Hafisa Lieb' ohne Lust – welch eine Pein! Lust ohne Liebe – wie gemein! Die beiden aber im Verein Gewähren uns das höchste Sein. Daumer 1. Oh, wie mir schweren Dranges Das Herz im Leibe bebt, Wenn sie so leichten Ganges An mir vorüberschwebt! Herab vom Rücken weht Ein blendend weißer Schauer; Durch ihre Augen geht Ein wunderbares Feuer; Die schwarzen Locken wühlen Um ihres Nackens Fülle; Der Leib, der Busen fühlen Sich eng in ihrer Hülle. Allüberall Bewegung, Allüberall Entzücken, Daß sich in toller Regung Die Sinne mir berücken, Daß wunderbaren Dranges Das Herz im Leibe bebt, Wenn sie so leichten Ganges An mir vorüberschwebt! Narzissen blühn und Rosen Um himmelblauen Kleide, Darunter flammen Hosen Von feuerroter Seide – Die kleinen, zarten Füße, Die weichen, feinen Hände, Der Mundrubin, der süße, Der Zauber ohne Ende! Oh, wie mir schweren Dranges Das Herz im Leibe bebt, Wenn sie so leichten Ganges An mir vorüberschwebt! 2. Das Lied von der Schönheit Ich sang auf den Basar Ein Lied von deiner Schöne, Und wer es hörte, war Entzückt von deiner Schöne. Tataren, Perser, Kurden Und Haïks 1 schlaue Söhne, Moslem und Christen wurden Gerührt von deiner Schöne. Es waren Sänger dorten, Die merkten Sinn und Töne Und singen jetzt allerorten Das Lied von deiner Schöne. Der Schleier ist zerrissen, Daß sich dein Blick gewöhne, Denn alle Leute wissen Das Lied von deiner Schöne. Und flieht dein Reiz – oh, daß dies Wort Im Alter dich versöhne! Man singt doch fort und immerfort Das Lied von deiner Schöne! Fußnoten 1 Armenier. 3. Wenn zum Tanz die jungen Schönen Sich im Mondenscheine drehn, Kann doch keine sich so lieblich Und so leicht wie meine drehn! Daß die kurzen Röcke flattern, Und darunter, rot bekleidet, Leuchtend wie zwei Feuersäulen Sich die schlanken Beine drehn! Selbst die Weisen aus der Schenke Bleiben stehn vor Lust und Staunen, Wenn sie, spät nach Hause schwankend, Sich berauscht vom Weine drehn! Auch der Muschtahid 1 , der fromme, Mit den kurzen Säbelbeinen, Spricht: So lieblich wie Hafisa Kann im Tanz sich keine drehn! Ja, vor dieser Anmut Zauber, Vor Hafisas Tanzesreigen Wird sich noch berauscht die ganze Gläubige Gemeine drehn! Und was in der Welt getrennt lebt Durch verjährten Sektenhader, Wird sich hier versöhnt mit uns in Liebendem Vereine drehn! Oh, Mirza-Schaffy! welch Schauspiel, Wenn die alten Kirchensäulen Selber wanken und sich taumelnd Um Hafisas Beine drehn! Fußnoten 1 Oberpriester der Schiiten. 4. Neig, schöne Knospe, dich zu mir! Und was ich bitte, das tu mir! Ich will dich pflegen und halten; Du sollst bei mir erwarmen Und sollst in meinen Armen Zur Blume dich entfalten! 5. Ei, du närrisches Herz, Daß dich klagend gebeugst hast! Du bejammerst den Schmerz, Den du selber erzeugt hast! Du verzweifelst in Gefahr heut Und suchst doch selbst die Gefahr! Und ich kenne deine Narrheit Und bin selbst ein solcher Narr! 6. Ein Blick des Augs hat mich erfreut – Der Zauber dieses Augenblicks Wirkt immerfort in mir erneut Ein leuchtend Wunder des Geschicks. Drum eine Frage stell' ich dir, Horch huldvoll auf, mein süßes Leben: Galt jener Blick des Auges mir, So magst du mir ein Zeichen geben! Und darf ich deinem Dienst mich weihn Und bist du meinem Arm erreichbar, So wird mein Herz voll Jubel sein, Und meiner Freude nichts vergleichbar! Dann leb' ich fort durch alle Zeit Im Wunderleuchten des Geschicks Den Augenblick der Seligkeit, Die Seligkeit des Augenblicks! 