Sigmund von Birken Gedichte Schäfers Klage Wie wird mir nun geschehen, Da ich dich lassen muß, Und dich nicht mehr soll sehen? Ach, bittrer Scheidegruß! Du reißest dich von mir, O Hirtin, meine Zier! Ich möcht' in Angst vergehen – Der Tod mich trennt von dir! Ihr Gräslein, helft mir klagen, Ihr Wäslein allzumal, Die ihr sie oft getragen Hier in dem Pegnitzthal. Ihr seht mich jetzt allein Und traurig treten ein. Mich dünkt, ich hör' euch fragen: Wo mag die Seine sein? Wie wird mir doch geschehen, Wenn ich sie nimmer werd', Wo ich sie sahe, sehen Spaziren um die Heerd'? Wenn sie nicht mehr im Gras Wird sitzen, wo sie saß? Vor Leid werd' ich vergehen, Von Weinen werden naß. Der Bach, von meinen Zähren Vermehrt und trüb' gemacht, Wird auch mein Weinen mehren, Und was ich vorgebracht, Den bittern Scheidegruß, Wird er in schnellem Schuß Nachlispelnd lassen hören Und tragen in den Fluß. Ihr, die ihr sonst gesprungen, Wenn meine Margaris Zur Tafel euch gesungen, Das Grasmahl machte süß, Es wird euch keine Weid' Wohl schmecken mehr vor Leid. Wo Lieder sonst erklungen, Wird heulen Traurigkeit. Ach, mir wird weh' geschehen. Fahr' hin, verwich'ne Freud'! Komm an, mich blaß zu sehen! Du kömmst, du schwarzes Leid! Willkommen, Angst und Pein! Ich mag nicht fröhlich sein. Mein Licht mußt' untergehen, Drum, Nacht, brich du herein! Floramor oder Tausendschön Wann die Nymphen sich ergötzen, Und sie etwan in dem Hetzen Eines Dornes Stachel ritzt: Wo der Ritz sich hin ergossen, Macht er Floramoren sprossen, Blutes Purpur auf sie spritzt. Jene mag die Meerschneck' mahlen, Die zu Hof in Purpur prahlen, Die ein prächtig Elend ziert: Schöner sind die Tausendschönen, Die uns hier mit Freiheit krönen, Wo man fromme Heerden führt. Amarante, Liebesblüthe! Blumen liebe ich und biete Ehre vor den andern dir. Du den Blumhold ehre wieder, Stehe, wann ich liege nieder, Dort um meine Grabesthür. Friedenslied Nun, so bist du endlich kommen, O du langgewünschter Tag, Der uns alles Leid benommen Und geendet unsre Plag'! Tausend Seelen mit Verlangen Hofften tausend Tag' auf dich. Nun du uns bist aufgegangen, Enden alle Nächte sich. Theurer Tag, der Tage Sonne, Zeitenkrone, Freund der Welt, Feind der Unruh', Länderwonne, Du durchstrahlst der Erden Zelt! Und es werden treue Seelen Von dir heute fangen an Jahre neuer Ruh' zu zählen, Die uns hoch beglücken kann. Du machst unsre Zeiten lachen, Alles Weinen geht zu Grab; Treue, Freud' und Fried' erwachen, Weil die Waffen ziehen ab. Mache fest das Band der Liebe, Das nicht reiß' in Ewigkeit! Gott, uns stäten Frieden giebe Nach dem langen Kriegesleid! Laß ihn immer grünend bleiben, Diesen neuen Friedenszweig, Laß ihn Blüth' und Wurzeln treiben, Daß er uns viel Früchte zeig'! Unsre Schuld mit Gnad' anschaue, Daß die Axt in deiner Hand Ihn im Zorn uns nicht abhaue, Und der Streit ersteh' im Land! Beständigkeit Feige Sinnen weiche sind, Weichen, wie von jedem Wind Wird ein Wetterhahn gedrehet. Großer Muth steht unverwandt, Fest gegründet auf Bestand, Den kein Nordensturm umwehet. Laß die Wellen brausen her, Laß die Winde sausen sehr, Laß den heißen Mittag stechen: Unglück, Noth und Ungemach, Selbst der Tod ist viel zu schwach, Einen festen Muth zu brechen. Wer den Dank erlaufen will, Muß durchaus nicht halten still, Bis er hat das Ziel erreichet. Kämpfen bringet keine Kron', Wenn man eher läßt davon, Als der Feind bezwungen weichet. Durch Bestand die Tugend wird In Vollkommenheit geführt, Eingepflanzt in das Gemüthe, Daß der Wille nichts mehr will, Als was dem Verstand gefiel, Tugend wallet im Geblüte. Endlich doch behält Bestand Wohl vergnügt die Oberhand, Siehet seine Sorgenwende. Laß denn nichts dich führen ab, Denk', daß nur Belohnung hab', Wer beharret bis an's Ende. Gleichmuth O wie wohl ist der daran, Der da kann Sich begeistern, Seine Feindin Sorge meistern, Ist bei Glücke trotzig nicht, Zag im Leiden, Der behält in Leid und Freuden Ein Gesicht! Lacht das Glück, er denkt bei sich: Hüte dich! Sonnenscheinen Kehrt sich bald in Regenweinen. Heute da auf stillem Meer Schiffe laufen, Morgen sieht man sie ersaufen Ungefähr. Tobt das Glück, ihn trifft es nit: Sein Gemüth Felsengleiche Weichet nie, wird niemals weiche. Er sitzt allzeit klippenfest, Ob das Sausen, Ob das tolle Nordenbrausen Auf ihn bläst. Laß den Fels bestürmen sehr Wind und Meer. Sturm und Wellen Müssen stets zurücke prellen. Es steht seiner Wurzeln