Friedrich Rudolph Ludwig Freiherr von Canitz Trauer-Gedichte Klag-Ode über den Tod seiner ersten Gemahlin Soll ich meine Doris missen? 1 Hat sie mir der Tod entrissen? Oder bringt die Phantasey Mir vielleicht ein Schrecken bey? Lebt sie? Nein, sie ist verschwunden; Meine Doris deckt ein Grab. Schneid, Verhängniß, meinen Stunden Ungesäumt den Faden ab! Solt ich dich noch überleben! Der ich mehr, als mir, ergeben, Die ich in mein Hertz gedrückt; Dich, die du mich so beglückt, Daß die Welt mit Kron und Reichen Mich zu keinem Neid gebracht, Weil ich sie, dir zu vergleichen, Niemahls groß genug geacht? Doris, kanst du mich betrüben! Wo ist deine Treu geblieben, Die an meiner Lust und Gram Immer gleichen Antheil nahm? Du eilst zur bestirnten Strassen, Und hast nun zum ersten mahl Mich und unsern Bund verlassen; Deine Wonne schafft mir Qvaal! Was für Wellen und für Flammen Schlagen über mich zusammen! Unaussprechlicher Verlust, Wie beklemmst du meine Brust! Und wie kömmts? da ich mich kräncke, Werd ich gleichsam wie ergötzt, Wenn ich nur an die gedencke, Die mich in diß Leid gesetzt. Möchte mir ein Lied gelingen, Sie nach Würden zu besingen: Doch ein untermengtes Ach Macht mir Hand und Stimme schwach; Worte werden mir zu Thränen, Und so muß ich mir allein, In dem allergrösten Sehnen, Der betrübte Zeuge seyn. Ihr, die ihr mit Schrifft und Tichten Könnt die Sterblichkeit vernichten, Singt die Angst, die mich verzehrt, Und der Doris ihren Werth; Daß man sie, nach langen Jahren, Mag bedauren, und auch mich. Doch ihr könnt die Arbeit spahren; Wer kennt beydes so, wie ich? Ihrer edlen Seelen Gaben Hielt sie zwar nicht als vergraben; Nein, sie waren Stadt und Land Meistens, mir doch mehr, bekannt. Manches Weib wird hoch gepriesen, Das kaum so viel Tugend zehlt, Als die Seligste von diesen Aus Bescheidenheit verhöhlt. Daß sie wohl mit Gott gestanden, Sieht man, da sie von den Banden Dieses Lebens wird befreyt; Seht, wie sie der Tod bedräut, Aber selbst beginnt zu zittern! Denn sie zeigt ihm lächlend an, Daß, der die Natur erschüttern, Ihren Schlaff kaum hindern kan. In dem eiteln Welt-Gedränge, Ward von der verführten Menge, Die man allenthalben spührt, Doris dennoch nie verführt, Niemahls hatte sie erkohren Einen Gifft, der Zucker hieß; Weil ihr etwas angebohren, Das so fort die Probe wieß. Doch, in Worten und in Wercken, Ließ sie einen Umgang mercken, Der nicht fremdes Thun verhönt, Und das Seinige beschönt. Was für kluge Tugend-Sätze Macht indessen nicht ihr Mund, Und für ungemeinte Schätze Noch vielmehr ihr Wandel kund! Gütig jederman begegnen, Lieb und Wohlthat lassen regnen, Das war ihre beste Kunst. Auch der höchsten Häupter Gunst, 2 Und ihr innerstes Vertrauen, Hat sie nie zum Stoltz bewegt. Wir und das, worauf wir bauen, Sprach sie, wird in Staub gelegt. Durch verstelletes Beginnen Fremden Beyfall zu gewinnen, War ein zu verächtlich Spiel, Das ihr niemahls wohlgefiel. Und was war es ihr vonnöthen? Ihre Stirn, die nie betrog, Machte so den Neid erröthen, Als sie Hertzen an sich zog. Von der Anmuth ihrer Sitten Fand ich mich schon längst bestritten; Doch in unserm Ehestand Ward ich hefftiger entbrannt: Weil ich so ein Hertz erlesen, Das, wenn Unglück auf uns stieß, Eben ein so sanfftes Wesen, Als im Glücke spüren ließ. Bey der liebsten Kinder Leichen 3 Gab sie kein verzagtes Zeichen. Hof und Hauß vergieng in Glut, 4 Aber nicht ihr Helden-Muth. Regung, Sinn und Wunsch zu brechen Nach des weisen Schöpffers Rath, Und mir tröstlich zuzusprechen, Das war alles, was sie that. Mit was lieblichem Bezeigen Gab sie sich mir gantz zu eigen! Und wie sehr war sie bemüht, Biß sie