Horazens Briefe aus dem Lateinischen übersetzt und mit historischen Einleitungen und anderen nötigen Erläuterungen versehen von C. M. Wieland Inhalt:                 Zueignungsschrift der ersten Ausgabe Erstes Buch Erster Brief . An C. Cilnius Mäcenas Zweiter Brief . An Maximus Lollius Dritter Brief . An Julius Florus Vierter Brief . An Albius Tibullus Fünfter Brief . An Manlius Torquatus Sechster Brief . An Numicius Der siebente Brief . An Mäcenas Achter Brief . An Celsus Albinovanus Neunter Brief . An Claudius Tiberius Nero Zehnter Brief . An Fuscus Aristius Eilfter Brief . An Bullatius Zwölfter Brief . An Iccius Dreizehnter Brief . An Vinius Asella Vierzehnter Brief . An den Verwalter seines Landguts Fünfzehnter Brief . An Numonius Vala Sechszehnter Brief . An Quinctius Siebzehnter Brief . An Scäva Achtzehnter Brief . An Lollius Neunzehnter Brief . An Mäcenas Zwanzigster Brief . An sein Buch Zweites Buch Erster Brief . An Augustus Zweiter Brief . An Julius Florus Dritter Brief . An L. Calpurnius Piso und seine Söhne Zueignungsschrift der ersten Ausgabe An den Durchlauchtigsten Fürsten und Herrn,       Herrn Carl August, Herzog zu Sachsen etc. etc.             Regierenden Herzog zu Weimar und Eisenach Gnädigster Herr! Ich erneuere eine alte Gewohnheit, die, wie alle menschliche Dinge, zum Mißbrauch worden ist, aber in ihrer ursprünglichen Lauterkeit, wie so viele andere Gewohnheiten der Alten, fromm und löblich war: indem Ew. Durchlaucht ich hiemit öffentlich mit einem Werke huldige, das Ihnen aus einem gedoppelten Grunde zugehört. Was auch der einzige ganz unparteiische Richter aller menschlichen Dinge, die Zeit, über diese und andere Beschäftigungen meiner einsamen Stunden für einen Ausspruch tun mag: so habe ich es für Pflicht gehalten, ihr den großmütigen Fürsten zu nennen, Dem ich die glückliche Ruhe und Freiheit schuldig bin, in deren Schoße sie entstanden sind; Früchte jener edlen Studien, die von den Alten mit so vielem Rechte die Menschlichen und Liberalen genennt wurden, und zu welchen eine unwiderstehliche Neigung mich von der ersten Jugend an hingezogen hat. Wenn aber gleich, in diesem Betracht, alles was die Muse, die mir beim Eintritt ins Leben zur unzertrennlichen Gefährtin zugegeben wurde, unter Ew. Durchlaucht Auspizien mich zu unternehmen angetrieben hat und noch ferner antreiben mag, Ihnen zugehöret: so gilt dies doch ganz besonders und vorzüglich von gegenwärtigem Werke, als welches dem Beifall, womit Ew. Durchlaucht dessen erste Probe aufgemuntert, und meinem Verlangen, das Vergnügen so Sie daran fanden vollständig zu machen, sein Dasein ganz allein zu danken hat. Geruhen Sie also, Gnädigster Herr , diese Briefe, das Beste was uns von einem der edelsten und schönsten Geister des alten Roms übrig ist, in der teutschen Einkleidung, die ich selbigen zu geben versucht habe, mit Ihrer gewohnten Huld und Güte aufzunehmen; und betrachten Sie die Zueignung derselben als Wirkung eines von seinen Empfindungen schon lange gepreßten Herzens, das sich zu erleichtern wünscht, und, aus Mangel eines Eigentums das Ihrer würdig genug wäre, Ihnen die Kopei eines fremden Werkes darbietet, dessen ursprünglicher Wert groß genug ist, um nach allem, was es unter der zweiten Hand verloren hat, noch immer geschickt zu sein, Ew. Durchlaucht , in Augenblicken, welche Sie nicht unter die verlornen rechnen, eine angenehme und nützliche Unterhaltung zu geben. So gewogen auch die Grazien, deren ganz eigner Liebling Horaz unter den römischen Schriftstellern war, seinem Übersetzer sein möchten: so würden doch diese Briefe, um des bloßen Unterschieds der Sprachen und Zeiten willen, von jener Zierlichkeit, und Urbanität, die dem Original eigen sind, immer sehr viel verlieren müssen. Kein Gefühl, keine Kenntnisse, und kein Fleiß können die Schwierigkeiten gänzlich überwinden, die einem Übersetzer auf dieser Seite Trotz bieten. Aber, wie wenig ich mir auch über diesen Punkt schmeichle, so getraue ich mir doch zu sagen: daß Ew. Durchlaucht von dem, was an Horaz das Schätzbarste ist, von seinem Geist, und selbst von der eignen Laune und Manier, die ihn so besonders vor allen alten und neuern Schriftstellern auszeichnet, in der teutschen Kopei soviel wieder finden werden, als man von einem Übersetzer erwarten und fordern kann, der sich mit seinem Original bekannt genug gemacht hat, um alle seine Schönheiten zu fühlen, in alle seine Launen einzugehen, seinen oft mit Fleiß rätselhaft ausgedrückten Sinn zu erraten, und die Stimmung seines Gemüts, und die geheimem Absichten, die dieses oder jenes diktiert haben mögen, zu ahnen, wo es nicht möglich war sich ganz gewiß davon zu machen. Ein Kommentar ist vielleicht bei keinem Produkt der alten Literatur weniger entbehrlich, als bei den Horazischen Episteln. Nicht nur der Umstand, daß es größtenteils wirkliche Briefe sind, an Personen, mit denen er in besondern Verhältnissen stund, und meistens aus besondern Veranlassungen und mit besondern Absichten geschrieben, macht einige Kenntnis dieser Personen und Umstände notwendig, um das Individuelle darin aufzufinden, das sehr oft der Schlüssel zu dem wahren Sinn und den geheimem Schönheiten derselben ist: selbst dasjenige, was man in den schönsten Zeiten von Rom unter dem Wort Urbanität begriff, diesen Geschmack der Hauptstadt und diese feine Tinktur von Gelehrsamkeit, Weltkenntnis und Politesse, die man aus dem Lesen der besten Schriftsteller, und aus dem Umgang der kultiviertesten und vorzüglichsten Personen in einem sehr verfeinerten Zeitalter, unvermerkt annimmt, – selbst diese Urbanität an einem Schriftsteller gehörig zu empfinden, setzt eine Menge Kenntnisse voraus, die auch dem gelehrtern Teile der Leser nicht allezeit gegenwärtig sind. Ich hoffe daher, daß die Bemühungen, die ich mir zu diesem Ende gegeben, und die, ungeachtet alles dessen was mir von vielen gelehrten Auslegern des Horaz vorgearbeitet worden, nicht der leichteste Teil meiner Arbeit waren, wenigstens den Vorwurf der Überflüssigkeit nicht zu befürchten haben; und ich wünsche nur, daß sie eben so brauchbar befunden werden möchten, als sie notwendig waren. Vielleicht sollte ich noch die Unternehmung selbst, die Horazischen Briefe in unsre Sprache umzusetzen, rechtfertigen? Aber das erleuchtete Urteil, das Ew. Durchlaucht von dem Wert und Unwert dieser Art von literarischen Arbeiten fällen, überhebt mich dieser Mühe, da es sich auf den Gesichtspunkt gründet, woraus die einsichtsvollesten Männer bei allen kultivierten Völkern diese Sache immer angesehen haben. Was gegen den Nutzen der Übersetzungen aus fremden Sprachen eingewendet zu werden pflegt, gehört unter die Einwendungen, die man gegen alle menschlichen Dinge machen kann, und ist mit denselben völlig von einerlei Schlage. Ganz Europa antwortet dem Hrn. Linguet, der uns bewies, daß wir kein Brot essen sollten, dadurch – daß es Brot ißt. Die einzige Art, die Verächter der Übersetzungen der Alten zu widerlegen, ist, daß man gute Übersetzungen liefre. Möchte diejenige, Gnädigster Herzog , die ich Ew. Durchlaucht hiemit weihe, der Meinung entsprechen, welche Sie nach dem ersten Versuche, von dem was ich leisten könnte, faßten! Möchte sie lange genug zu dauern verdienen, um noch von der Nachwelt als ein Opfer angesehen zu werden, das die Musen durch meine Hand einem Teutschen Fürsten dargebracht, der sie ehrt und liebt; einem Fürsten, der jedes Talent, jedes Verdienst zu schätzen weiß, und dadurch verdient, sie um Sich her versammelt zu sehen. Wie vieles, was ich hier noch sagen möchte, und sagen müßte um nur die bloße Wahrheit zu sagen, versiegelt der Genius des Schweigens auf meinen Lippen. Und was bedarf es eines – in vieler Augen immer verdächtigen – Lobes, wo die Sache selbst laut genug spricht? Alles Gute kündigt, gleich dem Lichte, sich selbst an, indem es da ist; und läßt wohltätige und glänzende Spuren hinter sich, auch wenn es nicht mehr ist. Sie haben, Gnädigster Herr , schon den Morgen eines Lebens, dessen Anfang die Freude und Hoffnung so vieler Tausend Menschen war, mit Handlungen bezeichnet, die den schönsten Tag versprechen. In der Tageszeit, der ich mich unvermerkt nähere, liebt man auch das Gute vorauszusehen, das noch geschehen wird; und, indem wir selbst herabsteigen, ist uns der Anblick derer, die mit noch voller Kraft und Munterkeit zu allem was edel, groß und gut ist emporstreben, ein herzerhöhendes Schauspiel. Möchten Sie, Teuerster Fürst , im vollesten Maß des Glückes teilhaftig werden, in dem schönen Wirkungskreise, in dessen Mittelpunkt die Vorsehung Sie gesetzt hat, ungehemmt und unter dem Einfluß der günstigsten Sterne, jeden edeln Wunsch Ihres großen Herzens zu befriedigen! Geschrieben zu Weimar, den 12ten April 1782. Die Briefe des Horaz Erstes Buch Erster Brief An C. Cilnius Mäcenas Einleitung Über den Charakter des Mäcenas Mäcenas, der Gönner und Beschützer Virgils und Horazens, der Mann, dem diese berühmten Dichter den Zutritt bei August, und die glückliche Muße, wovon ihre besten Werke die Früchte waren, zu danken hatten, hat sich dadurch in eine so allgemeine Achtung bei der neuern gelehrten Welt, besonders unter uns Deutschen, gesetzt, daß sein Name, bevor er durch allzuhäufige und unedle Anwendung abgewürdigt worden, nicht anders als mit einer Art von religiöser Ehrerbietung ausgesprochen wurde. Die Literatoren machten es mit ihm, wie die Klerisei mit Constantin dem Großen, und die Juristen mit ihrem Divus Justinianus : sie behandelten es ordentlich als Pflicht, den Mann, der den Virgilen und Horazen Landgüter geschenkt hatte, und dessen Haus und Tafel den Gelehrten seiner Zeit offen gestanden, nicht nur als den Musarum Euergetem Optimum Maximum (wie ihn sein andächtigster Verehrer Meibom nennt), sondern auch als ein Muster aller Regenten- und Minister-Tugenden abzuschildern, und gegen alles, was etwa einen Schatten auf seinen Charakter werfen könnte, besonders gegen die Anschwärzungen des tadelsüchtigen Seneca , mit Faust und Ferse zu verteidigen. Auch wo sie mit allem Krümmen und Winden seine schwache Seite doch nicht ganz verbergen können, geben sie sich so viel Mühe, sie zu bemänteln, und bringen so viele Entschuldigungen vor, warum sie ihn dennoch leider! nicht von allen den Fehlern und Gebrechen freisprechen können, ohne die er nicht Mäcenas gewesen wäre: daß man glauben sollte, es sei der Welt und den Wissenschaften unendlich daran gelegen, daß der große Musenwohltäter durch alle Prädikamente einer Leichenrede ein Muster aller Tugenden gewesen sein müßte. Wenn man bedenkt, daß diese Herren am Ende doch wohl keinen andern Beweggrund dazu gehabt haben, als ihm für Wohltaten, welche nicht sie, sondern Leute, die schon viele hundert Jahre tot und verwest sind, von ihm empfingen, ihre Dankbarkeit zu bezeugen: so kann man nicht umhin, zu gestehen, daß die Gelehrten eine sehr gutherzige Art von Menschen sind; und die lobbegierigen Großen unsrer Zeit haben alle Ursache, sich dies zum Beweggrunde dienen zu lassen, dem guten Kaiser August und seinem tugendhaften Minister Mäcen in ihrer Freigebigkeit und Achtung gegen so dankbare Seelen rühmlichst nachzuahmen. Bei allem dem, und wiewohl man wenig berühmte Namen des Altertums öfter und mit einem günstigern Vorurteile genennt findet, scheint es doch, als ob die Vorstellung, die man sich gewöhnlich von seinem Charakter und von der Rolle, die er in Augusts merkwürdiger Regierung spielte, zu machen pflegt, nicht die richtigste sei. So ists z. B. ganz irrig, wenn er (wie häufig geschieht) ein Minister , oder gar (wie ein gewisser Heinrich Salmuth in seinen Notis ad Panciroll. de Nov. Invent. getan hat) ein Staats-Kanzler Augusts genennt wird. Es ist wahr, daß er diesem Fürsten, – dem es so schwer ist seinen wahren Namen zu geben, – so lange er noch Cäsar Octavianus hieß, bis zum Jahr der Stadt Rom 727, wo ihm die Oberherrschaft unter gewissen von ihm selbst klüglich vorgeschlagenen Modifikationen übertragen wurde, – viele wichtige Dienste leistete. Er teilte in dieser Zeit mit Agrippa, dem nochmaligen Schwiegersohn Augusts, das unumschränkteste Vertrauen des jungen Cäsars: er war ihm bei allen entscheidenden Gelegenheiten zur Seite; und es ist mehr als wahrscheinlich, daß Octavianus ohne den Beistand dieser beiden Männer das Ziel seiner Wünsche nie erreicht hätte. August selbst fühlte so stark, wie unentbehrlich ihm ein Freund wie Mäcenas war, daß er, einige Jahre nach dessen Tode, im Verdruß über die Folgen der heftigen Maßregeln, zu welchen er sich gegen seine Tochter Julia hatte verleiten lassen, schmerzlich ausrief: das wäre mir nicht begegnet, wenn Mäcenas noch lebte! Indessen machen doch alle diese guten Dienste den Günstling Augusts so wenig zu seinem Minister , als ihn das Privatsiegel desselben, welches ihm eine Zeitlang anvertraut war, zu seinem Kanzler macht Die Praefectura Urbis et Italiae , die ihm Octavian nach dem Siege bei Actium auf einige Zeit übertrug, war eine bloße Privat-Kommission , keine öffentliche Staatsbedienung. . Er tat in diesem allem bloß, was ein Freund für einen Freund tut, dessen Partei er ergriffen hat, dem er persönlich ergeben und mit dessen Interesse sein eigenes aufs engste verbunden ist. Er blieb dabei immer im Privatstande, verwaltete nie eine öffentliche Staatsbedienung, begnügte sich mit dem Ansehen, das ihm sein persönliches Verhältnis zu Augusten gab, und war zufrieden, unter zehntausend andern römischen Rittern nur um eine einzige Stufe höher zu stehen, als der gemeinste römische Bürger. Gesetzt aber auch, man wollte ihn, wegen seines Einflusses auf August, eben so uneigentlich, wie man diesen den ersten oder zweiten römischen Kaiser zu nennen pflegt, dessen Minister heißen; wiewohl solche Vermengungen der Namen immer auch Unrichtigkeit in den Begriffen nach sich ziehen: so scheint doch das große Aufheben, das die Neuem von ihm als dem größten aller Musageten machen, und das, was seinen Namen zum höchsten Ehrentitel aller Staatsmänner, die den Gelehrten günstig sind, gestempelt hat, mehr auf übertriebenen Vorstellungen zu beruhen, als auf Wahrheit. Daß er Dichter, witzige Köpfe und Gelehrte aller Arten (wenn sie Leute von guter Gesellschaft waren) gern um sich leiden mochte, und sie gelegenheitlich dem August empfahl, hatte, vors erste, einen sehr in die Augen fallenden politischen Grund; und dann, was war es mehr, als was sich bei jeder nicht ganz barbarischen Nation beinahe von jedem Manne von seinem Stande und Vermögen sagen läßt? – »Seine Tafel stand diesen Herren, deren Küche oft nicht die zuverlässigste ist, offen.« – Dafür war sie auch (wie August zwischen Scherz und Ernst sagte) eine mensa parasitica , wo die Nomentanen, Balathronen und Bathyllen eben so gut ihren Platz fanden, als Virgil und Varius, – kurz, was die Tafeln der Großen und Reichen von jeher waren. »Aber, er schenkte ja dem Horaz ein Landgütchen, und machte, daß August gegen Virgilen die nämliche Freigebigkeit bewies.« Gut! Was Horazen betrifft, so liebte er diesen vorzüglich; das Geschenk war auch an sich eben nicht beträchtlich Wie man aus dem 16ten Briefe sehen wird. und für einen Mann, den August aus der Beute der Proskriptionen und Bürgerkriege unermeßlich reich gemacht hatte, eine Kleinigkeit. Und für Virgilen , der durch Octavian selbst, während dem schändlichsten und grausamsten aller Triumvirate, um sein väterliches Erbgut gekommen war, was konnte dieser für einen Dichter wie Virgil weniger tun, als ihm wiedergeben, was ihm mit Ungebühr genommen worden war? Und wenn auch Horaz und Virgil eine Art von kleinem Glücke, womit nur so unschuldige und genügsame Leute als ihres gleichen zufrieden zu sein pflegen, durch Mäcens Vermittelung gemacht hätten: was hat Mäcen hierin vor einer Menge anderer seiner Art, vor und nach ihm, voraus? Nie ist vielleicht, wenn man die Sache genau untersuchen wollte, ein größerer Ruhm wohlfeiler erkauft worden, als der seinige. Man hat ihm zum Verdienst angerechnet, was der Zufall für ihn, ja sogar was er für sich selbst tat: und am Ende ist es doch weit weniger sein eignes Licht, als der Glanz, der von den Verdiensten und dem Ruhm seiner Freunde auf ihn zurückfiel, woraus der Nimbus entstand, in welchem die Nachwelt diesen vermeinten Musageten zu sehen gewohnt ist. Wie wenig übrigens den meisten daran gelegen sein mag, ihre Begriffe von einem Manne, der seine Rolle längst ausgespielt hat und ihnen weder Böses noch Gutes tun kann, mehr oder weniger zu berichtigen: so darf dies doch weder dem Übersetzer der Horazischen Briefe, noch Lesern, denen es darum zu tun ist, sie besser zu verstehen und einen Sinn für ihre feinsten Schönheiten zu bekommen, gleichgültig sein. Ich bin mit Shaftesbury Characteristiks Vol. III. Misc. I. c. 3. völlig überzeugt, daß man, ohne mit den Charaktern eines August, Mäcen, Florus, Lollius u. s. w. genauer bekannt zu sein, an den Briefen, die an sie gerichtet sind, den Geschmack nicht finden könne, den sie sonst für jeden Leser, der zum zartern Gefühl des Wahren und Schönen organisiert ist, haben müssen. Und da dies die hauptsächliche Ursache ist, warum ich mir die Arbeit der gegenwärtigen Übersetzung durch eine jedem Briefe vorangeschickte Einleitung mit Vergnügen erschwert habe: so wird das engere und individuelle Verhältnis, worin unser Dichter mit Mäcenas gestanden, mich um so mehr rechtfertigen, wenn ich noch einige Blätter dazu anwende, den Charakter dieses berühmten Mannes in so viel Licht zu setzen, als zu einer richtigern Vorstellung von diesem Verhältnis und zu besserm Verständnis der an ihn geschriebenen Briefe dienlich sein kann.   Mäcenas hatte, ungeachtet er sein Geschlecht von uralten hetrurischen Fürsten ableitete Das sind die atavi reges in der Ode an Mäcenas an der Spitze des ersten Buchs der Horazischen Oden. , weder einen von Voreltern geerbten Ruhm zu behaupten, noch scheint ihn die Natur mit der Anlage zu dem, was man einen großen Mann nennt, beschenkt zu haben. Desto mehr hatte er hingegen dem Glücke zu danken, welches ihn gerade in die Umstände setzte, worin er sich am meisten geltend machen konnte; und darin, daß er aus diesen günstigen Umständen den möglichsten Vorteil zu ziehen wußte, scheint sein größtes Verdienst bestanden zu haben. Ohne starke Leidenschaften, ohne Ehrgeiz, aber mit feinen Sinnen und hellem Kopfe, lebhaft genug um in entscheidenden Augenblicken tätig zu sein, klug und kaltblütig genug um alles, was er auf sich genommen, recht und ganz zu tun, sanguinisch genug um sich immer einen guten Erfolg zu versprechen und nicht leicht vor Schwierigkeiten zu erschrecken, aber zu bequem und wollüstig um die Geschäfte zu lieben und zu suchen, wenn ihn keine Notwendigkeit Vir, ubi res vigiliam exigeret, sane exsomnis, providens atque agendi sciens etc. Vellei. Paterculus L. II. 88. dazu trieb; – angenehm von Person, jovialisch im Umgang, mit einem guten Teil Gefälligkeit und Gutmütigkeit; eben so geduldig über sich scherzen zu lassen als geneigt über andre zu scherzen; auf eine angenehme Art (auch wohl bis zum Seltsamen) sonderbar in Kleinigkeiten, aber desto gründlicher in wichtigen Dingen; fein und geschmeidig um andre zu seinen Absichten zu gebrauchen, geschickt von allen Arten von Menschen Vorteil zu ziehen, aber behutsam in der Wahl seiner engern Freunde; treu und standhaft, sobald er gewählt hatte, und im Notfall jeder Aufopferung fähig: mit allen diesen Eigenschaften scheint Mäcenas recht ausdrücklich zu einem Vertrauten Augusts gemacht, und der Mann gewesen zu sein, den dieses eitle und ehrgeizige, aber schwache, furchtsame, unentschloßne, und demungeachtet der größten Übereilungen fähige Schoßkind des Glücks vonnöten hatte. Mit diesen Eigenschaften wußte er ihm, vom Anfang ihrer Verbindung an, ein Zutrauen einzuflößen, welches (eine einzige vorübergehende Erkältung ausgenommen) sich bis an seinen Tod immer gleich erhielt. Bei seinem Freunde Mäcen war Augusten immer wohl; denn er fand da immer alles, woran es ihm gerade fehlte, Rat, Auswege, Entschlossenheit, guten Mut, frohe Laune und (was in Verbindungen dieser Art nicht das Unwesentlichste ist) auch immer etwas, worin er sich selbst stärker und weiser fühlte, und womit er seinen Freund aufziehen konnte, ohne daß dieser dadurch von seiner guten Meinung verlor. August spottete gern über Mäcens Weichlichkeit, über seine Liebe zu Raritäten, Edelsteinen und Gemmen, über seine Affektation alte hetrurische Wörter ins Römische zu mengen, oder neue Wörter zu stempeln: dafür aber durfte auch dieser das bekannte Surge tandem earnifex Octavius saß einsmals (noch in den Zeiten des Triumvirats) zu Gericht, um eine Menge Leute (die nichts verbrochen hatten, als daß sie nicht von seiner Partei gewesen waren) zum Tode zu verurteilen. Mäcenas, der davon benachrichtigt wurde, und besorgte, er möchte der Sache zu viel tun, hätte ihm gern was ins Ohr sagen mögen: weil er aber vor der Menge des umstehenden Volkes nicht bis zum Richtstuhle dringen konnte, schrieb er nur die drei Worte: So steh doch einmal auf, Scharfrichter! auf seine Schreibtafel, und ließ sie durch die Umstehenden aus einer Hand in die andre dem Octavianus überreichen. Dio Cassius . B. 5. wagen, ohne Furcht, daß ein so kräftiger Lakonismus beleidigen werde. Mäcen, – der unter andern Umständen nie etwas anders, als was die Engländer in den Zeiten der Königin Anna und Georg des Ersten einen Man of Wit and Pleasure nannten, gewesen wäre, – da er durch die Umstände zum Vertrauten eines jungen Mannes wurde, der vielleicht die schwerste Rolle, die einem Staatsmann aufgegeben werden kann, zu spielen hatte, war eben darum, weil Witz und Liebe zum Vergnügen die Hauptzüge seiner Sinnesart waren , kein Mann, der sich im politischen Leben jemals einen Epaminondas oder Cato zum Muster vorgesetzt haben würde. Der Heroismus der Tugend, der immer bereit ist das Edelste zu tun und einer hohen Idee von moralischer Schönheit oder Größe jedes Opfer zu bringen, setzt eine Energie der Seele und eine Stimmung ihres reinsten Organs voraus, die nicht die seinige war. Er glaubte, daß Octavianus (da die Frage war, ob er die höchste Gewalt behalten , oder dem römischen Senat und Volke zurückgeben sollte?) nicht das, was in gewissem Sinn das Edelste , sondern was für den Staat , nach seinen damaligen Bedürfnissen, das Nützlichste , und zugleich für seine eigne Person das Sicherste sei, tun müsse. Die Gründe, warum er gegen die von Agrippa angeratene Zurückgabe stimmte, und der Regierungsplan, den er dem Octavianus bei dieser Gelegenheit verzeichnete S. Dion. L. 52 . Ungeachtet die Echtheit der Rede, welche dieser Geschichtschreiber dem Mäcen in den Mund legt, aus guten Gründen bezweifelt werden kann, so ist doch sehr wahrscheinlich, daß das Wesentliche des erwähnten Regierungsplans wirklich von Mäcen herrührte. , beweisen beide, daß Mäcen von dem, was nach damaliger Beschaffenheit der Menschen und Zeiten, und in Betrachtung der ungeheuern Größe des römischen Reichs, dem Staate das Nützlichste und für den Erben Cäsars das Sicherste war, sehr richtig geurteilt habe. In der Tat wurde in den letzten Zeiten der freien Republik das Interesse des Staats immer als Beweggrund und Zweck im Munde geführt: aber gewiß nie mit mehr Wahrheit und Würde, als es Mäcen bei dieser Gelegenheit tat. Sein Plan würde das römische Reich so glücklich gemacht haben, als es möglicherweise sein konnte, und glücklicher, als es unter der immer in sich selbst erschütterten, oder die übrige Welt verheerenden Republik nie gewesen war: wenn es nicht im Buche der Schicksale geschrieben gewesen wäre, daß die Welt durch die Tiberen und Caligula und Neronen und Domitiane erst gezüchtigt werden müsse, ehe sie durch die Titus, Trajane und Antonine wieder getröstet werden sollte. Man hat dem Günstling Augusts die Bescheidenheit, womit er auf alle Ehrenstellen im Staat Verzicht getan, um als bloßer römischer Ritter in der Dunkelheit des Privatstandes ein Leben zuzubringen, welches er so leicht durch Konsulate und Triumphe hätte glänzend machen können, als eine große Tugend angerechnet. Ich zweifle sehr, daß diese Tugend etwas anders als sein Temperament, seine Liebe zum Müßiggang und Vergnügen, und vielleicht auch seine Klugheit zur Quelle gehabt habe. Er besaß das Solide , das Ohr und Herz Augusts, die Liebe des Volks, unermeßliche Reichtümer, und alles, was einem Manne von seiner Denkart das Privatleben angenehm machen konnte: was kümmerte ihn also, ob sein Rock mit einer schmalen oder breiten Purpurstreife besetzt war? Für ihn selbst war kein sicherers Mittel, sich zu gleicher Zeit in der Gunst des Fürsten und des Volkes zu erhalten, als diese Mäßigung, die ihn von allen gefährlichen Kollisionen, von aller Verantwortung, von allen Gelegenheiten mißfällig zu werden, entfernte. Man rühmt seine Gutherzigkeit, seine Unschuld: Tausenden hatte er Gutes, niemanden jemals durch seinen Einfluß Übels getan Omnia cum posses tanto tam carus amico,     te sensit nemo velle nocere tamen. Pedo in Epiced. Maec. dist. 5 . Sein Verhältnis gegen August erlaubte ihm, allen verhaßten Diensten auszuweichen; er behielt sich nur die beliebten vor. Er empfahl, wirkte Gnaden aus, riet immer zur Gelindigkeit und Milde. Auf diese Weise hatte sein Ansehen eine Popularität , wobei er weder dem Fürsten verdächtig, noch den Männern, mit denen er seine Gewalt teilte, furchtbar werden konnte. Würde er sich in diesen Schranken haben erhalten können, wenn er dem Privatstand entsagt hätte? Aber auch für Augusten , den er so herzlich liebte, als er etwas außer sich selbst lieben konnte, war Mäcens Privatleben gerade die Lage, worin ihm dieser am nützlichsten sein konnte. Eine gewisse Entfernung von den öffentlichen Geschäften ist der Standpunkt, wo ein Mann, dem es weder an Welt- noch Menschen-Kenntnis fehlt, über die Geschäfte, und die darin verwickelten Personen, am richtigsten urteilen kann; und ein solcher Mann schickt sich in dieser Stellung am besten zum Ratgeber und Erinnerer dessen, der in dem Gedränge und der Hitze des aktiven Lebens nie Augen und Ohren, noch weniger innere Stille und Unbefangenheit genug hat, um keines Erinnerers zu bedürfen Speculatus est per summam quietem ac dissimulationem praecipitis consilia iuvenis (Octaviani) etc. Vellei. ibid. . Überdies, wo hätte August sich so gut erholen, aufheitern, wieder aufziehen, oder so bequem und angenehm unpäßlich sein können August hatte eine sehr schwächliche Gesundheit, und erwählte allemal das Haus des Mäcenas, um darin seine Unpäßlichkeiten abzuwarten. Sueton . , als im Hause des glücklichen und sorgenfreien Mäcen? Wie wichtig war für ihn ein Freund, an dessen selbst ruhigem Busen er wenigstens Augenblicke von Ruhe finden, in dessen Hause er den Beherrscher der Welt vergessen, und einige Stunden wieder Octavianus sein konnte? Wir haben den Mäcenas von der Seite angesehen, von welcher er sich am vorteilhaftesten ausnimmt. Sein Verhältnis gegen August, die Art, wie er sich seines Einflusses über ihn bediente, macht ihn liebenswürdig. Wenigstens verliert er in meinen Augen wenig dadurch, wenn er diesem Fürsten auch aus keinem andern Grunde so ergeben gewesen wäre, als weil er im ganzen römischen Reiche unter allen, welche einander die Oberherrschaft noch streitig machen konnten, keinen kannte, der mehr gute Eigenschaften, erträglichere Fehler, mehr Anlage zu dem, was ein Mann sein mußte, der die römische Republik unvermerkt in eine Art von Monarchie umschmelzen sollte, und (was doch jeder Günstling eines Fürsten in petto hat) der mehr Gelehrigkeit, sich von ihm leiten zu lassen , gehabt, kurz, der zu Mäcens eignem Plan von Glückseligkeit besser gestimmt hätte – als August. Was Mäcen in seinem eigentlichen Privatleben, in seinem Hause, in seiner Lebensweise, in seinem Geschmack, in der Wahl seiner Gesellschafter, und in seinen Vergnügungen war, wird uns vielleicht über das, was wir (mit einem Worte, dessen Urbild nicht Duns oder Occam , sondern kein geringerer als Cicero selbst Epistol. ad Familiar. L. III. 7. ullam Appietatem aut Lentulitatem valere apud me plus quam ornamenta virtutis existimas? erfunden hat) seine Mäcenität nennen möchten, noch nähere Aufschlüsse geben. Das Haus eines Römers von Stande und großen Reichtümern glich damals mehr einer prächtigen Hofhaltung, als der Wohnung eines Privatmannes; und Mäcen hielt vielleicht ein größeres Haus, als irgend ein andrer Römer, gewiß ein weit größeres, als August selbst. Wir lassen uns hier weder in die Vorwürfe ein, die ihm Seneca – unter allen Sterblichen der, aus dessen Munde diese Vorwürfe am anstößigsten sind – wegen seiner Üppigkeit macht, noch in die Rechtfertigungen oder Entschuldigungen, womit seine Lebensbeschreiber solche abzulehnen suchen. Genug, daß der Grund jener Vorwürfe nicht geleugnet werden kann. Mäcen baute sich auf den Exquilien einen Palast, eine Art von Colosseum , ( molem vicinam nubibus arduis , nennt es Horaz ) der, vermutlich seiner Höhe wegen, gewöhnlich der Turm des Mäcens genennt wurde. Man findet eine Abbildung davon auf dem 104ten Blatt des IIten Teils von Lauri Splendor antiquae Urbis , die wenigstens eine Idee gibt, wie dieses Wundergebäude ausgesehen haben könnte. Mäcen hatte daraus die Aussicht über die ganze Stadt und Gegend von Rom, bis nach Tivoli, Tusculum, Palästrina u. s. w., eine der herrlichsten, die sich denken läßt, und die ihm, mitten in den wollüstigen Gärten, zu welchen er den vorher höchst ungesunden Exquilinischen Berg umgeschaffen hatte, die Annehmlichkeiten der schönsten Villa zu genießen gab. Hier überließ er sich, – nach den Arbeiten und Unruhen der Bürgerkriege, und nachdem er endlich den Zweck aller seiner Bemühungen im 727sten Jahr der Stadt Rom (welches ungefähr das vierzigste seines Lebens sein mochte) erreicht hatte, und Augusten in ruhigen Besitz einer Macht und Würde, welche gewissermaßen sein Werk war, gesetzt sah – hier überließ er sich nun gänzlich seinem natürlichen Hang zur Ruhe, zum Vergnügen, und zu den Künsten, welche Töchter und Mütter des Vergnügens sind. Sein Haus, seine Tafel, seine Gärten waren der Sammelplatz aller witzigen Köpfe, Virtuosen, Baladins, fröhlichen Brüder, und angenehmen Müßiggänger in Rom. Alles atmete da Freude, Scherz und Wohlleben. Es war eine Art von Hof des Alcinous , wo jeder willkommen war, der zum Vergnügen des Patrons und der Gesellschaft etwas beizutragen hatte. Mäcenas war der Epikurischen Philosophie zugetan, sagen die Meibome . Dies mag von einem Teile der Theorie des Epikurs gelten. Sie war die natürlichste für Günstlinge des Glücks, die ihr Leben so sanft als möglich über die Blumen des Vergnügens hinrinnen lassen wollten, und auch im Philosophieren die Bequemlichkeit liebten. Aber in der Ausübung raffinierte er die Wollust gewiß ganz anders, als sein angeblicher Meister, der seine Mahlzeit mit etwas Brot und Käse hielt, und die Wollust , die ihm eine so schlimme Reputation gemacht hat, in bloße Freiheit von Schmerzen setzte. Mäcen glaubte vermutlich, daß Epikur an seinem Platze sich selbst eben so verstanden haben würde, wie er . Er dehnte die negative Wollust bis auf Freiheit von allem Zwange dessen, was nach den ältern römischen Sitten Anständigkeit geheißen hatte, und bis auf die ausgesuchtesten Gemächlichkeiten aus: und er tat noch so viel von der positiven hinzu, als er dienlich glaubte, den Geschmack des Lebens zu erhöhen und zu mannigfaltigen, ohne sich eben sehr genau an das goldne ne quid nimis zu binden. Üppigkeit und Frivolität bezeichnen auf eine sehr augenscheinliche Art den Charakter seiner liebsten Ergötzungen und Zeitvertreibe. Unter allen Schauspielen zog er die pantomimischen Tänze vor. Er war's, der sie zuerst öffentlich in Rom einführte: und jener seiner Kunst und Schönheit wegen so berühmte Bathyllus war sein Liebling Indulserat ei ludicro (histrionum) Augustus, dum Maecenati obtemperat, effuso in amorem Bathylli , sagt Tacitus Annal. I. c. 54. mit einer Stärke von Ausdruck, die ich sehr gemäßigt habe. . – Wir sehen aus einer Stelle des Plinius, daß sogar die kulinarische Philosophie ihm eine neue Erfindung zu danken hatte; denn er war der erste, der auf den Einfall kam, Füllen von Eselinnen Pullos asinarum epulari Maecenas instituit. H. N. VIII. 43. als ein leckerhaftes Gericht auf die Tafel zu bringen. Die Schlaffheit des Geistes , welche die natürliche Folge eines wollüstigen Müßiggangs ist, und die sich beim Mäcen sogar in seiner Kleidung, seinem Gang, in der Art, wie er seinen Kopf trug, äußerte, war auch in seiner Schreibart . Mäcen machte, zum Zeitvertreibe, Prose und Verse; aber der persönliche Umgang mit den besten Schriftstellern des goldnen Alters der römischen Literatur hatte wenig Einfluß auf seine Art zu schreiben. Sein Geschmack, sein Stil, seine Affektation sich ungewöhnlich auszudrücken, veraltete Wörter ohne Not zu brauchen, und neue ohne Not zu schmieden, sein labris columbari , und was dergleichen mehr ist, verraten (wie Seneca Im 114ten seiner Briefe. sagt) den Weichling , der sich auf öffentlichem Markt den Kopf mit seinem Pallio bedeckte, und mitten in den Unruhen des bürgerlichen Krieges, da die ganze Stadt bewaffnet war, in einem weiten ungegürteten Rocke, mit zwei Kastraten zu seiner ganzen Bedeckung, in den Straßen von Rom herumging. Es ist sehr möglich, daß Seneca ihm gerade diese beiden Kleinigkeiten schlimmer aufnimmt, als sie gemeint waren. Jenes konnte wohl eine notwendige Aufmerksamkeit auf seine Gesundheit zur Ursache haben, weil er (wenn Plinius Hist. nat. L. VII. c. 51 . Glauben verdient) sein ganzes Leben durch mit einem ununterbrochenen Fieber behaftet war; und mit diesem konnte er bloß zeigen wollen, wie sicher er sich, im Vertrauen auf seine gute Sache, mitten in den Verwirrungen der Republik halte, und wie stark er auf die Zuneigung des Volks rechne. Indessen ist nichts gewisser, als daß Mäcen ein ausgemachter Wollüstling war Otio ac mollitiis paene ultra feminam fluens. Vellei. l.c. , und daß sein Beispiel zu der großen Veränderung in den römischen Sitten, die (nach Tacitus Bemerkung) unter Augusts Regierung vorging, vieles beitrug: wiewohl man weder einen Sallust, noch Cicero, noch Plutarch gelesen haben müßte, wenn man ihn (wie Seneca zu tun scheint) für den ersten Verderber der Sitten in Rom halten wollte. Aber etwas, das bei einigem Nachdenken jedem einleuchten muß, ist die Betrachtung: daß in allem diesem die Politik des Mäcenas mit seinem eignen natürlichen Hang in einem Punkt zusammengetroffen sei. Eine so große Veränderung in der Staatsverfassung, wie er dem August hatte bewirken helfen, machte eine allgemeine Abspannung der Sitten , bis auf einen gewissen Grad, politisch notwendig; und es wäre ungereimt gewesen, wenn man vor dem, was in der freien Republik anständig geheißen hatte, mehr Respekt hätte tragen wollen , als vor den Gesetzen selbst . Die Römer, welche nun dem Willen eines einzigen gehorchen lernen, ihre ehemaligen Rechte und Wichtigkeit vergessen und bis auf den bloßen Begriff des Widerstehens verlieren sollten, mußten unter allen Arten von Ergötzungen und Zerstreuungen abgeartet, weichlich gemacht, und zu dem kindischen, parasitischen und sklavischen Charakter umgestimmt werden, den der leidende Gehorsam voraussetzt und notwendig macht. Das unbeschreibliche allgemeine Verlangen nach bloßer Sicherheit des Lebens und Eigentums, die Ungeduld von den zahllosen Drangsalen der bürgerlichen Unruhen endlich befreit zu werden, hatte schon viel getan, ihren ungelehrigen Nacken geschmeidiger zu machen Was wir in dem letzten Jahrzehend des achtzehnten Jahrhunderts erlebt haben, und die im Jahr 1804 ohne die geringste Schwierigkeit erfolgte Verwandlung des republikanischen Generals Bonaparte in den Kaiser Napoleon I. ist der beste Kommentar zu dieser Epoke der römischen Geschichte. : und August, von den Eingebungen Mäcens geleitet, ließ ihnen, in Absicht der Staatsverfassung , alles, was die Täuschung, daß die Republik noch stehe, verlängern konnte. Eadem magistratuum vocabula , sagt Tacitus. Aber in Absicht der Sitten mußte alles je bälder je lieber ein neues Gepräge und das Ansehen einer angenehmen Veränderung bekommen: und was man im Senat, im Forum, und im Campus Martius an Freiheit verloren hatte, mußte an Befreiung vom Zwang des strengem Wohlstands, an Freiheit nach seinem eignen Belieben leben und dem Genius indulgieren zu dürfen, ersetzt werden. Das waren freilich keine Maximen, die man pro rostris ankündigte, oder in den Schulen lehren lassen konnte. Aber Mäcen lehrte sie durch sein Beispiel ; und die Römer waren so gelehrig, und übertrafen hierin ihren Meister in kurzem so weit, daß der Luxus, den ihm Seneca mit so vieler Deklamation vorwirft, in Vergleichung mit demjenigen, wovon er in seinem 95sten Briefe als Augenzeuge spricht, sich in die Einfalt des Saturnischen Weltalters verliert. Was ich bisher von Mäcenas gesagt habe (und wozu man noch mehr Belege in der Kompilation des Meibomius , wiewohl in sehr schlechter Ordnung zusammengeworfen, finden kann), scheint mir hinreichend zu sein, jedem Leser begreiflich zu machen: wie diejenigen, die als Freunde mit ihm lebten, und aus günstigem Vorurteil, oder Sympathie, oder Dankbarkeit, oder aus allen diesen Ursachen zusammengenommen, ihn nur von der schönen Seite sehen wollten (in welchem Falle unser Dichter sich mit ihm befand), ja, wie sogar ein Pedo , der ihm (wie es scheint) nicht einmal von Person bekannt war, von dem liebenswürdigen Teil seines Charakters eingenommen, sich beeifern konnte, seine Schwachheiten zu entschuldigen. Ich kann mir nichts Sonderliches dabei denken, wenn ihm Seneca , um des einzigen Verses willen: Nec tumulum curo, sepelit natura relictos, worin ich nichts als die Vorstellungsart eines echten Epikuräers sehen kann, einen großen und männlichen Geist zuschreibt, wofern er ihn (wie der Philosoph hinzusetzt) nur nicht, zugleich mit seiner Person, entgürtet hätte Epist. 92. am Schlusse. Habuit ingenium grande et virile, nisi illud secum discinxisset . . Aber, wenn man keine Ursache hat, ihn einen großen, geschweige (wie der gelehrte Rodomont Julius Cäsar Scaliger tut) einen göttlichen Mann zu nennen: so kann man hingegen schwerlich irren, wenn man sich ihn als einen Mann vorstellt, der alle Eigenschaften besaß, die ihm das Herz seiner Freunde gewinnen, und sein großes Glück (was sonst den Neid zu reizen pflegt) zu einem neuen Beweggrunde des Wohlwollens für alle, die ihn kannten, machen konnten. Horaz rühmt ihn nie anders, als wegen der Eigenschaften seines Geistes und Herzens, wegen der Offenheit und Munterkeit seines Umgangs, wegen seiner Bekanntschaft mit der Literatur beider Sprachen, wegen seiner Bescheidenheit in einem so schimmernden Glücke, und wegen des edeln, freien und von allen Intriguen gänzlich entfernten Fußes, wie man in seinem Hause lebte, und dergl. Aber wer hatte auch mehr Ursache, als Horaz, ihn zu lieben, und das Beste von ihm zu sagen, was sich ohne Schmeichelei sagen ließ? Indessen deucht mich, aus dem Bilde, das wir uns von ihm gemacht haben, und welches das Resultat aller bis zu uns gekommenen Züge seines Charakters ist, sei auch so viel klar: daß man sich ihn, dem ungeachtet, in Rücksicht auf die Gelehrten, deren Freund und Gönner er war, nicht viel anders denken müsse, als wie Personen von seinen Umständen auch in unsern Zeiten zu sein pflegen. Er war mehr Weltmann als Philosoph, mehr Liebhaber als Kenner, hatte mehr Witz als Geschmack, und war zu gelehrt in der Kenntnis der Smaragde, Beryllen und Perlen Sueton. vita Horat. , um für die sublimen Schönheiten der Werke des Genies einen vorzüglichen Sinn zu haben. Ein Mann, der die Pyladen und Bathyllen so ungemessen liebte, konnte schwerlich den ganzen Wert eines Varius und Virgils fühlen. Kurz, Eitelkeit, Bedürfnis sich zu amüsieren, und politische Rücksicht auf die Vorteile, welche August in mehr als einer Betrachtung von einem liberalen Betragen gegen die besten Köpfe, besonders die Geschichtschreiber und Dichter seiner Zeit, ziehen konnte, hatten, nach aller Wahrscheinlichkeit, wenigstens eben so viel Anteil an seiner Freundschaft für die merkurialischen Männer (wie Horaz sich und seines gleichen nennt Od. II. 17. ), als seine wirkliche Teilnehmung an ihren Personen und sein Geschmack an ihren Werken. Wenn etwa eine Ausnahme hierin zu machen sein sollte, so wär' es für unsern Dichter , zu welchem Mäcenas (wie es scheint) eine besondere persönliche Zuneigung trug, und von welchem er hinwieder zärtlich geliebt wurde: wie die schöne Ode: Cur me querelis exanimas tuis , einem jeden beweisen muß, der nicht alles, was ein Dichter in dem wärmsten Tone des Gefühls sagt, für Täuschung der Phantasie und Aufwallung des Augenblicks hält. Horaz, scheint es, würde ihm, wenn er auch kein so guter Odendichter gewesen wäre, durch die Eleganz seines Geistes und seiner Sitten, durch seinen Witz, seine angenehme Laune, kurz, durch alles das, weswegen ihn Shaftesbury the most Gentleman-like of Roman Poets Characteristiks Vol. I. p. 328. nennt, noch immer wohl genug gefallen haben, um ihn zu seinem Freunde zu machen, und ihn zu der Art von Vertraulichkeit zu berechtigen, die wir, in Verbindung mit der feinsten Urbanität, aus allen seinen an Mäcenas gerichteten Werken atmen sehen. Ob der Brief, welcher unter den dreien an Mäcenas den ersten Platz einnimmt, und die Stelle einer Zueignung und Vorrede zu vertreten scheint, wirklich erst damals, da Horaz das erste Buch seiner Briefe herausgeben wollte, zu diesem Ende verfertigt worden – wie man sowohl aus dem Inhalt, als aus der Überschrift, ad Maecenatem Adlocutio , welche Torrentius in einer sehr alten Handschrift gefunden, schließen könnte – oder ob er schon zuvor, als eine Art von Apologie für die Untätigkeit seiner Muse, in Antwort auf einige freundliche Vorwürfe, welche ihm Mäcenas deswegen gemacht, geschrieben worden sei, läßt sich schwerlich ausmachen, und tut auch nichts zur Sache. Wahrscheinlich scheint es immer, daß die Freunde unsers Dichters (zumal diejenigen, welche sich ein näheres Recht an ihn erworben zu haben glaubten) von der günstigen Aufnahme seiner Satiren, Epoden , und Oden , und von der großen Meinung, die man daraus von seinen Fähigkeiten gefaßt hatte, Gelegenheit genommen haben mochten, seiner Muse mehr zuzumuten , und größere Dinge von ihr zu erwarten, als er zu leisten Beruf und Neigung in sich fühlte. Vermutlich glaubte man auch damals, Dichtern, welche das Glück oder Unglück hatten zu gefallen , ein gar schmeichelhaftes Kompliment zu machen, wenn man, so viel sie auch schon gegeben haben mochten, dennoch nie zufrieden war, sondern immer noch mehr erwartete. Eine Art von Kompliment, womit man dem Schriftsteller, wiewohl auf eine höfliche Art (damit er sich für die Beleidigung noch bedanken müsse) zu verstehen gibt, daß er am Ende doch nur ein Leibeigener des Publikums sei: wie etwa die Baladins und Gladiatoren zu Rom, welche man als Leute ansah, die für das bißchen Anteil an Himmel und Erde, das man ihnen gönnt, und für die Ehre eines Beifalls, der nicht immer vor Hunger schützt, nie genug für das Vergnügen des müßigen Teils der Welt arbeiten können. Horaz scheint sich im Eingang der gegenwärtigen Epistel diese demütigende Vergleichung gefallen zu lassen; aber er wendet sie sogleich zu seinem Vorteil an, indem er behauptet: daß er alt genug sei, um auf das Privilegium der Gladiatoren (wenn sie lange genug gedient hatten, mit dem Stäbchen der Entlassung beschenkt zu werden) Anspruch zu machen. Seine besten Jahre, die Zeit der Scherze und Spiele, seien vorüber, und er finde nötig, das was er noch zu leben habe, nicht der Dichtkunst, die ihm nie etwas anders als ein Spiel gewesen sei, sondern der Philosophie des Lebens, der Verbesserung und dem Genusse seiner selbst, zu widmen. Der Kontrast dieser Art zu denken mit derjenigen, welche zu seiner Zeit, zumal unter jenen Personen herrschte, die durch ihre Talente und die Gunst der Großen ihr Glück (wie man's nennt) zu machen hoffen konnten, macht den Hauptinhalt dieses Briefes aus; und die Wendungen, welche Horaz dabei nimmt, sind mit vieler Feinheit gewählt, um zu eben der Zeit, da sie den Witz seines hohen Freundes belustigten, die Partie der häufigen Entfernung von Rom und der philosophischen Muße, welche er selbst ergriffen hatte, in das vorteilhafteste Licht zu stellen. Etwas, was die Briefe an Mäcen ganz besonders auszeichnet, ist eine gewisse leichte Farbe von Persiflage , welches (nach allem, was wir von ihm wissen) der Ton war, der in dem Hause dieses reichen und üppigen Günstlings Augusts herrschte; und der auch unserm Dichter so natürlich war, daß er oft bei den ernsthaftesten Gegenständen, gleichsam unvermerkt, davon überrascht wird. Immer hören wir den feinen Weltmann , der mit dem Witz, als einer Art von Wagen, wovon er vollkommen Meister ist, so frei und sicher spielt, als ob er alle Augenblicke verwunden wollte; aber immer nur spielt, nie verwundet, und eben dadurch, daß er andere nie seine ganze Stärke fühlen läßt, dem Schicksal der meisten witzigen Köpfe, bewundert und gehaßt zu werden, glücklich zu entgehen weiß. Du, dem mein erstes Lied gewidmet war, und nun auch meiner Muse letzte Frucht gebührt, warum, Mäcen , mich, den man schon genug gesehn und fernern Diensts entlassen, von neuem zu dem alten Spiel zurück zu nötigen? Ich bin an Jahren und an Sinnesart nicht mehr der vorige. Vejan, um seine Freiheit länger nicht dem Volke am Rand des Fechtplans abzubetteln, hing sein Schwert in Herkuls Tempel Jede Profession hatte bei den Alten ihren Patron unter den Göttern; und wer eine Kunst, die er mit Ruhm getrieben hatte, aufgeben wollte, hing die Werkzeuge derselben in einem Tempel des Schutzgottes auf. Daß die Gladiatoren unter dem Schutze des Herkules gestanden, wie Turnebus meint, ist vielleicht nicht erweislich: aber wenigstens war dieser vergötterte Athlete sehr wohl dazu geeignet, oder Vejan konnte ihn zu seinem besondern Schutzpatron erwählt haben; und so widmete er ihm nun sein Schwert , wie die Lais des Dichters Plato in der Anthologie der Liebesgöttin ihren Spiegel . auf, und steckt verborgen in seinem Meierhof Der Vejanius , mit welchem Horaz sich hier vergleicht, hat den gelehrtesten Auslegern viel Mühe gemacht. Wer war er? Gehörte er unter die gewöhnlichen Gladiatoren, welche sich zu diesem blutigen Handwerk selbst verkauft hatten? Oder war er einer von den seltnern, die ihrer außerordentlichen Leibesstärke und Geschicklichkeit wegen, weniger aus Not als aus Ruhmbegier und Liebe zur Kunst, Profession davon machten? War er ein guter oder ein schlechter Fechter? War er schlecht, wie kam er zu der Ehre, daß ihn das Volk, auch nachdem er schon mehr als einmal entlassen worden war, immer wieder sehen wollte? War er gut, wie konnte er so oft in den Fall kommen, das Volk um sein Leben bitten zu müssen? – Ich glaube zwischen allen diesen Klippen am besten durchzukommen, wenn ich dem Torrentius folge, der in Auflösung der knotigen Stellen unsers Autors nicht selten glücklich ist. Horaz sagt nicht, daß Vejan das Volk um sein Leben gebeten habe (das extrema arena populum exorare läßt ohne Zwang auch eine andre Deutung zu) – er bat nur, endlich einmal im Ernst entlassen zu werden, oder, er verbat sich inständigst die Ehre, immer wieder von neuem aufgefordert zu werden; weil er des gefährlichen Spiels müde war, und so ein großer Meister der Kunst er auch sein mochte, doch immer Gefahr lief, von einem jüngern und rüstigern Nebenbuhler endlich überwältigt, und so, durch die Indiskretion des Volks, dessen Liebling er schon lange gewesen war, zuletzt in seinem Alter auf einmal um einen sauer erworbenen Ruhm gebracht zu werden. Um diesem Schicksal zu entgehen, hing Vejan sein Fechterschwert im Tempel des Herkules auf, entfernte sich von Rom, und verbarg sich in irgend einer italienischen Provinz in seinen Meierhof. Durch diese Auslegung paßt nun auch die Vergleichung so gut auf unsern Dichter, daß es überflüssig wäre, ein Wort mehr davon zu sagen. . Auch mir, Mäcen , raunt oft ich weiß nicht welche Stimm' ins Ohr: »Sei klug, und spann den alten Renner noch in Zeiten aus, bevor er auf der Bahn, wo einst der Sieg ihn krönte, lahm und keuchend die Lenden schleppt und zum Gelächter wird.« Diese ganze Epistel ist so voller Anspielungen, daß es wohl möglich ist, daß Horaz hier den Dämon des Sokrates , oder irgend eine Stelle vom Plato oder einem andern Griechen im Auge gehabt haben könnte. Cruquius führt den Herodot an, der von dem Deus in nobis (dem, was die Griechen, im Gegensatz mit der sinnlichen Seele, den verständigen und göttlichen Teil der menschlichen Natur nannten) sagt: er habe seinen Sitz in den Ohren (εν ωσὶ τω̃ν ανθρώπων οικέει). Lambinus erinnert sich hiebei der Stelle des Platonischen Kritons , wo Sokrates, nachdem er die Gesetze und die Republik von Athen redend eingeführt hat, wie sie ihm die Gründe vorhalten, warum es ihm nicht erlaubt sei zu fliehen, da er, wiewohl ( seinem Urteil nach) schuldlos, von ihnen zum Tode verurteilt worden war hinzusetzt: » er glaube alles dies eben so zu hören, wie Personen, die mit der korybantischen Wut befallen seien, ein Getön von Flöten zu hören glauben; und der Laut dieser Reden halle so stark in ihm , daß er nichts anders davor hören könne .« – Übrigens war's nicht wohl möglich, weder die Schönheit des Worts personare , noch das Scherzhafte, das (wie ich vermute) in dem Beiwort purgatam aurem liegt, im Deutschen schicklich auszudrücken. Denn ich glaube nicht, daß Horaz bei seinem gereinigten Ohr an die philosophische Reinigung der Seele, qua proprio et innato nobis vigore ad similitudinem Dei traducimur , wovon Cruquius hier träumt, gedacht habe: sondern daß er nur einem etwa zu besorgenden glatten Spaß des Mäcenas auf eine gleich scherzhafte Art habe zuvorkommen wollen. Gehorsam dieser Warnung hab' ich nun der Verse und des andern Spielwerks mich entschlagen Man würde unrecht haben, wenn man dieses vermeintliche eigne Geständnis unsers Dichters für die Meinung derjenigen anführen wollte, welche die Poesie für bloßes Spielwerk, und eines weisen Mannes, besonders in einem gewissen Alter, unwürdig halten. Denn daß Horaz die Übung der Dichtkunst mit dem Quid verum atque decens curare sehr wohl habe zusammenreimen können, sieht man aus seiner Epistel an den Lollius , aus der Sokratischen Philosophie, die er den jungen Dichtern in der Epistel an die Pisonen empfiehlt, und aus vielen andern Stellen seiner Werke. Die meisten Ausleger fehlen darin, daß sie ihm alles, was er sagt, immer zu ernsthaft, zu dogmatisch nehmen, und oft ganz zu vergessen scheinen, zu wem , unter welchen Umständen , in welcher Stimmung , und in welcher Absicht er etwas sagt. Hier war's ihm hauptsächlich darum zu tun, sich von den Zudringlichkeiten eines römischen Großen loszumachen, der zwar sein Freund, aber doch zugleich ein Mann war, welcher Ansprüche an ihn zu haben glaubte. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Mäcenas den Ruhm, den sich Horaz durch seine lyrischen Gedichte erworben, als einen Beweggrund bei ihm geltend machen wollte, in dieser Laufbahn fortzufahren: und er mag sich leicht so ausgedrückt haben, als ob aus diesem Beifall eine Art von Verbindlichkeit erwachse, die Erwartung des Publikums und seiner Freunde durch neue Werke zu befriedigen. Horaz liebte seine Freiheit und das sacrosanto far niente zu sehr, um sich nicht gegen so beschwerliche Anmaßungen auf alle Weise sicher zu stellen. Er spricht also von seinen Poesien mit einer Verachtung, die ihm eben nicht sehr von Herzen ging, als von bloßer Versemacherei, von Spielwerk (was sie denn auch zum Teil waren) und behauptet, daß es sich für sein Alter nicht mehr schicken wolle, sich damit abzugeben. Wir werden aus andern Briefen, und besonders aus dem zweiten an seinen Freund Julius Florus , sehen, wie viel Ursache ein Mann von seiner feinen Sinnesart hatte, kein Bel-Esprit von Profession nach damaligem Schnitt sein zu wollen; und je mehr wir ihn kennen lernen, je weniger werden wir auffallend finden, wenn er, ungeachtet er seinen Ruhm, die Gunst des Mäcenas, und die glückliche Muße seines Lebens hauptsächlich seinem poetischen Talente zu danken hatte, doch so ungern für ein ordentliches Mitglied der Dichterzunft seiner Zeit angesehen sein wollte, daß er sogar kein Bedenken trägt zu versichern, die bloße Not habe ihn angetrieben, Verse zu machen; und nun, da er zu essen habe, würde ihn alle Niesewurz der Welt nicht genug ausreinigen können, wenn er sein Leben nicht lieber mit Schlafen als Versemachen zubringen wollte »Sag', was ich tun soll?« »Nichts! das Versemachen aufgeben.« »Nun, ich will gehangen sein, wofern dies nicht das Beste wäre – aber, Freund, ich kann nicht schlafen.« – Satire an den Trebaz . . Daß übrigens in dergleichen Stellen mehr Laune des Augenblicks als Ernst und Wahrheit gewesen sei, zeigt sich schon genugsam daraus, weil mitten unter seinen ewigen Versicherungen, daß er keine Verse mache, die Liebhaberei gleichwohl stärker war, als sein Vorsatz: Ipse ego, qui nullos me affirmo scribere versus, invenior Parthis mendacior etc. – , und was wahr und recht ist, kümmert     Prima dicte mihi, summa dicende Camena, spectatum satis et donatum iam rude quaeris, Maecenas, iterum antiquo me includere ludo. Non eadem est aetas, non mens. Veianius, armis \<5\> Herculis ad postem fixis, latet abditus agro, ne populum extrema toties exoret arena. Est mihi purgatam crebro qui personet aurem: »Solve senescentem mature sanus equum, ne peccet ad extremum ridendus et ilia ducat.« \<10\> Nunc itaque et versus et cetera ludicra pono, quid verum atque decens curo et rogo et omnis in hoc sum, mich ganz allein; ich leb' und webe d'rin, bemüht, mir einen Vorrat einzusammeln, wovon ich bald im Winter zehren könne . Anspielung auf die bekannte Fabel von der Grille und Ameise. Horaz begegnet dadurch dem Einwurfe, daß er noch nicht so alt sei, um den Spielen der Musen aus Unvermögen zu entsagen. Fragst du, in welche von den Weisheitsschulen Athens ich eingeschrieben sei Die Philosophie, als die Kunst zu leben , wurde bei den Griechen gleich andern schönen Künsten behandelt; sie hatte ihre Meister und Schulen wie die Bildnerei und Malerei. Sokrates machte zwar selbst keine Sekte – eben weil er Sokrates war: aber alle nach ihm entstandene philosophische Schulen und Sekten wurden von irgend einem der Seinigen gestiftet oder veranlaßt. Plato , der berühmteste unter seinen Anhängern, stiftete die Akademie , Aristoteles , d er größte Kopf unter Platons Schülern, das Lyceum . Aristipp machte sich zwar sein eignes System, aber kann, so wenig als Sokrates, für das Haupt einer Schule gehalten werden, wiewohl man ihn dazu gemacht hat. Antisthenes wurde der Vater einer Sekte, die mit dem wenig rühmlichen Namen der Cynischen , d. i. der Hündischen , sich gleichwohl in Ansehen zu setzen wußte, und unter den Philosophen das war, was die Söhne des heiligen Franz von Assisi unter den Mönchen. Hundert Jahre nach Sokrates Tode wurden Zeno und Epikur , indem jener die Weltbürgerschaft des Antisthenes, dieser den Egoismus des Aristippus zu läutern suchte, die Stifter zweier neuer Schulen, welche in kurzem über alle übrigen hervorragten, aber in allen ihren Begriffen und Grundsätzen Gegenfüßler waren. Die Epikurische empfahl sich durch die größte Freiheit im Denken, durch den offnen Krieg, den sie dem Aberglauben, dem Fanatismus und allen Vorurteilen ankündigte, und durch eine Sittenlehre, die den meisten einleuchten mußte, weil sie, mit dem wenigsten Aufwand von Anstrengung, ein heitres und schmerzenfreies Leben versprach. Jene erhielt, von der großen Stoa oder Halle zu Athen, wo ihr Stifter und seine Nachfolger zu lehren pflegten, den Namen der Stoischen. Sie zeichnete sich auf der einen Seite durch eine Naturlehre aus, die sich mit der herrschenden Religion weit besser vertrug, als die der übrigen Sekten: auf der andern durch eine Moral, die den Menschen veredelte, indem sie die vollkommenste Ausübung der Tugend, und die angestrengteste Tätigkeit zum Besten des Vaterlandes und der allgemeinen menschlichen Gesellschaft zur einzigen Bedingung der Glückseligkeit machte. Sollte man nicht denken, die tugendhaftesten Männer, besonders diejenigen, die den immer zunehmenden Verfall der griechischen Freistaaten noch aufzuhalten suchten, müßten sich in der Stoa gebildet haben? Gleichwohl weiß man davon nichts; vielmehr macht ihr Plutarch in einem eignen Traktat den Vorwurf, daß sie die Tätigkeit zum Besten des Staats zwar in ihren Schulen und Schriften lehre, die Ausübung ihrer Grundsätze aber andern überlasse – ein Vorwurf, der gewissermaßen allen andern Sekten gilt. Zwischen diesen angesehenem Familien der griechischen Philosophie erhielt sich die Cynische , als die Mutter der Stoischen, oder vielmehr als eine Art von philosophischem Orden , der in der Freiheit von allen gesellschaftlichen Banden die höchste Glückseligkeit , und in der Entbehrung aller Dinge, die nicht schlechterdings zum Dasein unentbehrlich sind, die höchste Vollkommenheit des Menschen setzte. Mit der Folge der Zeit nahm auch die Akademie verschiedene neue Gestalten an, welche ihr unter einem so müßigen, neugierigen, und alles schöne Geschwätze so sehr liebenden Volke, wie die Griechen waren, wieder Zulauf verschafften. Sie empfahl sich durch die Scharfsinnigkeit und Beredsamkeit ihrer Lehrer, und durch den großen Grundsatz der Ungewißheit aller menschlichen Erkenntnis, der ihnen Gelegenheit gab, über alles für und wider zu reden; und da die Kunst zu reden , und eine Sache von allen ihren Seiten, oder, von welcher Seite man es zu seiner Absicht nötig fand, zu zeigen, in den damaligen Freistaaten das unentbehrlichste Werkzeug des Staatsmanns war: so wurde es zur guten Erziehung eines jungen Menschen von Stande für eben so notwendig gehalten, sich in der neuen Akademie zum Redner als in der Stoa zu einem wohlgesitteten und rechtschaffnen Mann bilden zu lassen. In dieser Verfassung befanden sich die philosophischen Schulen der Griechen, als die ungelehrten Römer mit ihnen bekannter zu werden anfingen. Nichts kann wohl ungleichartiger sein, als der Geist und Charakter der Römer und der Griechen, selbst noch um die Zeit der berühmten Gesandtschaft des Karneades Des Stifters der sogenannten Neuen Akademie . Er wurde zugleich mit dem Stoiker Diogenes und dem Peripatetiker Kritolaus in Angelegenheiten der Stadt Athen nach Rom abgeschickt. , welche die Epoke ist, da die griechische Philosophie und Redekunst, die nur wenige Jahre zuvor durch ein Edikt des Senats aus Rom verwiesen worden war, mit dem Ansehen einer öffentlichen Gesandtschaft bekleidet zurückkam, um eine Art von Triumph über die Beherrscher der halben Welt innerhalb ihrer eignen Ringmauern zu erhalten. Ungeachtet des lebhaften Eindrucks, den diese drei Philosophen (besonders Karneades , der witzigste und redseligste aller Griechen seines Jahrhunderts) auf die edle römische Jugend machten, währte es noch eine geraume Zeit, bis der rauhe römische Genius sich gewöhnen konnte, die attischen Musen für etwas Bessers als eine Art griechischer Hetären anzusehen, mit denen man sich wohl ein paar müßige Stunden vertreiben könne, die aber einer ernsthaften Zuneigung nicht würdig seien. Die Wissenschaften und Künste der Griechen wurden als Gegenstände des Luxus betrachtet, welche dazu gemacht wären, den Herren der Welt zu dienen, nicht über sie zu herrschen. Die Großen von Rom hatten griechische Baumeister, griechische Maler, griechische Steinschneider, griechische Vorleser, griechische Tänzer und Baladins in ihren Diensten, ließen ihre Weiber von griechischen Mädchen coeffieren, ihre Kinder von griechischen Pädagogen erziehen u. s. w. Aber so lange noch ein Antiochus und Mithridates zu bekämpfen war, und so lange sie sich noch unter einander selbst über die wichtige Preisfrage zankten, wer von ihnen Meister über alle übrigen bleiben würde, blieb ihnen wenig Zeit zu subtilen und müßigen Spekulationen: und erst nachdem Julius Cäsar jene große Frage entschieden hatte, sehen wir einen Cicero , in der unfreiwilligen Einsamkeit seines Tusculanum, auf akademische Betrachtungen einen Wert legen, und in Verpflanzung der Platonischen und Stoischen Philosophie auf römischen Boden Unterhaltung und Trost Cic. ad Familiar. L. IX. Epist. 2. Modo nobis stet illud (schreibt er an Varro ) una vivere in studiis nostris, a quibus antea delectationem modo petebamus, nunc vero etiam salutem. gegen den Unbestand des Glücks und die Trübsale des Lebens suchen. Indessen ist nicht zu leugnen, daß schon in dem letzten halben Jahrhundert des freien Roms die Philosophie von verschiedenen edeln Römern, besonders unter denen, welche sich mehr durch Beredsamkeit und Geschicklichkeit in den bürgerlichen Rechten als durch kriegerische Talente den Weg zu den höchsten Ehrenstufen bahnen wollten, als ein Hülfsmittel zu ihrem Zweck mit einigem Ernste getrieben wurde. Da man sie aber als eine von den griechischen Künsten betrachtete, so war auch das Vorurteil ganz natürlich, daß man sie aus der Quelle schöpfen, d. i. von den Griechen lernen, und sich also zu irgend einer von ihren Schulen bekennen müsse. Ein Philosoph – oder ein Akademiker, Stoiker, oder Epikuräer sein, war in ihren Augen einerlei; und es schien ihnen bequemer, die Theorien, die sie schon gemacht und fertig in den philosophischen Buden der Griechen liegen fanden, zu ihrem Gebrauch anzuwenden, als sich eigene selbst zu machen. Indessen war es wohl den wenigsten darum zu tun, die Philosophie, zu der sie sich bekannten, in ihrem Leben auszudrücken; und wenn ein Catulus, Cato und Brutus hievon Ausnahme machten, so kam es schwerlich aus einem andern Grunde, als weil sie, auch ohne Akademie und Stoa, das gewesen wären, was sie waren. Aber mit dem Tode dieser großen Männer, und mit der Revolution, die darauf erfolgte, veränderte sich auch der Geist der römischen Philosophie. Das Jahrhundert der Cäsarn konnte Catonen weder mehr hervorbringen noch ertragen. Indem die Republik sich unvermerkt in das Phantom einer Aristokratie verwandelte, von welcher ein einziger die Seele war: so hörte auch die Beredsamkeit auf, die mächtigste Triebfeder des Staats zu sein, und der beste Bürger war nun der, der am besten gehorchen konnte. Die Philosophie sank also gar bald von der Würde herab, zu welcher sie von einigen großen Staatsmännern in Rom war erhoben worden. Sie wurde nun auch in der Hauptstadt der Welt, was sie zu Athen schon lange gewesen war, eine müßige Kunst zu grübeln und zu deklamieren. Man mußte allenfalls einen Anstrich davon haben, weil es zum guten Ton gehörte, von Literatur und Philosophie, so wie von Gemälden und Statuen, schwatzen zu können; aber Philosophie zu leben würde in den Augen der meisten Weltleute Unsinn, und bei den Billigsten wenigstens eine seltsame Art von Sonderlichkeit gewesen sein. Bei dem allem konnte es gleichwohl nicht fehlen, daß es in einer solchen Epoke, wie die Regierung des Augustus in Rom machte, nicht hier und da einen Sonderling gegeben hätte, der in der Muße eines glücklichen Mittelstandes zwischen Überfluß und Dürftigkeit, mit mehr Liebe zur Freiheit, als Ehrgeiz oder Begierlichkeit, sich bloß zu seinem eignen Vorteil ein Geschäft daraus machte, richtiger von dem Menschen und seinen Angelegenheiten zu urteilen, und nach bewährtem Grundsätzen zu leben, als der große Haufe. Horaz, indem er sich in diesem Briefe an seinen großen Freund für einen dieser Sonderlinge bekennt, der die Philosophie, ohne alle Prätension an Bart und Mantel, bloß als eine ökonomische Angelegenheit, wenn man so sagen darf, und um sich besser zu befinden , treibe: erklärt sich zugleich, daß er eben darum in keine der philosophischen Schulen eingeschrieben sei, auf keines Meisters Worte geschworen habe; sondern, wie ein Reisender, bald da bald dort anlande oder absteige, und von jedem nur gerade so viel nehme, als er zu seinem Gebrauch nötig habe. Es geht, wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, durch diese ganze Stelle eine sehr feine Schattierung von Laune ( Humour ), wodurch er dem erwarteten Spott des Mäcenas zuvorkommt, und das Lächerliche von sich ablehnt, das die Weltleute auf einen Philosophen von Profession zu werfen geneigt sind. Doch glaube ich nicht, daß das Persiflage so weit gehe, als es Batteux in seiner Erklärung dieser Stelle auszudehnen scheint. Denn daß es Horazen mit der Philosophie, die er in diesem Briefe vorträgt, Ernst sei, ist schon daraus klar genug, weil es die nämliche ist, die aus allen seinen Werken atmet. Er läßt der Stoa Gerechtigkeit widerfahren, indem er ziemlich deutlich zu verstehen gibt, daß er, sobald er sich (in Gedanken nämlich) in die Wogen des bürgerlichen Lebens stürze , die Anhänglichkeit an eine strenge unerschütterliche Tugend für die beste Partei halte, die alsdann zu nehmen sei. Aber er gibt auch gleich wieder auf eine feine Art zu verstehen, daß für einen Mann wie er – der doch wahrlich, wenn er den Cato oder Brutus hätte machen wollen, der Republik nichts damit geholfen hätte – das schicklichste sei, die Sachen zu lassen, wie sie sind; und nur sich selbst in eine solche innerliche Verfassung zu setzen, daß er – in einem Staate, wo die politische Freiheit verloren und die bürgerliche sehr beschränkt war – wenigstens der persönlichen und moralischen, der Freiheit von törichten Begierden und quälenden Leidenschaften, nicht durch eigne Schuld verlustig werde. , so wisse, in keine! Frei und ohne auf die Worte von einem Meister, wer er sei, zu schwören , Anspielung auf das autos epha der Pythagoräer, oder auf den Eid, wodurch die römischen Soldaten sich ihrem General gänzlich zu eigen gaben. bin ich, wie einer, der zu Wasser reiset, bald hie bald da, wohin der Wind mich wirft. Bald lauter Tatkraft, treib' ich in den Wogen des tätigen weltbürgerlichen Lebens, und strenge Tugend, die kein Haarbreit weicht von Recht und Pflicht, ist meine große Göttin: bald sink' ich unvermerkt in Aristipps System zurück, und statt mich selbst den Dingen zu unterwerfen, seh' ich, wie ichs mache sie unter mich zu kriegen Horaz setzt in dieser schönen Stelle die Stoische Philosophie der Aristippischen entgegen, weniger um sie mit einander kontrastieren zu lassen, als um den Grund anzudeuten, warum er die letztere seiner eignen Lage und Verfassung angemeßner finde. Die Stoische war, seiner Meinung nach, die Philosophie eines Staats- und Geschäftsmanns, der als Patriot und Weltbürger seine ganze Tätigkeit dazu anwendet, das allgemeine Beste zu befördern. Die Aristippische hingegen schickte sich für einen Privatmann, der sich zu keiner so hohen Bestimmung berufen fühlt, und, in der Ruhe eines unschuldigen Müßiggangs, zufrieden ist, sich selbst frei und glücklich zu erhalten. Was Horaz mit dem Verse Et mihi res, non me rebus, submittere conor eigentlich habe sagen wollen, scheint den meisten Auslegern nicht klar genug gewesen zu sein. Sanadon wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er, eigenmächtig und gegen alle Handschriften, die Ordnung der Zeilen änderte, und die eben angeführte der unmittelbar vorgehenden Nunc in Aristippi furtim praecepta relabor vorsetzte, weil er sich einbildete, daß es just umgekehrt sei. Die Stoiker, meint er, wären ja eben diejenigen, welche lehrten, daß ein Weiser die Dinge sich , und nicht sich den Dingen , unterwerfen müsse: dies letztere hingegen sei gerade das, worin Aristipps ganze Philosophie bestanden habe. Aber Sanadon irrte sich in beidem. Just so wie die vier Verse im Original in allen Handschriften stehen, machen sie den schönsten Sinn, und drücken das Charakteristische der Stoischen und Aristippischen Philosophie aufs richtigste aus. Der Hauptgrundsatz der Stoiker war: der Weise unterwirft sich immer und in allem den ewigen und notwendigen Gesetzen der Natur der Dinge ; er bildet seine Art zu denken und zu handeln einzig nach dieser Richtschnur; und seine höchste Freiheit besteht darin, daß er will was er muß , tut was er soll . Die unveränderliche Natur der Dinge, dieses einzige, aber unerläßliche Gesetz des Weisen, schreibt ihm in jedem Augenblick und Verhältnis des Lebens vor, was recht ist, und was er also zu wollen und zu tun hat; und bloß um zu wissen , was recht ist, damit er immer recht handle , bemüht er sich die Dinge so zu erkennen, nicht wie sie dem verfälschten Auge des Vorurteils und der Leidenschaften scheinen , sondern wie sie in den Augen der reinen Vernunft , d. i. wie sie wirklich sind. Der Weise sieht sich daher immer als einen Teil des Ganzen an, der bloß um desselben willen da ist, und dessen Wohlstand und Vollkommenheit mit dem seinigen so notwendig verbunden ist, daß er nur in so fern seiner Natur gemäß lebt und vollkommen ist, in so fern er zur Vollkommenheit des Ganzen mitwirkt. So lehrten die Stoiker, und so ist klar, warum Horaz das se rebus submittere , sich selbst den Dingen unterwerfen , zum unterscheidenden Zeichen eines Stoikers macht. Denn daß in den beiden ersten Versen von ihnen die Rede sei, wiewohl er sie nicht ausdrücklich nennt, ist keinem Zweifel unterworfen. Von dem eigentlichen System des Aristippus wissen wir nur sehr wenig Zuverlässiges; denn seine Schriften sind verloren gegangen, und von den sogenannten Cyrenäern , seinen angeblichen Nachfolgern, läßt sich kein sichrer Schluß auf ihn selbst machen. In dem, was Diogenes Laertius von ihm zusammengestoppelt hat, sind die Anekdoten und Bons-Mots das Beste, wiewohl darunter einige von verdächtigem Schlage vorkommen. Aber, wenn wir auch nichts von ihm wüßten, als was uns Horaz in seinem Briefe an Scäva und in einer Stelle seiner Satiren sagt: so würde dies, mit etlichen Zügen, die sich im Cicero, Plutarch und Athenäus finden, schon hinlänglich sein, uns von der Denkart dieses Philosophen, der so wenig dazu gemacht war, gute Nachahmer zu haben, einen ziemlich reinen Begriff zu geben. Der Grund seiner ganzen Philosophie scheint folgendes Räsonnement gewesen zu sein. Der Mensch weiß nichts gewisser, als daß er ist; denn dies fühlt er ; und eben dies Gefühl sagt ihm alle Augenblicke, was er ist , nämlich ein Wesen, dessen Existenz eine Kette von angenehmen oder unangenehmen Empfindungen ist, die ihm entweder von außenher kommen, oder die es sich selbst macht. Aus jenen erkennt er zwar, daß eine unendliche Menge von Dingen außer ihm sind; aber was diese Dinge für sich selbst sind, weiß er nicht; und da es ihn im Grunde nichts angeht, so soll er sich auch nichts darum kümmern. Aber was er gewiß weiß, weil ers fühlt , ist: daß ihm diese Dinge teils geradezu Lust oder Unlust machen, teils Gelegenheit geben, daß er sich selbst ihrentwegen plagt. Das letztere zu vermeiden, hängt sehr von seinem Willen oder doch von seiner Weisheit ab; denn seine Einbildungen und Leidenschaften sind in ihm selbst , und er kann also, wenn er will und es recht angreift, sehr wohl Meister über sie werden. Was die Dinge außer ihm betrifft, so mag er (wenn er kann) diejenigen vermeiden , die ihm Unlust machen, und diejenigen suchen, die ihm wohltun. Kann er aber jene nicht vermeiden, ohne sich größrer Unlust auszusetzen: so duldet er, wenn er weise ist, das kleinere Übel um des größern Guten willen: und eben so unterläßt er lieber ein Vergnügen zu suchen, wenn er weiß oder sehr wahrscheinlich vermuten kann, daß es mit mehr Unlust verbunden sei, als das Gute daran wert ist. Unvermeidliche Übel erleichtert er sich durch Geduld; alles Angenehme aber genießt er, wenn es gleich mit einiger geringen Unlust verbunden ist; aber genießt es als etwas Entbehrliches, wie einer eine Rose pflückt, die an seinem Wege blüht; und da die meisten Dinge uns nicht durch das, was sie sind , sondern durch das, was wir ihnen geben , d. i. durch unsre Vorstellungsart , glücklich oder unglücklich machen: so gewöhnt sich ein weiser Mann, die Dinge außer ihm von der angenehmsten oder doch leidlichsten Seite anzusehen. Durch diese Art zu denken erhält er sich frei und unabhängig , während die ganze Welt sein ist. Er verschafft sich jedes Gute um den wohlfeilsten Preis, denn er gibt nichts Bessers darum hin; wird es ihm entzogen, so betrachtet er's als etwas, das nie sein war . Kurz, er kann alles genießen, alles entbehren, sich in alles schicken; und die Dinge außer ihm werden nie Herr über ihn, sondern er ist und bleibt Herr über sie. – – Das ist's, denke ich, worin Horaz dem Aristipp ähnlich zu werden suchte, worin er ihm wirklich sehr ähnlich war, und was er durch sein et mihi res, non me rebus , sagen wollte. Ich untersuche hier nicht, ob diese ziemlich unpoetische Art zu philosophieren die beste sei: ich sage nur, dies war Aristipps Philosophie ; und alles, was wir von seinem Leben wissen, ist der Beweis davon. Aristipp und Antisthenes gingen von einerlei Grundsatz aus. Das Größte, was mir meine Tochter Arete zu danken hat, sagte Aristipp, ist, daß ich sie gelehrt habe, auf nichts Entbehrliches einen Wert zu legen . Aristipp wußte es z. B. immer so zu machen, daß es ihm nie an Geld fehlte, ohne daß das Geld jemals mehr in seinen Augen galt, als das, was er darum haben konnte. Er bezahlte (in seiner Jugend) einsmals ein Rebhuhn um funfzig Drachmen, oder beinahe um zwölf Taler unsers Geldes. Einer von seinen Freunden hielt ihm eine große Strafpredigt über eine so verschwenderische Naschhaftigkeit. Du hättest das Rebhuhn also doch auch gekauft, wenn es nur einen Albus gekostet hätte? fragte der Philosoph. Nun freilich, dann wohl, erwiderte der Freund. Gut, versetzte jener, wenn mir nun funfzig Drachmen nicht mehr sind, als dir ein Albus, wie dann? Ein andermal, da er auf einer Reise war, beklagte sich der Sklave, der sein Gepäck und seine Kasse trug, daß ihm die Last zu schwer werde. So wirf davon weg, was dir zu viel ist, sagte Aristipp. Welcher von unsern Lesern hat nicht die schöne Lais nennen gehört, Vor deren Tür das ganze Gräzien lag Propert. Eleg. II. 6. ? Aristipp ließ sich's nicht wenig kosten, an den Gunstbezeugungen dieser Tochter der Schönheitsgöttin, die in ihrer Art so einzig war, als er in der seinigen, Anteil zu haben. Jemand, der vermutlich lieber selbst an seinem Platze gewesen wäre, schwatzte ihm viel davon vor, daß er sich übel betröge, wenn er glaube, Lais liebe ihn . Was geht mich das an, sagte Aristipp: die Fische, die ich esse, lieben mich auch nicht, und ich esse sie doch. Ein andrer guter Freund wollte ihm einen Vorwurf daraus machen, daß ein so weiser Mann sich in den Netzen einer Lais habe fangen lassen. Da irrst du dich, antwortete der Philosoph; ich habe sie , aber sie hat mich nicht . (Er konnte das in seiner Sprache mit drei Worten sagen, έχω ουκ έχομαι, und so klangs freilich noch besser.) Ohne Zweifel hatte Horaz diese und ähnliche Züge im Auge, da er die Philosophie des Aristipps in die zwei Worte mihi res zusammenfaßte. – Aber genug von Aristipp, da uns doch die Epistel an den Scäva wieder auf ihn bringen wird. . Wie die Nacht condo et compono, quae mox depromere possim. Ac ne forte roges quo me duce, quo lare tuter, nullius addictus iurare in verba magistri, \<15\> quo me cumque rapit tempestas deferor hospes. Nunc agilis fio et mersor civilibus undis, virtutis verae custos rigidusve satelles: nunc in Aristippi furtim praecepta relabor, et mihi res, non me rebus, submittere conor. \<20\> Ut nox longa quibus mentitur amica, diesque dem mächtig lang wird, dem ein schelmisch Mädchen gelogen hat Sanadon ist zwar eher zu loben als zu tadeln, daß er in seiner Übersetzung des Horaz viele Stellen, um der Jugend zu schonen, gänzlich weggelassen hat. Aber alles hat sein Maß. Wenn er sogar dem quibus mentitur amica sein unlateinisches quibus somni est pars nulla unterschiebt, so ist er ungerecht gegen seinen Autor, unvorsichtig gegen seine Schüler, und lächerlich obendrein. , und lang der Tag dem Fröner, und träg das Jahr dem Minderjähr'gen, den die Vormundschaft der strengen Mutter drückt: so schleichen langsam und verhaßt die Zeiten mir dahin, die meinen Plan und meine Hoffnung hemmen, mit Ernst zu treiben, was dem Armen gleich als wie dem Reichen nützt, und was, versäumt, dem Jungen wie dem Alten Schaden bringt. Indes behelf ich bis auf beßre Zeiten mich mit dem ABC der Weisheit, ungefähr wie folgt, und spreche: Weil du freilich nie ein Lynceus werden dürftest Das Wundergesicht dieses Argonauten wurde bei den Alten zum Sprüchwort. Plutarch und Strabo erwähnen auch eines neuern Lynceus, der von dem Lilybeischen Vorgebirge in Sizilien die Schiffe, die aus dem Hafen von Karthago ausgelaufen, habe zählen können welches viel ist! , wolltest du, wenn du an deinen Augen leidest, dich darum longa videtur opus debentibus, ut piger annus pupillis, quos dura premit custodia matrum; sic mihi tarda fluunt ingrataque tempora, quae spem consiliumque morantur agendi gnaviter id, quod \<25\> aeque pauperibus prodest, locupletibus aeque, aeque neglectum pueris senibusque nocebit. Restat ut his ego me ipse regam solerque elementis: non possis oculo quantum contendere Lynceus, der Salbe weigern? Oder, weil die Muskeln des nie besiegten Glykons dir versagt sind , Vermutlich ein berühmter Athlet oder Gladiator zu Horazens Zeiten, dessen aber sonst nirgends Meldung geschieht. dich vor dem knotenreichen Chiragra nicht wenigstens nach Möglichkeit verwahren? Man geht, so weit man kann, wenn weiter zu geh'n nicht möglich ist. Brennt dich die Habsucht, macht dich Begierde schlaflos? Nur getrost! Wir haben Zauberlieder Lange zuvor, ehe die Hippokratische Schule die Heilkunst auf einen vernünftigen Grund baute, und auch ungeachtet dessen (denn wer kann die Menschen von ihrer natürlichsten Krankheit, der Torheit , heilen, und wer wollte es, wenn er auch könnte?) ging bei den Griechen, wie bei den Morgenländern, und bei allen andern Völkern der Welt bis auf diesen Tag, eine abergläubische Heilkunst im Schwange, die (unter andern) auch durch Zauberworte und Beschwörungen die Krankheiten vertrieb, die man für Wirkungen böser Geister oder erzürnter Gottheiten hielt, welche entweder verjagt oder besänftigt werden müßten. Dergleichen Zauberworte waren z. B. die sogenannten Milesischen , Μιλήσια γράμματα, Bedy, Zoph, Chton, Plekton, Sphinx, Knaxzbi, Chtheptys, Phlegmos und Drops ; ingleichen die Ephesischen Grammata, Aski, Ketaski, Aix, Tetrax, Damnameneus und Aision , welchen der Aberglaube bei den Griechen große Gewalt über die bösen Geister zuschrieb. , die, wofern sie auch das Übel nicht von Grund aus heilen, dir zum wenigsten die Schmerzen lindern werden. Schwillst du von Ruhmsucht? Gut, wir können dir ein Büchlein reichen, das, mit reingewaschnen Augen zum drittenmal gelesen, viel Erleichtrung dir verschaffen wird. Ein Mann sei noch so neidisch, zornmütig, faul, verbuhlt, dem Trunk ergeben, so wild ist niemand, daß er durch Kultur nicht milder werden könnte, wenn er nur die Hand nicht von sich stößt, die seiner pflegt. Das Laster meiden ist schon Tugend, frei non tamen idcirco contemnas lippus inungi; \<30\> nec quia desperes invicti membra Glyconis nodosa corpus nolis prohibere cheragra? Est quadam prodire tenus, si non datur ultra. Fervet avaritia miseroque cupidine pectus? Sunt verba er voces, quibus hunc lenire dolorem \<35\> possis, et magnam morbi deponere partem. Laudis amore tumes? Sunt certa piacula, quae te ter pure lecto poterunt recreare libello. Invidus, iracundus, iners, vinosus, amator, nemo adeo ferus est, ut non mitescere possit, \<40\> si modo culturae patientem commodet aurem. von Torheit sein der Weisheit erste Stufe. Wie strengst du alle deine Nerven bis zum Kopfweh an Horaz fährt immer fort mit sich selbst zu sprechen, oder vielmehr, unter Begünstigung dieser Fiktion, dem großen Haufen seiner Zeitgenossen in seiner Person den Text zu lesen. Diese Wendung geht durch die ganze Epistel, bis zu der Stelle: »sollte übrigens das römische Volk etc.« , und sinnest, rechnest, wachest die Nächte durch, den Übeln zu entgeh'n, die dir die größten scheinen, ohne Würde und Rang zu sein und wenig zu versteuern! Wie unverdrossen rennst du dem Gewinn bis an den Ganges nach, fliehst ärger vor der Armut, als vor dem Tod, durch Klippen, Flut und Feuer Durchs Feuer – ist entweder eine auch bei uns sprüchwörtliche Redensart der Griechen, oder es bedeutet, wie Baxter meint, die Zonam torridam , von welcher die Alten gar schreckliche Dinge erzählten, ohne daß sich die Gewinnsucht der Römer abschrecken ließ, ihr wenigstens ziemlich nahe zu kommen. ! Warum nicht lieber dem, der besser denkt, Gehör gegeben, und entbehren alles das gelernt, was du aus Torheit anstaunst und begehrst? Wer wollte lieber sich mit Gassenjungen in Dörfern und auf offner Straße raufen, Virtus est vitium fugere, et sapientia prima stultitia caruisse. Vides quae maxima credis esse mala, exiguum censum turpemque repulsam, quanto devites animi capitisque labore! \<45\> Impiger extremos curris mercator ad Indos per mare pauperiem fugiens, per saxa, per ignes: ne cures ea, quae stulte miraris et optas, discere et audire et meliori credere non vis. Quis circum pagos et circum compita pugnax als zu Olympia gekrönt sich seh'n? Zumal wenn ihm die Palme ohne Staub In den Wettkämpfen zu Olympia den Sieg davon getragen zu haben, war bekanntermaßen unter den Griechen beinahe das höchste Ziel, wornach der Ehrgeiz eines Privatmannes streben konnte, und was ihm selbst von Fürsten streitig gemacht wurde. Da der Kampfplatz der Fechter, eben so wie die Rennbahnen, mit einem sehr feinen Sand bedeckt war, so ging es gewöhnlich nicht ohne vielen Staub ab. Aber man hatte doch auch Beispiele, daß der Preis ακονιτί, ohne Staub , erhalten worden; nämlich, wenn sich niemand fand, der einem zum Kampfe sich darstellenden Athleten entgegen zu stehen sich getraute. Pausanias erzählt, daß dies einem gewissen Drombeus von Mantinea zuerst geschehen sei; aber schon lange vor ihm hatte Herkules den Preis in allen Gattungen von Wettkämpfen erhalten, weil niemand sich mit einem Kämpfer von dieser Stärke hatte einlassen wollen. – Die Anwendung des Gleichnisses, die vielleicht nicht jedem Leser sogleich in die Augen fällt, ist diese: Wer sich um den Preis des Reichtums und der Vorteile, die damit verbunden sind, bewirbt, wie viel Unruhe, Arbeit und Gefahr muß er nicht untergehen, und was für verächtliche Leute hat er nicht zu Nebenbuhlern ? Wer wollte sich nicht lieber um den unendlich edlern Preis der Weisheit und Tugend bewerben, zumal da er so gewiß zu erhalten ist, indem es dabei am Ende doch bloß auf unser eignes ernstliches Wollen ankommt? – Noch ein Wort von den Palmen der Sieger. Die Krone , womit sie gekrönt wurden, war bei den Olympischen Spielen ein Kranz vom wilden Ölbaum , bei den Isthmischen von Fichten , bei den Nemeischen von Efeu , bei den Pythischen von Lorbeer : Aber mit dem Kranz empfing der Sieger zugleich einen Palmenzweig in seine Hand. Diese Gewohnheit war allen Arten von Kampfspielen gemein, und scheint aus den Morgenländern und dem höchsten Altertum zu den Griechen gekommen zu sein. geboten würde. Muß an Wert das Silber dem Golde weichen, wie viel mehr das Gold der Tugend? – Freilich nicht zu Rom! Da gehts aus einem andern Ton! – »Ihr Herrn und Bürger, zuerst für Geld gesorgt, für bares Geld, dann gibt sichs mit der Tugend wohl von selbst.« So ruft vom untern bis zum obern Ende uns Janus zu D. i. Man hört auf der Börse zu Rom von einem Ende zum andern nichts, als das. Janus (eine alte lateinische Gottheit, welcher schon Romulus einen Tempel auf dem Berge Janiculus gesetzt hatte) war der Schutzpatron alles Ein- und Ausgangs, und besonders wurden die großen gewölbten Durchgänge an öffentlichen oder Privatgebäuden, wodurch man in andre Straßen kommen konnte, Iani genennt. Es befanden sich an dem mit bedeckten Hallen und Buden eingeschloßnen römischen Markte drei solche Jani, welche durch die Namen der obere, mittlere und untere Janus unterschieden wurden. Diese drei Jani machten die Börse von Rom aus; besonders hatten die Wechselherren ad Ianum medium ihre Tische und Schreibstuben, wie unter andern aus einer Stelle in Ciceros Offc. L. II. 25. zu ersehen ist – de quaerenda, de collocanda pecunia, etiam de utenda, commodius a quibusdam optimis viris ad medium Ianum sedentibus quam ab ullis philosophis ulla in schola disputatur . , so singt, den Beutel und die Rechentafel um den linken Arm gehangen, Alt und Jung ihm rastlos nach. Denn fehlt an sechzehn Tausend Talern dir Ich mußte diese runde Summe dem Verse zu Gefallen setzen. Eigentlich mußte man, um zum römischen Ritterstande qualifiziert zu sein, 400000 Sesterzen im Vermögen haben, welches, vier Sesterzen auf einen Denar gerechnet, und diesen einer attischen Drachme gleich geschätzt, 16666 2 / 3 Taler beträgt. nur eins bis zwei vom Hundert, sei an Geist und Sitten noch so edel, sei beredt und treu und gut, so viel du willst, du bist und bleibst doch Pöbel Romulus teilte alle seine Römer in drei Stände; den ersten machten die Senatoren aus, den andern die Ritter; wer keines von beiden war, gehörte zum gemeinen Volke ( Plebs ) oder zum Tiers-Etat . In der Folge kam noch eine andre Einteilung auf, vermöge welcher alle Römer, die nicht Patrizier waren, d. i. nicht von den ersten hundert Ratsherren oder Patribus conscriptis , welche Romulus gesetzt, oder von denen, welche unter den folgenden Königen hinzugekommen waren, abstammten, Plebejer genannt wurden. Hier wird das Wort Plebs in der ersten und gemeinsten Bedeutung genommen. . Gleichwohl hören wir die Kinder singen: » Wers am besten macht , \<50\> magna coronari contemnat Olympia, cui spes, cui sit condicio dulcis sine pulvere palmae? Vilius argentum est auro, virtutibus aurum. »O cives, cives, quaerenda pecunia primum est, virtus post nummos!« Haec Ianus summus ab imo \<55\> prodocet, haec recinunt iuvenes dictata senesque laevo suspensi loculos tabulamque lacerto. Si quadringentis sex, septem milia desunt, est animus tibi, sunt mores et lingua fidesque, plebs eris! At pueri ludentes, »Rex eris«, aiunt, soll König sein !« Das Kinderspiel, wovon hier die Rede ist, war eine Art von Ballspiel. Wer nie fehlte, war König; wer immer fehlte, hieß der Esel, und mußte, während die andern fortspielten, still sitzen und zusehen. Nun sprich, wer hat mehr Recht Ich habe hier eine kleine Freiheit zu entschuldigen, die einzige in ihrer Art, die ich mir mit meinem Text zu nehmen gewagt habe. Es folgt nämlich unmittelbar auf die Worte: Rex eris, si recte facies! folgende Sentenz: – – Hic murus abeneus esto, nil conscire sibi, nulla pallescere culpa! – – – – Dies sei die wahre Mauer von Erz – nichts Böses sich bewußt sein und von keiner Schuld erblassen! , das Roscische Gesetz , das einen Mann nach so und so viel tausend Talern schätzt und anschlägt, oder unser Kinderlied, das dem Verdienst die Krone zuerkennt? Das Lied, das unsre wackeren Camiller und Curier als Männer täglich sangen! Wer ratet dir am besten: der dich Geld erwerben heißt – in Ehren freilich, wenn sichs tun läßt – doch, wo nicht, auf welche Art! nur Geld! um näher bei den tränenreichen Stücken Pupius war der Name einer bekannten konsularischen Familie. Von dem Tragödienschreiber Pupius (wie er auch zu seinem vornehmen Namen gekommen sein mag) würden wir hingegen nichts wissen, wenn Horaz seiner hier nicht, und zwar (wie es scheint) nur spottweise, erwähnt und dadurch dem Scholiasten Akron Gelegenheit gegeben hätte, uns seine Grabschrift mitzuteilen, die uns wenigstens die Mühe erspart, den Verlust seiner tränenreichen Trauerspiele zu beweinen. Sie lautet also: Flebunt amici et bene noti mortem meam, Nam populus in me vivo lacrumavit satis. Meine Freunde und Bekannte mögen meinen Tod beweinen, denn dem römischen Volke hab' ich lebend Tränen gnug gekostet. des Pupius zu sitzen Vermöge des Roscischen Gesetzes war es eine von den Vorzüglichkeiten der römischen Ritter, daß sie in den Amphitheatern ihre eigenen Sitze hatten, und dem Schauspiele näher waren, als die gemeinen Bürger. , – oder, wer durch Lehr' und Beispiel dich dem Übermut Fortunens einer freien Seele festen Sinn entgegenstellen lehrt? – Wenn übrigens \<60\> »si recte facies«. Hic murus aheneus esto, nil conscire sibi, nulla pallescere culpa! Roscia, dic sodes, melior lex, an puerorurn est naenia, quae regnum recte facientibus offert, et maribus Curiis et decantata Camillis? \<65\> Isne tibi melius suadet, qui rem facias, rem, si possis recte, si non, quocumque modo rem, ut propius spectes lacrimosa poemata Pupi, an qui fortunae te responsare superbae liberum et erectum praesens hortatur et aptat? mich die Quiriten etwa fragen sollten: warum ich der gemeinen Denkart mich nicht auch, wie der bedeckten Gänge an den Häusern, wie sie bediene, und nicht auch, was sie begehren oder flieh'n, begehr' und fliehe? so würd' ich ihnen, was der kluge Fuchs dem kranken Löwen einst, zur Antwort geben: »Die Spuren schrecken mich, die alle einwärts in deine Höhle gehen, keine wieder heraus.« Du bist ein Tier mit vielen Köpfen; wem soll ich folgen? Jeder winket mir auf einen andern Weg. Die einen, lüstern nach Pachtungen des Staates, werben um Kontrakte, – (wo ein Tempel aufzuführen, ein Sumpf zu trocknen, ein Kanal zu graben, ein Leichbegängnis anzuordnen ist.) Die inclavierten Verse stehen nicht im Originale, sondern sind eine bloße Auslegung dessen, was Horaz mit den zwei Worten conducere publica sagt; sie waren aber nötig, um diese zwei Worte den Lesern verständlich zu machen, und sind aus folgender Stelle in Juvenals dritter Satire entlehnt, wo er seinen aus Rom nach Cumä ziehenden Freund, Nigritius , redend einführt, wie er die Ursachen angibt, warum er es nicht länger in Rom aushalten könne. Die mögen bleiben, sagt er, die schwarz zu weiß machen können, und denen es leicht ist – Aedem conducere, flumina, portus, siccandam eluviem, portandum ad busta cadaver, u. s. w. Noch andre suchen alte karge Witwen mit Kuchen oder Äpfeln, Kindern gleich, ins Garn zu ködern, oder reiche Greise einander wegzuangeln: wieder andre macht unvermerkt geheimer Wucher fett. Doch, daß Verschiedne auf verschiednen Wegen \<70\> Quod si me populus Romanus forte roget, cur non, ut porticibus, sic iudiciis fruar isdem, non sequar aut fugiam quae diligit ipse vel odit? olim quod vulpes aegroto cauta leoni respondit, referam: »Quia me vestigia terrent \<75 \> omnia te adversum spectantia, nulla retrorsum.« Bellua multorum es capitum: nam quid sequar aut quem? Pars hominum gestit conducere publica: sunt, qui crustis et pomis viduas venentur avaras, excipiantque senes, quos in vivaria mittant: \<80\> multis occulto crescit res fenore. Verum esto aliis alios rebus studiisque teneri; ihr Glück verfolgen, und der eine dies, der andre jenes liebt, begreift sich: aber wenn ein Mann nicht eine Stunde gleiches Sinnes bleibt, wie dann? Ein Reicher spreche: »In der Welt ist doch kein Winkel, der an Anmut dem von Bajä gleicht!« Stracks wird das nahe Meer und der Lucrinersee die feur'ge Liebe des raschen Herrn empfinden Alles, was reich und groß in Rom war, wollte in dem schönen Campanien , besonders in der Gegend von Neapel, Bajä, Puteoli , einer der anmutigsten Seeküsten in der Welt, Landhäuser haben. Über alle diese ragte die berühmte Villa des Lucullus hervor, die eher das Ansehen einer prächtigen Stadt als eines Landguts hatte. Hier ließ dieser römische Xerxes Lucullus – profusae huius in aedificiis convictibusque et apparatibus luxuriae primus auctor fuit: quem ob iniectas moles mari et receptum suffossis montibus in terras mare, Magnus Pompeius Xerxen togatum vocare consuevit. Vellei. II. 33. Berge durchhöhlen, um das Meer in einen See, den er darin hatte graben lassen, zu leiten, und dagegen ganze Buchten im Meer mit Dämmen ausfüllen, um sie mit marmornen Gebäuden zu überdecken. Dieser übermütige Luxus im Bauen, dessen Horaz in verschiednen Stellen seiner lyrischen Gedichte gedenkt, wurde unter der Regierung Augusts immer weiter, und vielleicht von niemand höher getrieben, als von Mäcenas selbst. ! Über Nacht kriecht durch die Leber ihm, ich weiß nicht was, so spricht er morgen zu den Arbeitsleuten: »Führt euern Werkzeug nach Theanum ab!« Eine Stadt am nordöstlichen Ende von Campanien, über 30 römische Meilen von Bajä entfernt. Ist er vermählt, so geht nach seiner Meinung nichts über Ledigsein; und ledig schwört er hoch, der Ehestand sei doch der einzige, worin ein Mann sich seines Lebens freue. Mit welchem Knoten soll ich fest ihn halten den Proteus, der nicht einen Augenblick derselbe bleibt? – Sogar der Arme (lache nur!) verändert wenigstens, so oft er kann, sein Stübchen unterm Dach, sein hartes Lager, idem eadem possunt horam durare probantes? »Nullus in orbe sinus Baiis praelucet amoenis«, si dixit dives, lacus et mare sentit amorem \<85\> festinantis heri; cui si vitiosa libido fecerit auspicium: »Cras ferramenta Theanum tolletis, fabri!« Lectus genialis in aula est? Nil ait esse prius, melius nil caelibe vita; si non est, iurat bene solis esse maritis. \<90\> Quo teneam vultus mutantem Protea nodo? Quid pauper? ride! mutat cenacula, lectos, balnea, tonsores; conducto navigio aeque Barbier und Bad, und macht in einem Marktschiff, worin er seinen Platz um wenig Dreier bezahlt, den Zärtlichen, trotz einem Reichen in seiner eignen prächtigen Galeere. Begegn' ich etwa dir einmal mit übel verschnittnen Haaren auf dem Markt, so lachst du; sitzt mir die Toga ungleich auf den Schultern, guckt unter meinem wollenreichen Rock ein abgeschabnes Wams hervor, so lachst du Mäcenas, bei allen den Eigenschaften, die ihn geschickt machten, seinem Freunde Octavianus Cäsar die wichtigsten Dienste zu leisten, war in allem, was seine Person und Lebensart betraf, so elegant, und nahm es mit allen Kleinigkeiten dieser Art so genau, als der müßigste Stutzer von Rom nur immer tun konnte. Diese übertriebne Ziererei zog ihm häufige Spöttereien vom Augustus zu, der in solchen Dingen eher dem entgegengesetzten Fehler zu nahe kam; und wir sehen hier, daß auch Horaz kein Bedenken trägt, sich über die kleinliche Aufmerksamkeit seines hohen Gönners auf die Außenseite seiner Freunde ein wenig lustig zu machen. ; hingegen mein Gemüt mag mit sich selbst auch noch so uneins sein, mag lieben, was es kaum gehaßt, verschmähen, was es kaum noch liebte, nach keiner Regel, keinem Endzweck leben, jetzt etwas bau'n, dann wieder niederreißen, und plötzlich runden, was viereckige war, da lachst du nicht! Es ist nun seine Grille, denkst du; nicht, daß ich eines Arztes bedürfe, oder daß der Prätor mich bevogten sollte. Gleichwohl nimmst du Anteil an mir, als einem Freunde, der so ganz an deinen Augen hängt, und warmen Anteil! nauseat ac locuples quem ducit priva triremis. Si curtatus inaequali tonsore capillos \<95\> occurri, rides: si forte subucula pexae trita subest tunicae, vel si toga dissidet impar, rides: quid, mea cum pugnet sententia secum? quod petiit, spernit, repetit, quod nuper omisit? aestuat et vitae disconvenit ordine toto? \<100\> diruit, aedificat, mutat quadrata rotundis? Insanire putas solemnia me, neque rides, nec medici credis nec curatoris egere a praetore dati, rerum tutela mearum Denn, wenn ein Nagel nur am Finger mir nicht recht geschnitten ist, so steigt dir schon die Galle. Und also hat, mit einem Worte, doch zuletzt die Stoa Recht: der Weise ist nach Jupitern der zweite in der Welt; ist reich und edel, frei und schön, ein König der Könige, vornehmlich kerngesund, versteht sich, wenn ihn nicht der Schnuppen plagt Horaz, als ob er sich auf einmal besonnen hätte, an wen er schreibe, schließt entweder aus Gefälligkeit gegen den Mäcenas, dem vermutlich Spöttereien über eine Art von Menschen, deren Gegenfüßler er war, immer gelegen kamen, oder auch weil er selbst nicht gern eine Gelegenheit die Stoiker zu necken vorbeiließ, mit einer ironischen Behauptung der bekannten Paradoxen , auf welchen, als einer sehr bequemen Art von Gemeinplätzen, sich die Stoiker von Profession mehr zur Belustigung als Erbauung ihrer Zuhörer herumzutummeln pflegten; als da ist, daß der Weise allein schön, edel, gesund, reich, frei, König, u. s. w., sei – widersinnig klingende Sätze, welche freilich gar leicht einer vernünftigen Ausdeutung fähig waren, aber es den Spöttern eben so leicht machten, mit der ganzen ehrwürdigen Stoa Narrenteidung zu treiben. Die Wendung, die er durch das brüske ad summam ( mit einem Wort , oder kurz und gut ) nimmt, scheint freilich etwas Lächerliches auf die ganze Moral, die er bisher mit so vielem Eifer gepredigt, zu werfen; und also alles Gute, was er beim Mäcen hätte damit ausrichten können, auf einmal wieder wegzulachen. Aber Horaz kannte die Menschen und den Mann, mit dem ers zu tun hatte, zu gut, um ihm eine neue Vorstellungsart, die ihm in seiner Lage nicht natürlich sein konnte, geben zu wollen. Seine Absicht war nicht, den Mäcenas zu bekehren , sondern ihm zu sagen, wie er für sich selbst denke; und ihm mit guter Art zu verstehen zu geben: daß von einem Menschen von seiner Denkart nicht zu vermuten sei, daß er bloß zur Belustigung der Großen in Rom dazusein glauben werde. Daß es unserm Dichter, bei aller seiner Scherzhaftigkeit, mit seiner Philosophie sehr Ernst gewesen, ist wohl keinem Zweifel unterworfen; diese ganze Folge von Briefen enthält davon den vollständigsten Beweis. Aber eben darum geziemte es seiner Urbanität, mit einem Manne wie Mäcenas nicht den Schulmeister zu machen; zumal, da er vermutlich, so gut als Sokrates und Shaftesbury, überzeugt war, daß die Art von Licht, worin alles Falsche, Übertriebne und Unschickliche lächerlich wird, die natürliche Schönheit der Wahrheit nur desto mehr erhebt, oder, genauer zu reden, in den Schattenrissen von ihrem Schattenbilde , womit wir uns statt ihrer selbst behelfen müssen, das Unrichtige, Verschobne, Verschnittene und Übermäßige nur auffallender macht. . cum sis, et prave sectum stomacheris ob unguem \<105\> de te pendentis, te respicientis amici. Ad summam, sapiens uno minor est Iove, dives, liber, honoratus, pulcher, rex denique regum, praecipue sanus, nisi cum pituita molesta est. Zweiter Brief An Maximus Lollius Einleitung Unter den vornehmen Römern, an welche Horaz seine Werke richtete, befinden sich zwei Lollius . Der eine, dem die neunte Ode des vierten Buchs gewidmet ist, war Marcus Lollius Palicanus , der als Proprätor von Galatien sich das Vertrauen des Augusts zu erwerben wußte, und im Jahre der Stadt Rom 733 (nach Petaus Zeitrechnung) mit Q. Lepidus das Konsulat verwaltete. Etliche Jahre hernach hatte er das Unglück, als Prokonsul von Gallien, in einem Treffen mit einigen germanischen Horden, die in seine Provinz eingefallen waren, den Adler der fünften Legion zu verlieren. Er mußte sich aber in der Folge, entweder durch die gute Art, wie er diesen Schimpf wieder auslöschte, oder auf andre Weise, bei August wieder in Achtung und Vertrauen zu setzen gewußt haben, weil er im Jahre 752 dem jungen Cajus Cäsar , Augusts adoptiertem Sohn und präsumtivem Nachfolger, der von seinem Vater zu Beilegung der im Orient entstandenen Unruhen abgeschickt worden war, als eine Art von Gouverneur ( veluti moderator iuventae , sagt Paterculus ) zugegeben wurde. Er zog sich aber in diesem wichtigen Posten durch Intriguen, welche die Befriedigung eines unersättlichen Geizes zur Absicht hatten, eine Infamie zu, von welcher unser Dichter wohl nichts geahnt zu haben scheint, als er zu ihm sagte: – – – est animus tibi vindex avarae fraudis et abstinens ducentis ad se cuncta pecuniae. Der junge Cäsar, dem die Ränke und schlechten Handlungen seines Mentors endlich zu Ohren kamen, wurde darüber so aufgebracht, daß er ihm alle Freundschaft aufkündigte; und bald darauf ging Lollius auf eine so hastige Art aus der Welt, daß es ungewiß blieb, ob er auf Befehl des Prinzen Gift bekommen, oder aus Gram sich selbst vergiftet habe. Von seiner Enkelin Lollia Paullina , welche eine kurze Zeit lang die gefährliche Ehre hatte, eine der Gemahlinnen des tollen Caligula Lollia war erst an einen der vornehmsten Römer, C. Memmius , vermählt. Nun hörte Caligula einst von ungefähr sagen, die Großmutter dieser Lollia sei außerordentlich schön gewesen. Augenblicklich wandelt den Tollkopf die Begierlichkeit an, die Enkelin einer so schönen Person zur Frau zu haben. Er läßt sie eilends aus der Provinz, wo ihr Gemahl damals Befehlshaber war, abholen, zwingt diesen, daß er ihm seine Frau abtreten und in dem Heuratsbriefe sich für ihren Vater angeben muß, heuratet sie, und verstößt sie bald darauf wieder, mit einem Verbot, welches dem gelehrten Beroaldus das grausamste deucht, das einer römischen Dame dieser Zeit nur immer auferlegt werden konnte. zu sein, erzählt Plinius : er habe sie, an einem bloßen Verlöbnis-Mahl, und zwar in keinem der vornehmem Häuser, von Kopf zu Fuß mit Perlen und Juwelen überdeckt gesehen, welche auf vierzig Millionen Sesterzien, oder über 1 600,000 Taler unsers Geldes geschätzt worden; und sie habe diesen ungeheuren Schatz von Juwelen nicht etwa von dem Kaiser, ihrem Gemahl, geschenkt bekommen, sondern es seien avitae opes, provinciarum spoliis partae , die Beute ganzer von ihrem Großvater ausgeraubter Provinzen gewesen. »Wohl verlohnte sichs (setzt er hinzu), daß Marcus Lollius, mit der Schande, von allen Königen des Orients unermeßliche Geschenke erpreßt oder erschlichen zu haben, aus Gram über den Verlust der Freundschaft des Cajus Cäsars sich selbst vergiftete, damit seine Enkelin einst bei Kerzenlicht über und über von Edelsteinen funkeln könne!« Daß nun der Lollius, an welchen diese und vermutlich auch die 18te Epistel gerichtet ist, nicht der Konsular M. Lollius gewesen sei, wie Torrentius, Baxter und andre ohne einigen Grund vorgeben, ist aus dem ganzen Inhalt und Ton dieser Briefe zu ersehen. Offenbar sind sie an einen jungen Menschen geschrieben, der sich damals noch zu Rom im Deklamieren übte: da hingegen M. Lollius um diese Zeit schon Prokonsul in Gallien und also wohl kein Mann war, dem Horaz sagen konnte: – – nunc adbibe puro pectore verba puer, nunc te melioribus offer. Torrentius meint zwar, der Dichter hätte alle diese Lebensregeln und Maximen, die er dem vermeinten M. Lollius einschärfe, bloß an den zukünftigen Mentor des jungen C. Cäsar , gleichsam zur Instruktion des letztern, gerichtet: er hat aber nicht bedacht, daß unser Dichter in diesem Fall einen Wahrsagergeist zu Diensten gehabt haben müßte. Denn die Briefe des ersten Buchs sind wenigstens nicht später als in seinem 46 und 47sten Jahre geschrieben worden, da C. Cäsar (der älteste Sohn des Agrippa und der Julia, Augusts Tochter) ein Kind von zwei bis drei Jahren war; und Horaz war schon über fünf Jahre tot, als M. Lollius dem besagten Prinzen bei seiner Verschickung nach Armenien als Rector Iuventutis zugegeben wurde. Der junge Lollius , an welchen die beiden Briefe geschrieben sind, scheint also ein Sohn des Konsulars dieses Namens, und der Vater der vorerwähnten Lollia Plinius , der diese Dame von Person gekannt, nennt sie (im IX. B. 35. Kap. seiner N. G.) eine Enkelin des Konsularen M. Lollius: Tacitus hingegen (im XII. B. der Annalen, 1. K.) dessen Tochter. Einer von beiden muß sich wohl geirrt haben. Wenn Tacitus Recht hätte, so müßte Lollia, als sie ihrem Gemahl vom Caligula weggenommen wurde (nämlich A. U. 791. s. Cuspinian. in Cassiod. Fast. Consular. p. 314. ), wenn sie auch erst im Jahre, wo ihr angeblicher Vater gestorben (nämlich 754), geboren worden, schon 37, und als sie nach Messalinens Ermordung ( A. U. 801. ) neben Agrippinen beim Cäsar Claudius in Vorschlag kam, schon 47 Jahre alt gewesen sein; welches wenigstens nicht wahrscheinlich ist. gewesen zu sein. Das Beiwort Maximus , womit ihn Horaz anredet, war, wie Geßner mit Recht vermutet, ein Beiname, der ihm zur Unterscheidung von jüngern Brüdern gegeben worden war. Außer dem, was sich aus unserm Dichter abnehmen läßt, ist nichts von ihm bekannt, es wäre denn, daß man seiner auch noch in Pedos Gedicht auf Mäcens Tod erwähnt findet. Denn allem Ansehn nach ist der Lollius , der den Pedo zu diesem Gedichte veranlaßt haben soll, kein andrer, als der unsrige. Wir sehen aus dem zweiten Briefe an ihn, daß er sich sowohl in den gymnastischen Übungen als in den Musenkünsten hervorgetan, daß er gern Verse gemacht (denn wer machte damals nicht Verse?), daß er noch sehr jung ( puer ) seinen ersten Feldzug, unter dem August selbst, gegen die Cantabrer So hießen damals die Bewohner des heutigen Biscaya. (im Jahre der Stadt Rom 729) getan, und also, da Horaz an ihn schrieb, etwa zwei und zwanzig Jahre alt gewesen, u. s. w. Der Ton, worin die Briefe an diesen jungen Römer geschrieben sind, beweiset, daß Horaz in dem Hause des M. Lollius, den das Vertrauen des Augusts zu einem wichtigen Manne in Rom machte, auf einem freundschaftlichen Fuß gestanden, und daß er an dem jungen Manne, wegen seiner viel versprechenden Eigenschaften, besondern Anteil genommen. Es ist der Ton eines Vaters, der einen geliebten und hoffnungsvollen Sohn, den er allen Gefahren der Jugend, der Verführung und des allgemeinen Beispiels einer verdorbnen Zeit ausgesetzt, und auf dem Scheidewege zwischen der Tugend und ihrer Gegnerin noch nicht völlig entschieden sieht, durch guten Rat und heilsame Warnungen, so viel an ihm ist, verwahren möchte. Die Gedichte Homers, die er in der Einsamkeit zu Präneste wieder durchlas, geben ihm hiezu eine Gelegenheit, welche alle seine Moral ganz ungezwungen und gleichsam ohne Absicht herbeiführt. Er betrachtet den Vater der Dichter aus einem Gesichtspunkte, woraus wir heut zu Tage, da wir nichts als Poesie in ihm suchen, seine Werke zu wenig zu benutzen pflegen, als einen Sittenlehrer , der durch seine Ilias und Odyssee , als zwei große Systeme von Beispielen , uns besser lehre, was den einzelnen sowohl als dem gemeinen Wesen schädlich oder nützlich sei, als die subtilsten Moralisten von Profession. Er führt einige dieser Beispiele an, macht die Anwendung davon auf seine Römer, und berührt mit raschen, aber scharfen Zügen, die schädlichen Folgen ungebändigter Leidenschaften, und besonders der unmäßigen Begierde nach Reichtum, des herrschenden Lasters seiner Zeit. Seine Sittenlehren scheinen, sonderlich in den zwanzig letzten Versen, nur wie Aphorismen ohne Ordnung hingeworfen, sind aber alle durch einen feinen Faden verbunden, und laufen in einem Punkte zusammen. Der ihm sonst so gewöhnliche ironische Ton ist aus diesem Briefe, wo er keine gute Wirkung tun konnte, gänzlich verbannt. Der Ton, der darin herrscht, nähert sich etlichemal dem satirischen, aber ohne Bitterkeit; man glaubt den Sokrates mit seinen jungen Freunden sprechen zu hören. Immer ist seine Vorstellungsart die natürlichste, seine Philosophie das bloße reine Resultat allgemeiner Erfahrung; sein Vortrag sinnreich, ohne Antithesen zu suchen, noch sie auszuweichen, wenn sie ihm gleichsam in die Hände gelaufen kommen, und gedrungen ohne rätselhafte Dunkelheit; seine Diktion ungezwungen zierlich, und von jedem Fehler frei; seine Versifikation , bei einer Leichtigkeit, ut sibi quivis speret idem , wohlklingend, numeros, und sorgfältiger gearbeitet, als diejenigen zu merken fähig sind, welche Leichtigkeit so gern mit Nachlässigkeit verwechseln. Aber, ach! wieviel geht, unsers ernstlichen Fleißes ungeachtet, beim Übertragen aus der römischen Sprache in eine ihr so ungleichartige, von diesem allem verloren! Indessen du zu Rom dich in der Kunst der Ciceronen übest Eigentlich, im Deklamieren übest. Denn die Rede scheint hier nicht sowohl von wirklich vor Gerichte gehaltenen Reden zu sein, als von den rednerischen Übungen, welche seit der Zeit, da Cicero (während die Republik in Jul. Cäsars Händen war) eine Art von Redner-Akademie in seinem Hause errichtet hatte S. in Cicerons Briefen an seine Freunde, den 33sten des VII. Buchs, und besonders den 18ten im IX., wo er gar artig über seine neue Schulmeisterschaft scherzt. Er nennt deswegen den Hirtius und Dolabella seine Schüler , wiewohl sie damals als Günstlinge Cäsars vielbedeutende Männer waren. , seine sehr gewöhnliche Beschäftigung junger Leute von Stand und Erziehung waren. Man hielt diese Deklamationen entweder öffentlich, – wie Nero, da er schon Imperator war, öfters tat Sueton. in Ner. X. 9. ; oder doch vor einer ausdrücklich dazu eingeladnen Zuhörerschaft – auf eben die Art, wie es um diese Zeit Mode wurde, seine Werke vorzulesen. Horaz hielt sich, da er an Lollius schrieb, zu Präneste auf, einer von den kleinen Städten in der Nähe von Rom, wohin sich vornehme und müßige Römer im Sommer gern zurückzuziehen pflegten, und die beim Florus ( I. 11. ) deswegen aestivae deliciae heißt. , edler Lollius , hab' ich in meinem stillen Winkel zu Präneste den Dichter des Trojan'schen Krieges wieder gelesen, der, was schön ist oder schlecht, was nützlich oder nicht, uns faßlicher Planius , nach Bentleys wohlgegründeter Lesart. und besser lehrt, als Krantor und Chrysipp Krantor , ein Schüler des berühmten Xenokrates , behauptete (nach Cicerons Zeugnis Tuscul. Quaest. III. 6. ) eine vorzügliche Stelle unter den vornehmsten Lehrern der alten Akademie . Chrysippus stand in dem Ruf, eine der größten Stützen der Stoa gewesen zu sein. Plutarch spricht von seinem Buche, Trostgründe im Leiden , als von einem zwar kleinen, aber ganz goldnen Büchlein, welches auswendig gelernt zu werden verdiene. Da Horaz diese beiden Philosophen statt aller andern nennen wollte, so war es natürlich, zwei der berühmtesten aus den beiden angesehensten Schulen zu nennen. . Warum ich dieser Meinung sei, vernimm, wofern du Muße hast. Betörter Fürsten und blöder Völker tolle Hitze schildert die Fabel uns Das Wort Fabel oder Märchen (μυ̃θος, fabula ) hatte bei den Alten eine sehr weite Bedeutung, und bezeichnete eben sowohl eine Iliade oder einen Ödipus, als eine Fabel vom Äsop. Die Fabel, d. i. die künstliche Zusammensetzung erdichteter Umstände, zu lebhafter Darstellung einer Handlung, welche eben durch diese künstliche Zusammensetzung und lebhafte Darstellung das Täuschende oder Wahrscheinliche (denn dem Dichter sind dies gleichbedeutende Worte) erhält, macht das Wesen der epischen und dramatischen Dichterwerke aus – und weder die Größe und Hoheit des Sujets, noch die historische Wahrheit der Personen und Begebenheiten, noch die Wahrscheinlichkeit derselben in der gemeinen Bedeutung dieses Wortes, sind notwendige Erfordernisse dieser Dichtarten; am wenigsten die letztere. Denn das Unglaubliche glaublich zu machen , wie Pindar sagt, ist gerade das, was des Dichters höchster Triumph ist. Die ganze Odyssee ist ein Gewebe von Märchen , wenn je eines gewesen ist; aber weil alles so erzählt ist, daß wir immer sehen, hören, fühlen, was der Dichter will, so müssen wir ja wohl – unsern eignen Sinnen glauben. , worin wir Griechenland und Barbarei zwei schöner Augen wegen in zehenjähr'gem Krieg zusammenstoßen sehn. Antenor rät das Übel an der Wurzel zu schneiden, und das Weib zurückzugeben. Was tut nun Paris ? – O, der schwört, es soll ihn niemand zwingen – glücklich und in Ruhe auf seinem Thron zu sitzen. Nestor eilt     Troiani belli scriptorem, Maxime Lolli, dum tu declamas Romae, Praeneste relegi. Qui quid sit pulchrum, quid turpe, quid utile, quid non, planius ac melius Chrysippo et Crantore dicit. \<5\> Cur ita crediderim, nisi quid te detinet, audi. Fabula, qua Paridis propter narratur amorem Graecia Barbariae lento collisa duello stultorum regum et populorum continet aestus. Antenor censet belli praecidere causam. \<10\> Quid Paris? ut salvus regnet vivatque beatus die Händel zwischen dem Peliden und dem Sohn des Atreus gütlich beizulegen. Vergebens! Diesen brennt die Liebe zu des Priesters Tochter, beide Zorn und Stolz; und was die Fürsten rasen, immer büßen es die Griechen aus. Inn- und außerhalb der Mauern Ilions ist Zwietracht, Trug, Begier und Zorn die Quelle alles Übels. Im Gegenteil, was Tugend und was Weisheit vermögend sei, davon stellt uns Homer ein nützlich Beispiel im Ulysses auf, dem Sieger Trojas, der, durch alle Meere umher getrieben, vieler Völker Städte und Sitten prüfte, und, indem er unverwandt sein großes Ziel, sich und den Seinigen die Wiederkehr ins Vaterland zu schaffen, verfolgt, viel schweres Ungemach erdulden muß; doch unbezwingbar stets die feste Stirn den Stürmen des Geschicks entgegenstemmt. Du kennest der Sirenen lockenden Gesang und Circens Zauberbecher. cogi posse negat. Nestor componere lites inter Pelidem festinat et inter Atridem: hunc amor, ira quidem communiter urit utrumque; quicquid delirant reges, plectuntur Achivi. \<15\> Seditione, dolis, scelere atque libidine et ira Iliacos intra muros peccatur et extra. Rursus quid virtus et quid sapientia possit utile proposuit nobis exemplar Ulyssem, qui domitor Troiae multorum providus urbes \<20\> et mores hominum inspexit, latumque per aequor dum sibi, dum sociis reditum parat, aspera multa pertulit, adversis rerum immersabilis undis. Hätt' er, wie seine unverständigen Gefährten, blindlings auch daraus getrunken, was war die Folge? Nun sein Leben lang verdammt zu sein, in einer Buhlerin ehrlosem Dienst zu kriechen, ohne Herz, ein geiler Hund, ein unflatliebend Schwein! Welch einen Spiegel hält dies Buch uns vor! Was sind wir, als ein Haufen ohne Namen Nos numerus sumus , eigentlich, wir machen bloß die Zahl voll ; wir sind, nach moralischer Schätzung, was die capite censi in Rom nach der politischen waren, sine nomine vulgus , Leute, deren man immer so und so viel Tausend zusammennehmen, und, ohne Gefahr zu irren, voraussetzen kann, daß, im Durchschnitt genommen, einer ungefähr so viel wert ist, als der andre. Das ist nun freilich nicht viel, sagt Lambinus ; aber nullo numero esse , wie es die Alten nannten, gar nicht mit in Rechnung kommen, ist doch noch schlimmer. In diesem Falle waren, unter den Griechen, die Bürger der kleinen Republik Megarä S. Blanchard, Recherches sur la Ville de Megare , im XXVsten Teil der Mémoir. de Littérature. , denen der Gott zu Delphi einsmals, da er über den respektiven Wert der verschiednen griechischen Völkerschaften befragt wurde, das schlimme Kompliment machte: »Ihr, Megarer, seid weder die dritten, noch vierten, noch zwölften, weder an Zahl noch Witz.