Ada Christen Aus der Asche Neue Gedichte Ich muß auf meine Wunden Asche streuen. .... Dranmor. Dranmor, dem Dichter des »Requiem« verehrungsvoll gewidmet. Nachklänge Was einmal tief und wahrhaft Dich gekränkt, Das bleibt auf ewig Dir in's Mark gesenkt. Lenau. Gefallene Engel Es ist die alte finst're Mähr Von zwei Vermaledeiten, Die ohne Rast und ohne Ruh Fort durch die Hölle schreiten. Von Zweien, die voll Hochmuth einst Verschmäht des Himmels Frieden, Und eine Seligkeit hindurch Sich fremd und stolz gemieden; Von zwei Vermaledeiten, die So fern nun allem Reinen, Sich suchen, finden, halten, ach! Und weinen – weinen – weinen! Daheim In Deinem düstern Zimmer steh' ich wieder, Vom Fenster hauchen schwül die Blumendüfte, Die Sterne schauen groß und ruhig nieder Und müde Töne zittern durch die Lüfte. Ach! tiefe Wehmuth folgt dem Lied dem langen, Ich fühle klar, was einstens ich nicht kannte, Als schweigend hier mit demuthsvollem Bangen Ich harrte Dein – der mich in's Leben sandte. Mich dünket, wieder müßt' ich Dich gewahren An diesem Ort, wo Du so viel verschuldet, Als bräche heiß hervor nach dürren Jahren In Thränen hier – was draußen ich erduldet. Einst Ach wie war es leer und schaurig, Als ich einst die Straßen zog, Lebensmüde, sterbenstraurig, Still mich in Dein Fenster bog. Als ich dann mit dumpfem Weinen Auf der Schwelle niedersank, Von den eis'gen Marmorsteinen Glühend heiße Tropfen trank. Bangte Dir, daß sie mich fänden? – Doch Du hast mich nicht geschaut – Denn es ward von Priesterhänden, Fern, ein Weib Dir angetraut. Wiedersehen In bangen Nächten, wenn der graue Wahnsinn Mit dürren Fingern an das Hirn mir pochte, Wenn glüh'nde Thränen meine Kissen netzten, Mein wildes Herz vor Zorn und Sehnsucht kochte – In solchen Nächten war mir der Gedanke, Daß Du noch lebst, daß ich Dich wiedersehe, Ein Stern, nach dem ich zitternd hob die Hände – Und trotzig weiter schleppt' ich dann mein Wehe. Ich sah Dich wieder – wieder plötzlich flammten Sie alle auf, die alten Wahnsinnsgluthen, Der wilde Zorn, der Schmerz, die herbe Liebe – Es war, als müßte ich vor Dir verbluten. Du aber standest mit dem argen Lächeln, Das mir bekannt aus gottverfluchten Tagen; Der fahle Blick macht mir das Herz erstarren: Es war ein freches, antwortsich'res Fragen! Und Deine Hände streckten fieberglühend Sich plötzlich so begehrend mir entgegen, Und mehr und mehr sah ich Dein Bild erblassen, Das mich begleitet einst auf allen Wegen: »Das ist er nicht!« schrie es in meiner Seele, »So war er nie, so kann er nimmer werden.« Wofür wär' meine Seligkeit verspielet, Wofür wär' ich verflucht – verflucht auf Erden! – – Zorn Reize mich nicht – o reize mich nicht! Ich könnte sonst vergessen, Wie viel ich thörichte Liebe für Dich Und Selbstverleugnung besessen! Ich könnte vergessen, was ich Dir galt Und was ich um Dich gelitten, Drum reize mich nicht – o reize mich nicht, Zur Stunde kann ich noch bitten! Doch wehe! wenn ich es nicht mehr kann, Dann kenn' ich kein Zögern und Schwanken, Du weißt, wenn meine Lippe zuckt, Dann morden die bösen Gedanken. Vermälte O sieh', wie von der Wahrheit Wort Die kalten gift'gen Nebel schwanden, Gesegnet sei der Tag hinfort, An welchem wir uns wieder fanden. Wie lange hielt uns Menschen Trug Und stolzes Schweigen dumpf umfangen, Wie hemmten wir der Seelen Flug, Die zweifelnd in dem Dunkel rangen. Und stehen wir uns weltenfern, Ist auch vergeudet unser Leben, Ich habe jedes Leid doch gern Aus tiefstem Herzen Dir vergeben. Es ist des Glückes letzte Huld, Das wir uns heut' die Hände reichen; Wir büßen ja die alte Schuld, Gekettet an lebend'ge Leichen. Altes Lied Alter Text und alte Weise – Wie das durch mein Leben zog, Und so wehmuthsvoll und leise Mir den Himmel nieder log. Fast vergessen pocht es wieder An das eingewiegte Herz, Und der erste Ton ist wieder, So wie einst, ein leiser Schmerz. Mitleid Vergieb mir, daß der Schmerz aus alten Tagen Das kranke Herz mir konnte wild verbittern Und seine