Marcus Tullius Cicero Von der Weissagung De Divinatione Übersetzt, eingeleitet und erläutert von Raphael Kühner Ungekürzte Ausgabe Einleitung Von der Weissagung im allgemeinen Die beiden Bücher Ciceros Von der Weissagung sind eine Fortsetzung der Bücher Vom Wesen der Götter zu nennen. Die Fragen über Religion und Weissagung, die dort nur kurz berührt sind, beabsichtigte Cicero in einer besonderen Schrift ausführlicher darzustellen und zu behandeln. Hatte Cicero im zweiten Buch Vom Wesen der Götter (Kap. 3 und 4) in den Weissagungen und Ahnungen der Zukunft einen Beweis für das Dasein der Götter gefunden, so will er in der vorliegenden Abhandlung nicht nur die allgemein übliche Ansicht von der Weissagung auseinandersetzen, sondern auch seine eigene Überzeugung hiervon an den Tag legen. Der Glaube an die Weissagung ist uralt und geht hervor aus dem Glauben an den innigen Verkehr der Götter mit der Menschheit und aus der Überzeugung, daß die Götter auch für die Menschen Fürsorge tragen und ihnen tätige Hilfe leisten. Der Begriff der Weissagung steht aber in wesentlichem Zusammenhang mit Religion, Philosophie und Geschichtsschreibung, kurz mit dem ganzen öffentlichen Leben des Altertums und läßt sich auch nicht davon trennen, sondern muß im Zusammenhang mit jenen betrachtet werden. Die Weissagung bei den Alten, lateinisch divinatio, ist die vis divinandi, die Annahme einer Fähigkeit, das Zukünftige vorauszusehen und zu deuten. Da nach dem Glauben der Alten die Götter für das Wohl der Menschen sorgen, so ist auch die Überzeugung allgemein, daß sie ihnen ihren Willen offenbaren wollen. Dies geschieht eben durch die Weissagung. Da nämlich der Mensch nicht aus eigener Kraft den Willen der Götter erforschen kann, um danach seine Handlungsweise einrichten zu können, und da er sich in vielen Lagen des Lebens ratlos sieht, so ruft er die Gottheit an, ihm Belehrung zu verschaffen. So entsteht allmählich ein Kultus, der als ein inneres Band zwischen Gott und den Menschen diesen die Kenntnis des Verborgenen enthüllen und ihnen zugleich die Sicherheit für das irdische Wohl bereiten soll. Außerdem glaubte man im Altertum, daß allerlei unglückliche Ereignisse und Plagen, wie Hungersnot, Seuchen und dergleichen, durch den Zorn der Götter als Strafe der Menschen bewirkt seien. Man wandte sich daher zunächst an die Götter, um sie zu befragen und von ihnen Belehrung zu erhalten, wie und wodurch man den Zorn auf sich geladen habe und auf welche Weise man ihn wieder sühnen könne. Diese Ungewißheiten und Zweifel also, wobei der Mensch in seinem Handeln ratlos und unsicher ist, sind die hauptsächlichsten und eigentlichen Ursachen des Wunsches nach göttlicher Belehrung und somit des Entstehens der Weissagung. Die Götter, die man für Wohltäter des menschlichen Geschlechts hielt, glaubte man, würden auch nicht abgeneigt sein, den Menschen ihren Willen zu offenbaren und ihnen Weissagungen zu erteilen. Schon oben bemerkten wir, daß der Glaube an die Weissagung uralt sei; er ist in den Religionen des ganzen Altertums verbreitet und zugleich durch die ältesten Urkunden der Geschichte bezeugt; auch in den Werken der griechischen Dichter sind uns die Namen der alten berühmten Seher bewahrt, deren prophetische Gabe sich häufig durch Generationen forterbte. Da aber die Alten glaubten, daß die Gesetze und die Verfassungen der Staaten unter dem besonderen Schutz der Götter ständen, so war es auch natürlich, daß die Leitung der Weissagung nicht in den Händen einzelner blieb, sondern Sache des Staates wurde. So bildete denn in Griechenland sowohl wie besonders in Rom die gesetzmäßige Einrichtung der Augurien und der Haruspizien einen besonderen Zweig der Verfassung und griff tief in das staatliche Leben ein. Ja, in Rom hielt man eben den väterlichen Glauben und damit auch die Ausübung der Divination und der Augurien für einen Grundpfeiler der Verfassung; Cicero nennt selbst den Senat und die Auspizien die beiden herrlichen Grundsäulen der Verfassung Egregia duo firmamenta rei publicae. Vom Staat, II. . In der Wahrung des alten Glaubens und in der Beobachtung der Auspizien sah die Aristokratie selbst später, als sich schon eine gewisse Freigeisterei in Rom Bahn gebrochen hatte, ein Mittel, sich gegen die Übermacht der Demokratie zu schützen Vgl. Livius, VI 41. . Griff die Weissagung also in das politische Leben ein, so nahm sie auch in der Philosophie ihre bestimmte Rolle ein. Als die Philosophie in Ionien aufblühte, erhielt auch die Weissagung zugleich in ihr eine kräftige Stütze. Herakleitos Herakleitos: griechischer Philosoph, Ende des 6. Jahrh. v. Chr., der die Lehre vom ewigen Kreislauf der Dinge vertrat. , Pythagoras Zu Pythagoras vgl. I, 3, 5. , Empedokles Empedokles: ca. 494-434 v. Chr., griechischer Philosoph und Arzt aus Akragas in Sizilien. , ja selbst Sokrates Sokrates: 469-399 v. Chr., griechischer Philosoph; stellte den Menschen in den Mittelpunkt seines Philosophierens und strebte nach der Erkenntnis des Guten. nahmen eine Weissagung an. Doch schon in den Zeiten des Perikles Perikles: ca. 500-429 v. Chr., attischer Feldherr und Staatsmann. schwand allmählich das Ansehen der Orakel; der Glaube an sie wurde angegriffen, namentlich von den Philosophen Anaxagoras Anaxagoras, 500 v. Chr. in Klazomenai in Ionien geboren, war der erste Vertreter des Dualismus in der Philosophie (Materie + Verstand). Etwa 464 nach Athen kommend, wurde er der Freund des Perikles und Eripides. Im Alter von 72 Jahren starb er in Lampsakos. Von seiner im Altertum viel gelesenen Schrift »Über die Natur« sind nur Fragmente erhalten. und Xenophanes Vgl. I, 3, 5. , hauptsächlich aber war es Epikuros Vgl. I, 3, 5. , der, obgleich er den Glauben an die Götter festhielt, doch die göttliche Regierung der Welt und damit auch jede Art der Weissagung leugnete und bestritt Zu den eifrigsten Verspottern der Orakel gehörte der beliebte Possendichter Aristophanes. . Im Gegensatz dazu verteidigten die Stoiker in ihrer Philosophie die Weissagung, zogen sie mit in ihr philosophisches System hinein und suchten sie mit ihrer Weltanschauung in Einklang zu bringen. Die Mantik wurde daher von den Stoikern für sehr wichtig gehalten, was deutlich der Eifer beweist, womit die meisten und bedeutendsten Vertreter der Stoa sich darüber in besonderen Schriften ausließen. Cicero schließt sich in seiner Darstellung am meisten dem System der Stoiker an, wie wir später genauer sehen werden. Wenn auch die Stoiker auf die gewöhnlichen Vorstellungen von Vorbedeutungen und Orakeln nicht eingingen und sich mit ihnen nicht näher befaßten, so suchten sie doch bei ihrem Bestreben, alle volkstümlichen Ideen zu wahren und die Religion mit der Philosophie zu verbinden, nachzuweisen, daß es der göttlichen Natur angemessen sei, ihren Willen zu offenbaren und zugleich das tiefeingewurzelte Bedürfnis göttlicher Weissagung ans Licht treten zu lassen. Der Glaube an eine besondere Fürsorge der Götter für die Menschheit erschien ihnen viel zu tröstlich, als daß sie die Weissagung hätten aufgeben können; sie priesen sie daher als den augenscheinlichsten Beweis für das Dasein der Götter und einer Vorsehung und schlossen auch umgekehrt: Wenn es Götter gebe, müsse es auch eine Weissagung geben. Das Wesen der Weissagung suchten die Stoiker auf drei Wegen mit ihren philosophischen Prinzipien in Einklang zu bringen, indem sie die Weissagung von Gott, dem Schicksal und der Natur herleiteten und so ihre Existenz zu beweisen suchten. Den Beweis durch Gott führte Chrysippos Vgl. I, 3, 6. , wie ihn Cicero in unserer Schrift gibt Vgl. I, 38, 82 ff. .Die gegenseitige Bedingtheit dieser darin enthaltenen Schlüsse erschien ihnen so streng, daß sie umgekehrt aus dem Bestehen der Weissagung das Dasein der Götter herleiteten und gerade in der Mantik den größten Beweis für die Güte und Vorsehung der Götter erblickten, so wie sie auch aus der Divination schlossen, daß die Götter die Zukunft kennen. Den zweiten Beweis für die Weissagung und für deren Verbindung mit ihrem System unternahmen die Stoiker vom Standpunkt der Schicksalstherie aus. Schicksal nannten sie das unvermeidliche, von der Gottheit festgestellte Gesetz, nach dem alle Dinge in der Welt, durch eine unendliche Reihe von Ursachen und Folgen miteinander verknüpft, vor sich gehen. Man vergleiche die Beweisführung, die Cicero selbst dem Quintus in den Mund legt. Vgl. I, 55, 126. . Auf der Unvermeidlichkeit des Schicksals beruht die nicht zu bezweifelnde Wahrheit der Weissagungen. So sicher das Schicksal ist, so sicher treffen auch diese ein. Der dritte Beweis für die Weissagung endlich ist der aus dem Wesen der Natur, den Cicero mit den Worten des Quintus auseinanderlegt. Vgl. I, 57, 129. Man behauptete, daß infolge des einheitlichen Zusammenstimmens der verschiedenen Naturerscheinungen auch in der Natur vielerlei Anzeichen der kommenden und zukünftigen Ereignisse lägen. Poseidonios Vgl. über ihn I, 3, 6. , ein stoischer Philosoph, ging bei der Begründung der Mantik von der stoischen Annahme aus, daß das Zusammentreffen verschiedener Erscheinungen in den verschiedenen Teilen der Welt durch einen natürlichen Zusammenhang hervorgerufen werde. Die Häupter der Stoa selbst wandten sich der Besprechung der Weissagung mit ganz besonderem Fleiß zu. Zenon und Kleanthes legten den Grund zu den späteren Lehren, und Chrysippos gab in dieser Beziehung dem stoischen Dogma seine endgültige Gestalt. Chrysippos selbst schrieb zwei Bücher ›Über die Mantik‹ und wahrscheinlich hat er im ersten Buch über die natürliche, im zweiten über die künstliche Weissagung gehandelt. Wenigstens läßt sich diese Einteilung der Mantik wohl sicher auf Chrysippos zurückführen. Für zwei besondere Arten der natürlichen Mantik hat er noch Einzelschriften verfaßt, in denen er eine reiche Sammlung von Beispielen zusammenhäufte, und zwar hat er in seinem Werk ›Über die Orakel‹ Apollinische Orakel gesammelt und in der Schrift ›Über die Träume‹ Traumerklärungen von dem berühmten Antiphon Vgl. I, 20, 39. . Dann folgte Diogenes Babylonios Vgl. I, 3, 6. , Schüler des Chrysippos, der ein Buch ›Über die Mantik‹ schrieb. Ferner schrieb Antipater Vgl. I, 3, 6 und 20, 39. aus Tarsos zwei Bücher ›Über die Mantik‹, worin er viele Träume, namentlich von Antiphon erzählte, anführt. Ausführlich wurde das ganze System noch einmal von Poseidonios Vgl. I, 3, 6. besprochen in fünf Büchern ›Über die Mantik‹. Panaitios Vgl. I, 3, 6. , der vielfach von den Ansichten der älteren Stoiker abwich, sprach seinen Zweifel an der Weissagung aus; ja, er verwarf sie zum Teil, besonders die Weissagungen der Astrologen. Dies sind zugleich die Quellen gewesen, die Cicero bei der Abfassung seiner Schrift Von der Weissagung zu Rate zog und die er auch selbst zu wiederholten Malen in ihr angibt. Die Alten unterschieden im ganzen zwei Arten der Weissagung, die natürliche oder kunstlose und die künstliche oder kunstgemäße Vgl. I, 18, 34. . Der Mensch vernimmt nämlich die göttliche Offenbarung entweder innerlich, geistig, oder er erkennt den Willen der Gottheit erst durch äußere Vermittlung. Die natürliche oder kunstlose Weissagung beruht nach Meinung der Alten nicht auf einer Tätigkeit außerhalb des Menschen. Sie glauben vielmehr, das Göttliche, das im Menschen durch den göttlichen Ursprung der Seele liegt, erkenne die Zukunft, nachdem es durch höhere Begeisterung oder Schlaf von den Fesseln der Sinnlichkeit losgebunden sei. Der Mensch nun, durch den göttlichen Geist angetrieben, fühlt sich gedrungen, das von der Gottheit ihm Eingegebene auszusprechen. Das ist die niedere Art der Weissagung; zu ihr gehören drei Unterarten: die Ekstase oder Verzückung, die Träume und die Orakel. Die zweite Art der Weissagung, die künstliche, beruht nicht auf einer inneren, göttlichen Eingebung, sondern auf Beobachtung und Deutung gewisser Zeichen, die den Menschen von den Göttern zur Kundgebung ihres Willens gesandt werden. Diese Art der Weissagung erscheint als eine wirkliche Kunst; sie sucht den übernatürlichen Zusammenhang der gegebenen Zeichen zu einer festen und gewissen Methode zu bringen. Sie war bei Griechen und Römern sehr verbreitet; namentlich war bei den letzteren die kunstvolle Weissagung viel wichtiger und in den einzelnen Zweigen weit ausgebildeter als bei den Griechen. Diese Zeichen können von der verschiedensten Art sein, und daher wurden alle möglichen Arten und Formen der Weissagung zulässig gefunden. Es gehört hierher die Deutung von Wunderzeichen, Losen, Weissagungen, dann besonders die Opferschau, Vogelschau, die Wahrsagung aus Blitzen und sonstigen Himmelserscheinungen und anderes mehr. In dieser Beziehung ließen sich auch die Stoiker viel Aberglauben gefallen und hatten ihn sogar in ihre Philosophie aufgenommen, wie dies deutlich Ciceros erstes Buch Von der Weissagung beweist. Da freilich die Deutung dieser Zeichen Sache der Kunst ist, so kann auch in ihr der einzelne wie bei jeder anderen Kunst fehlen Vgl. I, 55, 124 und 56, 128. . Zur Sicherung dagegen dient besonders die Überlieferung, die sich auf vieljährige Erfahrung stützt, und außerdem trägt die sittliche Beschaffenheit des Weissagenden nach dem Begriff der Stoiker viel dazu bei, den rechten Erfolg zu erzielen. Trotzdem blieb doch ein bedeutender Unterschied zwischen dem Volksglauben und der stoischen Lehre von der Weissagung: Gerade der Kernpunkt dieses ganzen Glaubens – die tröstliche Annahme einer speziellen Fürsorge der Götter, die diesen Glauben hervorgerufen hatte – wurde durch die Lehre der Stoiker zerstört. Zweck und Anlage der Schrift Ciceros und Ciceros eigene Ansicht von der Weissagung Der hauptsächlichste Zweck, den Cicero mit der Abfassung der vorliegenden Schrift Von der Weissagung verfolgte, bestand darin, den Aberglauben, der aus der Unwissenheit und Unkenntnis in den Naturwissenschaften hervorging und die tiefere und feine Bildung zu unterdrücken drohte, zu zerstreuen und namentlich seinen Landsleuten darzulegen, daß dem dummen und verderblichen Aberglauben, der sich auf die Deutung von verschiedenen Anzeichen, Träumen und dergleichen berief und von den Stoikern als göttlich und heilig betrachtet wurde, keine Geltung einzuräumen sei. Cicero zeigt sich hier also in scharfem Gegensatz zu den Stoikern, die unerwiesene und unerweisbare Religionsgrundsätze vorbrachten; dagegen steht er selbst als Neuakademiker auf der Seite der Akademie, deren Organ er gleichsam ist und mit der er demnach auch deren Fehler und Verirrungen gemeinsam hat. Die Anlage der Schrift ist der äußeren Form nach höchst einfach: Quintus Cicero Er war um 102 v. Chr. geboren und wurde mit seinem älteren Bruder zusammen erzogen und unterrichtet. Er verheiratete sich mit Pomponia, der Schwester des Atticus. Im Jahre 66 wurde er Aedil, 62 Prätor; im Jahre 61 verwaltete er Asien als Provinz und kehrte darauf im Jahre 58 nach Rom zurück, um an den Kämpfen seines Bruders gegen Clodius teilzunehmen. Im Jahre 57 verwaltete er die Provinz Sardinien; im Jahre 54 ging er mit C. Iulius Caesar nach Britannien und im Jahre 51 mit seinem Bruder nach Kilikien. Als der Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius ausgebrochen war, schloß er sich letzterem an. Caesar begnadigte ihn, aber nach dessen Tod im Jahre 43, wurde auch er proskribiert und verbarg sich eine Zeitlang in Rom, wurde aber verraten und ermordet. Quintus Cicero war ein begabter und auch literarisch tüchtiger Mann, besonders ein Freund der Poesie und der historischen Studien. In der Philosophie folgte er etwas blindlings dem stoischen System, wie wir besonders deutlich aus dem ersten Buche unserer Schrift ersehen. , der Bruder des Marcus Tullius Cicero, unseres Autors, ein eifriger Anhänger der stoischen Schule, hat das letzte Buch der Schrift Vom Wesen der Götter durchgelesen, in deren zweitem Buch Lucilius Balbus nach Weise der Stoiker die Untersuchung über das Wesen der Götter auseinandersetzt, während im dritten Buch die stoischen Ansichten durch den Neuakademiker Cotta widerlegt werden. Da nun dort die Weissagung nur kurz berührt ist, so benutzt Quintus die Gelegenheit und bittet seinen Bruder Marcus auf einem Spaziergang in den Hallen des Tusculanums Landgut Ciceros in der Nähe der Stadt Tusculum. , noch einmal auf die Frage von der Weissagung näher und genauer einzugehen und, was er dort unvollendet gelassen habe, zu ergänzen und weiter auszuführen. Im ersten Buch unserer Schrift trägt nun Quintus die Ansicht der Stoa vor, indem er im ganzen mit dem übereinstimmt, was in der Schrift Vom Wesen der Götter II, 3, 4 Lucilius gegen Velleius für die Weissagung sagt, nur mit dem Unterschied, daß Lucilius die Weissagung als Beweis für das Dasein der Götter gebraucht, Quintus aber umgekehrt den Glauben an die Weissagung aus dem Glauben an die Götter herleitet. Im zweiten Buch tritt dann Marcus gegen die Begründung der Mantik auf, indem er die Rolle der Akademie und des Karneades Vgl. I, 4. übernimmt und, mit ihren Waffen gerüstet, gegen die Stoa und deren Ansichten kämpft. Die Form der Rede, deren sich Cicero bei Abfassung seiner Schrift bedient, ist nicht, wie bei den meisten übrigen philosophischen Werken, die dialogische Art des Sokrates, sondern die dialogische Form des Aristoteles, die darin besteht, daß einer der Redenden einen zusammenhängenden Vortrag über einen gewissen Gegenstand hält und dann der andere antwortet, wie Quintus im ersten und Marcus im zweiten Buch mit geringen Unterbrechungen es tun. Geschrieben ist das Werk Ciceros Von der Weissagung im Jahre 44 v. Chr. Es ist etwas später als die Bücher Vom Wesen der Götter abgefaßt, mit denen es in engstem Zusammenhange steht. Allerdings scheint das, was Cicero in seiner Schrift Über die Gesetze (II, 13, 32) von der Weissagung, zu deren Glauben er sich dort bekennt, behauptet, nicht mit seiner Ansicht, die er in den Büchern Von der Weissagung auseinandergesetzt hat, übereinzustimmen. Doch muß man hierbei Cicero, den Philosophen, und Cicero, den Staatsmann, voneinander trennen. In den Büchern Über die Gesetze hat Cicero häufig seinen Landsleuten zu Gefallen populär gesprochen, um die in seiner eigenen Heimat üblichen und zum allgemeinen Nutzen aufgestellten Gesetze und Staatseinrichtungen mit seinen philosophischen Anschauungen in Übereinstimmung zu bringen. Cicero erkannte sehr wohl die politische Wichtigkeit des Glaubens an eine Weissagung und wollte nur von ihr den Aberglauben getrennt wissen, nicht aber, daß zugleich mit dessen Beseitigung auch die Religion aufgehoben würde. Freilich ist auf der anderen Seite nicht zu verkennen, daß Cicero bei dieser Schrift nicht sehr in die Tiefe geht, auch sich selbst vielfach von Vorurteilen nicht frei machen kann, wie er überhaupt in seinen philosophischen Werken nicht selbständig zu Werke geht, sondern mehr die Ansichten der griechischen Philosophen wiedergibt und in römisches Gewand zu kleiden sucht. Die Gründe für und gegen die Sache sind freilich scharf und klar dargestellt, bewegen sich aber zu sehr an der Oberfläche; eine gründliche Widerlegung darf man daher nicht erwarten, sondern nur eine Zusammenhäufung von Argumenten, die sich einwenden lassen; dies genügte dem Akademiker. Was noch zum Schluß die Art und Weise der Darstellung in der Schrift Von der Weissagung anbelangt, so hat es Cicero verstanden, auch in diesem Werk den Leser zu fesseln durch Mannigfaltigkeit in der Rede und besonders durch Einstreuen interessanter, aus griechischen Quellen geschöpfter Erzählungen. Raphael Kühner Erstes Buch I. 1. Es ist ein alter Glaube, der schon aus den heroischen Zeiten stammt und der durch die Übereinstimmung des römischen Volkes sowie die aller Völker bekräftigt ist, es walte unter den Menschen eine gewisse Weissagung, welche die Griechen Mantik nennen, das heißt eine Vorempfindung und eine Kunde zukünftiger Dinge: eine herrliche und heilbringende Wissenschaft, wenn es anders eine solche gibt, durch die sich die sterbliche Natur am meisten der Macht der Götter nähere. Wie wir nun auch in manchen anderen Punkten den Griechen voraus sind, so haben unsere Landsleute den Namen für diese so ausgezeichnete Sache auch richtig von divis, das heißt von den Göttern, die Griechen, wie Platon erklärt, aber nur von furor, das heißt von der Raserei, abgeleitet. 2. Kein Volk gibt es, wie ich sehe, mag es noch so fein und gebildet, noch so roh und unwissend sein, das nicht der Ansicht wäre, die Zukunft könne gedeutet und von gewissen Leuten erkannt und vorhergesagt werden. Zuerst haben die Assyrier – um von den ältesten Völkern ein Zeugnis für meine Ansicht zu haben –, da sie wegen der Ebene und Weite der Flächen, die sie bewohnten, einen nach allen Seiten hin freien und unbeschränkten Horizont hatten, die vorübergehenden Bewegungen der Wandelsterne beobachtet, sie aufgezeichnet und das, was sie einem jeden bedeuteten, der Nachwelt überliefert. In dieser Nation haben, wie man glaubt, die Chaldäer, die nicht nach der Kunst, sondern nach dem Volke ihre Benennung haben Man nahm das Wort Chaldaei zu Ciceros Zeit für gleichbedeutend mit dem der Astrologen, vgl. Strabo XVI, I, 6 und Gellius, Attische Nächte XIV, 1. , sich durch tägliche Beobachtung der Gestirne eine Wissenschaft gebildet, so daß sie voraussagen konnten, was einem jeden begegnen werde und zu welchem Schicksal er geboren sei. Dieselbe Kunst sollen auch die Ägypter in der Länge der Zeiten und im Laufe von zahllosen Jahrhunderten erlangt haben. Die Kilikier aber und die Pisider und die diesen benachbarten Pamphylier, denen ich selbst vorgestanden habe Cicero verwaltete die Provinz Kilikien, an der Südostküste Kleinasiens, 51 v. Chr. Die hier erwähnten Völkerschaften stehen für die Provinz selbst. Cicero führte Krieg gegen die räuberischen Völker am Gebirge Amanus und erwarb sich dadurch den Namen eines Imperators. , glauben, daß durch den Flug und den Gesang der Vögel, als die zuverlässigsten Zeichen, die Zukunft sich zu erkennen gebe. 3. Und welche Kolonie hat Griechenland nach Äolien, Ionien, Asien, Sizilien und Italien ohne Befragung des Pythischen oder Dodonäischen oder Ammonischen Orakels Das Pythische Orakel ist das berühmte des Pythischen Apollo zu Delphi. – Zu Dodona im Lande der Molosser in Epeiros, wo Iupiter auf dem Berge Tomaros einen Tempel hatte, war das älteste griechische Orakel. – Das Ammonische Orakel war in Libyen, in der Oase Ammonien, wo in berühmter Tempel des Iupiter Ammon stand. entsandt oder welchen Krieg hat es ohne den Rat der Götter unternommen? II. Und nicht nur eine Art der Weissagung wandte man im öffentlichen Leben und im Privatleben häufig an. Denn – um die übrigen Völker zu übergehen – wieviel Arten hat nicht allein das unsrige eingeführt? Gleich anfangs soll der Vater dieser Stadt, Romulus, nicht bloß unter Auspizien die Stadt gegründet haben, sondern auch selbst der beste Augur gewesen sein. Und dann bedienten sich der Auguren auch die übrigen Könige, und nach Vertreibung der Könige wurde keine öffentliche Handlung, weder daheim noch im Kriege, ohne Auspizien vorgenommen. Und da eine große Bedeutung teils zur Erlangung guter Anzeichen und zur Beratung der Dinge, teils zur Auslegung und Sühnung von Wunderzeichen in der Wissenschaft der Opferschauer zu liegen schien, so nahmen sie diese Wissenschaft in ihrem ganzen Umfang aus Etrurien auf Das Amt der Auguren bestand darin, daß sie aus dem Fluge, den Stimmen und dem Fressen der Vögel, sowie aus der Beobachtung anderer Tiere und aus Himmelserscheinungen weissagten. Ihr Amt war lebenslänglich. Nach der Überlieferung bestand unter Romulus ihr Kollegium aus drei, unter Servius Tullius aus vier, seit Sulla aus fünfzehn Mitgliedern. Auch Cicero hatte eine Schrift de auguriis verfaßt, die aber verlorengegangen ist. , so daß durchaus keine Gattung der Weissagung von ihnen vernachlässigt zu sein schien. 4. Da nun die Seele auf zweierlei Weise ohne Überlegung und wissenschaftliche Erkenntnis durch ihre eigene ungebundene und freie Bewegung sich erregen läßt, indem sie teils begeistert ist, teils träumt, so glaubten sie, es sei die in der Begeisterung enthaltene Weissagung vornehmlich in den Sibyllinischen Versen zu finden, und bestimmten zehn auserlesene Erklärer aus der Bürgerschaft dazu Die Sibylla war eine Weissagerin in Cumae in Kampanien gewesen, von ihr stammten die Sibyllinischen Bücher oder Verse. Anfangs (bis 366 v. Chr.) hatten zwei interpretes oder sacerdotes Sibyllini über sie die Aufsicht, später zehn und zuletzt unter Sulla und Augustus fünfzehn. . Als zu dieser Gattung gehörig glaubte man auch die in Raserei getanen Aussprüche von Wahrsagern und Sehern, wie im Octavianischen Kriege Der »Octavianische« Krieg, im Jahre 87 v. Chr., benannt nach dem Konsul Gnaeus Octavius, einem Anhänger der Sullanischen Partei, der gegen seinen Kollegen Lucius Cornelius Cinna und Marius focht und getötet wurde, als Sulla in Asien im Kriege gegen Mithridates abwesend war. (Vgl. Vom Wesen der Götter II, 5, 14.) Es zeigten sich in dieser Zeit viele auffallende Erscheinungen am Himmel. Cornelius Culleolus war im Jahre 87 ein Seher, sonst unbekannt. die von Cornelius Culleolus, anhören zu müssen. Auch wichtigere Träume, wenn sie etwa den Staat zu betreffen schienen, wurden von der obersten Behörde, dem Senat, nicht außer acht gelassen. Ja, noch in unserer Zeit hat Lucius Iulius, der mit Publius Rutilius Konsul war Im Jahre 110 v. Chr. , auf Senatsbeschluß den Tempel der Iuno Sospita Vgl. Vom Wesen der Götter I, 29, 82, Die Iuno Sospita wurde in ganz Latium verehrt, in Lanuvium hatte sie einen Tempel und Hain, der auch für Rom heilig war. herstellen lassen infolge eines Traumes der Caecilia, der Töchter des Balearicus Caecilia Metella war die Tochter des Konsuls Quintus Caecilius Metellus, der nach Eroberung der Balearischen Inseln (123 v. Chr.) den Beinamen Balearicus erhielt. . III. 5. Und dergleichen haben die Alten gebilligt, indem sie, wie ich glaube, eher durch die Erfolge der Dinge bewogen, als durch Vernunftgründe belehrt worden sind. Man hat jedoch einige auserlesene Beweise von Philosophen für die Wahrheit der Weissagung gesammelt. Unter diesen hat allerdings – um zuerst von den ältesten zu reden – Xenophanes Xenophanes aus Kolophon, gründete die Schule der Eleaten, geb. um 570 v. Chr. Er wanderte um 545 nach Elea in Großgriechenland; vgl. über ihn Vom Wesen der Götter I, 41, 28. aus Kolophon, obwohl er der einzige war, der das Dasein der Götter behauptete, dennoch die Weissagung von Grund aus verworfen. Aber alle übrigen, mit Ausnahme von Epikur Epikuros, 341 bis 270 v. Chr., aus Samios, Gründer der Epikureischen Schule, die die Lust für das höchste Gut und den Schmerz für das größte Übel erklärte. – Vgl. zu der Ansicht des Xenophanes und Epikuros Plutarch, Von den Philosophen 5, 1 und Diogenes Laërtius X, § 135. , der sich über das Wesen der Götter ganz unklar ausdrückt, haben die Weissagungen angenommen; aber freilich nicht alle auf gleiche Weise. Während nämlich Sokrates und alle Sokratiker, dann Zenon Zenon aus Kition auf Kypros, Gründer der Stoischen Schule, um 300 v. Chr. und seine Schüler bei der Ansicht der alten Philosophen verblieben, mit Zustimmung der alten Akademie Die alte Akademie war von Plato gegründet. und der Peripatetiker Peripatetiker, die Schüler des Aristoteles. ; während schon vorher Pythagoras Pythagoras, Philosoph aus Samos, stiftete die nach ihm benannte Pythagoreische Schule, lebte im 6. Jahrh. v. Chr.; vgl. Vom Wesen der Götter I, 11, 27. diesem Gegenstand großes Gewicht beigelegt hatte, da er sogar selbst Augur sein wollte; während endlich der gewichtige Gewährsmann Demokritos Demokritos aus Abdera in Thrakien, 460 v. Chr. geb., Schüler des Leukippos, dessen Atomenlehre er weiter ausbildete. Von seinen zahlreichen Schriften sind uns nur einzelne Sätze aufbewahrt worden. an mehreren Stellen die Vorempfindung der Zukunft unterstützt hatte, verwarf der Peripatetiker Dikaiarchos Dikaiarchos aus Sizilien, peripatetischer Philosoph, zugleich Mathematiker und Redner, Schüler des Aristoteles, schrieb Bücher über die Seele und ein Buch über den Tod. Vgl. Tuskulanen I, 10. die übrigen Gattungen der Weissagung und behielt nur die der Träume und der Begeisterung bei. Auch unser Freund Kratippos Kratippos aus Mytilene auf Lesbos, auch ein Peripatetiker zu Athen, Freund Ciceros und Lehrer von dessen Sohn, der ihn 44 zu Athen hörte. Vgl. II, 48, 100 und noch häufig in dieser Schrift. , den ich den bedeutendsten Peripatetikern an die Seite stelle, maß nur diesen beiden Gattungen der Weissagung Glauben bei und verwarf die übrigen. 6. Da aber die Stoiker fast alle jene Gattungen verteidigten, indem teils Zenon in seinen Abhandlungen einige Samenkörner hierzu ausgestreut und Kleanthes Kleanthes von Assus in Troas, 333-231 v. Chr., berühmter stoischer Philosoph, Schüler des Krates und Nachfolger des Zenon in der Leitung der Stoischen Schule. diese weiterentwickelt hatte, so kam der äußerst scharfsinnige Chrysippos Chrysippos aus Soloi in Kilikien (ca. 280 bis 206 v. Chr.), Schüler des Kleanthes, ein sehr scharfsinniger und gelehrter Stoiker. Er schrieb sehr viel, u. a. ein Buch über die Orakel, woraus Cicero geschöpft hat; vgl. II, 56, 115. Cicero nennt ihn II, 28, 61 den auctor divinationis. hinzu, der die Weissagung in zwei Büchern auseinandergesetzt, außerdem in einem über die Orakel und in einem über die Träume gesprochen hat. Diesem reihte sich sein Zuhörer Diogenes Babylonios Diogenes, der Babylonier, eigentlich aus Seleukeia in Syrien, stoischer Philosoph, Schüler des Chrysippos, Lehrer des Neuakademikers Karneades, kam 155 v. Chr. mit Karneades und Kritolaos als Gesandter von Athen nach Rom. Dort hielten die drei gelehrte Vorträge über philosophische Gegenstände, mußten aber, da Cato besorgt war, daß die römische Jugend durch diese Vorträge dem tätigen Leben für den Staat entzogen würde, Rom bald wieder verlassen. an und gab ein Buch heraus; sodann schrieb Antipater Antipater, Schüler des Diogenes, aus Tarsos. zwei Bücher und unser Poseidonios Poseidonios aus Apameia in Syrien, 135 bis 51 v. Chr., Schüler des Panaitios (stoischer Philosoph), erteilte Cicero persönlich Unterricht, vgl. Vom Wesen der Götter I, 3. fünf. Von den Stoikern wurde zwar sogar ein Meister dieser Schule, Panaitios Panaitios aus Rhodos, ca. 180 v. Chr., ein berühmter Philosoph der Stoischen Schule und der hauptsächlichste Verbreiter des Stoizismus in Rom; er war der Freund des Scipio und Laelius. , abtrünnig, wagte jedoch nicht zu behaupten, es gebe keine weissagende Kraft, sondern sagte nur, er schwanke darüber mit seinem Urteil. Und was jener Stoiker trotz des heftigsten Widerstrebens der Stoiker sich zu tun erlaubte, werden uns das nicht die Stoiker auch in den übrigen Punkten zugestehen, zumal das, was dem Panaitios nicht einleuchtet, den übrigen Anhängern seiner Schule heller als das Sonnenlicht zu sein scheint. 7. Diese löbliche Eigenschaft des Zweifelns, die der Akademie eigentümlich ist, ist durch das Urteil und Zeugnis eines der vortrefflichsten Philosophen gerechtfertigt worden. IV. Indem ich mir nun selbst die Frage vorlege, was man von der Weissagung zu halten habe, weil Karneades Karneades aus Kyrene in Afrika, geb. 214 v. Chr., Stifter der Neueren Akademie, vgl. II, 72, 150, besonders Gegner des Stoikers Zenon. den Stoikern vieles scharfsinnig und wortreich bestritten hat, und indem ich besorgt bin, ohne Überlegung einer irrigen oder nicht hinreichend erwogenen Sache beizustimmen, so glaube ich, aufs neue wieder Gründe und Gegengründe gegeneinander halten zu müssen, wie ich es in den drei Büchern Vom Wesen der Götter getan habe. Denn es ist überall ein übereiltes Zustimmen und ein Irrtum schimpflich, besonders wenn wir darüber urteilen sollen, wieviel Gewicht wir den Auspizien und überhaupt den göttlichen Dingen und der Religion beilegen sollen. Denn es ist Gefahr vorhanden, daß wir, wenn wir jene Dinge vernachlässigen, uns eines gottlosen Frevels oder aber, wenn wir sie annehmen, eines kindischen Aberglaubens schuldig machen. V. 8. Über diese Dinge habe ich schon sonst oft gesprochen und etwas gründlicher neulich, als ich mit meinem Bruder Quintus auf meinem Tusculanum verweilte. Als wir nämlich lustwandelten und in das Lyceum Cicero hatte in der Umgebung seines Tusculanum zwei Spaziergänge, von denen er in Nachahmung der athenischen Gymnasien den einen nach dem Lehrorte des Aristoteles Lyceum, den anderen nach dem des Platon Akademie nannte. gekommen waren (so heißt das oberhalb gelegene Gymnasium), da sagte jener: »Ich habe eben dein drittes Buch Vom Wesen der Götter durchgelesen, in dem die Erörterung Cottas Gaius Aurelius Cotta, 124-73 v. Chr., ist derselbe, der in dem Werk Vom Wesen der Götter als Neuakademiker auftritt. Im Jahre 75 war er mit Livius Octavius Konsul, darauf bekam er Gallien als Provinz. meine Ansicht zwar wankend gemacht, aber dennoch nicht von Grund aus umgestoßen hat.« – »Sehr schön«, sagte ich, »denn Cotta redet selbst in dem Sinne, daß er viel mehr die Beweise der Stoiker widerlegen als den Religionsglauben der Menschen vernichtet wissen will.« Darauf erwiderte Quintus: »Das sagt allerdings Cotta und zu wiederholten Malen und, wie ich glaube, damit es nicht den Anschein gewinne, als verletze er die allgemein-menschlichen Rechte; aber bei seinem Eifer, gegen die Stoiker anzukämpfen, scheint er mir selbst das Dasein der Götter leugnen zu wollen. 9. Doch bin ich keineswegs um eine Antwort auf seine Rede verlegen; denn die Religion ist hinlänglich von Lucilius Quintus Lucilius Balbus, ein Zuhörer des Panaitios, der auch in dem Dialog Hortensius als Verteidiger der Stoa auftritt, wie aus einem Bruchstück dieser Schrift zu ersehen ist. Vgl. Ciceros Urteil über seine Philosophie, Vom Wesen der Götter I, 6, 15. in dem zweiten Buche in Schutz genommen, und seine Erörterung schien dir selbst, wie du am Ende des dritten Buches schreibst, der Wahrheit näher zu kommen. Aber was in jenen Büchern ausgelassen ist (ich glaube deshalb, weil du es für zweckmäßiger hieltst, das besonders zu untersuchen und zu besprechen, nämlich die Frage von der Weissagung, die in der Voraussagung und der Vorempfindung der für zufällig gehaltenen Dinge besteht), das also laßt uns, wenn es beliebt, betrachten, was es für eine Bedeutung hat und von welcher Beschaffenheit es ist. Meine Meinung ist nämlich die: Wenn die Gattungen der Weissagung, die uns überkommen sind und die wir verehren, wahr sind, so gibt es auch Götter; und umgekehrt, wenn es Götter gibt, so muß es auch Leute geben, die weissagen.« VI. 10. »Du verteidigst da die Hauptschanze arcem, das Hauptargument, auf das sich die Stoiker berufen. der Stoiker, mein Quintus«, sagte ich, »wenn anders dies sich so umkehren läßt, daß, wenn es Weissagung gibt, es Götter gibt; und Götter, wenn es Weissagung gibt. Aber hiervon wird dir wohl keines von beiden so leicht, wie du glaubst, eingeräumt. Denn einerseits kann auch durch die Natur und ohne Gott die Zukunft angedeutet werden, anderseits ist es auch, wenn es Götter gibt, möglich, daß überhaupt keine Weissagung dem Menschengeschlecht verliehen ist.« Und jener sagte: »Ich fürwahr habe einen hinreichenden Beweis für das Dasein der Götter und für ihre Leitung der menschlichen Dinge in dem Glauben, daß es deutliche und einleuchtende Gattungen der Weissagung gibt. Hierüber werde ich dir, wenn du Lust hast, meine Ansicht auseinandersetzen, jedoch nur unter der Bedingung, daß du Muße hast und nichts anderes diesem Gespräche vorziehen zu müssen glaubst.« – 11. »Ich«, erwiderte ich, »habe für die Philosophie immer Muße, mein Quintus. Und da ich jetzt gerade nichts anderes vorhabe, was ich mit Vorliebe treiben möchte, so wünsche ich um so viel mehr deine Ansicht über die Weissagung zu hören.« – »Neues freilich bringe ich nicht«, erwiderte er, »und nichts, was vor anderen ausschließlich meine Ansicht wäre. Denn ich folge der ältesten und der durch die Übereinstimmung aller Völker und Nationen bestätigten Ansicht. Es gibt also zwei Arten der Weissagung, eine künstliche und eine natürliche. 12. Und welche Nation, welcher Staat ließe sich nicht beeinflussen durch die Vorherverkündigungen der Opferschauer oder derer, welche die Wundererscheinungen und Blitze erklären, oder der Auguren oder der Astrologen oder schließlich der Lose (das sind so ziemlich die Arten, die der Kunst angehören) oder der Träume oder Weissagungen (diese beiden hält man für die natürlichen)? Man muß, glaube ich, bei diesen Dingen eher nach dem Erfolg als nach den Gründen fragen; denn es gibt eine gewisse natürliche Kraft, die teils durch eine lange Zeit fortgesetzte Beobachtung von Anzeichen, teils durch einen gewissen göttlichen Antrieb und Anhauch die Zukunft vorausverkündet. VII. Deshalb mag Karneades aufhören, uns zuzusetzen, was auch Panaitios zu tun pflegte, indem er fragt, ob Iupiter der Krähe von der linken, dem Raben Über die Vögel, die durch den Flug zur Rechten oder Linken Anzeichen gaben, vgl. I, 39, 85 und 53, 120, und Vom Wesen der Götter 264, 160. von der rechten Seite her zu krächzen befohlen habe. Dies sind Beobachtungen einer unermeßlichen Zeit, die beim Anzeichen eines Erfolges wahrgenommen und aufgezeichnet sind. Es gibt aber nichts, was nicht die Länge der Zeiten mit Hilfe des Gedächtnisses und durch Überlieferung von Denkmälern sich aneignen und erreichen könnte. 13. Es ist zu bewundern, welche Arten von Kräutern die Ärzte beobachtet haben, welche Arten von Wurzeln gegen die Bisse wilder Tiere, gegen Augenkrankheiten und gegen Wunden, deren Wirksamkeit und Natur noch nie die Wissenschaft erklärt hat: Durch ihren Nutzen hat sich die Kunst und der Erfinder bewährt. Wohlan, laßt uns das betrachten, was zwar zu einer anderen Gattung gehört, aber dennoch der Weissagung sehr nahe kommt. ›Und gar oft verkündet zuvor die künftigen Stürme Diese Verse und die folgenden Fragmente im achten und neunten Kapitel sind aus Ciceros Übersetzung der Diosemeia des Aratos, von Cicero Prognostica genannt. Außer diesen Versen, Phainomena 909 bis 912 ff. (Diosemeia 177 bis 180) und dreien bei Priscian ist alles übrige verloren. – Aratos, aus Soloi in Kilikien, ca. 310-245 v. Chr., lebte am Hof des makedonischen Königs Antigonos, durch den veranlaßt er das Werk des Knidiers Eudoxos, eines Astronomen, in ein Lehrgedicht: Phainomena kai Diosemeia (Sternerscheinungen und Wetterzeichen) umarbeitete. Cicero übersetzte es in lateinische Verse. Hoch aufschwellendes Meer, wenn es plötzlich vom Grund sich auftürmt Und das graue Gestein, beschäumt von der schneeigen Salzflut, Läßt den traurigen Ton erschallen dem Gotte des Meeres; Oder wenn wildes Getöse vom Gipfel des Berges daherstürmt Und an der Klippen Umzäunung gebrochen drohend heranwächst.‹ VIII. Von solchen Vorempfindungen sind ja deine Prognostica voll. Wer vermag nun die Gründe der Vorempfindungen zu erforschen? Und doch, sehe ich, hat es der Stoiker Boëthos Boëthos aus Sidon, ein stoischer Philosoph, wird selten erwähnt; er scheint ein Zeitgenosse des Chrysippos gewesen zu sein. versucht, der insofern etwas geleistet hat, als er den Grund der Erscheinungen im Meer und am Himmel erklärte. 14. Wer aber mag mit Wahrscheinlichkeit angeben, woher das Folgende entspringt? ›Auch verkündet das bräunliche Huhn, aus dem Schlunde des Meeres Fliehend, mit kläglichem Ton, daß drohe ein schrecklicher Sturmwind, Und nicht mäßige Töne ergießt es aus zitternder Gurgel. Oft auch läßt aus der Brust ein Lied der Trauer erschallen, Häuft unablässig die Tön' mit dem Anbruch des Tages die Unke, Frühe, sobald den frostigen Tau das Morgenrot auflöst. Oft auch läuft das Ufer entlang die schwärzliche Krähe, Taucht hinunter das Haupt und nimmt mit dem Nacken die Flut auf Aratos, Phainomena 913, 948, 950 ff. .‹ IX. 15. Wir sehen, daß diese Zeichen fast niemals trügen, aber trotzdem sehen wir nicht, warum es so geht. ›Ihr auch sehet die Zeichen, des süßen Wassers Bewohner, Wenn mit Geschrei ihr beginnt nichtssagenden Laut zu erheben, Und mit widrigem Ton erfüllet die Quellen und Sümpfe Aratos, Phainomena 947; die beiden folgenden Verse daselbst 954. .‹ Wer möchte vermuten, daß die Frösche dies ahnen könnten? Aber es liegt in den Fröschen Kraft und Naturgabe, die ihnen etwas vorbedeutet und an und für sich hinlänglich zuverlässig, aber für die Erkenntnis des Menschen ziemlich dunkel ist. ›Und schleppfüßige Rinder, erblickend die Sterne des Himmels, Ziehn mit den Nüstern befeuchtenden Dunst aus der Luft ein.‹ Ich frage nicht, warum, weil ich einsehe, was vor sich geht. ›Ferner der Mastixbaum, stets grün und mit Früchten beladen, Der mit dreifacher Frucht heranzuwachsen gewohnt ist, Weiset, dreimal ergiebig, zum Pflügen die dreifache Zeit an Aratos, Phainomena 1051. Diese drei Verse führt auch Plinius, Naturgeschichte 18, 25, 61 an, und dieselbe Eigentümlichkeit des Mastixbaumes erwähnt Theophrast in seinen naturwissenschaftlichen Werken. .‹ 16. Auch danach frage ich nicht, warum dieser Baum allein dreimal blüht oder warum er das Zeichen seiner Blüte der zum Pflügen geeigneten Zeit anpaßt Eigentlich: warum er die rechte Zeit des Pflügens dem Zeichen der Blüte anpaßt. . Damit bin ich zufrieden, daß ich, wenn ich auch nicht weiß, wie alles geschieht, doch einsehe, was geschieht. Zur Verteidigung jeder Weissagung werde ich daher dasselbe wie für die ebengenannten Gegenstände zur Antwort geben. X. Was die Wurzel der Scammonea Scammonea, Purgierkraut, eine Pflanze, deren Wurzel und Saft heilkräftig war. als Reinigungsmittel, was die Aristolochia Aristolochia, Osterluzei; vgl. Theophrast, Botanik 9, 13. – die ihren Namen von dem Erfinder erhielt, dem Erfinder aber wurde die Sache durch einen Traum kund – gegen den Biß der Schlangen vermag, sehe ich wohl und das genügt; warum sie es vermag, weiß ich nicht. So sehe ich auch nicht hinlänglich ein, welchen Grund die Anzeichen der Winde und Regen, von denen ich eben sprach, haben; ihre Kraft und ihren Erfolg aber erkenne ich, weiß ich und billige ich. Ebenso erkläre ich mir, was die Spaltlinie Lat. fissum; so wurde von den Opferschauern der Einschnitt der Leber genannt, der ihre Lappen in zwei Teile trennt, von denen der eine ein dem Befragenden, der andere ein dem Feinde günstiges Resultat versprach; vgl. Vom Wesen der Götter III, 6, 14 in den Eingeweiden und was die Faser Fibra ist die Faser, der Lappen eines Stückes vom Eingeweide, besonders der Leber, worauf man beim Beschauen des Opfertieres besonders achtete. bedeutet; was die Ursache davon ist, weiß ich nicht. Und von solchen Dingen ist das Leben voll; denn von den Eingeweiden machen wir fast alle Gebrauch. Wie, können wir wohl an der Kraft der Blitze zweifeln? Ist hierbei nicht außer vielem anderen besonders folgendes bewunderungswürdig: Als der Summanus Summanus, römischer Gott des nächtlichen Himmels und des nächtlichen Gewitters, im Kult mit Iupiter verbunden. am Giebelfelde des Iupiter Optimus Maximus Der Iupiter Optimus Maximus, der höchste und beste Gott, besonders der Beschützer des römischen Staates, hatte seinen Sitz und sein vorzüglichstes Heiligtum auf dem Kapitol, daher er auch Capitolinus genannt wurde; vgl. Tacitus, Historien 3, 72. , der damals von Ton war, vom Blitze getroffen wurde und der Kopf dieser Statue nirgends zu finden war, da sagten die Opferschauer, er sei in den Tiber geschleudert worden; und er wurde wirklich gefunden an dem Orte, den die Opferschauer bezeichnet hatten. XI. 17. Aber wen kann ich wohl eher zum Gewährsmann oder Zeugen nehmen als dich selbst? Ich habe deine Verse auswendig gelernt, und das mit Lust, die im zweiten Buche Vom Konsulat Cicero hatte die Begebenheiten seines Konsulates in drei Büchern besungen; in dem zweiten führt er die Muse Urania redend ein. Außer diesem Fragment sind nur noch wenige Verse in den Briefen an Atticus (II, 3, 13) und im Nonius Marcellus auf uns gekommen. die Muse Urania spricht: ›Anfangs wälzet sich Zeus, entflammt vom ätherischen Feuer Iupiter wird hier nach der Auffassung der Stoiker von Cicero als der Weltgeist und das göttliche, kunstbegabte Feuer geschildert (vgl. Vom Wesen der Götter II, 22, 57). Gott (Iupiter) wird hier als Äther dargestellt, insofern in dem Äther die göttliche Kraft hervortritt. Gott und Welt werden von den Stoikern als identisch gefaßt. , Und erleuchtet die Welt mit allumfassendem Scheine, Himmel und Länder zugleich durchdringt er mit göttlichem Geiste, Der im Innern erhält die Sinn' und das Leben der Menschen, Von des himmlischen Äthers Gewölbe umzäunt und umgeben. Willst du jedoch die Bahn und den Lauf der schweifenden Sterne Kennen, die fest sind gestellt am Sitze der himmlischen Zeichen, Die dem Worte nach irren, nach falscher Benennung der Griechen Bei den Griechen Planetai, Irrsterne genannt, von ðëáí?ó?áé umherschweifen. , Aber in Wahrheit wandern in sicheren Bahnen und Räumen, Alles wirst du erblicken bestimmt vom göttlichen Geiste. 