmäßig: je mehr sie aber in die Höhe stiegen, trafen sie immer mehr und mehr auf Waldungen und unwegsame Stellen. Dann kamen sie auf einen so dunkeln Weg, daß sie vor dichtstehenden Bäumen und durch einander strebenden Ästen kaum den Himmel sehen konnten. Als sie aber den Bergrücken 119 naheten, da war – was anderwärts nur selten geschieht – Alles in einen so starken Nebel gehüllet, daß ihnen der Weg so beschwerlich wurde, als machten sie ihn bei Nacht. Erst am dritten Tage gelangten sie auf den Gipfel. Nach ihrer Herabkunft ließen sie den gemeinen Glauben ohne allen Widerspruch; vermuthlich mehr, um einem Spotte über ihre vergebliche Reise zu entgehen, als daß sie wirklich die Meere, Gebirge und Ströme auf so entgegengesetzten Punkten zugleich von diesem einzigen Standorte hätten sehen können. Alle waren von der Beschwerlichkeit der Reise sehr angegriffen, und der König, bei seinen Jahren schon mehr der Schwerfällige, mehr als Alle. Nachdem er an zwei Altären, die er hier dem Jupiter und Sol weihete, geopfert hatte, machte er den Weg, den er in drei Tagen hinangestiegen war, bergab in zwei Tagen, weil er vorzüglich die Nachtfröste fürchtete, welche hier in den Hundstagen den Winterfrösten glichen. Hatte er in diesen Tagen mit vielen Beschwerlichkeiten zu kämpfen gehabt, so fand er auch in seinem Lager keine frohere Stimmung; weil es in einer Gegend, welche auf allen Seiten von Einöden umschlossen war, den höchsten Mangel litt. Um denen, die er bei sich gehabt hatte, einige Ruhe zu gönnen, verweilte er einen einzigen Tag, und rannte dann, wie auf der Flucht, in das Land der Dentheleter hinüber. Diese waren Bundsgenossen: allein aus Mangel plünderten ihnen die Macedonier das Land, als ob es Feinden gehöre. Raubend verheerten sie anfangs die Landhöfe hin und wieder, dann auch mehrere Flecken, nicht ohne große Beschämung des Königs, der das Klaggeschrei seiner Bundsgenossen anhören mußte, wenn sie vergeblich die Bundesgötter und ihn namentlich um Hülfe anfleheten. Als er hier das Getreide weggenommen hatte und in Mädica zurückgekehrt war, unternahm er die Belagerung einer Stadt, Namens Petra. Er selbst lagerte sich da, wo er ihr von der Ebene aus beikommen konnte; seinen Sohn Perseus ließ er mit einem mäßigen Kohre einen Umweg nehmen, um die Stadt aus höheren Gegenden anzugreifen. Die Bürger, von allen 120 Seiten bedroht, verstanden sich für diesen Augenblick zur Stellung von Geiseln und zur Übergabe. Sobald aber das Heer abzog, entwichen sie, mit Aufopferung ihrer Geisel und Hinterlassung ihrer Stadt, in feste Plätze und auf das Gebirge. Als Philipp wieder in Macedonien ankam, hatte er ohne den mindesten Erfolg seine Soldaten durch Beschwerden aller Art ermüdet, und fand den Verdacht gegen seinen Sohn durch die Bosheit des Statthalters Didas noch vergrößert. 23. Da dieser dem Prinzen, wie ich oben gesagt habe, zugegebene Begleiter, die Offenheit des unvorsichtigen und mit Recht auf die Seinigen zürnenden Jünglings, unter Beistimmungen und theilnehmendem Unwillen über sein Schicksal, belauschte, so entlockte er ihm durch das zuvorkommende Anerbieten, ihm in allen Stücken zu dienen, nach zugesicherter Verschwiegenheit seine Geheimnisse. Demetrius dachte auf Flucht in das Römische: und für diesen Plan schien ihm durch göttliche Fügung der Statthalter von Päonien als Beförderer geboten zu werden, durch dessen Provinz er sicher entkommen zu können hoffte. Sogleich wurde dieser Plan seinem Bruder verrathen und auf dessen Betrieb dem Vater mitgetheilt. Zuerst bekam dieser einen Brief, als er Petra belagerte. Nun wurde Herodorus – er war der Vornehmste von des Demetrius Freunden – gefänglich eingezogen, und Befehl gegeben, den Demetrius, ohne daß er es merkte, in Obacht zu halten. Dem Könige gab außer den übrigen Veranlassungen auch diese in Macedonien eine traurige Ankunft. Auch jetzt angebrachte Beschuldigungen beunruhigten ihn; doch glaubte er, die Rückkunft derer abwarten zu müssen, die er, um sich nach allen Umständen zu erkundigen, nach Rom geschickt hatte. Von diesen Sorgen gemartert, hatte er mehrere Monate zugebracht; da kamen endlich die Gesandten, denen schon längst in Macedonien angegeben war, was sie von Rom aus berichten mußten; und ohne ihrer übrigen Schändlichkeiten zu erwähnen, brachten sie sogar dem Könige einen untergeschobenen Brief vom Titus Quinctius, mit dessen 121 nachgemachtem Petschafte versiegelt. Der Brief bat um Entschuldigung, «daß der Jüngling, durch die Lust zum Throne verliebt, sich deshalb an ihn gewandt habe; ob er gleich nie das Mindeste gegen Einen der Seinigen unternehmen werde. Und er selbst sei nicht der Mann, den man für den Angeber irgend einer lieblosen Maßregel ansehen dürfe.» Auf diesen Brief fanden des Perseus Verläumdungen Glauben. Sogleich erging über den Herodorus eine lange Folter; er starb aber unter den Martern, ohne irgend etwas ausgesagt zu haben. 24. Perseus klagte den Demetrius abermals bei dem Vater an. Er legte viel Gewicht auf die eingeleitete Flucht durch Päonien; auch darauf, daß einige bestochen waren, die Reise mitzumachen: am kräftigsten wirkte der dem Titus Quinctius untergeschobene Brief. Doch wurde das harte Urtheil über den Demetrius nicht öffentlich ausgesprochen, um ihn lieber heimlich morden zu können; und auch dies nicht aus Rücksicht auf ihn selbst, sondern um nicht durch seine Hinrichtung den Plan gegen die Römer aufzudecken. Da Philipp selbst von Thessalonich nach Demetrias reisen wollte, so schickte er den Demetrius, von eben dem Didas begleitet, nach Asträum in Päonien, und den Perseus, die Thracischen Geisel in Empfang zu nehmen, nach Amphipolis. Beim Scheiden soll er dem Didas den Auftrag gegeben haben, den Sohn zu tödten. Didas schickte sich entweder zu einem wirklichen Opfer an, oder traf anscheinende Vorkehrungen. Zu dieser Feier eingeladen kam Demetrius von Asträum nach Heraclea. Bei dem Opfermahle soll ihm Gift gegeben sein. Er hatte kaum den Becher ausgetrunken, als er es merkte. Bald stellten sich die Schmerzen ein, er verließ das Mahl, begab sich in sein Schlafzimmer, und unter lauten Klagen über seines Vaters Grausamkeit, über den vom Bruder am Bruder verübten Mord und über die Verrätherei des Didas, wand er sich in seinen Qualen. Da schickte man einen gewissen Thyrsis von Stubera und den Alexander von Beröa zu ihm hinein, die ihn mit über den Kopf und Mund geworfenen Teppichen 122 erstickten. So wurde der unschuldige Jüngling hingerichtet, da seine Feinde sich an ihm nicht einmal mit Einer Todesart begnügten. 25. Während dieser Vorgänge in Macedonien führte Lucius Ämilius Paullus, welchem nach seinem Consulate der Oberbefehl verlängert war, sein Heer gegen die Ingaunischen Ligurier. Sobald er sich auf dem Gebiete der Feinde lagerte, kamen Gesandte bei ihm an, die sich unter dem Scheine einer Bitte um Frieden, bei ihm umsehen wollten. Als Paullus sagte, er schließe nur mit denen Frieden, die sich ergäben, so weigerten sie sich dessen nicht sowohl, als daß sie sagten, hierzu hätten sie Zeit nöthig, um ihre rohen Landsleute dazu zu bereden. Da ihnen deshalb auf zehn Tage Waffenstillstand bewilligt wurde, baten sie hinterher, «die Truppen möchten doch nicht, auf ihren Zügen aus dem Lager zum Futter- oder Holzholen, über die nächsten Berge gehen: die bestellten Äcker dort gehörten zu ihrem Gebiete.» Als ihnen dies zugesagt war, zogen sie gerade hinter diesen Bergen, von denen sie den Feind entfernt gehalten hatten, ihr ganzes Heer zusammen, und plötzlich unternahmen sie mit einer außerordentlichen Menge die Bestürmung des Römischen Lagers an allen Thoren zugleich. Den ganzen Tag stürmten sie mit höchster Anstrengung, so daß die Römer nicht einmal dazu kommen konnten, unter den Fahnen auszurücken, auch den Platz nicht hatten, sich in eine Linie auszubreiten. In den Thoren zusammengedrängt schützten sie ihr Lager mehr durch diese Sperrung des Weges, als durch Gefecht. Als sich die Feinde um Sonnenuntergang zurückgezogen hatten, schickte Paullus zwei Ritter zum Proconsul Cneus Bäbius nach Pisä mit der schriftlichen Bitte, ihm je eher je lieber zu Hülfe zu kommen. da man ihn während eines Waffenstillstandes eingeschlossen habe. Bäbius hatte sein Heer an den Prätor Marcus Pinarius abgegeben, als dieser nach Sardinien ging. Doch benachrichtigte er durch einen Brief den Senat, daß Lucius Ämilius von den Liguriern eingeschlossen sei, und schrieb auch dem Marcus Claudius Marcellus, der von hier den 123 nächsten Standort hatte, wenn es ihm recht sei, so möge er mit seinem Heere aus Gallien nach Ligurien übergehen und den Lucius Ämilius von der Einschließung befreien. Alle diese Hülfe sollte zu spät kommen. Am folgenden Tage kamen die Ligurier wieder an das Lager. Ämilius, ob er gleich wußte, daß sie kommen würden, und er in Linie hätte ausrücken können, behielt seine Leute in der Verschanzung, um den Kampf bis zu dem Zeitpunkte zu verlängern, wo Bäbius mit seinem Heere von Pisä eintreffen konnte. 26. Zu Rom erregte der Brief des Bäbius große Bestürzung, um so viel größer, weil wenig Tage nachher Marcellus, als er nach Abgabe seines Heers an den Fabius, zu Rom eintraf, alle Hoffnung niederschlug, das in Gallien stehende Heer nach Ligurien gehen lassen zu können, weil es selbst gegen die Istrier Krieg führe, welche die Anlegung einer Pflanzstadt zu Aquileja nicht gestatten wollten. Fabius sei dorthin vorgerückt und könne, da der Krieg im Gange sei, von dort nicht zurückkommen. Die einzige, aber für die dringenden Zeitumstände ebenfalls zu sehr zögernde Hoffnung der Hülfe war die, wenn die Consuln sich beeilten, auf ihren Standort abzugehen. Die Väter alle, jeder auf seine Art, erklärten sich laut dafür, daß sie dies thun möchten. Die Consuln sagten, vor beendigter Werbung würden sie nicht abgehen; und daß diese so viel später beendigt werde, sei nicht die Schuld ihrer Saumseligkeit, sondern der wüthenden Seuche. Doch bei der einstimmigen Zumuthung des Senats konnten sie nicht umhin, im Feldherrnschmucke auszurücken, und den Soldaten, so viele sie schon geworben hatten, den Tag zu bestimmen, auf den sie sich in Pisä zu stellen hätten. Es wurde ihnen gestattet, wo sie durchkämen, auf dem Marsche Truppen für diesen Nothfall auszuheben und mitgehen zu lassen. Auch die Prätoren Quintus Petillius und Quintus Fabius wurden befehligt, Petillius, zwei Legionen eilig geworbener Römer aufzurichten und alle unter funfzig Jahren zur Fahne schwören zu lassen; Fabius, sich von den verbündeten Latinern funfzehntausend Mann zu 124 Fuß und achthundert Ritter stellen zu lassen. Zu Zweiherren beim Seewesen wurden Cajus Matienus und Cajus Lucretius ernannt und ihnen die Schiffe in Stand gesetzt, auch dem Matienus, dessen Standort in dem Gallischen Meerbusen war, Befehl gegeben, je eher je lieber mit seiner Flotte an die Ligurische Küste zu gehen, wenn er etwa dem Lucius Ämilius und dessen Heere irgend wozu nützlich sein könnte. 27. Weil Ämilius, der bei dem Ausbleiben aller Hülfe, seine Ritter für aufgefangen hielt, mit einem Versuche aus eigner Kraft nicht länger warten zu müssen glaubte, so stellte er, ehe die Feinde wiederkamen, die aber schon saumseliger und sorgloser bei ihrem Angriffe waren, seine Truppen an den vier Lagerthoren auf, um sie zugleich auf allen Seiten ausbrechen zu lassen. An die vier Cohorten verbündeter Auserlesenen ließ er zwei andre Cohorten Bundestruppen sich anschließen, gab ihnen den Unterfeldherrn Marcus Valerius zum Anführer, und hieß sie zum Vorderthore ausfallen. An das rechte Seitenthor stellte er das erste Treffen der ersten Legion und gab ihm das zweite Treffen zum Rückhalte: über diese setzte er die Obersten Marcus Servilius und Lucius Sulpicius. Die dritte Legion wurde dem linken Seitenthore gegenüber aufgestellt; nur mit der Abänderung, daß das zweite Treffen voran, das erste in den Rückhalt zu stehen kam. Über diese Legion wurden die Obersten Sextus Julius Cäsar und Lucius Aurelius Cotta gesetzt. Der Unterfeldherr Quintus Fulvius Flaccus mit der rechten Abtheilung der Bundsgenossen bekam seinen Platz am Hinterthore. Zwei Cohorten und von beiden Legionen das dritte Treffen mußten zur Bedeckung des Lagers bleiben. Der Feldherr selbst zeigte sich unter Anreden an die Seinigen an allen Thoren und schärfte die Erbitterung der Soldaten durch alle ihm möglichen Reizmittel; bald durch laute Anklage der Arglist, mit welcher die Feinde nach ihrer Bitte um Frieden, nach bewilligtem Waffenstillstande, selbst während dieser Zeit des Waffenstillstandes, gegen alles Völkerrecht sich aufgemacht hätten, das Römische Lager 125 anzugreifen; bald durch die Vorstellung, wie schimpflich es sei, daß von Liguriern, mehr Straßenräubern, als ordentlichen Feinden, ein Römisches Heer eingeschlossen werde. «Mit welcher Miene will irgend einer von euch, falls euch hier fremde Hülfe, nicht eigne Tapferkeit, losmachte, ich will nicht sagen, jenen Kriegern unter die Augen treten, welche den Hannibal, oder welche den Philipp, den Antiochus, die größten Könige und Feldherren unsres Zeitalters, besiegten; sondern denen, von welchen eben diese Ligurier zu mehreren Malen als flüchtige Heerden Vieh in unwegsamen Waldungen eingeholt und zusammengehauen wurden? Was keine Spanier, keine Gallier, Macedonier oder Punier sich unterstehen würden, das wagt der Ligurier als Feind, vor einen Römischen Lagerwall zu kommen, von seiner Seite der Belagerer, der Stürmende zu sein! ein Feind, den wir, wenn wir ihm ehemals in unwegsamen Waldgebirgen nachspürten, kaum in seinen Löchern und Schlupfwinkeln auffinden konnten!» Hierauf erwiederten die Truppen durch einstimmiges Geschrei: «Dies sei nicht die Schuld der Soldaten, denen niemand ein Zeichen zum Ausfalle gegeben habe. Er möge ihnen das Zeichen geben; dann solle er erfahren, daß sowohl Römer als Ligurier, noch dieselben wären, die sie sonst gewesen.» 28. Die Ligurier hatten diesseit der Gebirge zwei Lager. Aus diesen schritten sie in den ersten Tagen mit Sonnenaufgang alle zugleich geordnet und schlachtfertig heran: jetzt aber griffen sie schon nicht eher zu den Waffen, als bis sie sich völlig in Speise und Wein gesättigt hatten. Zerstreut und ohne Ordnung rückten sie aus, weil sie, ihrer Hoffnung gemäß, gewiß waren, die Feinde würden sich mit ihren Fahnen nicht aus der Verschanzung wagen. Mit einem Geschreie, das alle im Lager befindlichen Römer, samt den Troßknechten und Marketendern; auf einmal erhoben, thaten sie an allen Thoren zugleich auf die in dieser Unordnung Herankommenden einen Ausfall. Dies war den Liguriern so unerwartet, daß sie eben so bestürzt wurden, als wären sie von einem 126 Hinterhalte belistet. Ein kleines Weilchen dauerte nur der Anschein eines Gefechts, dann wurde unaufhaltbare Flucht und das Gemetzel unter den Flüchtigen allgemein. Kaum hatte die Reuterei den Wink zum Aufsitzen bekommen und niemand entrinnen zu lassen, so wurden die Feinde sämtlich in wilder Flucht zu ihrem Lager hineingetrieben und dann des Lagers selbst verlustig. Man machte an diesem Tage über funfzehntausend Ligurier nieder, und zweitausend fünfhundert Gefangene. Drei Tage nachher ergab sich in Ligurien Alles, was Ingauner hieß und stellte Geisel. Die Steuerleute und Schiffer, welche mit ihren Fahrzeugen Räuberei getrieben hatten, wurden eingezogen und sämtlich gefangen gelegt. Auch eroberte der Zweiherr Cajus Matienus an der Ligustischen Küste zweiunddreißig Schiffe dieser Art. Zur Überbringung dieser Nachricht und eines Schreibens an den Senat wurden Lucius Aurelius Cotta und Cajus Sulpicius Gallus nach Rom geschickt, zugleich um zu bitten, daß man dem Lucius Ämilius erlauben möge, nach vollendeter Eroberung von seinem Posten abzugehen, auch die Truppen abzuführen und zu entlassen. Beides bewilligte der Senat und verordnete zugleich ein dreitägiges Dankfest an allen Altären. Die Prätoren erhielten Befehl, Petillius, die Stadtlegionen zu verabschieden, Fabius, den verbündeten Latinern die Werbung zu erlassen: auch mußte der Stadtprätor den Consuln schreiben, der Senat finde für gut, die in der Eile für diesen Nothfall ausgehobenen Truppen je eher je lieber zu entlassen. 29. In diesem Jahre wurde nach Graviscä auf Hetrurischem, vormals den Tarquiniensern abgenommenen Grund und Boden eine Pflanzung abgeführt. Jeder bekam fünf Morgen Landes. Die Abführung hatten die Dreiherren Cajus Calpurnius Piso, Publius Claudius Pulcher, Cajus Terentius Istra. Dies Jahr zeichnete sich durch Dürre und Unfruchtbarkeit aus. Man findet angegeben, daß es in sechs Monaten nicht Einmal geregnet habe. In eben diesem Jahre fanden auf einem dem Schreiber Lucius Petillius gehörigen Acker unten am Janiculum die 127 Arbeiter, als sie die Erde tiefer aufgruben, zwei steinerne Kasten, jeden fast acht Fuß lang und vier Fuß breit, und die Deckel mit Blei befestiget. Beide Kasten hatten eine Lateinische und Griechische Inschrift: in dem einen sollte Numa Pompilius, des Pompo Sohn, König der Römer, beigesetzt sein, der andre die Bücher des Numa Pompilius enthalten. Als der Besitzer auf seiner Freunde Zureden die Kasten öffnete, fand sich der eine, in welchem der Aufschrift zufolge, der König begraben lag, ganz leer, ohne alle Spur eines menschlichen Körpers, oder sonst irgend einer Sache, weil durch die Verwesung in so vielen Jahren Alles verschwunden war. In dem andern enthielten zwei mit gewichsten Schnüren umwundene Packete, jedes sieben Bücher, die nicht allein unversehrt waren, sondern auch völlig neu aussahen. Die sieben Lateinischen handelten vom oberpriesterlichen Rechte, die sieben Griechischen von der Weltweisheit, wie sie in jenem Zeitalter sein konnte. Valerius von Antium setzt hinzu, sie seien Pythagorisch gewesen, so daß er sich mit seiner Versicherung durch diese glaubliche Lüge der gemeinen Meinung anschmiegt, nach welcher Numa ein Zuhörer des Pythagoras gewesen sein soll. Von den Freunden des Schreibers, die dabei zugegen waren, wurden die Bücher zuerst gelesen. Als sie durch die mehreren Leser bekannter wurden, ließ sie sich der Stadtprätor Quintus Petillius, neugierig sie zu lesen, vom Lucius Petillius geben. Sie standen in näherem Umgange, weil Quintus Petillius als Schatzmeister jenen in der Classe der Schreiber angestellt hatte. Als er bei Übersicht des Hauptinhalts wahrnahm, daß sie sich meistens auf eine Abstellung des Gottesdienstes bezogen, so sagte er dem Lucius Petillius: «Er werde diese Bücher ins Feuer werfen. Ehe er das thue, wolle er ihm überlassen, von jedem Rechte, von jedem Hülfsmittel Gebrauch zu machen, wodurch er sich den Wiederbesitz der Bücher verschaffen zu können glaube. Er könne dies ihrer Freundschaft unbeschadet thun.» Der Schreiber wandte sich an die Bürgertribunen: die Tribunen verwiesen die Sache an den Senat. Der 128 Prätor versicherte, er sei bereit zu schwören, daß diese Bücher nicht gelesen und aufbehalten werden müßten. Darauf erklärte der Senat: «Es sei hinreichend, daß sich der Prätor zu diesem Eide erbiete. Die Bücher müsse man je eher je lieber auf dem Versammlungsplatze verbrennen. Der Preis der Bücher, so hoch ihn der Prätor Quintus Petillius und der größere Theil der Bürgertribunen bestimmen würden, solle dem Besitzer ausgezahlt werden.» Der Schreiber nahm das Geld nicht an. Die Bücher wurden auf dem Versammlungsplatze auf einem von den Opferdienern angezündeten Feuer vor den Augen des Volks verbrannt. 30. Im diesseitigen Spanien kam während dieses Sommers ein ernsthafter Krieg zum Ausbruche. Gegen fünfunddreißigtausend Menschen, mehr als jemals vorher, hatten die Celtiberer zusammengebracht. Quintus Fulvius Flaccus hatte dort seinen Standort. Weil er gehört hatte, daß die Celtiberer ihre Mannschaft bewaffneten, so hatte auch er von den Bundsgenossen so viele Hülfstruppen als möglich zusammengezogen: allein er kam dem Feinde in der Anzahl bei weitem nicht gleich. Mit Frühlingsanfang führte er sein Heer in Carpetanien, und nahm sein Lager bei der Stadt Äbura, in die er eine mäßige Besatzung gelegt hatte. Wenig Tage nachher schlugen die Celtiberer in einer Entfernung von beinahe zweitausend Schritten unter einer Anhöhe ihr Lager auf. Als der Römische Prätor ihre Ankunft erfuhr, schickte er seinen Bruder Marcus Fulvius mit zwei Geschwadern Bundesreuterei ab, das feindliche Lager in Augenschein zu nehmen, mit dem Befehle, sich dem Walle so viel als möglich zu nähern, um zu erfahren, wie groß es sei. Alles Gefechts aber sollte er sich enthalten, und wenn er die feindliche Reuterei ausrücken sehe, sich zurückziehen. Er that, wie ihm befohlen war. Mehrere Tage über wurde nichts weiter unternommen, als daß jene beiden Geschwader sich zeigten, und dann, wenn die feindliche Reuterei aus ihrem Lager hervorbrach, wieder abgeführt wurden. Endlich traten die Celtiberer, die zugleich mit allen ihren 129 Truppen zu Fuß und zu Pferde aus ihrem Lager rückten, in der Richtung einer Schlachtreihe fast in der Mitte des Raums zwischen beiden Lagern auf. Das ganze Feld war eben und eignete sich zu einer Schlacht. Hier standen die Spanier, den Feind erwartend. Vier Tage nach einander behielt der Römische Feldherr die Seinigen in seinem Walle, und jene stellten immer auf demselben Platze ihre Schlachtordnung auf. Die Römer unternahmen nichts. Seitdem blieben auch die Celtiberer ruhig im Lager, weil das Treffen nicht angenommen wurde: nur die Reuterei rückte auf ihren Posten aus, um, wenn der Feind etwas unternähme, in Bereitschaft zu sein. Hinter ihrem Lager gingen beide Parteien auf Futter- und Holzholungen aus, ohne daß eine von beiden die andre gehindert hätte. 31. Der Römische Prätor, als er glaubte, sein Stillsitzen seit so vielen Tagen habe den Feinden die sichere Hoffnung eingeflößt, daß er nicht zuerst auftreten werde, hieß den Lucius Acilius mit der linken Abtheilung der Bundesgenossen und sechstausend Mann vom Hülfskohre der dortigen Landestruppen den Berg im Rücken der Feinde umgehen, und von dort herab, sobald er das Schlachtgeschrei höre, über ihr Lager herfallen. Um nicht sichtbar zu werden, brachen sie in der Nacht auf. Mit dem ersten Morgenlichte sandte Flaccus den Obersten der Bundestruppen Cajus Scribonius mit der auserlesenen Reuterei der linken Abtheilung gegen das feindliche Lager. Sobald die Celtiberer diese und zwar in stärkerer Anzahl, als gewöhnlich, sich nähern sahen, strömte ihre ganze Reuterei zum Lager hinaus und zugleich erhielt das Fußvolk das Zeichen zum Ausrücken. Scribonius kehrte, wie ihm befohlen war, sobald er das Getümmel der Reuterei vernahm, mit seinen Pferden um und suchte sein Lager wieder. So viel hitziger stürzten ihm die Feinde nach. Zuerst erschien ihre Reuterei, dann auch die Linie ihres Fußvolks, in der sichern Erwartung, heute den Angriff auf das Lager zu thun. Fünfhundert Schritte, nicht weiter, waren sie noch vom Walle entfernt. Wie also Flaccus glaubte, sie weit genug von der Beschützung ihres 130 Lagers weggezogen zu haben, brach er mit seinem innerhalb des Walles aufgestellten Heere zugleich auf drei Seiten aus, unter einem Geschreie, das nicht bloß den Muth zum Kampfe wecken, sondern auch denen auf dem Gebirge hörbar werden sollte. Und diese säumten nicht, zum Angriffe auf das Lager, wie ihnen befohlen war, herabzukommen, in welchem fünftausend Mann, mehr nicht, zur Bedeckung gelassen waren. Da diesen ihre eigne Schwäche, die Stärke der Feinde und die Überraschung den Muth benahm, so wurde das Lager fast ohne Gefecht erobert: und die Seite vom Lager, die den Schlachtliefernden am meisten vor dem Blicke lag, steckte Acilius in Brand. 32. Die letzten Glieder in der Linie der Celtiberer wurden die Flamme zuerst gewahr. Dann theilte sichs die ganze Linie mit, ihr Lager sei erobert; gerade jetzt stehe es in vollen Flammen. Was sie in Schrecken setzte, erhöhete den Muth der Römer; und schon vernahmen sie das Geschrei der siegenden Ihrigen; brennend zeigte sich ihnen das feindliche Lager. Ein Weilchen wankten die Celtiberer in Unentschlossenheit: weil sie aber, wenn sie geschlagen wurden, sich auf Nichts zurückziehen konnten, und nur die Schlacht allein sie hoffen ließ, so erneuerten sie den Kampf so viel hartnäckiger. Auf ihrem Mittelpunkte wurden sie von der fünften Legion heftig bedrängt: aber gegen den linken Flügel, wo sie die Hülfstruppen der dortigen Landeskinder von den Römern aufgestellt sahen, brachen sie mit größerem Zutrauen ein. Und es war nahe daran, daß der linke Flügel der Römer geschlagen wäre, wäre nicht die siebente Legion eingerückt. Zugleich traf aus der Stadt Äbura die dort zurückgelassene Besatzung mitten im hitzigsten Kampfe ein, und im Rücken zeigte sich Acilius. Das Gemetzel unter den in die Mitte genommenen Celtiberern war anhaltend. Die Übriggebliebenen nahmen allenthalben die Flucht nach allen Seiten. Die Reuterei, die in zwei Abtheilungen ihnen nachgeschickt wurde, machte sehr viele nieder. Gegen dreiundzwanzigtausend Feinde wurden an diesem Tage 131 erlegt, viertausend siebenhundert gefangen genommen und über vierhundert Pferde erbeutet nebst achtundachtzig Fahnen. Der Sieg war groß, er hatte aber Blut gekostet. Von den zwei Legionen fielen etwas über zweihundert Römer, an Latinischen Bundsgenossen achthundert und dreißig, an ausländischen Hülfstruppen fast zweitausend und vierhundert. Der Prätor führte das siegreiche Heer in sein Lager zurück. Acilius mußte in dem von ihm eroberten Lager bleiben. Am folgenden Tage sammelte man die feindliche Beute; und Alle, deren Tapferkeit sich ausgezeichnet hatte, wurden vor der Versammlung beschenkt. 33. Nun wurden die Verwundeten in die Stadt Äbura gebracht, und die Legionen durch Carpetanien vor Contrebia geführt. Diese Stadt wurde eingeschlossen und sie ließ zu ihrem Entsatze Celtiberer herbeirufen: als aber diese ausblieben, nicht etwa, weil sie geflissentlich zögerten, sondern weil auf ihrem Marsche von der Heimat die durch anhaltende Regengüsse ungangbar gewordenen Wege und angeschwollenen Ströme sie aufhielten, hoffte sie nicht länger auf Hülfe von den Ihrigen und ergab sich. Auch Flaccus sah sich durch die abscheuliche Witterung genöthigt, sein ganzes Heer in die Stadt zu legen. Als die aus ihrer Heimat aufgebrochenen Celtiberer, sobald die Regengüsse nachließen, endlich über die Ströme gingen, und ohne von der Übergabe zu wissen, sich Contrebia näherten, so glaubten sie, weil sie nirgend ein Lager vor den Mauern sahen, entweder sei es auf die andre Seite verlegt, oder der Feind schon abgezogen und kamen in aller Sorglosigkeit zur Stadt herangestürzt. Da thaten die Römer aus zwei Thoren einen Ausfall auf sie und warfen die Ungeordneten, so wie sie angriffen. Was diese nicht zum Widerstande, nicht zum Gefechte kommen ließ, daß sie nämlich nicht in Einem Zuge, nicht im Schlusse unter den Fahnen herankamen, gerade dies war ihnen großentheils zur Flucht sehr heilsam. Denn allenthalben über das ganze Feld zerstreuet, liefen sie aus einander, und nirgend konnte der Feind sie in Haufen umringen. Dennoch verloren sie gegen 132 zwölftausend Mann, an Gefangenen über fünftausend, vierhundert Pferde, zweiundsechzig Feldzeichen. Die versprengten Flüchtlinge, welche ihre Heimat aufsuchten, veranlaßten durch die Erzählungen von der Übergabe Contrebia's und ihrer eignen Niederlage das zweite Heer der heranziehenden Celtiberer zur Umkehr. Und sogleich verliefen sie sich Alle in ihre Flecken und Schanzen. Flaccus machte nach seinem Aufbruche von Contrebia mit seinen Legionen einen verheerenden Zug durch Celtiberien, und erstürmte castella ex pugnavit]. – So lese ich hier, und eben so Cap. 47. u. 50., statt op pugnavit, mit Gron., Crev., Drak. viele Schanzen, bis sich der größte Theil der Celtiberer ergab. 34. So weit die Begebenheiten dieses Jahres im diesseitigen Spanien. Auch im jenseitigen lieferte der Prätor Manlius den Lusitanern mehrere glückliche Treffen. Nach Aquileja auf Gallischem Gebiete wurden in diesem Jahre Latinische Pflanzbürger abgeführt. Dreitausend Mann zu Fuße bekamen jeder funfzig Morgen Landes, die Hauptleute hundert, die Ritter hundert und vierzig. Die Dreiherren, welche die Hinführung hatten, waren Publius Cornelius Scipio Nasica, Cajus Flaminius, Lucius Manlius Acidinus. Zwei Tempel wurden in diesem Jahre geweihet: der eine der Venus Erycina am Collinischen Thore. Ihn weihete der Zweiherr Lucius Porcius Licinus, des Lucius Sohn; verheißen hatte ihn im Ligurischen Kriege der Consul Lucius Porcius. Der andre war der Tempel der Pietas am Kohlmarkte. Diesen weihete der Zweiherr Manius Acilius Glabrio; auch stellte er seines Vaters Glabrio vergoldetes Standbild auf, von allen vergoldeten Standbildern in Italien das Prima omnium]. – Die schon 38, 35. erwähnten signa aurata widersprechen dieser Behauptung nicht: denn dort sind signa Götterbilder, αγάλματα, hier ist statua, ανδρίας. Ich will zwar nicht behaupten, daß statua bloß Menschenbilder, im Gegensatze von Götterbildern, bedeute; doch erinnere ich mich keines Beispiels, wo statua ein Götterbild wäre. Auch finde ich keins in Gesn. Thes. Ginge statua bloß auf Menschen, dann wäre die Vermuthung unnöthig, daß vielleicht die Lesart omnium aus hominis entstanden sei. erste. Dieser hatte den Tempel an jenem Tage selbst verheißen, an 133 dem er sich bei Thermopylä des Sieges über den König Antiochus versichern wollte, hatte ihn auch nach einem Senatsschlusse in Verding gegeben. In eben den Tagen, an welchen diese Tempel geweihet wurden, hielt Lucius Ämilius Paullus als Proconsul seinen Triumph über die Ingaunischen Ligurier. Er führte fünfundzwanzig goldene Kränze auf; außer diesen kam in diesem Triumphe weiter kein Gold und Silber ein. Viele vornehme Ligurier zogen als Gefangene seinem Wagen voran. Jedem Soldaten gab er zum Antheile dreihundert Ass Etwa 5 Thlr. 10 Ggr. . Was den Ruf dieses Triumphes noch vergrößerte, waren die angekommenen Ligurischen Gesandten, welche um einen beständigen Frieden baten: «denn die Ligurische Nation sei entschlossen, nie wieder eine Waffe anzurühren, außer wenn sie ihnen vom Römischen Volke auferlegt werde.» Auf Befehl des Senats gab der Prätor Quintus Fabius den Liguriern zur Antwort: «Diese Sprache der Ligurier sei nicht neu; ob sie aber neue, mit dieser Sprache übereinstimmende Gesinnungen hegten, dies könne niemanden so viel verschlagen, als ihnen selbst. Sie möchten sich an die Consuln wenden, und thun, was ihnen von diesen befohlen würde. Die Consuln seien die Einzigen, denen es der Senat zuglauben wolle, daß die Ligurier es mit dem Frieden ehrlich meinten.» In Ligurien blieb es wirklich beim Frieden. In Corsica aber wurde den Corsen eine Schlacht geliefert. Der Prätor Marcus Pinarius hieb ihrer an zweitausend im Treffen nieder, und durch diesen Verlust bewogen lieferten sie Geisel und hunderttausend Pfund Wachs. Von hier ging das Heer nach Sardinien über und lieferte den Iliensern, einem selbst jetzt noch nicht völlig beruhigten Volke, einige glückliche Treffen. Den Carthagern gaben die Römer in diesem Jahre die hundert Geisel wieder, und erhielten ihnen für diesmal pacemque cum iis]. – Gronov und Crevier verwerfen mit Drakenborch dieses cum aus guten Gründen, und der Letztere zieht die Lesart tum, der ich folge, aus dem Cod. Harl. vor. Eben dieser Cod. Harlej. lieset nachher: qui cum praesidio, welches Crevier aus dem Cod. Victor. bestätigt. nicht nur den Frieden von 134 ihrer Seite, sondern auch mit dem Könige Masinissa, welcher das streitige Gebiet mit Truppen besetzt hatte. 35. Die Consuln fanden auf ihrem Standorte nichts zu thun. Marcus Bäbius, der zum Wahlgeschäfte nach Rom zurückgerufen wurde, hatte den Vorsitz, als Aulus Postumius Albinus Luscus und Cajus Calpurnius Piso zu Consuln gewählt wurden. Darauf wurden zu Prätoren ernannt Tiberius Sempronius Gracchus, Lucius Postumius Albinus, Publius Cornelius Mammula, Tiberius Minucius Molliculus, Aulus Hostilius Mancinus, Cajus Mänius. Sie alle traten auf den funfzehnten März ihr Amt an. Mit dem Anfange des Jahrs, in welchem Aulus Postumius Albinus und Cajus Calpurnius Piso Consuln waren, wurden vom Consul Aulus Postumius dem Senate die Abgeordneten vorgestellt, welche Quintus Fulvius Flaccus aus dem diesseitigen Spanien geschickt hatte; sein Unterfeldherr Lucius Minucius und zwei Obersten, Titus Milnius und Lucius Terentius Massiliota. Sie berichteten zwei Siege, die Übergabe Celtiberiens, die vollendete Eroberung, und daß es für dieses Jahr nicht nöthig sei, den gewöhnlich zu überschickenden Sold oder Getreidezufuhren zum Heere abgehen zu lassen: dann baten sie den Senat, Einmal, «für diese glücklichen Thaten den unsterblichen Göttern den Ehrendank darbringen zu lassen:» zum Andern, «dem Quintus Fulvius zu erlauben, daß er, beim Abgange von seinem Standplatze, das Heer, von dessen tapfren Diensten sowohl er, als schon viele Prätoren vor ihm, Gebrauch gemacht hätten, dort abführen dürfe. Außerdem daß dies pflichtmäßig sei, werde es auch fast selbst durch die Noth geboten. Denn die Soldaten rechneten so fest darauf, daß es dem Anscheine nach unmöglich sei, sie länger dort im Auslande zu halten; und daß sie, wenn man sie nicht entließe, ohne Befehl dort abziehen, oder, wollte man sie mit Ernst zurückhalten, zu einem höchst verderblichen Aufruhre losschlagen würden.» 135 Beiden Consuln bestimmte der Senat Ligurien zu ihrem Kriegsposten. Nun loseten die Prätoren. Den Aulus Hostilius traf die Gerichtspflege in der Stadt, den Tiberius Minucius die über die Fremden; den Publius Cornelius Sicilien, den Cajus Mänius Sardinien. Die beiden Spanien fielen, das jenseitige dem Lucius Postumius zu, das diesseitige dem Tiberius Sempronius. Weil dieser des Quintus Fulvius Flaccus Nachfolger werden sollte, so sprach er, um sich auf seinem Posten das alte Heer nicht nehmen zu lassen: «Ich frage bei dir an, Lucius Minucius, da du uns eine völlige Eroberung berichtest, ob du glaubst, daß die Celtiberer ununterbrochen bei ihrer Pflicht beharren werden, so daß sich jene Provinz ohne Heer behaupten lasse. Kannst du dich aber für die Treue der Barbaren nicht verbürgen oder sie uns versprechen, und findest es nöthig, dort ein Heer zu halten; würdest du dann dem Senate dazu rathen, Ergänzungstruppen nach Spanien abgehen zu lassen, so daß, bloß nach Entlassung solcher Truppen, welche ihre Dienstzeit ausgehalten haben, die Neulinge unter die übrigen Altkrieger eingereihet werden; oder nach Abführung der alten Legionen aus der Provinz, neue zu errichten und hingehen zu lassen; obgleich die Nichtachtung der Neulinge selbst friedsamere Barbaren zur Erneurung des Krieges auffordern könne. Ferner, ob nicht die völlige Unterwerfung eines so trotzigen, so empörungssüchtigen Volks, den Worten nach leichter sei, als in der Wirklichkeit. So viel ich höre, haben sich nur wenige Städte, die am meisten durch die Nähe unsrer Winterquartierungen bedrohet wurden, unsrer Verfügung und Oberherrschaft unterworfen; die entlegneren sind in den Waffen. Unter solchen Umständen, versammelte Väter, kann ich schon von hier aus vorhersagen, ich werde mit dem Heere, welches jetzt dort steht, der Sache des Stats mich unterziehen: nimmt aber Flaccus die Legionen mit sich, so werde ich mir zu Winterquartieren unangefochtene Gegenden aussuchen, nicht aber meine neuen Soldaten dem kecksten Feinde preisgeben.» 136 36. Auf die an ihn ergangenen Fragen antwortete der Unterfeldherr: «Weder er noch irgend jemand könne ahnen, wie die Celtiberer dächten, oder künftig denken würden. Er könne also nicht leugnen, daß es besser sein werde, selbst nach ruhigen Barbaren, wenn sie noch nicht ganz an den Gehorsam gewöhnt wären, ein Heer zu schicken. Ob aber hier ein neues, oder das altes Heer nöthig sei, habe nur der zu bestimmen, der vorherwissen könne, wie treu die Celtiberer den Frieden halten würden, und der zugleich auch darüber gewiß sei, ob die Soldaten, wenn sie länger in der Provinz zurückbleiben müßten, sich ruhig verhalten würden. Wenn man aus dem, was sie entweder in Gesprächen unter einander, oder durch laute Antworten auf die Vorträge des Feldherrn zu erkennen gäben, auf ihre Stimmung schließen müsse; so hätten sie frei genug ausgerufen, sie wollten entweder ihren Feldherrn in der Provinz behalten, oder mit ihm nach Italien kommen.» Diese Auseinandersetzung des Prätors mit dem Unterfeldherrn wurde durch den Antrag der Consuln unterbrochen, welche es für schicklich erklärten, daß ihnen selbst, ehe vom Heere eines Prätors die Rede sein könne, ihre Standplätze bestellt würden. Den Consuln wurde ein ganz neues Heer bestimmt, jedem zwei Römische Legionen mit der gehörigen Reuterei, und an Latinischen Bundestruppen so viel; wie immer, funfzehntausend zu Fuß und achthundert Ritter. Mit diesem Heere sollten sie die Apuanischen Ligurier bekriegen. Dem Publius Cornelius und Marcus Bäbius wurde der Oberbefehl verlängert, und sie sollten ihre Standplätze so lange behalten, bis die Consuln kämen, dann aber nach Entlassung ihres jetzigen Heeres nach Rom zurückkommen. Nun kam man über das Heer des Tiberius Sempronius zur Sprache. Die Consuln erhielten Befehl, für ihn eine neue Legion von fünftausend zweihundert Mann zu Fuß und vierhundert Rittern auszuheben, und außerdem noch an gebornen Römern tausend zu Fuß nebst funfzig Rittern; ferner die Bundesgenossen des Latinergebiets siebentausend Mann Fußvolk und dreihundert 137 Ritter stellen zu lassen. Mit diesem Heere sollte Tiberius Sempronius nach dem diesseitigen Spanien abgehen. Dem Quintus Fulvius wurde freigestellt, diejenigen Soldaten, möchten sie geborne Römer oder Bundesgenossen sein, die vor dem Consulate Diese waren im Jahre 566 Consuln gewesen. Folglich hatten diese Truppen über sechs Jahre in Spanien gedient. des Spurius Postumius und Quintus Marcius nach Spanien abgeführt waren, ferner was nach Diese sollten jetzt mit dem Tib. Gracchus nach Spanien abgehen. Ankunft der Ergänzungstruppen in zwei Legionen über zehntausend vierhundert Mann zu Fuß und sechshundert Ritter, und an Latiner Bundestruppen über zwölftausend Mann und sechshundert Ritter zu viel sei, solche nämlich, die dem Quintus Fulvius in den beiden Schlachten gegen die Celtiberer tapfre Dienste geleistet hätten, wenn er nichts dawider habe, bei seinem Abzuge mitzunehmen. Auch wurde wegen seiner glücklichen Verrichtungen im Amte ein Dankfest bewilligt; und die übrigen Prätoren mußten auf ihre Posten abgehen. Dem Quintus Fabius Buteo wurde der Oberbefehl in Gallien verlängert. Man setzte die Zahl der Truppen, außer dem alten Heere, welches in Ligurien seiner nahen Verabschiedung entgegen sah, für dieses Jahr auf acht Legionen. Und selbst dieser Heeresmacht gab man die Vollzähligkeit nur mit Mühe, weil jene Seuche schon ins dritte Jahr die Stadt Rom und Italien verheerte. 37. Es starben der Prätor Tiberius Minucius, nicht lange nachher der Consul Cajus Calpurnius, und viele andre angesehene Männer von allen Ständen. Zuletzt hielt man dies Unglück für ein Zeichen göttlicher Ungnade. Der Hohepriester wurde befehligt, Sühnmittel des göttlichen Zorns aufzufinden; die Zehnmänner, die heiligen Bücher nachzuschlagen; der Consul, dem Apollo, dem Äsculap, der Salus Geschenke zu verheißen und ihnen vergoldete Standbilder zu weihen. Er verhieß und weihete sie. Die Zehnmänner verordneten eine zweitägige Andacht mit Gebeten um Genesung, sowohl in der Stadt, als an allen Gerichtsorten und Marktplätzen. Alles, was über 138 zwölf Jahre alt war, verrichtete die Andacht bekränzt und mit Lorberzweigen in der Hand. Man hegte sogar Verdacht auf menschliche Bosheit, und nach einem Senatsschlusse wurde dem Prätor Cajus Claudius, der in die Stelle des Tiberius Minucius gewählt war, eine Untersuchung über Vergiftungen aufgetragen, die in der Stadt und diesseit des zehnten Meilensteins verübt wären: die über den zehnten Stein hinaus in den Gerichtsorten und Marktplätzen, dem Cajus Matienus, ehe er auf seinen, Standort nach Sardinien überginge. Vorzüglich war der Tod des Consuls verdächtig. Es hieß, seine Gattinn Hostilia Quarta habe ihn vergeben. Und wie nun ihr Sohn Quintus Fulvius Flaccus an des Stiefvaters Stelle zum Consul erklärt wurde, kam der Tod des Piso noch weit mehr in Verruf. Es fanden sich Zeugen, welche aussagten, nach der Erklärung des Albinus und Piso zu Consuln, bei welcher Wahl Flaccus abgewiesen war, habe ihm die Mutter Vorwürfe gemacht, daß ihm nun schon zum dritten Male die Bitte um das Consulat abgeschlagen sei, und habe hinzugesetzt: «Er möge sich auf das Ansuchen gefaßt machen; binnen zwei Monaten wolle sie bewirken, daß er Consul werde.» Unter vielen andern Zeugnissen, die auf die Sache Einfluß hatten, waren auch diese durch ihren nur zu wahren Erfolg bestätigten Worte ein Grund zur Verurtheilung der Hostilia. Im Anfange dieses Frühjahrs rückten unterdessen, daß die neuen Consuln die Werbung zu Rom festhielt, und dann der Tod des Einen und die zur Wiederbesetzung seiner Stelle zu haltende Wahl Alles verspätete, Publius Cornelius und Marcus Bäbius, die in ihrem Consulate nichts Denkwürdiges gethan hatten, mit ihrem Heere gegen die Apuanischen Ligurier vor. 38. Die Ligurier, die vor der Ankunft der Consuln auf ihren Standort keinen Krieg erwartet hatten, sahen sich unvermuthet überfallen, und ihrer an zwölftausend Menschen ergaben sich. Cornelius und Bäbius, überzeugt, daß der Ligurische Krieg nicht eher sein Ende erreichen werde; beschlossen nach vorhergegangener 139 schriftlichen Anfrage bei dem Senate, diese Leute von ihren Gebirgen in ein flaches Land herabzuführen, weit genug von ihrer Heimat, so daß sie keine Rückkehr zu hoffen hätten. Rom hatte Statsländereien im Samnitischen, ehemals Taurasinisches Eigenthum. Auf diese wollten sie die Apuanischen Ligurier herüberführen und machten bekannt: «Die ut Ligures Apuani de montibus descenderent]. – So lese ich nach Muretus. Auch darf uns die Wiederholung der Worte Ligures Apuani nicht anstößig sein. Sie werden hier als Formel wiederholt. Crevier sagt sehr richtig: Verba sunt edicti consulum. Apuanischen Ligurier sollten mit Weib und Kind von den Gebirgen herabkommen und alles Ihrige mitbringen.» Die Ligurier ließen zu wiederholten Malen durch Gesandte bitten, man möge sie nicht zwingen, ihre Hausgötter, den Wohnsitz, wo sie geboren wären, die Gräber ihrer Vorfahren zu verlassen, und versprachen ihre Waffen zu liefern und Geisel zu geben. Weil sie durchaus kein Gehör fanden und zum Kriege zu schwach waren, leisteten sie der Bekanntmachung Gehorsam. Gegen vierzigtausend Freigeborne wurden mit Weibern und Kindern auf Kosten des Stats versetzt. Man gab ihnen hundert funfzigtausend Silberdenare CL millia]. – Nach Crev. wahrscheinlich Denare. Diese gäben etwa 46,880 Gulden Conv. M. Er glaubt aber auch, daß die Abschreiber die Summe zu klein angegeben haben. , um sich die zu ihrem neuen Anbaue nöthigen Bedürfnisse anzuschaffen. Zu Aufsehern bei der Vertheilung und Einräumung der Länderei machte man den Cornelius und Bäbius, welche die Ausführung geleitet hatten. Weil aber diese selbst es verlangten, so gab ihnen der Senat Fünfherren zu, nach deren Rathe sie verfahren könnten. Als sie nach vollendetem Geschäfte ihr altes Heer nach Rom führten, wurde ihnen vom Senate ein Triumph zuerkannt. Sie waren die Ersten, die ohne Krieg geführt zu haben, triumphirten, doch so, daß nur die feindlichen Gefangenen dem Wagen voraufgingen; denn es gab bei ihren Triumphen keine Beute zur Schau zu tragen oder zu fahren, eben so wenig als eine unter die Soldaten zu vertheilende Summe. 39. In eben diesem Jahre führte Fulvius Flaccus 140 als consularischer Stellvertreter in Spanien, weil sein Nachfolger später auf seinem Posten eintraf, das Heer aus den Winterquartieren und ließ sich es angelegen sein, das jenseitige Celtiberien zu verheeren, weil sich von dort niemand zu einer Übergabe eingefunden hatte. Hiedurch erbitterte er die Barbaren mehr, als er sie schreckte. Heimlich sammelten sie Truppen und besetzten den Manlianischen Waldpaß, durch welchen, wie sie gewiß wußten, das Römische Heer seinen Weg zu nehmen hatte. Seinem Amtsgenossen Lucius Postumius Albinus, als er nach dem jenseitigen Spanien abging, hatte Gracchus aufgetragen, dem Quintus Fulvius anzuzeigen, daß er das Heer nach Tarraco führen möge: denn hier wolle er das alte Heer verabschieden lassen, die Ergänzungen vertheilen und das ganze Heer einordnen. Auch wurde dem Flaccus ein Tag, und zwar ein nicht entfernter, angegeben, auf welchen sein Nachfolger eintreffen wolle. Da diese neue Mittheilung den Flaccus nöthigte, seine Unternehmung aufzugeben und das Heer eiligst aus Celtiberien abzuführen, so besetzten die Barbaren, die mit der Veranlassung unbekannt, sich einbildeten, er habe ihren Abfall und ihre geheimen Rüstungen erfahren und sei in Furcht gerathen, den Wald mit so viel größerer Zuversicht. Als der Zug der Römer bei frühem Morgen den Paß betrat, griffen plötzlich die auf zwei Seiten zugleich hervorbrechenden Feinde die Römer an. Kaum wurde es Flaccus gewahr, so stillte er das erste Getümmel dadurch, daß er durch die Hauptleute befehlen ließ, Alle sollten im Zuge stehen bleiben, jeder auf seinem Platze und die Waffen zur Hand nehmen: und sobald das Gepäck und die Lastthiere auf Einen Ort geschaffet waren, stellte er, ohne die mindeste Übereilung, theils selbst, theils durch die Unterfeldherren und Obersten, so wie Zeit und Ort es verlangten, alle seine Truppen auf, nicht ohne die Erinnerung, sie hätten mit einem Feinde zu thun, der sich schon zweimal ergeben habe. In Bosheit und Treulosigkeit habe es dieser weiter gebracht, nicht in Tapferkeit und Muth. Ihre sonst ruhmlose Heimkehr ins Vaterland 141 werde jetzt durch diese verherrlicht und denkwürdig gemacht. Nun könnten sie Schwerter, vom frischen Blutbade der Feinde geröthet, Beute noch von Blute triefend, zum Triumphe nach Rom mitbringen.» Die Zeit gestattete keinen längern Vortrag. Die Feinde drangen ein; auf den äußersten Ecken wurde schon gefochten. Nun trafen die Schlachtreihen auf einander. 40. Schrecklich war der Kampf überall, aber nicht von gleichem Erfolge. Die Legionen fochten mit Auszeichnung; mit nicht minderem Eifer beide Abtheilungen der Bundesgenossen: nur die fremden Hülfsvölker litten unter einem Feinde, der mit ihnen gleiche Rüstung, aber bei weitem bessere Krieger hatte, und konnten ihren Platz nicht behaupten. Als die Celtiberer sahen, daß sie in geordneter Reihe und Mann gegen Mann den Legionen nicht gewachsen waren, drangen sie im Keilschlusse vor: und in dieser Kampfstellung geben sie sich eine Überlegenheit, daß sie da, wo ihr Angriff zum Einbruche kommt, unaufhaltbar werden. Auch jetzt geriethen die Legionen in Unordnung und beinahe war die Linie getrennt. Als Flaccus diese Verwirrung sah, jagte er zu den Rittern der Legionen hin und rief: «Ob noch wohl Hülfe bei euch zu erwarten steht? oder soll es jetzt um dies Heer geschehen sein?» Auf ihren Zuruf von allen Seiten: Er möge ihnen kund thun, was er gethan wissen wolle; ungesäumt würden sie den Befehl vollziehen, sprach er: «Schiebt eure Geschwader, ihr Ritter, von beiden Legionen zusammen und laßt eure Pferde auf den Keil, mit dem die Feinde die Unsrigen bedrängen. Sprengt ihr mit entzügelten Pferden gegen sie, so werdet ihr von den Pferden selbst so viel mehr Wirkung haben: und oft haben es Roms Ritter, so sagt die Geschichte, zu ihrer großen Ehre eben so gemacht.» Sie gehorchten aufs Wort, nahmen die Zügel ab und durchbrachen die Feinde unter großem Gemetzel zweimal hin und zurück, obgleich auch keiner von ihnen seine Lanze ungeknickt behielt. Als der Keil gesprengt war, auf welchen die Celtiberer ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten, geriethen sie in 142 Verlegenheit und sahen sich, fast mit Aufgebung des Gefechts, nach Auswegen zur Flucht um. Die Bundesritter, welche die denkwürdige That der Römischen Ritter vor Augen hatten, sprengten ebenfalls, durch die Tapferkeit jener befeuert, ohne allen Befehl auf die schon in Verwirrung gerathenden Feinde. Und nun strömten die Celtiberer sämtlich zur Flucht hinaus; und der Römische Feldherr verhieß, als er den Feinden auf den Rücken sah, der (Fortuna Equestris) Göttinn Ritterglück einen Tempel und dem allmächtigen Jupiter feierliche Spiele. Im ganzen Walde wurden die auf ihrer Flucht zerstreuten Celtiberer niedergehauen. Siebzehntausend Feinde sollen an diesem Tage getödtet sein; über viertausend wurden gefangen genommen mit zweihundert siebenundsiebzig Feldzeichen und beinahe tausend einhundert Pferden. Das siegreiche Heer übernachtete für dasmal ohne Lager. Der Sieg war nicht ohne Verlust. Vierhundert zweiundsiebzig Römer, tausend und neunzehn Latinische Verbündete und dreitausend von den Hülfstruppen waren gefallen. So wurde das siegreiche Heer, nach Erneurung seines früheren Ruhms, weiter nach Tarraco geführt. Dem kommenden Fulvius ging der Prätor Tiberius Sempronius, der zwei Tage früher angekommen war, entgegen, und wünschte ihm zu der Auszeichnung in den Thaten seines Amtes Glück. Mit großer Eintracht verabredeten sie, welche Soldaten sie entlassen, und welche sie zurückbehalten wollten. Von hier ging Fulvius, der die verabschiedeten Krieger einschiffte, nach Rom ab, Sempronius führte die Legionen nach Celtiberien . 41. Die beiden Consuln rückten mit ihren Heeren auf zwei verschiedenen Seiten in Ligurien. Postumius schloß mit der ersten und dritten Legion die Berge Balista und Suismontium ein; schnitt den Feinden dadurch, daß er ihre engen Pässe von seinen Truppen sperren ließ, die Zufuhr ab, und zwang sie durch den Mangel an Allem zur Unterwerfung. Fulvius, der von Pisä aus die Apuanischen Ligurier angriff, ließ die am Flusse Macra wohnenden, die sich ihm ergaben, an siebentausend 143 Menschen, sich einschiffen und schickte sie an der Küste des Tuskermeeres hin nach Neapolis. Von da führte man sie nach Samnium über und gab ihnen Ländereien bei ihren Landsleuten. Den Berg-Liguriern vernichtete Aulus Postumius die Weinberge und verbrannte ihnen die Feldfrüchte, bis sie endlich, von allem Ungemache des Krieges bedrängt sich ergaben und ihre Waffen ablieferten. Von hier ging Postumius mit der Flotte weiter auf Untersuchungen an der Küste der Ingaunischen und Intemelischen Ligurier. Ehe diese Consuln bei ihrem nach Pisä beschiedenen Heere eingetroffen waren, stand es unter dem Aulus Postumius und des Quintus Fulvius Bruder, Marcus Fulvius Nobilior. Dieser Fulvius war Oberster der zweiten Legion. In den Monaten seines Reihebefehls entließ er die Legion, nachdem er die Hauptleute hatte schwören lassen, daß sie die Löhnungsgelder an die Schatzmeister in die Kammer zurückliefern wollten. Als dies dem Aulus, welcher eben verreiset war, nach Placentia gemeldet wurde, setzte er mit leichter Reuterei den Verabschiedeten nach und brachte alle, die er einholen konnte, unter Verweisen nach Pisä. Von den übrigen that er dem Consul Anzeige; auf dessen Antrag der Senatsschluß erging, daß Marcus Fulvius nach Spanien über Neu-Carthago hinaus verwiesen sein solle: und der Consul gab ihm ein Schreiben, das er nach dem jenseitigen Spanien an den Publius Manlius mitnehmen mußte. Die Soldaten wurden beschieden, sich wieder zur Fahne zu stellen. Zu ihrer Beschimpfung erging der Befehl, daß diese Legion für dies Jahr nur halbjährigen Sold haben solle; und fände sich ein Soldat nicht wieder beim Heere ein, so sollte der Consul ihn selbst und seine Güter verkaufen. 42. Als Lucius Duronius, der als Prätor im vorigen Jahre aus Illyricum mit zehn Schiffen nach Brundusium zurückgekehrt war, in diesem Jahre von dort, mit Zurücklassung seiner Schiffe im Hafen, zu Rom ankam, gab er in dem Berichte, den er von seinen dortigen Unternehmungen ablegte, die Schuld von allen den Seeräubereien geradezu dem Illyrischen Könige Gentius. «Die 144 sämtlichen Schiffe, welche die Küste des Obermeers geplündert hatten, kämen aus dessen Reiche. Er habe deswegen Gesandte an ihn geschickt, die aber keinen Zutritt zum Könige hätten erhalten können.» Auch vom Gentius waren Gesandte in Rom angekommen. Er ließ sagen: «Gerade damals, als die Römer gekommen wären, den König zu sprechen, habe er in den entferntesten Gegenden seines Reiches krank gelegen. Gentius bitte den Senat, den erdachten Beschuldigungen, welche seine Feinde gegen ihn vorgebracht hätten, nicht zu glauben.» Dies beantwortete Duronius mit dem Zusatze, man habe viele Römische Bürger und Latinische Bundesgenossen im Reiche des Gentius gemishandelt, und wie es heiße, würden viele Römische Bürger auf Corcyra Corcyrae]. – Weil das größere Corcyra wahrscheinlich damals nicht zum Illyrischen Reiche gehörte, so vermuthet Drakenb., daß hier Corcyra nigra gemeint sei, eine Insel an der Dalmatischen Küste, der Italischen Stadt Hadria gegenüber. festgehalten. Man beschloß, diese alle nach Rom holen zu lassen; der Prätor Cajus Claudius solle die Untersuchung haben, und bis dahin dem Könige Gentius oder seinen Gesandten keine Antwort ertheilt werden. Unter vielen Andern, welche die Seuche in diesem Jahre wegraffte, starben auch mehrere Priester. Es starb der Hohepriester Lucius Valerius Flaccus, an dessen Stelle Quintus Fabius Labeo gewählt wurde. Ferner Publius Manlius, welcher neulich aus dem jenseitigen Spanien zurückgekommen war, einer von den Dreiherren der heiligen Opfermahle. An dessen Stelle wählte das Gesamtamt den Quintus Fulvius, des Marcus Sohn, der jetzt noch im Jünglingsrocke ging. Über den in die Stelle des Cneus Cornelius Dolabella zu wählenden Opferkönig entstand ein Streit zwischen dem Hohenpriester Cajus Servilius und dem Zweiherrn beim Seewesen Lucius Cornelius Dolabella, welchen der Hohepriester sein Amt niederlegen hieß, damit er ihm die Weihe geben könne. Als dieser sich dessen weigerte, erkannte der Hohepriester dem Zweiherrn eine Geldstrafe zu, über welche es, als 145 der Zweiherr Ansprache that, bei dem Gesamtvolke zum Stimmen kam. Wie nun schon mehrere Bezirke nach ihrer Einberufung in die Schranken dafür gestimmt hatten, der Zweiherr habe dem Hohenpriester Folge zu leisten, und wenn er sein Amt niederlege, solle ihm die Strafe erlassen sein, so kam noch zuletzt eins der Ereignisse am Himmel dazwischen, welche die Versammlung aufheben. Und nun hielten es die Oberpriester für bedenklich, dem Dolabella die Weihe zu geben. Sie gaben diese dem Publius Clölius Siculus, der unter den Augurn die zweite Stelle hatte qui secundo loco inauguratus erat]. – Ich nehme mir es nicht heraus, diese einem Gronov, Duker, Crevier, Drakenborch unheilbare Stelle heilen zu wollen. Weil ich sie doch aber übersetzen mußte, so habe ich, (mit Auslassung eines einzigen s) so gelesen: qui secundo loco in augu ratu erat; welches sich auch so ausdrücken ließe; qui inter augures secundum locum obtinebat. Livius scheint einen Grund angeben zu wollen, warum man den Cloelius zum Rex sacrificulus machte, und diesen finde ich darin angegeben, wenn er schon eine Art heiliges Amtes, gar eine der höheren Stellen im Augurate hatte. Nun bekommt er nur noch die besondere Weihe, die ihm zur Anstellung als Rex sacrificulus nöthig war. – – Bei der gleich folgenden Schwierigkeit in den Worten: At pontifex Max. M. Aemilius Lepidus, muß ich gestehen, daß ich deswegen, weil Livius – (ob er gleich kurz vorher gesagt hatte: pontifex cooptatus est Q. Fulv. Flaccus, und nun die Worte At pontifex Max. eingeschoben hatte) – dennoch bei dem decemvir sacrorum Q. Marcius die Worte cooptatus est ausdrücklich wiederholt, – der Meinung beitrete, daß Livius eben durch diese bei dem Marcius gemachte geflissentliche Wiederholung des cooptatus est zu erkennen giebt, daß der Pontifex Maximus kein cooptatus war, also ein creatus auslässet, da ohnehin seine Römer wußten, daß der Pontifex Max. allemal ein creatus (a populo) war und kein cooptatus sein konnte. . Am Ende des Jahres starb auch der Hohepriester Cajus Servilius Geminus. Er war zugleich Zehnherr der Gottesverehrungen gewesen. An seine Stelle als Oberpriester wurde vom Gesamtamte Quintus Fulvius Flaccus gewählt: Hoherpriester aber wurde Marcus Ämilius Lepidus, ob sich gleich viele angesehene Männer mit ihm beworben hatten: und zum Zehnherrn der Gottesverehrungen nahm ebenfalls statt seiner das Gesamtamt den Quintus Marcius Philippus auf. Auch starb der Augur Spurius Postumius Albinus, an dessen Stelle die Vogelschauer den Publius Scipio, des Africanus Sohn, unter sich aufnahmen. Den Bewohnern von Cumä wurde in diesem Jahre auf ihre 146 Bitte erlaubt, in Angelegenheiten ihrer Stadt sich der Lateinischen Sprache zu bedienen, daß auch die Ausrufer die zu verkaufenden Sachen Lateinisch ausbieten könnten. 43. Die Bewohner von Pisä erhielten vom Senate für die Zusage von Ländereien, auf welche Latinische Pflanzer geführt werden konnten, eine Danksagung. Die hierzu ernannten Dreimänner waren Quintus Fabius Buteo und die beiden Popillius, Marcus und Publius, beide mit dem Zunamen Länas. Vom Prätor Cajus Mänius – nachdem ihm das Los Sardinien zu seinem Standorte bestimmt hatte, war ihm als Zugabe die Untersuchung über die Vergiftungen aufgetragen, die über den zehnten Meilenstein hinaus Statt gehabt hatten – lief ein Schreiben mit der Meldung ein: «Er habe schon dreitausend Menschen verurtheilt, und durch die Aussagen werde die Untersuchung immer weitläufiger. Entweder müsse er von dieser abgehen, oder seinen Standposten aufgeben.» Aus Spanien kehrte Quintus Fulvius Flaccus mit großem Thatenruhme nach Rom zurück. Als er sich des Triumphs wegen vor der Stadt aufhielt, wurde er mit dem Lucius Manlius Acidinus zum Consul ernannt, und wenig Tage darauf zog er mit den Truppen, die er mit sich abgeführt hatte, triumphirend zur Stadt ein. In diesem Triumphe lieferte er hundert vierundzwanzig goldene Kränze; außerdem einunddreißig Etwa 9,700 Gulden Conv. M. Pfund Gold und an geprägtem Oskersilber hundert dreiundsiebzigtausend zweihundert 13,500 Gulden. Denare. Von der Beute gab er jedem Soldaten funfzig 8 Thlr. 8 Ggr. Denare, dem Hauptmanne das Doppelte, dem Ritter das Dreifache; und eben so den Latinischen Bundesgenossen; auch Allen doppelte Löhnung. 44. In diesem Jahre wurde auf den Antrag des Bürgertribuns Lucius Villius zum ersten Male festgesetzt, wie viel Jahre Jeder haben müsse, um ein obrigkeitliches Amt suchen und übernehmen zu können. Dies gab seiner Familie einen Zunamen, nämlich den: die Annalen 147 (Jahrzähler). Nach vielen Jahren wurden diesmal nur vier Prätoren, dem Bäbischen Gesetze gemäß, ernannt, nach welchem ein Jahr ums andre ihrer vier gewählt werden mußten. Sie waren Cneus Cornelius Scipio, Cajus Valerius Lävinus, die beiden Mucius Quintus und Publius, des Quintus Söhne Mucii Q. F.] – Richtiger, Mucii Q. F. F. , beide mit Zunamen Scävola . Den Consuln Quintus Fulvius und Lucius Manlius wurde derselbe Standort, wie den vorigen, bestimmt, mit einer gleichen Truppenzahl an Fußvolk und Reuterei, an Römern und Bundsgenossen. In beiden Spanien wurde dem Tiberius Sempronius und Lucius Postumius bei denselben Heeren, welchen sie jetzt vorstanden, der Oberbefehl verlängert: und die Consuln erhielten den Auftrag, zur Ergänzung an dreitausend Römer zu Fuß nebst dreihundert Rittern, und fünftausend Latinische Bundestruppen nebst vierhundert Rittern auszuheben. Dem Publius Mucius Scävola bestimmte das Los die Gerichtspflege in der Stadt und zugleich die Untersuchung über die Vergiftungen in Rom und diesseit des zehnten Meilensteines; dem Cneus Cornelius Scipio die Rechtspflege über die Fremden, dem Quintus Mucius Scävola Sicilien, dem Cajus Valerius Lävinus Sardinien. Der Consul Quintus Fulvius sagte: «Ehe er irgend ein öffentliches Geschäft unternähme, wünsche er durch Erfüllung seiner Gelübde sich und den Stat der Verantwortung zu entbinden. An dem Tage, da er zum letzten Male gegen die Celtiberer gefochten habe, habe er dem allmächtigen Jupiter Spiele und der Fortuna Equestris einen Tempel verheißen. Hierzu hätten ihm die Spanier eine Geldsumme zusammengebracht.» Die Spiele und die Ernennung der Zweiherren, welche den Tempelbau verdingen sollten, wurden verordnet. Wegen der Geldsumme wurde festgesetzt: «Die auf die Spiele zu verwendende Summe solle die nicht übersteigen, die dem Fulvius Nobilior für die Spiele bestimmt sei, die er nach dem Ätolischen Kriege angestellt habe. Er dürfe also zu diesen Spielen nichts 148 kommen lassen, zusammenbringen, in Empfang nehmen oder veranstalten, was dem im Consulate des Lucius Ämilius und Cneus Bäbius über die Spiele erlassenen Senatsschlusse zuwider sei.» Diese Verordnung hatte der Senat damals wegen des ungeheuren Aufwandes bei den Spielen des Ädils Tiberius Sempronius gemacht, der nicht allein Italien und den verbündeten Latinern, sondern auch den auswärtigen Provinzen lästig geworden war. 45. Der Winter in diesem Jahre wurde durch Schnee und alle möglichen Wetterstürme fürchterlich. Die Bäume, die von der Kälte leiden, tödtete er alle, und er hielt auch weit länger an, als sonst. So wurden die Latinischen Festlichkeiten auf dem Berge Albanus bald von einem plötzlich entstandenen unerträglichen Wetter unterbrochen, und nachher auf Verordnung der Oberpriester wieder angefangen. Eben dieser Sturm warf auch auf dem Capitole mehrere Götterbilder zusammen und verunstaltete durch Wetterschläge verschiedene Gebäude; zu Tarracina den Tempel Jupiters, zu Capua den Weißen Tempel und das Römische Thor: an mehreren Orten waren die Zinnen von den Mauern heruntergeschlagen. Bei diesen Schreckzeichen wurde auch von Reate gemeldet, es sei ein Maulthier mit drei Beinen zur Welt gekommen. Die Zehnmänner, die deshalb die heiligen Bücher nachschlagen mußten, gaben an, welchen Göttern und mit wie vielen Opferthieren man ihnen opfern müsse; und wegen der an mehreren Orten durch den Blitz angerichteten Verwüstungen solle im Tempel Jupiters ein Bettag gehalten werden. Darauf wurden die vom Consul Quintus Fulvius verheißenen Spiele zehn Tage lang mit großem Aufwande gefeiert. Dann folgten die Versammlungen zur Censornwahl. Die gewählten waren Marcus Ämilius Lepidus, der Hohepriester, und Marcus Fulvius Nobilior, der über die Ätoler triumphirt hatte. Die Feindschaft zwischen diesen Männern war stadtkundig und hatte oft, durch ihre vielen und heftigen Streitigkeiten sowohl im Senate als vor dem Volke, Aufsehen erregt. Nach vollzogener Wahl setzten sich die Censorn – so will es die alte Sitte – auf dem Marsfelde neben dem Altare des Mars auf ihre Thronsessel; und hieher kamen auf einmal die Vornehmsten der Senatoren mit einem Zuge von Bürgern. Quintus Cäcilius Metellus aus ihrer Mitte nahm das Wort. 46. «Wir haben es nicht vergessen, ihr Censorn, daß ihr so eben vom gesammten Römischen Volke zu Aufsehern unsrer Sitten bestellt seid, und daß wir von euch erinnert und geleitet werden müssen, nicht ihr von uns. Gleichwohl müssen wir euch anzeigen, was alle Rechtschaffenen an euch entweder anstößig finden, oder wenigstens abgeändert wissen möchten. Richten wir unsern Blick auf jeden von euch einzeln, Marcus Ämilius, Marcus Fulvius, so haben wir im State niemand, dem wir, wenn wir wieder zur Stimmensammlung gerufen würden, vor euch den Vorzug gegeben wünschten: sehen wir aber auf euch beide zugleich, so müssen wir nothwendig fürchten, daß ihr übel zusammengestellt seid; und daß dem State kein so großer Vortheil daraus erwachse, wenn ihr Unser Aller so vorzüglichen Beifall habt, als Nachtheil daraus, wenn ihr euch selbst unter einander mis fallet. Ihr hegt seit vielen Jahren eine Feindschaft, die euch selbst drückend und furchtbar wird; die uns fürchten läßt, daß sie von diesem Tage an uns und dem State drückender sein werde, als euch selbst. Sollen wir angeben, aus was für Gründen wir dieses fürchten, so fällt uns dessen die Menge ein, was wir erzählen müßten, wenn es nicht eure Herzen vielleicht in einen unversöhnlichen Haß verstricken möchte, (da ihr, ohne daran erinnert zu werden, aus eigner Stimmung quae dicerentur; nisi forte implacabiles fueritis implicaverint animos vestros]. – So sind uns diese Worte überliefert. Vestrae irae, statt fueritis, hat Glareanus eingeschoben, ohne Beifall. Sigonius, Crevier, Drakenborch haben die Stelle als unheilbar aufgegeben. So haben wir die Freiheit, uns zu helfen, so gut wir können. Ich folge dem Sinne, den Gronov hier nach meiner Meinung aus dem Zusammenhange richtig vermuthete, und spüre der Veranlassung nach, welche den Abschreiber irre führte. Da Drakenb. die Auslassungen bei wiederkommenden ähnlichen Worten zu wiederholten Malen solitum librariis errorem nennt, so läßt es sich als möglich annehmen, daß auch an unserer Stelle vielleicht geschrieben stand: quae dicerentur; nisi forte implacab – ili odio (quum non admoniti, ipsi certe non implacab – iles fueritis) implicaverint animos vestros, und daß der Abschreiber, weil er aus dem ersten implacab – – in das zweite überging, die dazwischen stehende Zeile, die ungefähr den oben angegebenen Inhalt gehabt haben mag, ausfallen ließ. 150 wenigstens nicht die Unversöhnlichen gewesen sein würdet.) Daß ihr diese Misverhältnisse heute, daß ihr sie an dieser heiligen Stätte aufgeben wollet, ist unser Aller Bitte an euch, und daß ihr uns erlauben möget, Männer, welche das Römische Volk durch seine Stimmenwahl verband, auch durch diese Aussöhnung zu verbinden. Eines Muthes, Eines Sinnes leset künftig den Senat ab, mustert so die Ritter, haltet so die Schatzung; schließet so die Schatzungsfeier. Was ihr fast in allen euren Gebeten durch Worte aussprechen werdet: ««Möge dies mir und meinem Amtsgenossen zum Guten und zum Glücke gedeihen!»» dies müßt ihr auch so in der Wahrheit, aus ganzer Seele gewünscht haben; müßt bei uns bewirken, daß in dem, warum ihr die Götter anflehen werdet, auch wir Menschen den Wunsch eures Herzens lesen. Titus Tatius und Romulus herrschten einmüthig in derselben Stadt, in der sie mitten auf dem Marktplatze als Feinde in Linie gefochten hatten. Nicht bloß Feindschaften, Kriege sogar, werden geendigt: aus erbitterten Feinden werden gewöhnlich treue Bundsgenossen, zuweilen selbst Mitbürger. Die Albaner wurden nach der Zerstörung «von Alba nach Rom übergeführt: Latiner, Sabiner wurden in das Bürgerrecht aufgenommen. Und das bekannte: ««Freundschaften müssen unsterblich sein, Feindschaften sterblich!»» wurde, weil es Wahrheit enthielt, zum Sprichworte.» Hier unterbrachen ein laut werdender Beifall und dann die durch einander tönenden Worte der ganzen zu gleicher Bitte einstimmenden Versammlung die Rede. Darauf beklagte sich Ämilius über mehrerlei, hauptsächlich aber, daß ihn Marcus Fulvius zweimal von dem ihm schon gewissen Consulate verdrängt habe. Fulvius dagegen klagte, jener sei immer der angreifende Theil gewesen und habe sich sogar bei seiner Behauptung, Fulvius sei ein schlechter Mensch, zu Bezahlung einer Summe 151 anheischig gemacht, wenn er Unrecht habe: doch gaben Beide zu erkennen, wenn es der Andre wünsche, so wollten sie sich dem Willen der ersten Männer des States fügen. Da nun alle Anwesende in sie drangen, so gaben sie sich die Hand mit dem Versprechen, allem Hasse aufrichtig zu entsagen und ihm ein Ende zu machen. Unter allgemeinem Beifalle wurden sie nun auf das Capitol begleitet. Sowohl die Bemühung der Großen in dieser Angelegenheit, als die Nachgiebigkeit der Censoren fand im Senate eine ausgezeichnete Billigung und ehrenvolle Erwähnung. Dann wurde den Censoren auf ihren Antrag, zu den Kosten öffentlicher Anlagen ihnen eine Geldsumme anzuweisen, eine einjährige Abgabe zur Einnahme bestimmt. 47. In Spanien verglichen sich in diesem Jahre die Proprätoren Lucius Postumius und Tiberius Sempronius dahin, daß Albinus durch Lusitanien gegen die Vaccäer gehen und von dort nach Celtiberien zurückkommen, Gracchus aber in die entfernteren Gegenden Celtiberiens vordringen sollte, falls hier der Krieg von größerer Bedeutung sei. Hier eroberte er gleich zuerst die Stadt Munda durch nächtlichen Überfall. Er ließ sie Geisel geben, legte eine Besatzung hinein, erstürmte kleine Festungen und brannte die Dörfer nieder, bis er an eine andre sehr mächtige Stadt gelangte, die bei den Celtiberern Certima hieß. Als gegen diese schon seine Werke anrückten, kamen aus der Stadt Gesandte, welche ganz im Tone der alten Offenherzigkeit gestanden, daß sie sich zur Wehre setzen würden, wenn sie stark genug wären. Sie baten nämlich, er möge ihnen erlauben, in das Lager der Celtiberer zu gehen, um sich Entsatz zu holen. Wenn ihnen dieser abgeschlagen würde, dann wollten sie ohne weitere Verbindung mit jenen sich mit ihren Bürgern separatim eos]. – Unter diesem eos verstehe ich oppidanos oder cives suos. Tum se, nulla Celtiberorum ratione habita, oppidanos suos consulturos. So erklärt dies auch Hr.  Walch; doch scheint er se auslassen zu wollen, wodurch freilich das Ganze noch mehr Leichtigkeit bekäme. berathen. Mit des Gracchus Erlaubniß gingen sie hin, und brachten wenig Tage darauf von dort zehn andre Gesandte mit. Es 152 war gerade Mittag. Ihre erste Bitte bei dem Prätor war die, er möge ihnen zu trinken geben lassen. Nach Leerung der ersten Becher erneuerten sie die Forderung, nicht ohne großes Gelächter der Anwesenden über die ungebildeten, aller Sitte so unkundigen Menschen. Dann sprach der Älteste von ihnen: «Wir sind von unsrem Volke hergeschickt, um dich zu befragen, was dir denn eigentlich Muth mache, uns feindlich anzugreifen?» Auf diese Anfrage erwiederte Gracchus, «er komme voll Vertrauen auf ein treffliches Heer. Hätten sie Lust, dies in Augenschein zu nehmen, um den Ihrigen so viel gewisseren Bescheid zu bringen, so wolle er ihnen dazu behülflich sein;» und er befahl seinen Obersten, die sämtlichen Truppen zu Fuß und zu Pferde sich in Stand setzen und unter den Waffen eine Übung machen zu lassen. Die Gesandten, nach diesem Schauspiele entlassen, riethen den Ihrigen, der belagerten Stadt keinen Entsatz zu schicken. Da also die Bürger ihr verabredetes Zeichen, ihre Nachtfeuer auf ihren Thürmen vergeblich ausgesteckt hatten, so schritten sie, von der einzigen zu hoffenden Hülfe verlassen, zur Übergabe. Sie mußten zwei Millionen und viermal hunderttausend Sestertien Nach Crev. 187,500 Conventionsgulden. und vierzig ihrer Vornehmsten als Reuter liefern; zwar nicht dem Namen nach als Geisel, – denn sie mußten im Heere dienen – in der That aber doch als Unterpfand der Treue. 48. Von hier zog er nun schon selbst gegen die Stadt Alce, wo jene Celtiberer, von welchen neulich die Gesandten gekommen waren, ihr Lager hatten. Nachdem er sie, mehrere Tage über, durch seine gegen ihre Posten ausgesandten leichten Truppen in kleinen Gefechten geneckt hatte, leitete er täglich ernsthaftere Kämpfe ein, um sie alle zugleich aus ihren Verschanzungen zu locken. Als er seinen Zweck erreicht zu haben glaubte, gab er den Obersten der Hülfsvölker den Befehl, wenn sie sich auf das Gefecht eingelassen hätten, dann auf einmal, als ob sie sich übermannet sähen, dem Feinde den Rücken zu 153 kehren und in voller Flucht ihrem Lager zuzueilen. Er selbst stellte innerhalb des Walles an allen Thoren seine Truppen auf. Es währte nicht lange, so sah er schon den Zug der Seinigen auf der verabredeten Flucht, und in den Barbaren die hitzigsten Verfolger. Gerade für diesen Zeitpunkt hatte er ja die Seinigen innerhalb des Walles gestellt behalten. Er zögerte also nur noch, um seinen Fliehenden den Eintritt in das Lager frei zu lassen, und stürzte dann mit Feldgeschrei zugleich aus allen Thoren. Diesen unerwarteten Angriff hielten die Feinde nicht aus. Sie, die sein Lager zu stürmen gekommen waren, konnten nicht einmal das ihrige behaupten. Denn sogleich waren sie geworfen, in die Flucht gebracht, bald in voller Bestürzung in ihren Wall hineingetrieben und zuletzt ihres Lagers verlustig. Neuntausend Feinde wurden an diesem Tage getödtet, dreihundert und zwanzig fielen den Römern lebendig in die Hände, hundert und zwölf Pferde, siebenunddreißig Fahnen. Der Verlust des Römischen Heeres betrug hundert und neun. 49. Nach diesem Treffen führte Gracchus seine Legionen zur Plünderung Celtiberiens: und da er überall Alles wegnahm und wegtrieb, und einige Völker sich willig, andre aus Furcht das Joch auflegen ließen, so waren der Städte, die sich ihm ergaben, in wenig Tagen hundert und drei; und er machte außerordentliche Beute. Dann wandte er seinen Zug rückwärts, woher er gekommen war, nach Alce, und ließ sich die Belagerung dieser Stadt angelegen sein. Zuerst hielten die Bewohner den Angriff der Feinde aus, als sie aber schon nicht mehr mit bloßen Waffen, sondern auch aus Werken bestürmt wurden, zogen sie sich aus Mistrauen auf den Schutz ihrer Stadt, zusammen auf die Burg. Auch von hier aus gaben sie zuletzt durch voraufgeschickte Gesandte sich und alles Ihrige unter Römische Hoheit. Hier wurde große Beute gemacht, und viele Vornehme kamen als Gefangene in die Gewalt der Römer, unter ihnen auch zwei Söhne und eine Tochter des Thurrus. Er war ein Fürst dieser Völkerschaften und bei weitem unter allen Spaniern der mächtigste. Als er von dem 154 Unglücke der Seinigen hörte, erbat er sich bei dem Gracchus durch Abgeordnete sicheres Geleit zu einem Besuche im Lager, und kam. Seine erste Frage an den Gracchus war diese: «Ob er, wenn er sich ergäbe ab eo, ne sibi]. – Daß hier ein Wort ausgefallen sei, haben schon Mehrere vermuthet. Mir scheint dedito das passendste zu sein. Es fiel aus, weil der Abschreiber die ähnlich endenden Wörter eo und dedito verwechselte, oder weil er ddto für dedit las, welches er als unpassend verwarf. Ich sehe aber in den Worten quaesivit ab eo, deditione sibi liceret ac suis vivere nicht eine Bitte um das Leben. Die, glaube ich, würde Livius anders ausgedrückt haben, als durch sibine liceret vivere; ohnehin war die Anfrage und Bitte für ihn selbst sehr unnöthig, da er, wenn er unter sicherem Geleite zurückgegangen war, sich den Römern nicht zu stellen brauchte. Das aber sieht er ein, daß er, wenn er sich ergiebt, nicht mehr als Regent der Unabhängige sein kann. Da also fragt er, ob er, ohne Thron, von Seiten der Römer ungehindert, als Privatmann sich und den Seinigen leben könne. Ich nehme also die Frage nicht so: liceretne sibi ac suis, vivere, sondern so: liceretne (sibi) dedito, sibi ac suis vivere. Als kriegerischem Spanier aber ist ihm die Unthätigkeit unerträglich: darum folgt die zweite Frage: liceretne militare. In den bald folgenden Worten: quoniam illos ad me propiunt suspicere, halfen mir Glareans: Quidam emendandum putant: piguit suspicere, und Gronovs: Forte: piguit respicere, auf den rechten Sinn. Nur ist piguit dem Worte propiunt nicht so ähnlich, als, was ich hier als das richtigere vermuthe. poenituit. Poe und pro waren leicht verwechselt; war vom n in poenituit der erste Fuß zu lang, so gab der ein p, und in ituit sind eben so viele Striche als in iunt. Poenitet ist dann nicht das gereuen, sondern wie es so unzähligemal, selbst oft im Livius, vorkommt, das womit unzufrieden sein, Misfallen finden, sich nicht länger gefallen lassen. In der Übersetzung habe ich, um nicht steif oder umschreibend zu werden, das Wort suspicere durch Rücksicht nehmen übersetzt, wie Gronov es durch respicere richtig erklärte. Allein bei der Erklärung hätte er es bewenden lassen sollen: er mußte nicht suspicere durch respicere verdrängen wollen. Denn da suspicere nach einem Höheren hinsehen, aufblicken heißt, so war im Munde eines Königs, da wo ein Anderer respicere sagen könnte, suspicere gerade der schickliche Ausdruck, weil der König Nachachtung und Ehrfurcht erwartet. , sich und den Seinigen leben dürfe.» Als der Prätor dies bejahete, fragte er weiter: «Ob er im Heere der Römer dienen dürfe.» Als ihm Gracchus auch dies freistellte, sprach er: «So folge ich euch gegen meine alten Verbündeten, da es ihnen nicht gefallen hat, auf mich länger Rücksicht zu nehmen.» Er schloß sich nachher an die Römer und leistete der Sache Roms bei vielen Gelegenheiten tapfre und treue Dienste. 50. Nun öffnete Ergavica, eine angesehene und mächtige Stadt, durch die Niederlagen der andern 155 umliegenden Völker geschreckt, den Römern die Thore. Diese Übergabe der Städte, sagen einige Berichte, sei nicht aufrichtig gewesen. Wo Gracchus die Legionen abgeführt habe, da sei sogleich der Krieg wieder ausgebrochen, und er habe nachher am Berge Chaunus den Celtiberern in förmlicher Schlachtordnung von Tages Anbruche bis Mittags um zwölf ein schweres Treffen geliefert; auf beiden Seiten habe es viele Todte gegeben; und die Römer hätten, um nicht für die Besiegten zu gelten, nichts weiter für sich gehabt, als daß sie am folgenden Tage die im Lager bleibenden Feinde zum Treffen aufgefordert, den ganzen Tag über die Beute zusammengesucht und am dritten Tage ein noch größeres Treffen geliefert hätten. Da endlich seien die Celtiberer völlig besiegt, und ihr Lager erobert und geplündert. Der Feinde seien an dem Tage zweiundzwanzig tausend gefallen, über dreihundert zu Gefangenen gemacht, ungefähr eine gleiche Anzahl Pferde erbeutet und zweiundsiebzig Fahnen. Hier habe der Krieg sein Ende erreicht, und die Celtiberer hätten im Ernste, ohne, wie vorhin, in der Treue zu wanken, Frieden gemacht. Auch melden sie, in eben diesem Sommer habe Lucius Postumius im jenseitigen Spanien zweimal gegen die Vaccäer mit Auszeichnung gefochten; habe gegen fünfunddreißig tausend Feinde getödtet und ihr Lager castra op pugnasse]. – Ich lese hier, wie Cap. 33. und 47. mit Gronov, Crev. und Drak. ex pugnasse. Sollte Livius in dem unmittelbar Folgenden vielleicht geschrieben haben: Propius vero est, quam quod traditum a Valerio est, serius in provinciam cet. Will man ihn sich lieber auf die gröbste Art widersprechen lassen, so folge man der aufgenommenen Lesart. Das doppelte, sich ähnliche vero est und Valerio est verursachte die Lücke, die nun der unschuldige Autor büßen soll. Siehe Duk. und Crev. Fände mein Vorschlag Gehör, so würde die Übersetzung diese sein: Es ist wahrscheinlicher, als daß er, was Valerius berichtet, auf seinem Standorte u. s. w. S. Cap. 39. u.  47. erstürmt. Wahrscheinlicher ist es, daß er auf seinem Standorte zu spät ankam, um noch in diesem Sommer Thaten thun zu können. 51. Die Censorn lasen mit aufrichtiger Eintracht das Senatsverzeichniß ab. Der zuerst Vorgelesene war der Censor selbst, Marcus Ämilius Lepidus der Hohepriester. 156 Drei wurden aus dem Senate gestoßen: einige von seinem Amtsgenossen Übergangene behielt Lepidus bei. Von dem ihnen angewiesenen Gelde machten sie, so weit sie es mit einander theilten, folgende Anlagen. Lepidus einen Damm bei Tarracina, ein Werk, das ihm verdacht wurde, weil er hier Landgüter besaß, und eine Ausgabe, die er hätte für sich machen müssen, auf den Stat brachte. Den Standplatz bei den Schauspielen neben dem Apollotempel nebst dem Vorplatze, den Tempel Jupiters auf dem Capitole und die ihn umgebenden Säulen gab er in Verding, um dem Allen mit weißer Farbe einen frischen Glanz zu geben; ließ die, zu den Säulen unpaßlich in den Weg gestellten, Götterbilder wegbringen, und die aufgehängten Schilde und Fahnen aller Art von diesen Säulen herabnehmen. Marcus Fulvius gab mehr und nützlichere Werke in Verding; einen Hafen und die Pfeiler zu einer Brücke über die Tiber; – die diesen Pfeilern aufzulegenden Schwibbogen besorgten erst nach mehreren Jahren die Censorn Publius Scipio Africanus und Lucius Mummius – den Statspalast, hinter den neuen Wechselbuden und dem Fischermarkte, mit rundum angelegten Kramladen, die er an Privatleute verkaufte; auch einen Markt und Säulengang vor dem Drillingsthore; einen andern hinter dem Holme, auch bei dem Heiligthume des Hercules, und an der Tiber hinter dem Tempel der Hoffnung dem Ärztlichen Apollo einen Tempel. Auch behielten sie eine Summe ungetheilt: aus dieser ließen sie gemeinschaftlich Wasser zur Stadt leiten und dazu die Schwibbogen anlegen. Marcus Licinius Crassus machte ihnen bei diesem Werke eine Hinderung, weil er die Leitung durch sein Grundstück nicht zugab. Auch führten sie mehr Zölle und Abgaben ein. Sie sorgten dafür, daß mehrere öffentliche Kapellen, deren sich Privatleute, als ihres quae fuerant occupata]. – Die alte Lesart ist: que sua occupata. Aus dieser hat man fuerant gemacht. Ich folge Hrn.  Walch, welcher sua mit Recht behält, und (statt que oder quae) quasi lieset, so: quasi sua occupata a privatis. Eigenthums, angemaßt hatten, wieder Statseigenthum und geheiligt werden, und dem 157 Volke offen stehen mußten. In der Stimmensammlung machten sie eine Änderung: sie vertheilten nämlich die Bezirkbewohner, von Gegend zu Gegend, nach ihrem Stande, Vermögen und Gewerbe in Classen. 52. Auch hielt der eine von den Censoren Marcus Ämilius bei dem Senate an, ihm zu den Spielen bei der Einweihung der Tempel der Königinn Juno und der Diana, die er vor acht Jahren im Ligurischen Kriege verheißen habe, eine Summe zu bewilligen. Zwanzigtausend 625 Gulden Conv. M. Kupferass wurden ihm bestimmt. Er weihete diese Tempel, beide auf der Flaminischen Rennbahn, und gab nach der Weihe des Junotempels drei Tage, nach der des Dianentempels zwei Tage lang Bühnenspiele, und auf der Rennbahn für jede noch einen Tag. Ferner weihte er den Schutzgöttern zur See einen Tempel auf dem Marsfelde. Verheißen hatte diesen elf Jahre früher Lucius Ämilius Regillus in der Seeschlacht mit den Befehlshabern des Königs Antiochus. Über den Thorflügeln des Tempels wurde eine Tafel mit folgender Inschrift aufgehängt: « Duello magno cet.] – Ich gebe diese verstümmelte Inschrift nach den Ergänzungen, welche sie aus Macrobius und Fortunatianus durch Glarean, Sigonius und Ursinus unter Perizons und Drakenborchs Berichtigungen erhalten hat, so: Duello magno dirimendo, regibus subigendis, caussa patrandae pacis hac pugna exeunti L. Aemilio, M. Aemilii Regilli Filio, Praetori, auspicio, imperio, felicitate ductuque eius inter Ephesum, Samum Chiumque, inspectante eos ipso Antiocho, exercitu omni, equitatu elephantisque, classis regis Antiochi a. d. XI. kal. Ian. victa, fusa, contusa fugataque est; ibique eo die naves longae cum omnibus sociis captae XIII. Ea pugna pugnata rex Antiochus regnumque eius [mari debellatum]. Eius rei ergo aedem Laribus Permarinis vovit. Ich bemerke noch 1) der Dativ exeunti praetori classis Antiochi victa est kann vielleicht entweder im feierlichen Stile, wie Horazens Scriberis Vario, so viel heißen sollen, als a praetore exeunte, oder es ist so zu verstehen: in gloriam praetoris a militibus Romanis victa est. 2) Den Namen des Prätors würde ich lieber mit Perizonius so stellen: L. Aemilio, M. F. Regillo, wenn er nicht im Msc. mit F schlösse. 3) Es ist nicht wahrscheinlich, daß die Zahl der versenkten und verbrannten Schiffe verschwiegen sei; es muß also hier noch eine Lücke sein. 4) Wenn Ursinus nach den Worten Hac pugna pugnata rex Ant. regnumque eius einschieben will: in potestatem populi R. redactum, dies aber nicht einmal von der entscheidenden Schlacht des L. Scipio bei Magnesia gesagt werden kann, so habe ich (wenigstens mehr der Wahrheit gemäß) das kürzere mari debellatum gewählt. 5) Auch bei der Angabe des Schlachttages scheinen die Consuln des Jahres ausgefallen zu sein. 6) Die Worte durch Bezwingung der Könige (im Anfange) führen nicht durchaus auf den Antiochus und den Prinzen Seleucus, oder auf Antiochus und Eumenes: es kann ja hier die Sprache des edii Romani in reges omnes sein. Als 158 behuf des durch Entscheidung des Krieges, durch Bezwingung der Könige zu erwirkenden Friedens Lucius Ämilius, des Marcus Ämilius Regillus Sohn, der Prätor, zur Schlacht auslief, wurde unter Obwaltung, Oberbefehl, Segenseinfluß und Führung desselben, zwischen Ephesus, Samus und Chius, da ihnen Antiochus selbst, sein ganzes Heer, seine Reuterei samt den Elephanten zusahen, die Flotte des Königs Antiochus am zweiundzwanzigsten December besiegt, gejagt, zerschellet und versprengt, und wurden dieses Tages allhier dreizehn Reiheschiffe mit allen Seeleuten genommen. Durch diese gelieferte Schlacht wurde König Antiochus und sein Reich zur See bezwungen. Derowegen hat der Prätor den Schutzgöttern zur See diesen Tempel verheißen.» Eine Tafel mit gleichlautender Inschrift wurde auch über den Thorflügeln am Tempel Jupiters auf dem Capitole aufgehängt. 53. In den zwei Tagen, an welchen die Censorn den Senat ablasen, brach der Consul Quintus Fulvius gegen die Ligurier auf, zog mit seinem Heere durch unwegsame Gebirge und Waldthäler, und lieferte dem Feinde eine förmliche Schlacht; besiegte ihn nicht allein in der Linie, sondern eroberte noch an dem Tage dessen Lager. Dreitausend zweihundert Feinde ergaben sich, und diese ganze Gegend Liguriens. Der Consul führte sie nach der Übergabe auf ebene Ländereien herab und belegte die Berge mit Besatzungen. Schnell gelangte auch von seinem Standposten ein Brief nach Rom. Seiner Thaten wegen wurde ein dreitägiges Dankfest angeordnet. Bei dieser Dankfeier ließen die Prätoren den Gottesdienst mit vierzig großen Opferthieren besorgen. Der andre Consul Lucius Manlius verrichtete in Ligurien nichts Denkwürdiges. Die Gallier jenseit der Alpen, welche dreitausend Mann stark nach Italien herüberkamen, ohne irgend jemand feindlich zu behandeln, baten sich von den Consuln und dem Senate ein Stück Landes aus, um unter Römischer Hoheit in 159 Frieden zu leben. Der Senat befahl ihnen, Italien zu räumen, und dem Consul Quintus Fulvius, Untersuchungen anzustellen, und diejenigen zu bestrafen, welche Führer und Anstifter des Zuges über die Alpen gewesen wären. 54. In diesem Jahre starb auch Philipp, König von Macedonien, nach dem Tode seines Sohns von Altersschwäche und Gram verzehrt. Er verlebte den Winter zu Demetrias unter Qualen der Sehnsucht nach seinem Sohne und der Reue über seine Grausamkeit. Auch machte das ihm Kummer, daß der andre Sohn schon offenbar seiner eignen und Andrer Meinung nach König war, daß Aller Augen auf diesen gerichtet waren, und er selbst im Alter der Verlassene war, weil die Einen seinen Tod erwarteten, die Andern ihn nicht einmal abwarteten. Dies machte ihn noch unruhiger, und mit ihm den Antigonus, den Sohn des Echecrates, der nach seines Vaters Bruder Antigonus hieß, dem gewesenen Vormunde Philipps, einem Manne von königlicher Hoheit, der sich auch durch die berühmte Schlacht mit dem Lacedämonier Cleomenes ausgezeichnet hatte. Die Griechen nannten ihn den Vormund, um ihn durch diesen Zunamen von den übrigen Königen zu unterscheiden. Seines Bruders Sohn Antigonus war unter den höheren Umgebungen Philipps der einzige Unverführte geblieben, und diese Treue hatte den Perseus, der ohnehin sein Freund nicht war, zu seinem Todfeinde gemacht. Im Geiste voraussehend, mit wie großer Gefahr für ihn die Erbschaft des Throns dem Perseus zufallen werde, hatte er dem Könige, sobald er ihn in seinen Gesinnungen wanken und oft aus Sehnsucht nach seinem Sohne seufzen sah, bald als der gefällige Zuhörer, bald durch eingeleitete Erwähnung jener übereilten That, in seinen wiederholten Klagen nicht ohne eigne Klage Recht gegeben: und da uns die Wahrheit gewöhnlich mehrere Spuren ihres Daseins zu bieten pflegt, so war er aus allen Kräften dazu behülflich, Alles so viel schneller an den Tag kommen zu lassen. Ohnehin hatte man die Werkzeuge der That, vorzüglich den Apelles und Philocles, in Verdacht, da sie als Gesandte nach Rom gegangen waren und den für den 160 Demetrius so verderblichen Brief unter des Flamininus Namen mitgebracht hatten. 55. Daß er unächt gewesen, die Hand vom Schreiber Xychus a scriba vitiatas]. – Aus den nachher folgenden Worten: ordinem – – onmem facinoris – ministeriique sui (– ich setze hinzu, auch aus Homo unus omnium, qui nodum u. s. w. –) erhellet nach Crevier und Drakenb., daß dieser scriba kein Anderer gewesen sei, als Xychus. Weil nun nachher der Name Xychus so unerwartet eintritt, und fremde, vollends seltene, Namen so oft von den Abschreibern ganz ausgelassen werden, so glaube ich, er sei hier bloß durch die Schuld der Abschreiber ausgefallen – der eine konnte Xycho nicht lesen, der andere das zusammengelesene Xychoscriba sich nicht erklären – und Livius habe geschrieben a Xycho scriba. Am Hofe wußte freilich Jeder, wer der Gesandschaftssecretär gewesen war. In dieser Rücksicht wäre der Name bei den Worten vulgo in regia fremebant unnöthig; allein seinen Lesern war ihn Livius schuldig, wenn er nachher so fortfahren wollte: forte Xychus obvius fit. erkünstelt und das Siegel nachgemacht sei, sagte man sich am Hofe laut genug. Als aber immer noch die Sache mehr verdächtig, als erwiesen war, begegnete zufällig Antigonus dem Xychus, zog ihn mit sich fort, brachte ihn auf das Schloß, ließ ihn unter Wache und ging zu Philipp hinein. «Aus mehreren Gesprächen, fing er an, glaube ich abgenommen zu haben, daß es dir viel werth sein werde, über deine Söhne die völlige Wahrheit zu erfahren, wer es von beiden war, dem der Andre nachstellte und auflauerte. Der unter allen Menschen am besten den Knoten dieser Verwickelung lösen kann, Xychus, ist in deiner Gewalt.» Er erzählte nun, daß er ihn zufällig getroffen und mit auf das Schloß genommen habe. Der König möge ihn rufen lassen. Der Vorgeführte leugnete anfangs, allein mit so wenig Festigkeit, daß man gleich sah, er werde, nur einigermaßen bedroht, mit der Anzeige nicht säumen. Den Anblick des Peinigers und der Peitsche hielt er nicht aus, und erzählte den ganzen Hergang des Bubenstücks der Gesandten und seiner Handreichung dabei. Die zur Ergreifung der Gesandten sogleich Abgeschickten bemächtigten sich des Philocles, welcher im Orte war: Apelles, der zur Verfolgung eines gewissen Chärea ausgeschickt war, schiffte, als er von der Aussage des Xychus hörte, nach Italien über. Über den Philocles 161 ist nichts Zuverlässiges bekannt geworden. Einige versichern, er habe nach anfänglichem dreisten Leugnen, als ihm Xychus vorgeführt sei, alle weiteren Versuche aufgegeben: Andre, er habe sogar die Folter ausgehalten, ohne zu gestehen. Philipps Trauer erneuerte und verdoppelte sich, und er erklärte sein Unglück an seinen Kindern darum für so viel härter, weil gerade der Sohn noch lebe quod alter perisset]. – Das von Muretus so glücklich vorgeschlagene und von Allen gebilligte superesset nehme ich allerdings als richtig auf, nur muß es das frühere perisset nicht verdrängen. Dann gerade erklärt es sich, wie der Abschreiber aus dem einen alter in das andre überging, und darum die Zwischenworte ausließ, wenn man annimmt, daß im Grundtexte geschrieben stand: quod alter superesset, cuius scelere alter perisset; noch um so viel eher, weil sich su p esset und p isset so ähnlich waren. , durch dessen Bosheit der Andre seinen Tod gefunden habe. 56. Perseus, als er erfuhr, es sei Alles entdeckt, war freilich schon zu mächtig, als daß er die Flucht hätte für nöthig halten sollen. Er sorgte nur dafür, weit genug entfernt zu bleiben, um indeß, so lange Philipp noch lebe, der Flamme seines brennenden Zorns sich zu erwehren. Dieser, ohne Hoffnung, sich seiner Person zu bemächtigen, sann nur darauf, ihn außer der Ungestraftheit nicht noch dazu eine Belohnung seines Frevels genießen zu lassen. Er wandte sich also an den Antigonus, dem er nicht allein für die Entdeckung des Brudermordes verpflichtet war, sondern von dem er auch glaubte, er werde, bei dem noch frischen Andenken an den Ruhm seines Oheims Antigonus , für die Macedonier ein König sein, dessen sie sich zu schämen, oder mit ihm unzufrieden zu sein, keine Ursache hätten. « Antigonus, » sprach er, «weil ich in eine Lage gekommen bin, in der mir die Kinderlosigkeit, die andre Ältern so sehr verabscheuen, wünschenswerth sein muß, so ist mein Vorsatz, mein Reich, das ich von deinem Oheime durch seine kraftvolle, nicht bloß treue, Vormundschaft geschützt und erweitert in Empfang nahm, dir zu hinterlassen. In dir habe ich den Einzigen, den ich des Thrones würdig halten kann. Hätte ich niemand, so wollte 162 ich lieber, daß er unterginge und ausstürbe, als daß Perseus durch ihn für seine verruchten Tücke belohnt würde. Ich werde glauben, Demetrius sei von den Todten erstanden und mir wiedergegeben, wenn ich dich, den Einzigen, der dem Tode des Unschuldigen, der meiner unglücklichen Verblendung eine Thräne weihete, als den in seine Stelle Eingesetzten hinterlassen kann.» Nach dieser Unterredung machte er sichs zum Geschäfte, ihn mit allen Arten der Ehrenbekleidung öffentlich sehen zu lassen. Während Perseus in Thracien abwesend war, besuchte Philipp die Städte Macedoniens, empfahl hier den Antigonus den ersten Männern, und würde ihn, hätte er selbst länger gelebt, unstreitig im Besitze des Throns hinterlassen haben. Nach seiner Abreise von Demetrias hatte er sich meistens zu Thessalonich aufgehalten. Als er von hier nach Amphipolis kam, fiel er in eine schwere Krankheit. Man weiß, daß er mehr am Gemüthe, als am Körper litt, und daß er vor Gram und Schlaflosigkeit. weil ihn immer wieder die Gestalt und der Schatten seines unschuldig hingerichteten Sohns beunruhigten, unter schrecklichen Verwünschungen des andern, erlag. Dennoch hätte Antigonus gewarnt werden können, wenn der Tod des Königs haud statim palam facta]. – Ich habe nach Drakenborchs Gründen dieses haud weggelassen. sogleich bekannt gemacht wäre. Allein der Arzt Calligenes, der die Kur leitete, ließ, ohne den Tod des Königs abzuwarten, gleich bei den ersten die Rettung absprechenden Zeichen, seine nach der Verabredung zum voraus vertheilten Boten an den Perseus abgehen, und hielt bis zu dessen Ankunft den Tod des Königs vor Allen außerhalb des Schlosses geheim. 57. Folglich überraschte sie Perseus insgesamt wider ihr Vermuthen und Wissen, und erbeutete den durch Frevel errungenen Thron. Den Krieg gegen die Römer Peropportune]. – Es ist vom Geschichtschreiber nicht recht, seine Leser errathen zu lassen, daß dies peropportune in Rücksicht auf die Römer gesagt sei. Sollte nicht hinter diesem Worte, wegen der Ähnlichkeit mit dem unmittelbar folgenden mors ein r oms (Romanis) ausgefallen sein? Peropportune Romanis mors Philippi etc. noch aufzuschieben und sie Kräfte dazu sammeln zu 163 lassen, erfolgte Philipps Tod zu rechter Zeit. Denn wenig Tage nachher kamen die Bastarnen, dies lange von ihm aufgewiegelte Volk, aus ihrer Heimat mit einem großen Schwarme von Fußvolk und Reutern über die Donau. Dem Antigonus und Cotto – dieser war ein vornehmer Bastarne, und Antigonus hatte sich, wiewohl höchst ungern, mit eben diesem Cotto als Gesandten an die Bastarnen schicken lassen, um sie in Bewegung zu setzen, – als sie von dort vorausgingen, um dem Könige die Nachricht zu bringen, kam man schon nicht weit von Amphipolis mit dem Gerüchte, und weiter hin mit der sichern Anzeige entgegen, der König sei todt. Dies störte den ganzen Gang des Planes. Er war aber so verabredet: Philipp sollte den Bastarnen für den sichern Durchmarsch durch Thracien und für die Zufuhr stehen. Dies zu können, hatte er den Fürsten dieser Gegenden Geschenke gemacht, und sich verbürgt, daß die Bastarnen auf ihrem Durchzuge sich friedlich verhalten würden. Sein Zweck war, das Volk der Dardaner auszurotten, und ihr Land den Bastarnen zu einem festen Sitze einzuräumen. Hieraus sollte ihm ein doppelter Vortheil erwachsen, wenn Einmal die Dardaner, diese immer gegen Macedonien erbitterte und auf die ungünstigen Umstände seiner Könige laurende Nation, vertilgt werden; zum Andern, wenn man die Bastarnen mit Zurücklassung ihrer Weiber und Kinder in Dardanien, zur Verheerung Italiens abschicken könnte. «Der Zug zum Hadriatischen Meere und nach Italien gehe durch das Land der Scordisker. Für ein Heer gebe es keinen andern Weg. Die Scordisker würden den Bastarnen den Durchmarsch leicht gestatten. Denn [an Muth zum Plündern] ihnen aequales abhorrere]. – Wegen der folgenden Worte ipsos adiuncturos se, quum ad praedam, u. s. w. möchte ich dies (auch von Drak. beibehaltene) aequales nicht mit Duker für eine bloße Randglosse halten. Ich denke mir, Livius habe geschrieben: nec enim aut lingua aut moribus, praedandi animo aequales, abhorrere. So sagt Ovid vom Epaphus: fuit huic animis aequalis et annis Sole satus Phaëthon. – Auch Crevier will das Wort aequales nicht geradezu verwerfen. Er sagt: aut tollenda videtur, aut immutanda. gleich, wären sie auch in Sprache und Sitten ihnen nicht unähnlich; ja 164 sie würden von selbst sich anschließen, wenn sie sähen, daß der Zug die Plünderung des reichsten Volks zum Zwecke habe.» Und nun fand man den Plan mit jedem Erfolge verträglich. Würden die Bastarnen von den Römern niedergehauen, so werde man sich mit der Vertilgung der Dardaner, mit der Beute vom Überreste der Bastarnen, mit dem freien Besitze Dardaniens, trösten können; hätten sie aber Glück, so werde der König, während die Römer der Krieg gegen die Bastarnen abriefe, in Griechenland das Verlorne wiedererobern. Dies waren Philipps Entwürfe gewesen. – 58. Sie rückten friedlich ein, dem Versprechen des Cotto und Antigonus gemäß. Aber bald nach dem Rufe von Philipps Tode ließen sich die Thracier nicht mehr so gut handeln, die Bastarnen sich nicht auf bloßen Kauf beschränken, oder im Zuge beisammen halten, ohne vom Wege abzustreifen. Seitdem fielen von beiden Seiten Beleidigungen vor, und da diese täglich zunahmen, brach der Krieg aus. Zuletzt zogen sich die Thracier, da sie der Macht und Menge der Feinde nicht gewachsen waren, mit Hinterlassung ihrer Flecken in der Ebene, auf ein Gebirge von ansehnlicher Höhe: es heißt bei ihnen Donuca. Als die Bastarnen hier hinan wollten, überfiel sie jetzt, so wie der Sage nach ein Wettersturm die Gallier bei der Plünderung von Delphi vertilgte, eben ein solcher Sturm, so daß sie vergeblich sich schon den Rücken der Berge näherten. Denn es überschüttete sie nicht bloß der Erguß eines Platzregens, und der dichteste Hagel unter schrecklichem Krachen des Himmels mit Donnerschlägen und Wetterstrahlen zum Erblinden, sondern die Blitze fuhren auch so von allen Seiten auf die Menschen ein, als zielten sie nach ihnen; und nicht bloß Soldaten, sondern auch Vornehme stürzten erschlagen zu Boden. Als sie so über Hals und Kopf an den hohen Felsenwänden ohne sich vorsehen zu können, hinabgeschmettert wurden und 165 fortstürzten, drängten zwar den Besinnungslosen die Thracier nach, sie selbst aber riefen, ihre Flucht sei der Götter Werk und der Himmel stürze auf sie nieder. Als die vom Sturme Zerstreuten, wie aus einem Schiffbruche, meistens nur halbbewaffnet, in dem Lager, wo sie ausgerückt waren, wieder ankamen, fingen sie an zu berathschlagen, was nun zu thun sei. Und hier wurden sie uneins, weil die Einen zur Umkehr, die Andern zum Vordringen nach Dardanien riethen. Beinahe dreißigtausend Mann, die unter Anführung des Clondicus aufbrachen, kamen an: die übrige Menge ging auf dem Wege, den sie gekommen war, in das Land jenseit der Donau zurück. Als sich Perseus des Throns bemächtigt hatte, ließ er den Antigonus ermorden, und schickte, zur Erneurung der väterlichen Freundschaft, bis er sich festgesetzt hätte, Gesandte nach Rom, mit der Bitte, vom Senate als König anerkannt zu werden. Dies waren die Ereignisse dieses Jahrs in Macedonien . 59. Der eine Consul, Quintus Fulvius, triumphirte über die Ligurier. Man war überzeugt, daß ihm dieser Triumph mehr aus Gefälligkeit, als wegen der Größe seiner Thaten bewilligt sei. Es zog dabei eine große Menge feindlicher Waffen durch die Straßen, aber so gut als gar kein Geld. Dennoch gab er jedem Soldaten zu seinem Antheile dreihundert Kupferass trecenos aeris]. – So lese ich mit Crev. aus den von Drak. gebilligten Gründen, statt tricenos. Die Summe beträgt etwa 6 Thaler 6 Ggr. Conv. M. , jedem Hauptmanne das Doppelte, dem Ritter das Dreifache. Nichts gab seinem Triumphe eine größere Auszeichnung, als der Zufall, daß er gerade an dem Tage triumphirte, an welchem er im vorigen Jahre nach seiner Prätur triumphirt hatte. Nach dem Triumphe setzte er den Tag zu den Wahlversammlungen an, an welchem Marcus Junius Brutus und Aulus Manlius Vulso zu Consuln gewählt wurden. Die darauf folgende Prätorenwahl wurde, als schon drei gewählt waren, nämlich tribus creatis]. – Die von den Abschreibern ausgelassenen drei Namen (s.  B. 41. 2. ) standen wahrscheinlich hier. . . . . . . , durch ein Ungewitter 166 gestöret. Den Tag darauf, den zwölften März, wurden die übrigen drei ernannt, Marcus Titinius Curvus, Tiberius Claudius Nero, Titus Fontejus Capito. Von den Curulädilen Cneus Servilius Cäpio und Appius Claudius Centho wurden wegen der Schreckzeichen, die sich ereigneten, die Römischen Spiele angestellt Terra movit.] – Die folgenden Worte glaube ich nach den meistens bei Drak. angegebenen Vorschlägen so lesen zu müssen: In foris publicis, ubi lectisternium erat, deorum capita, quae in lectis erant, averterunt se; lanxque cum intrimentis, quae Iovi apposita fuit, decidit de mensa. Oleas quoque praegustasse mures etc. Dukers Vorschlag, statt in foris publicis lieber in fanis publicis zu lesen, weil es sonderbar sein würde, daß die Erde in solis foris publicis, ubi lectisternium erat, gebebt habe, halte ich darum für unnöthig, weil man eben so fragen könnte: cur igitur in solis fanis publicis? Ging gleich das Erdbeben durch die ganze Stadt, so werden doch seine Wirkungen, wenn das lectisternium auf foris publicis gegeben wird, in Betreff dieses lectisternii vorzüglich auf diesen foris publicis sichtbar. . Es war nämlich ein Erdbeben. Auf den öffentlichen Plätzen, wo eben ein Göttermahl gefeiert wurde, wandten sich die auf die Polster gestellten Götterbilder mit ihren Häuptern ab; die Schüssel mit dem Eingebrockten, das dem Jupiter vorgesetzt war, fiel vom Tische. Daß auch die Mäuse die aufgesetzten Oliven benascht hatten, galt für ein Schreckzeichen. Zur Sühne alles dessen wurden weiter keine Anstalten getroffen, als die Feier der Spiele. Ein und vierzigstes Buch. Jahre Roms 574 – 578. 168 Inhalt des ein und vierzigsten Buchs. Das Feuer im Tempel der Vesta erlischt. Dem Tiberius Sempronius Gracchus, als Stellvertreter des Consuls, ergeben sich die besiegten Celtiberer; er erbauet zum Andenken seiner Thaten die Stadt Gracchuris in Spanien. Auch von dem consularischen Stellvertreter Postumius Albinus werden die Vaccäer und Lusitanier bezwungen. Beide triumphiren. Antiochus, des Antiochus Sohn, derselbe, der vom Vater den Römern zur Geisel gegeben war, wird von Rom, weil sein Bruder Seleucus, der Nachfolger des verstorbenen Vaters mit Tode abgeht, in sein Königreich Syrien entlassen, und spielt als König eine sehr niedrige Rolle, außer daß er aus Achtung für den Gottesdienst an vielen Orten viele prächtige Tempel, zu Athen dem Olympischen, zu Antiochien dem Capitolinischen Jupiter, erbauen läßt. Die Censoren begehen die Schatzungsfeier. Der geschatzten Bürger waren zweihundert dreiundsechzigtausend zweihundert und vierundneunzig. Der Bürgertribun Quintus Voconius Saxa bringt das Gesetz in Vorschlag, daß Niemand ein Frauenzimmer zu seiner Erbinn ernennen darf. Marcus Cato empfiehlt diesen Vorschlag. Seine Rede ist noch vorhanden. Außerdem enthält dieses Buch die glücklichen Thaten mehrerer Feldherren gegen die Ligurier, Istrier, Sardinier und Celtiberer, und die Einleitung zu dem Macedonischen Kriege, zu welchem Philipps Sohn, Perseus, seine Vorkehrungen traf: denn er hatte eine Gesandschaft an die Carthager abgehen lassen, welcher diese bei Nacht Gehör ertheilten; aber auch in Griechenland suchte er mehrere Staten aufzuwiegeln. 