rührend kindlich-bangen Klagen In heiser-schrilles Lachen mir zersplittern. Ich liebte Dich und wähnte Dich zu hassen, Als all' die Andern Dir zu Füßen lagen; Nun da Du alt geworden und verlassen, Erfasset mich ein unerklärbar Zagen. O würdest Du wie einst, voll trotz'gem Wagen, Voll Jugend-Uebermuth mein Herz zerfleischen, Viel leichter als die Blicke würd' ich's tragen, Die unbewußt nur tiefes Mitleid heischen. Zu spät! Uns're Schiffe willst Du lenken Nun nach einem gleichen Ziel?! Fern Dir, losgerissen treib' ich, Längst der wilden Stürme Spiel. Fürchte Du das böse Zischen, Kalte Grollen, fürcht' das Meer, Lass' mich ringen mit den Wogen, Einsam, haltlos, ohne Wehr! Bleibe still und unbekümmert Ferne mir und nah' dem Strand, Bald entsinket ja das Ruder Meiner kraftlos müden Hand – Oder – stürze muthig nach mir, Wenn mein Fahrzeug untergeht – Sterben können wir zusammen, Doch zum Leben ist's zu spät! Asche 1. Wie sie lodern, wie sie beben, Still verglimmen und verweh'n – Und ein Stück von meinem Leben Seh' in Asche ich vergeh'n. Weiche, goldig-blonde Locken, Manche Blume, die da schlief, Es zerstirbt in Aschenflocken Mancher alte Liebesbrief. Welches Glück die Worte brachten, Diese Phrasen, – Gott erbarm'! Wie sie heiß den Kopf einst machten – Heute wird die Hand kaum warm ! 2. Im Kamin lag grau die Asche, Und ich saß, nachdenklich schürend, In dem letzten tauben Reste Nach verborg'nen Gluthen spürend. Und es flammte aus der Asche, Wieder helle Funken sprühend, Eine halbverglomm'ne Kohle Und zersplitterte verglühend. Und es flüstert in der Asche: Warum tödtest Du, berührend Was noch aufflammt, Dir zur Leuchte, Dich aus Nacht und Kälte führend? .... 3. Wilde, ungeberd'ge Flammen, Die sich suchen und verstecken, Wie sie zischeln, wie sie schmeicheln Und sich schlängeln und sich necken; Wie sie prasseln, knistern, jubeln, Sich verfolgen und umschlingen, Wie sie zu dem heißen Reigen Ihre lockern Lieder singen! Wie sie endlich glühend züngeln, Jauchzend hoch und höher schlagen, Mit den schlanken rothen Armen Gierig in einander ragen! Welches glühend frische Leben Seh' ich in den Flammen treiben – Und nichts als ein Häuflein Asche Soll von all' den Gluthen bleiben? .... 4. Todte Liebe, – kalte Asche! Armer, längst zerstob'ner Traum – Wie ein geisterhaftes Mahnen Weht es durch den öden Raum! Oft ist mir, als müßt ich hüten Dich, wie einst, mein sterbend Kind – Doch ein Luftzug – und die Asche Fliegt hinaus in Nacht und Wind! Entweiht! Fern sei es mir, daß spottend ich Nach Dir, zerfall'ne Gottheit, zeige, Wenn ich auch nimmer gläubig mich Vor Deiner Macht in Demuth neige. Du stehst mir schmerzvoll, menschlich-nah, Stehst menschlich-schwach an meiner Seite. Ich schaue nun, was ich nicht sah, Als Du in mystisch-ferner Weite! Ernüchtert starr' ich zu Dir hin, Und such' die schmerzgefeiten Züge, Und schau: so elend wie ich bin, Bist Du – durch Menschenlieb' und Lüge! Finis! O, wende ab Dein Angesicht, Das thränenfeuchte, schmerzenbleiche, Die Thränen wecken Todte nicht, Und Du knieest hier vor einer Leiche. Fleh' nicht mit gellem Jammerschrei: »Nur eine Stunde soll sie leben!« Es ist vorbei, – es ist vorbei – Das fühlst Du durch die Seele beben. Du suchtest Freude hier und Lust, Der todten Jugend süße Namen; O Mann! – schau' in die öde Brust – Und Du verstehst mein »Nein,« mein »Amen!« Gebet Urewiger! Unendlicher! Du hörst das Schreien Der ringenden Seele. Zu Dir geflüchtet Bin ich in Stunden, Wo Dir entfremdet Und Dich verhöhnend, In Schmutz und Sünde Sich Jene wälzten, Die gestern lobpriesen Dein heiliges Wort, Die morgen wieder Vor Deinem Kreuze Im Staub sich winden, Ein heiliges Antlitz Und heilige Sitten Frommlächelnd zeigen. – O ewiges Wesen Barmherzig bist Du, Du bist milde, Göttlich, gütig! – Ich glaube an Dich, Ich hoffe auf Dich, Und wenn auch versinkend, Ruf ich zu Dir! Du hörst dies Rufen ..... Der Krämerseelen Erbärmlich Winseln Dringt nicht an Dein Ohr: Doch dort, wo Jammer Und große Schuld Vor Dir sich beugen In schmerzlicher Reue, Dort, wo beladen Mit menschlichem Elend, Von Dir ein Wesen, Sündenmüde, Lebensmüde, Erlösung heischt, Dort wirst Du hören, – Denn Du bist Gott! Alte Feinde 1. Wie mit einem einz'gen Schlag Ist die Welt um mich verwandelt, Lächelnd knixet Tag um Tag, Was mich einst so schlecht behandelt. Heute reichet mir die Hand, Was einst Schmähungen gesendet, Heute naht im Festgewand, Was sich einst von mir gewendet. Euer Haß war die Gewalt, Die mich einst hinausgetrieben – Aber unbewegt und kalt Läßt mich heute Euer Lieben! 