18. Du ja sahest, als Konsul Cicero bekleidete im Jahre 63 v. Chr. das Konsulat, zugleich mit dem von ihm gehaßten Gaius Antonius Hybrida. , den Lauf der geflügelten Sterne Und den Zusammenstoß der vom Glanze glühenden Lichter, Als auf albanischer Höhe Mons Albanus, der westliche Gipfel des jetzigen Albanergebirges (Monte Cavo), der heilige Berg der Latiner, mit einem Tempel des Iupiter Latialis auf dem höchsten Gipfel, zu dem ein Weg die Festzüge in den feriis Latinis sowie die römischen Feldherren bei einer Ovation hinaufführte (vgl. Livius 26, 21, 6). du sühntest die schneeigen Hügel, An dem Latinischen Fest Das Latinische Fest oder die feriae Latinae waren ein Bundesfest der Völkerschaften Latiums und wurden alle vier Jahre dem Iupiter Latialis zu Ehren auf dem Albanischen Berg von dem Konsul mit einem gemeinschaftlichen Opfer gefeiert, wobei den Göttern Milch gespendet wurde. Sie konnten zu jeder Jahreszeit gefeiert werden, so hier im Winter, wie aus den »schneeigen Hügeln« deutlich hervorgeht. mit Frohsinn spendend den Milchguß, Sahst die Kometen entflammt vom hellen Strahle des Feuers, Glaubtest, daß viel in Verwirrung gerate durch nächtlichen Frevel Cicero deutet hier auf die Catilinarische Verschwörung, von der weiter unten deutlicher gesprochen wird. , Weil das Latinische Fest in jene schreckliche Zeit fiel, Wo die mit vollem Licht erst leuchtende Luna ihr Antlitz Barg und plötzlich verlor den Glanz am sternvollen Himmel. Wie! Die Fackel des Phoibos Quid vero Phoebi fax, nämlich fecit? wie ein solches Verbum in affektvoller Rede häufig ausgelassen wird. Die Fackel des Phoebus ist ein feuriges Meteor in Gestalt eines Pfeiles oder eines Balkens, wie hier, und galt, wie noch jetzt die Kometen, als Vorbote von Krieg und Unglück (vgl. Plinius, Naturgeschichte 2, 26). Vgl. zur Sache Catilinarische Reden III, 8, § 18 (und später § 19). , die traurige Botin des Krieges, Flog wie ein mächtiger Balken dahin in brennender Hitze Da, wo das Himmelsgewölb' sich senket, den Abend erstrebend. Oder als selbst ein Bürger, getroffen vom schrecklichen Blitzstrahl, Schwand, beim heitersten Himmel entrissen dem Reiche des Lebens? Oder als schwanger der Schoß der erschütterten Erde erbebte? Ja, es erinnerten uns so manche Schreckensgestalten, Die in der Nacht sich zeigten, an Krieg und wilde Bewegung. Ja, auch Seher ergossen durchs Land gar viele Orakel Aus der begeisterten Brust und drohten trauriges Schicksal; 19. Und was endlich im Fall durch die Länge des Alters dahinsank, Dies verkündete selbst sehr oft der Vater der Götter Durch wiederholt untrügliche Zeichen auf Erd' und am Himmel. XII. Jetzt hat, was einst unter Torquatus und Cotta, den Konsuln Lucius Manlius Torquatus und L. Aurelius Cotta waren 65 v. Chr. Konsuln. Der erste trat 62 gegen Catilina auf, als dessen Verschwörung entdeckt wurde. Er war mit Cicero befreundet. Der zweite war 70 Praetor, auch dem Cicero befreundet; später stand er auf Caesars Seite. , Hatte ein lydischer Der Seher wird lydisch genannt und dem tyrrhenischen Stamme zugeschrieben nach der Sage, daß die Tusker oder Etrurier unter der Anführung des Tyrrhenus aus Lydien nach Etrurien gekommen seien. Seher tyrrhenischen Stammes geweissagt, Dein Jahr alles gehäuft und gebracht zu sichrer Vollendung. Denn hochdonnernd herab von dem Sternenthron des Olympos Zielte einst selbst der Vater auf eigene Hügel und Tempel, Schleudernd den feurigen Blitz auf die kapitolinischen Sitze. Damals stürzte herab des Natta Natta, ein alter Römer aus der Familie der Pinarier, vgl. II, 21, 47. eherne, alte Säule; es schmolz des Gesetzes durch Alter geheiligte Tafel; Und der Götter Gebilde zerstörte die Flamme des Blitzes. 20. Hier stand einst die Tochter des Waldes, des römischen Namens Pflegerin Hierunter ist das Wahrzeichen Roms, die Statue der Wölfin mit den Zwillingen, Romulus und Remus, den Söhnen des Mars oder Mavors, zu verstehen. Der Wolf ist ein dem Mars heiliges Tier, vgl. Vergil, Aeneis IX, 566: Martius lupus. Zu der ganzen Stelle vergleiche man noch Properz, Elegien III, 9, 51 und Cicero, Vom Staat II, 2. , heilig dem Mars, die kleinen Sprossen des Mavors Aus der Fülle der Euter mit Tau des Lebens erquickend. Damals fiel sie zugleich mit den Knaben vom brennenden Blitzstrahl Nieder; es blieb nur die Spur der abgerissenen Füße. Wer durchsuchte da nicht der Kunst Denkmäler und Schriften, Trauerverkündende Stimmen etruskischen Blättern Die chartae Etruscae sind die Bücher der etruskischen Weissager, wie überhaupt in Etrurien die Weissagekunst zu Hause war und von dort erst nach Rom gelangte. entnehmend? Alle warnten zu meiden den Jammer und grauses Verderben Cicero deutet mit diesen Worten auf die Catilinarische Verschwörung hin, durch die dem Staate Verderben und Untergang drohte. , Das aus der Mitte der Bürger von edlem Stamme entsprossen; Auch einstimmig verkündigten sie der Gesetze Vernichtung, Hießen die Tempel und Stadt der Macht des Feuers entreißen Und vor schrecklichem Mord und verheerendem Kampfe sich hüten: Alles dies stehe begründet und fest durch das harte Verhängnis, Wenn nicht Iupiters heiliges Bild an der ragenden Säule Schön gestaltet zuvor hinschaue zum leuchtenden Osten. Dann erst werde Senat und das Volk die verborgenen Pläne Deutlich erkennen, wenn jenes, gewandt zum Aufgang der Sonne, Gnädig blicke herab zu dem Sitz des Senates und Volkes. 21. Endlich nach langem Verzuge und Zögern erhob sich das hehre Standbild, während du Nämlich Cicero, der von der Muse angeredet wird. Konsul warst, auf erhabenem Throne, Und in bestimmter Zeit und genau bezeichneter Stunde Ließ auf der hohen Säule das Zepter Iupiter glänzen Das heißt, zu derselben Stunde, wo das Standbild Iupiters aufgestellt wurde, wurde auch die Verschwörung Catilinas entdeckt. Vgl. dazu Ciceros eigene Worte, Catillinarische Reden III, 9, 21. , Und das Verderben, mit Feuer und Schwert dem Vaterland drohend, Macht der Allobroger Über die Anzeige der Allobroger, die Catilina vergebens für sich gewinnen wollte, vgl. außer Sallust, Catilina 40, 41; noch Cicero, Catilinarische Reden III, 2, 4; 3, 8; 4, 9; 5, 10; Appian, Bürgerkriege II; Plutarch, Leben des Cicero, Kap. 18. Mund bekannt dem Volk und den Vätern. XIII. Wohl drum taten die Alten, von denen ihr Denkmale habet, Sie, die Völker und Städte mit Maß und Tugend regierten, Wohl auch haben die Euren, die stets in heiliger Treue Sich vor den andern bewährt und sie besiegten durch Weisheit, Ganz vorzüglich geehrt der Götter kräftiges Walten; Dieses erkannten auch, eindringend mit spürendem Scharfsinn, Männer, die frohen Gemüts sich dem edlen Forschen gewidmet, 22. Unter dem Schatten der Akademie Die Akademie, in der Plato und seine Schüler lehrten, war ein Gymnasium Athens mitten in lieblichen Anlagen, daher von Cicero umbrosa (schattig) genannt; sie lag vor dem Tore Dipylon, sechs Stadien von der Stadt entfernt. und im Glanz des Lyceums Das Lyceum, in dem Aristoteles lehrte, war ein dem Apollon Lykeios geweihtes Gymnasium; hier wird es von Cicero in poetischer Weise nitidum genannt mit Beziehung auf das glänzende Öl, mit dem sich die Ringer und Wettkämpfer zu salben pflegten. , Und aus sprudelndem Geist hellstrahlende Lehren ergossen. Diesen Nämlich den griechischen Philosophen, mit denen Cicero umging. Im dreißigsten Jahre seines Lebens (76 v. Chr.) kehrte Cicero von Athen nach Rom zurück. entführte dich schon in der Jugend Blüte die Heimat, Stellte dich mitten hinein in den Kampf der tätigen Tugend Unter dem Kampf der tätigen Tugend (media virtutum moles) sind die Staatsämter, die Cicero nach seiner Rückkehr bekleidete, zu verstehen, besonders die Quästur in Sizilien (im Jahre 75), im Gegensatz zu den philosophischen Studien, denen er sich bis dahin gewidmet hatte. . Doch die ängstlichen Sorgen vertreibst du durch Ruh' und Erholung, Die du der heimischen Sprache und uns, den Musen, geweiht hast.« Wirst du es also über dich gewinnen können, gegen das, was ich von der Weissagung behaupte, zu reden, du, der du gehandelt hast, wie du gehandelt, und das, was ich eben vortrug, auf das genaueste niedergeschrieben hast? 23. Wie, Karneades Karneades war der heftigste Gegner der Stoiker; vgl. I, 4, 7. , du fragst, warum dies so geschieht oder durch welche Kunst dies durchschaut werden kann. Daß ich es nicht weiß, gestehe ich ein; daß es aber geschieht, das, behaupte ich, siehst du selbst. Durch Zufall, sagst du. Also wirklich? Kann irgend etwas durch Zufall geschehen sein, was alle Merkmale der Wahrheit an sich trägt? Geben vier hingeworfene Würfel durch Zufall den Venuswurf Der Venuswurf ist der glücklichste Wurf, nämlich wenn alle vier Würfel oben eine andere Zahl hatten, z. B.: 1, 3, 5, 6. Der schlechteste Wurf, bei dem alle vier Würfel eine gleiche Zahl oben zeigten, hieß der Wurf Hundewurf (canis). ? Glaubst du nun etwa, daß, wenn du vierhundert Würfel hinwirfst, durch Zufall hundert Venuswürfe herauskommen werden? – Farben, die ohne Absicht auf eine Tafel gespritzt worden sind, können sie die Züge eines Gesichts hervorbringen? Glaubst du nun etwa, daß durch ein zufälliges Anspritzen die Schönheit der Koischen Venus Die Koische Venus, die aus dem Meere emporsteigende, ein Meisterwerk des Koers Apelles, des berühmten Hofmalers Alexanders des Großen. Augustus ließ das Werk aus dem Tempel des Aeskulap auf der Insel Kos nach Rom bringen. hervorgebracht werden könne? Wenn ein Schwein mit seinem Rüssel den Buchstaben A in den Boden eingedrückt hat, wirst du etwa deswegen mutmaßen können, daß die Andromache Die Andromache war eine der Tragödien des Ennius; vgl. über ihn I, 20, 40. des Ennius von ihm geschrieben werden könne? Karneades erdichtete, daß in den Steinbrüchen der Chier bei der Zerspaltung eines Steines der Kopf eines Paniscus Paniscus ist ein junger Pan. entstanden sei. Ich glaube wohl, irgendeine diesem ähnliche Gestalt, aber sicherlich nicht eine solche, daß man sie für ein Werk des Skopas Skopas, einer der berühmtesten Bildhauer, aus der blühendsten Zeit der Kunst, geboren auf der Insel Paros, lebte im 4. Jahrh. v. Chr. Seine Werke waren besonders auch in Rom bekannt und geschätzt. hätte halten können. Denn in der Tat verhält sich die Sache so, daß der Zufall niemals vollkommen die Wahrheit nachahmen kann.« XIV. 24. »Doch bisweilen trifft das, was vorhergesagt ist, nicht gerade ein.« – »In welcher Kunst ist das nicht der Fall? Ich meine solche Künste, die in Mutmaßungen bestehen und auf Wahrscheinlichkeit beruhen. Oder ist etwa die Heilkunde für keine Kunst zu halten? Und doch täuscht bei ihr so vieles. Wie täuschen sich nicht auch die Steuermänner! Oder sind nicht die Heere der Achiver und die Lenker so vieler Schiffe so von Ilium abgesegelt, ›Daß sie bei der Abfahrt freudig auf der Fische munteres Spiel Schauten‹, wie Pacuvius In seinem Dulorestes; Pacuvius, der Tragödiendichter, um 220 v. Chr. in Brundisium geboren, ein Neffe des Dichters Ennius, lebte in Rom. sagt, ›... und ihr Auge sich nicht satt dran sehen konnt'? Doch schon bei der Sonne Sinken schäumet hoch das Meer empor. Es verdoppelt sich das Dunkel, schwarz steigt Nacht und Regen auf.‹ Hat daher etwa der Schiffbruch so vieler hochberühmter Führer und Könige die Steuerkunst aufgehoben? Oder ist etwa die Feldherrnkunst nichts, weil neulich einer der bedeutendsten Feldherren Cicero meint Pompeius Magnus, der im Juni des Jahres 48 v. Chr., also ungefähr drei Jahre vor Abfassung der Schrift Von der Weissagung trotz seines bedeutend überlegenen Heeres von Caesar bei Pharsalus aufs Haupt geschlagen wurde. nach Verlust seines Heeres geflohen ist? Oder gibt es etwa deswegen keine Methode und Wissenschaft der Staatsverwaltung, weil vieles den Gnaeus Pompeius, manches den Marcus Cato Marcus Cato (der Jüngere), mit dem Beinamen Uticensis, 95 v. Chr. geboren, einer der edelsten Römer der sinkenden römischen Republik. Hauptfeind des Caesar, nahm er sich nach der verlorenen Schlacht bei Thapsus 46 v. Chr., um sich Caesars Gnade nicht zu unterwerfen, in Utica das Leben. , einiges auch dich selbst getäuscht hat? Ähnlich verhält es sich mit der Antwort der Opferschauer und aller mutmaßlichen Weissagung; denn sie stützt sich auf Vermutung, über die sie nicht hinausgehen kann. 25. Diese täuscht uns vielleicht bisweilen; aber sehr häufig führt sie uns zur Wahrheit. Denn sie stammt von aller Ewigkeit her; und da in dieser sich die Dinge fast unzähligemal auf ein und dieselbe Weise ereigneten, nachdem dieselben Zeichen vorausgegangen waren, so ist eine Kunst geschaffen worden, indem man die nämlichen Ereignisse bemerkte und aufzeichnete. XV. Aber wie fest stehen eure Auspizien Quintus denkt hierbei an das Augurat seines Bruders, das dieser an Stelle des im Parthischen Kriege gefallenen Crassus durch Gnaeus Pompeius und Quintus Hortensius im Jahre 53 erhielt. ? Diese sind freilich den römischen Auguren – du erlaubst mir wohl, dies zu sagen – wenig bekannt, werden aber von den Kilikiern, Pamphyliern, Pisidern und Lykiern Die Kilikier, Pambylier und Pisider sind schon im Anfang (Kap. 1, 2) erwähnt. An Pamphylien grenzt Lykien. festgehalten. 26. Denn was soll ich unseren Gastfreund, den hochberühmten und trefflichen Mann, den König Deiotarus Deiotarus, Tetrarch von Galatien, ein eifriger Anhänger der Römer, unterstützte im Mithridatischen Krieg die römischen Feldherren gegen Mithridates und erhielt deshalb von Pompeius die Herrschaft über Klein-Armenien und vom Senat den Königstitel. Im Kampf zwischen Caesar und Pompeius stand er auf des letzteren Seite und verlor nach der Schlacht bei Pharsalus, an der er selbst teilnahm, fast sein ganzes Reich an Pharnaces, den Sohn des Mithridates. Dem Caesar mußte er sich unterwerfen und behielt, nachdem er sich zu Geldleistungen verpflichtet hatte, nur sein ererbtes Reich und den Königstitel. Einige Jahre darauf (45 n. Chr.) wurde er von seinem Enkel, Castor, bei Caesar verklagt, diesem nach dem Leben getrachtet zu haben. Cicero, ihm seit seinem Prokonsulat in Kilikien (51 v. Chr.) befreundet, verteidigte den Angeklagten in der bekannten Rede und bewirkte seine Freisprechung. Nach Caesars Tod bestätigte ihn Antonius auch in seinen früheren Besitzungen (vgl. Cicero, Philippische Reden, 2, 37). erwähnen, der nie etwas ohne vorausgegangene Auspizien unternimmt. Als dieser, durch den Flug eines Adlers gewarnt, auf einer Reise, die er sich vorgenommen und fest beschlossen hatte, umkehrte, stürzte das Zimmer, wo er, wenn er weitergereist wäre, hätte bleiben müssen, in der nächsten Nacht zusammen. 27. Daher kehrte er häufig, wie ich aus seinem eigenen Munde hörte, auf der Reise um, wenn er auch schon mehrere Tagereisen zurückgelegt hatte. Ein sehr schöner Zug an ihm ist folgender. Nachdem er von Cäsar um die Tetrarchie, sein Reich und eine Summe Geldes bestraft worden war, behauptete er dennoch, die Auspizien, die sich ihm bei seiner Reise zu Pompeius günstig gezeigt hätten, gereuten ihn nicht. Denn er habe das Ansehen des Senats, die Freiheit des römischen Volkes und die Würde der Herrschaft mit seinen Waffen verteidigt, und die Vögel, durch die bewogen er an Pflicht und Treue festhielt, hätten ihm gut geraten; denn sein Ruhm sei ihm von höherer Bedeutung gewesen als seine Besitztümer. Dieser scheint mir also sich der rechten Augurien zu bedienen. Unsere Obrigkeiten gebrauchen freilich nur erzwungene. Denn es muß notwendigerweise, wenn der Bissen Der Bissen (offa) war ein aus Mehl und Wasser geknetetes und mit den Händen geformtes Kügelchen. Solche Kügelchen warf man den Hühnern, mit denen man Auspizien anstellen wollte, zum Fressen vor. Fiel etwas dabei auf den Boden, so galt das als ein günstiges Omen. Wenn die Hühner nun lange gehungert hatten, so mußten sie wegen des gierigen Fressens notwendig etwas fallen lassen. hingeworfen ist, dem Huhne beim Fressen ein Stückchen aus dem Schnabel fallen. 28. Weil ihr es aber geschrieben findet, daß, wenn etwas davon auf die Erde fällt, daraus ein Tripudium entstehe, so nennt ihr auch das, was ich erzwungen nenne, ein tripudium solistimum Über tripudium und tripudium solistimum vgl. II, 34, wo Cicero selbst die Worte erklärt, und die Anmerkung dazu. . Daher sind viele Augurien, viele Auspizien, worüber der weise Cato Marcus Porcius Cato (der Ältere), mit dem Beinamen Censorius, der Urgroßvater des Kapitel 14 genannten Cato Uticensis, 234 v. Chr. zu Tusculum geboren, 195 Konsul, 184 Censor, 149 gestorben, war Hauptanhänger der stoischen Philosophie. klagt, durch Nachlässigkeit des Kollegiums gänzlich verloren und aufgegeben worden. XVI. Vordem wurde fast keine Sache von größerer Bedeutung, selbst im Privatleben nicht, ohne vorausgegangene Auspizien unternommen, was noch jetzt die Auspizien bei den Hochzeiten Auspices nuptiarum. Auch bei Hochzeiten wurde, wenn auch mehr der Formalität halber, ein auspex ernannt, um der Hochzeit ein feierliches Ansehen zu verleihen. Vgl. Sucton, Claudius, Kapitel 26. beweisen, die, nachdem die Sache aufgehört hat, nur noch den Namen behalten haben. Denn wie jetzt durch Beschauen der Eingeweide (obwohl auch dies bedeutend weniger als sonst), so pflegte man damals durch Beobachtung der Vögel glückliche Anzeichen zu erlangen. Wenn wir daher die ungünstigen Zeichen nicht ausforschen, geraten wir in Unheil und Mißgriffe. 29. So haben zum Beispiel Publius Claudius, der Sohn des Appius Caecus, und sein Amtsgenosse, Lucius Iunius Im Jahre 249 v. Chr., im Ersten Punischen Krieg, verloren die beiden Konsuln Publius Claudius Pulcher und Lucius Iunius Pullus, der erste in einer Seeschlacht beim Vorgebirge Drepanum in Sizilien gegen den Karthager Adherbal und der zweite durch einen heftigen Sturm beim Vorgebirge Pachynum, ihre Flotten. Vgl. besonders Vom Wesen der Götter, II 3, 7, wo Cicero den Vorfall ausführlicher erzählt, und Polybios' Geschichte, I, 54. sehr bedeutende Flotten verloren, da sie mit Verletzung der Auspizien in See gegangen waren. Ganz ebenso erging es dem Agamemnon, der, als die Achiver anfingen ›Unter sich zu murren und der Opferschauer Kunst zu schmähn, Abfuhr unter großem Beifall und dem Vogelflug zum Trotz Woher diese beiden Verse stammen, ist ungewiß, vielleicht auch aus dem Dulorestes des Pacuvius, vgl. I, 14, 24 und Anmerkung. Die Verse beziehen sich übrigens auf die Abfahrt Agamemnons und der Griechen von Aulis nach Troja. Agamemnon fuhr trotz der widrigen Winde, die ihnen die Göttin Diana wegen der Tötung einer Hirschkuh gesandt hatte, ab, nachdem er freilich auf den Rat des Sehers Kalchas seine Tochter Iphigenia zum Opfer dargebracht hatte. .‹ Doch wozu erwähne ich alte Dinge? Was dem Marcus Crassus Der habsüchtige Marcus Licinius Crassus (60 v. Chr. mit Caesar und Pompeius Triumvir) fiel in dem Krieg gegen die Parther, kurz nach der Niederlage von Carrhae (53 v. Chr.), vgl. Plutarch, Leben des Crassus, Kap. 17, 19, 23; Vellerns Paterculus 2, 46; Appian, 2, 16. begegnet ist, als er die Verkündigung der schlimmen Anzeichen vernachlässigt hatte, sehen wir. Hierbei hat dein Amtsgenosse Appius den Gaius Ateius, einen wackeren Mann und ausgezeichneten Bürger, mit nicht gehöriger Einsicht als Censor bestraft, weil jener falsche Augurien erdichtet habe, wie er unterschrieb Appius Claudius Pulcher war der Amtsgenosse Ciceros im Augurat, vgl. I 47, 105. Der hier erzählte Vorfall ist nicht genau bekannt; nur daß Ateius sich dem Feldzug des Crassus widersetzt habe, erzählt Plutarch, Leben des Crassus, Kap. 16; vgl. Cassius Dio, 39, 39. Ateius ist vielleicht derselbe, der in Ciceros Briefen ad fam. XIII, 29 erwähnt wird. . Es mag dies die Sache des Censors gewesen sein, wenn er meinte, jener habe Augurien erdichtet. Aber das war durchaus nicht die Sache des Censors, hinzuzuschreiben, daß aus diesem Grunde das römische Volk eine sehr große Niederlage erlitten habe. Denn wenn das die Ursache des Unglücks war, so liegt nicht die Schuld an dem, der die bösen Vorzeichen verkündigt, sondern an dem, der ihnen nicht gehorcht hat. Daß die Verkündigung wahr gewesen ist, hat, wie er Nämlich Appius Claudius Pulcher. , Augur und Censor zugleich, sagt, der Erfolg bewiesen; wenn sie falsch gewesen wäre, so hätte sie keinen Grund für die Niederlage abgeben können. Denn die Verwünschungen bringen, so wie die übrigen Auspizien, wie die Vorbedeutungen, wie die Zeichen, keine Gründe herbei, warum etwas geschehe, sondern verkünden nur, daß es sich ereignen werde, wenn man sich nicht vorsieht. 30. Nicht also hat die Verkündigung des Ateius den Grund zu dem Unglück gebildet, sondern als das Zeichen sich entgegenstellte, erinnerte er den Crassus, was geschehen würde, wenn er sich nicht in acht nehme. So hat also jene Verkündigung entweder nichts bewirkt, oder wenn sie, wie Appius urteilt, eine Wirkung hatte, so war es die, daß der Fehler nicht an dem haftet, der gewarnt, sondern an dem, der nicht gehorcht hat. XVII. Wie, woher ist jener euer Lituus Lituus hieß a) der oben gekrümmte Stab, den die Auguren in der rechten Hand führten, um die Himmelsgegenden damit zu bezeichnen, also der »Augur-Krummstab«; b) die ähnlich gekrümmte Kriegstrompete oder »Zinke«. , das berühmteste Abzeichen des Augurats, euch übergeben worden? Hat nicht mit ihm Romulus die Himmelsgegenden bezeichnet, als er die Stadt gründete? Dieser Lituus des Romulus also (ein gekrümmter und am oberen Ende sanft gebogener Stab, der seinen Namen von der Ähnlichkeit mit dem Lituus, auf dem man bläst, bekommen hat), lag in der Kurie der Salier Die Salier waren Priester des Mars, und die curia auf dem Palatinischen Hügel war das Gebäude für ihre Zusammenkünfte, deshalb hießen sie auch Palatini. , die auf dem Palatinischen Hügel ist, und als diese abgebrannt war Bei der Einnahme Roms durch die Gallier 387 v. Chr.; vgl. Plutarch, Romulus, Kap. 22; Cajnillus, Kap. 32. , wurde er unversehrt gefunden. 31. Ferner, viele Jahre nach Romulus, unter der Regierung des Tarquinius Priscus, welcher alte Schriftsteller spricht nicht von der Einteilung der Himmelsgegenden, die Attus Navius Attus Navius war ein Zeitgenosse des Königs Tarquinius Priscus, nicht des Hostilius, wie Cicero durch einen Gedächtnisfehler in seiner Schrift Vom Wesen der Götter II, 3, 9 berichtet. durch den Lituus vorgenommen hat? Dieser soll, als er wegen seiner Armut als Knabe die Schweine hütete und eines verlorengegangen war, gelobt haben, wenn er es wiederbekäme, die größte Traube im Weinberg dem Gott darzubringen. Als er nun das Schwein wiedergefunden hatte, soll er, nach Süden schauend, mitten im Weinberg stillgestanden haben, und als er den Weinberg in vier Teile geteilt hatte und drei Teile die Vögel verworfen hatten, fand er, wie wir geschrieben lesen, in dem vierten, noch übrigen der eingeteilten Gegend eine Traube von wunderbarer Größe. Als diese Sache bekannt wurde und alle Nachbarn insgesamt sich an ihn wegen ihrer Angelegenheiten wandten, wurden sein Name und sein Ansehen groß. 32. Daher ließ ihn der König Priscus zu sich kommen. Um seine Kenntnis als Augur auf die Probe zu stellen, sagte er ihm, er denke sich etwas, und fragte ihn, ob dies möglich sei. Jener antwortete nach Anstellung des Auguriums, es sei möglich. Tarquinius sagte darauf, er habe gedacht, man könne einen Schleifstein mit einem Schermesser zerschneiden. Da habe Attus befohlen, die Probe anzustellen. Es sei also ein Schleifstein auf das Komitium gebracht und vor den Augen des Königs und des Volkes mit einem Schermesser zerschnitten worden. Daher kam es, daß sowohl Tarquinius den Attus Navius als Augur annahm, wie auch das Volk ihn bei seinen Angelegenheiten um Rat fragte. 33. Der Schleifstein aber und das Schermesser wurden, wie man berichtet, auf dem Komitium vergraben und darüber ein Puteal Puteal ist eine Brunneneinfassung aus Marmor; von der Ähnlichkeit mit einer solchen wurde das Gemäuer, das zum Andenken an das Wunder des Attus Navius auf dem Komitium errichtet war, Puteal genannt. gesetzt. Wir wollen alles leugnen, wir wollen die Geschichtsbücher verbrennen, wir wollen annehmen, es sei erdichtet, und schließlich alles lieber zugestehen, als daß die Götter sich um die menschlichen Angelegenheiten bekümmerten. Aber was bei dir selbst von Tiberius Gracchus Die Sache wird ausführlich, aber etwas anders in der Schrift Vom Wesen der Götter II, 4, 10 erzählt. geschrieben ist, bestätigt das nicht die Wissenschaft der Auguren und Opferschauer? Als dieser, ohne es zu wissen, den Standort nicht gehörig eingenommen hatte, weil er ohne Auspizien über den Stadtzwinger gegangen war, hielt er die Komitien zur Wahl der Konsuln. Die Sache ist bekannt und von dir selbst schriftlich aufgezeichnet. Aber auch der Augur Tiberius Gracchus selbst hat das Ansehen der Auspizien durch das Geständnis seines Irrtums bekräftigt, und die Wissenschaft der Opferschauer hat bedeutend an Ansehen gewonnen, indem sie, gleich nach den Komitien in den Senat eingeführt, behaupteten, der Vorsteher der Komitien sei nicht rechtmäßig verfahren. XVIII. 34. Ich stimme also denen bei, die zwei Arten von Weissagungen angenommen haben, eine, die mit Kunst verbunden ist, und eine, die der Kunst entbehrt. Denn es findet sich Kunst bei denen, die neue Dinge durch Mutmaßung deuten, die alten durch Beobachtung kennengelernt haben. Es entbehren aber der Kunst die, welche nicht durch Vernunftschlüsse oder Mutmaßung nach Beobachtung und Anmerkung von Zeichen, sondern durch eine gewisse Erschütterung der Seele oder durch eine freie und ungebundene Bewegung die Zukunft voraussehen (was bei Träumenden oft der Fall ist und bei denen, die, von Wahnsinn ergriffen, weissagen), wie der Boioter Bakis Bakis, ein berühmter Seher, hatte den zweiten Persischen Krieg vorausgesagt; vgl. Herodot 8, 20; Pausanias X, 14, 3. , wie der Kreter Epimenides Epimenides aus Knosos in Kreta, als Priester und Seher bekannt, wurde von Solon nach Athen berufen, um die Stadt durch Opfer und Sühnegebräuche zu reinigen und die Bürgerschaft mit den zürnenden Göttern wieder zu versöhnen. , wie die Erythraeische Sibylle Die erytraeische Sibylle, siehe I, 2, 4; vgl. darüber Strabo, 14 und 17. Pausanias (X, 12) hält sie mit der delphischen und mit der trojanischen Sibylle für identisch. Erythrae gehörte zu den zwölf ionischen Städten in Kleinasien und lag auf der Chios gegenüberliegenden Halbinsel Erythraea. . Zu dieser Gattung sind auch die Orakel zu rechnen, nicht die, die nach Gleichmachung der Lose Aequatis sortibus – was dies bedeute, ist nicht genau zu ermitteln; wahrscheinlich bezieht sich der Ausdruck auf die gleiche Größe und gleichmäßige Anordnung der Lose, so daß nicht eines über das andere emporragte. gezogen werden, sondern jene, die durch einen göttlichen Antrieb und Anhauch sich ergießen. Wiewohl das Los selbst nicht zu verachten ist, wenn es nur das Ansehen des Alters besitzt, wie die Lose sind, die, wie wir hören, aus der Erde gekommen sind Die praenestinischen nämlich, von denen II, 41, 85 die Rede ist. ; daß diese aber beim Ziehen für die bestimmte Sache treffend ausfallen, kann, glaube ich, durch göttlichen Einfluß geschehen. Die Erklärer aller dieser Dinge scheinen, wie die sprachgelehrten Erklärer der Dichter, der Weissagung derer, die sie erklären, am nächsten zu kommen Der Sinn dieser Stelle ist: Wie die Erklärer von Gedichten bei der Auslegung der Dichter mit einem poetischen Hauche begabt werden, so treten auch die Deuter der Weissagungen der Gottheit am nächsten und sind gottbegeistert. . 35. Was ist das also für ein Scharfsinn, Dinge, die durch das Alter bekräftigt sind, durch Verdrehungen umstoßen zu wollen? Ich finde keinen Grund. Er ist vielleicht in das Dunkel der Natur gehüllt und verborgen. Denn Gott hat nicht gewollt, daß ich diese Dinge wisse, sondern nur, daß ich Gebrauch davon mache. Ich werde also davon Gebrauch machen und will mir nicht einreden lassen, daß ganz Etrurien bei der Opferschau wahnsinnig sei oder daß dasselbe Volk bei der Deutung der Blitze irre oder trügerisch Wundererscheinungen auslege, da oft ein Brummen, oft ein Gebrüll, oft eine Erschütterung der Erde unserem Staate und den anderen Staaten viel Wichtiges und Wahres vorausgesagt haben. 36. Wie? Als eine Mauleselin ein junges warf, worüber man spottet Daß ein Maultier geworfen habe, erwähnt Plinius, Naturgeschichte 8, 44; aber er nennt es ein Wunder (prodigium). Die Maultiere sind als Bastarde von Pferd und Esel sonst unfruchtbar. , sagten da nicht die Opferschauer voraus, die Zeit gehe mit unglaublichen Übeln schwanger, weil in unfruchtbarer Natur Frucht entsprang? Wie? Tiberius Gracchus Über Tiberius Sempronius Gracchus vgl. I, 17, 33 und die Anmerkung; er hatte die Tochter des älteren Scipio Africanus, Cornelia, zur Gemahlin, eine Frau von hoher Bildung und edler Gesinnung. Berühmt sind ihre beiden Söhne, die Volkstribunen Tiberius und Gaius Gracchus; ihre Tochter Sempronia wurde die Gemahlin des jüngeren Scipio Africanus. Dieselbe Geschichte wie hier erzählt Plutarch im Leben der Gracchen. , des Publius Sohn, der zweimal Konsul und Censor gewesen ist und zugleich ein sehr tüchtiger Augur, ein weiser Mann und ein vortrefflicher Bürger, rief er nicht, wie sein Sohn Gaius Gracchus schriftlich hinterlassen hat, als zwei Schlangen in seinem Hause ergriffen wurden, die Opferschauer zusammen? Als diese geantwortet hatten, wenn er das Männchen losließe, so müsse seine Gattin binnen kurzem sterben, wenn das Weibchen, so er selbst; so hielt er es für billiger, daß er selbst einen frühzeitigen Tod sterbe, als die junge Tochter des Publius Africanus. Er ließ das Weibchen los; wenige Tage darauf starb er. XIX. Mögen wir die Opferschauer verlachen, mögen wir sie eitel und nichtig nennen und die verachten, deren Wissenschaft ein sehr weiser Mann, der Erfolg und die Tatsache bekräftigt haben; mögen wir auch Babylon Unter Babylon sind natürlich dessen Einwohner zu verstehen. Daß die Babylonier im Altertum für bedeutende Astronomen gehalten wurden, ist bekannt, vgl. auch II, 46. und diejenigen verachten, die vom Kaukasus aus die Zeichen des Himmels beobachten und die Bahnen der Sterne nach ihren Gesetzen und Bewegungen verfolgen; mögen wir diese, sage ich, entweder der Torheit oder der Eitelkeit oder der Unverschämtheit beschuldigen, die, wie sie selbst sagen, in ihren Denkmälern die Beobachtungen von 470 000 Jahren umfassen, und mögen wir erklären, daß sie lügen und daß sie nicht das Urteil der künftigen Jahrhunderte über sie selbst scheuen! 37. Wohlan, mögen die Barbaren eitel und trügerisch sein; hat etwa auch die Geschichte der Griechen gelogen? Was, um von der natürlichen Weissagung zu reden, der Pythische Apollon Das berühmte Orakel des Pythischen Apollon zu Delphoi, von dem gleich darauf die Rede ist (vgl. I, 19, 38 und die Anmerkung). dem Kroisos, was er den Athenern, was den Lakedaimoniern, den Tegeaten Den Einwohnern von Tegea, einer Stadt in Arkadien. , den Argivern und den Korinthern geantwortet hat, weiß das nicht jeder? Unzählig viele Orakel hat Chrysippos Chrysippos in dem Buch über die Orakel, vgl. zu I, 3, 6. gesammelt und keines ohne einen vollwichtigen Gewährsmann und Zeugen. Weil sie dir aber bekannt sind, so übergehe ich sie. Nur eines verteidige ich. Niemals wäre jenes Orakel zu Delphoi so besucht und so berühmt gewesen, nie wäre es mit so großen Geschenken aller Könige und Völker ausgestattet worden, wenn nicht jedes Zeitalter die Richtigkeit jener Orakelsprüche erfahren hätte. Schon lange tut es dieses nicht mehr. 38. Wie es also jetzt weniger berühmt ist, weil die Richtigkeit der Orakelsprüche weniger hervortritt, so würde es damals nicht so berühmt gewesen sein, wenn es sich nicht durch die größte Wahrheit ausgezeichnet hätte. Es kann aber jene Kraft der Erde, die den Geist der Pythia Die zu Delphoi auf dem Dreifuß sitzende Pythia wurde durch Dämpfe oder Ausdünstungen, die aus der Erde emporstiegen, in eine Art Betäubung versetzt, und so begeistert, sprach sie die Orakelsprüche. Vgl. Plinius, Naturgeschichte, 2, 95; Justinus 24, 6 (wo sich eine ausführliche Beschreibung des Delphischen Orakels findet). durch einen göttlichen Anhauch begeisterte, durch die Länge der Zeit verschwunden sein, so wie wir sehen, daß Flüsse ausgetrocknet sind oder sich in einen anderen Lauf gewunden und abgelenkt haben Dieselbe Vergleichung des Austrocknens der Flüsse mit dem Verschwinden der Orakel gebraucht auch Plutarch (Vom Verschwinden der Orakel). . Aber mag dies gekommen sein, wie du willst; denn die Frage ist wichtig; nur das bleibe, was sich nicht leugnen läßt, wenn wir nicht alle Geschichte über den Haufen werfen, daß nämlich dieses Orakel viele Jahrhunderte hindurch wahrhaft gewesen ist. XX. 39. Doch lassen wir die Orakel beiseite, kommen wir auf die Träume! Von diesen handelt Chrysippos, und indem er viele und unbedeutende Träume sammelt, tut er dasselbe wie Antipater Antipater, aus Tarsos, schon I, 3, 6 erwähnt. und liest diejenigen zusammen, die, durch die Deutung Antiphons Antiphon, ein Athener, Zeitgenosse des Sokrates, war ein Wunderdeuter; er schrieb Bücher über die Deutung der Träume. erklärt, allerdings den Scharfsinn des Auslegers beweisen; aber er hätte wichtigere Beispiele anführen müssen. Als die Mutter des Dionysios Dionysios der Ältere, geb. 431 v. Chr., 406 bis 367 an der Regierung; vgl. auch I, 33, 73. , des bekannten Tyrannen von Syrakus – wie bei Philistos Philistos, aus Syrakus, ein Geschichtsschreiber um 400 v. Chr., war mit Dionysios dem Älteren verwandt und sehr befreundet; er schrieb eine Sizilische Geschichte, deren erster Teil bis zur Einnahme Agrigents ging; der zweite umfaßte die Geschichte des älteren Dionysios, ferner eine Geschichte des jüngeren Dionysios. , einem gelehrten, sorgfältigen Manne, der zu jener Zeit lebte, geschrieben steht –, mit eben diesem Dionysius schwanger ging, träumte ihr, sie habe einen jungen Satyr Satyriscus, ein junger Satyr; die Satyrn sind die beständigen Begleiter des Bacchus und werden in bocksähnlicher Gestalt dargestellt. geboren, Ihr antworteten die Ausleger der Wundererscheinungen, die damals in Sizilien Galeoten hießen, wie Philistos erzählt, der Sohn, den sie gebäre, werde in Griechenland sehr berühmt werden und sein Glück von langer Dauer sein Dieselbe Geschichte erzählt ebenso Valerius Maximus I, 7, 7. . 40. Soll ich dich etwa zu den Erzählungen unserer oder der griechischen Dichter zurückführen? Es erzählt nämlich bei Ennius jene Vestalin Die Vestalin ist Ilia oder Rhea Silvia, die Tochter des Numitor, oder, bei Ennius, des Aeneas, die durch Mars bekanntlich Mutter von Romulus und Remus wurde. – Ennius aus Rudiae in Kalabrien, geb. 239 v. Chr., gest. 169, Vater der römischen Dichtkunst genannt, hat ein historisches Epos, die »Annalen«, in Hexametern geschrieben; es umfaßte in achtzehn Büchern die Geschichte Roms bis zum Ersten Punischen Krieg. Es sind nur noch Fragmente davon erhalten. : ›Als die Alte, geweckt, mit zitternden Gliedern das Licht bringt Die Alte, die hier erwähnt ist, ist wahrscheinlich die Amme, die in dem Hause Numitors auferzogen war. Nach anderen versteht man darunter die Vestalis maxima (Cassius Dio 54, 24). Eurydike ist wahrscheinlich die Mutter der Antho, welche die Tochter des Amulius war; vgl. Plutarch, Leben des Romulus, 3. , Spricht sie, erschreckt aus dem Schlafe, mit Tränen im Auge die Worte: Tochter der Eurydike, die einst mein Vater geliebt hat, Leben und Kraft sind jetzt mir ganz aus dem Körper gewichen. Denn es schien mir, als ob durch liebliche Weidengebüsche An ein fremdes Gestade ein stattlicher Mann Hierunter ist Mars zu verstehen, vgl. Anmerkung 137. mich entführte. Einsam, glaubt' ich sodann, o teuere Schwester, zu irren, Suchte mit zögerndem Schritt dich aufzuspüren, doch könnt' ich Nicht dich erblicken im Geist, kein Pfad bot sicheren Fuß mir. 41. Drauf nun schien mich mein Vater zu rufen mit folgenden Worten: Tochter, du mußt zuvor erst Kummer und Mühe ertragen, Später wird dir dein Glück noch aus dem Strome Diese Worte beziehen sich auf die grausame Behandlung, die Rhea von Amulius erleiden mußte, und auf die Geburt der Zwillinge, Romulus und Remus, die von Amulius im Tiber ausgesetzt, vom Flusse aber wieder ans Land gespült wurden. Auch soll Ilia selbst von dem Flußgott zu seiner Gemahlin gemacht worden sein. entstehen. Als dies der Vater gesprochen, entschwand er plötzlich, o Schwester, Ließ nicht wieder sich blicken, wenngleich mein Herz ihn begehrte. Ob ich auch lange die Hände zur blauen Wölbung des Himmels Unter Tränen erhob und mit schmeichelnder Stimme ihn anrief; Eben entwich mir der Schlaf aus meinem blutenden Herzen.‹ XXI. 42. Wenn dies auch vom Dichter ersonnen ist, so liegt es dennoch von der Gewohnheit der Träume nicht fern. Mag denn auch jener Traum erdichtet sein, durch den Priamus erschreckt wurde Woher die folgenden Verse genommen sind, ist ungewiß, vielleicht aus einer Hekuba des Accius, eines berühmten römischen Tragikers (geb. 170 v. Chr.), des Sohnes eines Freigelassenen. Seine Stücke sind freie Übersetzungen, zum Teil Umarbeitungen griechischer Tragödien. Vgl. Ribbeck, Fragmente. : ›Weil einst die schwangre Hekuba im Traum geglaubt, Daß Mutter sie von einem Fackelbrande sei; Da ward der König Priamus von Furcht bestürzt, Und von den seufzervollen Sorgen aufgezehrt, Bracht' er zur Sühn' manch blökend Schaf auf den Altar. Drauf sucht er Deutung, fleht um Frieden dann, Beschwört Apoll, daß er ihn doch belehren mög', Was denn bedeute dieser wunderbare Traum. Da gab Apoll aus Göttermund ihm diesen Spruch: Den Knaben Dieser Sohn ist Paris, der die Ursache des Krieges gegen Troja und dessen Unterganges wurde. Vgl. Kapitel I, 31, 67 und die Anmerkung. , der hiernach zuerst dem Priamus Geboren würde, sollte er nicht auferziehn, Er sei für Troja das Verderben und die Pest für Pergamon.‹ 43. Das mögen freilich, wie gesagt, Träume aus Dichtungen sein, und zu diesen mag auch der Traum des Aeneas gerechnet werden, der in den Jahrbüchern unseres Fabius Pictor Quintus Fabius Pictor (um 220 v. Chr., zur Zeit Hannibals) schrieb zuerst in griechischer Sprache eine Geschichte Roms (annales), die Livius viel benutzt hat. so beschaffen ist, daß alle Taten und Schicksale des Aeneas mit dem übereinstimmen, was er im Traum gesehen hat. XXII. Doch laßt uns Näherliegendes ins Auge fassen! Welcher Art ist denn der Traum des Tarquinius Superbus, von dem er im ›Brutus‹ des Accius Accius ist der in Anmerkung 141 auf der vorigen Seite erwähnte römische Tragiker. Sein »Brutus«, eine Tragödie, die auch ihrem Inhalt nach römisch ist, daher praetextata genannt, enthielt die Geschichte der Lucretia und die Vertreibung der Könige durch Lucius Iunius Brutus. selbst redet? 44. ›Als ich im Umschwung tiefer Nacht Nocturno impetu, vgl. Cicero, Vom Wesen der Götter II, 38, 97; besonders ferner die ähnliche Stelle in Vergil, Aeneis 2, 250: vertitur interea caelum et ruit Oceano nox. der Ruhe pflog, Die müden Glieder stärkend durch den sanften Schlaf, Da schien, als ob im Traum ein Hirt zu mir heran Des ausgesuchtsten Wollenviehes Herde trieb; Ein Zwillingspaar von Widdern Unter den Zwillingswiddern sind Lucius Iunius Brutus und sein Bruder zu verstehen, welch letzteren sein Oheim Tarquinius Superbus tötete; vgl. Livius I, 56. wählt' ich mir daraus. Von diesen opfert' ich den schönsten am Altar. Drauf stürmte auf mich los sein Bruder mit dem Horn Und rannte mich zur Erde nieder mit dem Stoß. Da, auf dem Boden hingestreckt und schwer verletzt, Lag ich rücklings gefallen, und ein wunderbar Und großes Werk erblickt' ich; denn der Feuerball Der Sonne wälzte rechts sich hier auf neuer Bahn.‹ 45. Sehen wir nun, was für eine Deutung die Ausleger diesem Traume gegeben haben! ›König, was der Mensch im Leben treibt und denkt und sorgt und sieht, Was er wachend tut und treibet, wenn ihm das im Schlaf erscheint, Ist's kein Wunder; doch kein Traum zeigt grundlos sich in solchem Fall Wir haben nach der Konjektur von Davies übersetzt: in re tanta haud temere visa se offerunt. Die Handschriften haben: improviso offerunt, was keinen Sinn gibt. Drum sieh zu, ob einem, den du stumpf an Geist hältst, gleich dem Vieh, Nicht inwohne ein erhabner und durch Weisheit starker Geist Und dich aus dem Reich vertreibe. Was du an der Sonne sahst, Deutet einen nahen Umschwung in dem Staat dem Volke an. Dies mög' Heil dem Volke bringen: denn daß grad zur Rechten hin Von der Linken her das hohe Licht der Sonne nahm den Lauf, Deutet schön, daß einst der Römerstaat sehr glänzend werd' erblühn.‹ XXIII. 46. Wohlan, kehren wir nun zu dem Fremden zurück! Herakleides Pontikos Herakleides Pontikos, aus Herakleia, einer Stadt am Pontos, gehörte zur Schule Platons und lebte um 350 v. Chr.; vgl. über ihn noch die Anmerkung zu I, 57, 130. , ein gelehrter Mann und ein Zuhörer und Schüler Platons, schreibt, die Mutter des Phalaris Phalaris, Tyrann von Akragas (Agrigent) 565 bis 549 v. Chr., wird von den Griechen als der grausamste und schrecklichste aller Tyrannen dargestellt. Besonders bekannt ist die wahrscheinlich auf dem dort herrschenden Molochsdienst beruhende Erzählung von dem ehernen Stier, in dem er Menschen verbrennen ließ; vgl. Cicero, Tuskulanen 2, 7, 18. habe einst im Traume die Bilder der Götter zu sehen geglaubt, die sie selbst zu Hause geweiht hatte; unter ihnen habe Merkur aus einer Schale, die er in der rechten Hand hielt, wie es schien, Blut ausgegossen, und als es die Erde berührt habe, sei es aufgebraust, so daß das ganze Haus in Blut geschwommen habe. Diesen Traum der Mutter bestätigte die unmenschliche Grausamkeit des Sohnes. Soll ich ferner aus Dinons Dinon hatte eine Persische Geschichte geschrieben, die auch Cornelius Nepos viel benutzt hat; vgl. dessen Conon 5, 4. ›Persischer Geschichte‹ vorbringen, was die Magier dem älteren Kyros ausgelegt haben? Als nämlich ihm im Schlafe die Sonne zu den Füßen erschienen sei, so schreibt Dinon, habe er dreimal vergebens mit den Händen nach ihr gegriffen, indem sie, sich umwälzend, ihm entschlüpft und verschwunden sei. Die Magier, die zu den Weisen und Gelehrten in Persien gerechnet werden, hätten ihm nun gesagt, durch das dreimalige Greifen nach der Sonne werde angedeutet, daß Kyros dreißig Jahre herrschen werde Vgl. Herodot I, 214. . Dies traf auch so ein. Denn er erreichte das siebzigste Jahr, nachdem er in einem Alter von vierzig Jahren die Regierung angetreten hatte. 47. Fürwahr, auch in den barbarischen Völkern wohnt ein Ahnungs- und Weissagungsvermögen. Als der Inder Calanus Dies erzählt Cicero auch Tuskulanen II, 22, 52. Calanus war ein sogenannter Gymnosophist (indische Philosophen nach Art der Fakire) und Freund Alexanders des Großen. In seinem dreiundsiebzigsten Jahre erkrankte er und tötete sich selbst durch Feuer. Vgl. auch Plutarch, Leben Alexanders, 69, und Arrian, VII, 3. , zum Tode schreitend, den brennenden Scheiterhaufen bestieg, sagte er: »O, du herrliches Scheiden vom Leben, indem die Seele nach Verbrennung des sterblichen Körpers, wie es dem Herakles Auch Herakles errichtete, als er das von seiner Gemahlin Deianeira ihm gesandte Gewand angezogen und das darin enthaltene, aus dem Blute des Nessos bereitete Gift seinen Leib verzehrte, sich auf dem Oita einen Scheiterhaufen und verbrannte sich selbst. zuteil ward, zum Lichte emporsteigt.« Und als Alexander ihn bat, wenn er einen Wunsch habe, es ihm zu sagen, antwortete er: »Sehr wohl, in den nächsten Tagen werde ich dich wiedersehen.« Dies traf so ein: einige Tage darauf starb Alexander zu Babylon. Ich schweife ein wenig von den Träumen ab und will auf sie wieder zurückkommen. In derselben Nacht, in der der Tempel der ephesischen Diana In Ephesos war ein berühmter Tempel der Diana; er wurde von Herostratos 356 v. Chr., im Geburtsjahr Alexanders des Großen, angezündet und verbrannte, wurde aber von den kleinasiatischen Griechen mit Pracht wieder aufgebaut. abbrannte, wurde bekanntlich Alexander von der Olympias geboren, und beim Anbruch des Tages schrien die Magier, Pest und Verderben seien für Asien in der vergangenen Nacht geboren worden. Dies von den Indiern und Magiern. XXIV. 48. Wir wollen uns wieder den Träumen zuwenden. Caelius Lucius Caelius, um 110 v. Chr., Geschichtsschreiber des Zweiten Punischen Krieges; vgl. über ihn Cicero, Über die Gesetze 1, 2. schreibt von Hannibal, er habe die goldene Säule, die im Tempel der Iuno Lacinia Iuno wird »Lacinia« genannt von dem Vorgebirge Lacinium im Lande der Bruttier in Unteritalien, wo ihr Tempel stand. Diesen soll Herakles nach Tötung des Wegelagerers Lacinius gegründet haben. Genaueres über diesen Tempel und die goldene Säule berichtet Livius 24, 3. stand, wegnehmen wollen, aber im Zweifel, ob sie gediegen sei oder nur von außen vergoldet, habe er sie durchbohrt, und als er sie gediegen befunden und sie wegzunehmen beschlossen habe, sei ihm im Traume Iuno erschienen und habe ihm verboten, es zu tun, und ihm gedroht, wenn er es doch tue, so werde sie bewirken, daß er auch das Auge, mit dem er gut sehe, verliere Daß Hannibal einäugig gewesen sei, wird von vielen Schriftstellern erzählt; vgl. die Auslegung zu Nepos, Hannibal 4. . Dies habe er als ein scharfsinniger Mann nicht außer acht gelassen und daher aus dem Gold, das ausgebohrt war, eine kleine Kuh machen und diese oben auf die Säule stellen lassen. 49. Folgendes steht auch in der ›Griechischen Geschichte‹ des Silenus Silenus aus Calatia in Kampanien (seine Zeit unbestimmt), Verfasser Sizilischer Geschichten. Diesen Traum erzählt auch Livius 21, 22. , dem Caelius folgt, dieser aber hat die Geschichte Hannibals aufs genaueste behandelt: Hannibal habe nach der Einnahme Sagunts Sagunt, Stadt in Ostspanien, wurde im Jahre 219 v. Chr. von Hannibal eingenommen (Livius 21, 6 bis 15), was den Grund zum Zweiten Punischen Krieg gab. geglaubt, im Traume von Iupiter in die Götterversammlung gerufen zu werden. Als er dahin gekommen sei, habe Iupiter ihm befohlen, Italien zu bekriegen, und habe ihm einen Führer aus der Versammlung gegeben, unter dessen Leitung er mit dem Heere vorgerückt sei; darauf habe der Führer ihm geboten, sich nicht umzusehen; er aber habe dies nicht länger aushalten können und habe sich aus Neugierde umgeschaut und ein gewaltiges, ungeheures, von Schlangen umwundenes Tier gesehen, das, wo es hinkam, Büsche, Gesträuche und Häuser vernichtete. Hierüber verwundert, habe er den Gott gefragt, was denn das für ein Ungetüm sei, und der Gott habe geantwortet, das sei die Verwüstung Italiens, und er habe ihm geraten, vorwärts zu gehen und sich nicht um das, was hinter ihm in seinem Rücken geschähe, zu kümmern. 50. Bei Agathokles Agathokles, Geschichtsschreiber, wahrscheinlich aus Babylon. steht in der Geschichte geschrieben, daß der Karthager Hamilkar Hamilkar, ein Feldherr der Karthager, nicht der Vater des Hannibal. Diese Erzählung hier findet sich auch etwas verschieden bei Valerius Maximus I, 7, 8. bei der Belagerung von Syrakus geglaubt habe, eine Stimme zu hören, er werde am folgenden Tag in Syrakus speisen; als aber der Tag angebrochen war, sei ein großer Aufstand in seinem Lager zwischen den punischen und sizilischen Soldaten ausgebrochen, und als die Syrakusaner dies bemerkt hätten, seien sie unversehens in das Lager eingedrungen und hätten den Hamilkar lebendig mit fortgeführt. 