Annette von Droste-Hülshoff Geistliches Jahr in Liedern auf alle Sonn- und Festtage An meine liebe Mutter Du weißt, liebste Mutter, wie lange die Idee dieses Buchs in meinem Kopfe gelebt hat, bevor ich sie außer mir darzustellen vermochte, der betrübte Grund liegt sehr nahe, in dem Unsinne dem ich mich recht wissentlich hingab, da ich es unternahm, eine der reinsten Seelen die noch unter uns sind, zu allen Stunden in Freud und Leid vor Gott zu führen, da ich doch deutlich fühlte, wie ich nur von sehr wenigen Augenblicken ihres frommen Lebens eine Ahndung haben könne, und wohl eben nur von jenen, wo Sie selbst nachher nicht recht weiß, ob sie zu den guten oder bösen zu zählen, es würde somit fast freventlich gewesen sein, bei so heiligen Dingen mich in vergeblichen Versuchen, ich möchte sagen, herumzutummeln, wenn nicht der Gedanke, daß die liebe Großmutter ja grade in jenen Augenblicken nur allein eines äußeren Hülfsmittels etwa bedürfe, indes in ihren reineren Stunden alles Hinzugetane gewiß überflüssig oder störend, und wo Sie sich dessen etwa aus Demut bedient, auch das gelungenste Lied von mir, Ihr nicht jene alten rührenden Verse ersetzen könne, an denen das Andenken ihrer frommen verstorbenen Eltern und liebsten Verwandten hängt, wenn nicht, sage ich, dieser Gedanke mich zu den mehrmaligen Versuchen verleitet hätte, die so mißlungen sind, als sie gar nicht anders werden konnten. Kein Schwachkopf, der plötzlich zum König wird, kann bedrängter sein, als ich im Gefühl der Ohnmacht, wenn ich Heiligtümer offenbaren sollte, die ich nur dem Namen nach kannte, und deren Kunde mir Gott dereinst geben wolle. So habe ich geschrieben, immer im Gefühl der äußersten Schwäche, und oft wie des Unrechts, und erst seitdem ich mich von dem Gedanken, für die Großmutter zu schreiben völlig frei gemacht, habe ich rasch und mit mannigfachen, aber immer erleichternden Gefühlen gearbeitet, und, so Gott will, zum Segen. – Die wenigen zu jener mißlungenen Absicht verfertigten Lieder habe ich ganz verändert, oder wo dieses noch zu wenig war, vernichtet, und mein Werk ist jetzt ein betrübendes aber vollständiges Ganze, nur schwankend in sich selbst, wie mein Gemüt in seinen wechselnden Stimmungen. So ist dies Buch in deiner Hand! – Für die Großmutter ist und bleibt es völlig unbrauchbar, so wie für alle sehr fromme Menschen, denn ich habe ihm die Spuren eines vielfach gepreßten und geteilten Gemütes mitgeben müssen, und ein kindlich in Einfalt frommes würde es nicht einmal verstehn, auch möchte ich es auf keine Weise vor solche reine Augen bringen, denn es gibt viele Flecken, die eigentlich zerrissene Stellen sind, wo eben die mildesten Hände am härtesten hingreifen, und viele Herzen die keinen Richter haben, als Gott, der sie gemacht hat. Daß mein Buch nicht für ganz schlechte, im Laster verhärtete Menschen paßt, brauchte ich eigentlich nicht zu sagen, wenn ich auch eins für dergleichen schreiben könnte, so würde ich es doch unterlassen. Es ist für die geheime, aber gewiß sehr verbreitete Sekte jener, bei denen die Liebe größer wie der Glaube, für jene unglücklichen aber törichten Menschen, die in einer Stunde mehr fragen, als sieben Weise in sieben Jahren beantworten können. Ach! es ist so leicht eine Torheit zu rügen! aber Besserung ist überall so schwer, und hier kann es mir oft scheinen, als ob ein immer erneuertes Siegen in immer wieder auflebenden Kämpfen das einzig zu Erringende, und ein starres Hinblicken auf Gott, in Hoffnung der Zeit aller Aufschlüsse, das einzig übrige Ratsame sei; d.h. ohne eine besondere wunderbare Gnade Gottes, die auch das heißeste Gebet nicht immer herabruft. – Ich darf hoffen, daß meine Lieder vielleicht manche verborgne kranke Ader treffen werden, denn ich habe keinen Gedanken geschont, auch den geheimsten nicht. – Ob sie Dir gefallen, muß ich dahin gestellt sein lassen, ich habe für keinen einzelnen geschrieben, ich denke es indes, und wünsche es sehnlichst, da sie als das Werk deines Kindes dein natürliches Eigentum sind, sollte ich jedoch hierin meinen Zweck verfehlen, so muß mich das alte Sprichwort rechtfertigen:»Ein Schelm der mehr gibt als er hat.« Hülshoff, den 9ten Oktober 1820 Am Neujahrstage Das Auge sinkt, die Sinne wollen scheiden: »Fahr wohl, du altes Jahr, mit Freud' und Leiden! Der Himmel schenkt ein neues, wenn er will.« So neigt der Mensch sein Haupt an Gottes Güte, Die alte fällt, es keimt die neue Blüte Aus Eis und Schnee, die Pflanze Gottes, still. Die Nacht entflieht, der Schlaf den Augenlidern: »Willkommen junger Tag mit deinen Brüdern! Wo bist du denn, du liebes neues Jahr?« Da steht es in des Morgenlichtes Prangen, Es hat die ganze Erde rings umfangen Und schaut ihm in die Augen ernst und klar. »Gegrüßt du Menschenherz mit deinen Schwächen, Du Herz voll Kraft und Reue und Gebrechen, Ich bringe neue Prüfungszeit vom Herrn!« »Gegrüßt du neues Jahr mit deinen Freuden, Das Leben ist so süß, und wären's Leiden, Ach, alles nimmt man mit dem Leben gern!« »O Menschenherz, wie ist dein Haus zerfallen! Wie magst du doch, du Erbe jener Hallen, Wie magst du wohnen in so wüstem Graus!« »O neues Jahr, ich bin ja nie daheime! Ein Wandersmann durchzieh ich ferne Räume, Es heißt wohl so, es ist doch nicht mein Haus.« »O Menschenherz, was hast du denn zu treiben, Daß du nicht kannst in deiner Heimat bleiben Und halten sie bereit für deinen Herrn?« »O neues Jahr, du mußt noch viel erfahren; Kennst du nicht Krieg und Seuchen und Gefahren! Und meine liebsten Sorgen wohnen fern.« »O Menschenherz, kannst du denn alles zwingen? Muß dir der Himmel Tau und Regen bringen, Und öffnet sich die Erde deinem Wort?« »Ach nein! ich kann nur sehn und mich betrüben, Es ist noch leider nach wie vor geblieben Und geht die angewiesnen Wege fort.« »O tückisch Herz, du willst es nur nicht sagen, Die Welt hat ihre Zelte aufgeschlagen, Drin labt sie dich mit ihrem Taumelwein.« » Der bittre Becher mag mich nicht erfreuen, Sein Schaum heißt Sünde und sein Trank Gereuen, Zudem läßt mich die Sorge nie allein.« »Hör an, o Herz, ich will es dir verkünden, Willst du den Pfeil in seinem Fluge binden? Du siehst sein Ziel nicht, hat er darum keins?« »Ich weiß es wohl, uns ist ein Tag bereitet, Da wird es klar, wie alles wohl geleitet, Und all die tausend Ziele dennoch eins.« »O Herz, du bist von Torheit ganz befangen! Dies alles weißt du, und dir kann noch bangen! O böser Diener, treulos aller Pflicht! Ein jeglich Ding füllt seinen Platz mit Ehren, Geht seinen Weg und läßt sich nimmer stören, Dein Gleichnis gibt es auf der Erde nicht! Du hast den Frieden freventlich vertrieben! Doch Gottes Gnad' ist grundlos wie sein Lieben, O kehre heim in dein verödet Haus! Kehr heim in deine dunkle wüste Zelle, Und wasche sie mit deinen Tränen helle, Und lüfte sie mit deinen Seufzern aus! Und willst du treu die Blicke aufwärts wenden, So wird der Herr sein heilig Bild dir senden, Daß du es hegst, in Glauben und Vertraun, Dann darf ich einst an deinem Kranze winden, Und sollte dich das neue Jahr noch finden, So mög' es in ein Gotteshäuslein schaun!« Am Feste der hl. drei Könige Durch die Nacht drei Wandrer ziehn, Um die Stirnen Purpurbinden, Tiefgebräunt von heißen Winden Und der langen Reise Mühn; Durch der Palmen säuselnd Grün Folgt der Diener Schar von weiten; Von der Dromedare Seiten Goldene Kleinode glühn. Wie sie klirrend vorwärts schreiten, Süße Wohlgerüche fliehn. Finsternis hüllt schwarz und dicht Was die Gegend mag enthalten; Riesig drohen die Gestalten: Wandrer fürchtet ihr euch nicht? Doch ob tausend Schleier flicht Los' und leicht die Wolkenaue: Siegreich durch das zarte Graue Sich ein funkelnd Sternlein bricht, Langsam wallt es durch das Blaue, Und der Zug folgt seinem Licht. Horch, die Diener flüstern leis: Will noch nicht die Stadt erscheinen, Mit den Tempeln und den Hainen, Sie der schweren Mühe Preis? Ob die Wüste brannte heiß, Ob die Nattern uns umschlangen, Uns die Tiger nachgegangen, Ob der Glutwind dörrt' den Schweiß: Augen an den Gaben hangen Für den König stark und weis'. Sonder Sorge, sonder Acht, Wie drei stille Monde ziehen Um des Sonnensternes Glühen, Ziehn die Dreie durch die Nacht. Wenn die Staublawine kracht, Wenn mit grausig schönen Flecken Sich der Wüste Blumen strecken: Schaun sie still auf jene Macht, Die sie sicher wird bedecken, Die den Stern hat angefacht. O ihr hohen heil'gen Drei! In der Finsternis geboren, Hat euch kaum ein Strahl erkoren, Und ihr folgt so fromm und treu! Und du meine Seele, frei Schwelgend in der Gnade Wogen, Mit Gewalt ans Licht gezogen, Suchst die Finsternis aufs neu! O wie hast du dich betrogen; Tränen blieben dir und Reu'! Dennoch, Seele, fasse Mut! Magst du nimmer gleich ergründen, Wie du kannst Vergebung finden: Gott ist über alles gut! Hast du in der Reue Flut Dich gerettet aus der Menge, Ob sie dir das Mark versenge Siedend in geheimer Glut: Läßt dich nimmer dem Gedränge Der dich warb mit seinem Blut. Einen Strahl bin ich nicht wert, Nicht den kleinsten Schein von oben. Herr, ich will dich freudig loben, Was dein Wille mir beschert! Sei es Gram, der mich verzehrt, Soll mein Liebstes ich verlieren, Soll ich keine Tröstung spüren, Sei mir kein Gebet erhört: Kann es nur zu dir mich führen, Dann willkommen Flamm' und Schwert! Am ersten Sonntage nach hl. drei Könige Ev.: Jesus lehrt im Tempel. Und sieh, ich habe dich gesucht mit Schmerzen, Mein Herr und Gott, wo werde ich dich finden? Ach nicht im eignen ausgestorbnen Herzen, Wo längst dein Ebenbild erlosch in Sünden: Da tönt aus allen Winkeln, ruf' ich dich, Mein eignes Echo wie ein Spott um mich. Wer einmal hat dein göttlich Bild verloren, Was ihm doch eigen war wie seine Seele, Mit dem hat sich die ganze Welt verschworen, Daß sie dein heilig Antlitz ihm verhehle; Und wo der Fromme dich auf Tabor schaut, Da hat er sich im Tal sein Haus gebaut. So muß ich denn zu meinem Graun erfahren Das Rätsel, das ich nimmer konnte lösen, Als mir in meinen hellen Unschuldsjahren Ganz unbegreiflich schien was da vom Bösen, Daß eine Seele, wo dein Bild geglüht, Dich gar nicht mehr erkennt, wenn sie dich sieht. Rings um mich tönt der klare Vogelreigen: »Horch auf, die Vöglein singen seinem Ruhme!« Und will ich mich zu einer Blume neigen: »Sein mildes Auge schaut aus jeder Blume.« Ich habe dich in der Natur gesucht, Und weltlich Wissen war die eitle Frucht! Und muß ich schauen in des Schicksals Gange, Wie oft ein gutes Herz in diesem Leben Vergebens zu dir schreit aus seinem Drange, Bis es verzweifelnd sich der Sünd' ergeben, Dann scheint mir alle Liebe wie ein Spott, Und keine Gnade fühl' ich, keinen Gott! Und schlingen sich so wunderbar die Knoten, Daß du in Licht erscheinst dem treuen Blicke, Da hat der Böse seine Hand geboten Und baut dem Zweifel eine Nebelbrücke, Und mein Verstand, der nur sich selber traut, Der meint gewiß sie sei von Gold gebaut! Ich weiß es, daß du bist, ich muß es fühlen, Wie eine schwere kalte Hand mich drücken, Daß einst ein dunkles Ende diesen Spielen, Daß jede Tat sich ihre Frucht muß pflücken; Ich fühle der Vergeltung mich geweiht, Ich fühle dich, doch nicht mit Freudigkeit. Wo find' ich dich in Hoffnung und in Lieben! Denn jene ernste Macht, die ich erkoren, Das ist der Schatten nur, der mir geblieben Von deinem Bilde, da ich es verloren. O Gott, du bist so mild und bist so licht! Ich suche dich in Schmerzen, birg dich nicht! Am Feste vom süßen Namen Jesus Was ist süß wie Honigseim, Wenn er sich der Wab' entgießt? Süßer ist des Lebens Keim, Der durch unsre Adern fließt; Doch dein Name, lieber Jesu mein, Der ist über alles mild und süß! Daß der Tod vergißt die herbe Pein, Wo ein frommer Mund ihn tönen ließ. Was ist gleich des Löwen Kraft, Wenn er durch die Wälder kreist? Stärker ist die Leidenschaft, Ist der widerspenst'ge Geist; Doch dein Name, lieber Jesu mein, Der ist über alles voll der Macht! Daß er zwängt zu milden Lichtes Schein Was die Welt bedräut in Flammenpracht. Was ist reich wie Meeresfahrt, Gleich des Schachtes goldner Hut? Reicher ist wer sich bewahrt Seiner Ehre köstlich Gut; Doch dein Name, lieber Jesu mein, Der ist mehr und reicher als das all! Ach, um ihn erträgt man ganz allein Schmach, Verkennung, aller Ehre Fall. Was ist schön wie Morgenlicht, Gleich dem Sternendom der Nacht? Ach! ein lieblich Angesicht, Und im Aug' des Geistes Pracht; Doch dein Name, lieber Jesu mein, Der ist über alles mild und schön! Wer ihn trägt im stillen Antlitz sein, Der ist hold, was auch Natur versehn. Was ist freudig wie zu ziehn In die reiche Welt hinaus? Ach! viel freud'ger was wir fliehn, Das verkannte Elternhaus; Doch dein Name, lieber Jesu mein, Der ist über alles voll der Lust! O, wer gäb' nicht um die Freuden sein Heimat, Freiheit, was ihm nur bewußt! Ja, dein Name, Jesus Christ, Der ist stark und reich und mild! Wer den Namen nie vergißt, Der kennt aller Leiden Schild. Und ich soll, o liebster Jesu mein, Die Gesunkne, treulos aller Pflicht, Dennoch deines Namens Erbin sein: Gott! du willst den Tod des Sünders nicht! Am dritten Sonntage nach hl. drei Könige Ev.: Vom Aussätzigen und Hauptmann. »Geh hin und dir gescheh' wie du geglaubt!« Ja, wer da glaubt, dem wird sein Heil geschehen; Was aber ihm, dem in verborgnen Wehen Das Leben hat sein Heiliges geraubt? Herr, sprich ein Wort, so wird dein Knecht gesund! Herr, sprich das Wort, ich kann ja nichts als wollen; Die Liebe kann das Herz dir freudig zollen, Der Glaube wird ja nur als Gnade kund! Wie kömmt es, da ich dich am Abend rief, Da ich am Morgen ausging dich zu finden, Daß du in Lauheit und des Zweifels Sünden Mich sinken ließest, tiefer stets und rief. Ist nicht mein Ruf in meiner höchsten Not Zu dir empor geschollen aus der Tiefe? Und war es nicht, als ob ich Felsen riefe, Indes mein Auge stets von Tränen rot? Verzeih, o Herr, was die Bedrängnis spricht, Ich habe dich doch oft und süß empfunden, Ich war ja eins mit dir zu ganzen Stunden, Und in der Not gedacht' ich dessen nicht! Und ist mir nun, als sei ich ganz allein Von deinem weiten Gnadenmahl verloren, Der ausgesperrte Bettler vor den Toren: O Gott! die Schuld ist doch gewißlich mein! Fühlt' ich in Demut, wie ich nimmer wert, Daß ich dein Wort in meinem Geist empfangen, Daß meine Seufzer an dein Ohr gelangen, Daß meine Seele dich erkennt und ehrt? Mein Herr, gedenke meiner Sünden nicht, Wie oft hab' ich auf selbstgewähltem Pfade Geschrien im Dunkel, Gott, um deine Gnade, Wie um ein Recht, und wie um eine Pflicht! O hätt' ich ihre Gaben nicht versäumt! Hätt' ich sie nicht zertreten, und verachtet! Ich stände nicht so grauenvoll umnachtet, Daß das entflohne Licht mir wie geträumt! Wie oft ist nicht, noch eh die Tat geschah, Die als Gedanke lüstern mich umflogen, In milder Warnung still vorbeigezogen Dein Name mir, dein Bild auf Golgatha! Und wenn ich nun mich frevelnd abgewandt, Die Sünde die ich klar erkannt begangen, Wie hast du dann in reuigem Verlangen Nicht oft in meiner Seele nachgebrannt! Ach, viel und schwere Sünden übt' ich schon, Noch mehr der Fehle, klein in ihren Namen, Doch groß in der Verderbnis tiefstem Samen, Taub für des jammernden Gewissens Ton. Nun ist mir endlich alles Licht dahin! Und öfters deine Stimme ganz verschollen, Doch wirf mich, o du siehst ich kann noch wollen, Nicht zu den Toten weil ich lebend bin! Mein Jesu, sieh, ich bin zu Tode wund, Und kann in der Zerrüttung nicht gesunden, Mein Jesu, denk an deine bittern Wunden, Und sprich ein Wort, so wird dein Knecht gesund! Am vierten Sonntage nach hl. drei Könige Ev.: Von den Arbeitern im Weinberge. Ich kann nicht sagen: »Keiner hat mich gedingt.« Wem soll ich klagen, Wenn es mich niederzwingt In meine schmählich selbstgeflochtnen Bande? Vor Millionen hast du mich erwählt, Mir unermeßnes Handgeld zugezählt In deiner Taufe heil'gem Unterpfande. Ich kann nicht sagen: »Siehe, des Tages Last Hab ich getragen!« Wenn nun zu Duft erblaßt, Mich meine matte Sonne will verlassen, Mein Garten liegt ein übergrüntes Moor, Und blendend steigt das Irrlicht draus empor, Den Wandrer leitend in den Tod, den nassen! Ich kann nicht sagen, »Siehe, wer stand mir bei? Ich mußte zagen, Um mich die Wüstenei, Und das Getier, so nimmer dich erkennet.« O Gott, du hast, zur Arbeit mir gesellt, Viel liebe Seelen rings um mich gestellt, Worin dein Name unauslöschlich brennet. Ich kann nicht sagen: »Sieh, deine Stimme sprach, Ich mußte wagen, Und meine Kraft zerbrach, Was hast du meine Nahrung mir entzogen?« Mein Gott, und liegt wohl tief es in der Brust, Doch bin ich großer Kräfte mich bewußt, Und in der Angst hab' ich mir selbst gelogen! Ich muß verschwinden Bis in die tiefste Kluft, Zergehn in Winden Wie einer Wolke Duft, Wenn dein Gericht vor meinem Geist wird stehen; Du hast mich über vieles eingesetzt, Und ganz verarmt erschein' ich und zerfetzt, Die Güter dein ließ ich zu Kot vergehen. Nichts kann ich sagen, Denn meine Hand ist leer. Soll ich es wagen, Gegen die Waagschal' schwer Zu legen meiner Reue späte Triebe? Und ist es nur wie des Ersatzes Spott, Nichts hab' ich sonst, doch du, o milder Gott, Du hast ein großes, großes Wort der Liebe! Am Feste Mariä Lichtmeß Durch die Gassen geht Maria, In dem Arm den Sohn, den lieben, Hält ihn fest, und hält ihn linde, Und ihr Auge schaut auf ihn; Wie die Englein ihn gesungen, Ihn die Hirten angebetet, Huldigten die grauen Weisen, Läßt sie still vorüberziehn. Aber Josef ihr zur Seiten Ist in Sorgfalt ganz befangen, Prüfend frägt er alle Steine, Ob ihr Fuß zu kühn sich wagt; Weiß nicht was er wird erleben, Aber wunderbare Dinge Haben aus des Kindleins Augen Sich ihm heimlich angesagt. O Maria, Mutter Christi, Nicht zu dir will ich mich wagen, Denn du bist mir viel zu helle, Meine Seel' ergraut vor dir, Bist mir fast wie zum Entsetzen In der fleckenlosen Reine, Die du siegreich hast bewahret, Da du wandeltest gleich mir. Will viel lieber vor dein Kindlein Treten, weinend und zerschlagen. Ist er wohl mein Herr und Richter, Und du stehst mir minder weit, Einer Torheit muß ich zollen, Soll ich nicht in Furcht zerstäuben, Hat er doch nicht überwunden, Ist der Held von Ewigkeit! Liebster Herr, du hast geschaffen Meine arme kranke Seele, Wie den Reiz, den vielgestalten, Der auf breite Straßen führt; Und du weißt, daß wie vor andern Frischer Hauch in meiner Seele, So mich auch vor andern glühend Jede Erdenlust berührt! Hast du mir zu reichen Kräften Auch ein reiches Amt verliehen, Reiche Güter zu verwalten Und ein hohes, reiches Schloß, Und nun liegt es in Zerstörung, Graunvoll in der öden Größe, Wie ein knöchern Ungeheuer, Wie ein toter Meerkoloß. Und da ich nach vielen Tagen, Sonder Glauben, voll der Liebe, Angstvoll prüfte seine Mauern, Siehe da, sie standen fest! O mein Herr willst du mich hören, Auftun deine Gnadenschätze, Sieh ich will getreulich bauen Meines Lebens trüben Rest. Muß mein Haus gleich stehen eine Öde warnende Ruine, Ach, nur dort mag sich gestalten, Was so rettungslos zerstört. Kann ich nur ein Stübchen bauen, Ausgeschmückt mit stillen Werken, Wo ich, Herr, dich kann bewirten, Wenn du bei mir eingekehrt. Aus den Hallen tritt Maria, In dem Arm den Sohn, den lieben, Hält ihn fest und halt ihn linde, Und auf ihm ihr Auge ruht. O sie hat das Glück getragen Durch neun wonnevolle Monde; Was verkündet jene Frommen, Trug sie längst im glühnden Mut. Aber Josef stillen Schrittes, Tritt nicht mehr an ihre Seite, Da das liebe, liebe Kindlein Nun der Herr der ganzen Welt, Doch wie höher steigt die Sonne, Schleicht er leis an ihre Schulter, Und er zupft an ihrem Mantel, Daß der Schleier niederfällt. Am fünften Sonntage nach hl. drei Könige Ev.: Vom Samen, so unter die Dornen fiel. In die Dornen ist dein Wort gefallen, In die Dornen, die mein Herz zerrissen; Du, mein Gott, nur du allein kannst wissen, Wie sie schmerzlich sind vor andern allen; In die Dornen meiner bittern Reue, Die noch keine Tröstung will empfangen. So verbarg ich es in finstrer Scheue, Und so ist es trübe aufgegangen, Und so wächst es auf in bittrer Wonne, Und die Dornen lassen es gedeihen; Ach, mein Boden ist zu hart, im Freien Leckt den Tau vom Felsen ihm die Sonne. Kann es gleich nur langsam sich entfalten, Schirmen sie es treulich doch vor Stürmen Und dem Hauch der Lust, dem todeskalten, Und wenn sich des Zweifels Wolken türmen. In die Dornen ist dein Wort gefallen, Und sie werden blut'ge Rosen tragen; Soll ich einst dir zu vertrauen wagen, Darf ich nur in ihrem Kranze wallen. Wenn er recht erstrahlt im Feuerglanze Und das Haupt mir sengt mit tiefen Wunden, Dann gedeiht die zarte Gottespflanze, Muß an seinem Schmerzenstrahl gesunden. In Entsagung schwinden muß mein Leben, In Betrachtung meine Zeit ersterben; So nur kann ich um das Höchste werben, Meine Augen darf ich nicht erheben. Ach, ich habe sie mißbraucht zu Sünden Und verscherzt des Aufblicks reine Freude, Dann nur kann ich noch den Himmel finden, So ich ihn in