Plautus Der Schaz. ( Trinummus ) Deutsch in den Versmaßen der Urschrift von J. J. C. Donner. Leipzig und Heidelberg C. F. Winter'sche Verlagshandlung 1864. Personen. Die Ueppigkeit und die Dürftigkeit , allegorische Wesen, die den Prolog sprechen . Charmides , ein athenischer Kaufmann . Lesbonikus , dessen Sohn . Stasimus , dessen Sklave . Kallikles , ein athenischer Bürger, des Charmides Freund . Magaronides , ein athenischer Bürger . Philto , ebenso . Lysiteles , der Sohn des Philto . Ein Gauner ( Sykophant ). Das Stück spielt in Athen auf offener Straße. Prolog Erster Act Zweiter Act Dritter Act Vierter Act Fünfter Act ————— Sylbenmaße Prolog. Die Ueppigkeit und die Dürftigkeit . Die Ueppigkeit . Komm, meine Tochter, daß du deinem Amt genügst! Die Dürftigkeit . Ich folge; doch zu welcheln Ende, weiß ich nicht. Die Ueppigkeit . (zeigt der Dürftigkeit das Haus des Charmides ) Tritt näher; sieh, das ist das Haus. Das Haus ist das Haus des Charmides oder seines Sohnes, des Lesbonikus, der während der Abwesenheit des Vaters übel gewirthschaftet hatte. Nun geh' hinein.     (Die Dürftigkeit geht hinein. Die Ueppigkeit wendet sich gegen die Zuschauer) Jezt, daß sich Niemand irre, will ich euch den Weg In Kürze weisen, wenn ihr still zu sein versprecht. Vor Allem also, wer ich selbst, wer jene sei, Die hier hineinging, sag' ich, wenn ihr's merken wollt. Mich nannte Plautus Ueppigkeit, und hat mir die Als meine Tochter zugesellt, die Dürftigkeit. Nun hört, warum die ging hinein auf mein Geheiß, Und leiht, indeß ich rede, mir ein offnes Ohr. Ein junger Mensch wohnt hier im Hause; dieser hat Sein Vatergut mit meiner Hülfe durchgebracht. Da jezt, um mich zu verhalten, ihm nichts übrig blieb, Gab ich, mit ihr zu leben, meine Tochter ihm. Doch über uns'res Stückes Plan erwartet nichts; Zwei Alte, die nun kommen, thun euch Alles kund. Auf griechisch nennt man dieses Stück den Schaz; es schrieb's Philemon Philemon war ein Zeitgenosse Menanders, des größten Meisters der neuen Komödie. Er blühte um das J. 300 v. Chr. ; Plautus übertrug's in's Römische. Trinummus In der griechischen Urschrift führte das Stück den Namen Schaz (θησαυρός). Plautus gab ihm den Namen trinummus von den drei Nummen ( tribus nummis ) oder Drachmen, die eine Nebenfigur des Stückes, ein athenischer Gauner, empfängt, um dafür eine Schelmerei auszuführen. Vgl. 4, 2, 1 . ward's von ihm genannt. Jezt bittet er, Mögt ihr gestatten, daß es also heißen darf. Und nun genug! Lebt wohl, und hört in Ruhe zu! Erster Act. Erste Scene. Megaronides . Fürwahr, den Freund zu schelten um verdiente Schuld, Belohnt sich niemals, aber mag zu Zeiten doch Ersprießlich sein. So muß ich heute meinen Freund Für seine wohlverdiente Schuld ausschmäh'n: ich thu's Ungerne, doch mich treibt dazu die Freundespflicht. Die Seuche griff hier ohne Maß die Sitten an, Daß wir dem Tode größten Theils verfallen sind. Indeß die Sitten kranken, schießt voll Ueppigkeit, Wie geiles Unkraut, wild empor die schlechte Zucht. Nichts ist bei uns wohlfeiler, als die Schurkerei: Da kann die reichsten Garben mäh'n, wer ernten will. Denn Viele buhlen um die Gunst von Wenigen, Und achten die weit höher als gemeines Wohl. So muß der Wohlstand weichen vor der Schmeichelei, Die manches Unheils Mutter ist, Unfrieden sät, Und alles wahrhaft Edle hemmt in Haus und Staat. Zweite Scene. Kallikles . Megaronides . Kallikles . (außer der Schwelle des neugekauften Hauses, in dasselbe zurückrufend) Mit einem Kranze schmücke heut des Hauses Gott; Dem Gotte des neuerkauften Hauses, in das er eben eingezogen ist, will Kallikles das übliche Opfer bringen, und die kleine Bildsäule desselben, die auf dem heiligen Herde stand, mit einem Kranze von Kornähren schmücken. Ihn, Frau, verehre, daß er Glück, Wohlstand und Heil Und Segen bringt in unser neues Haus, und daß –     (bei Seite) Er mich so bald als möglich, Frau, von dir erlöst. Megaronides . (bei Seite) Das ist der Hochbetagte, der zum Kinde ward, Der eine Schuld verwirkte, werth der Züchtigung. Ich will ihn angeh'n. Kallikles .                         Wessen ist die Stimme da? Megaronides . Des Freundes, bist du so gesinnt, wie ich es will, Und bist du's nicht, des Feindes, der dir bitter grollt. Kallikles . Willkommen, alter lieber Freund, Megaronides, Wie geht es? Megaronides .       Mir auch sei willkommen, Kallikles: Wie geht's? Wie ging dir's? Kallikles .                                     Ueber mein Erwarten gut. Megaronides . Und deine Frau – wie geht's ihr? Kallikles .                                                             Besser als mir lieb. Megaronides . Traun, freuen muß dich's, wenn sie lebt und munter ist. Kallikles . Dich freut es, glaub' ich, wenn mich Etwas traurig stimmt. Megaronides . Was ich besize, wünsch' ich meinen Freunden auch. Kallikles . Ei! Deine Frau – wie geht's ihr? Megaronides .                                             Ist unsterblich, Freund; Sie lebt, und lebt noch lange. Kallikles .                                       Schön! Ich wünsche Glück; Sie muß dich überleben, wenn mich Gott erhört. Megaronides . Nicht hindern wollt' ich's, wäre sie mit dir vermählt. Kallikles . Nun – willst du tauschen? Nimm du mein', ich deine Frau! Nicht um ein Härchen käm' ich, traun, zu kurz dabei. Megaronides . Wohl glaub' ich, daß du gerne mich belistetest. Kallikles . Am Ende, fürcht' ich, möchte dich der Tausch gereu'n. Megaronides . Behalte du denn, was du hast; gewohntes Leid Erträgt sich noch am ehsten. Und bekäm' ich jezt Ein ungewohntes Uebel, wüßt' ich wahrlich nicht, Was ich begänne. Lange lebt, wer glücklich lebt. Doch laß den Scherz bei Seite, gib nur Acht auf mich; Denn recht mit Absicht komm' ich her zu dir. Kallikles .                                                                 Warum? Megaronides . Vielfach mit vieler Worte Schmach dich auszuschmäh'n. Kallikles . Mich? Megaronides . Ist hier noch Jemand anders außer dir und mir? Kallikles . Kein Mensch. Megaronides .                 Was also fragst du noch, ob's dich betrifft? Wie kannst du meinen, daß ich mich selbst schelten will? Denn wenn in dir der alte gute Geist erkrankt, Wenn du mit arger Sitte dir den Sinn verkehrst, Nicht hängst an alter guter Art, der neuen fröhnst, So schlägst du deiner Freunde Herz mit schwerer Noth, Daß dich zu hören, dich zu seh'n, ihm Schmerz erweckt. Kallikles . Was kommt dich an, Freund, daß du sprichst in solchem Ton? Megaronides . Weil jeder Gute trachten muß, so Mann wie Frau, Daß weder Argwohn, weder Schuld, bei ihnen wohnt. Kallikles . Für Beides kann doch Niemand steh'n. Megaronides .                                                         Wie so? Kallikles .                                                                               Du fragst? Die Schuld zu meiden, bin ich Herr in meiner Brust; Der Argwohn wählte seinen Siz in fremder Brust. Wie? Wenn ich Argwohn hegte, daß du Jupitern Vom Haupt die Kron' entwendet aus dem Capitol, Das auf des Berges Spize thront; du thatst es nicht, Doch heg' ich Argwohn, daß du's thatst, weil mir's beliebt: Wie kannst du mir verbieten, was ich wähnen will? Doch wissen möcht' ich, was du bringst, sei's was es sei. Megaronides . Lebt dir ein Freund, ein Anverwandter, dem du was Gescheidtes zutraust? Kallikles .                           Ohne Falsch erklär' ich dir: Gar Mancher, weiß ich, ist mein Freund; von Anderen Vermuth' ich's, Andrer Sinnesart durchschau' ich nicht, Nicht, ob sie Widersacher, ob sie Freunde sind. Du bist von sichern Freunden mir der sicherste. Erkennst du, daß ich unbedacht und schlecht gethan, Verdienst du Tadel, wenn du mir's nicht rügst. Megaronides .                                                           Gewiß. Kam ich aus andrem Grunde her, so hast du Recht. Kallikles . Ich bin erwartend, was du sagst. Megaronides .                                             Vor Allem denn! Gar übel sprechen über dich die Leute hier; Von Schandgewinnsucht angesteckt erklärt man dich. Dann wieder Andre schelten dich den Geier: ob Du Freund verzehrst, ob Feinde, sei dir einerlei. Vernehm' ich Solches über dich, das thut mir weh. Kallikles . Nun, daß sie schimpfen, kann ich nicht verhüten, Freund, Doch wohl verhüten, daß es nicht mit Recht geschieht. Megaronides . War nicht der Charmides hier dein Freund? Kallikles .                                                                             Er ist's und war's. Auf daß du's glaubest, zeuge mir die Sache selbst! Denn als der Sohn ihm seine Habe durchgebracht, Er selbst zum Bettelstabe war herabgedrückt, Als seine Tochter mannbar und zur Ehe reif, Und ihre Mutter, seine Frau, gestorben war; Ging er sich einzuschiffen nach Seleucia, Empfahl die Tochter meiner Hut, vertraute mir All sein Vermögen und den saubern Sohn dazu. Wär' er mein Feind, das, glaub' ich, hätt' er nie gethan. Megaronides . Was führst du den Jüngling, den du so verdorben siehst, Der deiner Treue, deiner Hut befohlen war, Nicht wieder auf den rechten Weg, zur Besserung? Dahin zu trachten, stünde dir viel besser an, Ob ihn zu bessern dir gelingt, als daß du selbst Zugleich mit ihm in gleiche Schande dich verstrickst, Und seine Sünden theilst mit ihm. Kallikles .                                               Was that ich denn? Megaronides . Was Schelmen thun – Kallikles .                                           Ich nimmer! Megaronides .                                                         Hast du nicht das Haus Dem jungen Menschen abgekauft? – Was schweigst du denn?– Das, wo du jezt wohnst? Kallikles .                                 Ja, ich kaufte mir's und gab Ihm selber vierzig Minen in die Hand dafür. Megaronides . Gabst ihm das Geld? Kallikles .                                           Ich that es und bereu' es nicht. Megaronides . Bei Gott! Der Mensch ward einer saubern Hut vertraut. Um sich zu morden, gabst du so ihm selbst das Schwert! Was ist es anders, wenn man einem thörichten, Verliebten jungen Gecken Geld in die Hände gibt, Um auf des Leichtsinns hohlem Grunde fortzubau'n? Kallikles . So durft' ich ihm das Geld nicht geben? Megaronides .                                                         Nimmermehr! Nicht pflegen durftest du Verkauf noch Kauf mit ihm, Nicht ihm zu größrer Schlechtigkeit die Mittel leih'n. Ihn, der vertraut war deiner Hut, berücktest du, Warfst ihn aus seinem Hause, der ihn dir vertraut. Ein schöner Auftrag, wahrlich, und fein ausgeführt! Den nimm zum Vormund: sich vergißt er sicher nicht. Ich lese: crede huic tutelam: suam rem melius gesserit. Kallikles . Du zwingst mich durch dein Schmähen, was mir nie zuvor Begegnet, daß ich alles das, Megaronides, Was einst vertraut ward meiner Treu und Redlichkeit, Um's weiter Niemand zu vertrau'n noch kundzuthun, Daß ich dir alles dieses nun vertrauen muß. Megaronides . Treu werd' ich dir bewahren, was du mir vertraust. Wörtlich: Was du mir vertrautest, triffst du, wo du's hingelegt. Kallikles . So sieh dich um, daß Niemand unsre Reden hier Belauscht; ich bitte, sieh dich ja recht sorgsam um. Megaronides . Ich höre, wenn du redest. Kallikles .                                                 Schweigst du, sag' ich es. Als Charmides von hinnen in die Fremde fuhr, Bezeichnet' er mir einen Schaz im Hause hier, In einem Zimmer – aber sieh dich um! Megaronides .                                               Wir sind Allein. Kallikles .     Philippusstücke Philippusstücke. Vgl. zu 4, 2, 112 . bei drei Tausenden. Bei meiner Freundschaft, meiner Treu beschwor er mich Geheim mit Thränen, seinem Sohn nichts kundzuthun, Noch irgend Jemand, der's dem Sohn verrathen kann. Nun stell' ich, kommt er wieder, ihm das Seine zu. Trifft ihn ein Unfall, bleibt für seine Tochter doch, Die mir vertraut ist, mir ein Heiratgut gewiß, So daß ich ihrer würdig sie vermählen kann. Megaronides . Ihr Götter, helft! Mit wenig Worten hast du mich Wie schnell verwandelt! Andern Sinnes kam ich her. Doch wie du, Freund, begonnen, sprich nur weiter fort. Kallikles . Was soll ich dir noch sagen, wie der Taugenichts Des Vaters Vorsicht, Alles, was der schlau verbarg, Und meine Treue nahezu mit Füßen trat! Megaronides . Wie das? Kallikles . Indeß ich aus dem Lande bin sechs Tage nur, So schreibt er, ohne daß ich's weiß und daß ich's will, Das Haus als feil aus öffentlich. Megaronides .                                     Da ward der Wolf Noch hungriger, sperrte gieriger noch den Rachen auf, Blieb auf der Lauer, und indeß der Hund noch schlief, Stach's ihn, die ganze Heerde wegzuschnappen. Kallikles .                                                                   