Ada Christen Lieder einer Verlorenen Zueignung Es mahnt mich aus Deinem blauen Aug' Ein wüster Jugendtraum; Da nickt ein blasses Mädchengesicht – Ach, ich erkenn' es kaum. Und ein entgötterter Himmel liegt Vor mir – ach, Alles bricht! – Doch mildert das letzte, grellste Bild Das süße blaue Licht. Herzblut 1. O könnt' ich Alles geben, Was dieses Herz bewegt, Und all die tausend Gedanken, Die wüst mein Schädel hegt! – Es dränget heiß zur Lippe, Was mir das Herz zerbricht; Ich kenn' es, ach, ich fühl' es – Doch sagen kann ich's nicht! 2. Es fragen mich die Menschen, Was mich so elend gemacht; Ich sag' euch, ich habe mein Elend Mit auf die Welt gebracht. Es liegt in meinem Fühlen In dem halbentfesselten Geist, Der aufwärts will und der Alles Zur Erde doch wieder reißt. 3. Ich blickte jüngst in mich – So recht in's Herz hinein Und glaubte noch etwas zu finden Von dem , was einstens mein. Ich sah mein verlornes Eden, Mein versunkenes Paradies, Mich selbst den gefallenen Engel, Den Himmel und Erde verstieß. 4. Ach nur einmal möcht' ich sinken Noch in deine Arme hin, Und nur einmal noch vergessen, Was ich war und was ich bin! Ach nur einmal so dich sehen Wie du einst gewesen bist; Und dann Alles wieder leiden, Was schon war und was noch ist. 5. Nur eine Thräne gebt mir wieder, Nur eine einz'ge will ich haben! Mit dieser Thräne aber will ich Das todeskranke Herze laben. In diese Thräne will ich senken Mein ganzes namenloses Weh, Mit dieser Thräne will ich sagen, Was ich stets fühl' und kaum versteh'! 6. Ach, ihr wißt nicht, wie sich's lebt, Athmet in der Trunkenheit Einer Liebe, die befreit, Die begeistert, die erhebt! Ach, ihr wißt nicht, wie sich's lebt, Athmet in Versunkenheit Einer Liebe, die entweiht, An der Schmach und Elend klebt! 7. Von dem, was ich besessen, Ist wenig mir geblieben, Von meinen süßen Träumen, Von Glauben, Hoffen, Lieben! Nur schmerzliches Erinnern Ist's, was das Herz behielt, Verachtung, Haß und Flüche – Und eines Mannes Bild. 8. »Heut haben wir schönes Wetter.« »»O ja, recht schönes, mein Herr!«« Das sind so unsre Gespräche, So kalt, so dumm, so leer. Du streichelst mir fragend die Wange, Du kennst das gewisse Roth; Für dich ist's nichts als Schminke – Für mich: in der Brust der Tod. 9. Ich hab' in langen Tagen Gar oft an dich gedacht, Ich hab' in langen Nächten Gehofft, geweint, gewacht. Wie einstmals sitz' ich wieder Beim abgebrannten Licht; Ich wache – aber hoffen Und weinen kann ich nicht. 10. Ich weinte um den Frühling – Ich Thörin! Ich weinte um die Blumen, Die alle verblüht und verwelkt – Ich Thörin! Wer weint um meine Jugend? Wer weint um meine Träume?! – – 11. Sieh', in dies dein theures Bildniß Möcht' ich mich so ganz versenken; Könnt' ich, ach! dem Bilde doch Athem, Leben, Sprache schenken! Könnt' ich in die kalten Formen Gluth und Blut und Liebe gießen, Könnt' ich diese lieben Hände Heiß zu heißem Drucke küssen! – Ach, ich kann es nicht. Es bleibet Kalt und stumm in stolzer Ruh'; Aber du bist gut getroffen: Denn es ist so ganz wie du! 12. Wenn ich ihn manchmal sah, Hab' ich gezittert, gebangt; Und dennoch wieder hab' ich Nur ihn zu sehen verlangt. Und wenn er im Vorbeigehen Nur leicht mein Kleid berührt, Hab' ich noch lang darüber Mit den Blumen diskurirt. 