Michael Denis Gedichte An Gott Gleich dem geflügelten Heere der Sänger am ewigen Sitze Deines Reiches, Allweiser, Allmächtiger, Hoher, Erbarmer, Vater der Menschen! ergreif' ich mein Spiel, und wage mein volles, Schwellendes Herz in's laute Frohlocken der Saiten zu gießen, Wage dein Lob. Doch kann sich, o Schaffer unzähliger Welten! Kann am Staube von einer der Welten ein Würmchen sich aufthun, Sagen: ich wage sein Lob? Dein Lob ist Erkennen und Danken. Ja, dieß kann es! Erkennen und Danken. Du hast mich erschaffen, Hast mich erhalten, ernährt, noch ehe die Seele dich kannte, Ehe die Zunge des Kindes den holden, vertraulichen Namen: Himmlischer Vater! zu bilden vermochte. Du hast mir Erzeuger, Welche dich liebten, gegeben. Sie lehrten mich frühe dich lieben. Treuer Vergelter! Du hast sie gerufen! O ströme die Fülle Deiner Vergeltungen über sie beide! Nicht immer – ich kann es, Seher der Herzen! nicht bergen vor dir – nicht immer verfolgt' ich, Den sie mir wiesen, den Pfad, ein weicher, fühlender Jüngling! Wende den richtenden Blick von Stunden der Irre des weichen, Fühlenden Jünglinges ab! Du weißt es, Erbarmer! in Thränen Kam er doch immer zurücke zu dir, und Liebe zur Tugend, Liebe zur Weisheit, die niemal erlosch, entflammten ihm endlich Siegend ein weicheres Herz. Nun hab' ich ein halbes Jahrhundert Deiner Gnaden genossen, in trüben und helleren Tagen Deiner Leitung am Arme gefolgt. Oft wähnt ich, es hüben Berge vor mir sich empor; die kehrte dein Finger in Ebnen. Klein ist die Reihe der trüberen Tage, verglichen mit hellen, Die du mir gabst. Ich suchte die Liebe zur Tugend und Weisheit Jünglingen hoher Geburt im Busen zu wecken, und mancher, Glücklich dadurch, macht andere glücklich. Ich führte den alten Geist des Liedes, und manches Erkenntniß ans Ufer der Donau Wieder zurücke. Mein Fleiß fand Huld und Beifall im Auge Meiner Fürsten. Mich ehret mein Volk. Mich lieben, in Deutschlands Weite Gebiete verstreut, sehr viele der Weisen. Wer gab mir Dieses zu thun, zu verdienen die Kraft? Wer gab mir den Willen, Gütiger Leiter! als du? Dir dank' ich die Liebe zur Arbeit, Dank' ich ein stilles, genügsames Herz, das Würden nicht reizen, Die es nicht selber sich gibt, das Ehrenzeichen nicht reizen, Die nicht stets der Verdientere trägt. Dir dank' ich die Liebe Meines Geschlechts und aller Geschöpfe, die Liebe zur Eintracht, Und das erhöhte Gefühl von jedem wahren Verdienste, Fänd' ich auch dieses Verdienst am niedrigsten Hüttenbewohner. Herr! dieß dank' ich dir alles, und jede geheimere Fügung Deiner Vorsicht mit mir, ein Dunkel dem Waller im Staube; Aber am Ziel' einst hellester Ausblick in's ewige Leben. Herr! was kann ich? Vergelten? O nein! Erkennen und Danken! Siehe des Geistes Erkenntniß, und höre das Opfer des Dankes, Welches von betenden Lippen herunter in's Harfenspiel einströmt. Leite den Betenden fort! Ich habe die längere Strecke Meines Weges zurückgeleget, und nahe dem Ziele. Ist es erreicht, entstrebet die Seele der irdischen Hülle, Die du zur treuen Gefährtinn ihr gabst, dann, Vater! eröffne Deiner Erbarmungen Schooß, und kröne die Fülle der Gnaden, Die du von meinem Entstehn so zahllos über mich ausgoßst, Mit der letzten, der größten, dem seligen, ewigen Anschaun! Sineds Morgenlied Harfe! steig nieder. Der Tag erwachet. Sein Aug Blicket aus Osten auf dich. Hörst du der Schwalbe Geschäft? Sie lobet schon lang' Oben am Giebel das Licht. Hörst du den Morgenhauch In dem Gezweig' umher? Harfe! steig nieder zu mir, begleite mein Lied! Rein ist das Obergewölb der Schöpfung und blau, Kühl ist der Odem der Luft. Dünn ist der Schleier von Duft, der über der Flur Trächtigem Busen sich dehnt. Bunt ist der frische Thau, Der durch den Schleier blitzt. Hold ist der Morgen, und hold auch, Barde! für dich. Als dich noch gestern zu Nacht dein Lager umfing, Warst du des Morgens gewiß? Konnte dein Leben nicht gleich der Rose verblüh'n, Die sich nun nimmer erneut? Aber Allvaters Huld Läßt dich auch heute noch Trinken vom Strome der Lust, der alles berauscht. Höre die Barden der Luft! 1 Der niedrige Busch, Und der hochragende Wald, Aecker und Ufer und Sumpf, und Hütten und Stadt Senden ihr Danklied empor. Höre der Heerden Dank, Der sich aus wäßrigen Thälern, von grasiger Trift, vom Hügel erhebt. Höre den Pflüger. Dem Mund entströmet ein Lied, So wie der Saamen der Hand. Höre den Hirten. Sein Rohr bläst Freuden in's Land. Höre den Winzer. Er singt. Höre des Hornes Schall, Welches der Waidmann weckt. Höre den Morgengesang der Söhne der Schlacht! Geber des Morgens! auch ich, ich menge mein Lied In die erwachte Natur, Ich dein geringstes Geschöpf! So thaut ein Gewölk Einen der Tropfen in's Meer. Höre den frühen Dank, Den dir mein Harfenspiel, Den dir der lodernde Geist des Barden empört. 2 Dein sind die Wunder, womit der Morgen sich schmückt, Mittag und Abend sich schmückt. Dein ist der Tag und die Nacht. Du winktest: Sie geh'n. Winkest einst wieder: Sie steh'n. O so verschmäh' es nicht, Wenn dir dein Sänger weiht, Was er aus Gnade von dir, Allvater! geneußt. Dein sey der heutige Tag. Dein wachendes Aug, Das mir den Busen durchschaut, Sehe kein steigend Gewölk von niedriger Lust, Keines von schnöder Begier. Ueber sein still Gesicht Schwelle kein brausender Hochmuth, und kreuze kein Blitz des Zornes vor dir! Dein sey mein Denken, und dein sey jeglicher Trieb, Der mir im Herzen erwacht. Reift der Gedanke, der Trieb zur Stimme, zur That. Dein sey die Stimme, die That. Du hast den Baum gepflanzt, Wären die Früchte nun, Die er, gepflogen von dir, erzeuget, nicht dein? Laß ihn auch schatten den Baum, gepflanzet von dir, Schatten, gepflogen von dir; Daß ihn der Wandrer und Hirt erkiese zu ruh'n, Wenn sich der Mittag entflammt. Gib mir die seligste Wollust auch heut, wie du, Meinem Geschlechte zu Rath und Hilfe zu seyn! Säß' ich auch denkend, und schwöll' ein rühmliches Lied Hoch mir im Busen, und itzt Führ' ich zur Harfe, da trät' ein Jüngling zu mir Lehrbedürftig heran; Laß mich den Durst nach Ruhm, Welcher im Liede wohnt, Dämpfen, ein Leiter und Aug der Jugend zu seyn. Strecke den schirmenden Arm, Allvater! auch heut Ueber die Mutter des Volks, Ueber Theresien aus. Sie sehe der Tag Wieder dir gleicher durch Huld. Ueber den Heldenfreund Joseph erhelle sich, So wie der Morgen, der Ruhm im Erbe von Teut. Lenke die Männer des Raths, Allweiser! auch heut, Lenke die Männer des Rechts, Lenke die Lehrer des Volks, daß keinen sein Herz Einstens verklage vor dir. Trockne der leidenden Unschuld die Thränen heut. Höre die Stimme der Noth, Erbarmer! und hilf! Also beginn' ich den Tag, Allvater! vor dir! Ist es mein letzter, wohlan! Nimm ihn den betenden Geist. Du schufst ihn. Und nimm, Erde! du gabst ihn, den Leib. Aber ergötzet mich Nochmal ein Abendroth, O dann erhebt sich mein Dank auf Schwingen des Wests. Fußnoten 1 Die Vögel. 2 d.h. emporsendet. Sineds Abendlied O fahre wohl in deinem milden Westen, Erleuchterinn der Welt! Es trinkt den letzten Segen deiner Strahlen Ein weiter Wolkenkreis, Und feiert deinen Abzug In rothem Widerscheine, Der Berg und Wald erfreut. Es feiert deinen Abzug holdes Säuseln Der kühlen Abendluft. Ihn feiert farbenwechselnd auf den Fluren Der helle Blumenschweiß. 1 Ihn feiern in den Wipfeln Der Federsänger Kehlen. Ihn feiert mein Geschlecht. Auch ich, ich feire, lange die Gefährtinn Der Lieder von der Wand, Und kränze mich, und setze mich in's Helle Der Abendgegend hin. Hier soll mein Dank erklingen, Indeß der Schatten Bote 2 Auf meine Scheitel blinkt. Ein Tag von meinen Tagen ist hinüber Zu seiner Brüder Zahl, Die nimmer kommen, rief auch selbst Allvater Sie wiederum zurück'. Er spricht zu seinen Brüdern: Der Barde war zufrieden Mit euch, und ist's mit mir. Ja, Vater! der du deinen Erdekindern Gezählte Tage gibst, Dein Sänger ist zufrieden mit dem Tage, Der nun in Westen scheid't. Zwar eine trübe Stunde – Doch nein, er wird nicht klagen! Die Stunde kam von dir. Er ist zufrieden; aber, Herzenprüfer! Bist du es auch mit ihm? Beleidigte sein Denken, Sprechen, Handeln Dein reines Auge nicht? Von seinen Mitgeschöpfen Steht keines auf und zeuget: Er hat mich heut betrübt? Du weißt es! Ach, mein Auge weilt am Boden! Mein Kranz entsinket mir. Die Saiten wimmern kläglich um Vergeben, Vergeben fleht mein Mund. Du siehst in meinem Busen Den heißen Pfeil der Reue. Du siehst, und du vergibst! So sollen meiner Harfe laute Feier, Und meiner Lippen Preis Den Sternen und dem Silberhorne schallen, Das dort in Süden glänzt. Dir, Geber dieses Tages! Der itzt in Westen auslosch, Dir singt dein Barde Dank. Dank für den Schatten, der von deinem Schilde Sich über mich ergoß. Ich wohnte sicher. Jedes feindliche Beginnen Ging seinen Weg vorbei. Nun winket mir die Ruhe Nach langer Tagesarbeit. O nimm den Schild nicht weg! Indeß, daß alles Leben von dem Schlummer Tief überströmet liegt, Nur Eule, Frosch und Nachtigall und Grille, Wie du sie lehrtest, singt, Indessen soll zum Haupte Von deines Barden Lager Dein wacher Bote steh'n. Er schrecke jedes Unheil weit zurücke, Das arg im Finstern schleicht, Und lasse mich das Bild geliebter Todten, Und durch ein ahnend Grau Den Lohn der wahren Tugend, Und deine Wonnefluren In frommen Träumen seh'n. Auch um das Lager, wo mit meiner Fürstinn Das Heil der Völker ruht, Allvater! pflanze sich in wachen Kreisen Dein flammend Botenheer! Auch um das Lager, welches Den Heldengeist von Joseph Erneuert, pflanz' es sich! Die Laster, die in ihren Höhlen lauschen, Bis sich die Nacht verdickt, Und dann auf sichre Menschen fallen, wähnend, Daß sie dein Aug nicht sieht, Die lehre, daß kein Dunkel Vor deinem Blicke decke, Die strahle du zurück! So laß' ich mich vor dir dem Schlummer über. Erwach' ich nimmer hier, Dann wecke dort den Geist von dir geschaffen, Wo keine Nacht mehr schwärzt. Doch soll die Morgenlerche Mein Ohr noch einmal hören, Dann lob' ich dich mit ihr. Fußnoten 1 Der Thau. 2 Der Abendstern. Sined und der Tag seiner Geburt 1 Erwache, Freund der Vorzeit! Sined, auf! Der Mittag deines Lebens ist vorbei. Sieh mir in's Antlitz! Ich erscheine dir Nicht mehr so oft, als ich erschienen bin. Wer flüstert mir in meine Träume? Graut Der Morgen? – Ha, du bist's, du kehrest, Tag! Mein erster Tag, als auf Allvaters Wink Durch mich die Zahl der Erdekinder wuchs! Sey mir willkommen! Früher Harfenklang, Und warmer Herzenausbruch feire dich, Da noch kein Liederzeuge mich umsteht. Sey mir gegrüßet, o Tag! an welchem ein zärtlicher Vater In die gefälligen Arme mich nahm, Einer erwartenden Mutter das erstemal reichte, die freudig Ueber dem Sohne der Wehen vergaß, Freudig den eigenen Busen mir bot. Ich konnt' ihr nicht danken; Aber als itzo mein keimender Geist Seine Geschäfte begann, mein Aug' mit Seele sich umsah, Lispel der Liebe mir sprachen in's Herz, Tag! du weißt es, wie sehr ich sie liebte! So oft ich von ihr ging, Weisheit zu suchen, so sah mich die Nacht, Sah mich der Morgen in Thränen; und dennoch liebt' ich die Weisheit Mehr, als der Jüngling das Lächeln der Braut. Aber als itzo vom Himmel das Loos, in weiser Druiden Schooße mein Leben zu leben, mir fiel, Als ich die Heimath verließ, die Donau den Rücken mir anbot, Stand sie, die Zärtliche, die mich gebar, Weinend am Ufer, und gab mit wehendem Schleier der Liebe Zeichen dem Sohne, bis endlich der Strom Ihren Geliebten vertrug. Ich habe sie nimmer gesehen. Lange schon decken ihr frommes Gebein Herbstliche Blumen; allein in Sineds Seele gegraben Lebet verehret ihr ewiges Bild. Den auch, der mich erzeugte, den hab' ich nimmer gesehen. Lange schon hub sich sein Hügel empor. Ach mein Vater! Du erster, der Liederkenntniß mich lehrte! Ach noch erblick' ich die Stunde vor mir, Da du dem Knaben vom ewigen Liede des Römers erzähltest, Welcher die Künste der Bienen besang. Thiere, die waren mir immer so lieb. O gib mir den Sänger, Vater! ich will ihn, ich muß ihn versteh'n! Also begann ich. Noch herrschten die Lieder der Fremden. In Erde Schlief noch mit Helden der Bardengesang. Vysen schollen noch nicht die nordischen Fluthen herüber, Hermann durchtönte den Eichenhain nicht. Ach mein Vater! du redlicher, weiser und warmer Gesangfreund! Hättest du Lieder von Selma gehört, Hättest du Sined geseh'n im Kreise der Barden, dein Antlitz Hätte vor inniger Wonne geglänzt! – Aber hängst du denn nicht am Arme von deiner Geliebten Jetzo den thauenden Himmel herab? Hörst du mich nicht? – Ihr höret mich, Aeltern! Allvater der mißt euch, Wie ihr einst masset, hier oben zurück. Liebe zu seinen Geboten, und Sorge für Kinder, und stilles Dulden, und Hände, dem Darber gestreckt, Warfen ein helles Gewand um euere Schulter, und wanden Eueren Schläfen den ewigen Kranz. Blickt ihr noch lange zu Sined herab, und soll er in eurer Frohen Gesellschaft noch lange nicht seyn? Oder erscheinet der Tag, an dem ihr mich einstens umarmtet, Den ich heut feire, das letztemal mir? – Wie es Allvater gebeut! Ich will nicht forschen. Er wird es, Wie er es anfing, vollenden mit mir, Gnädig vollenden! Mein Abschied von hier ist lange gesungen, Lange den Freunden des Liedes bekannt. 2 Fußnoten 1 Gesungen 1775 den 27. Herbstmonat. 2 Sieh am Ende : Abschied von der sichtbaren Welt. Sineds Vaterlandslieder Erstes Lied 1 Eiche! dich wähl' ich mir itzt vor allen des Hains Wider den hitzigen Strahl. Waldig erhebt sich dein Haupt, und herrschet in Luft Ueber die Schwestern umher. Weich ist mein Lager auf Moos, beschattet von dir, Liedererweckend der Hauch, Welcher dein heiliges Laub durchzittert, und itzt Leis' in der Harfe mir seufzt. Eiche! du wirst mir ein Bild; Mein väterlich Land Steht es nicht, Eiche! wie du? Eiche! dich seh' ich nicht mehr. Mein väterlich Land, Dieses nur seh' ich allein. Sey mir gegrüßt – o rauscht, ihr Saiten! darein, Daß es in Tiefen des Hains Staunend der Jäger vernimmt, am Rande des Hains Staunend der Wandrer vernimmt! – Sey mir gegrüßet, o du! wo find' ich für dich Namen, mein väterlich Land! Mächtig erhebst du dein Haupt, und herrschest in Luft Ueber die Schwestern umher. Segen entströmet der Hand der Gottheit auf dich Jeglichen Monden herab. Flächen bedecket dir Frucht des Lebens, von Vieh Blöcken dir Thäler sich zu. Sonnen die kochen den Trank der Fröhlichkeit dir Hügel und Hügel hinan. Wälder durcheilet der Fuß, der Flügel des Wilds, Flüße das Schüppengewühl. Groß ist der Name, der Ruhm der Kinder von Teut, Wo sich der Tagstrahl empört. Groß ist der Name, der Ruhm der Kinder von Teut, Wo sich der Tagstrahl entzeucht. Blick' ich die Vorzeit hinan, ein leuchtender Pfad Schweift in's Unendliche fort, Menschengebieter darauf, und Helden darauf, Alle sie Kinder von Teut; Alle sie Fäuste des Tods, und Herzen von Stahl, Wenn sich ein Schlachtruf erhub; Lagen die stolzen, und sprach die Freiheit: Genug! Alle sie milde, wie West; Alle sie mäßig und klug, verschwiegen, gerecht, Freunde des Bardengesangs; Feinde des heuchelnden Trugs, der weichlichen Pracht, Und der entmannenden Lust. Dieß war, o Deutschland! das Erb' der Kinder von dir Alter und Alter heran. Bleibt es nicht etwa das Erb' der Kinder von dir Alter und Alter hinan? Heftet nicht Joseph auf dich sein Adleraug'? Ha! Schattet sein Flügel dir nicht? Wachet nicht Friedrich der Mann der Schlachten für dich? Ha, wo sind Herrscher, wie die! Ha, wo sind Mütter, wie die, die Joseph gebar, Brüder, wie Joseph gebar, Thätig, wie Männer, dein Stolz, o Frauengeschlecht! Deiner, mein väterlich Land! Fremde! wo seyd ihr? Wer steht im Sturme der Schlacht Wider die Söhne von Teut? Wenn mit vereinigter Kraft ihr eiserner Schwall Felder verschlinget, wer steht? Deiner Druiden Verstand, vom Himmel geschärft, Dringet den Wesen in's Mark, Lehret nicht Wörter, nicht Tand, nicht Künste der Lust, Lehret nur Wahrheit und Pflicht. Würdig des heiligen Laubs, vom Himmel bestrahlt, Reißt sich dein Bardenvolk auf, Fällt in die Saiten, und singt dem Herzen, das Herz Strömt in Empfindungen aus. Heil mir – o rauschet darein, ihr Saiten! darein, Daß es in Tiefen des Hains Staunend der Jäger vernimmt, am Rande des Hains Staunend der Wandrer vernimmt! – Heil mir! auch ich bin von dir, o Deutschland! ein Sohn, Eines der Kinder des Lieds! Wenn sich der Tagstrahl empört, der Tagstrahl entzeucht, Dank' ich dem Himmel dafür. Weich ist mein Lager auf Moos, beschattet von dir. Vaterland! bin ich es werth? Muß dir von Liebe mein Herz nicht glühen, dein Ruhm Wunsch und Vergnügen mir seyn! Muß ich nicht denken, wie du, groß, edel und frei! Muß ich nicht handeln, wie du, Billig und redlich und treu! nicht eifern, wenn Stolz Sitten und Sprache verhöhnt! Wär' es doch immer nur Stolz der Fremden! Allein, Vaterland! hast du nicht auch Manchen entarteten Sohn, der schamlos an dir Sitten und Sprache verhöhnt? Kenntest du, was du verhöhnst, unwürdiger Sohn! Ha, du verhöhntest es nicht; Aber dir hat dein Gefühl, dein Heldengefühl Einer der Fremden erstickt; Hat dir zu weibischer Zier dein Auge verwöhnt, Hat dir erweichet dein Ohr, Hat dir die Zunge gelähmt, ach ewig dein Herz Deinem Geschlechte geraubt! – Aber sie werden mir schlaff die Saiten, mein Griff Glitschet mir lautlos herab. Ist es des sinkenden Tags erfrischender Thau? Ist es mein inniger Gram? Fußnoten 1 Der Barde rühmt de Vorzüge seines Vaterlandes. Zweites Lied 1 Lange, schon lange kenn' ich euch, Sänger Fremder Geschlechter, fernerer Himmel! Aber ich Hainbewohner, ich Nordensohn Bild' euch meine Gesänge nicht nach. Kannten euch einstens unsere Väter? Dennoch ertönten Bardengesänge. Fürsten, Druiden, und Mädchen und Jünglinge Gaben Bardengesängen ihr Herz. Reizet uns nicht der Tugenden Hoheit? Fühlen wir nicht die Wonne der Wehmuth? Fachet uns Liebe des Vaterlands, Heldentod, Freundschaft, Schönheit und Ruhmgier nicht an? Herrschet nicht oben mächtig Allvater? Wohnen nicht oben Geister der Ahnen? Lachet kein Frühling, kein Morgen und Abend uns? Kreist bei'm Mahle kein schäumendes Horn? Müßt ihr uns, Sänger fremder Geschlechter, Fernerer Himmel! müßt ihr uns zeigen, Wie sich des Tages hellflammendes Riesenaug' Rastlos blauliche Fernen durchwälzt? Müßt ihr uns zeigen wandelnde Monde, Schwellende Wogen, kreuzende Blitze, Zeigen im Winde das wiegende Blumenhaupt? Oder können wir selber es sehn? Fliegt nur in eurem Liede der Adler? Sproßt nur in eurem Liede der Schatten? Kann sich im Farbengemische der jungen Flur Sined's Auge nicht selber erfreu'n? Schwillt nun in seinem Busen Gesang auf, Soll er von euch die Weisen erborgen? Höret er lispelnden Quellen den Schlummerton, Tannenwipfeln die Seufzer nicht ab? Lehret ihn nicht das Rollen des Donners? Lehret ihn nicht das Brausen der Fluthen? Lauscht er im Haine der Drossel und Amsel nicht, Nachtigallen in Hecken nicht auf? Soll er vor Manas Enkeln in Liedern Euren verbuhlten Donnerer nennen, Nennen die fluthengeborne Bethörerinn, 2 Und ihr böses geflügeltes Kind? Soll er von Heldenjugend umgeben Euren bestrickten Kriegesgott singen, Singen ein trunkenes rasendes Weiberheer Mit dem schläfrigen Geber des Weins? Unseren Hain durchhüpfet kein Bockmensch. Unsere Quellen bergen kein Mädchen. Keines verwiesen die Barden in Bäume noch Menschenfeindlich mit Rinde bedeckt. Menschen aus Steinen, Blumen aus Knaben, Goldene Zeiten, Widder und Aepfel, Drachen, und eiserne Vögel und Schlangenhaar Machen deutsche Gesänge nicht heiß. Namen von euren Sternen und Winden, Euren Gebirgen, Strömen und Auen Tönen zu weichlich in's nordische Saitenspiel, Regen Seelen der Helden nicht auf. Lehrt ihr nicht oft auch Sittenverderbniß, Künste der Lust in euren Gesängen? Sollten Gesänge nicht Tugenden heilig seyn? Ha! da lehren euch Barden nicht nach! Reift mir Gesang im Busen, ich rufe Keine neun Schwestern nieder vom Berge. Quellen umlauten mich, feuchten die Kehle mir: Brauch' ich einen geflügelten Huf? Heldensohn! du mit blaulichen Augen! Schneide mir diesen Schößling der Eiche, Kränze mir Scheitel und Harfenspiel, Heldensohn! Lorbeer stammt nicht im Erbe von Teut. Fußnoten 1 Der Dichter eifert gegen sclavische Nachahmung der Griechen und Römer, und gegen den Gebrauch ihrer Mythologie. 2 Die Venus. Sineds Träume Erster Traum Tochter des schönsten Rosenstockes! Einsam Stehst du noch immer. Deine Schwestern alle Glänzen und duften lange schon um edler Jünglinge Scheitel. Wandelt der Sohn des Liedes dich vorüber Unter dem Abendwinde, dann umwallt ihn Deines Geruches süße Fluth. Er seufzet: Immer noch einsam! Aber um dich her schrecken unversöhnte Dörner, um dich her windet sich ein hoher Dreimal geflochtner Zaun, und gönnt dem Auge Kaum dich zu sehen. Blick' ich durch seine Klüfte, dann entdeck' ich, Holde! dein Streben. Hielte dich dein Stengel Minder, du trotztest deiner Hürde, flögest Feurig herüber. Freudig erhübe deinen Flug der Barde. Freudig erklängen seine Feiersaiten: Heil dem beglückten Erdesohn', in dessen Hände du sänkest. Wonnevoll hüpften Fluren dir entgegen, Trunken von Hoffnung, sich mit Erben deiner Farbe zu kleiden, sich mit Erben deiner Düfte zu kleiden. Tochter des schönsten Rosenstockes! Aengstig Ist mir um dich die Seele. Deine milden Sonnen verblinken, und die Morgen hauchen Kälter, und Reif dräut. Fällt er, und welken deine Blätter, o dann Bleibet dir noch ein Trost beschieden. Einstens Sieht dich mein Aug' in seligern Gefilden Herrlicher aufblüh'n. Zweiter Traum Holder Sänger der Nacht! Schön ist im bebenden Mondenschimmer dein Lied, wenn der gelinde West Sich im sprossenden Wipfel Kühler Maiengebüsche wiegt, Wenn die Gegend umher duftender Knospendrang Still durchathmet, und nur, nur der entfesselte Fernher lispelnde Waldquell Deiner Kehle Begleiter ist. Schön ist, Sänger! dein Lied. Aber wer horchet ihm? Buchen ragen um dich, ragen, und horchen nicht. Hügel steigen um dich her, Triften liegen, und horchen nicht. Taub ist alles und todt. Ungehört, unbelohnt Strömt dein heller Gesang dennoch die Nächte durch, Federbarde, Verschwender Deiner göttlichen Liederkraft! Auf, und hasse den Hain ohne Gefühl und Dank! Auf, und lenke den Flug milderen Gegenden, Und verdienteren Zeugen Deiner reizenden Künste zu! Wo manch dürstendes Ohr, Sänger! dich ganz versteh't; Wo manch fühlendes Herz deinem Geseufze schmilzt, Und vom zärtlichen Auge Deinen Klagen entgegenthau't. Oder liebst du den Hain ohne Gefühl und Dank, Willst du bleiben, so schweig', schwelge dich satt und fett An dem Sommergewürme, Buhl' und schnäble die Tage durch, Und durchschlumm're die Nacht an der gefälligsten Freundinn Seite! Warum folgtest du, Sänger! nicht Andern Vögeln des öden Haines ohne Gefühl und Dank? – Doch du bleibest und ström'st deine Gesänge fort, Hör'st mein Warnen nicht an. Ha, ich verstehe dich! Zeugen sind dir entbehrlich, Federbarde! Du sing'st für dich. O so singe denn fort, sicher der Göttlichkeit Deiner Klänge! Geneuß einsam, geneuß dich selbst, Bis mit klügeren Sängern Dich dein Winter verstummen heißt! Sineds Klagen Erste Klage 1 Schauerndes Lüftchen! woher? Trüb ist der Tag. In dem entblätterten Haine Weder Kehle noch Fittig. Kein Schwan berudert den Teich. Voll der Winterbilder sitz' ich einsam Auf mein Saitenspiel gelehnet, Da kömmst du, Lüftchen! schwirrest mir So kläglich, so kläglich die Saiten hindurch. Ist es nicht Hauch des Grabes? Ist es nicht Sterbeton? Hat uns ein Held, ein Barde verlassen? Schauerndes Lüftchen! woher? Von dem Gestade der düsteren Pleiße Komm' ich, o Barde! zu dir. Dort hab' ich geflattert Um Gellerts Grab. In Blumen konnt' ich nicht seufzen; Noch öde steht, bis ihn der Lenz Mit Blumen deckt, des Grabes Hügel. Ich hab' in blätterlosen Sträuchern Umher geseufz't. Lüftchen, genug! Kein stürmender Nord Soll dich verschlingen, zärtlicher Trauerbot'! Und ihr hinab, Saiten! hinab Zur dumpfen, grabetiefen Todesklage! Er ist hin, euer Lehrer, Kinder Teuts! Er ist hin, euer Führer, Bardenchöre! Er ist hin, dein Verkünder, Tugend! Deine Freude, Jüngling! Mädchen! deine Lust. In der Pleiße Rauschen Quollen seine Lieder. Ach, die Pleiße rauschet; Aber nimmer, nimmer Quillt von ihm ein Lied darein! Seufzet, Ufer! Blumen an den Ufern Erlenschatten an den Ufern! Nimmer, nimmer quillt von ihm ein Lied darein! Vom Tannenberge wälzet sich manch' trüber Gießbach 2 Und nun entspringt am Fuße des Berges Ein laut'rer, himmelheller Quell. Schnell hüpfen die Kinder des Waldes Vom trüben Gießbach', und trinken den Quell: So zogst du die dürstenden Völker an dich. – Die Bienenköniginn sammelt ihr zahllos Heer, Und führt es auf Wiesen voll Frühling's, Und jede vom Heere Kömmt honigträchtig zurück: So setztest du den Söhnen Teuts Die Süße deines Herzens in Bardenlehren vor! Und dieses Herz durchgrub des Todes Stachel! Trauert, ihr Völker! trauert, ihr Söhne Teuts! Der Quell ist versiegt! der Frühling erstorben! Ein Jüngling war ich, und jeglicher Trieb Zur vaterländischen Bardenkunst Lag noch in meiner Brust in zweifelndem Schlummer. Ich hörte dein Lied, und jeglicher Trieb Entriß sich dem zweifelnden Schlummer 3 Und horchet mir itzo mein Vaterland, Und thuen mir ältere Barden Ihr freundliches Herz auf, Und schändet meine Scheitel Den heiligen Eichenzweig nicht, Dir bin ich es schuldig. O nimm, was ich vermag, Ein Lied und Thränen! – Aber hinauf, Saiten, hinauf Zur hellen, himmelhohen Zukunft! Mein Auge durchstrahlet das Wintergewölk', Erblicket ihn, den satten Lebensgast, Unter den Barden der Vorwelt. Ein großes Erstehen Von allen Wolkensitzen Dem Lehrer der Tugend, Dem Sittenverbess'rer, Dem Feßler der Herzen, Dem holden, menschenfreundlichen Weisen. Wie dünnere Frühlingsnebel Von der gebärenden Flur, So schwindet die zärtliche Schwermuth Von dem Gesichte des Barden. Aus den Umarmungen ewiger Sänger (Ach nicht ewig für uns! Die neidische Zeit Entriß uns ihre Sitten, ihr Lied, Ihr Lied in freien Eichenhainen, Ihr Lied im Mahle tapfrer Fürsten, Ihr Lied im lauten Schlachtgetümmel Unter bemaleten Schilden Hervorgebraust!) 