169 Ein und vierzigstes Buch. (1.) [Schon Die mit ( ) bezeichneten Zahlen im Anfange der Capitel und die Zeichen der Einklammerung [ ] unterscheiden in diesen letzten mangelhaften Büchern Creviers Ergänzungen, die auch Drakenborch aufgenommen hat, weil Freinsheim diese unergänzt gelassen hatte, vom Texte des Livius. hatte das Römische Volk durch alle Theile des Erdkreises seine siegreichen Waffen umhergetragen und fern gelegene, durch mehr als Ein Meer von ihm getrennte Länder durchzogen. Da es aber bei diesem so großen Glücke seiner nach Wunsch sich an einander reihenden Unternehmungen den Ruhm der Mäßigung sich zu erwerben wußte, so vermochte es mehr durch seine Vollgültigkeit, als durch sein Gebot, und konnte sich rühmen, bei den Völkern des Auslandes durch Klugheit mehr zu bewirken, als durch Gewalt und Drohung. Gegen die besiegten Völker und Könige ohne Härte, freigebig gegen seine Bundesstaten, für sich nur nach der Ehre des Sieges strebend, hatte es den Königen ihre Majestät; den Völkern, mochte es sie mit sich gleich oder auch ungleich gesetzt haben, dennoch ihre Gesetze, ihre Rechte und Freiheit erhalten; und ungeachtet es schon beide Küsten des Mittelmeers von Gades bis nach Syrien mit seinen Waffen umfaßte und in unermeßlichen Strecken der Erde dem Römischen Namen Ehrfurcht erworben hatte, so hatte es doch zu seinen Unterthanen bloß die Völker Siciliens, der Italien umgebenden Inseln, und des größten Theils von Spanien, das aber sein Joch noch nicht mit gelehrigem Nacken trug. Veranlassung und Stoff zur Erweiterung seiner Herrschaft wurden ihm von der gedankenlosen Verkehrtheit seiner Feinde und Nebenbuhler mehr geboten, als von ihm selbst gesucht. Vorzüglich richtete die 170 allgemein verhaßte, an seinen Unterthanen ausgeübte, Grausamkeit des Perseus, der sich durch Tücke und Frevel auf den Thron von Macedonien gesetzt hatte, sein unsinniger Geiz bei ungeheuren Reichthümern, sein gedankenloser Leichtsinn in Fassung und Ausführung seiner Maßregeln, nicht bloß ihn selbst zu Grunde, sondern auch Alles, was sich halten konnte, so lange dieser, ich möchte sagen: kräftige Zügel der Römischen Macht sich hielt. Denn sein Fall ging auf die Andern über und zog nicht allein den Sturz der angränzenden Völker nach sich, sondern auch den der weit entfernten. Dem Untergange Macedoniens folgte nebst den Achäern Carthago: und da das Unglück jener die Lage Aller zerrüttet hatte, so fielen nun die übrigen Reiche, eine Zeitlang als die abhängigen, bald darauf als die gestürzten, alle der Römischen Oberherrschaft anheim. So sehr auch Ort und Zeit diese Auftritte schieden, so wünschte ich sie doch als zu Einem Wirkungspunkte vereinigt hier unter Einen Überblick zu stellen, weil ich den bald gegen die Römer ausbrechenden Krieg des Perseus im Auge hatte, welcher hauptsächlich dem Zuwachse der Römischen Macht seinen Anfang gab. Jetzt brütete Perseus insgeheim über diesem Kriege: die Ligurier und Gallier neckten Roms Waffen mehr, als daß sie dieselben übten.] (2.) [So waren denn die den Consuln Marcus Junius Brutus und Aulus Manlius Vulso angewiesenen Standplätze Gallien und Ligurien. Den Manlius traf Gallien, den Junius Ligurien. Die Prätoren erloseten, Marcus Titinius Curvus die Rechtspflege in der Stadt, Tiberius Claudius Nero die über die Fremden; Publius Älius Ligus Sicilien; Titus Äbutius Carus Sardinien; Marcus Titinius – denn in diesem Jahre bekleideten zwei Marcus Titinius die Prätur – das diesseitige Spanien, Titus Fontejus Capito das jenseitige. In der Gegend des Marktes brach eine Feuersbrunst aus, welche sehr viele Gebäude in Asche legte, und den Tempel der Venus bis auf die letzte Spur niederbrannte. Das heiligbewahrte Feuer der Vesta erlosch. Die Jungfrau, welche 171 die Wache gehabt hatte, wurde auf Befehl des Hohenpriesters Marcus Ämilius mit der Geißel gepeitscht, auch ließ er die dann gewöhnlichen Betandachten anstellen. In diesem Jahre begingen die Censorn Marcus Ämilius Lepidus, Marcus Fulvius Nobilior die Schlußfeier der Schatzung. Geschatzt wurden zweihundert dreiundsiebzigtausend zweihundert vierundvierzig Bürger. Vom Macedonischen Könige Perseus kamen Gesandte mit dem Antrage an den Senat, ihn als König, als Bundsgenossen und Freund anzuerkennen, und das Bündniß, in welchem Rom mit seinem Vater Philipp gestanden hatte, zu erneuern. Den Römern war Perseus verdächtig und verhaßt, und die meisten zweifelten nicht daran, daß er den von Philipp seit so vielen Jahren nach geheimen Entwürfen vorbereiteten Krieg, sobald sich Gelegenheit fände und er selbst mit seinen Kräften völlig zufrieden sei, eröffnen werde. Allein um sich nicht den Schein zuzuziehen, als hätten sie den Ruhehaltenden und Friedliebenden gereizt, und selbst zum Kriege Veranlassung gegeben, bewilligten sie ihm seine Forderungen. Perseus, der nach dem Empfange dieser Antwort sich nun auf seinem Throne völlig bestätigt hielt, beschloß, sich auch bei den Griechen Anhang zu verschaffen. Um sich ihre Gewogenheit zu erwerben, berief er alle, welche Schulden halber, oder als gerichtlich Verurtheilte ins Ausland entwichen waren, oder als Majestätsverbrecher Macedonien geräumt hatten, sämtlich nach Macedonien zurück, und ließ auf der Insel Delos, und zu Delphi und im Tempel der Itonischen Minerva öffentlich seine Bekanntmachungen anschlagen, worin er ihnen, wenn sie zurückkämen, nicht bloß die Ungestraftheit bewilligte, sondern auch die Rückgabe aller ihrer Güter nebst deren Ertrage von jener Zeit an, wo jeder ausgewandert war. Ja er erließ auch denen, welche in Macedonien wohnten, jede Forderung der Strafcasse und gab allen, die wegen eines Majestätsverbrechens eingekerkert waren, die Freiheit. Dadurch erregte er Aufmerksamkeit bei Vielen, zog die Blicke von ganz Griechenland auf sich und erfüllte es mit großen 172 Erwartungen. Auch in seinem übrigen Äußeren behauptete er eine königliche Würde. Seine Bildung hatte Anstand, sein Körper zu Ausrichtung aller Geschäfte des Kriegs und Friedens Stärke und Geschicklichkeit, und seinem schon reifenden Alter angemessene Majestät ruhete auf seiner Stirn und in seinem Blicke. Von seines Vaters Ausschweifungen, von dessen ungezügeltem Hange zu Liebe und Wein hatte er nichts. Durch solche Eigenschaften empfahl Perseus den Anfang seiner Regierung, der aber keinen mit den ersten Thaten im Einklange bleibenden Ausgang haben sollte.] (3.) [Ehe die Prätoren, welche durch das Los die beiden Spanien bekommen hatten, auf ihren Standplätzen eintrafen, hatten dort Postumius und Gracchus große Thaten verrichtet. Allein ein verzügliches Lob hatte Gracchus: denn da er in der Blüte der Jahre Alle, die mit ihm gleiches Alters waren, an Tapferkeit und Klugheit weit übertraf, so wurde er schon damals mit allgemeinem Rufe genannt und ließ auf die Zukunft noch mehr von sich erwarten. Zwanzigtausend Celtiberer belagerten Carabis, eine Bundesstadt der Römer. Gracchus eilte herbei, seinen Verbündeten zu helfen. Nur machte die Sorge ihn verlegen, durch welches Mittel er den Belagerten seinen Entschluß mittheilen sollte, da die Feinde die Stadt so enge eingeschlossen hielten, daß die Überkunft eines Boten kaum möglich zu machen schien. Die Kühnheit des Cominius führte dies schwere Geschäft aus. Er war Oberster eines Geschwaders der Reuterei. Nachdem er seinen Plan gehörig überdacht und dem Gracchus seine Absicht mitgetheilt hatte, mischte er sich, als gemeiner Spanier gekleidet, unter die feindlichen Futterholer. Mit diesen kam er ins Lager, eilte von hier im Laufe zur Stadt und meldete die Annäherung des Tiberius. Die Bürger, die durch diese Nachricht aus der äußersten Verzweiflung zur Thätigkeit und Kühnheit geweckt, sich zu einer tapfern Gegenwehr ermanneten, sahen sich schon am dritten Tage, als bei Ankunft des Gracchus die Feinde abzogen, entsetzt. Als die Barbaren nachher dem 173 Gracchus selbst eine Schlinge legten, wußte er mit einer durch Kunst erhöheten Kraft die Gefahr so zu vereiteln, daß die List die Erfinder selbst traf. In der Stadt Complega, welche kaum vor mehreren Jahren erbauet, aber durch ihre Mauern fest und durch schnellen Zuwachs emporgekommen war, hatten sich viele Spanier gesammelt, welche vorher, aus Mangel an Land, hie und da hatten umherirren müssen. Aus dieser Stadt kamen gegen zwanzigtausend Menschen im Aufzuge der Flehenden und mit dargereichten Ölzweigen heran, und blieben im Angesichte des Lagers stehen, als wollten sie um Frieden bitten. Bald aber fielen sie mit Wegwerfung alles dessen, was sie als Bittende einführte, unvermuthet die Römer an und erfüllten Alles mit Bestürzung und Getümmel. Mit weiser Entschließung ließ Gracchus in verstellter Flucht sein Lager im Stiche; und während sie dieses mit der Barbaren eigner Gier plünderten und mit der Beute sich belasteten, überfiel er sie bei seiner plötzlichen Rückkehr, als sie so etwas nicht im mindesten besorgten, hieb die meisten nieder und bemächtigte sich sogar der Stadt selbst. Einige erzählen die Sache anders. Als Gracchus von dem Mangel gehört habe, den die Feinde litten, habe er sein Lager, mit allerlei Esswaren reichlich versehen, preisgegeben: der Feind, der dies Alles erbeutete und sich unmäßig mit dem Vorgefundenen erfüllte und überlud, sei, ehe er sich dessen versah, von dem zurückgeführten Römischen Heere vernichtet.] (4.) [Mag dies übrigens nur eine verschiedene Darstellung einer und derselben That sein, oder eine ganz andre Begebenheit, ein ganz andrer Sieg, so bezwang Gracchus wenigstens sehr viele Völker und das der Celtiberer völlig. Daß er dreihundert ihrer Städte erobert und zerstört habe, führt es gleich Polybius an, ein Schriftsteller von vorzüglichem Gewichte, so möchte ich dies doch nicht für gewiß behaupten, es müßten denn unter der Benennung Städte nur Thürme und Schanzen zu verstehen sein; eine Art der Unwahrheit, welche sich nicht allein die Feldherren selbst, sondern auch die Geschichtschreiber 174 zur Aufschmückung der Thaten zu erlauben pflegen. Wenigstens kann Spanien bei seinem trocknen und unangebauten Boden eine große Menge Städte nicht nähren. Auch widersprechen dem die Sitten der Spanier, die, wenn man die Anwohner unsres Meeres ausnimmt, wild und bäurisch sind; da hingegen durch das bürgerliche Zusammenwohnen in Städten die Sinnesart der Menschen sanfter zu werden pflegt. Was man aber auch in Rücksicht der Zahl und Art der Städte, die Gracchus eroberte, annehmen will – denn auch über die Anzahl sind die Schriftsteller nicht einig, und er soll nach diesen hundert und funfzig, nach andern hundert und drei erobert haben – so verrichtete er doch herrliche Thaten, und machte sich nicht allein durch sein Verdienst als Krieger berühmt, sondern zeigte sich auch den besiegten Völkern als Beschützer des Friedens und der Gesetze und als Schiedsrichter von Auszeichnung. An die Armen theilte er Ländereien aus, wies ihnen Wohnsitze an, und bekräftigte die für alle Völker jener Gegenden mit Genauigkeit verfaßten Gesetze, nach welchen sie als Roms Freunde und Verbündete leben sollten, durch gegenseitige Eidesleistung. Und mehrmals warfen sich die späteren Geschlechter in den nachher entstandenen Kriegen in den Schutz dieses Vertrages. Als Denkmal seiner Tapferkeit und seiner Verrichtungen bezeichnete man nach seinem Willen die Stadt Gracchuris, welche vorher Illurcis hieß; mit seinem Namen. Die Thaten des Postumius haben keinen so lauten Ruf, doch bezwang er die Vaccäer und Lusitanier und erlegte in den Kriegen mit diesen Völkern vierzigtausend Menschen. – Als sie Beide nach diesen Thaten ihren ankommenden Nachfolgern die Heere und die Provinzen übergeben hatten, gingen sie zum Triumphe ab. – In Gallien ergriff der Consul Manlius, dem dieser Standplatz zugefallen war, bei dem Mangel an Stoff zum Triumphe, die ihm vom Glücke gebotene Gelegenheit, einen Krieg mit den Istriern anzufangen, sehr begierig. Die Istrier hatten vormals den Ätolern im Kriege beigestanden und auch neulich sich in Bewegung gesetzt. Es 175 beherrschte sie damals König Apulo, ein Mann voll kecken Muthes: wie es hieß, hatte er seinem Volke,] welches sein Vater in Frieden beherrscht hatte, die Waffen gegeben, und war deswegen ein Liebling der jungen beutelustigen Krieger. 1. (5.) Als der Consul wegen des Feldzuges gegen die Istrier Kriegsrath hielt, stimmten Einige dafür, den Krieg sogleich zu unternehmen, ehe die Feinde ihre Truppen zusammenziehen könnten; Andre, vorher bei dem Senate anzufragen. Die Meinung derer, welche keinen Aufschub wollten, drang durch. Der Consul brach von Aquileja auf und lagerte sich am See Timavus. Dieser See ist in der Nähe des Meers. Hier fand sich auch mit zehn Schiffen der Zweiherr beim Seewesen Cajus Furius ein. Man hatte nämlich gegen die Flotte der Illyrier Zweiherren des Seewesens ernannt, welche mit zwanzig Schiffen zum Schutze des Obermeers qui tuendam]. – Ich folge der verbesserten Lesart: qui tuendae viginti navibus maris Superi orae Anconam veluti cardinem haberent. gleichsam ihren Wendepunkt zu Ancona haben sollten: von hier aus sollte Lucius Cornelius die Küste zur Rechten bis nach Tarent zu decken haben, Cajus Furius die zur Linken bis Aquileja. Diese Schiffe wurden in Begleitung von Lastschiffen und großer Zufuhr zum nächsten Hafen an die Istrische Gränze gesandt, und der Consul, der ihnen mit seinen Legionen nachzog, lagerte sich fast fünftausend Schritte vom Meere. Zur Einfuhr der Waren wurde im Hafen ein Platz angelegt, der bald sehr stark besucht wurde, und von hier aus wurde Alles ins Lager geschafft: damit auch dies um so viel sicherer geschehen könne, wurden auf allen Seiten des Lagers Posten ausgestellt; gegen Istrien In Istriam versum praesidium stativum]. – Dieser von Drak. u. Crev. genehmigten bessern Lesart Gronovs bin ich gefolgt. Noch näher kommt, wie ich jetzt sehe, der alten Lesart in Istriam QVESVVM Herr Walch durch das von ihm vorgeschlagene in Istriam obver sum. Auch nachher folge ich der älteren Lesart Catmelus, statt Carmelus. zu ein feststehendes Kohr; zwischen dem Meere und dem Lager wurde die Cohorte Placentinischer Nothtruppen aufgepflanzt, und damit sie zugleich am Flusse die 176 Wasserholer decken könnte, mußte der Oberste der zweiten Legion Marcus Äbutius mit zwei Haufen zu ihr stoßen. Die beiden Obersten Titus und Cajus, beide Älier , hatten mit der dritten Legion, um die Futterholungen zu decken, ihren Platz auf dem Wege genommen, der nach Aquileja führt. Auf eben dieser Seite, beinahe tausend Schritt weiter, stand das Lager der Gallier, mit nicht mehr als dreitausend Mann; welche Catmelus als Fürst befehligte. 2. (6.) Sobald das Römische Lager nach dem See Timavus aufgebrochen war, nahmen die Istrier eine verdeckte Stellung hinter einem Hügel: von hieraus folgten sie dem Zuge auf Querwegen, auf jede Gelegenheit aufmerksam; und von Allem, was man zu Lande und zu Wasser that, entging ihnen nichts. Als sie nun das Lager durch so schwache Posten geschützt sahen, und den Warenplatz Forum, turba inermi frequens]. – So lesen Skaliger und Gronov mit Creviers und Drakenborchs Zustimmung. , den nur der wehrlose Haufe der zwischen dem Lager und dem Meere Handel Treibenden besetzte, sowohl von der Land- als von der Seeseite ohne alle Verschanzung; so thaten sie einen Angriff auf zwei Posten zugleich, auf die Placentinische Cohorte und auf die Haufen von der zweiten Legion. Ein Morgennebel verdeckte die Unternehmung. Als dieser bei der ersten Sonnenwärme zerfloß, so zeigte das schon durchblickende, aber wie gewöhnlich noch ungewisse Tageslicht, das dem Auge den Schein aller Gestalten vervielfältigt, den Römern, auch jetzt nicht ohne Täuschung, die feindliche Linie in weit größerer Stärke, als sie wirklich hatte; und da die Soldaten von beiden Posten, hiedurch geschreckt, unter lautem Lärmen zum Lager flüchteten, so erregten sie hier einen noch weit größeren Schrecken, als sie selbst mitgebracht hatten. Sie waren nicht im Stande zu sagen, wovor sie geflohen waren, oder auf Erkundigungen Auskunft zu geben: in den Lagerthoren – denn hier stand ja kein Posten, der einen Angriff hätte aufhalten können – hörte man nur Geschrei; und das Zusammenlaufen der im 177 Dunkeln auf einander Stürzenden machte es ungewiß, ob nicht der Feind schon in der Verschanzung sei. Man hörte nur den Einen Ruf: «Nach dem Meere!» Dies zufällig von Einem ohne Überlegung ausgestoßene Geschrei tönte jetzt durch das ganze Lager. Also liefen anfangs nur wenige Bewaffnete, ein weit größerer Theil ohne Waffen, als hätten sie den Befehl, dem Meere zu; bald ihrer Mehrere, endlich fast Alle und der Consul selbst, weil bei seinen vergeblichen Bemühungen, die Fliehenden zurückzuhalten, sein Amtsbefehl, sein Ansehen, zuletzt selbst seine Bitten nichts vermochten. Ein Einziger blieb, Marcus Licinius Strabo, Oberster der dritten Legion, den an der Spitze von drei Haufen seine Legion im Stiche ließ. Nach einem Angriffe auf das leere Lager überfielen ihn die Istrier, da ihnen weiter niemand bewaffnet entgegentrat, als er auf dem Feldherrnplatze die Seinigen stellte und ihnen Muth einsprach. Der Kampf war hartnäckiger, als sich von der kleinen Schar der Widerstandleistenden erwarten ließ, und endete nicht eher, bis der Oberste und die sich um ihn Anschließenden gefallen waren. Als die Feinde das Hauptzelt niederrissen, und was dort war, geplündert hatten, kamen sie auf den Markt am Schatzmeisterzelte und auf die Gasse Quintana. Weil sie hier alle Vorräthe von Lebensmitteln zum Kaufe ausgestellt, und in dem Schatzmeisterzelte selbst die Tafelsessel schon überzogen fanden, so lagerte sich der Fürst zu Tische und fing zu schmausen. Eben so machten es die Übrigen alle, ohne an Waffen und Feinde zu denken; und da ihnen ein besseres Mahl etwas Ungewohntes war, so überluden sie sich mit Wein und Speise so viel gieriger. 3. (7.) Unterdessen hatten die Sachen bei den Römern eine ganz andre Gestalt. Auf dem Lande, auf dem Meere nichts als Bestürzung, Die Seeleute brachen ihre Zelte ab und rafften ihre am Ufer ausgestellten Vorräthe wieder in die Schiffe. Die Soldaten eilten vor Schrecken in die Kähne und auf das Meer. Die Seeleute aus Besorgniß, die Schiffe möchten zu voll werden, wehrten hier dem Haufen, dort stießen sie mit den Schiffen vom Ufer ab, 178 um die See zu gewinnen. Darüber kam es zwischen den Soldaten und Seeleuten zum Streite, bald sogar zum Gefechte, nicht ohne Wunden und Leichen von beiden Seiten, bis auf des Consuls Befehl die Flotte weiter vom Lande abfuhr. Nun fing er an, die Unbewaffneten von den Bewaffneten zu sondern. Bei einer so großen Menge fanden sich kaum zwölfhundert mit Waffen; nur sehr wenige Reuter, die ihr Pferd mitgebracht hatten. Die Übrigen bildeten einen kläglichen Schwarm, wie von Marketendern und Holzknechten, der in der That des Feindes Beute werden mußte, wenn dieser auf einen Angriff gedacht hätte. Nun endlich ging ein Bote ab, die dritte Legion und das Kohr Gallier wieder herzurufen, und zugleich kam Alles von allen Seiten zurück, um das Lager wieder zu erobern und den Schimpf wieder gut zu machen. Die Obersten der dritten Legion geboten ihr, die Futterbündel und alles Holz abzuwerfen: den Hauptleuten befahlen sie, von den bejahrteren Soldaten immer zwei auf die einzelnen Lastthiere zu setzen, von denen man das Gepäck heruntergeworfen hatte. Jeder Ritter sollte Einen von dem jüngeren Fußvolke zu sich aufs Pferd nehmen. «Die Legion werde sich einen ausgezeichneten Ruhm erwerben, wenn sie durch ihre Tapferkeit das Lager wieder gewönne, das man durch die Feigheit der zweiten Legion eingebüßt habe. Und die Wiedereroberung sei leicht, wenn man die mit ihrer Beute beschäftigten Barbaren schnell überrasche. So wie diese es gewonnen hätten, könne es wiedergewonnen werden.» Die Soldaten hörten auf diese Ermunterung mit großer Lebhaftigkeit. Auf den Ruf brachen sie mit den Fahnen auf, und blieben unter ihren Waffen dem Fahnenträger nicht nach: doch trafen der Consul und die Truppen, die vom Meere zurückgeholt wurden, vor dem Walle zuerst ein. Der erste Oberste der zweiten Legion, Lucius Atius, ermunterte die Soldaten nicht allein, sondern bewies ihnen auch: «Wenn die Istrier Willens wären, das mit den Waffen eroberte Lager eben so mit den Waffen zu behaupten, so würden sie zuerst den aus seinem Lager getriebenen Feind bis 179 an das Meer verfolgt, und dann wenigstens vor ihrem Walle Posten ausgestellt haben. Wahrscheinlich lägen sie in tiefem Rausche und Schlafe.» 4. (8.) Mit diesen Worten befahl er einem seiner Fahnenträger, Aulus Bäculonius, einem Manne von bekannter Tapferkeit, mit der Fahne einzudringen. Dieser antwortete, wenn sie ihm als einem Einzigen folgen wollten, so wolle er schon machen facturum dixit]. – Es liegt, wenn ich nicht irre, in der Manier des seiner Sache so gewissen Kriegers, lieber errathen zu lassen, was er thun will – und nachher zeigt es sich in den Worten: quum trans vallum signum traiecisset, primus omnium portam intravit, worin sein Vorsatz bestanden hatte – als seinem Vorhaben durch das herausplatzende se iacturum die ganze Überraschung zu benehmen. Aus dieser Rücksicht nehme ich die alte Lesart facturum gegen Gronovs iacturum in Schutz. Ich verstehe die Stelle so: Quum iuberetur signum inferre, si se unum sequerentur (i. e. in castra irrumpentem) iam se facturum esse dixit, ut id (signum castris inferri) eo celerius fieret. , daß das so viel geschwinder gehen solle. Dann holte er zum Wurfe aus, schleuderte die Fahne über den Wall hinein, und drang Allen voran in das Thor. Auf der andern Seite kamen die beiden Älier, Titus und Cajus, Obersten der dritten Legion, mit der Reuterei heran. Sogleich folgten auch jene, die man parweise auf die Packpferde gesetzt hatte, und der Consul mit dem ganzen Zuge. Bei den Istriern dachten nur wenige, die mäßigeren Trinker, ans Fliehen; bei den Andern reihete sich der Tod an den Schlaf; und die Römer bekamen alles Ihrige unversehrt wieder, außer was an Wein und Speise verzehrt war. Auch die kranken Soldaten, die man im Lager zurückgelassen hatte, ergriffen, sobald sie die Ihrigen im Lager gewahr wurden, die Waffen und richteten ein großes Gemetzel an. Vor allen that der Ritter Cajus Popilius ausgezeichnete Dienste. Er hatte den Zunamen Sabellus. Wegen seiner Wunde am Fuße war er zurückgelassen, und tödtete bei weitem die meisten Feinde. Gegen achttausend Istrier wurden erschlagen, keiner zum Gefangenen gemacht, weil Erbitterung und Unwille an keine Beute denken ließ. Doch entkam der berauschte König der Istrier, geschwind von den Seinigen auf ein Pferd geworfen, durch seine Flucht vom Schmause. 180 Von den Siegern fielen zweihundert siebenunddreißig Gemeine, mehr auf der Flucht am Morgen, als bei Wiedereroberung des Lagers. 5. (9.) Zufällig traf es sich so, daß die beiden Gavillius, Cneus und Lucius, neue Pflanzbürger von Aquileja, die mit Zufuhr ankamen, und von nichts wußten, beinahe in das von den Istriern eroberte Lager gerathen wären. Als diese mit Einbuße ihrer Fuhren nach Aquileja zurückgeflohen kamen, erfüllten sie Alles mit Schrecken und Bestürzung, nicht bloß zu Aquileja, sondern auch einige Tage später zu Rom; weil hier nicht bloß von der feindlichen Eroberung des Lagers, nicht bloß von der Flucht der Römer Nachricht kam; – dies war beides wahr; – sondern, es sei Alles verloren und das ganze Heer aufgerieben. So wurden denn, wie gewöhnlich bei überraschender Kriegsgefahr, außerordentliche Werbungen nicht bloß in der Stadt, sondern in ganz Italien angesagt. Man hob zwei Legionen Römischer Bürger aus und ließ das verbündete Latium zehntausend Mann Fußvolk nebst fünfhundert Rittern aufbringen. Der Consul Marcus Junius erhielt Befehl, nach Gallien überzugehen und von den Städten dieser Provinz so viele Truppen einzutreiben, als jede stellen könnte. Zugleich wurde beschlossen, der Prätor Tiberius Claudius sollte den Soldaten der vierten Legion und fünftausend verbündeten Latinern nebst zweihundert funfzig Rittern bekannt machen, daß sie sich zu Pisä einzufinden hätten, und diesen Standplatz so lange besorgen, als der Consul von dort abwesend sei. Der Prätor Marcus Titinius sollte die erste Legion und eben so viel Bundsgenossen zu Fuß und zu Pferde sich zu Ariminum sammeln lassen. Nun ging Nero im Aufzuge eines Feldherrn auf den Standplatz zu Pisä ab. Titinius schickte den Obersten Cajus Cassius nach Ariminum, der Legion vorzustehen und hielt zu Rom Werbung. Der Consul Marcus Junius, der aus Ligurien in die Provinz Gallien überging, und sogleich Hülfstruppen in den Gallischen Städten und in den Pflanzstädten Soldaten forderte, kam zu Aquileja an. Hier erfuhr er, das Heer sei in gutem 181 Stande, schrieb nach Rom, man möge nicht unruhig sein, erließ den Galliern die eingeforderten Hülfstruppen und zog zu seinem Amtsgenossen. Zu Rom war die Freude groß und unerwartet: die Werbung unterblieb; die schon zur Fahne geschworen hatten, wurden verabschiedet, und das Heer, das zu Ariminum von der Seuche angesteckt war, nach Hause entlassen. Als die Istrier, die mit einem großen Heere nicht weit vom Lager des Consuls in ihrem Lager standen, die Ankunft des andern Consuls mit einem neuen Heere erfuhren, verliefen sie sich nach allen Seiten in ihre Städte. Die Consuln führten die Legionen nach Aquileja zurück in die Winterquartiere. 6. (10.) Als endlich der durch die Istrier veranlassete Aufstand gestillet war, wurde ein Senatsschluß ausgefertigt, die Consuln möchten sich darüber vergleichen, wer von beiden zur Besorgung des Wahlgeschäfts nach Rom zurückkommen solle. Da die Bürgertribunen Aulus Licinius Nerva und Cajus Papirius Turdus den abwesenden Manlius in ihren Volksreden mit Schmähungen überhäuften und den Vorschlag thaten, Manlius müsse den Oberbefehl – denn schon waren den Consuln ihre Standplätze auf ein Jahr verlängert – nicht länger als bis zum funfzehnten März behalten, damit er sich sogleich nach seinem Abgange vom Amte zur Verantwortung stellen könne, so that ihr Amtsgenoß Quintus Älius gegen diesen Vorschlag Einsage und bewirkte, nicht ohne heftige Streitigkeiten, daß er nicht durchging. Als in diesen Tagen Tiberius Sempronius Gracchus und Lucius Postumius Albinus aus Spanien nach Rom zurückkamen, stellte sie der Prätor Marcus Titinius im Tempel der Bellona dem Senate vor, um ihre Verrichtungen aus einander zu setzen und auf die verdienten Ehrenbezeigungen anzutragen, damit den unsterblichen Göttern der Dank dargebracht würde. Zu gleicher Zeit erfuhr man aus einem Schreiben des Prätors Titus Äbutius, welches sein Sohn dem Senate überbrachte, daß auch in Sardinien ein großer Aufstand sei. Die Ilienser, von den Balarern durch Hülfstruppen verstärkt, hatten die dortige Provinz in ihrer Ruhe 182 angegriffen; und mit einem schwachen, großentheils von der Seuche aufgeriebenen Heere hatte man ihnen nicht widerstehen können. Dasselbe meldeten auch Gesandte von den Sardiniern, mit der Bitte, der Senat möge wenigstens ihren Städten Hülfe leisten; denn die Dörfer ständen schon nicht mehr zu retten. Dies Gesuch und Alles, was Sardinien betraf, wurde für die neuen Obrigkeiten zurückgesetzt. Eine Gesandschaft der Lycier nahm das Mitleiden in gleichen Anspruch. Sie klagten über die Grausamkeit der Rhodier, denen sie vom Lucius Cornelius Scipio zugetheilt waren. «Sonst hätten sie unter der Hoheit des Antiochus gestanden. Diese Dienstbarkeit unter einem Könige, verglichen mit ihrer gegenwärtigen Lage, erscheine ihnen als eine ehrenvolle Freiheit. Sie würden nicht bloß im Allgemeinen von der Regierung gedrückt, sondern jeder Einzelne leide völlige Sklaverei. So wie sie, würden auch ihre Weiber und Kinder gequält: sie würden persönlich, auf ihrem Rücken gemishandelt: was das Ärgerlichste sei, ihr guter Name werde befleckt und entehrt: ganz offenbar begehe man die empörendsten Dinge, sogar um sich nur das Recht herauszunehmen, und sie nicht darüber in Ungewißheit zu lassen, daß zwischen ihnen und um Geld gekauften Leibeignen kein Unterschied Statt finde.» Hiedurch bewogen gab der Senat den Lyciern dieses Schreiben an die Rhodier mit: «Es sei nicht die Meinung, daß die Lycier den Rhodiern oder überhaupt Freigeborne an irgend jemand zur Sklaverei gegeben würden. Die Lycier ständen so zugleich unter der Oberherrschaft und Vormundschaft der Rhodier, daß beide unter Römischer Hoheit verbündete Staten blieben.» 7. (11.) Nun schlossen sich zwei Triumphe an einander, beide über Spanien. Zuerst triumphirte Sempronius Gracchus über die Celtiberer und ihre Bundesgenossen; am folgenden Tage Lucius Postumius über die Lusitanier und andre Spanische Völker jener Gegend. Vierzigtausend 1,250,000 Gulden Conv. M. Pfund Silber führte Tiberius Gracchus als Beute 183 ein, zwanzigtausend 625,000 Gulden. Albinus. Jedem Soldaten gaben sie zu seinem Antheile fünfundzwanzig 4 Thaler 4 Ggr. Denare, dem Hauptmanne das Doppelte, dem Ritter das Dreifache, und eben so viel, als sie ihren Römern gaben, auch den Bundesgenossen. Es traf sich so, daß in diesen Tagen der Consul Marcus Junius aus Istrien zum Wahltage nach Rom kam. Nachdem ihn die Bürgertribunen Papirius und Licinius mit ihren Fragen über die Vorfälle in Istrien lange genug im Senate geplagt hatten, führten sie ihn auch dem Volke vor. Als der Consul auf die Fragen die Erklärung gab: «Er sei in jener Gegend des Krieges nicht über elf Tage gewesen; und was in seiner Abwesenheit vorgefallen sei, das habe auch er, so wie sie, nur durch das Gerücht erfahren;» so kamen sie nun auf die weiteren Fragen: «Warum denn nicht statt seiner Aulus Manlius nach Rom gekommen sei, um dem Römischen Volke Rechenschaft darüber geben zu können, daß er aus Gallien, diesem durch das Los ihm bestimmten Standplatze, nach Istrien hinübergegangen sei? Wann der Senat diesen Krieg beschlossen habe? Wann das Römische Volk diesen Krieg quando id bellum populus]. – Crevier sagt: Male profecto iteratur id bellum. Tolle ingratam repetitionem. Ich aber gestehe, daß mir gerade in dieser Wiederholung etwas zu liegen scheint. (Man vergleiche Cap. 24 , 6.) Hätte sich Manlius einen schnellen Streifzug erlaubt, so würde seine Partei in Rom leicht einen Vorwand gefunden haben, diesen zu entschuldigen. Da er aber einen förmlichen Krieg daraus macht, so kann sein Ankläger die Worte quando id bellum nicht dringend genug wiederholen. genehmigt habe? Aber bei Gott! könne man vielleicht sagen, der Krieg wurde freilich nur nach eignem Gutbefinden unternommen, allein mit Klugheit und Tapferkeit geführt. – Wahrhaftig, es lasse sich nicht entscheiden, ob er unrechtmäßiger angefangen, oder unbesonnener geführt sei. Zwei Posten wären durch Überfall von den Istriern zu Grunde gerichtet, das Römische Lager verloren gegangen, und Alles, was sich an Fußvolk, an Reuterei, im Lager befunden habe. Die Übrigen wären waffenlos und in vollem Laufe, vor allen 184 Andern der Consul selbst, zum Meere und zu den Schiffen geflohen. Er solle noch als Privatmann, weil er es als Consul nicht habe thun wollen, hierüber Rechenschaft geben.» 8. (12.) Nun wurden die Wahlversammlungen gehalten. Zu Consuln wurden gewählt Cajus Claudius Pulcher, Tiberius Sempronius Gracchus; und die am folgenden Tage ernannten Prätoren waren Publius Älius Tubero zum zweitenmale, Cajus Quinctius Flamininus, Cajus Numisius, Cajus Mummius, Cneus Cornelius Scipio, Cajus Valerius Lävinus. Den Tubero traf die Rechtspflege in der Stadt, den Quinctius die über die Fremden, den Numisius Sicilien, den Mummius Sardinien; – doch hieraus machte man des größeren Krieges wegen einen Standplatz für einen Consul –: Gracchus eam sortitur, Istriam Claudius]. – Nur in der Note mögen diese fünf Worte (Ihn erlosete Gracchus, Claudius Istrien) stehen bleiben. Denn nach Drakenb. wurden sie nur als Erläuterung aus Cap. 9. hieher an den Rand gesetzt und von einem spätern Abschreiber in den Text genommen. Überhaupt scheint dies Capitel sehr gelitten zu haben. Scipio und Lävinus erloseten Gallien, das in zwei Provinzen vertheilt wurde. Am funfzehnten März, an welchem Tage Sempronius und Claudius ihr Consulat antraten. war im Senate mentio tantum de prov.]. – Ich wünschte, diese ganze Stelle so lesen zu dürfen: mentio tantum de provinciis Sardinia Istriaque et utriusque hostibus in senatu fuit. Postero die cum legatis Sardorum, qui ad novos magistratus dilati erant, L. Minucius Thermus, qui legatus Manlii consulis in Istria fuerat, in senatum venit. Ab his edoctus est senatus, quantum belli eae provinciae haber ent et qui in his provinciis bellum concivissent. Moverunt senatum etc. Ich setze die Worte in senatu deswegen hinzu, weil sie zu mentio fuit gehören, wenigstens dabei verstanden werden müssen. Standen sie aber wirklich da, wie man doch erwarten könnte, so sieht man leichter ein, wie wegen des öfteren in senatu fuit, in senatum venit, edoctus est senatus, moverunt senatum der Abschreiber irre wurde, und die Worte qui in his provinciis bellum concivissent versetzte. Er hängte sie an das unrechte in senatu fuit. Crevier will sie als hier unpaßlich, wenigstens unnöthig, ganz wegstreichen. Ich schlage nur die Versetzung vor. Gehören sie, wie ich vermuthe, zu edoctus est senatus, quantum belli eae provinciae haberent, und war die Endigung des letzten Wortes ēt geschrieben, so daß darum ein et ausfiel, so bezogen sich hierauf die Worte am Ende des elften Cap.: auctores belli virgis caesi et securi percussi. Die Änderung des Worts legati in cum legatis schlage ich nicht deswegen vor, weil legati und nachher der Singular venit nicht zusammengehören könnten. Dies haben Drak. und Crev. (nicht an unserer Stelle allein) bewiesen. Sondern weil (außer dieser angefochtenen Verbindung) das et vor L. Minucius fehlt; und Duker sagt: copula et omissa ingratam ac duam reddit orationem. Noch mehr aber, als beide Gründe, bestimmt mich die Wahrscheinlichkeit, daß in den Worten die c legatissardorum das c (cum) wegen des voraufgehenden e in die, und das s in legatis wegen des folgenden s in Sardorum wegfielen, so daß dem Abschreiber nur die legati Sardorum übrig blieb. 185 nur von den Standorten beider, von Sardinien und Istrien, und ihren Feinden die Rede. Am folgenden Tage erschien mit den Sardinischen Gesandten, welche man auf die neuen Obrigkeiten vertröstet hatte, Lucius Minucius Thermus, der gewesene Unterfeldherr des Consuls Manlius in Istrien, vor dem Senate. Sie zusammen belehrten den Senat über die Größe des Krieges in diesen Provinzen und über die Ruhestörer, die den Krieg in diesen Provinzen bewirkt hatten. Eben so erregten mehrere Gesandschaften der verbündeten Latiner, die mit ihren Klagen sowohl den Censorn als den vorigen Consuln lästig fielen, als sie endlich dem Senate vorgestellt wurden, dessen Aufmerksamkeit. Der Hauptpunkt ihrer Klage war der: «Ihre in Rom geschatzten Bürger wären meistentheils nach Rom gezogen. Wenn dies erlaubt sei, so würde es nach einigen Schatzungen dahin kommen, daß ihre verlassenen Städte, ihre verlassenen Dörfer, nicht Einen Soldaten stellen könnten.» Auch klagten die Samniten und Peligner, es wären viertausend Familien von ihnen nach Fregellä hinübergezogen, und dessen ungeachtet werde ihnen, den Einen so wenig als den Andern, an ihrer zu stellenden Mannschaft das Mindeste erlassen. Aus einer Bürgerschaft einzeln in die andre übergehen zu können, hatte man zweierlei Arten des Betruges eingeführt. Ein Gesetz gestattete den Bundesgenossen und Latinern, wenn sie einen leiblichen Erben in ihrer Heimat zurückließen, Römische Bürger zu werden. Durch unerlaubte Anwendung dieses Gesetzes schadeten Einige den Bundesgenossen, Andre dem Römischen Volke. Die Einen, um keinen Erben in der Heimat zurückzulassen, gaben ihre Kinder dem ersten dem besten Römer unter der Bedingung zu Leibeignen hin, daß sie freigelassen würden und dann freigelassene Bürger wären: die Andern, denen es an Erben 186 fehlte, welche sie hätten zurücklassen können, [nahmen relinquerent, ut cives Romani fiebant.]. – Ich folge nicht nur nachher in der Erklärung des suum faceret und alienaret, sondern auch hier in der Ergänzung dieser Lücke, welcher letztern auch Crevier schon auf die Spur kam, Herrn Walch, und glaube, wenn uns Livius über die Sache so bestimmt und deutlich belehren wollte, als wir es uns wünschen mußten, so könnte er kaum anders schreiben, als Hr.  W. ihn schreiben lässet, nämlich: Et quibus stirps deesset, quam relinquerent, ii simulatis adoptionibus liberorum, quos tamquam ex sese natos in coloniis relinquerent, cives Romani fiebant. Was außer dem ganzen gebietenden Zusammenhange die Auslassung wahrscheinlich macht, ist das doppelte relinquerent, und sie wird dadurch noch wahrscheinlicher, daß wir sehen, der Abschreiber fand noch von dem zweiten relinquerent die beiden letzten Buchstaben nt, die er in ut verwandelte, woraus unser ut vor cives R. fiebant entstand. zum Scheine Kinder an, um sie gleichsam als ihre leiblichen Erben in den Pflanzstädten zu hinterlassen und] wurden so Römische Bürger. Ja nachher gingen sie, selbst ohne Gebrauch von diesen Scheingründen des Rechts zu machen, ohne Unterschied, dem Gesetze zuwider und ohne Erben, vermittelst der Auswanderung und Schatzung in die Römische Bürgerschaft über. Die Gesandten baten um Abstellung dessen auf die Zukunft, und um den Befehl, daß die Bundesgenossen in ihre Städte zurückgehen sollten: auch darum, durch ein Gesetz zu bestimmen, «daß niemand, um in eine andre Bürgerschaft überzugehen, einen Sohn annehmen oder in die Leibeigenschaft geben dürfe, und daß, wer auf diese Art Römischer Bürger geworden sei, [kein si quis ita civis R. factus esset . . .]. – Diese kleine Lücke auszufüllen, schlägt Crevier vor: civis ne esset; Hr. Walch: ne is esset. Mir scheint es, weil ctus in factus esset mit ciuis esset so viele Ähnlichkeit hat, daß die Abschreiber eben darum die Worte ne civis esset ausließen. Bürger sein solle.]» Dies wurde ihnen vom Senate bewilligt. 9. (13.) Zu Amtsplätzen, welche zugleich Kriegsposten waren, wurden Sardinien und Istrien bestimmt. Für Sardinien sollten zwei Legionen geworben werden, jede zu fünftausend zweihundert Mann zu Fuß und zweihundert Rittern; auch zwölftausend Mann Bundestruppen und Latiner zu Fuß, nebst sechshundert Ritter; ferner sollte der Consul zehn Fünfruderer in See nehmen, naves si deducere]. – Jak. Gronovs Vorschlag, dieser verstümmelten Stelle zu helfen, ist, meiner Meinung nach, der leichteste. Doch setze ich noch das Wort consul hinein, das vielleicht hinter naves stand, und wegen der Endung ves, welcher cos ähnlich war, bis auf die in si übriggebliebene Spur, ausfiel. Ich lese so: naves consul deduceret ex navalibus, quibus vellet. aus 187 welchem Hafen er wolle. Für Istrien wurde eben so viel Fußvolk und Reuterei bestimmt, als für Sardinien. Auch erhielten die Consuln Befehl, eine Legion mit dreihundert Rittern und fünftausend Mann Bundsgenossen zu Fuß nebst zweihundert funfzig Rittern nach Spanien zum Marcus Titinius abgehen zu lassen. Ehe die Consuln um ihre Standplätze loseten, liefen die Meldungen der Schreckzeichen ein. Im Crustuminischen Gebiete sollte in den See des Mars ein Stein vom Himmel gefallen, im Römischen ein verstümmelter Knabe zur Welt gekommen und eine vierfüßige Schlange gesehen sein. Auf dem Markte zu Capua habe der Blitz in mehrere Häuser geschlagen und zu Puteoli ein Wetterstrahl zwei Schiffe verbrannt. Selbst während dieser Meldungen lief zu Rom bei hellem Tage ein gejagter Wolf in das Collinische Thor und mit großem Getümmel verfolgt entkam er aus dem Esquilinischen. Dieser Schreckzeichen wegen brachten die Consuln den Göttern große Opferthiere dar und an allen Altären wurde eine eintägige Betandacht gehalten. Als sie die Opfer glücklich vollzogen hatten, loseten sie um ihre Standplätze. Den Claudius traf Istrien, den Sempronius Sardinien. Darauf brachte Cajus Claudius nach einem Senatsschlusse folgende Verordnung über die Bundsgenossen an das Volk und machte bekannt: «Bundsgenossen und Latiner, möchten sie selbst oder ihre Väter ipsi maioresve]. – Vor 13 Jahren, i. J. 563, waren diese Censorn geworden. B. 37. C. 58. von den Censoren Marcus Claudius, Titus Quinctius oder nachher bei den verbündeten Latinern geschatzt sein, sollten alle vor dem ersten November jeder in seine Stadt zurückkehren.» Die Untersuchung über diejenigen, die hiernach nicht zurückkehrten, wurde dem Prätor Lucius Mummius zuerkannt. Dem Gesetze und der Bekanntmachung des Consuls wurde der Senatsschluß beigefügt: «Wer bei Einem 188 von denen, welche alsdann ut, dictator etc.]. – Ich folge hier dem von Drakenb. gebilligten Texte Creviers: ut, dictator, consul, interrex, censor, praetor, qui tunc esset, apud eorum quem qui manu mitteretur, in libertatem vindicaretur, uti ius iurandum daret, qui eum manu mitteret, civitatis mutandae caussa manu non mittere. Mit Drakenb. habe ich aber hinter das erste ut das nicht unnöthige Komma gesetzt, weil der Zusammenhang eigentlich dieser ist: ut is, qui apud ali quem eorum, qui tunc dictator, consul etc. esset, manu mitteretur. Auch habe ich das ut vor i us iurandum in ut i verwandelt, wie es Livius bei Wiederholung des ut so oft beibehält; und hier folgte auf ut ein i. VIII. 6. 14. ut, si quando unquam – – – – tunc uti disciplina etc. XXII. 11, 4. ut, quibus oppida – – –, uti in loca tuta commigrarent. die Stelle eines Dictators, Consuls, Zwischenkönigs, Censors oder Prätors bekleideten, entlassen oder in Freiheit gesetzt werde, der solle den Eid leisten, daß sein Freilasser bei dieser Entlassung nicht die Absicht habe, sich in eine andre Bürgerschaft zu begeben.» Man erklärte, wer dies nicht schwüre, sollte nicht freigelassen werden können. Nachher wurde diese Sache und ihre gerichtliche Entscheidung dem Consul Cajus Claudius übertragen. 10. (14.) Während dies in Rom vorging, führten die Consuln des vorigen Jahrs, Marcus Junius und Aulus Manlius, nachdem sie zu Aquileja überwintert hatten, ihr Heer mit Frühlings Anfange auf das Gebiet der Istrier. Als sie hier Alles weit und breit verheerten, setzte die Istrier mehr der Schmerz und der Unwille in Bewegung, mit dem sie das Ihrige plündern sahen, als die Hoffnung, gegen zwei Heere stark genug zu sein. Aus allen Völkerschaften thaten sich die Dienstfähigen zusammen, und ihr in der Eile und Unordnung aufgebrachtes Heer focht mehr mit Hitze beim ersten Angriffe, als mit Ausdauer. Gegen Viertausend von ihnen wurden in der Schlacht getödtet: die Übrigen gaben den Krieg auf und verliefen sich nach allen Seiten in ihre Städte. Von hier aus schickten sie zuerst Gesandte ins Römische Lager mit der Bitte um Frieden, dann schickten sie die geforderten Geisel. Als man dies zu Rom durch ein Schreiben der Proconsuln erfuhr, reisete der Consul Cajus Claudius aus Besorgniß, dies möchte ihn um seinen Kriegsposten und um den Heerbefehl bringen, ohne Darbringung der Gelübde, ohne den 189 Feldherrnpurpur, ohne Beilträger, so daß er es ganz allein seinem Amtsgenossen anzeigte, in der Nacht ab und eilte im Fluge seinem Amtsposten zu. Hier benahm er sich noch unbesonnener, als er gekommen war. Denn nachdem er sich vor der berufenen Versammlung auf die Flucht des Aulus Manlius aus dem Lager eingelassen hatte – nicht ohne Beleidigung der Soldaten, die ja zuerst geflohen waren –; auch dem Marcus Junius Vorwürfe darüber gemacht hatte, daß er sich selbst an der Schande seines Amtsgenossen zum Theilnehmer gemacht habe, befahl er zuletzt beiden, den Kriegsschauplatz zu verlassen. Als diese Quod quum milites]. – Die von Mehreren vorgeschlagenen Änderungen dieser Stelle giebt Drakenb. Mich dünkt, man müßte nur das Wort milites nicht für den Nominativ ansehen. Um es für den Accusativ nehmen zu können, erlaube ich mir bloß die kleine Änderung des quod in qui, welches beides (nach Drak. 37, 35, 3.) so oft von den Abschreibern vertauscht wird. Ich lese so: Qui quum, milites consulis imperio dicto audientes futuros esse, dicerent, quum is more maiorum etc. Die beiden Proconsuln konnten aus keinem bessern Grunde dem Befehle des Consuls, abzugehen, sich widersetzen, als wenn sie ihm sagen, die Soldaten würden ja dann ohne Oberfeldherrn sein, da sie ihm als noch nicht geweiheten, noch nicht eingekleideten Consul nicht zu gehorchen brauchten. Dies war zugleich eine versteckte Aufforderung an die Soldaten, mit ihnen Partei gegen den Consul zu machen: und die Soldaten verstanden sie sehr geschwind. erwiederten: «Ihm würden ja die Soldaten nur dann erst als ihrem befehlenden Consul Gehorsam leisten, wenn er der herkömmlichen Sitte gemäß, nach Darbringung der Gelübde auf dem Capitole, mit Beilträgern, im Feldherrnpurpur von Rom ausgezogen sei,» so ließ er, wüthend vor Zorn, den proconsularischen Schatzmeister des Manlius rufen, forderte Ketten von ihm und drohete, er wolle den Junius und Manlius gefesselt nach Rom senden. Aber auch dieser kehrte sich nicht an des Consuls Befehl; und das rund umstehende Heer, mit der Vorliebe für die Sache seiner Feldherren und voll Erbitterung gegen den Consul, machte ihm Muth, nicht zu gehorchen. Der Demüthigungen von Einzelnen und des Gespöttes von Allen – denn sie verlachten ihn noch oben ein – wurde zuletzt der Consul müde und ging mit eben dem Schiffe, auf dem er gekommen war, zurück nach Aquileja. Von hier schrieb 190 er an seinen Mitconsul, er möchte der Abtheilung Neugeworbener, die für Istrien, als ihren Standort, ausgehoben sei, bekannt machen, daß sie sich zu Aquileja einzufinden habe, damit ihn selbst in Rom nichts aufhielte, nach Darbringung der Gelübde im Feldherrnpurpur aus der Stadt zu ziehen. Dies wurde für ihn als Amtsgenossen mit Folgsamkeit ausgerichtet und den Truppen nur eine kurze Frist gesetzt, sich einzustellen. Beinahe holte Claudius seinen eignen Brief ein. Als er bei seiner Ankunft in einer gehaltenen Volksversammlung über den Manlius und Junius geredet hatte, ging er, ohne sich über drei Tage in Rom aufzuhalten, im Feldherrnpurpur, mit seinen Beilträgern, nach Ablegung der Gelübde auf dem Capitole, mit eben der reißenden Geschwindigkeit, als das vorigemal, nach seinem Standposten ab. 11. (15.) Wenige Tage vorher thaten Junius und Manlius auf die Stadt Nesactium, in welche sich die vornehmsten Istrier und selbst der Fürst Äpulo geworfen hatten, einen heftigen Angriff. Claudius, der seine zwei neuen Legionen hieher führte und das alte Heer mit seinen Anführern entließ, schloß nun selbst die Stadt ein, ließ sichs angelegen sein, sie durch Annäherungshütten anzugreifen; und einen an der Mauer hinfließenden Strom, der nicht nur den Belagerern hinderlich war, sondern auch den Istriern die Wasserholung gestattete, grub er durch eine Arbeit vieler Tage ab und gab ihm in einem neuen Bette einen andern Lauf. Die Barbaren erfüllte dies bewerkstelligte Wunder der Abschneidung des Wassers mit Schrecken; und da sie, selbst jetzt, von keinem Frieden wissen wollten, gingen sie zur Ermordung ihrer Weiber und Kinder über; ja um eine so schreckliche That ihren Feinden zur Schau zu stellen, stürzten sie die vor aller Augen auf der Mauer Gemordeten herab. Mitten unter dem Jammergeheule der Weiber und Kinder, und zugleich noch während des unerhörten Mordens erstiegen die Römer die Mauer und drangen in die Stadt. Als sich der König aus dem Angstgeschreie der Flüchtenden das Getümmel der Eroberung erklärte, stieß er sich, um nicht 191 lebendig gefangen zu werden, das Schwert durch die Brust; die übrigen wurden Gefangene, oder getödtet. Darauf wurden noch zwei Städte, Mutila und Faveria, mit Sturm erobert und zerstört. Die Beute war nach der Armuth dieses Volks über Erwartung groß, und wurde sämtlich den Soldaten überlassen. Fünftausend sechshundert zweiunddreißig Menschen wurden im Heerkreise zu Sklaven verkauft; die Aufwiegler zum Kriege mit Ruthen gestäupt und mit dem Beile enthauptet. Mit der Zerstörung dieser drei Städte und dem Tode des Königs wurde ganz Istrien zur Ruhe gebracht, und von allen Seiten kamen die Völker, stellten Geisel und ergaben sich. Gegen das Ende des Istrischen Krieges hielten die Ligurier schon Zusammenkünfte, die den Krieg bezweckten. 12. (16.) Tiberius Claudius hatte als Stellvertreter des Consuls und als vorigjähriger Prätor, unter der Bedeckung von einer Legion den Oberbefehl zu Pisä. Durch ein Schreiben von ihm hiervon benachrichtigt, beschloß der Senat, eben dieses Schreiben dem Cajus Claudius – denn der andre Consul war schon nach Sardinien übergegangen – einhändigen zu lassen, und legte die Verordnung bei: «Weil der Kriegsschauplatz in Istrien geschlossen sei, so solle er, falls er nichts dawider habe, sein Heer nach Ligurien hinüberführen.» Zugleich wurde auch nach dem Briefe des Consuls über die in Istrien von ihm verrichteten Thaten ein zweitägiges Dankfest angeordnet. Auch der andre Consul Tiberius Sempronius führte den Krieg in Sardinien mit Glück. Er rückte mit seinem Heere in das Gebiet der Iliensischen Sardinier. Ein großer Schwarm von Balarern war den Iliensern zu Hülfe gekommen. Mit beiden Völkern schlug er in einer förmlichen Schlacht. Die Feinde wurden geschlagen, in die Flucht getrieben und ihres Lagers beraubt. Zwölftausend Krieger wurden ihnen getödtet. Am folgenden Tage ließ der Consul die zusammengelesenen Waffen auf Einen Haufen werfen und dem Vulcan zum Opfer verbrennen. Das siegreiche Heer führte er in die verbündeten Städte in die Winterquartiere zurück. Eben so ging auch Cajus 192 Claudius, als er den Brief des Tiberius Claudius und den Senatsschluß empfangen hatte, aus Istrien mit seinen Legionen nach Ligurien über. Die in die Ebene vorgerückten Feinde hatten ihr Lager am Flusse Scultenna. Hier wurde ihnen eine Schlacht geliefert. Funfzehntausend wurden getödtet, über siebenhundert entweder im Treffen oder im Lager – denn auch dieses wurde erobert – zu Gefangenen gemacht und einundfunfzig Fahnen erbeutet. Die Ligurier, die aus dem Gemetzel übrig waren, flohen auf allen Seiten in ihre Gebirge zurück, und vor dem Consul, der die Dörfer in der Ebene verheerte, ließen sich nirgend Waffen sehen. So kehrte Claudius, in Einem Jahre Sieger zweier Völker, nach Rom zurück, da er in seinem Consulate, was ein seltener Fall ist, auf zwei Schauplätzen des Krieges Ruhe gestiftet hatte. 13. (17.) Die in diesem Jahre gemeldeten Schreckzeichen waren folgende: im Crustuminischen habe der sogenannte Vogel Sangualis mit dem Schnabel an einem geweiheten Steine gehackt; in Campanien ein Rind geredet; zu Syracus ein Landstier, der sich von der Heerde verlaufen, eine eherne Kuh besprungen und mit seinem Samen bespritzt. Im Crustuminischen wurde Einen Tag an Ort und Stelle eine Betandacht gehalten, in Campanien das Rind auf Kosten des Stats in Futterung gegeben; auch wurde das Syracuser Schreckzeichen so gesühnet, daß die Opferschauer die Götter namhaft machten, denen geopfert werden mußte. In diesem Jahre starb der Oberpriester Marcus Claudius Marcellus, gewesener Consul und Censor. Zum Oberpriester wurde sein Sohn Marcus Marcellus in seine Stelle gewählt. Auch nach Luca wurde in diesem Jahre eine Pflanzung von zweitausend Römischen Bürgern ausgeführt. Die Dreiherren der Ausführung waren Publius Älius, Lucius Egilius, Cneus Sicinius. Jedem wurden einundfunfzig und ein halber Morgen Landes angewiesen. Es war den Liguriern abgenommen, und hatte, ehe es Ligurisch wurde, den Hetruskern gehört. Der Consul Cajus Claudius kam zur Stadt. Als er im Senate seine glücklichen Verrichtungen in Istrien und Ligurien aus 193 einander gesetzt hatte, wurde ihm der verlangte Triumph bewilligt. Er triumphirte noch während seines Amts über zwei Völker zugleich. Er lieferte in diesem Triumphe dreihundert und 95,934 Conv.-Gulden. siebentausend Silberdenare und fünfundachtzigtausend siebenhundert und zwei 13,388 Conv.-Gulden. Halbdenare. Jeder Soldat bekam funfzehn 2 Thlr. 16 Ggr. Denare, der Hauptmann das Doppelte, der Ritter das Dreifache. Den Bundsgenossen gab er halb so viel, als seinen Mitbürgern: darum folgten sie auch, ihren Unwillen zu erkennen zu geben, seinem Wagen, ohne sich hören zu lassen. 14. (18.) Indeß hier über die Ligurier triumphirt wurde, boten die Ligurier selbst, bei denen auf die Entdeckung, daß nicht nur das consularische Heer nach Rom abgeführt, sondern auch die Legion zu Pisä vom Tiberius Claudius entlassen sei, sogleich alle Furcht verschwand, in der Stille ein Heer auf, überstiegen auf Querpfaden die Gebirge, kamen in die Ebene herab, plünderten das Gebiet von Mutina und gewannen die Pflanzstadt selbst durch Überfall. Als dies nach Rom gemeldet wurde, befahl der Senat dem Consul Cajus Claudius, je eher je lieber die Wahlversammlungen zu halten, und nach Erwählung der Obrigkeiten für das nächste Jahr, auf jenen Kriegsposten zurückzugehen und die Pflanzstadt den Feinden zu entreißen. Man schritt sogleich, wie der Senat verlangt hatte, zu den Wahlen. Die gewählten Consuln waren Cneus Cornelius Scipio Hispallus, Quintus Petillius Spurinus. Dann wurden zu Prätoren ernannt Marcus Popillius Länas, Publius Licinius Crassus, Marcus Cornelius Scipio, Lucius Papirius Maso, Marcus Aburius, Lucius Aquillius Gallus. Dem Consul Cajus Claudius wurde der Oberbefehl nebst dem Standplatze Gallien auf ein Jahr verlängert; und damit es nicht auch die Istrier eben so machten, wie die Ligurier, so solle er die Latinischen Bundestruppen, die er zu seinem 194 Triumphe aus der Provinz mit abgeführt habe, nach Istrien gehen lassen. Als die Consuln Cneus Cornelius und Quintus Petillius an ihrem ersten Amtstage dem Jupiter, wie gewöhnlich, jeder einen Stier opferten, fand sich in dem Opferthiere, welches Quintus Petillius darbrachte, der eine Lappen an der Leber nicht. Als er es den Vätern meldete, hießen sie ihn das Opfer mit Stieren bis zum Gelingen fortsetzen. Auf die Anfrage wegen der Standplätze erklärte der Senat Pisä und Ligurien zu Standorten der Consuln. Wer Pisä zu seinem Posten bekäme, der sollte, wenn es Zeit sei, die Obrigkeiten zu wählen, zum Wahltage zurückkommen. Auch stand in diesem Beschlusse, jeder von ihnen solle zwei neue Legionen ausheben, [jede quina millia in singulas et ducenos pedites]. – So ergänzen Crevier und Drakenborch diese Lücke. von fünftausend zweihundert Mann zu Fuß] nebst dreihundert Rittern; und eben so jeder sich von den Bundsgenossen und Latinern zehntausend Mann zu Fuß und sechshundert Ritter stellen lassen. Dem Tiberius Claudius wurde der Oberbefehl, bis zur Ankunft des Consuls auf seinem Standposten, verlängert. 15. (19.) Cneus Cornelius, der, während dieser Verhandlungen im Senate vom Gerichtsdiener herausgerufen, das Statsgebäude verlassen hatte, kam bald nachher mit verstörtem Blicke wieder und eröffnete den versammelten Vätern, die Leber eines von ihm geopferten sechshundertpfündigen bovis sescenaris]. – Ich folge dem von Grävius vorgeschlagenen: bovis sexcenarii, eines 600pfündigen, wie thorax quinquagenarius ein 50pfündiger Panzer heißt. Hätte sich die zartere Leber eines jüngeren Thiers im Kochen aufgelöset, so war dies eher zu erklären, als wenn es die harte Leber eines ausgewachsenen 600pfündigen Ochsen war. Gerade darum wurde das Prodigium so viel auffallender. Auch gleich nachher folge ich der Lesart des Perizonius und Drakenb. diffluxisse (statt defluxisse). Denn hier ist nicht vom defuisse caput, oder vom non inventum caput die Rede; sondern die victimarii hatten die Leber mit den andern Stücken in den Kessel geworfen, sie zu kochen. Ibi diffluxerat. Darum läßt der Consul das Wasser abgießen, und sieht, omne iecur absumtum. Stieres sei zergangen. Weil er dies dem Opferdiener auf dessen Anzeige nicht so geradezu habe glauben wollen, habe er selbst von dem Kessel, in 195 welchem die Eingeweide gekocht würden, das Wasser abgießen lassen, und gesehen, daß die übrigen Theile der Eingeweide unversehrt gewesen, die ganze Leber aber auf eine unerklärliche Weise verkocht sei. Die über dieses Schreckzeichen betroffenen Väter machte der andre Consul noch mehr besorgt. Er sagte, es habe ihm, weil immer an der Leber der eine Lappen gefehlt habe, mit drei Stieren kein Opfer gelingen wollen. Der Senat befahl, mit großen Thieren bis zum Gelingen fortzuopfern. Man sagt, bei den übrigen Gottheiten sei es gelungen; nur bei der Lebensgöttinn habe es dem Petillius nicht gelingen wollen. Nun loseten die Consuln und Prätoren um ihre Standplätze. Pisä fiel dem Cneus Cornelius zu, Ligurien dem Petillius. Den Prätoren, dem Lucius Papirius Maso, gab das Los die Rechtspflege in der Stadt, dem Marcus Aburius die über die Fremden. Marcus Cornelius Scipio Maluginensis bekam das jenseitige Spanien, Lucius Aquillius Gallus Sicilien. Zwei verbaten sich die auswärtigen Anstellungen; Marcus Popillius die in Sardinien. «Denn Gracchus bewirke schon auf jenem Posten Ruhe, auch sei ihm der Prätor Titus Äbutius vom Senate zum Gehülfen gegeben. Den Fortgang der Unternehmungen stören zu lassen, zu deren Vollendung der Zusammenhang gerade so wirksam sei, tauge durchaus nicht. Während der Abgabe des Oberbefehls und der Neuheit des Nachfolgers, die doch immer eher mit dem Kennenlernen, als mit dem Ausführen der Geschäfte sich befassen müsse, gingen oft die Gelegenheiten zum glücklichsten Schlage verloren.» Die Weigerung des Popillius wurde gebilligt. Publius Licinius Crassus führte an; ihn halte ein festgesetztes Opfer ab, auf seinen Posten zu gehen. Ihm war nämlich das diesseitige Spanien zugefallen. Gleichwohl wurde ihm zur Pflicht gemacht, entweder hinzugehen, oder vor der Volksversammlung zu beschwören, daß ihn das festgesetzte Opfer abhalte. Nach dieser Verfügung über den Publius Licinius wünschte auch Marcus Cornelius, man möge denselben Eid von 196 ihm als Entschuldigung annehmen, warum er nicht auf seinen Standort abgehe. Beide Prätoren schwuren nach einerlei Formel. Marcus Titinius und Titus Fontejus mußten an Consuln Statt bei ihrem bisherigen Oberbefehle in Spanien bleiben: auch sollten ihnen dreitausend Römische Bürger mit zweihundert Rittern und fünftausend Latinische Bundsgenossen nebst dreihundert Rittern als Ergänzungstruppen hingeschickt werden. 16. (20.) Am fünften Mai wurde das Latinische Fest gefeiert. Weil an diesem der Lanuvinische Beamte bei Einem Opferthiere die Worte des Gebets: «dem Römischen Volke der Quiriten» ausließ, so gab dies einen Anstoß. Man berichtete die Sache an den Senat; der Senat verwies sie an das Gesamtamt der Oberpriester; die Oberpriester erklärten, weil das Latinerfest nicht gehörig begangen sei, müßten bei der Erneurung desselben die Lanuviner, welche die neue Feier veranlaßt hätten, die Opferthiere stellen. Die Sache noch bedenklicher zu machen, kam dies dazu, daß der Consul Cneus Cornelius auf dem Rückwege vom Albanerberge zusammensank, und als er, an einem Theile seines Körpers gelähmt, sich in das Cumaner Bad begeben hatte, zu Cumä noch heftiger befiel und starb. Er wurde aber im Tode nach Rom gebracht, unter einer prächtigen Bestattung zu Grabe geleitet und beigesetzt. Er war auch Oberpriester gewesen. Der Consul Quintus Petillius erhielt Befehl, sobald es die Götterwinke gestatteten, zur Besetzung der Stelle seines Amtsgenossen einen Wahltag zu halten, und die Latinischen Feiertage anzukündigen. Die Wahlversammlung setzte er auf den dritten, das Latinerfest auf den elften August. Zu der Menge frommer Besorgnisse kam noch die Meldung folgender Schreckzeichen: Zu Tusculum habe sich am Himmel eine Fackel sehen lassen; zu Gabii der Blitz in den Apollotempel und in mehrere Privathäuser geschlagen; zu Graviscä in die Mauer und in ein Thor. Während zuerst beide Consuln durch die frommen Besorgnisse, dann der Eine durch des Andern Tod, durch das Wahlgeschäft und die Wiederholung des Latinerfestes 197 verhindert wurden, unterdeß führte Cajus Claudius sein Heer vor Mutina, welches die Ligurier im vorigen Jahre erobert hatten. In nicht vollen drei Tagen nach eröffneter Belagerung gab er die den Feinden abgenommene Pflanzstadt ihren Bewohnern wieder. Hier hieb er achttausend Ligurier in den Ringmauern nieder und ließ sogleich einen Brief nach Rom abgehen, worin er nicht nur die That erzählte, sondern sich auch rühmte, daß durch seine Tapferkeit und sein Glück jetzt der Römische Stat diesseit der Alpen keinen Feind mehr habe, und es sei eine beträchtliche Strecke Landes gewonnen, so daß sie zur Vertheilung unter Hausväter für viele Tausende zureichen werde. 17. (21.) In Sardinien bezwang zu gleicher Zeit Tiberius Sempronius in vielen glücklichen Gefechten die Sarder. Funfzehntausend Feinde wurden getödtet. Alle Sardinischen Völkerschaften, so viele ihrer abgefallen waren, wurden unterjocht. Von den schon früher zinsbaren wurde eine doppelte Steuer gefordert und eingetrieben; die übrigen lieferten Getreide. Als er den Schauplatz des Krieges beruhigt, und sich von der ganzen Insel zweihundert und dreißig Geisel hatte geben lassen, schickte er seine Abgeordneten nach Rom, um dies zu melden, und dann bei dem Senate anzuhalten, daß für die unter Anführung und Götterleitung des Tiberius Sempronius gelungenen Siege den unsterblichen Göttern der Ehrendank dargebracht, ihm selbst aber erlaubt werde, bei seinem Abgange aus der Provinz das Heer mit sich abzuführen. Der Senat, der den Gesandten im Apollotempel Gehör ertheilte, verordnete ein zweitägiges Dankfest und hieß die Consuln vierzig große Thiere opfern, den Tiberius Sempronius aber als Proconsul bei seinem Heere für dies Jahr auf seinem Posten bleiben. Das Wahlgeschäft, das zur Besetzung der einen Consulstelle auf den dritten August angesetzt war, wurde noch an diesem Tage beendigt. Des Consuls Quintus Petillius Amtsgenoß wurde Cajus Valerius Lävinus, mit der Bestimmung, sein Amt sogleich anzutreten. Schon lange hatte sich dieser einen 198 Kriegsposten gewünscht. Da nun, seinem Wunsche willkommen, mit einem Briefe die Nachricht einlief, daß die Ligurier aufgestanden wären, [so zog er mit seinen beiden neuen Legionen, nach kaum geendigtem Latinerfeste, den dreizehnten] August nonis Sextilibus paludatus]. – Gruter fühlte schon das Unnöthige der Worte literis auditis, wenn sie sich auf den Consul beziehen sollten; er sagt: turbandae potius sunt sententiae, quam firmandae. Noch deutlicher stellt Duker die vielen Schwierigkeiten dieser Stelle dar, und vermuthet sehr richtig, daß hier eine Lücke sei, und vom Auszuge des Consuls Valerius die Rede gewesen sein müsse. Weil sich die Stelle ohne einige Ergänzung nicht übersetzen ließ, so mache ich bei der gewagten Ausfüllung auf folgende Punkte aufmerksam. 1) Der Consul Valerius war am 3ten August gewählt. 2) Am 11ten August mußte er noch den feriis Latinis beiwohnen; früher durfte er nicht aus Rom abgehen. 3) Ihm gehörten die zwei vom Consul Cn. Cornel. Scipio, ( Cap. 14. ) an dessen Stelle er suffectus war, neugeworbenen Legionen. 4) Daß der Consul bei seiner Begierde, in eine Provinz zu gehen, und da er schon paludatus ist, dennoch nichts weiter gethan habe, als in Rom zu bleiben, und Befehle zum Ausmarsche einer dritten Legion und zum Auslaufen einer Flotte zu geben, läßt sich schon aus diesen Gründen nicht erwarten, und Cap. 18. ist er auch schon im Felde. Ich habe deswegen übersetzt, als hätte ich folgenden Text vor mir gehabt: Is iam diu cupidus provinciae, quum opportunae cupiditati eius literae allatae essent, Ligures rebellasse, novis cum legionibus suis, vix peractis Latinis, idibus Sextilibus palud atus contra Ligures egressus est. Sen atus literis auditis, tumultus eius caussa etc. Ich gebe dies für nichts weiter, als einen Versuch, die Lücke zu ergänzen, und der Stelle den nöthigen Sinn zu geben. Müßte ich indeß durchaus lege artis criticae beweisen, daß Livius so ungefähr geschrieben haben könne, so würde ich folgende Gründe anführen. Die beiden legiones movae des Consuls mußten erwähnt sein, weil nachher einer dritten erwähnt wird. Und da der Abschreiber kurz vorher nonas gelesen hatte, und auch nun nonis für novis las, so ließ er, um die beiden Worte des Datums einander näher zu bringen, das zwischen seinen neugeschaffnen nonis und sextilibus Stehende aus; vielleicht ließen ihn auch die gleichen Endigungen in legion ibus, id ibus, sextil ibus in diesen Fehler fallen. Ferner, das Wort idibus kann nicht entbehrt werden, weil der Consul wegen der feriarum Latinarum nicht früher abreisen durfte. Wir dürfen aber auch kein späteres Datum zwischen den idibus und den folgenden calendis annehmen, denn dies hätte nicht durch sextil ibus (mit der Endung ibus) ausgedrückt werden können, sondern mußte sich auf iles (a. d. . . . cal. sext iles ) endigen. Durch vix peractis Latinis glaubte ich andeuten zu müssen, daß Valerius, da die feriae 2, 3, auch 4 Tage dauerten, und sie diesmal den 11ten erneuert wurden, wenn er schon am 13ten aufbrach, die Feier kaum ganz abwarten konnte. Das Wort paludatus endlich war wegen seiner gleichen Endung mit senatus Schuld daran, daß ein par Worte mit dem darauf folgenden senatus ausgelassen wurden: wenigstens passen die Worte literis auditis besser zu senatus, als zu Valerius, quum literae allatae essent. im Feldherrnpurpur [gegen die Ligurier aus. Der Senat,] als ihm der Brief vorgelesen wurde, ließ jenes Aufstandes wegen noch eine dritte Legion 199 nach Gallien zum Proconsul Cajus Claudius aufbrechen, und die Zweiherren beim Seewesen mit einer Flotte nach Pisä gehen, um die Ligurier, an deren Küste sie kreuzen sollten, auch von der Seeseite zu bedrohen. Pisä hatte auch der Consul Quintus Petillius seinem Heere zum Sammelplatze gesetzt. Und als der Proconsul Cajus Claudius von dem Aufstande der Ligurier hörte, führte er außer den Truppen, die er zu Parma bei sich hatte, sein durch Nothwerbungen verstärktes Heer gegen die Ligurische Gränze. 18. (22.) Um die Zeit der Ankunft des Cajus Claudius besetzten die Feinde, dessen eingedenk, daß sie neulich von eben diesem Feldherrn am Flusse Scultenna besiegt und in die Flucht geschlagen waren, um sich gegen seine Überlegenheit, die sie zu ihrem Schaden kennen gelernt hatten, lieber durch feste Stellungen, als mit den Waffen zu schützen, die beiden Berge Letum und Balista und umzogen sie noch mit einer Mauer. Die aus den Dörfern zu spät Ausgewanderten wurden eingeholt und hatten an tausend fünfhundert Todte. Die Übrigen hielten sich auf den Bergen, und nicht einmal in dieser Bedrängung ihrer angebornen Rohheit ungetreu, liessen sie ihre Wuth an der Beute aus, welche sie zu Mutina gemacht hatten. Die Gefangenen mordeten sie unter kläglichen Verstümmlungen, und das Vieh metzelten sie in ihren Heiligthümern mehr nieder, als daß sie es gehörig opferten. Des Mordens an dem, was Leben hatte, satt, schlugen sie, was leblos war, gegen die Wände; Gefäße aller Art, gefertigt mehr zum Gebrauche, als um als Putzwerk in die Augen zu fallen. Aus Besorgniß, der Krieg möge ohne ihn geendigt werden, schrieb der Consul Quintus Petillius dem Cajus Claudius, er möge mit seinem Heere zu ihm nach Gallien kommen; er wolle in den Magern Gefilden ihn erwarten. Nach Empfange des Briefs brach Claudius aus Ligurien auf und lieferte sein Heer in den Magern Gefilden dem Consul ab. Hier traf einige Tage nachher auch der andre Consul Cajus Valerius ein. Nachdem sie sich in die Truppen getheilt 200 hatten, musterten sie hier, ehe sie aus einander zogen, beide gemeinschaftlich das Heer; und weil nicht beide den Feind auf Einer Seite angreifen wollten, loseten sie darum, nach welcher Gegend sich jeder wenden solle. Dem Valerius mußte es, laut allen Nachrichten, mit seinem Lose glücken, weil er in dem geweihten Bezirke geblieben war. Bei dem Petillius hingegen ging, wie die Vögelschauer hinterher erklärten, der Fehler vor, daß er selbst außer dem Weihbezirke das Los in die Urne geworfen hatte, die nun von draußen auf den Weihplatz gebracht wurde. Nun zogen sie nach entgegengesetzten Richtungen aus einander. Petillius stand mit seinem Lager gegen die Höhe der Berge Balista und Letum, die als fortlaufender Gebirgsrücken diesen Bergen Zusammenhang giebt. Hier soll er in seiner Ermunterungsrede an die Soldaten, ohne an die Zweideutigkeit des Worts zu denken, nicht ohne Vorbedeutung gesagt haben: «Er wolle Letum [den Tod] noch heute haben.» Er rückte auf zwei Stellen zugleich gerade zu den Bergen hinan. Diejenige Abtheilung, bei der er selbst sich befand, drang muthig vorwärts. Allein da die Feinde die andre zurückschlugen, so ritt der Consul selbst, das Treffen wieder herzustellen, dorthin, und brachte freilich die Seinigen von der Flucht zurück, setzte aber an der Spitze seine Person zu unvorsichtig aus, und mit einem Wurfspieße durchschossen sank er. Die Feinde wurden den Fall des Feldherrn nicht gewahr, und die Wenigen von seinen Leuten, die ihn gesehen hatten, verdeckten seinen Körper, – sie wußten ja, daß hierauf der Sieg beruhe – sehr sorgfältig. Der übrige Haufe, Fußvolk und Reuterei, warf, ohne Heerführer, die Feinde herab und eroberte die Berge. Gegen fünftausend Ligurier wurden getödtet: vom Römischen Heere fielen zweiundfunfzig. Außer dem so offenbaren Erfolge der bösen Vorbedeutung hörte man auch nachher von einem Hühnerwärter, es sei bei Beobachtung der Vögel ein Fehler vorgegangen und dem Consul nicht unbekannt geblieben. Cajus Valerius, auf die Nachricht [vom Tode des Quintus Petillius, vereinigte das von dem 201 gefallenen Feldherrn hinterlassene Heer mit seinen Truppen, griff die Feinde noch einmal an und brachte mit ihrem Blute dem Geiste seines Amtsgenossen ein ausgezeichnetes Todtenopfer. Er triumphirte über die Ligurier. Die Legion, an deren Spitze der Consul gefallen war, bestrafte der Senat mit Strenge. Er verordnete, der ganzen Legion solle dies Jahr nicht in der Dienstzeit angerechnet, ihr auch der Sold nicht gereicht werden, weil sie sich nicht selbst, zur Rettung des Feldherrn, den feindlichen Geschossen preisgegeben hatte. Um diese Zeit kamen zu Rom Gesandte von den Dardanern an, welche, wie ich vorhin erwähnt habe, von einem großen Heere der Bastarnen unter Anführung des Clondicus, bedrängt wurden. Als sie die Menge der Bastarnen, ihren hohen und riesenmäßigen Körperbau, ihren Muth in Gefahren geschildert hatten, fügten sie hinzu, die Bastarnen ständen mit Perseus im Bunde, und ihnen sei dieser eigentlich furchtbarer, als die Bastarnen selbst; aus diesem Grunde baten sie den Senat, ihnen Hülfe zu schaffen. Die Väter beschlossen, eine Gesandschaft abgehen zu lassen, um Macedoniens Verhältnisse in Augenschein zu nehmen; und sogleich erhielt Aulus Postumius den Auftrag, dahin abzureisen. Zu Nebengesandten gaben sie ihm jüngere Männer, um die Wirksamkeit und Würde der Gesandschaft vorzüglich auf ihm beruhen zu lassen. Darauf besprach man sich über die Wahl der Obrigkeiten für das folgende Jahr, und hierüber kam es zu einer lebhaften Auseinandersetzung; weil] die des heiligen und des öffentlichen Rechtes Kundigen behaupteten, da die beiden regelmäßig gewählten Consuln dieses Jahrs, der eine an einer Krankheit gestorben, der andre durch das Schwert gefallen sei, so könne von einem nachgewählten Consul der Wahltag nicht füglich gehalten werden. [Man half sich vermittelst einer Zwischenregierung. Von einem Zwischenkönige wurden Publius Mucius Scävola und Marcus Ämilius Lepidus – dieser zum andernmale – zu Consuln gewählt. Darauf wurden Prätoren, Cajus Popillius Länas, Titus Annius Luscus, Cajus Memmius Gallus, Cajus 202 Cluvius Saxula, Servius Cornelius Sulla, Appius Claudius Centho. Die Consuln bekamen zu ihren Standplätzen Gallien und Ligurien; von den Prätoren Cornelius Sulla Sardinien, Claudius Centho das diesseitige Spanien. Die Vertheilung der übrigen prätorischen Standplätze wissen wir nicht. Diesem Jahre wird eine Seuche nachgesagt, die indeß nur unter dem großen Viehe wüthete. Die Ligurier, dies immer besiegte und immer wieder kriegende Volk, hatten das Gebiet von Luna und Pisä verheert: zugleich wurde ein Aufstand der Gallier laut. Lepidus, der die Bewegungen der Gallier leicht beruhigte, ging von da nach Ligurien hinüber. Mehrere Völkerschaften ergaben sich ihm auf Gnade und Ungnade, welche er – denn die Sinnesart der Bewohner stimmt ja fast immer zu ihrem Boden – in der Überzeugung, daß die von ihnen bewohnten rauhen Bergrücken sie so verwildern ließen, nach dem Beispiele einiger früheren Consuln, auf die Ebenen] herabführte. 19. (23.) Diesseit des Apenninus hatten die Garuler, Lapiciner und Hercaten gewohnt; die Briniaten jenseit des Apenninus. Publius Mucius führte diesseit des Flusses Audena den Krieg mit denen, welche das Gebiet von Luna und Pisä geplündert hatten, und nahm ihnen Allen, als er sie bezwungen hatte, die Waffen. Wegen dieser unter der Anführung und Götterleitung der beiden Consuln in Gallien und Ligurien erfochtenen Siege verordnete der Senat ein dreitägiges Dankfest und ein Opfer von vierzig Thieren. So war nunmehr der Gallische und Ligurische Aufstand, der im Anfange des Jahres ausbrach, ohne große Anstrengung in kurzer Zeit unterdrückt. Schon aber trat die Besorgniß eines Macedonischen Krieges ein, weil Perseus zwischen den Dardanern und Bastarnen Kämpfe veranlassete: auch waren die Gesandten, die zur näheren Ansicht der Dinge nach Macedonien geschickt waren, mit der Anzeige nach Rom zurückgekommen, daß in Dardanien schon Krieg sei. Zugleich waren auch vom Könige Perseus Abgeordnete erschienen, welche zu seiner Rechtfertigung sagen mußten, er habe 203 die Bastarnen so wenig herbeigerufen, als zu irgend einer Unternehmung aufgefordert. Der Senat sprach diese Schuld dem Könige so wenig ab, als zu; doch hieß er die Gesandten ihn erinnern, daß er sich ernstlich dahin zu bemühen habe, das Bündniß, was zwischen ihm und den Römern vor den Augen der ut sanctum haberet – – esse videri posset]. – Diese gewöhnliche Lesart behalte ich bei, weil Kortte (Sall. Catil. 52, 3.) sie gegen Jak. Gronovs Vorschlag in Schutz nimmt. Er führt dort mehrere Stellen an, wo videri nicht scheinen, sondern erscheinen, gesehen werden, oder sein bedeute, und erklärt hiernach unsre Stelle so: quod ei cum Romanis esse ab omnibus cognosci posset. Auch Drakenb. widerspricht der Korttischen Erklärung nicht. Nach Gronov müßte unsre Stelle so heißen: ut sanctum habere foedus, quod ei cum Romanis ess et, videri posset. ganzen Welt bestehe, in Ehren zu halten. Als die Dardaner sahen, daß die Bastarnen nicht nur gegen ihre Hoffnung ihr Land nicht räumten, sondern auch, durch die Hülfstruppen der benachbarten Thracier und Scordisker unterstützt, ihnen täglich noch lastender wurden; so sammelten sie sich mit dem Entschlusse, etwas zu wagen, sei es auch bloß auf ein Gerathewohl, von allen Seiten mit Waffen in der Stadt, welche dem Lager der Bastarnen die nächste war. Es war Winter; und diese Jahrszeit hatten sie gewählt, um die Thracier und Scordisker in ihre Heimat abziehen zu lassen. Als dies wirklich erfolgte und sie hörten, die Bastarnen seien allein, so theilten sie ihre Truppen in zwei Abtheilungen: die eine sollte gerades Weges zum offenen Angriffe hinziehen, die andre nach einem Umwege durch einen Nebenwald im Rücken angreifen. Allein ehe sie das feindliche Lager umgehen konnten, kam es schon zum Treffen, und die besiegten Dardaner wurden in die Stadt getrieben, die etwa zwölftausend Schritte vom Lager der Bastarnen entfernt war. Sogleich umschlossen die Sieger die Stadt, in der sichern Hoffnung, am folgenden Tage sie entweder von den geschreckten Feinden durch Übergabe zu bekommen, oder sie mit Sturm zu nehmen. Unterdeß eroberte das zweite Kohr Dardaner , welches den Umweg gemacht hatte, mit der Niederlage der Seinigen unbekannt, das unbesetzt gelassene Lager der 204 Bastarnen [ohne Mühe. Die Bastarnen, aller Vorräthe und Kriegswerkzeuge, die in ihrem Lager gewesen waren, beraubt, und ohne Möglichkeit, sich das Alles auf feindlichem Boden, bei so nachtheiliger Jahrszeit, wieder zu verschaffen, beschlossen, ihr Vaterland aufzusuchen. Bei ihrer Rückkehr zur Donau fanden sie zu ihrer großen Freude den Strom mit Eis von einer solchen Höhe belegt, daß es unter jeder Last halten zu müssen schien. Als aber mit einemmale der ganze Zug der hinübereilenden; und im Laufe sich zusammendrängenden Menschen und Packthiere auf ihm lastete, zersprang plötzlich das unter der ungeheuren Schwere berstende Eis, und setzte, endlich unhaltbar und zerschellet, den ganzen Zug, den es lange getragen hatte, mitten in die Fluten ab. Die meisten wurden sogleich von den Wellen verschlungen. Viele wurden bei dem Versuche, sich durch Schwimmen zu retten, von den über sie hergeschwemmten Bruchstücken der zersprungenen Eisdecke in die Tiefe getaucht. Von dem ganzen Volke retteten sich kaum Einige mit gequetschten Gliedern auf beide Ufer.] (24.) [Damals bestieg Antiochus, des Großen Antiochus Sohn, welcher lange zu Rom Geisel gewesen war, nach dem Tode seines Bruders Seleucus den Syrischen Thron. Seleucus nämlich, von den Griechen Philopator benannt, als er das durch die Niederlagen seines Vaters sehr geschwächte Syrische Reich übernommen hatte, rief nach einer ruhigen, gar nicht durch Thaten ausgezeichneten, zwölfjährigen Regierung, diesen seinen jüngern Bruder zurück, und schickte an dessen Stelle seinen Sohn Demetrius nach Rom, den Friedensbedingungen gemäß, nach welchen von Zeit zu Zeit andre Geisel gestellt werden mußten. Antiochus war kaum bis Athen gekommen, da starb Seleucus, durch die Ränke eines seiner Kronbedienten, Heliodorus, heimlich gemordet. Diesen, der sich auf den Thron drängen wollte, verjagten Eumenes und Attalus, und setzten den Antiochus in Besitz, weil ihnen darum zu thun war, ihn durch ein so großes Verdienst sich zu verpflichten: denn schon waren ihnen bei kleinen 205 Mishelligkeiten die Römer verdächtig geworden. Antiochus, durch ihre Hülfe Herr des Throns, wurde von seinen Völkern mit so großem Jubel empfangen, daß sie ihm den Zunamen Epiphanes (der Erlauchte) gaben, weil er zu einer Zeit, in welcher ein dem königlichen Stamme blutfremder Mensch sich in die Regierung eindrängte, durch Behauptung des Eigenthums seiner Ahnen, seinen Unterthanen als leuchtendes Gestirn erschienen sei. Auch fehlte es ihm zu Kriegsthaten nicht an Anlagen und Feuer des Geistes: er war aber in seinem ganzen Benehmen und seiner Lebensweise so verkehrt und unbedachtsam, daß er bald, mit Abänderung seines Zunamens, statt Epiphanes Epimanes, das heißt, der Tolle, genannt wurde. Denn oft ging er, ohne daß die Hofbedienten darum wußten, von Einem oder Zweien begleitet, aus dem Pallaste, lief mit Rosen bekränzt und im goldgestickten Kleide in der Stadt herum, und warf bald die ihm Begegnenden mit Steinen, die er unterm Arme trug, bald wieder streuete er Geld unter das Volk und rief: «Greife zu, wem das Glück es beschieden hat!» Dann wieder verlief er sich in die Werkstätte der Goldarbeiter, der Meister in getriebener Arbeit und andrer Künstler, und wollte bei jedem in seinen Gesprächen den Kunstkenner verrathen; bald ließ er sich mit dem Ersten dem Besten, der ihm vom Pöbel aufstieß, auf der Gasse in Unterredungen ein; dann irrte er in die Garküchen umher und gab sich den niedrigsten Ausländern und Landstreichern zum Trinkgesellschafter. Hörte er zufällig, daß junge Leute bei einem Schmause munter waren, gleich erschien er, ehe sie sichs versahen, mit seinem Becher in der Hand und mit Musik als der Schwärmer, als der Ausgelassene, so daß sie meistens durch die Überraschung bestürzt die Flucht nahmen, zum Theile auch aus Furcht verstummeten. Man weiß, daß er sogar in öffentlichen Bädern mit dem großen Haufen badete. Da er sich gleichwohl auch hier der küstlichsten Salben bediente, soll einmal ein gemeiner Mann ihm gesagt haben: «Wie glücklich bist du, König! du duftest von den theuersten Salben.» Der König, dem dies 206 behagte, antwortete: «So will ich dich denn jetzt so beglücken, daß du deine volle Sättigung gestehen sollst.» Und damit ließ er ihm eine große Urne voll der edelsten Salbe über den Kopf gießen; so daß auf dem schlüpfrigen Boden, weil das Estrich schwamm, nicht nur die Übrigen ausglitten, sondern auch der König, lauter lachend als sie Alle, niederfiel. 20. (25.) Zuletzt legte er statt des königlichen Gewandes eine Toga an, ging, wie er es zu Rom die Amtsbewerber hatte machen sehen, auf dem Markte herum, drückte jedem gemeinen Manne die Hand, umarmte ihn mit der Bitte bald um ein Ädilenamt, bald um ein Bürgertribunat; und hatte er nun durch die Volksstimmen die Würde erhalten, dann sprach er nach Römischer] Sitte von dem aufgepflanzten elfenbeinernen Thronsessel herab als Richter und entschied die geringfügigsten Sachen: kurz, sein Geist, der sich in allen Lebensarten umtrieb, hing so ganz und gar an keiner Form, daß er selbst so wenig, als Andre, mit sich darüber eins werden konnte, was an ihm sei. Mit seinen Freunden sprach er nicht; Leuten, die er kaum kannte, lachte er vertraulich entgegen. Mit seiner ungleichen Freigebigkeit machte er sich und Andre zum Gespötte. Manchen Vornehmen, die etwas Großes verdient magnoque aestimantibus se]. – Man sehe über diese Worte Dukers Anmerkung. Diese veranlaßt mich zu der Vermuthung, es habe geheißen: magnoque (scil. dono) dignos aestimantibus se. In der Abkürzung waren sich mag noq 3 und dig nos noch ähnlicher, noch eher zu vertauschen. zu haben glaubten, gab er kindische Geschenke, zum Beispiele, Eßwaren oder Spielzeug; Andere, die nichts erwarteten, machte er reich. Deswegen glaubten Manche, er wisse selbst nicht, was er wolle. Einige sagten, er tändle aus wahrer Arglosigkeit; Andre, er sei unstreitig toll. Doch in zwei wichtigen und anständigen Dingen zeigte er wahrhaft königliche Gesinnung; in seinen Schenkungen an Städte und in Verehrung der Götter. Den Megalopolitanern in Arcadien versprach er, ihre Stadt mit einer Mauer zu umziehen und gab den größern Theil der Geldsumme dazu her. Zu Tegea unternahm er die 207 Anlage eines prächtigen Schauplatzes von Marmor. Zu Cyzicus gab er in das Prytaneum, oder in das Stadthaus, wo diejenigen, denen diese Ehre zuerkannt ist, vom State gespeiset werden, die goldenen Gefäße zur Besetzung Einer Tafel. Den Rhodiern machte er zwar nicht Ein sich auszeichnendes, aber dafür alle Arten von Geschenken, so wie ihr Bedürfniß sie forderte. Allein von seinem Prachtaufwande für die Götter kann schon der Tempel des Olympischen Jupiter zu Athen Zeuge sein, der einzige in der Welt von einer der Größe des Gottes entsprechenden Anlage. Doch auch Delos schmückte er mit herrlichen Altären aus und mit einer Menge von Standbildern; und den prachtvollen Tempel des Jupiter Capitolinus zu Antiochien, in welchem nicht bloß das Deckengetäfel golden, sondern auch ganze Wände mit Goldblechen belegt waren, und mehre andere, die er andern Orten versprochen hatte, brachte er wegen der nur noch sehr kurzen Zeit seiner Regierung nicht zur Vollendung. Auch die Schauspiele aller Art stellte er mit größerer Pracht an, als die vorigen Könige; und zwar die übrigen nach der Landessitte und unter zahlreicher Aufstellung Griechischer Kunstmänner. Hingegen das bei den Römern übliche Fechterspiel gab er seinen eines solchen Schauspiels nicht gewohnten Unterthanen, das erste Mal zu größerem Schrecken, als zu ihrem Vergnügen. Dadurch aber, daß er es nachher öfter gab, und bald so, daß die Verwundung, bald aber auch so, daß nur der Tod die Kämpfer schied, brachte er es dahin, daß sich ihr Auge daran gewöhnte, daß sie an diesem Schauspiele Geschmack fanden, und weckte bei vielen Jünglingen die Lust zu Waffenübungen. Und da er anfangs die Fechter immer aus Rom kommen ließ, die er nur für große Belohnungen haben konnte, so konnte er nun schon aus seinem [Reiche freiwillige Klopffechter mit leichter Mühe aufstellen, welche ihre Dienste unaufgefordert für einen geringen Preis zum Kampfe darboten. Aber auch bei Aufführung dieser Schauspiele zeigte er, wie in seinem ganzen übrigen Leben, immer dieselbe Verkehrtheit und Gehaltlosigkeit des Geistes; so daß man 208 keine prachtvollere Anstalten sehen konnte, als seine Spiele, und nichts Schlechteres und Verächtlicheres, als den König selbst. Dies zeigte sich zwar auch bei mehreren andern Gelegenheiten, am auffallendsten aber bei den Spielen, die er, um mit den nach Besiegung des Perseus vom Paullus in Macedonien gegebenen an Pracht zu wetteifern, zu Antiochien mit ungeheurem Aufwande und zu seiner eigenen nicht geringeren Beschimpfung gab. Doch ich muß zu Roms Angelegenheiten zurückkehren, von denen mich die Erwähnung dieses Königs zu weit abgeführt hat. 21. (26.) Tiberius Sempronius Gracchus, der seit zwei Jahren Sardinien zu seinem Posten gehabt hatte, übergab diesen dem Prätor Servius Cornelius Sulla und triumphirte bei seiner Rückkehr nach Rom über die Sarder. Er soll von dieser Insel eine so große Menge Gefangener mitgebracht haben, daß ihr lange dauernder Verkauf zum Sprichworte ward, und daß man bei Dingen ohne Werth sich im gemeinen Leben des scherzhaften Ausrufs bedient: «Sarder zu Kaufe!» Auch beide Consuln triumphirten; Scävola über die Ligurier, Lepidus ebenfalls über diese und über die Gallier. Darauf schritt man zu den Wahlen der Obrigkeiten für das folgende Jahr. Zu Consuln wurden ernannt Spurius Postumius Albinus, Quintus Mucius Scävola. Am Tage der Prätorenwahl verwickelte das Schicksal einen der Bewerber, den Sohn des Publius Africanus, Lucius (oder hieß er Cneus? ), Cornelius Scipio, zur großen Unzufriedenheit mit ihm, in einen Streit mit dem Cajus Cicerejus, einem gewesenen Schreiber des Vaters Scipio. Denn da Scipio, weil schon fünf Prätoren ernannt waren, nämlich Cajus Cassius Longinus, Publius Furius Philas, Lucius Claudius Asellus, Marcus Atilius Serranus und Cneus Servilius Cäpio, alle Kräfte aufbot, um wenigstens auf dem letzten Platze noch angebracht zu werden, so erschien er dadurch so ganz als der von seines Vaters Vorzügen Ausgeartete, daß ihm durch die Stimmen der sämtlichen Centurien Cicerejus vorgezogen sein würde, hätte nicht dieser – soll 209 ich sagen, die Schuld des Schicksals oder den Fehlgriff der Wahlversammlung? durch seine Bescheidenheit wieder gut gemacht. Er fand es zu dreist, in einem Kampfe um ein Ehrenamt den Sohn seines Schutzherrn zu besiegen, warf sogleich die weiße Toga ab, und wurde aus einem schon des Sieges gewissen Nebenbuhler ein dankbarer Schützling und Stimmgeber für seinen Mitbewerber. So erlangte Scipio durch Hülfe des Cicerejus die Ehrenstelle, die er allem Anscheine nach vom Volke nicht erhalten haben würde, zu größerer Ehre des Cicerejus, als für ihn selbst.] [Den Consuln wurden zu ihren Standplätzen Gallien und Ligurien angewiesen. Als bald nachher die Prätoren loseten, bekam Cajus Cassius Longinus die Rechtspflege in der Stadt, Lucius Cornelius Scipio die über die Fremden. Dem Prätor Marcus Atilius hatte das Los Sardinien zu seinem Standplatze gegeben: allein er erhielt Befehl mit einer von den Consuln neugeworbenen Legion von fünftausend Mann zu Fuß und dreihundert Rittern nach Corsica überzugehen. Während er dort den Krieg zu führen habe, sollte Cornelius Sulla mit verlängertem Oberbefehle Sardinien vorstehen. Dem Cneus Servilius Cäpio wurden für das jenseitige Spanien, auch dem Publius Furius Philus für das diesseitige dreitausend Mann Römisches Fußvolk mit hundert und funfzig Rittern und fünftausend Mann Latinischer Bundestruppen zu Fuß nebst dreihundert Rittern bestimmt, und dem Lucius Claudius Sicilien ohne Ergänzungstruppen. Außerdem sollten die Consuln zwei neue Legionen ausheben von der gehörigen Stärke an Fußvolk und Reuterei, und die Bundesgenossen zehntausend Mann zu Fuß und sechshundert Ritter stellen lassen. Diese Werbung wurde den Consuln so viel schwerer, weil das vorigjährige Sterben unter dem Rindviehe sich in diesem Jahre in eine Krankheit unter den Menschen umgesetzt hatte. Die Befallenen überstanden nicht leicht den siebenten Tag. Überlebten sie ihn, so bekamen sie ein langwieriges meistens vierthägiges Fieber. Vorzüglich starben die Sklaven: auf allen Straßen lagen sie 210 unbegraben hingestreckt. Das Libitinenamt konnte nicht einmal alle Bestattungen der Freien besorgen. Unangerührt von Hunden und Geiern gingen die Leichname in Verwesung über, und man machte die allgemeine Bemerkung, daß sich so wenig in diesem, als im vorigen Jahre bei den vielen todt liegenden Rindern und Menschen irgendwo ein Geier habe sehen lassen. An dieser Seuche starben folgende öffentliche Priester: Cneus Servilius Cäpio, ein Oberpriester, Vater des Prätors; Tiberius Sempronius Longus, des Tiberius Sohn, ein Zehnherr des Gottesdienstes; Publius Älius Pätus, ein Vogelschauer, auch Tiberius Sempronius Gracchus; Cajus Mamilius Vitulus, der Oberbezirkspfleger und Marcus Sempronius Tuditanus, ein Oberpriester. Zu Oberpriestern wurden gewählt Cajus Sulpicius Galba an die Stelle des Cäpio, – – – – – an die Stelle des Tuditanus. Die nachgewählten Vogelschauer waren, in des Gracchus Stelle Titus Veturius Gracchus Sempronianus, in des Publius Älius Platz Quintus Älius Pätus. Den Zehnherrn des Gottesdienstes ersetzte Cajus Sempronius Longus, den Oberbezirkspfleger Cajus Scribonius Curio. Da die Seuche kein Ende nahm, so verordnete der Senat, die Zehnherren sollten die Sibyllinischen Bücher nachschlagen. Nach einer Anordnung von ihnen wurde ein Bettag gefeiert; und nach der vom Quintus Marcius Philippus vorgesprochenen Formel nahm das Gesamtvolk auf dem Markte das Gelübde auf sich: «Wenn diese Krankheit und Ansteckung aus dem Römischen Gebiete vertrieben sein werde, dann wolle es zwei Tage festlich und mit einer Betandacht begehen.» Im Vejentischen wurde ein Knabe mit zwei Köpfen geboren, zu Sinuessa brachte ein Knabe nur Eine Hand, zu Auximum ein Mädchen die Zähne mit auf die Welt. Zu Rom sah man auf dem Markte am Tage bei heiterem Himmel einen Regenbogen über dem Tempel des Saturnus ausgespannt und zugleich drei Sonnen aufblitzen; und in eben der Nacht fuhren im Lanuvinischen mehrere Fackeln am Himmel herab. Die Bewohner von Cäre versicherten, in ihrer Stadt habe sich eine Schlange mit Mähnen sehen 211 lassen und mit Goldflecken gesprenkelt. Auch behauptete man als gewiß, im Campanischen habe ein Ochs geredet. 22. (27.) Am fünften Junius kamen aus Africa die Gesandten zurück, welche nach einem dem Könige Masinissa abgestatteten Besuche nach Carthago gegangen waren. Freilich hatten sie das, was man zu Carthago vorgenommen hatte, weit gewisser von dem Könige gehört, als von den Carthagern selbst. Doch hatten sie, wie sie versicherten, in Erfahrung gebracht, daß vom Könige Perseus eine Gesandschaft angekommen sei, und daß sie der Carthager Senat bei Nacht im Tempel des Äsculap vorgelassen habe. Daß von Carthago Gesandte nach Macedonien geschickt waren, versicherte nicht nur der König, sondern sie selbst hatten es auch nicht mit festem Ernste geleugnet. Der Römische Senat beschloß, auch nach Macedonien Gesandte abgehen zu lassen. Ihrer Drei wurden hingeschickt, Cajus Lälius, Marcus Valerius Messalla, Sextus Digitius. Um diese Zeit war Perseus , weil einige Dolopen ihm den Gehorsam weigerten und die Untersuchung der streitigen Punkte vom Könige auf die Römer übergehen lassen wollten, mit seinem Heere hingezogen und hatte das ganze Volk seiner Hoheit und Gerichtsbarkeit unterworfen. Von da ging er, weil ihn dies und jenes im Gemüthe beunruhigte, zwischen den Ötabergen durch nach Delphi hinauf, das Orakel zu befragen. Durch diese plötzliche Erscheinung mitten in Griechenland setzte er nicht allein die benachbarten Städte in großen Schrecken, sondern selbst nach Asien ging die Nachricht von dieser Bewegung zum Könige Eumenes. Nach einem Aufenthalte zu Delphi von nicht länger als drei Tagen kehrte er durch das Phthiotische Achaja und Thessalien, ohne sich in den Gegenden, wo er durchzog, Raub oder Gewaltthat zu erlauben, in sein Reich zurück. Auch begnügte er sich nicht damit, sich die Staten zu Freunden zu machen, durch welche sein Weg gehen mußte, [sondern er beschickte auch die conciliare: aut legatos]. – Diese auch von Anderen ergänzte Lücke möchte ich lieber so ausfüllen: conciliare, sed circa omnia Graecorum concilia aut legatos aut literas dimisit. Die Ähnlichkeit zwischen conciliare und concilia veranlaßte dann die Lücke. Wo das erste concilium der Achäer gehalten wurde, wissen wir nicht, weil dies in der folgenden Lücke, (Cap. 23 hinter dem Worte literas) angegeben war. Daß es aber eine Statenversammlung gewesen sei, wird durch die gegenseitigen Reden wahrscheinlich, und durch die Angabe (Cap. 24. am Ende), daß das folgende concilium zu Megalopolis gehalten sei: missi ab rege, quum Megalopoli concilium esset. Statenversammlungen der Griechen] 212 entweder durch Gesandte oder durch Briefe mit der Bitte: «Sie möchten der Mishelligkeiten, die sie mit seinem Vater gehabt hätten, nicht länger eingedenk sein. Auch wären diese nicht so schwer gewesen, daß sie nicht mit jenem hätten aussterben können und müssen. Allein mit ihm eine aufrichtige Freundschaft zu schließen, hätten sie ja ganz reine Bahn.» Vorzüglich dachte er auf ein Mittel, die Zuneigung der Achäer wieder zu gewinnen. 23. (28.) Dies einzige Volk in ganz Griechenland hatte, so wie der Stat von Athen, die Erbitterung so weit getrieben, daß es den Macedoniern sein Land verbot. Darüber wurde Macedonien der Zufluchtsort der aus Achaja entlaufenden Sklaven. Denn weil die Achäer jenen ihr Land untersagt hatten, so wagten auch sie es nicht, die Gränze des Königreichs zu betreten. Perseus, der dies bemerkte, ließ die Sklaven sämtlich aufgreifen und ein Schreiben [an die Achäer abgehen, worin er sagte, er sende ihnen ihre Sklaven, die zu ihm herübergeflüchtet wären, freundschaftlich zurück:] übrigens müßten nun auch sie darauf denken, daß künftig ihren Sklaven eine ähnliche Flucht nicht gestattet sei. Als der Prätor Xenarchus, der sich für seine Person dem Könige gefällig zu machen wünschte, den Brief vorgelesen hatte, und die Meisten, vor allen aber die, welche unerwartet ihre verlornen Sklaven wiederbekommen sollten, den Ton des Briefes sehr gemäßigt und freundschaftlich fanden, so sprach Callicrates, einer von denen, nach deren Meinung das Wohl der Nation darauf beruhete, daß sie den Bund mit den Römern unverletzt erhielt: «Einigen scheint es so, ihr Achäer, als verhandelten wir jetzt einen geringfügigen oder doch sehr 213 mittelmäßigen Gegenstand. Nach meiner Meinung wird ein Gegenstand von der höchsten Wichtigkeit nicht, bloß verhandelt non agique tantum]. – Ich folge Drakenb. ego maxime gravissimam omnium non agi tantum arbitror, sed quodam modo actam esse. Von der gleich folgenden Stelle, interdixissemus manereque, sagt er: medicina ab integriore codice exspectanda est. Bis uns der helfen wird, will ich annehmen, interdixissemus sei aus interdixisse scimus entstanden, und das Wort interdixisse eben so, wie manere, auf decretum bezogen. , sondern ist gewissermaßen schon abgethan. Denn wir, die wir wissen, daß eine Verordnung den Macedonischen Königen und den Macedoniern selbst unser Land verboten hat, und daß sie noch jetzt in der Absicht ihre Kraft behält, damit wir keine Gesandten, durch welche dieser oder jener von uns in Versuchung geführt werden möchte, aufzunehmen nöthig haben; wir hören jetzt gewissermaßen den abwesenden König zu uns reden und geben seiner Rede, wenn es Gottes Wille ist, sogar Beifall. Ja, da die wilden Thiere so oft vor der ihnen zur Falle hingelegten Speise sich scheuen und zurückfliehen, so lassen wir blindlings durch den Schein einer kleinen Wohlthat uns ködern, lassen in der Hoffnung, die Nichtswürdigsten von unsern Sklaven wiederzubekommen, unsre eigne Freiheit untergraben und bestürmen. Denn wer sieht nicht, daß die Freundschaft mit dem Könige nur ein Übergang zur Verletzung des Bündnisses mit Rom sein soll, auf welches unser ganzes Dasein sich begründet? Es müßte denn jemand noch daran zweifeln, daß es zwischen den Römern und Perseus zum Kriege kommen, und daß der schon bei Philipps Leben erwartete und durch dessen Tod unterbrochene Krieg nach Philipps Tode Statt finden werde. Wie ihr wisset, hatte Philipp zwei Söhne, den Demetrius und Perseus. An mütterlicher Abkunft, an Tapferkeit, Geist und Liebe der Unterthanen hatte Demetrius bei weitem den Vorzug. Weil aber der König den Thron als Preis des Hasses gegen Rom aufsetzte, so mordete er den Demetrius unter keiner andern Beschuldigung, als der, mit den Römern Freundschaft geknüpft zu haben, und setzte den Perseus zum Könige, von dem das Römische Volk eher wußte, daß er des Vaters Bestrafung prius poenae, quam regni]. – Ich folge Hrn. Walch, der auf Gronovs Frage: Cuius poenae? sehr treffend antwortet: Quae tandem alia sit: quam poena cogitati a Philippo, et tantum, non suscepti, belli, de quo per totam orationem sermo est? Aber darum nehme ich poena nicht auch, pro re, poenam merente, wie odium, invidiam pro rebus, quae odium, invidiam excitant, sondern ganz eigentlich. In den Augen der allsiegenden Römer (und hier spricht ja ein Römerfreund) zog sich jeder Stat, der einen Krieg gegen sie unternahm, unfehlbar die Strafe dieser Unternehmung zu. Ob Philipp den Demetrius oder den Perseus als Thronerben hinterlassen wollte, möchte immerhin noch unentschieden oder den Römern unbekannt geblieben sein; allein wenn sie von Philipps geheimen Rüstungen hörten, so wußten sie (nach ihrer Ansicht der Dinge), daß Philipp der Strafe nicht entgehen werde, folglich auch seine Kinder nicht, es mochte ihn nun Demetrius oder Perseus beerben. Aus diesem Gesichtspunkte das Wort poena genommen, wissen die Römer wirklich eher, daß Perseus an ihrer Bestrafung seines Vaters Theil haben, als daß er sein Thronfolger sein wird. , als daß er den Thron von ihm erben werde. «Und was hat nun dieser nach des Vaters Tode sonst gethan, als sich zum Kriege rüsten? Zuerst ließ er zum Schrecken Aller die Bastarnen in Dardanien einfallen. Hätten diese jenen Sitz behauptet, so würde Griechenland an ihnen beschwerlichere Nachbaren gehabt haben, als Asien an den Galliern hat. Als ihm diese Hoffnung scheiterte, gab er dennoch die Entwürfe zum Kriege nicht auf: ja er hat, wenn wir die Wahrheit gestehen wollen, den Krieg schon eingeleitet. Dolopien hat er mit den Waffen bezwungen: nach denen nec provocantes de controversiis ad disceptationem populi R. audivit]. – So lesen nach Gronovs Verbesserung Drakenb. und Crevier. , die sich in Betreff der Streitpunkte auf die Entscheidung des Römischen Volks beriefen, hat er nicht hingehört. Von dort ging er, nach einem Zuge über den Öta, um sich plötzlich im Mittelpunkte von Griechenland zu zeigen, nach Delphi hinauf. Sich einen so ungewöhnlichen Marsch herauszunehmen, was dünkt euch, wohin zielt das? Darauf durchzog er Thessalien. That er das, ohne irgend jemand von denen, die er haßte, zu beleidigen, um so viel gefährlicher scheint mir die Versuchung. Von da ließ er an uns den Brief mit dem scheinbaren Geschenke abgehen und heißt uns darauf denken, künftig dieses Geschenks entbehren zu können; das heißt, die Verordnung aufzuheben, welche den Macedoniern den 215 Peloponnes untersagt; wieder Gesandte vom Könige bei uns zu sehen; Gastfreundschaften, die er mit unsern Großen errichtet; bald auch Macedonische Heere; ja ihn selbst von Delphi – denn wie schmal ist die Meerenge dazwischen? – auf der Überfahrt nach Peloponnes, und den Macedoniern bei ihren Rüstungen gegen Rom uns einreihen zu lassen. Ich stimme dafür, nichts Neues zu verordnen, und Alles zu lassen, wie es ist, bis es mit Gewißheit ausgemacht ist, ob diese unsre Besorgniß nichtig, oder ob sie gegründet gewesen sei. Dauert der Friede zwischen Macedonien und Rom, dann treten auch wir mit Macedonien in Freundschaft und Verkehr; jetzt aber daran zu denken, ist gefährlich und zu früh.» 24. (29.) Nach ihm redete Arco, des Prätors Xenocrates Bruder, so: « Callicrates hat mir und Jedem, der andrer Meinung ist, als er, den Vortrag sehr schwer gemacht. Denn dadurch, daß er selbst die Verbindung mit Rom in Schutz nimmt und behauptet, diese werde angefochten und bestritten; ob sie gleich niemand weder anficht noch bestreitet, hat er das gewonnen, daß Jeder, der ihm widerspricht, gegen die Römer zu reden scheint. Und vor allen Dingen, gleich als wäre er nicht immer hier bei uns gewesen, sondern käme entweder vom Römischen Rathhause, oder wäre zu den Geheimnissen der Könige gezogen, weiß und verkündigt er Alles, was noch so geheim geschehen ist. Er erräth, was geschehen sein würde, wenn Philipp leben geblieben wäre; warum gerade Perseus Erbe des Thrones wurde; worauf es die Macedonier absehen; was die Gedanken der Römer sind. Wir aber, die wir weder wissen, warum, noch auf was Art Demetrius das Leben verlor, noch auch, was Philipp, wenn er länger gelebt hätte, gethan haben würde; wir müssen unsre Maßregeln dem anschließen, was öffentlich vorgeht. Und nun wissen wir, daß vom Ac scimus, Persea]. – Bis zu einer sicherern Berichtigung lese ich diese verunglückte Stelle so: Ac scimus, a Perseo, regno aceepto, legatos Romam venisse. Die bald folgende Wiederholung Persea, so wie die, legatos Romanos venisse ad regem, beleidigt mich hier so wenig, daß ich vielmehr glaube, der Redner wählte absichtlich dieselben Worte, um den allgemeinen Einklang zum Frieden auch durch den Klang seiner Worte fühlbar zu machen. So selbst noch in diesem Cap. §. 15. non ut praecipue amici sed ne praccipue inimici simus. Man sehe oben Cap. 7, 8. quando id bellum senatus decrevisset? quando id bellum populus Romanus iussisset? 216 Perseus, als er die Regierung angetreten hatte, Gesandte nach Rom kamen, daß die Römer dem Perseus den Königstitel zugestanden; wir hören, daß Gesandte von Rom zum Könige kamen und freundschaftlich aufgenommen wurden. Das Alles halte ich meines Orts für Zeichen des Friedens und nicht des Krieges; und glaube, daß es die Römer nicht beleidigen kann, wenn wir eben so, wie wir im Kriege ihrer Fahne folgten, auch im Frieden ihrem Beispiele folgen. Warum gerade wir als die einzigen von allen Völkern einen unversöhnlichen Krieg gegen den Macedonischen König führen sollen, sehe ich nicht ein. Sind wir vielleicht Opportuni propinquitate]. – Ich folge in diesen Zeilen ganz Hrn.  Walch. schon durch unsre Nähe den Macedoniern zu sehr ausgesetzt? oder sind wir das herzlich schwache Volk, wie die neulich von Perseus bezwungenen Dolopen? Gerade im Gegentheile sind wir sowohl durch unsre Macht – Dank sei den Göttern! – als durch die entfernte Lage die Gesicherten. Aber angenommen, wir wären eben so ausgesetzt, als die Thessalier und Ätoler; stehen wir denn nicht im geringsten bei den Römern, deren Bundsgenossen und Freunde wir immer gewesen sind, in besserem Zutrauen und Ansehen, als die Ätoler, die noch vor kurzem ihre Feinde waren? In demselben Verhältnisse, in welchem die Ätoler, die Thessalier, die Epiroten und ganz Griechenland mit Macedonien stehen, wollen auch wir mit ihm stehen. Warum trifft uns allein dies fluchwürdige Ausscheiden aus der menschlichen Verbindung? Mag Philipp dies oder jenes begangen haben, daß wir gegen ihn, wenn er gewaffnet dastand und der Kriegführende war, diese Verordnung machen mußten: was hat denn Perseus verdient, ein neuer König, der an aller Beleidigung unschuldig ist, der mit seiner Wohlthat die väterlichen 217 Mishelligkeiten tilgen will? und warum sind von allen Völkern nur Wir seine Feinde? Ich konnte ferner sagen: Die Verdienste der früheren Könige Macedoniens um uns sind so groß, daß wir der Beleidigungen von Philipp allein, wenn es deren gab, [vergessen mußten], vollends nach seinem Tode. Als eine Römische Flotte bei Cenchreä stand, der Consul mit einem Heere in Elatea lag, brachten wir in der Statenversammlung drei Tage mit der Berathschlagung zu, ob wir uns den Römern, oder dem Könige Philipp anschließen. Mag das Übergewicht, welches die dringende Furcht vor den Römern unsern Stimmen gab, nur Nonnihil metus praesens]. – Dies nonnihil wollen Perizon. und Crev. in Nihil verwandeln: Gronov, Duker und Drakenb. lassen es unangefochten. Aus zwei Gründen, meine ich, spricht der Redner hier nicht so geradezu, wie Perizonius will: 1) die Römer nicht zu beleidigen; 2) seinen Zuhörern nicht eine Feigheit vorzuwerfen. In dem Tone des parcentis viribus atque Extenuantis eas consulto sagt er nicht: Nihil metus sententias inclinarit, sondern was ich ihn in der Übersetzung sagen lasse: Nonnihil etc. Und dies Nonnihil giebt, wenn ich nicht irre, der Behauptung: «Angenommen, unsre Furcht vor Rom wirkte auf unsern Entschluß nur nicht Alles; sie wirkte nur Etwas: so muß doch ein Grund da gewesen sein, warum u. s. w.» mit Perizons Behauptung: «Angenommen, unsre Furcht vor Rom war ohne alle Einwirkung» – einerlei Resultat, nur in verschiedener Einkleidung, und mit dem Unterschiede: Sagt der Redner (wie Periz. will): Angenommen, die Furcht vor Rom war ohne alle Entscheidung, so giebt er ja zu verstehen, daß sie in der Wirklichkeit die Entscheidende war. Sagt er aber (nach Gron., Duk., Drak. ): Angenommen, die Furcht vor Rom war nicht ganz ohne Wirkung, so lässet er, mit Griechischer Artigkeit gegen seine Zuhörer, ihnen noch mehrere andere Gründe offen, welche über sie entschieden haben können. unbedeutend gewesen sein, so muß doch wenigstens die lange Dauer unsrer Überlegung ihren Grund gehabt haben. Und gerade dieser lag in unsrer uralten Verbindung mit den Macedoniern, in den frühen und großen Verdiensten ihrer Könige um uns. So müssen denn auch jetzt eben diese Gründe geltend genug sein, nicht etwa dazu, daß wir vorzugsweise der Macedonier Freunde, aber doch, daß wir nicht vorzugsweise ihre Feinde sind. Nein, Callicrates, laß uns ja nicht unsrer Berathschlagung einen Gegenstand unterlegen, den sie nicht hat. Niemand räth dazu, die Punkte einer neuen Freundschaft, oder einer neuen Verbindung aufzusetzen, in die wir unbesehens uns einlassen sollen: nur 218 ein Gegentausch der zu bewilligenden und wieder zu erwartenden Rechte soll Statt finden, damit wir nicht, wenn wir jenen unser Land verbieten, auch uns selbst ihr Königreich versperren, und damit nicht unsere Sklaven irgendwohin freie Zuflucht haben. Wie kann dies dem Römischen Bündnisse entgegen sein? Warum legen wir auf einen so geringfügigen, so offen daliegenden Umstand eine solche Wichtigkeit, einen so großen Verdacht? Warum schlagen wir unnützer Weise Lärm? Wozu machen wir, um uns selbst Gelegenheit zu einer Schmeichelei gegen Rom zu eröffnen, Andere verhaßt und verdächtig? Kommt es zum Kriege, dann zweifelt selbst Perseus nicht daran, daß wir auf der Römer Seite sein werden: so müssen aber auch die Feindseligkeiten durch den Frieden, wenn er sie nicht endigen kann, doch unterbrochen werden.» Da eben diejenigen, welchen des Königs Brief gefallen hatte, auch dieser Rede beipflichteten, so wurde, weil die Großen darüber ihren Unwillen bezeigten, daß man dem Perseus auf einen Brief von wenigen Zeilen eine Bitte bewilligen wolle, die er nicht einmal einer Gesandschaft werth gehalten habe, der Beschluß noch ausgesetzt. Nachher kamen in dieser Angelegenheit Legati deinde postea]. – Crevier sagt: Alterutrum vacat. Sollte dies deinde vielleicht aus de ea re entstanden sein? Gesandte vom Könige, als die Statenversammlung zu Megalopolis gehalten wurde: diejenigen aber, welche bei den Römern anzustoßen fürchteten, wußten es dahin zu bringen, daß sie nicht vorgelassen wurden. 25. (30.) Unterdessen schien die Wuth der Ätoler, die sie gegen sich selbst wandten, die ganze Nation durch gegenseitige Ermordungen vertilgen zu wollen. Erschöpft ließen darauf beide Parteien Gesandte nach Rom abgehen und hatten auch unter sich Verhandlungen zur Wiederherstellung der Eintracht; ein Vorhaben, das sich über eine neue Greuelthat zerschlug und selbst die alte Erbitterung weckte. Den Vertriebenen aus Hypata von der Partei des Proxenus, war die Rückkehr in ihre Vaterstadt 219 versprochen, und von dem ersten Manne im State, vom Eupolemus, das Wort gegeben. Achtzig angesehene Männer, denen unter der übrigen Volksmenge auch Eupolemus entgegen ging, empfing man mit freundlichem Willkommen! und gebotenem Handschlage; und als sie in das Thor traten, wurden sie, unter vergeblichen Berufungen auf das gegebene Wort und auf die zu Zeugen genommenen Götter, gemordet. Nun entbrannte der Krieg von neuem noch heftiger. Cajus Valerius Lävinus, Appius Claudius Pulcher, Cajus Memmius, Marcus Popillius und Lucius Canulejus, die der Senat hinschickte, waren angekommen. Als vor diesen zu Delphi die Gesandten beider Theile mit großem Gezänke ihre Sache führten, schien hauptsächlich Proxenus, durch seine Rechtsgründe sowohl, als durch seine Beredsamkeit, ein Übergewicht zu haben: allein wenig Tage nachher wurde er von seiner Gattinn Orthobula vergiftet, und auf diese Anklage verurtheilt, verbannete sie sich ins Ausland. Mit gleicher Wuth mordeten sich auch die Cretenser. Dann schöpften sie bei der Ankunft des Gesandten Quintus Minucius, welcher mit zehn Schiffen abgeschickt war, ihre Streitigkeiten zu dämpfen, einige Hoffnung des Friedens. Allein sie machten Caeterum induciae].– Ich folge Gronovs Verbesserung: Caeterum inducias tantum sex mensium fecerunt. nur einen Waffenstillstand auf sechs Monate, und nachher entbrannte der Krieg weit heftiger. Auch die Lycier wurden um diese Zeit von den Rhodiern sehr hart durch Krieg mitgenommen. Doch ich fühle keinen Beruf, den Gang jedes Krieges, den die auswärtigen Völker unter sich führten, zu verfolgen, da ich an dem Berichte über die Thaten der Römer überflüssig zu tragen habe. 26. (31.) In Spanien waren die Celtiberer, welche durch die Waffen besiegt sich dem Tiberius Gracchus ergeben hatten, so lange der Prätor Marcus Titinius dort seinen Posten versah, ruhig geblieben. Um die Zeit, da Appius Claudius ankam, machten sie einen Aufstand und eröffneten den Krieg mit einem unerwarteten Angriffe auf 220 das Römische Lager. Der Tag war eben im Anbrechen, als die Wachen auf dem Walle und die Posten an den Thoren in der Ferne den Feind kommen sahen und zu den Waffen riefen. Appius Claudius ließ das Zeichen zur Schlacht aufstecken, ermunterte seine Soldaten nur mit wenig Worten, und ließ sie an drei Thoren zugleich ausrücken. Da ihnen die Celtiberer den Ausgang sperrten, so war das Treffen anfangs auf beiden Seiten gleich; denn aus Mangel an Raum konnten die Römer in den Thorwegen nicht alle zum Fechten kommen: sobald secuti evaserunt – possent. ita repente]. – Herrn Walchs Verbesserung scheint mir unbezweifelt richtig: Urgentes deinde alii alios sicubi evaserunt extra vallum, – – – possent, ita repente irruperunt, ut etc. Hostilibus für hostibus hat auch Drakenb. schon vorgeschlagen. sie aber, Einer dem Andern nachdrängend, um sich in eine Linie auszubreiten und mit den feindlichen Flügeln, von denen sie sich umzingelt sahen, gleiche Ausdehnung zu bekommen, nur erst an irgend einer Stelle aus der Verschanzung vordrangen; so brachen sie auch mit solcher Schnelligkeit ein, daß die Celtiberer den Angriff nicht aushalten konnten. Noch vor acht Uhr Morgens waren sie geschlagen: gegen funfzehntausend wurden niedergehauen oder gefangen, und zweiunddreißig Fahnen erbeutet: auch ihr Lager erobert und der Krieg geendigt. Denn die dem Treffen entkamen, verliefen sich in ihre Städte: und ruhig leisteten sie nachher Gehorsam. 