« , bloß zum Verzehren gut, Penelopeens Sponsierer, Taugenichtse, Hofgesindel des Alcinous, die nichts zu sorgen haben, als sich ein glattes Fell zu ziehen, nicht erröten, bis in den hellen Tag hinein zu schlafen, und, wie ein ernsterer Gedank' sich blicken läßt, ihn flugs beim Klang der Zithern wegzutanzen Ad strepitum citharae cessatum ducere curam . Es ist erbärmlich zu lesen, wie einige Viri doctissimi sich zerarbeitet haben, den natürlichen schönen Sinn dieses Verses in Plattheit zu verkehren. Einige meinten, man müsse cessantem lesen. Joseph Scaliger , der Großfürst der Philologen seiner Zeit (wie sie ihn hießen), schlug cessatam vor. Beide Verbesserungen machen den Ausdruck schülerhaft und abgeschmackt. Bentley, dem in der gewöhnlichen Lesart weder der Gedanke noch der Ausdruck gefällt, wiewohl nichts Schalers sein kann, als die Gründe warum? – meint, man könne den Vers füglich so verbessern: ad strepitum citharae certatim ducere noctem . – Doch entscheidet er sich zuletzt für cessantem ducere somnum , und verschwendet viel Belesenheit, seine Verbesserung durch ähnliche Verse aus andern Dichtern, und aus Horazen selbst, zu rechtfertigen. – Wir haben uns, wie fast immer, an die gemeine Lesart gehalten, und stellen die Scaligers und Bentleys hier nur zum Beispiel auf, wie übel einem Dichter oft mitgespielt wird, wenn seine Ausleger an Wortwitz und Verbesserungssucht zu viel haben, was ihnen an Geschmack und gesundem Verstand abgeht. – J. M. Geßner führt aus dem Ruthgers die niederdeutsche Redensart, Syn sorge spelen leiden , seine Sorge spielen führen , an, als eine, die mit Horazens Ausdruck sehr gut zusammentrifft. . Auf andrer Leben laurend wacht der Räuber die Nächte durch, und du, dich zu erhalten, erwachst nicht? Willst nicht lieber, um gesund zu bleiben, dir Bewegung machen, als wassersüchtig, auf Befehl des Arztes, mit doppelter Beschwerde laufen müssen Lambinus versteht unter curres hydropicus , du wirst zum Arzt laufen müssen . Gegen seine Gewohnheit muß er hier vergessen haben, daß vieles Gehen und Gehen bis zum Laufen zu der Lebensordnung gehörte, welche die Ärzte damals den Wassersüchtigen vorschrieben. Si nondum nimis occupavit (morbus) – multum ambulandum, currendum aliquando. Celsus de Re Medica L. III. 24 . Der Sinn ist also: Wenn du aus Trägheit dir keine Bewegung machen willst, so wirst du, mit der Wassersucht am Halse, gezwungen (aus Vorschrift des Arztes) sogar laufen müssen: und was wird dann deine Trägheit dabei gewonnen haben? – Übrigens braucht der verständige Leser nicht erinnert zu werden, daß hier alles Allegorie und Bild ist; oder man müßte dies beim Horaz alle Augenblicke erinnern. ? Sirenum voces et Circae pocula nosti; quae si cum sociis stultus cupidusque bibisset, \<25\> sub domina meretrice fuisset turpis et excors, vixisset canis immundus, vel amica luto sus. Nos numerus sumus et fruges consumere nati, sponsi Penelopae, nebulones, Alcinoique in cute curanda plus aequo operata iuventus; \<30\> cui pulchrum fuit in medios dormire dies et ad strepitum citharae cessatum ducere curam. Ut iugulent homines surgunt de nocte latrones; ut te ipsum serves non expergisceris? Atqui si noles sanus, curres hydropicus; et nicht Wenn du vor Tag nicht Licht und Buch verlangst Nach alter römischer Sitte stand jedermann mit Anbruch des Tages auf, um sich an seine Geschäfte zu machen. In den Tag hinein zu schlafen, wie die Hofleute des Alcinous, würde einem Ehrenmann eben so schimpflich gewesen sein, als betrunken auf der Straße gefunden zu werden, oder das Haus eines Mädchenmäklers zu stürmen. Noch vor Tage aufzuwachen, um seinem Geist durch Lesen und Betrachtung auf den ganzen Tag Schwung und Richtung zu geben, war also nicht zu viel von einem Jüngling gefordert, der, wie Lollius, eine edlere Rolle zu spielen bestimmt, durch Angewöhnung an eine Lebensart, die das Gegenteil von dem üppigen Müßiggang des besagten Hofgesindels war, sich zu derselbigen vorbereiten sollte. , um deinen Geist auf edle Gegenstände zu heften, was gewinnest du damit? Daß Liebe oder Neid um deinen Schlaf dich bringen und noch quälen obendrein. Wie eilest du, wenn etwa dir ein Splitter ins Auge fiel, ihn flugs heraus zu kriegen! Warum denn, wenn ein Krebs an deiner Seele nagt, die Heilung stets aufs nächste Jahr verschieben? Frisch angefangen ist schon halb getan. Was säumst du? Wag' es auf der Stelle weise zu sein ! Wer recht zu leben eine Stunde nur versäumt, gleicht jenem Bäu'rlein, das am Flusse geduldig stehen blieb, zu warten, bis das Wasser abgeflossen wäre! Tor, die Zeit, die du verlierst, wie dort der Strom, fließt fort, und fließt, und ewig wird sie fließen, nur nie zurück! – Allein, zum Unglück hat man so viel Nötigers zu tun! Fürs erste wird Geld gesucht, dann eine Frau, die uns dazu die Erben schaffe, und wenn nichts mehr übrig ist, so pflügt man Wälder um. Wer, was Genug ist , hat, der wünsche sich \<35\> posces ante diem librum cum lumine, si non intendes animum studiis et rebus honestis, invidia vel amore vigil torquebere. Nam cur quae laedunt oculum, festinas demere; si quid est animum, differs curandi tempus in annum? \<40\> Dimidium facti qui coepit habet. Sapere aude, incipe! Qui recte vivendi prorogat horam rusticus expectat dum defluat amnis; at ille labitur, et labetur in omne volubilis aevum. Quaeritur argentum, puerisque beata creandis \<45\> uxor, et incultae pacantur vomere silvae. nicht Mehr. Haus, Güter, Haufen Goldes und Silbers können des Besitzers Blut vom Fieber nicht befreien, noch von Sorgen sein Herz: gesund muß der zuvörderst sein, der des gehäuften Guts sich freuen will. Plagt ihn Begierde oder Furcht, so hilft ihm Haus und Hof so viel, als Malereien dem Triefaug', Bähungen dem Zipperlein, und Zithern dem, der an den Ohren leidet. Ist dein Gefäß nicht rein, so würde Nektar zu Essig drin. Verschmäh die Jugendlüste! Mit Schmerz erkauft ist Wollust viel zu teuer. Zieh einen engen Kreis um deine Wünsche! Der Geiz'ge darbet ewig, und der Neid wird magrer, wie sein Nachbar fetter wird. Die grausamste der Martern, die ein Phalaris erfand, reicht an die Pein des Neides nicht. Wer seinen Zorn nicht bändigt, wird zu spät bereuen, was die rasche Rachbegier Quod satis est cui contigit, hic nil amplius optet. Non domus et fundus, non aeris acervus et auri aegroto domini deduxit corpore febres, non animo curas. Valeat possessor oportet \<50\> si comportatis rebus bene cogitat uti. Qui cupit aut metuit, iuvat illum sic domus et res ut lippum pictae tabulae, fomenta podagram; auriculas citharae collecta sorde dolentes. Sincerum est nisi vas, quodcumque infundis acescit. \<55\> Sperne voluptates, nocet empta dolore voluptas. Semper avarus eget; certum voto pete finem. Invidus alterius macrescit rebus opimis: invidia Siculi non invenere tyranni maius tormentum. Qui non moderabitur irae, \<60\> infectum volet esse dolor quod suaserit et mens, ihm eingab. Zorn ist kurze Raserei. Regiere deine Leidenschaften, zähme sie mit Ketten und Gebiß! Denn sind sie dir nicht untertan, so sind sie deine Herren. Jung lernt das Roß den noch gelehrigen biegsamen Nacken unter seinen Meister zu schmiegen, und den Weg zu gehn, den ihm der Reiter weist. Das junge Windspiel jagt die Wälder rastlos durch, seit es im Hofe die ausgestopfte Hirschhaut anzubellen gelernt hat. Jetzt, o Jüngling, suche die , durch die du besser werden kannst, jetzt sauge mit reiner Brust der Weisheit Lehren ein! Ein Topf verliert den Wohlgeruch nicht leicht, womit er neu durchbalsamt worden ist. Nun, wie du willst! Geh fürder, oder bleibe zurück: Ich werde meines Weges gehen; und weder auf dich warten, wenn du säumst, noch, wenn du mir zuvoreilst, schneller laufen. dum poenas odio per vim festinat inulto. Ira furor brevis est; animum rege! qui, nisi paret, imperat; hunc frenis, hunc tu compesce catena! Fingit equum tenera docilem cervice magister, \<65\> ire viam qua monstret eques. Venaticus, ex quo tempore cervinam pellem latravit in aula, militat in silvis catulus. Nunc adbibe puro pectore verba puer, nunc te melioribus offer! Quo semel est imbuta recens servabit odorem \<70\> testa diu. Quod si cessas, aut strenuus anteis, nec tardum opperior, nec praecedentibus insto. Dritter Brief An Julius Florus Einleitung Die Großen in Rom pflegten, noch in den Zeiten der freien Republik, und um so mehr unter den Cäsarn, besonders wenn sie in ihre Gouvernements zogen oder sonst in Geschäften des Staats Reisen machten, außer ihren Freigelaßnen und Sklaven eine Anzahl freigeborner Leute um sich zu haben, die sich ihnen besonders gewidmet hatten, und, als eine Art von untertänigen pflichtgehorsamsten Freunden , auf einen vertraulichen Fuß behandelt, auch zum Teil, außer den ehrenvollen Diensten, wozu sie gezogen wurden, gelegenheitlich wohl mit geheimen Aufträgen und Diensten von einer minder ehrsamen Art beladen wurden. Diese Herren hießen Comites, Amici, Cohors Amicorum , auch Contubernales und Commensales , und bestanden teils aus Personen, die ein gewisses Amt bei dem Patron hatten, als Geheimschreiber, Ärzte, Kassierer u. dergl., teils (vornehmlich in den Zeiten, wovon hier die Rede ist) aus solchen, die ein großer Herr mehr zum Staat und zu Vermehrung seiner Tischgesellschaft als zum Bedürfnis mit sich führte, und die seiner Wohltaten mehr vonnöten hatten, als er ihrer Dienste. Da diese Leute, durch die häufige Gelegenheit sich dem großen Herrn angenehm zu machen oder sein Vertrauen zu erwerben, nicht selten ein beträchtliches Glück machten: so ist leicht zu erachten, wie ansehnlich eine Stelle in der Kohorte eines Prinzen sein mußte, der zur Familie des Augustus gehörte, und also dem Urquell aller Gnaden, Ehrenstellen und Reichtümer nahe genug war, um reichliche Ausflüsse davon auf seine Freunde ableiten zu können. Julius Florus , an welchen der gegenwärtige Brief und der zweite im zweiten Buche geschrieben ist, der den Namen Julius vermutlich als ein Klient des julischen Hauses führte, übrigens aber eine unbekannte Person ist, befand sich damals in der Kohorte der Freunde des Tiberius Claudius Nero , Stiefsohn des Augusts durch seine Gemahlin Livia, als derselbe im Jahr 734 nach Armenien abgeschickt wurde, um den Tigranes in die königliche Würde einzusetzen. Aber, was ihm in den Augen der Nachwelt eine ganz andre Ehre macht, ist, daß er (wie es scheint) keine geringe Stelle unter den Freunden des Horaz einnahm, dessen Name durch die Zeit eben so glänzend – als der Name Tibers mit Schande gebrandmarkt worden ist. Wie wenig beneidenswürdig der Platz gewesen, welchen dieser Julius Florus, nebst den übrigen schönen Geistern, nach welchen sich Horaz in diesem Briefe erkundigt, an der Tafel des finstern, mißtrauischen, tückischen und mit kaltem Blute grausamen Tiberius eingenommen, werden wir uns bei einer andern Gelegenheit vom Sueton sagen lassen. Indessen machte man sich doch damals von diesem Prinzen bessere Hoffnungen, als die Zeit in der Folge rechtfertigte. Er befand sich erst in seinem 21- oder 22sten Jahre, und, sowohl die Furcht vor August, als die Begierde, sich die Hochachtung der Römer zu erwerben, nötigte ihn, die Verstellungskunst zu seinem besondern Studium zu machen, und seine Laster unter die Larve der entgegengesetzten Tugenden zu verstecken. Überdies gab er sich auch viel mit der Literatur beider Sprachen ab, und affektierte immer einen Hof von Gelehrten um sich zu haben, die seinem Hause das Ansehen einer Akademie gaben, und die Meinung von ihm erweckten, daß er seine Erholungsstunden mit den Musen zubringe; wiewohl die wichtigsten Preisfragen, die er mit seinen gelehrten Tafelgenossen zu verhandeln pflegte, nicht bedeutender waren, als z. B. wie Hekubas Mutter geheißen? was Achill, da er noch im Gynäceum der Laodamia ein Mädchen vorstellte, für einen Namen gehabt habe, und dergl. Sueton. in Tib. c. 70. Etwas, das, wie mich deucht, angemerkt zu werden verdient, ist dies: daß weder von Julius Florus selbst, noch von dem angeblichen römischen Pindar und Äschylus , Titius , bekannt ist, daß sie das ihnen von Horaz beigelegte Lob durch ihre Werke gerechtfertigt hätten. Man findet ihrer sonst nirgendswo erwähnt; und schon das Stillschweigen Quintilians , der sie in seiner Rezension der römischen Dichter Instit. Orat. L. X. 1. gewiß nicht vergessen hätte, wenn sie jemals unter die vorzüglichern der Zeit Augusts gerechnet worden wären, scheint ein entscheidendes Zeugnis gegen ihren poetischen Wert und Ruhm abzulegen. Es ist also zu glauben, daß Horaz entweder aus Freundschaft oder aus Bescheidenheit günstiger von ihnen geurteilt habe, als die Nachwelt; und ich glaube, daß er deswegen eher Lob als Tadel verdiene. Ihm, der in keinem billigen Verdacht stehen konnte, weder daß er sich dadurch Lobredner seiner eignen Talente habe erkaufen wollen, noch daß er solche Prätendenten an den dichterischen Efeu nur darum erhoben habe, um selbst desto mehr unter ihnen hervorzuglänzen – ihm, der seines eignen Vorzugs so gewiß sein konnte und so wenig stolz darauf war, geziemte es, schwächere Talente aufzumuntern, und auch Versuchen, die vielleicht Vorübungen zu künftigen Meisterstücken sein konnten, seinen Beifall zu schenken. In Absicht des Titius Septimius waltete noch ein andrer Grund vor, dessen wir an einem andern Orte zu erwähnen Gelegenheit haben werden. Die Urbanität , die der Charakter aller Horazischen Werke ist, sieht in diesem Briefe der Gutherzigkeit so ähnlich, daß man sich nicht erwehren kann, sie dafür zu halten. In seinen Urteilen scheint zwar der Freund vorzuschlagen, aber man hört doch, daß sein Lob das Lob eines Meisters ist, der die Kunst liebt und kennt , und auf eine eben so feine als bescheidne Art die Fehler andeutet, vor denen sich der Gelobte zu hüten hat. Daß es ihm nicht an Freimütigkeit fehlte, seinen Freunden auch unangenehme Wahrheiten zu sagen, beweist die Warnung, die er an den Celsus ergehen läßt, und die, ungeachtet sie in das drolligste Gleichnis eingewickelt ist, dem Dichterling nicht sehr angenehm zu verschlucken sein mochte; die er aber auch verdiente, weil er sich schon so oft vergebens hatte warnen lassen. Übrigens ist sowohl die liebreiche Art, wie er dem Julius Florus zu verstehen gibt, was ihn eigentlich aufhalte, größre Fortschritte zur Vollkommenheit zu tun, als die Wärme, womit er das zerrißne Band der Freundschaft zwischen ihm und seinem Verwandten Munatius wieder zusammenzuziehen sucht, ein Beweis, daß er an diesen beiden jungen Männern mehr als gemeinen Anteil genommen habe. In welchen Gegenden der Welt Tiber , Augustus Stiefsohn Tiberius heißt hier bloß Augusts Stiefsohn , weil er erst nach dem Tode des Cajus und Lucius Cäsars , der beiden Tochtersöhne des Imperators, im Jahre 757 zum Sohne von ihm angenommen wurde. , seine Adler zeige, ob Thrazien und der Hebrus, dessen Fuß des Winters Fesseln nachschleppt, oder der Kanal, der zwischen Abydos und Sestos hinläuft, oder die fetten Hügel und die lachenden Gefilde des schönen Asiens euch halten Zum Verweilen reizen. Es ergibt sich aus dieser Stelle, daß Tiberius seinen Weg durch Thrazien genommen, und daß diese Epistel im Frühling des Jahres 735.  U. C. geschrieben worden. , bald von dir, mein lieber Florus, zu erfahren, ist, wornach ich ungeduldig bin. Was treiben die Musensöhne unter euch? Auch das wünsch' ich zu wissen. Welcher wählt die Taten Augusts sich aus, und seiner Siege Frucht, den Frieden, dessen unter ihm die Welt genoß, der späten Zukunft vorzusingen Horaz, der zu viel Gefühl für seine Ehre hatte, um jemals des Verhältnisses zu vergessen, worin er in seiner Jugend mit den letzten freien Römern , Brutus und Cassius, gestanden, wich immer, mit so guter Art als möglich und so lang' er konnte, der zweideutigen Ehre aus, die Taten Augusts zum Gegenstand seiner Muse zu machen, wie gern es auch Mäcenas, und August selbst, ohne Zweifel gesehen hätte. Er entschuldigte sich immer damit, daß er für ein so großes Werk nicht Atem genug habe, und es einem Dichter von größern Fähigkeiten überlassen müsse. Die wahre Ursache ist leicht zu erraten; indessen würde es sich auf keine Weise für ihn geschickt haben, sie zu verstehen zu geben. Im Gegenteil, er war ein zu guter Hofmann, um nicht, bei jeder Gelegenheit, wenigstens seinen guten Willen zu zeigen. Daher fängt er auch hier seine Erkundigung nach den Beschäftigungen der gelehrten Kohorte des Tiberius mit der Frage an: welcher von ihnen sich die Taten Augusts zu besingen erwähle? – Dies klingt doch immer, als ob er sich dafür interessiere, und nichts so sehr wünsche, als von andern ausgeführt zu sehen, was er aus Mangel an Kräften nicht selbst unternehmen könne. ? Wie steht's um Titius Eine Glosse in einer alten Handschrift nennt ihn Titius Septimius , und versichert, daß ein römischer Ritter dieses Namens um diese Zeit gelebt habe, der Tragödien und lyrische Gedichte geschrieben, wovon aber nichts mehr vorhanden sei. Die Familie Titia war in Rom nicht ohne Glanz. Cicero spricht mit großem Ruhm von den Reden eines Cajus Titius . Aber weder dieser, noch vier oder fünf Titii, die in seinen Briefen genennt werden, noch der M. Titius , der aus Plutarch und Dion Plutarch. in Anton. Dion. L. 50. p. 402.420. edit. Leuncl. bekannt ist und in den Zeiten des Triumvirats immer auf der Seite des Glücks war, sind der, von welchem hier die Rede ist. Daß dieser aber ein Sohn des besagten Marcus gewesen, wäre vielleicht wahrscheinlich zu machen, wenn jemanden etwas daran gelegen sein könnte. , dessen Name bald auf unsrer Römer Lippen schweben wird, der, die gemeinen Bächlein und die Teiche, wo alles schöpft, verschmähend, zuversichtlich     Iuli Flore, quibus terrarum militet oris Claudius Augusti privignus, scire laboro; Thracane vos, Hebrusque nivali compede vinctus an freta vicinas inter currentia turres \<5\> an pingues Asiae campi collesque morantur? Quid studiosa cohors operum struit? haec quoque curo; quis sibi res gestas Augusti scribere sumit? Bella quis et paces longum diffundit in aevum? Quid Titius, Romana brevi venturus in ora, sich einen Weg zu jenen Felsen machte, aus welchen Pindars volle Quelle rauscht. Wie lebt er? denkt er noch an uns? und was beschäftigt ihn? Stimmt eine günst'ge Muse ihm die latein'sche Leier zu des hohen Thebaners Weisen? Oder wütet, schäumt und sprudelt er im tragischen Kothurn Daß Horaz bei dem Worte ampullatur (dessen ganzen Nachdruck ich durch zwei deutsche dennoch nur mangelhaft auszudrücken vermochte) an das griechische ληκυθίζειν gedacht haben könne, wie Lambinus und Torrentius glauben, kann sehr wohl sein: aber daß er sich bei ampullari was anders gedacht, als das griechische Wort bedeutet, darin halte ich's sehr mit dem letztern. Horaz war gewiß vermöge seiner ganzen Vorstellungsart weit entfernt, die großen Blasen und ellenlangen Wörter, wodurch die römischen Tragödienschreiber zu eben so vielen Äschylussen zu werden glaubten, herrlich zu finden. Mich deucht daher, daß unter dem ampullatur eine leise Ironie bedeckt liege, und daß er den jungen Titius vor der Gefahr, über die Grenze des wahren Erhabenen auszuschweifen (welcher er als ein Bewunderer und Nachahmer Pindars um so näher war), auf eine leicht verdeckte Art habe warnen wollen. Überhaupt lobt Horaz mehr die Kühnheit des jungen Dichters, sich zu einem römischen Pindar aufwerfen zu wollen, als die Tat selbst ; und daß es diesem nicht gelungen, ist (außer den bereits erwähnten Gründen) auch aus dem Anfang der Ode 2. im IVten Buche zu schließen, welche mehrere Jahre nach dieser Epistel geschrieben zu sein scheint. ? Was macht mein Celsus Vermutlich eben der Celsus von Albinova , an welchen der achte Brief geschrieben ist, und der damals einer von Tibers Geheimschreibern war. , den ich oft ermahnt und noch ermahnen muß, ein Eigentum sich anzuschaffen, und die Schriften unberupft zu lassen, die der Palatin'sche Gott in seinen offnen Schatz gelegt Drei Jahre nach der Schlacht bei Actium (A.U. 726. ) weihte August in seinem Hause auf dem Palatinischen Berge dem Apollo einen Tempel, mit einer großen Galerie, worin eine griechische und eine lateinische Bibliothek allen Gelehrten offen stand. Daß August die prächtige Bibliothek des Lucullus , in welcher die Griechen, die nach Rom kamen, sich (nach Plutarchs Ausdruck) wie in einem Prytaneum oder gelehrten Rathause zusammen fanden, in diese Palatinische habe bringen lassen, ist eine bloße, wiewohl wahrscheinliche, Vermutung: aber daß er auch die kolossalische dreißig Ellen hohe Bildsäule des Apollo, welche Lucullus aus Apollonia im Pontus nach Rom ins Capitolium geschafft hatte, in der Palatinischen Bibliothek aufgestellt habe, wie der Abt Belley versichert Mémoires de Littérature. Tom. 45. p. 14. und sich deswegen auf das 7. Kap. des XXXIV. Buchs des Plinius beruft, davon sagt Plinius kein Wort. : damit, wenn einst die Schar der Vögel ihre Federn zurückzufordern kommt, nicht unversehens entblößt von der verstohlnen Farbenpracht die kleine Krähe zum Gelächter werde Anspielung auf eine bekannte Äsopische Fabel. Die dem Horaz so gewöhnliche Unterschiebung des Subjekts der Vergleichung an die Stelle des Objekts gibt seinen Gleichnissen eine sonderbare Anmut. . Du selbst, mein Julius, was hast du vor? \<10\> Pindarici fontis qui non expalluit haustus, fastidire lacus et rivos ausus apertos? Ut valet? ut meminit nostri? fidibusne Latinis Thebanos aptare modos studet auspice Musa? An tragica desaevit et ampullatur in arte? \<15\> Quid mihi Celsus agit? monitus multumque monendus, privatas ut quaerat opes et tangere vitet scripta, Palatinus quaecumque recepit Apollo: ne si forte suas repetitum venerit olim grex avium plumas, moveat cornicula risum \<20\> furtivis nudata coloribus. Ipse quid audes? Um welche Sommerblumen schwärmst du der Biene gleich? Dir ward ein schöner Boden zu Teil; du hast ihn angebaut und nicht verwildern lassen. Dich wird stets der Eppich des Sieges krönen, sei es, daß du, als Sachwalter, die Zunge wetzest, oder uns die Knoten des bürgerlichen Rechtes lösest, oder Liebe und leichte Scherze singst. Und könntest du der Sorgen, die den Geist erkälten, dich entschlagen, o! du gingst so weit, als je die Weisheit einen Sterblichen geführt! Dies ist die ernste Angelegenheit, worin wir alle, Klein' und Große, uns beeifern müssen, wenn dem Vaterlande, wenn wir einander teuer werden wollen Diese Stelle, in einem bloßen Gelegenheitsbriefe an einen Commensalen des Tiberius, scheint mir ganz vorzüglich merkwürdig. Sie beweiset, deucht mich, daß die Tugend dem Horaz mehr am Herzen gelegen habe, als man sich, bei dem gemeinen Vorurteil gegen seine Grundsätze, vorzustellen pflegt. Da er noch einer von den Römern war, welche die Republik gesehen und ihre Erhaltung eifrig gewünscht hatten: so konnte er sich an die große Veränderung, welche nihil prisci et integri moris übrig ließ, nie recht gewöhnen; und alle Augenblicke entwischt ihm, so zu sagen, ein Gedanke, eine Gesinnung, die für eine so verderbte Zeit zu edel, zu altrömisch war, und nicht mehr recht passen wollte. Er kann sich nicht von der süßen Täuschung trennen, daß ein Römer noch ein Vaterland habe, und er fühlt noch nichts Lächerliches dabei, einem jungen Höfling – von Weisheit und Tugend mit Wärme, und mit eben dem Ton von Gewißheit zu sprechen, wie ein erfahrner Arzt einem Kranken von der Lebensordnung spricht, die er zu halten, und von den Arzneien, die er zu nehmen habe. Dies macht, deucht mich, dem Herzen unsers Dichters Ehre, und um so mehr Ehre, weil man, mit einem mäßigen Teil von Aufmerksamkeit und Sinn, diese Art zu denken durch alle seine Werke durchscheinen sieht. ! Vergiß auch nicht zu schreiben, ob Munaz dir wieder, was er billig sein soll, ist Wer dieser Munatius gewesen, ob ein Sohn, Neffe oder sonstiger Anverwandter des L. Munatius Plancus , welcher einer von den Anhängern Julius Cäsars, nach dessen Tode im Jahre 712 Konsul, hierauf Prokonsul in Gallia Comata, in der Folge einer der ansehnlichsten Anhänger des Antonius, und, nachdem er diesen verlassen und zum Octavianus Cäsar übergegangen, bei dem letztern sehr beliebt, und im Jahr 742 mit Ämilius Lepidus Zensor war, oder ob er den Namen des Munazischen Hauses aus andern, bei den Römern gewöhnlichen, Ursachen geführt? – ist eben so unbekannt als unerheblich. ? Ist eure Freundschaft völlig ausgeheilt und zugewachsen, oder droht die Wunde bald wieder aufzubrechen Das male sarta braucht, deucht mich, eben nicht aus einer Schneiderwerkstatt geholt zu sein, wie Baxter meint: die ganze Dilogie paßt auf eine Wunde eben so gut. ? Sei es Wärme Quae circumvolitas agilis thyma? Non tibi parvum ingenium, non incultum est, nec turpiter hirtum. Seu linguam causis acuis, seu civica iura respondere paras, seu condis amabile carmen, \<25\> prima feres hederae victricis praemia. Quod si frigida curarum fomenta relinquere posses, quo te caelestis sapientia duceret isses. Hoc opus, hoc studium parvi properemus et ampli, si patriae volumus, si nobis vivere cari. \<30\> Debes hoc etiam rescribere, si tibi curae quantae conveniat Munatius? An male sarta des Blutes, sei es Unerfahrenheit, was euch erhitzt (denn ungebändigt ist noch beider Nacken); aber, wo ihr lebt, wo wollt ihr beßre Freunde finden, als euch selbst? Ihr habt den Bruderbund beschworen, und seid, ihn nie zu brechen, beide wert. Kommt bald zurück! Es weidet unterdes auf meiner Flur, den Freundschaftsgöttern heilig, ein jährig Kalb auf eure Wiederkunft. gratia nequicquam coit et rescinditur? At vos seu calidus sanguis, seu rerum inscitia vexat, indomita cervice feros, ubicumque locorum \<35\> vivitis indigni fraternum rumpere foedus. Pascitur in vestrum reditum votiva iuvenca. Vierter Brief Am Albius Tibullus Einleitung Daß der Tibull , an welchen diese kleine Epistel geschrieben ist, eben derjenige sei, der uns den Abdruck seiner sanften, von den Grazien selbst zu zarten Empfindungen und wollüstig melancholischer Schwärmerei gebildeten Seele in seinen Elegien hinterlassen hat, ist, ungeachtet des Skrupels des gelehrten Cruquius , keinem Zweifel unterworfen. Von der Freundschaft unsers Dichters zu ihm befinden sich in dessen Werken zwei Denkmale, die 33ste Ode des ersten Buchs, und der gegenwärtige Brief, dessen eigentliches Datum sich zwar nicht gewiß bestimmen läßt, der aber doch einige Jahre nach jener Ode, wiewohl vielleicht früher als die meisten übrigen Episteln, geschrieben zu sein scheint. Wie die gelehrte Kohorte der Ausleger auf den Einfall verfallen konnte, diesen kleinen vertraulichen Brief für ein Trostschreiben zu erklären, worin Horaz seinen kummervollen Freund durch eine liebliche Ansprache seines Leides habe ergötzen wollen, wäre schwer zu begreifen, wenn man nicht aus so vielen Beispielen wüßte, daß diese Herren oft den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen können. In dem ganzen Briefchen ist zwar keine Spur von der vorgeblichen Schwermut des Tibullus: aber es kam ihnen doch gar nicht natürlich vor, daß ein Dichter, der, laut seiner noch vorhandnen Elegien, so viel Angenehmes mit den Delien und Neären zu verkehren gehabt hatte, auf einmal so still und einsam in Wäldern herum kriechen und sich in moralische Betrachtungen vertiefen sollte. Nun fiel ihnen ein, daß Tibull in seinem heroischen Gedicht an Messalla Corvinus von großen Reichtümern spricht, deren er durch die Unbeständigkeit des Glücks beraubt worden sei, – und daß er gleich die erste seiner Elegien damit anfängt, sich für arm zu erklären. Dies, glaubten sie, mache nun alles sehr begreiflich: denn natürlicherweise habe einer, der aus einem reichen Mann ein armer Mann geworden, alle Ursache von der Welt, den Kopf hängen zu lassen, u. s. w. Sie vergaßen aber, daß Tibull, an eben dem Orte, wo er von seinen verlornen Reichtümern spricht, auch zu verstehen gibt, daß er noch etwas zu verlieren habe; und daß die Armut, die er in der ganzen ersten Elegie mit sehr anmutigen Farben schildert, und bei welcher er sich höchst glücklich preist, bloß vergleichungsweise mit den Reichtümern eines Mäcens oder Messalla oder Cneus Lentulus , diesen Namen verdiente; kurz, daß es eine Art von Armut war, wobei kein gesunddenkender Mensch den besagten Cneus Lentulus um die fünf und zwanzig Millionen Gulden beneiden wird, die er (nach Senecas Versicherung Seneca , de Benefic. II. 27. Er war, sagt Seneca, das höchste Beispiel von Reichtum bei Privatleuten, denn er sah sich, durch die liberalitatem Augusti , im Besitz von 400 Millionen Sesterzien. Wenn vier Sesterzien auf einen Denar, und vier Denare auf einen Gulden gerechnet werden, so gibt dies die obige Summe. ) besaß, ohne sie genießen zu können, und großenteils wieder verlor, ohne zu wissen wie es damit zugegangen. Das Wahre von Tibulls Umständen scheint dies gewesen zu sein. Er verlor in den bürgerlichen Unruhen, unter dem letzten Triumvirat, in seiner frühen Jugend die beträchtlichen Güter, welche seine Vorfahren als römische Ritter vermutlich durch Staatspachtungen gewonnen hatten. Er bekam aber, als August die verderblichen Folgen der Bürgerkriege wieder möglichst zu vergüten suchte, so viel davon zurück, oder rettete wenigstens noch so viel aus dem Schiffbruch, als er brauchte, um, bei nicht allzu ausschweifenden Wünschen, unabhängig und vergnüglich leben zu können. Dies letztere bezeugt die gegenwärtige Epistel, und in Tibulls eignen Gedichten ist nichts, was nicht damit übereinstimmte. Seine Anhänglichkeit an Messalla Corvinus beweiset nichts für die vermeinte Dürftigkeit Tibulls. Denn jeder Römer von mittelmäßigem Stand und Vermögen hatte unter den Großen seinen Patron , dessen Klient er war. Dieses Verhältnis war der Kütt, womit der Stifter Roms sein politisches Gebäude zusammengefügt hatte; und in dem Zeitpunkte, da die Republik sich unvermerkt in eine Monarchie verwandelte, war es notwendiger als jemals, einen Freund und Beschützer zu haben, der Demjenigen nahe wäre, von welchem alles abhing. Aber dies Verhältnis verhinderte nicht, sondern beförderte vielmehr die Freiheit und sichre Muße, worin Tibull jenen wohltätigen Gottheiten diente, zu deren Dienst der weise Solon noch in seinem hohen Alter sich bekannte, und von denen, wie er sagt, alle Freuden der Sterblichen kommen. Tibull liebte mit seiner Phantasie in den goldnen Zeiten Saturns und in Elysischen Gefilden herumzuschweifen; er liebte, wie Horaz, Freiheit und gelehrten Müßiggang. Daher lebte er auch, wie Horaz, am liebsten auf dem Lande, und dieses Briefchen ist an ihn geschrieben, da er sich auf seinem Gute in der Gegend von Pedum Zwischen Tibur und Präneste. aufhielt. Unser Dichter, der durch ähnliche Neigungen und Studien mit ihm verbunden war, aber meistens von ihm entfernt und in einem andern Zirkel lebte, scheint dabei keine andre Absicht gehabt zu haben, als sich einmal wieder nach dem Befinden seines Freundes zu erkundigen, ihn auf eine vertraulich höfliche, wiewohl eben nicht sehr ernstliche Art, zu sich einzuladen, und ihm bei dieser Gelegenheit für das günstige Urteil, welches Tibull von seinen Sermonen oder Satiren gefällt hatte, ein Gegenkompliment zu machen. Die Urbanität, die über den ganzen Brief ausgegossen ist, kann besser empfunden als beschrieben oder nachgeahmt werden. Nichts geht über die Zartheit, womit er dem Lobe des Tibulls eine solche Wendung gibt, daß es zugleich ein schönes Charakterbild eines liebenswürdigen und glücklich gebornen Menschen, und eine feine leise Erinnerung wird, an allem dem, was Natur und Glück für ihn getan, sich genügen zu lassen, und sich sein Wohlbefinden nicht durch unruhige Bemühungen, um sich besser zu befinden , selber zu verkümmern. Auch die Bescheidenheit verdient bemerkt zu werden, womit er den Tibull, der doch unstreitig in mehr als einer Betrachtung unter ihm war, nicht nur als seines gleichen behandelt, sondern durch den Wert, den er auf dessen günstiges Urteil von seinen Sermonen legt, gewissermaßen über sich selbst erhebt. In dieser liberalen Art, der Eigenliebe der Personen, mit denen man zu tun hat, ohne Schmeichelei und unedle Selbsterniedrigung, gütlich zu tun, hat Horaz etwas ganz Eigenes: und man begreift dadurch um so eher, wie er mit so vielen Nebenbuhlern aus einer Klasse von Menschen, die er sonst mit bestem Fug genus irritabile nennt, immer in gutem Vernehmen leben konnte. Aus dem Umstande, daß er in dem ersten Verse nur seiner Sermonen gedenkt, welche die ersten Werke waren, die er öffentlich bekannt machte, verglichen mit dem scherzhaften Schlusse, worin er sich pinguem et bene curata cute nitidum Epicuri porcum nennt – wird ziemlich wahrscheinlich, daß dieser kleine Gelegenheitsbrief mehrere Jahre vor den übrigen geschrieben worden. Denn wiewohl Bentley die Jahre, in welchen Horaz seine Werke nach und nach verfertigt und herausgegeben, ziemlich richtig ausgeforscht zu haben scheint: so läßt sich doch daraus, daß er das erste Buch seiner Briefe nicht vor seinem sechs und vierzig- oder sieben und vierzigsten Jahre publiziert , auf keine Weise schließen, daß sie darum alle erst um diese Zeit geschrieben worden – wiewohl die Logik, in welcher diese Art von Schlüssen gilt, den meisten Auslegern der Alten sehr gewöhnlich ist. Du milder Richter meiner unbedeutenden Sermonen, wie genießest du, Tibull , dein Leben auf dem Lande? Dichtest du vielleicht, was selbst den anmutsvollen Kleinigkeiten des Cassius von Parma Cassius von Parma , einer von den Zusammenverschwornen, welche durch Jul. Cäsars Tod die Republik wieder herzustellen hofften, war bei dem letzten Bruch zwischen Octavianus und Antonius von der Partei des letztern, und hatte eine Befehlhabersstelle in dem Treffen bei Actium. Nach dessen bekanntem Ausgang floh er nach Athen und wurde dort auf Befehl Octavians, von Q. Varus, an seinem Schreibepult ermordet Valer. Max. I. c. 7. § 7. . Der alte Scholiast beim Cruquius vermengt in seinem Berichte von diesem Cassius die Schlacht bei Actium mit der bei Philippi, wiewohl mehr als zehen Jahre zwischen beiden sind, und den Quintus Varus , der sich zum Meuchelmörder brauchen ließ, mit dem Lucius Varius , der in der tragischen Dichtart durch seinen Thyest den besten Griechen gleich kam Quintilian. X. c. 1. Varii Thyestes cuilibet Graecorum comparari potest. , und in der epischen vielleicht nur dem Virgil wich, und welchen Horaz mit Virgil in dem schönen Lobspruch verbindet, wo er von beiden sagt: – Animas, quales neque candidiores terra tulit, neque quis me sit devinctior alter. Gleichwohl macht ihn dieser schale Glossierer nicht nur zum Meuchelmörder, sondern gibt auch durch ein innuendo zu verstehen, er habe dem Cassius von Parma das Trauerspiel Thyest bei dieser Gelegenheit gestohlen und hernach als sein eigen Werk in die Welt geschickt. Viele Leute, sagt er, hätten es deswegen geglaubt, weil Varus den Cassius an seinem Schreibtisch ermordet, und den Pult samt den Schriften mit sich genommen, Cassius aber viele Tragödien geschrieben habe. Der Beweis würde immer noch schlecht sein, wenn auch Q. Varus und L. Varius der Dichter die nämliche Person gewesen wären: so aber, da zwei verschiedne Namen natürlicherweise auch zwei verschiedne Personen bezeichnen, straft die Anekdote sich selbst Lügen, und gehört offenbar zu so vielen andern, welche Neid und Bosheit zu allen Zeiten erfunden, und Dummheit ohne Beweis angenommen und fortgepflanzt hat, um den Ruhm der trefflichsten Menschen zu beflecken. – Ich würde mich mit dieser Rechtfertigung eines Dichters, der, wiewohl eine der ersten Zierden der schönsten Zeit der römischen Literatur, uns, die wir nichts mehr von ihm besitzen, gleichgültig worden ist, nicht aufgehalten haben, wenn ich dieses schändliche Scholium des unbekannten Glossierers nicht in den besten Ausgaben unsers Dichters, auch von einem Baxter und Geßner, angeführt sähe, ohne daß einer von ihnen ein paar Zeilen daran gewendet hätte, sich der Ehre eines unschuldig verleumdeten Toten anzunehmen. Horaz spricht hier bloß von opusculis des Cassius von Parma, und gibt uns einen hinlänglichen Begriff von dem Fache, in welches sie gehörten, da er sie mit Tibulls opusculis zusammenstellt, und diesem ein großes Kompliment zu machen glaubt, wenn er ihm zutraut, jenen sogar übertreffen zu können. Die Ausleger der Alten verfehlen oft bloß dadurch des wahren Sinnes, daß sie dem Autor, als ob er zu wenig an seinem eignen Witz habe, auch noch von dem ihrigen leihen wollen, der nicht immer von der besten Sorte ist. Cruquius wittert hier eine Ironie , wo gewiß sonst niemand eine finden wird; und Baxter meint, opuscula habe hier einen ganz besondern Nachdruck , und wolle so viel sagen, als Werke, die mit Gold aufgewogen zu werden verdienen. Als ob opuscula , wo die Rede von kleinen, leichten, gelegenheitlichen, scherzhaften, oder erotischen Gedichten ist, etwas anders als opuscula sein müßten! Vorzüglich bemerkenswürdig ist übrigens, daß Horaz freimütig genug war und sein durfte , eines ehemaligen Freundes seiner Jugendjahre namentlich und rühmlich zu erwähnen, der einer von den Mördern Cäsars, ein Anhänger des M. Brutus, und so sehr ein Feind der Julischen Partei und des nachmaligen Augusts gewesen war, daß er, nach Brutus und Cassius Tode, sich in einer Art von Verzweiflung lieber zum Antonius schlagen, als dem Octavianus ergeben wollte. Auch dies ist ein Zug, der uns mit dem sittlichen Charakter unsers von dieser Seite zu wenig gekannten Dichters vertrauter machen hilft. Wir werden in der Folge noch auf mehr solche Äußerungen stoßen, welche beweisen, daß er, mitten unter den eigennützigen oder wollüstigen Höflingen eines alles vermögenden und bei aller seiner Mäßigung und affektierten Bescheidenheit nicht immer ungefährlichen Usurpators, das Recht zu sagen, was er dachte ( fari quae sentiat ), sehr gut zu behaupten wußte. Denjenigen, der vielleicht hinzusetzen wollte, daß dies dem August eben so viel Ehre mache, als dem Horaz, würde ich an eine Anekdote erinnern, die uns Sueton aufbehalten hat, und die so völlig im Charakter des erstern ist, daß man sie sogar einem alten Glossator glauben dürfte. Ein gewisser Ämilius Älianus von Corduba war verschiedner Verbrechen halber angeklagt worden, welche August selbst untersuchen wollte. Der Kläger, um seinen übrigen Beschuldigungen desto mehr Gewicht zu geben, machte hauptsächlich diese gelten: Älianus pflege sich sehr ungebührliche Reden über den August zu erlauben. »Das sollst du mir gleich beweisen, fiel ihm August mit angenommener Hitze ins Wort: ich will dem Älianus zeigen, daß ich auch eine Zunge habe! Ich will noch mehr über ihn sagen, als er über mich.« Und da Tiberius in einem Schreiben an seinen Stiefvater sich über eben diesen Gegenstand sehr heftig ereiferte, antwortete ihm August: er möchte seiner Jugendhitze nicht zu viel erlauben, und nicht so sehr ungehalten darüber werden, daß jemand übel von ihm spreche: Es ist genug , setzte er hinzu, daß wir's dahin gebracht haben, daß uns niemand nichts Übels tun kann. – Octavianus hatte sich den Weg zur höchsten Gewalt durch so schändliche und grausame Mittel gebahnt, daß es nun bloße Klugheit vom Augustus war, mit Gelindigkeit zu regieren, und mit dem schönen Glanze dieses neuen, lauter Gutes zusagenden Namens die Verbrechen zuzudecken, womit sein voriger besudelt war. länger nicht den Vorzug lasse: oder schleichest still und einsam im gesunden Wald umher, und suchst in deinem eignen Herzen – was des Weisen und des Guten würdig ist? Du warst nicht bloß ein schönes Bild, dem nichts im Busen schlägt. Die Götter gaben dir zur Schönheit Reichtum, gaben dir zu beidem die seltne Kunst des Lebens zu genießen. Was kann die Amme ihrem lieben Zögling noch Größers wünschen, wenn er, unverdorben an Kopf und Herz, die Gabe, was er denkt, zu sagen, mit der Gabe zu gefallen zu gatten weiß, und Gunst und Ruhms genug, auch einen Überfluß an frischem Blut, ein reinlich Haus, und immer noch für jeden bescheidnen Wunsch so viel im Beutel hat,     Albi, nostrorum sermonum candide iudex, quid nunc te dicam facere in regione Pedana? Scribere quod Cassi Parmensis opuscula vincat? An tacitum silvas inter reptare salubres, \<5\> curantem quicquid dignum sapiente bonoque est? Non tu corpus eras sine pectore. Di tibi formam, di tibi divitias dederunt, artemque fruendi. Quid voveat dulci nutricula maius alumno qui sapere et fari possit quae sentiat, et cui \<10\> gratia, fama, valetudo contingat abunde, et mundus victus non deficiente crumena. als nötig ist? – Dies Glück, Tibull, ist dein Eine innere Notwendigkeit zwingt uns immer unvermerkt, uns selbst, unsre eigne Art zu denken und zu leben, zum Maßstab anzunehmen, es sei daß wir einem andern etwas recht sehr Schönes sagen, oder ihm mit guter Art zu verstehen geben wollen, wie wir glauben, daß er sein sollte. Horaz scheint in dieser ganzen Epistel immer sich an Tibulls Platz gesetzt zu haben. Wirklich war viele Ähnlichkeit zwischen ihnen, zumal in der Neigung zum unabhängigen und müßigen Landleben, und in der wünschenswürdigen Armut (wie sie es beide nennen) gerade so reich und nicht reicher zu sein, als zu Befriedigung dieser Neigung nötig war. Aber die Verschiedenheit in der Modifikation derselben, und selbst in den Grundzügen ihres Geistes, war doch weit größer, als jene Ähnlichkeit; und wiewohl man in den Elegien Tibulls Gedanken und Bilder von der größten Zartheit antrifft, so findet sich doch, meines Erinnerns, nichts darin von dem philosophischen Geiste, der durch die Horazischen Werke atmet, und ihnen einen so eignen Charakter von Scharfsinn und verfeinertem Sensus communis gibt. Tibulls eigner Charakter ist, mehr – oder fast ganz allein – verfeinerte Sensualität Ich brauche dieses Wort, weil Sensualität zu Sinnlichkeit sich verhält wie Lizenz zu Freiheit, und also nicht gleichbedeutend ist. . Nur diese, von einem romantischen Schwung der Phantasie gehoben, konnte ihm die erste seiner Elegien, die auch die schönste ist, und diese rührende Vermengung von Schwärmerei der Liebe mit Todesbildern eingeben: aber nichts kann uns glauben machen, daß ein Bild wie dieses, – Tacitum silvas interreptare salubres curantem quicquid dignum sapiente bonoque est, auf ihn hätte passen, oder so ein Wunsch wie dieser: Sit mihi quod nunc est, etiam minus: ut mihi vivam quod superest aevi etc. jemals in seine weichliche Seele gekommen sei. Für ihn sind seine Auen und Gebüsche und Lauben nichts als Szenen seiner verliebten Neigungen; und allen Reiz, den sie für ihn haben, empfangen sie von der Gegenwart seiner Delia . Für Horaz ist sein kleiner Meierhof der Ort, der ihn sich selber wieder gibt, und wenn er mit einer so herzlichen Ausdehnung der Brust ausruft: O du mein liebes Feld, wenn werd' ich dich einst wieder sehn? Wenn wirds so gut mir werden, bald mit Homer und Plato, bald in freier zweckloser Träumerei und ungestörtem Schlummer ein liebliches Vergessen aller Plage und Eitelkeit des Lebens einzuatmen Sat. II. 6, 60. ! so braucht er nicht, wie Tibull , seine Wiesen und Anger durch die Magie seiner Einbildung in ein wollüstiges Elysium zu verwandeln, wo – – iuvenum series teneris immixta puellis ludit, et assidue proelia miscet Amor Tibull. L. I. 3. . Tibull läßt, mitten im Anpreisen seines jetzigen unscheinbaren Wohlstands, manchen verstohlnen Blick, nicht ohne kaum zurückgehaltene Seufzer, auf das glänzendere Glück, das er nie genossen, aber zu genießen geboren war, fallen; und er scheint angenehmer Zerstreuungen als eines Nepenthes zu bedürfen, der ihn vor schmerzlichen Erinnerungen bewahre. Horaz hingegen sieht, im Genusse seines kleinen Glücks, seine Wünsche übertroffen Hoc erat in votis etc. Auctius atque di melius fecere. l.c. – er hat nichts mehr zu wünschen, als daß ihm bleibe, was er hat, und es könnte weniger sein, ohne daß er etwas verloren zu haben glaubte. Tibulls Leben war ein Traum , und sein Glück eine süße Berauschung der Seele. Horaz hatte wachend gelebt, und durch seine Erfahrung zwei große Schätze gewonnen, Weltkenntnis und Kenntnis seiner selbst. Zwar hatte er auch gespielt Nec lusisse pudet, sed non incidere ludum. Epist. XIV. , und schämte sich dessen nicht; aber er wußte aufzuhören, und der Tumult des Lebens und der Ergötzungen hatte sein Ohr nicht stumpf gemacht, die leise Stimme seines Genius, seines bessern Selbst zu hören, die ihn ermahnte, mit sich selbst zu leben, und in sich zu suchen, was die Menschen sonst überall suchen, als da, wo sie es finden würden, und sich dann verwundern oder ärgern, daß es nicht zu finden sei. Horaz hat also, allem Ansehen nach, dem Tibull zu viel Ehre angetan, wenn er ihn in der Stelle: Quid dulci voveat nutricula maius alumno , gleichsam an seinen eignen Platz setzt; ja vielleicht schon zu viel, wenn er ihn nur für weise genug hielt, sich den feinen Wink, den er ihm dadurch gab, zu Nutze zu machen. Tibull hatte das alles, weswegen ihn sein Freund glücklich preist; nur mit dem Sapere scheint es nicht so ganz richtig bei ihm gewesen zu sein; und das war's doch gerade, was alles übrige erst gut machen mußte. . Indes das Leben andern zwischen Hoffen und Wünschen, zwischen Furcht und Zorn entschlüpft, nimm du den Tag, der anbricht, für den letzten; so wird dir jede unverhoffte Stunde, die noch hinzu kommt, desto werter kommen. Mich wirst du wohlbeleibt, mit glattem Fell und runden Backen finden, wenn dir einfällt, über ein wohlgenährtes Schwein aus Epikurs verschrienem Stalle lustig dich zu machen Schade daß Horaz die Verlegenheit nicht voraussehen konnte, in welche diese Stelle nach vielen hundert Jahren so manchen wackern Mann setzen würde, der sich gern Mühe geben möchte, einen Autor, der so schönes Latein schreibt und den man doch der Jugend in die Hände zu geben nicht wohl vermeiden kann, von der häßlichen Makel des Epikurismus zu retten Der gute J. H. Meibom weiß sich und Horazen nicht anders zu helfen, als für porcum parcum zu lesen wodurch zwar der Spaß verloren geht, aber doch (seiner Meinung nach) der Mann bei Ehren bleibt. . Es ist zwar nur sein Scherz mit dem fetten, glänzenden, wohlgenährten – Epikurischen Schweine; das sehen die Herren wohl; aber man sollte doch so was Ärgerliches auch nicht im Scherze sagen! – Horaz ist (wir können es nicht leugnen) bei aller seiner ernsthaften Moral zuweilen etwas leichtsinnig: das Haus des scherzreichen Mäcenas, und Kaiser Augustus selbst, der diesen Ton liebte, hatten ihn, was das betrifft, nicht besser gemacht; und freilich, wer gern tanzt, dem ist gut geigen. – »Aber könnte er denn sich hier nicht in eben dem ironischen Sinn einen Epicuri de grege porcum genennt haben, wie Sokrates in Platons Apologie und bei andern Gelegenheiten sich für einen unwissenden Laien ausgab?« – Die Ausflucht wäre nicht so übel, wenn Horaz hier nur eine so gute Ursache zu einer solchen Ironie hätte wie Sokrates. Aber davon zeigt sich keine Spur. Kurz, wenn die Viri barbatissimi unserm Dichter – in billiger Rücksicht auf die böse Gesellschaft der Mäcenen, Pollionen, Messallen, Lamien , u. s. f. Die leichtfertige Cinara und die Lalage , der das Lachen und Schwatzen so gut anstand ( dulce ridentem – dulce loquentem. Od. 22. I. ), nicht zu vergessen. , in welcher er zu leben das Unglück hatte – keinen Scherz zugut halten können: so müssen wir ihn dem Urteil, das sie von seiner Philosophie fällen wollen, überlassen, und er mag für seinen Mutwillen büßen! Doch, um der Leser willen, die mit den Alten nicht bekannt genug sind, um das Salz dieses Scherzes so fein zu finden, als es Tibull vermutlich fand, sei uns noch erlaubt ein paar Worte hinzuzutun. Die Epikurische Philosophie, welche das Wort Wollust – ein den Römern von jeher verhaßtes Wort – gebrauchte, um das Ideal dessen, worin sie die Glückseligkeit der Weisen setzte, zu bezeichnen, hatte bloß um dieses Wortes willen ein allgemeines Vorurteil wider sich. Denn mitten unter der zügellosesten Verdorbenheit der Sitten wollten die Römer doch nicht dafür angesehen sein, daß sie auch der Denkart , oder wenigstens der Sprache ihrer edeln Vorfahren entsagt hätten. Überhaupt dachte man sich gewöhnlich unter einem Epikuräer einen Freigeist, einen Menschen, dem Religion und Tugend nur leere Namen wären; und sowohl die Deklamationen des Cicero, als die Aufführung einiger vornehmen Römer dieser Zeiten, die (um doch auch eine Philosophie zu haben) die Epikurische ausgehängt hatten, schienen das Ärgste, was man von ihr denken wollte, zu rechtfertigen. In Augusts Zeiten wurde zwar vieles in einem minder strengen Lichte betrachtet, als ehemals; aber der gemeine Begriff, den man sich von einem Epikuräer zu machen gewohnt war, blieb noch immer; und wiewohl Leute, die eine polite Erziehung genossen und ihre Studien in Griechenland gemacht hatten, sehr wohl wußten; was an der Sache war: so nahmen sie doch das Wort, wenigstens im Scherze, wie mans im gemeinen Leben zu nehmen pflegte. Wenn sich also Horaz, um dem Tibull auf eine scherzhafte Art zu sagen, er werde ihn durch den müßigen Aufenthalt auf dem Lande fetter und runder finden, als zuvor, sich, mit einer ihm gewöhnlichen Dilogie , ein Epikurisches Schwein nennt, so geschieht es ohne alle Konsequenz für diese Sekte, weil eine solche Benennung in seinem Munde nichts anders als indirekter Spott über ein vulgares Vorurteil sein konnte; aber auch ohne Konsequenz für ihn selbst, weil er, um dieses vermeinten Selbstgeständnisses willen (wofür Brucker und andre es ihm in vollem Ernst aufnehmen), nicht um ein Haar mehr Epikuräer war, als Cicero , da er an seinen jovialischen Freund Pätus schrieb Ep. 2o. L. IX. ad Famil. : Illa mea quae solebas antea laudare »o hominem facilem! o hospitem non gravem!« abierunt. In Epicuri nos adversarii nostri castra coniecimus etc. »Mit den Lobsprüchen, die du ehemals meiner Begnügsamkeit zu erteilen pflegtest, ists nun vorbei. Ich bin der bequeme Gast nicht mehr, der sich alles gefallen läßt, mit allem vorlieb nimmt, mein guter Pätus: wir sind zu unserm ehemaligen Feind Epikur übergegangen . Nicht als ob wir den Eifer für unsre neue Partei schon so weit trieben, wie die bekannten Häupter derselben: vor der Hand begnügen wir uns noch an der geschmackvollen Eleganz, zu welcher du selbst dich bekanntest, als es noch wohl um deine Finanzen stand. Mache dich also immer auf einen Gast von großem Appetit gefaßt, und der in der Theorie des guten Essens schon ansehnliche Fortschritte getan hat, u. s. w.« Es ist für die Ciceronen und Horaze traurig, wenn sie Leser haben, denen man erst sagen muß, was Scherz ist: aber die Leser, die weder Scherz verstehen noch leiden können, sind doch noch schlimmer daran. Sie sollten mit ihrem Arzt aus der Sache sprechen. . Inter spem curamque, timores inter er iras, omnem crede diem tibi diluxisse supremum: grata superveniet quae non sperabitur hora. \<15\> Me pinguem et nitidum bene curata cute vises, cum ridere voles Epicuri de grege porcum. Fünfter Brief An Manlius Torquatus Einleitung Der Torquatus , an den diese Einladung zu einem freundschaftlichen Gastmahl geschrieben ist, kann ein Sohn des L. Manlius Torquatus, unter dessen Konsulat ( A. U. 689. ) Horaz geboren wurde, gewesen sein; und ist ohne Zweifel der nämliche, den die 7te Ode des vierten Buchs aufmuntert, des Lebens besser zu genießen. Er stammte aus einem der edelsten und ältesten römischen Häuser, und wurde unter die ersten Redner seiner Zeit gezählt. Horaz fügt zu diesen Vorzügen noch das Lob der Rechtschaffenheit hinzu, indem er in der angezogenen Ode von ihm sagt: Cum semel occideris et de te splendida Minos     fecerit arbitria, non, Torquate, genus, non te facundia, non te     restituet pietas. Er nennt ihn im 10ten seiner Sermonen unter denjenigen Freunden, auf deren Beifall er seinen ganzen Ehrgeiz einschränke; und dies ist ein Titel, dessen Wert das schönste Ehrendenkmal aufwiegt. Die Aristippische Moral, welche Horaz in diese seine Einladung halb lachend halb im Ernst eingewebt hat, scheint sich auf einen entgegengesetzten Fehler seines Freundes zu beziehen; und dies wird beinahe zur Gewißheit, wenn wir uns erinnern, daß die nämliche Torheit, für lachende Erben zu geizen , die er in dieser Epistel rügt, schon in besagter Ode an Torquat, wiewohl nur sanft, berührt wird Cuncta manus avidas fugiunt heredis, amico quae dederis animo. , und wenn man dazu nimmt, daß dieser Torquat (so viel ich finden kann) der letzte seines Geschlechts ist, dessen die Geschichte oder andre Schriftsteller erwähnen. Denn die Torquati Asprenates sind eine ganz andre, erst vom August mit diesem Beinamen beschenkte Familie Sueton. in Augusto c. 43. . Übrigens hat diese Epistel etwas vorzüglich Gemütliches, weil wir unsern Dichter darin gleichsam im Hausrocke und mitten in seiner kleinen Hagestolzen-Wirtschaft kennen lernen. Es ist angenehm, ihn auf alle Kleinigkeiten aufmerksam, und mit der Reinlichkeit seines Tischgerätes und seinen spiegelhellen Krügen und Schüsseln so bürgerlich und mit solcher Behaglichkeit stolzieren zu sehen. Das sind die Züge, die Plutarch so fleißig aufsuchte, und mit denen er uns seine Biographien und seine Helden so interessant macht. Ich weiß nicht, wie viele hierin mit mir sympathisieren werden: aber mir macht die Einfalt der Sitten, der häusliche Sinn, der Genuß, den der Dichter davon hat, daß er seinen Freunden ein kleines Gastmahl geben kann, kurz, daß er sich in seinem prachtlosen eingeschränkten Hauswesen so reich und glücklich findet, und die muntre Laune, die dies Gefühl in den ganzen Brief ergießt – alles dies zeigt mir seinen moralischen Charakter in einem schönern Lichte, als irgend etwas, das er im dogmatischen oder begeisterten Ton eines Virtuosen und Weisen hätte schreiben können. Wenn du auf Ruhebetten, die kein größrer Meister als Archias geschnitzt hat Der Tischler Archias , den Horaz hier von ungefähr in die Nachwelt mit sich geschleppt hat, machte, wie es scheint, nur gemeine bürgerliche Arbeit. Freilich waren Tische und Ruhebetten von zierlichern Schnitzwerk mit silbernen oder elfenbeinernen Füßen u. s. w. in Rom sehr gewöhnlich; aber doch nur bei reichen, oder für reich gelten wollenden Leuten. Bei unserm Dichter war alles, wie es zu seinen Umständen paßte, und er schämte sich nicht, daß weder Elfenbein noch Gold in seinem Hause glänzte – Ode 18. im 2ten Buch. , dich behelfen kannst, und eine mäßige Schüssel von dem ersten besten Gemüse dich nicht abschreckt, werd' ich dich, Torquat, vor Sonnenuntergang bei mir erwarten Die gewöhnliche Zeit der Mahlzeit, welche bei den Römern cena hieß, und die eigentliche Hauptmahlzeit war, zu welcher Freunde gebeten wurden, war post nonam , d. i. nach unsrer Art die Stunden zu zählen, nach drei oder vier Nachmittags Couture de la vie privée des Romains, Part. III. n. 1. . Die Ursache, warum Horaz seinen vornehmen Gast erst mit Sonnen-Untergang erwartet, oder vielmehr bis dahin auf ihn warten will, scheint nicht (wie Baxter meint) von seiner besondern Frugalität herzukommen: sondern bloß daher, weil er ihm Zeit genug lassen wollte, seine Geschäfte vorher abzutun, und weil die ganze Nacht in geselliger Fröhlichkeit zugebracht werden sollte. . Der Wein, von dem du trinken wirst, ist zwischen dem sumpfigten Minturnä und Petrin gewachsen, und (dir nichts zu bergen) erst in Taurus zweitem Konsulat gefaßt Daß Horaz seinen Freund, um allen Irrtum zu verhüten, so genau unterrichtet, was er ihm für einen Wein vorsetzen werde, hat die Ausleger aufmerksam und zweifelhaft gemacht. Lambinus und Cruquius schließen sowohl aus der Gegend als dem Alter, daß der Wein wohl ziemlich schlecht gewesen sein möge: Baxter und Geßner bemerken dagegen, es sei doch wenigstens Falerner gewesen, der unter den edeln Weinen, die in Italien gebaut werden, damals noch die erste Stelle hatte. Denn wenn Sinuessa am Fuße des Berges Massicus (auch Falernus genannt) lag, und die ganze Gegend auf dieser Seite des Berges, gegen Minturnä hin, ager Falernus Cellar. Geogr. Ant. L. II. c. 9. p. 848. hieß, so konnte ein Wein, der zwischen Minturnä und Sinuessa gewachsen war, immer noch für Falerner gelten, wenn es gleich keiner vom ersten Rang war. Unsre chorographische Kenntnis von dieser Gegend ist nicht vollständig genug, daß sich diese wichtige önologische Frage genauer entscheiden ließe. Aber aus allen Umständen ist zu vermuten, daß Horaz sein Getränke nur deswegen so genau charakterisiert habe, damit sein Freund von der Mäßigkeit der Gerichte nicht etwa einen nachteiligen Schluß auf den Wein mache. Denn daß ein so feiner Mann, wie unser Dichter war, einem Manlius hätte zumuten können, sich mit ihm in schlechtem Weine zu berauschen, das soll uns kein Kommentator weis machen! Auch mit dem Alter des Weins stand es so übel nicht, als Lambinus und Cruquius wähnen. Denn, nach Horazens Angabe, war er unter dem zweiten Konsulat des Statilius Taurus , d. i. im Jahre 728, auf Krüge gezogen worden, folglich um die Zeit, da dieser Brief geschrieben wurde, wenigstens sechs Jahre alt; welches bei einem italienischen Wein, zumal aus dieser Gegend, ein hübsches Alter war. . Hast du was Bessers, gut, so bin ich auch dabei: wo nicht, so nimm mit mir vorlieb. Schon lang ist Herd und Hausgerät auf dich gescheurt und glänzend. Laß die luftigen Sorgen der Ehrsucht ruhen, und die leidigen Fehden um Mein und Dein, und den Prozeß des Moschus Dieser Moschus soll, nach der Versicherung eines alten Scholiasten, ein wohlberühmter Rhetor von Pergamus gewesen sein, der der Giftmischerei angeklagt worden, und dessen Sachwalter in diesem bösen Handel Asinius Pollio und unser Torquatus, als zwei der größten damaligen Redner, gewesen. . Denn Cäsars Fest erlaubt uns, ungetadelt die Sommernacht vertraulich wegzuplaudern, und dann so viel vom Tage zu verschlafen,     Si potes Archiacis conviva recumbere lectis, nec modica cenare times olus omne patella, supremo te sole domi, Torquate, manebo. Vina bibes iterum Tauro diffusa, palustres \<5\> inter Minturnas Sinuessanumque Petrinum. Sin melius quid habes, arcesse, vel imperium fer. Iam dudum splendet focus et tibi munda supellex. Mitte leves spes et certamina divitiarum et Moschi causam: cras nato Caesare festus \<10\> dat veniam somnumque dies; impune licebit als uns beliebt Das Fest, dessen Vorabend Horaz mit einem fröhlichen Gastmahl feiern wollte, war der Geburtstag des vergötterten Julius Cäsars, der, nach der Versicherung eines alten Scholiasten, an den Idibus Juliis in Rom feierlich begangen wurde. An einem solchen Festtage ruheten alle Geschäfte, und Torquat konnte also ohne Bedenken mit seinem Freund eine Sommernacht bei kleinen sokratischen Bechern verplaudern. Denn daß es, ungeachtet der humoristischen Lobrede auf die Trunkenheit (in welcher, bei allem Scherz, viel Wahres ist), nicht auf ein Bachanal abgesehen gewesen sei, braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden. . Was hälfe mir mein Glück, wenn's zu genießen mir verboten wäre? Wer seinen Erben an sich selber spart, braucht, wenn er einen Toren sucht, nicht weit zu gehn. Von nun an will ich, wie ein andrer, mir gütlich tun, will zechen, und die Rosen nicht sparen, müßt' ich auch deswegen mich leichtsinnig schelten lassen. Denn, es geht doch, traun! die Menschheit zu veredeln, in der Welt nichts über Trunkenheit! Sie schließt das Herz weit auf, bestätigt alles, was wir hoffen, nimmt allen Kummer dem Betrübten ab, und stürzt den Feigen mitten in die Feinde. Wo ist die Tugend, wo die Kunst, wozu der Wein uns nicht das Selbstvertrauen gibt? Wen machen volle Becher nicht beredt? und welcher Irus dünkt sich arm bei ihnen Horaz scheint hier eine ähnliche scherzhafte Lobrede auf den Wein aus der ersten Szene in Aristophanes Rittern im Sinne gehabt zu haben: Was? du erfrechest dich den Wein zu schelten? Wo wolltest du mir einen rüstigern Geschäftsbefördrer finden, als den Wein? Siehst du, sobald die Leute trinken, wie sie gleich so reich und glücklich wie die Götter sind, wie ihnen alles leicht wird, alles gleich zu Stande kommt, wie ihre Freunde nur verlangen dürfen, was sie wollen, ihre Prozesse alle flugs gewonnen sind, u. s. w. ? Was dich bei mir erwartet, ist nicht viel, doch ists, was ich vermag und gerne gebe: dafür ist wenigstens gesorgt, daß weder aestivam sermone benigno tendere noctem. Quo mihi fortunam, si non conceditur uti? Parcus ob heredis curam nimiumque severus assidet insano. Potare et spargere flores \<15\> incipiam, patiarque vel inconsultus haberi! Quid non ebrietas designat? Operta recludit, spes iubet esse ratas, in proelia trudit inertem, sollicitis animis onus eximit, addocet artes. Fecundi calices quem non fecere disertum? \<20\> contracta quem non in paupertate solutum? Haec ego procurare et idoneus imperor et non das Tischgeräte noch die Polsterdecken dir die Nas' in Falten ziehn, und daß aus allen Kannen und Schüsseln dir dein Bild entgegenspiegle; auch daß sich gleich und gleich zusammenfinden und was wir unter Freunden sprechen, kein Verräter oder Schwätzer weiter trage. Ich habe dir den Butra , den Septiz , und, wenn er nicht versagt ist, oder ihn ein Mädchen, das ihm mehr am Herzen liegt, uns wegfischt, den Sabin dazu gebeten Die Gesellschaft, welche der Dichter seinem Freunde zu Ehren mitgeladen, kommt im Horaz sonst nirgends vor; daher um so glaublicher ist, daß er sie bloß als gute Freunde des Torquatus dazu genommen. Der Scholiast des Cruquius, der den Butra für ein Mädchen hält und Bruta nennt, und die Neuern, welche auch aus dem Septicius eine Septimia gemacht, haben ihrer Imagination zu viel erlaubt. Ich bin der Lesart der meisten Handschriften und dem Ansehen der verständigsten Ausleger gefolgt. Die Personen dieses Butra und Septiz sind unbekannt, die Namen nicht. Denn der letztere findet sich (nach Bentleys Anmerkung) in verschiedenen alten Schriftstellern, und der erste in einer Aufschrift beim Gruter . Ob der Sabinus Tiro , der dem Mäcenas ein Gedicht vom Gartenbau unter dem Namen Cepurica (Κοιπουρικά) zugeeignet, und dessen der einzige Plinius im 10ten Kap. des XIX. Buchs erwähnt, derjenige gewesen, von welchem hier die Rede ist, können wir nicht sagen; es ist zu vermuten. Aber wer er auch gewesen sein mag, dafür ist gesorgt, daß uns sein Charakter nicht unbekannt sei. Der einzige Vers: nisi prior cena potiorque puella Sabinum detinet , zeichnet ihn so gut, daß wir keine Mühe haben, uns den ganzen Menschen, wie er leibte und lebte, so lebendig vorzumalen, als ob wir selber beim Horaz mit ihm zu Nacht gegessen hätten. ; auch ist für mehr als einen Schatten So hießen scherzweise die ungeladenen Personen, die ein vornehmer Gast als seine guten Freunde mitbrachte. Platz; wiewohl das gar zu drang bei Tische sitzen bekannte Ungemächlichkeiten mit sich führt Horaz nennt die Sache deutlicher, wie die Römer in mehrern Fällen zu tun pflegten, wo unser strengerer Wohlstand nicht verzeihen würde, es ihnen nachzutun. . Du, schreibe doch zurück, wie zahlreich du zu kommen denkst, und, daß dich ja nichts halte, entschleiche dem Klienten, der im Vorhaus auf seinem Posten steht, durchs Hintertürchen. invitus, ne turpe toral, ne sordida mappa corruget nares, ne non et cantharus et lanx ostendat tibi te, ne fidos inter amicos \<25\> sit qui dicta foras eliminet, ut coeat par iungaturque pari. Butram tibi Septiciumque et nisi cena prior potiorque puella Sabinum detinet, assumam; locus est et pluribus umbris; sed nimis arta premunt olidae convivia caprae. \<30\> Tu quotus esse velis rescribe, et rebus omissis, atria servantem postico falle clientem. Sechster Brief An Numicius Einleitung Diese Epistel gehört unter diejenigen, die mit Briefen in der eigentlichen Bedeutung weiter nichts gemein haben, als die Anrede an eine gewisse Person, das Vale am Schluß, und den Anschein, ohne Anspruch an Methode, Kunst und mühsames Ausfeilen, so zufällig, wie Gedanken und Ausdruck sich dem Schreiber anboten, hingeworfen zu sein. Es ist ein Diskurs in Versen , der eben so gut, ja noch schicklicher, einen Platz bei den Sermonen oder Satiren unsers Dichters hätte einnehmen können, als die Epistel an Mäcenas, welche die 6te Stelle unter den Satiren des ersten Buchs erhalten hat. Warum Horaz diesen Diskurs gerade an einen Numicius gerichtet, den weder die Geschichte kennt, noch die übrigen Werke unsers Dichters nennen, ist aus dem Inhalt nirgends deutlich zu ersehen. Numicius ist zwar der Name einer uralten patrizischen Familie in Rom, aus welcher vielleicht dieser hier abstammte: sie scheint aber nicht reich an Männern, die sich hervorgetan, gewesen, und schon von langem her in Verfall und Dunkelheit geraten zu sein; denn die Geschichte nennt in einem Zeitlauf von mehr als 500 Jahren, meines Wissens, nur zwei, den T. Numicius Priscus , der im Jahr 785 Konsul war Petau. Doctr. Temp. T. II. p. 314. , und Numicius Thermus , der unter Claudius oder Nero die Prätur bekleidete, und vom letztern der Rache seines Günstlings Tigellin aufgeopfert wurde Tacit. Annal. L. XVI. c. 20. . Da es bei so bewandten Umständen erlaubt ist, sich mit seiner Imagination zu helfen: so stelle ich mir den Numicius, mit welchem sich unser Dichter hier bespricht (um doch etwas bei seinem Namen zu denken ) als einen Mann vor, der, ohne weder durch das Ansehn seiner Vorfahren, noch durch persönliche Vorzüge, noch durch ein großes Vermögen zu irgend einer hervorstechenden Rolle berufen zu sein, gleichwohl in einer Zeit, wo so viel Leute ihr Glück machten, auch nicht der letzte hätte bleiben mögen, und nur nicht mit sich selbst einig werden konnte, wie ers anfangen wollte. Der Mann, scheint es, hatte seine Stunden, wo er einen Anstoß von Philosophie, wie man's nennen möchte, bekam, wo er Moral schwatzte, den Verfall der alten guten Sitten beklagte, und große Lust zeigte, wenigstens für seine Person nicht mit dem Strome schwimmen zu wollen. Aber dann war er, auf der andern Seite, doch auch ein Mann nach der Mode, ein Liebhaber schöner Künste, schöner Mädchen, und anderer schönen Dinge; zuweilen in Augenblicken von Ehrgeiz und Eitelkeit, fiel ihm auch wohl ein, daß einer seiner Vorfahren vor 500 Jahren Konsul gewesen war, u. dergl. Wenn er dann in Häuser kam, wo alles von Gold und Elfenbein, prächtigem Hausgeräte und Werken griechischer Kunst schimmerte; oder wenn er hörte, daß irgend ein Mensch von gestern her durch Spekulation oder durch eine reiche Heurat ein großer Mann geworden; oder wenn er einen, der wenigstens nicht besser war als er , durch die Gunst des Volks zu irgend einer kurulischen Würde erhoben sah: so kam ihm auf einmal wieder vor, daß die Philosophie nur eine Närrin sei; es deuchte ihm dann doch gar schön, ein prächtiges Haus und alles vollauf zu haben, so und so viel Liktoren vor sich her treten zu sehen, und zwei Stufen höher als die übrige Welt in einem Lehnsessel von Elfenbein Audienz zu geben. Dies Hin- und Wiederschwanken zwischen so verschiednen Vorstellungsarten und Gemütsstellungen gab nun dem guten Numicius den unbestimmten Charakter eines Menschen, der selbst nicht recht weiß, was er will, der in allem immer nur halb, und am Ende bloß darum unglücklich ist, weil er sich nicht entschließen kann, auf welche Art er glücklich sein wolle. Horaz erbarmte sich also seiner, und erwies ihm die Ehre (die seiner Eitelkeit nicht wenig schmeicheln mußte), ihm eine kleine philosophische Lektion zuzuschreiben, um ihn, wo möglich, zu überzeugen, daß man – was freilich die Menschen gewöhnlich nicht zu sein pflegen – mit sich selbst einig sein, irgend eine gewisse Partei ergreifen, und dann dabei bleiben, also das, was man sein will, ganz sein, oder den Anspruch an Glückseligkeit, mit dem an den Namen eines vernünftigen Wesens zugleich, aufgeben müsse. Dies ist, deucht mich, der Schlüssel zu dieser Epistel: und so fällt das Anstößige weg, das aus dem moralischen Skeptizismus, der darin zu herrschen scheint, und bloße sokratische Ironie ist, entstehen könnte. Horaz sagt nicht: es ist gleichviel , ob du es mit der Philosophie des Mimnermus , oder mit der Philosophie der Ehrenmänner ad Ianum medium , oder mit den Leuten, die alles, was gleißt, bewundern und haben möchten, oder mit denen hältst, die ihren Kopf heiter und ihr Herz frei zu erhalten suchen. Er sagt nur: erkläre dich für eins und bleibe dabei! Denn es ist besser, du denkst und lebst nach der Regel, die du ein für allemal geprüft und deiner eignen Natur angemessen befunden hast, als du urteilst heute so, morgen wieder anders, bewunderst heute, was du gestern verachtet, lässest dich morgen wieder reuen, was du heute getan, und kannst durch diesen ewigen Streit mit dir selbst zu keiner Ruhe, keinem Genuß des Lebens kommen. Ich weiß nicht, ob ich dem Numicius durch die Vorstellung, die ich mir von ihm mache, unrecht tue: aber dies weiß ich, daß es von solchen Numiciern, wie ich mir ihn denke, in der Welt wimmelt, und daß es also nicht am Horaz liegen wird, wenn niemand durch diese Epistel weiser werden sollte. Ich füge nur noch bei, daß ich mir in dieser Epistel, mehr als in den meisten andern, erlaubt habe, die Auslegung in den Text selbst zu bringen; und ich bin, aus guten Gründen, so weit entfernt, die Leser wegen dieser Freiheit um Verzeihung zu bitten, daß ich mir dadurch vielmehr ein Recht an ihren Dank erworben zu haben glaube. Das erste, Freund, wo nicht das einzige, das glücklich machen und erhalten kann, ist nichts bewundern Die gelehrte Schatzkammer des Lambinus könnte mich zur Erläuterung dieses Briefs mit einem schönen Vorrat versehen. Seine Belesenheit oder seine Collectaneen lassen ihn nicht leicht im Stich, wenn dem Horaz ein Wort oder Spruch entfährt, wobei ihm eine ähnliche oder unähnliche Stelle aus irgend einem griechischen Philosophen oder Dichter einfällt. Sein sei also alle Ehre, die mir aus folgender Zitation des Pythagoras und Plato hätte erwachsen können und die Anwendung davon das einzige, was ich mir vorbehalte. Pythagoras nämlich soll (wie Plutarch in seinem Traktat περὶ ακούειν etc. versichert) gesagt haben, er hätte dies der Philosophie zu danken, daß er nichts bewundre . Plato hingegen, der Gott der Philosophen, wie ihn Cicero nennt, sagt in seinem Theätetus mit klaren Worten: Es sei keine philosophischere Leidenschaft als Bewundern ; denn vom Bewundern fange alle Philosophie an. Wie reimt sich nun dies zusammen? – Sehr gut, deucht mich. Es ist klar, daß sich die beiden Philosophen nicht widersprechen. Der eine fängt mit Bewundern an , der andre hört mit Nichtbewundern auf . Jenen reizt die Bewunderung, den Gegenstand zu betrachten, zu untersuchen, zu ergründen; und sobald er ihn genau kennt und begreift, wie und warum das Ding so ist, wie es ist, so begreift er, daß es, wenn es sein sollte , gerade so sein mußte . Während dieser Operation stirbt die Bewunderung ab – gerade wie die Leidenschaft eines Liebhabers ersterben würde, wenn man ihm seine Schöne vorzergliederte – und da ist nun der ehemalige Bewunderer auf dem nämlichen Punkte, wo Pythagoras am Ende seines Philosophierens war. Das einzige, was man diesem letztern (weil doch das Αυτὸς έφα bei uns nicht mehr gilt) zum Vorwurf machen könnte, ist: daß er die Grenzen seiner Kenntnisse zu den Grenzen der Natur und Kunst zu machen scheint: denn diese hatten doch wohl keine Schuld daran, wenn ihm am Ende seines Lebens nichts mehr zu bewundern übrig blieb. Doch, es wäre nicht artig, wenn wir länger mit einem Worte spielen wollten, um Zitationen und Gelehrsamkeit auszukramen. Wenn Plato das Bewundern (τὸ θαυμάζειν) einen philosophischen Affekt nennt, so denkt er was ganz anders dabei, als Horaz, wenn er das Nichtbewundern zur Bedingung der Glückseligkeit macht. Die Platonische Bewunderung ist, wie die Platonische Liebe , eine Leidenschaft, die sich weder lehren noch auf andre Weise mitteilen läßt. Man muß von der Natur ausdrücklich dazu organisiert und gestimmt sein : und nur sehr wenige Sterbliche sind so glücklich organisiert und so rein gestimmt. Die Bewunderung hingegen, die uns Horaz verbietet und wovon uns die Weisheit heilt, ist die Leidenschaft, womit Kinder, und alle Menschen ohne Ausnahme, die am Verstande Kinder geblieben sind, ihrer Unwissenheit und Sinnlichkeit wegen, alles anstaunen, was glänzt, und was bunt, ungewöhnlich, oder sonst in ihren Augen herrlich und begehrenswert ist; und da diese Leidenschaft bei ihnen nicht etwa den edeln Trieb, die Sache philosophisch zu untersuchen , sondern bloß eine heftige Begierde sie zu besitzen erzeugt: so ist klar, daß nichts bewundern für die Gemütsruhe und Zufriedenheit eines Menschen eine sehr ersprießliche Sache, und, vorausgesetzt, daß es die reife Frucht der Weisheit, und nicht bloße mechanische Wirkung von Dumpfheit oder Gefühllosigkeit sei, wenigstens in den Jahren des Schreibers dieser Epistel und seines Übersetzers, ein sehr wünschenswürdiger Zustand ist. . Wenn es Leute gibt, die diese Sonne selbst und diese Sterne, dies große Uhrwerk der Natur, wodurch die Zeiten sich in ew'gem Kreise drehen, gesetzt und ohne Schauder ansehn können Die abergläubische Furcht vor den Gestirnen, vor Sonnen- und Mondsfinsternissen, und vor jedem nicht ganz gewöhnlichen Meteor, war eine Krankheit der Einbildung, womit alle alten Völker, und die Römer so sehr als die rohesten Barbaren, behaftet waren, und worin sie durch die Religion des Staats selbst, aus politischen Ursachen, unterhalten wurden. Denn bei den Griechen und Römern war es gar keine Frage: »ob es erlaubt sei, das Volk zu seinem eignen Besten zu hintergehen?« und sie würden sich begnügt haben, dem, der diese Frage aufgeworfen hätte, mit der Gegenfrage zu antworten: ob es erlaubt sei, den Rand eines Arzneibechers für Kinder mit Honig zu bestreichen? – Die römischen Geschichtschreiber sind, bekanntermaßen, voll von Beispielen dieser abergläubischen Denkart ihrer Nation. Noch in Augusts Zeiten, wo die Irreligion unter einer gewissen Klasse vielleicht so gemein war, als in der unsrigen, herrschte gleichwohl der Aberglaube unter dem großen Haufen mehr als jemals, und August selbst war nicht frei von den lächerlichsten Symptomen dieser Schwachheit Wenn ihm sein Kammerdiener des Morgens den rechten Fuß von ungefähr in den linken Schuh setzte, hielt ers für ein sehr böses Anzeichen ( ut dirum ). Sueton. in Aug. c. 92 . . Ein Komet, eine Sonnenfinsternis, ein Ring um die Sonne, eine leuchtende Kugel, die durch die Luft fuhr, war genug, das ganze Volk in zitternde Erwartung irgend eines großen Unglücks zu setzen. Die Philosophen, welche durch physische und astronomische Kenntnisse von diesen eingebildeten Übeln frei waren, wurden (wie noch immer geschieht) von den guten Seelen, die im Glauben lieber zu viel als zu wenig tun wollen, für Leute, die keine Religion hätten, angesehen. Aber Horaz dachte wohl wenig daran, ihnen deswegen, wie Torrentius meint, hier einen Stich geben zu wollen. Er schließt bloß ad hominem , vom Großen aufs Kleine: einem Manne, der die Sonne selbst, eine so mächtige und furchtbare Gottheit in den Augen der meisten Erdbewohner! mit kaltblütiger Ruhe beobachten kann – wie klein und kindisch müssen dem die Gegenstände der heftigsten menschlichen Leidenschaften vorkommen? Mit welcher Gleichgültigkeit wird er einen Klumpen Goldes, eine in schimmernde Steinchen gefaßte und mit großen Perlen behangene Metella , oder den Beifall des Volks, der einem Gladiator, einem Gaukler, eben so laut als dem verdienstvollesten Manne zugeklatscht wird, ansehen? : Wie meinst du wird ein solcher Mann die Schätze der Erde und des Meers, ein Klümpchen Gold, ein Häufchen runder Perlen, oder, wie den lauten Beifall, Gauklern, Fechtern, Sängern im Zirkus oder Schauspiel zugeklatscht, und was der Ehrgeiz von der Volksgunst bettelt Ungeachtet bekannt genug ist, daß August bei der großen Veränderung, die er in der Verfassung des römischen Staats machte, die ganze Fassade des alten republikanischen Gebäudes stehen ließ: so muß es doch als etwas Sonderbares auffallen, daß Horaz in diesem Briefe überall, wo er die politische Verfassung Roms berührt, gerade so davon spricht, als ob er ein halbes Jahrhundert früher gelebt hätte . Die höchsten Ehrenstellen im Staat heißen ihm amici dona Quiritis ; alles kommt auf die Volksgunst an, und der gemeinste Bürger ist noch von solcher Wichtigkeit, daß dieser oder jener, den man nicht dafür ansehen sollte, die Mehrheit der Stimmen in den Zunft-Komitien , auf welche Seite er will, lenken kann – Cuilibet is fasces dabit . Von Kaiser August und seinem alles überwiegenden Ansehen und Einfluß ist so wenig die Rede, als ob damals gar kein solcher Mann existiert hätte. Mich wundert, daß diese anscheinende Unfüglichkeit keinem Ausleger bemerkenswert geschienen hat. Mir ist sie stark genug aufgefallen, um der wahrscheinlichen Ursache nachzuforschen; und ich glaube, der Knoten löse sich, durch folgende Darstellung der öffentlichen Angelegenheiten in den Zeiten, da dieser Brief geschrieben wurde, auf eine sehr befriedigende Weise auf. Octavianus hatte, nachdem er durch den Tod des Antonius zum ruhigen Besitz der vollen Autokratie im römischen Reiche gelangt war, einem Plan zufolge, den der Abbé de la Bléterie in seinen bekannten Dissertationen sehr gut entwickelt hat V. Mémoir. de Littérat. T. XXXI. p. 234. seq. und die ganze Folge von Abhandlungen über die Gewalt der Kaiser in verschiednen folgenden Teilen dieser Sammlung. , dem Senat und dem Volke alle von ihm empfangene triumviralische Gewalt zurückgegeben, und die Römer dadurch, dem Scheine nach, oder auf einen Augenblick wenigstens, in den vollständigen Besitz ihrer alten Freiheit zurückgesetzt. Nun machte zwar der Senat (dessen größter Teil aus Geschöpfen seiner eignen Hand bestand) und das Volk, welches von einer ganz schwärmerischen Leidenschaft für ihn besessen war, keinen andern Gebrauch von dieser Freiheit, als daß sie ihm alles, was er ihnen so großmütig geschenkt hätte, auf einmal wiedergeben wollten. Octavianus aber, oder, wie er nun hieß, Augustus , zu vorsichtig, die monarchische Gewalt, den eifrigsten Wunsch seines Herzens, auf einen so sandigen Grund zu bauen, hielt es für sichrer, sich alle Zweige derselben nach und nach wiedergeben zu lassen; und nahm damals, nach langem Widerstande, außer der tribunizischen Gewalt , die er schon hatte, nur die konsularische (wie gewöhnlich) auf ein Jahr, und die Oberfeldherrnstelle auf zehn Jahre an: mit dem ausdrücklichen Vorbehalt, solche noch eher niederzulegen, wenn die ihm zugeteilten Provinzen in kürzerer Zeit vollkommen beruhigt werden könnten. Seit dieser Zeit schien nun alles wieder in Rom seinen gesetzmäßigen Gang zu gehen: der Senat in sein altes Ansehen, das Volk in alle seine hohen Vorrechte wieder eingesetzt. Das letztere hielt seine Comitia , wie in den Zeiten der Scipionen und Paul-Ämile , wählte Zunftmeister, Ädilen, Prätoren und Konsuln; kurz, die Römer wähnten noch immer Römer zu sein, und sahen in August , der hinter der Szene alle Faden des ganzen Puppenspiels in der Hand hatte, nur den Schutzgott ihrer Freiheit, den Wiederhersteller des Friedens und der allgemeinen Glückseligkeit. Aber konnte der furchtsame August – bei allen seinen Kunstgriffen die Augen der Römer so zu bezaubern, daß sie nicht sehen wollten , was sie sogar mit Händen greifen konnten – konnte er hoffen, daß eine so grobe Täuschung von langer Dauer sein werde? Daß seine Mitbürger nicht über Nacht nüchtern genug werden könnten, um zu merken, daß ein Mann, der die Würden eines Fürsten des Senats , eines Oberzunftmeisters , eines Konsuls , und eines Oberfeldherrn mit unbeschränkter Gewalt , in seiner Person vereinigte, alles im Staat könne, was er wolle; daß die Republik ein bloßer Name, und der Sohn des Ratsherrn C. Octavius und der Dame Atia , ohne den Namen eines Königs, im Grunde so gut König über Rom, Italien und das ganze Reich sei, als der König von Kappadozien über seine Sklaven? Eine solche Bemerkung, wenn sie bei abgekühltem Blute von dem größern Teile der Römer gemacht worden wäre, konnte gefährlich werden. August mußte also einen neuen Schritt tun, neue Blendwerke machen, um die Täuschung zu verstärken; und wenn ers gar so weit bringen könnte, daß die Römer durch neue Erfahrungen fühlbar überzeugt würden, die alte Freiheit ihrer Vorfahren sei kein Gut mehr für sie, und es sei also immer noch am besten getan, die gemeine Wohlfahrt einem so milden und weisen Regenten, wie August sich seit dem Ende des Triumvirats bewiesen hatte, gänzlich anzuvertrauen: so glaubte er (und betrog sich nicht in seiner Meinung), daß sogar eine noch ausgedehntere und unumschränktere Gewalt, als diejenige, in deren Besitz er schon war, nichts Verhaßtes mehr haben würde. Zu diesem Ende dankte August, im Jahre 731, das Konsulat , welches er nun neun Jahre hinter einander geführt hatte, feierlichst ab; und so groß war noch immer der Begriff, den die Römer mit dem Namen eines Konsuls verbanden, daß August durch die Ablegung dieser Würde, ungeachtet er noch unter vielen andern Titeln Meister von der Republik blieb, in ihren Augen in den Privatstand zurückgetreten war. Zwar überfiel bald darauf, bei der großen Not, in welche die Stadt durch epidemische Seuchen, Ergießung der Tiber und Mangel an Lebensmitteln gesetzt wurde, die Römer eine große Reue, daß sie diese Abdankung angenommen hatten; und zu Vergütung der Sünde, die sie dadurch an dem göttlichen August begangen zu haben glaubten, wollten sie ihm die höchste Würde eines immerwährenden Diktators mit Gewalt aufdringen. Aber August erinnerte sich an das Schicksal seines Groß-Oheims, und lehnte diese Wirkungen einer unmäßigen Aufwallung auf eine solche Art von sich ab, die ihn noch mehr zum Abgott des Volks machen mußte. Nun konnte er zwar (und wollte auch gewißlich nicht!) die Entschädigung nicht gleichfalls von sich weisen, die ihm das Volk dafür aufzwang: aber um zu zeigen, wie sehr es sein Ernst sei, die Freiheit der Republik durch alle die Vorrechte, womit man ihn überhäuft hatte, nicht zu beschränken , entfernte er sich im Jahre 732, unter einem scheinbaren Vorwand, aus Italien, und brachte beinahe drei Jahre in Sizilien, Griechenland und Asien damit zu, die Majestät des römischen Namens in den Provinzen dieses weitläufigen Reichs und unter den auswärtigen Nationen auf eine Art zu behaupten, die zu gleicher Zeit seinen Ruhm befestigte, und der Welt darüber, wer eigentlich ihr Beherrscher sei, keinen Zweifel übrig ließ. Diese drei Jahre , da die Stadt Rom seiner Gegenwart beraubt und gleichsam sich selbst überlassen war, können in gewissem Sinne als die letzten angesehen werden, worin die Römer der Illusion, noch frei zu sein, wirklich genossen ; und wo ein Ausländer, der, ohne von der wahren Lage der Sache unterrichtet zu sein, in diese Hauptstadt der Welt gekommen wäre, wenig oder nichts von der Veränderung, die seit 25 Jahren mit ihr vorgegangen war, hätte gewahr werden können. August selbst hatte seine geheime Absicht, warum er sie in diesem berauschenden Freiheitswahne nicht stören wollte; und sein ganzes Betragen in Rücksicht auf die innern Angelegenheiten Roms während dieser langen Abwesenheit La Bléterie, III. Mémoire sur la Nature du Gouvernement Romain etc. au Tom. XL. des Mémoir. de Littér. p. 233. seq. würde unerklärbar sein, wenn man nicht annähme, daß er die Römer bloß deswegen sich selbst überließ, um ihnen zu zeigen, wie wenig sie seiner entbehren könnten. Der Erfolg rechtfertigte die Politik seines Betragens; und er erreichte seine Absicht, ohne daß er sich die mindeste Bewegung dabei zu geben schien, aufs vollständigste. Die Römer, die schon zu lange verlernt hatten durch den bloßen Respekt der Gesetze in Schranken gehalten zu werden, bedienten sich der Freiheit der Komitialversammlungen und des Wahlrechts ihrer höchsten Obrigkeiten auf eine so übermütige und tumultuarische Art, daß die Stadt in Faktionen geteilt und mehr als einmal durch gewaltsame Ausbrüche in Gefahr gesetzt wurde. Aber so groß war in diesen Augenblicken die Täuschung des Freiheitswahns: daß ein gewisser Egnatius Flaccus , durch die bloße Gunst, in die er sich als Ädilis beim Volke gesetzt hatte, gegen alle Ordnung die Prätur erhielt und unmittelbar nach Verfluß derselben durch eben dieses Mittel das Konsulat an sich zu reißen suchte, ohne sich um die Folgen der aufrührischen Szenen, die er dadurch veranlaßte, zu bekümmern – daß der damalige Konsul Sentius Saturninus , der sich diesen widergesetzlichen Anmaßungen mit einer Standhaftigkeit und einem Ernst, die der alten Zeiten würdig waren Vellei. L. II. c. 92. , entgegensetzte, kein Bedenken trug öffentlich zu erklären: wenn Egnatius auch vom Volk erwählt würde, so werde er doch nie dahin gebracht werden, die Wahl für gültig zu erkennen und auszurufen – daß eben dieser Saturninus die Kandidaten zur Quästur , die er als unwürdig ausgeschlossen hatte, und die, ohne sich daran zu kehren, in ihren Bewerbungen beim Volke eifrig fortfuhren, ganz im Ton eines altrömischen Oberhaupts der Republik, mit den Strafen, wozu ihm das Konsulat die Macht gebe ( consulari vindicta ), bedrohte – und daß der Senat, als es mit den Egnatianischen Unruhen ernsthafter zu werden anfing, dem Saturninus den altrepublikanischen Auftrag, videret consul ne quid res publica detrimenti capiat , machte, wodurch ihm eine außerordentliche Gewalt übertragen wurde, die keine andre Grenzen hatte, als sein eignes Urteil über das, was zum Heil des Staats notwendig sei. Diese Tatsachen beweisen, deucht mich, sehr einleuchtend, daß weder das Volk, noch Egnatius, noch Saturninus, noch der Senat, in den Augenblicken, da sie so handelten, sich erinnerten, daß sie einen Oberherrn hätten. – Die Täuschung konnte zwar nach so heftigen Zuckungen nicht lange mehr dauern: aber genug, sie hatte doch etliche Jahre gedauert; und, da der gegenwärtige Brief (nach Bentleys wahrscheinlicher Berechnung) nicht vor dem Jahre 73 5 geschrieben ist; so erläutert sich durch das bisher Gesagte, warum Horaz von den allvermögenden Wirkungen der Volksgunst, und von der Art, sich um die höchsten Ehrenstellen zu bewerben, in einem Tone spricht, der nur wenige Jahre später nicht mehr schicklich gewesen sein würde. Damals, da er so sprach, paßten seine Ausdrücke sehr gut zu dem, was vor seinen Augen geschah: und es sei nun, daß er selbst durch das Blendwerk von Freiheit, womit August die Römer zur Vollendung seines ehrgeizigen Plans anköderte, hintergangen wurde: oder (welches eher zu glauben ist) daß er scharfsinnig genug war, den leisen und geheimen Gang dieses Meisters in den schlauesten Wendungen der Staatskunst von ferne zu wittern: in beiden Fällen war die Art, wie er sich ausdrückte, für den Augenblick schicklich welches alles ist, was ich mit dieser historischen Erläuterung beweisen wollte. , mit welchem Sinne, welchen Augen wird er solche Dinge ansehn? – Wer das Gegenteil von ihnen fürchtet, und wer vor Begier sie zu besitzen brennt, sind beide am Bewundrungsfieber krank, und werden beide von einerlei Gespenst geschreckt. Ob einer an Freude oder Traurigkeit, an Furcht sein alles zu verlieren, oder an Verlangen     Nil admirari prope res est una, Numici, solaque quae possit facere et servare beatum. Hunc solem et stellas et decedentia certis tempora momentis, sunt qui formidine nulla \<5\> imbuti spectent: quid censes munera terrae, quid maris, extremos Arabas ditantis et Indos? Ludicra quid, plausus, et amici dona Quiritis? Quo spectanda modo, quo sensu credis et ore? Qui timet his adversa, fere miratur eodem \<10\> quo cupiens pacto: pavor est utrobique molestus, improvisa simul species exterret utrumque. nach allem, was ihm mangelt, krank ist – was verschlägts, wenn, was er über oder unter seiner Hoffnung erblickt, sein starrend Auge fesselt und, wie durch Zauber, ihn an Seel und Leib betäubt? Der Weise zieht den Namen eines Toren sich zu, und Aristid wird ungerecht, sobald sie selbst die Tugend weiter treiben, als eben recht ist. Geh nun, staune Silber und Marmorbilder an von alter Kunst, bewundre mir Korinthische Gefäße, und Edelsteine und Sidonsche Zeuge von hohen Farben Horaz faßt hier alles zusammen, worauf die Reichen damals erpicht waren. Ihre Pracht und Verschwendung in kostbarem Silbergeschirr übersteigt beinahe die Einbildungskraft. Ein paar Jahrhunderte zuvor war noch so wenig Silber in Rom, daß die vornehmen Leute einander ihr Silbergeschirr liehen, wenn ein großes Gastmahl auszurichten war. Die Römer leben doch recht vertraulich unter einander, sagten einsmal die Gesandten von Karthago: wir haben nach und nach in ganz Rom herum gespeist, und überall auf dem nämlichen Silber Plin. Hist. Nat. L. XXXIII. c. 11. . Aber seitdem Scipio Africanus die Beute von Karthago und Numantia, und Lucius Scipio die Schätze Antiochus des Großen nach Rom gebracht, hatten sich die Sachen sehr geändert: und man sah jetzt mehr Silber und Gold auf der Tafel und den Schenktischen eines einzigen vornehmen Römers, als ehemals in der ganzen Republik aufzutreiben gewesen wäre. Man wetteiferte nun, es einander an Schönheit der Stücke zuvorzutun, und man ging endlich so weit, daß an Werken eines Akragas oder Mys , auch nachdem die Zeit beinahe alle Spur des Meißels daran ausgelöscht hatte, der bloße Name des Künstlers mit schwerem Gelde bezahlt wurde. Schon L. Crassus , der berühmte Redner, hatte silberne Gefäße, wovon ihm das Pfund hundert und sechs und sechszig Taler kostete, und ein Paar von dem Künstler Mentor gearbeitete Becher, die er mit mehr als viertausend Talern bezahlt hatte. Etwas später wurden zwei Becher mit erhabnen Figuren, von der Arbeit des Zopirus , um fünftausend Taler verkauft. Auch in der Größe der Gefäße stieg die Pracht immer weiter, bis Drusillanus Rotundus , ein Leibeigner des Claudius , den Übermut so weit trieb, eine Schüssel von 500 Pfund, und noch acht kleine, jede von funfzig Pfund, gießen zu lassen, zu deren Verfertigung eine eigne Werkstatt erbaut werden mußte. Noch höher als Gold selbst wurden die Trinkgeschirre und andre Gefäße geschätzt, die aus dem sogenannten Korinthischen Erz von berühmten alten Meistern verfertigt waren: und die eleganten Herren dieser Zeit wußten sich sehr viel auf die Feinheit ihres Geschmacks in Unterscheidung des Alters und der Echtheit solcher Stücke, und der Hand des Meisters, dem sie zugeschrieben wurden; wiewohl ihre Einbildung das meiste dabei tat Mihi maior pars eorum simulare eam scientiam videtur ad segregandos se a ceteris magis, quam intelligere aliquid ibi subtilius, Plin. L. XXXIV. c. 2. Wie es noch immer zu gehen pflegt! . Die Leidenschaft der Römer für Edelsteine, Trinkgeschirre aus Onyx mit erhabnen Bildern, Juwelen und Perlen u. s. w. schrieb sich von den Zeiten her, da Pompejus seinen Triumph über den Mithridates hielt, und stieg in kurzem auf eben den Grad von Ausschweifung, wie alle übrige Zweige ihres ungeheuern Luxus. Man mußte goldne Betten und einen edelsteinernen Hausrat (wie Seneca sich ausdrückt Ep. 110. ) haben, um sich über das Gewöhnliche zu erheben. Unter den kostbarsten Trinkgeschirren, die in diesen Zeiten Mode waren, findet man auch häufig einer Gattung erwähnt, welche sie Murrhina nannten, und die man, bei dem wenig befriedigenden Bericht, den Plinius davon gibt, nicht ohne Wahrscheinlichkeit mit dem gelehrten Saumaise Exercit. Plinian. p. 144. conf. Mariette, Recueil des Pierres grav. du Cab. du Roi p. 218. seq. für eine Art von Porzellan halten könnte. Denn daß die Römer sie aus den entferntesten Morgenländern zogen, sagt Plinius selbst, und dies ist das einzige Begreifliche, was er davon sagt. Daß aber diese Murrhina dem Golde an Wert vorgingen, ist außer Zweifel. Petronius Arbiter , als er vom Nero genötiget wurde aus der Welt zu gehen, zerbrach vorher, um den Tyrannen des schönsten Stücks seiner Verlassenschaft zu berauben, eine große Vase von dieser Art ( trullam murrhinam ), welche über 12 000 Taler gekostet hatte. – Alles dies machte nun freilich einen ungeheuern Kontrast mit jenen Zeiten, wo die ersten Männer im Staat noch aus Schüsseln von Campanischer Töpferarbeit aßen; wo der Konsul Älius Catus das Silbergeschirr, das ihm die Gesandten der Ätolier (die ihn bei irdnen Schüsseln angetroffen) zum Geschenke machen wollten, wieder zurückschickte; und wo ein Scipio Africanus selbst, der bei seinem Triumph über Karthago 470 000 Pfund Silbers ins Capitolium eingeführt hatte, nicht mehr als 32 Pfund an Silbergeschirr hinterließ Plin. XXXIII. 11. , – und doch, nach damaligem Maßstab, als ein reicher Mann starb. ! Tu' dir was darauf zu gut, daß tausend Augen, wenn du sprichst, auf dich geheftet sind! Sei stets der erste im Forum , und der letzte, der des Abends nach Hause geht, damit du ja das Unglück nicht erleben müssest, daß ein Erdensohn wie Mutus dir hinterm Rücken eine reiche Erbin wegschnappe, deren Geld ihn auf der Stelle zu deinem Bessern macht! Denn freilich wärs nicht auszustehen, wenn ein solcher Mensch, von solcher Herkunft, einem Mann wie du Gaudeat an doleat, cupiat metuatne, quid ad rem si, quicquid vidit melius peiusve sua spe defixis oculis animoque et corpore torpet? \<15\> Insani sapiens nomen ferat, aequus iniqui, ultra quam satis est virtutem si petat ipsam. I nunc, argentum et marmor vetus, aeraque et artes suspice, cum gemmis Tyrios mirare colores! gaude quod spectant oculi te mille loquentem! \<20\> Gnavus mane forum et vespertinus pete tectum, ne plus frumenti dotalibus emetat agris Mutus, et (indignum, quod sit peioribus ortus!) den Vorsprung abgewänne, und du ihn bewundern müßtest, nicht er dich ! – Wie schwach! Kannst du der Zeit verwehren, daß sie nicht ans Licht hervorzieh', was jetzt noch mit Erde bedeckt ist, und was jetzt im Sonnenschein uns anglänzt, einst in tiefem Schutt begrabe? Und wenn der Säulengang Agrippas und die Straße des Appius dich noch so gut gekannt M. Vipsanius Agrippa , der Mann, dem August seine Größe zu danken hatte, und der, durch seine Vermählung mit dessen Tochter Julia , der Zweite in Rom wurde ein Mann von niedriger Herkunft, aber von desto größrer Seele, und, nach Senecas Urteil Ep. 94. , unter allen, die durch die bürgerlichen Kriege mächtig geworden, der einzige, der es zum Glück des Staats war. Dieser Agrippa verherrlichte die Stadt Rom durch eine Menge großer Denkmäler, mehr als jemand vor oder nach ihm tat, wie der angeführte Schriftsteller sagt De Benefic. 32 . . Wenn August sich rühmen konnte, daß er aus dem hölzernen Rom ein marmornes gemacht habe, so hatte Agrippa wohl das meiste dazu beigetragen. Der Porticus , dessen Horaz hier erwähnt, ist vermutlich die prächtige Halle, womit Agrippa das von ihm im Jahr 727 erbaute Pantheon , eines der herrlichsten Werke des alten Roms, auszierte. Diese Halle und die dazu gehörige Area war damals der öffentliche Ort, wo die große Welt in Rom am gewöhnlichsten beisammen gesehen wurde: so wie die Via Appia die Straße war, wo man sie am häufigsten fahren sah, weil sie die schönste und breiteste aller römischen Straßen war, und die meisten Großen ihre Landgüter in Campanien hatten, wohin sie führte. , am Ende mußt du doch dahin, wo Numa und Ancus . Wenn ein körperlicher Schmerz dich peinigt, rufst du nicht den Arzt herbei, und suchst des Übels los zu werden? Gut! Wer etwas will, muß auch die Mittel wollen. Du möchtest glücklich sein? Wer will das nicht? Und wenn die Tugend nun, und sie allein , dich glücklich machen kann: wohlan, so laß es Ernst dir sein, entschließe dich, der Tugend dich ganz zu weihn, und weg mit allen Üppigkeiten! Hältst du sie aber bloß für einen Namen Wie einen heil'gen Hain für bloßes Holz Virtutem verba putas ut lucum ligna? Mich dünkt, es ist sehr klar, daß Horaz hier auf die Vorstellungsart der damaligen Freigeister ziele, denen ein alter den Göttern geweihter Hain ( Lucus ) weiter nichts als Bäume, d. i. ein Wald wie ein andrer Wald, war; wiewohl religiöse Personen den Begriff von etwas Göttlichem damit verbanden, und daher nicht anders als mit Schaudern in das heilige Dunkel eines solchen Hains traten, der seiner Unverletzlichkeit wegen, natürlicherweise, verwachsner, kühler, finstrer, als ein gemeiner Wald, und also sehr geschickt war, das schauderliche Gefühl zu erregen, welches der geheimen Gegenwart einer Gottheit beigemessen wurde. – Horaz setzt (glaube ich) diese beiden Prädikate, die Tugend für einen bloßen Namen und einen Hain für bloßes Holz halten, gerade deswegen zusammen, weil gemeiniglich derjenige, der nicht an die Tugend, auch nicht an die Religion glaubt. Wer aber an beides nicht glaubt, muß entweder ein sehr übel zusammenhängender Mensch sein, oder er kann kein höheres Gut kennen, als den Reichtum, der ihm alles übrige gibt, was einen Wert in seinen Augen hat. Dies ists, was Horaz sagen will, und womit er, glaube ich, in wenig Worten sehr viel gesagt hat. : dann alle Segel aufgespannt, der erste zu sein, damit kein andrer früher komme, die Cibyratschen und Bithynischen Geschäfte Was Horaz unter diesen cibyratischen und bithynischen Geschäften ( Negotia ) eigentlich verstanden, darüber lassen uns seine Ausleger ziemlich im Dunkeln. Von der Stadt Cibyra hat zwar der Abt Belley eine eigne Abhandlung geschrieben S. Mémoir. de Littérature Tome XXXIX. p. 378. seq. ; es ist ihm aber darin bloß um die Erklärung einiger cibyratischen Münzen zu tun; und er hat sich dieser Stelle unsers Dichters gar nicht dabei erinnert. Diese Stadt, welche schon lange zuvor, ehe sie unter die römische Oberherrschaft kam, sehr ansehnlich gewesen war, wurde es noch mehr, weil sie zum gewöhnlichsten Sitz eines Diözesan- oder Landgerichts über 25 Städte, unter denen Laodicea die vornehmste war, gemacht wurde. Der Abt Belley läßt den Strabo Am Ende des 13ten Buchs seiner Erdbeschreibung. sagen, daß sie große Einkünfte aus ihren Eisenbergwerken gezogen habe; Strabo sagt aber kein Wort mehr, als: die Stadt Cibyra habe den Vorzug, daß die feinsten ausgestochnen Arbeiten Τὸ τὸν σίδηρον τορεύεσθαι ραδίως, ferrum caelari facile , nicht tornari , wie der lat. Übersetzer sagt. in Eisen sehr gut daselbst gemacht würden. Einer von den Gästen in des Athenäus Sophistengastmahl erwähnt auch der cibyratischen Schinken , die, wie er sagt, den gallischen nichts nachgeben – und auch dies ist für den Abt Belley hinlänglich, uns zu versichern, daß die Stadt Cibyra ein commerce considérable mit Schinken getrieben habe. Wenn es aber auch nicht so considerabel gewesen wäre, so bleibt immer wahrscheinlich, daß Cibyra eine der ansehnlichsten Handelsstädte in demjenigen Teile von Kleinasien war, der damals vorzugsweise die Provinz Asien hieß , und nebst Bithynien zu den Provinzen gehörte, deren Verwaltung Augustus dem Senat überlassen hatte, und die daher die senatorischen hießen. Diese beiden Provinzen machten einen beträchtlichen Teil des kleinen Asiens aus, und die zum bithynischen Gouvernement gehörigen Städte, Chalcedon, Apamea, Astakus, Prusa, Nikomedia, Olbia, Heraklea, Amastris, Cimolis, Sinope, welche alle teils an dem thrazischen Bosporus, teils an dem Schwarzen Meere lagen, waren eben so viele Handelsplätze, durch deren Hände die großen Geschäfte gingen, die in diesen Zeiten auf diesem Meere gemacht wurden. Hier war also ein weites Feld für die Spekulationen der römischen Ritter und übrigen Unternehmer, welche sich dadurch bereicherten, daß sie die Staatseinkünfte in den Provinzen pachteten, die öffentlichen Werke in Akkord nahmen, und die Gegenstände der unermeßlichen Bedürfnisse der Stadt Rom aus allen Gegenden der Welt zusammenschleppten. hic tibi sit potius, quam tu mirabilis illi. Quicquid sub terra est, in apricum proferet aetas, \<25\> defodiet condetque nitentia. Cum bene notum porticus Agrippae et via te conspexerit Appi, ire tamen restat Numa quo devenit et Ancus. Si latus aut renes morbo temptantur acuto, quaere fugam morbi. Vis recte vivere? Quis non? \<30\> Si virtus hoc una potest dare, fortis omissis hoc age deliciis! Virtutem verba putas ut lucum ligna? Cave, ne portus occupet alter, ne Cibyratica, ne Bithyna negotia perdas! dir vor dem Munde wegzufischen. Ruhe nicht, bis du dir eine Million zusammen- geründet hast, dann wieder eine, und dann noch die dritte; kannst du sie quadrieren, um so viel besser! Geld ist Königin der Welt, schafft alles dir, ein reiches Weib, Kredit und Freunde, Schönheit, Adel, alles! Die Überredung wohnt auf deinen Lippen, und Venus schmückt mit ihrem Gürtel dich. Der Kappadozier König ist an Sklaven reich Weil alle seine Untertanen Leibeigne waren. Er hätte sie also zu Gelde machen können: aber die Kappadozier waren in so schlechtem Ruf, daß nichts dabei zu gewinnen war. und arm an Geld; du willst auf diesen Fuß kein König sein! Man sagt, Lucullus sei einmal gebeten worden, ob er nicht zu einem Schauspiel hundert Purpurröcke dem Prätor leihen könnte. Hundert? habe Lucull versetzt, wie käm' ich zu so vielen? Indessen will ich nachsehn lassen; was sich findet, steht zu Dienst. Nach einem Weilchen schreibt er zurück: es hätten sich indessen fünftausend Purpurröck' in seinem Hause Mille talenta rotundentur, totidem altera porro, \<35\> tertia succedant et quae pars quadret acervum. Scilicet uxorem cum dote, fidemque et amicos et genus et formam regina pecunia donat, ac bene nummatum decorat Suadela Venusque. Mancipiis locuples eget aeris Cappadocum rex; \<40\> ne fueris hic tu! Chlamydes Lucullus, ut aiunt, si posset centum scaenae praebere rogatus, qui possum tot? ait: tamen et quaeram et quot habebo mittam. Post paulo scribit, sibi milia quinque gefunden, und sie könnten immer, was sie brauchten, oder alle holen lassen. Das muß ein armes Haus sein, wo nicht viel Unnützes ist, wovon der Herr nichts weiß, und das den Dieben nur zustatten kommt. Wenn also, wie gesagt, bloß Geld und Gut uns glücklich machen und erhalten kann: so laß dies deine erste Sorge beim Erwachen, und wenn du schlafen gehst, die letzte sein! Ists Gunst des Volks, Befördrung, Ansehn, Rang, so kaufen wir uns einen Sklaven, der ganz Rom auswendig weiß Ein Sklave, der das wundervolle Talent hatte, in einer Stadt wie Rom alle Leute mit Namen nennen zu können, hieß ein Nomenclator , und war ein sehr unentbehrliches Hausratstück im Hause eines vornehmen Römers, dem an Volksgunst etwas gelegen war. Denn weil die Kandidaten um die hohen Würden der Republik sich auch den gemeinsten Bürgern persönlich empfehlen, sie freundlich bei der Hand nehmen und mit ihrem Namen anreden mußten: so war es bei den Spaziergängen, die ein Kandidat zu solchem Ende zu machen hatte, unumgänglich notwendig, einen Nomenclator an der Seite zu haben, der ihm in die Ohren raunte, wie der Zimmermeister oder Steinmetz, oder was er sonst war, hieß, den er um seine Stimme begrüßen wollte, und der sich dann natürlicherweise sehr dadurch beehrt fand, einem so vornehmen Herrn so wohl bekannt zu sein. Aber dies war nicht das einzige Amt der Nomenclatoren: denn ich sehe aus dem Seneca Epist. 19. it. de Benef. L. VI. c. 33. , daß die damaligen Großen in Rom ihre Dienste auch vonnöten hatten, wenn ihnen etwa einfiel wissen zu wollen, wie dieser oder jener unter der Menge, die in ihrem Vorzimmer aufwarteten, hieße; daß sie ordentliche Register über die Freunde und Klienten ihres Herrn halten mußten, und daß es zuweilen dem Nomenclator überlassen wurde, wer zu Tische gebeten werden sollte. In diesen Zeiten war der Luxus so hoch gestiegen, daß eine gewisse Art von übermütigen Schlemmern sogar bei Gastmählern eigne Nomenclatoren hatten, welche den Gästen die Schüsseln nennen, und, was dabei merkwürdig war, vordozieren mußten Plinius erwähnt einer großen Art Austern, die der Nomenclator eines gewissen Bon-Vivant mit Tridacna ausgerufen hätte, weil sie so groß wären, daß man drei Bissen aus einer machen könnte. L. XXXII. c. 6. . Die allerseltsamste Art von Nomenclatoren aber waren unstreitig diejenigen, die sich zu Senecas Zeiten ein gewisser Calvisius Sabinus hielt. Der Mann war (wie damals und noch jetzt so viele seiner Art) per fas et nefas mächtig reich geworden; und da er nun, kraft seiner Opulenz , zu den Leuten gehörte, bei denen man eine gewisse Erziehung voraussetzt, und die bei Gelegenheit zeigen müssen, daß sie gelesen haben: so kaufte er sich, um kurz aus der Sache zu kommen, eine Anzahl griechischer Sklaven, wovon der eine seinen Homer , ein andrer seinen Hesiodus , neun andre die neun lyrischen Dichter , kurz jeder seinen eignen Autor auswendig gelernt haben mußte. Von dem Tage an, da Calvisius diese lebendige Bibliothek beisammen hatte, war es (sagt Seneca) vor lauter Literatur gar nicht mehr an seiner Tafel auszuhalten. Indessen bewunderte man doch seine Sklaven . Das denke ich wohl, sagte Calvisius: das Stück kostet mich aber auch viertausend Taler schwer Geld! Kurz, der Mann hatte in seinem Kopfe, weil die Sklaven sein wären, so sei auch alles, was sie wüßten, sein, und war sehr glücklich durch die Meinung, daß er sich nun, was die literarischen Kenntnisse betreffe, vor keinem reichen Manne in ganz Rom fürchten dürfe Seneca. Ep. 27. . , und wenn wir durch die Straßen gehn, uns in die Seite bohrt, um über einen Karrn voll Steine, oder zwischen emporgezognen Balken, diesem bald, bald jenem Ehrenmann die Hand zu reichen: » Der « (raunt der Nomenclator dir ins Ohr) »vermag ein Großes in der Fabischen Zunft, der alles in der Claudischen: er gibt die Fasces , wem er will und mag, und wem er übel will, der mache sich nur keine Hoffnung zum kurulschen Throne!« esse domi chlamydum; partem, vel tolleret omnes. \<45\> Exilis domus est ubi non et multa supersunt et dominum fallunt et prosunt furibus. Ergo, si res sola potest facere et servare beatum, hoc primus repetas opus, hoc postremus omittas. Si fortunatum species et gratia praestat, \<50\> mercemur servum qui dictet nomina, laevum qui fodicet latus, et cogat trans pondera dextram porrigere: »Hic multum in Fabia valet, ille Velina, cui libet is fasces dabit, eripietque curule cui volet importunus ebur«; frater, pater adde, Hübsch allen Leuten freundlich zugenickt, und jeden gleich, wie es sein Alter gibt, zum Vater oder Bruder adoptiert! Lebt aber der nur wohl, der trefflich ißt, wohlan! es tagt, auf! wo der Gaum uns hinführt! zum Fischen und zum Jagen! Machen wir ganz Rom zum Zeugen unsrer Schlemmerei! Wie einst Gargil , der einen langen Zug von Jägersburschen, Eseln, Tüchern, Netzen und Knebelspießen morgens übern Markt, wo sichs am dichteten drängte, ziehen ließ, damit der Pöbel gaffend früge, wem der Jagdzeug zugehör' und sähe – wie ein Maultier, unter vielen, im Triumph die bar gekaufte Sau nach Hause trug Diese kleine Abschweifung scheint auf eine komische Szene anzuspielen, die der Prahler Gargil damals eben dem Publiko zum besten gegeben haben mochte, und die unserm Dichter noch so frisch im Gedächtnis war, daß sie ihm gleichsam aus der Feder fiel. . Von einer Nacht zur andern fortgeschmaust, und sollten wir bei immer vollem Magen nie wieder aus dem warmen Bade kommen! Was kümmert uns die Sittlichkeit, der Wohlstand? Wir habens mit den Zensorn einmal schon verdorben, sind Ulyssens Schiffsvolk, das uneingedenk des Vaterlands aus Circens Becher zum Vieh sich trinkt, sich an den Sonnenrindern zu Tode frißt, und aller Warnung lacht. \<55\> ut cuique est aetas, ita quemque facetus adopta. Si bene qui cenat bene vivit, lucet, eamus quo ducit gula, piscemur, venemur! Ut olim Gargilius, qui mane plagas, venabula, servos, differtum transire forum populumque iubebat, \<60\> unus ut e multis populo spectante referret emptum mulus aprum. Crudi tumidique lavemur, quid deceat quid non obliti, Caerite cera digni, remigium vitiosum Ithacensis Ulyssei, cui potior patria fuit interdicta voluptas. Ist endlich, wie Mimnerm , der Dichter, meint, kein glücklich Leben ohne Scherz und Liebe Mimnermus , ein erotischer Dichter, von Kolophon gebürtig und ein Zeitgenosse und Freund des weisen Solon, erhielt wegen der ungemeinen Lieblichkeit seiner Verse den Namen Λιγυστάδης. Hermesianax , sein Landsmann und ein Priester der Erato wie er, machte ihn zum Erfinder der Elegie , weil er dieser Versart alle die Anmut und Musik gab, deren sie fähig ist, und weil er der erste war, der sie anwandte, die Freuden und Schmerzen der Liebe zu singen. Seine Gedichte atmeten nichts anders, und sein ganzes Leben war, wie es scheint, zwischen diese beiden Beschäftigungen geteilt, der Liebe zu pflegen , und die Liebe zu singen . Sein Wunsch war immer: Laß mich, bei frischem Blut und sorgenfrei, sechzig erreichen.     Aber, o Parze, dann flugs! schneide den Faden mir ab. Solon , der noch in einem weit höhern Alter seine Scheitel, wie Anakreon, mit Rosen kränzte, schrieb ihm: Ändre mir das und singe dafür: mit achtzig, o Parze,     (immer noch frühe genug) schneide den Faden mir ab Diogen. Laert. in vita Solon. . Aber die Parze strafte den Dichter, der, nicht so weise wie Solon, versäumt hatte, in der schönen Zeit des Lebens für den Winter zu sorgen. Er wurde älter als sechzig, und kränkelte noch in diesem Alter an Liebe für eine schöne junge Flötenspielerin, die ihm wenig Ursache gab, sich für ihre Gütigkeiten zu bedanken. Indessen waren doch die Elegien, womit er sie in ein liebliches Vergessen seiner grauen Haare einzusingen suchte, so schön, daß man noch zu Athenäus Zeiten nicht müde werden konnte sie nachzusingen. Es sind nur wenige Fragmente von seinen Gesängen bis auf uns gekommen, die man in den Brunkischen Analekten beisammen findet: aber so wenig ihrer sind, so ists doch genug, das Vergnügen begreiflich zu machen, das die Alten aus seinen Elegien schöpften. Zufälligerweise ist auch der Vers darunter, auf welchen Horaz besonders zu deuten scheint: Τίς δὲ βίος, τί δὲ τέρπνον άτερ χρυση̃ς Αφροδίτης;     τεθναίην, ότε μοι μηκέτι ταυ̃τα μέλοι! , so leb' in Scherz und Liebe! – Und hiemit gehab dich wohl! – Weißt du was Besseres, so teile mir es unverhohlen mit; wo nicht, so reicht dies für uns beide zu. \<65\> Si, Mimnermus uti censet, sine amore iocisque nil est iucundum, vivas in amore iocisque! Vive, vale! Si quid novisti rectius istis, candidus imperti; si non, his utere mecum! Der siebente Brief An Mäcenas Einleitung So schön und kostbar Horazens kleinster Brief in meinen Augen ist: so gestehe ich doch, daß ich diesem , in seiner Art, nichts zu vergleichen weiß. Die edelste Freimütigkeit erscheint darin, von der gefälligsten Laune, wie von der leichten Hand einer Grazie, in die feinste Höflichkeit gekleidet; aber gekleidet wie die Schönheit, die nur das Vorurteil zu schonen, nicht sich selbst zu verbergen, Ursache hat; gerade nur so viel, um durch Nacktheit nicht anstößig zu werden. Wie wahr und passend gilt von dieser Epistel das Omne vafer vitium ridentis Flaccus amici tangit et admissus circum praecordia ludit, welches der liebenswürdige Persius zum Charakter unsers Dichters macht! Es ist ein Brief, wie nur ein Horaz an einen Mäcenas schreiben konnte: aber er scheint ihn im Namen aller seiner Mitbrüder an alle Mäcenaten geschrieben zu haben. Mäcenas hatte ohne Zweifel mitten in seinem ungeheuren Palast, von dessen turmähnlicher Höhe er die Beherrscherin der Welt in aller ihrer Herrlichkeit rings um sich ausgebreitet liegen sah, mitten in seinen wollusthauchenden Gärten, und mitten an seiner parasitischen Fürstentafel – doch zuweilen mächtig Langeweile. Übermaß von Glückseligkeit ist schon eine Art von Elend: aber es fehlte diesem so weichlichen, so zartfühlenden Glücklichen auch außerdem nicht an wirklichen oder eingebildeten Quellen von unangenehmen Empfindungen. Die allmählige Erkältung des Augustus , die andern vielleicht kaum merklich war, die er selbst aber immer mehr zu fühlen glaubte, je schneller und sichrer dieser Prinz zu einer Größe emporstieg, wo er auch ohne seinen Beistand sich erhalten konnte Aetate provecta speciem magis in amicitia principis quam vim tenuit , sagt Tacitus von einem andern Günstling und Vertrauten des Augusts, und setzt unmittelbar hinzu: idque et Maecenati acciderat. Annal. IV. c. 24. – eine Gemahlin, mit welcher und ohne welche er nicht leben konnte Seneca Epist. 