Traun, Wenn's nicht der Hund gewittert, hätt' er's auch gethan. Doch stell' ich eine Frage, Freund, jezt auch an dich. Was war zu thun hier meine Pflicht? Das sage mir. Sollt' ich den Schaz ihm zeigen, was sein Vater mir Doch streng verboten? Oder sollt' ich dulden, daß Ein Andrer Herr in diesem Hause ward, und daß Dem dann der Schaz gehörte durch des Hauses Kauf? So kauft' ich lieber selbst das Haus und gab das Geld Des Schazes wegen, und erhielt ihn meinem Freund. Und nicht für mich noch meinen Vortheil kauft' ich es; Für ihn erstand ich's wieder, gab mein Geld dafür. Das ist es, sei's nun recht gethan, sei's auch verkehrt; Ich selbst bekenne, daß ich's that, Megaronides. Das meine Sünden, das mein Geiz, so nennst du's ja. Und solcher Dinge wegen werd' ich ausgeschrie'n? Megaronides . Halt' ein! Du hast den Tadler überwunden, ihm Den Mund geschlossen: nichts entgegnen kann ich mehr. Kallikles . Jezt bitt' ich dringend, steh mir bei mit Rath und That, Und theile mit mir, was mir hier obliegt zu thun. Megaronides . Hier meine Hand! Kallikles .                                       Wo wirst du später sein? Megaronides .                                                                         Zu Haus. Kallikles . Ich gehe. Megaronides .         Handle dir getreu! Kallikles .                                             Verlaß dich drauf! Megaronides . Noch Eines! Kallikles .                             Was? Megaronides .                               Wo wohnt er jezt, der junge Mensch? Kallikles . Das Hinterhaus behielt er bei dem Hausverkauf. Megaronides . Das eben wollt' ich wissen. Gut! Jezt kannst du geh'n Noch Eins! Kallikles .           Und was? Megaronides .                   Das Mädchen ist bei dir? Kallikles .                                                                   Gewiß. Wie meine Tochter, halt' ich sie. Megaronides .                                     Da thust du wohl. Kallikles . Ei, hast du noch was, eh' ich gehe? Megaronides .                                                 Lebe wohl!     ( Kallikles geht ab.) Bei Gott, es gibt nichts Thörichteres, nichts Dümmeres, Das lügenhafter, dessen Sprache dreister ist, So voller Arglist, voller Trug, als jene Herrn Stadtpflastertreter, die man Zungendrescher nennt. Doch zog ich selbst mit ihnen an dem gleichen Seil, Lieh ihren Lügenworten stets ein gläubig Ohr. Die wollen Alles wissen, ja, und wissen Nichts. Was Jeder denkt und denken wird, das wissen sie. Ja, was der Fürst der Fürstin leis' in's Ohr gesagt, Was Juno selbst mit Zeus geschwazt, das wissen sie. Was nie gescheh'n wird, nie geschah, sie wissen's doch. Ob wahr sein Lob ist oder falsch, sein Tadel trifft, Ist Jedem gleichviel, weiß er nur, was ihm gefällt. Die ganze Welt schalt diesen Kallikles, er sei Unwerth sein selbst, unwürdig, Bürger hier zu sein, Daß er den Jüngling weggedrückt aus seinem Gut. Ich, durch der Mährchenträger Klatscherei'n verblüfft, Sprang auf, den Freund zu schelten, der unschuldig war. Ja, spürte man die Lügen an der Wurzel auf, Und trüg' es Schimpf und Schande dann dem Schwäzer ein, Der seines Leumunds Quelle nicht zu nennen weiß, – Wenn das geschähe, stünd' es wohl um unsre Stadt. Ich wette, Wenige wüßten, was sie nicht gewußt, Und wohl verschlossen hielten sie ihr Narrenmaul. Zweiter Act. Erste Scene. Lysiteles . So gar Vieles geht mir zumal jezt im Kopf um, So gar vielen Schmerz macht das rastlose Sinnen; Voll Unruh zerquäl' ich, zerarbeit' ich mich: weh! Das Herz hier, das hofmeistert mich wie ein Frohnvogt. Und doch ist mir's unklar, und nicht ganz entschieden, An welch einem Grundsaz ich festhalten könnte, Und was uns am sichersten zum Ziel führt im Leben. Ist's Lieb' oder Geldwerth? Wonach soll ich trachten? Wo, hier oder dort, strömt an freundlicherer Sonne Der Glücksstrom des Lebens? Ich weiß meines Raths nicht;     (er sinnt eine Weile nach)                                               Ja, so will ich's halten: Ich will Beides abwägen, will hier in dem Rechtsstreit Zumal Richter sein und zumal auch Beklagter. So sei's, so gefällt mir's! Erst beginn' ich mit der Liebe, wie sie durch das Leben leitet. Nie verlockt sie den in's Garn, der nicht zuvor den Lüsten fröhnte; Den verlangt sie, den verfolgt sie, ködert ihn mit list'gem Schmeicheln, Lockt ihn aus der Bahn mit süßem Worte, lügt und nascht und stiehlt, Führt den Lüstling in's Verderben, plündert ihn, geberdet sich Reizend im Gewand der Armuth, spürt verborg'nen Dingen nach. Denn sobald Einer liebt, rinnt das Geld flugs hinaus, Schmilzt hinweg, wenn ein Kuß, Pfeilen gleich, ihn durchbohrt. »Gib mir das, süßer Freund! Liebst du mich, hörst du wohl.« Unser Fant sagt darauf: »Püppchen, da! Gern geschieht's; Wenn du sonst was verlangst, daß ich dir schenken soll, Du bekommst's.« Und er hängt, wird gepeitscht. Doch sie will mehr und mehr; Ja, sie hat nie genug, wird ihr nicht immer mehr, Was sie zecht, was sie schmaust und verthut. Eine Nacht Schenkt sie ihm! – Kommt ein Troß Diener ihm nun daher, Zofen, Salber, Silberhüter, Fächer- und Sandalenmägde, Sängerinnen, Juweliere, Boten hin und Boten her, Die den Brodschrank und den Beutel plündern: er, indem er Allen Willfahrt, wird zum Bettler. Bedenk' ich's im Geist nun, erwäg' ich, daß Nichts gilt, Wer Nichts hat: hinweg dann, vor dir, Liebe, graut mir, Bin gram dir, so süß auch Gelag' ist und Schmaus ist. Liebe schafft dir herbes Leid und Reue nur, sie flieht den Markt, Vertreibt deine Freunde, sie mag nie sich selbst seh'n, Und Niemand im Volk will dein Freund mehr genannt sein. Tausendfach sei mir die Liebe fern, verabscheut, sei vergessen! Sichrer ist der Sprung vom Felsen, als der Sturz in ihre Tiefen. Weg mit dir! Fern bleib' o Liebe! Meine Freundin seist du niemals! Viele sind, die du dir unterworfen, die du quälst und marterst. Auf, wohlan! Tugend sei meine Wahl, wenn ich auch Sauren Schweiß schwizen muß. Denn der Rechtschaff'ne sucht Geld und Gut, Ehre, Ruhm, Gunst, Vertrau'n. Dieses ist edlen Sinns schöner Lohn. Lieber denn will ich mit Guten im Bunde sein, Als daß ich lebe, prahlenden Schwäzern gesellt. Zweite Scene. Philto . Lysiteles . Philto . Wo hinaus lief der Mensch wohl so schnell aus dem Haus? Lysiteles . Mein Vater, hier bin ich; gebeut nur, ich folge Sogleich, will mich niemals entzieh'n deinem Anblick. Philto . Schön, mein Sohn, wenn du mich, wie du bisher gethan, Fürder in Ehren hältst! Ist dir dein Vater lieb, Will ich nicht, daß du dich schlechtem Volk zugesellst Auf dem Weg, auf dem Markt, und mit ihm Rede pflegst. Kenn' ich doch dies Geschlecht, welcher Art Alle sind. Schurke sucht Schurken nur, daß er ihm ähnlich sei. Tugend wankt, das Laster herrscht nur, Habsucht, Raubgier, Eifersucht; Nichts ist heilig, kein Gemeingut gilt, nach Allem hascht die Brut. Dieses schmerzt mich, dieses quält mich, darum sing' ich Tag und Nacht: »Hüte dich!« Was ihre Hand nicht greifen kann, das lassen sie Unberührt; sonst heißt es: Raube, schleppe, fleuch, verstecke dich! Seh' ich das, entlockt mir's Thränen, daß ich diese Menschenart Noch erlebte, nicht vorlängst zu meinen Vätern ging: denn hier Loben sie die alten Sitten; was sie loben, schänden sie. Solcher Art fröhne nicht, übe sie nimmerdar, Lieber Sohn, laß durch sie deinen Sinn nicht entweih'n! Lebe nach meiner Art, wie die Altvordern einst! Thue, wie ich es dich lehrte! Mich widert's an, Das feine Wesen, das sich mit dem Laster paart, Wodurch der Edle sich beschimpft. Nimmst du dir diese Gebote zu Herzen, Dann haftet viel Gutes im Grund deiner Seele. Lysiteles . Allezeit von frühster Kindheit kam ich bis auf diesen Tag Deinem Wink und Willen, Vater, ohne Widerrede nach. Zwar dem Geist nach glaubt' ich immer frei zu sein; doch deinem Wink Meinen Sinn zu unterwerfen, hielt ich stets für meine Pflicht. Philto . Wenn ein Mensch von früher Kindheit an mit seinen Lüsten kämpft, Ob er lieber handeln solle, wie des Herzens Lust ihn treibt, Oder so, wie's seine Eltern und Verwandten gerne seh'n, Ist's vorbei, wenn ihn die Lust schlug; ihr nur fröhnt er dann, nicht sich. Hat er selbst die Lust geschlagen, lebt er, ist der Helden Held. Wenn du deine Lust besiegt hast, nicht sie dich, so freue dich; Wenn du so bist, wie du sein sollst, besser ist's, als wie: du willst. »Wenn du so bist, wie du sein sollst, besser ist's als wenn du bist, wie du sein willst.« Wackrer ist es, seine Lüste zwingen, als ihr Sklave sein. Lysiteles . Immer hielt ich das für meiner jungen Jahre besten Schild, Daß ich nie dorthin verirrte, wo der Markt des Lasters ist, Noch die Nacht auswärts durchschwärmte, noch nach fremdem Gute griff. Daß ich nie dir Kummer machte, Vater, war ich streng bedacht. Eine Wehr für dein Gebot war immer meine Folgsamkeit. Philto . Sohn, warum dich dessen rühmen? Thatst du wohl, frommt's dir, nicht mir. Meine Jahre flieh'n zum Ende; dir allein gilt, was ich sprach. Wacker ist nur, wen's bekümmert, ob er gut und wacker sei. Wer sich selbstgefällig anschaut, ist nicht brav noch edler Art. Decke Gutthat stets mit neuer guter That, sonst regnet's durch. Philto ermahnt seinen Sohn, sich seiner guten Aufführung nicht zu rühmen, sondern eine gute Handlung stets mit neuen guten Handlungen zu »decken«, damit sie nicht verderbe, und ihren Werth behalte, so wie man die Häuser gegen den eindringenden Regen durch Dächer schüzt. Nur in dem, der sich verachtet, wohnt des Edlen ächter Kern. Lysiteles . Vater, darum sprach ich also, weil es Etwas gibt, um das Ich dich eben bitten wollte. Philto .                                         Was denn? Gern gewähr' ich dir's. Lysiteles . Einem Jüngling edlen Stammes, meinem Altersfreunde dort,     (er deutet auf das Haus des Lesbonikus ) Der ein wenig unbesonnen sein Vermögen durchgebracht, Möcht' ich, wenn du mir's gestattest, helfen. Philto .                                                                   Doch mit deinem Geld? Lysiteles . Ja, mit meinem; denn was dein ist, ist auch mein und umgekehrt. Philto . Darbt er denn? Lysiteles .                   Ja wohl. Philto .                                       Besaß er was? Lysiteles .                                                           Ja. Philto .                                                                       Wie verlor er's denn? Ließ er sich in einen Statspacht, in ein Seegeschäft sich ein? Trieb er Handel, hielt er Sklaven, daß er um das Seine kam? Lysiteles . Nichts von all dem. Philto .                                       Was denn anders? Lysiteles .                                                                 Lauter Herzensgüte war's. Einen Theil wohl hat er auch in Lustbarkeiten durchgebracht. Philto . Nun, mit gar zu vieler Freundschaft sprichst du von dem Menschen da, Der ja doch durch seine Schuld nur um das Seine kam und darbt. Daß du Menschen solcher Art so nahe stehst, behagt mir nicht. Lysiteles . Weil der Mensch ohn' alles Arg ist, helf' ich ihm in seiner Noth. Philto . Dankt es doch der Bettler Keinem, der ihm Trank und Speise reicht. Was du dem gewährst, verlierst du, ihm geschieht ein schlechter Dienst: Du verlängerst ihm das Leben und damit sein Elend auch. Dies erwähn' ich nicht, als ob ich dir nicht gern willfahrte; nein, Red' ich so von deinem Freunde, geb' ich dir nur einen Wink, Daß dich so nicht Andrer jammre, daß du selbst einst jammern mußt. Lysiteles . Ihn zu verlassen, ihm im Unglück nicht zu helfen, schäm' ich mich. Philto . Nun, sich schämen klingt in allen Sylben besser, als sich grämen. Lysiteles . Vater, durch die Huld der Götter, durch der Ahnen Kraft und deine Haben wir viel wohlerworbne Güter. Halfest du dem Freund, Gräme dich nicht, daß du's thatest; schäme dich, es nicht zu thun. Philto . Nimmst du weg von großem Reichthum, wird es minder oder mehr? Lysiteles . Minder. Aber weißt du, was man einem Undienstfert'gen wünscht? »Was du hast, das habe nicht, und was du nicht hast, habe: Noth; Sintemal du weder dir noch Andern etwas Gutes gönnst.« Philto . Daß man so zu sagen pflegt, das weiß ich wohl; indeß, mein Sohn, Undienstfertig ist, wer nichts hat, was zum Dienst ihn fertig macht. Lysiteles . Durch die Huld der Götter haben wir für eignen Nothbedarf, Haben wir genügend Mittel, wackern Freunden beizusteh'n. Philto . Nun, fürwahr! Dir kann ich freilich nichts versagen, was du willst. Wessen Armuth willst du lindern? Sag's dem Vater keck heraus. Lysiteles . Da dem jungen Lesbonikus gilt's, dem Sohn des Charmides, Dem da drüben – Philto .                           