meine Neigung rieth. Alles das hab ich verlohren! Ach! wie werd ich Traurens-voll! Hat mein Unstern sich verschworen, Daß ich sterbend leben soll? Selbst das Pfand von unserm Lieben, Das von allen übrig blieben, Wenn ichs in der Unschuld seh, Machet mir ein neues Weh; Weil sein aufgeweckt Geblüte, Seiner Mutter frohen Geist, Und sein unverfälscht Gemüthe, Ihren wahren Abdruck weist. Was mir ehmahls wohlgefallen, Schmeckt itzund nach lauter Gallen, Und mich beugt der kleinste Wind, Weil er mich verlassen findt; Mir erweckt das Schau-Gerüste Grosser Höfe nur Verdruß, Und mein Hauß scheint eine Wüste, Weil ich Doris suchen muß. Ich durchirre Land und Seen, In den Thälern, auf den Höhen, Wünsch ich, wider die Gewalt Meines Schmertzens, Auffenthalt. Berg und Thal, samt See und Ländern, Können auch zwar mein Gesicht, Aber nicht mein Leid verändern; Denn ich finde Doris nicht. Euch, ihr Zeiten, die verlauffen, Könt ich euch mit Blut erkauffen, Die ich offt, aus Unbedacht, Ohne Doris zugebracht! Sonne, schenck mir diese Blicke! Komm, verdopple deinen Schritt! Eilt ihr Zeiten, eilt zurücke, Bringt mir aber Doris mit! Aber nein: Eilt nicht zurücke! Sonst entfernen eure Blicke Mir den längst begehrten Tod, Und benehmen nicht die Noth. Doch, könt ihr mir Doris weisen? Eilet fort! Nein, haltet still! Ihr mögt warten. Ihr mögt reisen. Ich weiß selbst nicht, was ich will. Helffte meines matten Lebens, Doris! ists denn gantz vergebens, Daß ich kläglich um dich thu? Kanst du noch in deiner Ruh, Die getreuen Seuffzer hören? Rührt dich meiner Schickung Grimm? Ach so laß dein Schlummern stöhren! Sieh dich einmahl nach mir üm! Zeige dich mit den Geberden, Die so manches mahl auf Erden Mich von Sorgen loß gemacht. Gib mir noch, zu guter Nacht, Nur mit Wincken zu verstehen, Daß du meinen Jammer kennst, Wenns der Himmel so versehen, Daß du dich auf ewig trennst. Laß in der Gestalt dich schauen, Wie dich in den sel'gen Auen Eine Klarheit nun erleucht, Der die Sonne selbst nicht gleicht. Oder scheint der Engel Freude Nicht durch grober Sinnen Flohr; Wohl! so stell, in meinem Leyde, Dich auf andre Weise vor. Dürfft ich küssend dich umfassen, So, wie ich dich sah erblassen, Wie der werthen Augen Paar Dir zuletzt gebrochen war, Und der Angst-Schweiß deine Wangen Als mit Perlen angefüllt! Denn so wäre mein Verlangen, Sollt ich meynen, schon gestillt. Ja, ob gleich die Träume trügen, So will ich mich doch vergnügen, Wenn du in der stillen Rast Meinen Wahn befriedigt hast. Ist denn dieses auch verboten, Ey! so steht die Hoffnung fest, Daß der finstre Weg der Todten Mich zu dir gelangen läßt. Denn will ich, nach langem Schmachten, Dich in Sions Burg betrachten. Brich, erwünschter Tag, herein! Und mein sterbliches Gebein Soll, biß künfftig unsre Seelen Wieder in die Cörper gehn, Nechst bey dir, in einer Höhlen, Die Verwesung überstehn. Wie geschicht mir? Darff ich trauen? O du angenehmes Grauen! Hör ich meine Doris nicht? Die mit holder Stimme spricht: Nur drey Worte darff ich sagen: Ich weiß, daß du traurig bist; Folge mir! Vergiß dein Klagen, Weil dich Doris nicht vergißt. Fußnoten 1 Die erste Gemahlin des Herrn von Canitz hieß Dorothea Emerentia, und war eine gebohrne von Arnimb. 2 Churfürst Friedrich erwehlte sie einsmahls, aus eigener Bewegniß, um mit Sr. Durchl. Gemahlin nach Hanover auf den Carneval, als Ober-Hofmeisterin, zu reisen. Von beyden aber ward sie jederzeit eines gantz besondern Vertrauens gewürdiget. 3 Von sieben in ihrer Ehe erzeugten Kindern blieb ihr nicht mehr als ein einiger Sohn im Leben. 4 Sein schönes Land-Gut Blumberg, welches 1695. fast gantz in die Asche gelegt ward.