27. (32.) Die in diesem Jahre gewählten Censorn, Quintus Fulvius Flaccus und Aulus Postumius Albinus, lasen das Senatorenverzeichniß ab: oben an hatten sie den Hohenpriester Marcus Ämilius Lepidus gesetzt. Sie stießen neun Senatoren aus. Die Beschimpften von Auszeichnung waren Marcus Cornelius Maluginensis, der vor zwei Jahren als Prätor nach Spanien praetor in Hispania fuerat] – Sollte Livius vielleicht geschrieben haben: praetor in Hispania m fuerat? bestimmt war; ferner Lucius Cornelius Scipio, der Prätor, der jetzt die Rechtspflege zwischen Bürgern und Fremden hatte; und Cneus Fulvius, des Censors rechter Bruder, mit dem er 221 sich, wie Valerius von Antium berichtet, noch nicht einmal über ihr Erbe aus einander gesetzt hatte. Nun gingen die Consuln, da sie schon votis etiam in Capitolio]. – Dies etiam würde vielleicht weniger anstößig, wenn es in iam verwandelt würde. auf dem Capitole die Gelübde abgelegt hatten, auf ihre Standplätze ab. Dem Einen von ihnen, dem Ex iis M. Aemilio]. – Der war in diesem Jahre nicht Consul. Sollte dies MAEMILIO vielleicht aus ALTERI, MVCIO, entstanden sein? Marcus Ämilius, gab der Senat den Auftrag, in Venetien die Unruhen der Pataviner zu dämpfen, bei denen, wie sowohl die Gesandten ihrer Nachbaren exarsisse, et ipsorum]. – Nach Creviers Winke schlage ich die Lesart vor: exarsisse, et finitimorum et ipsorum legati attulerant. , als ihre eigenen gemeldet hatten, ein Parteienstreit zu einem innerlichen Kriege gediehen war. Diejenigen Gesandten, welche ähnliche Unruhen zu stillen nach Ätolien gegangen waren, kamen mit der Nachricht zurück, die Wuth dieses Volks lasse sich nicht beschränken. Die Pataviner rettete die Ankunft des Consuls, und da er weiter nichts auf seinem Standposten zu thun fand, ging er nach Rom zurück. Die Censorn waren die ersten, welche dafür sorgten, daß man die Gassen in der Stadt mit Kieseln pflasterte, daß die Straßen außerhalb der Stadt eine Unterlage von Kies bekamen und berandet wurden: auch legten sie an mehreren Stellen Brücken an. Für die von den Ädilen und Prätoren zu gebenden Spiele ließen sie eine Schaubühne anlegen, ferner auf der Rennbahn neue Schranken, auch die einförmigen Knöpfe als Zählmale der Bahnen; – – – – – die Kegel beim Übergange zur Rückfahrt; die eisernen Käfige, um die wilden Thiere in den Platz zu lassen; – – – – – auf dem Albanischen Berge für die Consuln. Auch ließen sie den Capitolinischen Hügel mit Kieseln pflastern, den Säulengang vom Saturnustempel auf das Capitol bis zum Sprachzimmer der Senatoren, und weiter hinauf das Rathhaus. Auch das Waarenlager vor dem Drillingsthore ließen sie mit Steinen pflastern und mit Pfählen einfassen; den Ämilischen 222 Säulengang ausbessern, von der Tiber Stufen zum Aufgange nach dem Warenlager anlegen; innerhalb desselben Thores einen Säulengang nach dem Aventinus mit Kieseln pflastern, und einen auf dem Publicischen Hügel vom Tempel der Venus auslaufen. So gaben sie auch zu Calatia und Auximum die Aufführung der Mauern in Verding; verkauften dort gemeine Plätze und wandten das daraus gelösete Geld dazu an, an beiden Orten den Markt mit Kramladen zu umgeben. Der Eine von ihnen beiden, Fulvius Flaccus, – denn Postumius erklärte, er werde ihnen ohne Geheiß des Römischen Senats oder des Volks selbst für ihr eigenes Geld keine Anlagen machen – ließ zu Pisaurum dem Jupiter einen Tempel bauen, Wasserleitungen nach Fundi, auch nach Pollentia anlegen, zu Pisaurum die Straße mit Kieseln pflastern, und veranstaltete zu Sinuessa wichtige Unternehmungen und von mancherlei Art. Unter andern einen Ableitungskanal, der aus der Gegend der Bäder In his et clo . . . um circumducend . . .]. – In der Übersetzung dieses mangelhaften Cap. habe ich mich mehrmals an die von Perizonius, Drakenb. und Andern aufgeführten Lückenbüßer halten müssen. Nur ein parmal ließ ich die Lücken offen, weil die Ergänzung nicht den Beifall der Kritiker hatte. An dieser Stelle konnte Drakenb. das von Sigonius vorgeschlagene cloacam in fluvium circumducendam deswegen nicht billigen, quia Sinuessa remotior exstitit a fluminibus. Ich habe also, weil mir die berühmten Aquae Sinuessanae einfielen, einstweilen die Stelle so ausgefüllt: In his et cloacam e regione Aquarum circumducendam. herumgeführt wurde, die Einfassung des Marktes mit Säulengängen und Krambuden, und drei Schwibbogen als Prachtthore. Alles dies ließ der eine Censor anlegen und hatte dafür in den Pflanzstädten viele Liebe. Auch auf die Sittenzucht hielt diese Censur mit Genauigkeit und Strenge. Manchem Ritter nahm sie das Pferd. 28. (33.) Fast im Ausgange des Jahrs wurde wegen der in Spanien unter der Anführung und Götterleitung des consularischen Stellvertreters Appius Claudius glücklich verrichteten Thaten ein eintägiges Dankfest gefeiert, und ein Opfer mit zwanzig großen Thieren gebracht. Den zweiten Tag wurde in den Tempeln der Ceres, des Liber und der Libera eine Betandacht gehalten, weil aus dem 223 Sabinischen ein heftiges Erdbeben mit dem Einsturze vieler Gebäude gemeldet war. Als Appius Claudius aus Spanien nach Rom zurückgekehrt war, wurde ihm vom Senate bewilligt, im kleinen Triumphe zur Stadt einzuziehen. Schon nahete der Tag der Consulnwahl; und diesmal wurden, nicht ohne großen Parteienkampf, weil Alle sich bewarben, Lucius Postumius Albinus und Marcus Popillius Länas gewählt. Die darauf ernannten Prätoren waren Numerius Fabius Buteo, Marcus Matienus, Cajus Cicerejus, Marcus Furius Crassipes zum zweitenmale, Aulus Atilius Serranus zum zweitenmale, Cajus Cluvius Saxula zum zweitenmale. Appius Claudius Centho, der nach beendigter Wahl den kleinen Triumph über die Celtiberer hielt, lieferte bei seinem Einzuge in die Stadt zehntausend Pfund Silber An Silber 312,500 Gulden Conv. M. in den Schatz und fünftausend Pfund Gold An Golde 1,562,500 Gulden. . Zum Eigenpriester Jupiters wurde Cneus Cornelius geweihet. Auch wurde in diesem Jahre eine Tafel mit folgender Anzeige in den Tempel der Mutter Matuta gehängt: «Unter des Consuls Tiberius Sempronius Gracchus Oberbefehle und Götterleitung bezwang eine Legion und ein Heer des Römischen Volks Sardinien. In dieser Provinz wurden über achtzigtausend Feinde getödtet oder gefangen. Nach der glücklichsten Führung der Statsgeschäfte, nach Befreiung der liberatis sociis, restitutis vectigalibus]. – So lese ich mit Herrn Walch. Bundesgenossen und Wiedererwerbung der Einkünfte brachte er das Heer wohlbehalten und vollständig, und beladen mit Beute zu Hause. Zum zweitenmale triumphirend kehrte er in die Stadt Rom zurück. Dafür hat er diese Tafel der Ino Iovi dedit]. – Mit Recht fragt Herr Ruperti: Cur vero in aede Matris Matutae posita est tabula, quam Sempronius donum Iovi dedit? Ich antworte: Die Mater Matuta ist Ino; und der Abschreiber schrieb Ioui statt Inoi. Auch der versus Saturnius bei Hrn. Walch (Seite 255.) wird bestehen können, wenn das Wort Inoi an die Stelle von Ioui rückt; so nämlich: Cu's rei-|i ergo | hanc tab|'lam don-|'m Ino|i dica-|vit. zum Geschenke geweiht.» Die Tafel 224 hatte die Gestalt der Insel Sardinien, und diese die gemalten Vorstellungen der Schlachten. In diesem Jahre wurden mehrere Fechterspiele gegeben, zum Theile kleinere; eins aber zeichnete sich vor den übrigen aus, welches Titus Flamininus bei dem Tode seines Vaters, nebst einer Fleischaustheilung, einer Volksspeisung und Bühnenspielen vier Tage lang gab. Eine solche Anzahl, daß nämlich in drei Tagen vierundsiebzig Fechter auftraten, galt damals magni tamen muneris]. – Herr Walch verbessert sehr glücklich: Magni tum muneris. S. 259. Ihm folgt die Übersetzung. für eine große Spende. (34.) [Das Ende dieses Jahres zeichnete sich aus durch ein neues und wichtiges Gesetz, das eben darum, weil bei der Verhandlung darüber die Leidenschaft ins Spiel kam, die Bürgerschaft in Bewegung setzte. Bisher war es Recht gewesen, Weiber eben so gut, als Männer, bei Erbschaften zuzulassen. Die Folge davon war, daß oft die Güter der angesehensten Geschlechter in fremde Häuser übergingen, zum großen Nachtheile für den Stat, dem daran gelegen ist, daß die Erben großer Namen Vermögen genug behalten, um den Glanz ihrer Abkunft, der ihnen sonst mehr Last als Ehre machen würde, zu behaupten und zu verherrlichen. Als nachher bei der schon zunehmenden Wohlhabenheit des Stats auch der Privatreichthum wuchs, besorgte man, das weibliche Herz, schon von Natur zum Aufwande und zum Prunke mit einem ausgesuchten Putze geneigter, möchte durch den zuströmenden Reichthum zu mehreren Wünschen gereizt, in unmäßigen Aufwand und in Schwelgerei verfallen, dann vielleicht seiner alten Lauterkeit untreu werden, und die Umwandlung in den Sitten nicht geringer sein, als die im Äußeren. Diesen Übeln zu begegnen entschloß sich Quintus Voconius Saxa, 225 ein Bürgertribun, und schlug dem Gesamtvolke vor: «Es solle niemand, der nach den Censoren Aulus Postumius und Quintus Fulvius geschatzt sei, eine Jungfrau oder irgend ein Frauenzimmer zu seiner Erbinn machen; auch solle keiner Jungfrau, keinem Frauenzimmer gestattet sein, in der Erbschaft von irgend jemand über hunderttausend Sestertien Ungefähr 4860 Thlr., den HS. mit Arbuthnot zu 14 Pfenn.; oder 5,208 1 / 5  Thlr.; den HS. mit Crevier zu 15 Pf. anzunehmen.» Aber auch das glaubte Voconius verhüten zu müssen, daß nicht durch die Größe der Nebenvermächtnisse, was oft geschah, die Erbschaften erschöpft würden. Er machte also zu seinem Vorschlage noch den Anhang: «Man solle Keinem zum Nebenvermächtnisse mehr ansetzen dürfen, als an den oder die Erben selbst käme.» Der letztere Punkt des Vorschlages fand leicht im Volke Beifall, theils weil er so höchstbillig schien, theils weil er niemanden eben beschwerlich wurde. Allein über den ersten, nach welchem die Frauenzimmer durchaus von der Beerbung jedes Bürgers ausgeschlossen wurden, war man zweifelhaft. Aus dieser Ungewißheit zog die Bürger Marcus Cato, schon ehemals in der Vertheidigung des Oppischen Gesetzes der heftigste Gegner und Tadler des weiblichen Geschlechts, der auch dies weit wichtigere, zu ihrem Nachtheile vorgeschlagene Gesetz in einem Alter von fünfundsechzig Jahren mit lauter Stimme und der ganzen Kraft seiner Lunge anempfahl; die Schwäche der Weiber in der Selbstbeherrschung und ihr unerträgliches Großsein bei Reichthum mit seiner gewöhnlichen Bitterkeit angriff, und auch dies gegen den Übermuth und die Anmaßung reicher Standesfrauen zu seinem Klaggrunde machte, «daß sie oft, wenn sie dem Manne eine große Aussteuer zugebracht hätten, eine ansehnliche Summe zurücknähmen und für sich behielten, dies Geld nachher dem bittenden Manne auf eine solche Art liehen, daß sie ihn bei jeder Mishelligkeit sogleich durch ihren Leibgedingssklaven, der ihn allenthalben verfolgen und täglich mahnen müsse, nicht anders als einen fremden Schuldner auf das drückendste von sich abhängig machten.» Hierüber empört gaben die Bürger dem Vorschlage des Voconius ihre Zustimmung.] Zwei und vierzigstes Buch. Jahre Roms 579 –581. 228 Inhalt des zwei und vierzigsten Buchs. Der Censor Quintus Fulvius Flaccus raubt vom Tempel der Juno Ladinia die marmornen Dachplatten, um damit einen Tempel zu decken, den er selbst geweihet hatte. Auf Senatsbefehl werden die Platten wieder hingebracht. Eumenes, König in Kleinasien, klagt im Senate über den Macedonischen König Perseus, dessen feindliche Unternehmungen gegen Rom erzählt werden. Nach der hierauf gegen ihn erfolgten Kriegserklärung geht der Consul Publius Licinius Crassus, dem dieser Krieg übertragen war, nach Macedonien über, hat aber in Thessalien in einigen leichten Gefechten mit der Reuterei gegen den Perseus wenig Glück. Bei den Streitigkeiten zwischen dem Masinissa und den Carthagern über einen Strich Landes giebt der Senat einen Schiedsrichter Von dem Schiedsrichter sagt uns Livius nichts. . An die verbündeten Staten und Könige werden Gesandte mit der Bitte geschickt, dem Bunde treu zu bleiben: denn die Rhodier wankten. Die Censoren begehen die Schlußfeier der Schatzung. Der geschatzten Bürger waren Auch diese Zahl ist vom Livius ganz anders angegeben. zweihundert siebenundfunfzig tausend zweihundert einunddreißig. Außerdem erzählt dies Buch das Glück der Römischen Waffen gegen die Corsen und Ligurier. 229 Zwei und vierzigstes Buch. 1. Als Lucius Postumius Albinus und Marcus Popillius Länas gleich zuerst wegen der Standplätze und Heere bei dem Senate anfragten, wurde ihnen beiden Ligurien bestimmt, so daß sie beide zur Behauptung dieser Provinz neue Legionen – jedem wurden zwei bestimmt, – jeder zehntausend Mann Latinische Bundestruppen nebst sechshundert Rittern ausheben sollten, und als Ergänzungstruppen für Spanien dreitausend Römer zu Fuß und zweihundert Ritter. Außerdem sollten tausend fünfhundert Römer zu Fuß und hundert Ritter ausgehoben werden; mit diesen sollte der Prätor, welchem das Los Sardinien bestimmen würde, zur Führung des Krieges nach Corsica übergehen, und unterdessen der bisherige Prätor Marcus Atilius Sardinien als seinen Posten behalten. Darauf loseten die Prätoren um ihre Plätze. Aulus Atilius Serranus bekam die Rechtspflege in der Stadt, Cajus Cluvius Saxula die über Bürger und Fremde, Numerius Fabius Buteo das diesseitige Spanien, Marcus Matienus das jenseitige, Marcus Furius Crassipes Sicilien, Cajus Cicerejus Sardinien. Ehe die Obrigkeiten abreiseten, beschloß der Senat, den Consul Lucius Postumius nach Campanien gehen zu lassen, um die Gränzen zwischen Stats- und Privatländereien zu bestimmen, weil man in Erfahrung gebracht hatte, daß die Privatpersonen durch allmälige Erweiterung ihrer Gränzen eine ansehnliche Strecke von jenen in Besitz genommen hatten. Postumius, voll Unwillen auf die Pränestiner , weil sie ihm noch als Privatmanne bei seiner Hinreise, um dort im Tempel der Fortuna zu opfern, weder von Seite der Stadt, noch im Einzelnen, irgend eine Ehre erwiesen hatten, schrieb vor 230 seiner Abreise von Rom nach Präneste, die Obrigkeiten sollten ihm entgegenkommen, ihm ein Absteigequartier auf gemeine Kosten in Stand setzen, und ihm die Gespanne, wenn er von dort wieder abreisete, bereit halten. Vor diesem Consul hatte niemand den Bundesgenossen jemals Last oder Kosten verursacht. Deswegen wurden die Obrigkeiten mit Maulthieren, Zelten und dem ganzen übrigen Feldgeräthe ausgestattet, damit sie den Bundesgenossen dergleichen nicht auflegen möchten. Sie fanden ihre Aufnahme bei Privatfreunden; erhielten sich diese durch Freigebigkeit und Gefälligkeit, und den Gastfreunden, bei welchen sie abzusteigen pflegten, standen wieder in Rom ihre Häuser offen. Gesandte, welche schleunig wohin geschickt wurden, ließen sich wohl von den Städten, wo ihre Reise durchging, ein Pferd stellen: weitere Unkosten hatten die Bundesgenossen von den Römischen Beamteten nicht. Das entweder zu bescheidene, oder zu furchtsame Stillschweigen der Pränestiner bei dieser Iniuria consulis]. – Drakenb. empfiehlt Schel's Verbesserung: In ira consulis, wobei das et vor silentium wegfällt. Dieser bin ich gefolgt. Unzufriedenheit des Consuls, die er, falls sie auch gerecht war, doch nicht im Amte auslassen mußte, gab den Obrigkeiten, gleich als auf ein gut geheißenes Beispiel, das Recht zu Forderungen dieser Art, welche von Tage zu Tage drückender wurden. 2. Im Anfange dieses Jahrs kamen die Gesandten, die man nach Ätolien und Macedonien geschickt hatte, mit der Anzeige zurück: «Sie hätten den König Perseus, weil ihn die Einen für abwesend, die Andern für krank ausgäben, obgleich beides unwahr sei, nicht sprechen können. Doch hätten sie leicht wahrgenommen, daß der Krieg im Werke sei und einen längeren Aufschub des Entgegentretens nicht gestatten werde. Auch in Ätolien entglimme der Aufruhr mit jedem Tage stärker, und ihre Verwendung habe die Anführer der Streitenden nicht zur Ruhe bringen können.» In der Erwartung des Macedonischen Krieges beschloß der Senat, ehe man diesen unternähme, die Schreckzeichen zu sühnen und durch die 231 aus den Büchern der Schicksale angegebenen Gebete um die Gnade der Götter nachzusuchen. Zn Lanuvium hatten sich – so hieß es – Erscheinungen einer großen Flotte am Himmel gezeigt; zu Privernum war schwarze Wolle aus der Erde gewachsen; bei Remens im Vejentischen ein Steinregen gefallen. Die ganze Pomtinische Gegend habe man wie mit Wolken von Heuschrecken bedeckt gefunden; und auf Gallischem Boden waren, so weit man gepflügt habe, unter den emporstehenden Schollen Fische hervorgekommen. Dieser Schreckzeichen wegen wurden die Bücher der Schicksale nachgeschlagen, und die Zehnherren gaben an, welchen Göttern und was für Thiere man opfern müsse, und daß zur Sühne der Schreckzeichen eine Betandacht zu halten sei: auch eine zweite, nämlich die im vorigen Jahre für die Genesung des Volks verheißene, solle begangen werden und ein Stillstand der Geschäfte sein. Und nach der schriftlichen Angabe der Zehnherren wurden die gottesdienstlichen Geschäfte ausgerichtet. 3. In diesem Jahre wurde der Tempel der Juno Lacinia abgedeckt. Quiritus Fulvius Flaccus nämlich, der Censor, ließ es sich eifrig angelegen sein, daß kein Tempel in Rom den der Ritterlichen Fortuna, welchen er in Spanien als Prätor im Celtiberischen Kriege gelobet hatte, an Majestät und Pracht übertreffen sollte. Weil er nun seinem Tempel eine große Zierde zu geben glaubte, wenn die Dachplatten von Marmor waren, so reisete er in das Bruttische und ließ den Tempel der Juno Lacinia zur Hälfte abdecken: so viel hielt er zur Bedachung dessen, den er bauete, für hinreichend. Auch waren Schiffe in Bereitschaft, die Platten einzunehmen und abzuführen, da das Ansehen eines Censors die Bundesgenossen abschreckte, diesem Tempelraube zu wehren. Als der Censor zurückkam, wurden die ausgeladenen Platten nach dem Tempel getragen. Verschwieg man gleich, wo sie her wären, so konnte es doch nicht verheimlicht werden. Da erhob sich dann auf dem Rathhause ein lautes Murren: von allen Seiten verlangte man, die Consuln sollten die Sache vor den Senat bringen. Als aber der geforderte Censor in 232 dem Rathssale erschien, sagten sie einzeln und insgesamt mit weit größerer Erbitterung die härtesten Dinge ihm ins Gesicht: «Es sei ihm nicht genug gewesen, den ehrwürdigsten Tempel in jener ganzen Gegend, den kein Pyrrhus, kein Hannibal, entweihet habe, zu entweihen, wenn er ihn nicht auch so jämmerlich abdecke und so gut als zerstöre. Er habe den Giebel vom Tempel herabgerissen; das entblößte Dach stehe jedem Platzregen offen, um zu verfaulen. Ein Censor, zur Leitung der Sittenzucht gewählt, nach alter Sitte damit beauftragt, die Gebäude zum öffentlichen Gottesdienste in Dach und Fach zu erhalten, und die Stätte desselben in Schutz zu nehmen; gerade der durchstreife die Städte der Bundesgenossen, um die Tempel zu zertrümmern, und die heiligen Häuser ihrer Dächer zu entblößen: und was schon als empörend betrachtet werden könne, wenn er es an den Privathäusern der Bundsgenossen ausübte, das erlaube er sich als Zerstörer an den Tempeln der unsterblichen Götter: das Römische Volk mache er vor den Göttern verantwortlich, indem er Tempel aus Tempeltrümmern aufbaue; gleich als ob die unsterblichen Götter nicht allenthalben dieselben wären, und man den Einen durch Plünderung des Andern verehren und verherrlichen müsse.» Da sich schon, ehe die Sache zum Vortrage kam, die Stimmung der Väter deutlich ersehen ließ, so gingen auch nach geschehenem Antrage Alle zu der Erklärung über, man müsse die Zurücklieferung der Platten nach dem Tempel in Fracht geben und der Juno Sühnopfer bringen lassen. Was die Religion betraf, das Alles wurde sorgfältig ausgerichtet: die Platten aber – diese Nachricht brachten die Frachtleute mit zurück – blieben auf dem Tempelplatze liegen, weil kein Werkmeister ein Mittel habe ausfindig machen können, sie wieder aufzulegen. 4. Einer von den Prätoren, welche auf ihre Standplätze abgegangen waren, Numerius Fabius, starb zu Massilien auf seiner Fahrt nach dem diesseitigen Spanien. Als diese Nachricht durch Massilische Gesandte 233 gemeldet wurde, verordnete der Senat, Publius Furius und Cneus Servilius, für deren Plätze Nachfolger bestimmt waren, sollten unter sich darum losen, wer von ihnen beiden das diesseitige Spanien mit Verlängerung seines Oberbefehls verwalten sollte. Das Los entschied, passend genug, eben der Publius Furius, der diese Provinz gehabt hatte, sollte bleiben. Auch wurde in diesem Jahre, weil von dem im Kriege eroberten Ligurischen und Gallischen Acker eine ansehnliche Strecke ohne Herrn war, der Senatsschluß ausgefertigt, daß diese Länderei nach Köpfen vertheilt werden sollte. Die hierzu nöthigen Zehnmänner wählte nach einem Senatsschlusse Aulus Atilius, der Stadtprätor; nämlich den Marcus Ämilius Lepidus, Cajus Cassius, Titus Äbutius Carus, Cajus Tremellius, Publius Cornelius Cethegus , Quintus und Lucius beide Appulejer, Marcus Cäcilius, Cajus Salonius, Cajus Munatius. Sie theilten jedem Pflanzer zehn Morgen zu und jedem von Latinischer Abkunft drei. Um dieselbe Zeit, als dieses vorgenommen wurde, kamen wegen der in Ätolien herrschenden Zwietracht und Empörung Gesandte nach Rom; auch zeigten Thessalische Gesandte an, was in Macedonien vorgehe. 5. Perseus, voll Nachdenken über den schon bei seines Vaters Lebzeiten entworfenen Krieg, suchte allenthalben durch abgefertigte Gesandschaften nicht bloß die Völker Griechenlands, sondern auch die Städte zu gewinnen, ob er gleich mehr versprach, als leistete. Dennoch war ein großer Theil sehr geneigt, ihn zu begünstigen, und hielt weit mehr von ihm, als von dem Eumenes, obgleich dem Eumenes alle Griechischen Städte und die meisten Großen für seine Wohlthaten und Geschenke verpflichtet waren, und er auf seinem Throne sich so betrug, daß die Städte unter seiner Hoheit mit der Lage irgend eines Freistats nicht hätten tauschen mögen. Vom Perseus hingegen sagte das Gerücht, er habe seine Gemahlinn nach seines Vaters Tode mit eigner Hand umgebracht; habe das ehemalige Werkzeug zur heimlichen Ermordung seines Bruders, den Apelles , der sich geflüchtet hatte, weil ihn 234 Philipp zur Hinrichtung für dies Verbrechen aufsuchen ließ, nach seines Vaters Tode unter großen Versprechungen, ihn für ein so wichtiges Verdienst zu belohnen, zu sich gelockt, und heimlich tödten lassen. Ja ihn, der sich außerdem durch so manchen an Unterthanen und Ausländern verübten Mord berüchtigt gemacht hatte, ohne sich durch irgend ein Verdienst zu empfehlen, zogen die Städte durchgängig einem Könige vor, der gegen die Seinigen so liebevoll, gegen seine Unterthanen so gerecht, gegen jedermann so freigebig war; mochte sie nun entweder das Vorurtheil für den Ruhm und die Majestät Macedonischer Könige zur Verachtung eines aufkommenden neuen Reiches gestimmt haben; oder sehnten sie sich nach einer Umwälzung der Dinge; oder wünschten sie sich in jenem eine Vormauer gegen Rom. Nicht aber die Ätoler allein waren in Aufruhr, und zwar wegen drückender Schuldenlast, sondern auch die Thessalier, und wie eine Seuche hatte sich das Übel durch diese Ansteckung auch bis in Perrhäbien verbreitet. Auf die Nachricht, daß die Thessalier in den Waffen ständen, schickte der Senat den Appius Claudius als Gesandten hin zur Ansicht und Beilegung der Sache. Den Häuptern beider Parteien verwies er ihr Benehmen, und weil die Geldschulden bei übertriebenen Zinsen zu drückend geworden waren, so erleichterte er diese, großentheils durch die Nachgiebigkeit der Bedrücker, und vertheilte die Abtragung des eigentlichen Anlehens auf Zahlungen in * * Jahren. Auch in Perrhäbien stellte Appius, und zwar durch dasselbe Mittel, die Ordnung wieder her. Zu gleicher Zeit untersuchte zu Delphi Marcellus Delphis]. – Die Absendung dieses Marcellus nach Griechenland, so wie die ( Cap. 6. am Ende erwähnte) der Gesandten nach Syrien hatte Livius vermuthlich im 41sten Buche gegen das Ende erzählt, wo wir jetzt die Lücken haben. Duker. Marcellus die Streitigkeiten der Ätoler: sie hatten diese mit feindlicher Erbitterung betrieben, welcher quas intestino gesserant bello]. – Ich folge der mir höchst wahrscheinlichen Verbesserung des Herrn Ruperti, der nicht quas, sondern quos lesen will. sie sich während des innerlichen Krieges 235 überlassen hatten. Da er sah, daß sie auf beiden Seiten in Unbesonnenheit und Frechheit mit einander gewetteifert hatten, so wollte er durch seine Entscheidung keinen von beiden Theilen so wenig heben, als niederdrücken; nur bat er beide zugleich, vom Kriege abzulassen und durch Vergessenheit des Vergangenen ihre Zwiste zu endigen. Und die Unverbrüchlichkeit dieser ihrer Aussöhnung sicherten sie einander durch gegenseitig gestellte Geisel. Sie kamen zu Corinth zusammen, um hier die Geisel in Verwahrung zu geben. 6. Von Delphi und der Ätolischen Versammlung setzte Marcellus in den Peloponnes nach * * über, wohin er die Achäer zu einer Zusammenkunft beschieden hatte. Hier gab er durch ehrenvolle Erwähnung dessen, daß die Nation ihrer alten Verordnung, Macedoniens Königen keinen Zutritt in ihr Gebiet zu gestatten, so standhaft treu geblieben sei, den Haß der Römer gegen Perseus deutlich zu erkennen; und daß dieser noch früher zum Ausbruche kam, wurde dadurch veranlasset, daß König Eumenes in Rom eintraf und eine schriftliche Übersicht mitbrachte, die er sich bei seinen vollständigen Erkundigungen nach des Perseus Vorkehrungen zum Kriege gemacht hatte. An diesen gingen zu gleicher Zeit fünf Gesandte ab, um sich über den Zustand der Sachen in Macedonien zu unterrichten. Auch hatten sie den Auftrag, nach Alexandrien zum Ptolemäus zu gehen, und die Freundschaft mit ihm zu erneuern. Diese Gesandten waren Cajus Valerius, Cneus Lutatius Cerco, Quintus Bäbius Sulca, Marcus Cornelius Mammula, Marcus Cäcilius Denter. Um diese Zeit kamen auch Gesandte vom Könige Antiochus. Ihr Haupt, Apollonius, entschuldigte den König mit vielen und gültigen Gründen, «daß er die schuldige Zahlung später leiste, als bestimmt sei. Er habe die ganze Summe mitgebracht, so daß sein König nur in Ansehung der Zeit einer Nachsicht bedürfe. Außerdem bringe er an goldenen Gefäßen fünfhundert Pfund Ein Geschenk von etwa 156,200 Gulden Conv. M. zum Geschenke. Der König bitte um 236 Erneurung des Bündnisses und der Freundschaft, die mit seinem Vater bestanden habe. Auch möge das Römische Volk ihm zumuthen, was sich einem redlichen und treuen Bundsgenossen als Könige zumuthen lasse: er werde in keinem Stücke mit seiner Dienstwilligkeit nachbleiben. Der Senat habe sich um ihn bei seinem Aufenthalte in Rom so verdient gemacht, und die jungen Männer ihm so viel Artigkeit bewiesen, daß er bei allen Ständen als Prinz, nicht als Geisel, gegolten habe.» Die Gesandten erhielten eine gütige Antwort, und der Stadtprätor Aulus Atilius den Auftrag, mit dem Antiochus das Bündniß, das man mit dessen Vater gehabt habe, zu erneuern. Die Schatzmeister der Stadt nahmen die Zahlung in Empfang, die Censorn die goldenen Gefäße, und diesen wurde es zum Geschäfte gemacht, sie in den Tempeln aufzustellen, die sie selbst dazu wählen würden. Dem Gesandten ließ man ein Geschenk von hunderttausend Etwa 3124 Gulden. Ass zustellen, gab ihm in einem freien Hause Quartier und setzte ihm freie Zehrung aus, so lange er in Italien sein würde. Denn die in Syrien gewesenen Gesandten versicherten, der Mann stehe bei dem Könige im höchsten Ansehen und sei ein warmer Freund der Römer . 7. Auf den Standplätzen der Heere geschah in diesem Jahre Folgendes. Der Prätor Cajus Cicerejus lieferte in Corsica eine förmliche Schlacht. Siebentausend Corsen fielen, über tausend siebenhundert wurden Gefangene. In dieser Schlacht hatte der Prätor der Juno Moneta einen Tempel zugesagt. Dann wurde den Corsen der erbetene Friede bewilligt, und zweimal hunderttausend Pfund Wachs von ihnen eingetrieben. Aus dem bezwungenen Corsica segelte Cicerejus nach Sardinien über. Auch in Ligurien kam es auf dem Gebiete der Statiellaten bei der Stadt Carystus zu einer Schlacht. Ein großes Heer Ligurier hatte sich hineingezogen. Und anfangs hielten sie sich bei der Ankunft des Consuls Marcus Popillius 237 hinter den Mauern. Nachher aber, als sie sahen, daß die Römer die Stadt angreifen wollten, rückten sie aus den Thoren und stellten ihre Linie auf: und der Consul – dies hatte er ja durch den gedroheten Sturm erreichen wollen – weigerte sich des Treffens nicht. Über drei Stunden focht man so, daß sich die Hoffnung auf keine von beiden Seiten neigte. Als der Consul bemerkte, daß die Ligurischen Truppen auf keinem Punkte wankten, hieß er die Ritter aufsitzen und so lärmend als möglich von drei Seiten zugleich auf die Feinde einhauen. Der größte Theil der Ritter brach mitten durch die Linie, und drang bis in den Rücken der Fechtenden. Da geriethen die Ligurier in Schrecken. Nach allen Seiten aus einander sprengend nahmen sie die Flucht; nur sehr wenige nach der Stadt, weil sich von dorther hauptsächlich die Reuterei ihnen entgegenwarf. Nicht bloß dieser so hartnäckige Kampf hatte viele Ligurier weggerafft, sondern sie wurden auch auf der Flucht allenthalben niedergehauen. Zehntausend Menschen sollen getödtet, über siebenhundert Versprengte zu Gefangenen gemacht, und zweiundachtzig Fahnen eingebracht sein. Aber der Sieg hatte auch Blut gekostet. Der Verlust belief sich über dreitausend, weil auf beiden Theilen, als keiner weichen wollte, die Vorderreihen fielen. 8. Als nach dieser Schlacht die Ligurier von den entgegengesetzten Seiten ihrer Flucht sich wieder zusammenfanden und sahen, daß sie weit mehr Bürger verloren, als noch übrig hatten; – denn es waren ihrer nicht mehr als zehntausend: – so ergaben sie sich, ohne weitere Bedingungen zu machen. Doch hatten sie gehofft, der Consul werde gegen sie nicht härter verfahren, als die früheren Feldherren. Er aber entwaffnete sie sämtlich, zerstörte ihnen die Stadt, und die Menschen selbst samt ihrem Eigenthume verkaufte er. Und nun meldete er dem Senate seine Thaten schriftlich. Als der Prätor Aulus Atilius den Brief im Senate vorgelesen hatte – denn der andre Consul Postumius war wegen seiner Beschäftigung mit den in Campanien zu besichtigenden Grundstücken 238 abwesend;. – fand der Senat dies Benehmen abscheulich. «Die Statiellaten, die einzigen in der ganzen Ligurischen Nation, welche nicht gegen Rom die Waffen getragen, die auch jetzt von ihrer Seite keinen Krieg angefangen hätten, habe der Consul bekriegt: nachdem sie sich in den Schutz des Römischen Stats gegeben hätten, habe er sie durch jede Ausübung der äußersten Grausamkeit gemishandelt und vertilgt: so viele Tausende unschuldiger Menschen, die das Römische Volk um Schutz angeflehet hätten, habe er verkauft, zum abschreckenden Beispiele für jeden, der etwa künftig es wagen wollte, sich zu ergeben: als die Verschleppten steckten sie jetzt allenthalben bei ehemals erklärten, jetzt Romani pacatis]. – Sollte nicht vor dem Worte pacatis das Wörtchen vix ausgefallen sein? Theils würde dies den Gegensatz verstärken; theils wird es auch, wenn den Consul sie in jener Gegend verkaufte, wahrscheinlich, daß mancher von ihnen als Sklave nach Gallien, Istrien, Corsica gebracht wurde, mit welchen Völkern Rom damals eben Krieg geführt hatte, oder noch führte. Wenn das x in vix verblichen war, so las der Abschreiber die Worte p. rui für populi Romani. Auch glaube ich, daß im folgenden Cap. §. 2. zu lesen sei: ad aedem Bellonae evo cato. beruhigten, Feinden Roms in der Sklaverei. Deswegen beschließe der Senat, der Consul Marcus Popillius solle die Ligurier für ihre Personen, nach Zurückgabe des Kaufpreises an die Käufer, wieder in Freiheit setzen, und dahin sehen, daß ihnen ihr Eigenthum, so viel sich dessen wieder herbeischaffen lasse, zurückgegeben werde: die Nation könne sich, sobald sie wolle, Waffen wiedermachen; und der Consul solle, wenn er die Ligurier, als ein Volk, das sich ergeben habe, wieder in ihre Heimat eingesetzt hätte, von seinem Posten dort abgehen. Besiegung der Angreifenden, nicht Mishandlung der Gebeugten, gebe dem Siege seinen Ruhm.» 9. Hatte der Consul mit Starrsinn gegen die Ligurier gehandelt, so bewies er ihn auch jetzt durch Ungehorsam gegen den Senat. Er ließ sogleich die Legionen nach Pisä in die Winterquartiere gehen und kam voll Zorn auf die Väter, voll Grimm gegen den Prätor, nach Rom zurück, berief sogleich den Senat heraus in den Tempel der 239 Bellona und überhäufte den Prätor mit Vorwürfen, «daß er, statt seiner Schuldigkeit gemäß bei dem Senate darauf anzutragen, für den glücklichen Erfolg im Kriege den unsterblichen Göttern den Ehrendank darzubringen, den Feinden zum Vortheile einen Senatsschluß gegen ihn veranlasset habe, wodurch er die Früchte seines Sieges den Liguriern zuwende und sich als Prätor fast zu dem Befehle erdreiste, den Consul ihnen auszuliefern. Deswegen bestimme er ihm eine Geldstrafe, und verlange von den Vätern den Befehl, daß der gegen ihn ausgefertigte Senatsschluß aufzuheben sei; ferner, daß sie das Dankfest, welches sie ohne ihn, auf die über sein Glück ihnen gemachte Eröffnung, hatten verordnen müssen, jetzt in seinem Beisein, Einmal zur Ehre der Götter, und zweitens doch auch wohl endlich mit einiger Rücksicht auf ihn, verordnen möchten.» Nun griffen ihn mehrere Senatoren in Reden an, die ihn jetzt eben so wenig schonten, als da er noch abwesend war; und ohne von seinen beiden Forderungen auch nur eine erhalten zu haben, ging er in die Provinz zurück. Der andre Consul, Postumius, der den Sommer mit Ackerbesichtigungen zugebracht hatte, kam zur Haltung des Wahltages, ohne seinen Kriegsplatz gesehen zu haben, zurück nach Rom. Unter seinem Vorsitze wurden Cajus Popillius Länus und Publius Älius Ligus zu Consuln gewählt. Darauf wählte man die Prätoren Cajus Licinius Crassus, Marcus Junius Pennus,, Spurius Lucretius, Spurius Cluvius, Cajus Sicinius und zum zweitenmale den Cajus Memmius . 10. In diesem Jahre wurde der Schatzungsschluß begangen. Die Censorn waren Quintus Fulvius Flaccus, Aulus Postumius Albinus. Die Schlußfeier hatte Postumius. Geschatzt wurden zweihundert neunundachtzigtausend und funfzehn Römische Bürger. Die Zahl war diesmal bei weitem kleiner, weil der Consul Lucius Postumius in der Volksversammlung bekannt gemacht hatte, daß von den Latinischen Bundsgenossen, welche auf die vom Consul Cajus Claudius geschehene Anzeige in ihre 240 Städte hätten zurückgehen müssen, keiner in Rom, sondern Alle in ihren Städten geschatzt werden sollten. Die Censorn führten ihr Amt mit Eintracht und mit Rücksicht auf das Beste des Ganzen. Sie machten jeden, den sie aus dem Senate ausschlossen und alle, denen sie das Pferd nahmen, zu Steuersassen und stießen sie aus dem Bezirke: und nie fand der Eine den bewährt, den der Andre misbilligend bezeichnete. Den Tempel der Ritterlichen Fortuna, welchen Fulvius als consularischer Stellvertreter in Spanien in der Schlacht mit den Legionen der Celtiberer verheißen hatte, weihete er sechs Jahre nach jenem Gelübde, und gab vier Tage lang Bühnenspiele, und Einen Tag Spiele in der Rennbahn. Lucius Cornelius Lentulus, Zehnherr des Gottesdienstes, starb in diesem Jahre. An seine Stelle kam Aulus Postumius Albinus. Der Wind führte vom Meere her plötzlich so große Wolken von Heuschrecken auf Apulien herüber, daß sie mit ihren Schwärmen die Äcker weit bedeckten. Diese Pest der Feldfrüchte zu vertilgen, wurde der für das folgende Jahr erwählte Prätor Cneus Sicinius mit Feldherrnvollmacht nach Apulien geschickt und brachte eine geraume Zeit damit zu, von einer großen Menge Menschen, die er dazu aufbot, die Heuschrecken ablesen zu lassen. Das folgende Jahr, in welchem Cajus Popillius und Publius Älius Consuln waren, fand bei seinem Anfange noch die Streitigkeiten vom verwichenen Jahre vor. Die Väter verlangten, es solle wegen der Ligurier ein Vortrag gethan und der Senatsschluß erneuert werden. Auch that der Consul Älius den Vortrag. Popillius aber machte für seinen Bruder sowohl bei seinem Amtsgenossen, als bei dem Senate Gegenvorstellungen, und schreckte seinen Amtsgenossen durch die Erklärung ab, er werde gegen einen Beschluß, falls man diesen abfassen wolle, Einsage thun. Die Väter um so mehr, und zugleich auf beide Consuln zürnend, beharreten auf ihrem Vorsatze. Wie man also auf die Bestimmung der Standplätze kam und die Consuln, bei dem drohenden Kriege mit Perseus sich 241 Macedonien wünschten, so wurde ihnen beiden Ligurien zuerkannt. Die Väter erklärten, sie würden über Macedonien sich nur dann bestimmen, wenn die Sache des Marcus Popillius zum Vortrage gebracht würde. Auch schlugen sie den Consuln die Forderungen, neue Heere werben oder für die alten Ergänzungstruppen ausheben zu dürfen, beide ab. Auch den Prätoren wurde die Bitte um Ergänzungstruppen für Spanien, dem Marcus Junius für das diesseitige, dem Spurius Lucretius für das jenseitige, abgeschlagen. Cajus Licinius Crassus hatte durch das Los die Rechtspflege in der Stadt bekommen, Cneus Sicinius die über die Fremden, Cajus Memmius Sicilien, Spurius Cluvius Sardinien. Die Consuln, hierüber mit dem Senate zürnend, setzten die Latinische Feier auf den ersten besten Tag und erklärten, sie würden auf ihren Standposten abgehen, und sich um Statssachen nicht weiter bekümmern, außer was etwa zu den Verrichtungen auf ihrem Kriegsposten gehöre. 11. In ihrem Consulate kam, nach Angabe des Valerius von Antium, Attalus, des Königs Eumenes Bruder, als Gesandter nach Rom, Beschuldigungen gegen den Perseus an den Senat zu bringen und von dessen Rüstungen Anzeige zu machen. Die Jahrbücher Mehrerer und zwar Solcher, denen man lieber glauben möchte, sagen: Eumenes selbst sei gekommen. Nach einer so ehrenvollen Aufnahme, als die Römer sie nicht allein seinen Verdiensten, sondern auch ihren, ihm erwiesenen Wohlthaten schuldig zu sein glaubten – und sie hatten ihn ja mit sehr bedeutenden überhäuft – wurde er vor den Senat geführt. «Zu der Reise nach Rom,» sagte er, «habe ihn theils die Sehnsucht vermocht, die Götter und die Menschen zu sehen, durch deren Wohlthat er jetzt in einer Lage sei, welche zu verbessern selbst seine Wünsche sich nicht erkühnten; theils die Absicht, in eigner Person den Senat aufzufordern, den Unternehmungen des Perseus zu begegnen.» Dann ging er auf Philipps Entwürfe zurück, schob die Schuld von der Hinrichtung des Demetrius auf dessen Abneigung gegen den Krieg mit Rom, und erzählte, 242 wie Philipp die Bastarnen aus ihrer Heimat gelockt habe, um von ihnen unterstützt nach Italien herüber zu dringen. «Bei diesen Überlegungen von seinem Ende überrascht, habe er sein Reich in den Händen dessen gelassen, bei dem er die größte Erbitterung gegen die Römer gefunden habe. Für den Perseus also sei der vom Vater als Erbstück hinterlassene und zugleich mit der Regierung ihm übertragene Krieg, gleichsam iamiam primum]. – Ich übersetze Gronovs tamquam primum. sein Hauptgeschäft, das er zum Gegenstande aller seiner Anschläge und zu seiner Lieblingssorge mache. Außerdem habe er Überfluß an Mannschaft, da ihm der lange Friede Zuwachs genug geliefert habe; Überfluß an Hülfsquellen seines Reichs, und die Blütezeit seiner Jahre. Bei völliger Munterkeit eines festen und kraftvollen Körpers sei ihm auch Muth durch die lange Belehrung und Übung im Kriege zur Natur geworden. Schon von Kindheit an mit dem Vater in Einem Zelte, sei er sogar an Kriege gegen Römer, nicht bloß gegen die Nachbarn, gewöhnt und zu vielen und verschiedenartigen Unternehmungen vom Vater ausgesandt. Ja seit der eignen Übernahme des Reichs habe er Manches, was Philipp mit allen Versuchen durch Gewalt und durch List nicht habe bewirken können, mit bewundernswürdigem Glücke erreicht. Und seine Macht werde noch durch ein Ansehen erhöhet, das sonst nur durch die Länge der Zeit, durch viele und große Verdienste erzeugt werde.» 12. «Denn in allen Städten Griechenlands und Asiens verehre jedermann in ihm die Majestät. Er sehe nicht ein, für welche Verdienste, für welche Beweise der Freigebigkeit ihm so viel eingeräumt werde, und könne auch nicht für gewiß behaupten, ob ihm das durch ein besonderes Glück zufalle, oder, was er zu sagen sich scheue, ob eine Unzufriedenheit mit den Römern ihm diese Zuneigung erwerbe. Selbst bei den Königen gelte er erstaunlich viel. Er habe des Seleucus Tochter zur Gemahlinn genommen, nicht als der Werbende, sondern als 243 der von jener Seite Gesuchte. Auf Bitten und Flehen habe er an den Prusias eine Schwester gegeben. Beide Beilager seien unter Glückwünschungen und Geschenken unzähliger Gesandschaften gefeiert, und die jungen Pare gleichsam unter der segnenden Zustimmung der angesehensten Völker zusammengegeben. Die Böotische Nation, um die sich Philipp so viele Mühe gegeben, habe doch nie von ihm zur Abfassung eines freundschaftlichen Vertrages bewogen werden können: mit Perseus stehe schon an drei Orten ein Bündniß eingegraben; einmal zu Theben; dann zu Delus in dem heiligsten und besuchtesten Tempel; drittens zu Delphi. Noch mehr; auf der Achäischen Statenversammlung sei die Sache so weit gediehen, daß ihm Ut aditus et in Achaiam]. – Im Deutschen ließ sich das ihm nicht gut weglassen, wenn es auch im Lateinischen nicht stand. Ich vermuthe aber, daß das et eigentlich ei heißen solle. Ut aditus ei (scil. Perseo) in Achaiam daretur. Drakenb. giebt in der Anm. zu 41, 14, 6., wo Gronov für et eben so ei zu lesen vorschlägt, die Menge Beispiele von Verwechselungen des EI mit ET, so wie des VI mit VT. der Zutritt in Achaja gestattet sei, hätten nicht noch Einige, durch ihre Drohung mit Rom, die Sache hintertrieben. Dagegen ständen, bei Gott! die ihm selbst geweiheten Ehrenmale – und es lasse sich doch kaum bestimmen, ob er (Eumenes,) sich bei den Achäern größere Verdienste um Einzelne, oder um die ganze Nation erworben habe – zum Theile verödet, weil man sie verfallen lasse und vernachlässige; zum Theile habe man sie feindselig wieder weggenommen. Und nun, die Ätoler? Wem es unbekannt sei, daß sich diese bei ihren aufrührischen Streitigkeiten nicht Hülfe von Rom, sondern von Perseus erbeten hätten? Allein so sehr er sich auf diese Bündnisse und Freundschaften stützen könne, habe er sich doch zu Hause so zum Kriege in Stand gesetzt, daß er der auswärtigen Hülfe gar nicht bedürfe: er habe dreißigtausend Mann zu Fuß, fünftausend zu Pferde: er schütte für zehn Jahre Korn auf, um mit Getreideholungen sowohl sein eignes, als des Feindes Land verschonen zu können. Schon habe er so viel Geld 244 beisammen, daß er auf eben so viele Jahre den Sold für zehntausend Mann Miethvölker, außer dem für die Macedonischen Truppen, liegen habe; die jährlichen Einkünfte nicht mitgerechnet, die er aus den königlichen Bergwerken ziehe. In die Zeughäuser habe er so viele Waffen zusammengeschafft, daß wohl drei solcher Heere daran genug hätten. Und Mannschaft – gesetzt, in Macedonien fange sie an zu fehlen – wie aus einem nie versiegenden Quelle zu schöpfen, liege ihm ja Thracien zur Seite.» 13. Der übrige Theil seiner Rede war mehr eine Aufforderung. «Dies Alles, fuhr er fort, erzähle ich euch, versammelte Väter, nicht als das Geschwätz unsicherer Gerüchte, vielleicht zu voreilig von mir geglaubt, weil ich den Beschuldigungen meines Feindes Wahrheit gönnete; sondern weil ich es völlig so in Erfahrung gebracht und ausgekundschaftet habe, als hättet ihr in mir euren Späher hingeschickt und ich berichtete nun, was meine Augen gesehen hätten. Auch würde ich nicht mit Hinterlassung meines Reichs, das euch seine Erweiterung und Auszeichnung verdankt, über ein weites Meer gegangen sein, um mich als Zuträger von Unwahrheiten bei euch um allen Glauben zu bringen. Nein; ich sah, daß die angesehensten Städte Asiens und Griechenlands, die immer mehr mit jedem Tage ihre Gesinnungen bloßgaben, nächstens bis zu einem Punkte vorschreiten würden, auf welchem ihnen eine Sinnesänderung nicht mehr möglich sein würde. Ich sah, wie Perseus, statt sich auf das Reich von Macedonien zu beschränken, dort Besitzungen durch die Waffen erwarb, dort, wo gewaltsame Unterjochung nicht Statt fand, Alles durch Liebe und Wohlwollen an sich schloß. Ich sah, wie ungleich das Verhältniß war, insofern er den Krieg gegen euch ille vobis bellum]. – Das von Gronov vorgeschlagene, von Crevier in den Text genommene, von Drakenb. gebilligte pararet schien mir hier durchaus nöthig. bereitete, ihr ihm sicheren Frieden leistetet; wiewohl er – wie es mir schien – den Krieg nicht erst bereitete, 245 sondern beinahe schon führte. Euren Bundsgenossen und Freund Abrupolis Abrupolim]. – Abrupolis, König der Sapäer oder Sapenser in Thracien. Vermuthlich hat Livius von ihm, von dem Artetarus und den übrigen im 41sten Buche in den Capiteln schon geredet, die für uns verloren gegangen sind. Wenigstens sagt die Epitome von jenem Buche: Initia belli Macedonici continet. Crev. hat er aus seinem Reiche vertrieben. Den Illyrier, Artetarus, ebenfalls euren Bundesgenossen und Freund, hat er gemordet, weil er erfuhr, er habe euch dies und jenes geschrieben. Die Thebaner, Euerces und Callicritus, die Ersten des Stats, die auf dem Böotischen Landtage freier gegen ihn geredet und sich hatten verlauten lassen, sie würden euch diese Verhandlungen mittheilen, ließ er aus dem Wege räumen. Dem Vertrage zuwider leistete er den Byzantinern Hülfe, und bekriegte Dolopien. Thessalien und Doris durchzog er mit seinem Heere, um bei dem innerlichen Kriege durch Unterstützung der schlechteren Partei die bessere zu schwächen. In Thessalien und Perrhäbien setzte er dadurch, daß er die Armen neue Schuldbücher hoffen ließ, Alles in Verwirrung und Gährung, um durch den Schwarm der ihm verpflichteten Schuldner die höhere Classe zu unterdrücken. Da er dies gethan hat, indeß ihr ruhig bliebt und es geschehen ließet; da er sieht, daß ihr ihm Griechenland überlassen habt; so glaubt er auch gewiß, keinen Bewaffneten in seinem Wege zu finden, bis er nach Italien herübergekommen ist. Wie rathsam, wie ehrenvoll dies für euch sei, ist die Sache eurer eignen Überlegung: ich wenigstens hielt es mir für schimpflich, wenn Perseus zur Eröffnung des Krieges früher nach Italien käme, als ich, euer Bundsgenoß, mit der Warnung, auf eurer Hut zu sein. Da ich so meine schuldige Pflicht erfüllet, mein Gewissen befreiet und entledigt habe, was bleibt mir jetzt noch übrig, als alle Götter und Göttinnen anzuflehen, daß sie euch für euer eigenes und eures States Bestes, so wie für uns, eure Bundsgenossen und Freunde, die wir mit euch stehen und fallen, Sorge tragen lassen.» 246 14. Diese Rede machte Eindruck auf den Senat. Übrigens konnte für jetzt niemand etwas weiter erfahren, als daß der König in der Rathsversammlung gewesen sei: so sicher war damals das Rathhaus unter dem Schlosse der Verschwiegenheit. Was der König gesagt, und was man ihm geantwortet habe, wurde erst nach geendigtem Kriege bekannt. Einige Tage nachher wurden nun auch die Gesandten des Königs Perseus vorgelassen. Allein weil König Eumenes schon jedes Ohr und jedes Herz gewonnen hatte, so fanden die Gesandten mit ihren Rechtfertigungen und Entschuldigungen keinen Eingang: ja der Trotz des Harpalus, des Hauptes der Gesandschaft, erbitterte die Gemüther. Er sagte: «Es sei der Wunsch und das Bestreben seines Königs, daß man seiner Rechtfertigung, sich in Wort und That keine Feindseligkeit erlaubt zu haben, Glauben beimessen möge: wenn er aber sehe, daß man so hartnäckig einen Vorwand zum Kriege aufsuche, so werde er sich muthig vertheidigen. Auf Glück des Krieges hätten beide Theile Anspruch und sein Erfolg sei ungewiß.» Den sämtlichen Städten Griechenlands und Asiens war es nicht gleichgültig, was des Perseus Gesandte, was Eumenes im Senate gesagt haben möchten; und in Hinsicht auf die Herreise des Königs, die ihrer Meinung nach nicht ohne Folgen sein konnte, hatten die meisten unter der scheinbaren Angabe einer andern Absicht ihre Gesandten geschickt. Auch war eine Gesandschaft der Rhodier angekommen; und Satyrus, das Haupt derselben, glaubte sicher, Eumenes werde auch den Stat von Rhodus in die Beschuldigungen gegen den Perseus eingeflochten haben. Deswegen bewarb er sich auf alle Weise durch Gönner und Gastfreunde um die Erlaubniß, sich vor dem Senate mit dem Könige einlassen zu dürfen. Als er sie erhalten hatte, machte er als Freibürger mit zu wenig Schonung dem Könige den Vorwurf, daß er die Lycier gegen die Rhodier aufgewiegelt habe, und Asien unter härterem Drucke halte, als vorhin Antiochus; und hielt eine Rede so ganz im Volkstone und zur Behaglichkeit für Asiens Völkerschaften – denn auch bis zu ihnen 247 erstreckte sich schon die Theilnahme für den Perseus –, allein zum Misbehagen des Senats und zu seinem eignen und seines States Nachtheile. Dem Eumenes hingegen erwarb dies Zusammenhalten gegen ihn das Wohlwollen der Römer. Folglich erwiesen sie ihm alle mögliche Ehre und machten ihm die ansehnlichsten Geschenke, auch mit einem Thronsessel und elfenbeinernen Stabe. 15. Als die Gesandschaften entlassen waren, und Harpalus, der mit möglichster Schnelligkeit nach Macedonien zurückging, dem Könige meldete, er habe die Römer zwar noch nicht unter Kriegsrüstungen, aber doch in einer solchen Erbitterung verlassen, daß aus Allem hervorgehe, sie würden den Krieg nicht aufschieben; so wünschte jetzt der König, der sich dessen schon versehen hatte, ebenfalls den Krieg, weil er sich jetzt in seiner vollen Stärke zu fühlen glaubte. Vorzüglich war er auf den Eumenes erbittert. Um den Krieg mit des Eumenes Blute zu eröffnen, stellte er den Cretenser Evander, den Befehlshaber der Hülfstruppen, zur Ermordung des Königs an und noch drei andre Macedonier, die der Handreichung bei Thaten dieser Art schon gewohnt waren. Er gab ihnen einen Brief mit, an seine Gastfreundinn Praxo, die zu Delphi durch Ansehen und Einfluß den ersten Rang hatte. Denn es war zuverlässig, daß Eumenes, dem Apollo zu opfern, nach Delphi hinaufgehen werde. Die Meuchelmörder, die mit dem Evander ausgingen, fanden zur Ausführung ihres Vorhabens nur eine vortheilhafte Stellung nöthig, nach welcher sie allenthalben umhersuchten. Wenn man von Cirrha aus zum Tempel hinanging, so stand, ehe man in die mit Häusern besetzte Gegend kam, eine von ihrer Grundlage ziemlich hoch emporragende Wand, dem Fußsteige, auf dem man einzeln vorübergehen mußte, zur Linken: die rechte Seite des Pfades war durch einen Erdfall zu einer bedeutenden Tiefe eingestürzt. Hinter dieser Wand, zu welcher sie sich Stufen hinanlegten, versteckten sie sich, um von da, wie von einer Festungsmauer, auf den vorübergehenden König herabzuschießen. Vom Meere her zogen anfangs die Räthe und Trabanten als ein den 248 König umschließender Haufe: allmälig aber machte der enge Weg den Zug schmaler. Wie sie an die Stelle kamen, wo sie einzeln gehen mußten, ging Pantaleon, ein vornehmer Ätoler, mit dem der König in Unterredung war, auf den Pfad voran. Jetzt treten die Meuchelmörder auf und wälzen zwei ungeheure Steine herab, wovon der eine den Kopf des Königs traf, der andre die Schulter ex semita proclivi in declive multis]. – Die Vorschläge, die von den Kritikern gethan sind, dieser Stelle zu helfen, zeugen von ihrer Entstellung. Am wenigsten ist diesmal Duker, von dem man fast immer sagen möchte: Acu tetigisti! der Glückliche gewesen, wenn er durch Wegwerfung des et (vor ceteri) die Worte so verbinden will: saxis congestis, ceteri diffugiunt. Dies ist ganz gegen des Livius Manier, und ich glaube, gegen die Manier jedes ächten Lateiners, daß in der Verbindung: saxis congestis diffugiunt – die Worte saxis congestis auf die Mörder, und diffugiunt auf die Begleiter des Königs gehen sollen. Jeder von uns würde ja in dieser Wortstellung, saxis congestis diffugiunt, denken müssen, die Freunde des Königs hätten ihn mit Steinen bedeckt. Ich vermuthe, daß das Wort declive durch seine Ähnlichkeit mit einem Weggefallenen die Veranlassung gab, daß einige Worte dazwischen ausfielen, und glaube, die Stelle etwa so ergänzen zu müssen: altero caput ictum est regi, altero humerus. Sopitus (scil. rex) ex semita proclivi in declive labitur: percussores occisum rentur, utique multis super prolapsum iam saxis congestis. Die erste Verunglimpfung litt diese Stelle meines Erachtens dadurch, daß ein Abschreiber das Neutrum ictum (bei caput) nicht auch auf humerus zog, sondern an dieses Masculinum das andere, sopitus, anschließen zu müssen glaubte. Wozu aber das Wort sopitus bei humerus, da es im folgenden Cap. von dem ganzen Könige heißt: tollentes sopitum vulnere? und war er denn hier etwa bloß humero sopitus, nicht auch capite? Die Weglassung der wenigen Zwischenworte wurde durch die Ähnlichkeit veranlasset, welche liue (in decliue) mit tique (in utique) hatte, vollends wenn der Querstrich des t erloschen war. Daß aber Livius hier von der Vermuthung der Mörder, der König sei getödtet, geredet haben müsse, beweiset das folgende et amicorum etiam et satellitum ceteri quidem, postquam cadentem viderunt, diffugiunt. Die Mörder hielten ihn für todt, und auch von seinen Freunden und Garden, als sie ihn fallen sahen, flohen die Übrigen, nämlich, weil sie ebenfalls ihn für todt hielten, außer Pantaleon. Vielleicht spräche auch das für die einstweilige Annahme meines Vorschlages, daß alsdann die praesentia historica: devolvunt – labitur – rentur – diffugiunt in ihrem Zusammenhange fortgehen. . Betäubt fällt er von dem bergabgehenden Fußsteige auf den Abhang hinunter; [die Mörder halten ihn für getödtet, vollends] durch die vielen Steine, womit sie den zu Boden Gesunkenen noch überhäuft hatten. Ja auch von den Räthen und Trabanten des Königs, als sie ihn fallen sahen, nahmen die übrigen die Flucht: nur Pantaleon hielt unerschrocken Stand, um den König zu schützen. 249 16. Die Straßenmörder, die mit einem kleinen Umwege um die Wand hätten hinabeilen können, den Verwundeten vollends hinzurichten, flüchteten zur Höhe des Parnassus, und so schnell, daß sie einen von ihren Kameraden, der sie im Fliehen aufhielt, weil er ihnen über die unwegsamen und schroffen Stellen nicht so gut folgen konnte, ermordeten, um nicht durch die Aussage des Ergriffenen die That auskommen zu lassen. Um die Person des Königs sammelten sich zuerst die Räthe, dann auch die Trabanten und Bedienten, und hoben ihn in seiner Betäubung und Empfindungslosigkeit auf. Doch merkten sie an seiner Wärme und an den Athemzügen spiritu remanente]. – Ich weiß nicht gleich: in welchem Classiker ich schon einmal remeans mit remanens vertauscht gefunden habe. Auch an unsrer Stelle möchte ich statt remanente lieber remeante lesen. der Brust, daß er noch lebe; daß er leben bleibe, dazu hatten sie wenig und fast gar keine Hoffnung. Einige von der Leibwache, welche die Spur der Mörder verfolgten, gelangten nach vergeblichen Beschwerden bis auf die Höhe des Parnassus und kamen unverrichteter Sachen wieder. So wenig unüberlegt, und dabei so kühn Aggressi facinus Macedones]. – Ich übersetze nach der von Hrn.  Walch berichtigten Interpunction: Aggressi facinus Macedones ut inconsulte ita audacter, coeptum nec consulte et timide reliquerunt. Allein ich gehe mit meiner Vermuthung noch einen Schritt weiter. Nach dieser nämlich muß es heißen: Aggressi facinus Macedones ut non inconsulte ita audacter, coeptum nec consulte et timide reliquerunt. Non fiel hier wegen des nahen incon aus. Da uns Livius selbst gesagt hat: Loci opportunitatem quaerebant, omnia circumibant, post maceriam se abdebant, gradus adstruebant, und nachher, daß der Plan so völlig consulte angelegt gewesen sei, daß sie brevi circuitu conficere saucium potuissent; so liegen ja in dem Allen, wie in dem ganzen Plane, der dem Gelingen so nahe war, den Vorübergehenden von oben herab mit Steinen todt zu werfen, consilia genug und consultationes de facinore perpetrando; so kann ja Livius auch nicht sagen: inconsulte facinus aggressi sunt. Er muß nothwendig das Gegentheil sagen: ut non inconsulte. Und wie viel schöner sind nachher die Gegensätze? Dann passet zu dem voraufgegangenen non inconsulte nachher das inconsulte oder non consulte, wie zu dem audacter das timide. die Macedonier die That unternommen hatten, so unüberlegt und feige zugleich hatten sie sie nach der Unternehmung aufgegeben. Am folgenden Tage brachten den König, der schon wieder zu sich gekommen war, seine Freunde auf sein Schiff. Sie gingen von hier nach Corinth über, von 250 Corinth, wo sie die Schiffe über den Rücken der Landenge bringen ließen, nach Ägina. Hier wurde seine Heilung so geheim betrieben, indem sie niemand vorließen, daß das Gerücht von seinem Tode bis nach Asien erscholl. Auch Attalus glaubte es eiliger, als es für eine solche brüderliche Eintracht anständig war: denn in seinen Unterredungen mit seines Bruders Gemahlinn und dem Befehlshaber der Burg äußerte er sich so, als sei er schon der unbezweifelte Erbnehmer des Throns. Dies blieb nachher dem Eumenes nicht unentdeckt; und hatte er sich gleich vorgenommen, es zu verbergen, es ohne Rüge bei sich zu behalten und zu verschmerzen, so konnte er doch bei der ersten Zusammenkunft sich nicht enthalten, seinen Bruder aus der übertriebenen Eilfertigkeit, mit der er sich um die Gemahlinn beworben hatte, einen Vorwurf zu machen. Auch nach Rom verbreitete sich das Gerücht vom Tode des Eumenes . 17. Um dieselbe Zeit kam Cajus Valerius aus Griechenland zurück, der als Gesandter hingeschickt war, sich über die dortige Lage der Dinge zu unterrichten und die Anschläge des Königs Perseus zu erspähen; und er berichtete, es stimme Alles für die durch den Eumenes ihnen mitgetheilten Beschuldigungen. Er hatte auch die Praxo von Delphi mitgebracht, deren Haus der Schlupfwinkel der Mörder gewesen war, und den Brundusiner Lucius Rammius, welcher folgende Anzeige aussagte. Rammius nämlich war der erste Mann zu Brundusium und nahm alle Römischen Heerführer und Gesandten, auch die ausgezeichnetsten, die von auswärtigen Völkern kamen, insbesondre die königlichen, bei sich auf. Dadurch war er mit dem abwesenden Perseus in Bekanntschaft gekommen; und da er auf einen Brief, der ihm zu näherer Freundschaft und daraus erwachsendem großen Glücke Hoffnung machte, zum Könige hingereiset war, so wurde er bald als Vertrauter behandelt, und mehr, als ihm lieb war, zu geheimen Unterredungen gezogen. Unter Versprechung großer Belohnungen drang der König mit der Bitte in ihn: «Da alle Römischen Feldherren und Gesandten bei ihm 251 Quartier zu nehmen pflegten, so möge er denen, deren Namen er ihm schreiben werde, Gift geben lassen. Seines Wissens aber habe die Bereitung der Gifte viele Schwierigkeit und Gefahr. Man habe bei ihrer Bereitung mehrere Mitwisser habere, pluribus]. – Ich folge der Walchischen Abtheilung: periculi habere. Pluribus consciis comparari; . Man sei zum Andern in Absicht des Erfolgs, daß sie theils zur Erreichung des Zwecks wirksam genug wären, theils auch, ohne die Sache zu verrathen, mit Sicherheit gegeben werden könnten, nicht gedeckt. Er wolle ihn mit einem versehen, das sich weder beim Geben, noch nachher durch irgend ein Merkmal verrathe.» Rammius, aus Besorgniß, wenn er Nein sagte, möchte man mit dem Gifte die erste Probe an ihm selbst machen, erklärte sich bereitwillig und reisete ab; mochte aber doch nicht eher nach Brundusium zurückgehen, als bis er den Gesandten Cajus Valerius gesprochen hatte, der sich, wie man ihm sagte, in der Gegend von Chalcis aufhielt. Diesem machte er die erste Anzeige, ging auf Befehl zugleich mit ihm nach Rom, wurde dem Senate vorgestellt und erzählte die ganze Verhandlung. 18. Dies gab in den Augen der Väter den Anzeigen des Eumenes den Ausschlag, den Perseus so viel eher für einen Feind zu erklären: sahen sie doch, daß er, weit entfernt, mit königlichem Edelmuthe, sich zu einem ordentlichen Kriege anzuschicken, sich vielmehr in allen heimlichen Freveln des Straßenmordes und der Giftmischerei umtrieb. Die Führung des Krieges wurde bis auf die neuen Consuln ausgesetzt; für jetzt aber beschlossen, den Prätor Cneus Sicinius, der die Rechtspflege über Bürger und Fremde hatte, Truppen werben zu lassen, welche nach Brundusium geführt werden und je eher je lieber nach Apollonia in Epirus übergehen sollten, um die Seestädte im Besitze zu haben, wo der Consul, welcher Macedonien zu seinem Standplatze bekäme, sicher mit der Flotte landen und die Truppen mit Bequemlichkeit ausschiffen könne. 252 Sobald Eumenes, der wegen seiner mißlichen und beschwerlichen Heilung einige Zeit auf Ägina bleiben mußte, mit Sicherheit die Reise machen konnte, ging er nach Pergamus und rüstete sich, außer seinem ehemaligen Hasse noch durch die neue Frevelthat des Perseus gespornt, mit aller Macht zum Kriege. Dort kamen Gesandte von Rom zu ihm, zur Errettung aus einer so großen Gefahr ihm Glück zu wünschen. Da der Macedonische Krieg auf ein Jahr verschoben und die übrigen Prätoren schon auf ihre Standplätze abgegangen waren, so ließen Marcus Junius und Spurius Lucretius, die zu ihren Posten beide Spanien bekommen hatten, mit wiederholten Bitten bei dem Senate nicht eher ab, bis sie es erreichten, daß ihnen für ihr Heer eine Ergänzung gegeben wurde, nämlich auf die Römischen Legionen dreitausend Mann zu Fuß, nebst hundert und funfzig Rittern; und für die Bundestruppen sollten sie sich von den Verbündeten fünftausend Mann zu Fuß und dreihundert Ritter stellen lassen. Mit den neuen Prätoren gingen diese Truppen nach beiden Spanien ab. 19. In diesem Jahre that in Betreff des Campanischen Ackers, dessen sich auf allen Seiten Privatleute ohne Unterschied bemächtigt hatten, der Bürgertribun Marcus Lucretius, da jetzt vermöge der Besichtigung durch den Consul Postumius ein großer Theil desselben dem State wieder zugesprochen war, in der Versammlung den Vorschlag, die Censorn sollten die Campanische Länderei zur Benutzung austhun. Dies war nach der Eroberung von Capua seit so vielen Jahren nicht geschehen, so daß hier die Habsucht der Privatpersonen freien Spielraum hatte. Als der Senat bei dem zwar noch nicht angekündigten, aber doch schon beschlossenen Kriege voll Erwartung war, welche Könige sich als Freunde an Rom, und welche sich an den Perseus schließen würden, kamen Gesandte des Ariarathes nach Rom, welche seinen jungen Prinzen mitbrachten. Sie erklärten: «Ihr König habe seinen Sohn zur Erziehung nach Rom geschickt, um ihn von kleinauf an Römische Sitten und Umgang mit Römern zu gewöhnen. 253 Er bitte, man möge ihn nicht bloß unter der Aufsicht der Privatfreunde, sondern unter der Fürsorge und gleichsam unter der Vormundschaft des States stehen lassen.» Diese Gesandschaft war den Vätern angenehm. Sie verordneten, der Prätor Cneus Sicinius solle ein Haus völlig einrichten lassen, wo der Prinz mit seinen Begleitern wohnen könnte. Auch den Gesandten Thracischer Völkerschaften, die ihnen ihre Streitigkeiten vortrugen und um Bündniß und Freundschaft baten, bewilligten sie ihre Bitte, und schickten jedem ein Geschenk in Gelde von zweitausend 62 Gulden Conv. M. Kupferassen. Allerdings machte es ihnen Freude, mit diesen Völkern ein Bündniß geknüpft zu haben, weil Thracien im Rücken von Macedonien lag. Um aber auch über Asien und die Inseln gewiß zu sein, ließen sie den Tiberius Claudius Nero und den Marcus Decimius als Gesandte hingehen. Sie trugen ihnen auf, Creta und Rhodus zu besuchen und bei Erneurung der Freundschaft zugleich in Erfahrung zu bringen, ob nicht bei diesen Bundsgenossen König Perseus Versuche gemacht habe, sie gegen Rom zu empören. 20. Während dieser Spannung der Bürger bei dem zu erwartenden neuen Kriege, wurde auf dem Capitole die Schiffschnabelsäule – im ersten Punischen Kriege [hatte sie der Consul Marcus Ämilius gesetzt], der den Servius Fulvius zum Amtsgenossen hatte – ganz bis auf den Boden vom Blitze abgeschlagen. Man brachte den Vorfall, den man für ein Schreckzeichen nahm, vor den Senat. Die Väter ließen die Sache den Opferdeutern vorlegen, und von den Zehnherren die Bücher nachschlagen. Die Zehnherren gaben den Bescheid, man müsse die Stadt entsündigen, in den Tempeln Andachten halten, und auf der Rednerbühne die Litanei beten lassen, und sowohl auf dem Capitole zu Rom, als auf dem Vorgebirge der Minerva in Campanien große Thiere zum Opfer bringen; auch je eher je lieber zur Ehre Jupiters, des Allmächtigen, zehntägige Spiele anstellen. Sorgfältig wurde Alles 254 ausgerichtet. Die Opferdeuter gaben die Auslegung an, dies Schreckzeichen werde zum Guten ausschlagen und dadurch eine Erweiterung der Gränzen und der Feinde Untergang angedeutet, weil die vom Ungewitter aus einander geworfenen Schiffschnabel Beute vom Feinde gewesen seien. Es kam noch mehr hinzu, die frommen Besorgnisse zu häufen. Zu Saturnia – so wurde gemeldet – sollte es drei Tage in der Stadt Blut geregnet haben, zu Calatia ein dreibeiniger Esel zur Welt gekommen, und ein Stier mit fünf Kühen von Einem Wetterstrahle getödtet, zu Auximum ein Erdregen gefallen sein. Auch dieser Schreckzeichen wegen wurden gottesdienstliche Übungen angestellt, und Ein Tag unter Betandachten und Aussetzung der Geschäfte begangen. 21. Die Consuln waren bis jetzt noch nicht auf ihre Standplätze abgegangen, weil sie von ihrer Seite dem Senate nicht den Willen thun wollten, die Sache des Marcus Popillius zum Vortrage zu bringen, und die Väter entschlossen waren, vorher über keine andre Sache zu verfügen. Die Unzufriedenheit mit dem Popillius vermehrte noch ein Brief von ihm, worin er meldete, er habe als Proconsul den Statiellatischen Liguriern wieder eine Schlacht geliefert und ihnen zehntausend Menschen getödtet. Über diesen unrechtmäßigen Krieg griffen nun auch die übrigen Völker Liguriens zu den Waffen. Jetzt also schalt man im Senate nicht bloß auf den abwesenden Popillius, welcher gegen menschliche und göttliche Rechte, Völker, die sich ergeben hatten, bekriegt und die beruhigten zur Erneurung des Krieges gereizt habe, sondern auch auf die Consuln, weil sie nicht auf ihre Standplätze auszögen. Durch diese Einstimmung der Väter muthig gemacht erklärten die Bürgertribunen Marcus Marcius Sermo und Quintus Marcius Scylla, sie würden den Consuln eine Geldstrafe ansetzen, wofern diese nicht auf ihre Posten abgingen, und lasen dem Senate einen Antrag vor, den sie in Beziehung auf jene Ligurier, welche sich ergeben hätten, an das Volk bringen wollten. In diesem wurde festgesetzt: «Wenn von den Statiellaten, welche sich 255 ergeben hätten, irgend jemand vor dem nächsten ersten August noch nicht wieder in Freiheit gesetzt sein sollte, so sollten eidlich Bevollmächtigte aus dem Senate jemand ernennen, um über jeden, der ihn aus böslicher Absicht in die Sklaverei gegeben habe, Untersuchung und Bestrafung zu verfügen.» Nach einem Senatsgutachten thaten sie nun dem Volke diesen Antrag. Noch vor der Abreise der Consuln ließ der Senat im Tempel der Bellona den vorigjährigen Prätor Cajus Cicerejus vor. Dieser setzte seine auf Corsica verrichteten Thaten aus einander, forderte, allein vergeblich, einen Triumph und hielt ihn auf dem Albanerberge, der Gewohnheit gemäß, nach welcher man sich dies schon damals ohne Bewilligung der Regierung erlaubte. Den Marcischen Vorschlag wegen der Ligurier genehmigte und bestätigte der Bürgerstand mit großer Einstimmigkeit. In Gemäßheit dieses Bürgerbeschlusses fragte der Prätor Cajus Licinius bei dem Senate an, wer die in diesem Antrage bestimmte Untersuchung haben solle; und die Väter bevollmächtigten zu dieser Untersuchung ihn selbst. 22. Nun endlich gingen die Consuln auf ihre Standplätze ab und übernahmen vom Marcus Popillius das Heer. Allein Marcus Popillius wagte es nicht, nach Rom zurückzukehren, um nicht bei dieser widrigen Stimmung des Senats, bei dieser Erbitterung des Volks, bei einem Prätor vor Gericht zu stehen, der zu dieser gegen ihn aufgestellten Untersuchung im Senate den Antrag gethan hätte. Diesem Ausweichen von seiner Seite begegneten die Bürgertribunen durch die Ankündigung eines zweiten Antrages, daß Cajus Licinius in seiner Sache, wenn er vor dem dreizehnten November nicht zur Stadt zurückgekommen sei, in seiner Abwesenheit einen Gerichtstag ansetzen und erkennen solle. Durch dieses Zwangsmittel herbeigezogen kam er und fand bei seiner Erscheinung im Senate Alles in großer Unzufriedenheit. Viele setzten ihm mit harten Vorwürfen zu, und es wurde der Senatsschluß abgefaßt: Die Prätoren Cajus Licinius und Cneus Sicinius hätten dafür zu sorgen, daß alle Ligurier, welche 256 nach dem Consulate des Quintus Fulvius und Lucius Manlius nicht Roms Feinde gewesen wären, wieder in Freiheit gesetzt würden und der Consul Cajus Popillius ihnen jenseit des Po einen Acker anwiese. Viele tausend Menschen wurden durch diesen Senatsschluß der Freiheit wiedergegeben, und nach ihrer Versetzung, jenseit des Po mit Ländereien versehen. Dem Marcischen Antrage gemäß stellte sich Marcus Popillius in seiner Sache vor dem Cajus Licinius zweimal; für das drittemal beschied der Prätor, aus Gefälligkeit für den abwesenden Consul und aus Nachgiebigkeit gegen die Bitten der Popillischen Familie, den Beklagten auf den funfzehnten März, an welchem die neuen Obrigkeiten ihr Amt antreten mußten, um dann, wenn er jetzt in den Privatstand zurücktreten sollte, keinen Spruch thun zu können. So wurde der die Ligurier betreffende Antrag durch einen täuschenden Kniff vereitelt. 23. Damals befanden sich zu Rom Gesandte von Carthago, und Gulussa, ein Sohn des Masinissa. Unter beiden gab es im Senate heftige Streitigkeiten. Die Carthager klagten: «Außer dem Landstriche, dessentwegen schon früher Abgeordnete von Rom hingeschickt wären, um an Ort und Stelle zu untersuchen, habe Masinissa in den letzten zwei Jahren über siebzig Städte und Schlösser auf Carthagischem Boden mit Gewalt der Waffen in Besitz genommen. Ihm, der auf Nichts Rücksicht nehme, sei das ein Leichtes. Die Carthager, durch den Friedensvertrag gehalten, schwiegen dazu still: denn es sei ihnen untersagt, in den Waffen über ihr Gebiet hinauszugehen. Und ob sie gleich wüßten, daß sie sich mit dem Kriege auf ihre Gränzen beschränkten, so lange sie aus diesen die Numider zurücktrieben, so schrecke sie doch jener unzweideutige Punkt des Vertrages, der ihnen ausdrücklich verbiete, mit Bundesgenossen des Römischen States Krieg zu führen. Jetzt aber könne man von Seiten Carthago's seinen Übermuth, seine Grausamkeit und Habsucht nicht länger ertragen. Man habe sie hergeschickt, die Väter zu bitten, daß sie sichs gefallen lassen 257 möchten, von folgenden drei Mitteln ihnen Eins zu erlauben; daß sie entweder bei der mit beiden verbündeten Nation als gleiche Theile sich darüber aus einander setzten, was eines jeden Eigenthum sei; oder daß den Carthagern erlaubt würde, gegen ungerechte Angriffe sich durch einen pflichtmäßigen und gerechten Krieg zu schützen; oder endlich, daß die Römer, falls ihnen Gunst mehr als Wahrheit gelten sollte, Einmal festsetzen möchten, wie viel Masinissa vom fremdem Eigenthume geschenkt haben solle. Wenigstens würden sie ihm mit mehr Bescheidenheit zutheilen, und auch wissen, wie viel sie ihm gegeben hätten: er selbst hingegen werde sich nur durch die Willkür seiner eigenen Begierde beschränken. Sollte ihnen keins von diesen Mitteln gestattet werden; sollten sie nach dem vom Publius Scipio ihnen bewilligten Frieden sich irgend wodurch vergangen haben, so möchten die Römer ihre Strafe lieber selbst verfügen. Sie wünschten sich lieber in der Dienstbarkeit die Römer zu Herren, als eine Masinissa's Mishandlungen ausgesetzte Freiheit. Denn Einmal zu sterben sei ihnen doch besser, als nach der Willkür des peinigendsten Henkers fortzuathmen.» Bei diesen Worten fielen sie weinend nieder und so zu Boden gestreckt [erregten sie] neben dem Mitleiden für sich eben so große [Unzufriedenheit] mit dem Könige. 24. Es wurde beschlossen, den Gulussa zu befragen, was er hierauf zu antworten habe, oder er möchte auch, wenn er diese lieber vorangehen lassen wollte, die Gründe angeben, warum er nach Rom gekommen sei. Gulussa sagte: «Es sei ihm nicht so leicht, sich auf Sachen einzulassen, worüber er von seinem Vater nicht die mindesten Aufträge habe; und eben so wenig sei es für seinen Vater ein Leichtes gewesen, ihm Aufträge zu geben, da die Carthager so wenig angegeben hätten, worüber sie Verhandlungen anfangen, als überhaupt, daß sie nach Rom gehen wollten. Sie hätten mehrere Nächte im Tempel des Äsculap geheime Rathsversammlungen ihrer Großen gehalten, wovon, weiter nichts [kund geworden 258 sei,] als daß Gesandte [vom Perseus bei ihnen Gehör gehabt hätten, und daß ihre eigenen Gesandten] mit geheimen Aufträgen [nach Macedonien abgingen. Auf einmal habe sein Vater gehört, daß Gesandte mit Klagen über ihn] Principum habuisse, unde praeterea]. – Daß hier wieder eine Lücke sei, ist anerkannt. Da Gulussa die Carthager hier communes inimicos nennt, so muß er ihnen doch wohl einen Schein von Untreue gegen die Römer vorgeworfen haben. Dieser Grund und die obige Erzählung (41, 22.): legatos ab rege Perseo venisse, iisque noctu senatum in aede Aesculapii datum: ab Carthagine legatos in Macedoniam missos etc. bringt mich auf die Vermuthung, die Lücke könne etwa so ausgefüllt gewesen sein: In aede Aesculapii clandestinum eos per aliquot noctes consilium principum habuisse, unde praeter [ legatos Persei auditos, ipsorumque] legatos occultis cum mandatis [in Macedoniam mitti, nihil emanasse. Repente audisse, questum de se] Rom am mitti. Die cursiv gedruckten Worte, als Wiederholungen, veranlaßten die Auslassungen. nach Rom abgingen. Dies sei für seinen Vater Veranlassung geworden, ihn nach Rom zu schicken, um mit der Bitte einzukommen, daß sie den gemeinschaftlichen Unfreunden Beider in Beschuldigungen gegen ihn keinen Glauben beimessen möchten, da ihn diese aus keiner andern Ursache haßten, als wegen seiner standhaften Treue gegen das Römische Volk. Als so beide Theile abgehört waren, ließ der Senat, nach geschehener Umfrage über die Forderungen der Carthager, ihnen folgende Antwort geben: « Gulussa solle sogleich nach Numidien abreisen und seinem Vater melden, daß er über die Klagen der Carthager baldmöglichst Gesandte an den Senat schicken, und den Carthagern anzeigen möge, sie möchten sich zu dieser Auseinandersetzung einfinden. Wo die Römer irgend etwas aus Achtung für den Masinissa thun könnten, da hätten sie es gethan und würden es ferner thun: allein Recht sprächen sie nie nach Gunst. Nach ihrem Willen solle der den Strich Landes und so weit besitzen, dem er und so weit er ihm gehöre. Sie wären nicht gesonnen, neue Gränzen festzusetzen, sondern die alten beobachtet zu wissen. Den Carthagern, ihren Besiegten, hätten sie ihre Städte und Länder zugestanden, nicht, um ihnen im Frieden unrechtmäßiger Weise zu entreißen, was sie ihnen nach dem Kriegsrechte nicht 259 genommen hätten.» So wurden der Prinz und die Carthager entlassen. Beiden machte man dem Herkommen gemäß Geschenke, und beobachtete sehr gefällig die gastfreundschaftliche Aufnahme auch im Übrigen. 25. Um eben diese Zeit kamen Cneus Servilius Cäpio, Appius Claudius Centho, Titus Annius Luscus, die Gesandten, zurück, welche nach Macedonien geschickt waren, Genugthuung zu fordern und dem Könige die Freundschaft aufzukündigen. Den ohnehin auf den Perseus zürnenden Senat brachten sie dadurch noch mehr auf, daß sie nach der Reihe erzählten, was sie gesehen und was sie gehört hätten. «Sie hätten gesehen, daß man sich in allen Macedonischen Städten aus allen Kräften zum Kriege rüste. Als sie angekommen wären, hätten sie viele Tage lang keinen Zutritt zum Könige bekommen können. Zuletzt, als sie schon, auf jede Unterredung verzichtend, abgereiset wären, da endlich habe man sie von der Reise umgerufen und eingeführt. Der Hauptinhalt ihres Vortrags sei der gewesen: Das mit Philipp geschlossene Bündniß habe man mit ihm selbst nach seines Vaters Tode erneuert. In diesem werde ihm ausdrücklich untersagt, unter den Waffen aus seinen Gränzen zu rücken; untersagt, Römische Bundesgenossen zu bekriegen. Dann hätten sie ihm Alles der Reihe nach aus einander gesetzt, was sie neulich selbst im Senate gehört hätten, als es Eumenes der Wahrheit und Erfahrung gemäß erzählt habe. Außerdem habe der König viele Tage lang auf Samothrace mit den Gesandschaften von Kleinasiens Städten geheime Berathschlagungen gehalten. Der Senat halte es für billig, daß er für diese Beleidigungen entschädigt, und ihm und seinen Verbündeten Alles herausgegeben werde, was der König dem Rechte des Vertrages zuwider in Besitz habe. Der König habe sich anfangs im Zorne sehr ungnädig darüber ausgelassen, habe den Römern mehrmal Habsucht und Übermuth vorgeworfen; und daß Gesandte über Gesandte kämen, seine Worte und Handlungen zu erspähen; sie fänden es billig, daß er in Allem nach 260 ihrem Winke und Befehle spreche und handle. Zuletzt, nach vielem und langem Geschreie, habe er sie den andern Tag wiederkommen heißen; er wolle ihnen die Antwort schriftlich geben. Da sei ihnen ein Aufsatz folgendes Inhalts eingehändigt: ««Der mit seinem Vater geschlossene Vertrag gehe ihn nichts an. Er habe sichs gefallen lassen, ihn zu erneuern, nicht weil er ihn gebilligt habe, sondern weil man sich im neuen Besitze eines Throns Alles gefallen lassen müsse. Wollten sie mit ihm einen neuen Vertrag schließen, so müsse man vorher über die Bedingungen eins werden. Und wenn sie sich dann dazu verstehen könnten, auf gleiche Bedingungen einen Vertrag einzugehen, so werde er eben so dahin sehen, was er zu thun habe, als er glaube, daß sie für ihren Stat sorgen würden.»» Hierauf sei er aufgesprungen, und man habe Allen den Wink gegeben, aus dem Pallaste abzutreten. Da hätten sie ihm Freundschaft und Bündniß aufgekündigt. Durch diesen Ausdruck beleidigt, sei er wieder stehen geblieben und habe ihnen mit lauter Stimme angedeutet, sie hätten in drei Tagen die Gränzen seines Reiches zu räumen. So wären sie abgereiset; und weder bei ihrer Ankunft, noch bei ihrem Dortsein habe man ihnen die mindeste Gastfreundschaft oder Gefälligkeit erwiesen.» Nun bekamen die Thessalischen und Ätolischen Gesandten Gehör. Der Senat, um so viel eher zu wissen, was für Anführer der Stat haben werde, ließ den Consuln schreiben, wem von ihnen beiden es thunlich sei, der möge zur Wahl der Obrigkeiten nach Rom kommen. 26. Die Consuln hatten in diesem Jahre in Statsgeschäften eben nichts gethan, was eine Erwähnung nöthig machte: sie hatten es für den Stat gerathener gefunden, die erbitterten Ligurier zur Ruhe zu bringen und zu besänftigen. Bei dieser Erwartung eines Macedonischen Krieges erregte eine Gesandschaft von Issa auch gegen den Illyrischen König Gentius Verdacht. Sie klagten, er habe schon zum zweitenmale ihr Gebiet geplündert, und meldeten zugleich: Die beiden Könige von 261 Macedonien und Illyrien lebten auf einen sehr vertraulichen Fuß; sie rüsteten sich zum Kriege gegen Rom nach gemeinschaftlichem Plane; auch hielten sich unter dem Scheine einer Gesandschaft Illyrische Kundschafter zu Rom auf, die auf Betrieb des Perseus hergeschickt wären, um zu erfahren, was vorgehe.» Man forderte die Illyrier vor den Senat. Als sie sich für Gesandte ausgaben, welche ihr König geschickt habe, ihn gegen die Beschuldigungen zu vertheidigen, die etwa die Issäer gegen ihren König vorbringen möchten, so fragte man sie, warum sie sich denn nicht bei der Obrigkeit gemeldet hätten, damit man ihnen, dem Herkommen gemäß Ehrenplätze und Bewirthung gegeben, und auch erfahren hätte, daß sie angelangt, und warum sie gekommen wären. Da sie in der Antwort stockten, wurde ihnen gesagt, sie möchten vom Rathhause abtreten. Man fand für gut, da sie nicht verlangt hatten, dem Senate vorgestellt zu werden, ihnen auch nicht als Gesandten eine Antwort zu ertheilen; und bestimmte sich, lieber an den König Gesandte abgehen zu lassen, die ihm sagen sollten: «Nach der bei dem Senate eingegangenen Klage Römischer Bundsgenossen, daß er auf ihrem Gebiete senge und brenne, handle der König darin sehr unrecht, daß er sich der Beleidigungen ihrer Bundsgenossen nicht enthalte.» Die hingehende Gesandschaft bestand aus dem Aulus Terentius Varro, Cajus Plätorius, Cajus Cicerejus. Aus Kleinasien kamen die Gesandten, welche zu den mit Rom verbündeten Königen herumgeschickt waren, mit der Anzeige zurück: «Sie hätten dort den Eumenes, in Syrien den Antiochus, zu Alexandrien den Ptolemäus gesprochen. Auf alle habe Perseus durch Gesandschaften einen Versuch gemacht; allein sie blieben bei musterhafter Treue, und hätten versprochen, Alles zu leisten, wozu das Römische Volk sie auffordern werde. Auch die verbündeten Städte hätten sie besucht. Man könne sich auf alle gehörig verlassen; die Rhodier allein hätten sie wankend und in des Perseus Maßregeln eingeweiht gefunden.» Schon waren Gesandte von Rhodus 262 angekommen, um sich über das, was man allgemein, wie sie wußten, ihrem State nachsagte, zu rechtfertigen. Allein es wurde beschlossen, sie dann erst im Senate vorzulassen, wenn die neuen Consuln ihr Amt angetreten hätten. 27. Man fand für gut, die Kriegsrüstungen nicht aufzuschieben. Der Prätor Cajus Licinius erhielt den Auftrag, von den alten Fünfruderern, die zu Rom auf dem Holme lägen, die noch brauchbaren auszubessern und eine Flotte von funfzig Schiffen aufzustellen. Sollte ihm an dieser Vollzahl etwas fehlen, so möge er nach Sicilien an seinen Amtgenossen Cajus Memmius schreiben, daß er die in Sicilien befindlichen Schiffe ausbessern und segelfertig machen müsse, damit sie je eher je lieber nach Brundusium abgehen könnten. Für fünfundzwanzig Schiffe die Seeleute aus Römischen Bürgern vom Freigelaßnenstande auszuheben, wurde der Prätor Cajus Licinius befehligt; für fünfundzwanzig eine gleiche Anzahl von den Bundesgenossen zu fordern, Cneus Sicinius. Eben dieser Prätor sollte sich von den verbündeten Latinern achttausend Mann zu Fuß und vierhundert Ritter geben lassen. Diese Truppen in Brundusium zu übernehmen und nach Macedonien zu senden, wurde Aulus Atilius Serranus ausersehen, der im vorigen Jahre Prätor gewesen war. Damit der Prätor Cneus Sicinius das Heer zur Überfahrt beisammen finden möchte, so schrieb der Prätor Cajus Licinius nach einem Senatsgutachten an den Consul Cajus Popillius , er möge die zweite Legion, welche am längsten in Ligurien gedient hatte, und viertausend Latinische Bundestruppen zu Fuß nebst zweihundert Rittern auf den dreizehnten Februar zu Brundusium eintreffen lassen. Mit dieser Flotte und diesem Heere den Posten in Macedonien so lange zu versehen, bis sein Nachfolger käme, wurde dem Cneus Sicinius aufgetragen und ihm der Oberbefehl auf ein Jahr verlängert. Alle diese Verfügungen des Senats wurden ungesäumt ins Werk gerichtet. Vom Holme wurden achtunddreißig Fünfruderer abgeführt. Ihre Abführung nach Brundusium wurde dem Lucius Porcius Licinus anvertrauet. Zwölf wurden aus 263 Sicilien geschickt. Getreide für die Flotte und für das Heer zusammenzukaufen, schickte man nach Apulien und Calabrien drei Abgeordnete, den Sextus Digitius, Titus Juventius, Marcus Cäcilius. Der Prätor Cneus Sicinius ; der im Feldherrnpurpur von Rom aufbrach, fand bei seiner Ankunft zu Brundusium Alles in Bereitschaft. 28. Fast am Ende des Jahres kam der Consul Cajus Popillius wieder nach Rom, weit später, als der Senat bestimmt hatte, nach dessen Meinung die Obrigkeiten, wegen des bevorstehenden wichtigen Krieges, so früh als möglich hätten gewählt werden sollen. Deswegen fand der Consul, als er im Tempel der Bellona über die von ihm in Ligurien verrichteten Thaten sprach, bei den Vätern sehr abgeneigte Zuhörer. Oft unterbrachen sie ihn laut und fragten, warum er die durch seines Bruders Frevel zu Grunde gerichteten Ligurier nicht in Freiheit gesetzt habe. Die Consulnwahl ging auf den vorher bestimmten Tag, auf den achtzehnten Februar, vor sich. Die gewählten Consuln waren Publius Licinius Crassus, Cajus Cassius Longinus. Am folgenden Tage wurden zu Prätoren gewählt Cajus Sulpicius Galba, Lucius Furius Philus, Lucius Canulejus Dives, Cajus Lucretius Gallus, Cajus Caninius Rebilus, Lucius Villius Annalis. Diesen Prätoren wurden folgende Stellen bestimmt: die zwiefache Rechtspflege in Rom; dann Spanien, Sicilien, Sardinien; so daß die Anstellung des Einen dem Gutbefinden des Senats noch überlassen blieb. Den schon bestimmten Consuln befahl der Senat, wenn sie am Tage ihres Antritts das Opfer mit großen Thieren gehörig verrichtet hätten, sollten sie feierlich die Götter darum bitten, daß der Krieg, zu dem sich das Römische Volk entschlossen habe, von glücklichem Erfolge sein möge. An eben dem Tage faßte der Senat den Schluß ab, der Consul Cajus Popillius solle dem Allmächtigen Jupiter zehntägige Spiele und die Darbringung von Gaben auf alle Altäre angeloben, wenn sich der Stat zehn Jahre lang in seinen Zustande erhielte. Diesem Beschlusse zufolge gelobte der Consul auf dem Capitole die Anstellung der 264 Spiele und die Darbringung der Geschenke, von einer Summe, die von den Vätern, deren nicht unter hundert und funfzig beisammen sein durften, bestimmt sein würde. Dies Gelübde wurde nach einer vom Hohenpriester Lepidus vorgesprochenen Formel abgelegt. In diesem Jahre starben zwei Statspriester, Lucius Ämilius Papus, Zehnherr der Gottesverehrungen, und der Oberpriester Quintus Fulvius Flaccus, welcher im vorigen Jahre Censor gewesen war. Dieser starb eines unanständigen Todes. Er bekam Nachricht, daß von seinen zwei Söhnen, welche in Illyricum bei dem Heere standen, der eine gestorben, der andre sehr schwer und gefährlich krank sei. Dem Grame und der Besorgniß zugleich erlag der Geist des Mannes. Als die Sklaven des Morgens in sein Schlafzimmer traten, fanden sie ihn an einem Stricke hängend. Man glaubte, er sei nach seiner Censur nicht bei völligem Verstande gewesen: der große Haufe trug sich damit, Juno Lacinia habe ihn, um die Beraubung ihres Tempels zu rächen, verrückt gemacht. Zum Zehnherrn an des Ämilius Stelle wurde Marcus Valerius Messalla gewählt, zum Oberpriester an des Fulvius Platz ein noch sehr junger Priester, Cneus Domitius Ahenobarbus, ernannt. 29. Nicht allein die Stadt Rom und ganz Italien, sondern auch alle Könige und Staten, mochten sie in Europa, mochten sie in Asien sein, beschäftigten unter dem Consulate des Publius Licinius und Cajus Cassius ihre Gedanken mit der Beziehung auf den Krieg zwischen Macedonien und Rom. Den Eumenes spornte nicht allein die alte Feindschaft, sondern auch die Erbitterung von neulich, als er zu Delphi durch das Bubenstück des Perseus fast wie ein dargebrachtes Opferthier gefallen war. Prusias, König von Bithynien, hatte beschlossen, sich aller Theilnahme am Kriege zu enthalten und den Ausgang abzuwarten. Gegen seiner Gemahlinn Bruder die Waffen für Rom zu ergreifen, hielt er für unrecht, und bei dem Perseus, wenn dieser siegte, hoffte er durch die Schwester Verzeihung zu erhalten. Ariarathes, König von Cappadocien, hielt sich seit seiner Verwandschaft 265 mit dem Eumendes, außerdem daß er schon für sich den Römern Hülfstruppen zugesagt hatte, zu jeder Theilnahme an den Maßregeln für Krieg und Frieden bereit. Antiochus machte zwar Anschläge auf Ägypten; verachtete die Kindheit des Königs, so wie die Schwäche der Vormünder; glaubte in dem streitigen Besitze Cölesyriens einen Vorwand zum Kriege zu finden, und ihn, während der Beschäftigung der Römer mit dem Macedonischen Kriege, ohne alle Störung zu führen: dennoch hatte er sowohl durch seine Gesandten dem Senate, als auch selbst den Römischen Gesandten Alles auf das beste versprochen. Ptolemäus stand damals seiner Jugend wegen ohnehin unter der Leitung Anderer. Die Vormünder schickten sich, Cölesyrien zu behaupten, gegen den Antiochus zum Kriege an, und versprachen den Römern zum Macedonischen Kriege Alles. Masinissa half den Römern mit Getreide aus und machte sich schon fertig, ihnen Hülfsvölker und Elephanten nebst seinem Sohne Misagenes zuzusenden. Seine Maßregeln hatte er aber auf jeden Fall so berechnet. Stände der Sieg auf Römischer Seite, dann würden auch seine Verhältnisse dieselben bleiben und er dürfe sich nicht auf weitere Unternehmungen einlassen; denn die Römer würden nicht zugeben, daß er gegen Carthago Gewalt brauche. Würde Roms Macht gebrochen, die jetzt Carthago's Beschützerinn sei, so werde ganz Africa ihm gehören. Der Illyrische König Gentius, hatte mehr sich so benommen, daß er den Römern verdächtig sein mußte, als eigentlich beschlossen, welche Partei er begünstigen wolle; und seine Verbindung mit der einen oder mit der andern Partei schien mehr von einem raschen Entschlusse, als von einem Plane abzuhangen. Der Thracier, Cotys, König der Odrysen, hielt es offenbar mit Macedonien . 30. Indeß die Könige so über diesen Krieg dachten, war in den freien Staten und Völkerschaften der gemeine Mann, wie er gewöhnlich die schlechtere Partei Deterioribus]. – Crevier schiebt nach diesem Worte favens ein, welches ich für nöthig halte. 266 begünstigt, fast durchgängig dem Könige und den Macedoniern zugethan. Bei den Vornehmen ließ sich in den Gesinnungen eine Verschiedenheit bemerken. Zum Theile hingen sie so ganz an den Römern, daß sie durch ihre übertriebene Zuneigung ihrem eigenen Ansehen schadeten. Aus Vorliebe für die Gerechtigkeit der Römischen Regierung thaten dies nur wenige; die Meisten hingegen, weil sie sich in ihren Städten, wenn sie den Römern ausgezeichnete Dienste leisteten, größere Macht versprachen. Ein anderer Theil schmeichelte dem Könige; solche nämlich, die ihrer Schulden wegen, oder weil sie, wenn die Sache so blieb, an ihrer Rettung verzweifelten, jeder Umwälzung des Ganzen mit raschem Schritte entgegen eilten; einige auch, als windige Köpfe, weil Perseus mehr der Mann fürs Volk war. Eine dritte Partei – und diese war die beste und klügste – wollte lieber, wenn sie durchaus einem von beiden Oberherren den Vorzug geben sollte, unter den Römern stehen, als unter einem Könige. Hätten eben si liberum inde arbitrium]. – Das Wort inde wirft Crevier heraus. Ich sehe nicht ein, was es hier bedeuten soll, und vermuthe, es sei aus iisde, der Abbreviatur von iisdem, entstanden. diese über das Schicksal nach freiem Willen entscheiden können, so würden sie es lieber gesehen haben, daß keine von beiden Parteien durch Unterdrückung der andern die mächtigere werde, sondern daß es eben deswegen, wenn beide Parteien ihre Kräfte ungeschwächt behielten, beim Frieden bleibe; dann würden sich zwischen Beiden die Städte in einer erwünschten Lage befinden, wenn immer der Eine den Schwachen gegen die Bedrückungen des Andern schützte. Mit diesen Gesinnungen waren sie bei den Streitigkeiten der Theilnehmer für die zwei Parteien, die stillen, ungefährdeten Zuschauer. Als die Consuln am ersten Tage ihres Amts dem Senatsschlusse zufolge in allen den Heiligthümern, in welchen gewöhnlich den größten Theil des Jahres hindurch Göttermahle gehalten werden, die Opfer mit großen Thieren dargebracht hatten, und sich daraus die gnädige Erhörung ihres Gebets bei den unsterblichen Göttern 267 versprechen konnten, machten sie dem Senate die Anzeige, daß sie glücklich geopfert und das den Krieg betreffende Gebet verrichtet hätten. Die Opferdeuter erklärten: «Wenn man etwas Neues zu unternehmen habe, so möge man es beschleunigen: denn die Opfer deuteten auf Sieg, auf Triumph und Erweiterung der Oberherrschaft.» Die Väter befahlen, «Zum Segen und Glücke für das Römische Volk sollten die Consuln in einer Versammlung nach Centurien bei dem Gesamtvolke darauf antragen, daß, weil Perseus, Philipps Sohn, König von Macedonien, gegen das mit seinem Vater Philipp geschlossene und mit ihm nach dessen Tode erneuerte Bündniß, mit Rom verbündete Völker feindlich angegriffen, ihr Gebiet verheeret, ihre Städte besetzt habe; weil er ferner zur Führung eines Krieges gegen das Römische Volk seine Einrichtungen getroffen, und zu diesem Zwecke Waffen, Truppen und eine Flotte zusammengebracht habe; daß mit ihm, wenn er dafür keine Genugthuung gäbe, ein Krieg angefangen werden solle.» Und dieser Antrag wurde an das Gesamtvolk gebracht. 31. Nun erfolgte ein Senatsschluß, «die Consuln sollten um Italien und Macedonien, als ihre Standplätze sich vergleichen, oder losen. Wer Macedonien bekäme, der sollte den König Perseus und Alle, die seiner Partei sich anschlössen, wofern er dem Römischen Volke nicht Genugthuung gäbe, mit Krieg verfolgen.» Man beschloß, vier neue Legionen zu errichten, zwei für jeden Consul. Dem Posten in Macedonien gab man das voraus, da den Legionen des andern Consuls nach altem Herkommen nur fünftausend und zweihundert Mann zu Fuß auf jede Legion verwilligt wurden, daß man für Macedonien sechstausend Mann zu Fuß, übrigens aber dreihundert Ritter für die eine Legion, wie für die andern, ausheben ließ. Auch bei dem Heere der Bundesgenossen wurde diesem Consul eine stärkere Anzahl gegeben: von diesen sollte er sechzehntausend Mann zu Fuß und achthundert Ritter, ohne die vom Cneus Sicinius abgeführten sechshundert Ritter, nach Macedonien hinübernehmen. Für Italien schienen 268 zwölftausend Mann Bundestruppen zu Fuß und sechshundert Ritter hinreichend. Auch dies wurde der Stelle in Macedonien vorzugsweise bewilligt, daß dieser Consul unter den Hauptleuten und alten Soldaten die ihm beliebigen bis zu einem Alter von funfzig Jahren ausheben durfte. Über den Macedonischen Krieg kam es in diesem Jahre auch bei den anzustellenden Obersten zu einer Neuerung; weil die Consuln nach einem Senatsschlusse bei dem Gesamtvolke darauf antrugen, daß die Obersten in diesem Jahre nicht durch die Volksstimmen gewählt werden, sondern bei deren Anstellung die Consuln und Prätoren die Beurtheilung und Entscheidung haben sollten. Unter die Prätoren wurden die Befehlshaberstellen so vertheilt. Der Prätor, den das Los träfe, dahin zu gehen, wo es der Senat für gut finden werde, sollte nach Brundusium zur Flotte gehen, dort die Seetruppen mustern, die untauglichen entlassen, den Abgang aus Freigelassenen ersetzen, und dahin sehen, daß zwei Drittel aus gebornen Römern, das dritte aus Bundestruppen bestände. Damit aus Sicilien und Sardinien der Flotte und den Legionen die Zufuhr geliefert werden könnte, so sollte den Prätoren, welchen diese Provinzen durch das Los beschieden würden, der Auftrag gegeben werden, sich von den Sicilianern und Sardiniern den zweiten Zehnten einliefern und dies Getreide zum Heere nach Macedonien fahren zu lassen. Sicilien bekam durch das Los Cajus Caninius Rebilus, Sardinien Lucius Furius Philus, Spanien Lucius Canulejus, die Rechtspflege in der Stadt Cajus Sulpicius Galba, die über die Fremden Lucius Villius Annalis. Dem Cajus Lucretius Gallus bestimmte das Los den vom Senate ihm noch anzuweisenden Platz. 32. Unter den Consuln kam es über ihre Standplätze mehr zu einer Neckerei, als zu einem ernsthaften Streite. Cassius sagte: «Er werde ohne Los Macedonien für sich wählen, und sein Amtsgenoß könne, ohne seinen Eid zu verletzen, gar nicht mit ihm losen. Als Prätor habe er, um nicht auf seinen Kriegsposten abzugehen, vor 269 der Versammlung geschworen, daß er an einem festgesetzten Orte und an festgesetzten Tagen gewisse Opfer zu verrichten habe, welche in seiner Abwesenheit nicht gehörig vollzogen werden könnten. Diese würden sich jetzt eben so wenig, wenn er als Consul abwesend sei, gehörig vollziehen lassen, als damals in seiner Prätur. Wenn indeß der Senat der Meinung sei, daß man das, was Si senatus, non quid vellet]. – Dies non wird von Allen verworfen. Weil Drakenb. Beispiele genug anführt, wo non aus nunc entstanden ist, so habe ich nunc übersetzt. Jetzt sehe ich, daß dies auch Hr.  Ruperti schon vorgeschlagen hat. jetzt Publius Licinius in seinem Consulate sich wünsche, mehr zu beachten habe, als das, was von ihm in der Prätur beschworen sei, so wolle er sich dem Willen des Senates fügen.» Die deshalb befragten Väter fanden es hart, jemanden einen Kriegsposten zu versagen, dem das Römische Volk das Consulat nicht versagt habe, und hießen die Consuln losen. Den Publius Licinius traf Macedonien, den Cajus Cassius Italien. Nun loseten sie um die Legionen; so daß die erste und dritte zur Überfahrt nach Macedonien bestimmt wurden, die zweite und vierte in Italien blieben. Auf die Werbung verwandten die Consuln eine weit eifrigere Sorgfalt, als sonst. Licinius warb auch alte Soldaten und Hauptleute an; und viele stellten sich freiwillig, weil sie sahen, daß die bemittelt waren, welche im ersten Macedonischen Kriege oder gegen den Antiochus in Asien Dienste gethan hatten. Da die Obersten immer die ältesten sed primum quemque]. – Statt sed primum will Crevier vetustissimum lesen. Eher könnten wir, der noch übrigen Spur zufolge, veterrimum lesen. Auch nennt uns das Glossarium oft genug veteres milites, veteres centuriones; nirgends vetustos. Es kann aber auch das s in centuriones die ächte Lesart et primum quemque in sed primum quemque verwandelt haben. Hauptleute aufforderten, so thaten dreiundzwanzig Hauptleute, welche schon Führer der ersten Pike gewesen waren, als sie aufgerufen wurden, Ansprache bei den Bürgertribunen. Zwei vom Gesamtamte, Marcus Fulvius Nobilior und Marcus Claudius Marcellus, wiesen die Sache an die Consuln zurück; weil die Untersuchung denen gehöre, 270 welchen die Werbung, sowie der ganze Krieg aufgetragen sei. Die Übrigen sagten, sie wollten den zur Ansprache gebrachtem Gegenstand untersuchen, und wenn ihren Mitbürgern Unrecht geschähe, ihnen Hülfe leisten. 33. Die Sache wurde von den dasitzenden Tribunen verhandelt. Hieher also kamen der Consular Marcus Popillius, als Beistand der Hauptleute, die Hauptleute selbst und der Consul P. Licinius. . Auf Verlangen des Consuls, daß die Sache vor einer Versammlung verhandelt werden solle, wurde nun das Volk zur Versammlung herbeigerufen. Für die Hauptleute führte Marcus Popillius, welcher vor zwei Jahren Consul gewesen war, so das Wort: «Diese Braven hätten ihre vollen Dienstjahre; ihr Körper sei durch Alter und anhaltende Beschwerden geschwächt: dennoch weigerten sie sich nicht, dem State ferner Dienste zu leisten. Nur darum bäten sie, nicht auf niedrigeren Rang angewiesen zu werden, als sie im Dienste gehabt hätten.» Nun ließ der Consul Publius Licinius die Senatsbeschlüsse vorlesen; den ersten, daß der Senat den Krieg gegen Perseus genehmigt habe; dann, daß er für gut gefunden habe, zu diesem Kriege so viele versuchte Hauptleute, als möglich ausheben zu lassen, und niemand mit dem Dienste zu verschonen, der noch nicht über funfzig Jahre alt sei. Dann bat er sie, «Bei diesem neuen Kriege, in dieser Nähe von Italien, gegen einen so mächtigen König, möchten sie weder die Obersten in der Werbung; stören, noch dem Consul hinderlich sein, jedem den Rang anzuweisen, der ihm zum Besten des Ganzen angewiesen werden müsse. Fände sich hiebei irgend eine Bedenklichkeit, so möchten sie die dem Senate anheim stellen.» 34. Als der Consul, was er vorzutragen wünschte, gesagt hatte, bat Spurius Ligustinus, einer von denen, welche bei den Bürgertribunen Ansprache gethan hatten, den Consul und die Bürgertribunen um die Erlaubniß, dem Volke einen kurzen Vortrag zu thun. Nach 271 erhaltener Zustimmung von Allen soll er so geredet haben: « Quiriten! ich heiße Spurius Ligustinus, gehöre in den Crustuminischen Bezirk und bin aus dem Sabinerlande gebürtig. Mein Vater hinterließ mir einen Morgen Landes und die kleine Hütte, in welcher ich geboren und erzogen bin, und in der ich noch heute wohne. Sobald ich das Alter hatte, gab mir mein Vater seines Bruders Tochter zur Frau, die mir nichts mitbrachte, als den Rang einer Freien und Keuschheit, und über dies eine Fruchtbarkeit, an welcher sogar ein reiches Haus zur Genüge gehabt hätte. Wir haben sechs Söhne, zwei Töchter, beide schon verheirathet. Vier Söhne sind schon in der Männertoga, zwei noch im Jugendrocke. Soldat wurde ich unter den Consuln Publius Sulpicius Im Jahre Roms 552, in welchem der Krieg mit Philipp von Macedonien ausbrach; also vor 29 Jahren. , Cajus Aurelius. In dem Heere, welches nach Macedonien hinüberging, diente ich zwei Jahre als Gemeiner gegen König Philipp. Im dritten Jahre gab mir Titus Quinctius Flamininus, weil ich mich gut gehalten hatte, die unterste Hauptmannsstelle in der ersten Linie. Nach Besiegung Philipps und der Macedonier, als wir nach Italien zurückgebracht und entlassen waren, ging ich ohne Unterbrechung mit dem Consul Marcus Porcius als Freiwilliger nach Spanien. Daß unter allen jetzt lebenden Feldherren keiner ein strengerer Beobachter und Beurtheiler der Tapferkeit sei, als er, wissen Alle, die bei längerem Dienste ihn und andre Heerführer kennen gelernt haben. Dieser Feldherr erklärte mich für würdig, mir in der ersten Linie die erste Hauptmannsstelle bei dem ersten Hunderte anzuvertrauen. Zum drittenmale trat ich wiederum als Freiwilliger in das Heer, das gegen die Ätoler und den König Antiochus geschickt wurde. Vom Manius Acilius wurde mir die erste Hauptmannsstelle bei dem ersten Hunderte der zweiten Linie anvertrauet. Als König Antiochus verjagt und die Ätoler bezwungen waren, wurden wir 272 wieder nach Italien gebracht, und da habe ich nacheinander zweimal die Dienste gethan, in welchen deinceps bis, quae annua]. – Ich nehme es nicht auf mich, diese den besten Erklärern so schwierige Stelle erklären zu wollen. Doch erlaube ich mir die Frage: Sollten dies vielleicht Dienste in der Stadt, in einer legione urbana, gewesen sein? Man könnte auf diese Vermuthung kommen, weil kein auswärtiger Ort dieser Dienstzeit angegeben wird. Und da auch gewöhnlich den auswärts Dienenden 6, 8 oder 10 Monate für voll gerechnet und voll bezahlt wurden, so war dies bei dem mit keiner Gefahr verbundenen Dienste in der Stadt nicht der Fall: hier konnte man von dem Soldaten das volle Dienstjahr ( annuum stipendium) fordern, oder eigentlich annuam operam pro annuo stipendio. die Legionen das ganze Jahr hindurch standen. Nachher habe ich zweimal in Spanien gedient; einmal unter dem Prätor Quintus Fulvius Flaccus, das zweitemal unter dem Tiberius Sempronius Gracchus. Vom Flaccus wurde ich unter den Übrigen, die er ihres Verdienstes wegen vom Kriegesplatze zu seinem Triumphe mitnahm, mit abgeführt. Auf Bitte des Tiberius Gracchus ging ich auf den Kriegsposten zurück. Viermal habe ich in wenigen Jahren das erste Hundert angeführt, bin vierunddreißigmal für mein Verdienst von meinen Feldherren beschenkt; habe sechs Bürgerkränze bekommen; zähle zweiundzwanzig bei dem Heere vollendete Dienstjahre; und bin über funfzig Jahre alt. Wenn ich aber auch meine Jahre noch nicht alle ausgehalten hätte, und mich auch mein Alter nicht dienstfrei machte, so könnte ich doch darauf rechnen, Publius Licinius, jetzt entlassen zu werden, da ich in meinen Einen Platz vier Mann zu stellen im Stande bin. Allein ich bitte euch, dies so aufzunehmen, als hätte ichs nur zur Vertheidigung meiner Sache gesprochen. Mich selbst werde ich nie, so lange mich jemand, welcher Heere zu werben hat, zum Dienste für tauglich hält, mit der Freiheit entschuldigen. Welches Ranges mich die Obersten würdig achten wollen, das steht bei ihnen: daß aber niemand im Heere mich an Tapferkeit übertreffe, das wird meine Sache sein; wie meine Feldherren und meine Dienstgenossen es bezeugen können, daß ich es immer so gehalten habe. Auch ihr, meine Waffenbrüder, ob ihr gleich von eurem 273 Rechte der Ansprache Gebrauch macht, müsset auch jetzt, da ihr nie als Jünglinge das Mindeste gegen eurer Obrigkeiten und des Senates Gutachten unternommen habt, dem Senate und den Consuln euch fügen, und jeden Rang für ehrenvoll halten, in welchem ihr den Stat vertheidigen sollt.» 35. Als er so geredet hatte, führte ihn der Consul unter vielen Lobsprüchen aus der Versammlung in den Senat. Auch hier wurde ihm durch eine Senatserklärung Dank gesagt, und die Obersten erkannten ihm für sein Verdienst die erste Hauptmannsstelle in der ersten Legion zu. Die übrigen Hauptleute gaben die Ansprache auf, und beantworteten den Aufruf bei der Werbung mit Bereitwilligkeit. Um die Befehlshaber so viel zeitiger auf ihre Standplätze abgehen zu lassen, feierte man das Latinerfest schon auf den ersten Junius, und nach beendigter Feier brach der Prätor Cajus Lucretius, der schon alle Bedürfnisse für die Flotte hatte vorangehen lassen, nach Brundusium auf. Außer den Heeren, welche die Consuln errichteten, mußte der Prätor Cajus Sulpicius Galba vermöge Auftrages vier Stadtlegionen von gehöriger Stärke an Fußvolk und Reuterei aufbringen und zu ihren Anführern vier quatuor tribunos]. – Weil jede Legion sechs Obersten hatte, so wollte Crevier statt IIII. lieber XXIIII. lesen. Drakenb. aber findet dies unnöthig, weil es sich denken läßt, daß von den 6 Obersten nur der erste aus dem Senate genommen werden sollte. Obersten aus dem Senate wählen; auch von den verbündeten Latinern funfzehntausend Mann zu Fuß und tausend zweihundert Ritter stellen lassen. Dies Heer solle sich zum Aufbruche bereit halten, wohin es der Senat bestimmen werde. Für sein Heer von Bürgern und Bundesgenossen wurden dem Consul Publius Licinius auf seine Bitte noch als Hülfstruppen zugegeben, zweitausend Ligurier, Cretenser Bogenschützen – die Anzahl der Truppen, welche die Cretenser auf Roms Bitte schicken würden, war noch ungewiß, – ferner Numidische Reuter und Elephanten. Zu diesem Zwecke gingen an den 274 Masinissa und nach Carthago Lucius Postumius Albinus, Quintus Terentius Culleo, Cajus Aburius als Gesandte ab. Nach Creta bestimmte man ebenfalls drei Gesandte, den Aulus Postumius Albinus, Cajus Decimius, Aulus Licinius Nerva . 36. Um diese Zeit kamen Gesandte vom Könige Perseus. Man fand nicht für gut, sie in die Stadt zu lassen, weil der Senat den Krieg gegen ihren König und gegen die Macedonier schon beschlossen, das Gesamtvolk ihn auch schon genehmigt hatte. Sie wurden im Tempel der Bellona dem Senate vorgestellt und sagten: «König Perseus wundere sich, daß nach Macedonien Heere hinübergegangen wären. Wenn es sich bei dem Senate erlangen lasse, daß sie wieder zurückgerufen würden, so wolle sich der König für die Beleidigungen, wenn sie sich ja über dergleichen, als ihren Bundesgenossen angethan zu beklagen hätten, zu einer von den Vätern zu bestimmenden Genugthuung verstehen.» Spurius Carvilius, der hierzu absichtlich aus Griechenland vom Cneus Sicinius zurückgeschickt war, befand sich im Senate. Da dieser den Gesandten über die gewaltsame Eroberung Perrhäbiens, über die Wegnahme mehrerer Städte Thessaliens, und über die andern Beschäftigungen und Rüstungen des Königs Vorwürfe machte, so hieß man die Gesandten hierauf antworten. Als sie stockten und sagten, ihr König habe ihnen weiter keine Aufträge gegeben, so gab man ihnen für ihren König den Bescheid mit: «Der Consul Publius Licinius werde nächstens mit einem Heere in Macedonien stehen; an ihn möchte der König, wenn es ihm mit der Genugthuung ein Ernst sei, seine Gesandten gehen lassen. Daß er weiter Gesandte nach Rom schicke, sei nicht nöthig: es werde keinem von ihnen erlaubt werden, durch Italien zu reisen.» So entließ man sie und trug dem Consul Publius Licinius auf, ihnen anzudeuten, daß sie Italien binnen elf Tagen räumen sollten; ihnen auch den Spurius Carvilius mitzugeben, um sie bis zu ihrer Einschiffung zu beobachten. Dies waren die Beschäftigungen zu Rom vor dem Aufbruche der Consuln nach 275 ihrem Standplatze. Schon hatte Cneus Sicinius, der vor seinem Abgange vom Amte, nach Brundusium zur Flotte und zum Heere vorausgeschickt war, fünftausend Mann zu Fuß und dreihundert Ritter quinque M peditum, CCC equitibus]. – Drakenb. weiset aus Cap. 27. sehr richtig nach, daß Sicinius (außer dieser Bürgerlegion von 5000 zu Fuß und 300 Rittern) noch an Bundesgenossen 12,000 zu Fuß und 600 Ritter gehabt habe. Danach ließe sich in unserer Stelle vermuthen, daß der Abschreiber von den Worten: quinque millibus peditum, tre centis equitibus et duodecim millibus sociorum peditum, sex centis equitibus (bei der Ähnlichkeit in . . . centis equitibus) die cursiv gedruckten ausgelassen habe. Allein da uns Livius in eben dem Cap. 27. §. 