114. – die zunehmenden Beschwerden eines Körpers, der die natürliche Strafe eines allzuweichlichen Lebens zu fühlen anfing – der Mangel an Schlaf, der ihn dahin brachte, beim sanftverlornen Getön weit entfernter Symphonien, oder beim abgemeßnen Gemurmel künstlicher Wasserfälle, nach einer Stunde leisen Schlummers zu haschen Id. de Provid. c. 3. – die Leerheit einer von allen Arten Genusses erschlafften Seele, die seine gewöhnlichen Parasiten und Freunde nicht immer auszufüllen wußten – alles dies macht es sehr begreiflich, daß Mäcenas von Zeit zu Zeit nach dem Umgang eines so liebenswürdigen Gesellschafters, als Horaz in jüngern Jahren für ihn gewesen war, mit aller Ungeduld eines Großen, der nicht gewohnt ist, Hindernisse und Entschuldigungen gegen seine Wünsche gelten zu lassen, sich sehnen mochte. Und was für Entschuldigungen konnte denn auch unser Dichter, der in der vollkommensten Muße lebte, anzuführen haben? oder wie konnte er sich weigern, einen Teil dieser Muße demjenigen aufzuopfern, dem er sie zu danken hatte? Horaz fühlte ohne Zweifel dies alles sehr wohl: aber unglücklicherweise stimmten weder seine Neigungen noch seine Bedürfnisse mit den Wünschen seines hohen Freundes überein. Je weiter er im Leben fortrückte, je nötiger wurde ihm die Freiheit, mit sich selbst und für sich selbst zu leben; und um so viel mehr kosteten ihn die Aufopferungen, die ihm in jüngern Jahren leichter gewesen waren, weil ihn damals sein Hang zum Vergnügen und zu geselligen Ergötzungen im Hause des Mäcenas sehr reichliche Entschädigungen für das, was er hingab, finden ließ. Jetzt aber, da er, ohne sichs eben sehr leid sein zu lassen, sagen mußte: Non sum qualis eram bonae     sub regno Cinarae, jetzt, da seine zärtliche Gesundheit ihm die Landluft und eine regelmäßigere Diät immer unentbehrlicher machte; da ihm sein Leben, je schneller es ihm gleichsam unter den Händen entschlüpfte, desto kostbarer wurde; jetzt, da sein Blut abgekühlt war, und das Leere, das die Zerstreuungen und Ergötzungen der großen Welt in seiner Seele zurückließen, es ihm zum unentbehrlichen Bedürfnis machte, auf seine eigne Weise (und das war eine Weise, die von der Lebensart im Hause Mäcens sehr stark abstach) glücklich zu sein : jetzt fühlte er das Mühselige und Drückende jener Aufopferungen zu stark, um es länger zu ertragen. Die Blumen, womit man seine Ketten umwunden hatte, waren verwelkt, und nun fühlte er, daß es eiserne Ketten waren, die seine nach Freiheit dürstende Seele unwillig von sich schüttelte. Kurz, die Zeiten der Täuschung waren vorbei; und so gern er auch, aus Neigung , dem Manne, den er in seiner Jugend so sehr geliebt hatte, noch immer gefällig hätte sein mögen, so sehr er sich aus Dankbarkeit dazu verbunden fühlte: so stark fühlte er die Notwendigkeit, wofern er nicht ganz das Opfer seiner Dankbarkeit werden sollte, die Pflichten der Freundschaft mit dem, was er sich selbst schuldig war, so viel möglich ins Gleichgewicht zu setzen. Der ganze Ton dieses gegenwärtigen Briefes, und besonders einige Stellen desselben, scheinen vorauszusetzen, daß ihm Mäcenas entweder selbst in einem Briefe, worauf dieser die Antwort ist, oder vielleicht durch einen gemeinschaftlichen Freund etwas zu verstehen gegeben habe, das einem Vorwurf von Undankbarkeit ähnlich sah. Mich deucht, die Wärme, womit er sich über diesen Punkt erklärt, beweise ganz deutlich, daß sein Herz voll war, und daß es in einer Bewegung, die er nicht zurückhalten konnte, sich in stärkere Ausdrücke ergoß, als er bei kälterm Blute gewählt haben würde. Wenigstens kann ich mir das, was er ihm vom Zurückgeben dessen, was er von ihm empfangen , sagt, nicht anders erklären. So etwas konnte ein Horaz einem Manne, wie Mäcen, nur in einer unfreiwilligen Überwallung des Herzens, in einem Augenblick von Hitze, wo er nötig fand, sich ein für allemal mit ihm ins Klare zu setzen, sagen. Denn, wiewohl ers ihm mit aller möglichen Zärtlichkeit und mit so vieler Schonung sagt, als die Bitterkeit eines edeln Herzens, das sich unbillig behandelt fühlt, nur immer zuläßt: so ist doch auch so viel Ernst und Entschlossenheit in dem Antrage – »Mäcen solle ihn nur auf die Probe stellen« – daß er, wär' er weniger warm gewesen, das Beleidigende desselben notwendig hätte fühlen müssen. Wir begnügen uns hiemit bloß den Gesichtspunkt angegeben zu haben, aus welchem diese Epistel gesehen werden muß, und überlassen nun dem Leser das Vergnügen, seine eignen Betrachtungen hinzuzutun. Keiner von allen Briefen unsers Dichters verdient es mehr; denn in keinem, wenn ich nicht sehr irre, drückt sich der individuelle Charakter seines Geistes und Herzens stärker und wahrer aus; und keiner ist in einer so delikaten Lage geschrieben. Sein Verhältnis mit Mäcen – ein Verhältnis, wovon doch immer die Glückseligkeit seines Lebens abhing – war aufs äußerste gespannt; es konnte so nicht bleiben; und da es darüber endlich zur Sprache kommen mußte, so befand sich Horaz in einem entscheidenden Moment , worin sein moralischer Charakter, seine gute Lebensart, und die Ruhe seines übrigen Lebens, in gleicher Waage auf der Spitze einer Nadel schwankten. Mich dünkt, die Art, wie er sich aus dieser Schwierigkeit gezogen, mache seinem Verstande, seinem Herzen und seiner Urbanität gleichviel Ehre – wiewohl nicht zu leugnen ist, daß er mit einem Manne, wie wir den Mäcenas kennen, weniger Gefahr lief, als unter gleichen Umständen mit irgend einem andern dieser Klasse. Fünf Tage nur, Mäcen , versprach ich dir auf meinem Gütchen frische Luft zu schöpfen, nun läßt den ganzen Erntemonat durch der lügenhafte Mensch vergebens sich erwarten! Und gleichwohl, wenn du gerne mich gesund und guten Mutes sehn willst, wirst du schon die Nachsicht, die du mit dem Kranken trügest, dem krank zu werden Fürchtenden so lange zustatten kommen lassen, als die Hitze die erste Feige reifet, und der Designator Leichenbesorger. mit seinem Zug von schwarzen Amtstrabanten zu Rom die große Rolle spielt Im Monat Sextil , der dem Augustus zu Ehren in der Folge den Namen August erhielt, pflegten in Rom bösartige Fieber fast alle Jahre zu herrschen und viele Menschen wegzuraffen. Weil nun die Leichenbesorger in dieser Zeit am meisten zu tun hatten, so macht sie Horaz, indem er ihre Handlanger schwarze Liktoren nennt, scherzweise zu Amtspersonen vom ersten Range, deren Gewalt um diese Zeit auch den Konsuln und Prätoren furchtbar war. ; – die Zeit, wo jeder Vater, jedes Mütterchen für seine Kinder zittert, und die eifrige Geflissenheit, Patronen und Klienten Man kann sagen, daß in Rom jedermann entweder Patron oder Klient war. Alle Personen, die zum Volke gehörten, hatten ordentlicherweise unter den Patriziern oder (in den spätern Zeiten) überhaupt unter den Mächtigen, von welchem Range sie sonst sein mochten, einen Patron, den sie sich entweder selbst gewählt oder von ihren Voreltern geerbt hatten; denn das Verhältnis von Patronat und Klientel war erblich. Nichts war heiliger in den ersten Zeiten des römischen Staats, als dieses Verhältnis. Der Klient wurde in gewisser Betrachtung wie ein Pupill seines Patrons betrachtet; er war, als vom Staat selbst, der Treue und Fürsorge desselben anvertraut, und einen vorsätzlichen Betrug an seinem Klienten zu begehen, war ein Verbrechen, das den Täter alles Schutzes der Gesetze beraubte, d. i. ihn, nach unsrer Art zu reden, vogelfrei machte. Patronus si clienti fraudem faxit, sacer esto ! sagt das Gesetz der zwölf Tafeln. Der Patron war verbunden, die Rechtshändel seines Klienten zu führen, ihn in allen vorkommenden Fällen, gegenwärtig oder abwesend, zu schützen, und ihm in allem, was seine bürgerlichen Verhältnisse betraf, mit seinem Ansehen, mit seiner Rechtswissenschaft, mit seiner Fürsprache, kurz mit Rat und Tat beizustehen. Dafür waren hinwieder die Klienten verbunden, ihres Beutels zum Dienst des Patrons, wo es die Not oder seine Dignität erforderte, nicht zu schonen; zu seinem Lösegeld, wenn er in Kriegsgefangenschaft geraten war, oder zur standesmäßigen Morgengabe seiner Töchter, wenn es dem Vater an Vermögen fehlte, beizutragen, u. s. w. Alle Freigelaßnen, mit ihren Kindern und Kindeskindern, lebten unter dem Schurze ihres ehemaligen Herrn , als ihres natürlichen Patrons: und in den Zeiten, da der größte Teil des Erdbodens (wenigstens nach römischer Schätzung) die Herrschaft dieser wundervollen Republik anerkannte, bewarben sich ganze Städte und Provinzen um den Vorteil, in der Klientel gewisser mächtiger Häuser oder Personen in Rom zu stehen. – Unter die Pflichten der Klienten gegen ihre Patronen gehörten auch die Aufwartungen . Man ging des Morgens früh den Patron zu grüßen, man machte ihm Cortège , wenn er in Amtsgeschäften ausging oder nach Hause kehrte; man brigierte für ihn, wenn er sich um eine Staatswürde bewarb. – Kurz , die Gelegenheiten waren unzählig, wo die gegenseitige Verbindung und Teilnehmung zwischen Patron und Klient ins Spiel kam. – Alles dies erklärt uns, was Horaz hier mit der offciosa sedulitas und opella forensis sagen will, welche während der heißen Jahreszeit den Römern oft so teuer zu stehen komme, und gibt den Grund an, warum ich diese Ausdrücke durch »Geflissenheit, Patronen und Klienten genug zu tun« übersetzt habe. genug zu tun, von bösen Gallenfiebern begleitet wird, und Testamente öffnet. Und kaum ist diese böse Zeit vorüber, so, weißt du, geht für deinen armen Dichter schon eine andre an. Denn, wie der erste Reif     Quinque dies tibi pollicitus me rure futurum, Sextilem totum mendax desideror. Atqui si me vivere vis recteque videre valentem; quam mihi das aegro, dabis aegrotare timenti, \<5\> Maecenas, veniam; dum ficus prima calorque designatorem decorat lictoribus atris; dum pueris omnis pater et matercula pallet, officiosaque sedulitas et opella forensis adducit febres et testamenta resignat. die Felder Albas weißt, so muß er nach der wärmern Küste Nach Surrent, Velia oder Tarent, ubi tepidas praebet Iupiter brumas. ziehn, und taugt nun sonst zu nichts, als sich zu schonen, und, zusammen- geschrumpft, die langen Nächte sich mit Lesen zu kürzen. Aber mit dem ersten milden Lüftchen, der ersten Schwalbe, kommt er, süßer Freund, wenn du's erlaubst, dich wieder zu besuchen. Du hast mich so nicht reich gemacht, wie ein Calabrier den Gast von seinen Birnen zu essen nötigt. »Lang' er zu, Herr Nachbar!« – »Ich habe satt.« – »So steck' er immer ein, so viel er will!« – »Ich danke schönstens.« – »I! So nehm' er doch! Er kanns ja seinen Kleinen zum Gruß nach Hause bringen.« – »Sehr verbunden! Es soll so sein, als ob ich schwer beladen entlassen worden wäre.« – »Wie's beliebt! Uns spart er nichts, es bleibt nur für die Schweine.« So gibt die plumpe unverständige Gutherzigkeit mit vollen Händen weg, \<10\> Quod si bruma nives Albanis illinet agris ad mare descendet vates tuus, et sibi parcet, contractusque leget. Te, dulcis amice, reviset cum Zephyris, si concedes, et hirundine prima. Non quo more piris vesci Calaber iubet hospes, \<15\> tu me fecisti locupletem. – »Vescere sodes!« »Iam satis est.« – »At tu quantumvis tolle!« »Benigne.« »Non invisa feres pueris munuscula parvis.« »Tam teneor dono quam si dimittar onustus.« »Ut libet; haec porcis hodie comedenda relinquis.« \<20\> Prodigus et stultus donat quae spernit et odit, was keinen Wert in ihren Augen hat; und dies ist eine Saat, die immer Undankbare getragen hat und ewig tragen wird Die Undankbarkeit ist unleugbar ein häßliches Laster: aber es gibt auch eine Art, andre sich verbindlich machen zu wollen, die wenigstens eben so häßlich ist, und keinen Dank verdient. Mäcenas wäre in diesem Falle gewesen, wenn er geglaubt hätte, den Horaz durch das kleine, ihm selbst unnütze Sabinum , das er ihm geschenkt hatte, zu einem Sklaven erkauft zu haben, der ihm nun, um dem Vorwurf der Undankbarkeit zu entgehen, seine ganze Existenz aufopfern müßte. . Ein Biedermann steht jedem Würdigen zu Dienste, aber weiß doch auch Lupinen Feigbohnen, womit die Kinder statt Geldes spielten. Horaz will sagen: es ist ein großer Unterschied zwischen Diensten und Diensten. Es gibt Dienste, wovon man sich, nach Maßgabe der Umstände, sehr wohl dispensieren darf. und blankes Geld sehr gut zu unterscheiden. Auch ich will eines Freundes, der so viel um mich verdient, mich immer würdig zeigen. Doch, sollt' ich niemals mich entfernen dürfen, so müßtest du die Jugendstärke auch mir wiedergeben können und den Busch von schwarzen Locken um die schmale Stirne Die von der Fülle dichter Locken beinahe verdeckt wurde. , den leichten Witz, die frohe Laune wieder mir geben können, der das Lachen ansteht, und machen, daß mirs noch, wie ehmals, ziemte, beim Trinkgelag die Flucht des Schelmenmädchens, das heimlich sich davon schlich, zu bejammern Das schelmische Mädchen, wovon hier die Rede ist, hieß Cinara , und war von der Klasse derjenigen, welche, nach damaliger römischer Sitte, zu den Gastmählern der Reichen eingeladen wurden, wenn man einen Abend den Göttern der Freude opfern wollte. Unser Dichter, der sie einst geliebt, und keine Ursache gehabt hatte, sich weder über Unempfindlichkeit noch Eigennutz von ihrer Seite zu beklagen Wie aus einer Stelle des Briefes an seinen Gutsverwalter erhellet. , scheint auch lange, nachdem sie nicht mehr war (denn er beklagt ihren frühzeitigen Tod in einer Stelle der 13ten Ode des vierten Buchs), sich ihrer noch immer mit Vergnügen erinnert zu haben. Das größte Lob, das er in der eben angezogenen Ode der Lyce (einer andern ehemaligen Liebschaft) beilegt, ist, daß sie nach Cinara das reizendste Mädchen ihrer Zeit gewesen sei: und in dem Liede, wo er die Göttin der Liebe um Verschonung bittet, sagt er, nicht ohne einen traurigen Blick in die ehemaligen guten Zeiten: non sum qualis eram bonae sub regno Cinarae – Ich bin nicht, der ich war unter dem Regiment der guten Cinara – Die Szene, an die er den Mäcen hier erinnert, hatte sich, wie es scheint, im Hause desselben bei einer solchen fröhlichen Gelegenheit zugetragen: und es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Streich, der dem verliebten, aber zwischen Bacchus und Amor allzusorglos geteilten Dichter gespielt wurde, ein von Mäcenas selbst heimlich mit Cinara angestellter Handel war, um sich und die Gesellschaft an den possierlichen Klagliedern, die er bei Entdeckung ihrer Flucht anstimmen würde, zu erlustigen. . Es war einmal ein Mäuschen, das in einen haec seges ingratos tulit et feret omnibus annis. Vir bonus et sapiens dignis ait esse paratus, nec tamen ignorat quid distent aera lupinis. Dignum praestabo me etiam pro laude merentis. \<25\> Quod si me noles umquam discedere, reddes forte latus, nigros angusta fronte capillos, reddes dulce loqui, reddes ridere decorum et inter vina fugam Cinarae maerere protervae. Forte per angustam tenuis nitedula rimam Getreidekasten sich durch eine kleine Spalte hineingeschlichen und sich dick und rund darin gefressen hatte: aber wie es wieder heraus sich pressen wollte, war's umsonst. Da rief ein Wiesel ihm von ferne zu: »Mein gutes Mäuschen, zu entfliehn ist hier ein einzig Mittel; mager schlüpftest du hinein, nun schlüpfe mager wieder 'raus.« Gilt diese Fabel mir , so geb' ich alles wieder. Denn, wenn ich mir den guten derben Schlaf der Armen lobe, so geschieht's nicht, weil ich satt von Gänselebern und Pularden bin, noch würd' ich meine unumschränkte Muße um alles Gold Arabiens vertauschen. Oft hast du meine leicht genügsame Bescheidenheit gerühmt; auch bist du es an mir gewohnt mein König und mein Vater zu heißen, und ich bin nicht sparsamer mit solchen Namen, wenn du ferne bist. Versuch es, ob ich, was du mir geschenkt, mit frohem Mut zurück dir geben könne! Nicht übel spricht dort Telemach, der Sohn des duldsamen Ulysses: »Ithaka \<3o\> repserat in cumeram frumenti, pastaque rursus ire foras pleno tendebat corpore frustra: cui mustela procul: »Si vis«, ait, »effugere istinc, macra cavum repetes artum, quod macra subisti.« Hac ego si compellar imagine, cuncta resigno; \<35\> nec somnum plebis laudo satur altilium, nec otia divitiis Arabum liberrima muto. Saepe verecundum laudasti, rexque paterque audisti coram, nec verbo parcius absens: inspice si possum donata reponere laetus. \<40\> Haud male Telemachus, proles patientis Ulyssei: taugt nicht zur Pferdezucht, es mangelt uns an weiten Ebnen und an guter Weide; behalt', Atride, dein Geschenk, du kannst es besser nützen.« – Einem kleinen Manne, wie ich, paßt nur, was klein ist, an. Mir ist das königliche Rom zu groß; dafür gefällt das leere Tibur mir, das ruhige Tarent Die Werke unsers Dichters enthalten viele Spuren von seiner vorzüglichen Liebe zu diesen beiden Orten. Möchte doch, sagt er in der schönen Ode an Septimius (welche mehrere Jahre vor diesem Briefe geschrieben ist), möchte doch einst Tibur der Sitz meines Alters sein! Oder wenn die Parzen mir so günstig nicht sein wollen, so sei es Tarent ! Dieser Winkel der Erde lacht vor allen andern mir – – – – – Lang ist da durch Jupiters Gunst der Frühling, und der Winter so lau ! Auch braucht, vom Weingott hochbegünstigt, der Aulon den Falernus nicht zu beneiden L. II. Od. 6., conf. L. I. Od. 7. v. 10-14. . Die Beiwörter vacuum Tibur und imbelle Tarentum sind hier so wenig unbedeutend, als irgend ein Beiwort im ganzen Horaz. Tibur war, an sich, ein kleiner unbevölkerter Ort, wiewohl die umliegende Gegend, eine der anmutigsten in der Welt, (wie noch jetzt) mit Landhäusern der Großen in Rom angefüllt war, welche in der heißen Jahrszeit die reinere und frischere Luft suchten, die man da atmet. – Tarent , ehemals die ansehnlichste Stadt in Großgriechenland, war schon in den Zeiten ihres größten Flors wegen der Weichlichkeit ihrer Bewohner verschreit. Das spartanische Blut ihrer alten Vorfahren war gar bald unter dem wollüstigen Himmel dieser Gegenden ausgeartet. Die Lage der Tarentiner bestimmte sie zu einer weit ausgebreiteten Handelschaft; sie erwarben auf diesem Wege große Reichtümer, und wetteiferten nun mit den Sybariten selbst um den Vorzug der Üppigkeit. Die übrigen Menschen, sagten sie, verlieren unter ewiger Arbeit und Anstrengung ihre Zeit mit lauter Anstalten zum Leben : wir sind die einzigen, die nicht zu leben hoffen , sondern wirklich leben – ου μέλλειν, αλλ' ήδη βιω̃ναι Athenaeus IV. c. 19. . Mit einer solchen Art zu denken bekümmert man sich wenig um die Nachkommenschaft; und diese wars auch, die für die guten Tage ihrer Vorfahren büßen mußte. Zu Horazens Zeit war Tarent sehr heruntergekommen: aber der sanfte gesellige freudeliebende Charakter war ihnen geblieben; und es ist also sehr begreiflich, wie die Vorstellung, unter einem so milden Himmel mit so gutartigen Menschenkindern sein Alter hinzubringen, für einen Philosophen von seinem Temperament so viel Reiz haben konnte. . Der edle Marcius Philippus war bekanntlich einer der beredtesten und rechtsgelehrt'sten Männer seiner Zeit Ohne Zweifel ist die Rede von L. Marcius Philippus , der im Jahr der Stadt Rom 693 Konsul und im Jahr 698 Zensor war. Was Horaz hier von seiner Beredsamkeit sagt, bestätigen mehrere Stellen des kompetentesten Richters in diesem Fache, Cicero. Er charakterisiert ihn besonders als facetum , d. i. als einen Mann, der gern bons mots sagte; und das Histörchen, das Horaz hier, in einem Tone, der es zum Muster einer komischen Erzählung macht, von ihm erzählt, beweist, daß er auch gern seinen Spaß mit Leuten hatte, die dazu zu gebrauchen waren. Die römischen Sitten waren damals schon um vieles von der alten Strenge herabgestimmt; die ersten Männer der Republik schämten sich bereits eines Luxus nicht, den hundert Jahre zuvor die Zensoren gestraft haben würden; und Marcius Philippus, wiewohl selbst ein Vir Consularis und Censorius , trieb z. B. die Leckerhaftigkeit bereits so weit, daß er nur die Meer- und Tiberfische für Fische gelten ließ. Einsmals, da er zu Casino bei einem Klienten seines Hauses speisete, kam ein Hecht aus einem benachbarten Flusse auf die Tafel. Philippus kostete davon, spuckte aber den Bissen gleich wieder aus: Ich will des Todes sein, sagte er, wenn ich nicht dachte, es sei ein Fisch Columella, de Re Rust. VIII. 16. . . Einst, da er um die achte Stunde Die Römer behalfen sich 480 Jahre mit der natürlichen Einteilung des Tages in Morgen, Mittag und Abend. Erst gegen Ende des sechsten Jahrhunderts der Stadt Rom bestimmte eine von Scipio Nasica gestiftete öffentliche Wasseruhr die Stunden des Tages, deren zwölf, aber nach Beschaffenheit der Jahrszeit von ungleicher Länge, festgesetzt wurden. Man fing mit Aufgang der Sonne zu zählen an; die sechste fiel in den Mittag, und die zwölfte endete mit Sonnen-Untergang. Der Mangel der Glockenuhren oder eignen Hausuhren wurde in jedem guten Hause durch einen Sklaven ersetzt, der sonst nichts zu tun hatte, als die Stunden zu beobachten und auszurufen Mémoir. de Littérat. T. I. p. 409. s. . von Geschäften nach Hause ging, und als ein ziemlich schon bejahrter Mann den weiten Weg vom Markte nach seiner Wohnung auf Carinä Eine Gegend des alten Roms zwischen den Exquilien, dem Palatium und dem Berge Cölius Alex. Donati de Urbe Roma. L. III. c. 10. , in welcher auch Pompejus und Cicero ihre Häuser hatten. Ich bequeme mich nach der römischen Art zu reden, wenn ich Häuser sage; denn was für Häuser das waren, worin schon damals die Magnaten der Republik wohnten, kann man daraus schließen, weil Cicero, der doch bei weitem keiner von den reichsten seiner Zeit war, das seinige um mehr als 145 000 Taler gekauft hatte. (Ep. ad Famil. V. 6.) sehr beschwerlich fand, erblickt' er, sagt man, einen nicht allzu glatt Geschornen, der in eines leeren Barbierschopfs Schatten sehr gelassen sich mit einem Messerchen die Nägel putzte d. i. einen Erdensohn, dem man auf den ersten Anblick ansah, daß er nicht viel zu tun haben und nicht schwer an seinem Beutel tragen müsse. Baxter scheint mir die Bedeutung des Beiwortes adrasus am besten erraten zu haben. Es hängt mit dem leeren Schatten des Barbierschopfs zusammen. Der Barbier, von welchem sich Vultejus rasieren ließ, hatte wenig Kundschaft, und rasierte wohlfeiler als andre; aber dafü hatte er auch desto schlechtere Schermesser. . »Non est aptus equis Ithacae locus, ut neque planis porrectus spatiis, neque multae prodigus herbae: Atride, magis apta tibi tua dona relinquam.« Parvum parva decent: mihi iam non regia Roma \<45\> sed vacuum Tibur placet, aut imbelle Tarentum. Strenuus et fortis causisque Philippus agendis clarus, ab officiis octavam circiter horam dum redit atque foro nimium distare Carinas iam grandis natu queritur, conspexit, ut aiunt, \<50\> adrasum quendam vacua tonsoris in umbra »Geh,« spricht Philipp zum Sklaven, der ihm folgte und in die Launen seines Herrn nicht übel sich zu schicken wußte, »geh, Demetrius, frag und bringe mir die Antwort, wer er sei? Was für ein Landsmann? Welchen Standes? Wie sein Vater heiße oder sein Patron?« Der Diener geht und bringt die Nachricht, Mena Vulteius nenn' er sich, sei seines Zeichens ein Ausrufer , steure wenig, übrigens ein wohlbekannter unbescholtner Mann, betriebsam wo was zu verdienen sei, um sich dafür in müß'gen Stunden wieder mit frohen Brüdern seines Sinns und Standes am eignen Herde was zulieb zu tun; versäume nebenher nicht leicht ein Schauspiel, und stelle immer, nach geendigten Geschäften, richtig sich im Marsfeld Wo sich die römischen Bürger, wenn sie nichts zu tun hatten (welches bei vielen fast immer der Fall war), in großer Menge zu versammeln pflegten, um von Stadtneuigkeiten, Wahlgeschäften, Staatssachen und dergl. zu schwatzen, den Ritterspielen der edeln römischen Jugend zuzusehen, usw. ein. cultello proprios purgantem leniter ungues. »Demetri« (puer hic non laeve iussa Philippi accipiebat) »abi, quaere et refer, unde domo, quis, cuius fortunae, quo sit patre, quove patrono?« \<55\> It, redit et narrat: Vulteium nomine Menam, praeconem, tenui censu, sine crimine notum, et properare loco et cessare et quaerere et uti, gaudentem parvisque sodalibus et Lare certo, et ludis et post decisa negotia Campo. »Das alles muß ich von ihm selber hören. Sag ihm, er soll zum Essen zu mir kommen!« Mein Mena stutzt, wie er den Antrag hört; das kann nicht Ernst sein, denkt er, da muß was dahinter stecken! kurz, der Mann bedankt sich, und schleicht davon. – »Er will nicht kommen, sagst du?« »Nicht anders; aus zu wenig oder aus zu viel Respekt beharrt der Schuft darauf, er komme nicht.« – Den nächsten Morgen trifft Philippus seinen Mann in einem Kreise von Linnenkitteln tunicato popello , d. i. Bauersleuten, Tagelöhnern und dergleichen, welche gewöhnlich nur mit einer kurzen Tunica von grober Leinwand ohne Toga bekleidet waren. an, der ihnen Trödel verkauft, geht auf ihn zu und grüßt ihn. Jener entschuldigt sich mit unversäumlichen Geschäften, daß er heute früh nicht aufgewartet, Und bittet um Verzeihung, ihn nicht gleich gesehn zu haben. »Soll ich dir verzeihn, so ists auf die Bedingung, daß du heut mein Gast zu sein versprechest.« – »Auf Befehl!« »So komm nach zwei! Indessen treibe dein \<60\> »Scitari libet ex ipso quaecumque refers, dic ad cenam veniat.« Non sane credere Mena, mirari secum tacitus. Quid multa? benigne, respondet. – »Neget ille mihi?« – »Negat improbus et te negligit aut horret.« – Vulteium mane Philippus \<65 \> vilia vendentem tunicato scruta popello, occupat et salvere iubet prior. Ille Philippo excusare laborem et mercenaria vincla quod non mane domum venisset, denique quod non providisset eum. – »Sic ignovisse putato \<70\> me tibi, si cenas hodie mecum.« – »Ut libet.« – »Ergo Geschäft, und Glück zu einem guten Zug!« Mein Mena stellt sich ein, schwatzt, was sich schickt und nicht schickt, läßt sichs trefflich wohl belieben, und wird, sein Räuschgen auszuschlafen, endlich nach Haus geschickt. Von nun an schwamm der Fisch von selbst dem unsichtbaren Hamen zu. Vultej, der alle Morgen als Klient im Vorgemach und richtig jeden Abend sich bei Tafel einfand, kriegt zuletzt aus Anlaß der Ferien Der Text sagt, als die Lateinischen Ferien angekündigt wurden – nämlich vom Konsul, von dessen Willkür es abhing, die eigentliche Zeit dieser vom Tarquinius Superbus eingesetzten Ferien zu bestimmen. Sie dauerten etliche Tage. Beschäftigte Männer, wie der Konsular Philippus war, pflegten sich solcher Gelegenheiten zu bedienen, etliche Tage auf ihren Landgütern zuzubringen. Befehle, den Patron auf seine nächsten Güter zu begleiten. Entzückt von seinem Glücke rollt in offnem Wagen der Mann an seines hohen Freundes Seite daher, und kann nicht sattsam Worte finden, die große Schönheit des Sabin'schen Himmels und Landes anzupreisen Ein Zug, der den echten Badaud von Rom bezeichnet, der in seinem Leben noch nie aus den Ringmauern der Hauptstadt gekommen war, und dem sogar das Sabinerland ein Paradies schien. . Marcius , der ihm ins Herz sieht und bei Laune ist sich Spaß zu machen, auch bei diesem Anlaß sich einen Ort zum Ausruhn schaffen möchte Das Gütchen, wozu Philippus dem ehrlichen Mena verhelfen wollte, lag (wie es scheint) ungefähr zwischen der Stadt und seiner Sabinischen Villa in der Mitte; oder doch so nahe bei Rom, daß er selbst dadurch einen Ort bekam, wo er zuweilen einen halben Tag von Geschäften ausruhen konnte. Horaz deutet dies nur mit zwei Worten an. post nonam venies. Nunc i, rem strenuus auge!« Ut ventum ad cenam est, dicenda tacenda locutus tandem dormitum dimittitur. Hinc, ubi saepe occultum visus decurrere piscis ad hamum, \<75\> mane cliens et iam certus conviva, iubetur rura suburbana indictis comes ire Latinis. Impositus mannis arvum caelumque Sabinum non cessat laudare. Videt ridetque Philippus, et sibi dum requiem, dum risus undique quaerit, indem er ihm dreihundert Taler schenkt und noch dreihundert anzuleihn verspricht, beredet ihn, ein Gütchen hier zu kaufen. Der Kauf wird richtig. Kurz, um dich nicht gar zu lange aufzuziehn, der schmucke Städter wird nun zum Bauer, schwatzt von nichts als Äckern und Rebeland, setzt Ulmen, sät und pflanzt, berechnet stündlich Einnahm' und Gewinn, und wird, vor Hunger immer mehr zu haben, in kurzer Frist blaß, hager, alt und grau. Allein, wie erst die Unglücksfälle kommen, auf die er nicht gerechnet, seine Schafe gestohlen werden, seine Ziegen sterben, die Ernte fehlt, sein Stier am Pfluge fällt, Schwingt mitten in der Nacht mein Mena sich in voller Wut auf seinen dürren Klepper, und sporenstreichs dem Konsular vors Haus. \<80\> dum septem donat sestertia, mutua septem promittit, persuadet uti mercetur agellum. Mercatur – Ne te longis ambagibus ultra quam satis est morer, ex nitido fit rusticus atque sulcos et vineta crepat mera, praeparat ulmos, \<85\> immoritur studiis et amore senescit habendi. Verum ubi oves furto, morbo periere capellae, spem mentita seges, bos est enectus arando: offensus damnis media de nocte caballum arripit, iratusque Philippi tendit ad aedes. »Ei, ei,« spricht dieser, da er ihn so schmutzig und ungeschoren sieht, »du tust der Sache zu viel, Vultej! bist gar zu häuslich und dir selbst zu hart!« – »Bei Gott, Patron,« ruft jener, »wenn ihr mir meinen rechten Namen geben wollt, so nennt mich einen armen Schächer, denn der bin ich! Und bei euerm Genius Bei dem Genius ihres Herrn pflegten eigentlich nur die Leibeignen zu schwören; es wurde aber in der Folge ein Kompliment, das auch Klienten ihrem Patron machten. , bei dieser Hand und euers hohen Hauses Schutzgöttern, bitt' ich und beschwör' ich euch, setzt mich zurück in meinen alten Stand!« Wer einmal eingesehn, wie viel, was er zurückließ, besser ist, als was er sucht, der kehr' in Zeiten um! Das Wahre ist: Ein jeder messe sich mit seinem Fuße! \<90\> Quem simul aspexit scabrum intonsumque Philippus, »durus«, ait, »Vultei, nimis attentusque videris esse mihi.« »Pol, me miserum, patrone, vocares, si velles«, inquit, »verum mihi ponere nomen. Quod te per genium dextramque deosque Penates \<95\> obsecro et obtestor, vitae me redde priori!« Qui semel aspexit quantum dimissa petitis praestent, mature redeat, repetatque relicta. Metiri se quemque suo modulo ac pede, verum est! Achter Brief An Celsus Albinovanus Einleitung Celsus war der Zuname zweier bekannter römischer Familien, nämlich eines Zweiges der Papier , und eines der Cornelier . Es läßt sich aber, bekanntermaßen, daraus allein nichts auf die Abstammung dieses Celsus schließen. Torrentius spricht von einem Quinarius , den er besitze, der auf einer Seite einen Mercurius Petasatus , mit der Umschrift L. PAPI CELSI, und auf der andern eine Lyra zeige; er läßt aber billig dahingestellt, ob es dem Celsus Albinovanus gelte, an den diese kleine Epistel, und in dem Briefe in Julius Florus die scherzhafte Warnung vor dem Schicksal der Äsopischen Krähe gerichtet ist, und dessen Lyra, wie ich damals schon bemerkte, weder seine Zeitgenossen noch die Nachwelt sonderlich bezaubert zu haben scheint. Was wir von diesem Celsus gewiß wissen, ist also lediglich, was uns Horaz selbst von ihm sagt. Er scheint einer von den exoterischen Freunden unsers Dichters gewesen zu sein; ich meine von der Art guter Freunde, mit denen man weder bekannt, noch bis auf einen gewissen Grad vertraut zu werden vermeiden kann; die wir gefunden haben, weil sie uns suchten, und beibehalten, damit sie uns nicht schaden; deren Freundschaft wir uns nicht gern rühmen, wiewohl sie gelegenheitlich mit der unsrigen groß tun; kurz, mit denen wir unser ganzes Leben durch umgehen, ihnen Dienste erweisen und wieder von ihnen empfangen, und von aller Welt unter ihre Freunde gezählt werden, ohne daß sie jemals unserm Herzen nahe gekommen sind. Celsus hatte die Eitelkeit, in einer Zeit, wo Varius, Virgil, Horaz, Catull, Ovid, Tibull und Properz allen seinesgleichen den Mut hätten niederschlagen sollen, auch für einen Dichter passieren zu wollen, und besaß, als Geheimschreiber des Tiberius, das Ohr eines der ersten Männer im Staat. Diese beiden Titel waren hinlänglich, ihm eine Art von Achtung, und von unserm Dichter (der seine Ruhe liebte und es nicht gern mit den Wespen verdarb, die zwar keinen Honig machen, aber sehr gut stechen können) einen Brief zuzuziehen, der genug von der Miene der Vertraulichkeit hat, um bei einem Menschen, wie Celsus, für einen freundschaftlichen zu gelten. Der alte Kommentator des Cruquius , dem es anstößig war, daß Horaz in diesem Briefe so viel Böses von sich selbst sagen sollte, hat Ironie darin gewittert, und sich eingebildet, Horaz habe bloß darum sich selbst Ohrfeigen gegeben, damit Celsus sie fühlte. Die meisten neuern Ausleger stimmen ihm hierin ohne weitere Untersuchung bei. Baxter ist vielleicht der erste, der in allem, was unser Dichter von seiner schlimmen Laune sagt, die Symptome der Melancholie, oder, wie ich lieber sagen wollte, der Hypochondrie , wahrnahm; denn die Ärzte werden, denke ich, gestehen, daß man die Wirkungen, welche dieses Übel, insofern es noch keine seiner höchsten Stufen erreicht hat, auf das Gemüt (zumal bei Personen von zartem Nervengewebe) tut, nicht besser beschreiben kann. Indessen halte ich für nicht unwahrscheinlich, daß der Zug fidis offendar medicis, etc. dem Celsus selbst gelte: und daß Horaz ihm diese ganze vertrauliche Eröffnung seines damaligen Leibes- und Seelenzustandes bloß deswegen gemacht habe, um jenen kleinen Stich anzubringen, den der junge Herr vielleicht durch unzeitige Empfindlichkeit über das, was unser Dichter einige Zeit vorher an den Julius Florus zu seinen Handen geschrieben hatte, verdient haben mochte. Geh, Muse, wenn ich bitten darf, und bring dem Celsus, Nerons Freund und Schreiber, meinen Gruß, und meine besten Wünsche. Fragt er dich, wie mirs ergeh, so sag ihm, daß ich, bei den schönsten Entschließungen, doch weder für die Weisheit noch fürs Vergnügen lebe – nicht, weil etwa der Hagel meinen Wein zerschlagen, oder die Hitze meinen Ölbaum ausgedorrt, und unter meinen Herden, die den Klee entlegner Fluren mäh'n, die Seuche wütet – bloß, weil ich schwach am ganzen Leib', und leider noch schwächer am Gemüt, nichts hören will, was etwa meine Krankheit lindern könnte, mich von der Ärzte gutem Rat gar sehr beleidigt find', und meinen Freunden zürne, die mir den schlimmen Dienst erweisen und aus meiner Schlafsucht mich zu rütteln suchen: kurz, alles haben will, was mir schon oft geschadet hat, und alles fliehe, was Mir, wie ich glaube, heilsam ist; zu Rom     Celso gaudere et bene rem gerere Albinovano Musa rogata refer, comiti scribaeque Neronis; si quaeret quid agam, dic, multa et pulchra minantem vivere nec recte nec suaviter: haud quia grando \<5\> contuderit vites oleamve momorderit aestus, nec quia longinquis armentum aegrotet in agris; sed quia mente minus validus quam corpore toto, nil audire velim nil discere quod levet aegrum, fidis offendar medicis, irascar amicis, \<10\> cur me funesto properent arcere veterno? Quae nocuere sequar, fugiam quae profore credam; mich stets nach Tibur sehne, und zu Tibur Den Vorwurf, den Horaz hier sich selbst in eigner Person macht, hatte er schon viele Jahre zuvor, in der 7ten Satire des 2ten Buchs, einem seiner Sklaven in den Mund gelegt: Romae rus optas, absentem rusticus urbem tollis ad astra, levis. nach Rom. Dann, Muse, frag ihn, wie er sich befinde, wie er seine Sachen treibe, und wie er mit dem edeln Jüngling, wie mit seinen Kameraden stehe? Spricht er: wohl! so sag ihm, daß michs freue; doch, vergiß mir ja nicht, diese kleine Lehre ihm ins Ohr zu flüstern: So, wie du das Glück, so werden wir, Freund Celsus, dich ertragen Baxter meint, er habe hier den Tiberius und dessen übrige Comites im Sinne gehabt, und bloß aus Urbanität wir gesagt, um der Moral, die er dem Celsus ins Ohr flüstert, das Auffallende zu benehmen. Mich dünkt, er habe weder mehr noch weniger sagen wollen, als was jedermann, der die Sprache versteht, bei seinen Worten denken muß. Wir bedeutet, im Gegensatz mit Du , die ganze übrige Welt. »Wie du das Glück ertragen wirst, so wird die Welt dich ertragen; wirst du dich bescheiden darein finden, so wird der Neid schweigen müssen und du wirst den Beifall deiner Freunde und die Achtung der Welt davon tragen: lässest du dich übermütig dadurch machen, so wirst du jedermann gegen dich haben; deine Freunde werden sich zurückziehen, und die übrigen an deinem Fall arbeiten, u. s. w. ! Romae Tibur amem ventosus, Tibure Romam. Post haec ut valeat? quo pacto rem gerat et se? Ut placeat iuveni percontare utque cohorti? \<15\> Si dicat, recte; primum gaudere, subinde praeceptum auriculis hoc instillare memento: ut tu fortunam, sic nos te, Celse, feremus. Neunter Brief An Claudius Tiberius Nero Einleitung Diese kleine Epistel, so wie die vorgehende, scheint geschrieben zu sein, während Tiberius sich, in Geschäften, die ihm von August übertragen worden waren, in dem morgenländischen Teile des römischen Reichs aufhielt. Sie ist das vollkommenste Muster eines Empfehlungsschreibens an einen Großen; sie hat einen Ton, den nur die große Welt geben kann, und bei dem Anschein der größten Unbefangenheit und Offenheit, ist jedes Wort wie auf einer Diamantwaage abgewogen. Niemand wußte jemals besser, als Horaz, was sich für ihn selbst, für die Person, mit der ers zu tun hatte, und für denjenigen, dem er Dienste leisten wollte, ziemte. Je mehr es ihm (wie man aus dem Schluß des Briefes sieht) mit seiner Empfehlung Ernst war: um so mehr mußte er bei einem jungen Manne von Tibers Gemütsart mit behutsamer Zartheit zu Werke gehen. Allzuviel Diensteifer, ein allzuwarmes Lob würde seinem jungen Freunde nur geschadet haben; denn Kälte, Stolz, Zurückhaltung und Mißtrauen waren immer Grundzüge im Charakter des Tiberius gewesen; sogar in seiner Jugend, wo er am besten war, und wo die Rücksichten, die er von allen Seiten zu nehmen hatte, seine natürlichen Laster gleichsam im Respekt erhielten und in sein Innerstes zurückschreckten. Eben so wenig würde sichs für Horaz geschickt haben, gegen diesen jungen Magnaten, der, wiewohl von der Hoffnung, dem August im Reiche zu folgen, noch weit entfernt, gleichwohl, als der älteste Sohn der allesvermögenden Livia , eine der ersten Personen im Staat war, sich ein wichtiges Ansehen und die Miene zu geben, als ob er wegen seiner Verbindung mit verschiednen Großen, und weil er bei August selbst wohl gelitten war, ein Mann zu sein glaube, dessen Empfehlung etwas zu bedeuten habe. Aber dies war noch nicht alles, was Horaz in Acht zu nehmen hatte. Natürlicherweise mußte er dem Tiberius bei dieser Gelegenheit etwas sagen, das seiner Eigenliebe schmeichelte, ohne wie eine Schmeichelei auszusehen: und Horaz, der, bei aller seiner Aristippischen Geschicklichkeit mit den Großen umzugehen, sich immer von dem niedrigen Charakter eines Schmeichlers rein zu erhalten gewußt hatte, wollte auch nichts sagen, als was am Ende ganz Rom für Wahrheit anerkennen mußte. Die Wendung, die er nimmt, um bei allen diesen Klippen glücklich vorbeizukommen, ist, deucht mich, die beste, die ihm sein Genius nur immer eingeben konnte; und die Simplizität dieser Wendung gerade das, was am meisten Bewunderung verdient. Er kleidet die ganze Sache in eine naive Erzählung ein, wie es zugegangen, daß sein junger Freund Septimius so viel über seine Schamhaftigkeit Der gemeine Gebrauch setzt der Bedeutung dieses Wortes zu enge Grenzen unter uns. Bei den Römern schämte man sich auch – unhöflich zu sein, sich zu viel herauszunehmen, zur Unzeit zu reden, kurz irgend etwas zu tun, das sich nicht schickte ; und ich sehe nicht, warum es bei uns nicht eben so sein sollte. vermocht habe, ihn zu einem Schritte zu bringen, der ihm das Ansehen gebe, als ob er beim Tiberius viel zu gelten glaube. Die Art, wie er sich hierüber ausdrückt, ist von Affektation und Niederträchtigkeit gleich entfernt. Alles, was er zur Empfehlung seines Freundes sagt, sind die zwei letzten Worte des Briefes; aber in diesen Worten schreibt er ihm gerade die zwei Eigenschaften zu, welche Tiberius am meisten zu schätzen das Ansehn haben wollte. Alles, was er diesem Prinzen selbst Schmeichelhaftes sagt, liegt in dem einzigen Verse: dignum mente domoque legentis honesta Neronis,                                                       – – des Herzens und Hauses Nerons, wo der Zutritt nur Verdiensten offen ist, nicht unwert – – Unstreitig ist dies viel Lob in wenig Worten: aber es würde in Vergleichung mit der großen Meinung, welche Rom vom Tiberius gefaßt, und mit der öffentlichen Achtung, die er sich durch seine Sitten und sein kluges Betragen erworben hatte Egregius vita famaque quoad privatus vel in imperiis sub Augusto fuit. Tacit. Annal. VI. 51. , eher zu wenig sein: wenn man nicht glauben könnte, eben dies, daß der Dichter so sparsam und zurückhaltend mit seinem Lobe ist, sei die feinste Art einem Prinzen zu schmeicheln, der sehr wesentliche politische Ursachen hatte, einen tödlichen Haß gegen alle Schmeichelei zu affektieren. Von dem Septimius , welcher ihm in diesem Briefe zur Stelle eines Comes empfohlen wird, haben wir wenig zu sagen. Baxter versichert, daß er Titus Septimius geheißen habe, ein römischer Ritter und ein trefflicher Dichter, auch ehedem ein Commilito des Horaz gewesen. Geßner setzt hinzu: es sei eben der, an welchen die sechste Ode im zweiten Buche gerichtet sei. Wenn diese Vermutung Grund hätte, so wäre er einer von den vertrautesten Freunden unsers Dichters gewesen, und die anscheinende Kälte, womit er ihn dem kalten und mißtrauischen Nero empfiehlt, wäre als ein sehr starker Zug seiner feinen Menschenkenntnis anzusehen. Denn das sicherste Mittel, seinen Freunden bei einem Großen von dieser Gemütsart zu schaden, ist, wenn man sie mit Wärme und Eifer lobt oder empfiehlt. Wie glücklich übrigens unser Dichter mit dieser Empfehlung gewesen sei, können wir nicht sagen. Auf allen Fall belehrt uns Suetonius, daß die Ehre, von der Kohorte des Tiberius zu sein, eben nichts so Beneidenswürdiges war, als Septimius und sein Freund Horaz sich damals einbilden mochten; wenigstens nicht von Seiten des Ertrags Sueton. in Tiberio c. 46. . Denn er gab seinen Commensalen, gegen die gemeine Gewohnheit, keinen ordentlichen Gehalt, und machte ihnen auch sonst keine Geschenke; ein einzigesmal ausgenommen, wo Augustus (der seine Angehörige keiner Art von Vorwurf ausgesetzt sehen wollte) seinen eignen Beutel auftat, und unter dem Namen seines Stiefsohns eine Gratifikation unter die Kohorte desselben austeilte, welche, um die Dankbarkeit dieser Herren stark zu erregen, sehr mäßige Wünsche bei ihnen voraussetzte Die ganze Summe betrug ungefähr 50 000 Taler. Tiberius machte drei Klassen. Unter die erste, die aus Personen von Distinktion bestand, teilte er 25 000 und unter die zweite 16 666 2 / 3 aus. Die dritte Klasse machten die griechischen Gelehrten aus, die er, der Mode zu gefallen, mit sich schleppte, wiewohl er weder ihre Nation noch ihre Sprache liebte. Er nannte sie nie seine Freunde , wie die übrigen, sondern nur (verächtlicherweise) seine Griechen ; und diese mußten sich an dem Rest begnügen lassen. . Septim ist wohl der einz'ge, Claudius , der das Geheimnis ausgefunden hat, wie viel ich bei dir gelte: wenigstens indem er mich ersucht und durch sein Bitten mich nötigt, dir von ihm zu sprechen, und ihn dir als einen zu empfehlen, der des Herzens und Hauses Nerons , wo der Zutritt nur Verdiensten offen ist, nicht unwert sei; indem er also mich für einen deiner Vertrauten hält, so sieht und weiß er freilich, was ich vermag, weit besser, als ich selbst. Nun hab' ich alles zwar hervorgesucht, den Auftrag von mir abzulehnen: doch aus Furcht, er könnte denken, daß ich meinen Kredit aus bloßem Eigennutz verleugne, und mich ärmer stelle, als ich wirklich sei: so blieb mir endlich, um dem Vorwurf eines noch größern Lasters auszuweichen, kein andrer Weg, als mit der edeln Gabe der Stirne eines Mann's von Lebensart     Septimius, Claudi, nimirum intelligit unus, quanti me facias. Nam cum rogat et prece cogit scilicet ut tibi se laudare et tradere coner, dignum mente domoque legentis honesta Neronis, \<5\> munere cum fungi propioris censet amici, quid possim videt ac novit me valdius ipso. Multa quidem dixi, cur excusatus abirem; sed timui mea ne finxisse minora putaret dissimulator opis propriae, mihi commodus uni. \<10\> Sic ergo, maioris fugiens opprobria culpae, frontis ad urbanae descendi praemia. Quod si mir durchzuhelfen. Solltest du indessen die eines Freundes halben abgelegte Scham verzeihlich oder gar verdienstlich finden, so schreibe diesen in die Zahl der deinen, und nimm ihn auf mein Wort für brav und gut. depositum laudas ob amici iussa pudorem, scribe tui gregis hunc, et fortem crede bonumque. Zehnter Brief An Fuscus Aristius Einleitung Die Scholiasten und Ausleger sind nicht einig, was sie aus diesem Aristius machen sollen. Dem einen ist er ein komischer, dem andern ein tragischer Dichter, dem dritten ein berühmter Rhetor, dem vierten ein Schulmeister, wie er selbst. Am besten wirds vielleicht derjenige erraten haben, der sich ihn als einen Mann vorstellt, der weder sehr reich noch sehr arm, weder sehr vornehm noch sehr niedrig, aber in jeder Betrachtung vorzüglich genug war, um einen Platz in der auserlesensten Gesellschaft in Rom zu behaupten. Denn in diese setzt ihn Horaz am Schluß der zehnten Satire des ersten Buchs probet haec Octavius optimus, atque Fuscus . , was er schwerlich getan hätte, wäre Aristius nicht gewohnt gewesen, sich in so guter Gesellschaft zu befinden. Die kleine zufällige Rolle, die er eben diesen Fuscus Aristius in der 9ten Satire spielen läßt, zeigt ihn als einen Mann von jovialischer Gemütsart, oder was die Römer hominem facetum nannten: und wenn wir das alles, und die Ode, die Horaz in seinen jüngern Jahren an ihn richtete Die 22ste im ersten Buch. , und besonders einige Züge des gegenwärtigen Briefs zusammennehmen, so haben wir hinlänglichen Grund, uns diesen Aristius als den vertrautesten und liebsten der Freunde unsers Dichters, als den eigentlichen Freund seines Herzens , zu denken. Mich dünkt, dies sagt uns gerade so viel von ihm, als wir brauchen, um jede Zeile dieses Briefs doppelt interessant zu finden, und es ist die beste Silhouette und ein so gutes Bildnis, als irgend ein damaliger Porträtmaler malen konnte, wert. Übrigens ist aus dem Briefe selbst zu schließen, daß Aristius – der sich, nach einer allen gebornen Bürgern der Hauptstädte der Welt gewöhnlichen Vorstellungsart, nichts Glücklichers denken konnte, als in Rom zu leben, – von den Vergrößerungs- oder Bereicherungsprojekten, welche die epidemische Krankheit der damaligen Römer waren, nicht ganz frei, und in dieser Absicht mit den Großen verwickelt genug war, daß Horaz, der alle diese Dinge mit viel gleichgültigern Augen ansah, und hierin allein anders dachte als sein Freund, eine kleine und äußerst sanft beigebrachte Warnung nicht für überflüssig halten mochte. Dem Freund der Stadt Aristius entbieten wir Landliebhaber unsern Gruß – hierin, und nur hierin allein, verschieden, sonst in allem andern wahre Zwillingsbrüder; was einer will, dem nickt der andre zu, zwei trauten Taubern ähnlich, die in einem Schlag beisammen alt geworden. Du dort hütest das Nest: ich lobe mir das Feld, den Bach, den moosumwebten Felsen und den Wald. Mir ists nun so! Ich leb' und bin ein König, sobald ich alle jene Herrlichkeiten verlassen habe, die ihr andern bis zum Himmel mit einem tausendstimmigen Schall erhebt. Wie jener Sklave, der des Priesters Dienst entlief, verbitt' ich mir die ewigen Honigfladen Dieser Zug sieht einer Anspielung auf ein Geschichtchen dieser Art ähnlich, das sich damals vor kurzem zugetragen haben mochte, und dem Aristius so bekannt war, als dem Horaz. Liba , oder eine Art von Kuchen aus Mehl und Honig zubereitet, wurden fast bei allen Opfern, und besonders dem Bacchus, dem Pan und den übrigen Feldgöttern gewöhnlich dargebracht. Sie blieben den Priestern zu ihrem Anteil; und die Honigfladen mußten sich in den Häusern dieser Herren stark anhäufen, weil sie ihre Sklaven statt des Brodes damit fütterten. ; ich brauche gutes hausgebacknes Brot, das baß mir schmeckt, als eure feinsten Kuchen. Wenn nach Natur zu leben Weisheit ist,     Urbis amatorem Fuscum salvere iubemus ruris amatores, hac in re scilicet una multum dissimiles, ad cetera paene gemelli, fraternis animis, quicquid negat alter, et alter \<5\> annuimus pariter vetuli notique columbi. Tu nidum servas, ego laudo ruris amoeni rivos, et musco circumlita saxa, nemusque. Quid quaeris? Vivo et regno simul ista reliqui, quae vos ad caelum effertis rumore secundo, \<10\> utque sacerdotis fugitivus, liba recuso; pane egeo iam mellitis potiore placentis. Vivere naturae si convenienter oportet, und, wer ein Haus sich bauen will, zuvörderst auf einen guten Grund bedacht sein muß: so sprich, wo ist ein Ort zum Glücklichleben bequemer eingerichtet, als das Land? Wo sind die Wintertage lauer? Wo die Lüfte milder, um des Hundsterns Wut zu sänft'gen, und den Grimm des Löwen, den der Sonne schärfster Pfeil getroffen hat? Wo unterbricht den Schlaf die Sorge minder? Riecht oder glänzt das Wiesengras vielleicht so gut nicht, als das schönste Mosaik? Und ist das Wasser, das auf euern Plätzen das enge Blei zu sprengen andringt, etwa reiner, als jenes, das mit murmelndem Geriesel den Bach hinab in klaren Wellchen eilt? Ihr selber pflanzt ja zwischen Marmorsäulen Gebüsche, lobt ein Haus, je freier es ins Feld hinaussieht! Wie verächtlich ihr sie von euch stoßt, die stärkere Natur kommt immer unversehns zurück und dringt durch euern falschen Ekel siegend durch. ponendaeque domo quaerenda est area primum; novistine locum potiorem rure beato? \<15\> Est ubi plus tepeant hiemes? ubi gratior aura leniat et rabiem Canis et momenta Leonis, cum semel accepit solem furibundus acutum? Est ubi divellat somnos minus invida cura? Deterius Libycis olet aut nitet herba lapillis? \<20\> Purior in vicis aqua tendit rumpere plumbum, quam quae per pronum trepidat cum murmure rivum? Nempe inter varias nutritur silva columnas, laudaturque domus longos quae prospicit agros; naturam expelles furca, tamen usque recurret, \<25\> et mala perrumpet furtim fastidia victrix. Kein Käufer, der den Purpur von Aquinum nicht vom Sidonischen zu unterscheiden Die Alten, welche die Purpurfarben so hoch schätzten, hatten deren vielerlei Arten, die an Schönheit und Preis sehr verschieden waren. Zu Anfang des Augustischen Jahrhunderts kostete ein Pfund mit Tyrischem Purpur doppelt gefärbter Wolle mehr als 1000 Denarien, das ist über 166 Rtlr., und doch war der Gebrauch derselben unter den Großen in Rom schon so gemein, daß P. Lentulus Spinter , wie er Ädilis wurde, diese Art von Purpur nicht gut genug fand, seine Toga damit zu verbrämen; denn, sagte er, wer hat jetzt nicht Polsterdecken von diesem Purpur Plin. H. N. IX. 39 ? Der immer steigende Luxus nötigte also die Fabrikanten, auch immer feinere und teurere Nüancen der Purpurfarben zu erfinden, um die üppige Eleganz der Reichen zu befriedigen; und natürlicherweise reizte dies die Gewinnsucht, durch Verfälschung der Farben, die am meisten gesucht und also am besten bezahlt wurden, die unvorsichtige Eitelkeit in Kontribution zu setzen. gelernt, wird sich gewisser Schaden tun und bittrer seinen Unverstand bereuen, als wer im Leben nicht den Schein vom Wahren zu unterscheiden weiß. Je reizender die Gunst des Glücks in deinen Augen ist, je stärker wird sein Wechsel dich erschüttern. Was man bewundert, läßt man ungern fahren. Flieh alles Große! Unter armem Dache kannst du an wahrem Leben Könige und ihre Freunde weit zurücke lassen Dies war also die Ausbeute, welche Horaz, der so viel mit Großen umgegangen war, aus seiner Erfahrung davon getragen hatte? – Der Ausdruck, Könige und Freunde der Könige , ist hier merkwürdig, und in Rücksicht auf die damalige römische Verfassung von größerer Bedeutung, als wenn man diesen Vers nur wie eine allgemeine Sentenz liest. Horaz ließ sich nicht durch Namen und republikanisches Puppenspiel täuschen; er sah durch alle die Blendwerke durch, womit August den Römern zu verbergen wußte, daß sie einem Könige dienten – wiewohl die Wendung, womit er dies zu verstehen gibt, behutsam genug ist, daß er sich nicht fürchten durfte, auch diesen an einen vertrauten Freund vertraulich geschriebnen Brief bekannt werden zu lassen. . Der überlegne Hirsch vertrieb das Roß, das ihm an Streitbarkeit nicht gleich war, vom gemeinen Weideplatz, bis dieses endlich beim Menschen Hülfe sucht' und sich den Zaum gefallen ließ. Nun kam es zwar als Sieger voll Übermut zurück von seinem Feinde; Non qui Sidonio contendere callidus ostro nescit Aquinatem potantia vellera succum, certius accipiet damnum propiusve medullis, quam qui non poterit vero distinguere falsum. \<30\> Quem res plus aequo delectavere secundae, mutatae quatient. Si quid mirabere, pones invitus. Fuge magna! Licet sub paupere tecto reges et regum vita praecurrere amicos. Cervus equum pugna melior communibus herbis \<35\> pellebat, donec minor in certamine longo imploravit opes hominis frenumque recepit: allein ihm blieb dafür, trotz allem Schütteln, der Zaum im Maul, der Reiter auf dem Rücken Dies ist die berühmte Fabel, wodurch der Dichter Stesichorus den Himerensern, seinen Mitbürgern, zu erkennen gab, welche Torheit sie begangen hätten, da sie den Tyrannen Phalaris von Agrigent, den sie gegen ihre Nachbarn zu Hülfe gerufen, zum Feldherrn mit unbeschränkter Vollmacht erwählt hatten. . So, wer aus Furcht vor Armut seiner Freiheit, die kein Metall vergüten kann, entsagt, so muß auch er nun einen Herren tragen! Vergebens beißt er mit geheimem Ingrimm in sein Gebiß; er muß nun ewig dienen, zur Strafe, daß er sich an wenig nicht genügen ließ. Wem, was er hat, nicht zureicht, dem geht's wie jenem einst mit seinem Schuh: der Schuh war eng und brennt'; er ließ ihn ändern; nun war er gar zu weit, er schwamm darin, und lag beim ersten Anstoß auf der Nase. Du, mein Aristius, bist weise gnug, Mit deinem Los vergnügt zu sein, und wirst nicht unbestraft mich lassen, wenn dir deucht, ich sammle mehr, als nötig ist, und wisse nicht aufzuhören Die ungemeine Delikatesse, mit welcher Horaz seinen Freund behandelt, die Bescheidenheit, womit er ihm seinen Rat gibt, die Behutsamkeit, womit er den leichtesten Anschein einer Anmaßung und eingebildeten höhern Vollkommenheit an Einsicht und Klugheit zu vermeiden weiß, verdient, deucht mich, des Lesers besondere Aufmerksamkeit. Wie schön ist die Wendung, die er hier nimmt, allem, was er bisher, um den Aristius zu erinnern und zu warnen, vorgebracht, das Ansehen zu geben, als ob ers eben so wohl sich selbst als seinem Freunde gesagt hätte – indem er diesen bittet, wohl auf ihn Acht zu geben, und ihn nicht unbestraft zu lassen, wenn er ihn auf dem Wege sehen sollte, seinen eignen Maximen zuwider zu handeln. Es ist in allem diesem, wie in dem ganzen Ton des Briefes, etwas, das sich besser empfinden, als beschreiben und in Regeln bringen läßt. Es ist nicht die Behutsamkeit der kalten Höflichkeit, nicht die Zurückhaltung der Furcht zu beleidigen; es ist die Behutsamkeit der Liebe, der Hochachtung, der wahren Bescheidenheit: eine Delikatesse, die der Freundschaft edler Gemüter wesentlich ist, ohne welche keine wahre Freundschaft bestehen kann, und die man daher auch bei alten bewährten Freunden allezeit wahrnehmen wird. . Unser Geld, wenn wir sed postquam victor violens discessit ab hoste, non equitem dorso, non frenum depulit ore. Sic qui, pauperiem veritus, potiore metallis \<40\> libertate caret, dominum vehet improbus, atque serviet aeternum, quia parvo nesciet uti. Cui non conveniet sua res, ut calceus olim, si pede maior erit, subvertet, si minor, uret. Laetus sorte tua vives sapienter, Aristi, \<45\>nec me dimittes incastigatum, ubi plura cogere quam satis est ac non cessare videbor. nicht seiner Meister sind, ist's über uns , und zieht den Strick, woran's gezogen werden sollte. Dies, Freund, diktiert' ich, an der guten Göttin Vacuna halbzerfallenen Kapelle Daß Vacuna eine alte Göttin der Sabiner, in deren Lande Horazens Meierhof lag, gewesen, ist außer Widerspruch: ob sie aber bei diesem Volke die Stelle der Minerva, Diana oder Ceres vertreten habe, oder nicht vielmehr eine Göttin für sich gewesen sei, welcher die Landleute, nach Vollendung aller Feldarbeiten, zu opfern pflegten: ist eben so wenig auszumachen, als, ob Horaz das Datum seines Briefes bloß darum hinter den verfallnen Tempel der angeblichen Göttin des Müßiggangs gesetzt habe, um (wie Torrentius meint) über seine eigne Müßiggängerei zu scherzen. Ich nehme seine Worte im buchstäblichen Verstande. Die Vacuna hatte in der Gegend des Horazischen Landguts noch einen geheiligten Hain ( Plin. L. III. c. 12. ) und, wie es scheint, auch eine uralte Kapelle, welche, weil sie von niemand in baulichen Ehren erhalten wurde, nach und nach zusammengefallen war. Ich stelle mir unsern Dichter vor, wie er hier in einer anmutigwilden einsamen Gegend, neben dieser zerfallnen bäurischen Kapelle, im Grase sitzt, und seinem abwesenden Freunde Gedanken mitteilt, die einer solchen Szene angemessen sind; und ich finde dies Bild angenehmer, als den Scherz des Torrentius. ins Gras gestreckt, und, außer daß ich dich nicht bei mir hatte, übrigens vergnügt. Imperat aut servit collecta pecunia cuique, tortum digna sequi potius quam ducere funem. Haec tibi dictabam post fanum putre Vacunae, \<50\> excepto quod non simul esses, cetera laetus. Eilfter Brief An Bullatius Einleitung Der Name und die Person dieses Bullatius sind gleich unbekannt. Daß er ein guter Freund unsers Dichters, und, ungeachtet der Dunkelheit seines Namens, wenigstens sein eigner Herr und nicht ohne Vermögen gewesen, wäre aus dem Ton dieses Briefs und verschiednen Umständen zu vermuten, wenn man Lust hätte, den Abgang historischer Nachrichten durch Vermutungen zu ersetzen. Er scheint durch fehlgeschlagene Hoffnungen, oder vielleicht bloß durch eine hypochondrische Verstimmung, einen Widerwillen gegen Rom gefaßt zu haben, und auf den Entschluß, eine Reise nach Griechenland und Asien zu tun, gekommen, ja sogar mit dem Gedanken, sich in irgend einer hübschen Stadt dieser schönen Weltgegend festzusetzen, umgegangen zu sein. Horaz, der seinen Mann ohne Zweifel genauer kannte, hat in diesem Briefe die Absicht, ohne geradezu gegen seine Laune anzustoßen, ihn von der Ausführung eines solchen milzsüchtigen Einfalls unvermerkt abzulenken. Er sucht ihn deswegen zu überzeugen, daß einer sogar zu Ulubrä (wohin geborne Römer nicht weit zu reisen hatten) so gut als zu Rhodus oder in der schönen Mitylene im Verborgnen glücklich sein könnte, sofern er nur in der innerlichen Verfassung sei, irgendwo glücklich zu sein. Diese Moral wird in einem leichten muntern Ton mit so vieler Anmut herbeigeführt, daß es dem Bullaz sein mußte, als habe er sich die letzten Verse selbst gesagt: und dies ist die gute Art zu moralisieren, die unser Dichter dem Sokrates und dem Sokratischen Aristipp abgelernt hat, und worin ihm, meines Wissens, kein andrer gleich gekommen ist. Wie hat, mein lieber Wandrer, Chios, wie die Stadt der Sappho Mitylene auf der Insel Lesbos. , wie die schöne Samos, wie Sardis, weiland Königs Krösus Sitz, wie Smyrna dir und Kolophon gefallen Horaz nennt hier einige der ältesten, berühmtesten und ihrer Lage, ihres Klimas und ihrer Kultur wegen anmutigsten griechischen Inseln und Städte, welche Bullatius auf seiner Reise zu besuchen hatte. Es ist keine darunter, von deren Merkwürdigkeiten nicht ein Buch geschrieben wäre, oder hätte geschrieben werden können; und dies ist gerade Ursache genug, hier nichts weiter von ihnen zu sagen. ? Hast du sie über oder unter ihrem Ruhm gefunden? Scheint dir gegen unser Marsfeld und des Tibers prächtige Ufer alles andre klein und unbedeutend? Hat von Attalus berühmten Städten eine Reiz genug, dich fest zu halten Eine von den Städten, die zu dem kleinen Reiche der Könige von Pergamus gehörten, welches Attalus III. , da er im Jahre Roms 621 ohne Leibeserben verstarb, der römischen Republik vermachte, nachdem die Attaliden solches 154 Jahre besessen hatten. Pergamus, Myndus, Apollonia, Tralles, Thyatira, und andre, waren die beträchtlichsten Städte dieses Königreichs, welches sich über verschiedene Provinzen des westlichen Teils von Kleinasien erstreckte. ? Oder bist du etwa des Meeres und des Fahrens auf den Straßen so überdrüssig, daß es dir sogar in Lebedos gefällt Dieses Lebedos , ungefähr vier Meilen von Kolophon, an der ionischen Küste gelegen, war zu Herodots Zeiten eine von den zwölf vornehmsten Städten des schönen Joniens, berühmt wegen eines alten Tempels des Apollo Clarius , und eines jährlichen Festes des Bacchus , wo die sogenannten Künstler (Τεχνι̃ται) dieses Gottes, d. i. Dichter, Musiker und Schauspieler , aus ganz Jonien zu einem öffentlichen Wettstreite zusammenkamen Plin. H. N. L. V. c. 29. Strabo L. 14. . Torrentius wundert sich daher, wie Horaz einen solchen Ort mit dem unbewohnten Gabii habe vergleichen können: würde dies aber sehr natürlich gefunden haben, wenn er sich aus dem Pausanias In Attic. c. 9. erinnert hätte, daß Lysimachus diese Stadt zerstört und die Einwohner nach Ephesus versetzt hatte, so daß sie zu unsers Dichters Zeiten nichts Bessers als ein armseliges menschenleeres Örtchen war, dem durch die Vergleichung mit Gabii und Fidenä noch Ehre angetan wurde. Übrigens bemerke ich nur noch, daß in allen diesen Oder , welche Horaz hier auf einander häuft, eine feine Ironie über seines Freundes unruhige und unbeständige Sinnesart versteckt liege. Ein Mensch, der sich einbildet, es werde ihm besser werden, wenn er den Ort verändre, wiewohl er die Ursache, warum ihm nicht wohl ist, mit sich nimmt, fühlt an dem ersten fremden Orte, der ihm gefällt, sogleich eine Neigung in sich, ewig dort zu bleiben: allein kaum hat er sich ein wenig umgesehen, so spürt er wieder, daß ihm etwas fehlt, was er dort nicht findet. Er geht also weiter, trifft von ungefähr anderswo an, was ihm dort fehlte, und glaubt nun den rechten Ort gefunden zu haben. Aber nicht lange, so regt sich seine Unruhe wieder: ihm fehlt nun was anders, das er anderswo suchen muß; und so macht er einen Versuch über den andern, und wird seines Irrtums immer nur gewahr, um einen neuen zu begehen. Dies war, wie es scheint, das Übel des guten Bullatius, und dies ist, was ihm Horaz durch alle die folgenden Induktionen, mit einer gutherzigen Art von Scherz, zu verstehen geben will. ? – Du weißt, was für ein Ding das ist: und doch, wiewohl Fidenä und Gabii dagegen volkreich sind, so wollt' ich, müßt' es sein, mein ganzes Leben, der Meinigen vergessend und von ihnen vergessen, dort verleben, um der Wut Neptuns auf festem Lande ruhig zuzusehen.     Quid tibi visa Chios, Bullati, notaque Lesbos, quid concinna Samos, quid Croesi regia Sardis, Smyrna quid et Colophon? maiora minorane fama? Cunctane prae Campo et Tiberino flumine sordent? \<5\> An venit in votum Attalicis ex urbibus una? An Lebedum laudas odio maris atque viarum? scis Lebedus quid sit? Gabiis desertior atque Fidenis vicus; tamen illic vivere vellem oblitusque meorum obliviscendus et illis \<10\> Neptunum procul e terra spectare furentem: Gleichwohl wird niemand, den auf einer Reise von Capua nach Rom ein Regenguß durchnäßt und wohlbesprützt zum ersten besten willkommnen Wirtshaus trieb, deswegen gleich auf Lebenslang sich drein vermieten wollen: und wer vom Frost gelitten, preiset Öfen und Bäder drum nicht als das einz'ge an, was glücklich mache: oder, wenn dich etwa der Südwind tüchtig im Ägeer-Meere herumgeworfen, wirst du drum sogleich im ersten Port dein Schiff verkaufen wollen? Wem ohnehin schon wohl ist, dem hilft Rhodus und Mitylen, die schöne Mitylene hieß vorzugsweise die Schöne , Μεγάλη καὶ καλή ( Longi Pastoral. I. 1. ), sowohl wegen ihrer herrlichen Lage und anmutigen Gegend, als wegen der Schönheit ihrer Bauart und Gebäude (Cicero II. de Lege Agrar. c. 10. ). Sie war seit den Zeiten ihrer berühmten Bürgerin Sappho immer ein Sitz der Musen und der Künste gewesen, und befand sich damals, als Horaz dies schrieb, wieder in sehr blühendem Zustande; ungeachtet sie von dem grausamen L. Sulla, dem Triumvir, vor ungefähr sechzig Jahren beinahe gänzlich zerstört worden war. , was ein Überrock zu Sommers Anfang, was bei Schneegestöber ein Fechterschurz Campestre , eine leichte Art von Schutz- oder Leibbinde, womit die römische Jugend, die sich auf dem Campus Martius im Ringen usw. übte, sich umgürtete, um zu bedecken, was die Zucht zu bedecken befiehlt. , zur Winterszeit ein Bad im Tiber, und im Augstmond ein Kamin. So lang das Glück uns lächelt, bleiben wir in Rom. und loben uns die schönen Inseln alle Sed neque qui Capua Romam petit, imbre lutoque aspersus volet in caupona vivere; nec qui frigus collegit furnos et balnea laudat ut fortunatam plene praestantia vitam; \<15\> nec si te validus iactaverit Auster in alto, idcirco navem trans Aegaeum mare vendas. Incolumi Rhodos et Mitylene pulchra facit quod paenula solstitio, campestre nivalibus auris, per brumam Tiberis, Sextili mense caminus. \<20\> Dum licet et vultum servat Fortuna benignum, von ferne. Nimm du jede frohe Stunde, die Gott dir schenkt, mit Dank an, und verliere nie das gegenwärtige Vergnügen durch Entwürfe fürs künft'ge; sondern richte so dich ein, daß, wo du immer lebst, du gern gelebt zu haben sagen könnest Dies ist die Moral, auf die Horaz immer zurückkommt, und in der sich seine ganze Philosophie konzentriert; die Regel, nach welcher er lebte, das Arcanum, dem er seine Glückseligkeit zu danken hatte, und die einzige Ars semper gaudendi , welche die Erfahrung bisher bewährt hat. Nur schade, daß sie, wie Geschmack , wie Liebe , wie Wahrheitssinn ( Bona Mens ), für alle, die sie nicht wirklich schon besitzen, ein Geheimnis ist und bleibt, und daß zu einem Menschen, der nicht empfinden, nicht lieben und nicht genießen kann, zu sagen: empfinde, liebe, genieße! – gerade so viel ist, als einen Gichtbrüchigen zum Tanz und einen Blinden zum Anschauen eines prächtigen Sonnenaufgangs einzuladen. Horaz war nach Seele und Leib zu dieser glücklichen Philosophie des Lebens gestimmt: Bullatius, wie zehntausend andre seiner Gattung, war's nicht; er suchte immer, was er bloß darum nie finden konnte, weil ers suchte , oder so weit suchte, was ihm so nahe war. . Denn, wofern Vernunft und Klugheit, nicht ein Ort, der weit umher das Meer beherrscht, die Sorgen von uns nimmt, so ändern jene nur die Luft, nicht ihren Sinn, die über Meer der Langeweil' entlaufen. Wie sauer lassen wirs uns werden – nichts zu tun! Man jagt mit Vieren und zu Schiffe dem Glücklichleben nach: was du erjagen willst, ist hier, ist selbst zu Ulubrä Ein kleiner armseliger Ort in der Gegend der Pontinischen Sümpfe. , wenn nur dein eigen Herz dich nicht im Stiche läßt. Romae laudetur Samos et Chios et Rhodus absens. Tu quamcumque deus tibi fortunaverit horam, grata sume manu, nec dulcia differ in annum: ut quocumque loco fueris vixisse libenter \<25\> te dicas. Nam si ratio et prudentia curas, non locus effusi late maris arbiter, aufert, caelum non animum mutant, qui trans mare currunt. Strenua nos exercet inertia; navibus atque quadrigis petimus bene vivere: quod petis hic est, \<30\> est Ulubris, animus si te non deficit aequus. Zwölfter Brief An Iccius Einleitung Die historische Nachricht, die wir von den Umständen des Mannes, an den diese Epistel geschrieben ist, geben können, läuft auf sehr wenig hinaus; aber von seinem Charakter läßt sich, aus Vergleichung derselben mit der 29sten Ode des ersten Buchs, die ebenfalls an ihn gerichtet ist, Verschiedenes entdecken, das über diesen Brief ein Licht verbreitet, ohne welches uns die feinsten Schönheiten desselben unbemerklich bleiben würden. Dieser Iccius also scheint einer von den Freunden unsers Dichters von der zweiten Ordnung gewesen zu sein; von denjenigen, mit denen man sich in der Jugend zusammentrifft, und, indem man eine Zeitlang ungefähr einerlei Weg mit ihnen geht, unvermerkt vertraulich genug wird, um sein übriges Leben durch auf dem Fuß einer alten Kameradschaft mit ihnen zu stehen. Iccius legte sich in seiner Jugend mit großem Eifer auf das, was man damals Philosophie nannte, kaufte alle Bücher der Sokratischen Schule und des berühmten Stoikers Panätius zusammen, und schien, nach den Anstalten, die er machte, zu schließen, nichts Geringers im Schilde zu führen, als die Ciceronen und Varronen in diesem Fache verdunkeln zu wollen. Inzwischen wurde, einige Jahre nachdem Cäsar Octavianus die Regierung des ganzen Reichs an sich gebracht und der Welt einen allgemeinen Frieden gegeben hatte, in Rom stark davon gesprochen, daß nun nichts mehr übrig sei, als die grausame Schmach zu rächen, die der römische Name unter M. Crassus von den Parthern erlitten hatte; und man erwartete von dem Erben Cäsars und Eroberer Ägyptens, daß er auch noch dieses mächtige Reich, nebst Arabien und den übrigen Morgenländern (deren für unermeßlich gehaltene Reichtümer der Römer schon lange mit lüsternen Augen ansah), der römischen Oberherrschaft unterwerfen werde. Augustus schien diese Wünsche eines Volkes, von dem er angebetet wurde, und dem unter seiner Anführung und mit seinem Glücke alles möglich schien, zu billigen; und da im Jahre 729 wirklich der Gouverneur von Ägypten, Älius Gallus , einen Feldzug gegen den König des glücklichen Arabiens unternahm: so glaubte nun jedermann, daß die Ausführung der schimmernden Entwürfe, womit die müßigen Quiriten ihre Einbildung zeither geweidet hatten, vor der Tür sei. Auf einmal drehte sich auch die Vorstellungsart des Philosophen Iccius um. Er überlegte, wie vorteilhaft es für ihn sein könnte, an einer Unternehmung Teil zu nehmen, wo der geringste Offizier wahrscheinlicherweise sein Glück auf immer machen würde: und er fand so viel mehr Realität in dem Gedanken, durch einen einzigen Feldzug reich zu werden , als in den nüchternen Spekulationen der Philosophie, die uns immer nur durch Entbehren glücklich machen will, – daß er stehenden Fußes alle seine Platonen und Panätiusse wieder verkaufte, sich einen tüchtigen Tarraconischen Panzer dafür anschaffte, und (wie Horaz in der besagten Ode spottend sagt) sich zu einem gewaltigen Kriege gegen die arabischen Fürsten und – ihre Schatzkammern rüstete. Weil aber, wider alles Verhoffen, die Unternehmung des Älius Gallus gleich in der Geburt verunglückte, so wurden auch die feurigen Hoffnungen des Iccius eben so schnell wieder zu Wasser. Indessen, da nun einmal die Schneide seines Verstandes auf Bereicherungsprojekte gekehrt war: so nahm er, in Erwartung besserer Zeiten, mit einer Intendantenstelle über die weitläufigen Güter, welche M. Agrippa (um diese Zeit der größte römische Herr nach Augustus) in Sizilien besaß, vorlieb; und in diesem Posten befand er sich noch, als Horaz die gegenwärtige Epistel an ihn abgehen ließ. Aus dieser sehen wir, daß Iccius noch immer Ansprüche an den Titel eines Philosophen machte, aber auch noch immer seine fehlgeschlagenen Anschläge auf die Schätze der morgenländischen Könige nicht verschmerzen konnte. Der Intendant des Agrippa geizte nach dem Ruhm eines aufgeklärten Geistes; aber bei allen seinen Spekulationen stand es in seinem Inwendigen nichts desto besser. Geldgeiz und Habsucht blieben seine herrschenden Leidenschaften; und wenn er den Stoiker spielte, und sich die Miene gab, als ob er ihren großen Grundsatz, »daß die Tugend sich selbst genugsam sei«, zur Regel seines Lebens mache: so geschah es (wie ihm Horaz auf eine sehr feine Art zu verstehen gibt) bloß, um seine Kargheit zu maskieren, und seinem Lieblingslaster einen schönen Namen zu geben. Kurz, Iccius machte den Philosophen, wie eine feige Memme den Eisenfresser macht; aber seine Ohren guckten doch immer aus der Löwenhaut hervor, und er verriet sich durch seine Unzufriedenheit und ewigen Klagen, womit, wie es scheint, auch der Brief angefüllt war, auf welchen dieser Horazische die Antwort ist. Das feine, dem flüchtigen Blick fast unmerkliche, aber doch (wenn man's schärfer betrachtet) noch ziemlich deutliche Persiflage , das in diesem Briefe herrscht, ist ein Muster in dieser Art: die Ironie streift so leicht an der Eigenliebe des Verspotteten hin, daß Iccius selbst, wenn er's auch fühlte, wenigstens am besten tat, sich nichts davon anmerken zu lassen. – Es ist angenehm, diesen Brief und die beiden vorgehenden, – da es in allen dreien darum zu tun ist, an Personen, die man schonen will, etwas zu tadeln , – in Absicht des Tons mit einander zu vergleichen. In dem Briefe an Aristius ist der Tadel so bescheiden, freundlich und mild, daß er kaum diesen Namen verdient: in dem an Bullatius ist er mit gutlaunigem Scherz umwickelt: nur diesem hier ist etwas Salz beigemischt, das zwar vom feinsten Attischen ist, aber doch einen flüchtigen Geschmack von etwas, das nahe an Verachtung grenzt, bei sich führt. Man sieht, daß Horaz den Aristius hochschätzt, dem Bullatius gern helfen möchte, und den Iccius zum besten hat. Wofern du deines Anteils an Agrippas Sizilischen Früchten, die du sammelst, nur recht zu genießen weißt, mein Iccius, so seh' ich nicht, wie Zeus dich reicher machen könnte. Laß ab von Klagen, Freund! der ist nicht arm, wer reichlich hat, was er zum Leben braucht. So lange deinem Magen, deinen Hüften und deinen Füßen wohl ist, könnten Königsschätze nichts Bessers, nichts von größeren Wert hinzutun. Wenn du, im Überfluß so vieles Guten, vielleicht von Kräutern und von Nesseln lebst Daß Nesseln, und zwar nicht bloß die taube ( Lamium ), sondern die eigentliche Brennessel ( Urtica dioica ), unter den Gemüsen waren, womit sich in Rom – arme und gemeine Leute wenigstens – behalfen, ist aus einer Stelle des Plinius klar L. XXI. c. 15. . Man aß sie zwar nur im Frühjahr, wenn sie noch zart waren: aber Horaz bestimmt ja auch keine Zeit, wann Iccius Nesseln esse; und überdies stehen die Nesseln hier bloß für jede schlechte Kost. Der Umstand, daß dieser Brief im Herbst geschrieben worden, ist also kein Grund, warum wir mit J. M. Geßnern glauben sollten, die Rede sei hier nicht von Brennesseln, sondern von dem Fische Urtica . Da es keinen eigentlich so genannten Fisch dieses Namens gibt, so meint dieser gelehrte Ausleger vermutlich die sogenannte Seenessel ( Urtica Marina ), ein sehr weitläufiges Geschlecht polypenartiger Seegeschöpfe, welche fast in allen Meeren zu finden sind, und wovon Plinius L. IX. c. 45. eine Beschreibung gibt, die von unsern neuesten Naturforschern teils vermehrt, teils berichtigt worden ist. Wer indessen den weisen Iccius lieber Seenesseln als Brennesseln essen lassen will, mit dem werde ich um so weniger hadern, da mich der Xte Teil des N. Schauplatzes der Natur belehrt: daß wenigstens eine Gattung dieser Seenesseln, Seequalle und Rozfisch genannt, eßbar sei, und in der Nordsee und dem Eismeere den Seefahrern oft sehr zu statten komme Ich finde auch beim Paul Jovius de Romanor. Piscibus c. 41 einer Art von Urtica erwähnt, die am Ufer von Civita Vecchia häufig gefunden, und unter die Delicias der römischen Tafeln gerechnet werde. Von dieser kann also hier nicht die Rede sein. . du würdest, glaube mir, nicht anders leben, wenn dich Fortuna stracks bis an den Hals in einen Goldfluß setzte: sei es nun, weil Reichtum die Natur nicht ändert, oder weil einem Stoiker, wie du, die bloße Tugend zum Glück genug und über alles ist Horaz, um sich über die philosophischen Ansprüche des Iccius auf eine feine Art lustig zu machen, gibt sich scherzweise die Miene, als ob auch er zum Handwerk gehöre, und wartet ihm hier mit einem Dilemma auf, in welchem mehr Schalkheit, als es scheint, verborgen liegt. Ich verstehe es so: »Wie? du bist ein Weiser, und klagst, daß du nicht reicher bist? Und wenn nun auf einmal alles, was du anrührst, zu Gold würde, was hättest du davon? Würdest du dann weniger von Kraut und Brennesseln leben, als jetzt, da du im Überfluß der besten Lebensmittel darbest? Ganz gewiß nicht! Denn, entweder ist deine jetzige Lebensart die Frucht deiner natürlichen Sinnesart, oder deiner Philosophie: ist jenes, so wird Geld deine Natur nicht ändern; ist dieses, so ist dir, als einem erklärten Stoiker, die Tugend allein zum Glücklichleben genugsam, und du achtest alles übrige nichts: Also u. s. w.« Der gelehrte J. M. Geßner muß nicht heiter gewesen sein, da es ihm vorkam, er könne in allem diesem keine Spur von Ironie wahrnehmen, er sehe nichts als ingenuum laudatorem amici et virtutis . Gerade dies ists, was ich mit aller Anstrengung meiner Augen nicht sehen kann. Ein echter Stoiker, der im ganzen Ernst sein Glück in die Tugend, und in sie allein, setzt, und es in ihr gefunden hat, ist der Zufriedenste aller Sterblichen; er klagt nicht, wie Iccius, daß er arm sei, zumal wenn er an allem Nötigen Überfluß hat; er ist nicht arm, sondern die sind es (nach seiner Art zu denken), die das alles nicht entbehren können, was er weder vermißt noch wünscht. Wenn also Horaz von einem Iccius als von einem Weisen spricht, so ist's doch wohl Ironie, oder Horaz ist hier etwas – was er in seinem ganzen Leben nie gewesen ist. . Wenn Demokrit , indes sein Geist, vom Leibe     Fructibus Agrippae Siculis, quos colligis, Icci, si recte frueris, non est ut copia maior ab Iove donari possit tibi: tolle querelas! Pauper enim non est, cui rerum suppetit usus. \<5\> Si ventri bene, si lateri est pedibusque tuis, nil divitiae poterunt regales addere maius. Si forte, in medio positorum abstemius, herbis vivis et urtica, sic vives protinus, ut te confestim liquidus Fortunae rivus inauret: \<10\> vel quia naturam mutare pecunia nescit, vel quia cuncta putas una virtute minora. Miramur, si Democriti pecus edit agellos abwesend, ins Ideenland hinüber geflogen ist, dem Vieh der Nachbarn seine Äcker und Gärten preis gibt Cicero bestätigt diese Anekdote auf eine zu entscheidende Weise, als daß Bruckers Machtspruch: non audiendi sunt Horatius et Cicero etc . Histor. Crit. Philos. T. I. p. 1173. dagegen gehört werden könnte. Democritus (vere falsone quaereremus) dicitur oculis se privasse: certe, ut quam minime animus a cogitationibus abduceretur, patrimonium neglexit, agros deseruit incultos. De Finib. V. 29. Daß in der Anwendung, welche Horaz von diesem Beispiel auf den Iccius macht, und in der schalkhaften Wendung – »Wie? wir wundern uns über den Demokritus u.s.w., da wir doch das große Beispiel, das du uns gibst, vor Augen haben« – eine Ironie liege, die sogar Iccius bei allem seinem Dünkel merken mußte: dies hat schon Torrentius gesehen, wiewohl Geßner noch immer nichts sehen kann. , wundern wir uns dessen? da, mitten in der allgemeinen Seuche der Üppigkeit und schäbichten Gewinnsucht, du, statt der Dinge, die den kleinen Seelen so wichtig als sie dir verächtlich sind, noch um so hohe Fragen dich bekümmerst Um einen Schriftsteller recht zu verstehen, muß man ihn durch sich selbst auslegen. Horaz, als ein echter Jünger der Sokratischen und Aristippischen Schule, kannte, schätzte und trieb keine andre Philosophie, als die, welche sich auf die Kunst zu leben und zu genießen einschränkt. Was über uns ist , dachte er, geht uns nichts an . Ob mit Recht oder Unrecht, ist hier nicht die Frage: genug, daß er so gedacht habe, kann niemand, der mit seinen Schriften vertraut ist, bezweifeln. Es ist also abermals Ironie , wenn er sich stellt, als ob er den Iccius wegen seinem Vorwitz nach dem Wie und Warum der Körperwelt und ihrer innern Ökonomie so sehr bewundre. Hätte Iccius in diesen Wissenschaften wirklich etwas getan, das der Rede wert wäre, so wär' es ein andres; aber da wäre doch wohl was davon bis zu uns gekommen, und man fände eine Spur davon in andern Schriftstellern, gesetzt auch seine eignen Werke wären verloren gegangen. Allein, aller Wahrscheinlichkeit nach, war mehr Eitelkeit und Windmacherei als Realität in seinen erhabenen Studien , und so hatte Horaz eine doppelte Ursache seiner zu spotten: erstens, weil es an einem Intendanten über die Landgüter des Agrippa, und an einem Manne, der selbst so sehr nach Reichtum dürstete, lächerlich war, seine Zeit mit Spekulationen über den Weltbau zu verlieren; und dann, weil ers nicht einmal so weit brachte, um sich in diesem Fach einen Namen zu machen. : als: was das Meer in seinen Schranken halte? Woher der Jahreszeiten schöne Ordnung? Ob ohne Regel, oder nach Gesetzen, die Wandelsterne durch den Äther schweifen? Warum des Mondes Scheibe wechselsweise bald ab- bald zunimmt? Kurz, den ganzen Plan der zwietrachtvollen Eintracht der Natur, und ob Empedokles , ob der spitzfindige Stertinius – nicht wisse, was er will Dieser Vers: Empedocles, an Stertinium deliret acumen? setzt das Ironische der ganzen Stelle außer allen Zweifel. Stertinius war (wie es scheint) ein damaliger Pfuscher in der Stoischen Philosophie, der von Leuten, die sich von einem dicken übelgekämmten Bart, einem guten Cynischen Mundstück, und einer unverschämten Fertigkeit über Weidsprüche zu deklamieren, in Respekt setzen lassen, für einen großen Mann gehalten wurde; und dies um so mehr, da er (nach Versicherung des Cruckischen alten Kommentators) ein Werk über die Stoische Philosophie in Zweihundert und Zwanzig Büchern geschrieben hatte – das vermutlich seinen Vater nicht überlebte; denn, außer Horazen, der ihn spottweise in der 3ten Satire des zweiten Buchs den achten Weisen nennt, ist kein alter Schriftsteller, dem seine Existenz bekannt oder der Erwähnung wert geschienen hätte. Horaz spottet zugleich über die Sache selbst , (indem er einen alten Pythagoräer von so berühmtem Namen wie Empedokles mit einem Stertinius zusammenstellt, und zur Frage macht, welcher von beiden am ärgsten radottiere?) und über den Iccius , der sich viel damit wußte, zwischen zwei so subtilen Philosophen den Richter machen zu können. ? Indessen sei es, daß du Fische oder Lauch und Zwiebeln würgest Eine feine Wendung, um dergleichen zu tun, als ob alles Vorgehende auch nur ein so harmloser Scherz, wie dieser hier, gewesen sei. Die Phythagoräer, und namentlich Empedokles (der vermutlich beim Iccius in besonderen Ansehn stand), glaubten, daß die menschlichen Seelen nicht nur in alle Arten von tierischen Körpern, sondern auch in die Pflanzen übergehen, und dieselben eine Zeitlang beleben müßten. Empedokles trieb die Sache so weit, daß er versicherte, er erinnere sich noch ganz wohl, ein Mädchen, eine Pflanze, ein Fisch und ein Vogel gewesen zu sein. Auf diese philosophische Albernheit spielt Horaz mit dem Worte würgen ( trucidare ) an. Geßnern steigen hier bei den Fischen seine Seenesseln wieder auf: aber gewiß dachte Horaz desto weniger daran. Fische machten bei den Römern die vornehmsten Schüsseln auf den Tafeln der Reichen und Wollüstigen aus; er setzt sie also der schlechten Kost entgegen, wozu er oben die Urticas gerechnet hatte. , laß den Grosphus dir empfohlen sein Pompejus Grosphus war ein römischer Ritter, der in Sizilien ansehnliche Güter besaß, wie wir aus der 16ten Ode des IIten Buchs sehen, worin ihm Horaz sagt: Hundert Herden Sizilischer Kühe brüllen dir entgegen, dir wiehern zum Wettlauf schnelle Stuten, und Wolle mit Getulischem Purpur doppelt gefärbet kleidet dich – , und, falls er was begehrt, komm freundlich ihm entgegen. Grosphus kann cultaque, dum peregre est animus sine corpore velox, cum tu inter scabiem tantam et contagia lucri \<15\> nil parvum sapias et adhuc sublimia cures? Quae mare compescant causae? Quid temperet annum? Stellae sponte sua iussaene vagentur et errent? Quid premat obscurum lunae, quid proferat orbem? Quid velit et possit rerum concordia discors? \<20\> Empedocles an Stertinium deliret acumen? Verum, seu pisces seu porrum et caepe trucidas, utere Pompeio Grospho, et si quid petet ultro nichts, als was recht und billig ist, begehren. Man kauft die Freunde wohlfeil, sagt das Sprüchwort, wenn brave Leute was vonnöten haben. Um endlich auch was Neues dir zu schreiben, so wisse, daß Agrippa die Cantabrer und den Armenier Nerons Tapferkeit bezwungen hat; kniefällig anerkennet Phraates Cäsars Oberherrlichkeit In dieser demütigen Stellung können wir diesen Parthischen Fürsten noch auf Münzen des Augustus sehen. Torrent. ( Vaillant führt deren eine an p. 23. Tom. II. Numismat. Imp. Praestantior. edit. 1694. ) , und über ganz Italien hat ihr goldnes Horn des Überflusses Göttin ausgegossen Dieser Brief ist also im Herbste des Jahres 735 geschrieben. S. Petav. Doctr. Temp. Tom. II. p. 369. . defer; nil Grosphus, nisi verum orabit et aequum. Vilis amicorum est annona, bonis ubi quid dest. \<25\> Ne tamen ignores, quo sit Romana loco res, Cantaber Agrippae, Claudi virtute Neronis Armenius cecidit; ius imperiumque Phrahates Caesaris accepit genibus minor; aurea fruges Italiae pleno defudit copia comu. Dreizehnter Brief An Vinius Asella Einleitung Daß der ehrliche Mann, an den dies Briefchen gerichtet ist, nicht Vinnius, sondern Vinius geheißen habe, wollen wir dem Bentley gern glauben, ohne mit ihm darüber zu hadern, ob sein Grund, »man kenne zwar eine römische Familie Vinia , aber keine Vinnia «, Stich hält; denn dieser Vinius wenigstens scheint kein Mann von Familie gewesen zu sein. Er nannte sich eigentlich C. Vinius Fronto , sagt der alte Scholiast des Cruquius; weil aber sein Vater den Beinamen Asina (Eselin) führte, so erbte dieser Name mit der Veränderung in Asella auf den Sohn fort. Was seine Herkunft und Kondition betrifft, so zweifle ich keinen Augenblick, daß Torrentius mit der Spitze einer Nadel darauf getroffen hat, wenn er vermutet, daß Vinius oder Vinnius Eselin weder mehr noch weniger als ein ehrlicher Sabinischer Bauer aus Horazens Nachbarschaft gewesen, welchem er seine Briefe nach Rom mitzugeben pflegte, und den er diesesmal mit dem besondern Auftrag abschickte, dem August ein Exemplar seiner sämtlichen Werke zu überbringen. Der ganze Brief dreht sich um ein scherzhaftes Wortspiel mit dem Namen Asella , wozu die tölpelhaft-naive, treuherzige und kurzsinnige Sabinische Plumpheit des guten Vinius den Stoff , und sein Übername nur die Einkleidung gegeben zu haben scheint. Es ist eine Instruktion, wie sich Asella bei diesem Geschäfte zu benehmen habe; aber, mit einer possierlichen Ernsthaftigkeit, und mit einer gutherzigen Miene ihn vor Fehlern zu warnen, gerade so verfaßt, wie Horaz sie hätte machen müssen, wenn er einen wirklichen Esel, der vor seinen Mitbrüdern nur die Gabe der Sprache und zwei Arme statt der Vorderbeine voraus gehabt hätte, nach Rom hätte abordnen wollen. Ich kenne nichts Drollichters in dieser Art, in der es so leicht ist zu verunglücken, und worin es nur Leuten, die ihres Witzes völlig sicher sind, in einem Augenblick von Laune gelingen kann. Aber ich erinnere mich dessen, was Cicero den Cäsar irgendwo sagen läßt: ego omni de re facetius puto posse ab homine non inurbano, quam de ipsis facetiis , disputari . Da es also gefährlicher ist, über einen guten Scherz zu dissertieren, als selbst gut zu scherzen: so sei es dem Leser überlassen, wie viel oder wenig Geschmack er dieser Horazischen Fazezie abgewinnen könne. Was ich beim Abschied, lieber Vinius , so oft und Stück vor Stück dir eingeschärft, sei nochmals bestens dir hiermit empfohlen. Du gibst Augusten dies Paket mit Schriften Die zwei Bücher seiner Sermonen oder Satiren, das Buch der Epoden , und die drei Bücher der Oden , als worin alle seine damals schon publizierten Werke bestanden. Es ist nicht zu glauben (wiewohl es sehr möglich ist), daß August diese Werke nicht einzeln schon gesehen haben sollte: aber da er sie nicht alle beisammen hatte, so hatte er vermutlich den Wunsch geäußert, ein vollständiges Exemplar zu haben, und – es von ihm selbst zu haben, wiewohl Horazens Schriften bei den damaligen Sosiis um billigen Preis zu kaufen waren. , sofern er wohl und munter ist, und es verlangt. Nimm ja dich wohl in Acht, damit du nicht vor lauter Eifer, es recht gut zu machen, die Ware, die du trägst, in Unwert bringest. Falls etwa dich des Päckchens Schwere drückte, wirfs lieber ab, als daß du da, wohin du's tragen solltest, plump und ungebührlich mit deinen Körben anprellst, deinen väterlichen Zunamen zum Gelächter, und dich selbst zur Fabel machst. Brauch deine Kräfte bei den Hügeln, Flüssen und Morästen, die du zu passieren hast, und bist du nun an Ort und Stelle glücklich angelangt, und möchtest des Gepäcks dich gern entladen, so trag's nicht etwa unterm Arme, wie der Bau'r ein Milchlamm, oder wie die alte     Ut proficiscentem docui te saepe diuque, Augusto reddes signata volumina, Vini, si validus, si laetus erit, si denique poscet; ne studio nostri pecces, odiumque libellis \<5\> sedulus importes, opera vehemente minister. Si te forte meae gravis uret sarcina chartae, abicito potius, quam quo perferre iuberis clihtellas ferus impingas, Asinaeque paternum cognomen vertas in risum et fabula fias. \<10\> Viribus uteris per clivos, flumina, lamas. Victor propositi simulac perveneris illuc, Weinflasche Pyrrhia ihr gestohlenes Garn Anspielung an eine niedrig komische Person in einem damals bekannten Possenspiel, welche die zwei Untugenden hatte, gern zu trinken und gern zu stehlen. Sie hatte in der Trunkenheit etliche Stränge Garn gemaust; wie aber der Wein zutraulich und unbesonnen macht, so vergaß sie, daß ihr Garn gestohlen war, und trugs so öffentlich unterm Arm daher, daß sie, zu großer Freude des zuschauenden tunicati popelli , notwendig gleich entdeckt werden mußte. , noch wie der Landmann, den sein Zünfter in der Stadt zu Tisch gebeten, die Pantoffeln Da die mehresten Zünfte der römischen Bürgerschaft Tribus rusticae waren, und ein großer Teil der Zunftgenossen wirklich als Bauern auf dem Lande lebten, so behielten sie auch die alte Einfalt der Sitten am längsten bei. Wenn z. B. ein solcher Biedermann von einem vornehmen Zunftgenossen in der Stadt etwa zu Tische gebeten wurde: so ging er barfuß, und trug seine Pantoffeln, um sie nicht schmutzig zu machen, unterm Arm. Wenn man also einen römischen Landmann mit den Pantoffeln unterm Arm einherschreiten sah, so wußte jedermann, daß er zu Gaste gebeten war; und hierin liegt das tertium comparationis . . Auch erzähle nicht den Leuten auf der Straße, was du habest schwitzen müssen, Cäsarn Verse zu bringen, die gar großen Spaß ihm machen würden; und, wie das wundergierige Völkchen auch dich bitten möchte Geßnern verläßt Horazens Geist schon wieder. Oratus multa prece, nitere porro , – welches ich, dem Zusammenhang und Ton der ganzen Stelle gemäß, mit Baxtern so verstehe: wie sehr dich die Leute auch bitten möchten, ihnen zu sagen, was du zu tun habest, laß dich nicht verführen, sondern dränge dich stillschweigend durch sie fort – heißt ihm: »Ich habe dich nun genug gebeten: laß du dirs nun angelegen sein, dein Bestes zu tun.« – Der Leser, qui nasum habet , mag entscheiden! – , schüttle du die Ohren und dringe vorwärts. Nun, hiemit fahr wohl! Glück auf die Reise! Hüte dich vorm Straucheln, und brich mir ja an meinem Auftrag nichts! sic positum servabis onus, ne forte sub ala fasciculum portes librorum ut rusticus agnum, ut vinosa glomos furtivae Pyrrhia lanae, \<15\> ut cum pileolo soleas conviva tribulis. Ne vulgo narres te sudavisse ferendo carmina, quae possint oculos auresque morari Caesaris; oratus multa prece nitere porro. Vade, vale, cave, ne titubes mandataque frangas. Vierzehnter Brief An den Verwalter seines Landguts Einleitung Der Verwalter eines Landguts ( villa rustica ) hieß bei den Römern der Villicus . Er war selbst ein leibeigner Knecht ( mancipium ), sollte aber, von Rechtswegen, bei den Feldarbeiten aufgewachsen sein, und von der ganzen Landwirtschaft eine vollständige praktische Erfahrenheit haben. Sein Amt war, das Gut auf alle mögliche Weise geltend zu machen, zu erhalten, und zu verbessern. Alle übrige Knechte und Taglöhner, und alle Teile der Wirtschaft standen unter ihm; er hatte alle Einnahmen und Ausgaben zu besorgen, legte dem Herrn des Gutes die Rechnung ab, und regierte, mit einem Wort, unter den Befehlen desselben, die ganze villam rusticam . Horaz scheint mit dem seinigen nicht zum besten versehen gewesen zu sein. Der Mensch hatte eine Zeitlang in Rom gedient; es wollte ihm daher, da er aufs Land versetzt wurde, nicht recht dort gefallen; er sehnte sich immer wieder nach der Stadt, und es lag nicht an ihm, wenn sein Herr dem Landleben nicht völlig entsagte. Er konnte gar nicht begreifen, was ein Mann, der es doch in der Hauptstadt so gut haben, alle Tage mit großen Herren schmausen könne u. s. w., an dem Aufenthalt in einem so abgelegnen, einsamen, leidigen Bauergute für Vergnügen finde. Horaz nimmt hievon Gelegenheit, ihm mit seiner gewöhnlichen Jovialität den Text zu lesen: indessen scheint er doch diesen Brief weniger für seinen Villicus, als zu seinem eignen Zeitvertreib, während eines wider seine Neigung verlängerten Aufenthalts in der Stadt, vielleicht auch nicht ohne Rücksicht auf das Publikum, geschrieben zu haben; dem er, bei jedem guten Anlaß, seine Art über die Angelegenheiten des Lebens zu denken, und den eigentlichen Grund seiner Liebe zum einsamen Landleben – die vielleicht dem größten Teil seiner Stadtfreunde eben so wenig als seinem Villicus einleuchten wollte – gern begreiflich gemacht hätte. Verwalter meiner Waldungen und meines mir selbst mich wiedergebenden mir nicht zu kleinen Gutes, das hingegen dir so verächtlich ist, wiewohl's in alten Zeiten fünf Feuerstellen hatte, und nach Varia fünf dorten zünft'ge wackre Männer schickte Varia war eine kleine Munizipalstadt am Anio ( Teverone ), ungefähr wo jetzt der Flecken Varo liegt. In den alten Zeiten, da Italien ungleich bevölkerter war, als es sein konnte, nachdem es durch den Krieg mit den Bundesgenossen ( bellum sociale ) und die darauf folgenden sämtlichen Bürgerkriege entvölkert worden, und die Großen und Reichen in Rom beinahe alles urbare Land an sich gebracht und in prächtige Villas verwandelt hatten, – machte das einzige, eben nicht sehr beträchtliche Gut unsers Dichters einen kleinen Weiler aus, der für fünf Familien zureichte, die in dem benachbarten Varia zünftig waren. Horaz scheint dieses Umstandes mit einem Vergnügen zu erwähnen, in welches ein Tropfen unschuldiger Eitelkeit gemischt ist. Es ist ein zu seltner Fall, daß ein Dichter von seinem Landgute sprechen kann, als daß man den wenigen, die seit dem armen Homer in diesem Falle gewesen sind, das Vergnügen gern davon zu sprechen übel nehmen könnte. : auf, laß uns eifern, welcher von uns beiden, du Meine Felder, oder ich mein Herz, von Dorn und Disteln besser säubern könne, und ob das Landgut oder ob sein Herr in besserm Stande sei? – Was mich betrifft, wiewohl mein Lamia Das Wort mein steht zwar hier nicht im Text, aber es findet sich in der 26ten Ode des I. Buchs – necte meo Lamiae coronas . , der seinen Bruder betrau'rt Dieser Lamia , an welchem Horaz so viel Anteil nimmt, scheint der nämliche zu sein, dem die 26ste Ode im ersten und die 17te im dritten Buche gewidmet ist. Torrentius sagt, man finde in diesem Zeitpunkte nur zweier Lamia von den Geschichtschreibern erwähnt, eines Q. Älius Lamia , der unterm August im Cantabrischen Kriege kommandiert und sich sehr hervorgetan haben soll, und eines Lucius Lamia , der im Jahr 755 das Konsulat verwaltete. Vaillant in seinen Numis Antiquis Familiar. Rom. T. I. p. 19. beweiset aus Münzen, daß jener Triumvir Monetalis So hießen in diesen Zeiten die Oberaufseher über das Münzwesen. Drei derselben bestellte der Senat, der das Recht Kupfermünzen zu schlagen behielt: und drei, welche August bestellte, verwalteten für ihn das Recht, das er hatte, sowohl Kupfer als Gold und Silber münzen zu lassen. Diese heißen deswegen auf den Münzen Triumviri A. A. A. F. F. d. i. aere, argento, auro, flando, feriundo: v. Graevii Thes. Tom. XI. pag. 706. Lamia war einer von diesen letztern. unter dem August, und daß beide Söhne des L. Älius Lamia gewesen, der im Jahr 711 die Prätur bekleidete, und von welchem Cicero in einem Briefe an M. Brutus als einem seiner ergebensten und angenehmsten Freunde spricht. ( Familiar. XI. 16. ) Es ist also kein Zweifel, daß es Quintus Lamia war, dessen Tod sein Bruder Lucius, der Freund unsers Dichters, so schmerzlich beweinte. , um den verlernen Bruder Tag und Nacht untröstbar weint , mich noch in Rom zurückhält: so zieht mein Herz doch immer mich dorthin, und strebt mit Sehnsucht, die verhaßten Schranken, die meine Freiheit hemmen, zu durchbrechen. Ich preise den, der auf dem Lande lebt, du nur den Städter glücklich, und so muß     Villice silvarum, et mihi me reddentis agelli, quem tu fastidis, habitatum quinque focis et quinque bonos solitum Variam dimittere patres: certemus spinas animone ego fortius an tu \<5\> evellas agro, et melior sit Horatius an res! Me quamvis Lamiae pietas et cura moratur, fratrem maerentis, rapto de fratre dolentis insolabiliter, tamen istuc mens animusque fert et amat spatiis obstantia rumpere claustra. \<10\> Rute ego viventem, tu dicis in urbe beatum; dann freilich jedem, dem des andern Los das beßre deucht; verhaßt sein eignes sein. Mit größtem Unrecht schieben wir die Schuld des Mißvergnügens auf den Ort, der nichts für unsre Torheit kann: die Schuld liegt ganz allein am Herzen, das sich selber nirgends entfliehen kann. Als Hausknecht in der Stadt wie seufztest du dich immerfort aufs Land! Jetzt, da dein Wunsch erfüllt ist, sehnest du dich nach der Stadt zurück und ihren Spielen und Bädern. Ich bin, wie du weißt, zum mindsten mir selber gleich Geßner kann es nicht recht leiden, daß Horaz sich hier mit seiner Beständigkeit in seiner Vorneigung zum Landleben groß machen soll, und verweiset uns deswegen auf die 7te Satire des zweiten Buchs, worin er sich von seinem Sklaven Davus vorwerfen läßt: Romae rus optas, absentem rustius urbem tollis ad astra levis, u. s. w. Zu Rom ists stets das ewige Geseufze, ach, wär' ich auf dem Land! – Kaum bist du da, so wird die Stadt bis an die Stern' erhoben. Trifft sichs, zufälligerweise, daß du nirgends zum Essen eingeladen bist: da geht bei dir nichts über Hausmannskost. – »Man bleibt so hübsch gesund dabei und schläft so sanft!« Wer dächte nicht, wie wohl dir wäre, daß du nirgends zechen müssest! Aber laß nur einen Laufer kommen, der dich auf die Nacht, sobald die ersten Lampen brennen, bei Mäcen zur Tafel bittet – Himmel! welcher Lärm da gleich im Hause aufgeht! Wie du zappelst, tobst, und ein Geschrei erhebst, wenn nicht gleich alles da ist, was du, dich schön zu machen, nötig hast, u. s. w. . Du siehst mich immer traurig und bösen Muts, so oft als die verhaßten Geschäfte mit Gewalt nach Rom mich ziehen. Wir lieben nicht die gleichen Dinge: dies macht zwischen mir und dir den Unterschied. Was du für öde rauhe Wildnis hältst, hat hohen Reiz für mich und meinesgleichen; dafür ist uns hingegen auch zuwider, was dir das Angenehmste deucht. Bordell und Schenke, merk' ich wohl, das ists, was dir die große Sehnsucht nach der Stadt erweckt Horaz hatte, da er einen seiner Stadtbedienten zum Villicus machte, eine Regel aus der Acht gelassen, welche Columella den Gutsherren sehr empfiehlt: ne villicum ex eo ordine instituant, qui urbanas ac delicatas artes instituerunt . Denn, sagt er, socors et somniculosum genus id mancipiorum, otiis, campo, circo, theatris, aleae, popinis, lupanaribus consuetum, u. s. w. De Re Rustica I. 8. p. 129. Edit. Gesneri. Aber freilich hatte auch Horaz unter der kleinen Anzahl seiner Sklaven nicht viel zu wählen; und dann läßt sich aus einer Stelle dieses Briefes und dem Tone des Ganzen schließen, daß ehedem, da er noch mehrenteils in der Stadt wohnte, dieser Verwalter der Vertraute seiner kleinen Heimlichkeiten gewesen sein mochte. , und daß in unserm Winkel eher Weihrauch cui placet alterius, sua nimirum est odio sors. Stultus uterque locum immeritum causatur inique, in culpa est animus, qui se non effugit umquam. Tu mediastinus tacita prece rura petebas, \<15\> nunc urbem et ludos et balnea villicus optas. Me constare mihi scis et discedere tristem quandocumque trahunt invisa negotia Romam. Non eadem miramur; eo disconvenit inter meque et te: nam quae deserta et inhospita tesqua \<20\> credis, amoena vocat mecum qui sentit, et odit, quae tu pulchra putas. Fornix tibi et uncta popina incutiunt urbis desiderium, video, et quod und Pfeffer reifen wird, als eine Traube, und daß kein Wirtshaus in der Nähe ist, wo Wein gezapft wird, keine willige Sackpfeiferin, zu deren lärmendem Gedudel du die Erde stampfen könntest. Indessen fehlts, die Grillen zu vertreiben, dir, wie du selber sagst, an Arbeit nicht: da sind noch wüste Lehden aufzubrechen, und kommt der müde Stier nach Haus, so muß frisch abgestreiftes Laub zu seinem Futter bereit sein; auch ist da zum Überfluß ein Bach, der deiner Trägheit viel zu tun macht, und nur durch Damm auf Damm bei Regengüssen gezwungen wird der Wiesen zu verschonen. Nun höre noch, warum ich nicht mit dir aus gleichem Tone sing'. Ich weiß die Zeit so gut wie du, da leichte dünne Röcke und eingesalbte Locken mir noch ziemten; die guten Tage, da ich unentgeltlich der räuberischen Cinara gefiel Das Beiwort rapax , welches Horaz dieser Cinara, deren er sich so gern erinnerte, gibt, steht hier nicht da, um Böses von ihr zu sagen, sondern bloß das bei ihr so seltne unentgeltlich dadurch desto mehr zu heben. , angulus iste feret piper et tus ocius uva, nec vicina subest vinum praebere taberna \<25 \> quae possit tibi, nec meretrix tibicina, cuius ad strepitum salias terrae gravis. Et tamen urgues iam pridem non tacta ligonibus arva, bovemque disiunctum curas et strictis frondibus exples; addit opus pigro rivus, si decidit imber, \<30\> multa mole docendus aprico parcere prato. Nunc age quid nostrum concentum dividat, audi. Quem tenues decuere togae nitidique capilli, quem scis immunem Cinarae placuisse rapaci, und mirs ein leichtes war, beim Trinkgelag, vom hellen Mittag an, ein goldnes Fläschchen Falerner nach dem andern auszuschlürfen. Jetzt aber lieb' ich eine kurze Mahlzeit und nah am Kieselbach ein Mittagsschläfchen im hohen Grase; – nicht, als schämt' ich mich gespielt zu haben, aber Schande wär's, zu rechter Zeit das Spiel nicht abzubrechen. Dort nagt kein scheeles Aug' an meinem Wohlstand, kein unbekannter Feind vergiftet dort durch leisen Biß mein unbemerktes Leben: Das Schlimmste, was mir meine Nachbarn tun, ist, wenn sie Stein' und Schollen aus den Furchen mich stoßen sehn, des guten Wirts zu lachen Die Eigenschaft, aus einem kleinen unbedeutend scheinenden Umstande, durch Bemerkung seiner feinern Beziehungen, und jener dem schärfsten Auge kaum sichtbaren Faden, wodurch er mit andern entferntem Umständen zusammenhängt, diese letztern zu erraten, – diese seltne und schätzbare Gabe, welche wir mit einem aus Not den Römern abgeborgten Worte Sagacität nennen, ist beinahe keinem Gelehrten nötiger, als dem Altertumsforscher. Wie aber alle Sinne an der Grenze ihres äußersten Umkreises unzuverlässig werden: so ist auch nichts, was leichter in Irrtum führen kann, als diese Sagacität, wenn sie nicht mit einem eben so feinen Wahrheitssinne verbunden ist, und von einer geübten Vernunft gegen Trugschlüsse und falsche Induktionen gesichert wird. Beispiele hievon sind in den Schriften der meisten Altertumsforscher nicht selten: aber schwerlich wird man in irgend einem ein lustigeres finden, als dasjenige, das uns der gelehrte Abbé Cap Martin de Chaupy in seinem voluminösen Werke über Horazens Landgut bei Gelegenheit dieser Stelle – rident vicini glaebas et saxa moventem – von einer Sagacität, welche sieht, was sonst kein Mensch sehen kann, gegeben hat. Wer sollte sich auch nur im Traume haben einfallen lassen, daß man aus diesen Worten, deren wahrer Sinn so offen zu Tage liegt und ein so naives charakteristisches Bild macht, den Schluß ziehen könne: Horaz habe einen schönen Garten gehabt? Horace , sagt der überscharfsinnige Franzose Découverte de la Maison de Camp. d'Horace, Vol. I p. 349. , se représente à sa Campagne comme remuant la terre et en ôtant les pierres; ce n'etoit point sans doute ni dans les champs ni dans les vignes qu'il se livroit à cet exercice pénible , mais dans son jardin . La culture de cette portion si agréable d'une possession a de quoi plaire à tout le monde – und nun (denn wie wollte ein solcher Autor dem Reiz eines so schönen Lieu-commun widerstehen können?) ergießt er sich in ein Lob der Annehmlichkeiten des Gartenbaues , erinnert sich der großen Männer des Altertums, die ihr Vergnügen daran gefunden, schwatzt von dem Spectacle intéressant de la Nature, und endigt mit der feinen Anmerkung: le hoyau ne doit donc pas plus nous surprendre que la plume dans les mains d'Horace . Und das alles bei Gelegenheit einer Stelle, wo Horaz so wenig an einen Garten und eine Radehacke und ein exercice pénible dachte, als an den Babylonischen Turm! Das rident vicini hätte dem Herrn Abt so leicht auf die rechte Spur helfen können – Aber er hatte nun einmal sein elegantes Château d'Horace im Kopfe, und das Château mußte ja freilich auch einen schönen Garten à la le Nôtre haben, er mochte herkommen, wo er wollte. . Du bist nun einmal auf die Stadt erpicht, und möchtest lieber dort mit andern Knechten dich knapp behelfen, als hier reichlich leben; hingegen neidet dir der Stadtbediente das freie Holz, den Garten und die Herden, die du benutzen darfst. So wünscht der träge Stier den Sattel, und der Klepper möchte pflügen. quem bibulum liquidi media de luce Falerni, \<35\> cena brevis iuvat et prope rivum somnus in herba; nec lusisse pudet, sed non incidere ludum. Non istic obliquo oculo mea commoda quisquam limat, non odio obscuro morsuque venenat: rident vicini glaebas et saxa moventem. \<40\> Cum servis urbana diaria rodere mavis, horum tu in numerum voto ruis: invidet usum lignorum et pecoris tibi calo argutus, et horti. Am besten, denk' ich, ist's, ein jeder treibe das Handwerk, das er kann, und treib' es gern. Optat ephippia bos piger, optat arare caballus; quam scit uterque, libens, censebo, exerceat artem. Funfzehnter Brief An Numonius Vala Einleitung Man findet beim Vaillant in seinen Numis Familiar. Romanar. einen Denarius, der auf der einen Seite einen römischen Kopf mit der Umschrift C. Numonius Vaala zeigt, und auf der andern Seite zwei Soldaten, die eine Verschanzung gegen einen dritten, der sie von außen angreift, verteidigen. Vaillant glaubt, C. Numonius Vala, oder Vaala, habe diese Münze schlagen lassen, um seine Soldaten damit zu bezahlen, da er unter dem bekannten Quintilius Varus in Germanien, als dessen Legatus , kommandierte Vellei. II. 119. . Jedermann kennt das unglückliche Schicksal dieses römischen Feldherrn und seiner Legionen, welches weder der Treue noch Tapferkeit des Cheruskers Arminius Ehre macht. Numonius Vala, dem Paterculus übrigens das Zeugnis eines ruhigen und redlichen Mannes gibt, bewies bei dieser Gelegenheit weder die Gegenwart des Geistes, die man von einem ruhigen , noch den Mut, den man von einem rechtschaffenen Manne erwarten konnte. Er glaubte, wie es scheint, durch einen eilfertigen Rückzug wenigstens die Reiterei noch retten zu können; aber das Glück betrog seine Hoffnung; er rettete nichts, und ihn überlebte die Schande, durch eine voreilige Flucht den Untergang seiner Mitbürger befördert zu haben. Fulvius Ursinus , und andre halten diesen Numonius Vala für denjenigen, an welchen die gegenwärtige Epistel gerichtet sei. Es ist nicht unmöglich, aber auch nicht erweislich. Alles, was sich aus dem Briefe selbst ergibt, ist, daß es ein Mann von ansehnlichem Vermögen gewesen, und daß Horaz auf einem Fuße von Vertraulichkeit mit ihm gelebt, welcher gewöhnlich eine nicht sehr große Verschiedenheit in den Jahren vermuten läßt. Er scheint in Campanien und Lucanien Landgüter gehabt zu haben; und Horaz, dem sein Arzt geraten hatte, auf den Gebrauch kalter Bäder den Winter in einem mildern Klima als das römische und sabinische zuzubringen, sucht also vor allen Dingen von den beiden Orten, zwischen denen seine Wahl noch schwebte, die nähern Erkundigungen einzuziehen. Der ganze Brief ist in einer sehr jovialischen Stimmung geschrieben, und hat mehr als die meisten übrigen von der anmutigen Nachlässigkeit , welche den Nachahmern so leicht scheint, und gerade von allen Schreibarten die unnachahmlichste ist. Gleichwohl ist es nicht die Negligentia diligens , wovon Cicero in einem Kapitel seines Redners an M. Brutus spricht; nicht die schlaue Nachlässigkeit, wo die Begierde zu gefallen gleichsam im Hinterhalte liegt, und die Kunst sich nur versteckt, um desto sichrer zu überraschen. Es scheint vielmehr die von aller Kunst und Absicht entblößte Nachlässigkeit des Witzes und der Laune zu sein, wo man anfängt, ohne zu wissen, wie man aufhören wird; wo die Feder von sich selbst zu gehen scheint, Gedanken und Ausdrücke, so wie sie sich darstellen, ohne Untersuchung passieren, und der Schreiber in der leichtsinnigen Fröhlichkeit seines Herzens sich von keiner Möglichkeit, daß ihm etwas übel genommen werden könne, träumen läßt. Diese Art von Tristram-Shändischer Nachlässigkeit – die freilich nur Leuten wohl anstehen kann, quibus ingeni benigna vena est , – herrscht hier, bis in dem mechanischen Teil des Stils, in der Konstruktion der Perioden; und es findet sich gleich vom zweiten Vers an (in der Übersetzung der vierte) ein sogenanntes Hyperbaton von mehr als zwanzig Zeilen, wo die Parenthesen in einander stecken wie Zwiebelhäute. Man wird schwerlich im ganzen Tristram eine so seltsam konstruierte Stelle finden, und sie würde ohne die Wendung, die ich genommen habe, im Deutschen nicht erträglich gewesen sein – wiewohl sie vielleicht im Original die Grazie eines glücklich gewagten Salto mortale hat. Wie mild zu Velia der Winter sei, wie zu Salern die Luft Salern und Velia waren zwei kleine Städte, jene am nördlichen, diese am östlichen Ufer des größern Busens, der das Tyrrhenische Meer zwischen den Vorgebürgen der Minerva und des Palinurus ausmacht. Jene wurde zur Picentinischen Landschaft in dem glückseligen Campanien, diese zu dem angrenzenden Lucanien gerechnet. So wenig diese Orte sonst bedeuteten, so geschickt waren sie durch ihre schöne Lage zu der Absicht, weswegen sich Horaz nach ihnen erkundigt. , und was das Land für eine Art von Menschen trage, wie der Weg dahin – Doch, eh' ich weiter frage, mein lieber Vala , wisse, daß mir Musa Antonius Antonius Musa hat seinen Namen durch die berühmte Kur verewiget, die er im Jahr 731 am Augustus verrichtete, dessen Libertus er war. Denn die Ärzte der Großen waren damals meistens Sklaven, welche man die Heilkunst für den Gebrauch des Hauses, dem sie angehörten, lernen ließ. Die Krankheit des Imperators war eine Art von hartnäckigem Gichtfluß mit Verstopfung und Abmergelung begleitet, welche die gänzliche Auszehrung befürchten ließen. Sein Leibarzt Ämilius hatte seinen Kopf darauf gesetzt, das Übel durch Bäder und Schwitzstuben auszutreiben. Er ging so weit, daß er sogar die Decke des Schlafzimmers des Kranken mit Pelzwerk ausfüttern ließ. Aber das Übel wurde immer ärger, und August war schon so weit, daß er sein Haus bestellte, als Antonius Musa auf den glücklichen Einfall kam, da das warme Wasser nichts geholfen hatte, es mit dem kalten zu versuchen. Das allgemeine Vorurteil stand ihm entgegen: aber die Umstände des Kranken machten jetzt auch den verzweifeltesten Versuch erlaubt. Musa schlug also gerade den seinem Vorgänger entgegengesetzten Weg ein; er verordnete dem Kranken eine erfrischende Diät, ließ ihn beinahe nichts als Lattich essen, kalt trinken, und ihn fleißig mit kaltem Wasser begießen, und bewirkte damit so viel, daß Augustus in kurzer Zeit wieder hergestellt wurde, und seiner schwächlichen Gesundheit ungeachtet noch 36 Jahre lebte Sueton. in Aug. c. 59. et 81. Plin. Hist. Nat. L. XXIX. c. 1. Dion. Hist. L. III. p. 517. . Musa erhielt, nebst einer großen Summe Geldes vom August und vom Senat, eine Statue, mit dem Recht einen goldnen Ring zu tragen, der ihm die Vorzüge des Ritterstandes gab; und das kalte Wasser kam durch ihn in einen Ruf, der den warmen Bädern zu Bajä nicht wenig Abbruch tat. Horaz, der um die Zeit, da er diesen Brief schrieb, 46 oder 47 Jahre hatte, fing auch an von Flüssen, besonders an den Augen, mehr als sonst zu leiden; und da ihm die Bäder zu Bajä keine Erleichterung verschafften, ließ er sich von dem Leibarzt Musa ebenfalls bereden, es mit den kalten Bädern zu Clusium und Gabii zu versuchen Vetus Comment. Cruquii ad h. l. ; und dies geschah mit so gutem Erfolg (wie aus dem muntern Ton dieses ganzen Briefes zu schließen ist), daß er, um sich vor einem Rückfall sicher zu stellen, nun für weiter nichts als ein wärmeres Winterquartier zu sorgen hatte. das warme Bad zu Bajä Bajä war um diese Zeit in Italien, was Bath und Tunbridge in England sind. Die Gesunden suchten da Vergnügen, wo die Kranken Gesundheit suchten; und wie jene oft unter den Delizien von Bajä Gelegenheit fanden krank zu werden; so verloren diese, um sich besser zu befinden, oft auch den Rest von Gesundheit, den sie mitgebracht hatten. Schon vor den Zeiten der Cäsarn war Bajä der Ort, wo die vornehmen Römer sich berechtigt hielten, den Zwang der republikanischen Heuchelei abzulegen, um sich ohne Scheu den Ergötzungen und Wollüsten zu überlassen, welche diese bezauberte Gegend in so bösen Ruf brachten, daß Properz sein Mädchen nicht schnell genug von dort zurückrufen kann Tu modo quam primum corruptas desere Baias!     Multis ista dabunt litora discidium, litora quae fuerant castis inimica puellis.     Ah! pereant Baiae, crimen amoris, aquae! L. I. Eleg. XI. , und Cicero , in seiner Verteidigung des jungen M. Cölius, für nötig hält, vor allen Dingen sich selbst zu rechtfertigen, daß er einen Menschen in seinen Schutz nehme, der – Bajä gesehen habe Cic. Pro M. Coel. c. XI. . Übrigens bemerken wir aus einem der Briefe des letztern an den Dolabella, daß die Gegend um Bajä schon vor 1800 Jahren, da sie die Verwüstungen noch nicht erlitten hatte, welche die Zeit in ihr angerichtet, für nichts weniger als der Gesundheit zuträglich gehalten worden Gratulor Baiis nostris: siquidem, ut scribis, salubres repente facta sunt: nisi forte te amant et tibi assentantur, et tam diu quam tu ades sunt oblitae sui. Quod quidem si ita est, minime miror caelum etiam et terras vim suam, si tibi ita conveniat, dimittere. Familiar. IX. 12. . Diese Stelle, wiewohl in Beziehung auf den Dolabella bloßes Persiflage, ist doch ein entscheidender Beweis, daß die Ungesundheit des schönen und anmutigen Bajä damals etwas Ausgemachtes war; und dies macht es um so begreiflicher, warum Antonius Musa für nötig hielt, unsern Dichter aus diesem Paradiese zu vertreiben. so viel als unnütz hält und mit den Leuten dort mich ganz entzweit hat, die sich ordentlich ereifern, wenn sie mich zu dieser frost'gen Jahrszeit noch gar in kaltem Wasser baden sehn. Denn daß ein Kranker ihre Myrtenwäldchen verlassen, ihre weit und breit für Gicht und Podagra gepriesnen Schwefeldämpfe verachten, und ein solcher Waghals sein kann, den Quellen Clusiums Ehemals eine der Hauptstädte Hetruriens und der Sitz des berühmten Lucumons Porsenna . Ihre kalten Quellen kamen durch den Arzt Musa in Kredit. seinen Kopf und Magen zu unterstellen und das kalte Land der Gabier Die Gegend um Gabii, einen damals schlechten Ort zwischen Rom und Präneste, war gebirgig, und Horaz scheint sie der reinen Luft wegen besucht zu haben. ihrem milden vorzuziehn,     Quae sit hiems Veliae, quod caelum, Vala, Salerni, quorum hominum regio, et qualis via – nam mihi Baias Musa supervacuas Antonius, et tamen illis me facit invisum gelida cum perluor unda \<5\> per medium frigus; sane myrteta relinqui dictaque cessantem nervis elidere morbum sulphura contemni, vicus gemit, invidus aegris, qui caput et stomachum supponere fontibus audent ist freilich eine Tat, worüber billig der ganze Flecken seufzet. Gleichwohl kanns nicht anders sein; wir müssen weiter reisen und bei den wohlbekannten Ruhestellen vorbei den Klepper lenken. »Nun, wohin? der Weg geht nicht nach Bajä oder Cumä«, wird dem widerspenst'gen mit dem linken Zügel der ungehaltne Reiter sagen; denn das Pferd hat seine Ohren im Gebiß. Um also, Freund, zurück zu meinen Fragen zu kommen, melde mir (denn deine Antwort wird meine Wahl entscheiden), wo von beiden besagten Orten sichs wohlfeiler lebt? Auch, ob sie Regenwasser trinken, oder lebend'ges Brunnenwasser? Nach dem Wein in dieser Gegend ist nicht Not zu fragen. Auf meinem Gute kann ich mich mit jedem behelfen: komm' ich aber an die Küste, da muß ich edle milde Weine haben, Wein, der den Spleen verjagt, mich, wie er durch die Adern rinnt, mit Mut und Hoffnung schwellt, und schwatzhaft mich und beim Lucanschen Mädchen Clusinis, Gabiosque petunt et frigida rura – \<10\> Mutandus locus est; et diversoria nota praeteragendus equus. »Quo tendis? Non mihi Cumas est iter aut Baias«, laeva stomachosus habena dicet eques; sed equi frenato est auris in ore – Maior utrum populum frumenti copia pascat? \<15\> collectosne bibant imbres puteosne perennes iugis aquae? Nam vina nihil moror illius orae. Rute meo possum quidvis perferre patique: ad mare cum veni generosum et lene requiro, quod curas abigat, quod cum spe divite manet \<20\> in venas animumque meum, quod verba ministret, quod me Lucanae iuvenem commendet amicae. zum Jüngling macht. Auch möcht' ich wissen, welche von beiden Gegenden mehr Hasen, welche mehr schwarzes Wildpret nährt, und wo die See an Fischen und an Austern reicher ist Denn jede See ist nicht an edelm Schalfisch fruchtbar. Die schlechtste Muschel, im Lucrin genährt, ist besser als Bajansche Purpurschnecken. Am Kap der Circe gibts die schönsten Austern, die besten Wasser-Igel am Misenum, und stolz auf seine offnen Muscheln ist das weichliche Tarent – ? Denn meine Absicht ist, hübsch glatt und als ein echter Phäazier von dort zurückzukommen. Zu Rom war ein gewisser Mänius , der, als er all sein Erbgut, mütterlichs und väterlichs, baldmöglichst durch die Kehle gejagt, für einen Mann von Witz und Laune und guten Tischfreund zu passieren anfing; ein Vagabund, der sich zu keiner eignen gewissen Krippe hielt, allein bei leerem Magen den Freund vom Feind nicht unterschied, und grimmig auf jeden losging, der gegessen hatte, die Scylla und Charybdis aller Fleischerbänke, was ihm in Wurf kam, stürzte, wie in einen grundlosen Strudel, stracks in seinen Bauch. Geschah's nun, daß er den gewöhnlichen Patronen solcher Vögel Den reichen Prassern. und den Furchtsamen Die solchen Gesellen, aus Furcht vor ihren giftigen Zungen, zuweilen etwas in den Rachen warfen. Tractus uter plures lepores, uter educet apros, utra magis pisces et echinos aequora celent, pinguis ut inde domum possim Phaeaxque reverti, \<25\> scribere te nobis, tibi nos accredere par est. Maenius, ut rebus maternis atque paternis fortiter absumptis, urbanus coepit haberi, scurra vagus, non qui certum praesepe teneret, impransus non qui civem dignosceret hoste, \<30\> quaelibet in quemvis opprobria fingere saevus, pernicies et tempestas barathrumque macelli, quicquid quaesierat ventri donabat avaro. nichts oder wenig abgejagt, so fraß er ganze Schüsseln voll Kaldaunen auf, und soviel altes Schaffleisch, daß drei Bären satt davon geworden wären; zog dabei, als wie ein zweiter Bestius Ein damals wohlbekannter reicher Geizhals, der, wie alle Harpaxe, ein großer Lobredner der Mäßigkeit und strenger Zensor aller Laster war, welche – Geld kosten. , auf die Schlemmer los: man sollte, sprach er, allen solchen Buben ein glühend Eisen auf die Bäuche brennen! Doch eben dieser Mänius, wenn ihm irgend ein größrer Fisch einmal ins Garn gegangen und alles wieder flugs in Rauch und Asche verwandelt war – »beim großen Herkules! mich nimmts nicht Wunder«, sprach er, »wenn ich Leute all ihr Vermögen essen seh; es geht doch in der Welt nichts über eine fette Drossel, nichts über einen guten Schwartenmagen!