2. Ei, wie mächtig und bezwingend Dünkt Euch fast ein einzig Wort, Glaubt Ihr wohl, es nehme plötzlich Jahrelanges Elend fort? Ei, versucht des Wortes Allmacht An dem Meer, das wild empört, Sturmgepeitscht so düster grollet, Ob es Euer Wort beschwört. Und Ihr wähnt, das Herz, das wilde, Das die Bitterkeit gestählt, Macht ein mildes Wort vergessen, Wie Ihr es gepeitscht – gequält?! 3. Wie so kleinlich, wie erbärmlich Beugt Ihr Euch vor meiner Macht, Vor den Herzblut-Purpurfetzen, Vor der Dornenkrone Pracht. O, ich hör's, aus Eurem Lobe Zuckt der alte Spott, die Schmach, Denn Ihr könnt es nimmer glauben, Daß ich meine Ketten brach; Ich zerbrach sie doch! O glaubet, Meine Selbstverachtung schwand, Als ich Euch so feig, so hündisch, So verachtungswürdig fand. 4. Wohl könnt Ihr mäkeln jetzt an Wort und That, Könnt mich verdammen, seht, es rührt mich nimmer; Ich hasche nicht nach Eurem feilen Rath Und morscher Tugend fahlen Moderschimmer! Ich trachte nimmermehr nach Eurer Lieb', Ich werde liebearm und einsam schreiten, Doch jene Waffe, die einst fort mich trieb, Sie wird nun stumpf von meinem Panzer gleiten. O, ich war elend! – jeder böse Zug In Euren kalten Larven mahnt mich wieder, Wie Jeder von Euch tückisch nach mir schlug, In mir vernichtet meine reinsten Lieder! Dem Freunde! Mir ist so weh! ein thränenloses Weinen, Es will mir fast die Brust zersprengen, Schau' ich die Schmerzen, die gleich gift'gem Thaue Dir Lebensmuth und Kraft versengen. Was weiß die Welt von Deinen tiefen Leiden, Die bitter durch Dein Lachen klingen, Sie kennet nimmermehr des Halbbefreiten, Des stolzen Geistes wirres Ringen! Doch mir ist weh! ein thränenloses Weinen Hebt mir die Brust, in Deinem Herzen Da schaue ich die Kämpfe gleich den meinen, Da fühl' ich Schmerz von meinen Schmerzen! Visionen 1. Es zuckt durch meine Seel' ein Blitz Mit gelben unheimlichen Flammen, Er leuchtet wie der Verzweiflung Witz, Er zischet wie kaltes Verdammen, Er zeigt mir in seinem fahlen Licht Nur einen einz'gen Gedanken: Ich seh' ein weißes Todtengesicht Auf dem Wasser im Sturme schwanken! Und immer taucht es wieder empor, So weiß – so schön – so erhaben! ... O, daß es öde wär', wie zuvor, In der Tiefe Alles begraben! – 2. Wesen, kleines, längst verklärtes, Stern in meines Lebens Nacht, Reingeliebtes, heißentbehrtes, Sprich zu mir im Traume sacht! Schlinge Deine kleinen Arme Um die Brust so glückberaubt, An mein Herz, das lebenswarme, Leg' Dein todtes kaltes Haupt! Sternlos Es ist gewitzigt nun, was ihr mißhandelt, Des Dichters Herz, das Keiner unterjocht, Seit es gepanzert euch entgegenpocht, Seit es, wie eure, sich in Erz verwandelt. Dranmor. Fluch Ein Liebesfluch hat Euer Band gewoben, Mit Reuethränen ist es heiß benetzt; Ob auch des Lebens Stürme trennend toben, Ob Elend geißelnd auseinanderhetzt, Ob Ihr verachtet oder glückgehoben, Ob Zorn, ob Rachelust die Brust zerfetzt, Ob Ihr zu hassen frevelnd mögt geloben: Der alte Fluch besiegt Euch doch zuletzt. Biedere Hausfrauen Soll ich es nochmals wiederholen? Ihr habt mich ja so oft gefragt, Und tausend Mal hab' ich auf Ehre Die volle Wahrheit Euch gesagt. – Ja, ich bewund're Eure Tugend, Und ich bewund're Eure Kinder, Bewund're Eure magern Mägde, Bewund're Eure fetten Rinder; Bewund're mehr noch Eure Männer, Bewund're Eure kluge Stummheit, Bewund're Eure feine Wäsche – Beneide Euch um Eure Dummheit. Umsonst! 