Lukian Hetärengespräche Übersetzt von Christoph Martin Wieland Einleitung Hetärengespräche. Da ich in Adelungs Wörterbuch kein Wort finde, das mit dem griechischen Hetäre völlig gleichbedeutend wäre, und da das zur Not brauchbare Kurtisane ebensowenig deutsch ist als jenes, so halte ich, alles wohl erwogen, für das schicklichste, das Wort Hetäre als ein griechisches Kunstwort zu behandeln, welches wir, um den Begriff, den die Griechen damit verbanden, von verfälschenden Nebenbegriffen rein zu erhalten, ebensowenig zu verdeutschen suchen müssen als die Wörter Archon, Nomophylax, Mystagog, Philosoph, Theurg und hundert andere dieser Art, deren Subjekte wir entweder gar nicht haben oder die doch bei uns ganz was anders als bei ihnen sind. Hetäros hieß bei den Griechen, was bei uns ein guter Freund oder Kamerad heißt, und Hetära ist das Femininum davon. Dieses jovialische Volk, das in allem die Euphemie liebte, fand keine anständigere Benennung als diese für die Mädchen, die vom Ertrag ihrer Reizungen lebten, die Kunst zu gefallen und Vergnügen zu machen entweder als eine mechanische Hantierung oder als eigentliche Künstlerinnen trieben und überhaupt dazu bestimmt waren, die Mannspersonen (denen nach griechischer Sitte beinahe aller gesellschaftliche Umgang mit dem ehrbaren Teile des schönen Geschlechts versagt war) für diese Entbehrung einer der größten Annehmlichkeiten des Lebens, die einem geselligen und polierten Volke in die Länge unerträglich fallen mußte, einigermaßen zu entschädigen. Diese Hetären (die man mit den niedrigeren Priesterinnen oder vielmehr Schlachtopfern der Venus Vulgivaga nicht vermengen muß) machten bei den Griechen, ungefähr wie ihre Professionsverwandtinnen zu Venedig, Paris und London, eine eigene Klasse aus: nur wurden sie von den Gesetzen nicht bloß geduldet, sondern hatten sich sogar des besonderen Schutzes der Göttin der Liebe zu erfreuen, die ihnen die nicht geringe Ehre erwies, zu Athen und zu Ephesus den Beinamen Hetäre zu führen. (S. Muson, Philos. de Luxu Graecor. c. 12 in Gronov. Thes. Vol. VIII.) Venus Hetäre warf natürlicherweise einen gewissen Glanz auf den ganzen Stand und Orden dieser guten Freundinnen des Publikums, in welchem überdies nicht wenige teils, wie Lais und Phryne, durch eine außerordentliche Schönheit, teils, wie Sappho und Leontium, durch Talente und Schönheit des Geistes sich auszeichneten, ja einige, wie Thargelia und Aspasia, durch die seltensten Vorzüge aller Arten sich sogar bis zum höchsten Rang emporgeschwungen hatten. Wenn unser Autor bei seinen hetärischen Dialogen auch keine andere Absicht gehabt hätte, als einen neuen und noch von keinem Schriftsteller seiner Art betretenen Weg, seine Leser angenehm zu unterhalten, einzuschlagen, so sehe ich nicht, was gegen diesen Einfall einzuwenden wäre und warum er in der neuen Art von satirischen Dialogen, wovon er als der Erfinder angesehen werden kann, nicht ebensogut Hetären als Götter und Göttinnen, lächerliche Philosophen und Personen aus dem Reiche der Toten hätte auftreten lassen dürfen, vorausgesetzt, daß er in diesen kleinen dramatischen Szenen die Gesetze der Ehrbarkeit und Anständigkeit so genau beobachtete, wie er wirklich getan hat. Aber ohne Zweifel hatte er auch bei seinen Hetärengesprächen (wie bei fast allen seinen Schriften) die Absicht, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden; mir wenigstens scheint es eines Philosophen für die Welt, wie er war, auf keine Weise unwürdig zu sein, im Gegenteil vielmehr zur Vollständigkeit seines schriftstellerischen Plans (über welchen ich mich schon anderswo erklärt habe) zu gehören, daß man auch diese reizenden Sirenen, die in großen Städten einen wahrlich nicht unbedeutenden Einfluß auf Familienverhältnisse, häusliches Glück und auf die Sitten überhaupt haben, in seinen Schriften mit wahren Zügen und Farben abgeschildert und von mancherlei Seiten, in allerlei Situationen, mit und ohne Maske, ohne Verschönerung, aber auch ohne Verunstaltung, kurz, mit philosophischer Unparteilichkeit und Treue dargestellt finde. Man kann unbesorgt deswegen sein, daß alles, was uns Welt und Menschen besser kennenlernt, immer seinen Nutzen hat. Ich begreife daher nicht, was für ein übellauniger Dämon den Dr. Franklin auf den unglücklichen Einfall bringen konnte, diese eleganten Dialoge unserm Autor geradezu abzusprechen und für unterschobene, seines Geistes unwürdige Bastarde zu erklären; ein Urteil, das jeden Leser von Geschmack um so mehr befremden muß, da er sie alle ohne Ausnahme mit dem Stempel der unserm Autor eigenen Laune, Manier und Schreibart unverkennbar bezeichnet finden wird. Übrigens ist unter den fünfzehn hetärischen Gesprächen nur ein einziges, das keine Übersetzung in irgendeine lebende Sprache gestattet, jedoch ohne daß deswegen ein billiger Tadel auf Lukian fallen könnte; denn der Grund davon liegt nicht in der Art, wie er das Sujet dieses Dialogs behandelt hat – diese ist wirklich für einen solchen Gegenstand züchtig genug –, sondern in dem Sujet selbst. Lukian hatte vermutlich gute Ursachen, eine unter den vornehmen Damen seiner Zeit ziemlich im Schwange gehende Ausschweifung, zu ihrer Beschämung und zur Warnung junger Personen, durch dieses vertrauliche Gespräch einer sittsamen jungen Hetäre mit einer älteren Freundin öffentlich zur Schau auszustellen, aber bei uns finden weder diese Bewegursachen statt, noch vertragen unsere Sitten, was die Sitten seiner Zeitgenossen vertragen konnten. C. M. Wieland Clycera und Thais Clycera: Liebe Thais, erinnerst du dich des arkarnanischen Hauptmanns noch, der die Abrotonon unterhielt und sich hernach in mich verliebte, des schönen Offiziers, der immer in der scharlachnen Uniform ging? Oder hast du ihn schon vergessen? Thais: Ich erinnere mich seiner sehr wohl, Clycerion; er hat ja erst in verwichnem Jahre am Ceresfeste mit uns geschmaust. Aber warum fragst du mich? Solltest du seinethalben was auf dem Herzen haben? Clycera: Kannst du dir's vorstellen, Thais? Die schändliche Kreatur, die Gorgona, die sich stellte, als ob sie meine Freundin wäre, hat nicht nachgelassen, bis sie mir ihn heimlich weggeschnappt hat. Thais: Er hat dich also aufgegeben und Gorgonen zu seiner Gesellschafterin gewählt. Clycera: Leider, liebe Thais! Es hat mir nicht wenig weh getan, das kannst du mir glauben. Thais: Es ist verdrießlich, aber nichts Befremdliches. So was begegnet ja unsersgleichen alle Tage, und du solltest dich weder so sehr darüber grämen noch auf Gorgonen so ungehalten sein. War doch Abrotonon mit dir im nämlichen Falle: sie war doch deine Freundin, und du nahmst ihr nichtsdestoweniger ihren Liebhaber weg, ohne daß sie dir gram wurde. Aber das wundert mich, was dem Hauptmann denn so sehr an ihr gefallen haben kann? Er muß, seitdem ich ihn gesehen habe, stockblind geworden sein, oder er hätte doch sehen sollen, daß sie beinahe kahl ist und daß die paar Haare, die sie noch hat, eine halbe Elle weit von der Stirne abstehen; daß sie ganz bleifarbige, leichenblasse Lippen und eine lange Nase hat und daß man alle Adern an ihrem dürren Halse zählen kann. Das einzige muß man ihr lassen, sie ist wohl gewachsen, trägt sich schön gerade und hat in der Tat etwas Zauberisches in ihrem Lächeln. Clycera: Du bildest dir also ein, Thais, der Hauptmann sei in ihre Schönheit verliebt? Kennst du denn ihre Mutter Chrysarion nicht? Weißt du nicht, daß sie eine Hexe ist? Daß sie Thessalische Zaubersprüche gelernt hat und den Mond herabbeten kann? Man sagt sogar, sie fliege bei Nacht. Die Alte hat's dem Menschen angetan, sie hat's ihm zu trinken gegeben, das kannst du mir glauben; und nun beeren sie ihn bis auf den Kamm ab! Thais: Dafür wirst du einen anderen abbeeren, Clycerion; diesen laß seiner Wege gehen! Myrto, Pamphilus und Doris Myrto: Du heiratest also des Schiffers Philo Tochter, Pamphilus, oder hast sie vielmehr schon geheiratet, wie ich höre? Alle die Schwüre, die du mir geschworen, und die Tränen, die du dabei geweint hast, sind also in einem Augenblick verflogen? Dein armes Myrtchen ist vergessen, und dies, da ich schon im achten Monat schwanger von dir gehe? Das ist also alles, was ich von deiner Liebe habe, daß ich einen großen Bauch vor mir hertragen muß und nächstens ein Kind zu stillen habe, was einer Person meines Standes so äußerst lästig ist! Denn daß ich das arme Würmchen aussetzen sollte, dazu kann ich mich nicht entschließen Wiewohl es bei den Griechen nicht weniger als bei den Chinesen erlaubt war. , am wenigsten, wenn es ein Junge ist; ich will ihn Pamphilus nennen, und er soll der einzige Trost meiner unglücklichen Liebe sein. Er wird dereinst zu dir gehen und dir Vorwürfe machen, daß du so treulos an seiner armen Mutter gehandelt hast! – Übrigens beneide ich deine Jungfer Braut nicht um ihre Schönheit. Ich sah sie neulich mit ihrer Mutter an den Thesmophorin und ließ mir damals wenig davon träumen, daß ich um ihretwillen meinen Pamphilus nicht wieder sehen würde. Indessen tätest du nicht übel, wenn du ihr noch vorher genauer ins Gesicht schautest, eh' der Knoten gemacht ist, wär' es auch nur, um zu sehen, was sie für Augen hat, damit es dich nicht hintendrein verdrieße, daß sie von der schönsten Wasserfarbe sind und gegeneinander schauen. Doch du hast ja den Philo, den Vater deiner Braut, gesehen; da du seine Larve kennst, so wär' es überflüssig, die Tochter erst in Augenschein zu nehmen. Pamphilus: Wie lange, liebstes Myrtchen, muß ich dich so irre reden und was weiß ich von welchen Schifferstöchtern und eingebildeten Hochzeiten faseln hören? Weiß ich etwa, ob die Braut, mit der du mich beschenkst, schielt oder schön ist? Oder ob Philo von Alopözien (denn der wird wohl gemeint sein?) eine Tochter zu verheiraten hat oder nicht? Er steht nicht einmal gut mit meinem Vater, und es ist noch nicht lange, daß er vor Gericht mit ihm gelegen ist. Er war, wo mir recht ist, meinem Vater tausend Taler schuldig und wollte nicht bezahlen; mein Vater machte die Sache anhängig und hatte viele Mühe, bis er das Geld endlich von ihm herauspreßte; wiewohl nicht alles, wie mein Vater sagt. Wenn ich also je heiraten wollte, so würde ich wohl an meiner Base, der Tochter des Demnas, der in verwichnem Jahre Feldherr war, vorbeigehen und des Schiffers Philo Tochter nehmen? Ich möchte doch wissen, wer dir so einfältiges Zeug in den Kopf gesetzt hat? Oder hast du dir diese Hirngespenster selbst erdacht, damit deine Eifersucht etwas habe, womit sie sich zum Zeitvertreib herumbeißen könne? Myrto: Du heiratest also nicht, Pamphilus! Pamphilus: Bist du toll, Myrtchen? Oder hast du zu tief ins Glas geguckt? Gestern ging's doch ziemlich nüchtern her? Myrto: Mein Mädchen Doris, hier, hat mir dieses Herzleid zubereitet. Ich hatte sie ausgeschickt, um mir einige Bedürfnisse auf meine Niederkunft einzukaufen und der Lucina ein Gelübde für mich zu tun. Da wäre ihr, sagte sie, die Lesbia Die Sklavin einer anderen Hetäre von Myrtos Bekanntschaft. Die Sklaven und