Herodot Orientalische Königsgeschichten Einleitung Herodot war ein universaler Mensch. Er hat zwar sein Werk deutlich auf die Darstellung seines religiösen Glaubens angelegt, daß Gott die Großen klein und die Kleinen groß zu machen liebt; aber innerhalb dieses ja sehr weiten Rahmens hat er das ganze lebendige Wissen vom Menschen eines weitsichtigen, vorurteilslosen und im höchsten Sinn kritischen Mannes ausgebreitet. Er ist Geschichtschreiber; aber er faßt die Aufgabe der Geschichtschreibung im höchsten Sinn auf: nicht als ein Erzählen geschehener Dinge, sondern als eine umfassende Schilderung der ihm bekannten Menschheit, welche denn die Menschheit überhaupt vertritt. Er steht bei diesem Schildern auf dem Standpunkt seiner Zeit; aber seine Zeit war der wundervolle Frühling unserer Welt, in dessen Blühen schon alle spätere Frucht geahnt wird. So ist es möglich gewesen, daß die Verehrung für ihn in der modernen Zeit von Jahrhundert zu Jahrhundert und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer gestiegen ist: je besser wir ihn nämlich verstehen lernten, weil wir selber uns höher gebildet hatten; so ist es auch möglich, daß er zu den wenigen Schriftstellern gehört, welche das Kind mit der gleichen Freude lesen kann wie der reife Mensch, und welche denn vielleicht erst ganz der erfahrene Greis versteht. Zu den liebenswürdigsten und am leichtesten zugänglichen Teilen seines Werkes gehören die mythischen, märchenhaften und novellistischen Stücke, welche auf Grund von alten, ihm mündlich überlieferten Erzählungen in poetischer Weise Vorgänge der Vergangenheit konzentriert darstellen. Er berichtet sie nicht als wirkliche Geschehnisse; aber er weiß wohl, daß sie Höheres sind, als gewöhnliche Wirklichkeit, daß in ihnen die dichtende Kraft von Generationen und Völkern das Wesentliche, das Menschliche, der Vergangenheit abgebildet hat, welches denn, weil alles Menschliche ewig gleich ist, immer neu sein muß. Die orientalischen Völker waren von jeher in solchen Geschichten ausgezeichnet, und sie sind es noch heute. Wer einen älteren Historiker liest, der asiatische Geschichten schreibt, der wird solche Erzählungen, wie Herodot sie hat, aus allen Zeiten finden; nur freilich wird er immer den Zauber von Herodots Darstellungskunst vermissen. Etwa von Akbar dem Großen, einem Nachkommen des Tamerlan, der um 1800 in Indien ein mächtiges Reich hatte, wird erzählt, daß er eine Festung belagerte, die von einem König Mustapha hartnäckig verteidigt wurde. »Ermüdet durch die Anstrengungen einer langen Belagerung und die Hitze, welche in diesen Gegenden im Mai fast unerträglich ist, war Akbar im Begriff abzuziehen, als er durch Überläufer erfuhr, daß das Wasser in der Festung zu mangeln begann. Mustapha verzweifelte daran, seine Zisternen wieder zu füllen, da die Regenzeit noch sehr entfernt war, und beschloß, heimlich allein aus der Festung zu entweichen und nach Brampur zu flüchten, um von dort aus den Rest seiner Lande zu verteidigen. Er wurde von den Wachen Akbars gefangen und vor diesen geführt. Akbar fragte ihn: ›Wer bist du und was erwartest du von mir?‹ Der Gefangene antwortete: ›Ich bin der König Mustapha und bin aus meiner Festung gekommen, um meinen Feind selber um Rat zu fragen. Ein großer Fürst wie du darf mir ihn nicht verweigern. Das Wasser wird mir knapp; was muß ich tun, um der Knechtschaft zu entgehen, die mich bedroht?‹ Akbar antwortete ihm: ›Gehe in diese Festung zurück, die du mit so viel Mut verteidigt hast, und wenn Gott will, so wirst du Wasser bekommen.‹ Obwohl in dieser Gegend die Regenzeit erst Mitte Juni beginnt, kam doch schon in der folgenden Nacht ein so heftiger Regen, daß alle Zisternen in der Festung angefüllt wurden. Akbar hob die Belagerung auf und Mustapha verglich sich später mit ihm.« Der Orient kann seine Edelsteine nicht fassen; unendlich viel Schönes muß verlorengegangen sein, das in diesen weiten Ländern ausgedacht war; was Herodot hörte, das hat er so geformt, daß es heute Gemeingut der Menschheit geworden ist, wie es sonst nur die Geschichten der Bibel sind. Wer erinnerte sich nicht aus seiner Kindheit der Erzählungen von Krösus und Solon, Krösus und Cyrus, Cyrus bei den Massageten, und so vieler anderer. Griechische Kunst und orientalische Weisheit sind hier vereinigt. Aus zwei Quellen strömen Herodot die Geschichten zu. Die Religion beherrscht im Orient das Denken und Fühlen in ganz anderer Weise als bei uns. Zu allen Zeiten haben die Orientalen die Geschehnisse des irdischen Lebens eng mit dem Göttlichen verknüpft; so haben sie nicht nur von vornherein eine ganz andere Stellung zum Wirklichen: daß es ihnen nämlich leichter wird als uns, es symbolisch zu fassen für das Geistige, daß sie es nicht so ernst nehmen wie wir, daß sie also das Unglück leichter ertragen; auch ihr Dichten sucht immer gleich das Geistige, betrachtet von vornherein das Irdische nur als ein Gewand. Es wird uns schwer, eine solche Gemütsstimmung zu verstehen. Wenn wir etwa Hafis lesen, so glauben wir uns über einen Anakreontiker zu freuen; die Perser aber belehren uns, daß der Wein die mystische Erkenntnis Gottes bedeutet und daß Hafis ein frommer Dichter ist. Die unzähligen kleinen Geschichten des Orients sind aus dieser Gemütsstimmung entstanden, die denn, je nach der Persönlichkeit, schwankt von mystischer Frömmigkeit bis zu reiner menschlicher Ethik. Die Weisheit Solons in der Geschichte von Krösus und Solon ist nicht griechisch, sondern orientalisch. Man vergleiche folgende Geschichte aus Saadis »Rosengarten«: Es brachte einer Nuschirwan dem Gerechten die frohe Nachricht, daß Gott, der Ruhm- und Preiswürdige, den und den seiner Feinde hinweggenommen. Nuschirwan versetzte demselben: »Hast du etwa auch gehört, daß Gott mich will lassen?« Die merkwürdige Frömmigkeit Herodots selber scheint durchaus orientalischen Ursprungs; und es ist gewiß kein Zufall, daß sie am schönsten sich in diesen Geschichten zeigt. Eine andere Quelle dieser Geschichten sind alte Stammessagen, die vielleicht bis zu einer balladenartigen Vorstufe der epischen Dichtung gediehen war. Die Jugendgeschichte des Cyrus ist von dieser Art; es sind hier die urtümlichsten Vorstellungen in den bekannten mythischen Umformungen erhalten. Wir wissen ja heute durch die Ausgrabungen unendlich viel mehr über den Orient, als Herodot wußte. Aber wenn wir etwa den ersten Band von Meyers »Geschichte des Altertums« nun mit Herodot vergleichen, so müssen wir uns fragen: bedeutet denn dieses größere Wissen so viel, wie wir gewöhnlich denken? Den Geist des Orients hat Herodot in unübertrefflicher Weise gefaßt; er hat ihn nach seinem Temperament: eines heitern, milden, klugen und weisen Mannes gefaßt; ein anderes Temperament sieht vielleicht Tragödien, wo er Elegien sah, und unsere Zeit hat ja gewiß ein anderes Temperament, wie Herodot hatte. Aber ist unsere Auffassung nun etwa richtiger? Herodot wurde zehn Jahre nach dem Aufstand der asiatischen Griechen gegen die Perser und sechs Jahre nach der Schlacht bei Marathon, im Jahre 484, aus einem edlen Geschlechte geboren in Halikarnaß, einer dorischen Kolonie in Kleinasien. Angeblich hat er einen Tyrannen Lygdamis in seiner Vaterstadt bekämpft. Die Vorlesung eines Teiles seines Werkes in Olympia und später in Athen ist wohl Legende; sein Buch macht durchaus den Eindruck, daß es von einem alten Mann geschrieben ist. Ungefähr von seinem zwanzigsten bis zu seinem vierzigsten Jahre machte er die großen Reisen, die ihn in alle Teile der damals bekannten Welt führten. Ungefähr 444 gründeten die Athener die Kolonie Thurium in der Nähe des zerstörten Sybaris in Italien, und entweder gleich oder einige Jahre später fand Herodot dort eine neue Heimat. Von dort bereiste er nur noch Süditalien und Sizilien; seine wesentliche Arbeit war nun das Schreiben seines Werkes; es scheint, daß er noch im siebenundsiebenzigsten Jahre seines Lebens an ihm gearbeitet hat. Die Übersetzung von Goldfaden stammt aus der guten Zeit des achtzehnten Jahrhunderts. Dem Übersetzer ist die Nachbildung des behaglichen, altersmäßigen Tones des Historikers sehr gut gelungen. Paul Ernst. Gyges und Kandaules Krösus war ein Lydier von Geburt und ein Sohn des Alyattes. Er herrschte über die Völker diesseits des Flusses Halys, welcher von Süden her durch die Grenze der Syrer und Paphlagoner geht und gegen Norden in das Schwarze Meer fällt. Dieser Krösus ist unter den Asiaten, soviel uns bekannt ist, der erste, welcher einige von den Griechen gezwungen, ihm Tribut zu geben, andere aber zu seinen Freunden gemacht hat. Er bezwang die Ionier, Äolier und Dorier, die in Asien wohnten; die Lakedämonier aber machte er zu seinen Freunden. Vor der Regierung des Krösus waren alle Griechen frei. Denn dies kimmerische Kriegsheer. welches älter war als Krösus, bezwang keine Städte, sondern zog nur raubend und plündernd herum. Die Regierung, welche anfänglich die Herakliden hatten, kam folgendermaßen an die Mermnaden, aus welchen Krösus herstammte. Kandaules, welchen die Griechen Myrsilus nennen, hatte die Herrschaft zu Sardes und war ein Abkömmling des Alkäus, eines Sohnes des Herkules. Denn Argon, ein Sohn des Ninus, ein Enkel des Belus und Urenkel des Alkäus, war unter den Herakliden der erste König zu Sardes; Kandaules aber, des Myrsus Sohn, der letzte. Die hingegen, welche vor dem Argon zu Sardes regiert haben, sind Nachkommen des Lydus, eines Sohnes des Atys, gewesen; von demselben hat das ganze Volk, welches vordem Meoa hieß, den Namen der Lydier bekommen. Die Herakliden, welche von ihnen aufgezogen worden und die Regierung nach einem göttlichen Ausspruche erlangten, stammten von einer Magd, der Jardana, und dem Herkules ab. Sie regierten zweiundzwanzig Menschenalter hindurch fünfhundertundfünf Jahre, und der Sohn folgte allezeit dem Vater bis auf den Kandaules, den Sohn des Myrsus. Dieser Kandaules war in seine Gemahlin sehr verliebt, und vor Liebe hielt er dieselbe für die allerschönste Person. Unter seinen Trabanten stand Gyges, ein Sohn des Daskylus, in besonderer Gnade bei ihm, und er trug ihm die wichtigsten Verrichtungen auf. Weil er nun von der Schönheit seiner Gemahlin über alle Maßen eingenommen war und dieselbe sehr rühmte, sagte er nicht lange nach seiner Vermählung (denn Kandaules sollte unglücklich werden) zu diesem Gyges: Gyges, du glaubst wohl nicht, was ich dir von der Schönheit meiner Gemahlin sage; denn die Ohren sind ungläubiger als die Augen; mache doch, daß du sie nackend zu sehen bekommst. Gyges erhob ein großes Geschrei und sagte: Herr, was ist das für eine tolle Rede, daß du mir befiehlst, meine Königin nackend zu sehen? Eine Frau zieht mit ihrem Unterrocke zugleich ihre Schamhaftigkeit aus. Was schön sei, haben die Alten schon erkannt, und von diesen müssen wir es lernen; darunter aber gehört auch diese Regel: ein jeder sehe auf das Seinige. Ich glaube gewiß, daß sie das schönste Weib ist, und bitte dich, nichts Unrechtmäßiges von mir zu verlangen. So widersetzte sich Gyges dem Begehren des Königs, weil er befürchtete, es möchte deswegen unglücklich gehen. Allein er bekam diese Antwort: Gyges, sei unbesorgt und fürchte dich nicht vor mir, als wenn ich dich nur auf die Probe stellen wollte; auch nicht vor meiner Gemahlin, daß sie dir einiges Leid zufügen werde. Denn ich will die Sache so veranstalten, daß sie gar nicht erfahren soll, daß sie von dir gesehen worden. Ich will dich in dem Zimmer, in welchem wir schlafen, hinter die aufgemachte Tür stellen. Wenn ich drinnen bin, so wird auch meine Gemahlin in das Schlafzimmer kommen. Neben dem Eingange ist ein Stuhl, auf diesen wird sie die Kleider, welche sie auszieht, eins nach dem andern, legen und sich ganz ruhig von dir beschauen lassen. Wenn sie aber von dem Stuhle nach dem Bette geht und du hinter ihrem Rücken bist, so nimm dich ja wohl in acht, daß sie dich durch die Tür nicht weggehen sieht. Weil er nun keine Ausflucht mehr wußte, so ließ er sich die Sache gefallen. Kandaules führte den Gyges, als die Schlafzeit herbeikam, in das Zimmer; gleich darauf trat die Gemahlin auch hinein, welche denn Gyges, als sie sich ausgekleidet hatte, beschaute. Als sie ihm aber den Rücken zukehrte und nach dem Bette ging, schlich er sich hinaus. Allein sie sah ihn hinausgehen. Als sie nun merkte, was ihr Mann getan habe, erhob sie doch aus Schamhaftigkeit kein Geschrei und ließ auch nicht merken, daß sie etwas davon wisse, weil sie entschlossen war, sich an ihrem Gemahl zu rächen. Denn bei den Lydern und fast bei allen Asiaten ist es sogar für einen Mann schimpflich, sich nackend sehen zu lassen. Sie entdeckte also damals nichts und hielt sich ganz stille; sobald es aber Tag geworden war, mußten sich diejenigen unter ihren Bedienten, welche sie für die treuesten ansah, bereithalten, und sie ließ den Gyges zu sich rufen. Er bildete sich nicht ein, daß sie etwas von dem, was geschehen sei, wüßte, und kam also nach ihrem Befehl. Denn er war auch sonst schon gewohnt gewesen zu kommen, wenn ihn die Königin forderte. Als Gyges ankam, sagte sie zu ihm: Nun gebe ich dir, Gyges, die Freiheit, unter zwei Wegen, die dir offen stehen, einen zu erwählen. Entweder nimm dem Kandaules das Leben und mich und das lydische Reich in Besitz, oder du mußt selbst alsobald sterben, damit du dem Kandaules nicht dergestalt gehorchst, auch künftig etwas zu sehen, welches dir nicht zukommt. Entweder der muß aus dem Wege geräumt werden, der dergleichen gewollt hat, oder du, der du mich nackend gesehen und ungeziemende Dinge getan hast. Gyges stand erst eine Zeitlang in Verwunderung über diese Worte; darauf bat er sie fußfällig, ihn nicht zu nötigen, eine solche Wahl zu treffen. Allein er richtete nichts damit aus und sah, daß es schlechterdings erfordert werde, entweder seinen Herrn hinzurichten oder sich selbst hinrichten zu lassen. Er erwählte also seine eigne Erhaltung und tat diese Frage an sie: Weil du mich nötigst, meinem Herrn das Leben zu nehmen und solches wider meinen Willen zu tun, so möchte ich wohl von dir hören, wie ich ihn überfallen soll. Sie versetzte darauf: An ebendem Orte sollst du ihn überfallen, wo er mich nackend gezeigt hat; und das kann geschehen, wenn er schläft. Als sie die Anstalten gemacht hatten und es Nacht wurde, säumte Gyges nicht. Denn es war kein anderes Mittel übrig, als daß er selbst oder Kandaules sterben mußte. Er folgte also der Königin in das Schlafgemach. Sie gab ihm einen Dolch und versteckte ihn hinter ebender Türe. Sobald nun Kandaules eingeschlafen war, schlich er hinzu, brachte ihn um und bekam die Gemahlin und das Reich: welcher Sache auch der parische Archilochus in seinem sechsfüßigen jambischen Gedichte gedacht hat. Er erlangte also das Reich und wurde darinnen durch einen göttlichen Ausspruch zu Delphi bestätigt. Denn da den Lydiern der Tod des Kandaules sehr wehe tat und sie deswegen die Waffen ergriffen, wurden die Soldaten des Gyges und die andern Lydier endlich so weit miteinander einig, daß er König sein sollte, wenn das Orakel den Ausspruch für ihn täte; widrigenfalls sollte er die Regierung den Herakliden wieder abtreten. Das Orakel aber tat für ihn den Ausspruch, und also wurde ihm das Reich überlassen. Es hatte aber die Pythia die Worte gebraucht: Bei dem fünften Abkömmlinge des Gyges werde die Rache wegen der Herakliden kommen. An diesen Ausspruch dachten die Lydier und ihre Könige nicht eher, bis er in Erfüllung ging. Auf diese Art haben die Mermnaden durch Vertilgung der Herakliden die Herrschaft erlangt. Gyges hat in seiner Regierung nicht wenig Geschenke nach Delphi gesandt; die meisten silbernen Geschenke daselbst rühren von ihm her. Außer dem Silber schenkte er auch unsäglich viel Gold. Besonders aber sind die sechs goldenen großen Trinkgeschirre des Andenkens würdig; sie stehen bei dem Schatze der Korinther und wiegen dreißig Talente. Doch die Wahrheit zu sagen, gehört dieser Schatz nicht dem korinthischen Volke, sondern dem Kypselus, dem Sohne des Fetion. Dieser Gyges ist meines Wissens unter den Asiaten der erste nach dem Midas, des Gordius Sohne, dem Könige in Phrygien, welcher nach Delphi Geschenke in den Tempel geschickt hat. Denn Midas schickte den sehenswürdigen königlichen Stuhl, auf welchem er saß, wenn er Gericht hielt. Dieser Stuhl steht bei den Krateren des Gyges. Das Gold und Silber, welches Gyges geschenkt hat, wird von den Delphiern nach dem Namen des Gebers Gygadas genannt. Als er die Regierung angetreten hatte, bekriegte er die Städte Miletus und Smyrna und nahm Kolophon ein. Sonst aber hat er in seiner dreißigjährigen Regierung nichts Großes getan, und wir wollen also auch nichts weiter von ihm sagen. Krösus und Solon Nach dem Tode des Alyattes trat sein Sohn Krösus in einem Alter von fünfunddreißig Jahren die Regierung an. Unter den Griechen waren die Epheser die ersten, welche er mit Krieg überzog. Damals widmeten und übergaben die Epheser, als sie von ihm belagert wurden, ihre Stadt der Diana, indem sie aus dem Tempel bis an die Stadtmauer einen Strick zogen. Es sind aber zwischen der alten Stadt, welche damals belagert wurde, und zwischen dem Tempel sieben Stadien. Sie waren also die ersten, die Krösus überfiel. Nachher kam die Reihe auch an die andern Ionier und Äolier, gegen welche er mancherlei Beschuldigungen vorwandte, wie er sie ausfinden konnte, teils wichtige und große, teils geringe und nichtswürdige. Nachdem er nun die Griechen in Asien sich unterwürfig und zinsbar gemacht, ging er mit den Gedanken um, Schiffe zu bauen und die Eiländer anzugreifen. Als aber zu dem Schiffbau alles veranstaltet war, soll, wie einige sagen, Bias aus Prienne, wie andere vorgeben, Pittakus aus Mitylene nach Sardes gekommen sein. Da nun Krösus fragte, was das Neueste in Griechenland sei, soll er ihn mit folgenden Worten zur Unterlassung des Schiffbaus bewogen haben: O König, die Eiländer kaufen zehntausend Pferde zusammen und haben den Vorsatz, Sardes und dich damit zu bekriegen. Krösus hielt dieses für eine wahre Erzählung und sagte: Möchten doch die Götter dieses den Eiländern in die Gedanken kommen lassen, gegen die Lydier mit einer Reiterei heranzuziehen. Darauf versetzte jener: Du scheinst mir, o König, begierig zu wünschen, daß du die Eiländer zu Pferde finden möchtest, und versprichst dir davon gewisse Vorteile. Was wünschen aber die Eiländer, sobald sie gehört haben, daß du Schiffe gegen sie bauen wolltest, mehr, als die Lydier auf der See anzutreffen, damit sie wegen der Griechen auf dem festen Lande, welche du zu Knechten gemacht hast, Rache ausüben können? Diese Antwort soll dem Könige so geschickt vorgekommen sein und ihm dergestalt gefallen haben, daß er den Schiffbau einstellte und mit den Ionern, welche die Inseln bewohnten, ein Freundschaftsbündnis aufrichtete. Krösus hatte nach und nach fast alle Einwohner diesseits des Halys, die Zilizier und Lykier ausgenommen, bezwungen und unter seine Botmäßigkeit gebracht. Denn es standen unter ihm die Lydier, Phrygier, Mysier, Maryandyner, die Chalyber, Paphlagonen, Thraker, Thyner und Bithyner, die Karier, Ionier, Dorier, Äolier, Pamphylier. Nachdem er nun das lydische Reich dergestalt erweitert hat, kommen nach Sardes, welche Stadt bei großem Reichtum in einem blühenden Stande war, fast alle Gelehrten, die zu der Zeit in Griechenland lebten, doch ein jeder für sich; unter andern aber auch Solon, welcher den Athenern auf ihr Verlangen Gesetze gemacht hatte und zehn Jahre herumreiste unter dem Vorwande, die Welt zu besehen, in der Tat aber, damit er nicht gezwungen würde, eines von den Gesetzen, welche er gegeben hatte, aufzuheben. Denn das konnten die Athener nicht tun, weil sie sich durch die stärksten Eide verpflichtet hatten, sich zehn Jahre nach den Gesetzen, welche Solon gemacht hatte, zu richten. Aus dieser Ursache und auch um der Wissenschaft willen reiste Solon und kam nach Ägypten zu dem Amasis und nach Sardes zu dem Krösus. Er wurde von demselben in dem königlichen Schlosse als ein Gast aufgenommen. Den dritten oder vierten Tag nach seiner Ankunft führten ihn, auf Befehl des Krösus, die Bedienten in den Schatzkammern herum und zeigten ihm alles, was groß und herrlich war. Nachdem er alles besehen und, solange es ihm gelegen war, betrachtet hatte, tat Krösus diese Frage an ihn: Werter Athener, es ist bei uns viel von dir gesprochen worden sowohl wegen deiner Weisheit als auch wegen deiner Reisen, daß du als ein Weltweiser, und vieles zu sehen und zu erfahren, auch zu uns gekommen bist. Nun ist mir die Lust angekommen, dich zu fragen, ob du jemand weißt, der der Glückseligste unter allen Menschen ist. Er tat aber diese Frage, weil er sich einbildete, der Glückseligste zu sein. Solon heuchelte nicht, sondern antwortete nach der Wahrheit: O König, das ist Tellus, ein Athener! Krösus verwunderte sich über diese Antwort und fragte weiter: Weswegen hältst du den Tellus für den Glückseligsten? Dieser Tellus, war die Antwort, hatte bei einem glücklichen Zustande der Stadt schöne und tugendhafte Söhne, und von ihnen insgesamt sah er wieder Kinder, die alle am Leben blieben. Als er nun sein Leben, so weit, als es bei uns möglich ist, in guten Wohlstand gebracht hatte, erlangte er das rühmlichste Ende des Lebens. Denn da die Athener mit ihren Nachbarn bei Eleusis ein Treffen hielten, kam er ihnen zu Hilfe, brachte die Feinde in die Flucht und starb alsdann auf die schönste Weise. Die Athener begruben ihn an dem Orte, wo er geblieben war, auf gemeinsame Kosten und erwiesen ihm große Ehre. Als nun Solon von dem Tellus und seiner Glückseligkeit viel gesagt und dadurch den Krösus noch mehr gereizt hatte, fragte ihn dieser: wen er nach jenem für den Glücklichsten hielt, und glaubte gewiß, daß er die nächste Stelle bekommen werde. Solon aber nannte den Kleobis und Biton. Diese beiden Männer waren von Argos, hatten genugsam zu leben und dabei eine solche Stärke des Leibes, daß sie beide in den Kampfspielen den Preis davontrugen. Man erzählt auch folgendes von ihnen: Als die Argier ein Fest der Juno feierten, mußte ihre Mutter von ein paar Ochsen in den Tempel gefahren werden. Die Ochsen kamen aber nicht zu rechter Zeit vom Felde. Weil nun die Sache keinen Aufschub litt, spannten sich die Jünglinge selbst vor und zogen den Wagen, auf welchem ihre Mutter fuhr, und zwar fünfundvierzig Stadien weit, bis in den Tempel. Als sie dieses vor den Augen der ganzen Versammlung getan, erlangten sie das schönste Ende des Lebens, und Gott zeigte damit an, es sei dem Menschen besser zu sterben als zu leben. Denn die Männer von Argos standen um sie herum und priesen ihre Gesinnung glücklich; die Weiber aber die Mutter, daß sie solche Kinder hätte. Die Mutter hingegen stand voller Freuden über diese Handlung und über das Lob derselben vor dem Bilde der Göttin und wünschte, daß die Göttin dem Kleobis und Biton, ihren Kindern, die sie auf eine so sonderbare Weise geehrt, das geben möchte, was dem Menschen am besten sei. Nach diesem Gebet und nach dem Opfer und der Mahlzeit schliefen die Jünglinge in dem Tempel ein und wachten auch nicht wieder auf, sondern endigten daselbst ihr Leben. Die Argier ließen ihre Bildnisse machen und schenkten dieselben als die Bildnisse der tugendhaften Männer nach Delphi in den Tempel. Diesen gab Solon den zweiten Platz in der Glückseligkeit. Krösus aber sagte ganz unwillig: Werter Athener, siehst du denn meine Glückseligkeit so gar verächtlich an, daß du mich nicht einmal mit Privatpersonen in Vergleichung ziehst? O Krösus, antwortete Solon, mich, der ich wohl weiß, daß alle Gottheiten mißgünstig und unruhig sind, fragst du wegen des menschlichen Glücks? In einer langen Zeit muß einer viel sehen, das er nicht will, und vieles leiden. Ich setze das Ziel des menschlichen Lebens auf siebzig Jahr. Diese siebzig Jahre machen fünfundzwanzigtausendundzweihundert Tage, den Schaltmonat nicht mitgerechnet. Wenn aber ein Jahr um das andre um einen Monat länger werden soll, damit die Jahreszeiten ordentlich wiederkommen, so haben wir in siebzig Jahren fünfunddreißig Schaltmonate, und aus diesen Monaten tausendundfünfzig Tage. Unter allen diesen Tagen, deren in siebzig Jahren sechsundzwanzigtausendzweihundertundfünfzig sind, ist keiner dem andern in den Umständen ganz ähnlich. So ist denn also ein jeder Mensch dem Unglück unterworfen. Ich weiß, daß du reich und ein König vieler Menschen bist. Was du mich aber fragst, das sage ich nicht eher, bis ich höre, daß du deine Lebenszeit wohl beschlossen hast. Denn wer sehr reich ist, ist nicht glücklicher als der, welcher auf einen Tag seinen Unterhalt hat, wenn er nicht das Glück hat, in dem Besitz der Güter das Leben zu beschließen. Denn viele sehr reiche Menschen sind unglückselig; viele aber, die ein mäßiges Vermögen haben, glücklich. Wer sehr reich, aber unglückselig ist, der übertrifft den Glücklichen allein in zwei Stücken; dieser aber den Reichen und Unglückseligen in vielen Stücken. Dieser letztere ist besser imstande, seine Begierden zu befriedigen und einen großen Verlust und Schaden zu ertragen. Jener aber übertrifft ihn in diesen Stücken, daß er zwar einen Verlust nicht so leicht ertragen und seine Begierden nicht ebenso stillen kann; aber dagegen wendet auch das Glück dergleichen von ihm ab: er wird nicht mit Schaden klug, ist ohne Krankheiten und ohne Verdruß, hat gute Kinder und sieht wohl aus. Wenn er nun über dieses sein Leben wohl beschließt, so ist er würdig, der glückselige Mensch, den du suchst, genannt zu werden. Ehe er aber stirbt, muß man davon nicht urteilen und ihn nicht glückselig, sondern nur glücklich nennen. Es ist dabei unmöglich, daß ein Mensch dieses alles erlangen sollte; eben wie kein Land sich alles selbst hervorbringen kann, sondern eine Sache hat und der andern bedarf. Das aber das meiste trägt, ist das beste. Es hat auch keines Menschen Leib alle Gaben der Natur: eine besitzt er, die andre fehlt ihm. Wer das meiste Gute beständig hat und endlich das Leben auf eine angenehme Art beschließt, der verdient bei mir, o König! diesen Namen zu führen. Man muß bei einem jeden Dinge auf das Ende und den Ausgang sehen. Denn viele, denen Gott die Glückseligkeit gezeigt, hat er mit der Wurzel ausgerissen und umgekehrt. Mit dieser Vorstellung machte sich Solon bei dem Krösus nicht beliebt, und weil er ihm keinen Vorzug einräumte, wurde er fortgeschickt. Man hielt ihn für einen sehr unwissenden Mann, weil er die gegenwärtigen Güter nicht achtete und auf das Ende aller Dinge zu sehen befahl. Krösus verliert seinen Sohn Atys Nach der Abreise Solons ließen die Götter ihren Zorn den Krösus hart fühlen, wahrscheinlicherweise darum, weil er sich selbst für den glückseligsten Menschen erklärt hatte. Er hatte bald darauf einen Traum, welcher ihm die Wahrheit des Unglücks entdeckte, das seinem Sohne begegnen sollte. Krösus hatte zwei Söhne, davon der eine stumm war, der andre, welcher Atys hieß, übertraf die, so mit ihm gleichen Alters waren, in allen Dingen. Von diesem Atys träumte ihm, daß er von einer eisernen Spitze würde getroffen und um das Leben gebracht werden. Als er erwachte und die Sache bei sich überlegte, geriet er wegen des Traums in eine Furcht und gab seinem Sohn eine Gemahlin. Dieser hatte bisher die lydische Armee angeführt, nun aber ließ er ihn nicht mehr zu Felde gehen. Wurf- und andere Spieße und alle dergleichen Gewehre nahm er aus den Wohnzimmern der Männer weg und brachte sie zusammen in die Schlafkammer, damit nichts herunter auf seinen Sohn fiele. Als er aber mit der Vermählung desselben beschäftigt ist, kommt ein unglücklicher Mensch nach Sardes, welcher seine Hände mit Blut befleckt hatte. Er war aus Phrygien von königlichem Geblüt und kam in das Haus des Krösus, welchen er bat, ihn nach landsüblichen Gebräuchen von der Befleckung zu reinigen. Krösus reinigte ihn. Diese Reinigung geschieht bei den Lydiern eben wie bei den Griechen. Nachdem Krösus, was gebräuchlich ist, verrichtet hatte, fragte er, woher und wer er sei, und sagte zu ihm: wer bist du und woher kommst du aus Phrygien zu mir als ein Gast? Welchen Menschen hast du getötet? Er antwortete darauf: O König! ich bin ein Sohn des Gordius, dessen Vater Midas war, und heiße Adrast. Ich habe meinen Bruder unversehens getötet und komme deswegen hierher, weil ich von meinem Vater vertrieben und aller Dinge beraubt bin. Darauf versetzte Krösus: Du stammst von guten Freunden ab und bist zu Freunden gekommen. Daher wird es dir an nichts fehlen, solange du bei uns bleibst. Je besser du dich aber bei dem Unglück fassen wirst, desto mehr wirst du dabei gewinnen. Er hatte also seine Wohnung bei dem Krösus. Zu ebender Zeit ließ sich auf dem mysischen Berge Olymp ein großes Stück von einem wilden Schweine sehen, welches von demselben herunterkam und die Arbeit der Myser verwüstete. Die Myser gingen oft auf dasselbe los; aber ohne es zu beschädigen, wurden sie von ihm beschädigt. Endlich kamen Abgeordnete von den Mysern zu dem Krösus und sagten: O König! das