1. Ich sehne mich aus dem dumpfen Weh Nach jenen unseligen Tagen, Wo meine Seele, so riesengroß, Riesenschmerzen getragen! Oft fürcht' ich fast, Ihr habet geahnt, Wenn Schmerz und Trotz erst gewichen, Könnt Ihr mich tödten, elendklein, Mit tausend Nadelstichen! 2. Freilich sah vorbei ich fluthen All' die jammervollen Stunden, Freilich sind die alten Schmerzen Durchgekämpft und überwunden! Freilich hab' vor Euren Herzen Ich Vergebung nun gefunden – Aber ich muß doch verbluten, Schmerzlos an den alten Wunden! Mein Lied Einschneidend ist mein Lied und peinlich, So frostig wie die Winternacht, Es hätte sonst nach mir wahrscheinlich Manch' Thörin Aehnliches gebracht; In Versen rauh und lebensfeindlich, Wie ich geweint, geflucht, gelacht, So derb-unkünstlich, geistig-kleinlich, So tief gefühlt und – seicht gemacht. Gegenüber! Das ist ein Kichern, ein Jubeln und Lachen, So kindlich heiter und kindlich warm, Es schäkert drüben am Fenster die Mutter, Ihr jauchzendes Kindlein im wiegenden Arm. Und wie sie so tänzelt und singend scherzet, Das kleine Wesen so innig küßt, Da fühlt sie, es ist ihr Eines und Alles, In dem sie das Glück und die Zukunft begrüßt. O, glückliche Mutter! – Vor Noth und Schmerzen Behüte Dein Kindlein treu und lind – Es giebt auf der Erde manch' einsame Mutter Und unter der Erde – manch' liebes Kind! Mariechen Ich schaute ganz wie Du als Kindlein aus, Nur etwas bleicher waren meine Wangen Und wurden roth wie Deine, wenn im Haus Wir polternd über Tisch und Stühle sprangen. Die Augen waren auch so blau und rein, Die Locken fielen d'rauf wie gold'ne Fädchen, Doch liebte Niemand mich, als ich noch klein – So innig wie ich Dich, Du kleines Mädchen! Dem fremden Freunde Es war Dein Wort ein blitzend Schwert, Das für mich stritt; Es war Dein Wort der Seele Schrei, Die für mich litt. Die herbe Thräne war Dein Wort, Geweint um mich; Ein guter Engel war Dein Wort, Der nimmer wich! Dein Wort, es gab mir neuen Muth, Es drang befreiend stolz zu mir; Du Fremder, sieh mein schlichtes Wort, Es dankt zu tausend Malen Dir! Einem Dichterlein O, säng' ich doch von Veilchenduft, Gleich Dir von Lieb' und Mondenschein, Von Waldesgrün und Himmelszelt, Von Frühlingspracht und Vögelein! Du säuselst laue Treibhausluft Und weinst gewärmte Thränelein, Und meinst, es müßt' die ganze Welt, Nur weil Du klagst, auch kläglich sein. O, honigsüßes Dichterlein, Der Du aus Büchern dichten lernst Und flau besingst, was stets Dich mied: Des Lebens echten Schmerz und Ernst. Und doch! säng' ich so zierlich fein Gelernten Schmerz, geles'ne Lust, Nicht spräng' mir jedes kleine Lied Ein blutig Mäuslein aus der Brust. Verwandte Ihr seid beleidigt, weil ich nicht Gerührt in Eure Arme stürze Und das Verzeihungs-Arangement Mit keiner Reuescene würze. Ich flehte nicht, Ihr selber seid Nun plötzlich gnädig mir gewogen; Doch legt die Gnadenmienen ab, Schaut, welche Kluft Ihr einst gezogen. Setzt nur herüber kühnen Sprungs, Seid einmal menschlich-unbesonnen. ... Brecht Ihr auch das Genick dabei, Hat Welt und Hölle nur gewonnen. Wandernd Edelweiß und Raute spenden Müden Wand'rern würz'ge Düfte, Aber scharf und schneidend wehen Selbst im Sommer hier die Lüfte. Carl von Thaler. Auf den Bergen Freu' Dich nicht des blauen Himmels, Bist Du noch so harmlos, Kind? Fühlst Du's nicht? durch Erd' und Himmel Zieht gewitterschwüler Wind! Trau' nur nicht der Himmelslüge, Nicht dem Sonnenlächeln trau', Denn es regnet, weinet innen – Nur nach außen lacht es blau! Gewitternahen Bleischwer drückt die Nacht auf mich, Wolken jagen rasch vorüber, Trübe schon und immer trüber Hüllt der Mond in Nebel sich. In den Zweigen ächzt der Wind Und es rauschen scheu die Blätter, Bald vom dumpfen nahen Wetter Ausgelöscht die Sterne sind. Unkenruf im nahen See Und im Gras ein leis' Geflüster; Öde starrt der Himmel, düster – Weint er stumm – ob unserm Weh? Ein Aufathmen 1. Grüne Tannen, bunte Blumen, Blauer Himmel, Luft und Duft, Silberhelle Wasser rieseln Aus