51. Als jener Publius Decius, des Quintus Sohn, der erste Konsul aus der Familie der Decier, unter dem Konsulate des Marcus Valerius (Corvus) und Aulus Cornelius Kriegstribun war und unser Heer von den Samniten bedrängt wurde, er aber allzu kühn sich in die Gefahren der Schlacht stürzte und ermahnt wurde, vorsichtiger zu sein, da sagte er, wie in den Jahrbüchern steht, er habe im Traume geglaubt, mitten im Gewühle der Feinde am ruhmvollsten zu sterben. Damals blieb er zwar unversehrt und befreite das Heer von der Umzingelung. Nach drei Jahren aber weihte er sich als Konsul Im Jahre 340 v. Chr. weihte sich Publius Decius, der Vater, in einer Schlacht gegen die Latiner und Kampaner in der Nähe des Vesuvs dem Tode; sein Sohn tat dasselbe im Jahre 295 v. Chr. in seinem vierten Konsulat im Krieg gegen die Samniter, Umbrier, Etrusker und Gallier in der Schlacht bei Sentinum. dem Tode und stürzte sich bewaffnet auf die Schlachtlinie der Latiner. Durch diese Tat wurden die Latiner überwunden und vernichtet. Sein Tod war so ruhmvoll, daß sein Sohn sich einen gleichen wünschte. 52. Doch kommen wir nun, wenn es gefällig ist, auf die Träume der Philosophen! XXV. Bei Platon Platon im Kriton. finden wir, wie Sokrates im Staatsgefängnis saß und seinem Freunde Kriton sagte, daß er nach drei Tagen sterben müsse; er habe im Traume eine ausgezeichnet schöne Frau erblickt, die, ihn beim Namen nennend, einen Homerischen Vers folgendermaßen ausgesprochen habe: ›Dich bringt günstiges Los am dritten Tage nach Phthia Der Vers steht Ilias 9, 363, wo Achilles hofft, in seine Heimat nach Phthia zu gelangen. Sokrates versteht unter seiner Heimat das Leben nach dem Tode. .‹ Wie dies geschrieben steht, so soll es auch eingetroffen sein. Der Sokratiker Xenophon – was für ein großer Mann! – beschreibt in dem Feldzug, den er mit dem jüngeren Kyros gemacht hat, seine Träume So z. B. erzählt er in der Anabasis 3, 1, 11 von einem Traum vor der Schlacht. , die auf wunderbare Weise in Erfüllung gegangen sind. 53. Sollen wir behaupten, daß Xenophon lüge oder wahnsinnig sei? Wie? Ein Mann von ausgezeichnetem und fast göttlichem Geiste, Aristoteles, irrt er etwa selbst, oder will er andere zum Irrtum verleiten, wenn er schreibt In einem zur Verewigung seines Freundes Eudemos geschriebenen, aber verlorengegangenen Dialog, Eudemos oder Über die Seele, den Plutarch im Leben des Dion (Kapitel 22) erwähnt. , sein Freund, der Kyprier Eudemos, sei auf der Reise nach Makedonien nach Pherai gekommen, einer damals sehr angesehenen Stadt in Thessalien, die aber unter dem grausamen Joch des Zwingherrn Alexander Alexander, Tyrann von Pherai (um 350 v. Chr.), wurde von den Brüdern seiner Gemahlin getötet, wie Xenophon (Hellenische Geschichte VI, 4, 35 bis 37) erzählt. stand; in der Nacht sei nun Eudemos so schwer erkrankt, daß alle Ärzte ihn aufgaben. Da sei ihm im Schlafe ein Jüngling von herrlicher Gestalt erschienen und habe ihm gesagt, er werde binnen kurzem genesen und in wenigen Tagen werde der Gewaltherrscher Alexander umkommen; er selbst aber werde nach fünf Jahren in die Heimat zurückkehren. Und das erste, schreibt Aristoteles, sei sofort eingetroffen: Eudemos sei gesund geworden und der Gewaltherrscher von den Brüdern seiner Gemahlin getötet worden. Am Ende des fünften Jahres aber, als er jenem Traum zufolge von Sizilien nach Kypros zurückzukehren hoffte, sei er in einem Treffen bei Syrakus gefallen. Infolgedessen habe man jenen Traum so ausgelegt, daß, nachdem die Seele des Eudemos den Körper verlassen habe, er in seine Heimat zurückgekehrt sei. 54. Fügen wir den Philosophen einen sehr gelehrten Mann, wenigstens einen göttlichen Dichter, den Sophokles, hinzu. Als aus dem Tempel des Herakles eine schwere, goldene Schale entwendet worden war, sah er im Traum den Gott selbst, der ihm den Täter nannte. Dies ließ er das erste und zweite Mal unbeachtet. Als es sich aber wiederholte, bestieg er den Areopag Areopag: Hügel in Athen, auf dem der älteste Gerichtshof tagte. und zeigte die Sache an. Die Areopagiten ließen den Menschen, den Sophokles bezeichnet hatte, ergreifen, und dieser gestand nach eingeleiteter Untersuchung die Tat und brachte die Schale zurück. Hierauf erhielt jener Tempel den Namen des Angebers Herakles Der Biograph des Sophokles erzählt diesen Traum nur mit dem Unterschied, daß statt der goldenen Schale ein goldener Kranz gestohlen war und daß Sophokles dem Herakles einen Tempel baute. . XXVI. 55. Doch wozu erwähne ich Griechen? Das Unsrige zieht mich, ich weiß nicht wie, mehr an. Folgendes erzählen alle Geschichtsschreiber, die Fabier, die Gellier, aber zunächst Caelius Die Fabier, Gaius und Numerius; – Die Gellier Gnaeus und Sextus; über Caelius vgl. I, 24. . Als man im Latinischen Krieg zum ersten Male die großen Votivspiele Die ludi votivi waren die Spiele, die der in den Krieg ziehende Feldherr zu feiern gelobte und nach dem Siege veranstalten ließ; hier soll Postumius nach der Schlacht am Regillus (496) sie gelobt haben. Denselben Vorfall erzählt mit verschiedener Zeitangabe Livius (II, 36) ausführlicher; der Landmann hieß Titus Latinius. feierte, wurde plötzlich die Bürgerschaft zu den Waffen gerufen. Die Spiele wurden daher eingestellt und erneut angeordnet. Bevor diese begannen, wurde, als sich das Volk schon niedergelassen hatte, ein Sklave durch den Zirkus geführt, indem er das Gabelkreuz Es war ein gabelförmiger, aus zwei Balken bestehender, tragbarer Halsblock. trug und mit Ruten gepeitscht wurde. Hierauf erschien einem römischen Landmann jemand im Schlafe, der zu ihm sagte, der Vortänzer Praesul oder praesultator ist der Anführer des Festzuges; hier bezieht es sich auf den Sklaven, der vor dem feierlichen Aufzuge durch den Zirkus getrieben wurde. habe bei den Spielen nicht gefallen, und zugleich ihm befahl, dies dem Senat zu melden; er habe es aber nicht gewagt. Er sei zum zweiten Male aufgefordert und ermahnt worden, er möchte es nicht zum Äußersten kommen lassen; aber auch da habe er es nicht gewagt. Nun sei sein Sohn gestorben, und dieselbe Mahnung habe sich zum dritten Male wiederholt. Da sei auch er gebrechlich geworden und habe seinen Freunden die Sache mitgeteilt, und auf deren Rat sei er auf einer Sänfte in die Kurie getragen worden, und nachdem er dem Senat seinen Traum erzählt hätte, sei er gesund auf seinen Füßen zurückgekehrt. Daher wurde dem Traume vom Senat Glauben geschenkt, und es wurden, wie man erzählt, jene Spiele zum zweiten Male erneuert. 56. Gaius Gracchus Im Jahre 126 v. Chr. Die beiden Brüder Tiberius und Gaius Sempronius Gracchus, bekannt als Freunde des Volkes, waren Enkel des älteren Scipio durch ihre Mutter Cornelia; vgl. I, 18, 36 und die Anmerkung. Gaius ließ sich im Jahre 121 von seinen Sklaven töten. Plutarch (Leben des Gaius Grachus, Kap. 1) erzählt diesen Traum mit Bezug auf Cicero. hat, wie gleichfalls bei Caelius steht, vielen erzählt, daß ihm, als er sich um die Quästur bewarb, im Traume sein Bruder erschienen sei und ihm gesagt habe, wie sehr er auch zögern möge, werde er doch desselben Todes sterben müssen, wie er selbst gestorben sei. Dies, schreibt Caelius, habe er selbst, bevor Gaius Gracchus Volkstribun wurde, gehört und habe es vielen erzählt. Kann etwas Zuverlässigeres als dieser Traum aufgefunden werden? XXVII. Wie, jene beiden Träume, die so häufig von den Stoikern erwähnt werden, wer kann sie wohl verachten? Der eine von Simonides Simonides aus Keos im Ägäischen Meer, um 490 v. Chr., berühmter lyrischer Dichter; vgl. über den Traum Valerius Maximus I, 7, 3. . Als dieser den Leichnam irgendeines Unbekannten hatte liegen sehen und ihn bestattet hatte und die Absicht hatte, zu Schiffe zu gehen, da schien es ihm, als ob er von dem, welchen er begraben hatte, gewarnt würde: wenn er führe, so würde er im Schiffbruch umkommen. Daher sei Simonides zurückgekehrt, die übrigen aber, die gefahren wären, seien umgekommen. 57. Der andere Suidas (Verfasser eines Reallexikons, um 1000 n. Chr.) erwähnt diesen dem Chrysippos entlehnten Traum unter dem Stichwort Timoruntos. ganz besonders berühmte Traum wird folgendermaßen erzählt. Als zwei befreundete Arkader zusammen eine Reise machten und nach Megara gekommen waren, sei der eine bei einem Gastwirt eingekehrt, der andere bei einem Gastfreunde. Als sie nach dem Abendessen sich zur Ruhe begeben hätten, sei es dem, der bei dem Gastfreunde war, um Mitternacht vorgekommen, als ob der andere ihn bäte, ihm zu Hilfe zu kommen, da ihm der Gastwirt mit dem Tode drohe. Anfangs sei er durch den Traum erschreckt worden und aufgestanden; als er sich dann aber wieder gesammelt und geglaubt habe, diese Erscheinung für bedeutungslos halten zu müssen, habe er sich wieder niedergelegt; da sei ihm im Schlafe jener wieder erschienen und habe gebeten, er möchte doch, weil er ihm im Leben nicht zu Hilfe gekommen sei, seinen Tod nicht ungerächt hingehen lassen; er sei ermordet und von dem Wirte auf einen Wagen geworfen und mit Mist überdeckt worden; er bitte ihn daher, frühmorgens am Tore zu sein, bevor der Wagen aus der Stadt führe. Durch diesen Traum aber erschüttert, habe er in der Frühe auf den Knecht bei dem Tore gewartet und ihn gefragt, was er in dem Wagen habe; jener sei erschrocken geflohen, und der Tote sei hervorgezogen worden; der Wirt aber sei, als die Sache so an den Tag gekommen war, bestraft worden. XXVIII. 58. Was kann göttlicher genannt werden als dieser Traum? Doch wozu suchen wir noch mehreres und Altes auf? Oft habe ich dir meinen Traum erzählt, oft habe ich von dir den deinigen gehört. Als ich als Prokonsul Im Jahre 62 v. Chr. bekam Quintus Cicero Asien als Provinz. Asien verwaltete, hatte ich im Traume gesehen, wie du auf einem Pferd an das Ufer eines großen Flusses geritten und, vorgeeilt, plötzlich in den Fluß gefallen und nirgends zum Vorschein gekommen seiest; ich hätte gebebt und gezittert, da seiest du auf einmal froh hervorgekommen und habest auf demselben Pferde das jenseitige Ufer erstiegen, und wir hätten uns umarmt. Die Deutung dieses Traumes war leicht, und mir wurden von Sachverständigen in Asien die Erfolge der Dinge, die eingetroffen sind, vorausgesagt Die Erfüllung dieses Traumes bezieht sich auf die Verbannung Ciceros im Jahre 58 und seine glänzende Rückkehr im Jahre darauf. . 59. Ich komme jetzt zu deinem Traum. Ich habe ihn zwar von dir selbst gehört; aber häufiger hat mir ihn unser Sallustius Sallustius ist der Freigelassene oder Klient Ciceros, der ihm in die Verbannung folgte. erzählt. Als du auf jener für uns ruhmvollen, für das Vaterland unheilvollen Flucht Cicero mußte im Jahre 58 durch den Gesetzesvorschlag des Clodius, seines Todfeindes, wegen der Hinrichtung der Catilinarier Rom verlassen und ging in die Verbannung nach Thessalonike in Griechenland, wurde aber am 4. August des folgenden Jahres durch die zahlreich versammelte Bürgerschaft zurückberufen. in einem Landhause des atinatischen In der Umgegend von Atina in Latium, nicht weit von Arpinum. Gebietes verweiltest und einen großen Teil der Nacht durchwacht hattest, seiest du endlich gegen Anbruch des Tages in einen schweren und tiefen Schlaf verfallen. Daher habe er (Sallustius), obwohl die Reise bevorstand, Stille anbefohlen und dich nicht wecken lassen; als du aber ungefähr um die zweite Stunde aufgewacht seiest, habest du ihm deinen Traum erzählt. Es sei dir, während du in einsamer Gegend traurig umherirrtest, Gaius Marius mit lorbeerbekränzten Rutenbündeln erschienen und habe dich gefragt, warum du traurig seist, und auf deine Antwort, daß du aus deinem Vaterlande mit Gewalt vertrieben seist, habe er deine Rechte ergriffen und dich geheißen, guten Mutes zu sein, und dich durch den zunächststehenden Liktor zu seinem Denkmale Das Denkmal des Marius ist der Tempel des Honor Virtus, den Marius nach dem Siege über die Cimbern zum Andenken an sich hatte erbauen lassen. In diesem Tempel wurde auf Veranlassung des Konsuls Publius Cornelius Lentulus Spinther der Senatsbeschluß gefaßt, der die Rückberufung des verbannten Cicero anordnete; vgl. besonders Ciceros eigene Worte hierüber in seiner Rede gegen Lucius Piso, 15, 34. führen lassen und gesagt, dort werde dir Heil zuteil werden. Da habe er, erzählt Sallustius, ausgerufen, es stehe dir eine schnelle und ruhmvolle Rückkehr bevor und du selbst seist offensichtlich über diesen Traum erfreut gewesen. Und mir selbst wurde bald gemeldet, sobald du gehört habest, daß in dem Denkmale des Marius jener so glänzende Senatsbeschluß wegen deiner Rückkehr auf den Antrag des trefflichen und ausgezeichneten Konsuls gefaßt und bei sehr vollem Theater unter unglaublichem Zuruf und Beifallklatschen bestätigt worden sei, da habest du gesagt, es könne nichts Göttlicheres geben als jenen atinatischen Traum. XXIX. 60. »Aber viele sind falsch.« – O nein, aber vielleicht dunkel für uns. Mögen einige falsch sein, was sagen wir aber gegen die wahren? Und diese würden in weit größerer Zahl vorkommen, wenn wir uns freien Geistes zur Ruhe begäben. Nun aber, mit Speise und Wein beschwert, sehen wir wüste und verworrene Träume. Höre, was Sokrates in Platons ›Staat‹ Platon, Der Staat, IX, 1. spricht. Er sagt nämlich: Da, während wir schlafen, der Teil der Seele, der des Verstandes und der Vernunft teilhaftig ist, eingeschlummert sei und erstarrt daliege, jener aber, in dem eine gewisse Wildheit und tierische Roheit wohnt, durch unmäßiges Trinken und Essen aufgeschwellt sei, so empöre sich dieser im Schlafe und gebare sich unmäßig. Daher bieten sich ihm alle Erscheinungen als leer an Verstand und Vernunft dar, so daß mancher glaubt, daß er mit seiner Mutter fleischlichen Umgang habe oder mit irgendeinem anderen Menschen oder einem Gott, oft auch mit einem Tiere; auch daß er jemanden ermorde und sich ruchlos mit Blut beflecke und viel Unzüchtiges und Häßliches mit Frechheit und Schamlosigkeit ausführe. 61. Wer sich dagegen nach heilsamer und mäßiger Pflege und Kost zur Ruhe begibt, indem der Teil der Seele, der Verstand und Besonnenheit besitzt, geweckt und aufgerichtet ist und gesättigt mit der Speise guter Gedanken, und der [andere] Teil der Seele, der in Sinnenlust seine Nahrung findet, weder durch Mangel geschwächt noch durch Sättigung überfüllt ist (denn beides pflegt die Schärfe des Geistes abzustumpfen, mag der Natur etwas fehlen oder mag sie durch Überfluß übersättigt sein), und wenn auch der dritte Teil der Seele, in dem die Glut des Gemüts Irarum ardor. Das Platonische ›Thymos‹ (Gemüt) übersetzt Cicero hier und anderwärts durch ira. sich zeigt, beruhigt und gedämpft ist: dann geschieht es, daß, nachdem die beiden vernunftlosen Teile niedergedrückt sind, jener dritte Teil der Seele, der der Vernunft und des Verstandes, aufleuchtet und sich kräftig und munter zum Träumen zeigt; dann werden ihm ungetrübte und wahrhafte Erscheinungen während der Ruhe vor die Seele treten. Das sind Platons eigene Worte, die ich übersetzt habe. XXX. 62. Wollen wir nun lieber Epikuros hören? Denn Karneades Vgl. Anmerkung 51. behauptet aus Streitsucht bald dies, bald jenes. Aber was meint jener? Er meint nie etwas Feines, nie etwas Geziemendes. Willst du etwa diesen dem Platon und dem Sokrates vorziehen, die, gesetzt, sie legten keine Rechenschaft ab, doch diese unbedeutenden Philosophen an Ansehen übertreffen? Platon schreibt also vor, mit solcher Körperverfassung sich zur Ruhe zu begeben, daß nichts in den Seelen Irrtum und Verwirrung erzeugen kann. Daher glaubt man auch, es sei den Pythagoreern verboten, Bohnen zu essen, weil diese Speise eine starke Aufblähung verursacht, die der Ruhe des Geistes, der das Wahre sucht, entgegengesetzt ist Vgl. II, 58, 119. Über Pythagoras Anmerkung 41. . 63. Wenn sich also im Schlaf die Seele von der Gemeinschaft und der Berührung mit dem Körper absondert, so erinnert sie sich des Vergangenen, schaut das Gegenwärtige und sieht das Zukünftige voraus. Denn der Leib eines Schlafenden liegt untätig da wie der eines Toten; die Seele aber ist tätig und lebendig. Dies wird sie noch weit mehr nach dem Tode sein, wenn sie den Körper gänzlich verlassen hat. Daher ist sie auch bei Annäherung des Todes weit mehr von göttlicher Eingebung erfüllt Divinus von divinare, hier, wie die folgenden Worte beweisen, in seiner eigentlichen Bedeutung: weissagerisch. . Denn eben das sehen diejenigen, welche von einer schweren und tödlichen Krankheit befallen sind, daß ihnen der Tod bevorstehe. Deshalb bieten sich diesen meistens Bilder der Verstorbenen dar; sie streben dann gerade am meisten nach Ruhm, und diejenigen, welche anders, als es sich ziemte, gelebt haben, bereuen dann am meisten ihre Fehler. 64. Daß die Sterbenden weissagen, bestätigt Poseidonios Vgl. über Poseidonios Anmerkung 49. auch durch das Beispiel, das er anführt, daß ein gewisser Rhodier sterbend sechs seiner Altersgenossen genannt und gesagt habe, welcher von ihnen zuerst, welcher hernach und welcher dann der Reihe nach sterben werde. Er glaubt aber, daß auf dreierlei Weise die Menschen durch göttliche Anregung träumen: erstens, indem die Seele selbst durch sich voraussehe, da sie ja in Verwandtschaft mit den Göttern steht; zweitens, weil die Luft voll sei von unsterblichen Seelen, in denen die Kennzeichen der Wahrheit gleichsam eingeprägt erscheinen D. h. welche die Wahrheit in sich eingeprägt haben, die daher wissen, was wahr ist, und den Menschen deshalb das Wahre in den Träumen zeigen können. ; drittens, weil die Götter selbst mit den Schlafenden sich unterhielten, und das tritt, wie eben gesagt, leichter bei der Annäherung des Todes ein, daß die Seelen das Zukünftige weissagen. 65. Hierher gehört auch jenes vorher von mir erwähnte Beispiel von Calanus Vgl. über Anmerkung 152. und das des Homerischen Hektor, der sterbend dem Achilles den nahen Tod verkündigt Ilias XXII, 355 bis 360. . XXXI. Und es würde nicht der Redegebrauch jenes Wort so ohne Grund aufgenommen haben, wenn die Sache überhaupt nichts zu bedeuten hätte: ›Die Seele spürte (praesagibat), daß vergeblich ich das Haus verließ Der Vers ist aus Plautus' Der Goldtopf II, 2, 1 und lautet dort: praesagibat mihi animus, frustra me ire, quum exirem domo. .‹ Denn spüren (sagire) heißt scharf wahrnehmen, weshalb man von spürenden alten Frauen (sagae anus) spricht, weil sie vieles zu wissen glauben, und von Spürhunden (sagaces canes). Wer also die Sache ahnt (sagit), bevor sie ihm vor die Augen tritt, von dem sagt man, er spüre voraus (praesagire), das heißt, er sehe die Zukunft vorher. 66. Es liegt also in den Seelen ein Ahnungsvermögen, das ihnen von außen eingeflößt und von der Gottheit in sie eingeschlossen ist. Wenn es heftiger entbrennt, so wird es Raserei (furor) genannt, indem die Seele vom Körper abgezogen und durch göttlichen Antrieb aufgeregt wird. ›H. Warum scheint sie denn auf einmal mit dem wutentbrannten Aug'? Woher diese und die beiden folgenden poetischen Stellen genommen sind, ist ungewiß. Vielleicht aus der Alexandra des Ennius, oder wahrscheinlicher aus der Hekuba des Accius. Es spricht hier Hekuba, die Gemahlin des Priamus, zu ihrer Tochter Kassandra, die durch Apollon, dem sie sich nicht preisgeben wollte, in weissagerische Raserei versetzt worden war. Wo ist die vorhin so weise, jungfräuliche Sittsamkeit? K. Mutter, von den besten Weibern die bei weitem trefflichste, Ach! ich bin dahingegeben gotterfüllter Weissagung; Denn Apoll reizt wider Willen rasend mich zum Schicksalsspruch. Meine Schwestern scheu' ich; vor dem Vater schäm' ich mich der Tat, Diesem edlen Manne; dich beklag' ich, Mutter, hasse mich. Daß du Priam gute Kinder schenktest außer mir, das schmerzt, Daß ich schade, jene nützen, willig sind und trotzig ich.‹ O was für ein zartes, charaktervolles und weiches Gedicht! Doch das gehört hier nicht zur Sache. 67. Das, was wir wollen, ist darin ausgedrückt, daß nämlich die Raserei Wahres zu weissagen pflegt. ›Da, da ist die Schreckensfackel Diese Fackel ist auf Paris zu beziehen, vgl. I, 21, 42. Paris wurde wegen jenes Traumes nach seiner Geburt ausgesetzt und unter den Hirten auf dem Berge Ida erzogen. , eingehüllt in Blut und Brand; Jahrelang war sie verborgen; Bürger, helft und löscht sie aus!‹ Schon spricht der in dem sterblichen Leib eingeschlossene Gott, nicht Kassandra: ›Schon wird gefügt für das Meer die eilende Flotte; es eilt der verderbliche Schwarm, und er Naht; und die trotzigen Krieger erfüllen aus Segelbeflügelten Schiffen den Meerstrand.‹ XXXII. 68. Ich scheine von Tragödien und Fabeln zu reden. Aber von dir selbst habe ich keine erdichtete, sondern eine wirkliche Tatsache derselben Art gehört: Gaius Coponius, ein höchst kluger und unterrichteter Mann, sei zu dir nach Dyrrhachium Als der Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius ausgebrochen war, verließ Cicero Rom und begab sich nach Brundisium, wohin Pompeius mit seinem Heere gegangen war, um von da nach Griechenland überzusetzen. Während der Schlacht bei Pharsalos (48 v. Chr.), die den vollständigen Sieg Caesars über Pompeius entschied, verweilte Cicero in Dyrrhachium, einer Stadt in Illyrien (jetzt Durazzo). gekommen, als er mit dem Oberbefehl die rhodische Flotte befehligte, und er habe gesagt, ein Ruderknecht von einem Fünfruderer der Rhodier habe geweissagt, in weniger als dreißig Tagen werde Griechenland mit Blut getränkt werden, Dyrrhachium werde geplündert werden, und man werde die Schiffe besteigen und fliehen, und die Fliehenden würden einen jammervollen Rückblick auf die Feuersbrunst haben; doch der Flotte der Rhodier stehe baldige Rückkehr und Heimfahrt bevor. Dies habe einen tiefen Eindruck auf dich gemacht, und Marcus Varro Marcus Terentius Varro (116 v. Chr. geb.) war dem Pompeius beim Ausbruche des Krieges gefolgt. Nach dem Sieg bei Pharsalos werde er wieder von Caesar in Gunst aufgenommen. und Marcus Cato Cato ist Marcus Porcius Cato Uticensis, ein Anhänger der Stoischen Philosophie; siehe Anmerkung 98. Vgl. über ihn auch Senecas »Ausgewählte Schriften« sowie über die Ereignisse jenes Bürgerkrieges das Epos Pharsalia von Lucanus. , die sich damals gerade dort befanden, seien heftig darüber erschrocken. In der Tat sei wenige Tage nachher Labienus Titus Atius Labienus, der Legat Caesars in Gallien im Jahre 58, ging später zur Partei des Pompeius über. von der pharsalischen Flucht angekommen, und als er den Untergang des Heeres verkündigt habe, sei auch der übrige Teil der Weissagung nach kurzer Zeit erfüllt worden. 69. Denn das aus den Speichern geplünderte Getreide bedeckte alle Straßen und Gassen, ihr bestiegt in dem plötzlichen Schrecken die Schiffe, und indem ihr bei Nacht auf die Stadt zurückblicktet, saht ihr die Lastschiffe in Brand, welche die Soldaten angezündet hatten, weil sie nicht hatten folgen wollen; und endlich erkanntet ihr, von der rhodischen Flotte verlassen, daß der Wahrsager wahrhaftig gewesen sei. – 70. Ich habe so kurz wie möglich die Orakel des Traumes und der Raserei auseinandergesetzt, die, wie ich gesagt habe, der Kunst entbehren. Diese beiden Gattungen haben einen gemeinsamen Grund, den unser Kratippos Über Kratippos vgl. Anmerkung 44. anführt, nämlich daß die Seelen der Menschen nach einem Teile von außen her genommen und geschöpft seien Vgl. I, 49, 110. . Hieraus sieht man denn ein, daß außerhalb eine göttliche Seele sei, aus der die menschliche abgeleitet ist, und daß der Teil der menschlichen Seele, der Empfindung, der Bewegung, der Begierden hat, von der Tätigkeit des Körpers nicht geschieden ist; daß derjenige Teil aber, der an Vernunft und Einsicht Anteil hat, dann am lebenskräftigsten ist, wenn er vom Körper am meisten entfernt ist. 71. Nach der Auseinandersetzung der wahren Weissagungen und Träume also pflegt Kratippos auf folgende Weise zu schließen: ›Wenn ohne Augen die Verrichtung und das Amt der Augen nicht stattfinden kann, die Augen aber bisweilen ihren Dienst nicht versehen können, so ist doch derjenige, der nur einmal seine Augen so gebraucht hat, daß er das Wahre sah, mit dem Sinne der Augen, die das Wahre sehen, begabt. Ebenso also, wenn ohne Weissagung die Verrichtung und das Amt der Weissagung nicht stattfinden kann; es kann aber einer, wenn er die Weissagung besitzt, bisweilen irren und das Wahre nicht sehen, so reicht es doch zur Bestätigung der Weissagung hin, daß einmal etwas so geweissagt worden ist, daß nichts durch Zufall dabei sich ereignet zu haben schien. Dergleichen Beispiele gibt es aber unzählige: Folglich muß man zugestehen, daß es eine Weissagung gibt Derselbe Schluß wird auch I, 55, 125 gezogen. .‹ XXXIII. 72. Diejenigen Arten der Weissagung, die sich entweder durch Mutmaßung erklären lassen oder nach den Erfolgen beobachtet und aufgezeichnet sind, werden, wie ich oben I, 6, 12. bemerkt habe, nicht natürliche, sondern künstliche genannt, und hierzu werden die Opferbeschauer, die Auguren und Traumdeuter gerechnet. Diese Arten werden von den Peripatetikern verworfen und von den Stoikern verteidigt. Einiges hiervon beruht auf schriftlichen Denkmälern und Wissenschaft, wie die Schriften der Etrusker über Opferschau und über Blitze und die Rituale und auch eure Auguralbücher Die Ritualbücher enthielten nach Festus vieles aus der Wissenschaft der Opferschau; vgl. auch zu II, 18, 42. beweisen. Anderes läßt sich augenblicklich aus dem Stegreif durch Mutmaßung erklären, wie es bei Homer Kalchas tut, der aus der Zahl der Sperlinge die Jahre des Trojanischen Krieges geweissagt hat Vgl. Ilias II, 301 bis 329, und auch unsere Schrift II, 30, 63, wo Cicero die Verse Homers übersetzt hat. , und wie wir in der Geschichte des Sulla Bei Gellius, Attische Nächte, wird ein Geschichtswerk (Rerum gestarum libri, aus dem 2. Jahrh. n. Chr.) des Lucius Cornelius Sulla, des bekannten Diktators und Gegners des Marius, erwähnt, das sein Freigelassener Cornelius Epicadus fortsetzte. Sulla unterwarf im Bundesgenossenkrieg (91 bis 88) die von den Römern abgefallenen Städte in Samnium und Unteritalien und lagerte hier vor Nola in Kampanien. – Der Opferschauer Postumius ist sonst nicht weiter bekannt. geschrieben sehen und was sich vor deinen Augen ereignete, daß, als jener auf dem Nolanischen Acker vor dem Feldherrnzelte opferte, plötzlich eine Schlange Die Schlangen galten als Symbol des Glückes und Sieges. vom untersten Teile des Altars hervorschlüpfte; worauf ihn der Opferschauer Gaius Postumius bat, das Heer sogleich ins Feld zu führen; und als dies Sulla getan hatte, da nahm er vor der Stadt Nola das so stark befestigte Lager der Samniten. 73. Auch bei Dionysios Dionysios I, vgl. I, 20. – Leontinoi, eine Stadt in Sizilien. wurde eine Mutmaßung gemacht kurz vor dem Antritt seiner Herrschaft. Als er auf einer Reise durch das Leontinische Gebiet selbst mit seinem Roß in einen Fluß hinabgestiegen war, ging dieses in den Strudeln unter und verschwand; und als er es mit der größten Anstrengung nicht herausziehen konnte, ging er, wie Philistos Über diesen Geschichtsschreiber siehe I, 20. erzählt, unmutig fort. Als er aber eine ziemliche Strecke vorgeschritten war, hörte er plötzlich ein Gewieher; er sah sich um und erblickte zu seiner Freude sein Roß, das ganz munter war und an dessen Mähne sich ein Bienenschwarm niedergelassen hatte. Diese Erscheinung hatte die Bedeutung, daß Dionysios wenige Tage darauf die Herrschaft antrat. XXXIV. 74. Wie? Was wurde den Lakedaimoniern kurz vor der Niederlage bei Leuktra In der Schlacht bei Leuktra (in Boiotien) im Jahre 371 v. Chr. wurden die Spartaner von den Thebanern unter Epameinondas geschlagen. für ein Anzeichen gegeben, als in dem Tempel des Herakles die Waffen ertönten und das Bild des Herakles von starkem Schweiße troff? Und zu derselben Zeit öffneten sich zu Theben, wie Kallisthenes Kallisthenes aus Olynth war Begleiter Alexanders des Großen auf seinen Feldzügen. Er war mit Alexander zugleich von Aristoteles unterrichtet worden und ließ sich, darauf fußend, zu einem unbesonnenen Benehmen gegen den König hinreißen, indem er sich dessen Hinneigung zur orientalischen Sitte widersetzte; er wurde von diesem 327 v. Chr. getötet. Zur Sache vgl. besonders Xenophon, Hellenische Geschichte. sagt, im Tempel des Herakles die mit Riegeln verschlossenen Flügeltüren plötzlich von selbst, und die Waffen, die an den Wänden befestigt waren, wurden auf der Erde gefunden. Und als um dieselbe Zeit bei Lebadeia dem Trophonios Über die Höhle und das Orakel des Trophonios bei Lebadeia, einer Stadt in Boiotien, vgl. Pausanias XI, 37, 7. geopfert wurde, sollen die Hähne an dem Orte so anhaltend zu krähen angefangen haben, daß sie gar nicht aufhörten: Da hätten die boiotischen Auguren gesagt, der Sieg sei auf seiten der Thebaner deswegen, weil jener Vogel, wenn er besiegt sei, zu schweigen, und wenn er gesiegt habe, zu krähen pflege. 75. Und in ebender Zeit wurde durch viele Anzeichen den Lakedaimoniern das Unglück der Leuktrischen Schlacht verkündet. Denn auf dem Haupt der Statue Lysanders Lysander, der Anführer der Spartaner, schlug am Ende des Peloponnesischen Krieges in der Seeschlacht bei Aigospotamoi im Hellespont (405) die Athener unter den zehn Feldherren. Dieselben auf Lysander bezogenen Anzeichen der Niederlage bei Leuktra erwähnt Plutarch II, S. 397 E. , des berühmtesten unter den Lakedaimoniern, entstand plötzlich ein Kranz von stacheligen und wilden Kräutern; und die goldenen Sterne, die in Delphoi von den Lakedaimoniern geweiht worden waren, nach jenem Seesiege Lysanders, in dem die Athener unterlagen – weil in dieser Schlacht Kastor und Polydeukes sich bei der Flotte der Lakedaimonier gezeigt haben sollen Plutarch im Leben Lysanders, Kap. 12, erzählt, daß vor der Schlacht bei Aigospotamoi (405 v. Chr.) beim Auslaufen der Flotte am Schiffe Lysanders die Sterne der Dioskuren Kastor und Polydeukes erschienen seien. , so wurden ihre Abzeichen, die goldenen Sterne, von denen ich gesprochen habe, zu Delphoi aufgestellt –, diese fielen kurz vor der Schlacht bei Leuktra herunter und wurden nicht wieder aufgefunden. 76. Das bedeutendste Wunderzeichen aber gleichfalls für die Spartaner war, daß, als sie den Dodonäischen Iupiter Zu Dodona in Epeiros, im Lande der Molosser, nicht weit vom Acherusischen See, lag das berühmte älteste griechische Orakel. Vgl. Kapitel 1, 3. um ein Orakel baten und ihn in betreff des Sieges befragten und die Gesandten jenes Gefäß, in dem die Lose waren, hingestellt hatten, ein Affe, welcher der Liebling des Königs der Molosser war, sowohl die Lose wie auch alles, was zum Losen vorbereitet war, in Verwirrung brachte und das eine hierhin, das andere dorthin warf. Da soll die Priesterin, die dem Orakel vorstand, gesagt haben, an die Rettung, nicht an den Sieg sollten die Lakedaimonier denken. XXXV. 77. Wie? Hat nicht im Zweiten Punischen Krieg Gaius Flaminius, zum zweiten Male Konsul, die Zeichen der Zukunft zum größten Nachteile des Staates vernachlässigt Gaius Flaminius Nepos, der gegen die Auspizien wider Hannibal ins Feld gezogen war, wurde 217 v. Chr. am Trasumenischen See in Etrurien gänzlich geschlagen; außer ihm selbst fielen 15 000 Römer; vgl. II, 8, 21 und Vom Wesen der Götter II, 3, 8. Hannibal war bei Arretium (j. Arezzo) an ihm vorübergezogen, als ob er sich nach Rom wende. ? Als dieser nach der Musterung des Heeres nach Arretium hin aufgebrochen war und gegen Hannibal seine Legionen führte, stürzte er selbst und sein Roß vor der Bildsäule des Iupiter Stator Iupiter hatte als Gott des Krieges, als Entscheider der Schlachten den Namen Stator. ohne Veranlassung plötzlich zusammen; aber er trug deshalb kein Bedenken, eine Schlacht zu liefern, obgleich, wie es den Sachverständigen schien, das Zeichen sich in den Weg gestellt hatte. Als er mit dem Tripudium Vgl. I, 15, 28 und besonders II, 34, 72. Auspizien hielt, hieß ihn der Wärter der Hühner den Tag für die Schlacht aufschieben. Da fragte Flaminius ihn, wenn die Hühner auch nachher nicht fräßen, was er dann zu tun rate. Als jener geantwortet hatte, dann müsse man sich ruhig verhalten, sagte Flaminius: Fürwahr, herrliche Auspizien, wenn nur gehandelt werden kann, sobald die Hühner hungrig sind, wenn sie aber satt sind, nichts ausgeführt wird. Daher befahl er, die Feldzeichen aus dem Boden zu reißen und ihm zu folgen. Als zu derselben Zeit der Adlerträger der ersten Kompanie der Hastaten Primi hastati, nämlich hastati primi ordinis oder primi manipuli. Die Hastaten (Speerträger), bildeten in der Schlacht das erste Glied der dreigliedrigen römischen Schlachtordnung. das Feldzeichen nicht von der Stelle bewegen konnte und auch, als mehrere hinzukamen, doch nichts ausgerichtet wurde, so ließ Flaminius, als ihm dies gemeldet wurde, nach seiner Gewohnheit die Sache unbeachtet. Das Heer wurde binnen drei Stunden niedergemacht und er selbst getötet. 78. Auch das, was Caelius Vgl. über ihn I, 24, 48. hinzufügte, ist von großer Bedeutung, daß sich gerade zu der Zeit, als dies Unglück geschah, so große Erdbeben in Ligurien, Gallien, auf mehreren Inseln und in ganz Italien zeigten, daß viele Städte zusammenstürzten, an vielen Orten Erdfälle entstanden, die Flüsse in die entgegengesetzte Richtung strömten und das Meer in die Ströme eindrang. XXXVI. Es werden sichere Mutmaßungen in der Weissagung von Sachverständigen gemacht. Jenem Phryger Midas Midas, der mythische König von Phrygien mit Eselsohren, dem sich alles, was er berührte, in Gold verwandelte, worüber er schließlich verhungern mußte. trugen in seiner Kindheit, als er schlief, Ameisen Weizenkörner in den Mund zusammen. Daß er sehr reich werden würde, wurde ihm geweissagt, und es traf ein. Und als sich dem Platon, während er als kleiner Knabe in der Wiege schlief, Bienen auf die Lippen gesetzt hatten, wurde geantwortet, daß er eine ausgezeichnete Anmut der Rede bekommen werde Diese beiden Vorbedeutungen bei Midas und Platon bringen auch miteinander in Verbindung Aelian, XII, 45, und Valerius Maximus, I, 6, 2. . So wurde die zukünftige Beredsamkeit bei dem Kinde vorausgesehen. 79. Wie? Roscius Quintus Roscius aus Lanuvium, der berühmteste Schauspieler damaliger Zeit und ein Freund Ciceros, starb 63 v. Chr. in hohem Alter. , deine Freude und dein Liebling, hat er etwa selbst oder für ihn ganz Lanuvium gelogen? Als er in der Wiege lag und in Solonium, einem Felde des lanuvinischen Gebiets, erzogen wurde, erwachte nachts die Amme und bemerkte, nachdem sie das Licht herbeigeholt hatte, wie der Knabe im Schlafe von den Windungen einer Schlange umringt sei; durch diesen Anblick in Schrecken geraten, erhob sie ein Geschrei. Der Vater des Roscius trug es den Opferschauern vor, und diese antworteten, dieser Knabe werde vor allen berühmt und ausgezeichnet werden. Und diesen Gegenstand hat Pasiteles Pasiteles, nicht mit Praxiteles zu verwechseln, ist ein berühmter Bildhauer aus Unteritalien (1. Jahrh. v. Chr.); vgl. über ihn Plinius, Naturgeschichte 36, 4. in Silber ausgearbeitet und unser Archias Aulus Licinius Archias, zu Antiocheia in Syrien ungefähr 120 v. Chr. geboren, ein griechischer Dichter, den Cicero im Jahre 61 in der bekannten Rede verteidigte. in Versen geschildert. Worauf warten wir also? Etwa bis sich die unsterblichen Götter mit uns auf dem Forum unterreden, bis sie auf den Straßen, bis sie zu Hause mit uns verkehren? Diese zeigen sich zwar persönlich uns nicht; aber ihre Kraft verbreiten sie weit und breit, sie schließen dieselbe teils in die Höhlen der Erde ein, teils verweben sie sie mit der Natur der Menschen. Denn die Kraft der Erde begeisterte die Pythia zu Delphoi, die der Natur die Sibylle Über die Pythia vgl. I, 19, 38. Die Sibylle ist die zu Cumae in Kampanien, von der die Sibyllinischen Bücher stammen sollen, eine Sammlung von Weissagungen in griechischen Versen, die nach der Sage König Tarquinius von einer geheimnisvollen Greisin um ungeheuren Preis ankaufte und auf dem Kapitol im Tempel des Iupiter verwahren ließ. Sie durften nur auf Befehl des Senats durch eigens dazu bestellte Beamte nachgeschlagen werden. Beim Brande des Kapitols 83 v. Chr. verbrannten diese Bücher. Vgl. I, 2, 4. . Wie? Sehen wir denn nicht, was für verschiedene Arten von Erdstrichen es gibt? Von diesen ist ein Teil tödlich, wie die Gegend von Ampsanktus Der See von Ampsanktus war von schwarzer Farbe und hauchte schlechte Dünste aus; dorthin verlegt Vergil, Aeneis VII, 563 ff., den Eingang zur Unterwelt. bei den Hirpinern und in Asien die Plutonien Plutonia oder Charonia in Kleinasien, namentlich am Flusse Maiandros, Gegenden, die schädliche und verpestete Dünste aushauchten, vgl. Strabo XII, 8 und XIII 4. Cicero sah diese, als er 51 v. Chr. Prokonsul in Kilikien war und seinen Bruder bei sich hatte. , die ich gesehen habe; dann gibt es verpestete Landstriche, auch gesunde und einige, die scharfsinnige Köpfe, andere, die stumpfe hervorbringen. Dies alles geschieht sowohl durch die Verschiedenheit des Klimas als auch durch die verschiedenartige Ausdünstung der Erde. 80. Oft kommt es auch vor, daß durch irgendeine Erscheinung, oft durch den Ernst der Töne und durch den Gesang, die Gemüter sehr heftig erregt werden, oft auch durch Kummer und Furcht, wie jene, die ›Bewegt im Herzen, rasend, wie von Bacchus' Wut Ergriffen, an dem Grabe ihren Teucer ruft Die beiden Verse sind aus dem Teucer des Pacuvius und beziehen sich auf die Tekmessa, das Weib des Aiax. Teucer ist der Sohn des Telamon, des Königs von Salamis und des Aiax Stiefbruder. .‹ XXXVII. Und auch jene Erregung beweist, daß in den Seelen eine göttliche Gewalt wohnt. Denn Demokritos Demokritos aus Abdera in Thrakien, 460 v. Chr. geboren, Schüler des Leukippos, des Gründers der Lehre von den Atomen. behauptet, daß ohne Raserei kein Dichter groß sein könne, und dasselbe sagt Platon Im Phaidros S. 244 A, Kapitel XXII. . Mag er dies, wenn es ihm beliebt, Raserei nennen, wenn nur diese Raserei so gelobt wird, wie es im Phaidros des Platon geschieht. Wie verhält es sich mit der Rede vor Gericht, wie mit dem theatralischen Vortrage? Kann er wirksam, gewaltig und voll Fülle sein, wenn nicht die Seele selbst ungewöhnlich bewegt ist? Ich wenigstens habe oft bei dir und – um auch auf Geringeres zu kommen – bei deinem Freunde Aesopus Dieser Aesopus (nicht zu verwechseln mit dem Fabeldichter Äsop) war ein berühmter Schauspieler und Freund Ciceros und ist dessen Lehrer im Vortrag gewesen; vgl. Plutarch, Leben Ciceros, Kap. 5. eine solche Glut in Bewegungen und Mienen gesehen, daß ihn irgendeine Kraft dem Bewußtsein des Geistes entrissen zu haben schien. 81. Oft treten auch Gestalten auf, die an sich nichtig sind, aber doch ein Bild darbieten; dies soll Brennus Brennus, Anführer der Kelten, fiel im Jahre 278 v. Chr. in Makedonien und Griechenland ein und fand bei Delphoi seinen Tod. und seinem gallischen Heere begegnet sein, als er den Tempel des Delphischen Apollo mit frevelhaftem Kriege überzogen hatte; denn damals soll die Pythia das Orakel ausgesprochen haben: ›Mir und den weißen Jungfrau'n wird dies Sorge sein Vgl. Justinus 24, 8; Pausanias X, 23. .‹ Hiernach geschah es, daß sowohl weiße Jungfrauen sich mit Waffen entgegenstellten als auch das Heer der Gallier unter dem Schnee begraben wurde. XXXVIII. Aristoteles glaubte, daß diejenigen sogar, die infolge einer Krankheit rasten und Melancholische hießen, in den Seelen etwas Weissagendes und Göttliches hätten Aristoteles, Problemata XXX, S. 471; vgl. Von der Seele, S. 122 (ed. Bekk.). . Ich aber möchte das vielleicht weder den Magenkranken noch den Gehirnkranken zuschreiben; denn einer gesunden Seele, nicht einem krankhaften Körper kommt die Weissagung zu. 82. Daß diese aber in Wirklichkeit da sei, wird durch folgenden Schluß der Stoiker gefolgert: ›Wenn es Götter gibt und sie den Menschen das Zukünftige nicht vorherverkündigen, so lieben sie entweder die Menschen nicht, oder sie wissen nicht, was sich ereignen wird, oder sie glauben, es liege den Menschen nichts daran, die Zukunft zu wissen; oder sie meinen, es sei ihrer Würde nicht angemessen, den Menschen vorher anzudeuten, was geschehen wird; oder die Götter selbst können dies nicht einmal andeuten. Aber fürwahr sie lieben uns; denn sie sind wohltätig und dem Menschengeschlecht wohlgesinnt; und sie wissen sehr wohl das, was von ihnen selbst angeordnet und bestimmt ist; und es ist uns nicht gleichgültig, das zu wissen, was sich ereignen wird; denn wir werden vorsichtiger sein, wenn wir dies wissen; noch halten sie es ihrer Würde für unangemessen; denn nichts ist schöner als die Wohltätigkeit; und es ist unmöglich, daß sie das Zukünftige nicht im voraus erkennen sollten Man erwartet statt vorher erkennen eher ein Wort, wie: anzeigen. . 83. Es ist also nicht denkbar, daß es Götter gibt und sie das Zukünftige nicht anzeigen. Nun aber gibt es Götter; also zeigen sie es auch an. Und wenn sie es anzeigen, so eröffnen sie uns auch Wege zur Erkenntnis der Anzeichen; denn sie würden es sonst vergeblich anzeigen, und wenn sie Wege eröffnen, so ist es nicht möglich, daß es keine Weissagung gebe; es gibt also eine Weissagung.‹ XXXIX. 84. Dieses Schlusses bedienten sich Chrysippos, Diogenes und Antipater Über Chrysippos, Diogenes und Antipater vgl. I, 3, 6. . Was ist also für ein Grund, zu zweifeln, daß dasjenige, was ich behauptet habe, sehr wahr ist? Wenn die Vernunft auf meiner Seite steht, wenn die Erfolge, die Völker und Nationen, wenn die Griechen und Barbaren und auch unsere Vorfahren auf meiner Seite stehen; wenn man dies endlich immer so geglaubt hat, wenn die ausgezeichnetsten Philosophen, wenn die Dichter, die weisesten Männer, die die Staaten geordnet, die Städte gegründet haben, auf meiner Seite stehen: wollen wir da etwa warten, bis die Tiere sprechen? Sind wir nicht mit dem übereinstimmenden Zeugnis der Menschen zufrieden? 85. Auch wird ja dafür, daß die von mir genannten Arten der Weissagung nichtig sind, kein anderer Grund beigebracht, als daß es scheinbar schwer zu sagen ist, was jedesmal die Ursache, was der Grund einer Weissagung ist. Denn was hat der Opferschauer für einen Grund, daß die gespaltene Lunge auch bei guten Eingeweiden die Zeit unterbreche und den Tag hinausschiebe Die Eingeweide mit einem Einschnitt galten für ein böses Vorzeichen; vgl. Livius VIII, 9; Ovid, Metamorphosen XV, 794. ? Was der Augur, daß der Rabe zur Rechten und die Krähe zur Linken etwas bestätigt Vgl. I, 7, 12 und Anmerkung 56. ? Was der Astrologe, daß der Stern des Iupiter oder der Venus mit dem Monde verbunden bei der Geburt der Kinder heilbringend, der des Saturn oder des Mars feindlich sei? Warum aber soll uns Gott im Schlafe ermahnen, im Wachen vernachlässigen? Was gibt es endlich für einen Grund, daß die rasende Kassandra die Zukunft voraussieht, der weise Priamus aber ebendies nicht zu tun vermag? 86. Du fragst, warum jegliches geschehe. Ganz mit Recht; aber davon ist jetzt nicht die Rede. Ob es geschehe oder ob es nicht geschehe, danach wird gefragt. Wie wenn ich sage: Der Magnet ist ein Stein, der das Eisen an sich lockt und anzieht, den Grund aber, weshalb dies geschieht, nicht beibringen kann; könntest du da leugnen, daß es überhaupt geschehe? Und eben dieses tust du bei der Weissagung, die wir selbst sehen, hören und lesen und von den Vätern empfangen haben. Auch hat vor dem Aufblühen der Philosophie, die noch nicht lange erfunden ist, das gewöhnliche Leben nicht daran gezweifelt, und hernach, als die Philosophie hervorgetreten war, hat kein Philosoph, der nur einige Bedeutung hatte, anders geurteilt. 87. Ich habe von Pythagoras, von Demokritos, von Sokrates gesprochen, ich habe keinen von den Alten, außer Xenophanes Xenophanes und die übrigen Philosophen vgl. I, 3 und die Anmerkungen. , ausgenommen, ich habe die alte Akademie, die Peripatetiker und die Stoiker hinzugefügt. Nur Epikuros allein ist anderer Ansicht. Was Wunder? Ist dies schimpflicher, als daß dieser meint, es gebe keine uneigennützige Tugend? XL. Wen sollte aber wohl nicht das durch die berühmtesten Denkmäler beglaubigte und verbürgte Altertum bewegen? Von Kalchas schreibt Homer, er sei der bei weitem beste Augur und Führer der Flotten vor Ilium Homer, Ilias I, 69 ff. gewesen, wegen seiner Kenntnis der Auspizien, glaub ich, nicht wegen der der Gegenden. 88. Amphilochos und Mopsos Amphilochos war der Sohn des gleich darauf erwähnten Amphiaraos und der Eriphyle. Er ging mit nach Troja und wurde hier mit dem Seher Mopsos befreundet, mit dem er zusammen die Stadt Malios in Kilikien erbaute. Amphiaraos selbst nahm an dem Krieg gegen Theben teil durch den Verrat seiner Gattin Eriphyle, die sich von Adrastos durch ein goldenes Geschmeide bestechen ließ und seinen Aufenthalt entdeckte. Er wurde vor Theben von der Erde verschlungen. Mopsos war der Sohn der Manto, der Tochter des Sehers Teiresias und des Ampykos, nach anderen des Apollo. sind die Könige der Argiver gewesen, aber auch zugleich Auguren, und sie haben an der Seeküste Kilikiens griechische Städte gegründet. Und noch vor ihnen lebten Amphiaraos und Teiresias, keine geringen und unberühmten Leute und nicht denen ähnlich, wie es bei Ennius heißt: ›Die um ihres Vorteils willen falsche Sprüche sinnen aus Dieser Vers des Ennius ist vielleicht aus dessen Telamon, vgl. Ribbeck, Fragmente S. 56, und I, 53, 132. ‹, sondern berühmte und vortreffliche Männer, die, durch Vogel und Zeichen belehrt, die Zukunft weissagten. Von dem einen derselben sagt Homer Nämlich von Teiresias, dem blinden Seher in Theben; vgl. Homer, Odyssee X, 492. , daß er auch in der Unterwelt allein weise sei, während die übrigen wie Schatten umherschwärmten. Den Amphiaraos aber hat der Ruf in Griechenland so sehr geehrt, daß er für einen Gott gehalten wurde und daß man von der Stelle, wo er begraben wurde Zu Oropos, vgl. Pausanias I, 34; Strabo IX, 1. , Orakel holte. 