13. Da sprach er so lieb und so freundlich, So zärtlich, gütig und mild; Man konnte beinahe glauben, Er hab' auch Alles gefühlt. Doch plötzlich dieser Blick, Dies Lächeln – o mein Gott! Dies höhnische Compliment – Ich wollt', ich wäre todt! 14. Ach ja, es ist nur allzu wahr, Was nützt dir mein Lieben und Leben, Und würd' ich aus den Adern Mein rothes Blut dir geben. Blut ist Blut und bleibt es, Und wird ja nie zu Geld, Und Geld gehört zum Leben: Das ist der Lauf der Welt. Mein Leben nützt dir nichts; Bezahlte man mich für's Sterben, Ich stürbe ja gerne morgen Um Alles dir zu vererben. 15. Ich sehne mich nach wilden Küssen, Nach wollustheißen Fieberschauern; Ich will die Nacht am hellen Tag Nicht schon in banger Qual durchtrauern. Noch schlägt mein Herz mit raschem Drang, Noch brennt die Wang' in Jugendgluthen – Steh' still, lösch' aus mit einem Mal! Nur nicht so tropfenweis verbluten! 16. Du hast mich unsäglich elend gemacht, Und doch, ich kann dich nicht lassen; Ich liebe dich stets mehr und mehr – Und sollte dich endlos hassen. Mein letzter Stern ging unter, Als du dich von mir gewandt: Da bin ich mit vollem Herzen In's leere Leben gerannt. 17. »Dein Vers hat nicht das rechte Maaß,« So will man mich verweisen, »An Fluß und Glätte fehlt es ihm« – Und wie sie's sonst noch heißen. Sie zählen an den Fingern ab, Verbessern wohl zehnmal wieder; Ich leg' die Hand auf mein blutendes Herz: Was das sagt, schreib' ich nieder. In der Irre Ueber der dummen kurzen Komödie Sind ernste lange Jahre vergangen; Es ward eine dumme lange Tragödie Und heiße Thränen durchfurchten die Wangen, Ich hörte noch hinter mir zischen und lachen Als Leib und Seele zusammenbrachen. Abschied Und als ich fortgezogen, Hab' ich in der letzten Nacht Der Straße, wo er wohnte, Eine Abschiedsvisite gemacht. Hab' angesehen die Steine, Die oft sein Fuß betritt, Und dachte, wär' ich reich, Ich nähme sie alle mit. Ich kam zu seinem Hause Und wußte selbst nicht wie, Und hin bis an das Thor – Dort sank ich auf die Knie'. Ich sah empor zum Fenster Und hab' es schmerzlich gegrüßt; Ich habe mit heißer Lippe Die Stufen am Thore geküßt. Ja selbst die kalte Mauer Berührte mein brennender Mund; Doch hielt ich zitternd inne, Denn an mich hinan sprang sein Hund. Und er stand hinter mir; Ich sah ihn schweigend an. Da fragte er mich lächelnd, Was ich denn hier gethan? Dies Lächeln war vernichtend, Ich rang nach einem Wort; Dann sagte ich kaum hörbar: »Herr, morgen geh' ich fort.« Und abermals dies Lächeln, Das mich so elend gemacht: »Ich wünsche glückliche Reise – Und mithin gute Nacht.« Verloren 1. Evoe! Es klingen die Becher; Evoe! Es kreischen die Weiber, Wilder, brünstiger klammern sich fest Zum lüsternen Tanze die lüsternen Leiber. Evoe! Die trunkene Lust Kann uns der Himmel nimmer geben: Aber die Hölle vergessen läßt – Evoe! – Dieses wüste Leben! 2. Es rauscht und schwirrt das Saitenspiel; Sie faßten mich an zum Tanz. Hei, wie der bachantische Kreis sich schwang Im blendenden Lichterglanz! Sie preßten mir in die Hand ein Glas, Bekränzten mit Rosen mein Kleid; Ich ward in Bachus Namen getauft Und der Frau Venus geweiht. Und wie ich in dumpfer Betäubung Im Wagen bin gesessen, Da sagte man mir lächelnd: So wirst du ihn vergessen. Champagner 1. Ist dein Leben freudenleer – Trink' Champagner! Ist das Herz von Gram dir schwer – Trink' Champagner! Spotten die Menschen um dich her – Trink' Champagner! Hast nicht Wunsch noch Thränen mehr – Trink' Champagner! Trink' Champagner! Es bannt die Trauer Der leichte Franzose, der rosig glüht, Jagt die sentimentalen Grillen Aus dem schweren deutschen Gemüth! 