Lieder und Sprüche Ein Lied oder höchstens ein paar Widmet' ich dir, als jung ich war. Ihr Inhalt waren ich und du, Vom Fenster her sandtest du Grüße mir zu. Heute, mit Inhalt aus allen Zonen, Komm' ich in Fähnlein, in ganzen Schwadronen, Aus wenigen wurden viele Lieder, Aber, wie damals, grüße wieder. Guter Rat An einem Sommermorgen Da nimm den Wanderstab, Es fallen deine Sorgen Wie Nebel von dir ab. Des Himmels heitere Bläue Lacht dir ins Herz hinein, Und schließt, wie Gottes Treue, Mit seinem Dach dich ein. Rings Blüten nur und Triebe Und Halme von Segen schwer, Dir ist, als zöge die Liebe Des Weges nebenher. So heimisch alles klinget Als wie im Vaterhaus, Und über die Lerchen schwinget Die Seele sich hinaus. Glück Sonntagsruhe, Dorfesstille, Kind und Knecht und Magd sind aus, Unterm Herde nur die Grille Musizieret durch das Haus. Tür und Fenster blieben offen, Denn es schweigen Luft und Wind, In uns schweigen Wunsch und Hoffen, Weil wir ganz im Glücke sind. Felder rings – ein Gottessegen Hügel auf- und niederwärts, Und auf stillen Gnadenwegen Stieg auch uns er in das Herz. Memento Geliebte, willst du doppelt leben, So sei des Todes gern gedenk Und nimm, was dir die Götter geben, Tagtäglich hin wie ein Geschenk. Mach dich vertraut mit dem Gedanken, Daß doch das Letzte kommen muß, Und statt in Trübsinn hinzukranken, Wird dir das Dasein zum Genuß. Du magst nicht länger mehr vergeuden Die Spanne Zeit in eitlem Haß, Du freust dich reiner deiner Freuden Und sorgst nicht mehr um dies und das. Du setzest an die rechte Stelle Das Hohe, Göttliche der Zeit, Und jede Stunde wird dir Quelle Gesteigert neuer Dankbarkeit. Im Garten Die hohen Himbeerwände Trennten dich und mich, Doch im Laubwerk unsre Hände Fanden von selber sich. Die Hecke konnt' es nicht wehren, Wie hoch sie immer stund: Ich reichte dir die Beeren, Und du reichtest mir deinen Mund. Ach, schrittest du durch den Garten Noch einmal im raschen Gang, Wie gerne wollt' ich warten, Warten stundenlang. »O trübe diese Tage nicht« O trübe diese Tage nicht, Sie sind der letzte Sonnenschein, Wie lange, und es lischt das Licht, Und unser Winter bricht herein. Dies ist die Zeit, wo jeder Tag Viel Tage gilt in seinem Wert, Weil man's nicht mehr erhoffen mag, Daß so die Stunde wiederkehrt. Die Flut des Lebens ist dahin, Es ebbt in seinem Stolz und Reiz, Und sieh, es schleicht in unsern Sinn Ein banger, nie gekannter Geiz; Ein süßer Geiz, der Stunden zählt Und jede prüft auf ihren Glanz, O sorge, daß uns keine fehlt, Und gönn uns jede Stunde ganz. Herbstmorgen Die Wolken ziehn, wie Trauergäste, Den Mond still – abwärts zu geleiten; Der Wind durchfegt die starren Äste, Und sucht ein Blatt aus beßren Zeiten. Schon flattern in der Luft die Raben, Des Winters unheilvolle Boten; Bald wird er tief in Schnee begraben Die Erde, seinen großen Toten. Ein Bach läuft hastig mir zur Seite, Es bangt ihn vor des Eises Ketten; Drum stürzt er fort und sucht das Weite, Als könnt' ihm Flucht das Leben retten. Da mocht' ich länger nicht inmitten So todesnaher Öde weilen; Es trieb mich fort, mit hast'gen Schritten Dem flücht'gen Bache nachzueilen. Der Kranich Rauh ging der Wind, der Regen troff, Schon war ich naß und kalt; Ich macht' auf einem Bauerhof Im Schutz des Zaunes halt. Mit abgestutzten Flügeln schritt Ein Kranich drin umher, Nur seine Sehnsucht trug ihn mit Den Brüdern übers Meer; Mit seinen Brüdern, deren Zug Jetzt hoch in Lüften stockt, Und deren Schrei auch ihn zum Flug In fernen Süden lockt. Und sieh, er hat sich aufgerafft, Es gilt erneutes Glück; Umsonst, der Schwinge fehlt die Kraft, Und ach, er sinkt zurück. Und Huhn und Hahn und Hühnchen auch Umgackern