Die Schiffbrüchigen 1. Wir waren zu viert. Die Felsen, steil, Hochragend, umtoste der wütende Sturm, Der hatt' uns getroffen mit heulendem Pfeil, Den Tod geschworen dem Menschenwurm. Zerschellt, zersplittert am Stein das Schiff, Verschlungen fast alle. Ein Krach, ein Schrei – Hohn donnert die Tiefe hinauf zum Riff, Hohn gellen die Lüfte – und alles vorbei. Nur wir, von dreißig die einzigen, lagen Auf felsigem Ufer, zerschunden, zerschlagen, Frostschauernd, durchnässt von der salzigen Flut Bis auf die Knochen, erstarrt das Blut. Im Rücken das springende Ungeheuer, Das tobende Meer, geduckt zu neuer Raubhungriger Mordthat, vor uns die Klippen, Die zackigen, kantigen Felsenrippen, Und um uns, mit Heulen, Toben und Schnaufen, Der Wellenpeitscher, der Felsenrüttler, Der Sturm, der jauchzende Schwingenschüttler. Jens Jensen, wir nannten den roten ihn, Der wildeste unter dem wilden Haufen Des Schiffsvolks, dem das Haupthaar schien Und der struppige Bart wie flammende Lohe, In Furcht hielt er alle, der Wüste, der Rohe, An Kraft ein Stier, an Wildheit ein Tiger, Jens Jensen war der erste auch jetzt, Der hoch sich reckte, ein trotziger Krieger, Der sich zum Kampf in Bereitschaft setzt. Nach oben wies er: »Wir müssen hinan! Nur frisch! Wir müssen schon, Steuermann. Hier holt das gefräßige Vieh uns doch, Das nimmersatte, zum Frühstück noch.« Ich raffte mich auf und sah nach dem Jungen. Er war mir zur Seit in die See gesprungen, Blass lag er und blutend und atmete schwer. »Jens, der kommt nimmer nach oben mehr.« »Der kommt nach oben! Geht's anders nicht, So trag ich ihn schon, das Kindergewicht.« Und wahrlich, Arme, wie seine, trügen Wohl dreifache Last, ich will nicht lügen. So nahm er ihn denn wie ein Kind, eine Puppe, Warf noch einen Blick auf die Felsenkuppe, Und »Vorwärts!« überschrie er den Sturm, »Die Zähne zusammen, hinauf auf den Turm!« Und er voran, und wir hinterdrein, Das Mädchen und ich. – Ja, ein Mädchen stand, Eine blühende Jungfrau, halbnackt, allein Unter rauhen Männern am rauhen Strand, Mit uns dem Schrecklichsten preisgegeben, Schiffbrüchiger Los, das elende Leben Auf einsamer Insel fristend vielleicht Bis ans einsame Grab. Doch hatten wir jetzt Zu solchen Gedanken nicht Zeit. Zerfetzt, Zerschunden, mit blutenden Händen und Knien War langsam der erste Vorsprung erreicht. Das Muss hat dem Schwächsten Kräfte verliehn. Doch Jensen trieb weiter nach kurzem Verschnauf, Höher hieß es, höher hinauf! Und ohne zu klagen, die Zähne gepresst, Die Arme straff, die Lenden fest, So klomm sie vorauf, und ich in der Nähe, Wenn ihr fehltretend ein Unglück geschähe. Trotz Sturm und Graus und keuchender Brust Sah doch mit geheimer, innerer Lust Das prächtige Weib um ihr Leben ich ringen, Gepeitscht von des Sturmes gewaltigen Schwingen. Halb waren wir oben, da schwand die Kraft Auch Jens, dem das Tragen die Sehnen erschlafft. Der Junge stöhnte. Zum Glück bot hier Eine Felswand, breitlagernd, einigen Schutz. Zusammengekauert auf engem Raum, So lagen erschöpft aneinander wir, Vom Unglück vereint zu Schutz und Trutz In der Wildnis von Stein. Kein Strauch, kein Baum, Kein Halm. Nur Felsen, Schutt und Geröll. Ich lauschte, ob nirgend ein Laut erschöll Durch den Sturm, ein Menschenruf, Ein Hundegebell, eines Tieres Laut, Und die immer wache Hoffnung schuf Sich rettende Bilder und sah bebaut, Bewohnt das Eiland. Doch durch das Schnauben Der Lüfte drang nichts, als der Meerestauben, Der Möven Geschrei, die mit ängstlichem Fliegen Uns umkreisten, als wir die Felsen erstiegen. Und keiner von uns sprach nur ein Wort. Die Lungen keuchten, die Lider fielen, Von Schlaf bezwungen, die Arme sanken, Das Haupt, erschöpft auf die harten Dielen. Ich weiß nicht, wie lange ich lag so fort. Als ich erwachte, saß sie bei dem Kranken, Beim leidenden Jungen, und wusch ihm die Wunden Mit Regenwasser, und als er verbunden Und sorgsam gestützt, zum ersten Mal Das Auge erhob, welch' ein Liebestrahl, Welch' ein Mitleidleuchten in ihrem Gesicht. Und er lächelte dankbar, der arme Wicht. Ein wenig seitab lag Jens entschlafen, So friedlich, als wär' er im sicheren Hafen, Vielleicht fand er im Traum sich wieder Bei der schwarzen Marie in der Hafentaberne Und hörte der Kleinen lüsterne Lieder Und traktierte mit Grog sie. Den trank sie so gerne. Ich sah seine Rippen sich dehnen und heben Unter dem wollenen Hemd, und sah das Leben, Das kraftvolle, diese Glieder schwellen, Hörte den Atem in ruhigen Wellen Der Tiefe der breiten Brust entquellen Und fühlte Neid auf den starken Gesellen. Doch endlich löste auch ihm der Schlaf Von den Lidern sich ab, und sein Auge traf, Verwundert, als wüsst' er nicht wo und wie, Die seltsame, fremde Scenerie, Bis er sich besann und mit kräftigem Fluch Seinen Traum sich aus dem Kopfe schlug. Und wieder hieß es: Nach oben! weiter! Auf rauhem Pfad, ohne Strick und Leiter. Doch Paul, der Junge, stöhnte leis Und wollte nicht weiter, um keinen Preis. Da erbot ich mich, einen Weg zu spüren, Der uns vielleicht bequemer möcht' führen, Und klomm hinan und spähte und fand In geringer Höh' einen Pfad, der wand, Roh von der Natur geschaffen, sich Schlängelnd bergan. Dem folgte ich. Bald sah ich mich auf dem höchsten Kamm Der Felsenmauer und sah, es schwamm In Freudenthränen mein Auge, gelehnt An den felsigen Hang ein waldiges Thal In üppigem Grün und breit gedehnt, Und sah einen Quell, einen Bach, einen Teich Herüberblitzen aus grünem Reich, Und spürte doppelt des Durstes Qual. O, nur ein Gefäß, eine Hand voll nur Vom erquickenden Nass! Doch ich musst mich bescheiden Und eilte zurück, verfolgend die Spur Des Weges, und durfte nicht Aufenthalt leiden. Und wie ich so freudig bergab nun flog, Von Weitem schon winkte und rief, da zog Ein Freudenschimmer, ein Hoffnungsschein Selbst über das blasse Gesicht des Jungen. Mit einem Satz war ich hinabgesprungen Zu ihnen, den letzten ragenden Stein: Wir wären gerettet! Wald, Wiese und Quell! Wir wären geborgen! – Wie sprangen schnell Die müden Gefährten empor. Der Kranke Selbst raffte sich auf. Ihn hielt der Gedanke Der nahen Rettung ein Weilchen gar Noch aufrecht. Aber zu mühsam war, Zu beschwerlich der Weg, und wieder nahm Auf den Arm ihn