Erste Station 1. »Nun das haben Sie getroffen, Eben ist die Messe offen, Werden blaue Wunder sehen, Wenn Sie durch die Gassen gehen.« Und ich suchte nach dem Wunder, Fand aber nur Waren-Plunder, Lange Waren, kurze Waren, Und Verkäufer, ganze Scharen. Alle Häuser voll Affichen, Geld auf allen Wechslertischen, Jeder Winkel ein Bude, Und die dritte Nas' ein Jude. Schreien hört' ich, keuchen, laufen: Herr, hier könn'n Sie alles kaufen, Gontard bietet seidne Tücher, Jügel abgestandne Bücher, Bing Kristalle, Gläser, Lacke, Breul so Rauch- wie Schnupf-Tabacke, Kriegesfelder Rock und Hosen, Und Frau ** die Franzosen. Hol der Teufel solch ein Schachern, Feilschen, Mauscheln, Mäkeln, Prachern, Kurze Waren, lange Waren Mögen sie zum Henker fahren! Wahrlich, hier kann wieder gelten Jenes Afrikaners Schelten: Feiles Nest, wenn nur zur Stunden Sich ein Käufer eingefunden! Deutschland, ja auch Du hast dein Rom; Diese freie Stadt am Mainstrom Ist, beschnitten und getauft, Längst lebendig ausverkauft! 2. Und daneben die Zeugen der alten Zeit, Der römisch-deutschen Herrlichkeit, Der Römer mit seinen Kaiserbildern, Goldenen Bullen und Wappenschildern! Der Platz, den einst mit schwerem Tritt Der neugekrönte Kaiser beschritt Über scharlachene Decken von Samt, Worauf in Gold der Adler geflammt! Dort fiel der Stier, dort sprang der Wein, Dort riß das Volk die Küche ein, Und rings ein Drängen in engen Räumen Mit Glockengeläut und Becherschäumen! Beschleicht dich in heutiger Nüchternheit Nimmer ein Traum von solcher Zeit? Hast du über Herbst- und Ostermessen Deiner alten Glorie ganz vergessen? Dein Strom wird breit, dein Quai wird weit, Deine Straßen verschönen sich alle Zeit, Und nur dein Herz, dein Volksbewußtsein Schrumpft ein und wird bald völlig Verlust sein. Ermanne dich, deutsche Stadt am Main! Du sollst mit unter den ersten sein, Nicht bloß ein Tor, um durchzuwandeln, Nicht bloß eine Halle zum Kaufen und Handeln. Prozent und Wechsel und Agio, Das macht ein deutsches Gemüt nicht froh, Und die Juwelen und die Paläste Sind auch noch nicht von allem das Beste. Roll hin in deiner Karossen Glanz; Du verrollst, verrennst, verrechnest dich ganz; Und bist und bleibst am Ende netto Doch nur unser erstes und letztes Ghetto! 3. Sehn Sie, Bester, dort ums Eck Jenen prächtgen Wagen rollen? Wer das war? – Nur keinen Schreck, Wenn Sie's wirklich wissen wollen! Das war ER – Ich nenn' ihn nicht, Deutschland weiß schon, wen ich meine, Unser Hort und unser Licht, Er, der Einzle, Einz'ge, Eine! Glauben nicht, was so ein Mann Alles unsrer guten Stadt frommt, Was er will und was er kann, Ganz vornehmlich, wenn's ins Blatt kommt. Und wie er bei Jud' und Christ Für jedwede fremde Not mild Stets bereit zu helfen ist, PATER PATRIAE, von Rothschild. Ja, wie er ganz fein und fern Selbst im Großen für die Welt sorgt, Weil er kriegeslust'gen Herrn Nicht so gleich sein schönes Geld borgt. Ach! und die enorme Pracht Seiner Gärten, Parks und Villen, Schlafzimmer, nicht für die Nacht, Nur zum Sehn um Gotteswillen! Bilder unter schwarzem Flor, Dieses konserviert sie besser, Und an jedem Eisentor Drei gewicht'ge Hängeschlösser! Sehn Sie! Wieder dort ums Eck! Die Livree, der Staat von Federn, Rappen mit 'nem weißen Fleck, Englisch all's bis zu den Rädern! Und dem Kutscher hat heut früh Frau Baronin noch geraten: Halt dich schepp, dann meinen sie, Wir sein von die Diplomaten. 4. Schlenderte eines Tags verlassen Umher in der Eschenheimer Gassen, Und trat in einen Hof, darinnen stand Ein Österreicher, Musket' in der Hand. Seh' mir die Treppen, Höfe, Gänge, Der bestäubten Fenster Menge Recht neugierig und teilnehmend an, Just wie nur ein Fremder gaffen kann. Kommt aus dem Haus mit leisen, raschen Schritten ein Mann mit Akten in den Taschen, Den frag' ich mit einem Gruße frank und frei: Was das für ein großes Haus hier sei? Das Männlein blinzt durch seine Brille Mich an und hustet nach langer Stille: Ihnen das zu sagen, bin ich nicht kompetent; Sprach's, ging, machte sein Kompliment. Nun hab' ich's gewußt, woran ich gewesen, Der Österreicher aber, ohne viel Federlesen, Kommt auf mich zu und fragt mich grob, Was ich hier in dem Hause zu suchen hob? Gott sei Dank, hier hab' ich nichts zu suchen, Da fing der Holter an zu fluchen: Dann gehn's Ihrer Wege als guter Christ, Sehn ja, daß hier nichts zu finden ist! 5. (Marchesi's Goethe in der Bibliothek) Hier laßt ihn bleiben in der kühlen Halle, Im Vorhof freier Kunst und Wissenschaft; Stellt ihn nicht hin, ein Schaugericht für alle, Ihn, der dem Pöbel stets sich stolz entrafft! Wer nach ihm sucht, wird ihn zu finden wissen, Steht er auch nicht auf offnem Markte aus, Nur gebt ihn Eurer Nächte Finsternissen Nicht preis und Eurer ew'gen Winter Graus! Ihr lest es klar in diesen Marmorzügen, Im Lächeln, das die Grazien geweiht: Allein den Besten seiner Zeit genügen, Das war ihm Trost und das Unsterblichkeit. O du, der Deinen Liebe kaum erreichbar, Wie drückst du in den Staub wer dir sich naht! Wie herrlich, dem Olympier vergleichbar, Thronst du in deinem Hohenpriesterstaat! Seht dieser Glieder Füll' und Mannesstärke, Die Wölbung dieser lebensreichen Brust, Die breite Stirn, die Wiege seiner Werke, Des Nackens Hoheit, frei und selbstbewußt, Des Mundes Anmut, selbst im Steine lebend, Des Heldenleibes selig-feste Ruh'; Noch flattern, leicht wie Schatten um ihn schwebend, Gedanken diesen vollen Schläfen zu. So dachte ihn, so malte ihn die Liebe Und fügsam folgte Künstlers Meißel ihr; Ja, wenn uns nur dies eine Bildnis bliebe, Wir hätten doch das treueste von dir. Wie anders aber, da ein wirklich Leben In Schritt und Blick und Wort dies Bild noch trug, Da dieser Geist noch schuf in mächt'gem Weben, Da dieses Herz in warmen Pulsen schlug! O daß ich damals mich mit Flügelschnelle Zur Pilgerfahrt nach Mekka nicht geschickt, Daß nie mein Knie an deines Zimmers Schwelle, Der heiligen Kaaba sich gebückt! Ein Knabe war ich, als die Trauerkunde Von deinem Tode durch die Lande scholl, Noch weiß ich, wie ich sie mit bangem Munde Nachlallte, Herz und Auge übervoll. Nun kann ich vor dein totes Bild nur treten, Freudlos strömt meiner Liebe Schatz sich aus, An deiner Fürstengruft nur darf ich beten Und weinend gehn durch dein verwaistes Haus. Ach wie ein Kind, ein müdes, lehn' ich neben Dem Marmorblock, der deine Züge trägt, Und meine Lippe drückt mit stummem Beben Auf deine Hand sich, heiß und tiefbewegt. Ein Schauer rieselt aus des Steines Kühle Durch Hirn und Blut mir, wie ein kalter Schlag, Und aufgerührt mit wechselndem Gefühle Zuckt meine Seele dieser Strömung nach. Was in mir war, Unlauteres und Wildes, Ward fortgeflößt von diesem Geisterkuß, Ein neues Leben rinnt, ein reines, mildes, Durch meiner Adern friedlicheren Fluß. Du bist mir nahe, ich empfand dein Walten, Beschwichtigt schwieg der Drang der Welt in mir, Ein lichter Kreis verheißender Gestalten Grüßte, wie Zukunftsträume, mich von dir. Die Stätt' ist heilig – Löset mir die Schuhe, Hier fall ich nieder, wo ein Gott geweilt; Als sein Vermächtnis säuselt sel'ge Ruhe Durch diesen Tempel, allen mitgeteilt. Nun laßt mich mit dem Dichterschwure scheiden, Den ich ihm gab als dieser Stunde Pfand! Ist er gelöst durch Taten und durch Leiden, Dann wieder küss' ich meines Meisters Hand. 6. Aus kleinen Wurzeln sprossen starke Bäume, Ein mächt'ger Strom entspringt aus dunklem Quell: Dran mahnen diese unscheinbaren Räume, Ehmals dein Zelt, erwähltes Israel! Die Sonne dringt, des Mondes Leuchten nimmer In jene Hütten voller Rauch und Schmutz, Und nur der Sabbatslampe seltner Schimmer Bestrahlt den innen streng versteckten Putz. Wie dräuend-schwer die Giebel überhängen, Von Dampf geschwärzt, von Alters Wucht gebeugt! Wie sie zu Schutz und Trutz zusammendrängen, Als hätte die Gewalt sie hergescheucht! Aus niedren Pforten, wie aus Mördergruben, Gähnt ew'ges Dunkel rätselhaft dich an, Und schmale Stiegen klimmen auf in Stuben, Durch deren Fenster nie ein Lichtstrahl rann. Und stete Nässe in der engen Gasse, Die krumm und winklicht ihres Weges schleicht, Und vor den Türen hagre, scharfe, blasse Gesichter, von der Leidenschaft gebleicht. Das Judenviertel! – O Barbaren-Zeiten, Da man ein Volk hier sklavisch eingezwängt, Und da des Nachts am Tor, zu beiden Seiten, Ein unerbittlich-ehern Schloß gehängt; Da jeder von des Reiches Kammerknechten Sein Judenzeichen