der grauen Felsenkluft. Helle Sonnenlichter zittern Spielend auf dem feuchten Grund, Und der Vögel heimlich Zwitschern Gleicht dem Wort aus liebem Mund. Grüne Tannen – kleine Vögel, Ach, – ihr kennt ein Zauberwort – – Euer Rauschen, euer Zwitschern Scheucht die alten Schmerzen fort! 2. Wie in süßen Morgenträumen Liegt vor mir ein kleines Haus, Blüthenweiße Bäume strecken Winkend ihre Äste aus. Liebes, lang' entbehrtes Grüßen Ist der Lerche jubelnd Lied, Das wie klingend helles Strömen Ob dem Haupte wirbelnd zieht. Kleines Haus und Blüthenbäume, Ich versteh' den Zauber nicht; Doch er spricht zum dunklen Herzen Und es wird d'rin wieder Licht! 3. Fremder Menschen bunte Massen, Fremder Sprache milder Laut, Große Häuser, helle Straßen, Selbst der Himmel heller schaut. Seltsam fremd, wie nie besessen, Klingt mir hier der Name mein, Auch mein Herz lernt hier vergessen, Lernt vielleicht hier glücklich sein. Abendbild Grau der Himmel, grau die Erde, Grau das weite dürre Land, Sonn'verbrannte nied're Sträucher, Schwarzer Sumpf und heißer Sand; Doch schon weben in der Ferne Abendnebel, dünn' und leicht, Ihre grauen feuchten Schleier Und die träge Stille weicht. Denn ein mildes kühles Lüftchen, Wie der reine Athemzug Eines schlafumfang'nen Kindes, Hemmt der Vögel matten Flug. Aus den Büschen, still sich regend, Ein geheimes Flüstern bricht, Leise klagt's im Sumpf und silbern Spiegelt sich das Mondenlicht. – Am Teich Ich kenne dich, du schwarzer Teich, Genau weiß ich den Tag, Als eine Todte still und bleich An deinem Rande lag; Und als der Pöbel scheu und stumm Sich langsam nahte dir Und abergläubig, feig und dumm Bekreuzte sich vor ihr; Als eine Hand den schönen Leib Mit Haken an sich riß – Der rohe Hauf' das todte Weib Ein gottverdammtes hieß. – Das starre Antlitz hold und bleich, Schaut' ich so manche Nacht, In schwarzen Stunden, schwarzer Teich, Hab' oft ich dein gedacht. Im Dorfe Richtig da, die alte Scheuer Steht noch auf derselben Stelle, Vor der Thüre flammt das Feuer, Flackert auf, wie einst so helle, Und wie einst, so heute lagern Kunstplebejer, Vagabunden, Blasse Weiber bei den magern Kindern und bei alten Hunden. Jubelnd grüßt das längst-vergess'ne, Jugend-mahnende Gelichter, Ich erkenne schminkzerfress'ne Kecke, thörichte Gesichter. Wüst-poetisch, frierend, hungernd Finde ich die Altbekannten Ärmer noch, noch träger lungernd, Echte Handwerks-Comödianten. Hinter einem Zaume werden Sie einst jämmerlich verenden, Denn es giebt für sie auf Erden Schon zu viel der Concurrenten. Habt als Stümper angefangen Und seid Stümper auch geblieben; Kirch' und Parlament seit langen Jenes Handwerk besser trieben. Prag. Auf dem alten jüdischen Friedhofe Sinnend stand ich bei dem Grabe Rabby Löv's, des jüd'schen Weisen, Hörte wie im Traum den Führer Seine todten Ahnherrn preisen. Und warum, so frug ich staunend, All' die Juden, groß und kleine, Auf das Grab mit leisem Murmeln Werfen bunte Kieselsteine? Und es wurde mir die Antwort: »Um zu ehren, ist geboten, Daß wir Blumen streu'n Lebend'gen, Steine auf das Grab der Todten.« Von solch' heidnischem Gebrauche Sind wir Christen längst gereinigt: Wir bekränzen stets die Gräber Jener, welche wir gesteinigt . Allein! Einsam stand ich auf den Bergen, Wo der Falke kreischend flog, Über schneebedecktem Gipfel Seine stillen Kreise zog. Einsam lag ich auf der Haide Wenn die Sonne untersank, Und der dürre glüh'nde Boden Gierig feuchte Nebel trank. Einsam saß ich oft am Meere, Dessen alter Klaggesang Bald wild-zornig, bald süß-traurig, Bald wie dumpfes Schluchzen klang. Einsam irrt ich durch die Wälder, Nur die Eul' am Felsenriff War mein krächzender Gefährte Und der Wind, der wimmernd pfiff. Einsam litt ich – aber tröstend War die hehre Einsamkeit – Nicht allein trug ich mein Elend, Die Natur verstand mein Leid! Doch allein – so ganz alleine – Abgrundtief von Euch entfernt, Fand ich mich in Euren Sälen – Als ich Euch versteh'n gelernt! Auf dem Meere Ausgetobt die