Gedichte Gärtnerspruch Alle Frucht der Welt ist nur des Keims Gewand. Pflege das Land, auf das dein Same fällt! Mag Gott es hüten vor tauben Blüten. Aussaat Was dich bis ins Herz ergreift, Kind, das wurzelt, wächst und reift; und die Frucht Erinnerung macht dereinst dich wieder jung. Laufbahn Als ich jung war, hab ich verwogen alle Zäune im Feld überflogen. Nun ich älter bin, will ich verwegen selber neue Felder einhegen. Und kommen, wenn ich alt bin, die Jungen auch auf die herübergesprungen, beflügel euch Gott, ihr wilden Fohlen! Aber könnt ihr nichts weiter vollbringen als dem alten Sturmfried dummdreist nachspringen, soll euch Kracken der Teufel holen! Vatergruss Wandre, wandre, Seelenklang: Berge werden Hügel. Wird die Wandrung dir zu lang, gibt mein Herz dir Flügel. Gibt dir Flügel wundergut, die kann Niemand hindern: meinen ganzen Lebensmut! bring ihn meinen Kindern! Heimlich Geleit Mein Töchterchen, mein Wunderchen, du konntest kaum alleine stehn, da hobst du schon, um mitzugehn, die kleine Hand, so oft ich ging; nun sollen wir uns wiedersehn und kennen uns nicht mehr. Und fühlte dich doch mit mir gehn, mein Töchterchen, von Land zu Land, so weit ich ging; und blieb vor mancher Türe stehn, in der ich glaubte dich zu sehn, mein Wunderchen. Der Vogel Wandelbar Ein Märchen War einst ein Vöglein Wandelbar, an dem fast Alles seltsam war. Ein rechter Wildfang wollt es sein und hatte doch ein Humpelbein und viel zu krumme Flügel. Allein die Flügel sah man kaum, so schön war sein Gefieder; das schimmerte wie Purpurschaum, und auf der Brust der weiche Flaum wie ein Perlmuttermieder. Vom vielen Zwitschern eigner Art bekam's ein Schnäblein silberzart; und Augen trug's im Köpfchen, so lieblich-launisch-glitzerblau wie Morgens die Tautröpfchen. Das gab dem Vöglein Wandelbar ein Aussehn, sonderlich fürwahr. Doch was das Sonderlichste war: tief innen trug's un wandelbar ein Herz von lautrem Golde. Und Alles war dem Vöglein gut, wie's humpelte und glänzte; und Jeder nahm's in seine Hut, solang es brav im Hofe saß, der hoch sein Nest umgrenzte. Bis unser Vöglein endlich ein Vogel wurde; ei der Daus, da lief es aus dem sichern Haus allein ins weite Land hinaus, und da erging's ihm schändlich. Die Andern liefen gar so schnell, das Ihre zu erjagen; da kommt mit seinem Wackelschritt solch armes Entlein nicht gut mit, und muß den Spott noch tragen. Sie stießen es und traten es und rupften es gescheit; und in dem wilden Drängen blieb bald sein schönes Schimmerkleid an Busch und Dornen hängen. Zwar mancher blieb auch stehen; vermahnten dann und schalten den ungeschickten Wandelbar, und wußten doch, wie lahm er war, und – blieben selbst die alten. Doch schließlich war es ihm geglückt, mit letzten Kräften, arg zerpflückt, ein Bäumlein zu erschwingen; da dacht er heimlich auszuruhn und sich in Schutz zu bringen. Verwandelt war nun ganz und gar der arme Vogel Wandelbar; nur hier und da noch glänzte ein zerschlissnes Purpurfederlein in seinem grauen Kittel. Und auch der Augen helles Licht war blaß, wie welk Vergißmeinnicht; nur noch das Silberschnäbelein war ihm geblieben, blank und rein, wenn's auch recht kläglich zirpte. So saß er weitab vom Gewühl und fragte sich voll Wehgefühl, warum er so verlassen; und wußte doch, daß Lahme nicht zu so viel Schnellen passen. Ein Rabe aber kam vorbei; den ärgerte die Melodei und auch das Silberschnäbelein. Er schrie: "Ich mag nicht solch Geschrei! marsch, lamentier wo anders! Ich will mir hier mein Nest her baun, und für uns Beide ist kein Raum!" und stieß das Vögelchen vom Baum und riß ihm aus dem Kleide auch noch sein letzt Geschmeide. Da war ihm aller Mut dahin, der Mut sogar zum Klagen. Mit seinem müden Humpelbein lief's weinend in die Nacht hinein und dachte voll Verzagen: Jetzt ist rein garnichts mehr an mir, jetzt kann ich nur gleich sterben; jetzt will ich in die Wüstenei, wo Keinen ärgert mein Geschrei, und still für mich verderben. Ja, garnichts, garnichts mehr war sein von all dem schönen bunten Schein; sogar das Schnäblein hatte ganz verloren seinen Silberglanz von all den vielen Tränchen. Und als das Vöglein Das gesehn, ist fast sein Herz gebrochen. Zum Sterben hat sich's hingesetzt. Da kam der