Max Dauthendey Ultra Violett Einsame Poesien Ultra Violett das Einsame, sprach zu mir: Noch lebe ich unsichtbar. Aber ihr könnt mich alle empfinden. Versucht es mich zu erkennen. Ich will euch neue Sonnen, Neue Welten geben. Glück Was suchst du? Warte und wache so laut du kannst. Wache und horche. Das Glück, das berauschende, wonnezitternde Glück, Es kommt nie. Es ist. Es umarmt dich jäh, Aus der pochenden Ahnung geboren. Rosen, starke schwellende Rosen häufen ihren Duft. Das ist sein Atem. Und sein Lachen? Es gibt nur ein Lachen. Und das Lachen heißt »Glück.« Und seine Augen! O diese Augen, Die Strahlenblume des Himmels, Der Sternentau silberner Nächte, Schrill und melodisch. Aber so ist es nicht immer. Es kriegt in sich, Lustsaugend an der Erinnerung. Und dann leben die blendenden Träume, Versteinert, stumpf und hart, Wie des Mondlichts marmorne Lilien. Aber nicht lange. Wühlende Glockenlaute, Taumelnd, schwelgend, Von Freude gewiegt, In Freude schwingend und schäumend Das ist seine Stimme, Seine allüberflutende Stimme. Wird es nie müde? Müde! Todesmüde. Aber dann ist es nicht mehr, Und wird nie mehr sein. Es flackert noch rot, Rot, purpurrot, Aber ohne glühende Kraft, Nur noch die Farbe von Flammen und Rosen. Stockend kalt ekelgeronnenes Blut. So ernst wird es dann, Und so angstfromm, Und Weihrauch kriecht ihm zu Füßen. Tief im Dunkel, In modernder Einsamkeit Tasten die blassen welken Gedanken. Horch! Harfen, ferne, ferne Harfen ... Da breitet die Sehnsucht Schluchzend die Arme: O Glück! Glück! O Glück! Paradies Es wirft sich an's Herz, auf rauschenden schweren Flügelschlag eine ernste Amethystbläue. Eine Strahlung verborgener heiliger Quellen und aus glühenden Laubgrotten. Aus dem Gebüsch ein Mann und ein Weib. Und sie schreiten über den blumigen Rasen, Seite an Seite. Nackt, ein feuchter Violenschein über ihren Leibern. Ein Löwe leckt seine Hand und andere Tiere folgen. Ein Eber auf der Seite des Weibes. Eine weiße Kuh und schnäbelnde rosige Flamingos und andere, Tiger, Elephanten und noch mehr. Aus hyazinthblauen Büschen kommt der Zug. Triefende Sonnenbrände über den Büschen. Durchglühte Laubhänge, Malachitleuchten und Smaragdfeuer und darüber die Luft weinrot und rotgolden, wie von üppigen Säften getränkt. Tauben, lilienweiß, die Flügel gespannt im Goldduft über dem Menschenpaare. Im Rasen, rings, kurze große Blumen, rotgefleckte Tulpen und Aurikeln und Primeln in kleinen Sträußen. Oben schmettert das Licht in Posaunen, die Sonnenbrände wirbeln und über die Laubkronen brausen die grünen Feuer. Aber unten, alles ist Marmorkühle, alles klar, eine blaufeuchte Klarheit. Das Weib hält eine Blüten-Girlande hinter sich, bis zu den Biegungen der Knie schaukelt die Girlande, bei jedem Schritt streicheln sie die kühlen, tauigen Blüten. Sie neben ihm. Ihre Leiber breit und kräftiges Fleisch. Und an ihnen die Nacktheit ist wärmeleer in unbewußter blauer Keuschheit. Die Schatten sind gelbzart wie Blütenmehl an ihrem Fleische. Aber es ist überall um sie, dies dämmerige Violenblau. Es senkt die Äste, sie wiegen sich gewölbt, wie unter Edelsteinlasten, und unter dem Laube in gedämpften Floren. Und über den Tieren dasselbe nachdenklich schweigende Blau, das die Blutwärme verdeckt und alles rollende Rot. Die großen weißen und roten Blumen im Rasen mit den samtdunkeln Pupillen sehen zu dem Menschenpaar auf, und wandeln vor ihm her. Und auch auf ihnen das kühle stumme Blau, das alles bezähmt. Das Menschenpaar schreitet über den Rasen. Der blaue Äther wogt um ihre Nacktheit, eine Strahlung verborgener heiliger Quellen und aus glühenden Grotten. Eine ernste Amethystbläue, eine Kühle, es wirft sich an's Herz auf rauschendem schweren Flügelschlag. A Vespero Die Sonne fällt zur Erde. Gellend zerspringt ihr Licht. Dicht vor dem blauen Tempel rollt sie nieder. Die berstenden Strahlen jagen durch den Tempelhain. Das Laub fliegt in braunroten Fetzen, geronnene Blutschlacken, triefende Purpurbrände. Alles rast durch die Bäume. Und die Bäume alle von unten in gequollenem Blut und stockend gründumpf. Gestalten in blauen Laken und in Scharlach ziehen zum Licht. Helle Wege sickern wie Wasserläufe unter den Bäumen. Blasse blaue Marmorgötter auf breiten flachen Rasenstufen die Anhöhe empor. Grün, blau, rot splittert das Licht über dem Grase, und in kritzelndem Wirbel wie glühende Metallspäne in der Luft. Ein Schwefelhagel. Es prasselt aus der Sonne. Gellende Strahlstöße, fletschende Goldbrunst hochgeschleudert über den blauen Tempel, über den blutroten Hain. Eine Bläue von geweihten heiligen Düften quillt aus der Halle, aus öden Säulen schwüles samthaariges Weihrauchblau. Aber draußen die blutrote Ruhe im Hain steift sich gegen das tolläugige Licht. Das rasende Gelb verzerrt, reißt das stockende geronnene Schweigen nieder. Jede Grasspitze knistert, sticht Licht hoch. Rot, und Blau und ätzendes Grün. Das rote Dunkel stöhnt im Laube, versengt gekrümmt. Die Bäume in flatternde Fetzen gerissen, flachgepreßt. Und das Licht prallt gegen die Stämme, und verzerrt das Geäst. Aber das Rot krampfhaft mit braunen röchelnden Kräften und hemmend die gelbe Wut und die Gier. Von den Baumfratzen trieft Purpur. Der Rasen blutet. Und wundgeritzt, rotentzündet der Boden. Die Gestalten in blassem Blau und stierem Scharlach, alle beugen sich vor dem Lichte, vor der Sonne, die auf die Erde gefallen. Die Duftbläue raucht aus dem Tempelmarmor. Und das Blau der Tempelhalle beugt sich vor der Sonne. Das gewaltige Licht steht wie ein schmetternder Donner hochgeschwungen über allem, mit der Kraft berstender Tuben. Die Sonne opfert. Inbrünstige Feuer knien vor dem Tempel, klammern an den Säulen. Auf goldroten Flügeln schwingt es hoch. Ein Hallelujah aus brausenden Himmelsschlünden. Ein Märchen Wollt ihr ein Märchen erlauschen? Ein Märchen? – Ich weiß eines. O so wunderbar fein, so zart. Wollt' ich's in Laute, in Töne gestalten, Wäre jeder Laut, jeder Ton zu lauttönend. Vorsicht! Behutsam! Denkt leise! Sonnenfunken – goldner Hauch – Löscht ihn nicht – leise! leise! Ein Garten, eine Gestalt – ein Mädchen. Rings auf zitternden Schwingen Farben und Düfte, Und mein Mädchen mitten in Farbe und Duft. Schwarzgrüne Büsche stumm, atemstockend, Und darunter Blütenherzen, Wildrote pochende Herzen, Pochend in hast'gem Genießen. Sie singt. Ihre Träume sind ihre Lieder. Weiße Astern, Blendende Astern, Wie sie sich wiegen. Und der Garten singt Und die Büsche, Alles, alles singt in Farben und Düften. Starrst du auf Rosen, Nimm dich in acht. Rosen sengen, brennen, Weißt du das! Sie weiß nichts. Ahnte sie nur die Glut, Müßte sie zitternd erglühn. Aber Flammen wärmen, Und Wärme weckt Flammen. O berühre nicht! – Fort! – Flieh! O berühre sie nicht! Zu spät! Erschrick nicht, rette, Rette aus Flammen den Duft. Angstfahle Blässe knirscht, Aber Reue zermalmt nicht. Auf weißen Astern schwarze Erde. Warum schwarze Erde? Warum nicht der Tod? Erde ist Leben. Auf weißen Astern schwarze Erde. – Das ist mein Märchen. Das Heilige Feuer Der Himmel blau von einem rauschenden Blau, ein schwellender Akkord. Eine Wiese, wie grünes dunkles Glas, ein gestautes Grün. Ein Altar in der Mitte, graublauer Stein, rund. Eine Flamme golddünn wie eine Kerze, mit steilem Rauch. Kühle Ruhe. Im Grunde ein Laubberg, olivschwarz Zypressen, dahinter eine Wolkenlawine, dicht getürmt in gelbweißem Schaum. Oben das Abendlicht rostrot über die Baumwülste. Zwei Zypressen abseits, die Spitzen rote Stifte. Am Rand der Wiese dehnt sich der Rauch in weichen Hängen. Frauen, in mohnroten Laken eine, – andere in wasserdünnen Schleiern, bis zur Hüfte eine in Schwarz und Gold, alle in Abständen. Die Arme gehoben ziehen um das Feuer. Im Kreis. Ihr Gesang müde, rot wie das Abendlicht, dehnt sich mit dem Rauch und hinaus in die Ebene bis zum hyazinthenblauen Horizont. Nur oben Licht, und Pochen und rote Wärme, über den Bäumen, am Himmel, in der Wolke. Aber unten eine Leere und Verlassenheit, ein gläsernes Schweigen. Das Laubgrün moderig wie Kirchenluft und filzig geballt. Ein Block die Wolke, weiß zwischen der Laubspalte und darüber strotzend wie blasses Fleisch mit kernigen Muskeln. Die Frauen immer im wandelnden Kreise um das Feuer. Die Leiber braun, und Gesichter braun, alle auf Zehenspitzen in balancierendem Schritt, getragen von ihren Stimmen. Und das satanische Rot, dies fressende, knirschende braune Rostrot an den Baumwipfeln stockt, das Grün versteinert in Andacht, die Wiese platt, stumm, wie ein gefrorener grüner See. Im Gehen schaukeln die Gewänder, die Schleiersäume knistern über den Halmen und Amulette klingeln. Aber immer lautlos das Feuer, eine goldene Spirale zur Höhe in die Stille gebohrt. Leise Flamme ohne Licht. Alle Gestalten schattenlos. Lichtlos und schattenlos, in lauer Fläche der Gesang. Der Rauch röchelt. Die Stimmen schwingen reine graue Linien in flachen Wellen. Das Grün der Wiese, die Baumwand, das Rostrot, durch alles schleicht und summt der gemurmelte Sang. Der Sang schwimmt hinaus in die Ebene. Fern blüht eine veilchenrosige Nacht auf. Blütenleben Lauer Schatten. Ein blühender Birnbaum auf altem müden Gemäuer. Bronzefarbenes Moos quillt über die Kanten und Risse. Ringsum Gras, junggrün und durchsichtig. Es neigt sich leise und schmiegsam. Harte blaßgelbe Winterhalme zittern dazwischen, farblos und schwach, wie vergrämte greise Haare. Aschgraues und purpurbraunes Laub, mit feinem Metallschimmer, wie tiefes gedunkeltes Silber deckt den Grund. Hie und da ein weißes Blütenblatt mit blaßrosiger Lippe. Leicht, zart, aber müde. Das Geäst biegt sich dicht und tief zur Erde. Sacht zerrinnt Blüte um Blüte und gleitet weiß, zögernd nieder. Die Zweige senken sich tief, bis zu den einsam gefallenen Blüten. Das Alter hat den Stamm zerschürft. In der gefurchten Rinde ziehen die Ameisen eine Straße hoch hinauf zur Krone. Emsig und flink rennt es aneinander vorüber. Und dann oben die Bienen. Sie saugen schwerfällig und lüstern von den süßen Lippen und klammern trunken an den weichen Blütenrändern. Ein üppiges Summen ist in der Laubkrone, ein einförmig gärender Ton. Die Blüten zittern leise, und die jungen Blattspitzen zittern. Der alte Baum wiegt sich und seufzt. Duft löst sich, schwebt hinaus in den blauen Sonnenschein, warmsüß und scharf herb. Die Welle Pfauengrüne Gluten in der Luft. Über dem Meere Heliotropdüfte. Kochender Atem stockt. Die Wasser stauen sich. In der brünstigen zyanenblauen Dämmerung eine Frau, mit feuchtem Leib aufgestiegen, ein zauderndes Neigen und Schwingen in ihrem Körper, es wogt noch flüssig jedes Glied. Unter ihr die Wasser glattmilchig, mit Lachen weinrot wie große, offene Wunden. Ein Pfauenhimmel und Leuchtrauch von Smaragd und Lapislazuli und ein Funkenkitzeln und fliehende Irisschiller um diesen Leib. Fern am Himmel, im Wasser, rast ein Licht, weiß, elektrisch, und blauweißer Schaum berstet am Ufer. Im hochgesträubten Schaum kauert eine andere, blau und rotgolden der Wasserqualm, über ihren Rücken rieselt grünblauer Muschelglimmer. Und die Wasser wie silberrandige flachrunde Flossen schieben sich ans Ufer. Überall dieser Heliotropdunst und Weinrauch. In allem das sich windende Weib, das zum Lande sehnt, das die roten Lachen halten, und aus der Meerestiefe eine herrische Goldglut. Sie ringt sich höher. Sie biegt den Leib vor. Sie reckt das Kinn. Nur mit den Zehen noch über den roten geöffneten Lachen, sie wankt, tastet – das Ufer! zum Ufer – o, das Ufer! Sie liegen an ihr und flüstern und hauchen und seufzen, all diese goldrot, goldblauen Farben ihres Leibes. Ein schluchzender Jubel in ihrem Auge und ein vibrierendes scheublaues Sehnen. Aber die roten Lachen halten sie, und der mondgoldene Schein aus der Tiefe hält sie. Der Goldschein greift an ihren Hüften hoch, greift um die Brüste, um die Schenkel und um den Arm bis zur warmen Armhöhle. Es zieht sie zurück. Sie wehrt, sie steift sich. – Der Goldschein faßt höher. Ihr Haarstrom bis zur Hüfte, rot und grün in Perlen, die Goldlichter ritzen das Haar hinauf und an die Wangenknochen und an die Linien des Kinns. Nur, – o – zum Ufer, Erde! Das Sehnen spitzt sich, ein metallscharfes Leuchten drängt aus den Poren. Grüne Phosphorblässe auf Stirn, Wangen, um den Leib. Flehende zitternde Farben recken sich höher. Aber der Goldschein der Tiefe bezwingt sie alle. Die stumme qualvolle rote Lache zu ihren Füßen öffnet sich und saugt sie zurück. – Nur einen sehnenden Augenblick lebte die Welle. Auferstehung Karfreitag. Es drängt in den Straßen in die Kirchen. An den Eingängen quetscht sich ein Wurm Menschen hinein, ein anderer spult heraus. Drinnen Schweigen. In flachen Teppichen spannt