wilden Stürme, Heiter, friedlich glänzt das Meer, Nichts erinnert an die Kämpfe, Todesseufzer bang und schwer. – Eine Kapsel, fest verschlossen Schaukelt auf dem weißen Schaum Und der Fischer, sorglos singend Wirft sie in des Schiffleins Raum. Ist die Kapsel erst zerbrochen, Liest er von dem gelben Blatt – Wie viel Schätze, Glück und Leben Jüngst das Meer verschlungen hat, Liest, was eines Menschenkindes Todgeweihte Hand noch schrieb, Als der Sturm das Fahrzeug näher – Näher stets dem Abgrund trieb .... Und so gleichet dieses Büchlein Jener Kapsel, die zum Strand, Schon versinkend, hülflos schleudert Eine todgeweihte Hand. – Nesseln – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Und wenn im Sang des Dichters euch entsetzt, Was unbekümmert oft euch läßt im Leben, So darf der Sang den Dichter nicht gereu'n! Robert Hamerling. Goldschnittlyrik Hübsch gelassen und hübsch zahm Und der Sitte hübsch gehuldigt, Die um jedes wahre Wort Sich zehntausendmal entschuldigt! Ist der Pegasus auch lahm, Und gehörnt, anstatt geflügelt, Trabt er hübsch solid doch fort, Galoppirt nie – ungezügelt! Im Frühling Soll ich Euch singen das alte Lied Von Jugend, Frühling und Rosen? Soll ich Euch schildern mit süßem Wort Das Sprießen, Knospen und Kosen? Ihr höret, sehet und fühlt es nicht, Wenn Dichter auch rührend leiern, Daß wieder einmal die Wiese grünt, Die Winterstürme nun feiern. Als Gottesfriede und Frühlingsluft Durch alle Welten gezogen, Habt Ihr, wie am schmutzigsten Wintertag, Geschachert doch nur und betrogen! Auf Ruinen Heisa lustig! denn das Bersten, Rieseln, Säuseln hört Ihr nicht, Höret nicht das leise Knistern, Das doch so verderblich spricht. Wenn auch morsch die alten Säulen, Faul der Boden, trüb' das Licht, Wenn auch der Parfum der Fäulniß Prickelnd in die Nase sticht. Heisa lustig! – auf Ruinen Lacht und tanzt Ihr hochgeschürzt – Ei was thut es, wenn der Plunder Auch sammt Euch zusammenstürzt! Mene – Tekel! Sitt'ge Mienen, weiße Schminke, Greller Diamantenglanz, Halbverhüllte üpp'ge Glieder Und ein vornehm-freier Tanz. Tief gesenkte keusche Augen, Auf den Lippen lockern Scherz Und französisch-seichte Phrasen, In der Brust ein leeres Herz; Schlaffe Züge, welke Lippen, Näselnd, läppisch-träger Ton, Pferd und Hunde ihre ganze Wissenschaft und Passion! Und das lebt so geistverachtend, Selbstgenügend, sorglos hin, Flammt auch auf den gold'nen Wänden: Mene – Tekel – Upharsin ! – La Comtesse Sie kniet mit verschleiertem Antlitz In der Kirche am Altar, Erzählt dem geduld'gen Herrgott, Wie tugendhaft sie war: Für seine Krieger gesammelt Hat sie an der Kirchenthür, Manch' schlanken Jüngling geworben – Und wirbt noch für und für. Mutterliebe Wie bist Du blühend schön und hold, Die Augen blau, die Flechten gold, Dein weiches, liebliches Gesicht Ein frommes, rührendes Gedicht! Wie bist Du keusch und engelrein, Gleich einem milden Strahlenschein; Der Unschuld Zauber Dich umfließt, Dein ganzes Wesen übergießt..... Schau' ich dich wieder über's Jahr, Bist Du des süßen Zaubers bar – Heut' zählt ja Deine Mutter schon Für Zukunftsschmach erfeilschten Lohn! Belle Helène! Belle Helène! belle Helène! Altberühmte Griechen-Schöne, Dich bewundern uns're Väter, Dich verehren uns're Söhne! Die entblößende Gewandung, Sie begeistert unsere Schönen, Unten kurz und oben kürzer – Wer wird nicht der Mode fröhnen?! Unsere Frauen, unsere Töchter Freuen sich der Menelause , Und die Paris -Studien treiben Sie sans-gène im eig'nen Hause! Parvenu Forschest Du nach seinem Glauben: Klimpert er mit den Dukaten, Fragst Du ihn nach seinem Namen: Wird er nach dem Deinen rathen. Stiefelknarrend – Hüftenwiegend Zeigt die Säle er, die großen, Und erregt von Zukunftsplänen, Schleppt er Dich zu seinen Sproßen. – Klein und schmutzig sind die Jungen, Grob und protzig, gleich den Alten, Um die großen krummen Nasen Zieh'n sie pfiffig-dumme Falten. – Sprichst Du auch von seinen Freunden Oder seinen Anverwandten, Zeigt er nach den