Kreuzfahrerlieder Ein Zyklus. (Joseph Viktor von Scheffel zugeeignet.) Kreuzpredigt Auf! ruft es mit Posaunenschallen von Syria bis Thuleland, Auf, Palästina ist gefallen, Jerusalem in Heidenhand. Mundus audi Christi vocem! Piam pugnam indicat: Infidelium atrocem Oppressionem increpat. Geschändet sind die heil'gen Stätten, der Roßschweif auf dem Ölberg wallt, Der fromme Pilger geht in Ketten, die Kirche Gottes trägt Gewalt. Saeva turba paganorum Mactat agnum iterum: Blasfemantem ducit chorum Supra Christi tumulum. Des Sarazenen trunkne Lippe entweiht den Mund der Beterin, Zu Bethlehem aus heil'ger Krippe sein Schlachtroß füttert Saladin. Pii pilgrimi caeduntur, Plangunt templa Dei vim: Ex praesepi nutriuntur Palafredi Saladim. Ihr Ritter, sünd'ge Schlachtenschläger um ird'schen Tand und Torenstreich, Auf: hier ist Christus Bannerträger und Siegespreis das Himmelreich. Sanctus ensis, sacra parma! Macte, Christi milites. Omnes surgite ad arma, Deus vocat, equites. Denn Papst Urban läßt euch verkünden: wer Einen Heiden wirft zum Grund, Dem sind vergeben alle Sünden und reicht ihr Schwall ihm bis zum Mund. Papae vocat vox Urbani: » Peccatorum infimi! Salvi singuli pagani Sanguine levamini. « Und wer im heil'gen Land der Palmen den schönsten Siegestod gewann, Den tragen unter Siegespalmen die Engel Gottes himmelan. Et cruciferum occisum Albis alis tremuli Sublevant in paradisum Psalteriantes angeli. Brunhelm von Buchenbühlen Ich ritt ins Land, mir selber zu entfliehen: Doch hinter mir im Sattel saß die Reue. Und durch das Buchlaub hört' ich's flüsternd ziehen: »Der ist es, der dem Freunde brach die Treue.« Der Himmel klar, – nur mir zu Häupten g'rade Umwölkte sich die abendliche Bläue: Und alle Vöglein flohn aus meinem Pfade Und sangen: »Flieht, der brach dem Freund die Treue.« Soll ich's noch länger tragen? Nein, ich kann nicht! Hier, wo mein Heißzorn schlug den Jagdgenossen, – – Kein Auge sah's, – nur Gott sah durch das Tannicht, – Hier sei mein Blut zur Sühnung ihm vergossen. Ich stieg vom Pferd: – schon blitzt mein breites Messer, Da rauscht das Buschwerk und im Mönchsgewande Tritt vor ein Greis: »Mein Sohn, es stirbt sich besser, Willst du denn sterben, im gelobten Lande. Nicht folgt Verzweiflung durch des Jordan Wogen, In diesem Zeichen wirst du neu gekräftet.« Ein rotes Kreuz hat er hervorgezogen Und auf die linke Schulter mir geheftet. Und er verschwand. – Es war ein Himmelsbote! – Ich ritt nach Haus. Da im Vorüberschweben Hört' ich der Lerche Lied im Abendrote: »Er trägt das Kreuz: – die Schuld wird ihm vergeben.« Die Wunde brennt: – doch kühlt sie das Gewissen: – Ich sterbe, doch erstiegen sind die Mauern: Ihr Freunde, die mich dem Gefecht entrissen Und trugt ans heil'ge Grab, laßt ab zu trauern. Hieher kann sich der Höllenfürst nicht wagen: Entsühnt fühl' ich empor die Seele schweben, Und hoch vom Himmel winkt, den ich erschlagen: – »Komm, Freund, es hat dir Gott, wie ich, vergeben.