Scham zu schauen meide. Wenn ich blicke in die milden Mienen, O, wie schmerzlich muß es mich betrüben, Denen noch das teure Recht geblieben, Ihrem Gott in Freudigkeit zu dienen! Muß auch hier die trüben Augen lenken, Muß erglühend sie zur Erde schlagen, In ein reines Auge sie zu senken, Kann ich nimmer sonder Frevel wagen. Und wie tief neig' ich die Stirn, die trübe, Wenn die Sünde rauscht an mir vorüber, Meinen manche, daß mich Abscheu triebe, Und gewinnen lieber mich und lieber, Ist es oft nur mein vergangnes Leben, Grauenhaft zum zweiten Mal geboren. Ach, und oft empfind' ich gar mit Beben, Wie der Finstre noch kein Spiel verloren! Aber, was er auch für Tücke hege, Kämpfen will ich um des Himmels Grenzen, Meine Augen sollen freudig glänzen, Wenn ich mich in meine Dornen lege, Daß die Welt nicht meinen Kampf darf rügen, Oder gar mit eitelm Lob geleiten, Wohl, ich kann durch Gottes Wunder siegen, Aber nimmer mit zwei Feinden streiten. Ob ein Tag mir steigen wird auf Erden, Wo ich frei mich zu den Deinen zähle? Wo kein Schwert mehr fährt durch meine Seele, Wenn mir deine Hände sichtbar werden! Herr, und soll der Tag mir nimmer scheinen, Dürft' ich ihn in Ewigkeit nicht hoffen, Dennoch muß ich meine Schulden weinen, O, der Sünder hat sich selbst getroffen! Fastnacht Ev.: Vom Blinden am Wege. Herr, gib mir, daß ich sehe! Ich weiß es, daß der Tag ist aufgegangen; Im klaren Osten stehn fünf blut'ge Sonnen, Und daß das Morgenrot mit stillem Prangen Sich spiegelt in der Herzen hellen Bronnen; Ich sehe nicht, ich fühle seine Nähe. Herr, gib mir, daß ich sehe! Und wie ich einsam stehe: Sich um mich regt ein mannigfaches Klingen; Ein jeder will ein lichtes Plätzchen finden, Und alle von der Lust der Sonnen singen. Ich nimmer kann die Herrlichkeit ergründen, Und wird mir nur ein unergründlich Wehe. Herr, gib mir, daß ich sehe! Wie ich die Augen drehe, Verlangend, durch der Lüfte weite Reiche, Und meine doch ein Schimmer müsse fallen In ihrer armen Kreise öde Bleiche, Weil deine Strahlen mächtig doch vor allen: Doch fester schließt die Rinde sich, die zähe. Herr, gib mir, daß ich sehe! Gleich dem getroffnen Rehe Möcht' ich um Hülfe rennen durch die Erde; Doch kann ich nimmer deine Wege finden. Ich weiß, daß ich im Moor versinken werde, Wenn nicht der Wolf zuvor verschlang den Blinden; Auch droht des Stolzes Klippe mir, die jähe. Herr, gib mir, daß ich sehe! So bleib' ich auf der Höhe, Wo du zum Schutz gezogen um die Deinen Des frommen Glaubens zarte Ätherhalle, Worin so klar die roten Sonnen scheinen, Und harre, daß dein Tau vom Himmel falle, Worin ich meine kranken Augen bähe. Herr, gib mir, daß ich sehe! Wie sich die Nacht auch blähe, Als sei ich ihrer schwarzen Macht verbündet, Weil mir verschlossen deine Strahlenfluten: Hat sich doch ihre Nähe mir verkündet, Empfind' ich doch, wie lieblich ihre Gluten! So weiß ich, daß ich nicht vergeblich flehe. Herr, gib mir, daß ich sehe! Und wie mich mancher schmähe, Als soll' ich nie zu deinem Strahl gelangen, Dieweil ich meine Blindheit selbst verschuldet, Da ich in meiner Kräfte üpp'gem Prangen Ein furchtbar blendend Feuerlicht geduldet, Mir sei schon recht, und wer gesät der mähe: Herr, gib mir, daß ich sehe! Herr, wie du willst, geschehe! Doch nicht von deinem Antlitz will ich gehen; In diesen Tagen wo die Nacht regieret, Will ich allein in deinem Tempel stehen Von ihrem kalten Zepter unberühret, Ob ich den Funken deiner Huld erspähe. Herr, gib mir, daß ich sehe! Daß mich dein Glanz umwehe, Das fühl' ich wohl durch alle meine Glieder, Die sich in schauderndem Verlangen regen. O milder Herr, sieh mit Erbarmen nieder! Kann ein unendlich Flehn dich nicht bewegen? Ob auch der Hahn zum dritten Male krähe, Herr, gib mir, daß ich sehe! Am Aschermittwochen Auf meiner Stirn dies Kreuz Von Asche grau! O schnöder Lebensreiz, Wie bist du schlau, Uns zu betrügen! Mit Farben hell und bunt, Mit weiß und rot, Deckst du des Moders Grund, Dann kömmt der Tod Und straft dich Lügen! Und wer es nicht bedacht Und wohl gewußt, Sein Leben hingelacht In eitler Lust, Der muß dann weinen, Er achtet nicht was lieb, Und was ihm wert, Das flieht ihn wie ein Dieb, Fällt ab zu Erd' Und zu Gebeinen. Was schmückt sich denn so hold In bunter Seid'? Was tritt einher in Gold Und Perlgeschmeid'? O Herr, ich hasche Nach allem was nicht gut, Nach Wahn und Traum, Und hänge Erd' und Blut Und Meeresschaum Um bunte Asche! Was wird so heiß geliebt? Was legt in Band, Ob's gleich nur Schmerzen gibt, Sinn und Verstand? O Herr verzeihe! Die Seele minnt man nicht, Die edle Braut, Und wagt um ein Gesicht, Aus Staub gebaut, Die ew'ge Reue! Stellt ein Geripp' sich dar Vor meinem Blick, So sträubt sich mir das Haar, Ich fahr' zurück Vor dem, was ich einst bleibe, Und werd' es selber noch, Und weiß es schon, Und trag' es selber doch Zu bitterm Hohn Im eignen Leibe! Fühl' ich des Pulses Schlag In meiner Hand, Worüber sinn' ich nach? O leerer Tand: Ob ich gesunde! Und denke nicht betört, Daß für und für Ein jeder Pulsschlag zehrt Am Leben mir, Schlägt Todeswunde! Du schnöder Körper, der Mich oft verführt, Mit Welt und Sünde schwer Mein Herz gerührt, Noch hast du Leben! Bald liegst du starr wie Eis, Der Würmer Spott, Den Elementen preis; O, möge Gott Die Seele heben! An ersten Sonntage in der Fasten Ev.: Von der Versuchung Christi. »Sprich, daß diese Steine Brode werden! Laß dich deine Engel niedertragen! Sieh die Reiche dieser ganzen Erden! Willst du deinem Schöpfer nicht entsagen?« Dunkler Geist, und warst du gleich befangen, Da du deinen Gott und Herrn versucht, Ach, in deinen Netzen zahllos hangen Sie, verloren an die tück'sche Frucht; Ehrgeiz, Hoffart, dieser Erde Freuden, Götzen, denen teure Seelen sterben – O, mein Gott, laß mich nicht ewig scheiden, Laß mich selber nicht den Tod erwerben! Ganz verwirrt, weiß ich mich nicht zu fassen, Drohend schwankt um mich der falsche Grund; Ach, der eignen schwachen Kraft gelassen, Tret' ich sinnlos in den offnen Schlund! Jesu mein, zu dir steigt auf mein Flehen, Auf der Kreuzesleiter meine Stimme! Du berührst die Meere, sie vergehen, Und die Berge rauchen deinem Grimme, Doch mit tausend Himmelszweigen blühet Dein unendlich Gnadenwort empor: »Du verlöschest nicht den Docht der glühet Und zerbrichst nicht das geknickte Rohr.« Herr, ich bin ein arm und kaum noch glühend Döchtlein am Altare deiner Gnade, Sieh, mich löscht ein mattes Lüftchen fliehend, Mich ein Tropfen von der Welt Gestade! Ach, wenn nicht in meinem Herzen bliebe Nur ein einzig leuchtend Pünktlein noch, Jener heiße Funken deiner Liebe, Wie so ganz erstorben wär' ich doch! Herr, du hast vielleicht noch viel beschlossen Für dies kurze ruhelose Leben, Ob ich soll in Qualen hingegossen, Ob ich soll in allen Freuden weben: Darf ich wählen, und will Lust mich trennen, Brenne mich in Leidensflammen rein! O, die Not lehrt deinen Namen nennen! Doch die Ehre steht so gern allein. Lauscht vielleicht verborgen eine Spitze In dem Lob, das mir die Menschen bringen, Daß ich noch die letzte Kraft besitze, Dich zu rühmen, deinen Preis zu singen, Sind auch hier die Netze aufgeschlagen, Wo der Mund zu deiner Ehre schafft! Und ich wär' zu schwach das Lob zu tragen, Und es bräche meine letzte Kraft! Herr du weißt, wie trüb in meiner Seele, Wie verloren die Gebete stehen, Daß ich möchte wie um große Fehle Büßen, daß ich es gewagt zu flehen, Mein Gebet ist wie von einem Toten, Ist ein kalter Dunst vor deinem Thron; Herr, du hast es selber mir geboten! Und du hörtest den verlornen Sohn. Laß mich, Herr, es immerdar empfinden, Wie ich tief gesunken unter allen, Laß mich nicht zu allen meinen Sünden Noch in frevelhafte Torheit fallen! Meine Pflichten stehen über vielen, Unter allen meiner Tugend Kraft, Ach, ich mußte wohl die Kraft verspielen In dem Spiel mit Sünd' und Leidenschaft! Willst du mehr der Erdengüter schenken, Soll ich die besessenen verlieren, Laß in Lust und Jammer mich bedenken, Was der fremden Armut mag gebühren! Trag' ich alles Erdenglück zu Grabe, Es ersteht vielleicht unsterblich mir, Wenn ich treulich meine arme Habe In Entbehrung teile für und für. Selber kann ich diesen Kampf nicht wagen, Deine Gnaden hab' ich all' verloren, Wenn du mich verläßt, ich darf nicht klagen, Hab' ich doch die Finsternis erkoren, Hoffart, Ehrgeiz, dieser Erde Freuden; O mein Jesu, ziehe mich zurück! Ach, was hab' ich denn um sie zu meiden, Als zu dir den angsterfüllten Blick! Am zweiten Sonntage in der Fasten Ev.: Vom kananäischen Weibe. Liebster Jesu, nur Geduld! Wie ein Hündlein will ich spüren Nach den Brocken deiner Huld, Will mich lagern an die Türen, Ob von deinen Kindern keines Mir ein Krüstlein reichen will, Hungerglühend, doch in meines Tiefen Jammers Kunde still. Um Geduld fleh ich zu dir! Denn ich muß in großen Peinen Einsam liegen vor der Tür, Wenn von deinen klaren Weinen, Deinen lebensfrischen Gaben Mir der Duft hinüber zieht: Ach, ein Tropfen kann mich laben, Meine Zunge ist verglüht! Weil ich fast in meiner Pein Schaue wie aus Kindesaugen, Meinen oft die Diener dein, Daß ich mag zum Gaste taugen; In Erbarmen ganz vermessen, Reichen sie die Schüsseln hin, Doch ich will es nicht vergessen, Daß ich wie ein Hündlein bin. O, zum allergrößten Heil Muß es mir bei dir gereichen, Daß dir, o mein einzig Teil! Nichts an Langmut zu vergleichen, Denn es will mir öfters fahren Durch die Glieder wie ein Blitz, Deinen Kindern mich zu paaren, Rasch erringend einen Sitz. Kann ich dir, du Rächer groß, Doch in Ewigkeit nicht lügen, Und mir würd' ein schmählich Los, So die Diener dein zu trügen: Weil mir weich die Augen brennen In der ungestillten Lust, Ich mich will ein Kindlein nennen, Mit der schuldgebrochnen Brust. Wie ein Hündlein bin ich nur, Und so will ich nimmer weichen, Fest auf deiner Kinder Spur, Ob sie mir den Bissen reichen, Wenn die Sonne aufgegangen, Wenn sie blutet in den Tod, Will an ihrem Munde hangen, So du reichst das Abendbrot. Ist es deinen Kindern recht, Nur ein Krüstlein mir zu spenden, Wohl, es ist mir nichts zu schlecht, Kömmt von übermilden Händen, Birgt sich reiche Nahrung drinnen, Nur in ernster Glut erstarrt. Ach, und meinen stumpfen Sinnen Wär' ein Kiesel nicht zu hart! O, es ist ein bittres Los, Wer ein lieber Gast gewesen, Um die eignen Sünden groß Nun die Brocken aufzulesen! Nicht um des Gerichtes Strenge, Das mir noch dereinstens dräut, Nein, im eigenen Gedränge Inniger Versunkenheit. Daß um meiner Sehnsucht Brand Neu die Sinne mir gegeben, Aber nicht so lang ein Band Leib und Seele hält umgeben, Darauf ruht mein einzig Hoffen, Und so leb' ich langsam hin, Meine Sinne stehen offen, Aber ihnen fehlt der Sinn. Muß in Qual das Morgenrot, Muß das Abendlicht mich sehen, O wie lieblich ist der Tod! Und um seinen Trost zu flehen Darf mich dennoch nicht erkühnen, Wie er winkt, so lockend mild, Denn ich muß unendlich sühnen, Und das Leben ist mein Schild. Am dritten Sonntage in der Fasten Ev.: Jesus treibt den Teufel aus. »Mein Nam' ist Legion, denn unserer sind viele,« So spricht der finstre Geist: Sein Nam' ist Legion, weh mir, daß ich es fühle! Daß es mich zittern heißt! Wo kindlich dem Gemüt in Einfalt und Vertrauen Nichts als sein Jesu kund, Da kann der Finstre nicht die wirren Höhlen bauen Im einfach lichten Grund; Doch du, mein schuldvoll Herz, in deinem eitlen Wissen, In deinem irren Tun, Wie sind dir tausend brand'ge Stellen aufgerissen! Worin die Nacht kann ruhn; Und raff' ich mich empor, und will ich mich erkühnen Zu heil'gen Namens Schall, O, könnte nicht vielleicht mein guter Wille dienen Zu neuem schwerem Fall! Denn daß die Welt mich nicht, die Menschen mich nicht kennen, Die gleißend wie das Meer, Daß sie mich oft sogar noch hell und freudig nennen, Das senkt unendlich schwer! Mich kennen muß die Welt, ich muß Verachtung tragen, Wie ich sie stets verdient, Ich Wurm, der den, den Engel kaum zu nennen wagen, Zu preisen mich erkühnt! Laß in Zerknirschung mich, laß mich in Furcht dich singen, Mein Heiland und mein Gott! Daß nicht mein Lied entrauscht, ein kunstvoll sündlich Klingen, Ein Frevel und ein Spott. Ach wer so leer wie ich in Worten und in Werken, An Sinnen so verwirrt, Des Lied kann nur des Herrn barmherzig Wunder stärken, Daß es zum Segen wird. Ist nicht mein ganzer Tag nur eine Reihe Sünden? Muß oft in Traumeswahn, Oft wachend die Begier nicht zahllos Wege finden, Nur nie die Himmelsbahn! Tönt nicht der Kampfgesang der Lust von allen Seiten? Und bringt er nicht den Sieg? Ist nicht mein Leben nur ein flüchtig kraftlos Streiten? Ein schmachbedeckter Krieg! Und mein' ich eine Zeit, daß ich den Sieg errungen, Weil die Begierde schwand, Da bin ich ausgeschlürft, wie von Empusenzungen, Wie eine tote Hand! Und ist mir's eine Zeit, als will das Leben ziehen Ins Herze gar erstarrt, Da muß mit ihm zugleich der Übermut entglühen, Der eines Hauchs geharrt. Und wird mir's endlich klar, umsprüht von Leidensfunken, Wie klein, wie nichts ich bin, Da bin ich ausgebrannt, zu Asche eingesunken, Verglüht an Geist und Sinn. Das hast du selber dir, du schuldvoll Herz, zu danken, Mein Jesu lieb und traut! Wärst du nur irgend treu, er würde nimmer wanken Von der geliebten Braut. Doch, daß du schlummernd läßt durch alle Tore ziehen Den grausen Höllenbund, Daß überall für ihn die Siegeskränze blühen Aus deinem eignen Grund, Daß du dich töricht wähnst in vollem hellem Laube, Du armer dürrer Zweig! Daß du, indes der Feind frohlockt in deinem Raube, Dich herrlich wähnst, und reich: Das ist warum du stirbst, daß du in Wahnes Gluten Nicht kennst den eignen Schmerz, O, fühltest du dich selbst aus allen Adern bluten, Du töricht frevelnd Herz! So schaue deine Not! noch fielen nicht die Schranken Der dunklen Ewigkeit. »Sein Nam' ist Legion«, o fasse den Gedanken! Es ist die letzte Zeit! Am vierten Sonntage in der Fasten (Josefsfest) Gegrüßt in deinem Scheine, Du Abendsonne reine, Du alter Lilienzweig! Der du noch hast getragen In deinen grauen Tagen So mildes Blütenreich! Je mehr es sich entfaltet, Zum Ehrenkranz gestaltet, Der deine Stirn umlaubt: Je mehr hast du geneiget, In Ehrfurcht ganz gebeuget Dein gnadenschweres Haupt. Wie ist zu meinem Frommen Dein freundlich Fest gekommen In diese ernste Zeit? Ich war fast wie begraben: Da kömmst du mich zu laben Mit seltner Freudigkeit. Zu dir will ich mich flüchten, Mein scheues Leben richten, O Josef, milder Hauch! Du hast gekannt die Fehle In deiner starken Seele, Und die Vergebung auch! Was hast du nicht geduldet, Da in geheim verschuldet Maria dir erschien? Und konntest ihr nicht trauen, Worauf die Himmel bauen, Und hast ihr doch verziehn! Und da du mußtest scheiden Mit deinen lieben beiden: Wie groß war deine Not! Die Wüste schien dir lange; Doch war vom Untergange Dein liebes Kind bedroht. Und da er glanzumkrönet: Wie bist du nicht gehöhnet Um seine Gotteskraft! Wie mag, den Groll zu laben, Dich nicht gelästert haben Die arge Priesterschaft! Und gar, wenn gottdurchdrungen Dich grüßten fromme Zungen Und priesen laut und weit: Wie hast du nicht in Zagen An deine Brust geschlagen In deiner Sündlichkeit! So hast du viel getragen, Unendlich viele Plagen, Mit freundlicher Geduld, Und ist in all den Jahren Manch Seufzer dir entfahren Und manche kleine Schuld. Du frommer Held! im Glauben, Den schrecklich dir zu rauben Sich alle Welt verband: Hast können nicht erhalten Ein unbeflecktes Walten An deines Jesu Hand. Was soll ich denn nicht hoffen, Da noch der Himmel offen, Und meine Seele still? Will sich die Gnade nahen: Ich kann sie wohl empfahen, So Gott mir helfen will. Zerrissen in den Gründen Bin ich um meine Sünden, Und meine Reu' ist groß. O hätt' ich nur Vertrauen, Die Hütte mein zu bauen In meines Jesu Schoß! Am fünften Sonntage in der Fasten Ev.: Die Juden wollen Jesum steinigen. Die Propheten sind begraben! Abraham ist tot! Millionen, Greis' und Knaben, Und der Mägdlein rot, Viele, die mir Liebe gaben, Denen ich sie bot, Alle, alle sind begraben! Alle sind sie tot! Herr, du hast es mir verkündet, Und dein Wort steht fest, Daß nur der das Leben findet, Der das Leben läßt. Ach, in meiner Seele windet Es sich dumpf gepreßt; Doch, du hast es mir verkündet, Und dein Wort steht fest! Aber von mir selbst bereitet, Leb' ich oft der Pein, Alles scheint mir wohl geleitet, Und der Mensch allein, Der dein Ebenbild bedeutet, Jammervoll zu sein: Sieh, so hab' ich mir bereitet Namenlose Pein. Hab' ich grausend es empfunden, Wie in der Natur An ein Fäserchen gebunden, Eine Nerve nur, Oft dein Ebenbild verschwunden Auf die letzte Spur: Hab' ich keinen Geist gefunden, Einen Körper nur! Seh ich dann zu Staub zerfallen, Was so warm gelebt, Ohne daß die Muskeln wallen, Eine Nerve bebt, Da die Seele doch an allen Innig fest geklebt, Möcht' ich selbst zu Staub zerfallen, Daß ich nie gelebt! Schrecklich über alles Denken Ist die dumpfe Nacht, Drin sich kann ein Geist versenken, Der allein gedacht, Der sich nicht von dir ließ lenken, Helle Glaubensmacht! Ach, was mag der Finstre denken Als die finstre Nacht! Meine Lieder werden leben, Wenn ich längst entschwand, Mancher wird vor ihnen beben, Der gleich mir empfand. Ob ein andrer sie gegeben, Oder meine Hand! Sieh, die Lieder durften leben, Aber ich entschwand! Bruder mein, so laß uns sehen Fest auf Gottes Wort, Die Verwirrung wird vergehen, Dies lebt ewig fort! Weißt du wie sie mag entstehen Im Gehirne dort? Ob wir einst nicht lächelnd sehen Der Verstörung Wort, Wie es hing an einem Faden, Der zu hart gespannt, Mit entflammten Blut beladen Sich der Stirn entwand? Flehen wir zu Gottes Gnaden! Flehn zu seiner Hand, Die die Fädchen und die Faden Liebreich ausgespannt. Am Feste Mariä Verkündigung Ja, seine Macht hat keine Grenzen, Bei Gott unmöglich ist kein Ding! Das soll mir wie mein Nordlicht glänzen, Da meine Sonne unterging. Und wie auf blauen Eises Küsten Steh ich zu starrer Winterzeit, Wie soll ich noch das Leben fristen! Ach, keine Flamme weit und breit! Doch sieh! wer winkt' dem milden Lenzen? Daß er die tote Erd' umfing. Ja seine Macht ist ohne Grenzen! Bei Gott unmöglich ist kein Ding! O sehet, wie von warmen Zähren Der Erde hartes Herz zerquillt, Wie sie, die Blumen sein zu nähren, Mit Tau die grauen Wimper füllt! Auch in die längsterstorbnen Äste Gießt sich ein Leben wunderbar, Und alle harren seiner Gäste, Der Blätter lebensfroher Schar. Was soll ich denn der Hoffnung wehren? Daß meiner Zähren Flehn gestillt! Da ja sogar von warmen Zähren Der Erde hartes Herz zerquillt! Kannst du die Millionen Blätter Aus diesen toten Ästen ziehn, Und aus dem ausgebrannten Wetter Der Lavafelsen frisches Grün: Was soll mein Herz zu hart dir scheinen? Wo doch der gute Wille brennt, Das sich dir glühend möchte einen! Wenn es sich starrend von dir trennt. Und soll nicht, mein allmächt'ger Retter, Auch mir ein farblos Kraut entblühn! Da du die Millionen Blätter Kannst aus den toten Ästen ziehn. O, möchte nur die Demut keimen! Vertrocknet ist die Herrlichkeit, Wohl durft' ich sonst mir andres träumen, Doch wie ein Blitz ist jene Zeit. Zwar kann ich mich in Reue sehnen, Ich kann verwerfen meine Tat, Doch nicht erfrischen meine Tränen, Sie fallen sengend auf die Saat, Und Frost und Hitze muß sich reimen, Daß keine Blume mir gedeiht: O möchte nur die Demut keimen, Vertrocknet ist die Herrlichkeit! So ist doch von den Blumen allen Marienblümlein milder Art; Die Blätter erst, die Flocken fallen, Doch freudig blüht es fort und zart. Wenn sich des Winters Stürme brechen, Gleich blickt es freundlich durch den Schnee, Und naht der Lenz in Regenbächen, Da steht es in dem kalten See. O könnt' ich gläubig niederfallen! Bis mir das Blümlein offenbart, Es ist ja von den Blumen allen Marienblümlein milder Art. Doch wie das Volk einst vor den Schranken Um Horebs gottgeweihte Höhn, So fliehen bebend die Gedanken, Da sie dies reine Bild erspähn. Was seh ich nur die Feuersäule? Und nicht die Gnade Gottes drin! Daß unermeßlich scheint die Steile, Und wie ein Abgrund, wo ich bin. O Jesus, laß aus diesem Schwanken Nur nicht das goldne Kalb entstehn! Wie jenem Volke vor den Schranken Um Horebs gottgeweihte Höhn. Und kann ich denn kein Leben bluten, So blut' ich Funken wie ein Stein! Ich weiß es, wo sie stille ruhten, Ich scheuchte sie in Schlummer ein, Da ich gesucht was Leben kündet. Doch hast du, Herr, mich ausersehn, Daß ich soll starr, doch festgegründet Wie deine Felsenmauern stehn: So brenne mich in Tatengluten, Wie den Asbest des Felsen, rein! Und kann ich dann kein Leben bluten, So blut' ich Funken wie ein Stein. Am Palmsonntage Der Morgentau will steigen, Sind denn die Palmen grün? Auf, laßt mit hellen Zweigen Uns ihm entgegenziehn! Er will in unser Haus, In unsre Kammern kommen; Schon ziehen rings die Frommen Mit Lobgesang heraus. Ich kann nicht mit euch gehen, Mir ist der Odem schwer; Die Kreuzesfahnen wehen, Ich folge nimmermehr. Wie wird so klar die Luft! O Jesu, süße Helle, Du kömmst in meine Zelle, In meine Modergruft! Was soll ich dir bereiten, Du wunderlicher Gast? Ich möchte dich verleiten Zu langer Liebesrast. Wohlan, ich schmücke dich, Will dich mit Blumen binden; Du sollst dich nicht entwinden, Das weiß ich sicherlich. Aus deiner Mutter Rechten Will ich um deinen Fuß Die reine Lilie flechten Mit demutsvollem Gruß. Daß ich dich feßle ganz Mit Liebesblumenringen, Will um dein Haupt ich schlingen Den heil'gen Rosenkranz. Den Boden will ich streuen Mit Palmen ganz und gar, Mein Leiden dir zu weihen, Was ich in diesem Jahr Oft still, oft schwerer trug. Es liegt zu deinen Füßen, Es soll mich nicht verdrießen, Dein Will' ist mir genug. Wie soll ich mich doch finden In deine Liebesmacht, Daß du an meine Sünden So gar nicht hast gedacht! Ich lasse nicht von dir, Mußt du gleich wieder scheiden; Ich fühl' es wohl in Freuden, Du kömmst noch oft zu mir. Am Montage in der Karwoche Ev.: Vom verdorrten Feigenbaume. Wie stehst du doch so dürr und kahl, Die trocknen Adern leer, O Feigenbaum! Ein Totenkranz von Blättern fahl Hängt rasselnd um dich her, Wie Wellenschaum; O Mensch! ich muß hier stehn, ich muß Dich grüßen mit dem Todesgruß, Daß du das Leben fassest, Es nicht entlassest. Wie halt' ich denn das Leben fest, Daß es mir nicht entrinnt, O Feigenbaum! O Mensch! der Wille ist das Best', Die wahre Treu' gewinnt. Hältst du im Zaum Die Hoffart und die Zweifelsucht, Die Lauheit auch in guter Zucht: Muß dir in diesem Treiben Das Leben bleiben. Wie bist du denn so völlig tot, So ganz und gar dahin, O Feigenbaum! O Mensch! wie üpp'ges Morgenrot Ließ ich mein Leben ziehn Am Erdensaum, Und weh! und dachte nicht der Frucht. Da hat mich Gott der Herr verflucht, Daß ich muß allem Leben Ein Zeugnis geben. Wer hat dir solches zubereit' Durch heimlichen Verrat, O Feigenbaum! O Mensch! des Herren Aug' sieht weit, Es sieht des Würmleins Pfad In Blattes Flaum; Ihm kannst du nichts entdecken, noch Entziehn, er sieht und weiß es doch; Es lag schon auf der Waage Am ersten Tage. Du starbest wohl vor langer Zeit, Weil du so dürr und leer, O Feigenbaum! O Mensch! des Herren Hand reicht weit, Und ist so schnell und schwer, Du siehst es kaum. Er nimmt dir seines Lebens Hauch: Du mußt vergehn wie Dunst und Rauch; Er braucht nicht Wort noch Stunden, Du bist verschwunden. Wo bleibt denn seine große Huld, Was fruchtet denn die Reu' O Feigenbaum! O Mensch! gedenk an deine Schuld, Gedenk an seine Treu'. Schau, in den Raum Hat er mich gnadenvoll gestellt, Daß ich durch seine weite Welt Aus meines Elends Tiefe Dir warnend riefe. Steht denn kein Hoffen mehr bei dir, Kein Hoffen in der Not, O Feigenbaum! O Mensch! kein Hoffen steht bei mir, Denn ich bin tot, bin tot! O Lebenstraum! Hätt' ich dein schweres Sein gefühlt, Hätt' ich nicht frech mit dir gespielt: Ich stände nicht gerichtet, Weh mir, vernichtet! Am Dienstage in der Karwoche Ev.: Von der Nächstenliebe. »Gleich deiner eignen Seelen Sollst du den Nächsten lieben!