Der verthan, was ihm gehört und nicht gehört? Lysiteles . Vater, schilt nicht! Vieles kommt, was man gewollt und nicht gewollt. Der Sinn ist: die Menschen haben gute und böse Zufälle nicht in ihrer Gewalt. Philto . Sohn, du bleibst nicht bei der Wahrheit, handelst nicht in deiner Art. Denn der Weise schafft sich immer sein Geschick mit eigner Hand; Und geschieht ihm, was er nicht will, trägt der Schöpfer nur die Schuld. Lysiteles . Wer des Glückes wackrer Schöpfer für sein Leben werden will, Schafft an einem großen Werke; freilich – der ist allzu jung. Philto . Durch den Geist, nicht durch das Alter, wird die Weisheit unser Theil. Alter ist des Weisen Würze; Weisheit ist des Alters Kost. Er will sagen: das Alter an sich bringt keine Weisheit mit sich, es kann nur allenfalls eine Würze der Weisheit werden; im Gegentheil kann die Weisheit oft durch das Alter verzehrt werden. Daher ist die Sittlichkeit das Erzeugniß guter Grundsäze, welche schon der Jüngling erwerben und in sich nähren soll, und der Tugend, deren der Jüngling so gut fähig ist, als der Greis. Köpke. Doch – was denkst du ihm zu geben? Lysiteles .                                                   Vater, geben will ich nichts. Wehre mir nur nicht zu nehmen, wenn er mir was geben will. Philto . Wirst du seine Noth erleichtern, wenn du etwas nimmst von ihm? Lysiteles . Vater, ja. Philto .                       Nun, laß mich wissen, wie du das ausführst. Lysiteles .                                                                                         Wohlan! Weißt du, welches Hauses Sohn er ist? Philto .                                                            Er stammt vom besten Haus. Lysiteles . Eine Schwester, die heranwuchs, hat er, eine stattliche, Schöne Jungfrau; diese, Vater, wünscht' ich wohl als meine Frau Heimzuführen. Philto .                     Ohne Mitgift? Lysiteles .                                       Ohne Mitgift. Philto .                                                                   Und als Frau? Lysiteles . Wenn du nichts dawider hast. Ihm thust du so den größten Dienst, Und in bess'rer Weise wahrlich hilfst du seiner Noth nicht auf. Philto . Wie? Du wolltest ohne Mitgift eine Frau – Lysiteles .                                                                 Gestatte mir's, Und erhöh' auf diese Weise, Vater, unsers Hauses Ruhm. Philto . Manch gelehrte Sprüche könnt' ich mit beredtem Munde dir Kundthun; alter, neuer Mähren viel bewahrt mein graues Haupt. Doch ich sehe, wie du Gunst und Liebe lockst in unser Haus, Und so sehr ich erst entgegen kämpfte, stimm' ich nun dafür: Ich gestatt' es, freie, nimm sie. Lysiteles .                                         Gott erhalte dich für mich! Doch um Eins noch muß ich bitten. Philto .                                                     Und das Eine? Lysiteles .                                                                       Höre! Du Geh hinein zu ihm, gewinn' ihn, wirb für mich. Philto .                                                                       Ei, seht mir doch! Lysiteles . Was du thust, führt schnell zum Ziele; was du thust, hält Alles Stand, Und ein Wort von dir hat mehr Gewicht, als hunderte von mir. Philto . Siehe da! Durch meine Güte fand ich hier genug zu thun. Doch es sei! Lysiteles . (umarmt ihn)                       Mein Allerliebster! Dies das Haus, hier wohnt er – heißt Lesbonikus. Auf, besorg' es! Ich erwarte dich daheim.     (geht ab.) Dritte Scene. Philto (allein). Philto . Wohl ist es nicht das Beste, nicht nach meinem Sinn; Doch ist es immer besser, als das Schlechteste. Auch tröstet dieses Eine mich und mein Gemüth: Der wird zu Schanden, welcher nur, was ihm allein Gefällt, dem Sohn zuwider auszuführen strebt; Er härmt sich ab, und schafft am Ende nichts damit. Ja, wer daheim das böse Wetter aufgeregt, Bereitet sich für's Alter rauhe Tage nur. Doch – das Haus, wohin ich wollte, thut sich auf: erwünscht Tritt Lesbonikus selbst heraus mit seinem Knecht. Vierte Scene. Lesbonikus . Stasimus . Philto (bleibt zur Seite stehen). Lesbonikus . Kaum sind es vierzehn Tage, daß dir Kallikles Für dieses Haus die vierzig Minen ausbezahlt. Ist's wie ich sage, Stasimus? Stasimus .                                       Bedenk' ich's so, Dann magst du wohl Recht haben. Lesbonikus .                                           Was geschah damit? Stasimus . Es ist verschmaust, verzecht, versalbt, im Bad verthan. Der Fischer, Bäcker, Fleischer, Koch, der Gärtner hat's, Der Salbenhändler und der Vogelfänger hat's; Zerronnen ist es, schneller ging's, als wenn du Mohn Ameisen hinwirfst. Lesbonikus .                   Alles dies ja kostet nicht Sechs Minen. Stasimus .               Aber was du dann den Mädchen gabst? Lesbonikus . Das rechn' ich ein. Stasimus .                                     Und was ich stahl? Lesbonikus .                                                                 Das ist das Haupt! Stasimus . Das kannst du nicht so finden, wenn du rechnen willst, Du glaubtest etwa, daß dein Geld unsterblich sei.     (bei Seite) Zu spät und albern – früher hätt' er's sollen thun – Berechnet er's, nachdem er all sein Geld verthan. Lesbonikus . (für sich rechnend, nach einer Pause) Und rechn' ich noch so lange, bring' ich's nicht heraus. Stasimus . O ja, die Rechnung kommt heraus; das Geld ist fort. Die vierzig Minen nahmest du von Kallikles, Er nahm das Haus von dir zu Kauf. Lesbonikus .                                           Nur allzuwahr. Philto . (bei Seite) Ich glaube gar, der Schwager hat sein Haus verkauft. Kommt nun sein Vater, hat er vor der Thüre Plaz, Wenn er dem Sohn nicht in den Magen kriechen will. Stasimus . Und tausend Drachmen, welche du laut Rechnung ihm Noch schuldig warest, zahltest du dem Wechsler heim. Lesbonikus . Die ich versprochen – Stasimus .                                           Sage: die ich ausgezahlt – Die man für dein Versprechen jüngst von dir erpreßt Für jenen Jungen, den du für vermögend hieltst. Lesbonikus . Gescheh'n! Stasimus .                         Ja, du verlorst das Geld. Lesbonikus .                                                             Auch dies geschah. Jezt seh' ich ihn im Jammer, und mich jammert sein. Stasimus . Wohl; doch für dich, Herr, hast du weder Gram noch Scham. Philto . (für sich) Jezt ist es Zeit zu gehen. Lesbonikus .                           Kommt nicht Philto hier? Bei Gott, er ist's! Stasimus . (leise zu Lesbonikus )                               Ich wollte, daß der Alte da Mein Sklave würde, wie er ist, samt seinem Geld. Philto . Den Herrn und Diener, Lesbonikus und Stasimus, Heißt Philto vielwillkommen. Lesbonikus .                                     Was du wünschen magst, Gewähre dir der Götter Huld. Was macht dein Sohn? Philto . Er will dir wohl. Lesbonikus .                     Nun, also fühl' auch ich für ihn. Stasimus . (für sich) Ein albern Wort: »er will dir wohl«, wenn er's nicht thut . Frei will auch ich sein, und mein Wollen ist umsonst. Der wünscht ein guter Wirth zu sein, und wünscht's umsonst. Philto . Verschwägerung zu stiften zwischen ihm und euch Und enge Freundschaft, sendet mich mein Sohn zu dir. Er wünscht sich deine Schwester zum Gemahl, und ich Bin gleichen Sinns und will es. Lesbonikus .                                       Nicht mehr kenn' ich dich: Du spottest meiner Dürftigkeit in deinem Glück. Philto . Ich bin ein Mensch, du bist es auch. Bei'm höchsten Gott! Nicht dein zu spotten kam ich her, auch wär's nicht recht. Nein, wie gesagt, mein Bester, ging mein Sohn mich an, Daß ich für ihn um deine Schwester werben soll. Lesbonikus . Wie meine Lage, weiß ich doch am besten selbst. Für euren Anhang wahrlich paßt der unsre nicht. Sucht euch Verwandtschaft anderwärts, wo's euch gefällt. Stasimus . (zu Lesbonikus ) Bist du bei Sinnen oder bei Verstande noch, Und schlägst ein solches Anerbieten aus? Ein Freund, Der Hülfe bringt »Ein Freund, der Hülfe bringt«, im Römischen amicus ferentarius . Die ferentarii waren leichte Truppen, vornehmlich der römischen Reiterei, die von dem Heerführer schnell zu Hülfe geschickt wurden, wo das Treffen wankte. Mit Anspielung hierauf nennt Stasimus den Philto amicum ferentarium, einen allzeit fertigen Freund, der dem Bedrängten Hülfe bringt. , ist dieser, das ist offenbar. Lesbonikus . Fort, geh zum Henker! Stasimus .                                         Ging' ich, du verbötest es. Lesbonikus . Du, willst du sonst nichts, Philto, weißt du den Bescheid. Philto . Ich hoffe, Lesbonikus, daß du freundlicher Mir einst begegnen werdest, als du heute thust. Denn thöricht handeln, thöricht schwazen, Beides ist Zu Zeiten, Lesbonikus, nicht wohl angebracht. Stasimus . Er redet wahr, bei'm Himmel! Lesbonikus .                                             Sprichst du noch ein Wort, So kostet dir's ein Auge. Stasimus .                               Traun, ich rede doch. Und darf ich's so nicht, sprech' ich's aus, zur Hälfte blind. Philto . (zu Lesbonikus ) Du meintest also, nimmermehr zu vergleichen sei Dein Haus und deine Mittel mit den unsrigen? Lesbonikus . Ja. Philto .               Nun gesezt, du kämst zu einem Opferschmaus; Da kommt ein Reicher, so wie du , von ungefähr; Man tischt ein Mahl auf Bei besonderen Veranlassungen, z. B. bei Triumphen und öffentlichen Spielen, wurden dem Volke Gastmähler in den Tempeln gegeben, wobei die Clienten für ihre Schuzherren die Speisen aufzutragen pflegten. , wie man sagt, für's Volk bestimmt, Ihm sezen die Clienten viele Speisen vor, Und dir gefällt von diesen was: nun, äßest du, Sprich, oder lägst du neben ihm und fastetest? Lesbonikus . Ich äße, wenn er's nicht verwehrt. Stasimus .                                                             Verwehrt' er's auch, Ich äße, fräße, beide Backen vollgestopft; Was ihm gefiele, schnappt' ich ihm vom Munde weg, Gönnt' ihm von meinem Leben »Von meinem Leben«, d. h. von dem, was die Freude meines Lebens ist. nicht das Mindeste. Bei Tische darf man nicht verschämt und blöde sein; Dort gilt es ja der Götter und der Menschen Recht. Anders übersezt: Weil über Erde und Himmel dort entschieden wird. Der Sinn ist: weil dort die wichtigsten Angelegenheiten ausgemacht werden. Philto . Du triffst die Wahrheit. Stasimus .                                 Ohne Hehl erklär' ich dir: Ihm weich' ich aus dem Wege, wo er wandeln mag, Lass' ihm im Volk die Ehre. Was den Bauch betrifft, Da weich' ich keinen Daumen breit vor ihm zurück, Er siegte denn im Faustkampf über mich. Ein Schmaus Bei dieser Theurung ist ein Erbtheil unverkürzt. »Ein Erbtheil unverkürzt«, wörtlich: ohne Opfer. Mit dem Antritt einer größeren Erbschaft war die Verpflichtung verbunden, große Familienopfer zu veranstalten, deren Kostspieligkeit den Betrag der Erbschaft bedeutend »verkürzen« mußte. Der Sinn ist: dieser Schmaus ist wie eine Erbschaft, die man ohne Opfer antritt, und also ohne alle Unkosten erhält. Philto . Mein Lesbonikus, glaube mir und denke stets, Es sei das Beste, wenn du selbst der Beste bist, Und kannst du das nicht, doch den Besten nahe stehst. Nun wünsch' ich, Lesbonikus, stimm' uns willig zu, Nimm an das Anerbieten, das ich dir gemacht. Reich sind die Götter, Göttern ziemt Anseh'n und Macht. Uns armen Menschlein wurde nur ein winziges Salzfäßchen Lebensathem Unser ganzes Besizthum besteht in einem Salzfäßchen Lebensathem; alles Uebrige ist kein wirkliches Eigenthum der Menschen. ; wenn wir's ausgehaucht, So wird mit gleicher Wage dort am Acheron Dem Bettler zugewogen und dem reichsten Mann. Stasimus . (bei Seite zu Philto ) Du nähmst den Reichthum gerne mit, so scheint es fast: Sei, wenn du todt bist, wirklich, was das Wort besagt. Stasimus wünscht, daß wenigstens nach dem Tode die Gleichheit der Güter oder vielmehr der allgemeinen Armuth eintrete, und fühlt voll Neides eine Art von Beruhigung dabei, daß wenigstens mit dem Tode der irdische Reichthum, welcher ihn so oft mit Neid erfüllte, ein Ende habe. Köpke. Philto . Damit du wissest, daß wir auf Anseh'n und Geld Nicht achten, daß wir deine Freundschaft nicht verschmäh'n, Verlang' ich deine Schwester jezt für meinen Sohn Ohn' alle Mitgift. Segn' es Gott! – Versprichst du sie? – Was schweigst du? Stasimus .                       Götter! Welch ein Anerbieten – dies! Philto . Sprich doch: »die Götter segnen's! Ich verspreche sie!« Stasimus . Ach! Wo's ihm gar nicht nüzte, da versprach er gleich; Jezt aber, wo's uns nöthig wäre, kann er's nicht. Lesbonikus . Daß ihr mich eurer Schwägerschaft für werth erkennt, Dafür, o Philto, weiß ich euch den besten Dank. Doch wenn ich auch durch meine Thorheit schwer gefehlt, So will ich meiner Schwester doch da vor der Stadt Mein Gut zur Mitgift geben; das blieb mir allein Durch meine Thorheit außer meinem Leben noch. Philto . Von einer Mitgift will ich nichts. Lesbonikus .                                             Ich gebe sie. Stasimus . (heimlich zu Lesbonikus ) Du wolltest unsre Amme, Herr, die uns ernährt Das Grundstück ist gemeint, womit Lesbonikus seine Schwester als Mitgift auszustatten wünscht. , Von uns entfernen? Hüte dich doch das zu thun. Was sollen wir denn künftig essen? Lesbonikus .                                             