2. Die lustigen Champagnergeister Die drehen mich jetzt im Kreis Und im Kopfe summt mir Eine seltsam wirbelnde Weis'. O weh, im Magen ist mir Auch gar so wunderlich; Doch das allergrößte Uebel Ist, daß ich denk' an Dich! Sie glauben, daß ich betrunken sei Und wollen mit mir spielen; O hütet euch, gerad' im Rausch Erwachen die bösen Grillen. Denn wenn ich's recht toll getrieben, Getobt, mich heiser gesungen: Hab' ich nur zu übertäuben gesucht Meine bösen Erinnerungen. 3. Wie man im Rausch noch denken kann? Ihr meint wohl, daß die Gedanken, So wie die matten, schweren Füße Auch immer knicken und schwanken. Mein Leben ist ein langer Rausch, Und weil ich darin gar viel gedacht, So hat mich das viele Denken Zuletzt noch nüchtern gemacht. Wiedersehen Ich hatt' ihn lang nicht mehr gesehen – Und mich beinahe todt gesehnt; Ich kam zurück zu ihm – Und habe mich glücklich gewähnt. Drei Stunden stand ich vor dem Thor Im Regen pudelnaß Und holte mir einen Schnupfen Und Husten so zum Spaß. In später Nacht kam er nach Haus Und lud' mich mit Müh' nur ein; Erzählte, er habe Kopfweh Von schlechtem Ofnerwein. Dann sprach er von seinem Windspiel, Daß es kein schön'res gibt; Und dann von einer Todten, Die er vor Zeiten geliebt. – Wir gingen plaudernd zu Bette, Er schlief sehr bald auch ein; Ich aber mußte noch lange, Sehr lange wach noch sein. Der Mond schien still durch's Fenster, Goß über den Schläfer sein Licht Und sah, wie ich weinend küßte Des blassen Mannes Gesicht. Eine Nacht Ich hab' einen schönen Traum geträumt In einer langen Nacht; Da warst du gut und freundlich mit mir, Doch hat's mich traurig gemacht. Du hieltest mich an die Brust gedrückt, Unser Athem hat sich vereint; Ich habe dir die Hände geküßt Und leise dabei geweint. Du legtest die Hände mir auf's Haupt Und sahst mich forschend an; Ich aber weinte immer fort, Du hast mir Leides gethan. »Und hab' ich dir auch Leides gethan, Vergiß es nur geschwind Und weine nicht« – so sprachest du – »Mein armes verlorenes Kind! Du sollst nicht mehr verlassen sein, Ich will dich hegen und pflegen, Und weil du bald stirbst, so will ich Dich selbst zur Ruhe legen.« – Ich aber weinte immer fort In der langen bangen Nacht – Und bin im Arm eines Andern Am Morgen aufgewacht. Einer Alle Herzen, alle Menschen Hatten sich von mir gewandt, Und mit Abscheu alle Lippen Meinen Namen bald genannt. Da kam Einer, sah in's Antlitz, In das thränenblasse mir: »Unter Schweinen,« sprach er traurig, »Fand die Perle ich an Dir.« Elend 1. Die Luft ist wie verpestet, Vergiftet, was ich seh', Und alle Blicke sind Dolche Und jedes Wort ein Weh. Die Herzen sind verschlossen, Erkennen mich nimmermehr; Von Allen aber, von Allen Verkennt mich am meisten er ! Und würd' ich's ihm erzählen, Ihm Alles sagen – o Gott! Er würde auch dann noch lachen Und ich – ich wäre todt! 2. Und bist Du auch so höhnisch mit mir, Und siehst du mich auch nicht gern, So ist es mir dennoch manches Mal Als ständ' ich dir nicht so fern. Als wären deine Gedanken Dennoch öfter bei mir; Und wenn ich so denke und sinne, Dann treibt's mich hin zu dir. Ich stehe zitternd vor deinem Haus, Mir ist, du müßtest mich holen; Doch Niemand kommt und Niemand ruft – Und weinend enteil' ich verstohlen. 