34. von den 8000 Mann zu Fuß und 400 Rittern, welche sich Sicinius von den Latinern geben lassen soll, ausdrücklich sagt: Hunc militem qui Brundusii acciperet atque in Macedoniam mitteret , A. Atilius Serranus – deligitur; so müssen wir auch annehmen, daß diese Atilius nach Griechenland hinübergeschickt habe; und an unserer Stelle können nur (nach Cap. 27. §. 5.) die mit der Legio secunda, quae maxime veterana in Liguribus exat, zugleich genannten 4000 Latiner und 200 Ritter ausgelassen sein. Dann würde unsere Stelle so zu ergänzen sein: traiectis in Epirum quinque millibus peditum, tre centis equitibus et quatuor millibus sociorum peditum, du centis equitibus, ad Nymphaeum etc. In beiden Fällen ist die Klippe, woran der Abschreiber scheiterte, nämlich die Ähnlichkeit in . . . centis equitibus, dieselbe. Man sehe die Berechnung bei Drakenb., aus welcher sich so viel wenigstens ergiebt, daß die hier genannten 5300 Mann kein Heer sein können, quo Cn. Sicinius (C. 27. §. 6.) provinciam Macedoniam obtineret; um so weniger, da er gleich nach seiner Ankunft seinen Tribunen 2000 Mann für Dassaretien und Illyrien abgiebt, und also ad obtinendam provinciam Macedoniam nur etwas über 3000 Mann behalten würde. nach Epirus übergesetzt und stand bei Nymphäum im Gebiete von Apollonia im Lager. Von hieraus schickte er zweitausend Mann unter der Anführung von Obersten ab, um die kleinen Festungen der Dassaretier und Illyrier in seiner Gewalt zu haben; und sie selbst hatten diese Besatzungen verlangt, um vor einem Einfalle der benachbarten Macedonier so viel mehr gesichert zu sein. 37. Wenig Tage nachher brachten die nach Griechenland gegangenen Bevollmächtigten, Quintus Marcius, Aulus Atilius, die beiden Cornelius Lentulus Publius und Servius, und Lucius Decimius tausend Mann Fußvolk mit nach Corcyra: hier theilten sie sich in die Gegenden, die sie besuchen wollten und in die Soldaten. Decimius wurde an den Illyrischen König Gentius mit dem Auftrage abgeschickt, wenn er sähe, daß dieser gegen die 276 Freundschaft mit Rom nicht gleichgültig sei, einen Versuch auf ihn zu machen, oder ihn gar für diesen Krieg zu einem Bündnisse zu bereden. Die beiden Lentulus wurden nach Cephallenia geschickt, um auf den Peloponnes überzugehen und die Küste des Westmeeres noch vor dem Winter zu bereisen. Dem Marcius und Atilius wurden zu ihren Besuchen Epirus, Ätolien und Thessalien angewiesen. Ferner sollten sie Böotien und Euböa in Augenschein nehmen, und dann in den Peloponnes übergehen. Sie verabredeten dort mit den beiden Lentulus zusammenzutreffen. Ehe sie aus Corcyra von einander schieden, wurde ein Brief von Perseus gebracht, worin er anfragte, was die Römer für Gründe hätten, Truppen nach Griechenland übergehen zu lassen, oder auch, Städte zu besetzen. Es wurde beliebt, nicht schriftlich zu antworten, sondern nur seinem Boten, dem Überbringer des Briefes, sagen zu lassen, die Römer thäten das zur eigenen Sicherheit der Städte. Als die Lentulusse bei ihrem Besuche der Peloponnesischen Städte alle Staten ohne Unterschied aufforderten, mit eben dem Muthe und eben der Treue den Römern gegen Perseus beizustehen, womit sie zuerst im Kriege gegen Philipp und dann in dem gegen Antiochus sie unterstützt hätten; so hörten sie in den Versammlungen ein lautes Murren, weil es die Achäer verdroß, daß sie, da sie doch seit dem ersten Anfange des Krieges mit Macedonien den Römern Alles geleistet hätten und schon im Kriege mit Philipp Macedoniens Feinde gewesen wären, mit den Messeniern und Eliern auf gleichen Fuß behandelt würden, die doch gegen das Römische Volk, für dessen Feind Antiochus, die Waffen geführt hätten, und, da sie erst neulich dem Achäischen Statenbunde zugegeben wären, sich noch beklagten, man habe sie den Siegern, den Achäern, für den Krieg zum Lohne hingegeben. 38. Dem Marcius und Atilius hörte man; da sie bei ihrem Hinaufgange nach Gitanä – einer Stadt in Epirus, zehntausend Schritte vom Meere – eine Versammlung der Epiroten hielten, mit allgemeinem Beifalle zu, und sie schickten den Oresten vierhundert Mann Epireten zu, um 277 diese durch die liberatis ab se]. – Orestae, ein Macedonisches Volk, waren im Frieden mit Philipp von den Römern für frei erklärt, nach 33, 34. Daß liberatis ab se im Munde Römischer Gesandten so viel heiße, als liberatis ope Romana, oder per Romanos, glaube ich so viel eher, da eben diese Gesandten noch in diesem Cap. den Thessaliern danken, quod enise adiuti a gente Thessalorum essent, wo die adiuti ebenfalls nicht die Gesandten, sondern die Römer sind. Und kurz vorher heißt de se so viel, als quod attinet ad Romanos. Römer befreieten Macedonier zu schützen. Nachdem sie sich von hier nach Ätolien begeben und wenige Tage daselbst aufgehalten hatten, bis an die Stelle des verstorbenen Prätors ein anderer gewählt wäre, und Lyciscus zum Prätor ernannt war, von dem man gewiß wußte, daß er es mit den Römern hielt, gingen sie weiter nach Thessalien. Dahin kamen auch Acarnanische Gesandte und Böotische Flüchtlinge. Den Acarnanen trugen sie auf, zu Hause vorzustellen: «Jetzt sei ihnen die Gelegenheit geboten, das wieder gut zu machen, was sie im Kriege der Römer zuerst mit Philipp und dann mit Antiochus, getäuscht durch die Vorspiegelungen der Könige pollicitationibus regiis]. – Nach Crev., Duker, Drakenb. , am Römischen Volke verschuldet hätten. Wenn sie, so schlecht sie sich auch um die Römer verdient gemacht hätten, dennoch ihre Milde erfahren hätten, so möchten sie doch nun durch Wohlverhalten von ihrer Freigebigkeit Erfahrung machen.» Den Böotiern machten sie den Vorwurf, daß sie mit dem Perseus ein Bündniß geschlossen hätten. Als sie nun die Schuld auf das Haupt der Gegenpartei, auf den Ismenias schoben und verschiedene gegen ihre Neigung in jene Partei gezogenen Städte anführten et quasdam]. – S. die letzte Anmerk. zu Cap. 43 . , so antwortete Marcius: «Das werde sich zeigen: denn man werde jedem State Gelegenheit verschaffen, in Beziehung auf de se]. – Nämlich de Romanis oder quod attinet ad Romanos. Ipsis aber ist Dativ. Man sehe die Anmerkung oben. Irre ich nicht, so soll dies im Munde der Herren Gesandten eine Drohung sein, etwa des Inhalts: «Nächstens sind unsere unüberwindlichen Legionen hier: dann wird jeder Stat wissen, was er in Rücksicht des Verhältnisses mit Rom zu thun, was für eine Partei er zu ergreifen hat.» Wenn Große übersetzt: «Man werde jeder Stadt erlauben, für sich selbst zu sorgen» – und Ostertag: «indem man jeder Stadt erlauben würde, ihre besonderen Berathschlagungen anzustellen» – so sehe ich nicht, wie Gesandte sich erklären können, eine Erlaubniß zu geben, die sich von selbst versteht und pflichtmäßig ist. Rom sein eignes Bestes zu beherzigen.» 278 Die Zusammenkunft mit den Thessaliern fand zu Larissa Statt. Hier hatten die Thessalier Gelegenheit genug, den Römern für das Geschenk der Freiheit Dank zu sagen, und die Bevollmächtigten den Thessaliern dafür, daß sie vorher im Kriege mit Philipp und nachher im Kriege mit Antiochus die Römer so eifrig unterstützt hatten. Durch diese gegenseitige Erwähnung der Verdienste wurde die Versammlung so begeistert, daß sie Alles bewilligte, was die Römer wünschten. Nach dieser Zusammenkunft fanden sich Gesandte vom Könige Perseus ein, vorzüglich im Vertrauen auf die eigene Gastfreundschaft, in welcher der König von seinem Vater her mit dem Marcius stand. Die Gesandten, die von der Erwähnung dieses Verhältnisses ausgingen, baten für ihren König um die Erlaubniß, sich zu einer Unterredung einfinden zu dürfen. Marcius sagte: «Auch er habe sich von seinem Vater sagen lassen, daß zwischen ihm und Philipp Freundschaft und gastliche Verbindung bestanden habe; und nicht ohne Rücksicht auf dieses Verhältniß habe er diese Gesandschaft übernommen. Wenn er sich völlig wohl befände, würde er diese Unterredung nicht verschoben haben: so aber wollten sie, sobald es ihm möglich sei, am Flusse Pencus, da wo der Weg von Homolium nach Dium hinübergehe, mit dem Könige zusammenkommen, und er werde ihn zuvor davon benachrichtigen lassen.» 39. Für jetzt zog sich Perseus von Dium wieder tiefer in sein Reich zurück, da ihm nur das leichte Lüftchen von Hoffnung vorschwebte, daß doch Marcius gesagt hätte, er habe die Gesandschaft seinetwegen übernommen. Wenig Tage nachher kamen sie an den bestimmten Ort. Der König, von einem Schwarme von Vertrauten und Trabanten umdrängt, hatte ein großes Gefolge. Die Gesandten kamen mit einem nicht kleineren Zuge, weil in ihrem 279 Gefolge nicht allein Viele aus Larissa selbst, sondern auch die Gesandschaften der Städte waren, welche sich zu Larissa gesammelt hatten, und jetzt das, was sie selbst hören würden, als zuverlässig nach Hause melden wollten. Sie waren nicht ohne die den Sterblichen eigene Neugier, die Zusammenkunft eines so ansehnlichen Königs mit den Gesandten des ersten Volks der Welt zu sehen. Als sie einander im Angesichte dastanden und nur durch den Fluß geschieden waren, machte das Hin- und Hertragen, wer von beiden herüberkommen solle, einigen Aufenthalt. Jene meinten, Etwas sei man doch der königlichen Würde schuldig; diese, der Ehre des Römischen Stats; vorzüglich da Perseus um die Unterredung nachgesucht habe. Auch ein Scherz des Marcius war auf die Unschlüssigen nicht ohne Wirkung. «Der Jüngere,» sagte er, «mag zu dem Älteren herüberkommen, und» – mit Anspielung auf seinen eignen Zunamen Philippus – «der Sohn zum Vater.» Der König ließ sich leicht dazu bereden. Nun gab es einen zweiten Punkt auszumachen, mit wie Vielen er hinübergehen solle. Der König hielt es für schicklich, mit seinem ganzen Gefolge hinüberzugehen. Die Bevollmächtigten verlangten, er solle mit Dreien kommen, oder, wenn er einen solchen Zug mit herüberbringen wolle, zur Sicherheit gegen jede böse Absicht bei dieser Unterredung Geisel stellen. Er stellte den Hippias und Pantauchus, die Ersten unter seinen Betrauten, die auch vorhin seine Abgesandten gewesen waren. Die Geisel verlangte man nicht sowohl zum Unterpfande der Sicherheit, als damit es den verbündeten Völkern einleuchten sollte, daß der König bei der Zusammenkunft durchaus nicht gleichen Rang mit den Abgeordneten habe. Sie begrüßten sich nicht als Feinde, sondern als Gastfreunde mit vieler Artigkeit und nahmen auf den zurecht gestellten Sitzen Platz. 40. Nach einer kurzen Stille sprach Marcius: «Ich glaube, man erwartet, daß wir eine Antwort auf deinen Brief geben sollen, den du uns nach Corcyra geschrieben hast, worin du anfragst, warum wir denn als Bevollmächtigte mit Truppen gekommen wären und einer Stadt nach 280 der andern Besatzungen zuschickten. Auf diese deine Frage nicht zu antworten, möchte, wie ich fürchte, Stolz verrathen, und doch die richtige Antwort für dich gar zu bitter anzuhören sein. Da indeß derjenige, der den Bund zerreißt, entweder durch Worte, oder durch die Waffen zurecht gewiesen werden muß; so will ich mich, so wie ich auch den Krieg gegen dich lieber einem Andern als mir aufgetragen sähe, eben so der bittern Anklage meines Gastfreundes, sei sie mir noch so unangenehm, unterziehen; so wie es die Ärzte machen, wenn sie, um zu retten, etwas härtere Mittel anwenden. Seitdem du die Regierung angetreten hast, hast du, nach des Senats Erachten, von dem, was du zu thun hattest, das allein recht gemacht, daß du zur Erneurung des Bundesvertrages Gesandte nach Rom [schicktest ad renovandum . . . iudicat]. – Sigonius ergänzt diese Lücke so: ad renovandum [foedus miseris, quod ipsum tamen tibi non fuisse renovandum ] iudicat potius. ; welchen du aber lieber nicht hättest erneuren sollen,] meint der Senat, als daß du ihn nach der Erneurung verletztest. Den Abrupolis, den Bundesgenossen und Freund der Römer, hast du aus seinem Reiche getrieben. Die Mörder des Artetarus nahmest du auf, so daß du zeigtest, seine Ermordung – wenn ich auch von dem Übrigen schweige – mache dir Freude; Mörder eines Fürsten, der unter allen Illyriern der treueste Freund von Allem war, was Römer hieß. Durch Thessalien und das Malieische Gebiet zogest du, dem Vertrage zuwider, mit einem Heere bis Delphi: den Byzantinern schicktest du, eben so vertragswidrig, Hülfe. Den Böotiern, unsern Bundesgenossen, gabst du deinen Eid zu einer bloß mit dir geschlossenen Verbindung, die dir nicht erlaubt war. Die von uns zurückkommenden Thebanischen Gesandten, den Euerces und Callicritus «– – ich will lieber fragen: Wer hat sie ermordet? als dich beschuldigen. Den innerlichen Krieg in Ätolien und die Ermordungen der Großen dort – auf wen kann der Verdacht, sie angestiftet zu haben, sonst fallen, als auf deine Vertrauten? Dolopien hast du selbst 281 verwüstet. Auf wen der König Eumenes, der auf seiner Rückreise von Rom in sein Reich, zu Delphi, auf heiliger Stäte, beinahe am Altare als ein Opferthier abgethan wäre, diesen Verdacht fallen lässet, sage ich nur ungern. Was für geheime Bosheiten dein Brundusiner Gastfreund nachweiset – das Alles hat man dir, weiß ich gewiß, von Rom aus geschrieben, und deine Gesandten haben es dir wieder gesagt. Daß ich dies nicht zu sagen brauchte, hättest du durch das Eine Mittel abwenden können, wenn du mich nicht fragtest, warum nach Macedonien Heere übergesetzt würden, oder warum wir in die Städte unsrer Verbündeten Besatzungen schickten. Dir die Frage gar nicht zu beantworten, wäre von unserer Seite mehr Härte gewesen, als dir die Wahrheit zu antworten. Für meine Person will ich als väterlicher Gastfreund dich mit Wohlwollen anhören, und wünsche, daß du mir wenigstens einige Gelegenheit geben mögest, mich deiner Sache vor dem Senate anzunehmen.» 41. Hierauf antwortete der König: «So will ich denn meine Sache, die unter die guten gehörte, wenn sie vor unparteiischen Richtern geführt würde, vor meinen Anklägern führen, die zugleich meine Richter sind. Die mir gemachten Vorwürfe sind theils von der Art, daß ich mich ihrer beinahe rühmen möchte; theils so, daß ich sie einzugestehen nicht erröthe; und bei einigen, mir bloß mit ein par Worten gemacht, möchten wohl ein par Worte hinreichen, sie abzuleugnen. Denn angenommen, ich würde hier heute nach euren Gesetzen gerichtet, was läge dann in den Vorwürfen entweder des Brundusiner Angebers, oder des Eumenes, das sich mehr zu einer wahren Anklage eignete, als zu einer Lästerung? Man denke doch! Eumenes , dessen Druck so mancher Stat, so mancher Einzelne fühlt, kann keinen andern Feind gehabt haben, als mich: und eben so konnte auch ich zur Handreichung bei meinen Verbrechen niemand finden, der mir zuverlässiger war, als ein Rammius, den ich nie vorher gesehen hatte und nachher nie wieder sehen sollte. Auch wegen der Thebaner, die bekanntlich 282 im Schiffbruche umkamen, und wegen der Ermordung des Artetarus soll ich mich verantworten. Und doch wird mir bei dieser sonst nichts zur Last gelegt, als daß seine Mörder als Flüchtlinge in meinem Reiche lebten. Diese unbillige Zusage will ich gar nicht von mir ablehnen, unter der Bedingung, daß auch ihr euch dazu verstehet, bei jedem Flüchtlinge, der sich nach Italien oder nach Rom begiebt, euch als Anstifter der Verbrechen zu bekennen, um welcher willen sie verurtheilt sind. Weigert ihr euch aber dessen, wie jede andre Nation, so gehöre auch ich in diese Mehrzahl. Und der Gott! was hilft es denn, daß man irgend jemanden die Auswanderung offen läßt, wenn der Flüchtling nirgendwo einen Platz finden soll? Und dennoch habe ich, sobald ich, durch euch aufmerksam gemacht, erfuhr, daß sich diese Menschen in Macedonien aufhielten, sie aufsuchen lassen, sie aus meinem Reiche weggewiesen und ihnen auf ewig untersagt, es zu betreten. So viel über die Vorwürfe, die mir als dem sich verantwortenden Beklagten galten. Was nun folgt, gilt mir, dem Könige und führt zu einer Auseinandersetzung des zwischen mir und euch bestehenden Vertrages. Wenn in diesem Vertrage wirklich geschrieben steht, daß ich auch dann, wenn jemand mich bekriegt, mich und mein Reich nicht schützen darf; dann muß ich gestehen, den Vertrag gebrochen zu haben, weil ich mich gegen den Bundesgenossen der Römer Abrupolis mit den Waffen vertheidigt habe. Blieb mir dies aber auch in dem Vertrage erlaubt, und bringt es das Völkerrecht so mit sich, daß man sich der Waffen durch Waffen erwehrt; ich bitte euch, was sollte ich da thun, als Abrupolis das Gebiet meines Reiches bis nach Amphipolis verheerte, viele freie Leute, eine große Menge Sklaven und viele tausend Stück Vieh davontrieb? Sollte ich stillsitzen und es geschehen lassen, bis er mit den Waffen nach Pella und in meine Königsburg kam? Doch vielleicht war es zwar recht, gegen ihn zum Kriege zu schreiten: ich mußte ihn nur nicht überwinden, nur nicht leiden lassen, was die Besiegten zu treffen pflegt? Wenn 283 ich aber alles dies Unheil erfahren habe, der ich doch der Angegriffene war, wie kann er klagen, gelitten zu haben, da er die Veranlassung des Krieges war? Nicht auf gleiche Art, ihr Römer, werde ich mich dagegen vertheidigen, daß ich die Dolopen durch die Waffen zu Paren trieb, weil ich darin, gesetzt auch, es war nicht nach ihrem Verschulden, doch nach meinem Rechte verfuhr, insofern sie, durch euren eigenen Beschluß meinem Vater zugetheilt, zu meinem Reiche, unter meine Landeshoheit gehörten. Und auch dann, wenn ich mich – nicht bei euch, nicht bei unsern Verbündeten – sondern selbst bei denen zu verantworten hätte, welche eine zu harte und ungerechte Herrengewalt, sogar nur gegen Sklaven ausgeübt, misbilligen, würde ich doch nicht als der Mann erscheinen, der sie zu unbillig und zu schlimm behandelt hätte: denn sie hatten den von mir gesetzten Statthalter Euphranor auf eine solche Art ermordet, daß von seinen Martern der Tod selbst die kleinste war.» 42. «Aber, sagt man, als ich von dort weiter zog, um Larissa , Antron und Pteleus zu besuchen, bin ich ja, um in der Nähe meine schon lange schuldigen Gelübde zu bezahlen, zum Opfer nach Delphi hinaufgegangen. Und hier setzt man, die Beschuldigung zu vergrößern, hinzu, ich soll sogar mein Heer bei mir gehabt haben. Ei freilich, in der Absicht, Städte zu überfallen, und in ihre Burgen Truppen zu legen; ein Verfahren, dessen ich euch jetzt anklagen muß. Lasset die Städte Griechenlands zu einer Versammlung berufen: kann irgend jemand über eine Gewaltthat eines von meinen Soldaten Klage führen, so will ich den Argwohn verdienen, unter dem Scheine eines Opfers etwas Anderes beabsichtigt zu haben. Aber den Ätolern und Byzantinern haben wir Truppen gesandt, mit den Böotiern Freundschaft geschlossen. Davon habe ich ja, gesetzt, es wäre noch so schlimm, nicht bloß durch meine Gesandten in eurem Senate Anzeige thun, sondern mich auch deshalb entschuldigen lassen; wo ich freilich einige Richter fand, die nicht so wohlwollend waren, als du, Quintus 284 Marcius, meines Vaters Bekannter und Gastfreund. Doch war mein Ankläger Eumenes damals noch nicht in Rom gewesen, um durch seine Verleumdungen und Verdrehungen Alles in ein verdächtiges und gehässiges Licht zu setzen und den Versuch zu machen, ob er euch nicht überzeugen könne, daß Griechenland nie in Freiheit sein, nie von eurer Wohlthat Gebrauch machen werde, so lange das Macedonische Königreich bestehe. Dies Rad wird sich drehen: bald wird sich jemand mit der Klage einfinden: Antiochus sei umsonst über die Höhen des Taurus zurückgewiesen; Eumenes sei für Asien weit drückender, als Antiochus gewesen sei, und eure Bundesgenossen könnten nicht zur Ruhe kommen, so lange es einen Königssitz Pergamus gebe; denn dieser sei den benachbarten Städten über dem Kopfe als Zwingburg aufgethürmt. Ich weiß, Quintus Marcius und Aulus Atilius, diese mir von euch gemachten Vorwürfe sowohl, als meine Rechtfertigung dagegen, hängen ganz von der Aufnahme und von den Gesinnungen ab, welche sie bei den Zuhörern finden; und es kommt nicht so viel darauf an, was und in welcher Absicht ichs gethan habe, als wie ich es nach eurer Ansicht gethan haben soll. Ich bin mir bewußt, wissentlich nicht gefehlt zu haben, und daß es immer, hätte ich ja aus Unwissenheit einen Fehltritt gethan, noch möglich sei, durch eine Zurechtweisung, wie diese, mich wieder auf den rechten Weg zu lenken und zu bessern. Wenigstens habe ich kein unheilbares Verbrechen begangen; keines, welches in euren Augen die Bestrafung durch Krieg und Waffen verdienen könnte: allein der Ruf von eurer Schonung und Würde hat sich umsonst über die Völker ausgebreitet, wenn ihr aus solchen Ursachen, die kaum der Klage und der Gegenrede werth sind, zu den Waffen greift und verbündeten Königen den Krieg erkläret.» 43. Marcius, der ihm hierin beipflichtete, rieth ihm, Gesandte nach Rom zu schicken, weil er meinte, der König müsse Alles bis auf das Letzte versuchen und keinen Anschein einer Hoffnung unbenutzt lassen. Die übrige 285 Unterredung betraf den Punkt, wie die Gesandten mit Sicherheit sollten reisen können. Da hierzu ein erbetener Waffenstillstand nothwendig schien, Marcius aber ihn wünschte und nur diesen durch die Unterredung hatte erreichen wollen; so stellte er sich doch höchst schwierig und bewilligte ihn dem Bittenden als einen großen Gefallen. Für jetzt nämlich hatten die Römer zum Kriege noch nichts in gehöriger Bereitschaft, kein Heer, keinen Feldherrn: dahingegen Perseus, hätte ihn nicht die eitle Hoffnung zum Frieden in seinen Maßregeln getäuscht, Alles vorbereitet und in Ordnung hatte; und gerade jetzt, in dem vortheilhaftesten Zeitpunkte für ihn und im nachtheiligsten für die Feinde, den Krieg anfangen konnte. Von dieser Unterredung begleitete legati R. in Boeotiam comparati sunt]. – Gronov, Clericus, Doujat, Crevier und Drakenborch alle verwerfen dies comparati sunt. Und wer nicht mit ihnen? Cap. 39. hieß es: Magnus comitatus fuit regius. – Non minore agmine legati venerunt, et ab Larissa multis prosequentibus, et legationibus civitatium etc. Der Sache nach könnte also hier sehr richtig stehen comitati sunt, sie wurden weiter begleitet. Und die participia der deponentium, aspernatus, amplexus, complexus, depopulatus expertus nimmt Livius oft genug im passiven Sinne. Cic. Tusc. 5. Puero ut uno esset comitatior, und man hat auch das Activum Comito, von welchem Gesner aus Ovid und Properz Beispiele anführt. Drakenb. sagt, Gronovs Vorschlag, conversi sunt, und Doujats profecti sunt oder delati sunt entferne sich zu weit von comparati sunt: ich denke, comitati sunt kommt diesem näher, noch mehr, wenn der Abschreiber com p ati sunt zu sehen meinte. man die Gesandten, unter dem Schutze des Waffenstillstandes, nach Böotien. Hier war es schon zu Bewegungen gekommen, weil auf die Nachricht, die Bevollmächtigten hätten zur Antwort gegeben, «Es werde sich zeigen, welche Städte von ihrer Seite die Verbindung mit dem Könige gemisbilligt hätten,» schon verschiedene Böotische Völker von der Theilnahme an dem gemeinschaftlichen Landtage zurücktraten. Noch auf der Hinreise begegneten den Bevollmächtigten zuerst Gesandte von Chäronea, dann von Theben, mit der Versicherung, sie wären auf dem Landtage, auf welchem jene Verbindung beschlossen sei, nicht zugegen gewesen. Die Bevollmächtigten, ohne ihnen für jetzt eine Erklärung zu geben, hießen sie nach Chalcis mitgehen. Zu Theben 286 hatte ein andrer Streit eine große Spannung veranlasset. Die bei der Böotarchenwahl übergangene Partei hatte aus Rache für diese Beleidigung den großen Haufen zusammengebracht und zu Theben die Verordnung erlassen, daß keine Stadt die Böotarchen aufnehmen solle. Die Auswandernden begaben sich sämtlich nach Thespiä, und als sie von hier, wo man sie ohne Bedenken aufgenommen hatte, nach schon erfolgter Umstimmung des Volks, nach Theben zurückgerufen wurden, machten sie die Verordnung, Die Zwölf, welche als Unbeamtete eine Volksversammlung und einen Landtag gehalten hätten, sollten Landes verwiesen sein. Nachher erkannte ihnen in ihrer Abwesenheit der neue Prätor – dieser war Ismenias, ein Mann von Abkunft und Einfluß – in einer Verordnung die Todesstrafe zu. Sie waren aber nach Chalcis geflohen, von hier zu den Römern nach Larissa gereiset und hatten berichtet, die ganze Schuld des Bündnisses mit dem Perseus liege am Ismenias ex contentione ortum certamen.] – Ich folge hier Creviers kleiner Ausgabe, in welcher diese Worte cursiv gedruckt sind. Er setzt in der Note etwa Folgendes hinzu: Tamquam dicta ab exsulibus Boeotis. Ii nempe significant, ex contentione, quae fuerat inter ipsos et Ismeniam de societate cum Perseo, ortum id certamen esse, quo ipsi in exsilium eiecti sint. Dann wird aus contulerant ein dixerant, narruverant, oder ein ähnliches suppliret; wie es so oft im Livius der Fall ist, und wie Crev. gerade bei diesem Verbum conferre sehr richtig oben Cap. 38. §. 5. aus culpam in Ismeniam conferrent zu dem folgenden et quasdam civitates dicerent supplirt. S. unten 44, 25. 6. Folgt man dieser Erklärung nicht, so müßte dies certamen coram legatis vorgefallen sein, ohne daß wir erführen, wie es ablief, oder was die Römischen Bevollmächtigten dazu sagten. , und ihr Widerspruch habe den Streit veranlasset. Von beiden Theilen stellten sich gleichwohl Gesandte bei den Römern ein; nicht allein die Vertriebenen und Ankläger des Ismenias, sondern auch Ismenias selbst. 44. Als man zu Chalcis ankam, erklärten sich die Großen der übrigen Städte, welche jede durch ihren eigenen Beschluß das Bündniß mit dem Perseus verworfen hatten – und dies war den Römern besonders lieb – für die Römer. Ismenias hielt es für besser, wenn sich das ganze Böotische Gesamtvolk in Römischen Schutz 287 begäbe. Bei dem hierüber entstandenen Streite fehlte nicht viel so wäre er, wenn er sich nicht zu den Stühlen, der Bevollmächtigten gerettet hätte, von den Vertriebenen und ihren Gönnern ermordet. Auch Theben selbst, Böotiens Hauptstadt, war in großem Aufruhre, weil die eine Partei den Stat auf die Seite des Königs, die andre ihn auf die Seite der Römer ziehen wollte; und ein Schwarm von Bürgern aus Corone und Haliartus hatte sich eingefunden, um den Beschluß zu Gunsten der Verbindung mit dem Könige aufrecht zu erhalten. Allein durch die Standhaftigkeit der Großen, die ihnen aus Philipps und Antiochus Niederlagen bewiesen, wie groß die Macht und das Glück des Römischen States sei, ließ sich auch die Volksmenge umstimmen, verordnete, das Bündniß mit dem Könige aufzuheben, schickte alle die, welche zum Abschlusse jenes Bündnisses gerathen hatten, zur eignen Verantwortung vor den Bevollmächtigten, nach Chalcis und ließ ihren Stat dem Schutze der Bevollmächtigten empfehlen. Dem Marcius und Atilius machte der Vortrag der Thebaner viele Freude, und sie riethen ihnen, wie et his separatim singulis]. – Ich folge mit Drakenb. und Crevier der nach Polyb. κατ' ιδίαν εκάστας gemachten Verbesserung Gronovs: et his et separatim singulis. den Übrigen einzeln, zur Erneurung der Freundschaft Gesandte nach Rom zu schicken. Vor allen Dingen verlangten sie die Wiederaufnahme der Verbanneten, und verurtheilten durch eigenen Spruch die Beförderer der Verbindung mit dem Könige. Da sie so, was sie vorzüglich wünschten, den Böotischen Statenverein gesprengt hatten, reiseten sie nach dem Peloponnes ab, ließen aber vorher den Servius Cornelius Ser. Cornelio]. – Er war der eine von den Brüdern Lentulus. S.  Cap. 37. nach Chalcis kommen. Zu Argi hielt man in ihrem Beisein Landtag. Hier baten sie sich von der Achäischen Nation nichts weiter aus, als tausend Mann. Diese wurden zur Besatzung nach Chalcis geschickt, um es einstweilen, so lange noch das Römische Heer im Übergange nach Griechenland sei, zu decken. Als Marcius 288 und Atilius ihre Geschäfte in Griechenland ausgerichtet hatten, gingen sie mit Wintersanfang nach Rom zurück. 45. Von hier ging um diese Zeit auch eine Gesandschaft nach Asien und Asiam et circum insulas. – – Sp. Postumius]. – Beides nach Drakenborchs Vorschlage. nach den Inseln ab. Die drei Gesandten waren Tiberius Claudius, Spurius Postumius, Marcus Junius. Sie reiseten bei den Bundesgenossen umher und forderten sie auf, an dem Kriege gegen Perseus für die Römer Theil zu nehmen; und je mächtiger jeder Stat war, desto angelegentlicher betrieben sie die Sache, weil natürlich die kleineren das Beispiel der größeren nicht unbefolgt ließen. In jeder Hinsicht ließ sich vom Beitritte der Rhodier ein wichtiger Ausschlag erwarten, weil sie den Kriegführenden nicht bloß begünstigen, sondern auch mit ihrer Macht unterstützen konnten, die aus vierzig auf Betrieb des Hegesilochus ausgerüsteten Schiffen bestand. Als höchster Statsbeamter der Rhodier – dieser hat bei ihnen den Titel Prytanis – hatte er sie durch mehrere Gründe überzeugt, «sie müßten den Plan, der sie nun schon so oft getäuscht habe, sich mit den Königen gut zu stehen, aufgeben, und die Verbindung mit Rom festhalten, die jetzt sowohl in Hinsicht auf ihre Macht, als auf ihre Treue, die einzige zuverlässige auf Erden sei. Jetzt komme es zu einem Kriege mit Perseus. Die Römer würden von ihnen denselben Beitrag zur See erwarten, den sie neulich im Kriege mit Antiochus, und vorher mit Philipp, gesehen hätten. Sie aber würden in Verlegenheit kommen, wenn sie die Flotte, die dann schon auslaufen sollte, nun erst in aller Eile ausrüsten wollten, wenn sie nicht schon jetzt anfingen, die Schiffe in Stand zu setzen und mit Seetruppen zu bemannen. Dies müßten sie sich so viel mehr angelegen sein lassen, um die vom Eumenes angebrachten Beschuldigungen durch den Beweis der That widerlegen zu können.» Hiedurch in Thätigkeit gesetzt zeigten sie den Römischen Bevollmächtigten bei ihrer Ankunft eine segelfertige, 289 bemannete Flotte von vierzig Schiffen; daß man sehen mußte, sie hatten die Aufforderung nicht abgewartet. Also auch diese Gesandschaft war für die freundschaftliche Stimmung Kleinasiens von großer Wirkung. Der einzige Decimius kam nach Rom zurück, ohne etwas ausgerichtet zu haben, ja nicht ohne Nachrede des Verdachts, daß er sich von den Illyrischen Königen habe bestechen lassen. 46. Als sich Perseus von der Unterredung mit den Römern nach Macedonien zurückbegeben hatte, schickte er wegen der mit dem Marcius eingeleiteten Friedensbedingungen Gesandte nach Rom; und andern Gesandten nach Byzanz und Rhodus gab er Briefe mit. Die Briefe sagten Allen dasselbe: «Er habe mit den Römischen Bevollmächtigten eine Unterredung gehabt.» Was man ihn hatte hören lassen, was er selbst gesagt hatte, das Alles hatte er so gestellt, daß es scheinen konnte, bei dieser Auseinandersetzung sei das Recht auf seiner Seite gewesen. Bei den Rhodiern fügten seine Gesandten noch hinzu: «Er rechne sicher auf den Frieden; denn selbst auf Betrieb des Marcius und Atilius habe er die Gesandten nach Rom geschickt. Sollten indeß die Römer gegen den Vertrag sich dennoch zum Kriege anschicken, so müßten die Rhodier mit ihrem ganzen Einflusse, mit aller ihrer Kraft dahin arbeiten, den Frieden wieder herzustellen. Richteten sie durch ihre abmahnenden Bitten nichts aus, «so hätten sie dahin zu wirken, daß nicht die Entscheidung und Obergewalt in allen Dingen einem einzigen Volke anheimfalle. Dies sei zwar allen Völkern wichtig, vorzüglich aber den Rhodiern; da sie vor andern Staten eine ausgezeichnete Würde und Macht besäßen, die aber gleich untergeordnet und preisgegeben sein würden, sobald die Römer das einzige Volk wären, auf welches man Rücksicht zu nehmen habe.» Der Brief und der Vortrag der Gesandten fanden mehr eine gefällige Aufnahme, als daß sie in den Gesinnungen einen Ausschlag gegeben hätten. Das Übergewicht der besseren Partei war schon zu groß geworden. Nach einem Beschlusse wurde ihnen die Antwort gegeben: «Die Rhodier wünschten den Frieden. 290 Sollte aber Krieg sein, so möchte der König nichts von den Rhodiern erwarten und nichts verlangen, was sie von der alten, durch viele und große Verdienste im Frieden und Kriege erworbenen, Freundschaft mit den Römern trennen würde.» Auf der Rückreise von Rhodus besuchten die Gesandten auch die Städte Böotiens, sowohl Theben, als Coronea und Haliartus, welche, wie sie meinten, wider Willen dazu genöthigt waren, das Bündniß mit dem Könige aufzugeben und sich den Römern anzuschließen. Auf die Thebaner machten sie nicht den mindesten Eindruck, ob diese gleich die Verurtheilung ihrer damnatis principibus]. – Ismenias und Nicetas waren von den Römern in den Kerker geworfen, und hatten sich bald nachher in diesem das Leben selbst genommen. Crev. zu Cap. 44. Größen und die Wiedereinsetzung der Vertriebenen auf die Römer unwillig machte. Die Bürger von Coronea und Haliartus, mit der ihnen eignen Vorliebe für Könige, schickten Gesandte nach Macedonien und baten um Truppen, mit denen sie sich gegen die zügellose Tyrannei der Thebaner schützen könnten. Die Gesandschaft erhielt vom Könige zur Antwort: «Truppen könne er ihnen bei dem mit den Römern geschlossenen Waffenstillstande nicht schicken: indeß rathe er ihnen, sich gegen die Mishandlungen der Thebaner zu vertheidigen, so weit sie das könnten, ohne den Römern einen Vorwand zur Härte gegen sie zu geben.» 47. Als Marcius und Atilius bei ihrer Zurückkunft nach Rom über ihre Gesandschaft auf dem Capitole Bericht erstatteten, wußten sie sich auf nichts so viel, als darauf, daß sie durch den Waffenstillstand und durch die Hoffnung zum Frieden den König getäuscht hätten. «Denn er sei mit seinen Rüstungen zum Kriege so völlig im Stande gewesen, während sie selbst noch nichts in Bereitschaft gehabt hätten, daß er alle vortheilhaften Plätze früher hatte besetzen können, ehe noch ein Heer nach Griechenland übergegangen sei. Durch die gewonnene Frist des Waffenstillstandes werde er um nichts gerüsteter auftreten, die Römer aber würden nun, mit allem 291 besser versehen, den Krieg beginnen. Auch hätten sie durch ihre Geschicklichkeit den Statenbund der Böoter gesprengt, so daß sie nie wieder mit Zusammenstimmung den Macedoniern sich anschließen könnten.» Ein großer Theil des Senats billigte dies, als ein höchst kluges Benehmen. Nur die Alten, die an die ehemalige Sitte zurückdachten, erklärten: «Sie könnten bei dieser Gesandschaft die Mittel zu wirken nicht für Römisch anerkennen. Nicht im Hinterhalte und in nächtlichen Gefechten, nicht durch verstellte Flucht und unvermuthete Rückschliche auf den sorglosen Feind; nicht um in der Schlauheit größeren Ruhm zu suchen, als in der ächten Tapferkeit, hätten die Vorfahren ihre Kriege geführt. Sie wären gewohnt gewesen, die Kriege eher anzukündigen, als zu führen, zuweilen dem Feinde den Tag denunciare etiam, interdum locum]. – Herr Walch beweiset S. 7. daß denunciare, als das schwächere, nicht dem stärkeren indicere, wenn sich beide Verba auf bella beziehen sollen, nachstehen könne. Hierin stimme ich ihm vollkommen bei. Und seine S. 11. aufgestellte Vermuthung, daß gerade unter diesen misbilligenden Greisen der alte Cato gewesen sei, der den Celtiberern 34, 19. sagen ließ: Si utique bellum placeat, diem locumque constituant, ubi secum armis decernant, veranlasset mich, so zu lesen: solitos bella, denunciare diem interdum, locum finire, in quo dimicaturi essent. Ob das von Hrn.  W. vorgeschlagene aciem leichter in etiam verwandelt werden konnte, oder mein diem, lasse ich unentschieden; doch dünkt mich, denunciare passe besser zu diem, als zu aciem, welches hier lieber pugnam oder praelium heißen müßte. Auch gehören diem locumque besser zusammen, als acies und locus, weil acies und locus sich einander nicht so ausschließen, wie dies und locus. festzusetzen und den Ort zu bestimmen, an welchem sie hätten schlagen wollen. Eben so redlich habe man dem Könige Pyrrhus den Arzt angezeigt, der seinem Leben nachgestellt habe; eben so vor eadem Faliscis – – liberorum regis]. – Das Wort regis geradezu wegzuwerfen, erklärt Drakenb. für nimis temerarium. Und gegen die Beibehaltung sind doch nicht nur Livius selbst, der uns 5, 27. principum liberos nannte, und von keinem Könige weiß, sondern auch alle Geschichtschreiber, die dieses Vorfalls erwähnen; und ihrer sind (nach Freinsh. u. Drakenb. ) nicht wenige. Herr Ruperti half mir durch die Worte: Malim proditorem verberandum virgis auf einen kürzern Weg. So glücklich statt regis das wahre Wort virgis wieder hervorgerufen ist, so ist doch von dem langen Worte verberandum keine Spur anzutreffen. Ich vermuthe, das m in eade m habe das folgende Wörtchen in ausfallen lassen, und lese so, wie ich übersetzt habe: eadem [fide] in Faliscis vinctum traditum proditorem liberorum virgis. Falerii den Verräther 292 gebunden den Ruthen der Kinder übergeben. Das heiße Römisch gehandelt, nicht mit der Arglist der Punier, nicht mit der Verschmitztheit der Griechen, bei denen es rühmlicher sei, den Feind zu betriegen, als durch Tapferkeit ihn zu überwinden. Zuweilen werde für den Augenblick durch List mehr gewonnen, als durch Tapferkeit; allein auf immer werde nur dessen Muth besiegt, dem man das Bekenntniß abgezwungen habe, er sei nicht durch Kunstgriff, nicht durch Zufall, sondern durch in der Nähe gemessene Kraft, in einer ordentlichen Schlacht, in einem gewissenhaft geführten Kriege überwunden.» So sprachen die Bejahrteren, denen unsre neue Klugheitslehre gar nicht gefallen wollte. Doch behielt im Senate die Partei die Oberhand, die mehr auf das Nützliche, als auf das Ehrenvolle sah, so daß die vorige Gesandschaft des Marcius gebilligt, er wieder mit einigen Fünfruderern nach Griechenland in dieselben eodem rursus in Graeciam]. – Eins von beiden will man ausstoßen, entweder eodem oder in Graeciam. Duker und Crevier wollen das letzte als Glosse von eodem wegwerfen, Perizon. aber in Graeciam beibehalten, und eodem in idem verwandeln. Allein Cap. 37. hatten sich die Bevollmächtigten in die Gegenden und Völker Griechenlands getheilt. Marcius und Atilius bekamen einige Districte, andere die Lentulusse. Und so bekommt auch in unserm Cap. Atilius Thessalien, P. Lentulus Theben mit Böotien. So läßt sich auch vom Marcius annehmen, daß er eodem in Graeciam (zu denselben Völkern in Griechenland) zurückgeschickt sei, die er vorher bereiset hatte, nämlich nach Epirus , Ätolien u. s. w. in eandem Graeciae partem. Gegenden zurückgeschickt, und ihm aufgetragen wurde, das Übrige so zu machen, wie er es für den Stat am vortheilhaftesten fände. Auch den Aulus Atilius schickten sie zur Besetzung von Larissa nach Thessalien, weil sie besorgten, Perseus möchte nach Ablauf des Waffenstillstandes eine Besatzung hineinlegen, und so die Hauptstadt Thessaliens in seiner Gewalt haben. Hierzu sollte Atilius zweitausend Mann Fußvolk vom Cneus Sicinius in Empfang nehmen. Auch dem Publius Lentulus, der aus Achaja zurückgekommen war, wurden dreihundert Mann Italischer Truppen gegeben, um von Theben aus zu bewirken, daß man von Böotien Meister bleibe. 293 48. Nach diesen Vorkehrungen beschloß man, obgleich die Maßregeln für den Krieg schon bestimmt waren, die Gesandten des Perseus dennoch im Senate vorzulassen. Ungefähr eben das, was der König in der Unterredung vorgebracht hatte, wiederholten seine Gesandten. Gegen den Vorwurf, dem Eumenes aufgelauert zu haben, vertheidigten sie ihn zwar sehr angelegentlich, doch ohne die mindeste Wahrscheinlichkeit; denn die Sache war offenbar. Das Übrige war bittende Entschuldigung, welche aber nicht die Hörer fand, die sich hätten belehren oder erweichen lassen. Man deutete ihnen an, Roms Mauern sogleich zu verlassen, Italien binnen dreißig Tagen zu räumen. Der Consul Publius Licinius, welchem Macedonien als Standplatz zugefallen war, wurde nun angewiesen, dem Heere den ersten besten Tag zu bestimmen, an welchem es sich zu sammeln habe. Der Prätor Cajus Lucretius, der die Anführung der Flotte hatte, ging mit vierzig Fünfruderern von Rom ab; denn von den ausgebesserten Schiffen wollte man mehrere zu verschiedenem Gebrauche in der Nähe der Stadt behalten. Der Prätor sandte seinen Bruder Marcus Lucretius mit Einem Fünfruderer voraus, hieß ihn die von den Bundsgenossen vertragsmäßig zu stellenden Schiffe in Empfang nehmen und bei Cephallenia zur Flotte stoßen. Dieser fuhr auf Einem Dreiruderer von Rhegium, mit zweien von Locri und vier von Uria längs der Küste Italiens auf dem Ionischen Meere über das äußerste Vorgebirge Calabriens hinaus und setzte nach Dyrrhachium über. Hier fand er zehn eigne Barken der Dyrrhachiner vor, zwölf von Issa und vierundfunfzig vom Könige Gentius, stellte sich, als hielte er sie zum Dienste für die Römer zusammengebracht, nahm sie alle mit, ging in drei Tagen nach Corcyra und von da weiter nach Cephallenia über. Der Prätor Cajus Lucretius, der von Neapolis auslief, ging durch die Meerenge und fuhr in fünf Tagen nach Cephallenia hinüber. Hier hielt die Flotte an, um zweierlei abzuwarten, daß die Landmacht herüberkäme, und daß die Ladungsschiffe, die auf der Höhe vom Zuge abgekommen waren, wieder zu ihr stießen. 294 49. Es traf sich so, daß in diesen Tagen der Consul Publius Licinius, nachdem er auf dem Capitole die Gelübde abgelegt hatte, im Feldherrnpurpur von der Stadt aufbrach. Dieses Ereigniß geht zwar immer mit großer Würde und Feierlichkeit vor sich, vorzüglich aber wird es dann für die Blicke der Zuschauer und für die Aufmerksamkeit anziehend, wenn sie einem Consul das Geleit geben, der gegen einen wichtigen, im Rufe der Tapferkeit oder Macht stehenden, Feind auszieht. Dann finden sie sich nicht bloß aus Artigkeit ein, sondern auch aus Hang für diese Augenweide, einen Feldherrn zu sehen, der der Ihrige ist und dessen Oberbefehle und Einsichten sie die ganze Wohlfahrt des States übergeben haben. Dann kommt ihnen der Gedanke zu Gemüthe, wie mancherlei die Zufälle des Krieges sind, wie ungewiß der Ausgang des Schicksals: wie unentschieden die Ansprüche auf Kriegsglück; die widrigen, die günstigen Ereignisse; die Niederlagen, die oft eine Folge der Unwissenheit und Unbesonnenheit der Feldherren waren; wie segensreich dagegen Einsicht und Tapferkeit wurden. Welcher Sterbliche wissen könne, was für Übersicht, was für Glück der Consul haben werde, den sie jetzt zum Kriege aussendeten; ob sie ihn nächstens mit seinem siegreichen Heere im Triumphe, im Hinaufzuge zum Capitole und zu denselben Göttern sehen sollten, aus deren Tempeln er sich jetzt auf den Weg begebe, oder ob die Götter diese Freude den Feinden bereiten würden. Dem Könige Perseus aber, dem es diesmal galt, gab nicht allein die durch ihre Kriege berühmte Macedonische Nation großen Ruf, sondern auch sein Vater Philipp, der sich bei manchen gelungenen Unternehmungen auch durch seinen Krieg mit Rom ausgezeichnet hatte: allein auch Perseus eigner Name war seit seiner Thronbesteigung, bei dieser Erwartung des Krieges mit ihm, beständig in Aller Munde gewesen. Mit diesen Gedanken begleiteten den ausziehenden Consul die Menschen aus allen Ständen, Zwei Consularen gab man ihm zu Obersten mit, den Cajus Claudius und Quintus Mucius, und drei angesehene junge Männer, den Publius 295 Lentulus und die beiden [Lucius] Manlius Acidinus, von denen der eine des [Cneus] Manlius, der andre des Lucius Manlius Sohn war. Mit ihnen kam der Consul zu Brundusium bei dem Heere an, und nach seiner Überfahrt mit den sämtlichen Truppen, lagerte er sich bei Nymphäum im Gebiete von Apollonia . 50. Wenige Tage zuvor hielt Perseus, als ihm seine Gesandten bei ihrer Rückkehr von Rom alle Hoffnung zum Frieden abgeschnitten hatten, einen Statsrath. In diesem wurde bei den sich widersprechenden Meinungen ziemlich lange gestritten. Es fehlte nicht an solchen, welche dafür hielten, «Der König müsse sich sogar zu einer jährlichen Zahlung verstehen, wenn ihm die Römer diese auferlegen, oder zur Abtretung eines Theils von seinem Gebiete, wenn sie ihm diesen nehmen wollten; überhaupt keiner Aufopferung sich weigern, die er dem Frieden zu Liebe sich gefallen lassen müsse, und es nur nicht dahin kommen lassen, daß er sich samt seinem Reiche auf ein so entscheidendes Spiel setze. Bleibe ihm nur der Besitz seines Reichs unbestritten, so könne Aufschub und Zeit mancherlei herbeiführen, wodurch er nicht allein das Verlorne wiedergewinnen, sondern von seiner Seite denen furchtbar werden könne, vor denen er sich jetzt zu fürchten habe.» Allein bei weitem der größere Theil führte eine muthvollere Sprache. Sie versicherten: «Mit dem ersten Schritte, den der König weiche, würde er in Einem fort bis aus seinem Reiche weichen müssen. Denn Geld oder Land hätten ja die Römer nicht nöthig. Allein sie wüßten, daß alle menschlichen Dinge, und besonders immer die größten Königsstaten und Reiche vielen Zufällen ausgesetzt seien. Die Macht Carthago's hätten sie gebrochen; hatten ihm den Nacken mit einem übermächtigen, benachbarten Könige bejocht; hätten den Antiochus und seine Thronerben über die Höhen des Taurus hinausgedrängt. Nur das Königreich Macedonien sei das einzige, das ihnen zu nahe liege, und ihrer Meinung nach seinen Königen, sobald einmal dem Römischen Volke sein Glück zu wanken anfange, den alten Muth 296 wiedergeben könne. Perseus müsse, so lange er noch Alles beisammen habe, bei sich festsetzen, ob er lieber, für seine Nachgiebigkeit im Einzelnen, am Ende aller seiner Macht beraubt und aus seinem Reiche verjagt, Samothracien oder sonst eine Insel von den Römern sich erbitten wolle, um dort als Privatmann sein Königreich zu überleben und in Verachtung und Mangel zu ergreisen; oder ob er als der gewaffnete Vertheidiger seines Glücks und seines Ranges, wie es eines Helden würdig sei, entweder der Entscheidung des Krieges sich fügen, oder als Sieger den Erdkreis vom Oberbefehle der Römer befreien solle. Die Vertreibung der Römer aus Griechenland sei kein unbegreiflicheres Wunder, als die Vertreibung Hannibals aus Italien. Und sie sähen, bei Gott! nicht ein, wie das zusammenstimme, daß er gegen einen Bruder, weil dieser widerrechtlich nach dem Throne strebte, alle Kräfte aufgeboten habe, und nun den mit Ehre errungenen Thron Ausländern überlassen solle. Überhaupt stimme ja bei der Entscheidung durch Krieg und Frieden ita bello ac pace quaeri, ut]. – Ich meine, diese Worte haben so, wie ich sie übersetze, einen ganz richtigen Sinn. Wenn man gar keinen Sinn darin finden konnte, und deswegen ändern wollte, so kam das vermuthlich daher, weil man ita, ut vom Zwecke verstand, da es hier nur die Beschaffenheit anzeigen soll. Mit andern Worten, freilich nicht so kurz konnte es heißen: Postremo disquisitionem, quam per bella ac paces subimus, eius esse generis, ut de ea omnes consentiant, nihil turpius esse, quam etc., oder so: Postremo de hac, quae per bella ac paces fiat, disceptatione hoc esse omnium gentium iudicium: Nihil turpius esse, quam etc. So hier bello ac pace quaerere, wie lege quaerere für disquirere oder anquirere. alle Welt darin überein, daß nichts schimpflicher sei, als ein Königreich ohne Schwertschlag preisgegeben, und nichts ehrenvoller, als zur Behauptung eigner Würde und Hoheit jedem Schicksale sich unterzogen zu haben.» 51. Dieser Statsrath wurde zu Pella gehalten, in der alten Königsburg der Macedonier. «So wollen wir denn unter dem gnädigen Beistande der Götter,» rief Perseus, «wenn ihr meint, den Krieg führen;» und seine an die Statthalter erlassenen schriftlichen Befehle beschieden alle Truppen nach Citium, einer Stadt in 297 Macedonien. Er selbst ging, nachdem er königlich genug der Minerva, die dort den Beinamen Alcis hat, ein Opfer von hundert Thieren gebracht hatte, mit der Schar seiner Vertrauten und Trabanten nach Citium ab. Hier hatten sich die sämtlichen Macedonischen Truppen und alle auswärtigen Hülfsvölker schon gesammelt. Er lagerte sich vor der Stadt und stellte alle seine Truppen in der Ebene auf. Die ganze Summe der Waffentragenden belief sich auf dreiundvierzig tausend, worunter beinahe die Hälfte Phalangiten waren. Diese führte Hippias, aus Beröa. Dann folgten zwei wegen ihrer Stärke und kraftvollen Jugend aus der ganzen Menge der Rundschildner ausgesuchte Züge; sie nannten eine solche Legion einen Zug. Diese hatten den Leonatus und Thrasippus, zwei Lyncesten, zu Anführern. Die übrigen sich fast auf dreitausend Mann belaufenden Rundschildner führte Antiphilus, aus Edessa. Die aus Päonien, aus Parorea, aus Parstrymonia – diese Landschaften gränzen an Thracien – und die Agrianen mit ihren Thracischen Anbauern machten ebenfalls gegen dreitausend Mann aus. Didas, der Päonier, der Mörder des jungen Demetrius, hatte sie bewaffnet und zusammengezogen. An der Spitze von zweitausend Mann Gallischer Truppen stand Asclepiodotus. Dreitausend freie Thracier, aus der Sintischen Stadt Heraclea, hatten ihren eignen Anführer. So folgte auch fast eine eben so starke Schar Cretenser ihren eignen Führern, dem Susus von Phalasarna und dem Syllus aus Gnossus. Fünfhundert Griechen, aus mehreren Völkern gemischt, hatten den Leonides zum Befehlshaber, einen Lacedämonier. Er galt für einen Abkömmling der Könige, war aber jetzt ein Vertriebener, weil ihn ein zahlreicher Achaischer Landtag, wegen eines aufgefangenen Briefes von ihm an den Perseus, verurtheilt hatte. Den Ätolern und Böotern, welche zusammen nicht über fünfhundert Mann ausmachten, war der Achäer, Lyco, vorgesetzt. Diese aus so vielen Völkerschaften und Nationen gemischten Hülfstruppen betrugen fast zwölftausend Mann. An Reuterei hatte Perseus aus ganz Macedonien drei Tausende 298 zusammengebracht. Hier hatte sich aber auch Cotys, des Seuthes Sohn, König des Odrysischen Volksstammes, eingefunden mit tausend erlesenen Reutern und fast eben so vielem Fußvolke. Die Summe des ganzen Heeres betrug neununddreißig tausend Mann zu Fuß, viertausend zu Pferde. Man wußte sicher, daß nach jenem Heere, welches Alexander der Große nach Asien hinüber nahm, nie wieder ein Macedonischer König so viele copias tantas]. – Alexanders Heer war 39,000 Mann stark. Truppen gehabt hatte. 52. Es war jetzt das sechsundzwanzigste Jahr, seitdem die Römer dem Philipp auf seine Bitte den Frieden bewilligt hatten. Macedonien, während dieser ganzen Zeit in Ruhe, hatte Landeskinder genug geliefert, welche großentheils zum Kriegsdienste reif sein konnten; und in den kleinen Kriegen mit den benachbarten Thraciern, welche für sie mehr übend als erschöpfend waren, hatten sie doch in ununterbrochenem Dienste gestanden: dann bewirkte auch der Umstand, daß lange schon zuvor, zuerst Philipp, nachher Perseus, auf einen Krieg mit Rom gedacht hatten, daß jetzt Alles eingerichtet und in Bereitschaft war. Das Heer mußte eine kleine Bewegung machen – doch nicht bis zur vollen Musterübung –, damit es nur nicht in den Waffen bloß dazustehen scheine; und nun berief er es, gewaffnet, wie es war, zu einer Versammlung. Er selbst stand auf einer Bühne, ihm auf beiden Seiten standen seine zwei Prinzen, von denen der ältere, Philipp, eigentlich sein Bruder, nur sein angenommener Sohn; der jüngere, der den Namen Alexander hatte, sein wirklicher Sohn war. Er forderte die Truppen auf zum Kriege. Er zählte die Beleidigungen auf, welche die Römer seinem Vater und ihm zugefügt hätten. «Sein Vater, den alle diese Unwürdigkeiten zur Erneuerung des Krieges gezwungen hätten, sei während der Kriegsrüstungen von seinem Ende übereilt. An ihn selbst hätten die Römer Gesandte abgehen lassen und doch zu gleicher Zeit Truppen abgeschickt, die Städte Griechenlands zu besetzen. Dann hätten sie durch eine listige Unterredung, unter 299 dem Scheine, den Frieden wieder einzuleiten, ihn während des Winters hingehalten, um zu ihren Rüstungen Zeit zu gewinnen. Jetzt komme nun ein Consul mit zwei Legionen Römer, deren [jede aus fünftausend Mann zu Fuß und] dreihundert Rittern bestehe, und mit einer fast gleichen Anzahl von Bundestruppen zu Fuß und zu Pferde. Möchten immerhin die Hülfsvölker von den Königen Eumenes und Masinissa hinzukommen, die doch nicht mehr als siebentausend zu Fuß, zweitausend zu Pferde betragen würden. Da sie nunmehr die Truppenzahl der Feinde gehört hätten, möchten sie auf ihr eignes Heer zurückblicken, um einzusehen, wie sehr sie selbst an Zahl und an Werth der Truppen ungeübten, eiligst zu diesem Kriege geworbenen, Jünglingen überlegen sein müßten; sie, von Kindheit an die in allen Künsten des Krieges Gebildeten, die durch so viele Kriege Eingeübten und Abgehärteten. Die Hülfstruppen der Römer beständen aus Lydiern , Phrygiern, Numidern; die seinigen aus Thraciern und Galliern, den streitbarsten Völkern. Jene hätten Waffen, so gut sie sich jeder Soldat bei seiner Armuth habe anschaffen können; die Macedonier hingegen, wie die königlichen Waffenlager sie hergegeben hätten, und sie sein Vater seit so vielen Jahren mit Sorgfalt und Kosten habe fertigen lassen. Die Zufuhr werde Jenen aus der Ferne kommen, und allen Zufällen der Seefahrt unterworfen sein: Er habe Gelder und Getreide, den Ertrag der Bergwerke ungerechnet, auf zehn Jahre beiseit gelegt. Alles, was durch die Gnade der Götter, was durch die Vorsorge der Könige habe vorbereitet werden müssen, hätten die Macedonier vollauf und im Überfluß: nun müßten sie auch den Muth haben, den ihre Vorfahren gehabt hätten, die nach der Besiegung von ganz Europa nach Asien übergingen, einen selbst dem Gerüchte unbekannten Welttheil durch ihre Waffen eröffneten, und nicht eher abließen zu siegen, bis es für sie, vom Ostmeere Rubro mari]. – Man vergl. B. 36. C. 17. und B. 45. C. 9. begränzt, Nichts mehr zu besiegen gab. Jetzt 300 aber, bei Gott! würden sie vom Schicksale nicht zu einem Kampfe aufgefordert über die äußersten Küsten Indiens, sondern für den Besitz von Macedonien selbst. Dem Kriege mit seinem Vater hätten die Römer den ehrenvollen Vorwand einer Befreiung Griechenlandes gegeben; jetzt gingen sie ganz ohne Hehl darauf aus, Macedonien in die Sklaverei zu nehmen, um keinen König in der Nähe des Römerstates zu haben, um keiner Nation von einigem Kriegsrufe die Waffen zu lassen. Denn diese samt ihrem Könige und Königreiche müßten die Macedonier den tyrannischen Sklavengebietern ausliefern, wenn sie vom Kriege zurücktreten und ihren Forderungen sich fügen wollten.» 53. Zwar hatten sie während der ganzen Rede schon zahlreich genug ihm Beifall zugerufen; jetzt aber wurde das Geschrei, weil sie von Unwillen empört Drohungen ausstießen, zum Theile auch den König gutes Muthes sein hießen, so laut, daß er seine Rede schloß; sie nur noch aufforderte, sich zum Marsche fertig zu halten; denn wie es heiße, brächen die Römer schon von Nymphäum mit ihrem Lager auf; dann die Versammlung entließ, und sich wegbegab, um die Gesandschaften der Macedonischen Städte vorzulassen. Sie waren gekommen, ihm Geld und Getreide, jede nach den Umständen ihrer Stadt, zum Kriege anzubieten. Alle erhielten eine Danksagung: die Lieferung wurde allen erlassen, und ihnen gesagt, die königlichen Vorräthe reichten dazu hinlänglich aus: bloß Fuhren verlangte man von ihnen, um die Wurfgeschütze und die ungeheure Menge vorräthiger Geschosse und anderes Kriegsgeräth fortbringen zu können. Nun brach er mit dem ganzen Heere auf, lagerte sich auf dem Wege nach Eordäa an dem See, Begorrites genannt, und rückte Tages darauf in Elimea bis zum Flusse Haliacmon vor. Als er dann durch einen engen Paß die so genannten Cambunischen Gebirge überstiegen halte, kam er zu den so genannten Dreistädtern, den Bewohnern von Azorum, Pythium und Doliche herab. Diese drei Städte, ob sie gleich ein wenig zögerten, weil sie den Larissäern Geisel gestellt 301 hatten, ließen sich doch durch die drohende Gegenwart besiegen und ergaben sich. Er sprach mit diesen sehr gnädig; und in der Voraussetzung, daß auch die Perrhäber ihn willig aufnehmen würden, bemächtigte er sich ihrer Stadt urbem,]. – Hier ist entweder der Name der Stadt ausgefallen, oder sie hieß Perrhaebus, vielleicht gar Perrhaebi. Wenigstens finde ich auf der Rhodeschen Karte der Berl. Alcad. auf dem Wege aus Tripolis nach Cyretiae die Stadt Oloosson mit dem Beisatze: forte Perrhaebus, angegeben. . . . . . , ohne Weigerung von Seiten der Bürger, bloß durch seine Ankunft. Allein vor Cyretiä sah er sich zum Sturm genöthigt; ja den ersten Tag wurde er in einem hitzigen Gefechte an den Thoren von ihren Bewaffneten zurückgeschlagen. Am folgenden Tage griff er sie mit seiner ganzen Macht an; und noch vor Nacht ergaben sie sich Alle. 54. Mylä, die nächste und so stark befestigte Stadt, daß das Vertrauen auf ihre unüberwindlichen Werke die Bewohner so viel trotziger machte, begnügte sich nicht damit, dem Könige ihre Thore zu verschließen, sondern die Bürger stießen auch gegen ihn und seine Macedonier beleidigende Aufforderungen aus. Erhöhete dies die Erbitterung des stürmenden Feindes, so spornte es auch die Belagerten, weil sie an aller Schonung verzweifelten, zu einer desto hartnäckigern Gegenwehr. Folglich wurde Mylä drei Tage lang von beiden Seiten mit unglaublichem Muthe bestürmt und vertheidigt. Den Macedoniern wurde es bei ihrer Menge nicht schwer, zu dem wechselsweise zu übernehmenden Kampfe einander abzulösen: die Belagerten aber, die Nacht und Tag in der Vertheidigung ihrer Mauern immer dieselben waren, fühlten sich nicht durch Wunden allein, sondern auch von Wachen und von der ununterbrochenen Anstrengung erschöpft. Als am vierten Tage rund um die Mauern Sturmleitern angeschlagen wurden und vorzüglich an Einem Thore ein heftigerer Angriff erfolgte, stürzten die von der Mauer herabgetriebenen Bürger zur Vertheidigung des Thors herbei und thaten plötzlich auf den Feind einen Ausfall. Weil aber dieser mehr das Werk 302 einer blinden Wuth, als des Vertrauens auf wirkliche Stärke war, so nahmen die wenigen Kraftlosen, von frischen Truppen besiegt, die Flucht und ließen im Fliehen durch das offene Thor den Feind mit ein. So wurde die Stadt erobert und geplündert. Auch wurden alle Freigebornen, welche das Gemetzel übrig gelassen hatte, verkauft. Nachdem Perseus die Stadt großentheils niedergerissen und verbrannt hatte, brach er nach Phalanna auf und kam von da am folgenden Tage vor Gyrtone. Als er hörte, daß hier Titus Minucius Rufus und der Thessalische Prätor Hippias mit Truppen eingerückt waren, zog er, ohne einen Angriff zu versuchen, vorbei, und nahm Elatea und Gonnus, w eil sich ihre Bewohner durch seine überraschende Ankunft schrecken ließen. Beide Städte liegen in dem Passe, der in das Thal Tempe führt, vorzüglich Gonnus. Deswegen verließ er dies nicht eher, bis er es durch eine Besatzung von Reuterei und Fußvolk gesichert und mit einem dreifachen Graben und Walle geschützt hatte. Er rückte bis Sycurium vor und beschloß, hier die Ankunft der Feinde abzuwarten; zugleich ließ er sein Heer aus dem unten vor ihm liegenden feindlichen Gebiete Getreide holen. Denn Sycurium liegt am Fuße des Gebirges Ossa, und hat auf seiner Aussicht nach Mittag die Gefilde Thessaliens unter sich; im Rücken aber Macedonien und Magnesien. Zu diesen Vortheilen der Lage kommt noch der Überfluß an sehr gesundem nie versiegendem Wasser aus einer Menge rund umher befindlicher Quellen. 55. Der Römische Consul, der in diesen Tagen mit seinem Heere nach Thessalien zog, hatte zuerst durch Epirus einen offenen Weg: dann aber, als er nach Athamanien hinübergegangen war, wo der Boden rauh und beinahe unwegsam ist, kam er unter großen Schwierigkeiten in kleinen Märschen kaum bis nach Gomphi. Hätte sich ihm hier, als er mit abgematteten Leuten und Pferden und einem neugeworbenen Heere heranzog, der König in Schlachtordnung und im Vortheile des Orts und der Umstände entgegengestellt, so würden die Römer nach ihrem eignen Geständnisse nicht ohne großen Nachtheil haben 303 fechten müssen. Als sie aber Gomphi ohne Kampf erreicht hatten, vereinigte sich mit ihrer Freude, den gefahrvollen Gebirgswald zurückgelegt zu haben, auch eine Verachtung ihrer Feinde, die so ganz mit ihren Vortheilen unbekannt waren. Nach gehörig dargebrachtem Opfer, nach geschehener Austheilung des Getreides unter die Soldaten und einem Aufenthalte von wenigen Tagen, um Thiere und Menschen sich erholen zu lassen, zog der Consul, auf die Nachricht, daß sich die Macedonier auf ihren Streifereien über ganz Thessalien ausbreiteten und das Gebiet seiner Bundesgenossen verheerten, mit seinen schon hinlänglich wieder gestärkten Truppen nach Larissa. Als er von dort aus beinahe noch dreitausend Schritte von Tripolis, mit dem Zunamen das Linke, entfernt war, nahm er am Ufer des Stroms Peneus ein Lager. Indessen landete Eumenes, der seinen Bruder Philetärus zum Schutze seines Reichs zu Pergamus zurückließ, mit seinen Brüdern Attalus und Athenäus bei Chalcis. Von hier kam er mit dem Attalus nebst viertausend Mann zu Fuß und tausend zu Pferde zum Consul. In Chalcis ließ man zweitausend Mann Fußvolk zurück, unter dem Befehle des Athenäus. Hier fanden sich bei den Römern auch die übrigen Hülfstruppen aus allen Griechischen Völkern von allen Seiten ein, die aber meistens – so unbedeutend waren sie – in Vergessenheit gerathen sind. Die Apolloniaten schickten dreihundert zu Pferde, hundert zu Fuß. Von den Ätolern kam, so viel, als Ein Geschwader, was an Reuterei in der ganzen Nation zu haben war; und von den Thessaliern – man hatte auf ihre Thessalorum omnis equitatus separatus erat]. – Ich folge Drakenborchs Vorschlage: Thessalorum, quorum omnis equitatus speratus erat, non plus etc. Nur möchte ich statt seines quorum, um dem Texte noch näher zu kommen, lieber mit einer Parenthese so lesen: Thessalorum (omnis equitatus speratus erat) non plus etc. Dann wäre das eingeschaltete quorum unnöthig. Creviers Erklärung, daß separatus so viel sei, als per urbes dispersus, ist mir sehr unwahrscheinlich, da separatus ganz etwas andres, als dispersus, sagt. Im Gegentheile, wir müßten equitatus separatus so verstehen, daß die ganze Thessalische Reuterei, nur von den Römern getrennt, irgend wo anders gewesen sei; und da müßte doch billig der Ort ihres Aufenthalts, und das Warum? angegeben sein. ganze Reuterei gehofft – 304 befanden sich im Römischen Lager nicht mehr als dreihundert Reuter. Die Achäer stellten von ihrer Mannschaft gegen tausend, meistens in Cretischer Rüstung. 56. Um diese Zeit schiffte sich auch der Prätor Cajus Lucretius, der die Schiffe bei Cephallenia befehligte, nachdem er seinen Bruder Marcus Lucretius angewiesen hatte, mit der Flotte um Malea herum nach Chalcis zu segeln, auf einem Dreiruderer ein, mit dem Vorsatze, in den Corinthischen Meerbusen einzulaufen und so dem Könige in Böotien zuvorzukommen. Wegen seiner schwachen Gesundheit ging diese Fahrt sehr langsam. Als Marcus Lucretius bei seiner Ankunft zu Chalcis erfuhr, Publius Lentulus belagere Haliartus, so ließ er ihm im Namen des Prätors sagen, er möge abziehen. Der Unterfeldherr, der bloß mit Böotischen Soldaten von der Römisch gesinnten Partei die Sache unternommen hatte, zog vor den Mauern ab. Aber diese aufgehobene Belagerung machte einer neuen Belagerung Platz. Denn sogleich schloß Marcus Lucretius mit einem Heere von zehntausend Mann Seetruppen und den zweitausend Mann von des Königs Soldaten, die unter dem Athenäus standen, Haliartus ein. Als sie sich schon zum Angriffe bereit machten, traf von Creusa aus der Prätor selbst ein. Ungefähr um dieselbe Zeit sammelten sich auch zu Chalcis die Schiffe der Bundesgenossen; zwei Punische Fünfruderer, zwei Dreiruderer von Heraclea in Pontus, vier von Chalcedon, eben so viele von Samos, und dann noch fünf Rhodische Vierruderer. Der Prätor schickte sie, weil der Krieg zur See nirgend Statt fand, den Bundesgenossen zurück. Auch Quintus Marcius, welcher Alope erobert, und Larissa mit dem Zunamen Cremaste belagert hatte, kam mit seinen Schiffen nach Chalcis. Perseus, der bei dieser Lage der Sachen, wie ich oben gesagt, bei Sycurium im Lager stand, ließ rund umher aus den Dörfern das Getreide zusammenfahren und schickte zur Verheerung des Gebiets von Pherä Truppen ab, in der Hoffnung, so die Römer zu erreichen, wenn er sie zur Vertheidigung ihrer Bundesstädte weiter von ihrem Lager abgezogen hätte. Als er aber wahrnahm, daß sie sich 305 durch diesen lärmenden Streifzug nicht in Bewegung setzen ließen, so vertheilte er wenigstens die Beute, die Menschen ausgenommen – sie bestand aber meistens aus allen Arten von Heerdenvieh – damit sich seine Soldaten daran gütlich thun sollten. 57. Jetzt überlegten zu gleicher Zeit der Consul und der König mit ihrem Kriegsrathe, auf welchem Punkte sie den Angriff eröffnen sollten. Dem König stieg der Muth, weil ihm der Feind die Verheerung des Gebiets von Pherä verstattet hatte. Also, meinte er, müsse man ihm vor das Lager gehen und nicht länger Zeit lassen, sich zu bedenken. Auch die Römer meinten, ihr Zögern bringe sie bei ihren Bundsgenossen in übeln Ruf, weil diese höchst unwillig darüber wären, daß man die Pheräer ohne Hülfe gelassen habe. Als sie noch rathschlagten, was sie thun sollten – auch Eumenes und Attalus wohnten diesem Kriegsrathe bei – meldete ein Bote voll Bestürzung, die Feinde rückten in einem langen Zuge an. Die Versammlung wurde entlassen und Allen sogleich das Zeichen gegeben, sich zu waffnen. Inzwischen sollten von den königlichen Hülfstruppen hundert Reuter und an Wurfschützen eben so viel Fußvolk ausrücken. Perseus ließ etwa gegen zehn Uhr Morgens, in einer Entfernung vom Römischen Lager von etwas über tausend Schritte, die Fahnen seines Fußvolks Halt machen. Er selbst ging mit der Reuterei und den Leichtbewaffneten weiter vor. Mit ihm kamen auch Cotys und die Führer der übrigen Hülfstruppen vorauf. Sie waren nicht mehr fünfhundert Schritte vom Lager entfernt, als ihnen feindliche Reuterei zu Gesicht kam. Es waren zwei Geschwader, großentheils Gallier, unter ihrem Anführer Cassignatus, nebst etwa hundert Leichtbewaffneten und funfzig Myser und Cretenser. Der König, über die Anzahl der Feinde ungewiß, machte Halt. Dann sandte er aus seinem Zuge zwei Thracische, zwei Macedonische Reutergeschwader mit zwei Cretensischen und zwei Thracischen Cohorten. Das Gefecht endigte, da sie an Zahl sich gleich waren und weder von dieser noch von jener Seite neue Verstärkung nachrückte, so daß der Sieg 306 ungewiß blieb. Von des Eumenes Truppen blieben fast dreißig auf dem Platze, und unter den Gefallenen war Cassignatus, der Gallische Anführer. Für dasmal zog Perseus seine Truppen nach Sycurium zurück. Am folgenden Tage um dieselbe Stunde rückte der König mit seinen Truppen wieder auf denselben Platz, mit einem Gefolge von Wagen mit Wasser. Denn der ganze Weg von zwölftausend Schritten hatte kein Wasser und vielen Staub, so daß sie unfehlbar lechzend vor Durst hätten fechten müssen, wenn sie sich auf jeder Stelle, wo sie den Feind ansichtig wurden, hätten einlassen wollen. Als die Römer, die sogar ihre Posten in die Verschanzungen zurückzogen, sich ruhig verhielten, kehrten auch die Truppen des Königs in ihr Lager zurück. Dies machten sie mehrere Tage so, weil sie hofften, die Römische Reuterei sollte ihnen bei ihrem Abzuge auf den Nachtrab fallen. Und wenn sie dann in dem daraus erwachsenden Gefechte die Römer weiter von ihrem Lager weggelockt hätten, so könnten sie selbst bei ihrer Überlegenheit an Reuterei und Leichtbewaffneten, wo es auch sein möchte, ohne Gefahr ihre Linie gegen den Feind umdrehen. 58. Als diese Absicht nicht gelang, rückte der König mit seinem Lager näher an den Feind und legte es nur in einer Entfernung von fünftausend Schritten an. Von hieraus führte er, als er mit dem frühesten Morgen sein Fußvolk auf dem gewöhnlichen Platze in Schlachtordnung gestellt hatte, seine ganze Reuterei und die Leichtbewaffneten gegen das feindliche Lager. Der Anblick der ungewöhnlich größeren und näheren Staubwolke setzte das Römische Lager in Lärm. Zwar anfangs fand die Anzeige kaum Glauben, weil sich der Feind in den früheren Tagen nach einander nie vor zehn Uhr gezeigt hatte, und jetzt ging erst die Sonne auf. Als aber auf das Geschrei und Herbeilaufen Mehrerer von den Thoren her aller Zweifel verschwand, entstand ein gewaltiger Auflauf. Die Römischen Obersten, die Obersten der Bundesgenossen, die Hauptleute liefen dem Feldherrnzelte zu; die Soldaten, jeder in das seinige. Nicht volle fünfhundert Schritte vom 307 Walle hatte Perseus die Seinigen an einem Hügel, Namens Callicinus Callicinum]. – Bloß um der Vermuthung vorzubeugen, daß der Name vielleicht Callinicus heißen solle, erinnere ich an απόκινος, γήκινος κ. τ. λ. aufgestellt. Auf dem linken Flügel standen unter dem Könige Cotys seine sämtlichen Landestruppen: die Ordnungen der Reuterei schied das dazwischen geschobene leichte Fußvolk. Auf dem rechten Flügel stand die Macedonische Reuterei, zwischen deren Geschwadern die Cretenser eingereihet waren. Über diese in ihrer eignen Rüstung hatte Medon von Beröa, über die Reuterei und diesen ganzen Flügel Meno von Antigone den Oberbefehl. Zunächst an die Flügel schlossen sich die königliche Reuterei und ein Gemisch von auserlesenen Hülfstruppen aus mehreren Völkern. Hier waren Patrocles von Antigone und Päoniens Statthalter Didas die beiden Vorgesetzten. In der Mitte des Ganzen stand der König, um ihn der sogenannte Zug, und die heiligen Geschwader der Reuterei. Vor sich pflanzte er die Schleuderer und Wurfschützen auf. Beide Scharen machten zusammen vierhundert Mann aus. Er untergab sie dem Ion aus Thessalonich und dem Timanor aus Dolopien. So standen die Truppen des Königs. Der Consul, der die Linie seines Fußvolks innerhalb des Walles aufstellte, ließ ebenfalls die ganze Reuterei mit den Leichtbewaffneten ausrücken. Sie wurden dicht vor dem Walle aufgestellt. Den rechten Flügel befehligte Cajus Licinius Crassus, des Consuls Bruder, mit der ganzen Italischen Reuterei und den dazwischen gestellten leichten Truppen: auf dem Linken hatte Marcus Valerius Lävinus die Bundesreuterei aus den Griechischen Völkern mit ihren Leichtbewaffneten. Den Mittelpunkt deckte Quintus Mucius mit der ausgewählten und der equitibus et extraordinariis]. – Ich habe dies von Crev. vorgeschlagene et beibehalten. Extraordinarii equites waren das aus der ganzen Bundesreuterei ausgesuchte Drittel, und die wieder aus diesem Ausgewählten hießen delecti oder ablecti. außerordentlichen Reuterei. Vor ihnen standen zweihundert Gallische Reuter aufgestellt und von des Eumenes Hülfsvölkern dreihundert Cyrtier. Über den linken Flügel 308 hinaus in einem kleinen Zwischenraume hatten vierhundert Thessalische Reuter ihren Platz. König Eumertes und Attalus standen mit ihrer ganzen Mannschaft im Rücken zwischen der letzten Linie und dem Walle. 59. Ungefähr in dieser Stellung thaten die Schlachtreihen, auf beiden Seiten an Reuterei und Leichtbewaffneten fast in der Zahl sich gleich, den Angriff, so daß die vorangehenden Schleuderer und Wurfschützen das Treffen begannen. Nun rannten von Allen zuerst die Thracier, gleich wilden, lange im Käfiche festgehaltenen, Thieren daherstürzend, mit schrecklichem Geschrei gegen den rechten Flügel an, gegen die Italische Reuterei; so daß diese bei Erfahrung und angestammtem Muthe sonst unerschrockenen Krieger in Unordnung geriethen. Die Thracier zu Fuß zielten mit ihren Schwertern ihnen nach den Lanzen; bald hieben sie den Pferden die Schenkel ein, bald durchstachen sie ihnen den Bauch. Vor dem Perseus, der auf den linken in mediam invectus aciem]. – In der Mitte standen keine Griechen, sondern die delecti und extraordinarii (equites Itali). Und wie oft die Abschreiber dextrum und sinistrum, equites und pedites verwechseln, haben wir schon oben gesehen. Ich folge ohne Bedenken Herrn Ruperti, welcher mediam in laevam verwandelt. Vielleicht irrte der Abschreiber noch leichter, wenn er Folgendes geschrieben sah: in laevāamediainuect 9 aciem, d. i. in laevam a media invectus aciem. Denn Perseus kam von seiner Seite a media acie. Das in von inuectus, für ein m angesehen, gab dem Abschreiber die Lesart mediam. Flügel einsprengte, wandten sich auf seinen ersten Angriff die Griechen ab. Als ihnen der Feind mit Überlegenheit im Rücken nachdrang, kam ihnen die Thessalische Reuterei, die von dem linken Flügel durch einen kleinen Zwischenraum getrennt, nur als Unterstützung außerhalb der fechtenden Linie stand, und anfangs bloß Zuschauer des Gefechts gewesen war, jetzt auf ihrer Flucht sehr wesentlich zu Statten. Denn als sie, langsam in ungetrennten Scharen weichend, sich den Hülfstruppen des Eumenes angeschlossen hatte, gab sie, eben so wie er, ihren durch die Flucht aus einander geworfenen Freunden, in den Zwischenräumen ihrer Scharen eine sichere Aufnahme, und als die Feinde schon minder dicht geschlossen ihnen nachsetzten, durfte sie sich heranwagen 309 und rettete durch ihr Entgegenkommen der Fliehenden Viele. Auch hatten die Truppen des Königs, durch das Nachsetzen schon selbst an mehreren Stellen getrennt, nicht den Muth, mit diesen in Reihe und Glied und festem Schritte Anrückenden sich einzulassen. Da die ganze Schlacht gewonnen wäre, wenn der König, – mit der Reuterei schon Sieger –, durch einen kleinen Ausschlag nur nachgeholfen hätte, kam – ihm Muth zu machen opportune adhortanti]. – Crevier fragt mit Recht: Si adhortabatur suos Perseus ad peragendam victoriam, cur igitur tam bona occasione segniter usus est? Deswegen will er adhortanti in adhuc stanti verwandeln: und selbst Drak. sagt: quod mihi verum videtur. Dessen ungeachtet wage ich, mich näher an die alte Lesart anzuschließen. Der Abschreiber fand nach meiner Vermuthung opportune ad hortamē. Dies sollte opportune ad hortamen heißen. Die beiden letzten Worte las er falsch zusammen, den dritten Strich des m nahm er für ein t, und den Strich über dem e für einen Punkt des i. Opportune ad hortamen ist so viel als opportune ad incitandum, ad exhortandum regem. So sagt Liv. 10, 29. vom Tode des Decius: ingens hortamen (incitamentum) ad omnia pro re p. audenda, und 40, 4. Poris ad hortationem intentus erat. Gern hätte ich der sinnreichen, mit so treffenden Belägen ausgestatteten Verbesserung des Herrn Walch beigestimmt. Er schlägt (Emendd. Liv. p. 261.) so zu lesen vor: Quum victor equestri praelio rex « Parvo momento si adiuvi SSENT, debellatum ESSE» (scil. adhortaretur oder diceret), opportune adhortanti supervenit phalanx. Allein Creviers oben angeführte Frage bleibt dann immer noch unbeantwortet. Sind die Worte: parvo momento si adiuvi ssent Worte des Perseus und nicht des Geschichtschreibers, so frage ich mit Crevier: Wenn also Perseus seiner Sache schon so gewiß war, daß er diese Worte den Seinigen zurufen konnte, und wenn er nun gar durch die Ankunft des Phalanx immer noch mehr zum Weitergehen bestimmt werden mußte, wie kann alsdann Livius nachher auf einmal so fortfahren: Fluctuante rege inter spem etc.? Sind aber die Worte parvo momento si adiuvi sset Worte des Geschichtschreibers, so leitet uns dieses Wenn des Erzählenden auf einen Fehler, auf eine Unlust des Königs, die uns auf das folgende Fluctuante rege inter spem metumque vorbereitet. Auch bleiben bei meinem Vorschlage adiuvisset und esset ungeändert. , gerade zu rechter Zeit – der Phalanx bei ihm an, welchen Hippias und Leonatus, als sie von dem glücklichen Gefechte der Reuterei hörten, aus eignem Betriebe, um das muthvolle Unternehmen nicht ohne Unterstützung zu lassen, eiligst herbeigeführt hatten. Während der König zwischen Hoffnung und Furcht, an ein so großes Wagstück zu gehen, schwankte, kam der Cretenser Evander, durch welchen Perseus zu Delphi dem Eumenes hatte auflauren lassen, als er den schweren Zug des Phalanx unter den Fahnen heranziehen sah, zum Könige gelaufen, und warnte ihn 310 dringend, «er möge sich nicht durch sein Glück verführen lassen, auf ein Gerathewohl das Ganze ohne Noth auf das Spiel zu setzen. Wenn er, mit dem jetzigen Erfolge sich begnügend für heute aufhörte, so bleibe ihm entweder die Unterhandlung eines ehrenvollen Friedens, oder es würden sich, falls er den Krieg vorzöge, der Theilnehmer am Kriege die Menge finden, die der Partei des Glücklichen sich anzuschließen wünschten.» Diesem Rathe lieber zu folgen, hatte der König selbst Lust. Er ertheilte dem Evander sein Lob, befahl den Abmarsch, ließ den Zug des Fußvolks nach dem Lager umkehren, und der Reuterei zum Rückzuge blasen. 60. Auf Römischer Seite fielen an diesem Tage zweihundert Reuter, von ihrem Fußvolke nicht unter zweitausend: beinahe zweihundert Reuter wurden Gefangene. Dem Könige wurden zwanzig zu Pferde, vierzig Mann Fußvolk getödtet. Als die Sieger in ihr Lager zurückkamen, waren sie zwar alle vergnügt; vor den Andern aber zeichnete sich die übermüthige Freude der Thracier aus; denn sie kehrten mit Gesang zurück und trugen sich mit den aufgesteckten Köpfen der Feinde. Bei den Römern war man nicht allein traurig, daß man seine Sache so schlecht gemacht hatte, sondern sogar in Ängstlichkeit, daß der Feind sogleich das Lager angreifen möchte. Eumenes rieth, das Lager auf die andre Seite des Peneus zu verlegen, um durch den Strom geschützt zu sein, bis die bestürzten Soldaten wieder Muth bekämen. Der Consul stieß sich an den Schimpf, seine Furcht zu gestehen: doch gab er Vernunftgründen Gehör, führte seine Truppen in der Stille der Nacht hinüber und legte sein Lager auf dem jenseitigen Ufer an. Als der König, der am folgenden Tage ausrückte, um die Feinde zum Treffen aufzufordern, sie durch ihr Lager jenseit des Stromes geschützt sah, gestand er freilich seinen Fehler ein, daß er gestern den Besiegten nicht nachgedrungen sei, machte sich aber einen weit größeren Vorwurf über seine Unthätigkeit in dieser Nacht. Denn wenn er auch weiter niemand von den Seinigen hätte aufbieten wollen, so würde er die feindlichen Truppen in 311 der Verwirrung des Überganges über den Strom bloß durch Absendung seiner Leichtbewaffneten großentheils haben aufreiben können. Die Römer waren zwar für jetzt von ihrer Ängstlichkeit befreiet, da sie ein Lager auf sicherem Platze hatten; außer dem übrigen Verluste aber wirkte vorzüglich der der Ehre auf sie, und in dem Kriegsrathe bei dem Consul schob Jeder, so gut er konnte, die Schuld auf die Ätoler. «Bei ihnen habe Furcht und Bestürzung zuerst angefangen, und den Ätolern hätten es die übrigen Griechischen Bundesgenossen in der Verzagtheit nachgethan.» Fünf Ätolischen Anführern wurde nachgesagt, man habe sie zuerst die Flucht nehmen sehen. Den Thessaliern wurde vor der Versammlung ihr Lob ertheilt, und ihre Führer erhielten für ihre Tapferkeit Ehrengeschenke. 61. Der König ließ sich die den erschlagenen Feinden abgezogenen Rüstungen einliefern. Hiervon machte er Geschenke: Einigen gab er Waffen von Auszeichnung, Andern Pferde; Einige beschenkte er mit Gefangenen. Der Schilde waren über tausend fünfhundert; die Menge der Riemenpanzer und Brustharnische stieg über tausend; die Zahl der Helme, Schwerter und des Geschosses aller Art war noch weit größer. So ansehnlich dies in der That war, so vergrößerte es der König meistens noch in der Rede, die er nach Zusammenberufung des Heeres vor der Versammlung hielt. «So habt ihr denn,» sprach er, «über den Ausgang des Krieges die vorläufige Entscheidung. Die Hauptstärke der Feinde, die Römische Reuterei, in welcher sie unüberwindlich zu sein sich rühmten, habt ihr geschlagen. Denn ihre Ritter sind ihre ersten jungen Männer, ihre Ritter sind die Pflanzschule ihres Senats: aus ihnen wählen sie die in die Zahl der Väter Aufgenommenen zu Consuln, aus ihnen ihre Feldherren. Diesen waren die Rüstungen abgenommen, die wir so eben unter euch ausgetheilt haben. Nicht geringer ist euer Sieg über die Legionen ihres Fußvolks. Wimmelte doch der Strom von ihnen, als sie durch nächtliche Flucht sich euch entzogen, wie vom Gewühle umherschwimmender 312 Schiffbrüchigen. Doch als Verfolger der Besiegten werden wir leichter über den Peneus setzen können, als sie es im eiligen Gedränge konnten; und sind wir hinüber, dann greifen wir sofort ihr Lager an, das wir schon heute, wären sie nicht geflohen, erobert hätten. Oder wollen sie eine Schlacht in Linie, so erwartet von dem Kampfe zu Fuß denselben Ausgang, den der Kampf zu Pferde gehabt hat.» Nicht allein die, welche den Sieg erfochten hatten und den Raub vom erschlagenen Feinde auf ihren Schultern trugen, wurden bei der Anhörung ihrer ante ora sua]. – Von Gronovs Vorschlage, statt dessen facinora sua zu lesen, sagt Drakenb.: Nihil magis placet. Addita est litera f, quae elisa erat ab ultima litera vocis praecedentis. Dies wird mir noch dadurch wahrscheinlicher, weil in den Msc. von einigem Alter das s am Ende sich noch nicht findet, sondern mit einem langen s geschrieben wird, an unserer Stelle also gerentesfacinora stand, und das f wegen des s ausfiel. Heldenthaten voll frohen Muthes, weil sie sich zum voraus von dem, was geschehen war, Hoffnung auf die Zukunft machten; sondern auch das Fußvolk, angefeuert durch dies den Andern ertheilte Lob, und vorzüglich die vom Macedonischen Phalanx, wünschten sich ebenfalls eine Gelegenheit, dem Könige ihre Dienste zu leisten und sich am Feinde einen ähnlichen Ruhm zu erwerben. Der König entließ die Versammlung und brach von hier am folgenden Tage nach Mopsium auf, wo er ein Lager bezog. Dies ist ein Hügel in der Mitte zwischen Tempe und Larissa . 62. Die Römer verlegten, ohne das Ufer des Peneus zu verlassen, ihr Lager an einen sicherern Ort. Hieher kam der Numider Misagenes mit tausend Reutern, eben so vielem Fußvolke und überdies mit zweiundzwanzig Elephanten. Dem Könige, der in diesen Tagen einen Hauptkriegesrath hielt, wagten schon einige seiner Vertrauten, weil der hohe Jubel über den Sieg sich nunmehr gelegt hatte, den Rath zu geben, er möge sich seines Glücks lieber zur Verabredung eines ehrenvollen Friedens bedienen, als von eitler Hoffnung zu weit geführt sich einem Spiele überlassen, das keinen Rückschritt gestatte. «Seinen glücklichen Fortschritten ein Ziel stecken und dem 313 Sonnenscheine des begünstigenden Augenblicks nicht zu viel trauen, zeige den klugen Mann, den Mann, der glücklich zu sein verdiene. Er möge Abgeordnete zum Consul gehen lassen, einen neuen Vertrag auf dieselben Bedingungen zu schließen, unter welchen sein Vater Philipp den Frieden vom Sieger Titus Quinctius erhalten habe. Der Krieg könne nicht glorreicher geendigt werden, als nach einem so denkwürdigen Kampfe; und nie lasse sich von den Umständen die Hoffnung zu einem dauerhaften Frieden sicherer erwarten, als wenn diese jetzt den durch das unglückliche Treffen gebeugten Römern mehr Nachgiebigkeit für die Unterhandlung gebieten würden. Sollten aber die Römer auch dann mit dem ihnen eignen Starrsinne alle Billigkeit zurückstoßen, so würden die Mäßigung des Perseus und der trotzige Übermuth der Römer Götter und Menschen zu Zeugen haben.» Des Königs Gedanken waren nie diesen Maßregeln abgeneigt. Also wurde diese Meinung durch die Beistimmung Mehrerer gebilligt. Die an den Consul abgefertigten Gesandten wurden mit Zuziehung eines zahlreichen Kriegsraths vernommen. Sie sagten: «Perseus bitte um Frieden; er verspreche, den Römern eben die Steuer zu entrichten, zu der sich sein Vater verstanden habe. Gleich zuerst wolle er die Städte, Gebiete und Plätze räumen, die sein Vater geräumt habe.» So weit die Gesandten. Als man sie hatte abtreten lassen, und nun überlegte, behielt im Kriegsrathe die Römische Standhaftigkeit die Oberhand. So war es damals Sitte, im Unglücke sich die Miene des Glücklichen zu geben, im Glücke den Muth zu mäßigen. Man beschloß, ihnen zur Antwort zu geben: «Unter der Bedingung werde der Friede bewilligt, daß der König in allen Stücken dem Senate das freie Recht zugestehe, über ihn und ganz Macedonien zu verfügen.» Als die Gesandten dies zurückmeldeten, staunten die, denen ein solches Benehmen fremd war, über die Hartnäckigkeit der Römer; und die Meisten sagten, man müsse keines Friedens weiter erwähnen; bald würden sie von ihrer Seite suchen, was sie jetzt von dem Darbietenden nicht 314 annehmen möchten. Perseus hingegen fürchtete gerade diesen Übermuth, insofern ihn das Vertrauen auf eigne Kräfte erzeuge: und unter Erbietungen zu einer größeren Summe, falls er den Frieden mit Gelde erkaufen könnte, ließ er nicht ab, auf den Consul seine Versuche zu machen. Als dieser in seiner ersten Antwort nicht das Mindeste änderte, kehrte er, auf den Frieden verzichtend, nach Sycurium, von wo er gekommen war, zurück, um sich von neuem auf die mißliche Entscheidung des Krieges einzulassen. 63. Als sich der Ruf von diesem Gefechte der Reuterei durch Griechenland verbreitete, enthüllten sich die Gesinnungen der Menschen. Denn nicht bloß die von der Macedonischen Partei vernahmen dies Gerücht mit Freuden, sondern fast Alle, obgleich Manche den Römern durch große Wohlthaten verpflichtet waren, [noch Mehrere quidam vim superbiamque]. – Daß hier etwas fehle, daß dies wenigstens nicht auf die Römer gezogen werden könne, haben Gronov, Crevier, Drakenborch anerkannt. Die Gründe des Letztern, die meiner Meinung nach entscheidend sind, sind folgende: 1)  Livius würde nicht so geradezu allen Römern zur Last legen, was damals nur einzelne Statthalter oder Feldherren treffen konnte. 2) Hätte er sich aber nothgedrungen gefühlt, dies vom Römischen State anzuerkennen, oder sich etwa vergessen, so konnte er doch die Abneigung der beleidigten Völker gegen Rom nicht pravum studium nennen; konnte 3) nicht von ihnen sagen, deteriori favebant. Deswegen vermuthete Gronov, bei quidam vim superbiamque sei etwa das Wort Macedonum ausgefallen. Man sieht aber nicht, wo und wie; wenigstens ist keine Spur da. Auch ist der Übergang, dünkt mich, von ingentibus Romanorum beneficiis obligati zu vim Macedonum experti zu ausschließend, und es fehlen die, die weder zu jenen, noch zu diesen gehörten; die, ohne den Römern verpflichtet und ohne von Perseus beleidigt zu sein, gegen diesen wenigstens keine Verbindlichkeit hatten. Ich vermuthe, es habe hier etwa so geheißen: Sed plerique (nachher folgt laeti eam famam accepere), ingentibus Romanorum obligati beneficiis quidam, plures nullis certe regis (scil. beneficiis obligati), quidam vim superbiamque (scil. regis) experti; und der Abschreiber sei aus dem einen quidam in das andre übergegangen. Die Worte hätten dann etwa so beisammen gestanden: sed plerique, ingentibus Romanorum obligati beneficiis quidam, plures nullis certe regis, quidam vim superbiamque experti, laeti eam famam accepere. dem Könige wenigstens nichts zu verdanken,] Einige sogar seine Gewaltthätigkeit und Grausamkeit erfahren hatten. Und dies aus keinem andern Grunde, als aus einer strafbaren Parteilichkeit, die der große Haufe auch bei den Kampfspielen äußert, aus einer Begünstigung des schlechteren und schwächeren Theils. 315 Damals hatte in Böotien der Prätor Lucretius den Sturm auf Haliartus mit seiner ganzen Macht unternommen; und hatten gleich die Belagerten keine fremde Hülfe, außer einigen Truppen von Coronea, die sich bei der ersten Belagerung hinein geworfen hatten, und konnten sie auch keine hoffen, so hielten sie sich dennoch, mehr durch ihren Muth, als durch ihre Stärke. Sie thaten öftere Ausfälle auf die Werke; sie lasteten den angebrachten Mauerbrecher durch herabgeschnellte Blöcke von Blei zur Erde nieder, und wenn auch die Lenker des Widderkopfs hie oder da den Schlag abzuwenden wußten, so holten die Belagerten eben die niedergekollerten Steine der Lücke geschwind zusammen und bauten statt der niedergestürzten Mauer zum Nothbehelfe eine neue auf. Da die Belagerung vermittelst der Werke zu langsam ging, so ließ der Prätor unter seine Haufen Leitern austheilen, um die Mauern von allen Seiten im Ringsturme anzugreifen: denn er konnte so viel eher darauf rechnen, daß seine Truppenmenge hierzu ausreichen werde, weil auf jener Seite der Stadt, wo sie der Sumpf umgürtet, ein Angriff eben so unnöthig als unthunlich war. Er selbst rückte auf der Seite, wo zwei Thürme und die Mauer dazwischen schon niedergestürzt waren, mit zweitausend seiner Auserlesenen an, um es so möglich zu machen, daß gerade alsdann, wenn er über die Trümmer einzudringen suchte und die Bürgerschaft gegen ihn herbeieilte, die von Vertheidigern entblößte Mauer an irgend einer Stelle durch Sturmleitern gewonnen würde. Erfinderisch genug schickten sich die Belagerten an, seinem Andrange zu wehren. Die von Trümmern überdeckte Stelle beschütteten sie mit dürren Reisbündeln, standen mit brennenden Fackeln da unter beständiger Drohung, jetzt anzuzünden, so daß sie, durch das Feuer vom Feinde geschieden, zur Aufführung einer innern Mauer Platz behielten. Allein der Zufall vereitelte ihre Erfindung. Denn plötzlich ergoß sich ein so starker Platzregen, daß alles Anzünden gehindert und das schon Brennende ausgegossen wurde. So stand der Weg über das aus einander gerissene dampfende Reisig offen, und 316 während sich Alle mit der Vertheidigung dieser Einen Stelle zu thun machten, wurde die Mauer an mehreren Orten zugleich mit Leitern erstiegen. Im ersten Getümmel der Eroberung wurden auch Greise und Unmündige, so wie sie der Zufall den Siegern entgegenführte, allenthalben niedergehauen. Die Bewaffneten retteten sich auf die Burg. Doch aller Hoffnung beraubt ergaben sie sich am folgenden Tage und wurden im Heerkreise verkauft. Es waren ihrer beinahe zweitausend fünfhundert. Alle Zierden der Stadt an Standbildern und Gemälden und jede Beute von Werth wurden eingeschifft, die Stadt selbst von Grund aus zerstört. Von hier führte der Prätor sein Heer nach Theben Inde Thebas ductus]. – Hat Livius nicht in einer verloren gegangenen Stelle, wie Crevier vermuthet, etwas Bestimmteres über Thebens Verhältnisse zu den Römern gesagt, so läßt sich aus den Worten Cap. 46. quamquam nonnihil succensebant Romanis vermuthen, daß die Thebaner, wenn sie gleich nicht offenbar zur Partei des Perseus übergingen, es doch nicht so mit den Römern hielten, wie es diese verlangten. Cap. 46. setzten die Römer die Vertriebenen wieder ein, womit die Thebaner unzufrieden waren. Jetzt übergeben sie diesen Vertriebenen die Regierung der Stadt. Vermuthlich also war es über die Einsetzung der Vertriebenen zu innern Unruhen gekommen. , und als er sich der Stadt ohne Schwertschlag bemächtigt hatte, übergab er sie den Vertriebenen und der Römischen Partei. Die Hausgenossen derer von der Gegenpartei und Aller, welche den König und die Macedonier begünstigt hatten, verkaufte er im Heerkreise. Nach diesen Verrichtungen in Böotien ging er zurück an das Meer und auf seine Schiffe. 64. Wahrend dies in Böotien vorging, hatte Perseus mehrere Tage lang sein Standlager bei Sycurium. Als er hier erfuhr, die Römer brächten das eiligst auf den Feldern der Nachbarschaft abgemähete Getreide zusammen, und schichteten darüber, daß Jeder vor seinem Zelte, um feineres Korn zu dreschen, die Ähren von den Garben abschnitte, große Haufen Stroh im ganzen Lager auf; so ließ er, weil es eben darum so viel leichter in Brand zu setzen sei, Fackeln, Kienholz und Brandspindeln von gepichtem Werge herbeischaffen, und brach dann um Mitternacht auf, um sie durch seinen Angriff mit dem ersten 317 Tageslichte zu überfallen. Umsonst. Die überraschten Vorposten setzten doch durch ihren Lärm und ihren Schrecken die Übrigen in Bewegung: es erfolgte das Zeichen zur schleunigen Bewaffnung. und zugleich auf dem Walle und an den Thoren standen die Soldaten schlachtfertig und auf die Vertheidigung ihres Lagers gefaßt. Perseus ließ sogleich die Linie sich schwenken, die Fuhren vorangehen und die Fahnen des Fußvolks nachfolgen. Er selbst blieb, den Zug zu schließen, mit der Reuterei und den Leichtbewaffneten stehen, weil er glaubte – und so kam es auch – die Feinde würden, um auf seinen Nachtrab im Rücken einzuhauen, ihn verfolgen. Es entstand ein kurzes Gefecht, meistens zwischen seinen Leichtbewaffneten und den hervorsprengenden Feinden: Reuterei und Fußvolk gingen in aller Ruhe wieder ins Lager. Nachdem die Römer die Kornfelder umher abgemähet hatten, rückten sie mit ihrem Lager auf das noch unberührte Gebiet von Cranon. Als sie hier theils wegen der Entfernung des feindlichen Lagers, theils wegen der Schwierigkeit des wasserarmen Weges zwischen Sycurium und Cranon, ganz unbesorgt in ihrem Standlager waren, setzte plötzlich bei frühem Morgen eine königliche Reuterei, die sich mit Leichtbewaffneten auf den nahen Hügeln sehen ließ, Alles in große Bewegung. Tages zuvor waren sie von Sycurium unter Mittag aufgebrochen: den Zug ihres Fußvolks hatten sie gegen Tagesanbruch in der nächsten Ebene zurückgelassen. Eine Zeitlang blieb der König auf den Hügeln stehen und hoffte, die Römer sollten sich zu einem Treffen der Reuterei herauslocken lassen. Weil sie sich aber nicht regten, schickte er einen Reuter ab, der das Fußvolk nach Sycurium zurückgehen hieß; und er selbst kam bald darauf nach. Als die Römische Reuterei, die ihm in mäßiger Entfernung nachgezogen war, um etwa die Abstreifenden und Versprengten zu erreichen, den Feind in dichtem Schlusse, unter der Fahne und im Gliede abziehen sah, kehrte auch sie in ihr Lager zurück. 65. Verdrießlich über diese Weite des Weges brach der König mit seinem Lager nach dem Hügel Mopsium 318 auf. Auch die Römer, die nun die Felder bei Cranon gemähet hatten, gingen auf das Gebiet von Phalanna über. Als der König hier durch einen Überläufer erfuhr, die Römer wären, allenthalben über die Felder zerstreut, mit Mähen beschäftigt, ohne die mindeste bewaffnete Bedeckung; so machte er sich mit tausend Reutern, zweitausend Thraciern und Cretensern auf, und da sie, so schnell er sie treiben konnte, in vollem Laufe gegangen waren, griff er die Römer unvermuthet an. Der bespannten, meistens schwerbeladenen Wagen, erbeutete er ein volles Tausend, machte beinahe sechshundert Gefangene und übergab die Beute dreihundert Cretensern zur Bedeckung und Abführung ins Lager. Er selbst rief die Reuterei und das übrige Fußvolk von der Zerstreuung beim Niederhauen zurück, und führte sie gegen den nächsten Posten, den er ohne großen Kampf zu überwältigen hoffte. Lucius Pompejus, der hier befehlende Oberste, zog sich mit seinen durch die plötzliche Erscheinung der Feinde geschreckten Soldaten auf einen nahen Hügel, um, was ihm an Mannschaft und Hülfsmitteln abging, durch den Vortheil des Orts zu ersetzen. Als er sie hier in einen Kreis zusammengezogen hatte, damit sie hinter dem Schlusse ihrer Schilde vor den Pfeilschüssen und Wurfspießen gedeckt sein möchten, hieß Perseus, der den Hügel rundum mit Bewaffneten einschloß, den einen Theil seiner Leute auf allen Seiten das Hinansteigen versuchen und den Feind durch Angriff aus der Nähe beschäftigen, den andern, ihn aus der Ferne beschießen. Hier sahen sich die Römer von einer zwiefachen Gefahr umringt; denn in Hinsicht auf die, welche die Höhe zu ersteigen suchten, durften sie nicht in geschlossenem Gliede fechten; und gaben sie, um Ausfälle zu thun, den Gliederschluß auf, so gaben sie sich auch den Wurfspießen und Pfeilen bloß. Die meisten Wunden schlugen ihnen die Schleuderpfeile. Dies war ein neues in diesem Kriege erfundenes Geschoß. Ein Pfriem, zwei Handbreiten lang, war einem Schafte von der Länge einer halben Elle und von Fingerdicke aufgesteckt, der nach Art der Pfeile, um ihm die Schwungkraft zu geben, mit drei Federzapfen pinnae tres]. – Nach Polybius waren dies eingezapfte hölzerne Schwingen. besetzt war. Die Mitte der Schleuder hatte zwei ungleiche Bänder. Wenn nun der Schleuderer das in einer Art von größeren Tasche sich wiegende Geschoß vermittelst des Riemens umschwang, so flog es herausgeschnellt wie eine Kugel fort. Als mit diesem und andern Geschossen aller Art mehrere Römer verwundet waren und vor Ermattung ihre Waffen nur noch mit Mühe hielten, drang der König in sie, sie möchten sich ergeben, versprach ihnen Schonung, mitunter sogar Belohnungen: und als sich auch nicht Einer zur Übergabe bewegen ließ, da strahlte den schon zum Tode Entschlossenen unerwartet eine neue Hoffnung entgegen. Denn da einige von den ins Lager zurückfliehenden Futterholern dem Consul meldeten, jener Posten sei umzingelt, so rückte er, bei der Gefahr so vieler Bürger nicht gleichgültig – es waren beinahe achthundert und lauter Römer – mit der Reuterei und den Leichtbewaffneten, zu denen noch neue Hülfstruppen gekommen waren, – Numider zu Fuß und zu Pferde, auch Elephanten, – aus dem Lager, und befahl seinen Obersten, mit den Fahnen der Legionen zu folgen. Er selbst ging mit den leichten Hülfstruppen, zu deren Verstärkung er auch Römische Leichtbewaffnete mitnahm, nach dem Hügel voraus. Als Begleiter deckten ihn Eumenes, Attalus und der Numidische Prinz Misagenes . 66. Sobald die Eingeschlossenen die ersten Fahnen der Ihrigen zu Gesicht bekamen, belebte freilich die Römer nach der äußersten Verzweifelung ein neuer Muth: und Perseus, dessen erster Hauptzweck gewesen war, mit einem zufälligen Glücke zufrieden, sobald er mehrere Getreideholer gefangen genommen oder getödtet hatte, seine Zeit nicht mit der Einschließung eines bloßen Postens hinzubringen; und der zweite, als er dies mit ziemlichem Glücke unternommen hatte, sich, ehe er angegriffen würde, davonzumachen, weil er wußte, daß er keine schwere Truppen bei sich hatte; Perseus, durch sein Glück 320 verführt, wartete ebenfalls die Ankunft des Consuls ab, und schickte eilends einige hin, den Phalanx zu holen. Da dieser für den Drang der Umstände zu spät aufbrach, und doch den Weg im Laufe machen mußte, so würde er, bei seiner Ankunft in der vollen Unordnung des Eilmarsches, auf geschloßne und schlagfertige Truppen gestoßen sein. Schon vor der Ankunft des Phalanx hatte der Consul das Treffen sogleich angefangen. Zuerst thaten die Macedonier Widerstand; dann aber, weil sie in allen Stücken die Schwächeren waren, machten sie sich zum Abzuge fertig, nach einem Verluste von dreihundert Mann zu Fuß und vierundzwanzig der vornehmsten Ritter vom sogenannten Heiligen Geschwader, unter denen auch der Anführer des Geschwaders, Antimachus, blieb. Übrigens war der Abzug beinahe noch stürmischer, als das Treffen selbst. Der Phalanx, der durch den beeilenden Ruf aufgeboten, im Schnellschritte heranzog, blieb zuerst, weil der in einem engen Wege auf den Zug von Gefangenen und die mit Getreide beladenen Wagen stieß, zwischen diesen stecken onustis: iis caesis, ingens]. – Ich lese statt caesis, welches hier Allen anstößig ist: haesit, und interpungire so: Phalanx, – – – primo, in angustiis captivorum agmini oblata vehiculisque frumento onustis, iis haesit. Ingens ibi etc. So erklärt das Glossarium 29, 33. duae turmae haesere sehr richtig durch se non expediverunt. Zu diesem Phalanx primo haesit gehört nachher der Gegensatz: Vix ab incondito agmine captivorum expedierant sese, quum regio agmini – occurrunt. Von der Lesart caesis sagt Crevier: si hoc referas ad vehicula, ineptum est; si ad captivos, parum verisimile. . Hier zerarbeiteten sich beide Theile gewaltig, weil keiner es abwartete, daß der Zug, so gut es angehen wollte, sich entwickelte; sondern die Bewaffneten, bei der Unmöglichkeit, sich den Weg auf andre Weise zu öffnen, die beladenen Wagen am Absturze hinunter stießen, und die Thiere, denen der Treiber zusetzte, im Getümmel wild wurden. Kaum hatten sich die Truppen des Phalanx dem verwickelten Zuge der Gefangenen entwunden, so stießen sie auf den Zug des Königs und seine voll Bestürzung fliehende Reuterei. Nun bewirkte vollends das Geschrei derer, die ihnen zuriefen, sie sollten umkehren, eine Verwirrung, so daß beinahe Alles über einander stürzte, und 321 sie eine große Niederlage hätten erleiden können, wenn die Feinde sich in den Paß gewagt und sie weiter verfolgt hätten. Allein sobald der Consul den Posten vom Hügel an sich gezogen hatte, führte er, mit einem mäßigen Erfolge sich begnügend, seine Truppen ins Lager zurück. Nach einigen Berichten kam es an diesem Tage zu einem bedeutenden Treffen; in welchem achttausend Feinde, unter ihnen auch die königlichen Feldherren, Sopater und Antipater, geblieben, ungefähr zweitausend achthundert Gefangene gemacht und siebenundzwanzig Fahnen erbeutet sein sollen. Der Sieg soll aber auch theuer erkauft sein, und das Heer des Consuls über viertausend dreihundert Mann, und die linke Abtheilung der Bundesgenossen fünf Fahnen verloren haben. 67. Dieser Tag gab den Römern wieder Muth, und schlug den Perseus nieder, so daß er bei Mopsium, hauptsächlich die Beerdigung seiner Gefallenen zu besorgen, nur noch wenige Tage verweilte, eine hinlängliche Besatzung zu Gonnus hinterließ und seine Truppen nach Macedonien zurückzog. Einen von seinen Obersten, einen gewissen Timotheus, ließ er mit einer mäßigen Mannschaft zu Phila bleiben, mit dem Auftrage, auf die Magnesier und ihre Nachbaren Versuche zu machen. Als er zu Pella ankam, entließ er das Heer in die Winterquartiere und ging selbst mit dem Cotys nach Thessalonich. Hier lief die Nachricht ein, Atlesbis, ein Thracischer Fürst, und Corragus, Oberster des Eumenes, hätten in des Cotys Gebiet einen Einfall gethan und die Gegend, Namens Marene, erobert. Weil er also glaubte, den Cotys zur Vertheidigung seines Eigenthums entlassen zu müssen, gab er ihm bei der Abreise große Geschenke mit. Seiner eignen Reuterei zahlte er nur den halbjährigen Sold aus, zweihundert Talente 350,000 Thlr. , da er ihnen zuerst die Zahlung eines jährigen festgesetzt hatte. Als der Consul hörte, Perseus sei abgezogen, rückte er mit seinem Lager nach Gonnus, falls es ihm gelänge, 322 sich der Stadt zu bemächtigen. Sie liegt unmittelbar vor Tempe am Eingange, giebt den festesten Schlüssel zu Macedonien und für die Macedonier einen sehr gelegenen Standort, von hier hinab in Thessalien einzubrechen. Weil aber ihre Lage und die starke Besatzung die Eroberung unmöglich machten, stand der Consul von seinem Vorhaben ab, zog seitwärts nach Perrhäbien, eroberte Mallöa beim ersten Angriffe, plünderte die Stadt, unterwarf sich das Gebiet der Dreistädte nebst dem übrigen Perrhäbien und ging zurück nach Larissa Larissam rediit]. – Dies ist das größere Larissa, Thessaliens Hauptstadt. Das bald nachher genannte ist Larissa Cremaste. . Hier entließ er den Eumenes und Attalus in ihre Staten, vertheilte die Numider unter dem Misagenes auf die nächsten Thessalischen Städte in die Winterquartiere, und legte einen Theil seiner Truppen so in ganz Thessalien umher, daß sie sämtlich bequeme Winterquartiere hatten und in den Städten die Besatzung machten. Zur Behauptung von Ambracien ließ er den Unterfeldherrn Quintus Mucius mit zweitausend Mann abgehen. Mit dem andern Theile seines Heeres brach er nach Achaja Phthiotis auf, zerstörte die Stadt Pteleus, die von ihren entflohenen Bewohnern verlassen war, von Grund aus, und besetzte Antron, mit Zustimmung der Bürger. Dann rückte er mit dem Heere vor Larissa. Die Stadt war verlassen: die ganze Volksmenge hatte sich auf die Burg begeben. Er schickte sich zum Sturme an. Die Macedonier, eine königliche Besatzung, waren die Ersten, die vor Furcht sich davon machten. Von ihnen verlassen, ergaben sich die Bürger sogleich. Nun war es zweifelhaft, ob ein Angriff auf Demetrias das Vorgehen habe, oder ob man sich über Böotiens Verhältnisse durch den Augenschein belehren müsse. Die Thebaner, welche von den Coroneern viel zu leiden hatten, riefen den Consul nach Böotien. Mit Einstimmung in ihre Wünsche zog er, weil diese Gegend bessere Winterquartiere gab, als Magnesien, nach Böotien . Drei und vierzigstes Buch. Jahre Roms 581 – 583. 323 Inhalt des drei und vierzigsten Buchs. Einige Prätoren, die in der Verwaltung ihrer Statthalterschaft Geiz und Grausamkeit gezeigt hatten, werden verurtheilt. Publius Licinius Crassus erobert in Griechenland als Proconsul mehrere Städte, und plündert sie auf eine grausame Art. Deswegen werden die Gefangenen, die er zu Sklaven verkauft hatte, nachher durch einen Senatsschluß wieder frei gegeben. Eben so behandeln auch die Befehlshaber Römischer Flotten die Bundsgenossen in manchen Stücken mit Härte. Ferner enthält dies Buch die glücklichen Unternehmungen des Königs Perseus gegen Thracien und seine Siege über die Dardaner und Illyricum Daß die cursiv gedruckten Worte eine Unwahrscheinlichkeit enthüllen, und dem Livius ( Cap. 18. 19. 20.) widersprechen, haben Crevier und schon Perizonius erinnert. , wo Gentius König war. Der in Spanien vom Olonicus erregte Aufstand legt sich sogleich, als dieser getödtet wird. In dem von den Censorn abgelesenen Verzeichnisse der Mitglieder des Senats steht Marcus Ämilius Lepidus oben an. 325 Drei und vierzigstes Buch. 1. In eben dem Sommer, in welchem die Römer in Thessalien in dem ersten Treffen mit der Reuterei die Besiegten equestri pugna vicere]. – Ich übersetze nach Gronov u. Drakenb., welche so zu lesen vorschlagen: equestri pugna victi primum, deinde vicere Romani. , im andern die Sieger waren, zwang in Illyricum der vom Consul hieher geschickte Unterfeldherr zwei wohlhabende Städte durch Gewalt der Waffen zur Übergabe, und ließ ihnen alles Ihrige, um durch die gute Meinung von der Römischen Milde die Bürger der starken Festung Carnus zu gewinnen. Als er sie aber weder zur Übergabe bewegen, noch durch Einschließung erobern konnte, gab er die vorhin verschonten Städte, damit sich seine Soldaten nicht umsonst in zwei Belagerungen abgemühet haben sollten, der Plünderung preis. Der andre Consul Cajus Cassius that nicht nur in Gallien, welches er erloset hatte, nichts Merkwürdiges, sondern er machte sich auch, wiewohl vergeblich, an das Unternehmen, mit seinen Legionen durch Illyricum nach Macedonien zu gehen. Daß der Consul diesen Zug angetreten habe, erfuhr der Senat durch Abgesandte von Aquileja. Als diese mit der Klage, ihre Pflanzstadt liege, bei ihrer Neuheit, bei ihrer Schwäche und noch nicht vollendeten Befestigung, zwischen zwei feindseligen Völkern, den Istriern und Illyriern in der Mitte, zugleich die Bitte vortrugen, der Senat möge sich die Befestigung ihrer Pflanzstadt empfohlen sein lassen, so legte man ihnen die Frage vor, ob sie wünschten, daß man dem Consul Cajus Cassius diesen Auftrag gebe; und sie antworteten, Cassius habe sein Heer nach Aquileja entboten und sei durch Illyricum 326 nach Macedonien aufgebrochen. Anfangs schien die Erzählung unglaublich und Jeder vermuthete nach seinen Gründen, Cassius habe vielleicht die Carner oder die Istrier angegriffen. Darauf sagten die Aquilejer, sie wüßten weiter nichts und getraueten sich auch weiter nichts zu behaupten, als daß den Soldaten auf dreißig Tage Getreide zugetheilt sei und daß man Wegweiser, welche mit den Straßen aus Italien nach Macedonien bekannt wären, aufgesucht und mitgenommen habe. Nun gerieth der Senat in Unwillen, daß sich der Consul so viel erdreistet habe, seinen eignen Standort zu verlassen, auf den eines Andern überzugehen, sein Heer auf einem nie gemachten, gefahrvollen Marsche zwischen fremden Völkern durchzuführen und so vielen Nationen einen Weg nach Italien zu bahnen. Mit großer Stimmenmehrheit wurde beschlossen, der Prätor Cajus Sulpicius solle aus dem Senate drei Abgesandte ernennen; diese sollten noch heute von Rom abgehen und so schnell als möglich dem Consul Cassius, er möge sein, wo er wolle, nachreisen, um ihm anzudeuten, daß er mit keinem Volke einen Krieg anfange, mit dem er nicht auf Befehl des Senats geführt werden müsse. Diese abreisenden Gesandten waren Marcus Cornelius Cethegus, Marcus Fulvius, Publius Marcius Rex. Über die Besorgniß um den Consul und sein Heer wurde für jetzt die Sorge für die Befestigung Aquileja's aufgeschoben. 