ihn voll Freud'; – Das ist so alter Hühner – Brauch Bei eines Kranichs Leid. Bekenntnis Ich bin ein unglückselig Rohr: Gefühle und Gedanken Seh' rechts und links, zurück und vor, In jedem Wind, ich schwanken. Da liegt nichts zwischen Sein und Tod, Was ich nicht schon erflehte: Heut bitt' ich um des Glaubens Brot, Daß morgen ich's zertrete; Bald ist's im Herzen kirchenstill, Bald schäumt's wie Saft der Reben, Ich weiß nicht, was ich soll und will; – Es ist ein kläglich Leben! Dich ruf' ich, der das Kleinste du In deinen Schutz genommen, Gönn meinem Herzen Halt und Ruh, Gott, laß mich nicht verkommen; Leih mir die Kraft, die mir gebricht, Nimm weg, was mich verwirret, Sonst lösch es aus, dies Flackerlicht, Das über Sümpfe irret! Ein Jäger Ich kenn einen Jäger, man heißt ihn »Tod«: Seine Wang ist blaß, sein Speer ist rot, Sein Forst ist die Welt, er zieht auf die Pirsch, Und jaget Elen und Edelhirsch. Im Völkerkrieg, auf blutigem Feld, Ist's, wo er sein Kesseltreiben hält; Haß, Ehrsucht und Geizen nach Ruhmesschall Sind Treiber im Dienste des Jägers all. Nicht fürcht ich ihn selber, wie nah er auch droht, Doch wohl seine Rüden: Gram, Krankheit und Not, Die Meute, die stückweis das Leben zerfetzt Und zögernd uns in die Grube hetzt. Alles still! Alles still! Es tanzt den Reigen Mondenstrahl im Wald und Flur, Und darüber thront das Schweigen Und der Winterhimmel nur. Alles still! Vergeblich lauschet Man der Krähe heisrem Schrei, Keiner Fichte Wipfel rauschet Und kein Bächlein summt vorbei. Alles still! Die Dorfes-Hütten Sind wie Gräber anzusehen, Die, von Schnee bedeckt, inmitten Eines weiten Friedhofs stehn. Alles still! Nichts hör ich klopfen Als mein Herz durch die Nacht; – Heiße Tränen niedertropfen Auf die kalte Winterpracht. Einem Kranken Über deine Schwelle Gestatte den Gruß Leichter, spielender Ritonelle. Brennende Nessel – Wie lange noch kettet dich Der Krankheit Fessel? Dunkle Verbenen – Die Nacht ist lang. Oh, wie die Stunden sich dehnen! Apfelblüte – So blüh auch dir Ein trost im Gemüte. Nickende Veilchen – Der Frühling naht Über ein Weilchen. Blaue Cyanen – Siehe, Genesung kommt Und schwingt die Fahnen. Rankende Winden – Und du selber schreitest hinaus, Sie zum Kranze zu binden. Frühling Nun ist er endlich kommen doch In grünem Knospenschuh; »Er kam, er kam ja immer noch«, Die Bäume nicken sich's zu. Sie konnten ihn all erwarten kaum, Nun treiben sie Schuß auf Schuß; Im Garten der alte Apfelbaum, Er sträubt sich, aber er muß. Wohl zögert auch das alte Herz Und atmet noch nicht frei, Es bangt und sorgt: »Es ist erst März, Und März ist noch nicht Mai.« O schüttle ab den schweren Traum Und die lange Winterruh: Es wagt es der alte Apfelbaum, Herze, wag's auch du. Mittag Am Waldessaume träumt die Föhre, Am Himmel weiße Wölkchen nur, Es ist so still, daß ich sie höre , Die tiefe Stille der Natur. Rings Sonnenschein auf Wies' und Wegen, Die Wipfel stumm, kein Lüftchen wach, Und doch, es klingt, als ström' ein Regen Leis tönend auf das Blätterdach. Der erste Schnee Herbstsonnenschein. Des Winters Näh' Verrät ein Flockenpaar; Es gleicht das erste Flöckchen Schnee Dem ersten weißen Haar. Noch wird – wie wohl von lieber Hand Der erste Schnee dem Haupt – So auch der erste Schnee dem Land Vom Sonnenstrahl geraubt. Doch habet acht! mit einem Mal Ist Haupt und Erde weiß, Und Liebeshand und Sonnenstrahl Sich nicht zu helfen weiß. Das Fischermädchen Steht auf sand'gem Dünenrücken Eine Fischerhütt' am Strand; Abendrot und Netze schmücken Wunderlich die Giebelwand. Drinnen spinnt und schnurrt das Rädchen, Blaß der Mond ins Fenster scheint, Still am Herd das Fischermädchen Denkt des letzten Sturms und – weint. Und es klagen ihre Tränen: »Weit der Himmel, tief die See, Doch noch weiter geht mein Sehnen, Und noch tiefer ist mein Weh.