samt der Kalle trug, Und da der Junkherr mit der kecken Rechten Straflos in des Ebräers Antlitz schlug! Sie sind dahin, die vielgeschmälten Tage, Das Blättlein hat schon leise sich gewandt, Und Juda ringt uns unter ew'ger Klage Listig das Heft aus ungeschickter Hand. Emanzipiert, wie Ihr es einst verrammelt, Dies zähe Volk, die Mode wechselt ja; Es hat schon längst zu Haufen sich gesammelt Und steht als Macht, Euch gegenüber, da. Den Landmann drängt es hart aus seinem Sitze, Den Krämer scheucht es von dem Markte fort, Und halb um Gold, und halb mit Sklavenwitze Kauft es dem Zeitgeist ab sein Losungswort. Wißt Ihr, wie tief sein Zauber schon gedrungen? Schaut um, die ihr von Menschenrechten träumt; Sie reden drein mit den metallnen Zungen, Wo scheu der Christ verstummt und zagt und säumt. Was kann dem Stamm Emanzipieren frommen, Der nie vom Schacher sich emanzipiert? Was Ihr ihm schenken wollt hat er genommen, Dieweil Ihr um Prinzipien disputiert! Wohin Ihr faßt, Ihr werdet Juden fassen, Allüberall das Lieblingsvolk des HErrn! Geht, sperrt sie wieder in die alten Gassen, Eh' sie Euch in ein Christenviertel sperrn! Auch ein Rheinlied – nota bene ohne Becher –! (1841 geschrieben zu Caub, in einer Lenznacht). »Quousque tandem ...!?« »Dies war die Stelle«, sprach ein greiser Krieger, »Wo wir im Winter über sind gesetzt; Hier haben wir zum ersten Mal als Sieger Auf ihrer Schwelle unser Schwert gewetzt. Herr – Eine Lust! Der Alt' auf seinem Schimmel, Dort sprengt' er in die eisbedeckte Flut, Und in den Wellen spiegelte der Himmel Hell seine Sterne ab und unsren Mut.« Nachdenklich sah ich in das dunkle Wasser, Das träumend durch die stille Talschlucht zog. Die Bilder alle der Franzosenhasser, Friedlich zu Fuße und zu Rosse hoch, Die zahmen, die mit Wort und Reimen streiten, Die wilden, die der Kampf ins Feuer trug, Ich sah gespenstig sie hinüberschreiten, Gen Westen zu ein langer Pilgerzug. Grau nickten die zerbrochnen Ritterschlösser Hernieder an den »freien, deutschen« Strand ... War jene Zeit, so fragt' ich, deutscher, besser Und freier, da ihr stolzes Haupt noch stand, Da Sang und Klang von ihren Söllern tönte Und Jammer aus dem dunklen Burgverlies, Da frech der Edle die Vasallen höhnte Und Wanderer am Wege niederstieß? Und jene Zeit, da mit dem Fürstenschwerte Der Krummstab eines mächt'gen Pfaffen focht? Und jene, da die freie, deutsche Erde Ein kühner Römer spielend unterjocht – ? – »Frei« war der Rhein, da er durch öde Steine Noch unbewohnt sich selbst die Bahnen brach, »Deutsch« war der Rhein, da hier im Eichenhaine Ein wildes Volk auf Bärenhäuten lag! Geht mir mit Euren Liedern für und wider! Geduldig ist das lumpige Papier, Gleichgiltig strömt und kühl die Welle nieder, Taub für der Menschen Zank um Mir und Dir, Dem Franzmann beut sie schmeichlerisch den Rücken Und trägt den Deutschen, wirft er sich hinein: Der Rhein, wie Ihr, läßt sich von jedem drücken, Drum heißt er auch der freie deutsche Rhein. Dumpf grollend ging die Woge mir zu Füßen, Als wüßte sie, was meine Lippe schalt. Da tauchte abwärts, unter Böllerschüssen, Ein Nachtbild auf von riesiger Gestalt; Dem Strom entgegen wälzte sich im Düstern Mit Donnerton der Dämpfer her von fern, Und Rauch und Schaum entsprühte seinen Nüstern, Und hoch am Maste hing es wie ein Stern. Stern einer neuen Zeit! Sei mir willkommen! Du gehst zur richtigen Minute auf, Heran mit Deinen Wundern komm geschwommen, Entgegen dem gewohnten Wellen-Lauf, Erwecke sie, die hier am Ufer träumen, Und reiß sie fort mit Deiner Räder Kraft! Ja, brausen muß, wie Du, die Zeit und schäumen, Eh' sie den neuen Geist lebendig schafft! Strom-auf und nieder schwinge Deine Fahnen, Trag hin und her Dein Feuer durch die Welt, Sei mit den eisernen Gedanken-Bahnen Der Blitz, der uns die graue Nacht erhellt, Das Band, das uns Geschiedene vereinet, Die Hand, die uns durch Rad und Ruder lenkt – Dann wird er »frei«, doch freier, als Ihr meinet, Dann wird er »deutsch«, doch deutscher, als Ihr denkt! Auf, frommes Köln, auf, heitres Mainz, erwache, Du, junges Mannheim, mache Dich bereit; Von Stadt zu Stadt, den wachsenden, entfache Sich die Aurora einer neuen Zeit! Und Ihr, die uns von deutscher Lebensader So viel geschwatzt, – daß sie zu reich nicht quillt! Ihr schürtet drin und draußen an dem Hader, Wie, wenn er, einig, Euch am Ende gilt? Ihr habt's beschworen, seht nun, daß Ihr's zwinget, Sonst wächst das Kind Euch alten übers Haupt; Dort fliegt es hin, ein Vogel leicht beschwinget, Unhemmbar, stark, am Ziel, eh Ihr es glaubt. Der freie Rhein – Ja, frei nicht bloß von Franken, Der deutsche Rhein – Ja, deutsch nicht bloß zum Spaß ... Gut' Nacht! Ich will dem alten Herr-Gott danken, Daß er – Genug, ich weiß noch nicht für was! Zweite Station 1. O wunderreiche Stadt der Neuhellenen, Apollo-Antlitz mit Silenos-Finnen, Komödienhaus, voll neuen Trödels innen, Außen bemalt mit hochantiken Szenen! Ein Pfaffe deklamiert statt Demosthenen, Das Kuchelmensch ersetzt die Charitinnen Und schenkt den ewig durst'gen Pierinnen Bock und Salvator, ihre Hippokrenen. Stellt doch ans Tor als städtisches Gewappen Ein griechisch Götterbild mit kahlem Scheitel, Worauf der Inful bunte Hängelappen; Gebt in die Linke ihm ein leeres Seidel, Ihm in die Rechte drei Stück Kruzifixe: – So habt ihr München im modernen Wixe! 2. Wie süß, verehrter Kabinetts-Minister, Klingt, im Vergleich zu Pöbeltums-Gekreisch, Höchst-Ihrer Laute liebliches Geflister Zu Tee mit Butterbrot und Hammelfleisch! Mag auch die Aftermuse mit Geräusch Losziehen wider Schlendrian und Philister, Die Ihrige bleibt mild, loyal und keusch, Sie und der Schlaf sind leibliche Geschwister. Gebenedeit das Land vor allen Ländern, Das Rät' und Richter schmückt mit Lorbeerzweigen Und Dichter mit Minister-Ordens-Bändern! Nur kann ich eine Frage kaum verschweigen, Ob jene mehr Minister oder Dichter, Und diese mehr Poeten oder Richter? 3. Hinaus, hinaus aus diesen kalten Steinen, Hinweg von den verödeten Arkaden! Es lockt der Mai auf den Kastanien-Pfaden Zu sich zurück die bildersatten Seinen. Wie bleich, wie welk nun jene Farben scheinen, Zum Himmelsblau und Grün der Promenaden, Wie stumm zu den aufjubelnden Rouladen, Die aus den Büschen klingen, aus den Hainen! So eben hört' ich aus den lichten Blättern, Die ängstlich noch als königliche knistern, Vernehmlich eines Sprossers Kehle schmettern: Die Kunst ist fremd und tot und ohne Seele, Kann sich die Freiheit ihr nicht treu verschwistern; Das ist, als ob dem Mai die Stimme fehle! 4. Es fragt mich einer, wie's der Brust ergangen, Die jenes Wort im Königsgarten rief, Und ob sie nicht schon hinter Schloß und Stangen Ihr Frühlingsräuschlein abgekühlt verschlief? Ach nein, mein Freund! Das Abenteuer lief Friedfertig ab und ohne groß Belangen, Der Sänger schwieg, nachdem er, hoch und tief, Zehnmal sein Lied vergeblich angefangen. Dicht unter ihm und seiner schweren Klage Ging achtlos das geputzte Volk vorbei, Vom Orient schwatzend und der Zuckerfrage. Ihn überschrie die Liebesdudelei Aus einem nahen Spatzen-Lustgelage Und zahmer Papagein Lobhudelei ... 5. (Für Ludwig Schwanthaler.) An Rumpf und Gliedern jämmerlich zerbrochen, Gebannt in eine Form aus Sand und Lehm, Hernach in Flammen, die fanatisch kochen, Gegossen nach erkünsteltem System, So liegst Du, lichtlos, starr und unbequem In Deiner Gruft, Bavaria, viele Wochen, Bis daß der Meister, wann es ihm genehm, Sein »fertig« seufzend über Dich gesprochen. Und dann, ein Monument für das Jahrhundert, Von außen glänzend' Erz, von innen hohl, Stehst Du erhaben da und all-bewundert. Nur schad: Eins fehlt dem riesigen Symbol, Daß König Ludwig noch den Hammer hebe Und mit dem letzten Schlag Dir sage: LEBE! 6. Des Tags, da Christus starb zu Gottes Ehre, Kniet' ich an der Michälis-Kirche Schwelle, Umbraust von stolzer Sang- und Orgel-Welle, Still und zerknirscht: – »O Christe, Miserere!« Am Hochaltar erlosch die Kerzenhelle Langsam und mälig, bis die lautlos-schwere, Die starre Nacht – »O Christe, Miserere!« – Rings auf den Betern lag und der Kapelle. Und als ich so sie schwinden sah, die Lichter, Eins nach dem andern von der Nacht verschlungen, Schien mir's, als ob's ein Bild des Landes wäre: Bald schied ein Denker, bald erstarb ein Dichter, Still ward's und öd' und aus den Dämmerungen Klang's schluchzend auf: – »O Christe, Miserere!