4 Aus den Umarmungen dieser Sänger Blicket er lächelnd herab Auf sein geliebtes, erdewallendes Geschlecht, Und sieh't sich von Enkel zu Enkel In seinen Gesängen hinwieder geliebt, verewigt; Und höret die Kinder der Fremden Am Rhein und am Po In ihren Zungen 5 seine Lehren wiederholen, Und Deutschland segnen, dem der Himmel Einen Gellert gab. Also mein Lied zur traurigen Wintergegend. Aber du, Lüftchen! bist du noch hier Im blätterlosen Ahorngange, So nimm dir die besten Töne daraus, Und decket der kehrende Lenz Den Hügel des Barden mit Blumen, Dann seufze sie nach in jenen Blumen, Derer Haupt am Hügel Schwerer und gesenkter ist. Fußnoten 1 Ueber Gellerts Tod. 2 Die deutschen Fabeldichter vor Gellert. 3 Das erste, was dem Dichter aus der Hallerischen Epoche zu Gesicht kam, waren Gellerts Fabeln. 4 Celebrant germani carminibus antiquis (quod unum apud illos memoriae et annalium genus est) Tuistonem Deum terra editum, et filium Mannum, originem gentis conditoresque. – Ituri in proelia canunt. Sunt illis haec quoque carmina, quorum relatu quem Barditum vocant, accedunt animos etc. Tacit. Germ. C. 2 et 3. 5 In französischen u. italienischen Uebersetzungen. Zweite Klage Traurig ist der Tag! Von der Himmelstochter Blicken ungetröstet Dämmert er dahin. Graue Nebelsäulen Steigen von Gebirgen. Endlos ist der Wolken Zug. – Ha, du bist von meinem Herzen, Tag, ein Bild! Traurig ist mein Herz. – Hat im deutschen Vaterlande Je sein Volk ein Barde Mehr geliebt, als ich, O so reiße diese Saiten, Von der Schwermuth schlaff gelassen, Unter meinen Griffen Unsichtbare Kraft entzwei! Und dennoch – ach der Zeiten! – Empört sich mir ein Lied im Herzen, Und greif' ich nach dem Harfenspiele, Sey's in der Winterhalle, Sey's in der Eiche Schatten, Und steh'n die Kinder meines Volkes Dem Liede lauschend her um mich; Und hat das Lied nun ausgequollen, Dann seh' ich manches Nackenschütteln. Dann hör' ich manches Hohngeflüster: »Die Fremden singen besser. Wer mag sein Lied versteh'n!« Dann sinkt mein Haupt auf's Harfenspiel. Ein Seufzer reißt sich aus der Brust, Und jede Saite winselt Ihm leise leise nach. Kinder meines Volkes! Soll ein deutscher Barde singen, Und sein Herz wüßte nichts davon? Ist die Wolke nicht des Blitzes, Und das Herz nicht der Lieder Sitz? Und wie geußt ein volles Herz sich aus? Strömt es nicht drängend und gewaltig, Unaufhaltsam, seelenfassend Seinen Inhalt fort? Spricht es nicht Heldensprache, Geistersprache? – Ha! »Wer mag sein Lied versteh'n!« Kinder meines Volkes! jener, Der Allvaters hohe Gabe, Der den Funken des Gefühles, Der den Saamen der Empfindung, Als er ward in ihn geleget, Nicht ersticket hat. Kinder meines Volkes! Ein verderblich Wort Haben euch die Fremden angehauchet. Dieses Wort kannten eure Väter nicht. Barde! sprachen eure Väter: Gib uns Liebe, gib uns Klagen, Gib uns Lust zu großen Thaten, Gib uns Muth für's Vaterland zu sterben! Keiner sprach: Gib uns Witz! Witz ist eine kalte Wasserblase, Die sich an der Sonne färbet, Und zerschellt, Witz ein frostiges Behagen, Das mit Träumen niedersteiget, Und am Morgenstrahle schwindet. Schmelzet Witz ein Herz? Röthet Witz die Wange? Locket Witz die Thränen? Und soll Witz, soll Witz im Liede seyn? Und könnte denn nicht auch Sined vor euch Mit kalten Wasserblasen sich äffen? Und könnt' er nicht auch Ein frostig Traumbehagen euch schaffen? – Aber sein Herz gibt ihm ein lautes Verbot. Greis Ossian in dem Geleite Der Barden und Skalden besucht ihn. Er höret am schweigenden Monde Gesänge vergangener Alter, Wie kann er? Harfe! daß noch etwa Zeiten kommen Uns'rer Arbeit hold. Daß noch etwa Menschen sprechen: Uns're Väter haben Sined, Und sein Lied verkannt. Aber eines Neugeweihten 1 Bist du dann vielleicht, Und auf meinem Hügel Sprossen Ringelblumen, Sprosset lange Wermuth auf. Fußnoten 1 In der Bardenkunst. Dritte Klage Auch dieses will ich, Vaterland! dir klagen, Dein ewigtreuer Sohn. Vielleicht daß einstens klüg're Zeiten sagen: Dieß klagte Sined schon. Ebrauset, Saiten! der gerechte Kummer Des Barden ist empört. Ich will euch kränzen, wenn ihr mir den Schlummer Getäuschter Aeltern stör't. Oft geht von Teuts Geschlecht' ein frischer Knabe, Schön wie der bunte Mai, Hoch wie der Hirsch, voll jeder Heldengabe Mein einsam Dach vorbei. Da seufz' ich nach: O edles Blut! verloren Das bist du für dein Land! Man gab dich, ach zu spät, zu spät geboren! In eines Fremden Hand! Ein Fremder (nicht der Beste seines Landes, Nein, dem's an Brod gebricht; Dieß mißt der Mann voll Tugend und Verstandes In seiner Heimath nicht.) Ein Fremder kam. Von diesem sollst du lernen, Was Deutsche bilden kann. Liebt er sein eigen' Volk nicht? Bei den Sternen! Er ist ein schlechter Mann; Und liebet er sein Volk, was wird er preisen, Als seines Volkes Macht, Gesetze, Sitten, Werke seiner Weisen, Und seiner Fürsten Pracht? Du sitzest, horchest, glaubest seinem Prahlen. Denn ach dein Herz ist gut! Und seine Zunge schlüpfrig gleich den Aalen, O junges, edles Blut! Dein Land wird unvermerkt vor dir verdüstert. Dich leitet falscher Schein, Bis gar der Wunsch in deiner Seele flüstert: Ich wollt' ein Fremder seyn! Auf! zeiget mir zu Gegenden die Wege, Wo Menschen bess'rer Art, Wo Sitten sind. Mein Volk ist kalt und träge, Voll Einfalt, steif und hart. Du reisest, kehrest nach verschwelgtem Gute, Frech, wenn der Himmel droht, Mit siechen Gliedern und verderbtem Blute, Dem Vaterlande todt. – Ha, Väter, oder sag' ich besser, Mütter! Ist dieses eure Pflicht? Sind eure Kinder eure größten Güter? Wie? oder sind sie's nicht? Gehört ihr Herz nicht ihrem Vaterlande? Und scheint es euch erlaubt, Daß es durch euch ein Fremder, o der Schande! Dem Vaterlande raubt? Fragt eure Söhne von der Deutschen Thaten, Von uns'rer Ahnen Zeit, Von Weisen, die wir haben, die wir hatten, Und ihrer Trefflichkeit; Von uns'rer Barden feuervollem Singen, Von uns'rer Künste Zahl, Von allem dem, was uns're Gauen bringen, O fraget hundertmal! Sie steh'n und schweigen. Könnt' ihr dieses ahnden? Bei'm Teut! Ihr könnt es nicht! Woher von dem, was Lehrer nicht verstanden, Des Lehrlings Unterricht? Und wird sich der stolz einen Deutschen nennen, Der nichts von Deutschland weiß? Wird je sein Herz dem Vaterlande brennen? – Dann brennet auch das Eis! Er rang von seinem Volke sich zu reißen. Kein Deutscher ist er mehr, Und ward kein Fremder. Ha! wie soll er heißen? Ein zwittrig Ungefähr! Und, Aeltern! ach mit solchen Mitteldingen Füllt ihr die Gauen an! Hat uns der Fremden List sich einzudringen Nicht Leid's genug gethan? O flößet lieber uns'rer edlen Jugend Der Ahnen Sitten ein, Und heißt sie thätiger und stiller Tugend Geschworne Freunde seyn. Ein rascher Mund voll frecher Prahlereien, Zu früher Lüste Sucht, Wuth, sich zu schmücken, wie ein Weib entweihen Thuiskon's Heldenzucht. Wer mit eräfften, flatternden Geberden Fremd durch die Nase spricht, Wird noch darum kein Volkbeglücker werden, Schlägt noch die Feinde nicht. Hört, Aeltern! Uns're Biederahnen riefen, Dann als ihr Auge brach: Willkommen, Mutter Hertha! deine Tiefen! 1 Wir lassen Deutsche nach. Fußnoten 1 Der Erde Grab. Vierte Klage 1 Klagen will ich. Du gönnst es mir endlich, Milder gewordenes Herzeleid! Klagen will ich. Du hörest mich, Winterhain! Denn bist du nicht selber ein Kläger? Ein Kläger deines abgefall'nen Laubes Ein Kläger deiner ausgestorb'nen Schatten! Zwar dein Klagen stillt der Lenz, Bringt dir Laub und Schatten wieder; Aber soll dem Barden Seine Freude wieder werden, Die der Tod ihm vom Herzen riß? Klein, voll Unschuld war sie, meine Freude, Sittsam grau war ihr Gefieder, Glänzend schwarz war ihre Scheitel. Ach ich denke noch den Tag des Herbstes, Da sie durch die falben Hecken Dürstend zu der Quelle strich, Die mit meinen Mistelruthen Rund umpflanzet war. Da fing ich dich, Sänger der Wipfel! Wie schlug dir der Busen! wie sträubtest du dich! Denn kanntest du damal mein Herz? Aber bald lehrte die freundliche Miene, Die niedliche Speise, die reinliche Pflege, Mein lispelnder Mund Deinen Wirth dich kennen. Und jetzo vertrugen dein tonvoll Geschlecht Schon zehnmal die letzteren Hauche des Herbstes Zu wärmeren Himmeln, Und zehnmal kehrte dein tonvoll Geschlecht Im ersten Hauche des Lenzes, Und sang vom hohen Schottendorne 2 Den Gruß in mein einsam' Gemach dir zu, Und hörte den freundlichen Dank von dir. – Tonvoll Geschlecht meines Entrissenen! Kehrst du wieder diesen Lenz, Singe nimmer deinen Gruß Von dem hohen Schottendorne! Still ist mein einsam' Gemach. Ich höre den Gruß, und mir blutet das Herz! Uebel vergaltst du dem Barden die Wohlthat, Du frosterstarreter Hund! Dich hatt' ich in grimmiger Winternacht Unter mein wärmendes Dach genommen. Ich kehrte zurücke. Wedelnd kamst du mir entgegen, Und mit dir ahnungsvoller Schauer – Ich riß mich hinein. Da gab die kleinste Saite Meines ruhenden Harfenspiels Einen Wehlaut, dem letzten Seufzer Scheidender Liebenden ähnlich. Da lag mein alter, treuer Lebenszeuge Erwürgt, zerfiedert auf der Erde! Undankbarer Gast! – Aber konnt' ich damals klagen? Klagen will ich. Nun gönnt es mir endlich Mein milder gewordenes Herzeleid. Fröhlich war mein Erwachen zur Morgenfeier; Denn mein Erwachen war mitten in Liedern. Barde! wach' auf! schien mir mein Sänger zu sagen: Schön ist der kommende Tag, Glänzend der Wiesenthau, lieblich die Blumenduft. Barde! wach' auf! Lächelnd erhub ich mich dann, und lobte die Gottheit mit ihm, Die uns den Wiesenthau, die uns den Blumenduft, Die uns den schönen kommenden Tag verlieh. Ach nun lob' ich die Gottheit allein! Hatt' ich, Tugend! dir, Vaterland! dir, Und dir, göttliche Bardenkunst! Jeden geschäftigen Tag hindurch Manchen blühenden Heldensohn Würdig zu bilden gesucht, Hatt' ich sein deutsches Herz Wider das fremde Verderben bewacht; Schied nun der Tag, Glühte das Abendroth, folgte der Mondenglanz, Warf ich mich nun dankend der Gottheit hin; Siehe! da nahte durch Schatten mein Sänger sich, Dankete lispelnd der Gottheit mit mir, Die uns das Abendroth, die uns den Mondenglanz, Die uns den schönen scheidenden Tag verlieh. Ach, nun dank' ich der Gottheit allein! Wenn mich in Stunden heiliger Trunkenheit Die Barden alter Tage besucheten, Wenn Oscar's Vater 3 seinen Liedern Auf deutschen Saiten lächelnd horchte, Und mich verweg'ne Griffe lehrte; Wenn auf ihren Wirbeln hergetragen Werdomar und Rhingulph 4 mich umschwebten; Wenn bei mir aus dem hohen Norden Regner, Egill und Thorlaugur, 5 Und der spröden Elisif Skalde 6 niedersank, Und von Zeiten sprach, da Gesang und Harfen Unverstimmt von der Fremden Künsteleien, Unverachtet von den Menschenherrschern, Nur Empfindung in die Seele goßen; Damal gab mein kleiner Sänger, Er der Zeuge meiner Wonne, Voll der Ehrfurcht keinen Laut; Denn da war mein Gemach, wie Walhalla. – Aber schieden sie zischend auf Winden Ueber den schattenden Wipfel Des Schottendornes hinweg, Dann sang er den Scheidenden Urlaub nach. Sie blickten zurück, und lächelten Dank; Nun blicken und lächeln sie nimmer zurück! Nimmer kömmt mir Antwort, Wenn ich dich mit Namen nenne, Die sich meine Liebe schuf. Nimmer pickst du mir, hold' Geschöpf! Süßes Brod von den Lippen. Nimmer brütest du mir zwitschernd In der hohlen Hand, Nimmer trag' ich dich in den heit'ren Nächten Auf dem Finger an das Mondenlicht. – Zwar spiegelten die Sterne sich in deinem Auge, Du schliffst dein Schnäbelchen, und hubst die kleinen Schwingen, Die Gegend im Monde gefiel dir; Aber du hieltst dich am Finger fest. Und dennoch bist du mir entrissen! – Alle meine Freuden Sterben nach und nach um mich. Bald hab' ich nur dich, Bardengesang! Und euch, gefällige Freunde, Und dich, ermunternder Blick in's andere Leben. Fußnoten 1 Ueber den Tod eines geliebten Vogels. 2 Der Akazienbaum, der auf Sineds Halle schattete. 3 Ossian. 4 Klopstock und Kretschmann. 5 Siehe: Gerstenberg's Skalden. Altona, 1815. II. Bd. S. 87. 6 Harald Hardraade. Fünfte Klage 1 Entweihe sie nicht, die Gesangkraft! Als sie vom Himmel herniederfuhr, Säuselten Namen ihr nach: Botinn Allvaters, Seelenerhöherinn, Herzenschmelzerinn, Tugendbelohnerinn! Sänger! entweihe sie nicht! Dieß lehrten dich nicht die Barden der Vorzeit. Sie sangen umstanden von Knaben. Was trugen vom Liede die Knaben? Entschluß, Bieder und tapfer, so wie die Väter, zu werden. Sie sangen umsessen von Mädchen. Was trugen vom Liede die Mädchen? Entschluß, Häuslich und treue, so wie die Mütter, zu werden. Aber entmanntest du dich, Von bangen, unwilligen Saiten Thierbrunst empörende Klänge zu reißen; Sprudelte giftiger Unflath Von geilheittrunkenen Lippen Ueber dein üppiges Harfenspiel ab, Daß sich dem Knaben die Wange verfärbte, Daß sich das Mädchen im Schleier barg; O dann, Entweiher der hohen Gesangkraft! O dann blicke nicht auf, wo sie herniederfuhr! Athme nicht auf: Was frommet es dir? Du sogst vom Schlamme der Pfütze. Rein ist es oben. Warum Hauchtest du Nebel in's Reine? Und sängest du schöner, als einer der Barden Die Wunder Allvaters, und Gräber hinüber Verherrlichter Liebenden Wiederumarmen, Und Lehren der Weisheit, und Preise der Tugend – Schweig! Blicke nicht auf! Athme nicht auf! Du sogst vom Schlamme der Pfütze. Noch starb in manchem unbewahrten Ohre Der letzte deiner schnöden Klänge nicht, Noch sprüht von deinen Liedern loh gefächelt In manchem Busen wilde Glut. Und jetzo lehrtest du die Weisheit? Und jetzo priesest du die Tugend? Auf eben diesen Saiten? Aus eben diesem Munde? Schweig, feiler Heuchler! Deine Lehre Verführet, und dein Preis ist Schändung; Denn unentschieden, unentschieden ist dein Herz! Da steht ein ehrenwerther Barde Die Brust voll Gottheit, und voll Liebe Zum Glücke seiner Miterschaff'nen, Mit treuen Sorgen an der Stirne, Mit Eiferthränen in dem Auge, Mit edlem Feuer auf den Wangen Im Kreise seines Volkes auf. Allvaters Rechte verkündet sein Lied, Erhebet den Adel der Tugend, Den glänzenden Lohn der Pflichtenerfüllung. Er schleußt. Und jetzo wandelt's leise Durch der Hörer Menge fort: Schön! Doch wann beginnt er uns von Wollust Eben ein so schönes Lied zu thauen? Auch in seinem Harfenspiele Wohnet ungezweifelt Wollust Wäre denn von and'ren Harfen Sie, die seine, nur verschieden? Wär' er nicht, wie der und jener Sänger, Der uns jetzo feurig von Allvater, Jetzo feurig von der Wollust sang? Sined! hülle dich ein! Geuß Nacht der Klagen her um dich Ueber deines Volkes Weisen, Die so schön nicht leben, wie sie lehren, Die aus einem Munde Tugenden und Lüste preisen! Klage, Sined! über deines Volkes Schaden, Das von solchen zweigezüngten Sängern Irrgeleitet göttliche Gesangkraft Nur für feile Laune, Nur für spielende Verstellung hält. Aber heilet deine Klage diesen Schaden? Schweig, und hülle dich ein! Zu breit, zu rasch ist der Strom. Ihn dämmet, o Barde! dein Lied nicht. Nur Erdegötter könnten ihn dämmen. Fußnoten 1 Ueber den Mißbrauch der Dichtkunst. Theresia die Fürstinn Ehrentrich der Barde. Neiget euch nieder aus luftigen Hallen, Herrscher der Vorzeit im Schmucke Walhallas! Väter von Habsburg! neiget euch her! Ehrentrichs Harfenspiel tönet Eurer gewaltigen Tochter; Gebet seinem Gesange das Ohr! Ja, schon umschauert mich Ankunft von oben! Ja, schon erblicket euch furchtbar und lieblich, Hohe Gestalten! Ehrentrichs Aug'. Eben so sieht euch, o Väter! Eure gewaltige Tochter, Wenn in Osten der Morgen ergraut; Sieht euch, erhebt sich vom Lager der Fürsten, Feindinn der trägen und weichlichen Ruhe, Rufet der Fürsten Sorgen herbei, Voll des Gesichtes im Auge, Voll des Entschlusses im Herzen, Ganz zum Glücke der Völker zu seyn. Groß ist Theresiens Erbtheil. Ihr Machtwort Schallet durch hundert und hundert Gebirge, Rauschet auf tausend Bächen dahin. Stämme von allen vier Winden Horchen gebeuget entgegen, Ehren schweigend der Fürstinn Gebot. Flächenbewohner verschiedener Himmel Pflegen Ihr unübersehliche Saaten, Ziehen die Frucht des Lebens Ihr reif. Unter verschiedenen Sonnen Pressen Ihr Hügelbewohner Aus den Trauben den Wecker des Muths. Kinder der Berge verfolgen Ihr Gemsen, Steigen Ihr nieder in Nächte der Erde, Holen aus Klüften köstliches Erz. Schiffe der Söhne der Ufer Schütten die Schätze der Fremden Vor die Füße der Herrscherinn hin. Städte die Menge voll Menschen und Künste, Thürmende Städte mit trotzigen Mauern, Schmücken Ihr weites herrliches Reich. Fürsten und Helden umstehen Ihren erhabenen Erbstuhl Dienstbar, jeglichem Winke getreu. So wie des Himmels belebendes Auge Morgenher Flächen und Hügel und Berge, Ufer und Städte wandelnd beschaut: Flächen und Hügel und Berge, Ufer und Städte! so blicken Früh der Fürstinn Gedanken auf euch. Groß ist die Seele Theresiens. Er nur, Der Sie bestimmte zum Herrschen, ist größer. Alles umfaßt Ihr kreisender Geist. Also von Fluthen umwallet, Mitten im Schooße der Meere Ragt ein fruchtbares Eiland empor. Dreißigmal haben die Kinder des Liedes Scheitel und Harfen im Monde der Blüthen Wieder mit Eichenjugend umlaubt; Seit Ihr das Gold der Gebieter Auf der erhabenen Scheitel, In der mächtigen Rechten Ihr strahlt. Völker verschiedener Himmel und Zungen, Die ihr Theresien dienet! o saget: Hat es euch je der Fürstinn gereut? Völker! Walhalla steht offen, Und es vernimmt euch Allvater, Jener, der euch Theresien gab. Wie die gewaltige Wasserwelt aufbraust, Wenn sie der Geist der Gewitter verstöret, Hebt sich von allen Winden der Ruf: »Dank dir, o Völkerbegnader, Der du Theresien sandtest! Laß, Allvater! die Fürstinn noch uns!« Völker! wie billig! Ich lieb' euch. Ihr fühlet, Was ihr besitzet. Der edelste Stolz hebt Ueber den Nachbar, Völker! euch auf. Singet in Ehrentrichs Harfe, Daß es der Nachbar vernehme, Singet, Völker! den edelsten Stolz! Schauerndes Dunkel, von Waffen durchblitzet, Hüllet uns niemal Theresien's Erbstuhl! Hell, wie der Himmel, steht er vor uns. Nur die verfinsterte Seele, Tochter der Bosheit und Ränke, Die nur strebet vergebens hinzu. Aber der Zögling der Wahrheit und Tugend, Aber der Thäter der redlichen Thaten Steiget voll Muth's die Stufen hinan, Wär' er auch niedrig im Volke, Einer der Pflüger und Hirten, Steigt und kehret zurücke voll Lust. Denn die Gerechtigkeit harret zur Rechten, Und zu der Linken der Fürstinn die Milde. Jedem erreichbar horchet Ihr Ohr. Tage verfließen im Hören. Niemal ermüdet Ihr Eifer! Denn Sie lebet, und denket nur uns. Männer des Rathes erkohr Sie. Die sitzen, Rathen und richten in wimmelnden Hallen, Bis sich der Tag im Westen entzeucht; Aber die Räthe der Männer, Und die Gerichte der Männer Prüft und richtet Theresien's Aug'. Unter dem friedlichen Dache der Bäume, Die uns beschatten, mit Früchten uns laben, Leben wir sicher, sorgenlos hin; Strecken nach täglicher Arbeit Ruhigem Schlafe die Glieder, Weil der Herrscherinn Fittig uns deckt. Senken sich unsere Väter in Nächten Nieder vom Silbergewalle des Mondes, Voll des Erstaunens haftet ihr Blick: »Waren hier unsere Sitze? Gibt es ein zweites Walhalla?« Sprechen's, blicken und fassen sich kaum. Denn mit Theresien's Herrschaft ergoß sich Leben auf Aecker und Heerden und Handel, Leben auf jede nützliche Kunst; So wie die welkenden Spitzen Trunken von himmlischen Wassern Flur, und Buschwald und Eichenhain hebt. Weise Gesetze beglücken von innen. Weise Gesetze gebot Sie. Von aussen Stärket der Fremden Freundschaft ein Reich, Ufer des Rheines herüber Zielet schon lange kein fremdes Einfalldräuendes Eisen auf uns, Euere Tochter, o Väter von Habsburg! Sie war erkiesen ein Feuer zu dämpfen, Welches um sich Jahrhunderte fraß. Blicket hernieder! Die Spuren Länderentstellender Zwiste Hat nun Eintracht in Blumen versteckt. Einem der Männer des Rathes (Er steht nun Immer am Ohre der Fürstinn der erste) 1 Gab Sie von Ihrem Geiste. Der ging, Knüpfte mit Galliens Herrscher Niemal erwartete Bande, That's, und ward uns unsterblich dadurch. Also begleit' ich Theresiens Herrschaft Mit dem Gesange zu kommenden Altern. Enkel! erlernet meinen Gesang! Lehret ihn euere Kinder, Daß sie mich nennen und sagen: »Heil ihm, weil er Theresien sah!« Aber ihr, hohe Behorcher des Greisen! Sang er von eurer Erzeugten nur Wahrheit, Väter von Habsburg, lächelt auf ihn! Väter! ihr lächelt und kehret Wieder zu luftigen Hallen, Wo euch bessere Barden erfreu'n. Fußnoten 1 Kaunitz, der erste Minister seiner Zeit. Theresia die Gattinn Huldrich der Barde. Sie kehren, Freund! doch Einer bleibt; Er sieht in Huldrichs Herz, und sieht Ein ihm gefällig werdend Lied. Brich aus, o Lied! Er bleibt! Schön glänzt er her aus blauer Luft. Im Weste strömt sein Friedenskleid Noch weißer, als der jüngste Schnee. Brich aus, o Lied! Brich aus! Du tönest seiner Gattinn Lob. Wer liebte seine Gattinn so? Wen liebte seine Gattinn so? Brich aus, o Lied! Er horcht! Im Erbe Teut's, im hohen Wien, Da wuchs des Herrschers Tochter auf; Doch wie des Herrschers Tochter war, Das singt gewiß kein Lied. Und nähm' ich Barde, was der Lenz Von Farben auf die Fluren haucht, Das Morgenroth und Abendroth, Des Regenbogens Glanz! Und jeden lauten Reiz des Tag's, Und jeden stillen Reiz der Nacht, Der Sterne Blick, der Blumen Duft, Der schlanksten Tanne Wuchs; Der Quellen Lispel und den Laut Der menschenholden Nachtigall; Schön wäre dieses Bild; allein Noch nicht Theresia. Und wie der Leib, so war Ihr Geist, Und wie der Geist, so war Ihr Glück. Sie sollte vieler Völker Frau Nach Ihrem Vater seyn. Von Ihrem Werthe sprach der Ruf In Süd und Ost, und Nord und West. Ihn hörte junges Fürstenblut, Und wallte lüstern auf. Und jedes Auge sah nach Wien, Und jeder Seufzer flog nach Wien, Und jeder Wunsch im Stillen war Der Fürstentochter Hand. Da kam ein Jüngling, dessen Blut Aus eben jener Quelle war, Aus der der Tochter Habsburgs Blut Seit grauen Altern floß. 1 So sah ich Huldrich keinen noch, Wie dieser junge Führer war. Er zog einher dem Hirschen gleich, Dem höchsten auf der Flur. Auf seinen Wangen blühte Lenz, In Rabenlocken fiel sein Haar, Und was sein schmachtend Auge sprach, Das singt kein Sänger aus. Vor seinem Geiste stiegen ihm Nicht selten Siegesfelder auf; An seiner hellen Spitze saß Der Mondenträger Tod. 2 Er kam und sah Theresien In Ihrer Väter Hallen, sah, Ward wund, empfand auch sich gesehn, Und fing der Fürstinn Herz. Der hohe Vater schloß den Bund, Und segnete das schönste Paar; Da schauerten die Thürme Wiens Von Hochzeitfreuden auf. 3 Da ward es, wie nach Dämm'rungen, Im ganzen Oesterreiche licht; Da rauschten Donau, Moldau, Theiß, Laut in den Brautgesang. Der große Tag, der sie verband, Der kehrte neun und zwanzigmal, Und beiden war die ganze Zeit Ein heitrer Frühlingstag. Der Gatte war Theresien West, Sonne, Quelle, Blumenfeld, Der Schätze Schatz, der Reiche Reich, Und – Alles war er Ihr! Und wie den ersten Augenblick, Da Sie ihm ward, das Herz Ihr schlug, So schlug Ihr noch für ihn das Herz Den letzten Augenblick. 4 Nein, Augenblick, dich sing' ich nicht! Des Tages Freuden sind zu groß. Du machtest zwar Walhalla froh; Doch uns betrübtest du. Wir sah'n der treu'sten Gattinn Weh. Was konnten wir? Wir flehten Ihr, Aus Liebe für Ihr treues Volk Zu leben; und Sie that's. Doch öfter eilet Sie dorthin, Wo's unter Herrschergräbern kühlt, Wo ihres Gatten irdisch Theil Mit ihren Vätern ruht. 5 Dort pfleget Sie der Wehmuth Lust, Und rufet Franzens himmlisch Bild, Und Ihres Bundes goldne Zeit Vor Ihren Geist zurück. Auch wenn im Monden jener Tag, Der Ihre Seite blößte, kehrt, Dann steht Ihr Erbstuhl leer. Sie weicht In stiller Hallen Nacht. 6 Dann senket sich des Gatten Geist, So, wie er jetzt dem Liede lauscht, In Ihrer stillen Hallen Nacht Herab, und spricht mit Ihr. Er spricht von ew'gem Wiederseh'n, Von himmlischen Umarmungen, Vom Lohne jeder guten That, Von frommer Herrscher Lust. Bald spricht er auch von Deutschlands Wohl, Von Josephs Größe, von der Zahl Der Enkel, die noch einst das Glück Der Folgezeiten wird. Sprich nur von Einem nicht so bald, Geist, der du mich hier singen hörst! Du weißt, wie fest der Völker Herz An Ihrer Fürstinn hängt. Und sang ich, deines Horchens werth, Von deiner Gattinn, o so schwing' Dich nun zur Wolkenburg empor; Den Vätern Habsburgs nach! Fußnoten 1 Das Haus Lothringen und Habsburg stammt gemeinschaftlich von den Grafen von Elsaß ab. 2 Die Türken. Sie wurden 1738 von ihm bei Cornea geschlagen. 3 1736 den 12. Februar. 4 1765 den 18. August. 5 In die kaiserliche Gruft bei den Kapuzinern. 