« O Herr, was wird noch fehlen, Bevor dein Wort erfüllt! So muß denn all mein Denken Mich rettungslos betrüben; Wie sich die Augen lenken, Steht nur der Torheit Bild. Mein Herr, ich muß bekennen, Daß wenn in tiefsten Gründen Oft meine Sünden brennen, Mich diese nie gequält. So ist denn all den Flecken, Die meine Brust entzünden, Des Übermutes Schrecken Noch tötend beigezählt! Und hast du mich verlassen, Mein rügendes Gewissen, Weil ich dich wie zu hassen In meinen Ängsten schien? O schärfe deine Qualen! Und laß mich ganz zerrissen, Bedeckt mit blut'gen Malen, Vor Gottes Augen glühn! Sprich! wolltest du mich trügen? Und kann der Heller Klingen Dein feiles Wort besiegen? Die ich der Armut bot. O Gold, o schnöde Gabe! Die alles soll erringen, So trägst du mir zu Grabe Mein Letztes in der Not! Wie oft drang die Versteckte, Die Sinnlichkeit, zu spenden, Wenn mich ein Antlitz schreckte, Vom Elend ganz verzerrt, Und mußt' es bald entrinnen Den arbeitlosen Händen, Den ratlos irren Sinnen, In Jammer ausgedörrt. O Gold, o schnöde Gabe! Wie wenig magst du frommen, Magst läuten nur zu Grabe Das letzte Gnadenwehn. So hast du sondergleichen Die Liebe mir genommen, Daß ich kann lächelnd reichen, Wo Gottes Kinder sehn. Ihr Sinne, sprecht ihr scheuen, Was habt ihr euch entzogen? Muß euch nicht alles freuen? Was mich nur freuen mag! In flatterndem Verlangen Habt ihr die Lust gesogen, Indes die Not vergangen An eurem Jubeltag! So hab' ich deine Pfunde In Frevelmut vergeudet, Und für der Armut Wunde War mir ein Heller gut! Das wird an mir noch zehren, Wenn Leib und Seele scheidet, Wird kämpfen, mir zu wehren Den letzten Todesmut. Ich müßte wohl verzagen, Ich habe viel verbrochen, Doch da du mich getragen, Mein Gott, bis diesen Tag, Wo meiner Seele Grauen In fremder Kraft gebrochen, Wie soll sie dem nicht trauen! Der ihre Bande brach. Am Mittwochen in der Karwoche Ev.: Von der Auferstehung der Toten. Wohl, so will ich vorwärts gehen Mit der schwergepreßten Brust, Wird doch alles mir bewußt, Wenn die Toten auferstehen. Und so lange muß ich tragen, Dies ist meine größte Not, All die übermut'gen Fragen, Die mich drücken in den Tod: Wie ein Leib, der längst entfaltet Durch der Pflanze mildem Saft, In erneuter Lebenskraft In den zweiten Leib gestaltet, Wie er wieder mag erscheinen, Von dem andern unverwehrt, Der ihn trug in den Gebeinen, Und vom dritten längst verzehrt; Was vom Guten, was vom Bösen In der Seele mannigfalt; Wie die heiligste Gewalt Sich in Erdenlust will lösen; Daß in jenen zarten Stunden, Wo wir wie mit Gott vereint, Uns am schwächsten oft gefunden Jener ewig rege Feind; Und noch viele andre Dinge, Die mir nicht zu wissen not Und mich drücken in den Tod. Ach, dem Frommen gar geringe! Doch in meinem leeren Herzen Sonder Wahrheit, sonder Rast, Lagern sie zu dumpfen Schmerzen Eine spitze Felsenlast. Herr, ich kann sie nicht verbannen, Nur verschließen, fest und treu; Und das Leben rauscht vorbei, Und dein Tag treibt sie von dannen! Sieh, so kann ich gläubig sagen, Aber meine Seele steht, Wenn der Tag von allen Tagen Furchtbar mir vorübergeht. Wie wenn in beklemmter Schwüle Eine schwarze Wolkenmacht Schwärzer dunkelt durch die Nacht, Daß wir um des Wetters Kühle Flehn mit allen seinen Schrecken, Liegt in deiner Ewigkeit, Wie ein heißer dunkler Flecken, Jene namenlose Zeit. Aber wie mit Eisenketten Schließ' ich meine Augen fest, An die Felsenwand gepreßt, Vor dem Schwindel mich zu retten, Und so will ich vorwärts gehen Mit der schwerbeladnen Brust, Wenn die Toten auferstehen, Wird doch alles mir bewußt. Am Grünendonnerstage Ev.: Von der Fußwaschung. O Wundernacht, ich grüße! Herr Jesus wäscht die Füße, Die Luft ganz stille stand, Man hört den Atem hallen Und wie die Tropfen fallen Von seiner heil'gen Hand. Da Jesus sich tut beugen, Ins tiefe Meer sich neigen Wohl Inseln diesem Gruß. Ist er so tief gestiegen, So muß ich ewig liegen Vor meines Nächsten Fuß. Herr, ob sich gleich betöret Die Seele mein empöret Vor aller Niedrigkeit, Daß ich vielmehr mein Leben In Qualen aufzugeben Für deinen Ruhm bereit: So gib, daß ich nicht klage, Wenn du in meine Tage Hast alle Schmach gebannt, Laß brennen meine Wunden, So du mich stark befunden Zu solchem harten Stand! O Gott, ich kann nicht bergen, Wie angst mir vor den Schergen, Die du vielleicht gesandt, In Krankheit oder Grämen Die Sinne mir zu nehmen Zu töten den Verstand! Es ist mir oft zu Sinnen, Als wolle schon beginnen Dein schweres Strafgericht, Als dämmre eine Wolke, Doch unbewußt dem Volke, Um meines Geistes Licht. Doch wie die Schmerzen schwinden, Die mein Gehirn entzünden, So flieht der Nebelduft, Und mit geheimem Glühen Fühl' ich mich neu umziehen Die frische starke Luft. Mein Jesu, darf ich wählen, Ich will mich lieber quälen In aller Schmach und Leid, Als daß mir so benommen, Ob auch zu meinem Frommen, Die Menschenherrlichkeit. Doch ist er so vergiftet, Daß es Vernichtung stiftet, Wenn er mein Herz umfleußt, So laß mich ihn verlieren, Die Seele heimzuführen, Den reichbegabten Geist. Hast du es denn beschlossen, Daß ich soll ausgegossen Ein tot Gewässer stehn Für dieses ganze Leben, So will ich denn mit Beben An deine Prüfung gehn. Am Karfreitage Weinet, weinet, meine Augen, Rinnt nur lieber gar zu Tränen, Ach, der Tag will euch nicht taugen, Und die Sonne will euch höhnen! Seine Augen sind geschlossen, Seiner Augen süßes Scheinen. Weinet, weinet unverdrossen, Könnt doch nie genugsam weinen! Als die Sonne das vernommen, Hat sie eine Trauerhülle Um ihr klares Aug' genommen, Ihre Tränen fallen stille. Und ich will noch Freude saugen Aus der Welt, der hellen, schönen? Weinet, weinet meine Augen, Rinnt nur lieber gar zu Tränen! Still, Gesang und alle Klänge, Die das Herze fröhlich machen! »Kreuz'ge, kreuz'ge!« brüllt die Menge, Und die Pharisäer lachen. Jesu mein, in deinen Schmerzen Kränkt dich ihre Schuld vor allen; Ach, wie ging es dir zu Herzen, Daß so viele mußten fallen! Und die Vöglein arm, die kleinen, Sind so ganz und gar erschrocken, Daß sie lieber möchten weinen, Wären nicht die Äuglein trocken; Sitzen traurig in den Zweigen, Und kein Laut will rings erklingen. Herz, die armen Vöglein schweigen, Und du mußt den Schmerz erzwingen! Weg mit goldenen Pokalen, Süßem Wein vom edlen Stamme! Ach, ihn sengt in seinen Qualen Noch des Durstes heiße Flamme! Daß er laut vor Schmerz muß klagen, Erd und Himmel muß erbleichen, Da die Henkersknecht' es wagen, Gall' und Essig ihm zu reichen! Weiche Polster, seidne Kissen, Kann mir noch nach euch verlangen, Da mein Herr, so gar zerrissen. Muß am harten Kreuze hangen? O wie habt ihr ihn getroffen, Dorn und Nagel, Rut' und Spieße! Doch das Schuldbuch liegt ja offen, Daß sein heilig Blut es schließe. In der Erde alle Toten Fahren auf wie mit Entsetzen, Da sie mit dem heil'gen, roten Blute sich beginnt zu netzen. Können nicht mehr ruhn die Toten, Wo sein köstlich Blut geflossen; Viel zu heilig ist der Boden, Der so teuren Trank genossen. Er, der Herr in allen Dingen, Muß die eigne Macht besiegen, Daß er mit dem Tod kann ringen, Und dem Tode unterliegen. Gänzlich muß den Kelch er trinken, Menschenkind, kannst du's ertragen? Seine süßen Augen sinken, Und sein Herz hört auf zu schlagen. Als nun Jesu Herz tut brechen: Bricht die Erd' in ihren Gründen, Bricht das Meer in seinen Flächen, Bricht die Höll' in ihren Schlünden, Und der Felsen harte Herzen Brechen all mit lautem Knalle. Ob in Wonne, ob in Schmerzen? Bricht's der Rettung, bricht's dem Falle? Und für wen ist denn gerungen In den qualenvollen Stunden, Und der heil'ge Leib durchdrungen Mit den gnadenvollen Wunden? Herz, mein Herz, kannst du nicht springen Mit den Felsen und der Erde, Nur, daß ich mit blut'gen Ringen Neu an ihn gefesselt werde? Hast du denn so viel gegeben, Herr, für meine arme Seele? Ist ihr ewig, ewig Leben Dir so wert trotz Schuld und Fehle? Ach, so laß sie nicht gefunden Sein, um tiefer zu vergehen! Laß sie deine heil'gen Wunden Nicht dereinst mit Schrecken sehen! Am Karsamstage Tiefes, ödes Schweigen, Die ganze Erd' wie tot! Die Lerchen ohne Lieder steigen, Die Sonne ohne Morgenrot. Auf die Welt sich legt Der Himmel matt und schwer, Starr und unbewegt, Wie ein gefrornes Meer. O Herr, erhalt' uns! Meereswogen brechen, Sie toben sonder Schall; Nur die Menschenkinder sprechen, Doch schaurig schweigt der Widerhall. Wie versteinet steht Der Äther um uns her; Dringt wohl kein Gebet Durch ihn zum Himmel mehr. O Herr, erhalt'uns! Sünden sind geschehen, Für jedes Wort zu groß, Daß die Erde müßt' vergehen, Trüg' sie nicht Jesu Leib im Schoß. Noch im Tod voll Huld Erhält sein Leib die Welt, Daß in ihrer Schuld Sie nicht zu Staub zerfällt. O Herr, verschon' uns! Jesus liegt im Grabe, Im Grabe liegt mein Gott! Was ich von Gedanken habe, Ist doch dagegen nur ein Spott. Kennt in Ewigkeit Kein Jesus mehr die Welt? Keiner der verzeiht, Und keiner der erhält? O Herr, errett' uns! Ach, auf jene Frommen, Die seines Heils geharrt, Ist die Glorie gekommen Mit seiner süßen Gegenwart. Harrten seiner Huld: Vergangenheit die Zeit, Gegenwart Geduld, Zukunft die Ewigkeit. O Herr, erlös' uns! Lange, lange Zeiten In Glauben und Vertraun, Durch die unbekannten Weiten Nach unbekanntem Heil sie schaun. Dachten sich so viel, Viel Seligkeit und Pracht. Ach, es war wie Spiel, Von Kindern ausgedacht. O Herr, befrei' uns! Herr, ich kann nicht sprechen Vor deinem Angesicht! Laß die ganze Schöpfung brechen, Diesen Tag erträgt sie nicht. Ach, was naht so schwer, Ist es die ew'ge Nacht, Ist's ein Sonnenmeer, In tausend Strahlen Pracht? O Herr, erhalt' uns! Am Ostersonntage O, jauchze, Welt, du hast ihn wieder, Sein Himmel hielt ihn nicht zurück! O jauchzet! jauchzet! singet Lieder! Was dunkelst du, mein sel'ger Blick? Es ist zu viel, man kann nur weinen, Die Freude steht wie Kummer da; Wer kann so großer Lust sich einen, Der all so große Trauer sah! Unendlich Heil hab' ich erfahren Durch ein Geheimnis voller Schmerz, Wie es kein Menschensinn bewahren, Empfinden kann kein Menschenherz. Vom Grabe ist mein Herr erstanden, Und grüßet alle die da sein, Und wir sind frei von Tod und Banden, Und von der Sünde Moder rein. Den eignen Leib hat er zerrissen, Zu waschen uns mit seinem Blut, Wer kann um dies Geheimnis wissen, Und schmelzen nicht in Liebesglut! Ich soll mich freun an diesem Tage Mit deiner ganzen Christenheit, Und ist mir doch, als ob ich wage, Da Unnennbares mich erfreut. Mit Todesqualen hat gerungen Die Seligkeit von Ewigkeit, Gleich Sündern hat das Graun bezwungen Die ewige Vollkommenheit. Mein Gott, was konnte dich bewegen Zu dieser grenzenlosen Huld! Ich darf nicht die Gedanken regen Auf unsre unermeßne Schuld. Ach, sind denn aller Menschen Seelen Wohl sonst ein überköstlich Gut, Sind sie es wert, daß Gott sich quälen, Ersterben muß in Angst und Glut! Und sind nicht aller Menschen Seelen Vor ihm nur eines Mundes Hauch? Und ganz befleckt von Schmach und Fehlen, Wie ein getrübter dunkler Rauch? Mein Geist, o wolle nicht ergründen, Was einmal unergründlich ist; Der Stein des Falles harrt des Blinden, Wenn er die Wege Gottes mißt. Mein Jesus hat sie wert befunden In Liebe und Gerechtigkeit; Was will ich ferner noch erkunden? Sein Wille bleibt in Ewigkeit! So darf ich glauben und vertrauen Auf meiner Seele Herrlichkeit! So darf ich auf zum Himmel schauen, In meines Gottes Ähnlichkeit! Ich soll mich freun an diesem Tage: Ich freue mich, mein Jesu Christ, Und wenn im Aug' ich Tränen trage, Du weißt doch, daß es Freude ist! Am Ostermontage Ev: Von den Jüngern die nach Emmaus gingen. Herr, eröffne mir die Schrift, Deiner Worte Liebesmorgen, Daß er leis im Herzen trifft, Was gewißlich drin verborgen. Weiß es selber nicht zu finden, Bin doch aller Hoffnung voll, O, die Wolken werden schwinden! Wenn die Sonne scheinen soll. Soll der Glaube ferne sein? Da die Liebe nicht verloren! Da in Nächten stiller Pein Mir die Hoffnung neu geboren! Du, mein Gott der Huld und Treue, Den des Würmleins Krümmen rührt, Hättest du umsonst die Reue In dies starre Herz geführt! Nein, mein Herr, das hast du nicht, Deine Seelen sind dir teuer; Wo nur noch ein Fünklein spricht, Nahst du gern mit deinem Feuer. O, ich fühl' es wohl, wie leise Sich das neue Leben regt, An der Gnade zarte Speise Seine schwachen Lippen legt. Manches ist mir wunderbar, Manches muß mir dunkel scheinen, Doch in deiner Liebe klar Wird sich alles freudig einen. War der Nebel nur des Bösen, Was als Nacht mich zagen ließ: Wie sich meine Sünden lösen, Tret' ich aus der Finsternis. Herr, mit Tränen dank' ich dir Für dein übergnädig Walten, Daß du deinen Glauben mir In der Sünde vorenthalten: Ach, ich hätte wie im Grimme Neue Frevel nur erspäht! Bis mir des Gewissens Stimme Von dem Sturme überweht. Deine Gnad' ist weich und warm, Mag der Sorgfalt nicht entbehren, Und mein Herz war kalt und arm, Solchen zarten Gast zu nähren, Aber wie die Quellen springen, Losgerissen von dem Weh, Taucht sie sich mit milden Schwingen In den heißen roten See. Herr, ich habe viel geweint, Daß ich oft wie zu zergehen, In der Seelennot gemeint, Und wie ist mir heut geschehen? Daß ich gar so voll der Freuden, Und mich keine Angst bezwingt, Ob mir gleich das alte Leiden Riesig an die Seele dringt. Und bei deinem heil'gen Buch, Was mir heute fast wie offen, Denk' ich keinen einz'gen Fluch, Kann nur lieben, kann nur hoffen, Seh dich nur als Kindlein neigen, Alles lieblich, alles lind, Deine harten Worte schweigen, Und ich weiß nicht, wo sie sind. Das ist nur für diesen Tag, O, viel anders wird es kommen! Denn zu groß ist meine Schmach, Solche Lust kann ihr nicht frommen, Hast nur deinen Blitz gesendet, Daß nicht irr in meiner Pein Ich mich wieder zugewendet Dem verlaßnen Götzenhain. Du unendlich süßes Glück! Muß ich wieder dich verlieren, Laß mir nur dein Bild zurück, In dem Grolle mich zu rühren, Oder, Herr, soll dieser Stunde Überschwenglich Heil erstehn, O! so laß des Grolles Wunde Mir als Trauer offen gehn! Am ersten Sonntage nach Ostern Jesus geht durch verschlossene Türen, und spricht: »Der Friede sei mit euch!« Und hast du deinen Frieden denn gegeben An alle, die sich sehnen um dein Heil, So will ich meine Stimme auch erheben: Hier bin ich, Vater, gib auch mir mein Teil! Warum sollt' ich, ein ausgeschloßnes Kind, Allein verschmachtend um mein Erbe weinen? Warum nicht sollte deine Sonne scheinen, Wo doch im Boden gute Keime sind? Oft mein' ich zwar, zum Beten sei genommen Mir alles Recht, da es so trüb und lau; Mir könne nur geduldig Harren frommen, Und starrer Aufblick zu des Himmels Blau; Doch, Herr! der du dem Zöllner dich gesellt, O laß nicht zu, daß ich in Nacht verschwimme, Dem irren Lamme ruft ja deine Stimme, Und um den Sünder kamst du in die Welt. Wohl weiß ich, wie es steht in meiner Seelen, Wie glaubensarm, wie trotzig und verwirrt, Ach daß sich, daß sich manches mochte hehlen; Ich fühle, wie es durch die Nerven schwirrt, Und kraftlos folg' ich seiner trüben Spur. Mein Helfer, was ich nimmer mag ergründen, Du kennst es wohl, du weißt es wohl zu finden, Du bist der Arzt, ich bin der Kranke nur. Und hast du tief geschaut in meine Sünden, Wie nicht ein Menschenauge schauen kann; Hast du gesehn, wie in den tiefsten Gründen Noch schlummert mancher wüste, dunkle Wahn: Doch weiß ich auch, daß keine Trän' entschleicht, Die deine treue Hand nicht hat gewogen, Und daß kein Seufzer dieser Brust entflogen, Der dein barmherzig Ohr nicht hat erreicht. Du, der verschloßne Türen kann durchdringen, Sieh, meine Brust ist ein verschloßnes Tor, Zu matt bin ich die Riegel zu bezwingen; Doch siehst du, wie ich angstvoll steh davor. Brich ein! brich ein! o komm mit deiner Macht, Laß Liebe gelten, da gering der Glaube, O laß mich schauen deine Friedenstaube, Laß fallen deinen Strahl in meine Nacht! Nicht weich' ich, eh ich einen Schein gesehen, Und wär' er schwach wie Wurmes Flimmer auch; Und nicht von dieser Schwelle will ich gehen, Bis ich vernommen deiner Stimme Hauch, So sprich, mein Vater, sprich denn auch zu mir Mit jener Stimme, die Maria nannte, Als sie verkennend weinend ab sich wandte, O sprich: »Mein Kind, der Friede sei mit dir!« Am zweiten Sonntage nach Ostern Ev.: Vom guten Hirten. Ein guter Hirt läßt seine Schafe nimmer! O wehe, Hirt! den ein verkümmert Lamm Einst klagend nennen wird mit Angstgewimmer, Ein blutend wundes, eins voll Wust und Schlamm. Was willst du sagen? Schweig! Dein Wort ist tot, der Stirne Zeichen Kains gleich. Weh, Fürsten euch! die ihr des Volkes Seelen Gen Vorteil wägt und irdisches Gedeihn. Weh, Eltern! denen Kindes glänzend Fehlen Weit lieber ist als Einfalt sonder Schein. Ihr warbt euch das Gericht; Sprecht nicht von Ehre! eure kennt man drüben nicht! Hausväter, wehe! die ein dienend Wesen Nur an sich nahmen wie gedingten Leib; Unwürdig seid zu Hirten ihr erlesen Freundlosem Manne, unberatnem Weib. Habt ihr gewußt und schwiegt; Seht, jeder Flecken brandig an der Hand euch liegt! Und wehe, wehe allen! deren Händen Ward anvertraut ein überschwenglich Gut. Weh, Lehrer euch! die Herzen, leicht zu wenden, Vergiftet habt mit Hohn und Übermut. Die Pfund' euch vorgestreckt, Nicht wohl vergrubt ihr sie, habt sie mit Rost befleckt. Doch bist du frei? darfst du so kühn denn sprechen Das Bannwort über tausend Menschen aus? Wem Kron' und Macht, wem Haus und Hof gebrechen, Schließt ihn die Pflicht von ihren Schranken aus? Denk nach! schwer ist die Frag'; Um dein' und fremde Seele gilt's, denk nach! Wenn Kinderohr an deinen Lippen hänget, Wenn Kinderblick in deinen Augen liest, Wenn jedes kecke Wort, das vor sich dränget, Wie glühend Blei in zarte Ohren fließt: Bist du dann nicht der Hirt? Ist dein die Schuld nicht, wenn das arme Lamm verirrt? Und wenn ein schwach Gemüt, ein stumpfes Sinnen, Neugierig horcht auf jedes Wort von dir, Um alles möchte Gleichheit sich gewinnen, Aufzeichnet jede Miene mit Begier: O, spricht nicht dies Gesicht: Ich acht' auf dich, bei Gott verdirb mich nicht? Hast du mir Herr an diesem Tag erschlossen, Wem nie so ernst zuvor ich nachgedacht, So knie ich denn in Flehen hingegossen: Hier ist der Wille, gib mir nun die Macht! Der Sinn so rasch und leicht – Leg deine schwere Hand auf ihn, bis er entweicht! Gewitter kannst mit deinem Hauch du hemmen, Aus dürrem Sande Palmeninseln ziehn; O hilf auch mir den wilden Strom zu dämmen, Laß nicht an meiner Stirn das Kainszeichen glühn Und steht vielleicht es dort, Nimm meine Tränen Herr und lösch es fort! Am dritten Sonntage nach Ostern »Über ein kleines werdet ihr mich sehen.