Schweigst du nicht? Du forderst Rechenschaft von mir? Stasimus . (für sich)                                   Ersinn' ich jezt Nicht was, so sind wir verloren! – Philto, darf ich dich – Philto . Was willst du, Bursche? Stasimus .                                     Komm ein wenig her! Philto .                                                                               Wohlan! Stasimus . Ich sag' es im Vertrauen, daß der's nicht erfährt, Noch sonst Jemand. Philto .                               Du darfst mir Alles keck vertrau'n. Stasimus . Bei Gott und Menschen warn' ich dich, daß du das Gut Niemals für dich, Herr, noch für deinen Sohn erwirbst. Vernimm dafür die Gründe. Philto .                                           Gut! Das möcht' ich wohl. Stasimus . Zuerst, so oft der Boden umgeackert wird, – Die Ochsen fallen, wenn sie kaum fünf Furchen zieh'n. Philto . Verwünscht! Stasimus .                   Der Weg zur Hölle geht durch unser Gut. Bevor sie reifen, hängen schon die Trauben faul. Lesbonikus . (für sich) Er überzeugt ihn, denk' ich; ist er auch ein Schelm, Mir ist er doch nicht ungetreu. Stasimus .                                           Vernimm noch mehr. Wenn's anderswo die reichste Ernte gibt, gewinnst Du dort das Drittel dessen nicht, was du gesät. Philto . Bei'm Himmel, dahin sollte man die Laster sä'n; Vielleicht – sie würden bei dem Sä'n zu Grunde geh'n. Stasimus . Auch gab es Niemand, dem das Gut jemals gehört, Dem's nicht erging auf's schlimmste. Wer Besizer war, Der Eine ward von hier verbannt, der Andre starb, Ein Dritter hat sich aufgehängt. Dem's jezt gehört, Der weiß sich nicht zu helfen! Philto .                                             Fort mit diesem Gut! Stasimus . »Fort« wirst du mehr noch rufen, wenn du Alles hörst. Vom Bliz getroffen wurde stets der zweite Baum; Die Schweine sterben schmählich an der Bräune hin; Die Schafe gar sind räudig, kahl, wie meine Hand. Ja, von den zähen Syrern Die Syrer , wie die in V. 145 genannten Campaner , verweichlichte, zu keiner strengen Arbeit fähige Menschen, werden hier ironisch als die stärksten, ausdauerndsten genannt. , die doch Alles sonst Ausdauern, lebte keiner nur sechs Monden lang: So fallen sie dort alle, toll vom Sonnenstich. Philto . Ich glaube dir das gerne; nur Campanervolk Ist noch um Vieles härter, als die Syrer sind. Doch wahrlich, wie du's dargestellt, ist das ein Gut, Wohin der Staat die Missethäter schicken muß, Wie von den seligen Inseln uns die Sage spricht, Wo Alle, die ein frommes Leben hier gelebt, Dereinst zusammenkommen; so verstieße man Dorthin mit Recht die Missethäter solcher Art. Stasimus . Es ist die Herberg' alles Ungemaches, Herr; Kurz, was du Böses suchen magst, du triffst es dort. Philto . (für sich) Das triffst du dort und anderswo. Stasimus .                                             Verschweige ja, Daß ich es dir gesagt. Philto .                                 Ich halt' es ganz geheim. Stasimus . Jezt möchte der das Gütchen gern lossein, sobald Er Einen findet, der das Maul sich schmieren läßt. Philto . Mein wird es niemals werden. Stasimus .                                               Bist du anders klug.     (bei Seite) Schlau bracht' ich, traun, den Alten von dem Gütchen ab: Denn wenn es der verlöre, wovon lebten wir? Philto . Da bin ich wieder, Lesbonikus. Lesbonikus .                                           Was hat der Zu dir gesagt? Philto .                     Was meinst du wohl? Er ist ein Mensch; Er möchte frei sein; sich zu lösen, hat er nichts. Lesbonikus . Ich möchte reich sein, und mein Wünschen ist umsonst. Stasimus . (leise für sich) Du könntest's, wenn du wolltest; jezt vermagst du's nicht, Jezt, wo du nichts hast. Lesbonikus .                           Stasimus, was murmelst du? Stasimus . Das, was du eben sagtest, – hätt'st du früher es Gewollt, du wär'st es, wärest reich; jezt ist's zu spät. Philto . In Betreff der Mitgift kommst du nie mit mir zurecht. Verhandle deßhalb, was du willst, mit meinem Sohn. Jezt fordr' ich deiner Schwester Hand für meinen Sohn. Die Götter segnen's!     (Pause)                                   Wie? Warum bedenkst du dich? Lesbonikus . Nun, wenn du's willst, gesegn' es Gott! Ich sage ja. Philto . Wohl wurde keinem Vater so erwünscht ein Sohn Geboren, als mir dieses Ja geboren ward. Stasimus . Die Götter segnen euren Plan! Philto .                                                       Ich wünsche das. Lesbonikus . Zu meiner Schwester, Stasimus, zu Kallikles Geh nun, erzähle, was wir hier verhandelt. Stasimus .                                                             Gleich. Lesbonikus . Und wünsche meiner Schwester Glück. Stasimus .                                                                     Versteht sich doch. Philto . Komm, Lesbonikus, daß der Hochzeitstag von uns Bestimmt, und alles Andre noch vollzogen wird. Lesbonikus . (zu Stasimus ) Was ich befahl, besorge; bin gleich wieder da. Den Kallikles heiße zu mir kommen. Stasimus .                                                   Geh doch nur. Lesbonikus . Er solle sorgen für die Mitgift. Stasimus .                                                       Geh doch nur. Lesbonikus . Denn ohne Mitgift geb' ich sie nicht. Stasimus .                                                               So geh doch nur. Lesbonikus . Ich dulde nie, daß meine Thorheit – Stasimus .                                                               Geh doch nur. Lesbonikus . Ihr Schaden sei. Stasimus .                                 Geh, geh doch nur. Lesbonikus .                                                             Mein Vater, mir Scheint billig, daß für meine Schuld – Stasimus .                                                     So geh doch nur. Lesbonikus . Ich selbst am meisten büße. Stasimus .                                                   Geh doch. Lesbonikus .                                                                 Seh' ich je Dich wieder, Vater? Stasimus .                         Geh doch, geh doch, geh doch nur!     ( Lesbonikus geht mit Philto ab.) Nun bracht' ich ihn doch endlich fort! Du großer Gott, Bei allem Unglück ist es immer doch ein Glück, Wenn nur das Gütchen uns verbleibt, wiewohl es noch Ganz ungewiß ist, was daraus jezt werden soll. Wenn wir's verlieren, ist's um meinen Hals gescheh'n. Dann muß ich auszieh'n, schleppe nach – Schild, Helm, Gepäck; Er, ist die Hochzeit abgemacht, läuft aus der Stadt, Geht fern in Kreuz und Ungemach zum Henker fort, Und wird Soldat in Asien oder Cilicien. Jezt geh' ich, wohin man mich geschickt, obwohl das Haus Mir ganz verhaßt ist, seit uns der daraus vertrieb.     (ab in das Haus des Kallikles .) Dritter Act. Erste Scene. Kallikles . Stasimus . Kallikles . Stasimus, was sagst du da? Vernahm ich recht? Dein junger Herr, Lesbonikus, habe seine Schwester heut verlobt? Stasimus .                                                                     So ist's. Kallikles . Und an wen versprach er sie? Stasimus .                                                 An Philto's Sohn, Lysiteles, Ohne Mitgift. Kallikles .               Ohne Mitgift? Und in ein so reiches Haus? Kann es gar nicht glauben. Stasimus .                                   Nun denn, meinethalben glaub' es nicht. Glaubst du's nicht, so glaub' ich – Kallikles .                                               Was denn? Stasimus .                                                                 Daß es mir gleichgültig ist Kallikles . Wann geschah dies? Wo geschah es? Stasimus .                                                           Eben hier vor deiner Thür, Alleweil, heißt's in Präneste. Der Dichter spottet über die Mundart der Pränestiner, die nach Nonius sehr rauh und barbarisch klang. Alleweil' in einigen Gegenden Deutschlands für jezt, jezt eben , im Schwäbischen wirklich, französisch actuellement . Kallikles .                                         Ward er denn besonnener, Lesbonikus, seit er nichts hat, als er's war in seinem Glück? Stasimus . Was noch mehr ist, Philto selbst kam, warb um sie für seinen Sohn. Kallikles . Wird dem Mädchen keine Mitgift, ist es wahrlich eine Schmach. Und am Ende fällt der Handel, seh' ich, gar mir selbst zur Last. Will zu meinem Tadler »Zu meinem Tadler«, zu Megaronides. gehen, seinen Rath erbitt' ich mir.     (ab.) Stasimus . Was der eilt – ich merk' es fast, ich wittr' es: um sein Gütchen will Er den Lesbonikus bringen, wie er ihn um's Haus gebracht. Charmides, wie wird, indeß du ferne bist, dein Gut zerstückt! Möcht' ich heim dich kehren sehen, daß du dich an deinem Feind Rächtest, daß du mir vergöltest, was ich treu gethan an dir! – Gar zu schwer ist's, einen Freund zu finden, dieses Namens werth, Dem man all sein Gut vertrau'n und ohne Sorge schlafen kann. Doch da seh' ich unsern Eidam ja mit seinem Schwager geh'n. Scheint, sie stimmen nicht zusammen. Beide geh'n mit schnellem Schritt. Einer hält den Andern hier, der vor ihm geht, am Mantel fest. Keine sehr anständ'ge Stellung! »Keine sehr anständige Stellung!« Bei dem Zerren ihrer Gewänder entblößten sie sich gegenseitig mehr als sie sollten. Muß doch hier bei Seite geh'n, Habe Lust zu hören, was der Schwager mit dem Schwager spricht.     (er tritt auf die Seite.) Zweite Scene. Lysiteles . Lesbonikus . Stasimus (ohne von den Beiden bemerkt zu werden). Lysiteles . Bleib doch steh'n! Sei nicht so störrisch, und verbirg dich nicht vor mir. Lesbonikus . Laß mich geh'n, wohin ich geh'n will! Lysiteles .                                                                 Lesbonikus, wenn es dir Frommte, dir Ruhm oder Ehre brächte, gäb' ich's gerne zu. Lesbonikus . Was du thust, ist leicht. Lysiteles .                                           Was thu' ich denn? Lesbonikus .                                                                     Du kränkst mich, deinen Freund. Lysiteles . Solches that und lernt' ich niemals. Lesbonikus .                                                     Ungelernt, thust du's geschickt. Was erst thätst du, wenn dich Jemand lehrte, mir zur Last zu sein? Während du mir gut zu thun scheinst, thust du schlecht und räthst mir schlecht. Lysiteles . Ich? Lesbonikus .     Ja, du. Lysiteles .                     Was that ich Schlechtes? Lesbonikus .                                                           Was ich nicht will, thatst du mir. Lysiteles . Für dein Bestes will ich sorgen. Lesbonikus .                                                 Besser als ich selbst es kann? Ich bin klug genug, verstehe wohl, was mir zum Besten dient. Lysiteles . Ist es klug, wenn man die Wohlthat eines Freundes von sich weist? Lesbonikus . Nicht für Wohlthat kann ich achten, was dem, der's empfängt, misfällt. Weiß ich doch und fühle, was ich thue, kenne meine Pflicht, Und dein Wort hält mich nicht ab, zu glauben, was die Menge spricht. Lysiteles . Was? (Denn dich zu schelten, wie du's werth bist, säum' ich länger nicht:) Hinterließen deine Väter darum Ruhm und Ehre dir, Daß du jezt schmachvoll verlörest, was dir ihre Kraft errang? Nein, damit du deiner Enkel Ehre noch befestigtest, Machte dir der Ahn, der Vater, leicht und eben deine Bahn, Wo du Ehre dir errangest; doch du hast sie dir erschwert, Deine Schuld war's, deine Trägheit, deiner Sitten Unverstand. Deine Lust nur, deine Liebe zogst du dreist der Tugend vor. Und du glaubst nun deine Fehler so zu decken? – Nimmermehr! – Nimm die Tugend auf im Herzen, deine Trägheit wirf hinaus; Diene vor Gericht den Freunden, fröhne nicht der Buhlerin. Wörtlich: Diene vor Gericht den Freunden, nicht der Freundin auf dem Bett. Eben darum wünsch' ich dringend, daß das Gut dein eigen bleibt, Daß du da dich bessern könntest, und in keiner Weise dich Unsre Bürger, deine Feinde, deiner Armuth wegen schmäh'n. Lesbonikus . Was du sagtest, weiß ich Alles, niederschreiben könnt' ich's selbst, Daß ich meines Vaters Habe, meiner Ahnen Ruhm entehrt. Ja, ich wußte, was sich ziemte; doch zu thun vermocht' ich's nicht. So, von Venus' Macht bewältigt, fiel ich müßig in ihr Nez. Jezt, wie du's um mich verdientest, weiß ich dir den besten Dank. Lysiteles . Daß so fruchtlos meine Mühe, daß du so mein Wort verhöhnst, Trag' ich nicht; zugleich verdrießt mich's, daß du dich so wenig schämst. Endlich, wenn du nicht auf mich hörst, nicht, was ich dir sage, thust, Bleibst du leicht vor dir verborgen, und die Ehre sucht dich nicht, Liegst im Finstern, wenn du dich im hellsten Glanze zeigen willst. Nur zu gut, mein Lieber, kenn' ich deinen unerfahrnen Sinn. Daß du nicht mit Willen fehltest, weiß ich; nur die Liebe hat Deinen Geist verfinstert, und der Liebe Wege kenn' ich selbst. Gleich dem Wurfgeschosse, trifft sie; nichts enteilt im Flug so schnell, Sie berückt der Menschen Herzen, macht sie toll und launenvoll. Was man dringend räth, misfällt ihr; was man ihr abräth, gefällt. Was du nicht hast, willst du haben; was du hast, das willst du nicht. Wer dich abhält, treibt dich an, und wer dich anmahnt, mahnt dich ab. Welch ein Wahnsinn, welch ein Unstern, in Cupido's Cupido, der Liebesgott, ein Sohn der Venus. Er wird bei Plautus von Amor unterschieden. Schenke geh'n! Doch ich mahne dich, erwäge recht im Ernst: was willst du thun? Wenn du thust, wie du gesagt hast, sezest du dein Haus in Brand: Wasser wirst du dann dir wünschen, um dein Haus zu löschen, und Hast du dies, wie denn Verliebte pfiffig sind, so lässest du Keinen Funken mehr, woraus es wieder neu aufglimmen kann. Lesbonikus . Leicht gefunden! Feuer wird dir, wenn du's auch bei'm Feinde suchst. »Feuer wird dir, wenn du's auch bei'm Feinde suchst.