größte Stück von einem wilden Schweine hat sich bei uns sehen lassen und verwüstet unsre Arbeit. Wir haben es vergeblich zu fangen gesucht. Wir bitten dich also, deinen Sohn und auserlesene junge Leute und Hunde mit uns zu schicken, daß wir dasselbe aus unserm Lande los werden. Krösus aber, welcher sich des Traumes erinnerte, antwortete ihnen: An meinen Sohn gedenkt nicht mehr; den möchte ich wohl nicht mitschicken; denn er hat sich kaum vermählt, und damit hat er jetzt seine Geschäfte. Ich will euch aber die besten von den Lydiern und alles Jagdzeug mitschicken und denen, die mit euch gehen, befehlen, ihr möglichstes mit euch zu tun, die Bestie aus dem Lande zu schaffen. Mit dieser Antwort waren die Myser zufrieden. Allein des Krösus Sohn, welcher gehört hatte, was die Myser verlangten, kam eben dazu; und weil Krösus ihnen abgeschlagen hatte, seinen Sohn mitzuschicken, so sagte der Prinz zu ihm: Mein Vater! es war sonst meine schönste und edelste Beschäftigung, in den Krieg und auf die Jagd zu gehen und Ruhm zu erwerben; nun aber hältst du mich von beiden Verrichtungen ganz ab, da du doch keine Furchtsamkeit und Zaghaftigkeit bei mir wahrgenommen hast. Mit was für Augen müssen mich nun die Leute ansehen, wenn ich auf den Markt gehe und wieder von demselben weggehe? Was müssen die Bürger von mir denken? Was muß meine neue Gemahlin von mir halten? Wie wird es ihr gefallen, mit einem solchen Manne zu leben? Laß mich also entweder mit auf die Jagd gehen oder überzeuge mich durch Gründe, daß mir diese Lebensart besser anstehe. Krösus versetzte darauf: Mein Sohn! ich handle auf diese Weise mit dir, gar nicht als wenn ich Furchtsamkeit oder sonst etwas Mißfälliges an dir wahrgenommen hätte; sondern eine Erscheinung im Traume sagt mir, daß du nicht lange leben, sondern durch einen eisernen Spieß umkommen werdest. Um dieser Erscheinung willen habe ich deine Vermählung beschleunigt und schicke dich nicht zu gefährlichen Verrichtungen, weil ich alle Vorsicht gebrauche, dich, wo möglich, bei meinem Leben deinem Schicksal zu entziehen. Denn du bist mein einziger Sohn; was nämlich den andern betrifft, welchem das Gehör fehlt, so ist es ebensoviel, als wenn ich ihn nicht hätte. Der Sohn antwortete: Ich kann dich nicht tadeln, daß du wegen des Traumes solche Vorsicht für mich trägst. Es ist aber billig, daß ich dir den Traum auslege, welchen du nicht recht verstehst. Du sagst, der Traum zeige dir an, daß ich durch einen Spieß umkommen würde. Was hat aber das Schwein für Hände? Was für einen eisernen Spieß, vor dem du dich fürchtest? Wenn dir geträumt hätte, ich sollte von einem Zahn oder von etwas demselben ähnlichen sterben, so müßtest du tun, was du tust. Es heißt aber von einem Spieße. Weil ich nun nicht gegen Männer zu fechten habe, so laß mich gehen. Mein Sohn! antwortete Krösus, du überredest mich durch die Erklärung, welche du von dem Traume gibst. Von dir überredet, ändere ich meine Meinung und lasse dich auf die Jagd gehen. Nach dieser Unterredung läßt Krösus den Adrastus, den Phrygier, kommen und sagt zu ihm: Mein Adrast, ich habe dich als einen unglücklichen Menschen, ohne dir etwas Unangenehmes vorzuwerfen, gereinigt und in meinem Hause aufgenommen und gebe dir alles, was du brauchst. Nun mußt du, was ich dir Gutes erwiesen, vergelten: Daher mache ich dich zu einem Aufseher und Beschützer meines Sohnes, da er Lust hat, auf die Jagd zu gehen; daß nicht etwa unterwegs boshaftige Räuber euch überfallen. Überdies ist es für dich vorteilhaft, an einen Ort zu gehen, wo du Gelegenheit findest, deine Tapferkeit sehen zu lassen. Denn das ist dir von deinem Vater angeerbt, und du hast noch Stärke genug. Adrastus antwortete darauf: O König! ich bin sonst zu dergleichem Kampfe nicht gegangen; denn es schickt sich für einen Menschen, der ein solch Unglück gehabt hat, gar nicht, unter glückliche Personen gleichen Alters zu gehen, ich habe auch keine Lust dazu. Daher habe ich mich oftmals selbst zurückgehalten. Nun aber, da ich verpflichtet bin, mich für deine Güte dankbar zu erweisen und dir zu Gefallen zu leben, bin ich bereit, zu tun, was du von mir verlangst. Erwarte also deinen Sohn, den du mir anbefiehlst, soweit als ich dafür stehen und ihn schützen kann, ohne allen Schaden zurück. Nach dieser Antwort gingen sie unter Begleitung ausgesuchter junger Männer und mit Hunden wohlversehen fort. Als sie an den Olymp kamen, spürten sie das Wild auf, stellten sich um dasselbe in einem Kreise herum und warfen Spieße auf dasselbe. Da warf denn auch Adrastus, eben der Gast, welcher von der Mordtat war gereinigt worden, einen Spieß auf dasselbe und traf den Sohn des Krösus. Dieser erfüllte also, indem er mit einem Spieß getötet wurde, das, was der Traum vorhergesagt hatte. Es lief gleich ein Bote fort nach Sardes und brachte dem Krösus Nachricht von dem Kampfe und dem Tode seines Sohnes. Krösus wurde über den Tod seines Sohnes sehr bestürzt; es war ihm aber am allerempfindlichsten, daß ihn eben der des Lebens beraubt hatte, welchen er von der Mordtat gereinigt hatte. In der heftigsten Betrübnis über dieses Unglück rief er den reinigenden Jupiter über das, was er von dem Gastfreunde erlitten hatte, zum Zeugen an. Er rief ihn auch als den Gott der Gastfreiheit und der Freundschaft an; als den Gott der Freiheit, weil er den Fremden in seinem Hause aufgenommen und unwissend den Mörder seines Sohnes ernährt hatte; als den Gott der Freundschaft, weil er an dem, welchen er ihm zum Beschützer mitgegeben, den ärgsten Feind gefunden hatte. Darauf kamen die Lydier, welche den Leichnam brachten, und hinter ihm folgte der Mörder, welcher sich vor den Toten stellte, sich selbst dem Krösus darbot, seine Hände gegen ihn ausstreckte und verlangte, ihn dem Toten als ein Opfer zu schlachten. Er gedachte an sein erstes Unglück und beklagte, daß er noch dazu den, welcher ihn gereinigt, in den größten Jammer gestürzt habe: er wolle nicht ferner leben. Als Krösus dieses hörte, hatte er mit dem Adrast, obwohl er selbst ein so schweres Leiden hatte, Mitleiden und sagte zu ihm: Ich habe von dir, mein Freund, alle Genugtuung, weil du dich selbst zum Tode verdammst. Du bist nicht schuld an diesem meinem Unglück, insofern du es wider deinen Willen veranlaßt hast, sondern irgendein Gott, welcher mir diesen Zufall schon vorher angedeutet hat. Krösus bestattete seinen Sohn gebührend zur Erde. Adrastus aber, der Sohn des Gordius und Enkel des Midas, der Mörder seines eignen Bruders und zugleich der Mörder des Sohnes dessen, der ihn gereinigt hatte, hielt sich für den allerunglückseligsten unter allen Menschen, die ihm bekannt waren, und nahm sich daher, als es von Leuten stille um das Grabmal geworden, selbst bei der Gruft das Leben. Krösus befragt das Orakel zu Delphi Krösus blieb zwei Jahre über den Verlust seines Sohnes in einer tiefen Trauer. Nachher aber vergaß er dieselbe nach und nach, als Astyages, des Kyaxares Sohn, seiner Herrschaft von dem Cyrus beraubt wurde und ihn die anwachsende Macht der Perser veranlaßte, darauf zu denken, wie er dieselbe, ehe sie allzu groß würde, über den Haufen werfen möchte. Nachdem ihm diese Gedanken eingekommen, tat er gleich einen Versuch bei den Orakeln, sowohl bei denen in Griechenland, als bei dem in Libyen. Er schickte von seinen Leuten den einen hierhin, den andern dorthin, einige nach Delphi, andre nach Abä in Phokea, andre nach Dodona. Diese wurden an den Amphiaraus und Trophonius, jene zu den Branchiden in Milesien geschickt. Das waren die griechischen Orakel, an welche Krösus schickte, die Zukunft zu erfahren. Andre schickte er nach Libyen zu dem Ammon, das Orakel zu befragen. Er schickte aber, die Orakel auf die Probe zu stellen, in der Absicht, wenn sie wahrhaftig erfunden würden, zum andernmal an sie zu schicken, und sie zu befragen, ob er die Perser bekriegen sollte. Er schickte die Lydier, um die Orakel zu versuchen, mit dem Befehle ab: sie sollten von dem Tage ihrer Abreise die Tage zählen und alle an einem Tage zu den Orakeln gehen und dieselben fragen, was Krösus, der Sohn des Alyattes, der König in Lydien, an demselben Tage tue: was nun ein jedes Orakel antwortete, sollten sie aufschreiben und ihm überbringen. Was nun die andern Orakel ausgesprochen, wird von niemand berichtet; zu Delphi aber, wo die Lydier gleich in den Tempel gingen und den Gott um das, was ihnen befohlen war, fragten, antwortete die Pythia also: Ich weiß die Zahl des Sandes und die Weite und Tiefe des Meeres, Ich verstehe die Stummen und höre den Sprachlosen. Ich empfinde den starken Geruch von einer Schildkröte, Welche mit Lammfleisch in Kupfer gekocht wird, Welches auf Kupfer steht und mit Kupfer bedeckt ist. Diesen Ausspruch der Pythia schrieben die Lydier auf und gingen nach Sardes zurück. Als nun auch die andern, welche Krösus herumgeschickt hatte, kamen und Götteraussprüche brachten, machte er die Schriften auf und sah sie durch; allein es gefiel ihm keiner von denselben. Sobald er aber den delphischen hörte, nahm er ihn ehrerbietig an, weil er glaubte, daß allein das delphische Orakel seine Verrichtungen entdeckt habe. Denn als er nach den Orakeln ausgeschickt hatte, beachtete er den gesetzten Tag, an demselben etwas auszufinden und zu tun, welches man unmöglich erraten und erklären könnte. Er zerhieb nämlich eine Schildkröte und ein Lamm und kochte sie beide in einem kupfernen Kessel, auf welchen er einen kupfernen Deckel legte. Und dieses wurde von dem Orakel zu Delphi angezeigt. Was das Orakel des Amphiaraus den Lydiern, welche in dem Tempel die gehörigen Gebräuche beobachteten, geantwortet hat, kann ich nicht sagen. Denn man sagt davon weiter nichts, als daß er auch dessen Ausspruch der Wahrheit gemäß gefunden habe. Er versöhnte darauf den Gott zu Delphi mit großen Opfern. Denn er opferte dreitausend Stück von auserlesenen Tieren und brachte übergoldete und übersilberte Betten, goldene Schalen, purpurne Decken und Kleider auf einen großen Scheiterhaufen zusammen und verbrannte sie in der Hoffnung, sich dadurch die Gnade des Gottes noch mehr zu versichern. Allen Lydiern befahl er zugleich, alles, was ein jeder hätte, demselben zu opfern. Als das Opfer vollbracht war, schmolz er eine unsägliche Menge Gold und ließ aus demselben Halbziegel verarbeiten, wovon die größten sechs, die kleinsten drei Hände lang, ein jeder aber handbreit dick war. Ihre Zahl belief sich auf hundertundsiebzehn. Vier von denselben waren aus dem feinsten Golde, und ein jeder wog anderthalb Talente; die anderen waren aus blassem Golde und ein jeder hatte am Gewichte zwei Talente. Er machte auch einen Löwen aus seinem Golde, welcher zehn Talente wog. Als der Tempel zu Delphi abbrannte, fiel dieser Löwe von den Halbziegeln, worauf er gestellt war, herunter. Er liegt nun in dem korinthischen Schatzbehältnisse und wiegt noch sechseinhalb Talente; denn dreieinhalb Talente sind davon weggeschmolzen. Als diese Stücke alle fertig waren, schickte er sie nach Delphi und zugleich viele andere Sachen, auch zwei überaus große Krateren, einen goldenen und einen silbernen. Der goldene stand zur Rechten, wenn man in den Tempel geht, der silberne zur Linken. Sie sind aber auch bei Verbrennung des Tempels weggebracht worden. Der goldene steht in dem klazomenischen Schatze und wiegt achteinhalb Talent und zwölf Minen. Der silberne steht an der Ecke des Vorhofes, und es gehen in denselben sechshundert Eimer. Denn er wird von den Delphern bei den Göttererscheinungen mit Wein angefüllt. Die Delpher sagen, er sei von dem samischen Theodor verfertigt; und ich glaube es. Denn es scheint mir keine gemeine Arbeit zu sein. Er schickte ferner vier silberne Fässer, welche in dem korinthischen Schatze stehen. Er schenkte auch zwei Gießkannen, eine goldene und eine silberne. Die goldene soll nach der Aufschrift ein Geschenk der Lakedämonier sein, welches aber falsch ist. Denn es ist ein Geschenk des Krösus. Die Aufschrift aber hat einer von den Delphern, welcher den Lakedämoniern wohlgewollt, darauf gesetzt. Ich weiß zwar seinen Namen, will ihn aber nicht nennen. Hingegen der Knabe, durch dessen Hand das Wasser läuft, ist ein lakedämonisches Werk; nicht aber eine von den Gießkannen. Viele andere nicht so berühmte Geschenke hat Krösus mit diesen zugleich geschickt, als silberne, runde Schüsseln, desgleichen ein drei Ellen hohes Bild eines Weibes, von welchem die Delpher sagen, es sei das Bild der Bäckerin des Krösus. Desgleichen hat er die Halsbänder und Gürtel seiner Gemahlin geschenkt. Dem Amphiaraus, von dessen Tapferkeit und Widerwärtigkeit er gehört, schenkte er einen Schild von purem Gold und einen Spieß, dessen Schaft und Spitze aus purem Gold bestanden. Diese Geschenke waren noch zu meiner Zeit in dem Tempel des ismenischen Apollo zu Theben. Den Lydiern, welche diese Geschenke in den Tempel bringen sollten, befahl Krösus, die Orakel zu fragen, ob Krösus die Perser bekriegen und ob er ein Heer von Bundesgenossen annehmen sollte. Als die Lydier in den Tempel kamen, wohin sie geschickt waren, übergaben sie die Geschenke und befragten die Orakel mit diesen Worten: Krösus, der König der Lydier und anderer Völker, welcher diese Orakel für die einzigen in der Welt hält, schickt euch anständige Geschenke wegen der Entdeckungen und fragt euch nun, ob er die Perser bekriegen und ein Heer von Bundesgenossen annehmen soll. Sie taten diese Anfrage, und beide Orakel stimmten überein, indem sie dem Krösus verkündigten, wenn er die Perser mit Krieg überzöge, werde er ein großes Reich zerstören. Sie gaben ihm dabei den Rat, er sollte die Mächtigsten unter den Griechen aussuchen und zu seinen Freunden machen. Als Krösus die erteilten göttlichen Antworten hörte, war er über die Orakel überaus vergnügt; und weil er die gewisse Hoffnung hatte, daß er das Königreich des Cyrus über den Haufen werfen würde, schickte er wieder zu Pytho (oder nach Delphi) und beschenkte die Delpher, nachdem er ihre Anzahl erfahren hatte, Mann für Mann, einen jeden mit vier goldenen Statern. Die Delpher aber gaben dafür dem Krösus und den Lydiern das Recht des Vorganges in der Befragung des Orakels, Kundmachung des Ausspruchs und den Vorsitz, wie auch die Freiheit, das Bürgerrecht nach Belieben anzunehmen. Nach der Beschenkung der Delpher fragte Krösus das Orakel zum dritten Male. Denn nachdem er die Wahrhaftigkeit desselben erfahren, ließ er sich durch dasselbe ganz regieren. Er fragte aber, ob seine Regierung lange dauern würde, und die Pythia erteilte ihm diese Antwort: Wenn bei den Medern ein Maulesel König sein wird, dann mußt du, Lydier, ob du gleich zarte Füße hast, an den steinigten Hermus fliehen, nicht standhalten noch dich schämen, zaghaft zu sein. Diese Worte machten dem Krösus die allergrößte Freude, denn er glaubte, daß niemals ein Maulesel statt eines Menschen über die Meder regieren und also sein und seiner Nachkommen Reich niemals aufhören werde. Des Krösus Niederlage und wunderbare Errettung Krösus, welcher sich in der Auslegung des Götterspruchs geirrt hatte, zog mit seinem Heer gegen Kappadokien in der Hoffnung, den Cyrus und das persische Reich zu überwinden. Als sich Krösus noch zu dem Kriege gegen die Perser rüstete, erteilte einer von den Lydiern, Sandanis, welcher schon vorher für einen weisen Mann gehalten wurde, und der wegen dieses Vortrags noch jetzt unter den Lydiern einen großen Namen hat, dem Krösus folgenden Rat: Du machst, sagte er, o König, Anstalten, solche Leute zu bekriegen, welche lederne Beinkleider, ja gar keine andere Kleidung als von Leder haben. Sie essen nicht soviel sie wollen, sondern soviel sie haben, indem sie in einem rauhen Lande wohnen; sie trinken keinen Wein, sondern Wasser; sie haben weder Feigen noch sonst was Gutes zu essen. Überwindest du also, was wirst du denen nehmen, die nichts haben? Wirst du aber überwunden, so bedenke doch, wieviel du verlierst. Gefallen ihnen unsere Schätze einmal, so werden sie dieselben festhalten und nicht wieder zurückgehen. Ich danke also den Göttern, welche es den Persern nicht in den Sinn kommen lassen, die Lydier zu bekriegen. So sprach er, aber Krösus kehrte sich daran nicht. Als er an den Fluß Halys kam, führte Krösus selbst das Kriegsheer über die schon vorhandenen Brücken; nach der Erzählung aber der meisten Griechen hat sie Thales von Miletus übergeführt. Denn weil Krösus im Zweifel gestanden, wo die Armee über den Fluß gehen sollte, indem zu der Zeit noch keine Brücken daselbst gewesen, soll Thales, der in dem Lager zugegen war, den Fluß, welcher auf der linken Seite des Lagers floß, auch um die rechte herumgeleitet haben, und zwar auf diese Weise: oberhalb des Lagers fing er, wie erzählt wird, an, einen tiefen Graben zu machen, welchen er mondförmig herumzog, daß er hinter dem Lager herumging; in diesen Graben leitete er den Fluß aus seinem alten Gange, und nachdem der Übergang der Armee geschehen war, ließ er ihn wieder durch denselben fließen. Wenn aber auch der Fluß nur geteilt worden, so hat man durch beide Arme leicht durchsetzen können. Einige aber sagen, daß der alte Strom ganz ausgetrocknet sei; allein das ist mir nicht glaublich. Denn wie konnten sie denn auf dem Rückwege wieder über denselben gehen? Nachdem Krösus mit der Armee übergegangen war, kam er in die Gegend von Kappadokien, welche Pteria genannt wird; sie hat die stärkste Sicherheit gegen die Stadt Sinope zu, welche fast am Schwarzen Meer liegt. In dieser Gegend schlug er sein Lager auf und verwüstete die Güter der Syrer. Die Stadt der Pterier nahm er ein und machte die Einwohner zu Leibeigenen. Er bemächtigte sich auch aller umliegenden Städte. Obgleich die Syrer ihn gar nicht beleidigt hatten, jagte er sie doch aus dem Lande. Cyrus aber zog seine Völker zusammen, verstärkte dieselben mit allen, die in den dazwischenliegenden Gegenden wohnten, und ging dem Krösus entgegen. Ehe er aber mit dem Heer aufbrach, schickte er Abgesandte an die Ionier und suchte sie von dem Krösus abwendig zu machen. Allein die Ionier ließen sich dazu nicht bereden. Als nun Cyrus angelangt war und sein Lager gegen den Krösus aufgeschlagen hatte, suchten sie einander in der Landschaft Pteria allen möglichen Abbruch zu tun. Es kam zu einer großen Schlacht, in welcher auf beiden Seiten viel Volk blieb: endlich zogen sie sich, ohne daß eine Partei gesiegt, bei einfallender Nacht auseinander. Krösus gab der Schwäche seiner Armee die Schuld; denn sein Heer war viel kleiner als das Heer des Cyrus. Als daher dieser des folgenden Tages keinen neuen Angriff wagte, zog sich Krösus nach Sardes zurück mit dem Entschluß, die Ägypter vermöge des Bündnisses zu Hilfe zu rufen (denn er hatte mit dem Amasis, dem König in Ägypten, noch früher als mit den Lakedämoniern einen Waffenbund geschlossen), desgleichen die Babylonier an sich zu ziehen (denn auch mit diesen hatte er einen Waffenbund aufgerichtet, und Labynetus führte zu dieser Zelt die königliche Regierung über die Babylonier), auch die Lakedämonier zu ersuchen, auf die bestimmte Zeit zu erscheinen. Er wollte den Winter vorbeigehen lassen und alsdann nach Versammlung aller dieser Völker und Zusammenziehung seiner eigenen Armee gleich mit dem Frühlinge gegen die Perser zu Felde ziehen. Mit solchen Gedanken und Entschließungen kam er nach Sardes und schickte Gesandte an seine Bundesgenossen, dieselben zu ersuchen, sich gegen den fünften Mond bei Sardes zu versammeln. Die gegenwärtigen Kriegsvölker, welche mit den Persern gefochten hatten und nicht aus seinen Landen waren, ließ er insgesamt ziehen und auseinandergehen; denn er besorgte gar nicht, daß Cyrus, der gegen ihn mit so gleichem Verlust gefochten hatte, auf Sardes losgehen würde. Als Krösus mit solchen Gedanken umging, wurde die ganze Vorstadt mit Schlangen angefüllt. Wie dieselben sich sehen ließen, unterließen die Pferde das Futter auf der Weide zu fressen und fraßen die herumkriechenden Schlangen. Krösus, welcher dieses sah, hielt die Sache, wie sie es denn auch war, für ein Wunderzeichen und schickte unverzüglich zu den telmissischen Zeichendeutern. Die Ratfrager kamen zwar an und lernten von den Telmissern, was das Zeichen bedeuten sollte. Allein sie konnten dem Krösus die Nachricht nicht überbringen. Denn ehe sie nach Sardes zurückgeschifft waren, war Krösus gefangen. Die Telmisser hatten geurteilt, Krösus habe ein fremdes Kriegsheer in seinem Lande zu erwarten, dieses würde ankommen und die Einwohner des Landes unterdrücken; denn sie sagten, eine Schlange werde aus der Erde gezeugt, ein Pferd aber sei ein streitbares und fremdes Tier. Diese Antwort erteilten die Telmisser dem Krösus, als er schon gefangen war; sie wußten aber noch nicht, was mit Sardes und dem Krösus vorgegangen sei. Sobald sich Krösus nach der Schlacht, welche in Pteria stattfand, zurückzog, erfuhr Cyrus, daß Krösus seine Armee wollte auseinandergehen lassen, und fand bei gehaltener Beratschlagung, es werde ihm vorteilhaft sein, in möglichster Geschwindigkeit auf die Stadt Sardes loszugehen, um dieselbe, ehe sich die Wacht der Lydier zum andernmal versammelte, einzunehmen. Was er beschloß, führte er geschwind aus. Er führte die Armee nach Lydien und war selbst der Bote, welcher dem Krösus die Nachricht brachte. Krösus geriet darüber in eine große Bestürzung und Verlegenheit, weil diese Umstände ganz unvermutet und unerwartet waren; dennoch führte er die Lydier zum Treffen aus. Es war zu dieser Zeit kein Volk tapferer oder stärker als das lydische. Sie fochten zu Pferde, trugen große Spieße und waren im Reiten sehr geschickt. Sie kamen auf der Ebene zusammen, welche vor der Stadt Sardes liegt und weit und erhaben ist. Durch dieselbe fließt nebst andern Flüssen auch der Hellus, welcher in den Hermus, als den größten, fällt, der von dem heiligen Berge der Mutter Dindymene kommt und sich bei der Stadt Phokia in das Meer stürzt. Auf dieser Ebene sah Cyrus die Lydier in Schlachtordnung gestellt, und weil er wegen der Reiterei in Sorgen stand, machte er auf Angeben des Harpagus, des Meders, folgende Anstalten: Er versammelte alle proviant- und lasttragenden Kamele, welche der Armee folgten, nahm ihnen die Lasten ab und ließ Männer in Reiterkleidung sich auf dieselben setzen, gab ihnen die gehörige Rüstung und befahl ihnen, vor der übrigen Armee her und gegen die Reiterei des Krösus zu ziehen. Den Kamelen mußte das Fußvolk, hinter dem Fußvolk aber die ganze Reiterei folgen. Nach solcher Anordnung ermahnte er sie, keinen Lydier zu schonen, alles, was sich widersetzte, niederzumachen, aber den Krösus selbst nicht zu töten, auch nicht einmal dann, wenn er sich der Gefangennehmung widersetzte. So ermahnte er sie. Die Kamele hat er gegen die Reiterei gestellt, weil sich die Pferde vor den Kamelen fürchten und weder ihren Anblick noch ihren Geruch leiden können. Eben darum wurde diese listige Anstalt gemacht, damit dem Krösus die Reiterei, durch welche er eben der Lydier Ruhm zu erwerben hoffte, unbrauchbar gemacht würde. Als sie nun zum Gefechte gegeneinander anrückten, rochen die Pferde gleich die Kamele, und als sie dieselben erblickten, wandten sie sich rückwärts um. So wurde dem Krösus seine Hoffnung zuschanden gemacht. Doch waren die Lydier deswegen nicht furchtsam, sondern sprangen von den Pferden herunter und gingen zu Fuß auf die Perser los. Endlich, als von beiden Seiten viele geblieben waren, wurden die Lydier in die Flucht getrieben, in die Stadt eingesperrt und von den Persern belagert. Als Krösus schon vierzehn Tage belagert war, schickte Cyrus Reiter in der Armee herum und ließ kundmachen, daß er dem, welcher die Mauer zuerst ersteigen würde, Geschenke geben wollte. Die Armee hatte einen Versuch gemacht, welcher aber nicht gelungen war. Da nun die anderen ruhten, wagte es ein Marder mit Namen Hyröades, sich dem Teile des Schlosses zu nahen, wo keine Wache hingesetzt war. Denn es war nicht zu besorgen, daß daselbst der Ort könnte eingenommen werden. Denn die Höhe ist so steil, daß man da keinen Angriff tun kann: hier allein hatte auch Meles, der erste sardische König, den Leon, welchen ihm ein Kebsweib geboren hatte, nicht herumgetragen, wie die Telmisser den Ausspruch getan, wenn man den Leon um die Mauer herumtrüge, würde Sardes nicht eingenommen werden können. Meles trug ihn um den anderen Teil der Mauer, wo die Gegend des Schlosses angegriffen werden konnte, und hielt es um den Teil für unnötig, welcher wegen der jähen Höhe keinen Angriff zu besorgen hätte. Es lag derselbe gegen den Tmolus zu. Der Marder Hydröades aber, welcher den Tag vorher einen Lydier von dem Schlosse heruntersteigen sah, um den Helm, welcher heruntergefallen war, wiederzuholen, überlegte die Sache und dachte ihr nach. Er stieg darauf zuerst und nach ihm viele andere Soldaten hinauf. Auf diese Weise ist Sardes eingenommen und die ganze Stadt verheert worden. Dem Krösus selbst ist es wunderlich gegangen. Er hatte einen Sohn, dessen schon vorher gedacht worden, der sonst von guter Art, aber stumm war. Bei seinem vorigen Wohlstande hatte Krösus alles an ihm getan, und nachdem er auf allerlei Mittel gedacht, auch nach Delphi geschickt, um Rat zu fragen. Die Pythia gab ihm diese Antwort: Du König vieler Völker, sehr unwissender Krösus, verlange doch nicht die höchsterwünschte Stimme des redenden Sohnes zu hören. Denn es ist dir besser, weit davon entfernt zu sein. Denn er wird an einem unglücklichen Tage das erstemal reden. Nach der Einnahme der Stadt ging ein Perser, welcher den Krösus nicht kannte, so auf ihn los, als wenn er ihn niedermachen wollte. Krösus sah ihn zwar kommen, achtete es aber bei dem Unglücke, das ihn betroffen hatte, nicht, und es war ihm gleichgültig, das Leben einzubüßen. Da aber der stumme Sohn den Feind auf ihn zugehen sah, öffnete ihm die Furcht den Mund, und er brach in diese Worte aus: Mensch, bringe den Krösus nicht um! Das waren seine ersten Worte: nachher hat er die ganze Zeit seines Lebens reden können. Die Perser hatten also Sardes inne und den Krösus selbst gefangen, nachdem er vierzehn Jahre regiert hatte und vierzehn Tage belagert gewesen, wie ihm solches durch einen Götterspruch verkündigt war; womit denn sein großes Reich ein Ende nahm. Die Perser führten ihn zu dem Cyrus. Dieser richtete einen großen Scheiterhaufen auf und ließ den Krösus mit Ketten an den Füßen nebst zweimal sieben Knaben der Lydier auf denselben steigen, wobei er entweder die Gedanken hatte, diese Erstlinge einem von den Göttern zu opfern oder ein Gelübde zu erfüllen; oder weil er gehört hatte, daß Krösus ein eifriger Verehrer der Götter sei, ließ er ihn um deswillen den Scheiterhaufen besteigen, damit er sehen möchte, ob ihn einer von den Göttern erretten und verhindern wolle, daß er nicht lebendig verbrannt würde. So soll Cyrus verfahren haben: Krösus aber habe sich, als er auf dem Holzhaufen stand, ob er gleich in solcher Not war, der Worte Solons als von Gott eingegebener Worte erinnert, daß niemand, solange er noch lebe, selig sei. Als er sich nun dieses vorgestellt, habe er sich als aus einer tiefen Ohnmacht erholt und mit Seufzen dreimal den Solon genannt. Cyrus aber, welcher dieses gehört, habe ihn durch Dolmetscher fragen lassen, wer der sei, den er anrufe? Diese, wie man ferner erzählt, traten hinzu und fragten; Krösus aber schwieg eine Zeitlang auf die Frage still; als man ihn aber nötigte, zu antworten, sagte er: Ich wollte es allen Gütern vorziehen, wenn der, den ich meine, mit allen Fürsten in eine Unterredung kommen möchte. Da diese Antwort undeutlich war, verlangten sie eine Erklärung. Sie hielten inständig bei ihm an und setzten ihm so zu, daß er endlich sagte, Solon, ein Athener, sei einstmals zu ihm gekommen, habe alle seine Herrlichkeit gesehen und dieselbe doch für nichts geachtet; was ihm dieser gesagt, sei ihm alles auf die Weise begegnet, wie er es ihm gesagt habe. Sein Ausspruch aber ginge das ganze menschliche Geschlecht sowohl als ihn an und vornehmlich diejenigen, welche sich einbildeten, vor anderen glückselig zu sein. Nach diesen Worten wurde der Scheiterhaufen angezündet und brannte schon auswendig herum. Als aber Cyrus von den Dolmetschern vernahm, was Solon geantwortet habe, änderte er seine Meinung und bedachte, daß er, der auch ein Mensch sei, einen anderen Menschen, welcher so glückselig als er gewesen, lebendig dem Feuer übergäbe; überdies befürchtete er die Rache, erwog auch, daß unter den menschlichen Dingen nichts gewiß und beständig sei, und befahl daher, das Feuer auf das geschwindeste auszulöschen und den Krösus sowohl als die, die bei ihm waren, heruntersteigen zu lassen. Allein es war nicht möglich, das Feuer zu dämpfen. Hier erzählen nun die Lydier, als Krösus vernommen, daß Cyrus seinen Entschluß geändert und er gesehen, daß jedermann lösche und doch der Flamme nicht wehren könne, habe er den Apollo mit lauter Stimme angerufen, wenn ihm etwas von seinen Geschenken angenehm gewesen, so sollte er ihm beistehen und ihn von dem gegenwärtigen Elend erretten; mit Tränen habe