6 Den achtzehnten Tag jedes Monats weihte sie in Einsamkeit dem Andenken ihres verstorbenen Gemahls. Theresia die Mutter Werthwig der Barde. Schön ist einer Eiche Wolkennaher Wipfel, Wenn ihr jung' Geschoß Unter ihren Armen Fette Spitzen hebet; Aber schöner ist doch Eine noch. Schön ist in der Mitte Silberweißer Kinder Ein erhab'ner Schwan, Wenn er auf dem Teiche Frohbegleitet segelt: Aber schöner ist doch Eine noch. Schön ist an des Himmels Blauem Nachtgesichte Dünsteloser Mond, Wenn er unter Sternen Sanftbeleuchtend wandelt; Aber schöner ist doch Eine noch. Schöner in dem Kreise Göttergleicher Kinder Ist Theresia; Schöner unter Söhnen, Schöner unter Töchtern. Weicht der Mutter, Eiche, Schwan und Mond! Wie das Aug' des Tages Auf der hellen Quelle Seine Schimmer sieht; Also sieht an jedem Ihrer Liebespfänder Ihr entzückend Bild Theresia. Als Allvater ihre Gabenvollen Geister Weisheithauchend schuf, Feierten die Himmel, Und Walhallas Barden Sangen einen neuen Weihgesang. Als Allvater ihre Reizevollen Leiber Wonnelächelnd schuf, Blinketen die Sonnen, Dufteten die Rosen, Hub sich aller Nachtigallen Lied. Denn zum Völkerheile, Zu der Erde Freude Schuf Allvater sie, Las für sie von allen Menschenherrscherinnen Nur Theresien zur Mutter aus. Schwer sind Mutterpflichten, Füllen ganz die Seele, Wie die Lüfte Raum; Schwer sind Herrscherpflichten, Liegen auf der Seele, Wie ein Berg auf Donauflächen liegt. Doch im Riesenschwunge Warf sich beide Pflichten Uns're Fürstinn auf. Wie Sie Völker weidet, Bildete Sie Kinder: Folge, Feierlied, der Bildenden! Jede zarte Regung, Die vom Herzen Ihrer Liebespfänder sproß, Ward von Ihr entdecket, Weichlich angefühlet, Und zum ächten Zwecke sanft gelenkt. Liebe zu der Gottheit, Die sich Menschenherrscher Aehnlich sehen will, Liebe zu der Tugend, Die der Gottheit nähert, War Ihr früh und war Ihr spät Gebot. Liebe zu den Menschen, Liebe zu der Arbeit, Eifer für das Recht, Durst nach edlen Thaten, Und nach wahrem Ruhme Floßen von der Mutter Lippen stets. Haß des blöden Stolzes, Und des feilen Lobes, Und der niedren Lust, Haß des dunklen Herzens, Das die Rache liebet, Tönten immer in der Kinder Ohr. Und soll Werthwig singen Von des Unterrichtes Hoher Wunderkraft? Ha! wer kennt in allen Deinen weiten Gränzen, Deutschland! uns're Fürstenkinder nicht? Wenn in aller deiner Tapfren Herrscher Kreise Joseph mitten sitzt, In des Alters Sommer Milde Greisenweisheit Von den Lippen, von der Stirne spricht; Wenn in Waffenfeldern Seiner Eisenträger Wolken ihn umzieh'n; Wenn's von seinem Auge Durch die Wolken blitzet, Ha! wie schwillt der großen Mutter Herz! Wenn durch Leopolden An dem Arnostrande Kunst und Fülle blüht; Wenn für ihn zum Himmel Tausend Wünsche streben, Ha! wie schwillt der großen Mutter Herz! Wenn von deinen Kindern, Wien! der jüngern Brüder Holdes Paar erscheint, Und dann Augen starren, Und dann Seelen schmelzen, Ha! wie schwillt der großen Mutter Herz! Wenn der Kaisertöchter Unschuld, Zucht und Schönheit Jede Zunge preißt; Wenn sie ferner Erden, Hoher Fürstensöhne Heißer Wunsch und langer Seufzer sind; Wenn von allen Völkern, Welche sie besitzen, Solch ein Jauchzen steigt, Daß des Kaisersitzes Giebel es verhallen, Ha! wie schwillt der großen Mutter Herz! Ha! wie schmeckt die Fürstinn Ihres Unterrichtes Himmelsüßen Lohn! Welchen Segen spricht Sie Jeder reichen Stunde, Die Sie, Weltbeglücker bildend, saß! Soll ich noch in's Graue Ferner Afterwelten Bardenblicke thun? Singen, wie der großen Mutter Fürstenlehre Von Geschlechtern auf Geschlechter wirkt? Aber schon zu lange Sang ich kühner Jüngling In der Greisen Schaar. Einen Neugeweihten Zieret sittsam Schweigen Unter hohen Liederkönigen. Theresia die Kriegerinn Bartmar der Barde. Ein munterer Knab' einst war ich, und saß, Umflogen von meinem Gelocke, nicht weit Von deinem Gestad', o Donau! da fuhr, Da fuhr herunter der Krieg. 1 Ein mächtiges Heer von fremder Geburt Bedeckte mit Schiffen den bebenden Strom; Da strahlte der Tag auf helles Geschmeid', Da rauschten die Fahnen zur Luft. Auch deckte den Strom ein furchtbar Geräth Von ehrenen Schlünden mit Tode gefüllt. Der Schiffer Geschrei, der Ruder Getös Verhallten in Bergen umher. Auch deckte den Strand ein reisiger Zeug Mit wiehernden Rossen, in Eisen gehüllt. Der Pauken Getön, die Schläge des Huf's Verhallten in Bergen umher. Kommt! riefen vereint die Fürsten sich zu: Kommt! ziehen wir wider Theresien aus! Noch klagt Sie den Tod des Vaters. Noch sind Die Wege der Herrscher Ihr fremd. Ein feuriger Held 2 (nun nennt ihn der Ruhm Den größten der Krieger im Erbe von Teut) Der riß sich hervor, und wälzte den Zug Die Fluren der Oder heran. Das Unheil kam nah. Zwar waren sie stark; Doch waren Theresiens Krieger nicht viel. Fast wankten sie schon die Vesten von Wien; Da machte die Fürstinn sich auf; Ihr Erbe mit Ihr, ein zärtliches Kind; Sie suchten ein nahes und treues Geschlecht, Nicht Söhne von Teut; doch edel und gut Und tapfer, wie Söhne von Teut. Ein mächtiges Volk in pelziger Tracht, Bezäumer der Rosse die standen um Sie, Und hörten Ihr Wort in Nöthen, und sah'n Im Arme der Mutter das Kind. 3 Da rollete schnell von Thränen ein Guß Die bärtigen Wangen der Männer herab; Da schwuren sie Tod; da flogen, wie Blitz, Die wogigen Schneiden empor. So stürzen auf Saat und Hütten und Flur Die Schlossen aus Norden; so stürmet der Wind Die Blätter des Hains im Herbste mit sich, So stürmte die Rache sie fort. Die Führer voran. Der Herrscherinn Geist Der stählte den Busen, der stählte die Faust. Da strömet der Rhein. Wo ist er, der Feind? Frag' Eisen und Hunger und Frost! Wo Söhne von Teut auf Söhne von Teut Zum Kampfe sich warfen, da ging es nicht so. Da wog sich der Muth, da wog sich die Kunst. Ha! Vaterland! mußten sie das? Dort stand er, der Fürst der Brennen. 4 Sein Wunsch War, ewig im Liede der Barden zu seyn. Der ehrene Ruf in's Waffengefild' War Säuseln des Westes für ihn. Ihn liebte sein Heer, und stürzte für ihn Mit Freude zur blutigen Arbeit. Und fiel Ein Starker, der sah nach Friedrichen hin, Und nannt' ihn noch Vater, und starb. Hier ragten empor, des Gegners erfreut, Die Führer der Tochter von Habsburg. Ein Theil Beschwebet schon itzt Gebiete der Luft, Und lächelt auf Waffen herab. Noch glänzet ein Theil im Schmucke des Kriegs, Und spielet mit Joseph das eiserne Spiel. Bedarf sie mein Lied zu nennen? Sie kennt, Und liebet und ehret das Volk. Theresiens Aug', das machte sie kühn Und furchtbar im Flügel der düsteren Schlacht. Sie standen, ein Fels, und rollten den Schwall Der Krieger aus Norden von sich. Sie brachen den Schlaf des Mächtigen auch Am grauenden Morgen, und hießen ihn flieh'n. 5 Sie führten von ihm entwaffnet ein Heer (Er konnt' es nicht retten) hinweg. 6 Zwar that er auch oft (verschweig' es du nicht, Der Wahrheit geheiligter Bardengesang) Zwar that er auch oft mit treffender Faust Der herrlichsten Thaten genug, Und bahnte durch Dampf und Feuer und Blut Sich tief in Theresiens Erbe den Weg. Vom Ruhme gereizt, von Hoffnung geführt, Die dräuenden Blicke nach Wien. 7 Doch wie sich der Lenz in Schauergewölk Itzt hüllet, und itzo sein holdes Gesicht Den Fluren entdeckt; so schwanden auch bald Die schreckenden Dunkel hinweg. Da wölkten sich aus die Thürme von Wien; Da scholl um Theresien Freude; da schlug Die Flamme des Danks zur Gottheit hinauf; Da kränzten die Barden sich neu. Und kehrten sie nun, die Retter, wer singt Theresiens lohnende Lippen und Hand, Die Zeichen des Muths geheftet von Ihr Am Busen der Söhne des Siegs! 8 Und deckte den Grund ein Starker für Sie, Wer singet die Klage der Fürstinn, den Dank? Wer singet den Stein des Ruhmes für ihn Auf Ihre Befehle gesetzt? 9 Denn lange genug sang Bartmar den Zwist Der Menschenbeherrscher. Und sind sie denn noch, Wie vormal, entzweit? und knüpfet sie nicht Des Friedens erquickendes Band? Und knüpfen sie nicht auch Bande des Bluts? 10 Ha! schönster der Siege! wie laubst du das Haupt Der Kriegerinn auf, von welcher mein Lied Am Tage der Feier erklang! Sie liebet Ihr Volk, und schätzet das Blut, Und reichet, zum Hasse zu göttlich, die Hand Dem Gegner, sobald sein sinkender Spieß Von Ihrem Gebiete sich kehrt. Wenn Menschen zu kühn dem Himmel sich nah'n, Dann zürnet Allvater in Wettern herab. Wenn Menschen ihr Loos auf Erde begnügt, Dann träufelt er Segen auf sie. Fußnoten 1 1741 im Herbste. 2 Der König von Preußen. 3 Auf dem Landtage zu Preßburg 1741. 4 Alte Bewohner der Mark Brandenburg. 5 Bei Hochkirchen, den 14. Oktober 1758. 6 Bei Maxen den 21. November 1759. 7 Besonders nach der Schlacht bei Prag den 6. Mai, und bei Leuthen den 5. Dec. 1757. 8 Der Barde versteht die Errichtung des militärischen Theresien-Ordens den 1. Juli 1757. 9 Z.B. das Monument, das sie dem Feldmarschalle v. Daun errichten ließ. 10 Durch die Vermählung der drei Erzherzoginnen mit bourbonischen Prinzen. Theresia die Fromme Gottvolk der Barde. Nicht wolkennahe Thürme mit jeder Kunst, Der Menschenhände trächtig, den Aufenthalt Der Erdegötter, nicht den Erbstuhl Mächtiger Herrscher in Gold gekleidet, Um ihn gebeugt der dienenden Völker Welt; Auch nicht den Herrscher selber von ihm erhöht, Der Herrschaft Donner in der Rechten, Sing' ich in eichenumlaubte Saiten; Auch nicht den Ruhm des Herrschers in Ost und West Und Süd und Norden; wär' er erworben in Gefahrenvollen Eisenfeldern, Oder in friedlichen Segensfluren. Auch dieß ist Bardenarbeit. Allein wie schnell Verblüht ein Erderzeugter, sein Ruhm mit ihm! Und sind nicht Herrscher Erderzeugte? Strömen die Jahre sie nicht von hinnen? Ich singe Güter sicher der Ewigkeit, Auf sich gegründet, über den Unbestand Der Lebensgrößen weit erhoben, Weit, wie die sichtbare Welt hinüber Der Sitz Allvaters. Seele Theresien's Erfüllt mit diesen Gütern! und wärest du Auch keiner Fürstinn Seele, dennoch Wunderbar, herrlich und liederwürdig! Dich, dich besing' ich! Höret mein Feierlied, Allvaters Boten! 1 die ihr Theresien Umschwebet, wenn des Reiches Hauptschmuck, Wenn Ihr der goldene Stab der Herrschaft Vor ihm entsinket, wenn Sie vor ihm, die Brust Voll Unterwerfung, treuer Erkenntniß voll, Die Gluth des Eifers auf den Wangen, Himmel im Auge, die Kniee beuget. Dann steht der Herrschersorgen entfernter Schwarm Den Finger auf dem Munde, beflattert nicht Der feierlichen Stille Lichtkreis, Welcher die betende Fürstinn einschleußt. Dann geußt Allvater über die reinste Der Seelen ganz sein väterlich Herz herab, Und jedes Heil und jeder Segen Wird Ihr im reichesten Ueberfluße. Und jede Tugend sprießet in Ihr empor Vom Himmelthaue trunken, und breitet weit Von Früchten schwer behang'ne Schatten, Schatten, in welchen die Länder wohnen. Da lernet Sie der zeitlichen Größe Werth, Den Zweck der Fürstinn, Mutter des Volks zu seyn, Ihr ungemessenes Vermögen Immer auf Menschenhuld einzuschränken: Umringt von Lebensfreuden, von Tausenden Gelobt, bewundert, niemal der Sterblichkeit, Des engen Hauses, 2 und der ernsten Wage der Könige zu vergessen; Das Laster, wenn es kühner den Nacken hebt, Das Laster, wenn es schlauer im Volke sich Mit krummem Schlangengange fortschiebt, Rächend zu fassen, und hinzustrecken; Den Gift der Zeiten in der Geburt entdeckt, Der gottheitfeinden Witzlinge dumme Brut Mit Ihres Eifers Donnerschlägen Schandebeladen hinweg zu tilgen. Wie wichtig sind sie, Völker Theresien! Für euch die Stunden, welche die Frömmeste Der Herrscherinnen in Allvaters Täglicher, langer Verehrung hinbringt! Von diesen Stunden tritt Sie verherrlichter Hervor zu euch, wie thauendes Morgenroth Aus grauer Wolken Schooße brechend Heitere Tage vorherverkündet. Dann strahlt Ihr Beispiel kommender Sonne gleich, Und flammet Herzen mächtig zur Tugend an. Wie von den Bergen in die Thäler, Wallet das Feuer von Ihrem Giebel Auf Stadt und Hütten. Dann überläßt Sie Sich, Ganz Unternehmen, würdig der Ewigkeit. Wer zählet jedes Unternehmen? Keiner der niederen Erdesöhne! Allvater zählt es! jeden geheimen Wunsch Ihr ganzes Volk der Tugend zu heiligen, Und jede Regung jeden Seufzer, Jeden Gedanken auf ihn gerichtet, Und auf das Wohl der Menschen. Und jedes Wort Für ihn gesprochen, und für Gesetze, die Mit tiefen Zügen unaustilgbar Menschlichen Herzen sein Finger eingrub. Und jedes Ihrer Werke, Gerechtigkeit, Der Unschuld Rettung, Hilfe der Darbenden, Ermunterung des müden Fleißes, Lohn der Verdienste, der Laster Ahndung. So fleußt der frommen Herrscherinn jeder Tag. Vergebens ruft Ihr sinnliche Freude zu. Der Dienst Allvaters, und der Völker Seligkeit theilen Ihr ganzes Leben. Ha! welcher Strom von Wiedervergeltungen Erwartet dieses Leben! In heiligen Geheimen Stunden dringt der Barden Auge durch Wolken, erreicht Walhalla. Auch Gottvolk's Auge ward des Gesichtes werth. Ich sah den Hauptschmuck, welcher Theresien Hier oben harret, sah den Erbstuhl, Welcher der Tochter von Habsburg harret. Doch diesen Anblick drücket kein Harfenspiel, Kein Feierlied des sterblichen Sehers aus. Und könnt' er's auch, er würde schweigen. Sollt' er die Fürstinn zu Wünschen reizen, Vor welchen Ihrer Treuen zu fühlbar Herz Erbebet? Nein! Noch harre Theresien Der Hauptschmuck und der Erbstuhl lange! Rufen die Völker: Allvater! höre! Fußnoten 1 Der Barde versteht die Engel . Die Obergottheiten hatten glaublich in jedem Systeme ihre Boten. 2 Des Grabes. Ein ossianischer Ausdruck. Theresia die Starkmüthige Braunold der Barde. Schön sangst du, Gottvolk! in die Feiersaiten Der Fürstinn Frömmigkeit. Mir ward dein Lied in meines Alters Herbste, Wie warmer Sonnenstral. Wen liebt Allvater unter Menschenherrschern So, wie Theresia? Doch hat er einen unter Menschenherrschern Auch so geprüft wie Sie? Von Ihrer Starkmuth will ich Greise singen, Und seiner schweren Hand. Er drückte Sie. Sie stand, wie Felsen stehen, Und hielt die Prüfung aus. Vom Dräuen Ihrer Feinde will ich schweigen. Freund Bartmar sang davon. Nur ihres Hauses innerliche Wehen, Nur diese sind mein Lied. Vergebens flammt um hohe Fürstenhallen Des wachen Schwertes Blitz. Vergebens lärmen bunter Freuden Stimmen Stets um der Großen Ohr. Unaufgehalten dringt, den Blitz des Schwertes Vorbei, der Schmerz hinein. Und öfter übertönt der Freuden Stimmen Der bleichen Klage Laut. Ein Gatte war Theresien beschieden, War ihres Herzens Lust. Ich singe nicht, wie sie den Gatten liebte. Freund Huldrich sang davon. Ein Augenblick! kaum segnen seine Lippen Noch Gattinn, Kinder, Volk. Ein unversehner Augenblick! Besessen, Vermißt, Gesund, und Todt! Ein Jüngling war des ganzen Volkes Liebe, Der Fürstinn zweiter Sohn. Voll Hoffnung schien des Jünglings Pfad zum Ruhme, Zum Grabe war's der Pfad. Der Töchter eine, mütterlicher Gaben Verjüngtes, ächtes Bild, Bot schon die Hand dem königlichen Freier 1 , Da griff der Tod darnach. Zwo Schnuren, Ihres Josephs jede würdig, Erhab'ner Fürsten Blut, Berief Allvater aus der Schwieger Armen (Ach vor der Zeit!) zu sich. Doch sproß ein Blümchen von der Ersten Hügel, Ein Blümchen fein und zart. Nun fing es an, den Knospen aufzuschließen; Nun ward es abgemäht. 2 Ha, Tod! in welche Trauerwolken hüllet Dein Hauch das Kaiserhaus! Kaum kann ich noch durch das verstummte Dunkel Bis auf die Fürstinn seh'n. Sie steht, den Blick geheftet an den Himmel, Allvaters Priesterinn, Und opfert jedes treu geliebte Leben Dem, der es gab und nahm. Zuweilen senket Sie nach Joseph nieder Ihr seelenvolles Aug', Und findet Alles, blicket zu dem Himmel Getrösteter empor, Und unterdrückt mit mehr als Männermuthe Das zärtliche Gefühl, Das oft, uneingedenk des Klägers Würde, Zu weichem Jammer räth. Sie steht, und hält gespannt der Herrschaft Zügel Mit unentnervter Hand. Die Völker merken kaum, daß Sie in Mitte Geliebter Todten steht. So merken in des Felsen sich'rer Ritze Des Adlers Kinder nicht, Daß Wogen sich an seinem Fuße brechen, Und Nordwind ihn bekämpft. Und war es dir so nicht genug geprüfet Das Herz Theresien's? O Gottheit! Mußte Völkern Ihre Starkmuth Noch mehr zum Wunder seyn? Ja, rufen will ich mir durchweinte Tage Vor meinen Geist zurück. Sie sind dahin. Doch lebt ihr Angedenken In jedem Sohne Teuts. Denn jede Thräne, die wir weinten, wurde Zu fetter Freudensaat. So keimet unter Himmelstropfen reicher Der Erde Segen auf. Theresia sank auf das Krankenlager. Ihr Uebel dräute Tod. Vergebens schien der weisen Aerzte Streben, Der Heilungskünste Kraft. Ich singe nicht die namenlosen Aengsten Des ganzen Vaterlands. Sie sind schon lang' im Liede, rauschen, Donau, Mit dir zur Nachwelt fort. Ich singe nur, mit welcher Heldenstärke Den letzten Augenblick, Das End' der Erdemacht, der Fürstenhoheit, Die große Seele sah. Der Jammer Wien's erreichte fast Ihr Lager. Der Treuen bange Schaar Umseufzte Sie mit blassem Angesichte; Nur Sie lag ruhig da. So sah ich oft in meinen Jugendlocken Ein luftiges Gebirg, Den Gipfel hell, die Mitte neblich, unten Der Donnerwolken Nacht. Sie lag der Himmelsfügung unterworfen, Der Schmerzen Siegerinn, Hoch über Ihre nur gebrauchten Güter, Hoch über Ihr Geschlecht. Allein Allvater wollte Sie noch länger Den Erdekindern leih'n, Nur Ihres Geistes unerreichte Stärke, Und uns're Treue sehn. Sie ward gesund, und eben jene Blicke Die Sie dem Tode warf, Die warf Sie nun, o Leben, dir entgegen, O Leben, uns're Lust! Doch sing' ich sie, die namenlosen Freuden, Des frohen Vaterlands? Auch die sind lang' im Liede, rauschen, Donau, Mit dir zur Nachwelt fort. Und ist auch dieses Lied, das Braunolds Kehle Der Fürstinn Starkmuth sang, Der Nachwelt Ohren werth, so wälz' es, Donau, Mit dir zur Nachwelt fort! Fußnoten 1 Dem Könige der beiden Sicilien. 2 Die Erzherzoginn Theresia. Theresia die Weise Gutrath der Barde. Hat mir jemal ein Lied unter Gewaltigen In dem Flügel der Schlacht, oder im nächtlichen Siegesmahle gelungen, Oder, wenn ich des thauenden Morgens Kommen besang, oder das Abendroth, Oder, wenn ich den Fall eines der blühenden Heldensöhne beseufzte, Dem im Felde sein Hügel 1 stieg; O so sei mir auch heut unter den feiernden Liederkönigen hold, göttliche Bardenkunst! Denn ich singe die Weisheit Uns'rer großen Gebieterinn. So wie tagender Stral, wenn er in Osten bricht, Falbe Nebel verzehrt, welche die Krümmungen Heller Bäche bedecken, Und das reizende Blumenfeld; So schwand trügender Dunst, welcher auf Wissenschaft, Und auf jeglicher Kunst menschlicher Hände lag, Als vom Stuhle der Väter Sich dem Volke die Fürstinn wies. Müßigbrütender Witz, luftiges Wortgezänk, Nicht nach Wahrheit bemüht, nicht der Natur getreu, Scholl vom lärmenden Saale Wahngetäuschter Druiden aus. Deinen Barden erzürnt war der Gesänge Geist, War das ächte Gefühl, Donau! von dir gefloh'n Zu den Quaden und Sachsen, Zu den Katten und Brennen hin 2 . Denn sie sangen nicht deutsch, sangen dem Volke nach, Dessen drückendes Joch Hermann in Stücke schlug 3 , Mengten weichliche Namen Fremder Götter in jedes Lied. Auch der sinnende Fleiß, er der Beförderer Jeder nützlichen Kunst wohnte beim Fremdlinge, Macht' ihn stolzer, und zog ihm Uns're Schätze zur Beute zu. Nun nicht länger! so rief uns're Gebieterinn, Schwang den güldenen Stab über die Dämmerung. Sieh, da schwanden die Schatten! Eifer flammte die Geister an. Männer traten hervor, hoher Erkenntniß voll, Auf der Fürstinn Gebot; jeglicher Wissenschaft Kam, und jeder der Künste, Glanz und Nutzen durch sie zurück. 4 Und ein thürmender Bau stieg auf Theresien's Machtwort prächtig empor, öffnete Lernenden Weite Thore. 5 Sie saßen, Hörten Weisheit, und liebten sie. Und der Barde, gerührt, langte das Harfenspiel Seiner Väter hervor, spannte die Saiten um. Vaterländische Lieder Sang die Tochter der Felsen 6 nach. Und der schlummernde Fleiß riß sich beschämet auf, Griff zum Werke. Der Schall arbeitergebener Hände schwang sich in Städten, Schwang vom Lande sich himmelan. 7 Tiefsinn faßte den Sohn fremder Gebiete, kaum Glaubt' er, was er vernahm. Aber die Söhne Teuts Sah'n den rühmlichen Fortgang, Sah'n, und freuten sich brüderlich. 8 Und bald schwebte der Ruhm über Theresien's Weisen. Einer, gelehrt alle Bewegungen Heitrer nächtlicher Himmel, 9 Zog zum fernesten Norden hin, Von dem Herrscher erwählt, welcher, dem Vater gleich, Weisheit liebt, und belohnt, und dem erhabensten Unsrer Barden, 10 vom Vater Ueber Meere gerufen, horcht. Dorthin zog er, und fand günstigen Himmel dort, That dem Herrscher genug, kehrte von ihm geehrt, Und nicht ohne Geschenke Deinem Himmel, o Wien! zurück. Ha, du glückliches Wien! Unter Theresien's Mildem Strahle, wie schön siehst du die Wißbegier Zu der Reife gepfleget, Süßer, nährender Früchte voll; Siehst du, wie die Gewalt weiserer Lehren auch Herz und Sitten erhöht, Umgang und Sprache bild't, Und von spielenden Bühnen Rohheit bannet und Afterwitz; 11 Siehst du, wie sie das Haupt unter den Künsten hebt, Sie, die männlichste Kunst, Waffengeschicklichkeit, Einem Helden vertrauet, Der vom Lenze des Alters an In dem Flügel der Schlacht rühmliches Eisen trug, Der von Joseph geliebt, und vom erfahrenen Brennenherrscher geschätzet, Ganz sich Oesterreichs Ehre weiht! 12 Aber siehst du nicht auch, glückliches Wien! wie sehr Deines reifenden Ruhms Dauer Theresien, Deiner weisesten Fürstinn, An dem sorgenden Herzen liegt? Menschen schwinden hinweg. Lassen sie Thaten nach, Dann nennt Trümmer 13 und Lied Thaten und sie zugleich; Aber Trümmer und Lied stirbt, Gleichen Söhne den Vätern nicht. Heil dir, sorgendes Herz unsrer Gebieterinn! Vätern gleichen durch dich Söhne. Du rufest sie Von entferneten Grenzen Deiner Reiche zur Kaiserstadt. Da quillt Lehre für sie jeglicher Wissenschaft; Da wird jedes Gefühl zeitlich der Tugend wach; Da grünt Hofnung der Zukunft, Deutsches Vaterland! Hoffnung dir! Jeden löblichen Schritt, welchen ein Heldenkind Fortgeht, zeichnet das Aug' seiner Beherrscherinn, Und Ihr Zuspruch erwecket Rühmlich Eilender Eifersucht. Und am Ziele der Bahn warten Belohnungen Jedem Sieger bestimmt, welcher im Frühlinge Seines Lebens, o Weisheit! Deinem Reize sich ganz ergab. Weisheit, Weisheit! wie viel bist du Theresien Schuldig! Weit ist das Reich, dem du mit Ihr gebeutst; Zahlreich sind die Verehrer, Die sie deinen Gesetzen schafft! O so flamme den Geist deiner Verehrer an, Daß ihr treffender Kiel, daß ihr beredter Mund, Ihres Harfenspiels Ausklang Deine Freundinn verewigen! Fußnoten 1 Sein erhöhtes Grabmal. 2 Nach Schlesien, Ober- und Niedersachsen und der Mark. 3 Den Römern. 4 Z.B. ein Freih. von Swierten. 5 Das prächtige, 1756 eingeweihte, Universitätsgebäude. 6 Der Wiederhall. 7 Die Menge errichteter Fabriken. 8 Man darf nur die kritischen periodischen Schriften derselben Jahre nachsehen. 9 Der kais. königl. Astronom Abt Hell . 10 Klopstock, der damal mit dem unsterblichen Beförderer der Wissenschaften Grafen von Bernstorf noch in Dänemark war. 11 Die Bemühungen verschiedener würdiger Männer für die Aufnahme der Nationalbühne zu jener Zeit sind bekannt. 12 Der Kriegsminister Feldmarschall Graf von Lacy. 13 Unter den Trümmern versteht der Barde errichtete Denkmäler. Theresia die Gütige Sined der Barde. Zieret, eh' der Herbst euch bleichet, Zieret Sineds Harfenspiel, Frische Blätter! die der Barde Von der schönsten Eiche schnitt, Zu Theresiens Ehre schnitt! Tönet, eh' der Tag sich neiget, Durch den hohen Fürstensaal, Frische Saiten! die der Barde Seiner Feierharfe kor, Zu Theresiens Ehre kohr! Von der Güte sollt ihr tönen, Saiten, die der Barde kor! Von der Güte, die die Fürstinn, Zu der nahen Aehnlichkeit Des unendlichen Wesens hebt. Gütig ist Allvater. Gnade Geht von seinem Antlitz aus; Und aus seinen Händen strömet Immer Segen auf die Welt. Ist Theresia Nicht sein Bild? Wenn aus lauen Frühlingswolken Wachsthum und Gedeihen fleußt, Trinken nicht nur Eichenwipfel, Und der knospenvolle Strauch; Auch das niedrigste Veilchen trinkt. Also breiten Gnadenquellen In der Fürstinn weites Reich Sich von Ihres Sitzes Stufen Durch der nächsten Diener Schaar Bis zum fernesten Pflüger aus. Männern, die mit treuem Rathe Für das allgemeine Wohl Ihre Sorgen unterstützten; Die nun Last der Jahre beugt, Folget reicher Lohn Bis ins Grab. Männern, die mit kühnem Eisen In das blutige Gewühl Sich für Ihre Rechte stürzten; Die nun Greisenalter drückt, Folget reicher Lohn Bis ins Grab. Männer, die für Sie zu sterben Wünschen, aber unerhört Nur mit schweren Wunden kehren Aus dem Sturme finstrer Schlacht, Danken Ihrer Huld Trost und Heil. Gattinnen am frühen Steine Der Geliebten thränenvoll, Hilfelos, von Noth gequälet, Eilen an der Fürstinn Herz, Finden Lind'rung dort Ihrer Noth. Kinder, die noch unerzogen Der Erzeuger Leichen sah'n, Jedem Mangel hingeworfen, Oefter auch des Lasters Raub, Rettet und versorgt Dieses Herz. Denn voll zärtlichen Erbarmens Ist das Herz Theresien's. Lange schuf Allvater keines Unter Menschenherzen so, Wie von seiner Hand Dieses kam. Kaum erreicht der Fürstinn Erbstuhl Laut gedrückter Menschlichkeit, Fühlet Sie, gleich eignen Uebeln, Eig'nem Leide, fremdes Leid; Strecket Sie den Arm Hilfreich aus. Jedes fürstliche Vermögen, Das Ihr von dem Himmel ward, Glaubet Sie Sich nur gegeben, Ihres Volkes Glück zu seyn, Vielen Tausenden Wohl zu thun. Jeder Tag, mit Huld bezeichnet, Wird ein unschätzbarer Ring, An der langen goldnen Kette, Die von Ihren Hallen auf Bis an deinen Sitz, Gottheit! reicht. Sonne blicket niemal heller Auf den Hain, auf Bach und Flur, Als nach sanftem Frühlingsträufeln, Wenn ihr stralend Angesicht Jeder Tropfen ihr Wieder gibt. Niemal klären so die Freuden Uns'rer Fürstinn Antlitz auf, Als nach milden Herrscherthaten, Wenn Ihr des Begnadeten Mund und Angesicht Trost verräth. Soll sich mein Gesang verbreiten In dem weiten Erbe Teut's, Manche Stimme wird sich heben: »Wahrheit ist, was Sined sang! Kinder! ich erfuhr, Was er sang. Immer schwebt vor meinem Geiste Jener Stunde Seligkeit, Da ich in der Tochter Habsburg's Menschenholden Augen stand, Da ich gnadenvoll Schied von Ihr. Kein betrachtender Druide Fühlt am stillen Hügel so, Wenn er von der Sonne kehret, Die nun mild in Westen schied. Ewig bleibt in mir Dieß Gefühl! Kinder! dienet dieser Fürstinn! Niemand dient Ihr unbelohnt; Und die Dienste, die ihr leistet, Sind das Maaß des Lohnes nicht. Nein! des Lohnes Maaß Ist Ihr Herz.