« Verlobung Es paßt uns nicht die alte Leier In unsren jungen Liebesrausch, Wir denken und wir fühlen freier Und wollen's auch beim Ringetausch; Der Treue Pfand, zu dieser Stunde Empfang's in perlend-goldnem Wein Und laß den Ring auf Bechers Grunde Dir Sinnbild meines Lebens sein. Laß übersprudeln mich und freue Der Kraft dich, die da schäumt und gärt, Denn innen, wie dies Bild der Treue, Lebt meine Liebe unversehrt. Winterabend Da draußen schneit es: Schneegeflimmer Wies heute mir den Weg zu dir; Ein tret' ich in dein traulich Zimmer, Und warm ans Herze fliegst du mir – Ab schüttl' ich jetzt die Winterflocken, Ab schüttl' ich hinterdrein die Welt, Nur leise noch von Schlittenglocken Ein ferner Klang herübergellt. »Nun aber komm, nun laß uns plaudern Vom eignen Herd, von Hof und Haus!« Da baust du lachend, ohne Zaudern, Bis unters Dach die Zukunft aus; Du hängst an meines Zimmers Wände All meine Lieblingsschilderein, Ich seh's und streck' danach die Hände, Als müss' es wahr und wirklich sein. So flieht des Abends schöne Stunde, Vom fernen Turm tönt's Mitternacht, Die Mutter schläft, in stiller Runde Nur noch die Wanduhr pickt und wacht. Ade, ade! von warmen Lippen Ein Kuß noch, – dann in Nacht hinein: Das Leben lacht, trotz Sturm und Klippen, Nur Steurer muß die Liebe sein. In Hangen und Bangen 1. Ach, daß ich dich so heiß ersehne, Weckt aller Himmel Widerspruch, Und jede neue bittre Träne Macht tiefer nur den Friedensbruch. Der Götter Ohr ist keinem offen, Der sich zergrämt in banger Nacht, – Komm Herz, wir wollen gar nichts hoffen Und sehn, ob so das Glück uns lacht. Vergebnes Mühen, eitles Wollen, Die Lippe weiß kaum, was sie spricht, Und, nach wie vor, die Tränen rollen Mir über Wang' und Angesicht. 2. Du holde Fee, mir treu geblieben Aus Tagen meiner Kinderzeit, Was hat dich nun verscheucht, vertrieben, Du stille Herzensheiterkeit? Leicht trugst du, wie mit Wunderhänden, Mich über Gram und Sorge fort, Und selbst aus nackten Felsenwänden Rief Quellen mir dein Zauberwort. Du, Trostesreichste mir vor allen, Kehr neu – beflügelt bei mir ein Und laß dein Lächeln wieder fallen Auf meinen Pfad wie Vollmondschein. 3. »Vertrauen , schönster Stein in Königskronen, Du Mutter aller Liebe und ihr Kind, Du einzig Pfühl, auf dem wir sorglos schlummern, Ich rufe dich, kehr' wieder in dies Herz! Es gibt kein Glück, wo du den Rücken wandtest, Es gibt kein Unglück, lächelst du aufs neu; Laß kämpfen mich in deinem Spruch und Zeichen, Und wieder wird das Leben mir zum Sieg.« 4. Storch und Schwalbe sind gekommen, Veilchen auch, die blauen frommen Frühlingsaugen, grüßen mich; Aber hin an Lenz und Leben Zieh' in Bangen ich und Beben – Um dich. Ach, um dich! und doch ich fühle, Träte jetzt die Todeskühle An mein Herz und riefe mich, Wie ein Kind dann, unter Jammern Würd' ich mich ans Leben klammern – Um dich. 5. Zerstoben sind die Wolkenmassen, Die Morgensonn' ins Fenster scheint: Nun kann ich wieder mal nicht fassen, Daß ich die Nacht hindurch geweint. Dahin ist alles, was mich drückte, Das Aug' ist klar, der Sinn ist frei, Und was nur je mein Herz entzückte, Tanzt wieder, lachend, mir vorbei. Es grüßt, es nickt; ich steh' betroffen, Geblendet schier von all dem Licht: Das alte, liebe, böse Hoffen – Die Seele läßt es einmal nicht. In der Krankheit (Brief an E.) Mein ganzes Zimmer riecht nach Wald, Das machen die kienenen Tische, Glaub mir, ich muß genesen bald In dieser Harzesfrische. Du bist noch kaum bei uns daheim An unsres Kindes Bettchen, Und sieh, schon sitzt ein muntrer Reim Auf meinem Fensterbrettchen. Er sitzt allda und schaut mich an Wie auf dem Felde die Lerchen Und singt: »Du hast ganz wohlgetan, Dich still hier einzupferchen. Steh nur früh auf und schweif umher Und lache wie der Morgen, So wird dies grüne Waldesmeer Schon weiter für dich sorgen. Und schiedst du doch zu dieser Frist, So tu es ohne Trauern, Das Leben, weil so schön es ist, Kann es nicht ewig dauern.