er also Gott angerufen. Plötzlich hätten sich daraus bei klarem Himmel und stiller Luft Wolken zusammengezogen, es sei ein Sturm ausgebrochen und ein so starker Regen gefallen, daß der Scheiterhaufen gelöscht worden. Cyrus, welcher daraus erkannt, Krösus sei den Göttern lieb und ein rechtschaffner Mann, habe ihn von dem Holzhaufen herunterkommen lassen und diese Frage an ihn getan: Wer hat dich beredet, mein Land mit Krieg zu überziehen und aus einem Freunde mein Feind zu werden? Mein König, antwortete er, ich habe dieses selbst getan zu deinem Glück und zu meinem Unglück. Der Gott der Griechen aber ist schuld daran, welcher mich angetrieben hat, den Krieg zu unternehmen. Denn niemand ist leicht so unverständig, daß er den Krieg dem Frieden vorziehen wollte. Denn in diesem begraben die Kinder ihre Väter; in jenem aber die Väter die Kinder. Allein es war der Wille eines Gottes, daß diese Dinge so gehen sollten. Nach diesen Worten ließ ihm Cyrus die Fesseln abnehmen, setzte ihn neben sich und gewann eine sehr große Achtung gegen ihn. Er sowohl als alle, die um ihn waren, sahen ihn mit großer Verwunderung an. Krösus aber saß in tiefen Gedanken stille. Nachher aber, als er sich umwandte und sah, daß die Perser die Stadt plünderten, sagte er: Mein König, darf ich zu dem, was ich wahrnehme, etwas sagen oder muß ich stillschweigen? Cyrus befahl ihm, getrost zu sagen, was ihm beliebte. Er fragte also: Was treibt das viele Volk mit so großem Eifer? Es beraubt, war die Antwort, deine Stadt und verdirbt deine Güter. Krösus versetzte: Es beraubt weder meine Stadt noch meine Güter (denn davon ist nichts mehr mein), sondern sie rauben das, was dir nun zugehört. Diese Worte verursachten bei Cyrus ein Nachdenken. Er ließ also alle anderen hinausgehen und fragte den Krösus, was er denn unter diesen Umständen für tunlich hielt. Dieser gab zur Antwort: Weil mich die Götter zu deinem Knechte gemacht haben, so ist meine Schuldigkeit, wo ich etwa eine größere Einsicht habe, dir meine Meinung zu entdecken. Die Perser, welche von Natur zu Ausschweifungen eine Neigung haben, sind nicht reich. Läßt du es nun geschehen, daß sie große Güter rauben und behalten, so hast du wahrscheinlich diese Folgen zu besorgen: Von dem, welcher unter ihnen am meisten besitzt, mußt du erwarten, daß er sich gegen dich empöre. Gefällt dir also mein Vortrag, so mache es also. Stelle von deinen Trabanten einige Wächter an alle Tore, welche denen, die Güter heraustragen, selbige abnehmen und sagen, es sei notwendig, daß dem Jupiter der Zehnte gegeben werde. Auf diese Art wirst du ihren Haß nicht auf dich laden, wenn du ihnen die Güter mit Gewalt abnimmst, und weil sie erkennen, daß du gerecht handelst, werden sie es willig tun. Cyrus hörte dieses mit sehr großem Vergnügen an und der Rat gefiel ihm: er legte dem Krösus ein großes Lob bei, und nachdem er den Trabanten das anbefohlen hatte, was Krösus geraten, sagte er zu demselben: Mein Krösus, indem du geschickt bist, recht königlich zu handeln und zu reden, so fordere unverzüglich, was ich dir für ein Geschenk geben soll. Gebietender Herr, sagte Krösus, du wirst mir den größten Gefallen tun, wenn du mir erlaubst, den Gott der Griechen, welchen ich vor allen Göttern geehrt habe, mit Überschickung dieser Fußketten zu befragen, ob es bei ihm ein Gesetz sei, diejenigen, welche sich wohl gegen ihn verhalten, zu betrügen. Cyrus fragte, was er denn für Ursache hätte, diese Klage über ihn zu führen, worauf Krösus der Ordnung nach ihm alle seine Anschläge und die Antworten der Orakel und vornehmlich seine zu den Tempeln gesandten Geschenke erzählte und wie er durch die göttliche Antwort sei verleitet worden, die Perser zu bekriegen. Nach dieser Erzählung bat er von neuem, ihm zu erlauben, daß er diese Dinge dem Gotte vorwerfen dürfte. Dieses, mein Krösus, sagte Cyrus lachend, und was du sonst nötig haben wirst, sollst du von mir erlangen. Wie Krösus das vernommen hatte, schickte er Lydier nach Delphi und befahl ihnen, die Fußketten auf den Boden des Tempels niederzulegen und zu fragen, ob er sich nicht schämte, daß er durch seine Aussprüche den Krösus angetrieben, die Perser zu bekriegen, weil er die Macht des Cyrus zu Boden legen würde; wofür er diese Beute davongetragen habe: auch sollten sie fragen, ob die griechischen Götter ein Gesetz hätten, undankbar zu sein. Wie Cyrus König wurde In dem ersten Jahre der Vermählung seiner Tochter Manbane hatte Astyages einen Traum: es war ihm, als wenn aus dem Schoße seiner Tochter ein Weinstock wüchse, welcher sich über ganz Asien ausbreitete. Nachdem er auch diesen Traum den Traumdeutern vorgelegt, ließ er seine Tochter, welche der Geburt nahe war, aus Persien zu sich kommen und genau bewachen, indem er das Kind, welches sie gebären würde, aus dem Wege zu räumen beschlossen hatte. Denn die Traumdeuter unter den Magiern verkündigten, daß der Sohn seiner Tochter an seiner Statt die Herrschaft erlangen würde. Dieses suchte Astyages zu verhüten; daher ließ er, als Cyrus geboren wurde, den Harpagus, einen von seinen vertrauten Bedienten und den getreuesten unter den Medern, welchem er alles anvertraute, rufen und sagte zu ihm: Mein Harpagus, das Geschäft, welches ich dir auftrage, verrichte ja nicht saumselig; hintergehe mich nicht; erwähle keinen andern, damit du nicht künftig selbst dir einen Nachteil zuziehst. Nimm den Knaben, welchen Mandane geboren hat, trage ihn in dein Haus und bringe ihn um; hernach begrabe ihn, wie du willst. Er antwortete: Du hast zwar, o König, an diesem Manne niemals etwas dir Mißfälliges wahrgenommen; doch werden wir uns hüten, jemals deine Befehle zu überschreiten. Willst du, daß diese Sache so geschehen soll, so muß ich meinen Dienst sorgfältig dabei erweisen. Auf diese Antwort empfing Harpagus das Knäbchen in einem Totenkleide und ging weinend nach seinem Hause; er erzählte seiner Gemahlin alles, was Astyages mit ihm gesprochen hatte. Sie sagte zu ihm: Was bist du denn willens zu tun? Nicht, antwortete er, was mir der König befohlen hat; wenn er auch unsinnig werden und noch ärger wüten sollte, als er jetzt wütet, werde ich doch seinem Willen nicht folgen und mich zu dieser Mordtat gebrauchen lassen; anderer Ursachen, die mich davon abhalten, nicht zu gedenken, ist der Knabe mein Anverwandter, und Astyages ist schon alt und hat keinen männlichen Erben. Kommt nun nach seinem Tode die Regierung an seine Tochter, was habe ich anders als die größte Gefahr zu erwarten? Um meiner Sicherheit willen muß das Kind sterben; aber es muß einer von des Astyages' Leuten und nicht einer von den meinigen sein Mörder werden. Nach dieser Unterredung schickt er gleich einen Boten an den Kuhhirten des Astyages, von dem ihm bekannt war, daß er die Hut auf Triften und Bergen habe, welche am meisten mit wilden Tieren angefüllt wären, deswegen er in dieser Sache am besten zu gebrauchen sei. Sein Name war Mitradates. Er lebte mit einer Weibsperson, die neben ihm diente, als mit einer Ehefrau; sie hieß nach der griechischen Sprache Kyno, das ist Hündin, nach der medischen Spako: denn einen Hund nennen die Meder Spaka. Der Fuß des Gebirges aber, wo dieser Hirte das Rindvieh hütete, ist auf der Mitternachtsseite von Ekbatana und gegen das Schwarze Meer zu. Denn auf dieser Seite ist Medien, gegen die Sappierer zu, sehr gebirgig und hoch und mit Wäldern bedeckt, das andere medische Land aber ganz eben. Als der Kuhhirte dem Befehl gemäß unverzüglich ankam, sagte Harpagus zu ihm: Astyages befiehlt dir, dieses Kind zu nehmen und es auf den einsamsten Berg zu bringen, daß es daselbst auf das geschwindeste umkomme. Er hat mir zugleich befohlen, dir zu sagen, wenn du es nicht umbringen, sondern auf einige Weise erhalten würdest, so wolle er dich des ärgsten Todes sterben lassen: mir ist anbefohlen, das weggelegte Kind zu sehen. Nach angehörtem Befehle nahm der Hirte das Kind, ging seinen Weg zurück und kam in seiner Hütte an. Die Frau, welche den ganzen Tag in der Geburt gearbeitet hatte, ward eben zu gutem Glück entbunden, als der Hirte in die Stadt gegangen war. Sie waren beide füreinander in Sorgen: er bekümmerte sich wegen der Geburt der Frau; die Frau aber, weil Harpagus wider Gewohnheit ihren Mann hatte rufen lassen. Als er aber zurück und zu ihr kam und sie ihn unverhofft sah, fragte sie ihn zuerst, warum ihn Harpagus so schleunig habe kommen lassen. Er sagte: Liebe Frau, als ich in die Stadt kam, sah und hörte ich, was ich lieber nicht möchte gesehen haben, und wünschte, daß es unserm Herrn nicht widerfahren möchte. Das ganze Haus des Harpagus erschallte von Heulen und Schreien; ich wurde bestürzt und ging hinein. Sobald ich hineingekommen, sehe ich ein Knäbchen liegen, welches zappelt und schreit und mit Gold und einem bunten Kleide geschmückt ist. Als mich Harpagus sah, befahl er mir, das Kind unverzüglich zu nehmen, wegzutragen und es auf einen Berg wegzulegen, der wegen der wilden Tiere am unsichersten wäre; er sagte dabei, Astyages trage mir dieses auf und drohe mir alles Unglück, wenn ich den Befehl nicht vollzöge. Ich nahm das Kind, trug es fort in der Meinung, es gehöre einem von den Hausgenossen; niemals hätte ich gedacht, daß es von solchem Geschlechte sei. Ich erstaunte aber, da ich sah, daß es mit Gold und Kleidern geschmückt sei, und ich überdies das Geheule in dem Hause des Harpagus wahrnahm. Unterwegs erfahre ich die ganze Sache von einem Diener, welcher mich aus der Stadt begleitete und mir das Kind in die Hand gegeben hatte; daß nämlich das Kind ein Sohn der Mandane, der Tochter des Astyages, und des Kambyses sei, und daß Astyages befohlen habe, dasselbe umzubringen. Siehe hier ist es. Wie er dieses sagte, deckte er das Kind auf und zeigte es. Als sie das Kind sah, welches groß und schön war, weinte sie, umfaßte die Knie ihres Mannes und bat inständig, das Kind durchaus nicht wegzusetzen. Er sagte, es stehe nicht bei ihm, anders zu handeln, denn es würden Kundschafter aus des Harpagus Hause kommen und darauf lauern; er würde aber schmählich sterben, wenn er den Befehl nicht vollzöge. Wie sie nun den Mann nicht bewegen konnte, tat sie zum andern diese Vorstellung: Wenn ich dich nicht bewegen kann, ihn nicht wegzusetzen, und notwendig ist, daß man sehe, er sei ausgesetzt worden, so will ich dir diesen Vorschlag tun: ich habe auch ein Kind geboren, aber ein totes Kind; dieses trage fort und setze es weg. Das Kind aber von der Tochter des Astyages wollen wir als unser eigenes erziehen. So wird man dich nicht ertappen, daß du deinen Herrn hintergangen, und wir werden uns selbst nicht übel raten. Denn das tote Kind wird ein königliches Begräbnis erlangen, und das erhaltene wird sein Leben nicht verlieren. Dem Hirten schien die Frau recht wohl nach den Umständen zu reden, und er tat gleich, was sie für gut befand. Den Knaben, welchen er gebracht hatte, ihn zu töten, übergibt er seiner Frau; seinen toten aber legt er in das Gefäß, in welchem er den andern gebracht halte. Er legte ihm den ganzen Schmuck des andern an, trug ihn auf den einsamsten Berg und legte ihn daselbst hin. Den dritten Tag aber nach der Aussetzung des Kindes ging der Hirte in die Stadt, ließ aber einen seiner Hirtenknechte zum Wächter desselben zurück. Er kam in des Harpagus Haus und sagte, daß er bereit sei, den toten Leib des Kindes zu zeigen, Harpagus schickte die getreusten von seinen Trabanten, ließ durch dieselben zusehen und des Hirten Kind begraben. Dieses wurde begraben, das andre aber, welches nach diesem Cyrus genannt worden, nahm das Weib des Hirten, zog es auf und gab ihm einen ganz andern Namen als den Namen Cyrus. Als der Knabe zehn Jahre alt war, machte ihn folgende Begebenheit bekannt. Er spielte in dem Dorfe, wo die Herden standen: er spielte mit andern seines Alters auf dem Wege, und die spielenden Knaben erwählten zu ihrem Könige eben diesen, welcher dem Namen nach des Hirten Sohn war. Er verordnete, daß einige unter denselben Häuser bauen, andre aber Trabanten sein sollten. Einer mußte das Auge des Königs sein; einem andern aber gab er das Amt, Bericht von allem abzustatten, und trug also einem jeden ein Geschäft auf. Einer aber von den mitspielenden Knaben, welcher ein Sohn des Artembares, eines angesehenen Webers, war, tat nicht, was ihm von dem Cyrus aufgelegt war; daher befahl dieser den Knaben, ihn zu greifen. Da ihm die Knaben gehorchten, strich ihn Cyrus sehr hart mit der Peitsche. Sobald als er losgelassen war, bezeigte er einen großen Unwillen über dieses Verfahren, welches ihm sehr unanständig wäre. Er kam in die Stadt und beklagte sich bei seinem Vater mit Schmerzen über das, was ihm von dem Cyrus widerfahren sei. Er nannte ihn aber nicht Cyrus (denn diesen Namen hatte er noch nicht), sondern des Hirten des Astyages Sohn. Artembares ging in vollem Zorne zu dem Astyages, führte den Sohn mit sich und sagte, man sei feindselig mit ihm umgegangen. So werden wir, sprach er, o König, von deinem Knechte, dem Sohne des Hirten gemißhandelt. Dabei er ihm denn die Schultern seines Sohnes zeigte. Als Astyages dieses gehört und gesehen, wollte er den Knaben, um der Ehre des Artembares willen, strafen und ließ deswegen den Hirten und den Knaben zu sich rufen. Nachdem sie beide angekommen, sah Astyages den Cyrus an und sagte: Hast du dich als der Sohn eines solchen Mannes unterstanden, mit dem Sohne eines Mannes, der bei mir in dem höchsten Ansehn steht, so unbillig und hart umzugehen? Er versetzte: Ja, Herr, das habe ich mit Recht getan. Denn die Knaben aus dem Dorfe, unter welchen auch dieser war, machten mich im Spiele zu ihrem Könige; denn ich schien ihnen hierzu am geschicktesten zu sein. Die andern Knaben vollzogen meine Verordnungen; dieser aber war ungehorsam und kehrte sich nicht an mich, deswegen empfing er sein Recht. Bin ich nun darum einiger Strafe wert, so bin ich hier bereit dazu. Als der Knabe dieses sagte, meinte ihn Astyages zu kennen: es kam ihm vor, als wenn er ihm in der Gesichtsbildung ähnlich wäre, seine Gebärden und Stellung schienen ihm zu freimütig zu sein, die Zeit der Aussetzung aber mit dem Alter des Knaben übereinzustimmen. Er wurde darüber bestürzt und schwieg eine Zeitlang stille. Da er sich kaum wieder etwas gefaßt hatte, sagte er (weil er den Artembares fort haben wollte, damit er den Hirten allein ausforschen könnte): Artembares, ich will schon machen, daß dein Sohn nicht weiter soll zu klagen haben. Den Artembares ließ er also von sich, den Cyrus aber führten die Diener auf Befehl des Astyages hinein. Den Hirten, welcher ganz allein zurückgeblieben, fragte Astyages, wo er den Knaben bekommen und wer ihm denselben gegeben hätte. Er gibt zur Antwort: er sei von ihm gezeugt, und die ihn geboren, sei noch bei ihm. Astyages aber sagt: er rate sich nicht wohl und habe Lust, sich in große Not zu stürzen. Zugleich gibt er den Trabanten ein Zeichen, ihn zu greifen. Wie er sich nun in Gefahr sieht, entdeckt er die wahre Beschaffenheit der Sache. Er erzählt sie vom Anfange bis zum Ende nach der Wahrheit und bittet demütig um Vergebung. Nachdem der Hirt die Wahrheit entdeckt hatte, machte Astyages um seinetwillen nicht viel Wesens mehr. Aber mit dem Harpagus war er sehr übel zufrieden und ließ ihn durch die Trabanten rufen. Als er kam, fragte ihn Astyages: Auf was für Weise hast du, Harpagus, das Kind, welches meine Tochter zur Welt brachte, und das ich dir übergab, hingerichtet? Weil Harpagus sieht, daß der Hirt zugegen ist, sucht er sich nicht mit einer Unwahrheit zu behelfen, damit er nicht gefangen und derselben überführt werde; sondern er erteilt diese Antwort: Mein König, nachdem ich das Knäbchen empfangen hatte, ging ich mit mir zu Rate, wie ich deinem Sinn gemäß handeln und bei dir ohne Schuld sein und mich weder an dir, noch deiner Tochter vergehen möchte. Ich fing es so an: ich lasse diesen Hirten kommen und übergebe ihm das Kind mit dem Vorgeben, es sei dein Befehl, dasselbe umzubringen. Ich log mit diesen Worten nicht: denn du hattest es befohlen. Ich übergebe es ihm also auf diese Weise und befehle ihm, es auf einen unbewohnten Berg zu setzen und so lange dabei zu bleiben und achtzuhaben, bis es gestorben sei. Ich bedrohte ihn dabei mit der härtesten Strafe, wenn er nicht dieses alles genau vollstreckte. Als nun dieser alles, wie es ihm befohlen worden, getan und das Kind gestorben war, schickte ich die getreuesten Beschnittenen, ließ durch dieselben zusehen und das Kind begraben. So ist es, o König, mit der Sache ergangen, und das ist die Todesart des Kindes. Harpagus ließ dabei seinen Unwillen deutlich merken. Astyages aber verbarg den Zorn, welchen er dieser Sache wegen gegen ihn hegte, und erzählte die Sache, wie er sie von dem Hirten gehört hatte, dem Harpagus. Nach dieser wiederholten Erzählung ging er so weit, daß er sagte, der Knabe sei noch am Leben, und es sei gut, daß die Sache so gegangen sei. Denn, sprach er, ich bekümmerte mich sehr über das, was dem Knaben widerfahren, und es war mir empfindlich, daß ich bei meiner Tochter deswegen im Verdacht stand. Da sich nun das Spiel so glücklich umgekehrt hat, so schicke mir für das erste deinen Sohn zu diesem neuen Ankömmling: fürs andere, weil ich für die Erhaltung des Prinzen den Göttern, welchen diese Ehre gebührt, ein Dankopfer bringen will; so stelle dich bei mir zu der Mahlzeit ein. Harpagus warf sich zu den Füßen des Königs nieder und schätzte sich sehr glücklich, daß sein Verbrechen als ein Wohlverhalten angerechnet und er wegen des glücklichen Ausganges zu der Mahlzeit eingeladen würde. In diesen vergnügten Gedanken geht er nach Hause und schickt unverzüglich seinen einzigen Sohn, welcher höchstens dreizehn Jahre alt war, fort mit dem Befehl, nach dem königlichen Schlosse zu gehen und alles zu tun, was ihm Astyages befehlen werde. Er selbst erzählte voller Freuden seiner Gemahlin, was ihm begegnet sei. Als aber der Sohn zu dem Astyages kam, schlachtete er denselben, zerlegte ihn gliederweise und ließ das Fleisch zum Teil braten, zum Teil kochen und hielt es wohlzugerichtet zum Essen bereit. Zu der Zeit des Abendmahls fand sich nebst anderen Gästen auch Harpagus ein. Den anderen Gästen und dem Astyages selbst wurde ein Tisch voll Schöpsenfleisch vorgesetzt, dem Harpagus aber alles von seinem Sohne, den Kopf, die Hände und die Füße ausgenommen. Diese waren besonders in einen Korb gelegt und zugedeckt. Als nun Harpagus von der Speise satt zu sein schien, fragte ihn Astyages, ob ihm die Mahlzeit wohl geschmeckt habe; und nach der Versicherung, sie habe ihm sehr wohl geschmeckt, brachten die, welchen es anbefohlen war, den bedeckten Kopf und die Hände und Füße des Knaben; sie traten zu dem Harpagus und befahlen ihm aufzudecken und zu nehmen, was ihm beliebte, Harpagus gehorcht, deckt auf und sieht den Überrest seines Sohnes. Bei diesem Anblick wird er nicht bestürzt und bleibt bei sich selbst. Astyages aber fragte ihn, ob er wüßte, von welchem Wildbret er gegessen habe. Er sagte ja, und es sei ihm alles, was der König tue, angenehm. Nach dieser Antwort nahm er auch das übrige Fleisch und ging nach Hause, wo er dasselbe, wie ich dafürhalte, zusammen begraben wollte. Das war die Strafe, mit welcher Astyages, den Harpagus belegte. Wie er aber wegen des Cyrus bei sich zu Rate ging, berief er eben die Magier, welche ihm den Traum ausgelegt hatten. Er fragte sie, wie sie das Gesicht auslegten. Sie antworteten ihm wie zuvor und sagten, der Knabe müsse als König regieren, wenn er am Leben bleibe und nicht vorher stürbe. Der Knabe, versetzte er, ist wirklich da und lebt noch; und da er sich auf dem Lande aufhielt, haben ihn die Knaben aus dem Dorfe zum Könige gemacht. Er aber hat in allen Dingen so gehandelt, als wenn er wirklich ein König wäre. Er bestellte Trabanten, Türhüter, Referenten und andere Bediente und führte eine ordentliche Herrschaft. Was meint ihr nun, wohin dieses alles ziele? Die Magier sagten: Wenn der Knabe noch lebt und hat, ohne vorher darauf zu denken, als König regiert, so mache dir seinetwegen keine Sorgen und sei guten Muts; denn er wird nicht wiederum regieren. Denn einige unserer Weissagungen haben ihren Ausgang in Kleinigkeiten genommen; und was auf Träume folgt, ist oftmals was Geringes. Astyages versetzte darauf: Ich bin selbst, ihr Magier, fast ganz dieser Meinung, nachdem der Knabe den Namen eines Königs geführt, sei der Traum ausgegangen und wegen des Knaben nichts mehr für mich zu befürchten. Doch erteilt mir nach reiflicher Überlegung einen Rat, was für mein Haus und euch selbst das Sicherste sei. Hierauf sprachen die Magier: O König, es liegt uns selbst viel daran, daß dein Reich fest bestehe. Denn es wird sonst ganz verändert, wenn es auf diesen Knaben fällt, der ein Perser ist. Wir Meder werden alsdann Knechte und bei den Persern als Fremde nichts geachtet. Bleibst du aber als unser Landsmann König, so regieren wir zum Teil mit und haben bei dir hohe Ehrenstellen. Also müssen wir allerdings für dich und dein Reich alle Vorsicht gebrauchen. Entdeckten wir also etwas Schädliches, so würden wir es dir frei heraus sagen. Nun aber, da der Traum auf ein Spiel ausgelaufen ist, sind wir selbst unbesorgt und ermahnen dich gleichfalls, unbesorgt zu sein; diesen Knaben aber vor deinen Augen wegzutun und nach Persien zu seinen Eltern zu schicken. Über diesen Bericht freute sich Astyages; er rief den Cyrus und fagte zu ihm: Mein Sohn, ich habe dir wegen eines unrecht verstandenen Traumes unrecht getan, aber dein Glück hat dich erhalten; nun gehe also fröhlich nach Persien, wohin ich dich will bringen lassen. Du wirst daselbst Vater und Mutter finden, nicht solche, als Mitradates, der Hirte, und als seine Frau ist. Mit diesen Worten schickte Astyages den Cyrus fort. Als er zurückkam, nahmen ihn seine Eltern auf und nach erlangter Nachricht umarmten sie den herzlich, von dem sie in der gewissen Meinung standen, daß er gleich gestorben sei. Sie erkundigten sich, auf welche Weise er erhalten worden. Er sagte, vordem habe er es nicht gewußt und sei in dem größten Irrtum gewesen, unterwegs aber habe er alle seine Widerwärtigkeit erfahren; er habe geglaubt, er sei der Sohn eines Hirten des Astyages; auf der Reise aber habe er die ganze Sache von denen, die ihn hergebracht, vernommen. Er meldete, daß er von dem Weibe des Hirten erzogen worden und lobte dieselbe ohne Unterlaß. In allen seinen Reden gedachte er der Kyno. Diesen Namen ergriffen die Eltern und brachten, damit die Perser denken sollten, er sei von Gott auf eine besondere Weise erhalten worden, die Rede aus, den ausgesetzten Cyrus habe ein Hund ernährt. Daher ist diese Rede verbreitet worden. Als aber Cyrus zu einem männlichen Alter gelangte und unter allen seines Alters am tapfersten und beliebtesten war, sandte ihm Harpagus oftmals Geschenke, indem er auf Rache gegen den Astyages gedachte; denn er sah nicht, wie er sich für sich als eine Privatperson an dem Astyages rächen könnte. Weil aber Cyrus erwachsen war, nahm er ihn zum Gehilfen, indem er die Widerwärtigkeiten des Cyrus mit seinen eigenen in Vergleich stellte. Überdies beförderte er sein Vorhaben folgendergestalt: Weil Astyages gestrenge mit den Medern verfuhr, machte sich Harpagus an einen jeden unter den vornehmsten Persern insbesondere und beredete sie, man müsse den Cyrus hervorziehen und den Astyages zu der Niederlegung der Regierung zwingen. Nachdem er diese Anstalten gemacht und alles zu seinen Absichten bereit war, wollte er sein Vorhaben dem Cyrus, welcher in Persien lebte, kundmachen; weil ihm aber dieses schwerfiel, indem die Straßen bewacht wurden, fiel er auf folgenden Anschlag. Er schnitt den Bauch eines Hasen auf, schnitt aber nichts von demselben weg und steckte einen Brief hinein, in welchem er seine Meinung aufgesetzt hatte. Den Bauch des Hasen nähte er wieder zu, gab ihn nebst einem Garn dem getreuesten unter seinen Bedienten, einem Jäger, und schickte ihn so nach Persien mit dem Befehl, wenn er den Hasen dem Cyrus übergäbe, ihm mündlich zu sagen, er solle ihn mit eigenen Händen eröffnen und niemand dabei zugegen sein lassen. Alles dieses wurde ausgerichtet, Cyrus nahm den Hasen und öffnete denselben; er fand den Brief und darinnen diese Worte: Du Sohn des Kambyses, auf dich sehen die Augen der Götter; denn sonst wärst du nicht zu solchem Glücke gelangt; räche dich nun an dem Astyages, deinem Mörder. Denn nach seinem Willen warst du tot, durch die Götter und durch mich lebst du noch. Ich glaube, daß du schon längst alles erfahren hast, wie man mit dir umgegangen sei und was ich darum von dem Astyages gelitten, weil ich dich nicht umgebracht, sondern dem Hirten übergeben habe. Willst du mir nun Gehör geben, so wirst du über das ganze Land, welches Astyages beherrscht, die Herrschaft erlangen. Denn hast du die Perser bewogen, abzufallen, so gehe wider die Meder zu Felde. Nun mag ich von dem Astyages zum Feldherrn wider dich bestellt werden oder ein anderer vornehmer Meder, so wird die Sache nach deinem Wunsche gehen. Denn diese werden zuerst abfallen und ihn zu stürzen suchen. Weil nun alles in Bereitschaft ist, so greif die Sache an und greif sie bald an. Nach Lesung dieses Briefes überlegte Cyrus, wie er die Perser auf die klügste Weise zum Abfall bewegen möchte. Bei der Überlegung fand er, es sei am besten, auf folgende Art zu verfahren. Er schrieb in einen Brief, was er wollte, und hielt eine Versammlung der Perser. Darauf eröffnete er den Brief, las ihn und sagte: Astyages ernenne ihn zum Heerführer der Perser. Nun, sprach er, befehle ich euch, daß ein jeder mit einer Sichel erscheinen soll. Dieses war der Befehl des Cyrus. Es sind aber viele Stämme der Perser; die aber, welche Cyrus versammelte und welche er beredete abzufallen, waren folgende, von welchen die anderen alle herkommen: nämlich die Arteater, die Perser, die Pasargader, die Meraphier, die Masier. Unter diesen sind die Pasargader die vornehmsten, unter welchen auch der Stamm der Achämeniden ist, von welchem die persischen Könige abstammen. Andere Perser sind die Panthelaer, Derusiäer, Germanier, und zwar sind alle diese Ackerleute; die anderen aber treiben die Viehzucht, nämlich die Daer, Marder, Dropiker, Sagarter. Als sich diese insgesamt mit dem, was ihnen befohlen war, versammelt hatten, befahl ihnen Cyrus, eine dornige Gegend in Persien, welche sich auf achtzehn bis zwanzig Stadien erstreckte, in einem Tage auszuroden. Nach vollbrachter Arbeit bestellte er sie, auf den folgenden Tag rein und geputzt zu erscheinen. Unterdessen ließ Cyrus alle Ziegen, Schafe und Rinder seines Vaters zusammentreiben, schlachten und zurichten, um das Kriegsvolk zu bewirten, wozu auch Wein und andere Speisen angeschafft waren. Den folgenden Tag kamen die Perser an, er befahl denselben, sich auf einer Wiese zu lagern und gab ihnen ein Gastmahl. Als sie von demselben aufstanden, fragte sie Cyrus, ob ihnen der vorige oder gegenwärtige Tag besser gefiele? Sie antworteten, es sei zwischen beiden ein großer Unterschied: der vorige Tag habe ihnen lauter Mühe, der gegenwärtige aber lauter Vergnügen gemacht. Bei diesen Worten nahm Cyrus Anlaß, die ganze Sache zu entdecken. Ihr tapferen Perser, sagte er, so steht es mit euch: Wollt ihr mir folgen, so habt ihr dieses und tausendfältig anderes Vergnügen zu erwarten, ohne einige knechtische Arbeit zu verrichten: wollt ihr nicht, so müßt ihr unzählige Arbeit und Mühseligkeit, wie an dem gestrigen Tage, ertragen. Folget mir also und laßt euch zu freien Leuten machen. Denn es scheint, daß ich durch eine göttliche Schickung dazu geboren sei, euch dieses Glück in die Hände zu geben; und ich halte euch für Männer, die so wenig im Kriege als in anderen Dingen schlechter als die Meder sind. Fallet demnach bei diesen Umständen ohne Anstand von dem Astyages ab. Die Perser, welchen schon längst die Herrschaft der Meder beschwerlich gewesen, ließen sich gern in die Freiheit setzen, da sie einen Anführer bekamen. Astyages aber schickte auf die Nachricht von den Unternehmungen des Cyrus an denselben und ließ ihn zu sich fordern. Cyrus befahl den Abgeordneten, dem Astyages zu berichten, er würde eher zu ihm kommen, als er es verlangte. Hierauf bewaffnete Astyages alle Meder und machte, als wenn er von Gott mit Blindheit geschlagen wäre, den Harpagus zum Feldherrn über dieselben; indem er vergaß, was er an dem Harpagus getan hatte. Als nun die Meder mit den Persern in ein Treffen gerieten, fochten zwar einige, welche von den Absichten des Heerführers nicht unterrichtet waren, andere aber gingen zu den Persern über; die meisten aber hatten keine Lust zu fechten und begaben sich auf die Flucht. Astyages bekam von dieser schändlichen Zerstreuung der medischen Armee gar bald Nachricht und sagte mit Drohungen gegen den Cyrus: Es soll dennoch dem Cyrus nicht gelingen. Darauf kreuzigte er erst die Traumdeuter unter den Magiern, welche ihm geraten hatten, den Cyrus fortzulassen. Nachdem bewaffnete er alle Meder, die in der Stadt zurückgeblieben waren, junge