Zwischenstille Der Verzweiflung schriller Schrei Höhnt aus allen Glocken, Aber ewig streut der Mai Seine Blütenflocken. Uferlose Flut des Seins Dunkler Märchenweiher! Um mich webt das All und Eins Seinen Sternenschleier. Karl Bleibtreu. 1. Wie ich mich auf den Frühling freue! Wie mir das Alte und doch so Neue Schon im tiefsten Winter die Seele bewegt! Noch ist's erst Weihnacht! Noch atmet der Winter Aus vollen Lungen! Und doch ist's mir, als ob schon dahinter Sehnsuchtsbezwungen Leise, ganz leise der Lenz sich regt ... 2. Nun wieder in die Seele schlage Mit deinem Zauber, Frühling, ein! Die Lichtflut deiner Sonnentage Soll sie verjüngen, soll sie weihn! ... Was ich gedacht in Dämmerungen, Was ich geträumt in Nebelgrau: Von deinem Sonnenband umschlungen Verklär' es sich zu leuchtend Blau! Umhallt von deiner Sänger Zunge, Von deinem Farbenspiel umglänzt: Will ich mich freu'n wie ein Bauernjunge, Der seine finstre Schule schwänzt! – 3. Von Winternot und Wintergram Wollt' ich ein Lied im Lenze singen – Im Lenz, der von der Seele nahm Das wilde Suchen, tolle Ueberspringen ... Der mir mit seinem Drang zum Licht, Mit seinem Schwellen, seinem Treiben, Nur schweigendes Erstaunen gab Und tiefergriffnes Stehenbleiben ... 4. Wenn der Weißdorn blüht – Wenn der Weißdorn blüht, Wird's mir so helle im Gemüt! ... Flugs fließt mein Blut, Und es sprießt mein Mut, Als wäre die Welt mein eigen! Wenn der Weißdorn blüht, Wenn der Weißdorn blüht Und die leuchtenden Büsche sich neigen: Dann die Brust mir schwillt, Und die ungestillt Im winterlich schweren Schweigen: Die Sehnsucht breitet die Arme aus, Und die ganze Welt ist mein Vaterhaus, Soweit die Auen lenzen ... Wenn der Weißdorn blüht – Wenn der Weißdorn blüht Und die Mägdlein mit Veilchen sich kränzen, Dann kennt mein Schwärmen kein Grenzen ... Dann kennt mein Schwärmen kein Grenzen ... 5. Auf Wald- und Wiesenpfaden Ließ ich mich reich begnaden Vom holden König Lenz ... Sein Zepter gleißt von Sonnen, Sein Auge ist ein Bronnen, Draus träufelt manche löbliche Sentenz ... Zum Beispiel auch das Sprüchlein: Genieße flugs dein Krüglein, Ward es dir aufgetischt, Solang noch jung die Herzen, Das Leben sproßt im Märzen, Solange Grün und Grau noch unvermischt! ... Hat erst ein arges Schicksal Mit seinem blanken Tückstahl Dich abgeschliffen ganz: Ob schäumt der Krug zum Randen, Er dünkt dich abgestanden – Zerpflückt ist deines Lebens Blütenkranz ... Auf Wald- und Wiesenpfaden Ließ ich mich reich begnaden Vom holden König Mai ... Sein Drang ward mir zur Lehre, Daß ich den Blick nur kehre Nach dem, was voller Frühlingskräfte sei ... Nach dem, was sprießt und treibet, Sich aneinander reibet Und neu't in Form und Farb' ... Mein Trauern ließ ich fahren Und all mein Gramgebaren, Da König Lenz auch mich zum Söldner warb ... 6. Mein Blick, nun weide dich zum letztenmal An dieses Frühlings satter Blütenfülle! Voll Inbrunst sauge dieser Sonne Strahl – Mein Herz, sei stille! ... Erschweig bewundernd vor dem Werdedrang! Was dich erfüllt, den Winden gib's zum Raube! ... Ob dir der Hoffnung goldnes Sieb zersprang – Dir blieb der Glaube! O glaube eine winz'ge Weile nur, Daß diese Botschaft auch für dich gebracht ward! Umfaß noch einmal trunken die Natur, Bevor es Nacht ward! ... Auf meinen Scheitel streut der Frühlingswind Mattweiße Blüten – eine letzte Krönung – – – Ich bin so fromm und heiter wie ein Kind ... Und voll Versöhnung ... 7. Herbstabend Ich kehrt' aus engen Gassen Mich durch das alte Tor ... Waldpfade – wie verlassen! Blauweiße Dünste schweben, Und die Gedanken geben Sich dem, was ich verlor ... Welch wundersames Feiern – Wie still am Waldessaum! Verhüllt von weißen Schleiern Entschwebet mir das Leben ... Just wie ein sanfter Traum – Und ich beklag' es kaum ... Und was in Schmerzen ich verlor: Hinnimmt's zum andern Male Beim letzten Abendstrahle Der Schatten Schicksalschor ... 8. Abschied Nun ist die Stunde kommen, Da ich von hinnen muß ... O Mutter, liebe Mutter, gib Mir nun den Abschiedskuß! Ich weiß, du läßt mit Bangen Mich meine Straße ziehn – Und doch ein wild Verlangen Nimmt mich so ganz gefangen, Will mir die Brust verglühn ... O Mutter, liebe Mutter, Laß nur das Weinen dein! ... Du warst so treu, du warst so gut – So wird's nie wieder sein ... Doch laß mich still gewähren. Mein Herz ist stark und rein – Und trockne deine Zähren, Dein Schmerz wird sich verklären – Dein Gott wird mit dir sein! ...