3. Ist es nicht thöricht und kindisch schwach, Wenn ich so seufze und schwärme Und tugendhaft und thränenreich Leib und Seele hinunter härme. Das Gestern mag vergessen sein Sammt allen dunklen Sorgen, Das Heut' ist mein – und dieser Wein Vergessen macht das Morgen. 4. Lebend unter Niedern und Rohen Zieht's mich mächtig empor zum Hohen; Doch die Flügel beschwert mit Steinen, Sink' ich auf's neue herab zum Gemeinen. Müde des Eklen und Kleinen Eil' ich zu Orgien aus bitterer Noth – Und so, begeistert vom Reinen, Erstick' ich noch im Koth! 5. Daß im Herzen mir erstorben Alle, alle guten Keime, Daß vom Laster überfluthen Meine Worte, meine Reime; Daß in der entweihten Brust Wüste Leidenschaften toben: Menschen , das verdank' ich euch! Teufel müssen euch belohnen! 6. Es giebt viel Elend in der Welt, Viel tausend gebrochene Herzen; An allen Ecken und Enden hallt Der Aufschrei großer Schmerzen. Ein Elend aber kenne ich – Es kann kein größ'res geben; Zwei kleine Worte schließen's ein – Es heißt: verfehltes Leben. 7. Hab' oft nicht zurecht mich gefunden Da draußen im Gedränge, Und oft auch wieder wurde Die Welt mir fast zu enge. Dann liebt' ich schnell und lebte schnell Und schürte mein Verderben; Der Pöbel johlte – ich lachte Zu meinem lustigen Sterben. 8. So kommt und seht und staunt mich an! Ich bin schon, die ihr sucht: Das Wunderthier, das, noch so jung, Die ganze Welt schon verflucht. Doch fürchtet euch nicht, ich bin kein Thier, Das Menschen zerreißt und verschlingt: Ich bin ein armes Wesen nur, Das von seinem Elend singt. Menschen Als ich, mit der Welt zerfallen, Schweigend ging umher, Da fragten die lieben Menschen: Was quälet dich so sehr? Ich sagte ihnen die Wahrheit; Sie haben sich fortgedrückt Und hinter meinem Rücken Erklärt, ich sei verrückt. Weiber Ich kam mit Thränen und wollte büßen, Was ich und Andere verschuldet; Sie aber traten stolz mit Füßen Das Herz, das schon so viel erduldet. Und Weiber waren es immer wieder, Die mich entrüstet mit Geißelhieben So tugend-dumm und weiblich-nieder Von neuem stets in's Elend trieben. In der Kunstausstellung Was drängt die bunte Menge Sich gaffend um dies Bild? Es ist ein junges Mädchen Mit Zügen krampfhaft wild. Ihr alten eitlen Gecken Drängt euch nicht so nahe hin, Reizt nicht an den zarten Formen Den abgestumpften Sinn. Seht hinter euch – o sehet! Dort an der dunkelsten Stell' Lehnt bleich, ohnmächtig von Hunger, Des schönen Bildes Modell. Letzter Versuch Ich habe mich zu erhängen gesucht: Der Strick ist abgerissen. Ich bin in's Wasser gesprungen: Sie erwischten mich bei den Füßen. Ich habe die Adern geöffnet mir: Man hat mich noch gerettet. Ich sprang auch einmal zum Fenster hinaus: Weich hat der Sand mich gebettet. Den Teufel! ich habe nun alles versucht, Woran man sonst kann verderben – Nun werd' ich wieder zu leben versuchen: Vielleicht kann ich dann sterben. Auf! Komödianten ziehen vorüber, Wüst verwitterte Gestalten Mit verblichenen Gewändern, Lügnerisch verschminkten Falten. Dieses übertünchte Elend Diese rohe Prahlerei Ist doch einmal etwas Neues In dem eklen Einerlei. Nehmt mich mit! Ich will das spielen, Was mich Welt und Liebe lehrte, Und ihr sollt euch wundern, Leute, Wie mein Elend ich verwerthe! Tragödie Die Glocke ruft – aufrauscht der Vorhang. Ach, Kleine, ich seh' dein