sich die Stille zur Höhe. Ein herrisches hochgeschwungenes Schweigen. Veilchendunkle Laken. Der Altar verhangen. Auf dem erstickenden Blau ein kreideweißes, schlankes bleiches Kreuz. Stumpfe blöde Ohnmacht kauert vor dem Kreuz. Blumensträuche. Rote, weiße Azaleen. Dazwischen auf dünnen Kerzenfingern Lichtaugen. Die Sternflämmchen spreizen sich auf ihren dünnen weißen Stielen. Aber in Farbe, in Licht, über allem stockt grüne Leichenkälte. Der Lichtschein reibt an Gesichtern. Funken prallen an Augäpfel. Männer und Frauen. Aber alle gefühllos, eingepreßt, umkrustet vom Schweigen. Bis zur Wölbung staut grünmehlige Weihrauchluft, süßätzender Nebel. Lange hagere Fenster, ein steifes glattes Licht, draußen hartweißer Himmel, wie eine Eisplatte. Vor dem Altar scheuer Raum. Ein Betstuhl. Ein Priester in starrem Faltenhemd und Spitzen. Die Arme breitgestützt. Stahlblaue Stille strahlt von ihm. In strengen gläsernen Kristallen zersticht es im Kreise jeden roten Pulsschlag. Die Lichtaugen am Altar gefrieren zu goldenen Dornen. Blumenfarben gerinnen. Bleiche Larven. Oben über der kriechenden moorbraunen Stille, in den Gipsgirlanden der Säulen, in Falten geschwollener Engelleiber hockt höhnischer Moder. Nagt, grinst und fletscht Affenzähne. Unten am Ende der Halle prallt der Tag an der offenen Türe zurück. Weißblaues Hyazinthenlicht, sein Atem greift herein. Der Moder sträubt sich. Gelbe Katzen pfauchen. Eine große graue staubweiche Motte flattert auf. Über der Tonsur des Priesters. Taumelt zum Altar. Sinkt in die Lichtdornen. Die Dolche stoßen zischend zu. Der morsche Leib krampft sich. Die dünnen Flügel versengt, schlagen die Blumen. Die Blüten kreischen auf. Gellende Lohe reckt sich vom Altar. Ein Scharlachstrom überblutet das bleiche Kreuz. Die veilchenblauen Laken glutgebläht rollen vom Altar hoch, getrieben von Feuerstacheln. Schrecken verknöchert das Schweigen. Rote glühende Stirnen heben sich aus der kauernden Menge. Augen schmelzen und erwachen. Der Priester duckt sich, rutscht zurück. Purpurne Flammenflügel fegen die Halle. – Auferstehung! Eine Schmerzstimmung Es ist eine starre frostige Ebene, Tiefes graues Gewölk, Lautlose schwarze Vögel In flachem Flug. Und zwischen dem Himmel Und zwischen dem Erdrand Ein blasser hilfloser Strahl, Liegt einsam an der Erde, Einsam am Himmel. Es ist eine blutleere Hand, Blaß ausgestreckt, Mit dünnem, mattgrünem Geäder, Und zitternd gereckten, blauen kranken Adern. Und die graue leere Hand Liegt hungernd geöffnet. Es ist das erstickte Auge einer Leiche, Blauweiß in stechender Steilheit, Grell unter halbgeöffnetem Lid Ein erwürgter aufschreiender Blick. Und es ist von der Leiche Noch der blaue gekrampfte Mund, Mit den schweren harten Lippen, Und dem schweren harten Schweigen. Aber von Tönen ist es kein Akkord, und kein Laut, Es ist die vibrierende Fieberstille zwischen zwei Lauten. Und von Gerüchen ist es der schluchzende Duft nasser schwarzer Erde. Und von Farben: Das geronnene Rot und das flehende Blaß scharfer, verwester Rosen. Enttäuschung Die junge Rose war erwacht In sehnsuchtschwüler Mondennacht. »Bist du die Sonne! Du blaues Licht?« – Sie preßt voll Wonne ihr Blütengesicht, Bebend in wogenden Qualen, In die traumblassen, leblosen Strahlen. »Bist du die Sonne?« – – – Der Tag hat ihr die Sonne gebracht. Der Tag war zerronnen. Duftweiße Nacht. »Das also Sonne? Empfindloses Gold?! Und mein Traum, Weichheit so schmiegsam und hold – Küßt, küsset mich blaue Strahlen, Löschet die zehrenden Qualen, Seid Sonne, Sonne!!« – Im Paradies Wie weißes Eisen glüht die Sonnenluft. Jeder Atemzug ein Schluck qualmendes Blut. Der stumme Mann hält seinen Hut in der Hand. Die Straße hinauf. Immer im Schatten. Den schmalsten Schattenrand benützend, und über die Strecken, wo sie die Trottoirs besprengt hatten, mit Behagen in die glatten dunklen Lachen. Er war schon vorbei. Aber die Kühle zog sich ihm in den Nacken. Da trat er zurück in die weite hohe Türe, in die eisig nächtige Kirche. Einen Augenblick kreiste und zersprang es in flimmernden Blasen und splitterndem Sand über seiner Haut, seinen Augen. Bis Wärme und Kälte sich gemischt hatten. Und auch das Licht, das er in sich trug mit dem Dunkel um ihn. Durch die hageren langen Fenster filtrierte nur dünnes Nebellicht. Aber das Säulengold und das Altargold troff in dem wenigen Lichte blankschweißig. Das Purpurgehänge am Hochaltar mit dem Staubpelz blähte sich üppig in feisten Falten. Unten in braunen trägen Chorstühlen hockten alte Frauen und standen graue runzlige Männer, wie in Ställe gepfercht, und andere kamen, tauchten drei Finger in das gelbe, steinerne Weihwasserbecken und besprengten sich. Aber alle starrten zu den goldenen Puppen und dem Bilde eines Hingerichteten zwischen roten Marmorsäulen. Da kam eine schamdunkle Demütigung über den stummen Mann. Siehe, diese sind alle deine Brüder und Schwestern. Und sie knien hier, gläubig vor dem Golde und dem Flitter und hoffen und verlangen. Und keiner unter ihnen ahnt, daß er vor einem tauben Loche kniet. Das Loch gibt ihnen nichts als seinen hohlen leeren Atem. Aber sie glauben ihm, denn es läßt die Hoffnungen auf der einen Seite ungehindert ein, auf der andern wieder hinaus. Und weil das Loch so gutmütig ist und ihr Wünschen nicht hemmt, haben sie Gold um seinen Schlund gebaut und Marmor und Purpur. Halten es heilig, weil es so sehr bequem, so ungemein beruhigend ist, dies Wunschloch. Aber es wird eine Zeit kommen mit zurückgeworfenem Nacken und Knien von Eisen und gehärteten Augen, vor ihnen wird das Gold und aller Flitter vor dem Loche wie weichliche Daunen zerstäuben, und sie werden den Blick der Leere ertragen. Es ist traurig, wie diese hier blöde wie Tiere stieren und ihre Kraft mit dem Brüten über einem hohlen Loche verschlemmen. Wolltest du jetzt schon an das Loch klopfen, daß seine Hohlheit ertöne, steinigen würden sie dich. Sie würden dich steinigen. Siehe, das sind deine Brüder und Schwestern. – Auf den Gesimsen standen kleine weiße Figuren aus Wachs. Ein so naives, lallendes Weiß. Es gehörte nicht in den plumpen Wust. Es ist heilig, dieses Weiß. Dies Weiß allein ist heilig. Und der stumme Mann mußte an sein Kind denken. Eine Frau mit dickem Leib, hängenden Wangen und Nase und Augen spitz und zänkisch, stand zum Fortgehen am Weihwassertrog. Immer wieder kreuzten die Finger Stirn, Mund, Brust, Stirn, Mund, Brust. Ihr Rock staubig wie Spinnweben, und so gelb hornig das Gesicht. Dazu ein Blinzeln von tückischen Wimpern. Der stumme Mann sehnte sich nach seinem Kinde. Er ging wieder. Die Hitze preßte sich auf seine Schultern. Diese Straße steil, mit den bleiernen Häusern, den sonnenblanken endlos gezerrten Gesimslinien, die Fenstervierecke in marternder Regelmäßigkeit, ein polternder, fauldunstiger Bierwagen, Lastkarren wie Gerippe und gedunsene erschöpfte Menschengestalten, das steigerte die Sehnsucht nach seinem Kinde. Aber kann ich wieder zu meinem Kinde? Er stand vor einem Schaufenster, drinnen in langen Reihen Stiefel und Schuhe, Glanzleder – und die Schuhe oben mit zerknittertem Stanniol ausgestopft. Er musterte sich in der Scheibe. Etwas gebeugter ging er. Und die faltige Schneide an der Nasenwurzel war grauer. Dies zehrende Mohnblut, das er jetzt in sich trug! Dies stete Wimmern lechzender Sinne! Es war damals anders, als er täglich sein Kind besuchte. Eine silberdünne Sehnsucht schmachtete jetzt in ihm nach diesem Damals. Ein weiches Dehnen der Züge, die Brauen hoben, rundeten sich, und die trübe Schicht der Augen geritzt, zerfloß. Sein Kind! – Dieses Kind! Es griff sich in den eigenen Blick, bis in das Herzblut tief, es rann wie goldblauer Schnee, so rein strahlten seine Gedanken, so kühl, so durchsichtig. Der rote Vorhang im Schaufenster zwischen zwei hohen Lackstiefeln bewegte sich. Er wandte sich rasch. Sein Gesicht zerknitterte wieder, aber in sich blieb er strahlend. Und er hielt schützend die Hand über die zarten scheuen Gedanken. Dann zu Hause. Im Korridor quoll Seifendunst. Er ging rasch in sein Zimmer, und zugeriegelt und gleich wieder vor den Spiegel. Und nun mit Bekümmernis und pochendem Hoffen wieder untersucht, Gesicht, Haltung. Würde sein Kind ihn erkennen, er war entstellt. Dann rasch abgebrochen mit dem Zerfasern – schloß die Fenster, einen Augenblick hielt er noch den sonnenglühenden Fenstergriff in der Hand. Unten schleppte sich eine blaue Pferdebahn vorbei, schwer voll Menschenlast. Drüben gingen Menschen, pfahlsteif, immer mit den Augen an den Dachfirsten entlang, und ein Knattern und – – Er ging ins Zimmer. Er lächelte. Immer lächelte er. Nahm die Venusstatuetten und die Faunbüsten von den Konsolen beiseite – und die Opiumphiole in den Spucknapf. Alles mit behaglichen gemäßigten Bewegungen und immer noch dies Lächeln eines Feinschmeckers, dessen Zunge im geschlossenen Munde sich zum Genusse dehnt und schwillt. Dann noch die Etagère fortgezerrt, und die verstellte veilchenblaue Portière war nun frei. Er schob sie zurück. Die Ringe klirrten jäh, Staub flüchtete mehldunstig. Noch die Heupolsterung fortgeschleift. Störrischer Qualm, Moder wirbelten auf, nun war sie wieder da die hohe emailleblaue Flügeltüre. Er sah sich nochmals vorsichtig um. Horchte. Draußen nur das Glucksen und Rieseln der Wasserleitung und oben, in der Etage über der Decke, das Schieben eines Kinderwagens hin, her, hin, her. Das Schloß war hartgerostet. Der Riegel brach ab. Und dann drinnen. Sah sich gar nicht um. Gleich an den weißen Schrank mit den silbernen Leisten. Erst die Wäsche. Nahm ein dünnes Nesselhemd mit zitternden Goldspitzen. Warf die alten Kleider ab. In lange goldseidene Strümpfe bis hoch über das Knie. Beim Ankleiden krampfte sich die Erwartung heftiger. Wie es sich freuen wird! Ob es ihn wiedererkennen wird? – O, sein Kind! Aber die Umgebung stocherte in sein Träumen. Der glaskühle Harzduft vom Kleiderschrank und dann von der Toilette aus winzigen Flacons raunende Walddüfte – Eichen und Erdbeer und Moos. Doch in ihre Kristallglätte wühlte noch ein aufrührischer brandäugiger Dunst aus seinen alten Kleidern. Er schob sie mit zwei Fingern zur Seite. Dann an der Toilette. Rieb sich mit einem Kirschlederballen Gesicht und Hände. Sprühte Maiglockenessenz über Gesicht und Hände. Das war des Kindes Lieblingsduft. Und immer lächelte der stumme Mann. Dann am Schrank. Sonst war die Wahl schwer. Aber heute ohne Warten, griff rasch hinein, und nahm alles in Scharlach. Noch nie hatte er Scharlach genommen. Aber es war Widerspruch, Macht in dieser Farbe, das schmiegte sich an seine Stimmung. Es mußte sich selbst trotzen, deshalb Scharlach. Weite, gesträubte Beinkleider in schwellenden Bäuschen bis zum Knie. Mit Watte gepolstert weiche Wülste auf den Schultern. Daran offene langflatternde Ärmel in Feuerzungen gefranst. Dies Seide. Und das Wams Samt mit frohlockenden Lichtern und dumpfen gesättigten Tiefen. Samt auch die engen knappen Ärmel bis zum Handgelenk. Um die Hüften ein Gürtel, spitz zum Schoß, starr aus gleißenden Rotgoldschuppen, die Schuhe rotes Leder mit geschmeidigen Sohlen und Rubinspangen. Er streichelte die Seide und rieb sie, bis sie elektrisch knisterte. Und koste das üppige Rot mit den Augen im Spiegel. Es wird sich freuen! Es wird jauchzen! Und er hörte des Kindes Lachen wie schmächtige gläserne Glocken. Er streichelte von neuem die Seide, bis sie wie Schaumgold knisterte und immer erregter wurde. Ganz allmählich hielt er an. Seine Nasenflügel vibrierten. Er roch in die Luft, ging rasch, und stieß die alten Kleider in eine Ecke. Dieser brandige Dunst! Sonst war es ihm nie so aufgefallen! Und er goß von neuem in die Ärmelfalten und in den Hals von der Maiglockenessenz. Rasch fort. Den weiten schwarzen spanischen Mantel über. Ein geschlossener Wagen – – fort. Der Kutscher kannte ihn. Er fuhr ihn immer. Aber schon in der dritten Straße wieder dieser Geruch. Er mußte aus seinem Fleische kommen. Er hielt die Hände vor den Mund, hauchte hinein. Aber sein Atem war rein. Doch – ganz deutlich, als er die Handflächen beroch – es kam aus den Poren. Sein Kind – nein, er durfte es so nicht küssen. Er klopfte an die Vorderscheibe, der Kutscher bückte sich, er zog an der Gurte, das Fenster fiel nieder. Bei einer Parfümerie soll er halten. Hyazinthenduft oder Jasmin. Das mußte alles andere durchwirken. Der Kutscher brachte Jasmin. Und er schüttete es im rüttelnden Wagen über Hände, Gesicht, goß es in die Schuhe und in den Nacken, bis nur noch ein Stechen und Raufen um ihn war, und er ganz wund von den keifenden Düften. Nach einer Viertelstunde über die letzte Brücke draußen, am Ende der Stadt. Die schwarzen Kandelaber