Leute und alte Männer; er führt sie aus und liefert den Persern ein Treffen, wird aber überwunden, selbst gefangen und verliert alle Mannschaft, die er ausgeführt hatte. Zu dem gefangenen Astyages kam Harpagus und frohlockte über sein Unglück; er griff ihn mit den schmählichsten und empfindlichsten Worten an und gedachte unter anderen der Mahlzeit, bei welcher er ihm das Fleisch seines Sohnes zu essen gegeben habe, und sagte ihm, daß er um deswillen das Königreich mit der Knechtschaft vertauscht habe. Astyages sah ihn an und fragte ihn dagegen: Ob er das Unternehmen des Cyrus als sein Werk erkenne? Harpagus sagte ja, er habe deswegen an ihn geschrieben und ihm sei das Werk mit Recht zuzuschreiben. Astyages aber bewies ihm, er sei der unbesonnenste und unbilligste unter den Menschen: der unbesonnenste, indem er hätte können König werden, wenn er die Sache für sich selbst hätte angefangen, und habe doch einem anderen die Gewalt in die Hände gegeben; der unbilligste, weil er um der Mahlzeit willen die Meder in die Knechtschaft brächte: hätte ja ein anderer die königliche Herrschaft notwendig haben sollen und er selbst sie nicht verlangt, so wäre es doch billiger gewesen, einem Meder als einem Perser diese Würde zu geben; nun wären die Meder, ohne Schuld an der Sache zu haben, aus Herren Knechte, die Perser aber, welche Knechte der Meder gewesen, Herren geworden. Wie Cyrus bei den Massageten starb Es war aber Tomyris nach dem Tode ihres Mannes Königin der Massageten. An diese schickte Cyrus und ließ vorgeben, als wenn er sie zu seiner Gemahlin verlangte. Allein weil Tomyris wohl sah, daß er sich nicht um sie, sondern um das Reich bewürbe, versagte sie ihm den Zutritt. Wie nun dem Cyrus die List nicht gelungen war, zog er nach dem Araxes zu und machte aus dem Kriege gegen die Massageten kein Geheimnis, indem er zum Übergange der Armee Brücken über den Fluß schlug und auf die Schiffe, welche über den Fluß gingen, Türme baute. Als er mit dieser Arbeit beschäftigt war, schickte Tomyris einen Herold an ihn, welcher ihn in ihrem Namen so anredete: Du König der Meder, laß von den angefangenen Unternehmungen ab! Denn du weißt nicht, ob dieselben gut ablaufen werden. Laß davon ab! Bleib' in den Grenzen deiner Herrschaft und laß uns in unsrer Herrschaft regieren. Willst du diesen Erinnerungen nicht Gehör geben und kannst du nichts weniger als die Ruhe leiden? Nun, wenn du ein so großes Verlangen hast, mit den Massageten eins zu wagen, wohlan, so überhebe dich der Mühe, die Brücken über den Fluß zu befestigen. Wir wollen uns drei Tagreisen zurückziehen, so kannst du in unser Land herübergehen. Willst du uns aber lieber in deinem Lande empfangen, so tue desgleichen. Als Cyrus dieses gehört hatte, rief er die vornehmsten Perser zusammen und trug ihnen zur Überlegung vor, welches von beiden er tun sollte. Die Meinungen fielen alle dahin aus, die Tomyris und ihre Armee in seinem Lande zu erwarten. Krösus aber, der Lydier, welcher zugegen war, verwarf diese Meinung und behauptete das Gegenteil mit diesen Worten: O König, ich sagte dir schon damals, als mich Jupiter in deine Hände gab, daß ich allen Schaden, welchen ich wahrnähme, von deinem Hause und dir selbst nach Vermögen abwenden wollte. Was ich von Widerwärtigkeiten mit Verdruß erlitten habe, das hat mir zur Lehre gedient. Glaubst du unsterblich zu sein und das Kriegsglück in deiner Gewalt zu haben, so ist es unnötig, dir meine Gedanken zu entdecken. Erkennst du aber, daß du ein Mensch bist und über andre deinesgleichen herrschst, so lerne zuerst, daß menschliche Dinge in einem Kreise herumgehen, der sich immer dreht und einerlei Personen nicht beständig glückselig sein läßt. Jetzt habe ich also eine andere Meinung von der vorhabenden Sache als diese Versammlung. Denn wenn wir die Feinde in unser Land wollen kommen lassen, so ist die Gefahr für dich damit verknüpft, daß du nach einer Niederlage das ganze Reich dazu verlierst. Siegen die Massageten, so fliehen sie gewiß nicht zurück, sondern dringen in deine Herrschaft ein. Siegst du, so ist der Sieg nicht so groß, als wenn du sie in ihrem eignen Lande überwindest und den Flüchtigen nachsetzst. Denn nun will ich das Gegenteil von dem vorigen setzen, nämlich dieses: wenn du die Feinde besiegst, so dringst du gerade in das Reich der Tomyris ein. Außerdem aber ist es schändlich und unerträglich, daß Cyrus, der Sohn des Kambyses, einem Weibe weichen und vor ihrem Angriffe zurückziehen soll. Ich rate also, über den Fluß zu gehen und so weit fortzurücken, als jene vor uns ausweichen, hernach aber die Sache so anzufangen, daß wir Meister über sie werden. Soviel ich Nachrichten habe, sind den Massageten die guten Speisen und Getränke der Perser unbekannt, und sie wissen nichts von herrlichen Geräten. Man schlachte also Vieh in großer Menge, richte dasselbe zum Essen zu und bereite für diese Leute in unserm Lager eine Mahlzeit; man lasse sie dabei Wein in Überfluß und allerlei Speisen finden. Hierauf laß das schlechteste Volk von der Armee zurück und geh mit den andern wieder zurück an den Fluß. Denn wenn ich in meiner Meinung nicht fehle, so werden die Feinde bei Erblickung so vieler köstlicher Dinge sich dieselben gefallen und wohlschmecken lassen; alsdann bekommen wir Gelegenheit, etwas Großes auszuführen. Diese Vorschläge wurden getan. Cyrus aber ließ den ersteren fahren und gab dem Rate des Krösus Beifall; daher ließ er der Tomyris andeuten, sich zurückzuziehen, weil er zu ihr hinüberkommen wollte. Sie zog sich auch, ihrem Versprechen gemäß, zurück. Cyrus übergab den Krösus in die Hände des Kambyses, seines Sohnes, welchem er das Reich anvertraute, und befahl ihm nachdrücklich an, demselben Ehre und Güte zu erweisen, wenn der Zug gegen die Massageten nicht glücklich ablaufen sollte. Nachdem er ihm diese Anweisung gegeben und sie nach Persien zurückgeschickt hatte, ging er mit dem Kriegsheere über den Fluß. In der Nacht nach seinem Übergange über den Araxes hatte er in dem Lande der Massageten im Schlafe folgendes Gesicht: er sah im Traume den ältesten unter den Söhnen des Hystaspes, welcher Flügel auf den Schultern hatte, wovon der eine Asien, der andre Europa beschattete. Unter den Söhnen des Hystaspes, des Sohnes Arsames', war Darius der älteste und damals höchstens zwanzig Jahre alt. Weil er noch nicht das Alter erreicht hatte, in welchem man Kriegsdienste tun mußte, war er in Persien zurückgelassen. Als Cyrus erwachte, überlegte er bei sich selbst das Gesicht. Wie ihm nun dasselbe gar wichtig zu sein schien, ließ er den Hystaspes zu sich kommen, nahm ihn allein und sagte zu ihm: Hystaspes, es ist gewiß, daß dein Sohn mir und dem Reiche nachstelle, ich will dir anzeigen, woher ich dieses gewiß weiß. Die Götter tragen Sorge für mich und zeigen mir alles vorher, was mir begegnen wird. In der verwichenen Macht sah ich im Schlafe deinen ältesten Sohn mit Flügeln auf den Schultern, so daß er mit dem einen Asien, mit dem andern Europa beschattete. Es ist nach diesem Gesichte gar kein Zweifel, daß er nicht böse Anschläge wider mich haben sollte. Gehe du also auf das geschwindeste nach Persien zurück und mache, daß du mir deinen Sohn, wenn ich wiederum daselbst werde angelangt sein, zur Verantwortung stellen kannst. So sprach Cyrus, in der Meinung, daß Darius Anschläge wider ihn gefaßt hätte. Der Schutzgeist aber offenbarte ihm, daß er daselbst sein Leben beschließen und das Reich auf den Darius fallen würde. Hystaspes gab ihm diese Antwort: O König, sollte wohl ein Perser gefunden werden, welcher dir nachstellen wollte? Ist aber einer, der werde unverzüglich vertilgt. Du hast ja die Perser aus Knechten zu freien Leuten gemacht; und da wir früher beherrscht wurden, herrschen wir nun durch dich über alle anderen. Wenn dir aber ein Gesicht andeutet, daß mein Sohn eine Empörung gegen dich vorhabe, so übergebe ich dir denselben, nach deinem Gefallen mit ihm zu handeln. Nach dieser Antwort ging Hystaspes über den Araxes zurück nach Persien, seinen Sohn Darius den Cyrus im Gehorsam zu erhalten. Cyrus rückte von dem Araxes eine Tagreise fort und folgte den Anschlägen des Krösus. Als nachher Cyrus und die Perser mit dem besten Teile der Armee an den Araxes zurückgegangen und das untaugliche Volk zurückgelassen hatten, kam der dritte Teil der massagetischen Armee und machte die Zurückgebliebenen von dem Volke des Cyrus, welche Widerstand taten, nieder; und da sie die zubereitete Mahlzeit sahen, setzten sie sich nieder und schmausten, eben als wenn sie die Feinde schon völlig überwältigt hätten. Nachdem sie sich mit Speise und Trank beladen hatten, legten sie sich nieder und schliefen. Die Perser aber überfielen sie, machten viele nieder, viele nahmen sie gefangen und unter anderen auch den Sohn der Königin Tomyris, welcher die Armee der Massageten anführte und Spargapises hieß. Als die Königin von dem Unglücke der Armee und ihres Sohnes Nachricht bekam, schickte sie einen Herold an den Cyrus und ließ ihm sagen: O Cyrus, dessen Blutdurst unersättlich ist, erhebe dich deswegen nicht, daß du durch die Frucht des Weinstockes, von dem ihr bei dessen übermäßigem Gebrauche so rast, daß euer Mund, wenn der Wein in den Leib gegangen, von bösen Worten überfließt, daß du durch dieses Gift listigerweise, nicht aber in einem Treffen durch Tapferkeit meinen Sohn überwunden hast. Da ich dir demnach noch jetzt einen guten Rat erteile, so nimm meine Vorstellung an. Gib mir meinen Sohn zurück und verlaß das Land, ohne meine Rache zu erwarten, daß du mit dem dritten Teile der massagetischen Armee so übel umgegangen bist. Wirst du dieses nicht tun, so schwöre ich dir bei der Sonne, dem Herrn der Massageten, daß ich deinen unersättlichen Blutdurst doch löschen will. Cyrus kehrte sich an diese Worte nicht. Als aber Spargapises, der Sohn der Königin Tomyris, vom Weine nüchtern wurde und sah, in was für ein Unglück er geraten sei, bat er den Cyrus, ihm die Fesseln abzunehmen; sobald er von denselben los war und die Hände frei hatte, nahm er sich selbst das Leben. Das war sein Ende. Weil nun Cyrus den Vorstellungen der Tomyris kein Gehör gab, versammelte die Tomyris ihre ganze Macht und lieferte dem Cyrus ein Treffen. Ich glaube, dieses Treffen ist das schwerste unter allen gewesen, so die Asiaten gehalten haben, und ich habe davon diese Nachricht: Zuerst, sagt man, schossen sie von weitem mit Pfeilen aufeinander. Nachdem sie sich aber verschossen hatten, gingen sie mit den Spießen und Säbeln aufeinander los. Sie standen lange Zeit fechtend gegeneinander, und keine Partei wollte weichen. Endlich aber bekamen die Massageten die Oberhand, und ein großer Teil der persischen Armee ging verloren; ja Cyrus selbst büßte sein Leben ein, nachdem er neunundzwanzig Jahre regiert hatte. Die Königin suchte unter den erschlagenen Persern den Leichnam des Cyrus, und als sie ihn fand, steckte sie den Kopf desselben in einen Schlauch, den sie mit Menschenblut angefüllt hatte; sie ließ also ihren Grimm gegen den Toten aus und sagte dazu: Da ich noch lebe und im Treffen siege, ist es aus mit dir. Du hast meinen Sohn mit List gefangen; ich aber will dich nach meiner Drohung mit Blut sättigen. Unter den vielen Erzählungen von dem Lebensende des Cyrus habe ich diese als die glaubwürdigste vorgetragen. Der Ägypterkönig Psammetichus prüft, welches das älteste Volk sei Ehe Psammetichus regierte, hielten sich die Ägypter für die ersten unter allen Menschen. Dieser König aber wollte wissen, welche die ersten wären; und von der Zeit an glauben sie, daß zuerst die Phryger und sie nächst ihnen vor den anderen allen hervorgekommen. Denn als Psammetichus bei allem Nachforschen keinen anderen Weg finden konnte, zu erfahren, welche Menschen zuerst entstanden, bediente er sich dieses Mittels: Er gibt zwei Kinder von gewöhnlichen Eltern, die kaum geboren waren, einem Hirten, dieselben bei der Herde folgendermaßen zu erziehen: Er befahl nämlich, man sollte vor ihnen kein Wort sprechen, sie ganz allein in einer unbewohnten Hütte liegen lassen und ihnen zu gewissen Zeiten Ziegen zuführen; wenn sie diese mit ihrer Milch gestillt, möchten sie machen, was sie wollten. Dieses tat und befahl Psammetichus, weil er gern hören wollte, was die Kinder, wenn sie aufhörten unvernehmlich zu lallen, zuerst für ein Wort hervorbringen würden. Die Sache hatte ihren Erfolg. Denn als zwei Jahre vorbei waren, kamen beide Kinder dem Hirten, der die Sache besorgte, als er die Tür auftat und hineinging, mit ausgestreckten Händen entgegen und riefen: Vekkos. Als er dieses zum erstenmal hörte, war er still. Aber da er mehrmals hinging und auf sie achthatte und er dieses Wort viermal hörte, zeigte er solches seinem Herrn und brachte sie auf dessen Befehl vor ihn. Wie nun Psammetichus ebendieses hörte, erkundigte er sich, bei welchem Volke das Wort Vekkos gebräuchlich sei und erfuhr, daß die Phryger das Brot so nennen, hieraus machten die Ägypter den Schluß, daß sie den Phrygern hinsichtlich des Alters nachgeben müßten. König Rampsinitus und seine Tochter Dem Proteus soll Rampsinitus in der Regierung gefolgt sein, welcher die Vorhöfe des Tempels des Vulkan, so gegen Abend zu liegen, als ein Denkmal hinterlassen hat. Gegenüber diesen Vorhöfen hat er zwei Bildsäulen, fünfundzwanzig Ellen hoch, aufgerichtet. Wovon die Ägypter die, welche gegen Norden zu steht, den Sommer nennen, die aber gegen Süden zu den Winter. Die, welche sie den Sommer nennen, beten sie an und halten sie in Ehren; gegen die aber, welche der Winter heißt, beweisen sie das Gegenteil. Dieser König soll einen so großen Schatz an Silber gehabt haben, daß ihn keiner der folgenden Könige darin übertroffen oder ihm nahe gekommen sei; damit er aber sein Geld sicher verwahren könnte, baute er ein steinernes Haus, wovon die eine Mauer an den auswendigen Teil seiner Wohnung stieß. Der Mauermeister aber bediente sich dieser listigen Erfindung: er setzte einen Stein so ein, daß er leicht von zwei oder auch von einem Manne konnte herausgenommen werden. Als das Gebäude fertig war, brachte der König seine Schätze in dasselbe. Nach einiger Zeit, da der Baumeister seinem Ende nahe war, berief er seine Söhne, deren zwei gewesen sein sollen, und eröffnete ihnen, was er aus Fürsorge, daß sie in allem Überflusse leben möchten, bei Erbauung des königlichen Schatzhauses für ein Kunststück gebraucht habe. Er entdeckte ihnen, wie der Stein herauszunehmen sei, gab ihnen die Kennzeichen desselben und sagte ihnen, wenn sie dieselben wohl in acht nähmen, würden sie Herren von dem königlichen Schatze sein. Er beschloß sein Leben; seine Söhne aber schoben die Sache nicht lange auf. Sie kamen des Nachts zu dem königlichen Palaste, fanden den Stein an dem Gebäude, zogen ihn mit leichter Mühe heraus und brachten viel von dem Schatze weg. Als der König einmal in das Schatzhaus ging, sah er mit Verwunderung, daß in dem Kasten viel von dem Gelde fehlte, wußte aber nicht, wen er beschuldigen sollte, indem die Zeichen unverletzt und das Gebäude verschlossen war. Als er aber zum zweiten und dritten Male kam und allezeit fand, daß weniger Geld da war (denn die Diebe fuhren immer fort mit stehlen), ließ er Fallstricke machen und dieselben um die Kasten, worin die Schätze waren, legen. Wie die Diebe wiederkamen und der eine von ihnen hineingekrochen war, wurde er, sobald er an den Kasten kam, in der Schlinge gefangen. Da er sah, in was für Gefahr er sei, rief er gleich seinem Bruder zu, sagte ihm, wie es ihm gegangen, und befahl ihm, geschwind hineinzukriechen und ihm den Kopf abzuschneiden, damit er nicht erkannt würde und ihn zugleich mit in das Verderben stürzte. Dieser sah den Vorschlag als heilsam an und vollzog ihn. Er setzte darauf den Stein wieder ein, ging von dem Hause weg und nahm den Kopf seines Bruders mit. Bei Anbruch des Tages ging der König in das Gebäude und wurde bestürzt, da er den Leib des Diebes in dem Fallstricke ohne Kopf sah, obwohl das Haus unverletzt war und keinen Eingang noch Ausgang hatte. Nach vielem Zweifel und Bedenken stellte er die Sache so an: Er ließ den Leichnam des Diebes an der Mauer aufhängen und bestellte Wächter, denen er befahl, wenn sie jemand weinen und jammern sehen würden, denselben zu ergreifen und zu ihm zu bringen. Der Mutter ging es sehr nahe, daß der Leichnam da hängen mußte; sie unterredete sich deswegen mit dem anderen Sohne und befahl ihm, alles, was nur möglich wäre, zu versuchen, um den Körper seines Bruders wegzunehmen und zu ihr zu bringen; würde er das verabsäumen, so drohte sie ihm, daß sie zu dem Könige gehen und ihm anzeigen wollte, wer die Schätze habe. Als die Mutter dem Sohne hart zusetzte und ihn durch viele Vorstellungen anfänglich nicht bewegen konnte, hat er doch endlich die Sache auf folgende Weise unternommen: Er sattelte Esel, füllte Schläuche mit Wein, legte dieselben auf die Esel und trieb dieselben fort. Da er nun zu denjenigen kam, welche den Leichnam bewachten, zog er an zwei oder drei Schläuchen die Riemen, womit sie zugebunden waren, auf. Wie nun der Wein auslief, zerschlug er sich den Kopf, machte ein groß Geschrei und tat, als wenn er nicht wüßte, zu welchem Esel er sich zuerst wenden sollte. Die Wächter, welche den vielen Wein auslaufen sahen, kamen gelaufen, brachten Gefäße mit, machten sich die Gelegenheit zunutze und fingen den Wein auf. Jener stellte sich zornig und schalt sie heftig aus. Da ihm aber die Wächter zuredeten, stellte er sich nach und nach an, als wenn er sich zufriedengäbe und seinen Zorn besänftigte. Endlich trieb er die Esel vom Wege auf die Seite und machte sie wieder zurecht. Als sie sich miteinander weiter in das Gespräch einließen und einer gegen ihn scherzte und ihn zum Lachen bewegte, gab er ihnen noch einen von den Schläuchen dazu. Sie setzten sich miteinander nieder, gedachten an nichts als an das Trinken, nahmen ihn zu sich und ersuchten ihn, zu bleiben und mitzutrinken. Er ließ sich bereden und blieb da. Wie sie nun bei dem Trunke sich überaus freundlich gegen ihn bezeigten, gab er ihnen noch mehr Schläuche. Die Wächter soffen sich endlich toll und voll, fielen in einen tiefen Schlaf und blieben an der Stelle, wo sie getrunken hatten, schlafend liegen. Da es nun weit in die Nacht hinein war, nahm er den Leib seines Bruders herunter und schor noch dazu den Wächtern zum Schimpfe allen die rechte Backe ab. Den Leichnam legte er auf einen von den Eseln, trieb denselben nach Hause und hatte also den Befehl seiner Mutter vollzogen. Der König, welchem berichtet wurde, daß der Leichnam gestohlen sei, erbitterte sich gar sehr. Indem er aber durchaus erfahren wollte, wer diese listigen Streiche gespielt habe, mußte sich seine eigene Tochter in dem Hause preisgeben und auf seinen Befehl alle ohne Unterschied zulassen; vorher aber, ehe sie mit jemand sich genauer vereinigte, denselben nötigen, zu sagen, was die listigste und gottloseste Tat sei, die er in seinem Leben begangen habe; wer aber das, was mit dem Diebe vorgegangen, erzählen würde, den sollte sie ergreifen und nicht aus dem Hause lassen. Als nun die Tochter dem Befehle ihres Vaters nachkam und der Dieb hörte, warum das geschehe, wollte er der Verschlagenheit des Königs obsiegen und beging folgenden Streich: Er schnitt dem vorbesagten Toten die Hand an der Schulter ab, nahm dieselbe unter das Kleid und ging zu der Tochter des Königs. Wie er nun ebenso wie die anderen gefragt wurde, sagte er: Seine schändlichste Tat sei diese, daß er seinem Bruder, der in dem Fallstricke in dem Schatzhause des Königs gefangen worden, den Kopf abgeschnitten; die listige Tat aber, daß er die Wächter betrunken gemacht und den aufgehangenen Leib des Bruders abgenommen habe. Als sie dies hörte, griff sie zu; der Dieb aber reichte im Dunkeln die Hand des Toten hervor, welche sie ergriff, und meinte, sie hätte ihn bei seiner Hand angefaßt. Er aber ließ sie fahren und entfloh durch die Türen. Als auch dieses dem Könige berichtet wurde, erstaunte er sowohl über die Listigkeit als Verwegenheit des Menschen. Endlich schickte er in alle Städte aus und ließ ausrufen, daß der Täter nicht allein keine Strafe, sondern auch große Belohnungen sollte zu erwarten haben, wenn er sich selbst vor ihm stellte. Der Dieb traute und kam zu ihm. Rampsinitus bewunderte ihn sehr, und gab ihm, als dem klügsten unter allen Menschen, seine Tochter zur Ehe. Denn die Ägypter, sagte er, hätten an Witz den Vorzug vor allen anderen Völkern, dieser aber vor den Ägyptern. Wie König Amasis regierte Nach der Hinrichtung des Apries regierte Amasis aus dem Kanton Sais und aus der Stadt Siuph. Anfänglich verachteten ihn die Ägypter, und er stand bei ihnen in gar keinem Ansehen, weil er erst ein gemeiner Bürger und aus keinem vornehmen Hause war. Nachher gewann er sie durch Klugheit und ohne Schärfe. Er hatte unter vieltausend anderen Kostbarkeiten ein goldenes Waschbecken, in welchem Amasis und alle seine Gäste jederzeit die Füße wuschen. Dieses zerschlug er und machte daraus ein Götterbild und stellte es an den bequemsten Ort der Stadt. Die Ägypter gingen zu dem Bildnisse und erwiesen ihm große Ehre. Als nun Amasis erfuhr, was die Einwohner der Stadt taten, berief er die Ägypter zusammen und entdeckte ihnen, das Bild, welches sie jetzt so verehrten, sei aus dem Waschbecken gemacht, in welches sie vorher gespien, ihr Wasser gelassen und die Füße darin abgewaschen hätten; ihm wäre es ebenso wie dem Waschbecken ergangen, vorher sei er ein gemeiner Mann gewesen, gegenwärtig aber ihr König, folglich müsse ihm die gebührende Ehre erwiesen werden. Auf diese Weise zog er die Ägypter an sich, daß sie es für billig und recht erkannten, ihm zu dienen. Seine täglichen Verrichtungen waren so abgeteilt: Des Morgens, solange der Markt voll war, tat er die vorkommenden Geschäfte willig. Darauf trank er, trieb seinen Scherz mit den Trinkbrüdern und belustigte sich mit Possen und Spielwerk. Seine Räte, welche damit übel zufrieden waren, machten ihm darüber Vorstellungen und sagten zu ihm: O König, du handelst nicht wohl gegen dich selbst, indem du dich allzu unanständig aufführst; denn du solltest auf dem majestätischen Throne majestätisch sitzen und den ganzen Tag den Geschäften obliegen; so wüßten die Ägypter, daß sie von einem großen Herrn regiert würden, und du hättest mehr Ruhm davon. Allein du lebst gar nicht königlich. Aber er gab ihnen diese Antwort: Wer Bogen hat, spannt dieselben, wenn er sie brauchen muß, und spannt sie nach dem Gebrauche wieder ab. Denn wenn sie immerfort gespannt blieben, würden sie zerreißen, daß sie dieselben, wo es nötig, nicht gebrauchen könnten. So ist es auch mit dem Menschen beschaffen. Wenn er immer geschäftig sein und sich niemals eine Lust machen will, so wird er unvermerkt närrisch oder albern werden. Weil ich dieses weiß, so teile ich meine Zeit unter die Arbeit und Belustigung. So antwortete er seinen Räten. Denn Amasis soll in seinem Privatstande ein Freund vom Trunke und einer spöttischen Scherzhaftigkeit, aber gar nicht von ernsthaften Verrichtungen gewesen, und wenn es ihm wegen des Trinkens und Wohllebens an der Notdurft gefehlt, herumgegangen sein und gestohlen haben. Die ihn nun beschuldigten, daß er etwas von dem Ihrigen habe, führten ihn, wenn er leugnete, zu dem Orakel, welches an dem Orte war. Vielmals wurde er von den Orakeln überführt, vielmals aber losgesprochen. Da er nun König war, sorgte er für die Tempel der Götter, welche ihn vom Diebstahl freigesprochen hatten, gar nicht und gab zu deren Ausschmückung nichts, ging auch in dieselben nicht zu opfern, da dieselben nichts wert wären, weil sie lügenhafte Orakel hätten. Für diejenigen aber, welche ihn als einen Dieb verurteilt und also die Wahrhaftigkeit ihrer Göttersprüche bewiesen hatten, trug er große Vorsorge. Kambyses zieht zu den Äthiopiern Nach diesem ging Kambyses (der Sohn des Cyrus) in seinen Gedanken noch mit drei Kriegszügen um, gegen die Karthagener, gegen die Ammonier und gegen die Äthiopier, welche Makrobii (die sehr lange leben) genannt werden und in Libyen an dem südlichen Meere wohnen. Er beschloß, die Karthagener zur See anzugreifen, die Ammonier zu Lande, zu den Äthiopiern aber vorher Kundschafter auszuschicken, welche sehen sollten, ob der Sonnentisch, welcher bei den Äthiopiern sein sollte, wirklich da wäre, und dabei auch andre Dinge auskundschaften, dem Könige aber zum Schein Geschenke bringen sollten. Mit dem Sonnentische soll es diese Bewandtnis haben: In der Vorstadt ist eine Wiese, welche voll gekochten Fleisches von allerlei vierfüßigen Tieren ist. Die Vornehmsten unter den Bürgern, welche in Ämtern stehen, eilen dem Vorgeben nach des Nachts Fleisch dahin zu bringen, am Tage aber verzehrt dasselbe, wem es gefällt. Die Leute des Landes aber sagen, die Erde bringe dieses allemal selbst hervor. Diese Bewandtnis soll es mit dem also genannten Sonnentische haben. Nachdem Kambyses Kundschafter abzuschicken für gut befunden hatte, ließ er aus der Elefantenstadt Leute von den Fischfressern, welche die äthiopische Sprache verstanden, holen. Unterdessen aber, daß sie diese zu ihm brachten, befahl er, daß die Seemacht gegen Karthago auslaufen sollte. Allein die Phönizier weigerten sich dessen und schützten vor, sie wären durch die stärksten Eidschwüre gebunden und handelten wider das Gewissen, wenn sie wider ihre Kinder Krieg führen wollten. Da nun die Phönizier nicht wollten, konnte man den Krieg mit andern Völkern nicht wagen. So entgingen die Karthagener der Dienstbarkeit der Perser. Denn Kambyses hielt es nicht für billig, gegen die Phönizier Gewalt zu gebrauchen, weil sie sich freiwillig den Persern ergeben hatten; und auf ihnen beruhte die ganze Seemacht. Die Cyprier hatten sich auch den Persern ergeben und dienten in dem Kriege wider die Ägypter. Als die Fischesser aus der Elefantenstadt zu ihm gekommen, schickte er dieselben nach Äthiopien und befahl ihnen, was sie sagen sollten. Sie nahmen ein Purpurkleid, eine goldene Halskette, Armbänder, ein Balsamfläschchen und ein Kad Palmenwein als Geschenke mit. Diese Äthiopier, an welche Kambyses die Gesandtschaft abgehen ließ, sollen die größten und schönsten Leute und in ihren Gebräuchen und andern Dingen von allen andern Menschen unterschieden sein, besonders in Ansehung der königlichen Würde. Sie halten nämlich den der Regierung am würdigsten, welchen sie für den Größten und seiner Größe nach für den Stärksten halten. Da die Fischesser zu diesem Volke kamen, hielten sie bei Überreichung der Geschenke an den König folgende Rede: Der König in Persien, Kambyses, wünscht dein Freund und Gast zu sein und hat uns daher geschickt, uns mit dir in eine Unterredung einzulassen; er überreicht dir diese Geschenke, deren Gebrauch ihm das größte Vergnügen macht. Der Äthiopier aber, welcher erfahren hatte, daß sie als Kundschafter gekommen, erteilte ihnen diese Antwort: Der persische König hat euch nicht gesandt, Geschenke an mich zu bringen, aus Verlangen mein Freund zu werden, und ihr redet die Wahrheit nicht. Denn ihr kommt als Kundschafter meines Reichs. Er ist auch kein gerechter Mann; denn wenn er gerecht wäre, so suchte er kein anderes Land als das seinige, und brächte nicht solche Leute, von welchen er nicht beleidigt worden, in die Dienstbarkeit. Nun aber gebt ihm diesen Bogen und sagt ihm: Der König von Äthiopien gibt dem König von Persien den Rat, alsdann wider die lange lebenden Äthiopier mit einer überlegenen Menge zu kriegen, wenn die Perser Bogen von solcher Größe ebenso leicht als wir spannen können; unterdessen mögen sie den Göttern danken, welche es den Äthiopiern nicht in den Sinn kommen lassen, sich eines andern Landes zu bemächtigen. Mit diesen Worten ließ er den Bogen ab und gab ihn den Botschaftern. Er nahm den Purpurmantel und fragte, wozu er diene und wie er gemacht sei. Da nun die Fischesser von dem Purpur und dem Färben die Wahrheit sagten, sagte er: Die Menschen sind betrüglich und ihre Kleidung ist betrüglich. Zum andern fragte er wegen der goldenen Kette und der Armbänder. Als ihm darauf die Fischesser berichteten, daß dieses zum Schmuck gehöre, lachte der König, und in der Meinung, es wären Fesseln, sagte er, sie hätten stärkere Fesseln. Zum dritten fragte er wegen des Balsams. Da sie ihm nun von der Zubereitung und der Salbung sagten, fällte er darüber eben das Urteil als über die Kleidung. Als er aber auf den Wein kam, welcher ihm vortrefflich schmeckte, und von der Art, denselben zu machen hörte, fragte er nach der Speise des Königs und welches wohl das höchste Alter eines Persers sei. Die Fischesser antworteten, seine Speise sei Brot, und erklärten ihm die Beschaffenheit des Weizens: achtzig Jahr aber sei die höchste Lebenszeit. Darauf sagte der Äthiopier, da sie Kot äßen, so wundere er sich nicht, daß sie wenige Jahre lebten; denn sie könnten auch nicht einmal so lange leben, wenn sie es nicht diesem Tranke zu danken hätten, wodurch er den Fischessern den Wein andeutete; denn in diesem Stücke hatten