Ringen: Du bist so elend und mußt lachen; Ich hör' die Thränen kichernd klingen, Ich seh' Begeist'rung mit Verzweiflung streiten – Armes Kind, du leidest viel! Lachend sterben, sterbend lachen Ist ein herzzerreißend Spiel! Haltlos Moderne Zigeuner, Wüste Gesellen, Vagabunden des Lebens. Die ringen Und wandern Und suchen – Doch immer vergebens! Einsame große Kinder Mit halbem Wissen Todtkrankem Herzen – Und immer hinaus, immer weiter! Nach außen keck, Nach innen verjammert, Den Rücken zerschlagen von der Hand, An die sie vertrauend sich geklammert! Verheirathet 1. Links die zischelnden Komödianten, Rechts von mir mein Bräutigam; Hinter ihm die Anverwandten Zucken sich die Achseln lahm. Vor mir mild der greise Priester, In mir keine Harmonie, Auf den blonden lichten Locken Grüne Myrthenironie. 2. Ausgespannt die magern Gäule Von dem morschen Thespiskarren; Engagirt bin ich für's Leben, Nimmer weiter wird gefahren. Auf dem kleinen Stückchen Erde Ist die Bude festgestellt – Und der Kreis, der oft copirte, Ist nun wirklich meine Welt. 3. Eine lange graue Fläche, Mitten drauf ein Schlößlein traut; Weiß und voll im Winde schwanket Rings umher das Haidekraut. Bei des Schlößchens Erkerfenster Steht ein Mann und jubelt laut; Denn er hat jetzt in der Ferne Sein geliebtes Weib erschaut. Jauchzend springt er ihr entgegen, Küßt sie heiß auf Mund und Hand, Ordnet die zerstreuten Locken Und das flatternde Gewand. Und wie Kinder selig plaudernd Gehen sie nun Hand in Hand, Und des Weibes Seele segnet Dankbar Mann und Haus und Land. 4. O habe Mitleid, laß mich nimmer Die Wunden der Gesellschaft schauen! Denn bis in meine tiefsten Träume Drängt sich ein scheues, kaltes Grauen. Auch hier die Sünde und das Elend, Das sich so leicht vergessen ließ? Auch hieher weht der gift'ge Odem? – Ich glaubte an ein Paradies! 5. Das Herz zerfetzt und zerrissen, An allen Kräften gelähmt, Gestürzt aus dem falschen Himmel Und ob des Glaubens beschämt! – Von dem, was ich gelitten In kurzen, doch ewigen Tagen, Versteinern alle Thränen, Verstummen alle Klagen! – – 6. Ich grüße dich, du alte Nacht, Bekanntes, schwarzes Elend, Du nahst dich mir so bitter vertraut, Erhaben stumm befehlend. Ich wehre mich nicht; du bist mir lieb, Du bist verderbliche Wahrheit: In deinem Dunkel liegt für mich Meines wirren Jammers Klarheit. Neue Liebe, neues Leiden Rückkehr Zuckt nicht die Achseln, grüßt nicht so höhnisch Und wendet euch nicht spöttisch ab! Ich will kein Geld von euch entlehnen, Will nicht zurück, was ich euch gab. Nicht euern Liebsten mehr gefährlich Bin ich und nimmer eurem Ruhm; Der Kummer nahm mir meine Schönheit Und all mein Unglück macht mich dumm. Ich komm' zu euch, weil fortgetrieben Vom sichern Strand mein Lebensschiff; Ganz soll es scheitern, darum lenk' ich's Zurück zu euch –: ihr seid das Riff! Auf dem Maskenballe 1. Ei, wie schön du warst, als Laune, Wein und Lust im Aug' dir glühte! Wofür hältst du mich denn plötzlich, Daß du schwärmst jetzt von Gemüthe? Lasse, Freund, doch die Komödie – Wir sind viel zu klug zum schwärmen, Heut' sich küssen, morgen scheiden, Gibt uns keinen Grund zum härmen. Dort die kurzgeschürzten Weiber Mit den kecken Schellenmützen Werden vor Gemüthsbewegung Und vor Trennungsschmerz dich schützen. Diese flinken Ballerinen, Diese schönen nackten Sünden Werden schwatzhaft, freundlich-boshaft Was ich war und bin dir künden. Sieh', ich schütz' dich vor Enttäuschung; Um uns wogt und rauscht das Leben: Was das Heute rasch dir bietet, Mag das Morgen nimmer geben. 