« Also tönen manche Stimmen In dem weiten Erbe Teut's. Bardenvolk! und sollten diese Nicht auch deine Stimme seyn? Liebt und lohnet Sie Barden nicht? O so lasset Ihren Namen, Und die Wunder Ihrer Huld Uns'rer Harfen Arbeit bleiben, Bis im Felde keine Spur Uns'rer Pfade mehr Sichtbar ist. Berg und Eb'ne soll sie nennen, Und des Eichenhaines Grau'n, Und die Donau sie verwälzen; Und der Städte thürmend Haupt Schau're jedesmal Freudig auf. Lehren wollen wir die Jugend Jedes nachzeitwerthe Lied, Das uns in den Weihestunden Von Theresien gelang; Durch der Jugend Mund Leb' es fort! Wenn im Mahle seiner Starken Einst ein Menschenherrscher sitzt, Und die Kraft des Hornes kreiset, Und der Barde dann ersteht, Und Theresien's Preise singt; Dann befeu're sich des Herrschers Wange, dann erhebe sich Seine Seele zu dem großen Wunsche, wie Theresia, Deutschland's ewiger Ruhm zu seyn. Josephs Reisen Die erste Reise 1 Herauf, o Sonne! Lange schon harret dir Der Bard' entgegen, welchen der Hahnenruf Aus seelenhebenden Gesichtern Mitten in seinem Gewölbe weckte. Herauf, o Sonne! Röthe mein Saitenspiel Mit einem deiner Erstlinge! denn mein Herz Ist voll von Joseph. Nur dein Anglanz Mangelt. Erschein'! und Gesänge reifen. Sie kömmt! die Blume schleußt ihr den Busen auf. Der Thau der Wipfel blitzet ihr Gold zurück, Und tausend rege Lüftesänger Lösen in Freudegetön' die Kehle. So kömmt zu Völkern, welche das Meer von uns, Von uns die Kette steiler Gebirge trennt, So kömmt zu Völkern Joseph. Herzen Schließen sich auf, und gethürmte Städte Tief aufgereget schmücken ihr luftig' Haupt, Und kleiden sich in Feier, und himmelan Erschallt von hunderttausend Lippen: Heil dem Gebiether der deutschen Erde! Heil sey dem ersten Sohne Theresien's! Dem Heldenenkel, Herzeneroberer! Dem wunderbaren jungen Manne! Weiser, Genügsamer, Holder, Heil dir! Wem jauchzt ihr? Völker! Städte! wem feiert ihr? Wem schließen alle Herzen so weit sich auf? Tön't, Saiten! tön't den Stolz des Barden! Tön't ihn gewaltiger! er ist unser! Ihr seht ihn, Völker! Deck't ihn ergrab'ner Werth Von einer halben Erde? Beschwert er Von Silber helle Räder? Folgen Seinem Gespanne die bunten Horden Geschmückter Diener? Blitzet ein fürchterlich' Gemisch entblößter Wehren um Joseph her? – Und dennoch jauchz't ihr? Aechter Größe Jauchzet ihr, Völker! – Und er ist unser! Ihr seh't sein menschenfreundliches Angesicht, Sein Aug' voll Herz auf Grüßende zugewandt. Ihr hör't ihn Weisheit, Güte sprechen, Staunet und liebet. – Und er ist unser! Ihr seh't ihn, Völker! wenn er dem Ewigen In seinen Hallen gläubige Kniee beugt. Ihr seh't, und wünschet allen Erden Herrscher, wie Joseph. – Und er ist unser! Das ist er! Harfe, töne des Barden Stolz, Den Stolz der Kinder Teut's, den entzückenden, Den wonnetrunkenen Gedanken: Joseph der zweite so groß – und unser! Und sängen alle Barden der Kinder Teut's In ihre besten Harfen, er bliebe doch Unaugesungen der Gedanke; Seelen empfinden allein die Süße, Dem Göttlichen zu dienen, sein Eigenthum, Und seiner Sorgen einziger Zweck zu seyn, Der voll des Vaters und der Mutter, Eh' noch die Wange sich männlich bräunte, Noch eh' der Herrscher Gold ihm vom Haupte schien, Schon Herrscher seiner selber, entadelten, Oft thronerschütternden Begierden Niemal den himmlischen Busen aufschloß; Den, nur von Recht und Einsicht und Mäßigkeit, Der Erdegötter schönsten Gefährtinnen, Begleitet, an die Grenzen seines Mächtigen Erbes die Liebe seiner Getreuen hinzog 2 , jegliches Ungemach Verachtend, und zur krieg'rischen Arbeit sich Mit Lust erhärtend, der im Frieden, Aehnlich dem Adler am Felsengipfel', Mit wachem Auge ruhet, und adlerschnell Auf Störer seiner Ruhe sich niedersenkt. Sie bluten, liegen, und der Sieger Schwebet zurücke zum Felsengipfel. Dann wirbelt heller Siegesgesang ihm nach, Gestürmt in deutsche Saiten, und Joseph horcht; Nicht Sänger fremder Zungen, deutscher Heldenton reize den deutschen Herrscher! Und kann der Ausbruch meiner Empfindungen, Und meine Saitengriffe den Göttlichen Nur einen Augenblick der hohen Erdebesorgenden Bürd' entlasten, Dann soll dich, meine Scheitel! ein Eichenkranz, Der Hauptschmuck deutscher Barden verewigen, Und junges Eichenlaub in jedem Monde der Blüthen dich, Harfe! zieren. Manch' vaterländisch' Bardenlied höret dann Die langverwöhnte Donau zur Abendluft Aus nahen Espenhainen schallen Ihrem erhabenen Herrscher heilig. Fußnoten 1 Nach Italien, 1769. 2 Er war vorher schon bis an die türkische Grenze gereiset. Die zweite Reise 1 Wo ist der Sohn Theresien's? o Kaiserstadt! Wo ist dein Herrscher? Wölke dein thürmend Haupt, Aus deinen blauen Düften höre, Was dir vom heiligen Eichenhaine Der Barde Joseph's (Wag' ich den herrlichsten Der Namen unter Barden? Gefährlich ist Der Reiz dem Einzigen zu folgen! Aber zu mächtig! – Er sei gewaget!) Der Barde Joseph's tönet: Hier oben ist Der Thaten Joseph's unübersehliche, Wie Sonnen, helle Bahn gezeichnet. Frühe begann er die Bahn zu wandeln, Je That auf That erhab'ner. Italien Liegt noch im süßen Taumel. Es küsset noch Des göttergleichen Fürsten Spuren, Und schon erschallen der Markomannen Und Quaden 2 Hügel, dienstbar sie selber einst Den Ahnen Joseph's, von der Begeisterung Des tiefgereihten Brennenheeres, Welches den kommenden Herrscher grüßet. Er, jeder großen Gabe Bewunderer, Er hatte schon den weisen Gebieter 3 , der Am Apennin die Völker weidend Friedsam und furchtbar ist, aufgesuchet. Nun eilt er auch den Wünschen des mächtigen, Des unbezwung'nen Helden 4 , der, weit umringt Von seinen Starken, an der Spree In dem Gewande der Ehre stralet, Erkämpft in rothen Feldern, ein Bardenfreund, Und Barde selber 5 – aber den gallischen Gesängen holder! – und des Kieles So, wie der Klinge gewöhnt, entgegen. Zween Kriege, leichenträchtig, verderbenvoll, – Wir Männer denken's! – kriegete Friederich Mit Josephs Mutter (denn er hatte, Nie sie gesehen) und Heldenbräute Vergossen zweimal Thränen, und Jünglinge Beschwuren zweimal über der Väter Grab Des Todes Rache, deutsche Flüße Trübten sich zweimal in deutschem Blute. Nun wirft die Großmuth auf das Vergangene Den himmelreinen Schleier. Die Fürsten stehn, Zwo Sonnen, die der Mittag 6 scheidet, Sehen sich Ewigkeit an der Stirne; Und Einer ehret, was ihn verewiget, Am And'ren, einer schließet dem Anderen Sein großes Herz auf. Freundschaft strömet Von der Gebieter erhitzten Lippen. So stand vor Siegmar'n Herrmann 7 . Des Jünglings Aug' Verrieth dem grauen Helden den künftigen Vernichter stolzer Legionen, Und den Zerbrecher der fremden Feßeln. O könnten meine Saiten die Kinder Teut's Von allen Enden wecken! Sie sollten mir Den hohen, ahnungsvollen Anblick Tief in erregtester Seele feiern, Die Stelle zeichnen, wo sich umarmeten Die Größten Deutschlands, Joseph und Friederich, Hin Eichen pflanzen, daß die spät'sten Enkel im Schatten sich dieß erzählten! Und, Feinde Deutschlands! häufet nicht Dunkel sich Um euer schielend Auge? verschwindet nicht Auf List und Trug gebautes Hoffen, Wenn sich mit mächtig erhob'nem Arme Den Bund der Freundschaft Joseph und Friederich Beschwören? – O so wartet ein Saitenspiel Herabgestimmt zu Todestönen Euer an einer verdorrten Eiche! Fußnoten 1 Nach Schlesien, 1769. 2 Die alten Bewohner Mährens und Schlesiens. 3 Den König von Sardinien. 4 Des Königs von Preußen. 5 Man kennt die Poésies diverses. 6 Die Mitte des menschlichen Alters. 7 Diese zwei deutschen Helden kann man am beßten aus Herrmanns Schlacht von Klopstock kennen lernen. – Die dritte Reise 1 Die Flüsse sind los. Die Weiden sind grün. Die Nachtigall rufet den Gatten ins Laub. Auf, Krieger! auf, auf! Und hörest du nicht Den ehernen Ruf in's Gefild? Schön wirbelt der Ruf. Ihn höret dein Roß, Und wiehert und stampfet. Auf, Krieger! entheb' Dein Heldengeschmeid' der ruhigen Wand! Auf, schmücke dich, zäume dein Roß! Hinan in's Gefild! hinan in's Gefild! Dort warten sie deiner die Lenker der Schlacht. Du kennest sie längst. Sie kennen auch dich. Ihr saht euch in Feuer und Staub. Hinan in's Gefild! hinan in's Gefild! Der Waffen und Heldenbemühungen Freund, Der Liebling des Ruhm's, dein Vater und Haupt, O Krieger! auch Joseph ist dort. Im thürmenden Wien, da saß er und schalt Den zögernden Winter, und wünschte den Lenz, Und seufzte, sobald im Saale sein Aug' Die Väter im Panzer ersah. Und schlief er, da war's, als kläng' ihm das Erz, Als wehten die Fahnen, und blitzte der Stahl, Als krachten um ihn die Donner der Schlacht. O Krieger! er träumte von dir. Nun kehrte der Lenz. Noch gab er den Kuß Der scheidenden Schwester 2 , ein Bruder und Held, Und wandte sich weg, und eilte zu dir, O Krieger! in's Eisengefild. Hat etwa sein Wien nicht Reize genug, Nicht gold'ne Gerichte, nicht Göttergetränk, Nicht Hallen, geschmückt mit jeglicher Kunst, Nicht Tänze, nicht Saitengetön? Und brannte nicht erst im feiernden Wien Auf Joseph's erhabener Mutter Gebot Zur neidischen Nacht ein sterniger Bau, Ein sterniges Blumengefield' 3 ? Und locket der Tag, hat Joseph nicht Lenz In deinem Gebiete, du feierndes Wien! Nicht Vögelgesang, und Fluthengeräusch, Nicht Blumen, und Schattengewölb'? Und will er nicht ruh'n, und suchet er Schweiß, Wie? schallet kein Jagdruf? erhitzt ihn kein Hirsch? Und fasset er nicht im Haine den Spieß, Und stößt ihn dem Eber in's Herz? Und ehrte sein Volk ihn minder darum? Und blieb' er nicht Herrscher der Deutschen auch dann? Und freu'ten vor ihm sich Fürsten nicht so? Und freuen sich Fürsten nicht so? Doch kann er? – Und wie, wie trieb' er von sich Die Geister der Ahnen, sein helles Geleit? Sie schweben um ihn, und winken. Er schaut, Sieht Arbeit und Ehre vor sich. Wie zwäng' er den Ruf, den mächtigen Ruf, Der stets ihm die schwellende Seele durchfährt? Ihn hörte der Knab', und Jüngling mit Lust; Wie zwäng' ihn nun Joseph der Mann? Schön locket der Ruf, den Söhnen von Teut Ein Schirmer, den Fürsten ein Beispiel zu seyn, Von allen gefolgt, von keinem erreicht, Unsterbliche Thaten zu thun. Ha, lockender Ruf! Er folgt dir, er folgt! Ha, Geister der Ahnen! Er folgt euch, er folgt! Dort trägt ihn sein Roß in Wolken von Staub Die reisigen Haufen hinan! – Und blieb' ich zurück, sein Barde? Mein Geist, Nimm Flügel, und folge durch Wolken von Staub! Und dulde mit ihm den brennenden Tag, Die Wasser vom Himmel herab! Und lebet das Feld auf Joseph's Gebot Von seinen Versuchten, und wieherts umher, Und donnert der Grund vom Schlage des Hufs, Dann schaure du freudig empor. Dann sieh'st du die Glut der krieg'rischen Lust Auf Joseph's Gesichte, dann siehst du den Muth, Den Lenker der Schlacht, des narbigen Mann's, Des Jungen in Waffen entflammt. Dann ahnet's dir schön. Dann sing'st du zunächst Am Rosse des Herrschers: O spielet nur itzt Auf Joseph's Gebot dieß eiserne Spiel! Einst sieg't ihr auf Joseph's Gebot. Und glitte vielleicht dem Herrscher indeß Ein Tropfen des Schweißes die Wangen herab, Und finge mein Kranz den gleitenden auf, Wo glich' ihm in Deutschland ein Kranz? Fußnoten 1 Nach Ungarn 1770. 2 Antonia, vermählten Dauphine. 3 Im kaiserlichen Lustschlosse Belvedere genannt aus Gelegenheit der dauphinischen Hochzeitfeier. Die vierte Reise 1 Lange verzögert sein Rad. Kein wallender Staub Kündet den Kommenden an. Immer noch horchet mein Ohr. Vergebens! kein Laut Fröhlicher Hörner ist nah'. Trüb', wie das sinkende Jahr, ist die Kaiserstadt. Still ist sein Giebel, und leer sein Fürstengemach. Hat er sein niedriges Dach mit Söhnen der Schlacht Wieder im Felde gespannt? Bricht er den Schlummer, der Freund des eisernen Spiel's, Wenn sich der Hahnenruf heb't? Stürmet sein Heergebot Seine Gewaltigen So wie die Flocken der Nord, die Fluren hinan? Männer der Wunden 2 ! euch ehr't der Barde. Sein Herz Folgt euch in jede Gefahr. Thaten des Stahles gethan mit mächtiger Faust Feiert mit Wonne sein Spiel. Aber in dieses Lied Krache kein Flammenschlund, Klirre kein Eisengeschmeid, und brause kein Roß! Joseph ist jetzo nicht Held, nicht wohnet er jetzt, Männer der Wunden! mit euch. Joseph ist Vater des Volk's. Dem Vater des Volk's Singet sein Barde dieß Lied. Wünsche des dankenden, Seufzer des liebenden, Stimmen des lobenden Volk's! o tönet darein! Stille beherrschte das Land. Da schwang sich ein Weh, Moldau von deinem Gestad', Elbe! von deinem Gestad', jetzt heller, und jetzt Ohrebetäubend empor. Eben so rauschet in Wipfeln das Espenlaub Leise, nun stärker, und nun erbrauset der Sturm. Elbe! was klagest du so? Was klagest du so, Moldau! zur bebenden Luft? Tränket ein Gegner in euch den blutigen Spieß? Wälzet ihr Leichen in's Meer? Täuschte das Adleraug' Joseph's ein feindlicher Heerzug, und stemmt sich kein Schild entgegen? – O nein! Dieß ist die Klage der Noth. So furchtbar ertönt Mangel zur bebenden Luft. Ganze Geschlechter die seh'n nach Früchten des Pflug's, Schätzen des Lebens umsonst. Bleich ist ihr Antlitz, und Dämmernd ihr Augenlicht. Tief aus dem Eingeweid' heult ihr Hunger empor. Jetzo vernimmt ihn das Ohr von Joseph. Sein Herz, Vaterempfindungen voll, Flügelt sich, Elbe! zu dir vom thürmenden Wien, Flügelt sich, Moldau! zu dir. Harre der Boten nicht, Die dir dein Herrscher schickt! Joseph ist Herrscher. Kein Bot', er selber, er kömmt! Er! der Entscheider des Werth's, er kennet, und liebt, Elbe! dein tapferes Volk. Moldau! die Söhne von dir sind Busen von Stahl, Felsen im Schwalle der Schlacht. Kann er sie schmachten seh'n? Mutter des Herrschers! er Erbte dein göttliches Herz. Er eilet, er kömmt! Sing' ich ihn jetzo den Wunsch, den feurigen Wunsch, Der sich im Geiste mir hebt? Töne dir ruf' ich hervor, o könnt' ich auch so Rufen die Fürsten der Welt! Alle sie stünden, und Sähen auf Joseph, und Sprächen: O Beispiel! wer liebt, wie dieser, sein Volk? Saiten, o jauchzet es nach! Wer liebet sein Volk, Wie mein Gebieter es liebt! Hält ihn im thürmenden Wien sein goldenes Dach Herrscherergötzungen voll? Hält ihn ein liebender Bruder, ein Schwesternpaar, Hält ihn der zärtlichste Blick Theresien's auf? Schreckt ihn das sinkende Jahr, der Flügel des Nord's Von den Sudeten 3 herab? Schrecken ihn Felsen den Freund der Arbeit, und Wald, Tiefen und Höhen, und Strom? Scheuchen ihn Hütten, wo Landmann und Mangel wohnt, Scheucht ihn das blasse Gesicht des Hungers zurück? So wie der kommende Tag den schweigenden Flug Räub'rischer Eulen verstralt, Schatten und Nebel zerstreut, so schwindet die Noth Vor dem Gebieter hinweg. Einsicht und Rath und Fleiß, Huld und Gerechtigkeit Hellen, wie Sonne, vor ihm die Gegenden auf. Klein ist sein dienend Gefolg. Und wär' er denn nicht Joseph auch ohne Gefolg? Feier und Ehrengepräng' verlenkt er, begnügt, Menschenretter zu seyn. Auch der Geringste tritt Freudig vor ihn, und spricht, Kehret entzücket, und ruft: Ein Herrscher, wie Gott! Harfe! das wirb'le du nach! Ein Herrscher, wie Gott, Ist er ein Vater des Volk's. Hätten ihn Fremde, nicht wir, ihr Freudengeschrei Schlüge die Wolken hinan. Aber wir Söhne Teut's, Stiller und thätiger, Jauchzen zwar minder, als sie; doch lieben wir mehr. Fußnoten 1 Nach Böhmen, 1771. 2 d.i. die Krieger! 3 Von dem Riesengebirge. Die fünfte Reise 1 Wie schön erwacht der Tag! Wie trächtig steht Von bunten Morgentropfen Laub und Gras! Wie zeichnet Sined's Fuß den Pfad ins Thal 2 ! – Willkommen, Thalbach! der du gestern noch Mir Joseph lispeltest, und o gegrüßt, Ihr Weiden um den Thalbach! Sonnenhell Sind schon die Schwestern alle, derer Haupt Von Bergen rings umher in's Blaue ragt. Nur unter euren Zweigen brütet noch Ein nächtlich Kühl und Dämm'rung. Aber bald, Bald stralet auch auf eu're Niedrigkeit Der Sonne Blick. Denn was verbirgt sich ihr? Sie geht, wie Joseph. – Ist es der Durst nach Ruhm, Ist's Liebe zu dem Volke, zur Arbeit Lust, Was in des Herrschers hoher Seele Unüberstimmlicher, als des Himmels Vereinte Donner, rufet? – Noch eines ist, O Sohn Theresen's! eines der Völker ist Noch unbesuchet, die Dir dienen! Auf, und besuche die Deinen alle! – O Durst nach Ruhm! o Liebe zum Volk'; o Lust Zur Arbeit! ihr, ihr seid es vereinet, ihr, Die in des Herrschers hoher Seele Unüberstimmlicher, als des Himmels Vereinte Donner, rufen! Er höret euch. Nun bald ist Habsburg's weit sich erstreckendes, Bewohnerreiches Erb' erschöpfet, Keine der Gegenden unbesuchet, Wo Joseph's Mutter herrschet. – Ha seh't ihr ihn, Den Fernen von den Freuden der Kaiserstadt, Den Sonnendulder, im Geleite Weniger Ed'len, auf steilen Höhen, In unwirthbaren Hainen! Ha seh't ihr ihn Auf unermeß'nen, dürstenden Flächen itzt, Itzt unter strohbedeckten Hütten, Wie er in Mitte des Staubgewölkes Die Hände zu den Bitten der Seinen streckt, Und unermüdlich forschet, und hört, und lernt, Und Rath und Recht, und Trost und Lohnung, Wie der Gebieter des Himmels, austheilt! Betäubet steht, und glaubet dem Auge kaum Der pelzumgeb'ne Dacier, und der Theil Der Kinder Lech's, dem itzt Theresien's Mächtige Fittige wieder schatten. O Fürst der Fürsten, Kenner des hohen Zweck's, Nach dem Allvater einst die Gewaltigen Der Erde richtet! o des hohen, Aber nicht immer erfüllten Zweckes: Der Völker wegen da zu sein, Vater, Hirt Nicht nur zu heißen, aller Gelüste Reiz Dem Menschenheile nachzusetzen, Selber zu hören, zu seh'n, zu herrschen! O Kenner und Erfüller des hohen Zweck's! Wenn einst vom Herrscherstuhle Dein Aug' umher Auf Deine Völker schaut, und irgend, Wie vor der faulenden Pfütze, Nebel. Ein Rath voll Eigennutzes, Betruges voll, Zu dir sich aufzuschwingen es wagen will, Wie muß er, gleich dem Nebel schwinden, Wenn ihm dein Eifer entgegenstralet: »Ich Joseph kenne besser, als du, mein Volk, Und meine Länder alle. Sie hat mein Aug', Mein Fuß durchwandert.« Schwinden muß er, Wie vor der Sonne der Pfütze Nebel. Beglückte Völker! ihr auch, o Söhne Lech's! Seit jenes Tages würdig, Theresien's Gut, Und Joseph's Eigenthum zu heißen, Da sich vor eurem erhob'nen Arme In Wien's Gefilden nieder der Roßschweif warf 3 ; O gebt der Freiheit trügliche Luftgestalt Für Joseph's und Theresien's Herrschaft, Viele Gebieter o geb't für Einen! Und nehm't der Menschheit Rechte, der Sitten Schwung Und Künste Wissenschaften, und Ordnung, und Wofür sich Joseph's göttergleiches Antlitz verbürgte, zu reichem Wucher! So sang ich, und die Buchen, deren Haupt Von Bergen rings umher in's Blaue ragt, Die waren nicht mehr sonnenhell allein, Die Schwestern um den Thalbach waren's auch In aller ihrer Niedrigkeit. Und sieh', Die Morgentropfen, die an Laub und Gras, Wie reine Tugendthränen, zitterten, Die hatte schon der milde Stral verzehrt. Fußnoten 1 Nach Siebenbürgen und Polen, 1773. 2 Hinter Dornbach. 3 Beim Entsatze Wien's, 1653. Die sechste Reise 1 Das Grau der Vorzeit hellt sich dem Barden auf. Er sieht. Ein Sprößling laubt sich vor ihm empor, Unüberpflanzt, in eig'nem Grunde, Strecket er Wipfel und Nebenzweige, Wird Baum, erzeuget Aeste. Sein waldig Haupt Erraget Wolken, schattet Gebirgen selbst. Rhein, Weser, Elbe, Weichsel, Donau Tränken die Tausende seiner Wurzeln. Er blüh't, und reifet Samen. Der Winde Zug Verträgt die reifen Körner in Ost und West Und Süd und Nord. Vom Mutterstamme Fallen sie ferne, gewinnen Erde. Ein Korn (vergeßt, o Söhne von Teut, es nicht! Sind schon dazwischen lange Jahrhunderte) Flog einst den Rhein hinüber, grub sich Keimend in sonnenerhitzte Schollen, Und trieb Geschoß und Wipfel, und eiferte Mit seinem Mutterstamme. Gar oft erscholl: »Und wer, wer ist denn meine Mutter?« Aus des erregteren Wipfel's Höhen. Da stürzten Felsenklumpen, dem Wanderer Unübersteigbar, gräßlich an's Ufer her, Und jeder Uebergang des Rheines Barg sich in feindliche Dorngebüsche. Therese kam. »Wie lange schreckt es noch Am Rheine?« war ihr Wort, dem Mann' ein Wink, Der ihre große Seele ganz versteht 2 . Er sah' der Felsenklumpen wilden Sturz, Der Dorngebüsche feindliches Gewirr' Mit jener stillen Geisteshoheit an, Die seiner Herrscher ihn so würdig macht. Sie schwanden weg. Wie sollten sie nicht schwinden? Denn mußte nicht Antonia, In welcher sich verjüngt die Göttermutter sah, Den Weg gebahnet finden, Um an des Frankenkönig's Hand Zwei Völker durch ein ewig Band Der holden Eintracht einzuweih'n, Und Deutschland's Ehre, Frankreich's Lust zu seyn? Holder Sonnebot! Letzter aller Sterne, Schweb' hinan! Der Tagesgott Folget dir aus heller Ferne. Er kömmt! Zwar will er seine Stralen decken, Sucht Dunkel um sich her zu streu'n. Allein, wie kann des Lichtes Urquell Schatten wecken, Er, was er ist, nicht seyn? Sein klein Gefolg – ja klein, wenn Arbeitsliebe, Wenn Einsicht, Klugheit, Mäßigkeit, Wenn Wißbegier und Menschenhuld zurückebliebe, Das herrlichste Geleit, Das schon heran vom nachbarlichen Rheine Den niegeseh'nen Fremdling schmückt, Und mehr, als Purpur, Silber, Gold und Edelsteine Der Franken Aug' entzückt. Sie steh'n geblendet, rufen: »Dieser wäre, Der Deutschlands hohen Machtstab hält! Herr ungezählter Völker, ungezählter Heere, Der erste dieser Welt? Er wär' es, den wir ruhig wandeln schauen Von Menschenfluthen weit umringt, Als ging' er, fernes Wien! in deinen Frühlingsauen, Wo jede Kehl' ihn singt? Er wär's, auf dessen heit'rem Angesichte Die Güte seelefassend wohnt, Den Gruß zurücke gibt, dem mindesten Berichte Mit holdem Danke lohnt? Er, der in Ludwig's Burg mit gleichem Fuße, So, wie in Pflügerhütten, steht, Und von der zartgeliebten Schwester Herzenskusse Zu siechen Armen geht? Nun zusieht, wie gereizt von Waffenruhme Das Feld im Lustgefechte blitzt, Nun in der Kunst und Weisheit stillem Heiligthume Mit Lehrlingsblicke sitzt, Und nun von Jedem, was er sieht und höret, Mit solcher Meistereinsicht spricht, Daß, wer den Einzigen nicht kennen sollte, schwöret: Er hat nur diese Pflicht! – Ha Franz und Heinrich, und ihr Ludewige! Werth bleibt ihr ewig uns und groß; Doch gönnt der Sonne, die nun stralet, ihre Siege! Sie stralet mackellos.« So schallt es von den Thürmen an der Seine Den fernen Pyrenäen zu, Und kreis't an zweien Meeren, kehret zu dem Rheine. Mein Deutschland! horchest du? Beim Zeugnisse so vieler fremden Zungen Wie hoch muß dein Entzücken seyn! Noch einmal sei's empfunden, einmal noch gesungen: O Fürst! so groß – und mein! Heil allen Herrschern, die in seinen Tagen Allvaters Hand der Erde lieh! Durch seinen Aufschwung wird ihr Stand emporgetragen. In Joseph glänzen sie. Und Heil uns allen deutschen Biederleuten! Der fühl' ihn mit, der fühlen kann, Groß ist der Stolz und schön: Ich lebe Joseph's Zeiten, Bin selbst sein Unterthan! O Fürst und Mensch! – O Tugendfreund und Weiser, Der größten Mutter größter Sohn! Es lohnet Harfe – nein, für einen solchen Kaiser Hat Harfe keinen Lohn! So sang ich seine sechste Reise. Doch Ich fühle, daß mit jeder Reise sich Mein Adler immer mehr dem Blick' entschwingt. Mein Spiel erschlafft, und meine Stimme bricht. Wer hielt's auch mit dem Unerreichlichen? Ich müßte Joseph unter Barden seyn, So wie er Joseph unter Fürsten ist. Fußnoten 1 Nach Frankreich, 1777. 2 Der Fürst, Hof- und Staatskanzler. Die siebente Reise 1 Mutter! wen suchet dein Aug' in Norden, wenn Tag Jetzo die Fernen erhellt? Mutter! wem lauschet dein Ohr in Norden, wenn Nacht Jetzo den Erdenkreis deckt? Wolken des Staubes die wehn aus Norden. Doch sie Wölkte sein Wagen nicht auf. Nächtliches Rollen erschallt aus Norden. Doch sind Räder von Joseph es nicht. Aber dir pochet dein Herz, dein mütterlich Herz Seinem Geliebtesten nach; Sieht ihn in Wachen des Tag's, in Träumen der Nacht; Ahnet Gefahren und pocht. Denn er ist ferne, dein Sohn. Manch reißender Strom Scheidet ihn, manches Gebirg'. Manchen unwirthlichen Hain, manch' ödes Gefild', Mutter! bewandelt sein Fuß. Allein gewaltig ist das geflügelte Geleit' von oben, das ihm Allvater gab. Und gab er ihm's denn erst nach Norden? Las er nicht lange schon, als der Wand'rer, Der grosse Wand'rer jetzo das erstemal Wien's Freuden aufgab, hoher Entschlüsse voll Zu seh'n, zu dulden und zu lernen, Itzo die Reise nach Süden antrat, Von seinem Botenheere die mächtigsten, Dem Throne nächsten, trautesten Schwingen aus? »In Joseph hab' ich mir gefallen. Decket, umschattet auf jedem Pfade Theresien's Erstgebohrnen, mein Lieblingsbild!