« Ich seh dich nicht! Wo bist du denn, o Hort, o Lebenshauch? Kannst du nicht wehen, daß mein Ohr es hört? Was nebelst, was verflatterst du wie Rauch, Wenn sich das Aug' nach deinen Zeichen kehrt? Mein Wüstenlicht, Mein Aaronsstab, der lieblich könnte grünen, Du tust es nicht; So muß ich eigne Schuld und Torheit sühnen! Heiß ist der Tag; Die Sonne prallt von meiner Zelle Wand, Ein traulich Vöglein flattert ein und aus; Sein glänzend Auge fragt mich unverwandt: Schaut nicht der Herr zu diesen Fenstern aus? Was fragst du nach? Die Stirne muß ich senken und erröten. O bittre Schmach! Mein Wissen mußte meinen Glauben töten. Die Wolke steigt, Und langsam über den azurnen Bau Hat eine Schwefelhülle sich gelegt. Die Lüfte wehn so seufzervoll und lau Und Angstgestöhn sich in den Zweigen regt; Die Herde keucht. Was fühlt das stumpfe Tier, ist's deine Schwüle? Ich steh gebeugt; Mein Herr berühre mich, daß ich dich fühle! Ein Donnerschlag! Entsetzen hat den kranken Wald gepackt. Ich sehe, wie im Nest mein Vogel duckt, Wie Ast an Ast sich ächzend reibt und knackt, Wie Blitz an Blitz durch Schwefelgassen zuckt; Ich schau ihm nach. Ist's deine Leuchte nicht, gewaltig Wesen? Warum denn, ach! Warum nur fällt mir ein was ich gelesen? Das Dunkel weicht; Und wie ein leises Weinen fällt herab Der Wolkentau; Geflüster fern und nah. Die Sonne senkt den goldnen Gnadenstab, Und plötzlich steht der Friedensbogen da. Wie? wird denn feucht Mein Auge, ist nicht Dunstgebild der Regen? Mir wird so leicht! Wie? kann denn Halmes Reibung mich bewegen? Auf Bergeshöhn Stand ein Prophet und suchte dich wie ich: Da brach ein Sturm der Riesenfichte Ast, Da fraß ein Feuer durch die Wipfel sich; Doch unerschüttert stand der Wüste Gast. Da kam ein Wehn Wie Gnadenhauch und zitternd überwunden Sank der Prophet, Und weinte laut und hatte dich gefunden. Hat denn dein Hauch Verkündet mir, was sich im Sturme barg, Was nicht im Blitze sich enträtselt hat? So will ich harren auch, schon wächst mein Sarg, Der Regen fällt auf meine Schlummerstatt. Dann wird wie Rauch Entschwinden eitler Weisheit Nebelschemen, Dann schau ich auch, »Und meine Freude wird mir niemand nehmen.« Am vierten Sonntage nach Ostern »Ich gehe zu dem, der mich gesandt hat.« Nicht eine Gnadenflamme hehr Vor deinem Volke soll ich gehn; Nein ein versteinert Leben schwer, Wie Sodoms Säule muß ich stehn, Und um mich her Die Irren träumend schwanken sehn. Und ob auch Öde mich umgiebt, Ob mich erstickt der Nebel fast, Mir Wirbelsand die Augen trübt, Doch weiß ich, daß mein Herz dich faßt, Daß es dich liebt, Und daß du mich gesendet hast. Den Lebenshauch halt' ich von dir, Unsterblich hast du mich gemacht; Nicht Glut, nicht Dürre schadet mir. Ich weiß, ich bin in deiner Wacht, Und muß ich hier Auch stehn wie ein Prophet der Nacht. Ich hebe meine Stimme laut, Ein Wüstenherold für die Not: Wacht auf ihr Träumer, aufgeschaut! Am Himmel steigt das Morgenrot. Nur aufgeschaut! Nur nicht zurück, dort steht der Tod! Nur aufgeschaut, nur nicht zurück! Laßt Menschenweisheit hinter euch! Sie ist der Tod, ihr schnödes Glück Ist übertünchtem Grabe gleich. O hebt den Blick! Der Himmel ist so mild und reich. Könnt' ich mein Auge heben nur, Mein steinern Auge zu dem Blau: Wie sög' ich aus der Himmelsflur So liebekrank den milden Tau! Doch hat Natur Und Schuld verschlossen mir die Brau'. Ob nimmer sich die Rinde hebt? Ach einmal, einmal muß es sein! Wenn Sodoms Säule sich belebt, Dann bricht auch meine Stunde ein, Wenn es durchbebt Den armen blutberaubten Stein! Dann soll ich wissen, was ich bin, Warum so todesstarr und satt; Dann weiß ich, was den klaren Sinn Getrieben zu der öden Statt; Dann knie ich hin Vor dem, der mich gesendet hat. Am fünften Sonntage nach Ostern »Ihr sollt in meinem Namen bitten.« – »Jetzt wissen wir, daß du alles weißt.« In seinem Namen darf ich beten, Er hat es selber mir gesagt, Mit seinem Gnadenstempel treten Vor ihren Schöpfer darf die Magd. O süßes Anrecht mir gegeben! O Zuversicht, die ihm entsprießt! Wie weiß ich heut von keinem Beben, Wo mich sein Sonnenschein umfließt! So tret' ich denn in Jesu Namen, Mein Schöpfer, vor dein Angesicht; Wo stehn die Blinden und die Lahmen, Dort ist mein Platz und mein Gericht. Und bin ich der Geringsten eine, Die knieen unter seinem Schild: Für alle, alle ist ja deine So überreiche Hand gefüllt. Vertrauend will ich zu dir nahen, Und spräch' auch Törichtes mein Mund, Nur Gnädiges werd' ich empfahen, Du wirst mir geben was gesund. Ob schwach und irrend die Gedanken, Vertrauend bring' ich sie dir dar; Und ziehen wirst du selbst die Schranken, Und treu mein Bestes nehmen wahr. Ich bitte nicht um Glück der Erden, Nur um ein Leuchten nun und dann, Daß sichtbar deine Hände werden, Ich deine Liebe ahnden kann; Nur in des Lebens Kümmernissen Um der Ergebung Gnadengruß: Dann wirst du schon am besten wissen, Wie viel ich tragen kann und muß. Auch nicht um Ruhm will ich dich bitten, Dem meine Schultern viel zu schwach; Nur in der Menschenstimmen Mitten Mir bleibe das Bewußtsein wach, Daß, wie die Meinung kreist und rennet, Doch einer ist, der nimmer irrt, Und jedes Wort, das ihn nicht kennet, Mich tausendfach gereuen, wird. Gesundheit! teures Erdenlehen, Ach! schmerzlich hab' ich dich entbehrt! Doch nur um dieses mag ich flehen: Die Seele bleibe ungestört; Daß nicht die wirbelnden Gedanken Der kranke Dunst bezwingen mag, Daß durch der bängsten Nebel Schranken Ich immer ahnde deinen Tag. Viel warme Liebe hält umfangen Dies öde Ich zu süßem Schmerz Und läßt die Sühne nicht gelangen An mein nach Strenge dürstend Herz. O schütze mich vor jener Milde, Die meinen Mängeln viel zu still; Halt du den Spiegel mir zum Bilde, Wenn Freundes Rechte zögern will. Ich möchte noch um vieles bitten, Doch besser schweigend knie ich hier; Er, der für mich am Kreuz gelitten, Mein milder Anwalt, steht bei mir. Ich wandle stets in Finsternissen, Er war es stets der Strahlen warf. Der alles weiß, sollt' er nicht wissen Was seine arme Magd bedarf? Am Christihimmelfahrtstage Er war ihr eigen dreiunddreißig Jahr', Die Zeit ist hin, ist hin! Wie ist sie doch nun alles Glanzes bar Die öde Erd', auf der ich atm' und bin! Warum durft' ich nicht leben, als sein Hauch Die Luft versüßte, als sein reines Aug' Gesegnet jedes Kraut und jeden Stein? Warum nicht mich? warum nicht mich allein? O Herr! du hättest mich gesegnet auch! Dir nachgeschlichen wär' ich überall, Und hätte ganz von fern, Verborgen von Gebüsches grünem Wall, Geheim betrachtet meinen liebsten Herrn. Zu Martha hätt' ich bittend mich gewandt Um einen kleinen Dienst für meine Hand: Vielleicht den Herd zu schüren dir zum Mahl, Zum Quell zu gehn, zu lüften dir den Saal – Du hättest meine Liebe wohl erkannt. Und draußen in des Volkes dichtem Schwarm Hätt' ich versteckt gelauscht, Und deine Worte, lebensreich und warm, So gern um jede andre Lust getauscht; Mit Magdalena hätt' ich wollen knien, Auch meine Träne hätte sollen glühn Auf deinem Fuß, vielleicht dann, ach vielleicht Wohl hätte mich dein selig Wort erreicht: »Geh hin, auch deine Sünden sind verziehn!« Umsonst! und zwei Jahrtausende nun fast Sind ihrem Schlusse' nah, Seitdem die Erde ihren süßen Gast Zuletzt getragen in Bethania. Schon längst sind deine Martyrer erhöht, Und lange Unkraut hat der Feind gesät, Gespalten längst ist deiner Kirche Reich Und trauernd hängt der mühbeladne Zweig An deinem Baume, doch die Wurzel steht. Geboren bin ich in bedrängter Zeit; Nach langer Glaubensrast Hat nun verschollner Frevel sich erneut; Wir tragen eine fast vergeßne Last, Und wieder deine Opfer stehn geweiht. Ach, ist nicht Lieben seliger im Leid? Bist du nicht näher, wenn die Trauer weint, Wo drei in deinem Namen sind vereint, Als Tausenden im Schmuck und Feierkleid? 's ist sichtbar, wie die Glaubcnsflamme reich Empor im Sturme schlägt, Wie mancher, der zuvor Nachtwandlern gleich, Jetzt frisch und kräftig seine Glieder regt. Gesundet sind die Kranken, wer da lag Und träumte, ward vom Stundenschlage wach; Was sonst zerstreut, verflattert in der Welt, Das hat um deine Fahne sich gestellt Und jeder alte, zähe Firnis brach. Was will ich mehr? ist es vergönnt dem Knecht Die Gabe seines Herrn Zu meistern? was du tust, das sei ihm recht! Und ist dein Lieben auch ein Flammenstern, Willst läutern du durch Glut, wie den Asbest, Dein Eigentum von fauler Flecken Pest: Wir sehen deine Hand und sind getrost, Ob über uns die Wetterwolke tost, Wir sehen deine Hand und stehen fest. Am sechsten Sonntage nach Ostern »Aber solches habe ich zu euch geredet, damit wenn die Stunde kömmt, ihr daran gedenket, daß ich es euch gesagt habe.« Erwacht! der Zeitenseiger hat Auf die Minute sich gestellt; Dem rostigen Getriebe matt Ein neues Rad ist zugesellt; Die Feder steigt, der Hammer fällt. Wie den Soldaten auf der Wacht Die Ronde schreckt aus dumpfer Ruh, So durch gewitterschwüle Nacht Ruft uns die Glockenstimme zu: Wie nennst du dich, wer bist denn du? Und mancher der im langen Traum Den eignen Namen fast verschlief, Stieß nun von sich den schnöden Flaum Und hastig die Parole rief, So ernst die Glocke sprach und tief. Wer möchte sich in solcher Zeit Von deinem Heere schließen aus? Was Lenz und Sonne hat zerstreut, Das sucht im Sturme wohl sein Haus, Nur Vagabunde bleiben drauß. Dem Kleinsten ward sein wichtig Teil, Umsonst hatt' keiner seinen Stand. Mag was da hoch, zu Kraft und Heil Uns leuchten von der Zinne Rand; Doch nur die Masse schützt das Land. Ist es ein schwacher Posten auch, Auf den mich deine Hand gestellt: So ward mir doch des Wortes Hauch, Das furchtlos wandelt durch die Welt, Gleich ob es dunkelt oder hellt. Tu nur ein jeder was er kann, Daß hülfreich stehe Schaft an Schaft; Der Niedre schließe treulich an, Der Hohe zeige seine Kraft: Dann weiß ich wohl wer Rettung schafft! Am Pfingstsonntage Still war der Tag, die Sonne stand So klar an unbefleckten Domeshallen; Die Luft in Orientes Brand Wie ausgedorrt, ließ matt die Flügel fallen. Ein Häuflein sieh, so Mann als Greis, Auch Frauen knieend, keine Worte hallen, Sie beten leis. Wo bleibt der Tröster, treuer Hort, Den scheidend doch verheißen du den Deinen? Nicht zagen sie; fest steht dein Wort, Doch bang und trübe muß die Zeit wohl scheinen. Die Stunde schleicht; schon vierzig Tag' Und Nächte harrten sie in stillem Weinen, Und sahn dir nach. Wo bleibt er? wo nur? Stund' an Stund', Minute will sich reihen an Minuten. Wo bleibt er denn? – und schweigt der Mund: Die Seele spricht es unter leisem Bluten. Der Wirbel stäubt, der Tiger ächzt Und wälzt sich keuchend durch die sand'gen Fluten, Die Schlange lechzt. Da horch! ein Säuseln hebt sich leicht! Es schwillt und schwillt und steigt zu Sturmes Rauschen. Die Gräser stehen ungebeugt; Die Palme starr und staunend scheint zu lauschen. Was zittert durch die fromme Schar, Was läßt sie bang' und glühe Blicke tauschen? Schaut auf! nehmt wahr! Er ist's, er ist's; die Flamme zuckt Ob jedem Haupt; welch wunderbares Kreisen, Was durch die Adern quillt und ruckt! Die Zukunft bricht, es öffnen sich die Schleusen, Und unaufhaltsam strömt das Wort Bald Heroldsruf und bald im flehend leisen Geflüster fort. O Licht, o Tröster, bist du, ach! Nur jener Zeit, nur jener Schar verkündet? Nicht uns, nicht überall, wo wach Und trostesbar sich eine Seele findet? Ich schmachte in der schwülen Nacht, O leuchte, eh das Auge ganz erblindet; Es weint und wacht! Am Pfingstmontage »Also hat Gott die Welt geliebt, daß er ihr seinen eingebornen Sohn gesandt hat, damit keiner der an ihn glaubt, verlorengehe. – wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet.« Ist es der Glaube nur, dem du verheißen, Dann bin ich tot. O Glaube! wie lebend'gen Blutes Kreisen, Er tut mir not; Ich hab' ihn nicht. Ach nimmst du statt des Glaubens nicht die Liebe Und des Verlangens tränenschweren Zoll: So weiß ich nicht, wie mir noch Hoffnung bliebe; Gebrochen ist der Stab, das Maß ist voll Mir zum Gericht. Mein Heiland, der du liebst, wie niemand liebet, Fühlst du denn kein Erbarmen, wenn so krank und tiefbetrübet Auf hartem Stein Dein Ebenbild In seiner Angst vergehend kniet und flehet? Ist denn der Glaube nur dein Gotteshauch? Hast du nicht tief in unsre Brust gesäet Mit deinem eignen Blut die Liebe auch? O sei doch mild! Ein hartes schweres Wort hast du gesprochen, Daß »wer nicht glaubt, Gerichtet ist« – so bin ich ganz gebrochen. Doch so beraubt Läßt er mich nicht, Der hingab seinen Sohn, den eingebornen, Für Sünder wie für Fromme allzugleich. Zu ihm ich schau', die Ärmste der Verlornen, Nur um ein Hoffnungswort, er ist so reich Mein Gnadenlicht! Du Milder, der die Taufe der Begierde So gnädiglich Besiegelt selbst mit Sakramentes Würde, Nicht zweifle ich, Du hast gewiß Den Glauben des Verlangens, Sehnens Weihe Gesegnet auch; sonst wärst du wahrlich nicht So groß an Milde und so stark an Treue, Brächst du ein Zweiglein, draus die Knospe bricht Und Frucht verhieß. Was durch Verstandes Irren ich verbrochen, Ich hab' es ja Gebüßt so manchen Tag und manche Wochen; So sei mir nah! Nach meiner Kraft, Die freilich ich geknickt durch eigne Schulden, Doch einmal aufzurichten nicht vermag, Will hoffen ich, will sehnen ich, will dulden; Dann gibst du, Treuer, wohl den Glauben nach, Der Hülfe schafft. Am ersten Sonntage nach Pfingsten (Dreifaltigkeit) »Drum gehet hin und lehret alle Völker, und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehret sie alles halten was ich euch gesagt habe, und sehet, ich bin bei euch bis ans Ende der Welt.« Bin ich getauft in deinem Zeichen, Du heilige Dreifaltigkeit, Nun bleibt es mir und kann nicht weichen In dieser nicht und jener Zeit. Ich fühle durch Verstandes Frost, Durch Menschenwortes Nebelrennen Es wie ein klares Funkeln brennen Und zehren an verjährtem Rost. In deinem Tempel will sich's regen, Wo ich als deine Magd erschien, Und unter deines Priesters Segen Fühl' ich es leise Nahrung ziehn. Wenn eine teure Mutterhand Das Kreuz mir zeichnet auf die Stirne, Dann zuckt's lebendig im Gehirne Und meine Sinne stehn in Brand. Ja selbst zu Nacht, wenn alle schlafen Und über mich die Angst sich legt, In der Gedanken öden Hafen Der Zweifel seine Flagge trägt: Wie eine Phosphorpflanze noch Fühl' ich es warm und leuchtend schwellen, Und über die verstörten Wellen Legt sich ein leiser Schimmer doch. Und muß mir zum Gericht gereichen Die Lebenspflanze mir gesellt, Die ich versäumte sondergleichen, Und dürrem Holze gleichgestellt: So ist sie in der Sünden Bann, Des Geistes schwindelnden Getrieben, Mein heimlich Kleinod doch geblieben Und angstvoll hangt mein Herz daran. Ob ich vor deiner Geißel zage, Nichts kömmt doch dem Bewußtsein gleich, Daß dennoch ich dein Zeichen trage Und blute unter deinem Streich. Fluch allem, was von dir mich stößt! Dein will ich sein, von dir nur stammen; Viel lieber sollst du mich verdammen, Als daß ein andrer mich erlöst. Am Fronleichnamstage »Mein Fleisch ist wahrhaftig eine Speise, und mein Blut ist wahrhaftig ein Trank. – Wie mich der lebendige Vater gesendet hat, und ich um des Vaters willen lebe, so wird der, welcher mich isset, um meinetwillen leben.« O fasse Mut, er ist dir nah! Du hast sein Fleisch, sein heilig Blut Genossen ja. O meine arme Seele, fasse Mut; Er ist ja dein, er ward dein Fleisch und Blut! Nicht, wie ich sollte reich und warm, Kam freilich ich zu seinem Mahl: Ich war ein arm Zerlumpter Gast, doch zitterte die Qual In mir des Sehnens; Tränen sonder Zahl Hab' ich vergossen in der Angst, Die dennoch Freudeschauer war. Sprich, warum bangst Du vor der Arzenei so süß und klar, Die Leben dir und Frieden bietet dar? Wohl ist es furchtbar, seinen Gott Zu einen mit dem sünd'gen Leib; Es klingt wie Spott! O Herr, ich bin ein schwach und wirres Weib, Und stärker als die Seele ist der Leib! So hab' ich schuldbeladen dir In meinen Sünden mich vereint, Doch riefst du mir So laut wie einem, der um Leben weint: So ist es Gnade, was von oben scheint. Und hast du des Verstandes Fluch Zu meiner Prüfung mir gestellt: Er ist ein Trug. Doch hast du selber ja, du Herr der Welt, Hast selber den Verführer mir gesellt. Drum trau' ich, daß du dessen nicht Vergessen wirst an jenem Tag, Daß dein Gericht Mir sprechen wird: »Den Irren seh ich nach; Das Herz war willig, nur der Kopf war schwach!« Am zweiten Sonntage nach Pfingsten Der eine sprach: »Ich habe ein Landhaus gekauft.« Der andere sprach: »Ich habe ein Weib genommen, deshalb kann ich nicht kommen.« – »Geh auf die Straßen, und führe die Armen und Schwachen, die Blinden und Lahmen herein!« Ein Haus hab' ich gekauft, ein Weib hab' ich genommen, Drum Herr kann ich nicht kommen. Das Haus mein Erdenleib, Des ich in Ruh' muß pflegen, Die Poesie das Weib, Dem ich zu Füßen legen Will meiner Muße Frommen Zu süßem Zeitvertreib. Gebrechlich ist mein Haus, bedarf gar sehr der Stützen, Soll es mir ferner nützen. So lieblich ist die Frau, Sie zieht mich ohne Maßen Zu ihrer Schönheit Schau. Ach, ihr mag ich wohl lassen Der lichten Stunden Blitzen, Der Träume Dämmertau. Was fühl' ich denn so heiß in meinem Busen quellen, Als wollt' es ihn zerschellen? Was flüstert an mein Ohr? Mich dünkt es, eine Stimme Dring' aus dem Bau hervor Wie in verhaltnem Grimme, Wie fernen Meeres Wellen, Und spricht: o Tor! du Tor! Kein Haus hast du gekauft, es ward dir nur verpfändet Bis jener Faden endet, Des Dauer keiner kennt, Und keiner mag verlängen, Die Spindel rollt und rennt. Ach! jener Stunde Drängen Hat keiner noch gewendet, So tief die Angst ihn brennt! Nicht lieblich ist die Frau, 's ist eine strenge Norne, Erzittre ihrem Zorne; Sie schlürft dein Leben auf. Und muß es dann entrinnen, So tu den besten Kauf: Wohl magst du dir gewinnen, Was aller Leiden Dorne Wiegt überschwenglich auf. Drum sorge ferner nicht um deines Hauses Wände, Des Eigentümers Hände Sind schützend drauf gelegt. Und wie ein Wuchrer handle, Um was dein Herz bewegt; Mit jener Frau verwandle In Himmelshauch die Spende, Der übern Abgrund trägt! Am dritten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom reichen Manne. Als er nun in der Hölle und in der Qual war, hob er seine Augen auf und sah Abraham von ferne, und Lazarum in seinem Schoße. – Er sprach zu ihm: »Hören sie Mosen und die Propheten nicht, so werden sie auch nicht glauben, ob jemand von den Toten auferstände.« Doch zu dem Reichen Sprach Abraham: »Und hörten nie Sie Mosen noch Prophetenschar, Dann wahrlich nimmer glauben sie, Stellt sich ein Toter ihnen dar.« So ward die Scheidewand gelegt, Und auf den Grabstein hat geprägt Die Ewigkeit ihr stummes Zeichen. Wie brünstig flehend Hab' ich so oft in mancher Nacht An meine Toten mich gewandt! Wie manchen Stundenschlag bewacht, Wenn grau und wirbelnd lag das Land! Und nicht ein Zeichen ward mir je, Kein Knistern in des Lagers Näh', Kein Schimmer längs den Wänden gehend. Hab' ich's gefunden Doch hart und lieblos manches Mal, Daß das, dem ich so heiß geneigt, Nicht einen Laut für meine Qual, Kein Zeichen hatte noch so leicht. An ihrer Statt, so dünkte mich, Würd' alles, alles wagen ich, Zu lindern des Geliebten Wunden. Ihr konntet's nimmer! Ausfechten sollen wir den Kampf Und bleiben dem Geschick die Macht. Ich fühl' es wohl, der Seele Krampf Zerrinnen müßte mit der Nacht, Ja mit dem letzten Nebeltraum Zerfließen muß des Bösen Schaum, Drum bleibt die Wahrheit nur ein Schimmer. O mög' uns bleiben In diesem grau und trüben Stand, Wo Schatten lagern überm Licht, Nur reiner Liebesfackel Brand; Dann sind wir auch verlassen nicht! Und wie das Schiff in wüster See, Vertrauend auf des Pharus Näh', Mag unser Kahn zum Hafen treiben. Dem reichen Manne Sprach nicht ein Wort von Zweifels Not Die schreckliche Verdammnis aus; Nein nur das ungebrochne Brod, Als ächzend lag vor seinem Haus Der Arm' und Sieche, dies allein Hat lastend wie ein Mühlenstein Ihn fortgewälzt zu Pein und Banne. Hier steht die Stelle: »Und als er in die Qualen kam, Da hob die Augen er empor, Sah in der Ferne Abraham, Umgeben von der Heil'gen Chor, Und Lazarum in seinem Schoß Der Schwären frei, der Plagen los.« Er aber – er war in der Hölle! Am vierten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom verlornen Schafe. Die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: »Dieser nimmt Sünder und Zöllner auf, und ißt mit ihnen.