« – Frage und Antwort Gesellschaftsspiel »Warum denn nur in allen Sachen Den unzufrieden Tadler machen? Was spielst Du, nimmer-müder Krittler, Nicht lieber freundlich den Vermittler? Dein Sinn besieht mit rechtem Willen Die Welt durch schwarzgefärbte Brillen, Und in Kritik, in Wunsch und Klage Verträumst Du Deine besten Tage. Du wirst durch Predigen und Schimpfen Nur Mißmut in die Menschen impfen, Und dennoch macht Dein wildes Lästern Das träge Heute nicht zum Gestern. Du kannst das Rad der Zeit nicht drehen, Es wird im alten Gleise gehen, Das Wort befreit die Erde nimmer, Es macht nur schlimme Dinge schlimmer. Genieß doch wie die andren tuen, Die weise dort im Schatten ruhen, Und statt die Macht keck zu bestreiten, Such schlau an ihr emporzugleiten. Was kümmern Dich die freien Pressen, Wenn du zu trinken hast, zu essen? Und was das allgemeine Beste, Wenn Du behaglich sitz'st im Neste? Sieh zu, wie hoch's die Klugen treiben, Willst Du am Boden ewig bleiben? Du hast die Kraft, nun brauch sie richtig Und mach Dein Pfund durch Wucher wichtig!« – Und hätten so wie Du gedacht Die unsre Väter sind, So wär's im Land noch immer Nacht Und wir noch immer blind. Wohl ist es schwach und arm mein Wort, Weil ich nur Dichter bin, Doch trägt's vielleicht ein Lüftchen fort, Wer weiß wie und wohin? Es gleicht dem dunklen Samenkorn, Du kennst das alte Bild: Eins fällt in Busch und Stein und Dorn, Eins in ein Fruchtgefild. Vielleicht blüht über Tag und Jahr, Wenn längst der Sä'mann tot, Auf steilen Felsen wunderbar Ein Blümlein weiß und rot. Der Frühling kommt schon über Nacht, Ziehn erst die Schwalben um; Weil eine keinen Sommer macht, Drum sei sie noch nicht stumm. Und wenn ich nicht, wie Ihr es wollt, Euch lobe mit Geschrei, – Ei nun! ich singe nicht um Gold Und bin kein Papagei. Ihr mietet Euch des Zeugs genug Und für Euch sind sie all, So laßt der Lerche ihren Flug, Ihr Lied der Nachtigall. Nach Hohem steht mir nicht der Sinn, Wie Ihr es meint, Ihr Herrn, Nach Sternen streb' ich freilich hin, Doch nicht nach einem Stern. Mit Euch genießen mag ich nicht, Ihr weint ja nicht mit mir, Und was das Herz entzwei mir bricht, Ach! dazu lächelt Ihr. Daß ich die Welt nicht anders seh, Als wie – durch Euch! – sie ward, Glaubt mir, das tut Euch minder weh, Als mir und meiner Art. Geh du die Wege deiner Pflicht, Weil ich die meinen geh'; Ich hadre mit dir wahrlich nicht, Und damit, Mann, ade! Drittes Statiönchen 1. Dutzend-Fürsten, Taschen-Höflein, Glücklich, wer euch niemals kennt! Hoffouriers- und Kammerzöflein- Und Actricen-Regiment! Alles ein Intrigen-Knäuel, Teegeklatsch und Weiberschnack, – Schütz Euch Gott vor solchem Greuel Und vor seidnem Lumpenpack! Mittags spart man's ab am Essen, Trinkt Zichorien statt Kaffee, Und der Wein wird karg gemessen, Alles für die Soirée. Ohne Hosen wird gesessen Morgens früh bei dem Lever, Denn der Schneider näht die Tressen An zur heutgen Soirée. Aber abends welcher Lüstre, Welch Getümmel, welcher Glanz, Welch vornehmes Hofgeflüster, Welcher reiche Damenkranz! Eines Kammerherren Schlüssel Reibt sich am Minister-Stern, Und von einer leeren Schüssel Nähmen alle beide gern. Generalen-Epauletten Werden rot, weil sie nicht echt, Neben den massiven Ketten, Die der Herr Hofbanquier trägt. Plötzlich fliegen auf die Türen, »!Ha, der HErr!« heißt's überall: Seine Durchlaucht sieht man führen Ihre Durchlaucht in den Saal! Und nach dem Adreßkalender Reiht sich alles hoch und tief, Alle Herren stehn wie Ständer, Alle Damen knixen schief. Sieh, mit spanischer Grandezza Sieht der Herr durch ihre Reihn, Er nur redet laut und mezza Voce falln die andern ein. Hungern, Dursten, Gähnen, Frieren, Echo und Maschine sein, Obendrein im Whist verlieren Und im Tanz sich abkastein – O der übertünchten Leere, Draus die Armut allwärts schielt, Just als ob's ein Jahrmarkt wäre, Wo man Volkstheater spielt! Munter, munter, Marionetten, Tanzt zu Seinem Zeitvertreib! Ha, wenn sie den Draht nicht hätten, Hätten sie nichts in Kopf und Leib! 2. Jüngstens ist im Hoftheater Unsrem lieben Landesvater Folgendes Malheur passiert, Wie die Chronik referiert. Durch die fürstliche Lorgnette Blickend von gewohnter Stätte, Fand der adlersicht'ge HErr Einen Fremdling im Parterr. War kein Kerl wie andre Fremde, Trug ein blaugestreiftes Hemde Und ein tricolores Tuch, – Gründe zum Verdacht genug! Sein Gesicht von roter Farbe Zeigte eine breite Narbe, Und der rundgezogne Bart Schien verpönter Hambachs-Art. Auf der Stirne böse Falten, Aber doch zurückgehalten, Fragt der HErr den Kammerherr, Wer der Fremdling im Parterr? Und der Kammerherr schickt's weiter An des Fürsten Leibbereiter, An den Rat und Adjutant – Keiner hat den Kerl gekannt. In den Logen ersten Ranges Hob darauf ein leises, banges, Scheues Flistern ringsum an, Alles für den fremden Mann. »Durchlaucht spricht von Propagande, Fort mit ihm aus unsrem Lande, Weh ihm, wenn in Tagesfrist Er noch hier zu finden ist!« So ein Polizei-Beamte, Welchen heil'ger Zorn entflammte, Aber Durchlaucht winkte still, Daß er's selber ordnen will. Seiner Diener schickt er einen, Vor dem Fremdling zu erscheinen Und zu fragen frank und frei, Wer, woher und was er sei? Nach minutenlangem Harren, Ängstlichem Hinunterstarren, Kommt mit klug verschwiegnem Blick Der Lakai zum HErrn zurück. »Durchlaucht! dieser Fremdling,« spricht er, »Nennt sich Johann Jacob Richter, Macht in Senf für eignes Haus« – – – »Stille!« – Und der Spuk war aus! Drei neue Stücklein mit alten Weisen (Für Deutsche Liedertafeln.) 1. Mel. Das Volk steht auf, der Sturm bricht los. Herr Michel und der Vogel Strauß Sind leibliche Geschwister: Aus diesem guckt's Kamel heraus, Aus jenem der Philister. Sie flögen gern und könnten's auch, Die Schwingen sind gegeben, Doch bleiben sie nach altem Brauch Fein an der Erde kleben. Der eine birgt den Kopf im Sand Und läßt den Steiß sich blasen, Der andre wühlt sich mit Verstand In Bücher ein und Phrasen. Indes hat man dem Strauß geschickt Die Federn ausgerissen, Indes die Fremde sich geschmückt Mit Michels Geist und Wissen. Sie lassen alle beide sich Von einem Kinde leiten, Das spornt und treibt sie ritterlich Und lacht: Ich will Euch reiten. Und was der Strauß für einen Wanst Besitzt und welchen Magen! – Nur du, mein deutscher Michel, kannst Und mußt noch mehr vertragen! 2. Mel. Heil unsern Fürsten, Heil. Ihr macht mich irr durch das Gekrächz Von Russen und Franzosen; »Konservativer« heißt es rechts, Und links heißt's »Ohne-Hosen«. »Was ist des Deutschen Vaterland?« So singt Ihr alle Tage, Doch weder Rhein- noch Donaustrand Antworten auf die Frage. Wenn einer: »Lippe-Detmold« spricht, – Hui, Partikularismus! Und haßt er die Pariser nicht, – Pfui, Kosmopolitismus! Das Vaterland ist immer so, Wie's passend wird befunden, Bald Klein-Sedez, bald Folio, Doch immerdar – gebunden! Auflagen und den Druck versehn Gern selbst die großen Herren, Und die nicht so wie andre stehn, Die Lettern läßt man – sperren. Fürwahr, ein komischer Roman! Wie wär's, wenn wir's versuchten, Und bänden statt in Corduan In Klammern ihn und Juchten?! 3. Mel. Hoch klingt das Lied vom braven Mann. Was ist, Ihr Herrn, ein deutscher Patriot? – An alle Fakultäten diese Frage – ? – »Ein Mann, der sonntags dient dem lieben Gott Und seinem König alle Werkeltage.« Was will, Ihr Herrn, ein deutscher Patriot? – »Für sich ein Ämtchen, Titelchen und Bändchen, Für seine – ehelichen – Kinder Brot Und legitime Fürsten für sein Ländchen.« Wie denkt, Ihr Herrn, ein deutscher Patriot? – »Wenn's hoch kommt, wie die Allgemeine Zeitung; Vom Franzmann spricht er nur mit Haß und Spott Und schwärmt für Preußens Gaslichts-Welt-Verbreitung.« Was kann, Ihr Herrn, ein deutscher Patriot? – »Rezepte, Akten und Kompendien machen, Laut klagen über seines Volkes Not Und heimlich in sein sichres Fäustchen lachen.