Jens, dass er mit uns kam. Wir zwei jetzt voran; und die frohe Hast, Die mich vorwärts trieb, ließ vergessen mich fast, Dass nur ein Weib mir zur Seite ging. Und als ich gemäßigt den drängenden Schritt, Sah ich, wie sie zu zittern anfing Und erblasste, die Augen schloss und schwankte. Da fuhr mir's durchs Hirn, wenn auch sie erkrankte, Eh wir erreicht das rettende Thal. Ich sah ihr im Antlitz die stumme Qual, Obgleich sie matt lächelnd die Schwäche bestritt, Und bot ihr den Arm und stützte sie fest. So gingen wir den letzten Rest Des Wegs in einsamer Wildnis allein. Jens Jensen war mit seiner Last Weit zurück, hielt häufig Rast. Der Rauhe konnte auch sorglich sein, Doch endlich erreichten wir alle das Thal. Der Sturm war gebrochen, ein blitzender Strahl Der Sonne drang siegreich ins Wolkengehader Und trieb auseinander das schwarze Geschwader Und vor uns der Wald, der grünende Plan, Und oben der Himmel nun aufgethan, Und ruhig die Lüfte und wärmer, da war Es uns allen, als wäre vorbei die Gefahr, Und irgendwo müsst in den grünen Gründen Ein Menschenlaut glückliche Rettung uns künden. 2. Schon Stunden irrten wir hin und her Und fanden nicht, was das Herz ersehnte. Nur Wildnis ringsum und menschenleer, Und dunkel der Schatten des Abends sich dehnte. Da flochten wir Zweige zu Zweigen zum Dach Und rissen vom Boden das Kraut und die Halme. Und säuberten ihn, und unter der Palme Bereiteten so wir ein Schlafgemach. Dann wiesen wir jedem sein Lager zu eigen, Und brachten den knurrenden Magen zum Schweigen Mit Rinden und Wurzeln und was sich so findet An Früchten im Walde, wo Furcht doch bindet Die lüsterne Hand, mit giftiger Speise Auf einmal zu enden die Jammerreise, Leben genannt. Der Mensch ist so schwach, Trotz allem Elend und Ungemach. Sieht Glück wie den Wind, wie ein flackernd Licht Im Sumpf, aufspringen und necken und narren, Eitel alles, ohne Bestand, ohne Beharren, Wer aber hängt sich ans Leben nicht Und fürchtet die Frucht nicht, die Frieden ihm bringt, Das Wasser, das lockend von Ruhe ihm singt, Und lässt seinen Leib in des Hungers Krallen, Selbst hungrigen Würmern zum Fraß, gern zerfallen? So nährten wir uns, so gut es ging, Und stillten des wütenden Hungers Plagen, Mit Beeren und Früchten, so gut 's wollt gehn, Und schlürften den Saft mit wildem Behagen, Und unserer Gier war nichts zu gering. Die Wipfel rauschten in lindem Wehn Der Nacht hoch über die fremden Schläfer. Neugierig umsurrten uns glänzende Käfer; Goldflügelig, schillernd, wie Lichter gleißend, Umschwirrten Insekten uns, stechend und beißend. Ein seltnes Gevögel mit buntem Gefieder, Paradiesvögel, Kolibri, Papagein, Flog durch das Gezweig oft mit wildem Schrein, Oft lautlos, gespensterhaft, auf und nieder. Rings Wald nur und Wald. Hochstämmige Palmen, Und wieder im Wald noch ein Wald von Halmen, Von riesigen Farren und dichten Gehängen, Von Schlinggewächsen, ein Streben und Drängen Zum Lichte, nach oben, ein Wirrwarr von Pflanzen, Von Blättern und Blüten, ein Schwirren und Tanzen Von Flügelgetier in schillernden Farben, Ein üppiges Leben ohne Hungern und Darben. Der Mensch allein in der Üppigkeit Den Qualen des langsamen Sterbens geweiht, Dem Hungertode? Ich wachte allein Die letzten Stunden der Nacht. Mich fror, Bis durch die Palmen der erste Schein Des kommenden Tages brach bleich hervor. Ich dachte zurück an die Heimat lang, An die alte Mutter, die froh und bang Der Rückkehr harrte der »Marie-Anne«, So hieß das Schiff, und die Tage zählte An den Fingern sich ab wohl zehnmal, wann Die schmucke Brigg in den Hafen lief. Wie der Gedanke mich an die Mutter quälte. Und ich dachte der Frieda, der Nachbarin, Der freundlichen blonden. Es war mein Sinn, Zum Weib sie zu nehmen, und halb schon gab Mir das Jawort sie, und ich schrieb einen Brief Noch vom letzten Hafen. Die Post ging grad ab, Und ich musste mich eilen. Jens Jensen gähnte Erwachend und sah, wie ich sinnend lehnte Am Stamm, und rief mir zu »guten Morgen«. War immer voll Mut und ohne viel Sorgen. Ja, hätten das Weib wir nicht und den Jungen, Wir beide hätten uns durchgerungen, Wie Robinson und sein Freytag. Es müsste Doch einmal ein Schiff unsrer einsamen Küste Sich nähern, so dacht' ich und anderes mehr. Die beiden doch machten das Herz mir schwer. Und sie trug's doch geduldig ohne Murren und Plag. Wir sahen sie an, wie schlummernd sie lag, Und lange an, doch keiner gab kund, Was sich regte in tiefstem Herzensgrund. Und das Tagesgestirn erklomm seine Bahn Mit stetigem Lauf, und der Wald war erwacht, Und lärmend verdoppelt das Leben der Nacht. Da brachen wir auf, stets der Richtung nach Wo ich wähnte, es flösse der Quell, der Bach, Wo wir glaubten, dass nahe den Wiesengründen Vielleicht gar menschliche Wohnungen stünden. Doch das Tagesgestirn erklomm seine Bahn Mit stetigem Lauf, und noch immer sahn, Als Mittag die sengenden Pfeile sandte, Wir Wald und Wald nur, wohin auch wandte Der fiebernde Blick sich. Und Zagen zog Ins Herz mir da, und ich dachte, warum Wir nicht an dem Strand, auf dem Felsen geblieben, Nun irrten wir hier in der Wildnis herum. Vielleicht war ein Schiff schon vorbeigetrieben, Und es hätt' uns gesehen, und wir wären geborgen. So warf ich mir vor und machte mir Sorgen. Jens Jensen brummte und fluchte nur immer, Doch trieb er's an Bord noch weitaus schlimmer, Ein Zeichen, dass auch er das Grauen empfand, Das uns andern fast immer die Zunge band. Das Mädchen mühte sich um den Knaben, Eine Mutter konnt' sich nicht sorglicher haben, Und kühlte die Wunden, die schlimmen ihm, wie Das Mitleid, der Wunsch zu helfen, ihr's lieh, Mit Blättern, mit Tüchern voll feuchter Erde, Und trug von uns allen die meiste Beschwerde. Der Junge war dankbar und küsste oft stumm Dem Mädchen die Hände. Dann wandt' sie sich um, Errötend wohl gar, wenn wir es gesehn. Doch lange, so sah ich, würd's nimmermehr gehn Mit dem Jungen. Der Atem pfiff nur noch, Ich sah, es ging aus dem letzten Loch. Zwei Rippen gebrochen, die Lunge wund, Wer machte ihn hier in der Wildnis gesund? Und wie ich's voraus sah, so kam es, kam bald. Kaum traf uns der zweite Abend im Wald, So standen wir drei an der Leiche, schweigend, Erschüttert das Haupt auf die Brust