Stille Stunden Dem »Berghof« zugeschrieben. Widmung Ich bin nicht einer, dem die Worte fließen, Dem leicht das rechte von der Lippe springt, Und meiner Lieder Nachtviolen sprießen Nur dann empor, wenn mich die Qual bezwingt. O grausenvolle Marter – sich enthüllen, Aufschließen seiner Seele düst'ren Dom, In eisig starre, todte Worte füllen Tiefgründiger Gefühle scheuen Strom. O lasst mich schweigen, schweigend mögt Ihr ahnen Was mich durchwogte, flutenwild und heiß, Als Ihr auf meines Lebens Schattenbahnen Mit weicher Hand gestreut ein grünes Reis. Zwiegespräch Was stöhnt meine Seele so schwer und so bang? »Mir träumte von meinem Untergang!« Und ward meiner Seele nicht froh und leicht, Da sie das Ziel aller Sehnsucht erreicht? »Ich weinte ja nicht um meine Qual, Und nicht um den Abschied vom Thränenthal. Mich hat nur Erbarmen mit dem durchweht, Was ungeboren mit mir vergeht.« Lass', o lass' Lass', o lass' Dein gütig mildes Fragen, Lass' es sein ... Meine Leiden, Sie vermeiden Deiner Augen klaren Schein, Und ich kann sie, kann sie Dir nicht klagen, Nein, o nein. Bis zum Thor der Schmerzen darfst Du mich geleiten, Doch den dunklen Leidensweg muss ich beschreiten Ganz allein. In Memoriam Ein Winterabend war's. In schweren Flocken Sank ... langsam ... Schnee auf Schnee. – Verschimmert war Der letzte Tagesschein, und trübes Licht Der Straße glitt in's dämm'rige Gemach. Ich war allein ... Wie zornig-dumpfes Meeresbrausen grollte Der Lärm des Lebens in mein stilles Heim, Und schrilles Pfeifen und verworrenes Rufen Und tausend andere Töne gellten drein ... Mir aber blieben diese Töne fremd Und fern und unverstanden, wie sonst nie. Versunken war für mich der Lebensreigen, Der sich vor meinen Fenstern tosend schwang ... Vergangenes war erwacht, und Todtes lebte Nach trostlos-stumpfen Jahren in mir auf – Und einer Seele dacht' ich, die gestorben An ihrer grenzenlosen Einsamkeit Und ihrer Liebe ... Gebet Trostlos-weinende Sehnsucht, Du geleitest Einzig meine verirrte, Wundenblutige Seele, Und Dein hilflos Kindisch-thörichtes Weinen Mehrt ihre Qualen. Weinende Sehnsucht, Lass', o lass' meine Seele Pilgern und irren, Fallen, verderben, Aber gönn' ihr Hoffnungsloses, Selig-schweigendes Sterben. Adagio dolente (Beethoven Op. 110.) Aus meiner Seele Wehevollen Schlünden stieg Mit brausenden Flügelschlägen Die Sehnsucht empor ... Nun weint in mir das Leben Und jauchzt die Qual – Und über beiden schwebt die Sehnsucht, Heimatlos und suchend – suchend – – Und meine Seele Und meine Seele Trat vor mich hin In kothbesudeltem Purpurgewande Und sah mich an, Todestraurig, Mit schwimmenden Augen ... Und klagend klangen die Worte: Siegt die Gemeinheit?, Siegt die Noth des Daseins? Muss ich sterben? Und ich nickte, Langsam, Wortlos-ergeben, Dreimal. Einsam Abgeschüttelt Hab' ich meiner Freunde Scharen, Einsam bin ich geworden Köstlich einsam ... Wie ferner Brandung Schütterndes Tosen verklang Der Lärm des Lebens, Einsam bin ich geworden, Köstlich einsam ... Aus tödtlichem Schlummer Erstand meine Seele, Und mit leiser, leiser, Ängstlich-wagender Stimme singt sie Alte, süße, Thörichte Kinderweisen! Einsam bin ich geworden, Köstlich einsam. – B.R. Und wenn ich lang' auch ferne blieb, Ich hab' Dich heut' wie vordem lieb: Wir haben ja beide das Leben beweint, In Tagen der bittersten Qual uns vereint. Was aber der Schmerz zusammengeschweißt, Im Leben nimmer und nimmer zerreißt. Und wenn ich lang' auch ferne blieb, Ich hab' Dich heut' wie vordem lieb Und hab' in mancher stillen Nacht – An Dich