2. Du schaust mein Antlitz ohne Maske, Und doch verlässest du mich nicht; So reizt dich noch das thränenblasse Verhärmte Leidensangesicht? Du drängst dich auch zu dem Gelage, Das meiner Wiederkehr geweiht; Du hörst es still und seltsam lächelnd, Wie Jeder meinen Namen schreit. Du sprichst so ruhig mit den Männern, Die frech mir Mund und Arme küssen; Du stimmst mit ein in die Toaste, Womit sie jauchzend mich begrüßen. Was willst du mit den starren Blicken – Ist's Spott, der mir entgegenschaut? Laß ab von mir! Du bist ein Wesen, Vor dem mir bangt, vor dem mir graut! 3. In deiner Stimme bebt ein Ton, Der Alles überklingt, Und der mir wie ein schneidend Weh Zum tiefsten Herzen dringt. Wie riß doch dieser eine Ton Mir auf die alten Wunden; O daß ich nimmer ihn gehört Und nimmer dich gefunden! O laß das Heut' vergessen sein Und mich sammt meinen Scherzen; Es sind ja doch die Schreie nur Der unheilbaren Schmerzen! Erklärung Ich hörte heute deine Schwüre – Und es bewegt das Herz mir nicht, Glaub' ich auch selbst, daß heiße Liebe Aus jedem deiner Worte spricht. Denn unwillkürlich muß ich denken Der Zeit, wo du dich wirst bemühn, Mit leeren Phrasen zu verhüllen, Des leeren Herzens matt'res Grün. Wo endlich du des Kämpfens müde Und satt der selbstgewählten Ketten, Schamlos dein eignes Wort verleugnend, Ein Judas vor mich hin wirst treten. Mahnung Es beugt das stolze Haupt sich schwer, Und schwer der starre Sinn, Und dennoch fühl' ich, daß ich längst Nicht mehr ich selber bin. Ich weiß nicht, was noch kommen wird, Doch ist mir oft so bang; Oft reißt mich dir zu Füßen hin Ein mächt'ger Seelendrang. Dein Aug' ist treu; du siehst mich an So innig und so tief – Und dennoch ist's, als ob hinweg Von dir mich mein Engel rief'. Bitte Sei nicht so hart, wenn aus der Brust Ein Mißton sich mir ringt, Wenn oft ein trotzig-wildes Wort Gar zu unweiblich klingt. Hab' sonst nicht viel danach gefragt, Was zahme Weiberart, War niemals sanft und selten still – O sei darum nicht hart! Ich müh' mich jetzt, so recht zu sein Wie andre Weiber sind, Und der Beweis, wie sehr mir's Ernst, Ist wohl mein kleines Kind. Mein Kind Ich habe keine Schmerzensworte, Hab' keine Thränen, kühlend lind, Hab' nicht Gebete, stille fromme – Sterbend liegt vor mir mein Kind! Es preßt mir Kopf und Herz zusammen, Die Luft, sie flimmert blutig roth – Stirb nicht! Mit dir stirbt Alles, Alles – Mein letzter Halt wär' mit dir todt! – – Ist todt! – Ein leiser, kurzer Schrei – Das Köpfchen sinkt, das bleiche, Und an die schmerzerstarrte Brust Drück' ich die kleine Leiche. Todt Mir ist, als wär der Himmel leer, Die Erde nur ein weites Grab, Und jeder Stern rings ausgeglüht, Dem Herzen gleich, das Alles gab. Und ich, das Grabmal meines Ich's, Steh' öd' und still und ganz allein; Es braust der Wind, der Regen weint Kalte Thränen auf kalten Stein. Erwachen Mir war, als ob in dumpfem Schmerz Die Seele wollt' erlahmen – Da plötzlich, schier halb unbewußt, Nannt' still ich deinen Namen. Und nun im selben Augenblick Hat es mich überkommen, Hab' mehr dich als mein Kind geliebt, Drum ward es mir genommen. Erkenntniß Wenn mir's oft wie kalter Wahnsinn Durch das öde Denken rinnt, Wenn die Seele, Hilfe suchend, Das Unmögliche ersinnt; Wenn aus abgrundtiefen Schmerzen Sie empor zum Himmel schreit: Fühl ich ganz und voll den Fluch erst, Der da heißt » Vergangenheit .