7. Es ragt der alte Elborus So hoch der Himmel reicht! Der Frühling blüht zu seinem Fuß, Sein Haupt ist schneegebleicht. Ich selbst bin wie der Elborus In seiner hehren Ruh, Und blühend zu des Berges Fuß Der schöne Lenz bist du! 8. Auf dem Dache stand sie, als ich schied, Mit Gewand und Locken spielt der Wind – Sang ich scheidend ihr mein letztes Lied: Nun leb wohl, du wundersüßes Kind! Muß von dannen gehn Doch auf Wiedersehn, Wenn das Hochzeitsbett bereitet steht! Ein Kamel, beladen, bring' ich dir, Reichen Stoff zu Kleidern und Schalwár, 1 Echte Chenna 2 zu der Finger Zier, Schmuck und Narden für dein Ambrahaar, Feines Seidenzeug, Sammet dick und weich, Und die Mutter wird zufrieden sein! Auf dem Dache stand sie, als ich schied, Winkt herab mit ihrer kleinen Hand. – Weht der Wind ihr zu mein Scheidelied, Spielt der Wind mit Locken und Gewand; Fahre wohl, mein Glück! Kehre bald zurück. Wenn das Hochzeitsbett bereitet steht! Fußnoten 1 Weite Beinkleider. 2 Zum Blaufärben der Nägel und Fingerspitzen, was bei den Tataren, Persern, Armeniern und anderen Völkern zur Vornehmheit gehört. 9. Sie sprach: O welch geteiltes Glück, Mirza-Schaffy! ward meinem Leben: Du hast dein Herz nun Stück für Stück Wie deine Lieder hingegeben – Was bleibt davon für mich zurück, Für all mein Lieben, all mein Streben? Ich Sprach: Stets ungeteilt erglüht Und zündend seine Strahlen sprüht Mein Herz, an ewiger Liebe reich, – Es ist mein Herz der Sonne gleich, Der hohen Strahlenspenderin, Die, ob sie gleich Verschwenderin Mit ihrem Licht und Glanz ist, Doch immer schön und ganz ist! 10. Die alten Saklis 1 von Tiflis, Ich kann sie kaum wiedererkennen, Wie sie im Mondenstrahle So prachtvoll glitzern und brennen. Die jungen Mädchen von Tiflis, Ich kann sie kaum wiedererkennen, Wie sie so kalt und finster An mir vorüberrennen. Mirza-Schaffy! dich selber Kann man kaum wiedererkennen, Seit du und deine Hafisa Sich Mann und Weibchen nennen! Fußnoten 1 So heißen die gewöhnlich halb unterirdischen Häuser der Georgier und Tataren. 11. Es kommen die Missionäre Zu uns vom Abendlande Und predigen fromme Märe In schwarzem Bußgewande: Wie alle Welt verdorben, Versunken ganz im Bösen, Und wie der Christ gestorben, Die Menschheit zu erlösen. »Wir wurden auserkoren, Die Märe zu verbreiten; Wer zweifelt, ist verloren Für alle Ewigkeiten!« »Ihr wandelt dunkle Wege, Wir führen euch zur Klarheit.« – Doch: wer gibt mir Belege Für eurer Worte Wahrheit? Ich komme nicht zu Ende Im Guten wie im Bösen, Wenn nicht Hafisas Hände Die dunklen Zweifel lösen. Du schöne Missionärin! Lehr' du mich Religion: Bei dir liegt die Gewähr in Dem Blick des Auges schon. 12. Sie meinten ob meiner Trunkenheit Und gänzlichen Versunkenheit: Ich fände kein Erbarmen ... Oh, ewig möcht' ich trunken sein Und ewig ganz versunken sein In deinen weißen Armen! 13. Soll mich bekehren, weil ich nicht Im richtigen Geleise bin, Derweil ich gänzlich festgebannt. In deinem Zauberkreise bin. Sie zeigen mir den Himmelsweg Und warnen mich vor falscher Bahn, Derweilen ich zum Paradies Längst fertig mit der Reise bin. Sie preisen ihren Himmel hoch Und machen viel Geschrei davon, Derweilen ich im höchsten Glück Verschwiegen ganz und leise bin. Die Nachtigall ist Sünderin Weil sie nicht wie der Rabe krächzt – Ich bin verdammt – weil ich beglückt In meiner eignen Weise bin! 14. Jussuf und Hafisa Von Jussuf im Ägypterland, Dem lieblichsten der Menschensöhne, Heißt es: ihm gab Jehovahs Hand Die Hälfte aller Erdenschöne! Als Jussuf nun gestorben war, Hub seine Schönheit an zu wandern Und wanderte wohl manches Jahr Von einem Lande zu dem andern. Denn dieses war ihr Schicksalswort: Nur dort sollst du in Zukunft thronen, Wo dir zur Pflege, dir zum Hort Bescheidenheit und Anmut wohnen. An manche Türe klopft sie an, Bei Armen wie im Prunkpalaste – Und gerne ward ihr aufgetan, Doch nirgends blieb sie gern zu Gaste. Bis sie bei dir, du süße Maid, Ein heimatliches Dach gefunden, Wo Anmut und Bescheidenheit Sie nun für alle Zeit gebunden.