« Kurt vom Hohentwiel Mich ekelt des Turnierens und zahmer Fehden lang, Neufremden Buhurdierens gehrt meines Herzens Drang. Vom Roß hab' ich gestochen den Welschen und Wallon Und manchen Speer gebrochen mit Briten und Breton; Ich hab' Franzosenhitze versucht und Dänentrotz, Des Römers Messerspitze, des Böhmen Eichenklotz: – Längst kenn' ich ihre Listen, mich ekelt all' der Herrn: Horch, da tönt guten Christen ein frommer Ruf von fern: Hei Türken und Seldschuken, wild Volk aus Mohrenland! Ich spür' ein mächtig Jucken in meiner rechten Hand. Jetzt heißt's ein neu Lied blasen zu einem neuen Spiel: Freut euch, ihr krummen Nasen, auf Kurt vom Hohentwiel! Des lüstet mich vor allen: – wer heuchelt, ist ein Schelm! – Wie Schwabenstreiche hallen auf Sarazenenhelm. Nun ist gestillt mein Sehnen, die Neugier ist gedämpft: Ihr wackern Sarazenen, nun weiß ich, wie ihr kämpft. Ich weiß es jetzt ganz gründlich: – bei Accon, da ging's warm: Es mahnt mich dessen stündlich mein abgehau'ner Arm. Zwar traf es nur den linken, der rechte, der blieb heil, Und hieb, ohn' Augenzwinken, den Türken in zwei Teil': Doch satt hab' ich das Raufen aus eitel Übermut: Ich find', ein lang Verschnaufen auch gar nicht übel tut. Schlägt mich zum ersten Einer, den schlag' ich freilich tot: Doch sonst kömmt fortan keiner durch Kurt vom Twiel in Not. Herebrant von Meißen Mir bringt Verdruß Wald, Flur und Fluß, Mir ist vergällt Die ganze Welt, Darin ich groß gewachsen. Denn, wo ich zieh', Seh' ich nur sie: – Ich trug ihr Bild Durch jed' Gefild Von Meißenland und Sachsen. Nicht Roß und Jagd Mir mehr behagt: Kampf und Turnier Verleiden mir: Mich ekelt meiner Ehren: Was Heldenschwert Und Manneswert! Da läuft ins Land Ein glatter Fant, Dem wird sie sich gewähren. O Fluch der Stund', Frau Hildegund, Und Fluch dem Ort Und Fluch dem Wort, Da dein ich erst ward inne! Wie hohl sie ist, Zu dieser Frist Längst weiß ich's doch – Und immer noch Denk' ich der Teufelinne! Auf, Herebrant, Ins Morgenland! Dich umzusehn, Wo Palmen wehn In unbekannten Welten: Dort Tag für Tag Mit grimmem Schlag Der Heide soll Den Minnegroll Mir fürchterlich entgelten Und Streich für Streich, Im Takt zugleich Mit Helmesbruch, Bet' ich den Spruch Aus frommem Pilgermunde: »O Unvernunft Der Weiberzunft: Hei seid verdammt Mir allesamt Zum tiefsten Höllengrunde!« Du schönste Tochter Ismaël, wie süß bist du zu schauen, Des Morgenlandes Prachtjuwel, die strahlendste der Frauen! Gesegnet der Araberpfeil, der mich vom Rosse fällte, Weil er gefangen, mir zum Heil, dir, Fatme, mich gesellte. Dein dunkles Haar ist wie die Nacht, Granaten deine Lippen, O selig, ihre rote Pracht in heißem Kuß zu nippen. Ha, weiß ist deiner Stirne Glanz, dein Wuchs ist gleich den Palmen, Dein Hauch ist Duft, dein Schritt ist Tanz, dein Wort Musik der Psalmen. Dein Aug' ist dunkelmeeresblau und schwarz sind deine Brauen, Du bist die allerschönste Frau in allen Erdengauen! Wie schal, wie reizlos ist das Weib daheim im Land der Franken, Ihr Blick ist matt und arm ihr Leib und ihre Glieder kranken. Du süßes Sarazenenkind, du Schwester der Gazelle, Die Zeder ist dein Hausgesind, der Sturm dein Spielgeselle: Laß mich in deinem weichen Arm vom Mund den Hauch dir trinken, Und Ritterpflicht und Pilgerharm versinken laß, versinken! Wohl läßt sich in Jerusalem ein Himmelreich erwerben, Fürs Heiligtum zu Bethlehem ruft uns der Papst zu sterben, – Die Brüder all' mit Schwert und Spieß viel Herrliches vollbringen, Den Lilienkranz im Paradies sich einst ums Haupt zu schlingen: – Du sollst ins Haar die Rosen rot mir von Damaskus flechten, Ich will das Leben, nicht den Tod, will küssen und nicht fechten! Was Bethlehem, was Golgatha, was heil'gen Grabes Streiter: – Wer in dein blaues Auge sah, braucht keinen Himmel weiter! – Pfalzgraf Hans Ott Es stillet kein Getränke Den Durst, der stets mich sticht: Wie viel ich ihrer denke Wie reichlich ich sie schenke: – 's ist all' das Rechte