Visionen 1. Ich kniete am Altar inmitten Der gläubigen Menge, die Gebet lallend Auf ihren Knieen lag – Und schwellende Orgeltöne Wie ein entfesselt Meer Umwogten mich, und holde Knabenstimmen Mir in die Seele drangen – Auch meine Lippen hatten einst Das heil'ge Lied erhoben Wie eure, die ihr euch Mir in die Seele stehlt Mit jenen unschuldsvollen Hinsterbenden Gesängen – Auch meine Seele hatt' ich einst Als reines Opfer hin auf den Altar gelegt, So unberührt und unbefleckt. Und höher stieg der Weihrauchduft empor Zum Schiff die Sinne bannend. Und von dem süßen Bangen Der Kindheit, die zum ersten Mal Sich schüchtern Gottes Altar naht, Flog mir ein Hauch Noch einmal durch die Seele, Ich kostete noch einmal Den heil'gen Taumel, Gab mich noch einmal Dem stillen Rausch der Hoffnung Mit innig jauchzendem Herzen Ergeben hin. Ich blickte auf – Durch spitze Fenster fielen Die schrägen, gelben Sonnenstrahlen Und woben um das Haupt dir Dort an dem Kreuze mit der Dornenkrone Hell flimmernd einen gold'nen Ring – Und deine Züge lebten noch, Ich sah noch einmal dir den Kampf Hin durch den Leib, den müden, zieh'n, Und deine Wunden flossen noch einmal Wie blut'ge Zähren, die ein Gott Um sein versunken Eden weint. Der Kranz grub sich in deine Stirn, Die alabasterweiße, Mit purpurrothen Spuren. Da griff es mich mit Geistermacht Und öffnete mir das blöde Auge, Das staunend nur an diesen Reigen hing, Derweil das Herz sich enge mir Zusammenpreßte in der Brust Mir war's, als könnt' ich alles fühlen, Was du erlebt, da du am Kreuze hingst, Als dir der Blick auf tausend Gaffer sank Und ein'ge nur, Die dich beweinten, Doch nie verstanden. Du Riesengeist, du fühltest dich allein! – Das schmerzte. – Du kanntest wohl das Menschenherz In seinem Wollen, seinem Ahnen, In seinem Fühlen, seinem Hasten Nach leichtem Glück – Du wußtest, was den Armen quält, Und was dem Unglücklichen, Der in den Ketten schmachtet, durch die Seele hegt, Und was den Menschen packt und schüttelt, Sieht er des Schicksals ehernen Schritt Zu Boden treten unerbittlich, Was er gebaut, entraffen Das Liebste seinem Herzen, Die Sichel durch die vollen Saaten gehn. – Du sahst den fahlen Jammerblick, Der mit Entsetzen hoffnungslos Auf deine Tröstermiene starrte, Wenn ihn, den Sterbenden, Des Todes harter Arm Auf seinem Lager niederrang, Und er sich wand – – – Doch war das Sünde, Daß mich ein Weib gebar? – Nein! – Sünde – wider die Natur – Natur ist Sünde – – Erlösung aus dem Labyrinth! Ich irre, ich strauchle – Erlösung für meinen Geist Und für mein wehes Herz! – Da sah ich die Züge, Von Schmerzen eben noch verzerrt, Sich glätten, und ein leises Lächeln Glitt über die verhärmten Wangen hin – Mir war's als träfe mich ein tiefes Leuchten Der Augen, die sich in das Herz mir senkten, Wie Sonnenstrahl in eis'ge Gruft – – O Liebe, begötternde Liebe! So stirbt dein Held, Dein kündender Prophet, Dein höchster Gott, Den seines Herzens Fluch Dazu geweiht! –