goldne Mond zuletzt und hat zu ihm gesprochen: "Du armes Vöglein Wandelbar, was grämst du dich denn immerdar um deine paar Juwelen? Du dummes Vöglein Wandelbar, vergaßest du denn ganz und gar, was Keiner dir kann stehlen! Hast du denn nicht viel mehr in dir als diese ganze Lust und Zier, worauf die Andern sinnen? Was weinst du denn und machst dir Schmerz? denkst du denn garnicht an dein Herz von lautrem Gold tief innen!" Da ward dem Vogel Wandelbar auf einmal Alles licht und klar, und lebte gerne weiter; da pfiff er bis an seinen Tod auf allen Spott, auf alle Not, unwandelbarlich heiter. Triumphgeschrei Alle kleinen Kinder schrein Hurrah, Hurrah. Mutterchen liegt still zu Bett, Kindchen schreit Hurrah. Vater steht daneben, steht und brummt: ja ja, ist ein schweres Leben. Kindchen schreit Hurrah. Mutterchen brummt garnicht, selig liegt sie da. Denn das kleine Menschenkind schreit Hurrah, Hurrah. Schnurrige Predigt Na lach doch, Kind! Dein Zuckerschneckchen, schwarz Sammetjäckchen, rote Bäckchen, dein ausgestopftes Häschen, dein Mäulchen, Händchen, Näschen hat all der liebe Gott gemacht. Ei, Herzekindchen, rasch: zerbeiß, zerreiß, zerschmeiß – hei, wie der liebe Gott nu lacht! – Staatsereignis Hurrra, zum ersten Mal: Mutter, der Peter, hurra, jetzt geht er! Kuck, ganz alleinechen setzt er die Beinechen, ganz wie zur Reichstagswahl, wie Onkel Wackelpfahl! Aua, Geschrei: bautz, vorbei! Käuzchenspiel Kinder, kommt, verzählt euch nicht, Jeder hat zehn Zehen; wer die letzte Silbe krigt, der muß suchen gehen. Suche, suche, warte noch, Käuzchen schreit im Turmloch, macht zwei Augen wie Feuerschein, die leuchten in die Nacht hinein, fliegt aus seinem Häuschen, sucht im Feld nach Mäuschen, husch, husch, huh, das Käuzchen, das – bist – du! – Käferlied Maiker, Maiker, surr, bleib nur sitzen, burr! Breite deine Fühler aus, mach zwei kleine Fächer draus, schwing sie kreuz und quer, zähle mir was her! Zähle, ich will mit dir zählen, wieviel noch Minuten fehlen, bis Herr Heuschreck wuppt und mir auf die Nase huppt. Maikäber, Maiker, sonst holt dich der Deiker! Die Reise Tipp, tapp, Stuhlbein, hüh, du sollst mein Pferdchen sein! Klipp, klapp, Hutsche, du bist meine Kutsche, wutsch! Wipp, wapp, zu langsam; hott, wir fahren Eisenbahn! Alle meine Pferde, um die ganze Erde, rrrutsch! Tipp, tapp; zipp, zapp; halt, wann geht das Luftschiff ab? Fertig, Kinder, eingestiegen, wollen in den Himmel fliegen, futsch! Fitzebutze Erste Lesart, für größere Kinder Lieber ßöner Hampelmann, deine Detta sieht dich an! Ich bin dhoß, und Du bist tlein; willst du Fitzebutze sein? Tomm! Tomm auf Haterns dhoßen Tuhl, Vitzliputze, Blitzepul! Hater sagt, man weiß es nicht, wie man deinen Namen sp'icht. Pst! Pst, sagt Hater, Fitzebott war eimal ein lieber Dott, der auf einem Tuhle saß und sebratne Menßen aß. Huh! Huh, sei dut, ich bin so tlein und will immer a'tig sein. Fitzebutze, du bist dhoß; tleine Detta spaßt sa bo's. Sa? Sa, ich bin dir wirktlich dut! Willst du einen neuen Hut? Tlinglingling: wer b'ingt das Band? Tönigin aus Mohrenland! Tnicks! Tnix, ich bin F'au Tönidin, hab zvei Lippen von Zutterrosin; Fitzebutze, sieh mal an, ei, wie Detta tanzen tann! Hoppß! Hopßa, hopßa, hopßassa: Tönigin von Af'ika! Flitzeputzig, Butzebein, wann soll unse Hochzeit sein? Du! Du! Mein tleiner lieber Dott! Du?! sonst deh ich von dir fo't! – Ach, du dummer Hampelmann, siehst ja Detta garnicht an! Marsch! – Nochmals Fitzebutze Für kleinere Kinder, in erzählender Art Wie Fitzebutze seinen alten Hut verliert Lieber, ßöner Hampelmann! fing die kleine Detta an. Ich bin dhoß, und Du bist tlein; willst du Fitzebutze sein? tomm! Tomm auf Haterns dhoßen Tuhl, Vitzliputze, Blitzepul! Hater sagt, man weiß es nicht, wie man deinen Namen sp'icht; pst! Pst, sagt Hater, Fitzebott war eimal ein lieber Dott, der auf einem Tuhle saß und sebratne Menßen aß; huh! – Huh, da sah der Hampelmann furchtbar groß die Detta an, und sein alter Bommelhut kullerte vom Stuhl vor Wut, plumps. Plumß, sprach Detta; willste woll! sei doch nich so ßrecklich doll! Mutter sagt, der liebe Dott donnert nicht in einem f'ot; nein! Nein, sagt Mutti, Dott ist dut, wenn man a'tig beten tut. Fitzebutze, hör mal an, was die