« In jenen Zeiten hielt man es für unmenschlich, einem Nachbar, und wenn es auch ein Feind war, das Anzünden des Feuers oder Lichtes zu verweigern. Aber meine Fehler tadelnd, wirfst du mich in schlimmre Bahn. Ohne Mitgift willst du meine Schwester? Doch das ziemt sich nicht: Ich verthat ein solches Erbtheil, und ich soll hinfort ein Gut Haben, reich, indeß sie darbte, daß sie wohl mich hassen muß! Nie wird der bei Fremden gelten, der den Seinen wenig gilt. Was ich sagte, thu' ich: mühe dich um mich nicht länger mehr. Lysiteles . Also besser ist es, daß du deiner Schwester wegen darbst, Und ich soll das Feld besizen, das dich dürftig nähren muß? Lesbonikus . Sinne nicht darauf, mir meinen Mangel leicht zu machen; nein, Sorge nur, daß ich dabei nicht ehrlos werde, daß man nicht Sage, meine Schwester hab' ich lieber dir als Buhlerin Ohne Mitgift übergeben, denn als ächte Frau verlobt. Welcher Mensch erschiene schlechter? Dieser Leumund, nähmst du sie Ohne Mitgift, ehrte dich wohl, und befleckte meinen Ruf. Deiner Ehre wär's ein Zuwachs, mir ein Vorwurf, eine Schmach. Lysiteles . Wirst du wohl Dictator werden, wenn ich deinen Acker nahm? Lysiteles thut diese spöttische Frage, weil Lesbonikus sagte, daß es dem Bräutigam Ehre bringen würde, eine Frau ohne Heiratgut zu nehmen, die Dictatur aber die höchste Ehrenstelle war. Er will also sagen: wenn wir den Fall umkehren, wenn ich das Grundstück als Heiratgut für deine Schwester von dir annehme, hoffst du dann noch mehr Ehre zu erhalten, als ich, wenn ich die angeboteue Aussteuer ausschlage? Danz. Lesbonikus . Weder will ich's, noch verlang' ich's. Aber einem Ehrenmann Ist es doch der Güter höchstes, daß er seiner Pflicht gedenkt. Lysiteles . Was du vorhast, weiß ich, seh' ich, spür' ich, wittr' ich, merk' ich wohl. Dieses ist's: wenn unter uns die Schwägerschaft berichtigt ist, Du das Gut mir übergabest, und dir nichts zu leben blieb, Läufst du fort mit leerer Hand, verlässest Stadt und Vaterland, Anverwandte, Freunde, Vettern, ist die Hochzeit abgemacht: Daß es heißt, durch meine Ränke, meine Habsucht sei's gescheh'n. Daß mir das zu Schulden komme, glaube mir, das duld' ich nie. Welcher Mensch erschiene schlechter? Dieser Leumund, nähm' ich sie Mit der Mitgift, ehrte dich wohl, und befleckte meinen Ruf. Deiner Ehre wär's ein Zuwachs, mir ein Vorwurf, eine Schmach. Diese drei Verse werden hier aus V. 66 –68 von Lysiteles mit geringer Abweichung wiederholt, weil sie auch auf ihn passen. So sprechen also beide Freunde diese Verse, und Stasimus macht daher V. 82 den Wiz, diese Verse als eine Declamationsübung für beide anzusehen, dem Lysiteles aber, der jene Verse ihm selbst gelegener oder erwünschter spricht, als dem besseren Schauspieler den Preis zuzugestehen, dem er ein Bravo und ein Dacapo (auch im römischen Text ein fremdes griechisches Wort, πάλιν) zuruft. Dem Lesbonikus als dem schlechteren und überwundenen Schauspieler ruft er warnend zu: »Nimm dich in Acht; mache nicht, daß du, wie ein schlechter Schauspieler, auf Befehl des Vorstehers oder der spielbesorgenden Aedilen ausgehauen werdest.« Es ist bekannt, daß die Schauspieler bei den Römern meistens Sklaven sind, und daher unter der Peitsche stehen. Köpke. Stasimus . Nein, ich kann mich nicht enthalten, rufe: Schön! Dacapo, Freund! Dir gebührt die Palme! Dieser fiel. Dein Stück erhält den Preis, Besser führte der den Stoff aus, wie sein Vers auch schöner ist. Willst du gar noch deine Thorheit schüzen? – Nimm dich wohl in Acht! Lesbonikus . Du erfrechst dich drein zu reden, drängst dich ein in unsern Rath? Stasimus . Wie ich kam, so kann ich wieder gehen. (stellt sich auf die Seite,) Lesbonikus . (zu Lysiteles )                                         Komm mit mir nach Haus! Dort besprechen wir die Sache weiter noch, Lysiteles. Lysiteles . All das Meine thu' ich offen; wie ich's meine, sprech' ich's aus. Wird mir, wie ich's billig achte, deine Schwester angetraut Ohne Mitgift, und du bleibst hier, theil' ich all mein Gut mit dir: Willst du's nicht so, mag dir immer, was du sonst beginnst, gedeih'n; Doch ich bin auf andre Weise nie dein Freund. Dies mein Entschluß!     ( Lesbonikus geht ab.) Stasimus . Der geht wahrlich! Höre jezt, Lysiteles: nur auf ein Wort!     ( Lysiteles geht nach der anderen Seite ab.) Der geht auch fort. Stasimus, du bleibst allein! Was thu' ich jezt? Meinen Bündel schnür' ich, auf den Rücken nehm' ich einen Schild, Lasse mir die Schuhe sohlen; denn ich komme nun zu Fall. Merk' ich doch, ich muß den Troßknecht machen in nicht langer Zeit. Wenn mein Herr bei einem König dann sich auf die Mast verdingt, Wird er mit den bravsten Kriegern, traun, ein tapf'rer – Läufer sein; Sicher fällt die Beute dem zu, der dem Herr entgegentritt. Aber ich, sobald ich einmal Bogen, Köcher, Pfeile mir Und die Sturmhaub' auf den Kopf nahm, – schlafe sanft in meinem Zelt. Doch ich will jezt auf den Markt geh'n, fordre mein Talent zurück, Das ich vor sechs Tagen auslieh: hab' ich dann doch Reisegeld!     ( Stasimus geht ab.) Dritte Scene. Megaronides . Kallikles . Megaronides . Es geht nicht anders, wie du mir es dargestellt: Man muß dem Mädchen eine Mitgift geben, Freund. Kallikles . Ja wahrlich, ehrenhalber kann ich's nicht so leicht Zugeben, daß das Mädchen in die Ehe tritt Ganz ohne Mitgift, während ihr Vermögen doch Bei mir daheim liegt. Megaronides .                   Wohl, die Mitgift ist bereit, Die hast du freilich, willst du nicht gewärtig sein, Daß sie der Bruder ohne Heiratgut vermählt. Dann geh zu Philto, sage dem, du wollest sie Ausstatten; als des Vaters Freund erklärst du dies. Doch muß ich freilich fürchten, dies Versprechen bringt Dich bei den Leuten in Verdacht und üblen Ruf. Du seist so gütig, (heißt es dann,) nicht ohne Grund; Dir sei die Mitgift von dem Vater zugestellt; Von dieser sei's genommen; nicht, wie du's empfingst, Erstattest du's, nein, habest etwas abgezwackt. Nun, wenn du freilich warten willst auf Charmides, – Das währt zu lang, und Lesbonikus läuft davon. Kallikles . An dieses alles hab' ich auch schon lang gedacht. Megaronides . Wohl ist es besser (meinst du nicht?) und nüzlicher, Ich sage dem Lesbonikus, wie die Sache steht. Kallikles . Den Schaz verrathen sollt' ich denn dem Brausewind, Dem ausgelassenen, dem verliebten jungen Fant? Nein, bei den Göttern, nimmermehr! Ich weiß gewiß, Den Ort, wo der Schaz liegt, schlingt er samt dem Schaz hinab. Nicht graben mag ich, daß er nicht den Schall vernimmt; So bleibt's geheim, wenn ich die Mitgift geben will. Megaronides . Was soll es nun? Kallikles .                                   Wir holen ingeheim den Schaz, Wenn sich Gelegenheit ergibt; indessen borgt Ein guter Freund auf meine Bitte mir das Geld. Megaronides . Kannst du's von einem Freunde dir erbitten? Kallikles .                                                                               Wohl. Megaronides . O Possen! Sicher hörst du da sogleich das Wort: »Ich habe nichts, bei'm Himmel, um es dir zu leih'n.« Kallikles . Ich will die Wahrheit lieber als das Geld von dir. Megaronides . Vernimm, gefällt dir's, meinen Rath. Kallikles .                                                                 Was räthst du mir? Megaronides . Ich habe, dünkt mir's, einen klugen Plan erdacht. Kallikles . Und was? Megaronides .           Du dingst dir einen Mann, so schnell du kannst, Als ob's ein Fremder wäre. Kallikles .                                     Was dann thun mit ihm? Megaronides . Den puzen wir als einen fremden Mann heraus, – Ein unbekanntes Aeußere, wie's kein Mensch geseh'n, Voll kecken Trozes, arger List. Kallikles .                                         Und was hernach? Megaronides . Als käm' er her vom Vater aus Seleucia, Bringt er dem Sohn vom Vater einen Gruß und sagt, Er lebe noch, ihm geh' es wohl, er sei gesund, Und komme demnächst heim. Er bringt zwei Briefe mit; Die siegeln wir, als kämen sie vom Vater her; Der Sohn erhält den einen, und den andern hat Er dir zu bringen, sagt er – Kallikles .                                   Sprich nur weiter fort. Megaronides . Dann bringt er Gold vom Vater als Mitgift der Braut; Das zahlt er dir aus, wie's der Vater ihm befahl. Verstehst du mich? Kallikles .                       So ziemlich; und gern hör' ich zu. Megaronides . Sobald das Mädchen Ehefrau geworden ist, Dann erst erhält der Junge dieses Gold von dir. Kallikles . Sehr schlau, bei'm Himmel! Megaronides .                                       So benimmst du den Verdacht Dem jungen Menschen, gräbst du deinen Schaz heraus. Er glaubt, der Vater habe dir das Gold geschickt. Du nimmst's vom Schaze. Kallikles .                                 Gar gescheidt und klug! Indeß In meinem Alter schäm' ich mich der Gaunerei. Doch wenn er jene Briefe nun versiegelt bringt, (Daß sie versiegelt kommen, das versteht sich doch!) Wie? Glaubst du, daß der Junge nicht den Siegelring Von seinem Vater kennen wird? Megaronides .                                     Ei, schweige doch! Da gibt es hundert Gründe ja: den alten Ring Verlor er, schaffte später sich 'nen neuen an. Und wenn er offne Briefe bringt, so sagen wir, Man habe sie bei'm Zollbeamten aufgemacht Und untersucht. Bei Schwierigkeiten solcher Art Den Tag mit Reden tödten, ist nur Zeitverderb, Obgleich man gar wohl lange Reden spinnen kann. Nun geh zu deinem Schaze – schnell und ganz geheim, Die Knechte, Mägde schaffe fort, und – hörst du? Kallikles .                                                                       Was? Megaronides . Du mußt es deiner Frau sogar verheimlichen, Zumal sie gar nichts auf der Welt verschweigen kann. Was bleibst du stehen? Gehe doch und rege dich! Grab' auf, vom Schaze nimm heraus, so viel du brauchst, Und deck' ihn alsbald wieder zu, doch ingeheim, Wie ich dir sagte; wirf sie alle zum Haus hinaus. Kallikles . Ich thu's. Megaronides .         Indeß – schon gar zu lange schwazen wir. Wo Eile noth thut, tödten wir den lieben Tag. Des Siegels wegen fürchte nichts, vertraue mir. Ganz triftig ist, was ich gesagt; wir geben vor, Der Zollbeamte habe sie erbrochen. Und Bedenkst du nicht die Tageszeit? Was meinst du? Der Ist längst betrunken, wie er lebt und wie er's treibt. Ihm macht man unschwer Alles weiß, vornehmlich da Der Bote nur zu bringen, nicht zu holen kommt. Kallikles . Genug! Megaronides .       Ich will den Gauner auf dem Markte nun Gleich dingen, dann die beiden Briefe schreiben und Schick' ihn darauf, gehörig eingeübt, hieher Zu Lesbonikus. Kallikles .                 