an den Brückenköpfen eben angezündet. Wie große gepreßte Goldklumpen hing das gelbe Licht in der scharfen Abendbläue. An der roten Kaserne vorbei. Lärm, Gejohle in der Kantine. Schlaffe, schmauchende Soldaten bei der Wache am Eingang. Dann eine pfeilgerade Chaussee, weiß, spitz in die Ferne getrieben, darüber die Ulmenwölbung, ein fortlaufender grüner Tunnel. Laubgebauschte, weiche Berge, gelbe Felder, ein träges Tal, der Fluß, und drüben wieder Berge, Weinberge. Beim vierzigsten Ulmenbaume halt. Der Kutscher wußte das. Er verzählte sich nie. Aber heute – beim zweiundvierzigsten erst. »Es war zu lange her, seit ich Sie fuhr,« entschuldigte er, lüftete den Wachstuchhut und wischte die Schweißfunken von der Stirn. Der stumme Mann nickte nur und stieg vorsichtig aus. Sprang über den Chausseegraben beim dritten Baume, gleich rechts in einen dünnen Weg zwischen hohen Ähren. Gerade mit den Augen sah er noch über die braunen Halmenköpfe. Er hörte den Wagen umwenden. Noch einen Baum weiter gefahren und man hätte ihn drüben vom Paradies sehen müssen. Der Wagen knirschte immer ferner auf der Landstraße – dann wurde es ganz still. Die Grannen hingen gebeugt, nur in leisem schwachen Schwanken. Die Hitze preßte dumpfen Korngeruch aus den Ähren, und unten zwischen den Halmschäften war die Erde aschgrau und in Rissen geborsten. Der stumme Mann schlug den Mantel auf und ließ ihn nachschleifen. Von dem Scharlach ging ein lauernder Schein hellrötlich an den steifen Halmen entlang, mit jedem Schritt klirrte das Rot an andere Halme. Eine Lerche zog sich hinauf in den Himmel, ihre Töne plätscherten nieder, aber sie rieselten nur durch die Stille, zerstörten sie nicht. Drüben, weit im graugelben Feld trieb dunkles, gedrängtes Grün hoch, in Kuppeln, in Säulen, aus dem flachen niedern Halmboden steilsteigend zusammengepreßt, wie eine schroffe hohe Insel. Vor dem schwarzgrünen gestauten Laub standen violette Dunstschichten, in langen dünnen Strichen. Oben in Laubklüften zwischen runden blaudunklen Kronen sammelten sich grüne flaumige Dämpfe, kreisten, quollen aus der Laubtiefe und goren wieder zurück. Manchmal, blitzschnell, mitten darin, zersprang ein Smaragdlicht und dann den Augenblick danach, schwieg alles und lag still, – und die Laubfarbe ward röchelnder, stumpf, und die violetten Schichten erschöpft weißgelb. Der stumme Mann schüttelte den Kopf: Das war sonst nie gewesen! Er blieb öfters stehen, zog die Hutkrempe über die Augen, der scharfe Abendstrahl blendete. Aber auch als er näher kam, blieben die zitternden Dünste und die grünen puffenden Dampfknäule in den Laubbrüchen. Noch die Akazienallee. Schweres Schilf, und blaue Lilien und schwarzgraue Lilien am Wege entlang. Die Lilien, die blauen immer üppiger gegen das Ende der Allee und die Blütentrauben in den Akazien schäumender. Dann am silbernen Gitter. Zu beiden Seiten eine blühende Lanzenwand um den Park. Grüne Malvenzepter, Zepter bei Zepter, mit roten, und blaßgrünen, und rosigen und weißen Blütenrosetten. Der stumme Mann suchte an den bunten Pfeilern und wollte dem Kinde eine ganz weiße Malve mitbringen. Aber ganz weiß keine. Die weißen alle mit feinem roten Geäder oder einem grauen Insektenbiß. Er ging hinein. Seinen Mantel ab – und ins Gebüsch gelegt, behutsam, und dann mit rauschenden Schritten leise über den blauglimmernden Rasen. Kein Laut in dem Garten. Rings die Bäume mit bläulichen Blättern. Eine Bläue wie aus schneidenden Säuren. Über den Blättern ein Vibrieren, goldgrüne Käfer und durchsichtige Libellen in haardünnem singenden Flug. Sonst kein Laut in dem Garten. Kein Laut sonst. Und mit jedem Schritte wechselten die Düfte, erst zartbitter von Pappelblättern, dann Myrten und Duft von Reseda und Ananas. Wie opalrosige Milchstrahlen flossen die Düfte an ihm vorbei. Überall, wo er ging, schluckte das Laub den Scharlachschein seines Gewandes. Er schüttelte wieder verwundert den Kopf. Er befühlte ein Blatt, das er gestreift, es war warm, und ein leichtes Pochen in den Adern. Aber oben zwischen den Bäumen nichts. Durch die Kronen keine Dämpfe mehr, – und zurück – auch draußen nichts mehr, keine Dunstschichten, – stiller gespannter Hyazinthenhimmel, nur rötlicher, insichgekauerter als sonst. Aber hinter ihm, durch den Rasen, in der Bläue des Grases standen seine Fußspuren rot, das Gras wie in Glut gefacht, und darüber zitterten dünne Dampfringe. Wo sein Fuß einen Tulpenbecher berührt hatte, stieg vom Grunde ein Rauchfaden, steil wie eine dünne modergraue Schlange. Er ging schneller. Die Stille und die Hitze, Düfte und Farben schwollen. In einer feuchtschillernden Grotte hoben sich zwei Schwäne, zischten, schlugen mit den Flügeln und stoben auf. Ganz weit fielen sie knatternd nieder. Einige Federn lagen an der warmen Stelle. Er hob sie auf. Um den Kiel lief eine rote Windung und die Spitze war auch rot. Er schüttelte wieder den Kopf. Wo ist mein Weiß! Mein heiliges Weiß! – Ein weiter blütenüberschwollener Platz. Ringsum starr stockend der violette Laubwall. Im Blütenschaum die Häupter zweier Sphinxe, aus ernstem Lapislazuli, tiefblau, andächtig, wie ein eherner Nachthimmel. Über die elfenbeinblassen Blüten zuckt das Herzpochen der Sphinxe, jeder Herzschlag ein wimmerndes Lila, ein Fluglicht aus ihren Augen, aus ihren Brüsten über die elfenbeinblassen Blüten. Purpurbraune Moosstufen zu einer Blütenhalle. Weiße einfache Alabastersäulen, von Säule zu Säule rote Korallenstäbe. Die Decke des Saales dasselbe violette Laub wie im Garten und dazwischen triefende Granatblüten und Drachenblüten und Blutdolden, und aus allen Dolden sickert ein bläulicher Phosphorglimmer und strählt die Säulen. Der Phosphor schwimmt in der Halle, und die Luft ein leuchtender blauer Nebel, alle Linien darin zart und grübelnd verschwommen. Der stumme Mann trat tiefer hinein. Da begann in der Bläue ein Zittern, ein fieberndes Rieseln, der Scharlach an ihm sog die Helle und es sank alles an ihm nieder, glimmerte auf den Fäden der Seide, auf den Haarspitzen des Samtes und zerrann. Bald war die Luft rings kahl und klar. Die Formen in der Klarheit scharf und unerschütterlich. Nur an den Pfeilern klopfte noch der blaue Phosphor, aber gelähmter und dürftiger. Der stumme Mann zitterte. Mein Kind? – Wo bist du? – Mein Kind? – Es regte sich nichts. Nur der Phosphor rann nieder, und draußen pochte der Herzschlag der Sphinxe über die Blüten. Aber sonst hing alles steif und gläsern. Auf den silbernen Muschelplatten des Fußbodens blauseidne Pfühle, gefüllt mit duftigen Rosenblättern. Der stumme Mann lag und starrte hinaus in den blauen Garten, und sein Scharlach bräunte die blaue Seide, der Jasminduft an ihm zerfraß den scheuen Rosenduft und alle Düfte rings. Über dem Blütenplatz fort, drüben im matten Baumdunkel ein dünnes Licht. Der stumme Mann zitterte. Seine Brauen bogen sich, die Augen vorgepreßt standen rund und steif. Mein Kind – mein Kind! Wie ein blasser Eisfunke ging es fern durch die Bäume. Kam näher. Eine durchsichtige Gestalt. Ein Kindergesicht. Horchende Augen, wie blauer Marmor und Milch. Leuchtende wachsbleiche Haare über Schulter und Nacken. Von den Schultern ein mondblaues Gewand, in geraden Falten wie silberne senkrechte Regenstrahlen und durch das schwache keusche Blau, der Leib in träumendem Meerschaumweiß. Über dem Haupte kreiste langsam ein dünner Reif aus silbernen Blütenknospen. Die Gestalt schwebte lautlos durch die Bäume. Die dunklen Zweige und Äste schimmerten matt durch den hellen Leib. Der Reif schwebte immer mit ihr. Der stumme Mann preßte die Finger an die Schläfen. Sein Herz wurde eisig. Seine Augen folgten stöhnend dem Gange des Kindes. Es bückte sich oft. Es küßte die Erde. Und ging denselben Weg zurück, den er gekommen, und die Zweige, die er gestreift, und die Blüten küßte es, und sein Licht zerging in der Ferne. Der stumme Mann kroch in sich zusammen. Die Falten auf der Stirn klemmten sich grauer und tiefer. Die Finger griffen in das Wangenfleisch. Er kämpfte und stemmte sich gegen ein würgendes Grau, das sein Herzblut stockte. Über dem Garten wölbte sich die Bläue wie eine Kristallkuppel. Ganz weit darüber flogen Wolken. Aber so fern, nur wie schwacher Rauch, und kein Wolkenschatten fiel über die Blüten unten. Der blaue Nebel der Düfte im Garten leuchtete aus sich selbst. Aber die Wolken draußen flogen immer gereizter und Sturm stürzte hoch über die Gartenbläue. Doch hier in die Tiefe drang es nur als ein Fächeln, sang in den Äolsharfen, in den rosigen Muschelhörnern zwischen den Säulen der Halle, und die Blüten draußen wiegten sich und stäubten feinen glimmernden Puder. Der stumme Mann krümmte sich und schauerte. Er stopfte sich die Seide in die Ohren und kroch in die Pfühle, und sein Herz stöhnte: Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr! – mein Kind! Du wirst kommen – du mußt – Wie ihr mich martert, ihr höhnischen Fratzen – es ist heilig hier, alles heilig hier – fort – ich bin nicht euch – – Aber der Scharlach grinste: Du gehörst uns, ganz uns. Alles gehört uns. Da wühlte er sich noch tiefer in die Pfühle, so tief, daß er durch das weiche Rosenpolster den kühlen Muschelboden fühlte. Dann lag er erschöpft. Die Muschelplatten vibrierten mit den Tönen der Äolsharfen. Er zählte ihr feines Schwingen und dabei schlief er ein. Im Traume sah er sein Kind im Küssen durch die Bäume gehen, und jeder Kuß auf das Laub, das sein Scharlach erhitzt hatte, rann als Blutstrahl durch den durchsichtigen Körper des Kindes. Nach jedem Kuß reckte sich der Leib und die Brüste schwollen. Der Knospenreif über seinem Haupte erhitzte sich und die Knospen sprangen im Rubinlicht auf. Dann kam es wieder den Weg zurück, es trat aus den Bäumen, da war das gläserne Kleid von seinem Leibe geschmolzen. Der Boden rauchte hinter ihm, und zehrte die Bläue von dem Laube und die Bläue aus der Luft. Über den Baumwänden schwollen die Wetterwolken, geduckt, gelbbraun mit weißen knisternden Augen. Und das Kind kam über den Blütenschaum näher. Zu allen Seiten runzelten sich die Blüten und zerkrümelten grau versengt. Es kam näher zur Halle. Der Herzschlag der Sphinxe loderte fiebernder, ein breiter schütternder Schlag, – dann erstarrten sie, ihre Herzen zerfielen in Asche. Er hatte sich bei dem Schlage umgewälzt. Ein röchelnder Branddunst von qualmendem Fleische – knirschende Hitze gegen sein Gesicht. Das Kind stand vor ihm. Es preßte sich in heißen Linien gegen seine geschlossenen Augen. Es bog sich über ihn. Die Augen gierig schwarz wie Tollkirschen. Vom Rubinreif über ihr tropfte die Glut und rann in roten Schlangen am Haar nieder, das wachsbleiche Haar hing purpurn in triefenden Bränden. In ihrem Körper verschlangen sich gierige Adernetze und die Spitzen der Brüste glühten. Vater?! Sie umschlang ihn. Er wehrte ihr. Aber sie kroch über ihn. Und ihr Leib drängte bebend und geschmeidig wie heiße Gallerte an ihn. Sie sprachen nicht. Sie küßten sich die Gedanken in das Herz. Und ihre Umarmungen, ihre Küsse waren Klagen und Tränen. Draußen klirrte das Laub eisern, der Sturm rollte die Luft in polternden Blöcken, prallte zur Tiefe, begrub die Stille, und die Muschelhörner kreischten und barsten und die Äolsharfen zersprangen in Seufzern. Die Bläue erstickte, nur die Dolden glommen an den Korallenstäben, der Phosphor rann in Feuertränen an den Säulen nieder. Von allen Blüten der Decke tropfte warmes Blut und zerspritzte pochend über den weißen Muschelboden. Ich habe dich vergiftet, mein Kind! Ich selbst –! Ich habe dich aus meinem Blute geboren und muß dich nun mit meinem Blute töten, – mein Kind, – mein Kind! – Es hörte nicht mehr. Es war eine Gier über das blasse Geschöpf gekommen, es warf sich über den stummen Mann, zerschnitt mit den Zähnen seine Pulse und sog lüstern sein Blut. Und die Brüste blähten sich und die glühenden Spitzen fraßen den Scharlach von seinem Leibe. Er sträubte sich, rang dagegen, aber sie ließ ihn nicht, bis sie satt und erschöpft. Er hob sich zitternd, mit den letzten schluchzenden Kräften und legte sie behutsam in die Pfühle. Gelbe Wetterwolken krochen wie Hyänen durch die Säulen. Er betrachtete immer sein Kind. Er mochte, er konnte es nicht verlassen. Wenn er erwachte, würde es ihm neue Marter bringen, und endlich den Tod, aber er wich nicht. Die gelben hohlen Wolken krochen näher. Er wollte das Kind wecken, daß es ihn töte mit seinen Küssen. Aber es blieb reglos. Er horchte. Das Herz war still. Der Körper erstarrt. Langsam hob er den steifen toten Leib auf. Draußen bissen sich weiße Feuer am Himmel. Ein Brüllen aus Wolkenschlünden, der Boden schütterte. Er schleppte sein Kind über die rauchenden Blütenaschen zur Gartenpforte. Die silbernen Gitter waren geschmolzen. Die Malven taumelten geknickt und zerrauft. An der Schwelle zerrann ihm die Tote unter den Händen. Er trat zurück. Immer wieder entglitt sie ihm. Er konnte sie nicht über die Schwelle zwingen. Dann legte er sein Kind in die warmen Aschen und küßte es auf das schweigende Herz und flüsterte in das tote Ohr: »Ich werde dich wiedergebären. Auf Wiedersehen! Ich werde dich wiedergebären.