Detta alles kann; ei! – Ei, da saß der Blitzepul mäuschenstill auf seinem Stuhl, und sprach heimlich alles nach, was die kleine Detta sprach; ah! Ah, die sprach ja nun sofort alles richtig, jedes Wort! Ja, ihr Klugen: merkt ihr was? dumm tun tat sie blos zum Spaß. Also hört! Das Maiwunder Von Paula und Richard Dehmel Maikönig kommt gefahren, in seinem grüngoldnen Wagen, mit Saus und Gesinge. Seine Zügel sind Sonnenstrahlen; große blaue Schmetterlinge ziehn ihn über Busch und Bach, daß die weißen Blütenglocken in seinen Locken schwingen und springen. Und Hans kuckt ihm nach und hört sein Lied: wer zieht mit? zieht mit? Kommt das Maienweibchen, trägt ein weißes Kleidchen, trägt ein grünes Kränzchen, sagt zu unserm Hänschen: Eia, Hans, komm zum Tanz! Einen Schritt Frau Nixe, einen Schritt Herr Nix, Ringeldireih, Ringeldireih, Dienerchen, Knix! Wie Fitzebutze einen neuen Hut kriegen soll Lieber, ßöner Hampelmann! fing die Detta wieder an; sieh doch endlich manchmal her! freust du dich denn garnicht sehr? du? Du! mein tleiner lieber Dott! kuck doch nich so wütend fo't! ßenkst du mir denn teinen Tuß, wenn man so viel beten muß? nein? – Nein, der böse Flitzebock saß so steif wie'n Fliegenstock, sah nur immer starr und stumm nach dem alten Hut sich um; oh. Oh, sprach Detta, sei doch dut! willst du einen neuen Hut? Tlinglingling: wer b'ingt das Band? Königin aus Mohrenland! tnicks! Tnix, ich bin F'au Tönidin, hab zvei Lippen von Zutterrosin; Fitzebutze, sieh mal an, ei, wie Detta tanzen tann, hoppß! Hopßa, hopßa, hopßassa: Tönigin von Af'ika! Flitzeputzig, Butzebein, wann soll unse Hochzeit sein? na? – Na, was meint ihr, was geschah? Er saß stumm wie immer da. Immer stumm auf seinem Platz saß der alte Hampelmatz, huh. Huh, er hatte keinen Mut, wollte keinen neuen Hut. Da schmiß Detta ihn vom Stuhl: Ach, du dummer Blitzepul, marsch! – Der Schatten Nach R.L. Stevenson Ich hab einen kleinen Schatten; der geht, wohin ich geh. Aber wozu ich ihn habe, ist mehr als ich versteh. Er ist ganz ebenso wie ich, blos nicht ganz so schwer; und wenn ich in mein Bettchen hüpfe, dann hüpft er hinterher. Das Sonderbarste an ihm ist, wie er sich anders macht; garnicht wie artige Kinder tun, hübsch alles mit Bedacht. Nein, manchmal springt er schneller hoch als mein Gummimann; und manchmal macht er sich so klein, daß Keiner ihn finden kann. Neulich ganz früh, da stand ich auf, noch eh die Sonne schien, und ging spazieren durch den Tau, im Gras, und suchte ihn. Aber mein kleiner fauler Schatten, als wenn er Schnupfen hätt, lag wie ein altes Murmeltier noch fest zu Bett. Der kleine Sünder Von Paula und Richard Dehmel Gestern lief der Peter weg, spinnefix verstohlen; setzt sich Mutter den Bänderhut auf: wart, ich will dich holen! Sausepeter, Flausepeter, kleiner Sünder, wo bist du? Hahnematz steht auf der Wiese, "kiek ins Grüne!" kräht er; sag mir, bunter Kickeriki, wo ist unser Peter? Bummelpeter, Schummelpeter, kleiner Sünder, wo bist du? Wie sie sich im Garten umkuckt, ist er nicht zu sehen; bleibt sie neben dem Spargelbeet unterm Pflaumbaum stehen. Aber Peter, nirgends steht er; kleiner Sünder, wo bist du? Hört sie etwas lachen, horch, oben aus dem Baume; sitzt der Peter seelenvergnügt, pflückt sich eine Pflaume. Wirft ein Steinchen, schwenkt die Beinchen, wupptich –: Mutter, da bin ich! Fragefritze und die Plappertasche Von Paula und Richard Dehmel Fritz, ich möcht den Spaten haben. "Mutterchen, warum?" Möchte eine Grube graben. "Mutterchen, warum?" Möchte drin ein Bäumchen pflanzen. "Mutterchen, warum?" Wird mein Fritze drunter tanzen. "Mutterchen, warum?" "Wird das Bäumchen Kirschen tragen. "Mutterchen, warum?" Ei, du mußt die Spatzen fragen, die sind nicht so dumm! – Kommt die kleine Plappertasche: "Mutterchen, nicht wahr, ich bin klüger als der Fritze, bin schon bald sechs Jahr! "Mutterchen, nicht wahr, der Fritze ist ein Schaf, o jee! Ich kann schon bis zwanzig zählen und das A-B-C!" I, du kleine Plappertasche, laß den Fritz in Ruh! Plappertasche, wische wasche, halt das Mäulchen zu! Übermorgen in acht Wochen kommt der Weihnachtsmann; wenn du dann noch immer plapperst, was bekommst du dann? Einen großen Maulkorb! – Furchtbar schlimm Vater, Vater, der