« Sie, froh des Auftrags, decken, umschatten ihn In Süden, Osten, Westen, Norden. Jegliches Unheil verweh't ihr Fittig. Dann athme Trost, o Mutter! Erreichet hat, Erreichet er die große Gebieterinn, (Noch größer, trügest du nicht, Mutter! Mit Katharina zugleich die Krone,) Erreichet sie, die weise, bewunderte, Geliebte Völkermutter, und Bilderin Von zahl- und namenlosen Stämmen, Sie, die gepriesene Künstefreundin, Im düst'ren Norden Schimmerverbreiterinn, Der Mondenträger Schrecken auf Land und See, Und – Barde! dieses tön' in vollem Stolze der Harfe – von deutscher Abkunft! Nach ihr begehrte lange schon Joseph's Geist, Der Schätzer großer Geister. Schon lange war In Joseph's Geiste sich zu spiegeln Wunsch der Gebieterinn – itzt erfüllet! O wer den Aufschluß dieser erhabenen Sich itzt zum erstenmale begegnenden Gebieterherzen, wer der ersten Fürstenumarmungen Innbrunst sänge! Den Inhalt ihrer Göttergespräche, ganz Dem Wohl der Menschheit heilig, o Mutter! kann Nur Joseph (wer erzählt, wie Joseph?), Wenn er dich wieder umarmt, erzählen. Und wird's. Die Bothen die ihm Allvater gab, Die wenden schon den Flügel, geleiten ihn Nicht ohne Sehnsucht der Verlaß'nen Von Katharina zu dir zurücke. Dem großen Wand'rer folgen auf jeglichem Der Pfade tausend Segen für ihn und dich; Denn nicht geboren nur, (die Völker Wissen es) hast du ihn, auch gebildet. So sang ich in der Sommernacht. Und horch'! Ein Rollen kam vom fernen Norden her. Die Räder Joseph's! Itzt beschien der Tag Den wonnevollen Schwung, mit welchem er, Dem Barden unausdrücklich, an das Herz Der liebenden erfreuten Mutter flog, Noch größer, als er je gekehret war. Fußnoten 1 Nach Rußland 1780. Der Zwist der Fürsten 1 Erstes Lied Blick' auf zur Halle, Knabe! Sined's Brust Beginnet schwer zu athmen. Daß vielleicht Ein Wetter sich an fernen Bergen hebt. Ein Wetter, Liedermund ! Wo zeucht es her? Herunter von den Bojen . Ich erstand, Und trat ins Freie. Siehe, mit dem Weh'n Der Donau zog's herunter, wie die Nacht, Gebirgig, keileschwanger. Keiner doch Der Keile riß sich los. Nur murreten Die Donner manchmal dumpf, durchzitterten Noch matte Blitze die Gewitternacht. So zog es deine Thürme, Wien! vorbei, Und wandte sich auf einmal in's Gefild Der Quaden hin, und dort, dort brach es aus. Sie liegt gestürzet – Knabe! mein Harfenspiel Heraus, mit allem seinen erseufzenden Tief aufgestürmten Wehgeklänge! Bringe mein Harfenspiel! – Ach gestürzet, Gestürzet liegt sie! Feuer vom Himmel fraß Den fetten hohen Wipfel, verschleuderte Den Wald der Aeste, schlug in hundert Dampfende Brände den Stamm der Eiche! Neun Herbste sind hinüber, da hattet ihr Den Wunsch des Barden, Söhne von Teut! gehört, Und hattet nach des Barden Wunsche Diesen bedeutenden Baum gepflanzet 2 , Den Baum gepflanzet, wo sich umarmeten Die Größten Deutschlands, Joseph und Friederich , Gepflanzet, daß in seinem Schatten Ihrer Umarmungen Enkel dächten. Neun Herbste sah'n ihn sprießen. Er deckete Mit breiten Armen öfter der Jugend Spiel, Der Liebe Flüstern, und der Greise Biedergespräch, ein erhaben Denkmal! Nun liegt er nieder, und der Umarmungen Ist ach vergessen! Friederich wecket ihn Den alten Zwist, die grauen Locken Birgt er noch einmal im Herrscherhelme; Mit Schwert und Lanze steht er, und fertiget Nach seinen Starken rüstige Boten hin: »Nein! Joseph's Erbe soll nicht wachsen!« Sag't es, und klopfet umher am Schilde. Sie geh'n und sagen. Mächtig erklingt ihr Schild Im ganzen Brennenreiche. So fährt der Sturm Die Wasserwelt hinan, und zahllos Werfen die Wogen ihr schäumend Haupt auf. – Der Mond, o Liedermund ! Wie steigt er auf? Roth, wie es aus der Brust des Kriegers quillt . Ha, Sohn des Himmels! färbet Heldenblut Dein Antlitz? Klagst du die Gewaltigen, Die fallen werden? Fallen werden sie! Mir wittert offner Gräber feuchter Duft. Mir ahnet fernher leises Lautes so, Wie Mutterjammer, Brautgewinsel tönt. Bereite Schlachtgesänge, Bardenvolk! Und Siegeslieder! Aber Klagen auch, Auch über Friedrichs Helden; denn auch sie Sind ach Thuiskos Enkel! fallen nicht, Wie vor der Sense niedrig Wiesengras! Fußnoten 1 Gesungen 1778. 2 Siehe das Lied auf Josephs zweite Reise. Zweites Lied Wie sie schmettert die Kriegesdromete! Wie sie lauten die Flöten und Hörner! Wie die Trommel in's Gelaut' rollt! Denn geklungen, geklungen hat Joseph's Schild. Wie die Stahlsaat unendlich heranwallt! Wie die Fahnen die Lüfte beströmen! Wie das Roß braust! Wie der Huf schlägt! Denn geklungen, geklungen hat Joseph's Schild. Nicht der leichtere Schild, den der Gebieter hob, Wenn in Tagen des Herbst's zu dem ergötzenden Waffenspiele sein Heerzug Auf die ruhende Flur erging. Nein! sein erster, unerhobner, Schwerer, ernster Mutherwecker, Schlachtverkünder, gleich dem Monde Mitten in Gewittern, hat geklungen. Der König der blauen Geschwader In blutigen Feldern ergrauet Hat Joseph ans Ufer der Elbe Zum zornigen Strauße geladen. Wie die Stirne der Starken sich einwölkt! Wie das Aug' flammt! Wie der Fuß drängt! Wie der Heerruf wildfreudig emporsteigt: Zu der Elbe, zu der Elbe, zu der Elbe! Stürm' in den Heerruf, mein Harfenspiel! Und du, o mein Lied, der Tapferkeit heilig! Begrüße, so wie sie zur Elbe vorbeiziehn, Theresien's Krieger und Joseph's. Dich grüßet das Lied, o du Kern des Heeres! Schlachtentscheidendes Fußvolk! Euch, Riesen im Volke, mit pelziger Hauptzier, Den schönsten Gefahren bestimmt! Dich auf dem höheren Gaule, du trotziger Mann Mit eiserner Brust und spaltender Faust! Dich, Reisiger eiliges Anfalls Und leichterer Lenkung! euch grüßet das Lied. Dich grüßet das Lied, o geflügelter Ungar! Treuer Gefährte der Söhne von Teut! So wie du mit wogiger Schneide Den stäubenden Wiehrer hinanhängst! Euch, die ihr auf rasselnden Donnerwagen Der Erdegötter Stral und Knall führt, Tiefenerschütterer, Heerevertilger, Festenzerschmett'rer! euch grüßet das Lied! Euch grüßet das Lied, Männer der Ehre! Heldenbewohner Croatiens! Gleich fertig den nervigen Arm Zum Pfluge, zum Schwerte zu strecken! Zwar ist er euch fremd der deutsche Gesang; Doch hab't ihr auch Barden, und liebet das Lied. Ich hab' euch behorcht. Es quoll euch herauf Tieflangsam und fürchterlich ernst. Fäuste des Todes! ihr ließt in friedlichen Hütten Braut, Kinder und Aeltern. Die weineten nicht. Sie wußten, ihr ziehet für ihren Und euren Joseph zu bluten, zu siegen. Männer, blickt um! Es weiß es auch Joseph. Er zeucht Huldlächelnd hinter euch her. Und du neige dich tief, Kriegesgesang! Dem nahenden Herrscher im Heldengefolge. Heil dir, o Erster der Menschen! Du zückest zwar jetzo kein Lustschwert; Doch du beleidigtest auch Friedrichen nicht. Dein erstes im Ernste gezückt, Heil dir! ist Schutzschwert. Tief neiget sich dir Spiel und Gesang, Schützer der Rechte deiner Erzeugerinn! Großmüthiger Dulder der Kriegesbeschwerden! Vater des Heeres, dem Liebe zu dir Heldengeist einflammt! Führ' es hinan dieß Heldenheer! Pflanze die Stahlwand ans Ufer der Elbe! Dann komme der Schwall der Krieger aus Norden, Und breche sich nicht, und ströme sie weg! Drittes Lied Er hat es zum Schutze gezücket Der Herrscher sein Eisen, o feire, Gesang! Er hat die gewaltige Stahlwand Ans Ufer der Elbe gepflanzt. Hoch stand er im Heldengeschmeide, Die Tapfersten seiner Gebieter zur Hand, Von strebenden Fahnen umrauschet, Vom Schalle der Hörner ergötzt; Hoch stand er, und harrte der Sonne Der Zeugin der großen Entscheidung. Sie kam, Und harrte des dräuenden Königs Der blauen Geschwader. Er kam. Still zog er, ein herrlicher Anblick! In tiefen geschlossenen Reihen heran. Die schauernde Gegend erglänzte Von Waffen, wie feurige Flut. Da schwang sich in fürstlicher Seele Von Joseph der edelste Seufzer empor: O König, am Ende der Tage Wie würdig in Frieden zu ruhn! Noch zog er. Da schwang sich ein zweiter: Ach, Schwerter von Deutschen gezücket auf mich! Noch zog er. Da brach es dem Herrscher Vom Munde: Nicht weiter! Er stand. Er sah die gefährlichen Höhen Von Joseph's erwartenden Tausenden voll, Die gähnenden ehernen Schlünde Mit Tode gefüllet, und stand. Und sing' ich den Gauen, wie lange Vor Joseph unthätig das Brennenheer stand? Und hörten die Gauen vom Heere Nicht flüchtige Zeugen genug? Und sing' ich, wie Friedrich versuchte Durch Berge dem tapferen Bruder zu nah'n? Und sagten die flüchtigen Zeugen Nicht lange den Gauen: Umsonst! Zwar stürzte – verschweig es, Gesang! nicht – Von Sachsen geleitet, ein Bergstrom in Nacht, Der tapfere Bruder des Helden Die Fluren von Böhmen heran. Doch wie sich dem Schooße des Wetters, Das schweigend unwirthliche Berge bedeckt, Zur schrecklichen Reise gekochet Der Flügel des Keiles entreißt, So riß sich ans Joseph's Versuchten Ein grosser, gefürchteter Namen hervor. Der Krieger hört: Laudon! und jauchzet: Gelingen ha muß es mit ihm! Gelungen! Der fürstliche Gegner Versprach sich den Winter in Böhmen umsonst. Er kehrte mit schwächerem Heere Vom nahenden Schützer gedrängt. So, Vater der Deinen o Joseph! So schloß er dein erster liedwürdiger Zug. So wachte, Gebieter! dein Schutzschwert, So schonete Liebe dein Volk. Du theiltest Gefahren und Arbeit, Und jede Beschwerde der Waffen mit ihm, Die Wasser vom Himmel, den Tagstral, Die Fröste des Riesengebirg's. Deß brannten sie deine Getreuen Ins Eisengemenge zu stürzen für dich; Doch hieltst du den brennenden Ruhmdurst Mit weiser Verzögerung ein; Erlaubtest nur kühnen Croaten, Und muthigen Ungarn den kühlenden Quell. Fast führte der Brennengebieter Die Fehde mit ihnen allein. So schloß er dein erster. So sieht dich In neuer Verherrlichung jetzo dein Wien. So drücket Therese des Sohnes Und ihres Vertheidigers Hand, Und fühlet die göttliche Wonne Der glücklichsten Mutter, und sieht sich in dir. Bald führet dich aber zum Heere Zurücke dein hoher Beruf. Und weilet der Krieger aus Norden Die Rechte zum Frieden zu bieten, wie nennt, Wie nennt sich im kommenden Lenze, Gereizeter Schützer! dein Schwert? Auf den Oberdruiden an der Rur 1 Gerne schwindet Sined In des Mondes kühlen Wandelstunden Aus dem lauten Kreise seiner Freunde weg; Nur gefolgt von seinen Liedern Sucht er stille Lindenwipfel 2 , Unter welchen seine Seele Mit entferneten Geliebten Sich bis hin zur Mitternacht ergeht. Da lächelt oft vom Ufer, wo die Rur Sich in die Maas verströmt, ein hohes Bild Im Oberpriesterschmucke sanft auf ihn; Da kehren Tage, die zur Ewigkeit Hinüber sind, vor seinen Geist zurück. Sein Busen schwillt empor. Er wendet sich Nach seinen Liedern um, und spricht entzückt: Dort, Kinder meines Herzens! dort seht ihr ihn Den ehrenvollen Bardenbegünstiger, Durch den ihr seyd, auf dessen Zuspruch Zögernden Lippen ihr euch entrisset, Dem Veilchen ähnlich, welches in Erde schlief, Und jetzt den Ruf des Flurenermunterers Des Lenzes höret, und den blauen Busen der suchenden Jugend aufthut. Hier unter diesen Linden erging er sich In Mitte seiner Sorgen. Ein wichtiges Geschäft zum Wohl der Folgezeiten Hatte die Fürstin ihm aufgeladen, Die Zucht der Heldenkinder. Noch war't ihr nicht, Noch scholl im Opferkreise der feiernden Druiden nicht, und nicht im Mahle Spiegelnder Helme der Name Sined. Da sah er mir ins Auge. Dein Blick verräth In deinem Busen lodernde Bardenglut. So sprach er: Weile nicht in helle Flammen die lodernde Glut zu fachen. Ein Loos von oben war mir des Weisen Rath. Ich thats. Ihr wurdet, Lieder! da gaben mir Die Barden Eichenkranz, und Rhingulph Namen 3 , und Ehre mein Volk, und Beyfall. Und er der Weise freute der Wege sich, Die Sined ging zum Ruhme. Durch ihn erschwang Sich mein Gesang und meiner Harfe Lispel zu Menschengebieterohren 4 . Und nun geneußt er seiner Verdienste Lohn In jenen Fernen; aber er freut sich noch Der Wege Sineds, liebt euch, Lieder! Wenn ihr sein hohes Gewölb' besuchet. Ha! sind auch deiner Liebe, mein Vaterland! Die Lieder würdig, welche dir Sined singt, O so vergiß es nie: die Lieder Bist du dem Oberdruiden schuldig. Vermöchten meine Saiten ein Denkmaal ihm Zu stiften, welches Zeiten besiegete, Mit ihrem grossen, hellen Auge 5 Sähe die Mitternacht jetzt es werden. Die Dankbarkeit ist frommer Barden Pflicht; Zum Harfenspiele, das sie nicht bewohnt, Gab ein vom Blitz entflammter Baum das Holz, Die Saiten ein vom Wolf' erwürgtes Lamm. Fußnoten 1 Heinrich Joh. von Kerens, Bischoff von St. Pölten, Vorsteher des k.k. Theresianums. 2 Ein Schattengang im Garten des Theresianums. 3 Rhingulph war der erste, der dem Barden den Namen Sined beilegt. 4 Er empfahl unsern Dichter der Monarchin. 5 Dem Monde. An einen Bardenfreund 1 Weit wohnt Sined von euch. Manches Gebirg erhebt Uns zu trennen sein Haupt mächtig, und mancher Fluß Rauscht entzwischen, o Wälder, Die mein kindlicher Fuß betrat! In den Tagen des Herbst's, wenn sich der Abend bräunt. Irr' ich einsam den Hain, irr' ich die Fluren durch, Dann zeucht meine Gedanken Euer freundliches Bild an sich. Ja, dann seyd ihr vor mir, Wälder mit seufzenden Tannen! bist du vor mir, sprudelnder Erlenbach! Und ihr Teiche voll Schilfes, Von dem kühlenden West' umrauscht! Wo mein Leben begann, wo sich Allvater mir Im Gestirne der Nacht, in der geblümten Flur Offenbarte, der Frühling Meiner Tage mir heiter floß. Wo mich, wenn mich ein Spiel unter die dämmernden Eichenschatten berief, heiligen Schauer hub, Daß den bebenden Händen Plötzlich jeglicher Tand entfiel, Von den Lippen ein Laut strömte, dem Liede gleich, Das im Busche des Herbst's furchtsam ein Wipfelkind, Jüngst vom Neste geflogen, Mit noch stammelnder Kehle wagt. O dann wird es in mir still, wie der Abend ist, Wenn sein mildes Gesicht keine der Wolken trübt, Wälder schweigen, aus Westen Noch die scheidende Sonne blickt. Nur der sanftere Wunsch, freundliche Gegenden, Wo mein Leben begann! immer um euch zu seyn, Bis mein Leben verhauchet, Der nur lispelt im Herzen noch. Aber, lispelnder Wunsch! wärest du mehr als Wunsch, Niemal hätte mein Aug' Sie, die Gebieterin, Sie die Mutter der Menschen, Sie, das Wunder der Zeit gesehn; Niemal hätte mein Ohr Worte der Huld von ihr Freudetrunken gehört, niemal mein Harfenspiel Ihrem Lobe gestimmet Ruhm im Erbe von Teut erjauchzt. Niemal wäre mein Blick ihrem erhabenen Ersterzeugten gefolgt, wann er in Tausende Muth verbreitet, mich hätte Joseph's Barden kein Mund genannt. Niemal hätt' ich auch dich, Diener Theresien's, Joseph's Diener! geseh'n, niemal dein Herz gekannt, Mann der Treue, des Rathes, Bardengönner und Menschenfreund! Sohn der Moldau! dein Herz gleichet der Sommernacht, Wenn der schweigende Mond über bethauete Segenreiche Gefilde Voll und dunstlos hernieder hängt. Lang umfloß mich sein Licht; aber nun leuchtet es Fernen Hügeln, seitdem unsrer Beherrscherinn Muttersorge dich deinem Vaterlande zurücke gab 2 . Dunkel wär' es um mich, klänge dem Ohre nicht Deine Stimme noch jetzt, trüg' ich im Herzen nicht Unaustilgbar gezeichnet Dein erhellendes Angesicht. Freund von Sined! Es beut Titan uns Licht, der Baum Schatten, Labung der Quell, Düfte der Blüthenstrauch, Und ein Barde den Ausbruch Seines Herzen, ein feurig Lied. Nimm es, was dir den Herbst Sined im Haine sang, Der, indem sich dein Bild lebhaft vor ihm entwarf, Selbst der freundlichen Gegend, Wo sein Leben begann, vergaß. Fußnoten 1 Frhr. von Kresel, böhm. östr. Hofkanzler. 2 Er war einige Zeit beym Gubernium zu Prag angestellt. An den Obersten der Barden Teuts 1 Sind Menschenherrscher nur der Lieder werth? Und bleiben Barden unbesungen sie, Von derer Lippen Menschenherrscherlob, Und Thatenpreis, ein sonnenheller Strom, Auf künftige Geschlechter sich ergeußt? Gedenket Sined seiner Freunde nicht Der Harfenkönige, die fern von ihm Durch alle Gauen Teut's verstreuet sind? Wie, wenn ihn ehe noch sein Tag ereilt, Wie wissen Folgezeiten, daß er sie Gekannt, geehret und geliebet hat? So sprach der Geist der Lieder und entschwand. Ich riß mich aus dem Schlummer, hörte noch Im Tannenwipfel scheidend Säuseln, fiel In's Harfenspiel, da ward mir der Gesang. Dir, erster unter Liedergewaltigen Im deutschen Vaterlande! dir folgt mein Aug', Mein Herz, mein Saitengriff in jede Luftige Ferne, wohin dein Fittig Dich herrlich aufträgt. Aber, o wolltest du, Mein Adler! ausruh'n, sey es im Wipfel hier Der Tanne, sey es dort auf jener Felsigen Höhe, mein Adler! ausruh'n, Und hören, wie sich über die Lippe mir Ein Quell der Freundschaft stürzet, und hat der Quell Dein Ohr vergnüget, endlich wieder Deine gestirnte Bahn verfolgen! Du Stolz von meinem Volke! du mächtiger Und unerreichter Barde! wer lohnet dir Die Lieder, welche du von deinen Sonnegebieten auf und herabtönst, Uns mit den Liedern fassest, und jetzo tief Hinein in graue Zeiten der Ahnen singst, Und jetzo bis in unerschaff'ne Wonnegefilde der Gottheit aufsingst? Wir folgen, uns entrissen. Die Brust erpocht Erhab'ner, ungewohnter Gefühle voll, Die Wange glüht, und hohe Wehmuth Thauet vom edleren Auge nieder. Dein Herrmann, Deutschlands grosser Entfesseler, O welche Bardenarbeit! Wie wecket er Der Ahnen Muth, in welcher Helle Zeigt er dem Enkel der Ahnen Sitten! Der Erderzeugten grosser Entfesseler, Dein Sohn Allvaters, welch' ein unsterbliches, Ein himmelwerthes Unternehmen! Hört ihn ein Erdesohn, und verkennet Die Würde seines Geistes, den hohen Zweck Von seinem Hierseyn? Hört er ihn, und verfolgt Für Ewigkeiten voll Entzückens Flüchtige Freuden an Gräberhügeln? Wer lohnet dir die Lieder? du mächtiger, Und unerreichter Barde! Verbänden sich Auch alle Stämme Teut's, und stiegen Steine des Ruhmes an allen Ufern, Auf aller Hügel Rücken für dich empor Im ganzen Heldenerbe, sie lohnten dir Die Lieder nicht. Nur er, von dessen Sohne sie tönen, allein vermag es, Und wird's. Indessen eile mit feuriger, Mit unermüd'ter Schwinge zum Ziele fort! Dort leuchtet es! Nur einen Schwung noch, 2 Einen, mein Adler! Es ist erreichet! Zwar steh'n in tiefen Gründen, die Nebel deckt, Noch Manche deines Volkes, und sehen nicht Die Flammenfurche, die dein Aufschwung In die Gebiete der Sonne nachläßt! Bedauernswürdig sind sie! Doch einst verhaucht Der Nebel. Enkel rufen: Wir sehen sie Die Flammenfurche, die sein Aufschwung In die Gebiete der Sonne nachließ! O dann wird unter schärferen Augen auch Mein Aug' genennet! Sined, er sah sie längst Die Flammenfurche, pries den Adler, Welcher sie zeichnete, pries und liebt' ihn. Mein Ruhm sey dieß zur Nachtzeit, o mächtiger, Und unerreichter Barde! Dein Harfenspiel Entzückte mich, und deine Freundschaft Suchte mein fühlendes Herz, und fand sie. Fußnoten 1 Klopstock. 2 Die Ausgabe des vierten Theils des Messias. Auf den Bardenführer der Brennenheere 1 Ohne Lustempfindung Sieht ein Krieger niemal Auf sein hangend Schwert, Das mit ihm am ersten Seiner Ehrentage Sieg und hohen Heldenruhm erfocht. Ohne Lustempfindung Seh' ich Barde niemal Auf mein hangend Spiel. Ossians erhab'ne Lieder nachzustimmen Rang es, und errang mir einen Gleim 2 . Fürstengold umstralet In geschmückten Hallen Seinen Scheitel nicht. Weder Krieg, noch Frieden, Geht von seinen Lippen Ueber untergeb'ne Völker aus. Keine Siegestrümmer Ragt in Blutgefilden Seinem Namen auf. Kein Bedrückter eilet Unter hochgebornen Reichen Herrschergünstlingen ihm zu. Aber seinen Scheitel Laubt ein unentweihter Eichensprößling auf; Aber Lob und Ehre Geht von seinen Lippen Ueber Thäter ed'ler Thaten aus. Aber seinen Namen Ziert in seinen Liedern Ewigheller Ruhm; Aber Bardenfreunde Jauchzen unter hohen Deutschen Harfenkönigen ihm zu. Wie der Quelle Lispel Mit der Weste Säuseln Sich im Lenze paart; Also, wenn den Barden Holder Scherz erheitert, Rieselt in die Saiten sein Gesang 3 . Wie der Donner Krachen Mit des Nordes Brausen Sich in Wetter paart; Also, wenn den Barden Hedenernst verdüstert, Stürmet in die Saiten sein Gesang 4 . Als in Todeseb'nen Friedrich's Heere standen, War der Barde mit. Wie die Griffe rauschten, Schwoll der Muth im Busen, Schlug der Waffenhagel weit umher. Aber lieber, lieber Weilet er an Bächen, Wo kein Eisen klirrt; In der Espe Schatten Sitzet er, und singet Brüdern menschenfreundliches Gefühl. Denn sein Herz ist heiter, Wie die dünstelose, Stille Sommernacht, Heiter und gefällig, Und der Freundschaft offen, Und so mild, so mild, wie reifer Herbst 5 . Allen Harfensöhnen Gönnet er den Beifall, Den ihr Lied ersingt. Jauchzen ihnen Völker, Jauchzt auch er in ihnen Deinem Ruhme, deutsches Vaterland! Und so wird er selber Dir zum größten Ruhme, Deutsches Vaterland! Brüste dich, und ehre Deinen Züchtling wieder, Dessen Harfenspiel und Herz dich ehrt! Aber du, Gespielinn Meiner Lieder, Harfe! Theurer bist du mir, Seit du mir mit Morvens 6 Neugeweckten Klängen Dieses Mannes Herz gewonnen hast. Jährlich an dem Tage, Der zu mir mit seinem Ersten Gruße kam, Zier' ich dich mit Kränzen, Trag' ich dich in Feier Unter meinem Heldenvolk' herum. Fußnoten 1 An Gleim. 2 So gut nahm dieser vortreffliche Dichter die Uebersetzung Ossians auf. 3 Siehe seine Anakreontischen Lieder und Romanzen. 4 Die preußischen Kriegslieder. 5 Dieß zeigt sein Briefwechsel mit Jakobi. 6 Ossians Vaterland. An Friedrichs Barden 1 Menschenherrscher sind groß, wenn sie von edlerer Lust nach Ruhme gereizt frühe den hohen Geist, Und den mächtigen Arm ewigkeitwürdigen, Folgerweckenden Thaten weih'n Liedersöhne sind groß, wenn der gewaltige Zeugnißgeber, ihr Mund, Thäter erhabener Thaten, wenn er den Ruhm ewigkeitwürdiger Menschenherrscher dem Tod entreißt. Menschenherrscher wie viel, ewigkeitwürdiger, Selt'ner Thaten wie viel raffte der Tod hinweg, Weil kein Retter aus Nacht, weil kein gewaltiger Mund der Lieder sie leben hieß! Flammen sind sie vor uns deines bewunderten Friedrichs Thaten, o Freund! Aber die Flamme sinkt Langsam nieder und stirbt, wenn sie kein Flügelschlag Fernhin streifender Winde trifft. Friedrichs Thaten, sie traf, Barde! der Flügelschlag Deines Liedes. Hinan bis in entfernete Menschenalter ergeußt, Wogen auf Wogen, sich Unaufhaltsam ihr Feuerstrom. Hub dein Herrscher den Spieß, hubst du dein Harfenspiel; Schlug er Schlachten der Held, schlugst du die Saiten an; Kehrt' er Sieger zurück, kehrtest du Sieger auch, Er vom Felde, vom Liede du. Kühn ist, Barde! dein Lied, wie der versuchteste Krieger, feurig, wie Blitz, hoch wie der Adlerweg, Brausend, wie die Gewalt himmlischer Wasser aus Wolkenbrüchen herabstürzt. Von dem Ruhme gelockt, welcher in Harfen wohnt, Ließest deines Geschlechts laute Versammlung du, Noch ein Jüngling, und gingst einsam entzückenden Nachtigallen im Haine nach. Jeden Lispel des Quell's, welcher im Hine floß, Jeden Seufzer des West's, oben im heiteren Eichenwipfel, verstand, Barde! dein Herz, und schwoll Hoch von werdenden Liedern auf. Und ein Silbergewölk' senkte vom Monde sich Trächtig nieder. Wer war's? Geister der ältesten Barden deines Geschlechts, Geister der ältesten Barden fremder Geschlechter auch. Freundlich lehrten sie dich ihre Geheimnisse, Jeden künstlichen Griff, welcher in Griechenland, Und im herrschenden Rom jedes empfindenden Hörers Seele bezauberte. Also kamst du zurück aus der geweihten Nacht, Trat'st in deines Geschlechts laute Versammlungen, Sang'st. Da ward es um dich stille. Geberden nur Staunten, Barde! dir Beifall zu. Und nun nennet der Ruhm unter den ersten dich, Derer siegendes Lied Thaten dem Tod entreißt. Deine Spree, die rauscht freudig und stolz auf dich Deinen Namen zur Ewigkeit. Und o rauschtest auch du, die du mich singen hörst, Du, mein heimischer Fluß, Donau! zur Ewigkeit, Daß in Tagen des Lied's redlich geliebt von mir Friedrich's Barde mich liebete! Fußnoten 1 Prof. Ramler in Berlin. An den Oberbarden der Pleisse 1 Ein Veilchen, das den lauen Stral Des Lenzes in der Erde fühlt, Drängt auf, und Mutter Erde wehrt Es ihrem Kinde nicht. Ein Lied, das in der Bardenbrust Der Freundschaft holde Wärme fühlt, Drängt auf, und welche Bardenbrust Erstickt ein solches Lied? Nicht meine, Freund! denn Freundschaft ist Im Auge bunte Wiesenpracht, Im Ohre Nachtigallenschall, Im Gaumen Honig mir. Und sang ich Den, der oben herrscht, Und Joseph und Theresien, Und dich, mein deutsches Vaterland! Wen säng' ich Barde nun? Als euch, Bewohner meiner Brust! Und unter ihnen, Weiße! dich, In dem der edlen Pleisse Trost Seit Gellerts Falle grünt. Du glänzest in den Hunderten Der Barden Manas 2 , wie der Stern, Der Abendführer, der die Glut Der Sommermonden dämpft. Druiden locket er hervor Aus ihrer Höhle, freudig sieht Der braune Sohn der Arbeit ihn, Und trocknet seinen Schweiß. Auf Knabenspiele blinket er Von seiner Bahn ins Grün' herab, Und Mädchen ruft in's Thaugefild' Sein Mitgefährt' der West. So ward die sanfte Liederkraft Für jedes Alter und Geschlecht; So wohnet Lust für jedes Ohr In deiner Harfe, Freund 3 ! Auch Lust der Thränen gibst uns du, Wenn sich zur Feier deines Volks Der Herrscher Fall, der Helden Weh Von ernster Bühne zeigt. Auch heitre Scherze giebst uns du, Wenn sich zur Feier deines Volks Der Thoren lächerliches Bild Von munt'rer Bühne zeigt. Die tief umstand'ne Bühne schallt Dein Lob, und mancher Feirer ruft: »Hab't ihr denn Bühnen nur allein? Ihr Fremden! ihr allein?« Er ruft es, und du wendest dich, Und horchest deinem Lobe nicht, Und deinen Werth, den alle seh'n, Den siehst du, Barde! nicht. Du siehst nur deiner Brüder Werth, Und gönnest jedem seinen Kranz, Und preisest sie den Kindern Teut's Aus vollem Herzen an 4 . Und glimmet unter Brüdern Zwist, Dann stehst du mitten. Niemal haucht Dein Odem in die Glut. Du schweigst, Und ehrest deinen Stand. Ha, Biedermann! und wärest du Auch Barde nicht, wie liebenswerth! Nun bist du Barde, bist mein Freund, Wie muß ich lieben dich! Nimm dieses Lied, das dir, o Freund! Mit Veilchen in dem Lenze sproß, Der jedes fühlende Geschöpf Zu sanften Trieben weckt! Oft sing' ich's durch die junge Flur, Und Nachtigall begleitet es, Und Weste nicken Beifall ihm In Blumenhäuptern zu. Fußnoten 1 Weiße in Leipzig. 2 Mana der Deutschen zweiter Stammvater nach dem Tuito oder Teut. Tacitus nennt ihn Mannus. Schottel leitet, wie von Teut teutisch, teutsch, also von Mannis, oder Mana, mänisch, Mensch. 3 Man darf nur die Verschiedenheit seiner Arbeiten bemerken. 4 In der Bibliotheck der schönen Wissenschaften. Rhingulphs Lied An Sined den Druiden der Harfe. 