« Es war keine Möglichkeit, den römischen Leckerbissen, der hier im Texte genannt ist, dem deutschen Leser mit Anständigkeit aufzutischen; ich hoffe also, daß das quid pro quo Verzeihung finden werde. Unter mehrern Deliciis der Alten, die (so viel ich weiß) aus der Mode gekommen sind, war auch das Gericht, wovon Horaz den Schwelger Mänius mit solchem Entzücken reden läßt. Die Römer, die in allen Befriedigungen der Üppigkeit nur Räuber oder Nachahmer der Griechen waren, scheinen auch diese von ihnen erbeutet zu haben; wenigstens erhellet aus den Stellen, welche Athenäus aus verschiedenen griechischen Komödienschreibern anführt, daß es lange zuvor, ehe die Römer ihre alte Sitte und Lebensart mit den Ausschweifungen des besiegten Asiens vertauschten, von den Gourmands zu Athen für etwas sehr Leckerhaftes gehalten worden. Wer neugierig ist, kann bei eben diesem Autor Nachricht von den verschiedenen Arten, wie die μήτρα ύεια zubereitet wurde, finden. So einer, lieber Vala, bin auch ich Es bedarf wohl kaum der Erinnerung, daß dieses humoristische Nimirum hic ego sum der guten Meinung des deutschen Lesers von unserm Dichter in keine Wege nachteilig sein dürfe, weil Horaz im Grunde weder mehr noch weniger damit sagen will, als: so sind wir Menschen . Der Ausnahmen werden so wenige sein, daß sie in Absicht der unendlichen Zahl, die mit gutem Gewissen sagen können: so einer bin auch ich – in keine Betrachtung kommen. Die Notphilosophie der wackern Leute, die, mit Diogenes, nichts als Pferdebohnen und Brunnenkresse zur Nahrung, ein Stück Kapuzinertuch zur Bekleidung, und eine Tonne oder einen Hundestall zur Wohnung bedürfen, ist – in der Not gut: aber wenige unter ihnen würden wohl Lust haben, den Cynismus so weit zu treiben, daß sie das Glück abwiesen, wenn es ihnen in Gestalt einer guten Fee, ihrer Trägheit und Liebe zur Unabhänglichkeit unbeschadet, ein paar von Numonius Valas fetten Landgütern aufdringen wollte. . Gewöhnlich ist mein Wahlspruch: klein und sicher ! und weil ich muß , so kann ich wie ein andrer bei Hausmannskost den Philosophen machen. Hic ubi nequitiae fautoribus et timidis nil aut paulum abstulerat, patinas cenabat omasi, \<35\> vilis et agninae, tribus ursis quod satis esset, scilicet ut ventres lamna candente nepotum diceret urendos corrector Bestius. Idem, si quid erat nactus praedae maioris, ubi omne verterat in fumum et cinerem, »non hercule! miror«, \<40\> aiebat, »si qui comedunt bona, cum sit obeso nil melius turdo, nil vulva pulchrius ampla.« Nimirum hic ego sum; nam tuta et parvola laudo, cum res deficiunt, satis inter vilia fortis: Doch stößt mir etwas Bessers auf, sogleich wird umgestimmt, und nun behaupt' ich laut, daß niemand weise sei und wohl zu leben verstehe, als ihr andern, deren wohl begründete fruchtbare Kapitale aus fetten Gütern uns entgegen glänzen. verum ubi quid melius contingit et unctius, idem \<45\> vos sapere et solos aio bene vivere, quorum conspicitur nitidis fundata pecunia villis. Sechszehnter Brief An Quinctius Einleitung Die Familie Quinctia gehörte unter die ältesten Patriziats-Geschlechter in Rom, und war, wie gewöhnlich, in mehrere Zweige geteilt, die sich durch besondere Zunamen unterschieden. In den Zeiten unsers Dichters findet sich von dieser Familie ein Titus Quinctius Flamininus , der die Stelle eines Triumvir Monetalis bekleidete Vaillant, Numism. Famil. Roman. Vol. II. p. 329. , und auf welchen vielleicht einige Züge dieses Briefes passen könnten. Allein der Ton des Ganzen scheint eine alte Kameradschaft und eine Art von Familiarität, die nur unter Personen gleiches Standes schicklich ist, vorauszusetzen. Es ist also eher zu vermuten, daß der Freund, mit welchem Horaz in dieser Epistel so ernstlich und ohne alle Komplimente moralisiert, der Hirpinus gewesen, an welchen er, mehrere Jahre zuvor, eine Ode von der vertraulichsten Art Die 11te im 2ten Buch. gerichtet hatte. Der Beiname Hirpinus ist ein hinlänglicher Beweis, daß dieser Quinctius nicht von der edeln Familie dieses Namens, sondern ursprünglich ein Hirpiner gewesen So hieß ein kleines Volk, Samnitischen Ursprungs, welches die Landschaft zwischen dem Picentenischen, dem Appennin und dem Lande der Samniter inne hatte. , der (nach römischer Sitte) jenen Namen nur deswegen geführt, weil er oder einer seiner Voreltern durch Vermittlung eines Quinctius das römische Bürgerrecht erhalten hatte. Was er aber eigentlich vorgestellt, und wie er dazu gekommen, daß ihn, wie Horaz sagt, ganz Rom unter seine Glücklichen gezählt , ist nicht bekannt. Wenn man die besagte Ode mit diesem Briefe vergleicht, so wird sehr wahrscheinlich, daß er einer von denen gewesen, die durch Gönner, Spekulation und Klugheit zu Reichtum und Ansehen gekommen, oder, nach der gemeinen Sprechart, ihr Glück gemacht hatten. Daß dies damals, da Horaz die Ode an ihn schrieb, sein Plan und großes Geschäft gewesen, scheinen die Züge – nec trepides in usum poscentis aevi pauca – Quid aeternis minorem consiliis animum fatigas? – eben so deutlich zu verraten, als verschiedene in dem gegenwärtigen Briefe, daß ihm jener Plan gelungen sei – und daß er, unter andern Mitteln, besonders auch den Ruf eines ehrlichen unbescholtnen Mannes zu einer Leiter seines Glücks zu machen gewußt habe. Ich stelle mir diesen Quinctius als einen von den wackern Leuten vor, die dadurch, daß sie Conduite und Rechtschaffenheit für einerlei nehmen, die Welt, und vielleicht auch zuletzt sich selbst überreden, sie für besser zu halten, als sie sind; als einen Mann, der vorsichtig genug ist, immer seine beste Seite herauszukehren, und seinen Handlungen immer einen schönen Beweggrund, seinen Beweggründen immer einen schönen Namen zu geben; der sich immer so beträgt, daß jedermann mit ihm zufrieden sein kann, es mit den Bösen eben so wenig als mit den Guten verderben will, und, wenn er auf diesem Wege sein Glück gemacht hat, sich zugleich, mit sehr wenigen Kosten, im Besitz eines allgemeinen guten Rufs befindet, ohne im Grunde besser zu sein, als Millionen andre, denen nur sein Glück und seine Geschmeidigkeit fehlt, um mit eben so wenig innerlichem Wert in einem eben so günstigen Lichte zu erscheinen. Die Art, wie ihm Horaz an den Puls greift, scheint mir diese Vorstellung von seinem Charakter notwendig zu machen. Denn die Pedanterei, jedem guten Freunde, oder dem ersten dem besten, der ihm in den Wurf kommt, mit einer strengen moralischen Predigt auf den Leib zu rücken, wird unserm Dichter niemand zutrauen, der ihn halbweg kennt. Einem alten Kameraden hingegen, dem wir uns selber immer in puris naturalibus gezeigt haben, läßt sich bei Gelegenheit schon so ein vertraulich Wort ins Ohr sagen; und es geziemt der Freundschaft sehr wohl, wenn man den Freund von seinem guten Genius verlassen sieht, die Stelle desselben zu vertreten, und den Selbstbetrognen aus einem Schlummer aufzurütteln, der ihm gefährlich werden könnte. Die Moral, die den größten Teil dieser schönen Epistel ausmacht, ist in dem einzigen Verse des Äschylus eingeschlossen, wo er von Amphiaraus, einem der sieben Helden gegen Theben , sagt: Ου γὰρ δοκει̃ν άριστος, αλλ' ει̃ναι θέλει v. 598. Er will der Wackerste nicht scheinen, sondern sein. Menschen, die nicht Mut genug haben, der Stimme des Gottes in ihnen getreu zu sein, dessen Beifall uns allein Ruhe und Gewißheit, daß wir sind, was wir sein sollen, geben kann, suchen sich eine Art von Ersatz dadurch zu verschaffen, wenn sie von andern für das gehalten werden, was sie nicht sind – aber gern sein möchten, und bedienen sich der guten Meinung, die sie von der Welt erzwingen, erschleichen , oder erbetteln , als einer Art von Beglaubigungsbrief gegen ihr eignes Bewußtsein. Sie suchen Ehre , sagt Aristoteles, um auf andrer Leute Wort zu glauben, daß sie selbst etwas wert seien. Horaz, der niemand für weise und gut gelten lassen will, der nicht gewiß weiß, daß ers ist, wenn gleich die ganze Welt das Gegenteil behauptete, ist darum nicht mehr Stoiker, als alle andern rechtschaffenen Leute, die von jeher das nämliche gesagt haben, nicht weil es ein Stoischer Grundsatz, sondern weil es Natur der Sache ist. Weisheit und Tugend ist, seiner Meinung nach, eines jeden eigne Angelegenheit; andre hierin betrügen, heißt sich selbst betrügen; und wenn wir jenes auch so meisterlich könnten, daß der Betrug immer verborgen bliebe, so würden doch am Ende nicht andre, sondern wir selbst, die Narren im Spiele sein. Sein ganzes Räsonnement ist echt Sokratisch , sowohl in Begriffen, als in der Art sie vorzutragen. »Warum wolltest du scheinen wollen, was du nicht den Mut hast zu sein ? Andrer Leute Meinung kann dich zu nichts machen, was du nicht bist: sei wirklich ein rechtschaffner Mann – oder laß auch den Schein fahren. Willst du jenes sein, so sei es ganz ; so lebe nach der Regel in deinem Herzen, nicht nach dem Urteil der Welt; so mache dich frei von allem, was dir den heitern ruhigen Selbstgenuß, den einzigen, der dem Weisen und Rechtschaffnen ausschließlich eigen ist, rauben oder verkümmern würde. Fühlst du, daß du dazu nicht Kraft genug hast: nun, so entsage auch dem Anspruch, ein edler freier Mann zu sein. Auch Sklaven sind noch immer zu vielem zu brauchen, und können in ihrer Art ganz glückliche Leute sein. Aber den Namen, womit man in der Welt so freigebig ist, den Namen eines rechtschaffnen Mannes, verdient nur, wer, sobald es auf Wahrheit und Recht oder auf die Behauptung seines eignen Charakters ankommt, nichts, was ihm Menschen rauben können, für ein Gut, nichts, was sie ihn leiden machen können, für ein Übel achtet.« – Dies ist die Moral dieser Epistel, und ich kenne keine bessere. Übrigens hat der Dichter diesen Brief auch noch durch die im Eingang vorkommende Beschreibung seines Landguts für diejenigen interessant gemacht, die einen Mann, der vor 1800 Jahren gelebt hat, lieb genug gewinnen können, um an etwas, was er selbst für ein großes Stück seiner Glückseligkeit rechnete, noch Anteil zu nehmen, und es, so zu sagen, unter die Besitztümer ihrer Einbildungskraft zu zählen. Die eigentliche Lage des Horazischen Sabinums hat seit Wiederherstellung der alten Literatur viele Gelehrte beschäftigt; – sie haben aber mit aller ihrer Mühe nichts mehr davon herausbringen können, als was uns Horaz selbst davon sagt: nämlich, daß sein Gut in den Gebürgen des Sabinerlandes, wenige Meilen über Tibur an dem kleinen Flusse Digentia , zwischen den Bergen Lucretilis und Ustica und dem Dorfe Mandela , ohnweit dem Städtchen Varia , gelegen gewesen, daß ein alter zerfallner Tempel der Vacuna in dieser Gegend gestanden, u. dergl. Man kann leicht erachten, daß die achtzehn Jahrhunderte, die zwischen uns und Horazen liegen, und in welchen sich die ganze Gestalt von Rom, Latium, Campanien u. s. w. so mächtig verändert hat, auch von Horazens Meierhof nicht viel übrig gelassen haben werden. Indessen hat sich der bereits angezogene Abbé Cap Martin de Chaupy dadurch nicht abhalten lassen, in diesen Gegenden selbst so lange nachzuforschen, bis er endlich herausgebracht hat, daß das alte Varia das heutige Dorf Vico Varo , der Berg Lucretilis der jetzige Monte Gennaro , die alte Digentia die heutige Licenza , und die verfallne Kapelle der Vacuna die noch vorhandenen Trümmer eines von Vespasian wiederhergestellten Fortunentempels seien, u. s. w. Das ganze Tal heißt jetzt Valle di Licenza und gehört dem Prinzen Borghese . Diese Entdeckung ist dem Herrn Abt Cap Martin von Chaupy so wichtig gewesen, daß er, mit Hülfe des allgemeinen Zusammenhangs der Dinge (der es ihm an reichen Quellen und Minen zu Nebenuntersuchungen nicht fehlen ließ), ein Werk in drei großen dicken Octavbänden davon geschrieben hat, welches (so viel man, ohne selbst am Orte gewesen zu sein, urteilen kann) den Altertumsliebhabern, denen etwa eben so viel an dieser Entdeckung gelegen sein möchte, als ihm, wenig zu erinnern übrig läßt, als daß sein Buch sich – lesen lassen möchte. Um dir die Fragen, ob mein kleines Gut mit Feldbau seinen Herrn ernähre oder bereichre mit Oliven? ob in Obst, in Wiesen, oder weinumschlungnen Ulmen sein Hauptertrag bestehe, zu ersparen: soll, bester Quinctius, Natur und Lage des Gutes dir genau beschrieben werden. Stell' eine Kette dir von Bergen vor, durch ein gekrümmtes schattenvolles Tal Dieses Tal, nebst dem daran liegenden Berge, hieß Ustica jetzt Valle di Licenza . gebrochen, so, daß von der Morgensonne die rechte Seite, von der Abendsonne die link' erwärmt und leicht umdünstet wird. Zum mindsten würde dir die milde Luft gefallen. Und säh'st du dann noch überdies die Hecken, von denen alles voll ist, statt der Schlehen, die du erwartetest, mit dunkelroten Kornellen und mit Pflaumen reich beladen, und allenthalben Eichen beider Art Winter- und Sommereichen, quercus et ilex .     Ne perconteris, fundus meus, optime Quincti, arvo pascat herum, an bacis opulentet olivae pomisve, an pratis, an amicta vitibus ulmo? scribetur tibi forma loquaciter et situs agri. \<5\> Continui montes, nisi dissocientur opaca valle; sed ut veniens dextrum latus aspiciat sol, laevum decedens curru fugiente vaporet. Temperiem laudes. Quid si rubicunda benigne corna vepres et pruna ferunt? si quercus et ilex mit vieler Frucht dem Vieh, mit vielem Schatten dem Gutsbesitzer dienen, – traun! es dünkte dir Tarent, herbeigerückt, vor deinen Augen grünen zu sehn. Auch fehlt es nicht an einer Quelle, die ihren Namen einem Bach zu geben zu klein nicht ist, dabei so kalt und rein, daß kälter nicht noch reiner sich der Hebrus um Thrazien schlingt, auch trefflich Kopf und Magen zu stärken. Kurz, mein Aufenthalt in dieser verborgnen, mir so lieben, und (wie du vielleicht nun selbst gestehst) so anmutsvollen Einöde ists, was in den fieberreichen Septembertagen mich gesund erhält Wenn wir die Beschreibung, welche Horaz hier von seinem Gute macht, mit dem Briefe an seinen Villicus und einigen andern Stellen vergleichen, so muß uns, deucht mich, sehr klar werden, daß gerade so viel Gefühl für kunstlose Natur, so viel Liebe zu Ruhe und Freiheit, so viel Bescheidenheit und Genügsamkeit, kurz ein so philosophischer Kopf und ein so fröhliches Herz, als ihm zu Teil worden war, dazu gehörte, um so viel Freude an seinem Sabinum zu haben, wie er. Man würde sich sehr irren, wenn man sich eine Villa , wie jene zierlichen kleinen Landgüter des Cicero , die er in einem Briefe an seinen Atticus Italiae ocellos Ep. 6. L. XVI. Der französische Übersetzer der Briefe an den Atticus, der Abbé Mongault , hätte die Schönheit dieses Ausdrucks, wiewohl er unübersetzlich ist, wenigstens fühlen sollen. Cicero nennt seine schönen villulas nicht seine, sondern Italiens ocellos , und der Ausdruck sagt also, daß sie aus allen andern in Italien so hervorgeglänzt, wie schöne Augen aus einem anmutigen Gesichte. nennt, oder eine im Geschmack der Plinianischen , von welchen uns Herr Robert Castell in seinem prächtigen Werke, The Villa's of the Ancients illustrated , eine so schöne Darstellung gibt, dabei denken wollte. Eine solche Villa würde weder zu Horazens Stand und Vermögen, noch zu seiner Gemütsart gepaßt haben; und Mäcenas wußte besser, was sich für seinen Dichter schickte. Es war im Grunde nur ein Sabinisches Bauergut, eines von den Praediis rusticis , deren Mäcen ohne Zweifel mehr hatte, als er selbst wußte, in keiner der fruchtbarsten Gegenden gelegen, und von sehr mittelmäßigem Ertrag: aber es hatte alles, was es haben mußte, um Horazen so glücklich zu machen, daß er sich nichts weiter wünschte. Weder Elfenbein noch goldne     Decken glänzen in meinem Hause; keine Balken von Hymettus drücken     Marmorsäulen darin, die im entferntsten Afrika gehauen wurden.     Keines Attals Burg und Königsschätze hab' ich, ohne Recht und Titel,     wie ein Andronikus angefallen, noch sind meiner Schutzverwandten     wackre Hausfrau'n Tag und Nacht beschäftigt, Kleider aus dem feinsten Purpur     mir zu würken; aber ein treues Herz und eine Ader muntern Geistes     wurde mir zu Teil, und beider wegen sucht der Reichere mich Armen.     Auch verlang' ich vom Himmel nichts mehr, heische meinem mächtigen Freund kein größres     Los; mein kleines einziges Sabinum füllet alle meine Wünsche Od. 18. L. II. . Ich bin, sagt er in einer andern Ode seinem mächtigen Freunde Od. 16. L. III. Ich bin reicher durch das, was ich entbehre, reicher dadurch, daß ich nicht reicher sein will,     als wenn ganz Appulien meine Scheunen,     ohne mein Herz zu sättigen, füllte. Wenig Morgen Waldes, ein Bach mit reinem Wasser, und meiner Saaten ungetäuschte     Hoffnung macht mich glücklicher, als den Herrscher     Libyens seine goldnen Auen. Sammeln gleich für mich Calabrische Bienen keinen Honig, altert in meinen Tonnen     gleich kein Formianischer Wein, und tragen     Gallische Schafe mir keine Wolle; Gleichwohl bin ich nicht arm, mir fehlt's an keinem Dinge, das ich bedarf, und wollt' ich mehrers, würdest du mirs auch nicht versagen, u. s. w. aber wofür – sollt' ich mit meinem Sabinischen Tale     mühsamern Reichtum vertauschen wollen Od. 1. L. III. ? Unter der unendlichen Menge von Villas und Landgütern der edeln Römer dieser Zeiten finden wir Tiburtinische, Pränestinische, Albanische, Tusculanische, Bajanische, Formianische u. s. w. in großer Zahl; jede schöne Gegend von Latium und die ganze zauberische Küste von Campanien waren damit überdeckt – aber ein Sabinum zu haben, und sich daran genügen zu lassen, sich gern da aufzuhalten, sich darin glücklich zu fühlen – das konnte nur von Horaz gesagt werden. Die einzige Gegend um Reate und den Velinischen See ausgenommen, – welche wegen ihrer Anmut Rosea genannt wurde, und worauf sich die Einwohner so viel zu gut taten, daß sie davon als von dem Sabinischen Tempe Cicero ad Attic. ep. 15. L. IV. sprachen, war das eigentliche Sabinerland rauh, gebirgig, und größtenteils so beschaffen, daß ein so frugales, arbeitduldendes und genügsames Volk, wie die Sabiner, dazu gehörte, ihm den notdürftigen Unterhalt durch ihren Fleiß abzuzwingen. Aber Horaz, dessen Sinnesart war, alles, was nicht in seiner Willkür stand, von der besten Seite anzusehen, wußte auch an seinem Ustica Schönheiten zu finden, die weder Tibur noch Bajä aufzuweisen hatte. Was du für öde rauhe Wildnis hältst, hat hohen Reiz für mich und meines gleichen, sagt er zu seinem Villicus: und bei aller seiner Urbanität und Gewohnheit in der auserlesensten Gesellschaft von Rom zu leben, gefiel er sich doch nirgends besser, als unter seinen biederherzigen Sabinern, die, an Leib und Gemüt unverdorben, noch die alte Einfalt der Sitten beibehalten hatten; wo die Weiber noch keusch waren, und der Mann weder zweifelte noch zu zweifeln Ursach hatte, daß er seiner Kinder Vater sei. Seine Schriften sind voll kleiner Züge, welche sein Gefallen an dieser guten unverfälschten Menschenart, bei denen er sein Herz noch an einem Überrest des goldnen Saturnischen Alters erquicken konnte, zu erkennen geben Epod. 2. v. 39. seq. Od. 6. L. III. – – und es sind nicht die wollüstigen Soupés bei Mäcenas oder Sallustius, nicht die Soupés , wo die Frage war, ob Lepos zierlich oder übel tanze? sondern seine kleinen Abendmahlzeiten, im Angesicht seiner eignen Hausgötter, unter seinen Sabinischen Nachbarn, wo nur von Dingen gesprochen wurde, die uns was angehn, und die nicht zu wissen ein Übel ist – nur diese sinds, denen er in einem seiner schönsten Sermonen mit so vieler Sehnsucht, o noctes cenaeque deum! ( o schöne Nächte! o wahre Göttermähler! ) entgegenruft. In diesem Lichte, deucht mich, muß man unsern Dichter mit seinem Sabinum betrachten. Der schon erwähnte Abbé Cap Martin de Chaupy , der es, unter beständigen Versicherungen des Gegenteils, doch immer gern in eine elegante Villa verwandeln möchte, und alle Augenblicke vom Château d'Horace spricht, scheint von seiner wahren Sinnesart wenig geahndet zu haben. Überhaupt geht nichts über den Don Quichotismus, womit die wirkliche oder eingebildete Entdeckung der Ruinen des Horazischen Landhauses das Gehirn dieses gelehrten Mannes eingenommen hat. Seine Art zu beweisen hat dadurch eine ganz eigne Wendung bekommen. Um nur ein paar Beispiele zu geben, so versichert er uns z. B., Horazens Gut sei ein Domaine considérable , und nicht etwa nur so ein Meierhof oder Bauergut, wie die französischen Ausleger davon sprächen, sondern une petite Terre , eine kleine Herrschaft , gewesen: und zum Beweise führt er an, Horaz sage ja selbst in der Epistel an seinen Verwalter, sie bestehe aus fünf Feuerstellen . Das sagt aber Horaz nicht; er sagt nur, sein Gut habe vor alten Zeiten, nämlich ehe es in ein einziges Landgut zusammengeschmolzen, aus fünf Feuerstellen bestanden. (Man sehe unsre erste Erläuterung zum 14ten Brief.) Diesen Sinn gibt der ganze Zusammenhang, und man muß seltsame Begriffe von der damaligen Verfassung Italiens hegen, um sich die Besitzer der Landgüter als Erb-, Lehns- und Gerichtsherren zu denken, wie Herr Cap Martin zu tun scheint. Gleich darauf kommts noch besser. Horaz, sagt er, geht mit uns in ein sehr genaues Detail der besondern Beschaffenheit aller Teile seiner Herrschaft. Er läßt sich, zum Exempel, in der 3ten Satire des zweiten Buchs der Sermonen von Damasippus sagen: Und gleichwohl gabst du dir die wichtige Miene, als würdest du wer weiß wie viele und namhafte Dinge wagen, wann nur erst dein Meierhöfchen unter's warme Dach dich aufgenommen hätte – Das Original sagt: si vacuum tepido cepisset villula tecto . Und was heißt nun dies dem Herrn Abt Cap Martin? Il représente l'habitation , sagt er, sous les traits d'un petit Château Um das tepidum tectum der Villula recht getreu zu übersetzen, durfte er nur ta petite chaumière sagen; aber das konnte er freilich nicht, da es nun einmal mit Gewalt ein petit château gewesen sein sollte. bien clos – »Aber« (setzt er hinzu) »das muß auch nur in Vergleichung mit königlichen Häusern und mit den Palästen der Könige von Persien verstanden werden; denn daß sein Schloß an sich selbst so unbeträchtlich nicht gewesen, beweisen zwei Texte unsers Dichters.« – Laßt uns doch hören, was für Beweise das sein werden! Aus Furcht, man möchte glauben, ich tue dem guten Mann zu viel, mag er seine eigne Sprache reden, »Le premier est, où Horace confesse à Mecène le peu d'accord, qu'il y avoit souvent entre ses maximes et sa conduite; dont il apporte pour exemple le caprice, dont il détruisoit ce qu'il avoit bâti, par le seul motif de donner aux parties de son édifice des formes plus agréables.« – Und wo sagt Horaz alles dies? Wer sollte vermuten, daß dies der Sinn der folgenden Verse in der ersten Epistel an Mäcenas sei? Quid? mea cum pugnat sententia secum, – Diruit, aedificat, mutat quadrata rotundis etc. Hingegen mags im Innern so schlecht stehn, meine Seele mit sich selbst so uneins sein als möglich, lieben, was sie kaum gehaßt, verschmähen, was sie kaum noch liebte, jetzt etwas bau'n, dann wieder niederreißen, dann plötzlich runden, was erst eckicht war, da sagst du nichts u. s. w. Gesetzt, was eben noch nicht erwiesen ist, Horaz rede hier nicht bloß ex hypothesi , und habe nicht, wie Dichter oft tun, die gegenwärtige für die bedingte Zeit gebraucht; gesetzt, was noch weniger zu erweisen ist, die Bilder, deren er sich hier bedient, seien im buchstäblichen Sinne zu nehmen: was bewiese diese Stelle am Ende für die Beträchtlichkeit des Château d'Horace ? – Gerade so viel als der zweite Text, wo ihm Damasippus (d.i. er sich selbst) in der Rezension seiner Torheiten vorwirft: Fürs erste – bauest du , das ist, du ahmest den Langen nach, du, der vom Boden bis zur Scheitel kaum vier Spangen mißt u. s. w. Und wenn Mäcenas etwas tut, geziemt sichs drum gleich, daß du es nachmachst, und, so winzig du gegen ihn bist, mit so einem großen Manne dich messen willst? – Satir. L. II. 3. Horaz baute dies und das an seiner Villula , welche, aller Wahrscheinlichkeit nach, nie was Bessers als ein gewöhnlicher Pachthof gewesen war, und vielleicht, bloß in Rücksicht auf seine Bequemlichkeit, manche Veränderung nötig hatte. Und wenn er denn auch einiges der Verschönerung wegen getan hätte, so hätte er, nach seinem Maßstab, etwas ganz Artiges aus seiner Villula machen können, und sie wäre gegen jene Ciceronianischen Ocellos Italiae doch immer nur ein Meierhof geblieben. – »Aber Horaz beschuldigt sich ja selbst, daß er mit dem Mäcenas habe in die Wette bauen wollen?« – Eben dies, sage ich, beweist, daß er klüger war, als ihn Herr Cap Martin, wiewohl sein geschworner Bewundrer, vermutet. Solche öffentliche Selbstanklagen aus dem Munde eines andern sind verkappte Rechtfertigungen . Horaz wußte, daß es ihm an guten Freunden nicht fehle, die ihn der Welt und vielleicht dem Mäcenas selbst dadurch lächerlich zu machen suchen würden, daß er baue . Er durfte nur eine größere Haustür setzen, oder einen bessern Fußboden legen lassen, so konnt' er darauf rechnen, daß ihn seine Verehrer, die Tigellius, Pantilius und Compagnie , in Rom für einen kleinen Lucullus ausrufen würden. Das sicherste Mittel, allen möglichen Mißdeutungen vorzubeugen, war, wenn er selbst über seinen Baugeist scherzte; und er brauchte nur die alberne Beschuldigung, als ob er's dem Mäcenas nachtun wolle, so einem Narren wie Damasippus in den Mund zu legen, um ihre Ungereimtheit einem jeden fühlbar zu machen. Diese Probe, wie Herr Cap Martin die Texte des Horaz zum Vorteil des Schlosses , womit seine Einbildung bezaubert ist, anzuwenden weiß, könnte mit dem, was ich oben bereits von seiner Entdeckung der Horazischen Gärten angeführt habe, mehr als genug sein, uns die Vorstellungsart dieses neuen Auslegers kennen zu lehren, wenn ich nicht gewissermaßen genötigt wäre, die gewöhnliche Auslegung der ersten Verse dieser Epistel, welcher ich in meiner Übersetzung gefolgt bin, gegen seine Vorwürfe zu rechtfertigen, und zu zeigen, wie ihn auch hier seine vorgefaßte Meinung irre geführt hat. – »Wir sehen, sagt er, aus diesem Texte, daß es Horazens Landgut an nichts, was zu einem wohlkonditionierten Gut gehörte, fehlte; es hatte Fluren, die teils zum Kornbau eingerichtet, teils mit Obst- und Olivenbäumen besetzt waren; es hatte Weinberge, Wiesen, Holz, Gebüsche und Weiden für alle Arten von Vieh.« – »Alle bisherigen Ausleger, setzt er hinzu, haben diesen Text nicht verstanden. Sie haben sich eingebildet, die ersten drei Verse beständen in einer bloßen kahlen Aufzählung der Fragen des Quinctius, auf welche die folgenden, bis zum vierzehnten, Horazens Antwort enthielten: sie haben aber nicht gemerkt, daß Horaz in den drei ersten Versen von Kornfeldern, Oliven, Weinbergen und Wiesen spricht, deren im Folgenden mit keinem Worte wieder gedacht wird, und daß er also die Fragen seines Freundes nur angeführt hätte, um sie unbeantwortet zu lassen«, welches nicht höflich wäre. »Aber das wäre gleichwohl, wie er meint, noch nicht das schlimmste: denn wenn die Ausleger den Text recht verstanden hätten, so folgte, – daß der Ertrag des Horazischen Gutes bloß in Schlehen, Kornellen, Eicheln und Schatten bestanden habe«, – welches auch für den begnügsamsten aller Poeten zu wenig wäre. Er meint also, man müsse diese Stelle so übersetzen: »Ne me demandez pas même Zu deutsch: Es ist gar keine Frage, ob mein Gut an Früchten, Oliven, Wein etc. so viel ertrage, als ich brauche, und um noch davon verkaufen zu können – Das versteht sich von selbst. , si ma Campagne porte assez de grains pour ma provision, ou assez d'olives, de fruits, de vin, de foins, non seulement pour me dispenser d'en acheter, mais pour me mettre dans le cas d'en vendre. Il n'est pas jusqu' à mes bruyères, où le noir des prunelles ne se marie agréablement et non inutilement avec le rouge des cornouilles. Mais ce qui abonde le plus chez moi, c'est le chêne noir et verd, non pareils soit par le fruit qu'ils fournissent au bétail qui en vit, soit par l'ombre qu'ils procurent à celui à qui ils appartiennent, etc.« Was dünkt unsre Leser zu einer Übersetzung des ganzen Horaz in diesem Geschmack? – Doch die Rede ist hier nicht von dem Mangel an Eleganz, sondern von etwas noch Wesentlicherem, woran es unserm gelehrten Abbé stark zu mangeln scheint. C'est la hardiesse du trait, qui a empêché d'en saisir la finesse , fährt der unbegreifliche Mann fort. Horace, semblable à ce Peintre Antique, qui en faisoit plus entendre qu'il ne sembloit en représenter, renferme souvent plusieurs choses dans les mêmes paroles. Dans celles-ci il rapporte et il résout en même tems toutes les questions de Quinctius. Il n'auroit eu besoin que de ces trois premiers vers, s'il avoit voulu se borner à rapporter et à donner les éclaircissemens demandés. Mais aux notices, que leur qualité avoit rendues l'objet naturel de la curiosité de Quinctius, Horace voulut ajouter celles, qui étoient de nature à ne lui être pas venues dans la pensée, u. s. f. Découverte de la M. de C. d'Horace, Tom I. p. 355. etc. – Was ist über eine solche Vorstellungsart zu sagen? Orandum est, ut sit mens sana – Eine solche Auslegung anführen, heißt sie widerlegen; wenigstens wird niemand, der ein wenig Latein weiß und von Horazens Verstand nur eine leidliche Meinung hat, mehr verlangen. Hätte Herr Cap Martin de Chaupy seinen Kopf von den Olivenbäumen und Weinbergen, die er nun einmal, es koste was es wolle, in Horazens Landgut sehen will, weniger voll gehabt: so hätte er sich vielleicht erinnert, daß dieser schon in der 14ten Epistel seinen Verwalter (der das Gut doch wohl am besten kennen mußte) davon als von einer rauhen Wildnis sprechen läßt; und daß er selbst, wiewohl gerade diese Wildheit das war, was ihm am besten gefiel, doch unverhohlen gesteht, sein Boden würde eher Weihrauch und Pfeffer als eine Traube hervorbringen. Wo sollten also in einem solchen Boden Wein und Oliven herkommen? – Das Ganze von der Sache ist, daß Horaz dem Freund Quinctius, in dessen Fragen er vielleicht ein wenig Bosheit roch, keine direkte Antwort geben wollte. Der Gesichtspunkt, woraus sie beide die Sachen ansahen, war auf keine Weise der nämliche. Quinctius , nach seiner Art zu denken, schätzte ein Landgut bloß nach dem Ertrag: Horaz hingegen liebte das seinige, wiewohl es wenig ertrug. – Quinctius fragte, ob das Gut seinen Herrn mit Öl und Wein bereichre ? – Horaz antwortet ihm: daß es zwar nur Pflaumen und Kornellen trage, und, seiner ganzen Lage und Qualität nach, auch nicht viel mehr tragen könne: er rühmt aber daran, daß es die Morgen- und Abendsonne habe, daß Luft und Wasser gut sei, daß es hauptsächlich zur Viehzucht tauge, und weil es voller Gebüsche und schattichter Plätze sei, sich sehr gut dazu schicke, einen von den wackern Leuten, qui amant nemus Ep. 2. L. II. v. 77. , zum Besitzer zu haben. Man muß seltsam geblendet sein, um nicht zu sehen, daß es Horazens Meinung gar nicht ist, dem Quinctius den Ertrag seines Gutes, mit Inventarium und Jahresrechnung in der Hand, vorzurechnen: sondern daß es ihm bloß darum zu tun ist, den Kontrast ihrer beiderseitigen Denkungsart auf eine feine Art bemerkbar zu machen; daß er an seinem Sabinum absichtlich auf die Eigenschaften, die in des andern Augen wenig zu bedeuten hatten, den meisten Wert legt; und daß überhaupt alles, was er in diesem Artikel sagt, nur Einleitung und Vorbereitung zu dem vertraulichen moralischen Examen ist, welches er mit diesem vorgeblichen Biedermann und Weisen anstellen wollte. . Was dich betrifft, sei wirklich – was du immer dich nennen hörst, so lebst du sicherlich, so wie man soll. Schon lange preist ganz Rom dich laut als einen seiner Glücklichen. Und doch besorg' ich, daß du andern mehr in diesem Stücke glaubest, als dir selbst. Es ist bei dir so ausgemacht wohl nicht, daß nur der Weis' und Gute glücklich ist: und da die Leute dir so viel von deiner \<10\> multa fruge pecus, multa dominum iuvet umbra? dicas adductum propius frondere Tarentum. Fons etiam rivo dare nomen idoneus, ut nec frigidior Thracam nec purior ambiat Hebrus, infirmo capiti fluit utilis, utilis alvo. \<15\> Hae latebrae dulces et iam, si credis, amoenae, incolumem tibi me praestant septembribus horis. Tu recte vivis, si curas esse, quod audis. Iactamus iam pridem omnis te Roma beatum, sed vereor, ne cui de te plus quam tibi credas, \<20\> neve putes alium sapiente bonoque beatum; Gesundheit Rühmens machen, und wie wohl dir sei, wer weiß, ob dirs vielleicht nicht gar wie jenem geht, der ein geheimes Fieber zur Tafelzeit verhehlt, bis ihm vor Zittern der fette Bissen aus den Händen fällt. Ein Tor verschweigt aus falscher Scham dem Arzte sein Übel, bis es ganz unheilbar wird. Wenn jemand dir von Siegen säng', erfochten zu Wasser und zu Land, und kitzelte mit diesen Worten deine müßigen Ohren: »Ob feuriger dich der Römer liebe, oder du dein Rom, das wolle Zeus zu unserm Heil und deinem ewig unentschieden lassen!« sogleich erkanntest du das Lob Augusts Vielleicht ist niemals einem Fürsten eine schönere und feinere Schmeichelei gesagt worden, als diese. Das Wunderbarste dabei ist, daß Horaz nichts sagt, was nicht buchstäblich wahr gewesen wäre. Die Römer liebten Augusten wirklich, von dem Jahre 727 an, mit einer Schwärmerei, die an Stärke und Dauer schwerlich ihres gleichen in der Geschichte hat: und August spielte seine Rolle eines Vaters und Schutzgottes so gut, daß er sich endlich wohl selbst einbilden mochte, er liebe die Römer hinwieder so zärtlich, als er sie immer davon zu überzeugen suchte. . Doch, wenn du leidest, daß die Leute weis' und tugendhaft dich nennen, Lieber! sprich, antwortest du, als gält' es wirklich dir? »Nun freilich«, sprichst du, »hört man gerne, du so gut als ich, sich klug und bieder nennen.« Wenn's also nur auf fremde Meinung ankommt, so kann das Volk, das diesen Namen heute neu si te populus sanum recteque valentem dictitet, occultam febrem sub tempus edendi dissimules, donec manibus tremor incidat unctis. Stultorum incurata pudor malus ulcera celat. \<25\> Si quis bella tibi terra pugnata marique dicat et his verbis vacuas permulceat aures: »Tene magis salvum populus velit, an populum tu, servet in ambiguo, qui consulit et tibi et urbi, Iupiter« – Augusti laudes agnoscere possis: \<30\> cum pateris sapiens emendatusque vocari respondesne tuo, dic sodes, nomine? – »Nempe vir bonus et prudens dici delector, ego ac tu.« Qui dedit hoc hodie, cras, si volet, auferet, ut si dir übertrug, ihn morgen wieder nehmen, just, wie es einem, dem es unverdient die Fasces gab, sie wieder nehmen kann. Sprichts: »Sie sind mein, leg ab!« – so leg' ich ab und schleiche traurig weg. Und wenn mich nun besagtes Volk für einen Ehebrecher und Dieb verschriee, mir ins Angesicht behauptete, ich hätte meinen Vater erdrosselt, – soll ich mich entfärben und die Lügen mir das Herz durchschneiden lassen? Unechte Ehre, unverdiente Schmach befriedigt oder schreckt nur einen schwachen des Arzts bedürft'gen Menschen. – » Wer ist also ein Biedermann? « – Gewöhnlich ist die Antwort gleich bei der Hand: »Wer den Gesetzen und Verordnungen der Obrigkeit sich fügt; wer oft als Richter Händel von Belang geschlichtet; wessen Wort, er spreche nun als Bürge oder Zeug', entscheidend ist.« Und doch kennt manchen, der dies alles ist, sein Haus und seine ganze Nachbarschaft für einen, der die Tugend nur als eine Maske, detulerit fasces indigno, detrahet idem. \<35\> »Pone, meum est,« inquit, pono tristisque recedo. Idem si clamet furem, neget esse pudicum, contendat laqueo collum pressisse paternum, mordear opprobriis falsis mutemve colorem? Falsus honor iuvat et mendax infamia terret \<40\> quem nisi mendosum et medicandum? Vir bonus est quis? »Qui consulta patrum, qui leges iuraque servat; quo multae magnaeque secantur iudice lites; quo res sponsore et quo causae teste tenentur.« Sed videt hunc omnis domus et vicinia tota den innern Schalk zu decken, um sich hing. Sagt mir ein Sklav: »Ich habe nicht gestohlen, bin nie entlaufen« – »Gut«, ist meine Antwort, »dafür hast du zum Lohne, daß du nicht gestäupt wirst« – »habe keinen Mord begangen« – »so wirst du nicht am Kreuz die Raben weiden!« – »Ich bin ein Biedermann« – Halt! ruft der kleine Sabiner Horaz meint unter dem Sabellus ohne Zweifel sich selbst; und wenn er den Sabinern, zumal an einer Stelle, wo es um Bestimmung des Begriffs der Rechtschaffenheit zu tun ist, dadurch Ehre erwies, so glaubte er gewiß sich selbst nicht weniger zu ehren, indem er sich zum naturalisierten Landsmann eines so tugendlichen Volkes machte. Daß er damit auf den angeblich Sabinischen Ursprung der Venusiner , unter denen er geboren war, ausdrücklich habe deuten wollen, wie die Scholiasten meinen, scheint mir nicht in seiner Manier zu sein. – Der utopische Philosoph Sabellus, welchen Torrentius hier träumt, kommt in gar keine Betrachtung. , halt! dies leugn' ich schlechterdings. Denn auch der schlaue Wolf scheut vor der Grube, der Hühnerweih vor den verdächt'gen Schlingen, der Hecht vor dem verborgnen Hamen, sich. Des Guten Haß der Sünd' ist Tugendliebe: Du schonest nur dich selbst aus Furcht der Strafe, und wie du unentdeckt zu bleiben hoffst, ist nichts zu heilig, nichts zu schändlich dir. Denn wenn du mir von tausend Metzen Bohnen nur eine stiehlst, so ist zwar mein Verlust geringer, doch nicht kleiner deine Schuld Horaz philosophiert noch immer mit seinem Sklaven; die Anwendung überläßt er dem Quinctius. . \<45\> introrsum turpem, speciosum pelle decora. »Nec furtum feci nec fugi«, si mihi dicat servus: »habes pretium, loris non ureris«, aio; »non hominem occidi«: »non pasces in cruce corvos«; »sum bonus et frugi«: renuit negat atque Sabellus. \<50\> Cautus enim metuit foveam lupus, accipiterque suspectos laqueos, et opertum miluus hamum. Oderunt peccare boni virtutis amore: tu nihil admittes in te formidine poenae; sit spes fallendi, miscebis sacra profanis. \<55\> Nam de mille fabae modiis cum surripis unum, damnum est non facinus mihi pacto lenius isto. Der Ehrenmann, von dem wir eben sprachen, wenn er im Angesicht des ganzen Volkes mit einem Ochsen oder Schwein die Götter sich günstig macht, und erst aus voller Brust sein Vater Janus fei'rlich angestimmt hat, bewegt hernach, aus Furcht gehört zu werden, die Lippen bloß und betet fort: »O schöne Laverna Dies heimliche Gebet an die Göttin der Diebe , welches Horaz seinem Heuchler auf eine so humoristische Art in den Mund legt, war wenigstens nicht anstößiger, als der lange Rosenkranz in den Klauen der alten graubärtigen Sünder von Señor Monipodios Bande, in einer von Cervantes Erzählungen Novella III. Riconete y Cortadillo , im I. Teil der Novellas Exemplares . . – Da übrigens bei dem römischen Pöbel alles seinen besondern Schutzgott hatte, so ist sehr begreiflich, wie die gute Nymphe Laverna , in deren heiligen Hain die ersten Römer unter Romulus ihren gemachten Raub in Sicherheit zu bringen pflegten, in der Folge zu der Ehre gekommen, von den Dieben und ihres gleichen zu ihrer Patronin erhoben zu werden. – Wer etwas sehr Abgeschmacktes zu lesen Lust hat, dem empfehlen wir die Abhandlung des Herrn von Foncemagne über diese Göttin im 7ten Teil der Mémoires de Littérature . , gib zu meinem falschen Spiele mir ferner Glück! Verleih mir, tadelfrei zu scheinen und gerecht! mach's, wenn ich sündige, Nacht um mich her, und wirf wie einen Schild die dickste Wolke meiner Schalkheit vor.« Warum der Filz, der auf der Straße sich, um einen Dreier aus dem Kot zu heben, zur Erde bückt, warum er besser, freier als jeder Sklave sei, begreif' ich nicht. Wen Habsucht plagt, der fürchtet zu verlieren, und wer sich fürchtet, heißt mir nimmermehr ein freier Mann. Wer immer lauft und rennt, um Geld auf Geld zu häufen, bis er drunter zu Boden sinkt, ist mir kein beßrer Mann, als wer am Tag der Schlacht die Waffen von sich warf, er hat die Tugend, seinen angewiesnen Posten, Vir bonus, omne forum quem spectat, et omne tribunal, quandocumque deos vel porco vel bove placat, Iane pater, clare, clare cum dixit Apollo, \<60\> labra movet, metuens audiri: »Pulchra Laverna, da mihi fallere, da iustum sanctumque videri, noctem peccatis et fraudibus obice nubem!« Qui melior servo, qui liberior sit avarus, in triviis fixum cum se demittit ob assem, \<65\> non video: nam qui cupiet, metuet quoque, porro qui metuens vivet, liber mihi non erit umquam; perdidit arma, locum virtutis deseruit, qui verlassen, Ehr' und Freiheit ist verwirkt; doch laß ihn leben, wie man dem Gefangnen, der noch verkäuflich ist, das Leben läßt! Er kann als Sklav noch gute Dienste tun, ist abgehärtet, Arbeit, Frost und Hunger zu dulden, laß ihn schanzen, oder Schweine hüten. Auch taugt er gut, als Kaufmann, um Gewinst durch Sturm und Wellen seine Haut zu wagen, die Lebensmittel uns bei gutem Preis erhalten zu helfen, Korn und übriges Bedürfnis als lastbar Tier dem Markte zuzutragen Man war zu Horazens Zeiten noch weit davon entfernt, von der Handelschaft und denen, die sie treiben, so ehrenvolle Begriffe zu hegen, wie in unsern Zeiten aus guten Ursachen geschieht. Die Sache hat mehr als eine Seite, und der Gesichtspunkt, woraus die alten Philosophen sie ansahen, ist den Handelsleuten eben nicht günstig. Überdies ist auch hier nur von dem bloß mechanischen und lastbaren Teil der zu dieser Klasse gehörigen Personen die Rede. . Der wahre Biedermann, der wahre Weise ist der, der einem Pentheus sagen darf: »König von Theben, was Unwürdiges kannst du zu leiden oder tun mich zwingen?« Unser Dichter fand hier eine Stelle in den Bacchantinnen des Euripides , die er mit einigen Veränderungen gebrauchen konnte, um das Bild vom rechtschaffnen Mann – wodurch er seinen Freund Quinctius zu gehöriger Selbsterkenntnis zu bringen sucht – mit dem letzten Zug zu vollenden. Im Euripides ist es Dionysos ( Bacchus ), der mit dem König Pentheus von Theben hadert, weil dieser (wie jeder andre vernünftige Regent auch getan hätte) das angebliche Göttliche in den nächtlichen Mysterien, welche Bacchus mit den Thebanischen Frauen beging, nicht anerkennen wollte. Der König, der alle Ursache zu haben glaubt, den schönen jungen Menschen, der vor ihm steht, für einen Betrüger zu halten, droht ihm, daß er ihn für seine Frechheit bestrafe wolle. So sage dann, antwortet ihm Dionys . Was muß ich leiden? Nenne mir das Schrecklichste, das du mir antun kannst? Penth . Fürs erste werd' ich dir den schönen traubengleichen Bart herunterschneiden. Dionys . Mein Bart ist heilig, ich nähre ihn dem Gott. Penth . Dann werd' ich diesen Thyrsos aus der Hand dir reißen.– Dionys . Nimm ihn hin, er ist des Dionysos, der ihn mir gegeben. Penth . Dich selber will ich hier in Fesseln halten. Dionys . Sobald ich will, wird sie der Gott mir lösen. Da Dionysos der Gott selbst war, von dem er spricht, an dessen Gottheit der größte Teil der Zuschauer glaubte, so sieht man leicht, worin das Interessante dieses Dialogs für das griechische Parterre lag. Aber damit hat Horaz hier nichts zu schaffen; und die Stelle hat dadurch, daß er einen rechtschaffnen Mann an die Stelle des Gottes in Menschengestalt setzt, an Erhabenheit mehr gewonnen als verloren. Auch die Auslegung, die er nach den Grundsätzen der Stoiker von den letzten Worten des Bacchus macht, ist sinnreich und schicklich: ich kann sterben ; dies ist ein Befreiungsmittel, welches Gott (ein Synonymum für Natur bei den Stoikern ) immer in meine Macht gestellt hat, und wodurch ich dem Ärgsten, was du mir tun kannst, immer zuvorkommen kann. »Ich nehme dir«, spricht jener, »dein Vermögen.« »Du meinst mein Vieh, mein Feld, mein Hausgerät und Silber? Nimms!« – »Ich lasse dich mit Fesseln an Hand und Fuß in einen Kerker werfen, woraus dich niemand retten soll!« »Gott selbst, semper in augenda festinat et obruitur re. Vendere cum possis captivum, occidere noli: \<70\> serviet utiliter, sine pascat durus aretque, naviget ac mediis hiemet mercator in undis, annonae prosit, portet frumenta penusque. Vir bonus et sapiens audebit dicere: »Pentheu, rector Thebarum, quid me perferre patique \<75\> indignum coges?« »Adimam bona.« »Nempe pecus, rem, lectos, argentum? tollas licet.« »In manicis et compedibus saevo te sub custode tenebo.« sobald ich will, wird meine Bande lösen.« Vermutlich will er sagen, ich kann sterben! denn aller Leiden Endpunkt ist der Tod. »Ipse deus, simul atque volam, me solvet.« Opinor hoc sentit: moriar! Mors ultima linea rerum est. Siebzehnter Brief An Scäva Einleitung Außer dem wenigen, was sich aus diesem Briefe selbst abnehmen läßt, ist von der Person des Mannes, an den er geschrieben ist, nicht das mindeste bekannt. Man kann wahrscheinlicherweise vermuten, daß er von keiner ganz unansehnlichen Herkunft gewesen; vielleicht ein Sohn des tapfern Cassius Scäva , dessen Julius Cäsar im 53. Kap. des III. Buchs der Geschichte seines Bürgerkriegs so rühmlich erwähnt Er war einer von den vier Centurionen in Cäsars Armee, welche einen befestigten Posten bei Dyrrhachium mit einer Hartnäckigkeit, die fast ohne Beispiel ist, verteidigten, ungeachtet der Angriff so heftig war, daß sich der Schild dieses Scäva von 230 Pfeilschüssen durchbohrt befand. Cäsar beschenkte ihn für diese Tapferkeit, die er an diesem entscheidenden Tage bewiesen hatte, mit 6000 Talern, und beförderte ihn vom achten zum ersten Rang in seiner Kohorte. – daß er sich bisher, wiewohl mit keinem sonderlichen Erfolg, an einen der Großen in Rom angeschlossen; daß ihn die wenige Hoffnung, seine Glücksumstände auf diesem Wege zu verbessern, mißmutig und unschlüssig gemacht, ob er fortfahren oder sich zurückziehen sollte; und daß Horaz unter diesen Umständen die vorliegende Epistel an ihn gerichtet habe, um ihn aufzumuntern, ihm das, was jener in seinem Unmut vielleicht Dienstbarkeit genannt hatte, in einem ganz andern Lichte zu zeigen – und ihm zugleich, mit guter Art, zu verstehen zu geben, worin er es vielleicht versehen, und wovor er sich mit den Großen am meisten in Acht zu nehmen habe. Der bekannte Streit zwischen Diogenes und Aristippus gibt ihm hiezu einen Stoff, den er zu seiner besondern Absicht aufs feinste zu verarbeiten weiß: indem er im Aristipp das Muster und Ideal eines Philosophen am Hofe darstellt, eines Mannes, der mit Königen zu leben weiß, ohne weder seine Freiheit noch seinen Charakter aufzugeben; und indem er seinen Freund zu überzeugen sucht, daß es noch mehr Tugend , d. i. mehr Verstand, Klugheit, Mut, Festigkeit, Gewalt über sich selbst, und Kraft zum Ausdauern erfordre, die Rolle eines Aristipps, als die eines Diogenes, gut zu spielen. Wiewohl du, Scäva , dir genugsam selbst zu raten weißt, und keines Unterrichts, wie mit den Großen umzugehen ist, bedarfst: so höre doch, zum Überfluß, was dein selbst lehrbedürft'ger kleiner Freund hierüber sagen kann, wie wenn ein Blinder zum Führer einem Wandrer sich erböte. Laß sehn! Wer weiß, ich sage doch vielleicht noch etwas, das du gern dir eigen machest. Wenn du die Ruhe liebest, deinem Schlaf nicht gerne abbrichst, auch den Straßenstaub nicht wohl ertragen kannst, und wenn das Knarren der Wagenräder und das Übernachten im Gasthof dir zuwider ist: so laß die Großen, wo sie sind, und schließe du dich in dein stilles Ferentinum ein Die Geographen nennen uns drei Orte, die den Namen Ferentinum führten, wovon das bekannteste an der Via Latina sieben italienische Meilen über Anagni lag, und diesen Namen noch jetzt trägt. Vermutlich hatte Scäva dort ein kleines Gut. Der Rat, den ihm Horaz gibt, wofern er seine Freiheit und Gemächlichkeit liebe, sich dahin zurückzuziehn, scheint eben nicht die Partei gewesen zu sein, die, seiner Meinung nach, dem Scäva die angemessenste war. Daher schlüpft er auch nur ganz leicht darüber hin, um sich desto länger bei demjenigen aufzuhalten, was er ihm eigentlich sagen wollte. Vermutlich kannte er seinen Freund Scäva gut genug, um zu sehen, daß er mit einer herzhaften Entschließung und mit Hülfe eines erfahrnern Erinnerers noch einen ganz leidlichen Hofmann, aber daß er auf alle Fälle nur einen schlechten Philosophen in der Einsamkeit abgeben würde. . Die Reichen sinds ja nicht allein, die froh zu leben wissen, und wer unbemerkt sich in die Welt hinein – und wieder hinausgeschlichen, hat nicht schlimm gelebt.     Quamvis, Scaeva, satis per te tibi consulis et scis, quo tandem pacto deceat melioribus uti: disce, docendus adhuc quae censet amiculus, ut si caecus iter monstrare velit. Tamen aspice si quid \<5\> et nos, quod cures proprium fecisse, loquamur. Si te grata quies et primam somnus in horam delectat; si te pulvis strepitusque rotarum, si laedit caupona, Ferentinum ire iubebo: nam neque divitibus contingunt gaudia solis, \<10\> nec vixit male, qui natus moriensque fefellit. Wofern du aber deinen Angehörigen dich nützlich machen, auch ein wenig gütlicher dir selber tun willst, nun, so halte dich an einen, der dich fetter machen kann. »Wenn Aristippus So sagt Diogenes der Cyniker, und so antwortete ihm Aristipp. Das Geschichtchen ist bekannt genug. sich mit einer Mahlzeit von Kohl behelfen könnte, würd' er nicht mit Königen leben wollen.« – »Und wenn der , der mir den Vorwurf macht, mit Königen sich zu betragen wüßte, würde Kohl ihm lose Speise sein.« Nämlich, »er würde, um des schnöden Gewinns willen – besser zu essen und eine hübschere Figur in der Welt zu machen – sich nicht gefallen lassen, was (in der Cynischen Sprache) der Scurra , oder höflicher zu reden, der Freund eines Königs, wie Dionysius , sich gefallen lassen muß.« Dies ists, was Diogenes dem schmucken, wohlgenährten, in Purpur gekleideten Aristipp vorrückte. – Ich vermute, Scäva hatte in einem Anstoß von böser Laune – in einem von den Augenblicken, wo sich jedermann für einen Philosophen hält, – über die Großen und die Mühseligkeit ihres Dienstes gegen Horazen so etwas in diesem Tone fallen lassen: »Wozu brauch' ich das alles? Kann ich nicht von Kohl und Wurzeln leben so gut wie Diogenes? Und wenn ich das kann, was hab' ich nötig, mich von einem Großen hudeln zu lassen?« – Gut! antwortet ihm sein Freund: aber wenn du mit den Großen umzugehen wüßtest, so würdest du weniger gehudelt, und brauchtest nicht von Kohl zu leben. Ich geh' es zu, es ist eine Kunst, von Kohl zu leben und glücklich zu sein: aber mit Königen zu leben ist auch eine Kunst. Jede hat ihre Ungemächlichkeiten, jede ihre Vorteile. Die Frage ist nur: bei welcher wirst du deine Rechnung am besten finden? Nun sprich, mein Scäva, wer unter diesen beiden scheint dir Recht zu haben? – Oder, weil du doch der Jüng're bist, vernimm von mir, warum die Meinung Aristipps die beßre sei. Doch, hör' ihn lieber selbst, und wie geschmeidig er dem bissigen Cyniker, der ihn schon fest zu halten vermeinte, sich entwunden haben soll. »Wenn ich den Narren spiele, tu' ichs mir zulieb; du gibst dem Volk dich Preis – um nichts. Was ist nun klüger und was ziemt sich besser Si prodesse tuis pauloque benignius ipsum te tractare voles, accedes siccus ad unctum. »Si pranderet olus patienter, regibus uti nollet Aristippus.« – »Si sciret regibus uti, \<5\> fastidiret olus, qui me notat.« Utrius horum verba probes et facta, doce, vel iunior audi, cur sit Aristippi potior sententia. Namque mordacem Cynicum sic eludebat, ut aiunt: »Scurror ego ipse mihi, populo tu: rectius hoc et \<20\> splendidius multo est, equus ut me portet, alat rex; für einen Ehrenmann? Der König gibt mir seine Tafel und ein hübsches Pferd aus seinem Stall; dafür verricht' ich meinen Dienst Offcium facio – Aristipp veredelt sein Amt, dem König die Langweile zu vertreiben, zu einem Hofdienst . Es gibt deren so viele, welche reichlich mit der gegenteiligen Tugend begabt sind, daß es kein Wunder ist, wenn die Könige auf die Dienste im Aristippischen Geschmack einen Wert legen, wovon ihre Schatzmeister nicht immer so überzeugt sind, als sie selbst. Indessen ging's dem Dionysius mit seinem Spaßmacher, wie Montaignen mit seiner Katze . » Scurror ipse mihi , sagt Aristipp: der König meint, er treibe den Narren mit mir ; aber um Vergebung wenn ich ihm Kurzweil mache, so ists bloß, weil er mir gute Tage macht; und sobald ich selbst aufhöre den Spaß angenehm zu finden, sind wir geschiedene Leute.« – Unser Dichter befand sich mit August und Mäcen ungefähr in dem nämlichen Falle; aber das Sonderbarste dabei ist, daß er kein Bedenken trug, einen Brief, worin er so viel von seinem Geheimnis ausplaudert, öffentlich bekannt zu machen. Experti in arte werden vielleicht daraus folgern, daß er sich bloße Gerechtigkeit habe widerfahren lassen, da er im Eingang dieses Briefs nur ein sehr kleiner Meister in Hofkünsten zu sein bekennt. Immer macht's Augusten und Mäcenen Ehre, daß sie groß genug waren, auf solche Dinge nicht zu achten, und daß Horaz ihnen das zutrauen durfte . ; du schnappst, wenn dich der Hunger kirre macht, nach einem Brocken schimmlicht Brot, den dir ein schmutz'ger Kerl wie einem Hunde zuwirft, und prahlest noch mit deinem Nichtsbedürfen?« Was mir am Aristipp gefällt, ist, daß ihm jede Farbe, jedes Glück wohl anstand. Arm oder reich, im netten Hofkleid oder im schlechten Überrocke, blieb er immer sich selber ähnlich, immer wie er war, gerade recht, doch so, daß auch nichts Bessers für ihn zu gut war Ich glaube nicht, daß irgend ein andrer den Charakter Aristipps, dessen Philosophie so individuell ist als sein Charakter, besser ins Auge gefaßt und feiner gezeichnet habe, als Horaz in dieser schönen Stelle. Man hat den Philosophen von Cyrene meistens so schief beurteilt, als man gewöhnlich jeden zu beurteilen pflegt, der seine eigne Art zu existieren hat, und nichts anders vorstellen will, als sich selbst . Der Philosoph Demonax pflegte zu sagen: ich verehre den Sokrates, bewundre den Diogenes, und liebe den Aristippus Lucian im Leben des Demonax. . Wenn man bewundern soll, was das Seltenste und Außerordentlichste ist, so verdient Aristippus die Bewunderung: denn so selten auch die wahren Diogenesse von jeher gewesen sind, so wird man ihrer doch zehn gegen einen Aristippus finden. Zwar läßt sich die Art, wie er dachte und lebte, in ein System bringen, und ein System läßt sich lernen : aber die Geschicklichkeit , der gute Anstand , womit ers ausübte, das läßt sich in kein System bringen und mit keinem Formular umschreiben: und gerade dieses Wohlanstehende im Handeln, welches er (wie Apelles seine Grazie) vor andern seines gleichen voraus hatte, war's, was ihn zu einem so seltnen Mann machte, und ihm so große Vorrechte gab. Diogenes selbst war nicht freier mit der Zunge, als er. Aristipp durfte alles sagen, alles tun, weil er immer alles auf die rechte Art und zur rechten Zeit sagte und tat, immer im Moment fühlte, was sich schickte oder nicht schickte, wie weit er gehen konnte, und was Genug war – ein Gefühl, das in der Kunst des Lebens , so gut wie in allen andern Künsten, den wahren Meister auszeichnet. Daher konnte er zu Syrakus den Höfling spielen, den Dionysius belustigen, Geschenke von ihm annehmen, ja sich wohl gar zuweilen übel von ihm begegnen lassen, ohne seine Würde dabei zu verlieren, und dem Hofe oder dem Fürsten selbst verächtlich zu werden. Daher konnte er, je nachdem sichs für ihn schickte, in einem zierlichen oder schlechten Aufzug erscheinen, ohne in jenem einem Gecken oder in diesem einem schlechten Menschen ähnlich zu sehen. Daher kam es, daß er nie verlegen war, was er zu sagen oder zu tun hätte, in welchen Umständen er sich auch befand, oder wes Standes, Geschlechts und Charakters die Personen sein mochten, mit denen ers zu tun hatte. Daher war er überall einheimisch, überall in seinem eignen Elemente; wickelte sich aus jeder Schwierigkeit, machte jeden Vorteil gelten, fand immer an jedem Dinge die gute oder wenigstens die leidliche Seite, wurde durch keinen Verlust mutlos, durch kein Glück übermütig, kurz, daher war das ’Έχω, ουκ έχομαι der Schlüssel zu seinem ganzen Leben. Wo hätte Horaz zu seiner dermaligen Absicht ein vollkommneres Urbild finden können, um es seinem Freunde Scäva als einen Spiegel vorzuhalten? . Wundern sollte michs, wenn diesen, den die Notphilosophie in Zwilch verhüllt', ein Hofrock auch so gut gekleidet hätte. Jener wartet dir auf keinen Purpurrock, geht, wenn nichts Bessers zur Hand ist, unbeschämt im schlechtesten dir mitten übern Markt, spielt beide Rollen, so wie sie an ihn kommen, gleich geschickt. Hingegen läuft der finstre Cyniker vor einem reichen Rock wie vor der Pest; officium facio, tu poscis vilia rerum dante minor, quamvis fers te nullius egentem.« Omnis Aristippum decuit color et status et res, temptantem maiora fere, praesentibus aequum. \<25\> Contra, quem duplici panno patientia velat, mirabor, vitae via si conversa decebit. Alter purpureum non expectabit amictum, quidlibet indutus celeberrima per loca vadet, personamque feret non inconcinnus utramque. \<30\> Alter Mileti textam cane peius et angue eh' friert er sich zu Tode, wenn du ihm nicht seinen groben Kittel wiedergibst. So gib ihn dann und laß den Narren laufen! Des Staats Geschäfte tun, besiegte Feinde dem Volk in Fesseln zeigen, heißt sich Bahn zum Himmel machen und bis an den Thron des Weltbeherrschers reichen: aber auch den Ersten im Staat gefallen , ist kein schlechtes Los. Die Reise nach Korinth ist freilich keine Sache für jedermann Dies war ein bekanntes Sprüchwort S. Erasmi Adag. IV. 4. 68. , um dessen Ursprung wir uns hier nicht bekümmern wollen; genug, daß es von Unternehmungen gebraucht wurde, wozu Geschicklichkeit und Herz gehörte, und daß es Horaz hier in diesem Sinne nimmt. Sein Räsonnement läuft, deucht mich, darauf hinaus: »Die erste Frage ist, ob du zu Korinth was zu suchen hast, das der Mühe wert ist, oder nicht? Ich setze den ersten Fall; so ist nun die zweite Frage: ob du dir dahin zu kommen getrauest? Denn die Sache hat ihre Schwierigkeiten. Schrecken dich diese ab; fühlst du voraus, daß du stecken bleiben würdest: so tust du am besten, du bleibst zu Hause. Da ist aber ein andrer, der eben das in Korinth zu suchen hat, was du, und der sich durch die Gefahr nicht erschrecken läßt. Er sagt sich selbst: was ich suche, ist nun einmal zu Korinth und sonst nirgends; ich muß also nach Korinth, es koste, was es wolle: und damit wagt ers, kommt glücklich hinein, erhält, was er gesucht hat, und Ehre und Preis noch obendrein.« – Die Anwendung von dem Gleichnis auf die Angelegenheiten des Freundes Scäva macht sich von selbst. Das Glück, das er durch die Gunst eines Großen machen wollte, war für ihn die Reise nach Korinth . . Wer des Versuchs sich nicht getraut, bleibt, wo er ist, und tut daran nicht übel: aber wer das Abenteuer bestanden und nun dort ist, hat er sich nicht wie ein Mann gehalten? Und wenn nun das, was man sucht, dort oder nirgends ist, wie dann? Was ist davon zu sagen, als: der eine scheut die seinem kleinen Körper und kleinen Mut zu große Last, der andre hält frisch den Rücken hin und trägt sie fort. Kurz, Tugend ist entweder nur ein leerer Name, oder Ruhm und Glück gebührt dem Manne, der sein alles dran gesetzt Torrentius meint, Horaz werfe hier einen spottenden Seitenblick auf den Satz der Stoiker: daß die Tugend sich selbst genugsam sei . Der gute Bischof nennt dies ein praedurum dictum , und es verdiente einen noch härtern Namen, wenn es so weit ausgedehnt würde, daß niemand tugendhaft heißen könnte, als wer die übrigen Güter dieses Lebens gar keiner Mühe wert schätzt. Ich glaube, was Horaz hier mit den wenigen Worten, die er dazu braucht, sagen wollte, ist dies: »Diogenes würde es dem Aristipp nicht eingestehen wollen, daß mehr Tugend dazu gehöre, ein gewisses Glück zu machen und sich darin zu erhalten, als, es entbehren zu können. Gleichwohl ist nichts wahrer. Es ist damit, wie mit der Schiffahrt nach Korinth. Zu Hause zu bleiben ist keine große Kunst; und wenn derjenige, der nichts hat, weil er nicht Unverdrossenheit und Tätigkeit genug besaß, etwas zu erwerben, mit seinem Zustande zufrieden ist: so erspart er sich bloß die Beschämung, noch dazu ausgelacht zu werden; denn über wen wollte er murren, als über sich selbst? Also, entweder ihr wißt nicht, was ihr mit eurer Tugend wollt: oder ihr müßt zugeben, daß ein Mann, der die Entschlossenheit, die Geduld, die Standhaftigkeit, die Klugheit, kurz alle die Tugenden, die zu Erreichung seines Endzwecks nötig sind, mit gutem Erfolg angewandt hat, die Ehre und die Vorteile, die ihm daher zugewachsen, als eine verdiente Belohnung ansehen könne.« – Man sieht, daß Horaz seinem Freunde Scäva die Schiffahrt nach Korinth von der schönsten Seite zeigen wollte. . vitabit chlamydem; morietur frigore, si non rettuleris pannum. Refer, et sine vivat ineptus. Res gerere et captos ostendere civibus hostes, attingit solium Iovis et caelestia temptat: \<35\> principibus placuisse viris non ultima laus est. Non cuivis homini contingit adire Corinthum; sedit qui timuit, ne non succederet; esto! Quid, qui pervenit, fecitne viriliter? Atqui hic est aut nusquam, quod quaerimus: hic onus horret \<40\> ut parvis animis et parvo corpore maius; hic subit et perfert. Aut virtus nomen inane est, Noch eins zum Schlusse. Wer vor seinem Fürsten von seiner Armut schweigt, trägt mehr davon, als wer beständig bettelt. Ob du dankbar und zufrieden annimmst oder hastig zugreifst, macht einen großen Unterschied! – »Es liegt mir eine Schwester ohne Mitgift, eine arme Mutter mir auf dem Hals; mein Gut ist unverkäuflich, und gleichwohl nährt es mich nur kümmerlich.« Wer so spricht, schreit um Brot , und gleich ist noch ein Hungerleider da, der auf die Hälfte des Laibs, der ihm gereicht wird, Anspruch macht. Daß doch der Rabe seinen Fraß nicht schweigend verzehren kann! Er hätte mehr zu essen, und minder Neid und Hader. Wer mit einem Großen die Reise nach Brundusium, oder nach dem reizenden Surrentum macht, und über die schlimmen Wege, über rauhe Luft und Regen wehklagt, oder daß sein Kuffer erbrochen und Gerät und Reisegeld gestohlen worden, macht damit sich bloß des alten Pfiffs der Buhlerin verdächtig, aut decus et pretium recte petit experiens vir. Coram rege suo de paupertate tacentes plus poscente ferent: distat, sumasne pudenter \<45\> an rapias; atqui rerum caput hoc erat, hic fons. »Indotata mihi soror est, paupercula mater, et fundus nec vendibilis, nec pascere firmus«, qui dicit, clamat, victum date! Succinit alter: »Et mihi dividuo findetur munere quadra!« \<50\> Sed tacitus pasci si possit corvus, haberet plus dapis et rixae multo minus invidiaeque. Brundusium comes aut Surrentum ductus amoenum, qui queritur salebras, et acerbum frigus et imbres, aut cistam effractam aut subducta viatica plorat, die bald ein Armband, bald ein kleines Hündchen, das ihr gestohlen sei, bejammert, und dafür auch keinen Glauben findet, wenn sie wirklich zu Schaden kam und wahre Tränen weint. Dann gehts ihm wie dem Bettler, der die Leute mit falschem Beinbruch einmal um ihr Mitleid betrogen hat: nun liegt der arme Tropf dort mitten in der Straß' und hat sein Bein im Ernst gebrochen, ohne daß ein Mensch nur einen Finger rührt, wiewohl die hellen Tränen ihm von den Backen rinnen: »Lieben Leute, um Gottes willen, helft mir armen lahmen Mann! Ach! Glaubt mir doch! Beim heiligen Osiris Ungeachtet Augustus, oder Agrippa an seiner Statt, die ägyptischen Winkel-Gottesdienste aus Rom und 500 Schritte weit von den Vorstädten dieser Hauptstadt verbannt hatte Dion. L. 52. , so ließ sich doch das gemeine Volk (zumal das herumstreichende Gesindel, wovon es in Rom wimmelte) seine Andacht zu den neumodischen Göttern Osiris, Isis und Anubis nicht nehmen; und Horaz beobachtet also das Costum der Leute dieses Gelichters, wenn er den landstreichenden Bettler, dem niemand glauben will, daß er sein Bein im Ernst gebrochen habe, zu Bezeugung seines höchsten Ernsts, beim heiligen Osiris schwören läßt. , ich spaße nicht!« – »Das mach' du andern weis!« Schreit unerbittlich ihm die Nachbarschaft entgegen. \<55\> nota refert meretricis acumina, saepe catellam saepe periscelidem raptam sibi flentis; uti mox nulla fides damnis verisque doloribus adsit. Nec semel irrisus triviis attollere curat fracto crure planum; licet illi plurima manet \<60\> lacrima, per sanctum iuratus dicat Osirim: »Credite, non ludo, crudeles, tollite claudum!« »Quaere peregrinum«, vicinia rauca reclamat. Achtzehnter Brief An Lollius Einleitung Es ist kein einleuchtender Grund vorhanden, warum wir diesen Lollius nicht für ebendenselben halten sollten, an den der zweite Brief geschrieben ist, nämlich für einen Sohn oder Neffen des M. Lollius, der im J. 733 Konsul gewesen war, und nicht für diesen Konsularen selbst, wie Torrentius getan hat. Baxter , der sich geneigt bekennt, zu glauben, daß der Lollius dieses Briefes und der Scäva des 17ten eine und ebendieselbe Person sei, und Geßner , der ihm beistimmt, berufen sich teils auf die unbedeutende Autorität eines namenlosen alten Scholiasten, der den besagten Scäva Scaevam Lollium Equitem Romanum nennt, teils auf die Verwandtschaft des Inhalts beider Briefe, welche vermutlich auch die Ursache war, warum der Scholiast, mit der gewöhnlichen Dreistigkeit dieser Leute, beide Namen zusammengeworfen und einen Mann daraus gemacht hat. So schwache Gründe fallen von sich selbst. Man braucht nur beide Briefe zu lesen und zu vergleichen, um zu sehen, daß Scäva und Lollius zwei sehr verschiedene Personen sind; und die Briefe selbst sind es, ihrer Verwandtschaft ungeachtet, nicht weniger. Da ich für schicklich halte, dem Leser das Vergnügen dieser Vergleichung selbst zu überlassen, so begnüge ich mich, Folgendes nur überhaupt anzumerken. Seitdem August den Römern von ihrer alten Verfassung nichts als die Namen übrig gelassen, und im Grunde alle Macht zwischen ihm und seinem Schwiegersohn Agrippa geteilt war (wiewohl dieser Klugheit genug hatte, sich mit dem zweiten Rang im Staat und mit einem, dem Schein nach, bloß geborgten Glanze zu begnügen) – von dieser Zeit an, da die Julische Familie in Rom alles war, hatten junge Leute von gutem Hause keinen andern ordentlichen Weg, zu Ansehen und Einfluß zu gelangen, vor sich, als sich an einen von denjenigen anzuschließen, die entweder durch die Gunst Augusts, oder durch ihre nahe Verwandtschaft mit ihm, die wichtigsten Personen im Reiche vorstellten. Was in der Sprache eines Römers, der die bessern Zeiten der Republik noch gesehen, geradezu Sklaverei geheißen hätte, galt jetzt für ein Vorrecht . So war nun auch der junge Lollius dazu geboren , mit den Großen des Staats zu leben, um durch die Verdienste, die er sich um ihre Personen machte, dahin zu kommen, wohin man ehemals nur durch Verdienste um das Vaterland gelangen konnte: und er hatte sich zu diesem Ende, nach römischer Sitte, einen Patron , oder mächtigen Freund , erwählt, dem er noch auf eine besondere Art zugetan und verpflichtet war. Daß Lollius damals in dieser Lage gewesen, wiewohl sein Patron nicht genennt wird, ist aus dem ganzen Briefe klar; und aus dem Zuge, tu, dum tua navis in alto est, hoc age, etc. läßt sich schließen, daß er – zumal als Sohn oder naher Verwandter eines Konsularen, den Augustus mit seinem Vertrauen beehrt hatte, – schon sehr gute Aussichten gehabt habe. Horaz scheint daher auch als eine Sache, die sich von selbst verstehe, vorauszusetzen, daß sein junger Freund dazu berufen sei, gern oder ungern, auf diesem Meere fortzusegeln; und daß es nur bloß darauf ankomme, den Klippen und Sandbänken auszuweichen, an welche ihn entweder seine Unerfahrenheit, oder die Hitze und Ungeschmeidigkeit seiner natürlichen Gemütsart treiben möchte. Die Erinnerungen, welche er ihm – als ein alter Freund seines Hauses – mit sichtbaren Merkmalen einer besondern Teilnehmung, aus dem Schatze seiner Erfahrungen mitteilt, sind alle so beschaffen, daß ein Mann vom Stande des Lollius ihrer gleich vonnöten hatte, er mochte als ein bloßer Privatmann leben, oder sich im Staat hervortun wollen. Immer mußte er mit Größern und Mächtigern leben, als er war; immer hatte er einen angestammten Namen und Vermögen, kurz, Vorzüge zu behaupten, die in der neuen Verfassung täglich unsichrer zu werden schienen; immer hatte er also mächtige Freunde vonnöten, auf deren Gunst und Schutz er sich verlassen konnte. Der junge Lollius schien eines Erinnerers noch um so mehr zu bedürfen, weil noch etwas von republikanischem Blute in seinen Adern wallte; zwar nicht so viel, um die Erben Cäsars mit einem zweiten Brutus oder Cassius zu bedrohen, aber genug, um keinen sehr geschmeidigen Hofmann zu versprechen: was er doch sein mußte, wenn er im neuen Rom der Cäsarn auch nur eine leidliche Figur machen wollte. Denn wiewohl der Name und äußerliche Glanz eines Hofes unter August noch nicht Statt fand, so war doch die Sache da; und ein edler Römer, der mehr Lust hatte, seinen eignen Neigungen nachzuhängen, als sich den Großen gefällig zu machen, konnte so sicher als in der entschiedensten Monarchie darauf rechnen, daß man seiner Verdienste beim Austeilen der Belohnungen immer vergessen, und bei unangenehmen Gelegenheiten sich seiner Fehler sehr genau erinnern werde. Horaz fängt zwar seine Instruktion mit einer Warnung vor dem verächtlichen Charakter eines Scurra an; unter welchem Worte die Römer alles zusammenfaßten, was wir mit den verschiedenen Namen, Schmeichler, Schmarotzer, Speichellecker und Hofnarr, sagen wollen: aber man sieht wohl, daß es nur geschieht, um mit guter Art auf den entgegengesetzten Exzeß zu kommen, vor welchem Lollius, nach seiner freien, runden und hitzigen Gemütsart, sich weit mehr in Acht zu nehmen hatte. Überhaupt können wir sicher voraussetzen, daß unser Dichter von den besondern Umständen seines Freundes gut genug unterrichtet gewesen sei, um nichts zu vergessen, was ihm vorzüglich nötig war; wiewohl er auch Weisheit und Lebensart genug hatte, allen Schein eines direkten Tadels zu vermeiden, und das, was er bloß ihm ins Ohr sagen wollte, mit dem Allgemeinen so geschickt zu versetzen, daß seine Erinnerungen nichts Auffallendes haben konnten. Man kann diesen Brief als ein kleines praktisches Handbuch der Kunst mit den Großen zu leben ansehen, welches jeder Jüngling, den sein Schicksal auf die schlüpfrige Bahn des Hofes gesetzt hat, mit goldnen Buchstaben geschrieben und an seinen Kalender oder sein Memoranden-Buch gebunden, bei sich führen, und worin er täglich als in seinem Brevier beten sollte: des Morgens, um die weisen Maximen wohl zu meditieren, die er den Tag über zu beobachten haben wird; und Abends vor Schlafengehen, um dem Horaz, als einem getreuen Mentor, seine begangenen Fehler zu bekennen, und, durch eigne Erfahrung von der Weisheit seiner Lehren überführt, ihm verdoppelte Aufmerksamkeit und neuen Gehorsam für den künftigen Tag anzugeloben. Wenigstens halten wir uns versichert, die erfahrensten Meister werden einen Adepten ihrer Geheimnisse in ihm erkennen: und vielleicht werden manche eben so verwundert sein, seine Maximen, ohne es selbst zu wissen, immer ganz genau befolgt zu haben, wie es Herr Jourdain war, daß er unwissenderweise sein ganzes Leben lang Prosa gesprochen hatte. Wofern ich, wackrer Lollius, nicht sehr an dir mich irre, wirst du wohl dich hüten, da, wo du dich zur Rolle eines Freundes bekannt hast, dir den Anschein der Schmarotzerei zu geben. Größer ist der Abstand nicht von einer ehrbarn Frau zur feilen Dirne, als er vom Freunde zum Hofierer ist. Das Gegenteil von diesem Laster, und beinah das schlimmre, ist das ungeschliffne Wesen, das sich durch grobe Ungeschmeidigkeit, den kurzgeschornen Kopf und schwarze Zähne ein Ansehn geben will, und ohne Scham sich über Lebensart und Wohlstand wegzusetzen für bare Freiheit und für Tugend uns verkaufen will. Die wahre Tugend, Freund, liegt zwischen zwei Exzessen, gleich von beiden zurückgezogen, richtig in der Mitte Dies ist nach den echten Grundsätzen der Sokratischen und Peripatetischen Schule gesprochen. Sowohl das αγαθόν als das καλόν, das Materiale und das Formale jeder Tugend, liegt nach denselben mitten zwischen zu wenig und zu viel ; man nähert sich ihr um so viel, als man sich auf beiden Seiten von dem entgegenstehenden Defekt oder Exzeß entfernet; aber, genau zu sprechen, ist immer in jedem Falle nur eine Art recht zu tun , und unzählige zu fehlen , d. i. die Linie zu verfehlen, die (nach dem Ausdruck des Aristoteles ) zwischen der Hyperbole und der Ellipse der moralischen Unrichtigkeit mitten durchgeht, und die Linie der Tugend ist Μεσότης τις εστὶν η αρετή – έτι τὸ μὲν αμαρτάνειν πολλαχω̃ς έστι – τὸ δὲ κατορθου̃ν μοναχω̃ς. Χαλεπὸν δὲ τὸ επιτυχει̃ν. Καὶ διὰ ταυ̃τ' ου̃ν τη̃ς μὲν ΚΑΚΙΑΣ η ΥΠΕΡΒΟΛΗ καὶ η ΕΛΛΕΙΨΙΣ, τη̃ς δὲ ΑΡΕΤΗΣ η ΜΕΣΟΤΗΣ. Aristotel. Ethic. ad Nicomach. L. II. c. 5. . Dies gilt überhaupt von jeder menschlichen Vollkommenheit. Jede Muse , jede Venus und Grazie hat ihre bestimmte Form, ihren eignen Ton, Gang und Anstand, ihren Rhythmus und ihre Mensur. In dem feinen, schnellen und richtigen Gefühl von allem diesem, und in der sichern, zum Instinkt gewordenen Fertigkeit, es diesem Gefühl gemäß in Ausübung zu bringen, besteht alle Virtuosität . Was Wunder also, daß in allen Künsten, und in der schwersten und verwickeltsten von allen, der Kunst des Lebens , am meisten – nichts Vollkommnes unter der Sonne ist, und das Schöne , nach welchem alle Virtuosen streben, so selten erreicht, oder wo es erreicht worden, nur von so wenigen gesehen und empfunden wird? . Der eine, immer mehr, als recht ist, nachzugeben bereit, und dem, der ihm zu essen gibt,     Si bene te novi, metues, liberrime Lolli, scurrantis speciem praebere professus amicum: Ut matrona meretrici dispar erit atque discolor, infido scurrae distabit amicus. \<5\> Est huic diversum vitio vitium prope maius, asperitas agrestis et inconcinna gravisque quae se commendat tonsa cute, dentibus atris, dum vult libertas dici mera veraque virtus. Virtus est medium vitiorum et utrimque reductum. \<10\> Alter in obsequium plus aequo pronus et imi mit seinem Lachen aufzuwerten, trägt so viel Respekt vorm bloßen Wink des Gönners, hallt so gefällig seine Späße nach, schnappt jedes Wort, das ihm entfällt, im Falle so hastig auf, daß dir nicht anders ist, als ob du einen Knaben zitternd seine Lektion aufsagen, oder auf dem Schauplatz einen demütigen Vertrauten spielen hörest. Im Gegenteil erhebt der andre oft den größten Zank mit dir – um Ziegenwolle , und kämpfte, eh' er sich ergäbe, lieber mit barem Unsinn. – »Was? ich sollte dir mehr glauben, als mir selbst? Ich sollte nicht, was ich denke, von der Leber frisch wegbellen dürfen? Nein, das laß ich mir nicht nehmen, wenn's mein Leben doppelt gälte!« Der Streit betrifft auch keine Kleinigkeit! Die Frage ist, ob Kastor oder Dolichos Zwei Gladiatoren, über deren Vorzüglichkeit vermutlich damals viel gestritten wurde. sein Handwerk besser wisse? Ob die Straße des Appius oder des Minucius derisor lecti, sic nutum divitis horret, sic iterat voces et verba cadentia tollit, ut puerum saevo credas dictata magistro reddere, vel partes mimum tractare secundas: \<15\> alter rixatur de lana saepe caprina, propugnat nugis armatus: »Scilicet, ut non sit mihi prima fides et vere quod placet ut non acriter elatrem, pretium aetas altera sordet.« Ambigitur quid enim? Castor sciat an Dolichos plus? \<20\> Brundusium Minuci melius via ducat an Appi? uns etwas bälder nach Brundusium führe? Die Gunst der Großen wird nicht selten bloß dadurch verloren, daß man ihnen sich zu ähnlich stellt. Wer sich durch Tänzerinnen und Würfel ruiniert, aus eitler Hoffart sich über sein Vermögen trägt, sich schämt für ärmer als ein andrer angesehn zu sein, und unersättlich stets nach Golde hungert, kann sicher rechnen, daß sein hoher Freund, wiewohl vielleicht um zehen Laster reicher als er, ihn hassen oder wenigstens fürbaß hofmeistern wird. Er ist hierin den guten Müttern gleich, die ihre Töchter weiser und tugendreicher haben wollen, als sie selber sind, und spricht, beinahe wahr: »Wofern ich tolles Zeug beginne, Freund, so bin ich reich genug, es auszuhalten; du mußt dich nach der Decke strecken; einem verständigen Menschen deinesgleichen ziemt ein enger Rock Eine sehr weite oder sehr knappe und faltenlose Toga bezeichnete bei den Römern den reichen und vornehmen, oder den armen und gemeinen Mann. Zwischen beiden Extremen lag das Mehr oder Weniger, das jedem, nach Maßgabe seiner Umstände, geziemte. , hör' auf, das Maß zum deinen Quem damnosa Venus, quem praeceps alea nudat, gloria quem supra vires et vestit et ungit, quem tenet argenti sitis importuna famesque, quem paupertatis pudor et fuga, dives amicus \<25\> saepe decem vitiis instructior, odit et horret, aut si non odit, regit; ac veluti pia mater, plus quam se sapere et virtutibus esse priorem vult, et ait prope vera: »Meae (contendere noli) stultitiam patiuntur opes; tibi parvula res est, an mir zu nehmen.« Wem Eutrapelus Ohne Zweifel ist hier der römische Ritter Volumnius Eutrapelus gemeint, der von Cicero in der Dreizehnten Philippica unter den Vertrauten oder Collusoribus et Sodalibus (wie er sie nennt) des Triumvirs Marcus Antonius obenan gesetzt wird. Er war einer von den Elegans dieser Zeit, und war es so sehr, daß er den griechischen Beinamen Eutrapelus daher bekam, der einen Menschen bezeichnet, dessen Vorzug in allen Eigenschaften eines angenehmen Gesellschafters, besonders in der Gabe, Bons-Mots zu machen, liegt. Man kann die Bons-Mots in Verbale und Reale einteilen: von der letztern Art ist der Zug, der hier von ihm erzählt wird. Am Schlusse des siebenten Buchs der Briefe Ciceros ad Familiares befinden sich ein paar an diesen Volumnius Eutrapelus , woraus man sich einen sehr guten Begriff von ihm machen kann. »Da ich (schreibt ihm Cicero) deinen Brief nur so schlechtweg, wie unter vertrauten Freunden gewöhnlich ist, Volumnius Ciceroni , überschrieben sah, vermutete ich anfangs, daß er von dem Senator Volumnius sei, mit dem ich auf einem sehr vertrauten Fuß lebe: aber die ευτραπελία (der launische scherzhafte Ton) des Briefes machte mich gleich merken, daß er von dir kommen müsse. Alles war mir darin ausnehmend angenehm, das einzige ausgenommen, daß du, wie ich sehe, eben nicht der fleißigste Prokurator bist, mich im Besitz meiner Salinen Quod parum diligenter possessio salinarum mearum a te procuratore defenditur . So nennt er, scherzweise, das Talent, Bons-mots zu sagen, weswegen er so berühmt war. zu schützen. Denn du sagst, ich hätte der Stadt kaum den Rücken gekehrt, so würde schon alles, was wie ein Bon-Mot klinge, sogar die vom Sestius , auf meine Rechnung gesetzt. Wie? Und das lässest du so geschehen? Nimmst dich meiner nicht an? Wehrst dich nicht für mich? Ich glaubte, ich hätte doch meinen Bons-Mots einen so kennbaren Stempel aufgedrückt, daß eine Verwechslung gar nicht möglich sein sollte. Aber weil der Geschmack zu Rom, wie es scheint, in solchen Verfall geraten ist, daß sich nichts so Un-Cytherisches Der Nachdruck dieses Wortes ist auf keine andre Art übersetzlich, und konnte von ihm mit keinem lateinischen gegeben werden. In Cythere , dem gewöhnlichen Sitz der Venus , der Grazien und ihres ganzen Gefolges von Scherzen und Freuden , atmet alles Schönheit, Anmut und Lieblichkeit. Das Widerspiel von diesem allem ist Acytheron , und Cicero setzt es daher dem Venustum entgegen, welches, seiner Abstammung gemäß, alles, was eine Venus , d. i. wahre Schönheit und Anmut, in sich hat, bezeichnet. denken läßt, das nicht bei jemand für was Feines passierte: so wirf dich, wenn du mein Freund bist, von nun an zu meinem Verfechter auf, und wenn die Amphibolie Spiel mit dem Doppelsinn eines Wortes. nicht sinnreich, die Hyperbole nicht elegant, das Paragramma Eine Art von Wortspiel, wo der Scherz durch Weglassung oder Veränderung des ersten Buchstabens entsteht. nicht drollicht, das Lächerliche nicht unerwartet, kurz, wenn alle Arten von Scherzen, wovon ich in meinem zweiten Buche de Oratore in der Person des Antonius gesprochen habe, nicht kunstmäßig und scharfsinnig sind, so kannst du getrost einen körperlichen Eid ablegen, daß sie nicht von mir kommen. Was die Prätendenten an Beredsamkeit betrifft, über die du dich beschwerst, daß sie seit meiner Entfernung vom Forum Besitz genommen hätten, die fechten mich weit weniger an. Meinetwegen mögen alle Beklagte bei den Füßen geschleift werden, und mag Selius selbst beredt genug sein, um beweisen zu können, daß er kein Schurke sei: Das kümmert mich nichts. Aber im Besitz der Urbanität , mein Lieber, müssen wir uns erhalten, es koste was es wolle – wiewohl ich dir gestehen muß, daß ich mich darin vor keinem andern Mitbewerber fürchte, als vor – dir selbst « u. s. w. Dieser Brief ist wie ein Spiegel, der uns das Bild dessen zurückwirft, an den er geschrieben ist. Wer noch ein paar Züge mehr dazu haben will, kann sie im 26sten des IX. Buchs der Briefe Ciceros finden, wo von einem so eleganten Soupé bei diesem Eutrapelus die Rede ist, daß Cicero für nötig hält, sich sogar bei einem Manne, wie sein Freund Pätus war, zu entschuldigen, dabei gewesen zu sein. recht übel wollte, dem verehrt' er reiche Kleider: nun, dacht' er, wird in seinem schönen Rocke der Geck ein andrer Mann sich dünken, wird von nichts als Glücksentwürfen und gefundnen Schätzen träumend seine Morgenstunden verschlafen, was ihm obliegt, einer Buhlschaft wegen versäumen, wird auf hohe Zinsen borgen, und bald genug genötigt sein, sein Fell an eine Gladiatortruppe zu verkaufen, oder eines Gärtners blinden Schimmel um Taglohn traurig vor sich her zu treiben. Du wirst dir zum Gesetze machen, weder nach deines hohen Freunds Geheimnissen zu forschen, noch, wofern er etwas dir von selbst vertraut, es zu verraten, wenn du gleich mit Wein und Zorn gefoltert würdest. Auch wirst du niemals deinen Neigungen den Vorzug geben und die seinen tadeln; noch, wenn er auf die Jagd will, dich damit entschuldigen, du müssest Verse machen. Man sagt, die Harmonie der beiden \<30\> arta decet sanum comitem toga; desine mecum certare.« Eutrapelus cuicumque nocere volebat, vestimenta dabat pretiosa: beatus enim iam cum pulchris tunicis sumet nova consilia et spes, dormiet in lucem, scorto postponet honestum \<35\> officium, nummos alienos pascet, ad imum Thraex erit, aut olitoris aget mercede caballum. Arcanum neque tu scrutaberis illius umquam, commissumque teges et vino tortus et ira; nec tua laudabis studia aut aliena reprendes, \<40\> nec, cum venari volet ille, poemata panges. berühmten Zwillingsbrüder Zethus und Amphion sei aus keiner größern Ursach zerrissen worden; bis der sanftere Amphion, dem Humor des rauhen Bruders nachgebend, seine Leier schweigen hieß Winkelmann führt in seiner Geschichte der Kunst ein altes Denkmal von erhobener Arbeit in der Villa Borghese an, welches dieser Stelle Licht gibt und von ihr wieder empfängt. Sie scheint sich auf eine verloren gegangene Tragödie des Euripides zu beziehen, wovon Antiope , die Mutter dieser beiden Göttersöhne, die Heldin war. Derjenige, den die schöne Antiope als den Vater ihrer beiden Knaben angab, war kein geringerer, als Jupiter selbst. Da sie aber, auch in der Heldenzeit, nicht mehr Glauben fand, als ein heutiges Mädchen finden würde, welches in einer Verlegenheit dieser Art einen Heiligen aus dem Kalender angeben wollte: so sah sie sich genötigt, ihre Zwillinge an eine Landstraße auszusetzen und dem Schicksal zu überlassen. Die Knaben wurden von einem Hirten gefunden und unter Hirten auferzogen: Zethus ergriff die nämliche Lebensart; aber Amphion legte sich auf die Musik, und erhielt (wie die Fabel sagt) von Apollo eine so wundertätige Lyra, daß sie sogar die Steine tanzen und sich zusammenfügen machte. Gleichwohl, sagt unser Dichter, sei diese Lyra eine Quelle von Zwiespalt und Mißverständnis unter den beiden Brüdern geworden. Er scheint damit auf eine Szene in der Antiope des Euripides anzuspielen, aus welcher ein alter Scholiast des Plato folgenden Vers aufbehalten hat: Wirf die Leier weg, und widme dich den Waffen Winkelm. Gesch. der Kunst, I. T. S. 597 u.f. (nach der Wiener Ausgabe.) Vermutlich konnte Zethus nicht leiden, daß sein Bruder aus Liebe zur Musik alle andre Beschäftigungen vernachlässigte, und sein einziges Geschäft aus demjenigen machte, was, nach den Sitten der Heroischen Zeiten, nur ein Zeitvertreib der Krieger war. Das Denkmal, welches Winkelmann in seinen Monumenti Inediti bekannt gemacht, stellt die von Horaz hier angerühmte Nachgiebigkeit des sanften Amphions, auf eine eben so einfache als sinnreiche Weise, dar. Antiope ist darauf zwischen ihren beiden Söhnen abgebildet: Zethus ist durch einen Hut, das Zeichen des Landlebens, kenntlich gemacht: Amphion hat einen Helm auf dem Kopf, und hält die dem Bruder verhaßte Lyra halbverdeckt unter seinem Kriegskleide. . So mach' es auch. Betrachte stets die Bitten des mächtigen Freunds als mildere Befehle: und hat er seinen Jagdzeug mit den Koppeln vorausgeschickt, so spring du hurtig auf, entrunzle flugs der ungefälligen Muse gedankenvolle Stirn', und zeig' ein heitres Gesicht; die Wildpastete, die dir Müh und Schweiß gekostet, wird nur baß dir schmecken. Die Jagd stand immer in gar hohen Ehren bei unsern Römern, ist dem guten Ruf Weichliche Jünglinge, die eine feine Haut zu schonen haben, und sich vor Frost und Hitze fürchten, sind keine Liebhaber der Jagd. Nach den alten römischen Sitten klebte dem Charakter eines Weichlings eine Art von Infamie an; die Liebe zur Jagd, als ein Zeichen eines männlichen Temperaments und daß ein junger Mann noch nicht ganz aus der Art der Voreltern geschlagen, war in sofern dem guten Ruf förderlich. und der Gesundheit nütz, und stärkt die Glieder: auch ziemt sie dir besonders, da du Schnelligkeit, Gratia sic fratrum geminorum, Amphionis atque Zethi, dissiluit, donec suspecta severo conticuit lyra; fraternis cessisse putatur moribus Amphion: tu cede potentis amici \<45\> lenibus imperiis, quotiesque educet in agros Aetolis onerata plagis iumenta canesque, surge, et inhumanae senium depone Camenae, cenes ut pariter pulmenta laboribus empta; Romanis sollemne viris opus, utile famae \<50\> vitaeque et membris, praesertim cum valeas et um einen Hund zu überlaufen, Kräfte, um einen Eber zu bezwingen, hast. Und wer hat mit den Waffen umzugehen mehr Anstand? Wem wird in den Kriegesspielen des Campus Martius lauter zugeklatscht? Du dientest ja beinah als Knabe schon im Zuge gegen die Cantabrer, unter dem Feldherrn, der uns aus der Parther Tempeln die Adler wiedergab, und jetzt, was etwa noch zurück ist, unsern Waffen unterwirft Diese Stelle entdeckt uns das Alter, worin Lollius damals war, als Horaz diesen Brief an ihn geschrieben, so deutlich, daß man nicht begreift, wie gelehrte Ausleger sich darin haben irren können. Der Feldzug, welchen August in eigner Person gegen die Cantabrer unternahm, fällt in das Jahr der Stadt Rom 729. Lollius machte solchen in seiner ersten Jugend mit, noch ein Knabe , wie Horaz sich ausdrückt, d. i. da er kaum die Prätexta abgelegt hatte. Da dies nicht leicht vor dem achtzehnten Jahre geschah (wiewohl man unter August, auch in diesem Stücke, immer mehr von den alten Sitten nachließ), so kann man füglich annehmen, daß Lollius, als er, um dem Augustus die Cour zu machen, seinen ersten Feldzug unter ihm selbst tun wollte, nicht über achtzehn Jahre alt gewesen. Da nun dieser Brief (wie Horaz andeutet) bald nach der Zurückgabe der Crassischen Adler , d. i. im Jahr 734 oder 735, geschrieben worden, so konnte Lollius, als er ihn empfing, nicht über vier bis fünf und zwanzig Jahre haben; und dies stimmt auch zu dem Inhalt des ganzen Briefes, und besonders zu dem Umstand: – wem wird in den Kriegesspielen des Campus Martius lauter zugeklatscht? : Und, um dir alle Ausflucht abzuschneiden, so weiß man ja, daß du, wiewohl du nichts Unschickliches Nil extra numerumque modumque , eine Nachahmung der griechischen Redensart παρὰ μέλος. Horaz hat sich der Freiheit häufig bedient, seine Sprache aus der griechischen zu bereichern. zu tun beflissen bist, auf deinem väterlichen Gut mitunter auch Kurzweil treibst. Da werden, zum Exempel, aus kleinen Fischerkähnen zwei Schlachtordnungen formiert, und unter deiner Anführung, wie in vollem Ernst, das Treffen bei Actium von deinen Hausgenossen vel cursu superare canem vel viribus aprum possis. Adde, virilia quod speciosius arma non est qui tractet; scis quo clamore coronae proelia sustineas campestria; denique saevam \<55\> militiam puer et Cantabrica bella tulisti, sub duce qui templis Parthorum signa refigit nunc, et si quid abest, Italis adiudicat armes. Ac ne te retrahas et inexcusabilis abstes, quamvis nil extra numerum fecisse modumque \<60\> curas, interdum nugaris rure paterno: partitur lintres exercitus, Actia pugna im Kleinen vorgestellt Die Schlacht bei Actium entschied das Schicksal der damaligen Welt, indem sie den Cäsar Octavianus zum einzigen Beherrscher des römischen Reichs machte. Sie wurde die Epoke einer besondern Zeitrechnung, die unter dem Namen Aera Actiaca bekannt ist; und die zu ihrem Andenken erneuerten öffentlichen Spiele des Apollo von Actium wurden, nach den Capitolinischen , die berühmtesten und herrlichsten in der römischen Welt. Man kann sich also leicht vorstellen, wie lebhaft der Eindruck, den der entscheidende Augenblick einer so großen Revolution auf die Gemüter der Römer gemacht hatte, in den Zeiten, worin Horaz diesen Brief schrieb, noch sein mußte: und aus dieser Betrachtung wird es sehr begreiflich, wie der junge Lollius auf den Einfall kommen konnte, sich mit seinem Bruder auf dem Gute ihres Vaters eine Art von kriegerischer Kurzweil aus einer dramatischen Nachahmung dieses berühmten Seetreffens zu machen. Aber Horaz scheint, nebenher, noch eine verdecktere, wiewohl seinem jungen Freunde nicht unmerkliche, Absicht gehabt zu haben, warum er ihn, gerade bei dieser Gelegenheit, an diese Possen ( nugas ), wie er sie nennt, erinnerte. Der junge Lollius war aus einem dem Cäsar Augustus besonders ergebenen Hause entsprungen; und die Vermutung, daß er demselben durch dieses Spiel auf eine feine Art habe schmeicheln wollen, ist so natürlich, daß man glauben kann, sie werde damals einem jeden in den Sinn gekommen sein. Indessen hätte der junge Lollius, wenn es ihm so Ernst war nichts Unschickliches zu beginnen , gar wohl merken können, daß die Wohlgesinnten in Rom, und Augustus selbst, viel lieber alles, was eine Erinnerung an die unseligen Zeiten des Triumvirats mit sich führte, aus dem öffentlichen Andenken hätten verbannt wissen mögen. Da er nun demungeachtet so viel vom Hofmann in sich hatte, um, in der Meinung sich dem August gefällig zu machen, über die Besorgnis ungleicher Beurteilungen hinauszugehen: was konnte er, um sich selbst gleich zu bleiben, wider die unschuldigen Attentionen und Gefälligkeiten gegen seinen mächtigen Freund, die ihm Horaz zumutete, noch einzuwenden haben? Daher sagt er ihm, er erinnere ihn an diese seine hofmännische Kurzweil, um ihm alle Ausrede und Ausflucht abzuschneiden – und beschließt damit: es werde niemand, für dessen Steckenpferd er die gehörige Nachsicht trage, sich weigern, dem seinigen allen Beifall zu geben; eine Wendung, womit er ihm deutlich genug sagt, er könne eine solche Gefälligkeit nicht wohl anders als erga Reciprocum erwarten. . Dein Bruder ist der Feind, dein Gartenteich das Adriatsche Meer; so wird gefochten, bis die leichtbeschwingte Victoria des Siegers Schläfe kränzt: und niemand, wer dir gleiche Billigkeit für seine Launen Im Original: Studia ; die Rede ist aber hier von den steckenpferdischen Neigungen. Es fehlte einem römischen Dichter oft auch in seiner Sprache an dem eigentlichen Worte, wie uns noch öfters in der unsrigen. zutraut, wird die deinen tadeln. Sodann, und weil ich einmal am Erinnern bin, (wofern du ja Erinnerns nötig hast) bedenke wohl und oft, was du von jedem und zu wem du sprichst. Dem Frager weiche aus, er ist ein Schwätzer : Ohren, welche immer weit offen stehen, lassen leicht entfallen, was ihnen anvertraut war; und ist dir einmal ein Wort entschlüpft, so fliegts davon und läßt nie wieder sich zurückerufen. Nicht minder hüte dich, daß innerhalb der Marmorschwelle deines großen Freundes ja keiner seiner schönen Sklaven, keine te duce per pueros hostili more refertur; adversarius est frater, lacus Adria, donec alterutrum velox Victoria fronde coronet. \<65\> Consentire suis studiis qui crediderit te fautor utroque tuum laudabit pollice ludum. Protinus ut moneam (si quid monitoris eges tu) quid de quoque viro, et cui dicas, saepe videto! Percontatorem fugito, nam garrulus idem est, \<70\> nec retinent patulae commissa fideliter aures, et semel emissum volat irrevocabile verbum. Non ancilla tuum iecur ulceret ulla puerve von seinen Mädchen (die er selbst vielleicht sich vorbehielt) die Leber dir entzünde: damit er keinen Anlaß habe, weder mit einem unbedeutenden Geschenk dich abzufinden, oder, wenn er deinen Wünschen zuwider ist, sie dir zur Qual zu machen. Den Mann, den du empfehlen willst, besieh erst recht genau und oft von allen Seiten, damit nicht unversehens fremde Fehler dich schamrot machen. Doch, man kann auch wohl betrogen werden und für jemand sich verwenden, der sich dessen unwert zeigt: in diesem Fall, und wenn er seine Schuld nicht leugnen kann, entzieh ihm deinen Schutz. Ist aber der, den böse Zungen stechen, dir ganz genau bekannt: so halte fest, und stelle dich dem Mann zur Brustwehr dar, der seine Zuversicht auf dich gesetzt hat. Darf ihn der Lästrung Zahn vor deinen Augen benagen, ohne daß dein Herz dir sagt, bald könn' auch dich , was ihm begegnet, treffen? intra marmoreum venerandi limen amici; ne dominus pueri pulchri caraeve puellae \<75\> munere te parvo beet, aut incommodus angat. Qualem commendes etiam atque etiam aspice, ne mox incutiant aliena tibi peccata pudorem. Fallimur et quondam non dignum tradimus: ergo quem sua culpa premet, deceptus omitte tueri, \<80\> ut penitus notum, si temptent crimina, serves tuterisque tuo fidentem praesidio; qui dente Theonino cum circumroditur, ecquid ad te post paulo ventura pericula sentis? Brennt deines Nachbars Wand, so gilts auch dir, und Unsinn wärs, mit Löschen warten, bis das ganze Haus in hellen Flammen stünde. Um eines Mächtigen Gunst zu buhlen, deucht dem Unerfahrnen süß, gefährlich dem Erfahrnen. Du, dessen Schiff bereits im hohen Meer mit muntern Wimpeln geht, wend' alles an, daß dich kein Gegenwind zurück ans Ufer werfe. Die Großen wollen stets den Widerschein von ihrer Laun' an ihren Freunden sehen; selbst düster, hassen sie den muntern, lustig den ernsten: einem raschen ist der sanfte gesetzte, einem schläfrigen hingegen der rüstige geschäft'ge Mensch zuwider; und dem, der mit Falerner Nächte durch sich gern beträufelt, würdest du dich schlecht empfehlen, wenn du dir den dargebotnen Becher verbitten wolltest, schwürst du gleich beim Bart des Äsculap, dein Kopf und Magen könne des späten Weindunsts Hitze nicht vertragen. Nam tua res agitur, paries cum proximus ardet, \<85\> et neglecta solent incendia sumere vires. Dulcis inexpertis cultura potentis amici, expertus metuit. Tu, dum tua navis in alto est, hoc age, ne mutata retrorsum te ferat aura. Oderunt hilarem tristes, tristemque iocosi, \<90\> sedatum celeres, agilem gnavumque remissi; potores bibuli media de nocte Falerni oderunt porrecta negantem pocula, quamvis nocturnos iures te formidare vapores. Zerstreu' die Wolk' um deine Augenbraunen! Sehr oft wird, um der bloßen Miene willen, Bescheidenheit für düstern Sinn, und Stille für hämische Misanthropie gehalten. Vor allem forsche von den Weisen, toten und lebenden, wie du es machen sollst, um sanft des Lebens Strom hinab zu gleiten, damit nicht immer dich die dürftige Begierde, nicht die Furcht dich quäle, noch die Hoffnung solcher Dinge, deren Nutzen ein Kluger leicht entbehret. Forsch' und lerne von ihnen, was dich besser macht, – ob Tugend als Gabe der Natur uns angeboren, oder durch Unterricht und Fleiß erworben werde? Was deiner Sorgen Anzahl mindre? Was dir selbst zum Freund dich mach', und wahre Ruh dir schaff'? – Ob Ehre, oder Reichtum? oder ein unbemerkter schmaler Pfad durchs Leben Nichts beweiset stärker, wieviel wirklichen Anteil unser Dichter an dem jungen Lollius genommen, und wie gut er von ihm gedacht, als diese Stelle. Ein Mann von seiner feinen Lebensart ist unfähig, solche Gesinnungen – die den meisten Weltleuten entweder ganz unverständlich, oder, halb und schief verstanden, lächerlich sind – irgend jemanden sehen zu lassen, bei dem sie übel angebracht wären; und nur eine sehr warme Freundschaft kann ihn bewegen, seine Fürsorge bis auf das innere als das einzige wahre Wohl eines andern zu erstrecken. Horaz, der für sich selbst außer dem traducere leniter aevum ( den Bach des Lebens sanft hinab zu gleiten ) und dem unbemerkten Pfad durchs Leben ( fallentis semita vitae ) keine Glückseligkeit kannte, kommt, sobald er mit einem vertrautern und edlern Freunde spricht, immer auf diesen Punkt zurück. Er hätte geglaubt, mit allen den Klugheitsregeln, die er dem edeln jungen Römer gibt, die Pflicht der Freundschaft nur halb erfüllt zu haben, wenn er ihn nicht an das einzige Notwendige der Weisen , an die Sorge für die innerliche Freiheit, Ruhe und Zufriedenheit des Herzens , erinnert hätte – das einzige, was den Menschen unabhängig von dem, was außer ihm ist, was ihn sich selbst zum Freunde – was ihm, außer der Notdurft des Lebens, alles übrige entbehrlich macht. Horaz fand ohne Zweifel seinem jungen Freund um so nötiger, eine gute Provision von dieser Philosophie des Lebens auf die Zukunft zu machen: weil seine rasche, freiheitsliebende und wenig geschmeidige Sinnesart ihn, mehr als hundert andre seines gleichen, in Gefahr setzte, entweder das, was man in der Welt Glück nennt, auf halbem Wege zu verfehlen, oder sich wenigstens nicht lange darin zu erhalten. Unsre Leser wünschen vielleicht zu wissen, wie der junge Lollius sich alle diese Lehren seines freundschaftlichen Mentors zu Nutze gemacht habe? Aber wir befinden uns hierüber ohne alle historische Nachrichten; und eben dieses gänzliche Stillschweigen der Geschichte von ihm bringt uns auf die Vermutung, entweder, daß er nicht lange genug gelebt habe, um sich auf dem Schauplatz der Geschäfte hervorzutun; oder daß er, nach der von Horaz ihm angeratnen scharfen Prüfung, was wahre Ruhe schaff, ob Ehre, Reichtum, oder ein unbemerkter schmaler Pfad durchs Leben? das letztere für sich am zuträglichsten befunden, und also in dem Stillschweigen der Geschichte von ihm – gerade seinen Endzweck erreicht habe. ? So oft der kalte Bach Digentia mich erfrischet d. i. so oft ich auf meinem Sabinischen Gute lebe, an welchem der kleine Fluß Digentia vorbeifloß. , den das kleine frost'ge Dorf Deme supercilio nubem; plerumque modestus \<95\> occupat obscuri speciem, taciturnus acerbi. Inter cuncta leges et percunctabere doctos, qua ratione queas traducere leniter aevum, ne te semper inops agitet vexetque cupido, ne pavor et rerum mediocriter utilium spes: \<100\> virtutem doctrina paret, naturane donet? quid minuat curas? quid te tibi reddat amicum? quid pure tranquillet, honos an dulce lucellum, an secretum iter et fallentis semita vitae? Me quoties reficit gelidus Digentia rivus, Mandela trinkt, was meinst du, daß ich denke? was glaubst du, Freund, daß ich die Götter bitte? »Laßt mir nur, was ich hab', und wärs auch minder, und was ihr etwa noch von Lebenszeit mir zugedacht, laßt mich mir selber leben! Laßt mirs an Büchern nicht, auch nicht an Vorrat, was auf ein Jahr vonnöten ist, gebrechen, damit die ungewisse Zukunft im Genuß des Gegenwärt'gen mich nicht stören müsse!« Es ist genug, um Dinge, die er gibt und wieder nimmt, den Jupiter zu bitten: er gebe Leben nur und Notdurft mir, ein ruhig Herz will ich schon selbst mir schaffen! \<105\> quem Mandela bibit, rugosus frigore pagus, quid sentire putas? quid credis, amice, precari? »Sit mihi quod nunc est, etiam minus, et mihi vivam quod superest aevi, siquid superesse volunt di; sit bona librorum et provisae frugis in annum \<105\> copia, neu fluitem dubiae spe pendulus horae.« Sed satis est orare Iovem, quae donat et aufert: det vitam, det opes, aequum mi animum ipse parabo. Neunzehnter Brief An Mäcenas Einleitung Das achte Jahrhundert der römischen Republik, – dessen erstes Viertel durch die schrecklichsten Revolutionen in ihrer innern Verfassung so merkwürdig geworden, daß die Geschichte keinen andern Zeitraum von gleicher Dauer kennt, der mit diesem zu vergleichen wäre Dies war vor dem Jahre 1789 der christlichen Zeitrechnung buchstäblich wahr. Aber die funfzehn Jahre, die auf jenes gefolgt sind, haben sich durch politische und moralische Revolutionen von so ungeheurer und erstaunlicher Art ausgezeichnet, daß sie sogar jene römischen (welchen sie gleichwohl in manchen greuelvollen Szenen nur allzuähnlich waren) weit hinter sich zurücklassen und in der Geschichte des Menschengeschlechts und der Humanität eine Epoke aufstellen, von welcher zu wünschen ist, daß sie auf immer einzig in ihrer Art bleiben möge. , – war es nicht weniger durch ein wunderbares Zusammentreffen der größten und vorzüglichsten Geister, welche die Grenzen der römischen Sprache und den Ruhm ihrer Literatur eben so schnell ausdehnten, als die Scipionen und Ämile die Macht der Republik ausgedehnt hatten; Männer, die von einem edeln Wetteifer mit den Griechen , ihren Meistern in den Musenkünsten, angefeuert, durch eine Menge vortrefflicher Werke zeigten, was für eine Höhe die römischen Musen hätten ersteigen können, und wie weit sie vermutlich ihre Meister selbst hinter sich gelassen hätten, wenn nicht, unglücklicherweise, diese Morgenröte ihres goldnen Alters in die nämliche Zeit gefallen wäre, wo die Republik unter dem heftigsten Zweikampf zwischen Tyrannei und Freiheit, den die Welt jemals gesehen hat, zu Trümmern ging, und die größten Männer der Zeit, beinahe mit der ganzen Blüte und Hoffnung der künftigen , in ihren Untergang hineinzog. Denn die edlen und schönen Geister, welch dem eigentlichen Jahrhundert Augusts so viel Glanz geliehen haben, sind nur als die Überbleibsel einer bessern Zeit , als die wenigen, die aus einem schrecklichen Sturm und Schiffbruch ihr Leben noch davon gebracht, anzusehen: und selbst die besten unter ihnen, ein Varius , ein Horaz , ein Virgil , ein Pollio , ein Livius , waren das nicht, konnten, durften das nicht sein, was sie gewesen wären, wenn es den Verfechtern der Freiheit gelungen wäre, die Republik wiederherzustellen, oder vielmehr (da das alte Fundament unter der ungeheuern Last ihrer Größe eingesunken war), wenn sie weise und wohlgesinnt genug gewesen wären, einen neuen Tempel der öffentlichen Glückseligkeit auf neue Grundpfeiler zu bauen, stark genug, ihn vielleicht noch eben so viele Jahrhunderte zu tragen, als der alte gestanden hatte. Indessen machten die wenigen vortrefflichen Köpfe, welche die Republik gesehen und überlebt hatten, und die dem nachmaligen Augustus , als das Kostbarste von der Beute der überwältigten Freiheit seines Vaterlandes, gleichsam zugefallen waren, – die vornehmsten Zierden seiner Regierungszeit aus. Sie wurden durch das , was sie zu der glücklichen Veränderung seiner Denkart und Sitten beitrugen, für ihre Zeitgenossen wohltätig; und sind vielleicht die wahre Ursache, daß die Welt, durch eine Art von Bezauberung, immer wieder von neuem vergißt, daß der Triumvir Octavius Cäsar und August der Vater des Vaterlandes eine und ebendieselbe Person sind. Das Vergnügen, das alle Leute von Geschmack an den Werken dieser Dichter fanden, der Ruhm ihres Namens, der, wiewohl ein bloßes Echo des Beifalls der kleinern Anzahl aus dem Munde der nachhallenden Menge, doch immer ein beneidenswerter Vorteil scheint; und vornehmlich die Gunst und Achtung, worin man sie bei den Großen und bei August selbst stehen sah, alles dies erweckte ihnen in kurzer Zeit eine unendliche Menge Nachahmer und Nebenbuhler, von allerlei Graden der Mittelmäßigkeit oder Schlechtigkeit. Mit der Menge der Dichter nahm auch die Menge der Leser , und mit beiden die Menge der Kunstrichter und Kenner zu. Jedermann machte entweder selbst Verse, oder traute sich doch zu, über die Dichter und ihre Werke richterlich abzusprechen. Das neu auflebende Cäsarische Rom wimmelte von müßigen Leuten, denen jede Art, die Zeit zu töten, willkommen war; der Luxus der Reichen und die Dürftigkeit der Armen setzte alle Talente in Bewegung; und weil Reichtum und Geschmack selten beisammen sind, so fehlte es auch den unbefugtesten Prätendenten an Genie und Witz nicht leicht an Beschützern und Lobpreisern. Witzling und Kennerling, Dichterling und Leserling, sind von jeher Correlata gewesen, deren eines sich in dem andern spiegelt, und eines des andern wert ist; und so groß auch, aus mancherlei Ursachen, die innerliche Zwietracht des Reichs der Dummheit ist: so ist doch immer etwas, das sie, bei jeder Gelegenheit, gegen den gemeinschaftlichen Feind unter eine Fahne vereinigt. Daher die mancherlei Cotterien und Bureaux d'Esprits , worin man für oder wider einen berühmten Mann Partei machte, und wo man Abrede nahm, wie viel oder wenig Wert man auf ein neu erschienenes Werk legen wollte; wo es schlechten Schriftstellern nie an Mitteln fehlen konnte, sich Bewundrer und Beschützer zu erwerben, und nur die guten, die solcher Unterstützungen nicht nötig zu haben dachten, sich unvermerkt ohne Freunde, und dem unverständigen oder hämischen Tadel eingebildeter Kenner, die sich verachtet, oder kleiner Nebenbuhler, die sich verdunkelt glaubten, Preis gegeben sahen. Man bildet sich gewöhnlich ein, die Zeitgenossen eines Schriftstellers, dessen Wert und Ruhm eine lange Reihe von Jahrhunderten entschieden haben, hätten eben so von ihm geurteilt, wie wir. Diese gegenwärtige Epistel kann uns, wenigstens was unsern Dichter betrifft, eines andern überzeugen. Es war auch in diesem Stücke vor 1800 Jahren zu Rom gerade wie bei uns und – allenthalben. Horaz hatte einen großen Ruf, aber wenig literarische Freunde. Seinen Namen kannte jedermann, seinen Wert nur die wenigen, die selbst einen Wert in seinen Augen hatten. Diejenigen, die ihn vielleicht am fleißigsten lasen, d. i. die nämlichen, die ihn am unverschämtesten bestahlen , taten öffentlich, als ob gar kein solcher Mann, wie Horaz, in der Welt wäre. Die Kunstrichter vom Handwerk rächten sich dafür, daß er keine Notiz von ihnen nahm, durch schiefe Urteile. Die Kennerlinge behaupteten ihr Ansehen, indem sie zu dem gefühlten Beifall, der ihm da oder dort in ihrer Gegenwart gegeben wurde, die Achseln zuckten, und zu verstehen gaben, daß sehr viel darüber zu sagen wäre. Die Nachäffer hätten ihn gern zu ihres gleichen gemacht: es wäre eben keine so große Kunst, sagten sie, solche Oden zu machen, wie Horaz; und er hätte doch das Beste darin von den Griechen, die er nachahme. Die Dilettanti vermißten in seinen Trinkliedern – Pindars Hoheit, an seinen moralischen Empfindungen – das Feuer der Sappho , an seinen heroischen Oden – die Anmut Anakreons , und schämten sich nicht, den holprichten und schwatzhaften Satiren des Lucilius vor seinen Sermonen den Vorzug zu geben. Überhaupt, scheint es, machten sie sich gegen ihn des Umstandes zu Nutze, daß die Schönheiten seiner Werke größtenteils zu fein waren, um auf den großen Haufen Eindruck zu machen, oder von ihm recht verstanden zu werden. Der Unverstand der Leser ist immer die Sicherheit unverständiger oder übelwollender Tadler; und es ist nichts leichters, als das schiefste Urteil einer Menge von Leuten einleuchtend zu machen. Einigen war er zu scharf in seinen Satiren, andern hatte er nicht Nerven genug; solcher Verse, sagten sie, könne man tausend in einem Tage machen Satir. II. 1. . Andre konnten sich nicht in den leichten, launevollen und ironischen Ton seiner Schriften finden; sie wußten immer nicht recht, was er eigentlich sagen wolle; sein Salz war zu fein für ihren Gaumen. Kurz, Horaz, mit allem seinem Geist, Witz und Geschmack, war kein Mann für das römische Volk, und, wiewohl es Mode sein mochte, ihn gelesen zu haben, so wurde doch unter allen Dichtern seiner Zeit schwerlich einer – weniger verstanden. Spuren von allem diesem finden sich an vielen Orten seiner Sermonen und Episteln; und er selbst war so überzeugt davon, daß er gar keinen Anspruch auf den Beifall der Menge machte, und sich, scherzweise, mit der Tänzerin Arbuscula verglich, welche, da sie einsmals von dem Volke ausgezischt wurde, sich damit tröstete, daß ihr doch die Ritter geklatscht hätten Satir. I. 10. . . Aber eben dieser humoristische Ton, womit er von seiner eignen Poeterei sprach, und der geringe Wert, den er darauf legte, war vielen Leuten anstößig. Bald konnten sie nicht glauben, daß es ihm Ernst damit sei, und gaben ihm zu verstehen, er spräche nur so, um desto weidlicher gelobt zu werden; bald hielten sie es für ein Bekenntnis, das ihm von seinem Gewissen wider Willen ausgepreßt würde, nahmen utiliter an, daß nicht viel hinter ihm sein müsse, weil er selbst so wenig von sich halte, und stellten sich, als ob sie weder den Genie noch die Feile an seinen Werken merkten. Sagte er, um ihrer los zu werden, er gebe sich für keinen Meister vom Handwerk, er habe seine ersten Verse aus Desperation Paupertas impulit audax, ut versus facerem. Epist. II. 2. v. 51. , und die übrigen ohne alle Ansprüche, aus bloßer Liebhaberei Me pedibus delectat claudere verba. Sat. II. 1. V. 28. , oder weil er nicht schlafen könne Ne faciam, inquis, omnino versus – Peream male, si non optimum erat; verum nequeo dormire. Ibid. v. 5-7. , gemacht: so antworteten sie, er spotte, und spreche nur so, weil er andre Leute verachte, und sich einbilde, es könne niemand etwas Gutes machen, als er – und was dergleichen mehr war. Horaz liebte seine Ruhe zu sehr, und kannte das wespenartige Geschlecht der Witzlinge und Poetaster zu gut, um sich mit ihnen in einen Streit einzulassen, wobei man immer besudelt wird, man verliere oder gewinne. Aber, da er jetzt im Begriff war, ein Buch Episteln herauszugeben, wollte er doch diese Gelegenheit nicht vorbeilassen, der Welt ein paar Worte von sich selbst, von seinen Nachahmern, von seinen Tadlern und Neidern, und von der Ursache zu sagen, warum das Publikum – ungeachtet der Begierde, womit seine Werke gesucht und gelesen würden – gleichwohl so kaltsinnig davon spreche, und so wenig guten Willen gegen den Verfasser spüren lasse. Und an wen konnte er eine Entladung dessen, was er über diesen Punkt auf dem Herzen hatte, schicklicher richten, als an den ersten Freund seiner Muse, an den Mann, dem er das stille Glück seines Lebens schuldig war, der ihn besser als irgend ein andrer kannte, und dessen eignen Dichter er sich im siebenten Briefe zu nennen liebt? So entstand diese dritte Epistel an Mäcenas, worin er, unter dem Schein eines kaltblütigen vertraulichen Gesprächs mit seinem großen Freunde, das besagte Problem auf eine Art auflöst, die zwar nicht sehr schmeichelhaft für die Herren ist, deren Gunst er sich mit einer Mahlzeit oder einem abgetragenen Rock zu erkaufen getraute , die aber sonst jeden Vernünftigen befriedigen muß. Die Laune, womit er es tut, besonders die Wendung, die er nimmt, um den Mäcen unvermerkt auf das, was er eigentlich sagen wollte, zu bringen, und der gute Ton der ganzen Epistel werden sich dem Leser von Geschmack von selbst empfehlen. Nur schade, daß die körnichte Kürze , die eine Hauptschönheit des Originals ist, in der Übersetzung der Deutlichkeit aufgeopfert werden mußte. Wenn du, gelehrter Freund, dem alten Komiker Kratinus Kratinus – einer der ersten, welche dem rohen Possenspiel des Thespis eine bessere Gestalt gaben, und dasjenige daraus machten, was man zu Athen die alte Komödie hieß – hatte zu seiner Behauptung, daß kein Wassertrinker ein guter Dichter sein könne, einen sehr persönlichen Grund; denn er war ein so eifriger Klient des Weingottes, daß ers mit dem alten Silenus selbst hätte aufnehmen können, und trieb die Völlerei so weit, daß seine Matratzen Κωδίαι, eigentlich Schaffelle, auf welchen zu Athen Leute von diesem Schlage, statt der Polster, zu liegen pflegten. auf eine Art, die seiner Urbanität wenig Ehre macht, zum Sprüchwort wurden. Aristophanes bedient sich dessen in seinen Rittern zu einem Bon-Mot, das eine starke Lungenerschütterung in dem Athenischen Parterre erregen mußte, weil die meisten Zuhörer den Kratinus persönlich gekannt hatten – Εί σε μὴ μισω̃, sagt der erzürnte Kleon zum Agorakritus , γενοίμην εν Κρατίνου κωδίων! ( Sc. III. Act. I. ) Wenn ich dich nicht hasse, so – (anstatt zu sagen, so will ich gehangen sein, oder so was), so will ich in Kratinus Fellen liegen! – Ein eben so komischer, aber feinerer Zug über die Weinsucht dieses Dichters findet sich im Friedensschluß des Griechischen Molière : Merkur . Und Kratinus, der Weise, was macht denn der? Trygäus . Der ist beim Einfall der Lakonen Lacedämonier. gar gestorben. Merkur . Woran denn? Trygäus . An Kummer; das Herz brach ihm, Da er einen Krug voll Weins zerschlagen sah. Übrigens ist mit den sämtlichen Werken dieses alten komischen Dichters (wovon nur unbedeutende Fragmente übrig sind) auch die Stelle, auf welche Horaz hier anspielt, verloren gegangen: doch hat sie sich in einem artigen Epigramm eines Unbekannten erhalten, welches ich aus dem Bentley abschreibe und, so gut ich kann, verdolmetsche. Οι̃νός τοι χαρίεντι πέλει ταχύς ίππος αοιδω̃,     ύδωρ δὲ πίνων ξρηστὸν ουδὲν ὰν τέκοις. Ταυ̃τ' έλεγειν, Διόνυσε, καὶ έπνεεν ουχ ενὸς ασκου̃     ΚΡΑΤΙΝΟΣ, αλλὰ παντὸς ωδοδὼς πίθου. Τοιγάρτι στεφάνων δόμος έβρυεν, ει̃χε δὲ κιττω̃     μέτωπον, οι̃α καὶ σὺ κεκροκωμένον. Wein ist dem fröhlichen Sänger das wahre Flügelpferd,     wer Wasser trinkt, wird nie was Gutes machen! So rief Kratin , o Bacchus, nicht duftend etwa nur     von einem Schlauch, er roch ein ganzes Faß: Drum wimmelt von Kränzen sein Haus, und seine Stirn     ist, deiner gleich, von Efeu gelb gefärbt. glaubst, so können keine Verse lange gefallen oder leben, die von Wassertrinkern geschrieben worden. In der Tat ist nicht zu leugnen, daß, seitdem der Gott der Reben das schwärmerische Dichtervolk den Satyrn und Faunen zugesellt Ut male sanos adscripsit Liber Satyris Faunisque poetas . – Alle Schwärmerei, also auch die dichterische, stand bei den Griechen unter dem Einfluß des Weingottes. Dichter, welche sich nicht gern in so guter Gesellschaft, als Satyrn und Faunen sind, befinden, haben also alle Ursache, auf dem Unterschied zwischen Schwärmerei und Enthusiasmus zu bestehen, was auch die Demokrite dagegen einwenden mögen. , der Musen süßer Atem wohl gar frühmorgens schon nach Weine riecht. Homerus pries den Rebensaft zu gern Durch die Beiwörter, die er immer dem Wein gibt, so oft er dessen erwähnt, und die immer von seiner stärkenden, begeisternden, herzerfreuenden Tugend, oder von seiner schönen Farbe, hergenommen sind. , um nicht der Weinsucht sehr verdächtig sich gemacht zu haben. Selbst der Vater Ennius sprang nie, als wohlbezecht, hervor, die Taten der Helden Roms zu singen. – »Allen Nüchternen weis' ich den Marktplatz nebst dem Puteal des Libons Wer über dieses Puteal des Libo irgend einen Philologen oder Antiquarier vor dem Salmasius zu Rate ziehen wollte, dem können wir, aus Erfahrung, melden, daß er ihn verwirren und irre führen wird. Salmasius ist der erste, der die Sache auseinander gesetzt Exercitat. in Solin. p. 801. seq. , und gezeigt hat: daß das Puteal im Comitio , nahe bei der Curia , dem heiligen Feigenbaum, und der Bildsäule des Attius Navius (unter welcher das berühmte Schermesser, womit dieser Augur zu Beschämung des ungläubigen Königs Tarquinius Priscus einen Schleifstein entzwei geschnitten, nebst dem Schleifstein vergraben lag Cic. de Divinat. L. I. c. 17. Dionys. Halic. Antiqu. Rom. L. IV. p. 204 edit. Sylb. und das Puteal Libonis , wovon bei Horaz die Rede ist, zwei ganz verschiedene Dinge sind. Denn, nach der Anzeige des Grammatikers Festus de Verbor. Signif. XVII. p. 487 edit. Dacier. , stand Libons Puteal zwar auch auf dem Foro Romano , wie jenes, aber weit davon entfernt, ohnweit der Vorhalle des Minerven-Tempels. So viel man aus dem kurzen ziemlich undeutlichen Berichte des Festus abnehmen kann, war die Stelle, wo dieses Puteal stand, schon vor Alters ein Sacellum , d. i. ein eingemauerter heiliger Platz gewesen, aber, wie es scheint, durch den Blitz getroffen und beschädigt worden, und mit der Zeit ganz zusammengefallen. Die Römer hatten eine besondre religiöse Scheu für die vom Blitz getroffene Örter; es war ein Sacrilegium , einen solchen Ort zu betreten, zu überbauen, oder irgend etwas Menschliches darauf zu verrichten. Da nun einst (Festus sagt nicht, wann solches geschehen) der Senat dem Scribonius Libo aufgetragen, alle vom Blitz getroffene Örter zu untersuchen und das Nötige dabei vorzukehren, so kam er auch an dieses; und weil der Ort ehemals schon heilig gewesen und es durch den Wetterstrahl zwiefach worden war, so errichtete er ein Puteal , d. i. eine Art von brunnenähnlichem Gemäuer ohne Dach, in Form eines Altars, darauf. Dies hieß nun von dieser Zeit an das Puteal des Libo , und in Form eines Altars erscheint es auch auf einigen Münzen, die den Namen Libo führen, und in allen bekannten Numismatischen Sammlungen, wie auch in Nardinis Roma Antiqua , und im Tom. III. der Mémoir. de Littérat. abgebildet zu sehen sind. Da es aber der Scribonius Libo, welche öffentliche Würden zu Rom verwaltet haben (vom L. Scribonius Libo an, der im Jahr 560 Ädilis Curulis, und 562 Prätor war, bis zu dem Libo gleiches Namens, der im Jahr 720 zum Konsulat gelangte), mehrere gegeben: so fragt sich, welcher von ihnen derjenige gewesen, nach welchem das besagte Puteal benennt wurde? Hierüber aber lassen uns die Gelehrten, die davon geschrieben haben, im Dunkeln. Übrigens ist noch zu bemerken, daß (wie Saumaise l.c. bewiesen hat) die Faeneratores , d. i. die Herren, die auf Prozente liehen, in der Gegend dieses Puteals zusammenkamen; und der Sinn des Verses, der diese Erläuterung veranlaßt hat, ist also dieser: die Wassertrinker mögen sich mit den trocknen, ernsthaften und nüchternen Geschäften, die man auf dem Forum und bei Libons Puteal treibt, abgeben! Das ist ihr Fach: aber die Poeterei, wozu ein ganz andrer Fluß von Lebensgeistern gehört, sollen sie müßig gehen. an, und allen Finsterlingen soll, kraft dies, die Dichterei zu Rechten nieder- gelegt sein!