hinneigend, Mit stummem Blick auf die schwarze Erde. Und als ich so stand, zog wieder mir sacht Durch die Seele, wie in der stillen Nacht, Der Mutter Bild, und ich wandte mich ab, Vor den andern zu bergen die Schmerzgebärde. Auf den Knien, mit den Händen, so haben ein Grab, Jens Jensen und ich, wir gescharrt, gegraben, Nicht tief und nur schmal, drin legten den Knaben Wir sorgsam hinein zur ewigen Ruh, Das Mädchen drückte die Augen ihm zu, Dann sprachen ein stilles Gebet wir drei. Mir fiel nur das Vaterunser bei, Das sagte ich her bis zur Hälfte und dachte Dann heim, weit fort, an den Schulkameraden, Der einst in der Elbe ertrank beim Baden, Und den ich mit zu Grabe brachte, An den Lehrer und an den Pastoren, der mich Konfirmierte, und dachte noch an, Gott weiß, An den Zirkus, und wie wir vom Bretterzaun Hatten freien Blick, und mich fasste ein Graun, Und heiß überlief es mich, siedend heiß, Und ich schämte mich dieser Gedanken jetzt, Und die wunderliche Zerstreuung entwich In unterdrücktem Weinen zuletzt. Mit Farren und Palmen und was sich so fand, Bedeckten wir den Hügel von Sand Und kratzen zum Zeichen ein Kreuz in die Rinde Des nächsten Baumes, als ob ihn wer finde, Als ob ihn besuche wer jemals hier. Und weiter gingen dann schweigend wir Und suchten ein Lager uns für die Nacht, Ich weiß nicht, wie lange wir drei noch gewacht, Und wer zuerst in den Schlummer fiel. Schon hoch stand die Sonne, als jäh ich empor Aus den Träumen fuhr, ihrem spukhaften Spiel. Jens Jensen lag noch fest auf dem Ohr Und schnarchte wie immer. Sie aber saß Abseits auf einem Baumstumpf. Ich sah, Sie hatte geweint, und ihr Antlitz war blass; Stumm saß sie, die Hände gefaltet, da. 3. Und zum dritten Mal kochte die Mittagsglut Die Palmenwipfel, da lichtete sich Der Wald, und wir fanden den Weg hinaus Aus dem Pflanzengewirr und atmeten tief, Wie befreit aus langer Gefangenschaft Graus. Die Hoffnung zog ein, die Furcht entwich, Und grün lag das Land in des Friedens Hut, So lag es vor uns, und in Mitten lief Die Quelle, der Bach, das Wasser blank. Da weinten wir und stammelten Dank Und sanken aufs Knie und schöpften mit Händen Das kühle Nass, den entbehrten Trank. Und wie wir gekräftigt zum Gehen uns wenden, Da sehn wir im Gras, fußbreit, einen Pfad, Einen richtigen Pfad und fast schnurgerad Und fleißig betreten. Dem folgen wir dann, Ich hinter dem Mädchen, Jens Jensen voran. Und wie wir es hofften ein jeder, und doch Zu sagen sich niemand getraute, so fanden Wir's wirklich, als eine Strecke noch Den Pfad wir gingen. Vier Palmen standen, Und weiter noch sechs oder sieben, als Posten In die grünende Ebne vorgeschoben, Und unter den ersten vier ragende Pfosten Mit Zweiggeflecht an den Seiten und oben, Ein Haus, eine Hütte, von Menschen erbaut. Wer mochte hier in der Wildnis wohnen? Wir standen von Weitem und schauten und schauten. Wer schilt uns, dass wir nicht gleich uns getrauten? So standen wir lauschend und spähten umher, Und jedem ging hastig der Atem und schwer, Und klopfte das Herz. Doch alles blieb stumm. Kein menschliches Wesen, kein menschlicher Laut, Nur Rauschen des Windes im Grase ringsum Und kräftiger hoch in den Palmenkronen. Da fassten wir Mut und gingen gradaus. Jens Jensen trat zuerst in das Haus Und spähte und winkte uns näher. Wir fanden Halb offen die Thür, und wir traten ein Und waren im niedrigen Raum allein. Eine leere Hütte. Nichts war vorhanden, Sie wohnlich zu machen. Kein Stuhl, kein Tisch Und kein Bett. Nur vier kahle Wände. Frisch Aus dem Seitengeflecht, hier, da, ein Spross, Ein lustig grünender, schwankender Schoss In den dämmrigen Raum hineingestreckt, Armlang und mit leichtem Gespinnst überdeckt. In der Ecke ein Haufe trocknen Laubes, Unter der Decke zollhohen Staubes, Schien als Lager gedient zu haben. Nichts weiter! Und doch, im Dunkel dort, Nur zögernd nahm ich's vom Boden fort, Ein Trinkgefäß, eine hohle Nuss. Wen musste die ärmliche Schale erlaben? Schon lange nicht mehr mit dem staubigen Rand Sich durstige Lippe zusammenfand. Und schnell mit geheimem Grauen, als säß Ein Zauber drin, warf ich hin das Gefäß. Und suchend setzte ich weiter den Fuß Und ging um die Hütte und weiter noch, Nach den Palmen, den sieben, hinüber, zehn Schritte. Und wie ich betrete den schattigen Raum, Ich trau' den entsetzten Blicken kaum, Und fahre zurück, und stiere doch Gebannt auf das Schreckliche hin und stier'. Da saß in des friedlichen Wäldchens Mitte Ein Toter, ein menschlich Gerippe hier: Kein Kleid, kein Fleisch, nur bleichende Knochen. Und ich sah, der lag da nicht Tage, nicht Wochen, Der saß da, gelehnt an den Palmenbaum, Wohl Monde und schlief den Schlaf ohne Traum, Den ewigen Schlaf in der Wildnis hier. Und über die Knochen kroch Tier an Tier, Und aus den Höhlen der Augen, der Nase Sah Würmer ich schlüpfen und sah im Grase Die eklen Geschöpfe in Reihen, in Haufen Das einsame, bleiche Gerippe umlaufen. Und ich rief die Gefährten, und schaudernd standen Und schweigend wir. Wer war's, den wir fanden? Ein Wilder? ein Weißer? ein Seemann? wie wir Von den Stürmen verschlagen, gestrandet hier, Ohne Hülfe, ohn' Rettung in langer Qual Dem Würger Tod zum Opfer gefallen? Drohte ein Gleiches nicht auch uns allen? Und plötzlich erblasste der letzte Strahl Der Hoffnung in mir, und ich dachte, wann mag, Wie bald mag kommen der schreckliche Tag, Wo hingegeben den Würmern zum Fraß Du liegst und die andern am Boden, im Gras, In der Sonne Glut, und über euch gehen Die Tage, die Jahre, die Winde verwehen Den Staub, und die drüben warten und weinen, Und weiß keine Seele, wo Kreuz und wo Grab, Und wer euch die letzte Tröstung gab. Und wie wir gefürchtet, so war es nachher: Die Insel war einsam und menschenleer, Von Felsen ummauert ein stilles Thal, Und auf dem Felsen, der langsamen Qual Des Hungertodes war preisgegeben, Wer dort, zu retten sein elend Leben, Von Klippenhöhen mit Hoffen und Graun Sich blind nach rettenden Schiffen wollt' schaun. Hier boten die Früchte, die Wurzeln, der Bach Doch spärliche Speise, hier war doch ein Dach, Eine Hütte von einem aufgezimmert, Dem nie wohl im Hirn eine Ahnung geschimmert, Er könnte für andre sein Häuschen errichten, Es gegen die