Ich besorge mein Geschäft, Und will hineingeh'n. Ordne du das deine nur. Megaronides . Du Schwäzer und kein Ende, ja, das wird gescheh'n. Vierter Act. Erste Scene. Charmides . Charmides, der Vater des Lesbonikus, landet, aus Seleucia zurückkehrend, glücklich bei Athen. Ich lese: Jovis fratri aetherei, Neptuno. Dir, dem gewaltigen Meeresherrscher, Bruder des himmlischen Zeus, Neptunus, Bring' ich jubelnd laut mein Lob dar, weiß dir Dank und den salzigen Fluten, Deren Macht all meine Habe, ja, mein Leben heimgestellt war, Daß ihr mich aus eurem Reich in Stadt und Mauern heimgeleitet! Und so bring' ich dir vor allen Göttern hohen Dank, Neptunus. Denn dich schelten Alle grausam, unersättlich, allverschlingend, Feindlich, unflatvoll, unleidlich, rasend: ich erfuhr es anders. Denn gelind und gnädig warst du mir zur See stets, wie ich's wünschte. Wohl vernahm ich früher schon Deinen Ruhm mit meinen Ohren, der in alle Welt erschollen, Daß du der Armen zu schonen pflegst, die Reichen niederwirfst und züchtigst. Ja, das lob' ich, du weißt, wie's recht ist, uns zu behandeln; das ziemt Göttern; Flehenden Armen warst du allzeit treu, du, den sie treulos schelten. Ohne dich, wohl weiß ich's, hätten Deine Trabanten Die Trabanten des Neptunus sind die Wellen und die Winde. mich Armen im Meere kläglich zerfleischt und schmählich zerrissen, Und mit mir all meine Habe weithin zerstreut in den blauen Wogen. Also, gleich Seehunden, standen um das Schiff im Wirbel die Winde; Regengüsse, Fluten, wilde Stürme brausten, zerbrachen den Mastbaum, Stürzten die Rahe, zerrissen die Segel, wenn nicht deine Huld erschienen. Scheide nun! Beschlossen ist's: jezt will ich ruh'n. Genug erwarb ich, Während ich so mit Mühen mich abrang und dem Sohne Reichthum schaffte. Doch wer ist das, der in die Gasse tritt in dem seltsamen Kleid und Aufzug? Wenn mich auch nach Haus verlangt, doch will ich warten, was der vorhat,     (er tritt auf die Seite.) Zweite Scene. Charmides . Der Gauner . Der Gauner . Diesen Tag will ich den Dreier Vgl. die Anmerkung zum Prolog V. 20 . nennen; denn mein Tagewerk Hab' ich heut zu Schelmenstücken um drei Drachmen ausgespielt. Aus Seleucia komm' ich, Asien, Thracien und Arabien, Die mein Auge nie geseh'n hat, die mein Fuß niemals berührt. Ha, wozu treibt doch die Armuth einen armen Schlucker oft, Wenn mich heut drei Drachmen zwingen, daß ich diese Briefe hier Soll von einem Menschen haben, den ich nie mit Augen sah, Ja, von dem ich nicht genau weiß, ob er nur geboren ist. Charmides . Der gehört zum Stamm der Pilze; ganz vom Kopf ist er bedeckt. Der Gauner ist nichts als Kopf wegen des großen Reisehutes, den er trägt. Ein Illyrer nach dem Ausseh'n; kommt er doch in solchem Kleid. Der Gauner . Der, an den ich mich verdungen, führte mich mit sich nach Haus, Sagte, was er haben wollte, lehrte, wies mich an zuvor, Wie ich Jedes machen sollte. Thu' ich jezt noch was hinzu, Fährt mein Miethsherr um so besser, hat er größern Spaß mit mir. Wie er mich herausgepuzt hat, steh' ich hier. Das macht das Geld. Diesen Anzug nahm er vom Choragen Der Chorage ist bei den Griechen der Führer und Einüber eines Chores, der an öffentlichen Festen seine Künste zeigen soll. Er hatte zugleich alles Schaugeräth und alle Anzüge, welche für die einzelnen Rollen nothwendig waren. Die Römer, welche das bessere Schauspielwesen von den Griechen überkamen, behielten meistens hier griechische Benennungen bei, und nannten denjenigen, welcher im Auftrage und unter dem Oberbefehl des Curulädilen Vorsteher und Leiter des Schauspieles war, gleichfalls choragus, und den Ort im Schauspielhause, wo die nöthigen Kleidungsstücke und die übrigen Requisiten aufbewahrt wurden (die Garderobe), das choragium. Köpke. auf sein Risico. Will jezt seh'n, ob ich den Menschen um den Anzug prellen kann, Daß er selbst den rechten ächten Gauner doch in mir erkennt. Charmides . Der, je mehr ich ihn betrachte, desto mehr mißfällt er mir. Traun, es kann ein Nachtgesell nur, nur ein Beutelschneider sein. Er besieht sich Alles, schaut sich um, und mustert Haus um Haus. Glaube gar, er späht den Ort aus, wo er demnächst mausen will. Muß ihn um so mehr belauern, was der Kerl im Schilde führt. Der Gauner . Dieser Ort ist's, den mein Miethsherr mir vorhin bezeichnet hat. Hier bei diesem Hause soll sich meine Gaunerei ergeh'n. Klopf' ich denn! Charmides .               Er geht gerades Weges dar auf unser Haus. Nun, fürwahr, bei meiner Heimkehr muß ich Nachts hier Wache steh'n! Der Gauner . Aufgemacht hier! Aufgemacht! He, wer bewacht die Thüre da? Charmides . Junger Mensch, was suchst du, willst du, daß du polterst an die Thür? Der Gauner . Alter, ich bin aufgezeichnet, seit ich vor dem Censor stand. Bei dem Censor hatten die Fremden ihren Namen, ihr Vaterland und ihre Geschäfte anzugeben. Er heißt in der römischen Urschrift jurator, weil er ihnen über ihre Aussagen einen Eid abnehmen mußte. Dem Censor, will der Gauner sagen, habe ich über meine Person, über mein Leben und Treiben Rede und Antwort gegeben; dir bin ich keine Rechenschaft schuldig. Einen Lesbonikus such' ich, (wohnen soll er hier herum) Einen Jüngling, und 'nen Andern, einen Graukopf so wie du; Kallikles nannt' ihn mit Namen, der mir diese Briefe gab. Charmides . (für sich) Meinen Sohn, den Lesbonikus, sucht ja der und meinen Freund, Dem ich Kinder und Vermögen anbefahl, den Kallikles. Der Gauner . Weißt du, wo die Leute wohnen, laß mich's wissen, Väterchen. Charmides . Wer, von wannen bist du? Woher kommst du? Weßhalb suchst du sie? Der Gauner . Vielgefragt in Einem Athem! Was beantwort' ich zuerst? – Fragst du mich Eins um das Andre ruhig und geduldig ab, Sollst du meinen Namen wissen, mein Geschäft und meinen Weg. Charmides . Wie du willst. Wohlan, vor Allem sage deinen Namen mir. Der Gauner . Du beginnst mit etwas Großem. Charmides .                                                       Und warum? Der Gauner .                                                                           Weil, Väterchen, Wenn vom Anfang meines Namens du, bevor der Morgen graut, Ziehst hinaus, es Schlafenszeit wird, ehe du zum Schluß gelangst. Charmides . Dann bedarf's zu deinem Namen Fakeln wohl und Reisegeld. Der Gauner . Einen andern hab' ich noch, nicht größer als das kleinste Faß. Charmides . (bei Seite) Sicher ist der Mensch ein Gauner. (laut)                                                       Junger Freund, noch Eins! Der Gauner .                                                                                   Was soll's? Charmides . Sag' einmal, ob dir die Leute, die du suchst, was schuldig sind. Der Gauner . Nun, des jungen Lesbonikus Vater gab die Briefe mir; Der gehört zu meinen Freunden. Charmides . (für sich)                         Den ertappt' ich auf der That. Ich gab ihm die Briefe, sagt er. Warte, Mensch! Du sollst mir dran! Der Gauner . Gibst du Acht, dann red' ich weiter. Charmides .                                                           Gut, ich merke schon auf dich. Der Gauner . Diesen Brief hier soll ich Lesbonikus bringen, seinem Sohn, Diesen andern seinem Freunde Kallikles, befahl er mir. Charmides . (für sich) Wenn er seinen Spaß mit mir treibt, treib' ich wieder Spaß mit ihm.     (laut) Wo befand er sich? Der Gauner .                   Erwünscht. Charmides .                                         Wo? frag' ich. Der Gauner .                                                               In Seleucia. Charmides . Gab er dir die Briefe selbst? Der Gauner .                                             Aus seiner Hand in meine Hand. Charmides . Und sein Aeußres? Der Gauner .                             Anderthalb Fuß länger mag er sein, als du. Charmides . (für sich) Halt! Da stockt's: an fremden Orten bin ich länger, als daheim     (laut) Kennst du ihn? Der Gauner .           Wie schnackisch fragst du! Speis' ich täglich doch mit ihm. Charmides . Und sein Name? Der Gauner .                           Wie man einen braven Mann zu nennen pflegt. Charmides . Möcht' ihn hören. Der Gauner . (sich besinnend)   Nun, er heißt – er heißt – Ich armer Tropf! Charmides .                                                                                                 Was ist's? Der Gauner . Eben schluckt' ich unversehens seinen Namen hinterwärts. Charmides . Mir gefällt nicht, wer die Freunde zwischen seinen Zähnen hält. Der Gauner . Und im Augenblicke schwebt' er mir noch auf der Lippen Rand. Charmides . (für sich) Den ertappt' ich heut zu rechter Zeit. Der Gauner . (für sich)                             Ich Thor verrieth mich selbst! Charmides . (laut) Fandst du jezt den Namen wieder? Der Gauner . (für sich)                           Schäme mich vor Gott und Welt. Charmides . Wie du doch den Mann so gut kennst! Der Gauner .                                                           Wie mich selbst! So geht es meist: Was die Hand hält, was das Auge sieht, das sucht man. Doch vielleicht Führt der Buchstab mich darauf. C— damit fängt der Namen an. Charmides . Callias? Der Gauner .             O nein! Charmides .                             Calippus? Der Gauner .                                             Auch nicht. Charmides .                                                                   Callidemides? Der Gauner . Auch nicht. Charmides .                       Callinicus? Der Gauner .                                         Auch nicht. Charmides .                                                               Callimarchus? Der Gauner .                                                                                     Alles nichts! Und fürwahr, mich schiert es wenig, weiß ich ihn nur selbst für mich. Charmides . Lesbonike gibt es viele: kannst du des Vaters Namen nicht Nennen, kann ich auch die Leute dir nicht zeigen, die du suchst. Sprich: wie klingt er? Durch Vermuthung finden wir ihn doch vielleicht. Der Gauner . So wie »Char« – Charmides .                               Wohl Charidemus? Chares? Oder Charmides? Der Gauner . Ja, der ist es. Gott verdamm' ihn! Charmides .                                                         Sagt' ich dir nicht schon vorhin, Besser wär's, du wünschtest einem Freunde Glück, und nicht den Fluch? Der Gauner . Was verkroch sich mir der Schurke zwischen Zähn' und Lippen auch? Charmides . Fluche nicht dem fernen Freunde. Der Gauner .                                                     Was verbarg sich denn der Lump Hier vor mir? Charmides .           Er gab dir Antwort, riefst du ihn bei'm Namen an. Doch wo ist er? Der Gauner .             Ich verließ ihn bei Rhadamanth im Affenland. Ich lese: in Ceropia. Charmides . (bei Seite) Wer kann dümmer sein, als ich bin, selbst zu fragen, wer ich sei? Doch es kann hier gar nicht schaden. (laut)                                                             Nun? Der Gauner .                                                       Was? Charmides .                                                                   Was ich fragen will: Welche Lande sahst du? Der Gauner .                         Ganz entsezlich wunderseltsame. Charmides . Wenn dir's nicht beschwerlich fällt, so nenne sie. Der Gauner .                                                                             Das thu' ich gern. Allererst ging's nach dem Pontus in das Land Arabien. Charmides . Hoho! Liegt Arabien auch im Pontus? Der Gauner .                                   Nicht das, wo der Weihrauch wächst, Das Arabien, wo der Wermuth, wo das Hühnerkraut gedeiht. Charmides . (bei Seite) Welch ein ganz durchtriebner Schwäzer! Doch bin ich noch alberner, Den zu fragen, wo ich herkam, was ich weiß und er nicht weiß. Aber das erführ' ich gerne, wie der Wirrwarr enden wird.     (laut) Sage mir, wie ist dein Name, junger Mensch? Der Gauner .                                                           Ich heiße Patsch Für den Alltagsbrauch. Charmides .                           Fürwahr, ein Name, recht zu Spiel und Spaß! Grad' als riefst du, wenn ich dir was anvertraut: »Patsch, Alles weg!« Aber sprich, wo kamst du sonst hin? Der Gauner .                                             Merkst du auf, erzähl' ich dir's. An den Strom, der aus dem Himmel unter'm Thron des Zeus entspringt. Charmides . Unter'm Thron des Zeus? Der Gauner .                                       So sagt' ich. Charmides .                                                             Aus dem Himmel? Der Gauner .                                                                                         Mitten drin. Charmides . Ei, ei! Stiegst du gar zum Himmel auf? Der Gauner .                                     In einem Kahne, wo wir stets Frisch dem Strom entgegenfuhren. Charmides .                                           Ei, so sahst du gar den Zeus? Der Gauner . Auf dem Landgut theilt' er, hieß es, ihre Kost den Knechten aus. Weiter – Charmides .     Weiter will ich nicht mehr, daß du mir noch weiter sagst. Der Gauner . Immerhin, wenn ich dir lästig bin – Charmides .                                                             Ein Mensch, ganz ohne Scham, Muß es sein, der von der Erde je hinauf zum Himmel flog. Der Gauner . Lass' ich dich, weil du's zu wünschen scheinst; doch weise mir zuvor Noch die Leute, die ich suche, denen ich die Briefe hier Bringen soll. Charmides .           Was meinst du? Sähst du jezt denselben Charmides, Der die Briefe, wie du sagst, dir übergab, erkenntest du Wohl den Menschen? Der Gauner .                     