« Dann ging er. Hinter ihm fraßen die Blitze sein Paradies. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Ein Vernichtungskampf begann gegen das Lasterblut, das er eingesogen. Er raste gegen die Welt, gegen sich, gegen sein Fleisch. Er preßte Tropfen um Tropfen des wollüstigen Giftes aus seinem Körper, und wenn die Nägel nicht mehr pressen wollten, dachte er an das Verlorene und wühlte mit neuem Willen in seinen Adern. So gingen Jahre. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – An einem Nachmittag im Spätherbst lag der stumme Mann zu Hause. Er hatte Schnupfen. Auf dem Sofa vier, fünf Taschentücher. Den Rauchtisch neben sich gerückt, darauf einige Bücher. Auf dem Stuhl daneben wieder Taschentücher. Und die Polster mit Karbol besprengt. Der Gaumen schmerzte und spannte, der Hals kratzte und die Nase stach. Es wurde dunkel, und er setzte sich an das Fenster. Er blätterte in einem neuen Buche. Er wollte die Seiten nicht erst aufschneiden. Damit das Licht auf jede Seite fiel, stand er bald abwechselnd links, bald rechts am Fenster. Aber bald schmerzten die Augen. Die Buchstaben zitterten, das Buch schwankte in seiner Hand, und er legte es auf das Fensterkissen. Es war fast ganz dunkel. Er stand an einem Sessel, hielt die Lehne in den Händen und starrte immer auf seine Gedanken. Je dunkler es wurde, desto deutlicher sah er sich – die feinste Runzel und die fernste pochende Ader, und all die dunklen kreisenden Wünsche bekamen Farbe und leuchteten. Aber alle Äste trafen sich in einem Kern, und von dem Kern bröckelten lockere Schlacken ... und im Innern durch matte Häute und Ritzen schnitten schon zage blaue Strahlen und das Licht preßte sich immer steifer, genährter gegen die Schale. Bald mußte sie fallen. – An der Türe klopfte es. Das Mädchen. Den Brief bringe ein Dienstmann und warte auf Antwort. Der stumme Mann nickte. Machte Licht. Von Freunden eine Einladung. Er setzte sich an den Schreibtisch. Ihr verzeiht. Ich kann mit dem besten Willen nicht kommen. Ihr müßt mir schon einige Wochen Einsamkeit gönnen. Ich muß mich schonen, da ich bald gebären werde. Das Mädchen nahm die Antwort und ging. – Der stumme Mann blies das Licht aus. Setzte sich ganz leise an das Klavier. Und spielte stumm, ohne einen Ton anzuschlagen. Dabei sah er im Dunkeln ganz genau, wie glücklich er lächelte. Die Geburt des Genies In Felsen kauert die Seele. Sie lauscht ihrem Atem, Und atmet ihre Gedanken. Aber die Ruhe allein gibt ihr nicht die Kraft, Sie saugt ihre Kraft aus der Erschöpfung, Aus dem Vertönen erschlaffender Kräfte. Das Meer wälzt seine Berge um die Stille, Und ihre Einsamkeit umbrüllen die Wellen, Über die Felsen fliegt gieriger Schaum, Er netzt nicht, – er zerspringt in Luft – Kein Hauch berühret die Seele. Und dann, ein Tag! Ein Jahr! Ein Jahrhundert! Kein Zeitraum, der den Triumph einer Sekunde umfassend erschöpfe, Die Felsen wanken, bersten, zerkrachen. Das Echo sprengt splitternd die Lüfte, Spaltet die Ruhe, schleudert Berge empor, Und schroff auf, wild im Flammensprung, Im begeisterten Arme die Fackel, Gebärt das Genie sich dem Lichte! Sehnsucht Ihre Arme umschlingen den Mondenschein Und ringen nach den Sternen, Die Augen wühlen sich in die Nacht, In kalte leblose Fernen. Und es umkrallt die bettelnde Hand Den tauben Stein, den toten Sand, Zermalmt von verzweifeltem Sehnen. Ertrinkend in Sehnsucht und Tränen. Frühling In tauiger Nacktheit eine junge Wiese, dünne silberne Stämme nackt, kühle Blütenblässe in der Luft. Ein rothaariges Mädchen nackt bis zu den Hüften. Nur um die Füße ein Gewand blaugrau aus Sonnenrauch. Durch die Wiese langsam ein glattes Wasser, entlang Weidengefaser, Röhricht, so um den Weiher und den Hügel hinauf. Eine bleiche Reifstarre, ein Frösteln im Grün und über den rotvioletten Buschweiden. Aber im zarten Wasser ein milchsüßes Blau und ein Rosa wie Mandelblüten, das Spiegelecho singender Wolken. Primelstille, Veilchenwärme und erregter Erdduft ringsum. In allem geht das halbreife Kind mit den schmächtigen keimenden Brüsten. Ein schmales Lächeln, das Lächeln des Kindes geht im Goldschein über die Wiese, durch stille Bäume und klingt im rosigen blauen Wasser. Sie greift nach den dünnen leeren Zweigen, das Reis saugt ihre Wärme. Um sie im Blaßblau und Rosa und Grün drängt ein weiches Erschließen, ein gelockertes Keimen. Silberiger Duft ist fern über die Höhe geweht, Samtstaub von Blüten, tauender Reifhauch über allen Farben. Das Goldgrün und das bereifte Blaugrün lispeln ein Sonnenscheinlied, das blaurote Gestrüpp wispert es und die grünweißen Schneeglöckchen neigen sich, schaukeln in daunenweichen Lüften. Der Zug der Zwergweiden trottelt den Hügel hinauf. Nur die Nächsten warten, lauschen mit dünnem, sehnsüchtigem blauen Blut und zittern in der Wärme, die von dem Leibe des Kindes strömt. Sein Fleisch ist blau und kühl, und nur vom roten Haar strahlt Wärme und aus den Augen. Braune Knospenaugen, noch von keinem Geschehnis geritzt. Die Lippen von den Zähnen gezogen, zwischen den Zähnen lispelt sie das Sonnenlied. Die braunen Augen horchen den Lippen und flüstern und lächeln mit den Lippen. Sie geht mit weichem kosenden Schritt. Sie vergißt keinen und grüßt alle. Sie ist eben erst erwacht aus dem reifdünnen Grase ohne Staunen, ohne Wundern – es ist Frühling und sie streichelt ihn und lächelt mit seinem Rosa, seinem Blau, seinem Grün und seinem Silber. Johanni Himmel, Erde schaffenstrunken. Noch die Nächte schlürfen lechzend Des erschöpften Tages Helle, Bleiches Dunkel atmet Funken, Und das Spätlicht schleppt sich ächzend Durch die Mittnacht, Zu des jungen Tages Schwelle. Sonnenfeuer kochen Säfte. Blütenzarte dort versengt. Aus dem weichen Maienkosen Drängen willenstarke Kräfte, Und die Sommerreife senkt Sinnend ihre ernsten Rosen. Satt zerrann das Frühlingsgirren, Grimme Sensenhiebe klirren, Halme seufzen, in der Luft, Von Vergänglichkeit umwittert, Wanket schwermutweher Duft, – und das stolze Leben zittert. Herbstbacchanal Die stolze Fülle verstümmelt, gebrochen. Die reiche Erde verknöchert, bestaubt. Fäule kommt auf trägem Leib gekrochen Und reckt voll Gier das graue Moderhaupt. Doch trotzig sträuben sich die zähen Pulse, Die Todesangst fliegt auf, taumelt, rafft Aus dem zermorschten Siechen Die letzte, ringende Kraft. Zitternde Bläße schminkt sich Mit stierem grinsenden Blut, Mühsames Leben lodert Leere, erheuchelte Glut. Flammenjauchzen durchgellt In grassem Echo die Welt, Betäubende Feuer schäumen, Farben tollen, bäumen Schrille, kreischende Funken, Lachen rast, wahnsinntrunken. Doch unter all dem blinden Tosen, Durch den verzweifelten Sturm, Pocht an die flackernden Rosen – Der Totenwurm. Wintersonne Es geht ein Licht vom Himmel wie Rosenmilch. Geht durch die leeren Bäume über den Schnee, über das Schilfdach einer Hütte, über einen kauernden blauen Mann und eine gelbe ziehende Herde. Der Schnee in blauen Scherben auf dem Hüttendach, um die Hütte in gelben Meerschaumwellen. Vergißmeinnichtblüten und Rosa in den Schneegruben. Der Schnee knistert fiebernd wie Seide. Seiden die Luft, goldweiß und goldrosig gestrählt. Opalfarben schweben über den Schnee, kaum hörbar, zart wie der Atem der Perlen. Aber über allem bricht rauschend das Licht im Duftguß aus weißem Kern. Steht in weißem Rosa und höher Gold, blasses Silbergold, und blüht entfaltet wie eine Blume. Es wird lebendig der Schnee. In blauglimmenden Schatten steigen Flammen und aus Kristallbrüchen Gase, blaue und rosige weiten die Luft. Mit ihnen summende violette Dämpfe, rauschen unter der Hütte, saugen sich im Baumgeäst hoch. Die kahlen Bäume stehen in der Luft, wie die rosigen Adern auf durchsichtigen Blütenblättern. Es geht aus allem eine nadeldünne Kühle, eine streichelnde Weichheit, wie die Schiller auf kühlen Muschelschalen und Perlmutter. Der blaue Mann steht gebeugt im Licht. An ihm vorbei zieht die Schafherde aus der Hütte und breitet sich über den Schnee. Es geht warmer Lichtfriede über den kalten Schnee. Auf Engelfittichen eine kinderlallende Andacht. Im schmeichelnden Gießen von Düften das Entfalten einer Taube auf rosigem Silbergrund. Das wispernde Beten ganz kleiner runder Engel mit Veilchenaugen und Blütenstaub im Haar und Daunenflügel am Nacken. Und Musik von elfenbeinernen Harfen. Chorgesang Stimmblumen eine tauhelle Wiese voll. Und der Frühhauch treibt sie in gelben Scharen zusammen. Ein See, grün und violett, und das silberne Herzpochen der Wellen. Auf einer Klippe ein Weib. Steil, mager aller Wollust entkleidet. Bleiche Verhärmtheit liegt wie ein strenges Gewand an diesen dünnen, blauen Gliedern. Eine Lustsäule saugt sich zum Himmel. Ein gerades hochgerecktes Greifen. Die Augen zurückgebeugt, weit, daß die Iris fast hinter die Lider taucht, und das Weiße in verzehrendem Weiß. Ein schwächlich rankendes Wimmern. Aber doch Rubinmark in weißen durchsichtig zitternden Dämpfen. Dann schließt sich das alles. – Weich, lau wie graue samtne Blütenblätter zum Sonnenschlummer gefaltet. Ein Schluchzen quillt aus der Erde. Warme Tränen quellen. Die Starre und die Steile zerfließen. Die Flucht nach Ägypten Sie ziehen über eine graue Wiese durch matte Frühnebel an blassen Blütenbüschen vorbei. Eine Frau mit goldnem Schein überm Haupt auf einem Esel. Nur noch der Kopf des Esels geht über den Halmen. Ihr nach, an einem Stabe im Mantel gebeugt, eine Kapuze spitz über den Kopf, der Mann. Rings um sie steigt blauer Blütenrauch aus der Wiese. Blasse leuchtende Düfte aus dem Graugrün und Graugelb. Ein müder dünner Spinnwebenflaum belegt jede Lichtpore, die Luft steht verdichtet, wie zartes Horn über allen Farben. Am Horizont ein Streif, rosig wie süße Weindünste, aber noch ein Lila darin, das blutet wie aus weher Narbe. Wie ganz dünner Schaum schwimmen die Blütensträucher über der Wiese. Ihr Duft saugt die Halme zur Höhe und beugt den Himmel nieder. Durch die behutsame Stille ziehen der Mann und die Frau auf dem Esel. Unter ihrem Mantel, am Herzen hält sie ein schlafendes Kind. Und alles umher wacht und hütet den Schlummer des Kindes. Die Farben treten so leise auf. Das Blau nur gedämpft wie behauchte Türkisen. In der Wiese das Rot, nur die Spuren von Rot, als ob Tränen des Glückes und der Rührung darüber schleiern. Dies das Geleite des Friedens, das mit den Ziehenden schwebt. Es sammelt sich über dem Haupte der heiligen Frau zu einem beschützenden goldnen Lichtschild. Oben am Himmel im Vergißmeinnichthauch ein schmaler Mond ohne Leuchten, nur wie Wolkenflaum. Und unten auf der Wiese nur Farbenstaub wie auf Schmetterlingsflügeln, draußen am Horizont das zögernd sickernde Frühlicht. Diese zögernden Stimmen aller Farben gehen um die Fliehenden in tröstender beruhigender Melodie. Und die Luft rings ist erfüllt von dem Dufte des schlafenden Kindes, und seinem warmen Atem und dem Duft seiner Träume. Der leuchtende blaue Duft legt sich in die Falten der Gewänder, dämpft das Rauschen, steigt zum Himmel und zur Ferne, zerdrückt das Mondlicht, wehrt der Tageshelle, senkt sich über die Wiese in die Halme, und es ist da nur noch ein Wimperzittern aller Farben, eine rieselnde Erregung, die sich um das schlummernde Kind drängt, ein kosender rosiger Jubel und ein bebender blaßblauer Jubel und unter Tränen eine unendliche Beglückung. Faun Im Walde Faun, Tief im Grase. Die Ohren gereckt, mit schnuppernder Nase, Horcht über die Halme zur sinkenden Sonne. Und die Affenstirne in Falten geschoben, Und zitternd die geballte Rechte gehoben: »Verfluchte Gewalt, du sollst mich nicht zwingen!« Die Sonne sinkt. Die Nachtdüfte steigen, Aus der Waldtiefe Schwillt rot das Schweigen. Faun kriecht zusammen, In die harten Blätter am Boden, Scharrt Moos, Steine auf: »Erde, laß mich hinein!