Weihnachtsmann! Eben hat er ganz laut geblasen, viel lauter als der Postwagenmann. Er ist gleich wieder weitergegangen, und hat zwei furchtbar lange Nasen, die waren ganz mit Eis behangen. Und die eine war wie ein Schornstein, die andre ganz klein wie'n Fliegenbein, darauf ritten lauter, lauter Engelein, die hielten eine großmächtige Leine; und seine Stiefel waren wie Deine. Und an der Leine, da ging ein Herr, ja wirklich, Vater, wie'n alter Bär, und die Engelein machten hottehott; ich glaube, das war der liebe Gott. Denn er brummte furchtbar mit dem Mund, ganz furchtbar schlimm! ja wirklich! und – "Aber Detta, du schwindelst ja; das sind ja wieder lauter Lügen!" Na, was schad't denn das, Papa? Das macht mir doch soviel Vergnügen! "So? – Na ja." Zum Geburtstag 1. Mit zwei Lampen Liebe Mutter! Du zählst sie gerne, deine dreiunddreißig Geburtstagssterne. Hier stehn sie strahlend; und daneben siehst du zwei silberne Halbmonde schweben. Das sind zwei Lampen fürs Klavier, eine von Vater, die andre von mir. Kommt nun der Abend mit müden Beinen, dann läßt du deine Monde scheinen und spielst; und wir, wir hören und träumen von den hohen himmlischen Räumen, von deinem Sternenringelreihn – Vater wacht noch, ich schlafe ein. 2. Mit einer Handvoll Haselnüsse Lieber Vater! ich kann dir garnichts schenken, blos mein kleines Herz und alle meine Küsse, und – eins, zwei, drei, vier, fünf Haselnüsse, dabei kannst du dir was Wunderschönes denken. Du kannst dir denken, jede Nuß hat ein kleines Herz, noch kleiner als das meine; und hätte sie auch zwei kleine Beine, lief' sie auf dich zu und gäb' dir einen Kuß, einen wundervollen, herzhaften Geburtstagskuß! An einem Hochzeitstag Mit einer Malerei Hier, liebe Leute, in diesem schönen Wagen fahren zwei Menschen seit vielen schönen Tagen. Sie fahren bei Regen wie bei Sonnenschein immer gradaus ins Blaue hinein. Auch das schlechteste Wetter ist ihnen nicht grau; hell lacht der Mann, warm lächelt die Frau. Sie schaukeln das Glück auf ihren Knien, und an einem Hochzeitstag fragt sie ihn: Wenn wir so immer weiter reisen und lassen die Sterne den Weg uns weisen, kümmern uns um kein irdisch Ziel, treiben nur mit dem Glück unser Spiel, aber endlich wird's uns vom Tod da genommen – was meinst du wohl, wohin wir kommen? Der Mann blickt nach den milchweißen Kühen, die den bunten Wagen ruhig ziehen, er blickt nach dem Kutscher, der Augen macht so unergründlich schwarz wie die Nacht – dann sagt er heiter: Ich meine, wir kommen immer weiter! Der Kutscher nickt. Der Himmel ist blau; warm lächelt der Mann, hell lacht die Frau. Und die weißen Kühe sagen sich beide: zwei Menschen fahren auf lebensgrüner Weide. Aurikelchen Aurikelchen, Aurikelchen stehn auf meinem Beet, und sehn den blauen Himmel an, wo schon den ganzen Morgen die goldne Sonne steht. Aurikelchen, Aurikelchen, was kuckt ihr denn so sehr? Ihr seid ja selbst so gelb wie Gold, und habt ein hellrot Herzchen, was wollt ihr denn noch mehr! Puhstemuhme Krause, krause Muhme, alte Butterblume, Puhsterchen, nanu? wo hast du denn dein Hütchen, dein gelbes Federschütchen, worauf wartest du? Warte aufs Kindchen, auf ein lieb Mündchen, ich alte griese Trauerliese, puh, puh, puh. Ach bitte, puhst mich doch rasch in den Himmel hoch; tausend kleine Nackedeys spielen da im Gras, tausend kleine Nackedeys lachen sich da was! Das große Karussell Im Himmel ist ein Karussell, das dreht sich Tag und Nacht. Es dreht sich wie im Traum so schnell, wir sehn es nicht, es ist zu hell aus lauter Licht gemacht; still, mein Wildfang, gib Acht! Gib Acht, es dreht die Sterne, du, im ganzen Himmelsraum. Es dreht die Sterne ohne Ruh und macht Musik, Musik dazu, so fein, wir hören's kaum; wir hören's nur im Traum. Im Traum, da hören wir's von fern, von fern im Himmel hell. Drum träumt mein Wildfang gar so gern, wir drehn uns mit auf einem Stern; es geht uns nicht zu schnell, das große Karussell. Die Schaukel Auf meiner Schaukel in die Höh, was kann es Schöneres geben! So hoch, so weit: die ganze Chaussee und alle Häuser schweben. Weit über die Gärten hoch, juchhee, ich lasse mich fliegen, fliegen; und alles sieht man, Wald und See, ganz anders stehn und liegen. Hoch in die Höh! Wo ist