1 Wo bin ich? – Schlief ich nicht im Walde Arbeitermüdet ein? Im Walde, wo des Lenzes Tonvoller Vogel nicht nistet, Im Walde, wo kein Barde Noch seine Harf' in die Schatten trug? Er ist es, wo ich entschlief, Der Wald voll brütender Schauer, Als wär' er hinter Helas Grotte gegen Walhalla gepflanzt; Denn wie vom Felde der Seligen Tönt mir durch seine Fichtengänge Der Bardenharfe Geräusch. Mich umwandelt der Geist der Lieder, Wie die Seele der Brünstiggeliebten Um den einsam trauernden Jüngling schwebt. O sey du mir willkommen! Ruft der Verzweifelnde. O sey du mir willkommen! Ruf' ich und reiße mich auf, Daß die zweigigte Fichte schwankt, Und streife windschnell über das Haidenkraut, Und eil' und fliege gegen den Harfenruf, Der bei jedem von Felsen Zu Felsen gewagten Sprunge Immer näher und näher tönt. Da rauschet mir gewaltig Josephs Namen entgegen; Es rufen dort oben die Felsen, Dort unten die Fichten rufen Joseph's Namen zurück. Und hier sind Nachtigallen; Hier scherzt das kühle Lüftchen Um junge Wiesenblumen; Weidende Rehe hüpfen Fröhlich am Bach. Heil mir! nun bin ich am Ziel! Heil mir! da ist der Sänger! Götter! da ist die Harfe! durstig Trink' ich all' ihre Töne auf. Vergieb dem Bardensohne, Vergieb, du Bindengeschmückter! Wer bist du? Druide mit der gold'nen Sichel In deinem Priestergürtel! Wer bist du? Sänger Josephs! Du lächelst, theurer Sänger! Aber ich kenne die Harfe; Und nun kenn' ich dich, Sined! Den Freund an Ossians Busen, Dem er am Abend Seiner Augen 2 die Harfe ließ. O singe, singe Joseph den Frühgeliebten, Wie er im Frieden groß Segen um sich, und über sich hat! O singe, singe, So lange diesseit Walhallas Er seine Schritte verweilt, Joseph's Kriegsgesang nicht! Zwar wie der Adler, Liegt er am kühlen Mondenlicht, Brütend über seinen Geliebten, Und scheint in sanften Träumen zu ruhn; Aber waget der Gey'r, waget der Habicht sich Seinen Geliebten zu droh'n, hui! dann erhebt er sich, Und wird hoch aus der Gegend des Mond's Seinen Räuber herunterstürzen! – Drum singe, singe, Daß er bis an das Morgenroth Ueber seinen Geliebten ruh't! – Aber ach! kenn' ich denn nicht, Sined! Ossians Harfe, Die vom Rauschen der Speere, Vom Säuseln des Schwertes gerne begleitet ward! Wie der krieg'rische Jüngling Des dauernden Friedens satt, Wird sie, wenn du ein Friedenslied willst, Harte Triumphtöne geben. Aber dann singe von Joseph nicht! Trage dein Harfenspiel tief in den Eichenwald; Geh' zu dem Grabe Dauns, dort, wo die Fahnen weh'n, Dort, wo die Kriegesdonner harren, Singe, dort singe den Ruhm, den er in mancher Schlacht Auf die Gebote Theresiens Der Heldenmutter Josephs ersiegte. 3 Fußnoten 1 Von Kretschmann aus Zittau. Es wird zum Verstehen des folgenden Gesangs nothwendig. 2 Im Tode. 3 Sined wußte lange nicht, wem er dieß schöne Lied zu verdanken hatte. Endlich erfuhr er es, da entstand der folgende Gesang. Sineds Gesicht Rhingulphen, dem Freunde der Geister gewidmet. Der Mitternacht Geflüster wecket mich Auf meinem Lager. Ist's Walhallas Laut? – Kein frommer Barde bleibet unbesucht Von Lüftesöhnen. – Ha! wer naht sich mir; Wer bist du? Gestalt! Dein Schweben ist schön, Dein Stahlgeschmeid' hell, Dein Harfenspiel golden Vom Lenze bekränzet, Dein Auge voll Ruhe! Du lächelst auf mich. Ha, bist du nicht Kleist? Der bin ich Sined! Lange sah' ich schon Auf meinen Hügel nieder, horchete Nach allen Winden, ob kein Barde mir Mit seiner Klage käme 1 . Keiner kam 2 . Und meine Freude bey den Seligen War, wie des Mondes Antlitz, wenn ein Dunst Sich von der Erde schwingend es beschleicht. – Doch jetzo trat zum Hügel ein Liedermund, Der Söhne Sachsens einer, und gab mein Lob Dem Winde 3 . Lüstern hing ich nieder, Hörte mich Krieger und Barde nennen. Drei Morgendämmerungen erklang sein Lied 4 ; Die vierte sah ihn scheiden. Ich segnete Des Edlen Abzug: Also soll dir, Wenn sich im Felde dein Hügel aufhebt, Gesang nicht fehlen! soll ein erhab'ner Sitz Dein Lohn im liedervollen Walhalla seyn! Ich habe meinen Ruhm empfangen. Dank dir, o Sänger! o zeuch im Frieden! Wer war der Freund der Heldengeister? Wer Der Edle, der zum Steine deines Ruhm's Sein Harfenspiel aus dieser Ferne trug? O nenne seinen Namen, Bard' und Held! Ich will ihn segnen, lieben will ich ihn. Rhingulph war es, der den Legionentödter Herrmann sang 5 , Rhingulph, der dem Frömmsten uns'rer Barden Von der Pleisse bis zur Wolkenburg Mit dem schönsten Liede folgte 6 , Rhingulph, dessen Mund auch dich Vor den Söhnen deines Volkes ehrte. – Mich Rhingulph? vor den Söhnen meines Volks? Du täuschest mich, Gestalt! Sein hoher Schwung Wie fänd' er Sined in den Hunderten Der Barden Teut's? Gestalt! du täuschest mich! O Barde! sieh zurücke. Du sangest einst von Joseph, Wo kühle Lüfte scherzten Um junge Wiesenblumen. Da kam ein fremder Bardensohn, Und nannte dich Bindengeschmückter, Und nannte dich den Freund an Ossians Busen, Dem Ossian am Abend seiner Augen Die Harfe ließ. – Wie war dir da? Du sankest im süßesten Taumel Entzücket auf Blumen dahin. – Nun fuhrst du wieder auf, Und wolltest ihn umarmen. Weg war der Bardensohn, Und – Rhingulph war der Bardensohn. War Rhingulph das? und ach! der Harte ließ So lange mich in Ungewißheit! Fast Ergänzten sich die Monden zwölfmal schon. Ich fragte jeden Fluß, der Deutschland nezt, Und keiner rauschte mir's. O Bard' und Held, So wie im Leben, noch der Freundschaft hold! Dein Geist sey mir gesegnet! Scheide nun Auf deinem leichten Wirbel! Unentdeckt Blieb' Rhingulph meinen Saiten ungeehrt. So lange soll sich nun ihr Dank erfreu'n, Bis ihr Wonne Rhingulphs Ohr erreicht 7 . Fußnoten 1 Man weiß aus Ossian, wie viel den Helden daran gelegen war, ihren Ruhm zu erlangen , d.i. besungen zu werden. 2 Mit einem größeren Gedichte. 3 Anspielung auf Kretschmanns Barden am Grabe des Majors von Kleist . 4 Es besteht aus drei Gesängen 5 Rhingulphs Gesang, als Varus geschlagen war , und Rhingulphs Klage , zwey unvergleichliche Nationalgedichte. – 6 Eines der vorzüglichsten Lieder auf Gellerts Tod. 7 Als sie dasselbe erreichte, sang Rhingulph entgegen: Sined, treu'ster Freund von Fingals Sohne! – (Bardenehre werde dir zum Lohne) – Nimm geneigt die Klage, die bey Harfenklang Rhingulph seinem Herrmann, seiner Irmgard sang 1 . Ach dein Lied! – Noch bin ich ganz Entzücken! – Möge Bardenfreude dich beglücken! Hätt' ich Ullins Lieder 2 , böt ich sie dir an; Aber! – nimm o Sined, was ich geben kann. Freundschaft knüpf' um uns die heil'gen Bande! Nimm dieß Lied, die Hand, dieß Herz zum Pfande! Unsern Bunde staunen blöd're Geister schon: »Sined der Druide! – und – der Bardensohn!« 1 Er sandte ihm zugleich die Klage . 2 Ullin war Fingals Oberbarde. Lied eines österreichischen Kriegers, als Laudon Feldmarschall ward Wohlauf! wem Herz im Busen schlägt, Wer Feuerrohr und Säbel trägt Für's hohe Kaiserhaus. Heut, Brüder! ist für uns ein Tag. Es breche, was da jauchzen mag, In frohes Jauchzen aus. Wo Joseph und Therese thront, Da, Brüder! wird Verdienst belohnt, Da gilt die Tapferkeit; Da beut man blutiger Gefahr Die Stirne nicht vergebens dar, Das, Brüder! zeigt sich heut'. Der Mann, der uns wie Söhne liebt, So Beispiel, wie Befehle giebt, Und weise stets befahl, Der durch so manche große That Des ganzen Heer's Vertrauen hat, Heut wird er Feldmarschall. Oft wenn er durch die Glieder ritt, Da flogen stille Wünsche mit, Die Lieb' ins Herz uns gab: Ha! Vater Laudon! Eines noch: Therese! Joseph! gebt ihm doch Nur bald den Marschallstab! Zwar daß er auf so manchen Sieg Doch immer von sich selber schwieg, Das, Brüder wißt ihr wohl; Doch half ihm die Bescheidenheit? O nein! Europa weit und breit Ist seines Namens voll. Vereinet aller Trommeln Schall, Und aller uns'rer Stücke Knall, Wie weit vernimmt man sie! Doch setzet mir an ihren Platz Nun Olmütz, Landshut, Schweidnitz, Glatz! Noch lauter donnern die. Weich, Vater Laudon! weich zurück! Ein scharfes Aug' ist unser Glück, Dem Aug' entgehst du nicht. Therese, Joseph winken dir: Hervor! ergreif der Helden Zier, Den Stab! hervor ans Licht! Dein Schwung begeistert uns're Brust, Wir fühlen kühner Thaten Lust Auf uns'rer Erdenbahn. Wo ist der Mann der uns erschreckt, Die Laudons Ruhm und Führung deckt? Wo, Brüder! ist der Mann? Wenn wir sein weiß und rothes Band, Den Feldherrnstab in seiner Hand Durch Feuerregen seh'n, Dann wollen wir mit Riesendrang Auf Mann und Roß den Heldengang Zum Sieg' und Ruhme geh'n. Die Heimkunft der Kroaten 1779. Willkommen, liebes Vaterland! Da ziehen wir heran. Wir haben, was Theresia, Was Joseph hieß, gethan. Was uns're Väter thaten, das, Das haben wir gethan; Drum ziehen wir mit hohem Muth, Und freier Brust heran. Auf, rolle, Trommel! Pfeife, schall Aus aller deiner Macht! Daß unser ganzes Vaterland Den Kommenden erwacht! Pflanzt auf die Mütze frisches Laub, Und laßt die Fahnen weh'n! Es müßen uns're Dörfer uns Von weitem kommen seh'n. Sie seh'n uns! Alles, alles eilt Auf seine Krieger zu . – Wo ist er? Ha, sey mir gegrüßt, Du greiser Vater, du! Da komm' ich. – »Hast du, wie ich dir Beim Abzug' anbefahl, Geschützt den Kaiser? Bringst du mir Ein rühmlich, Ehrenmaal? Lebt Vater Klebeck?« Siehst du nicht Das Kreuz auf seiner Brust? »Ich kann's nicht seh'n. Mein Aug' ist trüb': Doch hör ich es mit Lust.« So faß, o lieber Vater! mir Mit deiner Greisenhand Die grüne Fahne, die dein Sohn Dem Feinde kühn entwand. »O weinen möcht' ich, trauter Sohn! Ich fühle, du bist mein! So war ich einst in Schlesien, In Baiern und am Rhein.« Macht Platz! Mit zweien Kindern eilt Heran ein junges Weib. Sie sucht, und findet ihren Mann, Und fällt ihm um den Leib. »Willkommen tausendmal! O sieh' Dein Kind, das ich gebahr, Indeß dein Leben, bester Mann! In Tod'sgefahren war.« Der Krieger streichelt seinen Bart, Und küßet Weib und Kind. Gott sey gedanket, daß wir nun Beisammen wieder sind! Und nun o küße, liebes Weib! Nun küße dieses Rohr. Das zieh'n wir künftig, ich und du, Weit allen Schätzen vor. Durch Laxenburg ging unser Zug, Und unser waren viel. Theresia gebot uns da Zu schießen auf ein Ziel. Sie war dabei, der Kaiser auch, Und mancher Fürst und Graf. Wohlan Kroat! – Ha, Blitz und Knall! Mein Rohr am besten traf. Da lächelte die Kaiserinn, Und war so schön und hold, Und wog mit ihrer weißen Hand Mein Rohr, und gab mir Gold. Nun hängt bei Kind und Kindeskind Dieß Rohr an meiner Wand. Die Gränitz sieht's, und sagt: »Es war In uns'rer Fürstin Hand.« Und o wie nützlich ist das Gold, Daß mir dieß Rohr erschoß! Wir bessern unsern Ackerzeug, Und kaufen Rind und Roß. »Ja, lieber Mann! das kaufen wir; Doch sage mir nun auch', Wo ist mein Bruder? Hielt er sich Nach uns'rer Krieger Brauch?« Bei Joseph und Theresia! Dein Bruder war ein Held. »Wo ist er?« Ha! bei Schwedeldorf Da decket ihn das Feld. »Es traf ihm doch den Rücken nicht?« Nein, hier die Stirne dicht. »Wohlan, so sey er Gott geschenkt, Er fiel in seiner Pflicht!« Von einem Baume lauschet dort Ein Mädchen still hervor, Ihr Auge läuft die Reihen ab, Ihr Busen klopft empor. »O lebt' er noch! O käm' er bald! O säh' er gleich auf mich!« Ein hoher Jüngling naht, und streckt Die Hand: Ich grüße dich. Sie reicht ihm züchtig roth die Hand. Nun, Mädchen sieh mich an! Sprich, ob dir noch ein Angesicht, Wie dieß gefallen kann? Sie blickt ihn an, und sieht den Hieb, Der seine Wange ziert, Und nun in eine Narbe sich Bis unters Kinn verliert. »Ha! dieser Hieb verändert nicht Den dir ergeb'nen Sinn. Für Joseph und Theresia Trägt mein Geliebter ihn.« Das wußt' ich wohl; drum fuhr ich auch, Wie Blitz, auf Feinde zu. Mein erstes Denken Gott und Sieg, Mein zweites Denken du. Drum hat mein Hauptmann, der mich liebt, Auch stets auf mich vertraut. Nur fragen darf dein Vater ihn; Dann wirst du meine Braut. – So ziehen wir in's Vaterland Mit hohen Ehren ein. Wer denkt's und wollte kein Kroat Kein Gränitzkrieger seyn? Es kützelt in der Seele noch, Wie Deutschland uns empfing, Und wie man aus der Kaiserstadt Uns, uns entgegen ging; Wie gierig man Oreskovich, Und Klebeck, Belling da, Guasdanovich und Burich dort Mit Heldenkreuzen sah. Da hieß es: »O das treue Volk! Bald Landmann, bald Soldat! Wie glücklich Vater Joseph ist, Der solche Kinder hat!« Was konnten wir auch anders thun, Wir und sein ganzes Heer? Denn fast, was jeder that und litt, Das that und litt auch er. Nun streut sich uns'rer Krieger Hauf In alle Dörfer aus, Hängt seine Waffen auf, und pflegt Sein liebes, altes Haus; Und wäscht die müden Glieder sich Von Blut' und Schweiße rein, Bestellt sein Feld und baut sein Brod, Und pflanzet seinen Wein. Doch wenn der Kriegestrommel Schall In unserm Reich' erwacht, Dann steh'n wir plötzlich wieder da In dieser Heldentracht. Gesegnet, liebes Vaterland! Wenn Joseph uns beseelt, Dann folgen wir ihm, wenn er will, Bis an das End' der Welt. Charakteristik deutscher Schriftsteller 1767. Wem einst der milden Vorsicht Hand Mit Klopstock's Schöpferkraft auch Winkelmann's Verstand, Abt's Nachdruck, Lessing's Witz, und Cramer's Leichtigkeit, Und Wieland's Phantasie, und Rabner's Scherz verleiht; Kleist's Aug', Gleim's Zärtlichkeit, und Gellert's Unschuld schenkt: Wer scharf wie Kästner, tief wie Moses denkt; An Munterkeit noch Hagedornen gleicht, Und nie von Geßner's Einfalt weicht, Den Tempel des Geschmacks betritt auf Rammler's Spur, Der ist ein Wunder der Natur! An einen Jüngling 1764. Mein junger Freund! die schnellen Jahre weichen. Des Lebens Lenz ist kürzer, als man glaubt. Der Wangen Zier, die Morgenrosen gleichen, Kaum aufgeblüht, wird von der Zeit geraubt. Und dennoch nimmt kein and'rer Wunsch dich ein, Als wohlgeputzt und schön zu seyn. Pomadeduft und Pudersturm umschweben Dein Haupt, das noch von Krausezangen raucht. Wer kann Geduld, so lang zu sitzen, geben, Als ein Frieseur, um schön zu krausen, braucht? Wer, als der Wunsch sich schön gekraust zu seh'n, Noch eh' man will zu Bette geh'n? Wie niedlich glänzt von deinem kleinen Hute, Den erst dein Schnitt zur Artigkeit gebahr, Das Quästchen her! Du drückst ihn nun mit Muthe Den Kopf hinauf. Er sieht dein lockig Haar. Er staunt es an. Sein aufgesperrter Mund Macht Jedem sein Entzücken kund 1 . Wie lockt das Band, um deinen Hals gezogen, Sobald ein West vertraut durch selbes rauscht! Dein Krägelchen! wer ist ihm nicht gewogen Dem Hinterhalt', in dem die Charis lauscht! Des Aufschlags Reiz, der Knöpfe Reih' und Zahl, Die siegen täglich hundertmal. Wie klingt die Welt der gold'nen Kleinigkeiten, Die von der Uhr an blankem Stahle fließt! Dir folgt Geruch, der, Anmuth zu verbreiten, Aus Pölsterchen und Flächen sich ergießt. O Werth, der sonst nur todte Fürsten ziert! Mein Freund ist lebend balsamirt. Wer spricht wie du, von Agremens, Chemisen, Von à la Grecque, Eau sans pareil, Joujoux? Wer wählt so reich die Farbe für Soubisen, Für Rodingots, für Polissons, wie du? Wer trägt Chignons – doch still, du fremd Geschwirr! Die deutsche Muse brennt vor dir. Freund! waren die, vor deren Muth' im Kriegen Gerechte Furcht das Capitol umflog, Die schöner Ruhm, und edle Lust zu siegen, Und Frömmigkeit nach Palästina zog, Vor derer Faust sich Stambul oft gebückt, Freund! waren die, wie du, geschmückt? Wirf deinen Blick, wo Schauer ihn empfangen, Wo dein Geschlecht in Marmorurnen ruht, Hin in die Gruft! Der Ahnen Bilder prangen Geharnischt dort, und du – du bist ihr Blut? Wie wenn ein Schall aus ihrer Asche bricht, Und zeuget laut, du seyst es nicht? Ihr Name tönt in ewigen Geschichten; Die Nachwelt horcht, und spricht ihn heilig nach. Das Vaterland, der Zeug' erfüllter Pflichten, Wird jedesmal zum neuen Danke wach. Dieß giebt nicht Pferd, nicht Wagen, noch Frisur, Vernunft und Tugend gibt es nur. Gott unterthan, erfüllt von Fürstenliebe, Durch Wohlthun groß, und alt durch Mäßigkeit, Freund' ohne Falsch, Bezwinger ihrer Triebe, Im Rathe klug, und unverzagt im Streit', Erkenntlich, treu, gerecht zugleich, und mild; Dieß, Freund ist deiner Ahnen Bild. Von ihnen kömmt dein Adel, deine Güter. Grab jeden Zug tief ins Gedächtniß ein, Und laß ihr Bild in Zukunft deinen Hüter, Dein bestes Erb', und deinen Spiegel seyn. Ja, nimm, o Freund! der Ahnen Moden an, Du wirst gewiß ein schöner Mann. Fußnoten 1 Das Rad der Moden hat sich nun freilich sehr gedreht, jedoch bleibt die Tendenz dieses Gedichtes immer heilsam. – Der Chronographist 1762. Manche machen so viel Wesen, Wenn sie Poesien lesen. Ich begreife nicht warum! Was sind aller Dichter Werke? Ich, ich setze meine Stärke In ein Chronographicum. Mag doch Stax beim Hübner fluchen, Sylben zählen, Reime suchen; Was entgehet mir darum? Ich muß seines Fleißes lachen; Er kann Epopöen machen! Ich? ein Chronographicum. Wenn ein Namenstag erscheinet, Um ein Grab die Freundschaft weinet, O da bleib' ich niemal stumm! Wird ein Fürstenkind geboren, Hat der Feind die Schlacht verloren, Flugs ein Chronographicum. Zeigt sich mir ein neu Gebäude, Sprech' ich oft mit Herzeleide: Uns're Zeiten werden dumm! Ueber's Thor ist nichts geschrieben! Kann ein Frontispice belieben Ohne Chronographicum? Sind Altäre, sind Trophäen, Ist ein Trau'rgerüst zu sehen, O da guck' ich um und um. And're mag die Kunst entzücken, Ich such' unter Meisterstücken Nur ein Chronographicum. Hör' ich einen Namen nennen, Gleich beginn' ich auf zu brennen. Lüstern denk' ich ihn herum. Nur ein M – ein D – Gewonnen! Dieser Namen ist ersonnen Für ein Chronographicum. Und so soll im Letternhaschen Einst der Tod mich überraschen. Doch dieß sey mein letzter Ruhm, Daß er mich nicht eh' bezwinge, Bis ich noch mein Sterbjahr bringe In ein Chronographicum. Gräber, die mit Spieß und Stangen, Wappen, Helmen, Fahnen prangen, Sind der Helden Eigenthum. Dichtergräber mögen glänzen Mit ersung'nen Lorbeergränzen! Mir ein Chronographicum! Auf meinen Vogel 1763. Kleiner Sänger! meine Freude! Zeuge meiner Einsamkeit! Meiner Ohren Lust und Weide! Dir sei dieses Lied geweiht. Allerliebstes Vögelchen! Was dein Herr in dreien Jahren Rühmliches an dir erfahren, Soll die Welt in Reimen seh'n! And're mögen Menschen loben! Menschen sind des Lob's gewohnt. Ihr habt den, und die erhoben, Dichter war't ihr auch belohn't? O mir blüht ein besser Glück! Was ich singe dir zu Ehren, Dieses singst du mir Homeren Zehnfach mein Achill! zurück. Nun so fang' ich an zu dichten. Panegyrisch sei mein Flug! – Du sollst Menschen unterrichten, Liebes Thier! ist's dir genug? Soll mir in mein Lobgedicht Manchesmal der Satyr lachen, Ha, wie kann ich's anders machen? Menschen – sie belohnen nicht! Bei dem ersten Morgenschimmer Bist du schon, mein Vogel! reg. Deine Kehle füllt das Zimmer, Singt mir meinen Schlummer weg. Dieses kann Dorinde nicht. Soll so früh der Schlaf entweichen? Zarten Dingern ihres gleichen Wird es erst am Mittag licht. Fern, mein Schwarzkopf! von dem Zwange, Der die Fähigkeit entehrt, Bleibst du stets bei dem Gesange, Den dich die Natur gelehrt. Dieses kann Alcindor nicht, Der, fürs Fabelreich gebohren, Zu der tauben Mitwelt Ohren Im Hexameter nur spricht. Gelbe Rüben, Ameiseier, Nüßekerne liebst du nur. Deine Speisen sind nicht theuer, Und dein Koch ist die Natur. Dieses kann Dermestes nicht. Speisen, die man deutsch kann nennen, Welche nicht das Blut verbrennen, Nein! die sind nicht sein Gericht! Wenn dich bei beliebter Muße Sonnenstral und Bad erfreut, Stehst du gern auf einem Fuße, Und so stehst du lange Zeit. Dieses kann Florindo nicht. Sein Beruf ist hüpfen, flattern, Sein Verbeugen, trillern, schnattern. Gecken! nehmet Unterricht! Dir ist nur ein Kleid beschieden; Jährlich legst du selbes ab, Mit der Farbe wohl zufrieden, Welche dein Geschlecht dir gab. Dieses kann Narcissus nicht: Der bei seines Kopfes Leere Um Verdienst, um Rang und Ehre Stets mit neuen Kleidern ficht. Nach der Klugheit altem Rathe Liebest du dein eigen Haus; Wenn ich's dir auch frei gestatte, Hüpfst du selten nur heraus. Dieses kann Kleander nicht: Jedes Tag's auf allen Gassen Sich, den Stadtfreund, sehn zu lassen, Hält er für des Wohlstands Pflicht. Wenn der Alten Geist mich lehret, Und ich einsam denken kann, Schaust du ganz in dich gekehret, Stundenlang mich schweigend an. Dieses kann Selinde nicht, Die mit ihrem Klappermunde Oft in einer Viertelstunde, Kluge zehnmal unterbricht. Allzeit folgest du dem Triebe, Den dir jener eingesenkt, Der voll Weisheit und voll Liebe Seiner Schöpfung Wohl bedenkt. Dieses kann – vieleicht dein Herr? Nun ja – wenn er, wie er sollte, Die Vernunft stets hören wollte; Doch – zuweilen fällt es schwer. Mutterlehren an einen reisenden Handwerksbursch 1761. Mein Sohn! sprach Gertraud schwer von Jahren: Du zeuchst von mir. Auf Reisen wirst du viel erfahren. Ach, merk' es dir! Die Lehren aus der Mutter Munde Schlag' nicht in Wind! Du bist (gesagt zur guten Stunde!) Ein Sonntagskind. Führt einst um Mitternacht die Reise Dich durch den Wald, So kreuze dich, und horche leise, Wenns Hifthorn schallt. Dann mußt du dich zur Erde werfen. Nur nicht verzagt! So wird sie dir nicht schaden därfen Die wilde Jagd. Der Böse treibt bei manchen Flüssen Auch oft sein Spiel! Drum wirst du dich hübsch kreuzen müssen, Nie wirds zu viel. Er schreit (so sagt mir meine Baase. Was willst du mehr?) Er schreit gewaltig durch die Nase Am Ufer her. Oft fährt er dir auf off'nen Strassen Die Post, mein Sohn! Du mußt ihn immer fahren lassen. Nur weit davon! Man hört der Peitsche leibhaft Knallen, Des Posthorn's Ton. Wer frevelt, muß in Sümpfe fallen. Du nicht mein Sohn! Sollst du bei Nacht durch Felder reisen, Nimm dich in Acht! Da pflegt ein Licht den Weg zu weisen, Das irre macht. Oft tanzen sie in bunter Menge Ums Hochgericht. Entferne dich von dem Gepränge, Und frevle nicht! Auf Aeckern wird dir oft begegnen Ein Feuermann. Dann hilft kein Beten, und kein Segnen! Er rauscht heran. Du mußt ein ander Mittel suchen In dieser Noth. Ein Feuermann weicht nur durch Fluchen. Verzeih dirs Gott! Aus zweien sieht man einen werden, Aus einem zwei, Die stürzen mit des Zorns Geberden Zum Kampf, herbei. Es flammt! o welche Gegenwehre! O welcher Kampf! Der laue Christ (den Gott bekehre) Nennts einen Dampf. Erscheint dir ein Pallast von weiten In vollem Glanz, Es ist (o laß dich nicht verleiten!) Ein Hexentanz. Denn würde dir dabei entrinnen Ein Wort von Gott, Schnell wäre der Pallast von hinnen, Du tief im Koth. Im Gasthof' ist der Alp zu scheuen. Er schleicht daher. Und liegt er nun, man kann nicht schreien. Er drückt so sehr. Wirf, wenn er kömmt, geschwind ein Kissen Vom Bett' ihm zu! Er wird darauf sich setzen müssen, Dann hast du Ruh. Mein Sohn! ich will dir nichts vergrößern, Doch sey bedacht! Jetzt sag' ich dir von alten Schlössern. Dort spuckt's bei Nacht. Gespenster ohne Kopf erscheinen Sechs Ellen lang. Man hört um zwölf Uhr kläglich weinen Im öden Gang. Oft hört man an der Thüre klopfen. Wer wird es seyn! Man bebt und schwitzet große Tropfen, Und sagt – Herein! Da kömmts, als ein Barbier, ins Zimmer, Und man erstarrt Mein Urgroßvater sagt' es immer. Ihm schor's den Bart. Wie wollen wir's auch anders haben? Nur dieß bedenkt! So mancher Schatz liegt hier begraben, Und tief versenkt. Drum hat der Böse seine Possen, Und schreckt uns ab. Doch liebes Kind! bleib unverdrossen, Und such' und grab'! Oft liegt ein Schatz auf freien Wegen, Und brennt, wie Glut. Sei flink, ein Heilthum drauf zu legen! Dein ist das Gut! Studirte wissen noch ein Mittel, Ein schön Gebet. Ich glaube fast daß auf dem Titel Sanct Christoph steht. Jüngst hab' ich dir vom schweren Wagen, Mein Sohn! erzählt. Ich soll dir noch vom Teufel sagen, Der Schildwach' hält, Von schwarzen Katzen mit drei Füßen – Doch sey's genug! Du wirst es selbst erfahren müssen, So wirst du klug. Traun! Mutter! sprach der Sohn vermessen: Ihr seid gereist! Doch habt ihr einen Geist vergessen, Den Branntweingeist. Ich seh', er fährt aus eurem Munde. Ich bin nicht blind, Und wär' ich auch (zur guten Stunde) Kein Sonntagskind. Gruß des Frühlings 1 Harfe! lange, lange Hörte deinem Klange Nur die trübe Winterhalle zu. Komm o komm! Wir müssen Jetzt den Lenz begrüßen. Sieh! er kehrt! Ich singe, schalle du! Sieh! er schwingt die Flügel Ueber jenen Hügel, Der uns öfter frischbekränzet sah. Laß uns ihn besteigen! Unten in den Zweigen Ist die Schaar der Federbarden nah. Willkommen, gewaltiger Erdebeleber! Willkommen, freundlicher Blumengeber! Dein Säuseln hat der Barde vernommen. Gutthätiger Lenz! o sey mir willkommen. Hier setz' ich mich nieder, und blick' um mich: Wie schmücket der frischere Morgen sich! Wie stralen die Thürme der mächtigen Stadt, Die meine Gebieter im Busen hat! Wie stehen sie ruhig, und roth besonnt Die Berge, wo schweigende Tugend wohnt! 2 Wie zeichnen die blaulichen Düfte den Gang Der Donau! Begrüsse, begrüsse, Gesang! Den Lenz mit allen seinen Gaben. Wem jetzt kein Lied entsteht, wann wird er eines haben? Aber viel zu weit Waret ihr umher verstreut, Meine Blicke! durch das große Schöne. Rund um meinen Fuß Heischet alles meinen Gruß, Heischet alles meiner Harfe Töne. Veilchen, holdes Frühlingskind! Freundlich trägt der Morgenwind Deinen süßen Hauch mir wieder zu. Farbenreicher Thau Ziert dein sittsam Blau; Einem Fräulein gleichest du, Das in ihrer Feyerhalle Die gefliß'ne Mutter schmückt. Ha, du würdest, dächten alle, Wie dein Sänger, nie gepflückt. Aber hat dein Veilchen nur Meinen Gruß? o Mutter Flur! Zeigst du mir nicht nah und ferne Kleine silberweiße Sterne? 3 Stralt nicht, nach geschmolz'ner Flockenhülle, Deiner gelben Sonnen Fülle? 4 Und ich grüßete dein Veilchen nur? Du mein zweiter Himmel, Mutter Flur! Blumen, nein! euch grüßet alle, Die mein Auge wieder sieht, Mit verjüngtem Harfenschalle Mein verjüngtes Lied. Euch verletze keines Nordes Wuth Aber seyd, o seyd der lieben Biene gut! Geizet mit dem süßen Schatze nicht, Der aus eurem Busen bricht! Blumen! eures Schöpfers Bild! Seyd dem allerkleinsten Flügelvolke mild, Das auf euch, als seiner Welt, Kurze, doch vergnügte Tage zählt. Sie sind erwacht die kleinen Leben. Ich sehe sie kriechen, und laufen, und schweben. Sie schliefen in Erden, in Ritzen und Kluft, Da traf, getragen von lauerer Luft, Die Stimme des Lenzes ihr Ohr: »Hervor, ihr kleinsten meiner Kinder! Der Winter ist fort, die Sonne gelinder, Zur Liebe, zur Kurzweil' hervor!« Da öffneten Grillen ihr Thor Da drängten die Käfergeschlechter empor, Da brach die Raupe das Ey, Da wurde der Schmetterling frei Von seiner goldgezierten Decke 5 . Wie schnell war sein Lauf Den Stamm der Pappel hinauf, Wie heiß der Wunsch, daß bald sein Flügel sich strecke! Nun ist er gestreckt, gerollet die Zunge; Nun eilt er im kühnesten Schwunge Bey Sined vorbey, ganz trunken von Freude, Ein Jüngling im ersten Kriegsgeschmeide. Nicht so sein nächtlicher Bruder. 