Glut und die Winde dichten, Für andre, für Erben, die nie er gesehn, Sein notgeborenes Werk lassen stehn. Auch uns zwang die Not nun, uns einzurichten. Uns schien es so viel, als auf Rettung verzichten, Doch hofften wir dennoch von Tag zu Tage, Wochen, Monde vergingen, doch Wir hofften, hofften immer noch Und hofften und zagten und hofften, ich sage Ein Jahr und noch eins, und es kam kein Schiff, So oft wir auch standen auf ragendem Riff, Wohl Tage lang oft und spähten uns blind. Doch nichts als Wellen und drüber der Wind, Die Sonne, die Sterne, ein Kommen und Gehn, Und die Wolken, doch niemals ein Segel zu sehn, Kein Segel, kein Segel! – Da gaben wir's auf Und ließen dem Zufall allein den Lauf Und schickten uns drein. Vielleicht aus der Bahn Geschleudert gleich uns, wie ein Ball vom Orkan, An die Klippen geworfen gleich uns, dass Genossen Wir fanden im Elend. Doch Stürme schlugen Auf Stürme das Eiland im Herbst und im Winter Und brausten im Frühling, doch niemals trugen Die Wellen ein Fahrzeug an unsern Strand. Keine Hülfe, keine Rettung, so schien es beschlossen. Wir waren ergeben. Das Heimatland Fern, fern, und die Freundschaft, die Liebe, und hinter Uns allen die Hoffnung verblasst längst. So sahn Die Zeit, eine Schnecke, vorüber wir schleichen. Wir hungerten nicht und blieben gesund Und lebten so hin, bis uns würde erreichen Die letzte Ruhe, die Todesstund'. Wir fürchteten nicht und ersehnten sie nicht, Weil immer, trotz allem, ein Schimmer ja bricht, Und wär's auch ein blasser, todblasser nur, Ein Schimmer der Hoffnung durch schwärzeste Nacht. Es ist einmal so, ist Menschennatur, Mit Hoffnung wird der Mensch groß gemacht, Und hofft bis zum Grab und drüber hinaus, Doch der Tod sticht mit Trumpf, und das Spiel ist aus. 4. Doch wie ich schon sagte, wir aßen uns satt Und blieben gesund. Das heißt, bis auf einen, Den raffte der Tod schon im ersten Jahr, Und wenn ich dran denke noch, möchte ich weinen. Noch oft in der Nacht mir sträubt sich das Haar, Wenn dem Traum ich entronnen, heiß und matt In den Kissen sitzend, dem schrecklichen Traum, Dem ich selbst im Grab nicht werde entgehn. Ich sehe die Klippen, den fliegenden Schaum Der Wogen, und höre das donnernde Meer Und den Schrei, den Schrei darüber her. Doch ich will erzählen, wie alles geschehn. Zwei Männer, ein Weib, in der Wildnis allein, Eine kleine Familie. Es lebt sich zu drein Ja besser, geselliger noch als zu zwein, Und ein Weib in der Wirtschaft ist immer was wert, Und doppelt nun uns. Denn ein Weib weiß viel mehr, Ist findiger, gewandter, zu allem geschickt. Wir nahmen die Steine zum Bau für den Herd Und schlugen Feuer und kochten und brieten, Rösteten Wurzeln und Früchte und freuten uns sehr, Wenn Vögel einmal an den Spieß gerieten. Jens Jensen verstand sie in Schlingen zu fangen, Selten ist ihm ein Vogel entgangen. Küche und Keller waren immer gespickt, Denn wir waren zu dritt ja und sorgten vereint. Wär' jenem, dem unter den Palmen, nur ein Gefährte gewesen, der mit ihm geweint Und mit ihm gehofft, es möchte wohl sein, Dass er es ertragen, wie wir es ertrugen. Wir hielten's so aus unter fleißigem Lugen Nach Rettung und unter dem täglichen Treiben. Wir hielten die Hütte in wohnlichem Stand Und richteten ein uns, als gält' es zu bleiben, Wir hatten Tisch und Bank, und ein jeder Sein Lager von Streu so weich wie Feder. Und weil sie ein Mädchen noch, zogen wir gleich Zwischen ihr und uns eine teilende Wand Von Weidengeflecht. Sie hatte ihr Reich, Ihre Kammer für sich. Im übrigen waren Wie Brüder und Schwester wir drei. Doch dann Musst' es nicht kommen, konnt' anders es sein? Jens Jensen und ich noch jung an Jahren, Und sie so von neunzehn, unschuldig und rein, Und gesund und kräftig und schön die Glieder, Die Natur wollt' ihr Recht von Weib und Mann. Bald meldete sich's, doch wir zwangen es nieder. Und mir ward's nicht schwer erst. Ich dachte nach Haus, An die Frieda, und wies den Versucher hinaus. Auch sie war gleich mir durch ein Wort schon gebunden, War Braut, und wollte mit unsrer Brigg Hinüber zu ihm, der vergebens nun harrte, Dem Ärmsten, den so das Schicksal narrte. Und sie liebte ihn heiß, ich sah es am Blick, An der Thräne, die durch die Wimper brach, Und hört' es am Klang, wenn sie von ihm sprach. Und so klagten wir beide uns unsere Leiden, Und es knüpfte ein Band sich zwischen uns beiden. Jens Jensen aber war nie für die Tugend. Er kannte die Weiber trotz seiner Jugend, Kannte besser sie als die zehn Gebote. Ich sah es, wie es oft plötzlich lohte In seinen Augen, und wie die Begier Ihm im Herzen erwachte allmählich nach ihr. Doch muss ich es sagen, er gab sich nicht hin, Goss Wasser in den entflammten Sinn Und achtete sie. Und sie verstand es, Die Würde zu wahren, im Zaum uns zu halten. Doch sah ich es wohl, nicht verlief so im Sand es, Und die Zeit ließ reifen die bösen Gewalten, Die Sündenbegier. Und war sie nicht Weib? Und war nicht bethörend ihr herrlicher Leib, Kraftstrotzender noch im Kampf um den Tag Allmählich geworden? Wenn schlaflos ich lag In der Nacht auf der Streu und, Wand an Wand, Ihren Atem hörte, wie ruhig er ging, Und die Sinne so heiß mir, so schwül alles rings, Und ich gepeinigt vom Lager aufstand, Da war auch die Tugend für mich ein Ding Von wenig Gewähr. Ja, so war es, so fing's Bei uns beiden an, und sie merkte es dann, Und ich sah, wie sie sich zu fürchten begann, Und wie sie litt und es doch verbarg, Aus Stolz, und war, als hätt' sie kein Arg. Und das zügelte uns. Und auch niemals fiel Zwischen Jens und mir darüber ein Wort. Wir fühlten es alle, und fort und fort, Und fühlten es wachsen und sahen kein Ziel. Da, einst, ich hatt' einen Tag und die Nacht In der Höhle am Strande zugebracht Beim Fischen und Muschelsammeln und hatte Den Mast befestigt, 's war mehr eine Latte, Aufs neue wieder und auch das Tuch, Das dort Tag ein, Tag aus im Wind Mit klatschendem Laute Falten schlug, Vorübersegelnden Zeichen zu geben. Ich hatte reichlich Muscheln und Fische, Leckerbissen unserem Tische, Und trug sie im Netzkorb, aus Bast geflochten, Und freute mich, wie sie uns schmecken mochten. Wir konnten zwei Tage gut davon leben. So kam ich zurück und traf sie allein Und