« Muth! Zahmer Narrheit wässrig Seufzen, Feiges, kindisch-weiches Beten; Was man thöricht selbst verschuldet, Daraus soll uns Gott erretten! Unser Gott ist vielbeschäftigt, Läßt uns jammern hier auf Erden, Sagt: »wer viel geliebt (gelitten), Dem wird viel vergeben werden.« So ist es Du kennst mich nicht, du liebst mich nicht, Und Alles bist du mir; Du hältst mich wie ein Spielzeug nur, Und Alles zieht mich zu dir. Aus Moder, Schutt und Elend Schlagen heilige Flammen, Dich wärmen sie nicht; – mein Leben Brennen sie zusammen. Sehnsucht Die Nacht ist ruhig und duftig, Die Luft weht lau und lind; Unter den Sternenaugen Such' ich die deinen, mein Kind! Ich möchte dich sehen und küssen, Mein Einz'ges, das Alles mir gab, Ich möchte still bei dir liegen Im kleinen stillen Grab. Logik Es liegt voll seichter Logik Dein Brief in meinen Händen; Du meinst, was einen Anfang gehabt, Das müss' auch wieder enden. Ich kann mit solcher Weisheit Mich heute nimmer raufen; Doch meine beste Logik wär', Mir einen Strick zu kaufen. Nichts mehr Nicht mehr die heißen, süßen Küsse, Nicht mehr die Worte mild und warm, Nicht mehr den treuen Blick der Augen, Nicht mehr den Druck von deinem Arm. Nichts mehr von allen jenen Wonnen Die Liebe hat und Liebe giebt, Nichts will ich – um noch fortzuleben – Sag' nur, daß du mich einst geliebt! Grau 1. Ist denn mein ganzes Sein verwirrt, Daß Alles ich jetzt anders schau'; Erscheint mir doch die ganze Welt Ein schmutzig Bild nur, Grau in Grau. Ich lebte gern und lachte gern Wie sonst ein Menschenkind – Doch Alles glotzt so fratzenhaft – Dies Grau, es macht mich blind. 2. Ein trüber, grauer Regentag, Kalt und unheimlich öde; Der Himmel starrt so grau herein, Die grauen Menschen so blöde. O schnell ein rothes Licht herein – Den rothen Vorhang herab – Da hust' ich helles, rothes Blut – Bestellt mir ein graues Grab! Wiedervereinigung 1. Küsse mich, denn, ach! sie bluten Alle noch die alten Wunden, Küsse mich, daß ich vergesse Alle die verfluchten Stunden! Laß mich von den süßen Lippen Wieder Glück und Liebe saugen, Laß mich sterben, überstrahlet Von dem Himmel deiner Augen! 2. Nein, ich will dich nimmer fragen, Ob du mich auch wirklich liebst; Mit geschlossnen Augen nehmen Will ich, was du gnädig giebst. Mit gebundnen Händen stelle Ich mich schweigend deiner Macht, Nichts mehr hoffend, nur befürchtend Einer Trennung ew'ge Nacht! Nach Jahren Wie seltsam! Unser feiger Muth Läßt alles Elend uns tragen; O hätten wir doch den echten Muth, Das lösende Wort zu sagen. Wir laufen neben einander her Und werden müder und müder; Ich werde blässer und kränker stets Und du wirst kälter und rüder. O raffe dich auf und fasse Muth Und sei zum letzten Mal ein Mann. Brich du mit einem Wort entzwei, Was ich nicht länger tragen kann! Epilog Und sie beugt sich zähneknirschend, Aber seht, sie beugt sich doch! Und sie trägt mit dumpfem Schweigen Jahrelang das ekle Joch. Sie versteht, ermißt ihr Elend, Ihren Jammer, ihre Schmach; Sie erkennt, was sie verbrochen Und was man an ihr verbrach. Und sie rüttelt an den Ketten – Fürchtet nicht, daß sie sie bricht: Denn sie beugt sich zähneknirschend Und – sie jammert ein Gedicht.