Alle Götter! Hältst du mich denn für ein Thier, Daß ich den nicht kennen soll, mit dem ich stets zusammen war? Wär' er wohl so thöricht, daß er tausend Philippsstücke Philippsstücke , Goldstücke, von König Philippus (von Macedonien) geprägt. mir Anvertraute, daß ich diese seinem Sohn und Kallikles Bringen soll, dem Freunde, dem er, wie er sagt, sein Gut befahl? Würd' er mir das anvertrauen, kennt' er mich nicht ganz genau? Charmides . (für sich) Wahrlich, diesem Schelmen spiel' ich heute selbst ein Schelmenstück, Wenn ich ihm die tausend Philippsstücke nur abführen kann, Die ich, sagt er, ihm gegeben. Einem mir ganz fremden Kerl, Welchen ich bis heute nie geseh'n, dem sollt' ich Gold vertrau'n? Keinen Heller würd' ich ihm vertrau'n, und gält' es meinen Kopf! Doch ich muß mit List ihn angeh'n. (laut)                                                         Nur noch auf drei Worte, Patsch! Der Gauner . Auf dreihundert. Charmides .                               Hast du denn das Gold, das Charmides dir gab? Der Gauner . Und Philippusstücke, die er selbst mir auf den Tisch gezählt: Tausend Stücke. Charmides .               Von ihm selbst, von Charmides, empfingst du sie? Der Gauner . Nicht vom Ahn und nicht vom Urahn, die vorlängst begraben sind. Charmides . Junger Mensch, gib mir das Gold her. Der Gauner .                                                           Ich dir geben? Welches Gold? Charmides . Das ich dir gab, wie du sagtest. Der Gauner .                                                   Das du mir gabst? Charmides .                                                                                   Allerdings. Der Gauner . Wer bist du? Charmides .                         Der dir die tausend Stücke gab, bin Charmides. Der Gauner . Nein, der bist du nicht, noch wirst du's heute – was dies Gold betrifft. Fort, du Schelm! Auf Deinesgleichen zählst du bei dem Schelmenstreich. Charmides . Ich bin Charmides. Der Gauner .                             Das hilft dir gar nichts; bring' ich doch kein Gold. Allzulistig schlichst du dich in dies Gelegenheitchen ein, Als ich Gold zu bringen vorgab, wardst du plözlich Charmides. Früher warst du's nicht, bis ich von meinem Golde sprach. – Umsonst! – So wie du dich charmidirt hast, so entcharmidire dich. Charmides . Nun – wer bin ich, wenn ich nicht bin, der ich bin? Der Gauner .                                                                                 Was schiert es mich? Bist du nur nicht, was ich nicht will, sei für mich, was dir beliebt. Was du warst, das warst du früher nicht; jezt wardst du, was du sonst Nicht gewesen. Charmides .               Mach doch! Der Gauner .                                 Was denn? Charmides .                                                     Gib das Gold her. Der Gauner .                                                                                 Greis, du träumst. Charmides . Du bekennst, daß Charmides das Gold dir gab? Der Gauner .                                                                         Auf dem Papier. Charmides . Eilst du dich aus diesen Räumen fortzupacken, Nachtgesell? Wenn du säumst, so wirst du schmählich durchgebläut auf mein Geheiß! Der Gauner . Und warum? Charmides .                         Weil ich es selbst bin, Charmides, von dem du logst, Daß er dir die Briefe mitgab. Der Gauner .                                 Du bist der, ich bitte dich? Charmides . Freilich. Der Gauner .             Sage mir: du bist es selbst? Charmides .                                                             Gewiß. Der Gauner .                                                                         Du bist es selbst? Charmides . Charmides, so sag' ich, selbst. Der Gauner .                                                 Du also selbst? Charmides .                                                                             Ich selber selbst. – Fort aus meinen Augen! Der Gauner .                         Weil du denn zu spät hier angelangt, Kriegst du Schläg' auf meinen Antrag nach Befehl der Polizei. Der Vers enthält eine komische Anspielung auf die Verhältnisse der Schauspieler. Wer später auftritt, als es seine Rolle erheischt, oder sein Stichwort verlangt, bekommt, wie überhaupt die römischen Schauspieler abgerichtete Sklaven sind, zur Strafe die Peitsche. Charmides ist nach der Fabel des Stückes später aus Asien zurückgekehrt, als man ihn erwartete, und hat eben durch seine verspätete Rückkehr den ganzen Inhalt des Lustspiels veranlaßt. Diese lange Abwesenheit des Vaters machte den Sohn lüderlich, und zwang den Kallikles zu einer List, welcher der Gauner als Werkzeug dienen mußte. Es fehlt daher diesem wizigen Einfalle nicht an Vergleichungspunkten. Charmides . Was? Du schimpfst noch? Der Gauner .                                         Freilich wohl, und nun du glücklich angelangt, Strafe Gott mich, wenn mich's kränkte, wärst du längst der Hölle Raub! Meine Müh' ist mir bezahlt: dir wünsch' ich Unheil auf den Kopf. Wer du sonst bist oder nicht bist, schiert mich keinen Pfifferling. Nun zu dem, der mir die Drachmen zahlte! Kundthun will ich's ihm, Daß er weiß, sie sind verloren. Lebe schlimm, so schlimm du kannst! Daß die Götter gleich zur Ankunft dich verderbten, Charmides!     (geht ab.) Dritte Scene. Charmides . (allein) Nun der davon ist, kam mir doch Gelegenheit Und Muße, dünkt mir, endlich für ein freies Wort. Schon lange stach mich's in der Brust, dem Stachel gleich, Was der vor meinem Hause da zu schaffen hat. Denn jener Brief und die Philippusstücke zieh'n Viel Furcht zusammen in meiner Brust: was will er nur? Nie wahrlich klingt doch einer Glocke Klang von selbst; Wenn man daran nicht rührt und zieht, so bleibt sie stumm. Doch wer ist das, der rennend hier in die Gasse läuft? Ich muß doch lauschen, was er will: hier tret' ich hin.     (er tritt auf die Seite.) Vierte Scene. Stasimus . Charmides . Stasimus . (etwas betrunken und taumelnd, ohne den Charmides zu bemerken) Stasimus, tummle dich fort und eile, laufe nach Hause zum Herrn zurück, Daß um deiner Tollheit willen nicht dein Rücken zittern muß. Eile, verdopple den Schritt! Du bist so lange schon von Hause weg. Hüte dich, daß nicht der Farrenziemer klipp klapp dich beklatscht, Wenn du fortbist und der Herr dich sucht: laß nicht zu laufen ab! Stasimus, was für ein Lümmel bist du, daß du gar bei'm warmen Wein, Der Vers beginnt mit Daktylen, wie Daktyle zum Theil auch in den anderen Versen, die Stasimus spricht, die Tribrachen der Urschrift vertreten. Da du dir die Gurgel wärmtest, deinen Ring vergessen hast! Laufe zurück, und hol' ihn zurück, noch ist es Zeit! Charmides .                                                                     Der, wer es sei, Ging bei'm Kornwurm in die Schule: ja, der lehrt ihm seinen Lauf. Stasimus . Wie, Gesell, du schämst dich gar nicht? Hast du schon bei'm dritten Glas Dein Gedächtniß ganz vertrunken? Weil du dort mit ehrlichen Leuten trankst, die nie nach fremdem Gut die Finger spizten? Mit Cerconicus, mit Theruchus, Collabus, Cercobolus, Vielleicht Namen damals berüchtigter Spizbuben. Kettenreibern, Galgenvögeln, Beutelschneidern, Diebespack? Und von solchen Schandgesellen willst du deinen Ring zurück, Deren Jeder einem Läufer noch im Lauf die Sohle stiehlt? Charmides . (für sich) Traun, ein recht durchtriebner Dieb! Stasimus .                                                 Was lauf' ich dem Verlornen nach? Gäb' ich doch den Spott zum Schaden obenein noch in den Kauf. Glaube mir, verloren ist verloren! Wende dich zurück! Fort zum Herrn! Charmides .               Ausreißer ist er nicht; er denkt an seinen Herrn. Stasimus . Wollte Gott, daß alte Sitten, daß die alte Sparsamkeit Hier in größern Ehren stünden, als die Sittenlosigkeit! Charmides . Großer Gott! Der fängt in königlichem Ton zu reden an! Altes will er, Altes liebt er, Sitten nach der Väter Art. Stasimus . Denn die Welt fragt heute nicht: »was darf ich?« nein: »was lüstet mich?« Aemtersucht gilt jezt als heilig; kein Gesez hemmt ihr den Weg. Vor dem Feinde flieh'n, den Schild wegwerfen, das ist Mode jezt. Wer auf der Flucht seinen Schild wegwarf, galt nach griechischen Gesezen für ehrlos. Durch die Schandthat Ehre suchen, ist der Welt Lauf. Charmides .                                                                         Böse Welt! Stasimus . Wackre Männer übergehen, ist der Welt Lauf. Charmides .                                                                       Welche Schmach! Stasimus . Mode hat sich das Gesez längst unterthan gemacht, und mehr Muß es ihr zu Willen sein, als Eltern oft den Kindern sind. Ja, mit Eisenklammern nagelt man das arme Strafgesez An die Mauer Polizeiliche und andere Verordnungen wurden zu Rom auf Tafeln abgefaßt und an öffentlichen Pläzen angeschlagen. , wo das Laster aufzuhängen billig war. Charmides . Wünschte wohl ihn anzusprechen; doch ich hör' ihn gar zu gern. Wenn ich ihn anrede, fürcht' ich, kommt er auf was Anderes. Stasimus . Kein Gesez ist heilig mehr, weil das Gesez der Mode dient. Unbedenklich raubt die Mode Staatsgefäll und Tempelgut. Charmides . Wahrlich, dann verdient die Mode, daß man ihr den Rücken bläut. Stasimus . Fand ich's so nicht aller Orten? Diese böse Menschenart Führt mit allen Menschen Krieg, und spielt dem ganzen Volke mit. Da sie keine Treue halten, bringen sie Schuldlose selbst Um's Vertrau'n; denn nach sich selber messen sie der Andern Thun. Wie ich kam auf die Gedanken, hat die That mich heut gelehrt. Wenn du was auf Borg gegeben, sieh es als verloren an. Forderst du's zurück, so wandelt flugs der Freund zum Feind sich um. Suchst du's ernstlich einzutreiben, bleibt dir nur die Eine Wahl: Was du hinliehst, geht verloren, oder du verlierst den Freund. Charmides . Das ist Stasimus ja, mein Sklave. Stasimus .                                                           Für mein Geld, das ich verlieh, Hab' ich einen Feind erhandelt, und verhandelt einen Freund. Doch ich bin recht thöricht, daß ich um den Staat mich kümmere, Und nicht, was mir doch zunächst liegt, meinen Rücken sichere. Fort nach Haus! Charmides .               He! Bleibe steh'n! Stasimus .                                                 Ich bleibe nicht. Charmides .                                                                       Ich aber will's. Stasimus . Und ich will nicht, daß du's willst. Charmides .                                                       Ei, nicht so trozig, Stasimus! Stasimus . Willst du befehlen, kaufe dir Einen. Charmides .                                                         Nun, ich that's und gab das Geld. Wenn er aber nicht gehorcht, was thu' ich dann? Stasimus .                                                                   So prügl' ihn durch. Charmides . Gut gerathen: also thu' ich! Stasimus .                                               Wenn du nicht ihn schonen mußt. Charmides . Taugt er was, so schon' ich ihn, wo nicht, befolg' ich deinen Rath. Stasimus . Was geht mich's an, ob du gute Diener, ob du schlechte hast? Charmides . Weil du deinen Theil am Guten und am Schlechten hast. Stasimus .                                                                                             So nimm Einen denn für dich, den andern, guten, überlasse mir. Charmides . Wenn du das verdient, gescheh' es! Sieh her! Ich bin Charmides. Stasimus . Ha, Wer ist es, der mir hier des besten Mannes Namen nennt? Charmides . Er, der Beste selbst. Stasimus .                                     O Meere, Himmel, Erde, Götter, helft! Seh' ich recht mit meinen Augen? Ist er's oder nicht? Er ist's.     (er betrachtet den Charmides von allen Seiten) Ja, er ist's: er ist es wirklich! O mein langersehnter Herr, Sei gegrüßt! Charmides .           Auch du. Stasimus .                               Es freut mich, dich gesund – Charmides .                                                                           Ich glaube dir's. Doch laß Andres: sage jezt nur, wie es meinen Kindern geht, Die ich hier ließ, Sohn und Tochter. Stasimus .                                                 Sind am Leben, sind gesund. Charmides . Beide? Stasimus .                 Beide. Charmides .                         Nun, die Götter segnen sichtbar mein Geschick. Alles Andre frag' ich drinnen, wenn wir erst bei Muße sind. Geh'n wir: folge mir! Stasimus .                           Wohin denn? Charmides .                                               Nun – wohin sonst, als in's Haus? Stasimus . Glaubst du denn, wir wohnten hier noch? Charmides .                                                                 Wo denn könnt' es anders sein? Stasimus . Dieses Haus – Charmides .                       Nun? Stasimus .                                     Ist nicht unser mehr. Charmides .                                                                   Was hör' ich da von dir? Stasimus . Hat es doch dein Sohn verkauft. Charmides .                                                   Weh! Stasimus .                                                                 Für gezähltes baares Geld. Charmides . Um wie viel? Stasimus .                           