Erz Unverletzet; Nur sein Außen wird benetzet, Nicht das Herz. Tugend ist das rechte Glück, Das zurück Nimmer weichet, Glück und Unglück wohl abgleichet. Großmuth sich selbst Alles ist, Wohnet innen, Macht, daß du mit Stand der Sinnen Glücklich bist. Morgenandacht Frisch auf, mein Sinn, ermuntre dich, Weil dort die Morgensonne sich Zeigt auf vergüld'tem Hügel. Es hüpfet ob den Büschen ümm, Und singet Gott mit krauser Stimm' Das leichte Luftgeflügel. Schläfer, Schäfer, Sind geflissen, Zu begrüßen Trift und Auen, Dir und ihnen sich zu trauen. Dir, dir, dir hier, o Gott, stimmt an, Was schwebt, was webt, was beben kann, Ein Loblied deiner Güte. Auch mich soll nichts beschämen nicht, Daß ich vergesse meine Pflicht Und dankbares Gemüthe. Höre, mehre Dies Erklingen, Laß mein Singen, Dich jetzt preisen, Und dir Ruhm und Ehr' erweisen. Das Leid der Nacht ist überhin. Wer macht, daß ich entkommen bin Aus tausendfachen Stricken? Da mich umfing des Todes Bild, War deine Hand mein starker Schild, Dein Schutz wollt' mich beglücken. Pfeilen, Seilen Böser Leute, Die zur Beute Mich erwählet, Hat ihr Werk der Nacht gefehlet. Du Held und Hüter unsrer Wacht, Der du nicht schläfest in der Nacht, Dein Gnadenaug' bleib' offen; Beug' ferner allem Unfall für, Und öffne meines Herzens Thür Zu fest gefaßtem Hoffen. Ende, wende Meine Schmerzen In dem Herzen Ob den Sünden, Laß mich deine Gnad' empfinden. Pilgerlied Ziehet hin! spricht zu den Seelen, Der dem Adam Odem gab. Geht, ihr Kinder, in die Hölen, Die ich euch gebauet hab'. Wandert hin! Kommt wieder her! Sucht durch Elend Sternenehr'! Unser Gasthaus ist die Erde, Sie ist unsre Heimath nicht. Unser Wallen voll Beschwerde Nach dem Himmel ist gericht'. Für uns ist kein Bleiben hier, Jene Wohnstatt suchen wir. Uns schützt wider Sonn' und Regen Gottes Hand, der Pilgerhut, Und der Stab auf unsern Wegen Ist sein Wort, so Hülfe thut. Der macht unsern Tritt gewiß In dem Thal der Finsterniß. Sorgen, Sünden, die uns drücken, Unsre Wanderbündel sind, Bis das Reiseziel den Rücken Von der schweren Last entbind'. Wann sich endet unser Lauf, Schlafen wir dann sanft darauf. Gott und Alles An meinem Gott ich hange, Ihn halt' ich, der mich hält. Nach nichts mich sonst verlange! Ist Alles schnöde Welt. Wer will, an ihr sich labe, Such' Lust und finde Leid. Herr, wenn ich dich nur habe, Ach, das ist meine Freud'! Gott lieben ist mein Leben; An ihm ich bleibe grün Und saftig, gleich der Reben, Bin dürr und todt ohn' ihn. Von ihm kommt alle Gabe, So zieret mein Gemüth. Herr, wenn ich dich nur habe, Mein Herz von Tugend blüht. Es brennet, Gott zu loben, Mein Herz in Andachtsglut. Ich suche das, was oben, Das macht mich wohlgemuth. Dies sei es, was mich labe, Wenn ich dich jede Stund', Herr, wenn ich dich nur habe Im Herzen und im Mund! Ob mich die Dornen stechen, Mein Glaub' vor Anker liegt; Ich werd' noch Rosen brechen, Die Hoffnung grünt und siegt. Mein Elend ich begrabe In seinen Vaterschoß. Herr, wenn ich dich nur habe, So leb' ich sorgenlos. Sollt' auch der Leib veschmachten, So will ich himmelwärts Aus diesem Kerker trachten. Es wird ein kurzer Schmerz Mich fördern hin zum Grabe Und enden alle Noth. Herr, wenn ich dich nur habe, Was frag' ich nach dem Tod? So leb' ich, Gott ergeben, Und sterb' auf seine Gnad'. Den Himmel und das Leben Hat ewig, der Gott hat. Den Leib send' ich zu Grabe, Die Seel' in seine Hut. Herr, wenn ich dich nur habe, So hab' ich alles Gut. Leben Tod, Tod Leben Nur ein Tod ist dieses Leben, Nichts als eine Grabesbahn. Wann zu leben wir anheben, Fahen wir zu sterben an. Unser Tod ist jede Noth, Die uns wünschen macht den Tod. Von des Leibes Knochenwagen Wird die Seele fortgetragen. Tod, du giebst das rechte Leben, Dies hier ist der wahre Tod. Himmelauf, dahin wir streben, Holst du uns, du lieber Both'! Den du führest bald zur Ruh', Dessen bester Freund bist du. Schneller Tod ist kein Verderben, Gottgeliebte fertig sterben. Christen wie der Phönix sterben, Werden lebend in dem Grab. Wer im Sternenhaus will erben, Muß die Erde legen ab. Wann die Sonne eilt der Ruh' In den Wintertagen zu, Sie läßt nach dem Untergehen In der andern Welt sich sehen. Jesus hier mit seinen Lieben Aus dem todten Leben eilt, Und mit ihnen, ohn' Verschieben, Seine Himmelsfreude theilt. Fahre, spricht er, hin, mein Boot! Führ' mir diese aus dem Tod! Laßt den todten Leib verderben! Hört er doch nur auf zu sterben.