Bilderschätzen, – Prahlt mit fürstlichen Bekannten. Suchst Du mit poet'schen Worten Ihm die Seele zu bewegen: Starrt aus seinen trock'nen Zügen Dir das gold'ne – Kalb entgegen! Nachtbild Heil dem Lebend'gen, der mit voller Hand Sich zu den Armen und Verlassenen wendet, Der seinen Trost aus kühlen Bronnen spendet. Heil dem Propheten in der Sonne Brand! Dranmor. Nacht bedeckt den kleinen Friedhof. In dem dumpfen Leichenhause Flackert zitternd einer Lampe Rothe Flamme. – Heiser knarren Jene Thüren, die das Leben Sorgsam von dem Tode trennen. Meine Hand hat sichern Druckes Sie geöffnet; wie im Schlafe Aber wandelnd, dacht' ich nimmer, Sie zu schließen. – Leise, wie mit Geisterstimmen Klagt der Wind dort in den Weiden, Pochet zürnend an die Fenster, Flüstert mit den kranken Blumen, Die aus der Verwesung sprießen, Treibet mit den Wetterhähnen Auf dem Thurm sein ächzend Spiel, Flieget wimmernd um das Häuschen, Daß die Fenster ängstlich klirren Und die Flamme furchsam zuckt ... Jener bangen rothen Flamme Schwankend Leuchten schien ein Winken, Dem ich folgte, traumbefangen, Und nun steh' ich in dem engen Schaurig-öden, kahlen Stübchen, – Ich allein bei einem Todten. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Auf zwei Schragen und zwei Brettern Ruht der Todte, alt und häßlich, Nur in Lumpen eingehüllet; Ihm zu Haupte brennt die Lampe, Deren zuckend rothe Lichter Öfter wie ein Lächeln gleiten Über die erstarrten Züge Des verkommenen Gesellen. Eine harmlos gläub'ge Hand Suchte seine wildgeballten, Nun im Tod gekrampften Hände Fromm zu falten, wie bei Jenen, Deren Leben schloß ein Beten. – Auf zwei Schragen und zwei Brettern Ruht der Todte, still und einsam, Schläft den letzten, traumlos, leeren, Ewigen Schlaf..... Noch am Morgen jagten Bosheit, Breit Behagen – dem das Elend Unverständlich – Rohheit, Kaltsinn Ruhlos ihn von Thür zu Thüre, Und des Abends wankte jener Unglücksel'ge, wie betrunken, Durch die Straßen. Hunger weinte Aus den kranken, trock'nen Augen, Aber Trotz zuckt um die Lippen, Als die Buben, die ihm folgten, Näher trabten, um das Unthier Zu beschauen, das man eben Auf Befehl der weisen, milden Obrigkeit von dannen hetzet. Vagabund! so klingt es lachend Aus dem Munde wilder Kinder; Vagabund! so klingt es höhnend Aus dem Mund der klugen Alten; Vagabund! schreit roh der Büttel; Vagabund! so ächzt er selber, Weitertaumelnd. – – – An der Straße, bei der Grenze Todesmüde sinkt er nieder. Fern verklinget das Gejohle Jener tugendsamen Meute, Die ihn hetzte und befriedigt Von dem Schauspiel heim jetzt kehret Zu dem Herde. – Dunkel senket schon die Nacht sich Nieder auf die stille Erde, Und es senket auch die Nacht sich Nieder auf die dunkle Seele Des Gehetzten, des Verfluchten; Über seinem armen Antlitz, Grau, wie Spinngeweb' gebreitet, Liegen Elend und Verzweiflung. Stumm umklammert er den Grenzstein Und starrt finster nach dem einz'gen Trüben Sterne, der herabschaut, Auf sein Elend. – Und es lösen von dem Steine Los sich seine feuchten Hände Und sie zucken, zittern, haschen Nach den dunklen Nebelschatten. Wild empor sind sie gerichtet, Eine stumme, fürchterliche, Himmelstürmend, crasse Drohung, Wild empor noch schreit der Augen Gottverneinend herbe Klage. Aber plötzlich sinken nieder Seine Arme; es verlöschen Seiner Blicke letzte Blitze. Von dem schwarzen Himmel knisternd Fällt der einz'ge Stern hernieder, Und ein Windstoß, zaust die Haare Einer Leiche ..... – – – – – – – – – – – – – – – – – War es wie bei jenen Geiern, Die da wittern, wo das Aas liegt, Das sie nährt sammt ihren Jungen? War es des Geschäftes Eifer, Der ihn trieb, Dich aufzusuchen? Denn es fand Dich, der berufen, Sich zu nähren von den Todten, An dem Grenzstein fand Dich, einsam, Kalt und todt der – Todtengräber. Mit den rauhen, derben Händen Trug er selbst Dich in das Stübchen, Das bestimmt ist für die Leichen Jener, die am Wege sterben; Für die Gott- und Weltverlass'nen Ist dies Stübchen, ist der Schragen. – Morgen