« Und er wühlt die Stirn in die Erde ein, Beißt um sich, zerfetzt, hackt – Aber alles bleibt reglos. Sie hören ihn nicht. Nur Stille rings mit versteintem Gesicht. Mondlicht brennt. Im Walde jagen die weißen eisigen Feuer, Und von brünstigen Flammen entfacht, Tanzt Faun und lacht, Und tanzt und lacht, Mit wunden Augen in brünstigen Flammen. Vision ! Stöhnendes Graugelb. Aber das Stöhnen nur im Blick. Lautlos sonst und mit unterdrücktem Atem. ! Und ein Blau, Ein Blau, aus dem ganz zarte silberne Glocken spiele singen, Und ein Duft geht von Sonnenwärme und Mandelblüten. ! Silber darüber. Duftleeres, schneekühles Silber. Aber aus allem hebt sich steif Und hebt sich fahl, wie Gewitterlicht, Das stumme Graugelb. Und hebt sich lautlos stöhnend wie Asche, Mit welkem darbenden Blick. ! Ein Gesicht – die starre Maske eines Toten – Ein Kopf – aus dem Blau – aus dem blauen, glatten Wasser. Braunviolette Strähne – Haare in die Stirn, Das eine Auge schief, spitze Wangenknochen, Und trieft von den Schläfen das braunviolette Haar Über das öde aschige Gelb. Und darüber: über das blaue Wasser Silbern ein Schwan. Silbern die Reflexe von Wolken, Duftleer, schneekühl. In das Blau, In das Silber Ragt der gelbaschige Kopf des Ertrunkenen. Und der Schwan zieht reglos vorbei, Reglos die Reflexe der Wolken. Schwarz Abgestürzt. Die Spätnachmittagssonne in der Hauptstraße von Partenkirchen. Die Häuser gelb vom Licht gestreift. Das Schweigen schwemmt die Straße hinunter. Beim Bader vor der Treppe ein Gehilfe, erklärt, gestikuliert mit schwülstiger Gebärde – die Hände wölben sich um den Kopf: So – von da bis dahin – den ganzen Schädel habe es ihm gespalten! Und die Frau mit dem Knaben unten windet sich und biegt sich von seiner Beschreibung fort: Nein, ach Gott, nein, Gott, der arme Mensch! Und weiter oben bei der Kirche die Obstverkäuferin: Ja, die glatten Eisen an den Schuhen seien es gewesen. Und so – einen Sprung habe er gemacht und dann ausgeglitten – zwischen – vor ihm ein Freund und hinter ihm und er zwischen ihnen gerade in der Mitte hinunter – und gleich fünfhundert Meter. Und in der Badeanstalt die Frau schaut vom Tor auf den Kirchturm: Fünf Uhr. Oben im Turmfenster biegt sich ein Junge heraus. Die Frau zu zwei Damen: Um fünf Uhr würde der Abgestürzte zum Bahnhof gebracht. Vom Krankenhaus, droben vom Krankenhaus aus. Es wäre ein Offizierssohn. Die müßten jetzt gleich läuten dort oben. Ja, er wäre ohne Führer gegangen. Die Schustersfrau in der Küchentüre und hinter ihr der Qualm von braunem Mehl und Schmalz: Ganz zerschmettert sei er. Nur die Kleider hätten ihn noch zusammengehalten. Seine Freunde natürlich hätten gewollt, daß man ihn noch am Abend suchen sollte. Aber bei Nacht, das ginge doch nicht. Die armen Eltern, das sag' ich auch. Ja, wenn er nur gleich tot war! – Zwei Herren gehen die Seitenstraße höher hinauf. Die Leute in Gruppen vor den Türen. Die beiden Herren in Schwarz, und Hut schwarz und Handschuhe. Die Sonne ringsum störrisch blendend an den weißen Häusern entlang und auf dem Akazienlaub und in roten und blauen Knäueln auf Nelken und Rittersporn vor den Fenstern und in den kleinen Gärten. Durch die wache Helle geht das Schwarz gesenkt, dumpf und steil wie tiefe Stirnfalten. Und die Helle und die Farben wirbeln verletzt auf und umstacheln das Schwarz. Die Leute halten die Hände über die Augen. Beklommenheit sieht dem Schwarz nach. Aber das Schwarz geht in unbeirrtem Schweigen. Und besonders dies Schwarz der Handschuhe, dies Schwarz, das um die Hände gepackt, das kauert zusammengekrampft und reglos und verblüfft die Helle. Das Licht schwirrt nervöser, heftig gereizt. Die schwarzen Hände greifen manchmal nach dem Hut, lüften ihn. Dann mit dem weißen Taschentuch über den Nacken. Das weiße Tuch in den schwarzen Händen, ein kindliches großäugiges Weiß. Das Schwarz ist nicht Klammer um das Weiß, nicht eine Überwältigung, ihre Kontraste kosen sich. Das Schwarz ist diesem Weiß fast unterwürfig und fromm zu ihm, und das Weiß ernst und anschmiegend und tröstend. Das Licht, das Blau und Grün und Rot, und das in der Helle stocken verdutzt, weiten sich in verwundertem Kreise von diesem Schwarz und Weiß fort. Am letzten Hause die Menschengruppen enger. Kinder auf einen Zaun gedrängt. Ein Wagen vor dem Hause. An der Haustreppe wieder fünf, sechs Herren in Schwarz. Ein flacher Wagen mit schwarzer Decke. Das Schwarz versöhnlicher und im Lichte grünlich gelöst. Fransen wie Silber an der Decke, aber müde ins Grau kriechend. Sie nageln eine lange hohe Holzkiste zu. Ein kleiner Kohlenofen daneben mit zitternder durchsichtiger Hitze und der süßgallige Geruch von Lötblei. Man wispert nur. Die Kinder auf dem Zaune und an den Röcken der Frauen flüstern wichtig und älter. Die Großen schauen. Manches Gesicht gekitzelt lächelnd vor Erregung und in andern Gesichtern die Ge danken behaglich gelähmt, ohne Vorwärts und Rückwärts. Die schlagenden Hämmer schallen nur in der Luft, aber keinem zum Bewußtsein. Unter den Herren in Schwarz, zwei rücken und stützen sich von einem Fuß auf den andern. Tränenschärfe steht rot, wund in ihren Augen. Das Schwarz liegt beengend um sie. Die Blicke der Leute rings halten gestaut vor diesem Schwarz. Das Licht kreist nachdenklicher und weniger feindselig die Farben. Es blüht flüssig im Blond der Kinderköpfe und in feuchtem Blau auf einem Ritterspornzweig in einer Kinderhand. Männer stemmen die Sargkiste hoch und auf den Wagen. Auf dem holzgelben Deckel eine große schwarze Flasche gemalt, »Vorsicht!«, ein großes »S« und 400. Alles in stummem geduldigen Schwarz. Sie ziehen eine schwarze Decke, darauf ein weißes Kreuz, über den Sarg, und über die Rückwand und die Seitenwände hängen die weißen Arme des Kreuzes. Das Schwarz und das Weiß breiten sich selbstbewußter und pflichternst. Aber rings die hastigen Farben und die hastige Sonne ehrfürchtiger und treten leiser auf und scheuer. Sie legen Kränze auf die schwarze Decke. Die roten und blauen Kränze und grünen halten auf dem Schwarz den Atem an. Die Straße herauf hoch, wallend eine Fahne, und Laternen, Priester und Chorknaben weiß und schwarz. In die Leute rückt eine Beengung, eine Unruhe tritt ihnen auf die Füße. Eine Stille strömt aus dem Schwarz und Weiß, die alles vergewaltigt. Dann kriechendes Gebetsmurmeln. Eine zwingende Strenge, schwächende Lähmung aus dem schwarzen Murmeln und Weihrauch windet sich und röchelt. Die Leute mit gefalteten Händen, die Köpfe entblößt, farblos alle Gedanken und wie in lichtleeren Nächten betäubt vom Schwarz. Beim Paternoster schwingt die Luft. Vom Kirchturm wälzen sich Metallwellen. Schwarze Kreise breiten sich. Im Schwarzen ein Weiß mit großen schluchzenden Augen. Die schwarzen Kreise weiten sich und ziehen sich zusammen um die weißen Augen und weiten sich und ziehen sich zusammen. Sie durchdringen das Licht, alle Farben, durch alles geht ihr Pochen und Wogen widerstandslos. Amen. Eine begehrliche Unruhe in all den Menschen um den schwarzen Wagen. Die Geistlichen, die Fahnen und Laternen wallen voran und Kinder hinter ihnen, dann der Wagen, hinter ihm die Herren in Schwarz. Die beiden mit den wunden Augen dicht hinter dem Wagen. Ein Wanken und Drängen und von Beklemmung geschoben der schwarze Zug die Straße hinunter. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Oben nach Sankt Anton führt ein Weg an heiligen Stationen hinauf. Grünschattig unter Buchen der. Weg und zur Seite die kleinen kalkweißen Tempelchen, an den Nischen vorbei mit den Kreuzigungsbildern. Vom Dorf herauf Heuduft und Kuhmilchdunst, Duft von jungen Haselnüssen, und kühler Resedaduft aus den kleinen Gartenwinkeln. Touristen ein Trupp, Damen und Herren unter einem Baum gesammelt, deuten hinunter über die Schultern und mit Operngläsern. Weiter hinauf hinter weißem Klematisgebüsch zwei auf einer Bank, richten ein Fernrohr, suchen und kneifen die Augen angestrengt. Immer noch weiten und dehnen sich von allen Glocken die schwarzen Kreise mit den weißen Augen, weiten und dehnen sich, die Luft über der Talebene krampft sich und die flache Stille schwankt. Von den Bergen rings leuchtet ein stockendes Blau, Sonnennebel gestaut auf den Wiesen und lastet auf dem freien Grün. Bei den letzten Häusern an der Friedhofmauer vorbei windet sich der Weg flach weiß in jähem Biegen und später wieder eine Handvoll Häuser und der Bahnhof weit draußen. Grau kriecht wie eine graue Raupe auf dem weißen Weglauf. Im Fernrohr ganz klein, erst die Fahne über der Kirchhofmauer und eine trippelnde Kinderkette, mit dem braunen Pferd der schwarze Wagen und die schwarzen Herren dann, und dann in nachdrängendem Grau ein ungeduldiger kurzer Haufen. Ganz zuletzt mit hellen Sonnenschirmen, an der Wegseite, zwei Damen mit rosa Blusen. Und immer als ganzer Körper in allen Gliedern und Abständen, immer gleichbleibend der Zug vorwärts, auf der flachen weißen Straße. Im Schatten unter Wegbäumen, in Lichtlücken, aber immer grau, im selben Grau, kaum gestört vom Licht und nicht vom Schatten. All das Schwarz ist geronnen. Seine Strenge zerfasert. Das Grau wird immer regloser und blasser in der Weite. Draußen am letzten Hause verlöschen die Stadtglocken, nur die Friedhofglocke noch. Der graue Zug zerrinnt fern im Licht, hinter Bäumen und dann zwischen den Häusern am Bahnhof. Der letzte Glockenkreis zerteilt sich. Das gelbe Licht steht über dem Tal. Es horcht dem letzten grauen Hauch nach und atmet auf. Es springt von den kleinen Häusern zu den roten und blauen und grünen Farben. Sie wärmen sich aneinander und tönen wieder zusammen. Das steife verblüffende Schwarz ist vergessen. Stimmen des Schweigens Gesänge der Düfte, Töne und Farben Herbst des Blinden Grau das Weinlaub. Bleich, goldbleich Platanen. Sagt ihr nicht, so matt duftet der Herbst? Grau das Blatt, das meine Wange streifte, Grau? Es brennt in Kälte. Schwarz gellen ferne Stürme. Dumpf kochend rollen Wellen In schwarzen Schlangen über meinen Leib. Und bleich, goldbleich? Geschmeidig wiegen auf kühlen Zweigen Orangenkelche, Umneigen meinen Scheitel, Befühlen Wangen, Nacken, Umschmiegen glatt wie Luft in hellen Nächten Mein Haar. Und halten meinen Schritt Schneelind umfangen. Düfte tief von Moosen, Erdgewürzen, Schießen in Ruten hell und in Kaskaden, Stürzen von wehen Rosen Lavawilde Bronnen, Zerschellen Schaum von wunden Malven, Caprifolien, Nelken, Von welken Heliotropen und Levkoien Schnellen die letzten Schreie Heiß wie schwarzer Wein. Im Buchenwald Du gehst tief auf dem goldenen Grunde der Seen. Lautlos steigen in Strahlen graue Korallen, Fließen Phosphorfeuer von grünen Kristallen, Sinken Perlen auf den braunwelken Grund. Draußen von silbernen Sonnenufern Neigen sich Glocken Und locken mit blauen Kelchen Die smaragdene Tiefe. Abend Schwarze Moose. Erdgeruch in lauen Flocken. Schmale dünne Silberblüten Und Gesang von bleichen Glocken. Welke Feuer löschen leise. Nur ein Atmen warmer Flut. Blühend schmelzen rote Meere, Dunkle Sonnen saugen Blut. Faulbaumduft Weiß der Park, ein Korallenhain. Eisfäden schneiden den See. Grün gleißen Pfauen im Sternenschein Auf ätherblauem Schnee. Scharfblanke Höhlen, Goldätzend in Helle. Auf hyazinthener Schwelle Brütet scharlachen ein Mond. Kuckuckruf Braune Blätter spülen auf dem Schlamme. Aus den Schattenschluchten Mondnachtaugen einer Hindin. Scharlach, schwül, von kalten Schwämmen. Zwischen schwarzen Wurzeldämmen Eine blaue Erdgasflamme Wankt Und Löscht. Amselsang Fliehende Kühle von jungen Syringen, Dämmernde Grotten cyanenblau, Wasser in klingenden Bogen, Wogen, Auf phosphornen Schwingen, Sehnende Wogen. Purpurne Inseln in schlummernden Fernen. Silberne Zweige auf mondgrüner Au. Goldene Lianen auf zu den Sternen, Von zitternden Welten Sinkt Feuertau. Morgenduft Schwergebogen nasse Äste, Trübe Aprikosenblüten. Unter tiefen Wolken schleichen Feuchte Wege. Aschenweiche tiefe Wälder, Kahle perlenmatte Fjorde, Kaltes Schilf. Auf glasigem Grunde Spielen scheue Rosenmuscheln. Vollmond Gelbes Eis Und grüne Nebel. Kranke Kallablüten leuchten. Von den bleichen Bechern rinnet Goldnes Öl in sanften Strömen. Warmer Moder, Nackte Schädel. Über weiße Marmorwüsten Fliehen lautlos Schwarze Schwäne. Rosenduft Weinrot brennen Gewitterwinde. Purpurblau der Seerand. Hyazinthentief die ferne Küste. Ein Regenbogen veilchenschwül Schmilzt durch weihrauchblaue Abendwolken. Im Taudunkel lacht Eine heiße Nachtigall. Wolkenschatten Schwarz schleichen Efeuwellen Über Goldlackranken. Im Glimmersande rauchen Violenschwüle Quellen. Aschenfalter wehen und tauchen Durch den klingenden Äther. Die Gesänge der Lilien Wanken und flehen. Resedaduft Lilakühl das Schweigen nach dem Regen. Blaue Winde fließen über dunkle Ackerfurchen. Im lichtgrünen Himmelskelch Öffnet sich der erste Stern. Jasmin Wachsbleich fließt die Sommernacht. Auf erddunkeln faulen Lachen Bleisüß rosigblaue Irishäute. Wetterleuchten, schwefelgrün, in Splittern. Eine weiße dünne Schlange sticht Züngelnd nach dem blauen Mond. Totes Feuer Blaß schweigt der Mohn. Noch ein fernes Schwingenrauschen, Hohle Stille dann ... Und die leeren Kelche lauschen. Klaffend geöffnet Hungernde Grüfte. Steine