2. Nun wurden die Gesandten mehrerer Völkerschaften aus beiden Spanien im Senate vorgelassen. Unter Klagen über die Habsucht und Härte der Römischen Befehlshaber baten sie den Senat kniefällig, nicht zu gestatten, daß sie als Bundsgenossen schrecklicher geplündert und gequält würden, als die Feinde. Da sie über mancherlei Unwürdigkeiten klagten und offenbar Gelderpressungen vorgefallen waren, so wurde dem Prätor Lucius Canulejus, welchem das Los Spanien bestimmt hatte, aufgetragen, gegen Jeden, an den die Spanier Geldforderungen zu machen hätten, fünf Mitglieder des Senats zu untersuchenden Richtern zu ernennen und den Spaniern 327 die Erlaubniß zu geben, zu Führern ihrer Sache sich die Männer, die sie wünschten, selbst zu wählen. Man rief die Gesandten in das Rathhaus, las ihnen den Senatsbeschluß vor und forderte sie auf, ihre Sachführer zu bestimmen. Sie ernannten dazu vier Männer, den Marcus Porcius Cato, den Publius Cornelius Scipio, des Cneus Sohn; den Lucius Ämilius Paullus, des Lucius Sohn, und den Cajus Sulpicius Gallus. Von dem Untersuchungsausschusse machten sie zuerst gegen den Marcus Titinius Gebrauch, der unter den Consuln Aulus Manlius und Marcus Junius als Prätor im diesseitigen Spanien gestanden hatte. Zweimal wurde in seiner Sache ein neuer Gerichtstag angesetzt; zum drittenmale wurde der Beklagte freigesprochen. Nun entstand zwischen den Gesandten beider Provinzen eine Uneinigkeit: die Völker des diesseitigen Spaniens nahmen zu ihren Sachführern den Marcus Cato und den Scipio, die des jenseitigen den Lucius Paullus und Sulpicius Gallus. Von den diesseitigen Völkern wurde Publius Furius Philus, von den jenseitigen Marcus Matienus vor dem Untersuchungsausschusse belangt. Jener war vor drei Jahren unter den Consuln Spurius Postumius, Quintus Mucius, dieser zwei Jahre früher, unter den Consuln Lucius Postumius, Marcus Popillius Prätor gewesen. Gegen beide wurden die härtesten Anklagen vorgebracht und ihre Sache zweimal vorgenommen. Als sie sich abermals verantworten sollten, ließen sie ihr Nichterscheinen damit entschuldigen, daß sie sich selbst aus der Stadt verwiesen hätten. Furius ging als Verbannter nach Präneste, Matienus nach Tibur. Darauf hieß es, die Sachführer selbst verhinderten die Vorforderung der Adlichen und Mächtigen, und diesen Argwohn bestärkte der Prätor Canulejus dadurch, daß er die Sache liegen ließ und die Werbung vornahm. Dann reisete er plötzlich nach seinem Standorte ab, um den Plackereien der Spanier nicht noch Mehrere auszusetzen. Ließ gleich der Senat auf diese Art das Geschehene durch Stillschweigen in Vergessenheit gerathen, so sorgte er doch auf die Zukunft für die Spanier, indem er 328 ihnen bewilligte, daß kein Römischer Statthalter für das ihm zu liefernde Getreide die Geldsumme bestimmen dürfe, ferner daß die Spanier den Zwanzigsten von ihrer Ernte nicht nach einem vom Statthalter bestimmten Preise zu verkaufen brauchten; auch daß er in keine von ihren Städten zur Eintreibung von Geldern einen Obersten einlegen dürfe. 3. Aus Spanien kam noch eine andre Gesandschaft, eines Menschenstammes von neuer Abkunft. Über viertausend Menschen meldeten sich mit der Anzeige, sie wären von Römischen Soldaten mit Spanierinnen erzeugt, mit welchen kein Eherecht Statt finde; sie baten, ihnen eine Stadt zum Wohnorte anzuweisen. Der Senat befahl, «sie sollten ihre Namen bei dem Lucius Canulejus angeben. Diejenigen von ihnen, die er für Freie erklärte, sollten nach Carteja am Weltmeere abgeführt werden. Wer von den Cartejern Lust habe, in seiner Vaterstadt zu bleiben, der solle durch das ihm angewiesene Grundstück das Recht bekommen, zu den Pflanzbürgern zu gehören. Die Pflanzung solle Latiner-Recht und den Namen Pflanzstadt der Freigelassenen haben.» Zu gleicher Zeit kamen aus Africa nicht allein Gulussa, Sohn des Königs Masinissa, als Gesandter seines Vaters, sondern auch Carthager. Gulussa wurde zuerst im Senate eingeführt, gab Bericht über die Beiträge zum Macedonischen Kriege, die sein Vater ihm mitgegeben hatte, versprach, falls den Vätern gefällig sein sollte, ihm noch andre Lieferungen aufzuerlegen, seiner Verbindlichkeit gegen Rom gemäß auch diese zu leisten, und warnte sie vor der Hinterlist der Carthager. «Sie hätten die Maßregel ergriffen, eine große Flotte auszurüsten, dem Scheine nach für die Römer, gegen die Macedonier. Wenn diese ausgerüstet und segelfertig sei, dann werde es von ihnen abhangen, wen sie als Feind oder als Freund ansehen wollten.» [Darauf vertheidigte er den Masinissa in Betreff des Gebiets und der Städte, die er, wie die Carthager klagten, ihnen genommen haben sollte, und der Streit zwischen dem Prinzen und den 329 Carthagischen Gesandten wurde mit Hitze geführt. Was von beiden Seiten vorgebracht wurde, was der Senat darauf geantwortet habe, ist ungewiß. Doch ruhete dieser Streit, wie eingeschlummert, mehrere Jahre lang, bis er bei seiner Erneurung zu einem heftigen Kriege ausbrach, den die Punier mit dem Masinissa anfingen, mit den Römern führen mußten, und der nicht anders, als mit Carthago's Untergange endete. In den Jahrbüchern findet sich, daß in diesem Jahre ein Mädchen noch im Hause der Ältern zu einem Knaben geworden und auf eine wüste Insel ausgesetzt sei.] (4.) [Die Wahlversammlungen hielt der Consul Cajus Cassius. Aulus Hostilius Mancinus und Aulus Atilius Serranus wurden Consuln. Die nachher gewählten Prätoren waren Marcus Räcius, Quintus Mänius, Lucius Hortensius, Quintus Älius Pätus, Titus Manlius Torquatus, Cajus Hostilius. Den Consuln wurden die Standplätze Italien und Macedonien angewiesen. Italien erlosete Atilius, Hostilius Macedonien. Die Prätoren traf, den Räcius die Rechtspflege in der Stadt, den Mänius die über die Fremden, die Flotte und die Seeküste Griechenlands den Hortensius. Die übrigen Standplätze der Prätoren waren ohne Zweifel Spanien, Sicilien und Sardinien. Welchem Prätor aber jedes einzeln zugefallen sei, darüber giebt es bei dem Stillschweigen der alten Denkmale keine Gewißheit. Indessen ließ Publius Licinius, gleich als hätte man ihn nicht zur Führung des Krieges gegen den Perseus, sondern gegen die Griechen, ausgesandt, seinen dem Feinde unschädlich gewesenen Zorn gegen die unglücklichen, ihm an Kräften ungleichen, Griechen aus, eroberte in Böotien, wo er seine Winterquartiere hatte, mehrere Städte und plünderte sie auf eine grausame Art. Da die von ihm vorzüglich gemishandelten Bürger von Coronea sich an den Senat wandten, so erklärten die Väter, die zu Sklaven verkauften Gefangenen sollten wieder in Freiheit gesetzt werden. Die Grausamkeit und Habsucht des Consuls ahmte der Befehlshaber der Flotte, der Prätor Lucretius nach, oder übertraf sie 330 noch, er, gegen Bundesgenossen der Held, dem Feinde der Verächtliche. Denn die bei Oreum stehende Flotte griff Perseus unvermuthet an, nahm ihm zwanzig mit Getreide befrachtete Lastschiffe, bohrte die übrigen in den Grund und eroberte sogar vier Fünfruderer. Auch in Thracien focht Perseus mit Glück, als er zur Vertheidigung des Cotys gegen die Truppen des Atlesbis und Corragus einen Seitenzug dorthin unternommen hatte. Doch Cotys selbst ließ es auch an sich nicht fehlen, als ein tüchtiger Krieger und ein Mann von außerordentlicher Klugheit, nur seiner Abkunft nach, nicht in seinem Benehmen, ein Thracier. Denn seine Nüchternheit und Mäßigkeit war musterhaft, und seine Milde und Selbstbeherrschung machte ihn wirklich liebenswürdig.] (5.) [Dem Perseus ging Alles nach Wunsch. Denn jetzt traten auch die Epiroten zu ihm über, auf Betrieb des Cephalus, welchen jedoch zum Abfalle von Rom mehr die Noth vermochte, als seine Neigung. Als ein Mann von außerordentlicher Klugheit und Festigkeit meinte er es auch jetzt vollkommen redlich. Denn er hatte die unsterblichen Götter angeflehet, sie möchten zwischen den Römern und Perseus keinen Krieg ausbrechen, oder es nicht zu einer völligen Entscheidung kommen lassen. Als der Krieg dennoch ausbrach, hatte er sich vorgenommen, der Vorschrift des Vertrages gemäß die Römer zu unterstützen, allein weder als der Zuvorkommende mehr zu tun, als die Bundesbedingungen verlangten, noch auf eine unanständige und niedrige Art den Gehorsamen zu machen. Diese Maßregeln des Mannes störete ein gewisser Charopus, ein Enkel jenes Charopus, welcher dem Titus Quinctius im Kriege gegen Philipp den Paß am Flusse Aous eröffnet hatte, ein feiler Schmeichler der Mächtigern, und gewandt in der Kunst, jeden Rechtschaffenen zu verleumden. Er war zu Rom erzogen, wohin ihn sein Großvater geschickt hatte, das Römische sprechen und schreiben zu lernen. So hatte er die Bekanntschaft und Zuneigung sehr vieler Römer, und nach seiner Zurückkunft ins Vaterland klaffte er nun, als ein 331 leichtsinniger, schlechtdenkender Mensch, der sich auch auf seine Freundschaften in Rom verließ, beständig die ersten Männer an. Freilich anfangs wurde er von Allen verachtet und kam gar nicht in Betracht. Als sich aber nach dem Ausbruche des Krieges gegen Perseus Alles in Griechenland dem Verdachte ausgesetzt sah, Viele offenbar, Mehrere heimlich es mit Perseus hielten, machte sichs Charopus zum Geschäfte, alle Epiroten von ausgezeichnetem Ansehen bei den Römern zu verklagen. Einigen Schein und Anstrich gab seinen Verleumdungen die Verbindung, in welcher ehemals Cephalus und die übrigen Anhänger seiner Partei mit Macedoniens Königen gestanden hatten. Da er jetzt alle ihre Worte und Handlungen in böser Absicht ausspähete, sie immer zum Schlimmsten verdrehete und die Wahrheit durch beliebiges Hinzusetzen und Weglassen verfälschte, so verschaffte er seinen Verläumdungen Glauben. Indeß voll Vertrauen auf ihr edles Bewußtsein einer unbefleckten Treue gegen Rom kehrten sich Cephalus und Alle, die mit ihm über das allgemeine Beste dieselben Maßregeln befolgten, auch daran noch nicht. Als sie aber sahen, deß die Römer seinen Verleumdungen ihr Ohr liehen, und daß einige vornehme Ätoler, welche eben so durch die falschen Anklagen ihrer Neider verdächtig gemacht waren, nach Rom abgeführt wurden; da endlich fühlten sie sich gedrungen, für sich selbst und für ihren Stat zu sorgen. Und da sich ihnen kein andres Hülfsmittel darbot, außer eine Verbindung mit dem Könige, so sahen sie sich gezwungen, mit Perseus ein Bündniß einzugehen und ihre Nation ihm zuzuführen. Nachdem zu Rom die Consuln Aulus Hostilius und Aulus Atilius ihr Amt angetreten, und in Rücksicht auf Götter und Menschen Alles abgethan hatten, was die Consuln in der Stadt und ihrer Nähe zu besorgen haben, so gingen sie auf ihre Standplätze ab. Hostilius, welchem Macedonien zugefallen war, wäre auf seiner eiligen Hinreise zum Heere nach Thessalien, als er sich in Epirus hineinwagte, welches damals noch nicht öffentlich von Rom abgetreten war, beinahe dem Perseus in die Hände 332 gefallen. Ein gewisser Theodotus und Philostratus, in der Voraussetzung, dem Könige einen großen Gefallen, und den Römern wenigstens für den Augenblick großen Schaden zu thun, wenn sie den Consul dem Könige überlieferten, schrieben an den König, er möchte so schnell als möglich herbeieilen. Hätte nicht den Perseus der Aufenthalt, den ihm die Molosser am Flusse Lous machten, verspätet, und wäre nicht der Consul, auf eine warnende Anzeige von der über ihm schwebenden Gefahr, von der schon festgesetzten Richtung seines Weges abgegangen, so würde er wahrscheinlich kaum haben entkommen können. Er verließ Epirus, ging zu Schiffe nach Anticyra und eilte von da nach Thessalien. Hier übernahm er das Heer und ging gegen den Feind. Allein er führte den Krieg nicht glücklicher, als er im vorigen Jahre geführt war. In einem Treffen, welches er dem Könige lieferte, wurde er geschlagen, und als er es versuchte, zuerst mit Gewalt durch Elimea durchzubrechen, dann sich heimlich durch Thessalien durchzuschleichen, mußte er, weil ihm Perseus allenthalben in den Weg trat, seine mislingenden Versuche aufgeben. Auch in den Unternehmungen des Prätors Hortensius, dem die Führung der Flotte zugefallen war, zeigte sich eben so wenig Geschicklichkeit als Glück. Zur Aufbehaltung zeichnet sich von seinen Thaten keine stärker aus, als daß er die Stadt Abdera grausamer und treuloser Weise plündern ließ, weil die Bürger über die ihnen auferlegten unerträglichen Lasten Gegenvorstellungen gethan hatten. So machte sich denn Perseus, schon voll Verachtung der Römer, wie wenn er völlig unbeschäftigt und sorglos wäre, aus einem Streifzuge gegen die Dardaner einen Nebenverdienst, tödtete zehntausend Barbaren und nahm eine ungeheure Beute mit sich.] 4. (6.) [In diesem Jahre fingen in Spanien die Celtiberer den Krieg wieder an, wozu ihr neuer Anführer Olonicus – einige nennen ihn Salondicus – sie ermunterte. Dieser äußerst schlaue und verwegene Mensch hatte dadurch, daß er eine silberne Lanze schwang, die 333 ihm vom Himmel gesandt sein sollte, gleich einem Orakelsprecher, aller Herzen an sich gezogen. Da er sich aber eben so auf Gerathewohl, nur von Einem Theilnehmer seines tollen Vorhabens begleitet, um Nachtzeit in das Lager des Römischen Prätors wagte, um den Prätor zu ermorden, steckte ihm unmittelbar vor dem Zelte der Wurfspieß einer Schildwache sein Ziel, und sein Begleiter erntete von seinem tolldreisten Wagestücke denselben Lohn. Der Prätor ließ sogleich die abgehauenen Köpfe Beider auf Lanzen stecken, und Gefangene aussuchen, welche sie den Ihrigen überbringen mußten, Diese] erregten, als sie mit den zur Schau getragenen Köpfen in das Lager traten, einen so großen Schrecken, daß das Römische Heer, wenn es gleich jetzt angerückt wäre, das Lager hätte erobern können. Auch ohne dies machten sich viele Celtiberer auf die Flucht; und es fehlte nicht an Vorschlägen, Gesandte abgehen zu lassen und um Frieden zu bitten. Auch ergaben sich auf diese erhaltene Nachricht mehrere Städte. Da sie, sich selbst unsträflich zu machen, alle Schuld dem Unsinne jener Beiden beimaßen, welche sich selbst zur Strafe eingeliefert hätten, so ertheilte ihnen der Prätor Verzeihung, setzte sogleich seinen Zug nach andern Städten fort, und da sie sich zu Allem willig finden ließen, so durchzog er mit seinem ruhigen Heere dasselbe Land in Frieden, das noch kurz zuvor in der vollen Flamme des Aufruhrs loderte. Diese Gelindigkeit des Prätors, wodurch er ohne Blut ein so trotziges Volk beruhigt hatte, fand bei dem Bürgerstande, wie bei den Vätern, so viel größern Beifall, je mehr Grausamkeit und Habsucht sowohl der Consul Licinius, als der Prätor Lucretius bei dem Kriege in Griechenland gezeigt hatten. In einer Volksversammlung nach der andern nahmen die Bürgertribunen den Lucretius durch, und zwar als einen Abwesenden, insofern sein Nichterscheinen mit Geschäften im Dienste des Stats entschuldigt wurde. Allein so sehr war man damals auch über das, was in der Nähe vorging, außer Kunde, daß eben der Mann sich gerade jetzt auf seinem Landgute bei Antium 334 aufhalten konnte und von seiner Feldherrnbeute aus dem Flusse Loracina eine Wasserleitung nach Antium anlegte, ein Werk, welches er zu Etwa 2540 Gulden Conv. M. hundert und dreißigtausend Kupferass verdungen haben soll. Auch verherrlichte er von der Beute das Heiligthum des Äsculap mit Gemälden. Die Abderitischen Gesandten wurden die Veranlassung, daß der Haß und die Verschrieenheit des Lucretius auf seinen Nachfolger Hortensius überging. Am Eingange des Rathhauses klagten sie mit Thränen: «Hortensius habe ihre Stadt erobert und geplündert. Die Stadt habe sich die Zerstörung dadurch zugezogen, daß sie bei seiner Forderung von hunderttausend Etwa 31,248 Gulden Conv. M. Denaren und funfzigtausend Maß Weizen um Frist gebeten hätten, an den Consul Hostilius und nach Rom in dieser Angelegenheit Gesandte abgehen zu lassen. Kaum wären sie bei dem Consul angekommen, so hätten sie schon gehört, ihre Stadt sei erobert, ihre ersten Männer habe man unter dem Beile bluten lassen und die Übrigen zu Sklaven verkauft.» Der Senat fand dies empörend; er fertigte in der Sache der Abderiten einen Schluß aus, der mit dem vorjährigen für die Bürger von Coronea gleichlautend war, und ließ in der Volksversammlung durch den Prätor Quintus Mänius dieselbe Bekanntmachung ergehen. Auch wurden zwei Gesandte, Quintus Sempronius Bläsus und Sextus Julius Cäsar hingeschickt, die Abderiten wieder in Freiheit zu setzen. Zugleich bekamen diese den Auftrag, sowohl dem Consul Hostilius als dem Prätor Hortensius anzuzeigen, nach des Senats Ermessen sei der Krieg mit den Abderiten eine Ungerechtigkeit, und man habe alle in die Sklaverei Gegebenen aufzusuchen und wieder in Freiheit zu setzen. 5. Zu gleicher Zeit liefen bei dem Senate Klagen über den Cajus Cassius ein, der im vorigen Jahre Consul gewesen war und jetzt in Macedonien bei dem Aulus Hostilius als Oberster stand; und es erschien eine 335 Gesandschaft von dem Könige der Gallier, Cincibilus. Sein Bruder führte vor dem Senate das Wort und beschwerte sich, Cajus Cassius habe die Länder der Alpenvölker, seiner eignen Bundesgenossen, verheeret und von dort viele tausend Menschen in die Sklaverei weggerafft. Um dieselbe Zeit trafen Gesandte von den Carnern, Istriern und Japyden mit der Klage ein, «Der Consul Cassius habe von ihnen zuerst Wegweiser gefordert, die ihm auf seinem Heerzuge nach Macedonien die Straße zeigen sollten: friedlich sei er, als zur Führung eines andern Krieges, von ihnen abgegangen; dann sei er mitten auf dem Marsche umgekehrt und habe ihr Land feindlich durchzogen: allenthalben sei geraubt und gebrannt, und noch bis diese Stunde wüßten sie nicht, warum sie dem Consul als Feinde gegolten hätten.» Sowohl der abwesende König der Gallier, als diese Völkerschaften erhielten die Antwort: «Der Senat habe weder gewußt, daß das, worüber sie als geschehen klagten, habe geschehen sollen, noch könne er, wenn es geschehen sei, es billigen. Allein einen Mann von consularischem Range unverhörter Sache in seiner Abwesenheit zu verdammen, wenn er in Diensten des States abwesend sei, sei eine Ungerechtigkeit. Wenn Cajus Cassius aus Macedonien zurückgekehrt sein werde, und sie wollten ihn dann zur Stelle belangen, dann werde der Senat nach Untersuchung der Sache dafür sorgen, daß sie Genugthuung bekämen.» Ja man fand für gut, nicht bloß diesen Völkern so zu antworten, sondern auch Gesandte hingehen zu lassen, zwei über die Alpen an den König, und drei an jene Völkerschaften, um ihnen die Erklärung der Väter mitzutheilen. Auch beschloß man, den Gesandten Geschenke zustellen zu lassen, zweitausend Kupferass 62 Gulden Conv. M. am Werthe. Die beiden fürstlichen Brüder bekamen vorzugssweise jeder eine Halskette, aus fünf Pfund Etwa 1550 Gulden. Gold gearbeitet, ein Silbergeschirr von fünfundzwanzig Etwa 624 Gulden. Pfund, 336 zwei Pferde mit ihren Stirn- und Brustschildern nebst Stallknechten, eine Ritterrüstung und einen Kriegsrock; und die Freien, auch die Sklaven, in ihrem Gefolge bekamen Kleidungen. Dies war es, was man ihnen zustellen ließ. Auch bewilligte man ihre Bitte um die Erlaubniß, daß sie sich jeder zehn Pferde ankaufen und aus Italien ausführen dürften. Die mit den Galliern über die Alpen abgehenden Gesandten waren Cajus Lälius, Marcus Ämilius Lepidus; die zu die übrigen Völkerschaften Cajus Sicinius, Publius Cornelius Blasio, Publius Memmius . 6. Aus Griechenland und Asien zugleich fanden sich in Rom Gesandte von vielen Städten ein. Die von Athen wurden zuerst vorgelassen. Sie erzählten: «Was sie an Schiffen und Soldaten gehabt hätten, hätten sie dem Consul Publius Licinius und dem Prätor Cajus Lucretius zugesandt. Ohne davon Gebrauch zu machen, hätten diese eine Lieferung von hunderttausend Maß Getreide gefordert. Ob sie nun gleich einen unfruchtbaren Boden beackerten und sogar ihre Landleute von fremdem Korne erhalten müßten, so hätten sie es dennoch, um nicht ungefällig zu sein, zusammengebracht, und wären auch bereit, was sonst noch gefordert würde, zu liefern.» Die Milesier erklärten mit dem Geständnisse, daß sie bis jetzt noch nichts geliefert hätten, ihre Bereitwilligkeit, Alles zu leisten, was der Senat zu diesem Kriege von ihnen zu fordern belieben werde. Die von Alabanda meldeten, sie hätten der Stadt Rom einen Tempel erbaut und ihr als Göttinn jährliche Spiele angeordnet: auch hätten sie einen goldenen Kranz von funfzig Pfund Etwa 15,620 Gulden Conv. M. als ein Geschenk für den allmächtigen Jupiter mitgebracht, um es auf dem Capitole niederzulegen; ferner dreihundert Ritterschilde, zur Ablieferung an wen der Senat befehle. Nur bäten sie um Erlaubniß, auf dem Capitole das Geschenk niederlegen und opfern zu dürfen. Eben darum baten auch die Gesandten von Lampsacus, 337 die einen Kranz von achtzig 25,000 Gulden Conv. M. Pfund mitbrachten, und zugleich anführten: «Sie hätten die Partei des Perseus verlassen, sobald das Römische Heer in Macedonien eingerückt sei, ob sie gleich unter Perseus und vorher unter Philipps Hoheit gestanden hätten. Für diese Treue, so wie auch dafür, daß sie den Römischen Feldherren Alles geliefert hätten, bäten sie sich die einzige Vergeltung aus, unter Roms Freunde zu gehören, und wenn es zum Frieden mit Perseus käme, um die ausschließende Bestimmung, daß sie nicht in die Gewalt des Königs zurückfallen sollten.» Den übrigen Gesandten wurde eine freundschaftliche Antwort ertheilt; was aber die Lampsacener betraf, dem Prätor Quintus Mänius aufgetragen, sie förmlich unter Roms Bundesgenossen aufzunehmen. Sie erhielten sämtlich jeder zweitausend 62 Gulden Conv. M. Kupferass zum Geschenke. Die von Alabanda wurden angewiesen, die Schilde nach Macedonien an den Consul Aulus Hostilius zu liefern. Auch aus Africa kamen zu gleicher Zeit Gesandte simul Carthaginiensium]. – Ich folge Creviers glücklicher Verbesserung, nach welcher es hier so heißen muß: legati simul Carthaginiensium et Masinissae venerunt: Carthaginiensium, tritici etc. Die beiden kursiv gedruckten Worte zeigen, was den Abschreiber irre führte. von Carthago und vom Masinissa: die von Carthago mit der Anzeige: «Sie hätten zehnmalhunderttausend Maß Weizen und fünfhunderttausend Maß Gerste an das Meer gefahren, um sie dahin zu liefern, wohin der Senat bestimmen werde. Sie wüßten freilich, daß dies als Geschenk und als Gefälligkeit eben so wenig Roms Verdiensten, als ihrem eignen guten Willen entspreche; doch hätten sie sich auch sonst schon mehrmals, noch unter glücklichen Umständen beider Völker, ihrer Pflicht als dankbare und treue Bundsgenossen entledigt.» So versprachen auch die Gesandten des Masinissa außer einem gleichen Betrage an Weizen noch zwölfhundert Reuter und zwölf Elephanten. Sollte außerdem etwas nöthig sein, so möge der Senat nur fordern; 338 ihr König werde es eben so bereitwillig liefern, als was er unaufgefordert versprochen habe. Der Senat sagte den Carthagern sowohl, als dem Könige, Dank, und bat, das Versprochene nach Macedonien an den Consul Hostilius zu liefern. Jedem Gesandten wurde ein Geschenk von zweitausend Kupferass zugestellt. 7. Als die Cretensischen Gesandten erwähnten, sie hätten so viele Bogenschützen, als der Consul Publius Licinius von ihnen verlangt habe, nach Macedonien geschickt, aber auch auf geschehene Nachfrage nicht leugnen konnten, daß von ihren Bogenschützen mehrere im Heere des Perseus, als bei den Römern, Dienste thaten, so bekamen sie zur Antwort: «Wenn sich die Cretenser redlich und männlich entschließen könnten, die Freundschaft der Römer der mit dem Könige Perseus vorzuziehen, dann werde ihnen auch der Römische Senat als zuverlässigen Bundsgenossen eine Antwort ertheilen. Bis dahin möchten sie ihren Landsleuten melden, nach des Senats Ermessen hätten die Cretenser dafür zu sorgen, daß alle die Soldaten, welche sie zu den Truppen des Königs Perseus gestellt hätten, schleunigst wieder einberufen würden.» Als die Cretenser mit diesem Bescheide abgefertigt waren, wurden die von Chalcis hereingerufen. Schon selbst durch ihren Eintritt kündigte sich diese Gesandschaft, weil der Hauptgesandte Mictio, an beiden Füßen lahm, in einer Sänfte hereingetragen wurde, als Wirkung des äußersten Nothdrangs an, bei dem entweder selbst ein so kranker Mann es für unrecht gehalten haben mußte, sein Befinden vorzuschützen, oder mit dieser Entschuldigung abgewiesen war. Nachdem er in der Einleitung gesagt hatte, bei ihm sei nichts am Leben geblieben, als die Sprache, um die Leiden seiner Vaterstadt beklagen zu können, setzte er zuerst aus einander, wie viel Gutes seine Mitbürger theils ehemals, theils jetzt im Kriege mit Perseus, den Römischen Feldherren und Heeren erwiesen hätten; dann wie übermüthig, raubsüchtig und grausam zuerst Cajus Lucretius als Römischer Prätor seine Landsleute behandelt habe; und zuletzt, wie gerade jetzt 339 vorzüglich Lucius Hortensius sie behandle; und wie sie dessenungeachtet glaubten, lieber dies Alles, ja noch härtere Mishandlungen, als sie jetzt litten, dulden zu müssen, ehe sie sich dem Perseus ergäben. Was den Lucretius und Hortensius betreffe, so sähen sie jetzt ein, es sei besser gewesen, diesen ihre Thore zu verschließen, als sie in die Stadt einzulassen. Denn Emathia, Amphipolis, Maronea, Änus, welche sie ausgeschlossen hätten, wären unversehrt: bei ihnen hingegen sei jeder Tempel seiner Zierden beraubt, und die Beute spoliataque sacrilegiis]. – Ich folge Crevier, welcher Gronovs spoliaqe sacrilegii in den Text aufgenommen hat. Denn wenn Drakenb. die alte Lesart durch die Erklärung zu retten sucht, daß spoliata sacrilegiis so viel sein soll, als quae spolia contraxerat, sacrilegia committendo; so finde ich kein Beispiel, wo spoliatus, das allenthalben beraubt bedeutet, so viel heiße, als geraubt. Sollte es Latein sein, statt spoliare auro sacras aedes, zu sagen: spoliare aurum aedium oder ex aedibus? seines Tempelraubes habe Cajus Lucretius auf seinen Schiffen nach Antium abgeführt; die Freigebornen habe man in die Sklaverei fortgeschleppt, das Eigenthum Römischer Bundesgenossen habe man geplündert und plündere es noch täglich. Denn der Einrichtung des Cajus Lucretius treu habe auch Hortensius die Seesoldaten für Sommer und Winter bei den Bürgern einquartiert, und in ihren Häusern sei ein Gewühl von Seeleuten: sie selbst und ihre Weiber und Kinder hätten beständig Menschen um sich, die in ihren Reden und Handlungen auf nichts in der Welt Rücksicht nähmen.» 8. Man beschloß, den Lucretius in den Senat zu rufen, damit er sich persönlich mit seinen Klägern aus einander setzen und sich verantworten könne. Hier aber wurde ihm weit mehr ins Gesicht gesagt, als man gegen den Abwesenden vorgebracht hatte; und nun traten auch noch zwei wichtigere und wirksamere Ankläger auf, die beiden Bürgertribunen Manius Juventius Thalna und Cneus Aufidius. Diese ließen ihm nicht allein im Senate keine Ehre, sondern überhäuften ihn auch, als sie ihn gezwungen hatten, vor dem Volke zu erscheinen, mit Vorwürfen und setzten ihm einen Gerichtstag. Den 340 Gesandten von Chalcis gab auf Befehl des Senats der Prätor Quintus Mänius folgende Antwort: «Wenn sie sagten, sie hätten sich sowohl ehemals, als in dem Kriege, der jetzt geführt werde, um den Römischen Stat verdient gemacht, so erkenne der Senat dies nicht allein für Wahrheit, sondern auch seiner Schuldigkeit gemäß mit Wohlgefallen. Wenn sie aber klagten, daß die Römischen Prätoren, Cajus Lucretius dies und jenes ausgeübt habe, und Lucius Hortensius es noch jetzt ausübe, ob dann nicht Jeder leicht erachten könne, daß dies mit dem Willen der Väter nicht geschehen sei, und auch jetzt nicht geschehe, sobald er wisse, daß das Römische Volk dem Perseus, und schon vormals dessen Vater Philipp, den Krieg erklärt habe, um die Freiheit der Griechen zu schützen, nicht aber, um sie solche Unwürdigkeiten von den Befehlshabern ihrer Bundsgenossen und Freunde leiden zu lassen? Sie würden dem Prätor Lucius Hortensius schreiben, die Verfahrungsart, über welche die Bürger von Chalcis klagten, habe ganz des Senates Misfallen. Wären freie Leute in die Sklaverei verkauft, so habe er dafür zu sorgen, daß sie sogleich aufgesucht und wieder freigegeben würden: auch finde es der Senat der Sache angemessen, daß von den Seeleuten niemand, die Schiffshauptleute ausgenommen, auf Quartierungen eingelegt würden.» Dies wurde dem Hortensius auf Befehl des Senats geschrieben. Jedem Gesandten wurde ein Geschenk von zweitausend Kupferass zugestellt, und für den Mictio Fuhrwerk auf Kosten des Stats gedungen, ihn bequem bis nach Brundusium zu bringen. Als der dem Cajus Lucretius angesetzte Gerichtstag erschien, klagten ihn die Tribunen vor dem Gesamtvolke an und setzten ihm eine Geldstrafe von einer Million 31,248 Gulden Conv. M. Kupferass. An dem gehaltenen Versammlungstage verurtheilten ihn alle fünfunddreißig Bezirke, sie zu erlegen. 9. In Ligurien fiel in diesem Jahre nichts Denkwürdiges vor. Die Feinde griffen nicht zu den Waffen; und 341 der Consul rückte ihnen auch nicht mit seinen Legionen ins Land. Da er für dieses Jahr des Friedens völlig gewiß war, so entließ er, ehe noch sechzig Tage nach seiner Ankunft auf seinem Standposten verliefen, das Fußvolk beider Römischen Legionen, führte das Latinische Bundesheer frühzeitig nach Luna und Pisä in die Winterquartiere und besuchte mit der Reuterei die meisten Städte der Provinz Gallien. Macedonien ausgenommen, war nirgendwo Krieg; doch hatte man den Illyrischen König Gentius in Verdacht. Also befahl nicht allein der Senat, acht segelfertige Schiffe von Brundusium nach Issa an den Unterfeldherrn Cajus Furius abgehen zu lassen, der mit einer Bedeckung von zwei Issäer Schiffen der Insel vorstand: (und auf jene Schiffe wurden zweitausend Mann eingeschifft, welche der Prätor Quintus Mänius nach einem Senatsschlusse in dem Illyricum gegenüberliegenden Bezirke Italiens geworben hatte;) sondern auch der Consul Hostilius schickte den Appius Claudius mit viertausend Mann zu Fuß nach Illyricum, um hier die Anwohner zu schützen. Claudius, nicht zufrieden mit den Truppen, die er mitgebracht hatte, setzte dadurch, daß er von den Bundsgenossen Hülfsvölker zusammenforderte, gegen achttausend Menschen von mancherlei Art in die Waffen, und nachdem er die ganze Gegend durchzogen hatte, lagerte er sich bei der Dassaretischen Stadt Lychnidus . 10. Nicht weit von hier war die Stadt Uscana, welche fast immer zum Reiche des Perseus gerechnet wurde. Sie hatte zehntausend Mann Bürger und eine mäßige Anzahl Cretenser zur Besatzung. Von hier fanden sich Einige bei dem Claudius mit dem geheimen Antrage ein: «Wenn er mit seinen Truppen näher rücken wolle, so warteten schon Einige darauf, ihm die Stadt zu verrathen. Und die Mühe werde sich belohnen: er werde Beute nicht bloß für sich und seine Freunde, sondern auch für die Truppen in Überfluß finden.» Die seiner Habsucht gemachte Hoffnung verblendete ihn so, daß er weder von denen, die da kamen, irgend einen festhielt, noch Geisel verlangte, die ihm bei einer Unternehmung voll 342 Heimlichkeit und Trug zum Unterpfande dienen mußten, niemand auf Spähung ausschickte und sich nicht die mindeste Sicherheit geben ließ. Er verabredete bloß den Tag, an dem er von Lychnidus aufbrach, und lagerte sich zwölftausend Schritte von der Stadt, gegen die er heranzog. Hier rückte er um die vierte Nachtwache aus und ließ gegen tausend Mann zur Bedeckung des Lagers zurück. Ohne Glied zu halten, in einem langen Zug sich ausbreitend, und, weil Verirrung bei Nacht sie aus einander führte, vereinzelt, kamen die Truppen vor der Stadt an. Ihre Sorglosigkeit stieg, als sie auf den Mauern keinen Bewaffneten gewahr wurden. Sobald sie aber im Pfeilschusse waren, geschah aus zwei Thoren zugleich ein Ausfall: dann erhob sich auf das Geschrei der Herausstürzenden rundum auf den Mauern ein schreckliches Getöse der heulenden Weiber, von Beckengeklapper begleitet, und eine wilde Volksmasse, mit einem Gewühle von Sklaven gemischt, tönte mit mancherlei Stimmen dazwischen. Dieser vielfache, von allen Seiten sich darbietende, Schrecken hatte die Wirkung, daß die Römer dem ersten Sturme des Ausfalls nicht widerstehen konnten. Und nun wurden ihrer mehrere auf der Flucht getödtet, als im Gefechte: kaum zweitausend Mann entkamen mit dem Unterfeldherrn selbst in ihr Lager. Je länger der Weg bis zum Lager war, je mehr Gelegenheit hatten die Feinde, noch viele Ermüdete einzuholen. Selbst ohne sich in seinem Lager länger aufzuhalten, um die durch die Flucht zerstreuten Seinigen zu sammeln – und dies hätte doch die in den Feldern Herumirrenden retten können – führte Appius sofort die Überbleibsel seines geschlagenen Heers zurück nach Lychnidus . 11. Diese und andre nicht gelungenen Unternehmungen in Macedonien erfuhr man durch den Obersten Sextus Digitius, der zur Verrichtung eines Opfers nach Rom gekommen war. Die Väter also, welchen bange wurde, eine noch schimpflichere Niederlage zu erleben, schickten den Marcus Fulvius Flaccus und Marcus Caninius Rebilus als Abgeordnete nach Macedonien, um durch sie über die 343 dortigen Vorgänge sichere Erkundigungen einzuholen; zugleich auch dem Consul Aulus Hostilius sagen zu lassen, er möge die Versammlungstage zur Wahl der neuen Consuln so ansetzen, daß die Wahl noch im Monate Januar vor sich gehen könne, und selbst sobald als möglich zur Stadt zurückkommen. Unterdeß gaben sie dem Prätor Marcus Bäcius den Auftrag, durch eine Bekanntmachung alle Senatoren aus ganz Italien, wenn sie nicht in Statsgeschäften abwesend wären, nach Rom einzuberufen: und von denen, die sich zu Rom aufhielten, sollte sich keiner über tausend Schritte von Rom entfernen. Alles geschah, wie der Senat verordnet hatte. Die Consulnwahl ging am achtundzwanzigsten Januar vor sich. Die gewählten Consuln waren Quintus Marcius Philippus zum zweitenmale und Cneus Servilius Cäpio. Drei Tage nachher wurden zu Prätoren ernannt Cajus Decimius, Marcus Claudius Marcellus, Cajus Sulpicius Gallus, Cajus Marcius Figulus, Servius Cornelius Lentulus, Publius Fontejus Capito. Den neuen Prätoren wurden, außer den beiden Amtsstellen in der Stadt, vier Standplätze bestimmt; Spanien, Sardinien, Sicilien und die Flotte. Die Gesandten kamen aus Macedonien zurück, als der Monat Februar schon ganz abgelaufen war. Sie erzählten, was König Perseus in diesem Sommer für Glück in seinen Unternehmungen gehabt, und wie sehr die Römischen Bundsgenossen dadurch in Furcht gerathen waren, daß sich der König so viele Städte unterworfen habe. «Des Consuls Heer sei schwach bemannt, weil man, um sich beliebt zu machen, jedermann Urlaub gebe. Die Schuld davon schiebe der Consul auf die Obersten, diese hingegen auf den Consul.» Nun erfuhren auch die Väter, daß diejenigen in ihren Briefen die Niederlage, welche Claudius durch seine Unbesonnenheit erlitten hatte, viel zu klein angäben, wenn sie meldeten, an Italischen Truppen habe man nur sehr wenige vermißt, und meistens nur solche, die man dort in der Eile zusammengeworben habe. Die ernannten Consuln bekamen Befehl, sobald sie ihr Amt angetreten hätten, wegen Macedonien im Senate einen Antrag zu thun. 344 In diesem Jahre wurde ein Monat eingeschaltet. Der erste Tag des Schaltmonats wurde diesmal III die post Terminalia]. – Gewöhnlich wurde zu Rom nach Numa's Einrichtung alle zwei Jahre abwechselnd ein Monat von 22 und 23 Tagen nach den Terminalien, dem Feste des Gränzengottes Terminus, eingeschoben, das auf den 23sten Febr. fiel. Folglich war dann der erste Tag des einzuschaltenden Monats der 24ste Februar. Diesmal wurde er – und dies Ungewöhnliche bemerkt Livius – um zwei Tage später angesetzt, vielleicht, weil die Pontifices mit ihrer Rechnung nicht früh genug zu Stande kamen, oder weil sie glaubten, in der Berechnung der Tage gegen das Sonnenjahr um zwei Tage zu kurz gekommen zu sein. Vielleicht waren auch die auf die calendas Ianuarias oder auf nonas fallenden nundinae die Ursache der Verspätung. S. Drak. 45, 44. 3. auf den dritten Tag nach den Terminalien gesetzt. Im Verlaufe dieses Jahres starben die Priester, Lucius Flamininus * * * * * * L. Flamininus]. – Nach den Vermuthungen der Kritiker – man sehe Dukers Anmerk. bei Drakenb. – ließe sich die Lücke vielleicht so ausfüllen: Sacerdotos intra eum annum mortui, L.  Flamininus augur; in eius locum ab auguribus suffectus est T.  Flamininus: pontifices duo decesserunt etc. : auch gingen zwei Oberpriester mit Tode ab, Lucius Furius Philus und Cajus Livius Salinator. An des Furius Stelle wählten die Oberpriester den Titus Manlius Torquatus, in die des Livius den Marcus Servilius . 12. Als im Anfange des folgenden Jahres die neuen Consuln Quintus Marcius und Cneus Servilius über die Standplätze den Antrag thaten, hieß sie der Senat sobald als möglich über Italien und Macedonien entweder sich vergleichen oder losen; und um alle Einwirkung der Parteilichkeit zu verhüten, sollten aufs Ungewisse, ehe noch das Los entscheide, für beide Standplätze die nöthigen Ergänzungstruppen bestimmt werden. Für Macedonien nämlich an Fußvolk sechstausend Römer, sechstausend Latiner Bundestruppen; an Reuterei zweihundert funfzig Römer, dreihundert Bundesgenossen. Die alten Soldaten sollten entlassen werden, so daß bei jeder Legion Römer nicht über sechstausend Mann Fußvolk und dreihundert Ritter blieben. Dem andern Consul wurde für die Ergänzungstruppen, die er ausheben sollte, keine bestimmte Zahl Römischer Bürger festgesetzt; nur das wurde festgesetzt, daß er zwei Legionen aushöbe, deren jede fünftausend zweihundert Mann zu Fuß haben solle und dreihundert 345 Ritter: Ihm wurden aber mehr Latiner bestimmt, als seinem Amtsgenossen; zehntausend Mann zu Fuß und sechshundert Ritter. Außerdem sollten noch vier Legionen geworben werden, um sie dahin gehen zu lassen, wo es nöthig sein würde. Für diese die Obersten zu ernennen wurde den Consuln nicht gestattet; das Volk wählte sie. Von den verbündeten Latinern forderte man sechzehntausend Mann Fußvolk und tausend Ritter. Dies Heer sollte bloß in Bereitschaft sein, um ausrücken zu können, sobald ihm die Umstände einen Ort der Bestimmung gaben. Die meiste Aufmerksamkeit zog Macedonien auf sich. Deswegen sollten für die Flotte aus Römischen Bürgern vom Freigelaßnenstande tausend Mann Seesoldaten ausgehoben werden; aus Italien *** Mann, aus Sicilien eben so viel; und die Sorge für ihre Überfahrt nach Macedonien, – mochte dort die Flotte stehen, wo sie wollte – wurde dem aufgetragen, dem das Los seinen Platz auf der Flotte gäbe. Für Spanien bestimmte man als Ergänzungstruppen dreitausend Mann Römisches Fußvolk und dreihundert Ritter. Auch hier wurde die Anzahl der Soldaten für die Legionen festgesetzt, für jede nämlich fünftausend Mann zu Fuß und dreihundert und dreißig Ritter. Auch sollte sich der Prätor, welchem Spanien zufallen würde, von den Bundsgenossen viertausend Mann Fußvolk und dreihundert Reuter stellen lassen. 13. Ich weiß es sehr wohl, daß aus eben der Achtlosigkeit, mit der man jetzt allgemein glaubt, die Götter gäben keine Vorbedeutungen, auch so gut als gar keine Schreckzeichen öffentlich mehr gemeldet, sie auch nicht in die Jahrbücher eingetragen werden. In mir aber – ich weiß nicht, wie es zugeht – belebt den Geschichtschreiber des Alterthums der Geist der Vorwelt, und eine Art heiligen Schauers wehret mir, der Aufnahme in meine Jahrbücher Vorfälle ea pro dignis habere]. – Ich glaube, Drakenb. und Crevier folgen zu müssen, welche ea pro indignis habere lesen. Crevier sagt freilich: Si quis tamen vulgatam lectionem tueri velit, habet quo nitatur, exemplum e l. X. Liviano, c. 37. Ist aber meine dort gegebene Erklärung jener Stelle richtig, so konnte auch diese Stelle nicht zum Beweis für unsre dienen. Meiner Meinung nach liegt dort in dem in religionem venit eben sowohl ein metus aversantium, als hier in religio tenet, ein absterret oder vetat. unwürdig zu halten, welche jene 346 einsichtsvollen Männer selbst vom State anerkannt wissen wollten. Von Anagina wurden in diesem Jahre zwei Schreckzeichen gemeldet: am Himmel sei eine Fackel wahrgenommen, und eine Kuh habe geredet und werde schon auf gemeine Kosten bovem feminam locutam publice ali]. – Eben so 41, 13. Bovem in Campania locutam. – – in Campania bos alenda publice data. gefüttert. Auch zu Minturnä hatte man in diesen Tagen gesehen, daß der brennende Himmel Strahlen warf. Zu Reate regnete es Steine. Auf der Burg zu Cumä ließ der Apoll drei Tage und drei Nächte Thränen fließen. In Rom selbst meldeten zwei Tempelwärter, der eine, im Tempel der Fortuna hätten mehrere Leute eine Schlange mit Mähnen gesehen; der andre, bei dem Tempel der Fortuna der Erstlinge, der auf dem Hügel steht, habe man zwei sich widersprechende Vorzeichen gesehen; auf dem freien Tempelplatze sei eine Palme hervorgewachsen und ein Blutregen sei am hellen Tage gefallen. Zwei Wunderzeichen wurden als beziehungslos für den Stat angesehen; das eine, weil es sich nur in einem Privathause begeben hatte: Titus Marcius Figulus nämlich meldete, in seinem Hofe sei eine Palme hervorgewachsen; das andre, weil der Ort, wo es geschah, einem Ausländer in loco peregrino]. – So wie vorher in privato loco sich auf das Haus eines Privateigenthümers bezog, so nehme ich hier in loco peregrino für ein Haus, das keinem Eingebornen gehört. Denn auf Fregeliae darf locus peregrinus nicht bezogen werden. Dies war Römische Colonie, und lag der Stadt Rom, wie das ganze Volskergebiet, wozu es ehemals gehört hatte, weit näher, als Capua, Neapolis, Velia und andre Städte, aus welchen nach Livius selbst, Prodigien zu Rom einberichtet und angenommen wurden. Jetzt gehörte längst das ganze Volskerland den Römern. Wollte man etwa das Wort peregrinus so viel bedeuten lassen, als nicht in Rom, so wären Capua, Neapel u. a. ebenfalls urbes peregrinae, und aus diesen werden doch Prodigien angenommen. Ich kann aus diesem Grunde der Vermuthung Dukers und Drakenb. nicht beitreten, welche statt L. Atrei lieber L. Atrii lesen wollen, weil letzteres als Römischer Name im Livius selbst vorkomme. Es muß hier meiner Meinung nach der Griechische Name bleiben. Der Grieche Atreus – ob er sich damals zweisilbig oder dreisilbig sprechen ließ, weiß ich nicht – kauft sich zu Fregellä an, und giebt sich, um sich einzubürgern, den Vornamen Lucius. Er ist also peregrinus, d. i. nach Festus: qui neque Romanus, neque hostis habetur. gehörte. 347 Es hieß nämlich, zu Fregellä habe in dem Hause des Lucius Atreus eine Lanze, die er seinem Sohne, einem Soldaten, gekauft hatte, bei hellem Tage über zwei Stunden gebrannt, ohne daß das Feuer das Mindeste daran verzehrte. Wegen der vom State anerkannten Schreckzeichen wurden von den Zehnherren die Bücher nachgeschlagen. Aus diesen gaben sie an, welchen Göttern man mit vierzig großen Thieren opfern müsse, und sacrificarent, ediderunt, et uti supplicatio]. – So lesen Gronov, Crevier, Drakenb., und ich folge ihnen. daß ein Betfest gehalten werden solle, an welchem alle Statsbeamten an allen Altären große Thiere zum Opfer bringen, und die Bürger in Kränzen gehen sollten, Alles dieses wurde so, wie die Zehnherren die heilige Handlung leiteten, ausgerichtet. 14. Nun wurde ein Versammlungstag zur Censornwahl angesetzt. Um die Censur bewarben sich die ersten Männer des Stats, Cajus Valerius Lävinus, Lucius Postumius Albinus, Publius Mucius Scävola, Marcus Junius Brutus, Cajus Claudius Pulcher, Tiberius Sempronius Gracchus. Diese beiden wählte das Römische Volk zu Censorn. Da die Werbung diesmal wegen des Macedonischen Krieges sorgfältiger betrieben wurde, als sonst, so klagten die Consuln beim Senate über den Bürgerstand, da sogar junge Leute bei der Aufforderung stillschwiegen. Gegen sie nahmen sich die Prätoren Cajus Sulpicius und Marcus Claudius des Bürgerstandes an. «Die Werbung werde ihnen schwer gemacht, nicht als Consuln, sondern als den gefallsüchtigen Consuln: denn sie nähmen ja keinen einzigen wider seinen Willen zum Soldaten. Um die versammelten Väter hiervon zu überzeugen, wollten sie, als Prätoren, ob sie gleich ein an Macht und Ansehen geringeres Amt bekleideten, die Werbung, wenn der Senat damit zufrieden sei, zu Stande bringen.» Mit großer Einstimmung der Väter wurde den Prätoren, nicht ohne Schimpf für die Consuln, dieser Auftrag gegeben. Und um die Sache zu unterstützen, kündigten die Censorn in der 348 Volksversammlung an: «Sie würden eine bei der Vermögensschatzung zu beobachtende Verordnung feststellen, daß jeder, außer dem gemeinen, von allen Bürgern zu leistenden Eide, auch nach folgender Formel beeidigt werden solle: ««Du bist noch nicht sechsundvierzig Jahre alt, und mußt dich vermöge der von den Censorn Cajus Claudius und Tiberius Sempronius erlassenen Bekanntmachung zur Werbung stellen: auch mußt du, so oft eine Werbung eintritt, welche unter dieser Censur von der Obrigkeit gehalten wird, wenn du nicht schon zum Soldaten genommen bist, bei der Werbung dich stellen.»» Weil auch das Gerücht sagte, viele Soldaten der Legionen in Macedonien hätten sich bei der gefälligen Nachsicht der Feldherren auf unbestimmten Urlaub vom Heere entfernt, so machten sie in Ansehung der unter den Consuln Publius Älius, Cajus Popillius, oder nach deren Consulate für Macedonien geworbenen Soldaten bekannt: «Wer von diesen sich in Italien aufhalte, solle binnen dreißig Tagen, nachdem er sich zuvor bei ihnen habe schatzen lassen, auf den Standplatz des Krieges zurückgehen. Wer noch unter Vater oder Großvater stehe, solle seinen Namen bei ihnen angeben lassen. Auch würden sie bei den Verabschiedeten die Rechtmäßigkeit des Abschiedes untersuchen, und denjenigen, welche nach ihrem Ermessen den Abschied vor Verlauf der Dienstjahre als eine Gefälligkeit erhalten hätten, andeuten, wieder Soldaten zu werden.» Als diese Bekanntmachung nebst einem Schreiben der Censoren in die Marktflecken und Gerichtsorte herumgeschickt war, stellte sich zu Rom eine so große Menge Dienstfähiger ein, daß dies ungewöhnliche Gewühl der Stadt sogar lästig wurde. 15. Außer denen, welche zur Absendung als Ergänzungstruppen geworben werden mußten, hob der Prätor Cajus Sulpicius vier Legionen aus und in elf Tagen war die Werbung beendigt. Nun loseten die Consuln um ihre Standplätze: denn die Prätoren hatten wegen der Rechtspflege schon früher geloset. Die in der Stadt war dem Cajus Sulpicius, die über die Fremden dem Cajus Decimius 349 zugefallen; Spanien hatte Marcus Claudius Marcellus, Sicilien Servius Cornelius Lentulus erloset, Sardinien Publius Fontejus Capito, die Flotte Cajus Marcus Figulus. Von den beiden Consuln traf den Cneus Servilius Italien, den Quintus Marcius Macedonien: und gleich nach der Feier des Latinerfestes brach Marcius auf. Auf die Anfrage des Cäpio beim Senate, welche beiden von den neuen Legionen er mit nach Gallien nehmen solle, erklärten die Väter, die Prätoren Cajus Sulpicius und Marcus Claudius sollten von den Legionen, welche sie geworben hätten, nach ihrem Gutbefinden zwei dem Consul anweisen. Voll Verdruß Indigne patiente]. – Man sehe Gron. und Drakenb. Auch hat Crevier mit Recht indigne patiens schon in den Text aufgenommen; nur hätte er meiner Meinung nach se gleich auf patiens folgen lassen sollen, weil aus patiēsse die falsche Lesart patiente entstand. , als Consul vom Ermessen der Prätoren abzuhängen, entließ er den Senat, und forderte, vor dem Richterstuhle der sitzenden Prätoren stehend, sie sollten ihm nach dem Senatsschlusse zwei Legionen bestimmen: und die Prätoren überließen das Aussuchen seiner eignen Wahl. Nun lasen die Censorn ihre Senatorenliste vor. Sie waren schon die dritten Censorn, die den Marcus Ämilius Lepidus obenan setzten. Sieben wurden von ihnen aus dem Senate gestoßen. Bei der Annahme der Schatzungssteuer vom Volke wiesen sie die Soldaten vom Macedonischen Heere – und in wie zahlreicher Menge sie von den Fahnen abwesend waren, ergab sich aus der Schatzung selbst – nach dem Standplatze des Krieges, untersuchten bei denen, die noch caussas stipendii missorum]. – Ich halte mich an Crevier, welcher die Lücke so ausfüllt: caussas stipendiis nondum emeritis missorum. nicht ausgedient hatten, den Rechtsbestand des Abschiedes, und ließen den, der ihn nach ihrer Ansicht noch nicht verdient hatte, die vorgelegte Frage eidlich beantworten: «Sage mir, wie du es ehrlich meinst; willst du, der Bekanntmachung der Censorn, Cajus Claudius und Tiberius Sempronius gemäß, auf deinen Standplatz Macedonien zurückgehen, so weit du das, ohne zum Schelme zu werden, in deiner Macht hast?» 350 16. Bei der Musterung der Ritter war ihre Censur sehr strenge und hart. Vielen nahmen sie das Pferd. Da sie sich schon hiedurch die Unzufriedenheit des Ritterstandes zugezogen hatten, so erhöheten sie den Haß gegen sich noch durch Bekanntmachung des Befehls: «Es solle niemand, von denen, welche unter der Censur des Quintus Fulvius und Aulus Postumius Statseinnahmen oder Statsausgaben in Pacht genommen hätten, bei ihnen ein Gebot thun dürfen, noch mit ihrer diesmaligen Verpachtung in irgend einer Gemeinschaft oder Verbindung stehen.» Schon ehemals hatten die Statspächter durch ihre öfteren Klagen nie vom Senate erlangen können, daß die Gewalt der Censoren beschränkt wurde: endlich fanden sie an dem Bürgertribun Publius Rutilius, den ein Streit über eine Privatsache gegen die Censorn erbittert hatte, einen Beschützer. Seinem Schützlinge, einem Freigelassenen, hatten sie befohlen, seine Gegenwand an einem Statsgebäude auf der heiligen Straße abzutragen, weil sie auf Grundeigenthum des Stats gebaut sei. Der Mann sprach die Tribunen um Beistand an. Da sich aber außer dem Rutilius keiner für ihn verwandte, so schickten die Censorn hin, ihn auszupfänden und bestimmten ihm in der Volksversammlung eine Geldstrafe. Als bei dem hierüber entstandenen Wortwechsel die ehemaligen Statspächter auf des Tribuns Seite traten, so wurde unerwartet unter dem Namen des Einen Tribuns dem Volke der Antrag vorgelegt: «Die Verpachtung, vermöge welcher Cajus Claudius und Tiberius Sempronius Statseinnahmen und Statsausgaben in Verding gegeben hätten, solle nicht gültig sein. Es solle Alles von neuem verpachtet werden und Jedem ohne Unterschied die Übernahme und Pacht gestattet sein.» Zur Abstimmung über diesen Antrag setzte der Bürgertribun einem Versammlungstag an. Dieser kam; die Censoren traten als Gegner des Antrags auf, und so lange Gracchus redete, war Alles still. Dem Claudius tobte man entgegen und er hieß den Herold Stille gebieten. Mit der Klage, daß man die von ihm berufene Versammlung von ihm abwende, daß man ihn auf den Privatmann 351 beschränke, verließ der Tribun das Capitol, wo die Zusammenkunft war. Am folgenden Tage machte er gewaltigen Lärm. Zuerst belegte er die Güter des Tiberius Gracchus mit dem Banne der Weihe, weil dieser durch zuerkannte Geldstrafe und Auspfändung eines Mannes, der ihn als Tribun zu Hülfe gerufen, sich an die Einsage eines Tribuns nicht gekehrt und ihn als Privatmann behandelt habe. Dem Cajus Claudius setzte er einen Gerichtstag, weil er die Versammlung von ihm abgewandt habe; erklärte, er halte beide Censoren der Anklage auf Hochverrath für schuldig und erbat sich dazu vom Stadtprätor Cajus Sulpicius eine Versammlung des Gesamtvolks. Da die Censorn sich nicht weigerten, das Volksgericht je eher je lieber über sich ergehen zu lassen, so wurden als Versammlungstage über die Klage auf Hochverrath der vier- und fünfundzwanzigste September angesetzt. Sogleich begaben sich die Censoren zur Halle der Freiheit hinauf, versiegelten daselbst alle Statspapiere, schlossen die Schriftenkammer, entließen die Unterbedienten und erklärten, sie würden nicht das Geringste in Statsgeschäften vornehmen, bis das Urtheil des Volks über sie gesprochen sei. Claudius trat zuerst als Beklagter vor. Und als von den achtzehn ex XIIX centuriis equitum XIII censorem]. – So lieset Drakenb. nach Liv. I, 43, Ihm folge ich in der Übersetzung. Rittercenturien dreizehn, und noch mehr andre Centurien der ersten Classe den Censor verurtheilten, legten sogleich die Vornehmsten des Stats vor den Augen des Volks ihre goldnen Ringe ab und nahmen andre Kleider, um im Aufzuge der Flehenden bei dem Bürgerstande herumzugehen. Hauptsächlich aber soll Tiberius Gracchus die Abänderung des Ausspruchs dadurch bewirkt haben, daß er, ob ihm gleich von allen Seiten das Volk schreiend zurief, Gracchus habe nichts zu fürchten, den feierlichen Eid ablegte, wenn sein Amtsgenoß verdammt würde, so werde er, ohne das Urtheil des Volks über sich abzuwarten, ihn in die Verbannung begleiten. Dennoch ging die Hoffnung für den Beklagten so nahe zu Ende, daß zu 352 seiner Verurtheilung nur acht Centurien fehlten. Als Claudius freigesprochen war, erklärte der Bürgertribun, an den Gracchus habe er weiter keine Sache. 17. Da in diesem Jahre Gesandte von Aquileja im Senate darauf antrugen, die Anzahl ihrer Pflanzbürger zu vermehren, so wurden durch einen Senatsschluß tausend und fünfhundert Familien zusammengebracht, und die zu deren Ausführung ernannten Dreiherren waren Titus Annius Luscus, Publius Decius Subulo, Marcus Cornelius Cethegus. Auch gingen in diesem Jahre die nach Griechenland geschickten Abgeordneten, Cajus Popillius und Cneus Octavius, mit dem Senatsschlusse, den sie zuerst in Theben vorlasen, in alle Städte des Peloponnes herum, «Daß niemand Römischen Befehlshabern etwas zum Kriege liefern solle, wenn es nicht der Senat verordnet habe.» Dies hatte den Griechen auch für die Zukunft Sicherheit gegeben, von Lasten und Kosten befreit zu sein, durch welche sie, weil immer Andre sich bald dies, bald jenes liefern ließen, erschöpft wurden. Also fanden die Abgeordneten bei dem zu Ägeum Argis agitato]. – Nach Ursinus lese ich aus Polyb. mit Crev. u Drak. Aegii agitato. verhandelten Achäischen Landtagsgeschäfte nach einer freundlichen Anrede gleiches Gehör, verließen diese Nation bei der herrlichen Aussicht auf ihre künftige Lage in der unverbrüchlichsten Treue, und segelten nach Ätolien über. Zwar noch war hier kein Aufruhr, aber Alles verdächtig und allenthalben gegenseitige Beschuldigungen der Ätoler unter einander. Deswegen forderten die Abgeordneten Geisel; und ohne der Sache einen Ausgang zu geben, gingen sie von hier nach Acarnanien. Zu Thyrium hielten die Acarnanen um ihrentwillen einen Landtag. Auch hier gab es Streit unter den Parteien. Einige der Vornehmeren trugen darauf an, man müsse, um der Tollheit derer zu steuren, welche die Nation auf die Macedonische Partei ziehen wollten, in ihre Städte Besatzungen legen. Andre verwarfen dies, um sich nicht im Frieden und Bunde mit Rom 353 einem Schimpfe ausgesetzt zu sehen, den man gewöhnlich nur eroberten und feindlichen Städten anthue. Ihr Recht, dies zu verbitten, wurde anerkannt. Die Abgeordneten gingen zum Proconsul Hostilius – er war es, der sie geschickt hatte – nach Larissa zurück. Den Octavius behielt er bei sich; den Popillius ließ er mit beinahe tausend Mann in die Winterquartiere nach Ambracien gehen. 18. Hatte Perseus Macedoniens Gränzen im Anfange des Winters nicht zu verlassen gewagt, damit nicht in sein unbesetztes Reich auf irgend einer Seite die Römer einbrächen, so rückte er nun um die Zeit des kürzesten Tages, wenn der hohe Schnee die Gebirge von Thessalien her unübersteiglich macht; weil er jetzt Gelegenheit zu haben glaubte, den benachbarten Völkern Hoffnung und Muth zu benehmen; um sich so jeder Gefahr von ihnen zu entledigen, während er auf der andern Seite im Kriege mit den Römern beschäftigt sein würde; – denn von Thracien aus gewährte ihm Cotys Friede; von Epirus aus Cephalus durch seinen neulichen Abfall von den Römern; die Dardaner hatte er selbst neulich durch seinen Feldzug gezähmt: nur jene Seite Macedoniens, welche gegen Illyricum offen stand, sah er noch bedroht, weil die Illyrier selbst nicht ruhig sein und auch den Römern den Zugang zu Macedonien gestatten würden; – zugleich in der Hoffnung, durch Besiegung der angränzenden Illyrier den schon lange wankenden Illyrischen König Gentius zu einem Bündnisse zu bewegen; mit zehntausend Mann Fußvolk aus, worunter ein Theil vom Phalanx war, ferner mit zweitausend Leichtbewaffneten und fünfhundert Reutern, und kam nach Stubera. Von hier nahm er auf mehrere Tage Getreide mit, ließ die Werkzeuge zum Sturme auf Städte nachkommen, und lagerte sich am dritten Tage vor Uscana ad Uscanam]. – Cap. 10. macht Ap. Claudius auf diese Stadt einen vergeblichen Versuch; sie blieb damals dem Perseus. Da sie jetzt Perseus belagert, so muß sie doch in der Zwischenzeit an die Römer gekommen sein. Crev., Drakenb. , der Hauptstadt des Penestianischen Gebiets. 354 Ehe er aber Gewalt gebrauchte, schickte er hinein, um theils auf die Befehlshaber der Besatzung, theils auf die Bürger selbst Versuche zu machen: denn außer einer Illyrischen Mannschaft lag hier auch eine Römische Besatzung. Als die Antwort nicht friedlich lautete, begann er den Angriff und suchte die Stadt im Ringsturme zu gewinnen. Ob nun gleich ohne Unterbrechung Tag und Nacht immer neu anrückende Truppen hier Leitern an die Mauern, dort Feuer an die Thore warfen, so boten die Vertheidiger der Stadt dennoch diesem Ungewitter Trotz, weil sie sich Hoffnung machten, die Macedonier würden die heftige Kälte im Freien in die Länge nicht aushalten, und auch dem Könige werde der Römische Krieg nicht so viele Zwischenzeit gestatten, sich lange zu verweilen. Als sie aber Annäherungshütten bauen und Thürme aufführen sahen, wurde ihr Trotz gebrochen. Denn außerdem daß ihnen die Stürmenden an Zahl überlegen waren, hatten auch sie selbst bei der unerwarteten Einschließung sich weder mit Getreide noch irgend andern Vorräthen versehen können. Da sie also zum Widerstande keine Hoffnung hatten, so wurden von der Römischen Besatzung Cajus Carvilius Spoletinus und Cajus Afranius herausgeschickt, bei dem Perseus zuerst darauf anzutragen, daß er sie unter den Waffen mit ihrem Eigenthume abziehen ließe; dann aber, wenn sie dies nicht erlangen könnten, sollten sie sich wenigstens Leben und Freiheit versprechen lassen. Der König bewies größere Bereitwilligkeit im Zusagen, als Treue im Halten. Ob er ihnen gleich hatte hinein sagen lassen, sie könnten mit ihrem Eigenthume abziehen, nahm er ihnen gleich zuerst die Waffen. Sobald sie die Stadt verlassen hatten, ergaben sich mit der fünfhundert Mann starken Cohorte Illyrier auch die Bürger von Uscana mit ihrer Stadt. 19. Perseus legte in Uscana eine Besatzung und führte Alle, die sich ergeben hatten, eine Menge, die seinem Heere beinahe gleichkam, nach Stubera. Hier vertheilte er die viertausend Römer, die Anführer ausgenommen, zur Verwahrung in mehrere Städte, verkaufte die 355 Uscanenser und Illyrier zu Sklaven, und führte sein Heer wieder in Penestien, um sich die Stadt Oäneum zu unterwerfen. Sie hat überhaupt eine vortheilhafte Lage, und außerdem führt hier der Weg durch, wenn man zu den Labeaten will, welche Gentius beherrschte. Als er jetzt bei einer bevölkerten Bergfestung, Namens Draudacum, vorüberzog, sagte Einer von denen, welche diese Gegend kannten: «Die Eroberung Oäneums könne zu nichts helfen, wenn man nicht auch Draudacum in seiner Gewalt habe. Ja dieses habe in jeder Hinsicht eine noch vortheilhaftere Lage.» Perseus rückte mit seinem Heere davor und sogleich ergaben sich die Bewohner alle. Die über seine Erwartung schnell erfolgte Übergabe hob seinen Muth, und da er wahrnahm, wie groß der Schrecken sei, den sein Heer verbreitete, so unterwarf er sich während dieser Bestürzung der Völker noch elf andre Bergfestungen. Nur bei wenigen hatte er Gewalt nöthig: die übrigen ergaben sich freiwillig. Und er machte in diesen tausend fünfhundert Römische Soldaten zu Gefangenen, welche hier, in die Besatzungen vertheilt, lagen. Hier wurde ihm Carvilius Spoletinus sehr nützlich, weil dieser in den Unterredungen versicherte, es sei keinem Römer Leides geschehen. Nun kam der Zug vor Oäneum an, welches ohne förmliche Belagerung nicht gewonnen werden konnte: denn die Stadt war durch ihre Mannschaft und durch ihre Mauern weit stärker, als die übrigen. Auch schützte sie auf der einen Seite der Strom, Namens Artatus, auf der andern ein sehr hoher und schwer zu ersteigender Berg. Dies Alles gab den Bürgern Muth zum Widerstande. Nachdem Perseus die Stadt umpfählt hatte, legte er auf der obern Seite einen Erdwall an, dessen Höhe die Mauern übertreffen sollte. Ehe dies Werk zu Stande kam, verloren die Bürger in öfteren Gefechten, durch welche sie bei Ausfällen theils ihre Mauer deckten, theils die feindlichen Werke hinderten, eine große Menge der Ihrigen durch mancherlei Misgeschick, und die noch übrig waren, wurden durch die bei Tage und bei Nacht fortgesetzten Arbeiten und durch ihre Wunden unbrauchbar. Sobald der Damm 356 in die Mauer einfaßte, stieg nicht allein die königliche Cohorte, welche bei den Macedoniern die Sieger hieß, hinüber, sondern man drang auch an mehreren Orten zugleich über die Leitern in die Stadt hinein. Alle Erwachsenen wurden niedergehauen; ihre Weiber und Kinder gab der Sieger in Verwahrung; die übrige Beute überließ er den Soldaten. Auf seinem Rückzuge von hier nach Stubera schickte er als Gesandte an den Gentius den Illyrier Pleuratus ab, der sich bei ihm als Flüchtling aufhielt, und den Macedonier Aputeus von Beröa. Er trug ihnen auf, dort eine Schilderung von dem zu machen, was er in diesem Sommer und Winter gegen die Römer und Dardaner ausgerichtet habe; dann sollten sie seine neuen Thaten vom Winterfeldzuge in Illyricum folgen lassen, und den Gentius auffordern, mit ihm und Macedonien in freundschaftliche Verbindung zu treten. 20. Als diese über das Scordusgebirge gegangen waren, kamen sie durch Illyricums Wüsteneien, welche die Macedonier absichtlich durch ihre Verheerungen geschaffen hatten, um den Dardanern den Übergang nach Illyricum oder Macedonien zu erschweren, und endlich nach unsäglicher Mühe zu Scodra an. König Gentius war aber zu Lissus. Er ließ die Gesandten dorthin kommen: sie fanden mit ihren Aufträgen ein gnädiges Gehör, brachten aber die nichts entscheidende Antwort zurück: «Es fehle ihm zu einem Kriege mit den Römern nicht am Willen: allein auf das, was er wünsche, sich einzulassen, fehle es ihm hauptsächlich an Gelde.» Diesen Bescheid brachten sie dem Könige nach Stubera, wo er jetzt seine Gefangenen aus Illyricum verkaufte. Er schickte sogleich dieselben Gesandten wieder hin, gab ihnen noch den Glaucias von seiner Leibwache mit, hieß sie aber keiner Geldsumme erwähnen, obgleich dies das Einzige war, was den dürftigen ausländischen König zum Kriege bewegen konnte. Als Perseus auf seinem Zuge von hier Ancyra verwüstet hatte, ging er wieder mit seinem Heere nach Penestien, verstärkte zu Uscana und 357 in allen übrigen von ihm eroberten Festen dieser Gegend die Besatzungen und zog sich nach Macedonien zurück. 21. Über Illyricum war ein Römischer Unterfeldherr gesetzt, Lucius Cölius. Er wagte es nicht, so lange der König in diesen Gegenden stand, sich zu regen, und als er endlich nach dessen Abzuge den Versuch machte, Uscana in Penestien wieder zu erobern, mußte er, von der dort liegenden Macedonischen Besatzung geschlagen, mit vielen Verwundeten abziehen, und kam mit seinen Truppen wieder zu Lychnidus an. Wenige Tage nachher schickte er von hier den Marcus Trebellius Fregellanus mit einer hinreichenden Mannschaft nach Penestien, von den Städten, welche der Römischen Freundschaft treu geblieben waren, die Geisel in Empfang zu nehmen. Er hieß ihn, auch in das Gebiet der Parthiner vorrücken; denn auch sie hatten sich zu Geiseln verstanden. Bei beiden Völkern wurden sie ohne Unruhe eingetrieben. Die Geisel der Penesten wurden nach Apollonia, nach Dyrrhachium aber – bei den Griechen war damals der Name Epidamnus gebräuchlicher – die Parthinischen geschickt. Appius Claudius, welcher den in Illyricum erlittenen Schimpf wieder gut zu machen wünschte, unternahm einen Angriff auf Phanote Phanoten, Epiri]. – So lieset Crev. (nicht Phanote m ), denn die Stadt heißt Φανότη. Aus gleichem Grunde lieset er Cap. 23. ab obsidione Phan otes . , eine Bergfestung in Epirus, brachte außer dem Römischen Heere an sechstausend Mann Athamanischer und Thesprotischer Hülfstruppen mit, und richtete doch mit diesen Anstalten nichts aus, weil Clevas, welchen Perseus in der Festung zurückgelassen hatte, sie mit einer starken Besatzung vertheidigte. Auch Perseus, der nach Elimea aufgebrochen war und in dieser Gegend sein Heer gemustert hatte, zog auf Einladung der Epiroten vocantibus Epirotis]. – Es ist nicht durchaus nöthig, Epirotis in Aetolis zu verwandeln. Denn oben ( Cap. [5] Supplem. ) hatten die Epiroten auf Betrieb des Cephalus sich mit den Ätolern verbunden, und die Ätolische Stadt Stratus kann Epirotische Hülfstruppen haben. gegen Stratus heran. Stratus war 358 damals Ätoliens stärkste Festung. Sie liegt über dem Ambracischen Meerbusen, am Strome Achelous. Er unternahm den Zug dorthin mit zehntausend Mann zu Fuß und nur dreihundert Reutern. Wegen der engen und rauhen Wege nahm er ihrer nur Wenige mit. Als er in drei Tagen an das Gebirge Citius gelangt war und ihn bei dem hohen Schnee kaum hatte übersteigen können, fand er auch nur mit Mühe einen Platz zum Lager. Er rückte, mehr aus dem Grunde, weil er nicht bleiben konnte, als weil Weg und Wetter erträglich gewesen wären, unter großem Ungemache, welches vorzüglich die Lastthiere traf, weiter, und lagerte sich den folgenden Tag bei dem Tempel Jupiters, mit dem Zunamen des Sieggebers. Nach einem zurückgelegten sehr starken Marsche verweilte er am Flusse Arachthus, weil ihn der hochgehende Strom aufhielt. Als während dieses Aufenthalts eine Brücke fertig geworden war, und er mit seinen hinübergeführten Truppen noch einen Tagemarsch gemacht hatte, kam ihm Archidamus, einer der Ätolischen Großen, der ihm Stratus übergeben wollte, entgegen. 22. Für heute lagerte er sich an der Gränze des Ätolischen Gebiets. Von hier traf er Tags darauf vor Stratus ein. Als er hier in dem am Strome Achelous genommenen Lager voll Erwartung war, daß die Ätoler aus allen Thoren herzuströmen würden, sich in seinen Schutz zu geben, fand er nicht allein die Thore verschlossen, sondern erfuhr auch, daß sie in eben der Nacht, in welcher er selbst angekommen war, eine Römische Besatzung mit dem Unterfeldherrn Cajus Popillius eingelassen hatten. Die Häupter der Stadt nämlich, die auf das Wort des Archidamus, so lange er persönlich zugegen war, den König eingeladen hatten, die aber, während er dem Könige entgegenging, weniger aufmerksam gewesen waren, hatten der Gegenpartei Zeit gelassen, von Ambracia den Popillius 359 mit tausend Mann Fußvolk hereinzurufen. Gerade jetzt war auch Dinarchus, der Anführer der Ätolischen Reuterei, mit sechshundert Mann zu Fuß und hundert Reutern angekommen. Es war ausgemacht, daß er in der Meinung, zum Perseus zu stoßen, nach Stratus gekommen war, und sich nun, gegen den Zufall geschmeidig genug, den Römern anschloß, deren Feind er noch beim Einrücken war. Auch war Popillius unter so wankelmüthigen Menschen ganz auf seiner Hut, wie sichs gehörte. Er eignete sich sogleich die Thorschlüssel und die Besetzung der Mauern zu; und den Dinarchus mit seinen Ätolern und der Mannschaft aus Stratus selbst entfernte er unter dem Auftrage, dort die Besatzung zu machen, auf die Burg. Als Perseus, welcher von den am obern Theile der Stadt ragenden Höhen sich auf Unterredungen einlassen wollte, Alles fest entschlossen und sich sogar aus der Ferne mit Geschossen abgewiesen sah, so verlegte er sein Lager auf die andre Seite des Stroms Petitarus, fünftausend Schritte von der Stadt. Hier hielt er Kriegsrath: und da Archidamus und die zu ihm übergegangenen Epiroten den König bleiben hießen, die Ersten der Macedonier hingegen sich erklärten, sie dürften nicht gegen die feindliche Jahrszeit ankämpfen, da sie sich nicht auf Lebensmittel geschickt hätten, da sie als Belagerer den Mangel eher fühlen würden, als selbst die Belagerten, hauptsächlich weil die Feinde ihre Winterquartiere so nahe hätten; so folgte er den Abrathenden und rückte nach Aperantia vor. Die Aperantier nahmen ihn, weil Archidamus bei ihrer Nation in großer Liebe und Achtung stand, mit allgemeiner Einstimmung auf, und er ließ ihnen diesen mit einer Besatzung von achthundert Mann als Befehlshaber zurück. 23. Zwar mit nicht Rex cum minore vexatione]. – Freinsheim, Gronov und Crevier lesen: Rex non minore, verwandeln also cum in non. Drakenb. hält zwar dies non für unnöthig, wenn es aber angenommen werden soll, will er lieber Rex cum non minore vexatione lesen. Dies ist auch mir darum wahrscheinlicher, weil in dem zusammengelesenen cumnonmin das non um so viel eher ausfallen konnte, und noch leichter in cum n min. Non darf aber hier, meiner Meinung nach, wegen des folgenden Appius tamen nicht fehlen. Hätte Livius (ohne non) geschrieben: Rex cum minore etc., so war die vexatio minor für den König, im Vergleiche mit der vorigen, ein Gewinn. Daß Appius die Belagerung aufhebt, war auch Gewinn für Perseus. Dann hätte Livius fortfahren müssen: Appius etiam. Da er aber mit tamen fortfährt, so muß etwas dem Könige Unvortheilhaftes vorangegangen sein. geringerem Ungemache für 360 Thiere und Menschen, als bei seinem Anzuge, kehrte der König nach Macedonien zurück; doch bewirkte der Ruf von der Annäherung des Perseus gegen Stratus, daß Appius die Einschließung von Phanote aufhob. Clevas, der ihn mit einer Bedeckung von raschen Jünglingen verfolgte, hieb ihm von seinem Zuge, der an dem beinahe unwegsamen Fuße des Gebirges nicht fortkommen konnte, gegen tausend Mann nieder und machte an zweihundert Gefangene. Als Appius über die Schluchten hinaus war, nahm er auf einige Tage sein Standlager in einer Ebene – sie hat den Namen der Weingarten. Unterdeß zog Clevas den Philostratus an sich, unter welchem die Epiroten standen, und machte sich in das Gebiet von Antigonea hinüber. Hier gingen die Macedonier auf Plünderung, Philostratus aber legte sich mit seiner Cohorte an einem versteckten Orte in einen Hinterhalt. Die Mannschaft von Antigonea brach gegen die zerstreuten Plünderer aus, und fiel, weil sie die Fliehenden zu weit verfolgte, in den von den Feinden im Thale aufgestellten Hinterhalt. Clevas und Philostratus, welche hier an tausend Feinde tödteten, beinahe hundert Gefangene machten und allenthalben Glück gehabt hatten, lagerten sich nun dem Standorte des Appius näher, um auch ihre Verbündeten gegen jeden Angriff vom Römischen Heere zu decken. Appius, der in dieser Gegend seine Zeit vergeblich aufopferte, ließ die Chaonischen Hülfstruppen und was er an Epiroten hatte, aus einander gehen, ging mit den Italischen Truppen wieder nach Illyricum, vertheilte sie in die Winterquartiere auf die Städte der Parthiner, seiner Bundsgenossen, und kehrte für seine Person zur Ausrichtung eines Opfers nach Rom zurück. Perseus schickte tausend Mann zu Fuß und zweihundert Reuter, die er aus Penestien zurückrief, als 361 Besatzung nach Cassandrea. Vom Gentius kamen seine Gesandten mit der vorigen Antwort zurück. Er hörte seitdem nicht auf, immer durch andre Abgeordnete den König zu bearbeiten, weil es ihm einleuchtete, wie wichtig ihm sein Beistand sein würde, und er es doch nicht über sich erhalten konnte, an eine Verbindung, die für ihn in jeder Rücksicht von so entscheidendem Ausschlage sein mußte, die Kosten zu wenden. * * * * * * * *]. – Wenn man nicht etwa annehmen will, daß hinter destitit ein Punctum stehen müsse, und mit Quum appareret ein neuer Satz angehe, so scheint hier auf den ersten Anblick nichts zu fehlen. Darum hat auch Crev. die Sternchen weggelassen. Drakenb. aber glaubt (aus 44, 23. ), hieher gehöre die Absendung des Hippias, und das vom Perseus dem Gentius gegebene Versprechen, ihm 300 Talente zu zahlen. Dann hätte jene Stelle (44, 23.) auf die hier ausgelassene ihre Beziehung. Da aber Livius 44, 23. mit einer Art von Einleitung anhebt, und die Stelle auch ohne Beziehung auf eine frühere Angabe sich sehr gut verstehen lässet, so scheint eine frühere Erwähnung nicht durchaus nöthig zu sein. Vier und zwanzigstes Buch. Jahre Roms 583 und 584. 364 Inhalt des vier und vierzigsten Buchs. Quintus Marcius Philippus dringt durch unwegsame Waldgebirge in Macedonien ein und besetzt mehrere Städte. Die Rhodier schicken Gesandte nach Rom, mit der Drohung, sie würden dem Perseus beistehen, wofern nicht der Römische Stat mit ihm Frieden und Freundschaft schlösse. Dies wird sehr übel aufgenommen. Dem Lucius Ämilius Paullus, der das Jahr darauf zum zweitenmale Consul war, wird dieser Krieg aufgetragen. Paullus ruft vor der Volksversammlung in concione precatus]. – Nach Livius B. 45. Cap. 41. erzählt Paullus der Volksversammlung, daß er nach dem Siege nach der glücklichen Ueberfahrt nach Italien, dies gewünscht habe. Crevier. die Götter an, jeden dem Römischen State drohenden Unfall auf sein Haus abzuleiten, geht nach Macedonien, besiegt den Perseus und unterwirft sich das ganze Macedonien. Ehe es zur Schlacht kam, sagt der Oberste, Cajus Sulpicius Gallus, dem Heere vorher, es müsse darin nichts Anstößiges finden, daß in der nächsten Nacht der Mond verfinstert werde. Auch Gentius, König von Illyrien, der gegen Rom einen Krieg angefangen hatte, ergiebt sich an seinen Sieger, den Prätor Anicius, und wird mit seiner Gemahlinn, mit seinen Kindern und Angehörigen nach Rom geschickt. Aus Alexandrien kommen von dem königlichen Pare, Cleopatra und Ptolemäus, Gesandte mit der Klage, daß Syriens König, Antiochus, sie bekriege. Perseus hatte versucht, den Eumenes, König von Pergamus, und den Gentius, König von Illyrien, zu seinem Beistande aufzubieten; weil er aber die versprochenen Geldsummen nicht bezahlte, war er von ihnen verlassen. 365 Vier und vierzigstes Buch. 1. Im Anfange des Frühlings, der auf den Winter folgte, in welchem dieses geschah, kam der Consul Quintus Marcius Philippus nach seinem Aufbruche von Rom mit fünftausend Mann cum quinque millibus]. – Es fehlen hier nicht nur einige Worte, sondern selbst die hier angegebene Zahl ist unrichtig, wie Crev. aus B. 43. Cap. 12. beweiset. Dort werden für Macedonien 6000 Römer und 6000 Latiner zu Fuß, 250 Römische und 300 Latinische Ritter bestimmt. , die er zur Ergänzung seiner Legionen mit hinübernehmen wollte, zu Brundusium an. Der Consular Marcus Popillius und andere eben so vornehme junge Männer folgten dem Consul zu den Macedonischen Legionen als Obersten. In eben den Tagen kam auch der Prätor Cajus Marcius Figulus, dem der Oberbefehl auf der Flotte zugefallen war, nach Brundusium, und da sie zugleich mit einander von Italien abfuhren, erreichten sie am andern Tage Corcyra, am dritten Actium, den Hafen Acarnaniens. Aus dieser Gegend zog der Consul, der sich bei Ambracia ausschiffte, zu Lande nach Thessalien. Der Prätor, der um Leucatas herumfuhr, lief in den Corinthischen Meerbusen ein, ließ seine Schiffe zu Creusa, und ging, gleichfalls zu Lande, im Eilmarsche von Einem Tage mitten durch Böotien nach Chalcis zur Flotte. Aulus Hostilius hatte damals sein Lager in Thessalien bei Alt-Pharsalus; und hatte er gleich keine denkwürdige Kriegsthat verrichtet, so hatte er doch die Soldaten von ihrer völligen Zügellosigkeit zur Befolgung der Kriegszucht in allen Stücken zurückgebracht, die Bundesgenossen mit Treue behandelt und sie vor jeder Art von Kränkung geschützt. Als er die Ankunft seines Nachfolgers erfuhr, hielt er über Waffen, Mann und Roß genaue 366 Musterung und führte dem ankommenden Consul das Heer im Waffenschmucke entgegen. Ihre erste Zusammenkunft war nicht nur ihrer eignen und der Würde des Römischen Namens angemessen, sondern auch noch nachher bei den Unternehmungen nützlich. Denn der Proconsul, um das Heer in rebus deinde gerendis * etc.]. – Die von Sigonius und Pighius vorgeschlagenen Ergänzungen dieser beiden Lücken haben bei Crevier, Drakenb. u. A. kein Glück gemacht. Ich wage den Versuch, das hier Fehlende etwa so auszufüllen: et primus eorum congressus ex dignitate ipsorum ac Romani nominis et in rebus deinde gerendis utilis fuit. Proconsul enim, ad exercitum verbis etiam in amore patientiae, iustitiae ac modestiae, quo suis auspiciis imbuti essent, confirmandum, pro concione disciplinam militum, fidem in socios et continentiam adstanti successori ita collaudavit, ut eo dicente multus recte facti honos in animos influeret . Itaque ad honesti studium egregie excitatum exercitum quum tradidisset, non memoria solum sui, iam Romam reversi atque absentis, multos a licentia coërcuit, sed milites etiam, coram novo imperatore collaudati, in hoc non solum ducem, ad nova decora vocantem, sed tamquam ab Hostilio relictum sibi pristinae laudis testem et custodem additum intuebantur. Paucis post diebus etc. [auch durch einen Vortrag in der unter seiner Leitung ihm eingeflößten Liebe zur Ausdauer, zur Gerechtigkeit und Bescheidenheit zu bestärken, ertheilte vor der Versammlung seinen Soldaten über ihre Zucht, über ihre Redlichkeit und Enthaltsamkeit gegen die Bundesgenossen in Gegenwart seines Nachfolgers ein so schönes Lob, daß seine Worte Vielen hohe Achtung für Rechthandeln einflößten. So hielt denn auch, als er nach dieser musterhaften Erweckung des Gefühls für Tugend das Heer schon abgegeben hatte, nicht allein die Erinnerung an ihn, der schon nach Rom zurückgekehrt und abwesend war, Manchen von Ausschweifungen ab; sondern das vor dem neuen Feldherrn ertheilte Lob bewirkte auch, daß die Soldaten in ihm nicht bloß den Führer, der sie zu neuen Verdiensten rief, sondern gleichsam einen vom Hostilius ihnen zurückgelassenen Zeugen und zugegebenen Hüter ihres früheren Werthes sahen.] Wenige Tage nachher hielt auch der Consul eine Rede an die Soldaten. Er eröffnete sie mit der Erzählung des vom Perseus an seinem Bruder verübten, gegen seinen Väter im Sinne gehabten Mordes; ließ auf die durch Frevel errungene Thronbesteigung seine 367 Vergiftungen und Ermordungen folgen, den so boshaft auf den Eumenes angelegten Mordplan, seine Beleidigungen des Römischen Volks, seine bundbrüchigen Plünderungen Römischer Bundesstädte. Und wie misfällig dies Alles auch den Göttern sei, werde Perseus am Ausgange seiner Schicksale erfahren. Denn die Götter begünstigten Frömmigkeit und Treue, wodurch sich das Römische Volk zu einer solchen Höhe erhoben habe. Dann zeigte er das Verhältniß der Kräfte des Römischen States, welcher schon den Erdkreis umfasse, zu den Kräften Macedoniens, der Heere zu den Heeren, und daß die Zahl der Truppen, welche die viel größere Macht des Philipp und Antiochus gebrochen hätten, nicht größer gewesen sei, als die ihrige. 2. Als er durch Ermunterungen dieser Art den Muth der Soldaten befeuert hatte, hielt er Rath über die Führung des Krieges im Ganzen. Der Prätor Cajus Marcius kam von Chalcis, wo er die Flotte übernommen hatte, dazu. Es wurde beschlossen, nicht durch längeres Zögern in Thessalien die Zeit zu verlieren, sondern sogleich mit dem Lager aufzubrechen und geradeswegs in Macedonien einzurücken; und der Prätor solle dafür sorgen, daß zu gleicher Zeit auch die Flotte die feindliche Küste angriffe. Als der Consul den Prätor entlassen hatte, befahl er den Soldaten, auf einen Monat Mundvorrath mitzunehmen, brach am zehnten Tage nach Übernahme des Heers mit seinem Lager auf, berief nach zurückgelegtem Tagemarsche die Wegweiser, und nachdem sie im Kriegsrathe hatten angeben müssen, welchen Weg jeder zu nehmen dachte, ließ er sie abtreten und fragte nun bei dem Kriegsrathe an, welchen von allen er wählen solle. Einige wollten über Pythium gehen; Andre über das Cambunische Gebirge, den Weg des Consuls Hostilius im vorigen Jahre; Andre am See Ascuris vorbei. Noch hatten sie einen ziemlichen Weg zu machen, der nach allen diesen Gegenden führte: also wurde die Entscheidung dieser Frage bis auf jene Zeit verschoben, wann sie am Scheidepunkte der Straßen sich lagern würden. Von hier zog er nach Perrhäbien und blieb zwischen Azorum und Doliche mit seinem Lager 368 stehen, um wieder zu berathschlagen, welchen Weg er am besten nähme. Perseus, der in diesen Tagen die Annäherung des Feindes erfuhr, allein nicht wußte, welchen Weg er nehmen würde, entschloß sich, alle Pässe mit Mannschaft zu besetzen. Auf die Höhen der Cambunischen Gebirge, sie heißt dort Volustana, schickte er zehntausend Mann leichter Truppen levis armaturae iuvenum]. – Crevier sagt: Dele otiosam vocem iuvenum, oder er vermuthet, daß in dem Worte iuvenum der Name des Volks zu suchen sei, von dem sie waren, weil es nachher heißt duodecim millium Macedonum. Da die Macedonischen leichten Truppen ein Gemisch von Griechen, Cretensern, Thraciern u. s. w. waren, so könnte vielleicht wegen der Ähnlichkeit mit dem unmittelbar vorhergehenden arMATVRAE das Wort MIXTOR V ausgefallen sein. XXXXII. 51. Ex his mistis tot populis. 58. et mistum genus, delecta plurium gentium auxilia; beides von Perseus Truppen. unter Anführung des Asclepiodotus. Neben der Bergfestung, die über dem See Ascuris lag – der Ort heißt Lapathus Lapathus]. – Man vergl. [die vorhergehende Anmerkung]. – mußte Hippias den Paß mit zwölftausend Macedoniern besetzen. Er selbst mit den übrigen Truppen hatte anfangs ein Standlager bei Dium. Dann aber flog er mit der leichten Reuterei – man hätte denken sollen, die Verzweiflung sei bei ihm in Starrsucht übergegangen – an der Küste bald nach Heraclea, bald nach Phila, und von da wieder eben so schnell nach Dium zurück. 3. Unterdeß wurde der Consul mit sich eins, durch den Gebirgswald zu ziehen, in welchem, wie ich gesagt habe, bei Lapathus ubi propter Octolophum]. – Daß Octolophus hier nicht zu suchen sei, weil es viel zu weit entfernt und auf einer ganz andern Seite liegt, haben schon Andere bewiesen. Ob aus der Stelle des vorigen Capitels, Lapathus vocatur locus, in unserm Cap. statt propter Octolophum zu lesen sei; propter Lapathum, oder Lapathunta, oder ob aus unsrer fehlerhaften Stelle auch im vorigen Cap. statt Lapathus vielleicht zu lesen sei Ortholapathus, oder Ortholophus, vocatur locus, wer könnte das entscheiden? Genug, jenes Lapathus scheint derselbe Ort zu sein, der hier Octolophus heißt. Denn da dem Consul drei Wege vorgeschlagen werden, 1) über Pythium, 2) über die Cambunischen Gebirge, 3) am See Ascuris vorbei; so ist wenigstens aus unserm Cap., wenn es heißt; nuncius ad Ascuridem paludem obcurrit, und aus Cap. 4. Hippias nuper ad tuendum saltum ab rege missus erat, qui ex quo castra Romana in tumulo conspexit, so viel klar, daß der Consul den Weg eingeschlagen sei, der neben dem See Ascuris zu der von Hippias besetzten Bergfestung (Lapathus? oder Octolophus? oder Ortholophus?) führte. Ich glaube also nicht zu weit vom Livius abzugehen, wenn ich die Lücke ungefähr so auszufüllen versuche: ubi propter Lapathum oder Lapathunta (oder Ortholophum?) diximus iussu regis castra Hippiam posuisse. , auf Befehl des Königs, Hippias sein Lager genommen hatte. Doch fand er für gut, 369 viertausend Mann vorauf gehen zu lassen, um dem Feinde in der Besetzung der vortheilhaften Stellen zuvorzukommen: ihre Vorgesetzten waren Marcus Claudius und Quintus Marcius, des Consuls Sohn. Sogleich folgten ihnen die Truppen sämtlich. Allein der Weg war so steil, so rauh und abgerissen, daß die ohne Gepäck vorausgeschickten Truppen, nachdem sie nur mit Mühe in zwei Tagen einen Weg von funfzehntausend Schritten zurückgelegt hatten, sich lagern mußten. Der Platz, den sie bezogen, hieß dort der Schönwasserthurm. Von hier rückten sie am folgenden Tage siebentausend Schritte weiter, besetzten in der Nähe des feindlichen Lagers eine Anhöhe, und ließen dem Consul zurücksagen: «Sie seien bis zum Feinde gelangt, hätten sich an einem sichern und in jeder Rücksicht vortheilhaften Orte gesetzt: er möge den Marsch so stark als möglich machen, um nachzukommen.» Schon war der Consul in Unruhe, theils wegen der Schwierigkeit des Weges, auf den er sich eingelassen hatte, theils in Rücksicht auf die, die er in so geringer Anzahl mitten unter die Posten der Feinde voraufgeschickt hatte, als der Bote beim See Ascuris eintraf. Nun bekam er ebenfalls mehr Vertrauen und nach der Vereinigung mit seinen Truppen lehnte er sein Lager an die schon besetzte Höhe, da wo die Beschaffenheit des Orts es am besten gestattete. Hier halte er nicht bloß das feindliche Lager unter sich vor Augen, das etwas über tausend Schritte entfernt lag, sondern auch die ganze Gegend nach Dium und Phila und die Meeresküste, weil sich ihm von einem so hohen Bergrücken eine weite Aussicht eröffnete. Den Soldaten stieg der Muth, sobald sie den Platz zur Entscheidung des Krieges, die sämtlichen Truppen des Königs und das Land des Feindes so nahe erblickten. Da sie also voll Munterkeit den Consul aufforderten, sie dem feindlichen Lager näher 370 zu führen, so gab er ihnen nach der Ermüdung von dem beschwerlichen Wege einen Tag zur Ruhe. Am dritten Tage brach der Consul, mit Hinterlassung eines Theils der Truppen zur Besetzung des Lagers, gegen den Feind auf. 4. Hippias war erst neulich zur Besetzung des Waldes vom Könige hieher geschickt. Als er an der Höhe ein Römisches Lager erblickte, machte er die Seinigen auf den Kampf gefaßt und ging dem anrückenden Zuge des Consuls entgegen. Sowohl von den Römern, als von den Feinden, waren nur die Schlagfertigen zum Gefechte ausgerückt. Auf beiden Seiten waren nur die Leichtbewaffneten; zur Einleitung eines Treffens die tauglichste Truppenart. Da sie also geschwind an einander geriethen, schossen sie ihre Wurfpfeile ab. Bei diesem wilden Zusammenstürzen gab es auf beiden Seiten viele Wunden; allein der Gefallenen waren auf beiden Seiten nur Wenige. Nachdem sie sich so auf den folgenden Tag gegenseitig gereizt hatten, trafen sie in größerer Truppenzahl und mit größerer Erbitterung auf einander; wenn sie nur Platz genug gehabt hätten, sich in Linie auszubreiten: allein der Gipfel des Berges, der sich als ein keilförmiger schmaler Rücken erhob, ließ an der Stirn der Reihen nur eine Breite für drei Mann. Also stand, während diese Wenigen fochten, die übrige Menge, vorzüglich die unter den schweren Waffen, als Zuschauer des Kampfes da. Es waren nur Leichtbewaffnete, die auch mit Umgehung des Gipfels vordrangen, die feindlichen leichten Truppen auf den Seiten angriffen und über unebene und ebene Stellen hinaus zum Kampfe zu kommen suchten; und die Nacht schied die Streitenden, die auch an diesem Tage mehr Verwundete als Getödtete hatten. Am dritten Tage sah sich der Römische Feldherr in Verlegenheit. Auf einem nackten Berggipfel konnte er nicht bleiben; ohne Schimpf, ja ohne Gefahr, sich nicht zurückziehen: wohl aber konnte ihm, wenn er wich, der Feind von den Höhen herab in das Heer fallen: und es blieb ihm nichts übrig, als das unternommene Wagstück durch beharrliche Kühnheit, die sich oft im Ausgange als Klugheit bewähret, zu verbessern. Er sah sich der 371 Möglichkeit ausgesetzt, wenn sein Feind den ehemaligen Macedonischen Königen ähnlich gewesen wäre, eine große Niederlage zu erleiden. Allein der König, der bei Dium mit seinen Reutern an der Küste umherschwärmte und das Geschrei und Schlachtgetöse seiner zwölftausend Mann beinahe hören konnte, verstärkte dennoch weder diese durch Absendung frischer Truppen in die Stelle der Ermüdeten, noch war er, worauf doch das Meiste ankam, selbst bei dem Treffen gegenwärtig; indeß der Römische Feldherr, ein Mann schon über sechzig und von gewichtigem Körper, sich unverdrossen jeder Pflicht des Soldaten in eigner Person unterzog. Musterhaft hielt er bis ans Ende bei seiner kühnen Unternehmung aus. Er ließ den Popillius zurück, ihm die Höhe besetzt zu halten; schickte Leute, um Bahn zu machen, auf die Umwege voran, über welche er weiter zog; Attalus und Misagenes , beide mit den Hülfstruppen ihrer Nation, mußten die Arbeiter bei Eröffnung des Waldes decken; er selbst hatte die Reuterei und das Gepäck vor sich, und schloß mit den Legionen den Zug. 5. Unbeschreiblich war ihre Noth, als sie unter beständigem Niederstürzen der Packthiere und der Lasten bergab zogen. Kaum waren sie viertausend Schritte vorgerückt, so wünschten sie nichts sehnlicher, als auf dem Wege, den sie gekommen waren, wenn es möglich sein sollte, wieder umzukehren. Die Elephanten erfüllten, fast wie ein feindlicher Angriff, den ganzen Zug mit Getümmel. Kamen sie an ungangbare Stellen, so warfen sie ihre Lenker ab, und scheuchten unter furchtbarem Gekreische Alles um sich her, hauptsächlich die Pferde, bis man ein Mittel fand, sie weiter zu bringen. Durch den Abhang hinunter wurden so, daß man einen oberen Stützpunkt benutzte, nach unten hin zwei lange starke Pfähle in die Erde gerammet, welche nur etwas weiter, als die Breite des Thiers beträgt, von einander abstanden. Auf einem darüber Per proclive, sumto fastigio – – in eos transversi incumbentes]. – Diese Stelle hat den Erklärern viel zu schaffen gemacht. Bauers Erklärung der Worte sumto fastigio scheint mir zu schwankend. Er sagt initio facto a summo collocandorum asserum, qui a summo in imum sensim deferrent. Durch die Worte initio facto a summo collocandorum scheint er so, wie ich, dem Worte fastigium die Bedeutung der Höhe oder des oberen Stützpunkts zu geben; allein durch den Beisatz, qui a summo in imum sensim deferrent, giebt er wieder dem Worte fastigium, eben so wie Crevier, die Bedeutung einer schrägen Richtung oder Abdachung; denn Crevier erklärt fastigium durch modica totius asseris inclinatio. Zugegeben, daß hier fastigium dies bedeute, wie 27, 18. und anderwärts; wird dann auch sumere in der Verbindung mit fastigium so viel heißen können, als eine Abdachung vornehmen, anlegen, einrichten? Ich nehme, weil mir dies zu gezwungen scheint, ich auch kein Beispiel für diese letztere Bedeutung auffinden kann, fastigium für die Höhe, oder den oberen Stützpunkt auf welchem (nicht die duo validi asseres, sondern) die Dreißigerbalken ruhen sollten; und unter sumere verstehe ich eo, quod se obfert, uti, wie Horazens Sume, catelle! negat, oder auch quamcumque deus tibi fortunaverit horam, Grata sume manu (mach' Gebrauch davon, benutze sie!). Allein noch mehr habe ich gegen Crevier einzuwenden, wenn er unter duo validi asseres – in terra defigebantur die beiden langen Balken verstehen will, die als Träger der Dreißigerbalken von oben schräg ablaufen sollen. Denn 1) muß er nun für diese, seiner Meinung nach, schräg ablaufenden Balken unten eine Stütze schaffen, und deswegen erklärt er die Worte ex interiore parte in terra defigebantur so: inferiorem partem habebant innixam fulcris in terra defixis. Diese fulcra setzt er gegen den Livius eigenmächtig hinein, der doch, wenn er dies hätte sagen wollen, lieber fulciebantur oder fulcris nitebantur hätte sagen sollen. Die beiden longi duo validi asseres sind nicht die schräg vom Stützpunkte ablaufenden Balken, sondern sind eben die weiter unten stehenden fulcra selbst, die Crevier hier suchte. Nämlich 2) wären die duo longi validi asseres die beiden von der Höhe schräg ablaufenden Balken, auf denen nachher die 30 Fuß langen Balken liegen sollten, so müßten diese Dreißigerbalken quer über jene zwei zu liegen kommen. Dann aber hätten die Dreißigerbalken, da doch Livius sagt, die Brücke sei nur wenig (paullo plus) breiter geworden, als ein Elephant, wenn sie die Querbalken sein sollen, auf jeder Seite einen unnützen Überschuß von wenigstens 10 Fuß; wenn ich auch 10 Fuß auf die Breite eines Elephanten und seines Wege rechnen will; ferner lägen dann auch diese Dreißigerbalken quer über den Weg, und sie müssen doch in die Länge, den Abhang hinunter, liegen; denn auf ihnen soll ja der Elephant so lang als möglich hinabgehen. Die beiden langen starken Träger, von denen Livius sagt, in terra defigebantur, laufen nicht schräg hinab, sondern werden geradestehend in die Erde gerammt; – nicht mit ihrem unteren Theile: – (wozu dies? dies versteht sich von selbst) – sondern ex inferiore parte declivis soli, weiter am Abhange unten hin, vom oberen Stützpunkte an gerechnet. Sie sind die in der Erde aufrecht stehenden Träger. Nun fehlt uns nur noch der Querbalken, den sie tragen müssen, so daß die 10 oder 12 Dreißigerbalken, auf denen der Elephant hinabgehen soll, auf dem liegenden Querbalken und vermittelst dessen auf den stehenden Trägern ruhen können. Und diesen Querbalken hat Livius, wenn meine Conjectur besteht, nicht vergessen, nur seine Abschreiber haben ihm diesen genommen. Ich lese statt des fehlerhaften in eos transversi incumbentes tigni – welches hier einen Unsinn giebt – in eos transversi m incumben ti tigni. Das m von transversi m fiel wegen des in von in cumbenti weg, und über das Zusammentreffen von incumben titi gni fiel das eine ti aus. Hatte auch der Abschreiber einmal aus transvers im, den Nominativ transvers i gemacht, so mußte er nun auch aus incumben ti den Nominativ incumbent es machen. Livius sagt meiner Meinung nach: longi duo validi asseres in terra defigebantur: in eos transversim incumbenti (scil. tertio valido asseri – oder tertio valido asseri, in illos duos transversim incumbenti) iniungebantur tigni ad tricenos longi pedes. Das Ganze stände so der alten Ordnung nach beisammen: Per proclive, sumto fastigio, longi duo validi asseres ex inferiore parte in terra defigebantur, distantes inter se paullo plus, quam quanta beluae latitudo est: in eos transversim incumbenti, tigni, ad, tricenos longi pedes, ut pons esset , iniungebantur. Durch die Dreißigerbalken wird die Länge der Brücke bestimmt; durch die Worte paullo plus, quam qnanta beluae latitudo est, ihre Breite. Wollte man die Dreißigerbalken als in die Quere gelegt annehmen, so wäre die Länge der Brücke gar nicht angegeben, aber dagegen die Breite zweimal; 1) durch die Dreißigerbalken, die dazu viel zu lang sind, noch dazu in einem engen Passe; 2) unnützerweise (und sogar mit den Dreißigerbalken im Widerspruche) durch die Worte paullo plus, quam quanta beluae latitudo est. liegenden Querbalken wurden Balken von 372 beinahe dreißig Fuß Länge befestigt, so daß eine Brücke entstand; und oben darauf Erde geschüttet. Weiter unten 373 nach einem mäßigen Zwischenraume wurde eine ähnliche zweite Brücke gemacht; dann eine dritte und so der Reihe nach mehrere, so weit die Felsen abschüssig waren. Vom festen Boden schritt der Elephant auf die Brücke; ehe er an das Ende derselben gelangte, wurden die Träger weggehauen und das Einfallen der Brücke ließ ihn bis zum Anfange der folgenden Brücke allmälig hinabgleiten. Einige Elephanten behielten im Hinabgleiten das Stehen, andre sanken auf die Lenden. Hatte die Ebene der zweiten Brücke sie in Empfang genommen, so wurden sie eben so durch das Einfallen dieser unteren Brücke weiter hinabgesenkt, bis man in das ebnere Thal gelangte. Kaum etwas über siebentausend Schritte kamen die Römer an diesem Tage weiter. Das wenigste des Weges legten sie auf den Füßen zurück; meistens kamen sie, aber auf alle mögliche Art zerstoßen, nur dadurch weiter, daß sie sich selbst mit ihren Waffen und anderem Gepäcke hinabwälzten: so daß auch der, der sie diesen Weg geführt und ihnen dazu gerathen hatte, nicht leugnen konnte, mit einer Handvoll Leute hätte das ganze Heer vertilgt werden können. In der Nacht kamen sie an eine mäßige Plane; nur war keine Umsicht möglich, ob auch der rund umschlossene Platz nicht etwa gefährlich sei. Hatten sie gleich hier unverhofft einen Ort getroffen, wo sie endlich 374 auf festem Boden das Stehen behalten konnten, so mußten sie doch in dem so tiefen Thale, auch noch den folgenden Tag über, auf den Popillius und die mit ihm zurückgelassenen Truppen warten. Und diese ebenfalls, waren sie gleich auf keiner Seite von einem Feinde bedroht, wurden durch den schlimmen Weg, wie von einem Feinde, zerarbeitet. Am dritten Tage zogen sie in Vereinigung durch den Wald, welchen die Anwohner die Schönfichte nennen. Von hier gingen sie am vierten Tage über eben solche Umwege, aber aus Gewohnheit schon mit mehr Erfahrung, auch unter begünstigernden Hoffnungen, theils weil nie ein Feind sich zeigte, theils weil sie dem Meere näher kamen, auf die Gefilde herab und lagerten sich zwischen Heracleum und Libethrum mit dem Fußvolke, dessen größerer Theil die Höhen besetzte. Diese umschlossen das Thal und auch einen Theil des Feldes, wo die Reuterei lagern sollte. 6. Die Nachricht von des Feindes Ankunft wurde dem Könige gebracht, als er eben im Bade saß. Erschrocken sprang er aus der Wanne, raffte sich fort mit dem Geschreie, er sei ohne Schlacht überwunden, und indem er alle Augenblicke von dem einen übereilten Entschlusse und Befehle auf den andern verfiel, hieß er zwei von seinen Vertrauten, [den Nicias, nach Pella abgehen, wo der königliche Schatz niedergelegt war, und, was er dort an Gelde fände, ins Meer werfen; und dem Andronicus nach Thessalonich, um die Schiffswerfte anzuzünden. Zugleich zog er die Posten unter dem Hippias und Asclepiodotus ] zurück und eröffnete so den Feinden jeden Zugang. Er selbst zwang die Bewohner von Dium, wo er eiligst die sämtlichen vergoldeten Standbilder Ipse ab Dio]. – Die vorhin durch [ ] bemerkte Lücke habe ich nach Creviers Ergänzung übersetzt. Unter den von Dium mitgenommenen Standbildern waren nach Crev. (Man sehe Plin. Vellei. und Arrian.) die turma equestris, Lysippi opus, oder die Bilder der 25 Tapfern, die in der Schlacht am Granicus gefallen waren, nebst Alexanders Bilde, auf dessen Befehl Lysippus sie gefertigt hatte. – Das Komma, welches Drakenb. hinter Ipse setzt, lasse ich mit Crev. hier wegfallen, setze es aber hinter ab Dio. Dadurch entsteht der bessere Zusammenhang: Ipse ab Dio, auratis – – in classem congestis, ocius demigrare Pydnam cogit; nämlich incolas oder cives, welches Liv., da es sich von selbst versteht, eben so gut auslassen konnte, als 10, 9. vocare tribus extemplo populus (praeconem) iubebat; 39, 7. u. 34, 39. u. 42, 59. receptui canere (tubicines, cornicines) iussit; 42, 26. clamor iubentium (signiferos) referre signa; und gerade so, wie an unserer Stelle, 45, 27. ad Aeginium et Agassas diripiendas mittit: Agassas, quod, quum Marcio (cives) tradidissent urbem, – defecerant rursus ad Persea. Duker und Drakenb. geben davon an verschiedenen Stellen noch viel mehr Beispiele. Ich folge dieser Erklärung lieber, als wenn man annehmen wollte, daß von den beiden beisammenstehenden Worten ciuis ocius der Ähnlichkeit wegen der Accusativus in is Weggefallen sei, von welchem Drak. 22, 8, 7 Beispiele in Menge giebt. , damit sie nicht 375 dem Feinde zum Raube würden, auf die Flotte bringen ließ, sogleich nach Pydna auszuwandern; und machte nun die anscheinende Unbesonnenheit des Consuls, auf einen Platz vorgerückt zu sein, von wo er sich ohne des Feindes Willen nicht zurückziehen konnte, zu einer nicht unüberlegten Kühnheit. Denn die Römer hatten nur zwei Gebirgswege, auf denen sie sich hier herausziehen konnten, den einen durch Tempe nach Thessalien, den andern nach Macedonien neben Dium vorbei; und beide waren vom Könige mit Posten besetzt. Hätte also ein Feldherr mit Fassung nur zehn Tage lang den ersten Anblick des drohend anrückenden Feindes ausgehalten, so hätten die Römer sich eben so wenig durch Tempe nach Thessalien zurückziehen können, als für ihre Zufuhr einen offnen Weg gehabt. Denn ein Durchzug durch das Waldgebirge Tempe hat seine Schwierigkeiten, wenn auch kein Krieg ihn unsicher macht. Den Paß entlang, der in einer Länge von fünftausend Schritten so enge fortgeht, daß für ein beladenes Packthier nur ein schmaler Weg bleibt, sind auf beiden Seiten die Felsen so schroff, daß man ohne schwindlicht und bewußtlos zu werden kaum hinabblicken kann. Auch das Tosen und die Tiefe des in der Mitte des Thales fließenden Stroms Peneus ist schrecklich. Diese schon durch die Natur so grauenvolle Gegend war an vier verschiedenen Stellen mit königlichen Posten besetzt. Der eine stand vorn am Eingange bei Gonnus, der andre bei Condylon in einem unbezwinglichen Bergschlosse, der dritte bei Lapathunt mit dem Zunamen der Schlagbaum; 376 der vierte war in der Mitte des Thals, wo es am engsten ist, über dem Wege selbst aufgestellt, so daß schon zehn Bewaffnete ihn mit Leichtigkeit behaupten konnten. Wäre also den Römern zugleich der Zugang der Lebensmittel durch das Tempe und zugleich die Rückkehr abgeschnitten, so müßten sie wieder zu den Gebirgen umkehren, über welche sie herabgekommen waren. Hatten sie das gekonnt, weil sie unbemerkt sich durchschlichen, so würde es ihnen jetzt vor des Feindes Augen, wenn er die oberen Höhen besetzt hatte, unmöglich: schon die Erinnerung an die ausgestandenen Mühseligkeiten würde sie muthlos gemacht haben. Es blieb ihnen, da sie sich aufs Gerathewohl eingelassen hatten, nichts weiter übrig, als sich nach Macedonien bei Dium mitten durch die Feinde hinauszuziehen; und selbst dies hatte, wenn nicht die Götter dem Könige den Verstand nahmen, ungeheure Schwierigkeiten. Denn da der Fuß des Gebirges Olympus nur etwas über tausend Schritte Raum an der Küste übrig läßt, und der bei seiner Mündung weit austretende Strom Baphyrus die eine Hälfte des Platzes bedeckt, die andre Hälfte der Ebene theils der Tempel Jupiters , theils die Stadt einnimmt; so konnte der sehr geringe Überrest von Platz leicht durch einen mäßigen Graben und Wall gesperrt werden; und der Steine und Bäume aus dem Walde waren so viele zur Hand, daß man sogar eine Mauer hätte vorziehen und Thürme aufführen können. Das Alles ließ sein vor dem plötzlichen Schrecken erblindender Verstand aus der Acht. Er entblößte alle Posten von Truppen, öffnete sie dem Feinde und floh nach Pydna zurück. 7. Der Consul, der sich durch die Dummheit und Unthätigkeit des Feindes um ein Großes gesichert und zu Hoffnungen berechtigt sah, ließ dem Spurius Lucretius nach Larissa zurücksagen, er möge die in der Gegend um Tempe vom Feinde verlassenen festen Plätze besetzen; schickte den Popillius vorauf, die Ausgänge bei Dium zu untersuchen; rückte auf die Nachricht, es stehe nach allen Seiten hin Alles offen, in zwei Märschen bis Dium vor, und ließ sein Lager, um alle Entweihung des Heiligthums 377 zu verhüten, unmittelbar unter dem Tempel abstecken. Bei seinem Einzuge in die Stadt, die freilich nicht groß, aber durch öffentliche Anlagen und eine Menge Standbilder verschönert und trefflich befestigt war, konnte er kaum glauben, daß bei der unnöthigen Aufopferung alles dessen nicht eine List zum Grunde liege. Die sämtlichen Umgebungen zu untersuchen, verweilte er Einen Tag, brach dann auf und rückte, in der Voraussetzung, er werde Getreide genug in Vorräthen finden, bis an einen Fluß, Namens Mitys. Auf seinem Zuge am folgenden Tage nahm er die Stadt Agassä in Besitz, deren Bewohner sich ergaben; und um die Herzen der übrigen Macedonier zu gewinnen, begnügte er sich mit Geiseln und sagte den Bürgern; er überlasse ihnen ihre Stadt ohne Besatzung; sie möchten, ohne Kriegssteuer zu zahlen, nach ihren eignen Gesetzen leben. Von hier rückte er Einen Tagemarsch weiter, und lagerte sich am Flusse Ascordus: da er aber, je weiter er sich von Thessalien entfernte, immer größeren Mangel an Allem fühlte, ging er nach Dium zurück: und es wurde Allen einleuchtend, wie schlimm es ihm gegangen sein würde, wenn man ihn von Thessalien abgeschnitten hätte, von dem er sich ohne Gefahr nicht einmal entfernen konnte. Als Perseus seine sämtlichen Truppen und Heerführer zusammengezogen hatte, schalt er auf die Befehlshaber seiner Besatzungen, am meisten auf den Asclepiodotus und Hippias, welche, wie er sagte, die Schlüssel zu Macedonien den Römern überliefert hätten; eine Schuld, die doch niemand eigentlicher trug, als er selbst. Der Consul, der von seiner schon auf der hohen See erblickten Flotte hoffen konnte, daß sie ihm Zufuhr bringe, – denn das Getreide stand in sehr hohem Preise und war fast nicht zu haben – erfuhr, als sie jetzt in den Hafen eingelaufen war, sie habe die Schiffe mit den Ladungen zu Magnesia gelassen. Bei seiner Ungewißheit, was nun zu thun sei – so sehr hatte er mit seiner schwierigen Lage zu kämpfen, wenn auch nicht die mindeste Einwirkung von Seiten des Feindes sie verschlimmerte – meldete ihm sehr zur 378 gelegenen Zeit ein Brief vom Spurius Lucretius, er sei im Besitze der sämtlichen Bergschlösser oberhalb Tempe und um Phila, und habe darin einen Vorrath von Getreide und andern Bedürfnissen gefunden. 8. Hierüber sehr erfreuet zog der Consul von Dium nach Phila, zugleich, um hier die Besatzung zu verstärken, und den Truppen ihr Getreide auszutheilen, das ihnen zu langsam angefahren wurde. Diesen Zug nahm das Gerücht von einer sehr ungünstigen Seite. Einige sagten, der Feldherr habe sich aus Furcht vom Feinde zurückgezogen, weil er, wenn er geblieben wäre, hätte schlagen müssen; Andre, er wisse nicht, daß das Glück im Kriege täglich neue Verhältnisse gebe; denn er habe, ob sich gleich die Umstände ihm geboten hätten, aus den Händen gehen lassen, was er späterhin nicht wieder gewinnen könne. Auch weckte gleich der aufgegebene Besitz von Dium den Feind, so daß er nun endlich fühlte, er müsse das wieder erobern, was er vorhin durch seine Schuld verloren hatte. Als er den Abzug des Consuls erfuhr, ging er nach Dium zurück, und was die Römer aus einander geworfen und zerstört hatten, stellte er wieder her, die herabgestürzten Mauerzinnen legte er wieder auf und sorgte allenthalben für die Festigkeit der Mauern. Dann nahm er fünftausend Schritte von der Stadt ein Lager am diesseitigen Ufer des Stromes Enipeus, um selbst an dem Strome und seinen Schwierigkeiten des Übergangs ein Bollwerk zu haben. Dieser fließt aus einem Thale des Olympgebirges, im Sommer klein, im Winter durch die Regengüsse reißend; über den Felsen Supra rupes]. – So lese ich mit Crev. das Übrige nach Gronovs Verbesserung, nämlich: ingentes gurgites facit; et infra, prorutam in mare evolvendo terram, praealtas etc. Außerdem, daß rupes (nicht rupem) die alte Lesart ist, ist es auch an sich wahrscheinlicher, daß der Fluß in seinem Laufe an mehrere Klippen kam. bildet er gewaltige Wassermassen; unterhalb aber dadurch, daß er das aufgewühlte Erdreich ins Meer hinausspült, sehr tiefe Schlünde, und weil er die Mitte seines Bettes aushöhlt, auf beiden Seiten jähe Ufer. In der Hoffnung, durch diesen Fluß sei dem Feinde der Weg gesperrt, 379 beschloß Perseus, die übrige Zeit dieses Sommers so hinzubringen. Unterdeß schickte der Consul den Popillius mit zweitausend Bewaffneten von Phila nach Heracleum. Dies liegt beinahe fünftausend Schritte von Phila, in der Mitte zwischen Dium und Tempe auf einem über den Strom ragenden Felsen. 