6 Der ruht Der Rinde ganz ähnlich am Arme der Eiche. (Mich täuschet er nicht) Sein Aug' ist Glut, Sein Wunsch, daß bald die Sonne weiche! Dann schwärmt er durch Ulmen und Eichen und Buchen Die schönsten der Eulen zu suchen. 7 Kleine Wesen! euch ergeben Grüßet euch mein Lied und Spiel. Nützet euer kurzes Leben, Und erreichet euer Ziel! Weiden, Erlen! die des Barden Hand erzieht, Euch auch grüßet wieder Spiel und Lied. Ha, wie schwellen eure Keime! Bäumchen ha! bald seyd ihr Bäume! Wann ihr dann mich dankbar in den Schatten nehmt, Dann ist manches Jünglings Herz beschämt, Der in meiner Halle lernend saß, Und des Lehrers bald vergaß. Höhle sey willkommen, Deren Felsenschooß, Wenn die Sommerstunden glommen, Mich mit sanfter Kühlung immer übergoß. Höhle! dich besuch' ich wieder. Dich bewohnt der Geist der Lieder, Haucht auf deine Quelle nieder, Daß es durch den Kranz mir säuselt, Daß sich ihre Fläche kräuselt; Ihre Wasser lauten dann darein, Und dann muß, dann muß ein Lied gesungen seyn. Dich auch grüß' ich, stiller Teich! Nach zerfloß'nem Winterschilde Ward dein Busen wieder weich, Pranget mit der Sonne Bilde. Von den Tiefen, Wo sie schliefen, Lockt ihr Schimmer Deiner Schwimmer Leichtes Volk empor. Ihrem plätschernden Gewühle Horchet bei der Morgenkühle Froh des Barden Ohr. – Aber nun schweigen sie wieder; Denn dein Gebieter, der Schwan, Segelt mit seiner Geliebten heran. Hoch ist sein blendend Gefieder, Stolz des Halses Bogen: Die getheilten Wogen Brausen hinter seinem Pfade fort. O noch kennet er den Ort, Wo zu ihm oft Sined niederhing, Wo er Speis' aus meiner Hand empfing. Vernehm't auch ihr, o junge Schatten! Wo Ahorn sich und Esche gatten, Vernehmet, Buchengänge! Der Frühlingsharfe Klänge, Des frohen Barden Gruß. Nun irrt sein freier Fuß Durch den erwachten Wollusthain; Er haucht Gesundheit ein, Und lernet von den Federkehlen, Die Busch und Wipfel hegt, Den Ton zu seinen Liedern wählen, Der menschenfreundliches Gefühl erregt. Holde Federkehlen! Lehrt mich Töne wählen, Lehrt mich Töne schätzen, Die kein Herz verletzen, Laßt mich euer Spiele nahen Zeugen seyn! Sollt ihr Barden scheu'n? Sicher könnt ihr mich umfliegen, Mir entdecken, wo die Brut In den warmen Nestern ruht; Sined ist verschwiegen, Ist der Jugend gut. Jetzund hebe dich vom Hügel Mit der Morgenlerche Flügel, Hebe dich zu dem, mein Lied! Der auf seiner Werke Wonne Freundlicher als Frühlingssonne, Niedersieht. Er hat mir ein Herz gegeben, Das sich mit dem kleinsten Leben, Mit dem kleinsten seiner Wesen freuen kann. Nehm' ich Gold dafür und Menschenherrschaft an? Da sich Wald und Wiese kleiden, Dank' ihm für die Frühlingsfreuden, Die er diesem Herzen wieder gibt, Das in seinen Werken ihn, den Meister, liebt. Fußnoten 1 Der Schauplatz dieses Gesanges war der Garten des Theresianums. 2 Das ehemalige Kamaldulenser Kloster auf dem Kahlenberge. 3 Die Maßlieben. Bellis perennis. L. 4 Die Butterblumen. Leontodon taraxacon. L. 5 Die Puppe ( Aurelia ) der meisten Dornraupenarten hat goldene Flecken. 6 Die Phaläue. 7 Eine eigne Art der Nachtvögel, so genannt von ihren großen feurigen runden Augen, die tief liegen. An die Wollustsänger Wie lange reizen eure Saitengriffe Noch niedriges Gefühl? Wie lange weht noch in die Glut der Lüste Der Flügel eures Lieds? Ach Barden! – Dieser tugendholde Namen Gebühret er noch euch? Ich geb' ihn euch! O leitete der Namen Zur Bardenpflicht zurück'! Ach Barden! waren fremder Wollustsänger Nicht leider schon zu viel? Entmanntet ihr nun auch zu eurer Schande Das deutsche Saitenspiel? So klang es nicht in bied'ren Ahnenzeiten; Da war's der Tugend treu. Warum verstimmtet ihr die Saiten? Saget, Was that die Tugend euch? Was thaten euch Thuisko's Heldensöhne? Ihr mach't sie geil und frech. Was thaten euch Thusnelden's Enkelinnen? Ihr decket sie mit Scham. Zwar euer Lied ist süßer Honigfladen, Ist bunter Blumenstrauß; Doch hinter'm Fladen lauschet Bienenstachel, Im Strauße Schlangenzahn. Des Jünglings ach! dem dieser Honigfladen Den kühnen Gaumen reizt; Des Mädchens ach! die diesem Blumenstrauße Den Busen anvertraut. Ihr saget: Unser Lied quillt reifem Alter, Der Jugend quillt es nicht. Ha, nehmt ihr Ohr und Vorwitz, und dann saget: Der Jugend quillt es nicht. Und könnt' es denn nicht auch der Jugend quellen? Ha, Barden! blick't umher! Scheint nichts, als thierverwandter Gliederkützel Euch eurer Lieder werth? Blick't auf! Hier oben herrsch't das erste Wesen, Sein Himmel unter ihm Mit ewighellen Wundern rund behangen. San'g noch ein Bard' es aus? Begeistert Joseph, Friedrich keinen Busen? Sind die genug gelobt? Blick't auf Theresien, auf Katharinen! Verdienen die kein Lied? Und nenn' ich alles, was Gesänge wecket? Und nenn' ich's Barden! euch? Wer weis es besser, würd' es besser singen Ins Harfenspiel, als ihr? O dann erschwänge sich der Barden Jauchzen Im weiten Erbe Teut's! Nun steh'n sie trüblich eure Brüder, seufzen: Sie schänden unsern Kranz! Ihr lachet. Schulter steht an Schulter drängend Um euch ein lüstern Volk. Hoch über meine Klagen hebt sein Rühmen, Sein Händeklatschen euch. Doch dieses Volkes Rühmen, Händeklatschen Verstummt es, Barden! nie? Auch dann nicht, wann dem letzten eurer Morgen Allvater Flügel gibt? Ha, trüber Morgen! Damal wird ein Schweigen Vor eurem Lager seyn, Still, wie die rothen Felder, wenn der Wirbel Der Schlacht vertobet hat. Nur eine Stimme reißt sich dann gewaltig Aus eurer Brust herauf. So spaltet eine lang erstickte Windsbraut Zuletzt der Erde Schooß. Allvater sitzt zu richten! tönt die Stimme: Bald steht auch ihr vor ihm, Vor ihm, der über euch der Gaben Fülle, Dann, als ihr wardt, ergoß; Der eurem Geiste leuchtendes Erkenntniß, Und zärtliches Gefühl, Und hohe Bildungskraft und Macht des Liedes Vor tausend andern gab. Und diese Gaben! Ach sie wurden vielen Von eurem Volke Gift! Sie weckten böse Brunst und Thierbegierden In mancher keuschen Brust. Wer heilet diese nun nach eurem Falle Von ihrer schnöden Sucht? Wer jene, die von diesen angestecket Ein gleiches Uebel frißt? Wer dämpfet eure Lieder? Ach sie schallen Im ganzen Erbe Teut's! Wer tilget sie? Sie dauern, wirken Unheil Bis an der Zeiten End'! So tönt die Stimme. Werdet ihr dann lachen, Euch Menschenlobes freu'n? Wie, oder wird der Aengsten fürchterlichste Euch euren Geist durchglüh'n? Der Hohn erwacht. Ihr seht verächtlich nieder Auf mich und auf mein Lied, Und geb't mich eurem brünstigen Gefolge Zum lauten Spotte preis. Wohlan! ich will ihn meines Volkes wegen Erdulden diesen Spott. Mir ward kein Herz zum Hasse. Nur bedauren, Bedauren kann ich euch. Der Jugendgefährte Jüngling! dein Fuß ist erhoben. Dein Aug' ist umnebelt. O laß ihn, Laß in nicht nieder den Fuß! Wähnest du Blumen zu treten? O nein! Ein schrecklicher Abgrund Oeffnet den Rachen vor dir. Aber du kannst ihn nicht sehen. Dein Aug' ist umnebelt. O Liebling Meiner Seele die Hand! Reiche du treuen Gefährten die Hand! – Nun will ich dich halten, Bis sich der Nebel zertheilt. – Ach wie brennet die Hand, wie klopfet dein Busen, wie zweifelnd Blicket dein schüchternes Aug'! Jüngling! denke den liebenden Vater, die zärtliche Mutter! Sähen sie deine Gefahr, Ach sie riefen dir zu mit bebendem Rufen: O laß ihn, Laß ihn nicht nieder den Fuß! Denke die Reue! So wahr ich dich liebe, so wahr du mich liebest, Zückt sie schon jetzo den Dolch, Stößt ihn, so bald du den Abgrund erreichest, dir tief in den Busen, O dann erwachet ein Weh, Lang, wie der Schlummer im Hause des Todes, nach flüchtigen Träumen, Wilder, entehrender Lust. Und ich sähe dich leiden? O schone des treuen Gefährten, Dessen Seele dich liebt! Halte dich fest am stärkenden Arme des Barden, und laß ihn, Laß ihn nicht nieder den Fuß! Bald wird der Nebel verduften, dein Aug' den schrecklichen Abgrund Schwindelnd erblicken und fliehn, Du den treuen Gefährten umarmen, von reinerer Wollust Freudegefühlen erglüh'n. Aber, wann jetzo die Zahl von deinen Wintern heranwächst, Jetzo dein blumiges Kinn Mannheit beschattet, mit dir die Bürden und Wonnen des Lebens Theilet ein keusches Gemal, Und dein ruhiges Aug' auf deiner geretteten Jugend Heitere Tage nun blickt, O dann rufst du: Wo ist er, mein Retter, mein treuer Gefährte, Der mich liebte, mein Freund? Nun erst kenn' ich ihn ganz den Werth von seinem Geleite, Ganz sein zärtliches Herz! – Jüngling! Sined ist todt. Von seiner verlassenen Halle Tönet kein freundlicher Laut, Leitet kein Fußtritt in Schatten. Ihm haben die Söhne der Lieder Traurig sein Grabmal erhöht, Haben ihm Namen gegeben; doch war ihm der liebste, dein Retter, Jüngling! gewesen zu seyn. An einen Freund über Poesie 1764. Immer locken sie mich die viel zu gefälligen Musen! Immer schleichet ihr Reiz Tief in mein übelverwahrtes Gemüth! In Mitte der Arbeit, Unter der Schüler Gedräng' Hebt sich ihr Ruf: Wann stimmst du sie wieder die müßige Leyer, Welche Phöbus dir gab? Gab er zum Schweigen sie dir, und weckt den Kützel der Saiten Zephyr's Fittig allein? Sterblicher, denke zurücke! Du warst ein flatternder Jüngling, Keiner Gottheit geweiht; Phöbus zeigte dich uns, und sprach: Im Chore der Sänger Werde sein Name genannt; Sprachs, und gab dir die Leyer. Da ward im Chore der Sänger Auch dein Name genannt; Und manch' jugendlich Lied, gleich Morgenstralen im Lenze, Ging in der Seele dir auf. Aber nun hängt sie dahin. Nur selten tändelt ein Finger Ueber die Saiten herab! Siehe, schon kehret der Herbst. Du wirst nun wieder dein eigen, Ferne vom Staube der Stadt. Hören die Buchen kein Lied, und kein Lied der trunkene Weinberg, Und die Gefilde kein Lied? – Also locken sie mich, die viel zu gefälligen Musen; Hör' ich ihr Locken, o Freund! Fruchtbar ist unsere Gegend an Dichtern. Sie kommen und singen: Phöbus hat uns gesandt. Kehret ein Sieger vom Felde des Todes, vermählen sich Fürsten, Schwärzet die Parce den Thron, O dann strömen Gedichte, dann bringen gebährende Pressen Prächtige Bogen zur Welt! Frostig schielet der Wiener nach ihnen, und gähn't und liest: Ode . Gähn't und leget sie weg. Handelt er allzeit gerecht? Dieß wirst du besser entscheiden; Aber er handelt nun so. Freund! ich liebe mir Beifall und Lob, und ist es ein Fehler, Freund ich will ihn gesteh'n. Misch' ich mich nun in die dichtenden Haufen, o welch ein Verhängniß Ist mir mit ihnen bestimmt! Gestern erschien ich, und morgen ergreift mich die zierliche Jungfer, Oder der blonde Friseur, Schneidet manch' Dreieck aus mir, und wickelt das Haar der Coquette, Oder des Stutzers darein; Oder ich werde bey Tafeln der Großen mit Zucker gefüllet, Und den Kindern geschickt; Oder man bringt mich im alten Papiere zum riechenden Krämer, Und macht Düten aus mir. Glücklich noch, wenn den Tabak in mir ein Dichter sich kaufet, Und ein Beispiel sich nimmt! Freund! und folg' ich ihr dennoch der Stimme der lockenden Musen? Handeln sie billig mit mir? Suche nicht, hör' ich dich sagen, das Lob und den Beifall der Menge! Hat denn die Menge Geschmack? Immer sey dir genug, wenn Weise dich lesen und loben, Ist schon der Weisen nicht viel. Freund! ein beträchtlicher Theil der Weisen liebet die Reime, Ist schon der Weisen nicht viel. Und ich liebe sie nicht, und ist auch dieses ein Fehler, Den auch will ich gestehn. Griechenlands Dichter, und Latiens Dichter! euch bin ich es schuldig, Ihr verwöhntet mein Ohr! Ewige Priester der Musen! ihr Zierden der Vorwelt! ihr habt wohl Niemal an Reime gedacht. Mitten im Strome von euren entzückenden Harmonien Denk' ich auch nicht an sie. Und so sieht man mein Lied mit Erbarmen, und seufzet: Er reimt nicht ! Seufzet und leget es weg. – Freund! ich will dem Apoll ein niedliches Opfer entrichten, Wenn sein Einspruch es fügt, Daß sich ein leichter Franzos in helleren Tagen der Zukunft Reimlos zu dichten erkühnt. Wagt er den Schritt, und hat sein Paris ihn gelobt und vergessen, Wird es den Deutschen dann kund, O dann wird es zur Mode gewiß! Du kennest die Deutschen, Ganz zum Folgen gemacht. Welch ein Zeitpunkt für mich! dann schweb' ich auf Flügeln des Ruhmes Ueber mein ruhend Gebein, Horche vom Aether herab, und höre die Reime verachten, Horch' und höre mein Lob, Und mein freier Gesang, dem Nasen sich jetzo noch rümpfen, Steiget gepriesen empor. Tage der Zukunft, erscheint! Indessen will ich mich trösten, Du ja liesest mich Freund! Auf den Tod eines Freundes 1762. Er ist hinüber zu den Unsterblichen, Unwiderbringlich menschlicher Zärtlichkeit! Er ist hinüber! Keine Thränen Weinen, o**! dich uns zurücke! Sanft, wie die Quelle, die durch die Wiese schleicht, Nie trug sie brausend schwimmender Schlösser Last, Nie schwoll sie schäumend über Blumen, Die sich am nüchternen Rande spiegeln: Sie würzt die Fluren heimlich und unbelobt, Nur Wand'rern findbar, welche der Durst gereizt, Dann selber sanft noch, wann ihr Lauf sich Weit in den Ocean hin verlieret: So floß, o Freund! dein Leben. Ganz unbemerkt Dem lauten Haufen feiler Verewiger, Dem schielen Auge kleiner Richter, That'st du der Ewigkeit werth're Thaten, Als Mancher, welchen rauschender Beifall bläht. Dich wies kein Finger, wenn du vorübergingst, Doch kannten dich gewählte Freunde, Freunde, von dir, ach! zu früh verlassen. Schon lange drangst du, von der Natur geführt, Tief in der Wesen inn're Geheimnisse. Was ist, und wächst, und fühlt, und denket, Lehrte sie dich in geweihten Stunden. Von ihr gelehret, trat'st du zur Jugend hin. Ich sah, wie Bienen, blühende Jünglinge Von deinen Lippen Honig saugen, Und für die Lehre dir Herzen schenken. Freund! rührt ein Wunsch dich deiner Verlassenen! Von jenen Höhen, wo dich die Tugend krön't, O senke deinen Blick zur Stätte, Welche verkläret dich einst zurückgibt! Hier steh'n sie! zärtlich fühlende Lehrlinge! Vom Auge redet dankender Schmerz herab, Vom Auge, welches dich bald oben, Bald in dem Schoose der Erde suchet. Verlangst du Thränen auch von der Freunde Schaar? – O nein! wir Freunde liebten dich männlicher. Gewiß dich wieder einst zu finden, Wollen wir männlicher dich verlieren. Auf Gleim Als Cythere noch für Mavors Keine Seitentriebe fühlte, Als noch Mavors auf Cytheren Keinen Augenausfall wagte, Hatte Venus ihren Dichter, Hatte seinen Dichter Mavors; Sie den muntern Tejergreisen, 1 Er den Mutherwecker Spartens; 2 Aber als der lahme Gatte Seine Netze fein zu ketten, Und die schlüpfrige Cythere Mit dem schlüpfrigen Gradivus Gleich den Aalen zu berücken Sich des Argus Augen wünschte, Damal in der schönsten Stunde Sprachen Mavors und Cythere: »Einen Wunsch und Ein Vergnügen Haben wir, Ein Herz und Lager, Sollten wir nicht alle Beyde Auch nur Einen Dichter haben?« Und die losen Amoretten, Die der Venus Wangen kühlten, Die mit Mavors Waffen spielten, Schlugen ihre Seidenflügel, Wiederholten: »Einen Dichter! Einer flog, und holte Rosen Von dem besten Grunde Paphos, Diesen Dichter zu bekränzen. Einer flog auf Pindus Höhen, Von Kalliopen die Tuba Diesem Dichter zu erbitten. Und ich horchte still, und wollte Dieses Dichters der Cythere, Dieses Dichters des Gradivus Ehrenvollen Namen hören. Und das Chor der Amoretten, Die der Venus Wangen kühlten, Die mit Mavors Waffen spielten, Schlugen ihre Seidenflügel, Klatschten mit der Hand, und riefen: Singe von Cytherens Siegen, Singe von Gradivus Siegen, Gleim – Anakreon – Tyrtäus!« Fußnoten 1 Anakreon. 2 Tyrtus. Wiegenlied Sey willkommen, holder Engel! In der ersten Lebensblüthe. Kleines, allerliebstes Wesen! Sey dem Freunde deines Vaters Tausend, tausendmal willkommen! Edler Hauch der Gottheit! lerne Deiner zarten Körperhülle Nach und nach dich zu gewöhnen! Blicke bald nach deiner Mutter, Die auf deinen Wangen lächelt: Blicke bald nach deinem Vater, Der in deinem Auge lebet; Schmiege dich bald an den weichen Busen, dem du dich entwandest, Und umschling mit frohem Stammeln Deiner Mutter sanften Nacken. Wann nun dein bemühter Vater Dem Gedränge seiner Pflichten Auf ein Weilchen nur entschlüpfet, Und sich deiner Mutter nahend Dich von ihrem Halse fodert, Damal sträube dich ein wenig (Denn dieß müßen junge Schönen), Bis er mit Gewalt dich raubet. Aber dann, o Engel! küß' ihm Seine männlichbraunen Wangen, Küß' ihm weg den Philosophen, Küß' ihm weg den Staatsgelehrten, Küß' ihm alles aus der Seele, Was ihm noch vom Krieger anhängt, Daß er nichts als Vater bleibe. – Doch ich singe schon zu lange. Du beginnest einzuschlummern. Sollte dieß mein Liedchen wirken? – Ja! dieß wirken manche Lieder. – Schlumm're süß, mein holder Engel! An Ossians Geist Im schweigenden Thale des Mondes, Umkränzet von heiligen Eichen, Da walten die Geister der Barden, Wenn Schlummer unrühmliche Menschen begräbt. Sie schweben auf Silbergewölken Den thauigen Abhang herunter, Und wandeln am Rande der Quelle, Die mitten im Thale durch Blumen sich schleicht. Dann heben sich Lieder der Vorzeit, Und Harfen begleiten die Lieder, Und sanftester Nachhall entzücket Die lauschenden Wälder und Fluren umher. Da war es, Erzeugter von Fingal! Daß Sined in Mitte der Barden Von ferne dein Antlitz entdeckte, Dein Silbergelocke vom Monde bestralt. Du sangest in Saiten von Selma Die Thaten des großen Erzeugers, 1 Den blühenden Oscar, den Kummer Der treuen Bragela des Gatten beraubt; Den Jammer Temoras, die Preise Der zärtlichen Everallina, Den besseren Bruder Cairbars, Die Wunde Darthulen, die Stärke von Gaul. Wie war mir! Von welchen Gefühlen Erbebte mein Busen! Wie brannte Die Wange! Wie schwellten die Zehren Der süßesten Wehmuth mein starrendes Aug'! Noch Knabe vergaß ich des Spieles Bey Füßen der Barden, und horchte; Doch niemal, o Kehle von Morven! Empfand ich so feurig, wie dießmal bey dir. Da schwur ich (das schweigende Mondthal, Die Wipfel der heiligen Eichen, Die moosigen Trümmer, auf welche Die Linke sich stützte, vernahmen den Schwur) Da schwur ich, dich Lehrer zu nennen, Die Saiten der Donau nach deinem Gesange zu stimmen, zum Herzen, Zum Herzen die Wege zu suchen, wie du; Die Zeiten der Ahnen, die Zeiten Der Vaterlandsliebe, der Tugend, Des Muthes, der Ruhmgier und Einfalt Im Liede zurücke zu führen, wie du. Du hörtest mich schwören, und blicktest Mit Lächeln auf deinen Geschwor'nen, Und schienst mir die Harfe zu reichen, Und leise zu sagen: Versuche den Griff! Seit diesem Gesichte bewohn' ich Die Vorwelt, und lerne die Weisen Der Barden, und rette der Töne Zurück' in mein Alter, so viel ich vermag. Zwar haben mich Viele verlassen, Die vormals mir horchten. Sie klagen: Die Steige, die Sined jetzt wandelt, Ermüden, wer wollte sie wandeln mit ihm! Doch Seelen, dem Liede geschaffen, Empfindende Seelen, wie deine, Mein Lehrer! und sind sie schon wenig, Die schließen bei meinen Gesängen sich auf. Deß bin ich zufrieden. Ein Seufzer, Von fühlenden Busen gelocket, Ist Bardenlohn, ist mir erwünschter, Als lobender Mengen verwirrtes Geschrei. Und, Vater von Oscar! dein Folger Bei kommenden Altern zu heißen! Ha! dieser Gedanke gesellt mich Im schweigenden Thale des Mondes zu dir! Fußnoten 1 Hier bezieht sich der Dichter auf den Inhalt vorzüglicher Gedichte Ossians. Das Donnerwetter Herrlich und furchtbar bist du, gewaltiger Wolkenversammler, Himmelverfinst'rer! Kein Erdegebieter, und kreiste sein Machtwort, So wie die Sonne kreist, Reichet an dich. Herrlich und furchtbar bist du. So sagte mir Tief in der Seele dein Donner. So lange dein Donner sprach, lag es verstummet; Aber nun sagt es mein Harfenspiel nach: Herrlich und furchtbar! Heiß war der Tag. Dein Finger gebot Nach Süden. Da zogen nach Süden Von tausend Thälern und tausend kochenden Sümpfen Die blaulichen Hauche, verdickten sich dort Zu schwarzen Wolkengebirgen. Von da Sollte dein Blitzgespann, Sollte dein erdenerschütternder Wagen Ueber das Antlitz der Welt ergeh'n. Die Sonne barg sich. Immer stiller, Stiller ward der Waldgesang. Der Schwalbe Flügel streiften an der Erde. Die Mücken summeten ahnend umher. Schnaubend warf der Stier den Nacken auf, Und suchte den strömenden Wind. Aber von dir war ihm noch nicht zu strömen geboten. Unbewegt, unerfrischt stand die Luft, Und die Brust des Barden war beklemmet, Und sein Odem schwer. Endlich gebot'st du dem Winde zu strömen. Da trug er in seiner weitkreisenden Tief niederhangenden Wolkennacht Deinen erschrecklichen Wagen herauf. Riß auf Riß zerbarst die Nacht Deinen geschlängelten glühenden Keilen Vor dem Wagen her. Aber der Wagen krachte noch nicht. Er rollte nur. Und die Brust des Barden ward beklemmter, Und sein Odem schwerer. Nur war der Wagen über unserm Haupte. Dem Drucke seiner schweren Räder Erbebten die Thürme der Kaiserstadt, Erbebte bis in ihrem tiefen Schooß die Veste. Jeglicher blendende Blitz, Ereilt vom betäubenden Knalle, War des nahen Todes Zeuge. Bleich und stumm war mein Geschlecht, Und ich saß mit gebog'nem Nacken, Und in meiner Seele war kein Laut, als dieser: Herrlich und furchtbar! Aber die zackigen Keile Fuhren ergrimmet umher. Einer durchwühlte den Busen der Flur. Ein and'rer begrub sich in der erschrockenen Donauflut. Dieser erlosch im unendlichen Raume der Himmel. Jener traf der schönsten Eiche Wipfel. Morgen kömmt der Barde, will sich kränzen; Ach sie steht versengt! Also fuhren die Keile; doch hatte Der auf dem Wagen den Keilen geboten, Meines Geschlechtes zu schonen. Und jetzo gab er seinen Wassern Befehl, herunter zu stürzen. Da wurden die Wolkengebirge zur Eb'ne, Und der Wagen krachte nimmer, rollte nur; Und ich hub mein Haupt allgemach empor, Und die Brust des Barden ward erweitert, Und sein Odem leichter. Nun war er hinüber der Wagen nach Norden; Doch irrte von Berge zu Berge Der langsam sterbende Nachhall von seinem Gerolle. Da schwang sich mein freierer Blick zum Himmel. Der farbige Bogen (die Brücke der Götter, Als Odin 1 noch herrschte, noch Asgard 2 stand, Und jetzo der Schatten, Allvater! Von deinen besänftigten Augenbraunen) Der wölbte sich hell in Osten empor. Wie klares Gestein, so glänzte zur Luft Der Segen der Wolken auf Laub und Gras. Da tauchten die Vögel, da tauchten die Heerden Den munteren Fuß in's erfrischende Naß, Und neues Gefühl des Lebens erhub Das zagende Menschengeschlecht. Auch mich, auch mich erhub dieß neue Gefühl. Ich rührte die Saiten und sang: Herrlich und gnädig bist du, gewaltiger Wolkenverwälzer, Himmelerheiterer! Siehe, dort dampfet der Hain, getroffen von dir. Aber du schontest der Menschen. Deine Sonne barg sich. Nun erscheint sie wieder In der Abendpracht. Ihrer Blicke letzter Göldet mein erwachtes, Frohes, dankbemühtes Harfenspiel. Fußnoten 1 Der oberste Gott der Teutschen. 