89. Hatte nicht der König von Asien, Priamos, einen Sohn Helenos Vgl. über ihn Homer, Ilias VI. 34; über Kassandra vgl. I, 31, 66. und eine Tochter Kassandra, die weissagten, der eine durch Augurien, die andere durch geistige Erregung und durch göttliche Begeisterung? Von derselben Art, lesen wir geschrieben, sind die Marcischen Brüder Die Zeit, in der die Marcischen Brüder gelebt haben, ist unbekannt. Sie waren Wahrsager, und ihre Weissagungen stehen mit den Sibyllinischen Sprüchen in Verbindung. , edler Abkunft, bei unseren Vorfahren gewesen. Und erzählt nicht Homer, daß der Korinthier Polyidos Homer, Ilias XIII, 663 bis 668. sowohl anderen vieles als auch seinem Sohne, der nach Troja zog, den Tod vorhergesagt habe? Überhaupt besaßen bei den Alten die Machthaber auch zugleich die Augurien. Zeuge davon ist unser Staat, in dem die Könige als Auguren und hernach die mit demselben Priestertum bekleideten Privatpersonen den Staat durch das Ansehen der Religion lenkten. XLI. 90. Und diese Weise der Weissagungen ist nicht einmal bei den barbarischen Völkern vernachlässigt worden. So sind doch in Gallien die Druiden, von denen ich selbst den Haeduer Divitiacus Die Haeduer waren eine von den gallischen Nationen und standen mit den Römern im Bündnis. Caesar erwähnt (Gallischer Krieg VI, 12) den Druiden und vornehmen Haeduer Divitiacus, der sonst bei Cicero nicht vorkommt. , deinen Gastfreund und Lobredner, kennengelernt habe, der behauptete, ihm sei die Naturwissenschaft, welche die Griechen Physiologie nennen, bekannt, und der teils durch Augurien, teils durch Mutmaßung, was zukünftig wäre, voraussagte. Auch bei den Persern deuten und weissagen die Magier, die sich in einem Heiligtum Magi, qui congregantur in fano. Fanum ist ein der Gottheit geweihter, mit Mauern umgebener Platz; vgl. Livius 10, 37: fanum tantum, id est, locus templo sacratus. Eigentliche Tempel hatten die Perser nicht. versammeln, um sich zu beraten und sich miteinander zu besprechen, was auch ihr ebenfalls einst an den Nonen zu tun pflegtet An den Nonen (d. h. am siebenten Tag im März, Mai, Juli und Oktober und am fünften Tag in den übrigen Monaten) pflegten die Auguren, um Auspizien anzustellen, außerhalb Roms an einem freien Platze zusammenzukommen. . 91. Auch kann niemand König der Perser sein, der nicht zuvor die Lehre und Wissenschaft der Magier erlernt hat. Man kann ferner gewisse Familien und Nationen sehen, die dieser Wissenschaft sich gewidmet haben. Telmessos Vgl. Arrian, Feldzüge Alexanders, II, 3, und Herodot I, 78, der zuerst Wahrsager aus Telmessos, einer Stadt in Karien, erwähnt hat. ist eine Stadt in Karien, in welcher der Unterricht der Opferschauer berühmt ist. Ebenfalls hat Elis im Peloponnes zwei bestimmte Familien, die der Iamiden und die der Klytiden Herodot IX, 33 erwähnt diese beiden Familien. , die durch die Berühmtheit der Opferschau ausgezeichnet sind. In Syrien zeichnen sich die Chaldäer Die Chaldäer werden schon I, 1, 2 erwähnt. durch die Kenntnis der Gestirne und durch die geistige Erfindsamkeit aus. 92. Etrurien Über die Etrusker vgl. Plinius, Naturgeschichte II, 52 ff. aber beobachtet das vom Blitz Getroffene mit großem Geschick und deutet ebenfalls alles, was durch irgendwelche wunderbare Erscheinungen und Anzeichen angekündigt wird. Daher hat auch bei unseren Vorfahren der Senat während der Blüte des Reichs wohlweislich beschlossen, daß sechs Söhne von Vornehmen den einzelnen Völkerschaften Etruriens zum Unterricht übergeben werden sollten, damit nicht eine bedeutende Kunst durch die Niedrigkeit der Menschen vom Ansehen in der Religion zum Lohndienst und zum Erwerb herabgewürdigt würde Vgl. Valerius Maximus I, 1, der von zehn Söhnen spricht; Cicero, Über die Gesetze II, 9. . Die Phryger aber, die Pisider und die Kilikier Dieselben Völkerschaften sind schon I, 1, 2 und 3 erwähnt. und die Nation der Araber folgen meist den Anzeichen der Vögel, und dasselbe soll auch in Umbrien, wie wir gehört haben, üblich gewesen sein. XLII. 93. Und mir scheinen auch aus der Lage der Gegenden, die von den einzelnen bewohnt wurden, die günstigen Gelegenheiten zu den Weissagungen entsprungen zu sein. Denn die Ägypter und Babylonier, die auf den Erdflächen sich weit ausdehnender Ebenen wohnten, haben, da nichts über die Erde emporragte, was der Betrachtung des Himmels hätte hinderlich sein können, alle Sorge auf die Kenntnis der Gestirne verwandt Vgl. I, 1, 2. ; die Etrusker aber haben, weil sie, von Religiosität erfüllt, eifriger und häufiger Opfertiere schlachteten, sich besonders auf die Kenntnis der Eingeweide gelegt; und weil wegen der dicken Luft bei ihnen vieles am Himmel sich zutrug und aus demselben Grund viel Ungewöhnliches teils vom Himmel, teils aus der Erde entstand Dreierlei verschiedene Erscheinungen nennt Cicero, erstens solche, die in der Luft vorkommen als Meteore, vgl. I, 43, 97; zweitens die am Himmel selbst wahrgenommen werden als Regen von Steinen u. ä., vgl. I, 43, 98; drittens die besonderen Merkmale auf der Erde, wozu Erdbeben und auch Eigentümlichkeiten im Stein- und Pflanzenreiche gehören. , manches auch bei der Empfängnis und Zeugung der Menschen oder Tiere, so wurden sie die geübtesten Ausleger von Wundererscheinungen. Die Bedeutung dieser Erscheinungen wird, wie du selbst zu sagen pflegst Vgl. Vom Wesen der Götter II, 3, 7. , durch die Benennung selbst bezeichnet, die unsere Vorfahren sinnreich dafür geschaffen haben. Denn weil sie anzeigen, verkündigen, hinweisen und vorhersagen, so werden sie Anzeichen, Verkündigungen, Hinweisungen und Vorbedeutungen genannt. 94. Die Araber aber, die Phryger und Kilikier, die vorzüglich Viehzucht treiben, haben, indem sie Sommer und Winter Felder und Berge durchstreifen, deshalb leichter den Gesang und den Flug der Vögel beobachtet, und derselbe Grund war in Pisidien und hier in unserem Umbrien. Ferner ganz Karien und besonders die vorhin erwähnten Telmessier sind, weil sie sehr ergiebige und höchst fruchtbare Äcker bewohnen, auf denen sich wegen der Fruchtbarkeit vieles bilden und erzeugen kann, in der Beobachtung von Anzeichen sorgfältig gewesen. XLIII 95. Wer sieht aber nicht, daß gerade in der besten Staatsverfassung die Auspizien und die übrigen Arten der Weissagung den größten Einfluß gehabt haben? Gab es je einen König, je ein Volk, das sich nicht der göttlichen Weissagung bedient hätte? Und nicht bloß im Frieden, sondern noch weit mehr im Kriege, wo der Kampf und die Entscheidung für das Wohl von größter Bedeutung war. Ich übergehe unsere Landsleute, die nichts im Kriege ohne Befragung der Eingeweide unternehmen, nichts ohne Auspizien, solange sie Auspizien haben! Laßt uns Auswärtiges betrachten! Die Athener haben zu allen öffentlichen Beratungen immer einige weissagende Priester, die sie Manteis nennen Das ist Seher, Weissager. , zugezogen, und die Lakedaimonier haben ihren Königen einen Augur zum Beisitzer gegeben, und ebenso bestimmten sie, daß bei den Greisen (denn so nennen sie den Staatsrat) Es ist der Rat der Alten, der die oberste Regierungsbehörde und das höchste Gericht des Landes in Sparta bildete; er bestand aus 28 mindestens sechzigjährigen Greisen, und die beiden Könige führten den Vorsitz. ein Augur zugegen sei; auch holten sie bei wichtigeren Dingen immer von Delphoi oder vom Iupiter Ammon oder von Dodona das Orakel ein. 96. Lykurg wenigstens, der den Staat der Lakedaimonier ordnete, hat seine Gesetze durch das Ansehen des Delphischen Apollo bekräftigt Lykurg, der Gesetzgeber der Spartaner, gab vor, seine Gesetze von Apollo empfangen zu haben, oder er ließ sie doch durch das Orakel dieses Gottes bestätigen (vgl. Plutarch, Leben des Lykurgos, Kap. 5, und Herodot I, 65). . Als diese Lysander ändern wollte, wurde er durch dieselbe religiöse Rücksicht daran gehindert Über Lysander (vgl. I, 34, 75,) der die Verfassung der Spartaner zu ändern beabsichtigte, vgl. Plutarch, Leben des Lysander, Kap. 25; Diodor, XIV, 13 und Cornelius Nepos, Lysander, Kap. 3. . Ja, auch die oberste Behörde der Lakedaimonier, nicht zufrieden mit der Sorge während des Wachens, legte sich in dem Tempel der Pasiphaë Unter der obersten Behörde sind die Ephoren zu Sparta zu verstehen. Plutarch (Leben des Agis, Kap. 9) erwähnt ein Orakel der Pasiphaë bei Thalamae in Sparta, und Pausanias (III, 26) einen Tempel und ein Orakel der Ino bei Thalamae, wo die Priester in dem Tempel schliefen, um während des Traumes von der Gottheit sich weissagen zu lassen. , der auf einem Felde nahe bei der Stadt steht, zum Träumen nieder, weil sie die Orakel während des Traumes für wahr hielten. 97. Ich komme auf das Einheimische zurück. Wie oft hat nicht der Senat die Zehnmänner zu den Büchern Nämlich zu den Sibyllinischen; vgl. I, 36, 79. gehen lassen? In wie wichtigen Angelegenheiten und wie oft hat er nicht den Antworten der Opferschauer Folge geleistet! Als zwei Sonnen sich gezeigt hatten und drei Monde und als Fackeln und eine Sonne zur Nachtzeit erschienen waren und als vom Himmel her ein Getöse gehört ward und der Himmel sich zu teilen schien und an ihm Kugeln wahrgenommen wurden. Dem Senat wurde auch ein Erdfall auf privernatischem Gebiet Privernum, eine Stadt in Latium. vorgetragen, als die Erde sich bis zu einer unendlichen Tiefe herabgesenkt hatte und Apulien durch sehr heftige Erdbeben erschüttert worden war: lauter Anzeichen, durch die dem römischen Volk schwere Kriege und verderbliche Unruhen verkündigt wurden; und bei allen diesen Vorfällen stimmten die Antworten der Opferschauer mit den Versen der Sibylle überein. 98. Wie? Als zu Cumae Apollon Vgl. Livius 43, 13: Cumis in arce Apollo triduum ac tres noctes lacrimavit; Plutarch, Leben des Coriolanus, Kap. 38, der eine Erklärung gibt. , zu Capua die Victoria schwitzte, als ferner ein Zwitter geboren wurde, war das nicht ein verhängnisvolles Vorzeichen? Wie? als der Fluß Atratus von Blut strömte? Wie? als oft ein Regen von Steinen, bisweilen von Blut, manchmal von Erde und einmal auch von Milch herabfloß? Wie? als auf dem Kapitol der Kentaur vom Blitz getroffen wurde, auf dem Aventinus Tore und Menschen, zu Tusculum Tusculum, eine Munizipialstadt in Latium, in deren Nähe Cicero sein Landgut (Tusculanum) hatte; vgl. I, 5, 8. der Tempel des Kastor und Polydeukes und zu Rom der Tempel der Pietas? Haben da nicht die Opferschauer das geantwortet, was wirklich eintraf, und sind nicht in den Büchern der Sibylle dieselben Weissagungen aufgefunden worden? XLIV. 99. Auf einen Traum der Caecilia, der Tochter des Quintus Diese Caecilia Metella, die Tochter des Quintus Caecilius Metellus wird schon I, 2 erwähnt, außerdem I, 46, 104. , wurde noch jüngst im Marsischen Krieg Der Marsische Krieg, auch Bundesgenossenkrieg (bellum sociale), nach den italischen Bundesgenossen, besonders den Marsern, die das römische Bürgerrecht verlangten, benannt (91 bis 89). vom Senat der Tempel der Iuno Sospita Über den Tempel der Iuno Sospita vgl. zu I, 2. wiederhergestellt. Nachdem Sisenna Lucius Cornelius Sisenna (geboren um 120 v. Chr.), war ein römischer Geschichtsschreiber. auseinandergesetzt hatte, daß dieser Traum wunderbar Wort für Wort mit dem Erfolg zusammentraf, behauptete er dann doch ganz unerwartet, ich glaube, von einem Epikureer verleitet, man dürfe den Träumen kein Vertrauen schenken. Er sagt aber gegen die Vorzeichen nichts und erzählt, daß im Anfang des Marsischen Krieges die Bilder der Götter geschwitzt hätten, daß Blut geflossen sei, daß der Himmel sich geteilt habe, daß man aus dem Verborgenen Stimmen vernommen habe, die die Gefahren des Krieges verkündigten, daß zu Lanuvium Lanuvium, eine Stadt in Latium, berühmt durch den Tempel der Iuno Sospita, vgl. I, 2. – was den Opferschauern als das Traurigste erschienen sei –, die Schilder von den Mäusen zernagt worden seien. Wie? Lesen wir nicht in den Jahrbüchern, daß im Veientischen Krieg Der Veientische Krieg gegen die Stadt Veii, 406 bis 396 v. Chr., der mit der Einnahme der zehn Jahre lang belagerten Stadt durch Camillus endigte. Vgl. Livius, 15; Plutarch, Leben des Camillus, Kap. 4. , als der Albanische See über die Maßen angeschwollen war, irgendein vornehmer Mensch zu uns geflohen sei und gesagt habe, nach den geschriebenen Schicksalsbüchern, die die Veienter besäßen, könne Veii nicht eingenommen werden, solange dieser See übertrete; und wenn der See abgelassen würde und durch seinen Fall und Lauf zum Meere sich ergösse, so werde dies dem römischen Volke verderblich sein. Würde er aber so abgeleitet, daß er zum Meere nicht gelangen könne, so würde das den Unsrigen zum Heile dienen. Daraufhin wurde jene bewunderungswürdige albanische Wasserleitung von unseren Vorfahren gebaut. 100. Als aber die Veienter, des Krieges müde, Gesandte an den Senat geschickt hatten, da soll von diesen einer gesagt haben, daß jener Überläufer nicht gewagt habe, dem Senate alles zu sagen; in denselben Schicksalsbüchern der Veienter stehe geschrieben, daß Rom binnen kurzer Zeit von den Galliern werde eingenommen werden, und wie wir sehen, ist dies sechs Jahre nach der Einnahme Veiis geschehen Im Jahre 390 v. Chr. (sechs Jahre nach der Einnahme Veiis) wurde nach der Schlacht an der Allia Rom von den Galliern unter Brennus geplündert und verbrannt. . XLV. 101. Oft ließen sich auch Faune Den Faunen schrieben die Römer alles Panische und alle gespenstischen Erscheinungen zu, die in wechselnden Gestalten den Menschen zu Gesicht kamen; sie betrachteten alle seltsamen, das Gehör erschreckenden Rufe als ihr Wort und glaubten, daß sie auch bisweilen die Zukunft verkündigten. Vgl. Vom Wesen der Götter II, 2, 6. in den Schlachten hören; und in unruhigen Zeiten sollen wahrredende Stimmen aus dem Verborgenen erschollen sein. Von dieser Gattung gibt es unter vielen zwei Beispiele, aber sehr wichtige. Nicht lange vor der Einnahme der Stadt wurde aus dem Haine der Vesta Der Tempel und Hain der Vesta lag zwischen dem Forum und dem Palatinischen Hügel an der via nova. Livius 5, 50 erwähnt dieselbe nächtliche Stimme, die vor dem Gallischen Krieg die Niederlage der Römer verkündigte. , der sich vom Fuß des Palatinischen Berges nach der neuen Straße herabzieht, eine Stimme gehört: Die Mauern und Tore sollten ausgebessert werden; würden keine Vorsichtsmaßregeln getroffen, so würde Rom eingenommen werden. Dieses wurde nicht beachtet, als es noch verhütet werden konnte, und wurde nach jener so großen Niederlage gesühnt. Denn es wurde dem Aius Loquens Aius Loquens oder Locutius, der Sager oder Sprecher, war eine Gottheit, die den Kindern zum Erlernen des deutlichen Sprechens zur Seite stand; vgl. II, 33, 69. jenem Platze gegenüber der Altar geweiht, den wir dort umzäunt sehen. Und viele haben auch geschrieben, nach einem Erdbeben sei von dem Tempel der Iuno her aus der Burg eine Stimme vernommen worden, daß durch ein trächtiges Schwein die Sühnung veranstaltet werden solle; daher sei jene Iuno die Mahnerin (Moneta) Iuno wurde als Höhen- und Burggöttin verehrt, sie hatte einen Tempel auf dem Capitolinischen Hügel (in arce). Den Beinamen Moneta leitet Cicero a monendo (mahnen) ab, indem sie bei einem Erdbeben die Mahnung ergehen ließ, zur Abwendung ein trächtiges Schwein zu opfern. Livius (VII, 82), Ovid (Festkalender 6, 183) und Suidas geben andere Erklärungen, nämlich daß sie ihren Beinamen von der ihrem Tempel nahegelegenen Münzstätte empfangen habe. genannt worden. Verachten wir also, was die Götter angezeigt und unsere Vorfahren beachtet haben? 102. Und nicht nur die Stimmen der Götter haben die Pythagoreer fleißig beobachtet, sondern auch die der Menschen, die sie Vorbedeutungen nennen. Weil unsere Vorfahren von diesen meinten, daß sie eine wirksame Kraft besäßen, so schickten sie deshalb allen ihren Handlungen die Worte voraus: ›Möge es gut, günstig, glücklich und heilsam sein!‹, und bei Gottesdiensten, die von Staats wegen gehalten wurden, wurde angeordnet, ›die Zunge zu wahren Favete linguis! (Hütet eure Zungen!) lautete der Zuruf der Priester. Favere linguis, ist fast gleichbedeutend mit schweigen, damit niemandem ein Wort, das vielleicht ein böses Omen hätte, während des Opfers oder der heiligen Handlung entschlüpfe. ‹ und bei der Ankündigung der Ferien Die feriae nämlich Latinae, vgl. I, 11. Sie dauerten unter Tarquinius einen Tag, nach der Vertreibung der Könige zwei, später drei, zuletzt, wie zur Zeit Ciceros, vier Tage. Während dieses Festes fand ein Stillstand der öffentlichen Geschäfte statt. , ›sich des Streites und des Zankes zu enthalten‹. Desgleichen wurden bei der Sühnung einer Kolonie von dem, der sie führte, und wenn der Feldherr das Heer, der Censor das Volk sühnte, Männer mit günstigen Namen ausgesucht, welche die Opfertiere führen sollten Auch Plinius, Naturgeschichte 28, 2, 5, erwähnt, daß bei den Reinigungsfesten diejenigen, welche die Opfertiere führten, günstige Namen haben mußten, wie z. B. Valerius, Salvius und ähnliche. . Ebendasselbe beobachten auch die Konsuln bei der Aushebung, daß der erste Soldat einen günstigen Namen habe. 103. Und das hast du, wie du weißt, sowohl als Konsul wie auch als Feldherr mit der größten Gewissenhaftigkeit beobachtet. Unsere Vorfahren haben auch gewollt, daß die Prärogative Praerogativa, nämlich tribus oder centuria, ist die Zenturie, die in den Zenturiatskomitien aus der ersten Klasse aller Tribus als die zuerst stimmende ausgelost und mit dem Namen ihrer Tribus bezeichnet wurde; hatte diese einen guten Klang (z. B. Valeria), so wurde es zugleich als eine günstige Vorbedeutung für den glücklichen Verlauf der Komitien angesehen. als eine Vorbedeutung rechtmäßiger Wahlversammlungen gelte. XLVI. Und nun will ich bekannte Beispiele von Vorbedeutungen anführen. Als Lucius Paulus Lucius Aemilius Paulus, der Sohn des bei Cannae gefallenen Lucius Aemilius Paulus (vgl. II, 33, 71), besiegte in seinem zweiten Konsulat (168) den König Perseus von Makedonien in der Schlacht bei Pydna in Makedonien und erhielt den Beinamen Macedonicus. Plutarch, Leben des Aemilius Paulus, Kap. 10, gibt diese Erzählung nach Cicero wieder. in seinem zweiten Konsulat beauftragt worden war, den Krieg mit dem Könige Perseus zu führen, und an ebendemselben Tage nach Hause zurückkehrte, küßte er sein Töchterchen Tertia, die damals noch recht klein war, und bemerkte, daß sie etwas traurig war. ›Was ist dir, meine Tertia?‹ sagte er. Sie antwortete: ›Mein Vater, Persa ist dahin!‹ Darauf drückte er das Mädchen enger an sich und sprach: ›Ich nehme das Omen an, meine Tochter!‹ Es war nämlich ein Hündchen dieses Namens gestorben. 104. Den Flamen des Mars, Lucius Flaccus Numa hatte für die drei Götter Iupiter, Mars und Quirinus aus patrizischem Geschlecht eigene Opferpriester, flamines (benannt nach dem wollenen Faden, der um die Priestermütze oder um den Kopf selbst gewunden wurde), eingesetzt; sie hießen die flamines maiores; außerdem gab es noch 12 flamines minores, die aus den Plebeiern gewählt wurden. , habe ich oft erzählen hören, daß Caecilia, die Tochter des Metellus Über Caecilia Metella, die Tochter des Konsuls Quintus Caecilius Metellus Belearicus, vgl. I, 2; für die Erzählung vgl. Valerius Maximus I, 5, 4. , als sie die Tochter ihrer Schwester verheiraten wollte, in eine Kapelle gegangen sei, um ein Omen abzuwarten, was nach der Sitte der Alten zu geschehen pflegte. Als die Jungfrau stand und Caecilia auf einem Sessel saß und lange Zeit sich keine Stimme vernehmen ließ, da habe das Mädchen vor Ermüdung ihre Tante gebeten, in ihrem Sessel sich ausruhen zu dürfen; und jene habe gesagt: ›Sehr wohl, mein Mädchen, ich räume dir meinen Platz ein.‹ Diesem Omen folgte die Erfüllung. Denn sie selbst starb kurze Zeit darauf, die Jungfrau aber heiratete den, mit dem Caecilia verheiratet gewesen war. Daß man dies verachten oder gar verlachen kann, sehe ich vollkommen ein; aber das heißt eben, an die Götter nicht glauben, wenn man verachtet, was von ihnen angedeutet wird. XLVII. 105. Was soll ich von den Auguren reden? Das ist deine Rolle, deine Sache muß es sein, die Auspizien in Schutz zu nehmen. Dir meldete während deines Konsulats der Augur Appius Claudius Appius Claudius Pulcher, der schon I, 16, 29 erwähnt ist, war Ciceros Kollege im Augurat gewesen. Er hatte auch libros augurales geschrieben. Cicero war im Jahre 63 Konsul, und unter dem gleich darauf erwähnten Bürgerkrieg ist die Catilinaris die Verschwörung zu verstehen, die Cicero während seines Konsulats entdeckte und unterdrückte; vgl. I, 12. , da das Augurium der Salus Die Göttin Salus (salus = Heil, Rettung; Personifikation der Staatswohlfahrt) hatte einen Tempel auf dem Quirinal. Zu ihr wurde vermittels des sogenannten augurium Salutis gebetet, wozu es einer vorgängigen Anfrage und Beobachtung der öffentlichen Auguren bedurfte, ob ein solches Gebet den Göttern angenehm sei. bedenklich gefunden sei, so stehe ein trauriger und stürmischer Bürgerkrieg bevor. Und dieser brach wenige Monate darauf aus, wurde aber in wenigen Tagen von dir unterdrückt. Diesem Augur stimme ich aus vollem Herzen bei. Denn er hat allein seit einer langen Reihe von Jahren die Wissenschaft besessen, nicht nur das Augurium abzuleiern, sondern auch wirklich zu weissagen. Ihn verlachten deine Amtsgenossen und nannten ihn bald einen Pisider Die Pisider (s. I, 2) befleißigten sich besonders der Auspizien. , bald einen Soranischen Aus Sora, einer kleinen Stadt in Latium am Soracte, die wegen großen Aberglaubens bekannt war. Augur. Es schien ihnen, als ob es in den Augurien oder Auspizien kein Vorgefühl, kein Wissen zukünftiger Wahrheit gäbe; die Religionen, behaupteten sie, seien wohlweislich nach dem Glauben der Unverständigen gebildet. Das verhält sich aber ganz anders. Denn weder konnte sich bei jenen Hirten, über die Romulus gebot, noch bei Romulus selbst diese Schlauheit finden, daß sie zur Täuschung der Menge Schattenbilder der Religion hätten ersinnen sollen; sondern die Schwierigkeit und Mühe des Lernens hat die Nachlässigkeit beredt gemacht. Denn sie wollen lieber auseinandersetzen, daß an den Auspizien nichts sei, als, was an ihnen liegt, erlernen. 106. Was ist göttlicher als jenes Auspizium, das bei dir im Marius Marius war ein Gedicht Ciceros, das verlorengegangen ist, in dem er die Taten seines Landsmannes, des Arpinaten Gaius Marius, des Gegners Sullas, besingt, vgl. Über die Gesetze I, 1. Übrigens ahmt Cicero den Homer (Ilias XII, 200; VII, 247 und Odyssee XIV, 160) nach. steht? um dich gerade besonders als Gewährsmann anzuführen: ›Sieh, der beschwingte Trabant des weithindonnernden Iovis Iupiters Adler. , Plötzlich vom Stamme des Baums durch den Biß der Schlange verwundet, Zwinget die Natter selbst und durchbohrt sie mit grimmigen Krallen. Halb schon entseelt, erhebt sie den fleckigen Nacken mit Drohung; Wie sie sich windet, zerfleischt er sie ganz mit dem blutigen Schnabel. Als er gesättigt den Zorn und die bitteren Schmerzen gerächt hat, Wirft er die sterbende hin und schleudert zerrissen ins Meer sie, Schwingt dann vom Abend sich weg zu der Sonne strahlendem Aufgang. Als mit glücklichem Flug und mit eilenden Schwingen ihn gleitend Marius hatte erblickt, der Augur der himmlischen Gottheit, Und die erfreulichen Zeichen zum Ruhme bemerkt und zur Heimkehr, Donnerte Jupiter selbst zur linken Seite des Himmels. Also bestärkte der Vater des Adlers herrliches Omen.‹ XLVIII. 107. Und jenes Augurat des Romulus war ein hirtenmäßiges, kein politisches und nicht nach den Meinungen der Unverständigen erdichtet, sondern von Zuverlässigen empfangen und den Nachkommen überliefert. Daher der Augur Romulus, wie es bei Ennius In dem ersten Buch der Annalen, Vers 94 ff. Daß die beiden Brüder Romulus und Remus Rom unter Auspizien gegründet haben, wird oft erwähnt. Über den Ort der Gründung war gleich Streit entstanden: Romulus wählte den Palatinus, Remus den Aventinus. Die Auspizien sollten nun entscheiden; daher begaben sich beide auf den Gipfel ihres bevorzugten Berges und harrten mit Gebeten die Nacht hindurch bis zum nächsten Morgen der Zeichen. Beim Aufgang der Sonne erschienen dem Remus zuerst sechs, darauf aber dem Romulus zwölf Geier, so daß Remus nachgeben mußte. Ennius erlaubt sich übrigens mehrere Abweichungen von der gewöhnlichen Tradition, indem er den Romulus auf den Aventinus stellt. heißt, mit seinem Bruder, der ebenfalls Augur war, ›Sorgend mit großer Sorge, da jeder strebt nach der Herrschaft, Mühen sich beide zugleich um günstige Zeichen der Vögel. Hier weiht Remus sich den Auspizien, und er erwartet Einsam den günstigen Vogel; doch Romulus schauet, der schöne, Auf hohem Aventin weitfliegende Vögel erspähend. Streit war, ob sie die Stadt Rom, ob sie sie Remora nennten. Alle hegen die Sorge, wer Herrscher werde von ihnen. Und sie harren, wie wenn der Konsul das Zeichen will geben Und dann alle mit Gier hinschaun nach der Öffnung der Schranken, Wo sie aus farbigem Schlund die Wagen möge entsenden Diese Worte beziehen sich auf die öffentlichen Spiele im Zirkus, bei denen der Konsul das Zeichen gab, die Wagen aus den Schranken (Schuppen, Ständen) herauszulassen, vgl. die Beschreibung bei Livius 1, 25, und Vergil, Aenëis 5, 137. . 108. Also harrte das Volk, und es malt' sich Furcht im Gesichte, Wem von beiden der Sieg des großen Reiches verliehn sei. Und jetzt sank das weiße Gestirn in die nächtlichen Tiefen, Drauf dann erschien der Tag, von den glänzenden Strahlen getroffen Hierunter ist also der Untergang der Sonne und ihr Wiedererscheinen am anderen Morgen zu verstehen. Und zugleich aus der Höh' schwang sich mit beglückendem Fluge Links ein herrlicher Vogel: zugleich steigt golden die Sonn' auf. Sieh! es schweben vom Himmel dreimal vier heiliger Vögel Leiber herab und fliegen nach schönen und günstigen Stellen. Romulus siebet daraus, ihm sei beschieden der Vorrang Und durch Auspizien fest begründet der Thron und die Herrschaft.‹ XLIX. 109. Doch es kehre meine Rede dahin zurück, von wo sie abgeschweift ist. Wenn ich auch nicht auseinandersetzen kann, weswegen jedes geschehe, und nur zeige, daß das, was ich erwähnt habe, wirklich geschieht; antworte ich damit nicht genügend dem Epikur oder dem Karneades Über Epikur vgl. I, 3, über Karneades I, 4. ? Wie? wenn sogar für die künstliche Weissagung ein leichter Grund vorhanden ist und für die göttliche ein etwas dunklerer? Denn was aus den Eingeweiden, was aus den Blitzen, aus Wunderzeichen, aus Sternen vorausgeahnt wird, das ist durch langjährige Beobachtung aufgezeichnet. Es erzeugt aber die Länge der Zeit bei allen Dingen durch langwierige Beobachtung eine unglaubliche Wissenschaft, die auch ohne Anregung und Antrieb der Götter stattfinden kann, wenn das, was aus jeder Erscheinung erfolgt, und das, was eine jede Sache bedeutet, durch häufige Wahrnehmung durchschaut worden ist. 110. Die zweite Art der Weissagung ist, wie ich gesagt habe, die natürliche; diese muß durch die scharfsinnige physische Forschung auf die Natur der Götter bezogen werden, aus der, wie die gelehrtesten und weisesten Männer D. h. die Philosophen, die Pythagoreer, Platoniker und Stoiker. Über die hier ausgesprochene Ansicht vgl. Tuskulanen V, 13, 38; Vom Wesen der Götter I, 11, 27; Cato Maior oder Vom Greisenalter, 21, 78; Diogenes Laërtius 8, 28. geurteilt haben, unsere Seelen geschöpft und entnommen sind; und da alles mit ewigem Sinn und göttlichem Geist angefüllt und durchdrungen ist, so müssen notwendigerweise die menschlichen Seelen durch die Verwandtschaft mit dem göttlichen Geist angeregt werden. Aber im Wachen dienen die Seelen den Bedürfnissen des Lebens und trennen sich von der göttlichen Gemeinschaft, da sie durch die Bande des Leibes behindert sind. 111. Selten ist eine gewisse Gattung derer, die sich von dem Körper lossagen und sich zur Erkenntnis der göttlichen Dinge mit aller Sorge und mit Eifer hinziehen lassen. Die Weissagungen derer sind nicht das Werk göttlichen Dranges, sondern menschlicher Vernunft; denn von Natur sehen sie die Zukunft voraus, wie z. B. Überschwemmungen und die dereinstige Verbrennung des Himmels und der Erde Cicero spielt mit den letzten Worten auf die Ansicht der Stoiker von der Verbrennung der Welt an, vgl. hierüber II, 46, 118 . Andere aber, die im Staatswesen geübt sind, sehen, so wie wir es von dem Athener Solon Diogenes Laërtius I, 48 und Valerius Maximus V, 3, 3. wissen, eine sich erhebende Tyrannei lange voraus, diese können wir Vorsichtige (prudentes), das heißt Vorsehende (providentes) nennen, Weissagende (divinos) aber auf keine Weise, ebensowenig wie den Thales aus Milet, der, um seine Tadler zu widerlegen und zu zeigen, daß auch der Philosoph, wenn es ihm gelegen sei, Geld erwerben könne, alle Ölbäume auf dem milesischen Gebiete, ehe sie zu blühen angefangen hatten, zusammengekauft haben soll Thales aus Milet, der Stifter der Ionischen Schule (um 600 v. Chr.), der das Wasser als Urstoff aller Dinge annahm. Dieselbe Erzählung berichtet uns Aristoteles, Politik I, 11. . Er hatte vielleicht vermittels irgendeiner Wissenschaft bemerkt, daß die Ölbäume ergiebig sein würden. 112. Und er soll auch zuerst die Sonnenfinsternis, die unter der Herrschaft des Astyages eintrat, vorhergesagt haben Herodot I, 74 erzählt von dieser Sonnenfinsternis, die einer Schlacht zwischen dem Alyattes, dem König von Lydien, und Kyaxares, dem König von Medien und Vater des Astyages, wahrscheinlich am 28. Mai 585 ein Ende machte. . L. Vieles ahnen die Ärzte, vieles die Steuerleute und auch vieles die Landleute voraus; aber das alles nenne ich bei ihnen nicht Weissagung, nicht einmal jene Voraussage, wodurch die Lakedaimonier von dem Physiker Anaximander Anaximander aus Milet gehört zu den Ionischen Philosophen, etwa 610 bis 547 v. Chr.; er war angeblich ein Schüler des Thales und galt für einen bedeutenden Naturforscher, daher physicus genannt. – Von dem hier erwähnten Erdbeben erzählt auch Plinius, Naturgeschichte II, 79, 81. gewarnt wurden, die Stadt und die Häuser zu verlassen und bewaffnet auf dem Felde zu wachen, weil ein Erdbeben bevorstehe, damals, als die ganze Stadt zusammenstürzte und von dem Berg Taygetos das äußerste Ende, wie das Heck eines Schiffes, losgerissen wurde. Auch jener Pherekydes, der Lehrer des Pythagoras, wird nicht sowohl für einen Seher gehalten werden, als für einen Physiker; denn als er das aus einem immerfließenden Brunnen geschöpfte Wasser gesehen hatte, sagte er, daß ein Erdbeben bevorstehe Vgl. Plinius, Naturgeschichte 18, 83: futurae terrae motu est in puteis turbidior aqua. . 113. Aber fürwahr, niemals weissagt die Seele des Menschen auf natürliche Weise, außer wenn sie so entfesselt und frei ist, daß sie durchaus keine Gemeinschaft mit dem Körper hat. Dies ist entweder bei den Sehern oder bei den Schlafenden der Fall. Daher werden auch diese beiden Gattungen von Dikaiarchos und, wie ich gesagt habe, von unserem Kratippos Über Dikaiarchos und Kratippos vgl. I, 3. angenommen; wenn sie auch darum, weil sie von der Natur ausgehen, die vorzüglichsten sein mögen, nur nicht die einzigen. Wenn sie aber glauben, daß nichts an der Beobachtung sei, so heben sie vieles auf, worin die Regel für das Leben enthalten ist. Aber weil sie etwas, und zwar nicht Unbedeutendes zugeben, nämlich die Weissagungen und Träume, so ist kein Grund vorhanden, mit ihnen lange zu streiten, zumal da es Leute gibt, die überhaupt keine Weissagung annehmen. 114. Also diejenigen, deren Seelen den Körper verschmähen und sich aufschwingen und herauseilen, sehen, durch eine gewisse Glut entflammt und aufgeregt, in der Tat dasjenige, was sie weissagend vorausverkündigen. Und durch viele Dinge werden solche Seelen, die an den Körpern nicht haften, entflammt, sowie diejenigen, die durch den Ton gewisser Stimmen und durch die phrygische Musik Bei dem Fest der Göttin Kybele, deren Kultus besonders in Phrygien zu Hause war, wurden die Feiernden durch die aufregende Musik von Trommeln und Pfeifen begeistert, vgl. Seneca, Brief 108; vgl. auch Catull, 63, 20 bis 29. begeistert werden. Viele fühlen sich durch Haine und Wälder, viele durch Flüsse oder Meere erregt, und ihr in Raserei versetzter Geist sieht vieles vorher, was in der Zukunft liegt. Von dieser Art ist folgendes: ›Ach, sehet! Das berühmte Urteil fällte einer zwischen drei Göttinnen, Und danach wird das spartan'sche Weib als Rachegeist erscheinen Die Verse sind vielleicht aus der Alexandra des Ennius oder aus der Hekuba des Accius; vgl. I, 31. Es spricht hier vermutlich auch Kassandra. Unter dem Richter ist Paris zu verstehen, der den bekannten Streit der drei Göttinnen, Iuno, Minerva und Venus, um die Schönheit entschied. Das spartanische Weib ist die Helena, die von Paris geraubt wurde. .‹ Auf diese Weise nämlich ist vieles von den Weissagenden oft vorausgesagt worden, und nicht nur in Prosa, sondern auch in ›Versen, die Faune und Seher vor Zeiten pflegten zu singen Aus Ennius, Annalen VII, 2. ‹ 115. Auf ähnliche Weise sollen auch die Seher Marcius Vgl. I, 40 und Anmerkung 246. und Publicius Publicius wird noch einmal II, 55, 113 erwähnt, sonst ist er weiter nicht bekannt. gesungen haben. Zu dieser Gattung gehören die enthüllten Geheimsprüche Apollons. Ich glaube, daß es auch gewisse Ausdünstungen der Erde gegeben hat, durch die angeweht die Geister Orakel ergossen. LI. Und dies ist nun die Art und Weise der Seher, und nicht davon verschieden ist in der Tat die der Träume. Denn was den Sehern im Wachen begegnet, das begegnet uns im Schlaf. Denn die Seele ist tätig, wenn wir schlafen, und frei von den Sinnen und von jeder Hemmung durch Sorgen, indem der Körper wie tot daliegt. Weil sie von aller Ewigkeit her gelebt und mit unzähligen Seelen verkehrt hat, so sieht sie alles, was sich in der ganzen Natur befindet, wenn sie nur durch Genuß von mäßigen Speisen und bescheidenem Trunk so gestimmt ist, daß, während der Körper schlummert, sie selbst wacht Vgl. I, 29, 60 und 30, 62. . Das ist die Weissagung des Träumenden. 116. Hier tritt uns entgegen Antiphons Über Antiphon vgl. zu I, 20. bekannte, und zwar nicht natürliche, sondern künstliche Auslegung der Träume, und ebenso die der Orakel und Weissagungen; denn auch sie haben ihre Erklärer, wie die Dichter an den Grammatikern. Denn wie die göttliche Natur Gold und Silber, Erz und Eisen umsonst erzeugt hätte, wenn sie nicht zugleich gelehrt hätte, auf welche Weise man zu ihren Adern gelangen könne, und wie sie die Früchte der Erde und die Beeren der Bäume ohne allen Nutzen dem Menschengeschlecht geschenkt hätte, wenn sie nicht deren Pflege und die Art, sie schmackhaft zu machen Conditio von condio (einmachen), nicht von condo (aufbewahren). , uns mitgeteilt hätte; was würde sodann uns das Bauholz nützen, wenn wir nicht die Kunst, es zu gewinnen, besäßen? So ist mit jedem Vorteil, den die Götter den Menschen verliehen haben, irgendeine Kunst verbunden, durch die jener Vorteil benutzt werden kann. Ebenso sind also auch bei den Träumen, Weissagungen und Orakeln, weil viele dunkel, viele zweideutig waren, die Erklärungen der Ausleger angewendet worden. 117. Wie aber entweder die Seher oder die Träumenden das sehen, was gerade zu der Zeit noch nirgends ist, das ist eine große Frage. Aber wenn das erforscht ist, was vorher untersucht werden muß, so dürfte der Gegenstand der Untersuchung leichter sein. Denn diese ganze Frage ist in der Schlußfolge enthalten, die du im zweiten Buch Vom Wesen der Götter Nach der einleuchtenden Konjektur Hottingers, der quae hinter deorum und est hinter explicata streicht. Im zweiten Buche Vom Wesen der Götter (30, 75) läßt Cicero den Balbus die Beweisführung für die Verwaltung der Welt durch die Götter nach der Ansicht der Stoiker vortragen. lichtvoll auseinandergesetzt hast. Wenn wir diese festhalten, so wird der Satz feststehen, der diese Frage umfaßt, von der wir handeln: daß es Götter gibt und daß durch ihre Fürsorge die Welt regiert wird und daß sie für die menschlichen Dinge sorgen, und nicht bloß im allgemeinen, sondern auch im einzelnen. Wenn wir das festhalten, was mir wenigstens unerschütterlich erscheint, so ist es fürwahr notwendig, daß den Menschen von den Göttern die Zukunft angedeutet werde. LII. 118. Doch glaube ich unterscheiden zu müssen, auf welche Weise. Denn die Stoiker geben nicht zu, daß bei jeder Spaltung der Leber Über fissum vgl. I, 10. oder bei jeder Stimme der Vögel ein Gott zugegen sei; denn das ist nicht geziemend und der Götter würdig und kann auf keine Weise möglich sein; sondern so sei die Welt von Anbeginn eingerichtet, daß gewissen Dingen gewisse Zeichen vorausgingen, einige in den Eingeweiden, andere in den Vögeln, andere in den Blitzen, andere bei Wunderzeichen, andere bei den Gestirnen, andere bei den Erscheinungen der Träumenden, andere in den Worten der Rasenden. Wer diese Dinge richtig aufgefaßt hat, täuscht sich nicht oft. Was ungeschickt gemutmaßt und ungeschickt ausgelegt ist, das ist nicht durch die Schuld der Dinge, sondern durch die Unwissenheit der Erklärer falsch. Wenn aber das feststeht und eingeräumt ist, daß es eine göttliche Kraft gebe, die das Leben der Menschen umfaßt Vgl. I, 49, 110. , so ist es nicht schwer zu mutmaßen, auf welche Weise das geschieht, was wir wirklich geschehen sehen. Denn schon zur Auswahl des Opfertieres kann eine gewisse empfindende Kraft, die über die ganze Welt verbreitet ist, als Führerin dienen, und dann, wenn man es gerade opfern will, kann eine Veränderung mit den Eingeweiden vorgehen, so daß entweder etwas fehlt oder etwas zuviel ist; denn mit geringem Aufwand setzt die Natur vieles zu, ändert es oder nimmt es weg. 119. Und daß wir daran nicht zweifeln können, dazu mag als ein sehr wichtiger Beweis das dienen, was sich kurz vor dem Tode Caesars ereignete Gaius Iulius Caesar wurde im Jahre 44 v. Chr., in der Zeit zwischen der Abfassung der Bücher Vom Wesen der Götter und der Schrift Von der Weissagung ermordet. Vgl. zu dieser Erzählung besonders Sueton, Caesar, Kap. 77, und Plutarch, Leben Caesars, Kap. 61. . Als dieser an jenem Tage opferte, an dem er zuerst auf dem goldenen Sessel saß und mit dem Purpurmantel ausging, fand sich in den Eingeweiden eines fetten Stieres kein Herz. Glaubst du nun etwa, daß irgendein Tier, das Blut hat, ohne Herz sein könne? Als Spurinna Spurinna Vestricius ist der Haruspex, der Caesar vor den Iden des März warnte; vgl. Sueton a. a. O., Kap. 81: Et immolantem haruspex Spurinna monuit, caveret periculum, quod non ultra Martias Idus proferretur. , durch das Ungewöhnliche dieser Erscheinung betroffen, sagte, es sei zu fürchten, daß Rat und Leben mangle, denn dieses beides gehe vom Herzen aus: da fand sich am folgenden Tage auch an der Leber kein Kopf Was der Kopf an der Leber bedeutet, ist nicht recht klar, vielleicht der oberste Teil der Leber. . Diese Vorbedeutungen gaben ihm die unsterblichen Götter, damit er seinen Untergang voraussähe, nicht um sich vor ihm zu hüten. Wenn also diese Teile in den Eingeweiden nicht gefunden werden, ohne die doch das Opfertier nicht hätte leben können, so muß man annehmen, daß gerade zur Zeit des Opferns die fehlenden Teile verschwunden sind. LIII. 120. Und dasselbe bewirkt bei den Vögeln der göttliche Geist, daß sie durch ihren Flug Alites sind die Vögel, die durch ihren Flug bedeutsam sind. andeutend bald hierher, bald dorthin fliegen, bald an dieser, bald an jener Stelle sich verbergen, bald durch ihre Stimme bedeutsam Oscines sind die Vögel, die durch ihre Stimmen Vorzeichen beim Augurium geben. Vgl. Plinius; Naturgeschichte 10, 19, 22. von der rechten, bald von der linken Seite her singen. Denn wenn jedes Tier nach seinem Willen seinen Körper bewegt, vorwärts, zur Seite, rückwärts, und seine Glieder, wohin es will, biegt, dreht, ausstreckt und einzieht und dies fast eher tut, als es daran denkt: wieviel leichter ist dies für Gott, dessen Willen alles gehorcht? 121. Er sendet uns Zeichen der Art, wie sie die Geschichte in großer Anzahl berichtet hat und wie wir jenes geschrieben sehen, daß, wenn der Mond sich kurz vor dem Aufgange der Sonne in dem Zeichen des Löwen verfinstere, dann Darius und die Perser von Alexander und den Makedoniern durch die Waffen in der Schlacht besiegt werden und Darius sterben werde Über diese Mondfinsternis, die sich während des Feldzuges Alexanders gegen Darius zutrug, vgl. Arrian, Feldzüge Alexanders III, 7, 6, und Curtius Rufus 4, 39. ; und wenn ein zweiköpfiges Mädchen geboren würde, so würde im Volke eine Empörung, zu Hause Verführung und Ehebruch stattfinden; und wenn ein Weib im Traume einen Löwen geboren zu haben glaubte, so würde der Staat, in dem sich dies zugetragen hätte, von fremden Nationen besiegt werden. Von derselben Art ist auch das, was Herodotos Herodot, I, 85, der das Orakel der Pythia in Delphoi zuschreibt, zu dem Kroisos, der König von Lydien, vor der Einnahme von Sardes durch die Perser unter Kyros geschickt hatte. Vgl. Gellius, Attische Nächte 5, 9. schreibt, der Sohn des Kroisos habe, obgleich er stumm war, gesprochen und nach diesem Wunderzeichen sei die Herrschaft und das Haus des Vaters gänzlich untergegangen. Welche Geschichte hat nicht überliefert, daß dem Servius Tullius im Schlafe das Haupt gebrannt habe Dies erzählt ausführlich Livius 1, 39; vgl. Valerius Maximus I, 6, 1. Servius Tullius war der Sage nach ein in der Knechtschaft geborener Fürstensohn, den Tarquinius Priscus wegen seiner Vorzüge zum Schwiegersohne machte; er wurde durch Tanaquil, die Witwe des Tarquinius, König von Rom (578 bis 534). ? Wie also der, welcher sich mit einem teils durch gute Gedanken, teils durch Dinge, die der Ruhe angemessen sind, vorbereiteten Gemüte zur Ruhe begibt, Zuverlässiges und Wahres in den Träumen erblickt Vgl. I, 29 und 30. , so ist auch ein keusches und reines Gemüt des Wachenden für die Erkenntnis der Wahrheit in den Gestirnen, den Vögeln, den Eingeweiden und übrigen Zeichen empfänglicher. LIV. 122. Das ist nämlich eben das, was wir von Sokrates gehört haben und was von ihm selbst in den Büchern der Sokratiker oft gesagt wird, daß es etwas Göttliches gebe, was er das Daimonion nennt, dem er immer gehorcht habe, das ihn niemals antreibe, aber häufig zurückhalte Vgl. Plato, Theagenes S. 128 D. . Und Sokrates nun sagte – und was für einen besseren Gewährsmann suchen wir? – zu Xenophon, der ihn um Rat fragte, ob er dem Kyros folgen solle, nachdem er ihm seine Meinung auseinandergesetzt hatte: ›Mein Rat freilich ist ein menschlicher; aber wegen dunkler und ungewisser Dinge, bin ich der Meinung, muß man sich an Apollo wenden Xenophon aus Athen, ein Schüler des Sokrates, wurde von seinem Freunde Proxenos eingeladen, an dem Feldzuge des jüngeren Kyros gegen seinen Bruder Artaxerxes teilzunehmen. Xenophon ergriff diese Einladung und begab sich nach Sardes (401); er erzählt dies selbst in seiner Anabasis (III, 1, 4 ff.). ‹ Bei diesem holten auch die Athener in wichtigeren Angelegenheiten des Staates Rat. 123. Es ist ebenfalls geschrieben, als er das Auge seines Freundes Kriton Kriton war ein Freund des Sokrates; bekannt ist der gleichnamige Dialog Platons, der I, 25 erwähnt ist. verbunden sah, habe er nach dem Grund gefragt, und als jener antwortete, beim Spaziergange auf dem Felde sei ein angezogener kleiner Zweig losgeschnellt und habe ihn ins Auge geschlagen, sagte Sokrates: ›Du hast ja meiner Warnung nicht Folge geleistet, als ich die gewöhnliche göttliche Ahnung hatte‹ Derselbe Sokrates wollte, als die Schlacht bei Delion In der Schlacht bei Delion in Boiotien (424 v. Chr.) wurden die Athener von den Boiotiern geschlagen. Alkibiades rettete hierbei dem Sokrates das Leben. Beiden wurde der Preis der Tapferkeit zuerkannt. unter der Anführung des Laches unglücklich verlief und er mit Laches selbst floh und man an einen Scheideweg kam, nicht auf demselben Wege wie die übrigen fliehen. Als diese fragten, warum er nicht denselben Weg einschlüge, sagte er, der Gott halte ihn davon ab. Darauf fielen die, die auf dem anderen Wege geflohen waren, in die Hände der feindlichen Reiter. Sehr vieles, was von Sokrates wunderbar geweissagt ist, hat Antipater Über Antipater vgl. I, 3, 6. gesammelt. Dies will ich übergehen, denn es ist dir bekannt und mir zu erwähnen nicht nötig. 124. Das jedoch ist von diesem Philosophen (Sokrates) herrlich und beinahe göttlich, daß, als er durch einen gottlosen Richterspruch verurteilt war, er erklärte, er sterbe mit der größten Gemütsruhe. Denn weder beim Herausgehen aus dem Hause noch beim Besteigen jener Bühne, auf der er sich verteidigte, sei ihm irgendein gewohntes Zeichen vom Gotte gegeben, als ob ein Unglück bevorstände Vgl. Platon Apologie, 31. . LV. Ich wenigstens bin der Meinung, daß, wenn auch vieles diejenigen täuscht, die entweder durch Kunst oder durch Mutmaßung zu weissagen glauben, es dennoch eine Weissagung gibt, daß die Menschen aber so wie in den übrigen Künsten, so auch in dieser sich täuschen können. Es kann vorkommen, daß irgendein zweifelhaft gegebenes Zeichen für ein gewisses angenommen worden ist; es kann auch eines entweder selbst unbemerkt geblieben sein oder ein anderes, das ihm entgegengesetzt ist. Mir aber genügt, um das, was ich behaupte, zu beweisen, nicht nur, daß vieles, sondern schon, daß einiges, was göttlich geahnt und vorausgesagt ist, sich finden läßt. 125. Ja, ich möchte ohne Bedenken folgendes behaupten, daß, wenn nur eine einzige Sache so vorausgesagt und vorgeahnt worden ist, daß sie, wenn sie erfolgt ist, so eintrifft, wie sie vorausgesagt ist, und dabei offenbar nichts durch Zufall und von ungefähr sich zugetragen hat, es gewiß eine Weissagung gibt und daß dies alle zugestehen müssen Vgl. I, 32, 71 den ähnlichen Schluß des Kratippos. . Daher, scheint mir, muß, wie es Poseidonios tut Über Poseidonios vgl. I, 3 und II, 11, 27; ferner Plutarch, Von den Philosophen I, 28. , die ganze Kraft und das Wesen der Weissagung zuerst von Gott, von dem wir genug gesprochen haben, dann vom Schicksal und zuletzt von der Natur abgeleitet werden. Daß also alles durch das Fatum oder Schicksal geschehe, das zwingt uns die Vernunft einzugestehen Vgl. hierzu Vom Schicksal 16, 38. . Fatum Vgl. Vom Wesen der Götter I, 20, 55. Das Schicksal ist bei den Stoikern nicht eine von der Gottheit getrennte absolute Macht, sondern Zeus selbst, die Weltvernunft, die Vorsehung, die alles mit absoluter Gesetzmäßigkeit bestimmende, die ganze Welt durchdringende Urkraft, das vernünftig geordnete Verhältnis, nach dem in Ewigkeit alles geschieht, die unabänderliche Wahrheit der zukünftigen Dinge. aber nenne ich, was die Griechen Heimarmene nennen, das ist die Ordnung und die Reihe von Ursachen, indem die eine Ursache an die andere geknüpft ein Ding aus sich erzeugt. Das ist die von aller Ewigkeit her fließende unvergängliche Wahrheit. Daher ist nichts geschehen, was nicht geschehen mußte, und auf dieselbe Weise wird nichts geschehen, wovon nicht in der Natur die Ursachen, die jenes bewirken, enthalten wären. 