« Hinaus zum Tempel, deutscher Patriot! – – Eh' du dich in's Sanctissimum geheuchelt, Und eh' dein Kuß, Judas Ischarioth, Die Freiheit, den Messias, rücklings meuchelt!! Vierte Station 1. Allmächt'ger Frühling, deck mit deinen Ranken, Mit deines Rasens Grün dies Trümmer zu, Und sing ein Volk von hoffnungslosen Kranken Durch deine Nachtigallen süß zur Ruh'! Vergeude nicht an andre deine Schätze, Spar deinen Lebenshauch, hier tut er not; O komm und weine auf die wüsten Plätze, Wo Brand und Kampf und Pest und Mord gedroht! Hier stand ein Haus, wo jetzt auf morschen Ständern Ein Truggebild sich haltlos wiegt und streckt, Hier blühten Saaten, wo auf brachen Ländern Gestrüpp und Schlingkraut heut den Boden deckt. Wes war die Hand, die unter sichre Dächer Zuerst die Fackel der Zerstörung hielt, Die in dem Innren friedlicher Gemächer Auf treue Männer mörderisch gezielt? Wer zog die Stützen eines sichren Lebens Dem Volke fort und brach der Väter Eid? Wer schlug die Kraft des edlen Gegenstrebens, Durch Lug und Trug, durch Zwang und Drang und Leid? Verbotne Fragen! ... Trage in der Stille, Was zu ertragen sich ein Volk entschloß; Unendliches vermag ein ehrner Wille, Und ach! die Zeit trägt böse Frucht im Schoß. Sieh, wie gebeugt die weisen Häupter alle, Sieh, wie zerrissen jede Kraft im Staat, Es schwankt das Land, gleich einem irren Balle, Von Pol zu Pol und weiß sich keinen Rat. Parteiung schleicht in seinem Heiligtume Gefährlich um, Mut und Vertrauen wankt; Weh, armes Volk, weh deinem alten Ruhme, Dein Herz ist hart getroffen und erkrankt. Aufwärts die Blicke aus dem nächsten Grauen Der Gegenwart; nicht ewig währt die Nacht! Wer weiß, wie bald die Himmel wieder blauen? Wer weiß, wie früh ein deutsches Volk erwacht? Der Frühling ist zurück ins Land geflogen, Ihn hemmte weder Maut noch Polizei, Frei schreitet er einher und ruft den Wogen, Den Wäldern zu, den Wiesen: Ihr seid frei! Und tausend Stimmen, die im Chor erwidern, Und tausend Kräfte, die sich neu geregt; Hört nur, wie ihres Heeres schmucken Gliedern Die Lerche mahnend die Reveille schlägt! Getrost, getrost! Dein Frühling auch wird kommen. Vielleicht, du ahnst es nicht, ist er schon nah; Und wird, zu schwer, dein Kreuz dir nicht genommen, Ei nun! so wirf es ab! du kannst es ja! 2. Zur Zeit des Sturmes, so wie heute, Da sondert sich vom Korn die Spreu, Da lernt man kennen seine Leute, Die meisten falsch, nur wenig' treu. Auch du hast in den letzten Jahren, Hart heimgesuchtes deutsches Land, Manch schmerzlichen Verlust erfahren Und eingebüßt manch wackre Hand. Doch stehn als einsam letzte Stützen Noch viele Männer stark und fest, Die, unermüdet dir zu nützen, Ausharren bis zum einst'gen Rest, Die treu dem abgelegten Eide Verfechten dein geweihtes Recht, Und hoch ob allem Haß und Neide Fortstreben, ein Hero'ngeschlecht. Das ist der Deutschen wahre Einheit, Das ihres Volkes bester Halt, Männer von strenger Sitten-Reinheit Und von Gesinnungs-Allgewalt. Sie wissen einer kaum vom andern, Sie stehn vereinzelt, unbekannt, Doch ihre Wort' und Werke wandern, Elektrisch zündend, durch das Land. Meßt sie nicht an der Krämer-Elle, Lobt und verdammt sie nicht zumal, Nennt sie nicht Konstitutionelle, Noch minder ultra-liberal! Es sind nur eben deutsche Herzen, Den' nichts fehlt, als ein deutscher Arm, Für eines Volkes Wohl und Schmerzen In einer kühlen Zeit noch warm; Und sind nur eben deutsche Geister, Für Freiheit, Recht und Licht entbrannt, Die in der Wahrheit ihren Meister, Tyrannen in der Lüg' erkannt. Seht dort im Süden, hier im Norden, Zerstreut wie Sterne, stehn sie da, Noch ist die Nacht nicht Tag geworden, Allein, allein – der Morgen nah! Wer zweifelt, daß es tagen werde, Der schaue sich die Sterne an; Apostel für die deutsche Erde Ist ja ein jeder solcher Mann! Auf, auf! Ein Chor zu ihrem Preise, Kein Flistern und kein Pöbelschrein, Nicht nach der Marseillaise Weise Und auch nicht nach dem Lied vom Rhein! Ein Hoch, das sie uns nicht verwehren, Darin kein Namen und kein Stand, Den Helden nah und fern zu Ehren, Den letzten für ihr Vaterland! 3. Es sprengte aus dem Königsschloß Ein Zug von stolzen Reitern, Ein Paar voran dem andren Troß, Den dienenden Begleitern. Wer war auf jenem braunen Roß Der Mann im Silberbügel? Es hielt, so schien es, der Genoß Sein Tier geheim am Zügel? »Und kennst du unsres Herren Sohn Nicht besser, unsren Prinzen! Der erbt vom Vater einst den Thron Und von uns die Provinzen.« Gott schütze, armes Fürstenkind, Dein Auge und dein Leben! So jung, so gut, so klug – und blind: Kann's größren Jammer geben? Es sieht dein bleiches Angesicht, Gefurcht von langen Leiden, Den Bettler an der Ecke nicht, Sonst würd es ihn beneiden. Und auch die Liebe siehst du nicht Des Volkes dich geleiten, Mechanisch grüßt dein Angesicht Und lächelnd aller Seiten. Doch einst, mein Prinz, wie wird es sein, Wenn du bist König 'worden, Wenn erst der schwere Szepter dein, Und dein des Vaters Orden? Soll dann für dich die fremde Hand Dein Volk so sicher leiten, Wie jetzt dein Roß am Gängelband Der Mann zu deiner Seiten? Genügt es dir, so bloß zum Schein Zu führen Zaum und Zügel? Und wirst du fest im Herrschen sein, Wie heute fest im Bügel? Dein Roß wird scheu – Hab acht, hab acht! Das war ein schlimmes Zeichen, Drück ihm die Sporen nicht mit Macht, Die goldnen, in die Weichen! Gemach, du blindes Fürstenkind! Ein Zaum ist bald zerrissen, Und wilder noch als Hengste sind Die Völker, mußt du wissen. 4. Die Straßen ab und auf die Straßen Geht der Soldaten-Zapfenstreich, Die Trommel rasselt, Hörner blasen: Wie lau die Nacht, wie warm, wie weich! Horch! Höher schwillt der Töne Wogen, Gewiegt auf linder Weste Schwing', Und majestätisch lang-gezogen Steigts auf zum dunklen Himmelsbogen: God save the king! Dort sitzt er, dem die Töne rufen, Beim Mahl im marmornen Palast, Es hat des Thrones hohe Stufen Die Schar der Großen eingefaßt; Wer zählt, wie oft im Speisesaale Der Becher schon die Runde ging, Indes der Chor an dem Portale Vergeblich rief so viele Male: God save the king! Und als ein Ton hinaufgeklungen Zum Platz, wo er gesessen war, Da hat er hoch sein Glas geschwungen Und ausgerufen trotzig-klar: Da habt Ihr meines Satzes Probe: Ein deutsches Volk ein gutes Ding; Am Morgen Aufruhr und Getobe, Und abends, mir und ihm zum Lobe, God save the king! Er sprach's und lachte, daß es dröhnte Und schüttelte den weißen Bart, Das Heer der Schranzen lacht' und höhnte Dem Herren nach, wie Schranzen Art; Doch draußen schwiegen just die Klänge, Sobald er an zu reden fing, Lautlos verlief sich das Gedränge, Und keiner sang mehr aus der Menge: God save the king! Da schauerte ein plötzlich Schweigen Und Totenstille durch den Saal, Ein kahles Haupt sah man sich neigen, Und manche Wange wurde fahl. Der blinde Knabe nur im Kreise, In dessen Aug' ein Tropfen hing, Stand auf und schritt zum Fenster leise Und flisterte für sich die Weise: God save the king! 5. Nacht war's, im Wagen schnarchten die Genossen, Es schlich das Rad den keuchend-müden Rossen Mitkeuchend nach durch bahnlos tiefen Sand. Rings, meiner Blicke schauerliche Weide, Lag wie ein Bahrtuch, grau und weit die Heide, Traumhaft und neblicht, ein verzaubert' Land. Im Dämmer blinkte hie und dort die Rinde Zerstreuter Birken, deren Laub im Winde Sich schützend schlang um den verwachsnen Stamm, Und meilenweit kein Laut sonst in der Runde Als heisres Bellen ferner Schäferhunde Und später Frösche Ruf aus Schilf und Schlamm. Und wie mein Auge, das des Morgens harrte, Schlaftrunken in die ewge Öde starrte, Umsonst ein Licht verlangend, einen Stern: Da plötzlich sah's, dem Wagen stracks entgegen, Ein dunkles Etwas kauern, stehn, sich regen, Nicht nah dem Weg und doch dem Blick nicht fern. Erst kroch, gestaltlos wie die Nacht und finster, Der Schatten hockend fort durch Moos und Ginster, In Dunst gehüllt, wohl selbst nicht mehr als Dunst: Dann wuchs er langsam, schritt gestreckt und schneller Die Straß' entlang, ward heller stets und heller, Und dehnte sich und schwoll mit Zauberkunst. Der Riesenschemen bildet sich am Ende Zu einem Weib, es fliegt um Brust und Lende Der Nebel wallend wie ein Nachtgewand; Ihr Haar umflattert sie gleich einer Schleppe, Und leisen Fluges schwebt sie durch die Steppe, Weit ausgestreckt die weiße Knochenhand. Sieh, wo sie geht, wird dunkler noch und stummer Die Nacht, ein schwüler Hauch, wie Todesschlummer, Weht mich aus ihres Mantels Falten an, Das Moos versinkt, worauf ihr Fuß geschritten, Und aus verkrüppelter Gestrüppe Mitten Begleitet leises Wimmern ihre Bahn. Und wann sie Hütten trifft auf ihren Pfaden, Da klopft ihr Finger dröhnend an die Laden, Da reckt ihr Leib sich dräuend übers Dach, Da bückt sie sich, um durch des Fensters Fugen Scharf auf der Schläfer Lagerstatt zu lugen Und in der Armut heiliges Gemach. Weh jeder Pforte, die sie arglos offen, Den Menschen wehe, die sie wach getroffen, Ihr