fragte nach Jens. Sie wusste es nicht: Er möchte wohl jetzt im Walde sein. Doch sah ich es gleich an ihrem Gesicht, Es war was geschehen, das sie heimlich quälte Und das sie mit Absicht mir verhehlte. Ich fragte nicht nach und ließ sie in Ruh. Zur Mittagszeit kam auch Jens Jensen hinzu. Ich wunderte mich, er war befangen, Als wär' er am liebsten gleich wieder gegangen. Und dann beim Essen nachher geschah es, Dass er verstohlene Blicke, ich sah es, Und lodernde Blicke, halb Scheu, halb Hass, Warf über den Tisch, und ich glaubte zu sehen Dann flüchtig wie Blitzschein im Antlitz stehen Ein Etwas ihr, wie Schauder, wie Zorn, Das färbte die Wangen ihr rot und blass. Da nahm ich die beiden genauer aufs Korn. Doch merkten sie's wohl, denn früher ließen, Als sonst, sie allein mich. Das musst' mich verdrießen Nur doppelt und meinen Argwohn wecken, Kein Zweifel, die beiden spielten Verstecken. Und dann war alles auf einmal mir klar. Und rief ich auch zehnmal: Es ist nicht wahr! Es kann nicht sein! Es machte sich gelten, Ich konnt' es nicht bannen mit Zweifeln und Schelten. Er hat es gewagt! Und sie? – Ich fühlte, Wie heiß es mir unterm Brustbein wühlte, Ins Hirn mir griff, und ich wollt' es nicht fassen, Und konnte doch nicht den Gedanken lassen. Da fasste ich Mut und trat zu ihm hin Und fragte Jens Jensen, nicht gerade zu, Doch merkte er wohl, was ich hatte im Sinn. Und er lachte nur leicht und höhnisch dazu, Und er wurde rot und wandte sich kurz. Mir war's, als überfiel mich ein Sturz, Ein Feuerstrom, und ich hob nur die Hand Und ballte die Faust ihm hinterher, Der pfeifend hinter den Palmen verschwand. Aber mein besseres Ich griff zur Wehr. Er lügt! so schrie es in mir, er lügt! Nicht hat sie sich willig der Schmach gefügt. Sie hat sich gewehrt mit der Riesenkraft Ihres Stolzes gegen die Leidenschaft Und rohe Gewalt. Es bäumte empört Sich alles in mir auf, wenn ich dacht', Er hätte missbraucht seine rohe Macht, Seine Löwensehnen, zu schänden dies Weib, Hätte besiegt diesen herrlichen Leib, Sie hätte, bewältigt, ihm angehört. Verruchter! rief ich, Elender du! Und merkte im Zorn nicht, wie sachte, sacht', Der Neid sich regte, die Gier dazu, Die Eifersucht ihre Klauen krallte. O die Zeit! Wenn Tags ich die Fäuste ballte, Misstrauisch Wache stand wie ein Schuft, Saß Nachts ich aufrecht und ohne Schlaf, Auf jeden Laut, der das Ohr mir traf, Mit Argwohn lauschend, und fiebernd dann, Selbst wilden Begierden ein machtloser Mann, Das Lager küssend, die leere Luft. 5. Und so geschah es, das Grause. Mich sprang, Ein gieriger Panther, die Eifersucht an, Der Neid, und nährte von Tag zu Tag Den Hass auf ihn, der im Arm ihr lag, Die sicher in heimlicher Neigung schon lang Dem roten Riesen war zugethan, Denn so glaubte ich fest und wollte es glauben, Mich selbst zu quälen. – Und so kam, Was heute noch kann den Schlaf mir rauben, Und meiner Seele den Frieden nahm. Zwei Tage raste ein Sturm und zwei Nächte Und brach die Palmen, und Regen floss nieder In Strömen. Da regte die Hoffnung wieder In uns sich, draußen ein Wrack zu gewahren, Das Genossen uns, oder was immer, brächte. So gingen zum Strand wir, Jens Jensen und ich. Von weitem schon hörten wir fürchterlich Die Brandung toben, und oft den Halt Auf den Felsen verwehrte des Sturmes Gewalt Uns noch. So stiegen behutsam wir Zu den Klippen hinab. Jens Jensen vor mir. Jeder Schritt auf dem feuchten Gestein bracht' Gefahren. Und wirklich! Schiffstrümmer, ein Fässchen, zwei Planken Trieben dort unten und stiegen und sanken, Ein Spiel der Wellen, doch schwer zu erreichen. Wir suchten noch weiter im Strandhinstreichen, Doch fanden wir nichts, als dies spärliche Gut; Alles andre verschlang die Flut. Und was sie uns gönnte, das wenige, war Des Bergens es wert, der Müh' und Gefahr? Doch uns reizte das Tönnchen. Was mocht es fassen? Sollten den Fund wir schwimmen lassen? Und wir sannen auf Mittel. Die Klippe fiel steil, Ohne Halt für den Fuß, und zu kurz war das Seil, Der Strick aus Bast, den wir mitgenommen, Und schien keine Aussicht, dazu zu kommen. Ich wollte verzichten. Vielleicht ja blieb Das Tönnchen uns, das allmählich trieb Strandlängs vielleicht, und die freundliche Welle Beschert' es uns an bequemer Stelle. Jens aber war kühn, tollkühn, und bestand Auf das Wagestück. Mit eiliger Hand Zerriss er sein Hemd. »Sie flickt es mir schon!« So rief er und lachte. Ich glaubte im Ton Einen leisen Spott, Missachtung zu hören, Die Eifersucht ist ja so leicht zu bethören, Und hatte ein heftiges Wort schon bereit, Doch hielt ich an mich und mied den Streit. Jens hatte geschickt einen Strick gewunden Aus Linnenstreifen, aus Linnen und Bast, Mit sicherem Knoten zusammengebunden. Wir zogen und zerrten und prüften. Die Last War schwer, die das Seil hier tragen sollte, Und ich riet noch ab. Doch Jens Jensen wollte Das Stück unternehmen. Ihm war nicht zu raten. Stets war er bereit ja zu tollkühnen Thaten. So gab ich denn nach, und er wies mich an. Er hatte den Strick sich umgethan Um den Leib mit der Schlinge. Und ich an dem Rand Der Klippe den Fuß fest eingestemmt, Den andern zurück fast gebeugt aufs Knie, Die Muskel gespannt und die Zähne geklemmt, So ließ ich hinab ihn die steile Wand; Der Augenblick doppelte Kräfte mir lieh. Und unten donnerten, brausten die Wasser, Und zwischen dem gierigen, drohenden Schlund Und dem heimlichen Feind, dem grimmigen Hasser, So hing er am schwachen Seil. Und warum? Um ein nichtiges, wertloses Gut, einen Mund Voll Zwieback vielleicht, um ein Fässchen Rum. Und ich hielt und hielt, und mir klopften die Schläfen; Ein Zittern flog mir durch Arme und Beine. Wenn der Knoten sich löste, zerriss die Leine? Wenn scharfe Kanten zerschneidend sie träfen? Wie sollt' ich ihn retten? Verloren riefe Umsonst er um Hülfe, ihn fräße die Tiefe. Und schaudernd dacht' ich des tollkühnen Mutes, Und heißer fühlt' ich das Klopfen des Blutes In allen Adern, und immer noch gab Er das Zeichen nicht, hing über dem Grab. Da trat es zu mir, ich glaubt' es zu sehn, Und es war so, ich sah es neben mir stehn, Ein Nichts, ein Schatten, und ich hörte doch laut, Und entsetzte mich, wie so deutlich es klang: »Lass fahren den Strick und dein ist die Braut! Lass fahren, los, was besinnst du dich lang?