Sklavinnen hatten öfters keinen anderen Namen als von dem Orte, woher sie gebürtig waren, als z. B. Lesbia von der Insel Lesbos. Doris von der Landschaft dieses Namens, Lydia von Lydien usw. begegnet und hätte ihr – doch du kannst es ihm selbst erzählen, Doris, was sie dir sagte, wenn du es anders nicht selbst erdichtet hast. Doris: Ich will des Todes sein, Frau, wenn ich das geringste dazugelogen habe. Wie ich nicht mehr weit vom Rathaus bin, treffe ich auf Lesbien, die mir mit einem höhnischen Lächeln sagt: euer Liebhaber Pamphilus heiratet Philons Tochter. Weil ich es nun nicht glauben wollte, hieß sie mich nur in eure Gasse hineinschauen; ich würde, sagte sie, alles mit Blumenkränzen behangen sehen und Pfeiferinnen und ein Gedränge von Menschen und einen Chor, der den Brautgesang singe. Pamphilus: Und da hast du hineingeguckt, Doris? Doris: Das hab' ich, und hab' alles gesehen, wie sie mir's sagte. Pamphilus: Nun merke ich, was euch irre gemacht hat. Die Lesbierin hat dir nicht ganz die Unwahrheit gesagt, du hast deiner Gebieterin die Wahrheit erzählt, und gleichwohl habt ihr euch vergeblichen Kummer gemacht; denn die Hochzeit ist nicht bei uns. Ich erinnere mich aber nun, was mir meine Mutter gestern sagte, da ich von euch nach Hause kam. Pamphilus, sagte sie, Charmides, ein Jüngling ungefähr von deinem Alter, ist im Begriff, unseres Nachbars Aristänets Tochter zu heiraten. Das nenn' ich einen wackeren und gesetzten jungen Menschen! Wie lange wird dich dein freies Leben noch abhalten, deiner Mutter auch eine solche Freude zu machen? – Ich hörte dies, ohne acht darauf zu geben, und schlief darüber ein Er schlief also in seiner Mutter Schlafgemach; ein Zeichen, daß er noch sehr jung und jene schon bei Jahren war. Dergleichen kleine Umständchen geben uns über Sitten und Gebräuche der Griechen Winke, die oft den Abgang genauerer Nachrichten von ihrem häuslichen Leben ersetzen müssen. . Morgens früh ging ich wieder aus und sah noch nichts von dem allen, was Doris hernach gesehen hat. Wenn du mir aber nicht glauben willst, so kann Doris noch einmal gehen und, anstatt in die Gasse zu gucken, die beiden Haustüren anschauen; sie wird bald sehen, daß die mit Blumenkränzen behangene des Nachbars Tür ist. Myrto: Du hast mir das Leben gerettet, Pamphilus; denn ich würde mich erhängen, wenn ich so etwas erleben müßte. Pamphilus: Noch geht alles gut; ich müßte ja nicht bei meinen Sinnen sein, um meiner guten Myrto zu vergessen, zumal da sie mich bald zum Vater machen wird Auch dieser Zug verdient wegen des Kontrastes mit unseren Sitten bemerkt zu werden. . Philinna und ihre Mutter Die Mutter: Hast du den Verstand verloren, Philinna, oder was fehlte dir, daß du dich bei dem gestrigen Schmause so albern aufführtest. Diphilus kam diesen Morgen zu mir und erzählte mir mit Tränen, wie übel du ihm begegnet seiest. Du hättest dich so betrunken, daß du, was er auch getan, um dich zurückzuhalten, aufgestanden seiest und vor der ganzen Gesellschaft herumgetanzt habest; hernach hättest du dem Lamprias einen Kuß gegeben, und da er (Diphilus) darüber böse geworden, seiest du von ihm weg und zum Lamprias gelaufen und habest ihn sogar umarmt, so daß der arme Diphilus vor Ärger beinahe den Tod davon gehabt hätte. Ja, du habest nicht einmal bei ihm schlafen wollen, sondern dich allein auf das nächste Ruhebettchen gelegt und die ganze Nacht nichts getan als Liedchen singen, bloß um ihm Verdruß anzutun. Ist das eine Aufführung? Philinna: Aber wie er sich aufgeführt hat, Mutter, das hat er dir nicht erzählt; sonst würdest du gewiß nicht die Partei des unartigen Menschen gegen mich nehmen, der mich sitzenließ und sich mit der Thais, des Lamprias Freundin, der noch nicht zugegen war, so vertraulich unterhielt, als ob sie allein in der Welt wären. Da ich ihm durch Winke zu verstehen gab, daß es mich verdroß, was hatte er zu tun? Nahm er nicht die Thais beim Ohrläppchen, drückte sie mit zurückgebogenem Nacken an sich und küßte sie so inbrünstig, daß sie die Lippen kaum wieder voneinander bringen konnten. Ich weinte vor Ärger; aber meine Tränen machten ihn nur lustig, und er hatte der Thais beständig was ins Ohr zu zischeln – vermutlich über mich –, denn Thais sah mich immer dabei an und lächelte. Wie sie endlich den Lamprias kommen hörten und sich satt geküßt hatten, war ich gleichwohl eine so gute Närrin und setzte mich bei Tische dem Diphilus zur Seite, um ihm keinen Vorwand zu geben, mich noch mehr zu mißhandeln. Während der Tafel stand Thais auf und tanzte zuerst, indem sie sich ziemlich weit über die Knöchel aufschürzte, als ob sie allein schöne Füße hätte. Wie sie endlich aufhörte, sagte Lamprias kein Wort; Diphilus hingegen konnte nicht Ausdrücke genug finden, ihre zierliche Art zu tanzen zu loben, und wie genau sie die Mensur halte, und wie harmonisch alle ihre Bewegungen zur Musik stimmten, und was sie für einen schönen Fuß habe, und tausend solche Dinge. Kurz, man hätte denken sollen, die Rede sei von der Sosandra des Kalamis Einer schönen Bildsäule. und nicht von dieser Thais, die du so gut kennen mußt als ich, da wir ja oft genug zusammen im Bade gewesen sind. Aber auch Thais selbst konnte das Sticheln nicht lassen. Nun mag mich eine andere ablösen, sagte sie, wenn sie nicht etwa Bedenken trägt, ihre dünnen Beine sehen zu lassen. Was konnt' ich da sagen, Mutter? Da war nichts zu tun, als daß ich aufstand und tanzte. Oder hätt' ich geduldig dasitzen und leiden sollen, daß Thais die Königin des Festes machte? Mutter: Du nimmst es gar zu genau, Mädchen; das klügste wäre immer gewesen, dir nichts daraus zu machen. Aber wie ging's dann weiter? Philinna: Ich tanzte mit allgemeinem Beifall: nur Diphilus allein lag, wie vor Langeweile, auf sein Polster zurückgelehnt und guckte die Decke an, bis ich endlich müde war und aufhörte. Mutter: Aber daß du den Lamprias geküßt und umarmt haben sollst, ist das wahr? – Du schweigst? – Das ist doch wenigstens nicht zu verzeihen! Philinna: Es geschah bloß, um ihm auch was zum Verdruß zu tun. Mutter: Und dann noch vollends nicht bei ihm liegen zu wollen, und, während der arme Mensch vor Reue und Liebe in Tränen zerfloß, sogar Liedchen zu singen! Weißt du denn nicht, Mädchen, daß wir arm sind; oder hast du vergessen, wieviel wir schon von ihm gezogen haben und wovon wir in verwichenem Winter hätten leben wollen, wenn uns Venus diesen Freund nicht zugeschickt hätte? Philinna: Und deswegen soll ich mir so schnöde begegnen lassen und alles von ihm leiden? Mutter: Zürne immerhin, nur treibe die Empfindlichkeit nicht zu weit. Du solltest doch wissen, daß Verliebte, wenn sie sich vergangen haben, gar bald wieder zurückkommen und sich's dann selbst kaum verzeihen können. Du bist offenbar zu streng gegen den Menschen gewesen, und magst du dich in acht nehmen, die Saiten nicht so hoch zu spannen, daß sie endlich springen müssen! Melissa und Bacchis Melissa: Liebe Bacchis, wenn du irgendeine von den alten Weibern kennst, dergleichen es in Thessalien viele geben soll, die sich darauf verstehen, durch Zaubermittel eine verhaßte Person liebenswürdig zu machen, so beschwöre ich dich, führe sie mir zu. Und sollt' es mich meine ganze Garderobe, und meine Juwelen dazu, kosten, wenn ich nur die Freude hätte, den Charinus wieder zu mir zurückkehren und diese verwünschte Simmiche, in die er so vernarrt ist, ebenso herzlich hassen zu sehen, wie er jetzt mich haßt! Bacchis: Wie, meine Melissa? Er lebt nicht mehr mit dir, sondern mit der Simmiche? Dieser Charinus, der sich deinetwegen mit seiner ganzen Familie überwarf, als er die reiche Person nicht heiraten wollte, die ihm, wie es hieß, fünf Talente zur Mitgift Fünf Talente (5000 Rtlr.) galten also bei den Atheniensern für eine sehr reiche Partie. zubringen sollte? Denn ich erinnere mich noch recht gut, diese Umstände von dir selbst gehört zu haben. Melissa: Diese Zeiten sind vorbei, Bacchis; es ist heute schon der fünfte Tag, seitdem ich ihn mit keinem Auge mehr gesehen habe, während er und Simmiche sich alle Abende bei seinem Freunde Pammenes wohl sein lassen. Bacchis: Das ist abscheulich! Aber was hat euch denn entzweien können? Es muß doch wahrlich keine Kleinigkeit gewesen sein! Melissa: Alles kann ich dir selbst nicht recht sagen. Genug, er kam neulich aus dem Piräus, wo er, denk' ich, eine Schuld für seinen Vater einkassieren mußte, hierher; ich eile ihm, wie gewöhnlich, mit offenen Armen entgegen; aber er stößt mich zurück und sagt, ohne mich nur ansehen zu wollen: »Packe dich zu dem Schiffsherrn Hermotimus oder lies, was im Ceramikus an allen Wänden angeschrieben ist, wo eure Namen sogar auf einem öffentlichen Denkmale Parade zusammen machen.« Ich konnte gar nicht begreifen, was er damit wollte, und sagte es ihm; aber ich brachte kein Wort mehr aus ihm heraus; er wollte nicht zu Nacht essen, und auf dem Sofa kehrte er mir den Rücken zu. Du kannst dir vorstellen, daß ich nichts unversucht ließ, um ihn zu gewinnen und in eine bessere Stimmung zu setzen; aber er, ohne sich im geringsten erweichen zu lassen, drohte mir, wenn ich ihn nicht ungeplagt ließe, so gehe er mir, wiewohl es schon um Mitternacht war, auf der Stelle aus dem Hause. Bacchis: Du kennst also doch wohl diesen Hermotimus? Melissa: Möchtest du mich noch unglücklicher sehen, als ich es schon bin, wenn ich einen Schiffsherrn kenne, der Hermotimus heißt! Daß ich's kurz mache: sobald der Hahn krähte, stand mein Charinus auf und ging davon. Da mir's noch im Sinne lag, daß mein Name, wie er sagte, im Ceramikus an einer Mauer geschrieben stehen sollte, schickte ich sogleich mein Mädchen hin, um zu sehen, was an der Sache sei. Sie fand aber nichts, als daß an der Doppelpforte, rechter Hand im Hineingehen, geschrieben war: Melissa liebt den Hermotimus, und besser unten: Hermotimus, der Schiffsherr, liebt Melissen. Bacchis: Nun versteh' ich den ganzen Handel! Es ist ein loser Streich von einem unserer jungen Herren, die nichts Besseres zu tun haben. Ganz gewiß hat es einer geschrieben, der den Charinus necken wollte, weil er wußte, wie eifersüchtig er ist, und der Kindskopf hat es ohne weitere Untersuchung geglaubt. Sobald ich ihn sehe, will ich ihm ein Wort darüber ins Ohr sagen. Er ist noch unerfahren und milchbärtig. Melissa: Aber wie willst du ihn zu sprechen bekommen, da er sich – wer weiß wohin? – mit der Simmiche eingeschlossen hat, wiewohl ihn seine Eltern noch immer bei mir suchen. Das beste wäre, liebste Bacchis, wenn du mir so eine alte Frau, wie ich dir sagte, schaffen könntest. Die würde mir in einem Augenblick geholfen haben! Bacchis: Ich kenne eine geschickte Zauberin aus dem Syrerlande, ein noch ziemlich derbes, rüstiges Weib, die mir den Phanias, der aus ebenso schlechten Ursachen mit mir zürnte, wie jetzt Charinus mit dir, nach vier ganzen Monaten, da ich schon alle Hoffnung aufgab, durch ihre Beschwörungen wieder zurückgebracht hat. Melissa: Erinnerst du dich noch, wie sie es machte? Bacchis: Sie fordert keinen