mein Zeh? Im Himmel! ich glaube, ich falle! Das tut so tief, so süß dann weh, und die Bäume verbeugen sich alle. Und immer wieder in die Höh, und der Himmel kommt immer näher; und immer süßer tut es weh – der Himmel wird immer höher. Das richtige Pferd Von Paula und Richard Dehmel Wer schenkt mir ein lebendiges Pferd, mein Schaukelpferd ist garnichts wert, es hat so steife Beine; es stampft nicht, frißt nicht, wiehert nicht, und macht solch ledernes Gesicht, es weiß nicht, was ich meine. Wenn mir der Weihnachtsmann ein Pferd, ein wirklich richtiges Pferd beschert, dann reit ich über die Brücke, und reite durch den Kiefernforst nach Vehlefanz und Haselhorst, und noch fünf große Stücke. Dann bin ich mitten in der Welt; da such ich mir ein Haberfeld und lasse mein Pferdchen grasen. Und dann, dann reit ich ans Ende der Welt, wo der Riese den Regenbogen hält, und – schick euch 'ne Ansichtspostkarte. Die ganze Welt Wo hängt der größte Bilderbogen? Beim Kaufmann, Kinder! ungelogen! Man braucht blos draußen stehn zu bleiben, kuckt einfach durch die Ladenscheiben, da sieht man ohne alles Geld die ganze Welt. Man sieht die braunen Kaffeebohnen; die wachsen, wo die Affen wohnen. Man sieht auf Waschblau, Reis und Mandeln Kameele unter Palmen wandeln, und einen Ochsen ganz bepackt mit Fleischextrakt. Man sieht auch Zimmt und Apfelsinen, und Zuckerhüte zwischen ihnen. Man sieht auf rot lackierten Blechen Matrosen mit Chinesen sprechen; und manchmal steht ein bunter Mohr, der lacht, davor. Am Eingang aber lehnt 'ne Leiter mit Hasen, Hühnern und so weiter. Und manchmal hängt an ihren Sprossen ein großer Hirsch, ganz totgeschossen; dann kommt so'n kleiner Hundemann und schnuppert dran. Lazarus Nach R.L. Stevenson Ich bin der kleine Lazarus, der still zu Bette liegen muß; die Nacht ist immer schrecklich lang, ich bin schon sieben Tage krank. Ich weiß, im ganzen Hause gehn die großen Leute auf den Zehn; ich mach mir aber garnichts draus, ich packe still mein Spielzeug aus. Ich schicke mein Soldatenheer durch meine Kissen kreuz und quer, von Tal zu Tal, bergauf bergab, und manchmal kommt ein tiefes Grab. Und auf dem Laken weiß wie Schnee ziehn meine Schiffe über See; und um die Wellen geht ein Wall, da bau ich Burgen überall. Ich bin der Riese groß und still, der Alles tun kann, was er will, vom Bettberg bis zum Lakenstrand im Reich der weißen Leinewand. Der kleine Held Eine Dichtung für wohlgeratene Bengels und für Jedermann aus dem Volk Meinen Söhnen und Enkeln zugedacht. Bengels, daß ihr Kerls aus euch macht! Inhalt: Wie ein ganz armer Junge sich sagt, was er alles werden kann. Anfang »Du bist ein armer Junge« sagt Mutter oft und weint, wenn ich Herr Rittersmann spielen will. Aber Vater hat gemeint: »er ist ein kleiner Held!« Neulich nahm ich ganz einfach meinen Drachen mit als Schild, und dem reichen Kurt sein Schwesterchen hat mich geküßt wie wild: »du bist ein kleiner Held!« Ich ließ meinen Drachen steigen, dann ging es in die Schlacht; ich wollt meinen Schild blos zeigen , ich hab ihn selbst gemacht, ich bin ein kleiner Held! Ich will's schon machen, daß Mutter nicht mehr weint um mich. O! sie soll mal sehn und lachen, was ich alles werden kann, ich kleiner Held! – Ein Zimmermann Ich kann ein Zimmermann werden, darin zimmr'ich mir ein Haus; hoch überm höchsten Giebelbalken krönt meinen Richtfeststrauß – Achtung! – mein Meisterhut. Dann zimmr'ich noch viele Häuser; meine Richtschnur knippst und knappst, die Spähne schießen vor Angst Kobolz um meine blanke Axt, und hurr, wie knirscht meine Säge! Meine Säge knirscht mit den Zähnen: mir ist kein Holz zu hart, ich werd's schon kirre kriegen, wart nur, wart nur, wart! So knirscht meine große Säge. Fertig! Nun fix nach oben, wo der Wind mich kämmt und küßt; und mag er rütteln und toben, ich fall nicht vom Gerüst, ich bin ein kleiner Held! Ein Dachdecker Ich kann ein Dachdecker werden, denn ich bin schwindelfrei. Ich kletter bis auf den Kirchturmhahn, und die Dohlen und Krähn schrein: ei, was will der Herr denn hier? Der will die Kirchtürme flicken, es tut schon lange not! Die Glocken, wenn mein Fahrstuhl kommt, brummen: ßapperlot, da baumelt 'ne Himmelsleiter! Und unten kribbeln die Leutchen, und