126. Hieraus erkennt man, daß das Schicksal nicht das ist, was nach der Weise des Aberglaubens, sondern das, was nach Art der Physiker so benannt wird, die ewige Ursache der Dinge, warum sowohl das Vergangene geschehen ist, als auch das, was bevorsteht, geschieht und, was nachfolgt, geschehen wird Vgl. Plutarch, Von den Philosophen I, 28. . So ist es möglich, daß durch Beobachtung bemerkt werden kann, was meistens, wenn auch nicht immer, die Folge einer jeden Ursache ist. Denn das zu behaupten ist allerdings schwer, und es ist wahrscheinlich, daß dieselben Ursachen zukünftiger Dinge von denen erblickt werden, die sie entweder in Begeisterung oder im Schlaf sehen. LVI. 127. Da außerdem alles durch das Schicksal geschieht – was an einem anderen Orte gezeigt werden soll Was Cicero in der Schrift Vom Schicksal freilich nicht tut; denn dort greift er vielmehr das fatum an. –, so würde, wenn es einen Sterblichen gäbe, der die Verkettung aller Ursachen im Geiste durchschaute, diesem fürwahr nichts entgehen. Denn wer die Ursachen der zukünftigen Dinge wüßte, der müßte notwendigerweise auch alles wissen, was zukünftig ist. Da dies niemand außer Gott kann, so muß dem Menschen übrigbleiben, durch gewisse Zeichen, welche die Folge andeuten, die Zukunft vorauszuempfinden. Denn nicht plötzlich entsteht das, was zukünftig ist, sondern wie das Abrollen eines Taues, so ist die Entwicklung der Zeit, die nichts Neues bewirkt, sondern das erste immer wieder weiter abrollt. Das sehen sowohl diejenigen, denen die natürliche Weissagung verliehen ist, als auch diejenigen, die den Lauf der Dinge durch Beobachtung angemerkt haben. Obwohl diese die Ursachen selbst nicht erkennen, so erkennen sie doch die Zeichen und Merkmale der Ursachen, und indem hierbei Gedächtnis und Fleiß angewandt wird, so geht aus den Denkmälern der früheren Begebenheiten die Weissagung hervor, die die künstliche heißt, nämlich die der Eingeweide, der Blitze, der wunderbaren Erscheinungen und der Himmelszeichen. 128. Es ist also kein Grund sich zu wundern, daß das von den Weissagenden vorausgeahnt wird, was nirgends ist. Denn alles ist da, es ist nur der Zeit nach abwesend. Und wie im Samen die Kraft derjenigen Dinge ist, die daraus erzeugt werden, so sind in den Ursachen die zukünftigen Dinge verborgen, und daß diese sein werden, sieht der begeisterte oder vom Schlafe befreite Geist, oder die Vernunft und Mutmaßung fühlt es voraus. Und wie die, die den Aufgang, den Untergang und die Bewegung der Sonne, des Mondes und der übrigen Gestirne kennen, lange voraussagen, zu welcher Zeit ein jedes hiervon eintreffen wird, so erkennen auch die, die den Lauf der Dinge und die Aufeinanderfolge der Begebenheiten in der Länge der Zeit durchforscht und angemerkt haben, entweder immer oder, wenn dies schwer ist, meistenteils, oder, wenn auch dies nicht zugegeben wird, doch gewiß bisweilen, was geschehen wird. Diese und einige andere Beweise für das Vorhandensein einer Weissagung werden vom Schicksal abgeleitet. LVII. 129. Ein anderer Grund aber geht von der Natur aus. Diese lehrt uns, wie groß die von den Sinnen des Körpers getrennte Kraft der Seele ist, was besonders bei Schlafenden oder bei Begeisterten eintritt. Denn wie die Seelen der Götter ohne Augen, ohne Ohren und ohne Zunge untereinander empfinden, was ein jeder denkt – daher die Menschen, auch wenn sie stillschweigend etwas wünschen oder geloben, nicht zweifeln, daß die Götter dies anhören –, so sehen die Seelen der Menschen, wenn sie entweder im Schlafe vom Körper entfesselt und frei sind oder in der Begeisterung durch sich selbst in freie Bewegung gesetzt werden, dasjenige, was sie in der Vermischung mit dem Körper nicht erblicken können. 130. Und vielleicht ist es schwer, diesen Grund der Natur auf diejenige Art der Weissagung zurückzuführen, welche, wie wir sagen, aus der Kunst hervorgeht; aber auch dies durchforscht Poseidonios Über Poseidonios vgl. I, 3 und I, 55, 125. , so gut er kann. Er ist der Meinung, daß in der Natur gewisse Zeichen der zukünftigen Dinge liegen. Denn wir hören ja, daß die Einwohner von Keos Keos, eine der Kykladen im Ägäischen Meere. den Aufgang des Hundssternes jährlich mit Sorgfalt zu beobachten pflegen und daraus, wie Herakleides aus Pontos Herakleides aus Herakleia in Pontos, ein Schüler des Platon und später auch des Aristoteles; vgl. noch I, 23 und Anmerkung 148. schreibt, die Vermutung schöpfen, ob das Jahr gesund oder ungesund sein werde. Denn wenn der Stern trüb und gleichsam dunkel aufgegangen sei, so sei die Luft dick und dumpfig, so daß ihr Einatmen schwer und gefährlich sein werde; sei aber der Stern klar und hell zum Vorschein gekommen, so sei dies ein Zeichen, daß die Luft dünn und rein und deswegen gesund sei Über den mythischen Ursprung dieses Gebrauches vgl. den Scholiasten zu Apollonios von Rhodos I, 500 und Diodor IV, 82. . 131. Demokritos Über Demokritos vgl. I, 37 und Anmerkung 229. aber meint, die Alten hätten die weise Einrichtung getroffen, daß die Eingeweide der geschlachteten Opfertiere beschaut würden, da man aus ihrer Beschaffenheit und Farbe die Zeichen für Gesundheit wie für Ungesundheit Nämlich der Luft; vgl. jedoch, was II, 13 dagegen behauptet wird. und zuweilen auch für die zukünftige Unfruchtbarkeit oder Fruchtbarkeit der Äcker entnehmen könne. Wenn diese von der Natur ausgehenden Erscheinungen die Beobachtung und Erfahrung erkannt hat, so konnte die Zeit vieles herbeiführen, was durch Wahrnehmung aufgezeichnet wurde, so daß jener bei Pacuvius, von dem er im ›Chryses Chryses, eine Tragödie des Pacuvius; dieser, aus Brundisium gebürtig, war ein Verwandter des Ennius, geb. 219 v. Chr.; er übersetzte griechische Tragödien ins Lateinische oder arbeitete sie um; über den Inhalt des Chryses vgl. Ribbeck, Fragmente S. 284 ff. ‹ als Physiker eingeführt wird, sehr wenig die Natur der Dinge erkannt zu haben scheint. ›Denn jene, die der Vögel Sprach' verstehn und doch Aus fremder Leber mehr als aus der eignen sehn, Man mag sie hören, mein' ich, doch befolgen nicht.‹ Warum denn nicht? Da du doch selbst wenige Verse weiter hinreichend deutlich sagst: ›Was auch nur das All belebet, bildet, nährt, beseelt und schafft, Und begräbt und in sich aufnimmt, ist des Weltalls Vater auch; Was von daher neu entstanden, das verschwindet auch dorthin.‹ Warum sollen also nicht, da alles ein und dasselbe gemeinsame Haus hat und da die Seelen der Menschen immer gewesen sind und sein werden, diese erkennen können, was aus einem jeden hervorgehe und wodurch ein jedes Ding vorbedeutet werde? Dies ist«, sprach er Nämlich Quintus, der Bruder Ciceros; vgl. die Einleitung. , »was ich über die Weissagung zu sagen habe. LVIII. 132. Jetzt will ich noch das bezeugen, daß ich nicht die Loswahrsager Sortilegi sind Wahrsager, die dem gemeinen Volke auf den Straßen und besonders im Zirkus durch das Los weissagten und es zu täuschen suchten; vgl. weiter unten in diesem Kapitel. noch diejenigen, welche des Gewinnes halber weissagen, und auch nicht die Geisterweissagungen, deren dein Freund Appius Ciceros Kollege im Augurat, vgl. I, 47, 105. sich zu bedienen pflegte, anerkenne. ›Nicht einer tauben Nuß wert endlich halte ich den Marsischen Die Marser, eine Völkerschaft Italiens, galten für besonders abergläubisch und waren als Zauberer bekannt; sie leiteten sich von Marsus, dem Sohne der Kirke her. Vgl. Gellius, Attische Nächte, 16, 11. Augur, nicht die Dorfpropheten, nicht die Sterndeuter vom Zirkus Auf dem Circus maximus trieben sich diese betrügerischen Wahrsager umher, um das Volk in ihre Schlingen zu ziehen. , nicht die Isischen Wahrsager Die Priester der Isis, der ägyptischen Hauptgottheit, der Gemahlin des Osiris, die besonders in Rom Urheber des Aberglaubens waren. und die Traumdeuter Dieser Satz (in Prosa aufgelöst) ist wahrscheinlich aus dem Telamon des Ennius, ebenso die folgenden Verse. ‹ Denn das sind nicht Weissager von Wissenschaft oder Kunst – ›Sondern Schwärmer sind sie, abergläubisch, und weissagen frech, Träge oder gar Verrückte oder die die Armut drängt. Die für sich den Pfad nicht kennen, zeigen andern noch den Weg. Welchen Schätze sie versprechen, betteln sie die Drachme Eine Drachme war eine griechische Silbermünze im Werte von etwa 80 Pfennigen, mit einem römischen Denarius gleichwertig. ab. Nehmt die Drachme von dem Gelde, und das andre gebt heraus!‹ Und das sagt Ennius, der wenige Verse vorher Götter annimmt, aber meint, daß sie sich nicht darum kümmern, was das Menschengeschlecht treibe. Ich aber, der ich glaube, daß sie sich darum kümmern und sogar warnen und vieles voraussagen, nehme mit Ausschluß der Leichtfertigkeit, der Eitelkeit und Boshaftigkeit eine Weissagung an.« Als dies Quintus gesagt hatte, antwortete ich schlagfertig: »Fürwahr vortrefflich ...«   (Der Schluß des Buches fehlt.) Zweites Buch I. 1. Wenn ich untersuchte und oftmals und lange darüber nachdachte, wodurch ich recht vielen nützlich werden könnte, um nie das Wohl des Staates aus den Augen zu lassen, bot sich mir nichts Wichtigeres dar, als wenn ich meinen Mitbürgern die Wege für die besten Wissenschaften zeigte, und dies glaube ich durch mehrere Schriften erreicht zu haben. Denn soviel in unseren Kräften stand, haben wir in dem Buche, das Hortensius Hortensius oder De philosophia, eine Schrift, die bis auf wenige Bruchstücke verlorengegangen ist. Cicero verteidigte darin die Philosophie gegen die Angriffe des Hortensius, den er als Tadler der Philosophie redend einführte, und suchte die Römer zum Studium der Philosophie aufzufordern. Hortensius selbst war nach Cicero der größte Redner der Römer; er war 114 geboren, also acht Jahre älter als Cicero. Vgl. über diese Schrift Ciceros: Kühner, Ciceronis in philosophiam eiusque partes merita. Hamburg 1825. betitelt ist, zum Studium der Philosophie aufgemuntert; und welche Art zu philosophieren wir für am wenigsten anmaßend und am meisten sich gleichbleibend und geschmackvoll hielten, haben wir in den Vier Akademischen Büchern In den Vier Akademischen Büchern, die Cicero verfaßte, behandelte er die Philosophie der Neueren Akademie, die sich durch ihre korrekte äußere Darstellung (elegans) vor der Philosophie der Stoiker und Epikureer auszeichnete; vgl. Tuskulanen II, 3. gezeigt. 2. Und da die Grundlage der Philosophie auf dem höchsten Gute und dem höchsten Übel beruht, so ist dieser Gegenstand von uns in fünf Büchern ins reine gebracht worden In den fünf Büchern Vom höchsten Gut und Übel (De finibus bonorum et malorum), deren Abfassung in das Jahr 45 fällt. , so daß man einsehen kann, was von jedem und was gegen jeden Philosophen gesagt werde. Ebensoviel Bücher Tusculanischer Untersuchungen Tusculanae disputationes, verfaßt im Jahr 45. folgten gleich hierauf und haben die zum glückseligen Leben notwendigen Dinge offenbart. Denn das erste handelt von der Verachtung des Todes, das zweite von der Ertragung des Schmerzes, das dritte von der Linderung des Kummers, das vierte von den übrigen Leidenschaften der Seele; das fünfte umfaßt den Gegenstand, der auf die ganze Philosophie das meiste Licht wirft; denn es zeigt, daß zum glückseligen Leben die Tugend sich selbst genug sei. 3. Nach der Herausgabe dieser Schriften wurden drei Bücher Vom Wesen der Götter vollendet, in denen die ganze Frage über diesen Gegenstand enthalten ist Vgl. den Anfang der Einleitung. . Um sie aber vollständig und umfassend auszuführen, haben wir in diesen Büchern über die Weissagung zu schreiben begonnen. Wenn wir – wie wir beabsichtigen – noch eins Vom Schicksal Die Schrift De fato ist uns nun fragmentarisch überliefert; sie wurde auch, wie die drei Bücher Vom Wesen der Götter und unsere Schrift Von der Weissagung, im Jahr 44 abgefaßt. hinzugefügt haben, so wird dieser ganzen Frage Genüge geleistet sein. Auch sind diesen Büchern die sechs Vom Staat beizuzählen, die wir damals schrieben, als wir das Ruder des Staates lenkten Die Bücher De re publica gab Cicero im Jahre 54 heraus, als er, durch das Ansehen seiner Freunde aus der Verbannung zurückgerufen, nach Rom zurückgekehrt war und wieder mehrere Staatsämter nacheinander verwaltete. : ein wichtiger und der Philosophie ganz eigentümlicher Gegenstand, der von Platon, Aristoteles, Theophrastos Theophrastos aus Eresos auf der Insel Lesbos, geb. 372 v. Chr., war ein Schüler des Aristoteles und gehörte zu den Peripatetikern. und der ganzen Schule der Peripatetiker sehr ausführlich behandelt worden ist. Was soll ich nun von der Schrift Über den Trost Die Schrift De consolatione verfaßte Cicero im Jahre 45, als er sich von den Staatsgeschäften zurückgezogen hatte und in dem eifrigen Studium der Philosophie Trost suchte in dem Kummer über den Tod seiner geliebten Tochter Tullia. reden? Sie ist mir wenigstens selbst außerordentlich heilsam, und ich glaube, daß sie auch anderen sehr nützlich sein wird. Dazwischen haben wir auch neulich das Buch ( Cato maior ) Vom Greisenalter Cato maior hieß das Werk auch nach der Hauptperson des Gesprächs, Marcus Porcius Cato der Ältere mit dem Beinamen Censorius; Cicero verfaßte die Schrift zwischen den drei Büchern Vom Wesen der Götter und den zwei Büchern Von der Weissagung im Jahre 44. eingeschoben, das wir unserem Atticus Titus Pomponius Atticus, römischer Ritter und intimster Freund Ciceros, durch Heirat seiner Schwester mit Ciceros Bruder Quintus mit Cicero verwandt. Den Namen Atticus erhielt er von seinem Aufenthalt in Athen. gewidmet haben. Besonders aber muß, weil die Philosophie rechtschaffene und tapfere Männer bildet, unser Cato (minor) Cicero schrieb auch eine Lobschrift auf Marcus Cato den Jüngeren mit dem Beinamen Uticensis (vgl. I, 14, 24). Von dieser Schrift sind nur Fragmente erhalten. Julius Caesar verfaßte eine Gegenschrift; vgl. Plutarch, Leben Caesars, Kap. 54. zur Zahl dieser Bücher gerechnet werden. 4. Und da Aristoteles und ebenso Theophrastos, durch Scharfsinn und Fülle der Rede ausgezeichnet, mit der Philosophie auch die Vorschriften in der Redekunst verbunden haben, so müssen auch, wie mir scheint, unsere rhetorischen Schriften dazu gezählt werden. Das sind die Drei Bücher vom Redner , das vierte: Brutus (Von den berühmten Rednern) und das fünfte: Der Redner Die drei Bücher: De oratore, Brutus de claris oratoribus und Orator oder de optimo genere dicendi gehören zu den bedeutenderen rhetorischen Schriften Ciceros. . II. Das waren unsere bisherigen Schriften. Zu den übrigen schritten wir mit frischem Mut und mit dem Vorsatz, wenn nicht irgendein bedeutenderes Hindernis in den Weg träte, kein Feld der Philosophie übrigzulassen, das nicht in lateinischer Sprache aufgeklärt und zugänglich gemacht würde. Denn welchen größeren oder besseren Dienst können wir dem Staat erweisen, als wenn wir die Jugend belehren und bilden? Zumal bei diesen Sitten und zu diesen Zeiten, in denen sie so gesunken ist, daß sie nur durch gemeinsame Anstrengungen gezügelt und in Schranken gehalten werden kann. 5. Nicht aber glaube ich erreichen zu können – und das kann man nicht einmal verlangen daß alle Jünglinge sich zu diesen Studien wenden. O daß es nur wenigstens einige wenige täten, deren Tätigkeit sich im Staat weit genug ausdehnen könnte. Ich meinerseits werde auch durch diejenigen für meine Arbeit belohnt, die schon im vorgerückteren Alter in meinen Schriften Beruhigung finden; durch ihre Lust zum Lesen wird mein Eifer zu schreiben von Tag zu Tag lebhafter angeregt, und ich habe ihrer mehr, als ich glaubte, kennengelernt. Auch das ist herrlich und für die Römer ruhmvoll, daß sie in bezug auf die Philosophie die griechischen Schriften nicht nötig haben. 6. Dies werde ich sicherlich erreichen, wenn ich meine Pläne ausführe. Und zur Entwicklung der Philosophie hat mir das schwere Unglück des Staates Mit diesen Worten will Cicero die Unterdrückung der römischen Freiheit und die Umstürzung der alten Verfassung durch Caesar bezeichnen, wodurch er veranlaßt wurde, sich vom Staatsdienste gänzlich zurückzuziehen und sich dem Studium der Philosophie ausschließlich zu widmen. Anlaß gegeben, da ich weder während des Bürgerkrieges nach meiner Weise den Staat verteidigen noch auch untätig sein konnte und auch nichts, was meiner mehr würdig gewesen wäre, zu tun fand. Es werden mir daher meine Mitbürger verzeihen oder vielmehr Dank wissen, daß, als der Staat in der Gewalt eines einzigen Nämlich des Julius Caesar war, ich mich weder verbarg noch mich aufgab, noch an mir verzweifelte, noch mich so benahm, als ob ich dem Manne oder den Zeiten zürnte, noch ferner so schmeichelte oder das Schicksal des anderen bewunderte, als ob ich mit meinem eigenen unzufrieden wäre. Denn das gerade hatte ich von Platon und der Philosophie gelernt, daß es in den Staaten gewisse natürliche Umwälzungen gebe, so daß sie bald von den Vornehmen, bald vom Volk und bald von einem einzelnen regiert werden Platon, Der Staat VIII, 2 . 7. Da dies unserem Staat widerfahren war, so begann ich damals, als ich meiner früheren Ämter beraubt war, diese Studien zu erneuern, teils um hierdurch hauptsächlich mein Gemüt von den Beschwerden zu erleichtern Vgl. Tusculanen II, 4, 11 und andere Stellen. , teils um meinen Mitbürgern auf jede mögliche Weise nützlich sein zu können. Denn in Schriften sprach ich mein Urteil aus; in ihnen sprach ich zur Volksversammlung; die Philosophie, glaubte ich, sei mir an die Stelle der Staatsverwaltung gerückt. Jetzt, da man angefangen hat, mich in bezug auf den Staat zu befragen Was nach der Ermordung des Julius Caesar im Jahre 44 geschah, wo Cicero hoffte, die Freiheit des römischen Staates werde erneut aufblühen und er selbst werde wieder eine einflußreiche Stellung in der Staatsverwaltung einnehmen. Vgl. seine Philippinischen Reden , muß ich diesem meine Tätigkeit widmen oder vielmehr alle Gedanken und Sorgen ihm zuwenden, und nur so viel darf ich für dieses Studium erübrigen, wie das öffentliche Amt und die Pflicht mir erlauben. Doch hiervon ein andermal mehr; jetzt laßt uns zu der begonnenen Untersuchung zurückkehren! III. 8. Als nämlich mein Bruder Quintus über die Weissagung das, was im vorigen Buche geschrieben ist, auseinandergesetzt hatte und wir lange genug gelustwandelt waren, setzten wir uns in der Bibliothek, die im Lyceum Über das Lyceum auf dem Landgut Ciceros vgl. I, 5; Anmerkung 52. ist, nieder. Und ich sprach: »Du hast, Quintus, mit Sorgfalt und nach stoischer Weise die Ansicht der Stoiker verteidigt, und, was mich am meisten erfreut, du hast meistens einheimische Beispiele, und zwar berühmte und hervorleuchtende, angeführt. Ich muß daher auf das, was du gesagt hast, antworten; aber so, daß ich nichts behaupte, alles untersuche, meistens zweifelnd und mir selbst mißtrauend. Denn wenn ich etwas Gewisses zu sagen hätte, so würde ich selbst weissagen, ich, der ich behaupte, daß es keine Weissagung gibt. 9. Denn mich bewegt hierzu das, was vorzüglich Karneades zu untersuchen pflegte, auf welche Dinge sich denn die Weissagung beziehe, ob auf die, die mit den Sinnen aufgefaßt werden. Aber diese sehen, hören, schmecken, riechen und berühren wir. Ist also wohl in diesen Dingen etwas, was wir durch Voraussehen oder durch geistige Anregung eher als durch die Natur selbst wahrnehmen könnten? Oder sollte etwa irgendein beliebiger Wahrsager, wenn er der Augen beraubt wäre, wie Teiresias es war, sagen können, was weiß, was schwarz sei? Oder würde er, wenn er taub wäre, die Verschiedenheit der Stimmen oder die Töne erkennen? Auf keines von diesen Dingen also, die mit dem Sinne wahrgenommen werden, wird die Weissagung angewandt. Aber auch nicht einmal zu den Dingen, die durch Kunst behandelt werden, ist die Weissagung nötig. Denn zu Kranken pflegen wir nicht Seher oder Wahrsager, sondern Ärzte herbeizurufen. Und diejenigen, die ein Saitenspiel oder die Flöte lernen wollen, erlernen deren Behandlung nicht von den Opferschauern, sondern von den Musikern. 10. Dasselbe Verhältnis findet bei den Wissenschaften statt und bei den übrigen Gegenständen, für die es einen Unterricht gibt. Du glaubst doch nicht etwa, daß die sogenannten Weissager darauf antworten können, ob die Sonne größer sei als die Erde, ob sie so groß sei, wie sie erscheint, und ob der Mond sein eigenes Licht oder das der Sonne habe; welche Bewegung die Sonne und der Mond haben und welche die fünf Sterne, die man ›irrende‹ nennt. Und diejenigen, die für Wahrsager gelten, behaupten nicht, dies sagen zu können, noch was in den geometrischen Figuren wahr oder falsch sei; denn das ist die Sache der Mathematiker und nicht die der Wahrsager. IV. Von den Gegenständen der Philosophie aber, gibt es da wohl etwas, worauf irgendein Wahrsager zu antworten pflegte oder worüber er befragt würde, was gut sei, was böse, was keins von beiden? Denn dies ist das den Philosophen Eigentümliche. 11. Wie? Fragt wohl jemand einen Opferschauer in betreff seiner Pflicht um Rat: wie man mit den Eltern, mit den Brüdern, mit den Freunden leben müsse, wie man sein Geld anzuwenden habe, wie die Ehre, wie die Herrschaft? Hierbei pflegt man sich an die Weisen und nicht an die Wahrsager zu wenden. Wie, was von den Dialektikern oder Physikern betrieben wird? Kann einer von denen weissagen, ob es eine Welt gibt oder mehrere; was die Urstoffe der Dinge sind, aus denen alles entsteht? Das ist die Weisheit der Physiker. Wie willst du aber den Trugschluß, den sie Pseudomenos Den Trugschluß hat Eubulides aus Milet erfunden oder wenigstens häufiger angewendet. Nadi Cicero (Acad. Unters. II, 30, 96) lautet er: Si dicis te mentiri, verumque dicis, mentiris. Dicis autem te mentiri, verumque dicis: mentiris igitur. (Wenn du sagst, du lügst, und sagst die Wahrheit, so lügst du. Wenn du aber sagst, du lügst, und sagst doch die Wahrheit, lügst du also.) nennen, auflösen oder wie sollst du dem Sorites Der Sorites, Haufen- oder Kettenschluß, ein bekannter Trugschluß: »Ein Korn macht keinen Haufen, und doch entsteht ein Haufen dadurch, daß du immer ein Korn zum anderen tust.« Es war also ein Versuch, das Relative mit dem Maßstabe des Absoluten zu messen. Vgl. Cicero, Akademische Untersuchungen II, 16 und 29, und Horaz, Episteln II, 1, 45 bis 47. entgegnen, den man, wenn es nötig wäre, lateinisch acervalis nennen könnte? Doch bedarf es dessen nicht; denn wie ›Philosophie‹ selbst und andere griechische Wörter, so ist auch ›Sorites‹ in der lateinischen Sprache hinreichend gebräuchlich. Also auch dies werden die Dialektiker sagen, nicht die Wahrsager. Wie, wenn es sich darum handelt, welches die beste Staatsverfassung sei, welche Gesetze, welche Sitten nützlich oder untauglich seien, soll man dazu die Opferschauer aus Etrurien kommen lassen, oder werden darüber die ersten und auserwählte und des Staatswesens kundige Männer entscheiden? 12. Wenn nun weder den Dingen, die den Sinnen unterworfen sind, irgendwelche Weissagung zukommt noch denen, die in den Künsten begriffen sind, noch denen, die in der Philosophie besprochen werden, noch endlich denen, die sich mit der Staatsverwaltung beschäftigen, so sehe ich durchaus nicht, auf welche Dinge sie sich erstrecken soll. Denn entweder muß sie sich auf alle beziehen, oder es muß ihr irgendein bestimmter Stoff angewiesen werden, mit dem sie sich beschäftigen kann. Aber die Weissagung ist weder für alle Gegenstände, wie die Untersuchung gelehrt hat, noch findet sich ein Platz oder ein Stoff, dem wir die Weissagung zuweisen könnten. Sieh also, ob es nicht vielleicht gar keine Weissagung gibt. V. Es gibt einen bekannten griechischen Vers in diesem Sinne: ›Wer glücklich rät, der sei der beste Seher mir!‹ Der Vers ist aus Euripides und steht bei Plutarch. Von der Abnahme der Orakel, S. 432 C. Wird also wohl ein Seher besser erraten, was für ein Wetter bevorsteht, als der Steuermann, oder wird er die Natur einer Krankheit scharfsinniger als der Arzt oder die Kriegführung verständiger als der Feldherr durch Mutmaßung treffen? 13. Doch ich habe bemerkt, Quintus, daß du die Weissagung mit Vorsicht sowohl von den Mutmaßungen, die Kunst und Klugheit in sich schließen, als auch von den Dingen, die mit den Sinnen oder durch Kunstgeschicklichkeit aufgefaßt werden, trennst und sie so bestimmst: Die Weissagung sei das Vorhersagen und die Vorempfindung von den Dingen, die zufällig seien. Erstens kommst du auf denselben Punkt zurück. Denn auch die Vorempfindung des Arztes, des Steuermanns und des Feldherrn betrifft zufällige Dinge. Wird also nun etwa ein Opferschauer oder ein Augur oder ein Seher oder ein Träumender besser erraten, ob entweder der Kranke der Krankheit oder das Schiff der Gefahr oder das Heer dem Hinterhalte entgehen werde, als der Arzt, der Steuermann und der Feldherr? 14. Nun aber sagtest du, daß nicht einmal dies dem Weissagenden zukomme: bevorstehende Winde oder Regengüsse aus gewissen Zeichen vorauszuahnen. Hierbei trugst du einige Verse von Aratos Nämlich nach der Übersetzung Ciceros von Aratos, vgl. oben I, 7 und 8 und Anmerkung 57. aus dem Kopfe vor, obgleich gerade dies zufällig ist; denn es trifft meistenteils, nicht aber immer ein. Was ist denn also oder womit beschäftigt sich die Vorahnung zufälliger Dinge, die du Weissagung nennst? Denn was entweder durch Kunst oder durch Schlüsse oder durch Erfahrung oder durch Mutmaßung vorausgeahnt werden kann, das glaubst du nicht den Weissagenden, sondern den Sachverständigen zuerteilen zu müssen. So bleibt übrig, daß nur diejenigen zufälligen Ereignisse geweissagt werden können, die weder durch irgendeine Kunst noch durch irgendwelche Weisheit vorhergesehen werden können, wie, wenn einer viele Jahre vorher jenem Marcus Marcellus Marcus Claudius Marcellus, der Enkel des Marcellus, der im Zweiten Punischen Krieg Syrakus (212) eroberte, war Konsul in den Jahren 222, 215 und 214. Vgl. Vom Schicksal 14, 33, wo Cicero dasselbe erwähnt. , der dreimal Konsul war, gesagt hätte, er werde durch Schiffbruch umkommen, er dann in der Tat geweissagt hätte. Denn er hätte dies durch keine andere Kunst oder Weisheit wissen können. Also die Vorempfindung solcher Dinge, die von Zufälligkeiten abhängen, ist Weissagung. VI. 15. Kann es nun bei den Dingen, bei denen kein Grund vorhanden ist, weshalb sie geschehen werden, irgendeine Vorempfindung geben? Denn was anders ist Ungefähr, Schicksal, Zufall, Ereignis, als wenn etwas sich so zuträgt, so ereignet, daß es sich [gegebenenfalls] entweder gar nicht zutragen und ereignen, oder sich anders hätte zutragen und ereignen können? Wie kann also das, was ohne Grund, durch den blinden Zufall und durch die Wandelbarkeit des Glückes geschieht, vorausgefühlt und vorausgesagt werden? 16. Der Arzt sieht die zunehmende Krankheit nach Gründen voraus, der Feldherr den Hinterhalt, die Stürme der Steuermann; und dennoch täuschen sich diese selbst oft, die nichts ohne sicheren Grund vermuten, so wie der Landsmann, wenn er die Blüte des Ölbaums sieht, auch die Frucht zu sehen erwartet, und zwar sicherlich nicht ohne Grund; aber bisweilen täuscht er sich dennoch. Wenn sich also diejenigen täuschen, die nichts ohne irgendeine wahrscheinliche Mutmaßung und ohne Grund behaupten, was muß man von der Mutmaßung derer halten, die aus den Eingeweiden oder Vögeln oder Wunderzeichen oder Orakeln oder Träumen die Zukunft vorausahnen? Ich sage noch nicht, wie nichtig diese Zeichen sind: der Spalt der Leber Über den Spalt in der Leber vgl. I, 10, 16; Anmerkung 65. , das Geschrei des Raben, der Flug des Adlers, das Fallen eines Sternes, die Stimmen der Rasenden, die Lose, die Träume, worüber ich im einzelnen an seinem Ort reden werde, jetzt nur im allgemeinen. 17. Wie kann man vorhersehen, daß irgend etwas geschehen werde, was weder irgendeinen Grund noch ein Zeichen hat, weswegen es geschehen wird? Sonnen- und ebenso Mondfinsternisse werden auf viele Jahre von denen vorausgesagt, die die Bewegungen der Gestirne nach Berechnungen verfolgen. Denn sie sagen nur das voraus, was das notwendige Naturgesetz in Erfüllung bringen wird. Sie sehen aus der höchst regelmäßigen Bewegung des Mondes, daß, wenn er der Sonne gegenübersteht und in den Schatten der Erde tritt, der die Kegelspitze der Nacht ist, er notwendig verfinstert werden muß; und wenn der Mond wiederum unter die Sonne und ihr gegenüber tritt, er ihr Licht unseren Augen verdunkelt Vgl. hierzu Vom Wesen der Götter II, 40, 103 und 19, 49. ; sie sehen, in welchem Zeichen und zu welcher Zeit jeder der Irrsterne darin stehen wird, wie der Aufgang eines jeden Sternbildes an jedem Tag oder wie sein Untergang erfolgen wird. Welchen Gründen aber diejenigen, die dies voraussagen, folgen, das siehst du ein. VII. 18. Wer da aber sagt, er werde einen Schatz finden oder eine Erbschaft werde ihm zufallen, worauf begründet er dies? Oder in welchen natürlichen Gründen liegt es, daß es geschehen werde? Wenn nun dies und ähnliches der Art auf irgendeiner solchen Notwendigkeit beruht, was gibt es dann wohl, von dem wir glauben könnten, es geschehe durch Zufall oder von ungefähr? Denn nichts ist der Vernunft und der Folgerichtigkeit so entgegengesetzt wie der Zufall, so daß es mir nicht einmal für einen Gott passend erscheint, zu wissen, was durch Zufall und von ungefähr geschehen werde. Denn wenn er es weiß, so ist kein Zufall da. Es gibt also keinen Zufall; folglich gibt es auch kein Vorausahnen zufälliger Dinge. 19. Oder wenn du behauptest, es gebe keinen Zufall und alles, was geschieht und geschehn wird, sei von aller Ewigkeit her durch das Schicksal bestimmt, so ändere deine Erklärung der Weissagung, die du ein Vorausahnen von zufälligen Dingen nanntest. Denn wenn nichts geschehen, nichts vorfallen, nichts sich ereignen kann, außer was von aller Ewigkeit her bestimmt war, daß es in einer bestimmten Zeit geschehen soll, was kann es dann für einen Zufall geben? Und wenn dieser aufgehoben ist, was hat dann die Weissagung für einen Platz, die du ein Vorausahnen von zufälligen Dingen nanntest? – Doch sagtest du, daß alles, was geschehe und geschehen werde, im Verhängnis enthalten sei. Fürwahr, selbst der Name Verhängnis ist altweibermäßig und voll von Aberglauben. Aber dennoch wird bei den Stoikern viel von diesem Verhängnis geredet; doch hierüber ein andermal, jetzt von dem, was notwendig ist. VIII. 20. Wenn alles durch das Verhängnis geschieht, was nützt mir da die Weissagung? Denn was derjenige, welcher weissagt, voraussagt, das wird auch geschehen, so daß ich nicht einmal weiß, wie das aufzufassen ist, daß unseren guten Freund Deiotarus Über Deiotarus vgl. I, 15, 26; Anmerkung 101. von der Reise ein Adler zurückrief. Wenn er nicht umgekehrt wäre, so hätte er in dem Zimmer schlafen müssen, das in der nächsten Nacht einstürzte. Er wäre also durch den Einsturz verschüttet worden. Aber dem wäre er, wenn es sein Schicksal war, auch nicht entgangen, und wenn es sein Schicksal nicht war, so hätte ihn dieses Schicksal nicht betroffen. Was hilft also die Weissagung, oder was können die Lose oder die Eingeweide oder irgendeine Voraussagung warnen? Denn wenn es Verhängnis war, daß die Flotten des römischen Volkes im Ersten Punischen Krieg Über diese Niederlage der beiden Konsuln Lucius Iunius Pullus und Publius Clodius (oder Claudius) Pulcher im Jahre 249 vgl. I, 16, 29; Anmerkung 106. , die eine durch Schiffbruch, die andere von den Puniern versenkt werden und zugrunde gehen sollten, so waren, auch wenn die Hühner unter dem Konsulat des Lucius Iunius und Publius Clodius ein tripudium solistimum Über die Bedeutung des tripudium solistimum vgl. II, 34, 72. gemacht hätten, die Flotten doch untergegangen. Wenn aber, falls man den Auspizien gehorcht hätte, die Flotten nicht untergehen sollten, so sind sie nicht durch das Schicksal untergegangen. Ihr wollt aber, daß alles durch das Schicksal geschehe. Folglich gibt es keine Weissagung. 21. Wenn es Schicksalsbeschluß war, daß im Zweiten Punischen Krieg das Heer des römischen Volkes beim Trasumenischen See zugrunde ging Vgl. I, 35; Anmerkung 215. , konnte dies etwa vermieden werden, wenn der Konsul Flaminius den Zeichen und Auspizien, die ihn von der Schlacht zurückhielten, Folge geleistet hätte?« – »Gewiß konnte es.« – »Also kam entweder das Heer nicht durch das Schicksal um, denn die Schicksalsbeschlüsse können nicht geändert werden; oder wenn durch das Schicksal (wie ihr wenigstens behaupten müßt), so würde eben dies auch dann eingetroffen sein, wenn er den Auspizien Folge geleistet hätte. Wo ist also diese Weissagung der Stoiker, die, wenn alles infolge des Schicksals geschieht, uns durchaus nicht ermahnen kann, vorsichtiger zu sein? Denn wie wir uns auch benehmen mögen, es wird doch das geschehen, was geschehen soll. Kann dies aber abgeändert werden, so gibt es auch kein Schicksal und auch keine Weissagung, weil diese sich auf die zukünftigen Dinge bezieht. Nichts aber ist mit Gewißheit zukünftig, bei dem es durch irgendeine Vorkehrung möglich ist, daß es sich nicht ereigne. IX. 22. Und ich glaube, daß uns die Kenntnis der zukünftigen Dinge nicht einmal nützlich ist. Denn was hätte Priamos für ein Leben gehabt, wenn er von Jugend auf gewußt hätte, was er im Alter erleben würde? Gehen wir ab von den Fabeln und betrachten wir Näherliegendes! In der Schrift Über den Trost Vgl. II, 1, 3; Anmerkung 360. habe ich das traurige Ende der berühmtesten Männer unseres Staates zusammengestellt. Wie also – um die Früheren zu übergehen – glaubst du, daß es dem Marcus Crassus Über Marcus Licinius Crassus vgl. I, 16, 29; Anmerkung 108. Sein Sohn Publius kam ebenfalls kurz vorher in der Schlacht selbst um oder ließ sich nach anderen von seinem Schildträger durchbohren, als er sich verloren sah. Vgl. Plutarch, Leben des Crassus, 25, 31. nützlich gewesen wäre, damals, als er sich im größten Glück und Reichtum befand, zu wissen, daß er nach dem Tod seines Sohnes Publius und nach Vernichtung seines Heeres jenseits des Euphrat mit Schimpf und Schande umkommen müsse? Oder glaubst du, daß sich Gnaeus Pompeius Gnaeus Pompeius, mit dem Beinamen der Große, wurde von Julius Caesar bei Pharsalos besiegt und in Ägypten durch die Treulosigkeit des dortigen Königs 49 v. Chr. auf dem Meere bei Pelusium ermordet. Vgl. Lucanus, Pharsalia. über sein dreimaliges Konsulat, über seine drei Triumphe und über den Ruhm seiner so großen Taten gefreut haben würde, wenn er gewußt hätte, daß er nach Verlust seines Heeres verlassen in Ägypten In solitudine Aegyptiorum steht bei Cicero. Die solitudo wird hier den vorher erwähnten Triumphen und der großen Begleitung des Pompeius, die er um sich zu haben pflegte, entgegengesetzt. ermordet werden würde, daß nach seinem Tode aber das erfolgen würde, was wir nicht ohne Tränen aussprechen können Cicero versteht darunter den gänzlichen Untergang der Freiheit durch die Alleinherrschaft Caesars. ? 23. Was aber glauben wir von Caesar, wenn er sich hätte weissagen können, daß er in dem Senat, den er zum größeren Teile selbst gewählt hatte, in der Pompeiischen Kurie vor dem Bild des Pompeius selbst, im Angesicht so vieler seiner Zenturionen, von den vornehmsten Mitbürgern, die zum Teil von ihm auf alle Weise ausgezeichnet worden waren, ermordet, so daliegen würde, daß nicht nur keiner von seinen Freunden, sondern nicht einmal einer von den Sklaven sich seiner Leiche näherte Vgl. über den Tod Caesars besonders Plutarch, Leben Caesars 66. : in welcher Seelenqual würde er sein Leben zugebracht haben? Gewiß ist also die Unkenntnis des zukünftigen Unglücks nützlicher als die Kenntnis davon Derselbe Gedanke, schon am Anfang dieses Kapitels ausgesprochen, findet sich in der Schrift Vom Wesen der Götter, II, 6, 14. . 24. Denn das kann zumal von den Stoikern auf keine Weise behauptet werden: ›Pompeius würde dann nicht zu den Waffen gegriffen, Crassus nicht den Euphrat überschritten und Caesar nicht den Bürgerkrieg unternommen haben.‹ Sie erlitten also nicht einen vom Schicksal bestimmten Tod. Ihr wollt aber, daß alles durch das Schicksal geschehe. Also hätte ihnen das Weissagen nichts genützt, und den ganzen Genuß ihres früheren Lebens hätten sie verloren. Denn was hätte ihnen erfreulich sein können, wenn sie an ihr Ende dachten? So muß, wohin sich auch die Stoiker wenden mögen, ihr ganzer Scharfsinn zu Boden sinken. Denn wenn das, was geschehen wird, auf diese oder auf jene Weise geschehen kann, so vermag der Zufall außerordentlich viel. Was aber zufällig ist, das kann nicht gewiß sein. Wenn aber das, was bei jeder Sache zu jeder Zeit zukünftig ist, bestimmt ist, was helfen mir dann die Opferschauer, wenn sie sagen, daß die traurigsten Dinge verkündigt würden. X. 25. Sie fügen zuletzt hinzu, alles würde leichter ausfallen, wenn religiöse Vorkehrungen getroffen würden. Wenn nichts außerhalb des Schicksals geschieht, so kann auch nichts durch religiöse Mittel erleichtert werden. Dies fühlt Homer, wenn er den Iupiter darüber klagen läßt, daß er seinen Sohn Sarpedon gegen den Willen des Schicksals nicht dem Tode entreißen könne Vgl. Homer, Ilias XVI, 433 ff., wo allerdings Zeus nicht darüber klagt, daß er Sarpedon dem Tod durch die Hand des Patroklus nicht entreißen könne, sondern überlegt, ob er den Sarpedon gegen den Willen des Schicksals aus dem Kampfe entfernen und so vom Tode erretten oder ihn durch Patroklos töten lassen solle; denn für den Fall, daß Sarpedon mit jenem kämpfte, war ihm durch das Verhängnis bestimmt, zu fallen. . Eben dasselbe bedeutet auch jener griechische Vers folgenden Inhalts: ›Das, was geschehen soll, besiegt den höchsten Zeus Der bestimmte griechische Vers, den Cicero hier meint, ist nicht bekannt; aber derselbe Gedanke kehrt sehr häufig wieder; so bei Aischylos, Der gefesselte Prometheus, Vers 527; Herodot I, 91. .‹ Überhaupt scheint mir das ganze Schicksal mit Recht auch in einem Atellanischen Vers D. h. in dem Verse eines Atellanischen Lustspiels, die ihren Namen von der oskischen Stadt Atella in Kampanien hatten und aus Possenspielen voll Satire und niedrigkomischen Scherzen bestanden. verspottet zu sein; aber bei so ernsten Dingen ist Scherz nicht am Platze. Laßt uns also den Schluß ziehen! Denn wenn nichts von dem, was durch Zufall geschieht, als zukünftig vorhergesehen werden kann, weil es nicht gewiß sein kann, so gibt es keine Weissagung. Wenn es aber deswegen vorausgesehen werden kann, weil es gewiß und vom Schicksal bestimmt ist, so gibt es wiederum keine Weissagung; denn du sagtest, daß sich diese auf zufällige Dinge beziehe. 26. Aber dies mag mir gleichsam das erste Vorpostengefecht von leichten Truppen in unserer Rede gewesen sein; jetzt soll es zum Handgemenge kommen, und wir wollen versuchen, ob wir die Flügel deiner Beweisführung zum Weichen bringen können. XI. Du sagtest nämlich, es gebe zwei Gattungen der Weissagung, eine künstliche und eine natürliche Vgl. I, 6, 11 und 18, 34. ; die künstliche beruhe teils auf Mutmaßungen, teils auf langjähriger Beobachtung; die natürliche sei die, welche der Geist von außen her, aus der Gottheit erfasse oder empfange, woher unsere Seelen geschöpft oder empfangen oder entnommen seien Vgl. I, 49, 110. . Zu den Arten der künstlichen Weissagung rechnetest du folgende: die der Eingeweideschauer und derer, die aus den Blitzen und Erscheinungen weissagen, dann die der Auguren und derer, die Anzeichen und Vorbedeutungen auslegen, und du setztest alles, was auf Mutmaßung beruht, in diese Gattung. 27. Jene natürliche Gattung aber, meintest du, gehe entweder aus einer Aufregung des Geistes hervor und ergieße sich gleichsam daraus oder sie werde von dem während des Schlafes der Sinne und der Sorge entbundenen Geist vorausgesehen. Du leitetest aber alle Weissagung von den drei Quellen ab: von Gott, vom Schicksal und von der Natur. Da du jedoch nichts erklären konntest, so kämpftest du mit einer wunderbaren Fülle von erdichteten Beispielen. Hierüber will ich zuerst das sagen: Ich halte es nicht für die Sache eines Philosophen, Zeugen anzuführen, die entweder aus Zufall wahrhaftig oder aus Bosheit falsch und erdichtet sein können; durch Beweise und Schlüsse muß man zeigen, weshalb ein jedes so ist, nicht durch Ereignisse, zumal durch solche, denen ich nicht Glauben zu schenken brauche. XII. 28. Um mit der Opferschau zu beginnen, die ich um des Staates und der gemeinsamen Religion willen zu ehren für nötig erachte – aber wir sind allein, und wir dürfen die Wahrheit ohne Gehässigkeit erforschen, zumal ich, der ich über das meiste zweifle Nämlich nach der Weise der neueren Akademiker, welche die Erkenntnis der Wahrheit leugneten und nur die Wahrscheinlichkeit gelten ließen; vgl. I, 3, 6 und II, 72, 150. –, laßt uns also, wenn es gefällig ist, zuerst die Eingeweide betrachten! Kann also wohl irgendeiner überzeugt werden, daß das, was durch die Eingeweide vorhergesagt werden soll, die Opferschauer durch langjährige Beobachtung erkannt haben? Wie alt war diese, oder seit wie langer Zeit konnte sie beobachtet werden, oder wie ist sie unter ihnen selbst verglichen worden, welcher Teil der feindliche, welcher der freundliche sei, welcher Spalt Gefahr, welcher einen Vorteil verkündige? Oder haben sich hierüber die etruskischen, elischen, ägyptischen und punischen Opferschauer Vgl. 1, 41, 91, wo nur die ägyptischen und die punischen Opferschauer nicht besonders erwähnt werden. untereinander verständigt? Aber das kann, abgesehen davon, daß es nicht geschehen konnte, nicht einmal ersonnen werden. Denn wir sehen, daß die Eingeweide von den einen so, von den anderen so gedeutet werden und daß nicht alle ein und dieselbe Lehre haben. 29. Und gewiß, wenn in den Eingeweiden irgendeine Kraft liegt, die das Zukünftige anzeigt, so muß diese notwendig entweder mit der Natur der Dinge in Verbindung stehen oder durch den göttlichen Willen und Einfluß ihr gewissermaßen angepaßt werden. Was kann nun mit der so großen, so herrlichen und nach allen Seiten und Richtungen hin verbreiteten Natur der Dinge, ich will nicht sagen, eine Hühnergalle (denn einige halten diese Eingeweide für die allerbedeutsamsten) Argutissima bei Cicero; die exta heißen arguta, wenn durch sie vieles angedeutet (arguo) wird. , sondern die Leber Die Leber galt im Altertum als das vorzüglichste Organ für die Weissagung. oder das Herz Über das Herz, das man erst seit der Zeit des Pyrrhus unter den Eingeweiden zu beschauen anfing, vgl. Plinius, Naturgeschichte XI, 37. oder die Lunge eines fetten Stieres Gemeinsames haben? Was liegt darin Natürliches, wodurch die Zukunft verkündigt werden könne? XIII. 30. Demokritos Über Demokritos vgl. I, 3, 5; Anmerkung 42. schwatzt nicht ungeschickt als Physiker, die anmaßendste Klasse von Menschen: ›Was vor den Füßen liegt, schaut keiner; nur am Himmel forschen sie Aus der Iphigenia des Ennius. Derselbe Vers steht auch bei Cicero, Vom Staat I, 18, 30. .‹ Jedoch meint dieser, daß sich aus der Beschaffenheit und der Farbe der Eingeweide nur die Art des Futters und die Fülle und die Magerkeit der Erderzeugnisse erklären lasse, und er glaubt, daß auch gesunde und ungesunde Witterung durch die Eingeweide angezeigt werde. O über den glücklichen Sterblichen, dem, wie ich gewiß weiß, es nie an Scherz gefehlt hat! Wie konnte dieser Mann an solchen Tändeleien sich ergötzen, daß er nicht einsah, daß dies erst dann wahrscheinlich sein würde, wenn die Eingeweide aller Tiere zu einer und derselben Zeit dieselbe Beschaffenheit und Farbe annähmen? Aber wenn zu derselben Stunde die Leber eines Tieres glänzend und voll ist, die eines anderen rauh und mager, was kann dann aus der Beschaffenheit und der Farbe der Eingeweide erklärt werden? 31. Oder ist das nicht von derselben Art, wie jenes, was du von Pherekydes Über Pherekydes und seine Weissagung vgl. I, 50, 112. anführtest? Als dieser das aus einem Brunnen geschöpfte Wasser gesehen hatte, sagte er, daß ein Erdbeben kommen werde. Das ist, dünkt mich, gerade nicht so unverschämt, wenn sie, nachdem das Erdbeben gewesen ist, es anzugeben wagen, welche Kraft das hervorgebracht hat. Ahnen sie auch aus der Farbe des fließenden Wassers voraus, daß es bevorstehe? Vieles dieser Art wird in den Schulen vorgetragen; aber alles zu glauben, möchte vielleicht nicht notwendig sein. 32. Doch es mag jene Behauptung des Demokritos wahr sein. Wann forschen wir hiernach in den Eingeweiden? Oder wann haben wir etwas der Art von einem Opferschauer nach Prüfung der Eingeweide vernommen? Sie warnen vor Wasser- oder Feuersgefahr, verkündigen bald Erbschaften, bald Verluste; behandeln den befreundeten und den Lebensspalt Fissum familiare et vitale. Was der Lebensspalt für eine besondere Bedeutung hatte, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich war eine Linie in der Leber, die dem Befragenden andeutete, ob für sein Leben zu fürchten sei. , betrachten den Kopf der Leber Über den Leberkopf vgl. I, 52, 119. aufs sorgfältigste nach allen Seiten und glauben, wenn er nicht aufgefunden ist, daß nichts Traurigeres sich habe ereignen können. XIV. 33. Dies konnte sich gewiß nicht beobachten lassen, wie ich oben gezeigt habe. Es sind also Erfindungen der Kunst, nicht des Alters, wenn es anders irgendeine Kunst bei unbekannten Dingen gibt. Welche Verwandtschaft haben sie aber mit der Natur der Dinge? Ist diese durch eine allgemeine Übereinstimmung in sich verbunden und zusammenhängend – was, wie ich sehe, die Physiker meinen, und besonders die, welche behaupten, daß alles, was sei, ein Ganzes sei Die Lehre, das All sei Eins, war die des Xenophans aus Kolophon (um 550 v. Chr.). Er nahm als das Urwesen das Eine an, dieses ist Gott und das Seiende. Vgl. Cicero, Akademische Untersuchungen II, 37, 118. was kann die Welt mit der Auffindung eines Schatzes für eine Verbindung haben? Denn wenn mir durch die Eingeweide die Vergrößerung meines Vermögens angezeigt wird und wenn dies auf natürlichem Wege geschieht, so stehen erstens die Eingeweide mit der Welt in Verbindung, und dann hängt mein Gewinn mit der Natur der Dinge zusammen. Schämen sich die Physiker nicht, dies zu behaupten? Denn mag auch eine gewisse Verwandtschaft in der Natur der Dinge sein, die ich zugebe – die Stoiker sammeln ja viele Beispiele, sie sagen zum Beispiel: Die Lebern der Mäuschen nehmen am kürzesten Tage zu Vgl. Plinius, Naturgeschichte IX, 76. , der trockene Polei blühe gerade auch am kürzesten Tage Vgl. Plinius, Naturgeschichte II, 41 und XVIII, 60. Nach Aristoteles, Probleme XXI, blüht der Polei (eine Art Flohkraut) nicht am kürzesten Tage, sondern um die Zeit der Sonnenwende. , die angeschwollenen Blasen zerplatzen, und die Samenkörner der Äpfel, die in ihrer Mitte eingeschlossen sind, wenden sich auf die entgegengesetzte Seite; daß ferner bei den Saiten von Instrumenten, wenn die einen angeschlagen sind, die anderen mittönen; bei den Austern und allen Muscheln träfe es sich, daß sie mit dem Monde zugleich zu- und abnehmen Vgl. Plinius, Naturgeschichte II, 41; Gellius, Attische Nächte XX, 8 und Aelian, Tiergeschichten IX, 6. ; und die Bäume, glaubt man, würden zur Winterszeit, indem sie zugleich mit dem Monde alterten, weil sie dann ausgetrocknet wären, am passendsten gefällt Vgl. Plinius, Naturgeschichte XVI, 74. . 