großen Lohn, liebe Melissa; sie ist mit vier Groschen und einem Laib Brot zufrieden. Außerdem muß eine Portion Salz, sieben Obolen, etwas Weihrauch und eine Fackel hingelegt werden. Das alles nimmt die Frau zu ihren Händen, und es muß auch ein Becher mit Honigwein bereitstehen, den sie rein austrinken muß. Von der Mannsperson müssen einige Kleidungsstücke oder Schuhe oder wenigstens einige Haare oder so etwas bei der Hand sein. Melissa: Ich habe Pantoffeln von ihm. Bacchis: Diese hängt sie an einen Nagel, beräuchert sie mit dem Weihrauch, wirft auch etwas Salz in die Glut und spricht euren Namen, den deinigen und den seinigen, dazu aus. Hernach zieht sie eine Garnwinde aus dem Busen hervor und dreht sie herum, indem sie mit entsetzlicher Geschwindigkeit allerlei fürchterliche Worte in einer unbekannten Sprache herausmurmelt. Nicht lange, nachdem sie das gemacht hatte, kam Phanias wieder zu mir, ungeachtet seine Kameraden und Phöbis, mit der er inzwischen lebte, alles anwandten, um ihn zurückzuhalten; so unwiderstehlich zog ihn der Zauberspruch zu mir. Daneben empfahl sie mir auch, besonders als ein treffliches Mittel, ihm die Phöbis zu verleiden, ich sollte auf ihre Fußstapfen achtgeben, und sowie Phöbis den Fuß zurückgezogen hätte, sollte ich den Stapfen mit dem meinigen auslöschen, so daß mein rechter Fuß auf den Stapfen ihres linken, und umgekehrt mein linker auf ihren rechten zu stehen käme, und dazu sagen: Nun bin ich über dir, und du bist unter mir! Und ich tat, wie sie mir befohlen hatte. Melissa: Keinen Augenblick versäumt, liebste Bacchis! Hole mir die Syrerin auf der Stelle! Und du, Acis, schaffe gleich das Brot, den Weihrauch und alles andere herbei, was zu dem Zauberwerk nötig ist! Das hätten unsere schönen Leserinnen wohl nicht gedacht, daß sie aus dem alten Lukian auch ein bißchen hexen lernen würden? Immer auch nicht übel! Man weiß nicht, wenn Zeit und Gelegenheit kommt, wo man so etwas brauchen kann, und inzwischen trägt man nicht schwer daran. Übrigens, da ich ihnen zuviel Gutherzigkeit zutraue, als daß es ihnen gleichgültig sein sollte, ob die schöne Melissa ihren so unschuldigerweise verlorenen Liebhaber wiederbekommen habe oder nicht, können sie versichert sein, daß das Zaubermittel der Syrerin unter den angegebenen Umständen und vermittels der paar Worte, die ihm (da er doch nicht immer unsichtbar bleiben kann) die Syrerin oder die dienstfertige Bacchis ins Ohr sagen wird, unfehlbar die beste Wirkung getan hat. Was die Zauberformel betrifft, die in einer unbekannten Sprache hergemurmelt werden muß, damit hat es keine Schwierigkeit, wenn die Worte nur unverständlich sind und ein wenig fürchterlich klingen; allenfalls tut es das Bettellied des Kalenders in den Pilgrimen von Mekka so gut als etwas anderes. Krobyle und Korinna Krobyle: Nun, Korinnchen, so hast du denn gelernt, daß es nichts so Erschreckliches darum ist, aus einer Jungfer eine Frau zu werden, wie du dir eingebildet hast? Der schöne junge Herr, der dich's gelehrt hat, hat dir auch, zum Einstand, nicht weniger als eine Mine dagelassen, wofür ich dir auf der Stelle ein schönes Halsband kaufen will. Korinna: Tut das, liebes Mütterchen! – Und daß nur auch etliche Rubinen daran sind, wie an der Philänis ihrem! Krobyle: Es soll so schön sein, als du es nur verlangen kannst. Aber nun will ich dir auch sagen, mein liebes Kind, was du nun weiter zu beobachten hast und wie die Männer behandelt sein wollen. Denn wir haben nun einmal kein anderes Mittel, uns durch die Welt zu bringen, als dies. Weißt du nicht, wie kümmerlich wir uns diese zwei Jahre her, seit deines seligen Vaters Tode, haben behelfen müssen? Solange er lebte, fehlte es uns freilich an nichts; er war ein Kupferschmied und hatte einen großen Namen im Piräus; noch auf diesen heutigen Tag kann man dort alle Augenblicke schwören hören, so ein Arbeiter wie Phibinus werde nicht wieder kommen! Aber nach seinem seligen Ende fand ich mich gar bald gezwungen, die Zangen, den Amboß und den Hammer um zwei Minen zu verkaufen. Wir lebten davon, solange es reichen wollte, und seitdem sie aufgezehrt sind, hab' ich Mühe genug gehabt, mit Weben, Zetteln und Spinnen kaum den notdürftigsten Unterhalt für dich und mich zu verdienen; alles in der Hoffnung – Korinna: Der Mine, die ich soeben verdient habe? Krobyle: Warum nicht gar! Ich rechnete darauf, wenn du nur erst in dieses Alter gekommen wärst, würdest du imstande sein, mich wieder zu ernähren und dich selbst in hübsche Umstände zu setzen und Geld zu verdienen und dir schöne Kleider und Mägde zu deiner Bedienung anzuschaffen. Korinna: Ich, Mutter? Was meinst du damit? Wie soll das zugehen? Krobyle: Dazu, Kind, brauchst du weiter nichts, als mit jungen Herren umzugehen, mit ihnen zu schmausen und für ihr bares Geld bei ihnen auf dem Sofa zu liegen. Korinna: Wie die Tochter der Daphnis, die Lyra? Krobyle: So ungefähr. Korinna: Aber die ist ja eine Hetäre Korinnchen war eines ehrlichen Bürgers Tochter zu Athen und bisher als eine solche auferzogen worden. Ungeachtet der Hetärenstand gewissermaßen privilegiert war, so war er doch, wie billig, nicht weniger mit einem bürgerlichen als sittlichen Makel behaftet. Eine Hetäre zu werden war also etwas, wodurch ein ehrliches Mädchen, wie arm sie auch war, sich sehr zu degradieren glaubte, und die junge naive Korinna erschrak vor dem Namen, wiewohl ihr die Sache nicht so übel gefiel. . Krobyle: Dächte man nicht, was es wäre! Mach es wie sie, so wirst du auch so reich werden wie sie und viele Liebhaber bekommen. Was meinst du, Korinna? Siehst du nicht, wie groß die Anzahl der Hetären ist und wie man ihnen die Aufwartung macht und was sie für ein Einkommen haben? Hab' ich nicht diese nämliche Tochter der Daphnis gekannt, ehe sie noch mannbar war? Heilige Adrastea! wenn sie was anderes als Lumpen auf dem Leibe hatte! »So strafe mich!« Denn dies will sie mit Anrufung der Adrastea sagen. Adrastea ist, nach der wahrscheinlichsten Meinung, nur ein Beiname der Nemesis von Adrastes, einem alten Könige zu Argos und Sicyon, der ihr den ersten Tempel erbaut haben soll. Aus einer Stelle des Pausanias im 33. Kapitel seiner Beschreibung von Attika läßt sich schließen, daß diese Göttin besonders auch von Liebenden als eine Patronin betrachtet wurde; und vermutlich rührt es daher, daß Lukian in diesen Dialogen seine Frauenzimmer mehrmals bei der Adrastea schwören läßt. Nun siehst du, wie sie dahergeht, über und über in Gold und buntgestickten Kleidern, und vier Mägde hinter ihr drein. Korinna: Und wie kam denn Lyra zu dem allen? Krobyle: Das will ich dir sagen, Kind. Vor allem hielt sie sich immer nett und reinlich in Kleidung und an ihrer ganzen Person; sie war gegen jedermann freundlich, aber brach darum nicht alle Augenblicke in ein lautes Kichern und Lachen aus, wie du zu tun pflegst sondern es war immer etwas Anmutiges und Anziehendes in ihrem Lächeln. Im Umgang mit den Mannsleuten, die zu ihr kamen oder sie zu sich rufen ließen, hielt sie zwischen schüchterner Zurückhaltung und unanständiger Frechheit den Mittelweg; sie betrog keinen in seiner Erwartung, aber warf sich auch keinem in die Arme. Verdingt sie sich zu einem Gastmahl, so betrinkt sie sich niemals (denn dadurch macht man sich zum Gespötte und den Mannsleuten ekelhaft), noch überfüllt sie sich mit Essen wie Leute, die keine Lebensart haben, sondern rührt alles nur mit den Fingerspitzen an, nimmt schweigend einen Bissen nach dem andern, ohne sich beide Backen vollzustopfen, und trinkt langsam, nicht auf einen Zug, sondern mit öfterem Absetzen. Korinna: Auch wenn sie Durst hat, Mutter? Krobyle: Dann am meisten, Korinna. Auch hat sie nicht immer den Mund zum Reden offen, sondern spricht nicht mehr, als sich schickt, übt ihren Witz nie auf Unkosten eines Anwesenden und sieht keinen an als den, der sie gedungen hat. Das ist es, wodurch sie sich so beliebt bei ihnen macht. Und wenn man sich endlich zu Bette legt, wird sie nie die geringste Leichtfertigkeit oder Unanständigkeit begehen, sondern alles ist bei ihr bloß darauf angelegt, und das ist ihr einziges Bestreben, wie sie das Herz des Mannes, bei dem sie ist, gewinnen und einen wahren Liebhaber aus ihm machen wolle Natürlicherweise war dies das letzte Ziel einer Hetäre, die Verstand und Konduite hatte, wie diese Lyra, welche Krobyle ihrer Tochter, als einer Anfängerin, zum Muster vorstellt. Ein bloßer Kundsmann blieb bei dem gewöhnlichen Preise; die Freigebigkeit eines eigentlichen Liebhabers hingegen war so groß als seine Leidenschaft. . Siehe, Korinna, das ist's, warum jedermann so gut von ihr spricht. Also brauchst du sie nur in diesem allen zum Muster zu nehmen, so werden auch wir glücklich werden. Denn was das übrige betrifft, das ist ein großer – vergib mir, liebste Adrastea! Krobyle hat nicht das Herz, es ganz herauszusagen, was sie auf der Zunge hatte (nämlich, daß Korinna viel jünger und schöner sei als Lyra), aus Furcht, Adrastea möchte es für einen Übermut ausdeuten und es, zur Bestrafung der Mutter, die Tochter entgelten lassen. Denn Nemesis oder Adrastea strafte immer durch das, wodurch man sich versündigte. ich sage kein Wort mehr. – Wenn du nur lebst, so wünsch' ich mir nichts weiter! Korinna: Aber, liebe Mutter, sind die Herren, die uns mieten, alle so wie der Eukritus, bei dem ich gestern schlief? Krobyle: Nicht alle. Es gibt noch bessere; manche darunter sind schon älter und mannhafter; es melden sich aber auch manche an, die nichts weniger als so hübsch und wohlgemacht sind. Korinna: Und bei denen muß man auch schlafen? Krobyle: Jawohl, meine Tochter, denn die geben auch am meisten; die schönen Herren sind in sich selbst verliebt und rechnen uns ihre Schönheit gar hoch an. Du hingegen mußt immer nur darauf sehen, wer am meisten gibt, wenn du die Zeit recht bald erleben willst, wo alle Leute mit Fingern auf dich weisen und sagen werden: Sieh einmal Korinnen, der Krobyle Tochter! Wie reich sie ist, und wie dreimal glücklich sie ihre Mutter gemacht hat! – Was sagst du? Willst du meinem Rate folgen? Ja, das willst du, ich weiß es, und so wirst du in kurzem die Erste unter allen sein. – Nun gehe und bade dich; vielleicht kommt der junge Eukritus heute wieder; wenigstens hat er mir's versprochen Nur ein paar Worte über die Moralität dieser ziemlich anstößig klingenden Unterredung zwischen Mutter und Tochter. Krobyle, die in äußerst dürftigen Umständen ist, baut das Glück ihrer Tochter und die Hoffnung ihres Alters auf das Gewerbe, das sie Korinnen mit ihrer Schönheit daran recht treiben lehrt. Ob sie daran recht getan habe, ist ja wohl keine Frage. Aber Personen ihres Standes denken in ihren Umständen selten feiner und edler, und es wird in großen Städten, selbst unter Leuten, von deren Stand und Erziehung man billig mehr fordern könnte, nie an Müttern wie Krobyle fehlen. Und ist der Grundsatz, dem sie in ihrem Plan folgt (das, was moralisch besser und edler ist, im Kollisionsfalle dem Nützlicheren aufzuopfern), etwa