gedacht. Zueignung In Erinnerung der alten Zeiten Nimm dies Buch der Qualenseligkeiten; Nimm's von einem, der in lichten Stunden Heiß und echt und tief für Dich empfunden, Dem für immerdar bei Dir zu wohnen Nicht vergönnten seiner Brust Dämonen, Der vom Leben wild umher getrieben Trotzdem nicht verlernte – Dich zu lieben. Verlorene Sehnsucht Ich wäre gern ein schlichter Mann geworden, Der starken Anmuth lebensfrohes Bild, Ich wäre gern ein schlichter Mann geworden Mit einer Seele sonnenklar und mild. An eines stillen Stromes grünen Borden Hätt' ich das Leben gerne süß verträumt, An eines stillen Stromes grünen Borden Die wilde Lust, die wilde Qual versäumt. – Ich wäre gern ein schlichter Mann geworden ... Confiteor Sieh', Du musst es mir vergeben, Wenn ich manchmal schroff und hart: Toll und traurig war mein Leben, Eine wüste Pilgerfahrt. Schwer hab ich nach Haus' gefunden, Bitter musst' ich irre geh'n, Und ich kenne Stunden ... Stunden, Wo Gespenster auferstehen. Dämmerung Leuchtend um die Stirne kosen Junge Rosen, Glutentfacht; Und im Herz, dem freudelosen, Sterbelichter ängstlich glosen Und erlöschen sacht. Kündet ihr den Morgen, Rosen, Oder tiefste Nacht? H.S. Wenn Deiner Lieder dunkelwarme Laute Wie Glockentöne weich ans Herz mir drangen, Bis meiner Seele starre Hüllen sprangen Und Thrän' auf Thräne trotzig niederthaute, Und wie ich dann in wonnig-süßem Bangen, In heiliger Scheu zu athmen kaum mich traute, Nach Deinen Lippen sehnsuchtsvoll nur schaute In unersättlich seligem Verlangen – – O, wer vergäße jemals dieser, Tage, Wo sich Natur und Kunst so schön verbunden, Wo leis' und leiser klang die tiefe Klage, Und milder schmerzten ewig-off'ne Wunden, Wo sich gestählt mein Herz, das lebenszage, Für neuer Kämpfe schicksalsschwere Stunden. Scheidestunde Und als die Stunde kam, die dunkle Stunde, Wo meines Friedens Glück ein Ende nahm, Wo jäh verdorrt vom schwülen Brand der Straße Die lichten Rosen mir vom Scheitel glitten Und angstvoll meiner Seele Feiersang Verstummte ... In jener dunklen, ahnungsschwülen Stunde Stieg manche Thräne schwer und heiß empor, Und Bitterniss und namenlose Qual Und irre Sehnsucht und verhetzter Hass Durchschnitten blutig meine wunde Seele ... Das ist vorbei ... der Friede kehrte wieder; Zu stiller Fassung tiefgeheimer Kraft Erhob sich meine königliche Seele. Ertragen wird sie, was da kommen mag, Weil sie versäumt, weil sie verschmäht zu handeln. Wie weit sie trägt, wie lang sie trägt und wie, Wer kann es sagen? Ob meiner Lieder glutgeschwellte Scharen Für immerdar verglüh'n, ob meine Träume, Die reichen Dichterträume, sterben müssen, Noch eh' das Leben brausend sie durchwogt; Ob meine Seele selbst, die stolze Seele, Im Straßenstaub versinkt, in Nacht erstickt, Wer kann es sagen? Düsterschwarz und schwer Erscheint der Himmel, fahle Wetterschlangen Durchleuchten zischend unheilvolle Nacht, Der Sturm ist nah', schon beugen sich die Bäume, Ich aber bin bereit zum schwersten Gang. Und ich seh' ... Und ich seh' die Stunde kommen Heiter, ruhig, klar, Wo im Strom der Zeit verschwommen, Was mein Höchstes war, Wo, von eisenharten Jochen Rettungslos zermalmt, Meine Seele – kerngebrochen – Tief im Staub verqualmt, Wo der Feuerbrand verglommen, Den mein Herz gebar – Und ich seh' die Stunde kommen, Heiter, ruhig, klar. Noch einmal Noch einmal, eh' die große Nacht Erdrückend mich umfängt, Hat eines Auges Sonnenpracht Mir einen Blick geschenkt. Es traf ein lichter Funkenstrahl Mein Dornendiadem, Ich möchte gern ein letztesmal Noch beten! – doch zu wem?