34. Was soll ich noch weiter von den Meerengen oder den Meeresfluten sprechen, deren Andrang und Rückgang durch die Bewegung des Mondes beherrscht wird Vgl. Cicero, Vom Wesen der Götter 11, 7, 19. ? Dergleichen Dinge lassen sich zu Hunderten anführen, um die natürliche Verwandtschaft unter entfernt liegenden Dingen zu offenbaren. – Wir wollen dies zugeben; denn es widerspricht dieser Behauptung nicht; wird etwa nun auch, wenn sich ein Spalt von gewisser Art in der Leber zeigt, damit ein Gewinn angezeigt? Aus welcher Vereinigung der Natur, aus welchem Einklang und welchem Zusammenhang – was die Griechen ›Sympatheia‹ nennen – kann der Spalt der Leber mit meinem kleinen Gewinn oder mein elender Erwerb mit Himmel und Erde und der Natur der Dinge zusammenhängen? XV. Das selbst will ich zugeben, wenn du willst, obgleich ich meiner Sache einen großen Schaden zufüge, wenn ich irgendeine Übereinstimmung der Natur mit den Eingeweiden einräume. 35. Aber dennoch, dies zugestanden, wie kommt es dann, daß derjenige, der gute Anzeichen zu erhalten wünscht, ein für seine Zwecke passendes Opfertier auswählt? Das ist, was, wie ich meinte, sich nicht lösen läßt. Aber wie fein löst es sich! Ich schäme mich zwar nicht deinetwegen – ich bewundere sogar dein Gedächtnis –, sondern über Chrysippos, Antipater, Poseidonios Über Chrysippos, Antipater, Posidonios vgl. I, 3, 6. , die eben dasselbe sagen, was du gesagt hast, bei der Auswahl des Opfertieres sei eine gewisse empfindende göttliche Kraft, die in der ganzen Welt verbreitet sei, die Führerin. Das ist aber noch weit besser, was sowohl du benutzt hast, als auch jene behaupten, wenn jemand opfern wolle, so gehe dann eine Umwandlung in den Eingeweiden vor, so daß entweder etwas fehle oder zuviel sei; denn dem Willen der Götter gehorche alles. 36. Das, glaube mir, nehmen selbst alte Weiber nicht mehr an. Oder meinst du, wenn einer ein Kalb aussucht, so wird er die Leber ohne Kopf, und wenn ein anderer dasselbe Kalb aussucht, so wird er sie mit Kopf finden? Kann dieses Verschwinden des Kopfes oder sein Hinzukommen plötzlich eintreten, so daß sich die Eingeweide nach dem Schicksal des Opfernden bequemen? Seht ihr nicht ein, daß eine Art Würfelspiel bei der Auswahl der Opfertiere stattfindet, zumal da die Sache selbst es lehrt? Denn nachdem Eingeweide ohne Kopf, was für das Unheilvollste gilt, sehr ungünstig Exta – tristissima; tristis ist das eigentliche Wort für die unheilverkündenden Eingeweide, vgl. II 13, 32 am Ende und II, 32, 69. waren, wurde oft das nächste Opfertier mit den schönsten Zeichen geschlachtet. Wo sind also jene Drohungen Die Ausdrücke minae und minari wurden von den Eingeweiden gebraucht, die ein Unglück anzeigten. der vorigen Eingeweide, oder wie ist so plötzlich solch eine Versöhnung der Götter eingetreten? XVI. Aber du führst an, daß, als Caesar opferte, in den Eingeweiden eines fetten Stieres kein Herz gewesen sei Vgl. oben I, 52, 119. . Da nun jenes Tier nicht ohne Herz habe leben können, so müsse man schließen, daß das Herz gerade beim Opfern verloren gegangen sei. 37. Wie kommt es, daß du das eine einsiehst, daß ohne Herz der Stier nicht habe leben können; das andere aber nicht siehst, daß das Herz nicht plötzlich, ich weiß nicht wohin, habe entfliegen können? Denn ich kann entweder nicht wissen, welche Bedeutung das Herz zum Leben hat, oder vermuten, daß das Herz des Stieres durch irgendeine Krankheit mager, klein, welk und einem Herzen unähnlich geworden sei. Was hast du aber für einen Grund zu glauben, daß, wenn kurz vorher in dem fetten Stier ein Herz gewesen ist, dieses plötzlich während des Opferns selbst verschwunden sei? Oder hat er etwa, weil er den herzlosen Excordem Caesarem. Cicero gebraucht absichtlich das Wort excors, das zugleich »verstandlos« bedeuten konnte, und Caesar nennt er so, weil dieser infolge seines Hochmuts nicht einsah, wie er seine Mitbürger durch sein Auftreten vor den Kopf stieß. Caesar im Purpurgewand erblickte, selbst das Herz verloren? Glaube mir, ihr gebt die Stadt der Philosophie preis, während ihr die Kastelle verteidigt Der Sinn der Stelle ist: Während ihr die einzelnen Kastelle (Außenwerke) verteidigt, verliert ihr die Stadt selbst. . Denn während ihr behauptet, daß die Opferschau wahrhaftig sei, stürzt ihr die ganze Physiologie um. Die Leber hat einen Kopf, die Eingeweide haben ein Herz; nun sofort wird es verschwinden, sobald man Opfermehl Mola oder mola salsa ist das gesalzene Opfermehl, das zwischen die Hörner der Opfertiere gestreut und mit Wein befeuchtet wurde. und Wein darauf sprengt. Ein Gott wird es entreißen, irgendeine Kraft wird es vernichten oder verzehren. Nicht wird also die Natur das Untergehen und Entstehen aller Dinge bewirken, sondern es wird etwas geben, was aus dem Nichts entsteht und plötzlich in das Nichts verfällt. Welcher Physiker hat dies jemals behauptet? Die Opferschauer behaupten es. Diesen also, meinst du, muß man mehr Glauben schenken als den Physikern. XVII. 38. Wie? Wenn mehreren Göttern geopfert wird, wie kommt es denn, daß bei den einen ein glücklicher Ausgang versprochen wird, bei den anderen nicht? Was für einen Wankelmut aber besitzen die Götter, daß sie bei den ersten Eingeweiden drohen, bei den zweiten Gutes verheißen Wenn man nämlich bei den ersten Opfertieren keine günstigen Anzeichen erlangt hatte, so wurden andere an deren Stelle gebracht. Vgl. Gellius, Attische Nächte IV, 6. ? Oder herrscht unter ihnen eine so große Zwietracht, oft sogar unter den Nächstverwandten, daß die Eingeweide für Apollo günstig sind, die für Diana ungünstig? Was ist so einleuchtend wie das, daß, wenn die Opfertiere nach dem Zufall herbeigeführt werden, bei jedem die Eingeweide so sein müssen, wie ihm gerade das Opfertier zugefallen ist?« – »Aber freilich eben dann liegt etwas Göttliches, was für ein Opfertier jedem zuteil wird, gerade wie bei den Losen, was für jeden gezogen wird.« – »Von den Losen bald; wiewohl du eben durch den Vergleich mit den Losen nicht den bei den Opfertieren herrschenden Zufall bekräftigst, wohl aber die Lose durch die Zusammenstellung mit den Opfertieren schwächst. 39. Wird mir etwa, wenn ich einen nach dem Aequimaelium Aequimaelium war ein Platz in Rom, in der Nähe des forum Boarium, an der Stelle, wo das Haus des Spurius Maelius gestanden hatte, der als Feind der Freiheit von Ahala Servilius getötet und dessen Haus dem Erdboden gleichgemacht wurde. Vgl. Livius IV, 13 bis 16. Aus unserer Stelle ist zu schließen, daß dort ein Viehmarkt gewesen sein muß. geschickt habe, um ein Lamm zu holen, das ich schlachten will, gerade das Lamm gebracht, das für die Sache passende Eingeweide hat, und wird der Sklave nach jenem Lamme nicht durch Zufall, sondern unter der Leitung eines Gottes geführt? Denn wenn du auch hierbei den Zufall annimmst, gleichsam wie ein mit dem Willen der Götter verbundenes Los, so tut es mir leid, daß unsere Stoiker den Epikureern so reichen Stoff, sie zu verspotten, gegeben haben. Denn du weißt sehr wohl, wie sehr sie dies verlachen. 40. Und zwar können sie es auch recht leicht tun. Denn die Götter selbst hat Epikuros Scherzes halber als durchsichtig und durchwehbar Perlucidos atque perflabiles bei Cicero, d. h. von Licht und Luft durchdrungen. Epikur nahm Göttergestalten an, die keinen Körper, sondern nur eine ätherische Körperähnlichkeit besäßen und aus den feinsten Atomen beständen. Vgl. Vom Wesen der Götter I, 25, 71 und 18, 49. dargestellt und als solche, die wie zwischen den zwei Hainen, so aus Furcht vor dem Einsturz zwischen zwei Welten Jacobs bemerkt hierzu folgendes: Mit doppelter Beziehung auf die Gegend des Kapitols, wo das Asyl (des Romulus) gewesen war, später inter duos lucos genannt (Livius I, 8), und auf die Zwischenwelten (intermundia), die Epikur seinen Göttern zum Aufenthalt angewiesen hatte. Die Worte »aus Furcht vor dem Einsturz« scheinen sich auf die Lehre von den Atomen zu beziehen, die in ewiger Bewegung eine unendliche Menge neuer Welten hervorbringen und die vorhandenen auflösen können. wohnen, und er glaubt, daß sie dieselben Glieder wie wir haben, aber keinen Gebrauch von den Gliedern machen Vgl. hierzu Vom Wesen der Götter I, 30, 85, und Plutarch, Meinungen der Philosophen I, 7. . Indem er also auf einem gewissen Umweg die Götter aufhebt, trägt er mit Recht keine Bedenken, die Weissagung aufzuheben. Aber so gleich er sich hierin bleibt, bleiben die Stoiker sich nicht. Denn sein Gott, der weder für sich noch für andere ein Geschäft hat Vgl. über diese Ansicht Epikurs Cicero, Vom Wesen der Götter I, 17, 45 und Diogenes Laërtius X, 139. , kann den Menschen auch nicht die Weissagung mitteilen. Euer Gott aber kann diese Mitteilung unterlassen und nichtsdestoweniger die Welt regieren und für die Menschen sorgen. 41. Warum verwickelt ihr euch also in solche Schlingen, die ihr niemals auflösen könnt? Denn wenn sie sich noch kürzer fassen, pflegen sie so zu schließen: ›Wenn es Götter gibt, so gibt es eine Weissagung. Nun aber gibt es Götter; also gibt es eine Weissagung.‹ Viel wahrscheinlicher ist dies: Es gibt aber keine Weissagung, also auch keine Götter. Siehe, wie unbesonnen sie das Dasein der Götter aufgeben, wenn es keine Weissagung gibt. Denn die Weissagung läßt sich augenscheinlich aufheben; das Dasein der Götter aber muß beibehalten werden. XVIII. 42. Und ist diese Weissagung der Eingeweideschauer aufgehoben, so ist die ganze Opferschau aufgehoben. Denn die Wunderzeichen und Blitze folgen nach. Bei den Blitzen aber wird die langjährige Beobachtung zur Geltung gebracht, bei den Wunderzeichen werden meistens die Schlüsse und die Mutmaßung angewandt. Was ist denn also bei den Blitzen beobachtet worden? Die Etrusker haben den Himmel in sechzehn Teile geteilt Vgl. Plinius, Naturphilosophie II, 54, der es ausführlich beschreibt. . Es war leicht, die vier Teile, die wir haben, zu verdoppeln und hernach es noch einmal zu tun, um daraus zu sagen, aus welchem Teil der Blitz gekommen sei. Erstens, was ist daran gelegen, zweitens, was bedeutet es? Ist es nicht offenbar, daß die Menschen beim ersten Erstaunen, weil sie den Donner und die Blitzstrahlen fürchteten, geglaubt haben, dies bewirke der über alle Dinge allgewaltig herrschende Iupiter? Daher finden wir in unseren Kommentarien Commentarii oder libri augurales; vgl. I, 33, 72. geschrieben: Wenn Iupiter donnert und blitzt, ist es ein Frevel, Wahlversammlungen des Volkes zu halten. 43. Dies ist vielleicht aus Staatsgründen festgesetzt worden. Denn man wollte Gründe haben, die Wahlversammlungen nicht zu halten. Daher ist der Blitz bloß bei den Wahlversammlungen ein Hindernis, bei allen anderen Dingen halten wir ihn für das beste Auspizium, wenn er zur linken erscheint. Doch über die Auspizien an einem anderen Orte, jetzt von den Blitzen! XIX. Was darf also weniger von den Physikern behauptet werden, als daß etwas Gewisses durch ungewisse Dinge angezeigt werde? Denn ich glaube nicht von dir, daß du annimmst, die Kyklopen hätten im Aetna dem Iupiter den Blitz geschmiedet Vgl. Vergil, Aenëis 8, 418 ff.; 4, 170 ff. . 44. Denn es wäre wunderbar, wie Iupiter diesen so oft schleudern könnte, wenn er nur einen hätte; und er würde dann die Menschen nicht durch Blitze daran erinnern können, was sie zu tun oder zu meiden hätten. Denn die Stoiker stellen den Satz auf, daß die Ausdünstungen der Erde, die kalt sind, wenn sie zu fließen anfingen, Winde würden Vgl. die ähnliche Angabe in der Schrift Vom Wesen der Götter II, 39, 101. , wenn sie sich aber in eine Wolke einhüllten und immer den dünnsten Teil derselben zu zerteilen und zu zerreißen und das häufiger und heftiger zu wiederholen begännen, daß dann Wetterleuchten und Donner entständen; wenn aber die durch das Zusammenstoßen der Wolken ausgepreßte Hitze hervorbräche, so sei dies der Blitz. Was wir also durch die Kraft der Natur ohne Beständigkeit, ohne bestimmte Zeit hervorgebracht sehen, darin suchen wir ein Anzeichen nachfolgender Dinge? Würde wohl Iupiter, wenn er diese andeutete, so oft vergebens die Blitze versenden! 45. Denn was erreicht er, wenn er mitten in das Meer einen Blitz schleudert oder auf die höchsten Berge Vgl. Aristophanes, Die Wolken, Vers 395 ff., wo Sokrates auch den Glauben an einen donnernden und blitzenden Zeus verspotten muß; s. Lucretius, Von der Natur der Dinge, 6, 405. , was meistens geschieht, oder in wüste Einöden oder in die Länder solcher Völker, bei denen dies nicht einmal beobachtet wird?« XX. »Aber man hat den Kopf Von der Bildsäule Iupiters, was I, 10, 16 erwähnt wurde. im Tiber gefunden.« – »Als ob ich leugnete, daß es bei diesen Dingen eine Kunst gäbe! Die Weissagung leugne ich. Denn die Einteilung des Himmels, von der ich vorher II, 18, 42. gesprochen habe, und die Aufzeichnung bestimmter Dinge lehren, woher der Blitz gekommen und wohin er gefahren ist. Was er aber bedeute, das lehrt keine Regel. Aber du drängst mich mit meinen Versen: ›Denn hochdonnernd herab von dem Sternenthron des Olympos Zielte einst selbst der Vater auf eigene Hügel und Tempel, Schleudernd den feurigen Blitz auf die Kapitolinischen Sitze Diese drei Verse aus dem Gedicht Ciceros über die Begebenheiten seines Konsuls hat Quintus schon I, 12, 19 unter den übrigen angeführt. .‹ Damals stürzte die Bildsäule des Natta, damals die Bilder der Götter, Romulus und Remus mit der nährenden Wölfin, von der Gewalt des Blitzes getroffen, nieder Vgl. I, 12 und Anmerkung 80. , und über diese Ereignisse erschienen die wahrhaftesten Antworten der Opferschauer. 46. Auch das ist wunderbar, daß gerade zu der Zeit, als die Anzeige von der Verschwörung im Senat gemacht wurde, das Standbild des Iupiter zwei Jahre, nachdem es verdungen worden war, auf dem Kapitol aufgestellt wurde. ›Willst du dich also entschließen‹ – denn so drängst du auf mich ein – ›diese Meinung gegen deine eigenen Handlungen und gegen deine Schriften Die Handlungen und Schriften Ciceros gehen auf das, was er nach dem herkömmlichen Glauben in der dritten Catilinarischen Rede (8, 9) zur Bewegung der Gemüter des Volkes und im allgemeinen Interesse des Staates gesagt hatte. Vgl. I, 12. zu verteidigen?‹ Du bist mein Bruder, und deshalb scheue ich mich Nämlich geradeheraus dir meine Meinung zu sagen, um dich nicht zu verletzen. . Aber was schadet dir denn eigentlich hier, die Sache, die einmal so beschaffen ist D. h. es liegt nicht sowohl die Schuld an mir, wenn du die Weissagung nicht verteidigen kannst, da ich von dir belehrt werden will, als vielmehr an der Sache selbst, die sich durchaus nicht verteidigen läßt. , oder ich etwa, der ich die Wahrheit erklärt wissen will? Daher sage ich nichts dagegen; ich verlange nur von dir den Grund für die ganze Haruspizin Haruspizin (lat. haruspicina) ist die Opferschau, Eingeweideschau. Die Opferschauer (haruspices) genossen große Ehre in Rom, bildeten aber kein amtliches Priesterkollegium wie die Auguren (augur von avis, Vogel, abstammend) oder Vogelschauer, denen die Deutung der Zeichen im Auftrag des Staates oblag. Auspex – von avis (Vogel) und specio (schauen, spähen) – war auch jeder Oberbefehlshaber im Kriege, der die Vogelschau (auspicium) vorzunehmen hatte. . Aber du hast dich in ein wunderbares Versteck geworfen. Denn weil du wohl einsahst, daß du in Verlegenheit kommen würdest, wenn ich von dir die Gründe einer jeden einzelnen Weissagung ausforschen wollte, so hast du weitläufig darüber gesprochen, daß du, wenn du die Sachen sähest, nicht nach Grund und Ursache fragtest; es käme vielmehr bei der Sache darauf an, was geschähe, nicht, warum es geschähe. Als ob ich entweder zugäbe, daß es überhaupt geschehe, oder als ob es sich für einen Philosophen geziemte, nicht danach zu fragen, warum ein jedes geschehe. 47. Und bei dieser Gelegenheit führtest du teils meine Prognostica Vgl. I, 8, 13 und Anmerkung 57. an, teils Arten von Kräutern, die Scammonea- und Aristolochiawurzel, deren Kraft und Wirkung du sähest, ohne ihren Grund zu kennen. XXI. Das sind ganz unähnliche Dinge! Denn die Ursachen der Wetterzeichen haben sowohl der Stoiker Boëthos, den du nanntest, als auch unser Poseidonios aufgeführt. Und wenn sich auch keine Gründe für diese Dinge finden lassen, so können doch die Dinge selbst beobachtet und wahrgenommen werden. Aber das Standbild des Natta oder die ehernen Gesetzestafeln, die vom Blitze getroffen sind, was ist dabei beobachtet und alt Der Sinn der Stelle ist folgender: Daß die eben erwähnten Wetterzeichen wahr sind, hat die lange Erfahrung bewiesen; aber durch welche frühere und alte Beispiele ist beobachtet worden, daß sie vom Blitz getroffenen Gesetztafeln Unglück verkünden? ?« – »Die Pinarii des Natta Vgl. Anmerkung 79. sind von Adel; folglich droht Gefahr von Seiten des Adels.« – »Das hat Iupiter so schlau ausgedacht! Der saugende Romulus ist vom Blitz getroffen, folglich wird der Stadt, die jener gegründet hat, Gefahr angekündigt.« – »Wie geschickt benachrichtigt uns doch Iupiter durch Zeichen!« – »Aber gerade zu der Zeit wurde das Bild des Iupiter aufgestellt, als die Verschwörung angezeigt wurde Siehe II, 20, 46. .« – »Und du willst natürlich lieber annehmen, daß dies nach dem Willen der Götter, als durch Zufall geschehen sei? Und der Unternehmer, der jene Säule herzustellen von Cotta und Torquatus Über Lucius Manlius Torquatus und Lucius Aurelius Cotta vgl. I, 12, 19. gedungen war, ist nicht aus Trägheit oder Geldmangel so langsam gewesen, sondern er ist von den unsterblichen Göttern bis zu jener Stunde aufgehalten worden? 48. Zwar verzweifle ich nicht gänzlich daran, daß dies wahr sei; aber ich weiß es nicht und will es von dir lernen. Denn da manches durch Zufall so eingetroffen zu sein schien, wie es von den Weissagenden vorausgesagt war, so hast du ausführlich über den Zufall gesprochen, zum Beispiel es könne der Venuswurf Siehe I, 13, 23, Anmerkung 91. durch Zufall mit vier Würfeln geworfen werden, bei vierhundert aber könnten nicht hundert Venuswürfe durch Zufall entstehen. Erstens weiß ich nicht, warum es nicht möglich ist; aber ich bestreite es nicht; denn du hast ähnliche Beispiele in großer Menge. Du führst auch das Anspritzen der Farben, den Schweinerüssel und vieles andere an. Du sagst, daß dasselbe auch Karneades von dem Kopfe des Paniscus erdichtet habe. Als ob dies sich nicht zufällig hätte ereignen können und als ob nicht in jedem Marmor notwendig selbst praxitelische Köpfe stecken müßten! Denn eben diese werden durch Wegmeißeln hervorgebracht, und nichts wird von Praxiteles hinzugetan, sondern wenn vieles weggenommen und man zu den Gesichtszügen gelangt ist, dann kannst du einsehen, daß das, was nun ausgearbeitet ist, schon darin gelegen hat Es ist wohl nicht nötig zu sagen, daß dies ironisch gemeint ist, aber wir wollen doch auf die feine Satire an dieser Stelle wie auch unten bei § 50 hinweisen. . 49. Also kann so etwas auch von selbst in den Steinbrüchen der Chier entstanden sein. Aber das mag erdichtet sein. Wie? Hast du niemals in den Wolken die Gestalt eines Löwen oder eines Hippokentauren bemerkt? Es kann also, was du eben leugnetest, der Zufall die Wahrheit nachahmen. XXII. Doch nachdem nun genug von den Eingeweiden und den Blitzen geredet ist, so bleiben noch die Wunderzeichen übrig, womit die ganze Opferschau abgetan ist. Du hast angeführt, daß eine Mauleselin geworfen habe Vgl. I, 18, 36. . Ein wunderbares Ereignis, deswegen, weil es nicht oft geschieht; aber wenn es nicht hätte geschehen können, so wäre es nicht geschehen. Und das mag nun gegen alle Wunderzeichen gelten, daß nie etwas, was nicht hat geschehen können, geschehen ist; wenn es aber geschehen ist, so muß man sich nicht darüber wundern. Denn die Unkenntnis der Ursache erweckt bei einer neuen Sache die Verwunderung. Wenn dieselbe Unkenntnis bei gewöhnlichen Dingen stattfindet, so wundern wir uns nicht. Denn wer sich wundert, daß eine Mauleselin geworfen hat, der weiß nicht, wie eine Stute wirft oder überhaupt wie die Natur bei der Geburt des Tieres zu Werke geht. Aber darüber, was er häufig sieht, wundert er sich nicht, auch wenn er nicht weiß, warum es geschieht. Was er noch nicht gesehen hat, hält er, wenn es geschehen ist, für ein Wunder. Ist es also ein Wunder, wenn eine Mauleselin empfangen oder wenn sie geworfen hat? 50. Die Empfängnis ist vielleicht gegen die Natur; aber die Geburt beinahe notwendig. XXIII. Doch wozu noch mehr? Betrachten wir den Ursprung der Opferschau, so werden wir sehr leicht urteilen können, was für einen Wert sie hat. Ein gewisser Tages Über diesen Tages vgl. besonders Ovid, Metamorphosen 15, 553 ff. Er soll hiernach zuerst Etruskern die Opferschau gelehrt und überhaupt ihr Urheber und Begründer gewesen sein. soll auf Tarquinischem Gebiet, als das Feld gepflügt wurde und eine Furche etwas tiefer gezogen war, plötzlich hervorgetreten sein und den Pflügenden angeredet haben. Dieser Tages aber, heißt es in den Büchern der Etrusker, soll in Knabengestalt erschienen sein, aber die Klugheit eines Greises besessen haben. Als bei seinem Anblick der Rinderhirt erstaunte und vor Verwunderung ein lautes Geschrei erhob, sei ein Auflauf entstanden und ganz Etrurien binnen kurzer Zeit an jenem Orte zusammengekommen; darauf habe jener mehreres vor vielen Zeugen gesprochen, die alle seine Worte aufgefaßt und niedergeschrieben hätten; seine ganze Rede aber sei so gewesen, daß sie die ganze Wissenschaft der Opferschau umfaßt hätte; sie sei später durch neue Erfahrungen und deren Anwendung auf eben jene Grundsätze erweitert worden. Dies haben wir von ihnen selbst erfahren, dies bewahren ihre Schriften auf, dies ist die Quelle ihrer Wissenschaft. 51. Ist also wohl ein Karneades, ein Epikur nötig, um dies zu widerlegen? Ist jemand so unvernünftig zu glauben, es sei – soll ich sagen, ein Gott oder ein Mensch – aus der Erde ausgepflügt worden? Wenn ein Gott, warum sollte er sich gegen die Natur in die Erde versteckt haben, um durch den Pflug entdeckt das Tageslicht zu erblicken? Wie, konnte eben dieser Gott nicht den Menschen seine Wissenschaft von oben herab erteilen? Wenn aber jener Tages ein Mensch war, wie konnte er unter der Erde begraben leben? Woher ferner konnte er das, was er andere lehrte, selbst gelernt haben? – Aber ich bin selbst unvernünftiger als jene, die das glauben, da ich so lange gegen sie streite. XXIV. Aber jener alte Ausspruch des Cato Marcus Porcius Cato Censorius, vgl. I, 15, 28; Anmerkung 104. ist recht geschickt, indem er sagt, er wundere sich, daß ein Haruspex nicht lache, wenn er einen anderen sähe Derselbe Ausspruch, aber ohne Nennung des Cato, findet sich in der Schrift Vom Wesen der Götter, I, 26, 71: Mirabile videtur, quod non rideat haruspex, cum haruspicem viderit. . 52. Denn die wievieltste von ihren Voraussagen trifft ein? Oder wenn etwas eintrifft, womit läßt sich beweisen, daß es nicht durch Zufall eingetroffen sei? Als Hannibal beim Könige Prusias Vgl. Cornelius Nepos, Hannibal, Kap. 10, und Livius 39, 51. Hannibal war, als die Römer seine Auslieferung vom König Antiochus von Syrien verlangten, zum König Prusias von Bithynien geflohen und nahm, als er sich von diesem verraten sah, Gift (183 v. Chr.). in der Verbannung lebte und eine entscheidende Schlacht zu liefern beschloß und dieser sagte, er wage es nicht, weil die Eingeweide ihn hinderten, erwiderte jener ihm: ›Willst du also lieber einem Stückchen Kalbfleisch als einem alten Feldherrn Vertrauen schenken?‹ Wie? Ist nicht Caesar selbst, als er von dem vorzüglichsten Opferschauer gewarnt wurde, vor Wintersanfang nach Afrika überzusetzen, doch übergesetzt Vgl. Sueton, Caesar, Kap. 59. Caesar setzte am Ende des Jahres 47 v. Chr. (daher ante brumam) nach Afrika über, wo sich die Anhänger des Pompeius gesammelt hatten, um mit Iuba, dem König von Numidien, den Krieg fortzusetzen. ? Wenn er das nicht getan hätte, so würden sich alle Truppen seiner Gegner vereinigt haben. Was soll ich die Antworten der Opferschauer erwähnen – ich könnte deren unzählige anführen –, die entweder gar keinen oder einen entgegengesetzten Erfolg gehabt haben? 53. In diesem Bürgerkrieg, o ihr unsterblichen Götter, wie viele haben getrogen! Was sind uns von Rom nach Griechenland für Antworten von Opferschauern gesandt worden Als Cicero nämlich in der Verbannung zu Thessalonike in Makedonien (58 v. Chr.) verweilte. . Was wurde dem Pompeius gesagt! Denn dieser ließ sich gar zu sehr durch Eingeweide und Wunderzeichen bewegen. Ich habe keine Lust, es zu erwähnen, und es ist auch nicht notwendig, zumal bei dir, der du dabei warst. Du siehst jedoch, daß fast alles anders eingetroffen ist, als es vorausgesagt wurde. Jetzt laß uns zu den Wunderzeichen kommen. XXV. 54. Du hast viele, die ich als Konsul selbst geschrieben habe, hergesagt Nämlich in den Versen Ciceros, I, 11. , viele von dem Marsischen Kriege, die von Sisenna gesammelt sind Über den Marsischen Krieg und den Geschichtsschreiber Lucius Cornelius Sisenna vgl. I, 44, 99; Anmerkungen 270 und 272. , hast du beigebracht, viele von der unglücklichen Schlacht der Lakedaimonier bei Leuktra, die von Kallisthenes Über Kallisthenes vgl. I, 34, 74; Anmerkung 210. erwähnt sind, hast du angeführt. Von diesen werde ich im einzelnen reden. Was ist denn jene von den Göttern ausgegangene Anzeige und gleichsam Ankündigung von Unglücksfällen? Was wollen die unsterblichen Götter, wenn sie uns erstens Anzeichen geben, die wir ohne Ausleger nicht verstehen, und zweitens solche, vor denen wir uns nicht hüten können? Das tun doch nicht einmal wackere Leute, daß sie ihren Freunden bevorstehende Unglücksfälle voraussagen, denen diese auf keine Weise entgehen können, so wie die Ärzte, obgleich sie es oft einsehen, dennoch es niemals den Kranken sagen, daß sie an dieser Krankheit sterben würden. Denn jedes Vorhersagen eines Übels wird nur dann gebilligt, wenn zu dem Vorhersagen zugleich das Verhütungsmittel hinzugefügt wird. 55. Was haben also die Wunderzeichen oder ihre Ausleger einst den Lakedaimoniern oder kürzlich den Unsrigen geholfen? Wenn sie für Zeichen der Götter zu halten sind, warum waren sie so dunkel? Denn wenn wir sie bekamen, um einzusehen, was geschehen sollte, so hätten sie deutlich erklärt werden müssen, oder auch nicht einmal versteckt, wenn wir sie nicht erfahren sollten. XXVI. Ferner aber wird jede Mutmaßung, auf die sich die Weissagung stützt, durch die geistige Anlage der Menschen oft nach vielen und verschiedenen und auch entgegengesetzten Richtungen hin gezogen. Denn wie bei gerichtlichen Verhandlungen die Mutmaßung des Klägers eine andere ist als die des Verteidigers und dennoch beide glaublich sind, so findet sich in allen den Dingen, die durch Mutmaßung erforscht werden sollen, ein doppelsinniger Ausdruck. Bei solchen Dingen aber, die sowohl die Natur wie auch der Zufall herbeiführt – bisweilen erzeugt auch die Ähnlichkeit Irrtum –, ist es eine große Torheit, die Götter zu ihren Urhebern zu machen, die Gründe der Dinge aber nicht zu untersuchen. 56. Du glaubst, daß die boiotischen Seher zu Lebadeia Über die Hähne, die vor der Schlacht bei Leuktra gekräht hatten, vgl. I, 34, 74 und über Lebadeia die Anmerkung 211. den Sieg der Thebaner aus dem Gekräh der Hähne erkannt haben, weil die Hähne, wenn sie besiegt sind, zu schweigen, als Sieger aber zu krähen pflegen. Dies Zeichen gab also Iupiter einem so großen Staate durch Hühner? Pflegen etwa jene Vögel nur, wenn sie gesiegt haben, zu krähen? Damals krähten sie doch und hatten nicht gesiegt. Das ist eben, wirst du sagen, das Wunderzeichen. Fürwahr ein großes, als ob Fische, nicht Hähne gekräht hätten! Was gibt es aber für eine Zeit, bei Nacht oder bei Tage, wo diese nicht krähten! Wenn sie nun als Sieger durch Munterkeit und gleichsam durch Freude zum Krähen angeregt werden, so konnte auch irgendeine andere Freude ihnen begegnet sein, wodurch sie zum Krähen bewogen wurden. 57. Demokritos erklärt recht schön den Grund, weshalb die Hähne vor Tagesanbruch krähen. Wenn nämlich die Speisen von der Brust entfernt und durch den ganzen Körper verteilt und wohl verdaut seien, da ließen sie, von Ruhe gesättigt, ihre Stimme hören, und im Schweigen der Nacht ›lassen sie‹, wie Ennius sagt, ›Frohen Gesang aus den roten Kehlen ertönen und Schlagen mit Klatschen die Flügel Diese Worte sind von Ennius, vgl. I, 20, 40; Anmerkung 137. .‹ Da also dieses Tier von selbst so sanglustig ist, was kommt dem Kallisthenes in den Sinn, zu sagen, die Götter hätten den Hähnen das Zeichen zum Singen gegeben, da dies sowohl die Natur wie der Zufall bewirken konnte? XXVII. 58. Dem Senat wurde gemeldet, daß es Blut geregnet habe, auch führe der Fluß Atratus Vgl. I, 43, 98. Blut mit sich, und die Bilder der Götter hätten geschwitzt. Glaubst du etwa, daß Thales Über Thales aus Milet vgl. I, 49, 111; Anmerkung 300. oder Anaxagoras Über Anaxagoras vgl. Anmerkung 8. oder irgendein Physiker diesen Meldungen Glauben geschenkt hätte? Denn Blut und Schweiß kommt nur aus dem Körper. Aber es kann durch eine gewisse Verbindung mit der Erde eine dem Blut ganz ähnliche Färbung entstehen, und eine von außen anschlagende Feuchtigkeit, wie wir beim Südwind an den Bekleidungen der Wände sehen, scheint den Schweiß nachzuahmen. Und diese Dinge erscheinen in Kriegszeiten bei den Leuten, die sich fürchten, noch häufiger und wichtiger; dieselben werden in Friedenszeiten nicht so sehr bemerkt. Auch das kommt hinzu, daß sie bei Furcht und in Gefahr sowohl leichter geglaubt als auch ungestrafter erdichtet werden. 59. Sind wir aber so leichtsinnig und unbedacht, daß, wenn die Mäuse, deren einzige Beschäftigung dies ist, etwas zernagt haben, wir es für ein Wunder halten? Doch vor dem Marsischen Krieg erklärten die Opferschauer, wie du erwähntest, das sei ein großes Wunder, daß die Mäuse zu Lanuvium die Schilde zernagt hätten Vgl. I, 44, 99. . Gerade als ob es ein Unterschied wäre, ob die Mäuse, die Tag und Nacht etwas benagen, Schilde oder Siebe zernagt haben. Denn wenn wir hierauf eingehen, so hätte ich, weil neulich bei mir die Mäuse Platons ›Republik‹ Die Politeia des Platon. zernagt haben, um den Staat in Besorgnis sein müssen; oder wenn Epikurs Buch ›Vom Vergnügen‹ Über Epikur vgl. I, 3, 5. zernagt wäre, müßte ich glauben, daß die Lebensmittel auf dem Speisemarkt teurer würden. XXVIII. 60. Oder schreckt uns etwa das, wenn es heißt, daß von einem Vieh oder einem Menschen etwas Wunderbares geboren ist? Bei allen diesen Dingen – um kurz zu sein – ist ein und dasselbe Verhältnis. Denn alles, was entsteht, wie es auch immer beschaffen sein mag, muß notwendig in der Natur seinen Grund haben, so daß es, auch wenn es wider die Gewohnheit entstanden ist, dennoch nicht im Widerspruch mit der Natur entstehen kann. Spüre also bei einer neuen und wunderbaren Sache, wenn du kannst, nach ihrer Ursache. Wenn du keine findest, so nimm dennoch das als ausgemacht hin, daß nichts ohne Ursache hat geschehen können, und den Schrecken, den dir die Neuheit der Sache verursacht hat, verscheuche durch die Ursache, die in der Natur liegt Vgl. zu dieser Ansicht besonders Vom Wesen der Götter, I, 20, 56 und Tuskulanen I, 21, 48. . Dann wird dich weder das Getöse der Erde Vgl. I, 18, 35; es ist das unterirdische Getöse, das dem Erdbeben voranzugehen pflegt. , noch die Spaltung des Himmels Beim Wetterleuchten scheint der Himmel sich zu teilen und auseinanderzugehen. , noch der Stein- oder Blutregen, noch das Fortschießen eines Sternes, noch die Erscheinung von Fackeln erschrecken. 61. Wenn ich Chrysippos nach den Ursachen aller dieser Erscheinungen frage, so wird selbst dieser Verteidiger der Weissagung Über Chrysippos, den Cicero hier den Verteidiger (auctor) der Weissagung nennt, vgl. I, 3, 6; Anmerkung 46. niemals behaupten, daß sie zufällig geschehen seien, sondern wird von allen einen natürlichen Grund angeben. Denn nichts kann ohne Ursache geschehen, und es geschieht nichts, was nicht geschehen kann. Und wenn das geschehen ist, was geschehen konnte, so darf dies nicht für ein Wunder gehalten werden. Also gibt es keine Wunder. Denn wenn das, was selten geschieht, für ein Wunder zu halten ist, so ist es ein Wunder, weise zu sein. Denn öfter, glaube ich, hat eine Mauleselin geworfen, als es einen Weisen gegeben hat. Folglich wird dieser Schluß gezogen: Weder das, was nicht hat geschehen können, ist jemals geschehen, noch ist das, was geschehen konnte, ein Wunder; es gibt also überhaupt kein Wunder. 62. So soll auch sogar ein Zeichendeuter und Erklärer von Wunderzeichen einem, der ihm als ein Wunder meldete, daß in seinem Hause eine Schlange sich um einen Riegel geschlungen habe, nicht unwitzig geantwortet haben: ›Dann würde es ein Wunder sein, wenn der Riegel sich um die Schlange gewickelt hätte Dieser Ausspruch wird von Clemens Alexandrinus (Stromata VII, S. 712 D.) dem Kyniker Diogenes beigelegt. ! Durch diese Antwort gab er deutlich genug zu verstehen, daß nichts für ein Wunder zu halten sei, was geschehen kann. XXIX. Gaius Gracchus hat an Marcus Pomponius geschrieben, als man zwei Schlangen in seinem Hause ergriffen hätte, seien vom Vater die Opferschauer zusammengerufen worden Vgl. I, 18, 36. . Warum eher bei Schlangen als bei Eidechsen oder bei Mäusen? Weil das alltäglich ist, die Schlangen aber nicht. Als ob es darauf ankäme, wie oft das, was möglich ist, geschieht. Ich jedoch wundere mich, wenn die Entlassung des Weibchens dem Tiberius Gracchus den Tod brachte, die des Männchens aber der Cornelia den Tod verursachte, warum er eine von beiden losgelassen hat. Denn er schreibt nichts darüber, was die Opferschauer als zukünftig bezeichnet hätten, wenn keine von beiden Schlangen losgelassen wurde. Aber der Tod traf darauf den Gracchus; die Ursache war, denke ich, irgendeine schwere Krankheit, nicht die Freilassung der Schlange; denn die Opferschauer sind nicht so unglücklich, daß nicht einmal durch Zufall etwas geschehen sollte, was sie als zukünftig vorausgesagt haben. XXX. 63. Darüber würde ich mich wundern, wenn ich es glaubte, daß, wie du sagtest, Kalchas bei Homer aus der Zahl der Sperlinge die Jahre des Trojanischen Krieges geweissagt habe Vgl. I, 33, 72. , von dessen Deutung Agamemnon bei Homer, wie wir in einer müßigen Stunde übersetzt haben, folgendes spricht Nicht Agamemnon, sondern Odysseus spricht diese (aus Ilias 2, 299 bis 330 übersetzten) Verse zu den Griechen, indem er sie an ihr Versprechen und die gegebenen Götterzeichen erinnert und sie zum Bleiben auffordert. Cicero hat übrigens, wie gewöhnlich, im ganzen sehr frei übersetzt, trotzdem haben wir uns seiner Übersetzung angeschlossen. : ›Duldet, o Männer, und tragt mit Mut das drückende Elend, Daß wir die Sprüche erfahren von unserem Seher, dem Kalchas, Ob sie werden erfüllt, ob eiteles Wähnen der Brust nur. Denn ihr alle wohl habt das Wunder in treuer Erinn'rung, Die nicht das harte Geschick das Leben zwang zu verlassen. Als von argolischen Schiffen zuerst ward Aulis umgeben, Welche Verderben und Tod dem Priamus brachten und Troja, Sahn wir am kühlenden Naß und bei dem rauchenden Altar, Wo wir die Götter versöhnten durch Stiere mit goldenen Hörnern, Unter des Ahorns Schatten, von wo die Quelle herausströmt, Eines gewaltigen Drachen Gestalt mit schrecklicher Windung, Wie durch Iupiter selber gesandt er sich nahte vom Altar. Er nun ergriff mit Gier auf des Ahorns Zweige die Jungen, Welche die Blätter verbargen; und als er die achte verschlungen, Flog als die neunte die Mutter umher mit bebendem Angstschrei. Und auch diese zerfleischte mit grimmigem Bisse das Untier. 64. Als er die zarten Jungen und auch die Mutter gewürget, Ließ ihn der Sohn des Saturn, der an den Tag ihn gesendet, Wieder verschwinden und wandelt' ihn um in steinerne Hülle. Wir jedoch standen voll Furcht und schauten das Zeichen des Wunders, Das da erschien in der Mitte der heiligen Götteraltäre. Kalchas redete drauf mit vertrauenerweckender Stimme: Warum seid ihr so plötzlich vor Staunen starr, ihr Achiver? Selbst der Vater der Götter hat uns dies Zeichen verliehen, Langsam und spät zur Erfüllung, doch ewig an Ruhm und an Lobe. So viel Vögel ihr seht von des Untiers Zahne getötet, So viel werden wir Jahre des Kriegs ausharren vor Troja. Dies wird fallen im zehnten und stillen den Grimm der Achiver. Dies hat Kalchas gesprochen, ihr habt es gereift zur Vollendung.‹ 65. Was ist denn das für eine Weissagung, aus den Sperlingen auf die Jahre viel mehr als auf Monate oder Tage zu schließen? Warum aber schöpft er seine Mutmaßung von den Sperlingen, bei denen kein Wunder war, und schweigt von dem Drachen, der, was unmöglich war, zu Stein verwandelt sein soll? Endlich, was hat der Sperling für eine Ähnlichkeit mit den Jahren? Denn von der Schlange, die dem Sulla beim Opfer erschien, ist mir beides in der Erinnerung, daß Sulla, als er ins Feld rücken wollte, geopfert hat und daß eine Schlange unter dem Altar hervorgekommen ist und daß an diesem Tage die Schlacht glänzend gewonnen wurde, nicht auf den Rat des Opferschauers, sondern auf den des Feldherrn. XXXI. 66. Und diese Gattungen von Zeichen haben nichts Wunderbares; wenn sie eingetreten sind, dann werden sie auf irgendeine Mutmaßung durch die Deutung zurückgeführt. So seien jene in den Mund des Knaben Midas zusammengetragenen Weizenkörner oder die Bienen, die sich, wie du sagtest, auf den Lippen Platons niederließen, nicht an sich wunderbar, wohl aber artig gedeutet Vgl. I, 36, 78. ; doch konnten sie entweder selbst falsch oder das, was vorausgesagt ist, zufällig eingetroffen sein. Von Roscius Vgl. I, 36, 79. selbst kann der Umstand wenigstens falsch sein, daß er von einer Schlange umwunden war; daß aber eine Schlange in der Wiege war, ist nicht eben wunderbar, zumal in Solonium, wo die Schlangen am Herd ihren Verkehr zu treiben pflegen. Denn was das anlangt, daß die Opferschauer erklärten, er werde vor allen berühmt und ausgezeichnet werden, so wundere ich mich, daß die Götter einem zukünftigen Schauspieler Berühmtheit vorausgedeutet haben, dem Africanus Nämlich Publius Cornelius Scipio Africanus der Ältere, 205 v. Chr. Konsul, der den Hannibal (202) bei Zama schlug. aber nicht. 67. Du hast ja auch die Flaminischen Zeichen Vgl. I, 35, 77. gesammelt, ›daß er selbst und sein Roß plötzlich niederstürzten‹. Das ist fürwahr nicht wunderbar. ›Wenn das Feldzeichen der ersten Kompanie der Hastaten nicht hat herausgenommen werden können‹, so zog vielleicht der Adlerträger ängstlich an dem Schaft, den er vertrauensvoll hineingestoßen hatte. Was erregte denn das Roß des Dionysios Vgl. I, 33, 73. für Bewunderung, daß es aus dem Fluß hervortauchte und daß es Bienen in seiner Mähne hatte? Aber weil er nach kurzer Zeit die Regierung antrat, so galt das, was zufällig sich ereignet hatte, für ein Wunderzeichen.« – »Aber bei den Lakedaimoniern ertönten im Tempel des Herakles die Waffen, und zu Theben öffneten sich plötzlich die verschlossenen Flügeltüren desselben Gottes, und die Schilde, die in der Höhe befestigt waren, wurden auf der Erde gefunden!« Vgl. I, 34, 74. – »Da von diesem allen nichts ohne irgendwelche Bewegung hat geschehen können, was ist für ein Grund vorhanden, zu behaupten, daß dies eher durch göttlichen Einfluß als durch Zufall geschehen sei?« XXXII. 68. »Aber auf dem Haupte der Statue Lysanders entstand ein Kranz aus stachligen Kräutern, und zwar plötzlich Vgl. I, 34, 75. .« – »Wirklich? Glaubst du, daß der Kräuterkranz eher entstanden sei, als der Samen empfangen worden? Das wilde Kraut aber, denke ich, ist durch Vögel hergeschafft, nicht durch Menschen gesät. Dann kann alles, was auf dem Kopfe ist, einem Kranze ähnlich erscheinen. Denn daß zu derselben Zeit, wie du sagtest, die zu Delphoi aufgestellten goldenen Sterne des Kastor und Polydeukes herabgefallen sind und nirgends wieder aufgefunden wurden Vgl. I, 34, 75. , das scheint eher eine Tat der Diebe als der Götter zu sein. 69. Daß die Bosheit des Dodonäischen Affen Vgl. I, 34, 76. der griechischen Geschichte überliefert worden ist, wundert mich. Was ist weniger wunderbar, als daß jenes allerhäßlichste Tier die Urne umgeworfen und die Lose zerstreut hat? Und die Geschichtsschreiber behaupten, daß den Lakedaimoniern kein traurigeres Zeichen als dieses begegnet sei. Und was jene Weissagung der Veienter anlangt, wenn der Albanische See überströmte und ins Meer flösse, so würde Rom zugrunde gehen; wenn er aber zurückgedrängt würde, Veii Vgl. I, 44, 99. – Hinter Veios muß etwas ausgefallen sein. – so wurde das Wasser des Albanischen Sees zum Nutzen der Felder vor dem Stadtgebiet, nicht zur Erhaltung der Burg und der Stadt abgeleitet.« – »Aber kurz darauf ließ sich eine warnende Stimme hören, man solle sich in acht nehmen, daß Rom nicht von den Galliern eingenommen werde; hierauf sei dem Aius Loquens Vgl. I, 45, 101. ein Altar auf der neuen Straße geweiht worden.« – »Wie nun? Jener Aius Loquens sagte und redete, als niemand ihn kannte, und bekam davon den Namen. Nachdem er aber Sitz, Altar und Namen gefunden hat, ist er verstummt? Dasselbe läßt sich von der Moneta Vgl. 1, 45, 101; Anmerkung 279. sagen; wann sind wir je von ihr gewarnt worden, außer wegen des trächtigen Schweines? XXXIII. 70. Genug von den Wunderzeichen! Es bleiben noch die Auspizien übrig und diejenigen Lose, die gezogen werden, nicht die, die durch Weissagung ausströmen, die wir richtiger Orakel nennen. Von diesen wollen wir dann reden, wenn wir zu der natürlichen Weissagung gelangt sind. Auch von den Chaldäern bleibt noch zu sprechen. Aber zuerst wollen wir die Auspizien betrachten.« – »Eine schwierige Aufgabe für einen Augur, dagegen zu sprechen Weil Cicero im Jahr 53 selbst Augur für den im Krieg gegen die Parther gefallenen M. Crassus gewesen war. Er hatte auch selbst eine Schrift De auguriis verfaßt, die aber verlorengegangen ist. Vgl. zu dem Sinn der ganzen Stelle I, 47, 105. .« – »Für einen Marser Vgl. I, 58, 132. vielleicht, aber für einen Römer sehr leicht. Denn wir sind nicht solche Auguren, daß wir nach der Beobachtung der Vögel und der übrigen Zeichen die Zukunft weissagen. Und doch glaube ich, daß Romulus, der die Stadt unter Auspizien gründete, die Meinung gehabt hat, es gebe zur Voraussehung der Dinge eine Augurenwissenschaft – denn das Altertum irrte in vielen Sachen –, die wir jetzt teils durch den Gebrauch, teils durch die Bildung, teils durch das Alter verändert sehen Vgl. dazu I, 49, 108 und II, 14, 33. . Es wird aber wegen des Volksglaubens und zum großen Nutzen des Staates noch die Sitte, die Religion, die Wissenschaft, das Recht der Auguren und das Ansehen ihres Kollegiums beibehalten Das Kollegium der Auguren, deren Amt lebenslänglich war, bestand anfangs aus drei, unter Servius Tullius aus vier und seit Sulla aus fünfzehn Mitgliedern. . 71. Und fürwahr verdienten die Konsuln Publius Claudius und Lucius Iunius Vgl. I, 16, 29 und Vom Wesen der Götter II, 3, 7. , die entgegen den Auspizien absegelten, jede Strafe. Denn sie mußten der Religion gehorchen und durften nicht die vaterländische Sitte so trotzig verschmähen. Mit Recht ist daher der eine vom Volksgericht verurteilt worden, und der andere hat sich selbst das Leben genommen.« – »Flaminius Vgl. I, 35, 77. gehorchte nicht den Auspizien. Daher ist er mit seinem Heer zugrunde gegangen.« – »Aber ein Jahr darauf gehorchte Paulus Lucius Aemilius Paulus fiel in der Schlacht bei Cannae (220) gegen Hannibal. . Ist er etwa darum weniger mit seinem Heer in der Schlacht bei Cannae gefallen? Denn gesetzt, es gäbe auch Auspizien, wie es keine gibt, so sind doch wenigstens diejenigen, deren wir uns bedienen, Tripudium oder Himmelsbeobachtungen, nur Schattenbilder von Auspizien, richtige Auspizien auf keine Weise Vgl. besonders Vom Wesen der Götter II, 3, 9, wo Cicero die Vernachlässigung der Auspizien näher auseinandersetzt; über tripudium vgl. II, 34, 72. . XXXIV. ›Quintus Fabius, ich will, daß du mir beim Auspizium zugegen seiest.‹ Er antwortete: ›Ich habe es gehört Cicero gibt hier ein Beispiel eines zu seiner Zeit üblichen Auspiziums, indem er die Personen handelnd und miteinander sprechend einführt. Er bedient sich dabei der alten herkömmlichen Auspizienformeln. .‹ Hier wurde bei unseren Vorfahren ein Sachverständiger zugezogen, jetzt jeder beliebige. Aber sachverständig muß notwendig der sein, der versteht, was Schweigen ist; denn Schweigen nennen wir bei den Auspizien das, was von jedem Fehler frei ist. 72. Das zu verstehen ist die Sache eines vollkommenen Auguren. Wenn aber der, der die Auspizien abhält, dem, der zum Auspizium hinzugezogen wird, folgendermaßen geboten hat: ›Sprich, wenn Schweigen zu sein scheint!‹, so blickt dieser weder auf noch um sich, sondern antwortet sofort: ›Es scheint Schweigen zu sein.‹ Darauf sagt jener: ›Sprich, wenn sie fressen!‹ – ›Sie fressen.‹ – ›Welche Vögel oder wo?‹ – ›Es hat‹, sagt er, ›in einem Käfig der die Hühner gebracht, der eben davon Hühnerwärter heißt.