nicht der nämliche, wonach die große Welt von jeher gehandelt hat? Das Gewerbe, das Korinna treiben solle, war bei den Griechen so wenig ehrsam als bei uns, aber es war erlaubt; und vorausgesetzt, daß sie es nun einmal ergriffen hatte, so tat Krobyle nichts als ihre Schuldigkeit, indem sie ihrer Tochter über die sichersten Mittel, sich beliebt zu machen, einen zweckmäßigen Unterricht gab, wozu sie als Mutter einen näheren Beruf hatte als Sokrates beim Xenophon, die schöne Theodota in der Verführungskunst zu unterweisen. Der Hauptpunkt aber, den man in Beurteilung dieses und aller übrigen Hetärengespräche nie aus den Augen verlieren muß, ist: daß es bei Sittengemälden dieser Art, wo Menschen, wie sie sind, nicht wie sie nach den reinsten moralischen Grundsätzen sein sollten, geschildert werden, bloß auf Wahrheit der Darstellung ankommt. Die Absicht ist, hier nicht Beispiele zur Bewunderung und Nachahmung aufzustellen, sondern uns eine gewisse Gattung von Menschen kennen zu lehren. Hat der Maler seine Personen nur recht getroffen, was an ihnen zu billigen oder nicht zu billigen ist, wird uns unser eigenes Gefühl schon sagen. . Musarion und ihre Mutter Mutter (spöttisch) : Wenn wir noch so einen Liebhaber finden, Musarion, wie dieser Chäreas ist, so können wir weniger nicht tun, als daß wir der Venus Pandemos eine weiße Ziege, der Urania und der in den Gärten jeder eine junge Kuh opfern und die Plutodoteira Die Reichtumgeberin, ein Beiwort, das (nach Tib. Hemsterhuys' Bemerkung) in einem der Orphischen Hymnen der Eleusinischen Ceres gegeben wird. über und über mit Blumenkränzen umhängen; wir wären auf immer die glücklichsten Leute in der ganzen Welt. Das mußt du mir doch selbst gestehen, daß es ein freigebiger junger Herr ist! Wenn er, seitdem du ihn kennst, auch nur mit einem armen Doppelbatzen hervorgerückt wäre! Nur ein Halstuch oder ein Paar Schuhe oder ein Pomadetöpfchen wenigstens! Aber nichts! Nichts als Entschuldigungen und Versprechungen und weit hinausgeschobene Hoffnungen, und das ewige »Wenn mein Vater – wenn ich Herr von meinen Erbgütern sein werde – dann ist alles dein«. Sagst du nicht, er habe dir mit einem Eide versprochen, daß er dich sogar heiraten wolle? Musarion: Ja, Mutter, das hat er mir bei den Göttinnen Ceres und Proserpine. und bei der Polias Minerva Polias, d. i. Schutzgöttin der Stadt Athen. geschworen! Mutter: Und du bist eine Närrin und glaubst ihm? Und darum gabst du ihm neulich, als er keinen Heller hatte, um das Kränzchen, das er geben mußte, zu bezahlen, ohne mein Vorwissen deinen Ring vom Finger? Der ist nun verkauft und durch die Gurgel gejagt! Und wo sind die zwei jonischen Halsketten hingekommen, deren jede zwei Dariken wog Der Darik war eine in Griechenland, Kleinasien, Syrien und Persien gewöhnliche Goldmünze, die ihren Namen von Darius Hystapis' Sohn hatte, der sie zuerst schlagen ließ. In der Folge ließen auch die mazedonischen, syrischen und andere Könige Münzen von gleichem Werte schlagen, die z. B. Philippei, Alexandrei usw. oder, nach unserer Art zu reden, Philippd'or, Alexanderd'or, aber gewöhnlich auch Dariken hießen, so wie man bei uns alle Fünftalerstücke, es mögen nun wirkliche alte Louis oder Friedrichsd'or, Augustd'or, Carld'or usw. sein, im gemeinsamen Leben Louisd'or zu nennen pflegt. Der Darik wog an Golde von 23 Karat fein zwei Drachmen und galt bei den Griechen (vermöge des bei ihnen eingeführten Verhältnisses des Goldes zum Silber) 20 Silberdrachmen. Eduard Bernard, de Mensur, et ponder. antiquis p. 171. Otho Sperling, de nummis non cusis, cap 21. Diesem nach hätten die beiden Halsketten der Musarion zusammen nicht mehr als zwei Lot gewogen, und ihr größter Wert müßte in der Feinheit und Zierlichkeit der Fasson bestanden haben. , womit dich der Schiffsherr Praxias beschenkt hatte und die er expreß für dich zu Ephesus hatte machen lassen? Die sind auch fort! Denn freilich brauchte der holde Chäreas Geld, um sein Kontingent zu einem großen Schmause den jungen Herren seines Alters zu erlegen. Um wie viele Schleier und Unterröcke er dich schon gebracht hat, daran mag ich gar nicht denken. Wahrhaftig, der Mensch ist ein rechter Schatz, den wir gefunden haben! Musarion: Aber dafür ist er schön und hat noch ein glattes Kinn und sagt mir mit heißen Tränen, daß er mich liebe, und ist der Dinomache und des Areopagiten Laches einziger Sohn und verspricht, mich zu heiraten, und wir haben die größten Hoffnungen von ihm, sobald der Alte die Augen zumacht. Mutter: Wenn wir also ein Paar Pantoffeln nötig haben und der Schuster acht Groschen verlangt, so wollen wir ihm sagen: Geld haben wir zwar nicht, aber Hoffnungen in Menge; nimm dir etliche davon an Zahlungs Statt! Den Bäcker fertigen wir künftig auf die nämliche Art ab; und will der Hausherr seinen Mietzins haben, so sagen wir ihm: Gedulde dich nur, bis der alte Laches tot ist, nach der Hochzeit wollen wir dich richtig bezahlen. Schämst du dich nicht in dein Herz hinein, daß du die einzige unter allen Hetären bist, die keine Ohrringe, kein Halsband, nicht einmal eine tarentinische Schemise hat? Ein weibliches Kleidungsstück von einem sehr feinen, durchsichtigen Zeug, das zu Tarent fabriziert wurde. Was es eigentlich für eine Form hatte, ist unbekannt; ich habe also proprio marte eine Schemise daraus gemacht, weil ich vermute, daß es wohl der sogenannte leinene Nebel des Petronius sein könnte. Musarion: Sind sie darum etwa glücklicher und schöner als ich? Mutter: So sind sie wenigstens klüger und verstehen ihr Handwerk. Sie lassen sich nicht mit glatten Wörtchen abspeisen und glauben nicht an die Schwüre, die solchen jungen Windbeuteln scharenweise auf den Lippen sitzen. Aber du bist eine treue, zärtliche Seele und lebst einzig für deinen lieben Chäreas! Wie traktiertest du neulich den jungen akamanischen Weinbauer, den sein Vater mit einem Fuder Wein in die Stadt zu Markte geschickt hatte? Der hatte doch auch noch keinen Bart, aber einen desto gespickteren Beutel; und so einen Kundsmann, der dir von seinem gelösten Gelde zwei brave Minen anbot, weisest du verächtlich ab und letzest dich dafür mit deinem Adonis Chäreas! Musarion: Ich hätte ihn also sitzenlassen und dem boxenden Bauernlümmel die Zeit vertreiben sollen? Das wäre ein feiner Tausch! Mutter: Nu, nu! Er ist freilich nur ein Bauernjunge und riecht nicht zum besten. Das möchte dir noch hingehen. Aber was hattest du gegen den Antipho, des Menekrates Sohn, einzuwenden, der eine Mine geben wollte? Der ist doch ein so feiner junger Herr aus der Stadt als Chäreas immer? Warum wurde auch der abgewiesen? Musarion: Chäreas drohte, uns alle beide umzubringen, wenn er mich jemals bei ihm antreffen würde. Mutter: So? Sind dergleichen Drohungen etwa was Ungewöhnliches? Um deswillen sollst du also ohne Liebhaber bleiben und so keusch leben wie eine Priesterin der Ceres? Wofür wärst du denn eine Hetäre? Doch nichts weiter davon! Die Haloa Ein Fest der Ceres. fangen heute an; was hat er dir zum Fest für ein Präsent gemacht? Musarion: Der arme Schelm hat nichts, Mutter, was sollt' er mir geben können? Mutter: Es ist also der einzige, der kein Mittel ausfindig machen kann, Geld von seinem Vater zu erwischen? Hat er keinen Sklaven, der dem Alten was vorlügen konnte? Oder warum begehrt er nicht was von seiner Mutter? Könnt' er ihr nicht drohen, er wolle auf und davon gehen und Soldat werden, wenn sie ihm nichts gebe? Aber da sitzt er mit den Händen im Schoß und zehrt uns auf, gibt selbst nichts und will doch nicht leiden, daß wir von anderen, die so gerne gäben, etwas annehmen! Aber du solltest klüger sein, Musarion! Meinst du denn, du werdest immer achtzehn Jahre alt bleiben? Oder bildest du dir ein, Chäreas, wenn er einst selber reich ist und seine Mutter ihm eine Braut mit vielen Tausenden aufgefunden hat, werde gesinnt bleiben wie jetzt? Denkst du, er werde sich seiner Tränen und Küsse und Eidschwüre erinnern, wenn er eine Mitgift von fünf baren Talenten auf dem Tisch liegen sieht? Musarion: Das wird er ganz gewiß! Und ein Beweis davon ist, daß er nicht bereits eine Frau genommen, sondern es seiner Familie, die ihn beinahe mit Gewalt dazu nötigen wollte, rein abgeschlagen hat. Mutter: Ich wünsche, daß er dich nicht hintergeht! Aber du wirst noch an mich denken, Musarion! Ampelis und Chrysis Ampelis: Wie, den Mann, der weder eifersüchtig ist noch böse über dich wird, der dir nie eine Ohrfeige gegeben oder die Haare glatt vom Kopfe weggeschoren oder die Kleider vom Leibe gerissen hat, den wolltest du für einen Liebhaber gelten lassen? Chrysis: Das werden doch hoffentlich nicht die einzigen Kennzeichen eines Liebhabers sein sollen? Ampelis: Wenigstens die eines warmen Liebhabers, Alles andere, Küsse, Tränen, Schwüre ewiger Treue, häufiges Wiederkommen und dergleichen, das findet sich bei jeder noch neuen Liebe: aber das wahre Feuer zündet allein die Eifersucht an. Wenn dich also Gorgias, wie du sagst, tüchtig abgerbt und so eifersüchtig wie ein Drache ist, so laß dich's freuen und wünsche, daß er's dir nie anders mache! Chrysis: Wie? Was? Das er mich immer prügeln soll? Ampelis: Das nun eben nicht; aber daß er nicht leiden könne, wenn du einen andern als ihn ansiehst. Wenn er dich nicht liebte, würde er wohl so wütig darüber werden, dich in den Armen eines anderen Liebhabers zu wissen? Chrysis: Ich habe aber keinen andern. Er hingegen hat sich ohne allen Grund in den Kopf gesetzt, daß ein gewisser reicher Herr mir die Cour mache, bloß weil ich zufälligerweise seinen Namen nannte. Ampelis: Auch das ist ein guter Umstand, wenn er glaubt, daß dir reiche Leute die Cour machen. Das wird ihn desto ärger wurmen, und er wird sich einen Ehrenpunkt daraus machen, von seinen Nebenbuhlern nicht an Freigebigkeit übertroffen zu werden. Chrysis: Er ist der Rechte dazu! Er zankt und tobt und prügelt, aber Geben ist seine Sache nicht. Ampelis: Das wird noch kommen! Die Eifersüchtigen sind immer am leichtesten zu plündern. Chrysis: Aber ich begreife gar nicht, liebe Ampelis, wie du so darauf versessen bist, daß ich Schläge bekommen soll. Ampelis: Das bin ich nicht. Ich meine nur, daß du mit etwas mehr Kunst deinen Eifersüchtigen zum verliebtesten Menschen von der Welt machen könntest. Ich spreche als eine Person, die unsere Profession schon zwanzig Jahre treibt; du bist kaum achtzehn auf der Welt. Du hast deinen Liebhaber durch deine allzu große Anhänglichkeit und die Furcht vor seiner Eifersucht verwöhnt. Du solltest ihm vielmehr Ursache dazu geben und ihm die Möglichkeit zeigen, daß er dich verlieren könnte. Denn solange er so gewiß ist, daß er dich allein hat, so ermattet die Begierde, und du wirst seine Sklavin, da du seine Gebieterin sein könntest. Wenn du willst, so will ich dir erzählen, was mir vor nicht gar vielen Jahren begegnet ist. Demophantes, der Wechsler, der hinter der Pöcile wohnt, war damals mein Liebhaber. Er hatte mir nie mehr als fünf Drachmen auf einmal gegeben und maßte sich doch an, den