« Es war ein Ton wie aus anderer Welt, Und ich schrak zusammen und wehrte mich wild, Und schloss die Augen, verschloss sie dem Bild, Das ich sah von berückenden Farben erhellt. Ich wehrte mich, wehrte mich! Aber es hackte Mit scharfen Krallen sich an und packte Und schüttelte mich: Sie ist dein, sie ist dein! Teile das Reich mit ihr allein. Was zögerst du noch? – – da – ein Ruck – ein Pfiff – – Der mit Messerschärfe mir schnitt ins Ohr. Ich fuhr aus dem wüsten Traum empor, Erschrak vor dem Ruck, vor mir selber, und griff Und fiel und griff, und biss mit den Zähnen, Mit dem vollen Gebiss in den stürzenden Strick, Und straffte in rasender Angst das Genick, Und schrie zu Gott, und spannte die Sehnen. Umsonst! Der Ruck, der Schreck – wie es kam? Wie konnt' ich es wissen! Vom Halten lahm, Den Versucher zur Seite, so war's mir entfallen, Entrissen – – Noch immer hör' ich ihn schallen Vom Wasser herauf, den kurzen Schrei, Kurz, gell, und ein Klatsch, und alles vorbei. Wie ich abwärts kam, wie den Weg ich fand Von Stein zu Stein, bis zum äußersten Rand, Von der Brandung umtobt, vom Gischt bespritzt, Blutend, zerschunden, zerkratzt, zerritzt, Es war wie ein Traum. Doch nichts fand ich am Strand Als nur die Trümmer des Tönnchens, daneben, Hier, dort, Schiffszwieback, durchweicht auf den Wellen. Und dafür gewagt das blühende Leben In strafbarem Mut! Wie lang ich gesucht In allen Winkeln, in jeder Bucht, Noch Tage nachher, den verlornen Gesellen, Nicht fand ich die Leiche. Hinausgetrieben Vielleicht ins Meer, oder hängen geblieben Tief unten an spitzigen Klippennadeln, Ward Raub sie den Fischen. – Wer will mich tadeln? Wer klagt mich an? Bei Gott! und hätte Die Mutter er mir, den Vater erstochen, Die Schwester geschändet im Sündenbette, Greuel auf Greuel, nicht hätt' ich's gerochen. Nicht so, wie er hängend zwischen Tod und Leben War wehrlos in meine Hand gegeben. Und ihr glaubt es ja alle, und keiner ist da, Der mir es aufbürdete, was geschah. Was will es denn nun? Was lässt es mich nicht? Als wär' ich ein Schuft, ein erbärmlicher Wicht. Kein Mord, ein Unglück! ich that meine Pflicht. Meine Kraft war zu schwach, das Seil mir entschwunden, Die Zähne zum Teufel, die Hände geschunden, Und blutend lag, das Gesicht auf dem Stein, Wie zerschmettert ich oben. Die Glieder flogen. Und unten stürmten und tobten die Wogen, Und ihr rollender Donner verschlang sein Schrein. 6. »Wie meldest du's ihr, wie nimmt sie es auf?« So fragte ich mich, und stockend dann quollen Die Worte hervor nur. So hindert den Lauf Des klaren Baches der plumpe Stein, Der, Schlamm aufwühlend, die Flut verdickt. Doch blieb sie still bei dem unheilvollen Bericht, und als ich beschwor sie, erstickt Jedes Wort halb im Schlund, die Schuld wär' nicht mein, Ich wäre kein Mörder, da sah sie mich an Mit großen Augen und gab mir die Hand. »Ihr seid ohne Schuld« sprach leise sie drauf, »Gott sei ihm gnädig und uns.« Doch dann, Sie hatte schnell sich abgewandt, Kam's wie aus tiefstem Innern herauf, Ein Schluchzen, ein Beben, und vor das Gesicht Die Hände schlagend, sie weinte nicht, Nein, schien in Thränen zerfließen zu wollen, Die tropfenweis durch die Finger ihr quollen. Da kehrte ich ab mich und ließ sie allein, Und dachte nachher: Es wird so sein, Sie hat mehr als ich verloren ihn; Es ist alles so, wie es lange mir schien, Und, ich leugne es nicht, ich gönnte es ihr, Und der Teufel hatte seine Lust an mir. »Sie ist dein! sie ist dein! Was zögerst du noch?« So hörte ich's immer. Doch anfangs verkroch Ich mich feige davor, verstopfte die Ohren, Doch waren der Tugend Mühen verloren. Nach Tagen schon, und ich atmete frei: Was quälst du dich, Narr! Ist's nicht einerlei? Ob du oder er? Und was einem sie gab, Das schlägt sie dem andern wohl auch nicht ab, Und brauchst du Gewalt, wer will dich halten? Du bist nun Herr und kannst frei hier schalten. Und trat ich dann vor sie mit solchen Gedanken, Dann fühlte den Stolz ich der Stärke schwanken, Und fühlte mich klein und beschämt, und schlich Vor einem Blick oft bei Seite mich. Ach, sie war schön, bei Gott, wie ein Weib Ich selten sah, und so stolz und rein, Dass immer ich wieder beschwor, diesen Leib Hat Jens nicht besessen, es kann nicht sein! Der Blick kann nicht lügen, so still und klar Sieht kein Weib, das schon einmal erniedrigt war, Einem Mann in die Augen, der ihrer begehrt. Und so hielt sie mich fern wie mit flammendem Schwert. Wie lange doch soll wohl solch Zustand bestehn? Unter Menschen von Fleisch und Bein und Blut, Und jungem Blut und gekocht von der Glut Der Leidenschaft und der Tropenglut, So im täglichen Nebeneinandergehn, Wie lange wohl? – Und so kam er, der Tag, Kam sicher, wo sie in den Armen mir lag. Und nicht Sünde war es, nicht niedere Lust, Die sie endlich zwang an meine Brust. Ich liebte sie, wie man nur lieben kann, Und je schwerer den langen Kampf ich gewann, Je herrlicher labte der Sieg zuletzt. Und sie gestand mir, was kaum ich gehofft, Wie auch sie sich umsonst zur Wehre gesetzt, Wie auch sie in Qualen gerungen oft, Von gleicher Leidenschaft, gleicher Glut Durchfiebert, wie ich, und schon lange mir gut, Schon damals, als Jens – – doch mit Purpurscham Gestand sie mir leis, dass ans Ziel er nicht kam. Und dann rauschten die Wipfel der Palmen sacht Uns das Hochzeitslied in der ersten Nacht. Und war ich je glücklich, so war es die Zeit In der weltverlassenen Einsamkeit. So dachte ich mir das Paradies, Und war kein Engel, der aus uns wies Mit feurigem Schwert. Und so rann die Zeit, Und wir wünschten nichts mehr, und der Tod schien weit. Drei Jahre, da hat man sich eingewöhnt, Hat abgeschlossen, sich ausgesöhnt. Wohl hätten gejauchzt wir, gejubelt, gewiss! Wenn ein Schiff uns dem Paradies entriss, Doch klagten wir nicht, da fern es blieb, Und lebten zusammen und hatten uns lieb. Doch konnt' es so bleiben? Ist Menschenglück Wie die Welle nicht flüchtig, falsch, voller Tück? Ich Narr! als ob ich's erprobt nicht oft, Nicht immer umsonst gestrebt, gehofft, Gesorgt und geliebt, und glaubte nun hier Auf dem Felseneiland würd' lachen mir Ein beständiges Glück. Zu bald nur, ach Zu bald ward