« – Seit ich dies Edikt im Scherz     Prisco si credis, Maecenas docte, Cratino, nulla placere diu nec vivere carmina possunt, quae scribuntur aquae potoribus. Ut male sanos adscripsit Liber Satyris Faunisque poetas, \<5\> vina fere dulces oluerunt mane Camenae. Laudibus arguitur vini vinosus Homerus; Ennius ipse pater numquam nisi potus ad arma prosiluit dicenda. – »Forum, putealque Libonis mandabo siccis, adimam cantare severis«: ergehen ließ Die gelehrtesten Ausleger unsers Dichters haben sich in einer wunderbaren Verlegenheit befunden, da sie sich die Frage beantworten wollten: wer denn der Poetische Prätor sei, der dies Edikt habe ergehen lassen? Man findet eine lange Rezension aller ihrer, zum Teil erbärmlichen Hypothesen in Bentleys Ausgabe, der ihnen aber auch dafür harte Nüsse aufzuknacken gibt. Er selbst ist, mit Torrentius , der Meinung, daß man edixi lesen müsse, und beruft sich deshalb auf vier bis fünf Handschriften. Cruquius und Baxter hingegen lassen es bei dem gewöhnlichen edixit , und glauben, die Rede sei vom Ennius. Nach aufmerksamster Revision dieses kritischen Prozesses scheint mir das Recht auf Bentleys Seite zu sein, und ich habe also diese Stelle, besserer Überzeugung zu Folge, in der zweiten Ausgabe bereits abgeändert. Horaz (so dünkt mich's noch jetzt) konnte in einer Epistel an Mäcenas sich einen solchen Scherz ohne Unschicklichkeit erlauben, und das bald darauf folgende: quod si pallerem casu, biberent exangue cuminum , bezieht sich so schön auf jenes edixi , daß mir hierüber kein Zweifel übrig bleibt. , ermangelten die Herren vom Handwerk nicht, von früh bis in die Nacht und wieder an den Morgen, in die Wette zu trinken und nach schlechtem Wein zu duften. Gerad als wenn sich einer dünken ließe, es brauche nur ein trotziges Gesicht, und ungekämmt, in einem kurzen Rocke von grobem Tuche, barfuß übern Markt einherzusteigen, um die Tugend und die Sitte des Cato darzustellen. Aber was gewann der Maure Cordus , da er, seine große Redseligkeit zu zeigen, über Kraft Gewalt sich antat, dem bewunderten Timagenes im Deklamieren nach- zueifern? – Nichts als – einen Bruch Auch hier suchen einige Ausleger mehr Spitzfindiges, als Horaz vermutlich in Gedanken hatte. Der Scholiast des Cruquius hilft uns auf die Spur, uns von der Anekdote, auf welche er anspielt, die rechte Vorstellung zu machen. Vermutlich war sie dem Mäcenas schon bekannt, und der Dichter brauchte also nicht so umständlich dabei zu sein, als wenn er für uns geschrieben hätte. Die Geschicklichkeit im Deklamieren wurde damals für eine sehr notwendige Eigenschaft eines Menschen von Erziehung und Lebensart gehalten; und es wimmelte in Rom von Graeculis , welche Unterweisung in dieser schönen Kunst gaben. Unter diesen war der Rhetor Timagenes einer der beliebtesten, und wurde, wie es scheint, öfters zu Gastmählern eingeladen, um sich mit Proben seiner Kunst hören zu lassen. Ein gewisser Mauritanier – vermutlich ein neuer römischer Bürger – namens Cordus Horaz nennt ihn scherzweise einen Jarbiten , d. i. einen Abkömmling des Maurischen Königs Jarbas , der in Virgils Äneis vorkommt. , der bei einer solchen Gelegenheit zugegen war, wurde (wie die Leute seiner Nation leicht Feuer fangen und der stärksten Eifersucht fähig sind) von dem Beifall, den sich Timagenes erworben hatte, so gereizt, daß er sich unmöglich halten konnte, auch auf der Stelle eine Probe abzulegen, daß er, seiner Maurischen Abkunft ungeachtet, in den Eigenschaften, die zu einem modernen Römer gehörten, keinem weiche. Er ließ sich ebenfalls hören, und griff sich, weil er's dem Griechen noch zuvortun wollte, über Vermögen und mit solcher Unvorsichtigkeit an, daß er sich eine Ader zersprengte oder einen Bruch bekam – denn rupit kann hier, deucht mich, beides heißen. . An einem guten Muster werden immer, das Leichteste, die Fehler nachgeahmt. Verlör' ich ungefähr einmal die Farbe, ich wette gleich, sie tränken Kümmelwasser, um blaß zu werden. O du leidige Nachahmer-Schar, zum Tragen und zum Folgen gebornes Vieh! wie oft hat euer Lärmen und Jahnen bald zum Lachen mich und bald zur Ungeduld gereizt! – Ich habe meinen Weg \<10\> hoc simul edixi, non cessavere poetae nocturno certare mero, putere diurno. Quid, si quis vultu torvo ferus et pede nudo exiguaeque togae simulet textore Catonem, virtutemne repraesentet moresque Catonis? \<15\> Rupit Iarbitam Timagenis aemula lingua, dum studet urbanus tenditque disertus haberi. Decipit exemplar vitiis imitabile; quod si pallerem casu, biberent exangue cuminum. O imitatores, servum pecus, ut mihi saepe \<20\> bilem, saepe iocum vestri movere tumultus! durch einen Strich des Helikons, wo kein Lateiner mir voranging, selbst gebahnt, nicht meinen Fuß in andrer Tritt gesetzt. Wer sichs nur zutraut, führt den ganzen Schwarm. Ich bin der erste, der die Jamben des Archilochus nach Latium gebracht; ich habe seine Versart, seinen Geist, nicht Wort' und Sachen, eigen mir gemacht Archilochus wird vom Plutarch zum Erfinder mehrerer Versarten und auch besonders derjenigen angegeben, welche man Epoden nannte S. die XXVIIIste Note des Herrn Bürette zu Plutarchs Abhandlung von der Musik, im 14ten Bande der Mémoir. de Littérat. p. 379. seqq. , und worin Horaz seine ersten lyrischen Versuche machte. Er lebte ungefähr zwischen der '5ten und 3oten Olympiade, und war wegen seines Talents für die lyrische Poesie eben so berühmt, als verschreit wegen des bösen Gebrauchs, den er öfters von seinem Witze machte, dessen Pfeile so spitzig oder vielmehr so giftig waren, daß er diejenigen, die er zum Ziel derselben nahm, bis zur Verzweiflung trieb. Wenigstens war dies das Schicksal eines gewissen Lykambes, um dessen Tochter Kleobule er sich beworben hatte. Der Vater hatte sie ihm anfangs zugestanden, hernach aber seine Gedanken geändert und das Mädchen einem andern gegeben. Archilochus rächte sich dieser Beleidigung wegen an der ganzen Familie durch so grausame Jamben, daß Lykambes, Kleobule und ihre zwei Schwestern die Schande, die er ihnen dadurch zugezogen, nicht überleben wollten, und sich alle vier erhängten – wenn die wahrhaften Griechen die Sache nicht übertrieben haben. Die Mühe, welche Horaz sich in dieser ganzen Stelle gibt, sich gegen den Vorwurf der Nachahmung zu verteidigen und seine Originalität unter den Lateinischen Dichtern zu behaupten, ist einiger Erläuterung wert. Horaz hatte, wie es scheint (und wie es nicht anders zu erwarten war), eine Menge Nachahmer oder Nachäffer von der Art, die er serva pecora nennt, die sich nicht begnügten, auch lyrische Gedichte zu machen, nachdem er ihnen gewiesen hatte, wie sie es ohngefähr angreifen müßten: sondern die ihm sogar den Inhalt seiner Oden, seine Wendungen und seine Ausdrücke stahlen, kurz, wie die Krähe in der Fabel, sich mit seinen Federn schmückten und dann in den Chor der Vögel mischten, und auch als Sänger mitflogen. Diese Leute, scheint es, glaubten sich damit zu rechtfertigen, wenn sie sagten: Horaz sei ja selbst nur ein Nachahmer – der Griechen nämlich; denn daß er der erste lyrische Dichter der Römer war (wenigstens der erste, der eine Vergleichung mit den griechischen aushalten konnte), war unleugbar. Um nun dem römischen Publiko, das sich so gut durch Worte täuschen ließ, als jedes andre, im Vorbeigehen den Unterschied zwischen Nachahmung und Nachahmung zu zeigen, beruft er sich darauf, daß er nicht mehr Nachahmer des Archilochus sei, als Alcäus und Sappho auch; daß er die Versarten des Griechen ( numeros ) und seinen Geist, sein Feuer ( animosque ) sich eigen gemacht, aber nicht ihm die Sachen und Worte ( non res et verba ) abgestohlen und für sein gegeben habe. – Verehrer des Horaz hätten vielleicht Ursache zu wünschen, daß er sich zu einer solchen Apologie gar nicht herabgelassen haben möchte. Jeder wahre Künstler ahmt, in gewissem Sinne, seine Vorgänger nach; aber Virgil ist, ungeachtet alles dessen, was er vom Homer geborgt oder nachgeahmt, noch immer ein großer, und selbst durch die Art der Nachahmung, ein originaler Dichter. Ein Pfuscher ohne alles Talent könnte ein höchst elendes Werk von 56 Gesängen, der Erfindung und ganzen Ausführung nach, aus seinem eignen schalen Kopf gezogen und keinen Menschen nachgeahmt haben, und würde dadurch doch weiter nichts als ein originaler Pfuscher sein: hingegen könnte ein großer Dichter nicht nur das Süjet, sondern, wenn ers für gut fände, den ganzen Plan seines Werkes von einem andern nehmen, und durch die Art der Ausführung ein neues und vortreffliches aus einem schlechten erschaffen. Das, was den wahren Meister macht, ist nicht die Erfindung eines unerhörten Süjets, unerhörter Sachen, Charaktere, Situationen u. s. f., sondern der lebendige Odem und Geist, den er seinem Werk einzuatmen, und die Schönheit und Anmut, die er darüber auszugießen vermag. Es ist mit den Dichtern hierin, wie mit den Malern und andern Künstlern. Alle vortreffliche Maler im christlichen Europa haben Marienbilder und heilige Familien gemalt: der Inhalt ist der nämliche, die Charaktere sind die nämlichen, die Farben auf dem Palet sinds auch: gleichwohl hat jeder ebendenselben Gegenstand auf eine ihm eigne Art behandelt; und so viele vortreffliche Madonnen schon da sind, so wird sich doch gewiß kein künftiger großer Maler dadurch abschrecken lassen, auch die seinige hinzuzutun. – Es ist aber, selbst für einen Horaz , so schwer, von seinen eignen Arbeiten mit dem Publiko zu sprechen, und es ist so gewöhnlich, in solchen Fällen zu wenig oder zu viel zu sagen: daß die beste Partie, die man gegen den Zoilus nehmen kann, immer die ist, gar nichts zu sagen, und das Werk für sich selbst und seinen Meister sprechen zu lassen. Ist es gut, so legt es ein Zeugnis ab, welches, wo nicht von den Zeitgenossen, doch gewiß von der Nachwelt gehört, verstanden und bestätigt werden wird. ; auch wirst du meines Efeukranzes mich darum nicht minder würdig halten, weil ich mich gescheut, an seinem Rhythmus etwas abzuändern. Denn auch die feuervolle Sappho , auch Alcäus borget ihm sein Klangmaß ab, wiewohl vermischt mit andern, und an Inhalt verschieden; denn er sucht sich keinen Schwiegervater, um ihn mit schwarzen Versen anzuschmitzen, noch knüpft er durch ein schmacherfülltes Lied den Strick, womit sich seine Braut erdroßle. Libera per vacuum posui vestigia princeps, non aliena meo pressi pede; qui sibi fidit dux, regit examen. Parios ego primus iambos ostendi Latio, numeros animosque secutus \<25\> Archilochi, non res et agentia verba Lycamben. Ac ne me foliis ideo brevioribus ornes, quod timui mutare modos et carminis artem: temperat Archilochi musam pede mascula Sappho, temperat Alcaeus, sed rebus et ordine dispar, \<30\> nec socerum quaerit, quem versibus oblinat atris, nec sponsae laqueum famoso carmine nectit. Der ist es Nämlich Archilochus . , den ich (was in unsrer Sprache von keinem noch versucht war), als der erste Latein'sche Liederdichter, unserm Volke bekannt gemacht; und – warum sollt' ichs nicht gestehn? Mir schmeichelts, wenn ich meine Lieder, durch den Reiz der Neuheit wenigstens zu Rom empfohlen, mit Lust gelesen seh', und in den Händen von allen finde – deren Beifall ehrt. Fragst du mich aber, wie es komme, daß der undankbare Leser meine Kleinigkeiten zu Hause liest und liebt, hingegen auswärts die Achseln kritisch zuckt, und höchstens – schweigt? Nichts ist begreiflicher. Ich gebe mir nicht die geringste Müh, die hohlen Stimmen des Pöbels unsrer leichten Dichterlinge und windichten Entscheider zu erjagen; wiewohl sie mir ein Abendessen, oder ein abgetragner Rock erkaufen könnte Ein etwas unbarmherziger Hieb auf die armen Schelme, die das doppelte Unglück hatten, schlechte Verse zu machen und zu hungern. . Liest einer unsrer angesehenen Hunc ego, non alio dictum prius ore, Latinus vulgavi fidicen; iuvat immemorata ferentem ingenuis oculisque legi manibusque teneri. \<35\> Scire velis, mea cur ingratus opuscula lector laudet ametque domi, premat extra limen iniquus? Non ego ventosae plebis suffragia venor impensis cenarum et tritae munere vestis; non ego nobilium scriptorum auditor et ultor \<40\> grammaticas ambire tribus et pulpita dignor; Schriftsteller irgendwo mit großem Pomp ein neues Werk Das öffentliche Vorlesen seiner Werke, welches der Gönner Virgils Asinius Pollio in Rom zuerst aufgebracht haben soll, fing schon zu Horazens Zeiten an Mode zu werden, und diese Mode nahm in der Folge, mit der Mode Schriftsteller zu sein, so sehr überhand, daß es eine ordentliche Gesellschaftspflicht – eine Pflicht, von der man sich, ohne alle Gesetze der guten Lebensart zu übertreten, gar nicht dispensieren konnte – wurde, solchen Vorlesungen beizuwohnen. Man wurde (wie wir aus den Briefen des Plinius sehen) ordentlich dazu eingeladen; die Gesellschaft versammelte sich in einem großen Saale; der Autor bestieg eine Art von Tribüne und deklamierte sein Werk, und wenn er fertig war, stieg er unter dem lauten Geklatsch der höflichen Zuhörer wieder herunter, sammelte sein Almosen an Lob von Reihe zu Reihe ein, bedankte sich, versicherte das Reciprocum , und stellte sich den nächsten Tag bei einem andern ein, um Wort zu halten. Was die Literatur bei dieser ungemein höflichen Einrichtung gewonnen habe, läßt sich leicht erraten. , so – weiß ich nichts davon, und bin nicht da, um mitzuklatschen, oder mich zu seinem Herold und Verfechter gegen den Zoilus dienstfreundlich aufzuwerfen; bin weder Haupt noch Glied von keinem Club , und würdige unsrer hochgelahrten Meister der freien Künste keinen, mich zu seinem Stuhl zu drängen, oder seinen Beifall zu brigieren Es gab zwar damals noch keine Journale und gelehrte Zeitungen, die sich im Namen des Publikums, kraft einer stillschweigenden Kommission, des Rechts, über alle neue Schriften und ihre Verfasser peinliches Gericht zu halten, angemaßt hätten: aber die Sprachlehrer und Rhetoren (d. i. Lehrer der schönen Wissenschaften, die sich besonders auch mit Erklärung und Analysierung der alten Dichter abgaben) ersetzten diesen Abgang reichlich, sowohl durch ihre Menge, als durch den Einfluß, den ihnen der Umstand gab, daß die literarische Erziehung der römischen Jugend gänzlich in ihren Händen war. Die Schriftsteller zu Dutzenden, Stiegen und Schocken hatten also alle Ursache, sich bei diesen wichtigen Herren um Gunst, Nachsicht und Schutz zu bewerben. Horaz glaubte sich dieser Zeremonie überheben zu können, und wir, seine jetzigen Leser, glauben das auch: aber bei seinen Lebzeiten war es ein anders. Der Geist der gelehrten Republik arbeitet immer, unter seinen zugleich lebenden Gliedern die gehörige Gleichheit zu erhalten, und stutzt oder reckt mit Gewalt, wo die Natur sich nicht fügen wollte. Das lesende und urteilende Publikum glaubt, wie das römische Volk, seine Fasces geben und wieder nehmen zu können, wem und wann es will. Der vortrefflichste Schriftsteller muß seine Vorzüglichkeit oft wie ein Verbrechen büßen, und wird, wie Aristides, bloß deswegen ostrazisiert , weil er zu gut ist. Horaz machte zu seiner Zeit die Erfahrung davon; und wer nennt mir unter den berühmtesten Toten einen einzigen, der sie nicht gemacht hätte? . Dies ist der Schlüssel zum Geheimnis Hinc illae lacrimae! Eine Anspielung auf eine bekannte Stelle in der Andria des Terenz, die, wie es scheint, zum Sprüchwort geworden war. ! – Sag' ich dann zu einem dieses Schlags: ich schäme mich vor einem großen Auditorium mit meinen Kleinigkeiten zu erscheinen, als dächt' ich mehr Gewicht, als solche Dinge in meinen Augen haben, drauf zu legen: so zieht der Mann das Maul und spricht: »Der Herr beliebt zu scherzen, wie ich merk', und spart für Jovis Eine von den Griechen entlehnte sprichwörtliche Redensart, welche von Leuten gebraucht wurde, die aus ihren Sachen ein Geheimnis zu machen affektierten. Hier kann sie füglich auf August gezogen werden, der damals, wenigstens in den Provinzen (denen die Römer schon einen Grad von Niederträchtigkeit mehr erlaubten, als sich selbst) bereits Altäre hatte, und öffentlich auf Münzen und Denkmälern unser Herr Gott August gescholten wurde. Ohren seine Sachen auf; er denkt, der Musen Honig fließe nur hinc illae lacrymae! Spissis indigna theatris scripta pudet recitare et nugis addere pondus, si dixi: »Rides«, ait, »et Iovis auribus ista servas: fidis enim manare poetica mella von seinem Mund, und ist sich selber schön genug, um unsers Beifalls zu entbehren.« Was ist zu tun? Ihm eine spitz'ge Antwort zu geben wag' ich nicht, und winde mich, um seine Nägel nicht noch mehr zu fühlen, mit der Entschuldigung von ihm los, der Ort mißfalle mir und bitt' um Galgenfrist Diludia posco. Diludia hießen bei den Römern die Rasttage, die man den Gladiatoren zwischen den Tagen, wo sie fechten mußten, bewilligte. Weil diese Unglücklichen auf Leben und Tod fechten mußten, so ist Galgenfrist ein ziemlich gleichbedeutender Ausdruck. . In einen Kampf auf Witz mit diesen Leuten sich einzulassen, ist nicht ratsam. Erst ists bloßes Spiel; allmählich wird man warm, die Galle steigt, der Scherz wird immer bittrer, zuletzt erbost man sich und hört mit Schlachten auf. \<45\> te solum, tibi pulcher.« Ad haec ego naribus uti formido, et luctantis acuto ne secer ungui displicet iste locus, clamo, et diludia posco. Ludus enim genuit trepidum certamen et iram, ira truces inimicitias et funebre bellum. Zwanzigster Brief An sein Buch Einleitung Es ist ein zweideutiger Vorzug der Leute von Verstand, daß sie in allen menschlichen Dingen klärer sehen als andere, und demungeachtet im Leben selbst selten klüger handeln , als die andern denken . Es ist wahr, wenn diese und jene einerlei tun, so ists drum nicht einerlei: aber wenn der Mann von Verstand und der Sot einerlei Sottise begehen, so ist der Nachteil augenscheinlich auf des erstern Seite. Denn was hilfts ihm am Ende, daß er nur eben so viel Weisheit hat, um sich bei den Sottisen, die er macht, gerade das Beste, nämlich die Selbsttäuschung, wegzuräsonieren? – diesen süßen und tröstlichen Wahn, lauter löbliche, gute und verdienstliche Taten getan zu haben, – der das Völklein, das im Nebel wandelt, (gleich dem Wahnsinnigen, der sein zerlumptes Hemde für einen königlichen Mantel ansieht) mit der wonniglichsten Selbstzufriedenheit erfüllt! Von dieser Seite (wir können's nicht leugnen) sind die Vorteile der Toren vor den Weisen unermeßlich. Um die Anwendung hier bloß auf die Schriftsteller zu machen: wie viel hat nicht, in dieser Rücksicht, der mittelmäßige und elende Skribent vor dem guten voraus? Jener weidet sich nicht nur an dem betrügerischen Bewußtsein seines Eigendünkels; er genießt auch in vollem Maße des eingebildeten Danks und Beifalls der Welt, um die er sich mächtig verdient gemacht zu haben glaubt. Jedes erschlichene, erkaufte oder erbettelte öffentliche Lob, jedes Kompliment, das ihm von gefälligen Freunden oder demütigen Klienten, oder von noch elendern Skribenten, als er ist, gemacht wird, ist ihm ein vollgültiges Zeugnis seines wohlerworbenen Ruhms, und ein sicheres Pfand der literarischen Unsterblichkeit. – Der gute Schriftsteller, wenn er auch alles getan hat; was er schuldig war, hält sich noch immer für einen unnützen Knecht, sieht sich immer unter der Vollkommenheit, der er nachgestellt hat, und gelangt also nie zu der Befriedigung, etwas hervorgebracht zu haben, das ihm selbst Genüge täte. Dies allein wäre hinlänglich, ihm den wenigen flüchtigen Genuß zu verbittern, den der Beifall, der ihm etwa hier und da zugeklatscht, zugelächelt, zugenickt und zugegähnt, – zuweilen auch von den Bileamen, die lieber fluchen möchten, zugegrinst wird, – seiner Eitelkeit hätte gewähren können. Zu allem Überfluß kommt noch die leidige Durchsichtigkeit hinzu, in welcher die menschlichen Dinge, gleich dünnen wesenlosen Schatten, vor seinen Augen herumflattern, und das fatale Wissen, was jenes Klatschen, Lächeln, Nicken und Grinsen eigentlich bedeute! Nichts von dem allem macht ihm Illusion. Er kennt die Welt zu gut, um sich einzubilden, daß, was ihm wichtig genug war, um eine Zeitlang seine Existenz zu verschlingen, nun auch ihr wichtig sein werde; und er ist zu billig, um den Menschen Beständigkeit in ihren Urteilen und Neigungen, oder Dankbarkeit für ungebetene Dienste , zuzumuten. Er weiß zu wohl, wie alles ist und warum es so ist, um sich das mindeste auf einen Beifall einzubilden, den er mit so vielen Unwürdigen teilt – von dem er weiß, wie leer, eingeschränkt und unbeständig er ist, wie wenig davon wahres Gefühl oder Einsicht ist, wie viel bloß dem Augenblick der Neuheit, zufälligen Nebenumständen, dem Einfluß derer , die hier und da den Ton angeben, der Eitelkeit der Leser, und hundert andern Ursachen dieses Schlags beizumessen ist; und wie bald ihm eben dieser jetzt vielleicht noch so schwärmerische Beifall, von dem ersten besten, der aus einem andern Tone spielt, oder ein paar Daumen höher springt und mehr entrechats in einer Sekunde macht, wieder entzogen werden kann. Kurz, er hat den unglücklichen Vorteil, seinem Werke – das ihm denn doch, mit allen seinen Mängeln, als sein eigen Fleisch und Blut, lieb ist – sein ganzes Schicksal so genau vorhersagen zu können, daß seiner Eigenliebe von allem, was sie dabei hätte gewinnen sollen, kaum so viel übrig bleibt, als die Kosten und Schaden eines einzigen hämischen Urteils übertragen mag: und bei allem dem begeht er wissentlich die Torheit, und publiziert sein Werk doch! Unser Dichter scheint, da er im Begriff war, das erste Buch seiner Episteln in die Welt zu schicken, alles dies sehr lebhaft voraus gefühlt zu haben: aber die Art, wie er sich durch diesen launevollen Epilogus an sein Buch aus der Sacht zieht, ist eine neue Probe, daß er eine Sottise, die er nicht lassen konnte, wenigstens mit der besten Art, die sich nur denken läßt, zu machen wußte. Es ist in einem solchen Falle, wo man sich selbst mit so vollkommner Gewißheit eine so leidige Nativität stellen kann, eine Art von Genugtuung, die man sich gegen das Publikum gibt, wenn man ihm zeigt, daß man wenigstens nicht der Betrogene im Spiele sei, sondern, weils nun doch einmal verloren sein müsse, mit fröhlichem Mute verlieren wolle. Die Wendung, welche Horaz in diesem Epilogus genommen hat, um seiner kleinen Eitelkeit diese Befriedigung zu verschaffen, mit der Laune, die in der ganzen Ausführung herrscht, macht es in meinen Augen zu einem der feinsten und witzigsten kleinen Stücke des ganzen Altertums. Das bekannte Bild, um das Verhältnis eines Autors zu seinem Werke zu bezeichnen, das Bild von Vater und Kind, ist darin mit einem andern, welches die Schicksale eines Buchs andeutet, insofern es durch die Publikation der beliebigen Behandlung, den Launen, Lüsten und Mißhandlungen des Publikums Preis gegeben wird, gar fein verschlungen, und in die passendste Allegorie ausgewebt. Alle Ausdrücke sind von einem armen, aber ehrlichen Vater entlehnt, der seinem leichtsinnigen Mädchen, – das der Einsperrung und Eingezogenheit in dem väterlichen Hause überdrüssig ist und sein Glück in der Welt versuchen möchte, – als ein Mann, der den Lauf derselben besser kennt, als das unerfahrne Ding, von Stück zu Stück vorhersagt, wie es ihr ergehen werde. Baxter hat diese Dilogie , wie ers nennt, (die auch zuvor schon dem Torrentius nicht unbemerkt geblieben) von Schritt zu Schritt verfolgt; ein Vergnügen, welches wir diesmal lieber dem Leser sich selbst zu geben überlassen wollen. Geßner – dessen Kopf zu dieser Art von Pläsanterien nicht gestimmt war, und dem sie vielleicht nicht so unschuldig vorkam, als sie wirklich ist – wird über die Freude, welche Baxter daran hat, beinahe ungehalten. Tota haec dilogia mihi non placet , sagt der gute Mann. Indessen ist sie nun einmal im Original, und die Delikatesse, womit die ganze Allegorie nüanciert ist, gleicht dem schönsten Gewande, womit jemals die Grazien einen Lysippus gelehrt haben, die keusche Schönheit der Natur, wie mit einem zarten Nebel, zu bekleiden. Desto schlimmer für den, welchen bei einem solchen Anblick sein Auge ärgert ! Er mag es ausreißen, wenn er will: aber das schöne Werk der Natur und Kunst soll er uns unverhudelt lassen! Mein liebes Buch, ich sehe wohl, warum du so verstohlen nach dem Janus und Vertumnus Vertumnus (eine hetrurische Gottheit, die von den Römern, ihrer staatsklugen Gewohnheit nach, bei Eroberung Hetruriens, unter die ihrigen aufgenommen worden), war der Patron aller Geschäfte, wobei es auf Tausch und Verkauf ankommt. Die Buchhändler zu Rom hatten, wie es scheint, ihre Buden nicht weit von dem Tempel oder einer Bildsäule dieses Gottes, welche beide in der Tuskischen Straße ( Vicus Tuscus oder Turarius ) anzutreffen waren Nardini Roma Vetus L. V. cap. 5. . In einem Winkel dieser Straße hatten auch die Kuppler, Puellae und Pueri Meretricii und dergleichen Gesindel ihre Niederlage, auf welche unser Dichter mit den Worten: Tusci turba impia vici , in einer seiner Satiren L. II. Satir. 3. v. 228. und Plautus in seinem Curculio Actu IV. Sc. I. v. 21. In Tusco Vico. ibi sunt homines, qui se ipsos venditant. zu deuten scheint. Dieser Umstand gibt (wie Baxter meint) den ersten Zug zu der Dilogie , die durch dieses ganze Stück geht. schielst: du kannst es kaum erwarten, von den Gebrüdern Sosiern Die Gebrüder Sosii waren damals renommierte Buchhändler, sagt der Scholiast des Cruquius. Horaz erwähnt ihrer noch einmal in der Epistel an die Pisonen; und wir sehen aus dieser Stelle, daß sie seine Verleger waren. fein glatt und schmuck herausgeputzt, dich ausgelegt zu sehen. Die gute Zeit, da du, verschämt und züchtig, vor fremden Augen dich in meinem Pult verstecktest, ist vorbei; du hassest Schloß und Siegel, keuchst nach Freiheit, grämest dich so wenig Leuten nur gezeigt zu werden. So bist du nicht erzogen worden! Aber, weil du's dann nicht besser haben willst, so geh, wohin so weh dir ist! Die Reue wird dich nur zu bald ergreifen, aber leider! dann zu spät. Einmal hinaus, so ist kein Wiederkommen für dich! – Was hab' ich dummes Ding getan? Was hatt' ichs Not? wirst du dann, wenn dich jemand beleidigt, schrei'n – und nirgends Mitleid finden. Auch weißt du, daß du dich gar enge wieder zusammenschrumpfen mußt, sobald der gähnende Liebhaber deiner satt geworden. Soll ich (wenn anders mich die böse Laune nicht zum falschen Augur macht) dir sagen, Kind,     Vertumnum lanumque, Liber, spectare videris, scilicet ut prostes Sosiorum pumice mundus! Odisti claves et grata sigilla pudico; paucis ostendi gemis, et communia laudas, \<5\> non ita nutritus. Fuge, quo descendere gestis: non erit emisso reditus tibi. Quid miser egi? quid volui? dices ubi quis te laeserit, et scis in breve te cogi plenus cum languet amator. wie dirs ergehen wird? Du wirst, so lange du jung und etwas Neues bist, zu Rom gefallen: doch bist du erst bis in des Pöbels schmutz'ge Hände herabgesunken und der feinen Welt zum Ekel worden – dann, du armes Buch, wirst du, in irgend einem Winkel, schweigend die Motten weiden, oder, diesen zu entrinnen, nach Utica dich flüchten, oder gar gebunden, wie ein Sklave, nach Ilerda Utica und Ilerda , jenes in Afrika, dieses in Spanien, ein paar Örter, die in Rom kaum durch einen andern Umstand bekannt waren, als, jenes durch den Tod des Cato, und dieses durch einen Sieg des Cäsar über die Partei des Pompejus. Es mag sein, daß die Morgenröte der Kultur damals auch in diesen barbarischen Provinzen des römischen Reichs aufzugehen anfing; aber aus dem ganzen Zusammenhang ist augenscheinlich, daß unser Dichter weit entfernt war, sich auf die Versendung nach Utica und Ilerda was zugute zu tun, wie Geßner (aus Haß gegen die Dilogie , ohne welche man den ganzen Sinn dieses Stücks verfehlt) sich gern bereden möchte. dich senden lassen müssen. Ich, der dirs vorhergesagt, ich lache dann dazu, wie jener, da er seinen eigensinn'gen Esel im Zorn in einen gähen Abgrund jagt' und rief. so brich dir dann den Hals, weil du so große Lust dazu hast Ein eben so feiner als drollichter Scherz über seine eigne Torheit, sein Buch herauszugeben, ohngeachtet er die leidigen Schicksale, die ihm bevorstanden, vorhersah. »Ich werde dann dazu lachen, sagt er, aber freilich nur mit halbem Munde, wie jener, da er seinen Esel, der mit aller Gewalt immer an den Rand des gähen Absturzes auswich, aus Zorn endlich gar hinunter jagte. Der Esel brach nun zwar den Hals, und der Herr des Esels genoß einen Augenblick lang die Befriedigung der Schadenfreude: aber freilich nicht länger, als bis sein Zorn vorüber war, und er nun fühlte, daß der Esel zwar freilich sein Leben, aber er selbst doch immer – einen Esel dabei verloren hatte.« ! – Auch noch dies erwartet dich zuletzt, daß in der Vorstadt, in einem abgelegnen Winkel, sich ein alter stammelnder Schulmeister deiner bemächtigt, und, die Rute in der Hand, dich nötigt, seine Knaben im Syntax zu üben. Indessen, wenn ein lauer Sonnentag mehr Ohren um dich her versammeln wird, Quod si non odio peccantis desipit augur, \<10\> carus eris Romae, donec te deserat aetas: contrectatus ubi manibus sordescere vulgi coeperis, aut tineas pasces taciturnus inertes, aut fugies Uticam aut vinctus mitteris Ilerdam. Ridebit monitor non exauditus, ut ille \<15\> qui male parentem in rupes protrusit asellum iratus; quis enim invitum servare laboret? Hoc quoque te manet, ut pueros elementa docentem occupet extremis in vicis balba senectus. Cum tibi sol tepidus plures admoverit aures, sag' ihnen: daß ich, eines Freigelaßnen Enkel, mit magerm Erbteil, meine Federn über mein kleines Nest herausgestreckt – und, kurz, was mir an Ahnen abgeht, gib mir immer an eignem Wert, und setze noch hinzu, ich sei den ersten Männern Roms, im Krieg und Frieden, lieb gewesen; übrigens von Körper klein, und vor den Jahren grau, ein großer Freund der Sonne, schnell zum Zorn, doch leicht und bald auch wieder gut zu machen. Fragt etwa jemand dich nach meinem Alter, so sprich: ich hätte viermal eilf Dezember im Jahr zurückgelegt, da Lollius das Konsulat mit Lepidus verwaltet d. i. im Jahr 733. . \<20\> me libertino natum patre et in tenui re maiores pennas nido extendisse loqueris; ut quantum generi demas, virtutibus addas: me primis urbis belli placuisse domique, corporis exigui, praecanum, solibus aptum, \<25\> irasci celerem, tamen ut placabilis essem. Forte meum si quis te percontabitur aevum, me quater undenos sciat implevisse Decembres collegam Lepidum quo duxit Lollius anno. Horazens Briefe Zweites Buch Erster Brief An Augustus Einleitung Die Veranlassung dieses an August gerichteten Diskurses wird von einem neuern Schriftsteller so erzählt: – »Augustus, bezaubert von den Sermonen des Horaz, die ihm Mäcenas zu lesen gegeben, und überzeugt, daß sie sich bis in die späteste Nachwelt erhalten würden, ließ eine Menge Abschriften davon machen, und wünschte seinen Namen darin zu sehen. Er erwies sogar dem Dichter die Ehre, ihm ein Handbriefchen zu schicken, worin er, nachdem er sehr rühmlich von seinen Werken gesprochen, ihm einige Unzufriedenheit darüber bezeigt, daß sie nicht an ihn gerichtet seien. Warum, schreibt ihm August, willst du mir keine Stelle in deinen Dialogen gönnen? Besorgst du etwa, die Nachwelt möchte dirs übel nehmen, wenn du sie sehen ließest, daß du auf einem freundschaftlichen Fuß mit mir gestanden?« Mémoires de la Cour d'Auguste, édit. de 1781. Tom. II. p. 465. Wir wissen nicht, was für geheime Nachrichten die Verfasser dieses Werkes (dem übrigens durch diese Anführung an seinem übrigen Werte nichts benommen sein soll) gehabt haben können; oder vielmehr, wir wissen ganz gewiß, daß sie hier aus keiner andern Quelle schöpfen konnten, als aus der bekannten kleinen Lebensbeschreibung unsers Dichters, welche den Namen des Suetonius an der Stirne führt, und, wenn auch kein untergeschobenes, doch gewiß ein ziemlich verunstaltetes Werk dieses berühmten Biographen der zwölf ersten Cäsarn ist. Wer jene Erzählung des neuern Autors mit dieser ihrer Quelle vergleicht, kann sie als ein Beispiel ansehen, wie die Neuern gewöhnlich mit der alten Geschichte zu verfahren pflegen; und wieviel die Zuverlässigkeit dabei verliert, wenn ein Verfasser, des lebhaftern Vortrags wegen , seiner Einbildungskraft erlaubt, den Mangel historischer Nachrichten mit willkürlichen Dichtungen auszufüllen. Denn alles, was Suetonius von der Sache sagt, besteht bloß in folgendem: »August, nachdem er einige von Horazens Sermonen gelesen, habe sich darüber, daß seiner nicht darin erwähnt worden, folgendermaßen beschwert: Wisse, daß ich böse auf dich bin, daß du dergleichen Schriften nicht vorzüglich (oder größtenteils) an mich richtest. Fürchtest du etwa, es möchte dir bei der Nachwelt zur Schande gereichen, für einen meiner guten Freunde gehalten zu werden? « Iratum me tibi scito, quod non in plerisque eiusmodi scriptis mecum potissimum loquaris. An vereris, ne apud posteros infame sit, quod videaris familiaris nobis esse? – Durch diesen Vorwurf, meint der Verfasser der Vita Horatii , habe August unserm Dichter die gegenwärtige Epistel abgedrückt ; und in der Tat, wenn die Echtheit dieser Anekdote außer Zweifel wäre, so könnte man wohl sagen, er habe dem armen Dichter diese Epistel mit dem Dolch auf der Brust abgezwungen. Beim ersten Anblick scheint nichts unwahrscheinlicher, als daß Augustus, der sich, um diese Zeit, ohne übertriebne Einbildung als die erste Person in der Welt ansehen konnte, sich eines so auffallenden Ausdrucks gegen unsern Dichter bedient haben sollte. Denn, wann sollte er so gesprochen oder geschrieben haben? In den Zeiten des Triumvirats könnte ihm sein Gewissen vielleicht noch wohl, in einem unbewachten Augenblick, einen solchen Gedanken – aber, wenn auch einen solchen Gedanken, doch gewiß keinen solchen Ausdruck – abgenötigt haben. Allein diese Epistel ist, unstreitig, wenigstens acht Jahre nach der Epoke geschrieben, wo die große Verwandlung des Usurpators Octavius Cäsar in einen gesetzmäßig regierenden August vorgegangen war. Wenn sie also als eine unmittelbare Frucht des Vorwurfs, den er unserm Dichter gemacht haben soll, anzusehen wäre: so müßte dieser Fürst – zu einer Zeit, da die Dankbarkeit der Römer für das gegenwärtige Gute, das sie als Seine Wohltat ansahen, alle Erinnerungen des vergangnen Elends, mit dessen Schuld sie die Zeit und den bösen Dämon der Republik belasteten, verschlungen hatte – zu einer Zeit, da er im eigentlichen Verstand der Abgott der Römer war, und gleichsam in der Atmosphäre des Weihrauchs lebte, der täglich von tausend Altären zu ihm aufstieg, und ihn mit der süßen Täuschung, geliebt und angebetet zu sein, berauschte – fähig gewesen sein, sich selbst auf eine seltsame Art zu vergessen, und zu einem Ausdruck herabzusinken, der nur einem Tyrannen, der seine Infamie in der Nachwelt vorausfühlt, und auch einem solchen nur in einer starken Abwesenheit des Geistes, entwischen zu können scheint. Kann etwas Unglaublichers sein? Man könnte allenfalls dieser anscheinenden Ungereimtheit dadurch entgehen, wenn man annähme, daß die Anekdote nur zur Hälfte wahr sei. August, dessen Eitelkeit nach allen Arten von Verherrlichung geizte, könnte gar wohl, zwischen Scherz und Ernst, einige Empfindlichkeit darüber geäußert haben, daß Horaz keinen von seinen sogenannten Sermonen an ihn gerichtet, oder (was sich noch eher glauben ließe) er könnte einige Verwunderung darüber gezeigt haben, daß ein so vorzüglicher Dichter, wie Horaz ihm vermutlich von Mäcenas, Pollio und andern angepriesen worden war, sein Talent nicht auf eine patriotischere Art anwende – sich nicht, nach dem Beispiel eines Varius und Virgil , unmittelbarer um den Staat verdient mache, und die alten Helden der römischen Republik, oder die großen Begebenheiten seiner eignen Zeit zum Gegenstand seiner Muse wähle. Horaz, könnte man sagen, habe den Wink verstanden: da er aber entschlossen gewesen, seinen eignen Weg zu gehen, und keiner andern Muse zu folgen, als seiner Laune oder dem lebhaften Gefühl des Augenblicks; kurz, da er aus guten Ursachen sich in kein großes Werk, am wenigsten von der Art , wie ihm August oder Mäcenas gern zugemutet hätten, einlassen wollen: so habe sichs wenigstens geziemt, seine Entschuldigungen an Augusten selbst zu richten; und er habe sich vermutlich um so lieber dazu bequemt, weil er dadurch Gelegenheit bekommen, die Begriffe dieses Fürsten von der römischen Literatur in manchen Stücken zu berichtigen, und so, unter dem Schein, als ob dies der Hauptgegenstand seines Diskurses sei, die Entschuldigungen, die es wirklich waren, auf eine ungezwungne Art herbeizuführen. So scheinbar diese Auflösung des Knotens beim ersten Anblick sein möchte, so wird sich doch eine andere, die mit dem Texte des Suetonius besser zusammenstimmt, von selbst ergeben, wenn wir das wahre Verhältnis zwischen unserm Dichter und August genauer bestimmt, und zu diesem Ende einige Betrachtungen über den Charakter des Letztern, und seinen Einfluß auf die Literatur seiner Zeit überhaupt, vorausgeschickt haben werden; eine Arbeit, der wir uns in der Einleitung zu dieser Epistel um so weniger entziehen können, da sich daraus ein Licht über sie verbreiten wird, ohne welches vielleicht manche von ihren feinern Schönheiten unempfunden bleiben würde. Über den Charakter des Augustus Ich weiß nicht, ob die Geschichte in ihrem ganzen Umfang einen Sterblichen aufzuweisen hat, dessen Charakter zweideutiger, rätselhafter und schwerer unter einen Hauptbegriff zu fassen wäre, als eben dieser Augustus , von welchem, als der ersten Figur in dem großen Gemälde dieser Zeit, in gegenwärtigem Werke schon so oft die Rede gewesen ist. Wer, der die Begebenheiten der funfzehn Jahre seines Triumvirats, unter dem Namen Octavianus , und die Geschichte der übrigen zwei und vierzig Jahre seiner Regierung, in einem andern Buche unter dem Namen Augusts gelesen hätte, könnte sich vorstellen, daß er das Leben einer und eben derselben Person gelesen habe? Daß der feigherzige, undankbare, treulose, kaltblütiggrausame junge Bösewicht, dem keine Bande der Natur, keine Gesetze der menschlichen Gesellschaft, keine Verhältnisse des Lebens, mit einem Wort, dem nichts Göttliches noch Menschliches heilig, dem zu Beruhigung seiner mißtrauischen Furchtsamkeit, und zu Erreichung seiner ehrsüchtigen Plane kein Bubenstück zu schändlich war, – eben derjenige sei, der unter dem Namen August eine den Römern von jeher so verhaßte Autokratie durch eine Mäßigung, eine Klugheit, eine Aufmerksamkeit und Tätigkeit für das allgemeine Beste, die fast ohne Beispiel ist, beliebt und zu einer Wohltat für die Welt gemacht; – eben derjenige sei, mit dessen Namen die Römer ihre folgenden Beherrscher zu jeder Tugend eines guten Fürsten, eines allgemeinen Vaters, eines wohltätigen Genius, zu verpflichten und einzuweihen glaubten? – Es scheint unbegreiflich, und doch ist nichts gewisser, als daß der nämliche Mann in verschiedenen Perioden seines Lebens beides war. Die Geschichte der Menschheit kennt kein andres Beispiel einer solchen Verwandlung; die Natur scheint, ohne ein Wunder, welches hier schwerlich jemand annehmen wird, keine solche Verwandlung zuzulassen; und diese seltsamste unter allen seltsamen Erscheinungen würde immer ein unauflösliches Rätsel bleiben, wenn wir nicht den Schlüssel dazu gebrauchten, den uns Augustus selbst in dem einzigen aufrichtigen Augenblick seines Lebens – in seinem letzten – gegeben hat. Nun , sagte er zu seinen umstehenden Vertrauten, dünkt euch, daß ich den Mimus Gebärdenspiel , oder, wie wirs nennen, Pantomime . Tragische und komische Süjets wurden in diesem damaligen Lieblingsschauspiel der Römer, wo nicht bloß, doch hauptsächlich durch Gebärden und Bewegungen gespielt, oder getanzt , wie man es damals hieß, weil alles seinen gewissen Rhythmus hatte, und mit Musik begleitet war. des Lebens leidlich gespielt habe Ecquid iis videretur mimum vitae commode transegisse? Sueton. in. Aug. c. 100. ? August hätte sich nicht deutlicher über das, was wir von seinen so hoch gepriesenen Tugenden zu denken haben, erklären können, als durch diesen Ausdruck. Es würde uns zu weit von unserm Vorhaben abführen, dies umständlich zu entwickeln. Genug, daß durch diesen Aufschluß alle löblichen Handlungen seines Lebens in ihr wahres Licht gestellt, alle die schönen Gestalten, unter welchen er sich, von seinem vier und dreißigsten Jahre an, der Welt zeigte, begreiflich werden, und nichts Bewundernswürdiges mehr an ihm übrig bleibt, als die Kunst, womit er die Rolle, die ihn Mäcenas und Agrippa spielen gelehrt hatten, über vierzig Jahre auszuhalten wußte. Und auch da verliert sich noch viel von unsrer Bewunderung, wenn wir den mitwirkenden Ursachen – der Geschicklichkeit seiner Vertrauten, seiner eignen Schwäche und nie gänzlich schlummernden Furcht vor dem Schicksal Julius Cäsars, seiner Eifersucht über die großen Eigenschaften des Agrippa und die vielversprechenden Tugenden des jungen Marcellus , seines Schwester-Sohns Ich bin überzeugt, daß die Welt, in den ersten Jahren seiner alleinigen Oberherrschaft über das Römische Reich, der bloßen natürlichen Wirkung, welche ein so großer Mann wie Agrippa , und ein so hoffnungsvoller Jüngling wie Marcellus , auf den zaghaften und so viel Böses sich bewußten Usurpator machen mußte, mehr, als man gewöhnlich in Anschlag bringt, von seinen Tugenden zu danken gehabt habe. Alle Augen waren mit Bewundrung und Vertrauen auf diesen Mann , mit Liebe und Hoffnung auf diesen Jüngling geheftet, dessen im Jahr 731 erfolgter frühzeitiger Tod als eine das ganze Reich betroffne Kalamität beweint wurde. Augustus mußte wenigstens zu sein scheinen , was jene waren ; mußte alle die Tugenden, die ihre Namen den Römern so wert machten, zu ehren und zu lieben scheinen , wenn die Römer ganz und auf immer vergessen sollten, was er gewesen war . Wie leicht hätten sie nicht einmal unversehens gewahr werden können, daß Agrippa des ersten Platzes in der Welt würdiger sei, als Er? Oder wie leicht konnte sie ein präsumtiver Erbe wie Marcellus ungeduldig machen, die Zeit seiner Sukzession abzukürzen? , – und endlich, nachdem er alle Freunde seiner schönsten Jahre überlebt hatte, dem Einfluß der staatsklugen Livia , und der Gewohnheit, die zur andern Natur wird, – so viel Wirkung zuschreiben, als jede dieser Ursachen natürlicherweise auf ihn machen mußte. Augustus spielte also, seine ganze glorwürdige Regierung durch, nur Komödie mit den albernen Römern. Er war nur Komödiant, wenn er sich die unbeschränkte Herrschaft, die er schon besaß und nie im Ernst abzutreten Lust hatte, stückweise und nach und nach unter allen möglichen legalen Titeln vom Senat und Volk aufzwingen ließ; er war Komödiant, wenn er die Mäßigung eines Privatmanns affektierte, und doch erlaubte, daß ihm Altäre gebaut und Tempel gewidmet wurden; Komödiant, wenn er einen bis auf die unbedeutendsten Kleinigkeiten ausgedehnten Respekt gegen die alten Gesetze und Formen spielte, denen er doch alle Augenblicke mit Gewandtheit zu entschlüpfen wußte; Komödiant, wie er die Mailänder, bei Erblickung einer dem M. Brutus (ihrem ehemaligen Patron) errichteten Bildsäule, wegen dieses Beweises ihrer Dankbarkeit und Treue gegen das Andenken eines unglücklichen Freundes, öffentlich lobte. Und er, der eine so große Leichtigkeit hatte, alle Arten von Regenten-Tugenden zu agieren , sollte er nicht auch Komödiant gewesen sein, wenn er mit einer Liebe der Musen Parade machte, die gewiß nie in eine so kalte, falsche und selbstische Seele wie die seinige gekommen ist, noch jemals kommen wird? Die gelehrte Erziehung, die er in seiner ersten Jugend zu Apollonia erhielt, war entweder nicht darauf gerichtet, die Untugenden seiner natürlichen Sinnesart zu verbessern, und das feinere Gefühl des Schönen und Guten in ihm zu entwickeln, welches die wahre Grundlage der Tugend und der so nahe mit ihr verschwisterten Liebe der Musen ist – oder sie wurde durch den Tod seines Groß-Oheims, dessen Erbe er war, zu früh unterbrochen, um von merklichem Nutzen zu sein. Wenige Monate in dem neuen Element, worein er auf einmal geworfen wurde, in dem raschen Wirbel der Staatsangelegenheiten, in den er sich, ohne zu wissen wie ihm geschah, hineingezogen fand, in dem schwindlichten Taumel einer Größe und Wichtigkeit, wozu er mit Gewalt erhoben wurde, ohne sie ertragen zu können – eine sehr kurze Zeit in solchen Umständen war weit mehr, als es brauchte, um das wenige Gute, was die Mode-Erziehung eines jungen Römers von Stand und großen Erwartungen bewirken konnte, wieder auszulöschen. Der alte Cicero , der sich geschmeichelt hatte, der Mentor dieses Telemachs zu sein, sah sich gar bald in einer so unwahrscheinlichen Hoffnung aufs grausamste betrogen, und bezahlte die Schuld, die er an der gesetzwidrigen Erhebung dieses zweideutigen Knaben zu einem Protektor der Republik hatte, mit seinem grauen Kopfe. Der junge Octavius Cäsar überließ sich, sobald er sich nur von ihm loswickeln konnte, seinem natürlichen Hang, warf sich dem Antonius in die Arme, verlor in der Gesellschaft des Abschaums von Rom jeden Rest von Scham und Zurückhaltung, und entfaltete in den ersten Jahren des berüchtigten Triumvirats einen natürlichen Charakter, dem nichts als Mut und Stärke fehlte, um ihn zu einem zweiten Sulla zu machen. Eine schwächliche Leibesbeschaffenheit, die schon in seinem ein und zwanzigsten Jahre den Folgen seiner Ausschweifungen unterlag, und eine natürliche Furchtsamkeit, die allen seinen tätigen Leidenschaften die Waage hielt, rettete Rom vom gänzlichen Untergang, und ihn selbst von der Schande, der Nachwelt bloß als der Zerstörer seines Vaterlandes bekannt zu sein. Die Schrecknisse des allgemeinen Hasses, dessen er sich würdig fühlte, zwangen ihm den Wunsch ab, Liebe zu verdienen, und das Verlangen nach seiner eignen Sicherheit wurde die Sicherheit des Staats. Aber wie viel Gutes mußte er tun, um die Folgen des Bösen, das er nicht wieder ungeschehen machen konnte, zu vergüten! Was für Pflichten legte ihm eine solche Entschließung auf. Niemals würde er fähig gewesen sein, ihr getreu zu bleiben, wenn er in der Ausführung seinen eignen Kräften überlassen gewesen wäre. Allein, da er weiter nichts zu tun hatte, als zu dem, was ein Agrippa, ein Mäcenas, ein Pollio, ein Messala, an seiner Statt dachte und tat , seinen Namen herzuleihen; er die sichre Bahn, die ihm diese Männer vorzeichneten und bahnten , nur zu gehen , die Talente und Tugenden, die sie hatten , nur zu heucheln , und von ihren Arbeiten, ihren Gefahren, ihren Verdiensten nur die Früchte einzuernten brauchte: so fühlte er sich durch die Leichtigkeit der Ausführung so aufgemuntert, durch die fremden Kräfte, die ihm geliehen wurden, so gestärkt, durch den über alle seine Hoffnung glücklichen Erfolg mit so viel Vertrauen auf seinen Genius erfüllt, daß er Lust zum Werke bekam, und alle seine Aufmerksamkeit anstrengte, die Bemühungen seiner Freunde durch seine eignen zu unterstützen. Er studierte die Rolle, die sie ihn spielen lehrten, mit unermüdetem Fleiße; und, da er nicht ohne Talent zur hypokritischen Kunst war, lernte er sie so gut spielen, daß sie ihm endlich natürlich wurde. Er schien wirklich der Mann zu sein, den er vorstellte; die zu ihrem eignen Glücke getäuschten Römer erleichterten ihm die Mühe, sie zu betrügen, indem sie die Augen freiwillig zuschlossen; und, so groß wird die mit der Zeit vermehrte Kraft der Gewohnheit, daß er zuletzt selbst den künstlichen Charakter, den er so lange nur als Maske getragen hatte, wenigstens in gewissen Momenten, mit seinem eignen verwechselte, und wahre Tränen weinte, als ihm, an dem schönsten Tage seines Lebens, der glorreiche Name Vater des Vaterlandes von einem Volke, das sich glücklich durch ihn fühlte, mit schwärmerischer Liebe aufgedrungen wurde. Agrippa und Mäcenas , denen die Welt für diese wundersame Verwandlung eines tyrannischen Usurpators in einen der besten Fürsten hauptsächlich verpflichtet war, hatten sich in ihren Einfluß so geteilt, daß jener an der Staatsverwaltung öffentlich und unmittelbar Anteil nahm, dieser hingegen, ohne sich jemals der Vorteile seines Privatstandes zu begeben, sich der Freund und Vertraute des Fürsten zu sein begnügte. Im Charakter des ersten zeichnete sich eine angeborne Neigung zum Großen, in dem des andern die Liebe des Schönen aus. Jener besaß alle Talente und Tugenden des Feldherrn und Staatsmannes, dieser alle Eigenschaften des feinen Weltmanns und angenehmen Gesellschafters. Beide liebten die Künste: aber jener wendete sie hauptsächlich zur Verherrlichung der Stadt Rom und durch große öffentliche Werke, dieser mehr zur Verschönerung des geselligen Lebens an. Agrippa beeiferte sich, der Regierung des neuen Augusts Stärke, Festigkeit und Majestät zu verschaffen; Mäcenas , sie den Römern angenehm und liebenswürdig zu machen; und während jener preiswürdige Taten verrichtete, munterte dieser diejenigen auf, welche sie würdig zu besingen fähig waren. – Alles aber kam auf Rechnung desjenigen, unter dessen Auspizien und zu dessen Vorteil sie, jeder in seinem besondern Kreise, wirkten. Das Glück, welches vielleicht niemals für einen Sterblichen so viel als für Augusten getan hat, hatte fast zu gleicher Zeit mit ihm einige von den seltnen Günstlingen der Natur geboren werden lassen, welche dazu gemacht sind, die Zeit, in der sie leben, bei der spätesten Nachwelt als Epoke auszuzeichnen. Es schickte den Virgil nur sieben, den Horaz nur zwei Jahre vor ihm her, als Herolde, welche dereinst seine Regierung den Zeitgenossen als das große Werk des Schicksals, woran die Götter von Jahrhunderten her gearbeitet, und als den Anfang eines neuen bessern Weltalters, anpreisen sollten. Gleichwohl würde August diese Dichter vielleicht nie bemerkt, oder doch gewiß so hoch nicht geschätzt haben, wenn ihn Pollio und Mäcenas nicht von den Vorteilen zu überzeugen gewußt hätten, die er von ihren Talenten ziehen könne. Weder seine natürliche Sinnesart, noch der immerwährende Taumel, worin er seine Jugend zugebracht, noch die Größe und Weitläufigkeit der Sorgen, in welche ihn die Regierung des kaum übersehbaren Römischen Reichs verwickelte, waren mit der zarten Empfindlichkeit und reinern Stimmung der Seele verträglich, die erfodert werden, um einen wahren Sinn für die Komposition eines Virgils und ein Ohr für den Zauber seiner Verse zu haben. – Allein, an dem Platze, wo Augustus stand, hätte er noch weniger Geschmack haben können, als er vielleicht wirklich hatte, ohne darum weniger ein Beschützer und Belohner von Talenten zu sein, die ihm von seinen Vertrauten angepriesen wurden, die der öffentliche Ruf anerkannte, und die er sich durch ein edles und großmütiges Betragen auf eine seiner Regierung und seinem Nachruhm so vorteilhafte Weise verbinden konnte. Es war auf alle Fälle hinreichend, wenn er nur begriff, daß es wenigstens eben so sehr sein Interesse sei, sie zu Klienten, als das ihrige , ihn zum Patron zu haben: und es konnte ihnen sehr gleichgültig sein, ob er den Wert ihrer Werke wirklich fühlte, wenn er nur so handelte, als ob er ihn fühlte. August, wiewohl er das Ansehen haben wollte, daß er den Talenten dieser Art eine allgemeine Aufmunterung angedeihen lasse Ingenia saeculi sui omnibus modis fovit. Sueton. in Aug. c. 89. , war doch nicht gleichgültig, wie und von wem er besungen werde. Er hätte, natürlicher Weise, gern die eminentesten Köpfe zu Anhängern und Herolden gehabt. Aber gerade unter diesen befand sich einer, den weder die Eifersucht über das Ansehen, so sich ein Virgil durch seine Äneide erworben, noch die Belohnungen, die ihm dafür geworden waren, hatten erhitzen können; einer, dessen Talenten man alles zutraute, und der doch wenig oder nichts für seine Zeit, und für Den, um dessen Gunst sich die ganze Welt bewarb, getan zu haben schien; kurz einer, der mitten in Rom und im wollüstigen Hause des Mäcenas, das dem Hofe des Homerischen Alcinous so ähnlich sah, immer von Retraite sprach, und, mitten unter Leuten, die um Gunst und Reichtum in die Wette buhlten und um diesen Preis alles zu tun und zu leiden bereit waren, kein Geheimnis daraus machte, daß er anders denke als sie, und eine Mittelmäßigkeit, die nach dem gemeinen Maßstab nichts mehr als Armut war, mit Unabhängigkeit und Selbstgenuß, allem, was Könige geben könnten, vorziehe. Und dieser einzige war – unser Dichter . Doch, seine Genügsamkeit und sein Hang zur Unabhängigkeit (Eigenschaften, welche zu allen Zeiten die Viros Mercuriales charakterisiert haben) war ihm vermutlich noch mit mehrern Dichtern seiner Zeit gemein. Aber was ihn vor ihnen allen auszeichnete, war ein andrer Umstand, der Augusten weit weniger gleichgültig sein konnte. Virgil und Ovid z. B. waren nie etwas anders als Dichter gewesen, und trieben die Kunst der Musen als ein Talent, wozu sie sich von der Natur berufen fühlten, und dessen Kultur sie zum Geschäfte ihres Lebens machten. Horaz hingegen hatte in seiner Jugend eine Laufbahn betreten, die ihn, wenn das Schicksal seiner Partei günstiger gewesen wäre, zu einem ganz andern Ziele geführt haben könnte. Man weiß nicht, wie Horaz, als ein junger Mensch ohne Geburt und Vermögen, der sich Studierens wegen zu Athen aufhielt, und noch keine Proben von militärischen Fähigkeiten gegeben hatte, zu der Ehre kam, unter einem so großen Feldherrn wie Brutus , Obrister über eine Legion zu werden. Lessing schloß aber bloß daraus, weil es geschah , sehr richtig, daß Brutus persönliche Eigenschaften an ihm müsse gesehen haben, die ihn eines solchen Postens würdig gemacht; und ich glaube mit Shaftesbury nicht zu irren, wenn ich den Zug in dem kleinen Gedicht an sein Buch : Me primis urbis BELLI placuisse domique für eine Andeutung ansehe, daß er dem Brutus vorzüglich wert gewesen, und eines nähern Zutritts und vertrautem Umgangs von diesem große Manne gewürdiget worden. Allem Ansehen nach war es nicht nur die Schönheit und feine Kultur seines Geistes, die ihn für Personen von ähnlicher Art zum angenehmsten Gesellschafter machte, sondern vornehmlich seine edle Art zu denken, sein Haß gegen die Tyrannie und Eifer für die gute Sache der Republik, was ihm eine so ansehnliche, und, ohne dies, ganz unbegreifliche Unterscheidung vor tausend andern seines Alters und Standes bei den Häuptern der republikanischen Partei verdiente. Denn es fehlte ihnen damals an nichts weniger als an jungen Männern von Familie und Vermögen, und es war gewiß nicht die Not, die den Brutus zwang, bis zum Sohn eines Freigelaßnen und Zollbedienten von Venusium herabzusteigen, um seine Legionen mit Befehlshabern zu versehen. Ohne Zweifel ahndete dem Horaz, als er seine besten Abende noch im Gezelt des Brutus zubrachte, wenig davon, daß er in den Fall kommen würde, diesem unstreitbaren jungen Octavius, gegen den er zu Felde lag, nach fünf und zwanzig Jahren in einer poetischen Epistel das Kompliment zu machen: Gerecht und weis' ist deines Volkes Urteil, indem es vor der Griechen Feldherrn Dir und vor den unsrigen den Vorzug gibt – Aber vielleicht hatte auch August, da er diese Verse las, noch nicht ganz vergessen, daß es vor fünf und zwanzig Jahren nicht an Horazens gutem Willen gelegen hatte, wenn das Schicksal des Brutus und Cassius nicht das seinige geworden war. Nach dem unglücklichen Ausgang der Schlacht bei Philippi und dem Tode dieser letzten Römer stand es bei Horaz, ob er (wie viele andre) zu dem jungen Pompejus flüchten, oder (wie noch mehrere taten) unter Antonius oder Octavius Dienste nehmen wollte. Zum letztern war er zu edelmütig, und zum ersten zu klug; denn daß es um die Republik nunmehr geschehen sei, war, mit einer viel geringern Kenntnis der Lage der Sachen, als man bei ihm voraussetzen kann, leicht vorherzusehen. Es blieb ihm also keine andre Wahl übrig, als fürs erste bloß seine Person in Sicherheit zu bringen, und – man weiß nicht wie, oder durch wessen Vermittlung Die gemeine Meinung ist zwar, Mäcenas habe unserm Dichter unmittelbar nach der Schlacht bei Philippi das Leben erhalten. Ich weiß aber nicht, ob sie einen andern Grund hat, als das unbedeutende Zeugnis des Sidonius Apollinaris : aber ich habe für meine Meinung das Zeugnis eines Mannes, der am besten von der Sache unterrichtet sein mußte, und das ist Horaz selbst, der die Geschichte seiner Bekanntschaft mit Mäcen im 6ten der Sermonen des I. Buchs deutlich genug erzählt, um keinem Zweifel über diesen Punkt Raum zu lassen. – von den Siegern wenigstens so viel zu erhalten, daß man ihn existieren ließ. Die Frage war aber, wovon? Denn sein kleines väterliches Erbgut war dem Triumviralischen Fiskus angefallen. Für einen Mann von seiner Denkart und in seiner Lage würde es schwer gewesen sein, einen Ausweg zu finden, wenn die Musen, zu deren Dienst er erzogen worden war, ihn nicht in ihren Schutz genommen hätten. Ob von den ersten Versuchen, wodurch er sich zu Rom hervorgetan, etwas bis auf uns gekommen sei, läßt sich nicht wohl entscheiden. Wir sehen aber aus einem seiner Sermonen, daß er seiner Freundschaft mit den Dichtern Virgil und Varius die erste Bekanntschaft mit Mäcenas zu danken gehabt Nulla mihi te fors obtulit. Optimus olim Virgilius, post hunc Varius dixere quid essem. . Neun Monate darauf befand er sich unter die vertrautern Klienten, oder Freunde, desselben aufgenommen – revocas nono post mense, iubesque esse in amicorum numero – Ibid. , und erhielt (vermutlich erst nach einigen Jahren) von der Freigebigkeit dieses fürstlichen Privatmanns, dessen Herz er gewonnen hatte, das Sabinische Gut, wovon so oft die Rede in seinen Werken ist. Es scheint nicht, daß er während der ganzen Zeit des Triumvirats mit dem Octavius oder nachmaligen Augustus in nähere Bekanntschaft gekommen sei; und außer einer einzigen, noch zweifelhaften Stelle, wo er einen Octavius unter denjenigen nennt, deren Beifall ihm schmeichelhaft sein würde Cruquius und Baxter finden zwar nicht im mindesten zweifelhaft, daß hier von dem nachmaligen August die Rede sei: aber andre Ausleger, denen auch Geßner beitritt, können nicht glauben, daß ein Homuncio wie Horaz den Caesarem Divi Filium so sans façon unter seinen Freunden und dazu noch schlechtweg unter dem Namen Octavius genennt haben sollte – und wollen lieber zu irgend einem unbekannten Octavius ihre Zuflucht nehmen. Man könnte aber dagegen sagen: daß der junge Cäsar Divi Filius damals noch nicht Augustus geheißen, und seinen Geschlechtsnamen Octavius schwerlich für eine Beleidigung werde aufgenommen haben; daß er überdies sich noch in einem unentschiednen Zustand befunden, und ungeachtet er die unbestimmte Gewalt eines Triumviri Reipublicae constituendae noch immer an sich behalten, gleichwohl, um das Verhaßte dieser tyrannischen Gewalt zu mildern, viele Popularität affektiert, und in Sachen, die das Gouvernement nicht betrafen, sich keiner Vorrechte vor andern Römern seines Standes angemaßt habe; und endlich, daß Horaz in der Stelle, wovon die Rede ist, aller Wahrscheinlichkeit nach, die vornehmsten Glieder der Gesellschaft nenne, die sich im Hause Mäcens zusammenzufinden pflegte, und aus den qualifiziertesten Männern und besten Köpfen in Rom bestand, und daß es dem jungen Cäsar, der von Seiten der Sitten und des Geistes sich erst noch einen guten Ruf zu machen hatte, sehr viel Ehre war, in solcher Gesellschaft zu erscheinen, und unter den Personen, deren Beifall Horaz ambitionierte, genennt zu werden. , findet sich in allem, was er vor der Schlacht bei Actium geschrieben, nichts, das einige nähere Beziehung auf denselben hätte, oder zu erkennen gäbe, daß er sich für die Person oder Sache dieses Triumvirs interessiere. Die ansehnliche, wiewohl kurze Rolle, die er unter der Anti-Cäsarischen Partei gespielt hatte, würde in den abhänglichen Umständen, worin er sich jetzt befand, schon bloß um seiner Ehre und Sicherheit willen, diese Zurückhaltung erfodert haben. Aber eine Menge leiser Winke , die keinem aufmerksamen Leser in seinen ältern Werken entgehen können, machen es glaublich, daß sein Herz wenigstens eben so viel Anteil daran gehabt habe, als seine Klugheit; und daß er nicht anders als mit Mühe, und nach langer Zeit, von sich habe erhalten können, dem Haupte der Partei, für welche die Götter sich erklärt hatten, öffentlich Weihrauch zu streuen. ich finde sogar in der dreizehnten Epode einen Zug, den man für nichts anders als einen, gleichsam wider Willen, seiner Brust entflohenen, aber ziemlich lauten und nicht hoffnungslosen Wunsch, die Republik wiederhergestellt zu sehen, nehmen kann. Er muntert einen seiner Freunde auf, sich einen fröhlichen Tag mit ihm zu machen: – – rapiamus, amici, occasionem de die, dumque virent genua et decet, obducta solvatur fronte senectus. Tu vina Torquato move consule pressa meo! Und nun setzt er, um allen Einwürfen, die sein Freund von dem Unglück der Zeiten hernehmen könnte, zuvorzukommen, hinzu: Cetera mitte loqui! Deus haec fortasse benigna reducet in sedem vice: nunc et Achaemenio perfundi nardo iuvat, et fide Cyllenaea levare diris pectora sollicitudinibus. Halbrätselhafte Worte, die in unsers Dichters Munde keinen andern Sinn haben können, als diesen: »Schlage dir die politischen Angelegenheiten aus dem Sinne! Kein Wort von unangenehmen Dingen! Vielleicht wendet sich noch das Blatt, und ein Gott, der sich auf unsre Seite schlägt, stellt alles wieder in den vorigen Stand her. Jetzt, Freund, wollen wir uns mit Narden salben, und mit Gesang und Saiten den Kummer verjagen, zu dem wir so ungeheure Ursache haben, und der uns doch so wenig helfen würde.« – In der siebenten Epode an das römische Volk, Quo nunc, scelesti, ruitis? und in der sechzehnten : Altera iam teritur bellis civilibus aetas,     suis et ipsa Roma ruit viribus macht er den Römern mit einer Leidenschaft, die nicht wie bloße poetische Begeistrung klingt, mit der vollen Ergießung eines Herzens, dessen geschwellte Empfindungen alle Dämme der Klugheit durchbrechen, die bittersten Vorwürfe. In beiden ist freilich kein Wort geradezu gegen den jungen Cäsar; aber auch kein Laut, der die mindeste Zuneigung zu seiner Sache verriete. In der letztern Epode geht er gar so weit, seine Mitbürger, oder wenigstens den bessern Teil derselben, aufzufodern, nach dem alten Beispiel der Phocäer Als sie ihr Vaterland auf ewig verließen, und nach Gallien zogen, wo sie die Stifter der so lange blühenden Republik Massilia wurden, deren Stelle das heutige Marseille einnimmt. , das dem Verderben geweihte Rom zu verlassen Eamus omnis exsecrata civitas aut pars indocili melior grege: mollis et exspes     inominata perprimat cubilia, etc. , und soweit ihre Füße sie tragen, oder soweit irgend ein Wind sie treiben würde, nach einem neuen Wohnort auszuwandern; aber sich auch vorher, wie die Phocäer, durch einen hohen Eid, alle Freiheit, jemals wieder zurückzukehren, zu benehmen. Diese ganze Ode ist in einem Geiste von Unmut und Überdruß über den heillosen Zustand der Republik geschrieben, der wahrlich keinen Dichter, der dem Octavius den Hof machen will, verrät! Selbst in der ersten Epode, wo er sich seinem geliebten Mäcenas mit aller möglichen Wärme der Freundschaft zum Gefährten in die Schlacht bei Actium aufdringt, – ja sogar in der 9ten, wo er eben diesem Freunde seine Freude über den erhaltnen Sieg bezeugt, hat er nicht daran gedacht, eine so natürliche Gelegenheit zu ergreifen, demjenigen, den dieser Sieg zum Herrn der Welt machte, etwas Schmeichelhaftes zu sagen. Kurz, so lange Octavius noch als bloßer Usurpator angesehen werden konnte, blieb Horaz dem, was er in bessern Zeiten gewesen war, getreu; und erst, nachdem jener alle triumviralische Gewalt dem römischen Senat und dem Volke feierlich zurückgegeben hatte, aber von allen Ständen des nach Ruhe lechzenden Roms mit der wärmsten Schwärmerei erbeten worden war, eine rechtmäßige Gewalt aus ihren Händen wieder anzunehmen – vereinigt er in der zweiten Ode des ersten Buchs seine Stimme mit der allgemeinen, um den neuen August als denjenigen anzuerkennen, den die Götter ausersehen hätten, die Welt für so viel erlittenes Elend zu trösten, und beschließt, wie von der epidemischen Liebesschwärmerei der Römer mit ergriffen, mit diesen im Original so schönen Strophen: Möchtest du doch späte gen Himmel wiederkehren, lange fröhlich verweilen bei Quirinus Volke. Daß du nicht, von unsern Lastern beleidigt,                             schnell uns entschwindest! Laß dir hier vielmehr die hohen Triumphe, laß, uns Vater und Fürst zu heißen, lieber dir gefallen – Von diesem Zeitpunkt an finden sich in den drei ersten Odenbüchern noch verschiedene, worin des Augusts auf eine sehr ehrenvolle Art gedacht ist, aber nicht eine einzige, die geradezu an ihn selbst gerichtet wäre, oder als ein Lobgesang auf ihn angesehen werden könnte. Denn daß die zwölfte im ersten Buche ad Augustum überschrieben ist, daran ist Horaz eben so unschuldig, als daß die vierzehnte eben dieses Buchs in einigen Ausgaben die unverständige Aufschrift in Brutum bellum civile parantem führt. Diese zwölfte Ode ist eigentlich nichts als eine lange Aufzählung vieler teils mythologischer, teils alt-römischer Helden, die er alle gern auf einmal besingen möchte, und eben darum keinen besingt. Er nennt den Regulus , die Scauren , den Ämilius Paulus , den Fabricius und Curius u.s.w. und endigt endlich mit dem Komplimente: – micat inter omnes Iulium sidus, velut inter ignes     luna minores. Aber alles, was er in den drei folgenden Strophen, die an den Vater der Götter gerichtet sind, hinzusetzt, ist die Nachricht: daß die Regierung des Olympus und des Erdkreises zwischen ihm und August geteilt sei, und dieser , sofern er noch die Parther, Indier und Serer unterworfen haben werde, nur nach Jupitern der zweite , die ganze weite Welt regieren werde, Te minor latum reget aequus orbem. Dies war viel mehr eine Tatsache , als eine Schmeichelei; und die ganze Ode verliert, denke ich, einen guten Teil dessen, was sie dem August hätte angenehm machen können, durch die Ungewißheit des Dichters, wen er besingen soll , und durch die kühne Stelle: – – an quietum Pompili regnum memorem, an superbi Tarquini fasces, an CATONIS NOBILE LETUM? Überhaupt hat diese Ode, ungeachtet des schönen Pindarischen Schwungs, womit sie sich anhebt, ziemlich die Miene, als ob sie den Entschuldigungen zur Beilage dienen sollte, die er in der sechsten des ersten Buchs dem großen Agrippa , und in der zwölften des zweiten Buchs dem Mäcenas , über sein vergebliches Unvermögen , die Taten Cäsar Augusts würdig zu besingen, macht – Entschuldigungen, die allem Ansehen nach eine gegebne Veranlassung gehabt haben, und mit denjenigen völlig einerlei sind, womit er in gegenwärtiger Epistel den Augustus selbst abfindet. Die wahre Ursache lag weder in dem Unvermögen noch in der Trägheit des Dichters, noch in dem frivolen Vorwande Etwas Politik mochte doch wohl dabei sein, wenn er durch diese Affektation von Frivolität, und den Beisatz Vacui, sive, quid urimur, non praeter solitum leves bei Agrippa lieber für einen leichtsinnigen, arglosen und bloß seinem Vergnügen nachhängenden Flattergeist, als für einen Mißvergnügten gelten wollte. , den er sich nicht scheute, einem Manne wie Agrippa vorzugeben – Nos convivia, nos proelia virginum sectis in iuvenes unguibus acrium cantamus, – sondern in dem Gefühle, daß es sich nicht für ihn schicke , die Taten des Mannes zu besingen, gegen den er, als gegen den Unterdrücker der römischen Freiheit, einst gefochten hatte, und von dessen Händen alle aqua lustralis in der Welt das Blut eines Brutus und Cassius und so vieler andrer edler Römer, die als Opfer seiner Herrschsucht gefallen waren, nicht abwaschen konnte. Es würde Unsinn gewesen sein, solche Gesinnungen öffentlich und geradezu von sich zu geben: aber er ließ doch bei jeder Gelegenheit sogar den ansehnlichsten Männern des Staats mehr davon merken, als er getan haben würde, wenn seine Gesinnungen über diesen Punkt weniger habituell gewesen wären, und ihre Lebhaftigkeit ihn nicht zuweilen über die Grenzen einer furchtsamen Klugheit fortgerissen hätte. Proben hiervon glaube ich insonderheit in der schönen Ode an den Konsularen Asinius Pollio (der ersten im zweiten Buche) zu sehen, wo er von dem letzten Triumvirat und den daher entstandnen Bürgerkriegen, deren Geschichte Pollio zu schreiben im Begriff war, in einem Tone spricht, der gewiß keinen Cäsarianer verrät; und wo diese einzige Strophe, Audire magnos iam videor duces, non indecoro pulvere sordidos,     et cuncta terrarum subacta         praeter atrocem animum Catonis das schönste Denkmal wert ist, welches dem unbezwingbaren Cato , und den übrigen edeln Männern, die für die Freiheit bluteten, gesetzt werden konnte. Man begreift leicht, daß unser Dichter – bei so warmen und wenig verhehlten Gesinnungen für die Verfechter der alten guten Sache, und bei so vieler Kälte für denjenigen, dem seine Verbrechen und das Schicksal die Oberhand gegeben hatten, – alle seine Anmut im Umgang, alle seine Talente, und alle Freundschaft des Mäcenas, die er dadurch gewonnen, nötig hatte, um nicht auf eine oder andre Art in den Verdacht einer geheimen Abneigung gegen die neue Staatsverfassung zu fallen. Aber man begreift auch, wie nötig ihm die Entfernung vom geschäftigen Leben und von Rom, die Einsamkeit in seinem Sabinum, und die Gleichgültigkeit gegen ein größeres Glück war, ja selbst die Bereitwilligkeit, auch das wenige, was er hatte, fahren zu lassen, die er dem Mäcen so oft bezeugt, und die er besonders in der 29sten Ode des dritten Buches mit der Wärme und Wahrheit eines Mannes, der so große Beispiele des Unbestands der menschlichen Dinge erlebt hatte, in diesen Strophen ausdrückt: Fortuna, saevo laeta negotio, et ludum insolentem ludere pertinax,     transmittit inertos honores,         nunc mihi, nunc alii benigna. Laudo manentem: si celeres quatit pennas, resigno quae dedit, et mea     virtute me involvo, probamque         pauperiem sine dote quaero. Man wird sich schwerlich irren, wenn man in dieser Denkart und Gemütsverfassung unsers Dichters den wahren Grund sucht, warum er den Antrag, den ihm August durch den Mäcenas tun ließ, in seine Dienste zu treten und die Besorgung seiner Privat-Korrespondenz zu ühernehmen Augustus ei epistolarum officium obtulit, ut hoc ad Maecenatem scripte significat: »Ante ipse sufficiebam scribendis epistolis amicorum: nunc occupatissimus et infirmus, Horatium nostrum te cupio adducere. Veniet igitur ab ista parasitica mensa ad hanc regiam, et nos in epistolis scribendis adiuvabit.« Sueton. in Vita Horat. Man kann nicht wohl bestimmen, wann dem Horaz dieser Antrag getan worden; es ist aber zu vermuten, daß es bald nach der Zeit, wo der Erbe Cäsars mit dem gloriosen Namen Augustus beehrt worden, etwa um das Jahr 729 geschehen sein möchte. Es ist nicht zu bergen, daß der Ausdruck – »Laß ihn also von jener (nämlich deiner ) Parasitischen Tafel an diese Königliche übergehen« – die ganze Sache verdächtig machen könnte, wenn man sich erinnert, daß Octavius, ehe ihm das Prädikat Augustus beigelegt wurde, von dem Gedanken, sich Romulus nennen zu lassen, bloß deswegen abgestanden, weil er wahrgenommen, wie sehr er den Römern durch einen Namen, wodurch er die ihnen so verhaßte Königliche Würde zu affektieren schien, mißfallen würde. (Dion. L. 53) Was für eine Wahrscheinlichkeit, daß August seinen Tisch einen Königlichen genennt habe; er, der durch ein Edikt verbot, ihm nur den Namen Dominus zu geben, und nicht einmal von seinen Enkeln und adoptierten Söhnen weder im Scherz noch Ernst sich Herr nennen ließ? (Sueton. Aug. c. 53) Gleichwohl dünkt mich nicht, daß die Authentizität des von Sueton angezognen Briefes deswegen zu bezweifeln sei; und August, der mit Mäcenas immer zu scherzen und zu witzeln gewohnt war, könnte sich, bei aller seiner Vorsichtigkeit, dieses Ausdrucks doch wohl zum Scherz, und um durch die mensa regia eine Antithese mit der parasitica zu machen, bedient haben, zumal in einem Handbriefchen an einen Vertrauten, wovon er sich gewiß nicht vorstellte, daß es jemals in fremde Hände fallen, oder doch gewiß war, daß es bei seinem Leben nicht unter die Leute kommen würde. Daß Sueton eine ganze Sammlung von Familiar-Briefen des Augusts (die vielleicht in der Bibliotheca Palatina verwahrt wurden) in Händen gehabt, ist aus seinem Leben dieses Prinzen zu schließen – und der Brief, von welchem hier die Rede ist, wird noch, zum Überfluß, durch einen andern an Horaz selbst bestätigt, welchen Sueton im folgenden exzerpiert hat. Was für ein Interesse hätte jemand haben können, diese Briefe zu erdichten? Oder würde zu Suetons Zeiten der Betrug nicht schon offenbar gewesen sein? , – unter dem Vorwand seiner schlechten Gesundheitsumstände, von sich ablehnte. Ich zweifle sehr, ob man einen stärkern Beweis verlangen kann, daß Horaz weder von seinen Zeitgenossen noch von der Nachwelt so nahe bei der Person des Unterdrückers seiner ehemaligen Partei und der ganzen Republik gesehen sein wollte; und daß es ihm weder an Mut fehlte, die Gefahr, dem August mißfällig und verdächtig zu werden, zu untergehen, noch an Tugend, eine Stelle auszuschlagen, die ihm, aller Wahrscheinlichkeit nach, Ansehen, Einfluß und Gelegenheit, seine Glücksumstände unendlichmal glänzender zu machen, verschafft haben würde. Denn daß er keine bessere Bewegursache zu seiner Weigerung gehabt haben sollte, als Liebe zu Bequemlichkeit und Müßiggang, wird sich niemand einfallen lassen, der seinen Charakter mit einiger Aufmerksamkeit in seinen Werken studiert hat, und der selbst edel genug ist, um gegen einen edeln Menschen gerecht sein zu können. Wessen Wünsche nicht über den Mittelstand zwischen Überfluß und Dürftigkeit – das Notwendige eines Ehrenmannes – hinausgehen, der kann freilich bei dieser seiner Denkart sehr glücklich sein; aber niemand, in dessen Willkür die Mittel zu Reichtum und Ansehen zu gelangen gestellt werden, hat diese Denkart , wenn er kein besseres Principium seines Tuns und Lassens in sich trägt, als Trägheit und Wollust. August merkte ohne Zweifel Horazens wahren Beweggrund; aber er hatte sich, seitdem er die römische Welt in Ruhe und allein beherrschte, zum unverbrüchlichen Gesetz gemacht, in allem, was sein Privatleben betraf, sich nichts über andere Römer herauszunehmen, und die Freiheit der einzelnen Glieder zu ehren, damit der Halfter, den er dem ganzen Staat aufgelegt hatte, weniger gefühlt werden möchte. Einen Antrag von der Art, wie er dem Horaz getan, einem Tiberius oder Domitian abzuschlagen, möchte gefährlich gewesen sein: August hingegen nahm die Entschuldigung des Dichters nicht nur gut auf, sondern affektierte noch, von dieser Zeit an, ihm mehr als jemals Merkmale seiner Achtung zu geben. Je weiter sich Horaz in ehrerbietige Entfernung zurückzog, je verbindlicher und beinahe aufdrängender wurde August. Es war, als fehlte ihm etwas zur völligen Befriedigung, die ihm seine Größe geben sollte, wenn er nicht auch das Herz dieses sonderbaren Menschen gewinnen könnte, der, unter dem äußern Ansehen eines Man of Wit and Pleasure , Gesinnungen und Tugenden in seinem Herzen trug, die mit dem Stempel der erhabnen Freunde seiner Jugend bezeichnet waren, und ihn besserer Zeiten würdig machten. August hatte so manchen hitzigen ehemaligen Pompejaner geschmeidig zu machen gewußt, und Horaz allein sollte nicht zu einem warmen Anhänger seiner Person und Regierung verführt werden können? – Die drei kleinen Handbriefe, wovon uns Sueton Auszüge erhalten hat, beweisen augenscheinlich, daß Augusten dieser Punkt nicht gleichgültig war. Er setzt immer wieder an, versucht es bald im affectuosen, bald im scherzhaften Tone, und, da nichts verfangen wollte, endlich mit einer Art von Empfindlichkeit, die dem Dichter keinen Ausweg mehr übrig ließ. – »Glaube doch, schreibt er ihm, daß du dir eben so viel Recht bei mir herausnehmen kannst, als ob du wirklich einer meiner Commensalen wärest; du weißt, wie gern ich mir dies Verhältnis mit dir hätte geben wollen, wofern es deine Gesundheitsumstände zuließen.« Sume tibi aliquid iuris apud me, tamquam si convictor mihi fueris; quoniam id usus mihi tecum esse volui, si per valetudinem tuam fieri possit. Sueton. l. c. Die letzten Worte geben deutlich zu verstehen, daß er ihm die Pforte noch immer offen lassen wollte. – Einige Zeit hernach scheint er ihm, unter einer scherzhaften Wendung, zu verstehen zu geben, daß er seine vorgeschützte Entschuldigung für das nehme, was sie war, – »Wie wohl du in meinem Andenken stehest, kannst du auch von unserm gemeinschaftlichen Freunde Septimius vernehmen, in dessen Gegenwart ich Gelegenheit fand, deiner zu erwähnen; denn du mußt nicht glauben, weil du stolz genug gewesen bist, unsre Freundschaft zu verachten, daß wir deswegen auch eben so stolzerhaben über dich hinwegsehen.« Tui qualem habeam memoriam poteris ex Septimio quoque nostro audire; nam incidit, ut coram illo fieret a me tui mentio. Neque enim si tu superbus amicitiam nostram sprevisti, ideo nos quoque ανθυπερηφανου̃μεν. Ibid. Dieser Brief scheint während dem Aufenthalt Augusts in Spanien im Jahre 729 geschrieben zu sein. Der Stich war scharf genug; es scheint aber nicht, daß er bei Horaz mehr gewirkt habe, als, ihm etwa die vierzehnte Ode im dritten Buche abzunötigen , worin er die Römer zur Freude über die bevorstehende siegreiche Zurückkunft ihres Fürsten von dem Feldzuge gegen die Asturier und Biscayer auffodert. August hatte während desselben eine beschwerliche Krankheit ausgestanden, und war in Rom sogar tot gesagt worden. Die ängstlichen Bewegungen, die dieses Gerücht unter dem Volke verbreitete, und die Beweise, die August bei dieser Gelegenheit von der Zuneigung der Römer erhielt, gaben dem Dichter die natürlichste Veranlassung zu rührenden Gemälden; und in welch ein schönes Licht konnte er, ohne sich den mindesten Vorwurf von Schmeichelei und Übertreibung zuzuziehen, das Bild des Fürsten stellen Der Verfasser der Mémoires de la Cour d'Auguste meint, es sei bei dieser Gelegenheit, daß Horaz die schöne Ode Divis orte bonis (die 5te im vierten Buche) gesungen habe. Es ist aber in der Ode selbst kein Wort zu finden, das sich auf diese Gelegenheit besonders bezöge; und man hat hingegen sehr guten Grund zu glauben, daß sie, mehrere Jahre später, nämlich vor Augusts Zurückkunft von seiner im Jahre 736 nach Gallien getanen Reise, geschrieben worden sei. ! Aber Horaz konnte sich nicht überwinden, den Dichter auf Unkosten seines Herzens zu machen; oder vielmehr, sein Herz hatte so wenig Anteil an dieser Ode, daß er sogar weit unter der historischen Wahrheit blieb. Was kann frostiger sein als dieser Anfang: Herculis ritu modo dictus, o plebs, morte venalem petiisse laurum Caesar, Hispana repetit Penates                                 victor ab ora. Und das ist alles, was er über einen, auch bloß aus poetischem Gesichtspunkt betrachtet, so interessanten Gegenstand zu sagen hatte! – Fehlte es ihm an Fähigkeit? Dies wird sich niemand, der ihn kennt, einfallen lassen. Es fehlte ihm also bloß am Willen . – In der ganzen Ode ist, außer der kalten und zwangsvollen Anrede an das Römische Volk, nichts, das einem Kompliment für August ähnlich sähe, als die vierte Strophe, Hic dies, vere mihi festus, atras eximet curas: ego nec tumultum nec mori per vim metuam, tenente                                 Caesare terras. Deutlicher und bestimmter aber hätte Horaz die einige Ursache, warum er und alle übrige ehemalige Verfechter der Republik sich bei ihrem jetzigen Zustande beruhigten , schwerlich angeben können. – War das genug, ich will nicht sagen für den Höfling , sondern nur für den Dichter , der mit einem weniger widerspenstigen Herzen soviel Schönes über diesen Punkt sagen konnte? – Anstatt daß er beinahe die Hälfte der Ode dazu verwendet, seinem Bedienten zu befehlen, daß er Zurüstungen zu einem Abendschmause mache, und die Sängerin Neära hole, wenn sie anders nicht schon besprochen sei. Und wer sollte denken, daß er sogar in diesem nämlichen Stücke, in einer Ode auf Augusts Zurückkunft – aus der andern Welt, wohin ihn das Gerücht schon versetzt hatte, Gelegenheit finden würde, sich des Jahres, worin er die Waffen gegen August getragen , mit einer gewissen Exultation zu erinnern? – »Wenn dich Neärens Türhüter nicht vorlassen will, sagt er, so geh und laß es gut sein. In meinem Alter vergeht die Lust zu mutwilligen Händeln. So was hätt' ich freilich nicht gelitten, da ich unter dem Konsul Plancus (im Jahr 712) noch im vollen Feuer der Jugend stand!« – Vermutlich war diese Ode nicht für Augusts Augen bestimmt; oder, wenn sie ihm je zu Gesicht kam, so konnte er sie doch wohl schwerlich für eine besondere Probe von Horazens Anhänglichkeit an seiner Person aufnehmen. Man erlaube mir – weil der Punkt, den ich hier abhandle, doch einen sehr wesentlichen Zug des noch nicht genug gekannten, oder vielmehr durch die vorgefaßten Meinungen der Ausleger in ein ganz falsches Licht gesetzten Charakters unsers Dichters betrifft – diesen Beispielen von seiner wahren Gesinnung gegen August nur noch diese einzige Betrachtung beizufügen. Beinahe in allen seinen Gedichten schwimmt Horaz gegen den Strom seiner Zeit . Bei aller Gelegenheit, und selbst in eigenen dazu bestimmten Stücken, bestraft er ihre Verdorbenheit, ihren ausschweifenden Luxus, ihre Ausartung von den Gesinnungen und Tugenden ihrer Vorfahren. Nie wird er wärmer, nie ist er erhabner, als wenn ihm der Gedanke an die ehemaligen großen Männer der freien Republik, die Erinnerung dessen, was Rom gewesen war , das Herz aufschwellt. Sogar in Stücken, die sich mit einem kalten, zweideutigen , oder hyperbolischen Lobe des Augusts anfangen oder enden, überläßt er sich dieser Neigung seines Herzens Man sehe, unter andern, nur die fünfte Ode im 3ten Buch, wo er, nachdem er (als ein guter Bürger, der nicht, wo es zu nichts helfen kann, den Non-Konformisten machen will) der neuen Divinität des Augusts mit zwei Zeilen den schuldigen Weihrauch gestreut hat, sich sobald möglich von ihm wegwendet, um beinahe die ganze Ode mit dem großen Bilde der Tugend und freiwilligen Aufopferung des Regulus auszufüllen ; so wie es immer in den Stücken an Mäcenas ist, wo er seine Liebe zur Freiheit, seine Gleichgültigkeit gegen ein Glück, das von der Meinung andrer abhängt, und seine Zufriedenheit mit einer Armut, worin er sich noch immer über seine Wünsche reich befand Hoc erat in votis, modus agri non ita magnus etc. – – Auctius atque di melius fecere. Bene est, nihil amplius oro etc. Serm. II. 6. , am lebhaftesten ausdrückt. Und dies waren nicht etwa nur Gesinnungen, womit er in Gedichten Parade machte : so war er, so lebte er, und man müßte vorsätzlich ungerecht gegen ihn sein, wenn man dies länger verkennen wollte. Glauben wir aber, daß Horaz auch dadurch Augusten den Hof zu machen vermeint habe? Glauben wir, daß er, der die Welt und das menschliche Herz so gut kannte, einfältig genug gewesen sei, sich durch die anscheinenden Bemühungen dieses schlauen Fürsten um die Verbesserung der römischen Sitten täuschen zu lassen? Oder können wir uns einbilden, August habe an dem altrömischen Geiste, der so häufig aus den Werken unsers Dichters hervorblitzt, ein wahres Wohlgefallen finden, und denjenigen für einen Freund seiner Regierung halten können, der seine republikanischen Gesinnungen so wenig verbirgt, und so oft deutlich genug zu verstehen gibt, daß nur die gerechte Furcht vor noch größern Übeln ihn nötige, den gegenwärtigen Zustand für ein Gut zu halten? Indessen beobachtete der Dichter doch das Decorum gut genug, um einem Monarchen, der die Welt durch eine milde und wohltätige Regierung gleichsam mit sich aussöhnen wollte, keine Ursache zu geben, bei ihm eine Ausnahme zu machen; und August mußte, natürlicherweise, unter den Sorgen des Staats, und unter den unzähligen und fast grenzenlosen Beweisen von Unterwürfigkeit und Anbetung, die er von allen Seiten und aus allen Enden der Welt erhielt, einen einzelnen, in der Masse des Ganzen so wenig bedeutenden Menschen öfters aus den Augen verlieren. Allein er verlor ihn doch nicht ganz; und es konnte ihm weder an Gelegenheit fehlen, die wenige Beeiferung unsers Dichters, sich Verdienste bei ihm zu machen, wahrzunehmen, noch an Ursache, empfindlich darüber zu sein. Diese Empfindlichkeit, – die er in seinem letzten, vom Sueton angeführten, Billjet an Horaz zwar in einem scherzhaften Ton, aber doch lebhaft genug geäußert hatte, um erwarten zu können, daß Horaz den Stich fühlen würde, – konnte nicht anders als zunehmen, da er aus der Abschrift der sämtlichen damals vorhandenen Werke des Dichters, die dieser ihm durch den Vinius Asella S. den dreizehnten Brief im ersten Teile . auf Begehren überreichen ließ, ersehen hatte, wie wenig die Horazische Muse noch für ihn getan. Unter so vielen Sermonen, so vielen Episteln keine einzige – an August . Unter so vielen Oden – nur so wenige, wo er, wie gezwungen und mit abgewandtem Gesicht, im Vorbeigehen ein paar Weihrauchkörner auf seinen Altar wirft! Kein einziges Werk, dem Ruhm des Imperators und der Verherrlichung seiner Zeiten gewidmet, wenigstens keins, das zugleich seiner und des Dichters würdig, und Leben genug zu haben schien, die Nachwelt zu erreichen! Dies war mehr, als die Eitelkeit Augusts ertragen konnte. Er wurde im Ernst ungehalten, und in der ersten Bewegung seines Unwillens entfuhr ihm das oben aus dem Sueton angeführte Handbriefchen, worin er dem Dichter näher auf den Leib rückt, und ihn in die Notwendigkeit setzt, entweder sein Betragen zu ändern, oder stillschweigend einzugestehen, daß August die wahre Ursache desselben erraten habe. Mich dünkt, diese auf lauter Tatsachen gegründete Darstellung mache sehr begreiflich, daß August, unter diesen Umständen, und mit einem Temperamente, das ihn von seinen ersten Bewegungen nicht immer Meister sein ließ, gar wohl fähig gewesen sei, sich eines Ausdrucks zu bedienen, der, so auffallend er auch klingt, doch das kürzeste und unfehlbarste Mittel war, seinen Zweck bei Horazen zu erhalten. Die Echtheit des mehr erwähnten Handschreibens kann also, dieses Ausdrucks wegen, mit keinem hinlänglichen Grunde angefochten werden, und es ist gar nicht zu zweifeln, daß die gefährliche Frage, an vereris ne apud posteros infame sit, quod videaris familiaris nobis esse? dem guten Dichter die etwas hochgetriebnen Komplimente in der gegenwärtigen Epistel, und in einigen Oden des vierten Buchs (die erst nach dieser Zeit geschrieben sind) abgedrungen habe. – Es würde ihm, auch ohne einen andern Beweggrund als diesen, nicht zu verdenken sein, daß ers mit einem Fürsten nicht aufs äußerste treiben wollte, dessen angenommener sanfter und leutseliger Charakter in den Augen derjenigen, die ihn in den Zeiten der Proskriptionen gekannt hatten, nicht natürlich genug scheinen konnte, um sie immer vor dem heimlichen Grauen zu bewahren, womit man die Liebkosungen eines zahm gemachten Wolfs erwidert. Doch, wir wollen nicht ungerecht gegen Augusten sein, der die Infamie der ersten zwölf Jahre seines öffentlichen Lebens durch eine beinahe viermal so lange milde und ruhmwürdige Regierung so reichlich zu vergüten, und beinahe auszulöschen gewußt hat. Mit jedem Jahre wurde ihm die schöne Rolle, die er spielte, natürlicher; mit jedem Jahre vermehrten sich seine Verdienste um Rom, dessen zweiter Stifter er gewissermaßen war, und welches ihm immer lieber wurde, je mehr er Recht erlangte, es als sein eigen Werk anzusehen. Horaz, der – als Augenzeuge aller dieser so großen, so schnellen, so wunderbaren Veränderungen, der Illusion des Moments doch wohl nicht immer widerstehen konnte – müßte nicht das Herz eines Dichters gehabt haben, wenn er nicht zuweilen von seinem gegenwärtigen Gefühl hingerissen worden wäre, wenigstens auf einige Augenblicke das Vergangene zu vergessen, und in Augusten nur den Wiederhersteller der öffentlichen Sicherheit und Ruhe, nur den wohltätigen Genius eines unter ihm wieder aufblühenden neuen Zeitalters, zu sehen. In solchen Augenblicken von Wärme konnte er, ohne den Vorwurf einer kaltblütigen Schmeichelei zu verdienen, von ihm singen Carm. IV. 2. : Quo nihil maius meliusve terris fata donavere bonique divi, nec dabunt, quamvis redeant in aurum                                     tempora priscum. In einem solchen Augenblicke konnte er wohl in diese affektvolle Anrede ausbrechen L. IV. 14. : Quae cura patrum quaeve Quiritium, plenis honorum muneribus tuas,     Auguste, virtutes in aevum         per titulos memoresque fastos aeternet? – Indessen bestehen doch die Oden an August, die man die schmeichelhaftesten im vierten Buche nennen könnte, die fünfte , und funfzehnte , im Grunde bloß in einer historisch wahren Aufzählung aller der Vorteile, welche die Welt unter der neuen Regierung wirklich genoß; und, wenn man sie auch als abgenötigte Loblieder ansehen wollte, so müßte man doch gestehen, daß Horaz das, was er Augusten nicht länger verweigern konnte, mit dem, was er seinem eignen Charakter schuldig war, sehr gut zu vereinigen wußte. Die gegenwärtige Epistel scheint also wirklich auf die von Sueton angegebene Veranlassung geschrieben zu sein, und wir haben nun, deucht mich, den wahren Gesichtspunkt, woraus sie betrachtet werden muß. August – der bei aller seiner Eitelkeit Verstand genug hatte, zu sehen, wie unendlichmal mehr Glanz der Beifall der vorzüglichsten Geister seiner Zeit ihm bei der Nachwelt geben würde, als alle Ehrenbezeugungen, deren unermüdete Erfindung beinahe das einzige Geschäft des Senats war – August wollte, daß Horaz wenigstens eines seiner größern Werke unmittelbar an ihn richten sollte: und der Dichter, der sich dieser Pflicht nicht länger entziehen konnte, fühlte ohne Zweifel die ganze Schwierigkeit und Delikatesse einer solchen Unternehmung. Er sollte ein Werk hervorbringen, das Augusts würdig, aber seiner selbst nicht unwürdig, für jenen nicht zu klein, für ihn nicht zu groß, kurz, das so beschaffen wäre, daß der Imperator zufrieden sein könnte, ohne daß Horaz sich dadurch weder vor sich selbst noch vor der Nachwelt mehr, als er verantworten könnte, auflasten müßte. Das Süjet mußte eben so unverfänglich als interessant , und dabei fähig sein, in der Manier seiner Sermonen und Episteln, mit der ihm eignen Laune , behandelt zu werden. Es mußte ihm eine Mannigfaltigkeit von Sachen darbieten, die sich in ein schönes Ganzes verarbeiten ließen; die den erhabnen Leser, dem es besonders gewidmet war, unterrichteten, indem sie ihn bloß zu unterhalten schienen; und die zugleich dem Dichter Gelegenheit gäben, seine Eitelkeit auf eine so feine Art zu kitzeln, daß die Annehmlichkeit des Vehiculums die darein gemischte Medizin unmerklich machte. Horaz hätte schwerlich ein Süjet wählen können, das alle diese Eigenschaften so vollkommen in sich vereinigt, und zugleich der von ihm selbst gegebenen Regel Sumite materiam vestris qui scribitis aequam viribus – besser entsprochen hätte, als dasjenige, das er in diesem poetischen Diskurs ausgeführt hat. August, der in seiner ersten Jugend von Griechen und unter Griechen erzogen worden war, und in dem unermeßlichen Wirbel von Geschäften und Zerstreuungen, worin er sich seit seinem neunzehnten Jahre herumtrieb, wenig Zeit gehabt hatte, sich mit der römischen Literatur genauer bekannt zu machen, konnte nicht anders als Vergnügen daran finden, daß ihm von einem so zuverlässigen Kenner als Horaz die Geschichte derselben in einem einzigen leicht zu übersehenden Gemälde dargestellt, und zugleich die Ursachen angezeigt wurden, warum die Römer in den verschiednen Fächern der poetischen Kunst noch so weit hinter den Griechen zurückgeblieben. Horaz erhielt dadurch Gelegenheit, dem August die Dichtkunst in ihrem wahren Lichte, in ihrem Verhältnis zur Kultur und in ihrem Einfluß auf die Sitten der Nation zu zeigen, und ihm begreiflich zu machen, daß der Zustand des Geschmacks in den Musenkünsten dem Beherrscher eines Staats, auch bloß um seiner eignen Ehre willen, nicht ganz gleichgültig sein dürfe. In dieser Rücksicht kann man sagen, daß dieser Brief an alle Auguste , so wie der siebente im ersten Buch an alle Mäcene der folgenden Zeiten, geschrieben sei. Er konnte sich über diesen Punkt um so anständiger erklären, da er, teils aus Bescheidenheit und feiner Lebensart, teils um seinen am Schlusse dieser Epistel auf eine gar ungezwungene Art angebrachten Entschuldigungen nicht selbst die Kraft zu benehmen, sich gar nicht die Miene gibt, als ob er, für seinen eignen Teil, sonderlich bei der Sache interessiert wäre. Was Blackwell in seinem schon mehrmals angezognen Werke von den Schriften unsers Dichters überhaupt sagt: »daß die Kunst in seinen Planen zu fein sei und zu versteckt liege, um von dem gemeinen Mann in der gelehrten Welt wahrgenommen zu werden« Mémoir. de la Cour d'Auguste Vol. II. p. 460. – das gilt ganz vorzüglich von dem gegenwärtigen Stücke, worin der Dichter seinen Plan und die besondern Absichten desselben durch die Laune des Vortrags und die ungemein feinen und leisen Übergänge gar meisterlich zu verbergen gewußt hat. Daß aber darum nicht weniger überdachter und zweckmäßiger Zusammenhang im Ganzen sei, wird durch folgende kurze Exposition jedem sichtbar werden. Wer sodann diesen Grundriß, der gleichsam nur den Knochenbau des Ganzen darstellt, mit dem Werke selbst vergleichen will, wird ein für seinen Geschmack nicht unnützliches Studium machen, wenn er mit eignen Augen forschen wird, wie der Dichter dieses Knochengebäude mit Muskeln bekleidet, wie symmetrisch er alle Teile zusammenordnet, wie schicklich und ungezwungen alles zusammenhängt, in welchen leichten, anmutigen Schwüngen die Übergänge dahinfließen, und durch wie feine Bande die vivida vis animi alle Elemente und Glieder in ein lebendiges Ganzes zusammenwebt. Nach einer kurzen Anrede, – worin der Dichter einen eben so ehrerbietigen als unverwerflichen Grund angibt, warum er ein zu guter Bürger sei , um den August mit einem langen Diskurse zu belästigen, – fängt er mit der Bemerkung an: daß die größten und um das menschliche Geschlecht verdientesten Helden des Altertums erst von der Nachwelt an ihren verdienten Platz gestellet worden, bei ihrem Leben hingegen nichts als Neid und Undank erfahren hätten. »Du allein, August, fährt er fort, machst hievon die Ausnahme; wir setzen dir schon bei deinem Leben die Altäre, bei denen, wenn du einst (wie jene Heroen) unter die vergötterten Menschen aufgenommen sein wirst, unsre Nachkommen schwören werden, und wir bekennen dadurch, daß die Welt deines gleichen nie gesehen hat. In diesem Stücke, ich gestehe es, urteilt dein Volk gerecht und billig; aber – sobald die Rede von Werken unsrer Zeit, von itztlebenden Verfassern ist, wird es ungerecht, weicht von jener Regel ab, und will nichts für gut gelten lassen, was nicht mit dem Rost des Altertums überzogen ist.« Dies letzte war es eigentlich, womit Horaz seinen Diskurs anfangen wollte. Aber wie geschickt hat er es so zu wenden gewußt, daß er, ohne daß man erraten kann wo er hinaus will, von Romulus und Liber Pater anfängt; und wie fein hat er sogar von der Ungerechtigkeit der Römer gegen die Dichter ihrer Zeit Gelegenheit zu nehmen gewußt, dem August eine Schmeichelei zu sagen, die so arg ist, daß jeder andre als – Er, dem nicht leicht zu grob geschmeichelt werden konnte, sie für – Spott aufgenommen hätte! Nachdem er das Lächerliche der Vorneigung der Römer für ihre alte Literatur im allgemeinen mit vieler Laune durchgezogen, geht er ihre ältern Dichter, d. i. alle die noch vor Anfang seines Jahrhunderts gestorben waren, vom Vater Ennius , ihrem angeblichen Homer , an, der Reihe nach durch, macht einen jeden im Vorbeigehen mit einem Zug kenntlich, wirft ihnen Härte, Mangel an Geschmack, Sprachrichtigkeit und Ausfeilung vor, und gerät in einen komischen Eifer darüber, daß man für solche Anfänger – nicht Nachsicht , welches billig wäre, sondern Bewunderung fodre. Und warum das? »Der wahre Grund kann freilich nicht in einer Vortrefflichkeit liegen, die sie – nicht haben: aber dafür liegt er in einer Eigenschaft des menschlichen Herzens, die den schlimmen Geschmack bei denen, die damit behaftet sind, unheilbar macht – in der natürlichen Eigenliebe, vermöge deren niemand gern gesteht, unrecht gehabt zu haben; niemand leicht im Alter über sich erhält, für schlecht zu erkennen, was er in der Jugend schön gefunden hat, und sich nicht entbrechen kann, einen gewissen Groll auf diejenigen zu werfen, die sich unterstehen, es besser zu machen, als diejenigen, die er einmal in Affektation genommen hat.« »Gleichwohl (fährt er fort) liegen in den Umständen, in welchen unsre Literatur anfing, in den Hindernissen, die ihr unsre Verfassung, unsre Sitten, unsre immerwährenden Kriege in den Weg legten, und selbst in unserm National-Charakter sehr wesentliche Ursachen, warum es gar nicht möglich ist, daß sie bis zu der Zeit, die zunächst an die unsrige reicht, große Fortschritte tun, geschweige die Vollkommenheit hätte erreichen können. Wir haben die Griechen, unsre Lehrer und Muster, zu spät kennen gelernt; und auch seitdem wir nach ihnen zu arbeiten anfingen, hat uns unser Feuer, unsre Ungeduld, unsre Scheu vor der Feile verhindert, echte Werke der Kunst hervorzubringen, Werke, die eine Vergleichung mit unsern Mustern aushalten könnten.« Dies ist der Inhalt des großen Stücks dieser Epistel vom 90sten Vers bis zum 167sten des Originals. Aber mit welcher geheimen Kunst hat der Dichter, um immer den natürlichen Konversations-Ton und den Schein eines kunstlosen unstudierten Gangs seiner Gedanken beizubehalten, das Methodische im Vortrag zu vermeiden gewußt! Ein unvermerkter Übergang – die ganz simple Frage: wenn die Griechen das Neue so gering geachtet hätten wie wir, was wäre jetzt alt? – führt ihn auf die Griechen , als die wahren Erfinder der Musenkünste, und er zeichnet den Charakter ihres Kunst-Genies, ihres Geschmacks und ihrer Werke, in acht Versen, mit flüchtiger Hand, aber mit der treffendsten Wahrheit, indem er bloß die Zeitumstände, unter welchen sie sich dem Hang zu ihren Wettspielen und schönen Künsten überließen, angeben zu wollen scheint. Jedes Wort in diesen acht Versen ist ein bedeutungsvoller Zug. Mit diesem Bilde der Griechen, welche die Künste als Spiele trieben, aber mit der Leidenschaft trieben, womit ein Mädchen seine Puppen oder ein Knabe seine Leibesübungen behandelt, stellt er die alten Römer und die Römer seiner Zeit in einen doppelten Kontrast . Unsre Vorfahren, sagt er, hatten von allen diesen Genie-Spielen der Griechen keinen Begriff, oder doch gewiß weder Zeit noch Lust dazu: sie beschäftigten sich, wie Männer, mit ihrem Hauswesen und mit ihrem Glücke; von innen mit Erhaltung des Gleichgewichts in der Republik; von außen mit den Kriegen, die den Umkreis ihrer Macht und ihrer Sorgen immer weiter ausdehnten. Aber jetzt, fährt er fort, wie plötzlich hat sich der Charakter unsers Volks umgekehrt! Ehemals hatten wir gar keine Dichter: nun macht die ganze Stadt Verse. Niemand läßt sich einfallen, daß Kunst, Wissenschaft und Studium dazu gehöre; wir sind alle geborne Poeten. Unsre Vorfahren waren zu ernsthaft, um Poeterei zu treiben; von uns sollte man denken, wir trieben sie, weil wir vor Alter wieder kindisch geworden wären. Eine von den natürlichen Folgen einer solchen epidemischen Versewut ist diese, daß (auf eine Zeitlang wenigstens) die Kunst selbst verächtlich wird, und die wahren Künstler sich unter der ungeheuren Menge der Ansprüchler verlieren, und mit ihnen verächtlich werden. Aber Horaz wollte nicht, daß der Mißbrauch, der von den Musenkünsten zu Rom gemacht wurde, der Kunst selbst bei Augusten Schaden tun sollte. Er lenkt also wieder mit einer ganz leichten Wendung auf die andere Seite. »Es ist eine Art von Tollheit um dies Versefieber, womit ganz Rom angesteckt ist, sagt er: aber es ist nicht nur eine unschuldige Tollheit, sie hat sogar ihren Nutzen.« – Und nun scherzt er in seiner Shandyschen Manier Wiewohl wir ihn deswegen für keinen Nachahmer von Tristram Shandy ausgegeben haben wollen: so wie auch daraus, daß Sterne 1800 Jahre nach Horaz gekommen ist, nicht folgt, daß er Horazen nachgeahmt habe, wenn er gleich an Witz, Laune und Manier viel Ähnliches mit ihm hat. über gewisse angebliche Vorteile, die dem Staat aus der Menge so harmloser und ungefährlicher Leutchen, als die Versemacher seien, zuwuchsen – und so schlüpft er unvermerkt, ohne den Ton verändern zu müssen, zu den wirklichen Vorteilen über, welche die Dichtkunst der menschlichen Gesellschaft bringt; und von dieser, bei aller Kürze, sehr vollständigen und richtigen Darstellung, kommt er, sozusagen, auf die Naturgeschichte der Poesie, oder vielmehr eines ihrer Hauptzweige, bei den Römern; schildert sie in ihrem ersten rohen Zustande, und zeigt, wie sie sich allmählich verfeinert, und endlich, durch Nacheiferung der Griechen, zu dem, was sie jetzt sei, gehoben habe. Das dramatische Fach der Poesie ist, bei jedem Volke, das eine Schaubühne hat, das, was am stärksten und allgemeinsten interessiert. Horaz schränkt sich daher vorzüglich auf dasselbe ein, und bemerkt die Ursachen, warum es den Römern in der Tragödie besser als in der Komödie gelungen sei. Unvermerkt leitet ihn dies auf die allgemeinen Hindernisse, die dem Fortgang der dramatischen Dichtkunst bei den Römern entgegenstanden – auf das Unangenehme von den Launen des Volks abzuhängen, auf den schlimmen Geschmack des großen Haufens, und auf die Neigung zu bloßem Schaugepräng, neuen seltsamen Dekorationen, pompösen Aufzügen, prächtigen Kleidern u.s.w., die sich auch des vornehmern Teils der Zuschauer sosehr bemächtigt hätten, daß auf das Stück selbst gar nicht gehört, und selbst der beste Schauspieler nicht mehr applaudiert werde, weil er gut spiele, sondern weil seine Kleidung gefalle. Die verstellte Besorgnis, August möchte es einer eigennützigen Ursache zuschreiben, daß ihm Horaz das römische Theater in einem so wenig vorteilhaften Lichte gezeigt hatte, gibt ihm Gelegenheit, diesen Absatz seines Diskurses mit vier Versen zum Lobe der Tragödie zu schließen, worin er das Erhabene dieser Kunst, und die großen Wirkungen desselben, mit vorzüglicher Rücksicht (wie es scheint) auf Äschylus und Sophokles, bezeichnet, und zu erkennen gibt, daß ein Mann, der dies könne, in seinen Augen das Nonplusultra der Musenkünste erreicht habe. Indessen wünscht er doch, daß August diejenigen Dichter, die nicht für Zuschauer , sondern für Leser arbeiten, seiner Aufmerksamkeit nicht ganz unwürdig achte. Er sprach von einer großen Heerschar, indem er auf diese Klasse von Dichtern kam; und er fängt deswegen (um Augusten durch einen komischen Nebenweg auf die kleine Lehre, die er ihm geben wollte, zu führen) mit einer drollichten Rezension aller der Umstände an, wodurch die guten Musensöhne, bald aus Mangel an Lebensart, bald aus zu großer, wiewohl oft gerechter Empfindlichkeit, bald aus überspannten Hoffnungen, sich lächerlich und lästig zu machen das Unglück hätten: eine Stelle, die (außer der naiven Wahrheit, womit sie die schwache Seite seiner Mitbrüder darstellt) noch die geheime Schönheit hat, daß sie zugleich die feinste Satire über die hohen Beschützer der Musen ist, und dem August mit der besten Art von der Welt zu verstehen gibt, wie traurig am Ende doch auch wieder das Los der Schriftsteller sei, wenn sie Personen amüsieren sollen, die von ihnen amüsiert zu werden erwarten und doch nicht amüsabel sind. Es ist dies einer von den so häufig vorkommenden Fällen, wo beide Teile Recht haben. Dem August ist's wahrlich in keine Weise übel zu nehmen, wenn er lange Weile bei einem Buche hat, das ihn unmöglich interessieren kann; es sei nun, daß er (wie gewöhnlich der Fall ist) ganz andre Dinge im Kopfe hat, oder nicht recht versteht, was er liest, oder vermöge der Natur seines Standes nicht mitempfinden, nicht teilnehmen kann, u.s.w. Hingegen ist von dem armen Schelm von Dichter auch nicht zu erwarten, daß es ihm Vergnügen mache, wenn er seinen August, gerade bei der Stelle seines Werks, die ihm am meisten Mühe gekostet, oder bei dem, was er selbst für das Beste daran erkennt, gähnen, oder mit seinem kleinen Maurischen Zwerge August war ein besondrer Liebhaber von artigen jungen Zwergen, die er aus allen Enden der Welt, besonders aus Mauritanien und Syrien, zusammensuchen ließ. Sie mußten aber bei der möglichsten Kleinheit vollkommen wohl gebildet, schön und lebhaft sein. Er ergötzte sich an ihren Plaudereien, spielte mit ihnen um Nüsse, und vergaß so, indem er das Kind mit ihnen machte, seiner natürlichen Traurigkeit, und der Sorgen für die Welt. Sueton. in Aug. c. 83 . Aus dem Dion wissen wir, daß auch die vornehmen römischen Damen damals in dem Geschmacke gewesen, schöne kleine Knäbchen, die ausdrücklich dazu dressiert wurden, der Augenlust wegen , in ihren Zimmern nackend herumlaufen zu lassen. Hist. Rom. L. 48 . spielen sieht. Horaz ist, wie wir sehen, der billigste Mensch von der Welt; indessen nimmt er sich die Erlaubnis, mit aller möglichen Bescheidenheit und Freimütigkeit, dem August zu Gemüte zu führen: daß es, bei allem dem, einem großen Herrn nicht ganz gleichgültig sein dürfe, wenn er (etwa um seine eignen Taten der Nachwelt vorsingen zu lassen) nach einem Dichter gegriffen, und von ungefähr statt eines guten einen schlechten erwischt hätte. Glücklicherweise kommt ihm hier das berechtigte Beispiel Alexanders des Großen zu statten, den er, weil er – ein König , und schon seit dreihundert Jahren begraben war, so lächerlich machen durfte, als er wollte: zumal nach dem feinen Kompliment, das er Augusten wegen seiner Vorneigung zu Virgil und Varius – die um diese Zeit schon vom Schauplatz abgetreten waren – gemacht hatte. Daß Horaz diese Gelegenheit nicht unbenutzt werde gelassen haben, zu beweisen , »daß die Entschließung, die er selbst genommen, sich gar nicht an einen so erhabnen Gegenstand, als die Taten Augusts , zu wagen, für ihrer beider Ehre die beste sei«, – ist, nach allem, was wir bereits von den Gesinnungen unsers Dichters über diesen Punkt gesagt haben, leicht zu vermuten. Dies ist nun das Skelett dieses interessantesten unter allen Sermonen unsers dichterischen Philosophen; und es ist, denke ich, alles, was wir nötig haben können, um von der Wahrheit dessen, was ich über den Plan des Stücks gesagt habe, überzeugt zu werden. In der Ausführung vereinigen sich die sämtlichen charakteristischen Schönheiten, welche machen, daß Horaz , bei aller seiner anscheinenden Simplizität und Leichtigkeit, seit so vielen Jahrhunderten der einzige in seiner Art geblieben ist; und in keinem andern seiner Werke sehen wir, so zu sagen, alle Fassetten seines Geistes so schön zusammen spielen, als in diesem. Besonders geht durch die ganze Epistel eine Art von ungezwungner Zurückhaltung , und immerwährender Beobachtung des rechten Tons , der sich für ihn gegen den allgewaltigen, aber immer die Bescheidenheit eines bloßen Privatmanns affektierenden August schickte; eine schöne Mittel-Tinte zwischen Erniedrigung und Gleichheit, zwischen Ernsthaftigkeit und Pläsanterie, zwischen kriechender Schmeichelei und unschicklicher Affektation, den Cato mit demjenigen zu spielen, in dessen Händen nun einmal die Welt war – kurz, eine so glückliche Mischung von Philosophie, Witz und Laune, mit Imagination, Verstand und Lebensart, daß vielleicht nichts Vollkommners in dieser Art existiert. Was ich hier sage, ist, wiewohl ichs aus eignem Gefühl sage, immer das Urteil der feinsten Köpfe aller gelehrten Nationen gewesen; und wenn der Leser – vorausgesetzt (was immer vorausgesetzt werden muß) daß die Schuld nicht an seinen Augen liege – nicht alles dies in der Übersetzung wiederfinden sollte: so ist wenigstens Horaz unschuldig; und der Deutsche, der sich mit ungleichen Kräften und mit einer der römischen so ungleichartigen Sprache an ein solches Original gewagt hat, trage die Strafe seiner Verwegenheit allein! Da du so viel und großen Dingen ganz allein die Schultern unterstellst, Italien mit Waffen schützest und mit Sitten schmückst, und heilsamer Gesetze weisen Ernst dem Strom der Üppigkeit entgegendämmest, o Cäsar , glaubt' ich am gemeinen Wohl mich zu verschulden, wenn ich deine Zeit mit langen Reden dir entwenden wollte Unsre Leser erinnern sich noch der kurzen Darstellung des innern Zustandes der Stadt Rom, während der Abwesenheit Augusts in den Jahren 732-35, die wir im I. Teil dieses Werks, S. 134 u. f. zu Erläuterung des Briefes an den Numicius gegeben haben. Die Römer hatten in diesen drei Jahren, wo Augustus sie gleichsam wieder sich selbst überließ, die stärksten Beweise abgelegt, daß die Freiheit, wenn er sie ihnen auch im Ernst hätte wiedergeben wollen, ein verderbliches Geschenk für sie gewesen wäre. Sie selbst fühlten jetzt lebhafter als jemals, wie notwendig es ihnen sei, von einem einzigen regiert zu werden. So unumschränkt auch die Macht dieses einzigen sein möchte, wenn er nur nicht den verhaßten Namen eines Königs führte, sie nur nicht mit dem äußerlichen Glanz und Staat der königlichen Würde drückte, nur die gewohnten Formen und Namen beibehielt: so war er in ihren Augen nur ein Art von Premier-Minister , der seine Gewalt von ihnen empfangen hatte , der in ihrem Namen regierte, ihnen von seiner Staatsverwaltung Rechenschaft gab, und so wenig über die Gesetze war (oder scheinen wollte ), daß er im Gegenteil jede Ausnahme vom Gesetz , die ihm nicht schon vom Senat und Volk, gleichsam belohnungsweise , zugestanden worden war, sich bei Gelegenheit (d. i. so oft ers zu seinen Absichten dienlich fand) als eine Gnade ausbat. Wie also August im Jahr 735 wieder nach Rom zurückkam, wo seine Gegenwart zu Verhütung der größten Unordnungen unentbehrlich worden war: so erkannte der Senat und das Volk einhellig, daß er der einzige Arzt sei, der den Gebrechen der Republik helfen könne; und um ihn auf eine rechtmäßige Art mit aller dazu erfoderlichen Autorität zu versehen, wurde ihm nicht nur die Oberaufsicht über die Sitten ( Praefectura Morum ) nebst der Gewalt, den Senat zu reformieren und alle gesetzwidrige Mißbräuche abzustellen ( Censoria potestas ), sondern auch die konsularische Gewalt in der Maße auf Lebenslang aufgetragen, daß er, auch ohne den Titel eines Konsuls zu führen, das ganze Ansehen und alle Prärogativen dieser höchsten Würde in und außerhalb Rom besitzen und ausüben sollte. Da er nun, durch dieses Dekret des römischen Senats und Volks, außer der Gewalt eines unumschränkten Oberbefehlhabers über die ganze Kriegsmacht der Republik zu Wasser und zu Lande, und der Tribunicia Potestas , die er bereits auf Lebenslang besaß, noch die konsularische und zensorische in ihrem ganzen Umfang erhielt: so begreifen wir, in welchem Sinne Horaz sagen konnte, daß er die ganze Last der Staatsverwaltung allein trage. August hatte um die Zeit, da Horaz dies schrieb, das übernommene große Reformationsgeschäft mehrenteils zu Stande gebracht – so weit es nämlich politisch möglich und mit seinem eignen Interesse verträglich war – und auf diese ebenso weitläufige, mühevolle und fruchtlose Operationen, die aber, in anderthalb Verse zusammengedrängt, einen gar schönen poetischen Effekt machen, beziehen sich die ersten Zeilen dieser Epistel. Diese drei Züge: Armis tueri, Moribus ornare, Legibus emendare , enthalten alles, was der beste Fürst seinem Volke Gutes tun kann. August machte sich dies Verdienst um ganz Italien, dessen größter Teil jetzt, so zu sagen, nur die Vorstadt des unermeßlichen Roms war. Er beeiferte sich wenigstens, das überall baufällige Gebäude auszubessern, zu stützen, zu bekleistern, und mit einer prächtigen neuen Außenseite zu zieren. Die Römer waren damit zufrieden; sie beteten ihn dafür an. Er tat noch mehr für sie, als sie selbst verlangten (denn sie verlangten nur Brot und Schauspiele – – – – Nam qui dabat olim imperium, fasces, legiones, omnia, nunc se continet atque duas tantum res anxius optat, PANEM et CIRCENSES – Iuvenal. Sat. X. ), er sorgte für alles. – Und Horaz sollte sich länger haben weigern können, auch einmal einen Stoß in die Trompete der Fama zu tun, welche so mannichfaltige, so große Verdienste der Welt ankündigte? Dies ist alles, was ich zur Entschuldigung der einzigen wirklichen Schmeichelei, die man ihm zur Last legen kann, nämlich der anstößigen Verse: Sed tuus hic populus sapiens et iustus in uno, te nostris ducibus, te Graiis anteferendo, vorzubringen habe. Horaz sagt damit weiter nichts, als was die Römer taten . – »Aber er lobt sie deswegen« – Konnt' er in einer Epistel an August weniger tun? – Und hatte, wenn wir billig sein wollen, dieser in seiner Art einzige Sterbliche nicht wirklich eine Seite, auf welcher er über alle andre vor ihm und nach ihm hervorglänzt? – Gern gebe ich zu, Brutus war ein größerer Mann, als sein Freund Horaz, weil er lieber sterben, als den Tag sehen wollte, da er dem Octavius solche Komplimente hätte machen müssen: aber niemand ist verbunden ein Held zu sein; und wo sind (wenigstens in unsern Zeiten) die Menschen, die unsern Dichter deswegen verachten dürften? . Der große Romulus, und Vater Bacchus, und mit seinem Bruder Pollux, Jovis Söhne, um ihrer Taten willen in die Tempel der Götter aufgenommen, – als sie, noch auf Erden lebend, Gutes um die Menschen verdienten, ihren wilden blut'gen Fehden ein Ende machten, und des Friedens Süßigkeit sie kosten ließen, ihnen Eigentum und Recht und Künste gaben, und in Städte sie sammelten, des menschlichen Geschlechtes Wohltäter! – klagten oft mit bitterm Schmerz, daß alles, was sie für die Welt getan,     Cum tot sustineas et tanta negotia solus, res Italas armis tuteris, moribus ornes, legibus emendes, in publica commoda peccem, si longo sermone morer tua tempora, Caesar. \<5\> Romulus et Liber pater et cum Castore Pollux, post ingentia facta deorum in templa recepti, dum terras hominumque colunt genus, aspera bella componunt, agros assignant, oppida condunt, ploravere suis non respondere favorem die Liebe, die sie sich versprochen, nicht gewinnen könne. Selbst der Hyderntilger Alcides , der so manches Ungeheuer gebändigt hatte, fand, daß nur der Tod den Neid, der Ungeheuer giftigstes, bezwinge. Der Mann, der über seine Zeit zu hoch emporgestiegen, brennt durch seinen Glanz: laß ihn verlöschen, und er wird geliebt! Dir aber, großer Cäsar , bringen wir, noch weil du bei uns bist, die Ehren dar, die du verdienst. Wir setzen die Altäre im Leben Dir, bei denen unsre Enkel einst schwören werden, und bekennen laut dadurch, daß deines gleichen nie zuvor die Welt gesehn, noch künftig sehen wird Die gewöhnlichen Vorstellungen, die man sich von der Vergötterung (Apotheosis) der römischen Cäsarn bei ihren Lebenszeiten macht, scheinen einer ziemlichen Berichtigung zu bedürfen. Die meisten, selbst unter den Gelehrten, machen sich wenig Bedenken, den blinden Heiden Unrecht zu tun; wenigstens bringt man zu wenig in Anschlag, wie groß der Unterschied zwischen ihren und unsern Begriffen in solchen Dingen war, und wie wenig das, was sie bei dem Namen eines Gottes dachten, mit unsrer Theorie von dem höchsten Wesen gemein hat. Die sogenannten Heiden kannten (außer der Ersten Ursache aller Dinge , die nirgends weder Tempel noch Priester hatte, und von welcher nur die Philosophen schwatzten oder träumten) keine andre Götter, als Schutzgeister . Selbst die Götter vom ersten Range ( Dii maiorum Gentium ) waren im Grunde nichts mehr als vergötterte Menschen , die wegen großer Verdienste, so sie sich in den ersten Zeiten der Welt um das menschliche Geschlecht gemacht, von der Nachwelt als höhere Wesen verehrt wurden, weil man glaubte, daß sie, auch nach Ablegung der irdischen Hülle, noch immer mit einer wohltätigen Fürsorge für die Menschen beschäftigt wären. Jede Familie verehrte die Geister ihrer Voreltern , unterdem Namen Lares , als eine Art von guten Hausgöttern , die die Liebe zu dem Hause, worin sie ehemals gelebt, mit dem Tode nicht abgelegt hätten, sondern noch gern da wohnten, an ihrer Nachkommenschaft Teil nähmen, ihnen Glück brächten oder sie vor Unheil bewahrten u.s.w. Dieser uralte und allgemeine menschliche Glaube führte sehr natürlich auf die Vorstellung: daß die ersten Stifter der Städte , als Stammväter einer großen politischen Familie , nach ihrem Tode die nämliche Zuneigung zu ihren Städten, wie die Lares zu ihren Häusern, behielten, und für die Erhaltung und ewige Dauer des Werkes, das ihnen einst so viel Mühe und Sorge gekostet, unermüdet besorgt wären. Aus dieser Quelle entsprang nach und nach der ganze Götterdienst der Alten. Der allgemeine Begriff, der sich daher bildete, war: sich bei dem Worte Gott, Δαίμων, Numen , ein mehr oder weniger erhabenes und mächtiges menschenähnliches Wesen zu denken, das sich durch Wohltaten ein Recht an die Dankbarkeit der Sterblichen erworben hätte Deus est mortali iuvare mortalem; et haec ad aeternam gloriam via. Hac proceres iere Romani, etc. Hic est vetustissimus referendi bene merentibus gratiam mos, ut tales numinibus adscribantur. Plin. Hist. Nat. L. II. , aber dafür auch zum Beweis dieser Dankbarkeit einen gewissen Dienst von ihnen erwartete. Man begreift leicht, wie Gesetzgeber und Regenten, Priester, Wahrsager, Zauberkünstler u.s.w., jede zu ihren besondern Absichten und Vorteilen, von diesem allgemeinen Volksglauben Gebrauch machen konnten; und es wäre wahrlich ein großes Wunder gewesen, wenn nicht endlich Dankbarkeit oder Schmeichelei darauf verfallen wären, auch die Fürsten in die Klasse dieser höhern Wesen miteinzuschließen; da die ältern Götter selbst kein andres Recht an die Verehrung der Menschen hatten, als die Verdienste, so sie sich um die Welt gemacht. Die regierenden Familien unter den Alten leiteten ohnehin größtenteils ihre Stammregister von Göttern oder vergötterten Menschen her; und der Schritt vom König zum Gott war nicht größer, als der Schritt von dem, was alle geboren werden, zum König. Und wie hätten insonderheit die Griechen Bedenken tragen sollen, einem August oder Hadrian religiöse Ehrenbezeugungen zu erweisen, da die Republik Lokri einem bloßen Athleten Er hieß Euthymius , und seine Apotheose wurde den Lokriern vom Orakel zu Delphi anbefohlen. Plin. L. VII. c. 47. , bei lebendigem Leibe, das nämliche getan hatten. Auch waren es die Griechen, die das erste Beispiel gaben, römischen Prokonsuln und Feldherren, denen sie sich besonders verpflichtet hielten, Altäre , ja sogar Tempel zu dedizieren, und Festtage, die ihren Namen trugen, anzuordnen S. des Abts Mongault Abhandlung über diese Materie im I. B der Mémoir. de Littérature. . Man begreift also leicht, wie Augustus, ohne sich in den Augen der Römer einer Unbescheidenheit oder Gottlosigkeit schuldig zu machen, diese uns so anstößige Ehrenbezeugungen zulassen konnte. Sie wurden nicht sowohl der Person als dem Genius Augusts , und der Majestät des römischen Reichs , die nunmehr leibhaftig in ihm wohnte, erwiesen. Es war eine verbindlichere Art von Huldigung , – um so verbindlicher, weil sie freiwillig war – ein neues politisch-religiöses Band, das durch die damit verbundne Religion eine stärkere Sanktion erhielt, und die so zahlreichen und weitentlegenen Provinzen dieses ungeheuern Reichs fester zusammenschlang, enger mit dem gemeinschaftlichen Haupte verband: und eben aus diesem Grunde erlaubte August nicht, daß ihm in irgend einer Provinz ein Tempel anders als gemeinschaftlich mit der Göttin Rom gewidmet wurde Sueton. in Aug. c. 52. ; wiewohl ihm (sagt Sueton ) nicht unbekannt war, daß ehemals verschiedenen Prokonsuln diese Ehre für sich allein erwiesen worden war. Aber damals blühte die Freiheit noch, und es verstand sich von selbst, daß der Glanz einer so hohen Ehrenbezeugung auf die Republik , deren Majestät die Prokonsuln in den Provinzen vorstellten, zurückfiel. Unter August hatten sich die Umstände zu sehr geändert, als daß eine Ehre, die ein T. Flaminius ehemals ohne Bedenken annehmen konnte, nichts Verhaßtes und Übermütiges mit sich geführt hätte, wenn er sie für sich allein, ohne Rom ausdrücklich mit zu nennen , angenommen hätte. Roma, zur Göttin personifiziert, hatte schon in mehrern griechischen Städten Tempel. Smyrna war die erste gewesen, die den Römern im Jahre 559 dieses höchste Merkmal von Devotion, das nach der damaligen Vorstellungsart möglich war, gegeben hatte. Daß der Genius Augusts , mit Roms Fortuna gleichsam vermählt, in entlegnen Provinzen einen gemeinschaftlichen Tempel erhielt, wo die Götter für das so enge verbundne Glück Augusts und der Stadt Rom öffentlich angerufen wurden, hatte nichts Anstößiges, nichts der gegenwärtigen Verfassung Widersprechendes; aber das nämliche mitten in Rom selbst schien dem furchtsamen August, der jetzt mehr als jemals allen Schein verhaßter Vorzüge vermeiden wollte, gefährlich. Indessen konnte und wollte er doch nicht verhindern, daß seit dem Altar, den der Senat bei seiner Zurückkunft im J. 735 der Fortunae Reduci aufrichten ließ, eine Menge Altäre ihm zu Ehren errichtet wurden; aber diese Altäre waren nicht dazu bestimmt, um ihm als einem Gott darauf zu opfern, sondern für ihn , als einen Sterblichen , zu opfern und zu beten. Daß dies ihre wahre und einzige Bestimmung gewesen sei, wird niemand, der die Religion der Römer kennt, bezweifeln; und zum Überfluß kann es der vom Abt Mongault aus dem Gruterischen Werke angeführte Altar (der sich noch zu Rom in dem Mediceischen Garten befindet) beweisen, der laut der Aufschrift einer von denen ist, welche S.P.Q.R. dem August dedizierten, und auf dessen einer Seite August selbst , als Pontifex Maximus, von andern Priestern umgeben, opfernd vorgestellt wird. Denn daß er ihm selbst geopfert haben werde, kann doch wohl niemanden einfallen. – »Was will nun also unser Dichter damit, wenn er von der Errichtung dieser Altäre ein so großes Aufheben macht? So wie er davon spricht, kann man ja kaum anders denken, als daß die Römer ihren August wirklich schon bei lebendigem Leibe vergöttert hätten?