Herren über mich zu spielen. Der Pfeil der Liebe war nicht tief in das Herz des Geldmaklers eingedrungen; es war nicht viel mehr als ein Nadelritz. Er seufzte und weinte nicht, kam nicht in später Nacht bei Wind und Wetter vor meine Tür; kurz, das Ganze war, daß er zuweilen bei mir schlief, und auch das selten genug. Nun kam er einstmals angezogen, da eben der Maler Kalliades bei mir war, der sich meine Tür mit zehn Drachmen geöffnet hatte. Er wurde abgewiesen, schimpfte gewaltig, mußte sich aber doch endlich seiner Wege trollen. Er mochte sich eingebildet haben, daß ich nach ihm schicken würde: aber wie er sich immer darin betrogen fand, kam er nach vielen Tagen wieder. Kalliades war ihm abermals zuvorgekommen. Nun wurde mein Demophantes auf einmal warm und fing bald so lichterloh zu brennen an, daß er so lange lauerte, bis er die Tür einmal offen fand; und nun stürzte der Mensch herein und heulte und tobte, drohte, sich vor meinen Augen zu erstechen, schlug auf mich zu, riß mir die Kleider vom Leibe, kurz, führte sich auf wie ein toller Mensch; und das Ende von der Komödie war, daß er mir bare tausend Taler hinzählte, um mich acht Monate allein zu haben. Seine Frau sagte allen Leuten, ich hätte ihn durch einen Liebestrank wahnsinnig gemacht: aber der Liebestrank war weiter nichts als die Eifersucht. Das ist also das Zaubermittel, liebe Chrysis, das ich dir empfohlen haben will, dem Gorgias einzugeben. Es verlohnt sich schon der Mühe; denn der junge Mensch wird ein großes Vermögen bekommen, wenn seinem Vater was Menschliches begegnen sollte. Dorkas, Pannychis, Philostratus und Polemon Dorkas: Wir sind verloren, Frau, wir sind verloren! Polemon ist aus dem Kriege wiedergekommen und bringt großes Geld mit sich, wie es heißt. Ich selbst habe ihn gesehen; er trug ein mit Purpur besetztes und mit einer prächtigen Agraffe zusammengeschnalltes Kriegskleid und hatte eine Menge Bediente hinter sich her. Während nun seine Freunde, sobald sie ihn erblickten, herbeieilten und ihn begrüßten, machte ich mich an einen von seinen Nachtretern, der mit ihm außer Landes gewesen war, grüßte ihn bei seinem Namen und fragte, wie es ihnen ergangen sei und ob sie auch etwas, das sich der Mühe, seinen Hals zu wagen, verlohne, aus dem Kriege mitgebracht hätten. Pannychis: Du hättest nicht gleich so herausplatzen sollen. »Oh! allen Göttern und vor allem dem Jupiter Xenius und der Minerva Strateia Diese Minerva Strateia scheint von der eigenen Erfindung der Pannychis zu sein; wenigstens findet sie sich sonst nirgends mit diesem soldatischen Beinamen. sei Dank, daß sie Euch wieder glücklich zu uns zurückgebracht haben! Meine Frau war immer in großer Unruhe Euretwegen. ›Wie mag es ihnen jetzt gehen?‹ fragte sie alle Augenblicke, ›wo mögen sie sein?‹« – So was solltest du gesagt haben, und hättest du noch hinzugesetzt: »Die arme Frau weinte so viel um Euch! Hatte immer den Namen ihres Polemon im Munde!« – so wär' es noch desto besser gewesen. Dorkas: Das hab' ich alles vorangeschickt; ich wollte es nur bei dir nicht wiederholen, um desto geschwinder auf das zu kommen, was er mir sagte. Eigentlich fing ich so an: »Nun, Parmeno, haben Euch die Ohren nicht recht oft geklungen? Meine Gebieterin konnte an nichts anderes denken als an Euch; sie hat was Ehrliches um Euch geweint, sonderlich, wenn jemand aus einem Treffen zurückkam, wo viele Menschen geblieben sein sollen. Wie raufte sie sich nicht die Haare aus dem Kopf! Wie zerschlug sie nicht ihren Busen, sooft eine Botschaft ankam, ohne ihr von ihrem lieben Polemon Nachricht zu bringen!« Pannychis: Bravo! So war's recht! Dorkas: Und erst, nachdem ich das alles gesagt hatte, tat ich die besagte Frage an ihn. »Wir kommen in sehr glänzenden Umständen zurück«, war seine Antwort. Pannychis: Also auch ohne Eingang? Ohne etwas davon zu erwähnen, wie fleißig Polemon an mich gedacht hat, wie er sich nach mir gesehnt und wie viele Gelübde er getan habe, mich gesund wiederzusehen? Dorkas: O gewiß sagte er viel dergleichen, das versteht sich. Aber die Hauptsache war doch immer, was er mir von dem großen Reichtum, dem vielen Golde und Elfenbein und den kostbaren Kleidern und der Menge von Sklaven, so sie mitgebracht hätten, erzählte; das Silber betreffend, dessen habe er so viel, daß es nicht gezählt, sondern mit dem Scheffel gemessen werde, und es mache deren eine große Zahl aus. Parmeno selbst hatte am kleinen Finger einen sehr großen vieleckigen Ring mit einem Rubin von der Sorte, die in dreierlei Farben spielt. Der Mensch hatte eine so große Lust, mir von ihren Taten zu erzählen, daß ich ihm eine gute Weile zuhören mußte, wie sie, nach ihrem Übergang über den Halys, einen gewissen Teridates ins Gras gestreckt, und wie tapfer Polemon sich in einem Treffen gegen die Pisidier gehalten: aber endlich macht' ich mich doch von ihm los und lief, was ich konnte, um dir von dem allen Nachricht zu bringen, damit du deine Maßregeln darnach nehmen könntest. Denn wenn Polemon käme (und er kommt ganz gewiß, sobald er sich von seinen Freunden losreißen kann) und er fände den Philostratus, von dem er vielleicht schon was erfahren hat, bei uns: was meinst du wohl, was er dazu sagen würde? Pannychis: Hilf mir, auf ein Mittel denken, Dorkas, uns aus dieser Verlegenheit zu retten! Denn daß wir diesen fortschicken sollten, der ein reicher Kaufmann ist und mir kaum tausend Taler ausgezahlt hat und noch viel mehr verspricht, das wäre nicht schön; hingegen wär es ebensowenig nützlich, den wiedergekommenen Polemon nicht anzunehmen, zumal, da er sehr eifersüchtig ist. Er war es schon auf eine ganz unerträgliche Art, da er noch arm war: was würde er sich nicht erst in seinen jetzigen Umständen erlauben? Dorkas: Alles Überlegen hat ein Ende; ich seh' ihn schon kommen! Pannychis: Ach, Dorkas, die Sinne vergehen mir vor Angst, ich zittere an allen Gliedern. Dorkas: Zu allem Unglück kommt auch Philostratus. Pannychis: Was soll ich anfangen? Oh, daß die Erde sich unter mir auftäte. Philostratus: Nun, Pannychis, wir trinken doch eins miteinander? Pannychis: (heimlich zu Philostratus) Du stürzest mich ins Verderben! (Laut zu Polemon) Sei mir gegrüßt, Polemon! Du hast uns lange auf dich warten lassen. Polemon: Aber wer ist denn der da, der hier so bekannt tut? – Du schweigst? – Vortrefflich! – Aus meinen Augen, Pannychis! Und um eines solchen Weibstücks willen fliege ich in fünf Tagen von Pylä hierher! Aber mir geschieht recht, und ich danke dir noch dafür; nun bin ich doch sicher, daß du mich nicht plündern sollst! Philostratus: Und wer bist denn du, mein schöner Herr? Polemon: So wisse denn, weil du es nicht weißt, ich bin Polemon von Stiria aus dem Pandionischen Stamme, ehemals Oberster über tausend, dermalen über ein Corps von fünftausend Mann und der Liebhaber dieser Pannychis, wie ich noch eine bessere Meinung von ihrem Verstand hatte. Philostratus: Aber so, wie sie jetzt ist, Herr Oberster, ist sie mein und hat tausend Taler dafür von mir empfangen und soll noch tausend bekommen, wenn ich meine Schiffsladung abgesetzt haben werde. Für jetzt folge du mir, Pannychis, und schicke diesen Herrn zu den Odrysiern, wo er so viele Tausende kommandieren mag, als er Lust hat. Dorkas: Meine Gebieterin ist eine freie Person, sie wird folgen, wenn es ihr beliebt. Pannychis: (leise zu Dorkas) Rate mir, was soll ich tun? Dorkas: Das Beste wird immer sein, hineinzugehen. Es schickt sich nicht, daß du dem Polemon, so aufgebracht, als er ist, länger vor den Augen bleibest; seine Eifersucht würde dadurch nur immer höher gespannt werden. Pannychis: (zu Philostratus) Wenn du willst, so gehen wir hinein. Polemon: Ihr sollt heute euer Letztes trinken, das versichere ich euch, oder ich müßte mich vergebens bei so vielen Mordgelegenheiten in der Kunst geübt haben. He, Parmeno, die Thrazier! Parmeno: Sie sind schon alle unterm Gewehr: sie haben in einer Phalanx das ganze Gäßchen besetzt. Die schwere Infanterie macht die Fronte, die Schleuderer und Bogenschützen sind auf beiden Flügeln verteilt, und die übrigen stehen im Hintertreffen. Philostratus: (zu Polemon) Solches Zeug muß er Kindern vorsagen, Herr Kriegsknecht. Meint er etwa, daß er den Popanz mit uns spielen könne? Du Großprahler! Du hättest in deinem ganzen Leben nur einen Gockelhahn totgemacht? Du hättest dem Krieg ins Gesicht gesehen, du? Höchstens bist du auf irgendeiner alten Burg mit sieben Mann in Garnison gelegen, und vermutlich erweis' ich dir schon zu viel Ehre, da ich dir so viel einräume. Polemon: Das wirst du bald erfahren, wenn du uns mit vorgestreckten Speeren in blinkender Rüstung anrücken sehen wirst. Philostratus: Kommt nur alle in Schlachtordnung herbei; ich und dieser Tibys hier, der einzige Bediente, den ich bei mir habe, wollen euch mit Steinen und zerbrochenen Töpfen dermaßen auseinanderstöbern, daß ihr nicht wissen sollt, wohin ihr euch verkriechen wollet. Chelidonion und Drose Chelidonion: Kommt denn der junge Klinias nicht mehr zu dir, liebe Drose? Es ist schon so lange, daß ich ihn nicht mehr bei euch gesehen habe. Drose: Nicht mehr, liebe Chelidonion. Sein Lehrer hat es ihm verboten. Chelidonion: Und wer ist denn der? Doch nicht der Fechtmeister Diotimus? Denn der ist einer meiner guten Freunde. Drose: Nein, der verdammte Philosoph Aristänetus ist's. Chelidonion: Wie? Der finstere, übelgekämmte, bockbärtige Kerl, der immer mit den jungen Herren in der Pöcile auf und ab spaziert? Drose: Dieser nämliche Windmacher. Oh, daß ich ihn doch an seinem eignen langen Bart aufgehangen am Galgen verdorren sehen möchte! Chelidonion: Aber was ficht den Menschen an, daß er dem Klinias solche Dinge in den Kopf setzt? Drose: Das weiß ich nicht; aber dies weiß ich, daß Klinias, dessen erste Liebe ich war und der vom ersten Tage an, da er sich zu mir hielt, nicht eine einzige Nacht ausgeblieben ist, in diesen verwichenen drei ganzen Tagen sogar unsere Gasse ausgewichen hat. Ich weiß selbst nicht, wie mir dabei zumute wurde; genug, es machte mich unruhig, und da schickte ich meine Nebris, daß sie sich auf dem großen Platze oder in der Stoa nach ihm umsehen sollte. Diese sagt, sie habe ihn mit dem Aristänetus auf und ab gehen sehen; sie habe ihm von ferne zugewinkt; er sei darüber rot geworden und habe auf den Boden gesehen, aber von dem an die Augen nicht wieder aufgeschlagen. Da er sie nun, wiewohl sie ihm bis in die doppelte Pforte nachging, nicht wieder ansehen wollte, kam sie zurück, ohne mir etwas Zuverlässiges berichten zu können. Du kannst leicht denken, wie übel ich seitdem meine Zeit zugebracht, da ich unmöglich erraten konnte, was dem jungen Menschen fehle. Hab' ich ihm denn irgend was zuleide getan, sagte ich; oder liebt er eine andere? Oder hat ihm sein Vater mein Haus verboten? Indem mir eine Menge solcher Gedanken durch den Kopf liefen, kam sein Dromo abends spät und brachte mir diesen Brief von ihm. Lies ihn selbst, Chelidonion! Du hast doch wohl lesen gelernt Allem Ansehen nach hatte es die gute Drose selbst nicht gelernt, wiewohl sie ihre blinde Seite so ziemlich zu verbergen weiß. . Chelidonion: Laß sehen! Die Handschrift ist nicht sehr leserlich; die Buchstaben schlingen sich ineinander und verraten die Eilfertigkeit des Schreibers. (Sie liest:) »Wie sehr ich dich geliebt habe, meine Drose, darüber rufe ich die Götter zu Zeugen an –« Drose: (weint) Hi! Hi! Der Unglückliche schreibt mir nicht mal einen Gruß Mit diesem einzigen Zug steht die ganze Drose vor uns da! ! Chelidonion: (fortlesend) »– und auch jetzt lass' ich nicht aus Haß, sondern aus Notwendigkeit von dir. Mein Vater hat mich dem Aristänet übergeben, um der Philosophie mit ihm obzuliegen. Dieser hat alles, was zwischen uns vorgegangen, ausgekundschaftet und mich sehr stark deswegen ausgescholten. Er sagt, es sei meiner, als eines Sohnes des Architeles und der Erasiklea D. i. sehr vornehmer Leute, wie sich schon aus den vornehm klingenden Namen bei den Griechen schließen ließ. , unwürdig, mit einem Mädchen von deiner Profession Umgang zu haben, und es sei viel besser, die Tugend der Wollust vorzuziehen –.