« – »Wahrlich sage ich euch, im Himmel wird mehr Freude sein über einen Sünder, der Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte.« So ist aus deines heil'gen Buches Schein Gefallen denn ein Strahl in meine Nacht, In meines Herzens modergrauen Schacht. Du gabst ihn Herr, du hast mir selbst gebracht Was ewig meiner Hoffnung Edelstein. Es ist zuviel, zuviel; ich faß es kaum: Um meine ganz versunkne Seele, weh, So öd und aschig wie Gomorrhas See, Um sie soll Freude sein in deiner Höh'! Es ist zuviel, weh mir! es ist ein Traum! Kann wachsen denn, wie des Polypen Arm, Aus Tränen die verlorne Eigenschaft? Zieht mit der Reue wieder ein die Kraft? Ist es genug, wenn tot die Leidenschaft Zerfressen liegt wie von Insektenschwarm? Ist es genug vor deiner Gnad' und Lieb', Wenn über das Gebäude ausgebrannt Sich sehnsuchtsvoll und betend streckt die Hand, Die Hand, so alle Übel ausgesandt, Die Hand, der, ach, das brand'ge Zeichen blieb? Und doch hast du ein heilig Wort gesandt Uns bindend mit gewalt'ger Gnadenpflicht, Zu glauben gegen eigenes Gericht, Was stöhnend aus des Herzens Kammern bricht Und selber die Verwerfung sich erkannt. Zu glauben ach wie süß und ach wie schwer! Weh! nicht auf meine Sünden darf ich schaun, Soll nicht in ihrem Schlamme das Vertraun Ersticken, wie ein Wild in Sumpfes Graun, Wie ein Gevögel ob dem Toten Meer. Was du gesprochen, Herr, wer meistert's kühn, Bist gnäd'ger du als Menschensinn ermißt? So bist du Herr der Heiland und der Christ; Und ich, die nur ein armer Schatten ist, Was darf ich anders tun als glaubend knien! Am fünften Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom Splitter und Balken. »Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist, richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet werden!« – »Warum siehst du aber einen Splitter in deines Bruders Auge? und des Balken, der in deinem Auge ist, wirst du nicht gewahr.« Ein Abgrund hat sich aufgetan Dem Auge meiner Seele; Verdorrt steht meines Lebens Bahn, Wie ich es mir verhehle. Doch Wahrheit alle Schleier bricht, Weh mir, die Liebe hab' ich nicht! Hat sich mein Herz so manches Mal Verzweifelnd dran gehangen, Wenn meine Sünden ohne Zahl Gespenstig auf mich drangen: Es ist doch wahr, und ist kein Traum, Mein Lieben ist nur Dunst und Schaum. Ja! soll noch Rettung dir geschehn, Du mein unsterblich Wesen: Mußt fest du in den Spiegel sehn, Mußt ohne Zucken lesen In deiner Brust die dunkle Schrift. Viel besser Dolch als schleichend Gift! Wem bist du reich? ist es nicht nur Der Arme, so sich beuget? Hast jemals freudiger Natur Du milde dich geneiget? Demütig nur und kummervoll Erpreßt man dir den schnöden Zoll. Kalt wie der Tod kannst, wehe dir, Die Hülfe du versagen, Wo nur ein üppig Zweiglein dir Scheint freudig aufzuragen; Du, den der fremde Splitter sticht, Und siehst den eignen Balken nicht! Freiwillig kam es dir nicht ein, Daß, ob die Lippe schweiget, Ob unter zarter Demut Schein Sich mild die Rechte zeiget, Es gibt kein süßer Hochmutsspiel Als eigner Güte Selbstgefühl! Freiwillig hast du nicht gefühlt, Wie dich die Nerven zwangen, Wenn, wie elektrisch Feuer spielt, Die fremden Schmerzen drangen In deines Körpers schwachen Bau, Zu schnöder ird'scher Tränen Tau. Greif an, es ist die höchste Zeit, Greif an mit mut'gen Händen; Des Richters Waage liegt bereit, Dein Lauf wird schleunig enden! Zeigt jeder Atemzug nicht an, Wie kurz gemessen deine Bahn? Wie elend ich nur bin und schwach, Nie hab' ich es empfunden, Als da die letzte Stütze brach In diesen schweren Stunden. Doch einen gibt es, einen doch, Der eine kann mich retten noch. So laß, du aller Sünden Damm, Du treuster Freund von allen, Mich nicht als modermorschen Stamm So unversehends fallen! O flöße einen Tropfen Saft In meine Adern, höchste Kraft! Daß nur zu den Lebend'gen ich Darf ganz zuletzt mich stellen, Nur eben zu den Toten mich Verzweifelnd nicht gesellen, Ein Tropfen für die Adern leer! Du bist ja aller Gnaden Meer! Am sechsten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom Fischfang Petri. Und Simon antwortete: »Meister wir haben die ganze Nacht gefischt und nichts gefangen, auf dein Wort aber will ich das Netz auswerfen.« – Da fiel Simon Petrus ihm zu Füßen und sprach: »Herr! gehe von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch!«–Jesus aber sprach: »Fürchte dich nicht, von nun an sollst du Menschen fangen.« – Und nachdem sie das Schiff ans Land geführt hatten, verließen sie alles, und folgten ihm nach! Die ganze Nacht hab' ich gefischt Nach einer Perl' in meines Herzens Grund Und nichts gefangen. Wer hat mein Wesen so gemischt, Daß Will' gen Wille steht zu aller Stund' In meiner Brust wie Tauben gegen Schlangen? Daß ich dir folgen möchte, ach! Es ist doch wahr! ich darf es sonder Trug Mir selber sagen! Was schleicht mir denn gespenstig nach Und hält wie an den Fittigen den Flug, Der, ach, zu dir, zu dir mich sollte tragen? Herr geh von mir, ich bin ein arm Und gar zu sündig Wesen, laß mich los, Ach, laß mich liegen! Weiß ich wovon mein Busen warm? Ob Sehnens Glut, ob nicht die Drangsal bloß So heiß und zitternd läßt die Pulse fliegen? Wenn sich die Sünde selber schlägt, Wenn aus der Not nach Rettung Sehnen keimt: Ist das die Reue? Hast du den Richter doch gelegt In unser Blut, das gen die Sünde schäumt, Daß es vom wüsten Schlamme sich befreie. Dies Winden jedem zuerkannt, Wo irgend noch ein Lebensodem steigt, Wird es mir frommen? Ja als verlöscht der Sonne Brand, Da hat Ägypten sich vor dir gebeugt, Und seine Sünde ward ihm nicht genommen. Und hast Gewissens Stachel du Mir auch vielleicht geschärft als andern mehr: Ich werd' es büßen, Dringt nicht der rechte Stich hinzu, Der Freiheit gibt dem warmen, reinen Meer, Daraus die echten Reuetränen fließen. O eine echte Perle nur Aus meiner Augen übersteintem Quell, Sie wär' ein Segen! Du Meister jeglicher Natur Brich ein, du Retter, lös die Ströme hell; Ach kann ja ohne dich mich nimmer regen! Du der gesprochen: »Fürcht' dich nicht!« So laß mich denn vertraun auf deine Hand Und nicht ermüden! Ja auf dein Wort, mein Hoffnungslicht, Will werfen ich das Netz, ach! steigt ans Land Die Perle endlich dann, und bringt mir Frieden? Am siebenten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Von der Gerechtigkeit der Pharisäer. Zu derselben Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: »Wenn eure Gerechtigkeit nicht vollkommener sein wird, als jene der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen. – Darum wenn du deine Gabe zum Altare bringst, und dich da erinnerst, daß dein Bruder etwas wider dich hat, so laß deine Gabe vor dem Altare, und gehe zuvor hin, und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfre deine Gabe.« Wo bist du, der noch unversöhnt mit mir? Gern will ich, freudig, meine Hand dir reichen. Nicht weiß ich es, was ich verbrach an dir; Verschwunden alte Zeiten, alte Zeichen. Zerronnen sind mir Jahre wie ein Traum Und rückwärts wend' ich die Gedanken kaum Zu Bildern, die wie Wolkenschatten bleichen. Aus harter Not und manchem bittern Kampf Ist mir ein neues Leben aufgegangen. Kein freudiges; der heiße innre Krampf Entzündet sich von außen nicht befangen; Der Blick nach innen bohrend mit Gewalt Kann tiefer tiefer in den dunkeln Spalt Der lang verharschten Wunden nun gelangen. Was mich bewegt, es ist dahin, verweht; Geschieden längst, die einst zusammentrafen. Und wie ein Schiff, das überm Meere steht, Vergessend ganz den einst verlaßnen Hafen, Laß ich das Senkblei zitternd auf den Grund Zu forschen, wo die Seele krank und wund, Wo, wehe, die verborgnen Klippen schlafen. Ach, kann ich denn vollbrachte Dinge so Gleich dem verbrauchten Mantel von mir streifen? Wird einer selbst nur seiner Trauer froh, Wo tausend kleine Fasern nach ihm greifen Der Wucherpflanze, so er ausgesät, Wenn überall des Fluches Ernte steht, Allüberall die irren Seufzer schweifen? O rüttle dich, schlag deine Augen auf! Noch einmal mußt du sie nach außen wenden, Mußt sehn den Quell als wilden Stromes Lauf, Den aufgegraben du mit deinen Händen, Und wo er ward gedämmt durch Gottes Huld, Da schlag an deine Brust in deiner Schuld Und wähne nicht du könntest was vollenden. Ja wend' ich meine Blicke nur zurück, Dann weiß ich, wo ich muß um Gnade flehen, Wo schuldig ich das eigne Lebensglück Zu tauschen gegen fremder Seele Wehen; Dann weiß ich wohl, wer mir noch unversöhnt Vielleicht die dargebotne Rechte höhnt, Mich nach Verdienst läßt ungetröstet gehen. Wo ich getäuscht in Leichtsinn, Übermut, Dort mag man mir vielleicht zuerst vergeben; Doch wo vergiftet ward ein reines Blut Ein fremdem Beispiel hingegebnes Leben: Da liegt der Stein, den meine sünd'ge Hand In Schwung zu setzen, ach, nur zu gewandt, Doch viel zu schwach, vom Grunde jetzt zu heben. Barmherziger! o laß der Sünde Lauf Nicht so gewaltig mehr zum Strudel treiben! Sieh! meine Hände heb' ich angstvoll auf, Nicht ein so schrecklich Denkmal laß mir bleiben! Nicht später Reue schäm' ich mich fürwahr, So send' auch diesen deine Leuchte klar, Daß schaudernd gen den Abgrund sie sich sträuben! Mein Gott, nicht um Verzeihung fleh ich ja, Daß unverdiente Liebe ich mir stehle; Zu ihnen tritt, nur ihnen Herr sei nah! Welch andre Pein auch hier und dort mich quäle, Du Gnädiger, nur dieses eine nicht, Daß ich vor deinem ewigen Gericht Durch mich verloren sehn muß eine Seele! Am achten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Jesus speist 4000 Menschen. Und er sprach zu seinen Jüngern: »Ich habe Mitleiden mit dem Volke, denn seht, sie harren schon drei Tage bei mir, und haben nichts zu essen, und wenn ich sie ungespeiset von mir nach Hause gehen lasse, so werden sie auf dem Wege verschmachten, denn einige aus ihnen sind von ferne gekommen.« Und seine Jünger antworteten: »Wie wird sie jemand hier in der Wüste mit Brod sättigen können?« – Und sie aßen und wurden satt, und huben auf, was von den Brocken übriggeblieben war, sieben Körbe. Wohl sehr erschöpft die Menge war Und wohl der Hunger nagte sehr, Da nahmst du treulich ihrer wahr. Ach, für die Seele matt und leer, Nach jahrelanger Dürr' und Schwüle, Hast du nicht einen Bissen auch, Nicht einen Labetrunk für sie, Nicht einen frischen Gnadenhauch, Der in der Wüste Brand und Müh' Das siedende Gehirne kühle? Denn sieh, von ferne kam ich ja, Und ob ich selber mich verbannt: Du stehst mir drum nicht minder nah. Wer einmal sich zu dir gewandt Mit neu erwachendem Gefühle, Wer einmal aus des Treibers Joch Sich flüchtete zu deinem Ohr, Und sei er so verkümmert noch, Du bist so mild, hältst ihm nicht vor Der Sklavenpeitsche harte Schwiele. O rette mich, daß nicht der Trug Des Hungers mich bezwingen kann, Daß ich nicht unter Wahnsinns Fluch Die Hände strecke, greife an Die gift'ge Frucht am welken Stiele, So aus dem Paradiese trieb Und die Erkenntnis wird genannt! Stiehlt sie das Leben wie ein Dieb: So lockt sie doch des Gaumens Brand Mit scheinbar frischen Saftes Spiele. Ach, nicht die Wüste neben mir, Die Wüste mir im Busen liegt! Wo find' ich denn, wo find' ich hier Was meinen Hunger nicht betrügt, Was meine dürre Kehle spüle? So sprachen deine Jünger auch; Du Gnäd'ger fandest doch ein Brod, Wo sengenden Samumes Hauch Dir keine fromme Ähre bot, Nur Sand und stäubendes Gewühle. »Da aßen sie und wurden satt, Und sammelten was übrigblieb«; War keiner krank mehr, keiner matt Und der Genesne ward dir lieb, So lieb als der Gesunden viele. Am neunten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom falschen Propheten. »Hütet euch vor den falschen Propheten! – An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen, sammelt man denn Trauben von Dornen? oder Feigen von Disteln? – Nicht jeder, der zu mir sagt 'Herr! Herr!' wird in das Himmelreich eingehen, sondern der, welcher den Willen meines Vaters tut, der im Himmel ist, wird in das Himmelreich eingehen.« O hütet, hütet euch! Die Luft hat sich umzogen Und in den Wolken grell und reich Hebt sich ein falscher Friedensbogen, Von dem ein Dämon niederstieg, Der mit dem Ölzweig bringt den Krieg. Und allerorten stehn Posaunende Propheten, So aus dem Staube Stricke drehn, So flach die Berge wollen treten. O hüte dich, ehrwürd'ger Art Ist ihr Gesicht, und grau ihr Bart! Der eine zeigt den Riß, Wo soll auf nackten Höhen Die göttliche Akropolis Der christlichen Minerva stehen: Folgst du ihm nach, du bleibst gebannt Wo noch kein Hälmchen Nahrung fand. Da magst vor ödem Stein Du betend niedersinken, Und lange noch wird dein Gebein Ein warnend Beispiel niederblinken, Als eines, der zu eigner Not Verwandelte in Stein das Brod. Der andre deutet tief Nach einer Höhle Gründen Und horcht in seinem Wahn, als rief Ihm eine Stimme aus den Schlünden: Hieher! was klar das ist ein Schein, Im Schachte wohnt der Edelstein! O diesem folge nicht, Der Gottes Haus zum Schreine, Und wehe, jenem folge nicht, Der Gottes Nahrung macht zum Steine! Doch besser dumpf im Schachte stehn Als droben frech gen Himmel sehn! Und auf dem grünen Plan, Wo frisch die Kräuter schwellen, Da liegt so hellbetaut die Bahn, Da sprudeln die lebend'gen Quellen, Und aus der Demut grauem Stein Hebt sich ein Tempel schlicht und klein. Dort findest du ein Mahl So ganz für dein Bedürfen, Dort darfst du aus dem heil'gen Gral Des Glaubens milde Labung schlürfen, So wie sie einem Wesen recht, Das noch des ird'schen Leibes Knecht. O hemme nur dein Ohr, Vom fremden Klang umzogen! O blicke lüstern nicht empor Zum bunten falschen Friedensbogen! An deinem Tempel sollst du knien, Das Wetter wird vorüberziehn. Am zehnten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom ungerechtem Haushalter. »Darum sage ich euch, machet euch Freunde mit dem ungetreuen Mammon, damit, wenn ihr Mangel leidet, sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen.« Warum den eitlen Mammon mir Hast du gesellt nach deinem Willen? Nicht daß er, eine blanke Zier, Soll eingefreßne Schäden hüllen; Auch nicht die flücht'gen Stunden hier Mit frischem Erdenreiz zu füllen, Nein, anders wohl; O was du gibst ist nicht so leer und hohl! Ich soll mit seinem bunten Strahl In deinem Segen Wucher treiben; Für meinen Hunger soll ein Mahl Ich in die ew'ge Rechnung schreiben; Und meiner Blöße, matt und fahl, Soll er ein warmer Mantel bleiben, Wenn bricht herein Die Zeit, wo stäubt und rostet, was nicht mein. Dann bin ich krank und ganz verarmt, Dann wird der bittre Mangel kommen, Wo starrt, woran mein Herz erwarmt, Zerstäubt, woher ich Trost genommen; Wenn deine Hand sich nicht erbarmt Und zeichnet noch zu meinem Frommen In Mildigkeit Den Heller heimgelegt für jene Zeit. Laß, Herr, in jener Stunde Macht Mich nicht so hülfeweinend fallen! Die vor mir steht wie Chaos' Nacht, Wie Dunkel über Dunkel wallen. Weh mir, ich hab' es nicht bedacht! So laß es mir fortan vor allen Gewärtig sein; O rege mich durch Milde oder Pein! Laß mich hinfort der Worte Gold Ausgeben mit des Wuchrers Sorgen, Daß, wenn das Heute nun entrollt, Mir nicht verloren ist das Morgen; Laß mich bedenken, daß der Sold, Den eitlem Ruhm ich mußte borgen, Genommen ward Dem goldnen Hort für einst und Gegenwart! Und eine Feder laß mich nur Betrachten mit geheimem Beben, Bedenkend, daß der schwarzen Spur Folgt leise schleichend Tod und Leben. Den Pfunden, so mir gab Natur, O Herr laß Zinsen mich entheben; Ich bin so arm, So nur in dem geborgten Pelze warm! Ach Gott, wie wird mein Herz so schwer, Gepreßt vom dämmernden Verstande! Ob es gelingt die Gaben hehr Zu legen mir auf edle Pfande? O nur aus deiner Weisheit Meer Ein einzig Tröpflein mir vom Rande! Durch des Genuß Die Galle selbst zu Honig werden muß! Am elften Sonntage nach Pfingsten Ev.: Jesus weint über Jerusalem. Zu derselben Zeit, da Jesus nahe an Jerusalem kam, sah er die Stadt an, und weinte über sie, und sprach: »Wenn du es erkenntest, was dir zur Rettung dient, und zwar an diesem deinem Tage, nun aber ist es vor deinen Augen verborgen.« Mein Jesus hat geweint um seine Stadt, Ach, auch gewiß um mich hat er geweinet; Wußt' er nicht damals schon, wie trüb und matt, Wie hülflos meine Seele heut erscheinet? Von allem was die heil'ge Bibel trägt Hat nichts so tief, so rührend mich bewegt. O, könnt' ich seine teuren Tränen nur In einem Kelche, einem Tuche fassen, Wie er Veroniken die heil'ge Spur Von seinem blut'gen Antlitz wollte lassen; Sie war die Hochbegnadete vom Herrn, Doch auch der ärmste Bettler träumt ja gern! Zu solchem Kelche gäb' ich freudig her Was ich an kleinen Schätzen mag besitzen; Von meinem Golde würd' er reich und schwer, Und meine Edelsteine sollten blitzen. O zürne, Herr, nicht meiner Albernheit, Zum Kinde macht mich deine Güte heut! »Weh wüßtest du, was dir zur Rettung ist!« Ja wüßt' ich es, wohl wär' es mir zum Frommen! Doch du, du weißt es ja mein Jesus Christ, Und nur von dir kann mir die Kunde kommen, So rede denn, du meines Herzens Hort! Ich stehe hier und horche auf dein Wort. Fürwahr ich muß in deinem heil'gen Buch Viel mehr nach deiner Liebe Zeichen suchen, Als wo dein Eifer spricht und, weh! dein Fluch! Ich knicke wie ein Halm, hör' ich dich fluchen; Nicht heilsam aufgerüttelt, todesmatt Lieg' ich am Grunde wie ein dürres Blatt. Ein saftlos Erdreich bin ich, dem nicht mag Des Kalkes Brand, der Asche Beize taugen; Ein dürrer Sand treib' ich dem Winde nach: So will ich deine Himmelstropfen saugen, Und in dem Tranke gibst du mir vielleicht Was meinem irrenden Bewußtsein reicht. Gibst mir ins Herz was ich beginnen soll, Ob trauernd stehn, ob hoffend fürder schreiten, Die Gnade ist ja nicht der Stärke Zoll, Auch zu dem Siechen mag sie niedergleiten. Du der des Allerschwächsten Schöpfer bist, Hast auch für ihn ein Heil, mein Jesu Christ! Drum, wenn die Wolke wieder mich umgibt Und fast verzweifelnd meine Arm' ermatten, Dann will ich denken, daß er hat geliebt, Und meine Wimper heben durch die Schatten. O meine Seele! sei nicht so versteint, Du weißt es ja, er hat um dich geweint! Am zwölften Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom Pharisäer und Zöllner. Der Zöllner aber stand von ferne, und wollte seine Augen nicht gen Himmel aufheben, sondern schlug an seine Brust und sprach: »Gott sei mir Sünder gnädig!« Ich sage euch, dieser ging gerechtfertigt vor jenem in sein Haus hinab. Ja, wenn ich schaue deine Opferflamme In eines frommen Auges reiner Glut, Dann schimmert es, als ob es mich verdamme; Der scharfe Strahl fährt in mein schuldig Blut. Wie blendet mich das Licht! Die Augen darf ich nicht erheben; Ich darf es nicht, Und meine Wimper beben. Und unter den gcschloßnen Lidern fahren Die Schatten alter Sünden hin und her. Was dann sich muß dem Hirne offenbaren, O meinem Feinde werd' es nicht so schwer! Aus Grund und Wänden auch Sie dampfen, schweben durch die Zimmer, Gebild' aus Rauch; So war und bleibt es immer. Wenn eine milde Tat ich seh vollbringen, So recht aus übervollen Herzens Grund, So klar die heißen Liebesquellen springen, Nur achtend was dem Bruder sei gesund, Wenn ganz ein Gotteskind, Sich unbewußt, am Gnadenkleide scheinet Die Träne lind, Nicht fragt, warum sie weinet, Dann wühlt in meinem Busen das Gewissen, Schutt und Geröll stellt sich mein Wirken dar; Das Geben und das Streben mir zerrissen Von Grübelns Dornen, wie der Einfalt bar, Ja überall mein Fuß An Gitter stößt, an Kerkerschragen, Und zitternd muß An meine Brust ich schlagen. Vor allem, ach! wenn eine fromme Stimme Mir flüstert zu ein einfach heilig Wort, So sicher daß mein Herz in Glauben schwimme, So unbesorgt um meines Lebens Port, Mir deiner Gnade Laut Unschuldig beut als Losungszeichen Und ganz vertraut An meine Brust will schleichen: Dann müssen alle Worte sich empören, Die frevelnd ich gesprochen einst und je Und alles was noch jetzt mich kann verstören, Das steigt und wirbelt um mich wie ein See, Dann fühl' ich in dem Schaum Noch heut mich keiner Bande ledig, Dann stöhn' ich kaum: Gott sei mir Sünder gnädig! Am dreizehnten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom Tauben und Stummen. Und er legte seine Finger in die Ohren desselben, und rührte seine Zunge an, sah gen Himmel, seufzte, und sprach: »Ephephata«, das ist »tu dich auf«, und alsbald waren seine Ohren geöffnet, und das Band seiner Zunge gelöst, und er redete recht. Rühr' meine Zunge an, Du kannst sie lösen; Brich meines Ohres Bann, Ich mag genesen! Nein, nicht verloren bin ich, milder Gott. Ob eingezwängt, ob meines Feindes Spott; Dich ruf' ich, Herr, bekämpfe du den Bösen! Gebrochen hat er mir Der Nerven Fäden; Nur durch der Augen Tür Gehn ein die Reden, Wenn fassend frommer Mienen Gotteslust, Das Herz sich wenden möchte in der Brust, Aus bluten möchten die verborgnen Schäden. So bin ich gänzlich doch Nicht aufgegeben, So lang mir irgend noch Sich regt das Leben, Und wär' es nur, wie in des Irren Stirn Zuckt leise auf das schlummernde Gehirn: Es lebt, es atmet, möchte sich erheben. Nur Worte, Worte sind Mir nicht Verwandte. Wie abwärts prallt der Wind Von Berges Kante: So prallt, was andre rührt und andre schreckt, Von jener Rinde, die mein Hirn bedeckt Und die ich einstens Wacht und Mauer nannte. Nicht immer ist es gleich; Zuweilen schleichen Sich aus der Töne Reich Gewalt'ge Zeichen, Wie eine Träne sich zum Herzen drängt, Wie Bergeskluft den fernen Donner fängt: O! dann vor Freude fühl' ich mich erbleichen. Nein, meine Lippe kann Es aus nicht sprechen, Wie aus der Tiefe dann Die Tränen brechen. Nein, was so fremd sich in die Seele flößt, Das hat noch nicht der Zunge Band gelöst, Rinnt halbverstanden nur in warmen Bächen. O lege, starker Hort, Die gnäd'gen Hände An meines Ohres Port! O aufwärts wende Um mich auch deiner Blicke friedreich Flehn, Und sprich »Ephephata«, dann ist's geschehn, Ich bin erlöst, der Fluch, er hat ein Ende! Am vierzehnten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom Samaritaner. »Welcher von diesen dreien dünkt dich der Nächste dessen der unter die Mörder fiel gewesen zu sein?