« – Ich antworte: Wiewohl die Ehre, die sie ihm durch die Dedikation solcher Altäre bewiesen, keine göttliche Ehre war, noch, ihrer Absicht nach, sein sollte: so war es doch eine ungewöhnliche Ehre, die in Rom selbst noch keinem Sterblichen widerfahren war, und es konnte als ein Unterpfand der Apotheose , die ihm nach seinem Tode bevorstand, angesehen werden. Aber dies war auch alles; und was Horaz mehr zu sagen scheint, ist eine bloße Wendung, um den Vorzug, der dem August dadurch gegeben wurde, desto mehr zu heben, und die mir nicht unglücklich durch diese Übersetzung ausgedrückt zu sein scheint: – wir richten die Altäre dir bei deinem Leben auf, bei denen unsre Enkel einst schwören werden . . Gerecht und weis' ist deines Volkes Urteil, indem es vor der Griechen Helden Dir und vor den unsrigen den Vorzug gibt; in diesem einz'gen Punkt gerecht, in andern nicht. Da schätzen sie den Wert der Sachen ganz nach einer andern Regel, ekeln alles an, was unsre Zeit in unserm eignen Boden \<10\> speratum meritis. Diram qui contudit hydram notaque fatali portenta labore subegit, comperit invidiam supremo fine domari: urit enim fulgore suo, qui praegravat artes infra se positas, extinctus amabitur idem. \<15\> Praesenti tibi maturos largimur honores, iurandasque tuum per nomen ponimus aras, nil oriturum alias, nil ortum tale fatentes. Sed tuus hic populus sapiens et iustus in uno, te nostris ducibus, te Graiis anteferendo, \<20\> cetera nequaquam simili ratione modoque hervorgebracht; sind so verliebt in alles, was Alt ist, daß sogar die Satzungen der Zehner Die Gesetze der zwölf Tafeln, die im J. d. St. R. 303 und 304 von den dazu erwählten Zehnmännern oder Zehnern verfaßt wurden. , oder weiland unsrer Könige geschloßne Bünde mit den Gabiern und mit den festen ehrsamen Sabinern, der Pontifexe graue Zeitregister Horaz sagt bloß Pontificum libros , und meint damit ohne Zweifel die nämlichen, welche Livius Commentarios Pontificum und Dionysius von Halikarnaß (der uns ein Fragment davon erhalten hat) die heiligen Bücher , ιεροὺς δέλτους, nennt. Sie wurden zu einer Zeit angefangen, da außer dem Pontifex Maximus, dem ihre Verfertigung oblag, schwerlich viele Personen in Rom waren, welche schreiben und lesen konnten; und enthielten eine mit Legenden-Märchen und Wunderdingen reich durchwebte Chronik der Stadt Rom von den ältesten Zeiten bis ins siebente Jahrhundert. Vermutlich war es dieser wunderbare Inhalt, mit der altfränkischen, treuherzigen und gläubigen Manier des Vortrags, was sie (wie Atticus beim Cicero sagt De legibus I. c. 2. Annales pontificum maximorum, quibus nihil legi potest iucundius. ) so außerordentlich angenehm zu lesen machte. Horaz, wiewohl er überhaupt kein großer Liebhaber eisgrauer Schönheiten war, spricht den Antiquaillen, wovon die Rede ist, darum nicht alles Interesse ab: er spottet nur über den verkehrten oder affektierten Geschmack der übertriebnen Liebhaber, die an diesen Überbleibseln des rohesten Altertums so großes Belieben fanden, daß ihnen nichts Neues schmecken wollte. und die betagten Blätter unsrer alten Propheten Man trug sich damals zu Rom mit einer unendlichen Menge von alten Weissagungen, unter denen besonders die von einem edeln Römer, namens Cn. Marcius (welcher Offenbarungen zu haben vorgab und die unglückliche Schlacht bei Cannä lange zuvor vorhergesagt hatte), nach Erfüllung der letztern, die Aufmerksamkeit des Senats an sich zogen; wovon man das Nähere im 25sten Buche des Livius finden kann. Als Augustus im Jahr 741 nach dem Tode des ehemaligen Triumvir Lepidus auch die Würde eines Pontifex Maximus erhielt, die ihm den einzigen Zweig der Souveränität, der ihm noch fehlte, die höchste Gewalt in allen die Religion betreffenden Dingen, gab, ließ er alle Bücher dieser Art, deren man über zweitausend zusammenbrachte, aufsuchen und verbrennen. Nur die Verse, die den Sibyllen zugeschrieben wurden, standen bei dem römischen Pöbel in zu großem Ansehen, als daß er sich an ihnen hätte vergreifen dürfen. Die Sammlung derselben, die seit den Zeiten des Tarquinius im Capitol verwahrt wurde, war zwar in dem Kriege mit den italienischen Bundesgenossen , mit dem Tempel selbst, verbrannt. Der Senat hatte aber einige Zeit hernach eine neue Sammlung besorgt, die aus ungefähr tausend Versen bestand, welche man zu Erythrä und in andern Orten in Italien und Sizilien bei unterschiedlichen Privatpersonen zusammengebracht hatte. Mit dieser hatte man sich bisher beholfen; bis August (vermutlich weil der Geist der Zeit allerlei unechten Sibyllensprüchen zur Geburt geholfen haben mochte) eine Revision derselben vornehmen, und durch das ehrwürdige Kollegium der XV Virorum Sacris Faciundis eine neue vollständige und echte Abschrift der Sibyllinischen Verse machen ließ, die er, mit allem schuldigen Respekt, in zwei vergoldete Kapseln verschlossen, unter das Fußgestell des Palatinischen Apollo, als ihres natürlichen Schutzherrn, beisetzen ließ. Sie erhielten sich im Besitz dieses Platzes bis ins Jahr Christi 363, da der Tempel des Apollo in Brand geriet, die beiden Kapseln aber noch mit vieler Mühe gerettet wurden. Der Dichter Claudian erwähnt ihres Daseins und Ansehens noch um das Jahr 403, und legt es dem berühmten Vandalen Stilico zur Last, daß er sie endlich, aus Haß gegen das römische Reich (für dessen Palladium sie angesehen wurden), vernichtet habe. , vom Alban Vom Albanischen Berge; als ob die Musen den Parnaß verlassen und ihre Wohnung auf dem Albanischen Berge aufgeschlagen hätten, der bei den lateinischen Völkern von uralten Zeiten her, wegen der vielen Wunderdinge, die sich auf demselben zutrugen, in einer Art von religiösem Ansehen stand, und auch die Szene der geheimen Unterredungen war, welche der König Numa mit der Nymphe Egeria zu haben vorgab. herab (in ihrem Wahn) die Musen selbst uns zugesungen haben. »Der Griechen ältste Werke sind die besten«, ich geb' es zu: doch, sollen nun darum auch unsre Dichter auf derselben Waage gewogen werden? – so behaupte man, das Harte an der Frucht des Ölbaums sei aestimat, et, nisi quae terris semota suisque temporibus defuncta videt, fastidit et odit. Sic fautor veterum, ut tabulas peccare vetantes, quas bis quinque viri sanxerunt, foedera regum \<25\> vel Gabiis, vel cum rigidis aequata Sabinis, pontificum libros, annosa volumina vatum, dictitet Albano Musas in monte locutas. Si quia Graecorum sunt antiquissima quaeque scripta vel optima, Romani pensantur eadem inwendig nicht, nicht an der Nuß von außen D. i. So wenig man daher, weil das Harte an der Nuß von außen, und das Genießbare, der Kern, inwendig ist, den Schluß ziehen kann, es müsse bei der Olive eben so sein: so wenig folgt es, daß die Werke der ältesten römischen Dichter den Vorzug vor den Neuem haben, weil es diese Bewandtnis bei den griechischen hat. ; so sage man, wir haben nun in allem den Gipfel schon erreicht, wir singen, malen, ringen gelehrter, als die kunstgeübten Griechen Daß Horaz in dieser Stelle den Römern seiner Zeit sogar in der Malerei den Vorzug über die Griechen sollte haben geben wollen – und dies in einem Briefe an August , bei dem er sich durch einen so unglücklichen Zug von Patriotismus äußerst lächerlich hätte machen müssen, – ist etwas, das sich gar nicht denken läßt, und wenn es hundert Scholiasten sagten. Ich will gern glauben, daß man damals von einem Horaz noch nicht verlangte, daß er sich auf alles verstehen müsse; und daß es ihm also sehr erlaubt war, kein Kenner von Malerei zu sein. Aber mußte einer denn ein Kenner sein, um zu wissen, wie unendlich die Römer in dieser Kunst hinter den Griechen zurück waren? Und wie hätte ein Mann, der Athen gesehen hatte, und nun schon so lange ein Hausgenosse eines Mäcenas gewesen war, sich einfallen lassen können, die Römer, um des Landschaftsmalers Ludius Und auch dieser war ein geborner Ätolier . , oder um ihres Arellius willen (dessen Göttinnen immer Porträte seiner Liebschaften waren) den Griechen entgegenzustellen, welche, nur bloß aus dem Jahrhundert des Perikles und Alexander , weit mehr vortreffliche Maler aufzuweisen hatten, als die Römer, von Erbauung ihrer Stadt an, mittelmäßige und schlechte nennen konnten? – Ich habe also den Punkt nach dem 31sten Verse in ein Komma verwandelt, und lese, mit Geßner und Batteux , die drei folgenden Verse: venimus ad summum etc. als eine Fortsetzung des Räsonnements, wodurch Horaz die blinden Verehrer der alten römischen Literatur zur Ungereimtheit zu treiben sucht. Seine wahre Meinung ist also: »Wenn wir behaupten wollen, weil die Alten bei den Griechen die Besten sind, so müssen sie's auch bei uns sein: so ist nichts so ungereimt, was wir nicht mit gleichem Rechte behaupten könnten; so wollen wir uns auch einbilden, wir hättens in der Musik, in der Malerei, in der Athletik höher gebracht, als die Griechen, kurz, wir hätten in allem schon das Non plus ultra erreicht.« Dies ist ohne allen Zweifel, was Horaz meinen mußte, und man braucht nur auf den ganzen Zusammenhang recht Acht zu geben, um zu sehen, daß er entweder dies sagen wollte, oder die gröbste Albernheit gesagt hätte, die jemals einem Bavius oder Mävius entronnen wäre. ! Doch wenn's die Jahre sind, die, wie die Weine, auch die Gedichte bessern: möcht' ich wohl belehrt sein, welches Jahr denn eigentlich die Güte eines Werks entscheiden soll? Ein Autor, der vor hundert Jahren starb, gehört er zu den Alten – das ist, zu den Guten – oder zu uns Schlechten, Neuen ? Setzt eine runde Zahl, die allem Streit ein Ende mache! – »Wohl! Ein jeder Autor, der seine hundert Jahre richtig zählt, ist alt und gut.« – Wie aber, wenn nun einer nur einen Monat, oder allenfalls ein Jährchen später starb? Wohin mit dem? \<30\> scriptores trutina, non est quod multa loquamur; nil intra est oleam, nil extra est in nuce duri; venimus ad summum fortunae, pingimus atque psallimus, et luctamur Achivis doctius unctis. Si meliora dies, ut vina, poemata reddit, \<35\> scire velim, pretium chartis quotus arroget annus? Scriptor ab hinc annos centum qui decidit inter perfectos veteresque referri debet? an inter viles atque novos? Excludat iurgia finis! »Est vetus atque probus, centum qui perficit annos.« \<40\> Quid, qui deperiit minor uno mense, vel anno, Wird er den Alten zugerechnet? Oder ist bei uns und bei der Nachwelt gar kein Raum für solchen Spätling? – »Nun, wem nur ein Monat, und wär' es auch ein Jahr, am Hundert fehlt, der nimmt noch billig bei den Alten Platz.« Dank für den Nachlaß! Und nun zupf ich euch, wie jener aus dem Pferdschweif Die Geschichte, auf welche Horaz hier anspielt, erzählt Plutarch im Leben des Sertorius . Dieser Feldherr – der eine der ersten Stellen unter den großen Männern, die dem Glücke nichts zu danken hatten , behauptet – hatte, nach manchem Sieg und mancher Niederlage, wieder eine zahlreiche Armee von mutigen, aber wilden und zu aller Ordnung und Disziplin unwilligen, Barbaren zusammengebracht, die immer nur angreifen wollten, und mit denen er gar bald verloren war, wofern er kein Mittel finden konnte, sie von der Notwendigkeit eines überlegten Betragens zu überzeugen. Er ließ sie endlich einmal anrennen; sie wurden, ungeachtet ihres kühnen, aber unordentlichen Angriffs, von den Römern zurückgeschlagen, und würden sehr übel weggekommen sein, wenn ihnen Sertorius nicht in Zeiten zu Hülfe gekommen, und die Fliehenden glücklich ins Lager zurückgebracht hätte. Diese Schlappe machte sie nun auf einmal so mutlos, als sie vorher übermütig gewesen waren. Sertorius, ein Meister in der Kunst die Menschen zu behandeln, wie nur wenige gewesen sind, hielt dies für die rechte Zeit, sie mit einemmale von beidem zu heilen. Der schönste philosophische Diskurs von der Welt würde hier nichts geholfen haben; denn rohe Menschen verstehen nichts davon, und verfeinerte amüsieren sich damit, und disputieren, wenn der Schönredner fertig ist, ob er Recht oder Unrecht habe. Sertorius versammelte seine Armee, und ließ, ohne zu sagen, was er damit wollte, zwei Pferde, einen jungen und starken Andalusischen Hengst, und eine alte, lahme, klapperdürre Mähre, mitten unter sie hervorführen. Das starke Pferd, an welchem besonders die lange Mähne und der schöne Schweif in die Augen fiel, wurde von einem kleinen schwachen unansehnlichen Kerl, die elende Gurre hingegen von einem seiner größten und handfestesten Leute geführt. Jedermann war in großer Erwartung, was daraus werden sollte. Paßt auf, rief Sertorius. Auf einmal ergriff der starke Kerl den Schweif des schwachen Gauls, und zog mit aller seiner Stärke, als ob er ihn ausreißen wollte; während daß zu gleicher Zeit der kleine schwache Knirps sich hinter das starke Pferd hermachte, und ihm ein Haar nach dem andern aus dem Schweif zog. Der erste, nachdem er aus allen Kräften, unter großem Gelächter der weisen Zuschauer, so lange bis ihm der Atem ausblieb, vergebens gezogen hatte, mußt' es endlich aufgeben; da hingegen der andre indessen ohne Mühe dem starken Pferde seinen Schweif Haar vor Haar ausgezogen hatte, und in seiner Hand vorzeigte. – Der Apolog war trefflich und hatte den Zuschauern großen Spaß gemacht; aber wenn es Sertorius dabei bewenden gelassen hätte, so wären sie so klug weggegangen, als sie gekommen waren. Er trat also auf, und setzte – die Moral hinzu. Liebe Kameraden, sagte er, ihr seht, daß mit Geduld oft mehr auszurichten ist, als mit Stärke. Es gibt viele Dinge, die sich unmöglich auf einmal machen lassen, wie viel Kräfte und Mühe man auch anwendete; und womit man gleichwohl nach und nach sehr leicht zu Stande kommt, u.s.w. – Wie im Plutarch selbst lesen mag, wer zu seinem Pikling noch Salz zu nehmen gewohnt ist. , Jahr vor Jahr so lange aus, bis von den hundert Jahren nichts in der Hand euch bleibt, und der, wie billig, sich schämen muß, der Tugend und Talent nach Jahren mißt, und nichts bewundern will, dem nicht des Totengräbers Ich habe diesen Ausdruck einem wörtlichen vorgezogen, weil die Leichengöttin Libitina unsrer Einbildungskraft gar zu fremd ist. Spaten erst den Stempel seines Wertes aufgedruckt. Der weise kräft'ge Ennius , der zweite Homer – (so sagen wenigstens die Kritiker) scheint sich um seines Pythagor'schen Traums Erfüllung Pythagoras lehrte, wie bekannt, seine Krotoniaten die Seelenwanderung, wiewohl er sie vielleicht selbst nicht glaubte, oder wenigstens in einem ganz andern Sinne glaubte. Der alte römische Dichter Ennius , ein Zeitgenosse der Scipionen und Paul-Ämile, war in seiner Art und für seine Zeit ein trefflicher Mann. Unter ihm fing die römische Literatur an, einen Schwung zu nehmen, der den glücklichsten Fortgang versprach; er bereicherte sie zuerst mit den Schätzen der griechischen, und hatte den Mut, in einer Sprache, die unter seinen Händen erst eine bildsame Gestalt gewinnen mußte, einem Homer nachzueifern. Aber das Gefühl seiner Talente, und der Ruhm, den er sich unter seinen Zeitgenossen erwarb, wurde für seine Bescheidenheit zu stark; und der gute Ennius, weil er ein großes historisches Gedicht von den Taten des Scipio Africanus, und eine große römische Chronik, in Hexametern, geschrieben hatte, hörte sich nicht nur gern den römischen Homer nennen, sondern erzählte sogar im Eingang seiner Annalen selbst mit großer Treuherzigkeit: Homer sei ihm im Traum erschienen, und habe ihm entdeckt, daß seine Seele, nach verschiednen Wanderungen, zuletzt in einen Pfauen, und aus diesem unmittelbar in seinen, des Ennius, Leib gezogen sei. Dies ist der Pythagorische Traum , auf welchen unser Dichter hier zielt. Ennius machte sich dadurch öffentlich anheischig, ein zweiter Homer zu sein: bekümmerte sich aber, wie Horaz meint, eben so wenig darum, wie er Wort halten wollte , als die Kunstrichter, die ihn für den römischen Homer anerkannten, sich darum bekümmerten, ob er Wort gehalten habe . Er mußte ja, dachten sie, am besten wissen, was er war: und es war für sie immer das Bequemste, es ihm auf sein Wort zu glauben. Die Art, wie Matthias Geßner diese Stelle verstanden haben will, ist so unglücklich, daß man ihn zweimal lesen muß, um zu glauben, daß man ihn verstanden habe. Der Horror naturalis , den dieser gelehrte Mann vor allem, was einer Ironie gleich sieht, hatte, ist unbegreiflich. nicht viel zu kümmern: und was hätt' ers Not? Wir glauben ihm aufs Wort – er sagts ja selbst! inter quos referendus erit? veteresne poetas, an quos et praesens et postera respuet aetas? »Iste quidem veteres inter ponetur honeste, qui vel mense brevi vel toto est iunior anno.« \<45\> Utor permisso, caudaeque pilos ut equinae paulatim vello, et demo unum, demo etiam unum, dum cadat elusus ratione ruentis acervi, qui redit ad fastos, et virtutem aestimat annis, miraturque nihil nisi quod Libitina sacravit. \<50\> Ennius, et sapiens et fortis, et alter Homerus, ut critici dicunt, leviter curare videtur, quo promissa cadant, et somnia Pythagorea. Ein Nävius , wiewohl aus allen Händen verschwunden sitzt, so frisch als wär' er erst von gestern her, in allen Köpfen noch Horaz macht, gegen seine Absicht, diesem Nävius kein kleines Kompliment, indem er sagt, jedermann wisse ihn beinahe auswendig, ungeachtet man von seinen Werken nichts mehr zu Gesicht bekommen könne. Nävius , der ein Zeitgenosse des Ennius, wiewohl etwas jünger war Dies sagt Cicero ausdrücklich im I. Kap. der ersten Tusculana ; und der wußte es doch wohl besser, als Lambinus und die andern, die es diesem nachgesagt haben. , tat sich ebenfalls im Epischen und Dramatischen Fache zugleich hervor. Seine eigentliche Stärke lag in der Komödie, worin er aber noch bei seinem Leben dem Plautus die Oberstelle lassen mußte. Cicero sagt von ihm: daß er facetiarum plenus sei, und führt im 2ten Buche de Oratore verschiedene kleine Züge aus seinen Komödien an, die er sehr drollicht findet. Vermutlich waren es diese launichten Einfälle und Fazezien , die durch eine Art von Tradition Cicero läßt den großen Redner seiner Zeit, L. Crassus , von seiner Schwiegermutter Lälia sagen: cum audio socrum meam Laeliam, eam sic audio ut Plautum mihi aut Naevium videar audire , u.s.w. Diese Lälia war eine Tochter des C. Lälius , der in Ciceros Dialog von der Freundschaft die Hauptperson vorstellt, und ein Zeitgenosse aller der Dichter war, von denen hier die Rede ist. Sie hatte also (wie auch Crassus selbst bemerkt) diese alte ungekünstelte Art sich auszudrücken, die ihn alle Augenblicke an den Plautus und Nävius erinnerte, durch Tradition von ihrem Vater angenommen. , als das Beste und gleichsam der Geist dieses Nävius , sich bis auf Horazens Zeiten erhalten hatten. . So heilig macht das bloße Altertum uns alle Dichterei! Man hört noch immer die Frage: ob Pacuv , ob Accius Eine Frage, die im Ohr eines Mannes von Geschmack ungefähr eben so klang, als wenn wir uns jetzt in Gesellschaften streiten wollten, ob Gryphius oder Lohenstein im Trauerspiel der größere Meister gewesen sei. – Pacuvius , ein Schwestersohn des Dichters Ennius, tat sich in der Malerei und in der Tragödie zugleich hervor. Er wurde im Jahr 533 geboren, und lebte bis 623. Die lateinische Sprache und Poesie gewann sehr viel durch diesen Dichter, und ein paar kleine Fragmente, die ich weiter unten von ihm anführen werde, rechtfertigen die große Achtung, worin er bei den Römern, noch zu Ciceros Zeiten, stand, der ihm, ungeachtet sein Latein nicht das reinste war, die erste Stelle unter ihren Tragischen Dichtern einzuräumen scheint De opt. Gen. Orator. cap. 1 . , und ihn öfters anzuführen pflegt. – Attius oder Actius trat, als sein Nebenbuhler in der Tragödie, in seinem dreißigsten Jahre auf, um dem damals schon achtzigjährigen Greise seinen wohlverdienten und so lange behaupteten Kranz von der Stirne zu reißen. Die Kunstrichter, denen Ennius ein Homer war, fanden im Actius einen zweiten Sophokles , und Pacuvius mußte sich begnügen, der römische Euripides zu heißen, den er sich auch, so viel man aus seinen Fragmenten urteilen kann, wirklich zum Vorbild genommen hatte. Dies ists, was Horaz mit dem Gegensatz der charakterisierenden Beiwörter, gelehrt und erhaben , ohne Zweifel sagen will; denn das nämliche Urteil würde auch auf Euripides und Sophokles passen. im Trauerspiel der größre Meister sei? Und immer fällt der Kenner Urteil aus: gelehrter war der gute Greis Pacuv, erhabner Accius. – Ist von Komödien die Rede, stracks wird uns Afran zitiert Dieser Afranius , der sich durch Fabulas Togatas , d. i. durch Komödien, worin römische Personen und Sitten aufgeführt waren, hervorgetan, wurde von den Kunstrichtern mit dem Menander (dessen Sprache er, wie es scheint, nicht verstand) nicht deswegen verglichen, weil er diesen Dichter der Grazien zu seinem Muster genommen ; sondern weil sie glaubten, daß er ihm von Natur ähnlich sei, und daß seine Stücke sich unter den übrigen römischen Komödien, eben so wie die Menandrischen, durch Eleganz und Feinheit auszeichneten. Cicero gibt dieser Stelle einiges Licht. Afranius , sagt er De Clar. Orator. c. 45. , habe sich nach dem römischen Ritter C. Titius gebildet, der unter die beredten Männer seiner Zeit zu zählen sei, und es so weit gebracht hätte, als ein lateinischer Redner ohne Bekanntschaft mit den Griechen ( sine Graecis litteris ) nur immer habe kommen können. Die Reden dieses Titius, setzt er hinzu, seien so voll Feinheit, Witz und Urbanität, daß man sie beinahe im Attischen Geschmacke geschrieben glauben könnte; und er hätte eben diese Manier zu schreiben auch in seine Tragödien gebracht, wo sie aber freilich keine gute Wirkung getan u.s.w. Hier haben wir also die wahre Auflösung des Rätsels, wie Afranius zu seiner Ähnlichkeit mit Menander gekommen war. ; Menander , spricht man, hätte seiner Stücke sich nicht zu schämen. – Plautus heißt mit Recht Roms Epicharmus , oder kommt ihm doch sehr nah; an Weisheit trägt den Preis Cäcilius davon, Terenz an Kunst. – Epicharmus , ein Pythagoräer und Dichter der ersten Komödie, blühte um die Zeiten des Tyrannen Hiero von Syrakus, und also vor dem Aristophanes . Platon gibt ihm in seinem Theätet die Oberstelle unter den komischen Dichtern seines Jahrhunderts. Er schrieb über 50 Stücke, von denen wir nichts als die Namen und wenige Fragmente übrig haben. Wenn er sich (wie unser Dichter zu verstehen gibt) zum Plautus verhielt, wie (aller Wahrscheinlichkeit nach) Accius zum Sophokles und Afranius zu Menander, so ist der Verlust seiner Werke beweinenswert. Cäcilius war etwas älter als Terenz , und scheint, wie dieser, seine Stücke größtenteils dem Menander und andern Dichtern der neuen Komödie in Athen abgeborgt zu haben. Er kann nicht schlecht gewesen sein, da Cicero es wenigstens zweifelhaft läßt, ob ihm nicht der erste Platz unter den römischen Komikern gebühre De opt. gen. orator. c. I. ; wiewohl er ihm an zwei andern Orten Schuld gibt, daß er die Sprache nicht rein geschrieben habe Brut. c. 74. Epist. ad Attic. VII. 3. . Was die Kunstrichter mit der Gravität , worin sie dem Cäcilius , und mit der Kunst , worin sie dem Terenz den Vorzug gaben, eigentlich gemeint, ist nicht so leicht zu sagen. Weil diese Termini einander entgegengesetzt sind, so vermute ich: daß gravitate auf den höhern Wert des Stoffes, und arte auf die feinere Bearbeitung gehen soll: jener hatte mehr Kraft und Gewicht, dieser mehr Geschmack. – Vielleicht aber bezieht sich das vincere auf den Plautus , von welchem unmittelbar vorher die Rede war; und dann wäre der Sinn ohne Zweifel: Cäcilius hätte ihn an Anständigkeit und Sobrietät, Terenz an Kunst der Komposition übertroffen. – Übrigens ist noch im Vorbeigehen zu erinnern, daß man diese Urteile nicht (wie öfters geschehen ist) auf Horazens Rechnung setzen muß; er führt sie als Urteile der Kunstrichter an, die das Publikum noch zu seiner Zeit nachzusprechen pflege; und er ist so weit entfernt, sie zu unterschreiben, daß er sie vielmehr durch alles, was er über die Frage von dern Vorzug der Alten vor den Neuern sagt, zu entkräften sucht. Die sind es also, die das mächtige Rom auswendig lernt, zu deren Stücken sichs hinzudrängt, kurz, bis diesen Tag sind dies die Dichter, die es hat und anerkennt. Ich gebe zu, daß auch der große Haufe zuweilen richtig sieht; doch öfters schief.     Naevius in manibus non est, et mentibus haeret paene recens: adeo sanctum est vetus omne poema. \<55\> Ambigitur quoties uter utro sit prior, aufert Pacuvius docti famam senis, Accius alti: dicitur Afrani toga convenisse Menandro, Plautus ad exemplar Siculi properare Epicharmi, vincere Caecilius gravitate, Terentius arte. \<60\> Hos ediscit, et hos arto stipata theatro spectat Roma potens: habet hos numeratque poetas ad nostrum tempus, Livi scriptoris ab aevo. Interdum vulgus rectum videt; est ubi peccat. Wenn er die alten Dichter so erhebt, daß ihnen niemand weder vorzuziehen noch gleich zu achten sei, so irrt er sich: gesteht er aber, daß sie manchmal gar zu alt , fast immer hart , und oft genug nachlässig schreiben; wer dies eingesteht, spricht wie ein Mann von Sinn, und hälts mit mir und mit der Billigkeit Das Urteil, welches Horaz in dieser Stelle über die beliebtesten römischen Dichter des sechsten Jahrhunderts, vom Vater Ennius bis zu dem halben Menander Terenz (wie ihn Jul. Cäsar nannte In den bekannten Versen, die uns Sueton im Leben des Terenz aufbehalten hat. , ausgesprochen, scheint so hart und unbillig zu sein, daß wir nicht umhin können, es in eine nähere Prüfung zu nehmen. Es entstehen natürlicher Weise dabei zwei Fragen, die zu beantworten sind. Die erste ist: verdienten diese alten Dichter die wenige Achtung, womit Horaz von ihnen spricht? Die andre – wird sich geben, wenn wir die erste beantwortet haben werden. Ich will hier zu Gunsten der Alten den Grund nicht geltend machen, der von der großen Achtung, worin sie im sechsten und siebenten Jahrhundert der Republik sich immerfort erhalten haben, hergenommen ist. Man weiß ungefähr, wie viel oder wenig dieser Grund wiegt. Indessen ist doch nicht zu vergessen: daß der Zeitraum zwischen der Usurpation des Sulla und den letzten bürgerlichen Kriegen, d. i. die Zeit, worin Cicero blühte, ganz eigentlich das schönste Alter der römischen Literatur war; daß sich in keinem andern mehr vortreffliche Köpfe, der Zahl und dem innern Gehalt nach, in Rom beisammen gefunden; und daß in keiner andern die griechische Literatur, als der Maßstab der römischen, mehr geschätzt und kultiviert worden. Der Schluß also: wenn die alten römischen Dichter in einer solchen Zeit, von solchen Männern, noch immer geschätzt, ihre Werke noch immer gern gehört, gelesen und alle Augenblicke im Munde geführt wurden – so können sie so schlecht nicht gewesen sein; so müssen sie noch etwas mehr als bloße veniam (wie Horaz sagt) haben fodern dürfen – dieser Schluß, sage ich, scheint auf einem sehr richtigen Vordersatze zu beruhen: und daß der Mittelsatz eine unleugbare Tatsache sei, wird niemand, dem Ciceros Werke geläufig sind, bezweifeln. Aber wir haben nicht nötig, uns auf fremde Autorität (so viel Gewicht sie auch in dem vorliegenden Falle hat) zu berufen. Verschiedene Werke einiger dieser von Horaz so sehr herabgesetzten Schriftsteller sind bis auf uns gekommen. Wir können Ciceros günstiges Urteil von den Scherzen des römischen Epicharmus Duplex omnino est iocandi genus, unum illiberale, petulans, flagitiosum, obscaenum: alterum elegans, urbanum, ingeniosum, facetum; quo genere non modo Plautus noster, et Atticorum antiqua comoedia, sed etiam Socraticorum philosophorum libri referti sunt. Cicero, de Offic. I. 29. mit eignen Sinnen bewähren; und die Plautini Sales , gegen welche sich Horaz in dem Briefe an die Pisonen so stark erklärt, haben seit der Wiederherstellung der Literatur bis auf diesen Tag so viele Liebhaber gefunden, als sie ehemals in Rom hatten. Auch diejenigen, deren Geschmack nicht selten von diesem Dichter (dessen Stücke größtenteils nur Sitten aus dem niedrigsten Leben darstellen) beleidigt wird, lassen seinem komischen Genie Gerechtigkeit widerfahren, ergötzen sich an seinem Witz, und lachen oft in ihrem einsamen Kabinette bei seinen Einfällen so laut, als ob sie mitten im alten römischen Parterre säßen. Noch jetzt sind die Lustspiele des Terenz die Delizien aller Leser von Geschmack, und die Reinheit und Zierlichkeit der Sprache, um derentwillen man ehemals sogar einem Lälius mit seinen Stücken Ehre zu erweisen glaubte Secutus sum – Terentium, cuius fabellae propter elegantiam sermonis putabantur a Gaio Laelio scribi. Id. ad Attic. VII. 3. , ist vielleicht die geringste von den Grazien , die ihn dem Manne von feinem Gefühl, dem Menschenforscher, und jedem eleganti Formarum Spectatori , so vorzüglich lieb machen. Aber auch die ältern Dichter, von denen wir nur nach wenigen einzelnen Bruchstücken urteilen können, ein Ennius, ein Pacuvius , erscheinen selbst in diesen Bruchstücken in einem ganz andern Lichte, als worin sie uns hier vom Horaz gezeigt werden. Man sehe z. B. folgendes Gemälde einer ausgelernten Kokette  – – Quasi in choro pila ludens datatim dat sese et communem facit; alium tenet, alii nutat, alibi manus est occupata, alii pervellit pedem; alii dat anulum spectandum, a labris alium invocat, cum alio cantat, et tamen alii dat digito litteras – Sie spielt sich wie ein Ball aus Hand in Hand im Kreis der Jünglinge, und teilt sich unter alle: mit diesem schwatzt sie, jenem winkt sie zu, den dritten nimmt sie bei der Hand, und tritt dem vierten auf den Fuß; gibt ihren Ring dem fünften anzusehen, wirft dem sechsten ein Mäulchen zu, singt mit dem siebenten, und unterhält inzwischen mit dem achten sich in der Fingersprache – Wer hätte dem alten Ennius dies Gemälde zugetraut S. Fragm. Veter. Poetar. Lat. Edit. H. Stephani, p. 131. ? Oder welcher Dichter würde sich folgender Beschreibung eines Sturms, die uns Cicero aus dem Pacuvius erhalten hat, zu schämen haben Cic. de Oratore III. 39. ? Interea prope iam occidente sole inhorrescit mare, tenebrae conduplicantur, noctisque et nimbum occaecat nigror; flamma inter nubes coruscat, caelum sonitu contremit, grando mixta imbri largifluo subita Turbine praecipitans cadit, undique omnes venti erumpunt, saevi existunt turbines, fervet aestu pelagus – Man braucht nur eine Klaue zu sehen, um zu wissen, ob sie einem Löwen zugehört. So groß auch noch die Mängel dieser alten Dichter sein mochten, war es billig, von ihren Vortrefflichkeiten zu schweigen? Und wenn man ihnen die Rohheit ihres Zeitalters, den Mangel an Kunst und Politur, kurz, den Nachteil, daß sie die ersten waren, die das Eis brechen mußten, vorrückt, sollte der Mut und Fleiß, womit sie es gebrochen haben, gering geachtet werden? Man kennt die Antwort Virgils , als sich jemand wunderte, den Dichter der Äneide über den Annalen des Ennius anzutreffen: ich suche Gold aus einem Misthaufen , sagte Virgil Eine Menge glücklicher Ausdrücke und Bilder, die noch in den Fragmenten des Ennius vorkommen, und die man in der Äneis wieder findet, beweisen, daß Virgil diese Goldgrube wohl zu benutzen gewußt habe. vid. Macrobius, Saturnal. L. 6. . – Horaz spricht nur von dem Misthaufen, und vergißt, wie viel Gold ein Virgil darin fand. – Übrigens scheint er auch hierin Tadel zu verdienen, daß er den uralten Livius Andronikus und den Atta, mit Ennius, Accius, Nävius, diese mit Plautus, Cäcilius, Pacuvius, und die letztern mit Terenz und Afranius zusammenwirft: da doch, ungeachtet sie alle in dem Umfang eines Jahrhunderts gelebt haben, vierzig oder funfzig Jahre früher oder später bei Schriftstellern überhaupt, vorzüglich aber bei Dichtern, einen großen Unterschied machen, und z. B. schon der Abstand des Terenz vom Plautus (der nicht viel über dreißig Jahre älter war als Terenz ) in Rücksicht auf Geschmack, Urbanität und Schönheit der Sprache sehr auffallend ist. Den Terenz mit einem Ennius und Nävius, oder überhaupt mit den Autoren zu vermengen, – die fast immer hart und oft nachlässig schreiben – scheint, – es sei nun selbst aus Nachlässigkeit, oder mit Vorsatz geschehen, – unverzeihlich zu sein. Meine Meinung ist nie gewesen, Horazen zu verteidigen, wo ihm was Menschliches begegnet sein mag. Aber hier ist es doch wohl der Frage wert, was etwa – bei so starken Anscheinungen gegen seinen Geschmack, oder gegen seine Billigkeit – zu seiner Rechtfertigung zu sagen sei? Fürs erste, glaube ich, da er hier keine vollständige Würdigung der ältern Dichter schreiben wollte, sei es ihm gar wohl erlaubt gewesen, sie bloß von derjenigen Seite anzusehen, die seiner Behauptung, daß den Neuern gegen die Alten Unrecht geschehe , zum Behuf diente; zumal da das Publikum den letztern schon mehr als Gerechtigkeit widerfahren ließ. Sodann ist unleugbar, daß die meisten Dichter, die er nennt, mit den Fehlern, die er ihnen vorwirft, wirklich behaftet waren: ob aus Schuld ihrer Zeit, oder ob und wie viel sie selbst dabei schuldig waren, hatte er hier nicht nötig zu untersuchen; da es ihm nicht darum zu tun ist, diese Dichter – die ihm nichts zu Leide getan hatten – sondern nur die Liebhaber und Kenner zu beschämen , die (seiner Meinung nach) einen allzugroßen Wert auf sie legten, und mit einem der Kunst und dem Geschmack nachteiligen Eigensinn die Neuern verachteten, nicht weil sie schlecht, sondern weil sie nicht die Alten waren. Endlich gereicht, wie ich glaube, auch dies zur Rechtfertigung unsers Dichters, daß die Alten, von denen die Rede ist, fast alles, was sie Gutes hatten, den Griechen schuldig waren; und daß also, außer dem Verdienst, den Anfang gemacht und die Bahn gebrochen zu haben, wenig auf ihre eigne Rechnung kommt. Dies gilt auch von Terenz , und von ihm ganz vorzüglich: da er sich ganz nach den großen Mustern der neuen griechischen Komödie gebildet hatte, und seine Stücke selbst für nichts anders als freie Übersetzungen oder zusammengesetzte Gemälde aus mehrern griechischen ausgibt. Eben so braucht man nur einen Blick auf das Gemälde einer Kokette vom Ennius zu werfen, um zu sehen, daß es irgend einem Griechen abgenommen ist. Das nämliche gilt von allen ihren alten Tragödien, welche lauter Übersetzungen oder Kopeien von griechischen Originalen waren. Horaz tut ihnen also im Grunde kein Unrecht, indem er von ihren Schönheiten, die er als bloßen Raub betrachtete, schweigt, und nur dessen, was den meisten unter ihnen eigentümlich war, ihres noch rohen Geschmacks, und ihrer Nachlässigkeit in Sprache, Ausdruck und Versifikation gedenkt. – Übrigens ist auch in Betrachtung zu ziehen, daß die humoristische Heftigkeit, womit er diese ganze Materie behandelt, eine Art von poetischer Fiktion ist, wodurch er seinen Vortrag zu beleben und Augusten lächeln zu machen sucht; und daß er besser unten, da ihn die Geschichte der römischen Poesie wieder auf die dramatischen Versuche der Römer bringt, ihren tragischen Dichtern alle Gerechtigkeit widerfahren läßt. . Ich sage nicht, daß man die Dichterei des alten Livius Der alte Dichter Livius war eigentlich ein Grieche, namens Andronikus , der in römische Gefangenschaft geraten war, und weil er von M. Livius Salinator die Freiheit erhalten, nach römischer Gewohnheit den Namen seines Patrons angenommen hatte. Er war es, der im Jahr 514 zuerst eine Art von Tragödie, die einige Ähnlichkeit mit der griechischen hatte, in Rom auf die Schaubühne brachte. Aber dies Verdienst konnte freilich in Horazens Augen nicht groß genug scheinen, um in den barbarischen Versen dieses alten Dichters, die ihm in der Schule so viele Schläge zugezogen hatten, alle die Schönheiten zu finden, die sein ohrfeigenreicher Lehrer Orbilius darin zu sehen glaubte. Bentley , der so gern der einzige von seiner Meinung ist, findet, ich weiß nicht warum, in seinem Herzen, sich des Schulmeisters Orbilius, der es vermutlich mit seinen Ohrfeigen sehr wohl meinte, mit großem Eifer anzunehmen. Er meint, Livius Andronikus sei ein viel zu alter Autor gewesen, um für ein Schulbuch gedient zu haben; und also setzt er, aus kritischer Machtgewalt, für Livius – Lävius , den Namen eines andern alten und sehr unbekannten Autors, dessen Erotopaegnia ( Liebesscherze ) Ausonius in seinem nachgelaßnen Cento Nuptialis den Fescenninen des Annianus an die Seite setzt. Bentley hat nicht unrecht, daß ein Schulbuch von diesem Schlage kein schlimmes Mittel wäre, sich der Aufmerksamkeit der studierenden Jugend zu versichern, und Orbil hätte dabei manche Ohrfeige ersparen können; nur ist nicht wahrscheinlich, daß jemals ein Schulmeister, außer Bentleyen, auf ein so schlaues Expediens gefallen sei. Hingegen kann nichts Schwächers sein, als sein Einwurf gegen den alten Livius . Orbil war ein abgedankter Soldat, der den Schulszepter aus Not ergriffen hatte, als der Knabe Horaz bei ihm lesen und schreiben lernte. Wahrscheinlich reichte seine eigne Gelehrsamkeit nicht weit, und er las mit seinen Schülern den Livius, weil er der Autor war, aus dem er selbst lesen gelernt hatte. (die aus der Schule des Orbils mir noch durch manche Ohrfeig' unvergeßlich ist) vertilgen solle. Nur, daß solche Verse von vielen schön, korrekt sogar, und fast den ausgefeilt'sten gleich gefunden werden, das wundert mich. Denn, wenn auch hier und da ein glänzend Wort hervorsticht, der und jener Vers ein wenig runder ist und besser klingt: ists billig, daß darum ein ganzes Werk verkäuflich werd' und lauten Beifall finde? Si veteres ita miratur laudatque poetas, \<65\> ut nihil anteferat, nihil illis comparet, errat. Si quaedam nimis antique, si pleraque dure dicere credit eos, ignave multa fatetur, et sapit, et mecum facit et Iove iudicat aequo. Non equidem insector, delendave carmina Livi \<70\> esse reor, memini quae plagosum mihi parvo Orbilium dictare; sed emendata videri, pulchraque, et exactis minimum distantia, miror. Inter quae verbum emicuit si forte decorum, et si versus paulo concinnior unus et alter, \<75\> iniuste totum ducit venditque poema. Was mir die Galle reizt, ist, wenn ein Werk getadelt wird, nicht, weil es schlecht gemacht und abgeschmackt ist, sondern weil es neu ist; und daß man für das alte Zeug nicht Nachsicht (wie billig), sondern Ruhm und Vorzug fodert. Denn wenn ich nur zu zweifeln Miene machte, ob auch ein Stück von Atta T. Quintius Atta , ebenfalls ein Verfasser römischer National-Schauspiele ( Fabularum Togatarum ), scheint um die Mitte des 6ten Jahrhunderts gelebt zu haben. Seines Namens wird sonst von keinem guten Schriftsteller gedacht. Indessen sieht man doch aus dieser Stelle, daß seinen Stücken zuweilen die Ehre widerfuhr, von den Le Kain und Préville des römischen Theaters gespielt zu werden, und durch diesen Vorteil Beifall zu erhalten. – Der Grammaticus Festus sagt: dieser Quinctius habe den Beinamen Atta (ein Sabinisches Wort) von seinem Gang bekommen, weil er, wegen ich weiß nicht welches Fehlers im Bau seiner Füße, eine Art von hüpfendem oder hinkendem Gang gehabt habe. Die Scholiasten sehen in Horazens Ausdruck ( recte necne perambulet ) eine scherzhafte Anspielung auf dieses Gebrechen, die für uns verloren geht. heutigs Tags mit Ehren unsern Schauplatz noch besteige: wie würden nicht die alten Herren schreien, daß keine Scham mehr in der Welt sei, wenn so einer sich erfrechen dürfe, Stücke zu tadeln, die so große Künstler, wie Äsop und Roscius , zu ihren Zeiten spielten Der Dichter findet, zu seiner eignen Rechtfertigung, nötig, die wahren Ursachen zu berühren, warum diejenigen unter seinen Mitbürgern, die ihre schönste Zeit noch im vorigen Jahrhundert verlebt hatten, eine so sonderbare Parteilichkeit für die Werke solcher Dichter, wie Accius, Nävius, Atta und ihres gleichen, zeigten. Die erste, und ohne Zweifel die hauptsächlichste Ursache war: weil sie in ihrer Jugend, also in dem Alter der lebhaftesten Eindrücke, diese Stücke von Äsopus und Roscius , den größten Schauspielern, welche Rom jemals gehabt hat, in einer Vollkommenheit, die nichts zu wünschen übrig ließ, spielen gesehen hatten. Diese beiden Künstler blühten schon in der Mitte des Jahrhunderts, das vor dem Augusteischen unmittelbar vorherging: aber sie erreichten beide ein hohes Alter, und ließen sich, um den Großen und dem Volke Ehre zu erweisen, auch in ihrem Alter noch zuweilen erbitten, bei außerordentlichen Gelegenheiten den Schauplatz zu betreten. Äsopus tat dies zum letztenmal, als Pompejus Magnus sein herrliches Amphitheater im Jahr 698 einweihete; aber seine Kräfte entsprachen seinem guten Willen nicht mehr; die Stimme verließ ihn gerade bei der Stelle, wo die stärkste Wirkung gemacht werden sollte, und alle Zuhörer stimmten überein (sagt Cicero Epist. VII. 1. ), daß es ihm nun erlaubt sei aufzuhören. Der stärkste Beweis, in welchem Grad er der Liebling des römischen Publikums gewesen, und wie teuer damals Talente dieser Art bezahlt wurden, ist dies: daß er, ungeachtet er einen Aufwand machte, der bis zur höchsten Verschwendung ging, seinem Sohn noch zwanzig Millionen Sesterzien, oder über 800000 Taler hinterlassen konnte. Äsopus war bloß ein tragischer Schauspieler; Roscius war in beiden Gattungen vortrefflich. Cicero, ein sehr großer Bewunderer von beiden, lebte besonders mit diesem Roscius in einer Verbindung, die diesem viel Ehre macht. Seine Werke sind voller Beweise des hohen Wertes, den sowohl die Kunst, als der Geist und sittliche Charakter dieses Schauspielers in seinen Augen hatte. Wie vortrefflich mußte der Mann sein, von dem ein Cicero öffentlich sagen durfte: »Er ist ein so großer Künstler, daß er allein wert scheint, auf dem Schauplatz gesehen zu werden; und ein so edler und guter Mann, daß unter allen Schauspielern er allein würdig scheint, nicht darauf gesehen zu werden.« Cum artifex eiusmodi sit, ut solus dignus videatur, qui in scaena spectetur, tum vir eiusmodi est, ut solus dignus videatur, qui non accedat. Pro Quinct. c. 25. – Die Rede, worin er ihn gegen die Anklage eines gewissen Fannius Chärea verteidigt, und woran unglücklicherweise Eingang und Schluß, und also gerade, was für uns das Interessanteste wäre, fehlt, enthält im 6ten Kap. eine beinahe noch stärkere Stelle Qui ita dignissimus est scaena propter artificium, ut dignissimus sit curia propter abstinentiam. Orat. pro Rosc. Com. c. 6. . In seiner Kunst hatte er, nach dem allgemeinen Urteil seiner Zeitgenossen, eine so große Vollkommenheit erreicht, daß es zum Sprichwort wurde, von einem jeden, der in irgend einer Art von Wissenschaft oder Geschicklichkeit hervorragte, zu sagen, er sei ein Roscius in seinem Fache De Orat. I. 28. Videtisne quam nihil ab eo nisi perfecte, nihil nisi cum summa venustate fiat? Nihil nisi ita ut deceat, et uti omnes moveat atque delectet? Itaque hoc iam diu est consecutus, ut, in quo quisque artificio excelleret, is in suo genere ROSCIUS diceretur. . Ich rechne es unter die besondern Verdienste dieses Künstlers um das römische Theater, daß sein Haus eine Art von Akademie war, worin sich unter seiner Anführung gute Schauspieler bildeten. Indessen pflegte er doch öfters zu sagen: er habe noch keinen Schüler gefunden, der es ihm völlig recht machen könne; nicht, als ob nicht einige davon es ganz gut machten, sondern weil ihm das Geringste, was etwa noch fehle, unerträglich sei Ibid. . Wenn jemand zu dieser Strenge, oder vielmehr zu dieser unfreiwilligen Delikatesse, berechtigt sein konnte, so war es Roscius. Denn ihm fehlte nichts. Die Natur hatte ihm alles gegeben, die schönste Gestalt, den angenehmsten Ton der Stimme, den edelsten Anstand – und mit diesen einem Schauspieler so wesentlich notwendigen Gaben verband er alles, was Wissenschaft, Studium und Fleiß vermögen, um so seltne Anlagen auszubilden. Was Wunder also, daß alle die Römer, die noch so glücklich gewesen waren, die Stücke eines Plautus, Pacuv, Accius, Cäcilius, u.s.w. von einem Roscius, einem Äsopus spielen zu sehen (und deren lebten doch noch manche), einen so angenehmen Eindruck davon auf ihre ganze übrige Lebenszeit behalten hatten, daß ihnen die neuern Stücke, von Schauspielern vorgestellt, die sich zwar nach jenen großen Mustern bildeten, aber immer weit unter ihnen zurückblieben, diesen Grad von Vergnügen nicht machen konnten, wenn die Stücke selbst auch besser gewesen wären? – Diese Betrachtung entschuldigt zwar die alten Herren, mit denen Horaz hier ein wenig strenge zu verfahren scheint; aber sie benimmt gleichwohl dem Vorwurf, den er ihnen macht, wenig oder nichts von seiner Stärke; wiewohl man, im Grunde, das nicht einmal einen Vorwurf nennen kann, was er bloß als einen physischen und psychologischen Grund , warum das Neue vor diesen Herren wenig Gnade finden könne, vorbringt. . Es sei nun, daß die guten alten Herren nichts, als was ihnen in der Jugend schön war, sich gefallen lassen können: oder sichs für Schande halten, uns, als ihren jüngern, gestehn zu müssen, was sie einst als Knaben gelernet, tauge nun zu nichts, als es bei grauem Barte wieder zu vergessene. Wer König Numas Saliarisch Lied König Numa , der Stifter des alten römischen Gottesdienstes, hatte zwölf Priester des Kriegsgottes angeordnet, denen er die Bewahrung der heiligen Schilde ( Ancilia ), die vom Himmel gefallen sein sollten, anvertraute. Zu den religiösen Zeremonien, die diesen Priestern eigen waren, gehörte ein kriegerischer Tanz, den sie, mit Schild und Schwert bewaffnet, nach einer vom K. Numa vorgeschriebenen Musik an dem Feste des Kriegsgottes öffentlich anstellen mußten, und ein gewisser Hymnus, in einer Sprache verfaßt, die zu Horazens Zeiten ungefähr so verständlich war, als uns des alten Mönchs Kero Lobgesang auf den H. Anno ist. Dies ist das Carmen Saliare , dessen Horaz hier Erwähnung tut. Varro , der auf Untersuchung der römischen Altertümer so viel Zeit und Fleiß verwendete, glaubte auch den Schlüssel zu diesem barbarischen alten Liede gefunden zu haben, und gab dadurch den übertriebenen Liebhabern von allem, was alt ist, den Ton an, so davon zu sprechen, als ob sie es verständen und große Herrlichkeiten darin fänden. Es war wenigstens ein Vaterländisches Lied (πάτριος ύμνος, wie es Dionys. von Halikarnaß nennt), ein echtes altrömisches Gewächs, worin vermutlich nichts war, das nach Homer, Alcäus oder Pindar schmeckte; und mußte also billig den Prätendenten an einen mehr als gemeinen römischen Patriotismus gar köstlich sein! so herrlich findet, und was er so wenig versteht als ich, zu wissen scheinen will: ist keineswegs darum den längst begraben     Indignor quidquam reprehendi, non quia crasse compositum illepideve putetur, sed quia nuper; nec veniam antiquis, sed honorem et praemia posci. Recte necne crocum floresque perambulet Attae \<80\> fabula, si dubitem, clament periisse pudorem cuncti paene patres, ea cum reprehendere coner, quae gravis Aesopus, quae doctus Roscius egit: vel quia nil rectum, nisi quod placuit sibi, ducunt; vel quia turpe putant parere minoribus, et quae \<85\> imberbi didicere, senes perdenda fateri. Iam Saliare Numae carmen qui laudat, et illud, quod mecum ignorat, solus vult scire videri: Genien holder, oder findet sie im Ernst so unvergleichlich – glaubt es nicht! Uns haßt er, uns und unserm Werke gilt der scheele Seitenblick, der stumme Tadel. Wenn nun den Griechen einst die Neuheit auch so sehr verhaßt gewesen wäre, sagt, was wär' itzt alt? Was hätten nun die Leute zu lesen, und aus Hand in Hand, beschmutzt und abgegriffen, sich herumzubieten? Als Griechenland in einer glücklichen langwier'gen Ruh von seinen alten Kriegen Einheimischen und auswärtigen, bis zu den Zeiten, da der Königliche Name fast in allen griechischen Staaten aufhörte, und von dieser Zeit besonders nach dem Persischen oder Medischen Krieg , welchen das Jahrhundert von Perikles bis zu Alexander dem Großen folgte. zu schwärmen anfing, und, von stetem Glücke verzärtelt, wie ein rascher feur'ger Jüngling, sich jeder Laune fröhlich überließ: da fiel's mit aller seiner Leidenschaft auf dies und das. Erst waren's Fechterspiele, Rennpferde dann, drauf schöne Götterbilder von Elfenbein, von Marmor und von Erz; ingeniis non ille favet plauditque sepultis, nostra sed impugnat, nos nostraque lividus odit. \<90\> Quod si tam Graiis novitas invisa fuisset quam nobis, quid nunc esset vetus? aut quid haberet, quod legeret tereretque viritim publicus usus? Ut primum positis nugari Graecia bellis coepit, et in vitium fortuna labier aequa, \<95\> nunc athletarum studiis, nunc arsit equorum; marmoris aut eboris fabros aut aeris amavit; bald hing's mit Liebesblicken wie verzückt an einer Schilderei, bald war ein Flötenspieler sein Abgott, bald ein Tänzer, ein Tragöde, ein Rhapsodist: – in allen diesen Launen dem kleinen Mädchen gleich, das, von der Amme verwöhnt, bald dies bald das mit Hitze will, doch, unvermerkt zu andern Spielen reifend, gleich rasch von Puppen und von Liebe wechselt Ich zähle dieses Gemälde des Genies und Geschmacks der Griechen für die edlern Künste unter die schönsten Stellen im ganzen Horaz. Die Griechen waren die erste Nation in der Welt, die alle Arten von Leibes- und Geistes-Übungen in Spiele verwandelte, und, indem sie diese Spiele zu einer National-Angelegenheit machte, sich einen National-Charakter bildete, durch den sie gegen die übrigen Völker das wurde, was ihre Alcibiaden oder Aspasien überall gewesen sein würden, wo sie hingekommen wären. Sie waren die ersten, die aus dem wesentlichsten Vorzug des Menschen vor den übrigen Tieren, aus der Sprache , eine Kunst , und die mächtigste unter allen , zu machen wußten. Gesang, Saitenspiel und Tanz wurden bei ihnen Musenkünste . Ihnen allein hatte sich die Göttin der Schönheit mit den Charitinnen , ihren unzertrennlichen Gespielen, geoffenbart; und schön wurden alle ihre Werke, Anmut war über alles, was sie sagten und taten, ausgegossen. Sie allein fanden das Geheimnis, das Erhabne mit dem Schönen und das Nützliche mit dem Angenehmen zu vermählen. Ihre Gesetzgeber waren Sänger, ihre Helden opferten den Musen, und ihre Weisen den Grazien. Die abgezogensten Begriffe des menschlichen Verstandes empfingen in der Phantasie ihrer Dichter, unter dem Pinsel ihrer Maler, unter den Händen ihrer Bildner einen schönen Leib, und wurden zu lieblichen, herzerhöhenden Bildern. Sogar die Religion, bei so viel andern Völkern das Grausamste und Schrecklichste, gewann bei ihnen eine menschenfreundliche Gestalt; die Götter andrer Völker waren hieroglyphische Ungeheuer , die ihrigen Ideale der vollkommensten Menschheit . Ihre Mysterien wurden, wie Cicero sagt, eine Wohltat für die Welt; und in dem geheimnisvollen Dunkel, wo andre Völker von tausend Gespenstern des Aberglaubens geängstigt wurden, schöpften sie Freude am Leben und Hoffnung im Tode Cic. de Legib. II. c. 14. . In allem diesem wirkte der heitre, freie, jugendliche Geist der Griechen mit einer Art von froher leichtsinniger Schwärmerei, die von einem schönen Spiele zum andern fortgaukelte. Alle ihre schönen Künste hatten einen Zeitpunkt, wo sie mit Leidenschaft getrieben, geliebt und belohnt wurden; selbst die Unbeständigkeit ihres Charakters schlug zum Vorteil der Künste aus; weil sie bei keinem Modell von Schönheit, keiner Stufe der Kunst, keiner Manier eines Meisters lange beharrten, sondern immer was Neues, und, wenn auch nichts Schöners, wenigstens was anders verlangten; aber eben darum waren ihre Künste am Ende doch nur Puppen, womit die Nation spielte; sie bald caressierte, bald wieder wegwarf, bald wieder hervorsuchte, anders ankleidete, u.s.w. Sub nutrice puella velut si luderet infans. . Was wird so sehr geliebt, so sehr gehaßt, das nicht verhaßt, nicht lieblich werden könnte, wenn Zeit und Ort und Licht und Schatten ändern? So wirkte langer Fried' und günstigs Glück in Gräzien. In unserm alten Rom war früh am Tag erwachen, den Klienten zum Recht verhelfen, gegen gute sichre Verschreibungen sein Geld an Zinse legen, und gute Lehren, »wie ein wackrer Bürger durch kluge Wirtschaft seines Hauses Glück erhöhn, und dessen Fall verhüten könne«, von Ältern anzuhören oder Jüngern zu geben – dies war lange Zeit die Sitte und Lebensart, worin der Römer seinen Ruhm suspendit picta vultum mentemque tabella; nunc tibicinibus, nunc est gavisa tragoedis: sub nutrice puella velut si luderet infans, \<100\> quod cupide petiit, matura plena reliquit. Quid placet aut odio est, quod non mutabile credas? Hoc paces habuere bonae, ventique secundi. Romae dulce diu fuit et solemne, reclusa mane domo vigilare, clienti promere iura, \<105\> cautos nominibus rectis expendere nummos, maiores audire, minori dicere per quae und sein Vergnügen setzte. – Wie das alles sich mit der Zeit geändert hat! Jetzt ist die Wut zu schreiben und zu verseln die allgemeine Krankheit unsers Volkes. Wer ist nicht Autor Ob Horaz, indem er sich über diese lächerliche Epidemie seiner Zeit erlustiget, gewußt haben mag, daß der göttliche August, an den er schrieb, selbst nicht frei davon gewesen war? Wir können diese Frage nicht beantworten: aber daß August sich auch etwas weniges mit der Poesie abgegeben habe , versichert uns Suetonius – »Poeticam summatim attigit.« Man hat noch, setzt er hinzu, ein einziges Stück in Hexametern von ihm, dessen Inhalt und Titel Sicilia ist. – Der Stoff war schön und reich, und wie ihn ein Dichter von diesem Rang bearbeitet haben mag, kann man sich leicht einbilden! – Außerdem war zu Suetons Zeiten auch noch eine kleine Sammlung von Sinngedichten von ihm vorhanden, die allenfalls etwas wäßricht sein durften, weil er sie im Bade zu meditieren pflegte. Die Tragödie Ajax , deren eben dieser Autor erwähnt, war vermutlich ein Werk seiner jüngern Jahre, wo man ihm gar wohl auch die Eitelkeit der Hoffnung zutrauen kann, den Sophokles überwältigen zu können. Er hatte sich mit einem großen Sturm und Drang ( magno impetu ) an dieses Werk gemacht; aber weil es ihm damit nicht recht von Statten gehen wollte, gab ers wieder auf. Vermutlich war das Bon-Mot, das er dem Dichter Lucius Varius Macrobius , der diese Anekdote erzählt, sagt nur Lucius, gravis tragoediarum scriptor . Nun zerbrachen sich verschiedene Gelehrte die Köpfe, wer wohl dieser Lucius gewesen sein könne? Das Natürlichste war, sogleich auf den Dichter Lucius Varius (von welchem weiter unten die Rede sein wird) zu raten; aber eben darum verfiel man am spätesten auf ihn. Nodum in scirpo quaerere , ist ein Sprichwort, das ausdrücklich für die meisten Ausleger der Alten gemacht scheint. Dafür lassen sie aber auch so oft die wirklichen Knoten unangerührt! , der sich nach seinem Ajax erkundigte, zur Antwort gab, das Beste davon. (Man muß aber, um es zu verstehen, vorher wissen, daß Ajax in der letzten Szene des Stücks in sein eigen Schwert hätte fallen sollen, und daß die Römer gewohnt waren, zum Auslöschen dessen, was sie geschrieben hatten, einen Schwamm zu gebrauchen.) Mein Ajax , sagte August, ist in den Schwamm gefallen – in spongiam incubuit . – Wahrscheinlich ists also eben nicht, daß Horaz von allen diesen poetischen Taten Augusts nichts gewußt haben sollte. Ich weiß nicht, ob Beroaldus den Virgil recht versteht, wenn er die Verse in der achten Ekloga: En erit ut liceat totum mihi ferre per orbem sola Sophocleo tua carmina digna cothurno? für ein Kompliment hält, das Virgil dem damaligen Octavius Cäsar wegen seines angefangenen Ajax habe machen wollen: aber daß Horaz der Mann nicht war, der sogar einem August auf Unkosten seines Geschmacks geschmeichelt hätte, lehrt der Augenschein. Vielleicht glaubte er ihm den Hof am besten zu machen, wenn er sich gar nichts davon anmerken ließe, daß er etwas von seiner Poeterei wisse; ob aber diese ehrfurchtsvolle Unwissenheit eben so gut aufgenommen worden, als die grobe Schmeichelei Virgils, ist eine andre Frage. ? Knaben, Männer, Greise, umschlingen jetzt beim Abendbrot die Schläfe mit Efeukränzen und – diktieren Verse. Ich selber, der so oft das Versemachen verschworen, werde lügenhafter als ein Parther Wie verhaßt die Parther den Römern dieser Zeit waren, zeigen eine Menge Stellen der Horazischen Schriften. Parthis mendacior war vermutlich eine Art von Sprichwort in Rom, wovon sich vielleicht kein besserer Grund angeben läßt, als dieser Nationalhaß, der eine Frucht der empfindlichen Niederlagen war, welche sie unter Crassus und Antonius von den Parthern erlitten hatten. erfunden, und mein erster Ruf, sobald der Morgen dämmert, ist nach Feder und Papier und Schreibepult. Ein Schiff zu führen, einem Kranken nur Stabwurz Abrotonum . Die Alten machten mit der Wurzel dieser Pflanze einen Wein an, der als Arznei gebraucht wurde. einzugeben, traut sich niemand zu, als wer's versteht; Arzneikunst treibt der Arzt, und Schmiedekunst der Schmied – nur Verse, Verse crescere res posset, minui damnosa libido. Mutavit mentem populus levis, et calet uno scribendi studio: puerique patresque severi \<110\> fronde comas vincti cenant, et carmina dictant. Ipse ego, qui nullos me affirmo scribere versus, invenior Parthis mendacior: et prius orto sole, vigil calamum et chartas et scrinia posco. Navim agere ignarus navis timet, abrotonum aegro \<115\> non audet, nisi qui didicit, dare; quod medicorum est, promittunt medici, tractant fabrilia fabri; macht jedermann, gelehrt und ungelehrt. Bei allem dem ist dieser kleine Wahnsinn, dies Versefieber dem gemeinen Wesen weit vorteilhafter, als man denken sollte. Ein Dichter – überhaupt ein Versemann – hat selten eine andre Leidenschaft, als seine Lust an Versen. Die allein beherrscht ihn ganz, darauf geht all sein Dichten und Trachten. Schlimme Zeiten, Geldverlust, Vermögensabfall, all dies kränkt ihn wenig. Laß seine Sklaven ihm auf einen Tag entlaufen, laß sein Haus ihm niederbrennen, er lacht dazu. In seinem Leben kommt ihm kein Gedanke, seinem Mündel oder Mit-Erben heimlich einen Streich zu spielen. Er lebt von Erbsenbrei und schwarzem Brot, taugt freilich nicht ins Feld, doch ist er drum nicht gänzlich ohne Nutzen für den Staat. Denn (zugegeben, daß auch kleine Dinge zu großen helfen können) ist es nicht der Dichter, der des Kindes frühes Lallen zur Sprache bildet? Der von pöbelhaften Reden scribimus indocti doctique poemata passim. Hic error tamen et levis haec insania quantas virtutes habeat, sic collige: Vatis avarus \<120\> non temere est animus; versus amat; hoc studet unum; detrimenta, fugas servorum, incendia ridet, non fraudem socio, puerove incogitat ullam pupillo; vivit siliquis et pane secundo. Militiae quamquam piger et malus, utilis urbi. \<125\> Si das hoc, parvis quoque rebus magna iuvari, os tenerum pueri balbumque poeta figurat; sein zartes Ohr entwöhnt, dann allgemach durch Lehren, die der Reiz der Harmonie und Dichtung freundlich macht, sein Herz der Tugend gewinnt, von Eigensinn und Neid und Zorn den Knaben heilt, mit edeln Taten ihn vertraulich macht, der gegenwärt'gen Zeit verworrnes Rätsel durch der ältern Welt Beispiele ihm entwickelt, und in Not und kranken Tagen Trost und Lindrung schafft? Von wem sonst sollte, mit dem keuschen Knaben, das unberührte Mädchen beten lernen, wofern die Muse nicht den Dichter gab? Er macht das Volk im Chor zum Himmel flehn, er ists, der sie den gegenwärt'gen Gott mit Schaudern fühlen macht, der die Gesänge sie lehrt, wodurch auf dürres Land der Segen aus Wolken strömt, die Krieg und böse Seuchen verjagen, steten Fried' und reiche Ernten uns bringen! Denn durch Lieder werden uns die Himmelsgeister hold, durch Lieder wird der unterird'schen Mächte Zorn gestillt Ich halte es für eine feine Art von Laune oder scherzhafter Wendung, daß Horaz in dieser schönen Stelle, worin er den mannichfaltigen Nutzen der Poesie in Ansicht ihres popularen Gebrauchs herrechnet, Wahres und Eingebildetes unter einander mengt, und dadurch unvermerkt dem Schein zu entgehen weiß, als ob er eine Kunst, die er selbst trieb, aus Eitelkeit hätte wichtiger machen wollen, als sie sei. Der mannichfaltige abergläubische Gebrauch, der seit den ältesten Zeiten von Liedern gemacht wurde, ist bekannt, und in einer Anmerkung zum ersten Brief an Mäcenas schon berührt worden. Carmen hieß bei den Lateinern ein episches oder lyrisches Gedicht, und eine Zauberformel. Man glaubte, daß in dem Rhythmus selbst eine geheime Kraft verborgen sei. Verse waren die Göttersprache . Apollo gab seine Orakel nicht anders als in Versen . Was der prophetische Wind aus der Höhle der Cumäischen Sibylle beim Virgil hervorwehte, waren eine Menge einzelner mit Versen beschriebner Blätter. Die Carmina , denen Horaz die Kraft zuschreibt, die ober- und unterirdischen Götter günstig zu machen, sind eigentlich die Theurgischen Hymnen , wovon in den Orphischen und andern Mysterien, und überhaupt bei allen Expiationen , und bei den Totenopfern Gebrauch gemacht wurde. .   torquet ab obscaenis iam nunc sermonibus aurem, mox etiam pectus praeceptis format amicis; asperitatis et invidiae corrector et irae \<130\> recte facta refert; orientia tempora notis instruit exemplis; inopem solatur et aegrum. Castis cum pueris ignara puella mariti disceret unde preces, vatem ni Musa dedisset? Poscit opem chorus, et praesentia numina sentit: \<135 \> caelestes implorat aquas docta prece blandus; avertit morbos, metuenda pericula pellit; impetrat et pacem, et locupletem frugibus annum. Carmine di superi placantur, carmine Manes. Wenn unsre alten, biederherzigen, mit wenigem vergnügten Ackerleute Wie schön ist dies Gemälde des Erntefests der alten, in ihrer rohen bäurischen Einfalt noch glücklichen Römer! Wie gutherzig, und zugleich wie philosophisch, diese Darstellung des ländlichen Ursprungs der Poesie unter ihnen! Welch ein milder, lieblicher Geist von Natur und Humanität weht durch dieses ganze wildanmutige Landschaftsstück! Jedes Wort verdiente einen Kommentar, und würde durch einen Kommentar entweiht! , nachdem sie ihres Schweißes Früchte in die Scheunen gebracht, am Erntefest mit ihren Kindern und treuem Weibe, den Gehülfen ihrer Arbeit, an Leib und Seele (denn auch diese trug, in Hoffnung dieses Tages, ihren Anteil der Last des langen Jahrs) sich gütlich tun und pflegen und zur künft'gen Arbeit wieder erfrischen wollten – machten sie vorerst mit Opfrung eines Mutterschweins die Erde , mit Milch den Waldgott , und mit Wein und Blumen den Genius des Lebens sich gewogen Es liegt eine unbeschreibliche Schönheit in dem Beiwort: Genium memorem brevis aevi, . Mit bäurischroher Ungebundenheit erschallte dann, in lust'gen Wechselzeilen, der Fescenninen muntrer freier Scherz Was bei den Griechen die Bocks- und Dorf-Gesänge waren, womit sich an Bacchusfesten herumziehende Meistersinger und Musikanten auf den Dörfern hören ließen, und woraus sich nach und nach die Tragödie und Komödie der Athener bildete, das waren ungefähr die Fescenninen bei den Römern. Es waren eine Art von Impromptus , deren Veranlassung, Inhalt und Beschaffenheit uns Horaz hinlänglich bekannt macht. Die Natur selbst (wie schon Aristoteles bekanntermaßen angemerkt hat) lehrt die rohesten Menschen eine Art wilder (autoschediastischer) Poesie , woraus die Kunst allmählich das gemacht hat, was bei verfeinerten Nationen Poesie heißt. Eben die Natur, welche die rohen römischen Landleute, wenn sie sich an ihrem jährlichen Erntefest der Freude überließen, singen und tanzen lehrte, lehrte sie auch in die Worte ihrer Lieder eine Art von Mensur bringen; aber ihre Verse waren – wie ihr Gesang und wie ihr Tanz. Man nannte sie Saturnische Verse , vielleicht weil sie des Saturnischen Zeitalters, wo die Natur noch in ungebundner kindischer Freiheit spielte, würdig waren; und Fescenninen , von der alten Stadt Fescennia in Etrurien, wo sie entstanden sein sollen. Vermutlich, weil die römischen Landleute dieser Zeiten ihre Kinder meistens am Erntefest zu verheiraten pflegten, wurde der Name Fescenninen vorzüglich den Hochzeitgesängen eigen, welche die Kameraden des Bräutigams in solchen aus dem Stegreif gemachten wilden Versen vor der Brautkammer absangen. In diesen von einer ungezognen, mutwilligen Jugend, in der Trunkenheit einer wilden Hochzeitfreude, im Chor abgesungnen Liedern war (wie leicht zu erachten) der Wohlstand so wenig geschont, als der Rhythmus. Je gröber je besser war die einzige Regel. Zoten, Schwänke, leichtfertige Anekdoten über den Bräutigam, alles galt, wenn es nur zu lachen machte; und eine natürliche Folge des Wettstreits, wer den andern an Spaßhaftigkeit übertreffen und die Gäste am lautesten brüllen machen könnte, war: daß die Fescenninen zu einer Art von Pasquillen, und also zuletzt aus Spaß Ernst wurde; so daß endlich die Polizei sich in die Sache mischen und bei Strafe des Knittels verbieten mußte, einander Schandlieder ( mala carmina ) vor der Türe zuzusingen. Indessen erhielt sich demungeachtet, auch in guten Häusern, der alte Gebrauch der Fescenninischen Hochzeitgesänge, welche mit der Zeit zwar in Absicht der Sprache und Ausdrücke verfeinert wurden, aber doch immer keine Musik für züchtige Ohren waren. Man findet etwas von dieser Art in den Gedichten des Catulls und des Ausonius . August selbst hatte in seiner Triumviralischen Jugend seinen Freund Pollio mit einem Fescenninus reguliert, der, nach dem Buchstaben des alten Gesetzes, den Knittel verdient hätte. Pollios Freunde waren der Meinung, daß er dem Triumvir bei seiner Vermählung mit der Livia , die ihm dazu schönes Spiel gab, seine Dankbarkeit mit einem Hochzeit-Carmen im nämlichen Geschmack bezeugen sollte; aber Pollio, dessen erster Unwille sich inzwischen abgekühlt hatte, gab ihnen die bekannte Antwort: »Die Partie ist zu ungleich, gegen einen Bel-Esprit zu schreiben , der proskribieren kann.« – Die Klugheit des Pollio hat, wie natürlich, auf alle, die sich ungefähr im nämlichen Falle befinden, fortgeerbt; und ein Autor, der zweimal hundert tausend Mann ins Feld stellen kann, darf schreiben, was er will. . Agricolae prisci, fortes, parvoque beati, \<140\> condita post frumenta, levantes tempore festo corpus, et ipsum animum spe finis dura ferentem, cum sociis operum, pueris et coniuge fida, Tellurem porco, Silvanum lacte piabant, floribus et vino Genium, memorem brevis aevi. \<145\> Fescennina per hunc inventa licentia morem versibus alternis opprobria rustica fudit; Der gute Tag kam alle Jahre doch nur einmal! Sollte nicht dies einz'gemal die Freude alle Fesseln von sich werfen? Man tanzte, sang, und brachte gute Schwänke hervor, und lautes Lachen wieherte dem gröbsten Spaß, dem tollsten Schwank entgegen. Erst war's nur Fröhlichkeit: allmählich ward     libertasque recurrentes accepta per annos lusit amabiliter, donec iam saevus apertam der Scherz zu grob, begann, anstatt zu kitzeln, zu beißen, und die ungestrafte Frechheit verschonte selbst der besten Häuser nicht. Nun schrieen die Gebißnen laut, und wer auch frei geblieben war, nahm Teil an dem, was jeden treffen konnte. Das Gesetz trat nun ins Mittel, und verbot bei Strafe ein böses Lied dem andern zuzusingen Das Gesetz der zwölf Tafeln setzte (nach der Versicherung des heil. Augustinus im zweiten Buche de Civitate Dei ) die Todesstrafe drauf. »Si quis occentassit sive carmen condidissit, quod infamiam faxit flagitiumve alteri, capital esto.« Vermutlich fand man diese Strafe zu hart, und verwandelte sie in der Folge, bei geringen Personen, in die Strafe des Knittels – und der Knittel also war es (wie Horaz scherzend zu verstehen gibt), der den ersten Grund zur Verfeinerung der römischen Literatur legte. Indessen kam, mit der Länge der Zeit, auch diese Strafe in Vergessenheit; das Gesetz blieb, wurde aber so wenig ausgeübt, daß Horaz, wie ihn einer seiner Freunde, um ihn vom Satirenschreiben abzuschrecken, erinnerte: Si mala condiderit in quem quis carmina, lis est iudiciumque – . Dies gab dem Spiel bald einen andern Schwung. Die Furcht des Knittels lehrte nun bedachtsam im Ausdruck werden, und manierlich scherzen. So bliebs, bis das besiegte Griechenland Um die Mitte des sechsten Jahrhunderts der Republik. durch seiner Künste Reiz den rohen Sieger bezauberte, und seine feinern Künste ins bäur'sche Latium verpflanzte. Nun verschwand auf einmal jener ungehobelte Saturnsche Vers , und Sprach und Witz , gesäubert vom alten Schmutz, gewann nun allgemach ein reinlich Ansehn. Gleichwohl blieb noch immer ein Dorfgeruch zurück, der sich sobald nicht ganz verlieren wird. Denn ziemlich spät, in rabiem verti coepit iocus, et per honestas \<150\> ire domos impune minax: doluere cruento dente lacessiti; fuit intactis quoque cura condicione super communi: quin etiam lex poenaque lata, malo quae nollet carmine quemquam describi: vertere modum formidine fustis \<155\> ad benedicendum delectandumque redacti. Graecia capta ferum victorem cepit et artes intulit agresti Latio: sic horridus ille defluxit numerus Saturnius; et grave virus munditiae pepulere: sed in longum tamen aevum \<160\> manserunt, hodieque manent vestigia ruris. erst in der Ruhe, die das überwältigte Karthago schenkte, fing der Römer an der Griechen Werke fleißiger zu lesen, und ihren Schauplatz, und was Äschylus und Sophokles geleistet, zu studieren. Bald kam die Lust ihn an, in dieses Fach sich auch zu wagen, und zu sehen, was davon in unsre Sprache umzusetzen wäre; und er gefiel sich im Versuch: denn sein Genie, das kühn und stolz ist und das Große liebt, kam ihm dabei zu statten. Kurz, der Ton des Trauerspiels gelang ihm ziemlich, und nach solchem Anfang hätte man sehr viel erwarten können, wenn er nicht zur Feile so ungeduldig wäre, und (was wahre Künstler für rühmlich halten) fleißig auszustreichen und nachzubessern seiner unwert glaubte Die Griechen sind, was die schönen Künste, die Künste der Musen , die wahren Artes Humanitatis betrifft, als wirkliche Erfinder anzusehen. Ihr eigner Genius, ihr eignes zartes Gefühl entwickelte und bildete die, allen andern Völkern verborgene, Idee des Schönen und Schicklichen , welche sie in kurzer Zeit von Stufe zu Stufe bis zur Vollkommenheit führte. Die Römer waren in allen diesen Künsten immer nur Übersetzer und Nachahmer der Griechen; ihre Beredsamkeit, ihre Poesie, ihre Philosophie waren keine einheimische, sondern aus griechischem Boden in den römischen verpflanzte Früchte; Früchte der Siege, wodurch sie erst die Beschützer und endlich die Herren von Griechenland wurden. Unter diesen waren die Redekunst und die dramatische Poesie diejenigen, die in Rom den besten Boden fanden. Die Römer, welche sich um die Zeit, da das Theater der Athener in seinem höchsten Flor stand, noch mit einer äußerst rohen Art von Possenspielen begnügten, von denen Livius im Anfang des siebenten Buchs seiner Geschichte den Ursprung und Fortgang erzählt S. Daciers Abhandlung von der Satire (im 2ten B. der Mémoir. de Littérature ), wo ein schönes Licht über die etwas dunkle Erzählung des römischen Geschichtschreibers verbreitet ist. , fingen erst zu Anfang ihres sechsten Jahrhunderts an, Stücke, die eine einzige Handlung oder dramatisierte Fabel zum Inhalt hatten, kennen zu lernen. Der erste, der den Versuch eines solchen Stücks in ihrer damals noch sehr ungeschmeidigen und ungeschliffnen Sprache machte, war – ein griechischer Sklave ; und, wiewohl das neue Schauspiel – mit aller seiner Unvollkommenheit – großen Beifall fand: so währte es doch noch mehr als ein Jahrhundert, bis sich die dramatische Dichtkunst aus der Verachtung herausgearbeitet hatte, die ihr noch von den Toskanischen Histrionen (ihren ersten Schauspielern) anklebte. Fast alle ihre dramatischen Dichter waren bloße Freigelaßne , und also aus einer Klasse von Menschen, von welcher man keine Nebenbuhler eines Äschylus und Sophokles erwarten darf. Gleichwohl, sagt Horaz, »fehlte es ihnen nicht an Anlage zur Tragödie. Dieses Schauspiel war dem Nationalgeiste der Römer angemessen – und nach seinem schnellen Fortgang im sechsten Jahrhundert hätte man sich versprechen sollen, daß sie die Griechen, ihre Muster, wenigstens erreichen würden. Der Römer hat Feuer und Liebe zum Großen, er atmet tragischen Geist , und ist glücklich im Wagen ; aber was ihn, bei aller dieser trefflichen Anlage, ewig hindern wird das Ziel zu erreichen, ist, daß er zum Ausarbeiten zu ungeduldig ist , und das Ausstreichen für eine Schande hält .« – Eine Art von Stolz, der mit der Korrektheit Daß ich unter Korrektheit etwas ganz andres als bloße Sprachrichtigkeit und Freiheit von Fehlern gegen die Prosodie verstehe, bedarf wohl kaum erinnert zu werden, und ergibt sich deutlich genug aus dem unmittelbar folgenden. , dem wahren Sublimen der Poesie , wie jeder andern schönen Kunst, ganz unverträglich ist; denn es ist bloß glücklicher Zufall, wenn der Genie, ohne sie , die Linie trifft, die (nach dem Ausdruck des Aristoteles) zwischen der Hyperbel des Zuviel und der Ellipse des Zuwenig mitten durchgeht, die Linie quam ultra citraque nequit consistere rectum . Raphael Mengs sagte von einem vortrefflichen Kopfe, den er gezeichnet hatte, und mit dem er selbst zufrieden war: diesen hab' ich mehr mit Brot als mit dem Crayon gezeichnet. In diesem Sinne will Horaz, daß der Dichter mit Lituren schreibe . – Die Abneigung der römischen Autoren vor dieser Art zu verfahren war, seiner Meinung nach, die Hauptursache, warum sie so wenig Vortreffliches aufzuweisen hatten. Die größten Schönheiten können in den Augen eines wahren Künstlers keinen Fehler zudecken Man erinnere sich, was oben vom Roscius gemeldet worden, der mit keinem seiner Schüler zufrieden war; nicht als ob sie es nicht oft sehr gut gemacht hätten, sondern weil er nicht den kleinsten Fehler verzeihen konnte. ; ohne Fehler sein, ist also die wahre Vollkommenheit. ( Virtus est vitio caruisse. ) Kein Künstler, kein Dichter wird jemals etwas sehr Gutes (es müßte denn nur durch Inspiration sein) hervorbringen, ehe ihm dieses Geheimnis aufgeschlossen worden ist. Sollte dies nicht auch bei uns die Ursache sein, warum wir, anstatt immer weiter zu kommen, schon wieder im Retrogradieren sind? Wenigstens ist es gewiß eine, warum, unter tausend leidlichen Produkten unsers Parnasses, nur so wenige vor einem poetischen Roscius bestehen würden. . Man pflegt sich einzubilden, weil das Lustspiel aus dem gemeinen Leben sich mit Stoff versieht, so sei nichts leichter: aber eben darum , weil's um so minder Nachsicht fodern kann, ist's desto schwerer. Unsre Dichter nehmen's Serus enim Graecis admovit acumina chartis; et post Punica bella quietus, quaerere coepit, quid Sophocles et Thespis et Aeschylus utile ferrent. Temptavit quoque rem, si digne vertere posset; \<165\> et placuit sibi, natura sublimis et acer: nam spirat tragicum satis, et feliciter audet; sed turpem putat inscite metuitque lituram. Creditur, ex medio quia res arcessit, habere sudoris minimum, sed habet comoedia tanto \<170\> plus oneris, quanto veniae minus. Aspice, Plautus nun freilich nicht so scharf. Man sehe nur, mit welchem groben Pinsel Plautus einen jungen Verliebten, einen Schelm von Kuppler, oder einen mißtrauisch-schwachen kargen Alten sudelt Von den Griechen sagt Juvenal: Natio comoeda est , die ganze Nation ist Komödiant; der Grieche wird Komödiant geboren. Der wahre Grund davon lag nicht nur darin, daß die Athener , mit einer ungemeinen Empfänglichkeit für alle möglichen Eindrücke, und mit einer eben so großen Leichtigkeit, alle Arten von Charakter nachzumachen, und hauptsächlich mit einer besondern Behendigkeit das Lächerliche aufzuhaschen, und alles, was ihnen fremd oder anstößig war, in einem lächerlichen Lichte zu sehen, geboren wurden; sondern gewiß auch darin, daß alle Arten von Ridicülen bei ihnen zu Hause waren . Daher fehlte es weder ihren komischen Dichtern an Stoff, noch ihren Schauspielern an Originalen, die sie kopieren konnten. Die Römer waren zu ernsthaft, zu besonnen, zu planmäßig, und hatten, sieben Jahrhunderte lang, zu viel und zu große Dinge zu sorgen und auszuführen, um in ihren Sitten und Charaktern der Komödie vielen Stoff, wenigstens von der feinern Art, zu geben. Für den Aristophanes waren die weitaussehenden politischen Entwürfe seiner Mitbürger eine unerschöpfliche Quelle des Lächerlichen – weil zwischen ihren Entwürfen und ihren Mitteln fast immer der ungereimteste Kontrast herrschte: die Römer hingegen hatten, vom Anfang an, einen festen großen Zweck, und gingen mit immer gleichem männlichen Fortschritt, langsam, aber ohne jemals einen Schritt zurück zu machen, auf ihren Zweck los. Was wollte Aristophanes selbst an einem solchen politischen Gange Lächerliches haben finden können? Eben so war es mit ihren Sitten . Einfach, streng, arbeitduldend, frugal, fest über ihren Gesetzen und Gebräuchen haltend, stolz, edel und großherzig – dies war, bis nach der Zerstörung von Karthago, der herrschende römische Charakter. Welcher Aristophanes – ich will nicht sagen, welcher Menander – hätte über solche Sitten lachen können? Wo hätte da das feine Komische herkommen sollen? – Und als diese Sitten, durch eine natürliche Folge der ungeheuern Größe des Staats, im siebenten Jahrhundert sich mit einer unglaublichen Schnelligkeit zu verderben anfingen – wurden sie nicht lächerlich , sonder abscheulich . – Es ist wahr, die Römer (selbst in ihrer schönsten Zeit), wie fast alle Leute, die gewöhnlich mit ernsthaften und großen Dingen umgehen – liebten lustige Schauspiele, und lachten gern aus voller Brust: aber dazu mußten sie Possenspiele haben, und Possenspiele gab ihnen Plautus , der gar wohl wußte, was ihnen nötig war. Das feine Komische würde in Rom eine unverständliche Sprache gewesen sein – was es auch bei uns für die meisten ist. Der Dichter mußte seine Imagination anspannen, mußte übertreiben, mußte Karikaturen malen, um seine römischen Zuhörer zu belustigen. – Aber aus diesem Gesichtspunkt wollte Horaz die Sache jetzt nicht sehen – Unbekümmert um die Ursache, warum Plautus seine Charaktere mit einem so groben Pinsel malte, schätzt er seine Werke nach dem , was sie als Kunstwerke wert sind, vergleicht stillschweigend seine Karikaturen mit den Karikaturen eines Aristophanes , seine Sittenformen mit den Sittenformen eines Menander – und findet dann, was unleugbar war, daß sie die Vergleichung gar nicht aushalten konnten. Die gelehrten Ausleger, welche nicht mit sich selbst einig werden konnten, ob Horaz den Plautus in dieser Stelle habe loben oder tadeln wollen, und zur Ehre unsers Dichters lieber auf Unkosten der Sprachrichtigkeit und des ganzen Zusammenhangs das erste als das letzte (welches sie mit Horazens Einsicht und gutem Geschmack gar nicht zusammenreimen können) glauben wollen – hätten freilich – wenn es ihnen möglich gewesen wäre – in Erwägung ziehen sollen, daß die Rede bloß von der fehlerhaften Seite dieses Dichters sei; und daß ein Mann von so feiner Nase und von so attischem Gaumen wie Horaz – ein Maler, dessen Pinsel, wenn er Sitten und Torheiten malt, so scharfe Umrisse zieht und doch so sanft koloriert, – mit so feiner Delikatesse die feinsten Nüancen anzugeben, die in einander fließenden Schattierungen des Guten und Bösen mit so leichten Tuschen zu verblasen weiß, – kurz, daß ein Dichter, der selbst ein geschickter Sittenmaler, in seinen Gedanken so richtig, in seinem Ausdruck und in seiner Sprache so rein und ungezwungen zierlich ist, wie der unsrige – von den groben Zügen, den plumpen Späßen, der pöbelhaften oder altmodischen Sprache eines Plautus mehr beleidigt werden mußte, als sie . Dem Horaz dies übel nehmen, ist eben so, als wenn man von einer Angelika oder einem Füger verlangen wollte, daß sie an Ostadens betrunknen holländischen Matrosen, oder an den dicken Nymphen Jacob Jordans große Freude haben sollten. Ich bemerke nur noch im Vorbeigehen, daß, wie diese ganze Epistel, so besonders auch diese Stelle, »über die Schwierigkeit in der Komödie die Vortrefflichkeit zu erreichen« , so genau auf uns paßt, als ob die Epistel an den Augustissimum unsrer Zeit adressiert wäre. Wer bildet sich heut zu Tage nicht ein, ein Lustspielchen machen zu können? Man glaubt, nichts sei leichter ; und man glaubt es, gerade aus dem von Horaz angegebenen Grunde, warum man's damals in Rom glaubte; und betrügt sich darin aus dem nämlichen Grunde, welchen Horaz den Pfuschern seiner Zeit zu Gemüte führt. Jedermann gesteht, daß er Recht hat: gleichwohl hören wir noch immer Komödien, vor denen er sich die Ohren zugestopft hätte; und wir – denen alles gut ist (es müßte denn nur wirklich sehr gut sein, und irgend ein Schalk müßte uns weis gemacht haben, es sei schlecht), wir klatschen, daß uns die Hände feuern! – Ich sage dies nur – um es gesagt zu haben. Denn von dem großen Publikum zu verlangen, daß es konsequent sein solle, wäre nicht billiger, als vom Horaz verlangen, daß ihm alles gefallen müsse, was dem Publikum gefällt. Übrigens stimmt Quintilians Urteil Instit. orator. L. X. c. 1. von der römischen Komödie mit dem seinigen vollkommen überein. »In der Komödie, sagt er, hinken wir am weitesten hinter den Griechen her, wiewohl Älius Stilo meinte, die Musen, wenn sie Lateinisch sprechen wollten, würden des Plautus Sprache reden, und wiewohl die Stücke des Terenz (die wirklich das Eleganteste sind, was wir in diesem Fache haben) sogar einem Scipio Africanus zugeschrieben wurden. Wir haben kaum einen leichten Schatten von jener, den Athenern allein eignen Grazie erreicht, u.s.w.« ? Was für ein Meister in – gefräßigem Schmarutzen Dossennus ist Das Beste ist wohl, zu bekennen, daß wir von diesem Dossennus nichts wissen, als was Horaz hier von ihm sagt. Allem Ansehen nach war er ein bekannter Komödienschreiber, dessen Stücke sich, wie die Plautinischen, noch immer auf der römischen Bühne erhielten. Diejenigen, die lieber einen Schmarotzer aus einem von Plautus Stücken aus ihm machen wollen, erlauben sich eine seltsame Art, die alten Dichter auszulegen, und verkehren eine beißende Ironie in einen frostigen Spaß. Daher mich wundert, Baxtern unter ihnen zu finden, – der sonst im Horaz auch wohl Ironie sieht, wo gewiß keine zu sehen ist. ? Wie schlotterig sein Fuß im weiten Soccus durch die Szene schlendert? Das macht, der arme Dichter kann nicht schnell genug sich spuden, um sein Geld im Beutel klingen zu hören; wird ihm dieser nur gefüllt, dem Stück geh's, wie es will, was kümmerts ihn? Und ist auch einer, den die Ruhmbegier, auf ihrem von der leichten Luft der Volksgunst getriebnen Wagen, in dies Fach geworfen: so braucht es nur ein schläfrig oder lauschend Gesicht, ihn aufzublähen oder zu entgeistern. So wenig ists, was eine Seele, die nach Lobe geizt, dahin wirft, oder hebt! Weg mit dem Spiele, wenn der eitle Wind, den mir das Zischen oder Klatschen müß'ger Leute entgegen weht (oft beides gleich gerecht!), mich mager oder fett nach Hause schicken soll! quo pacto partes tutetur amantis ephebi; ut patris attenti, lenonis ut insidiosi? quantus sit Dossennus edacibus in parasitis! quam non adstricto percurrat pulpita socco! \<175\> Gestit enim nummum in loculos demittere, post hoc securus, cadat, an recto stet fabula talo. Quem tulit ad scaenam ventoso Gloria curru, exanimat lentus spectator, sedulus inflat; sic leve, sic parvum est animum quod laudis avarum \<180\> subruit et reficit. Valeat res ludicra, si me palma negata macrum, donata reducit opimum! Noch ist ein Ungemach, das auch den kühnsten Poeten abzuschrecken fähig ist. Wenn alles gut ging, unverhofft beliebts dem ungelehrtsten Teil, doch leider! immer dem größten an der Zahl, und der, wofern die Ritter etwa andrer Meinung sind, sogleich die harten Fäuste weiset – mitten im Stück, nach Fechtern oder einem Bärentanz zu schreien: denn dergleichen Possen klatscht das kleine Volk am liebsten zu Wiewohl Horaz hier bloß im Namen der Komödienschreiber seiner Zeit gesprochen haben könnte: so glaube ich doch, daß er eine ihn selbst näher angehende Ursache hatte, sich über die Unannehmlichkeiten, die mit ihrer Profession verbunden waren, so lebhaft zu erklären. Er hatte in seinen Satiren so viel Anlage zu einem komischen Dichter gezeigt, daß seine Freunde und Gönner, ja vielleicht Augustus selbst, ihm vermutlich mehr als einmal ihre Verwunderung darüber bezeugt haben werden, daß er sich nicht auch in diesem Fache versuche, worin er wahrscheinlicherweise alle seine Vorgänger übertreffen könnte. Er gibt also zu verstehen, daß er zu einem solchen Versuche zu viel und zu wenig Eitelkeit habe; zu viel, um dem mißlichen Ruhm, den er sich von dieser Seite hätte erwerben können, seine Gemütsruhe und philosophische Indolenz aufzuopfern; zu wenig, um gegen die grillenhaften Launen des römischen Publikums gleichgültig zu sein, falls er sich einmal in eine so gefährliche Laufbahn gewagt hätte. Dieser letzte Punkt gibt ihm Gelegenheit zu einer zwar lachenden, aber nichts desto gelindern Satire über die schlechte Theater-Polizei und den noch schlechtern Geschmack des Publikums in Rom. Welcher Mann von einigem Wert, sagt er, würde für den Schauplatz eines Volkes arbeiten wollen, das mitten in einem guten Stücke zu tumultuieren anfängt und davon läuft, um einem Fechterspiel oder einem Bärentanze zuzusehen? – So etwas war schon vor mehr als hundert Jahren dem Terenz begegnet. Seine Hecyra war kaum angefangen, als sich ein Gemurmel unter den Zuschauern erhob, es wären irgendwo Seiltänzer zu sehen; in einem Augenblick war das Amphitheater leer, und alle Welt lief den Seiltänzern zu. Nach einiger Zeit wurde das Stück wiedergegeben. Der erste Akt ging gut von Statten. Unglücklicherweise kam im zweiten die Nachricht, es würden Gladiatoren zum Besten gegeben werden ( datum iri gladiatores ). Auf einmal fing das Volk an zu lärmen, zu schreien, sich zu drängen, um die Plätze zu streiten, und die Schauspieler mußten aufhören. In einem Briefe Cicerons Ad Familiar. VII. 1. geschrieben im Jahre 698. , worin er seinem philosophischen Freunde Marius von den prächtigen und viele Tage währenden Lustbarkeiten, womit Pompejus Magnus sein Amphitheater einweihete, Nachricht gibt, finden sich verschiedene Belege zu dem, was Horaz hier von dem herrschenden Geschmack des römischen Volkes sagt; wiewohl im Grunde das Schlimmste, was man darüber sagen kann, ist, daß die Römer in diesem Stücke nicht besser waren, als jedes andre Volk in der Welt. Aber nicht nur der Pöbel, sagt Horaz, auch die höhern Klassen sind von der Neigung zu Schauspielen angesteckt, wo bloß die Augen unterhalten werden. Sie kommen ins Amphitheater, um zu sehen , nicht um zu hören . Was der Dichter bei einem Stücke getan hat, ist für sie bloßes Nebenwerk : der Dekorateur und der Theaterschneider sind die wahren Hauptpersonen. Sogar der Schauspieler ist nichts mehr! er könnte eben sowohl als eine stumme Person auftreten: denn wenn er applaudiert wird, so ist es nicht das, was er sagt, sondern die Kostbarkeit und das ausländische Costum seiner Kleidung, was den großen Beifall erhält. Lange prächtige Aufzüge, seltsame Wundertiere, ein Camelo-Pardel, ein weißer Elefant – das sind die Schauspiele , die unser kindisches Publikum am angenehmsten unterhalten: und wir wundern uns noch, daß unsre tragische Schaubühne in Verfall kommt? daß unsre Komödie nicht besser wird? daß kein Mann von Talenten, dem seine Ehre lieb ist, für unser Theater arbeiten mag? – Das Merkwürdigste bei dieser ganzen Stelle ist wohl dies, daß Mäcenas und August selbst dabei sehr stark betroffen waren; und mich deucht, Horaz hätte dem Letztern nicht wohl deutlicher zu verstehen geben können, daß Er allein die Schuld habe, wenn der bessere Geschmack und die echte Musenkunst ( Ars musica , wie Terenz die dramatische Dichtkunst vorzugsweise nennt) in Rom gänzlich zu Grunde ginge. Man braucht nur das 43ste Kapitel in Suetons August mit dieser Stelle zu vergleichen, um zu sehen, daß es August war, der teils, weil er selbst die Schauspiele für die Augen vorzüglich liebte, teils aus Popularität , und aus der politischen Absicht, dem Volke, durch eine aufs höchste getriebne Gefälligkeit gegen ihren herrschenden Geschmack, seine Regierung angenehm zu machen – daß es, sage ich, August war, der die Römer durch alle Arten von neuen, sonderbaren, und in die Augen fallenden Schauspielen gar nicht zu sich selbst kommen ließ. Spectaculorum et assiduitate et varietate atque magnificentia omnes antecessit , sagt Sueton, und setzt hinzu, Augustus selbst hätte irgendwo gesagt: er habe in seinem eignen Namen viermal, und im Namen andrer entweder abwesender oder nicht genugsam bemittelter Magistratspersonen drei und zwanzigmal öffentliche Schauspiele (von derjenigen Art nämlich, welche etliche Tage hintereinander dauerten) gegeben. Er gab Schauspiele auf dem großen römischen Markt, im Theater des Marcellus , in den verschiedenen Amphitheatern, die unter ihm gebaut wurden, im Circus , und in den sogenannten Saeptis Iuliis Diese Saepta waren ein großer Platz im Campus Martius, um welchen Lepidus ringsum eine prächtige Galerie geführt hatte. Agrippa zierte sie mit Gemälden und Bas-Reliefs aus, und nannte sie dem August zu Ehren Saepta Iulia . Dion. B. 53. , welche Letztem besonders zu den großen Jagden oder Hetzen gebraucht wurden, die, nach den Gladiatoren , das Lieblingsschauspiel der blutliebenden Römer waren. Er gab ihnen griechische Fechterspiele, Wettrennen von aller Art, und sogar Seeschlachten in einem an der Tiber besonders dazu gegrabnen und mit einem Lustwald umgebenen ungeheuern Teiche. Aber er begnügte sich nicht, das Volk nur an den eigentlichen Schauspieltagen mit Spektakeln zu unterhalten: sondern so wie etwas Seltnes, oder noch nie Gesehenes nach Rom gebracht wurde (woran ers nie fehlen ließ), so ließ ers dem Volke bald da bald dort öffentlich sehen, z. E. einen Rhinozeros, einen außerordentlichen Tiger, eine Schlange von funfzig Ellen, einen Zwerg, der nicht völlig zwei Fuß hoch war und nur siebzehn Pfund wog, u.s.w. Bei allem dem ließ ers auch nicht an dramatischen Schauspielen gebrechen, und zwar in allen Gattungen, Tragödien, Komödien und Possenspielen, und per omnium linguarum histriones , d. i. durch Lateinische, Griechische und Oscische Komödianten. Da man aber diese Szenischen Spiele nur der Abwechslung und Vollständigkeit wegen gab, und es dabei hauptsächlich um Belustigung des Pöbels durch Lazzis und lächerliche Possen zu tun war: so gewann die dramatische Muse und die Schauspielkunst wenig dabei. In der Tat scheint noch ein hauptsächlicher Grund, warum beide in Verfall geraten mußten, dieser gewesen zu sein: daß die beiden großen Schauspieler Äsopus und Roscius keine Schüler oder Nachfolger hinterlassen hatten, die ihrer würdig gewesen wären. Die Römer, die durch sie an das Vollkommenste und Schönste in diesem Fache gewöhnt waren, konnten sich nun nicht wieder zum Mittelmäßigen herabstimmen; und da nun vollends die berühmten Pantomimen, Pylades und Bathyllus (Mäcens Liebling), auftraten, und mit eben so viel Schönheit der Gestalt, eben so viel Talenten, eben so viel Enthusiasmus für ihre Kunst, in einer den Römern neuen Art von Schauspiel alle Grazien der Tanz- und Gebärdenkunst entwickelten, und den bezauberten Liebhabern und Liebhaberinnen (die letztern entschieden natürlicher Weise das Glück dieses neuen Schauspiels) das nämliche Bild von Vollkommenheit darstellten, wovon die alten Leute, die den Roscius und Äsopus gesehen hatten, noch immer mit Entzücken sprachen: so war nichts begreiflicher, als daß Melpomene und Thalia der reizenden Terpsichore Platz machen mußten, und das römische Publikum tragische und komische Süjets aus der griechischen Fabel und Heldenzeit lieber von einem Bathyllus oder Pylades tanzen sehen, als von mittelmäßigen Nachahmern eines Roscius deklamieren hören wollte. So natürlich unter allen diesen Umständen der Verfall des Geschmacks war, so ist doch klar, daß August, wenigstens mittelbarer Weise, so viel dazu beigetragen hatte, daß man die stillschweigenden Vorwürfe, die ihm Horaz in dieser Stelle macht, noch immer für laut genug halten kann, um ein neues Zeugnis für die edle freimütige Sinnesart abzulegen, die wir bereits aus so manchen Proben an ihm kennen gelernt haben. . Wiewohl auch bei dem Adel hat die Reizbarkeit und das Vergnügen aus den Ohren gänzlich sich in die Flatteraugen hingezogen. Geistleeres Schaugepränge unterhält am besten, und die Szene bleibt vier Stunden oft und länger unterbrochen, indes das gaffende Parterr mit Zwischenspielen belustigt wird. Da jagen Reiterei und Fußvolk hitzig mit gezücktem Säbel einander durch die Bühne – Folgt darauf gar schön zu sehn! das Schauspiel eines langen Triumphs; in Fesseln ziehn, die Hände auf den Rücken Saepe etiam audacem fugat hoc terretque poetam, quod numero plures, virtute et honore minores, indocti stolidique et depugnare parati, \<185\> si discordet eques, media inter carmina poscunt aut ursum aut pugiles: his nam plebecula gaudet. Verum equiti quoque iam migravit ab aure voluptas omnis ad incertos oculos et gaudia vana. Quattuor aut plures aulaea premuntur in horas, \<190\> dum fugiunt equitum turmae peditumque catervae; gedreht, besiegte Könige daher; ein rascher Zug von Gall'schen Kriegeswagen, und Kutschen voll gefangner Damen und Bagagekarren, rasseln hintendrein; Gerätschaft, Schiffe, Bilder und Gefäße von Elfenbein, ein ganz Korinth voll eherner Statüen, wird im Pomp dahergeschleppt.   mox trahitur manibus regum fortuna retortis, esseda festinant, pilenta, petorrita, naves, captivum portatur ebur, captiva Corinthus.   Wie würde, wenn er noch auf Erden lebte, Demokritus der großen Kinder lachen, zu sehen, daß ein Zwitter von Kamel und Pantertier Der Giraffe oder Camelopardalis der Alten. , ein weißer Elefant die Augen alle plötzlich an sich zieht! Was für ein Schauspiel für den Menschenforscher! Es würd' ihn mehr als alle Pantomimen belust'gen, seine Abderiten wieder in Rom zu finden, und im armen Dichter den guten Tropf zu sehn, der seinem Esel zum Zeitvertreib ein Märchen vorerzählte Eine Anspielung auf das griechische Sprüchwort: όνω τις έλεγε μυ̃θον, ο δὲ τὰ ω̃τα εκίνει – es erzählte einmal einer seinem Esel ein Märchen, und der Esel nickte mit den Ohren. . Denn welche Stentorhälse könnten das     Si foret in terris, rideret Democritus, seu \<195\> diversum confusa genus panthera camelo, sive elephas albus vulgi converteret ora: spectaret populum ludis attentius ipsis ut sibi praebentem mimo spectacula plura; scriptores autem narrare putaret asello Getöse überschreien, das in unsern Theatern widerhallt? Ihr glaubtet den Gargan Ein waldichter Berg in Appulien. und das Tyrrhener-Meer euch um die Ohren sausen zu hören, so tumultuarisch gehts bei unsern Szenen zu Seneca , der ein halbes Jahrhundert später als unser Dichter lebte, macht in einem seiner Briefe ein ähnliches Gemälde von diesem Getöse, das die römischen Schauspiele begleitete, – um sich selbst über die Stärke seines Geistes, der sich dadurch im Denken nicht stören lasse, ein Kompliment zu machen. Ecce circensium obstrepit clamor: subita aliqua et universa voce feriuntur aures meae, nec cogitationem excutiunt, nec interrumpunt quidem. Fremitum patientissime fero: multae voces et in unum confusae pro fluctu mihi sunt aut vento silvam verberante etc. Epist. 83. , so teuer wird auf Kosten des Gehörs die Augenlust an einer reichen prächt'gen Garderobe und fremdem Putz erkauft! Denn das ist alles, was wir vom Schauspiel haben. Ein Akteur tritt auf; welch ein Geklatsch von allen Seiten! – »Was sprach er?« – »Noch kein Wort.« – »Wem gilt denn also der laute Beifall?« – »Seinem Purpurrocke.« Jedoch, damit mich der Verdacht nicht treffe, ich such' ein Fach, worin sich andre Lorbeern erwarben, nur deswegen zu verkleinern, weil ich mich selbst darin hervorzutun verzweifle – so gesteh' ich gern, daß mir der Mann auf einem straffen Seile tanzen zu können scheint, der nach Belieben mich \<200\> fabellam surdo. Nam quae pervincere voces evaluere sonum, referunt quem nostra theatra? Garganum mugire putes nemus aut mare Tuscum, tanto cum strepitu ludi spectantur et artes divitiaeque peregrinae, quibus oblitus actor \<205\> cum stetit in scaena, concurrit dextera laevae. »Dixit adhuc aliquid?« »Nil sane.« »Quid placet ergo?« »Lana Tarentino violas imitata veneno.« Ac ne forte putes me quae facere ipse recusem, cum recte tractent alii, laudare maligne, \<210\> ille per extentum funem mihi posse videtur ire poeta, meum qui pectus inaniter angit, in jede Leidenschaft zu setzen weiß, und, ob die Sache schon mich gar nichts angeht, mit falschen Hoffnungen und falschen Schrecken, gleich einem Zauberer, das Herz im Leibe mir bald erweitert, bald zusammenstrickt; und kurz, von Rom auf einmal bald nach Theben , bald nach Athen mich zu versetzen weiß Baxtern ist hier das Unglück begegnet, sich zur bösen Stunde einzubilden, alle andern Ausleger des Horaz hätten diese Stelle nicht verstanden; und er allein habe Nase genug gehabt, die Ironie zu riechen, die in diesem Lobe der dramatischen Kunst verborgen liege. Kurz, der scharfsinnige Mann bildet sich ein, Horaz wolle damit nichts anders sagen, als: »er beneide einen lateinischen Komödienschreiber so wenig als einen Seiltänzer, der, um der albernen Plebeculae Spaß zu machen, unsinnig genug sei, seinen eignen Hals zu wagen« – aber alles, was er zur Unterstützung dieser vermeintlichen Ironie vorzubringen hat, ist das oben angeführte Quintilianische »In comoedia maxime claudicamus« , welches ihm hier gar nichts helfen kann. Denn es ist augenscheinlich, daß Horaz nicht sowohl von der Komödie als von der Tragödie spricht, auf welche allein das inaniter angit, irritat, mulcet, falsis terroribus implet , und auch das modo me Thebis, modo ponit Athenis , ungezwungen paßt. Denn die Plattheit, mit diesem letzten Zuge nichts weiters sagen zu wollen, als: »er setzt die Szene bald nach Theben (wie Plautus im Amphitruo), bald nach Athen, dem gewöhnlichsten Schauplatz der alten Komödie« ist gar nicht in seiner Manier. Mich deucht, es ist offenbar, daß er hier den Äschylus und Sophokles im Auge hatte, und daß der Sinn der Worte: ille per extentum etc. an sich selbst und vermöge des ganzen Zusammenhangs kein andrer sein kann, als dieser: damit du nicht glaubest, ich verachte die dramatische Kunst bloß, weil ich mich unvermögend fühle, mich selbst darin hervorzutun, so versichere ich: daß in meinen Augen nichts Schwerers ist, als eine Kunst, die uns nach Gefallen in jede Leidenschaft versetzt, – uns für eine uralte fabelhafte Geschichte, die sich vor 2000 Jahren zu Athen oder Theben zugetragen haben soll, so stark einzunehmen weiß, daß uns nicht anders zu Mut ist, als ob die Sache uns unmittelbar angehe, daß wir gleichsam Zeitgenossen und Mitbürger der handelnden Personen werden, und so lebhaft an dem Schicksal derselben Anteil nehmen, so ängstlich zwischen Furcht und Hoffen dem Ausgang entgegensehen, als ob unser eignes Schicksal entschieden werden sollte u.s.w. Wer das kann, ist freilich Meister einer großen und schweren Kunst; es ist so leicht darin zu fallen und den Hals zu brechen, als wenn er auf einem Seile ginge, und ihre Wirkungen sind so wunderbar, als die Täuschungen der Magie; wir wissen , daß wir betrogen werden, und werden doch betrogen, u.s.w. – Dies ists, was Horaz sagt; und was (außer Baxtern, der diesen schönen Sinn in ein schale, gezwungene, und überdies ganz unschickliche Ironie verkehrt) jedermann in seinen Worten gefunden hat. . Indes, o Cäsar, wenn du unsre Dichter, den Helikon mit größrer Munterkeit hinanzuklimmen, spornen, und dein eigenes dem Musengott geheiligtes Gestift, den Palatinschen Schatz Die Palatinische Bibliothek, wo die den lateinischen Schriftstellern bestimmte Galerie noch ziemlich leer war. , mit Römerwerken erfüllen willst: so gönn' auch dem, der lieber dem Urteil kalter Leser als den Launen des ekligen Zuschauers sich vertraut, Aufmunterung! – Zwar weiß ich, daß wir Dichter Die scherzhafte Parenthese: ut vineta egomet caedam mea , ist weggelassen worden, weil die deutsche Redensart » daß ich meine Haut selbst zu Markt trage! « für den Mann, mit welchem Horaz spricht, nicht edel genug war, und ich keine gleichviel geltende kenne, welche schicklicher wäre. uns selber großen Schaden tun, indem irritat, mulcet, falsis terroribus implet, ut magus, et modo me Thebis, modo ponit Athenis. Verum, age, et his, qui se lectori credere malunt \<215\> quam spectatoris fastidia ferre superbi, curam redde brevem, si munus Apolline dignum vis complere libris et vatibus addere calcar, ut studio maiore petant Helicona virentem. Multa quidem nobis facimus mala saepe poetae, wir unsre Werklein oft zur Unzeit, wenn du just was Wichtigers zu tun hast, oder müde bist, Dir überreichen; gleich empfindlich werden, wenn einer deiner Freunde einen Vers zu tadeln sich erkühnt hat; oder, wenn wir, ungebeten, eine Stelle zweimal lesen, und jammern, daß man nicht gewahr wird, welche Müh uns das gekostet, was so leicht scheint, und wie zart gesponnen und wie fein verwebt das Werkchen ist – ingleichen wenn wir meinen, sobald du Nachricht kriegen werdest, daß wir ein Gedicht in Arbeit haben, werdst du gleich uns rufen lassen, unsre leeren Beutel füllen, und uns mit freundlicher Gewalt zum Schreiben zwingen. Allein es bleibt doch wohl der Mühe wert zu wissen, was für Tempelhüter man der Tugend gebe , die in Krieg und Frieden sich groß erzeigt, und solch ein Amt nicht sorglos unwürd'gen Dichterlingen zu vertrauen. Dem großen Alexander hatte ein \<220\> (ut vineta egomet caedam mea) cum tibi librum sollicito damus aut fesso; cum laedimur, unum si quis amicorum est ausus reprendere versum; cum loca iam recitata revolvimus inrevocati; cum lamentamur non apparere labores \<225\> nostros et tenui deducta poemata filo; cum speramus eo rem venturam, ut simul atque carmina rescieris nos fingere, commodus ultra arcessas et egere vetes et scribere cogas. Sed tamen est operae pretium cognoscere quales \<230\> aedituos habeat belli spectata domique virtus, indigno non committenda poetae. Gratus Alexandro regi Magno fuit ille gewisser Chörilus das unverdiente Glück genehm zu sein, und für die schlechten Verse, womit er seines Helden Glanz beschmutzte, sich mit Gold-Philippen königlich belohnt zu sehn Le nom de Choerilus a été malheureux en Poésie , sagt Hr. Dacier ; von drei oder vier Poeten dieses Namens war nicht einer , den sein Ruhm ud seine Werke überlebt hätten. Dafür waren sie desto glücklicher bei ihren Lebzeiten. Einer von ihnen, der von Samos gebürtig und Herodots Zeitgenosse war, schrieb ein heroisches Gedicht von den Siegen der Athener über den Xerxes, welches die Sieger so wohl aufnahmen, daß sie ihm einen Stater (ungefähr einen Gulden unsrer Münze) für jeden Vers aus ihrem Schatze bezahlen ließen. Einen andern Chörilus führte der spartanische General Lysander auf seinen Feldzügen mit sich, und besoldete ihn dafür – daß er aus seiner Geschichte eine Fabel machen sollte Plutarch im Leben Lysanders . . Der Chörilus, von welchem hier die Rede ist, hatte die Ehre, Alexandern dem Großen in dem nämlichen Posten bedient zu sein, und wurde für sehr schlechte Verse sehr königlich in wichtigen Philippd'or belohnt, wenn wir Horazen glauben dürfen. Wie der Grammaticus Akron die Sache erzählt, würden unsre Chörilusse freilich weniger Ursache haben, ihren griechischen Mitbruder zu beneiden. Alexander, sagt Akron, kam mit seinem Hofpoeten überein, ihm für jeden guten Vers seiner Alexandrias einen Philippd'or , und für jeden schlechten eine Maulschelle geben zu lassen. Chörilus, der (wie alle seines gleichen) eine sehr gute Meinung von sich selbst hatte, glaubte die goldnen Philippen schon in seiner Kasse klingen zu hören, und schrieb frisch drauf los: zwanzig- bis dreißigtausend Verse, dacht' er (es stand ja bloß bei ihm, wie viele Tausend er machen wollte), werden eine hübsche runde Summe geben! Als er nun mit seinem Werke fertig war, fand sich zwar hier und da mitunter mancher leidliche Vers, und er empfing dafür seine Philippd'or bar; aber der schlechten, und also auch der Ohrfeigen, waren so viel, daß der arme Chörilus, noch eh' es an den letzten Gesang kam, den Geist aufgab. Das Märchen läßt sich hören, ohne daß der Erzählung unsers Dichters etwas von ihrer Glaubwürdigkeit benommen wird. Denn daß Alexander, da er Achills Grab besuchte, diesen Helden glücklich pries, einen Homer gefunden zu haben, beweiset zwar, daß der junge Weltstürmer für die Taten, die er damals noch erst verrichten wollte , sich auch einen Homer gewünscht, aber nicht, daß er Geschmack genug gehabt habe, zu unterscheiden, ob Chörilus, der sich ihm ein paar Jahre drauf zum Homer anbot, der Mann, den er suchte, wirklich sei, oder nicht. Überdies hören sich die Menschenkinder, große und kleine, so gern loben, daß auch schlechte Verse zuhörens immer besser werden, wenn wir uns darin verherrlichst finden – wie man die Beispiele davon alle Tage sieht. . Und gleichwohl eben dieser Alexander, der ein so lächerliches Lobgedicht viel teurer zahlte, als das Beste je gekostet haben mag, verbot durch ein Edikt, daß keiner, als Apelles , ihn zu malen, und niemand, als Lysipp , sein Heldenbild aus Erz zu hämmern sich erdreisten sollte. So scharf und richtig sah in diesen Künsten derselbe Mann, von dem (nach seinem Ohr in Werken der Musenkunst ) man schwören sollt', er habe Böotiens dickste Luft von Kindheit an gesogen Hier, denke ich, könnte sich unser Dichter in seinem Schlusse geirrt haben. Alexander wollte nur von einem Apelles gemalt, nur von einem Lysippus in Erz gearbeitet sein, wie er nur von einem Homer besungen sein wollte. Es war glücklich für ihn, daß Apelles und Lysippus just seine Zeitgenossen waren: wären sie hundert Jahre früher in die Welt gekommen, als er, so möcht' es ihm mit seinem Kabinetts-Maler und Bildgießer eben so gegangen sein, wie mit seinem Leib-Poeten. Denn was konnte Seine Majestät davor, wenn Chörilus kein Homer war? Daß ich dem großen Alexander durch diese Meinung kein Unrecht tue, kann ich mit dem Zeugnis eines unverwerflichen Kenners in Kunstsachen, mit Apells eignen Worten, beweisen. Alexander pflegte ihn öfters in seiner Werkstatt zu besuchen, und wie es zu gehen pflegt über Sachen, die die Kunst betrafen, mit eben der Gewißheit und Zuversicht zu sprechen, womit er einen seiner Generale über die Ursachen einer gewonnenen oder verlornen Schlacht hätte unterrichten können. Der Maler der Grazie war ohne allen Zweifel ein Mann, dem man so viel Lebensart zutrauen darf, daß er sich in dergleichen Fällen anständig zu benehmen gewußt habe; aber er war ein Künstler: und da es der große König einsmals gar zu arg machte, konnte er sich nicht länger halten. Ich bitte Ew. Majestät, nicht so laut zu reden , sagte Apelles leise, – sehen Sie, was die Jungen, die dort die Farben reiben, für Gesichter schneiden, um nicht überlaut auszubersten? Plin. L. XXXV. c. 10. . Dich, Cäsar, und dein Urteil, und die Proben deiner Freigebigkeit, entehren wahrlich nicht die Dichter, die du liebst, Virgil und Varius Horaz hielt sich, wie wir gesehen haben, immer, so viel nur möglich, in einer ehrerbietigen Entfernung von August. Virgil und Varius waren nicht so delikat, und hatten auch seine Ursachen nicht. Varius besang die Taten Augusts, d. i. was das Glück, seine Feldherren und die Verdorbenheit der Römer für ihn getan hatten – geradezu in einem eignen heroischen Gedichte: Virgil griff es feiner an; aber seine Äneis hat doch am Ende keinen andern Zweck, als zu einem prächtigen Rahmen für das große Kompliment zu dienen, welches er dem alten Vater Anchises in den Mund legt: – Hic Caesar, et omnis Iuli progenies, magnum caeli ventura sub axem. Hic vir, hic est, tibi quem promitti saepius audis, Augustus Caesar, divi genus, aurea condet saecula qui rursus Latio, etc. ; Choerilus, incultis qui versibus et male natis rettulit acceptos, regale numisma, Philippos. \<235\> Sed veluti tractata notam labemque remittunt atramenta, fere scriptores carmine foedo splendida facta linunt. Idem rex ille, poema qui tam ridiculum tam care prodigus emit, edicto vetuit, ne quis se praeter Apellem \<240\> pingeret, aut alius Lysippo duceret aera fortis Alexandri vultum simulantia. Quod si iudicium subtile videndis artibus illud ad libros et ad haec Musarum dona vocares, Boeotum in crasso iurares aere natum. \<245\> At neque dedecorant tua de se iudicia, atque munera, quae multa dantis cum laude tulerunt, dilecti tibi Virgilius Variusque poetae: auch stellt kein Bild von Erz, und wär' es gleich Lysippens eignes Werk, preiswürd'ger Männer Gestalt und Angesicht lebendiger der Nachwelt dar, als durch des Dichters Kunst ihr Geist und Herz aus ihren Taten leuchtet. Auch würd' ich selbst nicht mit am Boden kriechenden Sermonen lieber mich beschäftigen wollen, als mit heroischem Gesang, und würde lieber von großen Gegenständen, fernen Ländern und fremden Völkern singen, und von neu- erbauten Städten, und wie unter Deinen Auspizien die ganze Welt beruhigt, des Janus Doppelpforte zugeschlossen, und selbst die rauhen weit entlegnen Parther, die sonst nichts schreckt, dein großes Rom zu fürchten gelehret worden: wäre mein Vermögen dem Willen gleich Horaz bleibt in seinen Entschuldigungen, wie billig, bei einerlei Sprache; mendacem oportet esse memorem . Aber die Wendung, die er hier nimmt, um den August recht im Ernste zu überzeugen, daß es bloßes Unvermögen sei, was ihn verhindre, die Trompete der Kalliope anzusetzen, um das ewige Lied –                                             – – – Tuis auspiciis totum confecta duella per orbem, et formidatam Parthis, te principe, Romam, ! Allein ein kleines Werk faßt weder deine Majestät, noch läßt die Scham mir zu, was meine Kräfte übersteigt, zu wagen. Die schlimmste Art von Dienstgeflissenheit ist, wenn ein Sudler uns zu ehren meint, nec magis expressi vultus per ahenea signa quam per vatis opus mores animique virorum \<250\> clarorum apparent. Nec sermones ego mallem repentes per humum, quam res componere gestas, terrarumque situs et flumina dicere, et arces montibus impositas, et barbara regna, tuisque auspiciis totum confecta duella per orbem, \<255\> claustraque custodem pacis cohibentia Ianum et formidatam Parthis te principe Romam: si quantum cuperem possem quoque. Sed neque parvum carmen maiestas recipit tua, nec meus audet rem temptare pudor, quam vires ferre recusent. \<260\> Sedulitas autem stulte quem diligit, urget indem er uns, mit sich , dem Spötter Preis gibt, dem etwas Schlechtes meist willkommner ist, als was er, mit geheimem Widerwillen, für gut erkennen und bewundern muß. Mir ist nichts läst'ger, als ein schlimmer Dienst aus guter Meinung; und ich würde mir ein Fratzenbild in Wachs Man kann mit gutem Grund aus dieser Stelle schließen, daß es auch damals schon (wie heut zu Tage) Mode gewesen sei, Fratzenbilder von berühmten Personen herumzutragen, und für wohlgetroffene Abbildungen an die Liebhaber zu verkaufen; wenigstens scheint ein guter Teil von den Köpfen berühmter alter Römer, womit man sich noch jetzt behilft, von denen in peius fictis zu sein, die sich Horaz hier verbittet, ohne daß er selbst seinem Schicksal hätte entgehen können. , das durch die Straßen für meines feilgetragen würde, und mein Lob in schlechten Versen gleich verbitten; und fände wahrlich wenig Spaß daran, in einer großen unbedecktem Kiste mich, einer Leiche gleich, mit meinem Dichter bei hellem Tage in die Krämergasse geschleppt zu sehn, um Pfeffer, Spezereien, und was man sonst in nichtsbedeutendes Papier zu wickeln pflegt, zum Überrock zu dienen. praecipue cum se numeris commendat et arte; discit enim citius meminitque libentius illud, quod quis deridet, quam quod probat et veneratur. Nil moror officium, quod me gravat, ac neque ficto \<265\> in peius vultu proponi cereus usquam, nec prave factis decorari versibus opto: ne rubeam pingui donatus munere, et una cum scriptore meo, capsa porrectus aperta, deferar in vicum vendentem tus et odores, \<270\> et piper, er quicquid chartis amicitur ineptis. Zweiter Brief An Julius Florus Einleitung Diese Epistel ist eben derjenigen Person zugeschrieben, an welche der dritte Brief des ersten Buches gerichtet ist. Was Julius Florus unserm Dichter, und was er dem Tiberius gewesen, sagt uns Horaz selbst. Ein alter ungenannter Scholiast macht ihn zu einem Satirenschreiber ; mit welchem Grunde, ist mir unbekannt. Daß er unter die schönen Geister derselben Zeit gezählt worden, und artige Verse gemacht habe, erinnern wir uns vielleicht noch, ebenfalls von Horaz gehört zu haben; aber die Ausdrücke – » quae circumvolitas agilis thyma , und seu condis amabile carmen L. I. epist. 