aber scharret ein Dich, Dort im letzten Friedhofwinkel, Einsam, wie er Dich gefunden, Für gar kargen Lohn der Alte, Er allein kann Dich verwerthen: Tod ist Brot ihm! – Und doch trug auf seinen Händen Dich ein Mensch zum Ort des Friedens, Und es schlug ein Menschenherz Einmal doch an Deinem Herzen..... Schaurig Mitleid: Dich verspottend Noch im Tode, giebt er Dir nun, Was im Leben Dir wohl nimmer Ist geworden: Licht und Ruhe Dach und Hände, die Dich nimmer Von sich stoßen! .... – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Nacht bedeckt den kleinen Friedhof, In dem dumpfen Leichenhause Flackert ängstlich knisternd, zuckend, Jener Lampe rothe Flamme, Deren Schwanken mir ein Winken, Dem ich folgte traumbefangen – Und noch steh' ich in dem engen Schaurig-öden, kahlen Stübchen, – Ich alleine bei dem Todten! – Letzte Lieder – – – – – – – – – – – – – Und leise, traumhaft wieder Die Harfe mir erklang, Es sind die letzten Lieder, Die ich hienieden sang. Es ist von meinem Herzen Gelöst der letzte Hauch – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Alfred Teniers. 1. Schwarz und still in meinem Hirn, Schwarz und still in meiner Stube, Nur der Pendel meiner Uhr Hüpfet wie ein munt'rer Bube. Plötzlich zuckt auf Deinem Bild, Farblos, wie auf einem Grabe – Ein verirrter Mondenstrahl, Mahnt, daß ich noch Thränen habe. 2. Ist es Friede, ist es Glück, Was durch meine Träume zieht, Unsichtbar, wie Blumenduft, Leise, wie ein Kindeslied? Kehrt die Jugend mir zurück, Jene Sehnsucht, die mich mied, Seit des Lebens kalte Luft Mich und meine Seele schied? 3. Durch die dicht verhängten Fenster Dringt das dumpfe Wagenrollen, Und verscheucht die Nachtgespenster, Die im Traum mir nahen wollen. Aber rauschend durch mein Zimmer Wogt ein Meer von wirren Tönen, Und aus all' dem Schmerzgewimmer Hör' ich meine Seele stöhnen! Hör' ich meine Seele weinen – Nicht um dieses Leibes Sterben – Doch es bangt ihr vor dem kleinen, Müden, einsamen Verderben. 4. Über meinem Lager hängt, Welk, bestaubt und abgestorben, Ein beflorter Lorbeerkranz Neben Myrthen, längst verdorben. Und in meinem Fiebertraum Schaute ich sie wieder blühen – Und mich selber jugendfreudig Unter ihrem Duft erglühen. Aber ach, das Fieber schwand. Welk, so wie mein eig'nes Leben, Schaue ich die Kränze dort Nur an dünnen Fäden schweben. 5. Der alte Kampf ist ausgekämpft; Weit hinter mir liegt jede Qual, Es fiel in meines Lebens Frost Der erste warme Sonnenstrahl. Weit hinter mir liegt Groll und Leid Durch milde Thränen aufgethaut. Mein Auge hat zum ersten Mal Die Wahrheit und das Glück geschaut. 6. Leg' auf mein Haupt, so fieberheiß, Die kühle weiche Hand, Mein brennend Antlitz wende leis' Und sachte hin zur Wand; Es ist so schwer mein Augenlied Daß ich's nicht heben kann, Und meine Lippe dürr' und müd' O schaue mich nicht an! – Wend' sachte mein Gesicht zur Wand; Kann ich Dich auch nicht seh'n, Fühl' ich doch Deine weiche Hand Und Deines Athem's Weh'n. 7. Rasch durch das dunkle Zimmer huscht Mein Vogel, traurig singend, Er will hinaus in's Sonnenlicht, Er zwitschert schüchtern-dringend. Flieg' in die kalte fremde Welt, Flieg' über Thal und Hügel, Du kleiner Vogel, hast ja heut' Noch ungebroch'ne Flügel. – 8. Es pfeift der Wind sein frostig Lied, Und eiserstarrte Tropfen Wirft klirrend an die Scheiben er, Die Kranken wach zu klopfen. Die alte Frau an meinem Bett Nickt müd', in Schlaf versunken, Die Kohlen im Kamine sprüh'n Bei jedem Windstoß Funken. Aufhorchend knurrt der kleine Hund, Um ächzend fortzuträumen, Das Lampenlicht spielt flackernd roth Mit der Tapete Bäumen. Der nackten Göttin weißes Bild Lacht höhnisch auf mich nieder. Es pfeift der Wind – Gedanken zieh'n. – Ich find' den Schlaf nicht wieder. 9. Leg' Du mich in den Sarg hinein, Schließ Du den Deckel zu, Und hinter meinem Sarg allein, Geh' Du – Niemand als Du. Den ich geliebt, und Leid's gethan Warst Du – nur Du allein.... Komm' nie zu meinem Grabe Mann, Ich will vergessen sein.