« Drose: Mög' er nie des Lebens froh werden, der alte Narr, der einen jungen Menschen solche Dinge lehrt Ein zweiter Charakterzug, der den ersten vollendet. ! Chelidonion: (liest fort) »Ich bin also genötigt, ihm Folge zu leisten. Denn er geht mir auf allen Tritten und Schritten nach und hütet mich aufs schärfste, so daß ich außer ihn selbst keinen Menschen nur ansehen darf. Wenn ich mich recht vernünftig aufführe, sagt er, und ihm in allem folge, so verspricht er mir, ich werde höchst glücklich sein und ein tugendhafter Mann werden; nur müsse ich mich schlechterdings durch Arbeit und Enthaltsamkeit dazu geschickt machen. Dies ist alles, was ich dir schreiben kann, da ich es nur verstohlenerweise tun muß. Und so lebe dann wohl und sei glücklich und denke zuweilen an Klinias!« Drose: Was sagst du zu dieser sauberen Epistel, Chelidonion? Chelidonion: Alles übrige klingt wie scythisch; aber das »denke zuweilen an Klinias« führt ein wenig Hoffnung bei sich. Drose: So kam es mir auch vor; aber indessen sterbe ich vor Liebe. Nun sagt mir Dromo: Der Aristänet sei ein Päderast und brauche die Wissenschaften nur zum Vorwand, um die schönsten jungen Leute an sich zu ziehen. Er rede viel und oft insgeheim mit Klinias und mache ihm große Versprechungen, als ob er ihn den Göttern gleichmachen wolle; auch lese er ihm gewisse erotische Dialoge der alten Philosophen mit ihren Schülern vor und sei, mit einem Wort, immer um den jungen Menschen herum. Er drohte auch der Dromo, daß er es dem Vater seines jungen Herrn sagen wolle. Chelidonion: Du hättest dem Kerl die Kehle tüchtig schmieren sollen! Drose: Das hab' ich auch getan; er ist aber ohnehin mein, denn der Mund wässert ihm gewaltig nach meiner Nebris. Chelidonion: Wenn das ist, so sei guten Mutes, es wird alles nach Wunsch gehen. Ich denke, ich will auch an eine Mauer im Ceramikus, wo Architeles zu spazieren pflegt, mit großen Buchstaben schreiben: Aristänet verführt den Klinias – damit ich dadurch die Anklage des Dromo unterstützen helfe. Drose: Aber wie willst du das schreiben, daß dich niemand gewahr wird? Chelidonion: Bei Nacht, Drose, und mit einer Kohle. Drose: Glück zu! Wenn du mir kämpfen hilfst, so hoffe ich noch wohl, über den windigen Aristänet Meister zu werden. Tryphäna und Charmides Tryphäna: Wo hat aber auch jemals ein Mann einer Hetäre fünf Drachmen Fünf Drachmen scheinen der gewöhnliche, wiewohl geringste Marktpreis einer nicht ganz gemeinen Hetäre gewesen zu sein. Aber zu Athen konnte man auch mit zwei Drachmen des Tages viel bestreiten. Arme Leute lebten von zwei oder drei Obolen. gegeben, um ihr die ganze Nacht durch den Rücken zuzukehren und zu weinen und zu seufzen, als ob ihm das Herz zerspringen wolle? Der Wein wollte dir diesen Abend nicht recht schmecken, und doch mochtest du auch nicht allein soupieren. Von Zeit zu Zeit liefen dir die Tränen über die Backen, ich bemerkte es sehr wohl; und nun kannst du vollends gar nicht aufhören, wie ein kleines Kind zu wimmern. Ich bitte dich, Charmides, was soll das heißen? Verhehle mir die Ursache nicht, damit ich doch wenigstens diesen Vorteil von der schlaflosen Nacht habe, die du mich zubringen machst. Charmides: Ich sterbe vor Liebe, Tryphäna! Ich halte es nicht länger aus. Tryphäna: Daß ich die nicht bin, die du liebst, ist klar genug; vermutlich würdest du dich dann nicht so zurückziehen und deinen Mantel zu einer Mauer zwischen uns machen, aus Furcht, daß ich dich etwa berühren möchte. Sage mir also, wer ist die Glückliche? Vielleicht kann ich dir in deiner Liebe behilflich sein; ich verstehe mich so ziemlich darauf, wie dergleichen Angelegenheiten behandelt sein wollen. Charmides: Du kennst sie sehr wohl, und sie dich; sie ist kein unbekanntes Frauenzimmer. Tryphäna: Wie heißt sie denn? Charmides: Philemation, gute Tryphäna! Tryphäna: Welche meinst du? Denn es sind ihrer zwei: die aus dem Piräus, die erst kürzlich in unseren Orden getreten ist und jetzt von Damyllus, des dermaligen Oberfeldherrn Sohn, unterhalten wird, oder die andere, die man nur die Schlinge zu nennen pflegt? Charmides: Die letztere. Ich Unglücklicher habe mich in dieser Schlinge gefangen und bin so darin verwickelt daß ich unmöglich wieder loskommen kann. Tryphäna: Um derentwillen also weintest du so bitterlich? Charmides: Jawohl! Tryphäna: Und ist es schon lange, daß du in sie verliebt bist? Charmides: Es sind ungefähr sieben Monate seit dem letzten Bacchusfeste, wo ich sie zum ersten Male sah. Tryphäna: Wahrscheinlich mußt du keine Gelegenheit gehabt haben, mehr von ihr zu sehen als ihr Gesicht und was eine Person von fünfundvierzig Jahren, wie Philemation ist, vernünftigerweise zeigen kann. Charmides: Von fünfundvierzig, sagst du? Sie schwört, daß sie in künftigem Februar erst zweiundzwanzig sein werde. Tryphäna: Wem willst du nun glauben, ihren Schwüren oder deinen eigenen Augen? Du brauchst weiter nichts als ihre Schläfe ein wenig genauer anzusehen, wo sie noch ihre eigenen Haare hat; denn alles übrige ist falsch. Aber daß sie um die Schläfe schon grau wird, das zeigt sich, sobald die Farbe, womit sie sich die Haare schwärzt, hier und da abgegangen ist. Doch das ist das wenigste. Nötige sie einmal, sich nackend sehen zu lassen! Charmides: Dazu hab' ich sie noch nie bringen können. Tryphäna: Das glaub' ich! Sie hofft wohl nicht, daß du ihre Schwindflecken sehr reizend finden würdest; denn sie ist vom Halse bis zum Knie so scheckig als ein Pardel. Und du weintest dir die Augen aus, einer so lieblichen Kreatur entbehren zu müssen? Hat sie dir nicht etwa noch obendrein übel begegnet? Charmides: Ja leider, gute Tryphäna! – wiewohl sie mich schon so viel Geld kostet: und nun, da sie auf einmal tausend Drachmen Zweihundertundfünfzig Gulden. von mir verlangt, die ich ihr, weil mich mein Vater sehr kurz hält, nicht geben kann, hat sie den Moschion angenommen und mir ihr Haus verschlossen. Deswegen habe ich dich eben holen lassen; es geschah bloß, um ihr einen Gegenverdruß dafür anzutun. Tryphäna: So wahr mir Venus hold sei, ich würde nicht gekommen sein, wenn mir jemand gesagt hätte, man hole mich bloß, um einer andern Verdruß anzutun, und das noch gar so einem Aschenkruge wie Philemation! Also lebe wohl! Der Hahn kräht jetzt ohnedem schon zum drittenmal. Charmides: Warum so eilig, liebe Tryphäna? Wenn das alles wahr ist, was du von Philemation und ihren falschen Haaren und ihrer Färberei und ihren Leberflecken sagtest, so wär' ich nicht imstande, sie nur wieder anzusehen. Tryphäna: Frage deine Mutter, die sich vielleicht einmal mit ihr gebadet hat; denn, was ihr Alter betrifft, davon kann dir dein Großvater, wenn er noch am Leben ist, die beste Nachricht geben. Charmides: Da es so mit ihr beschaffen ist, so würfen wir, dächte ich, die Mauer ein, Tryphäna, und – würden gute Freunde? Wieviel Dank bin ich dir schuldig, daß du mir aus dieser Schlinge herausgeholfen hast! Joëssa, Pythias und Lysias Joëssa: Du bist also meiner überdrüssig geworden, Lysias, weil ich dich zu zärtlich liebte? Nur zu wahr! Ich verdiene keine bessere Begegnung, da ich dir niemals Geld abgefordert, dir niemals mit der angenehmen Formel, der Platz ist schon besetzt, meine Tür verschlossen, noch, wie andere, dich genötigt habe, deinen Vater zu hintergehen oder deine Mutter zu bestehlen, um es mir zuzutragen, sondern dich, von Anfang unserer Bekanntschaft an, aus Neigung und ohne die geringste Absicht auf Gewinn, glücklich gemacht habe. Du weißt, wie viele Liebhaber ich um deinetwillen fortgeschickt habe, den Ethokles, der jetzt im Rate ist – den Schiffsherrn Passion – deinen Kameraden Melissus, ungeachtet er neulich durch den Tod seines Vaters Herr über sein Vermögen geworden ist. Ich habe mich dir allein ergeben, dich zu meinem Phaon D. i. dich ebenso inbrünstig geliebt wie Sappho den schönen Phaon. gemacht, bin so ganz dein gewesen, daß ich keinen andern als dich angesehen, geschweige vorgelassen habe. Ich Törin glaubte deinen Schwüren, hing mit der Treue einer Penelope an dir, was mir auch meine Mutter die Ohren vollschrie und wie oft sie mich bei allen meinen Freundinnen verklagte. Und du, sobald du die arme, liebeskranke Närrin in deiner Gewalt sahst, machtest dir so wenig aus mir, daß du bald vor meinen sehenden Augen mit Lycänen schäkertest, bloß um mir weh zu tun, bald, an meiner Seite liegend, kein Ende finden konntest, mir die Sängerin Magidion vorzuloben, ohne dich meinen Schmerz über so empfindliche Kränkungen und meine Tränen im geringsten anfechten zu lassen. Du hast doch wohl noch nicht vergessen, wie du dich neulich bei dem Schmause, den du deinen Freunden Thraso und Diphilus gabst, aufführtest, wo Cymbalion, die Flötenspielerin, und Pyrallis, die als meine Freundin bekannt ist, zugegen waren. Daß du eine Kreatur wie Cymbalion fünfmal küßtest, kümmert mich ganz und gar nicht Und doch zählte sie so genau? ; du beschimpftest bloß dich selbst dadurch; aber der Pyrallis, da du doch wußtest, wie ich mit ihr stehe, immer zuzuwinken, ihr den Becher, aus dem du trankst, zu zeigen, ihn dann dem Bedienten zu geben und ihm ins Ohr zu raunen, daß er, wenn Pyrallis zu trinken verlange, ihr und ja keiner andern in den nämlichen Becher einschenken sollte – das war zu arg! Und nun vollends einen Apfel anzubeißen und in einem Augenblick, wo Diphilus Der damalige Inhaber des Pyralles. , weil er eben mit Thraso sprach, nicht darauf acht gab, dich zurückzulehnen und (ohne dich im geringsten zu bekümmern, ob ich es sehe oder nicht) den Apfel mit einem wohlgezielten Wurfe der Pyrallis in den Schoß zu werfen, die ihn sogleich küßte und unter ihrem Halstuch mitten in ihren Busen steckte! – Was für Ursachen habe ich dir gegeben, mich so zu behandeln? Hab ich mich in irgend etwas, es sei großes oder kleines, gegen dich versündigt? Dir jemals etwas zum Verdruß getan? Jemals einen andern angesehen? Lebt' ich nicht für dich