die Perser einen Vorzug vor ihnen. Die Fischesser fragten nun den König um ihre Lebensalter und um ihre Speise und Getränke, worauf sie zur Antwort bekamen, die meisten unter ihnen erreichten hundertundzwanzig Jahre, einige aber ein noch höheres Alter; ihre Speise sei gesottnes Fleisch, ihr Trank Milch. Da sich aber die Kundschafter über die Jahre verwunderten, führte er sie zu einem Brunnen, aus welchem sie sich wuschen und davon fetter wurden als von Öl und nach Violen rochen. Die Kundschafter sagten, das Wasser dieses Brunnens sei so leicht, daß nichts darauf schwimmen könne, weder Holz noch andere Dinge, die noch leichter als Holz wären; sondern alles sinke auf den Grund. Findet sich ein solches Wasser wirklich bei ihnen, so mögen sie wohl um deswillen lange leben, weil sie dasselbe beständig gebrauchen. Von dem Brunnen führte er sie zu dem Gefängnisse der Männer, wo sie alle mit goldenen Fesseln gebunden waren. Denn bei diesen Äthiopiern ist das Kupfer am allerrarsten und schätzbarsten. Nachdem sie das Gefängnis besehen hatten, besahen sie auch den Sonnentisch, nach diesem aber die Totenbehältnisse, welche auf folgende Weise aus Glas sollten verfertigt werden: Wenn sie den Leichnam, entweder wie die Ägypter oder auf andre Art, ausgetrocknet haben, überziehen sie ihn ganz mit Gips, malen ihn zierlich und so ähnlich als es möglich ist. Darauf schließen sie ihn in eine Grabsäule, welche aus Glas ausgehöhlt ist, das sie in Menge haben und mit leichter Mühe ausgraben. Der Leichnam, welcher mitten in der Grabsäule ist, scheint durch und gibt keinen widrigen Geruch noch einen üblen Anblick, sieht auch dem Verstorbenen ganz gleich. Ein Jahr lang haben die nächsten Anverwandten die Grabsäule in den Häusern, bringen ihr die Erstlinge von allen Dingen und besondere Opfer; nachher tragen sie dieselbe heraus und stellen sie um die Stadt herum. Nachdem die Kundschafter alles besehen hatten, gingen sie zurück und gaben dem Kambyses von allem Nachricht, welcher in Zorn geriet und gleich mit dem Kriegsheere gegen die Äthiopier aufbrach. Er hatte keinen Befehl gegeben, den Proviant zu veranstalten, noch bei sich selbst überlegt, daß er einen Zug in die äußersten Länder vornehme. Er begab sich unsinnig und rasend, sobald er die Fischesser angehört hatte, auf den Marsch, befahl den Griechen, welche er bei sich hatte, an dem Orte zu bleiben, und nahm alles Fußvolk mit sich. Nachdem er mit dem Heere bei Theben ankam, sonderte er von demselben ungefähr fünfzigtausend Mann ab und befahl denselben, die Ammonier zu Sklaven zu machen und das Orakel des Jupiters in Brand zu stecken. Er selbst führte die übrige Armee und ging mit derselben gegen die Äthiopier. Ehe aber das Heer die fünfte Tagereise zurücklegte, war aller Proviant, den es mitgenommen hatte, aufgezehrt; nachher fehlte es auch am Zugvieh, welches ebenfalls verzehrt war. Hätte nun Kambyses, als er dieses erfuhr, sich selbst überwunden und die Armee, nachdem er einmal einen Fehler begangen hatte, wieder zurückgeführt, so wäre er noch ein weiser Mann gewesen. Allein ohne einzige Überlegung rückte er immer weiter fort. Solange die Soldaten auf dem Felde noch was fanden, erhielten sie ihr Leben mit Kräuteressen. Nachdem sie aber in den Sand gekommen, begingen einige unter ihnen eine abscheuliche Tat. Denn unter zehn erwählten sie einen durch das Los und fraßen ihn. Als Kambyses dieses hörte und besorgte, sie möchten einander auffressen, ließ er den Zug gegen Äthiopien fahren und ging zurück. Er kam nach Theben, nachdem er viel Volk eingebüßt hatte. Von Theben gingen sie weiter und folgten den Wegweisern. Bei seiner Ankunft zu Memphis ließ er die Griechen wegschiffen. Das war der Ausgang des Zuges gegen Äthiopien. Kambyses und der Apis Bei der Ankunft des Kambyses zu Memphis erschien der Apis, welchen die Griechen Epaphus nennen, den Ägyptern. Sobald derselbe zum Vorschein gekommen, trugen die Ägypter die besten Kleider und hielten ein Freudenfest. Als Kambyses dieses Verhalten der Ägypter sah und den Verdacht wider sie faßte, als wenn sie darum so fröhlich wären, weil es ihm unglücklich gegangen, forderte er die Vorsteher der Stadt Memphis zu sich und fragte dieselben, wie es zuginge, daß sie bei seiner ersten Ankunft nichts dergleichen getan, was sie jetzt täten, da er nach einem erlittenen Verluste zurückkäme. Sie sagten, Gott sei ihnen erschienen, welcher nach einer langen Zeit zu erscheinen pflege, und bei seiner Erscheinung freuten sich alle Ägypter und hielten ein Fest. Er sagte, sie belögen ihn, und als Lügner verdammte er sie zum Tode. Nachdem diese hingerichtet worden, ließ er die Priester vor sich kommen; als diese ebendiesen Bericht erteilten, sagte er, es würde ihm nicht verborgen sein, wenn ein so zahmer Gott zu den Ägyptern käme, und befahl, ohne weiter etwas zu sagen, daß die Priester den Apis zu ihm bringen sollten. Sie gingen fort, denselben zu holen. Dieser Apis, der auch Epaphus heißt, ist ein Kalb von einer Kuh, die sonst niemals hat können trächtig werden. Nach dem Vorgeben der Ägypter fällt auf diese Kuh ein Strahl vom Himmel, von welchem sie den Apis empfängt und gebiert. Dieses Kalb, der Apis genannt, hat folgende Zeichen: Es ist schwarz, trägt auf der Stirn einen weißen viereckigen Fleck und auf dem Rücken das Bild eines Adlers; an dem Schwanze hat es zweierlei Haare und auf der Zunge einen Käfer (oder schwarzen Fleck, der einem Käfer ähnlich ist). Als die Priester den Apis vor ihn brachten, zog Kambyses, welcher halb wütend war, seinen Dolch und wollte damit den Apis in den Bauch stoßen, traf aber das dicke Bein und sagte lachend zu den Priestern: O ihr dummen Köpfe, sind das Götter, welche Blut und Fleisch haben und das Eisen fühlen? Ein solcher Gott gehört für die Ägypter. Allein ihr sollt mich durch eure Freude nicht zum Gelächter machen. Hierauf befahl er den dazu bestellten Bedienten, die Priester zu geißeln, die andern Ägypter aber, welche sie in Festverrichtungen anträfen, totzuschlagen. So hatte das Fest der Ägypter ein Ende; die Priester wurden gestraft, der Apis, welcher am dicken Beine verwundet war, verreckte in dem Tempel, und die Priester begruben ihn heimlich, daß Kambyses nichts davon erfuhr. Kambyses aber wurde nach dieser Übeltat, wie die Ägypter sagen, alsbald unsinnig, da er doch schon vorher seines Verstandes nicht mächtig war. Zuerst mußte Smerdis, sein Bruder, leiden, welcher einen Vater und Mutter mit ihm hatte. Diesen schickte er aus Neid nach Persien aus Ägypten zurück, weil er allein unter den Persern den Bogen, welchen die Fischesser von dem Äthiopier gebracht hatten, auf zwei Finger breit spannen konnte, was keinem Perser möglich war. Nach der Abreise des Smerdis nach Persien träumte dem Kambyses, es brächte ihm ein Bote aus Persien die Nachricht, Smerdis säße auf dem königlichen Throne und rührte mit seinem Haupte an den Himmel. Aus Furcht also, der Bruder möchte ihn umbringen und sich des Reichs bemächtigen, schickt er den Prexaspes, welcher ihm unter allen Persern am getreuesten war, nach Persien, ihn hinzurichten. Dieser kam nach Susa und brachte ihn um. Einige sagen, er habe ihn auf die Jagd, andere aber, er habe ihn an das Rote Meer geführt und in demselben ersäuft. Dieses soll der Anfang alles Unglücks des Kambyses gewesen sein. Die andere Bosheit übte er an seiner Schwester aus, die ihm nach Ägypten gefolgt war und mit welcher er ehelich lebte, ob sie gleich seine vollbürtige Schwester war. Mit ihrer Verheiratung war es so zugegangen; Es hatten die Perser niemals die Gewohnheit gehabt, ihre Schwestern zu heiraten, Kambyses aber verliebte sich in eine seiner Schwestern und wollte sich mit ihr vermählen. Weil er aber eine ungewöhnliche Sache vornehmen wollte, fragte er die zusammenberufenen königlichen Richter, ob ein Gesetz vorhanden sei, welches die Heirat mit der Schwester verböte. Die königlichen Richter sind bewährte Männer, welche aus den Persern genommen werden und in diesem Amte bis an ihren Tod bleiben, wenn sie keiner Ungerechtigkeit überführt werden. Diese halten Gericht und legen die Landesgesetze aus, und auf ihnen beruht alles. Auf die Frage des Kambyses gaben sie die gerechte und behutsame Antwort, sie fänden kein Gesetz, welches einem Bruder beföhle, seine Schwester zu heiraten; aber ein anderes Gesetz hätten sie gefunden, nach welchem einem Könige in Persien erlaubt sei, zu tun, was er wolle. Sie hoben also das Gesetz aus Furcht vor dem Kambyses nicht auf; damit sie aber sich selbst durch die Verteidigung des Gesetzes nicht unglücklich machten, fanden sie ein anderes Gesetz, welches seinem Verlangen wegen der Heirat zustatten kam. Darauf vermählte sich Kambyses mit seiner Geliebten, ja nicht lange darauf nahm er auch die andere Schwester. Die jüngere von diesen beiden aber, welche ihm nach Ägypten folgte, brachte er um das Leben. Von ihrem Tode hat man eben wie von dem Tode des Smerdis eine zwiefache Erzählung. Denn die Griechen sagen, Kambyses habe einen jungen Löwen auf einen jungen Hund losgelassen, wobei seine Gemahlin zugesehen; als aber der junge Hund überwältigt worden, sei ihm ein anderer junger Hund, sein Bruder, welcher sich losgerissen, zu Hilfe gekommen, und so hätten sie beide zusammen die Oberhand über den jungen Löwen gewonnen. Kambyses habe dieses mit Vergnügen angesehen, die Schwester aber, welche bei ihm gesessen, geweint. Kambyses, welcher dieses wahrnahm, fragte sie, warum sie weine, worauf sie antwortete, sie weine deswegen, weil sie gesehen, daß der junge Hund seinem Bruder zu Hilfe gekommen, und ihr dabei eingefallen sei, daß ihm sein Bruder keine Hilfe werde leisten können. Um dieser Ursache willen soll sie nach dem Berichte der Griechen von dem Kambyses hingerichtet worden sein. Die Ägypter aber geben vor, als sie zu Tische gesessen, habe die Gemahlin einen Laktukenstengel genommen und abgestreift, und den König gefragt, ob der abgestreifte oder der blätterige Stengel besser sei; auf die Antwort desselben, der blätterige sei besser, habe sie gesagt: Du hast es gemacht, wie ich mit diesem Laktukenstengel, indem du das Haus des Cyrus entblößt hast, hierüber geriet er nach dieser Erzählung in einen heftigen Zorn, trat sie, da sie schwanger war, mit Füßen, wovon sie vor der Zeit niederkam und starb. So wütete Kambyses gegen die, welche am nächsten mit ihm verbunden waren, entweder wegen des Apis oder aus andern Ursachen; wie denn dem Menschen mancherlei Unfälle zustoßen. Denn Kambyses soll eine angeborene große Krankheit, welche einige die heilige nennen, gehabt haben. Es war also nicht unwahrscheinlich, daß bei einer so schweren Krankheit des Leibes auch sein Verstand nicht gesund gewesen. Gegen andere Perser beging er auch viel Unsinniges. Zu dem Prexaspes, welchen er in besonderen Ehren hielt, der ihm die eingelaufenen Berichte vortrug, dessen Sohn Mundschenk bei ihm war, welches auch keine geringe Ehre ist, zu diesem Prexaspes soll er gesagt haben: Prexaspes, für was für einen Mann halten mich die Perser? Was reden sie von mir? Worauf derselbe geantwortet: Herr, sie geben dir in allen Dingen ein großes Lob; sprechen aber, du wärest dem Weintrinken zu sehr ergeben, hierauf versetzte Kambyses im Zorn: Sie sagen also, ich sei dem Wein ergeben und daher meines Verstandes nicht mächtig? So sind denn ihre vorigen Reden der Wahrheit nicht gemäß gewesen. Denn als vorher die Perser mit ihm eine Ratsversammlung hielten, bei welcher Krösus auch zugegen war, fragte Kambyses, was er ihnen im Vergleich mit seinem Vater Cyrus für ein Mann zu sein schiene. Sie sagten, er übertreffe seinen Vater; denn er beherrsche dessen ganzes Reich und noch dazu Ägypten und das Meer. Krösus aber, welcher dabei und mit diesem Urteile nicht zufrieden war, sagte zu dem Kambyses: Nach meinem Bedünken bist du, o Sohn des Cyrus, deinem Vater nicht gleich; denn du hast noch keinen solchen Sohn, als er an dir hinterlassen hat. Dieses hörte Kambyses mit Vergnügen und lobte das Urteil des Krösus. Dieses Gespräches soll er sich erinnert und im Zorn zu Prexaspes gesagt haben: Du sollst jetzt erfahren, ob die Perser die Wahrheit sagen oder ob sie als Narren reden. Denn wenn ich deinen Sohn, welcher in dem Vorhofe steht, mitten in das Herz treffen werde, so ist es offenbar, daß die Perser die Unwahrheit reden; fehle ich aber, so ist es klar, daß die Perser die Wahrheit reden und daß ich nicht vernünftig sei. Nach diesen Worten spannte er den Bogen und schoß nach dem Sohne. Als derselbe gefallen, befahl er ihn zu öffnen und nach dem Schusse zu sehen. Da man den Pfeil im Herzen stecken fand, sagte er lachend und von Freude zu dem Vater: Prexaspes, daß ich nicht unsinnig bin, die Perser aber närrisch denken, ist jetzt offenbar geworden. Nun aber sage mir, ob du wohl einen unter allen Menschen weißt, der so geschickt nach dem Ziele schießt. Prexaspes, welcher sah, daß er nicht wohl bei Sinnen war, und seinetwegen selbst in Sorgen stand, sagte: Herr, ich glaube, daß Gott selbst nicht so gut schießen kann. So handelte er damals. Zu einer andern Zeit nahm er zwölf Perser, die den vornehmsten gleich waren, und ließ sie, ob sie gleich nichts verschuldet hatten, lebendig mit dem Kopfe nach unten vergraben. Krösus, der Lyder, hielt sich berechtigt, dem Könige wegen solches Verfahrens mit diesen Worten zuzureden: O König, tue nicht alles, was dir dein Alter und der Zorn eingibt, sondern zähme und bändige dich selbst. Es ist gut, vorsichtig zu sein, und die Weisheit erfordert, alles mit Bedacht zu tun. Du aber nimmst deinen eigenen Landeskindern das Leben, ohne eine Schuld des Todes an ihnen gefunden zu haben, und bringst ihre Söhne um. Wenn du viel dergleichen tust, so mußt du besorgen, daß die Perser von dir abfallen. Mir hat dein Vater Cyrus ernstlich anbefohlen und aufgetragen, dich zu erinnern und dir vorzustellen, was ich dir heilsam finden würde. So bezeugte er ihm sein Wohlmeinen durch den guten Rat. Kambyses versetzte darauf: Und du unterstehst dich, mir Rat zu erteilen, der du deinem Lande so trefflich vorgestanden und meinem Vater so wohl geraten hast, indem du ihn angetrieben, über den Araxes gegen die Massageten zu gehen, da diese in unser Land herüberkommen wollten? Du hast dich selbst unglücklich gemacht, weil du deinem Vaterlande übel vorgestanden, und hast den Cyrus unglücklich gemacht, welcher dir Gehör gab. Aber du sollst dich dessen nicht zu erfreuen haben; denn ich habe schon längst eine Gelegenheit an dich zu kommen suchen sollen. Mit diesen Worten ergriff er den Bogen, als wenn er nach ihm schießen wollte. Krösus aber sprang auf und lief hinaus. Als jener nicht schießen konnte, befahl er den Bedienten, ihn zu ergreifen und umzubringen. Die Bedienten, welche seine Absicht kannten, verbargen den Krösus, und zwar in der Absicht, damit sie, wenn es den Kambyses gereute und er nach dem Krösus ein Verlangen bezeigte, ihn wieder hervorbrächten und wegen Erhaltung desselben Geschenke bekämen, oder damit sie ihn umbrächten, wenn er keine Reue und Sehnsucht nach ihm merken ließe. Kambyses bezeigte kurze Zeit darauf ein Verlangen nach dem Krösus, und die Bedienten, welche solches hörten, zeigten ihm an, daß er noch am Leben sei. Kambyses gab sein Vergnügen darüber zu erkennen, sagte aber, daß er die, so ihn erhalten hätten, nicht ungestraft lassen, sondern hinrichten würde; und das geschah auch. Der Ring des Polykrates Zu eben der Zeit, da Kambyses wider Ägypten Krieg führte, überzogen auch die Lakedämonier die Insel Samos und den Polykrates, des Äax' Sohn, mit Krieg. Dieser hatte sich der Herrschaft mit Gewalt bemächtigt und anfänglich die Stadt in drei Teile geteilt und seinen Brüdern, Pantagnotus und Syloson, zwei Teile abgetreten. Nachher aber ermordete er den einen, und den jüngern jagte er fort und führte die Herrschaft allein über ganz Samos. Nachdem er sich derselben bemächtigt, stiftete er mit dem ägyptischen Könige Amasis ein Freundschaftsbündnis, sandte ihm Geschenke und empfing dergleichen von ihm. In kurzer Zeit nahm des Polykrates Macht sehr zu und wurde in Ionien und ganz Griechenland sehr berühmt. Denn wo er seine Waffen hinwandte, da ging alles nach Wunsche. Er hatte hundert fünfzigrudrige Schiffe und tausend Bogenschützen. Er beraubte und plünderte jedermann ohne Unterschied und sagte, einem Freunde erwiese er einen größeren Gefallen, wenn er ihm das Genommene wiedergäbe, als wenn er ihm gar nichts genommen hätte. Er nahm viele Inseln und viele Städte vom festen Lande ein. Unter andern überwand er in einem Seetreffen die Lesbier, welche mit ihrer ganzen Macht den Milesiern zu Hilfe kamen, und nahm sie gefangen, welche denn an Ketten geschlossen den ganzen Graben um die Mauern der Stadt Samos gegraben haben. Amasis wußte gar wohl von des Polykrates großem Glücke; aber eben das machte ihm Sorgen. Als dasselbe immer größer wurde, schrieb er folgenden Brief an ihn nach Samos: Dieses läßt Amasis den Polykrates wissen: Es ist mir zwar angenehm zu hören, daß mein Freund und Bundesgenosse in Glück und Wohlstand lebt; aber dein großes Glück gefällt mir nicht, indem ich weiß, wie neidisch die Gottheit sei. Ich an meinem Teile wünsche, daß meine Unternehmungen zum Teil einen glücklichen, zum Teil aber auch einen andern Ausgang haben mögen, und ich will lieber mein Leben in veränderlichem Glück fortsetzen, als in allen Dingen glücklich sein. Denn ich habe noch von keinem gehört, dem alles glücklich und nach Wunsche vonstatten gegangen, welcher nicht zuletzt elendiglich zugrunde gegangen sei. Willst du mir also folgen, so verwahre dich so gegen das beständige Glück: Untersuche, was dir etwa am liebsten unter allen Dingen sei und über dessen Verlust die größte Betrübnis in deinem Herzen entstehen würde, und das wirf so weg, daß es niemals wieder einem Menschen vor Augen kommen kann. Und wenn in Zukunft deine Glückseligkeit nicht von sich selbst mit widrigen Zufällen abwechseln wird, so hilf dir selbst auf die von mir vorgeschriebene Weise. Als Polykrates dieses gelesen hatte und wohl begriff, daß ihm Amasis wohl riete, untersuchte er, von welchen unter seinen Kleinoden ihm der Verlust am meisten zu Herzen gehen möchte, und fand folgendes: Er trug einen Siegelring, welcher ein Smaragd in Gold eingefaßt und von Theodor, des Telekles aus Samos Sohne, gearbeitet war. Er faßte den Entschluß, diesen wegzuwerfen; zu dem Zwecke ging er auf ein fünfzigrudriges Schiff, welches er mit Mannschaft besetzt hatte, und befahl, mit demselben in die See zu stechen. Weit von der Insel zog er den Ring ab und warf ihn, daß es alle, die mit zu Schiffe waren, sahen, in das Meer. Hierauf schiffte er zurück. Als er nach Hause kam, ging ihm der Verlust nahe. Fünf oder sechs Tage darauf ereignete sich folgender Zufall: Ein Fischer, welcher einen großen und schönen Fisch gefangen hatte, schätzte denselben würdig, daß er dem Könige geschenkt würde. Er kam mit demselben vor die Türe und verlangte, selbst vor den König gelassen zu werden. Als ihn dieser vor sich ließ, sagte er bei der Überreichung des Fisches: Mein König, da ich diesen Fisch fing, hielt ich es nicht für recht, denselben auf den Markt zu bringen, ob ich gleich von meiner Handarbeit leben muß; sondern ich glaubte, er sei dir und deiner Hoheit anständig. Ich übergebe dir also denselben. Der König hatte einen Gefallen an diesen Worten und antwortete: Du hast sehr wohl getan und verdienst einen doppelten Dank sowohl wegen deiner Worte als wegen des Geschenkes; du sollst mit bei der Mahlzeit sein. Der Fischer sah dieses als eine große Gnade an und ging nach Hause. Die Diener, welche den Fisch zerschneiden, finden des Polykrates Siegelring in dem Bauche desselben. Sie erblicken ihn kaum, da sie ihn mit großen Freuden zu dem Polykrates brachten. Bei der Überbringung sagten sie, auf was für Weise er wiedergefunden sei. Er sah die Sache als etwas Göttliches an und beschrieb daher in einer Schrift, was er getan habe und was ihm hernach widerfahren sei. Diese Schrift schickte er nach Ägypten. Als Amasis die von dem Polykrates kommende Schrift gelesen, erkannte er, es sei unmöglich, daß ein Mensch den andern von dem, was ihm bevorstünde, erretten könne, und daß es mit dem Polykrates kein gutes Ende nehmen würde, weil er in allen Dingen glücklich sei, auch sogar das, was er weggeworfen, wiederfinde. Er schickte also einen Herold nach Samos und ließ ihm die Verbindung der Gastfreundschaft aufkündigen. Er tat es aus dieser Ursache, damit er sich über den Polykrates, als einen verbundenen Freund, nicht zu sehr betrüben dürfe, wenn denselben ein schweres und großes Unglück betreffen würde. Der falsche Smerdis Als Kambyses lange in Ägypten blieb und in seiner Unsinnigkeit fortfuhr, machten zwei Magier, welche Brüder waren, einen Aufstand gegen ihn. Dem einen von diesen beiden hatte Kambyses die Besorgung seiner häuslichen Angelegenheiten aufgetragen. Dieser empörte sich gegen ihn, als er von dem Tode des Smerdis gehört hatte, daß derselbe geheimgehalten würde und daß wenig Perser davon wüßten, die meisten aber glaubten, daß er noch am Leben sei. Dieses brachte ihn auf den Entschluß, sich der königlichen Gewalt zu bemächtigen. Er hatte einen Bruder, der sich, wie ich gesagt habe, mit ihm zugleich empörte. Dieser war der Gestalt nach dem Smerdis, des Cyrus Sohne, welchen Kambyses, sein Bruder, hatte hinrichten lassen, sehr ähnlich und führte gleichen Namen. Der Magier Patizethes beredete denselben, er wolle alles für ihn ausrichten, und setzte ihn also auf den königlichen Thron. Sobald dieses geschehen, schickte er an alle Orte und besonders nach Ägypten Herolde, um der Armee anzukündigen, daß sie künftig nicht mehr dem Kambyses, sondern des Cyrus' Sohne, Smerdis, gehorsam sein sollten. Die Herolde verkündigten dieses an allen Orten, und der, welcher nach Ägypten abgeschickt war, den Kambyses aber und sein Heer zu Ekbatana, einer Stadt in Syrien, antraf, trat mitten unter das Volk und posaunte das aus, was ihm der Magier anbefohlen hatte. Als dieses Kambyses von dem Herold hörte und besorgte, daß er die Wahrheit sagte und daß er selbst von dem Prexaspes verraten sei, welcher den ihm anbefohlenen Mord seines Bruders nicht vollzogen habe, sah er den Prexaspes an und sagte: Prexaspes, du hast die Sache, welche ich dir aufgetragen habe, nicht ausgerichtet. Dieser aber gab zur Antwort: Herr, es ist nicht wahr, daß dein Bruder Smerdis wider dich aufgestanden sei, und du hast von ihm weder einen großen noch kleinen Streit zu besorgen. Denn ich habe das, was du mir anbefohlen, selbst ausgerichtet und ihn mit diesen meinen Händen begraben. Wenn nun die Toten wieder aufgestanden sind, so erwarte, daß auch Astyages, der Meder, wieder aufstehen werde. Wenn es aber noch so ist wie vordem, daß die Toten nicht aufstehen, so wird von jenem keine neue Widerwärtigkeit gegen dich entstehen. Mein Rat ist also, dem Herolde nachzusetzen und von ihm mit Fragen auszuforschen, von wem er komme, uns anzukündigen, daß wir uns dem Könige Smerdis unterwerfen sollen. Nach dieser Vorstellung des Prexaspes, welche dem Kambyses gefiel, wurde der Herold verfolgt und zurückgebracht. Prexaspes tat diese Frage an ihn: Du sagst, mein Freund, du kämest als ein Botschafter von dem Smerdis. Wirst du uns nun die Wahrheit sagen, so kannst du in Frieden wieder fortreisen. Hat sich Smerdis selbst vor dir sehen lassen und dir dieses anbefohlen oder einer von seinen Bedienten? Er sagte: Ich habe des Cyrus' Sohn, Smerdis, nicht gesehen, seitdem Kambyses nach Ägypten gezogen ist; sondern der Magier, welchem Kambyses die Besorgung seiner häuslichen Angelegenheiten aufgetragen hat, der hat mir diesen Befehl erteilt und gesagt, daß Smerdis, des Cyrus' Sohn, derjenige sei, welcher den Befehl erteile, euch dieses anzukündigen. Er redete hier die lautere Wahrheit. Kambyses aber sagte: Prexaspes, du hast als ein ehrlicher Mann meinen Befehl vollzogen und dich außer alle Verantwortung gesetzt; wer mag mir aber wohl der Perser sein, welcher sich unter dem angenommenen Namen Smerdis gegen mich empört? Er gab zur Antwort: Mich deucht, o König, zu begreifen, wie die Sache zugegangen sei. Die Magier, welche sich wider dich empört haben, sind Patizethes, welchen du zum Aufseher deines Hauses hinterlassen, und sein Bruder Smerdis. Als Kambyses den Namen Smerdis hörte, schlug ihn die Wahrheit der Reden und des Traumes, in welchem ihm jemand zu berichten schien, daß Smerdis auf dem königlichen Thron säße und mit dem Haupte den Himmel berührte. Da er nun erkannte, daß er seinen Bruder vergeblich hingerichtet, beweinte er den Smerdis. Nachdem er ausgeweint und das Unglück bejammert hatte, schwang er sich auf das Pferd in dem Entschluß, mit der Armee auf das geschwindeste nach Susa wider den Magier zu ziehen. Indem er sich aber auf das Pferd schwang, ging das Ortband von der Scheide des Degens ab und der entblößte Degen stach ihn in die Hüfte. Da er nun eben an dem Orte verwundet war, wo er vordem den Gott der Ägypter, Apis, verwundet hatte und ihm die Wunde tödlich zu sein schien, fragte Kambyses, was die Stadt für einen Namen hätte. Sie sagten Ekbatana. Es war ihm aber durch ein Orakel aus der Stadt Buto vorhergesagt worden, daß er zu Ekbatana sein Leben beschließen würde. Er meinte also, daß er zu Ekbatana in Medien, wo er seine Hofhaltung hatte, in einem hohen Alter sein Leben endigen würde; aber das Orakel redete von dem Ekbatana in Syrien. Nachdem er also auf sein Befragen den Namen der Stadt hörte und dabei sowohl über die Widerwärtigkeit, so ihm der Magier verursachte, als über die Wunde bestürzt war, ging er in sich, bedachte den göttlichen Ausspruch und sagte: Hier ist dem Kambyses sein Ende bestimmt. Das waren damals seine Worte. Zwanzig Tage darauf ließ er die vornehmsten Perser, welche zugegen waren, zu sich fordern und redete sie also an: Ich sehe mich genötigt, das, was ich am sorgfältigsten verborgengehalten habe, euch zu entdecken. Als ich in Ägypten war, sah ich ein Gesicht im Traume, welches ich nicht gesehen zu haben wünschte. Es kam mir vor, als wenn ein Bote aus meinem Hause käme und mir berichtete, Smerdis säße auf dem königlichen Throne und berührte mit seinem Haupte den Himmel. Weil ich nun befürchtete, ich möchte durch meinen Bruder des Reichs beraubt werden, so verfuhr ich hitziger, als die Klugheit erforderte. Denn es bestand nicht in menschlichem Vermögen, das, was geschehen sollte, abzuwenden. Ich war so töricht und schickte den Prexaspes nach Susa, den Smerdis umzubringen. Nachdem diese Übeltat vollbracht war, lebte ich ohne Furcht und besorgte keineswegs, daß jemand anders, nachdem Smerdis aus dem Wege geräumt war, sich wider mich empören würde. Ich habe mich aber wegen des Zukünftigen sehr betrogen, bin schändlicherweise ein Brudermörder und nichtsdestoweniger des Reichs beraubt worden. Denn der Smerdis war der Magier, von welchem mir Gott im Traume offenbarte, daß er sich wider mich empören würde. Die Sache ist geschehen und ihr könnt sicher glauben, daß Smerdis, des Cyrus Sohn, nicht mehr am Leben sei. Die Magier haben sich der Herrschaft über euch bemächtigt, nämlich der, den ich zum Aufseher des Hauses hinterlassen, und dessen Bruder Smerdis. Der mir vornehmlich wegen dieser von den Magiern erlittenen Schande helfen sollte, der ist schändlicherweise von seinen nächsten Verwandten hingerichtet worden. Da nun derselbe nicht mehr vorhanden ist, so ist das notwendigste, daß ich euch anbefehle, was nach meinem Tode geschehen soll. Ich verlange also von euch und rufe darüber die Schutzgötter des Reichs zu Zeugen an, ich verlange von euch allen und besonders von denen, die aus dem Stamme der Achämenider zugegen sind, es nicht geschehen zu lassen, daß die Herrschaft wieder an die Meder komme; haben sie sich derselben durch List bemächtigt, so nehmt sie ihnen durch List wieder weg, oder haben sie dieselbe durch Gewalt an sich gebracht, so sucht sie mit Gewalt und allen Kräften wiederzuerlangen. Tut ihr dieses, so wünsche ich euch eine beständige Fruchtbarkeit der Erde, wie auch eurer Weiber und Herden und daß ihr allezeit freie Leute bleiben möget; erlangt ihr aber die Herrschaft nicht wieder und sucht sie auch nicht zu erlangen, so treffe euch der Fluch, und das Gegenteil von diesen Dingen widerfahre euch; und über dieses nehme ein jeder Perser ein solches Ende, als ich nehmen muß. Nach diesen Worten beweinte Kambyses alles, was er getan hatte. Als die Perser den König so weinen sahen, rissen sie alle ihre Kleider ab und erhuben ein großes Klagegeschrei. Nachdem, als der Knochen angefressen und die Hüfte sehr schnell in eine Fäulnis geraten war, mußte Kambyses sterben, da er nur sieben Jahr und fünf Monate regiert und gar keine Kinder, weder männlichen noch weiblichen Geschlechts, hatte. Die List des Zopyrus Unterdessen die Flotte nach Samos ging, fielen die Babylonier ab, nachdem sie die besten Anstalten dazu vorher gemacht hatten. Denn unter der Regierung des Magiers und bei der Empörung der sieben Fürsten hatten