9. Ehe Popillius die Mauern durch seine Krieger angriff, ließ er durch Abgeordnete den Obrigkeiten und den Häuptern der Stadt die Vorstellung thun, sie möchten sich lieber dazu entschließen, die Zuverlässigkeit und Schonung der Römer kennen zu lernen, als die Gewalt ihrer Waffen. Seine Vorschläge blieben ohne Wirkung, weil man von dort aus die Wachtfeuer des königlichen Lagers am Enipeus vor Augen hatte. Nun begann die Belagerung zu Lande und zu Wasser – denn auch von der Seeseite her hatte die Flotte angelegt – zugleich durch Gefecht, durch Anlagen und Werkzeuge. Auch benutzten einige Römische Jünglinge ein Übungsspiel der Kampfbahn für den Krieg, und erstiegen so die Mauer, wo sie am niedrigsten war. Es war damals üblich, als unsre Übertreibung, die Kampfbahn mit Thieren aus aller Welt anzufüllen, noch nicht eingeführt war, für die Augenweide mehrere Arten von Spielen aufzusuchen, und genera: nec, semel]. – Statt nec lese ich mit dem Msc. des Perizonius ac. wenn ein Rennwagen seine Umzüge nur einmal, oder ein Abspringer sie nur einmal machte, so verstrich mit dem Aufzuge beider kaum die Zeit einer Stunde. Unter andern stellte man auch bewaffnete Jünglinge auf, an die sechzig jedesmal; zuweilen, bei Spielen von größerem apparitoribus]. – Wer folgte nicht gern dem von Muretus so glücklich vorgeschlagenen apparatioribus? Aufwande, ihrer mehrere. Ihr Aufzug war theils bildlich dargestellte Kampfübung eines Heeres, theils Ausübung elegantioris exercitii]. – Einige wollen hier das Wort artis wegstreichen, Andere durch folgende Versetzung helfen: elegantioris, quam exercitii militaris, artis. Dies bleibt, wie ich meine, immer etwas gezwungen. Ich lese exercitio. Das Substantivum exercitio, onis, ist für die aurea Latinitas des Livius weder zu veraltet, denn zu Ulpians und Popinians Zeiten war es noch im Gebrauche; noch zu jung, denn schon Cato hat es. Man sehe die von Gesner im Thesaur. angeführten Stellen. Dann wäre exercitio der zu inductio und simulacrum und propior passende Nominativ. Allein der Abschreiber, der es für den Ablativ von dem ihm bekannteren exercitium hielt, verwandelte das ihm fremde exercitio in den zu elegantioris passenden Genitiv. In den bald folgenden Worten, Quum alios decursus, folge ich Duk., Doujat u. Crevier, welche Quum alios decursu lesen wollen. Auch lese ich statt praetecta mit Lips., Duk.. Drak., u. Crev. praetenta. eines eher 380 niedlichen, als für den Soldaten passenden Kunststücks, und näherte sich mehr einer Anwendung der Waffen im Geiste des Fechterspiels. Nach mehrerlei im Spielgefechte gemachten Bewegungen traten sie in ein Viereck zusammen, schoben die Schilde über ihren Köpfen dicht an einander, und zwar so, daß die Ersten aufrecht standen, die Zweiten etwas gebückt, noch mehr die Dritten und Vierten, und die Letzten sogar auf dem Kniee lagen; und so bildeten sie ein nach Art der Hausdächer schräg ablaufendes Schilddach. Dann liefen aus einer Entfernung von beinahe funfzig Fuß zwei Bewaffnete herbei; nach wechselseitiger Bedrohung machten sie sich auf den dichtgeschlossenen Schilden von unten zur Höhe des Schilddachs hinauf, und sprangen nicht anders, als auf festem Boden, bald, gleichsam zur Vertheidigung des Schilddachs, am äußersten Rande desselben herum, bald in der Mitte mit einander fechtend. Wie also die Soldaten auf einem ähnlichen Schilddache gegen die Mauer anrückten, so waren sie mit den Vertheidigern der Mauer in gleicher Höhe; und als sie diese verjagt hatten, stieg die Mannschaft von zwei Fahnen in die Stadt hinüber. Nur darin waren die Schilddächer verschieden, daß hier bloß die Vordersten in der ersten Reihe und auf den beiden Seiten die Schilde nicht über den Kopf emporhoben; sonst würden sie ihre Körper bloßgegeben haben; sondern sie ihrem Körper vorhielten, wie Fechtende. Nun konnte theils sie selbst im Anrücken kein von der Mauer herabgeworfenes Geschoß verwunden; theils glitten die auf das Schilddach geschossenen Pfeile, wie ein Regen, auf der ableitenden Schräge unschädlich hinunter. Der Consul selbst verlegte, nach der Eroberung von 381 Heracleum, sein Lager hieher, als wollte er nach Dium, und wenn er hier den König vertrieben hätte, sogar nach Pierien vorrücken. Da er sich aber schon auf die Winterquartiere anschickte, so gab er Befehl, für die aus Thessalien herbeizuschaffende Zufuhr die Wege zu pflastern und gelegene Plätze zu Vorrathshäusern zu wählen, wo die Überbringer der Zufuhr einkehren konnten. 10. Als Perseus endlich nach jenem Schrecken, von dem er bedonnert war, wieder Muth faßte, so wünschte er, man hätte lieber seine Befehle damals nicht befolgt, als er in der Bestürzung den Schatz zu Pella ins Meer werfen, die Schiffswerfte zu Thessalonich anzünden hieß. Andronicus, den er nach Thessalonich geschickt hatte, hatte gezögert, um ihm Raum zu geben, wie es nachher wirklich eintraf, sich eines Bessern zu besinnen. Weniger auf seiner Hut hatte Nicias zu Pella einen Theil der Geldsummen, so viel er gerade fand, ins Meer geworfen; hatte aber, wie es schien, einen Fehler begangen, der sich wieder gut machen ließ, insofern durch Taucher fast alles Geld wieder herausgezogen wurde. Und der König schämte sich jener Bestürzung so sehr, daß er die Taucher heimlich hinrichten ließ, nachher auch, um keinen Mitwisser jenes tollen Befehls zu haben, den Andronicus und Nicias . Unterdeß war Cajus Marcius mit seiner Flotte von Heracleum nach Thessalonich gegangen, hatte das Gebiet auf mehreren Seiten durch die an der Küste ausgesetzten Soldaten weit umher verheeren lassen, und die Feinde, wenn sie aus der Stadt heranzogen, durch mehrere glückliche Gefechte genöthigt, eiligst in die Mauern zurückzufliehen. Schon bedrohete er die Stadt selbst; da wurden quum – – percutiebantur]. – In der kleinen Ed., welche Hr.  Walch (emendd. p. 184.) nicht gesehen hatte, erklärt Crevier diese Stelle ganz richtig so: iamque ipsi urbi terribilis erat, quum subito conversa est rerum facies, dispositis super urbis muros tormentis, quibus Romani – percutiebantur. durch Aufpflanzung eines vielfachen Wurfgeschützes nicht bloß die an den Mauern Herumstreifenden, zu unbehutsam sich Nähernden, sondern selbst seine Soldaten 382 auf den Schiffen, von den dem Wurfgeschütze entfliegenden Steinen getroffen. Er rief also die Truppen auf die Schiffe zurück, hob die Belagerung von Thessalonich auf, und sie segelten von hier nach Ania. Funfzehn tausend Schritte ist diese Stadt davon entfernt und liegt Pydna gegenüber, auf fruchtbarem Boden. Nach Verwüstung ihres Gebietes fuhren sie längs der Küste weiter und kamen nach Antigonea. Wie sie hier gelandet waren, verheerten sie zuerst die Gegend allenthalben und brachten eine ansehnliche Beute auf die Schiffe. Als sie sich nachher zerstreuten, griffen die Macedonier, aus Fußvolk und Reuterei gemischt, sie an, verfolgten sie auf ihrer gestreckten Flucht bis an das Meer, tödteten ihrer beinahe fünfhundert und nahmen eben so viele gefangen. Und nur die äußerste Noth, als sie sich ohne Gefahr auch nicht einmal auf ihre Schiffe retten konnten, brachte die Römer theils durch die Verzweiflung an jedem andern Rettungsmittel, theils durch den Unwillen, zur Erbitterung. Am Ufer begann der Kampf von neuem; und die Truppen auf den Schiffen unterstützten ihn. Hier fielen der Macedonier gegen zweihundert; eben so viele wurden Gefangene. Nach ihrer Abfahrt von Antigonea machten die Römer eine Landung auf eine Gegend von Pallene, um sie zu plündern. Diese Gegend gehörte zum Gebiete von Cassandrea, und war bei weitem die fruchtbarste auf der ganzen Küste, an welcher sie vorbeigesegelt waren. Hier stieß König Eumenes, der mit zwanzig Deckschiffen von Elea ausgesegelt war, zu ihnen; ferner fünf Deckschiffe, welche König Prusias schickte. 11. Diese Verstärkung seiner Macht gab dem Prätor Muth zu einem Angriffe auf Cassandrea selbst. Die Stadt ist vom Könige Cassander auf der Landenge selbst erbauet, welche das Pallenische mit dem übrigen Macedonien verbindet, auf der einen Seite vom Toroneischen, auf der andern vom Macedonischen Meerbusen eingeschlossen. Es ragt nämlich die Landzunge, auf welcher sie liegt, ins Meer hinaus, und tritt eben so weit vor, als das Gebirge Atho, hat aber mit ihren zwei ungleichen Vorgebirgen, 383 von denen das größere Posideum, das kleinere Canasträum heißt, ihre Richtung gegen Magnesien. Die Belagerer hatten sich in die Stellen zum Angriffe getheilt. Die Römer führten ihre Verschanzungen bei den sogenannten Schrägen vom Macedonischen Meere bis an das Toroneische, rammeten auch, um den Weg zu sperren, ästige Baumstämme vor: auf der andern Seite ist ein schmaler Wasserstrich; hier unternahm Eumenes den Sturm. Den Römern machte die Ausfüllung eines Grabens, welchen Perseus neulich zum Schutze des Orts gezogen hatte, die meiste Arbeit. Weil der Prätor hier nirgend Erdhaufen gewahr wurde, so fragte er, wo das Erdreich aus dem Graben hingeschaffet sei; und man zeigte ihm die angelegten Gewölbe, die aber nicht mit der alten Mauer in gleicher Dicke, sondern nur aus Einer Reihe von Backsteinen aufgeführt wären. Da kam er auf den Entschluß, mit Durchbrechung dieser Mauerwand den Weg in die Stadt sich zu öffnen. Dies würde er unbemerkt thun können, wenn er die Mauer auf einer andern Seite mit Sturmleitern angriffe, und mit dem hiedurch verursachten Lärme bewirkte, daß die Vertheidiger der Stadt, jene Stelle zu schützen, sich dorthin wendeten. Zur Besatzung lagen in Cassandrea, außer einer bedeutenden Mannschaft von Eingebornen, achthundert Agrianen und zweitausend Penesten aus Illyrien, welche Pleuratus von dort inde missi]. – Ich beziehe dieses inde auf ein in Penestarum Illyriorum steckendes ex Penestia Illyrici; so wie, wenn es hieße: legati a Siculis venere. Eo missi sunt, – aus a Siculis zu eo ein in Siciliam gedacht werden müßte. Herr Walch will statt inde missi lieber intromissi lesen. geschickt hatte, beides kriegerische Völker. Während die Römer gegen solche Vertheidiger der Mauern mit höchster Anstrengung hinaufzuklimmen suchten, eröffneten die im Augenblicke durchbrochnen Wände der Gewölbe die Stadt; und wären Bewaffnete zur Stelle gewesen quod si, qui irrupere, armati fuissent]. – Ich halte mich hier an Jak. Perizonius ; nur interpungire ich die von ihm verbesserte Lesart so: Quod si, qui irrumperent armati, fuissent, – – Si fuissent für si praesto fuissent, qui cum armis irrumperent. , welche 384 hätten hineindringen können, so würden sie die Stadt sogleich erobert haben. Als den Soldaten die Vollendung jener Arbeit gemeldet wurde, erhoben sie freudiges Muthes plötzlich ein Geschrei, weil der Eine auf dieser, der Andre auf einer andern Stelle einzudringen hoffte. 12. Die Feinde geriethen anfangs in Verwunderung, was das plötzliche Geschrei zu bedeuten habe. Als aber die Befehlshaber der Besatzung, Pytho und Philipp , hörten, der Weg in die Stadt sei gemacht, so stürzten sie, in der Überzeugung, daß jene Arbeit für den gethan sei, der mit dem Angriffe zuvorkomme, mit einer starken Schar Agrianen. und Illyrier hinaus, und jagten die Römer, die von hier und von dort sich sammelten und zum Einbruche in die Stadt zusammengerufen wurden, aber noch nicht in Schluß und Stellung waren, in die Flucht, setzten ihnen bis an den Graben nach und stürzten die Hineingesprengten haufenweise über einander. Hier wurden beinahe sechshundert Mann getödtet, und fast Alle, die zwischen der Mauer und dem Graben überfallen waren, verwundet. Durch seinen eignen Versuch geschlagen verlor der Prätor die Lust zu ähnlichen Entwürfen; auch Eumenes, ob er gleich zur See und zu Lande gleichzeitige Angriffe that, hatte nicht das gewünschte Glück. Folglich beschlossen Beide, ihre Posten zu verstärken, damit von Macedonien aus keine Hülfe hineingeschickt werden könne, und die Mauern, gegen welche ihnen der Sturm aus freier Hand nicht gelungen sei, durch Werke anzugreifen. Während sie hierzu die Anstalten trafen, schickte man von Thessalonich zehn königliche Boote mit auserlesenen Gallischen Hülfstruppen, und diese kamen, weil sie die feindliche Flotte auf der Höhe vor Anker wahrgenommen hatten, bei dunkler Nacht in Einer Reihe hinter einander, so nahe als möglich neben dem Ufer hin, zur Stadt. Der Ruf von dieser neuen Verstärkung nöthigte sowohl die Römer, als den König, von der Belagerung abzustehen, Sie fuhren um das Vorgebirge und landeten mit der Flotte bei Torone. Auch hier versuchten sie einen Sturm, segelten aber, sobald sie sich von der Stärke der Besatzung überzeugten, mit 385 Aufgebung ihres Unternehmens nach Demetrias. Als sie hier bei ihrer Annäherung die Menge der Bewaffneten auf den Mauern erblickten, fuhren sie vorbei und ließen die Flotte bei Iolcos landen, um, wenn sie dort die Gegend geplündert hätten, von hier aus auch Demetrias anzugreifen. 13. Unterdessen schickte auch der Consul, um nicht in Feindes Lande nur als der Unthätige dazustehen, den Marcus Popillius mit fünftausend Mann zu einem Angriffe auf die Stadt Meliböa. Sie liegt am Fuße des Ossagebirges, wo sich dieses nach Thessalien hinziehet, auf einer Demetrias beherrschenden Höhe. Zuerst setzte die Ankunft der Feinde die Bewohner des Orts in Bestürzung; als sie sich aber von dem überraschenden Schrecken erholten, vertheilten sie sich in den Waffen an die Thore und auf die Mauern, wo sich irgend ein Hinansteigen des Feindes besorgen ließ, und nahmen ihm dadurch sogleich die Hoffnung, im ersten Sturme die Stadt gewinnen zu können. Er schickte sich also zur Einschließung an und begann die Aufführung der Belagerungswerke. Als nun Perseus hörte, daß zu gleicher Zeit, während das Heer des Consuls Meliböa belagere, auch eine Flotte bei Iolcos stehe, um von dort aus einen Angriff auf Demetrias zu thun, so ließ er einen von seinen Heerführern, Euphranor, mit zweitausend Auserlesenen nach Meliböa gehen; zugleich mit dem Befehle, sobald er die Römer vor Meliböa weggeschlagen habe, sich heimlich nach Demetrias hineinzuziehen, ehe die Römer gegen diese Stadt von Iolcos anrücken könnten. Plötzlich zeigte sich dieser auf den Höhen; und die Belagerer von Meliböa gaben in größter Eile ihre Werke auf und steckten sie in Brand. So war ihr Abzug von Meliböa. Euphranor ging, nach dem Entsatze der einen Stadt, sogleich nach Demetrias. Und nun konnte man hier mit Sicherheit hoffen, nicht bloß die Mauer vertheidigen, sondern selbst die Dörfer vor Plünderungen schützen zu können. Es erfolgten Ausfälle auf die zerstreuten Plünderer und die Feinde hatten viele Verwundete. Dennoch ritten der Prätor und der König um die Stadt, ihre Lage in Augenschein zu nehmen, ob sich auf irgend einer Seite 386 durch Werke oder Sturm ein Versuch machen lasse. Es hieß, hier hätten der Cretenser Cydas und Antimachus, der Befehlshaber von Demetrias, über eine Verbindung zwischen dem Eumenes und Perseus Unterhandlungen gepflogen. Wenigstens zog man von Demetrias ab. Eumenes schiffte zum Consul, stattete ihm zu dem gelungenen Einbruche in Macedonien seinen Glückwunsch ab und ging in sein Reich nach Pergamus zurück. Der Prätor Marcius Figulus, der einen Theil seiner Flotte zum Überwintern nach Sciathus schickte, ging mit den übrigen Schiffen nach Oreum auf Euböa, weil ihm die Stadt vorzüglich dazu gelegen schien, den in Macedonien und Thessalien stehenden Heeren von hieraus Zufuhr zu senden. Über den König Eumenes weichen die Berichte sehr von einander ab. Will man dem Valerius von Antium glauben, so findet man bei ihm, der König habe weder den Prätor mit einer Flotte unterstützt, so oft ihn auch dieser schriftlich zu sich entboten habe, noch sei er in Gutem vom Consul bei seiner Abreise nach Asien geschieden; denn es habe ihn verdrossen, daß ihm die Römer nicht gestatteten, mit ihnen in einerlei Lager zu stehen. Man habe ihn nicht einmal bewegen können, seine mitgebrachte Gallische Reuterei zurückzulassen. Dagegen soll sein Bruder Attalus bei dem Consul geblieben, seine ungeheuchelte Ergebenheit sich immer gleich und seine Dienste in diesem Kriege ausgezeichnet gewesen sein. 14. Während in Macedonien Krieg geführt wurde, kamen Transalpinische Gesandte nach Rom, von einem Fürsten der Gallier, – er wird unter dem Namen Balanos angeführt, das Volk aber, zu dem er gehört haben soll, nicht angegeben – – und versprachen Hülfstruppen zum Macedonischen Kriege. Der Senat ließ ihm Dank sagen und schickte ihm Geschenke, eine goldene Halskette von zwei 620 Gulden Conv. M. Pfund, an goldnen Opferschalen vier 1240 Gulden. Pfund, ein Pferd mit Brust- und Stirnschilden und eine 387 Ritterrüstung. Gleich nach den Galliern überreichten die Pamphylischen Gesandten im Rathhause einen goldenen Kranz, aus zwanzig tausend Goldphilippen 125,000 Gulden. Die Größe dieser Summe erklärt uns Crevier so: Corona illa dicanda erat Iovi et stabili sede in Capitolio collocanda. gefertigt; und die Bitte, dies Geschenk im Allerheiligsten des allmächtigen Jupiter niederlegen und auf dem Capitole ein Opfer bringen zu dürfen, wurde ihnen bewilligt. Auf ihr Gesuch um Erneurung der Freundschaft bekamen diese Gesandten eine sehr gefällige Antwort, und man ließ Jedem ein Geschenk von zweitausend 62 Gulden. Kupferassen zustellen. Nun erhielten die Gesandten vom Könige Prusias und gleich nachher auch die von den Rhodiern, die über einerlei Gegenstand sich sehr verschieden äußerten, im Senate Gehör. Die Vorträge Beider handelten von Wiederherstellung des Friedens mit dem Könige Perseus. Prusias ließ mehr in bittendem, als in forderndem Tone, versichern, «So wie er es bis dahin mit den Römern gehalten habe, so werde er auch, so lange der Krieg daure, auf ihrer Seite sein. Da sich indeß vom Perseus, wegen Beendigung des Krieges mit den Römern, Gesandte bei ihm eingefunden hätten et iis pollicitum]. – Wegen dieses et will Gronov auch nachher lesen: et petere, si possent u. s. w. Man sehe seine Anmerkung bei Drakenb. Ich vermuthe, jenes erste et sei aus ee , d. i. esse, entstanden. Und ich verstehe die Stelle so: Ceterum quum ad se a Perseo legati venissent de finiendo cum Romanis bello, [se] esse iis pollicitum, deprecatorem apud senatum futurum: petere, (si possent inducere in animum) ut finiant iram. Se quoque in gratia reconciliatae pacis [senatum] posse uti. , so habe er ihnen versprochen, bei dem Senate eine Fürbitte einzulegen. Er bitte die Väter – wenn sie sich anders dazu verstehen könnten – ihren Zorn aufzugeben. Auch könnten sie bei dem zu verdienenden Danke, den Frieden wieder eingeleitet zu haben, von ihm Gebrauch machen.» So sprachen die Gesandten des Königs. Die Rhodier hingegen, die mit Übermuth ihre Verdienste um das Römische Volk erwähnten, und beinahe den Sieg, vorzüglich den über den König Antiochus, sich größtentheils selbst zuschrieben, fügten hinzu: «Ihre Freundschaft 388 mit dem Könige Perseus habe zu einer Zeit ihren Anfang genommen, als zwischen Macedonien und Rom Friede gewesen sei. Ungern hätten sie diese, da Perseus nichts um sie verschuldet habe, unterbrochen, bloß weil es den Römern so gefallen habe, sie zur Theilnahme an diesem Kriege zu nöthigen. Jetzt empfänden sie schon ins dritte Jahr die vielfachen Übel dieses Krieges. Bei der Sperrung zur See leide ihre Insel Mangel, weil sie mit den Einkünften von der See auch die Zufuhr verliere. Da sie dies nicht länger hätten aushalten können, hätten sie andre Gesandte an den Perseus nach Macedonien abgehen lassen, ihm anzudeuten, es sei der Wille der Rhodier, daß er mit den Römern Frieden mache. Sie selbst wären mit derselben Erklärung nach Rom gesandt. Wer von beiden Theilen Schuld daran sei, daß der Krieg nicht beendigt werde, gegen den würden die Rhodier ihre Maßregeln zu nehmen wissen.» Ich bin überzeugt, daß man dies auch noch jetzt nicht ohne Unwillen lesen oder hören kann: es läßt sich also auf die Empfindungen der Väter schließen, als sie so etwas anzuhören hatten. 15. Claudius sagt, man habe ihnen gar keine Antwort gegeben; nur sei ihnen der Senatsschluß vorgelesen, durch welchen das Römische Volk die Carier und Lycier für unabhängig erklärte, und literasque extemplo ad utramque gentem * scirent]. – Durch das Sternchen hat man hier eine Lücke andeuten wollen, die ich nicht finden kann. Auch kommen mir die hier vorgeschlagenen Abänderungen ganz unnöthig vor. Aus den Worten senatus consultum recitatum, quo – und aus que hinter literas erkläre ich mir die Stelle so: et quo (scil. recitato), Rhodii scirent, literas ad utramque gentem mitti, indicatum utrique hanc Romanorum voluntatem. Das Wort Rhodii hatte Livius nicht nöthig, weil schon vorher nihil responsum sich auf Rhodiis bezog, und auch gleich nachher principem legationis ein Rhodiorum voraussetzt. Über Carien und Lycien in Beziehung auf die Rhodier vergl. man nach Dukers Angabe 37, 55.  56. 38, 39. 41, 6. 25. 42, 14. 45, 22. woraus sie ersehen mußten, daß man sogleich Schreiben an beide Völker mit dieser Anzeige abgehen ließ. Als der Erste der Gesandschaft, für dessen hohen Ton so eben noch das Rathhaus fast zu klein wurde, dieses hörte, soll er zusammengesunken sein. Nach Andern wurde ihnen folgende Antwort gegeben: 389 «Das Römische Volk habe theils beim Ausbruche dieses Krieges aus zuverlässigen Quellen erfahren, daß sich die Rhodier mit dem Könige Perseus gegen den Römischen Stat auf geheime Plane eingelassen hätten; theils habe dies so eben, wenn es vorher noch zweifelhaft gewesen wäre, die Sprache der Gesandten zur Gewißheit gebracht; und gewöhnlich verrathe sich eine Unredlichkeit, wenn sie auch anfangs auf ihrer Hut sei, am Ende selbst. Die Rhodier dächten durch eine bloße Ankündigung, in der ganzen Welt über Krieg und Frieden die Schiedsrichter zu machen: nach ihrem eorum nutu]. – Ich folge Perizon., Drak., Crev. Winke sollten die Römer zu den Waffen greifen und sie wieder niederlegen; sollten künftig nicht mehr in den Göttern, sondern in den Rhodiern, die Zeugen der Bündnisse sehen. Also im Ernste Itane tandem iis pareatur etc.]. – Ich interpungire mit Drakenborchs Beistimmung nach Crevier: Itane tandem? ni iis pareatur, exercitusque de Macedonia deportentur, visuros esse, quid sibi faciendum sit? so daß sich die ironische Frage auf die Worte bezieht, womit der Rhodische Gesandte seine Rede geschlossen hatte. Doch möchte ich iis nicht gern, wie Crev. thut, in ni verwandeln, theils weil es einmal als alte Lesart dasteht, theils weil ich dies iis wegen des voraufgegangenen eorum nutu für geflissentlich wiederholt halte. Auch ist es nicht nöthig, dem ni zu gefallen dies iis sinken zu lassen, da dies ni, auch wenn wir iis beibehalten, aus dem m in tande m sich wieder herstellen läßt. Wie oft haben wir schon gesehen, daß, eines voraufgegangenen m wegen, ein folgendes in ausfiel. Eben so leicht ni. ? wenn man ihnen nicht Folge leiste, nicht die Heere aus Macedonien abführe, so wollten sie darauf denken, was sie zu thun hätten? – Worauf die Rhodier zu denken hätten, müßten sie selbst wissen. Die Römer würden ihrerseits nach Besiegung des Perseus, welche hoffentlich nächstens erfolgen werde, dahin sehen, jedem State, so wie er es in diesem Kriege um sie verdienen werde, nach Gebühr zu vergelten.» Doch ließ man jedem Gesandten zweitausend Kupferass als Geschenk zustellen, welches sie aber nicht annahmen. 16. Nun wurde das Schreiben des Consuls Quintus Marcius vorgelesen, worin er berichtete, «Wie er mit Übersteigung des Waldgebirgs in Macedonien eingedrungen sei. Hier sei er theils im Besitze der Vorräthe, mit denen ihn der Prätor aus andern Gegenden auf den 390 Winter versorgt habe, theils habe er sich von den Epiroten zwanzig tausend Maß Weizen und zehntausend Maß Gerste unter der Bedingung geben lassen, daß die Bezahlung dieses Getreides zu Rom an ihre Gesandten besorgt werde. Kleidungsstücke müßten seinen Truppen von Rom aus geschickt werden. Er habe gegen zweihundert Pferde nöthig, hauptsächlich Numidische; denn in jenen Gegenden könne er durchaus keine bekommen.» Es wurde ein Senatsschluß abgefaßt, daß dies Alles der Anzeige des Consuls gemäß ausgerichtet werden solle. Der Prätor Cajus Sulpicius schloß einen Pachtvertrag, sechstausend Oberkleider, dreißigtausend Unterröcke und die Pferde nach Macedonien zu liefern und nach des Consuls Verfügung sie abzugeben; ließ den Gesandten der Epiroten das Geld für das Getreide auszahlen, und stellte den Onesimus, des Pytho Sohn, einen vornehmen Macedonier, dem Senate vor. Dieser hatte dem Könige beständig den Frieden empfohlen, und ihm gerathen, so wie sichs sein Vater Philipp bis an den letzten Tag seines Lebens zum Geschäfte machte, den Friedensvertrag mit den Römern täglich zweimal durchzulesen, von dieser Weise, wo nicht immer, doch zum öfteren, Gebrauch zu machen. Als er ihn vom Kriege nicht abschrecken konnte, zog er sich anfangs, bald unter diesem, bald unter jenem Vorwande zurück, um bei dem, was er nicht billigen konnte, nicht zugegen zu sein: zuletzt, als er sah, daß man ihn verdächtig fand und ihm mitunter die Beschuldigung einer Verrätherei aufbürdete, ging er zu den Römern über, und war dem Consul von großem Nutzen. Als er dies bei seiner Aufstellung im Rathhause anführte, verordnete der Senat, ihn förmlich unter Roms Bundesgenossen aufzunehmen, ihm einen Ehrenplatz und freie Bewirthung zu geben, an Tarentinischer, dem Römischen State eigner, Länderei, zweihundert Morgen anzuweisen und zu Tarent ein Haus 391 zu kaufen. Die Besorgung wurde dem Prätor Cajus Decimius aufgetragen. Am dreizehnten December hielten die Censorn die Schatzungsmusterung, und zwar mit größerer Strenge als sonst. Vielen nahmen sie das Ritterpferd, unter Andern auch dem Publius Rutilius, der sie als Bürgertribun so hart verklagt hatte. Sie stießen ihn auch aus seinem Bezirke und machten ihn zum Steuersassen. Da ihnen von den Schatzmeistern vermöge eines Senatsschlusses die Hälfte der diesjährigen Zollgefälle zu öffentlichen Anlagen angewiesen wurde, so kaufte Tiberius Sempronius von der ihm angewiesenen Summe das Haus des Publius Africanus, neben den alten Krambuden bei der Bildsäule des Vortumnus, mit den daranstoßenden Fleischbanken und Kramgewölben für den Stat an und ließ das Statsgebäude aufführen, welches nachher Basilica Sempronia hieß. 17. Schon war das Jahr im Ausgange, und hauptsächlich aus Rücksicht auf den Macedonischen Krieg machten die Bürger die Frage zum Gegenstande ihrer Gespräche, was für Consuln sie auf das nächste Jahr wählen müßten, um endlich mit diesem Kriege fertig zu werden. Also erließ der Senat den Beschluß, Cneus Servilius solle sich so bald als möglich zur Haltung der Wahlversammlung einfinden. Nachdem der Prätor Sulpicius diesen Beschluß dem Consul ad consulem etc.] – Ich habe die kleinen Lücken in Drakenborchs Sinne so auszufüllen gesucht, daß man die wahrscheinliche Veranlassung dieser Auslassungen sehen kann. Senatus consultum Stilpicius praetor ad consulem quum misisset, patribus literas, receptas a consule post paucos dies, recitavit, quibus in ante diem * * * * * comitia edicebat, seque eum ante diem in urbem venturum. Die Ähnlichkeit der Worte ad consulem mit a consule, und die der Worte in ante diem mit eum ante diem ließ auch hier, wie an unzähligen Stellen, den Abschreiber fehlgehen. [zugeschickt hatte], las er die wenige Tage nachher [vom Consul erhaltene Antwort den Vätern] vor, worin jener die Haltung der Wahltage auf den * * * * [bestimmte, und, daß er selbst] vor jenem Tage in Rom eintreffen werde. Der Consul selbst kam früh genug und auf den bestimmten Tag ging auch die Wahl vor sich. Zu den Consuln wurden gewählt Lucius Ämilius Paullus zum zweitenmale, im vierzehnten septimo decimo]. – Nach Sigon., Crev. und Drak. las der Abschreiber statt XIIII. unrichtig XVII. Jahre nach seinem ersten Consulate, und Cajus Licinius Crassus. Die am folgenden Tage ernannten Prätoren waren Cneus Bäbius Tamphilus, Lucius Anicius Gallus, Cneus Octavius, Publius Fontejus Balbus, Marcus Äbutius Elva, Cajus Papirius Carbo. Der Gedanke an den Macedonischen Krieg spornte den Senat, Alles so viel mehr zu beschleunigen. Also wurde beschlossen: «Die bestimmten Consuln sollten sogleich um ihre Standplätze losen, damit man wisse, wem von beiden Consuln Macedonien, und welchem Prätor die Flotte zugefallen sei, so daß diese gleich jetzt die künftigen Erfordernisse zum Kriege überdenken und sie anschaffen, auch auf den Fall einer nöthigen Anfrage beim Senate, diese zum Vortrage bringen könnten. Wenn sie ihr Amt angetreten hätten, sollten sie die Feier des Latinerfestes, so viel sich ohne Anstoß gegen die heiligen Gebräuche thun lasse, möglichst beschleunigen; und der Consul, der nach Macedonien gehen müsse, solle sich durch nichts aufhalten lassen.» Nach diesen Beschlüssen wurden den Consuln Italien und Macedonien, den Prätorn, außer der zwiefachen Gerichtspflege in der Stadt, die Flotte, Spanien, Sicilien, Sardinien, zu ihren Standplätzen bestimmt. Von den consularischen Plätzen fiel Macedonien dem Ämilius zu, Italien dem Licinius. Von den Prätoren wies das Los dem Cneus Bäbius die städtische Gerichtspflege an, dem Lucius Anicius die über die Fremden und noch eine vom Senate zu bestimmende Anstellung; dem Cneus Octavius die Flotte, dem Publius Fontejus Spanien, dem Marcus Äbutius Sicilien, dem Cajus Papirius Sardinien. 18. Sogleich fiel es jedermann auf, daß Lucius Ämilius diesen Krieg nicht schläfrig führen werde; außerdem, daß er ein ganz andrer Mann war, auch darum, weil er, Tag und Nacht aufmerksam, seinen Geist allein mit dem beschäftigte, was zum Kriege gehörte. Gleich zuerst ersuchte er den Senat, Abgeordnete nach Macedonien 393 gehen zu lassen, um die Heere und die Flotte zu untersuchen, und darüber zu berichten, was nach ihren Wahrnehmungen die Truppen zu Lande oder zur See nöthig hätten; außerdem möchten sie sich, so viel möglich, über die Truppen des Königs in Kenntniß setzen; ferner, wo die Römer ihren Standplatz haben würden, wo der Feind den seinen; ob die Römer ihr Lager noch in dem Waldgebirge hätten, oder ob sie schon über die sämtlichen Engpässe hinaus und in ebenere Gegenden gekommen wären; welche Bundesgenossen uns wirklich treu, welche zweifelhaft und mit ihrer Treue vom Glücke abhängig, und welche offenbar Feinde zu sein schienen; wie groß die angeschafften Vorräthe wären; aus welcher Gegend sie zu Lande zugeführt würden, woher zur See; was man in diesem Sommer zu Lande und zu Wasser ausgerichtet habe: denn seiner Meinung nach könne man für die Zukunft nur nach gründlicher Belehrung über diese Punkte zu bestimmten Maßregeln schreiten. Der Senat gab dem Consul Cneus Servilius den Auftrag, die vom Lucius Ämilius zu bestimmenden Abgeordneten für Macedonien zu bevollmächtigen. Schon nach zwei Tagen gingen Cneus Domitius Ahenobarbus, Aulus Licinius Nerva, Lucius Bäbius mit der Vollmacht ab. Zu Ausgange des Jahrs lief die Meldung ein, es sei zweimal ein Steinhagel gefallen, nämlich auf Römischem, und zugleich auf Vegentischem Boden. Die neuntägige Andacht wurde gehalten. In diesem Jahre starben die Priester, Publius Quinctius Varus, der Eigenpriester des Mars, und Marcus Claudius Marcellus, einer von den Zehnherren in cuius locum]. – Nämlich des Decemvirs. Die Wiederbesetzung der Stelle des flamen Martialis giebt Livius hier nicht an, weil sie erst nach einem Jahre erfolgte. B. 45. C. 15. am Ende. , an dessen Stelle Cneus Octavius gewählt wurde. Auch findet sich, weil damals der Prachtaufwand schon im Steigen war, angemerkt, daß auf den Spielen in der Kampfbahn, welche Publius Cornelius Scipio Nasica und Publius Lentulus, die Curulädilen, gaben, dreiundsechzig Pantherthiere, vierzig Bären und * * Elephanten das Kampfspiel machten. 394 19. Als zu Anfange des folgenden Jahres, in welchem Lucius Ämilius Paullus und Cajus Licinius Consuln waren, die Väter am funfzehnten März in Erwartung standen, was der Consul, welchem Macedonien als Standort zugefallen war, darüber zum Vortrage bringen werde, so sagte Paullus, «Er habe darüber nichts vorzutragen, weil die Gesandten noch nicht zurückgekommen wären. Doch befänden sie sich schon zu Brundusium, nachdem sie auf ihrer Heimfahrt zweimal nach Dyrrhachium zurück verschlagen wären. Sobald er nächstens über das belehrt sei, was er vorher zu wissen nöthig habe, wolle er einen Antrag thun. In wenig Tagen werde es so weit kommen. Damit auch seine Abreise durch nichts [bis zum zwölften April] verzögert werden könne pridie idus Apriles]. – Die Kritiker bemerken, daß entweder hier das Wort idus in calendas, oder Cap. 22. das Wort calendas in idus abgeändert werden müsse. Als ein Auskunftsmittel, an beiden Stellen für die ferias Latinas die Lesart pridie calendas Apriles zu behalten, und doch die idus Apriles nicht ganz wegzustreichen, nehme ich an, Paullus habe gesagt: Et, ne quid profectionem suam teneret ad pridie idus Apriles, pridie calendas Apriles Latinis esse constitutam diem. Dann ergäbe sich, was den Abschreiber irre führte, und der Zusammenhang ließe sich rechtfertigen. Paullus weiß, daß das Latinerfest (diesmal vom 31sten März bis zum dritten April) die ersten Tage des Aprils wegnehmen wird; er kann auch nicht wissen, was ihm in den darauf folgenden nächsten Tagen noch vielleicht der Senat selbst zu thun giebt. Er verspricht also noch vor dem 12ten, als dem spätesten Termine, seine Abreise, und erbietet sich, simul senatus censuisset, noch früher, gleich nach dem Opfer, aufzubrechen. , so habe man zum Latinerfeste den einunddreißigsten März angesetzt. Nach gehöriger Ausrichtung des Opfers wolle er und Cneus Octavius, sobald es der Senat bestimme, ausziehen. Sein Amtsgenoß Cajus Licinius werde in seiner Abwesenheit dafür sorgen, daß man Alles, was etwa zu diesem Kriege anzuschaffen und abzusenden sei, anschaffe und absende. Indessen könnten die Gesandschaften der auswärtigen Volker abgehört werden.» Die Sacrificio rite perfecto, primi Alexandrini]. – Fünf Zeilen vorher sind die Worte Sacrificio rite perfecto schon dagewesen. Dort bezogen sie sich auf das Opfer an den feriis Latinis, in monte Albano. Dies kann hier nicht gemeint sein, weil Paullus nicht am 15ten März ein Opfer bringen kann, zu dem er selbst so eben den 31sten März als festgesetzt genannt hat. Das sollenne sacrum, quod consules faciunt, antequam de re p. referunt, kann hier auch nicht gemeint sein, denn der Consul, ob er gleich sagt, nihil se habere, quod referret, ist doch schon in referendo begriffen; das Opfer muß schon vorangegangen sein, ehe er als referens vorschlägt, die fremden Gesandten vorzulassen. Daß wir an das Opfer vom Quinquatrusfeste denken sollen, kann Livius auch nicht von uns erwarten, da er dieses Festes erst nach der Abreise der Alexandriner Gesandten im folgenden Cap. erwähnt. Auch ist es nicht wahrscheinlich, daß Paullus, da er hier am 15ten März vor dem Senate spricht, und das Quinquatrusfest erst am 19ten einfiel, bei seinem Drange, nach Macedonien zu kommen, vier Tage ungenutzt gelassen und dann noch das Opfer an den Quinquatrien abgewartet haben sollte, ehe er die fremden Gesandten dem Senate vorstellte. Ich lasse also hier die Worte Sacrificio rite perfecto mit Creviers Zustimmung wegfallen. Er sagt: Nihil iis hoc loco opus est. Vix dubium videtur esse, ex prioribus huc immigravisse. zuerst 395 Hereingerufenen waren die Alexandriner, gesandt von dem königlichen Ehepare, Ptolemäus und Cleopatra. In Trauerkleidern, mit langgewachsenem Barte und Hare, und Ölzweige in den Händen traten sie in den Rathssal, sanken auf die Kniee nieder, und ihr Vortrag war noch kläglicher, als ihr Aufzug. Antiochus, Syriens König, der zu Rom Geisel gewesen war, und jetzt unter dem ehrenvollen Scheine, den ältern Ptolemäus maioris Ptolemaei reducendi]. – Ptolemäus V. Epiphanes hatte zwei Söhne hinterlassen, den Ptolemäus VI. Philometor und den Ptolemäus VII. Physkon. Der jüngere Bruder nahm dem älteren die Gemahlinn (und Schwester) Cleopatra und zugleich das Königreich. Den älteren will Antiochus Epiphanes wieder einsetzen und bedrohet Alexandrien. Die Gesandschaft kam also von den beiden Bedrängten, dem Physkon und der Cleopatra. wieder in sein Reich einzusetzen, mit dessen jüngerem Bruder, dem damaligen Besitzer von Alexandrien, Krieg führte, hatte nicht nur bei Pelusium mit der Flotte gesiegt, sondern war auch vermittelst einer Nothbrücke mit seinem Heere über den Nil gegangen, und bedrohete Alexandrien selbst mit einer Belagerung; ja es hatte den Anschein, als ob er bald von diesem so mächtigen Reiche Herr sein werde. Dies klagten die Gesandten dem Senate und baten ihn, ihrem Reiche und ihrem Königspare als Freunden des Römischen Stats zu helfen. «Das Römische Volk habe um den Antiochus so große Verdienste, und stehe bei allen Königen und Nationen in so hohem Ansehen, daß er gewiß, wenn sie nur Gesandte hinschickten und ihm sagen ließen, der Senat sei mit diesem Kriege gegen seine königlichen Verbündeten unzufrieden, sogleich von 396 Alexandriens Mauern abziehen und sein Heer nach Syrien zurückführen werde. Nähmen sie Anstand dies zu thun, so würden nächstens Ptolemäus und Cleopatra, als Flüchtlinge aus ihrem Reiche, in Rom erscheinen, nicht ohne Beschämung für das Römische Volk, welches sie, als ihr Alles auf dem Spiele stand, ohne Hülfe gelassen habe.» Gerührt durch die Bitten der Alexandriner ließen die Väter sogleich den Cajus Popillius Länas, den Cajus Decimius und Cajus Hostilius als Gesandte abgehen, um den Krieg zwischen den Königen beizulegen. Sie wurden angewiesen, zuerst zum Antiochus und dann zum Ptolemäus zu gehen und ihnen anzukündigen, wenn sie nicht vom Kriege abständen, so würden die Römer den, der von ihnen Beiden daran schuld sei, weder für ihren Freund, noch für ihren Bundesgenossen erkennen. 20. Als sie noch vor Ablauf von drei Tagen zugleich mit den Alexandrinischen Gesandten abgereiset waren, trafen am letzten Tage des Quinquatrusfestes die Gesandten aus Macedonien unter so sehnlicher Erwartung ein, daß die Consuln, wäre es nicht schon Abend gewesen, sogleich den Senat würden berufen haben. Am folgenden Tage war Senatssitzung, und die Gesandten wurden vernommen. Sie meldeten: «Mehr mit Gefahr als Nutzen sei das Heer über unwegsame Waldgebirge in Macedonien eingeführt. Pierien, wohin es vorgedrungen sei, habe der König besetzt. Lager an Lager ständen Beide sich fast so nahe, daß sie nur der zwischen ihnen fließende Strom Enipeus von einander abhalte; und der König biete kein Treffen an, und unser Heer sei nicht stark genug, ihn dazu zu zwingen. Mitten in den Unternehmungen sei der harte Winter dazugekommen: der Soldat werde, ohne etwas dafür zu thun, gefüttert, und man habe nicht mehr, als sechs * * * * Getreide. Die Macedonier sollten dreißig tausend Mann stark sein. Hätte Appius ein hinlängliches Heer bei Lychnidus, so hätte man durch Angriff auf zwei Seiten die Macht des Königs theilen können; so aber sei Appius selbst mit seinem Kohre in größter Gefahr, wenn nicht eiligst entweder 397 ein ordentliches Heer dorthin gesandt, oder jene von dort abgeführt würden. Aus dem Lager wären sie zur Flotte hingereiset und hätten gehört, daß ein Theil der Seetruppen an Krankheiten gestorben sei; ein andrer Theil, hauptsächlich Sicilianer, sei nach seiner Heimat abgegangen, und es fehle auf den Schiffen an Menschen. Und die man habe, hätten keinen Sold erhalten und wären ohne Kleider. Eumenes sei mit seiner Flotte, als hätten ihn die Winde mit den Schiffen herbeigewehet, ohne Ursache gekommen und gegangen; auch scheine dieser König in seiner Zuneigung nicht ganz fest zu sein.» So wie sie das ganze Verhältniß zum Eumenes als unzuverlässig darstellten, so meldeten sie vom Attalus eine musterhafte Beharrlichkeit in seiner Treue. 21. Als die Gesandten abgehört waren, da endlich erklärte Lucius Ämilius, nun bringe er die Angelegenheiten des Krieges zum Vortrage. Der Senat verordnete: «Die Ernennung der Obersten für acht Legionen solle zwischen den Consuln und dem Volke zu gleichen Theilen gehen; es solle aber für dies Jahr niemand dazu gewählt werden, der nicht schon ein Ehrenamt bekleidet habe. Dann könne sich unter den sämtlichen Obersten Lucius Ämilius die ihm anständigen zu den zwei Legionen für Macedonien aussuchen, und nach Beendigung der Latinischen Jahresfeier sollten der Consul Lucius Ämilius und der Prätor Cneus Octavius, dem die Flotte zugefallen sei, auf ihre Standplätze abgehen.» Außer ihnen erhielt noch ein Dritter eine Bestimmung, der Prätor Lucius Anicius, der die Rechtspflege über die Fremden hatte. Man fand für gut, ihn dem Appius Claudius auf seinem Posten bei Lychnidus in Illyricum zum Nachfolger zu geben. Die Sorge für die Werbung wurde dem Consul Cajus Licinius aufgetragen. Er erhielt Befehl, siebentausend Römische Bürger und zweihundert Ritter auszuheben, sich von den verbündeten Latinern siebentausend Mann zu Fuß und vierhundert Ritter stellen zu lassen, und dem Cneus Servilius, der seinen Posten in Gallien hatte, zu schreiben, daß er sechshundert Reuter anwerben möge. 398 Dies Heer sollte er dann je eher je lieber nach Macedonien an seinen Amtsgenossen abgehen lassen. Dort sollten auf dem Kriegsplatze nicht mehr als zwei Legionen stehen, und diese so ergänzt werden, daß jede aus sechstausend Mann zu Fuß und dreihundert Rittern bestehe. Die Übrigen, Ritter sowohl als Fußvolk, sollten in die Besatzungen vertheilt, und die nicht mehr zum Dienste Tauglichen verabschiedet werden. Außerdem mußten die Bundesgenossen zehntausend Mann zu Fuß und achthundert Ritter stellen. Diese Truppen wurden dem Anicius noch außer den zwei Legionen gegeben, welche er nach Illyricum in Macedoniam]. – Nach Macedonien gehen Paullus und Octavius; Anicius aber nach Illyricum. Ich lese also statt in Macedoniam mit Crevier in Illyricum. mitnehmen sollte, und welche jede fünftausend zweihundert Mann zu Fuß und dreihundert Ritter haben sollten. Auch für die Flotte wurden fünftausend Seeleute ausgehoben. Der Consul Licinius sollte für seinen Standplatz zwei Legionen haben, und diese mit zehntausend Mann Fußvolk und sechshundert Rittern von den Bundesgenossen verstärken. 22. Als die Senatsbeschlüsse abgefaßt waren, trat der Consul Lucius Ämilius, so wie er vom Rathhause kam, in der Volksversammlung auf und hielt folgende Rede. «Ich glaube bemerkt zu haben, ihr Quiriten, daß die Zahl derer, die mir dazu Glück wünschten, Macedonien zu meinem Standorte bekommen zu haben, größer war, als damals, wie man mich als neugewählten Consul begrüßte, oder auch am Antrittstage meines Amts: und dies aus keiner andern Ursache, als weil ihr glaubtet, dem Macedonischen Kriege, der so langsam geht, vielleicht durch mich einen der Hoheit des Römischen Volks würdigen Ausgang zu geben. Ich hoffe, meine Ziehung des Loses soll auch den Göttern gefällig gewesen sein, und ihr Segen mich in meinen Unternehmungen begleiten. Dies kann ich mir theils aus den Vorbedeutungen partim o p inari]. – Nach Crevier richtiger: o m inari. , theils nach eigner Erwartung versprechen. Wenigstens fehlt 399 es mir für die Zusage, mich aus allen Kräften zu bestreben, daß ihr diese Hoffnung von mir nicht umsonst gefaßt haben sollt, so wenig an Gewißheit als an Muth. Die Bedürfnisse des Krieges hat nicht nur der Senat bewilligt, sondern mein Amtsgenoß – denn ich selbst soll sogleich aufbrechen; und ich bin auch nicht dagegen – Cajus Licinius, ein so vortrefflicher Mann, wird sie auch eben so angelegentlich besorgen, als hätte er selbst diesen Krieg zu führen. So glaubt denn künftig meinen Berichten an den Senat, oder an euch selbst; gebt aber nicht durch eigene Leichtgläubigkeit Gerüchten Nahrung, zu denen sich kein Aussager findet. Denn jetzt ist kein Feldherr – – und dies habe ich als etwas Gewöhnliches, vorzüglich aber in diesem Kriege, wahrgenommen – – gegen Gerüchte so gleichgültig, daß sie ihm nicht den Muth nehmen sollten. In jedem Zirkel, und, wenn es Gottes Wille ist, bei jedem Gastgebote, giebt es Leute, welche sichs zutrauen, Heere nach Macedonien zu führen, die da wissen, wo man sich zu lagern habe, welche Gegenden man besetzen müsse, wann und durch welchen Waldpaß man in Macedonien eindringen, wo man die Vorräthe aufschütten, auf welchem Wege man die Zufuhr zu Lande und zu Wasser kommen lassen, wann mit dem Feinde schlagen, wann sich ruhig verhalten müsse. Und sie bestimmen nicht allein, wie dies und jenes besser zu machen sei, sondern sobald es der Consul anders macht, als nach ihrem Ermessen, so sind sie seine Ankläger, als ständen sie mit ihm zu Gerichte. Dies lähmt den Mann, der sich an eine Unternehmung wagt: denn nicht Alle sind gegen ungünstiges Gerede so fest und standhaft, als Fabius war, der sich lieber dazu verstand, seinen Oberbefehl von der Thorheit des Volks beschränken zu lassen, als unter günstiger Nachrede seine Sache schlecht zu machen. Ich bin nicht der Meinung, daß man einem Feldherrn gar keine Erinnerungen machen dürfe; im Gegentheile sehe ich in dem, der Alles nach eignem Gutdünken ausrichten will, eher den Übermüthigen, als den Weisen. Worauf kommt es also an? Einmal, die den 400 Feldherren zu machenden Erinnerungen müssen von einsichtsvollen Männern kommen, die recht eigentlich mit dem Kriegswesen bekannt und durch Erfahrung belehrt sind; zum Andern, von solchen, die bei den Unternehmungen zugegen sind, die den Ort qui intersunt gerendis, qui loca, qui hostem]. – So ergänzt Drakenb. diese kleine Lücke. , den Feind, den günstigen Zeitpunkt, vor Augen haben, und gleichsam auf demselben Schiffe Theilnehmer der Gefahr sind. Ist also jemand, der sichs zutrauen kann, über den Krieg, den ich zu führen haben werde, mir einen Rath zu geben, der dem State heilsam wäre, der versage doch ja dem State seine Dienste nicht und begleite mich nach Macedonien. Sein Schiff, sein Pferd, ein Zelt, ja die Zehrung will ich ihm reichen lassen. Wem aber dies zu unbequem ist, wer die Ruhe der Stadt den Beschwerlichkeiten des Felddienstes vorzieht, der muß nicht vom Lande aus Steuermann sein wollen. Die Stadt giebt sich selbst Gespräche genug zum Besten: sie beschränke also ihre Geschwätzigkeit auf sich selbst, und lasse sichs gesagt sein, daß auch wir mit unsern Berathungen im Lager uns begnügen wollen.» Nach dieser Rede brachen, sobald am Latinerfeste, welches am einunddreißigsten März gefeiert wurde, das Opfer auf dem Albanerberge gehörig ausgerichtet war, sowohl der Consul, als der Prätor Cneus Octavius, sogleich nach Macedonien auf. Es ist als denkwürdig angemerkt, daß den Consul diesmal eine weit zahlreichere Menge, als gewöhnlich, vor das Thor begleitete, und daß man, mit einer Art von Gewißheit ahnend, sich versprach, das Ende des Macedonischen Krieges sei gekommen und bald werde in einem herrlichen Triumphe die Rückkehr des Consuls erfolgen. 23. Während dies in Italien vorging, überzeugte sich Perseus, daß er die Benutzung eines Mittels, zu dem er, ob er gleich die Einleitung gemacht hatte, sich doch noch nicht hatte verstehen können, weil er dann Geld ausgeben mußte; ich meine die Verbindung mit dem 401 Illyrischen Könige Gentius; jetzt nicht länger verschieben dürfe: denn er sah, daß die Römer in das Waldgebirge eingedrungen waren, und daß es mit dem Kriege zur letzten Entscheidung kommen müsse. Da er schon durch seinen Gesandten Hippias, unter der Bedingung, sich gegenseitig Geisel zu geben, dreihundert Talente 562,500 Gulden Conv. M. hatte versprechen lassen, so schickte er einen seiner Vertrautesten, den Pantauchus, hin, die Sache zu Stande zu bringen. Pantauchus traf den Illyrischen König zu Medeon im Labeatischen. Hier übernahm er vom Könige den Eid und die Geisel. Auch Gentius schickte einen Gesandten, Namens Olympio, um vom Perseus den Eid und die Geisel anzunehmen. Mit diesem ließ er zum Empfange des Geldes noch andre abgehen, und auf den Vorschlag des Pantauchus wurden auch Parmenio und Morcus dazu bestimmt, als Gesandte mit den Macedonischen nach Rhodus zu gehen. Diese bekamen den Auftrag, nur dann erst nach Rhodus abzureisen, wenn jene Gesandten den Eid, die Geisel und die Gelder von Perseus übernommen hätten. «Wenn dann den Rhodiern zwei Könige zugleich genannt würden, so müsse sie dies doch wohl zum Kriege mit Rom bestimmen können. Und die Verbindung mit diesem State, der jetzt den Ruf der größten Seemacht habe, werde die Römer zu Lande und zu Wasser um alle ihre Hoffnungen bringen.» Die ankommenden Illyrier traf Perseus, der sich aus seinem Lager am Flusse Enipeus mit der ganzen Reuterei aufgemacht hatte, bei Dium. Hier wurden die verabredeten Vertragspunkte in einem von der Reuterei geschlossenen Kreise vollzogen; denn Perseus hatte ihre Gegenwart beim Abschlusse der mit dem Gentius eidlich eingegangenen Verbindung gewünscht, weil er glaubte, es werde zur Erhöhung ihres Muthes nicht wenig beitragen. Die Geisel wurden vor Aller Augen abgegeben und angenommen, die zum Empfange des Geldes bestimmten Gesandten an die königliche Schatzkammer nach Pella geschickt, und die, welche mit den 402 Illyrischen Gesandten nach Rhodus gehen sollten, wurden angewiesen, zu Thessalonich sich einzuschiffen. Dort war Metrodorus, welcher neulich von Rhodus zurückgekommen war, und die Versicherung gab, auf Betrieb des Dinon und Polyaratus, der Häupter ihres Stats, hätten sich die Rhodier zum Kriege in Bereitschaft gesetzt. Er wurde bei der den Illyriern mitgegebenen Gesandschaft als das Haupt angestellt. 24. Zu gleicher Zeit gingen an den Eumenes und an den Antiochus Vorstellungen von gemeinschaftlicher Beziehung ab, wie sie sich von der Lage der Verhältnisse erwarten ließen. «Zwischen einem Freistate und einem Könige bestehe Feindschaft durch die Natur. Das Römische Volk greife einen nach dem Andern an, und was noch ärgerlicher sei, bestreite die Könige mit der andern Könige Kräften. Mit Hülfe des Attalus sei sein Vater unterdrückt; mit Hülfe des Eumenes und zum Theile auch seines Vaters Philipp, sei Antiochus angegriffen. Gegen ihn selbst hätten die Römer jetzt den Eumenes und Prusias bewaffnet. Hätten sie das Macedonische Reich vernichtet, dann sei Kleinasien das nächste, das sie zum Theile schon, unter dem Vorwande, die Städte in Freiheit zu setzen, sich zu eigen gemacht hätten: und dann folge Syrien. Schon zögen sie in ihren Ehrenerweisungen dem Eumenes den Prusias vor; schon werde der Sieger Antiochus vom Lohne seines Sieges, von Ägypten, zurückgewiesen. Wenn der König dies beherzige, so möge er doch entweder darauf denken, die Römer zu zwingen, daß sie mit Perseus Frieden machten, oder, wenn sie bei ihrem ungerechten Kriege beharreten, sie als die gemeinschaftlichen Feinde aller Könige betrachten.» Der Antrag an den Antiochus ging seinen offenen Weg: der Gesandte an den Eumenes kam unter dem Vorwande, die Gefangenen auszuwechseln; es wurden aber gewisse geheimere Dinge verhandelt, welche den den Römern schon jetzt misfälligen und verdächtigen Eumenes mit noch härteren ungegründeten Beschuldigungen belasteten. Denn darüber, daß die beiden Könige, 403 um einander zu belisten, in Betrug und Geldgeiz wetteiferten, galt er ihnen für einen Verräther, ja beinahe für erklärten Feind. Der Cretenser Cydas gehörte zu des Eumenes nächsten Vertrauten. Dieser hatte schon früher bei Amphipolis mit einem gewissen Chimarus, seinem Landsmanne in des Perseus Diensten, dann später bei Demetrias, einmal mit einem gewissen Menecrates, zum andernmale mit dem Antiochus, zwei königlichen Anführern, dicht unter den Mauern der Stadt Unterredungen gehabt. Auch der jetzt vom Perseus abgeschickte Cryphon hatte ebenfalls an den Eumenes die Gesandschaft schon früher zweimal gemacht. Über diese geheimen Unterredungen und Sendungen wurde zwar schlimm genug gesprochen, doch wußte niemand, was hier verhandelt sei, oder wohin sich die Könige verglichen hätten. Die Sache verhielt sich aber so: 25. Eumenes, so wenig er selbst den Perseus zu bekriegen Willens war, wünschte ihm doch auch den Sieg keinesweges; nicht sowohl darum, weil sie schon von ihren Vätern her Feinde waren, als weil die durch gegenseitige Erbitterungen entflammte inter se accensae. Non a regum]. – Das Unstatthafte dieser Lesart und Interpunction hat Duker gezeigt, und will deswegen etiam ipsorum und statt non lieber quam lesen. Richtiger, dünkt mich, bemerkte Drakenb. den Fehler in dem Worte accensae, welchem der Abschreiber mit inimicitiae die gleiche Form geben zu müssen glaubte. Darum will Drak. accen sis lesen und dies auf odiis beziehen. Ich vermuthe es sei bloß ein e in accensa e zu viel, und beziehe accensa auf aemulatio. Die Verbindung wäre dann dieselbe, wie Drakenb. sie wünscht, nur, wenn ich nicht irre, noch etwas leichter; diese: non tam, quia paternae inter eos inimicitiae erant, quam [quod], ipsorum odiis inter se accensa, non ea [erat] regum aemulatio, ut aequo animo – Eumenes visurus fuerit. – Non ea ist dann so viel, als non talis, non tam mediocris, non tam levis. Selbst Duker setzt hinzu: expletis e praecedentibus quia et erat. Wollte man indeß glauben, dies quod sei wirklich da gewesen, und nur wegen des voraufgehenden quam ausgefallen, so fände man dafür von Drak. bloß zu 37, 54. 4. acht Beispiele angeführt und noch mehrere im Register. Dann müßte man aber auch annehmen, daß das Wort erat zwischen eare gum ausgefallen sei. Hr.  Walch, sehe ich jetzt, will quam in quin verwandeln. Eifersucht beider Könige durchaus nicht von der Art war, daß es Eumenes gleichgültig hätte ansehen können, wenn Perseus eine so hohe Macht, einen so hohen Ruhm erlangte, als er nach Besiegung der Römer erwarten mußte. Nun sah er, daß 404 nicht allein Perseus, schon seit dem Anfange des Krieges, auf alle Weise die Hoffnung zum Frieden versucht habe, und von Tage zu Tage ernstlicher, je näher ihm die Gefahr rückte, bloß hieran arbeite und nur damit sich beschäftige; sondern daß auch die Römer, sowohl ihre Feldherren, als ihr Senat, weil der Krieg sich gegen ihre Erwartung in die Länge zog, nicht abgeneigt waren, einen so lästigen und schwierigen Krieg zu endigen. Als er sich von dieser Stimmung beider Theile versichert hatte, wurde es ihm bei einem Geschäfte, das seiner Meinung nach bei dem Überdrusse des Stärkeren und der Besorgniß des Schwächeren sich von selbst machte, noch wünschenswerther, seine Dienste käuflich an den Mann zu bringen, als sich bloßen Dank zu verdienen. Bald unterhandelte er um die ihm zu zahlende Summe, wenn er die Römer weder zu Lande noch zu Wasser unterstützen sollte, bald dafür, den Frieden mit Rom zu Stande zu bringen; verlangte, wenn er nicht am Kriege theilnähme, tausend; [wenn er den Frieden bewirkte ne bello interesset, mille]. – Ich übersetze nach Creviers Ergänzung aus der von Gronov angezogenen Stelle Appians: Ne bello interesset, mille; ut pacem conciliaret, mille et quingenta talenta. Die erste Summe giebt 1,875,000 Gulden Conv. M.; die zweite 2,812,500 Gulden. In dem gleich folgenden in utroque halte ich die Abänderung in utrumque nicht für nöthig. Man sehe in Drakenb. Register In cum ablativo. So ist es auch gegen das Ende des Cap. nicht nöthig, daturum und depositurum in daturus und depositurus zu verwandeln: denn aus dem vorangegangenen malebat läßt sich ja ein dicebat, wie an vielen ähnlichen Stellen, hinzudenken, wie 42, 38, 5. u. 43, 10., wie Cap. 45. aus Beroeam zu dem folgenden aliae das Wort urbes. Siehe Walchii Emendd. p. 268. , tausend] fünfhundert Talente; erklärte sich in beiden Fällen nicht nur zum Eide, sondern auch zur Stellung von Geiseln, bereit. Perseus, im Drange der Noth, ging geschwind daran, die Sache einzuleiten, trat über die Annahme der Geisel ohne Aufschub in Unterhandlung, und man war eins geworden, sie sollten nach der Überlieferung nach Creta gebracht werden. Als man aber auf das Geld zu sprechen kam, da war er der Zögerer, und meinte, vollends die Bezahlung der ersten Summe sei für so berühmte Könige schimpflich und niedrig, zwar für den Geber ebenfalls, noch mehr aber 405 für den Empfänger. Lieber wollte er sich noch für die Hoffnung zum Frieden mit Rom, zu einer Ausgabe verstehen, dies Geld aber erst nach Erfüllung des Versprechens auszahlen, und es so lange im Heiligthume auf der Insel Samothrace niederlegen. Da diese ihm gehörte, so sah Eumenes für sich keine größere Sicherheit, wenn es hier, als wenn es zu Pella lag, und suchte dahin zu gelangen, daß er wenigstens einen Theil gleich bar bekäme. Durch diese vergeblichen Versuche, sich gegenseitig zu belisten, bewirkten sie nur üble Nachrede. 26. Und nicht bloß diese Vermittelung gab Perseus aus Geiz auf, da er für eine Geldsumme einmal durch den Eumenes einen quum pecuniam tutam]. – Gron., Duk., Drak. und Crevier vereinigen sich alle, daß es pecunia (im Ablativ) heißen müsse. In dem folgenden m-tutam glaube ich das Wort maturam zu finden. Dem bangen Perseus mußte vorzüglich damit gedient sein, daß dieser Friede bald zu Stande kam, ehe die Römer weiter eindrangen. Tuta aber (man nehme es hier für sicher oder sichernd ) konnte der Friede nicht durch die daran gewandte Geldsumme werden; dies hing in der Folge von den Umständen ab. Ich lese also hier: quum pecuniâ maturam et pacem habere – – posset, et etc. Eben so schlimm steht es mit den Worten ac receptus. Gronovs deceptus widerlegt Duker; Dukers Vertheidigung der alten Lesart receptus misbilligt Drakenborch; und dieser nimmt zwar aus dem voraufgegangenen ess et sehr glücklich ein ausgelassenes et an, will aber ac receptus in ea recepta (scil. pace) verwandeln. Das et nehme ich mit Drakenb. an, glaube aber mit Duker, daß wir die alte Lesart receptus behalten können. Unser esset ac receptus entstand, wie ich vermuthe, aus esset; et a r. receptus. Dies sollte heißen: esset; et a Romanis receptus. baldigen Frieden haben konnte, den er sogar mit einem Theile seines Königreichs hätte erkaufen müssen; und zum Andern, in Roms Freundschaft wieder aufgenommen, seinen Feind mit der schwerbeladenen Tasche ans Tageslicht ziehen und die Römer berechtigen konnte, seine Feinde zu werden; sondern ebenfalls aus Geiz ließ er die Verbindung mit dem Könige Gentius, die er schon in Händen hatte, fahren, so wie auch einen großen Schwarm gerade jetzt sich darbietender Gallier, welche sich über ganz Illyricum verbreitet hatten. Sie kamen mit zehntausend Mann Reuterei und eben so vielen Truppen zu Fuß, die theils neben den Pferden her mit ihnen den Lauf aushielten, theils zum Gefechte statt der gefallenen Reuter sich auf die ledigen Pferde schwangen. 406 Sie verlangten, der Reuter zehn, der Fußgänger fünf, der Anführer tausend Goldstücke sogleich als bare Zahlung. Als sie heranzogen, ging ihnen Perseus aus seinem Lager am Enipeus mit der Hälfte seiner Truppen entgegen, und kündigte den in der Nähe des Weges liegenden Dörfern und Städten an, Vorräthe herbei zu schaffen, und es an Getreide, Wein und Schlachtvieh nicht fehlen zu lassen. Er selbst nahm Pferde, Putzschilder für Pferde und Kriegsröcke als Geschenke für die Vornehmeren mit, aber nicht Gold genug, nur zur Vertheilung unter Einige; weil er glaubte, die Menge durch Hoffnung hinhalten zu können. Er kam an die Stadt Almana, und schlug am Ufer des Flusses Axius sein Lager auf. In der Gegend von Desudaba in der Landschaft Mädica hatte sich das Heer der Gallier gelagert, den bedungenen Lohn zu erwarten. Dahin schickte er einen seiner Höflinge, Antigonus, der ihnen sagen mußte, die sämtlichen Gallier möchten nach Bylazora – dies liegt in Päonien – vorrücken, die Vornehmeren aber sich zahlreich bei ihm einfinden. Sie standen aber noch fünfundsiebzigtausend Funfzehn Deutsche Meilen. Schritte vom Flusse Axius und dem Lager des Königs. Als ihnen Antigonus dies bestellte und zugleich erzählte, wie große Vorräthe an Allem ihr Heer längs dem Wege durch die Fürsorge des Königs in Bereitschaft finden, und mit wie herrlichen Geschenken an Gewändern, Silber und Pferden er die Großen bei ihrer Ankunft empfangen werde, antworteten sie, das würden sie dann an Ort und Stelle erfahren. Allein im Punkte der bedungenen baren Zahlung fragten sie, ob er denn nicht das an die einzelnen Fußgänger und Reuter zu vertheilende Gold mitgebracht habe. Als sie hierüber keine Antwort erhielten, sprach ihr Fürst Clondicus: «So geh denn hin und sage deinem Könige wieder, die Gallier würden, wenn sie nicht das Gold und Geisel bekämen, keinen Schritt weiter thun.» Als der König nach diesem Berichte Kriegsrath, hielt, und kein Zweifel darüber war, was ihm Alle rathen würden, so 407 ließ er selbst – ein treuerer Hüter seines Geldes, als seines Reichs – sich auf eine weitläufige Schilderung der Treulosigkeit und Rohheit der Gallier ein. «Durch die früheren Niederlagen so vieler andern Völker habe man die Erfahrung gemacht, wie gefährlich es sei, einen so großen Schwarm in Macedonien aufzunehmen, um dann in ihnen schlimmere Bundsgenossen zu haben, als Feinde in den Römern. An fünftausend Reutern habe man genug, um von ihnen zum Kriege Gebrauch zu machen, ohne sich selbst vor ihrer Menge fürchten zu müssen.» 27. Hieraus wurde ihnen Allen einleuchtend, daß er den Sold für so Viele scheue und weiter nichts: allein da ihm bei der Umfrage niemand zu rathen wagte, so wurde Antigonus wieder hingeschickt, den Galliern zu sagen, der König brauche zum Dienste nur fünftausend Reuter, mit der übrigen Menge sei ihm nichts gedient. Als dies die Barbaren hörten, wurden die andern Alle laut vor Unwillen, daß man sie unnützer Weise von ihrem Standorte habe herkommen lassen; nur Clondicus legte ihm wieder die Frage vor, ob er denn nun, wenigstens diesen fünftausend Mann, die bedungene bare Zahlung leiste. Als er sah, daß sich Antigonus auch hiergegen durch eingewebte Ausflüchte verwahrte, so gingen die Gallier, ohne sich an dem wortbrüchigen Unterhändler zu vergreifen – er selbst hatte kaum gehofft, so gut davon zu kommen – an die Donau zurück, nachdem sie Thracien, so weit es an ihrem Wege lag, verheeret hatten. Wäre dieser Heerhaufe, selbst wenn der König ruhig am Enipeus stehen blieb, durch Perrhäbiens Waldgebirge gegen die Römer nach Thessalien geführt, so konnte er nicht allein durch Plünderungen die Dörfer leeren, so daß die Römer von dort kaum Zufuhr hätten erwarten können, sondern auch die Städte selbst zerstören, während Perseus am Enipeus die Römer festhielt, daß sie ihren Bundesstädten nicht zu Hülfe kommen konnten. Ja die Römer hätten auf ihre eigne Rettung denken müssen, weil sie nach dem Verluste von Thessalien, aus welchem sie ihr Heer versorgten, eben so wenig hätten hierbleiben 408 können, als sie vorrücken konnten, weil ihnen das Macedonische Lager gegenüber [stand castra Macedonum etc.]. – Ich habe die hierauf folgende Lücke nach der von Drakenb. vorgezogenen Ergänzung Creviers übersetzt: quum ex adverso castra Macedonum [essent. Tanta occasione e manibus amissa Perseus Romanorum animos confirmavit, Macedonum ] qui ea pependerant spe, haud etc. . Durch diesen so wichtigen, aus den Händen gelassenen Vortheil bestärkte Perseus nicht allein die Römer in ihrem Muthe, sondern schlug auch den Muth der Macedonier, ] die sich viel von dieser Aussicht versprochen hatten, gewaltig nieder. Durch eben diesen Geiz machte er sich auch den König Gentius zum Unfreunde. Denn als er zu Pella den vom Könige Gentius hierzu Abgeschickten die dreihundert Talente hatte aufzählen lassen, so gestattete er ihnen, die Gelder einzusiegeln. Zehn Talente davon schickte er an den Pantauchus, mit dem Befehle, sie sogleich an den König abzuliefern. Mit den übrigen, von den Illyriern mit ihrem Petschafte versiegelten, Geldern mußten auf seinen Befehl seine Fuhrleute nur kurze Tagereisen zurücklegen; dann, wenn sie an die Macedonische Gränze kamen, Halt machen und seine Boten erwarten. Gentius, welchem nach Empfang jenes kleinen Theils der Summe Pantauchus anlag, durch irgend eine feindliche That die Römer zu beleidigen, legte den Marcus Perperna und Lucius Petillius, welche eben jetzt als Gesandte zu ihm kamen, ins Gefängniß. Sobald dies Perseus hörte, glaubte er, Gentius habe sich nun selbst in die Nothwendigkeit verwickelt, durchaus mit den Römern kriegen zu müssen, und ließ die Leute ad revocandum, qui pecuniam portabat]. – Ich folge Jak. Gron. und Perizon., welche portabant lesen, ohne revocandum in revocandos abzuändern. Drakenborchs Ausweg, die Lesart portabat durch die Erklärung zu retten, omnibus unum praecipua auctoritate praefuisse, scheint mir, weil Liv. oben sagte: portantibus suis praecipit, hier zu gesucht. Über ad revocandum [eos], qui portabant, wie bei Cic. Cat. M. 2. viam, quam nobis quoque ingrediendum sit, siehe meines Vaters Anmerk. zu Cic. de off. I, 31. 7. und Duker zu Liv. V, 7. 9. Von dem als Strich über dem a in portabant ausgefallenen n haben wir gleich wieder Cap. 29. §. 3. zwei Beispiele in den Worten Quibus poterant, Popillius aut Eumenis naves succurrebant. mit den Geldfuhren wieder umrufen; als ginge sein Zweck nur dahin, den Römern bei 409 dem Siege über ihn eine möglichst große Beute aufzusparen. Auch vom Eumenes kam Cryphon zurück, ohne daß man die geheimen Verhandlungen erfuhr. Daß sie über die Gefangenen unterhandelt hätten, hatten die Könige selbst bekannt werden lassen; und dies war auch die Angabe, welche Eumenes darüber, um allen Verdacht zu vermeiden, bei dem Consul machte. 28. Perseus, der nach Cryphons Rückkehr vom Eumenes, diese Hoffnung vereitelt sah, schickte seine Flottenführer, den Antenor und Callippus mit vierzig Barken – zu diesen waren noch fünf Jachten gestoßen – nach Tenedus, um von dort aus seine zwischen den Cycladischen Inseln zerstreuten sparsae per Cycladas]. – Ich folge dem von Drakenb. vorgeschlagenen sparsas, theils weil dies der alten Lesart sparsae doch noch näher kommt, als Creviers sparsi; theils weil Antenor in der Gegend der Cycladen Cap. 29. §. 4. alle Frachtschiffe wegnimmt praeterquam si quae Macedoniam peterent. Dies sind meiner Meinung nach dieselben, welche hier per Cycladas sparsae heißen. , mit Getreide nach Macedonien zurückgehenden Schiffe in Schutz zu nehmen. Diese zu Cassandrea in See gelassenen Schiffe gingen zuerst in die Seehafen am Fuße des Athosgebirges hinüber, von da bei stiller See nach Tenedus, und ließen die hier unter dem Befehle des Eudamus im Hafen stehenden Rhodischen offenen Schiffe, nicht allein unbeleidigt, sondern sogar nach freundlicher Begrüßung, abziehen. Auf die Nachricht, daß auf der andern Seite der Insel funfzig ihrer Frachtschiffe von den, unter dem Befehle des Damius vor der Mündung des Hafens stehenden, Schnabelschiffen des Eumenes eingeschlossen lägen, segelten sie schnell herum, verjagten die vom Schrecken überraschten feindlichen Schiffe und sandten die Frachtschiffe nach Macedonien, unter mitgegebener Begleitung von zehn Barken, die aber nach Tenedus zurückkehren sollten, sobald sie jene in Sicherheit gebracht hatten. Am neunten Tage fanden sie sich wieder bei der Flotte ein, die aber jetzt schon bei Sigeum stand. Von hier fuhren sie nach Subota über, einer Insel zwischen Eläa und dem Athos. Es traf sich so, daß den Tag darauf, als die Flotte Subota 410 erreicht hatte, fünfunddreißig Schiffe, sogenannte Rossträger, die von Eläa mit Gallischen Reutern und Pferden ausgelaufen waren, nach dem Chier Vorgebirge Phanä steuerten, um von da nach Macedonien übergehen zu können. Eumenes schickte sie dem Attalus. Auf das von einer Warte ihm gegebene Zeichen, daß sich diese Schiffe auf der Höhe sehen ließen, ging Antenor von Subota in See, und traf die Feinde zwischen dem Vorgebirge von Erythrä und Chius, wo die Meerenge am schmalsten ist. Die Befehlshaber des Eumenes erwarteten nichts weniger, als eine auf diesem Meere schwärmende Macedonische Flotte: bald glaubten sie, es müßten Römer, bald, es müsse Attalus sein, oder einige vom Attalus aus dem Römischen Lager Zurückgeschickte, die nach Pergamus steuerten. Als sie aber jetzt die Bauart der sich nähernden Barken nicht mehr verkennen konnten, auch der volle Ruderschlag und die Richtung der Vordertheile gegen sie selbst sie von der Annäherung des Feindes überzeugte, verloren sie alle Fassung: denn an Widerstand war nicht zu denken, weil ihre Schiffe zu schwerfällig waren und die Gallier zur See kaum eine ruhige Fahrt vertragen konnten. Diejenigen, welche dem festen Lande näher waren, schwammen an die Erythräische Küste: Andere setzten mit vollen Segeln die Schiffe bei Chius auf den Strand, ließen die Pferde im Stiche und stürzten in gestrecktem Laufe gegen die Stadt. Da aber die Barken ihre Bewaffneten näher an der Stadt und auf einem schicklicheren Landungsplatze ausgesetzt hatten, so wurden die fliehenden Gallier von den Macedoniern niedergehauen, welche sie theils noch auf dem Wege einholten, theils sie vor dem Thore ausgeschlossen fanden. Denn die Chier, die nicht wußten, wer die Fliehenden, wer die Verfolger waren, hatten das Thor geschlossen. Gegen achthundert Gallier fielen; zweihundert wurden Gefangene. Die Pferde gingen theils, als die Schiffe scheiterten, im Meere verloren, theils hieben ihnen am Strande die Macedonier die Kniekehlen ein. Auf denselben zehn Barken, die er schon einmal abgeschickt hatte, ließ Antenor 411 zwanzig Pferde von auserlesener Schönheit nebst den Gefangenen nach Thessalonich abgehen. Die Barken hieß er so bald als möglich wieder zu seiner Flotte stoßen: denn er wolle zu Phanä auf sie warten. Nicht volle drei Tage stand die Flotte bei der Stadt Chius , von da segelte sie bis Phanä vor, und als die zehn Barken über die Erwartung schnell zurückgekehrt waren, fuhr sie auf dem Ägeermeere nach Delus über. 29. Als unterdeß die von Chalcis abgesegelten Römischen Gesandten Cajus Popillius, Cajus Decimius und Cajus Hostilius auf drei Fünfruderern zu Delus angelangt waren, fanden sie hier vierzig Macedonische Barken vor und fünf Fünfruderer vom Könige Eumenes. Die Heiligkeit des Tempels und der Insel gab ihnen Allen eine Unverletzlichkeit. Also gingen die Seesoldaten der Römer, der Macedonier und des Königs Eumenes im Tempel unter einander herum, weil der ehrwürdige Ort Waffenstillstand gewährte. Wenn aber Antenor, des Perseus Befehlshaber, von den Warten ein Zeichen bekam, daß auf der hohen See Frachtschiffe vorbeisegelten, so machte er entweder selbst mit einem Theile seiner Barken, oder durch die auf den Cycladen ausgestellten, Jagd darauf, und ließ alle, die nicht nach Macedonien fuhren, versenken oder plündern. Popillius, auch die Schiffe des Eumenes, halfen quibus poterat, Popillius cet.]. – Ich lese mit Crevier , Duker und Drakenb.: quibus potera n t, Popillius aut Eumenis naves succurreba n t; sed evecti etc. , wo sie konnten: allein die Macedonier liefen mit ihren Barken gewöhnlich bei Nacht nur parweise oder zu dreien aus, ohne bemerkt zu werden. Ungefähr um diese Zeit trafen die Macedonischen und Illyrischen Gesandten mit einander auf Rhodus ein; und nicht bloß die Erscheinung der Barken, welche allenthalben bei den Cycladen und auf dem Ägeermeere kreuzten, gab ihnen ein größeres Gewicht, sondern schon selbst die Verbindung zwischen den Königen Perseus und Gentius, und der Ruf von den so zahlreich heranziehenden Galliern zu Fuß und zu Pferde. Da also dem Dinon und 412 Polyaratus, welche auf des Perseus Partei waren, der Muth wuchs, so erhielten die Könige nicht bloß eine freundliche Antwort, sondern die öffentliche Erklärung: «Die Rhodier würden durch ihre Zwischenkunft dem Kriege ein Ende machen: also möchten auch die Könige ihrerseits zur Annahme des Friedens sich geneigt finden lassen.» 30. Schon war der Anfang Iam veris principium]. – Paullus war nach. Cap. 22. am ersten April oder gleich nachher von Rom aufgebrochen, und Frühlingsanfang war damals bei den Römern den 7ten, 8ten oder 9ten Febr. Da nun Paullus mit mehreren 1000 Mann durch Italien nach Brundusium zog, sie einschiffte, über das Adriatische Meer ging, und schon auf der östlichen Küste Thessaliens am Ägeermeere steht, wie kann es nun noch heißen: iam veris principium erat? Wenigstens waren doch seit dem ersten April 14 Tage verflossen, und selbst der erste April war bei den Römern schon beinahe zwei Monate später, als ihr veris principium am 7ten Febr. Dies wird durch die Nachweisungen derer erklärbar, welche die Schuld der Irrungen im damaligen Römischen Kalender (man s. B. 43. C. 11. ) auf die Pontifices schieben, durch deren unrichtige Zwischenschaltungen die im Kalender angegebene Jahrszeit von der wirklichen so sehr abwich, daß nach der Meinung Einiger der Römische erste April damals mit dem 21sten Februar, nach Andern sogar mit dem ersten Januar des Julianischen Kalenders zusammentraf. Gronov, Crevier. des Frühlings da, und die neuen Anführer waren auf ihren Standplätzen eingetroffen; der Consul Ämilius in Macedonien, Octavius auf der Flotte bei Oreum, Anicius in Illyricum zum Kriege gegen den Gentius. Dieser, ein Sohn des Illyrischen Königs Pleuratus und der Eurydice, hatte zwei Brüder gehabt, den Plator, welcher beide Ältern, den Caravantius, der nur die Mutter mit ihm gemein hatte. Diesen scheute er, wegen der nicht so hohen Abkunft von väterlicher Seite, weniger; den Plator aber und zwei von dessen Freunden, den Ettritus und Epicadus, zwei tüchtige Männer, ließ er, um auf seinem Throne so viel sicherer zu sein, ermorden. Es hieß, er habe die Verlobung seines Bruders mit der Etuta Etutam]. – Cap. 32. heißt des Gentius Gemahlinn, wenn dies nicht eine andere ist, Etleva. (oder Etleva? ) der Tochter des Honunus, eines Fürsten der Dardaner, ungern gesehen; als hätte jener durch diese Vermählung die Dardanische Nation an sich ziehen wollen. Dies machte er dadurch noch wahrscheinlicher, daß er nach 413 Plators Ermordung die Prinzessinn selbst nahm. Als er seinen Bruder nicht mehr zu fürchten hatte, wurde er seinen Unterthanen drückend, und Unmäßigkeit im Weine erhöhete die zu seiner Sinnesart stimmende Gewaltthätigkeit. Da er sich nun, wie ich oben gesagt habe, zum Kriege gegen die Römer hatte aufbringen lassen, so zog er alle seine Truppen bei Lissus zusammen. Es waren funfzehntausend Mann. Nachdem er von hier seinen Bruder gegen das Volk der Cavier, die er durch Gewalt oder durch Drohungen sich unterwerfen sollte, mit tausend Mann zu Fuß und fünfhundert Reutern abgeschickt hatte, zog er selbst vor die Stadt Bassania, fünftausend Schritte von Lissus. Ihre Bürger standen mit Rom im Bunde. Bei der zuerst durch Abgeordnete an sie ergangenen Anfrage zogen sie die Belagerung der Übergabe vor. Den Caravantius hingegen im Gebiete der Cavier nahm ihre Stadt Burnium Durnium – – Genusuum]. – Ptolemäus und Plinius nennen diese Stadt nicht Durnium, sondern Burnium; Cäsar aber und Lucanus nennen den Strom nicht Genusuus, sondern Genusus. Crev. bei seinem Anzuge willig auf: ihre andre Stadt, Caravantis, schloß ihm die Thore, und als er sich bei der Verheerung ihres Gebiets zu weit ausbreitete, wurden viele seiner umherstreifenden Truppen von den sich zusammenrottenden Landleuten erschlagen. Schon war auch Appius Claudius, nachdem er das unter ihm stehende Heer durch Hülfsvölker von Bullis, von Apollonia und Dyrrhachium verstärkt hatte, aus den Winterquartieren aufgebrochen, stand bei dem Flusse Genusus im Lager, und erbittert durch die Nachricht von der Verbindung des Perseus und Gentius, und von der gesetzwidrigen Behandlung der Gesandten, war er fest entschlossen, ihn anzugreifen. Allein der Prätor Anicius, der eben jetzt in Apollonia über die Begebenheiten in Illyricum Nachricht erhalten und dem Appius vorläufig geschrieben hatte, er möge ihn am Genusus erwarten, traf nicht nur selbst in drei Tagen im Lager ein, sondern als er mit seinen Truppen noch zweitausend Mann Parthinisches [assumtis] Parthinorum iuventutis]. – Des von Sigonius eingeschalteten assumtis bedarf es hier gar nicht, wenn wir entweder mit Gronov annehmen, daß das Wort iuventutis aus iunctis entstanden sei, oder lieber, daß Gronovs iunctis gleich auf iuventutis folgte, und nur wegen seiner Ähnlichkeit mit iuēūtis verloren ging. 414 Fußvolk und zweihundert Reuter vereinigt hatte – das Fußvolk befehligte Epicadus, die Reuter Agalsus – ging er schon damit um, in Illyricum einzurücken, hauptsächlich um die in Bassania Belagerten zu befreien. Seinen Einbruch verspätete das Gerücht, daß eine Anzahl Barken an der Küste plündere. Auf Betrieb des Pantauchus hatte Gentius achtzig Barken abgehen lassen, das Gebiet von Dyrrhachium und Apollonia zu verheeren. Die Flotte [des Anicius stand damals nicht weit von Apollonia an der Küste. Eilend kam Anicius hieher zurück, holte sogleich die Illyrischen Plünderer ein, griff sie an und in einem leicht erfochtenen Siege nahm er den Feinden mehrere Schiffe und zwang die übrigen, nach Illyricum zurückzufliehen. Nach seiner Rückkehr in das Lager am Genusus eilte er den Bassaniten zu Hülfe. Dem Rufe von der Ankunft des Prätors hielt Gentius nicht Stand: er hob die Belagerung auf, und floh so übereilt nach Scodra, daß er nicht einmal sein ganzes Heer mit sich abführte. Ein großer Theil seiner Truppen, die den Römern hätten zu schaffen machen können, wenn die Gegenwart ihres Anführers sie bei Muth erhalten hätte, sah sich von ihm verlassen und] ergab sich. 31. Dasselbe thaten auch die Städte jener Gegend der Reihe nach, weil die Güte und Gerechtigkeit des Römischen Prätors die günstige Stimmung beförderte. Nun kam man vor die Stadt Scodra. Sie war bisher der Hauptsitz des Krieges, nicht bloß darum, weil sie Gentius sich gleichsam zur Zwingburg seines ganzen Reichs gewählt hatte, sondern auch weil sie bei weitem die stärkste Festung im Labeatischen und ihr sehr schwer beizukommen war. Es umströmen sie zwei Flüsse, die Clausala, die an der Morgenseite der Stadt vorüberfließt, und auf der Abendseite die Barbana, die aus dem See Labeatis entspringt. Diese beiden Ströme fallen vereinigt 415 in den Fluß Oriundes, der auf dem Gebirge Scodrus entspringt und durch viele andre Gewässer verstärkt sich ins Hadriatische Meer ergießt. Das Gebirge Scodrus, bei weitem das höchste jener Gegend, hat nach Morgen Dardanien unter sich, gegen Mittag Macedonien, gegen Abend Illyricum. Zwar wurde die Stadt durch ihre natürliche Lage gedeckt und von der ganzen Illyrischen Macht und dem Könige selbst vertheidigt: dennoch rückte der Römische Prätor, da ihm die ersten Schritte gelungen waren, voll Hoffnung, das Glück der ersten Versuche werde ihn auch im Ganzen begleiten und ein überraschender Schrecken seine Wirkung thun, mit gestelltem Heere vor die Mauern. Hätten sich die Truppen in der Stadt, nach Verschließung der Thore, zur Vertheidigung der Mauern und Thorthürme vertheilt, so würden sie die Römer mit ihrem fruchtlosen Versuche zurückgewiesen haben. Allein sie rückten aus und lieferten, dem Platze nach im Vortheile, ein Treffen, mehr muthvoll als mit Ausdauer. Geschlagen und auf der Flucht zusammengedrängt verloren sie noch im Eingange des Thores selbst über zweihundert Mann, und setzten Alles so in Schrecken, daß Gentius sogleich durch den Teuticus und Bellus, die Ersten seines Volks, bei dem Prätor auf einen Waffenstillstand antragen ließ, um sich über seine Lage berathen zu können. Als ihm hierzu drei Tage bewilligt wurden, setzte er sich, da das Römische Lager beinahe fünfhundert Schritte von der Stadt entfernt war, zu Schiffe und fuhr auf der Barbana in den See Labeatis, als wollte er sich zu seinen Berathungen an einen abgesonderten Ort begeben: eigentlich aber machte er sich, wie es sich nachher ergab, in der falschen Hoffnung hinaus, daß sein Bruder Caravantius aus jener Gegend, wohin er ihn geschickt hatte, mehrere Tausende von Bewaffneten aufgeboten habe und im Anzuge sei. Als dies Gerücht sich widerlegte, ging er am dritten Tage auf demselben Schiffe mit dem Strome nach Scodra zurück, ließ durch Vorangeschickte um Erlaubniß anhalten, den Prätor zu sprechen und kam nach erhaltener Bewilligung ins Lager. Er begann seinen 416 Vortrag mit der eignen Anklage seiner Thorheit, schloß unter vielen Bitten mit einem Strome von Thränen, warf sich dem Prätor zu Füßen und ergab sich. Anfangs hieß man ihn gutes Muthes sein: nach erhaltener Einladung zur Abendtafel kehrte er in die Stadt zu seiner Familie zurück, und genoß an diesem Tage, als er bei dem Prätor speisete, alle Ehre. Dann aber wurde er dem Obersten Cajus Cassius als Verhafteter übergeben, er, der selbst König – sich von einem andern Könige zehn Talente decem talenta]. – Ungefähr 12,000 Thaler. – kaum einen Klopffechterlohn! – geben ließ, um in diese Lage herabzusinken. 32. Sobald Anicius Scodra in Besitz genommen hatte, ließ er es sein Erstes sein, die Gesandten Petillius und Perperna aufsuchen und vor sich führen zu lassen. Er ließ sie wieder in ihrem Glanze erscheinen, und schickte sogleich den Perperna ab, sich der Vertrauten und Angehörigen des Königs zu versichern. Dieser zog nach Medeon, einer Stadt der Labeaten, und brachte des Gentius Gemahlinn Etleva mit zwei Söhnen, Scerdilädus und Pleuratus, und den Bruder desselben, Caravantius, nach Scodra ins Lager. Nach Beendigung des Illyrischen Krieges innerhalb dreißig Tagen, sandte Anicius den Perperna mit der Siegesbotschaft nach Rom, und wenig Tage darauf den König Gentius selbst mit seiner Mutter, mit seiner Gemahlinn und Kindern, seinem Bruder und andern Illyrischen Größen. Dies ist der einzige Krieg, von dem man in Rom eher hörte, daß er beendigt, als daß er angegangen sei. Die Tage, in denen dieses vorging, waren auch für den Perseus sehr beunruhigend; in gleicher Rücksicht sowohl auf die Ankunft des neuen Consuls Ämilius, dessen Anzug – so hörte er – von drohenden Vorkehrungen begleitet war, als auf die des Prätors Octavius: denn die Römische Flotte und die Gefahr von der Seeküste her war ihm nicht minder furchtbar. Zu Thessalonich standen seine Befehlshaber Eumenes und Athenagoras mit einer kleinen Besatzung von Rundschildnern. Dahin schickte er also auch den Obersten Androcles mit dem Befehle, sich unmittelbar neben dem Schiffsholme zu lagern. Nach Ania schickte er zum Schutze der Seeküste tausend Reuter unter dem Antigonus, um sogleich den Landleuten, die feindliche Flotte möchte landen, wo es auch sei, zu Hülfe zu eilen. Fünftausend Macedonier, denen er den Histiäus , Theogenes und Medon zu Vorgesetzten gab, ließ er als Besatzung nach Pythium und Petra gehen. Sobald diese ausgerückt waren, machte er sich daran, das Ufer des Flusses Enipeus zu verschanzen, weil man ihn bei niedriger Stromhöhe durchwaten konnte. Damit sein ganzer Lagerhaufe hieran arbeiten könnte, wurden die Weiber aus den nahen Städten aufgeboten, Lebensmittel ins Lager zu bringen, und der Soldat befehligt, aus dem nahen Walde [die Schanzpfähle zu holen; Der aus diesen aufgereihete Wall, die aufgeführten Bollwerke, die angebrachten Thürme und das auf alle Stellen vertheilte Wurfgeschütz setzten das Ufer in einen solchen Vertheidigungsstand, daß der Feind ohne harten Kampf und Gefahr nicht durchbrechen konnte. Perseus glaubte fest, sich so vor jedem Angriffe der Römer gesichert zu haben; und die Feinde, bei dem langen Stillsitzen und unthätigem Weilen erschlaffend und durch den Aufwand erschöpft, würden endlich eines so schwierigen Krieges überdrüssig werden. Paullus dagegen, je sorgfältiger und aufmerksamer er Alles bei den Macedoniern eingerichtet und gehütet sah, war desto eifriger darauf bedacht und bot seine ganze Erfindungskraft auf, die Hoffnung, die der Feind gewiß nicht ohne Grund geschöpft habe, durch irgend eine Maßregel zu vereiteln. Was ihm aber jetzt die meiste Noth machte, war der Mangel an Wasser. Der nächste Fluß war fast ganz ausgetrocknet: nur dicht am Meere rann ein ärmliches unreines Wässerchen. 33. Als die in die nahen Umgebungen Ausgeschickten dem Consul zurückmeldeten, es sei nirgend Wasser zu finden,] hieß er am Ende die Schlauchträger ihm an das Meer folgen, welches nicht volle dreihundert Schritte entfernt 418 war, und auf mäßige Zwischenräume vertheilt, an der Küste nachgraben. Die Berge von so ansehnlicher Höhe machten ihm Hoffnung; und zwar um so viel mehr, weil sie nirgendwo Bäche sichtbar hervorspringen ließen; sie müßten verborgene Quellen enthalten, deren Adern dem Meere zurinnend sich mit der Welle mischten. Kaum war die oberste Sanddecke abgeschaufelt, so sprangen schon Quellen hervor, anfangs trübe und sparsam, bald aber gaben sie klares und reichliches Wasser, wie ein Geschenk des Himmels. Auch dieser Vorfall erhöhete bei den Soldaten den Ruf und das Ansehen ihres Feldherrn nicht wenig. Nach dem Befehle an die Truppen, ihre Waffen bereit zu halten, ging er selbst mit den Obersten und den ersten Hauptleuten herum, Stellen aufzusuchen, wo man durch den Fluß gehen könne, wo der Hinabgang Bewaffneten leichter, wo das Hinansteigen zum jenseitigen Ufer am wenigsten beschwerlich sei. Als er sich hierüber gehörig unterrichtet hatte, traf er, Einmal, damit im Heere Alles mit Ordnung und ohne Lärm, auf den Wink und Befehl des Feldherrn vor sich gehen könne, folgende Einrichtung. Würde das, was geschehen sollte, Allen zugleich bekannt gemacht, und nicht Alle könnten es deutlich hören, so thäten bei dieser Ungewißheit über den Befehl Einige nach eignem Zusatze mehr, als befohlen sei, Andre weniger. Dann entstehe allenthalben ein mistönendes Geschrei, und die Feinde erführen, was man vorhabe, eher, als die Soldaten selbst. Darum solle künftig der Oberste dem ersten Hauptmanne der Legion ganz allein den Befehl kund thun; dieser dann und so immer jeder einzeln dem in der Ordnung zunächst folgenden Hauptmanne anzeigen, was geschehen solle; der Befehl möge nun von der Vorderreihe zum Hintertreffen, oder von den Letzten zu den Ersten durchlaufen müssen. Zum Andern untersagte er den Schildwachen die neue Gewohnheit, zum Wachestehen einen Schild mitzunehmen: denn die Schildwache gehe ja nicht ins Treffen, so daß sie Waffen nöthig hätte, sondern zum Wachehalten, um sich, wenn sie die Ankunft des Feindes merke, zurückzuziehen und die Andern in die 419 Waffen zu rufen. Jetzt ständen sie da, hinter dem vorgepflanzten Schilde unter dem Helme; wenn sie dann müde würden, stützten sie sich auf ihre Pike, legten den Kopf auf den Rand des Schildes und schliefen im Stehen, so daß sie in ihren blanken Waffen der Feind schon von weitem gewahr werde, ohne daß sie selbst das Mindeste voraus wüßten. Endlich änderte er auch eine Gewohnheit bei den Vorposten ab. Sie standen immer den ganzen Tag Alle unter den Waffen, die Reuterei mit aufgezäumten Pferden. Thaten sie das in den Sommertagen, bei anhaltendem Sonnenbrande, so griff die in so vielen Stunden vor Hitze und Ermattung hinfällig gewordenen Menschen und Pferde oft der Feind bei frischen Kräften an, und machte selbst in geringer Anzahl ihnen bei ihrer Überlegenheit viele Noth. Also mußten sie nun vom Morgenposten auf den Mittag abgehen, und auf den Nachmittag Andre in ihre Stelle treten. So fand beim Angriffe ein vollkräftiger Feind in ihnen nie die Ermüdeten. 34. Als er in einer berufenen Versammlung ihnen angedeutet hatte, daß es so künftig sein solle, setzte er in einem Vortrage, der mit seiner in der Stadt gehaltenen Rede gleiches Inhalts war, hinzu: «In einem Heere habe das, was geschehen solle, bloß der Feldherr vorzubereiten und zu besorgen, bald durch sich allein, bald durch diejenigen, die er zum Kriegsrathe berufen habe. Wer nicht berufen sei, müsse seine eignen Maßregeln weder öffentlich, noch insgeheim verbreiten. Der Soldat habe für folgende drei Stücke zu sorgen; seinen Körper so kraftvoll als möglich, seine Waffen in tauglichem Stande, und mit seiner Kost sich für unerwartete Befehle in Vorrath zu erhalten: für das Übrige, wisse er, sorgten die unsterblichen Götter und sein Feldherr. In einem Heere, in welchem die Soldaten die Berathenden wären, und den Feldherrn die Meinungen umtrieben, die aus dem großen Haufen verlauteten, könne durchaus nichts gedeihen. Er werde, wie dies die Pflicht des Feldherrn sei, dahin sehen, daß er für sie den rechten Zeitpunkt wähle, ihre Sache gut machen zu können: sie hätten über die 420 Zukunft nach nichts zu fragen: wenn das Zeichen gegeben sei, dann sei die Leistung ihres Felddienstes an ihnen .» Nach diesen Belehrungen entließ er die Versammlung: und selbst die alten Krieger gestanden durchgängig, heute hätten sie, gleich Neulingen, zum erstenmale erfahren, worauf es im Kriegsdienste ankomme. Sie bewiesen aber nicht bloß durch diese mündlichen Äußerungen, mit wie vielem Beifalle sie der Rede des Consuls zugehört hätten, sondern der Erfolg wurde sogleich sichtbar. Da sah man Keinen im ganzen Lager müssig: hier wetzten sie die Schwerter, dort putzten sie die Helme und die Wangendecken; Andre die Schilde, wieder Andre die Panzer: hier paßten sie die Waffen ihren Körpern an und prüften in diesen die Behendigkeit ihrer Glieder; dort schwangen sie ihre Wurfpfeile, oder ließen ihre Schwerter blinken und besahen die Spitze: so daß man leicht abnehmen konnte, sobald ihnen Gelegenheit gegeben werde, sich mit dem Feinde einzulassen, sie würden diesen Krieg entweder durch einen herrlichen Sieg, oder durch ihren denkwürdigen Tod inituros bellum]. – Inituros und das von Muretus vorgeschlagene finituros haben Crev. und Drakenb. schon verworfen. Ich folge Hrn.  Ruperti, welcher insignituros wieder auffand, und mache nur noch bemerklich, wie leicht von memorab ili die letzten Buchstaben den Anfang des folgenden Worts īsi verdrängen konnten. Und daß insignire, insignitior, insignitius dem Livius gewöhnlich sei, beweiset das Glossarium. bezeichnen. Auch Perseus, als er sah, daß zugleich wegen der Ankunft des Consuls und bei dem Anfange des Frühlings, als ginge der Krieg von neuem an, Alles bei den Feinden laut und in Bewegung war; daß sie ihr Lager bei Phila abgebrochen und am Ufer ihm gerade gegenüber angelegt hatten; daß der feindliche Feldherr jetzt zur Besichtigung seiner Werke umherging, ohne Zweifel, um einen Übergang zu erspähen: [dann wieder mit der angestrengtesten Sorgfalt Alles in Stand setzte, was zur Erzwingung eines Durchbruchs und zum Sturme auf ein Lager von Nutzen sein konnte; daß er nichts verabsäumte, was ein großer Feldherr entweder dem Feinde zum Nachtheile oder zur Unterstützung seiner eignen Truppen unternehmen und 421 ausrichten muß: Perseus, sage ich, suchte ebenfalls, als wollte er jetzt gleich zu einer entscheidenden Schlacht auftreten, den Muth der Seinigen zu spornen, machte seine Werke immer fester und fester, glaubte nie, Vorkehrungen genug getroffen, nie, das Lager genug gesichert und verschanzt zu haben. Bei diesem brennenden Eifer auf beiden Seiten blieben gleichwohl beide Lager eine ganze Zeitlang ungestört, und man findet in der Geschichte nicht, daß jemals so große Heere, in solcher Nähe, Lager gegen Lager, so ruhig gestanden hätten. Unterdeß meldete das Gerücht die Besiegung des Königs Gentius in Illyricum durch den Prätor Anicius, und daß er selbst mit seiner ganzen Familie und allen seinen Staten in der Gewalt der Rö-]mer sei. 35. Den Römern erhöhete diese Nachricht den Muth, den Macedoniern und ihrem Könige brachte sie nicht geringen Schrecken. Anfangs versuchte er es, die Verbreitung der Nachricht in aller Stille zu unterdrücken und schickte dem von dort kommenden Pantauchus Einige entgegen, die ihm verbieten mußten, dem Lager naher zu kommen. Allein schon hatten Verschiedene ihre Kinder gesehen, die unter den Geiseln mit nach Illyricum abgeführt inter obsides Illyrios]. – Die Geisel, welche Perseus ( Cap. 23. gegen das Ende) dem Gentius hatte geben müssen, mit denen sich vermuthlich Pantauchus gerettet hatte, ehe die Römer ihrer habhaft werden konnten. Crevier. gewesen waren: und dann, je sorgfältiger etwas verheimlicht wird, je leichter kommt es durch die Plauderhaftigkeit der Hofbedienten aus. Um diese Zeit kamen auch die Rhodischen Gesandten ins Römische Lager, mit denselben Anträgen über den Frieden, wodurch sie zu Rom die Väter so sehr erzürnt hatten. Ein noch weit ungünstigeres Gehör fanden sie vor dem Kriegsrathe im Lager. Und da die Übrigen alii praecipites sine responso]. – Gronov hat censerent hinzugesetzt. Crevier schließt aus dem alleinstehenden alii auf eine Lücke, die mit einem zweiten alii anfing. Zwar könnte alii so viel heißen, als caeteri, C. 36. §. 7., und so habe ich es (nach Drak. ) übersetzt. Doch leugne ich nicht, daß ich auch wegen des alleinstehenden pronunciavit hier eine Auslassung vermuthe. meinten, man müsse sie ohne 422 Antwort spornstreichs zum Lager hinausjagen, so erklärte der Consul, er werde ihnen die Antwort nach funfzehn Tagen ertheilen. Damit es aber auffiele, wie wenig die friedegebietenden Rhodier Eindruck gemacht hatten, so brachte er sogleich einen Angriffsplan zur Überlegung. Einige, und vorzüglich die Jüngeren maioribus natu]. – Ich folge Creviers minoribus natu. Und Drakenb. billigt Creviers Verbesserung durch die Hinweisung auf 45, 25, 7., wo er selbst mehrere Beispiele der Vertauschung zwischen maior und minor gesammelt hat. , meinten, «Man müsse sich über das Ufer des Enipeus und über die Verschanzungen den Weg bahnen. Im Gliederschlusse und Sturmangriffe könnten ihnen die Macedonier nicht widerstehen. Habe man sie doch im vorigen Jahre aus so vielen weit höheren und festeren Bergschlössern herabgeworfen, worin sie mit starken Besatzungen gelegen hätten.» Andre meinten, Octavius müsse mit der Flotte nach Thessalonich gehen, und durch Verheerung der Seeküste die Truppen des Königs vertheilen, damit dieser, wenn sich ihm im Rücken ein zweiter Feind zeige, genöthigt werde, zum Schutze seines inneren Reiches sich umzuwenden und irgendwo den Übergang über den Enipeus bloßzugeben. Der Consul selbst hielt das Ufer durch Natur und Werke für unersteiglich, und außerdem, daß allenthalben Wurfgeschütz aufgepflanzt war, hatte er auch gehört, daß die Feinde mit ihrem Geschosse besser und sicherer trafen. Alle seine Entwürfe beschäftigten sich mit einem andern Augenmerke; und nach Entlassung des Kriegsraths ließ er die Perrhäbischen Kaufleute Schönus und Menophilus zu sich rufen, Männer von ihm schon bekannter Treue und Einsicht, und erkundigte sich bei ihnen insgeheim, wie nach Perrhäbien durchzukommen sei. Als sie ihm sagten, die Gegend sei nicht schlimm, allein von königlichen Posten besetzt, so erwachte bei ihm die Hoffnung, «wenn er bei Nacht unentdeckt mit einem starken Kohre die Feinde, die sich dessen nicht versähen, überraschte, so könne er sie aus ihren Posten werfen. Im Dunkeln, wo man nicht aus der Ferne sehen könne, 423 wonach man zielen solle, sei der Wurfspieß, der Pfeil und alles Geschoß unbrauchbar; da trete im Gewühle beider Theile Mann gegen Mann mit dem Schwerte auf, mit dem sich der Römische Soldat den Sieg nicht nehmen lasse.» Entschlossen, sich dieser Führer zu bedienen, ließ er den Prätor Octavius rufen, machte ihn mit seinem Plane bekannt und hieß ihn mit der Flotte nach Heracleum gehen und für tausend Mann auf zehn Tage Mundvorrath bereit halten. Er selbst schickte den Publius Scipio Nasica und seinen Sohn Q. Fabium Maximum, filium suum]. – S. 45, 41. am Ende. , Quintus Fabius Maximus, mit fünftausend Auserlesenen nach Heracleum, gleich als sollten sie zu einer Plünderung der inneren Macedonischen Seeküste, welche im Kriegsrathe in Vorschlag gekommen war, sich einschiffen. Insgeheim sagte er ihnen, die Lebensmittel für ihre Truppen wären schon cibaria his praeparata ad classem]. – Dem ersten Anscheine nach hat Drakenb. nicht unrecht, wenn er fragt: «Oben hieß es, der Prätor, der die Flotte führte, sollte Kost nur für 1000 Mann auf 10 Tage bereithalten. Hier aber werden 5000 hingeschickt: woher nehmen nun die übrigen 4000 die Lebensmittel?» Allein Livius behält Recht. Der Prätor Octavius, der um das Geheimniß weiß, muß bei der Flotte so viel Proviant bestellen, unter dem Namen: «für 1000 Mann auf 10 Tage zu einem Seezuge», – folglich haben 5000 Mann auf zwei Tage genug. Mehr war auch für diese 5000 nicht nöthig; denn sie kommen ja am dritten Tage schon in der vierten Nachtwache in den Besitz von Pythium und der dortigen Magazine. Der Angabe nach mußte nun für 1000 Mann, dagegen aber auf 10 Tage gebacken werden. Denn da die völlig bemannte Flotte nicht noch 5000 Mann aufnehmen konnte, so ließ es sich auch nicht glauben, daß es mit ihrer Einschiffung Ernst sei; man mußte gleich eine andre Bestimmung dieser 5000 argwöhnen. Durch seinen Scheinbefehl sichert sich aber der Consul, daß Perseus nicht etwa durch einen Überläufer – sei es von den Landtruppen oder von der Flotte – die Wahrheit zu früh erfährt, weil sie dieser selbst nicht wußte. bei der Flotte besorgt, so daß sie durch nichts aufgehalten würden. Nun befahl er den Wegweisern, den Marsch so einzutheilen, daß am dritten Tage schon um die vierte Nachtwache der Angriff auf Pythium erfolgen könne. Um den König von jeder anderweitigen Umsicht abzuziehen, ließ er es Tags darauf in der Mitte des Stroms mit den feindlichen Vorposten zum Treffen kommen. Auf beiden Seiten fochten die leichten Truppen; und in einem so 424 ungleichen Strombette fand auch kein Gefecht mit schwereren Waffen Statt. Der Hinabgang an beiden Ufern bis in das Bette betrug gegen dreihundert Schritte: die Breite des hier so, dort wieder anders ausgehöhlten Stroms erstreckte sich in der Mitte auf etwas mehr als tausend Schritte. Hier in der Mitte wurde gefochten, und von beiden Seiten waren auf ihrem Lagerwalle, hier der König, dort der Consul mit ihren Legionen Zuschauer. Mit dem Geschosse fochten aus der Ferne die königlichen Hülfstruppen besser; Mann gegen Mann stand der Römer fester, und hinter seinem Rundschilde oder dem Ligustinischen Langschilde mehr gedeckt. Ungefähr um Mittag ließ der Consul den Seinigen zum Rückzuge blasen. So wurde für heute das Gefecht getrennt, und auf beiden Seiten waren nicht Wenige gefallen. Durch den Kampf erbittert trafen sie am folgenden Tage schon mit Sonnenaufgang so viel rascher auf einander: allein die Römer wurden nicht bloß von denen verwundet, mit denen sie sich ins Gefecht eingelassen hatten, sondern noch weit mehr von der Menge, welche auf die Thürme vertheilt stand, mit allen Arten von Geschoß und am meisten mit Steinen. Rückten sie näher an das Ufer der Feinde, so erreichten die aus dem Wurfgeschütze geschleuderten Steine sogar die Letzten. Diesmal ließ der Consul die Seinigen, welche heute weit mehr verloren hatten, etwas später abziehen. Am dritten Tage ließ er es nicht zum Gefechte kommen, sondern zog nach dem unteren Theile seines Lagers hinab, als wollte er den Versuch machen, über einen zum Meere hinunterlaufenden per devexum in mare brachium]. – Es bleibt ungewiß, ob hierunter ein nach dem Meere ablaufender Arm der Macedonischen Verschanzungen zu verstehen sei, oder ein Arm des Stroms Enipeus. Crevier. Arm durchzubrechen. Perseus, auf das, was er vor Augen hatte, [ganz allein bedacht, richtete seine ganze Sorgfalt nur darauf, den Feind auf dieser Seite zurückzuschlagen, ohne auf einem andern Punkte etwas zu fürchten. Als Nasica, der unterdeß mit der ihm zugegebenen Mannschaft nach Heracleum abgegangen war, dort ankam, ließ er die Soldaten sich gütlich thun und erwartete die Nacht. Nun 425 theilte er den Vornehmsten unter seinen Anführern den eigentlichen Auftrag des Consuls mit, bog beim ersten Einbruche der Dunkelheit von seinem Wege ab gegen das Gebirge und führte die Truppen, wie ihm befohlen war, in aller Stille gegen Pythium. Als sie auf dem obersten Gipfel ankamen, der sich zu einer Höhe von mehr als zehn Das Stadium zu 600 Fuß. Stadien erhebt, wurde den ermüdeten Soldaten einige Zeit zur Erholung gegeben. Im Besitze dieser Höhe waren, wie schon gesagt, Medon, Histiäus und Theogenes, welche Perseus mit fünftausend Macedoniern hieher geschickt hatte. Allein die Sorglosigkeit dieser königlichen Befehlshaber war so groß, daß niemand etwas vom Anzuge der Römer erfuhr. Nasica überfiel sie im Schlafe und warf sie ohne Mühe von der Höhe, wenn wir dem Polybius glauben. Denn in seinem Briefe an einen von den Königen erzählt Nasica selbst die Sache ganz anders. «Beim Hinansteigen hätten sie den Berg sehr steil gefunden, aber unbewacht; so daß er die Klause ohne Schwierigkeit würde genommen haben, wenn nicht von den Cretensern in seinem Kohre ein Überläufer zum Perseus geeilt wäre, und ihn von dem, was vorging, benachrichtigt hätte. Der König selbst sei zwar in seinem Lager geblieben, habe aber zweitausend Macedonier und zehntausend Mann Hülfstruppen unter Anführung des Medon geschickt, die Klause zu besetzen. Mit diesen habe man auf der Höhe des Bergrückens ein sehr hartnäckiges Gefecht gehabt; unter andern habe auch ein Thracischer Soldat nach ihm selbst gestochen, dem er aber seinen Spieß durch die Brust gestoßen habe. Endlich hätten die besiegten Macedonier den Kampfplatz geräumt und Medon selbst habe mit weggeworfenen Waffen sein Heil in der schimpflichsten Flucht gesucht.» Bei der Verfolgung der Flüchtigen kamen die Römer ohne Mühe und Gefahr in die Ebene herab. Bei dieser Lage der Dinge wurde Perseus unschlüssig, was er thun sollte. Da er fürchten mußte, weil sich jetzt 426 die Römer den Weg durch den Bergpaß eröffnet hatten, von ihnen umgangen zu werden, so wurde es für ihn durchaus nothwendig, entweder nach einem Rückzuge auf Pydna dort den Feind zu erwarten, um unter den Mauern der Festung so viel sicherer mit ihm zu schlagen; oder seine Truppen in die Städte Macedoniens zu vertheilen, das Getreide und die Heerden in die festen Plätze zusammenzubringen und dem Feinde die verheerten Dörfer und den nackten Boden zu überlassen. Der König selbst schwankte zwischen diesen beiden Maßregeln hin und her. Seine Vertrauten aber, die das Ehrenvollere auch für das Sicherere hielten, redeten ihm zu, es auf eine Schlacht ankommen zu lassen. «Er sei schon an Truppenzahl dem Feinde überlegen; er müsse aber wahrlich auch auf ihre Tapferkeit vertrauen, da diese, schon ihr angebornes Eigenthum, noch durch die stärksten und heiligsten Ermunterungsmittel, die es in der Welt gebe, zum tapfern Kampfe werde angefeuert werden; durch die Rücksichten auf ihre Altäre, auf den eignen Herd, auf die Heiligthümer, zwischen welchen und für welche sie zu fechten haben würden, auf ihre Ältern und Gattinnen, und endlich auf einen König, der in Person ihr Augenzeuge sei und zu jeder Theilnahme an der Gefahr sich darbiete.» Hiedurch überredet schickte sich der König an zu einer Schlacht, und als er sich bis Pydna zurückgezogen hatte, ließ er zugleich ein Lager schlagen, stellte zugleich die Schlachtordnung auf und wies jedem Anführer sein Geschäft und seinen Platz an, als ginge es vom Marsche zur Schlacht. Die Beschaffenheit der Gegend war folgende. Ein Feld erlaubte dem Phalanx, der eine offene und ebene Fläche nöthig hat, sich auszubreiten, doch nicht so, daß er mit Leichtigkeit hätte vorrücken können: dann folgte eine Reihe von Anhöhen, welche den leichten Truppen als Zuflucht und zu schnellen Umgehungen dienen konnten. Zwei Flüsse, in der Landessprache der eine Äson, der andre Leucus genannt, flossen sie gleich jetzt sehr dürftig, schienen für die Römer wenigstens einigermaßen ein Hinderniß werden zu können. Ämilius nahm, als er 427 sich mit dem Nasica vereinigt hatte, sogleich den geraden Weg gegen den Feind. Aber staunend bei dem Anblicke eines Heeres, das an Zahl und Kerntruppen so stark, das so herrlich im Stande und zur Schlacht gerüstet war, machte er Halt unter mancherlei Erwägungen. 36. Die Zeit] im Jahre war die nach Verlauf des längsten Tages. Der Tageszeit nach ging es schon gegen Mittag; und der Marsch war unter vielem Staube und steigender Sonnenhitze zurückgelegt. Ermattung und Durst wurden fühlbar, und offenbar mußte gegen den nahen Mittag beides noch stärker werden. Er beschloß, die Truppen in dieser Ermüdung einem rüstigen ungeschwächten Feinde nicht auszusetzen. Allein bei beiden Theilen war die Begierde zur Schlacht so brennend, daß der Consul bei den Seinigen eben so viele Kunst anwenden mußte, sie zu täuschen, als bei den Feinden. Da sie noch nicht alle aufgestellt waren, so drang er in die Obersten, die Aufstellung zu beschleunigen. Er selbst ging von einer Abtheilung zur andern, und seine Aufmunterungen befeuerten den Muth der Soldaten zur Schlacht. Hier waren sie anfangs flink genug, das Zeichen zu fordern. So wie aber die Hitze zunahm, verloren die Mienen ihr Feuer, das Rufen legte sich und Manche standen da, an ihren Schild gelehnt, auf ihre Pike gestützt. Nun befahl er den Hauptleuten des ersten Gliedes geradezu, die Lagerstirn abzustecken und dem Gepäcke seinen Stand zu geben. Als die Soldaten diese Anstalten sahen, äußerten die Übrigen ihre Freude laut, daß er sie von dem beschwerlichen Marsche und der brennendsten Hitze ermüdet nicht genöthigt habe zu fechten. Allein um den Heerführer her waren die Unterfeldherren, die Obersten der fremden Truppen, unter diesen auch Attalus; welche sämtlich, als sie noch glaubten, der Consul wolle schlagen, ihm beigefallen waren; denn selbst ihnen neque enim ne his]. – Ich folge hier Crev. u. Drak., und lese: neque enim ne his quidem cunctationem etc., und bald nachher halte ich mich allein an Crevier, welcher Gronovs Vorschläge so verbessert: Ne hostem, ludificatum priores imperatores fugiendo certamen, manibus emitteret. Das von Doujat vorgeschlagene quondam und Gronovs pridem stecken schon in priores. hatte er seine Unlust nicht 428 entdeckt: und als bei der plötzlichen Abänderung des Plans die Übrigen schwiegen, wagte es von Allen der einzige Nasica, dem Consul die Erinnerung zu machen: «Er möge den Feind, der die vorigen Feldherren durch Verweigerung einer Schlacht gehöhnet habe, nicht aus den Händen lassen. Er fürchte, daß dieser in der Nacht davongehe, daß man ihm dann mit der größten Mühe und Gefahr in das innerste Macedonien nachgehen müsse, und das Heer, so wie unter den vorigen Anführern, über die Pfade und Pässe der Macedonischen Gebürge in der Irre umhergezogen werde. Er rathe ernstlich zum Angriffe, so lange man noch den Feind in offenem Felde habe, und die gebotene Gelegenheit zum Siege nicht fahren zu lassen.» Der Consul, durch die freimüthige Erinnerung eines so angesehenen jungen Mannes im mindesten nicht beleidigt, sprach: «Auch ich habe einst so gedacht, Nasica, wie du jetzt denkst: und wie ich jetzt denke, wirst du dereinst denken. Viele Erfahrungen im Kriege haben mich belehrt, wann man schlagen, und wann man sich der Schlacht entziehen müsse. Jetzt möchte mirs, in der Linie gegen den Feind, zu unwichtig sein, dich zu belehren, aus welchen Ursachen für heute die Ruhe besser sei. Frage mich darum ein andermal: jetzt genüge dir der Ausspruch eines alten Feldherrn.» Der Jüngling schwieg: «Denn gewiß sehe der Consul Hindernisse der Schlacht, die ihm nicht einleuchteten.» 37. Als Paullus wahrnahm, daß das Lager abgesteckt und das Gepäck zur Stelle sei, führte er zuerst die Triarier aus dem Hintertreffen ab; dann das zweite Treffen, während das erste vorn in der Linie stehen blieb; zuletzt auch das erste Treffen, so daß er, zuerst vom rechten Flügel, nach und nach jede einzelne Abtheilung wegnahm. So wurden die Truppen zu Fuß, indeß die Reuterei mit den Leichtbewaffneten vor der Linie dem Feinde entgegengesetzt blieb, ohne Unruhe abgeführt, und nur 429 erst, als die Vorderstirn des Walles und der Graben fertig waren, wurde die Reuterei von ihrem Posten abgerufen. Auch der König, der heute ohne Weigerung sich zu einer Schlacht bereit gezeigt hatte, zog seine Truppen ebenfalls in sein Lager zurück, zufrieden, daß sie wußten, die Verzögerung der Schlacht habe am Feinde gelegen. Nach beendigter Verschanzung des Lagers, zeigte Cajus Sulpicius Gallus, ein Oberster von der zweiten Legion, der im vorigen Jahre Prätor gewesen war, den mit des Consuls Erlaubniß zu einer Versammlung berufenen Soldaten an: «Damit es niemand für ein Schreckzeichen ansehe, so sage er ihnen, in der nächsten Nacht werde der Mond von der zweiten Nachtstunde nocte proxima – ad quartam horam noctis]. – Das Wort Nachtstunde habe ich absichtlich gewählt, um auf die Kürze der Stunden in dieser Nacht aufmerksam zu machen. Wäre hier von einer Zeit um die Nachtgleichen die Rede, wenn der Römische Tag von 6 Uhr Morgens bis 6 Uhr Abends dauerte, so würde diese Finsterniß nach unsrer Uhr von 7 bis 10 (wie Große in der Anmerkung sagt) gewährt haben. Allein um die Zeit des Solstitii ( Cap. 36. im Anf.) dauerte die Römische Nacht etwa nur von 9 Uhr Abends bis 3 Uhr Morgens: ihre Nachtstunden waren dann nicht viel länger als unsre halben Stunden, um so viel länger aber die Stunden ihres Tages. Nach dieser Bemerkung dauerte diese Mondfinsterniß nach unsrer Uhr etwa von halb 10 bis um 11. – Nach der Berechnung neuerer Astronomen fiel sie auf den 21sten Junius. Dies trifft, wie Crev. bemerkt, mit der vom Livius Cap. 36. angegebenen Zeit des Solstitii zusammen. Daß aber die Römischen Pontifices in ihrem Kalender um die Zeit des längsten Tages schon den vierten September hatten, darüber wundern wir uns nicht, wenn wir mit dieser Stelle Cap. 30. und B. 43. Cap. 11. vergleichen. an bis zur vierten verfinstert werden. Weil dies der Ordnung der Natur gemäß zu festgesetzten Zeiten erfolge, so könne man es vorherwissen und vorhersagen. So wie sie sich also nicht darüber wunderten, daß der Mond, weil Sonne und Mond ihren bestimmten Aufgang und Untergang hätten, bald in voller Scheibe strahle, bald mit abnehmenden schmalen Hörnern; so müßten sie auch dies nicht auf ein Unglückszeichen deuten, daß er, wenn ihn der Erdschatten bedecke, verdunkelt werde.» Als nun in der Nacht, auf welche der vierte September folgte, die Mondfinsterniß in der angegebenen Stunde eintrat, da hielten die Römischen Soldaten die Weisheit des Gallus beinahe für göttlich; die Macedonier 430 hingegen erschütterte sie als ein trauriges Vorzeichen, das den Untergang des Reichs und des Volks Verderben bedeute. Und so sprachen auch ihre Wahrsager. Geschrei und Geheul ertönte im Macedonischen Lager, bis der Mond wieder in seinem Lichte hervortrat. Tags darauf – so erpicht waren beide Heere auf ein Treffen gewesen, daß sowohl dem Könige als dem Consul Einige von den Ihrigen Vorwürfe darüber machten, daß man ohne Schlacht aus einander gegangen sei – Postero die (tantus – – accusarent) regi promta etc.]