Antlitz sieht den nächsten Tag nicht mehr. Hört es und kriechet tiefer in die Betten, Verrammelt Haus und Hof, Euch zu erretten: Dies ist die Nacht: – Das Heid'weib geht umher! Warum mit der Hyäne Lauertritten Umschleichst du diese strohgedeckten Hütten? Hier weilt kein Opfer, deines Würgens wert. Was ist der Tod von Hirten oder Bauern, Den kaum der Nachbarn flüchtiges Bedauern, Kaum Witwen- oder Waisen-Kummer ehrt? Statt hier ein dunkeles Geschlecht zu schlagen Folg jenen Wolken, die gen Süden jagen, Dem Nordwind, der auf bessre Fährte trägt! Dort ladet dich der Tod zu Königsfesten Und deiner harrt in prunkenden Palästen Ein Edelwild, wie du noch keins erlegt! Rasch nickte sie und hob mit Zähneblecken Hoch das Medusenhaupt aus ihren Decken, Ein lautes Lachen schrillte durch die Nacht; So heult der Schakal, wenn er in der Syrte Ein Rehlein traf, ein Lamm, das sich verirrte, Und wenn er sich zum Sprunge fertig macht. Der Schläfer Chor fuhr auf aus seinen Träumen, Wild fing das Viergespann sich an zu bäumen, Der Wagen ging in scheuem Taumel durch. Ein Stündlein noch, da rötete sich's östlich, Das Posthorn klang, wie munter und wie tröstlich, – Gelobt sei Gott: wir sind in Lüneburg! Metamorphose In nova fert animus ... ... Corpora ... Ovidius Daß sich mein Lied so grell verändert, Soll keine Seele Wunder nehmen: Wer so umher im Lande schlendert, Lernt bald sich schicken und bequemen. Der feine Ton, das noble Wesen, Es übt sich alle Stunde besser; Schon kann ich jede Zeitung lesen Und heiße überall Professer. Sonst machten Kleider doch nur Leute, Jetzt auch Verstand und Witz und Wissen, Autoren sind die Schneider heute, Und nur ein Fürst geht noch zerrissen. Ein ander' Städtchen, ander' Mädchen, So sangen einst die Studiosen; Jetzt lautet es: ein ander' Städtchen, Ein andrer Rock und andre Hosen. Der steht in seinem Reisepasse Als Hoftheater-Lampenputzer, Begegnest du ihm auf der Gasse, Riecht er nach Haaröl nur, der Stutzer. Als Vagabond zog mancher Lümmel Auf Schusters Rappen aus dem Tore; Wie kommt er wieder? Hoch zu Schimmel, Den Hut auf einem (Esels-) Ohre. Man tituliert ihn Euer Gnaden, Er hält sich Hunde und Lakaien, Und hätt' er nicht so dicke Waden, Man würd' als Grafen ihn verschreien. Die Zeit hat alles ausgeglichen, Und was scheinst, das bist du eben; Dem Adel wird sein »Von« gestrichen, Um es dem Schreiber aufzukleben. Sollt' ich der Mode mich nicht fügen, Dem Weltgesetz für alles Wandern? Nachtwächter gar und Dichter liegen Der eine nicht so weit vom andern. Die graue Puppe ist zerbrochen, Nun steh' ich im Phalänen-Alter, Und was aus jener ausgekrochen, Sagt, ists ein Nacht-, ein Tage-Falter?? Überall und Nirgends Keine Romanze. Ein Königreich hab' ich gesehen, So eins gibt's auf der Welt nicht mehr: Mit offnem Munde blieb ich stehen, Und sah und staunte rings umher. Das war ein Wohlsein allerwegen In Haus und Hof, zu Stadt und Land, Ein rechter reicher Gottes-Segen, Wie ihn mein Auge nirgends fand. Die Straßen statt von Kriegsmilizen Waren von Bürgern reich belebt, Der Hafen hat von Mastenspitzen, Von Rädern die Chaussée gebebt. Von Polizei- und Amts-Verboten, Von Maut-Tarif und Brückengeld, Schlagbaum und andren Schwerenoten War auch nicht eine ausgestellt. Und drinnen? – O da hat ein Glaube Ganz ohne Pfaff und Priesterstand Leuchtend, wie einst des Geistes Taube, Geschwebt ob dem beglückten Land. Und keine Spur von Mystizismus, Von Dunkelmänner-Muckerei, Selbst Luthertum, Katholizismus Und Gar-Nichts galt für einerlei! Und Schrift und Wort war freigegeben, Die Presse seufzte Tag und Nacht, Jedwede Kraft und jedes Streben, Wenn echt, ward wirksam auch gemacht. Vom König war nicht viel zu sehen, Und doch schien er an jedem Ort, Und wollt' er wo zu Fuße gehen, Trug man ihr auf den Händen fort. Die Stände zeigten so viel Dummheit, Als guten Ständen nötig tut, Mehr Rührigkeit und minder Stummheit Und just den rechten Redemut. Mätressen gab es und Spione Als Rarität ein Paar im Land, Und für die Zeitung der Barone Im Tollhaus einen Pränumerant. Und Freiheit lag und grüner Friede Und Überfluß und Lebenslust Wie eine blitzende Ägide Gar herrlich ob des Reiches Brust. Die Dichter sangen wie sie wollten, Der eine hart, der andre weich, Und keiner ward darum gescholten, War er nicht einer Schule gleich. Noch hatt' ich, ganz in Schaun verloren, Des Besten Laute still gelauscht, Als plötzlich, dicht vor meinen Ohren, Ein fremder Klang vernehmlich rauscht. Ich – wachte auf – .. Wo? – Im Gefängnis, Vom Klirrn der Kett' an meinem Fuß ... O unglückseliges Verhängnis! Daß man auch stets erwachen muß! Vor meinem Fenster stund das Gitter So fest wie früher in der Mauer, Und über mir sang – ohne Zither! – Ein Strauchdieb seinen Gassenhauer. Fünfte Station 1. Wie? Dies das Meer? So friedlich und so glatt? Nichts weiter, als die blanke Wasserfläche? So zahm, wie ein politisch' Wochenblatt, So hell, wie deutsche Philosophen-Bäche? Wie anders, anders hab' ich mirs geträumt, Daheim am Ofen, über Büchern brütend; Ist das ein Meer, das Dämme überschäumt Und Schiff und Fels verschlingt, gen Himmel wütend? Fort schlich ich zur Kajütentur hinein Und setzte mich, wo viele andre saßen; Wie heimisch dort! Die Männlein tranken Wein, Indes die Fräulein strickten, gähnten, lasen. Ich tat wie sie und griff ein Zeitungsblatt Und käute, was schon Hundert wiederkäuten; Das will, so seufzt' ich bald und hatt' es satt, Ein deutsches Meer, ein deutsches Volk bedeuten? 2. Es stürmt, es stürmt! Hinan den Felsensteig, Blick in die Nacht, du Lästerer, und neige Zur Erde dich, vor Freud' und Schrecken bleich, – Das ist das Meer! Nun sieh und beb' und schweige! Wie weit wirft es die Wellen-Kronen fort, Wie rüttelt's an der morschen Felsenkammer! Es ächzt das Schifflein selbst im sichren Port Und hält sich fester an des Ankers Klammer. Ist's eine Woge, die gen Himmel rennt, Ist's eine Wolke, die zum Meere regnet? Du weißt es nicht; es haben ungetrennt Sich Meer und Himmel brüderlich begegnet. Zermalmt es nicht, entfesselt' Riesenpaar, Das Kindlein, das in Euren Armen zittert, Laßt stehn die Hütten, die so manches Jahr In Eurem Grimme furchtsam sind verwittert! Der Leuchtturm schwankt, die Glocke dröhnt im Turm, Die Insel schüttert, – Herr, es geht zu Ende! Sieh her, mein Volk, das ist Dein Meer im Sturm, Nun hebe betend die gebundnen Hände! 3. Noch einen Strahl, eh' in dem Wogenbette Du deines Tages letzte Glut ertränkst, Und fern auf andre, glücklichere Städte, Belebende! dein Himmels-Auge lenkst! Noch einmal webe um die rote Firne Des Felsens deinen zauberischen Glast, Ein Diadem um eines Riesen Stirne, Das hell der Falten grauen Ernst umfaßt. Sie winkt, die Sonne, freundliche Gewährung Und lauscht aus Wolkenschleiern groß hervor; Es schwimmt das Meer, die Insel in Verklärung, Der ganze Westen scheint ein flammend Tor. Aus lauter Strahlen baut sich eine Brücke, Den Himmel einend mit dem dunklen Strand, Fort strebt die Welle, strebt zum Land zurücke Und spinnt so hin und her ihr funkelnd' Band. Wer wandeln könnte auf dem goldnen Pfade, Dem Lichte nach, in die Unendlichkeit! Wen der Delphin hintrüge, die Najade, Die Wogen auf und ab, wer weiß wie weit? Dort, wo der Sonne Feuerball sich bettet In Well', und Wolkenpfühle eingehüllt, O wer dahin, dahin sich erst gerettet, Dem Glücklichen wär' Wunsch und Traum erfüllt! Da fangen Brück' und Band an zu zerrinnen, Die Bogen lösen sich in Schaum und Duft, Es dunkelt um des Eilands Felsenzinnen, Die Nacht bewältigt Meer und Land und Luft. Fahr wohl, fahr wohl! Noch seh' ich deinen Schimmer, Den sterbenden, der mir verheißend winkt, Doch ach! erreichen kann ich dich ja nimmer, Da mit dir auch der lichte Pfad versinkt. So steht enttäuscht, die Arme ausgebreitet, Der Dichter an des Lebens nacktem Strand; Das luft'ge Bild, das seinem Blick entgleitet, Vergeblich wähnt er's nah-gerückt, gebannt. Nach Zielen schwärmt er in der Weihe Stunden, Zu denen glanzvoll sich ein Weg ihm beut, Doch mit dem Ziel ist auch der Weg verschwunden, Wie jene goldne Sonnenbrücke heut'. Geh heim! Es harret an dem Felsengange Im letzten Häuschen eine Zelle dein, Dort wiege bei dem nächtlichen Gesange Des Winds, der Welle dich getröstet ein. Und sieh, ist auch die Sonne gleich versunken, Du bist verlassen, du bist lichtlos nicht, – Im Osten taucht ja eben, wehmut-trunken Und mild, empor des Mondes Angesicht. 