sie sich die Verwirrung zunutze gemacht und zur Aushaltung einer Belagerung alles veranstaltet, ohne daß man etwas davon gemerkt hätte. Als sie aber den Abfall ausbrechen ließen, erwählte ein jeder von den Weibern, die er in seinem Hause hatte, eine Frau, die ihm gefiel, die anderen brachten sie, ihre Mütter ausgenommen, alle zusammen und erdrosselten dieselben. Eine behielt ein jeder, ihm das Essen zu bereiten; die anderen brachten sie um, damit sie den Proviant nicht aufzehrten. Sobald Darius (des Kambyses Nachfolger) hiervon Nachricht bekam, brachte er seine ganze Armee zusammen und belagerte die Stadt, welches ihnen aber keine Sorgen verursachte. Denn sie stiegen auf die Bollwerke der Mauer, tanzten auf denselben und verhöhnten den Darius und sein Kriegsvolk. Einer von ihnen sagte: Was liegt ihr hier, warum zieht ihr nicht ab? Ihr werdet den Ort alsdann einnehmen, wenn die Maulesel gebären. Das sagte ein Babylonier, welcher gar nicht glaubte, daß ein Maulesel gebären würde. Es war nun schon ein Jahr und sieben Monate vorbeigegangen, daher Darius sowohl als das ganze Heer sehr verdrießlich war, daß sie Babylon nicht erobern konnten. Obgleich Darius allerlei Kriegslisten und Unternehmungen gegen sie versucht hatte, so wollte es ihm doch nicht gelingen. Er versuchte unter anderen auch die List, durch welche Cyrus die Stadt eingenommen hatte. Allein die Babylonier waren allzu wachsam, daß es nicht möglich war, sie zu überrumpeln. Allein im zwanzigsten Monat geschah bei dem Zopyrus, einem Sohne des Megabyzus, welcher mit unter den sieben war, die den Magier stürzten, ein Wunderzeichen. Ein Maulesel von denen, welche ihm Lebensmittel zutrugen, brachte ein Füllen zur Welt. Als ihm dieses berichtet wurde und es ihm unglaublich vorkam, nahm er das Füllen selbst in Augenschein und verbot denen, die es gesehen hatten, etwas davon bekanntzumachen, ging aber dieser Sache wegen mit sich selbst zu Rate. Nach den Worten des Babyloniers, welcher im Anfange gesagt hatte, die Mauer würde alsdann, wenn Maulesel geboren hätten, erobert werden, glaubte er ein gutes Zeichen zu haben, daß Babylon nun eingenommen werden könnte; denn das sei von Gott, daß jener die Worte gesprochen und daß eben ihm ein Maulesel geboren habe. Nachdem ihm also die zu der Eroberung Babylons bestimmte Zeit da zu sein schien, ging er zu dem Darius und fragte, ob ihm sehr viel an der Einnahme der Stadt gelegen sei. Wie er hörte, daß Darius nichts mehr wünschte, überlegte er, wie er der Eroberer werden könnte, daß man ihm das Werk zuzuschreiben hätte. Denn tapfere Taten werden bei den Persern sehr hoch geachtet und mit hoher Ehre belohnt. Er stellte sich aber vor, es sei auf keine andere Weise möglich, das Werk für sich selbst auszuführen, als wenn er sich selbst verstümmelte und alsdann zu ihnen überliefe. Er sah dieses als eine leichte Sache an und verstümmelte sich selbst auf die schändlichste Weise; denn er schnitt sich selbst Nase und Ohren ab, verschor das Haar auf eine schimpfliche Art, geißelte sich selbst und kam darauf zu dem Darius. Diesem war es überaus schmerzlich, einen so vortrefflichen Mann so verstümmelt zu sehen. Er sprang vom Stuhle, schrie und sprach zu ihm, wer ihn so verstümmelt hätte und aus was für Ursachen es geschehen. Niemand anders als du, gab er zur Antwort, du hast allein Macht, mich so zuzurichten. Kein Fremder, o König, hat dieses getan; ich habe selbst an mir so gehandelt, weil ich es für unerträglich halte, daß die Assyrier die Perser verlachen. Du Unglückseligster unter den Persern, versetzte der König, gibst der häßlichsten Handlung den schönsten Namen, indem du sagst, du hast dich um der Belagerten willen so unanständig zugerichtet. Werden sich, du einfältiger Mensch, die Feinde deswegen geschwinder ergeben, weil du dich verstümmelt hast? Bist du unsinnig geworden, daß du dich selbst verdorben hast? Zopyrus aber gab diese Antwort: Wenn ich dir vorher angezeigt hätte, was ich tun wollte, würdest du mir es nicht verstattet haben; daher habe ich es für mich allein getan. Nun wollen wir, wenn es an deinen Leuten nicht fehlen wird, Babylon einnehmen. Denn ich will, so wie ich jetzt aussehe, in die Stadt übergehen und vorgeben, ich wäre von dir so mißhandelt worden; wenn sie dieses glauben, so denke ich, die Armee unter meine Befehle zu bekommen. Du aber schicke am zehnten Tage von diesem an gerechnet tausend Mann von solchem Volke, an dessen Verluste eben nicht viel gelegen ist, nach dem Tore der Semiramis: ferner sieben Tage darauf zweitausend andere gegen das Tor der Ninier; alsdann nach zwanzig Tagen laß viertausend gegen das Tor der Chaldäer führen und sich daselbst setzen; gib ihnen aber keine anderen Waffen, sich zu verteidigen als die Degen. Zu Ende der letzten zwanzig Tage laß die übrige Armee von allen Seiten gerade auf die Mauer anrücken; die Perser aber stelle gegen die Tore, welche die belidischen und kissischen genannt werden; denn wenn ich erst einige große Dinge verrichtet habe, so werden mir die Babylonier, wie ich vermute, alles und selbst die Torschlüssel anvertrauen. Alsdann laß mich und die Perser sorgen. Nachdem er diese Verfügungen gemacht, ging er nach dem Tore zu und sah sich oftmals um, als wenn er ein wirklicher Überläufer wäre. Indem ihn nun die von den Türmen sahen, welche eben dazu bestellt waren, liefen sie herunter, machten den einen Torflügel etwas auf und fragten ihn, wer er wäre und warum er käme. Er meldete ihnen, daß er Zopyrus sei und als ein Überläufer zu ihnen komme. Auf diesen Bericht brachten ihn die Torwächter vor die Ratsversammlung der Babylonier. Als er vor derselben stand, tat er kläglich und sagte, so übel sei er von Darius zugerichtet worden und habe diese Schmach darum leiden müssen, weil er geraten, er solle die Armee wieder abziehen lassen, indem sich gar keine Möglichkeit der Eroberung zeige. Nun, sagte er, komme ich euch zum größten Vorteil und den Persern zum größten Nachteil. Denn er soll mich gewiß nicht umsonst so verstümmelt haben. Ich weiß, wohin alle seine Anschläge gerichtet sind. Da die Babylonier einen der vornehmsten Männer von den Persern sahen, welchem Nase und Ohren abgeschnitten und dessen Leib mit Striemen und Blut bedeckt war, und also gar nicht zweifelten, daß er die Wahrheit sagte und ihnen zu helfen käme, so waren sie bereit, ihm alles, was er bitten würde, zu bewilligen. Er bat sich Kriegsvolk aus, und als er das bekommen, tat er, was er mit Darius verabredet hatte. Denn am zehnten Tage führte er das babylonische Volk hinaus und umringte die tausend Mann, welche Darius nach seiner Verfügung zuerst abgeschickt hatte, und machte sie alle nieder. Indem also die Babylonier sahen, daß die Tat mit seinen Worten übereinstimmte, hatten sie eine große Freude und waren bereit, ihm zu allen Dingen Folge zu leisten. Nach dem Verlaufe der bestimmten Zeit tat er mit den Babyloniern, welche er ausgelesen hatte, einen neuen Ausfall und hieb die zweitausend Soldaten des Darius nieder. Wegen dieser zweiten Tat erschallte alles von dem Lobe des Zopyrus. Er ließ wiederum die bestimmten Tage vorbeigehen, führte alsdann die Babylonier an den vorhergemeldeten Ort, umringte die viertausend Mann und machte sie gleichfalls nieder. Nach dieser neuen Verrichtung war Zopyrus alles in allem bei den Babyloniern, und man überließ ihm das Oberkommando der Armee und die Verteidigung der Stadt. Als aber Darius zu verabredeter Zeit auf die Stadt von allen Seiten einen Angriff tat, ließ Zopyrus seine ganze Betrügerei offenbar werden. Denn die Babylonier stiegen auf die Mauer, die stürmende Armee des Darius zurückzuschlagen; Zopyrus hingegen öffnete das kissische und belidische Tor und ließ die Perser in die Stadt. Die Babylonier, welche dieses sahen, flohen in den Tempel des Jupiter Belus; die es nicht sahen, blieben auf ihren Posten, bis sie auch erfuhren, daß sie verraten waren. So ist Babylon zum andernmal erobert worden. Darius aber ließ, sobald er sich der Stadt bemächtigt hatte, nicht allein einen Teil der Mauern abwerfen und die Tore abreißen (von welchen beiden Dingen Cyrus bei der ersten Eroberung keins getan hatte), sondern auch dreitausend der vornehmsten Bürger und Anführer kreuzigen, den übrigen Babyloniern gab er die Stadt von neuem zu bewohnen. Damit sie aber Weiber hätten und Kinder zeugen könnten, brauchte Darius diese Vorsorge (denn ihre eigenen Weiber hatten die Babylonier, wie oben angezeigt worden, den Proviant zu erhalten, erdrosselt): Er befahl den umliegenden Völkern, so viel Weiber, als ihnen bestimmt wurde, nach Babylon zu liefern, so daß derselben eine Anzahl von fünfzigtausend zusammenkam, von welchen Frauen die jetzigen Babylonier herstammen. Die große und edelmütige Tat des Zopyrus hat nach dem Urteil des Darius keiner von den Persern weder vorher noch nachher übertroffen, als allein Cyrus. Denn mit diesem hat sich kein Perser jemals in Vergleichung gestellt zu werden würdig erkannt. Darius soll aber oftmals den Ausspruch getan haben, er wolle lieber den Zopyrus ohne diese unanständige Verstümmlung sehen, als noch zwanzig solche Städte wie Babylon gewinnen. Er erwies ihm auch große Ehre. Denn alle Jahre gab er ihm solche Geschenke, welche bei den Persern am höchsten geachtet werden; und Babylon gab er ihm auf seine Lebenszeit, ohne davon irgendwelche Gaben abzutragen. Ein Sohn dieses Zopyrus war Megabyzus, welcher in Ägypten als Feldherr gegen die Athener und ihre Bundesgenossen kommandiert hat. Aber Megabyzus hinterließ den Zopyrus, welcher von den Persern nach Athen übergegangen ist. Darius bei den Skythen Als Darius sich wider die Skythen rüstete und Boten ausschickte, welche einigen Völker zu stellen, anderen Schiffe zu geben, anderen eine Brücke über die thrakische Meerenge zu schlagen anbefehlen mußten, widerriet Artabanus den Krieg wider die Skythen, indem er vorstellte, daß den Skythen nicht beizukommen sei. Weil aber sein guter Rat keinen Eingang fand, so ließ er's gehen. Nachdem alle Anstalten gemacht waren, ließ Darius das Kriegsvolk von Susa aufbrechen, Öobazus, ein Perser, welcher drei Söhne hatte, die mit zu Felde zogen, bat ihn daselbst, daß ihm einer möchte zurückgelassen werden. Er gab ihm zur Antwort, weil er sein Freund sei und nur um etwas Geringes bäte, so wollte er ihm alle Söhne zurücklassen. Öobazus war darüber sehr erfreut und hoffte, seine Söhne würden ihrer Dienste erlassen werden. Allein Darius befahl denen, welche dergleichen Dienste zu verrichten hatten, die Söhne des Öobazus hinzurichten. Also wurden ihm seine Söhne ermordet zurückgelassen. Nachdem Darius das Schwarze Meer in Augenschein genommen hatte, fuhr er zurück nach der Brücke über den Bosporus, deren Baumeister Mandrokles, ein Samier, war. Als er auch den Bosporus besehen, richtete er zwei Säulen an demselben auf und ließ in die eine mit assyrischen, in die andere mit griechischen Buchstaben die Namen aller Völker, welche er mit sich führte, einhauen. Er führte aber alle Völker, die er beherrschte, mit sich. Deren Anzahl ohne das Schiffsvolk belief sich mit den Reitern auf siebenhunderttausend Mann, und man hatte sechshundert Schiffe zusammengebracht. Diese Säulen haben nachdem die Byzantiner in ihre Stadt gebracht und zu einem Altare der Diana Orthosia gebraucht, einen Stein ausgenommen, welcher bei dem Tempel des Bacchus zu Byzanz gelassen und voll assyrischer Buchstaben war. Der Ort, wo der König Darius die Brücke über den Bosporus hat schlagen lassen, ist meiner Mutmaßung nach mitten zwischen der Stadt Byzanz und dem Altare an der Mündung desselben gewesen. Darius hatte sein Vergnügen an dieser in Eile verfertigten Brücke und machte dem Baumeister Mandrokles deswegen allerlei Geschenke; deswegen malte Mandrokles den ganzen Brückenbau und den König Darius auf einem Stuhle sitzend und seine Armee übersetzend nach dem Leben und schenkte das Bild, als eine Abgabe von den Geschenken, in den Tempel der Juno und setzte diese Worte darunter: Mandrokles, welcher über den fischreichen Bospor eine Brücke geschlagen, Widmet der Juno das Denkmal dieses geschwind vollzogenen Werkes: Er hat sich damit einen Kranz aufgesetzt und den Samiern Ruhm erworben, Daß er alles nach dem Sinn des Darius zustande gebracht hat. Dieses waren die Denkmale desjenigen, der die Brücke gebaut hatte. Nachdem Darius den Mandrokles beschenkt hatte, ging er nach Europa hinüber, hatte aber vorher den Ioniern anbefohlen, in das Schwarze Meer bis an den Ister zu schiffen; wenn sie in den Ister eingelaufen, sollten sie ihn erwarten und eine Brücke über den Fluß schlagen. Denn die Ionier, Äolier und Hellespontier führten das Seevolk. Die Kriegsflotte ging zwischen den kyaneischen Inseln durch und gerade nach dem Ister zu. Als sie zwei Tage weit in dem Flusse hinaufgegangen, schlug sie daselbst, wo sich der Fluß in seine Arme zerteilt, eine Brücke, Darius aber, welcher über die Brücke über den Bosporus gegangen, zog durch Thrazien und kam an die Quellen des Flusses Tearus, woselbst er drei Tage mit dem Heere stillelag. Der Tearus soll nach dem Berichte der umherwohnenden Leute wie gegen andere Krankheiten also insbesondere gegen die Räude der Menschen und Pferde sehr gesund sein. Er hat achtunddreißig Quellen, die aus einem Felsen entspringen; einige derselben sind kalt, andere warm. Der Weg dahin ist gleich lang von Heräopel bei Perinthus und von Apollonia an dem Schwarzen Meere, von beiden Orten zwei Tagereisen weit. Der Tearus fällt in den Kontadesdus, dieser in den Agrianes, der Agrianes in den Hebrus, dieser aber bei der Stadt Änus in das Meer. An dem Flusse Tearus fand Darius ein solches Vergnügen, daß er daselbst eine Säule aufrichten und eine Schrift dieses Inhalts daraufsetzen ließ: Die Quellen des Flusses Tearus geben das beste und schönste Wasser unter allen Flüssen; und zu denselben kam auf seinem Kriegszuge gegen die Skythen der beste und schönste unter allen Menschen, Darius, des Hystaspes Sohn, König der Perser und des ganzen festen Landes. Das war daselbst geschrieben. Als Darius mit der Landarmee an den Ister gekommen und über denselben mit allem Volke gegangen war, befahl er den Ioniern, die Brücke abzubrechen und ihm samt dem Schiffsvolke zu Lande zu folgen. Da die Ionier die Brücke abnehmen und seinen Befehl vollziehen wollten, sagte Koes, des Erxanders Sohn, der Hauptmann der Milesier, zu ihm, nachdem er vorher gefragt hatte, ob es ihm angenehm sei, seine Meinung anzuhören: Du willst, o König, ein Land mit Krieg überziehen, wo man kein gepflügtes Land und keine bewohnte Stadt sehen wird. Laß also diese Brücke an dem Orte stehen und gib ihr die zur Bedeckung, welche sie gebaut haben. Gehen uns die Sachen glücklich, wenn wir die Skythen antreffen, so können wir hier wieder zurückgehen; können wir sie aber nicht antreffen, so haben wir doch einen sicheren Rückweg. Denn ich befürchte nicht, daß wir von den Skythen in einem Treffen überwunden werden möchten, sondern vielmehr, daß wir sie nicht finden können und alsdann im Herumirren einigen Schaden leiden. Es möchte zwar jemand sagen, ich gäbe den Rat um meinetwillen, damit ich zurückbliebe; allein ich trage, o König, die Meinung vor, welche ich für die beste halte; ich selbst will dir folgen und nicht zurückbleiben. Der Vortrag gefiel dem Darius sehr wohl, und er antwortete darauf also: Du Fremdling aus Lesbos, wenn ich glücklich wieder nach Hause komme, so stelle dich ja bei mir ein, damit ich dir für deinen guten Rat eine gute Belohnung gebe. Er knüpfte darauf an einen Riemen sechzig Knoten und berief die jonischen Fürsten zu einer Unterredung, in welcher er sie also anredete: Ihr Männer aus Ionien, ich widerrufe meine erste Meinung wegen der Brücke. Diese Riemen gebraucht auf folgende Weise: Sobald ich gegen die Skythen aufgebrochen bin, so löst von der Zeit an alle Tage einen Knoten auf. Bin ich in der Zeit nicht wieder da, sondern es sind so viel Tage vergangen als Knoten sind, so schiffet nach euren Städten zurück. Bis dahin aber bewahrt die Brücke, weil ich meine Meinung geändert habe, und beweist alle Sorgfalt, sie zu erhalten und zu bewachen. Ihr werdet mir damit den größten Gefallen erweisen. Nach diesem Vortrage brach Darius auf. Da nun die Vortruppen der Skythen die Perser drei Tagereisen weit von dem Ister fanden, selbst aber noch eine Tagereise weit von ihnen entfernt waren, lagerten sie sich und verdarben alle Gewächse der Erde. Die Perser aber, welche die skythische Reiterei entdeckten, zogen ihr immer auf dem Wege nach, auf welchem sich diese zurückzogen (denn sie gingen gerade auf den einen Haufen los), und verfolgten sie gegen Morgen nach dem Tanais zu. Nachdem diese über den Tanais gegangen waren, gingen die Perser auch über denselben und verfolgten sie, bis sie durch das Land der Sauromaten in das Land der Budinen gekommen. Solange die Perser durch das skythische und sauromatische Land zogen, fanden sie nichts zu verderben, weil alles wüste war. Als sie aber in das Land der Budinen rückten und an die von Holz gebaute Stadt kamen, welche von den Budinen verlassen und ganz ausgeleert war, brannten sie dieselbe ab. Nach dieser Verrichtung folgten sie immer weiter auf dem Wege nach und kamen durch diese Landschaft endlich in die Wüste. Diese Wüste wird von niemand bewohnt, liegt über dem Lande der Budinen und ist sieben Tagereisen groß. Jenseits der Wüste aber wohnen die Thyssageten. Es kommen aus derselben vier große Flüsse durch das Land der Mäoter und fallen in den Mäotischen See; sie heißen Lykus, Oarus, Tanais und Syrgis. Nachdem Darius in die Wüste gekommen, setzte er den Marsch nicht weiter fort, sondern lagerte die Armee an dem Flusse Oarus und baute acht große Schlösser, die gleichweit, nämlich sechzig Stadien, voneinander lagen und wovon die Überreste noch bis auf meine Zeit vorhanden gewesen. Als er damit beschäftigt war, zogen sich die verfolgten Skythen oben herum und kehrten nach ihrem Lande zurück. Als sich nun dieselben ganz verloren hatten und völlig unsichtbar geworden waren, verließ Darius die halb gebauten Schlösser und wandte sich zurück gegen Abend zu, indem er meinte, dieses wären alle Skythen, und sie nähmen die Flucht nach der Abendseite zu. Er ließ die Armee sehr geschwind fortgehen und kam in das Skythenland, woselbst er den zwei anderen Haufen der Skythen nahekam, welche er dann, weil sie eine Tagereise weit immer vor ihm her auswichen, unaufhörlich verfolgte. Die Skythen aber flohen ihrem Entschlusse nach bis in die Länder derjenigen, welche ihnen die Hilfe abgeschlagen hatten, und zwar zuerst in das Land der Melanchläner. Als die Skythen und Perser dieselben durch ihren Einfall ln Furcht und Schrecken gesetzt hatten, zogen die Skythen die Perser in die Länder der Androphagen; und nachdem auch diese in Schrecken gesetzt waren, entwichen sie in das neurische Gebiet, aus welchem die Skythen sich nach den Agathyrsen zu zogen. Als die Agathyrsen sahen, daß ihre Grenznachbarn vor den Skythen flohen und von ihnen beunruhigt wurden, schickten sie einen Herold, ehe die Skythen in ihr Land fielen, und kündigten ihnen an, daß sie nicht über ihre Grenzen kommen sollten, oder wenn sie einen Einfall wagten, würden sie ihnen eine Schlacht liefern. Nach dieser Ankündigung kamen die Agathyrsen, ihre Grenzen zu bedecken und waren entschlossen, die, welche über dieselben gehen wollten, zurückzutreiben. Aber die Melanchlänen, Androphagen und Neuren setzten sich nicht zur Wehr, als die Perser mit den Skythen zugleich in ihr Land einfielen; sie vergaßen ihre Drohung und flohen erschrocken immer gegen Norden nach der Wüste zu. Ein Teil der Skythen aber kam zu denjenigen Agathyrsen, die es ihnen noch nicht untersagt hatten; der andere Teil zog aus dem neurischen Lande vor den Persern her. Als dieses Herumziehen kein Ende hatte, schickte Darius einen Reiter an den König der Skythen, Indathyrsus, und ließ ihm sagen: Du unglückseliger Mensch, warum fliehst du immer fort? Du kannst eins von beiden tun: traust du dir zu, meinen Unternehmungen Widerstand zu tun, so halte stand und laß dich mit mir zum Gefechte ein; wo aber nicht, so stelle deine Flucht ein, bringe, mir als deinem Herrn Erde und Wasser zum Geschenk und komm, dich mit mir zu unterreden. Hierauf antwortete der skythische König Indathyrsus also: Höre du, Perser, dieses ist mein Verhalten; ich bin sonst noch vor keinem Menschen aus Furcht geflohen und fliehe vor dir jetzt auch nicht. Ich habe auch jetzt nichts getan, was ich in Friedenszeiten nicht schon zu tun gewohnt gewesen. Daß ich aber mich nicht gleich mit dir zu einem Treffen einlasse, davon will ich dir die Ursache auch anzeigen. Wir haben weder Städte noch angebautes Land, deren Zerstörung oder Verwüstung zu verhüten wir nötig hätten, mit euch ohne Verzug zu fechten; verlangt ihr dieses aber notwendig, so haben wir die Begräbnisse unserer Väter; wohlan, wenn ihr dieselben findet, so untersteht euch, dieselben zu verwüsten; alsdann werdet ihr sehen, ob wir für die Begräbnisse fechten werden oder nicht. Eher werden wir uns, wo uns nicht sonst eine Ursache bewegen möchte, nicht mit euch einlassen. Soviel dient zur Antwort wegen des Fechtens. Als meine Herren aber erkenne ich allein den Jupiter, meinen Stammvater, und die Vesta, die Königin der Skythen, an. Statt der Geschenke des Wassers und der Erde werde ich dir solche schicken, die dir zukommen. Dafür aber, daß du dich meinen Herrn genannt, soll dir's nicht wohlgehen. Dieses war die skythische Antwort, welche der Herold dem Darius überbrachte. Als die skythischen Könige von der Knechtschaft hörten, gerieten sie in einen großen Zorn. Sie schicken auch den Haufen, mit welchem sich die Sauromaten vereinigt hatten und welcher unter dem Befehle des Skopasis stand, ab und befehlen demselben, sich mit den Ioniern, welche die Brücke über den Ister bewachten, zu unterreden. Die aber, welche von ihnen zurückblieben, beschlossen, die Perser nicht mehr herumzuziehen, sondern sie zu überfallen, wenn sie von allen Seiten her Proviant einholten. Sie beobachteten also die Völker des Darius, wenn sie Proviant einholten, und taten, was sie beschlossen hatten. Die skythische Reiterei trieb die feindliche allzeit zurück. Die persischen Reiter nahmen alsdann ihre Flucht zu dem Fußvolke, welches ihnen beistand. Wenn nun die Skythen die Reiterei in die Flucht gebracht hatten, zogen sie aus Furcht vor dem Fußvolke wieder zurück. Sie taten auch des Nachts dergleichen Ausfälle. Was aber den Persern zum Vorteil und den Skythen, wenn sie auf das Lager des Darius einen Angriff taten, zum Nachteil gereichte, will ich als eine sehr wunderbare Sache anzeigen; dieses war die Stimme der Esel und die Gestalt der Maulesel. Denn das Land der Skythen zeugt weder Esel noch Maulesel, wie ich schon vordem angezeigt habe. In ganz Skythien ist auch wegen der Kälte kein Esel und kein Maulesel. Daher brachten die schreienden Esel die skythische Reiterei in Unordnung. Wenn die Skythen anrückten und die Pferde die Stimme der Esel hörten, wurden sie scheu, wandten um, stutzten und spitzten die Ohren, da sie dergleichen Stimme niemals gehört und eine solche Gestalt nicht gesehen hatten. Dieses machte in dem Kriege einige Veränderung. Damit aber die Skythen die Perser recht in Verwirrung bringen möchten und damit sie desto länger in Skythien bleiben und dabei wegen des Mangels an allen Bedürfnissen ins Gedränge geraten müßten, so ließen sie ihr Vieh mit den Hirten zurück und zogen in eine andere Gegend. Alsdann kamen die Perser und nahmen das Vieh weg, wodurch sie dann von neuem mutig wurden. Nachdem dieses oft geschehen, geriet endlich Darius in Not und Mangel; und als die Könige der Skythen dieses erfuhren, schickten sie einen Herold, der dem Darius einen Vogel, eine Maus, einen Frosch und fünf Pfeile zum Geschenke bringen mußte. Die Perser fragten den Überbringer, was das Überbrachte bedeuten sollte; dieser gab zur Antwort, ihm sei nichts anderes befohlen, als daß er nach Übergebung dieser Dinge gleich wieder fortgehen sollte, sagte aber doch, wenn die Perser scharfsinnig wären, so möchten sie selbst entdecken, was diese Geschenke vorstellen sollten. Die Perser stellten darüber eine Beratschlagung an. Die Meinung des Darius war, die Skythen übergäben sich ihm selbst, ihr Land und ihr Wasser. Er stellte nämlich diese Vergleichung an: Die Maus sei in der Erde und genieße mit dem Menschen einerlei Speise; der Frosch im Wasser; der Vogel sei einem Pferde sehr gleich; und mit den Pfeilen übergäben sie ihre Ställe und Macht. Diese Auslegung machte Darius. Aber die Meinung des Gobryas, welcher einer von den sieben war, die die Magier hinrichteten, hatte mehr Wahrscheinlichkeit, indem er die Geschenke so auslegte: Wenn ihr Perser nicht Vögel werdet, die in die Luft fliegen, oder Mäuse, die in die Erde kriechen, oder Frösche, die in einen See hüpfen, so werdet ihr, von diesen Pfeilen getroffen, nicht wieder in euer Land zurückkommen. So deuteten die Perser die Geschenke. Als der Haufen der Skythen, welcher erst beordert war, den See Mäotis zu bedecken, nachher aber an den Ister zu gehen und sich mit den Ioniern in eine Unterredung einzulassen, an die Brücke gekommen war, tat er diesen Vortrag: Ihr Ionier, wir kommen, euch die Freiheit zu bringen, wenn ihr uns Gehör geben wollt. Denn wir haben Nachricht, daß euch Darius befohlen habe, nur sechzig Tage die Brücke zu bewahren und, wenn er in der Zeit nicht zurückkäme nach eurem Lande zu ziehen. Tut ihr nun dieses, so begeht ihr nichts wider ihn noch wider uns. Ihr seid die angesetzten Tage geblieben, gebraucht nun eure Freiheit und zieht fort. Als die Ionier dieses zu tun versprochen hatten, gingen sie unverzüglich wieder zurück. Die zurückgebliebenen Skythen zogen nach Übersendung der Geschenke an den Darius in Schlachtordnung gegen die Perser an, als wenn sie ihnen ein Treffen liefern wollten. Indem sie also standen, kam ein Hase in die Mitte gelaufen, welchen alle, die ihn sahen, verfolgten. Da nun die Skythen einen Lärm machten und schrien, fragte Darius, was die Feinde für einen Lärm machten. Als er hörte, daß sie einen Hasen verfolgten, sagte er zu denen, mit welchen er vertraulich zu reden pflegte: Diese Leute schätzen uns sehr gering, und nun glaube ich, daß Gobryas wegen der Geschenke wahr geredet hat. Weil ich mir nun die Sache ebenso vorstelle, so ist guter Rat nötig, wie wir sicher zurückziehen können. Darauf sagte Gobryas: O König, ich wußte zwar schon durch fremde Nachricht die Dürftigkeit dieser Leute; als ich aber hierhergekommen, bin ich davon noch mehr überzeugt worden, da ich sah, daß sie uns nur bei der Nase herumgezogen. Nun ist mein Gutachten, daß wir, sobald es Nacht wird, die Feuer, so wie wir sonst gewohnt gewesen, anzünden, die Soldaten, die am schwächsten sind, vieles auszustehen, unter einem scheinbaren Vorwande zurücklassen, alle Esel anzubinden und fortzuziehen, ehe die Skythen die Brücke abbrechen, gerade nach dem Ister gehen, oder ehe es den Ioniern einfällt, etwas gegen uns vorzunehmen, welches sie leicht ausführen könnten. Das war der Rat, den Gobryas erteilte, welchem auch Darius, als es Nacht wurde, folgte. Er ließ die schwächsten Leute, an deren Verlust am wenigsten gelegen war, und die Esel angebunden im Lager zurück. Er ließ aber die Schwachen aus dem Volke und die Esel aus dieser Ursache zurück: die Esel sollten ein Geschrei erheben; die Leute aber mußten um ihrer Schwachheit willen zurückbleiben unter dem Vorwande, er wolle mit dem gesunden Teile des Volkes die Skythen angreifen, sie sollten inzwischen das Lager bewachen. Nachdem Darius denen, welche zurückgelassen wurden, dieses bekanntgemacht und die Feuer angezündet, ging er mit großer Geschwindigkeit nach dem Ister zu. Die Esel, welche allein gelassen waren, schrien nun desto mehr. Als die Skythen ihre Stimme hörten, glaubten sie gewiß, daß die Perser in der Gegend ständen. Als es aber Tag geworden und die Zurückgelassenen sahen, daß sie von dem Darius betrogen wären, streckten sie die Hände gegen die Skythen aus und stellten ihnen ihren Zustand vor. Als die Skythen diese Umstände hörten, zogen sie sich zusammen, sowohl die beiden Haufen der Skythen als auch der eine, bei welchem sich die Sauromaten, Budinen und Gelonen befanden, und setzten den Persern nach, gerade gegen den Ister zu. Weil aber die Perser sehr viel Fußvolk hatten und die Wege nicht wußten, zumal da keine ordentlichen Straßen da waren, die skythische Reiterei aber der kürzesten Wege kundig war, so verfehlten sie einander, und die Skythen kamen viel eher als die Perser an die Brücke. Da sie aber vernahmen, daß die Perser noch nicht angekommen wären, sagten sie zu den Ioniern, die bestimmten Tage sind schon vorbei, und ihr tut nicht recht, daß ihr noch bleibt. Wenn ihr aber erst aus Furcht geblieben seid, so werft nun die Brücke ab, geht unverzüglich fort, nehmt die Freiheit mit Freuden an und erkennt euch den Göttern und den Skythen zum Dank verbunden. Den aber, der vorher euer Herr