ganz allein? Wahrlich, Lysias, es ist eine schlechte Heldentat, ein armes Mädchen, das dich bis zum Wahnsinn liebt, zu peinigen? Aber es ist eine Adrastea im Himmel, die das sieht und dir's vergelten wird. Denn du wirst bald genug hören, daß ich mich erdrosselt oder in einen Brunnen gestürzt habe: ich werde doch wohl ein Mittel finden, aus der Welt zu kommen und dich von meinem Anblick zu befreien! Triumphiere dann immerhin, als ob du eine große herrliche Tat verrichtet hättest! – Was siehst du so stier an mich hin und knirschest mit den Zähnen? Wenn du was über mich zu klagen hast, so rede! Pythias hier soll Richterin zwischen uns sein. – Wie? Er geht fort und würdigt mich nicht einmal einer Antwort? – (Sie weint.) Du siehst, Pythias, wie ich von ihm mißhandelt werde. Pythias: Welche Gefühllosigkeit! Nicht einmal von ihren Tränen gerührt zu werden! Er ist ein Stein und kein Mensch. – Aber, wenn ich die Wahrheit sagen soll, du hast ihn selbst dadurch verderbt, daß du ihn zu übermäßig liebtest und es ihn sehen ließest. Du hättest ihm nicht zeigen sollen, daß dir so außerordentlich viel an ihm gelegen ist. Das macht sie eben übermütig! – Weine nicht so, armes Kind! Wenn du dir raten lassen willst, so schließe ihm ein- oder ein paarmal die Türe vor der Nase zu: du wirst sehen, wie bald er wieder in Flamme geraten wird, und dann laß die Reihe an ihn kommen, vor Liebe unsinnig zu werden. Joëssa: Geh mit deinem Rat! Ich dem Lysias die Tür verschließen? Wollte Gott, daß er mir nicht zuvorkommen und mich auf ewig sitzen lasse! Pythias: Da kommt er ja schon wieder! Joëssa: Du hast mich zugrunde gerichtet, Pythias! Er wird gehört haben, daß du mir rietest, ihm die Tür zu verschließen. Lysias: Nicht dieser Kreatur zu Gefallen, die nicht einmal meines Anblicks wert ist, sondern deinetwegen, Pythias, komm' ich zurück, damit du mich nicht ungehört verdammst noch sagen könnest, Lysias sei ein hartherziger Mensch. Pythias: Das sagte ich eben jetzt, Lysias. Lysias: Du verlangst also, daß ich diese Joëssa dulden soll, die jetzt in Tränen zerfließt und die ich doch vor kurzem mit diesen meinen Augen über der Untreue erwischt und bei einem jungen Menschen schlafend angetroffen habe? Pythias: Darauf, mein guter Lysias, könnte ich kurz und gut antworten, sie ist eine Hetäre. Aber wie lange ist es denn, daß du sie in einer solchen Lage angetroffen hast? Lysias: Es wird heute der sechste Tag sein. Mein Vater, der in Erfahrung gebracht hatte, daß ich seit langer Zeit in dieses tugendhafte Frauenzimmer hier vernarrt sei, hatte mir die Haustür verschließen lassen und dem Türhüter verboten, mir aufzumachen. Aber ich, dem es unerträglich war, nicht bei ihr zu sein, befahl meinem Sklaven Dromo, an der Hofmauer, wo sie am niedrigsten ist, unterzustehen, so daß es mir nicht schwer war, von seinem Rücken über die Mauer hinüberzukommen. Daß ich's kurz mache, ich stieg hinüber und langte glücklich an Ort und Stelle an. Ich fand die Haustür sorgfältig verschlossen. Da es schon um Mitternacht war, wollte ich nicht anklopfen, sondern hob die Tür, wie ich schon mehrmals getan hatte, ganz sachte aus den Angeln und kam also ohne Geräusch hinein. Alles schlief. Ich tappte so lange herum, bis ich endlich ihr Bette fand. Joëssa: Heilige Ceres! Was wird noch herauskommen? Ich stehe Todesangst aus Sollte man nicht aus dieser Unruhe der Joëssa schließen, daß es mit ihrer angerühmten Treue nicht so ganz richtig gewesen sei. Die Sache ist wenigstens problematisch, und in zweifelhaften Fällen ist die Präsumtion immer gegen die Joëssas und Pythias. . Lysias: Wie ich nun merkte, daß hier zwei Personen atmeten, glaubte ich anfangs, ihr Mädchen Lydia schlafe bei ihr. Aber das war es nicht, Pythias. Denn indem ich so herumtastete, fand ich, daß es ein glattes, unbärtiges, bis auf die Haut abgeschorenes, parfümiertes Bürschchen war. Hätte ich einen Degen bei mir gehabt – so könnt' ihr leicht denken, daß ich mich nicht lange bedacht haben würde. – Nun, was soll das? Was lacht ihr? Kommt dir die Sache so belachenswürdig vor, Pythias? Joëssa: Das war es also, was dich so böse gemacht hat, Lysias? Es war diese nämliche – Pythias: (ihr die Hand auf den Mund legend) Ich bitte dich, Joëssa, sag es ihm nicht. Joëssa: Und warum sollt' ich's nicht sagen dürfen? Pythias, mein Liebster, diese nämlich hier gegenwärtige Pythias war es, die ich hatte bitten lassen, bei mir zu schlafen; denn es war mir so traurig, daß ich dich nicht bei mir hatte. Lysias: Pythias wäre der Bursche gewesen, dem die Haare bis auf den Kopf abgeschoren waren? wie ist ihr denn binnen sechs Tagen wieder so mächtig viel Haar gewachsen? Joëssa: Die Haare waren ihr in einer Krankheit so stark ausgefallen, daß sie sich vollends abscheren lassen mußte; und nun trägt sie eine Perücke. Zeig es ihm doch, Pythias, damit er den Glauben in die Hand bekommt. (Sie nimmt ihr die falschen Haare ab.) Hier präsentiere ich dir den zarten, unbärtigen, jungen Buhler, auf den du so eifersüchtig wurdest! Lysias: Aber sage selbst, Joëssa, mußt' ich's nicht werden, da ich ihn mit meinen eigenen Händen zu betasten glaubte? Ich müßte dich nicht geliebt haben, wenn ich es weniger geworden wäre. Joëssa: Du bist also zufriedengestellt? Wäre nun die Reihe nicht an mir, dich wieder zurück zu quälen, und hätte ich nicht bessere Ursache als du, mit dir zu schmollen und die Eifersüchtige zu machen? Lysias: Tu es nicht, liebe Joëssa! Laß uns jetzt zusammen trinken und fröhlich sein, und Pythias soll uns unser neues Bündnis feiern helfen! (Zu Pythias:) Wieviel hab ich deinetwegen ausgestanden, edelster der Jünglinge, Pythias! Pythias: Dafür hab' ich euch aber auch' wieder ausgesöhnt, und eure Liebe gewinnt so viel dabei, daß du unmöglich auf mich zürnen kannst. Aber noch eins, Lysias – laß die Perücke ein Geheimnis unter uns bleiben! Leontichus, Chenidas und Hymnis Leontichus: Aber nun vollends in dem Treffen gegen die Galater – das soll euch Chenidas erzählen, wie ich da vor allen unsern Reitern auf meinem weißen Rosse angesprengt kam und die Galater, wiewohl es ihnen sonst an Mut nicht fehlt, sobald sie mich erblickten, zu zittern anfingen und kein einziger Mann mehr in Reih und Glied stehenblieb. Nun schleuderte ich meinen Wurfspieß und schoß den Anführer ihrer Kavallerie und sein Pferd durch und durch; auf den Rest aber, der noch Miene machte, standhalten zu wollen (denn wiewohl die ganze Phalanx gesprengt war, so blieben doch noch einige und versuchten, sich in eine Kolonne zu formieren), stürme ich mit gezücktem Schwert und so wütend los, daß ich durch den bloßen Stoß meines Pferdes die sieben vordersten von ihnen übern Haufen werfe, während ich mit meinem Degen einem Rittmeister den Schädel auf einen Hieb entzweispalte. Bald darauf rücktet ihr andern auch an, Chenidas, fandet aber nichts mehr zu tun, als den Fliehenden nachzusetzen. Chenidas: Und was für Wunder, Leontichus, tatest du nicht erst in dem Zweikampf mit dem Satrapen an der Grenze von Paphlagonien? Leontichus: Gut, daß du mich daran erinnerst! Ich muß selbst gestehen, es war keine von meinen schlechtesten Taten. Der Satrap, ein Mann von gigantischer Statur und der für den besten Fechter in der ganzen feindlichen Armee passierte, dabei ein großer Verächter von allem, was Griechisch heißt, war trotzig vor die Front geritten und hatte einen jeden von uns, der das Herz hätte, sich mit ihm zu messen, herausgefordert. Alles erschrak über diese Ausforderung, Obersten, Generale und der Oberfeldherr selbst – ein Aetolier namens Aristächmus, ein Mann, dem es nicht an Bravour fehlte, und der beste Lanzenwerfer in der ganzen Armee. Ich kommandierte damals nur tausend Mann; aber das Herz schwoll mir empor, ich stieß meine Kameraden, die mich zurückhalten wollten, auf die Seite – denn es wurde ihnen bange für mich beim Anblick des riesenmäßigen Barbaren, der in seiner vergoldeten Rüstung dastand, als ob er Strahlen von sich würfe, und mit seinem vom Helm herabwehenden Federbusch und der trotzigen Miene, womit er seine Lanze schwenkte, in der Tat ein fürchterliches Ansehen hatte. Chenidas: Ich muß gestehen, auch mir wurde damals angst für dich, Leontichus; du wirst dich erinnern, wie viele Gewalt ich anwandte, dich zurückzuhalten, wie ich dich bat, dich nicht für andere in Gefahr zu begeben! Denn was hätte mir das Leben helfen können, wenn du gestorben wärest? Leontichus: Aber, wie gesagt, das Herz schwoll mir hoch empor, und ich trat mitten zwischen beide Heere hervor, nicht schlechter bewaffnet als der Paphlagonier, sondern ebenfalls von Kopf zu Fuß in Gold. Sogleich erhob sich ein großes Geschrei von seiten der Unsrigen sowohl als der Barbaren; denn auch diese erkannten mich stracks an meinem runden Schild, an meinem Waffenschmuck und an meinem Helmbusche. Wem, sagte man, daß ich da gleichgesehen hätte, Chenidas? Chenidas: Wem anders, beim Jupiter, als jenem berühmten Sohne der Thetis und des Peleus, dem großen Achilles? Man hätte sich verschworen, du wärest es selbst, so ein heldenmäßiges Ansehen hattest du in deinem Helm, in deinem purpurnen Kriegsrock und dem blitzenden Schild am Arme! Leontichus: Nun gingen wir aufeinander los, und es glückte dem Barbaren, mir zuerst eine kleine Wunde beizubringen, indem er mich ein wenig überm Knie, wiewohl nur ganz leicht, mit seinem Wurfspieß streifte; ich aber stoße ihn mit meinem langen mazedonischen Speer durch seinen Schild mitten in die Brust; er fällt, ich laufe hinzu, haue ihm mit meinem breiten Schwert den Kopf ab und kehre im Triumph, mit seinen Waffen und mit dem Kopfe des Prahlers auf der Spitze meines Speers, über und über von seinem Blute triefend, zu den Meinigen zurück. Hymnis: (zusammenfahrend) Gott bewahre! Was für schreckliche und abscheuliche Dinge erzählst du von dir selbst, Leontichus? Wer wollte einen Mann, der solche Freude an Blut hat, nur ansehen, geschweige mit ihm essen und trinken und bei ihm schlafen können? Leontichus: Ich bezahle dich doppelt. Hymnis: Ich kann unmöglich bei einem solchen Mörder schlafen! Leontichus: Fürchte dich nicht, Hymnis! Das alles ist in Paphlagonien geschehen; jetzt bin ich der friedfertigste Mann von der Welt. Hymnis: Aber du bist mit einem Mord verunreinigt! Das Blut von dem Kopfe des Barbaren, den du auf deinem Speer trugst, ist auf dich herabgetropft, und ich sollte einen solchen Mann umarmen und küssen? Das wollen die Grazien verhüten! Er ist ja um nichts besser als der Scharfrichter! Leontichus: Ich würde dir gewiß gefallen, wenn du mich in meiner Rüstung sehen würdest! Hymnis: Wenn ich nur davon reden höre, kehrt sich mir alles im Leibe um, die Haut schaudert mir, und mich deucht, ich sehe die blutigen Gespenster der Ermordeten, besonders des armen unglücklichen Rittmeisters, dem du den Kopf gespalten hast. Wie wär' es erst, wenn ich die Sache selbst und das viele Blut und die herumliegenden Toten sähe! Ich hätte den Tod davon, ich, die nicht einmal einen Hahn abwürgen sehen kann. Leontichus: Ei, ei, Hymnis! Bist du denn sogar feigherzig und von so kleiner Seele? Ich dachte, dir mit meiner Erzählung noch viel Vergnügen zu machen. Hymnis: Da mußt du dir Lemnierinnen oder Danaiden Die 50 Töchter des Danaus, die (bis auf eine) ihre Männer auf Befehl ihres Vaters in der ersten Hochzeitsnacht ermordeten, sind bekannt. Gleicherweise hatten die Weiber in der Insel Lemnos, zur Zeit der Argonautischen Fahrt nach Kolchis, einer allgemeinen Abrede gemäß ihre Männer aus Eifersucht in einer Nacht umgebracht (die einzige, Hypsipile, rettete dem Könige Thoas, ihrem Vater, das Leben), so daß die Argonauten, wie sie zu Lemnos anlandeten, die ganze Insel bloß mit Weibern besetzt, diese letzteren aber (deren Männerhaß sich inzwischen ziemlich abgekühlt hatte) nicht abgeneigt fanden, zur Verhütung einer gänzlichen Entvölkerung ihres Landes die gehörigen Maßregeln mit ihnen zu nehmen. suchen, wenn es anders noch dergleichen gibt: ich eile zu meiner Mutter zurück, weil es noch Tag ist. – Komm du mit, Gramme! Und du, tapferster aller Chiliarchen, lebe wohl, und schlage so viele Köpfe ab, als dir beliebt; ich will den meinigen in Sicherheit bringen. Leontichus: Holla! Wohin, Hymnis? So bleibe doch! – Wahrhaftig, sie ist fortgelaufen. Chenidas: Du hast aber auch dem guten Mädchen mit deinem wehenden Federbusch und den unglaublichen Mordgeschichten gar zu Angst gemacht! Ich sah gleich, wie sie blaß wurde, da du noch an dem Rittmeister warst, und wie sie zusammenfuhr und sich schüttelte, da du ihm den Schädel entzweispaltetest. Leontichus: Ich bildete mir für gewiß ein, das würde mich desto liebenswürdiger in ihren Augen machen. Aber du bist allein an meinem Unglück schuld, Chenidas. Warum mußtest du mir auch den verwünschten Zweikampf in den Weg werfen? Chenidas: Ich mußte dir ja doch wohl lügen helfen, da ich sah, was du mit deinen Aufschneidereien wolltest. Aber du hättest es nicht so gar arg machen sollen! Wenn dem armen Paphlagonier doch ja der Kopf abgehauen werden mußte, so hättest du ihn wenigstens nicht auf den Spieß stecken und das Blut auf dich heruntertriefen lassen sollen. Leontichus: Das war in der Tat zu arg, du hast recht, Chenidas; aber das übrige klang doch so übel nicht. Lauf also und wende alles bei ihr an, daß sie diese Nacht mit mir passiert. Chenidas: Soll ich sagen, es sei an allem kein wahres Wort? Du habest bloß deine Tapferkeit in Kredit bei ihr setzen wollen? Leontichus: Davon hätt' ich wenig Ehre, Chenidas, das geht nicht an. Chenidas: Anders kommt sie dir gewiß nicht. Wähle also, was du lieber willst: entweder ihren Abscheu mit der Meinung, daß du eine große Kriegsgurgel seiest, oder zu bekennen, daß du gelogen hast, und Hymnis zur Schlafgesellin zu haben? Leontichus: Die Wahl ist schwer – aber Hymnis schlägt doch vor! Geh also und sag ihr – was du willst, nur nicht, daß alles erlogen sei! Dorion und Myrtale Dorion: Jetzt also werd' ich ausgeschlossen, Myrtale, jetzt, da du mich zum Bettler gemacht hast! Ehemals, wie ich dir immer so viel zu bringen hatte, da war ich dein Liebster, dein Mann, dein Herr, da war ich alles; aber nun, nachdem du mich bis auf den letzten Tropfen ausgedrückt und dafür den bithynischen Kaufmann Ein bithynischer Kaufmann erregte damals, wie bei uns ein holländischer, sogleich den Begriff des Reichtums. aufgetrieben hast, nun kann ich vor der Tür stehen und heulen, solang' ich will; jener hingegen wird glücklich gemacht und ist Herr im Hause und durchwacht ganze Nächte mit dir, und du gibst sogar vor, schwanger von ihm zu sein! Myrtale: Höre, Dorion, ich bin es herzlich überdrüssig, dich solche Reden führen zu hören, und am meisten verdrießt es mich, wenn du sagst, ich koste dich so viel und habe dich zum Bettler gemacht. So komm dann her und rechne alles zusammen, was du mir gegeben hast, seitdem wir bekannt miteinander sind! Dorion: Gut, Myrtale, wir wollen zusammenrechnen. Primo, ein Paar sicyonische Schuhe für zwei Drachmen; schreibe zwei Drachmen! Myrtale: Aber dafür hast du auch zwei Nächte bei mir gelegen. Dorion: Ferner, wie ich aus Syrien zurückkam, einen Topf voller weicher phönizischer Pomade, die mich, beim Neptunus! ebenfalls zwei bare Drachmen kostete. Myrtale: Und ich, gab ich dir nicht die Schifferjacke mit auf die Reise, die der Untersteuermann Epiurus bei mir liegenließ? Dorion: Die hat nicht lange bei mir ausgehalten; da wir neulich in Samos zusammentrafen, erkannte er sie für die seinige, und ich mußte sie, nachdem wir uns tüchtig darum gezankt hatten, am Ende doch wieder hergeben. Item hab' ich dir aus Cypern Zwiebeln und fünf Heringe und, als ich aus dem Bosporus wiederkam, vier Bärse mitgebracht. Item acht Stück Schiffszwieback, einen großen Topf voll carische Feigen und neulich aus Patarä vergoldete Sandalen, du undankbares Ding du! – Und eben jetzt fällt mir auch der Käse ein, den ich dir aus Gythium mitbrachte. Myrtale: Und das alles zusammen, Dorion, wird summa summarum etwa soviel als fünf Drachmen wert sein. Dorion: Das ist auch alles, was ein armer Matrose wie ich, der von seinem Solde leben muß, geben kann. Indessen solltest du mich jetzt weniger verachten als jemals, seit ich es so weit gebracht habe, daß die ganze rechte Ruderbank unter meinem Befehle steht. Und hab' ich nicht neulich an den Aphrodisien Einem Feste der Venus, deren gewöhnlicher griechischer Name Aphrodite ist. eine silberne Drachme deinetwegen zu den Füßen der Göttin gelegt? – Hab' ich nicht deiner Mutter zwei Drachmen zu einem Paar Schuhe gegeben und deiner Lyde hier, viel und oft, bald zwei, bald drei Obolen in die Hand gedrückt? Das alles zusammengerechnet macht eines armen Bootsmanns Hab und Gut aus. Myrtale: Die Zwiebeln und Heringe meinst du? Dorion: Allerdings! Unsereiner kann nicht mehr geben, als er hat: wenn ich reich wäre, so wär' ich kein Matrose! Meiner leiblichen Mutter hab' ich in meinem Leben nicht eine Knoblauchsbolle gebracht. Aber nun möcht' ich doch auch wissen, was dir denn der Bithynier für Präsente gemacht hat? Myrtale: Primo, sieh einmal diese Schemise an, sie ist von ihm und dies Halsband dazu, das, wie du ihm ansehen kannst, ein hübsches Gewicht hat. Dorion: Geh, das hab' ich schon lange an dir gesehen! Myrtale: Was du gesehen hast, das war viel dünner und hatte keine Smaragden. Diese Ohrringe und der Teppich sind ebenfalls von ihm; auch ist es noch nicht lange, daß er mir zwei Minen an barem Gelde gegeben und unsere Hausmiete bezahlt hat. Das tönt anders als patarische Pantoffeln und gythischer Käse und solche Lumpereien. Dorion: Aber davon sagst du nichts, was für ein Mann es ist, den du in dein Bett aufnimmst? Ein verheirateter Mann, über fünfzig Jahre alt, kahl am ganzen Vorderkopfe, und eine Farbe wie ein Taschenkrebs. Seine Zähne hast du wohl auch nicht recht betrachtet? Bei den Dioskuren Ein Schifferschwur, weil Kastor und Pollux Schutzgötter der Seefahrer waren. ein anmutsvoller Liebhaber! Sonderlich wenn er singt und den Artigen machen will! Das steht ihm gerade so an wie dem Esel das Lautenschlagen. Aber, wie er ist, wünscht' ich dir Prosit zu ihm! Du bist seiner würdig, und möchtet ihr einen Sohn bekommen, der dem Vater gleiche! Mir ist nicht leid darum, daß ich nicht eine Delphis oder eine Cymbalion, Mädchen meiner Gattung, finden sollte, oder meine Nachbarin, die Sackpfeiferin, oder irgendeine andere, wie ich sie brauche. Nicht jedermann hat Teppiche und goldene Halsbänder und Hände voll Geld zu verschenken. Myrtale: Glückliches Mädchen, das dich zum Anbeter haben wird, Dorion! Sie kann sichere Rechnung auf cyprische Zwiebeln machen, und auf einen Laib Käse, wenn du von Gythium zurückkommst! Kochlis und Parthenis Kochlis: Was weinst du, Parthenis? Und wo kommst du mit deinen zerbrochenen Flöten her? Parthenis: Der große aetolische Soldat, der Liebhaber der Krokale, hat mich geschlagen, weil er mich bei seinem Mädchen fand, wohin mich sein Nebenbuhler Gorgus bestellt hatte, und hat mir meine Flöten in Stücke zerbrochen und den Tisch, woran sie eben saßen und zu Nacht essen wollten, übern Haufen geworfen, und die Kanne umgeschmissen, daß aller Wein auf den Boden floß; und den armen Tropf Gorgus haben sie bei den Haaren vom Tische weggeschleppt, der Soldat (Dinomachus, denk' ich, heißt er) und sein Kamerad, und haben ihn so schrecklich durchgeprügelt, daß ich nicht weiß, ob der arme Mensch mit dem Leben davonkommen wird: denn das Blut stürzte ihm stromweise aus der Nase, und das ganze Gesicht ist aufgeschwollen und braun und blau. Kochlis: Ist der Kerl rasend? Oder war er so betrunken, daß er nicht mehr wußte, was er tat? Parthenis: Eifersucht, liebe Kochlis, und unsinnige Liebe war an allem schuld. Krokale hatte, glaub' ich, zweitausend Taler von ihm verlangt, wenn er sie für sich alleine haben wollte. Weil ihr nun Dinomachus nicht so viel geben wollte, so schloß sie ihm das nächstemal, da er kam, die Türe vor der Nase zu; und wurde dagegen mit diesem Gorgus, einem reichen Landmann aus Oenoe, einig, daß sie den Abend miteinander passieren und mich dazu nehmen wollten, um ihnen was auf meiner Flöte vorzuspielen. Sie hatten schon eine gute Weile getrunken, ich fing ein lydisches Stückchen zu blasen an, die Musik kam dem guten Gorgus in die Füße, er stand auf und tanzte dazu, Krokale klatschte ihm Beifall, kurz, wir waren fröhlich und guter Dinge. Auf einmal hören wir ein entsetzliches Getöse und Geschrei, die Hoftür wird aufgestoßen, und gleich darauf stürzen gegen acht baumstarke junge Burschen herein, und der Aetolier unter ihnen. In einem Augenblick war alles unter und über sich geworfen, der arme Gorgus wurde, wie gesagt, zu Boden geschlagen und unter die Füße getreten; aber Krokale hatte sich, ich weiß nicht wie, noch in Zeiten aus dem Staube gemacht und zu ihrer Nachbarin Thespias geflüchtet. Dafür ging es desto ärger über mich: Dinomachus gab mir tüchtige Maulschellen, zerbrach mir die Flöten, warf mir die Stücke an den Kopf und fluchte mir alles Unheil auf den Hals: und so bin ich denn endlich entronnen und gehe, meinem Herrn von dem Vorfall Nachricht zu geben. Der Bauer ist indessen auch zu einigen Freunden gegangen, um mit ihrer Hilfe die Sache bei der Obrigkeit anhängig zu machen. Kochlis: So geht es, wenn man sich mit solchen Eisenfressern einläßt! Alles, was man davon hat, sind Schläge und böse Händel! Wenn man sie hört, so sind sie lauter Generale und Obersten; wenn sie aber was geben sollen, da verweisen sie uns immer zur Geduld, bis die Kriegssteuer eingetrieben sei; wenn ich meinen Sold eingenommen habe, heißt es, will ich alles tun. Der Henker hole die großsprecherischen Kerls! Bei mir darf sich keiner von ihnen melden. Dafür lobe ich mir einen ehrlichen Fischer oder Schiffer oder Bauer, der wenig von Komplimentieren und Schöntun versteht, aber desto besser bezahlt! Alle die Pflastertreter, die ihre Federbüsche schütteln und Relationen von den Schlachten machen, die sie geliefert haben, sind Windbeutel, das kannst du mir glauben, liebe Parthenis!