steigt kein Laut mir nach. Blos mein Freund, der Schornsteinfeger, ruft manchmal vom nächsten Dach: Komm, Bruder, es gibt ein Gewitter! Aber dann bleib ich lieber ruhig auf meinem Sitz und hör, wie der Donner losbrüllt: Bravo! Sieh, Bruder Blitz, das ist ein kleiner Held! Ein Feuerwehrmann Ich kann Feuerwehrmann werden; kaum daß die Brandflamme prasselt, kommt schon galopp mit Fackelgesprüh unser Wagen angerasselt, alle Mann wie auf Sprungfedern stehend. Wie mit Donner und Blitz um die Wette: unsre Fackeln sind Rettungszeichen! Meine Pfeife gellt: beiseit, beiseit! und alle Menschen weichen uns voll Ehrfurcht aus. Denn dort die glühenden Fenster – horch: durch den Qualm ein Schrei! Da wird nicht lange gefackelt mehr: rasch den Rauchhelm auf, die Spritzen in Reih, und mit Beil und Seil wird gerettet! Vielleicht ein schönes Mädchen; das wird dann meine Braut. Oder ein kleiner Betteljunge; der schießt dann wie ich ins Kraut und wird ein kleiner Held. Ein Schmied Ich kann Schmiedemeister werden; knuff! sagt mein Hammer und saust, dann springen die Funken vor Freude um meine rußige Faust bis an den Blasebalg. Herr Blasebalg, was stöhnst du? Nur zu! die Glut geschürt! Und laß die Schlacken nur spucken, wenn meine Zange drin rührt; gut Eisen will auf den Ambos! Dem soll ich den Rücken klopfen, dann lacht er und trällert ein Lied: Lieb Hammergeläut, lieb Hammergeläut, gut Eisen dankt dem Schmied, er klopft es hart zu Stahl. Drum streut's vor Freude Funken und hüpft bei jedem Streich; die Heuchler und Halunken, die klopft er windelweich, knuff, der kleine Held. Ein Maschinenbauer Ich kann Maschinbauer werden; da sträubt sich manchem das Haar. Das ist viel toller als Märchenspuk, da hausen wirklich wahr tausend Zauberkräfte. Die toben, wirbeln, krachen mit Kolben, Kurbeln, Gelenken, mit feuerschnaubenden Rachen, man muß an die Hölle denken, an die großen Tiere der Urzeit. Und sind viel stärker als Riesen; was können sie alles tun! Bergwerke bohren, Dampfschiffe treiben, Bahn brechen mit eisernen Schuhn; weh dem, der ihnen zu nah tritt! Schnurstracks reißt Schwungrad und Riemen die täppische Hand in Fetzen. Mit solchen Ungetümen auf guten Fuß sich setzen lernt nur ein kleiner Held. Ein Eisenbahner Ich kann Eisenbahn-Zugführer werden; nein, Lokomotivführer lieber! Dann bin ich kleiner Menschenknirps der größten Maschine über, die tausend Pferdekraft stark ist. Und tausend andre Menschen regiert Ein Griff meiner Hand, tagein tagaus, bei Nacht, bei Nebel, im Sturm von Land zu Land; Bahn frei! schreit meine Maschine. Bahn frei – was schreit da wider? im Dunkeln welch Gestampf? Woher, wohin? Vorwärts, zurück? Halt! bremsen! Gegendampf! jetzt gilt's, Mensch: Einer für Alle! Und fliegt der Kopf vom Kragen, so stirbt sich's ohne Grämen; dann braucht man sich doch wenigstens des Lebens nicht zu schämen! So denkt ein kleiner Held. Ein Weltreisender Ich kann Weltreisender werden, wo keine Eisenbahn geht: wo überm ewigen Eismeergrab die Nordlichtkrone steht, die Krone der ganzen Erde. Oder wo heiß die Wildnis nur Grüße Gottes haucht, und wo die liebe Seele keinen andern Wegweiser braucht als Sonne, Mond und Sterne. Und treff ich mal auf Menschen, die sind wohl nicht wie ich; ihr Gott, der heißt wohl Fitzebutze, ihr Häuptling Duckedich – hurra, das gibt einen Hauptspaß! Ich ducke sie noch ein bißchen tiefer zum Schabernack; und wollen sie's übel nehmen, dann los! habt Mut, ihr Pack! hier steht ein kleiner Held! Ein König Ich kann ein König werden; nicht etwa bei uns, i wo! Bei uns, da muß man Kronprinz heißen, dann wird man's sowieso. Ich werd bei den Negern König! Die fragen nicht nach dem Taufschein, wenn man nur orndtlich regiert. Erst zähm ich mir ein Dutzend Löwen, dann komm ich ankutschiert, acht Zebras vorgespannt: Was lauft ihr weg wie die Affen? Mein Reich ist vogelfrei! Wer stark ist, darf's erobern helfen; die Klugen sind stark für zwei! Kommt, Kinder, dankt euerm Herrgott! Ihr habt einen König und Priester, der braucht keinen Polsterthron, keinen Feldherrn, Hofherrn, Minister und sonstige Dienstperson; euch führt ein kleiner Held! Ein Tierbändiger Ich kann Tierbändiger werden, ich bin den Bestien gut; sie würden gerne Menschen