‹ Diese Vogel sind also Zwischenboten des Iupiter? Ob sie fressen oder nicht, was kommt darauf an? Für die Auspizien nichts. Weil aber, wenn sie fressen, es notwendig ist, daß etwas aus dem Schnabel fällt und auf die Erde schlägt, so ist dies zuerst Erdaufschlag (terripavium), hernach Erdsprung (terripudium) genannt, und jetzt heißt es tripudium. Wenn also ein Bissen aus dem Schnabel des Huhnes gefallen ist, so wird dem, der die Auspizien hält, ein tripudium solistimum gemeldet Vgl. I, 15, 28. Das Wort solistimum leitet man von solum, Boden, ab, andere auch von solus, also soviel wie »von selbst«, »freiwillig«. . XXXV. 73. Kann also dieses Auspizium irgend etwas Göttliches haben, das so erzwungen und abgepreßt ist? Daß die ältesten Auguren sich dessen nicht bedient haben, dafür ist der Beweis, daß wir einen alten Beschluß des Kollegiums haben, daß jeder Vogel ein Tripudium machen könne. Dann würde es also ein Auspizium sein, wenn es dem Vogel freistände, sich zu zeigen; dann könnte jener Vogel als Dolmetscher und Trabant Iupiters angesehen werden. Jetzt aber, wenn er, in den Käfig eingeschlossen und vor Hunger erschöpft, über den Bissen Brei Vgl. I, 15, 28. herfällt und wenn ihm etwas dabei aus dem Schnabel fällt, hältst du das für ein Auspizium, oder meinst du, daß Romulus so Auspizien zu halten pflegte? 74. Glaubst du ferner, daß diejenigen, welche Auspizien anstellten, nicht selbst den Himmel zu beobachten pflegten? Jetzt befehlen sie dem Hühnerwärter; dieser berichtet. Den Blitz zur Linken halten wir für das günstigste Auspizium bei allen Dingen, außer bei den Wahlversammlungen Vgl. II, 18, 43. , und dies ist im Interesse des Staates festgesetzt, damit bei den Wahlversammlungen sowohl in bezug auf die Volksgerichte wie bei der Gesetzgebung und der Wahl der Magistratspersonen die Ersten im Staat die Entscheidung hätten.« – »Aber als auf das Schreiben des Tiberius Gracchus die Auguren urteilten, daß die Wahl der Konsuln Scipio und Figulus fehlerhaft gewesen sei, dankten diese ab Vgl. hierzu I, 17, 33. Die beiden Konsuln des Jahres 162 v. Chr. sind Publius Cornelius Scipio Nasica Corculum (d. i. der Einsichtige), der Sohn des Publius Cornelius Scipio Nasica Optimus, und Gaius Marcius Figulus. .« – »Wer leugnet, daß es eine Wissenschaft der Auguren gibt? Die Weissagung leugne ich.« – »Aber die Opferschauer weissagen. Als Tiberius Gracchus diese wegen des plötzlichen Todes dessen, der bei der Aufzeichnung der Prärogativstimmen In praerogativa referenda. Die Prärogativstimme ist in den comitiis centuriatis die Stimme der ersten Zenturie, die dem Vorsitzenden (rogator comitiorum) von dem rogator hinterbracht wurde, vgl. Vom Wesen der Götter II, 4, 10. Cicero hat hier nach Hottingers Angabe bei rogatorem absichtlich comitiorum weggelassen, um es zweifelhaft zu lassen, ob der Vorsitzende oder der Stimmensammler (rogator primae centuriae oder praerogativae) gemeint sei, wie aus den gleich folgenden Worten »vide ne in eum dixerint, qui rogator centuriae fuisset« hervorgeht. auf einmal niedergestürzt war, in den Senat einführen ließ, so sagten sie, daß der Stimmensammler nicht rechtmäßig gewesen sei.« – 75. »Zuerst sieh zu, ob sie es nicht von dem Stimmensammler der Zenturie gesagt haben. Denn dieser war tot. Das konnten sie aber ohne Weissagung noch Mutmaßung sagen. Zweitens vielleicht durch Zufall, der auf keine Weise aus diesem Gebiet ausgeschlossen werden darf. Denn was konnten die etruskischen Opferschauer von der richtigen Wahl des Zeltes oder von dem Recht der Stadtmauer wissen? Ich wenigstens stimme lieber dem Gaius Marcellus Siehe über Gaius Marcellus und Appius Claudius I, 16, 29; 47, 105 und I, 58, 132; und vgl. das Urteil Ciceros über beide Auguren in der Schrift Von den Gesetzen 2, 13, 32. als dem Appius Claudius bei, die beide meine Amtsgenossen gewesen sind; und ich glaube, daß das Recht der Auguren, wenn es sich auch anfangs auf den Glauben an die Weissagung gegründet hat, dennoch hernach um des Staates willen bewahrt und beibehalten worden ist. XXXVI. 76. Aber hierüber anderswo mehr; jetzt nur so weit. Denn wir wollen die auswärtigen Augurien betrachten, die nicht sowohl künstlich als vielmehr abergläubisch sind. Sie befragen fast alle Vögel; wir nur wenige. Andere sind bei jenen ungünstig, andere bei uns. Deiotarus pflegte mich nach der Lehre unserer Augurien zu befragen, und ich ihn nach der seinigen. Unsterbliche Götter! Was für ein Unterschied, so daß einige sogar entgegengesetzt sind. Und jener wandte sie immer an; wir, außer wenn wir vom Volke übertragene Auspizien haben Dies bezieht sich auf die magistratus maiores, wie Konsuln, Prätoren und Censoren, welche Auspizien hatten. , wie selten bedienen wir uns derselben! Unsere Vorfahren wollten nicht, daß ein Kriegsunternehmen ausgeführt würde, ohne daß vorher Auspizien angestellt wurden. Wie viele Jahre sind es her, daß Kriege von Konsuln und Proprätoren geführt werden, die keine Auspizien haben Die Prokonsuln und Proprätoren, die in den comitiis tributis gewählt waren und aus dem Privatstand zu diesen Ehren erhoben waren, hatten keine Auspizien, während die Konsuln und Prätoren die Auspizien der Hühner beobachteten. ! 77. Daher setzen sie ohne Auspizien über die Flüsse Beim Übergang über eine Quelle oder einen Fluß wurden von den Priestern und Magistraten, wenn sie sich zu amtlichen Verrichtungen begaben, Auspizien angestellt, die sogenannten auspicia peremnia (entstanden aus per und amnis), vgl. Vom Wesen der Götter II, 3, 9. und halten kein Tripudium. Denn das Auspizium aus den Waffenspitzen Ex acuminibus. Diese acumina werden verschieden erklärt. Die wahrscheinlichste Erklärung ist die, daß man sie auf die elektrischen Flämmchen, die sich unter Umständen an den Spitzen der Lanzen zeigten, bezieht; vgl. Livius 22, 1 und 43, 13. Andere Erklärer beziehen sie auf die sich zuspitzenden Flammen des Opferfeuers, vgl. Vom Wesen der Götter II, 3, 9. , das ein ganz militärisches ist, hat schon Marcus Marcellus, jener fünfmalige Konsul und zugleich ausgezeichneter Feldherr und Augur Marcus Claudius Marcellus, der fünfmal (222, 215, 214, 210, 208 v. Chr.) Konsul war, schlug den Hannibal bei Nola in die Flucht (216), belagerte und eroberte Syrakus (212) und wurde zuletzt bei Venusia in Lucanien von Hannibal besiegt und getötet (207). , gänzlich unterlassen. Wo ist also die Weissagung der Vögel? Da die, die keine Auspizien haben, Kriege führen, so scheint jene Art der Weissagung von den städtischen Beamten beibehalten, aber von denen im Kriege Vgl. II; 36, 76 am Ende. aufgehoben zu sein. Und jener eben sagte, wenn er eine Unternehmung ausführen wolle, so pflege er, um nicht durch die Auspizien daran gehindert zu werden, in einer bedeckten Sänfte zu reisen. Denn ähnlich ist das, was wir Auguren vorschreiben, daß man die Zugtiere voneinander spannen solle, damit nicht ein vereintes Auspizium eintrete. 78. Heißt das etwas anderes, als von Iupiter sich nicht warnen lassen zu wollen, wenn man die Sache so einrichtet, daß entweder das Auspizium nicht stattfinden oder, wenn es eintritt, nicht gesehen werden kann? XXXVII. Denn das ist gar zu lächerlich, was du von Deiotarus erzählst, er bereue die ihm auf der Reise zu Pompeius dargebotenen Auspizien nicht, weil er die Treue und Freundschaft dem römischen Volke bewahrt und seine Pflicht geleistet habe; denn ihm sei das Lob und der Ruhm von höherer Bedeutung gewesen als sein Reich und seine Besitzungen. Ich glaube es wohl; aber das geht die Auspizien nichts an. Denn die Krähe konnte hier auch nicht verkünden, daß er recht handle, indem er die Freiheit des römischen Volkes zu verteidigen dachte. Er selbst fühlte dies, wie er es gefühlt hat. 79. Die Vögel zeigen die Ereignisse, glückliche oder unglückliche, an. Wie ich sehe, hat aber Deiotarus die Auspizien der Tugend Man nimmt an, Cicero habe bei diesen Worten die Rede Hektors im Sinne gehabt (bei Homer, Ilias XII, 230 bis 243), in der dieser dem Polydamas abrät, den unglücklichen Vogelflug zu beachten, und dagegen ihn auffordert, lieber dem Willen des Zeus zu folgen. befolgt, die da auf das Glück zu sehen verbietet, wenn nur die Treue bewahrt wird. Wenn die Vögel glückliche Erfolge gezeigt haben, so haben sie ihn sicher getäuscht. Er floh mit Pompeius aus der Schlacht. Eine harte Zeit! Er trennte sich von ihm. Ein trauriges Ereignis! Er sah den Caesar zu gleicher Zeit als Feind und Gast. Was gibt es Traurigeres? Als dieser ihm die Tetrarchie der Trogmer Die Trogmer oder Trokmer waren ein Volksstamm in Galatien, dem Reiche des Königs Deiotarus. entrissen und einem seiner Anhänger, einem Pergamenier, ich weiß nicht, wem Cicero sagt aus Haß gegen Caesars Willkür hier: Ich weiß nicht, wem; es war aber Mithridates von Pergamos, der für einen natürlichen Sohn des Königs Mithridates von Pontus gehalten wird; er war im Alexandrinischen Kriege (48 bis 47) Caesar zu Hilfe gezogen und erhielt zum Lohn die Bosporanische Königskrone. , gegeben und ihm das vom Senat verliehene Armenien entzogen hatte und von ihm aufs prächtigste bewirtet worden war, ließ er ihn, den Wirt und König, beraubt zurück. Doch ich schweife zu weit ab, ich will zu meinem Vorhaben zurückkehren. Wenn wir nach den Ereignissen fragen, die durch die Vögel erforscht werden, so waren sie dem Deiotarus auf keine Weise günstig; wenn aber nach der Pflicht, so entnahm er diese von der Tugend selbst und nicht von den Auspizien. XXXVIII. 80. Laß also den Lituus des Romulus Vgl. I, 17, 30. fahren, von dem du behauptest, er habe bei der größten Feuersbrunst nicht verbrennen können; verachte den Wetzstein des Attus Navius Vgl. I, 17, 31 f. . Keine Stelle dürfen in der Philosophie erdichtete Märchen finden. Das war die Sache eines Philosophen, zuerst die Natur des ganzen Augurienwesens zu untersuchen, dann seine Erfindung und zuletzt seine Folgerichtigkeit. Was ist denn das für eine Natur, welche die hin- und herschweifenden Vögel veranlaßt, etwas anzuzeigen, bald eine Handlung zu verbieten, bald sie anzubefehlen, entweder durch Stimme oder Flug? Warum ist es einigen Vögeln verliehen, von der Linken, anderen, von der Rechten ein Auspizium gültig zu machen? Wie aber ist dies oder wann oder von wem erfunden worden? Die Etrusker haben doch einen ausgeackerten Knaben als Urheber ihrer Lehre Nämlich den Tages; vgl. II, 23, 50. . Wen wir? Den Attus Navius? Aber Romulus und Remus, beide Auguren, wie uns berichtet wird, sind um mehrere Jahre älter. Oder sollen wir es für Erfindungen der Pisider oder Kilikier oder Phryger erklären Vgl. I, 1, 2. ? Beliebt es also, die, denen menschliche Gesittung fehlt, als Urheber göttlicher Weisheit Divinitatis, was Cicero hier in gleichem Sinne mit divinatio gebraucht hat, ebenso wie divinus auch weissagend und divinare weissagen bedeutet. anzunehmen?« XXXIX. 81. »Aber alle Könige, Völker und Nationen bedienen sich der Auspizien.« – »Als ob etwas so sehr alltäglich wäre wie der Unverstand; oder als ob dir selbst beim Urteil die Menge Geltung hätte. Wieviel Menschen gibt es denn, die das Vergnügen nicht für ein Gut halten? Die meisten behaupten sogar, daß es das höchste Gut sei. Lassen sich etwa deshalb die Stoiker Die Stoiker, die nur die Tugend für ein Gut und das Laster für ein Übel hielten. durch deren große Anzahl von ihrer Meinung abschrecken, oder befolgt etwa in den meisten Dingen die Menge ihr Urteil? Was Wunder also, wenn bei den Auspizien und bei der ganzen Weissagung schwache Geister diesen Aberglauben auffassen, das Wahre aber nicht erkennen können? 82. Was ist aber unter den Augurien für eine übereinstimmende und feste Ansicht? Dem Gebrauche unserer Augurien gemäß sagt Ennius: ›Wenn bei heiterem Himmel zur Linken es günstig gedonnert Aus den Annalen des Ennius, II, 5; vgl. I, 20, 40. .‹ Aber der Homerische Ajax Nicht Aiax, sondern Odysseus spricht diese Worte bei Homer (Ilias IX, 236). , der sich bei Achilleus über den Starrsinn der Trojaner beklagt, meldet auf folgende Weise: ›Ihnen verkündete Zeus das Glück durch Blitze zur Rechten.‹ So erscheint uns das Linke, den Griechen und Barbaren das Rechte als günstiger Die Griechen hielten die Auspizien zur Rechten für günstig, die Römer dagegen die zur Linken. Der Grund davon ist, daß die Griechen, wenn sie Auspizien einholten, sich mit dem Gesicht nach Norden, die Römer aber gegen Süden stellten. Beiden Nationen galt der Osten für glückverkündend, und diesen hatten die Griechen zur Rechten, die Römer zur Linken. Vgl. I, 7, 12; I, 39, 85 und II, 38, 80. – obgleich ich sehr wohl weiß, daß wir das, was günstig ist, links nennen, auch wenn es zur Rechten ist. Aber sicherlich haben die Unsrigen es links genannt, die Fremden rechts, weil es ihnen wenigstens günstiger erschien. Was ist das für ein großer Widerspruch! 83. Wie, bedienen sie sich nicht anderer Vögel, anderer Zeichen, beobachten anders und geben andere Antworten? Muß man nicht eingestehen, daß hiervon vieles teils auf Irrtum beruht, teils auf Aberglauben, vieles auf Betrug? XL. Und diesem Aberglauben hast du kein Bedenken getragen auch die Omina oder Vorbedeutungen Vgl. I, 45, 102. anzureihen? Aemilia sagte zu Paulus, Persa sei gestorben Vgl. I, 46, 103. , was der Vater als Omen annahm; Caecilia sagte, sie räume ihrer Nichte ihren Platz ein. Ferner die Anordnung: ›Wahret die Zungen Vgl. I, 45, 102. !‹ und die Prärogative, das Omen der Wahlversammlungen Vgl. I, 45, 103. ; das heißt gegen sich selbst wortreich und beredt sein. Denn wann wirst du, wenn du diese Dinge beobachtest, ruhigen und freien Geistes sein können, um bei einer Unternehmung nicht den Aberglauben, sondern die Vernunft zum Führer zu haben? Wie also? Wenn einer etwas seinen Verhältnissen und seiner Rede gemäß gesagt hat und eines seiner Worte gerade zu dem paßt, was du vorhast oder denkst, soll dir dies entweder Besorgnis oder Mut einflößen? 84. Als Marcus Crassus zu Brundisium sein Heer einschiffte, rief im Hafen ein Mann, der Feigen, die von Caunus angekommen waren, verkaufte: Cauneas Über Marcus Crassus vgl. I, 16, 29. Der Verkäufer der Feigen rief: Cauneas, d. h. Feigen aus Caunus, einer Stadt in Karien in Kleinasien, was auch klingen konnte wie: cav' n' eas (cave ne eas) = hüte dich zu gehen! . Wenn es dir gefällt, können wir da sagen, daß Crassus von ihm gewarnt sei, er möge sich hüten zu gehen, und daß er, wenn er diesem Omen gefolgt wäre, nicht umgekommen wäre. Wenn wir dies anerkennen, so werden wir auf das Anstoßen des Fußes, das Zerreißen eines Schuhriemens und auf das Niesen Achtung geben müssen. XLI. 85. Es bleiben nun noch die Lose übrig und die Chaldäer, um auf die Träume zu kommen. Du glaubst also, von den Losen reden zu müssen? Was ist denn ein Los? Beinahe dasselbe wie das Fingerspiel Lateinisch micare. Dieses Fingerspiel, das seinen Namen von der schnellen Bewegung der Finger erhalten hat, ist noch jetzt in Italien unter dem Namen la mora bei den Landsleuten üblich. Zwei Menschen stehen mit geballter Faust einander gegenüber. Indem jeder einen oder mehrere Finger in die Höhe hält, ruft er zugleich eine Zahl von 1 bis 10 aus. Wessen Zahl nun mit der Summe der von beiden in die Höhe gerichteten Finger zusammentrifft, der hat gewonnen. Vgl. auch Cicero, Von den Pflichten, III, 19, 76. , Knöchel- oder Würfelwerfen Talos, tesseras iaecre; talus ist der ursprünglich aus den Knöcheln der Hinterfüße gewisser Tiere gemachte längliche Würfel, an zwei Seiten rund und daher nur mit vier bezeichneten Seiten. Die tesserae dagegen waren kubisch geformt und hatten daher auch sechs bezeichnete Seiten. , wobei das Ungefähr und der Zufall, nicht Vernunft und Klugheit walten. Die ganze Sache ist durch Betrug erfunden oder auf Gewinn, auf Aberglauben oder auf Täuschung abgesehen. Und wie wir bei der Opferschau getan haben, so laß uns zusehen, was für eine Erfindung der berühmtesten Lose berichtet wird. Die Denkmäler von Praeneste Praeneste, eine Stadt in Latium, in der Nähe von Rom, das heutige Palestrina, das auf den Trümmern des von Sulla errichteten Tempels der Fortuna erbaut ist. erzählen, daß Numerius Suffucius, ein angesehener und vornehmer Mann, durch häufige, zuletzt auch drohende Träume aufgefordert worden sei, an einem bestimmten Platz einen Kieselstein zu zerschlagen, und, durch die Traumgesichte erschreckt, habe er, obwohl ihn seine Mitbürger verspotteten, es zu tun begonnen; und so seien aus dem zerschlagenen Stein die Lose hervorgebrochen von Eichenholz, auf denen altertümliche Schriftzeichen eingegraben waren. Diese Stelle ist heutigen Tages gewissenhaft eingezäunt, dicht neben dem Tempel des Knaben-Iupiter, der, als Säugling mit der Iuno im Schloß der Fortuna Die Fortuna Primigenia zu Praeneste, wo sie eben ihren prächtigen Tempel hatte, war eine Natur- und Schicksalsgöttin von allgemeiner Bedeutung und galt als Mutter des lupiter und der Iuno und offenbarte ihren Willen durch Lose. Die erwähnten matres, die sie verehren, sind die mit Kindern gesegneten Matronen. sitzend, nach der Brust greift und von den Müttern mit der größten Andacht verehrt wird. 86. Und zu derselben Zeit soll an der Stelle, wo jetzt der Tempel der Fortuna steht, Honig aus einem Ölbaum geflossen sein, und die Opferschauer sollen gesagt haben, daß jene Lose großes Ansehen erlangen würden, und auf ihr Geheiß sei aus jenem Ölbaum ein Kasten gemacht und darin die Lose aufbewahrt worden, die jetzt auf den Wink der Fortuna gezogen werden. Was kann also bei diesen Zuverlässiges sein, die auf den Wink der Fortuna von der Hand eines Knaben gemischt und gezogen werden? Auf welche Weise sind sie an jenen Ort gelegt? Wer hat jenes Eichenholz gefällt, behobelt und beschrieben? ›Es gibt nichts‹, sagen sie, ›was Gott nicht bewirken könnte.‹ O, daß er doch die Stoiker weise gemacht hätte, damit sie nicht alles mit abergläubischer und peinlicher Ängstlichkeit glaubten! Aber diese Art der Weissagung ist ja schon von dem gewöhnlichen Leben verhöhnt worden. Die Schönheit des Tempels und sein Alter erhält auch jetzt noch den Namen der Praenestinischen Lose, und zwar für das gemeine Volk. 87. Denn welche obrigkeitliche Person oder welcher bedeutendere Mann bedient sich der Lose? An anderen Orten aber sind sie gänzlich außer Gebrauch gekommen. Daher schreibt Kleitomachos Kleitomachos aus Karthago war ein Schüler des Karneades und zeichnete dessen Lehre auf. Über Karneades vgl. I, 4, 7. , daß Karneades zu sagen pflegte, er habe nirgends eine glücklichere Fortuna als zu Praeneste gesehen. XLII. Wir wollen also diese Art der Weissagung beiseite lassen. Kommen wir auf die Wundererscheinungen (monstra) der Chaldäer! Von diesen meint Eudoxos, ein Zuhörer Platons Eudoxos aus Knidos war ein Schüler des Pythagoreers Archytas und Platons und lebte um 360 v. Chr. , nach dem Urteil der gelehrtesten Männer wohl der Erste in der Astrologie, folgendes, was er in seinen Schriften hinterlassen hat: Den Chaldäern sei bei ihrer Weissagung und bei der Angabe des Lebenslaufes eines jeden aus dem Geburtstag In notatione cuiusque vitae ex natali die, was im § 89 natalicia praedicta heißt. Es ist die sogenannte Nativitätsstellung am Geburtstage eines Menschen darunter zu verstehen, d. h. der Stand der Gestirne zu seiner Geburtszeit, woraus seine Schicksale prophezeit werden. durchaus nicht zu glauben. 88. Auch Panaitios Über Panaitios vgl. zu I, 3, 6; Anmerkung 50. , der allein von den Stoikern die Voraussagungen der Astrologen verwarf, nennt Archelaos und Kassandros Archelaos und Kassandros sind Zeitgenossen des Panaitios, sonst weiter nicht bekannt. die bedeutendsten Astrologen jener Zeit, in der er selbst lebte, und sagt von ihnen, daß, obgleich sie sich in den übrigen Teilen der Astrologie hervortaten, sie sich dieser Art der Weissagung nicht bedient hätten. Der Halikarnassier Skylax Skylax aus Halikarnassos in Karien wird sonst nicht genannt. , ein Freund des Panaitios, ausgezeichnet in der Astrologie und zugleich der Erste in der Verwaltung seiner Stadt, verwarf diese ganze Gattung der Weissagung bei den Chaldäern. 89. Doch wir wollen die Zeugen beiseite lassen, um auf die Gründe zu kommen. Die Verteidiger dieser Geburtsweissagungen der Chaldäer führen so den Beweis: Sie sagen, es sei eine gewisse Kraft in dem Gestirnkreis, der griechisch Zodiakos heißt, von der Art, daß ein jeder Teil dieses Kreises, der eine auf diese, der andere auf jene Weise, den Himmel bewegt und verändert, je nachdem jeder Stern zu dieser Zeit in diesen und den benachbarten Teilen steht; und diese Kraft werde von den Sternen, welche Irrsterne heißen, auf mannigfaltige Weise bestimmt Über den Tierkreis oder Zodiakos vgl. Vom Wesen der Götter, II, 20, 52. . Wenn sie aber gerade an den Teil des Kreises gekommen sind, in den die Entstehung des Geborenen fällt, oder in den, der irgendeine Verbindung oder Übereinstimmung mit ihnen hat, so nennen sie dies den Gedritt- und Geviertschein Vgl. Sextus Empiricus, Gegen die Mathematiker, V, 39. . Denn da durch das Vor- und Rückschreiten der Sterne so große Veränderungen und Abwechslungen der Jahreszeiten und der Lufttemperatur Wir haben nach der Konjektur Hottingers übersetzt, der temporum anni tempestatumque coeli schreibt statt des handschriftlichen tempore. entstehen, und da das, was wir sehen, durch die Kraft der Sonne bewirkt wird, so halten sie es nicht nur für wahrscheinlich, sondern für gewiß, daß gerade wie die Temperatur der Luft beschaffen sei, so die Kinder bei ihrer Geburt beseelt und gestaltet werden und daß hieraus sich die Anlagen, der Charakter, das Gemüt, der Leib, die Lebensweise, die Zufälle und Schicksale eines jeden bilden. XLIII. 90. O unglaublicher Wahnwitz! Denn nicht darf man jeden Irrtum Torheit nennen. Ihnen Den ebengenannten Chaldäern. gesteht auch der Stoiker Diogenes Der Stoiker Diogenes aus Babylon war ein Schüler des Chrysippos und Lehrer des Neuakademikers Karneades in der Dialektik; vgl. über ihn I, 3, 6; Anmerkung 47. etwas zu, aber nur so viel, daß sie voraussagen könnten, wie beschaffen eines jeden Natur und wozu er am meisten geeignet sein werde. Das übrige, was sie behaupteten, sagt er, könnten sie auf keine Weise wissen; denn die Gestalt von Zwillingsbrüdern sei sich ähnlich, ihr Leben und Schicksal meistens verschieden. Prokles und Eurysthenes, die Könige der Lakedaimonier Prokles und Eurysthenes, die Zwillingssöhne des Herakliden Aristodemos, bekamen bei der Einwanderung der Dorier in den Peleponnes Sparta; daher herrschten in Sparta immer zwei Könige, ein Agide (von Agis I, dem Sohne des Eurysthenes benannt) und ein Proklide. Vgl. über beide Brüder Pausanias III, 1, 7 bis 9. , waren Zwillingsbrüder. 91. Aber sie sind nicht gleich alt geworden; denn das Leben des Prokles war um ein Jahr kürzer und zeichnete sich vor seinem Bruder bedeutend durch Tatenruhm aus. Aber ich behaupte, daß eben das, was der brave Diogenes den Chaldäern mit einer gewissen Pflichtvergessenheit zugesteht, keinen Sinn hat. Denn da, wie sie selbst sagen, der Mond die Geburten beherrscht und die Chaldaer diejenigen Sterne in der Geburtsstunde beobachten und anmerken, die mit dem Mond in Verbindung zu stehen scheinen, so beurteilen sie nach dem höchst trüglichen Sinn der Augen das, was sie mit der Vernunft und dem Geist sehen sollten. Denn die Berechnung der Mathematiker, die ihnen bekannt sein sollte, lehrt, in welcher niedrigen Bahn der Mond läuft, indem er fast die Erde berührt; wie weit er von nächsten Stern, dem Mercur, entfernt ist, wieviel weiter von der Venus, sodann wie weit er in einem anderen Zwischenraum von der Sonne absteht, durch deren Licht er, wie man glaubt, erleuchtet wird Nämlich nach dem Ptolemäischen System (Ptolemaios aus Alexandria um 150 v. Chr.) steht die Erde im Mittelpunkt, und um sie bewegt sich zunächst der Mond, dann der Mercur, die Venus, die Sonne usw. . Die drei übrigen Zwischenräume aber sind unendlich und unermeßlich, von der Sonne zum Mars, von da zum Iupiter, von diesem zum Saturn und von da bis zum Himmel selbst, der die äußerste und letzte Grenze der Welt ist. 92. Was für ein Einfluß kann also von einem fast unendlichen Zwischenraum auf den Mond oder vielmehr auf die Erde stattfinden? XLIV. Wie? Wenn sie sagen, was sie notwendig sagen müssen, daß die Geburten aller, die auf der bewohnten Erde geboren werden, dieselben seien und daß allen, die bei demselben Stand des Himmels und der Sterne geboren sind, dasselbe begegnen müsse: ist das nicht von der Art, daß diese Himmelsdeuter offenbar nicht einmal die Natur des Himmels kennen müssen Zu diesem Angriff Ciceros vgl. besonders Gellius, Attische Nächte XIV, 1, wo der Philosoph Favorinus (Rhetor um 130 n. Chr. zu Rom) gegen den astrologischen Aberglauben der Chaldäer redet. ? Denn da jene Kreise, die den Himmel gleichsam in der Mitte durchschneiden und unsere Aussicht begrenzen, die von den Griechen die Horizonte genannt werden und von uns sehr treffend die Grenzkreise genannt werden können, die größte Verschiedenheit haben und an allen Orten anders sind; so kann notwendig der Aufgang und Untergang der Sterne nicht bei allen zu derselben Zeit erfolgen. 93. Wenn nun durch ihren Einfluß der Himmel bald auf diese, bald auf jene Weise bestimmt wird, wie kann bei den Geborenen ein und dieselbe Kraft walten, da die Verschiedenheit des Himmels so groß ist? In den Gegenden, die wir bewohnen, geht der Hundsstern Canicula, der hellste Stern im Hundsgestirn (Großen Hund), auch Sirius genannt, dessen Aufgang Hitze brachte. Solstitium oder Sonnenwende ist hier das Sommersolstitium (21. Juni). nach dem Solstitium auf, und zwar um mehrere Tage später, bei den Troglodyten Die Troglodyten waren ein äthiopisches Volk, südlich von Ägypten am Arabischen Meerbusen; sie wohnten in Höhlen. Vgl. Herodot 4, 183 und Strabo XVII, 1. , wie man schreibt, vor dem Solstitium, so daß, wenn wir auch zugeben, daß irgendein Einfluß des Himmels sich auf diejenigen, die auf der Erde geboren werden, erstrecke, jene doch eingestehen müssen, daß die, die zu derselben Zeit geboren werden wegen der Verschiedenheit des Himmels ganz verschiedene Naturen erhalten können. Das ist aber durchaus nicht ihre Ansicht. Denn sie behaupten, daß alle, die zu derselben Zeit, wo es auch immer sei, geboren werden, ein und dasselbe Schicksal haben. XLV. 94. Aber was ist das für ein großer Wahnsinn, zu glauben, daß es bei den größten Bewegungen und Veränderungen des Himmels nicht darauf ankomme, welcher Wind, welcher Regen und welches Wetter überall sei, Dinge, bei denen oft an den nahegelegensten Orten so große Verschiedenheiten vorkommen, daß häufig eine andere Witterung zu Tusculum Vgl. I, 43, 98; Anmerkung 268. als zu Rom ist – dies bemerken am meisten die Schiffer, da sie beim Umsegeln der Vorgebirge oft die größte Verschiedenheit des Windes verspüren. Da also der Himmel bald heiter, bald stürmisch ist, kommt es da wohl vernünftigen Menschen zu, zu sagen, daß dies keinen Einfluß auf die Entstehung der Geborenen habe – wie es denn auch gewiß keinen hat und doch daneben zu behaupten, daß ein gewisser zarter Einfluß, der auf keine Weise gefühlt und kaum gedacht werden kann, so wie der vom Mond und von den übrigen Sternen auf die Temperatur der Witterung, sich auf die Geburt der Kinder erstrecke? Wie? Wenn sie nicht einsehen, daß dadurch die Kraft des Samens, die zum Zeugen und zum Hervorbringen so wesentlich wirkt, gänzlich aufgehoben wird, ist das wohl ein geringfügiger Irrtum? Denn wer sieht nicht, daß die Kinder die Gestalt und die Sitten und die meisten auch die Stellungen und Bewegungen den Eltern nachbilden? Dies würde nicht eintreffen, wenn nicht die Kraft und die Natur der Zeugenden, sondern die Temperatur des Mondes und die Beschaffenheit des Himmels es hervorbrächte. 95. Wie? Haben nicht Menschen, die in ein und demselben Augenblick geboren sind, verschiedene Naturen, Lebensweisen und Schicksale? Beweist das nicht hinlänglich, daß die Geburtszeit auf das Lebensgeschick durchaus keinen Einfluß hat? Wir müßten denn etwa glauben wollen, daß niemand zu derselben Zeit empfangen und geboren sei wie Africanus Einer von den beiden Scipio Africanus, die wohl beide gleich berühmt waren. . Hat es denn wohl einen zweiten wie diesen gegeben? XLVI. 96. Wie? Ist wohl das zu bezweifeln, daß, wenn viele mit einem bestimmten Naturfehler auf die Welt kamen, sie entweder durch die Natur selbst, indem diese sich selbst berichtigte, oder durch die Kunst und durch Arznei wiederhergestellt und geheilt wurden, so wie bei denen, deren Zunge so angewachsen war, daß sie nicht sprechen konnten, diese durch einen Schnitt mit dem Messer frei gemacht wurde? Viele haben auch ein Naturgebrechen durch Nachdenken und Übung gehoben, wie Phalereus Demetrios Phalereus (aus Phaleron bei Athen), lebte zur Zeit Alexanders des Großen und war ein Schüler des Theophrastos, berühmter Staatsmann und Redner; unter Kassandros war er Statthalter von Athen (318 bis 308). Später von Antigonos und Demetrios Poliorketes vertrieben, wurde er Ratgeber des Ptolemaios von Ägypten; er starb zu Alexandria (283 v. Chr.). von Demosthenes schreibt, da er das Rho Den Buchstaben ñ = r. nicht habe aussprechen können, habe er es durch Übung so weit gebracht, es sehr deutlich auszusprechen. Wären dergleichen Fehler dem Menschen durch die Gestirne angeboren und mitgeteilt, so könnte sie nichts abändern. Wie, bringt nicht die Verschiedenheit der Gegenden auch eine Verschiedenheit in der Erzeugung der Menschen mit sich? Dies kann man leicht mit wenigen Worten andeuten, was für ein Unterschied zwischen den Indern und Persern, zwischen den Äthiopiern und Syriern an Leib und Geist ist, so daß die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit unglaublich groß ist. 97. Hieraus läßt sich ersehen, daß die Lage der Länder einen größeren Einfluß auf die Geburt hat als die Einwirkung des Mondes. Denn wenn sie sagen, daß die Babylonier 470 000 Jahre lang Proben und Versuche mit allen geborenen Kindern angestellt hätten D. h. daß sie die Stellung der Gestirne bei ihrer Geburt mit ihren späteren Lebensschicksalen und geistigen Anlagen verglichen hätten. , so ist das eine Täuschung. Denn wenn es öfters geschehen wäre, so hätte man nicht damit aufgehört. Wir haben aber keinen Gewährsmann, der da sagte, daß es geschieht, oder der wisse, daß es geschehen ist. XLVII. Siehst du nun, daß ich nicht das sage, was Karneades Über Karneades und Panaitios siehe I, 3, 6. , sondern das, was einer der vorzüglichsten Stoiker, Panaitios, gesagt hat? Ich frage aber auch noch danach, ob alle, die in der Schlacht bei Cannae Die Schlacht bei Cannae in Apulien, in der die Römer unter Lucius Aemilius Paulus und Gaius Terentius Varro von Hannibal 216 v. Chr. gänzlich geschlagen wurden; mehr als 40 000 Römer, unter ihnen auch der Konsul Aemilius Paulus, wurden getötet. fielen, ein Gestirn gehabt haben. Das Ende war wenigstens bei allen ein und dasselbe. Wie, haben diejenigen, welche an Talent und Geist ausgezeichnet sind, etwa ein gleiches Gestirn? Gibt es denn eine Zeit, in der nicht unzählig viele geboren werden, aber gewiß keiner dem Homer gleich? 98. Und wenn es darauf ankommt, bei welcher Beschaffenheit des Himmels und bei welcher Stellung der Gestirne jedes lebende Wesen entstehe, so muß dies notwendig auch von leblosen Dingen gelten. Kann etwas Abgeschmackteres als dies behauptet werden? Zwar unser guter Freund, Lucius Tarutius Ferinanus Lucius Tarutius war ein mit Cicero befreundeter Astronom; vgl. auch Plutarch, Leben des Romulus, Kapitel 9, wonach er ein Zeitgenosse des berühmten Geschichtsschreibers Varro und ein in der alten Geschichte sehr belesener Mann war. , der besonders in den Chaldäischen Berechnungen bewandert war, führte auch den Geburtstag unserer Stadt auf die Palilia Die Parilia oder Palilia waren ein Fest zu Ehren der Hirtengöttin Pales, das am 21. April gefeiert wurde. Vgl. Ovid, Festkalender 4, 721 bis 798; Metamorphosen 14, 774; ferner Tibull, Properz und andere. Der Name der Pales ist von einer Wurzel pâ (pa-sco) abzuleiten, welche die Bedeutung des Nährens, Erhaltens hat. zurück, an welchen sie von Romulus gegründet sein soll, und behauptete, Rom sei geboren, als der Mond im Zeichen der Waage stand, und er trug kein Bedenken, seine (Roms) Schicksale vorauszuverkündigen. 99. O über die so große Macht des Irrtums! Also auch die Geburt der Stadt sollte unter dem Einfluß der Gestirne und des Mondes stehen? Gesetzt, es komme bei einem Kind etwas darauf an, bei welcher Beschaffenheit des Himmels es den ersten Atemzug tat, konnte dies auch von dem Ziegelstein oder von dem Mörtel, womit die Stadt erbaut ist, gelten? Doch wozu mehr? Täglich wird es widerlegt. Wieviel, erinnere ich mich, wurde dem Pompeius Über Pompeius vgl. I, 14, 24 und II, 24, 53. , wieviel dem Crassus Über Marcus Licinius Crassus vgl. I, 16, 29. , wieviel auch dem Caesar von den Chaldäern geweissagt, daß keiner derselben anders als im Greisenalter, als zu Hause, als im Genusse seines Ruhmes sterben werde; so daß es mir sehr wunderbar scheint, wenn nur irgendeiner sich findet, der noch jetzt denen Glauben schenken kann, deren Weissagungen er täglich durch die Tat und durch den Erfolg widerlegt sieht.« XLVIII. 100. »Es bleiben noch zwei Arten der Weissagung übrig, die wir von der Natur und nicht von der Kunst haben sollen, die der Seher und die Träume. Über diese«, sprach ich, »laß uns jetzt reden, wenn es dir recht ist, lieber Quintus.« – »Mir ist es ganz recht«, antwortete er; »denn dem, was du bisher auseinandergesetzt hast, stimme ich vollständig bei, und, um die Wahrheit zu sagen, obwohl mich deine Rede noch mehr bestärkt hat, so hielt ich doch schon von selbst die Ansicht der Stoiker über die Weissagung für allzu abergläubisch, und mich bewogen weit mehr die Gründe der Stoiker, sowohl die des alten Dikaiarchos Über die Peripatetiker Dikaiarchos und Kratippos vgl. I, 3, 5, und zu dieser Stelle Plutarch, Von den Meinungen der Philosophen, V, 1. , wie die des jetzt lebenden Kratippos, die meinen, daß in den Geistern der Menschen gleichsam ein Orakel wohne, wodurch sie die Zukunft vorausahnten, wenn die Seele, entweder durch göttliche Begeisterung angeregt oder durch den Schlaf entfesselt, sich ungebunden und frei bewege. Was du über diese Arten der Weissagung denkst und mit welchen Gründen du sie entkräften willst, möchte ich wohl hören.« XLIX. 101. Als er dies gesagt hatte, da begann ich wiederum gleichsam von neuem zu reden. »Ich weiß sehr wohl, Quintus«, sagte ich, »daß du immer so gedacht hast, indem du die übrigen Arten der Weissagung bezweifeltest; jene beiden aber, die der Begeisterung und des Traumes, da sie aus freiem Geist hervorzugehen schienen, annahmst. Ich will also über diese beiden Arten meine Ansicht sagen, wenn ich zuvor gesehen habe, was die Schlußfolgerung der Stoiker und unseres Kratippos für einen Wert habe. Denn du sagtest, daß Chrysippos, Diogenes und Antipater Vgl. I, 38, 82 ff. und 39, 84, wo der Schluß, den Chrysippos, Diogenes und Antipater zum Beweis der Weissagung anwenden, mit denselben Worten angegeben ist. auf folgende Weise schlössen: ›Wenn es Götter gibt und sie den Menschen das Zukünftige nicht vorherverkündigen, so lieben sie entweder die Menschen nicht, oder sie wissen nicht, was sich ereignen wird, oder sie glauben, es liege den Menschen nichts daran, die Zukunft zu wissen, oder sie meinen, es sei ihrer Würde nicht angemessen, den Menschen vorher anzudeuten, was geschehen wird, oder die Götter selbst können dies nicht einmal andeuten. 102. Aber fürwahr sie lieben uns; denn sie sind wohltätig und dem Menschengeschlecht wohlgesinnt, und sie wissen sehr wohl das, was von ihnen selbst angeordnet und bestimmt ist, und es ist uns nicht gleichgültig, das zu wissen, was sich ereignen wird, denn wir werden vorsichtiger sein, wenn wir dies wissen; noch halten sie es ihrer Würde für unangemessen; denn nichts ist schöner als die Wohltätigkeit, und es ist unmöglich, daß sie das Zukünftige nicht im voraus erkennen sollten. Es ist also nicht denkbar, daß es Götter gibt und sie das Zukünftige nicht anzeigen. Es gibt aber Götter; also zeigen sie es auch an. Und wenn sie es anzeigen, so eröffnen sie uns auch Wege zur Erkenntnis der Anzeichen; denn sie würden es sonst vergeblich anzeigen; und wenn sie Wege eröffnen, so ist es nicht möglich, daß es keine Weissagung gebe; es gibt also eine Weissagung.‹ 103. O über die scharfsinnigen Menschen! Mit wie wenig Worten glauben sie die Sache abgemacht zu haben! Sie nehmen Sätze zum Schluß, von denen ihnen keiner zugestanden wird. Es kann aber nur eine solche Schlußfolgerung als gültig angesehen werden, in der aus unzweifelhaften Vordersätzen das, woran man zweifelt, erwiesen wird. L. Siehst du, wie Epikuros Über Epikuros vgl. I, 3, 5; Anmerkung 37. , den die Stoiker stumpfsinnig und roh zu nennen pflegen, schließt, daß das, was wir in der Natur der Dinge das All nennen, unbegrenzt sei? ›Was begrenzt ist‹, sagt er, ›hat ein Äußerstes‹. Wer wird das nicht zugeben? – ›Was aber ein Äußerstes hat, das kann von einem anderen von außen gesehen werden.‹ Auch dies muß man einräumen. – ›Aber was das All ist, das wird nicht von außen von einem anderen gesehen.‹ – Auch dies kann nicht geleugnet werden. ›Da das All also nichts Äußerstes hat, so muß es notwendig unbegrenzt sein.‹ 104. Siehst du, wie er von zugestandenen Sätzen zu dem zweifelhaften Satz D. h. zum Beweise des vorher Zweifelhaften. gelangt ist? Dies tut ihr Dialektiker Nämlich die Stoiker, deren Scharfsinn und Feinheit in der Dialektik bekannt war. Vgl. hierüber Seneca in seinen Briefen. nicht und nehmt nicht nur solche Sätze nicht in die Schlußfolgerung auf, die von allen zugestanden werden, sondern nehmt die Sätze auf, nach deren Einräumung das, was ihr wollt, um nichts besser erwiesen wird. Denn zuerst nehmt ihr an: ›Wenn es Götter gibt, so sind sie wohltätig gegen die Menschen.‹ Wer wird euch dies einräumen? Etwa Epikuros, der da leugnet, daß die Götter sich um irgend etwas Fremdes oder um ihr Eigenes kümmern, oder unser Ennius Über Ennius siehe I, 20, 40. Die beiden Verse sind aus der Tragödie Telamon. Der dritte Vers, in dem Ennius den Grund für seinen Glauben angibt, lautet: Nam si curent, bene bonis sit, male malis, quod nunc abest. (Denn kümmerten sie sich darum, so wäre es gut für die Guten, schlimm für die Bösen, wie es eben jetzt nicht ist.) Vgl. Vom Wesen der Götter I, 2, 3, und II 32, 79. , der mit großem Beifall und unter Zustimmung des Volkes sagt: ›Immer sagt' ich, werd' auch sagen, Daß im Himmel Götter sind, Doch nicht glaub' ich, daß sie's kümmert, Was die Menschen treiben hier.‹ Und zwar fügt er den Grund bei, warum er das glaubt. Es ist aber nicht nötig, das darauf Folgende zu sagen; es genügt einzusehen, daß jene das als gewiß annehmen, was zweifelhaft und streitig ist. LI. 105. Es folgt weiter: ›Den Göttern ist nichts unbekannt, weil alles von ihnen angeordnet ist.‹ – Wie groß ist aber hier der Streit der gelehrtesten Männer, die da leugnen, daß dies von den unsterblichen Göttern angeordnet sei! – ›Aber es liegt uns daran zu wissen, was sich ereignen wird.‹ – Es gibt ein großes Buch von Dikaiarchos Vgl. I, 3, 5; der Titel des Buches ist unbekannt. darüber, daß es besser sei, es nicht zu wissen, als es zu wissen. – Sie leugnen, ›daß es der Würde der Götter unangemessen sei‹ – nämlich in jedermanns Hütte hineinzugucken, um zu sehen, was einem jeden nützlich sei. 106. ›Es ist unmöglich, daß sie das Zukünftige nicht vorauserkennen sollten.‹ – Die Möglichkeit leugnen die, welche behaupten, das, was geschehen werde, sei nicht fest bestimmt. Siehst du also wohl, daß das, was zweifelhaft ist, für ein Gewisses und Zugestandenes angenommen wird? Hierauf holen sie weit aus und schließen so: ›Es ist also nicht denkbar, daß es Götter gibt und daß sie das Zukünftige nicht anzeigen‹; denn dies halten sie schon für ausgemacht. Dann stellen sie den Untersatz auf: ›Es gibt aber Götter‹, was eben nicht von allen zugestanden wird. ›Sie zeigen also an.‹ Auch das folgt nicht; denn es kann sein, daß die Götter nicht anzeigen und doch existieren. ›Und wenn sie anzeigen, so eröffnen sie uns auch Wege zur Erkenntnis der Anzeichen.‹ Aber auch das ist möglich, daß sie den Menschen keine geben und sie doch haben. Denn warum sollten sie diese lieber den Etruskern als den Römern geben? – ›Und wenn sie Wege eröffnen, so muß es auch eine Weissagung geben.‹ Gesetzt, die Götter eröffneten Wege (was widersinnig ist); was hilft es, wenn wir sie nicht finden können? Der Schluß ist: ›Es gibt also eine Weissagung.‹ Mag das der Schluß sein; bewiesen ist es dennoch nicht. Denn aus falschen Vordersätzen kann, wie wir von ihnen selbst gelernt haben, die Wahrheit nicht erwiesen werden. Die ganze Schlußfolgerung liegt also zu Boden. LII. 107. Kommen wir jetzt zu unserem braven Freund Kratippos Über Kratippos siehe I, 3, 5. Der ganze folgende § 107 steht ebenso I, 32, 71. . ›Wenn ohne Augen‹, sagt er, ›die Verrichtung und das Amt der Augen nicht stattfinden kann, die Augen aber bisweilen ihren Dienst nicht versehen können, so ist doch derjenige, der nur einmal seine Augen so gebraucht hat, daß er das Wahre sah, mit dem Sinne der Augen, die das Wahre sehen, begabt. Ebenso also, wenn ohne Weissagung die Verrichtung und das Amt der Weissagung nicht stattfinden kann; es kann aber einer, wenn er die Weissagung besitzt, bisweilen irren und das Wahre nicht sehen, so reicht es doch zur Bestätigung der Weissagung hin, daß einmal etwas so geweissagt worden ist, daß nichts durch Zufall sich dabei ereignet zu haben schien. Dergleichen Beispiele gibt es aber unzählige; folglich muß man zugestehen, daß es eine Weissagung gibt.‹ Fein gedacht und bündig! Aber da er zweimal nach seinem Belieben Voraussetzungen macht, so kann dennoch, wenn wir auch nicht geneigt sein möchten nachzugeben, das, was er voraussetzt, auf keine Weise eingeräumt werden. 108. ›Wenn‹, sagt er, ›die Augen bisweilen trügen, so ist dennoch, weil sie einmal richtig gesehen haben, die Sehkraft in ihnen.‹ Ebenso, ›wenn jemand einmal etwas in der Weissagung vorausgesagt hat, so muß man, auch wenn er fehlgreift, doch von ihm glauben, daß er die Kraft der Weissagung besitzt.‹ LIII. Sieh doch, bitte, guter Kratippos, wie wenig ähnlich sich dies ist. Denn mir scheint es nicht so. Die Augen nämlich bedienen sich, wenn sie das Wahre sehen, der Natur und der Empfindung; die Seelen aber, wenn sie einmal durch Begeisterung oder im Traum das Wahre gesehen haben, des Glückes oder des Zufalls. Wenn du nicht etwa glaubst, diejenigen, die Träume nur für Träume halten, würden dir, wenn einmal irgendein Traum wahr geworden ist, eingestehen, daß dies nicht durch Zufall eingetroffen sei. Aber mögen wir dir auch diese beiden Voraussetzungen (sumptiones) – die Dialektiker nennen sie Annahmen (lemmata) In der Lehre vom Syllogismus werden die beiden Urteile, aus denen das dritte abgeleitet wird, die Prämissen (propositiones praemissae) oder Vordersätze genannt, und zwar ist der Obersatz die propositio maior und der Untersatz die propositio minor, bei Cicero assumptio, wie er auch nachher (§ 109) »assumit« sagt; assumere heißt: den Untersatz (die propositio minor) beibringen. , aber wir wollen lieber lateinisch reden – zugeben; so wird dennoch der Untersatz (assumptio), den dieselben Hinzunahme (proslepsis) nennen, nicht zugegeben werden. 109. Kratippos assumiert auf folgende Weise: ›Es gibt aber unzählige nicht zufällige Vorausempfindungen.‹ – Aber ich behaupte: es gibt keine. Sieh, wie groß der Gegensatz ist! Ist ferner die Assumption (der Untersatz) nicht zugestanden, so gibt es keine Schlußfolgerung. Aber wir sind unverschämt, wenn wir nicht zugeben, was so einleuchtend ist. Was ist einleuchtend? ›Daß vieles wahr wird‹, sagt er. Wie nun, daß noch weit mehr sich als falsch zeigt? Lehrt denn nicht eben die Mannigfaltigkeit, die dem Schicksal eigentümlich ist, daß das Schicksal die Ursache ist und nicht die Natur? Dann, wenn dieser dein Schluß wahr ist, Kratippos – denn mit dir habe ich es zu tun –, siehst du nicht ein, daß sich seiner auch die Opferschauer, die Deuter der Blitze, die Ausleger der Wunderzeichen, die Auguren, die Losezieher und die Chaldäer bedienen können? Unter diesen Arten ist keine, in der nicht etwas so, wie es vorausgesagt worden ist, eingetroffen wäre. Folglich sind entweder auch diese Arten der Weissagung, die du mit dem größten Recht verwirfst, gültig, oder wenn sie es nicht sind, so begreife ich nicht, warum es diese beiden sein sollen, die du gelten läßt. Mit demselben Grund, mit dem du diese einführst, können auch jene bestehen, die du verwirfst. LIV. 110. Was aber hat denn jene Raserei (furor), die ihr göttlich nennt, für ein Ansehen, daß der Wahnsinnige das sehen soll, was der Verständige nicht sieht, und daß der, welcher die menschlichen Sinne verloren hat, die göttlichen erlangt haben soll? Wir beachten die Verse der Sibylle Über die Sibyllinischen Bücher siehe I, 2, 4; Anmerkung 31. , die jene in Raserei ausgesprochen haben soll. Vor kurzem glaubte man einem falschen Gerücht der Menschen zufolge, daß ein Ausleger derselben Es war Lucius Cotta, der einer der fünfzehn Ausleger (interpretes) der Sibyllinischen Bücher war. Es ging nämlich das Gerücht, Cotta werde im Senat einen Antrag machen, den Diktator Gaius Julius Caesar zum König auszurufen, vgl. Sueton, Caesar, Kap. 79 und Plutarch, Leben Caesars, Kap. 60 und 64. im Senat habe beantragen wollen, wir müßten den, den wir in Wahrheit zum König hätten, auch König nennen, wenn es uns wohlgehen sollte. Wenn dies in den Büchern steht, auf welchen Menschen, auf welche Zeit geht es? Denn ihr Verfasser hat es auf schlaue Weise so eingerichtet, daß alles, was sich auch zutragen mag, vorausgesagt zu sein scheint, da die bestimmte Angabe von Menschen und Zeiten fortgelassen wurde. 111. Er hat auch den Schlupfwinkel der Dunkelheit zu Hilfe genommen, damit dieselben Verse bald dieser, bald jener Sache angepaßt werden könnten. Daß aber diese Dichtung nicht das Werk eines Rasenden sei, beweist sowohl die Dichtung selbst (denn sie ist mehr ein Werk der Kunst und des Fleißes als der Begeisterung und Aufregung) als auch besonders die sogenannte Akrostichis Akrostichis oder Akrostichon ist ein Gedicht, in dem die Anfangsbuchstaben jeder Zeile zusammen ein Wort oder einen Satz bilden, wie es Cicero selbst hier erklärt. , wenn der Reihe nach aus den ersten Buchstaben des Verses irgendein Sinn zusammengefügt wird, wie bei einigen Ennianischen Versen: ›Quintus Ennius hat es verfaßt.