gewesen, wollen wir in einen solchen Stand setzen, daß er keinen Menschen mehr bekriegen soll. Dieses zogen die Ionier in Überlegung. Der athenische Feldherr Miltiades, welcher die Chersoneser an dem Hellespont beherrschte, war der Meinung, man solle den Skythen folgen und Ionien in Freiheit setzen. Aber Histiäus, der Milesier, dachte ganz anders und sagte: jetzt hätte ein jeder von ihnen dem Darius die Herrschaft über eine Stadt zu danken; wenn aber Darius seine Macht verlöre, so würde er nicht über die Milesier und keiner von ihnen an anderen Orten die Herrschaft führen können; denn eine jede Stadt wolle lieber das Volk als einen allein regieren lassen. Diesem Gutachten stimmten gleich alle bei, die vorher der Meinung des Miltiades Beifall gegeben hatten. Als nun diese der Meinung des Histiäus beigetreten waren, fanden sie für gut, die Brücke auf der Seite nach den Skythen zu, soweit ein Pfeil reicht, abzuwerfen, damit es schiene, sie täten etwas, obwohl sie doch nichts taten; und damit die Skythen nicht suchen möchten, Gewalt zu gebrauchen, und Lust bekämen, auf der Brücke über die Donau zu gehen, und daß sie sagen könnten, wenn sie die Brücke gegen Skythien abwürfen, sie täten den Skythen alles zu Gefallen. Nach dieser Entschließung antwortete Histiäus also: Ihr Skythen kommt uns einen großen Dienst zu leisten und stellt euch eben zur rechten Zeit ein. Ihr zeigt uns, was wir zu unserem eigenen Vorteil tun sollen; und wir lassen zu eurem Vorteil auch nichts ermangeln. Denn wie ihr seht, brechen wir die Brücke ab und werden dabei alle Bereitwilligkeit zeigen, weil wir die Freiheit zu erlangen suchen. Indem wir aber mit dem Abbrechen beschäftigt sind, so ist es Zeit, daß ihr die Perser aufsucht und, wenn ihr sie findet, für euch und für uns die verdiente Rache ausübt. Die Skythen, welche den Ioniern zum andern Male trauten, kehrten um, die Perser aufzusuchen, verfehlten sie aber auf ihrem Zuge. Die Skythen waren selbst schuld daran, weil sie das Futter für die Pferde verdorben und die Brunnen verschüttet hatten. Denn wenn sie dieses nicht getan hätten, so würden sie die Perser gar leicht gefunden haben. Nun aber war ihnen das selbst nachteilig, was sie vorher als nützlich beschlossen hatten. Die Skythen zogen nämlich durch die Gegend ihres Landes, wo Futter für ihre Pferde und Wasser zu finden war, und suchten die Feinde, weil sie glaubten, daß dieselben ebendiesen Weg nehmen würden. Allein die Perser beobachteten, wo sie vorher durchgezogen waren, und gingen auf dieser Straße wieder zurück; und doch fanden sie kaum den Ort der Überfahrt. Als sie endlich des Nachts daselbst ankamen und die Brücke abgebrochen fanden, gerieten sie in eine Besorgnis, sie möchten von den Ioniern verlassen worden sein. Darius hatte einen Ägypter bei sich, welcher die allerstärkste Stimme hatte; diesem befahl er, sich an das Ufer des Ister zu stellen und den Milesier Histiäus zu rufen. Er tat es. Sobald Histiäus das erste Zurufen hörte, machte er alle Schiffe fertig, die Armee überzuführen, und ergänzte auch die Brücke wieder. Auf die Weise entfliehen die Perser; die Skythen aber, welche sie suchen, verfehlen sie zum andern Male; daher sie die Ionier unter freien Leuten, wenn sie darunter zu zählen wären, für die allerniederträchtigsten und verzagtesten halten, als Knechte aber für solche Sklaven erkennen, welche die Dienstbarkeit lieben und derselben zu entgehen nicht die geringste Lust haben. So schimpften die Skythen auf die Ionier. Was König Xerxes träumte Nach dem Tode des Darius kam das Reich an seinen Sohn Xerxes. Dieser war anfangs gar nicht zu dem Kriege mit Griechenland geneigt, sondern wollte lieber gegen Ägypten zu Felde ziehen. Aber Mardonius, ein Sohn des Gobryas und der Schwester des Darius, der unter allen Persern am meisten bei dem Xerxes galt, ging zu ihm und redete ihn folgendermaßen an: Herr, es ist unbillig, daß die Athener den Persern soviel Schaden getan und uns noch keine Genugtuung geleistet haben. Führe aber nur das aus, was du schon unter Händen hast. Wenn du dann Ägypten, das sich so schändlich empört hat, wieder gezähmt haben wirst, ziehe gegen Athen zu Felde, damit du einen guten Ruf unter den Menschen erlangst und sich nachher ein jedweder hüten möge, dein Land feindlich anzugreifen. Dies war die Vorstellung, mit welcher er den König zur Rache anreizte. Diese Vorstellung unterstützte er damit, daß Europa ein schönes Land wäre, welches vielerlei Arten fruchtbarer Bäume hervorbrächte, ein Land, das überaus vortrefflich wäre und welches verdiente, daß es der König vor allen Sterblichen allein besäße. Dieses sagte er um deswillen, weil er zu neuen Unternehmungen geneigt war und gern selbst Statthalter in Griechenland sein wollte. Die Umstände der Zeit dienten ihm auch dazu, daß er es dahin brachte, den Xerxes zu überreden, dasjenige zu tun, was er ihm geraten hätte; denn es fielen außerdem noch andere Dinge vor, welche das ihrige dazu beitrugen, den Xerxes hierzu zu bewegen. Teils, daß Gesandte von den Alebaden (dieses waren Könige in Thessalien) kamen und den König gegen Griechenland um Hilfe anriefen und sich in allem zu unterwerfen versprachen, teils, daß einige von den Pisistratiden nach Susa kamen, welche ebendas sagten, was die Alebaden sagten, sich aber außerdem noch eines gewissen Atheners, den sie bei sich hatten, des Onomakritus bedienten, der ein Wahrsager war und die Weissagungen des Musäus auslegte. Mit diesem hatten sie ihre Feindschaft aufgehoben, ehe sie nach Susa kamen. Denn Onomakritus war vom Pisistratus aus Athen vertrieben, weil er von dem Lasus, einem Hermionier, auf offenbarer Tat ertappt war, daß er unter die Weissagungen des Musäus diese mit untergeschoben hatte, daß die um Lemnos herumliegenden Inseln in dem Meere untergehen würden. Um deswillen vertrieb ihn Pisistratus, da er vorher vertraut mit ihm umgegangen war. Damals aber reiste er mit hinauf nach Susa, und da er vor den König kam und ihm die Pisistratiden viel Lob erteilten, erklärte er die Weissagungen. Wenn aber etwas vorkam, worin des Persers Niederlagen enthalten waren, sagte er nichts davon, sondern las nur das aus, was ihm das größte Glück verkündigte, und sagte, daß ein Perser eine Brücke über den Hellespont schlagen würde, und was sonst zu diesem Feldzuge gehörte. Dieser suchte also den König durch Weissagungen und die Pisistratiden und Alebaden durch Vorstellungen zu bewegen. Nachdem man den Xerxes dahin gebracht hatte, daß er gegen Griechenland den Krieg unternehmen wollte, zog er erst in dem zweiten Jahre nach dem Tode des Darius gegen die Aufrührer zu Felde, und da er diese gebändigt und ganz Ägypten weit unterwürfiger gemacht hatte, als es unter dem Darius gewesen war, so setzte er seinen Bruder Achämenes zum Statthalter darüber, der aber einige Zeit hernach von einem Libyer, Maros, des Psammetichus Sohn, ermordet wurde. Sobald Xerxes Ägypten wieder erobert hatte, war er entschlossen, den Krieg wider die Athener zu unternehmen. Er berief also die vornehmsten von den Persern zusammen, um ihre Meinung zu hören und ihnen selbst seinen Entschluß kundzumachen. Als sie versammelt waren, sprach er zu ihnen: Ihr Perser, ich werde diesen Gebrauch nicht erst unter euch einführen, sondern mich nach demselben richten, da ich ihn von anderen empfangen habe. Denn nach dem Bericht alter Leute sind wir niemals ruhig gewesen, seitdem die Herrschaft von den Medern durch den Cyrus, welcher den Astyages des Reichs beraubt, auf uns gekommen ist; aber Gott lenkt es so und trägt, wenn wir ihm folgen, vieles zu unserer Verbesserung bei. Was Cyrus, Kambyses und mein Vater Darius für Völker überwältigt und sich unterwürfig gemacht haben, darf man Leuten, die es so gut wissen, nicht erst sagen; was mich aber betrifft, so bin ich gleich anfangs, da ich den Thron bestieg, darauf bedacht gewesen, meinen Vorfahren auf diesem Ehrenwege mit gleichen Schritten zu folgen und keine geringere Macht den Persern zu erwerben. Da ich nun dieses bedenke, so finde ich, daß wir teils unseren Ruhm vermehren und ein Land gewinnen können, welches nicht kleiner ist als das, welches wir besitzen, und nicht schlechter, sondern noch fruchtbarer ist; teils, daß wir Rache und Strafe an unseren Feinden ausüben können. Um deswillen habe ich euch zusammenkommen lassen, um euch meine Entschließung kundzutun; ich will nämlich eine Brücke über den Hellespont schlagen und die Armee durch Europa nach Griechenland führen, um die Athener wegen aller Feindseligkeiten zu bestrafen, die sie gegen die Perser und meinen Vater ausgeübt haben. Ihr wißt, daß schon mein Vater im Begriff war, diese Leute zu bekriegen; aber er ist darüber gestorben, und es ist nicht bei seinen Lebzeiten zustande gekommen, sie zur Strafe zu ziehen. Ich will aber für ihn und die anderen Perser nicht eher ruhen, bis ich Athen werde erobert und mit Feuer vertilgt haben, da die Bürger mir und meinem Vater zuerst unrecht getan haben. Erstlich sind sie mit dem Aristagoras von Miletus, der noch dazu unser Vasall war, nach Sardes gekommen und haben Haine und Tempel verbrannt. Nachher wißt ihr wohl, wie sie euch begegnet sind, da ihr unter Anführung des Datis und Artaphernes in ihr Land kamt. Durch diese Dinge werde ich angetrieben, den Krieg wider sie zu unternehmen. Überdem, wenn ich die Sache vernünftig erwäge, so finde ich unendliche Vorteile, die uns daraus erwachsen werden, wenn wir dieses Volk und ihre angrenzenden Nachbarn, die die Länder des phrygischen Königs Pelops bewohnen, überwinden und zeigen werden, daß nur die Luft das Reich Jupiters, Persien, umgrenze; denn die Sonne soll kein Land sehen, das unseres umgrenzte, sondern ich will euch alles zu einem Lande machen und von einem Ende Europas bis an das andere durchgehen. Denn wie ich höre, so ist unter den übrigen Menschen keine einzige Stadt, kein einziges Volk, welches imstande wäre, uns Widerstand zu leisten, wenn man die ausnimmt, welche ich erst genannt habe. Also werden die Schuldigen und die Unschuldigen sich unserem Joch unterwerfen müssen. Was euch betrifft, so werdet ihr darin nach meinem Wohlgefallen handeln, daß ein jedweder von euch sich ohne Verzug einstellt, wenn ich die Zeit, da ihr erscheinen sollt, bestimmen werde. Wenn ihr aber kommt, so soll derjenige, dessen Truppen in der besten Verfassung sein werden, von mir ein Geschenk von solchen Dingen bekommen, die in unserem Hause für das Kostbarste gehalten werden. Dies ist also dasjenige, was ihr hierbei zu tun habt. Damit es aber nicht das Ansehen habe, als wenn ich bloß mein eigenes Gutdünken vorbringen wollte, so lege ich euch insgesamt die Sache vor und gebe einem jeden unter euch, wer da will, die Freiheit, seine Meinung zu entdecken. Hierauf schwieg er still, und Mardonius nahm darauf das Wort und sprach: Du hast, o Herr, nicht nur über die vorigen, sondern auch über die künftigen Perser den Vorzug, indem du nicht nur insgemein die vortrefflichsten und wahrhaftigsten Dinge vorträgst, sondern auch besonders nicht zugeben willst, daß die Ionier, die in Europa wohnen, uns verlassen, was wir nicht im geringsten verdienen. Denn es wäre doch empfindlich, wenn wir die Saker, die Indier, die Äthiopier, die Assyrer und viele andere und große Völker, welche den Persern gar nichts zuwider getan haben, um unsere Macht auszubreiten, überwunden und unter unsere Herrschaft gebracht haben, uns aber an den Griechen, von denen wir zuerst beleidigt worden, nicht rächen sollten. Wovor fürchten wir uns? Vor der starken Anzahl ihrer Armeen? Vor der Macht ihres großen Reichtums? Wir kennen ja ihre Art zu fechten; wir kennen ja ihre Kräfte, die sehr schwach sind. Wir haben ja ihre Kinder unter unsere Gewalt gebracht, die nämlich, welche in diesem Weltteile wohnen und Ionier, Äolier und Dorier genannt werden. Ich habe es auch schon versucht und habe selbst auf Befehl deines Vaters gegen diese Leute einen Zug getan, und es ist mir, da ich bis nach Mazedonien gegangen und nicht weit mehr von Athen war, niemand entgegengekommen, um sich mir zu widersetzen. Die Griechen pflegen auch, wie ich höre, sehr unbesonnene Kriegsanstalten zu machen wegen ihrer Unerfahrenheit und Unverstandes. Denn wenn sie einander den Krieg angekündigt haben, so suchen sie die schönste und ebenste Gegend, die sie finden können, aus; da ziehen sie hin und halten ein Treffen, so daß die Sieger selbst mit großem Verlust abziehen. Von den Überwundenen will ich nicht einmal sagen; diese werden fast alle niedergemacht. Da sie doch sollten, weil sie einerlei Nation sind, durch Herolde und Abgesandte ihre Zwistigkeiten ausmachen und lieber alles versuchen, als sich miteinander zu schlagen; oder, wenn sie ja miteinander Krieg führen müßten, sollten sie einen Ort aussuchen, an welchem beide Parteien einander nicht leicht angreifen könnten und ihr Heil versuchen. Aus dieser törichten Gewohnheit, welche bei den Griechen ist, sind sie mir nicht zum Treffen entgegengekommen, da ich schon nach Mazedonien gekommen war. Wer will dir nun, o König, entgegenkommen, dich anzugreifen, da du das ganze asiatische Heer und alle Schiffe mitführst? Solche Verwegenheit wird, wie ich glaube; den Griechen nimmermehr in den Sinn kommen. Wenn ich mich aber in meiner Meinung betrügen sollte und sie mit unsinniger Kühnheit gegen uns die Waffen ergreifen sollten, so werden sie erfahren, daß wir vor allen Nationen im Kriege den Vorzug haben. Laßt also nichts unversucht. Denn es geschieht nichts von selbst, sondern der Mensch pflegt alles durch seine Unternehmungen zu erlangen. Als Mardonius auf eine solche Art dem Entschluß des Xerxes geschmeichelt hatte, schwieg er still. Da nun alle übrigen Perser stillschwiegen und sich nicht unterstanden, etwas wider die vorgetragene Meinung vorzubringen, fing Artabanus, des Hystaspis Sohn und Vatersbruder des Xerxes, ein vorsichtiger Mann, also zu reden an: Wenn, o König, keine einander entgegenstehenden Meinungen vorgebracht werden, so kann man die beste nicht auslesen, sondern man muß die vorgetragene Meinung schlechterdings annehmen; werden aber verschiedene Meinungen vorgetragen, so ist's wie mit dem reinen Golde, welches man für sich allein nicht beurteilen kann; wenn es aber gegen anderes Gold gehalten wird, so sieht man bald, welches das beste ist. Ich habe es deinem Vater und meinem Bruder Darius widerraten, gegen die Skythen, die nirgends in Städten wohnen, zu Felde zu ziehen. Er hoffte aber diese herumziehenden Skythen zu überwältigen, verwarf meinen Rat und unternahm den Krieg, aus dem er mit Verlust vieler rechtschaffnen Leute von seiner Armee wieder zurückkam. Du aber, o König, willst gegen eine Nation zu Felde ziehen, die es an Mut den Skythen weit zuvortut, die zu Wasser und zu Lande unter allen die besten Krieger sein sollen. Es ist meine Schuldigkeit, dir zu sagen, was hierbei für Gefahr zu besorgen ist. Du sagst, du willst eine Brücke über den Hellespont schlagen und die Armee durch Europa nach Griechenland führen, du müßtest sie nun entweder zu Lande oder zu Wasser oder auf beide Arten zugleich besiegen; denn es sollen sehr herzhafte Leute sein. Nun kann man wohl schließen: da die Athener allein die Armee, die unter Anführung des Datis und Artaphernes nach Attika kam, zugrunde gerichtet haben, so möchte es wohl auf beiden Seiten nicht glücklich gegangen sein. Wenn sie es aber auf ein Seetreffen ankommen lassen und nach erlangtem Siege nach dem Hellespont zuschiffen und die Brücke abwerfen, wird das, o König, nicht sehr gefährlich sein? Ich mache diese Mutmaßung nicht aus meinem eignen Gehirn, sondern aus den ehemaligen Umständen, da wenig daran fehlte, daß wir unterdrückt wurden. Als nämlich dein Vater über die thrakische Meerenge ging und über eine Brücke, die er über den Ister schlug, ins Land der Skythen einfiel, so versuchten die Skythen alles und ersuchten die Ionier, denen die Bewahrung der Brücke über den Ister aufgetragen war, uns den Rückweg durch Abreißung der Brücke abzuschneiden. Und wenn damals Histiäus, der Fürst zu Miletus, der Meinung der übrigen Fürsten beigetreten wäre und sich ihnen nicht widersetzt hätte, so wäre es um die Perser geschehen gewesen. Es ist schon schrecklich genug zu hören, daß auf einem einzigen Manne die Erhaltung oder der Untergang des Königs beruht. Beschließ also nicht, dich in eine ebensolche Gefahr zu begeben, da dich keine Not dazu zwingt; sondern folge mir, laß jetzt diese Versammlung auseinandergehen; überlege die Sache selbst wieder für dich, wenn es dir am bequemsten scheint, und entdecke dann, was dir am besten deucht. Denn einen guten Anschlag zu fassen, halte ich für den allergrößten Vorteil. Wenn auch das Gegenteil geschehen sollte, so ist nichtsdestoweniger der Anschlag gut gewesen und hat nur dem Glücke weichen müssen. Wer aber einen törichten Entschluß gefaßt hat, der hat zwar, wenn ihm das Glück günstig gewesen, seinen Zweck erlangt; nichtsdestoweniger bleibt doch allemal sein Anschlag verwerflich. Siehst du, daß Gott die allzu großen Tiere mit dem Blitze erschlägt und ihnen nicht zuläßt, daß sie sich zuviel einbilden, die kleinen hingegen nicht um ein Haar verletzt? Siehst du auch, daß ebendiese Blitze die höchsten Gebäude und Bäume treffen? Gott pflegt nämlich alles, was erhaben ist, zu unterdrücken. Eben auf solche Art wird eine große Armee von einer kleinen überwältigt, wenn ihr Gott zuwider ist und sie entweder mit einer inneren Furcht oder mit seinem Donner schreckt; um deswillen sind einige ganz anders, als man es von ihrer Macht hätte vermuten sollen, zugrunde gegangen. Denn Gott läßt keinen außer sich groß von sich denken. Wenn man mit allen Dingen zu sehr eilt, so werden Fehler begangen, aus welchen großes Unglück zu entspringen pflegt. Bei einem langsamen Verfahren aber sind Vorteile, die sich, wenn sie auch nicht gleich in die Augen fallen, doch zu seiner Zeit finden. Dies ist, o König, der Rat, den ich dir erteile. Du aber, Sohn des Gobryas, Mardonius, unterlaß, solche törichten Dinge von den Griechen zu reden, die gewiß nicht verdienen, daß man übel von ihnen spricht. Denn durch Verkleinerung der Griechen willst du den König zum Kriege wider sie bewegen. Darauf scheinen mir alle deine Gedanken gerichtet zu sein; aber das sei ferne von uns, denn es ist nichts häßlicher als die Verleumdung. Bei derselben sind zwei Personen, eine, welche Unrecht tut, und eine, der Unrecht geschieht. Denn, einmal tut der, der verleumdet, dadurch einem anderen Unrecht, daß er ihn in seiner Abwesenheit verklagt: ferner tut ihm auch der Unrecht, der der Verleumdung Gehör gibt, ehe er die Sache genau untersucht. Der Abwesende aber wird dadurch von beiden beleidigt, daß ihn der eine verleumdet und daß der andere übel von ihm urteilt. Wenn aber ja gegen die Nation Krieg geführt werden muß, wohlan, so laß den König selbst in dem Lande der Perser bleiben. Wir beide wollen unsre Kinder an einem dritten Orte in Verwahrung geben. Führe du die Armee in diesem Kriege und suche dir vorher Leute aus, wie du willst, und nimm eine so große Armee, als es dir beliebt, hat die Sache für den König einen solchen Ausschlag, als du versprichst, so sollen meine Kinder und ich dazu umgebracht werden; geht es aber, wie ich sage, so soll ebendieses den deinen widerfahren und dir dazu, wenn anders du wieder zurückkommst. Weigerst du dich, dieses einzugehen und willst doch die Armee nach Griechenland führen, so weiß ich, daß die, die hier zurückbleiben, einmal hören sollen, daß Mardonius, nachdem er den Persern großes Unglück verursacht, in dem Lande der Athener oder der Lakedämonier irgendwo liegend von den Hunden und Vögeln gefressen werde, wenn es nicht gar vorher auf dem Marsche geschieht und du inne wirst, mit was für Leuten du dem Könige zu kriegen geraten hast. Als Artabanus diese Rede geendigt hatte, gab ihm Xerxes voller Zorn zur Antwort: Artabanus, du bist meines Vaters Bruder; dies dient dir zur Sicherheit, daß du nicht den verdienten Lohn wegen deiner törichten Reden empfängst. Doch sollst du den Schimpf tragen, weil du so zaghaft und furchtsam bist, daß du nicht mit mir nach Griechenland in den Krieg ziehen, sondern bei den Weibern zu Hause bleiben sollst. Ich werde ohne dich das, was ich gefragt habe, vollziehen. Denn ich wäre nicht wert, ein Sohn des Darius Hystaspis zu sein, ich müßte nicht von dem Arsamnes, nicht von dem Ariamnes, nicht von dem Teispes, nicht von dem Cyrus, nicht von dem Kambyses und nicht von dem Achämenes abstammen, wenn ich mich nicht an den Athenern rächen wollte. Denn ich weiß gar wohl, daß, wenn wir uns auch ruhig verhalten wollten, sie doch nicht Ruhe haben, sondern in unser Land Einfälle tun würden, wie man aus dem, was sie schon unternommen haben, indem sie Sardes abgebrannt und in Asien eingefallen sind, aufs künftige schließen kann. Es ist also auf beiden Seiten nicht möglich, wieder zurückzugehen; sondern die Sache ist einmal so weit gekommen, daß man entweder andern Schaden tun oder selbst erdulden muß, so daß entweder diese Länder alle zusammen den Griechen oder jene den Persern unterwürfig werden. Denn zwischen den Feindseligkeiten ist kein Mittel. Es ist also rühmlich, daß wir uns, die wir zuerst beleidigt sind, zu rächen suchen, damit ich sehe, was für Unglück mir widerfahren wird, wenn ich gegen die Leute zu Felde ziehe, welche schon der Phrygier Pelops, ein Vasall unserer Väter, so unter das Joch gebracht hat, daß noch bis auf diese Stunde sowohl die Leute als das Land von ihrem Überwinder den Namen führen. So sprach Xerxes für diesmal. Als es aber Nacht wurde und ihn die Meinung des Artabanus sehr unruhig machte, dachte er der Sache nach und fand, daß es gar nicht ratsam sei, den griechischen Feldzug zu unternehmen. Mit diesen Gedanken schlief er ein und hatte, wie die Perser erzählen, folgenden Traum: Es deuchte den Xerxes, als wenn ein großer und ansehnlicher Mann bei ihm stünde und zu ihm spräche: Änderst du, o Perser, nunmehr den Entschluß, Griechenland mit Krieg zu überziehen, da du schon den Persern anbefohlen hast, Völker zusammenzubringen? Du tust nicht wohl, wenn du deine Meinung änderst, und du hast auch niemand, der dir Beifall gäbe; fahre also fort, den Weg zu gehen, den du gestern am Tage zu gehen beschlossen hast. Darauf schien es dem Xerxes, als wenn das Gesicht verschwände. Wie es Tag wurde, achtete er diesen Traum nicht, sondern berief ebendiejenigen Perser wieder zusammen, die den vorigen Tag dagewesen waren, und sprach: Verzeiht mir, ihr Perser, daß ich in meinen Entschließungen veränderlich bin. Ich habe noch nicht die höchste Stufe meiner Klugheit erreicht, und die, die mir jenes raten, kommen niemals von mir. Da ich nun des Artabanus Meinung hörte, entbrannte die jugendliche Hitze auf einmal, daß ich gegen einen alten Mann solche Worte herausstieß, die der Ehrerbietung zuwider sind. Nunmehr, da ich meinen Fehler erkenne, will ich seine Meinung annehmen. Weil ich also entschlossen bin, den griechischen Krieg zu unternehmen, so könnt ihr ruhig sein. Wie die Perser dieses hörten, freuten sie sich sehr und fielen vor ihm nieder. Als es aber Nacht war, erschien dem Xerxes ebendie Gestalt wieder im Traum und sprach zu ihm: O Sohn des Darius, du hast nunmehr doch den Persern den Krieg wieder abgekündigt und meine Worte für nichts geachtet, als wenn du sie gar nicht gehört hättest. Wisse also, daß, wenn du nicht sogleich zu Felde ziehst, du zu erwarten hast, daß du, eben wie du in kurzer Zeit groß und mächtig geworden, auch sehr geschwinde wirst erniedrigt werden. Xerxes, der durch diesen Traum erschreckt wurde, sprang sogleich auf und ließ den Artabanus holen. Sobald er ankam, sprach Xerxes: Artabanus, ich habe unsinnig gehandelt, da ich gegen dich, als du mir einen so guten Rat erteiltest, so törichte Reden ausstieß. Nicht lange darauf bereuete ich's und sah wohl ein, daß ich dasjenige tun müsse, was du mir rietest. Aber es steht nicht in meiner Gewalt, das zu tun, was ich will. Denn da ich schon meinen ersten Entschluß geändert und bereut hatte, kam ein Gesicht und erschien mir im Traum, welches mir widerriet, dem letzten Vorsatze zu folgen, und jetzt geht es wiederum gar mit Drohungen von mir. Wenn es Gott ist, der mir diesen Traum schickt, und es sein gänzlicher Wille ist, daß ich Griechenland bekriegen soll, so wirst du ebendiesen Traum haben und so wird dir ebendas anbefohlen werden, was mir anbefohlen ist. Ich glaube, dies wird geschehen, wenn du allen meinen Schmuck nimmst, ihn anziehst, dich darauf auf meinen Thron setzt und alsdann in meinem Bette schläfst. Als Xerxes ausgeredet hatte, wollte Artabanus anfänglich nicht gehorchen, weil er sich für unwürdig hielt, auf dem königlichen Thron zu sitzen; wie er aber zuletzt gezwungen wurde, tat er, was ihm befohlen war, sprach aber zuvor: Ich halte das für gleich, o König, wenn man selbst einen guten Entschluß faßt, und wenn man dem, der eine gute Meinung vorträgt, beizufallen bereit ist. Du hast diese beiden Eigenschaften, aber der Umgang mit bösen Leuten verdirbt sie; so wie man sagt, daß dem Meere, welches unter allen Dingen dem Menschen am nützlichsten ist, von den Stürmen der Winde, die daraus stoßen, nicht erlaubt werde, seiner eigenen Natur zu folgen. Mich hat zwar nicht sowohl dieses gekränkt, daß du mir so hart begegnetest, als vielmehr, daß du unter zwei Meinungen, welche von den Persern vorgetragen wurden, wovon die eine dem Stolze schmeichelte, die andere aber denselben unterdrückte und behauptete, es sei übel gehandelt, wenn man sich in den Kopf setzte, allzeit nach mehr zu streben, als man habe, daß du, sage ich, unter diesen beiden Meinungen diejenige erwähltest, die dir und den Persern am nachteiligsten ist. Nun sagst du, es sei dir, da du schon wegen des griechischen Krieges dich eines Besseren besonnen, auf Befehl eines Gottes ein Gesicht im Traume erschienen, welches dir verboten, die Armee auseinandergehen zu lassen. Aber dies kommt nicht von Gott, mein Sohn! Mit den Träumen, die bei den Menschen herumschwärmen, ist's so beschaffen, wie ich dir jetzt sagen will, der ich viele Jahre älter bin als du. Sie pflegen gemeiniglich dasjenige wieder vorzustellen, was man des Tages über denkt. Nun haben wir ja diese Tage her über den Feldzug eifrige Beratschlagung angestellt. Wenn dem nicht also ist, wie ich sage, und etwas Göttliches hierbei ist, so ist das wahr, was du überhaupt gesagt hast; denn es wird mir ebenfalls erscheinen und mir ebendas befehlen, was es dir befohlen hat. Aber das trägt im geringsten nicht dazu bei, daß es mir eher erscheinen müsse, ob ich deine oder meine Kleider anhabe, oder ob ich in deinem oder in meinem Bette schlafe, wenn es sonst erscheinen will. Denn solche Dummheit wird doch dasjenige nicht besitzen, was dir im Schlafe erscheint, es mag nun sein, was es will, daß es mich für dich ansehen und dich also bloß an den Kleidern kennen sollte. Wenn es aber auf mich nicht achtet, so wird es auch mich nicht würdigen, mir zu erscheinen und zu mir zu kommen, ich mag nun deine oder meine Kleidung anhaben. Hierauf ist jetzt zu merken. Denn wenn es öfter kommen sollte, so würde ich selbst sagen, es sei von Gott. Wenn dir nun dieses beliebt und du deine Meinung hierin nicht ändern willst, so will ich mich jetzt in deinem Bette schlafen legen. Wohlan, da ich dieses tue, mag es auch mir erscheinen; alsdann will ich der vorgetragenen Meinung Beifall geben. Darauf tat Artabanus, was ihm befohlen war, in der Meinung, den Xerxes zu überführen, daß sein Vorgeben unbegründet sei. Nachdem er die Kleidung des Xerxes angezogen und auf seinem Throne gesessen, legte er sich schlafen. Wie er eingeschlafen war, sah er ebendas Traumbild, welches dem Xerxes erschienen war. Dieses trat über ihn und sprach: Bist du derjenige, der dem Xerxes widerrät, den griechischen Krieg zu unternehmen, als ob du sein Vormund wärst? Aber es wird dir weder künftig noch jetzt so ungestraft hingehen, daß du dasjenige widerrätst, was nach dem Schicksal unüberwindlich ist. Was aber dem Xerxes widerfahren soll, wenn er nicht gehorcht, das ist ihm schon angezeigt. Als Artabanus diese Drohungen des Gesichtes hörte, kam es ihm vor, als wenn es ihm die Augen mit glühenden Eisen ausbrennen wollte, weswegen er entsetzlich schrie und aufsprang. Er ging alsobald zu dem Xerxes, erzählte ihm das Gesicht, das er im Traume gehabt, und setzte darauf hinzu: Da ich, o König, ein Mensch bin, der gesehen, wievielmal das Große und Mächtige von einer kleineren Macht überwältigt worden ist, so wollte ich nicht zugeben, daß du in allem zu sehr nach dem Triebe deines Alters handeltest, weil ich wohl wußte, daß es nicht gut sei, immer mehr zu verlangen; ich erinnerte mich, wie der Krieg des Cyrus gegen die Massageten und wie der Krieg des Kambyses gegen die Äthiopier abgelaufen; ich bin auch selbst mit in dem Feldzuge des Darius gegen die Skythen gewesen. Da ich dieses alles wußte, war ich der Meinung, du wärst der glücklichste unter allen Menschen, wenn du ruhig bliebst. Da