sein, nur Qual ist ihre Wut, drum sind ihre Augen so traurig. So wie in Wahnsinn versunken, so gläsern manchmal, so stier. Aber man braucht sie blos zu lieben, das fühlen sie ganz wie wir und lernen Vernunft annehmen. Neulich am Raubtierkäfig bot ich dem Tiger die Hand. Er sah mich lange schnurrig an, bis er mein Herz verstand; dann ließ er sich ruhig tatzeln. Er gähnte wie im Cirkus und bog die Schwanzspitze sacht. Ich wette, den dürft ich karbatschen, er dächte: Du hast die Macht, du bist ein kleiner Held. Ein Kunstreiter Ich kann ein Kunstreiter werden, das kann nicht jedermann; nur wer bis in die Zehenspitzen sich selber bändigen kann, bis in die Turnschuhspitzen! Hei, wenn beim großen Luftsprung meine stolzen Pferde sich bücken! Die Herren Leutnants lächeln vor Neid, die Damen vor Entzücken; ich lächle immer mit. Ich lächle, ihr schönen Damen: Klatscht Beifall! still, Musik! freut euch, gleich kommt der Doppel-Luftsprung, vielleicht brech ich's Genick! ich werde auch dann noch lächeln. Dann kommt ihr angefahren mit Kränzen und Trauermärschen; ich aber lächle noch im Sarg, ich kann mich selbst beherrschen, ich bin ein kleiner Held. Ein Jägersmann Ich kann ein Jägersmann werden, ich hab eine sichre Hand; ich werde von der Schießbudenfrau immer »klein Tell« genannt. Ich hab auch kaltes Blut. Ich zucke nicht mit der Wimper, drück ich die Knallbüchse ab. Mir soll kein Wilddieb ins Handwerk pfuschen; ich bringe ihn auf den Trab, und wär er schlau wie ein Teckel. Ich würde wohl selber wildern, hätt ich kein eigen Revier. So aber, Kerl: Mann gegen Mann, ich schütze den Forst vor dir, das ist meine Pflicht, Halunke! Gewehr her! oder – gib Feuer! Auge in Auge! Laß sehn: piff paff, wen's trifft, dem wird noch sein ärgster Feind gestehn: da liegt ein kleiner Held. Ein Gärtner Ich kann ein Gärtnersmann werden, mit allen Pflanzen vertraut. Mir schadet keine Treibhausluft und auch kein giftiges Kraut; ich bin so zäh wie ein Buxbaum. Ich nutze die giftigen Kräuter, ich züchte Heilkräuter draus, mitunter auch Küchenkräuter; nur die Unkräuter reiß ich aus oder veredle sie. Und meine Baumschule, Leute, schmückt alle Landstraßen, seht! Jawohl, Herr Nachbar, es lohnt sich, wenn man noch mehr versteht als schöne Sträuße zu binden! Mein Garten wird nicht verschmachten, gefällt er manchem schlecht. Er kann euern Beifall verachten, und euer Schimpfen erst recht; ihn pflegt ein kleiner Held. Ein Ackersmann Ich kann ein Ackersmann werden; auch der muß tapfer sein. Mit Himmel und Erde muß er kämpfen, daß seine Felder gedeihn, ein Kriegsmann Schritt für Schritt. Um Haus, Hof, Heimat kämpft er, potz Hagel, Blitz und Brand! Mit Gleichmut ist sein Herz gepanzert, mit Schwielen seine Hand, hart wie das Korn, das er sät. Und will's daheim nicht fruchten, um Deutschland geht kein Zaun; noch manchen Urwald gibt's zu lichten, da kann man Blockhütten baun und neue Heimat schaffen. Vielleicht stößt doch das Heimweh langsam das Herz ihm ab? Dann aber rauschen die Ähren weithin um sein Grab: hier ruht ein kleiner Held. Ein Seemann Ich kann ein Seemann werden, Kapitän oder Steuermann. Den macht sein Steuerrad so stark, wie der Pflug den Ackersmann; kommt nur, ihr Wolken und Wellen! Der Wind pflügt tausend Furchen von einem zum andern Strand. Nur Eine Furche pflügt mein Schiff: die bricht unserm Vaterland nach allen Erdteilen Bahn. Ob noch so undurchdringlich ringsum der Nebel graut, daß selbst die Sonne durch den Dunst wie'n blindes Auge schaut: unser Kompaß kennt den Weg. Wenn wir die Flagge hissen, du fremde Hafenstadt, soll jeder Matrose wissen, der Ehre im Leibe hat: dir naht ein kleiner Held! Ein Lotse Ich kann auch Lotse werden; da, wo die Schiffbrüche drohn! Ich darf das Sturmboot kommandieren, wenn vor der Wachtstation plötzlich der Notschuß dröhnt. Los, Jungens! an die Riemen! Und in den schwarzen Braus sprüht der Raketen-Apparat Leuchtschnur auf Leuchtschnur aus; grell klafft die Nacht ums Wrack. Mit brüllenden Rachen schnappen die Sturzseen über Deck. Die Mannschaft reißt die Passagiere vom krachenden Mastbaum weg; der Gischt fegt ihn von Bord. Und in den bleichen Haufen prasselt mein Rettungstau; da kriegen auch die Feigsten Mut, und manche schwache Frau