klagen. Schneidend im Dunkel Weiße Sensen. Darbend pfeifen die Lüfte. Regenduft Schreie. Ein Pfau. Gelb schwankt das Rohr. Glimmendes Schweigen von faulem Holz. Flüstergrün der Mimosen. Schlummerndes Gold nackter Rosen Auf braunem Moor. Weiße Dämmerung rauscht in den Muscheln. Granit blank, eisengrau. Matt im Silberflug Kranichheere Über die Schaumsaat stahlkühler Meere. Meerwassergeruch Ein Blau aus fliehenden Wäldern Sengend, nachtheiß. In hohler Weite schneidend weiß. Sand bis zum Erdrand. Wolkenschatten in schwarzbleichem Zug, Stumme Geier in lohendem Flug, Röchelnde Stille. Gelb zücken die Lüfte. Fern Donner Blutet schwarzrot Durch eisige Klüfte. Reif Auf schwarzen Auen Kalte grünblanke Mondrosen. Scharf kristallene Sternblüten, Und senken weißen klingenden Samen In die weißen singenden Winde. Streng keimen marmorkühle Myrthen, Edelweiß aus wehem klagenden Alabaster, Singen mit den weißen Winden: : Eine eisblasse Mondwelle schläft Bei den mattgrauen Wellen der Sonne ... Herbstflammen Hell brennen die Wälder. Braun versengt sprühen die Eichen. Weiche Buchenkronen glühen, Jagen auf in sonnengelbem Schaum. Rot Pilze, Gifttrunken. Grün zucken Moose. Weisfeuchte Funken sprengen Granit. In grelle Breschen gespalten die Tannennacht Rotglut verschüttet um Ulme und Eschen. Gelbschrill in Feuerfahnen lohen Platanen. Schwefelscharf Augen, Glimmen, sengen, Schneidendweiß klafft Gebiß. Goldbraune Panther schleichen stier, Dunkelheiß mit singendem Atem, Die weißen Kehlen pochen in Gier. Rollend gewölbt, Flammen wildgelb, Stürzen vom Laub, Schlagen in Purpurgruben zusammen. Schwarz aus roter Brunst Schreie ... Ein Weib ... Brüllender Dunst von brechendem Blut, Scharlachen in goldbrandigem Laub Wälzt sich ein rauchender Leib. Dunkelgeduckt, Gelbe Augen, Blankes Gebiß. Panther umgleißen den flammenden Strauch. Rot kocht der Rauch, Die weißen Kehlen pochen in Gier ... Gelber Regen vom Birkenreise. Gelbe Blätter zitternd geflogen Von den silbernen Birkenbogen. Leise Fäden in wallenden Zweigen, Frauenhaar. Und die Sonnenstrahlen spreiten Singendes Licht in die lallenden Saiten. Mondklar ein Jüngling, In sehnenden Linien Einer schlanken Kallaraute. Weiß des Knaben Finger, Und pflücken Von der blanken Birkenharfe Blaue schwanke sehnende Laute. Lautlos fällt der Wald in Asche. November Grau verwirrt der leere Wald. Mit tausend blauglühenden Ätheraugen, Hoch durch schwarzen Fichtenbehang, Irren Heere blauer gigantischer Blüten. Von fremden Dolden, Niemand hat je sie belauscht, Blüht jeder Morgen im Grase Eisigen Samen. Graue Frauen, Die lautlos im Reigen kamen, Sind lautlos gegangen. Der Bleichen Juwelen Strahlende Fäden Irisgrün, irisgolden, Hangen an allen Zweigen. In nackten Kronen singen Wachszarte Ströme der Sonne. Um bloße Säulen, Auf weißen Schwingen kreist Einäugig ein Aar, Das Schweigen. Erster Schnee Fern, irgendwo im Himmelblau, Ein sonderzartes Land. Die Heiden weiß, Besprossen lilaklare Primelblüten. Blüten groß, offen erschlossen, Augen, weite Augen, die an Tränen saugen, Sanfte Augen, die ein Paradies behüten. Mit weißen Fingern Ein stilles Kind Spielt mit den Primeln, Lacht mit dem Wind. Zaudernd auf schleichenden Zehen, Über die Blüten, Weiße Rudel Von weißen Rehen. Alles so licht und so eigen. Einsam entblättert das Schweigen. Blanke Nächte Melodien eines Mondsüchtigen Werdender Mond 1 Die hohen Pappeln starren eisendunkel. Schwarzblaue Steine glimmen im grauen Wiesentau. Bleich fließt die Nacht. Eisgrüne Meere ziehen durch den tiefen Äther, Und ihre lichten Wellen rühren an mein Blut. Blau, in aschenweißen Fluten, Schwingt ein dunkel Echo meines Körpers. Bleich, von meinem Fleisch, Reg entzündet Augen, meine Augen, Und mit der blassen Strömung fließt mein blaues Bild. 2 Der Jasmin schwimmt heller aus den tiefen Büschen. Seidenglanz gleißt durch das blaue Gras. Ich weiß es nicht ... es ist ... Ich sah dich schon vor Zeiten. Doch damals, mein bleiches Bild, Du blühtest tiefer, unergründlich silbern. So tönen Schatten hohl aus einer Gruft. 3 Steil in schwarzen Zacken loht der Tann. Milchhell Lachen schweben durch die Waldnacht. An den Stämmen rinnen weiße Säfte. Hoch aus graugespaltnen Wolken Glimmt der grüne Ätherschnee. Blauer schwellen deine Glieder, Und der Eisduft deines Fleisches Singt von fernen bleichen Ländern. In den letzten violetten Wäldern Blühen silberblasse Schluchten, Wiegen marmorlichte Dolden blanke Düfte. – Weiße Sehnsucht blendet scharf mein Blut. 4 Stahlweiß brennt in Nacktheit eine Insel Aus dem schwarzgeschlossenen Nachtmeer. Und mein blauer Schatten Öffnet goldne Augen Nach den silbernen Gestaden, : Sieh der Weg liegt blank im Äther offen! – Vollmond 5 Grellgestürzt schrille Schluchten. Tief in phosphorgrünen Schachten Glühen stumm metallne Spiegel, Weiß und lautlos festerstarrt. Du liegst eingegossen blau Vor mir in dem klaren Erz. Und ich knie nieder, Meine Augen beten: Strahle deinen blauen Atem in mein Blut. 6 Blaue Schatten knien an den Ufern. Lächeln in die Silberspiegel, Ihre gelben Augen singen hell und dunkel. Alle, Kinder dieser bleichen Insel. Blaue Wesen, die der Mond geboren. Und die Feuer ihrer Augen Glühen hell die Sprache ihres Schweigens. Aus den weißen Spiegeln blühen Blaue Echo ihrer Schatten. Jeder betet zu dem eignen Bilde. Ihre goldnen Phosphoraugen Küssen heiß sich selber im Metall, Und die blauen Wesen schmelzen bleichend, In das eigne blaue Spiegelbild. Durch die grünen Einsamkeiten Wallt der Klagelaut der Blidatulpen, Und die elfenbeinbleichen Kelche Gießen Schnee. 7 Hoch am schneeigen Schachtrand Rauschen weiß die Schwanenbäume, Und aus grünem Eis die Blüten Schwingen mit kristallenen Flügeln Auf und nieder. Silbermatt ihre Wellensänge Gleiten durch die erznen Spiegel, Das Metall schwingt mit den Düften, Und sie wiegen dich im Lächeln Ätherblau auf ihrem Silber. O, ich liebe dich mein Knabe, Und mein Blut will mit dir bleichen, Und in einer blauen Welle mit dir schwingen. 8 Grüner glühn die Phosphorklippen, Und die erznen Seen spannen Heißer, blanker ihre Spiegel. Tief bin ich in dich geschmolzen, Weich in einer blauen Flamme Tönen wir im bleichen Silber. Ringsum zucken aus dem Spiegel Kalt die weißen Seedakelche. Blendend bleichen ihre Düfte Unseres Atems tiefste letzte rote Welle. Wir erstarren schweigend glühend, Weiß im weißen erznen Spiegel. Schwindender Mond 9 Bleich von Phosphor grünt die Stille. Hochauf jagen starr eisfahl die Wände. Schwarz am weißen Kluftrand brennt die Äthernacht. Kupferfeurig einer roten Scheibe Bogen Schwillt am weißen Schachtsaum, Und die wilde Röte leckt Murmelnd an dem blassen Eis. Auf der höchsten blanken Klippenstufe Zittert irisviolett eine dünne Tojablüte. Weiße Fühler aus den rosigen Schuppen Züngeln, tasten schlank gereckt Nach der Glut der roten Scheibe. 10 Sieh, mein Liebling, unsere blaue Flamme Blüht mattdünn, gespalten in zwei schwachen Blättern. Feuerkeime sinken von der roten Scheibe. Jener rote Bogen in dem schwarzen Äther Ist die Erde. 11 Schon zur Hälfte überflutet Schweres Rot den schwarzen Mund des Schachtes. Schwarze Ströme rollen nieder. Dunkel welkt die grüne Stille, Und der weiße See erlischt aschendüster. Stumpf wälzt der trübe Spiegel Grau zerwühlt mein Silberbild. 12 Tief in grauerloschnen Gründen Kochen wetterfahl die erznen Seen. Eisenwellen sträuben schwarzen Schaum. Mit den blauen Schatten wandeln wir, Bleich in bleichem Kreise um die dunklen Ufer. Alle, die einst lächelnd vor dem eignen Bilde knieten, Seufzen einsam. Rot in heiserm Scharlachschrei Schwillt die Feuerscheibe lauter. Rot in Tropfen zünden sich Pupillen. Und die Schatten recken sich gerötet. Hoch aus schwarzem Äther Rollt die Feuerblüte näher. 13 Schwarze Kohlenäste sprießen, Sprühen Asche auf das bleiche Eiland. Ätherrauch erstickt das helle Eis. Ferner rinnt das Singen welker Blüten. Du mein dunkles Bild, grau versengt, Müde löschen deine Augen, Müde glimmst du in dem welken Licht. Rot aus meinem Blute brechen Feuerflügel, greifen nach den roten nahen Ufern. 14 Sacht ein letzter weißer Klang Schwingt in schmalem, dünnem Bogen Über lavadunklen Bergen Und Verklingt. Schmal in grauem Schweigen Zieht auf dünnen Nebeladern Blaß ein Schatten in die Schatten. Toter Mond 15 Schwer die eisendunkeln Pappeln rauschen. Schwül, ein heißdunkler Violenkelch, Flammt der schwarze Himmel. Ohne Echo starrt die Nacht. Ohne Echo pocht mein Herz. Doppelleben Schattenkühl ein Prunksaal in einem dänischen Herrenhof. Das Goldbraun der Ledertapete. Stumpfes Gelb, Grün. Nordische Arabesken. In schleppenden Wellen Äste, Ringe, Eichenblätter, Schlangen. Rostrote Runen. Eingetrieben mit schweren Schlägen in silbergraues Gebälk. Alles kalt. Goldranken, Delphinleiber, rote Blätter steif in eisigen strengen Linien. Ein totes Leben. Goldklingend, Sonnenschein am Saalende. Ein hohes gotisches Spitzbogenfenster. Die Scheiben weit geöffnet. Die Eichenladen hinaus aufgeschlagen in den bleichglühenden Mittag. Draußen Sonnenleben. Grüne Feuer unter Buchengewölben. Goldenes Waldinnere. In bleichem Flug flache Kornfelder. Opalmatt die Fjordfläche in blauem Sonnenatem. Fern eine schwarze Mühle, mit reglos schwarzem Rad. Stumm schwarz gegen den schrillweißen Mittaghimmel. Über den Erdrand quellen Wolkenberge dumpfblau zerklüftet. In der siedenden Mittagstille das Leben der Waldlaute, des Sonnenlichtes, der Wiesendüfte geht in wechselnden wehen und lachenden Wellen über die Landschaft: Ein Möwenschrei. Hoch unter der Sonne. Fällt bleich in das warme Schweigen. Dieser klagende kalte Laut ... Licht, Sonne, Gold gerinnen grau in der harten trüben Frostfarbe dieses Schreies. Während des Pochens einer Sekunde bleicht das Geld der Felder. Unter dem Klageschrei geht fahles Eis weit über das Land. Fahl in Winternebeln der Himmel. Aus brüchigem Schnee starren Scharen weißer Disteln, knistern im Frosthauch ... Im Saal der Schrei schlägt über die Bogen und Gewölbe. Aber die Ranken, die heraldischen Lilien stehen kalt, reglos in blanken Lanzenklingen. Der Schrei verklungen. – Die Sonne blüht wieder golden. Gelb ziehen die Felder. Am Horizont die weißumrissenen Wolkengletscher wachsen. Rollen Alabasterblöcke vor die Sonne: Ein Wolkenschatten. Sinkt grau in das Waldinnere. Die grünen Sonnenfeuer löschen. Der laue stumpfe Schatten spült in grauer Flut durch die Blätter. Das Waldinnere sinkt unter dem Wolkenschatten auf den dämmerigen Grund eines tiefen Sees. Grau aus dem rotwelken Grund steigen in schlanken Stämmen graue Korallen. Tief im trüben Geflecht grünen Lichter von Phosphor und Bernsteingeäder. Durch die bleiche Wasserschicht leuchten hoch oben die Ufer einer silberweißen Welt ... Der Wolkenschatten zieht weiter. Über das Herrenhaus grau. Der Schatten schwimmt dumpf in den Saal. Die grünen gewundenen Drachen an den Säulenknäufen, die blauen gemalten Raben am Deckengewölbe, Äste, Blätter, Runen, stieren reglos, und schwingen nicht mit dem Aufblühen und Welken der Dämmerung, und bleiben steif. Die Schattenwelle gleitet an dem starren Leben ab. Der Sonnenschein am Bogenfenster glüht wieder gelb auf. Die Wolke zieht weiter. – Am weißen Himmelsrand langsam erst, steigen, fallen die schwarzen Kreuze der Mühle. Über dem matten Fjordspiegel dunkelviolette Striche und streichen unheimlich geduckt nach den Ufern. Flache Wellen gelüftet in Silberblättern. Tief im Walde ein Rauschen. Steigt in Brandung auf: Sturmstimme. Die Stimme schnaubt heran. Durch die Blätter, zischt, durch die Eichen, prasselt, lodert in schwarzen Flammen. Und die schwarze Stimme stürzt für einen Augenblick den goldenen Tag, löscht schwarze Felder, Himmel. In der plötzlich klaffenden schwarzen Nacht sieden rasende Wasserfälle, blendet die Kälte von nacktem Granit ... In dem Sturm, Duft von Meerwasser quillt auf, Duft von verwestem Tang, schwülem Salz, scharfen Tierleichen vom Meergrunde: Der Meerduft glüht heißer und heißer in der schwarzen Sturmstimme. Ein glühendroter Mond steigt in der brausenden schwarzen Nacht. Steigt purpurn über die Klippenränder. Gießt Blut in die Klüfte ... Der Sturm fällt in das Herrenhaus. Der Meergeruch füllt schwer den Saal. Die schwarzen Sturmflammen, die Eisglut des Meerduftes brennen gegen die Schlangensäulen, die Delphinsessel, gegen die geschnitzten Eichenblätter. Nur etwas Gold und Staub blättert ab, und die Ledertapete bläht sich leise. Aber das gezwungene Leben an Gewölbe und Wänden bleibt stumm und kühl. Die Sturmstimme bäumt sich steiler in wildem Leben. ... ein schwarzer Windschrei. Ein Pfiff von rostigen Eisen. In den Angeln die hohen Eichenladen am Fenster schwanken. Schlagen krachend zu. Dunkel tot der Saal. Goldene Tränen Aus der Asche gestürzter Jahre Tränen, die einst unser Glück geweint. Goldene Tränen ... 