4. Auf diesen Felsen möcht' ich Hütten baun, Ein treuer Gast dem abgeschiednen Eiland, Nicht um nach Süden, heimatwärts, zu schaun, So wie gen Ithaka der Dulder weiland, Nein, um des Festlands dürres Einerlei Im Meereshauch auf ewig zu vergessen; Hier weht das Banner Albions, und frei Hat hier von je ein freies Volk gesessen. Laßt mich willkomm an Eurem Herde sein, Als Bürger grüße jeder mich, als Bruder, Legt in die schwache Rechte mir hinein Statt eines Wanderstabs ein tüchtig Ruder, Lehrt auf den Dünen mich den Robbenfang Und andre Kiel' als Gänsekiele führen; Müd' war ich's, beim Allmächtigen, schon lang, Sie täglich sonder Ziel und Rast zu rühren! Gib mir die Hand, du schönes Fischerkind, Sei du mein Weib, mein Engel, meine Muse, Auf daß ich werde, was die Deinen sind, Ein wackrer Lotsen-Mann in blauer Bluse; Streich mir die alten Falten von der Stirn Und die Gedanken-Runzeln aus den Brauen, Fortan soll nur dein Kuß, du schmucke Dirn', Und Arbeitsschweiß auf diesen Schläfen tauen. Hinein ins Bad! des Staubes letzten Rest, Daß ihn hinweg der Schaum der Welle spüle! Wie dehnt die Brust, so enge, so gepreßt, Sich selig aus in dieses Morgens Kühle! Den alten Adam tauch' ich opfernd ein, Du, weihe, Meer, mich selbst zum neuen Lose, Laß mich gesund und dein auf ewig sein, Wenn ich entsteige deinem Mutterschoße! 5. Umsonst! Es nimmt das reine Element Den Leib nicht auf, der sich mit Schuld beladen, Das Mal, das mir auf Stirn und Achseln brennt, Wäscht keine ab der kosenden Najaden. Zu ihrem Sklaven prägte mich die Welt, Ich naschte von der Frucht der Hesperiden, Nun scheucht mich's fort, wo's eben noch mich hält, Selbst Meer und Eiland geben keinen Frieden. Gern hätt' ich meinen Stab hier eingepflanzt, Zu sehen, ob der dürre grünt' und trüge, Im roten Wasser lustig mitgetanzt Und mich zur Ruh' gesetzt und zur Genüge. Es soll nicht sein, die Welle stößt mich aus, Der Felsen will den Gleitenden nicht tragen, – So leb denn wohl, du räuchrig Fischerhaus, Das mich geborgen hat in stillen Tagen! Leb wohl, der Helga grün-rot-weißes Land, Gott schütze dich, und englische Gesetze! Daß nie der Seehund mangle deinem Strand, Nie Schell- und Stockfisch deiner Söhne Netze! Reich mir noch eins den Mund zum Kusse her, Schön-Ännchen, morgen küßt er andre Jungen; Dann denk an mich, wenn nicht das weite Meer, Das rächende, zur Heimkehr mich verschlungen! 6. O Meer, o heil'ges Meer! Nach deiner Frische, Nach deinem Frieden lechzet meine Seele: So schreit um Wasser durch die Nacht der Büsche Der Hindin trockne, todes-wunde Kehle. Mich widert's an, der Täler und der Berge Abwechselnd' Spiel und ew'ge Einerleiheit! Wer rettet mich aus diesem Bann der Zwerge In dein Asyl, du Element der Freiheit? Wo aus der Brandung jauchzendem Gebrülle Allnächtlich ihre Hymnen aufwärts fliegen, Wo einst, des Zwanges ledig und der Hülle, Die Schönheit selber nackt emporgestiegen! Was ist das Land und seine kurzen Lenze, Die Wind und Frost in einer Nacht verjagen, Was Nachtigallen, die um welke Kränze Und um mißwachsne Blumen einsam klagen? Auch du trägst Blüten, blendender als diese, Die schaumgekrönten Wipfel deiner Wogen, Im Sonnenlicht grünt ewig deine Wiese, Begrenzt nur von des Himmels blauem Bogen. Dir reißt den Schoß, den heiligen der Mutter, Kein Eisen auf, habgierig drin zu wühlen, Für irdisch Rindvieh bietest du kein Futter Und darfst der Sohle eklen Tritt nicht fühlen. Dich hemmt des Eises Joch nicht und der Brücken, Der Dämme lachst du, will dein Zorn erwachen, Doch schaukelst du auf deinem freien Rücken Den freien Mann im kecken Schiffer-Nachen. O Meer, o Meer! durch deiner Blüten Mitte An grünen Hügeln jach emporzuklimmen, Im Arm und Kuß der weichen Amphitrite Den hüpfenden Delphinen nachzuschwimmen, Weil unten aus dem Abgrunds klarem Düster Des Ew'gen Auge auf uns starrt und leuchtet, Und zügelloser Wellenrosse Nüster Mit weißem Schaum uns Haupt und Nacken feuchtet: Das nenn' ich Lust und Kampf und Sieg und Leben, Das gute Rast, wann spät im Abenddunkeln Die Segel hochgebläht zum Hafen schweben, Die Ruder all', umsprüht von hellem Funkeln. Meer, heil'ges Meer! Dir send' ich diese Grüße, Um dich, verlornes, klagen diese Lieder; Nur einmal noch, bevor ich scheiden müsse, Zeig Gottes Spiegel mir, dein Antlitz, wieder! 7. Es irrt, vom Meeresstrand verschlagen, Die Möw' im Walde hin und her; Die Flügel, ängstlich flatternd, tragen Die arme Wandernde nicht mehr. Was zogst du auch vom freien Strande, Aus deiner Klippen sichrer Bucht, Hierher in enge Binnenlande, In dieser Tannen niedre Zucht? Du findest deinen Weg nicht wieder Getäuschte, in dein Küstenland, Und deines Heimwehs schrille Lieder Verhallen ungehört im Sand. Dort, wo im Nest die Turteltaube Mitleidig dir entgegengirrt, Dort such dir unter falbem Laube Ein Grab, das deine Freistatt wird. Sechste Station 1. Nach Mekka zieht der Araber auf stolperndem Kamele, Und so der Dichter nach Berlin auf holperndem Ghasele. Berlin ist Deutschlands Orient, und wenn ihm Palmen mangeln, So sagt doch niemand in der Welt, daß Sand und Staub ihm fehle; Berlin ist Deutschlands Minarett, und statt der Muezzin schreien Sich tausend Journalisten wund die wohl-geschmierte Kehle. Dann sinken im Gebete hin die Gläubigen und Frommen, Ein Pietisten-Derwisch tanzt, kasteiend Leib und Seele; Im Fusel-Opium berauscht sich offen auf der Gasse Herr Nante mit dem ganzen Schwarm, der immer kreuzfidele. Verschnittne schleichen auch umher, triefäugige Eunuchen, Und suchen, wo noch Männer sind, nach Hader und Krakeele. Und daß das Gleichnis fertig sei, befiehlt zuletzt der Mufti: Ich will an meinem Throne sehn die deutschen Prachtjuwele; Es werde Frühling in der Mark, und eilig laßt mir kommen Herrn Bülbül-Rückert, Wohlgeborn, des Ostens Philomele! 2. Frei ist die Kunst, allein, fürwahr! nicht frei wie ein Nomadenzelt, Das man vom Isarstrande flugs hier an der Spree Gestaden stellt; Sie schießt, ein stolzes Prachtgewächs, aus jeder Scholle nicht hervor Und ist so gut wie Königtum eine Von-Gottes-Gnaden-Welt. Soldaten lassen sich zur Not erziehen und Geheime Rät', Wenn nur die rechte Meisterhand den goldnen Puppenfaden hält. Doch Dichter wuchern nicht empor, wo man verlegnen Samen streut, Zumal wenn er in Sand herab und steinig-harten Pfaden fällt; Und Maler lieben nicht zu gehn, wo ihnen rings auf jedem Schritt Ein kritisch-lautes Köterlein heimtückisch um die Waden bellt; Und Philosophen denken nicht, wenn das profane Marktgeschrei Alltäglich um ihr stilles Haus und die verschloßnen Laden gellt; Spielleute endlich schweigen bald, wenn Pöbelwahn und Frömmelei Auf ihre liederreiche Brust schwer wie ein gift'ger Schwaden fällt. Nein, Rüben und Kadetten zieht, Kartoffeln und Magister groß, Daß schadlos solche Ernte Euch für Eurer Künste Schaden hält! 3. Ihr habt gepredigt, nun ein Jahr, die neue, treue, freie Zeit; Wann wird die Mär denn endlich wahr, die neue, treue, freie Zeit? Der Becker hat und die Geselln geknetet und geheizt genug, Und immer ist das Brot nicht gar, die neue, treue, freie Zeit. Ihr saßt schon lange auf dem Ei und gackertet in alle Welt, Allein noch kroch nicht aus der Aar, die neue, treue, freie Zeit. Ein stolzes Wort habt Ihr gewagt, nun eilt, daß es zu Ende kommt, Und macht uns andern offenbar die neue, treue, freie Zeit. Von ferne klang es – ha, wie schön! – von deutscher Völker Einigkeit, Man sah sie schon ganz nah und klar, die neue, treue, freie Zeit; Hoch schwebte sie am Krönungsfest ob Euerer entzückten Stadt Und trat zum Huldigungsaltar, die neue, treue, freie Zeit, Sie streifte im Vorüberwehn selbst mit des Fittigs goldnem Saum Den König und der Nächsten Schar, die neue, treue, freie Zeit; Doch als nun eine kecke Faust besitzes-froh ergreifen wollt', Wie die Gelegenheit beim Haar, die neue, treue, freie Zeit, Da flatterte sie scheu hinweg, und drohend hieß es: Sachte, Freund, Sonst bringt sie dich noch in Gefahr, die neue, treue, freie Zeit. Ihr schwieget – und wir – mäuschenstill, und nur zuweilen flistert's noch: Sie macht sich doch auch gar zu rar, die neue, treue, freie Zeit! 4. ???? Du weißt, was das bedeuten will? Du wirst sie mir nicht streichen? Es sind ja nur unschuldige – vier kleine Fragezeichen. Die wurzeln tief, die ragen hoch; wie die gerühmten Eichen Des freien deutschen Volkes stehn vier kleine Fragezeichen. Du wolltest sie zwar nimmer sehn in deinen weiten Reichen, Doch drängen sie sich immer auf, vier kleine Fragezeichen. Wer wird denn so erschrocken sein und scheu vom Wege weichen, Wenn einem nichts begegnet als vier kleine Fragezeichen? Gekrümmt, gebeugt erscheinen sie, Hofräten zu vergleichen, Im Säcklein eine Handsupplik, vier kleine Fragezeichen; Du wiesest sie hinweg von dir, nun schlüpfen sie und schleichen Umher im Volk und murmeln leis, vier kleine Fragezeichen. Zwar was sie wollen werden sie wohl nimmermehr erreichen, Allein sie bleiben, was sie sind, vier kleine Fragezeichen. Und einst, wann sie gestorben sind, erscheinen sie als Leichen Dir nachts im Traum und ärgern dich, vier kleine Fragezeichen, Und einst, wann – du gestorben bist, als Stempel dann und Aichen Stehn groß an deinem Monument – vier kleine Fragezeichen. 