‹ 112. Das ist entschieden mehr das Werk eines aufmerksamen als eines rasenden Geistes. Und bei den Sibyllinischen Versen wird vom ersten Vers eines jeden Ausspruchs an das ganze Gedicht mit den ersten Buchstaben jenes Ausspruches versehen. Dies ist das Verfahren eines Schriftstellers, nicht eines Rasenden, eines, der Fleiß anwendet, nicht eines Wahnsinnigen. Deshalb lassen wir die Sibylle beiseite liegen und verborgen sein Die Sibyllinischen Bücher wurden im Tempel des Capitolinischen Iupiter in einem steinernen Kasten aufbewahrt. Diesen durften die fünfzehn Ausleger derselben (interpretes, vgl. 1, 2, 4) nur infolge eines Senatsbeschlusses öffnen. , damit, wie von unseren Vorfahren uns überliefert ist, ohne Befehl des Senates die Bücher nicht einmal gelesen werden und vielmehr zum Aufheben als zur Erweckung von abergläubischen Bedenklichkeiten dienen; laß uns mit ihren Vorstehern verhandeln, daß sie eher alles andere aus jenen Büchern zum Vorschein bringen als einen König, den in Zukunft weder Götter noch Menschen zu Rom dulden werden Cicero hat hier allerdings, wie bekannt, nicht wahr prophezeit. Durch Caesars Ermordung wurde die Alleinherrschaft zu Rom nicht beseitigt, sondern gerade heraufbeschworen. Vgl. Ciceros Philippische Reden. . LV. Aber viele haben doch häufig Wahres geweissagt, wie Kassandra: ›Schon wird gefügt für das Meer Usw.; vgl. I, 31, 67. .‹ Und dieselbe bald darauf: ›Ach sehet Usw.; vgl. I, 50, 114. !‹ 113. Zwingst du mich also etwa, Fabeln zu glauben? Mögen diese so viel Ergötzliches haben, wie du willst, mögen sie durch Worte, Gedanken, Versmaß und Melodie gehoben werden; Ansehen und Zuverlässigkeit dürfen wir wenigstens erdichteten Dingen nicht beimessen. Ebenso, glaube ich, darf man weder dem Publicius Vgl. I, 50, 115. , wer er auch sein mag, noch den Marcischen Sehern Vgl. I, 40, 89. , noch den Geheimsprüchen Apollons Glauben schenken, wovon ein Teil offenbar erdichtet, ein anderer aufs Geratewohl herausgeschwatzt ist und niemals auch nur bei einem unbedeutenden, geschweige denn bei einem klugen Mann Billigung gefunden hat. 114. ›Wie?‹ wirst du sagen, ›hat nicht jener Ruderknecht von der Flotte des Coponius Vgl. I, 32, 68. das vorausgesagt, was eingetroffen ist?‹ – Allerdings, und zwar solche Dinge, wie wir sie zu der Zeit alle befürchteten. Denn wir hörten, daß in Thessalien die Lager einander gegenüberständen; und es schien uns, als habe das Heer des Caesar teils mehr Kühnheit, da es ja die Waffen gegen das Vaterland führte, teils mehr Kraft, wegen der alten Geübtheit. Es war niemand unter uns, der nicht den unglücklichen Ausgang der Schlacht befürchtete; aber nur so, wie es bei standhaften Männern billig war, nicht augenscheinlich. Was Wunder aber, wenn jener Grieche bei der Größe des Schreckens, wie es meistens geschieht, die Besonnenheit, den Verstand und sich selbst aufgab! In dieser Bestürzung des Gemüts sagte er, was er bei gesundem Verstande befürchtete, im Wahnsinn als bevorstehend voraus. Ist es denn, ich rufe Götter und Menschen an, wahrscheinlicher, daß ein verrückter Ruderknecht, als daß einer von uns, die damals zugegen waren, ich, Cato, Varro Über Marcus Porcius Cato Uticensis und Varro vgl. I, 32, 68. und Coponius selbst die Ratschlüsse der unsterblichen Götter habe durchschauen können? LVI. 115. Aber jetzt komme ich zu dir, ›Heiliger Phoibos, der des Erdreichs sichern Nabel innehält, Wo zuerst die wilde Stimme in Begeistrung drang hervor Aus welchem Tragiker diese Verse sind, ist unbestimmt. Die Alten hielten Delphoi für den Nabel, d. h. den Mittelpunkt der Erde. Als solcher war es durch Zeus bestimmt, der zwei Adler von den entgegengesetzten Enden der Welt hätte fliegen lassen, die hier zusammentrafen. Vgl. Pindar, Pythien IV, 6, 131; VIII, 85; Pausanias (X, 16, 3) erzählt, daß in Delphoi ein Nabel von weißem Marmor gewesen sei. Die wilde Stimme bezieht sich auf das Geräusch, mit dem die Pythia ihre Orakel zu geben pflegte. .‹ Denn Chrysippos Vgl. I, 3, 6; I, 19, 37. hat einen ganzen Band mit deinen Orakeln angefüllt, die zum Teil falsch sind, wie ich glaube, zum Teil durch Zufall wahr, wie es sehr oft bei jeder Rede vorkommt; zum Teil verschlungen und dunkel, so daß der Erklärer einen Erklärer nötig hat und das Orakel selbst auf die Orakel verwiesen werden muß; zum Teil zweideutig und so, daß man sie einem Dialektiker Vgl. Anmerkung 553. vorlegen muß. Denn als dem mächtigsten König Asiens jenes Orakel gegeben worden war: ›Mächtiges Reich wird zerstört, geht Kroisos über den Halys Diodor (IX, 31) und Suidas (unter Loxias) haben den griechischen Vers, den Cicero übersetzt hat. Herodot (I, 53) gibt den Sinn des Orakels und nennt es selbst (Kap. 75) zweideutig. Über Kroisos vgl. I, 53, 121. ‹, so glaubte er, daß die Macht der Feinde umstürzen würde; er stürzte aber die seinige um. 116. Mochte nun das eine oder das andere erfolgen, das Orakel wäre wahr gewesen. Warum soll ich aber glauben, daß dies jemals dem Kroisos gegeben wurde? Oder warum soll ich den Herodotos für wahrhafter halten als den Ennius? Konnte jener etwa weniger von Kroisos erdichten als Ennius von Pyrrhos? Denn wer möchte wohl glauben, daß Pyrrhos vom Orakel die Antwort erhalten habe: ›Wahrlich, das Volk der Römer wird Aiakos' Enkel besiegen Pyrrhos, König von Epeiros, führte von 282 bis 272 v. Chr. mit den Römern Krieg; er leitete sein Geschlecht von Aiakos ab, dem Sohn Iupiters, der der Vater des Peleus und Großvater des Achilles war. Die Zweideutigkeit des Orakels: Aio te, Aeacida, Romanos vincere posse - liegt in der Akkusativen te und Romanos, die sowohl Subjekt wie Objekt sein können. Quintilian (IV, 9, 7) gibt das Orakel auch als ein Beispiel der Zweideutigkeit an. Pyrrhos, dadurch eben verleitet, kam den Tarentinern zu Hilfe und begann mit den Römern den für ihn unglücklichen Krieg. Die beigefügte Übersetzung des Hexameters ist die von Hottinger. Übrigens ist der Vers aus den Annalen des Ennius (V, 8). .‹ Erstens hat Apollon niemals Lateinisch gesprochen; dann ist aber dieses Orakel auch den Griechen unerhört, überdies hatte zu des Pyrrhos Zeiten Apollon schon aufgehört, Verse zu machen; schließlich, wiewohl es immer war, wie es bei Ennius heißt, ›– Stumpf an Geist das Geschlecht der Aiakiden, Weit mehr mächtig im Krieg als mächtig an Weisheit befunden Die beiden Verse werden Hesiodos zugeschrieben (bei Suidas unter Alke). ‹, so hätte er dennoch diese Zweideutigkeit des Verses begreifen können, daß der Sieg der Römer (vincere te Romanos) ebensowohl den Römern als ihm gelten konnte. Denn jene Zweideutigkeit, die den Kroisos täuschte, hätte selbst einen Chrysippos täuschen können; diese aber nicht einmal den Epikuros. LVII. 117. Aber, was die Hauptsache ist, warum werden denn auf diese Weise keine Orakel in Delphoi mehr erteilt, nicht nur in unserer Zeit, sondern schon längst, so daß jetzt nichts verachteter sein kann? Wenn sie an diesem Punkt angegriffen werden, so sagen sie, die Kraft des Ortes, aus dem jene Ausdünstung der Erde hervordrang, durch die begeistert die Pythia Orakel gab Vgl. I, 19, 38 und I, 36, 79; vgl. auch Diodor, XVI, 26. , sei durch die Länge der Zeit verschwunden. Man sollte glauben, sie sprächen von Wein oder Salzfischen, die durch das Alter verdunsten. Es handelt sich um die Kraft eines Ortes und nicht bloß um eine natürliche, sondern auch um eine göttliche Kraft. Wohin ist denn diese verschwunden? Durch das Alter, wirst du sagen. Welches Alter kann denn wohl eine göttliche Kraft aufzehren? Was ist aber so göttlich wie ein Hauch aus der Erde, der den Geist so erregt, daß er die Zukunft vorauszusehen imstande ist, so daß er dieselbe nicht nur lange vorher erblickt, sondern auch in Rhythmen und Versen verkündigt? Wann aber ist diese Kraft verschwunden? Etwa seitdem die Menschen angefangen haben, weniger leichtgläubig zu sein? 118. Demosthenes wenigstens, der vor ungefähr dreihundert Jahren lebte, sagte schon damals, daß die Pythia philippisiere, das heißt, sie halte es gleichsam mit Philippos Den Ausdruck ›phillipizein‹ gebraucht zwar Demosthenes nicht in seinen Reden; aber Aischines (Rede gegen Ktesiphon, S. 520 f.) und Plutarch (Leben des Demosthenes, Kap. 20) erwähnen es. . Damit zielte er aber darauf hin, daß sie vom Philippos bestochen sei. Hieraus läßt sich abnehmen, daß auch in anderen Delphischen Orakeln manches nicht aufrichtig gewesen sei. Aber – ich weiß nicht wie – jene abergläubischen und beinahe fanatischen Philosophen wollen, scheint es, alles lieber als nicht albern sein. Ihr wollt lieber, daß das verschwunden und erloschen sei, was, wenn es jemals gewesen wäre, gewiß ewig sein würde, als an etwas nicht glauben, was keinen Glauben verdient. LVIII. 119. Ein ähnlicher Irrtum findet sich bei den Träumen. Wie weit ist ihre Verteidigung hergeholt! Unsere Seelen, meinen sie, sind göttlich und von außen her angezogen, und die Welt ist von einer Menge übereinstimmender Seelen angefüllt, und durch diese Göttlichkeit des Geistes selbst und die Verbindung mit den äußeren Geistern werde nun das Zukünftige geschaut. Zenon Über Zenon siehe I, 3, 5. aber glaubt, die Seele ziehe sich zusammen, versinke gleichsam und falle zusammen, und eben das heiße schlafen. Ferner Pythagoras und Platon Vgl. zu der folgenden Stelle I, 29 und I, 30, 62, wo dasselbe Verbot bei den Pythagoreern erwähnt wird. , die zuverlässigsten Gewährsmänner, schreiben vor, daß man, um im Schlafe zuverlässigere Erscheinungen zu sehen, durch eine bestimmte Pflege und Nahrung vorbereitet sich zum Schlafen begeben solle. Der Bohnen enthalten sich die Pythagoreer gänzlich, gerade als ob durch diese Speise der Geist und nicht der Leib aufgebläht würde. Aber ich weiß nicht, wie es kommt, es kann nichts so abgeschmackt behauptet werden, was nicht von einem Philosophen behauptet würde. 120. Glauben wir etwa, daß die Seelen der Schlafenden durch sich selbst während des Träumens in Bewegung gesetzt werden oder daß sie, wie Demokritos meint, durch eine von außen hinzukommende Erscheinung angestoßen werden? Mag es nun so oder anders damit sein, es kann den Träumenden viel Falsches als wahr erscheinen. Denn auch den Seeleuten scheint sich das zu bewegen, was stille steht, und bei einer gewissen Art des Blickes sieht man an einer Laterne zwei Lichter statt einem. Was soll ich noch sagen, wieviel den Wahnsinnigen, den Trunkenen selbst erscheint? Wenn man nun dergleichen Erscheinungen nicht trauen darf, so weiß ich nicht, warum man den Träumen glauben soll. Denn über jene Irrtümer läßt sich, wenn du willst, ebenso wie über die Träume streiten, so daß man sagen kann, wenn das, was steht, sich zu bewegen scheint, es bedeute ein Erdbeben oder irgendeine plötzliche Flucht; durch ein doppeltes Licht einer Laterne aber werde angezeigt, daß Zwiespalt und Aufruhr im Werke sei. LIX. 121. Ferner läßt sich aus den Erscheinungen der Wahnsinnigen oder Trunkenen Unzähliges durch Mutmaßung entnehmen, was als zukünftig erscheinen kann. Denn wer sollte den ganzen Tag schießen und nicht einmal treffen? Wir träumen ganze Nächte, und es ist fast keine einzige, in der wir nicht schliefen, und wundern wir uns, daß einmal das, was wir geträumt haben, eintrifft? Was ist so ungewiß wie der Wurf der Würfel? Und doch ist niemand, der bei häufigerem Werfen nicht einmal den Venuswurf Vgl. I, 13, 23. täte, bisweilen auch zwei- und dreimal. Wollen wir nun etwa wie die albernen Leute lieber sagen, daß dies durch den Einfluß der Venus als durch Zufall geschähe? Wenn man zu anderen Zeiten falschen Erscheinungen nicht vertrauen darf, so sehe ich nicht ein, was der Schlaf voraus hat, daß bei ihm das Falsche als wahr gelten soll? 122. Wenn es so von der Natur eingerichtet wäre, daß die Schlafenden das täten, was sie träumten, so müßten alle, die schlafen gingen, angebunden werden. Denn sie würden im Traum gewaltigere Bewegungen machen als irgendein Wahnsinniger. Wenn man nun den Erscheinungen der Rasenden keinen Glauben zumessen darf, weil sie falsch sind, so sehe ich nicht ein, warum man den Erscheinungen der Träumenden glauben soll, die noch viel verwirrter sind. Etwa weil die Wahnsinnigen ihre Erscheinungen dem Ausleger nicht erzählen, die aber es tun, welche geträumt haben? Ich frage nun, wenn ich etwas schreiben möchte oder lesen oder singen oder Zither spielen oder wenn ich eine geometrische oder physikalische oder dialektische Aufgabe lösen möchte, ob ich da auf einen Traum warten muß oder lieber die Kunst anwenden, ohne die sich nichts von diesen Dingen machen und bewerkstelligen läßt. Nun würde ich aber nicht einmal, wenn ich schiffen wollte, so steuern, wie ich geträumt hätte; denn die Strafe würde auf dem Fuße nachfolgen. 123. Wie ist es also zweckmäßig, daß die Kranken lieber bei dem Traumdeuter als bei dem Arzte Heilmittel suchen? Oder kann Aesculapius Aesculapius, bei den Griechen Asklepios, Sohn des Apollon und der Nymphe Koronis, war der Schüler des Cheiron in der Heilkunde; wegen seiner großen medizinischen Kenntnisse wurde er als Gott der Heilkunde besonders zu Epidauros in Argolis verehrt, von wo er während der Pest (293 v. Chr.) auf den Ausspruch der Sibyllinischen Bücher hin nach Rom geholt wurde. Zu Epidauros war zugleich mit dem Tempel eine Heilanstalt verbunden, eine Inkubation (vgl. oben I, 43, 96), wo die Leidenden sich zum Schlafe niederlegten, um im Traum eine Offenbarung über die anzuwendenden Heilmittel zu erlangen. oder Serapis Serapis, eine bekannte Gottheit der Ägypter, die später auch in Griechenland und Rom verehrt wurde. Serapis hatte einen Tempel zu Kanopos in Unterägypten, wo ebenfalls die Kranken durch Inkubationen Heilung suchten. Vgl. Strabo XVII, 1, 17. uns im Traum eine Heilung von der Krankheit vorschreiben, Neptun aber den Steuernden nichts? Und wenn Minerva Minerva, die griechische Athene, wurde in Attika auch als Göttin der Gesundheit verehrt. ohne einen Arzt Arznei gibt, werden die Musen die Wissenschaft des Schreibens, Lesens und der übrigen Künste den Träumenden nicht verleihen? Aber wenn die Heilung von einer Krankheit so verliehen würde, so würde auch das, was ich angeführt habe, verliehen werden. Da nun dies nicht geschieht, so wird auch die Arznei nicht verliehen. Und wenn diese aufgegeben ist, so fällt auch das ganze Ansehen der Träume damit weg. LX. 124. Doch das mag auch am Tage liegen; jetzt wollen wir ins Innere einen Blick tun. Entweder bewirkt irgendeine göttliche Kraft, die für uns sorgt, die Andeutungen durch Träume; oder die Traumdeuter erkennen aus einer gewissen Zusammenstimmung und Verbindung der Natur, die sie ›Sympatheia‹ Unter ›Sympatheia‹ verstanden die Stoiker den consensus, die cognatio, coniunctio naturae, das naturgemäße Zusammentreffen gewisser Erscheinungen in den verschiedenen Teilen der Welt. Im Anfang des 69. Kapitels wird die ›Sympatheia‹ nochmals erwähnt. nennen, was den Träumen gemäß einer jeden Sache zukomme und was auf jede Sache folge; oder es ist keines von beidem der Fall, sondern es ist eine beständige und langjährige Beobachtung darüber vorhanden, was, wenn man etwas im Schlafe gesehen hat, danach einzutreten und zu erfolgen pflegt. Denn zuerst muß man einsehen, daß keine göttliche Kraft die Schöpferin der Träume ist. Und das ist einleuchtend, daß keine Traumerscheinungen von dem Willen der Götter ausgehen; denn die Götter würden doch unsertwegen dies tun, damit wir die Zukunft voraussehen könnten. 125. Wieviel Menschen gibt es aber nun, die den Träumen gehorchen, die sie einsehen, die sich ihrer erinnern, wie viele aber, die sie verachten und für einen Aberglauben eines schwachen und altweibischen Geistes halten? Warum sollte also Gott aus Sorge für diese Menschen sie durch Träume warnen, die jene nicht nur nicht der Beachtung, sondern nicht einmal der Erinnerung für wert erachten? Denn Gott kann es nicht unbekannt sein, wie jeder gesinnt ist, und es ist der Gottheit nicht würdig, etwas vergebens und ohne Grund zu tun, was sogar der Beständigkeit eines Menschen zuwider wäre. Wenn so die meisten Träume entweder unbekannt bleiben oder vernachlässigt werden, so weiß dies entweder Gott nicht, oder er bedient sich ohne Grund der Andeutungen durch Träume. Aber hiervon kommt keines von beiden einem Gotte zu. Also muß man eingestehen, daß von Gott nichts durch Träume angezeigt wird. LXI. 126. Auch danach frage ich, warum Gott, wenn er uns diese Erscheinungen, um vorauszusehen, sendet, sie uns nicht lieber im Wachen als im Schlafe gibt. Denn mag ein von außen kommender Anstoß die Seelen der Schlafenden in Bewegung setzen oder mögen die Seelen durch sich selbst bewegt werden oder mag es sonst eine Ursache geben, weshalb wir während des Schlafes etwas zu sehen, zu hören oder zu treiben glauben, so könnte dieselbe Ursache auch beim Wachenden stattfinden. Und wenn die Götter dies unsertwegen im Schlafe täten, so könnten sie dasselbe auch im Zustand des Wachens tun; zumal da Chrysippos Über Chrysippos vgl. I, 3, 6. in seiner Widerlegung der Akademiker behauptet, daß das, was die Wachenden sähen, viel deutlicher und gewisser sei, als was sich im Traum zeige. Es war also der göttlichen Wohltätigkeit, wenn sie für uns sorgen wollte, würdiger, deutlichere Erscheinungen den Wachenden zu geben als dunklere vermittels des Traumes. Weil nun dies nicht geschieht, so darf man die Träume nicht für göttlich halten. 127. Wozu aber sind eher die Umschweife und Umwege nötig, daß man Traumdeuter zu Rate ziehen muß, statt daß Gott, wenn anders er uns raten wollte, geradezu sagen sollte: ›Dies tue, dies tue nicht!‹ – und dieses Gesicht würde er eher einem Wachenden als einem Schlafenden geben. LXII. Wer möchte ferner zu behaupten wagen, daß alle Träume wahr seien? ›Einige Träume sind wahr‹, sagt Ennius, ›daß es aber alle seien, ist nicht nötig Vgl. Ribbeck, Fragmente, wo der Vers lautet: Aliquot sunt vera somnia, at non omnia est necesse. .‹ Was ist denn das für eine Unterscheidung? Welche Träume hält sie für wahr, welche für falsch? Und wenn die wahren von Gott gesandt werden, woher entstehen die falschen? Denn wenn auch diese göttlich sind, was ist dann wankelmütiger als Gott? Oder was ist ungereimter, als die Geister der Sterblichen durch falsche und trügerische Erscheinungen aufzuregen? Wenn aber die wahren Erscheinungen göttlich, die falschen und nichtigen aber menschlich sind, was ist das für eine Willkür, zu bestimmen, daß dies Gott, jenes die Natur gemacht haben soll, statt vielmehr alles auf Gott, was ihr leugnet, oder alles auf die Natur zurückzuführen? Weil ihr nun jenes leugnet, müßt ihr notwendig dies zugestehen. 128. Natur aber nenne ich den Zustand der Seele, in dem sie niemals ruhen und von Tätigkeit und Bewegung frei sein kann. Wenn sie wegen Erschlaffung des Körpers sich weder der Glieder noch der Sinne bedienen kann, so verfällt sie auf mannigfaltige und unbestimmte Erscheinungen von den anhaftenden Überbleibseln der Dinge, wie Aristoteles In dem Buch Über Träume und Traumdeutungen. sagt, die sie im Wachen getan oder gedacht hat. Aus der Verwirrung dieser entstehen bisweilen wunderbare Erscheinungen von Träumen. Wenn von diesen die einen falsch, die anderen wahr sind, so möchte ich fürwahr wissen, an welchem Merkmale sie unterschieden werden. Gibt es keines, wozu sollen wir jene Traumdeuter anhören? Gibt es eins, so trage ich Verlangen; zu hören, was es für eins ist. Aber sie werden sich verlegen fühlen. LXIII. 129. Denn jetzt kommt es zur Streitfrage, ob es wahrscheinlicher sei, daß die unsterblichen Götter, die über alles herrlich und erhaben sind, nicht nur zu den Betten aller irgendwo lebenden Sterblichen, sondern auch zu ihren elendesten Lagern umherlaufen, und wenn sie einen schnarchen sehen, diesem gewisse verworrene und dunkle Bilder vorhalten, damit er sie im Schrecken über den Traum frühmorgens dem Traumdeuter hinterbringt, oder daß die Seele, durch die Wirkung der Natur in lebhafte Bewegung versetzt, das, was sie im Wachen gesehen hat, im Schlafe zu sehen glaubt. Ist es der Philosophie würdiger, dies durch den Aberglauben von Wahrsagerinnen oder durch die Erklärung aus der Natur zu deuten, so daß, wenn auch eine wahre Deutung der Träume deutlich wäre, dennoch diejenigen sie nicht machen könnten, die ein Gewerbe daraus machen; denn sie gehören gerade zu dem geringsten und unwissendsten Menschenschlag. Deine Stoiker aber behaupten, daß niemand mit Ausnahme des Weisen weissagen könne. 130. Chrysippos wenigstens definiert die Weissagung mit folgenden Worten: Sie sei eine Kraft, die die von den Göttern den Menschen gegebenen Zeichen erkenne, einsehe und erkläre, ihr Geschäft aber sei es, vorher zu erkennen, wie die Götter gegen die Menschen gesinnt seien, was sie anzeigen und wie dies abgewandt und gesühnt werden müsse. Ebenfalls definiert er die Deutung der Träume auf folgende Weise: Sie sei die Kraft, die alles das wahrnehme und erkläre, was den Menschen von den Göttern im Traum angezeigt werde. Wie nun? Hat man hierzu eine mittelmäßige Klugheit nötig oder einen vorzüglichen Geist und eine vollendete Bildung? Von der Art habe ich aber noch keinen Wahrsager kennengelernt. LXIV. 131. Bedenke also, ob wir, wenn ich dir auch zugestehen würde, daß es eine Weissagung gibt, was ich niemals tun werde, dennoch einen Weissager finden können. Wie steht es denn mit dem Verstand der Götter, wenn sie uns weder das im Schlaf anzeigen, was wir für uns selbst einsehen, noch das, wofür wir Ausleger haben können? Denn wenn uns die Götter solche Erscheinungen vorführen, wovon wir weder Kenntnis noch wozu wir einen Ausleger haben könnten, so sind sie in einer ähnlichen Lage, wie wenn Punier oder Spanier im römischen Senat ohne Dolmetscher reden würden. 132. Und wozu dienen ferner die Dunkelheiten und Rätsel der Träume? Denn die Götter müßten doch wollen, daß wir die Warnungen einsehen, die sie unsertwegen geben.« – »Wie? Ist kein Dichter, kein Physiker dunkel?« – »Ja, gar zu dunkel ist jener Euphorion Euphorion aus Chalkis war ein Dichter und Gelehrter des Alexandrinischen Zeitalters, geb. um 270 v. Chr. . Aber nicht Homer! Wer von beiden ist nun der bessere?« – 133. »Herakleitos Herakleitos, ein berühmter Philosoph der Ionischen Schule, geb. um 500 v. Chr. zu Ephesos. Man hatte ihm den Beinamen der Dunkle gegeben, vgl. Anmerkung 3. ist sehr dunkel, Demokritos gar nicht.« – »Sind sie also zu vergleichen? Du gibst mir um meinetwillen eine Warnung, die ich nicht verstehen soll? Wozu warnst du mich also? Wie wenn ein Arzt einem Kranken vorschriebe: einzunehmen eine ›Erdgeborene, wandelnd im Gras, Hausträgerin, blutleer Wahrscheinlich hat Cicero den Vers einem Verse nachgebildet, den Athenaios (II, S. 53 d.) als ein Gesellschaftsrätsel anführt. ‹, anstatt nach menschlicher Weise eine Schnecke zu nennen. Denn als der Pacuvianische Amphion Über Pacuvius siehe I, 57, 131. Die Verse sind aus der Antiope. Amphion, der gleich darauf der Kitharaspieler genannt wird, und Zethus, zwei Brüder, werden in der Antiope miteinander im Wortwechsel über die Musik streitend eingeführt. Zethus mißgönnt seinem Bruder Amphion den Ruhm in der Tonkunst. Amphion fügte durch die Macht seiner Töne die Mauern Thebens zusammen. etwas sehr dunkel gesagt hatte: ›Vierfüßig, langsam schreitend, niedrig, mild und rauh, Kurzköpfig, schlangenhalsig, und mit stierem Blick, Entweidet, leblos, doch mit seelenvollem Ton Cum animali sono, dem vorhergehenden inanima entgegengesetzt, bezieht sich auf die Schildkröte, aus welcher Merkur, nachdem sie entweidet (eviscerata) und leblos (inanima) geworden war, die Kithara erfunden haben soll. ‹, so antworten die Attiker: ›Wir verstehen es nicht, wenn du nicht deutlich redest.‹ Und er spricht mit einem Wort: ›die Schildkröte.‹ Konntest du, Kitharaspieler, das nicht gleich am Anfang sagen? LXV. 134. Es trägt einer dem Traumdeuter vor, er habe geträumt, daß ein Ei am Gurte seiner Bettstelle hinge. Dieser Traum steht in dem Buch des Chrysippos. Der Traumdeuter antwortet, unter dem Bett sei ein Schatz vergraben. Er gräbt nach und findet ziemlich viel Gold, und zwar von Silber umgeben. Er schickt dem Deuter so viel von dem Silber, wie ihm gutdünkt. Darauf sagte jener: ›Und nichts von dem Dotter?‹ Denn dadurch schien ihm beim Ei das Gold bezeichnet zu werden, durch das übrige das Silber. Hat also niemand sonst je von einem Ei geträumt? Warum hat also dieser eine, ich weiß nicht wer, allein einen Schatz gefunden? Wie viele Arme, die des Beistands der Götter würdig sind, werden durch keinen Traum daran erinnert, einen Schatz zu suchen? Weshalb aber wurde er auf so dunkle Weise erinnert, daß erst aus dem Ei die Ähnlichkeit mit dem Schatze in ihm aufstieg, anstatt vielmehr ihm geradezu zu befehlen, den Schatz zu suchen, so wie dem Simonides Vgl. I, 27, 56. geradezu verboten wurde, sich einzuschiffen? Folglich sind dunkle Träume durchaus nicht mit der Würde der Götter vereinbar. LXVI. 135. Wir wollen jetzt auf die offenbaren und klaren Träume kommen, wie der ist von dem Mann, der zu Megara von dem Gastwirt ermordet wurde Vgl. I, 27, 57. Dasselbe erzählt auch Curtius Rufus IX, 8; vgl. auch Diodor XVII, 103 und Strabo XV, 2, 7. Der hier erwähnte Ptolemaios ist der Sohn des Lagus, einer der Feldherren Alexanders des Großen, der später der erste König von Ägypten aus dem Hause der Lagiden wurde. Olympias war die Tochter des Königs Neoptolemos in Epeiros, Gemahlin Philipps, des Königs von Makedonien, und Mutter Alexanders des Großen. , wie der von Simonides, der durch den von ihm Bestatteten gewarnt wurde, sich einzuschiffen, auch wie der Traum Alexanders, den du zu meiner Verwunderung übergangen hast. Als sein Freund Ptolemaios in der Schlacht von einem vergifteten Pfeile getroffen war und an dieser Wunde unter den größten Schmerzen den Tod vor Augen sah, wurde Alexander, der bei ihm saß, vom Schlaf überwältigt. Da soll ihm im Traume der Drache, den seine Mutter Olympias hielt, mit einer Wurzel im Munde erschienen sein und zugleich gesagt haben, an welcher Stelle jene wüchse – es war nicht weit von dem Ort entfernt – und daß deren Kraft so bedeutend sei, daß sie den Ptolemaios leicht heilen könnte. Als Alexander erwacht sei, habe er den Traum seinen Freunden erzählt und Leute ausgeschickt, um jene Wurzel zu suchen. Nachdem sie gefunden war, soll Ptolemaios und viele Soldaten, die von derselben Art von Pfeilen verwundet worden waren, geheilt worden sein. 136. Viele Träume hast du auch aus der Geschichte angeführt, von der Mutter des Phalaris, von dem älteren Kyros Vgl. I, 23, 46. , von der Mutter des Dionysios Vgl. I, 20, 39. , vom Punier Hamilkar Vgl. I, 24, 50. , von Hannibal Vgl. I, 24, 49. , von Publius Decius Vgl. I, 24, 51. , auch jenen allbekannten von dem Vortänzer, auch von Gracchus und den kürzlichen Traum der Caecilia, der Tochter des Balearicus Vgl. I, 44, 99. . Aber dieses sind fremde Träume Vgl. I, 23, 46. und deswegen uns unbekannt, einige vielleicht auch erdichtet. Denn wer ist Gewährsmann für sie? Was haben wir von unseren Träumen zu sagen? Du von meinem und meines Rosses Hervortauchen am Ufer, ich von Marius Vgl. I, 28, 59. mit den lorbeerbekränzten Rutenbündeln, der mich zu seinem Denkmal führen ließ? LXVII. Alle Träume, Quintus, haben einen Grund, und laßt uns bei den unsterblichen Göttern zusehen, daß wir diesen nicht durch unseren Aberglauben und unsere Verkehrtheit vergrößern! 137. Welchen Marius, glaubst du, habe ich gesehen? Eine Erscheinung von ihm, meine ich, und ein Bild, wie Demokritos will. Woher soll das Bild gekommen sein? Denn er behauptet, daß von festen Körpern und bestimmten Figuren Bilder ausströmen Vgl. II, 58, 120. Lucretius nennt diese Bilder (Von der Natur der Dinge IV, 34 ff.) simulacra. . Was war es nun für ein Körper des Marius? ›Eine Ausströmung‹, sagt er, ›aus dem, was er gewesen war. Alles ist voll von Bildern.‹ – Jenes Bild des Marius also begleitete mich auf das Atinatische Gebiet. – ›Denn es läßt sich keine Gestalt denken, außer durch eine Einwirkung von Bildern Nach der Ansicht des Demokritos nämlich. .‹ 138. Wie nun? Sind uns diese Bilder so auf das Wort gehorsam, daß sie, sobald wir wollen, herbeieilen? Auch von den Dingen, die gar nicht sind? Denn was gibt es für eine so ungewöhnliche, so nichtige Gestalt, die sich die Seele nicht ausdenken konnte? So daß wir uns auch von solchen Dingen, die wir niemals gesehen haben, dennoch eine Vorstellung machen, wie von der Lage der Städte, der Gestalt der Menschen. 139. Wenn ich mir die Mauern von Babylon oder das Gesicht Homers denke, macht etwa irgendein Bild von ihnen einen Eindruck auf mich? Also kann uns alles, was wir wollen, bekannt sein; denn es gibt nichts, was wir uns nicht denken könnten. Es schleichen sich also in die Seelen der Schlafenden keine Bilder von außen ein; es strömen überhaupt keine aus; und ich kenne keinen, der mit größerem Gewicht nichts sagte Nämlich als Demokritos, von dem die Rede ist. . Die natürliche Kraft der Seelen ist so beschaffen, daß sie im Wachen, ohne äußeren hinzutretenden Anstoß, sondern durch eigene Bewegung mit einer unglaublichen Schnelligkeit tätig sind. Solange sie durch die Glieder, durch den Körper und durch die Sinne unterstützt werden, sehen, denken und fühlen sie alles bestimmter. Wenn ihr aber diese entzogen sind und die Seele durch die Erschlaffung des Körpers verlassen ist, dann wird sie durch sich selbst in Bewegung gesetzt. Daher schweben in ihr Gestalten und Handlungen umher, und sie glauben vieles zu hören und vieles zu sagen. 140. Diese Dinge schweben in der schwachen und erschlafften Seele in großer Anzahl und auf alle Weise verwirrt und vervielfacht umher, besonders bewegen und regen sich in den Seelen Überreste derjenigen Dinge, die wir im Wachen gedacht oder getan haben, so wie mir zu jener Zeit Marius häufig vorschwebte, indem ich dachte, mit welch erhabenem und standhaftem Mut er sein schweres Unglück ertragen hatte. Das, glaube ich, ist der Grund gewesen, von ihm zu träumen. LXVIII. Dir aber, als du an mich mit Bekümmernis dachtest, schien ich plötzlich aus dem Fluß aufzutauchen. Denn in unserer beider Seelen lagen noch die Spuren der wachenden Gedanken. Aber einiges wurde hinzugefügt, wie bei mir das von dem Denkmal des Marius, bei dir, daß das Roß, auf dem ich ritt, mit mir zugleich unterging und wieder zum Vorschein kam. 141. Oder glaubst du etwa, daß irgendein altes Weib so wahnwitzig gewesen wäre, den Träumen Glauben zu schenken, wenn dergleichen nicht zuweilen durch Zufall und von ungefähr zusammenträfe? Dem Alexander schien der Drache zu reden. Dies kann überhaupt falsch, aber auch wahr sein; wie es sein mag, wunderbar ist es nicht. Denn jener hörte den Drachen nicht reden, sondern glaubte, ihn zu hören, und zwar, was noch um so außerordentlicher ist, er redete, indem er die Wurzel im Munde hielt. Aber nichts ist außerordentlich für einen Träumenden. Ich frage aber, warum hatte Alexander diesen so ausgezeichneten, so zuverlässigen Traum und warum nicht ebenfalls einen zu anderer Zeit und warum andere nicht viele dergleichen? Mir wenigstens ist außer diesem Marianischen in der Tat keiner vorgekommen, dessen ich mich erinnerte. Vergebens sind also so viele Nächte in einem so langen Leben zugebracht. 142. Jetzt gerade habe ich wegen der Unterbrechung der gerichtlichen Tätigkeit den Nachtwachen etwas abgezogen und die Mittagsruhe zugefügt, die ich früher nicht zu halten gewohnt war; und doch habe ich bei diesem vielen Schlafen nie durch einen Traum eine Erinnerung erhalten, und zumal bei so wichtigen Begebenheiten; und niemals glaube ich mehr zu träumen, als wenn ich auf dem Markt die Obrigkeiten oder in der Kurie den Senat sehe Cicero spricht hier mit bitterer Ironie im Hinblick auf die zutage tretenden Anzeichen des Verfalles gerade in den maßgebenden Kreisen des Staates. . LXIX. Und was ist denn – nach unserer Einteilung ist dies das zweite – für ein Zusammenhang und eine Zusammenstimmung in der Natur, was sie, wie ich gesagt habe, die Sympatheia nennen, dergestalt, daß man einen Schatz aus einem Ei erkennen soll? Denn die Ärzte erkennen aus gewissen Anzeichen die Annäherung und Steigerung der Krankheit; sie sagen sogar, es ließen sich einige Merkmale für den Gesundheitszustand, wie namentlich, ob wir vollsaftig oder entkräftet sind, aus einer gewissen Art von Träumen erkennen. Ein Schatz aber und eine Erbschaft, eine Ehrenstelle und Sieg und vieles von derselben Art, in welcher natürlichen Verwandtschaft steht es mit den Träumen? 143. Es soll einer, als er vom Beischlaf träumte, Blasensteine ausgeworfen haben. Ich sehe die ›Sympathie‹. Denn ihm ist im Schlaf ein solches Bild erschienen, daß die Kraft der Natur, nicht der Irrwahn die erfolgte Wirkung hervorbrachte. Welche Naturkraft hat also dem Simonides Vgl. I, 27, 56 und II, 65, 134. jene Erscheinung vorgeführt, die ihm verbot, sich einzuschiffen? Oder was für eine Verbindung mit der Natur hatte der aufgezeichnete Traum des Alkibiades Vgl. Cornelius Nepos und Plutarch. , der kurz vor seinem Tode im Schlafe glaubte, er sei mit dem Gewande seiner Geliebten bekleidet? Als er unbeerdigt hingeworfen war und von allen verlassen dalag, bedeckte seine Geliebte den Leichnam mit ihrem Mantel. Lag das also in der Zukunft und hatte natürliche Gründe? Oder hat der Zufall sowohl die Erscheinung wie den Erfolg hervorgebracht? LXX. 144. Wie, geben nicht die Vermutungen der Traumdeuter mehr ihren Geist als die Kraft und Übereinstimmung der Natur zu erkennen? Ein Wettläufer, der zu den Olympischen Spielen zu reisen gedachte, glaubte im Schlaf auf einem vierspännigen Wagen zu fahren. Früh geht er zum Traumdeuter. Und dieser sagt: ›Du wirst siegen. Denn dies deutet die Schnelligkeit und Kraft der Rosse an.‹ Derselbe kommt nachher zu Antiphon Antiphon, ein Athener s. I, 20, 39. . Der aber sagt: ›Du wirst notwendig besiegt werden. Siehst du denn nicht ein, daß vier vor dir hergelaufen sind?‹ – Sieh, ein anderer Wettläufer – denn von diesen und ähnlichen Träumen ist das Buch des Chrysippos und das des Antipater voll – ..., doch ich kehre zu dem Wettläufer zurück. Er trägt dem Ausleger vor, er habe im Traum geglaubt, ein Adler geworden zu sein. Und jener sagt: ›Du hast gesiegt. Denn kein Vogel fliegt gewaltiger als dieser.‹ Antiphon aber sagte ihm: ›Du Einfaltspinsel, siehst du nicht, daß du besiegt bist? Denn dieser Vogel, der andere Vögel verfolgt und jagt, ist selbst immer der letzte.‹ 145. Eine Frau, die Kinder zu haben wünschte und im Zweifel war, ob sie schwanger sei, träumte, ihre Natur sei versiegelt. Sie erzählte dies. Ein Traumdeuter behauptet, sie habe nicht empfangen können, weil sie versiegelt gewesen sei. Aber ein anderer sagt, sie sei schwanger; denn etwas Leeres pflege man nicht zu versiegeln. Was ist das für eine Kunst des Traumdeuters, der mit seinem Witze täuscht? Oder beweisen die von mir angeführten Beispiele und unzählige, die von den Stoikern gesammelt sind, etwas anderes als den Scharfsinn der Menschen, die aus einer gewissen Ähnlichkeit ihre Vermutungen bald hierhin, bald dorthin lenken? Die Ärzte haben gewisse Zeichen an den Adern und im Atem des Kranken und erkennen aus vielen anderen Erscheinungen die Zukunft voraus. Wenn der Steuermann die Blackfische Lolligo, der Tintenfisch. aufspringen oder die Delphine sich in den Hafen flüchten sieht, so glaubt er, dies zeige einen Sturm an. Dies läßt sich leicht durch Gründe erklären und auf die Naturgesetze zurückführen; das aber, was ich kurz vorher gesagt habe, auf keine Weise.« LXXI. 146. »Aber freilich, eine lang dauernde Beobachtung denn dieser eine Teil bleibt noch übrig – hat durch Aufzeichnung der Dinge eine Kunst erzeugt.« – »Meinst du? Können die Träume beobachtet werden? Auf welche Weise denn? Denn es gibt unzählige Mannigfaltigkeiten. Nichts läßt sich so verkehrt, so regellos und so ungeheuer erdenken, daß wir es nicht träumen könnten. Wie also können wir diese unendlichen und immer neuen Erscheinungen im Gedächtnis behalten oder durch Beobachtung aufzeichnen? Die Astrologen haben die Bewegungen der Irrsterne (Planeten) verzeichnet. Denn man fand bei diesen Sternen eine Ordnung, an die man früher nicht glaubte. Sag mir doch, welche Ordnung und welche Zusammenstimmung findet sich bei den Träumen? Auf welche Weise aber können die wahren Träume von den falschen unterschieden werden, wenn dieselben Träume bei dem einen so, bei dem anderen so und bei einem und demselben nicht immer auf dieselbe Weise eintreffen, so daß es mir wunderbar erscheint, da wir einem Lügner nicht zu glauben pflegen, auch nicht einmal, wenn er die Wahrheit sagt, wie jene doch, wenn einmal ein Traum in Erfüllung gegangen ist, nicht lieber wegen der vielen falschen diesem einen den Glauben absprechen, als um des einen willen unzählig viele für wahr halten. 147. Wenn also weder Gott der Schöpfer der Träume ist, noch die Natur irgendwelche Gemeinschaft mit den Träumen hat, noch durch Beobachtung eine Wissenschaft erfunden werden kann, so ist bewiesen, daß man den Träumen durchaus keinen Glauben schenken darf, zumal da die selbst, die sie sehen, nichts daraus weissagen, und diejenigen, welche sie auslegen, Mutmaßung und nicht die Natur zu Rate ziehen, der Zufall aber im Laufe von fast unzähligen Jahrhunderten bei allen Dingen mehr Wunderbares als bei den Erscheinungen der Träume hervorgebracht hat und da endlich auch nichts ungewisser ist als die Mutmaßung, die nach verschiedenen Seiten, bisweilen nach ganz entgegengesetzten hin gelenkt werden kann. LXXII. 148. Es werde also auch diese Weissagung aus den Träumen zugleich mit den übrigen verworfen. Denn um die Wahrheit zu sagen, ein Aberglaube, der sich über die Völker verbreitet, hat sich fast aller Gemüter und der menschlichen Schwäche bemeistert. Dies ist in den Büchern Vom Wesen der Götter gesagt worden, und auch in dieser Abhandlung habe ich darauf hauptsächlich hingearbeitet. Denn ich glaubte sowohl mir selbst wie auch meinen Mitbürgern zu nützen, wenn ich den Aberglauben gänzlich vernichtete. Keineswegs aber – und dies will ich sorgfältig verstanden wissen – wird mit der Vernichtung des Aberglaubens auch die Religion vernichtet. Denn es ziemt sich für einen weisen Mann, die Anordnungen der Vorfahren durch Beibehaltung der heiligen Gebräuche und Zeremonien zu erhalten; und die Schönheit der Welt und die Ordnung in den Himmelsräumen zwingt uns das Geständnis ab, daß es ein erhabenes und ewiges Wesen gebe und daß dieses von dem menschlichen Geschlecht verehrt und bewundert werden müsse. 149. So wie deshalb die mit der Erkenntnis der Natur verbundene Religion befördert werden muß, ebenso müssen alle Wurzeln des Aberglaubens ausgerottet werden. Denn er bedroht, bedrängt und verfolgt dich, wohin du dich auch wenden mögest, magst du auf einen Wahrsager oder auf ein Omen hören; magst du opfern oder nach einem Vogel ausschauen; wenn du einen Chaldäer oder einen Opferschauer siehst; wenn es blitzt, wenn es donnert, wenn es einschlägt; wenn etwas einem Wunder Ähnliches zur Welt gekommen oder geschehen ist; Dinge, von denen meistens notwendig sich etwas ereignen muß, so daß man niemals ruhigen Gemütes bleiben kann. 150. Eine Zuflucht für alle Mühseligkeiten und Kümmernisse scheint der Schlaf zu sein. Aber aus ihm selbst entspringen sehr viele Sorgen und Befürchtungen. Diese würden aber an sich weit weniger Einfluß ausüben und mehr verachtet werden, wenn sich die Philosophen Nämlich die Stoiker, gegen die der Neuakademiker Karneades auftritt. nicht als Beschützer der Träume aufgeworfen hätten, und eben nicht gerade die verachtetsten, sondern besonders scharfsinnige Männer, die Folgerichtiges und Widersprechendes erkannten, ja die schon fast für vollendet und vollkommen angesehen werden. Wenn Karneades nicht ihrer Anmaßung entgegengetreten wäre, so würden sie jetzt vielleicht allein für Philosophen gelten. Gegen diese fast allein ist meine Erörterung und mein Streit gerichtet, nicht weil ich sie am meisten geringschätzte, sondern weil sie ihre Ansichten mit dem größten Scharfsinn und der größten Klugheit zu verteidigen scheinen. Da es aber der Akademie Cicero meint die Neuere Akademie, deren Stifter eben Karneades ist; vgl. I, 4. Der Grundsatz dieser Schule war: Weder durch die Sinne noch durch die Vernunft könne die Wahrheit der Dinge erkannt werden; man müsse daher alles bezweifeln und könne bei der Untersuchung eines Gegenstandes durch Prüfung aller einzelnen Momente für und gegen denselben nur der Wahrheit nahe kommen; eine Gewißheit des Wissens bestehe nicht; nur verschiedene Grade der Wahrscheinlichkeit. Cicero bekannte sich zu dieser Lehre. eigentümlich ist, kein eigenes Urteil von sich aufzustellen, nur das zu billigen, was der Wahrheit am nächsten zu kommen scheint, die Gründe zu vergleichen und, was sich für eine jede Ansicht sagen läßt, darzulegen und ohne eigene Entscheidung anzuwenden, das Urteil der Zuhörer unbefangen und frei zu lassen, so wollen wir diese von Sokrates übernommene Gewohnheit festhalten und uns derselben unter uns, wenn es dir, mein Bruder Quintus, gefällt, recht oft bedienen.« – »Mir, fürwahr«, erwiderte jener, »kann nichts angenehmer sein.« Nach dieser Unterredung standen wir auf. Übersicht über Leben und Werke Ciceros Leben Am 3. 1. 106 v. Chr. wurde Marcus Tullius Cicero als Sohn eines römischen Ritters bei Arpinum geboren. Seinen Unterricht erhielt er von bekannten Rednern, Philosophen und Rechtsgelehrten in Rom; die rhetorische Ausbildung stand im Vordergrund. 79-77 Um seine Bildung zu vervollständigen, unternahm er eine Reise nach Griechenland. Er hielt sich besonders in Athen und Rhodos auf und hörte mehrere Philosophen. Außerdem befaßte er sich mit rhetorischen Studien. 75 war er Quaestor in Sizilien. 69 wurde er curulischer Aedil. 66 hatte er das Amt des Praetor urbanus inne und war für Erpressungsprozesse zuständig. 63 wurde Cicero zum Consul gewählt und deckte die catilinarische Verschwörung auf. Die Häupter der Verschwörung ließ er hinrichten. 58-57 wurde er in die Verbannung geschickt. Die Triumvirn warfen ihm vor, die Catilinarier ohne Gesetz verurteilt zu haben. Nach seiner Rückkehr, die von seinen Anhängern enthusiastisch gefeiert wurde, zog er sich zunächst vom politischen Leben zurück und wandte sich der Schriftstellerei zu. 53 war Cicero Augur. 51 mußte er als Proconsul nach Kilikien gehen. 49 entschied sich Cicero, nach langem Schwanken, für die Partei des Pompeius. 48-47 wartete er in Brundisium – nach der Entscheidung im Bürgerkrieg – auf die Begnadigung durch Caesar. 46-44 Unter der Alleinherrschaft Caesars wandte sich Cicero völlig literarischen Arbeiten zu. Im letzten Lebensjahr führte Cicero die republikanische Partei im Senat und kämpfte erbittert gegen Antonius, auf dessen Veranlassung er am 7. 12. 43 v. Chr. bei Formiae ermordet wurde. Hauptwerke 81 v. Chr. Pro Quinctio – älteste erhaltene Rede, betrifft Privatrechtsstreitigkeiten, Cicero verteidigte Quinctius. 80 Pro Sexto Roscio Amerino – erste Kriminalklage Ciceros; Sextus Roscius aus Ameria in Umbrien, ein reicher Mann, wurde in Rom ermordet und danach auf die Proskriptionsliste gesetzt. Günstlinge des Diktators Sulla waren an seinem Gut interessiert. Sein Sohn wurde des Mordes angeklagt, Cicero verteidigte ihn und erreichte seine Freisprechung. 70 In Verrem – Reden gegen Verres, 73 Propraetor in Sizilien, der wegen umfangreicher Erpressungen angeklagt war. Cicero führte die Klage und legte erdrückendes Beweismaterial vor. Verres begab sich daraufhin freiwillig in die Verbannung. Nach der Verhandlung verarbeitete Cicero den Stoff zu 5 Büchern. 66 De imperio Cn. Pompei – erste Staatsrede Ciceros. Er plädierte dafür, daß dem Cn. Pompeius der Oberbefehl im Krieg gegen Mithridates übertragen werde 63 De lege agraria – erste Consulatsrede. Cicero führte in 4 Reden das vom Volkstribunen P. Servilius Rullus eingebrachte Ackergesetz ad absurdum. In Catilinam – 4 Reden, mit denen Cicero die Verschwörung Catilinas aufdeckte, über die Verhaftung der Catilinarier berichtete und für deren Hinrichtung plädierte. 56 Pro Sestio – Sestius gehörte zu denen, die sich 57 sehr für Ciceros Rückberufung aus der Verbannung eingesetzt hatten. Cicero verteidigte ihn erfolgreich auf die Anklage gegen vis (Gewalt). 55 De oratore – diese 3 Bücher über den Redner gehören zu den vollendetsten Werken Ciceros. Er schreibt hier über die Ausbildung eines Redners, über die Behandlung des Stoffes und über Form und Vortrag der Rede. 54 De re publica – Dialog in 6 Büchern über die beste Form einer Verfassung. Hier greift Cicero auf Platon, Aristoteles und Theophrast zurück. Nur ein Drittel der Schrift ist erhalten. 52 Pro Milone – Milo war angeklagt, den Publius Sestius getötet zu haben; Cicero verteidigte ihn und versuchte, die Tat als Notwehr darzustellen. De legibus – eine nur fragmentarisch überlieferte Schrift über die Gesetze, ursprünglich wahrscheinlich in 6 Büchern. Cicero schrieb sie unmittelbar nach der Beendigung seines Werkes De re publica. 46 Brutus de claris oratoribus – an Hand einer Fülle historischen Materials bringt Cicero hier eine Darstellung der Geschichte der römischen Beredsamkeit. Orator ad M. Brutum – Cicero beschreibt sein Ideal vom Redner. 45 De finibus bonorum et malorum – 5 Bücher, in denen Cicero die Lehren der griechischen Philosophenschulen über das höchste Gut und Übel zusammenstellte. Tusculanae disputationes – benannt nach Ciceros Gut bei Tusculum, 5 Bücher, Gespräche über die menschliche Glückseligkeit, über Tod, Schmerz und Sorgen und deren Überwindung. 44 De natura deorum – ein Dialog in drei Büchern, in dem die Ansichten der Epikureer, Stoiker und Akademiker über das Wesen der Götter vorgetragen werden. Cato maior de senectute – zusammenhängender Vortrag zum Lob des Alters an Hand einer Darstellung von Catos Charakter. De divinatione – 2 Bücher, die die Schrift vom Wesen der Götter vervollständigen und sich mit dem Aberglauben befassen. Laelius de amicitia – Gespräch über die Freundschaft. De officiis – 3 Bücher, an seinen Sohn Marcus gerichtet, in denen Cicero, mit zahlreichen Beispielen aus der römischen Geschichte, über die Pflichten schreibt. 44/43 In M. Antonium orationum Philippicarum libri XIV – Reden, die Cicero gegen seinen politischen Gegner M. Antonius gehalten hat, in gereiztem Ton und leidenschaftlicher Sprache.