3. v. 21. 24 « – lassen eher einen Dichter in der leichten, gefälligen, scherzhaften Catullischen Art, als einen Satirenschreiber vermuten; und dies scheint auch die Stelle in dieser Epistel zu bestätigen, wo ihm Horaz sagt: – Du liebest Lieder ; ein andrer Jamben; einem dritten will nichts schmecken, was mit Bions scharfem Witz nicht stark gesalzen ist. Wenn Florus in dem letztern Falle gewesen wäre, so würde Horaz von ihm gesagt haben, was er von diesem dritten sagt. Wie dem auch sei, die Epistel selbst kann, insofern sie uns die damalige literarische Welt in Rom, wiewohl nicht von ihrer vorteilhaftesten Seite, schildert, als ein Seitenstück zu der vorhergehenden an August betrachtet werden. Sie hat mit der ersten Epistel an Mäcen beinahe einerlei Veranlassung und Absicht, und liefert nicht unbeträchtliche Zusätze, zu der neunzehnten (oder dritten Epistel an Mäcen) im vorigen Buche. Julius Florus, der sich mit dem Tiberius, seinem Patron, abwesend befand, hatte unserm Dichter Vorwürfe darüber gemacht, daß er ihm gewisse längst versprochene Gedichte noch nicht geschickt habe. Horaz machte zwar, seitdem er den Mäcen versichert hatte, nunc itaque et versus et cetera ludicra pono noch immer Verse, so oft ihn die Lust dazu anwandelte; aber er wollte nicht dazu genötigt sein – und er protestierte, je länger je mehr, gegen alle Ansprüche, die man von dieser Seite an ihn machte, um so ernstlicher, je weniger es ihm anstand, mit den Poeten und schönen Geistern von Profession – womit Rom angefüllt war, ohne daß sich die römische Literatur desto besser dabei befand – in einer Kategorie zu stehen. Er speiset also seinen jungen Freund mit einer langen Reihe von Entschuldigungen ab, deren jede eine Ursache ist, warum er sich auf die versprochenen Gedichte keine Rechnung zu machen habe. Die Art, wie er diese Ursachen vorträgt, erhält durch eine gewisse, halb wirkliche, halb angenommene, üble Laune ein Salz, das sich besser empfinden als beschreiben läßt. Das Lächerliche, womit er seine anmaßlichen poetischen Zunftgenossen reichlich beträufelt, hat die zwiefache Tugend: erstens , mit einer so naiven Gutherzigkeit vorgebracht zu sein, daß es die getroffnen Herren selbst kaum übel nehmen konnten; und zweitens , so wahr zu sein, daß alles noch jetzt so gut paßt, als ob es recht ausdrücklich für unsre Zeit und mitten unter uns geschrieben worden wäre. Ich hätte noch eine dritte Tugend hinzusetzen sollen, zumal da es im Grunde die verdienstlichste ist, nämlich: daß er (nach seiner Gewohnheit) seine Satire durch eine Menge feiner Bemerkungen und Winke, besonders durch die schöne Stelle – At qui legitimum cupiet fecisse poema, etc. , worin er den Charakter und das Verfahren eines echten Virtuosen in der Musenkunst darstellt, lehrreich zu machen gewußt hat. Die moralischen Betrachtungen, womit er diese Epistel schließt, sind die Philosophie aller seiner Briefe, so wie diese die Philosophie seines Lebens war. Sie können uns daher nicht neu sein: aber die Grazie, die ihm immer zur Seite schwebt, gießt einen Reiz über sie aus, der den Reiz der Neuheit wert ist; und auch die bekanntesten Dinge werden durch die Manier und den Ton, womit er sie sagt, so interessant, daß man ihm Tage lang zuhören möchte. Des edeln biedern Neros treuer Freund, mein lieber Florus, wenn dir jemand einen zu Tibur oder Gabii gebornen Sklaven verkaufen wollt', und spräche so mit dir: »Der Jung' ist nett und schön vom Knöchel bis zur Scheitel, um dreihundert ist er dein; er ist, von Kindesbeinen, an den Wink gewöhnt, versteht sein bißchen Griechisch, und hat Fähigkeit zu allem, – nasser Ton, aus dem du bildest, was du willst und magst! Er singt sogar, nicht eben nach der Kunst, doch angenehm genug zum vollen Becher. Ich bin kein Freund von Worten, wie du siehst: ein Kaufmann macht durch allzu vieles Rühmen die Ware, die ihm feil ist, nur verdächtig. Es treibt mich eben keine Not; ich bin nicht reich, doch was ich hab', ist unverschuldet. Dreihundert Tälerchen sind ja kein Geld! So wohlfeil kriegst du ihn von keinem Mäkler     Flore, bono claroque fidelis amice Neroni, si quis forte velit puerum tibi vendere, natum Tibure vel Gabiis, et tecum sic agat: »Hic et candidus et talos a vertice pulcher ad imos, \<5\> fiet eritque tuus nummorum milibus octo, verna ministeriis ad nutus aptus heriles, litterulis Graecis imbutus, idoneus arti cuilibet, argilla quidvis imitaberis uda; quin etiam canet, indoctum, sed dulce bibenti. \<10\> Multa fidem promissa levant, ubi plenius aequo laudat venales, qui vult extrudere merces: res urguet me nulla, meo sum pauper in aere. im ganzen Rom, auch tät ichs keinem andern. Ein einzigmal verfehlte sich der Junge, und stak, aus Furcht des Zügelriemens, unter der Treppe.« – Falls du nun aus diesem Fehler dir nichts machst und zählst die Summe hin, so streicht der Mann sein Geld ganz sicher ein. Du kauftest verdächtige Gut; allein man hatte dir den Fehler nicht verborgen: das Gesetz ist klar; und wenn du gleichwohl den Verkäufer belangen wolltest, würdest du nicht viel vor Recht gewinnen. – Sprich dir nun dein Urteil selbst. Ich machte dir beim Abschied kein Geheimnis aus meiner Trägheit, sagte unverhohlen (damit du, wenn kein Brief von mir erfolgte, nicht ungehalten würdest) dir voraus, daß ich, was Pflichten dieser Art betrifft, der Mann nicht sei, auf den man zählen dürfe: allein was hilft mirs jetzo, da du, ohne auf die Rechte, die so klar auf meiner Seite sind, zu achten, mit mir haderst? – Doch dies wäre noch das wenigste! Du führst auch große Klage, daß ich mein Wort nicht besser halt', und dir Nemo hoc mangonum faceret tibi, non temere a me quivis feret idem. Semel hic cessavit, et, ut fit, \<15\> in scalis latuit, metuens pendentis habenae.« Des nummos, excepta nihil te si fuga laedit. Ille ferat pretium, poenae securus, opinor. Prudens emisti vitiosum; dicta tibi est lex: insequeris tamen hunc, et lite moraris iniqua. \<20\> Dixi me pigrum proficiscenti tibi, dixi talibus officiis prope mancum; ne mea saevus iurgares ad te quod epistola nulla veniret. Quid tum profeci, mecum facientia iura si tamen attemptas? Quereris super hoc etiam, quod die längst versprochnen Lieder nicht geschickt. Freund, laß dir was erzählen. Ein gewisser Soldat, der unter dem Lucullus diente, ward einst bei Nacht, da er aus Mattigkeit tief eingeschlafen war, um alles, was er sich mit Angst und Not den Feldzug über errungen hatte, bis zum letzten Heller bestohlen. Seine Wut darüber mußte nun der Feind entgelten. Wie ein Wolf, dem langes Fasten die Zähne schärfte, griff er, sagt man, eines der festesten von Mithridatens Schlössern in seinem Ingrimm an, und nahm es weg. Es wurde viel aus dieser Tat gemacht, der Mann empfing, nebst großen Ehrenzeichen, wohl funfzigtausend Drachmen von der Beute zu seinem Anteil. Bald nach diesem hätte der Feldherr ein gewisses Bergschloß, dem schwer beizukommen war, gern überrumpelt, und glaubte seinen Mann dazu gefunden zu haben. »Geh, mein braver Kamerad«, sprach er, mit Worten, die dem Feigsten Mut \<25\> exspectata tibi non mittam carmina mendax. Luculli miles collecta viatica multis aerumnis, lassus dum noctu stertit, ad assem perdiderat: post hoc vehemens lupus, et sibi et hosti iratus pariter, ieiunis dentibus acer, \<30\> praesidium regale loco deiecit, ut aiunt, summe munito, et multarum divite rerum. Clarus ob id factum, donis ornatur honestis; accipit et bis dena super sestertia nummum. Forte sub hoc tempus castellum evertere praetor \<35\> nescio quod cupiens, hortari coepit eundem verbis, quae timido quoque possent addere mentem. zu machen fähig waren, »geh mit Glück, wohin dich deine Tugend ruft! Du gehst Belohnungen entgegen, die der Größe der Tat entsprechen sollen! – Nun? wo fehlts? Was zögerst du?« »Mein General«, versetzt der andre, der (wiewohl ein Bauer) doch nicht dumm war – »ich verstehe wohl; allein dahin zu gehn, muß einer seine Katze verloren haben; jetzt verbitt' ich mirs.« Ob das Sprichwort, das unter den römischen Soldaten üblich gewesen zu sein scheint, ibit, qui zonam perdidit , zu Erfindung dieses Geschichtchens, oder, wie ich eher glauben möchte, eine wirkliche Begebenheit, die sich mit einem Soldaten des Lucullus im Mithridatischen Kriege zugetragen, zu jenem Sprichworte Gelegenheit gegeben, kann uns sehr gleichviel sein: genug, daß in dem Geschichtchen viel Sinn ist, und daß es zu Horazens Absicht trefflich paßt. Freund Florus, dies ist ungefähr mein Fall. Mein Schicksal wollte, daß ich in der Jugend zu Rom erzogen und gelehret wurde, wieviel Achillens Zorn den Griechen Harm gebracht. Den kleinen Anfang bildete die Stadt Minervens Athen. aus; ich lernte dort das Krumme vom Geraden unterscheiden D. i. sagt Hr. Dacier , »ich lernte da die Geometrie.« – Geometrie mag der junge Horaz zu Athen gelernt haben; aber gewiß dachte er, wie er dies schrieb, so wenig an den Euklides, als an die Lernäische Schlange. , und in den Lauben der Akademie die Wahrheit suchen. Aber harte Zeiten drängten »I bone, quo virtus tua te vocat, i pede fausto, grandia laturus meritorum praemia! quid stas?« Post haec ille catus, quantumvis rusticus, »ibit, \<40\> ibit eo quo vis, qui zonam perdidit«, inquit. Romae nutriri mihi contigit atque doceri, iratus Graiis quantum nocuisset Achilles. Adiecere bonae paulo plus artis Athenae; scilicet ut possem curvo dignoscere rectum, \<45\> atque inter silvas Academi quaerere verum. mich von dem angenehmen Ort zu früh hinweg: die Flut des Bürgerkrieges riß den rohen Neuling mit sich fort in Waffen, die Cäsar Augusts stärkern Armen nicht gewachsen waren. Als nun bald darauf Philippi mir den Abschied wieder gab, und ich, ganz kleinlaut, mit beschnittnem Fittich am Boden streichend, heimkam, und mein kleines Erbgut verwirkt sah, trieb die Dürftigkeit, die alles zu wagen fähig ist, mich – Verse zu machen, an. Jetzt aber, da ich habe, was ich bedarf, wo wüchse Niesewurz genug, um meinen Schädel auszufegen, wenn ich nicht lieber meine Zeit verschlafen als Verse machen wollte Diese kurze Erzählung, welche Horaz dem Freund und Sekretär des jungen Tiberius von seiner Verwandlung aus einem Brigadier unter der Armee des Brutus in einen harmlosen Satiren- und Lieder-Dichter macht, verdient, daß wir uns ein wenig bei ihr aufhalten, um zu sehen, mit welcher Geschicklichkeit er eine Saite, die so leicht einen sehr widrigen Ton angeben konnte, zu behandeln wußte. Was er hier von seiner Erziehung sagt, wird durch die umständlichere Nachricht ergänzt, die er dem Mäcenas in der 6ten Satire des ersten Buchs gegeben hatte, und die damals schon in jedermanns Händen war. Er erkennt darin, auf eine Art, die seinem Verstand und Herzen gleichviel Ehre macht, daß er sein ganzes Glück der vortrefflichen Erziehung zu danken habe, die ihm sein Vater gegeben; eine Erziehung, die zwar weit über seinen Stand und sein Vermögen zu gehen geschienen, aber an der doch nichts hatte fehlen dürfen, wenn der junge Horaz das werden sollte, wozu ihn die glücklichste Natur-Anlage bestimmte. In der gegenwärtigen Epistel faßt er alles dies in den einzigen Zug zusammen: Romae nutriri mihi contigit , ich war so glücklich in Rom erzogen zu werden ; und, mit einem Blick auf seine künftige, wiewohl bloß zufällige, Dichter-Profession, setzt er hinzu; atque doceri iratus Graiis quantum nocuisset Achilles – eine Wendung, um zu sagen, daß er in Rom den ersten Grund in der Griechischen Literatur gelegt habe. Etwa in seinem neunzehnten Jahre schickte ihn sein Vater nach Athen , der Mutter und Pflegerin aller Künste des verfeinerten Lebens, von welcher alle Römer von Stande, und wer es darauf anlegte, den Mangel einer vornehmen Herkunft durch persönliche Eigenschaften zu ersetzen, ihre letzte Ausbildung und Politur erhielten. Man kann, seit dieser Zeit bis auf die unsrige, keine Stadt in der Welt nennen, die für einen jungen Menschen, der sich bilden, und für einen Gelehrten, der in ungestörter Ruhe seinen Lieblingsstudien obliegen wollte, das gewesen wäre, was Athen war, seitdem es aus einer der mächtigsten Republiken zu einer römischen Munizipalstadt herabgesunken war, ohne daß seine Bürger den lebhaften Geist und den unnachahmlichen Attizismus ihrer Voreltern verloren hätten, der ihnen, bei allem ihrem Verfall, noch immer eine sonderbare Art von Überlegenheit über die gebietenden Herren und Beschützer, die Römer, gab. Das damalige Athen war in allen andern Stücken nur ein verfallnes Denkmal jenes Athens, wo Perikles, Cimon, Thucydides, Xenophon, Sokrates, Plato, Sophokles, Euripides, Aristophanes, Phidias, Alkamenes, Zeuxis, Parrhasius, Aspasia, Diotima u.s.w. in dem Zeitraum eines halben Jahrhunderts beisammen gelebt hatten. Aber mitten unter den Ruinen ihrer ehemaligen Größe und Schönheit stand, so zu sagen, der Tempel der Musen allein noch unbeschädigt da; und wiewohl um diese Zeit vielleicht nicht einer unter ihren Bürgern war, der im Jahrhundert des Perikles sein Haupt hätte erheben dürfen: so war doch (wie Cicero sagt) die ganze Stadt voller Anzeigen und Spuren jener großen Männer, die einst dagewesen waren. Mit jedem Blicke sah man auf etwas, das an sie erinnerte, mit jedem Schritte trat man gleichsam auf eine Reliquie der glücklichen Zeiten dieser merkwürdigen Stadt – In omni parte Athenarum sunt in ipsis locis indicia summorum virorum – quacumque ingredimur in aliquam historiam vestigium ponimus. Cic. de Fin. V. c. 2 . Ich empfehle bei dieser Gelegenheit zu eignem Nachlesen das ganze erste und zweite Kapitel des eben angezogenen Buches. Es ist das schönste Portal, das sich denken läßt – an einem der edelsten Gebäude der alten Philosophie! , die an Alter, Humanität und Kunstsinn immer über alle Völker der Welt emporgeragt hatte Nep. in Vita Attici. . In der Akademie standen zwar dieselben Bäume nicht mehr, unter welchen Plato seinen Lieblingsschülern einst, in der Sprache der Musen, seine sublimen Träume erzählt hatte; der gefühllose Sulla hatte sie umhauen lassen, als er den Tyrannen Aristion in Athen belagerte; aber aus ihren Wurzeln war indessen ein neuer Hain aufgewachsen, in dessen schattichter Stille die Schüler eines Karneades und Philo noch immer den Spuren der Wahrheit nachforschten, welche selbst zu finden, sie für etwas hielten, das keinem Sterblichen erlaubt sei. Diese wenigen Züge können uns einen schwachen Schatten von Vorstellung jener lebendigen Erinnerungen geben, die in Horazens Seele sich drängten, da er an seine in Athen , in den Lustwäldern der Akademie , verlebte glückliche Jugend zurückdachte. Weil es ihm hier nicht um eine Beschreibung seiner ehemaligen Empfindungen oder jetzigen Rückerinnerungen zu tun war, so sagt er alles dies, und noch tausendmal mehr, nur mit zwei Worten : aber um unsern Dichter zu genießen , muß man, soviel möglich, bei seinen Worten denken , was er dabei dachte , – und das Verlangen, meinen Lesern diesen Vorteil, ohne viele Mühe auf ihrer Seite, zu verschaffen, ist das einzige, was mich bewegen konnte, in meinen Erläuterungen zuweilen umständlicher zu sein, als geschehen wäre, wenn ich bloß meine eigne Bequemlichkeit hätte zu Rate ziehen wollen. In diesem stillen und angenehmen Sitze der philosophischen Musen war es, wo Horaz die Sokratische Vorstellungsart einsog, die ihn so sehr vor allen andern römischen Dichtern auszeichnet. Hier war es, wo er sich, gleichsam auf sein ganzes Leben, mit dem feinen Attischen Salz versah, dessen angenehm-scharfer flüchtiger Geist seinen Schriften einen so eignen und (wie ich, leider zu spät! befürchte) so unübersetzbaren Reiz gibt. – Und hier war es auch, wo er mit dem edeln Brutus in ein Verhältnis kam, welches ihn den Musen zu entreißen schien, aber durch seine Folgen der entscheidendste Umstand seines Lebens wurde. Die eigentliche Zeit des Anfangs ihrer Bekanntschaft läßt sich nicht genau angeben. Ohne Zweifel war es im Jahr 711, als Brutus sich einige Zeit in Athen aufhielt, und da – indessen daß er die Schulen der Philosophen besuchte, und mit ihnen und den jungen Römern, die er bei ihnen antraf, so ruhig philosophierte, als Cicero ehemals nur immer in seinem Tusculanum, – zum offenbaren Kriege gegen Antonius und Octavius Cäsar, zu welchem er sich endlich gezwungen sah, die nötigen Anstalten machte. Unter diesen jungen Römern war auch unser Horaz; und wer den Charakter des Brutus aus Cicero und Plutarch kennt, und das, was unser Dichter in seiner Jugend sein mußte, aus allem, was uns seine Werke von ihm sagen, zu divinieren weiß, wird sehr natürlich finden, daß der junge Horaz einen der edelsten und liebenswürdigsten aller Helden, die jemals der Menschheit Ehre gemacht haben, nur zu sehen und zu hören brauchte, um sich ihm mit der Schwärmerei eines feurigen Jünglings zu ergeben; und daß dieser hinwider in dem jungen Menschen alles fand, was ihn seiner Liebe würdig machte. Als Brutus wieder von Athen abreisete, nahm er alle diese jungen Leute mit sich Plutarch. in Bruto. , folglich auch unsern Dichter, der in kurzer Zeit so hoch in seiner guten Meinung stieg, daß er ihm das Kommando über eine Legion (ein Korps von ungefähr 6000 Mann) anvertraute. Daß Horaz dieses Vertrauens, ungeachtet des unglücklichen Ausgangs der Schlachten bei Philippi, nicht unwürdig gewesen, ist eben so sicher vorauszusetzen, als es gewiß ist, daß man nicht den geringsten Grund hat, das Gegenteil zu glauben; und daß er sich bei mehr als einer Gelegenheit befunden, wo er Beweise seines Mutes abgelegt, läßt sich (wiewohl uns nähere Nachrichten fehlen) selbst aus der Ode an den Pompejus Varus, einen seiner damaligen Kameraden, abnehmen, welche sonst gemeiniglich zum Nachteil der Tapferkeit unsers Dichters angeführt wird. Die Anrede: O saepe mecum tempus in ultimum deducte, BRUTO militiae duce, beweist wenigstens eben so viel für seinen Mut, als die Strophe: Tecum Philippos et celerem fugam sensi, relicta non bene parmula,     cum fracta virtus, et minaces         turpe solum tetigere mento allenfalls wider ihn beweisen könnte, wenn nicht sehr wahrscheinlich wäre, daß Horaz mit diesem Zuge: relicta non parmula , sich bloß eine Ähnlichkeit mit dem griechischen Dichter Archilochus habe geben wollen; und dies zu einer Zeit, wo es eben so gefährlich als vergeblich gewesen wäre, den kriegerischen Teil seines Lebens in ein schöneres Licht zu stellen, wie gut er auch dazu berechtigt gewesen sein möchte. Überdies sind wirs an Horaz gewohnt, daß er, bald aus Bescheidenheit, bald aus Laune, oft geringer von sich selbst spricht, als recht ist; und wenn wir seine Worte immer im strengsten buchstäblichen Verstande nehmen wollten, so müßten wir ihn (unsrer eignen Überzeugung zu Trotz) eben sowohl für einen sehr unbedeutenden Versemacher, als, dieser Stelle nach, für einen schlimmen Soldaten halten. Und doch selbst diese Stelle klingt nur in einer ungeschickten Übersetzung, oder durch eine falsche Auslegung, so auffallend, als sie einigen vorgekommen ist. Horaz setzt, natürlicher Weise, in dieser Ode alle seinem Freunde bekannten Umstände voraus; und da es bloß die Freude über das unverhoffte Wiedersehen eines verloren gehaltnen Kameraden ist, was ihm ihre ehemals mit einander überstandnen Gefahren ins Gedächtnis zurückruft: so erwähnt er auch nur der größten unter allen – die Gefahr, die sie bei einer Flucht liefen, die ihnen mit so vielen andern wackern Leuten gemein gewesen war. Im Grunde hatte er sich und seinem Freunde nichts vorzuwerfen. Brutus hatte auf seinem Flügel, wo auch Horaz stand, den vollkommensten Sieg über die Legionen des Octavius Cäsar erfochten; und es war eine bloße Zusammenkettung fataler unglücklicher Zufälle, welche seinen und seines großen Freundes Cassius Heldenmut (denn auf sie geht das fracta virtus ) brach , und diese edeln Mörder eines Tyrannen, der die Welt zu beherrschen würdig war, durch ihre eigne Hand zu fallen nötigte. Horaz wußte dies so gut, als wir; aber es ist, als ob er sich des Todes der Helden, denen er einst lieb war, nicht erinnern könne, ohne sich einen Vorwurf darüber zu machen, daß er, anstatt mit ihnen zu sterben , dem Instinkt sich selbst zu retten nachgegeben habe; und das non bene ist, meiner Empfindung nach, ein Seufzer, den er dem Andenken der Edeln nachschickt, und der Ausdruck einer Scham, deren nur eine selbst edle Seele fähig ist. Zwischen der Zeit, da alles dies geschehen war, und derjenigen, worin Horaz diese Epistel an Julius Florus schrieb, waren ungefähr acht und zwanzig Jahre verflossen. Die Gestalt der Sachen hatte sich innerhalb dieser Zeit unendlich verändert. Octavius Cäsar , der bei Philippi so eine armselige Rolle gespielt hatte, in Cäsar Augustus verwandelt, herrschte, nach Jupitern der erste , ruhig, geliebt und angebetet, über die weite Welt . Horaz genoß der stolzen Ruhe, welche die neue Regierung Italien wiedergegeben hatte, und einer persönlichen Freiheit , die ihn – der ohne Ehrsucht, purus et insons , lebte – für den Verlust der politischen Freiheit hinlänglich entschädigte; und sein Schicksal hatte sein Leben mit dem Leben der Besten unter denen, die August liebte, zusammengewebt. Natürlicherweise mußte alles dies die Wirkung tun, daß er (zumal in einem Briefe an einen Klienten der Cäsarischen Familie) Gewalt genug über sich selbst hatte, von dem großen Abenteuer seiner Jugend, da er dessen doch gelegentlich erwähnen mußte, so zu sprechen, wie es die vorsichtigste Klugheit wollte. Denn für ihn, der ehemals unter Brutus und Cassius , zu Philippi, wo es um alles gegen alles galt, eine Legion gegen eben den Mann, der jetzt Augustus hieß, angeführt hatte, war es doppelt schwer, von Begebenheiten zu sprechen, die das Andenken einer Zeit erneuerten, welche August selbst so gern in die Tiefen des Lethe hätte versenken mögen. Jeder Ausdruck, der seine damalige Partei gebilligt hätte, würde nicht nur beleidigend, sondern gewissermaßen Hochverrat gewesen sein. Hingegen würde aber auch jeder Ausdruck, der sie gemißbilligt hätte, Horazen in seinen eignen und aller edlern Menschen Augen verächtlich gemacht haben. Ein einziges Wort zu viel oder zu wenig, war genug alles zu verderben; auch durfte man durchaus nichts davon merken, daß es ihm schwer geworden, sich schicklich über diese Materie auszudrücken. Mich deucht, Horaz habe sich auf eine Art aus dieser Schwierigkeit gezogen, die seinem Witz und seiner Klugheit, mit den wenigsten Kosten seiner Ehrlichkeit, rühmlich ist. – Dura sed emovere loco me tempora grato, civilisque rudem belli tulit aestus in arma Caesaris Augusti non responsura lacertis. Da meine Übersetzung dieser drei Verse – »aber harte Zeiten drängten mich, u.s.w.« beinahe wörtlich ist, so hoffe ich, jeder Leser werde gestehen müssen, daß Horaz diesen Salto mortale nicht geschickter und mit mehr Anstand hätte machen können. – Doch, gegen den dritten Vers, in Waffen, die Cäsar Augusts Armen nicht gewachsen waren , möchte vielleicht ein nicht unerheblicher Einwurf zu machen sein. » Der ist doch immer, könnte man sagen, so glimpflich auch der Ausdruck in Rücksicht auf die republikanische Partei sein mag, im Munde eines Augenzeugen der Feigheit Augusts , eine unverzeihlichen Schmeichelei! Oder konnte ihm verborgen geblieben sein, daß dieser junge Triumvir, der so viel Mut hatte, wenn es um Unterschreibung eines Proskriptions-Edikts zu tun war, seinen lacertis bei Philippi so wenig zutraute, daß er der erste war, der seine Person in Sicherheit brachte, und, in der Meinung, alles sei verloren, drei Tage lang in einem Sumpf verborgen steckte.« Plin. Hist. Nat. VII. c. 45. Ich habe hierauf nichts zu antworten, als dies: Es war schon lange allgemeiner Stil in Rom, dem August zuzuschreiben, was das Glück oder seine Generale für ihn taten – oder man hätte auch die Schlacht bei Actium, und die Siege über die Cantabrer und andre barbarische Völker, nicht auf seine Rechnung setzen dürfen. Die Lacerti Caesaris Augusti sind also hier nichts, als ein hofstilmäßiger Ausdruck für das Glück seiner Waffen; und kein Mensch in ganz Rom verstand es anders. Augustus, der am besten wußte, wie wenig seine persönliche Tapferkeit und Geschicklichkeit gegen einen Brutus und Cassius hätte ausrichten können, wenn das Schicksal nicht so offenbar auf seiner Seite gewesen wäre, hätte diesen Ausdruck eher für einen heimlichen Spott nehmen können: aber, falls es auch geschehen wäre, Horaz konnte stark darauf rechnen, daß man sich von einem solchen Argwohn nichts merken lassen würde. Es bestand eine Art von stillschweigendem Vertrag zwischen August und dem klügern Teile seiner Römer, einander wechselsweise zu betrügen, und sich von beiden Seiten zu stellen, als ob man nichts davon merke. August spielte seine Rolle wie ein Komödiant, der zufrieden ist, wenn man ihn, so lange er agiert, für den Helden gelten läßt, den er vorstellt; die Prätension, ihn auch im Herzen dafür zu halten, konnte er wenigstens an keinen vernünftigen Menschen, der vor dem Jahr 700 geboren war, machen, und machte sie auch nicht. Horaz mochte, indem er diese Zeile schrieb, denken , was er wollte; genug, wenn er nur die allgemeine Sprache mitsprach : dies war am Ende alles, was August von ihm verlangte; und wer hätte ihm eine so kleine Gefälligkeit versagen wollen? Die nächstfolgenden Verse: Unde simul primum me dimisere Philippi, decisis humilem pennis, inopemque paterni et laris et fundi – worin er die unglücklichen Folgen, so die Schlacht bei Philippi für ihn hatte, berührt, sind nicht weniger fein gewandt, als die vorigen. Das Unangenehme und Verhaßte davon ist mit einer leichten Tinte von Pläsanterie gemildert, die gerade da liegt, wo sie niemand beleidigen konnte, auf ihm selbst . Nach fünf und zwanzig Jahren kann man schon über ein Unglück scherzen, dessen Folgen man nicht mehr fühlt. Mit dem Tode des Brutus hatte seine Bestallung ein Ende. Der Ausdruck dimisere ist also eben so schicklich als scherzhaft; und die Vergleichung mit einem Vogel, dem die Schwingfedern beschnitten worden, ist das glücklichste Bild, das er wählen konnte, um von den Umständen, worin er sich, durch die Proskription der Anhänger des Brutus und Cassius, nach der Unterdrückung ihrer Partei befand, auf die unanstößigste Art zu sprechen. Und nun kommt er auf den Punkt, wohin er mit dieser ganzen Erzählung wollte. Da mir also, sagt er, kein andrer Ausweg übrig war, so brachte mich die Armut, die den Menschen alles wagen macht, dazu, daß ich Verse machte, – paupertas impulit audax, ut versus facerem – Die Göttin Fames »Eine vermeinte Gottheit, so nach einigen ihren Aufenthalt in dem Eingange der Hölle mit hatte, nach andern aber sich in Scythien befand, und zwar auf einem steinichten wüsten Felde, wo sie die einzelnen Grasstengel mit den Nägeln und Zähnen zusammenklaubte. Sie hatte dabei ein straubichtes Haar, eingefallne Augen, blasses Gesicht, bleiche Lippen, angelaufne Zähne, eine harte Haut, durch welche man selbst das Eingeweide sehen konnte, aus den Hüften hervorragende Knochen, einen leeren Raum anstatt des Bauchs, und die Brust schien nur an dem Gerippe des Rückens zu hängen, wobei alle Glieder an den Händen und Füßen desto größer aussahen, je mehr sie hervorrageten, und was dergleichen Scheußlichkeiten mehr sind« ( Ovid. Metamorph. VIII. v. 797. ) sagt der unvergleichliche Magister Benjamin Hederich in seinem gründlichen Lexicon Mythologicum , nach der 2ten echten Ausgabe von 1741, S. 898. wäre also die wahre und einzige Muse, welcher wir die Werke eines Dichters zu danken hätten, der die Zierde der Augusteischen Zeit, und der Liebling aller guten Köpfe seit 1800 Jahren gewesen ist? Welch eine Aufmunterung für die täglich anwachsende Schar poetisierender Jünglinge, die, von eben dieser scheußlichen Göttin, der zehnten Muse unsrer Zeit , zur Verzweiflung getrieben, mit langen krummen Fingern nach der Apollinarischen Leier greifen, und – weil doch ihr vermeinter Mitbruder Horaz einen Mäcen gefunden, und mit seinen vom Hunger eingegebenen Versen ein Sabinum zu verdienen das Glück gehabt, sich wohl berechtigt halten, die christliche Liebe ihrer Nebenmenschen wenigstens zu einer Subskription auf die Inspirationen ihres ungestümen Magens aufzufodern! Wer sollte sich länger schämen – seinen wahren Beruf zum Dichter zu gestehen? – da ein Horaz selbst so unverhohlen bekennt, daß ihn bloß die leidige Dürftigkeit zum Dichter gemacht habe – daß er nunmehr, da er habe, was er brauche, der unheilbarste aller Narren sein müßte, wenn er nicht lieber seine Zeit verschlafen, als aufs Versemachen anwenden wollte. – Was nicht ein unglücklicher Augenblick von böser Laune für Folgen haben kann! Und wie große Ursache hatte Tristram Shandy , vor den Zehentausend kleinen Teufeln des Erzbischofs de la Casa zu warnen, die jeden witzigen Kopf, so wie er sich an seinen Schreibepult setzt, unfehlbar umwimmeln! Wie er sich auch in Acht nimmt, wie er sich schüttelt, kreuzigt und segnet, eh' ers gewahr werden kann, zieht er, an nichts Arges denkend, einen davon, indem er die Feder eintunkt, aus seinem Dintenfasse; und siehe! da steht ein Einfall auf dem Papier, der, ohne daß der arme Schriftsteller die mindeste Ahnung davon hat, mehr Unheil in der Welt anrichtet, als er in seinem ganzen Leben wieder gut machen kann. Horaz stand, wie wir wissen, fast immer unter der Gewalt irgend einer Laune; und Launen sind eine Art von guten oder bösen Feen, die durch die bloße Magie des Kolorits und Helldunkels aus den Dingen, die vor uns stehen, machen können, was sie wollen. Er befand sich, als er diese Epistel schrieb, in Rom, wo er in den spätern Jahren seines Lebens so ungern lebte, und mußte sich jetzt, ohne Zweifel, wider Willen da aufhalten – Erste Ursache übler Laune zu sein! – Die Stadt wimmelte von Poeten, Schöngeistern und Versemachern, die sich als seine Confratres ansahen, ihm vielleicht noch viel Ehre zu erweisen glaubten, wenn sie ihm, wie jene Pferd-Äpfel in der Fabel, zuriefen: wie wir Äpfel schwimmen können ! Und diese Herren belagerten ihn in seiner Wohnung, begegneten ihm überall auf der Straße, suchten ihn in den Häusern, wo er gewöhnlich anzutreffen war, nötigten ihn ihren Vorlesungen beizuwohnen, überreichten ihm wohl gar Lobgedichte, die sie auf ihn gemacht hatten, indem sie in der andern Hand ein Pasquillchen zeigten, das schon auf den Fall wenn er sie nicht wiederloben würde, fertig lag, u.s.w. Zweite Ursache übler Laune zu sein! – Und nun, da er müde, ausgetrocknet und mißmutig von allen Plackereien und Seccaturen eines römischen Tages, nach Hause kommt, findet er noch einen Brief voller Vorwürfe, daß er die längst versprochnen Gedichte noch nicht geschickt habe! – die er freilich nicht schicken konnte, weil sie noch nicht gemacht waren. Nichts ist vielleicht einem Manne wie Horaz verhaßter, als an solche alte Versprechen, die ihm einmal in einem dumpfen Augenblick von Bonhommie abgeschwatzt wurden, oder sonst entfuhren, wieder erinnert zu werden. Nun möcht' ich wohl sehen, welche gute Laune in der Welt gegen so viel unangenehme Umstände und Zudringlichkeiten, wenn sie so auf einen Tag zusammenkommen, aushalten könnte? Horaz war, wie er an mehr als einer Stelle seiner Werke zu verstehen gibt, etwas hitziger und ungeduldiger Art, ut genus est irritabile vatum . »Verwünscht sei alle Poeterei! (hör' ich ihn in diesem Augenblicke rufen) und verwünscht der Tag und die Stunde, da mir zum erstenmal der unselige Einfall kam, Verse zu machen, wenn ich nun um deswillen, weil ich in meiner Jugend – als ich durch irgend etwas mich hervortun mußte, und dies Talent das einzige war, was mein Schicksal mir dazu übrig gelassen hatte, – mich mit der Dichtkunst abgab, wenn ich nun um deswillen, was am Ende doch nur eine Folge des fatalen Ausgangs bei Philippi war, mein ganzes Leben lang gezwungen sein soll, den schönen Geist zu machen, mich von jedem poetischen Lumpen-Bruder grüßen, und vom ersten besten Hofschranzen, der seinem Herrn was Neues vorzulegen haben möchte, zum Versemachen nötigen lassen soll!« – In der Stimmung, die dieser Humor zurückließ, setzte sich nun der gute Dichter hin, und begann seine Epistel. Ein Mann wie er hat immer so viel Gewalt über seine übeln Launen, daß er sie, wenigstens gegen einen Dritten, wegscherzen kann; aber es bleibt doch auch immer was Bittres, Scharfes, oder Säuerliches zurück; und wenn er so gutherzig und seines Werts so gewiß ist, wie Horaz, so muß dieser Rest von böser Galle gemeiniglich über ihn selbst hinaus ; – und so kann es denn kommen, daß eben der Mann, der vor zehn Jahren den Gott der Musen in einer schönen Ode gebeten: Frui paratis et valido mihi, Latoe, dones, et, precor, integra     cum mente, nec turpem senectam         degere, nec cithara carentem! und der, vielleicht wenige Wochen nach dieser Epistel, in einer eben so schönen Ode an die Muse des Gesangs Ode 3. Lib. IV. , mit Vergnügen anerkannte, daß er schon in der Wiege von ihr zum Dichter eingeweiht worden, und daß er nichts weniger als unempfindlich gegen die Ehre sei, »von den Vorübergehenden als der erste Lyrische Dichter der Römer mit Fingern gezeigt zu werden« – so kann es kommen, daß der nämliche Mann, in einem andern Augenblicke, wo er die Sache von einer ganz andern Seite und in einem ganz andern Lichte sieht, zu sagen fähig ist, was er hier dem Julius Florus sagt, und was mir zu dieser langen Kommentation – die der Leser im Besten vermerken wolle! – Anlaß gegeben hat. ? – Jedes Jahr des Lebens, wie es abgeht, nimmt auch was von uns als Beute mit: sie haben Scherz und Spiel, sie haben Wein und Kuß mir schon entrissen, und ringen mir nun auch die Leier aus der Hand. Wie willst du, daß ich helfe? – Überdies sind auch die werten Dilettanten sich so ungleich an Geschmack! Du liebest Lieder. Dura sed emovere loco me tempora grato; civilisque rudem belli tulit aestus in arma, Caesaris Augusti non responsura lacertis. Unde simul primum me dimisere Philippi, \<50\> decisis humilem pennis, inopemque paterni et laris et fundi, paupertas impulit audax ut versus facerem: sed, quod non desit, habentem, quae poterunt umquam satis expurgare cicutae, ni melius dormire putem quam scribere versus? \<55\> Singula de nobis anni praedantur euntes; eripuere iocos, venerem, convivia, ludum; tendunt extorquere poemata: quid faciam vis? ein andrer Jamben, einem dritten will nichts schmecken, was nicht stark mit Bions scharfem Witz Dieser Bion , der mit Bion dem Weisen und noch acht andern gelehrten Bionen nicht verwechselt werden muß, schrieb eine Art von Satiren, worin er, wie Lucian, dessen Vorgänger er war, weder Götter noch Menschen verschonte. Bionei sermones sind also so viel als beißende Satiren. gepfeffert ist. Ich bringe nicht drei Gäste zusammen, deren leckerhafte Gaumen sich mit dem nämlichen vergnügen ließen. Was soll ich geben, Freund? Was jener will, das ekelt dir , und was du gerne hättest, Schmeckt zweien andern widerlich und sauer. Denique non omnes eadem mirantur amantque. Carmine tu gaudes; hic delectatur iambis; \<60\> ille Bioneis sermonibus, et sale nigro. Tres mihi convivae prope dissentire videntur poscentes vario multum diversa palato. Quid dem? quid non dem? renuis tu quod iubet alter, quod petis, id sane est invisum acidumque duobus. Doch dies beiseit gesetzt, wie wolltest du, daß ich zu Rom, in diesem ew'gen Wirbel von Plackereien und Zerstreuungen, Gedichte schreiben könnte? Dieser ruft mich zum Bürgen; jenem soll ich alles stehn und liegen lassen, einer Rezitierung von seinem neuesten Werke beizuwohnen. Der wohnt zu äußerst auf dem Aventin ,     \<65\> Praeter cetera, me Romaene poemata censes scribere posse, inter tot curas, totque labores? Hic sponsum vocat, hic auditum scripta relictis omnibus officiis: cubat hic in colle Quirini, der auf dem Quirinal , und beide müssen besucht sein – wie du siehst, ein hübscher Zwischenraum Wenigstens von einer Stunde für einen guten Fußgänger. ! Noch möcht' es gehn, wenn nur die Straßen freier und nicht für Denker so gefährlich wären. Hier eilt mit einem Heer von Eseln und von Trägern ein hast'ger Bauverwalter auf dich zu; dort dreht an einer ungeheuern Winde ein Balken oder Quader sich empor; da zieht ein Trauerwagen, schwer und knarrend, durch deinen Weg; dort lauft ein toller Hund, hier rennt ein wohlbesudelt Schwein dich an. Geh nun und sinne unter solchem Drange singbare Verse bei dir selber aus! Das Dichtervolk war je und allezeit den stillen Hainen hold und floh die Städte, als Bacchus echte Schutzverwandte, der den Mittagsschlaf in grünen Schatten liebt. Und du verlangst, ich soll in diesem Lärm, der Tag und Nacht um meine Ohren braust, die Leier rühren, und den schmalen Pfad hic extremo in Aventino, visendus uterque; \<70\> intervalla vides humane commoda. Verum purae sunt plateae, nihil ut meditantibus obstet. Festinat calidus mulis gerulisque redemptor; torquet nunc lapidem, nunc ingens machina tignum; tristia robustis luctantur funera plaustris; \<75\> hac rabiosa fugit canis, hac lutulenta ruit sus: i nunc, et versus tecum meditare canoros. Scriptorum chorus omnis amat nemus et fugit urbes, rite cliens Bacchi, somno gaudentis et umbra: tu me inter strepitus nocturnos atque diurnos der Sänger, die mir vorgegangen, treten? Ein Kopf, der sich das einsame Athen erkor, dort sieben Jahre dem Studieren oblag, und über Büchern brütend alt geworden, kehrt stummer als ein Standbild in die Welt zurück, und wird mit lautem Lachen überall vom Volk empfangen; und ich sollte mir, in dieser steten Ebb' und Flut von Rom, um gleichfalls zum Gelächter mich zu machen, die Mühe geben und nach Worten haschen, die sich zur Leier gatten Baxter sieht hier wieder Satire, wo keine ist. Horaz (meint er) stichle im Vorbeigehen auf die umbratiles Studiosos , auf die Finsterlinge, die, vor lauter Studieren und Gelehrsamkeit, in der menschlichen Gesellschaft zu gar nichts zu gebrauchen sind. Aber wenn dies auch wäre, so ist der Sache noch nicht geholfen; und die Frage bleibt immer: wie kommt das Ingenium sibi quod vacuas desumpsit Athenas etc. hierher? Wie hängt diese Stelle mit dem Vorgehenden und Nachfolgenden zusammen? Auch in Sanadons und Batteux' Übersetzung ist der Mangel an Zusammenhang auffallend, und die Periode steht da, als ob sie durch einen Zufall eingeschoben wäre. Ich hoffe diesem Fehler entgangen zu sein. Was Horaz sagen will, ist dies: Wer in irgend einem Studio vortrefflich werden will, muß demselben in der Einsamkeit, lange und mit anhaltendem Fleiße obliegen. – Davon aber ist eine ganz natürliche Folge, daß ein solcher Mensch, wenn er aus seiner literarischen Einsiedelei wieder in die Welt kommt, unmöglich die Redseligkeit, Eutrapelie , und artigen Manieren eines feinen Römers, der alle Tage in Gesellschaft und an öffentlichen Orten zubringt, haben kann. Allein, dies in Betracht zu ziehen, ist der große Haufe weder verständig noch billig genug. Man bedenkt nicht, daß der Mann, um es in einer Kunst, welche die tiefste Meditation und den angestrengtesten Fleiß erfodert (und die Dichtkunst ist nun gerade eine von diesen Künsten), zu einer gewissen Vollkommenheit zu bringen, sich notwendig den Gelegenheiten, wo man die glatte gefällige Außenseite eines Weltmanns bekommt, entziehen mußte: sondern man lacht überlaut über die gelehrte Statue, die auf der Straße selbst in tiefen Gedanken geht, und in guter Gesellschaft nichts zu sagen weiß. Wenn nun das in dem einsamen, menschenleeren So stand es damals mit dieser Stadt, die in den Zeiten ihrer Herrlichkeit beinahe so groß und volkreich als Rom gewesen war. Athen geschieht; wie würde mirs erst in Rom ergehen, wenn ich, um schöne Gedichte zu machen, mich in den nämlichen Fall setzen wollte? Horaz führt dies als eine von den vielen Ursachen an, um derentwillen ihm die Lust zur Poeterei vergangen sei. Die Satire, die in dieser Stelle liegt, geht also nicht auf die studiosos umbratiles , sondern auf – das Publikum. ? Und wofür? Indessen helfen unsre Dichter sich wie jenes Brüderpaar zu Rom, wovon ein Rhetor einer, und ein Advokat der andre war. Die beiden mußte man einander loben hören! – »Bruder«, sagte der , »du bist der dritte Gracchus « – und erwiderte der andre, »du ein zweiter Mucius .« Cajus Gracchus , der eine von den zwei berühmten Brüdern dieses Namens, wurde für den beredtesten Mann seiner Zeit gehalten. Seine Beredsamkeit war von der starken, hinreißenden Art, worin er, wie Gellius sagt, von manchen dem Cicero selbst vorgezogen wurde. Den P. Mucius nennt der letztere (im 48ten Kap. des I. B. de Oratore ) unter den drei größten Rechtsgelehrten der Röm. Republik. Ob die zwei Brüder, die einander so schöne Komplimente machten, wirkliche leibliche Brüder waren, oder nur sworn Brothers , wie Baxter meint, kann uns sehr gleichgültig sein: ich sehe aber nicht, warum man von dem buchstäblichen Sinn des Worts Bruder abgehen soll; zumal da der Spaß dadurch nur desto besser wird. Ein gleicher Wahnsinn plagt uns Dichterlinge. Ich drechsle Lieder – dieser Elegien – \<80\> vis canere, et contracta sequi vestigia vatum? Ingenium, sibi quod vacuas desumpsit Athenas, et studiis annos septem dedit, insenuitque libris et curis, statua taciturnius exit plerumque et risu populum quatit: hic ego rerum \<85\> fluctibus in mediis, et tempestatibus urbis, verba lyrae motura sonum connectere digner? Frater erat Romae consulti rhetor, ut alter alterius sermone meros audiret honores; Gracchus ut hic illi foret, huic ut Mucius ille. \<90\> Qui minor argutos vexat furor iste poetas? man muß gestehen, zum Erstaunen! so daß alle neun Camönen nichts Vollkommners und Feiners auszumeißeln fähig wären Meine Übersetzung dieser Stelle: Carmina compono, hic elegos – mirabile visu caelatumque novem Musis opus, ! Sieh nur, mit welchem Stolze, welchem Prunke wir in dem Musensaale, der so leer an röm'schen Dichtern ist, uns umsehn! – Schleich' uns dann, wofern du Zeit hast, nach, und horch ein wenig von weitem zu, wie wir uns heben, und warum wir wechselweis uns Kränze flechten. Sieh, wie, den Spiegelfechtern ähnlich, die beim Gastmahl uns mit ihrem Spiel ergötzen Das Original sagt: Caedimur et totidem plagis consumimus hostem, lento Samnites ad lumina prima duello. Die Samniter , wovon hier die Rede ist, waren eine Art von Gladiatoren, die bei großen Gastmählern, zu Anfang der Mahlzeit ( ad lumina prima ) in einer sehr zierlichen Waffenrüstung, im Kostüm der alten Samniter, im Speisesaal erschienen, um die Gäste durch ihre Geschicklichkeit zu belustigen. Sie zeigten bei diesen Lustgefechten alles, was sie bei einem öffentlichen Gladiator-Spiel ( munus Gladiatorium ) im Ernste zu leisten pflegten; und es ging so hitzig dabei zu, als ob es um Leib und Leben gälte: aber sie fochten nur mit unschädlichen Waffen, und es floß kein Blut; wiewohl einige aus einer Stelle des Athenäus S. Athen. Deipnos. L. VII. p. 153. geschlossen haben, als ob es etwas Gewöhnliches bei den Römern gewesen sei, ihre Gastmahle mit blutigen und mörderischen Schauspielen zu beflecken Daß es zuweilen geschehen sei, ist allerdings zu glauben; und dies mag den Athenäus verleitet haben, für römische Sitte zu halten, was nur zufällige Brutalität übermütiger Großen in den wildesten Ausschweifungen der Trunkenheit gewesen zu sein scheint. . Allein die Parallele, welche Horaz zwischen diesen Fechtern und den Poeten zieht, die, in einer Art von enkomiastischem Wettkampfe, einander Lob um Lob, wie jene Stoß um Stoß, zurückgaben, – würde allein schon hinreichend sein, das Gegenteil dieses an sich selbst ganz unglaublichen und von keinem Autor bekräftigten Vorgebens zu beweisen. Diese Vergleichung hat noch eine andre, verborgnere Schönheit, nämlich eine scherzhafte Vergleichung per Antiphrasin , wie es die Grammatiker nennen. Die Samniter schienen , indem sie so hitzig auf einander losgingen und keinen empfangnen Streich schuldig blieben, die ärgsten Feinde zu sein, und verstanden sich doch sehr gut zusammen. Bei den Poeten war's just umgekehrt: bei ihnen war das gute Einverständnis von außen, der Haß oder die Verachtung hingegen innerlich; sie erschöpften sich in Wechsel-Komplimenten, und hätten einander lieber das Weiße in den Augen aufessen mögen. , wir keinen Stoß empfangen, den wir nicht dem andern auf der Stelle wiedergeben! Schlägt er mich zum Alcäus , kann ich ihn zu was Geringerm schlagen, als zum zweiten Kallimachus ? Und scheint er mehr zu fodern, so wird er gar Mimnermus S. im I. Teil die Erläuterung auf der 146. Seite . , und noch mehr; er hat nur zu befehlen! Alles das muß nun ein Autor , der noch selbst beim Volk um Beifall bettelt, sich gefallen lassen, um nicht das wespenartige Geschlecht Carmina compono, hic elegos; mirabile visu caelatumque novem Musis opus. Aspice primum, quanto cum fastu, quanto molimine circum- spectemus vacuam Romanis vatibus aedem. \<95\> Mox etiam, si forte vacas, sequere, et procul audi, quid ferat et quare sibi nectat uterque coronam. Caedimur, et totidem plagis consumimus hostem, lento Samnites ad lumina prima duello. Discedo Alcaeus puncto illius: ille meo quis? \<100\> quis nisi Callimachus? si plus adposcere visus, fit Mimnermus, et optivo cognomine crescit. der Versemänner gegen sich zu reizen. Hingegen hab' ich selbst das Handwerk aufgegeben, und bin nun wieder meiner Sinne mächtig und mein eigner Herr: wer wehrt mir, daß ich mir die Finger in die Ohren stecke, wenn mich einer mit seinem Werkchen in der Hand verfolgt? Denn solche Stümper heilt sogar das Lachen des Publikums von ihrer Torheit nicht: » Sie schreiben con Amore !« haben wahren Respekt vor ihren Werken, und wenn du nichts sagst, so rechne drauf, sie fangen selber an davon zu sprechen, und dir anzurühmen, wie glücklich ihnen dies und das gelungen, wie leicht sie schreiben, und wie wenig Müh' es ihnen kostet, sich genug zu tun Ich habe mir bei Übersetzung dieser Periode, die im Original nur drei Verse macht, etwas mehr Freiheit, als gewöhnlich, im Ausdruck erlaubt: ohne, wie ich glaube, den Horaz etwas anders sagen zu lassen, als was er in seiner Sprache sagt und sagen wollte . Vielleicht könnte mich die Absicht, desto verständlicher zu sein, schon genug deswegen rechtfertigen: aber ich gestehe, daß ich den Ausdruck: sie schreiben con Amore (wenn man etwa finden sollte, daß er den Sinn des gaudent scribentes nicht übel auslege), einer Menge wackrer Leute, mala qui componunt carmina , schuldig bin, denen ich meinen Dank bei dieser Gelegenheit nicht vorenthalten kann. Duo cum faciunt idem, non est idem , ist ein bekanntes sehr wahres Sprüchwort. Große Künstler – zeichnen, malen, bilden, dichten, komponieren u. s. w. zuweilen con amore , und gewöhnlich gelingts ihnen dann am besten. Indessen ists, denke ich, noch nicht viel über zehn Jahre, daß dieser Ausdruck von einem unsrer Schriftsteller als eine fremde Ware in Deutschland importiert, und, nicht zur guten Stunde! wiewohl vermutlich in der unschuldigsten Meinung von der Welt, gebraucht worden ist. Denn von Stund an bemächtigten sich die Herren mala qui componunt carmina dieser Art zu reden; und seitdem ist keiner unter ihnen, der nicht con amore eine Art Verse machte, welche Horaz so unhöflich ist – elende Verse zu nennen. Einer meiner Freunde, den seit mehrern Jahren das Schicksal getroffen hat, wider Dank und Willen zum Poète consultant aufgeworfen zu werden, versicherte mich neulich: daß unter zehn poetischen Handschriften, womit er monatlich beehrt werde, die erbärmlichste immer diejenige sei, welche der Verfasser mit der wärmsten Liebe geschrieben zu haben, und wobei er unaussprechlich glücklich gewesen zu sein versichre. Ich könnte erstaunliche Beispiele davon anführen, wenn ich meinem Freunde nicht Verschwiegenheit zugesagt hätte. Es geht wirklich so weit, daß mehr als einer von diesen Beatis , wie sie Horaz (mit größtem Rechte, wie man sieht) genannt hat, nicht einmal den geringsten Schul-Begriff von Versifikation und gar keine Ahnung davon hat, daß, ein poetisches Werk zu machen, vielleicht eine Kunst sein könnte. Nun mag es mit der Aufrichtigkeit dieser Herren, über den Punkt dessen, was Horaz in seinem Briefe an August errorem et levem insaniam – sie aber Liebe nennen, seine völlige Richtigkeit haben: aber sie sollten (unmaßgeblich) doch bedenken, daß es mit Lust und Lieb zum Ding noch nicht ausgerichtet ist; und daß – – Doch nein! Ich besinne mich – Sie sollen nichts bedenken! Diese Zumutung wäre eben so unbillig, als unmöglich. Sie sollen schreiben , und – glücklich sein ! . So leicht wirds freilich keinem, der ein Werk zu machen wünschet, das die Probe halte! Der nimmt, zugleich mit Feder und Papier, des unbestechbarn Zensors strengen Sinn, vor dem nichts Tadelhaftes Gnade findet. Er schonet keines Worts, das ohne Glanz, das müßig, oder seiner Stelle sonst, Multa fero, ut placem genus irritabile vatum, cum scribo, et supplex populi suffragia capto: idem, finitis studiis, et mente recepta, \<105\> obturem patulas impune legentibus aures. Ridentur mala qui componunt carmina: verum gaudent scribentes, et se venerantur et ultro, si taceas, laudant quidquid scripsere, beati. At qui legitimum cupiet fecisse poema, \<110\> cum tabulis animum censoris sumet honesti; audebit quaecumque parum splendoris habebunt, et sine pondere erunt, et honore indigna ferentur, auf welche Art es sei, nicht würdig ist, und wenn es noch so ungern wiche, und obgleich es, wie in Vestas heil'gem Dunkel, in seinem Pulte noch verschlossen ist. Er zieht die alten Wort' und Redensarten voll Kraft und Sinnes wieder an das Licht, die nur durch Ungerechtigkeit der Zeit herabgekommen und vergessen, oder von Rost und Staub unscheinbar worden sind. Auch trägt er kein Bedenken, neuen Wörtern von gutem Korn, die etwa der Gebrauch in Umlauf bringt, den Stempel aufzudrücken. Und so, gleich einem Strom, der voll und klar durch Auen, die er fruchtbar macht, sich wälzet, ergießt er seine Schätze, und verschönert die Sprache seines Volks. Er schneidet weg, was allzu üppig schießt, verbessert durch Kultur das Herbe, das von ihrer ersten Wildheit zurückblieb, reutet ohne Schonen aus, was bloßes Unkraut ist, und weiß dabei die Pein, die ihm dies alles oft gekostet, mit einem Schein von Leichtigkeit zu bergen, verba movere loco, quamvis invita recedant, et versentur adhuc intra penetralia Vestae. \<115\> Obscurata diu populo bonus eruet, atque proferet in lucem speciosa vocabula rerum, quae priscis memorata Catonibus atque Cethegis, nunc situs informis premit et deserta vetustas: adsciscet nova, quae genitor produxerit usus. \<120\> Vehemens et liquidus puroque simillimus amni, fundet opes, Latiumque beabit divite lingua; luxuriantia compescet, nimis aspera sano levabit cultu, virtute carentia toller, ludentis speciem dabit et torquebitur, ut qui als wärs ihm nur ein Spiel; so wie der Mime gleich leicht den Cyklops oder Satyr tanzt Wer diese ganze Stelle, wo Horaz das Verfahren desjenigen, der ein legitimum opus zu machen gedenke – vornehmlich in Rücksicht auf Sprache, Stil, Ton, Ausdruck, Kolorit, Versifikation, und auf Korrektheit in allem diesem , abschildert, mit unsers Dichters eignen Werken vergleicht, wird finden, daß er (wenn es auch nicht geradezu seine Absicht gewesen sein sollte) sein eignes Bild darin entworfen habe. Vorzüglich scheint der so schöne und wahre Zug, womit er das ganze Gemälde vollendet, Ludentis speciem dabit et torquebitur . Nun freilich, wenn es die Bewandtnis hat, wer, der sich selber hold ist, wollte nicht (so fern er nur sich selbst gefiele) lieber für einen schalen Pfuscher bei den Kennern gelten, als sichs um etwas, das am Ende doch ihm niemand dankt, so sauer werden lassen Matth. Gesner meint: Horaz sage das alles, von dem Verse, Praetuierim scriptor delirus inersque videri bis zum 141sten Verse, Nimirum sapere est abiectis utile nugis, im Namen eines andern – als spräche er: »Nun, wenn es diese Bewandtnis hat, wenn es solche Mühe kostet, ein guter Autor zu sein, so will ich noch immer lieber für einen abgeschmackten Pfuscher passieren und mir selbst gefallen! Was tuts, daß meine Einbildung falsch ist, wenn sie mich nur glücklich macht, wie jenen wackern Mann von Argos sein Wahnwitz – Tragödien zu hören, wo keine waren« – Und hierauf antworte dann Horaz vom 141sten Verse an: »Am Ende ist eben doch das Beste, das Spielzeug gar wegzuwerfen, und dafür was Kluges zu treiben« u.s.w. Ich verstehe den Text anders. Horaz, dünkt mich, spricht in dieser Epistel immer in seinem eignen Namen, nur nicht immer im nämlichen Tone. Zwischen dem 125sten und 126sten Vers ist eine kleine Lücke. Man sollte denken, es müßten ein oder zwei Verse fehlen; wenn man nicht an unserm Autor gewohnt wäre, daß er meistens lieber über einen Graben wegsetzt als einen Steg sucht, wiewohl er nur drei oder vier Schritte auf die Seite zu machen hätte. Der Hauptpunkt ist immer, daß wir die Laune , worin der Brief geschrieben ist, nie vergessen dürfen. Der Freund, an den er schrieb, war selbst ein Poet, und vielleicht einer von denen, die sich so wenig als möglich wehe dabei geschehen ließen; der also von Horazen dasselbe vermutete, und ihm nichts Ungebührliches anzusinnen glaubte, wenn er ihn wegen des längst versprochenen Gedichts, als einer Schuld, die er leicht bezahlen könne, anfoderte. Die üble Laune, in welche dies unsern Dichter setzte, führt gewöhnlich eine Disposition, paradoxe und auffallende Dinge zu sagen und zu behaupten, mit sich; man sieht die Sachen gelb, und versichert also, mit aller Aufrichtigkeit der Selbstüberzeugung, daß sie gelb seien. Die Rezension der mancherlei Ursachen, warum er (zu Rom wenigstens) lieber alles in der Welt tun als Verse machen möchte, brachte ihn natürlicher Weise auf das Ungemach, das ganze zahllose Heer der Poeten und Schöngeister zu Kollegen zu haben, und genötigt zu sein, diesen sich selbst so wohl gefallenden Herren seine Ohren zu leihen und noch Komplimente dazu zu machen, u.s.w. Das Glück dieser wackern Leute, die so herzliche Freude an den mißgeschaffnen Geburten ihres Witzes haben ( quos sua delectant mala ), deuchte ihm, auf einen Augenblick, beneidenswert – indem er sich die Mühe vorstellte, die er und die wenigen seinesgleichen sich kosten ließen, etwas, das die Probe hielte ( legitimum carmen ), zu machen. Dies brachte ihn auf das Gemälde – wie ein guter Dichter bei seinen Arbeiten zu Werke gehe , wovon wir in der 8ten Erläuterung gesprochen haben. Julius Florus war (wie gesagt), aller Wahrscheinlichkeit nach, einer von den Beatis , deren Gedichte, ohne just zu den schlechten zu gehören, doch die wenige Mühe, die sie kosteten, zu stark verrieten. Horaz wollte nicht, daß sein Freund sich durch jenes Gemälde beleidigt finden sollte – oder er besorgte vielleicht, Florus möchte merken, daß er durch den Dichter, qui legitimum cupiet fecisse poema , sich selbst gemeint habe, – und im einen oder andern Falle konnte er sich nicht leichter aus der Sache ziehen, als wenn er sich selbst mit allen übrigen Versemachern vermengte, und in seinem eignen Namen sagte, was freilich nie seine Meinung gewesen war. – »Ei, wer wollte sich solche Mühe geben? Sich das Leben so sauer machen, um eine Vollkommenheit zu erreichen, für die ihm niemand keinen Dank weiß? Mögen doch die Kenner von uns halten, was sie wollen! Wenn wir uns nur selbst gefallen, nur glücklich in unserm Irrtum sind!« Diese Art der Ironie , die man an unserm Autor schon so gewohnt sein muß, ist immer die bequemste Wendung in solchen Fällen. Man kann andern auf eine unanstößige Art die auffallendsten Dinge sagen, sobald man sie sich selbst zu sagen scheint. – So verstehe ich diese ganze Stelle; und weil ich das folgende – Nimirum sapere etc. als eine Wendung ansehe, wodurch sich Horaz stellt, als ob er sich eines Bessern besönne, und, ungeachtet der Süßigkeiten eines wahnsinnigen Selbstbetrugs, am Ende doch für das Beste halte, bei gesundem Verstande zu sein : so habe ich – anstatt daß er , nach seiner Gewohnheit, bloß an dem Worte nimirum , wie an einem Zaunpfahl, über den Graben springt – lieber ein Brett drüber legen wollen, und so übersetzt: Wenn nun, wie ich besorge, dies der Fall bei allen Versemännern ist, u.s.w. ? Es war einmal ein Mann von gutem Hause zu Argos mit dem wunderbaren Wahnsinn behaftet, daß er oft die schönsten Trauerspiele, gar herrlich aufgeführt, zu hören glaubte. Man fand ihn oft, vor Freuden außer sich, im leeren Schauplatz sitzen, und Tragöden Tragischen Schauspielern. , die nur in seinem eignen Schädel spielten, den wärmsten Dank aus allen Kräften klatschen. Der Mann war sonst in jedem andern Punkt so gut als einer in der ganzen Stadt, im Umgang angenehm, ein guter Nachbar, ein guter Ehmann, und ein milder Herr, der, wenn ein Diener etwa sich am Siegel \<125\> nunc Satyrum, nunc agrestem Cyclopa movetur. Praetulerim scriptor delirus inersque videri, dum mea delectent mala me vel denique fallant, quam sapere et ringi. Fuit haud ignobilis Argis, qui se credebat miros audire tragoedos, \<130\> in vacuo laetus sessor plausorque theatro; cetera qui vitae servaret munia recto more, bonus sane vicinus, amabilis hospes, comis in uxorem, posset qui ignoscere servis vergriff Die Römer pflegten ihre Lagenas , eine Art von großen Weinkrügen mit engen Hälsen, zu versiegeln, um sie dadurch vor ihren Sklaven zu verwahren. , den Zorn nicht an der Flasche ausließ, auch sonst verständig g'nug, um einem Wagen aus dem Weg und neben unbedecktem Brunnen vorbeizugehn. Demungeachtet hielten die weisen Anverwandten sich verbunden, dem armen Vetter zum Verstand zu helfen. Doch wie er nun, nicht ohne Müh' und Not, durch Niesewurz und guten alten Wein sich endlich wiederhergestellt befand, erhob er bittre Klagen über seiner Freunde Dienstfertigkeit: »Ihr hättet«, sprach er, »eben so lieb das Leben mir genommen, als den süßen Irrtum, der mich glücklich machte«. Aristoteles , oder vielmehr der Verfasser der Kompilation von wunderbaren Sagen (Θαυμασίων ακουσμάτων), die dem Aristoteles zugeschrieben wird, erzählt die nämliche Geschichte von einem Manne aus Abydos , – und Älianus eine ähnliche von einem gewissen Thrasyllus, der ebenfalls in allen andern Dingen so viel Verstand hatte, als man fürs Haus braucht, dabei aber in dem Wahne stand, alle Schiffe, die im Hafen Piräus zu Athen anlangten, kämen auf seine Rechnung; und sich deswegen für den reichsten und glücklichsten Mann in der Welt schätzte, bis ihm sein Bruder den ungebetnen Dienst tat, ihn durch Niesewurz wieder – zu einem armen Teufel zu machen. Torrentius , der sehr aufmerksam darauf ist, jedem das Seine zu geben, bemerkt, daß nicht Lambinus , sondern Pietro Vittorio (weiland ein gelehrter Professor zu Florenz im XVIten Jahrhundert) in seinen Variis Lectionibus der erste gewesen sei, der den Narren von Abydos im Aristoteles, und Franz Robortell der erste, der den Narren Thrasyllus im Älian aufgegraben und ans Tageslicht hervorgezogen habe. Die Gelehrten des vorigen Jahrhunderts legten einen höhern Wert auf das Verdienst, dieses oder jenes in einem alten Autor zuerst zitiert zu haben, als es wirklich zu haben scheint. Im Vorbeigehen bemerke ich nur noch, daß Lambinus bei dieser Gelegenheit einen doppelten Gedächtnisfehler begangen hat. Er nennt den Ehrenmann, der Thrasyllus hieß, Thrasylaus ; und zitiert das zwölfte Buch von Älians vermischten Historien , da er doch das vierte Buch und dessen 25stes Kapitel hätte zitieren sollen. Torrentius , in gutem Vertrauen auf Lambins Richtigkeit, schrieb ihm beide Fehler getreulich nach. Ich erinnere dies hier bloß zur Warnung junger Gelehrten; weil mich die Erfahrung gelehrt hat, daß man sehr oft Gefahr läuft, falsch zu zitieren, wenn man die Zitationen der Gelehrten des 16ten und 17ten Jahrhunderts abschreibt, ohne sie selbst verifiziert zu haben. Da ich mir diese Mühe gewöhnlich zu geben pflege, so bin ich sehr oft in dem Falle gewesen – nicht ohne Ungeduld über den Zeitverlust, den mir mancher Vir Doctissimus dadurch verursacht hat diese unangenehme Erfahrung zu machen. et signo laeso non insanire lagenae, \<135\> posset qui rupem et puteum vitare patentem. Hic ubi cognatorum opibus curisque refectus expulit helleboro morbum bilemque meraco, et redit ad sese: »Pol, me occidistis, amici, non servastis«, ait, »cui sic extorta voluptas \<140\> et demptus per vim mentis gratissimus error.« Wenn nun, wie ich besorge, dies der Fall von allen Versemännern ist: so wärs doch einmal, dächt' ich, hohe Zeit, verständig zu werden, und das Kinderspiel den Knaben, für die sichs besser schickt, zu überlassen: und, statt um Worte, die zur röm'schen Leier     Nimirum sapere est abiectis utile nugis et tempestivum pueris concedere ludum, ac non verba sequi fidibus modulanda Latinis, sich modulieren lassen, um den Rhythmus und die Mensur der wahren Lebenskunst sich zu bewerben. Diesemnach, mein Freund, besprech' ich öfters mich in aller Stille so mit mir selbst, und sage – » Und sage « – und zwar in sehr schönen Versen , ungeachtet ich im nämlichen Atemzug alles Versemachen als ein Kinderspiel, das sich gar nicht für einen weisen Mann schickte, weit von mir weggeworfen habe. Nimirum – Ipse ego, qui nullos me affirmo scribere versus, invenior Parthis mendacior – : wenn du dich mit einem Durste, den kein Wasser löschen wollte, behaftet fändest, würdest du's dem Arzt vertrauen, – und die leid'ge Sucht, je mehr du dir erworben, desto mehr zu wünschen, dies Übel wagst du niemand zu bekennen Dieser Gedanke gehört, wie er hier ausgedrückt ist, von Wort zu Wort dem Aristippus zu, und wird als dessen Eigentum vom Plutarch in seinem Traktat über die Liebe zum Reichtum angeführt, woraus er ebenfalls von besagtem Peter Vittorio zuerst zitiert worden, wie Torrentius bemerkt. Mir ist dies bloß darum merkwürdig, weil es mit zum Beweise dienen kann, daß Horaz mit Aristipps Philosophie und weisen Sprüchen sehr genau bekannt war, und, da er sie mit seiner eignen Art zu denken gleichartig fand, bei Gelegenheit, ohne Bedenken und Zitation, Gebrauch davon machte. ? Wenn dir die Wurzeln oder Kräuter, die man dir zur Heilung einer Wunde angeraten, nicht besser machten, würdest du die Wurzeln und Kräuter, die nicht hälfen, wegzuwerfen Bedenken tragen? Nun, da dir die Stimme des Volks gesagt hat, »wem der liebe Gott Vermögen gibt, dem gibt er auch Verstand als Zugab' obendrein«, und du demungeachtet das Gegenteil an dir erfährst, und seit du reicher wardst, nichts desto weiser bist: ists wohl getan, noch immer an den alten Ratgeber dich zu halten? Ja, wenn Gold sed verae numeros modosque ediscere vitae. \<145\> Quocirca mecum loquor haec, tacitusque recordor: si tibi nulla sitim finiret copia lymphae, narrares medicis; quod, quanto plura parasti, tanto plura cupis, nulline faterier audes? \<150\> Si vulnus tibi monstrata radice vel herba non fieret levius, fugeres, radice vel herba proficiente nihil, curarier: audieras, cui rem dii donarint, illi decedere pravam stultitiam, et cum sis nil sapientior, ex quo plenior es, tamen uteris monitoribus isdem? dich klüger machen, von Begier und Furcht befreien könnte, möchtest du erröten, nicht der erste Geizhals in der Welt zu sein! Ist das, was einer bar bezahlt, sein eigen, so gibts auch Dinge (wie die Rechtsgelehrten uns sagen), welche man durch Nießbrauch schon besitzt. Der Acker, der dich nährt – ist dein: ob du, ob Orbius Ein unbekannter damaliger römischer Parvenu , den Horaz vermutlich bloß deswegen nennt, weil er eine Menge Güter zusammengekauft hatte. der eigentliche Herr des Gutes sei, gilt dem Verwalter gleich, der dir um bares Geld die Früchte liefert. Du zahlst sein Geld ihm hin, und kriegst dafür Getreide, Hühner, Eier, Trauben, Most; und so bezahlst du nach und nach den Wert des ganzen Gutes, das vielleicht im Ankauf zwölftausend Taler und noch mehr gekostet. Was tuts nun, ob du von dem ehmals oder jüngst Bezahlten lebst? Der Eigentümer eines \<155\> At si divitiae prudentem reddere possunt, si cupidum timidumque minus te, nempe ruberes, viveret in terris te siquis avarior uno. Si proprium est, quod quis libra mercatus et aere est, quaedam, si credis consultis, mancipat usus. \<160\> Qui te pascit ager, tuus est; et villicus Orbi, cum segetes occat, tibi mox frumenta daturus, te dominum sentit: das nummos, accipis uvam, pullos, ova, cadum temeti; nempe modo isto paulatim mercaris agrum, fortasse trecentis \<165\> aut etiam supra nummorum milibus emptum; quid refert, vivas numerato nuper an olim? vor hundert Jahren eingekauften Gutes speist, ob ers gleich nicht meint, gekauften Kohl, wärmt seine Pfanne mit gekauftem Holze. Inzwischen nennt er sein , was innerhalb der Pappeln ist, womit er seine Markung vor nachbarlichen Plackerei'n gesichert: als ob man was sein eigen nennen könne, was alle Augenblicke bald um Geld und gute Worte, bald durch Machtgewalt, bald durch den Tod – an neue Herren kommt. Wenn also kein Besitztum ewig währet und, Wellen gleich, ein Erbe stets des andern Erben verschlingt, was helfen große Güter dir und volle Scheunen? Was Lucan'sche Wälder noch zu Calabrischen hinzugekauft? Wenn, allem Gold von Indien unbestechlich, der Orkus groß und klein zusammenmäht! Tyrrhen'sche Bilder, Marmor, Elfenbein, Emptor Aricini quondam Veientis et arvi emptum cenat olus, quamvis aliter putat, emptis sub noctem gelidam lignis calefactat ahenum: \<170\> sed vocat usque suum, qua populus adsita certis limitibus vicina refugit iurgia: tamquam sit proprium quidquam, puncto quod mobilis horae nunc prece, nunc pretio, nunc vi, nunc sorte suprema permutet dominos et cedat in altera iura. \<175\> Sic quia perpetuus nulli datur usus, et heres heredem alterius velut unda supervenit undam, quid vici prosunt aut horrea? quidve Calabris saltibus adiecti Lucani, si metit Orcus grandia cum parvis, non exorabilis auro? \<180\> Gemmas, marmor, ebur, Tyrrhena sigilla, tabellas, Gemälde, Gemmen, Silber, Purpurzeuge, wie viele leben ohne alles das? Wie mancher mag's nicht, wenn ers haben könnte? Woher das kommt, – warum von zweien Brüdern der eine seinen lieben Müßiggang, sein unter einerlei alltäglichen Vergnügungen sanft hingetändelt Leben, nicht um Herodes Palmentäler tauschte; der andre reich, doch niemals satt noch froh, vom Morgen in die Nacht sich härmt und plagt, um wohlfeil angekaufte dürre Lehden mit Feu'r und Eisen zu bezwingen und in reiche Korngefilde umzuschaffen: das mag der Genius von beiden wissen, der Gott der menschlichen Natur, der mit uns geboren wird und stirbt, veränderlich von Angesicht und Laune, weiß und schwarz Nach einem Glauben der Römer, der ihnen fast mit allen Völkern des Erdbodens gemein war, hatte jeder Mensch seinen eignen Genius , das ist, einen Naturgeist, der ihn ins Leben einführte, ihm in dem Lauf desselben immer zur Seite war, und ihn wieder aus demselben hinausgeleitete. Die Genii der Weiber hießen Junonen ; die Knechte schwuren beim Genius ihrer Herren, die Mägde bei der Juno ihrer Frauen, und das ganze römische Reich beim Genius Augusts und seiner Nachfolger. Wie die Religion der Griechen und Römer überhaupt an keinen festen Lehrbegriff gebunden, sondern in ihrem Glauben alles unbestimmt, schwankend und willkürlich war: so war auch über diesen Artikel nichts festgesetzt; und wer Lust hatte, glaubte entweder zwei Genien, einen weißen und guten , dem er alles Glückliche, und einen bösen schwarzen , dem er alles Widerwärtige, was ihm begegnete, zuschrieb; oder nur einen , der (wie Horaz hier sagt) weiß und schwarz zugleich, und, je nachdem sich der Mensch aufführe, ihm hold oder unhold sei. Daher die Redensarten: einen erzürnten Genius haben, seinen Genius besänftigen, seinem Genius gütlich tun , u. dgl. Je nachdem der Genius eines Menschen stärker, mächtiger, verständiger, wachsamer, kurz, je vollkommner er seiner eignen Natur nach, und je gewogner er dem Menschen war, der unter seinem Schutz und Einfluß lebte: desto besser stand es um diesen Menschen, und desto größer waren seine Vorzüge vor andern. So warnte z. B. ein ägyptischer Geisterseher den Antonius vor seinem Kollegen und Schwager Octavius . Dein Genius, sagte er, fürchtet den seinigen. Zwar ist er von Natur groß und hohen Mutes: aber so wie er sich dem Genius dieses jungen Menschen nähert, schrumpft er zusammen, und wird klein und feig. Der Glaube der Alten an die Genien (denn nicht nur jeder Mensch, sondern jedes andre natürliche Wesen hatte seinen Genius ) war ohne Zweifel eine Folge ihrer Vorstellungsart von dem allgemeinen, sich durch die ganze Körperwelt ergießenden göttlichen Geist. Das, was jedem Dinge Bestandkraft, innere Regung, Vegetation, Leben, Gefühl und Seele gab, war ein Teil dieses gemeinschaftlichen Naturgeistes: daher nennt Horaz den Genius den Gott der menschlichen Natur . Er ist nicht der Mensch selbst, aber er ist das, was einen jeden zum individuellen Menschen macht . Seine Persönlichkeit ist an das Leben dieses Menschen geheftet; und so wie dieser stirbt, verliert sich sein Genius wieder in dem allgemeinen Ozean der Geister, aus welchem er, bei dessen Geburt, ausgegossen war, um der Portion von Materie, woraus dieser Mensch werden sollte, seine individuelle Form zu geben, und dieses neue Gebilde zu beleben und zu beseelen. Daher nennt ihn Horaz: mortalem in unumquodque caput . Da die Griechen alle unsichtbare Dinge und alle abgezogene Begriffe mit schönen menschenähnlichen Gestalten zu bekleiden gewohnt waren: so erhielt auch der Genius der menschlichen Natur die seinige. Er wurde, als ein Knabe, oder in dem Alter zwischen Knabe und Jüngling, mit einem gestirnten Gewande leicht bekleidet, und mit Blumen oder einem Zweige von Maßholder umkränzt, oder auch nackend und geflügelt gebildet, wie der Genius in der Villa Borghese , von dessen Schönheit Winkelmann in eine Höhe entzückt wird, wohin wir ihm kaum folgen können Gesch. der Kunst , S. 278, nach der W. A. . . Mir gnüge, was ich habe, zu genießen, und von dem mäß'gen Haufen, was ich brauche, zu nehmen, unbekümmert, was dereinst mein Erbe sagen werde, wenn er nicht noch mehr, als ihm vermacht ist, findet. Gleichwohl liegt mir dran, argentum, vestes Getulo murice tinctas, sunt qui non habeant, est qui non curat habere. Cur alter fratrum cessare et ludere et ungi praeferat Herodis palmetis pinguibus, alter \<185\> dives et importunus, ad umbram lucis ab ortu silvestrem flammis et ferro mitiget agrum, scit Genius, natale comes qui temperat astrum, naturae deus humanae, mortalis in unum- quodque caput, vultu mutabilis, albus et ater. \<190\> Utar, et ex modico quantum res poscet acervo tollam, nec metuam quid de me iudicet heres, den wackern Mann, der seines Lebens froh wird, nicht mit dem Schlemmer zu verwechseln, noch den guten Hauswirt mit dem kargen Filz. Der Unterschied ist groß, ob du dein Gut verschleuderst, oder es zu brauchen weder dich dauern lässest, noch es zu vermehren dich abhärmst, sondern (wie du's an den Ferien Festis quinquatribus , das Fest der Minerva, wo die Knaben fünf Tage lang Schulferien hatten. als Knabe machtest) keinen Augenblick verlierst, die kurze Zeit der Lust im Flug zu haschen. Ist nur der Schmutz der Armut fern von mir, in einem großen oder kleinen Schiffe zu fahren gilt mir gleich, genug ich fahre; und flieg' ich nicht mit aufgeblähten Segeln und vollem Winde, nun so muß ich auch nicht stets mit widerwärt'gen Winden kämpfen: an Kräften, Witz, Gestalt, Verdienst, Vermögen quod non plura datis invenerit; et tamen idem scire volam, quantum simplex hilarisque nepoti discrepet, et quantum discordet parcus avaro. \<195\> Distat enim spargas tua prodigus, an neque sumptum invitus facias neque plura parare labores, ac potius, puer ut festis quinquatribus olim, exiguo gratoque fruaris tempore raptim. Pauperies immunda domus procul absit, ego utrum \<200\> nave ferar magna an parva, ferar unus et idem. Non agimur tumidis velis aquilone secundo, non tamen adversis aetatem ducimus austris; viribus, ingenio, specie, virtute, loco, re, und Stand der letzte von den ersten zwar Horaz hatte sich, bald nach seiner Aussöhnung mit der Cäsarischen Partei, um auf einem anständigen Fuß in Rom leben zu können, eine Stelle, oder vielmehr einen Titel gekauft, der ihm den Rang des Ritterstandes gab Sueton. in Vita Horatii. . Unter August waren von den alten patrizischen und senatorischen Familien nur wenige mehr übrig; hingegen wimmelte es in Rom von Emporkömmlingen, die nicht einmal geborne Römer, ja die zum Teil geborne Sklaven gewesen waren, aber in den heillosen Zeiten des Triumvirats Mittel gefunden hatten, ungeheures Vermögen zu erwerben; und der Senat selbst war solcher Leute voll. Natürlicher Weise verlor sich daher die alte Distinktion in drei Haupt-Klassen unvermerkt, und die Einteilung in Equites und Plebs , Ritter und Volk , wurde die gewöhnlichste: d. i. Wer nicht zum gemeinen Volke gehörte, gehörte zum Ritterstand. Daher konnte Horaz, wiewohl sein Vater nur ein Libertinus , und also sein Großvater ein freigelaßner Sklave , gewesen war, ohne Unbescheidenheit von sich sagen: daß er Loco , an Stand und Rang, der letzte von den ersten sei. , doch so, daß hinter mir noch viele sind. Du bist nicht geizig? Gut für dich! So bist du eines großen Übels quitt. Allein, wie mit den andern? Bist du auch so frei von eitler Ehrsucht, Zorn und Todesfurcht? Verlachst du Träume, Ahndungen, Gespenster, Magie, und kurz die Wunderdinge alle, woher Thessaliens böser Ruf gekommen? Trägst du mit Nachsicht deiner Freunde Fehler? Begehst du froh und dankbar jeden neuen Geburtstag, und wirst immer milder, besser, je näher du dem Alter kommst? Was hilfts dem, der in Dornen fiel, wenn einer auch ihm ausgezogen wird? Kurz, recht zu leben ist eine Kunst , die wohl gelernt und strenge geübt sein will. Verstehst du nichts davon, so schleiche weg, und mach' den Meistern Platz! Kurzweil getrieben hast du nun einmal genug, genug gegessen und getrunken! Es ist nun Zeit vom Gastmahl aufzustehn, damit, wenn Bacchus dir zu mächtig würde, extremi primorum, extremes usque priores. \<205\> Non es avarus? abi! quid cetera? iam simul isto cum vitio fugere? caret tibi pectus inani ambitione? caret mortis formidine et ira? somnia, terrores magicos, miracula, sagas, nocturnos lemures, portentaque Thessala rides? \<210\> Natales grate numeras? ignoscis amicis? Lenior et melior fis accedente senecta? Quid te exempta iuvat spinis de pluribus una? Vivere si recte nescis, decede peritis; Lusisti satis, edisti satis atque bibisti! \<215\> Tempus abire tibi est; ne potum largius aequo du nicht der Jugend, welcher wenigstens der Mutwill besser ziemt, zum Spott und Fußball werdest Auch hier stellt unser Autor, seiner Gewohnheit nach, mit Weglassung der Vergleichungswörter, das Bild an den Platz der Sache. Der Verstand dieser Verse für sich selbst hat keine Schwierigkeit: aber wie sie mit den vorgehenden zusammenhangen, und wie der Vers: vivere si recte nescis, decede peritis , eigentlich zu verstehen sei, ist nicht so deutlich; und die Ausleger, anstatt uns zurechte zu weisen, führen uns irre. Baxter paraphrasiert ihn: Si nequis ulterius ad animum tuum vivere per aetatem, via cedejunioribus, et contentus vita excede – und die Sanadons und Batteux übersetzen herzhaft: Si tu ne sais point user de la vie u.s.w. Ich wünschte, daß mir nicht eben im Horaz, sondern in irgend einem lateinischen Autor ein Beispiel gezeigt würde, wo recte vivere , » nach seinem Sinn «, oder » nach seinen Lüsten leben «, oder auch nur » bloß für sein Vergnügen leben « hieße. Ich, meines Orts, kenne keine andre Bedeutung dieser Redensart, als: vernünftig leben , oder nach der Natur (im Sinne der Stoischen Philosophie ), oder (was auf eins hinaus lauft) den Vorschriften der Weisen gemäß leben. Ich habe aber nirgends einige Spur davon gefunden, daß uns die Vernunft oder die Natur, oder irgend einer von den Weisen den Rat gäbe: wenn wir Alters halber nicht mehr mit der Jugend mitmachen könnten, so sollten wir uns die Kehlen abschneiden. – Ich glaube mich aus dieser Schwierigkeit gezogen zu haben, indem ich das vivere si recte nescis für eine Formel halte, worin er alles, was er vom 145sten Verse per dialogismum (wie es die Rhetoren nennen) seine Seele mit sich selbst sprechen ließ, zusammenfaßt – und den ganzen Vers so verstehe: »Wenn du das alles nicht kannst, d. i. wenn du dich noch so schlecht auf die Kunst des Lebens ( Artem vivendi , das große Objekt der Aristippischen Philosophie ) verstehst: so ziehe dich zurück ( retire-toi ) und weiche denen, die es weiter gebracht haben.« Implicite sagt dies auch noch: und lerne von ihnen ! Denn da er die Kunst des Lebens , verae numeros modosque vitae , einmal für die edelste und nötigste aller liberalen Künste erklärt hatte: so folgt, daß, wer sie nicht versteht, nichts Angelegners hat, als sie von den Peritis zu lernen , anstatt sich, mit der Miene, als ob er sie schon verstünde, unter die Meister der Kunst mischen zu wollen. Und nun (weil er doch seiner Epistel ein Ende machen wollte) hängt er dies durch einen so feinen Faden, daß er nur dem Verstande des Lesers sichtbar ist, mit dem Nimirum sapere est abiectis utile nugis, et tempestivum pueris concedere ludum zusammen, und findet sich also am Schlusse seiner Betrachtung wieder auf dem nämlichen Punkte, wo er sie anfing: »Gespielt, gescherzt u.s.w. hast du nun einmal genug; es ist Zeit, alle diese Kurzweile (wohin er auch, um sich die Beschwerlichen vom Halse zu schaffen, seine Verse rechnet) aufzugeben und Jüngern zu überlassen.« – Das Gleichnis, wodurch er dies ausbildet, bedarf keiner Auslegung; die Anwendung macht sich selbst; und das Brüske in der Art zu schließen, scheint mir der Laune, worin der ganze Brief geschrieben ist, sehr gemäß zu sein, und ist unserm Dichter, der von Methode kein Freund war, überhaupt so gewöhnlich, daß es uns auch hier nicht befremden darf. . rideat et pulset lasciva decentius aetas. Dritter Brief An L. Calpurnius Piso und seine Söhne Einleitung Ich weiß nicht, ob die ganze Geschichte der Literatur ein Beispiel von einem so seltsamen Schicksal aufweisen kann, als diese Horazische Epistel betroffen hat. Hätte sie – anstatt der gewöhnlichen Überschrift: de Arte Poetica Liber – von jeher diejenige geführt, die wir ihr hier gegeben haben, und die ihr nach der einstimmigen Meinung der besten Kommentatoren zukommt: so würde die einzige Ursache weggefallen sein, warum sie von den meisten in einem ganz falschen Lichte gesehen worden ist. Die Ausleger, von Jason de Nores und Jacob Grifioli an bis auf die Neuesten, würden in einem Briefe, – der nach Horazens Absicht so wenig ein Lehrbuch der Dichtkunst sein sollte, als seine erste Epistel an Mäcen eine Ethik oder die an August eine Geschichte der römischen Literatur ist, – weder eine vollständige Poetik , wie die ältern Ausleger, noch, wie Batteux , eine Theorie der dramatischen Kunst gesucht, noch, wie Hurd , eine Beurteilung des römischen Dramas zum Hauptzweck desselben gemacht haben. Eine Menge selbstgedrehter Knoten, und eben so viele sinnreiche, aber den Horaz nichts angehende Auflösungen derselben würden weggefallen sein; kurz, ohne die vorgefaßte Meinung, die dieser unglückliche Titel den Gelehrten in die Köpfe setzte, würde man sich weder die Mühe gegeben haben, so viel in diesen poetischen Diskurs hineinzulegen , woran Horaz nicht gedacht hat: noch, vermutlich, den einzigen wahren Gesichtspunkt, woraus er betrachtet werden muß, so lange verfehlt haben. Herr Eschenburg hat mich, durch die erste seiner gelehrten Anmerkungen zu R. Hurds Kommentar über diese Epistel, der Mühe überhoben, ein mehreres über diesen Punkt zu sagen. Indessen, wiewohl dieser Gelehrte (dessen vielfältigen Verdiensten ich hier mit Vergnügen Gerechtigkeit widerfahren lasse) den Irrtum der sämtlichen Ausleger der Epistel an die Pisonen sehr richtig eingesehen, und dem wahren Standpunkt, woraus sie beurteilt werden muß, näher als die übrigen gekommen zu sein scheint: kann ich doch nicht umhin, gegen seine Behauptung: » niemand werde leugnen, daß der größte Teil dieser Epistel die Schaubühne betreffe« – durch mein Exempel zu beweisen. Die Arbeit der Übersetzung setzte mich natürlicher Weise in den Fall, ziemlich genau mit ihr bekannt zu werden; und mein Erstaunen über die Verblendung der meisten und gelehrtesten Ausleger, besonders über Hurd und Batteux , die von Anfang bis zu Ende lauter dramatische Poetik und Kritik darin sehen, mußte um so größer sein: da ich, so weit ich auch die Augen auftat, nicht einmal sehen konnte, daß nur die Hälfte davon die Schaubühne – mit einer auf sie vorzüglich gerichteten Absicht des Dichters, ja nur die Hälfte der Hälfte die Schaubühne ausschließlich angehe. Je genauer ich alles erwog, je weniger konnte ich begreifen: warum Horaz, wenn seine Hauptabsicht die Schaubühne und etwa zunächst die Verbesserung der römischen Schaubühne gewesen wäre, gerade einen solchen Gang erwählt, sich so oft und bei der kleinsten Veranlassung von seinem Weg entfernt, und (mit aller graziösen Nachlässigkeit , die man einer poetischen Epistel gern zugesteht) nicht ein wenig mehr Methode in sein Werk gebracht haben sollte. Hingegen glaubte ich deutlich zu sehen, daß er bei Abfassung dieses Diskurses einen ganz andern Zweck, eine individuelle , das römische Theater gar nichts angehende, Absicht gehabt habe; daß nur ein kleiner Teil seiner Vorschriften oder Erinnerungen die dramatische Poesie betreffe, und daß er meistens, wo die Kommentatoren Regeln für die Schaubühne gesehen haben, nur Beispiele von ihr entlehne, um dadurch allgemeine Regeln zu erläutern, die allen Arten der Poesie, besonders aller erzählenden Poesie, mit der dramatischen gemein sind. Um die Leser nicht länger mit Rätseln aufzuhalten, will ich – mit aller Bereitwilligkeit, mich eines andern belehren zu lassen, wenn meine Hypothese das Problem nicht besser auflösen sollte, als die bisherigen – den Gesichtspunkt angeben, aus welchem, meiner Meinung nach, diese Epistel betrachtet werden muß. Die nämliche Verfahrungsart, die ich (einem Wink des vortrefflichen Lords Shaftesbury zufolge) bei allen übrigen Horazischen Briefen beobachtet habe, hat mich auch in diesem, wie ich glaube, auf den wahren Weg gebracht, welchen gelehrtere Kommentatoren vielleicht nur darum verfehlten, weil sie für den guten Horaz gar zu gelehrt waren. Ein Dichter ist – wenigstens in manchen Fällen – glücklicher, einen andern Dichter zu erraten , als Kunstrichter, die so voll Theorie, Methode und Metaphysik der Kunst sind, daß alle Concreta des Dichters, durch eine Operation, die ihnen mechanisch geworden ist, sich in ihrem Kopfe in Abstracta verwandeln, aus jedem individuellen Zug eine allgemeine Regel, und somit zuletzt aus einem Sendschreiben an einen hochgebornen jungen Autor, den man vor einer unglücklichen Liebhaberei warnen wollte, eine Theorie der dramatischen Dichtkunst wird. Wir haben bei allen Horazischen Briefen, deren Erläuterung uns bisher beschäftigt hat, vorausgesetzt, daß keiner derselben eigentlich fürs Publikum, sondern allemal aus irgend einer besondern Veranlassung, für eine gewisse Person, auf welche, oder deren Verhältnis mit dem Dichter, der ganze Inhalt des Briefes seine besondere Beziehung gehabt, geschrieben worden sei. Wir haben in jedem entweder offenbare Anzeigen oder wenigstens hinlängliche Spuren und Winke wahrgenommen, um diese Voraussetzung zu begründen; und man wird schwerlich leugnen können, daß, wenn auch die besondern Umstände und Absichten, die wir als eine Art von Schlüssel zum richtigern Verständnis derselben angegeben haben, der Strenge nach bei einigen für bloße Hypothese gelten könnten: gleichwohl dies allein – wenn alles Dunkle und Rätselhafte dadurch auf eine sehr befriedigende Art beleuchtet und aufgelöst würde – schon genug wäre, solchen Hypothesen so viel Wahrscheinlichkeit zu verschaffen, als man in Sachen dieser Art verlangen kann. Ich sehe nicht, warum das nämliche nicht auch bei dem Briefe an die Pisonen Statt finden sollte. Ich bin vielmehr überzeugt, daß der Schlüssel zum wahren Verständnis desselben in der besondern Absicht , warum er gerade an die Pisonen geschrieben worden, liege: und daß diese Absicht aus gewissen besondern Umständen zu erraten sei, die in dem Briefe hinlänglich angedeutet sind, wiewohl sie von den Kommentatoren keiner Aufmerksamkeit gewürdiget worden. Um dies so viel möglich ins Licht zu setzen, werden wir, unsrer Gewohnheit nach, damit anfangen müssen, uns mit den Personen, an welche Horaz diesen Diskurs gerichtet hat, etwas bekannter zu machen. Wiewohl der Brief selbst hiervon weiter nichts sagt, als daß er an Pisonen, Vater und Söhne , geschrieben sei, und außer einem Paar sehr wenig bedeutenden oder gar zweideutigen Komplimenten nichts von ihnen darin gesagt ist: so ist doch kein Zweifel, daß der Vater Piso der nämliche Lucius Calpurnius Piso war, der im Jahre 739 mit M. Livius Drusus das Konsulat verwaltete, darauf Statthalter von Pamphilien wurde, und im Jahre 743 von August, dessen Vertrauen er besaß, den Auftrag erhielt, die Unruhen zu stillen, die ein gewisser Priester des Bacchus, Vologeses , der sich einer unmittelbaren Inspiration dieses Gottes rühmte, an der Spitze eines Heers von Fanatikern in Thrazien erregt hatte Dio. L. 54. . Als Vellejus Paterculus seine römische Geschichte schrieb, d. i. über vierzig Jahre nach der Zeit, worin die Horazische Epistel geschrieben sein kann, bekleidete dieser Piso in einem schon hohen Alter die Würde eines Präfekt , oder Ober-Polizei-Meisters der Stadt Rom unter dem Tiberius , bei dem er alles galt. Vellejus versichert von ihm: jedermann werde gestehen und annehmen müssen, esse mores eius vigore ac lenitate mixtissimos, et vix quemquam reperiri posse, qui aut otium validius diligat, aut facilius sufficiat negotio, et magis, quae agenda sunt, curet sine ulla ostentatione agendi L. II. c. 98. . – Dieser Autor, in dessen Werke sich der Geist der Zeiten seines vergötterten Tiberius wie in einem Hohlspiegel abbildet, braucht gewöhnlich zu seinen Porträts eine Art von Farbenmischung, die nicht leicht zu kopieren ist; es ist also nur ein Versuch, wenn ich diese Stelle so übersetze: »es herrsche in seinen Sitten eine bewundernswürdige Mischung von Stärke und Lindigkeit, und man werde nicht leicht jemand finden, der die Muße des Privatlebens mehr liebe, und gleichwohl jedem ihm aufgetragnen Geschäft besser gewachsen sei, und, indem er alles aufs beste besorge, weniger Geräusch dabei mache, und sich weniger die Miene eines Mannes von großen Geschäften gebe.« Man sieht mitten durch die ziemlich transparenten Farben dieses Lobes ungefähr, was für ein Mann dieser L. Piso sein konnte, welcher, mit einem Namen, der ihn immer erinnern mußte, was seine Ahnen in dem freien Rom gewesen waren, Geschmeidigkeit genug hatte, sich funfzig Jahre lang in dem Vertrauen eines Augusts und sogar eines Tiberius zu erhalten. Indessen gereicht zu seiner Entschuldigung, daß er die freie Republik nie gesehen hatte; und Seneca selbst, der keinem Verstorbenen schmeichelte, gibt ihm das Lob: daß er, ungeachtet seiner unrömischen Gewohnheit, die Nächte durch zu zechen und dafür den ganzen Morgen zu verschlafen, ein sorgfältiger Polizeimeister gewesen sei, und die Stadt in sehr guter Ordnung gehalten habe Epistol. 83. . Unter den kleinen Gedichten des Antipater von Thessalonike , die sich in der Anthologie erhalten haben, befinden sich verschiedene an unsern L. Piso , aus welchen man schließen kann, daß er ein besondrer Patron dieses griechischen Dichters gewesen sei. In einem derselben, womit Antipater ein Gedicht zu Ehren seiner Siege über die Thrazier, das er ihm zuschickte, begleitet, kommt ein sehr feiner Zug vor. Die Muse, sagt er, kann bei dir nie zur Unzeit kommen: so beschäftigt du auch sein magst, so hat dein Ohr immer Muße für sie . Wer den Text selbst nachschlagen will S. Brunckii Analecta, Vol. II. p. 112 n. XIV. , wird finden, daß dies, wiewohl in weit mehr Worten, als der Grieche braucht, der Sinn seines letzten Pentameters ist. Dieser Zug, mit einem andern verbunden, womit Horaz im 366sten Verse dieser Epistel dem Geschmack des Vaters Piso ein Kompliment zu machen scheint, erklärt uns, wie ein alter Scholiast in seiner Vorstellungsart und Sprache sagen konnte: nam et ipse Piso poeta fuit, et studiorum liberalium antistes – welches ich in die Sprache der Leute, die es mit dem Sinn ihrer Worte etwas genauer nehmen, so übersetze: Piso hatte, wie damals in Rom jedermann Verse machte, sich, bei Gelegenheit, auch einige ganz artige Sachen in dieser Art entrinnen lassen; und er war überhaupt ein Freund der Literatur, und ein allgemeiner Gönner und Beschützer der Gelehrten, ungefähr wie es Mäcenas vor ihm gewesen war. Man kann die eigentliche Zeit, wann Horaz diese Epistel an die Pisonen geschrieben hat, nicht bestimmen; indessen ist eher zu vermuten, daß sie vor als nach dem Konsulat Bald nach seinem Konsulat wurde Piso Gouverneur in Pamphilien, und vom Jahre 743 bis 46, in welchem Horaz starb, beschäftigte ihn der Thrazische Krieg. des L. Piso, und also vor dem Jahre 739 geschrieben worden. Dieser edle Römer war damals noch selbst ein junger Mann, und seine Söhne nicht viel mehr als Knaben; denn das Wort Iuvenes ( patre digni ) darf uns nicht irre machen, weil es hier nicht Jünglinge, sondern Söhne bedeutet; in welcher Bedeutung iuvenis (wie die Sprachgelehrten wissen) bei den besten römischen Schriftstellern öfters vorkommt. Wenn man bedenkt, daß L. Piso, der Vater, im Jahr 783, da Vellejus seine Geschichte schrieb Dodwelli Annal. Vellei. , noch Praefectus Urbi war: so ist nicht zu vermuten, daß sein ältester Sohn im Jahr 738 die togam virilem schon getragen habe; und er befand sich also just in dem Alter, wo das Studium der schönen Wissenschaften (wie wirs nennen) die Hauptbeschäftigung junger Römer von Stand oder Erziehung war. Dies vorausgesetzt, stelle ich mir die Veranlassung zu dieser Epistel so vor. Der junge Piso zeigte im Lauf seiner Schulstudien eine besondre Liebe zur Poesie, und einen so starken Hang zum Versemachen, daß der Vater endlich unruhig darüber wurde. Man kann von einem unsäglichen Jücken für die Musenkunst geplagt werden, ohne mit einem wirklichen Talent geboren zu sein. Dies ist sehr oft der Fall bei jungen Leuten, und wars vielleicht bei dem kleinen Piso auch. Der junge Herr behandelte die Sache nicht etwa bloß als Knabenspiel, oder um die Mode mitzumachen; er machte Ernst daraus. Der Vater, ein Mann aus einem der ersten Häuser in Rom, der unter der neuen Regierung so viel immer möglich von seinem angeerbten Glanz behalten wollte, und dem es nicht anstand, seinen Sohn dem Ridicule einer zu seiner Geburt und Bestimmung so wenig passenden Leidenschaft ausgesetzt zu sehen, fand, daß es nötig sei, ihn mit guter Art davon zurückzuziehen. Die Calpurnische Familie hatte vermutlich seit ihrem ersten Ahnherrn Calpus , einem Sohn des Numa , keinen Poeten, weder guten noch schlechten, hervorgebracht: sollte sein Sohn der erste sein, der seinen Ruhm auf eine Kunst gründen wollte, worin es so schwer ist, den Besten gleich zu kommen, und worin Ansprüche ohne Talent eben so gemein als verächtlich sind? Nichts von dem schlimmen Eindruck zu sagen, den das erste schlechte Theaterstück, womit ein junger Calpurnius seinen Eintritt in die Welt gemacht hätte, im Publico zurücklassen konnte: wie nachteilig konnte eine so frivole und lächerliche Leidenschaft seinem Glücke beim Augustus sein, der aus dem jungen römischen Adel keine Dichter, sondern aufwartsame Höflinge und brauchbare Staatsdiener gezogen wissen wollte? Piso liebte zwar die Literatur; und, wenn er sie auch nicht aus Neigung geliebt hätte, so hätte er sich hierin dem allgemeinen Ton seiner Zeit gleichstellen müssen: aber er wollte darum eben so wenig, daß sein Sohn Profession davon machen sollte, als daß er ein Luftspringer würde, weil es ein Stück der Erziehung war, voltigieren zu können; und gerade weil er sich selbst, spielsweise, zuweilen mit Versemachen abgegeben hatte, war ihm so viel mehr daran gelegen, den Ruf der Poeterei in seinem Hause nicht erblich werden zu lassen. Ich glaube, daß man diese Vorstellungsart bei einem Manne in L. Pisons Umständen ganz natürlich annehmen kann; und wenn auch die Gefahr, die sein Sohn, bei der Begierde poetische Kränze zu erringen, lief, nicht so wichtig in seinen Augen gewesen wäre: so war sie es doch immer genug, um seinen Freund Horaz zu vermögen, dem jungen Menschen richtigere Begriffe von der Dichtkunst und ihren Schwierigkeiten und Gefahren beizubringen. Piso stand (wie leicht zu erachten) mit unserm Dichter auf einem zu guten Fuß, als daß ihm dieser eine Gefälligkeit, die ihm so wenig kostete, hätte abschlagen können. Ein Aufsatz, worin die vornehmsten Regeln und gleichsam die Mysterien der poetischen Kunst entfaltet wären, schien das schicklichste Mittel, die erzielte Absicht auf eine indirekte Art desto gewisser zu erhalten. Vielleicht hatte der junge Calpurnius Horazen selbst um eine solche Anweisung ersucht; und so konnte dieser, unter dem Schein, als ob er ihn zum Dichter bilden wolle, den ganzen Diskurs darauf anlegen, ihn (ohne Miene zu machen, als ob dies seine wahre Absicht sei) davon abzuschrecken. Die Horazische Manier in seinen Sermonen und Episteln zu philosophieren, taugte hierzu ganz besonders. Die Freiheit, ohne Methode, sich bloß von seinen Gedanken führen zu lassen, die dieser Art von Komposition eigen ist, erlaubte ihm alle die kleinen Episoden und Abschweifungen, auf die ihn seine eigne Laune bringen mochte; seine Hauptabsicht fiel desto weniger in die Augen, und er konnte seinen Diskurs auch für andre Leser, als für die, an die er unmittelbar gerichtet war, interessant machen. Hauptsächlich aber gewann er dadurch eine neue, (wie es scheint) immer willkommne Gelegenheit, den Dichterlingen, von denen es um ihn her wimmelte, ihre Wahrheiten zu sagen, und sie, mit aller kaltblütigen lachenden Verachtung, deren sie so würdig waren, fühlen zu lassen, daß sie von der Kunst, die sie sich zu treiben unterstanden, nicht einmal die ersten Elemente begriffen hätten. Nimmt man diese Hypothese, über die Entstehung und die Absicht der Epistel an die Pisonen, an; so wird, deucht mich, alles darin hell, verständig und zweckmäßig; und diese sogenannte Horazische Ars poetica , welche, sobald man will, daß sie ein Kompendium der Dichtkunst sein soll, ein übel zusammenhängendes, flüchtiges, mit Nebensachen und Radotage angefülltes Sudelwerk wird; – wird, sobald man sie für das nimmt, was sie, dieser Absicht nach, sein sollte, nämlich für eine poetische Epistel, worin er den jungen Piso, vermöge einer mit seinem Vater genommenen Abrede, unter dem Vorwand, ihm die Geheimnisse der poetischen Kunst aufzuschließen, von seiner Liebe zur Ausübung dieser Kunst abziehen will, – ein Horazens würdiges Werk, und verdient unter seinen Sermonen die erste Stelle. Nimmt man diese Absicht an, so begreift sich, warum er in seinen Regeln nicht vollständiger ist? – Er wollte keine Poetik schreiben. Warum er nicht mehr Methode in seinen Plan gebracht? – Er schrieb einen Brief , und hatte keinen andern Plan, als seinen Hauptzweck, den er nie aus den Augen verliert. Warum seine meisten Vorschriften in Warnungen vor Fehlern bestehen? – Der junge Piso bedurfte ihrer am meisten. Warum diejenigen Stellen, in welchen wirklich die Mysterien der poetischen Kunst eingehüllt liegen, nur den Adepten verständlich sind, und warum bis auf den heutigen Tag noch kein Pfuscher aus dieser Epistel etwas gelernt hat? – Horaz dachte an nichts weniger, als den jungen Piso zu einem Dichter machen zu wollen Warum endlich die Sarkasmen über die elenden Dichter seiner Zeit, die Warnungen vor den verführerischen Reizen der Musen, die Gefahren des poetischen Selbstbetrugs, die strengen und einem angehenden Poetaster ganz unerträglichen Bedingungen, die er dem jungen Piso auferlegt, und die bis auf die Knochen brennende Lauge, womit er die wahnsinnigen Dichter (wie er die elenden nennt) ohne Gnade übergießt, – warum alles dies beinahe die Hälfte des ganzen Diskurses ausmacht? – Es war das, was er mit dem ganzen Diskurs wollte. Ich habe meine Meinung von dem Zweck dieser Epistel eine Hypothese genannt, und dadurch jedermann berechtigt, sie, wenn er will, für nichts mehr zu halten. Ich glaube aber, wenn man sich die kleine Mühe nicht dauern lassen wollte, unserm Dichter in seinem schlendernden Gang durch dieses Stück von Anfang bis Ende mit besonderer Aufmerksamkeit nachzuschleichen; so würde man vielleicht finden, daß sie wirklich wahr ist, und man könnte sich bis zur Evidenz überzeugen, daß er gleich von Anfang an darauf ausgeht, um zuletzt dahin zu kommen, wo er aufhört. Vielleicht ist es dem Leser angenehmer, diesen kleinen Spaziergang mit einem, der Horazen schon so lange nachschleicht, als allein zu machen. In einem Werke, wo man eine Absicht hat, die bloß dadurch erreicht werden kann, wenn sie nicht angekündigt wird, ist es am besten, gar nichts anzukündigen. Horaz fängt also seinen Diskurs ohne allen Eingang, aber mittelst einer zu Erregung der Aufmerksamkeit des junge Piso sehr geschickten Wendung – in der Sokratischen Manier – damit an, den wesentlichsten Fehler, den ein Gedicht (und jedes andre Werk der Kunst) haben kann, in seiner ganzen Ungereimtheit darzustellen: und dies ist gerade der Fehler, womit alle Dichter ohne Genie und wahres Talent unheilbar behaftet sind. Sie können kein Ganzes machen . – Sie fangen anders an und hören anders auf; ihr Werk ist aus übel zusammenpassenden Teilen zusammengeleimt; anstatt, wie die schöne Menschengestalt, dem Auge beim Überblick einer Form darzustellen, an welcher die Einheit des Ganzen desto angenehmer frappiert, je mehr man die einzelnen Teile in ihrer Verbindung und gegenseitigem Verhältnisse betrachtet. Die Einwendung, die er sich machen läßt: »wie? Ist denn etwa Poeten und Malern nicht immer erlaubt gewesen, alles zu wagen ?« – konnte er nur von einem solchen Neuling, wie der junge Piso (nach unsrer Voraussetzung) war, erwarten: und er beantwortet sie ihm durch ein Bild, das die Wahrheit seiner Regel zwar sehr sinnlich macht, aber, weil die Anwendung lediglich von dem richtigen Urteil und feinen Gefühl des Dichters abhängt, ihm doch zu nichts helfen konnte. Horaz fährt ( v. 26. der D. Übers.) fort, die Fehler, die am gewöhnlichsten gegen die Regel der Einheit begangen werden, in einem sanften komischen Lichte sichtbar zu machen. Junge Leute tun sich gemeiniglich viel auf schöne Beschreibungen, Landschaftsgemälde u. dergl. zugut; sie malen immer, wo nur die kleinste Gelegenheit dazu aufstößt. Ob das Gemälde sich an diesen Ort schickt? ob es nicht zweckwidrig ist, den Leser dabei aufzuhalten? ob es nicht einem andern Gegenstande, der gerade hier stehen mußte, im Lichte steht? u.s.w., bekümmert sie nicht; und so kommt dann zuletzt ein Werk heraus, wo, wie in einem Fiebertraume, nichts zusammengehört: ein schöner Mädchenkopf steht auf einem Pferdehals; die schöne Zypresse ist die Hauptfigur auf dem Gemälde, wo der arme Schiffbrüchige unser Mitleid erregen soll; und der Meister, der eine große Vase zu drehen anfing, bringt am Ende einen Küchentopf hervor. Ein andres Übel, welchem junge Dichter, wenn ihnen der warnende Genius fehlt Der berühmte Genius des Sokrates sagte ihm immer nur, was er nicht tun sollte . , der immer das wahre Talent leitet, selten entgehen, ist dieses: daß sie, um einen Fehler zu vermeiden, in den entgegengesetzten zu fallen pflegen ( v. 45. f. ) Um nicht hart zu sein, werden sie weichlich; um nicht zu kriechen, fahren sie in Wolken herum, wenn sie mit einem edeln gleichen Schritt auf ebnem Boden fortgehen sollten; sie rasen, um erhaben zu sein, und sagen Unsinn, weil sie was Neues sagen möchten. Dieser hat wahrgenommen, daß gewisse Vorstellungen, gewisse Züge eine große Wirkung tun, und nun glaubt er, um eine immer größere Wirkung zu tun, brauche er nichts, als die Dosis zu duplieren, triplieren u.s.w. Ein andrer hat gemerkt, daß ein paar kleine Umstände einem Gemälde Wahrheit und Leben geben, und glaubt nun, nie zu viel Detail in seine Schilderungen bringen zu können, u. s. w. Die große Quelle aller dieser Fehler ist der Mangel an einer richtigen Vorstellungsart, und an einer Urteilskraft, die beim Dichter (wie bei jedem andern Virtuosen) so schnell und sicher als der schärfste Sinn wirken muß. Man kann einem Menschen wohl sagen, daß es ihm an diesem Sinn fehle : aber wer kann ihm einen Sinn geben , den ihm die Natur versagt hat? Wie Kinder aus Unwissenheit verwegen sind, so traut sich mancher aus Kindheit des Geistes mehr zu, als er ausführen kann. Daher vermahnt Horaz ( v. 72. ) diejenigen, welche etwas schreiben wollen, vor allen Dingen ihre Kräfte wohl zu prüfen; und will, daß man sich an keinen Gegenstand wage, den man nicht genau kennt, von allen Seiten betrachtet, und so durchgedacht hat, daß man sich selbst auf alle nur mögliche Fragen antworten kann. Wie kann ein junger Mensch, der weder, was ihn umgibt, noch sich selbst kennt, und dem nur aus Unverstand alles in der Welt so klar und leicht vorkommt, wie kann er jemals gewiß sein, daß er seinen Kräften nicht zu viel zutraue, und in der Wahl des Gegenstandes, den er bearbeiten will, sich nicht vergriffen habe? Aber wenn er dessen auch gewiß wäre, so ists damit noch lange nicht getan. Eben der richtige Verstand, eben die scharfe Beurteilung, die ihn in der Wahl und Anordnung seines Stoffs leiten muß, damit das Werk erst in seiner eigne Seele ganz und lebendig dastehe, welches er dann mit Hülfe der Sprache auch in die Seele seines Lesers oder Zuhörers drücken will – eben dieser Verstand muß ihn auch im Gebrauch der Sprache, in der Wahl, Stellung und Verbindung der Wörter leiten ( v. 87. u. f ). Horaz überläßt sich hier der ersten Gelegenheit zu einer kleinen Abschweifung, wobei er mehr sein römisches Publikum als die Pisonen im Auge gehabt zu haben scheint. Er rechtfertigt den klugen und bescheidnen Gebrauch veralteter , die Veredlung niedriger , und die Erschaffung neuer Wörter u.s.w. und schließt mit einer Betrachtung, die einen Schriftsteller, der bei der Nachwelt fortzuleben wünscht, nicht aufmerksam genug auf seine Sprache machen kann, und, wenn er darin auch den höchsten Grad der Korrektheit erreicht hätte, ihm doch den Wunsch abnötigen muß, daß die Sprache, worin er geschrieben, ihn nicht lange überleben möge. Wäre die lateinische Sprache bis auf diesen Tag die Sprache Italiens geblieben: so würden Virgil und Horaz den Italienern vermutlich jetzt nicht verständlicher sein, als uns die Dichter aus Kaiser Heinrichs VI. Zeiten sind. Nächst der Sprache pflegen junge und alte Dichterlinge in nichts nachlässiger zu sein, als in der Versifikation. Gerade was das Schwerste in der poetischen Kunst ist, scheint ihnen das Leichteste und Unerheblichste zu sein. Sie haben entweder gar kein Ohr für die mannigfaltigen Schönheiten, die durch die Bildung der Perioden, den Rhythmus, und die Wahl der Wörter mit Rücksicht auf Wohlklang und Harmonie der Töne mit dem, was sie ausdrücken sollen, entspringen: oder wenn sie recht viel zu tun glauben, so bemühen sie sich, ihre Verse fließend und wohlklingend zu machen, und lassen sich nichts davon träumen, daß auch die Versifikation ihre verschiedenen Tonarten hat, die den verschiedenen Stimmungen und Bewegungen der Seele entsprechen; – daß ein ernstvoller und schauerlicher Inhalt in leichten sanftfließenden Versen, oder eine traurige Wehklage in hüpfenden Daktylen den widrigsten Effekt macht – daß in allem diesem unzählige Fehler begangen und unzählige Schönheiten gewonnen werden können, und also unzählige Regeln zu beobachten sind, – und daß es oft nur ein Wort, ja nur ein einzelner Klang, ein A oder I ist, was die Musik einer ganzen Stelle verderbt. Die Unwissenheit geht bei vielen so weit, daß sie nicht einmal eine Vermutung davon haben, es könnte wohl in den verschiedenen Versarten eine besondere Beziehung auf den verschiedenen Inhalt und Ton eines Gedichts liegen; und es ist noch nicht lange, daß mir ein Lehrgedicht von 7 bis 8 Büchern, in der Versart der Hallerischen Ode: Freund, die Tugend ist kein leerer Name , zu Gesicht gekommen ist. Horaz berührt diese Materie, von V. 134 –158, nur obenhin; und da es ihm mehr darum zu tun ist, ungeschickte und abgeschmackte Poeten lächerlich zu machen, als gute zu bilden: so beschließt er die wenigen allgemeinen Regeln, die er über so wichtige Punkte, als Ausdruck, Stil und Versifikation sind, gegeben hat, mit der positiven Erklärung: daß niemand an den Namen eines Dichters Anspruch machen könne, der in der Kunst , womit diese drei Stücke behandelt sein wollen, nicht Meister sei: und – indem er also die meisten Poeten seiner und der vorhergehenden Zeit (deren Nachlässigkeit in diesen Teilen der Kunst er so oft in seinen Werken rügt) geradezu für Pfuscher erklärt, bringt er den jungen Piso – den vielleicht die wenige Schwierigkeit, solche Verse zu machen, wie jedermann machte, verführt hatte, sich auch etwas zuzutrauen – auf die Reflexion: daß es doch wohl eine schwerere Sache um die Dichterkunst sein müsse; als er sich eingebildet. In allem diesem war bisher noch mit keinem Worte die Rede von der dramatischen Dichtkunst. Aber, da die Schaubühne doch der vornehmste Tummelplatz derjenigen römischen Poeten war, gegen welche die Sarkasmen unsers Autors hauptsächlich gerichtet sind; und da (in unsrer Hypothese) auch der junge Piso vermutlich Anstalten machte, oder wenigstens große Lust zeigte, auf diesem Kampfplatze Siegeskränze zu erobern: so lenkt Horaz allmählich auf diese Seite, und spricht ( v. 165 –241) von einigen der wesentlichsten Regeln der dramatischen Dichtart, und von einigen der gröbsten und gewöhnlichsten Fehler, deren sich die Dichter, die damals im Besitze derselben waren, schuldig machten. Denn, wiewohl die Zeit alle ihre Werke längst verschlungen hat, und wir also die Anspielungen auf damals bekannte Werke, wovon man häufige Spuren in diesem Gedichte wahrzunehmen glauben kann, für uns verloren gehen: so ist doch aus der Art, wie er im Vortrag seiner Erinnerungen zu Werke geht, sicher zu schließen: daß es ihm in allem, was er von der Schaubühne sagt, weniger darum zu tun war, dem jungen Piso zu zeigen, wie er selbst gute Stücke machen könnte, als ihn von den Werken dieser Art, deren (wie jetzt unter uns) beinahe jeder Tag neue hervorbrachte, richtiger urteilen zu lehren. Der Gang unsers Autors in diesem Diskurse hat (wie wir schon angemerkt haben) das Ansehen eines Spaziergangs, wobei man nichts anders beabsichtigt, als zu gehen; wo ein kleiner Abweg nichts zu bedeuten hat, und man bald bei einer schönen Aussicht stille steht, bald seitwärts ablenkt, um eine Blume zu pflücken oder der Kühlung eines schattenreichen Baumes zu genießen; wo immer der nächste Gegenstand, der in die Augen fällt, das Gespräch fortführt, und man doch am Ende, ohne zu wissen wie, sich auf einmal da befindet, wohin man wollte. Er verweilt bei keiner Materie lange genug, um die Wißbegierde zu befriedigen; bestimmt selten eine Regel genau genug, um ihre Anwendung für einen Schüler der Kunst leicht und sicher zu machen; kommt alle Augenblicke vom Besondern wieder aufs Allgemeine, und von der Schaubühne auf die Poesie überhaupt; übersieht aber, bei dem allem, keine Gelegenheit, den elenden Skribenten im Vorbeigehen etwas abzugeben. Auf diese Weise verfährt er von V. 165 bis zum 285sten, wo es endlich scheint, als ob es ihm Ernst werden wolle, seinen Schüler in die Geheimnisse der dramatischen Kunst einzuführen. Er berührt auch wirklich, besonders vom 337. –354. V., einige wichtige Punkte; aber, außer der schönen Skizze der vier Alter des Menschen ( v. 294 bis 329), springt er bald wieder über alles weg, was einen Platz in einer Anweisung zur dramatischen Kunst (wenn es ihm darum zu tun gewesen wäre) verdient hatte, um sich bei den Pflichten des Chors zu verweilen, die den Römern aus den Tragödien der Griechen bekannt genug sein konnten; und nun verirrt er sich, aus Veranlassung des Chors, in eine Art von historisch-philosophierender Deduktion der Ursachen, wie und warum der Chor nach und nach das geworden sei, wozu ihn Äschylus gemacht; und wie aus dem Chor der ältesten Tragödien oder Bockgesänge das Satyrenspiel entstanden sei. Es würde, wenn Horaz eine Dichtkunst hätte schreiben wollen, unbegreiflich sein, daß er sich bei einer so unbedeutenden Art von kleinen Stücken länger verweilt, als bei der Tragödie und Komödie: aber ein Autor, der sich zu nichts anheischig gemacht hat, kann zu keiner Rechenschaft gezogen werden; und da er ein gewisses Ideal, wie dergleichen Satyri geschrieben sein sollten, im Kopfe hatte, so überläßt er sich eine Weile dem Gedanken, wie er selbst dabei zu Werke gehen würde, mit einem gewissen Wohlgefallen, worüber er zu vergessen scheint, daß er – nicht allein ist. Was er bei dieser Gelegenheit von der eignen Sprache , die er sich zu dieser Art von Kompositionen bilden wollte, sagt, ist vortrefflich, und kann einem Dichter, qui nasum habet , für gewisse komische Dichtarten brauchbare Winke geben; auch ist sehr zu bedauern, daß Horaz es bei der bloßen Vorstellung, was er in dieser Art hätte leisten können , bewenden lassen. – Aber was konnte es am Ende dem jungen Piso helfen, ihm von einer Dichtart zu sprechen, worin Horaz sich etwas zu leisten getraute, das alle Nachahmer zur Verzweiflung bringen sollte? Unser Autor spielt so lange mit dieser Idee, daß er darüber wärmer wird, als wir ihn bisher gesehen haben; seine Laune nimmt zu, und es geht nun, fast ununterbrochen, mit einer sehr unterhaltenden Lebhaftigkeit über die schlechten Dichter her. Die freundschaftliche Warnung, die er ihnen ( v. 466 –481) in Betreff des Tons ihrer Satyrenspiele gibt, ist einer der schärfsten Hiebe, den die Satyrische Geißel je geführt hat; ich zweifle, ob es möglich wäre, den armen Teufeln in einem bittrer lachenden und verächtlichern Ton ihren Jammer vorzurücken, als in den sieben letzten Versen dieser Stelle geschieht. In dieser Laune kommt er unversehens auf die Versifikation zurück, wo er die Bosheit so weit treibt, den Herren Confratribus zu erklären, was ein Jambus sei (denn den jungen Pisonen hatte es doch wohl ihr Präzeptor gesagt), und, mit einem gewissen Unwillen über die Parteilichkeit der Römer gegen ihre ältern Dichter, ihnen überhaupt den Mangel eines für schöne Verse empfindlichen Ohres vorwirft, und ihre Nachsicht gegen den Abscheu ihrer Dichter vor der Feile und dem Ausstreichen für die vornehmste Ursache erklärt, warum sie – wiewohl ewige Nachahmer der Griechen – doch beinahe in allen Fächern der poetischen Kunst, besonders im dramatischen, so weit hinter ihren Vorbildern zurückblieben. Korrektheit ist, seiner Meinung nach, das wahre Sublime und die Vollkommenheit der Kunst, und er beschwört gleichsam die jungen Pisonen bei dem Glanz ihres Hauses ( Vos, o Pompilius sanguis ), kein poetisches Werk gelten zu lassen, das nicht durch unermüdeten Fleiß zur höchsten Politur, und zu einer ganz tadellosen Schönheit gebracht worden sei. Die Römer, meint er, legten zu viel Wert auf die bloßen Naturfähigkeiten , und zu wenig auf die Kunst ; ein Gedicht könne ohne die letztere so wenig bestehen, als ohne die erstern; und was die Griechen so vortrefflich mache, sei: daß Genie, und Feuer in der Komposition, und Fleiß in der Ausarbeitung, bei ihnen immer vereinigt gefunden werde. Diese ganze Stelle, vom 587. Verse bis zum 685., enthält die vortrefflichsten Vorschriften und Reflexionen über die Bildung des Dichters, über die ernsthaften Studien, die er zu machen habe, und wie viel dazu gehöre, ein Werk zu erschaffen, das seinen Urheber überlebe: aber alles ist so unordentlich durcheinander geworfen, daß die Freiheit und angenehme Nachlässigkeit des Briefstils nicht mehr zureichen will, den Dichter zu entschuldigen; und daß man beinahe auf den Gedanken kommen muß: er habe diese Unordnung mit Fleiß affektiert, um den jungen Piso durch die Menge und das Unzusammenhängende seiner Vorschriften zu verwirren, und das Gefühl der Schwierigkeit der poetischen Kunst selbst durch die Art seines Vortrags zu verdoppeln. Man könnte diese Vermutung, so seltsam sie klingt, um so glaublicher finden, weil bei aller dieser nicht bloß anscheinenden , sondern sehr reellen, und in einem eigentlichen didaktischen Gedichte unausstehlichen Unordnung, gleichwohl hier und da sehr deutliche Spuren eines gewissen feinen manège , und eines immer auf seinen Hauptzweck gerichteten Blicks, wahrzunehmen sind. Hätte er diesen Zweck gleich von Anfang, und überhaupt auf eine zu stark in die Augen fallende Art, merken lassen: so konnte er gewiß sein, daß er ihn verfehlen würde. Aber Horaz griff die Sache feiner an. Er bietet sich dem jungen Menschen, der vor Begierde den Musenberg zu ersteigen brannte, mit der gutherzigsten Miene zum Ratgeber und Wegweiser an. Er führt ihn einen Weg, dessen Länge und Beschwerlichkeit den Kühnsten stutzig machen könnte. Der junge Dichterling erschrickt; er hatte sich den Weg so kurz, so angenehm vorgestellt, sich von allen diesen Schwierigkeiten nichts träumen lassen. Er wird auf halbem Wege müde. Sein Wegweiser spricht ihm Mut ein, läßt ihn ein wenig ausruhen, bringt ihn unvermerkt an eine Stelle, wo sich das Ziel seiner Wünsche in der schönsten Beleuchtung darstellt, und ganz nahe zu sein scheint. Sie nehmen einen neuen Anlauf; aber der Weg wird immer länger, immer mühsamer; der schöne Tempel, der ihnen von Zeit zu Zeit in die Augen schimmerte, entfernt sich immer weiter: und der Führer, indem er den unmutigen Jüngling immer bei der Hand fortzieht, hat noch die Bosheit, ihn von den Gefahren zu unterhalten, denen sie ohne ein besonderes Glück vielleicht nicht entgehen werden; spricht ihm von den Sümpfen, in denen man sich leicht verlieren könnte, von den steilen Höhen, die noch zu ersteigen sind, von der Schande und dem Schaden, den sich dieser und jener, dem die nämliche Unternehmung mißlungen, zugezogen – und verläßt ihn endlich mitten in einem Walde, mit der Versicherung; daß es nun bei ihm stehe, ob er die Reise allein fortsetzen, oder (was am Ende doch wohl das Sicherste wäre) von seinem Vorhaben lieber gar abstehen wolle. – Dies ist ungefähr die Art, wie Horaz in diesem Briefe mit dem jungen Piso, dem er den Weg zum Pindus zeigen soll, verfährt. Von Zeit zu Zeit, wenn er ihn durch die Größe und Schwierigkeit seiner Forderungen niedergeschlagen sieht, scheint er ihm wieder Mut zu machen; spricht von der Regel der fünf Akten , die der elendeste Stümper so gut beobachten kann als ein Äschylus, als von einer Sache von der ersten Wichtigkeit – lehrt ihn trimetrische Jamben machen – spricht von Fehlern, die einem Dichter zu verzeihen sind, und daß man von der armen menschlichen Natur am Ende doch keine Vollkommenheit fodern könne, u. dergl. – und endigt endlich damit, ihn mit vieler Zeremonie auf die Seite zu nehmen, und unter der Versicherung, daß er ihm jetzt was sehr Wichtiges sagen wolle, überlaut ins Ohr zu sagen: es sei nichts Detestablers, als – ein mittelmäßiger Poet zu sein. Von dieser Stelle ( v. 685 ) fängt sich Horazens wahre Absicht bei seinem ganzen Diskurs über Dichtkunst und Dichter so hell aufzuklären an, daß man nur fortzulesen braucht, um sich selber ganz davon gewiß zu machen. Nach allem, was er bisher getan hatte, um seinen jungen Freund von den Schwierigkeiten der Musenkunst zu überzeugen, blieb diesem noch ein Weg übrig, sich selbst darüber Illusion zu machen . »Gut, konnt' er denken; dem mag freilich so sein; aber hab' ich denn auch nötig, gerade ein großer Meister in der Kunst zu sein? Ich mache Verse für mein Vergnügen. Zwanzig andre meines gleichen haben Tragödien und Komödien, Elegien und Jamben gemacht, ohne daß sie darum Anspruch an die Obermeisterschaft auf dem Parnaß machen wollten. Wenn nun auch meine Verse nicht die ausgefeiltesten sind! Genie ist doch immer mehr als Kunst. – Und dann nimmts auch nicht jedermann so scharf wie Horaz. Die Freunde, denen ich meine Versuche vorgelesen habe, sind doch sehr damit zufrieden gewesen. Ich habe die Wirkung mit Augen gesehen, die diese oder jene Stelle auf sie machte – u.s.w.