5. Zu guter Letzt ein klein Ghasel – darf das ein wenig spitzig sein? – Ein König, spricht's bescheiden aus, ein König soll nicht witzig sein; Das Wortspiel und den Calembourg lass er den Journalisten, Das Fluchen seinen Fähnderichs: ein König soll nicht hitzig sein. Auch sorg er, wie ein Schuldespot, sich nicht um Jüden-Namen, Wer wird denn grausam gegen Schmul und strenge gegen Itzig sein? Ein König sei Original und stehe auf sich selber: Er wolle nicht in jedem Ding – hier schweigt es – alten-fritzig sein! 6. Du Stadt der Bildung und des Tees, der Künste und der Nücken, Leb wohl, der Dichter weist enttäuscht auf ewig dir den Rücken! Kalt dünkt' es ihm, so lang er saß in deinen stolzen Mauern, Und niemals wollt ihm drin ein Lied, ein heimatliches, glücken. Für schweres Gold erkauft' er sich nur federleichte Liebe Und konnte keine Männerhand warm und vertrauend drücken. In deinen Linden wohnt kein Lenz, kein Herz in den Palästen, Und sollten sie durch Pracht und Glanz den Blinden selbst entzücken; Auf deinen Straßen hüpft geschminkt die Armut und die Lüge, Verleumdung schlägt und Heuchelei dem Laster goldne Brücken, Und wenn die Frömmler vor dem Kreuz sich tief und süßlich bücken, So wissen sie doch tiefer noch vor Kreuzen sich zu bücken, Dein König räumt und baut in dir, er schafft mit Allmachts-Händen Nichts mehr als ein musivisch Werk aus hundert-tausend Stücken, Die Dichter ruft er fern und nah, die Maler und die Sänger Und stopft mit großen Namen aus der großen Männer Lücken. Die Namen tun es freilich nicht, und sein sie europäisch, Sie können nur als Säulenzier des Tempels Neubau schmücken; Doch nur der Jugend tapfre Hand, nur frischer Geister Streben Kann von dem Baum der Gegenwart lebend'ge Früchte pflücken. Leicht welkt der beste Lorbeerkranz auf alters-kahler Scheitel, Und ein Genie geht auch nicht weit auf Stelzen oder Krücken. Ihr schreit genug, Ihr schreibt genug, Ihr seht durch Eure Brillen Im Kater einen Löwen gleich und Adler in den Mücken; Wir aber, hinterm Berge hier, wir lassen uns nicht blenden, Wir wissen auch, was rechtes Haar, was Zöpfe und Perücken. Das sag' ich Euch in vieler Sinn, und sollt' es Euch verletzen, So mögt Ihr Euch am rechten Fleck ganz ungehindert jücken. Und wär' ich schlechten Reimen hold, ich wüßte wohl noch manches, Das trefflich paßt auf Euren Stolz, auf Eure alten Tücken: Ihr wißt doch, was »ersticken« heißt, was »zwicken«, »flicken«, »knicken«, Was geistige »Fabriken« sind und stille »Katholiken«, –? Allein ich hab' es selber satt und weise, mit Behagen, Du eitle, kalte, falsche Stadt auf ewig dir den Rücken! – Grenzphantasie – N.N.N.N. – Nunquam retrorsum! Bis hierher und nicht weiter! Hier die Grenzen, – Betrachte diesen Pfeiler, dieses Schild! Siehst du, in Schwarz und Gold gemalt, es glänzen Des Doppeladlers dräuendes Gebild? Hier gilt's zu scheiden von der Heimat Lenzen, Von deines Südens blühendem Gefild, – Kehr um, wenn dir das Leben lieb geworden, Denn hier beginnt die Not, die Nacht, der Norden. Das ist kein Adler, wie die Adler alle: Dem Licht zuwider geht sein schwerer Flug, Von Raub und Blut trieft die gewetzte Kralle, Die schon so manches Wild daniederschlug, Die jüngst den Nachbar-Aar gebracht zu Falle, Den weißen, der Polonia's Banner trug ... Ihn sahn wir sinken, sahn den andern steigen Und taten, – was wir immer müssen: – schweigen! Ob er mit seinen breiten Rabenschwingen Der Sonne Strahl den heitren Durchgang wehrt, Ob er, gewöhnt zu siegen und zu zwingen, Mit jedem Tag die Kraft der Fänge mehrt, Was kümmert's uns, die wir vor andren Dingen Uns fürchten, westlich stets den Blick gekehrt? Wir fühlen nicht, bis uns im eignen Nacken Die Klaun des Unersättlichen erst packen. Ein Schritt nur, und ich stünd' in seinem Reiche, Da drüben grünt, wie hier, dasselbe Gras. Und doch, wo in der Welt wär' eine gleiche Titanenkluft, so sonder End' und Maß? Diesseits Europa, das gedankenbleiche, Jenseits die neue Jugend Asias, Hier die Kultur, die satte, dort die rohe, Die ungeübte Kraft, die tatenfrohe! Was frommt's, daß auf geduldigem Papiere Ihr für die Euren fügsam sie erkannt? Es hat Natur dem Menschen wie dem Tiere Den Stempel unauslöschlich aufgebrannt, Behaltet Euer Teil, und sie das Ihre, Nur sagt nicht, daß Ihr Zwei aus einem Land; Viel fester stehn als auf gemalten Karten Im Geist der Völker ihrer Grenze Warten. Seid ihr verwandt mit Finnen und Kalmücken, Mit Slawen, die einst Rurik hergeführt? Wollt Ihr die Hand dem Samojeden drücken, Der auf dem Schnee nach Bär und Elen spürt, Und dem Mongolen, dessen Sklaven-Rücken Alltäglich noch des Zuchtherrn Knute rührt? Und wollt Ihr flehn, wie sie seit tausend Jahren: Erst betet Gott an und darauf den Zaren!? Natur hat selbst den Unterschied gerissen, Ihn gleicht die Kunst nicht aus, nicht Zeit und Macht. Dort liegt sie mondenlang in Finsternissen Des Winters, eh einmal ihr Auge lacht, Kaum schmilzt das Eis von den gefangnen Flüssen, Kaum dämmert's in Sibiriens Bergwerks-Nacht, Ein Todeshauch, wie aus des Nordpols Gegend, Durchfröstelt alles Land, Schauer-erregend. Ihr meint, der Nord kann Euer Feld nicht streifen, Die Nacht nicht Euren Himmel überziehn? Kurzsichtige! Wenn sie zum Schwerte greifen, Wohin nur vor der Macht der Masse fliehn? Schon seh' ich sie durch Eure Städte schweifen, Wie einst als Freunde, plündernd her und hin, – Denn Stillstand ist bei Riesenleibern nimmer, Bewegung heischt die Selbsterhaltung immer. Wohlan! Ich schleudre ahnend meine Lanze, Den Liederpfeil, hinüber in dein Reich; Rück an und fordre uns zum Waffentanze, Zum Völkerkampf, zum Einzel-Schwerterstreich! Wir schmücken unser Haar mit grünem Kranze, Die Brust mit einem muntren Eichenzweig, Den Spartern ähnlich, die vor Hellas Toren Ihr Leben im Barbarenkrieg verloren. Los auf und lasse deine Neu-Barbaren, Den Strom, den nur mit Müh' ein Damm gehemmt, Ansprengen, heiß den flüchtigen Tataren Und den Kausasier, auf's Kamel gestemmt, Und den Kosacken, welcher raub-erfahren, Im Don sein Roß, sich selber niemals schwemmt, Und die von ihres Irtisch öden Steppen Auf Schlitten mühsam sich zusammenschleppen. Das balle, dein Geschütz und deine Horden Und dein Getier, in einen wüsten Knäul, Und schleudre, einen Blitz aus hohem Norden, Vernichtend auf uns nieder deinen Gräul. Geschehe, was da muß! Erfüllt ist worden Die Zeit! So klagt Kassandra's Wehgeheul, Und ächzend unter deiner Schlaglawine Wird Deutschland eine warnende Ruine! Siebente Station 1. Vom Wiener Wald der letzte Rest, Wer will ihn sehn verdorren? Ist sonst ein rechter Baum gewest, Ist jetzt ein schlechter Knorren. Es heißt: ein kluger Schlossersmann, Um seine Kunst zu weisen, Der schweißte in die Wand ihn an Und hing ein Zauberschlößlein dran, Das ist der Stock im Eisen! Du Wiener Wald, du grüner Wald, Wie bist du schlimm behandelt, Aus freiem Waidmanns-Aufenthalt Zum Tandlermarkt verwandelt! In deinem Laub spazieren ging Die Hirschkuh mit den Geißen, Jetzt steht von dir in Schloß und Ring Nur noch ein zwerghaft Krüppel-Ding, Das ist der Stock im Eisen! Und wer vom Handwerk lobesam Als wackrer Schmied-Geselle Zur Kaiserstadt gezogen kam, Besieht sich diese Stelle; Er dreht am Schloß wohl hin und her, Versucht's auf alle Weisen, Doch öffnen kann er's nimmermehr, Ja, murrt er, das ist halt zu schwer, Das ist der Stock im Eisen! Darauf in den gefeiten Baum Schlägt er als Gilde-Zeichen Ein Näglein ein, wo just noch Raum Vor Näglein seines Gleichen. Ei, seht, der ist mir zugedeckt, Kaum noch ein Baum zu heißen! Und oben, links am Stamme, steckt Das Schlößlein, das sie alle neckt, Das ist der Stock im Eisen! Und doch, Herr Meister, hüte dich! Wenn nun die Burschen kämen Und flugs statt Zang' und Dieterich Die – Schmiedehämmer nähmen!? Was nicht mit Kunst zu öffnen ist Läßt sich vielleicht – zerreißen, – Und herrlich, wenn zu bessrer Frist Neu-grünend in die Höhe schießt Der alte Stock im Eisen! 