nicht. Wohl sechzig Wein' und Biere Hat durchversucht mein Schlund: Deutsch, Welsch und Malvasiere: – Wie oft ich's auch probiere, – Nichts dringt mir bis zum Grund. Wohl schmeckt der Muskateller Wie süßer Honigseim! Liebfrau im Klosterkeller, Burgunder und Chapeller, Und du, mein Rüdesheim! – Ach, mir könnt ihr nicht frommen, – Gott segn' euch weiß und rot: – Ich hab', wie tief's geschwommen, Noch nie genug bekommen, Ich sterbe Durstestod. Wollt' mich ein Pfäfflein schlagen In einer Stadt am Main: Doch ich rief in drei Tagen, Als leer die Leisten lagen: »Herr Bischof, jetzt den Stein!« »Mein Sohn heb' dich von hinnen«, Der, sich bekreuzend, sprach: »Du hast im Schlund tief innen Ein Abzuglöchlein rinnen, Das dir der Teufel stach.« Mir hilft vom Durst, das seh' ich, Kein Naß im Abendland: Drum übers Weltmeer geh' ich, – In diesem Sinn versteh' ich Den Brief, vom Papst gesandt. Er schreibt: »Du wirst genesen Im heil'gen Land, Hans Ott, Von jenem schlimmen Wesen, Das stets in dir gewesen:« – – Er meint den Durst, bei Gott! Zu stillen dies mein Sehnen, Kennt dort er einen Trank! Dafür mit Freudentränen Köpf' ich ihm Sarazenen: – Das sei Hans Ottens Dank. O Sonnenbrand, – O Wüstensand, – O trockne Kehl', – O arme Seel'! – Ich sprach von Durst im Abendland: – Das war ein Frevel unverzeihlich! Nie, niemals ward mir Durst bekannt Bis hier im Land: – sie nennen's heilig!! – Bis hier, in diesem Höllenqualm! Kein Blatt, kein Halm, Kein Halm, kein Blatt. Zum Schlucken wird mein Schlund zu matt. Ach gäb's nur Gras, Das jener fraß, Nebukadnezar hieß er, glaub' ich! – Mein Herzblut selber rinnt mir staubig. O lieber Heiland, Schulderlasser: Verschworen soll auf ewig sein Das kühle Bier, der edle Wein, – Ich weiß, ich war ein arger Prasser, – O lieber Heiland, leidenblasser: – Ach nur noch einen Tropfen Wasser! Berthold von Zähringen Ja brecht nur auf mit Bußetränen, Ihr Schwärmer, die mein Herz verlacht, Wohl folg' auch ich glutheißem Sehnen Nach jenes Wunderlandes Pracht: Doch meine Sehnsucht heißt: – die Macht. Hier hemmt von überlegnen Fürsten Mich rings ein neidisches Geschlecht: Die Seelen, die nach Kronen dürsten, Fängt hier in engem Netzgeflecht Der Stärke stärkster Feind: das Recht. Doch drüben kann die Schwingen spannen Mein Herz, so weit es nur begehrt, Wo jedem wagenden Normannen So reiche Herrschaft wird beschert, Als seine List reicht und sein Schwert Hier nur ein Graf von wenig Hufen – Dort drüben winkt ein Diadem: Schon hör' ich tausend Stimmen rufen Laut von Byzanz bis Bethlehem: »Heil König von Jerusalem!« O laß zu deines Kreuzes Füßen Mich Tag für Tag, du Gottessohn, Den Frevel meiner Seele büßen! Ich zog hieher, wie dir zum Hohn, Aus eitlem Trieb nach Macht und Thron. Doch schon, als ich dies Land beschritten, Wo dir der Demut Palme ward, Wo du gekämpft, gesiegt, gelitten, Zerschmolz dies Herz, so stolz und hart, Vor deiner Wunder Gegenwart. Und als ich lag im Todesschauer Der Pest, ein aufgegebner Mann, Bog sich dein Bild voll Gottestrauer Vom Kreuz zu mir und blies mich an: »Du lebst, – doch lebst du mir fortan!