aber ein göttlicher Antrieb da ist und den Griechen, wie es scheint, ein von Gott verhängtes Unglück bereitet ist, so trete ich selbst zurück und ändere meine Meinung. Mache du nun den Persern die Gesichte, die wir von Gott bekommen haben, kund und befiehl ihnen, die Befehle zu vollziehen, welche du ihnen anfangs wegen der Zurüstung der Armee erteilt hast. Handle übrigens so, daß du, da du alles auf Zulassen Gottes tust, es auf deiner Seite an nichts mangeln läßt. Wie er dieses gesagt, waren ihre Gedanken noch immer auf das Gesicht gerichtet; und sobald es Tag wurde, meldete Xerxes den Persern alles dieses, und Artabanus, der vorhin der einzige gewesen war, der abgeraten hatte, bezeigte jetzt öffentlich, daß er dazu anrate. Nachdem Xerxes schon im Begriffe war, in den Krieg zu ziehen, sah er noch zum dritten Male ein Gesicht im Traume, welches von den Magiern, sobald sie es hörten, so ausgelegt wurde, als gehe es die ganze Welt an und bedeute, daß ihm alle Menschen untertänig sein würden. Das Gesicht war folgendes: Es träumte dem Xerxes, er würde mit einem Ölzweige gekrönt, dessen Zacken sich über die ganze Erde ausbreiteten; und darauf kam es ihm vor, als wenn der Kranz um das Haupt verschwinde. Nachdem die Magier den Traum ausgelegt hatten, ging ein jeder nach seiner Statthalterschaft zurück und bestrebte sich mit allem Eifer, die gegebenen Befehle zu vollziehen, indem ein jeder die versprochenen Geschenke zu erhalten suchte. Xerxes läßt den Hellespont peitschen Xerxes machte Anstalt, als wenn er nach Abydus gehen wollte. Während der Zeit wurde die Brücke über den Hellespont geschlagen, aus Asien nach Europa überzugehen. Zwischen der Stadt Sestus und Madylus in dem Chersones an dem Hellesponte ist ein festes in das Meer hervorlaufendes Ufer Abydus gegenüber, auf welchem wenige Zeit darauf die Athener, welche unter dem Feldherrn Xantippus, des Ariphrons Sohns, standen, den gefangenen persischen Führer, Artayktes, lebendig an einen Pfahl angenagelt haben. Es hatte aber derselbe zu Eleus Weiber in den Tempel des Protesilaus geführt und schändliche Dinge begangen. An dieses Ufer schlugen die, welchen es aufgetragen war, die Brücken von Abydus an herüber, und zwar gebrauchten die Phönizier zu ihrer Brücke den weißen Flachs, die Ägypter aber zu der anderen das Schilf aus dem Nilstrome. Die Breite von Abydus nach der anderen Seite beträgt sieben Stadien. Die Brücken aber waren kaum zustande gekommen, als ein großer Sturm entstand, welcher alles zerbrach und auseinanderriß. Xerxes geriet darüber in einen großen Unwillen und befahl, dem Hellespont dreihundert Schläge mit einer Peitsche zu geben und ein Paar Fußeisen in das Meer zu versenken. Ich habe sogar gehört, daß er Leute mitgeschickt, welche den Hellespont brandmalen sollten. Das ist gewiß, daß er befohlen, denselben mit Fäusten zu schlagen und die tollen und abscheulichen Worte zu sagen: Du bitteres und salziges Wasser, der Herr legt dir diese Strafe auf, weil du ihm Schaden getan, da er dich doch auf keine Weise beleidigt hat. Doch wird der König Xerxes hinübergehen, du magst wollen oder nicht. Dir aber opfert billig kein Mensch, weil du ein betrüglicher und salziger Fluß bist. So befahl er das Meer zu strafen und zugleich denen, welche dem Brückenbau vorgestanden, die Köpfe abzuschlagen. Diese unangenehme Belohnung bekamen die, welche die ersten Brücken verfertigt hatten. Darauf schlugen andere Baumeister neue Brücken auf folgende Weise auf: sie fügten hinaufwärts gegen das Schwarze Meer zu dreihundertundsechzig große Schiffe von zwei verschiedenen Gattungen so zusammen, daß sie gegen das Meer zu in die Quere standen; herunterwärts aber wurde eine andere Reihe von Schiffen nach dem Strome des Hellesponts in die Länge aneinandergehangen, damit die Stricke fest angezogen würden, hierauf ließen sie sehr große Anker in das Meer, auf der einen Seite gegen das Schwarze Meer zu wegen der Winde, die von der Seite her wehen; auf der anderen gegen Abend und nach dem Ägäischen Meere zu wegen des Ost- und Südwindes. An drei Orten ließen sie zwischen den Schiffen einen Zwischenraum, daß man mit kleinen Schiffen nach dem Schwarzen Meere und aus demselben durchfahren könnte. Darauf zogen sie die Seile vom Lande mit Winden an, nicht aber eine jede Gattung besonders, sondern auf einer jeden Seite zwei von weißem Flachse und vier von dem Schilfe. Sie waren zwar von gleicher Dicke und Gestalt; aber die von Flachs doch ungleich schwerer, und eine Elle wog ein Talent. Nachdem nun die Brücken soweit imstande waren, schnitten sie Balken, so lang als ein Schiff breit war, legten dieselben ordentlich auf die ausgespannten Seile, machten sie fest aneinander, legten über dieselben wieder anderes Holzwerk und schütteten Erde darauf. Nachdem dieses geschehen, machten sie auf beiden Seiten einen Zaun, damit das Zugvieh und die Pferde nicht scheuten, wenn sie in das Meer heruntersähen. Nachdem die Brücken zustande gebracht und die Arbeit bei dem Athos, auch die Dämme (oder Schleusen) an den Mündungen des Kanals, welche verhindern sollten, daß die Mündungen nicht verstopft würden, fertig waren, und da auch von der Vollendung des Kanals selbst Nachricht gegeben wurde, brach die Armee, welche in guten Stand gesetzt war, mit dem Anfange des Frühlings von Sardes, wo sie im Winterquartiere gelegen hatte, auf und nahm ihren Weg nach Abydus. Als sie aufbrach, verließ die Sonne ihren Ort am Himmel und wurde unsichtbar, nicht unter den Wolken, sondern bei vollkommen heller Luft. Der Tag wurde also in Nacht verwandelt. Xerxes, welcher dieses sah und betrachtete, geriet darüber in Sorgen und fragte daher seine Weisen, was diese Erscheinung bedeutete. Sie gaben zur Antwort, Gott zeige damit den Griechen den Untergang ihrer Städte an; denn die Sonne sei der Beschützer der Griechen, der Mond hingegen ihr Beschützer. Über diese Auslegung hatte Xerxes eine große Freude und ließ den Marsch fortsetzen. Wie des Xerxes Macht bei Thermopylä sich brach Als die Griechen bei Thermopylä hörten, daß der Perser nahe bei dem Eingange sei, gerieten sie in eine Furcht und beratschlagten sich wegen des Rückzuges. Die anderen Peloponneser hielten es für ratsam, in den Peloponnes zurückzugehen und den Isthmus zu bewahren. Weil aber die Phokeer und Lokrer dieser Meinung sehr zuwider waren, so ging des Leonides Gutachten dahin, standzuhalten und Boten in die Städte zu schicken und Hilfe von denselben zu verlangen, weil ihrer zu wenig wären, die persische Armee zurückzutreiben. Unterdessen sie diese Beratschlagung hielten, schickte Xerxes einen Kundschafter zu Pferde aus, zu sehen, wieviel ihrer wären und was sie machten. Denn er hatte in Thessalien gehört, daß daselbst ein kleines Heer versammelt sei und daß die Anführer Lakedämonier und unter denselben Leonides, einer von den Nachkommen des Herkules, sei. Dieser Reiter ritt nach dem Lager zu und besah zwar dasselbe, konnte aber doch nicht alles Volk sehen; denn es war nicht möglich, die zu sehen, welche innerhalb der Mauer standen, die sie aufgeführt hatten und bewachten. Er beobachtete nur diejenigen, welche außerhalb der Mauer waren und daselbst ihre Waffen niedergelegt hatten. Es mußten aber eben zu dieser Zeit die Lakedämonier auswendig die Wache halten. Er sah, daß sich einige von ihnen im Kämpfen übten, andere ihre Haare kämmten. Er geriet bei diesem Anblick in Verwunderung und beobachtete ihre Anzahl, worauf er ohne Hinderung zurückritt; denn es verfolgte ihn niemand, und man bekümmerte sich gar nicht um ihn. Er kam zurück und erzählte dem Xerxes alles, was er gesehen hatte. Der König konnte das gar nicht aus dieser Erzählung erraten, daß sie sich fertig machten, entweder zu sterben oder alles zu tun, andere niederzumachen; ihr Verhalten kam ihm lächerlich vor. Er ließ also den Demaratus, des Ariston Sohn, der im Lager war, rufen, fragte ihn nach allen Umständen und wollte wissen, was diese Aufführung der Lakedämonier zu bedeuten habe. Demaratus sagte: Ich habe dir schon vordem, als wir den Zug nach Griechenland antraten, von diesen Männern Nachricht gegeben. Allein du machtest mich zu einem Gelächter, als ich sagte, was diese Dinge für einen Ausgang haben würden. Denn es ist ein harter Kampf für mich, wenn ich die Wahrheit gegen dich, o König, behaupten soll. Doch höre mich auch diesmal. Diese Männer sind gekommen, sich wegen des Einganges uns mit Gewalt entgegenzusetzen und dazu machen sie sich fertig. Denn sie haben die Gewohnheit, wenn sie ihr Leben in Gefahr setzen wollen, erst ihren Kopf zu putzen. Das kannst du gewiß glauben. Wenn du diese und die, welche zu Sparta zurück sind, überwunden hast, so wird kein Volk auf der Welt sein, das sich unterstehen möchte, die Hand gegen dich, o König, aufzuheben. Denn jetzt ziehst du gegen das schönste Reich und gegen die schönste Stadt in Griechenland und gegen die tapfersten Männer. Dieser Vortrag war dem Xerxes ganz unglaublich, daher er zum anderen Male fragte, wie doch so wenig Leute, wenn sie auch so beschaffen wären, vermögend wären, gegen ihn zu fechten. Demaratus sagte darauf: Gehe mit mir als mit einem Lügner um, wenn die Sache nicht so gehen wird, wie ich sage. Allein er konnte den Xerxes nicht überzeugen. Der König ließ vier Tage vorbeigehen und hoffte immer, sie würden sich auf die Flucht begeben. Weil sie aber nicht weggingen und er glaubte, sie blieben aus Unverschämtheit und Unbesonnenheit, so schickte er am fünften Tage aus Verdruß und Zorn die Meder und Kissier wider sie aus mit dem Befehl, sie lebendig zu fangen und vor ihn zu bringen. Die Meder gingen auf die Griechen mit Ungestüm los; viele aber blieben auf dem Platze; es rückten andere an, konnten aber die Feinde nicht zum Weichen bringen, ob sie gleich hart auf sie ansetzten. Sie entdeckten einem jeden und besonders dem Könige, daß sie zwar viel Leute, aber wenig Männer hätten. Dieses Gefecht geschah am Tage. Weil die Meder übel zugerichtet waren, wichen sie zurück; und die Perser, welche der König die Unsterblichen nannte und die unter der Anführung des Hydarnes standen, kamen dagegen auf den Platz, als Leute, welche gar leicht mit den Feinden fertig würden. Sie ließen sich mit den Griechen in das Gefecht ein, konnten aber nicht weiter als das medische Volk fortrücken, weil sie in einem engen Raume fochten, kürzere Spieße als die Griechen hatten und die Menge nicht gebrauchen konnten. Die Lakedämonier fochten auf die rühmlichste Weise und zeigten denen, die es nicht wußten, wie wohl sie zu fechten wüßten, sowohl im Angriffe in der Gegenwehr selbst als auch, wenn sie dem Feinde den Rücken kehrten und sich auf der Flucht dicht zusammenhielten. Wenn sie die Feinde fliehen sahen, setzten sie denselben (den Spartanern) mit Geschrei und Lärmen nach; wurden aber die Spartaner eingeholt, so wandten sie sich um und boten den Feinden die Spitze und machten den Persern unsägliches Volk nieder. Von den Spartanern aber blieben damals wenige. Weil also die Perser den Eingang nicht gewinnen konnten, ob sie gleich alles versuchten und bald scharenweise, bald auf eine andere Art den Angriff machten, so zogen sie sich zurück. Bei diesen Scharmützeln soll der König, welcher zusah, dreimal von seinem Thron gesprungen sein, weil er wegen der Armee in Furcht gewesen. Das war der erste Gang; den anderen Tag fochten die Feinde nicht glücklicher. Weil der Griechen wenige waren, hofften sie, dieselben würden so verwundet sein, daß sie nicht vermögend wären, die Hände gegen sie aufzuheben, und griffen sie also wieder an. Allein die Griechen waren ordentlich und nach ihren Völkern in Schlachtordnung gestellt und nahmen alle an dem Gefechte Anteil, ausgenommen die Phokeer, welche auf den Berg postiert waren, den Fußweg zu bedecken. Weil nun die Perser alles ebenso als an dem vorigen Tage fanden, wichen sie wieder zurück. Da Xerxes gar nicht wußte, wie er sich in diesen Umständen raten und helfen sollte, kam Epialtes aus der Landschaft Melis, des Eurydemus Sohn, mit ihm zu sprechen, in der Hoffnung, eine große Belohnung von dem Könige davonzutragen. Er entdeckte den Fußsteig, welcher über den Berg nach Thermopylä ging und verursachte dadurch die Niederlage der Griechen, welche daselbst standen. Nachher fürchtete er sich vor den Lakedämoniern und floh nach Thessalien; auf den Kopf des Flüchtigen setzten die Amphiktyonen, welche auch Pylagorä heißen (eine Versammlung aus den Abgeordneten von zwölf griechischen Völkern) eine Summe Geld und ließen es öffentlich ausrufen. Eine Zeitlang darauf, als er nach Antikyra gekommen, wurde er von dem Anthenades, einem Trachinier, umgebracht. Der Vorschlag, welchen Epialtes auszuführen versprach, gefiel dem Xerxes; er war darüber sehr erfreut und schickte unverzüglich den Hydarnes mit seinem Heere zu dieser Unternehmung ab, welcher denn mit dem Anfange der Nacht aus dem Lager auszog. Diesen Fußsteig hatten die Einwohner in Melis gefunden und durch denselben die Thessalier wider die Phokeer angeführt, als diese den engen Paß in ihr Land durch eine Mauer verwahrt hatten und dadurch wegen des Krieges gesichert waren. Allein diese Verschanzung half ihnen nach der Zeit nicht mehr, da die Melier den Weg entdeckt hatten. Die Perser gingen über den Fluß Asopus und zogen auf diesem Wege die ganze Nacht fort; zur Rechten hatten sie die öteischen und zur Linken die trachinischen Berge. Bei Anbruch des Tages waren sie auf der Spitze des Berges. An diesem Berge standen, wie ich schon angezeigt habe, tausend bewaffnete Phokeer, sowohl ihr Land zu bedecken, als auch den Fußsteig zu bewahren. Denn der Eingang unten an dem Berge wurde von denen, welche ich schon angezeigt habe, besetzt gehalten. Die Verwahrung des Fußsteiges aber hatten die Phokeer freiwillig für den Leonides übernommen. Sie merkten die Perser erst, da sie schon den Berg erstiegen hatten, und hatten nicht wahrgenommen, daß sie hinaufstiegen, weil der Berg dick mit Eichen besetzt war. Indem es aber Windstille war und wegen der Blätter unter den Füßen ein großes Geräusch entstand, sprangen die Phokeer auf und legten ihre Waffen an; und sogleich waren auch die Feinde da. Als diese sahen, daß sie die Waffen anlegten, gerieten sie in Verwunderung. Denn während sie hofften, daß sich keiner würde sehen lassen, ihnen Widerstand zu tun, gerieten sie an Kriegsvölker. Hydarnes befürchtete, die Phokeer wären Lakedämonier, und fragte den Epialtes, was das für ein Volk wäre. Sobald er gewisse Nachricht hatte, stellte er die Perser in Schlachtordnung. Die Phokeer, welche mit vielen und häufigen Pfeilen beschossen wurden, flohen auf eine andere Höhe des Berges, in der sicheren Meinung, daß die Feinde auf sie losgehen würden; daher sie sich zu ihrem Untergange bereitmachten. Das waren ihre Gedanken. Allein die Perser bei dem Epialtes und Hydarnes bekümmerten sich nicht um sie, und jene stiegen geschwind den Berg hinunter. Denen von den Griechen, welche bei Thermopylä waren, verkündigte erst bei Anbruch des Tages der Wahrsager Megistias, welcher die Opfer betrachtet hatte, den bevorstehenden Tod, nachdem ihnen denselben die Überläufer, welche von dem Anzuge der Perser durch den Umweg Nachricht brachten, schon in der Nacht angedeutet hatten. Drittens kamen die Wachen, welche des Tages ausgestellt werden, als es schon völlig Tag geworden war, von den Höhen heruntergelaufen. Nun hielten die Griechen Rat, ihre Meinungen aber waren geteilt. Denn einige wollten, daß man standhalten sollte; andere waren ihnen entgegen. Sie trennten sich darauf, indem einige abzogen, sich zerstreuten und nach ihren Städten wandten, andere aber sich gefaßt machten, bei dem Leonides zu bleiben. Man sagt, Leonides habe sie selbst fortziehen lassen, weil er wegen ihres Unterganges in Sorge gestanden, ihm aber und seinen Spartanern habe es nicht angestanden, den Stand zu verlassen, welchen sie zu behaupten gekommen waren. Ich trete auch der Meinung am meisten bei, daß Leonides, als er gesehen, daß die Bundesgenossen nicht geneigt und willig wären, sich mit in die Gefahr zu begeben, ihnen befohlen habe, sich wegzubegeben, welches er aber für sich für unanständig gehalten. Die Bundesgenossen zogen also nach dem Gutbefinden des Leonides fort. Die Thespier und Lakedämonier blieben allein bei den Spartanern, die Thebaner zwar wider ihren Willen; denn Leonides behielt sie als Geiseln zurück. Die Thespier aber blieben sehr willig und sagten, sie wollten den Leonides und sein Volk nicht verlassen; sie blieben auch und starben mit ihnen. Ihr Oberster war Demophilus, des Diadromes Sohn. Bei dem Aufgange der Sonne opferte Xerxes und verzog darauf bis zu der Zeit, da der Markt von Leuten am meisten angefüllt ist; alsdann rückte er an. Denn so hatte es Epialtes verabredet. Von dem Berge herunter war der Weg viel kürzer als der Weg um den Berg und den Berg hinauf. Die Völker, welche bei dem Xerxes waren, rückten also an, und Leonides mit seinen Leuten, welche nun gewisser als anfangs in den Tod gingen, kamen an die weiteste Öffnung des engen Passes hervor. Die Mauer konnten sie zwar bedecken und schützen, allein, da sie die vorigen Tage nur etwas hervorgerückt waren und, wo es enger war, gefochten hatten, so griffen sie nun, wo es weiter war, einander an, und der Perser blieben wegen ihrer Menge sehr viel. Denn die Führer waren hinter ihren Leuten mit Peitschen und trieben sie mit Schlagen vorwärts. Viele von ihnen fielen in das Meer und ersoffen; viel mehr aber wurden lebendig voneinander zertreten; man achtete auf keinen, der sein Leben einbüßte. Die Lakedämonier wußten, daß sie den Tod von denen zu erwarten hätten, welche um den Berg herumgekommen waren; daher zeigten sie den Feinden die Größe ihrer Tapferkeit und gingen mit großer Verachtung auf sie los. Den meisten waren die Spieße schon zerbrochen, und sie machten die Perser mit dem Degen nieder. In diesem schweren Gefechte blieb Leonides, der tapferste Mann, und mit ihm andere berühmte Lakedämonier, deren Namen verdienen, daß ich sie mir habe sagen lassen, wie ich denn auch die Namen aller Lakedämonier gehört habe. Von den Persern blieben auch viel angesehene Männer und unter denselben auch zwei Söhne des Darius, Abrokomes und Hyperanthes, welche des Atarnes Schwester, Phratagune, zur Mutter hatten. Atarnes war ein Bruder des Königs Darius, ein Sohn des Hystaspes, ein Enkel des Arsames; als dieser dem Darius seine Tochter gab, übergab er ihm zugleich sein ganzes Haus, indem diese Tochter sein einziges Kind war. Es blieben auch zwei Söhne des Xerxes, als sie mit um den toten Leonides fochten. Xerxes ging durch die Toten herum; und weil er von dem Leonides gehört, daß er der König und Feldherr der Lakedämonier sei, so befahl er, ihm den Kopf ab und an einen Pfahl zu schlagen. Hieraus sehe ich vornehmlich, wie es denn auch aus anderen Kennzeichen erhellt, daß der König Xerxes gegen keinen Menschen mehr als gegen den Leonides in seinem Leben erbittert gewesen. Denn sonst hätte er gegen den Toten nicht so unbillig gehandelt; weil sonst die Perser tapfere Männer, wie ich weiß, mehr, als andere Völker es tun, in Ehren zu halten pflegen. Inzwischen ist der Befehl des Königs vollzogen worden. Des Xerxes Flucht Xerxes ging eilig nach dem Hellesponte zu. Er kommt innerhalb fünfundvierzig Tagen bei dem Orte der Überfahrt an und bringt sozusagen einen Teil der Armee mit. Wo seine Völker hinkamen, und bei welchen Leuten es auch sein mochte, bei denen raubten und verzehrten sie alle Früchte. Fanden sie aber keine Früchte, so aßen sie das Kraut, welches kaum aus der Erde hervorwuchs, schälten die Schale sowohl von wilden als zahmen Bäumen, streiften das Laub von denselben ab und aßen dasselbe, ohne etwas übrig zu lassen. Dazu brachte sie der Hunger. Überdies griff die Pest und Ruhr das Volk an und rieb es unterwegs auf. Die Kranken ließ er zurück und befahl den Städten, wo er durchzog, für sie zu sorgen und sie zu unterhalten, einige in Thessalien, zu Siris in Päonien und in Mazedonien. Den heiligen Wagen des Jupiter fand er daselbst, wo er ihn auf seinem Zuge nach Griechenland gelassen hatte, nicht wieder. Die Päonier, welche ihn den Thrakern gegeben hatten, sagten, als ihn Xerxes wiederforderte, die Pferde, welche auf die Weide gegangen, wären von den Thrakern, die um die Quellen des Strymons wohnten, geraubt worden. Daselbst hat auch der König der Visalter und des krestonischen Landes, ein Thraker, etwas Außerordentliches getan. Er wollte selbst dem Xerxes nicht dienen, sondern zog auf das Gebirge Rhodope und verbot auch seinen Söhnen wider Griechenland Kriegsdienste zu tun. Allein diese achteten entweder das Verbot nicht oder hatten sonst Lust, den Krieg zu sehen, und gingen also in die Dienste des Xerxes. Als sie aber alle sechs an der Zahl unverletzt wieder zurückkamen, stach ihnen der Vater um dieser Ursache willen die Augen aus. Das war der Lohn, den sie empfingen. Die Perser, welche aus Thrakien an dem Hellespont ankamen, gingen mit großer Eilfertigkeit mit Schiffen über denselben nach Abydus. Denn sie fanden die Schiffsbrücke nicht imstande, sondern vom Sturm zerrissen. Sie hielten daselbst Rast und bekamen mehr Lebensmittel, als sie unterwegs gefunden hatten; weil sie kein Maß hielten und anderes Wasser gebrauchten, starben viele von dem noch übrigen Kriegsvolke. Die übrigen kamen mit dem Xerxes nach Persien. Man hat aber auch noch eine andere Erzählung, nach welcher Xerxes, als er von Athen weggezogen und an das Ufer des Strymons gekommen, nicht weiter zu Lande gereist, sondern das Kriegsvolk dem Hydarnes übergeben hat, dasselbe an den Hellespont zu führen, worauf er selbst auf ein phönizisches Schiff gegangen und mit demselben nach Asien zurückgekehrt sein soll. Auf dieser Fahrt soll ihn ein heftiger und stürmischer Wind überfallen haben, bei welchem er in desto größerer Gefahr gewesen sei, weil das Schiff überladen gewesen, so daß viele Perser, die mit dem Xerxes zurückgingen, auf dem Verdeck standen; daher sei der König in Furcht geraten und habe den Steuermann gefragt, ob noch Hoffnung übrig sei, welcher denn geantwortet habe, nicht anders, als wenn das Schiff von den vielen Leuten in etwas erleichtert würde. Hierauf soll Xerxes gesagt haben: Ihr Perser, nun zeige jemand unter euch, daß er für den König besorgt sei, denn auf euch scheint meine Erhaltung anzukommen. Kaum habe er dieses gesprochen, als sie schon ehrerbietig vor ihm niedergefallen und darauf ins Meer gesprungen seien; dadurch sei das Schiff erleichtert und er also glücklich nach Asien übergekommen; sobald er aber ausgestiegen, habe er den Steuermann, weil er das Leben des Königs erhalten, mit einer goldenen Krone beschenkt; aber weil er vielen Persern den Untergang verursacht, ihm den Kopf abgehauen. Xerxes will die Gemahlin seines Bruders Masistes heiraten Von der Zeit an, da er nach dem unglücklichen Seetreffen bei Salamis aus dem attischen Gebiete geflohen war, hielt Xerxes sich in Sardes auf. Bei diesem seinem Aufenthalte zu Sardes verliebte er sich in die Gemahlin des Masistes, die sich ebendaselbst befand. Obgleich er aber vergeblich an sie schickte, brauchte er doch keine Gewalt, weil er sich vor seinem Bruder scheute; und ebendies hielt auch dessen Gemahlin zurück, indem sie wohl wußte, daß ihr keine Gewalt widerfahren würde. Weil er nun kein anderes Mittel wußte, so gab er die Tochter dieser Frau und des Masistes seinem eigenen Sohne, dem Darius, zur Gemahlin in der Hoffnung, sie auf diese Weise desto eher zu seinem Willen zu bringen. Nachdem die Vermählung geschehen und alles, was dabei gebräuchlich, vollzogen worden, ging er nach Susa. Als er daselbst angelangt und dem Darius seine Gemahlin zugeführt hatte, ließ er die Liebe gegen die Gemahlin des Masistes fahren und vertauschte sie mit der Liebe gegen die Gemahlin des Darius, die Tochter des Masistes, welche Artaynte hieß. Mit der Zeit wurde dieses auf folgende Weise offenbar. Des Xerxes Gemahlin, Amestris, hatte einen großen, bunten und sehenswürdigen Talar gewebt und ihn damit beschenkt. Er gefiel ihm wohl; er zog ihn an und kam in demselben zu der Artaynte. Als er sich mit derselben belustigt hatte, befahl er ihr, für die Gefälligkeit, die sie ihm erwiesen, zu bitten, was sie nur verlangte; denn sie sollte alles erlangen, was sie bäte. Sie soll darauf nicht anders, als wenn sie das ganze Haus unglücklich machen sollte, zu dem Xerxes gesagt haben: Willst du mir geben, was ich dich bitten werde? Er glaubte, sie würde etwas ganz anderes bitten, und sagte daher: ja, und schwur dazu. Als er nun geschworen, bat sie sich ohne Bedenken den Talar aus. Xerxes wollte ihr denselben nicht geben, und zwar aus keiner anderen Ursache, als weil er sich vor der Amestris scheute und besorgte, sie möchte das völlig entdecken, was sie schon vorher gemutmaßt hatte. Er wollte daher der Artaynte Städte und unsäglich viel Gold, ja auch eine Armee geben, welcher niemand anders als sie die Befehle erteilen sollte. Eine Armee ist aber bei den Persern ein großes Geschenk. Allein, weil sie sich nicht wollte bereden lassen, gab er ihr das Kleid; über dieses Geschenk war sie überaus vergnügt; sie trug dasselbe und machte sich groß damit. Amestris erfährt, daß sie dasselbe hat und bekommt auch von dem, was vorgegangen war, Nachricht, wirft aber doch auf diese Frau keinen Unwillen. Sie glaubt aber, ihre Mutter habe Schuld daran und alles angestiftet; daher sie auch dieselbe zu verderben sucht. Sie nahm die Zeit wahr, da Xerxes, ihr Gemahl, ein königliches Gastmahl gab. Dieses Gastmahl wird alle Jahre einmal gegeben, und zwar an dem Tage des Antritts der Regierung. Diese Mahlzeit wird persisch Tykta und im Griechischen Teleion (die vollkommene Mahlzeit) genannt. Alsdann allein läßt sich der König den Kopf mit Seife abwaschen und beschenkt die Perser. Diesen Tag nimmt Amestris wahr und bittet den Xerxes, ihr die Gemahlin des Masistes zu übergeben. Dieses kam ihm sehr hart und ungerecht vor, teils weil er seines Bruders Frau übergeben sollte, teils weil sie an dieser Sache keine Schuld hatte. Denn er hörte, aus welchem Grunde er darum gebeten wurde. Doch endlich, weil sie beständig anhielt und er durch das Gesetz gezwungen wurde (denn bei dem königlichen Gastmahle ist es nicht erlaubt, eine Bitte abzuschlagen), willigte er, wiewohl sehr ungern, in ihr Verlangen und übergab sie ihr zwar, doch auf folgende Weise. Er befahl seiner Gemahlin zu tun, was ihr beliebte, ließ aber seinen Bruder kommen und sagte zu ihm: Masistes, du bist ein Sohn des Darius und mein Bruder; überdies bist du auch ein rechtschaffener Mann. Die Gemahlin, welche du jetzt hast, sollst du nicht ferner behalten. Ich gebe dir dafür meine Tochter zur Ehe. Die du aber jetzt hast, sollst du, weil mir diese Verbindung nicht gefällig ist, von dir lassen. Masistes verwunderte sich über diesen Vortrag und sagte: Herr, was ist das für ein seltsamer Vortrag, daß du mir befiehlst, meine Gemahlin zu verstoßen, von welcher ich drei erwachsene Söhne und auch Töchter habe, von denen du eine mit deinem Sohne vermählt hast, daß ich eine Person, mit welcher ich vollkommen zufrieden bin, verstoßen und deine Tochter heiraten soll? Ich schätze es zwar für eine große Ehre, deiner Tochter würdig geachtet zu werden, allein ich werde doch keins von beiden tun. Zwinge mich ja nicht zu dem, was du von mir begehrst. Für deine Tochter wird sich ein Gemahl finden, der nicht geringer ist als ich; laß mich also meine Gemahlin behalten. Auf diese Antwort sagte Xerxes ganz entrüstet: Die Sache geht nun anders, Masistes! Ich werde dir meine Tochter nicht zur Gemahlin geben, und du wirst die andere nicht länger behalten, damit du lernst, das, was dir angeboten wird, anzunehmen. Als Masistes dieses gehört, ging er fort, nachdem er nur diese Worte gesprochen hatte: Herr, du hast mir das Leben noch nicht genommen. Während Xerxes mit seinem Bruder diese Unterredung hielt, ließ Amestris die Trabanten des Königs kommen und richtete die Gemahlin des Masistes grausam zu; sie schnitt ihr die Brüste ab und warf sie den Hunden vor; nachdem sie ihr ferner die Nase, die Ohren, die Lippen und Zunge abgeschnitten, schickte sie dieselbe so jämmerlich zugerichtet nach Hause. Masistes hatte zwar hiervon noch nichts gehört; es ahnte ihm aber doch etwas Böses, und er lief daher geschwind nach Hause. Als er nun sah, wie schändlich seine Gemahlin verstümmelt war, ging er gleich mit seinen Söhnen zu Rate und machte sich mit denselben und einigen anderen Personen auf, nach Baktra zu gehen, um in diesem Lande einen Aufstand zu erregen und dem Könige auf alle mögliche Weise zu schaden; dieses wäre auch, wie ich glaube, geschehen, wenn er hätte zu rechter Zeit bei den Baktriern und Sakern anlangen können; denn sie liebten ihn, und er war Statthalter in Baktriana. Weil aber Xerxes erfuhr, was er unternehmen wollte, schickte er ihm Volk nach und ließ ihn auf dem Wege samt seinen Söhnen und seinem Volke niedermachen. So ging es mit der Liebe des Xerxes und dem Tode des Masistes.