wird ein kleiner Held. Ein Taucher Ich kann ein Taucher werden, einsam auf Meeres Grund. Da könnt ihr Stürme nicht hinab; still wie in Todes Schlund tu' ich mein kühnes Werk. Lautlose Wirbel schauern über und unter mir; mit dunklen Fangarmen lauert heimtückisches Getier zwischen den grauen Riffen. Da muß ich die Schätze heben, die für die Menschen taugen; gespenstische Wesen schweben mit bunten Phosphoraugen um meine Glocke hin. Und hab ich sie gehoben, dann sperrt wohl noch ein Hai sein schiefes Maulwerk nach mir auf. Dem bringt's mein Fußtritt bei: hier schwebt ein kleiner Held! Ein Goldgräber Ich kann ein Goldgräber werden und des Erdgrunds Schätze schürfen. Mutter Erde spendet immer mehr, je mehr die Menschen bedürfen; mein Lehrer hat's gesagt. Wohl kostet's Schweiß in Strömen, den Bergschutt auszuschmelzen, oder tief aus unterirdischen Flüssen den Schlamm heraufzuwälzen, der die paar Goldkörner birgt. Aber endlich ist's ein Klumpen, blitzblendeblank gewaschen! Nun kann ich Vater, Mutter und Alle zum Geburtstag überraschen; auch den reichen Kurt! Mutter Erde soll sich wundern, wie meine Schatztaler springen: Hand auf! nehmt hin den Plunder, ich kann mir mehr erringen, ich bin ein kleiner Held! Ein Bergführer Ich kann ein Bergsteiger werden, der die andern alle führt. Pfade, wo nie ein Schritt erklang: wer hat sie aufgespürt? Das tat meine Herzenslust! Die treibt mich hin zu den Gipfeln, über Schnee, durch Wetterschlag, am Sturzbach hin, am Gletscherrand, hinauf! Nun klettert nach, ihr andern Wagehälse! Mir nach mit glühendem Herzen, hinauf ins freie Eis! Wer stürzt, den schmückt im Paradies die Blume Edelweiß! Kommt! jauchzend grüß ich euch. Aber am liebsten steh ich hoch oben ganz allein, mitten im stillen Himmelskreis, und höre die Adler schrein: grüß Gott, du kleiner Held! Ein Luftschiffer Ich kann ein Luftschiffer werden, immer höher schlägt mein Herz; da fliehn die Flüsse unter mir wie dünne Adern Erz, meine Gondel steigt und steigt. Die Luft wird immer reiner; das wirre Erdgewühl wird alles klein und kleiner, wird alles wie ein Spiel. Ich gleite drüber hin. Hin, wo die Wolken schweigen; kaum noch ein Berghaupt blinkt. Ich fühle mich nicht mehr steigen, nur die Erde sinkt und sinkt; mir träumt ein Schaukellied. Ich schwebe nur und schwebe, in die blaue Welt hinein. Wer weiß wohin – ade, ade – der Himmel wiegt mich ein: fahr wohl, du kleiner Held. Ein Dichter Ich kann ein Dichtersmann werden, ich weiß schon, was das heißt; das ist ein Mensch auf Erden mit einem himmlischen Geist, und der auf Leben und Tod pfeift. Er pfeift: mir lacht das Leben, weil ich unsterblich bin! Er pfeift: ich lache aufs Sterben, mir lebt ein Lied im Sinn, das geht so weit wie die Welt! So einen Dichter kenn ich; er streicht mir manchmal die Stirn, und wie ein Fernrohr rührt sein Blick hell an mein Gehirn, dann seh ich den Himmel offen. Da tanzen die Sterne und singen: »Nur wen wir auserwählt, dem kann das Lied gelingen! Wird er's wohl fertig bringen, unser kleiner Held?« Ein Engel Ich kann ein Engel werden, wenn ich gestorben bin. Dann jagt wohl mit Wolkenpferden, die wir nicht sehn auf Erden, meine Kraft durchs Luftmeer hin. Meine Flügel sind wohl die Stürme, der Blitzstrahl wohl mein Pfad. Ich weiß es nicht, ich leuchte nur; mich treibt ein Geist zur Tat, der braucht wohl meine Kraft. Ich leuchte in tausend Gestalten, vielleicht wo die Sonne loht, vielleicht wo Sterne erkalten, die bleich noch Nachtwache halten, vielleicht im Morgenrot. Da darf ich überall wirken, und bin doch vor dem Geist, der mich und all die andern Engel zu Seinem Werk hinreißt, nur ein kleiner Held. Schluß Ich kann noch manch andres werden, solang ich kein Engel bin. Aber immer trag ich armer Junge die eine Frage im Sinn: was wirst du auf jeden Fall? Und trage in meinem Herzen manch eines Mannes Bild, der so beherzt war, daß er uns als großer Held nun gilt: Wilhelm Tell, König Fritz, der Herr Jesus. Dazu gehört nicht Reichtum noch lange Lebensfrist. Mir hat mein Dichtersmann gesagt: jedes Kind auf Erden ist ein kleiner Welterobrer. Das will ich an jeder Stelle sein, so sehr ich kann. Dann werd'ich auf alle Fälle ein ganzer Mann – und dann vielleicht ein ganzer Held.