2 Eine Stadt, welche die Götter im Mittelpunkte der Welt erbaut hatten. Hier war der Thron Odins an der Stelle Hlidskialf, von welcher er die ganze Welt besehen, und die Handlungen der Menschen beurtheilen konnte. Entstehen des Liedes Laß ab, o Freund! von mir ein Lied zu fodern! So werden Lieder nicht. Ha, gieb mir Regen, wenn des Himmels Antlitz Kein einzig Wölkchen trübt! Dort überm Rheine nimmt ein fremder Sänger Dir jeden Inhalt auf, Und wälzt ihn tagelang vor seinem Geiste, Und flammt sich künstlich an; Und wacht in Nächten, läuft in Morgenstunden Die Fluren auf und ab; Entwirft, verändert, schaltet ein, und zeichnet, Und tilgt es wieder aus, Bis endlich ihm nach manchen Tageschichten Sein Werk vollendet scheint. Freund, nimm es hin! Was hat er dir gegeben? Ein feines, kaltes Lied. Nicht so der Barde! Niemal sucht er Lieder. Die Lieder suchen ihn. Schießt Feuerstralen ihm ein Stoff entgegen, Dann flammt das Herz ihm auf; Dann pocht es ihm, und dränget allgewaltig, Und läßt ihn nimmer ruhn. Er gleichet einem übereilten Hirschen, In dem der Jagdpfeil steckt. Nicht bis herab vom kältlichen Verstande Der Schlüsse Kette schleppt, Nein! bis herauf vom Bardenliedersitze, Vom Herzen, Sang erbraust. Und wollten Lippen diesem Sange wehren, O Freund! sie könnten nicht. Die Winde rissen ihn, vielleicht verstümmelt, Doch weg ihn rissen sie! Trifft aber ihm von einem Gegenstande Kein Feuerstral das Herz, Und schien' er andern Augen noch so wichtig, Und noch so liederwerth; Vergib, o Freund! Es lodert nichts hierinnen, Es pocht und dränget nichts. Wie gäb' es Regen, wenn des Himmels Antlitz Kein einzig Wölkchen trübt? Du sagest! Forsche, prüfe, sinn', erfinde! – Freund, noch einmal! Vergib! Kann das ein Barde? – Freundschaft ist mir theuer, Doch theuer auch der Ruhm! Wein und Barden Genug, genug, schon lange genug erging Von Tokays Höhen, edelster Traubensohn! Dein Goldfluß und von Tarzals Höhen, 1 Greisenverjüng'ter, Herzenerfreuer! Des Herbstes Ersterzeugter und Stolz der Theiß! Du warst genug, schon lange genug der Fürst, Bei vaterländischen Gelagen, Unter den übrigen Traubensöhnen. Nun sieht den Irrthum langer Jahrhunderte Der weise Gaumen eckeler Großen ein, Erklärt dich angemaßter Herrschaft Ueber die Rebengetränke schuldig, Und wittert nach den Trauben der Ufer hin, Wo Gothen einst geboten, verarteten, Von Süden hergeschiffter, schwarzer Fremdlinge leidende Knechte wurden. Der Schimpf ist groß. Doch tröste dich Heldentrank! Du hast Gefährten. Siehe, den höflichen, Geschminkten, kalten Auslandliedern Hangen mit hastigem Ohr' entgegen Thuiskons Zwitterenkel, verachten ihn, Verstehn ihn nicht den heimischen Herzgesang, Den kühnen heißen vollgedrängten Thatenverewiger, Seelenheber. Ist er darum nun weniger, was er ist? O nein! Von seinem blaulichen Wege sieht, Voll seines Werthes, dieser, Adler Ruhig auf quäkende Sümpfe nieder. So du auch, Sohn der Traube! Wann Friederichs Und Herrmanns Barde 2 fallen, dann wird der Ruhm, Der jetzt auf Tarzal und Tokay Zeitiget, andre Gebirge gölden. Fußnoten 1 Tarzal (eigendlich Tarczal), ein Marktflecken in Ungarn an der Theiß, der des köstlichen Weines wegen, so dem Tokaier an Güte gleicht, berühmt ist. – 2 Rammler und Klopstock. Lehren an einen jungen Dichter Des Friedens Mutter ist Bescheidenheit, Und Scham des Barden beste Feierzier. Mein Sohn! ich tadle Lobbegierde nicht. Lob ist der Seelenstachel beß'rer Art, Und ohne diesen Stachel schlummerten Die größten Thaten der Vergangenheit, Die besten Lieder unerweckten Schlaf. Doch niemal hoffe der von Andern Lob, Dem Eigenlob von trunk'ner Lippe träuft. Und wie, wie träufelte dir Eigenlob Von deiner Lippe? Zeichnetest du vor, Als dich Allvater schuf? Verstand, Gefühl, Gedankenschwung, und Bildekraft, und Ohr, Und Saitenfähigkeit – gab er sie dir? Mußt' er sie geben dir? Und wenn sie nun Sie alle Gaben seiner Willkühr sind, Und du sie nützest, thust du mehr, als Pflicht? Die Pflichten sind der Laster Gegensatz. Der größten eines ist Undankbarkeit. Du fassest jetzo deinen Wanderstab, Und wallest deines Vaters Giebel zu. Nun sage, wirst du wohl auf jeder Flur Mit Blumenpflücken weilen? Wirst du dich In jeder Quelle spiegeln, dich, zu ruhn, In jedem Schatten niederwerfen? Nein! Des Vaters Harren, und der Mutter Wunsch Dich bald zu sehn beflügelt deinen Fuß. So wirf einst jedes Lied, das dir geräth, Schnell über deinen Rücken, sieh nicht um, Sieh nur vor dir hin, wo ein neuer Sproß Für deine Schläfe dir entgegengrünt. Bald laubt sich hinter deinen Pfaden her Ein junger Eichenhain für dich empor. Du siehst ihn nicht; allein ihn sieht dein Volk, Und preiset deine Lieder desto mehr, Je mehr du selbst von deinen Liedern schweigst. Gib Ehre denen, deren Harfenruhm Im ganzen Erbe Teuts, wie Sonnen, stralt. Sie sind Allvaters helles Bild, die Zier Der Menschheit, Lehrer von Jahrhunderten. Beneide jene nicht, die, weit verstreut Durch alle Gauen, gleichen Weg mit dir In Bardenkunst bewandeln. Freue dich Vielmehr auch ihres Namens, wenn er steigt. Denn Oder, Elbe, Weser, Donau, Spree Sind alle deutsche Flüße. Jedes Lob Des Barden ist des Vaterlandes Lob. Tritt einst ein schwächerer Versucher auf, Und bringt ein ungereiftes Lied im Volk, Doch ohne Stolz, bescheiden – schone sein, Beschimpf' ihn nicht! Er hat es gut gemeint, Er hat gestrebet. Soll er jetzt dafür Mit schwerem, wundem Herzen einsam gehn, Der Schlaf sein Aug' in Kummernächten fliehn? Ersticke du die zarte Pflanze nicht! Vielleicht gedeiht sie noch zu Blüth' und Frucht. Erdulde Tadler! mögen sie nun still An deinem Kranze nagen, oder laut Dein Lied verachten. Als sich Fingals Sohn Auf seinem leichten Nebel einst in Nacht Zum Ohre meiner Ruhe niederließ, Und mir gebot, die Laute seines Lieds, Noch nicht verströmet von der Zeiten Flut, Die Söhne Teuts zu lehren; ich es dann In Mitte meines Volkes unternahm; Da scholl es in den Mengen hier und dort Bald stärker und bald leiser: Ossian Sang nicht so weich! Und jetzt: Nicht rein genug! Und jetzt: Die Weise fehlt! Und and'res mehr. Dieß alles hörte Sined. Sined schwieg In sich gekehrt, wie wenn der rasche Nord An seiner wohl verwahrten Halle sich Die Schwinge bricht. Ich dachte: Fingals Sohn! Hab' ich ihn nicht erreichet deinen Schwung, Hab' ich verstellt dein Lied, die Saiten falsch Und schnarrend angeschlagen, o so kann Ich mich nicht schützen, bin des Tadels werth, Und, was ich unternahm, wird bald wie Duft, Vor meines Volkes Augen sich zerstreu'n. Allein gelang es mir, den hohen Gang, Den du einst gingst, dir männlich nachzugehn, Den Kindern Teut's dein lange schlummernd Lied So, wie es war, zu wecken, o dann tritt, Dann tritt es vor der Nachwelt Richterstuhl Mit heit'rer Zuversicht, und steht so fest Dem Tadel, wie den Wogen Morvens Fels. So denk' und handle stets, mein Sohn! Dann wird Auch deine Seele, gleich der glatten See, Worinn des Mondes holder Silberblick Sich lächelnd mahlt, zufrieden, ruhevoll Durch alle deine Lebenstage seyn. Auf Josephs Krönung 1 O Geist der Lieder! der du der Herrscher Lob Der Herrscher, welche Bilder der Gottheit sind, Auf hellem Mondgewölke schwebend Weit in die Zukunft hinüber singest, Fahr' auf zur Harfe! bereite den hohen Schwung Den unerreichten über die Schöpfung hin: Er ist gekrönet! sing zur Veste, Sing zu den Inseln: Er ist gekrönet! Wie wenn der Adler, den ein gelinder Lenz Am höchsten Felsen königlich auferzog, Jetzt um das Nest die Flügel übet, Sonnenan jetzo sich herrlich aufhebt – Der Lüfte Barden strömen ihm Grüße nach, Und Berg und Hügel hallet Bewunderung. Ein ächter Sohn des großen Vaters Heißt er in folgenden Lobgesängen, Nach ihm der Herrschaft über die mächtigen Bewohnerreichen Himmelsgebiete werth. Der Vater hört es, und die Mutter; Beide durchschleicht ein geheim' Vergnügen: So rief dir Deutschland, blühender Joseph! zu, Als im Gewimmel fröhlicher Tausende Dein Haupt sich hin zur Krone neigte, Daß vom gedrungenen, vollen Jauchzen Die Thürme Frankfurts freudig erbebeten, Der blaue Main es, Ufer hinab, dem Rhein, Dem schilfbekränzten Bruder, zutrug, Dieser den horchenden Wasserwelten. Es sah mit Augen, welch ein Geschenk er sey Der Sohn, der einst, vom Himmel herabgefleht, In Franzen's und Theresen's Augen Winkenden Kronen entgegenreifet, Voll seiner Ahnen, seiner Bestimmung voll, Getreu den Mustern, eilend, wie sie, zu seyn Der Erde Lust, der Gottheit Spiegel, Schöpfer des Glückes von Teut's Geschlechtern; Der untergeb'nen Vater, des Lasters Feind, Auch, wenn's in Thürmen wohnet, aus Golde trinkt, Der Tugend Freund, auch, wenn sie pflüget, Schützer und Lied der geschützten Barden. So gleicht die Frucht dem Stamme. So strömt die Kraft Erhab'ner Zeuger in den Erzeugten aus. Von Eichen sprossen eitel Eichen, Tauben entfliegen nicht Adlernesten. Wie vielen Kämpfen Oesterreichs Heldenhaus Für dich sich ausbot, Vaterland! weiß der Belt, Erzählt der Rhein noch, rühmt die Donau, Wo sie die Fülle vereinter Wasser Durch weite Fluren wälzet, in welchen oft (Sie denkts, und schauert) Morgenland blutete, Daß ihrer Fluth geröthet' Silber Waffen und Leichen erschrocken hintrieb. Dann sank dem Mondenträger der Stolz. Er sprach: Ein Waghals nimmt es künftig mit jenen auf, Vor derer Blitze sich zu retten Jeglicher herrlichen Beute gleich ist. Wie wider Lasten muthig die Palme strebt, Und, mehr gedrücket, mehr sich entgegenwölbt, 2 Durch Ungemache selbst genähret Steigt so die Zierde der Deutschen Herrscher Nach Finsternissen jedesmal glänzender, Nach Niederlagen stärker, ergreift ihr Arm Den Ueberwinder. Länder beben, Wenn er im schrecklichen Taumel hinfällt. Jetzt send' ich nicht mehr jauchzende Boten dir, Beklemmte Stambul deinen Eroberungen Hat Oesterreich ein Ziel gesetzet, Unüberfliegbar der Hoffnung selber. Nun wird in Zukunft alles ihm möglich seyn. Des Himmels wacher Fittig umschattet es; Ihm fröhnt die Klugheit, seinen Fahnen Hat sich die Tapferkeit angelobet. Fußnoten 1 Zu Frankfurt den 3ten April 1764. 2 So schreibt wenigstens Aristoteles, Plinius, Plutarch, Strabo u.a. Man erinnere sich, daß hier ein Türke redet, dem dieses Holz einheimisch ist. Auf das Haupt der Starken, bei den Markmännern 1 Ein blauer Himmel, wenn die Regenwolken Nun endlich hinter Berge ziehn, Ein ruhend Meer nach Stürmen ist in Menschenherzen Ein jetzt erfüllter Wunsch. O fei're du, das ganze Spiel herunter, Den jetzt erfüllten Wunsch, mein Lied! Ich habe Den, nach dessen Antlitz mich verlangte, Ich habe Den gesehn! Den Helden, welcher als das letzte Wetter Des Krieges über Deutschland zog, Ein unverseh'ner Blitz aus finst'ren Eisenwolken Auf uns're Gegner fuhr, Und schneller fast, als unsere Gedanken, Durch Flächen, Hügel, Berg und Wald, Und durch gedrängte Kriegerreihen fraß, und Vesten Voll stolzer Sicherheit; Daß alles, alles, eh der Retter umsah Empor in Feuerwogen schlug, Und Laudons Name, das Geprassel überstimmend, Bis an die Meere scholl; Den Helden, den der Kriegesarbeit Kenner, Der Zeugen unverdächtigster, Den selbst der hohe Brennenherrscher ohne Fehler, Wie seinen Bruder, fand; 2 Den Helden, dessen Anblick in den Herzen Der Eisenträger Muth empört, So wie der Stral aus Osten in der Haine Wipfeln Die Federkehlen weckt; Den sah ich im Gefolge seiner Thaten (Ein langer, liederwerther Zug,), Im Schimmerkleide seines Ruhmes, tausend Schatten Gefallener um ihn. Wie gierig hing mein Aug' an ihm! Wie jauchzte Mein Geist in seiner Gegenwart! Denn Sineds höchste Lust ist Thäter großer Thaten, Und Menschenwerth zu sehn. Doch er, er sieht den Nachzug seiner Thaten, Den Schimmer seines Ruhmes nicht, Die tausend Schatten auf der Stahlbahn hingestreckter Versuchten sieht er nicht. Der Sonne gleich (sie blicket nie zurücke Nach Luftgebiethen, die sie maß, Sie höret den nur, der sie wandeln hieß, und höret Den Dank der Erde nicht) Der Sonne gleich verfolget unverwendet Sein Aug' der Ehre steilen Pfad; Nicht Menschenlob, die Pflicht, Theresien geschworen, Und Joseph, hört er nur. Tiefdenkend schweiget er von eig'nen Thaten, Im Kreise der Gewaltigen. Ha, Gegner! reize den gedankenvollen Schweiger, Und lieg' am Grunde nicht! Er schweige! Werden Liedersöhne schweigen, Verkennen ihren hohen Ruf? Wie trügen sie den Eichenkranz vor ihren Stämmen, Und sängen Helden nicht? Sie singen, Enkel! wälzen euch hinüber Des Waffenruhmes hellen Strom. Dann sagt ihr Enkeln einst: Die Ahnen hatten Helden, Und hatten Barden auch. Fußnoten 1 Den Feldmarschall Frhr. von Laudon, damals commandirenden General in Mähren. 2 Diesen Ausspruch Friedrichs erzählte der Ruf allenthalben. Die Zeit 1761. Der der Schöpfung Gebot über den Abgrund sprach, Und aus trächtigem Nichts staunende Wesen rief, Sprach zur werdenden Zeit, als sie vor ihm erschien: »Du nimm Flügel, und raste nie!« Sie nahm Flügel, und flog, und der geschwinde Pfeil, Und der streifende Nord, und der gestürzte Strom Blieben müde zurück. Selbst der Gedanken Flug Keichet arbeitsam hinter ihr. Dennoch schilt sie der Thor, wenn er gesellschaftlos, Ueberlassen sich selbst, lange Secunden zählt; Dennoch schilt er sie träg', wenn ihm dann auf sich selbst Mancher schaudernde Blick entfährt. Wenn um's goldene Bett schwarze Phantomen stehn; Wenn sein zagender Geist Dörner auf Schwanen fühlt, Und der lautere Ruf seines Gewissens itzt Durch die nächtliche Stille tönt. O dann wünscht er den Tag, welcher den Musenfreund Schon vom Abendroth' her, seiner uneingedenk, Tief verloren ins Meer weiser Betrachtungen, Bei der wachenden Lampe trifft. – Aber schilt er auch dann, flüchtige Zeit! dich träg', Wann im Thore des Tod's ihm die Verwesung winkt, Und vom Staube sein Geist wartender Ewigkeit Ahnungvoller entgegen bebt? Wann das, was er verlebt, klein wie ein Atomus, Sind's Jahrhunderte schon, dennoch ein Atomus, Den im luftigen Raum' irrend ein Nord verhaucht, Vor der schwitzenden Stirne schwebt? O dann haßt er den Wahn, der ihn so lang betrog, Der den flatternden Sinn Jahre vertändeln hieß; Dann erst sieht er den Werth eilender Stunden ein, Wünscht sein Leben zurück – und stirbt. Zeit! unschätzbares Gut! Weise nur kennen dich; Sie nur geizen nach dir. Jeglicher Augenblick Fließet Weisen gebraucht. Weisen nur ist bewußt, Was oft eine Minute lehrt. Freund! die längere Zeit, die sich der Thor vertreibt, Der ins fünfzigste Jahr buhlet und schwelgt und spielt, Freund! o sage, warum gab sie der Himmel nicht Schlegeln, Brawen und Cronegken? Die Sterblichkeit 1766. Vertraute Quelle! die du mir in mein Lied Schon öfter stimmtest, Quelle! wie gäh bedeckt Ein kühner West mit falben Blättern Deine gekräuselte Silberfläche! Zu welcher Ahnung weckt mich ihr schneller Fall! Sind dieß die Blätter, welche der Lenz gebahr? Des Haines Zier, des Müden Schatten Waren sie! – sind nun ein Spiel der Winde. Gedanke! mächtig füllst du die Seele mir! Sie fleußt mir über! Sterbliche! Sterbliche! So fallen wir! In diesen Blättern Schwimmt mir der Menschlichkeit Loos vor Augen. Entwölkt bestralt uns jetzo des Glück's Planet. Der West des Ruhmes kühlet und hebet uns. Uns tränkt ein Thau von Lebensfreuden. Glückliche Blätter! und nun! – Wir fallen! Nicht Glanz der Ahnen, Wiegen, die Purpur deckt, Nicht Lenz des Alters, wenn ihn die Schönheit auch Mit allen Künsten unterstützet, Bittet den kommenden Tod zurücke. Ihm stockt die Weisheit, lallt die Beredsamkeit, Der Muth erblaßt ihm. Hoher Trophäen Stolz Beginnt vor ihm in Schutt zu sinken; Kronen erbeben und Throne wanken. Du selbst, o Tugend! alles Vermögende! Du selber rettest deine Verehrer nicht! Der Staub des Böswichts und des Frommen Mischet sich unter des Wandrers Tritten. – Noch heute saß Er, erster Monarch der Welt 1 Der besten Gattinn zärtlichstes Augenmerk, Umgeben von geliebten Kindern, Würdig Aeonen hinan zu leben. Noch tönten Hymens Lieder ihm sanft ins Ohr, Und plötzlich röcheln Töne des Tod's darein. Sein Tag verlischt. Zum letztenmale Segnet sein brechender Blick die Völker. – Noch heute sah dein sittsames Augenpaar Den Reiz des Herbstes, Bester der Jünglinge 2 ! Im frohen Haufen gleicher Freunde Zog dich die Liebe zur Jagd ins Grüne. Da flog dein Unglück. Ach, du versahst es nicht! Ein Bley! Die Schöpfung wurde zur Nacht um dich, Und eines deiner holden Augen Schloß sich in ewige Finsternisse. Gewiß des Grabes wallen wir, ungewiß Der schwarzen Stunde. Menschen! kein Augenblick Ist seines Folgers Bürge. Nebel Schweben auf jeglicher Spur der Zukunft. O glücklich, welcher seine Bestimmung denkt, Ein Theil des Ganzen willig die Stelle füllt, Zu der ihn Jener auserwählte, Welcher ihn aufschuf und liebt und lohnet! Er zählt sich sorgsam jeden der Tage vor, Und jeder sieht ihn besser und ähnlicher Dem unerschaffnen Muster, jeder Glänzet bezeichnet mit Menschenliebe. Erscheint der Abend, giebt er sich Rechenschaft, Und scheut den Zeugen seiner Gedanken nicht, Und spricht vergnügt zu sich: »Ich lebte! Schlummer! umwalle mein Aug'! Ich lebte!« Zu folgen willig, wann die Natur gebeut, Schon lange Freund des Todes, erwartet er Mit sich'rem Lächeln jene Stunde, Welche zu seiner Entbindung eilet. Der weise Kaiser, welcher ein irden' Rom In stolzen Marmor prächtig verwandelte, Sprach, als der Augenblick des Scheidens Nahte, zum Ohre bethränter Freunde: »Vertraute! sagt mir: hab' ich sie wohl gespielt Die Rolle meines Lebens?« Sie seufzten: »Ja!« »So klatschet!« rief er, schloß den Vorhang, Athmete sanfter, und schied zufrieden. Fußnoten 1 Kaiser Franz der I. 2 Ein junger Graf aus Mähren. – Abschied von der sichtbaren Welt 1 Schön ist umher die Natur Im kühlen, gemilderten Lichte, Das schweigend über mir hängt. Drey Sänger um mich: Vom Teiche der wachende Frosch, Vom Felde die muntere Grille, Vom Busche der Liebling des Mondes, Der Führer der Barden der Luft. – 2 Alle sie von der Natur gelehret, Und unverwöhnten Hörern Empfindungen weckend und Reizer des Lied's. – Und schwieg' ich unverwöhnter Hörer? Ich Eingeweihter der Natur? Und göß' ich Empfindungen nicht Ins nächtliche Chor der Reizer des Lieds? – Steig nieder, Schattenharfe! Vom wiegenden Zweige der Tanne! Begleite den Strom der Empfindung Ins nächtliche Chor der Reizer des Lieds! – Dieses Chor tönet einst ohne dich! – Einst verklingen, Schattenharfe, deine Saiten. Einst verstummt der Liedermund deines Barden. Von dem Teiche, von dem Felde, Von dem Busche kömmt Gesang; Aber schweigend steht der Hügel, Der den Barden deckt. Kühle Lüfte säuseln, Wiesenquellen lauten, Durch die Tannenzacken Blinkt der milde Mond; Aber schweigend, schweigend steht der Hügel, Der den Barden deckt. Schweigend, Hügel! wirst du stehn. Aber, wie vergnügte Gäste Singend von dem Mahle scheiden, Will ich Lebensgast singend scheiden, Wenn mein Tag mich ruft. Dank ist meiner Lieder letztes; Du Natur umher in deiner sanften Schönheit, Und du, kühles Licht über mir! Höret meinen Dank, meiner Lieder letztes, Wenn mein Tag mich ruft! Dank dir, Flammenaug' des Tages! Deinem Lichte, deiner Wärme, Sonne! Dank! Dank für alle Wonnestunden, Die dein Kommen und dein Scheiden Mir erschuf! Dank für alle Farben, Die du meinem Blicke straltest! Dank für alle Lieder, Die du mir im Busen wecktest! Bald wirst du mir nimmer leuchten! Aber leuchte, leuchte Meinen Erdekindern, Bis dein Tag dich ruft! Dank dir, sanftes Aug' der Nacht! Deinem Lichte, deiner Kühle Dank, o Mond! Dank für alle Wonnestunden, Die dein still und friedsam Wandeln Mir erschuf! Bald wirst du mir nimmer wandeln! Aber wandle, wandle Meinen Erdekindern, Bis dein Tag dich ruft! Erde Mutter! höre Deines Sohnes Dank! Seinem Hunger glühten Früchte, Seinem Durste rauschten Quellen, Seiner Hitze wehten Lüfte, Seinem Dache sproßten Schatten, Seinem Lager grünt die Flur. Früchte, Quellen, Lüfte, Schatten, Flur! Höret Sineds Abschied, Sineds Dank! Nimmer werdet ihr ihn laben; Denn die Mutter öffnet Ihren Schooß für ihn. Aber glühet, rauschet, Wehet, sprosset, grünet Langen Menschenaltern, Bis auch einstens euer Tag euch ruft, Dank euch Thiergeschlechter! Die ihr meiner schontet, Die ihr mir gehorchtet, dientet mir! Dank euch, holde Kehlen! Die ihr meinen Ohren Aus der Luft von Wipfeln Heiterkeit und Wonne sang't! Dank euch, allerkleinste Leben, Kinder der verjüngten Monden! Derer Wunderbildung, Farben und Geschäfte Froh mein forschend Aug' besah! Gerne war ich mitten unter euch, Euer Wohlstand, eure Freuden Machten Sined's Herz vergnügt; Eure Plagen, euren Tod Konnte Sined's Aug' nicht seh'n. Diesem Auge naht sein Abend. Nimmer werdet ihr dem Barden Dienen, singen und gefallen. Aber dienet, singet und gefallet Seinen Erdekindern, Bis auch einstens euer Tag euch ruft! Heldenvolk, vor dessen Augen Ich mein friedlich Leben lebte, Dessen Jugend meinen Lehren horchte, Dem ich Lieder sang, Dank dir, Heldenvolk! Dank für jeden Beifall, Welchen du mir schenktest, Dank für jede Thräne, Die ich dir entlockte, Für des Eichenkranzes Ehre, Dessen du mich würdig hieltst! War von meinem Harfenspiele Stolz und Bitterkeit und Tadel Meiner Brüder weit, Weckten meine Lieder Liebe zu der Gottheit, Und zum Vaterlande, Tapferkeit und Tugend Und der Wehmuth Lust: O so lehre sie die Nachzeit, Heldenvolk! O so zeichne meinen Hügel, Daß ihn in den spät'sten Altern Noch der Enkel kenn'; Freunde! Nahe, ferne Freunde! Sined's größter Schatz im Leben! Freunde! Sined scheidet. Dank! Dank für alle Nachsicht, Dank für alles Mitleid, Dank für allen Rath! Dank für alle Wonnestunden, Die mir eure Botschaft Euer Zuspruch schuf! Fandet ihr an meinen Liedern Bardenwerth, Fandet ihr an meinem Herzen Menschenwerth, O so menget meinen Namen Euren Liedern ein! O so zieh't an meinem Hügel Eichenschatten auf! Daß an Sined's Eiche Sich zum Wettgesange Späte Barden setzen, Daß zu Sined's Eiche, Treue sich zu schwören, Späte Freunde geh'n! Geister, die ihr mich behorchet In der stillen Mondennacht, Traget meinen Erdedank, In der Schattenharfe Klang gesungen, Ueber jenes Thaugewölke Bis hinauf, wo Allvater wohnt! Meinen Himmeldank für alles, Was er mir hienieden gab. Seine Wege, die er mich Durch Vergnügen und durch Schwermuth führte, Sing' ich einst, vor ihm enthüllet, In der Flammenharfe Klang. Fußnoten 1 Gesungen in einer Sommernacht. 2 Die Nachtigall. Die Aeonenhalle 1 Dort, wo gehüllt in ewige Nebelnacht, Umbrauset von Orkanen, der Nordpol starrt, Dort wölbt sich, unter Eisgebirgen, Schweigend und hehr der Aeonen 2 Halle, Der Wohnsitz grauer Söhne der alten Zeit. Auf neun und sechzig Stühlen 3 – Ihr Enkel! glaubt Dem Seher, den der Morgendämm'rung Weihe zum großen Gesicht' emporhub – Auf neun und sechzig Stühlen da schlummern sie, Die Greise hundert Winter, und jedesmal, Nach hundert Wintern, weicht ihr Schlummer Vor des entriegelten Thores Krachen. Denn sind nun hundert Winter vorbeigefloh'n, Dann mehrt der aufgewachten Aeonen Zahl Ein neuer Bruder, schwebt zur Halle Thatenbelastet und müde nieder. Dieß war nun eben. Berstend erscholl das Thor, Der Flügel Aufschlug stürmte die Nebel weg, Ich sah den neuen greisen Bruder Feierlich in die Versammlung sinken. Ein groß Verneigen, ernster Erwartung voll, Von neun und sechszig Stühlen. Der Bruder (glaubt Dem Hörer, den der Morgendämmerung Weihe das Ohr, wie das Auge schärfte) Der Bruder brach das Schweigen: »das, was euch selbst Das große Rad der Erdereignisse Vorüberwälzte, greise Brüder! Darf euch der jüngste nicht erst erzählen. Nur, was ihr nicht saht, was mir beschieden war Auf jenem weiten Schauplatz' allein zu sehn Durch meiner hundert Winter Umschwung, Sollt ihr vernehmen Aeonen, horchet! Zwei große Frauen sah ich, Theresien, 4 Und Katharinen. 5 Brüder! ihr hattet nicht An Weisheit, Macht und Thatenruhme Größere Männer auf Herrscherstühlen. Nur Eines Mannes alles umfassenden, Sich selber alles schuldigen Heldengeist, Der vor der Spree stolzen Ufern Glänzte, 6 konnten sie nicht verdunkeln. Ein fünfter Welttheil, 7 Brüder! euch unbekannt, Sieht Wimpeln wehen, hört des Geschützes Knall. Ein kühner Britte Cook – o klaget! Fand und begoß ihn mit eig'nem Blute. 8 Schon müde des Gehorsams entrissen sich Der Mutter England Pflanzer Amerikas. 9 Vielästig ragt der neuen Eiche Wipfel nun auf, und beschattet Meere. Ein Gott geweihter, jeglicher Menschenart Durch alle Zonen fröhnender Männerbund Erlag den Ränken, ward zerrissen, Unbewiesen und ungehört. 10 Der Wesen Wunderkette, durch die genau Stein, Pflanze, Thier zum Menschen hinauf sich ringt, Ergriff ein Schwede, 11 wie noch keiner, Folgte mit Namen und Zahl den Ringen. Ein Deutscher, 12 voll des heiligen Alterthums, Berauscht an Sions Quellen, erhub ein Lied In fremden Maßen. Unerreichbar, Ward er Homer und Virgil den Seinen. Ein Greis 13 voll Tiefsinn's faßte der Dinge Grund Von Vorn', und schwang sich über Erfahrung weg, Auf die sonst Weise bauten. Zukunft Wird es entscheiden, mit welchem Glücke. Vom Täuschenden zum Nützlichen nun gewandt, Drang in der Körper Grundstoff die Scheidekunst, Wie nie zuvor. 14 Die Völkern eifern, Dankbar ihr Heiligthum auszuschmücken. Das jugendfeindliche, tödliche Blatterngift, Entlehnt von angesteckten, und eingeflößt Gesunden Leibern, sah ich tausend Mütter von harrender Angst befreien. 15 An Eisenspitzen, welche von thürmenden Gebäuden ragen, sah ich den Feuerstrom Der Blitze leitsam niederfließen, Menschen und Werke der Schöpfung schonen. 16 Und saht ihr, Brüder! Menschen der Erde satt, Und satt des Wassers, durch das gemessene Gewicht der Luft zum Himmel steigen, Wolken durchirren, ein Spiel der Winde? 17 O weh dem leichten Volke, das dieß ersann! Bald stieg es höher, wähnend, den Ewigen Von seinem Sitze weg zu witzeln, Höher – um tiefer hinabzustürzen. Weh meinen letzten Wintern! denn ihnen war Der Gräuel aufbehalten, den keiner je Von euch, ihr neun und sechzig Brüder! Staunend auf eurer Bahn erblickte. Dieß Volk, genannt schon lange das christlichste, Verließ auf einmal, treulos den Christengott, Entweihte Tempel, würgte grimmig Priester an heiliger Opferstätte. Befleckte den ihm sonst so geliebten Thron Mit Blute, brach durch Schranken der Sittlichkeit, Des Eigenthums, der Gesetze, Spielte mit Eiden und Völkerrechte. Und als sein ganzes Heimat im Brande stand, Ergreift die nahen Lande der Flammenschwall Ein wilder Aufruf: Freyheit, Gleichheit; Mengte sich fürchterlich ins Geprassel. Geweckt erstanden Kaiser und Könige Mit Heerkraft. Tief verworr sich der Meinungen Und Waffen Kampf. Die Wage selber Staunte des öfteren Schaalenwechsels. Denn ach nicht alle – Plötzlicher Nebel sank. Des Thores Flügel schlugen Orkane zu. Im Schlage ward der Zeit, der alten Mutter, ein neuer Aeon geboren. Fußnoten 1 Gesungen in den letzten Stunden des XVIII Jahrhunderts. Denis Schwanengesang. 2 Aeon vom griechischen Αἰὼν, aevum. Hier so viel als Jahrhundert. 3 Man nimmt von der Schöpfung bis zur christlichen Zeitrechnung 5199 Jahre an, mithin 52 Jahrhunderte. Die christl. Zeitrechnung zählt 17 verflossene. Dieses giebt also 69 Aeonen, zu welchen das endende, oder 70ste kömmt. 4 Geb. 1717. 5 Geb. 1729. 6 Friedrich der II. K. v. Preußen. Geb. 1712. 7 Entdeckt von Capit. James Cook auf seinen drei Seereisen in den Jahren 1768, 1772 u. 1776. 8 Er ward im Jahr 1779 auf der Insel Owayhi von den Wilden erschlagen. 9 Im J. 1776. begann der förml. Abfall der engl. Kolonien, die nun die Freistaaten Amerika's bilden. 10 Die Aufhebung des Jesuitenordens 1773. Denis war immer ein eifriger Anhänger seines Ordens, ohne sich zu unedlen Absichten gebrauchen zu lassen. Darum schätzte ihn auch Nikolai, der gewiß kein Freund jener Gesellschaft war, wie man aus seiner Bibliothek ersehen kann. 11 Karl v. Linne, dessen System der Natur durch 13 Ausgaben von 1740-1788 immer zu größerer Vollkommenheit gediehen ist. 12 Friedr. Gottl. Klopstock, die Vollendung seiner Messiade erschien 1773. 13 Immanuel Kant, dessen Kritik der reinen Vernunft zum erstenmal 1781. in Königsberg erschien. 14 Besonders seit der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts äußerten sich die Fortschritte in der Chemie, in der Arzneikunde, dem Berg- Hütten- und Salzwesen, der Kenntnisse der Luftarten, der Glasmacherey, der färbenden Künste. 15 Das Einimpfen der Kuhpocken kam im Jahr 1721 aus dem Orient nach England, und wurde von da durch das übrige Europa bekannt. 16 Benjamin Franklin kam 1752 durch den Versuch mit dem aufsteigenden electrischen Drachen auf den Nutzen der Ableiter. 17 Den ersten Luftballon ließen die Brüder Montgolfier 1783. den 5ten Juny zu Annonay den 27ten Aug. zu Paris, den 19ten zu Versailles vor dem Hofe aufsteigen.