« – Alle diese Polster, worauf der gute Piso sein beunruhigtes poetisches Gewissen ganz sanft wieder hätte einschläfern können, zieht ihm nun Horaz eines nach dem andern sachte unter dem Kopfe weg. Gegen die Urbanität , womit er dabei zu Werke geht, ist nicht ein Wort einzuwenden. Er beweist ihm sogar in einer schönen Deduktion ( v. 731 –72), daß er über seine Liebe zu den Musen auf keine Weise zu erröten brauche: aber genug, daß er ihm auch nicht die mindeste Möglichkeit übrig läßt, durch irgend ein Schlupfloch zu entrinnen. Nicht das kleinste Gelegenheitsgedichtchen wird ihm gestattet. Man hat eine zu große Meinung von seinem Verstande, als daß er jemals die Schwachheit sollte begehen können, die verächtliche Schar der mittelmäßigen Poeten vermehren zu wollen. Wenn er aber jemals etwas schreiben sollte: so wird ihm geraten, sich ja vor den treulosen Freunden zu hüten, woran es den Dichtern, die an Renten reich sind , nicht fehlen könne! Er soll die strengsten Richter zu Rate ziehen, und seine Arbeit neun Jahre in seinen Pult verschließen, um das unschätzbare Recht, wieder auszulöschen , ja nicht zu früh aus den Händen zu lassen. Mich deucht, wenn man nur einen Augenblick überlegt, wie angelegen sichs Horaz sein läßt, seinen jungen Freund vor den gefälligen Herren zu warnen, die mit ihrem pulchre! bene! recte! so freigebig sind; wie sehr er ihm die unbarmherzigste Kritik empfiehlt; wie oft er immer mit neuen Wendungen, mit neuen Beweggründen auf den Punkt des Ausstreichens zurückkommt: so muß man mit Händen greifen, daß er Ursache zu haben glaubte, ein großes Mißtrauen in seine Fähigkeiten zu setzen. So ängstlich warnt man niemand, von dessen Talente man sich jemals etwas Gutes verspricht. Auch gibt Horaz, im Lauf des ganzen Stücks, nicht ein einzigmal nur mit einem Worte zu verstehen, daß er sich etwas von dem jungen Piso verspreche. Er sieht nichts für ihn als die Gefahr zu Schanden zu werden ; und, um ihm von dieser Schande einen tiefen Eindruck zu lassen, geht er noch, zum Schlusse, so lieblos mit den elenden Poeten um, daß der junge Piso schlechterdings zu den unheilbaren gehört haben müßte, wenn er, nach Lesung einer solchen Manuduktion zur poetischen Kunst , noch die mindeste Lust behalten hätte, an eine Stelle auf dem Helikon Anspruch zu machen. Möchte doch auch diese Übersetzung, oder, um ihr ihren rechten Namen zu geben, diese Paraphrase so glücklich sein, die nämliche Wirkung bei allen seines gleichen unter uns hervorzubringen! Immer wäre dies der größte Nutzen, den der Brief an die Pisonen schaffen könnte. Horaz zielte schwerlich einen andern ab. Seine Art, mit dem jungen Piso zu verfahren, ist die einzige, wie mit jedem angehenden Dichter verfahren werden sollte. Läßt er sich dadurch niederschlagen, desto besser! Fährt er demungeachtet fort, so ist es ein unfehlbares Zeichen, daß er – entweder zum Dichter – oder zum Narren geboren ist. Wofern ein Maler einen Venuskopf auf einen Pferdhals setzte, schmückte drauf den Leib mit Gliedern von verschiednen Tieren und bunten Federn aus, und ließe (um \<5\> aus allen Elementen etwas anzubringen) das schöne Weib von oben – sich zuletzt in einen grausenhaften Fisch verlieren, sich schmeichelnd, nun ein wundervolles Werk euch aufgestellt zu haben: Freunde, würdet ihr \<10\> bei diesem Anblick wohl das Lachen halten? Und gleichwohl werden Werke dieser Art in einem andern Fach uns oft genug zur Schau gebracht. Denn, glaubet mir, Pisonen , ein Dichterwerk, von schlechtverbundenen \<15\> Ideen, die, wie Fieberträume, durch- einander schwärmen, so daß weder Kopf noch Fuß zusammenpaßt – und eine Malerei von jenem Schlag, sind trefflich einerlei. »Wie? Ist den Malern und Poeten nicht     Humano capiti cervicem pictor equinam iungere si velit variasque inducere plumas, undique collatis membris, ut turpiter atrum desinat in piscem mulier formosa superne, \<5\> spectatum admissi risum teneatis amici? Credite, Pisones, isti tabulae fore librum persimilem, cuius, velut aegri somnia, vanae fingentur species, ut nec pes, nec caput uni reddatur formae. – »Pictoribus atque poetis \<10\> quidlibet audendi semper fuit aequa potestas.« \<20\> von jeher freigestanden, alles, was sie wollen, zu wagen?« – Freilich! auch wir machen Anspruch an diese Freiheit, und verlangen, keinem sie abzustreiten. Nur nicht, daß man paare, was unverträglich ist, nicht Schlang' und Vogel, \<25\> nicht Lamm und Tiger in einander menge! Wie häufig sehn wir einem ernsten, viel- versprechenden Gedichte hier und da wie einen Purpurstreifen angeflickt, der weithin glänzen soll? Da wird ein Hain \<30\> Dianens, nebst Altar, ein Silberbach, der schlängelnd seine Flut durch anmutsvolle Gefilde wälzt, ein schöner Regenbogen, und Vater Rhein auf seiner Urne liegend, gar prächtig hingepinselt; nur daß hier \<35\> der Ort dazu nicht war! – Der Maler ist vielleicht im Baumschlag stark, kann eine hübsche Zypresse malen; aber auf dem Täfelchen, worauf ein armer Mann, der Schiffbruch litt, halbtot ans Ufer treibend, für sein Geld \<40\> sich malen läßt, was hilft dein schöner Baum Personen, die aus einem Schiffbruch ihr Leben davon gebracht hatten, pflegten ein Täfelchen, worauf ihr erlittenes Unglück gemalt war, in den Tempel des Neptuns zu stiften; oder auch wohl mit einem solchen Gemälde an der Schulter herumzugehen, um milde Herzen zu tätigem Mitleiden zu bewegen. Ein alter Scholiast sagt: Horaz spiele hier an das griechische Sprichwort an: μή τι καὶ κυπαρίσσου θέλεις; wozu ein griechischer Maler Gelegenheit gegeben, der sich besonders darauf gelegt hatte, schöne Zypressenbäume zu malen, und da einstmal ein armer Schiffbrüchiger ein Täfelchen zu besagtem Gebrauch bei ihm bestellte, fragte: soll ich dir nicht auch ein Zypresse dazu malen? ? Du fingest eine prächt'ge Vase an Scimus, et hanc veniam petimusque damusque vicissim: sed non ut placidis coeant immitia, non ut serpentes avibus geminentur, tigribus agni. Inceptis gravibus plerumque et magna professis \<15\> purpureus, late qui splendeat, unus et alter assuitur pannus, cum lucus et ara Dianae, et properantis aquae per amoenos ambitus agros, et flumen Rhenum, aut pluvius describitur arcus; sed nunc non erat his locus! Et fortasse cupressum \<20\> scis simulare: quid hoc, si fractis enatat exspes navibus, aere dato qui pingitur? Amphora coepit zu drehn, und da die Scheibe abläuft, kommt ein halber Topf heraus Der Ausdruck: amphora urceus exit , ist hier so viel als desinit in urceum . Daß es dies sei, was Horaz sagen wollte, hätte der ganze Zusammenhang den Auslegern und Übersetzern zeigen können. ! – Kurz, mache was du willst, nur, was du machst, sei mindstens Eins und Ganz ! \<45\> Wir andern Dichter, meine edeln Freunde, wir fehlen meistens nur vom Schein des Guten getäuscht, und oft wenn wirs am besten meinen. Man gibt sich Mühe kurz zu sein, und wird darüber dunkel ; oder nervenlos , \<50\> indem man leichte Dinge leicht behandeln will. Ein andrer strebt nach Größe auf, und schwillt ; dafür kriecht jener dort, aus Furcht des Sturms, der in der Höhe weht, am Boden hin; und dieser, um recht unerhört zu sagen, \<55\> was nur auf eine Art sich sagen läßt, malt euch Delphinen in den Busch, und läßt die Nereid' auf einem Eber schwimmen Dies ist, denke ich, der Sinn dieser, von den französischen Übersetzern gänzlich verfehlten, zwei Verse unsers Autors. Er tadelt nämlich die Dichterlinge, die aus eitler Sucht, sich über das Gemeine zu erheben, und immer neu zu sein, auch da, wo die Natur der Sache nur eine Art der Darstellung, nämlich die natürliche , und nur eine Bezeichnung, nämlich die gewöhnliche , zuläßt, was Neues, nie Gesagtes zu Markte bringen wollen, und sich darüber ins Abenteuerliche und Ungereimte verirren. Der wilde Eber gehört in den Wald, der Delphin ins Meer; dabei muß es bleiben. Jemanden mit der Nase sehen , mit den Augen hören , mit den Ohren riechen lassen, ist freilich neu ; aber es ist Unsinn . . institui, currente rota cur urceus exit? Denique sit quodvis simplex dumtaxat et unum. Maxima pars vatum, pater et iuvenes patre digni, \<25\> decipimur specie recti: brevis esse laboro, obscurus fio; sectantem levia nervi deficiunt animique; professus grandia turget; serpit humi tutus nimium, timidusque procellae; qui variare cupit rem prodigialiter unam, Die Furcht zu fehlen wird die reichste Quelle von Fehlern, wenn sie nicht vom Kunstgefühl \<60\> geleitet wird. Der letzte unter allen den Meistern, die wir am Ämilschen Fechtplatz arbeiten sehen, drückt an seinem Bilde aufs fleißigste sogar die Nägel aus, ahmt weicher Locken sanftes Wallen bis \<65\> zum Wunder nach, und ist und bleibt doch stets der letzte , weil er alles – nur, zum Unglück nichts Ganzes machen kann. Für meinen Teil, ich wollte gleich so lieb, bei schwarzem Haar und schönen schwarzen Augen, mich der Welt \<70\> mit einer krummen Nase zeigen, als der Dichter sein, der diesem Künstler gliche. Ihr, die ihr schreiben wollt, vor allen Dingen, wählt einen Stoff, dem ihr gewachsen seid Eine vortreffliche Regel für den Lehrling, der einen Genius hat, der ihn die Regel verstehen und anwenden lehrt! aber unbrauchbar für jeden andern. Und so ists mit allen Regeln. , \<30\> delphinum silvis appingit, fluctibus aprum. In vitium ducit culpae fuga, si caret arte. Aemilium circa ludum faber imus et ungues exprimet, et molles imitabitur aere capillos, infelix operis summa, quia ponere totum \<35\> nesciet: hunc ego me, siquid componere curem, non magis esse velim, quam pravo vivere naso spectandum nigris oculis nigroque capillo. Sumite materiam vestris qui scribitis aequam und wäget wohl vorher, was eure Schultern \<75 \> vermögen oder nicht, eh' ihr die Last zu tragen übernehmt. Wer seinen Stoff so wählte, dem wirds an Gedanken und Klarheit nie, auch nie an Ordnung fehlen; und unter manchem Vorteil, der durch Ordnung \<80\> gewonnen wird, ist sicher keiner von den kleinsten: daß man immer wisse, was zu sagen ist, doch vieles, was sich auch noch sagen ließe, jetzt zurückbehalte, und für den Platz, wo man's bedarf, verspare. \<85\> Auch Sprach' und Versebau und Rhythmus sei Ich habe den Horaz hier , um des Zusammenhangs willen, ein paar Worte mehr sagen lassen, als er ausdrücklich sagt: aber um in das Ganze Zusammenhang zu bringen, müßte man ein neues Werk daraus machen. dem wohl empfohlen, der ein echtes Werk zu schaffen wünscht. Er kann nicht leicht zu viel Bescheidenheit und Vorsicht in der Wahl der Wörter zeigen. Öfters wird ein Vers viribus, et versate diu quid ferre recusent, \<40\> quid valeant humeri: cui lecta potenter erit res, nec facundia deseret hunc, nec lucidus ordo. Ordinis haec virtus erit et venus, aut ego fallor, ut iam nunc dicat, iam nunc debentia dici pleraque differat, et praesens in tempus omittat. \<45\> In verbis etiam tenuis cautusque serendis: hoc amet, hoc spernat promissi carminis auctor. Dixeris egregie, notum si callida verbum reddiderit iunctura novum. Si forte necesse est \<90\> vortrefflich, bloß wenn ein alltäglich Wort durch eine schlaue Stellung unverhofft zum neuen wird. Wo neuentdeckte Dinge zu sagen sind, da ists mit Recht erlaubt, auch unerhörte Wörter zu erfinden, \<95\> wenn diese Freiheit mit Bescheidenheit genommen wird. Auch können neue Wörter und Redensarten , die vor kurzem erst aus griech'schem Quell auf unsern Grund und Boden geleitet worden sind, mit Sparsamkeit \<100\> gebraucht, ein Recht an gute Aufnahm' fodern Was Horaz hier den Römern erlaubt, haben sich die Italiener, Franzosen, Engländer, ebenfalls erlaubt gehalten, und nur uns Deutschen sollt' es verboten sein? Als ob unsre Alten nicht auch einmal Barbaren gewesen wären, wie andre; und als ob jemals die Sprache eines rohen Volkes ohne fremde Hülfe hätte gebildet und bereichert werden können? . Was kann der Römer einem Plautus und Cäcil gestatten, das Virgil und Varius nicht wagen dürften? Oder soll mir übel genommen werden, wenn ich etwas weniges \<105\> erwerben kann, da Ennius und Cato Cato Major , oder Censorius , einer der größten Männer des alten Roms, hatte sich auch durch verschiedene historische und ökonomische Werke um die römische Sprache verdient gemacht. indiciis monstrare recentibus abdita rerum, \<50\> fingere cinctutis non exaudita Cethegis continget, dabiturque licentia sumpta pudenter. Et nova fictaque nuper habebunt verba fidem, si Graeco fonte cadant, parce detorta: quid autem Caecilio Plautoque dabit Romanus, ademptum \<55\> Virgilio Varioque? Ego cur, acquirere pauca si possum, invideor, cum lingua Catonis et Enni die Sprache mit so vielen neuen Wörtern bereichern durften? Immer wars und bleibts erlaubt, ein neugestempelt Wort von gutem Korn und Schrot in Gang zu bringen. \<110\> So wie von Jahr zu Jahr mit neuem Laube der Wald sich schmückt, das alte fallen läßt: so lässet auch die Sprache unvermerkt die alten Wörter fallen, und es sprossen neue ins Leben auf, und füllen ihren Platz. \<115\> Wir sind uns selbst und alles Unsrige dem Tode schuldig. Laß dort einen mit dem Meer verbundnen Landsee seinen weiten Busen öffnen, um ganze Flotten vor den Aquilonen zu schirmen, traun! ein königliches Werk! \<120\> Laß jenen schon so lang' unfruchtbarn und des Ruders gewohnten Sumpf den Pflug erdulden lernen, und nachbarliche Städte rings umher mit reichen Ernten nähren – jenen Strom den Lauf, der unsern Feldern schädlich war, \<125\> mit einem neuen bessern Weg vertauschen Den alten Scholiasten ist es gar nicht zweifelhaft vorgekommen, daß Horaz in dieser Stelle auf einige von August und Agrippa ausgeführte außerordentliche Werke ziele. Der mit dem Meer verbundene Landsee, der ganze Flotten vor den Aquilonen schützt , deutet, sagen sie, auf den Lucrinersee bei Neapel, welchen August mit dem Meere verband, und durch gewaltige Dämme zu einem der besten und sichersten Seehäfen von Italien ( Portus Iulius genannt) machte – der unfruchtbare des Ruders gewohnte Sumpf etc. auf die Pomptinischen Sümpfe , die er austrocknen und urbar machen ließ – und der Strom, der einen neuen unschädlichem Weg zu laufen gelehrt wird, auf die Tiber, deren Bette Agrippa veränderte. Geßner meint, das erste, nämlich der receptus terra Neptunus könne, wegen dem Beisatz Regis opus , nicht auf ein Werk des Augusts gehen, dem der Königliche Name so verhaßt gewesen sei: sondern deute auf die Bemühungen des Xerxes, den Berg Athos ausstechen zu lassen. Mich deucht, es ist sehr unnötig, zu einer so gezwungenen Auslegung seine Zuflucht zu nehmen, da gewiß weder August noch irgend ein Römer bei diesem Regis opus etwas anders gedacht hat, als opus regium , ein Königliches Werk, ein Werk, das dem größten Könige Ehre machen würde. Übrigens erhält das Kompliment, das der Dichter dem Augustus durch die Erwähnung dieser Werke macht, seinen ganzen Wert von der Delikatesse , womit es gemacht ist, nämlich gerade davon, daß es gar nicht die Prätension eines Kompliments hat. August wird nicht dabei genannt; die Werke selbst werden nur durch das Wunderbare, das sie haben, charakterisiert; man läßt den Leser erraten, wovon die Rede sei; und das schönste ist, daß Horaz sie nur als Beispiele der Vergänglichkeit der menschlichen Dinge anführt, und, indem er dafür sorgt, ihr Andenken bei der Nachwelt zu erhalten, ihren Untergang vorhersagt, ohne daß August selbst es übel nehmen konnte. : Das alles, Freunde, wird, als Menschenwerk, die Zeit zerstören! – Und die Sprache sollte sermonem patrium ditaverit, et nova rerum nomina protulerit? Licuit, semperque licebit, signatum praesente nota producere nomen. \<60\> Ut silvae foliis pronos mutantur in annos, prima cadunt: ita verborum vetus interit aetas, et iuvenum ritu florent modo nata, vigentque. Debemur morti nos nostraque; sive receptus terra Neptunus, classes aquilonibus arcet, \<65\> regis opus; sterilisque diu palus, aptaque remis, vicinas urbes alit, et grave sentit aratrum; seu cursum mutavit iniquum frugibus amnis, doctus iter melius; mortalia facta peribunt, allein in ew'gem Jugendglanze blühen? Viel abgestorbne Wörter werden wieder \<130\> ins Leben kehren, viele andre fallen, die jetzt in Ehren sind, so wie der Brauch es fügen wird, bei welchem doch allein die Macht, hierin Gesetz zu geben, steht. In welcher Versart Taten edler Helden \<135\> und Könige zu singen sich gezieme, hat uns Homer gezeigt. – In jener, die den Vers Homers mit einem kürzern Wie dem Pentameter . wechselt , verseufzte anfangs nur die Traurigkeit den sanften Schmerz; allein man fand, daß auch \<140\> die Freude, und die ihres süßen Wunsches gewährte Liebe dieses leichten Ganges gar schicklich sich bediene: aber wer Erfinder dessen sei, darüber streiten die Sprachgelehrten, und der Handel ist \<145\> noch unentschieden. Mit dem raschen Jambus bewaffnete die Wut den zürnenden Archilochus : doch später wurde dieser Fuß nedum sermonum stet honos, et gratia vivax. \<70\> Multa renascentur quae iam cecidere, cadentque quae nunc sunt in honore vocabula, si volet usus, quem penes arbitrium est et ius et norma loquendi. Res gestae regumque ducumque, et tristia bella, quo scribi possent numero, monstravit Homerus. \<75\> Versibus impariter iunctis querimonia primum, post etiam inclusa est voti sententia compos: quis tamen exiguos elegos emiserit auctor, grammatici certant, et adhuc sub iudice lis est. Archilochum proprio rabies armavit iambo. sowohl der niedern Socke , als dem hohen Kothurn Soccus und Cothurnus . Der Kothurn war eine Art von sehr hohen purpurfarbnen Halbstiefeln für die Götter und Helden in der Tragödie; die Socke, eine niedrige Art von Schuhen, war den Personen in der Komödie eigen. der Schauspiel-Musen angepaßt. \<150\> Man fand, er schicke sich zum Dialog am besten, sei zur Handlung wie gemacht, und übertöne leichter als ein andrer des Volksgetös' im hallenden Theater. Zur saitenreichen Leier hieß die Muse \<155\> die Götter und der Göttersöhne Taten, die Sieger in den Kämpfen, und das Roß im Wettlauf siegend, und die Schwärmereien der feur'gen Jugend, Wein und Liebe, singen. Ein jedes Werk in jedem Dichterfache \<160\> hat seinen eignen Farbenton und Stil . Versteh' ich nichts von dieser Farbengebung, mit welcher Stirne kann ich einen Dichter mich nennen hören? Oder, warum lieber aus falscher Scham unwissend sein, als lernen? \<80\> Hunc socci cepere pedem, grandesque cothurni, alternis aptum sermonibus et populares vincentem strepitus, et natum rebus agendis. Musa dedit fidibus divos, puerosque deorum, et pugilem victorem, et equum certamine primum \<85\> et iuvenum curas, et libera vina referre. Descriptas servare vices operumque colores cur ego si nequeo ignoroque, poeta salutor? cur nescire, pudens prave, quam discere malo? \<165\> Was komisch ist, will nicht im Schwung und Pomp des Trauerspieles vorgetragen sein; hingegen ists was Unausstehliches, Thyestens Gastmahl im Gesellschaftston und Versen , die beinah' zur Socke passen, \<170\> erzählen hören Vermutlich zielte Horaz hier und an mehrern Stellen dieser Epistel auf damalige Werke, die ihre Urheber nicht überlebt haben. . Jedes schicke sich für Ort und Zeit! – Indessen mag zuweilen auch die Komödie ihre Stimm' erheben, und einen alten Chremes , dem's der Sohn zu toll gemacht, den Sturm des ersten Zorns \<175\> mit Blitz und Donnerschlag vertoben lassen: so wie Melpomene , sobald sie klagt, den Ton herabstimmt, und zum simpeln Ausdruck des Volkes sinkt. Wenn Telephus und Peleus Zwei tragische Süjets aus der griechischen Heldenzeit. Sowohl Sophokles als Euripides haben beide Süjets unter diesem Namen auf die Bühne gebracht – und von diesen scheint hier die Rede zu sein. im tiefsten Elend, dürftig und verbannt \<180\> aus ihrem Vaterland, des Hörers Herz mit ihren Klagen rühren wollen, lehrt sie die Natur ganz einen andern Ton! Versibus exponi tragicis res comica non vult: \<90\> indignatur item privatis, ac prope socco dignis carminibus narrari cena Thyestae. Singula quaeque locum teneant sortita decenter. Interdum tamen et vocem comoedia tollit, iratusque Chremes tumido delitigat ore: \<95\> et tragicus plerumque dolet sermone pedestri, Telephus et Peleus, cum pauper et exul uterque proicit ampullas et sesquipedalia verba, Da werfen sie die hohen Stelzen und die ellenlangen Wörter gerne weg! si curat cor spectantis tetigisse querela. \<185\> Ein Dichterwerk sei schön , sei fehlerfrei , dies ist sehr viel, allein noch nicht genug; um zu gefallen, sei es lieblich auch Non satis est pulchra esse poemata, dulcia sunto . Unter pulchra versteht Horaz hier ohne Zweifel fehlerlos, regelmäßig, gut zusammengesetzt , kurz alles, wodurch ein Gedicht dem Verstande gefällt: unter dulcia alles, wodurch es den Sinnen schmeichelt, und das Herz rührt. , und stehle sich ins Herz des Hörers ein, um, was der Dichter will, aus ihm zu machen. \<190\> Ein lachend oder weinend Angesicht bringt, wie wirs ansehn, augenblicklich auch ein Lächeln oder einen traur'gen Zug in unsers. Willst du, daß dein Unglück mich zu Tränen rühren soll, mein guter Peleus \<195\> und Telephus , so mußt du selber weinen Wie Horaz sich hier ausdrückt, könnte es allerdings problematisch scheinen, ob seine Vorschriften dem Schauspieler oder dem Dichter gelten. Da er es aber im Ganzen dieser Epistel mit den Dichtern zu tun hat, so scheint mir (auch nach abermaliger Erwägung der Sache) die in der Die Rede ist in dieser ganzen Stelle (vom V. 190 der Übers. bis 215) mit keinem Gedanken von den Pflichten des Schauspielers , sondern bloß von dem, was der Poet zu tun hat, um den Schauspieler, der seine Pflichten aufs beste erfüllt, nicht zu Schanden zu machen. Der Schauspieler kann mit der größten Wahrheit in die Lage der Person, die er vorstellt, hineingehen; sein Ton, seine Gebärde, können im höchsten Grade rührend, und dem, was er der Natur der Sache nach zu fühlen scheinen soll, angemessen sein; kurz, er könnte sich ganz in seinen Peleus oder Telephus verwandelt haben – aber wenn sein Schmerz oder seine Traurigkeit nun in Worte ausbrechen soll, und der Dichter läßt ihn Dinge sagen, die keinem Menschen in dieser Lage einfallen können, läßt ihn eine Sprache reden, die kein Mensch jemals in solchen Umständen gesprochen hat: so entsteht ein Widerspruch zwischen dem, was der Zuschauer hört , und dem, was er sieht , der notwendig alle Wirkung des letztern unterbrechen und vernichten muß. Vermöge des allgemeinen Gangs der Natur, den Horaz beschreibt, erwarten wir von einem Menschen in dieser Lage, mit dieser Miene, dieser Gebärdung, kurz, mit allen diesen äußerlichen unfreiwilligen Zeichen des innern Gefühls, die vor dem Ausbruch der Leidenschaft in Worte vorhergehen – wahre Töne und Stimmen der Natur, die bis ins Innerste eindringen, alle Schleusen des sympathetischen Gefühls öffnen, und unser Herz von Mitleid überwallen, unsre Augen von Tränen glänzen machen. – Hören wir aber statt des wahren Telephus , den die Natur ganz gewiß zu unseren Herzen sprechen lehren würde, den Dichter , der nur auf unsre Imagination losstürmt, Bilder auf Bilder, Hyperbeln auf Hyperbeln häuft, oder gar mit der Wut eines Besessenen Bombast und Unsinn ausschäumt: so muß jeder Zuhörer, der nicht ganz an Menschensinn verkürzt ist, sogleich fühlen, daß kein Wort von dem allen, was der angebliche Telephus sagt, wahr ist; die Illusion hört auf; wir fühlen, statt sympathetischer Empfindungen, den Verdruß getäuschter Erwartung; und so wird der verunglückte Theaterheld seine Zuhörer unfehlbar, je nachdem der Dichter sich mehr oder weniger von der Natur entfernt hat, nur desto mehr gähnen, lachen, oder zürnen machen, je mehr sich der Schauspieler angreift, eine unnatürliche Rolle wahr zu spielen. – Sollte sich irgendwo in der Welt ein Parterre finden, das diese Behauptung durch sein Gefühl und Betragen – Lügen strafte: so wäre dies, sobald es mit dem Faktum seine erwiesene Richtigkeit hätte, ein psychologisches Problem , das zu einer akademischen Preisfrage gemacht zu werden verdiente. Weil indessen die Regel, welche Horaz an diesem Orte gibt, für sich allein noch sehr unzulänglich ist: so fügt er sogleich noch eine andre hinzu, ohne deren genaueste Beobachtung ein Telephus z. B., wenn er eben das sagte, was im Mund einer andern Person sehr rührend war, einen ganz widrigen Eindruck machen könnte – nämlich das Gesetz: daß der Dichter alle die Umstände und Bestimmungen, die zusammengenommen den Charakter einer Person ausmachen, immer vor Augen haben müsse. Was sich für jede besondere Person in jeder besondern Lage schickt, zu wissen, ist also die große Wissenschaft des Dichters. Aber wie viele Kenntnisse schließt diese Wissenschaft in sich! und welche Schärfe der Beurteilung, welch ein zartes, schnelles und sichres Gefühl setzt sie bei der Anwendung voraus! gegebene Auslegung dieser ganzen Stelle die richtigste zu sein. ! Sind deine Reden deiner Lage nicht gemäß, so werd' ich – gähnen oder lachen Die Rede ist in dieser ganzen Stelle (vom V. 190 der Übers. bis 215) mit keinem Gedanken von den Pflichten des Schauspielers , sondern bloß von dem, was der Poet zu tun hat, um den Schauspieler, der seine Pflichten aufs beste erfüllt, nicht zu Schanden zu machen. Der Schauspieler kann mit der größten Wahrheit in die Lage der Person, die er vorstellt, hineingehen; sein Ton, seine Gebärde, können im höchsten Grade rührend, und dem, was er der Natur der Sache nach zu fühlen scheinen soll, angemessen sein; kurz, er könnte sich ganz in seinen Peleus oder Telephus verwandelt haben – aber wenn sein Schmerz oder seine Traurigkeit nun in Worte ausbrechen soll, und der Dichter läßt ihn Dinge sagen, die keinem Menschen in dieser Lage einfallen können, läßt ihn eine Sprache reden, die kein Mensch jemals in solchen Umständen gesprochen hat: so entsteht ein Widerspruch zwischen dem, was der Zuschauer hört , und dem, was er sieht , der notwendig alle Wirkung des letztern unterbrechen und vernichten muß. Vermöge des allgemeinen Gangs der Natur, den Horaz beschreibt, erwarten wir von einem Menschen in dieser Lage, mit dieser Miene, dieser Gebärdung, kurz, mit allen diesen äußerlichen unfreiwilligen Zeichen des innern Gefühls, die vor dem Ausbruch der Leidenschaft in Worte vorhergehen – wahre Töne und Stimmen der Natur, die bis ins Innerste eindringen, alle Schleusen des sympathetischen Gefühls öffnen, und unser Herz von Mitleid überwallen, unsre Augen von Tränen glänzen machen. – Hören wir aber statt des wahren Telephus , den die Natur ganz gewiß zu unseren Herzen sprechen lehren würde, den Dichter , der nur auf unsre Imagination losstürmt, Bilder auf Bilder, Hyperbeln auf Hyperbeln häuft, oder gar mit der Wut eines Besessenen Bombast und Unsinn ausschäumt: so muß jeder Zuhörer, der nicht ganz an Menschensinn verkürzt ist, sogleich fühlen, daß kein Wort von dem allen, was der angebliche Telephus sagt, wahr ist; die Illusion hört auf; wir fühlen, statt sympathetischer Empfindungen, den Verdruß getäuschter Erwartung; und so wird der verunglückte Theaterheld seine Zuhörer unfehlbar, je nachdem der Dichter sich mehr oder weniger von der Natur entfernt hat, nur desto mehr gähnen, lachen, oder zürnen machen, je mehr sich der Schauspieler angreift, eine unnatürliche Rolle wahr zu spielen. – Sollte sich irgendwo in der Welt ein Parterre finden, das diese Behauptung durch sein Gefühl und Betragen – Lügen strafte: so wäre dies, sobald es mit dem Faktum seine erwiesene Richtigkeit hätte, ein psychologisches Problem , das zu einer akademischen Preisfrage gemacht zu werden verdiente. Weil indessen die Regel, welche Horaz an diesem Orte gibt, für sich allein noch sehr unzulänglich ist: so fügt er sogleich noch eine andre hinzu, ohne deren genaueste Beobachtung ein Telephus z. B., wenn er eben das sagte, was im Mund einer andern Person sehr rührend war, einen ganz widrigen Eindruck machen könnte – nämlich das Gesetz: daß der Dichter alle die Umstände und Bestimmungen, die zusammengenommen den Charakter einer Person ausmachen, immer vor Augen haben müsse. Was sich für jede besondere Person in jeder besondern Lage schickt, zu wissen, ist also die große Wissenschaft des Dichters. Aber wie viele Kenntnisse schließt diese Wissenschaft in sich! und welche Schärfe der Beurteilung, welch ein zartes, schnelles und sichres Gefühl setzt sie bei der Anwendung voraus! .     Non satis est pulchra esse poemata, dulcia sunto, \<100\> et quocumque volent animum auditoris agunto! Ut ridentibus arrident, ita flentibus adsunt humani vultus: si vis me flere, dolendum est primum ipsi tibi, tunc tua me infortunia laedent, Telephe vel Peleu! male si mandata loqueris, Zu einem traurenden Gesichte ziemen sich auch traur'ge Worte. Ruhig oder zürnend, \<200\> mutwillig oder ernsthaft, immer sei die Sprache der Leidenschaft, der Stimmung angemessen, die erst aus Miene und Gebärde spricht. Denn jeder Wechsel unsers Glücks erregt zuerst im Innern eine Leidenschaft; \<205\> Zorn, der zum Widerstand das Blut erhitzt, die Arme ausstreckt – oder Traurigkeit, die hoffnungslos zur Erde, wie zum Grab, uns niederzieht: und dies, bevor die Zunge der Seele Dolmetsch wird, und ihre Regung \<210\> in Worte ausbricht. Dies ist allezeit Gang der Natur. Verfehlt der Dichter ihn, legt seinem Helden in den Mund, was nicht zu seiner Lage paßt: so darfs ihn nicht befremden, wenn Ritterschaft und Fußvolk Ein komischer Ausdruck für die zwei Haupteinteilungen des römischen Volkes, welche (wie anderswo schon bemerkt worden) unter Augusts Regierung Platz griff. überlaut \<215\> ihm, statt zu weinen, an die Nase lachen. Nicht minder kommt sehr vieles darauf an, \<105\> aut dormitabo aut ridebo. Tristia maestum vultum verba decent, iratum plena minarum, ludentem lasciva, severum seria dictu. Format enim natura prius nos intus ad omnem fortunarum habitum, iuvat aut impellit ad iram, \<110\> aut ad humum maerore gravi deducit et angit: post effert animi motus interprete lingua. Si dicentis erunt fortunis absona dicta, Romani tollent equites peditesque cachinnum. Intererit multum Davusne loquatur an herus, ob die Person, die spricht, der Diener oder der Herr im Haus, ein reifer Alter, oder ein junger schwärmerischer Tollkopf ist? \<220\> Ob eine Fürstin oder ihre treuergebne Vertraute? ob ein Handelsmann, der überall zu Haus ist, oder ob ein Landwirt, der im Anbau seines Gütchens lebt und webt? Ob ein Assyrer oder Kolcher ? ob zu Theben oder \<225\> zu Argis auferzogen d. i. der Dichter muß auch auf Klima, Landesart und Sitte, Staatsverfassung, kurz auf alles, was den Charakter des Volkes , dem seine Personen zugehören, bildet, Rücksicht nehmen. So muß z. B. ein Dichter den Assyrer weichlich und sklavisch, den Kolcher roh und grausam, den Thebaner tapfer und ungeschliffen, den Argiver tapfer und poliert, schildern. ? Übrigens soll der Poet entweder an die Sage sich halten, oder, wenn er dichten will, das Wahre der Natur zum Muster nehmen. Bringst du Achillen wieder auf die Bühne, \<230\> so sei er hitzig, tätig, schnell zum Zorn und unerbittlich, wolle nichts von Pflichten hören, und mache alles mit dem Degen aus d. i. so sei er, wie ihn jedermann aus der Iliade kennt. Das dem Achilles im Grundtext gegebene Beiwort honoratus scheint (wie Baxter bemerkt hat) nichts als das Äquivalent für das Homerische τιμήεντα zu sein. Die Hypothese des Abbé Galiani (von dessen noch ungedrucktem scharfsinnigen Kommentar über Horazens Werke Süard uns in seinen Mélanges de Littérature einen Auszug gegeben hat, der nach dem Ganzen begierig macht), daß Horaz hier auf eine wirkliche, aber verunglückte Tragödie, Achilles honoratus betitelt, angespielt habe, scheint mir eben so unnötig, als ohne allen historischen Grund aus der Luft gegriffen zu sein. ! \<115\> maturusne senex, an adhuc florente iuventa fervidus, et matrona potens, an sedula nutrix, mercatorne vagus, cultorne virentis agelli, Colchus an Assyrius, Thebis nutritus an Argis. Aut famam sequere, aut sibi convenientia finge. \<120\> Scriptor honoratum si forte reponis Achillem, impiger, iracundus, inexorabilis, acer Medee sei trotzig und durch nichts zu schrecken, die sanfte Ino weich und tränenreich, \<235\> Ixion treulos, schwermutsvoll Orest Lauter damals bekannte tragische Süjets, die von den größten griechischen Dichtern waren bearbeitet worden, und durch sie also schon bestimmte Charaktere erhalten hatten, die ein Dichter, der sie wieder auf die Bühne bringen wollte, beibehalten mußte. – Die Io vaga des Originals wollte sich nicht in den deutschen Vers einsperren lassen. . Bringst du hingegen etwas auf die Bühne, das nie versucht ward, wagest eine neue Person zu schaffen – gut! so gib ihr Selbstbestand, und wie sie sich im ersten Auftritt zeigt, \<240\> so führe sie, sich selber ähnlich, bis zum letzten fort! – Es ist vielleicht nichts Schwerers, als aus der Luft gegriffnen Menschenbildern das eigne Individuelle geben; Du wirst daher mit minderer Gefahr iura neget sibi nata, nihil non arroget armis! Sit Medea ferox invictaque, flebilis Ino, perfidus Ixion, Io vaga, tristis Orestes. \<125\> Si quid inexpertum scaenae committis, et audes personam formare novam, servetur ad imum qualis ab incepto processerit, et sibi constet. Difficile est proprie communia dicere, tuque rectius Iliacum carmen deducis in actus, \<245\> ein Schauspiel aus der Iliade ziehen, als dich an was ganz Neuerfundnes wagen. Ein Stoff, auf welchen jeder gleiches Recht hat, wird wieder Eigentum , wenn du dich weder auf einem Plan, der zum Gemeinplatz schon \<250\> geworden, tummelst, noch, als ein getreuer demüt'ger Übersetzer, Wort für Wort dem Griechen Oder, dem ersten Autor, der das nämliche Süjet vor dir bearbeitet hat. nachtrittst; noch, als bloßer Nachahmer, dich so sehr zusammendrückest, daß, etwas wegzulassen , dir die Scham , \<255\> hinzuzutun , die Regel dir verbietet d. i. daß die Furcht vor Tadel dir nicht erlaubt etwas wegzulassen, noch die Regeln (z. B. der Einheit des Orts und der Zeit, oder der fünf Akte) etwas hinzuzutun gestatten. . Auch fange dein Gedicht so laut nicht an, wie jener alte Zyklische Was Horaz unter dem Zyklischen Poeten verstehe, darüber sind die Ausleger nicht eins. Das Wahrscheinlichste ist, daß der Poetische Zyklus die ganze Götter- und Heldenzeit in sich begriffen, und daß gewisse Dichter, die alle diese Fabeln in ein Werk zusammengewebt, Zyklische Poeten geheißen, Die alten Scholiasten sagten: Antimachus sei ein solcher Zyklischer Poet gewesen; und sein Werk habe schon aus 24 Büchern bestanden, eh' ers noch bis auf die berühmten Sieben Helden vor Thebä gebracht habe. Cicero erzählt von diesem Antimachus im 51. Kap. de Clar. Orator. ein Geschichtchen, das sehr viel für ihn zu beweisen scheint. Er las sein Werk zu Athen in einer großen Versammlung vor. Die Athener waren kein Volk, das sich belangweilen ließ. Das Gedicht währte ihnen zu lang, und nach und nach ging jedermann davon, so daß zuletzt nur noch Plato übrig blieb. Auch gut, sagte Antimachus; ich lese fort; der einzige Plato ist mir statt aller dieser Myriaden. Poet: \<130\> quam si proferres ignota indictaque primus. Publica materies privati iuris erit, si nec circa vilem patulumque moraberis orbem, nec verbum verbo curabis reddere fidus interpres, nec desilies imitator in artum, \<135\> unde pedem proferre pudor vetet, aut operis lex. Nec sic incipies ut scriptor cyclicus olim: »Von Priams Schicksal und dem weitberühmten Krieg begeb' ich mich zu singen.« – Großgesprochen! \<260\> Was kann der Mann uns sagen, das, den Mund dazu so weit zu öffnen, würdig wäre? Es kreißte, wie die Fabel sagt, ein Berg, und er gebar, zu großer Lustbarkeit der Nachbarschaft, ein winzigkleines Mäuschen. \<265\> Um wieviel besser er Homer. , der niemals was Unschicklichs vorgebracht: »Erzähle mir, o Muse, von dem Mann, der nach Eroberung von Troja vieler Menschen Städt' und Sitten sah.« Er gibt kein Feu'rwerk, das in Rauch sich endet, \<270\> erst macht er Rauch, dann folgt ein rein und gleich fortbrennend Feuer, um die schönen Wunder, den Lästrygonen-König , und mit Scylla den Polyphem und die Charybdis uns »Fortunam Priami cantabo et nobile bellum«: Quid dignum tanto feret hic promissor hiatu? Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus. \<140\> Quanto rectius hic, qui nil molitur inepte: »Dic mihi, Musa, virum, captae post tempora Troiae qui mores hominum multorum vidit et urbes.« Non fumum ex fulgore, sed ex fumo dare lucem cogitat, ut speciosa dehinc miracula promat, darin zu zeigen. Er beginnt die Wiederkehr \<275\> des Diomedes nicht von Meleagers Tod, noch den Trojanschen Krieg von Ledas Eiern Aus deren einem die schöne Helena ausgekrochen sein soll. Wieder eine Anspielung auf verunglückte alte Poeten, von denen wir nichts mehr wissen. Meleager , einer der Argonauten und der griechischen Fürsten, welche die berühmte Calydonische Bestie (wie sie Hr. Hederich nennt) erlegten, war ein Oheim des aus Homer und Virgil bekannten Diomedes. Seine Helden- und Wundergeschichte ist zu weitläufig, um hier erzählt zu werden. . Stets eilt er, ohne Hast, zum Ende fort, stürzt seinen Hörer mitten in die Sachen, als wären sie ihm schon bekannt, hinein, \<280\> läßt liegen, was nicht glänzend sich behandeln läßt, und lügt, mit einem Wort, so schön, mengt Wahr und Falsch so künstlich in einander, daß das Ganze aus einem Stücke scheint, und, bis zum Schlusse sich selber ähnlich, täuscht, gefällt, entzückt. \<285\> Nun hör' auch du , der auf dem Schauplatz uns zu unterhalten wünscht, was ich und was das Publikum mit mir von dir verlangt. \<145\> Antiphatim Scyllamque et cum Cyclope Charybdim nec reditum Diomedis ab interitu Meleagri, nec gemino bellum Troianum orditur ab ovo; semper ad eventum festinat et in medias res, non secus ac notas, auditorem rapit, et quae \<150\> desperat tractata nitescere posse, relinquit, atque ita mentitur, sic veris falsa remiscet, primo ne medium, medio ne discrepet imum. Tu, quid ego et populus mecum desideret, audi. Wofern's um Hörer dir zu tun ist, die des Vorhangs Fall erwarten, und so lange bleiben, \<290\> bis uns der Sänger zuruft: PLAUDITE! so mußt du jedes Alter richtig zeichnen, und jedem den Charakter und die Farbe, die ihm gebührt, genau zu geben wissen. Kaum kann der Knabe reden, kaum bezeichnet \<295\> sein kleiner Fuß mit sicherm Tritt den Boden, so spielt er gern mit Kindern seines Alters! erbost sich leicht um nichts, läßt durch ein Nichts sich wieder auch besänft'gen, und verändert, wie ein Apriltag, sich von Stund zu Stunde. \<300\> Der Jüngling ohne Bart, von seinem Hüter endlich befreit, hat Lust zu Pferden und zu Hunden, er liebt im sonnenreichen Campus sich herum- zutummeln, nimmt wie Wachs des Bösen Eindruck an, weist guten Rat und Warnung trotzig ab; \<305\> denkt immer an das Nützliche zuletzt Utilium tardus provisor heißt dem Sanadon und Batteux : ne prévoit point ses besoins. In dieser nachlässigen Manier war es freilich eine leichte Arbeit, den Horaz zu übersetzen. Was Horaz sagt und sagen will, ist von weit größerm Umfang. ; Si plausoris eges aulaea manentis et usque \<155\> sessuri donec cantor »vos, plaudite!« dicat: aetatis cuiusque notandi sunt tibi mores mobilibusque decor naturis dandus et annis. Reddere qui voces iam scit puer et pede certo signat humum: gestit paribus colludere, et iram \<160\> colligit ac ponit temere, et mutatur in horas. Imberbis iuvenis, tandem custode remoto, gaudet equis canibusque et aprici gramine campi; cereus in vitium flecti, monitoribus asper, verstreut sein Geld wie Sand, ist stolz und rasch in seinen Leidenschaften, aber läßt, was er mit Hitze kaum geliebt, gleich schnell für etwas Neues, das ihn anlockt, fahren. \<310\> Bald ändert sich das alles, und an Jahren und Denkart nun ein Mann , bewirbt er sich um Freunde, Rang, Vermögen, Ehrenstellen, er lebt nach einem Plan, und hütet sich nichts zu beginnen, das ihn reuen müßte. \<315\> Dem Alten kommt viel Not und Ungemachs unmerklich übern Hals, entweder, weil er immer zusammenscharrt, und doch, aus Furcht zu darben, sich den Gebrauch verweigert – oder, weil er alles kalt und furchtsam treibt, und überall \<320\> Bedenklichkeiten sieht. Er zaudert immer, setzt immer weiter sich sein Ziel hinaus, verliert den gegenwärt'gen Augenblick und lebt im künft'gen; voller Schwierigkeiten, verdrießlich, übeltrauend, hat er immer was \<325\> zu klagen, ist der ew'ge Leichenredner der weiland guten Zeiten, da er noch ein Knabe war, der ew'ge Zensor und utilium tardus provisor, prodigus aeris, \<165\> sublimis, cupidusque et amata relinquere pernix. Conversis studiis aetas animusque virilis quaerit opes et amicitias, inservit honori, commisisse cavet, quod mox mutare laboret. Multa senem circumveniunt incommoda, vel quod \<170\> quaerit et inventis miser abstinet ac timet uti; vel quod res omnes timide gelideque ministrat, dilator, spe longus, iners, avidusque futuri, difficilis, querulus, laudator temporis acti Zuchtmeister aller Jüngern, die jetzt sind , was er, zu seiner Zeit, gewesen war . \<330\> Viel Gutes bringen uns die Jahre Man pflegt zu sagen, die Jahre kommen zu uns bis zum 46., und von da an entfernen sie sich wieder von uns, sagt ein alter Scholiast. Das Bild ist vom jährlichen Sonnenlauf und dem daher entstehenden Zu- und Abnehmen der Tage hergenommen. , wenn sie kommen, mit, viel nehmen sie uns wieder, so wie sie allgemach zurückegehn. Der Dichter nehme also wohl in Acht, was jedem Alter zukommt, daß er nicht \<335\> dem Greisen eine Jünglings-Rolle, noch dem Knaben gebe, was des Mannes ist! Die Handlung wird entweder vor den Augen der Gegenwärt'gen abgehandelt, oder bloß erzählt. Hier sehe sich der Dichter vor! \<340\> Was durch die Ohren in die Seele geht, rührt immer schwächer, langsamer, als was die Augen sehen, deren Zeugnis uns ganz anders überzeugt, als fremder Mund. Doch darf darum nicht alles auf die Szene se puero, censor castigatorque minorum. \<175\> Multa ferunt anni venientes commoda secum, multa recedentes adimunt. Ne forte seniles mandentur iuveni partes, pueroque viriles, semper in adiunctis aevoque morabimur aptis. Aut agitur res in scaenis, aut acta refertur. \<180\> Segnius irritant animos demissa per aurem, quam quae sunt oculis subiecta fidelibus, et quae ipse sibi tradit spectator. Non tamen intus \<345\> gebracht sein, sondern manches muß den Augen entzogen werden, was, viel schicklicher von einem andern, der als Augenzeuge spricht, mit Feuer und Begeistrung des Moments erzählt, auch uns vergegenwärtigt wird. \<350\> Medea soll nicht vor dem Chor und uns die Kinder würgen, noch der Unmensch Atreus der Neffen Fleisch vor unsern Augen kochen; noch wandle Progne auf der Bühne sich in eine Schwalb', und Kadmus in den Drachen. digna geri, promes in scaenam, multaque tolles ex oculis, quae mox narret facundia praesens: \<185\> nec pueros coram populo Medea trucidet aut humana palam coquat exta nefarius Atreus, aut in avem Progne vertatur, Cadmus in anguem; quodcumque ostendis mihi sic, incredulus odi. \<355\> Ein Stück, das oft begehrt zu werden und zu bleiben wünscht, soll weder weiter als zum fünften Akt gedehnt, noch kürzer sein. Auch soll kein Gott sich in die Handlung mischen, Wofern der Knoten seine Zwischenkunft \<360\> nicht unvermeidlich macht und – ihrer würdig ist: noch soll der Dichter seine Szene (gegen der großen Meister Beispiel) mit der vierten Person beladen Die erste und dritte der Regeln, welche Horaz von V. 355–65 der Übers. dem dramatischen Dichter vorschreibt, sind nicht, wie die vorgehenden, in der Natur der Sache so begründet, daß sie als notwendig und unerläßlich anzusehen sind, sondern beziehen sich bloß auf das Beispiel der Griechen, welchen die Römer hierin mit einer Art von religiöser Scheu Fuß vor Fuß nachtraten. Es ist kein zureichender Grund vorhanden, warum ein Drama von 1, 2, 3 und 4 Akten nicht eben so gut ein Meisterwerk sein könnte, als eines von fünfen, und unsre Neuern haben sich also mit gutem Fug und Recht, nach Maßgabe des Stoffes, den sie bearbeiteten, über die Autorität dieser und andrer solcher willkürlicher Regeln und Formen hinweggesetzt. . Ihre Stelle mag der Chor vertreten, der von Anfang bis \<365\> zu Ende seinen Anteil an der Handlung behaupten muß: so, daß er niemals zwischen     Neve minor, neu sit quinto productior actu \<190\> fabula, quae posci vult et spectata reponi; nec deus intersit, nisi dignus vindice nodus inciderit, nec quarta loqui persona laboret. Actoris partes chorus officiumque virile den Akten etwas singe, das zum Zwecke nichts taugt und sich auf das, was vorgeht, nicht genau beziehet. Seine Rolle ist, \<370\> den Guten hold zu sein, sie zu beraten, im Zorne sie zurückzuhalten, und im Kampf der Leidenschaft und Pflicht zu unterstützen. Er preise uns die leicht besetzte Tafel der Mäßigkeit, die heilsame Justiz, \<375\> das Glück des Ruhestands bei offnen Toren. Was ihm vertraut wird, wiss' er zu verschweigen; auch wend' er öfters an die Götter sich mit feierlichem Gebet, und fleh' um Rettung der unterdrückten Unschuld, und des Stolzen Fall! \<380\> Die Flöte, die den Chorgesang begleitet, war anfangs nicht, wie jetzt, mit Erz verbunden Orichalco vincta ; diese Flöte war vermutlich eine Art von Hautbois . ; sie war noch dünn, und hatte wenig Löcher Die Flöten hatten anfangs nur vier Löcher. Antigenidas von Theben, der Meister des Alcibiades auf der Flöte, vermehrte ihre Anzahl ( Theophrast. Histor. Plant. IV. 12 ), und vermutlich profitierte auch das Theater zu Athen, wo die Chöre mit Flöten begleitet wurden, von der größern Vollkommenheit, die dieser Virtuose seinem Instrumente gab. , defendat; neu quid medios intercinat actus, \<195\> quod non proposito conducat et haereat apte. Ille bonis faveatque, et consilietur amicis, et regat iratos, et amet peccare timentes; ille dapes laudet mensae brevis, ille salubrem iustitiam legesque et apertis otia portis; \<200\> ille tegat commissa, deosque precetur et oret, ut redeat miseris, abeat fortuna superbis. Tibia non, ut nunc, orichalco vincta tubaeque und einen schwachen Ton, der damals doch den Chorgesang hinlänglich unterstützte, \<385\> weils überflüssig war, mit stärkerm Laut die noch nicht dichten Sitze anzufüllen, worin ein leicht zu zählend Volk, das noch bescheiden war und fromm, in großer Zucht beisammen saß. Allein, nachdem durch Siege \<390\> der Staat erweitert, und die alten Mauern zu enge worden, und nun auch an Festen den ganzen langen Tag den Genius mit Wein zu regalieren, Sitte ward: da mußte wohl auch der Musik (wie allem) \<395\> mehr Luft und Spielraum zugestanden werden. Ein Volk von ungebildetem Geschmack, das seiner Sorgen sich entladen hatte, und nun, nach seiner Weise, sich was Rechtes zugut tun wollte, Bauer, Städter, Pöbel \<400\> und Adel, alles durcheinander gemengt, war, wenn es nur belustigt wurde, gleichgültig wie ? Und also nahm sich auch der Flötenspieler mehr heraus, und füllte aemula, sed tenuis simplexque foramine pauco aspirare et adesse choris erat utilis, atque \<205\> nondum spissa nimis complere sedilia flatu, quo sane populus numerabilis, utpote parvus, et frugi castusque verecundusque coibat. Postquam coepit agros extendere victor et urbem latior amplecti murus, vinoque diurno \<210\> placari Genius festis impune diebus, accessit numerisque modisque licentia maior. Indoctus quid enim saperet, liberque laborum rusticus, urbano confusus, turpis honesto? Sic priscae motumque et luxuriem addidit arti \<215\> tibicen, traxitque vagus per pulpita vestem; im schleppenden Talar, mit seinem üppigern \<405\> Getön und freiern Tanz, die ganze Szene. Gleichmäßig ließ, des alten Ernsts entbunden, die Leier sich mit neuen Saiten hören Auch die Lyra hatte anfangs nur 3 oder 4 Saiten. Terpander , ein berühmter Name unter den alten Musikern, vermehrte sie auf sieben , und Timotheus , ein Virtuos, der zu Platons Zeiten lebte, auf zehn . . Natürlich wollte dann der Dichter, der den Chor regierte, nicht allein zurückebleiben. \<410\> Sein Chorgesang nahm einen höhern Schwung, in einer ungewohnten Art von Sprache stürzte sich seine schwärmende Beredsamkeit daher, und seine tiefer Weisheit vollen und Zukunft ahnenden Sentenzen glichen oft \<415\> an Dunkelheit den Delphischen Orakeln Daß Batteux , oder vor ihm die meisten Ausleger, diese Stelle, die sie für einen Tadel der Chöre in den griechischen Tragödien angesehen haben, ganz falsch verstanden, braucht keines andern Beweises, als daß man sich die Mühe nehme, seine Übersetzung nebst der meinigen mit dem Original zu vergleichen. Horaz will hier eigentlich weder loben noch tadeln, sondern bloß historisch erzählen, wie es (wahrscheinlicher Weise) zugegangen, daß der Chor, der die Grundlage und Wurzel aller Arten von griechischen Schauspielen war, nach und nach das geworden sei, wozu ihn Äschylus und seine Nachfolger gemacht hatten. Indessen wird einem jeden, der mit den Alten etwas näher bekannt ist, in die Augen fallen, daß Horazens Bericht vom Ursprung und Fortgang der dramatischen Kunst und der verschiedenen Arten von Schauspielen, deren Erfinder die Griechen waren, weder exakt noch vollständig ist. . Noch mehr. Der Sänger, der am Bacchusfeste, um einen schlechten Bock, mit Heldenspielen zu streiten pflegte, kam bald auf den Einfall, das ernste Stück Die eigentliche Tragödie. mit etwas abzuwechseln, \<420\> das, ohne völlig aus dem vor'gen Ton zu kommen, muntern Scherz mit Ernst vermählte; und so entstand ein neues Spiel, worin sic etiam fidibus voces crevere severis, et tulit eloquium insolitum facundia praeceps utiliumque sagax rerum et divina futuri sortilegis non discrepuit sententia Delphis. \<220\> Carmine qui tragico vilem certavit ob hircum, mox etiam agrestes Satyros nudavit, et asper incolumi gravitate iocum temptavit, eo quod illecebris erat et grata novitate morandus halbnackte Satyrn , vom Silen geführt, den Chor vertraten Griechen und Römer liebten diese Art von bürlesken Nachspielen sehr, und die größten Dichter gaben sich damit ab. Der Cyclops des Euripides ist das einzige Stück dieser Art, das bis zu uns gekommen ist, und aus diesem kann man sich, was Horaz hier von dieser Gattung sagt, am besten erläutern. . Denn es war dem Dichter bloß \<425\> darum zu tun, ein rohes trunknes Volk, das, nach vollbrachtem Gottesdienst, den Rest des Feiertages sich erlust'gen wollte, durch etwas Neues, seinen bäurischen Geschmack Aufreizendes, zu seiner Bude \<430\> herbeizulocken. Doch, auch diese Art von freier Dichterei hat ihre Regeln, und wiewohl der Laune des geschwätzigen und immer lachenden Silenen-Chors gar viel erlaubt ist, soll der Übergang \<435\> vom Ernst zum Spaß sich doch mit Anstand machen; und wenn ein Heros , oder Gott , der kaum in königlichem Gold und Purpur sich gezeigt, hernach im Satyrspiel von neuem zum Vorschein kommt Wie z. B. Ulysses im Cyclops des Euripides. : soll seine Sprache weder \<440\> zum Staub und Schmutz der pöbelhaften Posse heruntersinken, noch, aus Furcht am Boden zu kriechen, in die Wolken sich versteigen. Kurz, nie vergesse die Tragödie, was für sie spectator functusque sacris et potus et exlex. \<225\> Verum ita risores, ita commendare dicaces conveniet Satyros, ita vertere seria ludo, ne quicumque deus, quicumque adhibebitur heros, regali conspectus in auro nuper et ostro, migret in obscuras humili sermone tabernas, \<230\> aut dum vitat humum, nubes et inania captet: sich schickt; und, wenn sie auch bei losen Satyrn \<445\> sich blicken läßt, so zeig' uns ihr Erröten die züchtige Verwirrung einer ehrbarn Frau, die öffentlich am Festtag tanzen muß! Ich, wenn ich Satyrn schreiben sollte, würde mich nicht bloß an Wörter des gemeinen Lebens halten; \<450\> und, ohne drum dem Ton des Heldenspiels zu nah zu kommen, würd' ich Mittel-Tinten zu finden wissen, daß der Abstand von einem Davus , einer frechen Pythias Pöbelhafte Personen, die gewöhnlich in den Komödien vorkommen. , die ihren alten Herrn um tausend Taler schneuzt, \<455\> zum Pflegevater eines Gottes Silenus. , auch in seiner Art zu reden merklich würde. Aus lauter jedermann bekannten Wörtern wollt' ich mir eine neue Sprache bilden, so, daß jeder dächt', er könnt' es auch, und doch, \<460\> wenn ers versucht' und viel geschwitzt und lange Effutire leves indigna Tragoedia versus, ut festis matrona moveri iussa diebus intererit Satyris paulum pudibunda protervis. Non ego inornata, et dominantia nomina solum \<235\> verbaque, Pisones, Satyrorum scriptor amabo; nec sic enitar tragico differre colori, ut nihil intersit Davusne loquatur et audax Pythias, emuncto lucrata Simone talentum, an custos famulusque dei Silenus alumni. \<240\> Ex noto fictum carmen sequar, ut sibi quivis speret idem; sudet multum, frustraque laboret sich dran zermartert hätte, doch zuletzt es bleiben lassen müßte! – Lieben Freunde, so viel kommt auf die Kunst des Mischens an! So viel kann dem Gemeinsten bloß die Stellung \<465\> und die Verbindung, Glanz und Würde geben Diese Stelle ist sehr merkwürdig. Sie enthält eine von den großen Mysterien der Kunst, welche Horaz ganz zuversichtlich ausschwatzen durfte, ohne Furcht, daß er den Αμυήτοις etwa verraten habe. ! Auch dafür wollt' ich, im Vorbeigehn, noch die Faunen Faunen und Satyrn werden hier vermengt, wiewohl ihr Unterschied bekannt ist. Die Faunen waren die Satyrn der Lateiner, nur daß ihre Gestalt mehr Menschliches und ihr Charakter mehr ländliche Einfalt und Hirtenmäßiges hat. , die man uns aus ihren Wäldern so häufig auf die Bühne bringt, wohlmeinend gewarnet haben: weder in so niedlichen \<470\> und schmucken Versen ihre Artigkeit zu zeigen, daß man junge, mitten in Rom erzogne Herr'n zu hören glaubt, noch zu Vermeidung dieses Übelstandes mit Schmutz und groben Zoten um sich her \<475\> zu werfen. Denn die Leute, die ein Pferd und einen Vater , und was Eignes haben Quibus est equus et pater et res , d. i. die Ritter, die Patrizier, und Leute von Vermögen. Das Komische und Beißende in dieser Art sich auszudrücken, kann dem, der es nicht selbst merkt, nicht wohl erklärt werden. , ausus idem: tantum series iuncturaque pollet; tantum de medio sumptis accedit honoris. Silvis deducti caveant, me iudice, Fauni, \<245\> ne, velut innati triviis ac paene forenses, aut nimium teneris iuvenentur versibus umquam aut immunda crepent ignominiosaque dicta. erbauen sich an dieser Art von Witz nicht sonderlich; und wenn den Käufern dürrer Erbsen und Nüsse etwas wohlbehagt, so folgt \<480\> nicht, daß auch jene dran Belieben finden, und den Kranz dem Dichter zuerkennen werden. Ein Silbenfuß, wo eine lange Silbe auf eine kurze folget, wird ein Jambus genannt. Ein schneller Fuß! Daher vermutlich, \<485\> daß Verse von sechs Jamben Trimeter Weil man in dieser Versart immer zwei Füße zusammenrechnete, welches eine Dipodia hieß. Denn, der Zahl der Füße nach, müßten sie Hexameter heißen; und vielleicht gab man ihnen jenen Namen bloß zum Unterschied von dem Homerischen Hexameter. zu heißen pflegen. Anfangs wurden sie ganz rein gemacht, und einer wie der andre. Allein schon lange nahm der Jamben-Vers, um etwas langsamer und feierlicher \<490\> zu gehn, den ruhigern Spondeus gefällig auf; doch, daß er aus der zweiten Offenduntur enim, quibus est equus et pater et res; nec, si quid fricti ciceris probat et nucis emptor, \<250\> aequis accipiunt animis, donantve corona. Syllaba longa brevi subiecta vocatur iambus; pes citus: unde etiam trimetris accrescere iussit nomen iambeis, cum senos redderet ictus, primus ad extremum similes sibi: non ita pridem, \<255\> tardior ut paulo graviorque veniret ad aures, spondeos stabiles in iura paterna recepit und vierten Stelle nie verdrängt zu werden sich vorbehielt Der Jambische Trimeter der Alten bestehet aus drei Dipodien , deren erste und zweite gemeiniglich folgendes Silben-Schema – –  ∙  –, die dritte ∙   ∙  –  ∙   beim Sophokles hat. Äschylus nähert sich dem ursprünglichen Trimeter noch mehr; aber ein Stück aus lauter reinen Jamben würde in der griechischen Sprache kaum möglich gewesen sein. . So findet man ihn auch, doch selten, in den hochberühmten Trimetern \<495\> des alten Accius : allein die zentnerschweren Verse In scaenam missos magno cum pondere versus , ein sehr komischer Ausdruck, der auch die Jamben des Euripides nicht selten trifft, worin die Spondeen oft mächtig gehäuft sind. , die Vater Ennius auf unsre Bühne schleudert, beschuld'gen ihn entweder, sichs zu leicht gemacht und sehr geeilt zu haben, oder einer nicht rühmlichen Unwissenheit der Kunst. \<500\> Zwar freilich hat nicht jeder Richter Ohren für übel modulierte Verse, und man hat den römischen Dichtern über diesen Punkt mehr nachgesehen, als uns Ehre macht. Und soll ich nun, so milder Ohren wegen, \<505\> mich aller Regel quitt und ledig glauben? commodus et patiens; non ut de sede secunda cederet aut quarta socialiter. Hic et in Acci nobilibus trimetris apparet rarus, et Enni \<260\> in scaenam missos magno cum pondere versus, aut operae celeris nimium curaque carentis, aut ignoratae premit artis crimine turpi. Non quivis videt immodulata poemata iudex, et data Romanis venia est indigna poetis. \<265\> Idcircone vager, scribamque licenter? Ut omnes Doch, wenn ich auch als ob die ganze Welt, sobald ich fehle, mich beschreien würde vor Fehlern mich gehütet habe, – gut! so hab' ich immer nur gerechten Tadel \<510\> vermieden, lange noch kein Lob verdient. Dies zu begreifen, Freunde, leset, leset bei Tag und Nacht der Griechen Meisterstücke Den Kommentar zu dieser Vermahnung gibt Horaz selbst V. 610. u. f. ! Indessen haben eure Ahnen doch die schönen Verse und die feinen Scherze \<515 \> des Plautus hoch erhoben; gar zu duldsam in beidem, um nicht etwas Härters noch zu sagen! Wenn wir anders, ihr und ich, ein frostiges Bon-Mot von einem guten zu unterscheiden, und, wie Verse klingen müssen, \<520\> durchs Ohr zu prüfen, oder wenigstens doch an den Fingern abzuzählen wissen Ich weiß nicht, ob irgend ein Gelehrter lebt, für dessen Ohr die Verse des Plautus und Terenz wirklich Verse sind; ich meines Orts bekenne, daß meine Ohren nicht dazu organisiert sind, Jamben , wo der Poet, so oft er will, und in jeder Zeile wenigstens drei- bis viermal, einen Spondeus, Daktylus, Anapäst, Tribrachys für einen Jambus brauchen darf, und wo eine Zeile bald aus 8 oder 12, bald aus 18, 20, 22 und mehr Silben (diejenigen, die zusammengezogen werden, nicht gerechnet) bestehen kann, – von Prose zu unterscheiden. Es ist wahr, wenn ich die Verse des Terenz als Prose lese, so finde ich überhaupt, daß sie das, was man in einer prosaischen Komposition Numerus nennt, in einem sehr vorzüglichen Grade haben: aber von Plautus kann ich dies auf keine Weise sagen; und mich dünkt vielmehr, es sei ihm gar nicht eingefallen, sich bei dergleichen Kleinigkeiten aufzuhalten; er hatte weder Lust noch Zeit dazu: denn er mußte eilen, – – um sein Geld im Beutel klingen zu hören, – . Für den Erfinder der Tragödie visuros peccata putem mea tutus, et intra spem veniae cautus, vitavi denique culpam, non laudem merui. Vos exemplaria Graeca nocturna versate manu, versate diurna. \<270\> At nostri proavi Plautinos et numeros et laudavere sales: nimium patienter utrosque, ne dicam stulte, mirati; si modo ego et vos scimus inurbanum lepido seponere dicto, legitimumque sonum digitis callemus et aure. \<275\> Ignotum tragicae genus invenisse Camenae wird Thespis angesehn, der seine Stücke auf Bauerkarren durch die Dörfer führte, \<525\> und von Personen, die mit Hefen sich geschminkt, absingen und agieren ließ. Nach ihm war Äschylus der zweite, oder vielmehr der wahre Vater dessen, was den edeln Namen eines Heldenspiels \<530\> mit Recht verdiente Ich gestehe, daß ich hier, aus Ehrfurcht gegen die Manes des göttlichen Äschylus, etwas mehr gesagt habe, als Horaz; indessen ists in animam Horatii : denn an seinem Respekt für den Äschylus zu zweifeln, würde beinahe eben so große Sünde sein, als den Dichter der Eumeniden und des Agamemnon so ohne Zeremonie mit Thespis in eine Kategorie zu werfen. . Er erfand die Maske und den Kothurn, erweiterte den Schauplatz, veredelte die Kleidung, und (was mehr ist) den wahren Ton der tragischen Camöne, die er zuerst erhaben sprechen lehrte. \<535\> Ein wenig später tat sich auch die Alte Komödie hervor, nicht ohne vielen Beifall; allein die Freiheit, die man zu Athen ihr zugestanden, artete zuletzt in eine Frechheit aus, die nicht zu dulden war, \<540\> so daß die Polizei ins Mittel treten mußte Horaz hat die wahre Ursache, warum der sogenannten alten Komödie zu Athen die unbeschränkte Freiheit, deren Aristophanes sich in seinen Rittern, Fröschen, Wolken, Vögeln u. a. so überschwenglich bedient hat, benommen wurde, nicht richtig genug angegeben. Diese Freiheit muß nicht etwa als ein Mißbrauch betrachtet werden, den die Regierung zu Athen eine Zeitlang bloß duldete ; sie war vielmehr, wie der Ostrazismus , in der Verfassung dieses aristokratisch-demokratischen Staats in den Zeiten des Perikles gegründet. Es ist wider alle Wahrscheinlichkeit, sich einzubilden: der Magistrat zu Athen würde 40 oder 50 Jahre lang mehr als 370 Stücke dieser Art öffentlich autorisiert haben, wenn sie die Ungebundenheit dieser Komödie nicht der Republik im ganzen für zuträglich angesehen, und nicht geglaubt hätten, daß der Verdruß und Schaden, den einige wenige mit Unrecht mißhandelte Personen dabei leiden könnten, durch die Furcht, die den Bösen dadurch eingejagt wurde, reichlich vergütet werde. Der stärkste Beweis, daß die Athener diese Freiheit ihres Theaters für einen wichtigen Teil ihrer politischen Freiheit angesehen, ist, deucht mich: daß ein Aristophanes das ganze Volk , d. i. den Souverain selbst , so lächerlich machen durfte, als es ihm beliebte: weil sie, bei allem ihrem Leichtsinn und Übermut, doch gesunden Verstands genug hatten, um zu fühlen, daß es ihnen gut sei, sich zuweilen lachend die Wahrheit, und selbst die bitterste Wahrheit, sagen zu lassen. Auch ging dieses kostbare Stück ihrer Freiheit nicht eher als mit ihrer Verfassung verloren. Denn nicht der Magistrat der freien Republik, sondern die sogenannten dreißig Tyrannen , die mit Hülfe des Spartaners Lysander zu Ende der 93sten Olymp. sich der Regierung von Athen bemächtigten, waren es, die das Gesetz, dessen Horaz hier erwähnt, aus leicht zu erratenden Ursachen durchsetzten, und hierin freilich einen großen Teil der Stadt, nämlich einen jeden – qui dignus erat describi, quod malus, aut fur, quod moechus foret aut sicarius, aut alioqui famosus, – Satir. L. I. 4. auf ihrer Seite hatten. Der Despotismus der Oligarchie konnte sich mit einer Freiheit des Theaters, die keines Lasters und keiner Torheit schonte, sich weder durch Geburt, Reichtum und Würden, noch selbst durch Verdienste in Respekt setzen ließ, nicht vertragen. Je verdorbner die Sitten wurden, je geneigter fühlte man sich, einander zu ertragen, und je verhaßter wurde ein öffentlicher Zensor, dessen unhöfliche Geißel niemanden erlauben wollte, ungestraft ein Narr oder Schurke zu sein, wenn er Vergnügen oder Vorteil dabei fand. Die alte Komödie fiel also zu Athen mit der Demokratie . Die mittlere , die an ihre Stelle trat, gab sich, um wenigstens noch einen Schatten ihrer ehemaligen Vorrechte beizubehalten, größtenteils mit Parodien ab, worin den Poeten erlaubt war, sich unter einander so lächerlich zu machen, als sie wollten; sie travestierte die Helden und Heldinnen aus der Fabelzeit, aus der Iliade und Odyssee, und fand dabei immer Gelegenheit, satirische Züge anzubringen, die der Malignität der Zuschauer freie Hand ließen, sie nach eignem Belieben anzuwenden. So entstand endlich unter den macedonischen Königen nach und nach die neue Komödie (in welcher Menander und Philemon sich so viel Ruhm erwarben), die sich gänzlich auf Intriguen-Stücke und allgemeine Charakter , und auf eine so feine und elegante Art von Kritik der herrschenden Sitten und Mode-Torheiten einschränkte, daß niemand beleidigt werden konnte, wenn er sich selbst in einem Spiegel erblickte, worin man wenigstens nicht häßlicher aussah, als sein Nachbar. Die alte Komödie war die Lieblingsbelustigung eines von seinem Glücke und von ausschweifenden Hoffnungen trunknen, aber auf seine Freiheit und Rechte eifersüchtigen demokratischen Pöbels gewesen; die neue wurde der angenehmste Zeitvertreib eines herabgekommenen müßigen, aber äußerst verfeinerten Volkes, das die hochfliegenden Entwürfe seiner Vorfahren endlich aufgegeben hatte, und bei Schauspielen und Kurzweilen zu vergessen suchte, was es ehemals gewesen war. . dicitur, et plaustris vexisse poemata, Thespis, quae canerent agerentque peruncti faecibus ora. Post hunc personae pallaeque repertor honestae Aeschylus, et modicis instravit pulpita tignis, \<280\> et docuit magnumque loqui, nitique cothurno. Successit vetus his comoedia, non sine multa laude; sed in vitium libertas excidit, et vim dignam lege regi: lex est accepta, chorusque Des Lustspiels Chor , sobald der Stachel ihm benommen war, verstummte – und verschwand. turpiter obticuit, sublato iure nocendi. Von diesem allen haben unsre Dichter nichts untersucht gelassen; und gewiß \<545\> verdienten jene nicht das kleinste Lob, die sich getrauten aus der Griechen Fußtritt herauszutreten, vaterländ'sche Taten zu singen, und im Lust- und Trauerspiel uns römische Personen vorzuführen Horaz, um doch etwas an seinen römischen Dichtern zu loben, rühmt wenigstens den Patriotismus eines Älius Lamia, Afranius, Pomponius u. a., welche Praetextatas und Togatas , d. i. Tragödien und Komödien mit römischen Personen, auf die Bühne gebracht. Das Kompliment, das er bei dieser Gelegenheit dem römischen Genie macht, konnten sich die Griechen unpräjudizierlich gefallen lassen. . \<550\> Auch würde Latium gewiß durch seine Sprache oder Literatur ; denn die ist bei den römischen Autoren mit Sprache synonym. nicht weniger, als durch die Kunst zu siegen und zu regieren, über Griechenland den Rang behaupten, wenn nicht unsre Dichter der Feile Arbeit haßten , und die Zeit, \<555\> die drüber hingeht, für verloren hielten.     \<285\> Nil intemptatum nostri liquere poetae, nec minimum meruere decus, vestigia Graeca ausi deserere, et celebrare domestica facta, vel qui praetextas, vel qui docuere togatas. Nec virtute foret, clarisve potentius armis, \<290\> quam lingua, Latium; si non offenderet unum- quemque poetarum limae labor et mora. Vos, o Ihr, Numas edle Sprossen O Pompilius sanguis ! Die Calpurnische Familie leitete ihren Stammbaum von Calpus , einem Sohn des Königs Numa Pompilius , ab, wie Plutarch und Festus bezeugen; wiewohl einige Geschichtschreiber diesem Könige nur eine Tochter zugestanden. Wenigstens war die Tradition auf Seiten der Calpurnier. , lasset kein Gedicht vor euern Augen Gnade finden, das nicht durch viel Lituren zur Korrektheit gebracht, und, bis das leiseste Gefühl \<560\> nichts mehr von Fugen spürt, geglättet worden. Weil Demokrit dem glücklichen Genie den Vorzug vor der armen Kunst gegeben, und schlechterdings die Dichter, die nicht rasen, vom Pindus ausgeschlossen haben will Demokritus behauptete, niemand könne ohne eine Art von Raserei ein großer Dichter sein, neminem sine furore quemquam poetam esse posse . Dies sagt uns Cicero De Divinat. Lib. I. c. 37. , und setzt hinzu: »Eben dies behauptet auch Plato . Immerhin mag der letztere die Begeisterung, die den Dichter macht, Raserei nennen, da er von dieser Raserei so herrliche Dinge sagt, wie in seinem Phädrus .« Die Stelle des Homers der Philosophen, auf welche Cicero hier deutet, ist zu schön, als daß ich nicht versucht werden sollte, sie zu übersetzen. – »Die dritte Art von Raserei (läßt er seinen Sokrates sagen) ist diejenige, die von den Musen kommt. Diese, wenn sie eine zarte, noch unverfälschte und ungefärbte Seele anweht , treibt sie an, wie in einer Bacchischen Schwärmerei Wie die Korybanten , sagt er im Ion , wo ebenfalls von diesem Enthusiasmus der Dichter die Rede ist. (d. i. in einer Art von geistiger Trunkenheit) in Gesängen und allen übrigen Gattungen der Dichterei, die Wunder und Taten der Alten Zeiten zu verschönern , und dadurch den Künftigen lehrreich zu werden. Wer sich aber, ohne von dieser Musenwut getrieben zu sein, den Pforten der Dichtkunst nähert, in der Meinung, die Kunst allein könne ihn schon zum Dichter machen, wird immer unvollkommen bleiben, und die Poesie eines solchen nüchternen und weisen (unbegeisterten) Dichters wird immer von der Poesie der Rasenden (Begeisterten) ausgelöscht werden.« Τρίτη δὲ η ΑΠΟ ΜΟΥΣΩΝ κατοχή τε καὶ μανία, λαβου̃σα ΑΠΑΛΗΝ καὶ ΑΒΑΠΤΟΝ ΨΥΧΗΝ, εγείρουσα καὶ εκβακχεύρουσα κατά τ' ωδὰς καὶ κατὰ τη`ν άλλην ποίησιν, μυρία ΤΩΝ ΠΑΛΑΙΩΝ έργα ΚΟΣΜΟΥΣΑ, τοὺς επιγινομένους παιδεύει. ‘Ός δ'ὰν άνευ μανίας Μουσω̃ν επὶ ποιητικὰς θύρας αφίκηται, πεισθεὶς ως άρα εκ τέχνης ικανὸς ποιητὴς εσόμενος, ατελὴς αυτός τε καὶ η ποίσις υπὸ τη̃ς τω̃ν μαινομένων η του̃ σωφρονου̃ντος ηφανίσθη. PLATO in PHAEDRO. – Ungeachtet des Mißbrauchs, den die mondsüchtigen, hirnwütigen und aberwitzigen Poeten, über welche Horaz hier und in der Folge spottet, von der Theorie des Demokritus und Plato machen können, war er doch selbst von der Wahrheit derselben so überzeugt: daß, wenn gleich sein poetischer Wahnsinn nicht immer so reell war, wie in der 25sten Ode des IIIten Buches: Quo me, Bacche, rapis? er ihn doch öfters so schön zu simulieren wußte, als man von einem Dichter im Jahrhundert Augusts nur immer verlangen kann – wie z. B. in der Stelle: auditis? an me ludit amabilis insania? und dem, was folgt, in der 4ten Ode des III. B. Aber – was es auch mit Horazen, der (gewöhnlicher Weise) in die Klasse der Dichter, die ihrer Sinne mächtig bleiben, gehörte, für eine Bewandtnis haben mag – die Sache selbst hat ihre Richtigkeit; und die Erfahrung hat von jeher bei allen Nationen den Ausspruch bestätigt: daß die unbegeisterten Dichter, so sehr sie auch gefallen mögen, wenn man sie allein hört, niemals neben den begeisterten (sofern alles übrige gleich ist) bestehen können. Aber die Meinung Platons war wahrlich nicht, daß eine brennende und von der Musenwut besessene Einbildungskraft allein einen großen Dichter mache; und es ist auch hier, wie bei der religiösen und verliebten Begeistrung, ein großer Unterschied, ob man von einem Gott, oder von dem leidigen Satan besessen ist. Homer, Pindar, Äschylus, die drei größten Dichter von der begeisterten Klasse, die ich kenne, sind an Verstand, Weisheit und Wissenschaft eben so groß, als an Imagination; nie verläßt sie das richtige Gefühl des Schicklichen ; immer schwebt in dem brausenden Chaos ihrer Ideen der Verstand , wie Ovids Deus aut melior Natura , in der Mitte, der die Elemente scheidet, ordnet, verbindet, und vor unsern zuschauenden Augen in eine Welt voll lebendiger und zu einem Zweck zusammenspielender Kräfte aufblühen läßt. Die Begeistrung, die amabilis insania , welche Plato – in diesem Augenblick selbst von ihr ergriffen – dem Anwehen der Musen zuschreibt, kann immer den ersten Keim ihrer Werke in ihrem Busen belebt, kann sie im Arbeiten angefeuert, kann ihnen diese Wärme, in welcher alle Schwingen der Seele sich entfalten, mitgeteilt, kann sie bei gewissen Stellen über sich selbst erhoben, den Nebel der Menschheit gleichsam von ihren Augen getrieben, und sie zum Anschauen göttlicher Gestalten tüchtig gemacht haben: aber alles dies setzt Organe voraus, die ihnen die Musen nicht geben, Kenntnisse , die sie ihnen nicht eingießen konnten; eine Sprache, die schon da sein mußte, und die sie (wie andre Menschen) hatten lernen müssen. – Kurz, eine Iliade oder nur ein Gesang der Iliade, ist so wenig das bloße Werk der poetischen Raserei, als sie ein Werk des Augenblicks ist; und, wiewohl es Autoschediastische Poesien gibt, die als bloße Naturprodukte und Eingebungen einer begeisternden Leidenschaft, und einer durch diese über ihr gewöhnliches Maß gespannten Phantasie angesehen werden können, so bleibt doch wahr: daß auch in der Poesie die edelsten Gewächse durch Kultur mehr Schönheit, und ihre Früchte einen bessern Geschmack erhalten; und daß (wie Horaz besser unten sagt) ohne reiche Ader das strengste Studium, und ohne Kunst das beste Naturell zu Hervorbringung eines sehr vortrefflichen Werkes gleich unzulänglich ist. : \<565\> so treibts ein guter Teil der unsrigen so weit, sich weder Bart noch Nägel stutzen zu lassen, weder Kamm noch Schwamm zu dulden, Bäder wie verdächt'ge Häuser zu fliehen, und, Gespenstern gleich, in öden \<570\> von Menschen unbetretnen Gegenden herumzuirren; fest beglaubt, ein Kopf,     Pompilius sanguis, carmen reprehendite, quod non multa dies et multa litura coercuit, atque perfectum decies non castigavit ad unguem. \<295\> Ingenium misera quia fortunatius arte credit, et excludit sanos Helicone poetas Democritus, bona pars non ungues ponere curat, non barbam, secreta petit loca, balnea vitat. Nanciscetur enim pretium nomenque poetae, \<300\> si tribus Anticyris caput insanabile numquam der dem barbierenden Senator Licinus Ein Aristophanscher Zug! Julius Cäsar hatte einen gewissen Barbier, namens Licinus , in den Senat aufgenommen, weil er ein eifriger Anti-Pompejaner war. Licinus wurde so reich, daß ihm seine Erben ein Grabmal von Marmor setzen ließen, welches einem Biedermann zu folgender Grabschrift Anlaß gab: Marmoreo tumulo Licinus iacet, at Cato nullo,     Pompeius parvo! Quis credat esse deos? sich nie vertraute, und mit drei Anticyren d. i. alle Niesewurz, die in drei Anticyren wachsen könnte. Die Insel Anticyra war sehr fruchtbar an dieser heilsamen Pflanze. nicht heilbar wäre, sei zum Dichterkopf \<575\> allein gemacht, und würdig von den Musen bewohnt zu werden. Was ich für ein Tor bin, an jedem Frühling mir die Galle auszufegen! Kein andrer sollte beßre Verse machen! Doch, sei es drum! Wofern ich selber auch \<580\> nichts schreibe, kann ich doch, dem Schleifstein gleich, der selber zwar nicht schneidet, aber doch das Eisen schneidend macht – – – – – ich trachte den Poeten Hinfort ein Sporn zu sein, ein Wetzstein ihrer Flöten! Gottsched in seiner Poetischen Übers. von Horazens Dichtk. , die andern lehren, was einen Dichter bilde, was ihn nähre, tonsori Licino commiserit. O ego laevus, qui purgor bilem sub verni temporis horam! Non alius faceret meliora poemata: verum nil tanti est. Ergo fungar vice cotis, acutum \<305\> reddere quae ferrum valet, exsors ipsa secandi: Munus et officium, nil scribens ipse, docebo; unde parentur opes; quid alat formetque poetam; was ihm gezieme oder nicht, und welche Wege \<585\> zum Nachruhmstempel führen, oder in die Sümpfe, wo Aganippens Quelle sich verliert? Um gut zu schreiben , muß ein Autor erst Verstand und Sinn, um gut zu denken , haben. An Stoff wirds die Sokrat'sche Schule euch \<590\> nicht fehlen lassen, und dem wohldurchdachten Stoffe schmiegt sich von selbst der gute Ausdruck an. Wer recht gelernt hat, was er seinen Freunden, was seinem Vaterlande schuldig sei, mit welcher Lieb' ein Vater, Bruder, Gastfreund \<595\> zu lieben? was des Staatsmanns, Richters, was des Feldherrn Amt und Pflicht erfodre? – der Wird, was in jedem Falle jeder Rolle geziemt, unfehlbar stets zu treffen wissen. Doch nie vergesse der gelehrte Zögling \<600\> der dichterischen Bildnerkunst, auch auf die Sittenschule der lebendigen Modelle um ihn her die Augen stets zu heften, und daraus die wahre Sprache des Lebens und des Umgangs herzuholen. quid deceat, quid non; quo virtus, quo ferat error. Scribendi recte, sapere est et principium et fons. \<310\> Rem tibi Socraticae poterunt ostendere chartae: Verbaque provisam rem non invita sequentur. Qui didicit, patriae quid debeat, et quid amicis, quo sit amore parens, quo frater amandus, et hospes, quod sit conscripti, quod iudicis officium, quae \<315\> partes in bellum missi ducis: ille profecto reddere personae scit convenientia cuique. Respicere exemplar vitae morumque iubebo doctum imitatorem, et veras hinc ducere voces. \<605\> Nicht selten sieht man, daß ein wohlgezeichnetes Charakterstück , wiewohl sonst ohne Reiz und Stil und Kunst, beim Volke mehr gewinnt, und besser unterhält, als schöne Verse, an Schall und Wohlklang reich, an Sachen leer. \<610\> Den Griechen, Freunde! (immer komm' ich wieder auf dies zurück) den Griechen gab die Muse zugleich Genie und feines Kunstgefühl, die Gabe der Empfindung und des schönen und runden Ausdrucks: aber ihre Seelen kannten \<615\> auch keinen andern Geiz, als den nach Ruhm O der goldnen Worte! – Aber zur Zeit der großen Dichter und Weisen Griechenlands war es auch noch keine Schande arm zu sein; und ein großer Mann, der arm starb, durfte nicht befürchten, daß seine Kinder betteln müßten! – Auch war es ein sehr kleiner Zeitraum, worin diese Nation große Köpfe hervorbrachte, und ihrer – wert war! . Der Römer lernt von Kindesbeinen an das As in hundert Teile teilen. Ruft, zur Probe, nur den kleinen Sohn des Wechslers Albinus her, und fragt ihn aus. – »Die Hälfte \<620\> von einem halben Gulden abgezogen, was bleibt?« – »Ei«, spricht er lachend, »was wird bleiben? Vier Groschen .« – »Braver Junge! Der Interdum speciosa locis, morataque recte \<320\> fabula, nullius veneris, sine pondere et arte, valdius oblectat populum, meliusque moratur, quam versus inopes rerum, nugaeque canorae. Graiis ingenium, Graiis dedit ore rotundo Musa loqui, praeter laudem nullius avaris. \<325\> Romani pueri longis rationibus assem discunt in partes centum diducere. »Dicat filius Albini, si de quincunce remota est wird sein Vermögen nicht vergeuden! Und zum halben Gulden noch die vier \<625\> hinzugetan, macht –?« – » Einen halben Taler .« Wie? Und von Seelen, die mit diesem Rost von Habsucht einmal überzogen sind, erwarten wir Gedichte, die vor Motten verwahrt zu werden je verdienen könnten? \<630\> Des Dichters Zweck ist zu belust'gen , oder zu unterrichten , oder beides zu verbinden , und unter einer angenehmen Hülle uns Dinge, die im Leben brauchbar sind, zu sagen. Lehrt er, so sei er kurz! Was schnell gesagt wird, \<635\> faßt der lehrbegier'ge Geist geschwinder auf und hält es fester. Wie die Seele voll ist, läuft das Überflüß'ge ab.                                 Was bloß zur Lust, erdichtet wird, sei stets der Wahrheit ähnlich, und um je weiter sich die Phantasie \<640\> von ihr entfernt, je stärker sei die Täuschung! Ein Märchen soll nicht fodern, daß ihm alles uncia, quid superat? poteras dixisse.« »Triens.« »Eu! Rem poteris servare tuam. Redit uncia: quid fit?« \<330\> »Semis.« At haec animos aerugo et cura peculi cum semel imbuerit, speramus, carmina fingi posse, linenda cedro, et levi servanda cupressu? Aut prodesse volunt, aut delectare, poetae; aut simul et iucunda et idonea dicere vitae. \<335\> Quidquid praecipies, esto brevis; ut cito dicta percipiant animi dociles, teneantque fideles: omne supervacuum pleno de pectore manat. Ficta voluptatis causa sint proxima veris: nec, quodcumque volet, poscat sibi fabula credi; geglaubet werd', und nicht den Knaben, den die Lamia Die Lamia war in den Kindermärchen der Alten ungefähr, was die Popanzinnen ( ogresses ), die Nachtfrau, und andre dergleichen Unholdinnen in den modernen sind. Sie wurde als eine Frau mit Eselsfüßen abgebildet, und fraß die Kinder lebendig auf, wenn sie nicht fromm sein wollten. aufgegessen, wieder frisch und ganz aus ihrem Leibe ziehen! \<645\> Der graue Teil des Publikums verdammt, was ohne Nutzen ist; hingegen steigt die junge Mannschaft stolz bei einem ernsten Gedicht vorbei. Der aber, der das Nützliche so mit dem Angenehmen zu verbinden weiß, \<650\> daß er den Leser im Ergötzen bessert , vereinigt alle Stimmen. Solch ein Werk verdient den Sosiern Den Buchhändlern. S. die 2te Erläut. zur 20sten Epistel des I. T. Geld, geht übers Meer, macht seiner Meister Namen allen Zungen geläufig und der späten Nachwelt wert! \<655\> Indessen sind auch Fehler, denen man Verzeihung schuldig ist: denn immer gibt die Saite den Ton nicht an, den Seel' und Hand verlangte, \<340\> neu pransae Lamiae vivum puerum extrahat alvo. Centuriae seniorum agitant expertia frugis: celsi praetereunt austera poemata Rhamnes: omne tulit punctum, qui miscuit utile dulci, lectorem delectando, pariterque monendo. \<345\> Hic meret aera liber Sosiis; hic et mare transit, et longum noto scriptori prorogat aevum. Sunt delicta tamen, quibus ignovisse velimus: nam neque chorda sonum reddit, quem vult manus et mens, und auch der beste Bogen trifft nicht immer. Doch, glänzt das meiste nur in einem Werke, \<660\> so sollen wenig Flecken mich nicht ärgern, die des Dichters Fleiß entwischt sind, oder, weil er doch nur Mensch ist, nicht von ihm verhütet werden konnten. Nur, daß die Herren diese Klausel sich nicht gleich zu Nutze machen! Denn, wie ein Kopist, \<665\> der, aller Warnung ungeachtet, immer am gleichen Worte sich verschriebe, keine Entschuldigung verdiente; wie ein Geiger verspottet würde, der die gleiche Note, so oft sie käme, falsch gegriffen hätte: \<670\> so heißt ein Dichter, der sich oft verschreibt, bei mir ein Chörilus S. die 30ste Erläuterung zur Epistel an August. ; und wenn ers gleich auch zwei- bis dreimal gut gemacht, bewundre ich ihn mit Lachen: wie es mich verdreußt, wenn auch Homer sogar zuweilen – nickt; \<675\> wiewohl man doch in einem großen Werke vom Schlaf ja wohl einmal beschlichen werden kann! poscentique gravem persaepe remittit acutum; \<350\> nec semper feriet quodcumque minabitur arcus. Verum, ubi plura nitent in carmine, non ego paucis offendar maculis, quas aut incuria fudit, aut humana parum cavit natura. Quid ergo? Ut scriptor si peccat idem librarius usque, \<355\> quamvis est monitus, venia caret; et citharoedus ridetur, chorda qui semper oberrat eadem: sic mihi, qui multum cessat, fit Choerilus ille, quem bis terve bonum cum risu miror: et idem indignor, quandoque bonus dormitat Homerus. \<360\> Verum opere in longo fas est obrepere somnum. Gedichte sind darin den Malereien gleich, daß manche desto mehr die Augen fesseln, je näher man hinzutritt; andre, wenn man weiter \<680\> zurücktritt, erst die rechte Wirkung tun Ut pictura poesis erit , u.s.w. Horaz hat (wie es spruchreichen Autoren zu gehen pflegt) das Unglück gehabt, daß öfters Stellen aus seinen Schriften ausgehoben und (sehr wider seine Meinung) zu Apophthegmen oder Lehrsprüchen erhoben worden sind, die in dem Zusammenhang, aus welchem man sie herausgerissen hat, einen ganz andern, und zuweilen gerade den entgegengesetzten Sinn geben – von welcher Art das »Chorda semper oberrat eadem« und das »Interdum quoque bonus dormitat Homerus« bekannte Beispiele sind. Eben so ist es auch mit dieser Stelle gegangen. Man hat das, was bloß Vergleichung in einem einzigen Punkt ist, zu einem allgemeinen Satz gemacht; und, diesem von allen Auslegern beföderten Wahn zu Folge, paraphrasiert Batteux diesen halben Vers getrost: »Es ist mit der Poesie wie mit der Malerei beschaffen Der bloße grammatische Sinn der Wörter hätte ihm schon seinen Irrtum zeigen sollen: denn pictura und poesis heißt hier, augenscheinlich , nicht Malerei und Poesie , sondern ein Gemälde und ein Gedicht ; und dies macht einen großen Unterschied im Sinn der ganzen Stelle. . Es ist kein andrer Unterschied unter diesen beiden Künsten, als dieser, daß die eine sich durch Farben und Striche ausdrückt, und die andre durch die Rede und Harmonie« u.s.w. – So kann freilich jemand schwatzen, der weder Dichter noch Maler ist, und von beiden Künsten nur oben abgeschöpfte Kenntnisse hat, ohne je durch eignes Nachdenken in ihr Wesen eingedrungen zu sein: aber Horaz konnte so was nicht sagen, und hat es nicht gesagt. Nun setzt dieser , um den Pisonen zu sagen, » worin es mit einem Gedichte wie mit einem Gemälde sei« – hinzu: – – quae, si propius stes, te capiat magis, et quaedam si longius abstes; haec amat obscurum, volet haec sub luce videri, iudicis argutum quae non formidat acumen . Und wie versteht nun dies der französische Kunstrichter ? – »Ich sehe nicht ein, sagt er, wie das Gleichnis des Horaz paßt, ausgenommen, wenn man das Wort poesis für quaedam poesis , eine Stelle eines Gedichts , annimmt. Denn ich kenne kein Gedicht, welches, im ganzen betrachtet, gemacht wäre, nur bloß von ferne, in einem halben Lichte, und ein einzigsmal gesehen zu werden.« – Und in diesem Tone gehts nun noch zwei Seiten fort; er tappt immer, mit seinem Dacier in der Hand, um den Sinn des Autors herum, stößt alle Augenblicke an ihn an, und kann ihn doch nicht erhaschen, weil das unglückliche: Es ist mit der Poesie wie mit der Malerei , seinem Auge nun einmal eine schiefe Richtung gegeben hat, daß er Schwierigkeiten sieht, wo keine sind. Es ist mir unbegreiflich, wie jemand Horazens wahre Meinung hat verfehlen können, denn ich sehe nicht, wie er sie deutlicher hätte ausdrücken sollen. – Wir kennen, aus vielen andern Stellen, seine vorzügliche Liebe zum äußerst Ausgearbeiteten und Korrekten , zu dem, was er anderswo caelatum novem Musis opus nennt – und davon ist hier die Rede: bloß in Rücksicht auf das Fehlerlose und Vollendete vergleicht er gewisse Gedichte mit gewissen Gemälden. So wie es Gemälde gibt, die man in einer gewissen Entfernung oder bei schwachem Lichte sehen muß, Wenn Sie einen guten Effekt machen sollen, und wieder andre, deren Detail mit dem sorgfältigsten Fleiß so reinlich ausgearbeitet, und jeder Pinselstrich so sanft in den andern verschmelzt ist, daß man das Stück desto schöner findet, je näher und genauer man es betrachtet: so gibt es Gedichte, z. B. Theaterstücke, die bei der ersten Vorstellung oder Lesung – vielleicht durch das Interessante der Handlung, durch eine gute Verwicklung, einen raschen Gang, neue Situationen, stark gezeichnete Charakter und Leidenschaften u. dergl. sehr gefallen; aber wenn man sie in der Nähe und bei vollem Lichte , d. i. genauer, mit kälterm Blute, im Detail, mit Aufmerksamkeit auf alle Requisiten eines vortrefflichen Gedichtes untersucht: so entdeckt man nach und nach eine Menge Fehler, die man das erste- und zweitemal entweder gar nicht, oder nicht deutlich wahrnahm; und so verliert das Werk, je schärfer es untersucht wird. Ein anders hingegen hat beim ersten Anblick das Frappante nicht, wodurch jenes überraschte und hinriß; aber es zieht das Auge sanft an, und je genauer man es bis auf die kleinsten Teile betrachtet, je schöner, untadeliger und vollendeter findet man's; und eine ganz natürliche Folge davon ist: daß, wenn jenes einmal oder beim ersten Anblick gefällt, aber bei jedem Wiedersehen etwas verliert, man hingegen an diesem sich nicht satt lesen kann, und immer neue Schönheiten entdeckt, die unter der Menge, beim ersten-, zweiten-, drittenmale u.s.w. dem Auge noch entwischt waren. Mich deucht, dies ist der einzig mögliche Sinn, den Horazens Worte, im Zusammenhang genommen, zulassen: und die Vergleichung paßt – auf diese Art eben so gut, als der Satz, der dadurch erläutert werden sollte, eine auf die Erfahrung gegründete unleugbare Wahrheit ist. . Dies liebt ein schwaches, jenes, das sich nicht vorm schärfsten Auge scheut, ein helles Licht, und wenn das erste einmal uns gefällt, wird dieses zehnmal wiederholt gefallen. \<685\> Du, ältester der edlen Jünglinge, wiewohl die Vaterstimme, und dein eignes Gefühl dich schon zum Wahren bilden, präge doch, was ich jetzt sage, fest in deinen Sinn. Es gibt der Dinge viel, worin \<690\> die Mittelmäßigkeit mit gutem Fug gestattet wird. Ein Rechtsgelehrter oder ein Redner vor Gericht kann minder wissen als ein Cascellius , an Beredsamkeit weit unter dem Messalla stehn, und hat \<695\> doch seinen Wert: den mittelmäß'gen Dichter Ut pictura, poesis: erit, quae, si propius stes, te capiat magis; et quaedam, si longius abstes: haec amat obscurum; volet haec sub luce videri, iudicis argutum quae non formidat acumen: \<365\> haec placuit semel, haec decies repetita placebit. O maior iuvenum, quamvis et voce paterna fingeris ad rectum, et per te sapis; hoc tibi dictum tolle memor: certis medium et tolerabile rebus recte concedi: consultus iuris, et actor \<370\> causarum mediocris abest virtute diserti Messallae, nec scit, quantum Cascellius Aulus; schützen Ich habe hier lieber das Metrum (wie oben v. 26.) durch zwei Zeilen fortziehen, d. i. eigentlich einen Vers von 10 Jamben machen, als den Numerus des Perioden verderben wollen. Mit beschützen statt schützen wäre der anscheinende trochäische Vers ein jambischer gewesen: aber das, was die Schönheit dieser Stelle macht, wäre verloren gegangen. weder Götter, Menschen, noch Verleger vor dem Untergang! Warum? – ist leicht zu sehn. So wie ein übelstimmendes Konzert bei einer guten Tafel, oder \<700\> zu dickes Salböl Um seine Gäste wohl zu bewirten, mußte man sie vor der Tafel mit wohlriechenden Ölen für Bart und Haare bedienen lassen. , oder Mohn mit Sard'schem Honig Der Sardinische Honig hatte einen widrigen Beigeschmack wegen der Taxusbäume und bittern Kräuter, die dort sehr häufig sind. bloß darum uns beleidigen, weil die Mahlzeit auch ohne sie recht wohl bestehen konnte: just so verhält es sich mit einem Dichterwerke. Denn da es, um der Seele gütlich \<705\> zu tun , erfunden ist, so senkt es sich, wie's nur ein wenig vom Vollkommnen abweicht, zum Schlechtesten . Wer mit den Waffen, die im Campus üblich sind, nicht umzugehn sed tamen in pretio est: mediocribus esse poetis non homines, non di, non concessere columnae. Ut gratas inter mensas symphonia discors, \<375\> et crassum unguentum, et Sardo cum melle papaver, offendunt; poterat duci quia cena sine istis: sic animis natum inventumque poema iuvandis, si paulum summo decessit, vergit ad imum. Ludere qui nescit, campestribus abstinet armis; versteht, der bleibt davon; wer mit dem Ball, \<710\> dem Diskus, oder Reif zu spielen nicht gelernt hat, gibt sich auch damit nicht ab, um nicht dem Volk, das zusieht, zum Gelächter zu werden. Wie? und Verse nur zu machen erdreistet sich, wer nichts davon versteht. \<715\> Warum nicht? Ist er nicht, so gut wie andre, ein freigeborner, unbescholtner Mann, und noch dazu von rittermäß'gen Renten? Ein Ehrenmann von diesem Schlage sollte nicht, wenn's ihn ankommt, Verse machen dürfen? \<380\> indoctusque pilae, discive, trochive quiescit, ne spissae risum tollant impune coronae: qui nescit, versus tamen audet fingere. Quid ni? Liber et ingenuus, praesertim census equestrem summam nummorum, vitioque remotus ab omni. \<720\> Ich lasse mirs gefallen. Aber du, mein Piso – dies verspricht uns dein Verstand und guter Sinn – du wirst, in deinem Leben, mit Minervens Widerwillen nichts beginnen. Doch, wofern du jemals etwas schreiben solltest, \<725\> laß Tarpas Der Kunstrichter, dem Horaz hier ein sehr schmeichelhaftes Kompliment zu machen scheint, hieß Spurius Metius Tarpa . Die alten Kommentatoren berichten uns, daß dieser Tarpa einer von den fünf kritischen Kommissarien gewesen, welche dazu bestellt waren, alle neue dramatische Stücke zu untersuchen, ehe sie aufs Theater gebracht werden durften. Die Zensur-Kommission hielt ihre Zusammenkünfte im Tempel des Apollo, wo sie, wahrscheinlicherweise, zu tun genug hatte, allen den Poeten Gehör zu geben, die sich daselbst einfanden, um ihnen ihre Werke vorzulegen und ihren richterlichen Ausspruch zu erwarten. Aus einem bereits angeführten Briefe des Cicero An den M. Marius ( ad Famil. VII. 1. ), wo die Rede von allen den Schauspielen ist, womit das neuerbaute Amphitheater des Pompejus eingeweiht wurde. , im Jahre 699 geschrieben, ist zu schließen, daß dieser Metius oder Mäcius schon damals bestellter öffentlicher Schauspiel-Zensor war; aber die Art, wie sich Cicero über ihn ausdrückt, erweckt keine so vorteilhafte Meinung von seinem Geschmack, als uns Horaz von ihm gibt. » Während daß du (auf seinem Landgute) den Tag nach deinem eignen Belieben hinbringen konntest, mußten wir ausdauern, was dem Spurius Mäcius gefallen hatte. « Nobis perpetiundum erat, quae Sp. Maecius probavisset . Der Verfolg zeigt, daß die Rede von Theaterstücken ist. Es scheint aber durch jenen ganzen Brief die üble Laune eines Zuschauers durch, der nicht mit dem Willen gekommen war, sich etwas wohlgefallen zu lassen. Cicero persiflierte gern bei solchen Gelegenheiten, und stand damals nicht so gut mit dem Pompejus, um seiner Neigung zum Spotten große Gewalt anzutun. Auch ist zu vermuten, daß Mäcius damals noch ein ziemlich junger Mann gewesen, und daß die scheinbare Verachtung des Cicero mehr der Jugend als dem schlechten Geschmack des Kunstrichters gelte. Die Meinung des Dr. Bentley , daß der Mäcius, dem der junge Piso seine Aufsätze vorlesen sollte, nicht der gewesen sein könne, von dessen kritischem Urteil Cicero, vierzig Jahre zuvor , so verächtlich sprach, ist also ohne hinlänglichen Grund. Ohr, und deines edeln Vaters und meines, Richter sein. Verschließ es dann in deinen Pult und halt's ins neunte Jahr zurück, so bleibst du Meister, wieder auszulöschen, was nicht ediert ist. Das entflogne Wort \<730\> ist nicht mehr unser und kehrt nimmer wieder.     \<385\> Tu nihil invita dices faciesve Minerva; id tibi iudicium est, ea mens: si quid tamen olim scripseris, in Maeci descendat iudicis aures, et patris, et nostras; nonumque prematur in annum. Membranis intus positis, delere licebit \<390\> quod non edideris: nescit vox missa reverti. Indessen, daß du über deine Liebe zur Muse mit der goldnen Leier nicht errötest Um mehrerer Deutlichkeit willen mußten diese zwei Verse, die im Original erst zu Ende dieser Digression über die Dienste, welche die Poesie von jeher der menschlichen Gesellschaft geleistet, stehen, voran geschickt werden. , so denke, was von ihrem Ursprung an die Kunst der Dichter war. Ward nicht von Orpheus , \<735\> dem heiligen Seher, dem die Götter ihre Mysterien offenbarten (weil er Thrazens halbtierische Bewohner aus dem Wust der Wildheit zog und menschlich leben lernte), gesagt, er habe Tiger zähmen, wüt'ge Löwen \<740\> durch seiner Lieder Reiz besänft'gen können? Ward von Amphion , des Thebanschen Schlosses Erbauer, nicht gesagt, er habe Felsen und Wälder seiner Leier süßen Tönen, wohin er wollte, folgsam nachgezogen? \<745\> Im Heldenalter war's der Weisen Amt, ein rohes Waldgeschlecht aus ihren Grüften zu ziehn, und an Geselligkeit, und Furcht der Götter, Zucht und Ordnung, zu gewöhnen. Sie stiftete der Ehe keuschen Bund, \<750\> sie legte Städte an und gab Gesetze: und weil die Zauberkräfte des Gesangs Silvestres homines sacer interpresque deorum caedibus et victu foedo deterruit Orpheus; dictus ob hoc lenire tigres, rabidosque leones. Dictus et Amphion, Thebanae conditor arcis, \<395\> saxa movere sono testudinis, et prece blanda ducere, quo vellet. Fuit haec sapientia quondam, publica privatis secernere, sacra profanis, concubitu prohibere vago, dare iura maritis, oppida moliri, leges incidere ligno: zu allem diesem ihr behülflich waren, so stieg des Sängers Ansehn in den Augen des Volkes, und ein Glaube, daß er näher \<755\> den Göttern wäre, goß was Göttliches um seinen Mund, und seine Lieder wurden Orakel des Vergangnen und der Zukunft. Nun kam Homer , der über alle ragt, und bald nach ihm Tyrtäus , dessen Lieder \<760\> den schönen Tod fürs väterliche Land im Vorderreihn der Schlacht mit Eifersucht zu suchen, Spartas Männerseelen Stärker, aber unübersetzlich, im Original: mares animos . In der Übersetzung ist dafür (zum Ersatz) auf das berühmte Distichon des Tyrtäus angespielt: Τεθνάμεναι γὰρ καλὸν επὶ προμάχοισι πεσόντα     άνδρ' αγαθόν, περὶ η̃ πατρίδι μαρνάμενον. spornte. In Versen gab den Fragenden der Gott zu Delphi Antwort; in der Musensprache \<765\>wies uns Pythagoras des Lebens Weg Horaz drückt dies allgemeiner aus, hat aber ohne Zweifel auf die aurea carmina der Pythagoräer vorzüglich hier ein Auge gehabt. . Zu ihren süßen Weisen neigte sich das Ohr der Könige, und endlich schloß des Jahres Arbeit sich mit ihren Spielen Mit den Tragödien, Komödien, und andern Theaterspielen, welche anfangs nur nach der Ernte gegeben wurden. . \<400\> sic honor et nomen divinis vatibus atque carminibus venit. Post hos insignis Homerus, Tyrtaeusque, mares animos in Martia bella versibus exacuit. Dictae per carmina sortes, et vitae monstrata via est, et gratia regum \<405\> Pieriis temptata modis, ludusque repertus, Den Göttern angenehm, den Menschen hold, \<770\> und mit des Krieges und des Friedens Künsten gleich freundlich sich verschwisternd, ist fürwahr die Kunst der Musen edler Schüler wert! Man pflegt zu streiten, ob Naturkraft, oder ob Kunst ein Dichterwerk vortrefflich mache? \<775\> Mir meines Orts scheint ohne reiche Ader das strengste Studium, und ohne Kunst das beste Naturell gleich unzulänglich: keins kann des andern mangeln: aber, freundlich vereinigt, glänzen beide desto mehr. \<780\> Wer auf der Rennbahn siegen will, der muß als Knabe schon viel tun und leiden, Frost und Hitze dulden, und von Wein und Werken der Venus sich enthalten. Lange hat zuvor der Flötenspieler, der den Pythischen Preis An den Pythischen Spielen war auch ein Preis für den besten Flötenspieler: und aus der Art, wie die Alten davon sprechen, sieht man, daß er sehr schwer zu verdienen, und also natürlicherweise das höchste Ziel des Ehrgeizes eines Flötenspielers war. \<785\> verdienen will, sich üben und die Strenge des Meisters fürchten müssen. Nur mit unsern Dichtern et longorum operum finis; ne forte pudori sit tibi Musa lyrae sollers, et cantor Apollo. Natura fieret laudabile carmen, an arte, quaesitum est. Ego nec studium sine divite vena, \<410\> nec rude quid possit video ingenium; alterius sic altera poscit opem res, et coniurat amice. Qui studet optatam cursu contingere metam, multa tulit fecitque puer, sudavit et alsit; abstinuit Venere et vino: qui Pythia cantat \<415\> tibicen, didicit prius extimuitque magistrum. ists anders; zuversichtlich gibt sich jeder, wofür er will, schimpft tapfer auf die Pfuscher, und will aufs mindste nicht der letzte sein; \<790\> als ob es Schande wäre, einem andern in dieser einz'gen Kunst was einzuräumen, und nicht zu können, was man nie gelernt. Ein Dichter, der an Renten reicher als an Witz ist, ruft die Schmeichler zum Gewinn \<795\> herbei: mir ists, ich höre einen Mäkler zu einer Auktion die Leute rufen. Und ist er gar der Mann, bei dem die Herren auf eine gute Tafel rechnen können, der willig ist, für einen armen Schelm \<800\> sich zu verbürgen, und Kredit hat, einem aus einem schlimmen Handel auszuhelfen; so wärs ein Wunder, wenn er von den vielen Freunden, die ihm dies alles macht, den wahren aus den falschen zu kennen wüßte.                             Du, mein Piso, wenn \<805\> du einem was geschenkt hast, oder schenken willst, nimm dich in Acht, ihm in der ersten Wallung Non satis est dixisse, »Ego mira poemata pango: occupet extremum scabies! mihi turpe relinqui est, et, quod non didici, sane nescire fateri.« Ut praeco, ad merces turbam qui cogit emendas, \<420\> adsentatores iubet ad lucrum ire poeta dives agris, dives positis in faenore nummis. Si vero est, unctum recte qui ponere possit, et spondere levi pro paupere, et eripere atris litibus inplicitum: mirabor, si sciet inter- \<425\> noscere mendacem verumque beatus amicum. Tu seu donaris, seu quid donare voles cui, der Freude deine Verse vorzulesen; dann da versteht sichs, daß er alle Augenblicke o! schön! vortrefflich! herrlich! rufen wird. \<810\> Bei jener Stelle wird er ordentlich erblassen, ja wohl aus seinen treuergebnen Augen dankbare Tränen tröpfeln: wird bei dieser aufspringen und den Boden vor Entzücken stampfen. So wie die Weiber, die bei einer Leiche \<815\> zum Weinen sich verdingen, ärger schrein, als jene, denen es von Herzen geht: so macht ein Schalk von Schmeichler allemal mehr Lärmens, als wer aus Gefühl dich lobt. Die Fürsten, sagt man, sollen große Humpen \<820\> als eine Art von Folter brauchen, wenn sie jemand probieren wollen, ob er ihrer Freundschaft wert sei Wie Horaz gerade hier auf den Einfall gekommen sein mag, ein paar so seltsame Freundschaftsproben neben einander zu stellen? Sollte er nicht etwa einen besondern Fall im Sinne gehabt haben, der ihm den Anlaß dazu gab und den Scherz desto pikanter machte? Gewiß ist, daß Lucius Piso selbst einer von den – nicht eben so gewöhnlichen – Männern war, die diese Wein-Probe aushielten. August und Tiberius hatten ihn beide darauf gesetzt, und die Art, wie er sie bestanden, war es, was ihm (bei seinen übrigen Geschäfts-Fähigkeiten) ihr Zutrauen erworben hatte. Tiberius, der mehr als gewöhnliche Beweise foderte, bis er einem Menschen traute, trieb es, nach Suetons Versicherung Vita Tiberii c. 42. , mit L. Piso und Pomponius Flaccus so weit, daß sie zwei Tage und eine Nacht in einem fort mit ihm zechen mußten: und unmittelbar darauf machte er den Flaccus zum Prokonsul in Syrien, und den Piso zum Präfekt der Stadt Rom Die Wahrheit der Anekdote bestätigt auch der ältere Plinius ( L. XIV. c. 22 ). Eaque commendatione credidere L. Pisonem urbis Romae curae ab eo delectum, quod biduo duabusque noctibus, (also eine Nacht mehr, als Sueton angibt) perpotationem continuasset apud ipsum iam principem. . Beides waren Places de Confidence . Sueton scheint die Tat desto enormer zu finden, weil Tiberius eben damals in einer Art von Sitten-Reformation, kraft der mit seiner höchsten Würde verbundenen Censura perpetua , begriffen war. Aber das war es eben, was ihn vermutlich veranlaßte, ein paar Viros Consulares , die er sonst schon als Männer von Fähigkeit kannte, auf eine so entscheidende Probe zu stellen. Bei der ungeheuern Verdorbenheit der damaligen Sitten war Schwelgerei und Schlemmerei ein ziemlich allgemeines Laster in Rom. An großen Säufern konnte es dem Tiberius nicht fehlen, wenn es ihm bloß darum zu tun war. Aber er suchte Männer, die, auch unter den größten Ausschweifungen dieser Art, noch Meister von ihrem Kopf und von ihrer Zunge blieben, und weil diese beide vermutlich im Ruf eines so seltnen Vorzugs standen, wollte er sie auf eine Probe stellen, welche keinem Zweifel Raum ließe. So stelle ich mir die Sache vor, und mich deucht, man müsse den Charakter des Tiberius schlecht kennen, um ihm, zumal in seinen ersten Regierungsjahren, die Tollheit zuzutrauen, ein Amt von solcher Wichtigkeit für die Stadt Rom und für ihn selbst, wie die Praefectura Urbis war, einem Menschen bloß deswegen, weil er tüchtig saufen konnte, anzuvertrauen. Die Art, wie Seneca von unserm L. Piso spricht, scheint zu beweisen, daß dieser der Welt und des Hofes sehr erfahrne Menschenkenner die Sache aus dem nämlichen Gesichtspunkt angesehen habe; und er gibt ihm das Zeugnis, daß er, ungeachtet es ihm etwas Gewöhnliches gewesen, Nächte durch zu zechen und bis zur sechsten Morgenstunde zu schlafen, seinem Amte mit größter Sorgfalt vorgestanden sei. – Alles dies trug sich zwar erst lange nach Horazens Tode zu; aber Seneca sagt uns: auch Divus Augustus habe diesem Piso, da er ihn zum obersten Befehlshaber in Thrazien gemacht, geheime Aufträge anvertraut; und aus dem ganzen Zusammenhang ist zu schließen, daß Augustus – der in seinen jüngern Jahren auch den Bacchischen Ausschweifungen sehr ergeben gewesen war – Gelegenheit gehabt, seine Zuverlässigkeit aus ähnlichen Proben kennen zu lernen. Und dies ists, worauf vielleicht Horaz, in seiner feinen indirekten Manier, bei dieser Stelle sein Augenmerk haben mochte. : Um einen Freund im Fuchsbalg auszufinden, mach' einer Verse! – Wenn man dem Quintil Eben der Quintilius Varus von Cremona, dessen Tod die 24ste Ode des ersten Buchs so schön beweint, und der mit dem Dichter Lucius Varius nicht verwechselt werden muß. nolito ad versus tibi factos ducere plenum laetitiae: clamabit enim, pulchre, bene, recte, pallescet super his, etiam stillabit amicis \<430\> ex oculis rorem, saliet, tundet pede terram. Ut, qui conducti plorant in funere, dicunt et faciunt prope plura dolentibus ex animo; sic derisor vero plus laudatore movetur. Reges dicuntur multis urgere culullis, \<435\> et torquere mero, quem perspexisse laborent, an sit amicitia dignus: si carmina condes, was las, so hieß er euch bald dies bald das \<825\> verbessern. Sagte man: es gehe nicht, man hab' es schon vergebens zwei- bis dreimal versucht: so hieß er euch die ganze Stelle auslöschen, und die schlecht geprägten Verse noch einmal auf den Amboß legen. Wenn \<830\> nun aber jemand seine Fehler lieber behaupten als verbessern wollte, so verlor er auch kein Wörtchen mehr, und konnt' es wohl geschehen lassen, daß der Mann sich und sein Werkchen ohne Nebenbuhler liebte. \<835\> Ein Freund, ders redlich meint und richtig denkt, wird keine Härte, wird nichts Mattes dulden; die üpp'gen Ranken schneid't er frisch hinweg; dem, was nicht klar genug ist, zwingt er euch mehr Licht zu geben; läßt nichts Doppelsinnig's, \<840\> nichts Schielend's, oder was am rechten Ort nicht steht, numquam te fallant animi sub vulpe latentes. Quintilio si quid recitares, »Corrige, sodes, hoc«, aiebat, »et hoc«: melius te posse negares, \<440\> bis terque expertum frustra; delere iubebat, et male tornatos incudi reddere versus. Si defendere delictum, quam vertere, malles: nullum ultra verbum aut operam insumebat inanem, quin sine rivali teque et tua solus amares. \<445\> Vir bonus et prudens versus reprehendet inertes, culpabit duros, incomptis adlinet atrum transverso calamo signum, ambitiosa recidet ornamenta, parum claris lucem dare coget, unangezeichnet, kurz, er wird ein Aristarch Wie Horaz einen schlechten Dichter, wenn er ihn recht arg schimpfen will, einen Chörilus nennt, so ist ihm Aristarch (der berühmte Emendator der Handschriften von Homers Werken) das Ideal eines Kunstrichters; und ich denke nicht, daß es einer gewichtigern Autorität bedarf, um die Verkleinerer dieses Kunstrichters zu Boden zu wägen. , und denkt nicht: »Ei, was soll ich meinem Freunde Verdruß mit solchen Kleinigkeiten machen?« O! solche Kleinigkeiten können für den Freund, \<845\> der gleich aufs erstemal sich lächerlich gemacht und schlecht vom Publikum empfangen wird, sehr große Folgen haben! Denn kluge Leute gehen einem abgeschmackten Poeten überall behutsam aus dem Wege, \<850\> und scheuen sich so sehr ihn anzurühren, als einen, den ein böser Aussatz oder der Zorn Dianens plagt Eine Art von Wahnsinnigen, die bei den Lateinern Lunatici hießen, weil ihre böse Laune mit dem Mond ab- und zunehmen soll. ; nur Kinder, der Gefahr unkundig, laufen schreiend hintendrein. Wenn so ein Mensch in seinem Aberwitz, \<855\> unwissend wo, die Nase in der Luft, durch alle Gassen läuft und Verse – rülpst Ich bitte um Vergebung für dies Wort; aber es stehet im Original, und steht so sehr am rechten Ort, daß ich es nicht um viel Gold geben wollte. Jedes minder anstößige Wort hätte das ganze Bild verdorben. Übrigens war Horaz ein Mann, der sehr gute Gesellschaft zu sehen gewohnt war, und ich weiß nicht, warum wir in solchen Dingen eklere Ohren zu haben affektieren, als die Terrarum Domini zu Rom. arguet ambigue dictum, mutanda notabit: \<450\> fiet Aristarchius; nec dicet, »Cur ego amicum offendam in nugis?« Hae nugae seria ducent in mala derisum semel, exceptumque sinistre. Ut, mala quem scabies aut morbus regius urget, aut fanaticus error, et iracunda Diana: \<455\> vesanum tetigisse timent, fugiuntque poetam, qui sapiunt; agitant pueri, incautique sequuntur. Hic, dum sublimes versus ructatur, et errat, und drüber, wie ein Vogler, der aufs Amselfangen zu sehr erpicht ist, plump! in eine Grube fällt: so zieh ihn ja, wie laut er schreien mag, \<860\> kein Mensch heraus! Denn wenn du ihm mit einem Seil zu Hülfe springen wolltest, was weißt du, ob er nicht mit Vorsatz sich hineingestürzt? wie einst Empedokles die kühle Tat beging, und in den Feuerschlund \<865\> des Ätna sprang – damit die Leute dächten, er sei ein Gott geworden. Frei und unbenommen sei's den Verslern, nach Belieben den Hals zu brechen! Jemand wider Willen zum Leben zwingen, ist im Grunde nicht \<870\> viel besser, als ihn morden Es ist an sich selbst Gewalttat, wie dieses; und ist dem, der nicht mehr leben will, eben so verhaßt und grausam, als Ermordung dem, der gern länger lebte. . Laßt ihn springen, si veluti merulis intentus decidit auceps in puteum, foveamve; licet, »Succurrite«, longum \<460\> clamet, »Io cives!«, non sit, qui tollere curet. Si quis curet opem ferre, et dimittere funem; qui scis, an prudens huc se deiecerit, atque servari nolit, dicam: Siculique poetae narrabo interitum. Deus immortalis haberi \<465\> dum cupit Empedocles, ardentem frigidus Aetnam insiluit. Sit ius, liceatque, perire poetis: invitum qui servat, idem facit occidenti: wohin er will; dadurch, daß man heraus ihn ziehet, wirds nicht besser mit ihm werden; die Wut, auf eine Art, die Aufsehens macht, zu sterben, wird darum ihn nicht verlassen. \<875\> Warum er Verse macht, ist ohnehin nicht sehr begreiflich, wenn's nicht Strafe ist, weil er die Asche seines Vaters einst besudelt, oder sonst an heil'ger Stätte was Greuliches begangen. Immer ist gewiß, \<880\> er raset , und verjagt, sobald man ihn mit seinem Heft in Händen kommen sieht, Gelehrt' und Ungelehrte, wie ein Bär, der durch die Latten durchgebrochen. Weh aber dem, den er ergriffen hat! \<885\> Er hält ihn fest, und – gleich dem Egel, der nicht abläßt, bis er voll ist – wird er ihn so lange mit Lesen quälen, bis der arme Patient den Geist, vor Gähnen, aufgegeben hat. nec semel hoc fecit; nec si retractus erit iam, fiet homo, et ponet famosae mortis amorem. \<470\> Nec satis apparet, cur versus factitet; utrum minxerit in patrios cineres, an triste bidental moverit incestus: certe furit; ac, velut ursus, obiectos caveae valuit si frangere clathros, indoctum doctumque fugat recitator acerbus. \<475\> Quem vero arripuit, tenet, occiditque legendo, non missura cutem, nisi plena cruoris, hirudo.