. – Ich folge dieser von Drak. vorgeschlagenen Interpunction. konnte sich der König leicht entschuldigen, nicht allein damit, daß die Feinde zuerst, mit offenbarer Verweigerung einer Schlacht, ihre Truppen in das Lager zurückgezogen hätten, sondern auch, weil er selbst seine Stellung da genommen hatte, wo der Phalanx, den jede noch so mittelmäßige Ungleichheit des Bodens unnütz macht, nicht vorrücken konnte. Der Consul war außerdem, daß er gestern die Gelegenheit zur Schlacht verabsäumt und es dem Feinde freigestellt zu haben schien, ob er in der Nacht abziehen wolle, auch jetzt noch in dem Verdachte, daß er unter dem Vorwande des Opfers die Zeit hinbringe, ob er gleich mit Tagesanbruch das Zeichen, zum Ausrücken in die Schlachtordnung, aufgesteckt habe. Als endlich um die dritte Tagesstunde das Opfer gehörig vollzogen war, berief er einen Kriegsrath. Und auch hier kam es Einigen so vor, als bringe er die Zeit zum Handeln mit Sprechen und unzeitigen Berathschlagungen hin. Nach geendeter Absprache post sermones tamen]. – Ich übersetze Drakenborchs tandem. hielt endlich der Consul folgende Rede. 38. « Publius Nasica, dieser ausgezeichnete junge Mann, hat sich mir unter Allen, welche gestern eine Schlacht gewünscht haben, ganz allein mit seiner Meinung bloßgegeben. Nachher hat er geschwiegen, so daß ich annehmen kann, er sei zu meiner Meinung übergegangen. Einige Andre haben es für besser befunden, den Feldherrn hinter seinem Rücken zu tadeln, als ihn 431 persönlich zu erinnern. Ich nehme keinen Anstand, sowohl dir, Nasica, als allen denen, welche mit dir denselben Wunsch, nur versteckter, hegten, über den Aufschub des Treffens Rechenschaft abzulegen. Denn ich bin so weit entfernt, das gestrige Stillsitzen zu bereuen, daß ich vielmehr glaube, durch diese Maßregel das Heer gerettet zu haben. Und damit niemand unter euch glauben möge, daß ich für diese Meinung keine Gründe habe, wohlan, so zähle er mit mir, wenns ihm gefällig ist, das Alles wieder auf, wodurch der Feind im Vortheile, und wir im Nachtheile waren. Gleich zuerst dieses: ich bin überzeugt, daß Jeder von euch schon früher gewußt habe, wie sehr uns die Macedonier an Zahl überlegen sind, und daß ihr dies gestern bei dem Anblicke ihrer ausgebreiteten Linie selbst gesehen habt. Von dieser unsrer kleineren Anzahl war der vierte Theil der Truppen bei dem Gepäcke zur Bedeckung geblieben, und ihr wisset, daß man zum Schutze der Päckereien nicht gerade die Schlechtesten zurückläßt. Aber gesetzt, wir waren Alle Sed fuerimus omnes]. – Duker sagt: Non capio sensum horum verborum. Er glaubt sie dann zu verstehen, wenn es hieße: Sed fuerimus una omnes. Entweder heißt hier esse so viel als adesse, oder in adfuerimus ging ad über das vorhergehende ed verloren. zur Stelle: halten wir denn das für eine Kleinigkeit, daß wir aus diesem Lager, worin wir jetzt übernachtet haben, wenn wir es für gut finden, erst heute oder spätestens morgen unter dem Beistande der Götter zur Schlacht ausrücken werden? Macht das keinen Unterschied, ob man den Soldaten, den heute kein Marsch, keine Arbeit erschöpft hat, nach der Ruhe neugestärkt in seinem Zelte zu den Waffen greifen heißt, und ihn in voller Kraft, an Leib und Seele munter, in die Linie treten läßt; oder ob man ihn, vom langen Marsche ermattet, unter seiner Last erliegend, von Schweiß triefend, lechzend vor Durst, Mund und Augen voll Staub, von der Mittagssonne glühend, einem Feinde preisgiebt, der frisch und ausgeruhet, seine zu nichts vorher verbrauchten Kräfte mit ins Treffen bringt. Wer, bei Gott! sei er noch so sehr 432 Weichling und Schwächling, wird nicht, wenn er so dem tapfersten Manne gegenüber gestellt wird, ihn besiegen? Noch mehr! hatten nicht die Feinde in aller Ruhe ihre Linie geordnet? sich neu ermuthigt? standen sie nicht Jeder auf seinem Platze in ihren Gliedern da? und mußten wir nicht dann den Augenblick zur Aufstellung der Linie uns durch einander tummeln und noch ohne Gliederschluß angreifen?» 39. «Nun ja, antwortet man mir, wir hätten freilich eine Linie ohne Schluß und Ordnung gehabt. So hatten wir vielleicht ein schon befestigtes Lager? hatten für die Wasserholung gesorgt? den Weg dahin durch aufgestellte Posten in unsrer Gewalt? die ganze Gegend umher ausgesichert? oder hatten wir nichts, das unser war, als das nackte Feld, auf dem wir schlagen sollten? Eure Vorfahren sahen ihr festes Lager bei allem, was ihr Heer treffen konnte, als seinen Hafen an, aus welchem es zur Schlacht auslaufen, in welchen es, vom Sturme der Schlacht umgetrieben, sich bergen könne. Deswegen sicherten sie das Lager, wenn sie es schon mit Verschanzungen umzäunt hatten, noch durch eine starke Besatzung; weil der, der sein Lager verlor, wenn er auch in der Schlachtreihe gesiegt hatte, doch für den Besiegten galt. Dem Sieger ist sein Lager Ruhepunkt, dem Besiegten Rettungsort. Wie manches Heer, dem das Glück in der Schlacht minder hold war, that, in seinen Lagerwall zusammengedrängt, bei einem günstigeren Zeitpunkte, zuweilen gleich den Augenblick nachher, einen Ausfall und schlug den feindlichen Sieger? Dieser Wohnort des Kriegers ist seine zweite Vaterstadt; der Lagerwall vertritt die Stelle der Stadtmauer; sein Zelt ist Jedem Haus und Hausaltar. Wir aber würden als Umherirrende, die nirgends zu Hause sind, geschlagen haben, um uns nach erfochtenem Siege – wohin denn? – zurückzuziehen. Diesen Schwierigkeiten und Verhinderungen einer Schlacht stellt man Folgendes entgegen: Wie, wenn der Feind in dieser ihm gefristeten Nacht davon gegangen wäre, wie viele Beschwerlichkeiten mußten wir dann von neuem ausstehen, ihm 433 bis hinten an das Ende von Macedonien zu folgen? Ich aber bin überzeugt, daß er weder Stand gehalten, noch sein Heer zur Schlacht aufgeführt haben würde, wenn er Willens gewesen wäre, zu weichen. Wie viel leichter konnte er abziehen, da wir noch fern waren, als jetzt, da wir ihm auf dem Nacken sind? Auch könnte er uns bei seinem Abzuge, so wenig bei Tage als bei Nacht, unbemerkt bleiben. Was kann uns aber erwünschter sein, als eben den Feind, dessen Lager wir zu stürmen wagten, ob es gleich durch das so hohe Flußufer gesichert und noch obenein mit einem Walle und Thürmen in Menge umpflanzt war, jetzt auf offenem Felde in seinem Rücken anzugreifen, wenn er mit Hinterlassung seiner Werke in fortstürzendem Zuge davonginge? Dies waren die Gründe für die Aussetzung der Schlacht von gestern auf heute. Denn zu schlagen ist eben so sehr auch mein Wille: und darum habe ich ja, weil uns der Weg zum Feinde durch den Strom Enipeus gesperrt war, durch einen andern Paß, aus welchem ich die feindlichen Posten vertreiben ließ, einen neuen Weg eröffnet: und ich werde nicht eher ablassen, als bis ich den Krieg beendigt habe.» 40. Auf diese Rede erfolgte eine Stille, weil er den einen Theil der Zuhörer für seine Meinung gewonnen hatte, und der andre sich scheute, ihn in einer Sache zu beleidigen, die jetzt – mochte ihre Verabsäumung recht oder unrecht sein – nicht ungeschehen gemacht werden konnte. Und da auch selbst an diesem Tage der Consul so wenig, als der König Lust hatten – der König nicht, weil er jetzt die Feinde nicht so, wie Tages zuvor, vom Marsche ermüdet, zur Aufstellung der Linie durch einander eilend und kaum zum Schlusse fertig, angreifen konnte: der Consul nicht, weil in seinem neuen Lager kein Holz, kein Futter angefahren, und diese Bedürfnisse zu holen, ein großer Theil der Soldaten vom Lager auf die nahen Dörfer abgegangen war – kurz da von beiden Feldherren keiner den Willen hatte, so leitete dennoch das Schicksal, mächtiger als alle menschlichen Maßregeln, eine Schlacht ein. Aus einem Flusse von geringer Größe, dem 434 Macedonischen Lager näher, holten Macedonier und Römer das Wasser; und sie dies mit Sicherheit thun zu lassen, waren am beiderseitigen Ufer Bedeckungen aufgestellt. Auf Römischer Seite standen zwei Cohorten, die Marrucinische und die Pelignische; ferner zwei Geschwader Samnitischer Reuterei, die der Unterfeldherr Marcus Sergius Silus anführte: und vor dem Lager hielt noch ein andrer feststehender Posten mit dem Unterfeldherrn Cajus Cluvius, nämlich drei Cohorten, die Firmanische, die Vestinische, die Cremonensische, und zwei Geschwader Reuterei, das Placentinische und Äserninische. Am Ufer war Alles still, weil keiner von beiden Theilen den andern angriff, als etwa um die neunte hora circiter quarta]. – Ich lese mit Gronov (aus Plutarch und wegen der zwischen IV und IX so leicht möglichen Verwechselung) hora circiter nona. Rechnen wir auf die damals lange Römische Tagestunde, 1½ unsrer Stunden, – der Tag währte etwa von Morgens 3 bis Abends 9 – so fing die Schlacht Nachmittags um vier Uhr an. Vergl. Cap. 37. Tagesstunde ein Packthier seinen Wärtern unter den Händen weglief und an das jenseitige Ufer entkam. Da ihm durch das kaum kniehohe Wasser drei Soldaten nachgingen, zwei Thracier aber das Thier aus der Mitte des Stroms nach ihrem Ufer hinzogen, so tödteten jene den Einen von diesen, nahmen das Thier wieder mit und gingen zu ihrem Posten zurück. Am feindlichen Ufer stand ein Posten von achthundert Thraciern. Von diesen gingen aus Unwillen, einen von ihren Landsleuten vor ihren Augen getödtet zu sehen, zuerst nur Wenige zur Verfolgung seiner Mörder über den Fluß, dann Mehrere, zuletzt Alle und wurden mit dem Posten, [der auf Römischer Seite das Ufer beschützte, handgemein. Es fehlt nicht an Berichten, welche melden, auf Paullus eignen Befehl habe man das Pferd entzügelt dem feindlichen Ufer zugejagt, dann einige Leute abgeschickt, es wiederzuholen, damit die Feinde den Angriff zur Schlacht zuerst thun möchten. Denn da bei zwanzig geschlachteten Thieren das Opfer nicht günstig ausgefallen war, so hatten die Opferschauer endlich beim einundzwanzigsten die Eingeweide für glückverkündend 435 erklärt, doch so, daß sie den Römern nur dann den Sieg versprachen, wenn sie nicht angriffen, sondern bloß sich vertheidigten. Die Schlacht, die auf diese Art wenigstens in Gang gebracht wurden es sei nun durch Zufall, oder nach des Feldherrn Absicht, würde übrigens sehr bald, weil von beiden Seiten Truppen über Truppen zur Hülfe der Ihrigen herbeiflogen, so ernsthaft, daß die Heerführer gezwungen wurden, sich einer gewagten Hauptentscheidung zu unterziehen. Denn als Ämilius, der auf das Getümmel der gegen einander Anstürzenden aus dem Feldherrnzelte trat, jetzt wahrnahm, daß er die zu ihren Waffen Rennenden bei ihrer blinden Hitze eben so wenig ohne Mühe, als ohne Gefahr werde umrufen oder zum Stillstehen bringen können, so glaubte er, den Eifer der Truppen benutzen und dem Zufalle die Wendung geben zu müssen, als ob er ihm geboten sei. Er rückte also mit den Truppen aus dem Lager, durchritt die Glieder und ermahnte sie, die so sehnlich gewünschte Schlacht mit gleichem Eifer anzunehmen. Jetzt brachte ihm Nasica, den er vorausgeschickt hatte, um zu erfahren, wie die vorn schon Fechtenden mit einander ständen, die Nachricht, Perseus sei mit seinem aufgestellten Heere im Anzuge. Die Thracier schritten voran mit wildem Blicke, von schlankem Körperwuchse, und auf der Linken mit Schilden gedeckt, von denen ein blendendes Weiß zurückstrahlte. Beide Schultern umhüllte ein schwarzer Kriegsrock: ihre Rechte schwang von Zeit zu Zeit die blitzende Lanze von gewaltiger Schwere. Neben den Thraciern stellten sich die besoldeten Hülfsvölker auf; nach Verschiedenheit der Nationen in Rüstung und Aufzuge verschieden; unter ihnen auch die Päonier. Darin folgte ein Heerhaufe geborner Macedonier, nach dortiger Benennung der Phalanx der Weißschildner; an Körperkraft und Tapferkeit Alle die Auserlesensten, strahlend in vergoldeten Waffen und Scharlachrücken. Sie machten das Mitteltreffen aus. Auf sie folgten die von ihren ehernen und glänzenden Schilden sogenannten Erzschildner oder Glanzschildner. Dieser Phalanx stand neben dem andern auf dem rechten 436 Flügel aufgepflanzt. Außer diesen beiden Phalanxen, die den eigentlichen Kern des Macedonischen Heeres ausmachten, waren die Rundschildner, ebenfalls Macedonier, und so wie die andern Phalangiten mit langen Lanzen, übrigens aber leichter bewaffnet, auf die Flügel vertheilt und ragten, weiter vorgeschoben, aus der übrigen Linie hervor. Das Feld blitzte vom Waffenglanze. Vom Zurufe der sich unter einander Ermunternden halleten die nahen Hügel. Diese sämtlichen Truppen rückten zur Schlacht mit solcher Schnelligkeit und Kühnheit an, daß die ersten Getödteten nur zweihundert und funfzig Schritte vom Römischen Lager gefallen waren. Unterdeß schritt auch Ämilius vor, und als er die übrigen Macedonier erblickte, vorzüglich aber die im Phalanx aufgestellten, die theils ihre schweren, theils ihre leichten Schilde von der Schulter genommen hatten und mit ihren auf Ein Zeichen gesenkten Lanzen den Ansturz der Römer auffingen, so durchfuhr ihn voll Verwunderung über den dichten Schluß und die Festigkeit dieser Heerhaufen und über ihre Umzäunung von vorgestreckten Lanzen, zugleich Staunen und Schrecken, als hätte er nie ein ähnliches so furchtbares Schauspiel vor Augen gehabt; und noch nachher erwähnte er dessen öfters und machte aus diesem Geständnisse kein Hehl. Für jetzt aber stellte er, ohne im mindesten die Bestürzung seines Inneren zu verrathen, mit heitrem Blicke und sorgenfreier Stirn, an Haupt und Körper unbedeckt, seine Linie. Schon fochten die Peligner mit den ihnen gegenüber stehenden Leichtschildnern, und als sie nach langer fruchtloser Anstrengung den dichten Zug nicht durchbrechen konnten, ergriff Salius, der die Peligner anführte, eine Fahne und warf sie unter die Feinde. Hier entglühete ein heißer Kampf, weil die Peligner auf ihrer Seite, die Fahne wieder zu erobern, von der andern die Macedonier, sie zu behaupten, alle Kräfte aufboten. Jene hieben die überlangen Macedonischen Lanzen mit dem Schwerte ein, oder schlugen sie mit der Wölbung ihres Schildes zu Boden, oder schoben sie sogar mit bloßen Händen zur Seite. Diese 437 stießen die mit beiden Händen festgefaßte Lanze mit solcher Kraft auf die ohne Umsicht und in blinder Wuth Heranstürzenden, daß sie Schild und Panzer durchbohrten und selbst den Mann auf dem Spieße über ihre Häupter wegschleuderten. Als so die ersten Reihen der Peligner zurückgeschlagen waren, wurden auch die zunächst hinter ihnen Stehenden niedergehauen; und wenn gleich noch nicht auf eingestandener Flucht, schritten doch die Römer rückwärts dem Berge zu, der in der Landessprache Olocros heißt. Und hier ergriff den Ämilius ein so herber Schmerz, daß er vor Unwillen sogar seinen Purpur zerriß. Denn er sah auch auf den übrigen Stellen die Seinigen zögern und nur furchtsam jener gleichsam eisernen Umzäunung nahen, von welcher rundum die Schlachtordnung der Macedonier starrete. Doch der einsichtsvolle Feldherr bemerkte auch, daß diese gleichsam zusammengezimmerten Feinde nicht allenthalben in so dichtem Schlusse standen, daß sie hin und wieder in Zwischenräume sich öffneten, entweder wegen der Ungleichheit des Bodens, oder selbst wegen der übertriebenen Ausdehnung der Vorderstirn in die Länge; weil nothwendig diejenigen, welche zu einer Erhöhung hinanstiegen von den niedriger Stehenden, die Langsameren von den Geschwinderen, die Fortschreitenden von den Stehenbleibenden, endlich die Verfolger des Feindes von den Zurückgedrängten, selbst wider ihren Willen, getrennet werden mußten. Um also die gesamte feindliche Linie zu sprengen und jene unbesiegbare Gewalt des ganzen Phalanx in viele vereinzelte Gefechte zu zertheilen, befahl er den Seinigen, aufmerksam auf jeden Riß zu sein, den die feindliche Linie bekäme, und wo sie dergleichen gewahr würden, sogleich im Angriffe dort hinzustürzen, in die auch noch so unbedeutend sich öffnenden Zwischenräume keilweise sich einzuschieben und ihre Sache gut zu machen. Er hatte diesen Befehl gegeben und durch das ganze Heer laufen lassen, als er jetzt in Person von den beiden Legionen eine nahm und sie ins] Treffen führte. 41. Die hohe Würde des Feldherrnamtes, der Ruhm 438 des Mannes selbst und vorzüglich sein Alter machten Eindruck, insofern er, schon über sechzig, da wo Kampf und Gefahr am meisten dringend waren, sich den Pflichten der Jünglinge unterzog. Seine Legion füllte den Zwischenraum aus, der die Leichtschildner von beiden Phalanxen schied und unterbrach die feindliche Linie. Den Leichtschildnern stand sie im Rücken, die Stirn bot sie den sogenannten Glanzschildnern. Die zweite Legion mußte der Consular Lucius Albinus gegen den Phalanx der Weißschildner führen, der das feindliche Mitteltreffen ausmachte. Auf dem Römischen rechten Flügel, da wo am Flusse das Treffen seinen Anfang genommen hatte, wurden die Elephanten aufgeführt und die eine Abtheilung der Bundsgenossen. Und sie war es, die zuerst die Flucht der Macedonier bewirkte. Denn wie so manche neue menschliche Erfindung der Angabe nach ihre Wirkung thut, allein in der Anwendung, – – wenn nicht die Weise, wie man zu handeln habe, dargethan, sondern gehandelt werden soll, – – ohne das Mindeste zu leisten, im Stiche läßt; so standen auch diesmal die Elephanten in der Schlachtordnung dem Namen nach da, allein ohne Nutzen. Den angreifenden Elephanten folgten die Latinischen Bundestruppen, und diese waren es, die den linken feindlichen Flügel warfen. Im Mitteltreffen zerstückelte den Phalanx die eingeschobene zweite Legion. Was als Beförderungsmittel des Sieges sich am auffallendsten bewährte, war dies, daß es allenthalben Treffen im Kleinen gab, die den wogenden Phalanx zuerst in Unordnung brachten und dann aus einander warfen. Denn so lange er im Schlusse steht und von vorgestreckten Lanzen starret, ist seine Kraft unwiderstehlich. Nöthigt man aber durch vortheilhafte Angriffe die Phalangiten, mit der durch Länge und Gewicht schwerfälligen Lanze sich umzudrehen, so verwickeln sie sich in dem Gewirre; und wird ihnen irgendwo in der Flanke oder im Rücken ein angreifender Feind laut, so stürzt Alles über einander. So sahen sie sich auch jetzt gezwungen, den truppweise angreifenden Römern, und zwar mit vielfältiger Unterbrechung ihrer eignen Linie, entgegen zu gehen; und die Römer schoben allenthalben, 439 wo ihnen Zwischenräume geboten wurden, ihre Haufen ein. Hätten sie sich auf der Vorderstirn in ganzer Linie mit dem aufgestellten Phalanx eingelassen, so würden sie, wie es zu Anfange der Schlacht den Pelignern mit ihrem unvorsichtigen Angriffe auf die Leichtschildner ging, sich auf die Lanzen gespießt und der geschlossenen Linie nicht widerstanden haben, 42. So wie indeß die Truppen zu Fuß allenthalben niedergehauen wurden, wenn sie nicht mit Abwerfung ihrer Waffen die Flucht nahmen, so zog die Reuterei fast ohne Verlust aus der Schlacht ab. Der König selbst war auf der Flucht voran. Schon eilte er von Pydna mit den Geschwadern der Heiligen Reuterei nach Pella. Auf diese folgte sogleich Cotys Costocus]. – Statt dessen eos Cotys. Jak. Gronov. (Cotys: rex Odrysarum. 42, 29 u. 51. Crev., Drak. ) mit der Reuterei der Odrysen. Auch die übrigen Macedonischen Geschwader zogen in geschlossenen Gliedern ab, weil die Linie des Fußvolks, die als Scheidewand vor ihnen stand, die mit Niederhauen beschäftigten Sieger an die Verfolgung der Reuterei nicht denken ließ. Lange dauerte das Gemetzel im Phalanx, sowohl von vorne, als auf den Flanken und im Rücken. Endlich flohen die, welche den Händen der Feinde entkamen, wehrlos dem Meere zu; Einige gingen auch ins Wasser, streckten mit flehentlicher Bitte um ihr Leben denen auf der Flotte die Hände entgegen, und als sie sahen, daß von allen Seiten Kähne von den Schiffen herbeieilten, glaubten sie, man komme, sie einzunehmen, um sie lieber zu Gefangenen zu machen, als zu tödten, und wagten sich noch weiter ins Wasser: Einige schwammen auch. Als man aber von den Kähnen aus feindlich auf sie einhieb, suchten sie, wenn sie konnten, an das Land zurückzuschwimmen und fanden hier einen noch kläglicheren Tod. So wie sie dem Wasser entstiegen, traten die von ihren Lenkern an das Ufer getriebenen Elephanten sie nieder oder erdrückten sie. Nach allgemeinem Eingeständnisse hatten die Römer nie so viele Macedonier in Einer Schlacht 440 erlegt. Gegen zwanzigtausend waren niedergehauen. An sechstausend, die aus der Schlacht nach Pydna hineingeflohen waren, kamen lebendig in die Hände der Feinde: von den durch die Flucht Zerstreueten wurden fünftausend Gefangene. Von den Siegern fielen nicht über hundert Mann, und diese waren größtentheils Peligner. Verwundet aber waren bei weitem mehrere. Wäre die Schlacht früher angegangen, so daß die Sieger zur Verfolgung mehr vom Tage vor sich gehabt hätten, so würde das ganze Heer vertilgt sein: so aber deckte die einbrechende Nacht die Fliehenden und benahm den Römern die Lust, sie in unbekannte Gegenden zu verfolgen. 43. Perseus floh auf der Heerstraße mit einer zahlreichen Reuterei und seinem königlichen Gefolge dem Pierischen Walde zu. Als er in den Wald kam, wo es mehrere Pfade nach verschiedenen Seiten gab, und die Nacht einbrach, bog er mit Wenigen seiner Getreuesten vom Heerwege ab. Die Reuter, von ihrem Führer verlassen, zerstreueten sich, der eine hier- der andre dorthin in ihre Städte. Nur sehr Wenige von ihnen kamen in Pella an, aber schneller als Perseus, weil sie den geraden freien Heerweg gegangen waren. Der König hatte fast bis um Mitternacht mit Besorgnissen und mancherlei Schwierigkeiten des Weges zu kämpfen. Im Pallaste empfingen den Perseus Euctus, Befehlshaber zu Pella, und die königlichen Edelknaben. Allein von den übrigen Freunden, die, der eine so, der andre so, gerettet, aus der Schlacht nach Pella kamen, fand sich keiner bei ihm ein, so oft er sie auch rufen ließ. Nur drei Begleiter seiner Flucht waren bei ihm, Evander der Cretenser, Neo der Böotier und Archidamus der Ätoler. Mit diesen floh er, aus Besorgniß, daß die, welche sich jetzt weigerten, zu ihm zu kommen, bald noch etwas mehr wagen möchten, um die vierte Nachtwache weiter. Ihm folgten höchstens fünfhundert Cretenser. Er wollte nur nach Amphipolis; war aber schon in der Nacht aus Pella gegangen, weil er eilte, noch vor Tage über den Strom Axius zu kommen, in Meinung, die Römer würden wegen der Schwierigkeit, durch 441 den Strom zu setzen, hier mit der Verfolgung inne hören. 44. Den Consul, der sich als Sieger in sein Lager zurückbegeben hatte, ließ die peinigende Besorgniß um seinen jüngeren Sohn die Freude nicht rein genießen. Dieser war Publius Scipio, welcher nachher als Carthago's Zerstörer den Zunamen Africanus auch durch sich selbst bekam, ein leiblicher Sohn des Consuls Paullus, durch Annahme ein Enkel des Africanus. Da er jetzt als siebzehnjähriger Jüngling – gerade dies vermehrte des Vaters Sorge – die Feinde unaufgehalten verfolgte, war er im Gewühle in eine andre Gegend abgekommen; und nur erst bei seiner späten Zurückkunft wurde der Consul, als ihm der Sohn wohlbehalten wiedergegeben war, für die Freude über seinen wichtigen Sieg empfänglich. Schon war das Gerücht von der Schlacht nach Amphipolis gekommen, und die Frauen strömten in den Tempel der Diana mit dem Zunamen Tauropolos zusammen, den Beistand der Göttinn zu erflehen: da ließ sich der Befehlshaber der Stadt, Diodorus, aus Besorgniß, die zweitausend Thracier, welche in der Stadt als Besatzung lagen, möchten im Auflaufe die Stadt plündern, von einem Menschen, dem er zum Scheine den Aufzug eines Eilboten gegeben hatte, mitten auf dem Markte einen Brief einhändigen. In dem Briefe stand: «An Emathien sei eine Römische Flotte gelandet, und die umliegenden Dörfer würden hart mitgenommen. Die Statthalter Emathiens bäten ihn, ihnen gegen diese Plünderer Hülfe zu senden.» Als er den Brief vorgelesen hatte, redete er den Thraciern zu; «Sie möchten ausrücken, die Emathische Küste zu schützen. Sie würden unter den Römern, die sich weit und breit über die Dörfer zerstreut hätten, ein großes Blutbad anrichten und viele Beute machen.» Zugleich machte er das Gerücht von einer verlornen Schlacht verdächtig. «Denn wenn es wahr sei, so würde ja von den Flüchtenden Ein neuer Bote über den andern angekommen sein.» Als er die Thracier unter diesem Vorwande weggeschickt hatte, schloß er, sobald er sah, sie waren über den Strymon gegangen, die Thore. 442 45. Den dritten Tag nach der Schlacht kam Perseus zu Amphipolis an. Von hier schickte er an den Paullus Gesandte mit dem Friedensstabe. Unterdeß begaben sich die Ersten von des Königs Günstlingen, Hippias, Medon, Pantauchus in Person zum Consul und überlieferten ihm die Stadt Beröa, wohin sie aus der Schlacht geflüchtet waren. Und mehrere Städte et aliae deinceps]. – Ich glaube, daß aus dem vorangegangenen Beroeam ein urbes oder civitates hinzuzudenken sei, ohne es doch mit Gronov in den Text aufnehmen zu wollen. Man vergl. die Anmerkung zu Cap. 25. machten sich der Reihe nach, von Schrecken befallen, gefaßt, ein Gleiches zu thun. Nachdem der Consul seinen Sohn Quintus Fabius, ferner den Lucius Lentulus und Quintus Metellus als Siegesboten mit einem Schreiben nach Rom abgefertigt hatte, überließ er die feindliche Beute vom Schlachtfelde dem Fußvolke, der Reuterei die Plünderung der umliegenden Dörfer unter der Bedingung nicht über zwei Nächte im Lager zu fehlen. Er selbst rückte näher an das Meer gegen Pydna. Zuerst ergab sich Beröa, dann Thessalonich, dann Pella, und der Reihe nach fast ganz Macedonien in zwei Tagen. Die Bürger von Pydna hatten, ob sie gleich die nächsten waren, noch keine Gesandten geschickt. Die unbefehligte Menschenmenge, aus mehreren Völkern gemischt, und das Gewühl derer, die nach der Schlacht durch die Flucht zusammen hieher an Einen Ort verschlagen waren, machten der Bürgerschaft jede Berathung und Vereinigung unmöglich: und die Thore waren nicht bloß verschlossen, sondern sogar zugebauet. Medon und Pantauchus mußten zu einer Unterredung mit dem Befehlshaber der Besatzung, dem Solon, an die Mauern gehen: dieser ließ den Schwarm der Soldaten abziehen. Die Stadt ergab sich und wurde den Truppen zu plündern gegeben, Perseus trat zu Amphipolis, nach dem einzigen Versuche, sich Hülfe bei den Bisalten zu verschaffen, die er aber umsonst beschickt hatte, mit seinem Sohne Philipp vor der Volksversammlung auf; theils um die Amphipolitaner selbst, theils auch die von der Reuterei und dem 443 Fußvolke, die entweder ihm ununterbrochen gefolgt, oder auf ihrer Flucht hier mit ihm zusammen gerathen waren, zu fernerer Treue zu ermuntern. Allein bei mehrmaligem Versuche zu reden versagte ihm die Stimme vor Thränen, und weil er selbst nicht zu Worte kommen konnte, gab er dem Cretenser Evander die Punkte an, die er dem Volke vorgetragen wissen wollte und trat von der Bühne ab. Hatte die Menge bei dem Anblicke des Königs und seiner jammervollen Thränen selbst mitgeseufzt und mitgeweint, so wollte sie nun vom Evander keinen Vortrag hören: ja Einige unterstanden sich, aus der Mitte der Versammlung zu ihm hinaufzurufen; «Macht euch fort, damit wir noch übrigen Wenigen um eurentwillen nicht auch zu Grunde gehen!» Diese dreiste Sprache schloß dem Evander den Mund. Der König zog sich in ein Haus zurück, und nachdem er sein Geld und Gold und Silber auf die im Strymon stehenden Barken geschafft hatte, ging er selbst an den Strom hinab. Die Thracier, zu einer Seefahrt nicht kühn genug, und der übrige Haufe von allerlei Soldaten, zerstreueten sich in ihre Heimat. Die Cretenser gingen mit dem zu hoffenden Gelde; und weil man bei einer Vertheilung unter sie mehr Anstoß als Dank erwarten mußte, so wurden ihnen funfzig Talente 93,748 Gulden Conv. M. zur Plünderung am Ufer des Flusses ausgesetzt. Da sie nach dieser Plünderung im vollen Getümmel zu Schiffe gingen, sank in der Mündung des Stromes eine der Barken, weil sie mit Menschen überladen war. An diesem Tage kamen sie bis Galepsus, am folgenden nach Samothrace, wohin die Fahrt ging. Wie es heißt, waren es an zweitausend 3,750,000 Gulden Conv. M. Talente, die hieher gebracht wurden. 46. In alle Städte, welche sich ergaben, schickte Paullus, um die Überwundenen bei dem noch neuen Frieden vor Mishandlungen zu sichern, Befehlshaber; die Friedensboten des Königs behielt er bei sich, und weil er nicht wußte, daß der König schon weiter geflohen war, ließ 444 er den Publius Nasica mit einer mäßigen Mannschaft zu Fuß und zu Pferde nach Amphipolis gehen, zugleich um die Landschaft Sintice zu verheeren und jede Unternehmung des Königs zu hindern. Unterdeß wurde Meliböa vom Cneus Octavius erobert und geplündert. Bei Äginium, zu dessen Belagerung der Unterfeldherr Cneus Anicius abgeschickt war, verloren die Römer durch einen Ausfall der Bürger, die von der Entscheidung des Krieges noch nichts gehört hatten, zweihundert Mann. Der Consul, der von Pydna aufbrach, kam den andern Tag mit seinem ganzen Heere nach Pella, lagerte sich in einer Entfernung von tausend Schritten und hatte hier mehrere Tage sein Standquartier, wo er die Lage der Stadt von allen Seiten in Augenschein nahm und die Bemerkung machte, daß man sie nicht ohne Ursache zum Königssitze gewählt habe. Sie liegt auf einer Anhöhe, welche die Aussicht nach Südwesten hat. Rund umher zieht sich ein Sumpfwasser, von austretenden Seen gebildet und so tief, daß man es im Sommer so wenig, als im Winter durchwaten kann. In diesem Sumpfe, wo er der Stadt am nächsten kommt, ragt wie eine Insel das königliche Schloß velut insula eminet arx, aggeri]. – Dieser Gronovischen Lesart pflichtet auch Drakenb. bei. auf einem Damme, der von erstaunlicher Anlage und so fest ist, daß er nicht allein die Mauer trägt, sondern auch selbst von dem Wasser des ihn umflutenden Sees nicht leidet. Von weitem scheint er mit der Stadtmauer zusammenzuhängen; ist aber durch den zwischen beiden Mauern fließenden Strom von ihr geschieden und nur durch eine Brücke mit ihr in Verbindung; so daß es einem von außen angreifenden Feinde nirgend einen Zugang, und doch dem, den etwa der König hier einschließt, nur über die leicht zu hütende Brücke einen Ausweg gestattet. Hier war auch der königliche Schatz: jetzt aber fand man weiter nichts, als die dreihundert Talente 562,500 Gulden Conv. M. , die zwar an den König Gentius abgegangen, nachher aber zurückbehalten waren. Die Tage über, 445 in welchen der Consul bei Pella still lag, ließ er die vielen Gesandschaften vor, welche vorzüglich aus Thessalien sich eingefunden hatten, ihm Glück zu wünschen. Dann brach er auf die erhaltene Nachricht, Perseus sei nach Samothrace übergegangen, von Pella auf, und kam in vier Tagemärschen nach Amphipolis. In der ihm aus allen Classen entgegenströmenden Menge sah man den deutlichen Beweis, daß die Amphipolitaner nicht glaubten, einen guten und gerechten König [verloren zu haben, sondern von einem tyrannischen Sklavengebieter befreit zu sein. Als sich Paullus nach seinem Einzuge in die Stadt mit gottesdienstlichen Angelegenheiten beschäftigte und das gewöhnliche Opfer brachte, wurde plötzlich der Altar durch einen Blitz vom Himmel in Feuer gesetzt, und nach allgemeiner Deutung war die vom Consul dargebrachte Gabe den Göttern höchst wohlgefällig, da selbst ein himmlisches Feuer sie zum Opfer weihete. Nach einem kurzen Aufenthalte zu Amphipolis rückte der Consul zur Verfolgung des Perseus, zugleich, um seine siegreichen Waffen durch alle Völkerschaften umherzutragen, welche jenem unterthan gewesen waren, in die Landschaft Odomantice, jenseit des Flusses Strymon und lagerte sich bei Sirä. ] Fünf und vierzigstes Buch. Jahre Roms 584 und 585. 448 Inhalt des fünf und vierzigsten Buchs. Perseus wird auf Samothrace vom Ämilius Paullus gefangen genommen. Als Syriens König Antiochus das königlich Ägyptische Ehepar, den Ptolemäus und die Cleopatra, belagert, und den vom Senate an ihn abgefertigten Gesandten, die ihm die Belagerung ihres königlichen Bundesgenossen aufgeben heißen, nach Ausrichtung ihres Auftrages zur Antwort giebt, er wolle überlegen, was er zu thun habe, so zieht einer von den Gesandten, Popillius, mit seinem Stabe eine Linie um den König, heißt ihn, sich erklären, ehe er aus diesem Kreise trete, und bewirkt durch diese barsche Sprache, daß Antiochus den Krieg aufgiebt. Die Gesandschaften der Glück wünschenden Völker und Könige werden im Senate vorgelassen. Die der Rhodier wird, weil sie in diesem Kriege die Gegenpartei der Römer begünstigt hatten, ausgeschlossen. Bei der Tags darauf gehaltenen Umfrage, ob man ihnen den Krieg erklären solle, vertheidigen die Gesandten die Sache ihres Vaterlandes im Senate. Sie werden nicht als Feinde, aber auch nicht als Bundesgenossen, entlassen. Macedonien bekommt die Verfassung in provinciae formam). – Daß dies erst nach Besiegung des Andriscus geschah, zeigt Crevier . Er setzt hinzu: Infra cap. 29. liberi iubentur esse Macedones, utentes legibus suis, creantes annuos magistratus. einer Römischen Provinz. Ämilius Paullus triumphirt, ob sich gleich seine Soldaten wegen der zu geringen Beute widersetzen und Servius Sulpicius Galba die Bewilligung des Triumphs bestreitet; und fährt vor seinem Wagen den Perseus mit dessen drei Söhnen auf. Um ihn die Freude des Triumphs nicht ganz genießen zu lassen, bezeichnet sie zugleich der Todesfall seiner beiden Söhne, von denen der eine vor, der andre nach des Vaters Triumphe stirbt. Die Censoren begehen die Schlußfeier der Schatzung. Der geschatzten Bürger waren dreihundert und zwölftausend achthundert und fünf. Bithyniens König Prusias kommt nach Rom, dem Senate zu dem über Macedonien erfochtenen Siege Glück zu wünschen, und empfiehlt seinen Sohn Nicodemus dem Senate. Er selbst, ganz Schmeichler, nennt sich einen Freigelassenen des Römischen Volks. 449 Fünf und vierzigstes Buch. 1. Kamen gleich die Siegesboten Quintus Fabius, Lucius Lentulus, Quintus Metellus, mit möglichst schneller Eile nach Rom, so fanden sie doch; daß man schon einen Vorgenuß dieser Freude gehabt hatte. Am vierten Tage nach der Schlacht mit dem Könige verbreitete sich bei den auf der Rennbahn gegebenen Spielen auf einmal im Volke durch alle Zuschauer das Gerede, in Macedonien sei eine Schlacht vorgefallen und der König völlig besiegt. Darauf wurde dies Gerufe stärker und ging zuletzt in Geschrei und frohes Händeklatschen über, nicht anders als wäre eine zuverlässige Siegesnachricht eingelaufen. Die Obrigkeiten voll Verwunderung fragten nach dem Aussager einer so unerwarteten Freudenpost, und als sich keiner anfand, so verschwand zwar die Freude, wie über eine noch unzuverlässige Sache, allein eine erfreuliche Vorbedeutung senkte sich tief in die Gemüther. Als sich nun die Sache bei der Ankunft des Fabius, Lentulus und Metellus durch die wirkliche Anzeige bestätigte, so freuete man sich nicht des Sieges allein, sondern auch des eignen inneren Vorgefühls. Diese Freude der Versammlung auf der Rennbahn wird mit gleicher Wahrscheinlichkeit auch noch anders erzählt. Am sechzehnten a. d. X. cal. oct.]. – Crev. u. Drak. lesen mit Recht a. d. XV. cal. oct. Denn dies ist der dreizehnte Tag nach dem Schlachttage, oder nach dem vierten September. (S. im vorigen B. Cap. 37. ) A. d. XV. cal. oct. ist nach dem Julianischen Kalender der 17te September, war aber damals der 16te, weil noch Numa's Kalender galt, in welchem der Monat nur 29 Tage hatte. Livius rechnet also in die 13 Tage nach der Schlacht den Schlachttag selbst, den 4ten Sept., mit ein. September, dem zweiten Tage der Römischen Spiele, habe dem Consul Cajus Licinius, 450 als er eben auf den Wagen stieg, um den Rennwagen das Zeichen zum Auslaufen zu geben, ein Briefträger mit der Angabe, er komme aus Macedonien, einen mit einem Lorbeer umwundenen Brief [überreicht.] Als der Consul die Rennwagen hatte ausfahren lassen, setzte er sich wieder auf seinen Wagen, und als er über die Rennbahn nach den öffentlichen Schausitzen zurückfuhr, zeigte er dem Volke den belorbeerten Brief. So wie das Volk diesen erblickte, lief es gleich, des Schauspiels uneingedenk, mitten in den Platz herab. Hieher rief der Consul den Senat, und als er das Blatt das Blatt ]. – Ich glaubte, tabellae, wenn sie auch von Holz wären, so übersetzen zu dürfen, weil es ja auch Tischblätter giebt. vorgelesen hatte, zeigte er mit Genehmigung der Väter vor den öffentlichen Schausitzen dem Volke an: «Sein Amtsgenoß Lucius Ämilius habe dem Könige Perseus eine förmliche Schlacht geliefert. Das Macedonische Heer sei besiegt und in die Flucht geschlagen; der König mit einem kleinen Gefolge entflohen. Die sämtlichen Städte Macedoniens seien in Römischer Gewalt.» Mit Jubelgeschrei und gewaltigem Händeklatschen vernahm das Volk diese Anzeige: Viele verließen die Spiele, um zu Hause Gattinnen und Kindern die frohe Nachricht zu bringen. Es war dies der dreizehnte Tag nach dem, an welchem in Macedonien die Schlacht vor sich ging. 2. Am folgenden Tage war auf dem Rathhause Senatssitzung: es wurden Dankfeste verordnet und der Senatsschluß abgefaßt, daß der Consul alle Truppen, die er in Eid genommen habe; die Schiffsoldaten navales]. – Ich ziehe mit Hrn. Ruperti dieses navales zugleich auf milites und socios. und Seeleute ausgenommen, entlassen solle. Die Entlassung der Schiffsoldaten und Seeleute solle dann erst zum Vortrage kommen, wenn die Abgeordneten des Consuls Lucius Ämilius, die den Briefträger vorausgeschickt hatten, [angekommen wären.] Den fünfundzwanzigsten September, ungefähr um die zweite Tagesstunde, trafen die Gesandten in Rom ein. Mit einem großen Schwarme, der sich von Begegnenden 451 und Begleitenden, wohin sie gingen, an sie hing, kamen sie auf den Markt zur Bühne. Gerade war der Senat auf dem Rathhause; und der Consul führte die Abgeordneten zu ihm hinein. Man behielt sie hier nur so lange, daß sie berichten konnten, wie stark die königlichen Truppen an Fußvolk und Reuterei gewesen; wie viele Tausende davon niedergehauen, wie viele gefangen genommen seien; mit wie geringem Verluste an Leuten man dem Feinde eine so große Niederlage beigebracht habe; mit wie Wenigen der König entflohen sei; daß er vermuthlich nach Samothracien gehen werde, daß aber die Flotte zu seiner Verfolgung schon in Bereitschaft sei, und daß er weder zu Lande noch zur See entkommen könne: und gleich nachher ließ man sie in die Volksversammlung übergehen, wo sie eben dasselbe erzählten. Mit erneuerter Freude gingen die Bürger, als der Consul bekannt machte, es sollten alle Tempel geöffnet werden, aus der Versammlung jeder für sich selbst hin, den Göttern zu danken; und von großen Schwärmen nicht bloß von Männern, sondern auch von Weibern, waren die Tempel der unsterblichen Götter in der ganzen Stadt gedrängt voll. Der Senat, der wieder ins Rathhaus gerufen wurde, verordnete, wegen der herrlichen Thaten des Consuls Lucius Ämilius solle ein fünftägiges Dankfest an allen Altären begangen werden und die Opferung mit großen Thieren geschehen. Die Schiffe, welche auf den Fall, daß der König zum Widerstande stark genug sei, segelfertig und bemannet in der Tiber standen, um nach Macedonien abzugehen, sollten ans Land und auf den Holm gebracht, die Seeleute mit Auszahlung eines jährigen Soldes, und zugleich Alle entlassen werden, die dem Consul den Diensteid geleistet hätten: auch die zu Corcyra, zu Brundusium, am Obermeere und im Larinatischen stehenden Soldaten – denn an allen diesen Orten waren Truppen aufgestellt, mit denen Cajus Licinius nöthigenfalls seinem Amtsgenossen zu Hülfe ziehen konnte – sollten sämtlich aus einander gehen. Die Feier des Dankfestes wurde dem Volke vor der Versammlung auf den elften October, und, diesen mitgerechnet, auf fünf Tage angekündigt. 452 3. Aus Illyricum brachten zwei Abgeordnete , Cajus Licinius Nerva und Publius Decius die Nachricht, das Heer der Illyrier sei geschlagen, König Gentius gefangen, und auch Illyricum unter Römischer Landeshoheit. Wegen dieser unter Anführung und Götterleitung des Prätors Lucius Anicius verrichteten Thaten verordnete der Senat ein dreitägiges Dankfest, und der Consul mußte es ut Latinae]. – Statt dessen lese ich mit J. Gronov et statim. sogleich auf den zehnten, elften und zwölften November ansetzen. Einige Schriftsteller erzählen, man habe, auf die Nachricht vom Siege, die Rhodischen Gesandten, die damals noch nicht nondum missos]. – Ich folge Drak., welcher nondum di missos lieset. Gronovs admissos, welches sich auf eine neue Gesandschaft beziehen müßte, wird theils am Schlusse dieses Cap., theils durch Cap. 20. widerlegt. Auch hat Drak. das für sich, daß die Endigung des Worts nondū so leicht di in di missos verdrängen konnte. – In dem Namen Agepolis folge ich dem Hrn.  Schweighäuser zu Polyb. XXIX. 7, 3. entlassen gewesen, ihrem thörichten Übermuthe gleichsam zum Hohne, in den Senat gerufen. Hier habe Agepolis , der Erste unter ihnen, sich so ausgelassen: «Die Rhodier hätten sie als Gesandte abgeschickt, um zwischen den Römern und dem Perseus Frieden zu stiften, weil dieser Krieg dem gesammten Griechenlande drückend und unwillkommen und selbst für die Römer kostspielig und nachtheilig gewesen sei. Das Schicksal aber habe es so schön gefügt, daß es durch Beendigung des Krieges auf eine andre Art, ihnen Gelegenheit gebe, den Römern zu ihrem herrlichen Siege Glück zu wünschen.» So weit die Rhodier. Der Senat habe geantwortet: «Nicht aus Besorgniß um Griechenlands Vortheile, noch um die Kosten des Römischen Volks, hätten die Rhodier diese Gesandschaft abgehen lassen, sondern zum Besten des Perseus. Denn wenn es ihnen mit der vorgegebenen Besorgniß ein Ernst gewesen wäre, so hätten sie damals Gesandte schicken müssen, als Perseus mit seinem Heere in Thessalien eingerückt war und zwei Jahre lang die Griechischen Städte theils belagerte, theils durch Androhung des Krieges in Schrecken setzte. Damals hätten die Rhodier keines Friedens erwähnt. Als 453 sie aber gehört hätten, die Römer seien durch die Gebirgspässe in Macedonien eingedrungen, und Perseus werde als der Eingeschlossene festgehalten, da hätten die Rhodier die Gesandschaft abgefertigt, zu keinem andern Zwecke, als den Perseus der herannahenden Gefahr zu entreißen.» Mit diesem Bescheide habe man die Gesandten entlassen. 4. In diesen Tagen lieferte auch Marcus Marcellus, der nach Eroberung der berühmten Stadt Marcolica, von Spanien, seinem Standplatze, abging, zehn Pfund Gold und Die erste Summe etwa 3,125 Conv.-Gulden, die zweite 78,124 Guld. gegen eine Million Sestertien in die Schatzkammer. Als der Consul Ämilius Paullus, der bei Sirä in Odomantica, wie ich oben gesagt, sein Lager hatte, die drei schlechten Leute erblickte, durch die ihm als seine Gesandten König Perseus ein Schreiben zustellen ließ, soll auch er über den Wechsel der menschlichen Dinge geweint haben; insofern eben der Mann, der noch kurz zuvor, mit dem Königreiche Macedonien sich nicht begnügend, Dardanien und Illyrien angriff, und die Bastarnen zu seinen Hülfsvölkern aufbot, jetzt, nach dem Verluste seines Heeres, von Land und Leuten gejagt, auf eine kleine Insel beschränkt, als der Schutzsuchende nur der Unverletzlichkeit des Heiligthums, nicht eigner Macht seine Sicherheit verdankte. Als er aber las: « König Perseus entbeut dem Consul Paullus seinen Gruß;» da verdrängte die Thorheit dessen, der seine Lage nicht begriff, alles Mitleiden. Waren also gleich die Bitten im Verfolge des Briefs nichts weniger als königlich, so wurde dennoch die Gesandschaft ohne mündliche und schriftliche Antwort entlassen. Da merkte Perseus, welches Titels er sich als Besiegter entäußern müsse; und ein zweiter Brief, mit der Überschrift seines Namens als bloßen Privatmannes, enthielt die Bitte, die ihm auch bewilligt wurde, einige Personen zu ihm zu senden, mit denen er über den Zustand und die Bestimmung seines Schicksals absprechen könne. Drei Abgeordnete gingen hin, Publius Lentulus, Aulus 454 Postumius Albinus, Aulus Antonius. Allein durch diese Gesandschaft wurde nichts ausgerichtet, weil Perseus durchaus den Königstitel behalten wollte, Paullus hingegen darauf drang, er müsse sich und alles Seinige dem Schutze und der Gnade des Römischen Volks überlassen. 5. Unterdessen landete die Flotte des Cneus Octavius auf Samothrace. Da auch dieser den Perseus unter Einwirkung der näher gerückten Gefahr bald durch Drohungen, bald durch Hoffnung zu bewegen suchte, sich selbst auszuliefern; so kam ihm hierin ein entweder durch Zufall, oder absichtlich herbeigeführter Umstand zu Hülfe. Ein junger Römer von Stande, Lucius Atilius, der die Samothracier in einer Volksversammlung beisammen sah, bat ihre Obrigkeiten um die Erlaubniß, dem Volke einige Worte vortragen zu dürfen. Als er sie erhielt, sprach er: «Sind wir recht oder unrecht berichtet, ihr Samothracischen Gastfreunde, daß diese Insel und ihr ganzer Boden ehrwürdig und unverletzlich sei?» Als sie sämtlich die anerkannte Heiligkeit ihm bezeugten, fragte er: «Warum hat denn ein Mörder sie dadurch entweihet, daß er sie mit dem Blute des Königs Eumenes pollutam homicida]. – Pollutam in pollutus abzuändern, halte ich für unnöthig, und folge Doujats Erklärung, polluendo violavit. Wenn Drakenb. sagt: Pollutam sanguine regis Eumenis violavit würde anzeigen, Perseum in ipsa Samothrace, Eumenem insidiis aggressum esse, und dies sei doch falsch; so dünkt mich, er nimmt die Sache zu genau. Lag die Blutschuld auf dem Evander, so war freilich eigentlich er pollutus, allein durch seine Berührung der Insel polluebat etiam ipse sanguine adspersus. Und der Vortrag eines Klägers pflegt – – wenn Drakenb. in pollutam violavit die Palillogie rügt – – die rednerische oder dichterische Fülle des Ausdrucks nicht zu verschmähen. Selbst Drakenb. giebt von dieser Palillogie zu XXII. 10, 3. aus Cic. die Beispiele perditum perdere, exstinctos exstinguere, impeditum impedire, und aus Livius selbst V, 21, 16, prolapsum cecidisse. befleckt? und da immer durch den Vorspruch beim Opfer Jeder, der keine reine Hände hat, vom Opfer weggewiesen wird, warum wollt ihr euer Allerheiligstes durch einen von Blut triefenden Meuchelmörder verunreinigen lassen?» Die beinahe gelungene Ermordung des Königs Eumenes zu Delphi durch den Evander war durch das Gerücht allen Griechischen Staten bekannt geworden. Da also die 455 Samothracier, außerdem daß sie sich, ihre ganze Insel und ihren Tempel in der Gewalt der Römer sahen, selbst diesen Vorwurf nicht mit Unrecht zu hören glaubten, so schickten sie den Theondas, der bei ihnen die höchste Würde bekleidete – sie selbst nannten ihn König, – an den Perseus, dem er sagen mußte: «Der Cretenser Evander werde eines Mordes beschuldigt. Ihre Vorfahren hätten über diejenigen, welche beschuldigt würden, mit Frevlerhänden sich in die geweiheten Gränzen des Tempels gewagt zu haben, ein Gericht angeordnet. Wenn sich Evander bewußt sei, daß ihm unschuldig ein solches Todesverbrechen nachgesagt werde, so möge er kommen und sich verantworten. Könne er es aber nicht wagen, sich dem Gerichte zu stellen, so möge er in Hinsicht des Tempels das öffentliche Ärgerniß abwenden und für seine eigne Sicherheit sorgen.» Perseus rief den Evander bei Seite Perseus, sevocato Evandro]. – So ruft Drakenb. das wegen des letzten s in Perseus ausgelassene s in evocato wieder zurück, wie schon Andere in der Stelle des Justinus (man s. Drakenb. Anmerk.) aus insidi is ev ocatum die richtigere Lesart insidi is sev ocatum wieder herstellten. und rieth auf keine Weise dazu, sich dem Gerichte zu unterwerfen. «Seine Sache werde so wenig für ihn sprechen, als die Gunst der Richter.»– Auch lag bei ihm die Furcht zum Grunde, der Verurtheilte möchte ihn selbst als den Urheber der schändlichen That öffentlich darstellen. – «Was ihm noch übrig bleibe, als heldenmüthig zu sterben?» Evander weigerte sich dessen geradezu ganz und gar nicht; allein unter dem Vorwande, er wolle lieber durch Gift, als vom Dolche sterben, schickte er sich an, heimlich zu entfliehen. Als dies dem Könige gesteckt wurde, ließ er aus Besorgniß, sich den Unwillen der Samothracier durch den Verdacht zuzuziehen, er selbst habe den Schuldigen der Strafe entzogen, den Evander ermorden. Kaum war der unbesonnene Mord begangen, so fiel es ihm aufs Herz, Evanders Strafbarkeit offenbar auf sich selbst geladen zu haben: Jener habe zu Delphi den Eumenes verwundet; er auf Samothrace den Evander gemordet; und auf sein Haupt allein falle die Schuld, die 456 beiden heiligsten Tempel auf Erden durch Menschenblut entweiht zu haben. Der Vorwurf dieses Verbrechens mußte nun dadurch abgewandt werden, daß Theondas durch Geld gewonnen wurde, dem Volke zu erzählen, Evander habe sich den Tod selbst gegeben. 6. Allein eine so unerhörte Frevelthat, an dem einzigen ihm übrig gebliebenen Freunde ausgeübt, den er in so mancherlei Schicksalen bewährt gefunden hatte, und den er jetzt aufopferte, weil er ihn nicht hatte aufopfern wollen, wandte Aller Herzen von ihm ab. Jeder ging aus Rücksicht auf sich selbst zu den Römern über, und dadurch, daß ihn Alle beinahe allein ließen, zwangen sie ihn, auf Flucht zu denken. Er wandte sich an den Cretenser Oroandes, welchem Thraciens Küste bekannt war, weil er in dieser Gegend Handelsgeschäfte getrieben hatte, mit der Bitte, ihn in seine Barke aufzunehmen und zum Könige Cotys zu bringen. Ein Vorgebirge von Samothrace hat einen Hafen, welcher Demetrium heißt. Hier stand die Barke. Gegen Sonnenuntergang wurden die nothwendigen Bedürfnisse hineingeschafft, auch Geld eingeschifft, so viel sich heimlich fortbringen ließ. Um Mitternacht kam der König selbst, der nebst drei Mitwissern seiner Flucht aus einer Hinterthür seines Hauses in einen an seine Kammer stoßenden Garten ging, und aus diesem mit Mühe über die Gartenmauer stieg, an das Meer. Oroandes war schon, als das Geld abgeliefert war, mit dem ersten Dunkel abgefahren und steuerte jetzt auf dem hohen Meere nach Creta. Da das Schiff im Hafen nicht zu finden war, so irrete Perseus eine Zeitlang an der Küste umher: endlich, als ihm bei dem nahenden Tageslichte bange wurde und er nicht das Herz hatte, in sein Quartier zurückzukehren, versteckte er sich an einer Seitenwand des Tempels in einem finstern Winkel. Die Söhne der Vornehmsten, die zu des Königs Bedienung ausgewählt waren, hießen bei den Macedoniern die königlichen Edelknaben. Dieses Kohr, das dem fliehenden Könige gefolgt war, verließ auch jetzt ihn nicht, bis auf Befehl des Cneus Octavius ein Herold bekannt machte: «Wenn die königlichen 457 Edelknaben und wer sonst noch von Macedoniern auf Samothrace sei, zu den Römern übergingen, so sollten sie nebst persönlicher Sicherheit und Freiheit auch alles Eigenthum behalten, was sie entweder bei sich führten oder in Macedonien zurückgelassen hätten.» Auf diese Erklärung gingen Alle über und gaben bei dem Obersten Cajus Postumius ihre Namen an. Auch die kleineren Prinzen überlieferte dem Octavius Ion von Thessalonich, und niemand blieb bei dem Könige, außer sein ältester Prinz Philipp. Nun ergab er sich dem Octavius ebenfalls mit seinem Sohne, unter Anklagen des Schicksals und der Götter, denen der Tempel gehörte quorum templum erat]. – Dieser Lesart Gronovs tritt auch Drakenb. bei. , die dem Schutzflehenden keine Hülfe gewährt hätten. Er wurde auf Befehl auf das Hauptschiff gebracht und dahin auch das noch übrige Geld geliefert. Nun fuhr die Flotte sogleich nach Amphipolis zurück. Von hier sandte Octavius den König ins Lager zum Consul, dem er durch einen voraufgegangenen Brief gemeldet hatte, der König sei gefangen und werde gebracht. 7. Auf diese Nachricht ließ Paullus, der hierin, wie er mit Recht konnte, einen zweiten Sieg sah, Opferthiere schlachten, und als er nach Berufung eines Kriegsraths den Brief des Prätors vorgelesen hatte, schickte er den Quintus Älius Tubero dem Könige entgegen: die Übrigen mußten im Feldherrnzelte versammelt bleiben. Nie war vorher zu irgend einem Schauspiele eine solche Menge Menschen herbeigelaufen. Zu der Väter Zeiten war freilich König Syphax als Gefangener ins Römische Lager gebracht, der aber außerdem, daß er weder durch seinen eignen, noch durch seines Volkes Ruhm mit dem Perseus zusammengestellt werden konnte, selbst damals nur eine Zugabe zum Punischen Kriege gewesen war, wie Gentius jetzt zum Macedonischen. Perseus hingegen war die kriegende Hauptmacht; und nicht bloß sein eigner Name, oder der Name seines Vaters und Großvaters, und der übrigen 458 Könige, mit denen patris avique]. – Hinter diesen Worten sind eins oder ein par ausgefallen. Crevier, dem ich in der Übersetzung folge, ergänzt die Stelle so: Patris avique, et ceterorum regum, quos. Jak. Perizonius durch ein bloßes et. Sollte vielleicht die Lücke dadurch veranlaßt sein, daß es hier so geheißen hatte: Patris av ique, regum den ique, quos etc.? er durch Verwandschaft und Abstammung in naher Berührung stand, gaben ihm Auszeichnung, sondern sie Alle überstrahlte Philipp und Alexander der Große, die dem Macedonischen Reiche die Oberherrschaft des Erdkreises gegeben hatten. Bei seinem Eintritte in das Lager trug Perseus Pullo amictus illo]. – Dies illo ist Allen anstößig. Ich finde statt dessen filo; cum filio; solus; ille; von Andern vorgeschlagen. Solus oder sine filio würde ich deswegen vorziehen, weil es Absicht gewesen zu sein scheint, niemand bei ihm zu lassen, der noch größeres Mitleiden hätte wecken können. Darum, glaube ich, wurde Älius Tubero ihm entgegengeschickt, ihn von seinem Prinzen Philipp beim Eintritte ins Lager zu trennen. Aber auch dann kann Perseus, der von Römischen Wachen umringt ist, nicht solus ingredi castra. Ich lasse also das Wort illo so lange ausfallen, bis uns noch zu hoffende Msc. eine bessere Auskunft geben. Oder ist illo ein Überbleibsel von sag ulo? Der Abschreiber verwechselte das s in sagulo mit dem s in amictus, sah in ulo sein illo, und die 2 überbleibenden Buchstaben ag fielen weg. einen Soldatenrock von dunkler Farbe, ohne von den Seinigen irgend jemand zum Begleiter zu haben, der als Gefährte seines Unglücks ihn hätte noch beklagenswerther machen können. Vor dem Gewühle derer, die zu diesem Schauspiele herbeiliefen, konnte er nicht fortschreiten, bis der Consul die Gerichtsdiener hingehen ließ, um Platz zu machen und den Weg zum Feldherrnzelte offen zu halten. Der Consul selbst stand auf, hieß die Andern sitzen bleiben, reichte dem hereintretenden Könige, dem er einige Schritte entgegenging, die Rechte, hob ihn auf, als er sich ihm zu Füßen werfen wollte, und ohne ihm den Kniefall zu gestatten, führte er ihn weiter, in das Zelt und ließ ihn den Mitgliedern des Kriegsraths gegenüber seinen Sitz nehmen. 8. Die erste Frage, die er an ihn that, war diese: «Durch welche Beleidigung er sich gedrungen gefühlt habe, mit einer solchen Erbitterung gegen Rom einen Krieg zu unternehmen, durch den er sich und sein Reich der größten Gefahr aussetzte.» Als er bei der allgemeinen Erwartung einer Antwort, mit auf die Erde geheftetem Blicke, 459 anhaltend ohne zu reden weinte, fing der Consul wieder an: «Wärest du als Jüngling zum Throne gelangt, so würde es mich weniger befremden, wenn du nicht gewußt hättest, wie viel Gewicht das Römische Volk seiner Freundschaft, aber auch seiner Feindschaft zu geben im Stande ist. So aber, da du dem Kriege, welchen dein Vater mit uns führte, beigewohnt hast; da du nachher des Friedens, den wir ihm mit der gewissenhaftesten Treue gehalten haben, dich erinnern mußtest; wie konntest du dich da entschließen, mit denen lieber im Kriege zu leben, deren Übergewicht im Kriege, deren Treue im Frieden du aus Erfahrung kanntest?» Da er, wie vorhin die Frage, so jetzt den Vorwurf unbeantwortet ließ, fuhr der Consul fort: «Mag es gekommen sein, wie es will, durch menschliche Verirrung, durch Zufall, oder weil es so kommen mußte; so laß nur den Muth nicht sinken. Die durch das Misgeschick so vieler Könige und Völker bekannt gewordene Milde des Römischen Volks gewährt dir nicht bloß die Hoffnung, sondern beinahe die feste Gewißheit deiner prope certam fiduciam salutis ]. – Ich habe hier immer unter salus bloß das Leben verstanden, und finde dies durch Drakenb. bestätigt, der aus dem Valer. Max. anführt: Paullus Persen dextra manu adlevavit et Graeco sermone ad spem vitae exhortatus est; und hinzusetzt: Quod ibi vita, hic salus vocatur. Um so mehr befremdet mich Creviers Note: Si hanc Paulli orationem Livius finxit, sane desiderare videmur scriptoris iudicium: si Paullus vere habuit, consulis fidem; und vorher: Qualem enim salutem Romani praestiterunt Perseo? quo ultra eorum superbia et crudelitas excedere poterat, quam ut traducerent eum per civium ora ac deinde in custodiam coniicerent? Nach Livius heißt ja Paullus den Perseus bloß sein Leben hoffen. Erhaltung.» Dies sagte er dem Perseus auf Griechisch; und nun seinen Römern auf Latein: «Ihr sehet ein auffallendes Beispiel vom Wechsel der menschlichen Dinge. Vorzüglich euch, ihr Jünglinge, sage ich dies. Darum muß man nie in glücklicher Lage Andre mit Übermuth oder Härte behandeln; nie dem gegenwärtigen Glücke trauen, da es ungewiß bleibt, was der Abend herbeiführen werde. Nur der ist Mann, der seinen Muth weder vom begünstigenden Anhauche des Glückes sich überheben, noch vom Misgeschicke ihn 460 brechen läßt.» Nach Entlassung des Kriegraths wurde die Aufsicht über den König dem Quintus Älius aufgetragen. Für heute wurde Perseus nicht allein vom Consul zur Abendtafel gezogen, sondern ihm auch alle Ehre erwiesen, die ihm in einer solchen Lage erwiesen werden konnte. 9. Nun wurde das Heer in die Winterquartiere entlassen. Den größten Theil der Truppen nahm Amphipolis auf, die übrigen die benachbarten Städte. Dies war nach einer anhaltenden Dauer von vier Jahren das Ende des Kriegs zwischen den Römern und Perseus, und zugleich das Ende eines durch den größten Theil Europens und durch ganz Asien berühmten Reichs. Man zählte vom Caranus, dem ersten Könige, den Perseus als den zwanzigsten. Perseus trat die Regierung an unter dem Consulate des Quintus Fulvius und Lucius Manlius (573): der Senat erkannte ihn als König an unter den Consuln Marcus Junius und Aulus Manlius (574). Er regierte elf Jahre. Der Ruf des Macedonischen Reichs blieb bis auf Philipp, des Amyntas Sohn, sehr im Dunkel. Mit ihm und durch ihn fing es an sich zu heben; doch beschränkte es sich auf Europens Gränzen, insofern es ganz Griechenland und einen Theil von Thracien und Illyricum umfaßte. Dann breitete es sich über Asien aus; und in den dreizehn Jahren, die Alexander regierte, unterwarf er seiner Hoheit zuerst Alles, so weit sich das fast unermeßliche Reich der Perser erstreckt hatte; dann durchzog er Arabien und Indien bis dahin, wo das Ostmeer die äußersten Gränzen der Lande umfasset. Damals hatte Macedonien den größten Stat und den größten Ruhm auf Erden. Dann durch Alexanders Tod, als Jeder die Herrschaft an sich riß, in viele Reiche zerstückelt, hielt es sich mit zersplitterten Kräften laceratis viribus]. – Ich folge dieser Verbesserung Gronovs, ziehe aber diese beiden Worte, die mir zu distractum nicht zu passen scheinen, zu stetit. Mich dünkt, zu tum maximum in terris fuit sei der Gegensatz so viel besser: inde, morte Alexandri distractum in multa regna, (dum ad se quisque opes rapiunt) laceratis viribus a summo culmine fortunae ad ultimum finem CL annos stetit. Übrigens ist in Rücksicht auf die angegebene Zahl schon von Andern bemerkt, daß Livius, wenn hier nicht etwa hinter CL die beiden Ziffern VI ausgelassen sind, die 156 Jahre vom Tode Alexanders bis zur Besiegung des Perseus durch die runde Zahl 150 ausdrückt. , vom höchsten Gipfel seines Glücks bis zu seinem völligen Ende, hundert und funfzig Jahre. 461 10. Als sich der Ruf vom Siege der Römer nach Asien verbreitete, ging Antenor, der mit seiner Barkenflotte bei Phanä stand, von hier nach Cassandrea hinüber. Cajus Popillius, welcher zur Sicherheit der nach Macedonien segelnden Schiffe bei Delus stand, hatte kaum erfahren, daß der Krieg in Macedonien zu Ende sei und daß die feindlichen Barken ihren Standort hätten verlassen müssen, so setzte auch er, nach Entlassung der Attischen Schiffe, die übernommene Sendung auszurichten, seine Fahrt nach Ägypten fort, um den Antiochus noch zu treffen, ehe er vor die Mauern von Alexandrea rückte. Als die Gesandten an Asiens Küste hinfuhren und nach Loryma kamen, einem Hafen, der etwas über zwanzig tausend Schritte von Rhodus entfernt ist und der Stadt selbst gegenüber liegt, kamen die vornehmsten Rhodier – denn auch hieher war schon der Ruf des Sieges erschollen – ihnen mit der Bitte entgegen, «sie möchten doch bei Rhodus anfahren. Dem guten Rufe und der Wohlfahrt ihres Stats sei daran gelegen, daß sie selbst von Allem Kenntniß bekämen, was zu Rhodus geschehen sei und noch geschehe, und dann darüber, nicht etwa wie das Gerücht es erzählen möchte, sondern wie sie es bei eigner Ansicht gefunden hätten, in Rom berichteten.» Nach langem Weigern brachten diese Rhodier sie endlich dahin, daß sie sich einer Bundesstadt zum Besten eine kurze Verzögerung ihrer Fahrt gefallen ließen. Als sie in Rhodus angekommen waren, zogen ebenfalls jene durch Bitten sie in die Volksversammlung. Die Erscheinung der Gesandten vermehrte aber die Besorgniß der Bürger, statt sie zu mindern: denn Popillius zählte ihnen jede feindselige Äußerung und Handlung auf, die sie während dieses Krieges einzeln oder insgesamt begangen hatten: und als ein Mann von rauhem Sittengepräge stellte er das, was er angab, 462 mit seinem strengen Blicke und dem Tone der gerichtlichen Belangung als noch größere Verbrechen dar, so daß sie, da er selbst zu einer besondern Abneigung gegen ihren Stat keinen Grund hatte, aus der Bitterkeit dieses einzigen Römischen Senators auf die Stimmung des ganzen Senats gegen sie schließen mußten. Die Rede des Cajus Decimius hatte mehr Mäßigung. Er sagte: «In den meisten Stücken, welche Popillius angeführt habe, liege die Schuld nicht sowohl an der Nation, als an einigen Aufhetzern des großen Haufens. Diese Leute hätten mit ihrer feilen Zunge jene Ausfertigungen voll Schmeichelei gegen den König bewirkt, und Gesandschaften abgehen lassen, deren sich die Rhodier auf immer eben so sehr zu schämen, als sie zu bereuen haben würden. Das Alles aber werde, sobald dies si tamen populo]. – Statt tamen lese ich mit Jak. Gronov ea mens. Am Schlusse des Cap. ergänzt Crev. die kleine Lücke durch die zwei Worte: ultro accenderat. des Volkes Wille sei, das Haupt der Schuldigen treffen.» Man hörte ihn mit großem Beifalle, nicht sowohl darum, weil er die Strafwürdigkeit des Volkes milderte, als weil er die Schuld auf die Anstifter fallen ließ. Wie also ihre Großen die Vorträge der Römer beantworteten, so ernteten diejenigen, welche des Popillius Vorwürfe, so gut sie konnten, zu widerlegen suchten, von ihren Reden lange nicht so vielen Dank, als die, welche dem Decimius beistimmeten, die Urheber als Sühnopfer des Verbrechens preiszugeben. Also wurde sogleich der Schluß abgefaßt, alle diejenigen, welche überführt würden, zum Besten des Perseus den Römern zum Nachtheile geredet oder gehandelt zu haben, zum Tode zu verdammen. Einige waren schon bei der Ankunft der Römer aus der Stadt entwichen, Andere gaben sich selbst den Tod. Die Gesandten reiseten nach einem Aufenthalte von nicht länger als fünf Tagen nach Alexandrien. Nichts desto weniger gingen, dem bei ihrem Hiersein abgefaßten Schlusse gemäß, die gerichtlichen Untersuchungen zu Rhodus ihren raschen Gang, und zu dieser Beharrlichkeit in 463 Vollziehung desselben hielten sich die Rhodier durch die Milde des Decimius [sogar für aufgefordert.] 11. Unterdessen war Antiochus von Alexandriens Mauern nach einem vergeblichen Angriffe abgezogen, und da er das übrige Ägypten in seiner Gewalt hatte, ließ er den ältern Ptolemäus, dem er, seinem Vorgeben nach, durch seinen Beistand den Thron wieder verschaffen wollte – um dann den Wiedereingesetzten selbst anzugreifen, – in Memphis zurück und führte sein Heer nach Syrien ab. Ptolemäus, mit jener Absicht nicht unbekannt, und in der Voraussetzung, er selbst könne vielleicht, solange er seinem Bruder noch mit einer Belagerung drohen könne, durch Vorschub seiner Schwester und unter Einwilligung der Freunde seines Bruders, in Alexandrien wieder aufgenommen werden, ließ nicht ab, zuerst seine Schwester, dann seinen Bruder und dessen Freunde zu beschicken, bis er den Frieden mit ihnen zu Stande brachte. Antiochus hatte sich ihm dadurch verdächtig gemacht, daß er ihm zwar das übrige Ägypten übergab, allein in Pelusium eine starke Besatzung zurückließ. Es war einleuchtend, daß er diesen Schlüssel zu Ägypten behalten wollte, um sobald es ihm gefiele, mit seinem Heere wieder einzurücken: und von dem inneren Kriege mit seinem Bruder versprach sich Ptolemäus keinen andern Ausgang, als den, daß er selbst als Sieger, vom Kampfe ermattet, dem Antiochus auf keine Weise gewachsen sein werde. Diese richtigen Bemerkungen des ältern Bruders wurden von dem jüngeren und seinem Anhange mit Beifall aufgenommen: vorzüglich beförderte dies die Schwester nicht bloß durch ihr Zurathen, sondern auch durch ihre Bitten. Da also der von Allen genehmigte Friede zu Stande kam, wurde Ptolemäus wieder in Alexandrien aufgenommen; und selbst das Volk war damit nicht unzufrieden, weil es in dem Kriege, nicht bloß während der Belagerung, sondern auch weil aus Ägypten keine Zufuhr kam, durch Mangel an Allem gelitten hatte. Da sich Antiochus hierüber hätte freuen müssen, wenn er nämlich mit seinem Heere zur Wiedereinsetzung des Ptolemäus nach Ägypten gekommen 464 war – – und dieses ehrenvollen Vorwandes hatte er sich ja gegen alle Asiatischen und Griechischen Staten bei Annahme ihrer Gesandten und in allen abgelassenen Sendschreiben bedienet: – – so fand er sich nun so sehr beleidigt, daß er sich viel eifriger und feindseliger gegen beide Brüder, als zuvor gegen den Einen, zum Kriege anschickte. Nach Cypern sandte er sogleich eine Flotte, und rückte selbst nach Colesyrien vor, um im ersten Lenze mit seinem Heere auf dem Wege nach Ägypten zu sein. Den Gesandten, die ihm in der Gegend von Rhinocolura im Namen des Ptolemäus dafür dankten, daß dieser durch ihn wieder zu seinem väterlichen Reiche gelangt sei, und ihn baten, ihm diese seine Wohlthat zu erhalten und ihnen lieber jetzt seine Wünsche zu eröffnen, als aus seinem Freunde sein Feind zu werden und mit Gewalt der Waffen zu verfahren; antwortete er: «Er werde unter keiner andern Bedingung seine Flotte zurückrufen noch mit seinem Heere umkehren, als wenn ihm Ptolemäus ganz Cypern, Pelusium und die Gegend an der Pelusischen Nilmündung abträte.» Auch bestimmte er einen Tag, vor welchem er über die abgeschlossenen Verhandlungen eine Erklärung haben wollte. 12. Als der Tag, bis zu welchem er den Waffenstillstand bewilligt hatte, verstrichen war Postquam dies etc.]. – Hier ist Creviers Ergänzung der durch mehrere, vermuthlich nur kleine, Lücken unterbrochenen Stelle: Postquam dies data induciis praeteriit, [praefectis maritimarum virium, quae terrestrem exercitum comitabantur] navigantibus ostio Nili ad Pelusium, [ipse] per deserta Arabiae [ingressus Aegyptum, receptusque ab iis, qui] ad Memphim incolebant, et ab ceteris etc. , [ließ er die Anführer seiner Seemacht, welche seinem Landheere das Geleit gab,] durch die Nilmündung nach Pelusium segeln: [er selbst rückte] durch Arabiens Wüste [in Ägypten ein, fand bei den] Nachbarn von Memphis und den übrigen Ägyptern zum Theile eine willige, zum Theile eine erzwungene [Aufnahme] und zog in mäßigen Tagemärschen nach Alexandrien hinunter. Als er bei Ad Eleusinem]. – Eleusis, ein Flecken Ägyptens, am Kanal von Canopus. Crev. Auch nachher folge ich der aus Polyb. Val. Max. und Justin. bekräftigten Lesart des Ursinus, der statt scriptum habentes (aus SCtum habentes) Senatus Consultum habentes liest; und dem Perizonius, der das aus vixdum convenerat PAXS entstandene pars wieder in pax verwandelte. Eleusis, welches viertausend Schritte von Alexandrien 465 entfernt ist, über den Fluß gegangen war, trafen ihn die Römischen Gesandten. Er begrüßte die Ankommenden und wollte dem Popillius die Rechte reichen: Popillius aber übergab ihm ein Schreiben, welches den Senatsbeschluß enthielt und hieß ihn vor allen Dingen diesen lesen. Als er nach der Durchlesung erklärte, er wolle mit Zuziehung seiner Räthe überlegen, was er zu thun habe, zog Popillius, ganz in der ihm eignen rauhen Gemüthsart, mit dem Stabe, den er in der Hand trug, einen Kreis um den König und sprach: «Ehe du aus diesem Kreise trittst, mußt du mir die Antwort geben, die ich dem Senate bringen soll.» Betroffen über diese gebietende Zumuthung stockte Antiochus ein Weilchen; dann antwortete er: «Ich will thun, was der Senat verlangt.» Und nun erst reichte Popillius dem Könige als einem Bundesgenossen und Freunde die Hand. Als darauf Antiochus auf einen bestimmten Tag Ägypten geräumt, und die Gesandten die Eintracht der Brüder, zwischen denen der Friede so eben erst zu Stande gekommen war, auch durch ihr Zureden befestigt hatten, segelten sie nach Cypern ab und schickten von dort die Flotte des Antiochus, welche schon über die Ägyptischen Schiffe einen Sieg erfochten hatte, nach Hause. Diese Gesandschaft kam bei den auswärtigen Völkern in großen Ruf: denn offenbar hatte sie dem Antiochus Ägypten, als er es schon in Händen hatte, genommen, und dem Stamme des Ptolemäus das väterliche Reich wiedergegeben. So berühmt das Consulat des Einen von den diesjährigen Consuln durch seinen ausgezeichneten Sieg wurde, so sehr blieb der Ruf des Andern im Dunkel, weil es ihm an Stoff zu Thaten fehlte. Gleich zuerst, als er den Legionen den Tag bestimmte, auf welchen sie sich zu stellen hätten, betrat er die geweihete Erhöhung gegen die Zustimmung 466 der Vögel; und die Vogelschauer erklärten, als ihnen die Sache vorgelegt wurde, der fehlerhaft bestimmte Tag sei ungültig. Er ging nach Gallien ab und hatte sein Lager in der Gegend der Magern Gefilde bei den Gebirgen Sicimina und Papinus, und nachher in eben dieser Gegend mit den Latinischen Bundestruppen seine Winterquartiere: denn die Römischen Legionen waren, weil ihr Sammeltag nicht seine Richtigkeit hatte, zu Rom geblieben. Auch die Prätoren gingen auf ihre Standplätze ab, den Cajus Papirius Carbo ausgenommen, welchem Sardinien zugefallen war. Er mußte nach dem Gutbefinden der Väter zu Rom bleiben. um zwischen Bürgern und Fremden Recht zu sprechen: denn dieses Amt hatte er ebenfalls nam eam quoque sortem]. – Vermuthlich weil der Prätor Anicius, dem die sors peregrina, etsi quo senatus censuisset, zugefallen war, gegen den Gentius nach Illyricum geschickt wurde. Crev. . 13. Auch Popillius und die mit ihm an den Antiochus abgegangenen Gesandten kehrten zurück und berichteten die Beilegung der Streitigkeiten zwischen den Königen und den Abzug des Syrischen Heers aus Ägypten. Nachher kamen die Gesandten der Könige selbst. Die vom Antiochus sagten: «Einen Frieden nach des Senates Willen habe ihr König allem Siege vorgezogen; und den Aufforderungen der Römischen Gesandten habe er, gleich einem Göttergebote, Folge geleistet.» Darauf statteten sie seinen Glückwunsch zum Siege ab, mit dem Zusatze, ihr König würde aus allen Kräften dazu mitgewirkt haben, wenn man ihn nur zu irgend einer Leistung aufgefordert hätte. Die Gesandten des Ptolemäus dankten im Namen des Königs und der Cleopatra gemeinschaftlich. «Sie seien Roms Senate und Volke höher verpflichtet, als ihren Ältern, höher, als den unsterblichen Göttern: denn durch sie wären sie aus einer höchst traurigen Belagerung gerettet und hätten ihr beinahe schon verlornes väterliches Reich wieder bekommen.» Der Senat gab folgende Antworten. «Daß Antiochus den Gesandten Folge geleistet habe; darin habe er nach Recht und Gebühr gehandelt, 467 und Roms Senat und Volk wüßten es zu erkennen.» Ferner: «Es gereiche dem Senate zur großen Freude, wenn durch ihn Ägyptens königlichem Pare Regibus – – Cleopatraeque: si quid]. – So wie Antiochum im vorigen Satze mit in die Antwort gehört, die der Senat den Gesandten des Antiochus ertheilt, so habe ich auch in diesem (durch Weglassung des Kolons hinter Cleopatraeque:) die Worte Regibus Aegypti, Ptolemaeo Cleopatraeque mit in die Antwort gezogen, welche die Ägyptischen Gesandten bekommen. Denn will man diese Worte nicht als in die Rede gehörig, sondern im erzählenden Tone des Geschichtschreibers so verstehen: Regibus (oder legatis eorum) responsum est, so müßte nachher bei evenisset ein ausgelassenes iis supplirt werden. , dem Ptolemäus und der Cleopatra, irgend ein Glück oder Vortheil erwachsen sein sollte, und er werde sich bestreben, sie beständig in der treuen Freundschaft Roms die mächtigste Stütze ihres Thrones finden zu lassen.» Der Prätor Cajus Papirius erhielt den Auftrag, die herkömmlichen Geschenke für die Gesandten zu besorgen. Nun meldete ein Brief aus Macedonien, was die Freude des Sieges noch verdoppelte, König Perseus sei in des Consuls Gewalt. Nach Entlassung dieser Gesandten trugen die Gesandten von Pisä und Luca ihre Streitigkeit vor, da die von Pisä darüber klagten, daß jene Römischen Pflanzbürger sie von ihrem Grundeigenthume verdrängten; die von Luca hingegen behaupteten, der streitige Acker sei von den Dreiherren ihnen angewiesen. Der Senat schickte zur Untersuchung und Bestimmung der Gränzen den Cajus Fabius Buteo, Publius Cornelius Blasio, Titus Sempronius Musca, Lucius Nävius Balbus und Cajus Appulejus Saturninus als Fünfherren hin. Auch von den Gebrüdern Eumenes, Attalus und Athenäus kam eine Gesandschaft, ihren gemeinschaftlichen Glückwunsch zum Siege zu überbringen. Bei dem Masgabas, dem Sohne des Masinissa, meldete sich, als er zu Puteoli ans Land gestiegen war, der mit einer Geldsumme ihm entgegengeschickte Schatzmeister Lucius Manlius, der ihn auf Kosten des Stats nach Rom geleiten sollte. Gleich nach seiner Ankunft ließ der Senat ihn vor. Der junge Mann drückte sich so aus, daß die an sich schon so willkommnen 468 Dienstleistungen durch seine Worte noch gefälliger wurden. Er erwähnte, «wie viel Fußvolk und Reuterei, wie viele Elephanten, wie viel Getreide sein Vater in diesen vier Jahren nach Macedonien geschickt habe. Allein über zweierlei sei ihm eine Schamröthe zu Gesicht gestiegen: Einmal, insofern der Senat ihn durch Gesandte um die Kriegsbedürfnisse habe bitten lassen, da er doch habe befehlen können; zum Andern, daß er ihm für das Getreide die Bezahlung geschickt habe. Masinissa vergesse es nie, daß das Römische Volk ihm sein Reich erworben, erweitert und vervielfältigt habe, und mit dem Nießbrauche seines Königreichs zufrieden wisse er, daß Oberherrlichkeit und Eigenthumsrecht denen zustehe, die es ihm gegeben hätten. Es sei also billig, daß sie auch nähmen, und nicht ihn bäten; nicht vom Ertrage des ihm von ihnen geschenkten Bodens dergleichen kauften, was ea ex fructibus agri ab se dati, quae ibi prov.]. – Ich folge lieber dieser Interpunction; nicht aber deswegen, weil mir sonst das Relativum quae – tot vocibus postpositum – misfiele; sondern weil ich die von Crev. gerügte inficeta verbositas nicht finde, derentwegen er die Worte ea, quae ibi proveniant wegstreichen will. Da Livius gesagt hatte ex fructibus agri, fructus aber nicht bloß die Feld- und Baumfrüchte und den Ertrag der Heerden, sondern auch alle reditus, vectigalia, usuras, selbst von verpachteten Grundstücken, bedeutet, so war, glaube ich, der Zusatz quae ibi proveniant, nicht unnöthig, wenn darunter das selbst auf diesem Boden Wachsende verstanden werden sollte; so viel eher nöthig, weil kurz vorher von einem bloßen Nießbrauche des Reichs (usu regni contentum) die Rede gewesen war. Hätten z. B. die Römer einige 1000 Purpurröcke, falls sie diese vom Masinissa gefordert hätten, bezahlt, so konnte der König, weil er diese selbst von Tyrus oder Carthago erkaufen mußte, sich die Bezahlung eher gefallen lassen. Den Purpur, quae ibi non proveniebat, mußte er selbst ex fructibus regni sui (von seinen Einkünften) bezahlen. Allein er will die Römer nichts ex fructibus regni sui (vom Ertrage seines Königreichs) bezahlen lassen, was ihm der Boden selbst bringt, das Getreide nämlich. dieser Boden selbst liefere. Masinissa habe genug an dem, und werde genug daran haben, was ihm das Römische Volk übrig lasse. Als er mit diesen Aufträgen von seinem Vater abgereiset sei, habe ihm dieser nachher reitende Boten nachgeschickt, ihm die Besiegung Macedoniens zu melden, und ihm zugleich den Auftrag gegeben, nach seinem Glückwunsche dem Senate zu bezeugen, sein Vater sei hierüber so hoch erfreut, daß er selbst nach 469 Rom kommen, dem allmächtigen Jupiter auf dem Capitole ein Opfer und seinen Dank darbringen wolle. Er ersuche den Senat, ihm hierzu unbeschwert die Erlaubniß zu ertheilen.» 14. Der Prinz bekam zur Antwort: «Sein Vater Masinissa handle darin, daß er einer ihm als Schuldigkeit erwiesenen Wohlthat höheren Werth und größere Ehre beilege, wie es sich für einen dankbaren und edeln Mann gezieme. Im Punischen Kriege habe er durch seine tapfern und treuen Dienste das Römische Volk unterstützt; dagegen habe er unter Begünstigung des Römischen Volks durch seine rasche Thätigkeit regnum adeptum; aequitates sua postea]. – Duker und Drakenb. interpungiren richtiger nach Creviers Vorschlage: regnum adeptum aequitate sua. Postea u. s. w. Auch darin stimme ich ihnen bei, aequitati hic locum non esse; nur möchte ich nicht mit Crev. aequitate sua in ac virtute sua umändern. Denn dieses ac würde ich mir nur dann gefallen lassen, wenn Liv. gesagt hätte: favore populi R. ac virtute sua. Da es hier aber heißt favente populo R., so möchte ich das folgende Substantivum lieber ohne ac dastehen lassen. Dies ac würde auch wegfallen, wenn man alacritate sua lesen wollte. Dies kommt, meine ich, nicht nur der alten Lesart aequitate sua näher, als ac virtute sua, sondern es passet auch so gut zu dem, was uns von Masinissa's Jugend Liv. 24, 49. 25, 34. 29. 31. und von seinem Alter Cic. de Sen. 10. erzählt, eum, iam nonaginta annos natum, exsequi omnia regis officia et munera. S. 24, 4. i. sein Reich wieder erlangt. Nachher habe er in den Kriegen mit drei Königen nach einander alle Forderungen der Gefälligkeit erfüllt. Daß ein König, der das Schicksal seiner ganzen Lage und seines Reichs mit den Angelegenheiten Roms verflochten habe, sich des Sieges der Römer freue, sei ihnen nicht unerwartet. Den Göttern möge er seinen Dank für den Sieg der Römer auf seinem Hausaltare niederlegen: zu Rom könne dies sein Prinz in seinem Namen thun. Der Darbringung der Glückwünsche habe der Prinz in seinem eignen und seines Vaters Namen vollkommen Genüge geleistet. Daß der König selbst sein Reich verlasse und sich von Africa entferne, sei, nach des Senates Meinung, außerdem, daß es ihm selbst Nachtheil bringe, auch für das Beste der Römischen Nation nicht rathsam.» Auf die Bitte, daß sich die Römer statt des * * * * den Sohn Hamilcars, 470 Hanno, von den Puniern zum Geisel [geben obses in locum * * *]. – Die Lücke ist nach Sigonius Ergänzung übersetzt, weil sie Crevier offen gelassen hatte. Allein die nächstfolgende wieder nach Crevier. lassen möchten, gab der Senat dem Masgabas zur Antwort, er halte es für unstatthaft, den Carthagern Geisel nach Masinissa's Gutdünken] abzufordern. Durch einen Senatsschluß erhielt der Schatzmeister den Auftrag für Ungefähr 3,124 Gulden Conv. M. hundert Pfund Silber dem Prinzen Geschenke anzukaufen, ihn nach Puteoli zu begleiten, ihm während seines Aufenthalts in Italien alle Kosten zu reichen und zwei Schiffe zu miethen, auf denen der Prinz selbst und sein Gefolge nach Africa übergehen könnten: auch wurden die Personen des Gefolges, Freie und Sklaven, sämtlich mit Kleidern beschenkt. Nicht lange nachher meldete ein Brief von dem andern Sohne des Masinissa, vom Misagenes: «Nach Besiegung des Perseus habe Lucius Paullus ihn nebst seiner Reuterei nach Africa abgehen lassen. Auf dieser Fahrt habe ein Sturm die Flotte im Hadriatischen Meere zerstreuet und ihn mit drei Schiffen krank nach Brundusium verschlagen.» Der Schatzmeister Lucius Stertinius wurde an ihn nach Brundusium mit gleichen Geschenken abgeschickt, so wie sie seinem Bruder zu Rom gegeben waren, und bekam die Besorgung eines Quartiers für [den Prinzen als Gast und alles zu seiner Genesung Erforderlichen: auch mußte er, ohne Aufwand zu scheuen, ihn und sein ganzes Gefolge frei halten, und Schiffe bestellen, die ihn bequem und sicher nach Africa bringen konnten. Jedem Reuter ließ man ein Pfund Silber 31 Gulden. und fünfhundert Sestertien 40 Gulden. reichen. Die Versammlung zur Wahl der Consuln auf das folgende Jahr hielt der Consul Cajus Licinius. Gewählt wurden Quintus Älius Pätus, Marcus Junius Pennus. Dann wurden zu Prätoren ernannt Quintus Cassius Longinus, Manius Juventius Thalna, Tiberius Claudius 471 Nero, Aulus Manlius Torquatus, Cneus Fulvius Gillo, Cajus Licinius Nerva . In diesem Jahre kamen auch die Censorn Tiberius Sempronius Gracchus und Cajus Claudius Pulcher über einen Gegenstand, den sie lange unter sich mit mancherlei Widerspruche verhandelt hatten, endlich zu einem einmüthigen Schlusse. Weil die Freigelassenen, trotz der wiederholten Beschränkung auf die vier Stadtbezirke, sich wieder in alle Bezirke ausgebreitet hatten, so war Gracchus Willens gewesen, dies immer wieder hervorkeimende Übel mit der Wurzel auszurotten und alle in Sklaverei Gewesenen von der Schatzung auszuschließen. Dagegen setzte sich Claudius und berief sich auf die Einrichtung der Vorfahren, welche zwar oft versucht hätten, die Freigelassenen zu beschränken, nie aber sie ganz vom Bürgerrechte auszuschließen. Ja er führte auch an, daß die Censorn C. Flaminio]. – Er war Censor im J. 532., und fiel in seinem zweiten Consulate 535. in der Schlacht am Trasimenus. Cajus Flaminius, Lucius Ämilius die ehemalige Strenge in etwas gemildert hätten. Und in der That war Einigen dieses Standes, ob sich gleich auch damals diese Hefen des Volks in alle Bezirke vertheilt hatten und man es wieder nöthig gefunden hatte, sie gleichsam auf ihren alten Bodensatz zurücksinken zu lassen, dennoch vorzugsweise dies und jenes eingeräumt. 15. Jene Censorn nämlich hatten] die Freigelassenen auf die vier Stadtbezirke vertheilt, mit Ausnahme derer, die einen Sohn hatten, der schon über fünf Jahre alt war. Diesen befahlen sie, sich in dem Bezirke schatzen zu lassen, wo sie ex SC.]. – Diese Worte, die vor dem Worte ess et nicht stehen bleiben können, (man sehe Drak., Crev. u. A.) sind vermuthlich vor dem Worte ess ent ausgefallen, wohin ich sie zurückziehe. Dann wären die vorigen Censoren, die nach einem Senatsconsulte verfuhren, C. Claudius Centho u. M. Junius Pera, a. 527., von denen Pighius p. 119. sagt: Ex Polybio colligere possumus, ob belli Gallici instantis metum diligentissime censum actum et delectus passim habitos fuisse; ubi multis enarrat, qua cura Senatus omnes rei p. nervos in hoc bellum intenderit. Man vergl. Polyb. T. I. Schweigh. p. 270. 71 u. ff., vorzüglich p. 277. 78. vermöge eines Senatsschlusses bei der vorigen Schatzung geschatzt waren. Auch ertheilten sie denen, die 472 ein oder mehrere Landgüter von einem höheren Werthe als dreißigtausend Etwa 2,343 Gulden. Sestertien hatten, das Recht, sich [in den censendi ius factum est]. – Crevier schiebt vor diesen Worten die drei Worte in tribubus rusticis ein, welche hier auch Andern ausgefallen zu sein scheinen. Bezirken der Landbesitzer] schatzen zu lassen. Weil dies bisher so beobachtet war, so behauptete Claudius: «Das Recht der Stimmgebung könne der Censor; ohne Genehmigung des Gesamtvolks keinem Einzelnen, geschweige denn, einem ganzen Stande nehmen. Denn wenn gleich der Censor aus dem Bezirke stoßen könne, welches eigentlich nichts anders sei, als befehlen, daß jemand den einen Bezirk mit einem andern vertauschen solle, so könne er darum doch niemand aus allen fünfunddreißig Bezirken stoßen, denn das heiße ihm Bürgerrecht und Freiheit nehmen, heiße nicht, festsetzen, wo er sich schatzen lassen solle, sondern ihn von aller Schatzung ausschließen.» Hierüber stritten Beide unter einander. Endlich kamen sie dahin überein, daß sie in der Halle der Freiheit öffentlich über Einen der vier Stadtbezirke das Los zogen, in welchen sie Alle, die je in Knechtschaft gewesen wären, vereinigen wollten. Das Los traf den Esquilinischen; und Tiberius Gracchus erklärte öffentlich, sie hätten ausgemacht, daß alle Freigelassenen sich in diesem Bezirke schatzen lassen sollten. Dies gereichte den Censorn beim Senate zu großer Ehre. Man dankte nicht allein dem Sempronius für die Beharrlichkeit bei seinem nützlichen Unternehmen, sondern auch dem Claudius, es nicht gehindert zu haben. Von diesen Censorn wurden mehrere, als von den vorigen, aus dem Senate gestoßen und ihr Ritterpferd zu verkaufen befehligt; auch die im Bezirke Herabgesetzten und für Steuersassen erklärten waren bei Beiden dieselben Leute; und Keinem wurde der Schimpf, den ihm der Eine angethan hatte, vom Andern wieder abgenommen. Als sie darum baten, man möge ihnen zu der herkömmlichen ut ex instituto]. – Ich habe den nach den Vorschlägen Mehrerer so verbesserten Text übersetzt: Petentibus, ut ad sarta tecta ex instituto (so Duker) exigenda, et ad opera, quae locassent, probanda, anni et VI mensium tempus (so Crev.) prorogaretur, Cn. Tremellius tribunus, quia lectus non erat in senatum, intercessit. Eodem anno C. Cicereius aedem Monetae in monte (so Drakenb. nach Sigonius aus Liv. 42, 7.) Albano dedicavit etc. Über den flamen Martialis, s. 44, 18. Besorgung der 473 Baulichkeiten und zur eignen Würdigung der von ihnen in Verding gegebenen Werke noch anderthalb Jahre zulegen, that der Tribun, Cneus Tremellius; weil sie ihn nicht in den Senat aufgenommen hatten, Einsage. In diesem Jahre weihete auch Cajus Cicerejus der Moneta den Tempel auf dem Albanerberge im fünften Jahre nach dessen Verheißung. Zum Eigenpriester des Mars wurde in diesem Jahre Lucius Postumius Albinus geweihet. 16. Als die Consuln Quintus Älius und Marcus Junius wegen der Amtsplätze den Vortrag thaten, beschlossen die Väter, Spanien, das während des Macedonischen Krieges nur ein einzelner Amtsplatz gewesen war, sollte wieder in zwei zerfallen; ferner Macedonien und Illyricum sollten dieselben Männer, Lucius Paullus und Lucius Anicius so lange behalten, bis sie mit Zustimmung der Abgeordneten die durch den Krieg entstandenen Verwirrungen und überhaupt den Zustand beider Reiche berichtigt hätten. Den Consuln wurden Pisä und Gallien bestimmt, jedem mit zwei Legionen Cum binis legionibus peditum]. – Ich übersetze diese Lücke nach Drakenborchs Ergänzung, die mir wahrscheinlicher ist, als Creviers Vorschlag. Drak. lieset so: cum binis legionibus [quinûm millium] peditum et equitum [trecenorum, sociûm nominis Latini denis millibus peditum et equitibus D]CCCC. i. e. nongenis. [von fünftausend Mann zu Fuß und dreihundert Rittern, nebst zehntausend Mann Latinischer Bundestruppen zu Fuß und neun]hundert Rittern. Die Prätoren traf bei der Verlosung, den Quintus Cassius die Rechtspflege in der Stadt, den Manius Juventius Thalna die über die Fremden, den Tiberius Claudius Nero Sicilien, den Cneus Fulvius das diesseitige Spanien, den Cajus Licinius Nerva das jenseitige. Den Aulus Manlius Torquatus hatte Sardinien getroffen; allein er konnte nicht auf diesen Standplatz abgehen, weil er nach einem 474 Senatsschlusse als Richter über Todesverbrechen zurückbleiben mußte. Nun wurden dem Senate die Meldungen von Schreckzeichen vorgelegt. In den Tempel der göttlichen Penaten auf der Höhe Velia hatte der Blitz eingeschlagen, und ferner in der Alt-Stadt et in oppido]. – D. i. in der alten Stadt Rom, oder Roma quadrata, wie sie Romulus angelegt hatte. Ferner lese ich mit Drakenb. Minervium, statt Minervio. Auch Velia, die höchste Gegend Roms, ( B. 2. C. 7. ) oder der nach dem Forum abgehende Abhang des Berges Palatinus gehörte in die urbs quadrata. in den Minerventempel, in zwei Thore und eine Strecke der Mauer. Zu Anagnia war ein Erdregen gefallen, zu Lanuvium eine Fackel am Himmel erschienen. Von Calatia meldete ein Römischer Bürger, Marcus Valerius, auf seinem vom State gepachteten Grundstücke sei aus dem Feuerherde, drei Tage und zwei Nächte lang, Blut hervorgeronnen. Besonders wegen des letztern mußten die Zehnherren die Bücher nachschlagen: sie setzten für das Gesamtvolk Einen Bettag an und brachten auf dem Markte ein Opfer von funfzig Ziegen. Auch wurde wegen der andern Schreckzeichen der folgende Tag mit Betandacht bei allen Altären gefeiert, das Opfer mit großen Thieren dargebracht und die Stadt entsündigt. Und nun befahl der Senat in Rücksicht auf den den unsterblichen Göttern gebührenden Ehrendank: «Weil die feindlichen Kriegsmächte besiegt und die Könige Perseus und Gentius nebst Macedonien und Illyricum in der Römer Gewalt wären, so sollten die Prätoren Quintus Cassius und Manius Juventius dafür sorgen, daß eben so große Dankopfer gebracht würden, als man für die Besiegung des Königs Antiochus auf allen Altären dargebracht habe.» 17. Nun bestimmten die Väter zu Bevollmächtigten, nach deren Gutbefinden die Feldherren Lucius Paullus und Lucius Anicius ihre Verfügungen treffen sollten, zehn Männer für Macedonien und fünf für Illyricum. Für Macedonien wurden folgende ernannt: Aulus Postumius Luscus und Cajus Claudius, Beide gewesene Censorn; Cajus Licinius Crassus, Amtsgenoß des Paullus im 475 Consulate; jetzt hatte er nach verlängertem Oberbefehle Gallien zu seinem Standplatze. Die diesen Consularen Zugegebenen waren Cneus Domitius Ahenobarbus, Servius Cornelius Sulla, Lucius Junius, Cajus Antistius Labeo, Titus Numisius Tarquiniensis, Aulus Terentius Varro Varronem]. – Den Namen des zehnten Bevollmächtigten hat der Abschreiber ausgelassen. Jak. Gronov vermuthet, dieser sei Q. Marcius Philippus gewesen. Wenigstens paßte er dazu, weil er selbst als Bevollmächtigter in Griechenland gewesen war, und in seinem zweiten Consulate (583) gegen Perseus das Heer geführt hatte. 39, 48. 40, 2.  3. 42, 37.  ff. 43, 11. 44, 1.  2. ff. . Für Illyricum aber wurden folgende ernannt: Publius Älius Ligus, ein Consular; Cajus Cicerejus und Cneus Bäbius Tamphilus (dieser war im vorigen, Cicerejus vor vielen Jahren Prätor gewesen), Publius Terentius Tusciveicanus Tusciveicanus]. – Ob er aus dem Tuscus vicus zu Rom, oder sonst aus einem vicus in Tuscien stammte, kann uns sehr gleichgültig sein. Doch sehen wir, daß sich die alte Rechtschreibung des metrisch langen i, vielleicht selbst die Aussprache, in den Eigennamen länger erhielt. So wie vicus ehemals veicus geschrieben wurde, so finden wir auch noch im S. C. de Bacchanalibus: Qu ei foiderat ei esent, ita exd ei cendum censuere: nei (ne) quis eorum Bacanal habuise velat. S ei ques esent, qu ei sib ei d ei cerent cet. , Publius Manilius. Die Consuln, von den Vätern aufgefordert, je eher je lieber sich über ihre Standplätze zu vergleichen, oder darum zu losen, weil der Eine von ihnen an die Stelle des zum Bevollmächtigten ernannten Cajus Licinius nach Gallien gehen müsse, loseten nun. Den Marcus Junius traf Pisä; man ließ ihn aber, ehe er auf seinen Standplatz abging, die Gesandschaften, welche sich von allen Orten her, um Glück zu wünschen, in Rom einfanden, dem Senate vorstellen; und den Quintus Älius Gallien. Ob man nun gleich solche Männer als Bevollmächtigte abgehen ließ, von denen man hoffen durfte, daß unter ihrem Beirathe die Feldherren nichts beschließen würden, was mit Roms Milde oder mit seiner Würde unverträglich sein möchte, so wurden dennoch die eigentlichen Hauptmaßregeln auch im Senate zur Sprache gebracht; damit die Bevollmächtigten von Rom aus den Feldherren Alles schon eingeleitet mitnehmen könnten. 18. Vor allen Dingen wurde festgesetzt: «Die 476 Macedonier und Illyrier sollten frei sein, um alle Völker sehen zu lassen, daß Roms Waffen nicht etwa den Freien Knechtschaft, sondern den Dienstbaren Freiheit brächten; zugleich auch den in Freiheit lebenden Völkern die Überzeugung zu geben, daß unter Römischem Schutze ihre Freiheit sicher und dauernd sein werde; und den unter Königen stehenden den Glauben, daß nicht allein für jetzt ihre Könige in Rücksicht auf Rom gütiger gegen sie und gerechter sein müßten; sondern daß auch künftig bei einem zwischen Rom und den Königen entstandenen Kriege der Ausgang den Römern Sieg, den Völkern Freiheit bringe. Die Einkünfte Metalli quoque etc.]. – Ich lasse in diesen Worten das Komma hinter Macedonici wegfallen, um sie beisammen zu behalten, und dadurch den Sinn zu gewinnen: Etiam quod ingens Macedonici metalli vectigal erat oder Etiam ingens illud metalli Macedonici vectigal. Da ferner Crev. die Worte praediorum rusticorum sehr richtig de praediis erklärt, quae proprium essent regum Macedonicorum patrimonium, quod vocamus apud nos le domaine, quae antea a regibus locata, a Romanis vel venduntur, vel donantur, so habe ich nicht allein Krongüter übersetzt, sondern ich vermuthe auch, daß rusticorum ein Fehler des Abschreibers sei, welcher regiorum hätte schreiben sollen. Dukers Einwurf aus Cic. Agr. II. 19. agros Philippi et Persae a censoribus locatos fuisse, wird von Ernesti in der Note zu Cic. durch die Angabe gehoben: haec censoria locatio facta demum est, postquam Metellus Macedoniam fecerat provinciam pop. Rom. von den Macedonischen Bergwerken, so groß sie waren, und die Verpachtungen der Krongüter wolle man eingehen lassen: denn ohne Pächter könnten sie nicht betrieben werden; wo aber ein Pächter sei, da gingen entweder dem State seine Forderungen aut ius publicum vanum, aut libertatem]. – Crevier giebt uns ungefähr so die Gründe an: Si remissius agere publicanos iusserimus, ex iure metalli vel portorii vix aliquid pecuniae recipiemus; si rigide, tunc sociis libertas peribit. – Idem exercere will Crev. in id exercere abändern. Dies ist unnöthig, weil idem (und nicht bloß bei Livius ) so oft die Bedeutung von etiam id oder et hoc hat, wir es also hier so verstehen können: Etiam ne ipsos quidem Macedonas id exercere posse. – Wenn (gleich nachher) Sigon. lesen will: Commune concilium gentis nullum esset, und Andere lieber gentis ne esset setzen wollen, so frage ich, warum nicht lieber: Commune ne concilium gentis esset.. Dann sähe man, wodurch dies ne ausgefallen sei. – Das Wort aliquando hinter a senatu hält Duker für versetzt, und will es so beziehen: ne vulgus aliquando ad licentiam traheret. Da aber aliquando so viel bedeuten kann, als olim (wie 31, 9. u. das Glossar. in aliquando ), so giebt es doch immer noch einen zukünftigen Misbrauch von Seiten des Pöbels zu verstehen, man mag sagen: ne vulgus olim abutatur data libertate, oder ne vulgus data olim libertate abutatur. verloren, oder es sei um die Freiheit der Bundesgenossen geschehen. Auch nicht einmal die Macedonier selbst dürften dies betreiben: denn wo der 477 Verwaltende nur zugreifen dürfe, um die Beute zu haben, da werde es nie an Veranlassungen zu Aufruhr und Streitigkeiten fehlen. Eine einzige allgemeine Ständeversammlung solle die Nation nicht haben, damit nicht der schlechtdenkende Haufen die ihm ehemals von der wohlthätigen Mäßigung des Senats geschenkte Freiheit zu einer verderblichen Zügellosigkeit anwenden könne. Macedonien solle in vier Landschaften abgetheilt werden, deren jede ihre eigne Ständeversammlung habe; und dem Römischen State solle halb so viel an Abgaben gezahlt werden, als die Unterthanen bisher den Königen gewöhnlich gegeben hätten.» Ähnliche Vorschriften wurden auch für Illyricum gegeben; alle übrigen Verfügungen, welche der Lauf der Geschäfte selbst weit sicherer an Ort und Stelle an die Hand geben mußte, wurden den Feldherren und den Bevollmächtigten überlassen. 19. Unter den vielen Gesandschaften der Könige und der größeren und kleineren Völker, zog hauptsächlich Attalus, des Königs Eumenes Bruder, die Blicke und die Aufmerksamkeit Aller auf sich. Denn er wurde von denen, die mit ihm zugleich in diesem Kriege dienten, weit freundschaftlicher aufgenommen, als Eumenes selbst, wenn er gekommen wäre. Zwei dem Ansehen nach sehr ehrenvolle Geschäfte hatten ihn hergeführt: das eine war der Glückwunsch; bei einem Siege, den er selbst hatte erfechten helfen, vollkommen schicklich: das andre eine Klage über einen Einbruch der Gallier und die dabei erlittene Niederlage Advertaeque gladiis]. – Wie glücklich ist dies von Hrn.  Walch in acceptaeque cladis verwandelt! Er setzt hinzu: E querimonia assume: dicebat, «regnum in dubium adductum esse.» . Nach seiner Aussage stand das Pergamenische Reich in Gefahr. Im Hinterhalte lag auch die geheime Hoffnung auf solche Ehre und Belohnungen 478 vom Senate, wie sie ihm, ohne Verletzung der Bruderliebe kaum zu Theil werden konnten. Er hatte nämlich einige schlimme Rathgeber, auch unter den Römern, welche durch erregte Hoffnungen seine Begierde zu locken suchten. «Die Meinung zu Rom über den Attalus und Eumenes erkläre den ersten für einen zuverlässigen Freund der Römer, den andern für einen Bundesgenossen, der den Römern eben so wenig treu sei, als dem Perseus. Deswegen lasse es sich kaum bestimmen, ob eine Bitte zu seinem eignen Besten, oder seinem Bruder zum Schaden, bei den Vätern willigeres Gehör finden werde: so sehr wünschten sie sämtlich ihm Alles zu bewilligen, und jenem durchaus Alles abzuschlagen.» Attalus gehörte, wie der Erfolg bewies, ganz zu jener Art von Menschen, welche empfänglich für die Begierde nach Allem sind, was ihnen die Hoffnung verspricht: hätte nicht diesmal die weise Erinnerung eines trefflichen Freundes seinen vor Glück übermüthigen Wünschen gleichsam einen Zügel angelegt. Zu seiner Begleitung gehörte der Arzt Stratius, welchen ihm der nicht unbesorgte Eumenes in dieser Absicht nach Rom mitgegeben hatte, um auf seines Bruders Handlungen ein Auge zu haben, und wo er von seiner Pflicht abzugehen scheine, sein treuer Erinnerer zu sein. Dieser Mann, ob er gleich das Ohr des Prinzen schon von Andern gewonnen und seine Wünsche aufgeregt fand, machte dennoch durch Vorstellungen zu rechter Zeit die beinahe schon verdorbene Sache wieder gut. Er sagte: «Andre Reiche hätten sich durch mancherlei Umstände, das eine so, das andre so, gehoben: ihr Reich, noch neu und durchaus nicht auf alte Macht gegründet, halte sich nur durch die brüderliche Eintracht, vermöge welcher der Eine den königlichen Namen und die auszeichnende Kopfbinde trage, und die Brüder alle die Regierung hätten. Und wer sollte besonders den Attalus, da er an Alter der nächste sei, nicht als König anerkennen? nicht bloß deswegen, weil er schon jetzt die Größe seines Einflusses sehe, sondern auch weil Attalus selbst, bei dieser Schwächlichkeit, bei diesen Jahren des kinderlosen Eumenes – denn der Sohn, welcher 479 späterhin zur Regierung kam qui postea regnavit]. – Attalus III. Philometor, der nach dem Tode dieses seines Oheims und Vormundes Attalus zur Regierung kam, und sein Reich den Römern vermacht haben soll. Crev. u. Schweigh. ad Polyb. 30, 2. 6. – Ohne anzufragen, ob agnouerat vielleicht aus genuerat entstanden sein möchte, will ich lieber Polybs αναδεδειγμένος so verstehen: quem educandum susceperat, oder quem sustulerat: weil in dem tollere recens natum, humi positum, die agnitio liegt, so konnte Liv. statt sustulerat auch agnoverat sagen; und dahin geht auch Schweighäusers Erklärung der Stelle Polybs: necdum enim tunc in lucem editus erat genuinus ille Eumenis filius. , war ihm noch nicht geboren – unfehlbar nächstens der regierende Herr sein müsse. Wozu es helfen könne, etwas zu erzwingen, das in kurzem ohnehin an ihn kommen werde. Nun sei noch der neuliche Sturm des Gallischen Einfalls über das Reich hereingebrochen, dem die königlichen Brüder kaum bei aller Vereinigung und Eintracht widerstehen könnten. Sollte zu diesem Kriege von außen noch innerer Zwiespalt hinzukommen, dann sei an kein Halten zu denken: auch werde er dadurch weiter nichts bewirken, als um seinen Bruder nicht im Besitze des Throns sterben zu lassen, sich selbst die nahe Hoffnung zum Throne vernichten. Wenn Beides an sich rühmlich sein könne, einem Bruder den Thron erhalten, oder ihm denselben entrissen zu haben, so habe doch immer die Ehre, ihm den Thron erhalten zu haben, da sie mit der Bruderliebe Hand in Hand gehe, den Vorzug. Da nun aber das Zweite verabscheuungswürdig sei, und so nahe an Brudermord gränze, wie da bei der Überlegung noch ein Zweifel Statt finden könne? Denn ob er ihm etwa einen Theil des Reichs nehmen, oder das Ganze entreißen wolle? Einen Theil? Dann würden sie Beide mit zersplitterten Kräften die Geschwächten und jedem Angriffe preisgegeben sein. Oder das Ganze? Ob er dann etwa seinen älteren Bruder als Privatmann, oder bei dieser Kränklichkeit und so hohen Jahren in der Verbannung, oder zuletzt wohl gar auf Befehl sterben lassen wolle? – Wenn er ihn auch nicht an das Ende feindseliger Brüder in den Trauerspielen erinnern wolle, so zeige sich ja wohl Perseus mit seinem Erfolge als ein herrliches Muster, da er die dem 480 ermordeten Bruder entrissene Krone im Tempel der Samothracier, als hätten ihn die Götter vor ihren Augen bestrafen wollen, dem feindlichen Sieger kniefällig zu Füßen gelegt habe. Selbst diejenigen, welche jetzt, nicht aus Freundschaft für ihn, sondern aus Erbitterung gegen den Eumenes, ihn aufwiegelten, würden seinem Pflichtgefühle und seiner Festigkeit, wenn er bis ans Ende seinem Bruder treu bliebe, ihren Beifall geben.» 20. Dies war für den Entschluß des Attalus entscheidend. Wie er also dem Senate vorgestellt wurde, stattete er seinen Glückwunsch zum Siege ab, sprach von seinen Verdiensten in diesem Kriege, von denen seines Bruders, wenn dieser einige hatte, und von der Empörung der Galaten, deren Ausbruch neulich so große Bewegungen veranlaßt hatte. Er ersuchte den Senat, Gesandte an sie abgehen zu lassen, um sie durch ihr Wort zur Niederlegung der Waffen zu vermögen. Nachdem er sich dieser Aufträge für das Beste seines Königreichs entledigt hatte, bat er, ihm Änus und Maronea einzuräumen. So vereitelte er die Hoffnung derer, welche geglaubt hatten, er werde unter Klagen über seinen Bruder auf eine Theilung des Reichs antragen, und verließ das Rathhaus. Nicht leicht fand irgend ein andrer König oder Privatmann, unter so großem Wohlwollen und so allgemeiner Beistimmung Gehör. Alle Arten von Ehrenbezeigungen und Geschenken bewiesen ihm die öffentliche Achtung bei seiner Gegenwart und begleiteten ihn auf seiner Rückreise. Unter den vielen Gesandschaften Asiens und Griechenlands waren es vorzüglich die Gesandten der Rhodier, welche die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Anfangs waren sie, wie es sich für Glückwünschende schickte, in Feierkleidern erschienen: hätten sie sich schlecht gekleidet, so konnte es ja scheinen, als betrauerten sie des Perseus Fall. Als nun die Väter auf die Anfrage des Consuls Marcus Junius, ob sie den Gesandten – sie standen draußen auf dem Volksplatze – Quartier, Ehrenbewirthung und Zutritt im Senate bewilligen wollten, ihnen keines von allen gastfreundschaftlichen Rechten zugestanden; so 481 kam der Consul aus dem Rathhause, und da die Rhodier ihm anzeigten, sie wären gekommen, zum Siege Glück zu wünschen, sich gegen die ihrem State gemachten Vorwürfe zu rechtfertigen, und bäten um Zutritt im Senate; so erklärte er ihnen: «Es sei Römische Gewohnheit, Bundesgenossen und Freunden nicht nur jede andre Höflichkeit und gastliche Aufnahme angedeihen zu lassen, sondern auch ihnen im Senate Zutritt zu geben: die Rhodier aber hätten sich in diesem Kriege nicht so benommen, daß sie für Freunde oder Bundesgenossen gelten könnten.» Sie hörten diese Worte, sanken insgesamt zur Erde nieder und baten den Consul und alle Umstehenden, sie möchten das nicht für Gerechtigkeit ansehen, daß man, den Rhodiern zum Nachtheile, neuen und erdichteten Beschuldigungen das Übergewicht über alte Verdienste gebe, von denen sie selbst Zeugen wären. Sogleich legten sie Trauerkleider an, gingen unter Bitten und Thränen zu den Vornehmen von Hause zu Hause, und fleheten, ehe sie sie verdammen ließen, möchten sie doch ihre Sache untersuchen. 21. Der Prätor Manius Juventius Thalna, der die Rechtspflege zwischen Bürgern und Ausländern hatte, reizte das Volk gegen die Rhodier auf, und hatte schon den Vorschlag öffentlich ausgestellt, «daß man den Rhodiern den Krieg erklären und von den diesjährigen Beamteten Einen auswählen müsse, um ihn zu diesem Kriege mit einer Flotte abgehen zu lassen:» – er hoffte nämlich, selbst gewählt zu werden. Diesem Antrage widersetzten sich die beiden Bürgertribunen Marcus Antonius und Marcus Pomponius. Doch nicht den Prätor allein traf diesmal die Schuld, auf eine beispiellose und nachtheilige Art die Sache eingeleitet zu haben, insofern er ohne alle Anfrage bei dem Senate, ohne alle den Consuln gemachte Eröffnung, bloß nach eigenem Ermessen bei dem Volke darauf angetragen hatte, «Ob es die Kriegserklärung gegen Rhodus genehmige und beschließe»; da vormals über einen Krieg immer zuerst bei dem Senate angefragt wurde und dann erst der Antrag an das Volk erging; sondern auch die 482 Tribunen, insofern es hergebrachte Sitte war, bei einem Vorschlage nie eher Einsage zu thun, als wenn auch Privatpersonen die Erlaubniß benutzt hatten, den Vorschlag zu empfehlen oder zu widerrathen; und darüber oft der Fall eingetreten war, daß Tribunen, welche sich vorher nicht für die Einsage erklärt hatten, nun noch Einsage thaten, wenn ihnen aus der Ansicht der Widerrathenden die Fehler des Vorschlages offenbar wurden; und eben so, daß diejenigen, die mit dem Vorsatze, Einsage zu thun, gekommen waren, durch die triftigen Gründe der Fürsprecher des Vorschlages überzeugt, zurücktraten. Jetzt aber wetteiferten Prätor und Tribunen mit einander, in Allem die Voreiligen zu sein; und wahrend die Tribunen am Prätor das vorschnelle Verfahren [tadelten, thaten sie selbst] durch ihre zu frühe Einsage [es ihm nach. Doch gaben sie ihrem Widerspruche den Vorwand, man müsse die ganze Berathschlagung über die Rhodier ] bis zur Rückkunft des Feld[herrn und der zehn Bevollmächtigten aus Macedonien liegen lassen, weil nur diese nach genauer Erwägung der Umstände aus der Ansicht der schriftlichen Verzeichnisse und Listen mit Sicherheit würden angeben können, wie die Stimmung für den Perseus oder die Römer in jedem State gewesen sei. Da aber der Prätor nichts desto weniger seinen Vorsatz verfolgte, so kam die Sache so weit, daß der Tribun Antonius dem Volke die Gesandten vorstellte, den Thalna, als er gegen sie auftrat und seine Rede anfing, von der Bühne herabzog und die Rhodier zum Volke reden hieß. Freilich hatte so den übereilten und stürmischen Versuch des Prätors der eben so durchgreifende Trotz des Tribuns vereitelt: dennoch waren die Rhodier noch nicht außer Sorgen. Denn am meisten waren die Väter auf sie erbittert, so daß die Rhodier bei der ihnen drohenden Gefahr mehr eine Erleichterung für jetzt, als eine vollkommene Rettung sahen. Da ihnen also nach langen und wiederholten Bitten endlich Zutritt im Senate gewährt wurde, so lagen sie, vom Consul eingeführt, zuerst unter anhaltenden Thränen auf dem Boden hingestreckt. Und als sie dann der Consul aufstehen und reden hieß, 483 machte Astymedes in einem zur Erregung des Mitleids möglichst kläglichen Aufzuge etwa folgende Worte. 