« Jener sprach: »Der so ihm Barmherzigkeit erzeigte,« und Jesus sprach zu ihm: »Gehe hin und tue desgleichen.« Wer ist es der mir nahe steht? Wen muß ich meinen Bruder nennen? Wem meine liebste Gabe gönnen? Wem reichen eh er noch gefleht? O, laß auf meine Stirne träufen, Du Starker, deiner Weisheit Tau! Laß mich den rechten Stein ergreifen Zu deines Tempels ew'gem Bau! Er den getragen gleicher Schoß, Und der an gleicher Brust gesogen, Ihm bin ich willenlos gewogen, Nichts reißt des Blutes Bande los. Auch wer die gleichen Lüfte zieht, An gleichen Bodens Quell getrunken, Für ihn auch hat Natur den Funken In jedem Busen angeglüht. So der in selben Glaubens Band Am selben Hochaltare knieet, Und wo mich gleiche Richtung ziehet, Sei's an Gemüt, sei's an Verstand, Sie alle sind mir wie gegeben In meines eignen Herdes Hut, Sind Fasern all von meinem Leben, Sind Tropfen all von meinem Blut. Doch wenn in heimatferner Luft Sucht ängstlich ein bekümmert Wesen Der fremden Züge Schrift zu lesen, Wo niemand seinen Namen ruft; Dann nahe dich, und woll' es nennen Mit jedem Liebesworte nur, Dann magst die Fackel du entbrennen Die nicht entzündete Natur! Und wenn an deines Tempels Tor Steht einer einsam, ausgeschlossen, Des Tränen doch vor Gott geflossen, Des Seufzer doch erreicht sein Ohr, Dem magst du deine Rechte reichen Und aufwärts deuten nach dem Blau, Wo allen glühn der Sterne Zeichen, Für alle sinkt der linde Tau. Und gar wenn sich gen einen regt In dir ein heftig Widerstreben, Weil andre Weise ihm gegeben Als dir der Himmel zugelegt, Wenn Fehl, mit Albernheit im Bunde, Ersticken will der Liebe Saat; Reich ihm die Hand! dies ist die Stunde Wo das Gebot sich prüfend naht. Ja, selbst an des Verruchten Blick, Der Erd und Himmel möchte höhnen, Mußt du in Milde dich gewöhnen, Darfst schaudern, – aber nicht zurück. – O, kannst du ihn in Jesu Christ Umschleichen, spähend seine Wunden, Dann erst hast du den Stein gefunden, Dann weißt du wer dein Nächster ist! Am fünfzehnten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Von den zehn Aussätzigen. Da er sie sah, sprach er: »Gehet hin und zeiget euch den Priestern!« Und als sie hingingen, geschahe es, daß sie rein wurden. Da sprach er: »Gehet hin, den Priestern zeiget euch!« Und als sie gingen, siehe da, sie wurden rein. Du meine stolze Seele, nur an Elend reich, An Fehlen groß, so könnte dir geholfen sein, Dir, die noch stets verschmähte Menschenhand Und wär' sie gottgeweiht und wär' sie gottgesandt. Wohl sprichst du öfters zu dir selbst in argem Trug: Er ist der Starke, so allein mich retten kann; Hilft er mir nicht, dann ist auch Menschenrat ein Lug, Unmittelbar zu ihm mein Flehen steig' hinan! Und fühlst es nicht, daß warm und reich gehegt Der Hochmut Aussatz an dein töricht Herz gelegt. Ist denn so fest dein Mut, in reichem Glauben stark, Daß eines Freundes Hand er sich entschlagen darf? So klar dein Hirn, so saftig und gesund dein Mark, Daß die Erkenntnis dir vor andern Wesen scharf? O sei demütig, sprich es offen aus: Du lebst ein Bettler und in eines Bettlers Haus! Wie arm und schwach du, Seele mein, das meinst du wohl Zu fühlen, wenn die Lippe matt und klagend spricht; Und doch nur Klang, und doch nur Rauschen, schwülstig hohl, Wie umgestaltet aus dem Sprachrohr Flüstern bricht, Ein Aufschrei nur, der willenlos entfährt, Indes dein düstrer Blick sich stolz nach innen kehrt! Was ist da drinnen denn so Herrliches zu schaun? Ein krankes Blut, was ach! in eignem Druck erliegt, Was jedes Reizes Sklav' und jeder Stimmung, traun, Bald steht wie ein Morast, bald wie ein Strudel fliegt; Ein Hirn, von dem dir selber unbekannt, Ob es dem Wahnsinn oder Frevel mehr verwandt. Dies sind die Schätze, die dich stolz und stark gemacht, Daß du entschlagen dich hast des Geschaffnen Rat; Dies sind die Leuchten, die in dumpfen Zweifelns Nacht Glorreich bestrahlen sollen den verborgnen Pfad; Darum, darum baust du auf Gott allein, Daß Menschentadels Dorn dir mög' erlassen sein. Hast anders jemals du des Priesters wohl gedacht, Der lossprach deine Schuld im heil'gen Sakrament, Als wie des Blattes, drauf der Schuldner Rechnung macht Doch einzig Gläub'gers Schrift als Lösung anerkennt? Ward sichtbar jemals dir in seiner Hand Die ernste Waage, drauf dein Tod und Leben stand? Knie hin, knie hin, doch nicht an jener Gnadenstatt; Nein, vor dem Hirten nur in seiner Würde Kraft! Und deine Seele sei vor ihm ein offnes Blatt In aller Eitelkeit und niedern Leidenschaft. Und wenn du dich vor Menschenhand gebeugt: Dann schau ob sich am Aussatz nicht ein heilend Fleckchen zeigt! Am sechtzehnten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Niemand kann zwei Herren dienen. »Ihr könnet nicht Gott dienen und dem Mammon, darum sage ich euch, sorget nicht für euer Leben, was ihr essen, noch für euren Leib, was ihr anziehen werdet. – Suchet also zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch zugeworfen werden.« Wer nur vertraut auf Gottes Macht In allen seinen Nöten, Den hat kein Feind zum Fall gebracht, Den kann kein Übel töten; Und wo die Angst ihn überfällt, Da wird der allerstärkste Held An seine Seite treten. Der wird mit seinem scharfen Speer Die Gegner ihm zerstäuben, Und von dem allergrößten Heer Kein Huf wird übrigbleiben; Sei's äußrer oder innrer Feind, Wenn nur der rechte Held erscheint, Der kann ihm Grenzen schreiben. Er ist der allerbeste Herr, Den einer mag erlangen, Glückselig lebt der Fröner, der In seinem Dienst gefangen. So süß ist seine Sklaverei, Daß jeder, sei er noch so frei, Mag tragen drum Verlangen. Des Hungers Qual, der Blöße Schmach, Die weiß er zu vergelten; Es durft' ihn noch bis diesen Tag Nicht einer treulos schelten. Er zahlt mit wucherndem Gewinst An alle, die in seinen Dienst Ihr Gut und Leben stellten. Und aller Stärke Talisman, Den hält er in der Rechten; Selbst aus den schärfsten Dornen kann Er Rosenkränze flechten. Er zeigt im wilden Kampfrevier Die echte Aaronsschlange dir, Mußt du mit Vipern fechten. Und rüttelt sich der grimmste Feind: Da lehrt er dich ein Zeichen, Vor dem, so schlimm er es auch meint, Muß schnell der Drache weichen. Nur sei es von bereiter Hand Mit rechtem Glauben angewandt, Sonst mag es nimmer reichen. Wem schwach der Glaube und Vertraun, Ob ihn die Sehnsucht treibe, Der darf doch noch von ferne schaun, Daß er im Nachtrab bleibe; Auf dem erquickend in der Glut Des Helden milder Schatten ruht Wie mächt'gen Schildes Scheibe. Doch wem der Glaube echt und klar, Den kann kein Leid bezwingen, Der mag wohl aller Güter bar Noch wie ein Vogel singen: »Schaut doch die Lilien in dem Feld Wie sind sie frisch und wohlbestellt, Wie grün und guter Dingen! Sie haben nicht des Webens acht Und sind so reich gezieret, Daß Salomo in seiner Pracht Viel minder Staat geführet. Schaut doch die jungen Raben an Wie sind sie satt und wohlgetan Wie blank und glatt geschnüret! Er, der die jungen Raben nährt, Er wird auch meiner walten, Und müßt' er aus der Schlack' am Herd Die Brode mir gestalten. O Heil, daß ich den Herrn erwarb, Bei dem kein Diener noch verdarb, An ihn will ich mich halten!« Am siebenzehnten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Von der Witwe Sohn zu Naim. Da er aber nahe an das Stadttor kam, sieh, da trug man einen Toten heraus, der ein einziger Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe. – Er sprach zu ihr: »Weine nicht!« – Und er trat hinzu und rührte den Sarg an, aber die ihn trugen standen still, und er sprach: »Jüngling! ich sage dir steh auf!« Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und er gab ihn seiner Mutter. Wenn deine Hand den Sarg berührt, Dann muß der Tote sich beleben, Dein Hauch die Wetterwolke führt, Dann muß sie milden Manna geben. Du der aus Felsen Labung zieht, Dem Aarons dürrer Stab geblüht, Des Niles Fluten sich erheben: Der Mächtige bist du, um auch Der Seele dumpfen Schlaf zu enden; Zu dir darf seinen Sterbehauch Der todeswunde Schächer senden; Du nimmst den letzten Atemzug, Ein Reuelaut ist dir genug, Den Blitz in seinem Flug zu wenden. Du hast dich an das Tor gestellt Den Sohn der Witwe zu erwarten, Und hast, ein Herr der ganzen Welt, Beachtet ihren kleinen Garten. Du der das kranke Rohr nicht knickt, Am Docht das Fünkchen nicht zerdrückt, Und nie gebrochen hat die Scharten, Berühre mich, denn ich bin tot Und meine Werke sind nur Leichen! Hauch' über mich; denn blutig rot Die Sünde ließ mir ihre Zeichen! O wende du den Donnerschlag, Der über meinem Haupte brach, Und laß die dumpfen Nebel weichen! Dann will ich dir aus freier Brust Ein überselig Loblied singen, Und wieder soll in Gotteslust Wie früher meine Stimme klingen. Ist sie gebrochen jetzt und matt, Du bist es, der die Mittel hat, So in die kränksten Adern dringen. Fühl' ich doch heut in mir erweckt Ein lang entschwundenes Vertrauen, Daß mich nicht Tod noch Sünde schreckt: Wie sollt' ich denn auf dich nicht bauen! Ja, wenn du willst, so kann ich doch Mit diesen meinen Augen noch In diesem meinem Leib dich schauen. Ich weiß es, daß von mir nicht stammt Was mich so freudig muß durchzittern; Ein Strahl ist es, den du entflammt, Ein Traum, den Starren zu erschüttern. O fahre fort, o rühr' mich an, O brich den Todesschlaf, und dann, Dann werd' ich Morgenlüfte wittern! Hast du gesprochen: »Weine nicht!«, Du weißt, daß nicht die Toten weinen, Ob schier im Traum das Herze bricht, Und wohl Gebet' dir Seufzer scheinen, Die flüstern möchten schwach und lind: »Du hast geweckt der Witwe Kind, Ich liege noch in Totenleinen!« Am achtzehnten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom Wassersüchtigen. Und sieh! es war ein wassersüchtiger Mensch vor ihm; da antwortete Jesus, und sagte zu den Gesetzkundigen und Pharisäern: »Ist es erlaubt am Sabbat gesund zu machen?« Sie aber schwiegen; er aber griff ihn an, machte ihn gesund, und ließ ihn gehen. – Wer sich erhöhet, der wird erniedriget, und wer sich erniedriget, der wird erhöhet werden. Sechs Tage sollst du tun Dein Werk mit aller Treue; Und sollst am siebten ruhn, Er trägt des Herren Weihe. So ward es uns gesetzet Und also folgen wir, Recht wie den Schnabel wetzet Das lüstern stumpfe Tier. Der feiert bei dem Spiel, Und jener bei der Flasche, Sinnt jeder lang und viel, Wie er sich Lust erhasche. Was nicht den Herrn mag loben, Und was den Sinn betört, Wem wird es aufgehoben? Dem heil'gen Sonntag wert. Ja, wenn man häufen mag Der ganzen Woche Sünden Gen was an diesem Tag Muß seine Ernte finden, So wird, o Schmach! es zollen Wie gen gehäuftes Maß, Von dem die Körner rollen, Zwei Ähren, so man las. Stehn denn die Kirchen leer, Flieht seinen Herrn der Sünder? O wenn dem also wär'! Der Frevel drückte minder, Doch aus dem Weihrauchwallen, Das unsern Gott umfließt, Zu des Verderbens Hallen Man wie ein Geier schießt. In alten Bundes Pflicht, Als keimend noch die Gnade Und dämmernd nur das Licht Fiel auf der Menschen Pfade: Da trug der Sünde Flecken Noch nicht der Sabbat, doch Mußt' er den Gläub'gen schrecken, Ach, wie ein eisern Joch. Wohl mag es töricht sein, Dem höchsten Gott zu Ehren Zu liegen wie ein Stein, Und jeder Regung wehren; Doch eitlen Lüsten fügen Der Sinne kirren Bund – O besser zehnfach liegen Wie eine Scholl' am Grund. So hat der Heiland nicht Den alten Bund gehoben: Durch Taten wie das Licht Sollst du den Höchsten loben! Sei mit der milden Spende Der Arme dir gegrüßt: Nicht unrein sind die Hände, Aus denen Segen fließt. Und wer gering und klein Im Schmerzenslager rücket, Wo schlimmer als die Pein Verlassenheit ihn drücket, Verbinde dessen Wunden Und lächle ihm dazu; Dann hast du sie gefunden Die echte Sabbatsruh! Am neunzehnten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom vornehmsten Gebote. »Du sollst den Herrn deinen Gott aus deinem ganzen Herzen, und aus deiner ganzen Seele, und aus deinem ganzen Gemüte lieben, dies ist das erste und vornehmste Gebot; das andre aber ist diesem gleich, du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, an diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.« Ob ich dich liebe, Gott, es ist Mir unbewußt. Oft mein' ich, daß nur du es bist, Was diese Brust In aller andrer Liebe Schein Und dämmerndem Verlangen Wie eine Sühnungsfackel rein Hält gnadenvoll umfangen. Wenn zu dem Edelsten der Geist Sich frei erhebt, Was als Gedanke ihn umkreist Und dennoch lebt, Unsichtbar, wesenlos doch nicht, Fern, dennoch allerwegen, Wes Spur aus Menschenauge spricht Und aus der Träne Segen: Dann bin ich wohlgetröstet und Gebet entsteigt So zuversichtlich meinem Mund, Als sei gereicht In fremder oder deiner Lieb' – Wer hat es je ergründet? – All was dem echten Sehnen lieb, Und deinen Odem kündet. Doch fühl' ich dann zu andrer Zeit Wie Haar dem Haupt Der finstren Erde mich geweiht, So machtberaubt; Wenn in dem Freunde mich entzückt Selbst wie ein Reiz das Fehlen, Die Schwächen, an mein Herz gedrückt, Mir keiner dürfte stehlen: Da wär' es Gottes Zeichen nur Was ich erkannt, Und nicht die sündige Natur Böt' ihre Hand, Wenn der Geliebten Tugend ich In Ehrfurcht mag ertragen, Doch fleckenloser sicherlich Mein Herz würd' kälter schlagen? Weh! eine kalte Wolke fährt Es über mich, Wie dem Damokles unterm Schwert Die Wange blich, Wie einem, der an Ufers Rand Sich spiegelt, lächelt, trinket, Wenn sacht entschlüpft der falsche Sand Und seine Stätte sinket. O Retter, Retter, der auch für Die Toren litt, Erscheine, eh die Welle mir Zum Haupte glitt! Greif aus mit deiner starken Hand, Noch kämpf' ich gen die Wogen; So manchen hast du ja ans Land Aus tiefem Schlamm gezogen! Hab' ich dem Schlamme mich entwirrt, So ganz und recht, Dann erst zu deinem Bildnis wird Die Sehnsucht echt; Dann darf ich lieben stark, gesund, Ohn' alle Schmach und Hehle Aus meines ganzen Herzens Grund Und meiner ganzen Seele. Am zwanzigsten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom Gichtbrüchigen. Und da Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: »Sei getrost mein Sohn, deine Sünden werden dir vergeben!« Und da Jesus ihre Gedanken sah, sprach er: »Nun was denket ihr Arges in euren Herzen? was ist leichter zu sagen, deine Sünden werden dir vergeben, oder, steh auf und wandle? Damit ihr aber sehet, daß des Menschen Sohn Macht hat im Himmel und auf Erden, die Sünden zu vergeben« – so sprach er zu dem Gelähmten: »Steh auf, nimm dein Bett, und geh in dein Haus.« Wenn Tau auf reifen Ähren glänzt, Die satten Körner schwellen nicht; Und wenn den Toten man bekränzt, Die starren Pulse zucken nicht; Wenn über Trümmer geht das Licht, Nicht eine Säule wird ergänzt, Und dennoch, schau! Dünkt reiche Gabe Licht und Kranz und Tau! So nimmer Reue mag erbaun, Was einmal Schuld gebrochen hat, Und dennoch Gottes Engel schaun Mitleidig auf die wüste Statt; So ragt auch wohl ein grünes Blatt Durch eines Kerkergitters Graun Zu dem Gefangnen und Er lächelt, seine Seele wird gesund. O könnte alle Sünde nur Wie überm Ast der Mistel stehn, Der wurzellos durch die Natur Sich selber blühn darf und vergehn! Doch wie am dürren Baume sehn Man wird des Schlinggewächses Spur, So ein Vampyr Dorrt sie die Seele und den Körper dir. Wer frischt dir deinen Glauben auf, Versengt an ihrem Odem heiß? Wer bringt dir der Gedanken Lauf Zurück ins fromm beschränkte Gleis? Und deiner Menschenkenntnis Eis, Den starren Strom, wer löst ihn auf, Den wahren Fluß, Der Himmel stets und Hölle scheiden muß? Und was dein Körper büßte ein In nagender Gefühle Joch, Das bleibt nun für dies Leben dein Und nach dem Drüben greift es noch; Und wie an einem Haare doch Wirst immer du gehalten sein, Wenn frischer Geist In frischem Körper wie ein Adler kreist. Sprach doch der allertreuste Mund: »Vergeben leicht, und Heilen schwer.« Das ist der Sünde alter Bund, Die zehrend wie Gomorrhas Meer Ertötet alle Frucht umher. Und dennoch kann das Mark gesund Und himmelwärts Kann treiben seinen Zweig des Baumes Herz. O, nur Ergebung, nur Geduld! Zu tragen meiner Narben Schmach, Um was gebrochen meine Schuld, Zu trauern still und reuig nach: Auch über mir steht ja das Dach Des Himmels und der Sonne Huld Und ach, der Tau, Er fällt ja auch auf meine heiße Brau'! Nicht wirst du Herr mich wandeln gehn, Nicht heißen heben mich die Hand, Doch eine Säule darf ich stehn, Ein Zeichen an dem öden Strand, Und hoffen, daß wenn Sonnenbrand Die morschen Trümmer ließ vergehn, An jenem Tag Dein Strahl die Stäubchen aufwärts ziehen mag. Am einundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom hochzeitlichen Kleide. Und er sprach zu ihm: »Freund! wie bist du herein gekommen, und hast kein hochzeitliches Kleid an?« An manchem Tag mein Hirn wie wüst und öde! Wie eingesargt mein Herz zu manchen Zeiten! Vor übergroßer Schwäche schein' ich blöde, Bewußtlos starrt mein Auge durch die Weiten, O welch ein Bild verschuldeten Verfalles! O welch ein kläglich Bild der Niedrigkeit! Wie fühl' ich es! doch nicht zu jener Zeit, Wo neblig mir und unverständlich alles. Soll ich es Leichtsinn nennen? O mitnichten! Wie Zentner fühl' ich es am Herzen liegen. Soll ich verstecktem Trotze gleich es richten? Dann wahrlich müßt' ich mich zum Meister lügen! Des Trotzes Kraft, des Leichtsinns heiter Prangen, Die sind gebrochen mit dem gleichen Streich; Nein! einem morschen Stamme bin ich gleich, An dem die Blätter halbverhungert hangen. Wenn Nervenspiel mir einmal möchte hellen Der dumpfen Stirne fieberisch Umgeben, Aufsprudeln möchten alter Wunden Quellen Und stoßen vor der Worte sengend Leben: Wie zittert meine Hand! wie bricht zusammen Die Körperkraft in solchem Augenblick! Und eine harte Faust stößt mich zurück Ein nutzlos Opfer in die eignen Flammen. Weh mir, ist dies ein hochzeitliches Kleid, Worin ich deinen Gästen mich gesellen Und meine arme Lampe lehrbereit O Herr! an deinen heil'gen Schrein darf stellen? Ein halb Ertrunkner deut' ich nach der Küste Und aufwärts deut' ich schwindelnd, wie verwirrt; So Israel durch vierzig Jahre irrt' Und sucht' und sucht', und fand ein Grab der Wüste. Doch weißt du auch, mein Herr und milder Richter! Es war nicht Eitelkeit, was mich geleitet. Der zündet nicht dem eignen Moder Lichter, Wer noch um ird'scher Ehre Kränze streitet! Der läßt des Sarges Deckel gern geschlossen. Doch eben jetzt, all deiner Pfunde bar, Jetzt brächt' ich gerne noch ein Scherflein dar Für alle meines eignen Leids Genossen. Groß ist die Zahl, das hab' ich erst erfahren, Seit mich die Wellen unter Menschen trieben. In meiner Heimat noch, der frommen, klaren, Da mußte Einsamkeit mich sehr betrüben, Doch als ich in die Fremde nun getreten, Wie schauderte mir vor Genossenschaft! Wie Pilze hingen sie am dürren Schaft, Wie Nesseln schossen sie aus allen Beeten. Da sah ich auch, wohin es konnte führen Mutlos zu stehn auf unterhöhltem Grunde; Noch durfte meine Hand das Kreuz berühren, Doch andre hört' ich jubeln tief im Schlunde. Da sah ich, wem sich meine Augen wandten, Da hörte ich, was ich vergessen will, Noch sprach in mir ein Laut, o steh nicht still! Schau jene an, sie sind nur still gestanden! Seitdem auch weiß ich, wem ich bin gesendet; Dem der da steht, wo ich nicht durfte weilen. Kein Licht hab' ich was leuchtet oder blendet, Nur eine Stimme! die da treibt zu eilen, O eile! eile! nur die Schritte wende! Und ob kein Schimmer durch die Wolke bricht, So denk »Er herrscht im Dunkel wie im Licht.« Und falte nur im Finstern deine Hände! Am zweiundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom kranken Sohne des Königleins. Das Königlein sprach: »Herr! komm doch hinab, ehe denn mein Sohn stirbt!« Jesus sprach: »Gehe hin, dein Sohn lebt.