1 Weißt du noch damals? Ein Wintertag. Schnee gelb geborsten um Bautasteine. Wir hoch auf Granit, wo die Winde horsten. Uns huldigen Täler im Sonnenscheine. Und draußen in Eis gespannt die See. 2 Nachtstille. Sternenäste durchqueren Weiß die blauenden Ätherauen. Im West entfaltet grüngolden Wie Duft von Lotosdolden, Ein später Schein. Schneereste in Schlacken Begraut am Wege. Nirgend ein Laut. Sacht auf silbernen Spulen rinnen Tausende Wasser von Felsenzinnen. In schwarzen Zügen das Schattenland. Aus grauen Hügeln lauschen die Trolle, Tauschen Geflüster von Wand zu Wand. 3 Grünbebend ein Frühlingsmorgen. Lichte wärmen den webenden Wald. Weiß in Schwärmen die Anemone. Und wir steigen Hand in Hand Zu dem brüchigen Runenthrone Unter jungen güldnen Eichen, Wir, Könige in Veilchenreichen. 4 Mondrot der Maienabend. Ließen das purpurne Licht uns kredenzen. In scheuen Lauben buhlte das Dunkel. Fern hat ein Waldhuhn lüstern gelacht. Bleichsüße Essenzen von den Spiräen und Sorbustrauben. Wir stürzten die schwere Schale der Nacht. 5 Lodernde Tage. Heckenrosen und Apfelknospen Flogen in rosigen Bogen Über den Lagern von goldenen Moosen. Weiße Convalien und Erdbeerblüten Sprühten kühlende Düfte. Tief aus heimlichen Schatten umschlang Einer Amsel Silbergesang Sonne bis spät zum Ermatten. 6 Mittagsstille. Auf violetter Schwelle am Meeressaum Gelbnackt die letzte einsame Schere. Grell brennt der Schaum. Blank klimmen Welle auf Welle. In eiserner Öde zieht das Meer Blaue glühende Kreise, In eiserner Öde zischen die Wasser Streng ihre endlose Weise. Möwe und Eider in blassem Gestöber Wehrufen, klagen, Tragen die Angst bleich in den goldenen Raum. 7 Abenddämmerung. Wühlend eine silberne Wüste die See. Grünklaffend gewölbt Kluft an Kluft. Gelbmatt im Duft ein fernes Riff. Schwarze Seehundköpfe glotzen, Schwinden mit blitzendem Pfiff. Inselberge wie Höhlenschlunde Gähnen dunkel zum Rosenhimmel. Schweigend mit goldenen Abendwinden Schneidet ein Segel die blanke Straße. Nach ihm eine dunkle Wunde. 8 Heiß flossen von Klippen purpurträchtig In roten Strömen die Heidesprossen. Schmächtig in Trieben der Espenhain. Grün die Mitternachtsonne. Die Sterne sprangen. Grau kroch der Tau über Wiese und Rain, Grau im Rauch die Heide gefangen. Alles zergangen. – Sternschnuppe Golddurchbrannt, meergrün der Himmel. Tiefgestreckt über nächtig efeugrünen Wassern. Dunkel auf rasender blanker Strömung treiben blattleer kristallgrüne Bäume. Blasse bange Geschöpfe. Menschenwesen. Glasbläulich wie Manetengallerte. Grünstrahlige, violettstrahlige Fühler an Stirn und Hüften. Hangen im baren Geäst. Schwarzgerissen die Astgerippe peitschen den grünknisternden Himmel. Fortgezerrt auf goldblanken Flutgeleisen. Grünfeurig die Wurzeln. Schlitzen mit blutpurpurnen Flossen die Wasser. Die blaßscheuen Gestalten. Rotirr die Augen. Schlüpfen auf den langen lichten Fühlfäden wie große weiße Spinnen durch die Luft. Pfeifend die Strömung reist sie mit. Und die fortstürzende Luft. Langgedehnt die dunklen Flügel einer ungeheuren Libelle. Lange grüngraue Wolken über den goldgrünen Himmel. Schießen mit den schwarzen Wassern. Spitz in Ruten das düstre Geäst, fegt durch die Goldhelle. Zischt grell. In Grünfeueradern gegen das Nachtgrün der Flut. Die roten irren Augen. Jagen vorüber. Ritzen rotgelbe Feuersplitter in die Dämmerung. Schneiden in blitzgelben Pfiffen. Die schwarzgesträubten Bäume fliegen vorüber. Hinter ihnen elektrisch bleiche Narben in die Flut gerissen. Graue Wolken, goldne Helle, schwarz Wasser rasen vorbei. Die blassen lautlosen Gestalten kauern, klammern im Geäst, fortgeschleudert rastlos. Die langen lichten Fühler tasten. Die roten Augen horchen in die schwarze Endlosigkeit: nur Flut, nur Himmel. Die roten Augen zischen. Rote Feuerfährten schleifen durch die meergoldne Nacht. Und zerschmelzen. Dornröschen Sangdichtung Der Dichter Einzelstimme Des Dichters Gedanken unsichtbare Stimmen Dunkelheit unsichtbarer Chor Stille unsichtbarer Chor Rosenschein unsichtbarer Chor Dornröschens Gedanken unsichtbare Stimmen Dornröschen Einzelstimme. Abenddämmerung. Auf grauer schroffer Felskante der Dichter, sitzt auf der Felsspitze und träumt. Fels und Gestalt dunkelgrau gegen den klaren teerosenhellen Abendhimmel. Der Dichter in der knappen geschmeidigen Trikottracht eines »fahrenden Sängers.« Zu seinen Füßen brennt kupferfeurig der Horizont über dunkeln Wäldern im Tal. Tiefer rings um die Felsklippe schwarzblaue Waldspitzen. Graue Abendnebel wogen über den Wipfeln, um den Felsen. Nebel durchfließen stummblau die Täler, Schattenwellen umschwellen die Wälder, Felsen glimmen in goldenen Stimmen. Rot von den Wolken in heißen Chorälen Glühen die Harfen der Ätherräume, Purpurn erblühen die Träume. Es schleicht durch meine Einsamkeit Ein Sehnen abendmild. Ich will ein Leben schaffen, Ein warmes Menschenbild. Es soll in Gärten wohnen, Wo nie der Sommer reift, In Hallen soll es thronen, Die nie ein Laut gestreift. Ich will ins Blut ihm senken Mein eigen warmes Herz. Will ihm mein Lachen schenken, Mein Schweigen, meinen Schmerz. Du Lichtkind meiner Träume Wirst mir Vergessen geben, In meinen Sehnsuchtdornen Wirst du als Rose leben. Dornröschen, Sehnsuchtrose, Du sollst zur Sonne klagen, Du sollst durch Schloß und Garten In unbewußtem Erwarten Mein Sehnen mit dir tragen. Vor meiner Harfe Klänge Sollst du nach Ruhe ringen, Bis dich die Schattensänge In das Vergessen zwingen. Du trägst mein Herz in die Schatten, Du wirst in Schlummer gesungen, Dann ist auch meine Sehnsucht Von heilendem Schweigen bezwungen. Sei mir im Traume geschaffen, Bringe mein Sehnen zur Ruh, Und dann meine Sehnsuchtrose Schlummre auch du ... Das Abendrot ist langsam im Verbleichen. Die Abendnebel steigen. Felsen und Sänger versinken in Dunkelheit. Die Dunkelheit vertieft sich bis zur schwarzen Finsternis und singt dumpf und hohl. Schwül im Moder wuchern Die schwarzen Rosen Und kosen kühl Den Atem der Stille. Gelb bleichen die Feuer. Rote Sonnen entweichen. Kalt quellen im Dunkel Die schwarzen Wellen Der Todesruh. Grauer und grauer klärt sich das Dunkel. Im Dämmerlicht steht ein altes graues Turmzimmer, verstaubt, mit Spinnweben behangen. Über Wände, Dielen, Gebälk klettern schwarze Rosen, schwarzer Efeu, schwarzpurpurnes Weinlaub. Fahle Gobelins, erloschener Prunk, verdüstert und schwerfällig. Grau blühen Pilze aus kühlen Wänden, Schwammadern glühen, durchwühlen den Stein, Tagschein und Moderschatten hadern, Im schwülen Staub um Holz und Schrein. Der Lichtbrokat blinkt matt entfacht, Die Silberranke sinkt und schwindet, Rot schleicht der Rost im kühlen Eisen, Gold bleicht im leisen Tod und blindet. Dunkelheit Schwarze Flammen fliegen aus Rosen. Schwarze Flammen in schwarzen Ringen. Schwarze Flammen schwingen die Klingen, Schwarze Flammen aus schwarzen Rosen. Im Erkerfenster, durch die kleinen zerbrochenen grauen Butzenscheiben, fällt rauschend ein rosiger Lichtschein von den Gärten draußen herein, der Rosenschein singt lebhaft und klingend immer heller und näher. In gleißem Kerne die Sonnenglut. In Blauflut die Berge zur Ferne. Die Mittagflammen blank und grell, Jagen und schlagen schmetternd hell In weißen Bränden. Schwerblau klingt vom Himmel der Ätherstrahl. Grün sprüht kristallen das Wiesental, Goldlicht gießt schmeichelnden Honigtrank Über Violen und Nelken. Tauperlen splittern in Irisflut, Funkeln auf purpurner Veilchenglut Im Dunkeln zitternder Erlen. In schwarzen Moosen glüht weiß ein Quell, Rot heiß blüht der Mittag auf Rosen. Fern aus dem Garten singen Dornröschens Gedanken. Der Gesang langsam, hell und nur leise befangen, nähert sich mehr und mehr wehmütig dem Turmgemach. Zum Schlosse flog der Blütenwind, Lockt über die goldene Schwelle Aus der Kemnate das Königskind Hinaus in die Rosenhelle. Der Rosenschein Lautlos über den spiegelnden Plan Ziehen die Schwäne silberne Bahn. Goldregen in schimmerndem Schweigen Rinnt von den zitternden Zweigen, Nachtigall fleht im Syringenbaum, Auf lauen Schwingen ein Schattentraum Weht über die blauenden Matten. Zwei Augen fragen im Sonnenreiche, Gebet Antwort, wer ist die bleiche Welle, die fern in Brandung rauscht, Mein Herz hat nächtens den Klagen gelauscht. Rosenschein Stumm über dunkeln Buchensaum Treibt der blendende Wolkenschaum. Blanke Blätter sonnentrunken Heben und senken zückende Funken. Sonne spielt mit dem Königskind, Will sich in Schweigen verstecken. Schatten huschen im Ulmengang, Schwarz rauschen die Efeuhecken. Eine Harfe spielt aus einem düstern Winkel des Turmgemachs eine alte Volksweise. Dornröschens Gedanken Das Königskind horcht, Eine Harfe singt Tief aus dämmernden Lauben, Der Sang klingt purpurn, Schmilzt Sonnenrot Blut aus brennenden Trauben. Unsichtbar singt der Dichter zur Harfenmelodie, die sich wiederholt. Blank im Wappenschoße den Sonnenstern Jagt der Prinz in Scharlach und Silbertracht Zum Purpurschlosse der Mitternacht. Auf dunklem Thron eine weiße Maid, Harrt schweigend in Krone und Perlgeschmeid Auf den goldenen Herrn der Sonne. Grün sinken die Sterne am Bergesrand. Nächte um Nächte weichen. Stumm wartet die Maid. In müder Hand Beginnt die Lilie zu bleichen. Dornröschens Gedanken Die Lilie harrt auf den Honigtrank, Leer steht der Kelch ohne Strahl. Das Königskind durstet sonnenkrank, Blutet in Qual. Die Dunkelheit beginnt dumpf zu singen, und ihre schweren schleppenden Klänge schleichen dumpfer und dumpfer. Schwarz im Efeu, Schwarz geöffnet, Im Duft der sternentoten Nacht, Wacht die schwarze Rose. Die Rose glüht schwellend weltengroß, Erden sinken in ihren Schoß, Trinken »Vergessen.« Dornröschens Gedanken Vergessen! Die weiße Maid weinte und rief Laut durch die Kammern und Hallen, Vergessen! Braun lohten die Kerzen, braun und tief, Frühschatten begannen zu fallen, Aber die Augen umklammern Steinern das Bild, Rot in Flammen gezückt und wild Tief in die Nächte gegraben. Dunkelheit Die schwarze Rose glüht weltengroß. Erden sinken in ihren Schoß, Trinken »Vergessen.« Eine niedere alte Eisentür hat sich von selbst geöffnet. Leiser Rosenschein blüht schwach herein. Auf der Schwelle steht Dornröschen. Dornröschen in schwerer steifer Brokattracht. Graurosig, mattsilbern eingewebte Ranken, mit schwülem, modergrünem Samt. Das Haar in silberner Filigrankappe. Auf dem Scheitel eine kleine Silberkrone. Aber Seide und Schmuck matt und trübe. Sie kommt herein mit steifem langsamen Gang. Alle Bewegung langsam, wenig und lautlos. Nach dem Eintritt in das Turmgemach ist die Stimme ihrer Gedanken tiefer, grauer und wird müder. So kalt ist es hier. Hier wohnt der Tod. Ein Murmeln wallt Tief durch Grüfte. Von welkem Lachen, Von bleichem Rot, Lallen die eisigen Lüfte. Dornröschen schreitet langsam, fast teilnahmlos, in die Mitte des Gemaches, und starrt in beklemmenden Träumen, halb horchend, halb betäubt von ihren wehen Sehnsuchtgedanken, in die graue Stille. Die Stille Grau über Mauer und Bogen Wogen die Netze der Spinnen. Aus dem Holze rinnen Spähne zermalmt. Stumpf qualmt der Staub. Dumpf pocht der Wurm. Dornröschen hat sich in der Mitte des Gemaches auf die Stufen der Erkertreppe gekauert und starrt auf die verblaßten Gobelins. Die Stille Trübe Wolken rollen durch sieches Blau. Grausilbern entblättern die Weiden. Auf fahlem Portale schläft der Pfau, Kahl rauschen die seidenen Gärten. Dornröschen sieht nach der anderen Seite. Die Stille Die gelb und roten Blumen fortgeflogen. Grünstaubig weht das leere Gras. Kaltgraue Winde kommen schwer Den bleichen Fluß entlang gezogen. Und schleppen graues Silber durch die Wogen. Dornröschen lauscht reglos. Der Gesang umher spinnt sie mehr und mehr in Betäubung. Sie vergißt ihre Gedanken. Die Stimme ihrer Gedanken singt flüsternder. Grauherbst geht hier in Trauer Über Gesimse und Mauer. Aus Schattenrauch In fahlen Strahlen Weht Winterhauch. Dunkelheit Schwarze Falter sinken und steigen. Schwarze Kelche strömen Schweigen. Schwarze Erde raucht in Glut. Voll schwillt das Blut Der schwarzen Rose. Dornröschen bleibt reglos in horchender Haltung. Weich klingt das Dunkel. Weich flüsterte das Laub. Weich düstert die Asche. Weich singt der Staub. Dornröschen lehnt müde den Kopf zurück an das dunkle Eichengetäfel in schwarze Rosenranken. Die Schatten schwellen düsterer aus den Winkeln an den Wänden hoch. Dunkelheit Lilien – Lilien! Graumüde wehen und wanken die Schäfte. Graumüde glimmen die Kronenopalen. Zum Schlummer schließen die bleichen Schalen. Es schattet dunkler. Der Rosenschein an Fenster und Türe schwindet. Dornröschen schließt die Augen. Ihre Gedanken singen leiser und leiser im Einschlafen. In schwarze Schwanendaunen Schmiegt sich das Königskind. Nur tiefe Quellen raunen, Die Seen löschen blind. Die Lilie sinkt von den Locken, Die Perlen welken grau. Schwarz gleiten Winterflocken Auf die nächtige Au. Kalt vom Gewölbe wankt die Nacht. Rot in der Ampel schwankt das Licht. Fahl zuckt die Flamme, Loht und bricht. Das Ampellicht ist erloschen. Undurchdringliches Dunkel, hohle Nacht. Dunkelheit Aus schwarzen Kelchen strömen schwarze Meere, Füllen mit schwellenden Wellen die Leere. Tragen auf dunkle Berge das Schweigen, Senken in lautlose Grüfte die Klagen. Aus der Nacht blühen weiße Sterne. Am Sternenhimmel schwarz die Mondscheibe in Finsternis. Auf der Felsklippe sitzt der Dichter. Fels und Gestalt schwarz in Silhouette gegen den grünsilbernen Nachthimmel. Wälder, Täler blauen in dumpfer Dunkelheit. Der Dichter Sie schläft, Schwarz fließt die Nacht. Sie schläft, Mit ihr mein Herz. . . . . . . . . . . . . Aus schwarzgestreckten Wüsten Stiert die hohle Stille. Der Mond ... Ein Schatten würgt die Scheibe. Dröhnend. Finsteres Echo preßt die Erde. . . . . . . . . . . . . In meinem Herzen, wo die Flammen gruben, Kreist fahl, wie einer Muschel hohle Stimme, Die Einsamkeit. . . . . . . . . . . . . Das also ist »Vergessen?