2. Für Anastasius Grün – Auf dem Kalenberge, Juli 1841. – Wo Du einst, im Arm die Harfe, gingest Deine Dichterpfade, Durch die Kaiserstadt und längs der Donau lustigem Gestade, Bin ich jüngst Dir nachgeschritten, treulich und mit frommem Fuß, Dich im Munde, Dich im Herzen, edler Anastasius! War mir doch, als ob die Welle grüßend Deinen Namen rauschte, Ob Dein Auge, groß und feurig, aus dem Grün der Reben lauschte, Um den Kalenberg ergoß sich und den Felsen Leopold Deiner Dichtung lichter Nimbus und der Abendsonne Gold. Ja, es waren diese Bäume, die um Deine Stirn gesäuselt, Hier am Söller hat der Nachtwind Deine Locken kühl durchkräuselt, Dort hast Du geruht im Grase, ewiger Gedanken voll, Als das hohe Lied vom Frühling glühend Deiner Brust entquoll. Aber, Wunder! wo Du gingest, über Dornen und Gebeine, Keimten unter Deinen Schritten Blumen aus dem dürren Steine, Und Dein Blut, die Spur des Weges, das auf leere Blätter floß, Sieh, wie es in rote Rosen überall befruchtend sproß! Das ist wahrer Dichtersegen: auch den Schutt in Brot verwandeln, Brunnen zaubern aus dem Felsen, und, wo andre reimen, handeln; Ein Poet in Werk und Worten tatest Du wie keiner tat, Dafür reift auch rings im Lande tausendfältig Deine Saat! Und daß unter Korn und Blumen auch die Schlange Dir nicht fehle, Zischt nun heimlich die Verleumdung um die offne Dichterseele, Der Verdacht mit Lauerblicken schleicht er um Dein sichres Haus, Und weil Du in Liebe schlummerst, schreit er Dich für – scheintot aus. Tritt ihn nieder, letzter Ritter, diesen schadenfrohen Drachen, Komm, daß wir die elke Lüge durch ein Lied zu Schande machen, Sag es, daß Du nimmer treulos uns und Dir gewesen bist, Daß Dein Dichterschild so rein noch, wie Dein Grafenwappen ist! O sie will es nie begreifen, ihre Prosa und Gemeinheit, Daß ein Geist wie Du, ein Name bürgt für der Gesinnung Reinheit, Nur das Schlechte glaubt sie willig, und wo wer zu wanken droht, Zerrt sie ihn mit frechem Jubel zu sich nieder in den Kot. Du erliege nicht und weiche ihren Stein- und Hagel-Würfen, Wisse, daß Dir alle trauen, die sich selbst noch trauen dürfen. Aber weh, wenn erst der Dichter an dem Dichter zweifeln muß –– Ach, nur das nicht auf uns alle, das nicht, Anastasius! Schön auf Deiner Väter Schlosse mag sich's rasten, träumen, lieben, Doch wann sind die Adler jemals lang' auf ihrem Horst geblieben? Nicht der Muße kann gehören, wer der Muse angehört, Und schon Schweigen ist Verbrechen, wenn zum Reden sie beschwört. Steig herab von Deinen Alpen, laß die Almen und die Tale, Statt auf Deiner Hirten Flöte horch auf unsre Hornsignale, Reiß Dich aus dem Schoß Armidas, säumender Rinaldo, los – Glücklich kannst Du nicht mehr werden, warum warst Du einmal groß? 3. An Nikolaus Lenau – Geschrieben zu Ischl, Juli 1841. – Du bist es, Schwan der Magyaren, Du mit der liederreichen Kehle? Mann, schwarz von Augen, schwarz von Haaren, Schwarz in der schmerzenreichen Seele? Ja, das sind die Mephisto-Falten, Die auf der Stirn zusamenlaufen, Aus diesen Blicken flammt verhalten Savonarolas Scheiterhaufen! Und darum bist Du fortgeschwommen Durch der Atlantis blaue Wogen, Darum verwundet heimgekommen, Wohin Dein Herz Dich heiß gezogen, Daß hier im stillen Alpentale Dein volles Leben sich verblute Und – kaum geküßt vom Sonnenstrahle, Hinab ins Meer des Todes flute? Was willst Du in den engen Bergen, Auf diesen Seen voll Grabesfrieden, Genüber jenen Menschen-Zwergen, Von Deines Gleichen abgeschieden? Du selbst ein Gletscher, ragest mächtig Doch kalt und einsam in die Höh' Und spiegelst Dich mild und bedächtig In Deiner Lieder grünem See. Komm, flieh ein Land, wo sich die Dichter Verleugnen müssen und verstecken, Wo Mönchsgezücht und Hofgelichter Den Staub an Kreuz und Szepter lecken, Wo nur die sinnliche Begierde Nach neuen Opfern täglich schmachtet, Und was sonst gilt als Volkes Zierde Zertreten wird und roh verachtet. Die Seele gib, die zweifel-kranke, Nur preis den Strömungen des Lebens! Erhellen wird sich Dein Gedanke Im Spiegel des verwandten Strebens, Du wirst nicht säen bloß, auch ernten, Dein Ruhm tritt für die Heimat ein, Und die Dir jetzo die Entfernten, Sie werden Deine Nächsten sein! Schüttle den Staub von Deinen Schwingen Und eil dem Bann Dich zu entraffen, Du sollst uns noch was anders singen Als immer Faust und Papst und Pfaffen! Steig mit den Lerchen, mit den Aaren, Was schert der Kauz Dich und die Eule? Stirb nicht, Du Schwan der Magyaren, Als Heiliger auf einer Säule! 4. Abschied von Wien Wie bleich, wie hold, wie schmachtend hingegossen Sie daliegt, die gefährliche Sirene, Die dunklen Augen träumerisch geschlossen, Das Haupt geneigt an ihrer Berge Lehne! Es geht ein süßes, winkendes Erwarten Wie Nachtigallen-Locken durch die Flur, Die Brunnen murmeln heimlich in den Garten, Die Zweige lallen: Komm, o komm doch nur! Entschlafen sind Sankt Stephans Wächtersorgen, Verstummt die Mahnungen des treuen Flusses; Wie fern der nüchterne, der strenge Morgen, Wie lang die Nacht entfesselten Genusses! Nun hat sie abgestreift die letzte Hülle, Den grünen Gürtel der Glacis gelöst, Frei glänzt und nackt der Schultern Marmorfülle Und Arm und Busen jedem Wunsch entblößt. Sieh, durch verhangne Fenster schimmert lüstern Der Mond, im Laube rauscht's wie Regentropfen, Verbotne Schritte rascheln, Küsse flüstern, Und Herz am Herzen hört sich glühend klopfen! Ein Meer von Liebe schlägt in heißen Wogen Hoch über dem entzückten Tale hin, Zum Vorhang wandelt sich des Himmels Bogen, Ganz Wien in eine Venus-Priesterin! Buhldirne Du, die hinter der Gardine Allnächtlich ihre Phallos-Feste feiert, Und morgens früh mit Magdalenen-Miene Im Beichtstuhl heuchelnd ihr »Absolve« leiert; Kannst Du mit Wollust nur ein Leben würzen, Dem jede geist'ge Kraft und Weihe fehlt, Und nur in des Genusses Abgrund stürzen, Von keinem heiligeren Drang beseelt? Ja, Du bist schön in Deinem Rosenkranze, Die Blüte der Verheißung auf den Wangen, Wenn Du vorüberfliegst im wilden Tanze, Begehrlich von der Männer Brunst umfangen! In Deinem Schoß sich welt-vergessen wiegen, Versinken gehn in weicher Arme Bucht, Und Deinem Zauber taumelgleich erliegen, – Wohl ist's ein Ziel, das Götter selbst versucht. Ich fliehe, Weib, um nicht vor Dir zu knien, Auch einer von den Proselyten-Scharen; Du wirst mich nicht auf Deinen Purpur ziehen, Weib Potiphars, – laß meinen Mantel fahren! Vor meinen Blicken schwebt in keuschem Lichte Ein andres Bild, das meiner Seelen-Braut, Der hab' ich mich im Leben, im Gedichte Mit deutschem Wort auf ewig angetraut. Ihr Aug' ist schön, ob minder schön, als Deines, Es strahlt nur Frieden, Deines flammt Entzücken, Dein Kuß ist Glut, der ihre nur ein reines, Ein hauchendes und flüchtiges Beglücken; Du neigst Dich ganz in duldender Gewährung Und ziehst die Deinen stark hinab zu Dir, Sie schwingt sich stets in züchtiger Verklärung, Lächelnd und wehrend, aus den Armen mir. Ihr Kummer furchte nimmer Deine Stirne, Doch schwellt ihr Stolz auch nimmer Deine Adern, Du ahnst die Lust nicht, heitre Schmeicheldirne, Mit Sklaven und Tyrannen kühn zu hadern; Ein Kind der Glücklichen, hast Du mit Armen Und mit Gefangnen nimmermehr geweint, Hast nie des Himmels Frieden voll Erbarmen Mit unsrer dunklen Erde Kampf vereint. Geh und berausch, betäube Dich auf's neue, Versuch's, die rasche Stunde festzuhalten; An Deinem Antlitz nagt doch stille Reue, Und Überdruß zerreißt's mit grauen Falten. Um eine Nacht, dann welken Rosen-Kränze, Und Deiner Reize blühend' Reich zerfällt, Der Lorbeer aber grünt im ewgen Lenze, Und ihr, der andren ist die junge Welt. Du kennst sie nicht, Du wirst sie niemals kennen, Ihr zwei könnt nirgends mit einandergehen, Und wollt' ich Dir den teuren Namen nennen, Dir ist er tot, Dir schwerlich zu verstehen. Fühlst Du's, so schlag beschämt die Wimper nieder, Denn eben weht ihr Gruß von Osten her; Der Tag bricht an – Gottlob! Ich hab' mich wieder: Die Lieb ist viel, doch ist die Freiheit mehr!