es anders. Mir ist's noch wie heute. Wir hatten wie Kinder die Insel weit Durchstreift in sorgloser Fröhlichkeit, Und ich hatte mit Blumen das Haar ihr durchschlungen, Nachdem wir zuvor in dem Silberbach Die Glieder erfrischt. Dann, wie es sie freute, Hatten im Gehen ein Lied wir gesungen, Nur einen Vers, wir wussten nicht mehr; Es stammte noch von der Schule her, Eine einfache Kindermelodie. Da zog sie mich an sich und lächelte – nie Vergess' ich die Stunde – und hold übergossen Von lieblicher Scham, gestand mir ihr Mund, Was seit kurzem sie hielt im Schoß umschlossen. Das sicherste Siegel unserm Bund. So groß war die Freude, so groß das Glück, Jeder andre Gedanke trat zurück An Schmerzen und Sorgen. Doch in der Nacht, Da meldete sich's bei mir mit Macht, Und ich bebte und sorgte im Herzen, und schrie Zu Gott, und dachte der kommenden Zeit, Und malte mir's aus, wenn schlecht es gedieh, Wenn sie stürbe, ohne Hülfe, in Einsamkeit Zurück mich lassend, vielleicht mit dem Kind, Dem zarten Wurm. Und dann dachte ich wieder, Sie ist ja gesund, aus kernigem Holz. Wie manche Dirne kommt einsam nieder Hinter Hecken und Dorn, in Regen und Wind, Und quält sich kein Mensch um das arme Ding. Und ich schalt meine Furcht, und dachte mit Stolz An den kommenden Spross, an den Wildling, und hing Mit trunkenem Blick an dem prächtigen Weib Zur Seite mir. Und ihr Atem ging So tief und ruhig, wie Wogengesang, Wenn die silbernen Hügel stolz und lang Vor dem Winde wandern. Die ganze Gestalt Voll Kraft, geschaffen der Schmerzen Gewalt Und jeglicher Sorge gefasst zu begegnen. Da bat ich zu Gott, mein Glück zu segnen. 7. Die Wochen, die Monde, ich schildere sie nicht, Wenn rechts die Hoffnung ins Ohr dir spricht Mit süßem Wort, und links dir flüstert Die Furcht ihre Zweifel, und dich umdüstert Mit bangen Schatten, und es wechselt so ab, Hältst jede Stund einen andern Stab, Womit du das Leben misst, seinen Wert. Das sind Zeiten, die niemand zurückbegehrt, Auch in der Erinnerung nicht. So schweige Ich denn darüber. – – Es war alles bereit, Das Kind zu empfangen. Geschmeidige Zweige Und Bast hatte ich in der letzten Zeit Auf täglichen Gängen im Walde gesucht, Draus flocht ich heimlich, versteckt in der Bucht, In der Auslughöhle am einsamen Strand Zur ersten Wiege die erste Wand, Und freute mich, sie mit dem Meisterstück Überraschen zu können, und träumte vom Glück Der kommenden Zeit. Da saß ich nun Bei dem ungewohnten, köstlichen Thun; Sah über die Arbeit hinaus auf das Meer, Das öde wie immer und hoffnungsleer, Kein Segel rings, nur Wellen und Wellen, Und drüber die Möven, die rastlosen, schnellen. Eine Arbeit war's, so ungewohnt Wie sauer, doch fühlt' ich mich reichlich belohnt, Sah ich sie langsam sich fortgestalten, Und dacht' an das Glück, das sie sollte halten, Das sie bergen sollte in ihrem Schoß. Und es ward eine Wiege für zwei, so groß. Das Glück! Das Lachen! Die Thränen! als Mein Meisterwerk nun vor ihr stand. Ach, wie wenig gefiel mir's, wie schien es mir roh Und plump, sie aber war herzlich froh Wie ein Kind, und weinte an meinem Hals, Und lachte und küsste mich zwanzig Mal, Und stieß mit dem Fuß die Wiege an, Und streichelte sie mit zärtlicher Hand, Und ließ sie schaukeln und sang dazu, Und rief dann wieder: »Du Guter, du, Du lieber, einziger, guter Mann!« Dies Glück, dies Glück! – Und dann kam der Tag, Der bange, wo sie in Schmerzen lag. Und es ward ihr schwer, und es rüttelte sie, Und ein Fieber kam, eine Marternacht. Ich saß bei ihr, vergrämt und verwacht, Und draußen heulte ein West-Nord-West. Da richtete plötzlich sie hoch sich auf, Mit großen Augen, starr und blank, Und hielt meine Hand, und hielt sie fest, Und rief im Fieber, nein, rief nicht, schrie: »Ein Schiff, ein Schiff! zu uns sein Lauf. Gerettet!« und kraftlos zurück sie sank, Die Augen geschlossen und atmend tief, Und sprach kein Wort, ob ich bat und rief. Da packte mich Graun, und ich stürzte hinaus. Der Westwind heulte, die Nacht war graus Und wüst genug, doch wilder schon trieb Oft der Sturm sein Wesen. Im Ohre blieb Mir immer ihr Ruf: Ein Schiff, ein Schiff! Und ließ mir nicht Ruhe. Der starre Blick, Der drängende Ton, war's Himmelsgeschick? Hätte Gott ihr gezeigt, dass Rettung nah? Wäre wahr es, was sie im Fieber sah? Da ließ es mich nicht; ich eilte hinein. Still lag sie beim flackernden Feuerschein, Blass, fiebernd. Konnt' ich allein sie lassen? Und wenn ich nicht ging, und das Schiff, das Schiff Führe vorbei, nah vorbei an dem Riff, Und es könnte uns retten, wir wären geborgen Diese Nacht, oder doch am kommenden Morgen. Da fiel auf die Knie ich, und betete tief, Und riss mich dann los und stürzte fort. Und immer war mir's, als ob sie rief: »Ein Schiff, ein Schiff!« Und wie ich so lief Durch die Nacht, durch den Wald, da wusste ich's klar: Du triffst ein Schiff, sie sagte wahr. Rettung, Rettung. Kein Fieberwort. Mich jagte die Angst, wie den Hirsch die Hunde. Wie dehnte der Weg sich, fast eine Stunde, Im Sturm, in der Nacht. Ich fiel, sprang auf, Zerriss mir die Kleider, die Haut im Lauf An dornigen, stachlichten Sträuchern; so legte Ich keuchend den schrecklichen Weg zurück. Der Mond warf blasse Lichter zum Glück Durch die Wolken, wenn minutenlang Ein Windstoß sie auseinanderfegte. So kam ich ans Meer, und keuchend rang Nach Atem die Brust, und das Herz wollte springen, Und ich sank auf den Stein, und fiel auf die Hände, Und es war, als ob wirbelnd die Klippenzacken Und die Wellen um mich im Kreise gingen, Als ob alles im rasenden Tanz sich befände, Und die Wolken griffen, mich anzupacken, Mit langen Armen hinunter. Mir schwand Das Bewusstsein. Da lag ich nun hier am Strand Von Ohnmacht umfangen, in Sturm und Nacht; Und lag so Stunden, denn als ich erwacht, War sanfter der Wind und der Himmel fast klar. Zerrissnes Gewölk nur wie Raben umflog Die Sonne, die über dem Wasser war. Und im flimmernden Glanz – wenn das Auge mich trog? Wenn ich träumte noch, fiebernd, und alles wär Wahn? – Doch nein! vom flimmernden Glanz umflossen Grüßten Segel herauf, ein Schiff, eine Brigg! Wahrheit war, was die Augen sahn. Und wie verzückt, mit trunkenem Blick, Verschlang ich das Bild, wie angegossen. Dann