« Und der Mensch glaubte dem Worte, und ging hin. Der Sonnenstrahl, ein goldner Spieß, Prallt von des Sees kristallnen Flächen Und fahrend gen den Marmorflies Palastes Mauern will durchstechen. Auf seidnen Polstern windet sich, Die magern Ärmchen ringt das Kind; Und eine Träne bitterlich Noch möchte aus dem Auge lind, Dem halberstarrten, brechen. Schon hat der Tod die Hand gelegt Auf seine Beute ohn' Erbarmen; Doch ob er Eis zum Herzen trägt: Noch schmilzt im Blutstrom es, dem warmen. O Jugend! Jugend! wie so fest Hast du verstrickt das Leben dir, Wie sich das Schlinggewächse preßt Mit Wurzeln dort und Fasern hier, Als vielen tausend Armen. O Anblick, stärker als ein Weib, Das Wachen, Angst und Kummer nagen! Betäubt und schwer, gleich totem Leib, Hat man die Fürstin fortgetragen. Noch weilt der Vater, wenn ein Sklav' Des Bornes frische Labung reicht, Mit zitternd kalter Hand den Schlaf Des Kindes streicht er sacht und feucht Und flüstert leise Fragen. Wer wagt sich an des Fürsten Ohr? Menipp, der Jüngling aus Euböa. »Herr,« keucht er, »hebt den Blick empor! Herr, der Prophete aus Judäa, Von dem das ganze Land erfüllt, Er kömmt, er naht Kapharnaum; Und wie aus hundert Adern quillt Entgegen ihm und nach und um Ein Glutstrom Galiläa.« »Sind denn die alten Götter tot, So müssen wir die neuen wahren. Es sei, es sei und meine Not Mag sich dem Volke offenbaren!« Die Rosse stampfen, einmal schaut Der Vater auf sein sterbend Kind, Und nun voran! »Was rauscht so laut, Was streicht am Berge wie ein Wind?« »Herr! des Propheten Scharen!« O wie die Angst den Stolz zerbricht! Demütig, zitternd als zur Frone, Er weiß es nicht, zu wem er spricht, Doch wie der Sklave vor dem Throne Gebrochen steht der reiche Mann. Die bleiche Lippe zuckt vor Schmerz, Und heißer, als das Wort es kann, Viel heißer fleht das bange Herz: »Hilf Rabbi meinem Sohne!« Ein Murmeln durch die Masse geht, Erwartend sich die Wangen färben, »Wenn ihr nicht Wunderzeichen seht, Dann muß der Zweifel euch verderben.« So spricht der Heiland abgewandt: Unwillig rauscht es in dem Kreis; Doch angstvoll hebt sich eine Hand, Und wie ein Seufzer quillt es leis: »Rabbi, mein Sohn will sterben!« Du hast geglaubt, und wärst du arm Wie Irus, ach was dich nur quäle, Du wahrhaft Reicher, liebewarm Hast einen Schatz, den keiner zähle, O der in dir, als alles brach, Es machen konnte froh und still! Hat er gehört mich, als ich sprach: Herr, meine Seele sterben will, O Herr hilf meiner Seele! Am dreiundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom Könige, der rechnen wollte. »Herr! habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen!« – Da sprach der König: »Du schalkhafter Knecht, ich habe dir die ganze Schuld erlassen, weil du mich batest, solltest denn nicht auch du dich erbarmen über deinen Mitknecht!« – Und er überantwortete ihn den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlte. Wenn oft in kranken Stunden Sich auf mein Schuldbuch schlägt, Der Skorpion an Wunden Hat stechend sich gelegt: Weiß ich dann noch Was zu beginnen? Der Leib ein modernd Joch Und ein Gespenst was drinnen! Hab' ich so viel begangen Denn in so kurzer Zeit, Was wohl zur Schmach gelangen Möcht' einer Ewigkeit? Ich bin zerstört, Ich bin vernichtet, Und langsam abgekehrt Ins Nichts mein Blick sich richtet. In solchen Augenblicken Steht meine Seele still, Darf nicht Gedanke rücken, Gefesselt liegt der Will'. Und Schlafes Macht Muß ich beschwören Die angsterfüllte Nacht In Träume zu verkehren. Doch jetzt, wo klar die Sinnen, Wo mein Gedanke frei, Jetzt darf mein Flehn beginnen, Allgnäd'ger, steh mir bei! Zu solcher Zeit Ohn' Trost und Beten, O dann an meine Seit' Laß deinen Engel treten, Daß ich im Kampf bestehen Die dunkle Stunde kann, Und nicht verloren gehen In meiner Ängsten Bann. Herr, nicht wirst du Umsonst mich quälen, Hast wohl ein Ziel der Ruh' Für mattgehetzte Seelen! Wüßt' ich aus mir zu tragen Den Balsam in den Gift, Wer hat mich so geschlagen Wie deine heil'ge Schrift: Dem, der vergibt, Wird Heil und Leben! Wie mich es, Herr, betrübt, Daß nichts ich zu vergeben: Vielleicht ein Mißbehagen, Ein armes Fünkchen Neid; Es tat ja meinen Tagen Noch keiner rechtes Leid, Und unverdient War nur das Lieben. So ist was, ach, dich sühnt, Kein Opfer mir geblieben. Doch weil du es geboten, Spricht aus des Herzens Grund So Lebenden als Toten Vergebung aus mein Mund. Und was noch mag Mir sein beschieden An Kränkung oder Schmach, Was noch vielleicht hienieden In meiner Zukunft Buch Hast gnädig angeschrieben, Ich kann es nicht genug Ersehnen, schätzen, lieben, Den Hoffnungsstern In meinen Qualen. Herr, hab' Geduld, denn gern Will alles ich bezahlen! Am Allerheiligentage »Selig sind die Armen im Geiste, denn ihnen ist das Himmelreich. – Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. – Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. – Selig sind die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie werden ersättigt werden. – Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. – Selig sind die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott anschauen.–Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. – Selig sind die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihnen ist das Himmelreich.« Selig sind im Geist die Armen, Die zu ihres Nächsten Füßen Gern an seinem Licht erwarmen Und mit Dienerwort ihn grüßen, Fremden Fehles sich erbarmen, Fremden Glückes überfließen: Ja, zu ihres Nächsten Füßen Selig, selig sind die Armen. Selig sind der Sanftmut Kinder, Denen Zürnen wird zum Lächeln Und der Milde Saat nicht minder Sprießt aus Dorn und scharfen Hecheln, Deren letztes Wort ein linder Liebeshauch in Todesröcheln, Wenn das Zucken wird zum Lächeln: Selig sind der Sanftmut Kinder! Selig sind die Trauer tragen Und ihr Brod mit Tränen tränken, Nur die eigne Sünde klagen Und der fremden nicht gedenken, An den eignen Busen schlagen, Fremder Schuld die Blicke senken: Die ihr Brod mit Tränen tränken, Selig sind die Trauer tragen! Selig wen der Durst ergriffen Nach dem Rechten, nach dem Guten, Mutig, ob auf morschen Schiffen, Mutig steuernd nach den Fluten, Sollte unter Strand und Riffen Auch das Leben sich verbluten: Nach dem Rechten, nach dem Guten, Selig, wen der Durst ergriffen! Die Barmherzigen sind selig, So nur nach der Wunde sehen, Nicht erpressend kalt und wählig, Wie der Schaden mocht' entstehen, Leise, schonend und allmählich Lassen drin den Balsam gehen: So nur nach der Wunde sehen, Die Barmherzigen sind selig. Überselig reine Herzen, Unbefleckter Jungfraun Sinnen! Denen Kindeslust das Scherzen, Denen Himmelshauch das Minnen, Die wie an Altares Kerzen Zündeten ihr klar Beginnen: Unbefleckter Jungfraun Sinnen, Überselig reine Herzen! Und des Friedens fromme Wächter Selig, an den Schranken waltend, Und der Einigkeit Verfechter Hoch die weiße Fahne haltend, Mild und fest gen den Verächter Wie der Daun die Klinge spaltend: Selig an den Schranken waltend, Selig sind des Friedens Wächter! Die um dich Verfolgung leiden, Höchster Feldherr, deine Scharen Selig, wenn sie alles meiden, Um dein Banner sich zu wahren! Mag es nie von ihnen scheiden Nicht in Lust noch in Gefahren: Selig, selig deine Scharen! Selig, die Verfolgung leiden! Und so muß ich selig nennen Alle, denen fremd mein Treiben, Muß indes die Wunden brennen, Fremden Glückes Herold bleiben. Wird denn nichts von dir mich trennen, Wildes, saftlos morsches Treiben? Muß ich selber mich zerreiben? Wird mich keiner selig nennen? Am Allerseelentage »Es kömmt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und es werden hervorgehen die Gutes getan haben zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben zur Auferstehung des Gerichts.« Die Stunde kömmt, wo Tote gehn, Wo längst vermorschte Augen sehn. O Stunde! Stunde! größte aller Stunden, Du bist bei mir und läßt mich nicht, Ich bin bei dir in strenger Pflicht, Dir atm' ich auf, dir bluten meine Wunden! Entsetzlich bist du, und doch wert, Ja meine ganze Seele kehrt Zu dir sich, in des Lebens Nacht und Irren Mein fest Asyl, mein Herzgeblüt, Zu dem die zähe Hoffnung flieht, Wenn Angst und Grübeln wie Gespenster irren. Wüßt' ich es nicht, daß du gewiß In jener Räume Finsternis Liegst schlummernd wie ein Embrio verborgen: Dann möcht' ich schaudernd mein Gesicht Verbergen vor der Sonne Licht, Vergehn wie Regenlache vor dem Morgen. Verkennung nicht treibt mich zu dir, Mild ist die strengste Stimme mir, Nimmt meine Heller und gibt Millionen. Nein, wo mir Unrecht je geschehn, Da ward mir wohl, da fühlt' ich wehn Dein leises Atmen durch der Zeit Äonen. Doch Liebe, Ehre treibt mich fort Zu dir als meinem letzten Port, Wo klar mein Grabesinnre wird erscheinen. Dann auf der rechten Waage mag Sich türmen meine Schuld und Schmach, Und zitternd nahn mein Kämpfen und mein Weinen. Vor dir ich sollte Trostes bar Zergehen wie ein Schatten gar; Doch anders ist es ohne mein Verschulden: Zu dir als zu dem höchsten Glück Wie unbeweglich starrt der Blick, Und kaum, kaum mag die Zögerung ich dulden. Doch da sich einmal Hoffnung regt, So wird die Hand, die sie gelegt In dieses Busens fabelgleichen Boden, Sie wird den Keim, der willenlos Und keinem Übermut entsproß, Nicht wie ein Unkraut aus dem Grunde roden. Wenn kömmt die Zeit, wenn niederfällt Der Flitter, den gelegt die Welt, Talent und Glück, ums hagere Gerippe: Da steht der Bettler, schaut ihn an! Dann ist die Zeit, um Gnade dann Darf zitternd flehen des Verarmten Lippe. Dann macht nicht schamrot mich ein Tand, Dann hat gestellt die rechte Hand Mich tief und ärmlich, wie ich es verdienet, Dann trifft mich wie ein Dolchstoß nicht Hinfort ein Aug' voll Liebeslicht: Ich bin erniedriget und bin gesühnet. Am vierundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom Zinsgroschen. »Sage uns also, was deucht dich? ist es erlaubt dem Kaiser Zins zu geben oder nicht?« – »Ihr Heuchler! was versucht ihr mich? – Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist!« Gebt Gott sein Recht und gebt's dem Kaiser auch! Sein Odem ist's, der um den Obern schwebet; Aus Hochmut nicht, in Eigenwillen hebet Nicht eure Rechte gen geweihten Brauch. Doch Gott und Welt im Streit: da Brüder gebet Nicht mehr auf Kaiserwort als Dunst und Rauch. Er ist der Oberste, dem alle Macht Zusammenbricht, wie dürres Reisig kracht. Den Eltern gib, und gib auch Gott sein Recht! O weh des tief Gesunknen, dem verloren Der frommste Trieb, jedwedem angeboren, Den Freisten stempelnd zum beglückten Knecht. Doch stell den Wächter an der Ehrfurcht Toren Und halte das Gewissen rein und echt; Er ist der Vater, dem du Seel' und Leib Verschuldest mehr als irgend Mann und Weib. Den Gatten lieb und denk an Gott dabei! Er gab den Segen dir, als am Altare Den Eid du sprachst, gewaltig bis zur Bahre In Fesseln legend deine Lieb und Treu. Doch wird die Liebe Torheit, o dann wahre, O halte deine tiefsten Gluten frei! Er ist es, dem du einer Flamme Zoll Mußt zahlen, die kein Mensch begehren soll. An deine Kinder hänge nur dein Herz, In deren Adern rollt dein eignes Leben; Das Gottesbild, in deine Hand gegeben, Es nicht zu lieben, wäre herber Schmerz. Doch siehst du zwischen Glück und Schuld es schweben, Wend deine Augen, stoß es niederwärts. Er, über tausend Kinder lieb und hehr, Er sieht dir nach, ist deine Seele schwer. Und auch dem Freunde halte Treue fest, Mit der die Ehre innig sich verbunden; Ein irdisch Gut, was Gnade doch gefunden, Solang es nicht die Hand der Tugend läßt, Doch nahen glänzender Versuchung Stunden, Dann aller Erdenrücksicht gib den Rest Und klammre an den einen dich, der dann Dir mehr als Freund und Ehre geben kann. So biete jedem, was sein Recht begehrt, Und nimm von jedem, was du darfst empfangen; Dein Herz es mag an zarten Banden hangen, Die Gottes Huld so gnadenvoll gewährt; Doch drüber, wie ein Glutstern, das Verlangen Nach einem leuchte, irdisch unversehrt, Nach einem, ohne den dein Herz, so warm, Ewig verlassen bliebe doch und arm! Am fünfundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Von des Obristen Töchterlein. Er sprach: »Gehet hinweg, denn das Mägdlein ist nicht tot, sondern es schläft.« – Er ging hinein, ergriff ihre Hand, und das Mägdlein stand auf. Weck auf was schläft, streck aus die Hand, Du Retter Gott, Betäubung liegt Auf meinem Geist ein bleiern Band. Es ist nicht tot, nur schlafbesiegt, Nur taumelnd trunken, ein Helot, Der knirschend schlürft in Sklavennot Den Wein, so der Tyrann ihm bot: So niederliegt in mir, was da vom Rechten. Ja in den schwersten Stunden doch Blieb ein Bewußtsein mir, daß tief Wie in des Herzens Keller noch Verborgen mir ein Erbteil schlief, Gleich warmer Quelle, die hinab Versickert in der Höhle Grab Und droben läßt den Herrscherstab; Frost, Sturm und Schnee um ihr Besitztum fechten. Und der Tyrann, so niederhält Mein bestes und mein einz'ges Gut, Nicht Trägheit ist's, noch Lust der Welt; Es ist der kalt gebrochne Mut, O, wie ich tausendmal gesagt, Verstandes Fluch, der trotzig ragt Und scharf an meinem Glauben nagt, Weh schwer Geschenk, verfallen bösen Mächten. Zu einer Zeit, schwarz wie die Nacht, Zu einer Zeit, die ich erlebt, Da war ich um mein Heil gebracht Wie dürres Blatt am Zweige bebt. Trostlos und ohne Hoffnung war Unglaube wie die Sonne klar; Mein Leben hing an einem Haar: O, solche Stunde gönn' ich nicht den Schlechten! Soll ich es sagen, daß die Not Gesteigert ward durch Menschenmüh'? Nicht weiß ich, was dem Staub gebot; Doch unglückselig sah ich sie, Auflachend nur in Krampfes Spott, Frech, doch vernichtet, ohne Gott, Unsel'ge, aber arme Rott', Um das verzweifelnd, was sie möchten ächten. Schwach hieß, wer ohne Zucken nicht Ins Auge der Vernichtung sah; Doch in dem Blicke lag Gericht, Dem Lächeln Todesschauer nah. Warum man nicht in Ruh' mich ließ, Im Freundschaftsmantel überdies, Als ob der Arzt das Messer stieß? Ich weiß es nicht, doch will ich drum nicht rechten. So höret denn was mich geschützt Vor gänzlichem Verlorengehn: Daß ich Unglauben nicht benützt Des Frevels Banner zu erhöhn; Daß der Entschluß gewann den Raum, Ob mir gefällt des Lebens Baum, Zu lieben meines Gottes Traum Und auch dem Toten Kränze noch zu flechten. Unglaub' ist Sünde! aber mehr: Sünd' ist Unglaube, sie allein Mag aller Zweifel frost'gem Heer Der stärkste Bundsgenosse sein. O wär' ich tugendhaft: dann ließ Nicht einsam mich die Finsternis; Fällt doch ein Strahl in mein Verlies, Weil ich nicht gänzlich zugesellt den Schlechten Ein Kleinod hab' ich mir gehegt: Da mein Bewußtsein, ob befleckt, Doch nicht in Schnee und Eis gelegt Und nicht in Lava sich gestreckt. Ach, Odem noch die Liebe hat, Die Hoffnung treibt ein grünes Blatt, Und auch der Glaube todesmatt Faltet die Hände, ob sie Segen brächten. O reiche, Gnäd'ger, deine Hand Wie du dem Mägdlein sie gereicht! Zerreiß der dumpfen Träume Band, So mächtig mir und dir so leicht! Ja mag dein Odem drüber wehn, Ein Strahl aus deinem Auge gehn, Dann ist wohl da, was auferstehn Und was fortan in deiner Schar mag fechten! Am sechsundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom Greuel der Verwüstung. »Wenn ihr sehen werdet den Greuel der Verwüstung, von welchem gesagt ist durch den Propheten Daniel, daß er stehe an der heiligen Stätte – aber um der Auserwählten willen werden diese Tage abgekürzet werden.« Steht nicht der Greuel der Verwüstung da An heil'ger Stätte? Was träumen wir von Dingen, die uns nah, Als schliefen sie wie Feuerstoff im Bette Des Kohlenschachts? Blickt auf und schaut umher, O, die Verödung, wie sie dumpf und schwer Traf Herz an Herz wie mit galvan'scher Kette! Gibt's eine Stätte denn, die heiliger Als Menschenherzen? Gibt es Verwüstung, die entsetzlicher, Als wenn das Höchste stirbt an matten Scherzen? O Glaube, Glaube, wem du kalt und schwach, Der schleppt den Grabstein an der Ferse nach: Und dennoch Heil ihm, schleppt er ihn mit Schmerzen! Doch wer sein Kleinod als ein Spielgerät Sieht lächelnd brechen, Und wie aus Gnad' und milder Majestät Ein Mitleidswort will ob dem Toren sprechen, Dem Toren, der beweint sein Steckenpferd: Ja, dem erlosch die Flamm' am heil'gen Herd Und seine Nahrung steht in Sumpf und Bächen. Kannst du ertragen, daß die Augen schaun, Wem sie sich kehren: Dorthin dann wende deinen Blick mit Graun, Wo wie im Moderschlamm die Massen gären! Verlaß den kleinen grünen Fleck, der nur Durch Gottes Huld ward zu des Lebens Flur, Und sieh, wie sie von deinem Busen zehren! O hätt' ich nimmer meinen Fuß gewandt Von deiner Erde! Wie segn' ich dich mein reiches kleines Land, Du frische Weide einer treuen Herde! In dir sah ich die Schande nicht vergnügt, Nicht hohen Geist an alle Schmach geschmiegt, Noch tiefsten Wahnsinns üppige Gebärde. Ich bin enttäuscht, und manche Narbe trug Ich aus dem Streite. Als auch an meine Brust Verwüstung schlug Und forderte die halbverfallne Beute, Ward ich entrissen ihr durch Gottes Huld: Sein ist die Gnade, mein allein die Schuld; Und dennoch eine Trümmer steh ich heute! Ward ich nicht ganz der öden Stätte gleich, Verfluchtem Grunde, Wo Salz gestreut auf Stein und Schädel bleich, Gibt hier und dort noch eine Säule Kunde Vergangner Herrlichkeit: Dank dir mein Land! Du hast zu früh gelegt ein frommes Band Um meine Seele in der Kindheit Stunde. So will ich harren denn, und tiefbedrängt Will ich es tragen, Daß immer wie zum Sturz die Mauer hängt: Noch mögen einst erneut die Zinnen ragen. Es gibt ja eine stark und milde Hand, So aus dem Nichts entflammt den Sonnenbrand; Sie hat auch diesen morschen Bau getragen Bis heute, wo aus dieser kranken Brust Die Seufzer drangen. O du, dem Wurmes Zucken selbst bewußt, Hilf mir und jenen auch, die todumfangen! Sei gnädig, leg an ihr verknorpelt Herz Des Leidens Moxa, daß es lebt in Schmerz; Ach Herr, sie wußten nicht was sie begangen! Am siebenundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten Ev.: Vom Senfkörnlein und Sauerteig. »Das Himmelreich ist gleich einem Senfkörnlein, das ein Mensch nahm, und säte es auf seinen Acker; dasselbe ist zwar das kleinste unter allen Körnern, wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, so daß alle Vögel des Himmels kommen, und unter seinen Zweigen wohnen. – Das Himmelreich ist gleich einem Sauerteige, den ein Weib nahm, und steckte ihn unter drei Scheffel Mehls, bis es ganz durchsäuert war.« Tief, tief ein Körnlein schläft in mancher Brust, Doch Herr, du siehst es und du magst es segnen. O schau auf jene die, sich unbewußt, Nicht fühlen deiner Gnadenwolke Regnen, Die um sich steigen lassen deinen Tau; Nachtwandler, dumpf gebannt in Traumes Leben, Umwandeln Turmes Zinne sonder Beben, Nicht zuckend nur mit der geschloßnen Brau'. Ich bin erwacht, ob auch zu tiefer Schmach; So will ich heut nicht an mein Elend denken, Will, ach, das einzige, was ich vermag, Ein zitterndes Gebet den Armen schenken; Ob nur ein kraftlos halbgebrochner Hauch, Der dennoch mag die rechten Wege finden, Und muß er sich zu deinem Throne winden Wie sich zum Äther wälzet Nebelrauch. Du Milder, weißt aus allem Erdendunst Den warmen Lebensodem wohl zu scheiden, Gerechter du und doch die höchste Gunst, Des Sonne scheinet über Moor und Heiden, O kräft'ge deinen Strahl, daß er entglüht Die langverjährte Rinde mag durchdringen; Mach des erstarrten Blutes Quellen springen, Auftauen das erfrorne Augenlid. Wie oft sah ich in schier vereistem Grund Sich leise noch das Samenkörnlein dehnen, Wie öfters brach aus längst entweihtem Mund Ein Schmerzenslaut, der alles kann versöhnen! O, nur wer stand in glüher Wüstenei, Der weiß des grünen Blattes Wert zu schätzen, Und wessen Ohr kein Luftzug durfte letzen, Nur der vernimmt den halberstickten Schrei. Mit meinem Schaden hab' ich es gelernt, Daß nur der Himmel darf die Sünde wägen, O Menschenhand, sie halte sich entfernt, Die nur das Leben zählt nach Pulses Schlägen. Lebt doch das Samenkorn und atmet nicht, Und kann es dennoch einen Stamm enthalten, Der herrlich einst die Zweige mag entfalten, Wo das Gevögel jubelt unterm Licht. Sei Menschenurteil in Unwissenheit Hart wie ein Stein, du Herr, erkennst das Winden Der Seele, und wie unter Mördern schreit Zu dir ein Seufzer, der sich selbst nicht finden Und nennen kann. Kein Feuer brennt so heiß Als was sich wühlen muß durch Grund und Steine, Von allen Quellen rauschender rinnt keine Als die sich hülflos windet unterm Eis. Im Fluch, dem alle schaudern, hörst du noch Den Klageruf an Kraft und Mut gebrochen; In des Verbrechers Wahnsinn trägt sich doch Entgegen dir zerfleischten Herzens Pochen. Das ist das Samenkorn, was wie im Traum Bohrt ängstlich mit den Würzelchen zum Grunde, Und immer trägt es noch den Keim im Munde Und immer schlummert noch in ihm der Baum. Brich ein o Herr! du weißt den rechten Stoß Und weißt, wo schwach vernarbt der Sünde Wunden; Noch liegt in deiner Hand ihr ewig Los, Noch lauert stumm die schrecklichste der Stunden, Wo ihnen deine Hand die Waage reicht Und die Verdammung steht im eignen Herzen, O Jesu Christ gedenk an deine Schmerzen, O rette die aus deinem Blut gezeugt! Am ersten Sonntage im Advent Ev.: Einritt Jesu in Jerusalem. »Saget der Tochter Sions: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig.« – »Hosanna dem Sohne Davids, gelobt sei der da kömmt im Namen des Herrn!« Du bist so mild, So reich an Duldung, liebster Hort, Und mußt so wilde Streiter haben; Dein heilig Bild Ragt überm stolzen Banner fort, Und deine Zeichen will man graben In Speer und funkensprühnden Schild. Mit Spott und Hohn Gewaffnet hat Parteienwut, Was deinen sanften Namen träget, Und klirrend schon Hat in des frommsten Lammes Blut Den Fehdehandschuh man geleget, Den Zepter an die Dornenkron'. So bleibt es wahr, Was wandelt durch des Volkes Mund, Daß wo man deinen Tempel schauet So mild und klar, Dicht neben den geweihten Grund Der Teufel seine Zelle bauet, Sich wärmt die Schlange am Altar. Wenn Stirn an Stirn Sich drängen mit verwirrtem Schrei Die Kämpfer um geweihte Sache, Wenn in dem Hirn Mehr schwindelt von der Welt Gebäu, Von Siegesjubel, Ehr' und Rache Mehr zähe Mottenfäden schwirrn Als stark und rein Der Treue Nothemd weben sich Sollt', von des Herzens Schlag gerötet: Wer denkt der Pein Durchzuckend wie mit Messern dich, Als für die Kreuz'ger du gebetet! O Herr sind dies die Diener dein? Wie liegt der Fluch Doch über allen, deren Hand Noch rührt die Sündenmutter Erde! Ist's nicht genug, Daß sich der Flüchtling wärmt am Brand Der Hütte? muß auf deinem Herde Die Flamme schürn unsel'ger Trug? Wer um ein Gut Der Welt die Sehnsucht sich verdarb, Den muß der finstre Geist umfahren: Doch was dein Blut, Dein heilig Dulden uns erwarb: Das sollten knieend wir bewahren Mit starkem aber reinem Mut. Allmächt'ger du! In dieser Zeit, wo dringend not Daß rein dein Heiligtum sich zeige, O laß nicht zu Daß Lästerung, die lauernd droht, Verschütten darf des Hefens Neige Und, ach, den klaren Trank dazu! Laß alle Treu' Und allen standhaft echten Mut Aufflammen, immer licht und lichter; Kein Opfer sei Zu groß für ein unschätzbar Gut Und deine Scharen mögen dichter Und dichter treten Reih' an Reih'. Doch ihr Gewand Sei weiß, und auf der Stirne wert Soll keine Falte düster ragen; In ihrer Hand – Und faßt die Linke auch das Schwert – Die Rechte soll den Ölzweig tragen, Und aufwärts sei der Blick gewandt. So wirst du früh Und spät, so wirst du einst und heut Als deine Streiter sie erkennen; Voll Schweiß und Müh', Demütig, standhaft, friedbereit, So wirst du deine Scharen nennen Und Segen strömen über sie. Am zweiten Sonntage im Advent Ev.: Vom Zeichen an der Sonne. »Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit. – Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.« Wo bleibst du, Wolke, die den Menschensohn Soll tragen? Seh ich das Morgenrot im Osten schon Nicht leise ragen? Die Dunkel steigen, die Zeit rollt matt und gleich. Ich seh es flimmern, aber bleich ach, bleich! Mein eignes Sinnen ist es was da quillt Entzündet, Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt Sich wohl entbindet Ein Flämmchen und vom Schilfgestöhn umwankt Unsicher in dem grauen Dunste schwankt. So muß die allerkühnste Phantasie Ermatten; So in der Mondesscheibe sah ich nie Des Berges Schatten Gewiß, ob ein Koloß die Formen zog, Ob eine Träne mich im Auge trog. So ragt und wälzt sich in der Zukunft Reich Ein Schemen. Mein Sinnen sonder Kraft, Gedanke bleich – Wer will mir nehmen Das Hoffen, was ich in des Herzens Schrein Gehegt als meiner Armut Edelstein? Gib dich gefangen, törichter Verstand! Steig nieder Und zünde an des Glaubens reinem Brand Dein Döchtlein wieder! Die arme Lampe, deren matter Hauch Verdumpft, erstickt in eignen Qualmes Rauch. Du seltsam rätselhaft Geschöpf aus Ton Mit Kräften, Die leben, wühlen, zischen wie zum Hohn In allen Säften, O bade deinen wüsten Fiebertraum Im einz'gen Quell, der ohne Schlamm und Schaum! Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind Dir sendet Die Macht, so wetterleuchtet und verneint; Und starr gewendet Wie zum Polarstern halt das eine fest, Sein Wort, sein heilig Wort – und Schach dem Rest! Dann wirst du auf der Wolke deinen Herrn Erkennen, Dann sind Jahrtausende nicht kalt und fern, Und zitternd nennen Darfst du der Worte Wort, des Lebens Mark, Wenn dem Geheimnis deine Seele stark. Und heute schon, es steht in Gottes Hand, Erschauen Magst du den Heiland in der Seele Brand, Glühndem Vertrauen. Zerfallen mögen Erd und Himmels Höhn, Doch seine Worte werden nicht vergehn. Am dritten Sonntage im Advent Ev.: Johannes sendet zu Christo. »Bist du der kommen soll? oder sollen wir auf einen andern warten?« – »Siehe, ich sende meinen Engel vor deinem Angesichte her, der deinen Weg bereiten soll.« Auf keinen andern wart' ich mehr, Wer soll noch Liebres kommen mir? Wer soll so mild und doch so hehr Mir treten an des Herzens Tür? Wer durch des Fiebers Qual und Brennen So liebreich meinen Namen nennen, Ein Balsamträufeln für und für? Du wußtest es von Ewigkeit, Daß der Gedanken Übermaß, Dem Sinn entzogne Herrlichkeit, Zersprengen müßt' mein Hirn wie Glas; So kamst du niedrig unsersgleichen, Wie zu der Armut Fromme schleichen, Sich setzend wo der Bettler saß. Wenn fast zum Schwindeln mich gebracht Der wirbelnden Betrachtung Kreis, Dann trittst du aus der Dünste Nacht Und deine Stimme flüstert leis: Hier bin ich, bin ich, woll' mich fassen, Dann magst du alles andre lassen; Auf meinem Kreuze hegt der Preis. O Stimme, immer mir bekannt, O Wort, das stets verständlich mir, Du legst mir auf der Liebe Band Und meine Schritte folgen dir! In Liebe glaub' ich, liebewund Schieb' ich des Herzens Tür auf, und Geschlossen ist des Grübelns Tür, Gehemmt die Jagd, durch scharfen Stein Und Dornen hetzend meinen Fuß; Ich ruh' in deinem kühlen Hain Und lausche deinem sanften Gruß. Die Blinden sehn, die Kalten glühen Und aus des Irren Haupte ziehen Der dumpfen Schatten Menge muß. Ich folge dir zu Berges Höhn, Wo Leben von den Lippen fließt, Und deine Tränen darf ich sehn, O tausendmal mit Heil gegrüßt, Muß in Gethsemane erzittern, Daß Schrecken Gottes Leib erschüttern, Blutschweiße Gottes Stirn vergießt. Er hat gehorsam bis zum Tod, Ja zu des Todes eitlem Graus, Gekostet jede Menschennot Und trank den vollen Becher aus. So richte dich aus Dorn und Höhle, Du meine angstgeknickte Seele, Auch du nur trägst ein irdisch Haus. Laß wanken denn die Trümmer grau Und mische deine Tränen nur Mit deines Heilands blut'gem Tau, Gequälter Sklave der Natur! O, dessen Schweiß den Grund gerötet, Er weiß es, wie ein Seufzer betet, Mein Jesu, meine Hoffnungsau! Am vierten Sonntage im Advent Ev.: Vom Zeugnisse Johannes. Sie fragten: »Wer bist du?« – und er bekannte und leugnete nicht: »Ich bin eine Stimme des Rufenden in der Wüste. – Ich taufe euch mit Wasser, aber er steht mitten unter euch, den ihr nicht kennt.« Fragst du mich, wer ich bin? Ich berg' es nicht: Ein Wesen bin ich sonder Farb' und Licht, Schau mich nicht an; dann wendet sich dein Sinn; Doch höre! höre! höre! denn ich bin Des Rufers in der Wüste Stimme. In Nächten voller Pein kam mir das Wort Von ihm, der Balsam sät an Sumpfes Bord, Im Skorpion der Heilung Öl gelegt, Dem auch der wilde Dorn die Rose trägt, Das faule Holz entzündet sein Geglimme. So senke deine Augen und vernimm Von seinem Herold deines Herren Grimm, Und seine Gnade sei dir auch bekannt, Der Wunde Heil, so wie der schwarze Brand, Wenn seiner Adern Bluten hemmt der Schlimme. Merk auf! ich weiß es, daß in härtster Brust Doch schlummert das Gewissen unbewußt; Merk auf, wenn es erwacht, und seinen Schrei Ersticke nicht, wie Mütter sonder Treu' Des Bastards Wimmern und sein matt Gekrümme! Ich weiß es auch, daß in der ganzen Welt Dem Teufel die Altäre sind gestellt, Daß mancher kniet, demütig nicht gebeugt, Und überm Sumpfe, engelgleich und leicht Der weiße Lotos wie ein Kindlein schwimme. Es tobt des tollen Strudels Ungestüm Und zitternd fliehen wir das Ungetüm, Still liegt der Sumpf und lauert wie ein Dieb, Wir pflücken Blumen und es ist uns lieb Zu schaun des Irrlichts tanzendes Geflimme. Drum nicht vor dem Verruchten sei gewarnt; Doch wenn dich süßer Unschuld Schein umgarnt, Dann lächelt der Vampyr, dann fahr zurück Und senke tief, o tief in dich den Blick, Ob leise quellend die Verwesung klimme! Ja, wo dein Aug' sich schaudernd wenden mag, Da bist du sicher mindstens diesen Tag, Doch gift'ger öfters ist ein Druck der Hand, Die weiche Träne und der stille Brand, Den Lorbeer treibend aus Vulkanes Grimme. Ich bin ein Hauch nur, achtet nicht wie Tand Mein schwaches Wehn, um des der mich gesandt. Erwacht! erwacht! ihr steht in seinem Reich; Denn sehet, er ist mitten unter euch, Den ihr verkennt, und ich bin seine Stimme! Am Weihnachtstage Durch alle Straßen wälzt sich das Getümmel, Maultier', Kamele, Treiber; welch Gebimmel! Als wolle wieder in die Steppe ziehn Der Same Jakobs, und Judäas Himmel, Ein Saphirscheinen über dem Gewimmel, Läßt blendend seine Funkenströme sprühn. Verschleiert Frauen durch die Gassen schreiten, Mühselig vom beladnen Tiere gleiten Bejahrte Mütterchen; allüberall Geschrei und Treiben, wie vor Jehus Wagen. Läßt wieder Jezabel ihr Antlitz ragen Aus jener Säulen luftigem Portal? 's ist Rom, die üpp'ge Priesterin der Götzen, Die glänzendste und grausamste der Metzen, Die ihre Sklaven zählt zu dieser Zeit. Mit einem Griffel, noch vom Blute träufend, Gräbt sie in Tafeln, Zahl auf Zahlen häufend, Der Buhlen Namen, so ihr Schwert gefreit. O Israel, wo ist dein Stolz geblieben, Hast du die Hände blutig nicht gerieben, Und deine Träne war sie siedend Blut? Nein, als zum Marktplatz deine Scharen wallen Verkaufend, feilschend unter Tempels Hallen, Mit ihrem Gott zerronnen ist ihr Mut! Zum trüben Irrwisch ward die Feuersäule, Der grüne Aaronsstab zum Henkerbeile; Und grausig übersteint das tote Wort Liegt, eine Mumie, im heil'gen Buche, Drin sucht der Pharisäer nach dem Fluche, Ihn donnernd über Freund und Fremdling fort. So Israel bist du gereift zum Schnitte, Wie reift die Distel in der Saaten Mitte, Und wie du stehst in deinem grimmen Haß Genüber der geschminkt und hohlen Buhle, Seid gleich ihr vor gerechtem Richterstuhle Von Blute sie und du von Geifer naß. O tauet Himmel, tauet den Gerechten, Ihr Wolken regnet ihn den wahr und echten Messias, den Judäa nicht erharrt, Den Heiligen und Milden und Gerechten, Den Friedenskönig unter Hassesknechten, Gekommen zu erwärmen was erstarrt! Still ist die Nacht; in seinem Zelt geborgen Der Schriftgelehrte späht mit finstren Sorgen, Wann Judas mächtiger Tyrann erscheint; Dann lüftet er den Vorhang starrend lange Dem Sterne nach, der streicht des Äthers Wange Wie Freudenzähre, die der Himmel weint. Und fern vom Zelte über einem Stalle Da ist's, als ob aufs niedre Dach er falle, In tausend Radien sein Licht er gießt. Ein Meteor, so dachte der Gelehrte, Als langsam er zu seinen Büchern kehrte: O weißt du wen das niedre Dach umschließt? In einer Krippe ruht ein neugeboren, Ein schlummernd Kindlein; wie im Traum verloren Die Mutter knieet, Weib und Jungfrau doch. Ein ernster, schlichter Mann rückt tief erschüttert Das Lager ihnen; seine Rechte zittert Dem Schleier nahe um den Mantel noch. Und an der Türc stehn geringe Leute, Mühsel'ge Hirten, doch die Ersten heute, Und in den Lüften klingt es süß und lind, Verlorne Töne von der Engel Liede: Dem Höchsten Ehr', und allen Menschen Friede, Die eines guten Willens sind! Am zweiten Weihnachtstage (Stephanus) »Jerusalem! Jerusalem! die du tötest die Propheten, und stein'gest die zu dir gesandt sind, wie oft habe ich dich versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein versammelt unter ihre Flügel, und du hast nicht gewollt! Siehe! euer Haus wird euch wüste gelassen werden, denn ich sage euch, ihr werdet mich von nun an nicht mehr sehen, bis ihr saget: 'Gebenedeit ist der da kömmt im Namen des Herrn!'« – Und die Zeugen legten ihre Kleider ab, zu den Füßen eines Jünglings, der Saulus hieß. Jerusalem! Jerusalem! Wie oft erschollen ist sein Ruf; Du spieltest sorglos unter dem Verderben, unter Rosses Huf Und Rades Wucht, schau! darum ist Verödet deine Stätte worden. Und du ein irres Küchlein bist, Sich duckend unter Geierhorden. Vorüber ist die heil'ge Zeit, Wo deinen Sinnen er bekannt Und seiner Wunder Herrlichkeit Zieht nur als Sage durch das Land. Der Weise wiegt sein schweres Haupt, Der Tor will dessen sich entschlagen, Und nur die fromme Einfalt glaubt Und mag die Opfergabe tragen. O bringt sie nur ein willig Tun, Ein treues Kämpfen zum Altar, Dann wird auf ihr die Gnade ruhn, Ein innres Wunder, ewig klar. Doch ist es so, der Gegenwart Gebrochen sind gewalt'ge Stützen, Seit unsern Sinnen trüb und hart Verhüllt ward seiner Zeichen Blitzen. War einst erhellt der schwanke Steg, Und klaffte klar der Abgrund auf, Wir müssen suchen unsern Weg Im Heiderauch ein armer Hauf. Des Glaubens köstlich teurer Preis Ward wie gestellt auf Gletschers Höhen; Wir müssen klimmen über Eis Und schwindelnd uns am Schlunde drehen. Was, Herr, du ließest fort und fort, Hat uns die Seele wohl gebrannt; Doch bleibt es ein geschriebnes Wort, Unsichtbar die lebend'ge Hand. Ach nur wo Grübeln nicht und Stolz Am Stamme nagt seit Tag und Jahren, Blieb frisch genug das mark'ge Holz, Frei durch Jahrtausende zu fahren. So ist es, wehe, schrecklich wahr, Daß mancher, wie zum starken Mast Geschaffen, in der Zeit Gefahr Die Glaubenssegel hat gebraßt, Nun, dürre Säule, nackt und schwer Nur krachend kündet durch das Wehen, Hier sei in Zweifels wüstem Meer Ein wuchtig Schiff am Untergehen! O sende, Retter, deinen Blitz, Der ihm den frommen Hafen hellt, Wo einst der starke Mast als Sitz Der Pharuslampe sei gestellt; Es trägt Gebirge ja dein Land, Wo Zedern sich zu Zedern einen, Laß nicht ein Sturmlicht den Verstand Und einen Fluch die Kraft erscheinen! Als Stephanus mit seinem Blut Besiegelte den Christussinn, Da legten Mörder heiß vor Wut Zu eines Jünglings Füßen hin, Der stumm und finster sich gesellt, Die Kleider staubig, schweißbefeuchtet; Und der ward Paulus, Christi Held, Des Strahl die ganze Welt durchleuchtet. Am Sonntage nach Weihnachten Seine Eltern wunderten sich. – Das Kind aber wuchs heran und ward gestärket, voll der Weisheit, und Gottes Gnade war mit ihm. – »Siehe, deine Seele wird ein Schwert durchdringen.« – Und sie war eine Witwe, bei 84 Jahren, die nicht vom Tempel kam, und sie dienete Gott Tag und Nacht, mit Fasten und Beten. An Jahren reif und an Geschicke Blieb ich ein Kind vor Gottes Augen, Ein schlimmes Kind, voll schwacher Tücke, Die selber mir zu schaden taugen. Nicht hat Erfahrung mich bereichert; Wüst ist mein Kopf, der Busen leer; Ach! keine Frucht hab' ich gespeichert Und schau auch keine Saaten mehr! Ging so die teure Zeit verloren, Die über Hoffen zugegeben Dem Wesen, was noch kaum geboren Schon schmerzlich kämpfte um sein Leben! Ich, die den Tod seit Jahren fühle Sich langsam nagend bis ans Herz, Weh mir! ich treibe Kinderspiele, Als sei der Sarg ein Mummenscherz. In siechen Kindes Haupte dämmert Das unverstandne Mißbehagen; So wenn der Grabwurm lauter hämmert Fühl' bänger ich die Pulse schlagen. Dann bricht hervor das matte Stöhnen, Der kranke, schmerzgedämpfte Schrei; Ich lange mit des Wurmes Dehnen Sehnsüchtig nach der Arzenei. Doch wenn ein frischer Hauch die welke Todsieche Nessel hat berühret: Dann hält sie sich wie Ros' und Nelke Und meint sich königlich gezieret. O Leichtsinn, Leichtsinn sondergleichen Als ob kein Seufzer ihn gestört! Und doch muß ich vor Gram erbleichen, Durch meine Seele ging ein Schwert. Wer mußt' so vieles Leid erfahren An Körpernot und Seelenleiden Und dennoch in so langen Jahren Sich von der Welt nicht mochte scheiden? Ob er als Frevler sich dem Rade, Als Tor geselle sich dem Spott: O sei barmherzig ew'ge Gnade, Richt' ihn als Toren milder Gott! Du hast sein siedend Hirn gebildet, Der Nerven rastlos flatternd Spielen Nicht von gesundem Blut geschildet; Weißt seine dumpfe Angst zu fühlen, Wenn er sich windet unter Schlingen, Zu mächtig ihm, und doch verhaßt, Er gern ein Opfer möchte bringen, Wenn es nur seine Hand erfaßt. Was Sünde war, du wirst es richten, Und meine Strafe muß ich tragen; Und was Verwirrung wirst du schlichten Weit gnäd'ger, als ich dürfte sagen. Wenn klar das Haupt, die Fäden löser, Was dann mein Teil, ich weiß es nicht; Jetzt kann ich stammeln nur: Erlöser! Ich gebe mich in dein Gericht! Am letzten Tage des Jahres (Silvester) Das Jahr geht um, Der Faden rollt sich sausend ab. Ein Stündchen noch, das letzte heut, Und stäubend rieselt in sein Grab Was einstens war lebend'ge Zeit. Ich harre stumm. 's ist tiefe Nacht! Ob wohl ein Auge offen noch? In diesen Mauern rüttelt dein Verrinnen, Zeit! Mir schaudert, doch Es will die letzte Stunde sein Einsam durchwacht. Gesehen all, Was ich begangen und gedacht, Was mir aus Haupt und Herzen stieg: Das steht nun eine ernste Wacht Am Himmelstor. O halber Sieg, O schwerer Fall! Wie reißt der Wind Am Fensterkreuze, ja es will Auf Sturmesfittigen das Jahr Zerstäuben, nicht ein Schatten still Verhauchen unterm Sternenklar. Du Sündenkind! War nicht ein hohl Und heimlich Sausen jeder Tag In deiner wüsten Brust Verlies, Wo langsam Stein an Stein zerbrach, Wenn es den kalten Odem stieß Vom starren Pol? Mein Lämpchen will Verlöschen, und begierig saugt Der Docht den letzten Tropfen Öl. Ist so mein Leben auch verraucht, Eröffnet sich des Grabes Höhl' Mir schwarz und still? Wohl in dem Kreis, Den dieses Jahres Lauf umzieht, Mein Leben bricht: Ich wußt' es lang! Und dennoch hat dies Herz geglüht In eitler Leidenschaften Drang. Mir brüht der Schweiß Der tiefsten Angst Auf Stirn und Hand! – Wie, dämmert feucht Ein Stern dort durch die Wolken nicht? Wär' es der Liebe Stern vielleicht, Dir zürnend mit dem trüben Licht, Daß du so bangst? Horch, welch Gesumm? Und wieder? Sterbemelodie! Die Glocke regt den ehrnen Mund. O Herr! ich falle auf das Knie: Sei gnädig meiner letzten Stund! Das Jahr ist um! Als der Herr in Sidons Land gekommen Als der Herr in Sidons Land gekommen, Naht ein kananäisch Weiblein sich. »Herr!« spricht sie in Demut und in Frommen, »Herr! erbarme meiner Tochter dich. Sieh, sie liegt daheim in großen Peinen, Denn es wohnt in ihr ein böser Geist.« Und voll Trauer hebt sie an zu weinen, Als der Herr sie strenge von sich weist. Doch sie schaut in seiner Augen Prachten, Und ihr treues Herz bleibt ungeschreckt, Einem Hündlein gleich will sie sich achten, Das die Krümlein von der Erde leckt, Ihre Demut hat sich durchgerungen: »Weib, dein Glaub' hat dir geholfen,« spricht Jesu süße Stimme, und bezwungen Weicht der finstre Geist dem Gnadenlicht. Kann nur Demut uns den Segen bringen, Und ich schnöder Wurm der Sterblichkeit Meine noch, es müsse mir gelingen, Da ich von der Demut noch so weit? Hab' ich nur ein kleines Leid getragen, Einen Heller meiner großen Schuld, Fühl' ich schon ein leises Wohlbehagen Über meine Stärke und Geduld. Seele mein, hast du denn ganz vergessen Deiner Sünden, dunkel wie die Nacht, Hast den Quell im Sande stolz gemessen, Und der weiten Wüste nicht gedacht? Ach, wie täuschte dich die Eigenliebe Über dein Beginnen sonder Treu, Eine Mücke fängst du auf im Siebe, Das Kamel verschlingst du sonder Scheu. Denkst wohl gar Verdienste zu gewinnen, Wähnst um dich der Siegespalmen Grün, Ach, was du auch immer magst beginnen, Deiner Kräfte äußerstes Bemühn, Könntest tausend Jahr dem Herrn du dienen, In Zerknirschung büßend fort und fort, Deine Frevel kannst du nimmer sühnen, Gnade bleibt dein einz'ges Hoffnungswort. Und wie wenig hast du nicht gelitten In der Reue bittrer Läutrungsglut, Und wie lau und schwächlich nicht gestritten Gegen deiner innern Feinde Wut! Kannst du eine Viertelstunde nennen, Wo du ganz und gar dem Herrn gehört, Keine Wünsche dich von Jesu trennen, Kein Gedanke dein Gebet gestört? Ach, mit jedem meiner Seufzer treten Neue Sünden vor dein Angesicht. Herr, ich bin nicht wert, zu dir zu beten, Schone mein, du starker Gott im Licht. O! mich faßt ein ungeheurer Schrecken, Daß ich so vermessen mich erkühnt, Weh, mein ganzes Leben ist ein Flecken, Jede Stunde hat den Tod verdient. Dennoch, dennoch darfst du nicht verzagen, Nicht in deines tiefsten Elends Drang, Mußt die Schmerzen grimm, die in dir nagen, Fesseln mit der Hoffnung süßem Zwang. Jesus will es, und du mußt vollbringen, Ob dich seine Milde fast zerdrückt, Darfst nicht trotzend in Verzweiflung ringen, Wie der eigne Wille dich berückt. Wie der Pharus an dem Seegestade Frieden leuchtet durch der Stürme Wut, Strahlt so mildiglich das Kreuz der Gnade, Drum nur Mut, bedrängte Seele, Mut! Halte fest in Demut und Vertrauen Seele mein, mit deiner ganzen Macht, Siehe, wie fünf rote Sonnen schauen Jesu Wunden durch die wüste Nacht. Und wie einst die Arche trug das Leben Durch der Sünde allgemeinen Tod, Wird das süße Kreuz mich rettend heben, Wenn entsetzlich das Verderben droht. Ja, ich will auf Jesu Worte bauen, Seh ich gleich nicht ihn, und nur die Nacht, Fest nur, fest in Demut und Vertrauen, Seele mein, mit deiner ganzen Macht.