« Verwandelt ist seitdem mein Wesen; – Von aller Erdenwünsche Pein Bin ich für immerdar genesen, Ich denke, statt an Kronenglanz, Nur noch an deinen Dornenkranz. So laß an deinem Grab mich knieen Mit Buße, Tränen und Gebet, Bis unter Engelsmelodien Mein Geist in deinen Frieden geht, Du einzig wahre Majestät. Hezilo, der Jägerbursch Fahr' wohl, mein grüner Buchenhag Und alles Weidwerk, des ich pflag. O Häherruf und Falkenschrei, Und Hirschensprung: – 's ist all' vorbei! Fort muß ich, fort ins Heidenland: Warum, das ist nur mir bekannt. Doch komm' ich heimgefahren, Dann wird sich's offenbaren. Mit gleichem Hufschlag unverwandt Schleppt sich der Zug durch Wüstenbrand, Rings Sand und Glut und Glut und Sand: Das ist ein gottverfluchtes Land! Manchmal ein Palmbaum und ein Quell, – Dann ist der Heide längst zur Stell', Mit Pfeilen und mit Speeren Den Kühltrunk uns zu wehren. Aasgeier hanget in der Luft, – Sein nackter Hals nach Leichen ruft, – Es bläst ein giftig heißer Wind: – O steig' empor mir taugelind, O steig' empor mir schattenmild, Du, deutschen Buchwalds grünes Bild, Und laß die Seele lauschen, Wie deine Wipfel rauschen. Getrost! ich trage Schlimmres noch: Weiß ja mein Herz weswegen doch! Noch fehlen zwei Pfund Silber nur: Dann ist erfüllet, was ich schwur. Dann kehr' ich heim ins Sachsenland, Und kaufe frei vom Mägdestand Mit Sarazenenbeute Die lieblichste der Bräute. O heil'ge Jungfrau, schick' mir du Bald einen reichen Emir zu. Mit Goldagraff' und Seidenkleid, Smaragden an dem Wehrgeschmeid, Rubinen an dem Säbelgriff, – Hat dann die Kling auch schärfsten Schliff: – Brauchst nicht für mich zu wachen, – Das andre will ich machen. Dann steigt in grünem Buschversteck, – Ich habe längst erkürt den Fleck, – Dort an der Weser kühlem Braus, Bald auf ein kleines Jägerhaus: Da sitzen vor der Türe dann Ein süßes Weib, ein froher Mann In sel'gem Liebestauschen – Und Wald und Welle rauschen. Reinmar der Alte Mich hätte, traun, in meinen weißen Haaren Kein Priesterruf mehr auf die Fahrt gebracht: Ich kenne meinen Gott seit sechzig Jahren Und seiner Treue, seiner Gnade Macht. – Und er kennt seinen Reinmar auch, den Alten, – Weiß, was er übel und was wohl getan: Im Himmel hätt' ich wohl ein Eck erhalten, Klopft' ich auch nicht im Pilgermantel an. Mein Taubertal, du Land der grünen Hage, Voll Lindenduft, voll Wein am Hügelrand! Ich war gewillt, die letzten müden Tage Still auszuleben hier im Heimatland. Hier wollt' ich täglich ruhn am Waldessaume, Der Zeiten denkend, die vergangen sind, Bis ich entschlafen unterm Lindenbaume Und übers Grab mir ging' der Abendwind. Nicht sollt' es sein! Noch einmal muß das greise, Das müde Schwert herunter von der Wand: Friedrich der Rotbart tut die letzte Reise, Und Reinmar ritt ihm nicht zur linken Hand? Ich zog mit ihm, seit ihm der Flaumbart sproßte, Manch' welschen Dolchstoß fing ihm auf mein Schild, Sein Herz deckt' ich durch alle seine Tjoste: – – Soll's ungedeckt sein, da's den letzten gilt? Schwarz ahnet mir! Welch' Schicksal auch ihm hehle Das ferne Land: – dies wird sein Todesgang! Dumpf rauscht's, wie schwarze Flut, durch meine Seele, – Statt Kriegstrompeten hör' ich Grabgesang. Ich stand bei ihm in allen Erdenschmerzen: Nicht fehl' ich, wo er um den Himmel wirbt: Und ruht sein sterbend Haupt auf Reinmars Herzen, – Ist's wie ein Stück von Deutschland, drauf er stirbt. Wie ich's geahnt, hat sich's vollendet: Tot aus des Seleph tiefen Wogen Hab' ich den teuern Herrn gezogen! O Friedrich, Sonne meiner Jugend, Mit dir starb Deutschlands Rittertugend! Kreuzzug, fahr' wohl! Mein Pfad, der wendet. Ein Amt nur hab' ich noch auf Erden Und das soll treu vollführet werden: Den edeln Leib bring' ich nach Haus Und berg' ihn in der Kaisergruft, Und dann, in deutscher Heimatluft, Die müde Seele hauch' ich aus. –