rafft' ich mich auf, und sprang, und schrie Und warf die Arme, und stürmte hinauf Auf die höchste Klippe, und schwang im Lauf Mein Hemd, das schnell ich vom Leib gerissen, Und sah, so war es mir, drüben sie Als Antwort eine Flagge hissen. Dann stand ich oben, halb nackt und bloß, Und zerrte blind hastend die Latte los Und zerrte an ihr die Nägel mir wund, Und schwang sie mit beiden Fäusten im Wind, Und warf sie zu Boden, und hielt an den Mund Die Hände, und schrie mit aller Kraft, Und schwenkte dann wieder den Flaggenschaft. Und sie sahen mich, kamen. Ein Boot stieß ab, Zu retten uns aus dem Felsengrab. Mit trockenem Gaumen und fliegenden Gliedern, Mit gierig aufgerissenen Lidern, Nach vorn gebeugt, so stand ich da, Und zagte und zagte, ob recht ich sah. Kein Zweifel! sie kamen. Sie ruderten scharf. Da jauchzte ich auf. Auf den Felsen warf Ich mich nieder, die Stirn auf den kalten Stein, Und schluchzte, schluchzte auf wie ein Kind, Und lachte und weinte, und war wie von Sinnen. Sie kamen, wir sollten gerettet sein; Nicht schnell genug wollte die Zeit mir verrinnen. Ich zählte die Schläge der Ruder, und maß Mit den Augen die Strecke, und stand und saß Und lief und stand und hockte wieder Mit zitternden Knien eine Weile nieder. Drei Jahre waren, drei Jahre es ja! Und endlich Erlösung, so nah, so nah! 8. Eine Hamburger Brigg war's. Vom Sturm verschlagen, Sahn sie den einsamen Felsen ragen, Den unbekannten, hervor aus den Wogen, Und steuerten näher, von Neugier gezogen. Da sah durch das Glas der Kapitän Auf dem nackten Stein unsre Flagge wehn, Und wir waren gerettet. Sie fanden mich Fast sprachlos vor Freude, und wunderten sich, Mich kräftig zu sehn und wohl genährt. In fliegender Hast stand Rede ich, Und hatte in kurzem sie aufgeklärt. Gleich waren bereit sie zu folgen, und brachten Den Schiffsarzt mit, an alles dachten Die Wackeren. Drängend trieb ich zur Eile Und duldete nicht die kleinste Weile. Mir bangte, je näher dem Ziel wir kamen, Und immer war ich eine Strecke voran, Und wartete wieder und trieb sie an. Sie folgten mir mühsam: »In Gottes Namen!« Und da lag sie vor uns im Sonnenschein, Die Hütte, mein Haus, mein Alles. Allein Erst schlich ich hinein und atmete hoch Und dankte Gott. Sie lebte noch. Doch ich sah, ein Blick, was sie litt, und wie nah Ihre Stunde muss't sein. Und leise rief Ich den Doktor herein. Und da sie schlief, Beruhigte er mich mit Trostgebärden Und machte mir Mut, es würd gut schon werden. Und sie blieben bei mir, hülfsbereit, Und schickten mich schlafen. Sie waren ja da Und wachten, und meine Kraft war hin, Und vor mir noch eine bange Zeit. Da legte ich mich und streckte die Glieder, Und ließ auch der Schlaf sich gleich hernieder Und schloss mir die Augen und hielt mich umfangen, Bis alles vorbei. – Kaum wagt' ich vor Bangen Die Augen zu öffnen. Doch da – ja! – gewiss! Eine Kinderstimme, ein kräftiges Schrein! O wie ich schnell mich vom Lager riss Und ließ mich nicht halten und eilte hinein. Mein Weib, mein Kind, ich wollte sie sehen. Der Arzt ging leise auf den Zehen Und wies nach dem Bett. Da lag sie bleich, Und um den Mund einen Schmerzenszug. Und der Atem ging pfeifend und ging nicht gleich – Und des Doktors Blick, – da wusst ich genug, Und stöhnte laut auf und fiel aufs Knie. Was war mir das Kind, wenn verloren sie, In der Stunde starb, wo die Rettung da. Da fluchte ich Gott, dem Wahnsinn nah, Und ballte die Fäuste und schlug die Erde. Wer hätt' es ertragen mit Demutgebärde? Warum? Warum? Was hatt' ich verschuldet, Und sie? – Drei Jahre in Demut geduldet Und Gott ergeben und fromm. Und jetzt, Da auf den Knieen ich vor ihm gelegen Und gedankt ihm, dass er erhört mich zuletzt, Jetzt tritt er mir grausam, höhnend entgegen, Jetzt tritt er mich ganz in den Staub, zertritt Mich lieblos. Und ich lag, und stritt Und zürnte mit Gott, und riss aus dem Herzen Den Glauben an ihn unter tausend Schmerzen. Wenn ich nicht geflucht, wenn ich fromm geblieben, Seinen Namen gepriesen, ob er Mitleid gezeigt? Ob ein Körnchen von seinem unendlichen Lieben Er übrig gehabt, wenn voll Demut geneigt Das Haupt ich hätte und hätte geweint, Trotzdem es Lüge, nicht ehrlich gemeint, Was du thust, Herr, das ist wohlgethan? Die Zeit ist vorüber. Längst bin ich gefasst? Und trag' ohne Murren des Lebens Last, Und frage nicht mehr, warum das alles. Was weiß ich von Gott. Die Herren Pastoren Füll'n uns mit großen Worten die Ohren, Lullen uns ein nur besten Falles. Ich aber bin taub dem Priesterwahn. In jener Stunde, als starb mein Weib, Denn das war sie, auch ohne Pastor und Papier, Da starb meine Frömmigkeit auch mit ihr, Da begrub ich den Glauben mit ihrem Leib. Bei der Hütte, nah der verlassenen Schwelle, Die zum letzten Mal ich nun überschritten, Wo wir so glücklich, so glücklich waren Zusammen, und wo wir zusammen gelitten Weltfern, allein, in den langen Jahren, Bei der Hütte gruben an schattiger Stelle Ein Grab wir für sie. Das dritte nun, Das ich grub: für den Jungen, für jenen, den wir In dem Palmenwäldchen fanden hier Den ewigen Schlaf unter Würmern ruhn, Und für sie nun auch. Jens Jensen lag Auf dem Meeresgrund seit jenem Tag. Nur ich allein von allen gerettet Und das Kind. Wie gern hätt' das Kind ich gebettet Statt ihrer dort in die Einsamkeit. Jetzt freilich möcht' ich es missen nicht, Da hinter mir liegt jene schreckliche Zeit. Jetzt ist es mein Trost, mein Augenlicht, Mein Töchterchen blond, wie die Mutter ganz, Mein muntres Fränzchen, mein wilder Franz. Denn sie ist wie ein Junge, so wild, voller Kraft, So voll Leben und feuriger Leidenschaft, Die einst machte wallen den Eltern das Blut In der Wildnis, in der freien Natur, Genährt von den Früchten des Waldes nur, Ohne Schutz und Gesetz, nur in eigener Hut. Was musst' ich nicht alles dem Ding erzählen, Schon früh, von dem einsamen Fels im Meer, Darauf sie geboren. Das war ein Quälen. Und ob sie's selbst sagte am Schnürchen her, Ich musste es immer noch einmal berichten Und durfte nichts ab und hinzu nichts dichten, Sie ließ nichts durch. Und es hatt' nicht Gefahr. Noch heute steht mir, so Jahr um Jahr, Vor den Augen alles wie gestern geschehn. Das vergisst sich nicht, wie die Jahre auch gehn.