« . . . . . . . . . . . . Von keinem Lachen erhellt, Von keinem Leiden bedrängt, Blind in blutlosem Äther Eine erloschene Welt. . . . . . . . . . . . . Das also »Vergessen«: . . . . . . . . . . . . Rastlose Tiefen breiten rastlose Weiten, Schwarze grundlose Meere. Nie wird ein Laut hier geboren, Nie ermattet die Leere. Nächte in Nächte gefroren Schattet das Schweigen. . . . . . . . . . . . . Doch in der Vergessenheit Nacht Gähnt ruhlos entfacht Des unbewußten Vermissens Unversiechbare Allmacht. Der Dichter Dornröschen, Sehnsuchtrose, Soll mein Auge nie dich grüßen, Meine Hand dich niemals kosen, Meine Lippe nie dich küssen? Der verfinsterte Mond beginnt sich langsam zu hellen. Des Dichters Gedanken Vermissen durchflutet Des Herzens Räume. Vermissen entzündet Hungernde Träume. Weiß aus dem Moder der alten Qualen Tasten junge sehnende Strahlen. Der Mond scheint klarer und klarer, weiße silberne Nebel steigen aus Tal und Wald. Weiße silberne Nebel verhüllen den Dichter. Der silberne Mond wächst immer größer und heller. Aus dem weißen Duft singen die Gedanken des Dichters. Sacht bleichen Schleier über die Wiesen, Aus düstern Eichen blüht hell der Weiher. Ein Flüstern, ein Schleichen, Lauer Atem tauiger Düfte Öffnet bleiche glimmende Grüfte, Weich durch silbertropfende Hallen Wallen lichte Gesänge. Die Nebel sind zerflossen. Eine zartviolette silberne Halle, getragen von blassen Bernsteinsäulen, dünn, schlank, glimmt bleich auf. Draußen mattweiße Rosengärten. Schwach rinnende Silberbrunnen. Weiße und zartgelbe Rosen um die Säulen und in Gewinden um die schimmernden Gewölbe. In der Mitte aus Elfenbein und silberfließender Seide ein Thron. Der Baldachin ein großes, mattes, meerschaumweißes Rosenblatt. Der Dichter, in Silber und teerosenfarbenem Samt, steht mit verschränkten Armen in der Mitte der Halle. Blickt träumend auf den Glanz in ruhiger unbewegter Haltung. Horcht auf den singenden Rosenschein aus den Gärten. Matt flackern Blütengewinde In milchblassen Wogen. Matt schwimmen Elfenbeinrosen vom Silber, Matt kommen junge Ranken geflogen, Matt lallen duftwallende Winde. Auf einer Rasenestrade im Hintergrunde steht Dornröschen. Sanfthell im Seidenkleid von der Farbe weicher Seerosen. Der Nacken hebt sich frei entblößt. Das Haar über Schulter und Nacken offen. Ein helles Rosendiadem mit lichtseidenem Bande über die Stirn geschlungen. Bleich, mit geschlossenen Augen, stillniederhängenden Armen. Sie schreitet die Stufen herab zum Thron, legt sich in die Silberkissen zurück. Hält die Hand über die geschlossenen Augen. Dornröschens Gedanken Schwarze Rose, fern saugt ein zehrendes Licht. Schwarze Rose, dein Schatten splittert und bricht. Schwarze Rose, Strahlen schneiden die Nacht. Weiß quälen Töne von Sonne entfacht! Der Dichter Blank, im Wappenschoße den Sonnenstern, Kommt der Prinz in Scharlach und Silbertracht Zum Purpurschlosse der Mitternacht ... Der Dichter faßt Dornröschens Hand und sinkt auf den Thronstufen vor ihr nieder. Dornröschen bleibt reglos mit geschlossenen Augen. Dornröschens Gedanken Schwarze Rose, Sonne zerwühlt dein Schweigen, Schwarze Rose, die tiefsten Quellen steigen. Schwarze Rose, grell sprengen Wogen zum Licht. Schwarze Rose, – schwarze Rose! Königskind fleht, Schwarze Rose, dein Kelch zerbricht! Dornröschen zittert im Schlummer und sinkt erschöpft tiefer in die Kissen. Im weißen Saale fliegen Schatten grau auf und nieder. Des Dichters Gedanken Schwer ringen Licht und Schatten, Des schwarzen Schlafes Ermatten Fesselt tief mein schweigend Herz ... Des Dichters Gedanken Der schwarzen Rose Duft Wallt kühl von ihren Gliedern, Umkreist mit Schattenliedern Mein warmes Blut. Grau rauchen Gesänge Aus aschigen Schalen, .... Das Licht erzittert, .... Schwer wanken die Strahlen ... Der Dichter wankt betäubt, sein Kopf sinkt in Dornröschens Schoß. Das Echo singt im Garten die Melodie des Harfenliedes. Die Schatten schwinden langsam von den Silberwänden. Dornröschens Gedanken beginnen leise klarer zu singen. Einsam horcht das Königskind Auf dem bleichen Eise. Einsam bringt der leise Wind Eine Harfenweise. Das Echo des Harfenliedes klingt nochmals im Saale. Dornröschens Gedanken Zwei Augen fragen im Sonnenreiche, Wo ist die Welle die rosenbleiche, Die fern in blendender Brandung rauscht, Mein Herz hat ihrem Jauchzen gelauscht. Des Dichters Gedanken Blank im Wappenschoße den Sonnenstern Kam der Prinz in Scharlach und Silbertracht, Zum Purpurschlosse der Mitternacht ... Dornröschen öffnet die Augen, singt mit eigener Stimme. Die Gärten, die Silberhalle, Rosen, Seide, beginnen sich zu röten. Auf sprühendem Throne die Sonnenmaid In Rosenstrahlen und Lichtgeschmeid Empfängt den Herrn der Sonne. Rot rauschen Sonnen aus Felsenkluft, Erwachende Lilien grüßen, Die Maid ruft jauchzend zur Sonnenluft, Komm meinen Herrn zu küssen. Dornröschen biegt sich über den Dichter und küßt ihn lange. Die Rosen, das Silber, die Seide glühen purpurn. In Gärten und Halle springen in Rubinschalen rote glühende Kaskaden. Von den Ranken des Gewölbes sinken langsam dunkelrote Rosen. Der Rosenschein Vom Rotdorn in Strahlen schäumt Purpurhauch, Blutscharlach bäumt der Granatenstrauch, Öldüfte quellen vom Mandelbaum, Rosig schwellen die Lüfte. Die Rosen rufen warm zum Garten. Die Rosen lodern in heißem Erwarten. Mein Prinz hörst du den Rosenschein? Der Dichter Rosen?! Dornröschen mein! Sie halten sich umschlungen. Sie sehen sich lange stumm in die Augen. Der Rosenschein Vom Rotdorn in Strahlen schäumt Purpurhauch, Blutscharlach bäumt der Granatenstrauch, Öldüfte quellen vom Mandelbaum, Rosig schwellen die Lüfte. Der Dichter Draußen flammen die Gärten, mein Kind, Die Seen weben lichtseiden, Draußen schäumt rosig der Blütenwind, Mein Herz, – laß uns lieben und leiden. Der Dichter und Dornröschen schreiten im roten Rosenregen durch die Halle hinaus in die purpurnen Gärten. Hinter ihnen erlischt die Halle in Dunkelheit. Während sie draußen hinter den Rosenbüschen verschwinden, erlischt der Garten, mit der verklingenden Musik sinkt stummes Dunkel. Sündflut (Sangdichtung) Die Flut unsichtbare Stimmen Das letzte Lied Frauenstimme Das letzte Gebet Männerstimme Das Schweigen des Todes unsichtbarer Chor. Schwarz eine Riesengrotte. Tief zerklüftet. Fleischrot der Himmel durch einen klaffenden weiten Riß. Draußen schwarzes Flutmeer, gewälzt, weit zum roten Horizont. Auf schmaler Felskante, hinter Steinen, ein niederglühendes Feuer. Zerstäubt Rotglut über die nassen Wände. Jagt Rotschatten über das Grottengewölbe. Rings in zerrissenen Klüften kochen die schwarzen Wasser. Leise violette Blitze verzittern am Horizont. Ein irres Weib, einen Aststumpf im Arme wiegend wie ein Kind, kauert am Feuer. Die Haare wirr. Brüste nackt, goldbeblendet. Sie lauscht unruhig auf den Sang der Flut. Lachen, Kind, lachen, Dunkel der Wind, Palmen knacken, Schüttle den Nacken, schlafen nicht, Nicht schlafen, erwachen! Hyänen umheulen den nackten Mond, Flammenkeulen, Brände weiß, schnellen Blitze, – blank gellen die Gärten. Hörst du draußen im Mondnachtschatten, Gold klingelt, goldene Ketten. Hell reißen Matten, Wände, Die bleichen geschmückten Sklaven, Schleppen, reiten, fliehen. Deine Hände klammre, greife mein Haar, Irr brennen Agaven, Nesseln, Die kreischende Schar, hinauf, Felsentreppen, Schwarze Schatten jagen, brüllen, Heulende Herden Menschenratten, Ehern klagen die Berge. Eiserne Wolken, Meere, Zischend die Mähne, stürzen, Wellenkatzen in Knäulen Weißnackt die Zähne, Bleich flieht das Blut, Blank Rachen an Rachen, Kind! Kind! Mein Kind!! Traum – Traumfratzen nur, Lachen, Kind, lachen, Du schlummerst geborgen, Morgen singen die Auen. Scharlachen die Terpintenbäume, Hörst du den Phönix Goldsingend erwachen? Blau entfachen die Zedernschatten, Ibisvögel schütteln die Träume Lachen, lachen, lachen .... Das Weib schüttelt sich in grellem Lachen. Lautlos fliegt weiß ein Blitz in die Grotte. Das Weib duckt sich. Lauscht. Richtet sich auf. Geht auf und ab und wiegt das Holz im Arm. Singt innig. Sterne singen im mondgrünen Reich, Dunkle Myrthen decken dich weich, Schlafe mein Kind mit glühenden Wangen, Mutter wehret dein Bangen. Leuchtfliegen grün im mondblassen Baum, Mandeln durchduften rot deinen Traum, Schlafe mein Kind ohn' Träne und Sorgen, Morgen lachen die Auen. Das Weib ist an den Felsrand geschlichen. Starrt hinunter in die Flut. Biegt sich begierig immer weiter über den Schluchtrand. Die Flut Im Erdschoß verborgen, Sonne zerfrißt die Nacht. Nacht muß blind versinken, Feuergolden der Morgen; Ambradüfte! Purpurrauschen! Sonne, laß uns trinken! ... Das Weib schnellt lautlos in die zischende Schlucht hinab. Harte Stille. Das Feuer erlischt. Die Grotte schwarz. Die Blitze flattern langsamer auf und nieder, immer lautlos. Hie und da fließen Blitze weiß in die Klufttiefe. Beleuchten blaß einen Mann. Auf einem Felsvorsprung am Abgrund, niedergeworfen im Gebet. Jehova, o Herr, dein Morden – schweige, Zerfleischt die Menschheit, Blut dir zu Füßen, Die letzten Herztropfen flehen, Gnade, Herr, Gnade! Wir opferten röchelnd Entgelt! Und du kommst Herr, du kommst, Schwarz starben Sonne, Sterne. Erde, Himmel, darben nach dir. Rausche golden nieder, Laß Sonnen aufschlagen, Tausche die ewige Hülle, Daß sterbliche Glieder deinen Geist zu uns tragen, Erfülle leuchtend das dunkle Gesetz. Deine Hand winkt, Die Schlünde verlöschen, Du leitest die Meere zurück in die Gründe, Weiß dein sternblasser Leib, Du schreitest, eine singende Lotoslilie, Silbern von rauchenden Bergen. Deine Straße umrauschen Heiß Sandel, hyazinthene Düfte, Morgenrot, Lorbeerrosen, Elfenbeinlichte Glocken Neigen sich klingend, Mit dir in saphirgoldenem Reigen Die Bronnen des Lebens. O zögere nicht! Entstellt, zerplagt, ein Totenschädel Die bebende Erde. Zuckend mit letzter Ader Kriecht, klagt Ein zermalmtes Geschlecht. Dein Hader, warum so tödlich? Recht zum Leben, haben wir Recht? Du hast uns Atem gegeben, Fand man uns schlecht! Strafe! Aber zerschellt ein Vater sein Kind? ... Wir betteln, wir ringen, Du offenbarst Dich nicht?!! ... Herr, Gott, wer sagt mir, Daß Du bist und warst! . . . . . . . . . . . . Schwarze Stille. – Die Flut schweigend schwarz geglättet. Ein letzter weißer Blitz zeigt den Felsvorsprung leer. – Der Himmel bleicht allmählich violett. Dann blaß eisig lila. Grüne Phosphorstreifen ziehen fern über die Wasser. Das Meer rieselt in grünem Leuchten. Eine sanfte schwarze Welle hebt zwei phosphorblaue nackte Leichen hoch. Die Körper halten sich in Todesstarre umschlungen. Die Welle hebt die blauglühenden Toten ans Ufer auf eine schwarze Klippe. Phosphorglimmende Tränen rinnen von den Körpern silberblau über den schwarzen Stein. Das Schweigen des Todes singt hart und kühl. Eisblaue Gärten in eiserner Stille. Grau in sanglosen Wellen die Düfte. Klanglos verhärten opalmatt die Quellen. Glasige Strahlen schneefahler Blüten, Schweben in kahlen steinernen Zweigen. Schwarz im Schweigen die schwarzen Bäume, Gießen durch ewigbleiche Nächte, Schwarzen Regen in schwarzen Zähren. Wirrend durch aschendunkle Gehege Ringen stumme reifblasse Wege, Blaue, einsam irrende Flammen Dringen nirgend zum Ziele. Aber tief in lautlosen Grüften Gären junge mondrote Sterne, Schießen rote Korallenwurzeln Nach dem Purpurkerne der Erde. Rosige Tauben hebet die Schwingen, Werde Ölbaum des Friedens.