Um vierzig Minen. Charmides .                                                       Gott! Ich bin des Todes! Wer Kauft' es? Stasimus .         Kallikles, derselbe, dem du Hab' und Gut befahlst. Der zog ein, um hier zu wohnen, und warf uns zur Thür hinaus. Charmides . Und mein Sohn? Wo wohnt denn der jezt? Stasimus .                                                                       Hier, in diesem Hinterhaus. Charmides . Weh mir, weh. Stasimus . Daß dich die Kunde schmerzen würde, dacht' ich wohl. Charmides . In dem kleinsten Kahne Für meis periclis lesen wir mit Bothe minumis vehiculis. fuhr ich durch die größten Meere hin Mit Gefahr selbst meines Lebens, kämpfte mich durch Räuber durch, Kehrte glücklich heim, und soll nun durch die Schuld derselben hier Untergeh'n, für die ich mein ergrautes Haupt mit Noth belud! Ach, der Gram raubt mir die Sinne. Stasimus, halte mich! Stasimus .                                                                                     Soll ich dir Wasser holen? Charmides .             Das that noth, als meine Hab' in Flammen stand. Fünfte Scene. Kallikles . Charmides . Stasimus . Kallikles . Ha, welchen Lärmen hör' ich hier vor meinem Haus? Charmides . O Kallikles, o Kallikles, o Kallikles! Welch einem Freund vertraut' ich meine Güter an! Kallikles . Nun, einem braven, sichern und von fester Treu. Willkommen! Freut mich, daß du wohl zurückgekehrt. Charmides . Das glaub' ich alles, ist es also, wie du sagst. Doch welchen Aufzug hast du da? Kallikles .                                               Dies hörst du gleich. Ich grub den Schaz im Hause, deiner Tochter die Mitgift davon zu schaffen. Doch das will ich dir Nebst Andrem drinnen sagen. Komm! Charmides .                                                 He, Stasimus! Stasimus . Nun? Charmides .       Laufe flugs zum Hafen, lauf' in Einem Zug! Du wirst das Schiff dort finden, das uns hergebracht. Sangario soll, was ich seiner Hut befahl, An's Land besorgen lassen, und du gehst mit ihm. Dem Zollbeamten ist der Zoll bereits bezahlt. Stasimus . Ich säume nicht. Charmides .                       Geh, eile! Komm auch bald zurück. Stasimus . In Einem Zug hin und zurück! Kallikles . (zu Charmides )                       Du komm hinein! Charmides . Wohl.     (Beide gehen hinein.) Stasimus . (allein)   Der allein ist meinem Herrn ein treuer Freund Geblieben, hat in seiner Treue nie gewankt, Obwohl er mancher Mühe sich um meinen Herrn Und seiner Kinder wegen unterzogen hat. Fünfter Act. Erste Scene. Lysiteles . (kommt frohlockend) Mich Glücklichen seht! Ich thu' es in Lust, In Wonne den Sterblichen allen zuvor. Ja, mir wird allzeit, was ich gewünscht; Was ich thue, gelingt, treibt, hebt sich von selbst: So hüpf' ich von Lust fortwährend zu Lust. Eben kam des Lesbonikus Sklave, Stasimus, zu mir, Sagte mir, sein alter Herr sei wieder aus der Fremde hier. Diesen muß ich eilends sprechen, daß der Vater, was ich erst Mit dem Sohn besprochen, mir bestätigt. Geh' ich denn! Doch – halt! Diese Thür mit ihrem Knarren hält mich ungelegen auf. Zweite Scene. Lysiteles (auf der Seite). Charmides und Kallikles (kommen aus dem Hause). Charmides . Weder gab's, noch gibt es, noch wird's einen Menschen auf der Welt Geben, der an Freundestreue sich mit dir vergleichen kann. Ohne dich hätt' er mich aus dem Hause hier hinausgesezt. Kallikles . That ich Gutes einem Freunde, nahm ich seiner treu mich an, Hab' ich noch kein Lob verdient; nur vor der Schuld bewahrt' ich mich. Denn die Wohlthat, die du weggabst, wird des Andern Eigenthum; Was du zum Gebrauche lieh'st, erhältst du wieder, wenn du willst. Charmides . Allerdings. Doch über was ich nicht genug mich wundern kann, Daß er dennoch seine Schwester, und in ein so reiches Haus, An Lysiteles verlobte, Philto's Sohn – Lysiteles . (für sich)                                       Jezt nennt er mich. Charmides . Ja, das Haus ist ein's der besten. Lysiteles .                                                       Was verzieh' ich länger noch? – Doch ich kann auch warten, denk' ich; just beginnt er ja davon. Charmides . (als ob ihm etwas einfiele) Ha! Kallikles .   Was ist es? Charmides .                   Ich vergaß dir drinnen noch zu sagen: kaum, Als ich angekommen, traf ich einen Schwäzer auf dem Weg, Einen abgefeimten Gauner. Dieser sagt, von meiner Hand Bring' er eben tausend Stücke Goldes dir und meinem Sohn. Wer er ist, ich weiß es nicht; auch sah ich ihn mein Leben nie. Doch du lachst? Kallikles .                   Von mir gesendet, kam der Mann, als bring' er mir Geld von dir, daß ich die Tochter dir davon ausstattete, Und dein Sohn, wenn ich das Geld gab, glaubte, es sei von dir gesandt, Daß er ja nicht merkte, daß du deinen Schaz bei mir versteckt, Und ihn dann von mir als Erbtheil nach dem Rechte forderte. Charmides . Schlau fürwahr! Kallikles .                               Mein guter Freund und deiner gab uns diesen Rath, Megaronides. Charmides .           Den Einfall lob' ich, er gefällt mir wohl. Lysiteles . (für sich) Und ich Thor, ich scheue mich, zu unterbrechen ihr Gespräch, Steh' allein hier, und vollende nicht, was ich begann? Ich will Auf sie zu! Charmides .       Wer kommt da gegen uns? Lysiteles .                                                     Den Schwäher Charmides Grüßt Lysiteles. Charmides .               O gebe dir der Himmel, was du willst! Kallikles . Bin ich nicht des Grußes würdig? Lysiteles .                                                       Sei willkommen, Kallikles! Dem gebührt mein erster Gruß: das Hemd ist näher als das Kleid. Charmides . Möge, was ihr schafft und rathet, durch der Götter Huld gedeih'n! Dir verlobt ist meine Tochter. Lysiteles .                                       Wenn du nichts dawider hast. Charmides . Keineswegs! Lysiteles .                         Versprichst du mir denn deine Tochter auch zur Frau? Charmides . Wohl, und tausend Goldphilippe. Lysiteles .                                                         Nach der Mitgift frag' ich nicht. Charmides . Wenn sie dir gefällt, so muß dir auch gefallen, was sie bringt. Wenn du nicht nimmst, was du nicht willst, wird dir auch nicht, was du willst. Kallikles . Er hat Recht. Lysiteles .                     Und ich gewähr's ihm, deinem Richterspruch gemäß. Unter dem Beding versprichst du deine Tochter mir zur Frau? Charmides . Wohl. Kallikles .               Und ich versprech' es gleichfalls. Lysiteles .                                                                     Theure Verwandte, seid gegrüßt!     (eilt freudig davon.) Charmides . Doch es gibt noch Dinge, derentwegen ich dir böse war. Kallikles . Was verbrach ich? Charmides .                             Daß du zugabst, wie mein Sohn zu Grunde ging. Kallikles . Wenn's geschah mit meinem Willen, grolltest du mir wohl mit Recht. Doch gewähre mir nur Eine Bitte. Charmides .                                           Was? Kallikles .                                                         Du hörst es gleich. Alle seine dummen Streiche sollen ihm vergessen sein! – Nun – was schüttelst du den Kopf? Charmides .                                             Mir drückt's das Herz, ich fürchte – Kallikles .                                                                                                           Was? Charmides . Daß er so nicht ist, wie ich's will, drückt mich, und ich fürchte sehr, Wenn ich, was du willst, verweigre, nennst du's Kälte gegen dich. Sei es denn: ich thue, wie du willst! Kallikles .                                                   O schön! Ich ruf' ihn her. Charmides . Weh mir, darf ich Uebelthaten nicht bestrafen nach Verdienst! Kallikles . (pocht an's Haus) Aufgemacht hier, eilig! Ruft den Lesbonikus gleich heraus, Wenn er hier ist! Eile hat, was ich mit ihm besprechen will. Dritte Scene. Lesbonikus tritt aus dem Hause. Charmides . Kallikles . Lesbonikus . Welcher Mensch ruft aus dem Hause mich mit solchem Ungestüm? Kallikles . Dein geneigter Freund und Gönner. Lesbonikus .                                                     Bist du wohl? Bedeute mir's! Kallikles . Wohl! Es freut mich, daß dein Vater wohlbehalten wiederkam. Lesbonikus . Und wer sagt das? Kallikles .                                     Ich. Lesbonikus .                                       Du sahst ihn? Kallikles .                                                                 Auch du selber kannst ihn seh'n.     (er deutet auf Charmides.) Lesbonikus . Vater, sei willkommen, Vater! Charmides .                                                   Viel willkommen, du mein Sohn. Lesbonikus . Vater, ist dir doch kein Unglück –? Charmides .                                                           Nichts begegnet; fürchte nicht! Nach gelungnem Werke kehr' ich glücklich heim. Wenn du dich fügst, Hat dir Kallikles die Tochter zugesagt. Lesbonikus .                                                   Ich nehme sie; Wenn du willst, auch eine zweite. Charmides .                                           Zwar ich war dir böse, Sohn – Kallikles . (versöhnend) Eine Plag' ist Einem Mann Unheil genug. Charmides .                                                       Nur diesem nicht! Nimmt er auch für seine Sünden hundert Frau'n, ist's nicht genug. Lesbonikus . Künftig werd' ich schon mich halten. Charmides .                                                             Sagst es wohl; doch thu' es auch. Lesbonikus . Darf ich morgen schon die Braut heimführen? Charmides .                                                                           So gefällst du mir. Sei bereit auf übermorgen, sie zu holen. Und ihr – (an die Zuschauer)                                                                                 klatscht! Uebersicht der Sylbenmaße. Prolog V. 1 –22. Vollständige sechsfüßige Jamben ( trimetri jambici acatalectici ). Erster Act. Erste Scene . V. 1 –16. Vollständige sechsfüßige Jamben. Zweite Scene . V. 1 –185. Vollständige sechsfüßige Jamben Zweiter Act. Erste Scene . V. 1 –9. Vollständige vierfüßige Bakcheen ( tetrametri bacchiaci acatalectici ). V. 10 . Ein zweifüßiger Bakcheus ( dimeter bacchiacus ). V. 11 –13. Vollständige vierfüßige Bakcheen. V. 14 . Ein zweifüßiger Bakcheus. V. 15 –17. Vollständige achtfüßige Trochäen ( tetrametri trochaici acatalectici ). V. 18 –20. Unvollständige achtfüßige Trochäen ( tetrametri trochaici catalectici ) V. 21 –26. Vierfüßige kretische Verse ( tetrametri cretici ). V. 27 . Ein zweifüßiger kretischer Vers ( dimeter creticus ). V. 28 –30. Vierfüßige kretische Verse. V. 31 . 33. Vollständige achtfüßige Trochäen. V. 32 . Ein unvollständiger achtfüßiger trochäischer Vers. V. 34 . Ein zweifüßiger bakcheischer Vers. V. 35 –37. Vierfüßige Bakcheen. V. 38 . Ein unvollständiger achtfüßiger trochäischer Vers. V. 39 . 40. Vierfüßige Bakcheen. V. 41 –44. Vollständige achtfüßige Trochäen. V. 45 . Ein vierfüßiger kretischer Vers. V. 46 . Ein zweifüßiger kretischer Vers. V. 47 –49. Vierfüßige kretische Verse. V. 50 . Ein überzähliger jambischer Monometer ( monometer jambicus hypercatalecticus ), verbunden mit einem überzähligen daktylischen Dimeter. Zweite Scene . V. 1 . Ein vierfüßiger kretischer Vers. V. 2 . 3. Vierfüßige Bakcheen. V. 4 –9. Vierfüßige Kretiker. V. 10 –17. Unvollständige achtfüßige Trochäen. V. 18 –21. Vierfüßige kretische Verse. V. 22 . Ein sechsfüßiger Jambe. V. 23 . Ein vierfüßiger Jambe ( dimeter jambicus ). V. 24 . Ein unvollständiger dactylischer Tetrameter. V. 25 . Ein vierfüßiger bakcheischer Vers. V. 26 –118. Unvollständige achtfüßige Trochäen. Nur V. 71 –72 sind vollständige trochäische Tetrameter. Dritte Scene . V. 1 –10. Vollständige sechsfüßige Jamben. Vierte Scene . V. 1 –202. Sechsfüßige Jamben. Dritter Act. Erste Scene . V. 1 –25. Unvollständige achtfüßige Trochäen. Zweite Scene . V. 1 –105. Unvollständige achtfüßige Trochäen. Dritte Scene . V. 1 –92. Sechsfüßige Jamben. Vierter Act. Erste Scene . V. 1 –8. Vollständige achtfüßige Trochäen. V. 9 . Ein unvollständiger vierfüßiger trochäischer Vers ( dimeter trochaicus catalecticus ). V. 10 –13. Vollständige achtfüßige Trochäen. V. 14 . Ein vollständiger vierfüßiger trochäischer Vers ( dimeter trochaicus acatalecticus ). V. 15 –23. Vollständige achtfüßige Trochäen. Zweite Scene . V. 1 –155. Unvollständige achtfüßige Trochäen. Dritte Scene . V. 1 –10. Sechsfüßige Jamben. Vierte Scene . V. 1 –85. Unvollständige achtfüßige Trochäen. Fünfte Scene . V. 1 –21. Sechsfüßige Jamben. Fünfter Act. Erste Scene . V. 1 –5. Vollständige vierfüßige Anapäste ( dimetri anapaestici acatalectici ). V. 6 –10. Unvollständige achtfüßige Trochäen. Zweite Scene . V. 1 –51. Unvollständige achtfüßige Trochäen. Dritte Scene . V. 1 –14. Unvollständige achtfüßige Trochäen.