22. «Diese Trauer, versammelte Väter, dieser betrübte Aufzug eurer Bundesgenossen, die noch vor kurzem eure Freundschaft zum höchsten Wohlstande hob, muß nothwendig auch bei Zürnenden Erbarmung wecken. Wie viel gerechter aber wird das Mitleiden sein, das eure Herzen beschleicht, wenn ihr zu erwägen geruhet, unter was für drückenden Verhältnissen wir hier vor euch die Sache unsers schon so gut als verurtheilten States zu führen haben. Andre werden erst Beklagte, ehe man sie verdammt, und erleiden ihre Strafe nicht eher, bis ihre Schuld erwiesen ist. Ob wir Rhodier ] unrecht gehandelt haben, ist noch unausgemacht: aber die Strafen, die Beschimpfungen alle leiden wir schon. Kamen wir ehemals nach euren Siegen über Carthago, über Philipp oder Antiochus, nach Rom, so [geleitete man uns] aus dem vom State uns eingeräumten Ehrenquartiere zur Überbringung unsrer Glückwünsche an euch, versammelte Väter, auf das Rathhaus, aus dem Rathhause, zur Darlegung unsrer Dankgeschenke vor euren Göttern, auf das Capitol: und jetzt kommen wir aus einer schmutzigen Herberge, die uns kaum für Bezahlung aufnahm, und beinahe mit der Weisung, als Feinde außerhalb der Stadt zu übernachten, in diesem betrübten Aufzuge auf das Rathhaus der Römer, wir, dieselben Rhodier, die ihr noch jüngst mit ganzen Provinzen, mit Lycien und Carien, beschenktet und mit auszeichnenden Belohnungen und Ehrenerweisungen überhäuftet. Auch die Macedonier und Illyrier erklärt ihr, wie wir hören, für frei, sie, die ehe sie gegen euch Krieg führten, Sklaven waren – und wir misgönnen Keinem sein Glück, vielmehr erkennen wir auch hierin des Römischen Volkes Milde –: und wollt die Rhodier, die nur in diesem Kriege still saßen, aus Bundesgenossen zu Feinden machen? Wenigstens seid ihr doch noch Römer, das heißt, ihr preiset laut euer Glück in euren Kriegen, weil sie gerecht waren, und rühmt euch nicht sowohl ihres Ausgangs eures 484 Sieges wegen, als ihres Anfangs, weil ihr sie nie ohne gegebene Veranlassung unternahmet. Die Belagerung von Messana auf Sicilien gab euch die Carthager zu Feinden; die Belagerung Athens, die versuchte Unterjochung Griechenlands, die Unterstützung Hannibals durch Geld und Truppen den Philipp. Antiochus ging selbst als der Angreifende von euren Feinden, den Ätolern, gerufen, mit einer Flotte nach Griechenland über, und versuchte es, durch die Besetzung der Städte Demetrias und Chalcis und des Passes der Thermopylen euch aus dem Besitze der Oberherrschaft zu werfen. Zum Kriege mit dem Perseus veranlaßten euch seine Angriffe auf eure Bundsgenossen und die an andern Königen und Fürsten größerer und kleinerer Volker verübten Mordthaten. Unter welcher Aufschrift aber wollt ihr unsre Vernichtung aufführen, wenn denn unser Untergang beschlossen ist? Und doch trenne ich die Sache unsers Stats nicht von der unsrer Mitbürger, des Polyaratus und Dinon und der Übrigen, die wir zur Auslieferung an euch mit hergebracht haben. Gesetzt wir Rhodier alle wären gleich schuldig, worin bestände denn unser Verbrechen in diesem Kriege? Ihr antwortet, wir haben die Partei des Perseus begünstigt, und so wie wir in den Kriegen mit Antiochus und Philipp auf eurer Seite standen, so haben wir diesmal mit dem Könige gegen euch gestanden. – Wie wir unsern Bundsgenossen beizustehen pflegen, und wie thätigen Antheil wir an ihren Kriegen nehmen, darüber befragt den Cajus Livius, den Lucius Ämilius Regillus, welche in Asien die Anführer eurer Flotten waren. Nie haben eure Schiffe ohne uns gefochten. Wir hingegen lieferten mit unserer Flotte Einmal die Schlacht bei Samos, zum Andern die in Pamphylien gegen den Oberbefehlshaber Hannibal. Und dieser Sieg ist darum so viel rühmlicher, weil wir, ob wir gleich in der unglücklichen Schlacht bei Samos einen großen Theil unserer Schiffe und eine treffliche Mannschaft verloren hatten, ohne uns durch einen so großen Verlust abschrecken zu lassen, der königlichen Flotte bei ihrer Ankunft 485 aus Syrien abermals entgegen zu gehen wagten. Ich erwähne dies, nicht um uns zu rühmen – dies stimmet jetzt zu unsrer Lage nicht – sondern euch daran zu erinnern, wie die Rhodier ihren Bundesgenossen zu helfen pflegen.» 23. «Nach Philipps und Antiochus Besiegung wurden uns von euch die ansehnlichsten Belohnungen. Wie aber, wenn der Sieg, der jetzt durch göttliche Gnade und durch eure Tapferkeit auf eurer Seite steht, dem Perseus zu Theile geworden wäre, und wir kämen nun zu dem siegreichen Könige nach Macedonien, um uns unsre Belohnung auszubitten; was sollten wir ihm sagen? wir hätten ihn mit Gelde unterstützt? oder mit Getreide? Mit Hülfstruppen zu Lande? oder zur See? könnten wir auch nur Einen Posten angeben, den wir besetzt gehabt, oder den Ort, wo wir – sei es unter seinen, oder unter eignen Anführern – gefochten hätten? Wenn er uns fragte, wo irgend einer unsrer Soldaten, irgend eins unsrer Schiffe in seinen Reihen gestanden habe; was sollten wir antworten? Vermuthlich ständen wir dann eben so als Beklagte vor ihm, dem Sieger, als jetzt vor euch. Denn das haben wir durch unsre nach beiden Orten zur Vermittlung des Friedens abgefertigten Gesandschaften uns zugezogen, daß nicht allein beide Theile ut ne ab utraque parte]. – Crev. und Drakenb. billigen freilich Gronovs Vorschlag, ut ab neutra parte zu lesen. Mir scheint dies etwas gewaltsam. Ich möchte lieber vorschlagen: ut nec ab utraque parte. Da nec so oft in et non zerlegt werden muß, wenn nachher et oder etiam darauf folgen, so dünkt mich, der hier erforderliche Sinn: ab neutra parte, käme auch dann heraus, wenn wir dies nec so erklärten: ut et ab utraque parte nullam gratiam iniremus, ab altera etiam etc., wie Cap. 24 zu Anf. si et factum hostile nullum nostrum est, et verba etc. es uns nicht Dank wissen, sondern daß wir von dem Einen sogar beschuldigt und bedrohet werden. Und doch könnte uns Perseus mit Recht vorwerfen, was ihr nicht könnet, versammelte Väter, daß wir zu Anfang des Krieges an euch Gesandte hätten abgehen lassen, euch Alles zum Kriege Nöthige zu versprechen; zu versprechen, daß wir mit Allem, so wie in den vorigen Kriegen, mit unsern 486 Schiffen, mit unsern Waffen und Truppen für euch bereit ständen. Daß wir sie nicht gestellt haben, lag an euch, die ihr, aus was für Grunde es sein mag, unsre Hülfe damals zurückwieset. Wir haben also in keinem Stücke als Feinde gehandelt, in keinem Stücke die Pflichten treuer Bundsgenossen versäumt, sondern ihr habt uns gewehrt, sie zu leisten. Wie also? sagt man; in eurem State, ihr Rhodier , sollte, selbst gegen euren Willen, nichts geschehen, nichts gesprochen sein, was die Römer mit Recht hätte beleidigen können? Von jetzt an will ich nicht länger das Geschehene in Schutz nehmen – so wahnsinnig bin ich nicht; – wohl aber die Sache des States von der Schuld der Einzelnen trennen. Es giebt ja keinen Stat, der nicht zuweilen seine schlechten Bürger, und einen unerfahrnen Haufen beständig hätte. Auch bei euch – so höre ich – gab es Menschen, die als Schmeichler der Menge ihr Unwesen trieben; ja einst zog der Bürgerstand von euch aus, und ihr waret nicht mehr eures eignen States Herren. Konnte das in einem so sittlich gebildeten State der Fall sein, darf es dann jemanden befremden, wenn es bei uns Einige gegeben hat, die aus Absichten auf des Königs Gewogenheit unsern Pöbel durch ihre Eingebungen verschlimmerten? Und doch bewirkten sie weiter nichts, als daß wir mit unsern Gefälligkeiten für euch nur säumig waren. Ich will das nicht übergehen, was für unsern Stat in diesem Kriege der schwerste Vorwurf ist. Wir haben zu gleicher Zeit des Friedens wegen Gesandte an euch und an den Perseus geschickt. Diese unglückliche Maßregel hat, wie wir nachher erfahren haben, unser iuriosus orator]. – Agepolis. 44, 14. 15. vergl. mit 45, 3. und Polyb. 29, 7. Wortführer, der tolle Mensch, zu einem der dummsten Streiche gemacht. Wir wissen, daß er sich einem Tone überlassen hat, als spräche aus ihm ein Römischer Bevollmächtigter, ein Cajus Popillius, den ihr an die Könige Antiochus und Ptolemäus abschicktet, ihnen den Krieg zu verbieten. Mag sein Benehmen den 487 Namen des Übermuths oder der Thorheit verdienen; genug es war gegen euch nicht anders, als gegen den Perseus. Auch Staten haben ihre Eigenheiten, gerade so, wie einzelne Menschen. Auch unter den Völkern sind manche jähzornig, einige kühn, andre furchtsam; jene mehr dem Trunke ergeben, diese der Liebe. Die Athener sind, der Sage nach, rasch, über ihre Kräfte zum Unternehmen kühn; die Lacedämonier hingegen die Zauderer, die sich nicht einmal auf das einlassen, worauf sie mit Sicherheit bauen können. Ich will nicht in Abrede sein, daß Asien überhaupt Menschen liefert, die etwas windiger sind, als sie sein sollten, und daß insbesondre unsren Landsleuten, weil wir vor den benachbarten Staten einen Vorzug zu haben scheinen – obgleich selbst diesen nicht sowohl durch unsre eigne Macht, als durch eure ehrenvollen Urtheile – ein zu hoher Ton eigen ist. Freilich hatte jene Gesandschaft auch sogleich damals ihre volle Züchtigung bekommen, da sie von euch mit einer so harten Antwort entlassen wurde: wenn wir aber auch damals noch nicht Schimpf genug erlitten haben, so brachte doch diese so klägliche und demüthige Gesandschaft für eine noch trotzigere, als jene war, ein genügendes Sühnopfer dar. Und Übermuth, noch dazu nur in Worten, erregt freilich bei dem leicht zu Erzürnenden Abneigung: der Kluge lächelt darüber, vollends dann, wenn ihn der Untergeordnete gegen den Höheren zeigt: allein der Todesstrafe hat ihn noch nie ein Mensch für würdig erklärt. Freilich stand sehr zu fürchten, daß die Rhodier Verächter der Römer sein möchten! Fährt doch wohl dieser und jener mit trotzigeren Worten sogar gegen die Götter heraus; und doch hören wir nie, daß ein Blitz irgend jemand deswegen erschlagen habe.» 24. «Was wäre nun also noch übrig, weshalb wir uns zu rechtfertigen hätten; wenn nämlich keine unsrer Handlungen feindlich war, und der stolzere Ton eines Gesandten, welcher freilich die Ohren beleidigen mußte, doch den Untergang unsres Stats nicht verschulden kann? Ich höre, versammelte Väter, daß ihr unter einander in 488 Gesprächen gleichsam die Strafsumme schon ausmacht mit der wir unsre geheimen Wünsche büßen sollen. Einige credunt. Alii]. – Ich vermuthe, es habe geheißen, credunt alii. Alii, und das erste alii sei durch das zweite verdrängt. Nehmen wir auch das erste nicht in den Text, so muß es doch zu credunt aus dem folgenden supplirt werden. glauben, wir hätten dem Könige wohlgewollt und ihm den Sieg lieber gewünscht; dafür müsse man uns bekriegen: Andre, wir hätten das freilich gewünscht, müßten aber bloß deswegen nicht bekriegt werden; denn es sei in keinem State, weder durch Herkommen, noch durch Gesetze eingeführt, daß jemand zum Tode verurtheilt werde, wenn er seinem Feinde den Tod wünsche, ohne zur Herbeiführung desselben eine Thätlichkeit zu verüben. Zwar sind wir Diesen, die uns von der Strafe, wenn gleich nicht von dem Vorwurfe freisprechen, dankbar verpflichtet; allein wir selbst fällen über uns den Spruch: Haben wir Alle den Wunsch gehegt, dessen man uns bezüchtigt, so machen wir unter Willen und That keinen Unterschied; so unterwerfen wir uns Alle der Strafe. Sind hingegen einige unsrer Großen eure, andre des Königs Freunde gewesen; so verlange ich freilich nicht, daß um unserntwillen, die wir von eurer Partei waren, die Gönner des Königs frei ausgehen sollen; aber das verbitte ich, daß wir nicht um ihrentwillen unglücklich werden. Ihr seid gegen sie nicht heftiger erbittert, als unsre Bürger selbst. Auch haben die meisten von ihnen, die dieses sehr wohl wußten, entweder die Flucht genommen, oder sich den Tod selbst gegeben: über andre, die schon von uns verurtheilt sind, hängt die Verfügung, versammelte Väter, von euch ab. Haben wir übrigen Rhodier in diesem Kriege uns kein Verdienst erworben, so haben wir doch auch keine Strafe verdient. Das gehäufte Maß unsres früheren Wohlverhaltens möge unsre diesmal versäumten Gefälligkeiten ersetzen. Ihr habt in diesen Jahren mit drei Königen Krieg geführt. Lasset unsre Schuld, in diesem Einen Kriege gesäumt zu haben, nicht größer sein, als unser Verdienst ne plus obsit nobis, – quam]. – Auf dieses quam wollen Crev. u. Drakenb. prosit folgen lassen. Man sehe aber Hrn.  Walchs Anmerk. hier und zu Cap. 21. §. 11. , in zweien für euch gefochten zu haben. Nehmt den Philipp, den Antiochus, den Perseus, als drei richtende Stimmen an. Zwei sprechen uns frei; die dritte zweifelt noch, gesetzt, sie nähme auch die Sache strenger ut gravior sit]. – Wer uns gelinder beurtheilt, sagen die Rhodier, wird eingestehen, daß wir gegen euch unsre Bundespflicht im Kriege mit Perseus nicht ganz verabsäumt haben; denn wir haben ja unsre Dienste angeboten. Gesetzt aber, er wollte, als der Strengere, dies nicht gelten lassen, so kann er doch an unsrer Treue gegen Rom nur zweifeln. Crev. Auch die Worte: Illi si de nobis iudicarent, erklärt er, wie ich, durch Philippus, Antiochus, Perseus. . Wenn sie alle drei uns richten sollten, dann wären wir schon verurtheilt. So entscheidet denn ihr, versammelte Väter, ob es noch ferner auf Erden ein Rhodus geben, oder ob es von grundaus zerstört werden soll. Denn was den Krieg betrifft, über den ihr euch jetzt berathet, so könnt ihr diesen freilich erklären, versammelte Väter, aber nicht führen, weil von uns Rhodiern auch nicht Einer sich gegen euch bewaffnen wird. Beharret ihr in eurem Zorne, so werden wir auch nur um so lange Frist bitten, den uns erklärten Todesspruch nach Hause zu berichten. Dann wollen wir Rhodier Alle, so viele unsrer Freigeborne sind, Männer und Weiber, mit unserm Vermögen uns einschiffen; wollen mit Hinterlassung unserer Stats- und Hausgötter nach Rom kommen, alles Gold und Silber, mag es Stats-, mag es Privateigenthum sein, hier auf dem Versammlungsplatze vor dem Eingange eures Rathhauses aufthürmen, und uns in Person mit Weib und Kind in eure Gewalt geben, um, was wir auch zu leiden haben sollen, hier zu leiden. Fern von unsern Augen mag dann unsre Stadt geplündert und angezündet werden. Die Römer können durch ihren Richterspruch die Rhodier für Feinde erklären; so bleibt uns dennoch unser eigner Spruch über uns selbst, nach welchem wir uns nie für eure Feinde erklären, nie als Feinde handeln werden, selbst dann nicht, wenn alles mögliche Leiden uns treffen wird.» 490 25. Nach ihrer Rede von solchem Inhalte warfen sie sich abermals sämtlich zu Boden; und da sie in dieser flehenden Stellung die Ölzweige emporstreckten, hieß man sie endlich aufstehen und sie verließen das Rathhaus. Nun ging die Stimmensammlung an. Hauptsächlich waren diejenigen gegen die Rhodier aufgebracht, welche als Consuln, Prätoren oder Unterfeldherren in Macedonien Krieg geführt hatten. Am meisten nahm sich ihrer Sache Marcus Porcius Cato an, der, bei aller ihm sonst eigenen Härte, diesmal als Stimmgeber im Senate der Schonende und Verzeihende war. Ich will aber nicht durch Anführung dessen, was er sagte, die Fülle des Redners in einem eingereiheten Nachbilde darstellen: seine eigne Rede, die noch schriftlich vorhanden ist, befindet sich im fünften Buche seiner Urgeschichten. Die Rhodier bekamen eine solche Antwort, welche sie zwar nicht als Feinde erklärte, aber auch nicht länger für Bundsgenossen gelten ließ. Philocrates und Astymedes waren die Häupter der Gesandschaft. Sie ließ einige ihrer Mitglieder mit dem Philocrates den Bescheid nach Rhodus überbringen, und andre mit dem Astymedes in Rom bleiben, um zu erfahren, was vorginge, und die Ihrigen zu benachrichtigen. Für jetzt befahlen ihnen die Väter, ihre Statthalter aus Lycien und Carien zurückzuziehen. Als dieser Bericht, der an sich niederschlagend genug gewesen sein würde, nach Rhodus kam, so stimmte er in gaudium renunciata verterunt]. – Ich vermuthe, dies renunciata sei ein Einschiebsel, welches aus dem voraufgegangenen nunciata von Einem gemacht wurde, der unter verterunt nicht se verterunt verstand. die Rhodier, weil sie jetzt die Furcht vor dem größeren Übel gehoben sahen – hatten sie doch schon Krieg gefürchtet – zur Freude. Sie beschlossen sogleich, einen Kranz, zwanzigtausend 125,000 Gulden Conv. M. Goldstücke am Werthe, nach Rom zu senden, und ließen zu dieser Gesandschaft den Befehlshaber der Flotte Theätetus Theodotum]. – Da Polyb. an sieben Stellen diesen den Römern sehr ergebenen Mann Θεαίτητος nennt, Livius aber seiner nur hier erwähnt, so folge ich dem Ursinus u. Drakenb., und ändere den vermuthlichen Schreibfehler der Einen Stelle nach jenen ab. abgehen. Sie wünschten nämlich um 491 das Bündniß mit Rom auf die Art nachzusuchen, daß darüber von ihren Bürgern kein Volksschluß abgefasset und nichts schriftlich aufgezeichnet würde, weil sie, falls sie es nicht erlangten, als die Abgewiesenen so viel größeren Schimpf gehabt hätten. Und der Befehlshaber der Flotte ganz allein hatte das Recht, hierüber ohne allen genehmigten Antrag zu unterhandeln. Sie waren aber seit so vielen Jahren der Römer Freunde gewesen, ohne sich durch einen Bundesvertrag zu binden, aus keinem andern Grunde, als weil sie keinem Könige, der etwa ihrer Hülfe bedürfte, alle Hoffnung, und sich selbst die Vortheile nicht unmöglich machen wollten, die sie von seinem Wohlwollen oder von seinem Glücke ernten mußten. Jetzt hielten sie es allerdings für nothwendig, um ein Bündniß anzuhalten, nicht um sich dadurch mehr Sicherheit gegen Andre zu geben; denn sie fürchteten außer den Römern niemand: sondern um bei den Römern selbst aus dem Verdachte zu kommen. Ungefähr um diese Zeit fielen die Bürger von Caunus von ihnen ab, und die von Mylasa besetzten die zu Euromum gehörigen Städte. Noch war den Rhodiern der Muth so tief nicht gesunken, daß sie es nicht beherzigt hätten, wenn ihnen die Römer Lycien und Carien nahmen, und das Übrige entweder durch Abfall sich befreiete, oder von Nachbaren besetzt wurde, sich dann auf die Küsten ihrer kleinen und unfruchtbaren Insel beschränkt zu sehen, welche durchaus die Volksmenge einer so großen Stadt nicht ernähren konnte. Also schickten sie eilig Truppen ab, und zwangen nicht nur die Caunier, ob diese gleich Hülfe von Cibyra an sich gezogen hatten, zum Gehorsame, sondern besiegten auch die Truppen von Mylasa und Alabanda, die nach Eroberung des Bezirks von Euromum mit vereinigtem Heere gegen sie selbst heranzogen, bei Orthosia in einem Treffen. 26. Während dieser verschiedenen Ereignisse, zum Theile hier, zum Theile in Macedonien, oder in Rom, gab in Illyricum Lucius Anicius, der sich, wie oben 492 gesagt, des Königs Gentius bemächtigt hatte, der gewesenen Königsstadt Scodra nach eingelegter Besatzung den Gabinius zum Befehlshaber, und Rhizon und Olcinium, zwei Städten von vortheilhafter Lage, den Cajus Licinius. Als er diese über Illyricum gesetzt hatte, ging er mit seinem übrigen Heere nach Epirus. Die erste Stadt, die sich hier ihm ergab; war Phanote, deren sämtliche Bewohner ihm im Aufzuge der Gnadeflehenden entgegen kamen. Er gab ihr eine Besatzung und ging nach Molossis hinüber: und da ihn hier die Städte sämtlich einließen, nur Passaron, Tecmon, Phylace und Horreum nicht, so rückte er zuerst vor Passaron. Antinous und Theodotus waren die Häupter dieser Stadt, ausgezeichnet durch ihre Anhänglichkeit an Perseus und ihren Haß gegen die Römer: auch hatten sie das ganze Volk zum Abfalle von den Römern vermocht. Im Bewußtsein ihrer persönlichen Schuld schlossen sie ihm die Thore, um bei dem Mangel einer für sich zu hoffenden Verzeihung unter den alle Bürger treffenden Trümmern der Vaterstadt begraben zu werden, und ermunterten die Volksmenge, der Sklaverei den Tod vorzuziehen. Gegen die beiden Übermächtigen wagte niemand einen Laut. Endlich rief ein gewisser Theodotus, ebenfalls ein junger Mann von Stande, bei welchem die größere Furcht vor den Römern die Scheu vor seinen Beherrschern besiegte, den Bürgern zu: «Was für eine Wuth spornt euch, eure Stadt dem Verbrechen zweier Einzelnen als Zugabe zu opfern? Ich wenigstens habe oft von Männern erzählen hören, die für ihre Vaterstadt in den Tod gegangen waren: allein von solchen, die um ihrentwillen die Vaterstadt zu Grunde gehen lassen wollen? – – wahrlich, da sind sie die ersten. Warum öffnen wir nicht die Thore und fügen uns einer Oberherrschaft, welcher sich der Erdkreis gefügt hat?» Als ihn auf dies Wort die Menge hinbegleitete, stürzten sich Antinous und Theodotus auf den ersten Posten der Feinde und fielen hier unter den Wunden, denen sie absichtlich sich boten. Die Stadt ergab sich den Römern. Die durch ähnliche Hartnäckigkeit ihres Oberhauptes 493 Cephalus verschlossene Stadt Tecmon gewann Anicius durch Übergabe, nachdem man jenen getödtet hatte. Auch Philace und Horreum ließen es nicht zum Sturme kommen. Als Anicius Epirus beruhigt und seine Truppen für die Winterquartiere in die schicklichen Städte vertheilt hatte, ging er nach Illyricum zurück und hielt zu Scodra, wo die fünf Bevollmächtigten von Rom angekommen waren, eine Zusammenkunft der Großen, die er aus der ganzen Provinz berief. Hier machte er von der Rednerbühne herab der Angabe seiner Beiräthe gemäß bekannt: « Roms Senat und Volk erkläre die Illyrier für frei. Er selbst werde aus allen Städten, Schlössern und Schanzen seine Besatzungen abführen. Nicht bloß bürgerlich frei, sondern auch steuerfrei sollten die Issäer und Taulantier sein, von den Dassaretiern die Pirusten, ferner die Bewohner von Rhizon und Olcinium, weil sie noch vor Besiegung des Gentius den Römern beigetreten wären. Auch den Daorseern bewilligten sie die Steuerfreiheit, weil sie den Caravantius verlassen hätten und in ihren Waffen zu den Römern übergegangen wären. Die Bürger von Scodra, die Dassarenser und Selepitaner sollten halb so viel Steuern geben, als sie dem Könige entrichtet hätten.» Dann machte er aus Illyrien drei Theile. Zu dem ersten nahm er die oben quae supra dicta est]. – Meint er vielleicht die Taulantier und Pirusten? genannten Völker, zu dem zweiten alle Labeaten, zu dem dritten die Agrauoniten, die Bewohner von Rhizon, von Olcinium und ihre Nachbaren. Nach dieser über Illyricum ausgesprochenen Verfügung ging er nach Passaron in Epirus in die Winterquartiere zurück. 27. Während dies in Illyricum vorging, schickte Paullus, noch vor der Ankunft der Zehn Bevollmächtigten, seinen von Rom schon zurückgekehrten Sohn Quintus Maximus hin, Äginium und Agassä zu plündern: Agassä nämlich, weil die Bewohner, die bei einem freiwilligen Gesuche um Roms Freundschaft ihre Stadt dem Consul Marcius übergeben hatten, wieder zum Perseus 494 übergetreten waren. Die Äginier hingegen traf ein Vorwurf aus neuerer Zeit. Sie hatten dem Gerüchte vom Siege der Römer nicht glauben wollen und einige Soldaten, die zu ihnen in die Stadt kamen, mit feindlicher Wuth behandelt. Auch schickte er den Lucius Postumius ab, die Stadt der Äneaten Aeniorum – urbem]. – Die Stadt Änus in Thracien kann hier, wie Drakenb. zeigt, nicht gemeint sein. Er lieset also richtiger: Aeneatum – urbem, und bezieht sich auf 44, 32. , wo Perseus die Stadt Aenea oder Aenia (in Macedonien) durch den Antigonus mit 1000 Reutern besetzen lässet. In den bald folgenden Worten Autumni fere tempus erat, möchte ich, weil Livius gleich fortfährt: cuius temporis initio, statt fere lieber ferme lesen. feindlich zu plündern, weil sie mit größerer Hartnäckigkeit, als die benachbarten Städte, in den Waffen geblieben waren. Jetzt war es beinahe Herbst: und da er sich vorgenommen hatte, zu Anfang dieser Jahrszeit Griechenland zu bereisen, und alle die Dinge in Augenschein zu nehmen, von denen man als berühmten Merkwürdigkeiten gewöhnlich mehr höret, als selbst zu sehen bekommt; so gab er dem Cajus Sulpicius Gallus den Oberbefehl im Lager, ging mit einer mäßigen Begleitung ab, von welcher er seinen Sohn Scipio und des Königs Eumenes Bruder Athenäus zunächst um sich hatte, und reisete durch Thessalien nach Delphi, dem berühmten Orakel. Hier brachte er dem Apollo ein Opfer und bestimmte die angefangenen Säulen am Eingange des Tempels, worauf man des Königs Perseus Standbilder hatte setzen wollen, als Sieger für seine eigenen. Auch zu Lebadia besuchte er den Tempel des Jupiter Trophonius. Nachdem er hier die Mündung der Höhle, durch welche diejenigen, die sich des Orakels bedienen wollen, um die Götter zu befragen hinabsteigen, in Augenschein genommen, auch dem Jupiter und der Hercynna, welche hier ihren Tempel haben, ein Opfer gebracht hatte, ging er nach Chalcis hinab, den Euripus und Euböa zu sehen, diese durch eine Brücke Euripi * * aevoque ante insulae, ponte]. – Auf die Verbesserung statt der Sternchen und aevoque mit Florebellus, Sigonius, Gronov und Drakenborch Euboeaeque zu lesen, führt die Sache selbst. Nur hätte man das Wort ante nicht ganz wegwerfen sollen. Livius selbst sagt uns 28, 7. Chalcis, eiusdem insulae urbs, adeo arcto (oder arto ) interscinditur freto, ut ponte continenti iungatur. Ich lese also auch hier: ad spectaculum Euripi Euboeaeque, arte (oder arcte) insulae ponte continenti iunctae. Livius setzte das Wort arte vor insulae, um nicht arte ponte beisammen zu haben. so nahe mit dem festen 495 Lande verbundene Insel. Von Chalcis fuhr er nach dem nur dreitausend Schritte entfernten Hafen Aulis hinüber, berühmt als ehemaliger Ankerplatz der Agamemnonischen Flotte von tausend Schiffen; und nach dem Dianentempel, wo jener König der Könige, seinen Schiffen die Fahrt nach Troja zu erflehen, seine Tochter als Schlachtopfer an den Altar führte. Von hier kamen sie nach Oropus in Attica, wo der Wahrsager Amphilochus göttlich verehrt wird, und ein alter Tempel steht, dessen Gegend Quellen und Bäche reizend machen. Dann weiter nach Athen, das freilich ebenfalls der Gegenstände von uraltem Ruhme die Fülle, aber auch so Vieles für das Auge hatte; seine Burg; seine Häfen; seine Mauern, die den Piräeus mit der Stadt verbinden; die Standplätze der Flotten großer Feldherren, und ausgezeichnete Bildnisse der Götter und Menschen von Stoff und Meistern aller Art. 28. Nachdem er der Minerva, der Schutzgöttin der Burg, ein Opfer in der Stadt gebracht hatte, reisete er ab und kam den folgenden Tag nach Corinth. Dies war damals, noch vor der Zerstörung, eine herrliche Stadt. Auch die Burg und die Landenge gewahrten ihm eine Prachtschau: die Burg, die zwischen den Mauern zu einer ungeheuern Höhe hervorragte, und doch von Quellen gewässert; die Landenge, welche zwei von Sonnenuntergang und Aufgang einander nahende Meere durch einen schmalen Zwischenweg trennt. Von hier besuchte er die berühmten Städte Sicyon und Argos; dann Epidaurus, minder wohlhabend, allein durch den berühmten Tempel des Äsculap weitgepriesen, welcher fünftausend Schritte von der Stadt entfernt liegt, jetzt nur noch an Spuren der losgebrochenen Weihgeschenke, damals an Weihgeschenken reich, welche die Kranken als Erkenntlichkeit für seine Heilmittel dem Gotte geheiligt hatten. Von hier besuchte er Lacedämon, merkwürdig, nicht durch Pracht der 496 Gebäude, wohl aber durch seine Zucht und Einrichtungen. Von da ging er über Megalopolis nach Olympia hinauf. Hier fand er zwar auch manches andre Sehenswerthe, doch von dem Anblicke des gleichsam vergegenwärtigten Jupiter fühlte er sich ergriffen. Darum ließ er auch ein ungewöhnlich prächtiges Opfer ausrichten, nicht anders, als hätte er auf dem Capitole opfern sollen. Nachdem er Griechenland so bereiset hatte, ohne im mindesten Erkundigungen darüber einzuziehen, wie ein Jeder im Kriege mit Perseus für sich, oder als Mitglied des Stats gedacht haben möchte, – denn er wollte ja in den Gemüthern der Bundsgenossen auch nicht die geringste beunruhigende Furcht erregen; – stieß er auf der Rückreise nach Demetrias, noch unterweges, auf eine Schar Ätoler in Trauerkleidern. Als er sich verwunderte und nachfragte, was dies zu bedeuten habe, wurde ihm gemeldet, Lyciscus und Tisippus hätten mit Römischen Soldaten, die ihnen der Statthalter Bäbius geschickt habe, den Senat umringt, fünfhundert und funfzig der Vornehmsten hingerichtet, Andere mit der Landesverweisung belegt, und die Güter der Hingerichteten sowohl als der Verbanneten wären im Besitze dieser Ankläger. Er hieß sie zu Amphipolis sich melden, besprach sich zu Demetrias mit dem Cneus Octavius, und als die Nachricht einlief, die Zehn Bevollmächtigten hätten sich schon übergeschifft, ließ er alles Andre liegen und reisete nach Apollonia zu ihnen. Als ihm von Amphipolis aus Perseus, den man nicht sorgfältig genug bewacht hatte, dorthin entgegenkam; – es ist eine Tagereise: – so empfing er freilich ihn sehr gütig; als er aber in das Lager bei Amphipolis kam, soll er dem Cajus Sulpicius einen nachdrücklichen Verweis gegeben haben; Einmal, weil er zugegeben habe, daß Perseus in einer solchen Entfernung von ihm in der Provinz umherschweife; zum Andern, weil er gegen die Soldaten nachsichtig genug gewesen sei, ihnen zu gestatten, daß sie zur Bedachung ihrer Winterquartiere sogar die Ziegel von den Stadtmauern abgedeckt hätten. Er gab auch Befehl, die Ziegel zurückzuliefern und die 497 gedeckt gewesenen Stellen wieder in den vorigen Stand zu setzen. Den Perseus in Person nebst seinem älteren Sohne Philipp übergab er als Verhaftete dem Aulus Postumius; die Tochter aber und der jüngere Sohn, die er von Samothrace nach Amphipolis holen ließ, fanden bei ihm die anständigste Behandlung. 29. Als der Tag gekommen war, auf welchen er nach Amphipolis aus jeder Stadt zehn der Vornehmsten beschieden, und die sämtlichen Schriften, wo sie auch niedergelegt sein mochten, nebst dem königlichen Schatze hatte zusammenbringen lassen, setzte er sich mit den Zehn Bevollmächtigten, von einer Menge Macedonier aller Art umringt, auf der Richterbühne nieder. Bei aller Gewohnheit an königliche Regierung gab ihnen doch die nie gesehene Richterbühne einen schrecklichen Anblick. Der den Zugang verwehrende Beilträger, der Herold, der Gerichtsdiener, dies Alles war ihren Augen und Ohren etwas Ungewohntes, und hätte selbst Bundesgenossen, geschweige denn besiegte Feinde, schrecken können. Als durch den Herold Stille geboten war, erklärte Paullus auf Latein, was der Senat und er selbst mit Zustimmung seiner Beiräthe beschlossen habe: und der Prätor Cneus Octavius – denn auch dieser war zugegen – sagte es in Griechischer Übersetzung nach. «Gleich zuerst erkläre er die Macedonier für frei, im Besitze ihrer bisherigen Städte und Ländereien, mit Beibehaltung ihrer Gesetze, und einer ihnen überlassenen Wahl jähriger Obrigkeiten. Dem Römischen Volke sollten sie halb so viel an Steuern zahlen, als sie den Königen entrichtet hätten. Ferner: Macedonien werde in vier Kreise getheilt. Der eine und zwar der erste Kreis begreife das Gebiet zwischen den Flüssen Strymon und Nessus: an diesen Kreis schließe sich jenseit des Nessus nach Morgen Alles, so weit Perseus die Dörfer, Bergschlösser und Städte in Besitz gehabt habe, Änus, Maronea und Abdera ausgenommen; und jenseit des Strymon nach Abend zu ganz Bisaltica nebst Heraclea mit dem Zunamen Sintice. Der zweite Kreis bestehe aus der Gegend, welche gegen Morgen der 498 Fluß Strymon einschließe, Heraclea Sintice und die Bisalten ausgenommen; gegen Abend, so weit der Strom Axius sie begränze, mit Einschluß der Päonier, die auf der Morgenseite des Stromes Axius wohnten.» Zum dritten Kreise wurde Alles gerechnet, was gegen Morgen der Axius, gegen Abend der Strom Peneus Peneus amnis ab occasu]. – Der Name des Flusses ist mir verdächtig; wenigstens findet sich, so viel ich weiß, in der Gegend, wo wir diesen Fluß zu suchen hätten, kein Peneus. Der Thessalische Πηνειὸς ist viel zu weit südlich, und kann die hier erforderliche Gränze nicht machen. Sollte der Name Peneus ein Schreibfehler statt Astraeus sein, der seinem Laufe nach hier wohl gemeint sein könnte? begränzt: gegen Mitternacht schließt ihn das vortretende Gebirge Bora. Zu diesem Kreise schlug man auch die Gegend Päoniens, wo es sich gegen Abend am Strome Axius hinunterzieht: auch Edessa und Beröa sollten hieher gehören. Der vierte Kreis, auf der andern Seite des Boragebirges, gränzte auf der einen Seite an Illyricum, auf der andern an Epirus. Zu Hauptstädten, wo die Ständeversammlungen gehalten werden sollten, machte er, für den ersten Kreis Amphipolis, für den zweiten Thessalonich, für den dritten Pella, für den vierten Petagonia. Hieher sollte jeder Kreis seine Landtage berufen, die Gelder einliefern und hier seine Obrigkeiten wählen. Dann erklärte er, es sei beschlossen, daß sich niemand außer dem Bezirke seines Kreises eine Frau nehmen, oder auf Ankauf von Ländereien und Gebäuden einlassen solle. Die Gold- und Silberbergwerke sollten nicht benutzt werden; Eisen und Kupfer aber könnten sie bauen. Die Unternehmer sollten davon die Hälfte der Abgaben entrichten, welche sie dem Könige gezahlt hätten. Auch verbot er ihnen die Einfuhr des Salzes. Den Dardanern, welche Päonien zurückforderten, weil es ihnen gehört habe und mit ihrem Gebiete zusammenhänge, erklärte er: «Er gebe die Freiheit Allen, welche zum Reiche des Perseus gehört hätten.» Weil er ihnen Päonien verweigert hatte, erlaubte er ihnen den Ankauf des Salzes von dort, befahl dem dritten Kreise, Salz nach Stobi in Päonien zu verfahren und bestimmte den Preis. Holz zum Schiffbaue 499 sollten sie weder selbst fällen dürfen, noch Andern dies gestatten. Den an wilde Völker gränzenden Kreisen – und dies war, den dritten ausgenommen, der Fall bei allen – erlaubte er, an den äußersten Gränzen bewaffnete Posten aufzustellen. 30. Durch diese am ersten Versammlungstage gemachten Erklärungen wurden die Gemüther zu verschiedenen Empfindungen gestimmt. Die ihnen wider ihre Erwartung zugestandene Freiheit und die Herabsetzung der jährlichen Abgaben richtete sie auf. Allein dadurch, daß sie nach ihren Kreisen vom gegenseitigen Verkehre ausgeschlossen wurden, hielten sie sich für eben so zerstückelt lacerata].– Ich folge dem vorgeschlagenen lacerati; und lese gleich nachher: et quam se ipsa quaeque contenta pars esset. Contenta statt contemta hat schon Crev. vorgeschlagen und Drakenb. gebilligt. Das a in a se ipsa halte ich für einen Überrest des q mit einem darüber gesetzten Circumflexe, welches quam bedeuten sollte. , als wenn man an einem Thiere die Glieder, die eins das andre nöthig haben, von einander reißt. So wenig wußten selbst die Macedonier, wie groß Macedonien war, wie sich seine Eintheilung von selbst ergab, und wie sehr sich jeder Kreis mit sich selbst begnügen konnte. Der erste Kreis hat die Bisalten zu Bewohnern, ein sehr tapfres Volk, – sie wohnen jenseit des Stromes Nessus und auf beiden Seiten des Strymon: – auch hat er manche eigenthümliche Landfrüchte, ferner Bergwerke und die vortheilhafte Lage von Amphipolis, welches als Vormauer jeden Zugang Macedoniens gegen Morgen zu verschließt. Der zweite Kreis hat die weltberühmten Städte Thessalonich und Cassandrea, außerdem die ergiebige und kornreiche Landschaft Pallene: auch gewähren ihm die Häfen um Torone und der sogenannte Äneashafen am Berge Athos, bei ihrer begünstigenden Lage, theils gegen die Insel Euböa, theils gegen den Hellespont, die Vortheile der See. Der dritte Bezirk hat die bekannten Städte Edessa, Beröa, Pella und das kriegerische Volk der Vettier, auch an einer Menge Gallischer und Illyrischer Bewohner sehr fleißige Landbauer. Den 500 vierten Kreis bewohnen die Eordäer, Lyncesten und Pelagonen; mit diesem sind die Landschaften Atintania, Stymphalis und Elimiotis verbunden. Dieser ganze Landstrich ist kalt, schwer zu bauen und wild: und die Gemüthsart der Bewohner hat Ähnlichkeit mit ihrem Boden. Auch machen schon die rohen Nachbaren sie wilder; insofern sie theils durch Krieg sie in Unruhe erhalten, theils im Frieden ihnen ihre Sitten mittheilen. Jetzt untersagte auch Paullus dem getheilten Macedonien Divisae itaque Macedoniae cet.]. – In den Worten quae antea universos tene bat Macedonas folge ich Hrn.  Walch, welcher die Gründe für diese von ihm glücklich hergestellte Lesart S. 269. 70. sehr befriedigend aus einander setzt. Doch lasse ich das Ganze ungetrennt, theils weil ich das Punctum hinter separatis nirgends finde, theils weil ich sonst (durch ein ausgelassenes sunt) Macedoniae divisae für den Nominativus pluralis nehmen müßte, welches ich doch hier lieber als Singular nähme, weil die gleich nachher genannten partes zusammen Eine Macedoniam divisam ausmachen, nicht aber partes divisarum Macedoniarum sind. Hrn.  Walchs unbefangenes Geständniß eigener Unzufriedenheit mit dem von Ihm vorgeschlagenen deleta (statt dicta), statt dessen es, wie Er selbst sagt, eigentlich abolita heißen müßte, führte mich auf folgenden Versuch, der schwierigen Stelle zu helfen. Wenn hinter dem Worte formula die Abbreviatur īt' oder int' ( inter ) dem Abschreiber unleserlich oder unverständlich gewesen wäre, so nähme ich Divisae Macedoniae für den mit formula inter dicta zusammenhängenden Dativ, und würde dann in Vereinigung mit den Walchischen Verbesserungen so lesen: Divisae itaque Macedoniae, partium usibus separatis, quae antea universos tenebat Macedonas, formula inter dicta [est]; quum leges quoque cet. Ich verstehe dies so: Quum itaque Macedoniam sic divisisset, ut singulis partibus mutuum usum adimeret (od.: ut singulas in suos quamque usus separaret); veterem illam formulam, quae antea universos tenebat Macedonas, ei (i. Macedoniae divisae) interdixit: so wie 34, 7. feminis purpurae usum interdicemus, wo Drakenb. usum beibehalten hat. Wollte man aber durchaus interdicere alicui aliqua re auch an unserer Stelle construirt wissen, so könnte man auch formula als Ablativ ansehen, vorausgesetzt, daß interdicta aus interdictu entstanden sei, und so divisae Macedoniae mit formulâ interdictum [est] verbinden. In dieser Erklärung ist Macedoniae divisae der Dativ, partium usibus separatis der Ablat. absolutus, und unter den usibus habe ich die Verbindung, das gegenseitige Verkehr (connubium, concilia, commercia agrorum aedificiorumque aus cap. 29.) verstanden. Ich sehe freilich, daß die Stelle, falls interdicta oder interdictum richtig sein sollte, vielleicht noch kürzer, so verstanden werden kann: Den usibus separatis (Dativ.) partium divisae Macedoniae (Genitiv.) untersagte er veterem illam formulam cet., oder im Ablativ formulâ. Dann wären die usus separati die Fälle, wo die in Kreise geschiedenen Macedonier von der alten königlichen formula hätten Gebrauch machen können. «Nun untersagte er auch den Kreisen des getheilten Macedoniens, in ihrer Absonderung von der Rechtsform Gebrauch zu machen, an welcher vorher die sämtlichen Macedonier gebunden waren, da er schon» u. s. w. Doch scheint mir dieses letzte Auskunftsmittel zu gesucht. , zwischen dessen Kreisen er alle 501 Verbindungen aufgehoben hatte, die Beibehaltung der Rechtsform, an welche vorher die sämtlichen Macedonier gebunden waren; da er schon erklärt hatte, er werde für sie auch Gesetze entwerfen. 31. Nun wurden die Ätoler hereingerufen. Bei dieser Untersuchung sah man mehr darauf, welche Partei die Römer, und welche den König begünstigt hatte, als darauf, wer die Beleidiger oder die Beleidigten waren. Die Mörder wurden von aller Strafe freigesprochen. Die Verbannung der Vertriebenen wurde eben so gebilligt, als die Ermordung der Hingerichteten. Aulus Bäbius allein wurde verurtheilt, weil er zur Ausübung eines Gemetzels Römische Soldaten hergegeben habe. Dadurch, daß die Sache der Ätoler diesen Ausgang nahm, wurden in allen größeren und kleineren Völkern Griechenlands die Anhänger der Römischen Partei zu einem unerträglichen Übermuthe aufgeschwellet und sie traten alle diejenigen als Preisgegebene unter ihre Füße, die nur einigermaßen der Verdacht einer Vorliebe für den König traf. Die Großen in den Staten zerfielen in drei Classen. Zwei davon gründeten, während sie sich als Schmeichler entweder der Römischen Oberherrschaft, oder den zu begünstigenden Königen anschlossen, auf die Unterdrückung des Vaterlandes ihre eigene Macht: die dritte nahm, als die unbefangene den beiden andern entgegenarbeitend, die Freiheit und die Gesetze in Schutz. Je höher ihre Mitbürger diese schätzten, je weniger hatte sie die Gunst der Fremden. Durch das Glück der Römer gehoben, waren die Begünstiger der Römischen Partei die Einzigen, welche jetzt in Ämtern und bei Gesandschaften standen. Da sie sich nun zahlreich genug aus dem Peloponnes, aus Böotien und andern Griechischen Landtagsstädten eingefunden hatten, so sprachen sie den Zehn Bevollmächtigten beständig davon vor: «daß nicht bloß diejenigen, die sich aus Eitelkeit der Gastfreundschaft und Gewogenheit des Perseus öffentlich gerühmt hätten, sondern noch weit mehr andre insgeheim seine Freunde gewesen wären. Die Übrigen hätten, unter dem Scheine die Freiheit zu 502 verfechten, auf den Landtagen Alles gegen die Römer eingeleitet. Auch lasse sich von diesen Völkern keine dauerhafte Treue erwarten, wenn man nicht den Trotz der Parteien breche, und das Ansehen derer hebe und befestige, deren einziges Augenmerk die Oberherrschaft der Römer sei.» Auf ihre Angabe der Namen wurden nun durch schriftlichen Befehl des Feldherrn alle diejenigen aus Ätolien, Acarnanien, Epirus, Böotien berufen, welche ihm nach Rom folgen sollten, sich zu verantworten. Nach Achaja aber gingen Zwei aus der Zahl der Bevollmächtigten ab, Cajus Claudius und Cneus Domitius, um den Befehl der Vorladung in Person zu geben. Hierzu hatte man zwei Gründe. Einmal glaubte man, die Achäer hätten zur Nichtbefolgung noch Selbstvertrauen und Muth genug; auch könnten vielleicht Callicrates und die Übrigen, deren Betrieb, oder deren Werk diese Mittheilungen waren, in Gefahr gerathen. Der andre Grund, die Vorladung in Person zu befehlen, war dieser. Die Briefe der Großen aus andern Völkern waren mit den Heften des Königs den Römern in die Hände gefallen: allein über den Beschuldigungen gegen die Achäer lag ein Dunkel, weil sich von ihnen auch nicht ein einziger Brief gefunden hatte. Nach Entlassung der Ätoler wurden die Acarnanen vorgefordert. Bei ihnen kam es zu keiner Abänderung, außer daß Leucas vom Landtage der Acarnanen getrennt wurde. Nun aber verbreitete sich durch die weitergedehnte Nachfrage, wer als Stats- oder als Privatmann auf des Königs Partei gewesen sei, die Untersuchung sogar bis nach Asien; und Labeo wurde hingeschickt, Antissa auf der Insel Lesbus zu zerstören und die Antissäer nach Methymna auswandern zu lassen, weil sie den königlichen Befehlshaber Antenor damals, als er mit seinen Barken bei Lesbus kreuzte, in ihren Hafen aufgenommen und mit Zufuhr unterstützt hatten. Zwei Männer von Auszeichnung mußten unter dem Beile bluten. Von den Ätolern Andronicus, des Andronicus Sohn, weil er auf seines Vaters Partei gegen die Römer gefochten hatte: von den 503 Thebanern Neo, weil er sie zu dem Bündnisse mit Perseus vermocht hatte. 32. Nach diesen eingeschalteten Untersuchungen auswärtiger Angelegenheiten, wurden abermals die Macedonier zum Landtage berufen. Hier wurde ihnen angekündigt: «In Betreff der Macedonischen Statsverfassung hätten sie Räthe – dort heißen sie Beisitzer – zu ernennen, nach deren Einsichten der Stat verwaltet werden solle.» Dann wurden die Namen der Macedonischen Großen abgelesen, die mit ihren Söhnen, wenn sie über funfzehn Jahre alt wären, nach Italien vorausgehen sollten. So hart es dem ersten Anscheine nach war, so erkannte doch bald nachher die Macedonische Volksmenge hierin eine zum Besten ihrer Freiheit getroffene Maßregel. Denn die Genannten sämtlich waren Vertraute des Königs, Hofbeamte, Heerführer, Befehlshaber der Flotten oder Besatzungen; gewohnt vor dem Könige zu kriechen und Andern übermüthig zu befehlen: theils waren sie überreich; theils thaten sie es solchen, denen sie an Vermögen nicht gleich kamen, im Aufwande gleich: Alle lebten und kleideten sich auf königlichen Fuß: Gemeinsinn war Allen fremd; gleiche Gesetze, gleiche Freiheit ihnen unausstehlich. Folglich erhielten Alle, die irgend in königlichen Diensten, oder auch bei den unbedeutendsten Gesandschaften gestanden hatten, den Befehl, Macedonien zu verlassen und nach Italien zu gehen: und auf die Nichtbefolgung des Befehls wurde der Tod gesetzt. Bei Abfassung der Gesetze sorgte Paullus für Macedonien so, daß es schien, nicht als gäbe er sie besiegten Feinden, sondern wohlverdienten Bundsgenossen, und daß selbst eine vieljährige Erfahrung, welche allein Gesetze berichtigt, bei dem Gebrauche nichts an ihnen zu tadeln fand. Nach diesen ernsthaften Geschäften stellte er zu Amphipolis mit vieler Pracht ein feierliches Spiel an, welches er nach längst getroffenen Vorkehrungen den Staten Asiens und den Königen durch Boten hatte ansagen lassen, und als er in Person die Staten Griechenlands bereisete, den Großen angekündigt hatte. Denn es kamen hier aus allen 504 Weltgegenden alle Arten solcher Kunstvertrauten, die mit ihrer Geschicklichkeit bei Feierspielen ein Gewerbe trieben, so wie auch die Wettringer und die herrlichsten Pferde in Menge zusammen; auch Gesandschaften mit Opferthieren und Alles, was man in Griechenland an den größten Volksspielen Göttern und Menschen zu Ehren aufzustellen pflegt. Und so kam es denn, daß man nicht allein die Pracht, sondern auch den Geschmack in der Anordnung der vielfachen Augenweide, worin die Römer damals noch ungeübt waren, bewunderte. Eben so zeichneten Überfluß und Aufmerksamkeit das Gastgebot aus, das er den Gesandschaften gab. Sein Ausspruch ging damals von Mund zu Mund, daß nur der ein Gastmahl ausrichten und Spiele veranstalten könne, der im Kriege zu siegen wisse. 33. Als er die Feier der mannigfaltigen Spiele beendigt und die ehernen Schilde hatte auf die Flotte bringen lassen, ließ er die übrigen Waffen aller Art auf einen großen Haufen zusammenwerfen, betete zum Mars, zur Minerva, zur Mutter Lua und zu den übrigen Gottheiten, denen man nach menschlichen und göttlichen Rechten die feindliche Beute darbringen darf; und nun hielt er, der Feldherr, in eigner Person die Fackel darunter und zündete sie an. Darauf warfen die umherstehenden Obersten jeder nach Gebühr seine Fackel dazu. Es findet sich bemerkt, daß bei dieser Zusammenkunft Europens und Asiens, bei welcher, theils um ihre Glückwünsche zu überbringen, theils als Zuschauer, von allen Orten her eine Menge Menschen zusammengeströmt und so viele See- und Landtruppen zugegen waren, ein so großer Überfluß an Vorräthen war und die Lebensmittel in so niedrigem Preise standen, daß der Feldherr an Privatpersonen, an Städte und Völker meistentheils hiervon Geschenke machte, und nicht bloß für ihren Bedarf während ihres Hierseins, sondern sogar zum Mitnehmen nach Hause. Der Menge, die sich eingefunden hatte, gewährten aber nicht die Spiele auf der Bühne, nicht die kämpfenden Menschen, nicht die wettlaufenden Rosse so viele Augenweide, als die Macedonische Beute, welche insgesamt zur Schau aufgestellt 505 war, an Standbildern, Gemälden, Teppichen und Geräth aus Gold, Silber, Erz und Elfenbein, für deren Anschaffung am Macedonischen Hofe so reichlich gesorgt war, daß sie nicht bloß für den bezaubernden Anblick selbst, wie es deren im Pallaste zu Alexandrien die Menge gab, sondern zum beständigen Gebrauche angeschafft wurden. Als er das Alles hatte einschiffen lassen, übertrug er die Abführung nach Rom dem Cneus Octavius. Nun entließ Paullus die Gesandschaften mit vieler Höflichkeit, ging über den Strymon und lagerte sich tausend Schritte von Amphipolis; zog weiter und kam in fünf Märschen nach Pella. Vor dieser Stadt ging er vorbei, weilte zwei Tage bei der sogenannten Höhle, und schickte, mit dem Befehle, bei Oricum wieder zu ihm zu stoßen, den Publius Nasica und seinen Sohn Quintus Maximus mit einem Theile seiner Truppen ab, die Illyrier zu plündern, welche in diesem Kriege den Perseus unterstützt hatten. Er selbst ging nach Epirus, und mit funfzehn Märschen traf er zu Passaron ein. 34. Nicht weit von hier stand das Lager des Anicius. Damit diesen die folgenden Auftritte nicht in Bewegung setzen möchten, schrieb er ihm, «der Senat habe die Beute in den Städten von Epirus, welche zum Perseus übergetreten wären, den Soldaten bestimmt.» In die einzelnen Städte schickte er in der Stille seine Hauptleute, welche sagen mußten, um den Epiroten und den Macedoniern gleiche Freiheit zu geben, habe man sie hergeschickt, die Besatzungen abzuführen; und forderte aus jeder Stadt zehn der angesehensten Bürger zu sich. Diesen kündigte er an, sie hätten alles Gold und Silber auf öffentliche Plätze zu liefern, und vertheilte dann seine Cohorten auf die sämtlichen Städte. Nach den entfernteren brachen sie früher auf, als nach den näheren, um in allen an demselben Tage anzukommen. Die Obersten und die Hauptleute bekamen über die Leitung des Ganzen ihre Anweisungen. Früh Morgens wurde alles Gold und Silber zusammengeschaffet, um die vierte Tagesstunde den Soldaten das Zeichen zur Plünderung der Städte gegeben, und die Beute war so 506 groß, daß jeder Ritter vierhundert 124 Gulden; nachher 62 Gulden. , jeder Fußgänger zweihundert Denare zu seinem Antheile erhielt und hundert funfzigtausend Menschen als Sklaven weggeführt wurden. Darauf wurden die Mauern der geplünderten Städte niedergerissen: ihrer waren ungefähr siebzig. Die Beute von allen wurde verkauft, und von der Summe bekam der Soldat bare Zahlung. Paullus rückte nun zum Meere herab nach Oricum, allein ohne die Habsucht der Soldaten, was er doch gehofft hatte, befriedigt zu haben, weil es sie verdroß, bei der königlichen Beute ohne Antheil geblieben zu sein, gleich als hätten sie in Macedonien keinen Krieg geführt. Als er zu Oricum die unter dem Scipio Nasica und seinem Sohne Maximus abgeschickten Truppen vorfand, schiffte er das Heer ein und ging nach Italien über. Einige Tage später setzte auch Anicius, nachdem er eine Zusammenkunft der übrigen Epiroten und Acarnanen gehalten, und den Vornehmen, deren Sache er der Untersuchung vorbehielt, befohlen hatte, ihm nach Italien zu folgen, auf den zurückerwarteten Schiffen, deren sich das Macedonische Heer bedient hatte, nach Italien über. Während dies in Macedonien und Epirus vorging, kamen auch die Gesandten, welche dem Attalus mitgegeben wurden, um dem Kriege zwischen den Galliern und dem Könige Eumenes ein Ende zu machen, in Asien an. Bei dem für den Winter geschlossenen Waffenstillstande waren nicht nur die Gallier in ihre Heimat abgezogen, sondern auch der König in die Winterquartiere nach Pergamus gegangen und hier gefährlich krank gewesen. Der Anfang des Frühjahrs rief die Gallier ins Feld; und als Eumenes sein Heer von allen Seiten bei Sardes zusammengezogen hatte, waren sie schon bis Synnada vorgerückt. Darauf hatten zu Synnada mit dem Gallischen Fürsten Solvettius nicht allein die Römer eine Unterredung, sondern auch Attalus, der sie hieher begleitet hatte; doch fand man nicht für gut, ihn in das Gallische Lager mitgehen zu lassen, um so bei der mündlichen 507 Auseinandersetzung alle Erbitterung zu verhüten. Publius Licinius unterredete sich mit dem Fürsten der Gallier und meldete zurück, jener sei bei seinen vermittelnden Bitten nur noch trotziger geworden. Es mußte auffallend sein, daß die Sprache Römischer Gesandten bei der Vermittelung zwischen den mächtigen Königen Antiochus und Ptolemäus von solcher Wirkung gewesen war, daß sie den Augenblick Frieden machten, und bei den Galliern nicht das mindeste Gewicht hatte. 35. Nach Rom wurden zuerst die gefangenen Könige, Perseus und Gentius, mit ihren Kindern zur Verhaftung abgeführt; darauf die übrige Menge von Gefangenen; dann diejenigen Macedonier, welche Befehl bekommen hatten, nach Rom zu gehen, so wie auch die vornehmen Griechen: denn auch von diesen hatte man nicht bloß die im Lande befindlichen nach Rom entboten, sondern auch denen die schriftliche Vorladung nachgeschickt, von denen man hörte, daß sie jetzt in Geschäften an andern Höfen wären. Wenige Tage nachher fuhr Paullus selbst auf dem Königsschiffe von ungeheurer Größe, mit sechzehn Ruderbänken – und man hatte es von der Macedonischen Beute nicht bloß mit prächtigen Waffen, sondern auch mit königlichen Umhängen geschmückt – die Tiber hinauf zur Stadt, und die ihm entgegenströmende Menge hatte die Ufer besetzt. Einige Tage später kamen auch Anicius und Octavius mit ihrer Flotte an. Allen Dreien wurde vom Senate der Triumph zuerkannt, und der Prätor Quintus Cassius erhielt den Auftrag, einem Gutachten der Väter zufolge die Bürgertribunen zu dem Antrage an den Bürgerstand zu vermögen, daß allen Dreien auf den Tag, an welchem sie im Triumphe zur Stadt einzogen, der Heerbefehl zu lassen sei. An dem Mittelmäßigen vergreift sich der Neid nicht: gewöhnlich streckt er seine Hand nach dem Höchsten aus. Weder gegen den Triumph des Anicius, noch des Octavius hatte man etwas einzuwenden: allein einen Paullus, mit welchem sich zu vergleichen selbst diese Männer erröthet sein würden, benagte der Zahn der Verkleinerung. Er hatte die Soldaten in der alten Zucht gehalten: von der 508 Beute hatte er ihnen weniger gegeben, als sie von so großen Königsschätzen sich versprochen hatten, weil sie ihm, wenn er gegen ihre Habsucht nachsichtiger gewesen wäre, zur Lieferung in die Statscasse nichts übrig gelassen hätten. Von dem ganzen Macedonischen Heere würden sich also an dem zur Abstimmung über jenen Antrag festgesetzten Tage ihrem Feldherrn zu Liebe nur wenige Theilnehmer eingefunden haben. Allein Servius Sulpicius Galba, der in Macedonien bei der zweiten Legion als Oberster gestanden hatte, und ein persönlicher Feind des Feldherrn war, hatte nicht allein dadurch, daß er selbst ihnen die Hände drückte, sondern auch durch Verführer aus seiner Legion sie aufgefordert, bei der Stimmengebung zahlreich zu erscheinen. «Denn nun könnten sie sich an dem gebieterischen und geizigen Feldherrn dadurch rächen, daß sie den Vorschlag, in welchem auf seinen Triumph angetragen werde, verwürfen. Die Stadtbürger würden sich nach dem Urtheile der Soldaten richten. ««Die Bewilligung der Gelder habe nicht von ihm abgehangen?»» pecuniam illum dare non potuisse? – Militem honorem dare posse! ]. – Ich folge in dieser Interpunction Hrn.  Walch emendd. Liv. p. 115. Die Bewilligung der Ehre hänge von den Soldaten ab! «Er müsse da keine Gefälligkeit erwarten, wo er sie nicht verdient habe.» 36. Dies brachte die Soldaten in Regung. Als der Bürgertribun Tiberius Sempronius auf dem Capitole den Antrag that, und jedem Einzelnen freistand, über den Vorschlag seine Meinung vorzutragen, niemand aber ihn zu empfehlen auftrat, weil man die Sache schon für ausgemacht nahm; so trat unerwartet Servius Galba auf und verlangte von dem Tribun: «Weil es schon Nachmittags zwei Uhr sei und er nicht mehr Zeit genug habe, den Beweis zu führen, warum sie dem Ämilius den Triumph nicht bewilligen dürften, so möchten sie die Sache bis auf den folgenden Tag verschieben und sie gleich früh vornehmen. Zur Auseinandersetzung des Ganzen müsse er den Tag noch vor sich haben.» Als ihm der Tribun 509 sagte, wenn er etwas vorzutragen habe, möge er es heute thun; so dehnte er seine Rede unter folgenden Angaben und Warnungen bis in die Nacht aus: «Der Soldat sei zum Dienste mit Härte angehalten; man habe ihn größeren Beschwerlichkeiten, größeren Gefahren ausgesetzt, als nöthig gewesen sei. Bei Belohnungen hingegen und Ehrengeschenken habe man Alles ins Kleine gezogen; und wenn das Feldherren von diesem Schlage frei ausgehen sollte, so werde der Dienst für die im Felde Stehenden immer fürchterlicher und härter werden, und für die Sieger eben so erwerblos, als arm an Ehre. Die Macedonier ständen sich besser, als die Römischen Soldaten. Wenn sich diese zur Bestreitung des Vorschlages zahlreich genug am folgenden Tage einfänden, so würden die übermächtigen Herren erfahren, daß nicht Alles vom Feldherrn, daß Manches auch von den Soldaten abhänge.» Durch Reden dieser Art aufgeregt besetzten die Soldaten am folgenden Tage das Capitol in so zahlreicher Menge, daß zur Stimmengebung weiter Niemand herankommen konnte. Da also die ersten in die Schranken gerufenen Bezirke den Vorschlag verwarfen, so liefen die ersten Männer des Stats auf das Capitol zusammen und riefen: «Es sei ein empörender Frevel, einem Lucius Paullus, dem Sieger in einem so wichtigen Kriege, seinen Triumph abzuzwacken. So würden die Feldherren der Ausgelassenheit und Habsucht des Soldaten preisgegeben. Ohnehin fehlten sie nur zu oft aus Gefallsucht. Wie? wenn nun erst die Soldaten den Feldherren zu Herren gesetzt würden?» Den Galba überhäuften sie, Jeder auf seine Art, mit Vorwürfen. Als endlich der Lärm sich legte, bat Marcus Servilius – er war Consul und Befehlshaber der Reuterei gewesen – die Tribunen, die Sache von neuem wieder vorzunehmen, und ihm einen Vortrag an das Volk zu gestatten. Die Tribunen traten, um sich darüber zu berathen, allein zusammen, und aus Achtung für die Vorstellungen der Großen fingen sie die Sache wieder von vorn an, mit der Erklärung, sie wollten dieselben Bezirke abermals zur Stimmengebung aufrufen lassen, wenn 510 Marcus Servilius und andre Privatmänner, falls sie wollten, geredet hätten. 37. Da sprach Servilius: «Wenn es sich aus keinem andern Umstande abnehmen ließe, ihr Quiriten, was für ein großer Feldherr Lucius Ämilius gewesen sein müsse, so wäre schon dies Einzige genug, daß er, ob er gleich so aufrührische und leichtsinnige Soldaten, und einen so vornehmen, so kühnen und zur Aufwiegelung der Menge so beredten Widersacher im Lager hatte, dennoch nie im Heere einen Aufruhr gehabt hat. Derselbe Ernst des Oberbefehls, den sie jetzt hassen, hielt sie damals in Schranken. In alter Zucht gehalten, hielten neque fecerunt]. – Rubenius schlug vor: tunc quieverunt. Gron., Crev. u. Drak. verwerfen dies nicht; und ich folge ihnen. Wollten wir aber die Worte neque fecerunt beibehalten, so entstand vielleicht die Lücke so, daß der Abschreiber, statt zu lesen antiqua disciplina habiti, neque audiverunt mala, neque fecerunt, aus dem einen neque in das andre überging. Neque audiverunt mala wäre dann ein verdienter Stich für den Galba . « In alter Zucht gehalten, konnten sie nach dem Schlechten weder hören, noch es ausüben. » – In den gleich folgenden Worten halte ich mich an Drakenb. postero die, quam triumphatum, et privatum eum visurus esset. sie für dasmal Ruhe. Was den Servius Galba betrifft, so mußte der, wenn er seine erste Probe einer Anklage am Lucius Paullus ablegen und einen Beweis von seiner Beredsamkeit geben wollte, nicht einen Triumph verhindern, welchen, wenn ich auch nichts weiter sage, der Senat für gerecht erklärt hatte; sondern mußte den Tag nachher, wenn der Triumph vorbei war und er im Paullus nur einen Privatmann sah, ihn belangen und nach den Gesetzen abhören lassen; oder auch noch ein wenig später, wenn er selbst erst ein Amt bekleidete, ihm einen Gerichtstag setzen und seinen Feind vor dem Volke anklagen. Dann hätte Lucius Paullus den Lohn seines Wohlverhaltens, den Triumph für die musterhafte Führung des Krieges, aber auch seine Strafe bekommen, falls er etwas gethan hätte, was seines alten und neuen Ruhmes unwürdig war. Aber freilich Galba wollte dem Manne, dem er keine Beschuldigung, keinen Vorwurf nachsagen konnte, nur sein Lob verkümmern. Verlangte er doch 511 gestern zur Anklage des Lucius Paullus einen ganzen Tag, und verbrauchte die noch übrigen vier Stunden des Tages zu seinem Vortrage. Gab es jemals an einem Beklagten so viel zu rügen, daß sich die schlechten Streiche seines ganzen Lebens in so viel Stunden nicht hätten aufzählen lassen? Und hat er während der Zeit irgend etwas vorgebracht, wozu sich Lucius Paullus, wenn er sich verantworten müßte, nicht bekennen möchte? Ich wünschte, es zerlegte mir jemand diese Versammlung auf einige Augenblicke in zwei; in die eine, von Macedonischen Soldaten; in eine zweite, von Soldaten rein puram alteram]. – Drakenb. will durch eine Versetzung so lesen: alteram integr. iud. et puram a favore et odio. Ich lasse lieber mit Crevier das Komma hinter iudicii wegfallen; dann gehört integrioris iudicii et a favore et odio zusammen. Und Liv. selbst sagt Integra gens a cladibus, und Cäsar integer ab labore. S. Gesn. Thes. – In den folgenden mit Doppelhäkchen bezeichneten Worten läßt Servilius den Galba (gleichviel in seinem eignen oder in der Soldaten Namen) gegen den Paullus sprechen, als hätte er in ihm den Beklagten vor sich. Nachher führt er als Vertheidiger des Paullus spöttisch in gleichfalls über den Paullus sich beklagendem Tone (gleichviel, gegen den Galba oder gegen die Soldaten) fort. , mit einem nicht so von Gunst und Haß bestochenen Urtheile, weil ja in dieser das ganze Römische Volk richten soll. Mag unser Beklagter zuerst vor den Städtern in Friedensröcken belangt werden. Was würdest du, Servius Galba, vor Roms Quiriten angeben? Denn ein Geschwätz, wie folgendes, wäre dir dann ganz und gar genommen: ««Auf dem Posten meintest du es mit uns so ernstlich und so eifrig! die Runde ging bei den Wachen so strenge und so aufmerksam herum! du machtest uns weit mehr Arbeit, als wir vorher hatten; denn du gingst selbst herum, als Feldherr und Einforderer! an Einem und demselben Tage ließest du uns einen Marsch machen und führtest uns vom Marsche in die Schlacht.»» – – Ja! er gönnte euch nicht einmal nach dem Siege die Ruhe: sogleich führte er euch zur Verfolgung des Feindes weiter! Er konnte euch durch Vertheilung der Beute zu reichen Leuten machen, und will die königlichen Gelder lieber im Triumphe auffahren lassen und sie 512 in die Schatzkammer liefern! Mögen Reden dieser Art, wenn sie Soldaten aufwiegeln sollen, die ihre Ausgelassenheit, ihre Habsucht nicht genug geschmeichelt glauben, nicht ohne Sporn sein; allein auf den Römischen Bürger würden sie keinen Eindruck gemacht haben. Denn ohne sich die früheren, von seinen Ältern ihm erzählten Beispiele zurückzurufen, wie so manche Niederlage durch die schmeichelnde Nachgiebigkeit der Feldherren herbeigeführt wurde, und was für herrliche Siege ein strenger Oberbefehl errang; weiß er wenigstens aus dem letzten Punischen Kriege noch sehr gut, was für ein großer Unterschied zwischen einem Marcus Minucius, dem Befehlshaber der Reuterei, und einem Dictator Quintus Fabius Maximus war. Daß dies dem Ankläger nicht unbekannt sein konnte, und daß eine Vertheidigung des Paullus ganz unnöthig gewesen sei Itaque accusatorem cet.]. – Gronovs Abänderung dieser Stelle hat weder Creviers noch Drak. Beifall. Sie sehen hier eine Lücke von mehreren Worten. Für die Übersetzung habe ich sie ungefähr so auszufüllen versucht: defensionem Paulli fuisse; de hac animi vestri sententia, Quirites, quamvis eam suffragiis vestris declarare, militari turba exclusi, non potuistis, ego magis confido, quod in toto populo Romano vidimus, qui legi de L. Aemilii triumpho promulgatae opus esse vel suasore crederet, neminem fuisse. , [diese Überzeugung, Quiriten , wenn ihr sie gleich, von dem Soldatengewühle verdrängt, durch eure Stimmen nicht habt darlegen können, darf ich euch so viel sicherer zutrauen, da wir gesehen haben, daß es im ganzen Römischen Volke auch nicht Einen Menschen gab, welcher geglaubt hätte, daß die an euch geschehene Anfrage über den Triumph eines Lucius Ämilius auch nur einer Empfehlung bedürfe.]» 38. «Nun hinüber zu der andern Versammlung! Und hier ist mir, als möchte ich euch nicht: Quiriten! anreden, sondern: Soldaten! um zu sehen, ob noch wohl dieser Name euch eine Röthe auf die Wangen treiben, und euch eine Art von Scheu einflößen könne, euren Feldherrn zu mishandeln. Ich selbst gerathe in eine andre Stimmung, seitdem ich mir als Redner zum Heere 513 vorkomme, als die ich noch so eben hatte, da meine Rede an die Stadtbürger gerichtet war. Denn was sagt ihr dazu, Soldaten? Es gäbe zu Rom außer dem Perseus noch jemand, der einen Triumph über Macedonien nicht wünschte? und ihr zerreißt ihn nicht mit eben den Händen, mit denen ihr die Macedonier besiegt habt? Wer euch wehret, triumphirend in die Stadt einzuziehen, der hätte euch, wenn es bei ihm stand, auch den Sieg gewehrt. Ihr irrt, Soldaten, wenn ihr glaubt, der Triumph sei nur des Feldherrn Ehre und nicht auch der Soldaten und des ganzen Römischen Volks. Sollte nicht Paullus, wenn es seine Ehre allein Non unius hoc Paulli.] – Ich lese und ergänze aus Noth diese Stelle so: Non, unius hoc Paulli si esset, faceret, quod fecerunt multi etiam, qui ab senatu non impetrarunt triumphum? In monte Albano triumpharunt. Dies Letztere wäre dann die Antwort auf die mit Non (für nonne) angefangene Frage. In den bald folgenden Worten: quam illis, qui * triumphaverunt, hat Drakenb. wohl nicht Unrecht, wenn er Creviers Ausfüllung: quam [decora cuique sua] illis, qui [ante postve eos] triumphaverunt, darum nicht annehmen will, weil es ihm unwahrscheinlich ist, daß sich illis, qui erhalten haben sollte, wenn davor und dahinter Worte ausgefallen wären. Darum will ich einstweilen so lesen: quam illis, qui triumphaverunt ante postve eos, sua cuique decora. So blieben wenigstens die eingeschalteten Worte beisammen. [beträfe, es eben so machen können, wie es] schon so Viele gemacht haben, denen vom Senate der Triumph versagt wurde? Sie triumphirten auf dem Albanerberge. Aber dem Lucius Paullus läßt sich die Ehre, den Macedonischen Krieg geendigt zu haben, eben so wenig entreißen, als dem Cajus Lutatius die des beendigten ersten Punischen Krieges, als dem Publius Cornelius die des zweiten, und allen denen, welche triumphirt haben – sei es früher oder später – der Jedem gebührende Preis. Auch kann Lucius Paullus als Feldherr durch den Triumph weder kleiner noch größer werden: allein dem guten Namen des Soldaten und des ganzen Römischen Volks liegt mehr daran. Einmal, um sich nicht dem Verdachte des Neides und der Undankbarkeit immer gegen die ausgezeichnetsten Mitbürger auszusetzen und den Schein auf sich zu laden, als ahme man die Athener nach, die ihre großen Männer aus Neid zu Grunde richteten. Genug, daß eure 514 Vorfahren sich am Camillus versündigten! wiewohl sie ihn nur vorher mishandelten, ehe sie die Vaterstadt durch ihn von den Galliern errettet sahen; und noch mehr, ihr selbst am Publius Africanus! O daß der Bezwinger von Africa seine Wohnung und seinen Aufenthalt zu Liternum gehabt haben muß! daß sein Grabmal – zu Liternum gezeigt wird! Erröthen müssen wir, wenn Lucius Paullus jenen Männern, so wie er ihnen an Ruhm gleich steht, auch durch unsre Kränkungen gleich wird. Also Einmal, dieser schlimme Ruf muß getilgt werden, der uns bei andern Völkern zum Schimpfe, bei unsern eignen Bürgern zum Schaden gereicht. Denn wer verlangt in einem undankbaren und gegen die Guten feindseligen State einem Africanus oder Paullus ähnlich zu sein? Wenn wir uns aber auch keiner Schande aussetzen, und es wäre hier bloß die Frage von der Ehre; wo gäbe es dann einen Triumph, der nicht Allem, was Römer heißt, gemeinschaftlich Ehre brächte? Die vielen Triumphe über die Gallier, über die Spanier, über die Punier – heißen sie bloß Triumphe der Feldherren, oder der Römischen Nation? Eben so, wie die Triumphe nicht über den Pyrrhus allein, nicht über den Hannibal allein gehalten sind, sondern auch über die Epiroten und Carthager; so haben auch nicht bloß Manius Curius, nicht bloß Publius Cornelius triumphirt, sondern die Römer. Und die Soldaten geht die Sache ganz besonders an, da sie, ebenfalls mit Lorbern bekränzt, und jeder durch die Geschenke, die ihm verehrt wurden, ausgezeichnet, den Triumphgott bei Namen rufen, und unter Liedern auf ihre und ihres Feldherrn rühmlichen Thaten durch die Stadt einherschreiten. Werden einmal die Soldaten nicht vom Kriegsschauplatze zum Triumphe mit abgeführt, so murren sie laut, und selbst dann halten sie den Triumph, bei dem sie nicht zugegen sind, für den ihrigen, weil ihre Hände den Sieg errungen haben. Wenn euch jemand fragte, Soldaten, zu welchem Zwecke man euch nach Italien abgeführt und nicht sogleich nach Beendigung eures Felddienstes entlassen habe; wozu ihr 515 vollzählig unter den Fahnen nach Rom gekommen seiet; warum ihr hier weiltet und nicht, jeder in seine Heimat, aus einander ginget; was möchtet ihr anders antworten, als, ihr wolltet euch im Triumphe sehen lassen? wenigstens mußte es doch euer Wunsch sein, euch als Sieger zeigen zu können.» 39. «Vor Jahren sahen wir den Triumph über Philipp, den Vater des jetzt Besiegten, und den über Antiochus. Beide blieben, als über sie triumphirt wurde, regierende Könige. Und über Perseus, der als Gefangener mit seiner Familie nach Rom gebracht wird, soll nicht triumphirt werden? Wenn jetzt Lucius Paullus, im Gedränge der gewöhnlich gekleideten Bürger ohne alles Abzeichen, als bloßer Privatmann, den beiden in Gold und Purpur auf ihrem Triumphwagen zum Capitole hinanfahrenden Siegern von unten herauf die Frage zuriefe: «« Lucius Anicius, Cneus Octavius, haltet ihr euch des Triumphes würdiger, oder mich? »» ich bin überzeugt, sie würden ihm den Wagen räumen und voll Beschämung ihre Ehrenzeichen selbst in seine Hände geben. Und ihr, Quiriten , wolltet lieber den Gentius, als den Perseus, im Triumphe aufgeführt sehen? über einen Anhang dieses Krieges lieber triumphiren lassen, als über den Krieg selbst? Die Legionen aus Illyricum und die Seetruppen sollen belorbert in die Stadt einziehen; und die Macedonischen Legionen, denen der eigne Triumph versagt wird, sollen fremden Triumphen zusehen? Was soll alsdann aus dieser so überreichen Beute werden? aus Allem, was ein so einträglicher Sieg erwarb? Wohin sollen die vielen tausend, den erschlagenen Feinden ausgezogenen, Waffen versteckt werden? sollen wir sie etwa nach Macedonien zurückschicken? Wohin mit den vergoldeten, marmornen, elfenbeinernen Standbildern; den Gemälden, Teppichen? mit dem vielen Silber von getriebener Arbeit? mit so vielem Golde und dem großen königlichen Schatze? Soll das Alles bei Nacht, wie Diebesgewinn, in die Schatzkammer gebracht werden? Und nun? das Sehenswürdigste von Allem, ein so berühmter, so mächtiger König als 516 Gefangener, wo soll er dem Volke, das ihn besiegte, gezeigt werden? – Welch eine Menschenmenge die Erscheinung des gefangenen Königs Syphax herbeizog, ob er gleich nur eine Zugabe zum Punischen Kriege war, wissen noch die Meisten von uns, Und Perseus, als König ein Gefangener – seine Prinzen Philipp und Alexander – was für Namen? – sollen den Augen der Bürger entzogen werden? Sind doch aller Augen lüstern auf den Anblick des Lucius Paullus selbst, wenn er als zweimaliger Consul, als Griechenlands Bändiger, auf dem Triumphwagen zur Stadt einfährt. Wir haben ihn zum Consul ernannt, damit er einen Krieg endigen möchte, der, nicht ohne große Beschämung für uns, vier Man vergleiche die Anmerkung 1256 zu quadriennium, quatuor ante me coss. Cap. 41. Jahre lang hingehalten wurde; – um eben dem Manne, dem wir, als das Los ihm diesen Krieg bestimmete, dem wir bei seinem Auszuge, Sieg und Triumph mit ahnendem Geiste zusagten, nach dem Siege den Triumph zu versagen? um nicht bloß Menschen, sondern auch den Göttern ihren Ehrendank zu entziehen? Denn auch den Göttern gebührt er, nicht bloß den Menschen allein. Haben nicht eure Vorfahren jede große Unternehmung bei ihrem Anfange mit den Göttern begonnen, und sie bei der Beendigung eben so auf die Götter zurückgeführt? Wenn ein Consul oder Prätor im Feldherrnpurpur, mit seinen Beilträgern auf seinen Amtsposten und in den Krieg auszieht, so spricht er auf dem Capitole sein Gelübde aus. Wenn er als Sieger nach Beendigung des Krieges triumphirend auf dem Capitole erscheint, führt er ebenfalls den Göttern, vor denen er die Gelübde that, die gebührenden Dankgeschenke des Römischen Volkes zu. Die voranschreitenden Opferthiere sind nicht der unbedeutendste Theil des Triumphs. Sie sollen darthun, daß der Feldherr für den Segen bei seinen Unternehmungen dankbringend zu den Göttern zurückkehrt. So gehet denn hin und schlachtet alle die Opferthiere, welche Paullus zur Aufführung im 517 Triumphe den Göttern vindicavit]. – Schon lange habe ich vermuthet, daß dies UINdicavit aus DIIS dicavit entstanden sein möchte. Und jetzt sehe ich, daß auch Herr Ruperti in seinem Commentar sagt: Forte leg. diis dicavit. – Die Worte utrum hominum. – – hominumque sind, nach Hrn.  Walch, als besondere Frage abgesetzt. geweihet hatte, der Eine hier, der Andre dort. Das feierliche Gastmahl des Senats, das in keinem Privathause, auf keinem ungeweiheten Platze, sondern auf dem Capitole gegeben werden muß, – etwa bloß Menschen zum Genusse, oder Göttern und Menschen zugleich? – wolltet ihr dies auf das Wort eines Servius Galba stören? Sollen dem Triumphe des Lucius Paullus die Thore verschlossen werden? Der Macedonische König Perseus soll mit seiner Familie, mit der übrigen Menge von Gefangenen und der Macedonischen Beute auf jener Seite des Stroms zurückgelassen werden? Lucius Paullus soll als Privatmann, als käme er von seinem Landgute zur Stadt, vom Thore zu Hause gehen? – Nein! höre du, Hauptmann, du Soldat, lieber auf das, was in Ansehung deines Feldherrn Paullus der Senat verordnet hat, als was ein Servius Galba schwatzt; und laß es dir lieber von mir, als von diesem sagen. Er hat nichts als schwatzen gelernt, und noch dazu schmähend und verläumderisch schwatzen: ich habe dreiundzwanzigmal auf Ausforderung mit Feinden gefochten; und allen, mit denen ich mich einließ, zog ich ihre Rüstung aus. Gezeichnet ist mein Körper mit ehrenvollen Narben von lauter vorne empfangenen Wunden.» – Hier soll er sich entblößt und erzählt haben, in welchem Kriege jede Wunde ihm geschlagen wurde. Indem er sie zeigte, veranlaßte bei den Zunächststehenden, weil er zufällig gewisse zu verhüllende Theile aufdeckte, eine Geschwulst dieser Theile ein Gelächter. «Auch dies,» sprach er, «worüber ihr lacht, habe ich von dem Tag und Nacht zu Pferde sitzen, und fühle dessentwegen eben so wenig Scham oder Misvergnügen, als über diese Narben: denn es hat mich nie verhindert, die Sache des Stats im Frieden und im Kriege mit Ehre zu führen. 518 Waren es doch junge Männer, die selbst im Dienste stehen, denen ich alter Soldat meinen so oft vom Schwerte angezapften Körper gezeigt habe. Mag sich nun Galba in seiner glatten, unversehrten Haut entblößen! – Ich dächte, Tribunen, ihr riefet jetzt die Bezirke zur neuen Stimmgebung. Ich aber, Soldaten, gehe zu euch [hinunter, bin bei der Stimmgebung euer Begleiter, und bemerke mir die Schlechten und Undankbaren, so wie die, welche nicht wollen, daß ihr Feldherr sie regieren, sondern daß er ihnen mit Schmeicheleien knechtisch zuvorkommen soll.» Durch diese Rede zurechtgewiesen kam die Menge der Soldaten ganz auf andre Gedanken, daß die zu einer neuen Stimmgebung berufenen Bezirke sämtlich den Vorschlag wegen des Triumphs genehmigten. Nach diesem Siege über die Schelsucht und Verkleinerungen seiner Feinde, triumphirte Paullus über den König Perseus und die Macedonier drei Tage nach einander, am achtundzwanzigsten, neunundzwanzigsten und dreißigsten November. Dieser Triumph war, man möchte nun auf die Größe des besiegten Königs, oder auf die ins Auge fallende Schönheit der Abbildungen sehen, oder auf die Menge des Geldes, bei weitem der prachtvolleste, so daß er durch seinen Glanz über die Vergleichung mit allen früher gehaltenen hinaus war. Das Volk in festlichen Kleidern sah ihm auf Gerüsten von Brettern zu, die, nach Art der Schausitze, auf dem Markte und in den übrigen Gegenden der Stadt errichtet waren, wo der Zug vorübergehen mußte. Alle Tempel waren geöffnet und dampften, mit Kränzen behangen, von Weihrauch. Beilträger und Leibwachen hielten den blindlings herzuströmenden und schwärmend hier- und dorthin eilenden Volkshaufen von der Mitte zurück und die Straßen weit genug offen und frei. Da der Aufzug des Schauspiels, wie gesagt, auf drei Tage vertheilt war, so reichte der erste Tag kaum hin, die erbeuteten, auf zweihundert und funfzig Wagen geladenen, Standbilder und Gemälde vorübergehen zu lassen. Am folgenden Tage 519 zogen auf einer Menge Wagen alle die schönsten und prächtigsten Macedonischen Waffen vorbei, die theils vom Glanze des frisch geputzten Stahls und Erzes blitzten, theils so zusammen aufgethürmt waren, daß sie, ob sie gleich mehr in Haufen über einander geworfen, als künstlich geordnet zu sein schienen, gerade durch dieses gleichsam absichtlose und zufällige sich Zusammenfinden dem Auge einen wundervollen Anblick gewährten; Helme mit Schilden zusammengeworfen, Panzer mit Beinschienen; Cretische Reuterschilde und Thracische Rundschilde, und Brustschilder der Rosse mit Zügeln der Reuterei; hier und dort bloße Schwerter mit ragender Spitze drohend, und auf den Seiten hervorstehende Lanzen. Und wenn nun diese Stücke, alle nur locker mit einander verbunden, im Vorüberfahren gegen einander stießen, so gaben sie ein so kriegerisches und furchtbares Gerassel, daß man sie, selbst in ihrer Besiegung, nicht ohne eine Art von innerem Schauder anblicken konnte. Dann folgten, von dreitausend Menschen getragen, siebenhundert und funfzig Gefäße, mit geprägtem Silber gefüllt. In jedem trugen vier Menschen drei Talente Also in allen 2,250 Talente Silbers, oder 4,218,740 Gulden Conv. M. . Andre Träger hatten die silbernen Mischkessel, die Trinkschalen, Kelche und hornförmig gewundenen Becher, die theils auf eine schickliche Art zusammengestellt waren; theils durch Größe und Gewicht, theils als Meisterwerke von auffallend hoch getriebener Arbeit sich auszeichneten. Am dritten Tage eröffneten gleich mit frühem Morgen die Trompeter den Zug, und bliesen nicht die bei feierlichen Aufzügen gewöhnliche Weise, sondern ein Kriegslied, als ginge es jetzt zur Schlacht. Ihnen nachgeführt wurden hundert und zwanzig fette Ochsen mit vergoldeten Hörnern, und mit Opferbinden und Kränzen behangen. Geleitet wurden sie von Jünglingen, welche mit prächtig gestickten Binden umgürtet waren und ein Gefolge von Knaben hatten, welche goldne und silberne Opferschalen trugen. Ihnen folgten die Träger des gemünzten 520 Goldes, mit siebenundsiebzig Gefäßen, deren jedes, so wie die, worin das Silber vorüber getragen war, drei Talente Also in allen 231 Talente Goldes, oder 4,331,120 Gulden. enthielt. Dann sah man die geweihete, mit kostbaren Edelsteinen besetzte, Trinkschale von zehn Talenten 187,400 Conv.-Gulden. Goldes, welche Paullus hatte fertigen lassen; ferner die sogenannten Antigoniden, Seleuciden und Thericleen Antigonidas, Seleucidesque et Thericlea]. – Becher, wie die Könige Antigonus und Seleucus sie angegeben, oder doch im Gebrauche hatten. Die irdenen schön geformten Thericleen hatten den Namen von ihrem Erfinder Thericles, einem Töpfer. Crev. und die übrigen goldenen Becher, welche die Speisesäle des Perseus geziert hatten. Hinterher fuhr der Wagen des Perseus, mit seiner Waffenrüstung beladen und der darüber gelegten Königsbinde. Nun folgte der Zug von Gefangenen; Bithys, des Königs Cotys Sohn, den der Vater als Geisel nach Macedonien gegeben und die Römer nachher mit des Perseus Kindern zum Gefangenen gemacht hatten; dann des Perseus eigene Kinder, begleitet von einer Menge Erzieher und Lehrer, welche mit Thränen ihre Hände den Zuschauern flehentlich entgegenstreckten und die Kleinen anhielten, sich das Mitleiden der Sieger demüthig zu erflehen. Es waren zwei Söhne und eine Tochter; und sie flößten den Zuschauern so viel mehr Mitleiden ein, weil sie selbst in ihrem zarten Alter ihr Unglück kaum einsahen. Daher konnten sich die Meisten der Thränen nicht enthalten und Alle kamen über ihren stummen Gram außer Fassung, der sie ihre Freude, so lange sie die Kinder vor Augen hatten, nicht ungetrübt genießen ließ. Hinter seinen Kindern ging Perseus mit seiner Gemahlinn, in dunkelfarbiger Kleidung und nach Griechischer Sitte in Pantoffeln; einem Staunenden und Bedonnerten gleich, dem die Größe seiner Leiden alles Bewußtsein genommen zu haben schien. Ihm folgte eine Menge von Günstlingen und 521 Vertrauten, in deren Mienen herber Schmerz sich ausdrückte, und die, da sie beständig ihre von Thränen rinnenden Augen auf den König hefteten, jedermann einsehen ließen, daß sie, ihres eignen Unglücks vergessend, um das seinige trauerten. Freilich hatte Perseus um die Abwendung dieses Schimpfes nachgesucht, und durch Abgeschickte bei dem Ämilius darauf angetragen, daß er nicht im Triumphe aufgeführt würde. Ämilius lachte über die Feigheit des Menschen und sagte: «Das stand schon lange und steht noch immer in seiner Hand und in seiner Macht;» indem er ihm zu verstehen gab, er möge durch einen muthvollen Tod sich der gefürchteten Schande entziehen. Allein der Weichling hatte für den mannhaften Rath kein Ohr, und wollte sich lieber, ich weiß nicht, von welcher Hoffnung verführt, als einen Theil seiner Beute mit aufzählen lassen. Hinter ihm her wurden die vierhundert goldenen Kränze getragen, welche dem Paullus meistens von allen Städten Griechenlands und Asiens, als Beweise ihres Glückwunsches zum Siege, durch Gesandte zugeschickt waren; für sich selbst betrachtet, in der That von großem Werthe, jetzt aber eine mittelmäßige Zugabe zu den ungeheuren Schätzen, welche in diesem Triumphe vorbeigefahren waren,] 40. Die Summe des sämtlichen erbeuteten Goldes und Silbers, das im Triumphe eingeliefert wurde, giebt Valerius von Antium auf hundert und zwanzig 9,375,000 Gulden Conv. M. Millionen Sestertien an, da doch unstreitig eine weit größere Summe aus der Zahl der Wagen ex numero plaustrorum]. – Weil das Geld nicht aufgefahren, sondern getragen war, so will J. Periz. plaustrorum in Philippeorum aureorum verwandeln, so daß diese das gemünzte Gold anzeigten, die pondera hingegen das ungeprägte. Soll aber diese Vermuthung, welche auch Gronovs Beifall hat, sich behaupten, so müßte man annehmen, um nicht das gemünzte Gold allein, sondern auch das gemünzte Silber in Anschlag gebracht zu sehen, daß hier zu lesen sei: ex numero Philippeorum, tetradrachmorum ponderibusque auri, argenti etc. und der Gold- und Silbermassen, die er besonders nach ihren Metallen verzeichnet hat, herauskommt. Noch einmal so viel, sagt man, hatte der letzte 522 Krieg gekostet, oder war auf der Flucht, als Perseus nach Samothrace eilte, verstreuet. Und man muß sich über diese Menge des Geldes so viel mehr wundern, weil so viel in dreißig Jahren, seit Philipps Kriege mit Rom, theils vom Ertrage der Bergwerke, theils von den übrigen Einkünften gesammelt war. Philipp also fing seinen Krieg mit den Römern sehr geldarm an, Perseus hingegen als der Überreiche. – Zuletzt kam Paullus selbst auf seinem Wagen, Ehrfurcht gebietend theils durch sein würdevolles Äußere, theils durch sein Alter selbst; und hinter seinem Wagen seine zwei Söhne Quintus Maximus und Publius Scipio, von andern angesehenen Männern umgeben; dann die Ritter in ihren Geschwadern und die Cohorten des Fußvolks in ihren Ordnungen. Jeder vom Fußvolke bekam zu seinem Antheile hundert Denare centeni denarii]. – 25 Gulden Conv. M. , ein Hauptmann das Doppelte, der Ritter das Dreifache. Und man glaubt, der Feldherr würde jedem Fußgänger, und so nach Verhältniß auch den Andern, noch einmal so viel gegeben haben, wenn sie entweder der ihm bestimmten Ehre sich nicht widersetzt, oder selbst bei der Ankündigung, daß sie so viel erhalten sollten, ihm einen freundlichen Dank zugerufen hätten. Nicht aber Perseus allein war in diesen Tagen ein redender Beweis vom Wechsel der menschlichen Schicksale, als er in Ketten dem Wagen des siegenden Feldherrn durch die Stadt der Feinde vorangeführt wurde, sondern auch der von Gold und Purpur strahlende Sieger Paullus. Denn da er zwei Söhne zur Aufnahme in andre Familien hingegeben hatte, so starben ihm von den beiden andern, die er als die einzigen Erben seines Namens, seiner heiligen Hausfeierlichkeiten und seines Stammes bei sich behielt, der jüngere, beinahe zwölf Jahre alt, fünf Tage vor dem Triumphe, und der ältere von vierzehn Jahren, drei Tage nach dem Triumphe, da sie, jetzt noch im verbrämten Knabenrocke, unter Vorahnungen ähnlicher Triumphe für sie selbst, mit dem Vater im Triumphwagen hätten 523 herumfahren müssen. Er that dessen, als er wenige Tage nachher in der vom Bürgertribun Marcus Antonius ihm zugestandenen Volksversammlung, wie andre Feldherren, seine Thaten aus einander gesetzt hatte, in folgenden denkwürdigen und einem der ersten Männer Roms angemessenen Worten Erwähnung: 41. «Ob ich gleich der Meinung bin, Quiriten, daß es euch nicht unbekannt sei, mit welchem Glücke ich die Sache des Stats geführt, und was für zwei harte Schläge in diesen Tagen mein Haus getroffen haben; denn ihr seid bald bei meinem Triumphe, bald wieder bei den Leichenzügen meiner Kinder, Zuschauer gewesen; so bitte ich euch dennoch, lasset mich das Glück des Stats und mein häusliches Misgeschick mit Empfindungen gegen einander halten, wie sie Pflicht für mich sind. Bei meiner Abfahrt aus Italien ging ich von Brundusium nach Sonnenaufgang mit der Flotte unter Segel: um die neunte Tagesstunde erreichte ich mit allen meinen Schiffen Corcyra. Am fünften Tage nachher brachte ich zu Delphi für mich, für die Heere und Flotten dem Apoll die gebührenden lustra sacrificavi]. – Ich vermuthe, es hat heißen sollen: iusta sacrificavi. Iusta in dem Sinne, wie Cic. Har. Resp. 10. Omnia sollemnia ac iusta ludorum. – Ignavam sacrificate suem sagt Ovid, sacrificare granum turis Plautus; wie hier Livius iusta sacrificare. Opfer. Von Delphi kam ich am fünften Tage im Lager an. Als ich hier das Heer übernommen und Manches abgeändert hatte, was dem Siege zum großen Hindernisse gereichte, rückte ich aus, und weil das Lager der Feinde unüberwindlich war, der König auch zur Schlacht nicht gezwungen werden konnte, ging ich mitten unter seinen aufgestellten Posten durch den Paß bei Petra, zwang den König zur Schlacht und besiegte ihn in Linie; unterwarf Macedonien dem Römischen Volke, und den Krieg, welchen vier Jahre lang per quadriennium quatuor ante me]. – An drei Stellen dieses Buchs nennt Livius diesen Krieg vierjährig; nämlich Cap. 9.: Hic finis belli, quum quadriennium continuum bellatum esset; Cap. 36. in der Rede des Servilius: bellum per quadriennium ingenti etiam pudore nostro tractum, und an unsrer Stelle: quod bellum per quadriennium quatuor ante me coss. ita gesserunt. Die erste Stelle widerspricht der Geschichte nicht, weil dort das vierte Jahr, in welchem Paullus den Krieg endigte, mit eingerechnet wird, auch ausdrücklich continuum dabei steht, also der Krieg gemeint ist, so lange er ohne Unterbrechung geführt wurde. Allein an den beiden späteren Stellen glauben Drakenborch, Crevier und A. quadriennium in triennium und IIII. ante me coss. in III. ante me coss. abändern zu müssen. Durch die so standhaft wiederholte Zahl vier wurde Crev. auf die Vermuthung geführt, daß in den beiden letztern Stellen nicht sowohl ein Fehler der Abschreiber, als eine wirkliche Verfälschung Statt gefunden habe. Denn es bleibt wahr, daß diesen Krieg vor Paullus (er war Consul 584.) nur drei Consuln, P. Licinius Crassus 581, A. Hostilius Mancinus 582 und Q. Marcius Philippus II. 583 geführt haben. Allein schon im Jahre 580 wurden ( B. 42. C. 25. ) Gesandte hingeschickt ad res repetendas renunciandumque regi amicitiam. Also schon 580 war der Krieg angekündigt, und B. 42. C. 27. sagt Livius, der Prätor Cn. Sicinius im J. 580 sei mit etwa 10,000 Mann (vergl. Cap. 27 u. 36 ) hingeschickt, ut provinciam Macedoniam obtineret, donec successor [P. Licin. Crass. 581.] veniret. Auch kommt Cn. Sicinius zur Überfahrt nach Griechenland (C. 27. am Ende) paludatus ex urbe profectus, nach Brundusium, und Cap. 36. besetzt er Dassaretien und Illyrien gegen die Angriffe von Macedonien aus. Man sieht, es war schon 580. Krieg, allein die Römer gingen bloß vertheidigend zu Werke. Außerdem war auch schon, ehe noch Consul P. Licinius nach Macedonien kam, der Consular Q. Marcius Philippus als Legat mit 1000 Mann ( Cap. 37. ) hingeschickt. Er vermochte ( Cap. 43. ) den Perseus, noch einmal eine Gesandschaft nach Rom abgehen zu lassen; allein daß sich beide Theile schon als kriegführende Feinde betrachtet haben müssen, sieht man aus den Worten (Cap. 43.) quum necessaria petitio induciarum videretur; auch daraus, daß Perseus während der Unterredung Geisel stellen muß: auch rühmt sich Marcius (Cap. 47.) decepto per inducias et spem pacis rege. Die Römer zögerten, trahebant bellum: nihil enim (Cap. 43.) paratum ad bellum in praesentia habebant Romani, non exercitum, non ducem; quum Perseus omnia praeparata atque instructa haberet. Also kann auch Servilius (B. 45. C. 36.) mit Recht sagen: bellum, per quadriennium ingenti etiam pudore nostro tractum; um so viel eher, da man sich ( B. 42. C. 47. ) der vom Marcius durch List bewirkten Zögerung im Senate schämte; und eben so kann Paullus sagen – wenn die Zeit der Zögerung vor des Consuls P. Licinius Ankunft mit in Anschlag gebracht wird – bellum per quadriennium – ante me ita gesserunt, ut etc. Wenn er aber sagt: quatuor ante me consules, so glaube ich, man muß nur nicht diese vier Consuln als auf einander folgende Consuln dieser vier Jahre (580 – 583) ansehen, sondern der eine, und zwar der erste, war der oben genannte Q. Marcius Philippus, der schon 566 Consul gewesen war, und als Consularlegat 581 dem Perseus – mit welchem er in seinem zweiten Consulate 583 wieder zu kämpfen hatte – gegenüber stand, und mit ihm den Waffenstillstand schloß. Paullus hätte also an unsrer Stelle eigentlich sagen sollen: quod bellum per quadriennium unus consularis et tres ante me consules gesserunt: er nennt aber alle vier mit Einem Namen consules; so wie B. 38. Cap. 35. consul so viel sagte, als qui consul olim fuit. Man vergleiche Perizon. Anim, Hist, p. 314 u. ff. und die von ihm angeführten Inschriften, in welchen COS. nicht den Consul des Jahrs bedeutet, worin das Denkmal gesetzt ward, sondern einen vorlängst gewesenen Consul. Also sagt Paullus nicht: quatuor consules continui ita ante me gesserunt, sondern: quatuor, ante me consules, ita gesserunt. vier 524 vor mir gewesene Consuln so geführt hatten, daß sie ihn immer schwieriger gemacht ihrem Nachfolger übergaben, 525 endigte ich in funfzehn Tagen. Hieraus erwuchs gleichsam eine reiche Ernte neues Glückes. Alle Städte Macedoniens ergaben sich; der königliche Schatz fiel uns in die Hände; der König selbst wurde, als wollten sogar die Götter ihn uns ausliefern, im Tempel der Samothracier mit den Seinigen unser Gefangener. Ich selbst hielt nach gerade mein Glück für zu groß und wurde mistrauisch. Ich fing an Gefahren zur See zu fürchten, wenn ich nun den großen königlichen Schatz nach Italien übersetzen und das siegreiche Heer hinüberbringen müßte. Nachdem nun Alles bei der glücklichsten Fahrt der Flotte angelangt und nichts mehr zu erbitten übrig war, so war dies mein Wunsch, weil das Glück vom höchsten Gipfel wieder bergab zu rollen pflegt, es möchte den Wechsel des Glücks lieber mein Haus, als der Stat, erfahren. Ich hoffe also, der Stat soll durch meinen so ausgezeichneten Verlust sein Misgeschick abgekauft haben; da mein Triumph – gleichsam um mit dem, was Menschen treffen kann, zu spielen! – zwischen die beiden Leichenzüge meiner Kinder gefallen ist. Und da ich und Perseus jetzt als vorzüglich auffallende Beispiele des menschlichen Schicksals die Augen auf uns ziehen, so hat er, der selbst als Gefangener seine Kinder als Gefangene vor sich her aufführen sah, sie doch noch am Leben; ich aber, der ich über ihn triumphirte, kam von der Leiche des einen Sohns auf meinem Wagen [in das curru in * *]. – Unter mehreren Vorschlägen, diese Lücke zu ergänzen, behält der von Drak. gebilligte des Ursinus den Vorzug: curru in Capitolium, ad alterum ex Capitolio etc. Im Msc. nämlich steht nicht curru in, sondern currum. Der Abschreiber also, der nicht curru in, sondern unrichtig currum zusammengelesen hatte, kam aus der letzten Silbe des Worts currum in die des Worts alterum. So ergiebt es sich, wie die dazwischen stehenden Worte Capitolium ad alterum ausfallen konnten. Capitol, und] vom Capitole zu dem andern, als er beinahe schon im Sterben lag; und von einem solchen Segen an Söhnen bleibt mir auch nicht Einer, auf dem der Name des Lucius Ämilius Paullus ruhen soll. Denn zwei, die ich, nach 526 Maßgabe eines solchen Reichthums an Kindern, fremden Vätern zur Annahme überließ, gehören jetzt in die Cornelische und Fabische Familie, und im Hause des Paullus ist außer ihm, dem Greise praeter se nemo]. – Ich ziehe aus den von Drakenb. dafür angeführten Gründen mit ihm die schöne Lesart eines Ungenannten vor: praeter senem nemo. In senem liegt, daß er auch keine Kinder mehr zu hoffen hatte. , weiter niemand. Allein bei diesem meinem häuslichen Verluste werde ich durch euren Wohlstand und das erfreuliche Verhältniß des Stats getröstet.» 42. Dieser Ausdruck so erhabener Empfindungen war für die Zuhörer erschütternder, als wenn er sich unter Thränen über seine Kinderlosigkeit noch so jammernd beklagt hätte. Der Seetriumph des Cneus Octavius über den König Perseus ging am ersten December vor sich. Dieser Triumph war ohne Gefangene und ohne Beute. Jedem der Seeleute gab er 12 Thl. 12 Ggr. Conv. M. fünfundsiebzig Denare, jedem Steuermanne von der Flotte das Doppelte, jedem Schiffshauptmanne das Vierfache. Nun war Senatssitzung. Die Väter verordneten, Quintus Cassius solle den König Perseus nebst seinem Prinzen Alexander nach Alba in Verwahrung abführen, mit seinen Bedienten, seinem Gelde, Silbergeräthe und seinen übrigen Sachen. Bithys, der Sohn des Thracischen Königs, wurde mit den Geiseln zur Verwahrung nach Carseoli geschickt. Die übrigen Gefangenen, welche im Triumphe aufgeführt waren, ließ man in den Kerker bringen. Wenig Tage nachher, als es geschehen war, kamen vom Thracischen Könige Cotys Gesandte mit einer Summe Geldes zur Auslösung seines Prinzen und der übrigen Geisel. Als sie im Senate vorgelassen wurden und in ihrem Vortrage den Beweis, daß Cotys den Perseus im Kriege nicht freiwillig unterstützt habe, selbst daraus hernehmen wollten, daß er gezwungen gewesen sei, Geisel zu stellen; dann auch die Bitte hinzufügten, man möge ihnen erlauben, die Geisel um einen Preis loszukaufen, den die Väter 527 selbst zu bestimmen hatten; so erhielten sie nach einem Gutachten des Senats zur Antwort: «Das Römische Volk sei der ehemaligen Freundschaft mit Cotys, so wie mit dessen Vorfahren und der Thracischen Nation nicht uneingedenk. Allein gerade dies, daß er Geisel gestellt habe, gereiche ihm zum Vorwurfe, nicht aber zur Entschuldigung des Vorwurfs; insofern Perseus nicht einmal bei voller Muße den Thraciern habe furchtbar sein können, viel weniger also, wenn ihn ein Römischer Krieg beschäftigt habe. Dessen ungeachtet wollten die Römer, obgleich Cotys die Freundschaft des Perseus der ihrigen vorgezogen habe, lieber das in Anschlag bringen, was für sie selbst sich schicke, als was dem Benehmen des Cotys gemäß geschehen könne; und ihm seinen Sohn und die Geisel zurückgehen. Gefälligkeiten ließen sich die Römer nicht bezahlen: den Werth derselben im Herzen der Empfänger niederzulegen, sei ihnen lieber, als bar ihn einzutreiben.» Zu Gesandten, die Geisel nach Thracien zurückzubringen, wurden Titus Quinctius Flamininus, Cajus Licinius Nerva, Marcus Caninius Rebilus ernannt; den Thracischen aber, jedem ein Geschenk von zweitausend 62 Gulden Conv. M. Kupferassen gegeben. Bithys, den man mit den übrigen Geiseln von Carseoli holen ließ, ging mit den Gesandten zu seinem Vater ab. Die den Macedoniern abgenommenen königlichen Schiffe von vormals ungewöhnlicher Größe wurden auf dem Marsfelde ans Land gebracht. 43. Noch schwebte Roms Bürgern der Macedonische Triumph nicht bloß in Gedanken, sondern beinahe vor Augen, als am Quirinusfeste (17. Febr.) Lucius Anicius über den König Gentius und die Illyrier triumphirte. Sie fanden in allen Stücken beide Triumphe mehr einander ähnlich, als gleich. Der Feldherr selbst erreichte jenen nicht, man mochte den Anicius mit dem Ämilius in Ansehung des Standes, oder den Prätor mit dem Consul im Range der Feldherrnstellen vergleichen: eben so wenig 528 ließen sich Gentius mit Perseus, die Illyrier mit den Macedoniern, Beute mit Beute, Gelder mit Geldern, Geschenke mit Geschenken zusammenstellen. Überstrahlte also der neuliche Triumph diesen allerdings, so fand man ihn doch, wenn man ihn an sich selbst betrachtete, keinesweges unbedeutend. Die im Land- und Seekriege muthvolle, auf ihre festen Plätze trotzende Nation der Illyrier hatte Anicius in wenig Tagen völlig bezwungen; den König und alle Mitglieder des königlichen Stammes zu Gefangenen gemacht: zur Aufführung im Triumphe lieferte er die Menge von Kriegsfahnen und andrer Beute nebst dem königlichen Geräthe; siebenundzwanzig 8,437 Gulden Conv. M. Pfund Gold, tausend und 30,270 Gulden Conv. M. Ich lese nämlich mit Drak. statt X. et IX. lieber ∞ et IX. (mille et novem). neun Pfund Silber; dreitausend 934 Gulden Conv. M. Silberdenare und hundert und zwanzig 18,748 Gulden Conv. M.; wenn nämlich, was aus Plinius wahrscheinlich ist, unter diesem argentum Illyricum halbe Silberdenare zu verstehen sind, die gewöhnlich Quinarii oder Victoriati heißen. tausend Stück Illyrisches Silbergeldes. Seinem Wagen gingen König Gentius mit seiner Gemahlinn und Kindern, Caravantius, des Königs Bruder, und mehrere vornehme Illyrier voran. Den Soldaten gab er von der Beute jedem fünfundvierzig 11 Gulden Conv. M. Denare, dem Hauptmanne das Doppelte, dem Ritter das Dreifache; den Latinern so viel, als seinen Mitbürgern; den Seeleuten so viel, als den gemeinen Soldaten. Bei diesem Triumphe zeigte der Soldat größeren Frohsinn und ließ es an Liedern zum Preise seines Feldherrn nicht fehlen. Valerius von Antium berichtet, man habe außer dem in die Schatzkammer gelieferten Golde und Silber aus dieser Beute zwanzig Millionen 1,562,500 Gulden Conv. M. Sestertien gelöset. Weil ich nicht einsah, woraus man denn diese Summe habe lösen können, so habe ich, ohne von der Angabe Gebrauch zu machen, ihren Gewährsmann angeführt. Nach einem 529 Senatsschlusse wurde König Gentius mit Kindern, Gemahlinn und Bruder nach Spoletium, die übrigen Gefangenen in den Kerker zu Rom gebracht: da aber die Spoletiner die Bewachung der königlichen Familie nicht auf sich nehmen wollten, so brachte man diese nach Iguvium Iguvium in Umbrien. . Nun waren von der Beute aus Illyricum noch zweihundert und zwanzig Barken übrig. Diese dem Könige Gentius abgenommenen Schiffe übergab Quintus Cassius nach einem Senatsschlusse den Bewohnern von Corcyra, Apollonia und Dyrrhachium . 44. Die Consuln, die in diesem Jahre nichts Denkwürdiges verrichteten, weil die Feinde nie mit ihren Heeren ausrückten, kehrten, nach einer bloßen Plünderung des Ligurischen Gebiets, zur Wahl der neuen Obrigkeiten nach Rom zurück; und unter ihrem Vorsitze wurden gleich am ersten Versammlungstage Marcus Claudius Marcellus und Cajus Suspicius Gallus zu Consuln erwählt; dann am folgenden Tage zu Prätoren Lucius Julius, Lucius Appulejus Saturninus, Aulus Licinius Nerva , Publius Rutilius Calvus, Publius Quinctilius Varus, Marcus Fontejus. Die diesen Prätoren bestimmten Amtsplätze waren die beiden in der Stadt, beide Spanien , Sicilien und Sardinien. In diesem Jahre war ein Schaltmonat: der erste Schalttag Terminalia intercalares]. – Ich folge Creviers und Drakenborchs Lesart: postridie Terminalia calendae intercalares fuere. Das Wort calendae konnte cal. geschrieben, leichter ausfallen. – Die Terminalien fielen auf den 23sten Febr. Also war diesmal der erste Schalttag, wie gewöhnlich, der 24ste Febr. Zwei Jahre vorher – denn alle zwei Jahre wurde der Merkedonius eingeschaltet – bemerkte Liv. 43, 11. eine vielleicht durch die Nundinas veranlaßte Abweichung. Entweder macht er also an unsrer Stelle diese Angabe, um anzuzeigen, daß Alles wieder in Ordnung war; oder wir müßten mit Dodwell (bei Drak. ) annehmen, daß in diesem Jahre die Nundinae mehr als Einmal auf Kalenden oder Nonen fielen, und daß man darum nicht so, wie das vorige Mal, nur Einen ausgefallenen Tag zwischen die Terminalien und die calendas intercalares habe einschieben können, sondern den größeren Ausfall irgend anderswo eingeschaltet habe, so daß das Zutreffen der calendarum intercalarium auf den 24. Febr. diesmal nur die Folge einer zwiefachen Unregelmäßigkeit war. Sollte aber Livius diesen Grund nicht, wenigstens mit ein par Worten; angedeutet haben? fiel auf den Tag nach dem 530 Terminusfeste. Der Vogelschauer Cajus Claudius starb in diesem Jahre: in seine Stelle wählten die Vogelschauer den Titus Quinctius Flamininus. Auch starb Quintus Fabius Pictor, der Eigenpriester des Quirinus. In diesem Jahre kam König Prusias mit seinem Sohne Nicomedes nach Rom. Er zog mit einem großen Gefolge in die Stadt, ging vom Thore gerades Wegs auf den Markt und vor die Richterbühne des Prätors Quintus Cassius, dem er, unter einem großen Zusammenlaufe vom allen Seiten her, erklärte: «Er sei gekommen, den die Stadt Rom bewohnenden Göttern und Roms Senate und Volke seine Ehrerbietung zu bezeigen, und ihnen Glück zu wünschen, daß sie die Könige Perseus und Gentius besiegt und durch die Unterwerfung von Macedonien und Illyrien ihre Oberherrschaft erweitert hätten.» Als ihm der Prätor sagte, wenn es ihm gefällig sei, wolle er ihn noch heute dem Senate vorstellen, erbat er sich zwei Tage, um die Tempel der Götter und die Stadt zu besehen und seine Gastfreunde und Freunde zu besuchen. Ihn herumzuführen wurde der Schatzmeister Lucius Cornelius Scipio ihm zugegeben, der ihm schon nach Capua entgegengeschickt war: auch miethete man für ihn und sein Gefolge ein Haus von reichlichem Gelasse. Am dritten Tage darauf kam er vor den Senat. Er wünschte Glück zum Siege, erwähnte seiner Verdienste in diesem Kriege und bat: «Man möge ihm erlauben, zur Erfüllung seines Gelübdes zu Rom auf dem Capitole zehn große Opferthiere und eines der Fortuna zu Präneste darzubringen. Er habe diese Gelübde für den Sieg des Römischen Volks gethan. Auch möge man das Bündniß mit ihm erneuern, und ihm das Gebiet überlassen, das von den Römern dem Könige Antiochus abgenommen, und weil sie es an niemand gegeben hätten, jetzt im Besitze der Gallier sei.» Zuletzt empfahl er dem Senate seinen Sohn Nicomedes. Alle Feldherren, die in Macedonien gestanden hatten, begünstigten ihn. Also wurden ihm seine übrigen Bitten gewährt. In Ansehung des Gebiets gaben ihm die Väter zur Antwort: «Sie wollten Bevollmächtigte schicken, die Sache zu 531 untersuchen. Wenn jenes Gebiet Römisches Eigenthum gewesen und an niemand gegeben sei, so hielten sie den Prusias vor allen Andern dieses Geschenks für würdig. Habe es aber dem Antiochus nicht gehört, so gehe schon daraus hervor, daß es nicht Römisches Eigenthum geworden sei; oder sei es den Galliern einmal gegeben, so müsse Prusias verzeihen, wenn die Römer ihm nicht gern zur Kränkung eines Dritten etwas schenkten. Selbst ein Geschenk könne dem, dem es verliehen werde, nicht angenehm sein, wenn er wisse, daß es ihm der Geber, sobald er es nöthig fände, wieder nehmen werde. Daß er ihnen den Nicomedes empfehle, sei ihnen angenehm. Wie eifrig die Römer die Prinzen befreundeter Könige in Schutz nähmen, davon sei Ägyptens König Ptolemäus ein Beweis.» Mit dieser Antwort entließen sie den Prusias; verordneten dann, ihm von einer Summe zu [hundert und zehntausend ex * sestertiis]. – Die hier ausgefallene Summe schlug Gronov auf etwa 100,000 Sestertien an. Ich habe 110,000 angenommen (oder 6,875 Gulden Conv. M.), weil ich vermuthe, daß ex das folgende CX. verdrängte. Unter sestert ii s – und diese Endigung des Worts nimmt Drak. gegen Gron. in Schutz – verstehe ich sestertia. Die Silbergefäße betrugen (nach Creviers Angabe in Pariser Marken) 1,562 Gulden Conv. M. – Masgabas bekam (oben Cap. 14. ) Geschenke von 100 Pfund Silber, oder 3,124 Gulden; also bekäme Nicomedes an Silbergeschirr noch einmal so viel, als sein Vater, wenn in den Zahlen hier kein Schreibfehler obwaltet. ] Sestertien Geschenke zu reichen und ein Silbergeschirr zu funfzig Pfund; auch auf die Geschenke für seinen Prinz Nicomedes eine eben so große Summe zu verwenden, als auf die dem Masgabas , dem Sohne des Masinissa, gegebenen: ferner die Opferthiere und die übrigen Erfordernisse zum Opfer sollten dem Könige, er möge zu Rom oder zu Präneste opfern wollen, eben so wie den Römischen Obrigkeiten, vom State gereicht, auch von der Flotte, welche zu Brundusium stände, zwanzig Kriegsschiffe angewiesen werden, deren sich der König bedienen könne, bis er die ihm geschenkte Flotte erreichte. Lucius Cornelius Scipio solle ihm nicht von der Seite gehen und jeden Aufwand für ihn und sein Gefolge bezahlen, bis er sich eingeschifft habe. Auch dem Könige, sagt man, habe diese 532 gütige Aufnahme von Seiten der Römer außerordentliche Freude gemacht; Alles, was ihm für seine Person verwilligt war munera sibi ipsum emisse]. – Sollten wir mit der oben gegebenen Erklärung, ohne Gronovs renuisse anzunehmen, ausreichen können? , habe er bar bezahlt, seinem Sohne aber befohlen, das Geschenk des Römischen Volks anzunehmen. Dies erzählen vom Prusias die Schriftsteller meiner Nation. Polybius berichtet, dieser König habe sich seines so hohen Ranges sehr unwürdig benommen; sei gewöhnlich mit dem Freiheitshute auf dem Haupte und kahlgeschoren den Römischen Gesandten entgegengegangen; habe laut gesagt, er sei ein Freigelassener des Römischen Stats und trage deswegen die Abzeichen dieser Classe. Auch zu Rom habe er sich bei seinem Eintritte in den Rathssal niedergebückt und die Schwelle des Sals geküßt, den Senat seine rettenden Götter genannt, und übrigens eine Sprache geführt, die nicht so ehrenvoll für die Zuhörer, als für ihn selbst entehrend gewesen sei. Nachdem er sich in und bei Rom nicht über dreißig Tage aufgehalten hatte, reisete er in seine Staten ab.