« Der Gast Das Kind ist krank zum Sterben, Die Lampe gibt trägen Schein, Die Mutter spricht: »Mir ist es, Als wären wir nicht allein.« Der Vater sucht zu lächeln, Doch im Herzen pocht's ihm bang, Stiller wird's und stiller – Die Nacht ist gar zu lang. Nun scheint der Tag ins Fenster, Die Vögel singen so klar; Die beiden wußten lange, Wer der Gast gewesen war. Mein Herze, glaubt's, ist nicht erkaltet Mein Herze, glaubt's, ist nicht erkaltet, Es glüht in ihm so heiß wie je, Und was ihr drin für Winter haltet, Ist Schein nur, ist gemalter Schnee. Doch, was in alter Lieb' ich fühle, Verschließ ich jetzt in tiefstem Sinn, Und trag's nicht fürder ins Gewühle Der ewig kalten Menschen hin. Ich bin wie Wein, der ausgegoren: Er schäumt nicht länger hin und her, Doch was nach außen er verloren, Hat er an innrem Feuer mehr. Unterwegs und wieder daheim 1. Erst Münchner Bräu aus vollen Krügen, Die Deckel klappten wie ein Reim, Dann Neckarwein in vollen Zügen Und endlich Rot von Ingelheim. Und all die Zeit kein regentrüber Verlorner Tag, kein nasser Schuh, Die Bilder zögen uns vorüber, Wir taten nichts als schauten zu. Und graue Dome, bunte Fresken, Und Marmor reichten sich die Hand, Und weinblattdunkle Arabesken Zog drum das Rhein- und Schwabenland. 2. Mit achtzehn Jahr und roten Wangen, Da sei's, da wandre nach Paris, Wenn noch kein tieferes Verlangen Sich dir ins Herze niederließ; Wenn unser Bestes: Lieb' und Treue, Du nicht begehrst und nicht vermißt, Und all das wechselvolle Neue Noch deine höchste Gottheit ist. Mir sind dahin die leichten Zeiten, Es läßt mich nüchtern, läßt mich kalt, Ich bin für diese Herrlichkeiten Vielleicht zu deutsch, gewiß – zu alt. 3. Und wieder hier draußen ein neues Jahr – Was werden die Tage bringen?! Wird's werden, wie es immer war, Halb scheitern, halb gelingen? Wird's fördern das, worauf ich gebaut, Oder vollends es verderben? Gleichviel, was es im Kessel braut, Nur wünsch' ich nicht zu sterben. Ich möchte noch wieder im Vaterland Die Gläser klingen lassen Und wieder noch des Freundes Hand Im Einverständnis fassen. Ich möchte noch wirken und schaffen und tun Und atmen eine Weile, Denn um im Grabe auszuruhn, Hat's nimmer Not noch Eile. Ich möchte leben, bis all dies Glühn Rückläßt einen leuchtenden Funken Und nicht vergeht wie die Flamm' im Kamin, Die eben zu Asche gesunken. 4. Ich bin hinauf, hinab gezogen Und suchte Glück und sucht' es weit, Es hat mein Suchen mich betrogen, Und was ich fand, war Einsamkeit. Ich hörte, wie das Leben lärmte, Ich sah sein tausendfarbig Licht, Es war kein Licht, das mich erwärmte, Und echtes Leben war es nicht. Und endlich bin ich heimgegangen Zu alter Stell' und alter Lieb', Und von mir ab fiel das Verlangen, Das einst mich in die Ferne trieb. Die Welt, die fremde, lohnt mit Kränkung, Was sich, umwerbend, ihr gesellt; Das Haus, die Heimat, die Beschränkung, Die sind das Glück und sind die Welt. Sprüche 1. Nicht Glückes bar sind deine Lenze Nicht Glückes bar sind deine Lenze, Du forderst nur des Glücks zu viel; Gib deinem Wunsche Maß und Grenze, Und dir entgegen kommt das Ziel. Wie dumpfes Unkraut laß vermodern, Was in dir noch des Glaubens ist: Du hättest doppelt einzufodern Des Lebens Glück, weil du es bist. Das Glück, kein Reiter wird's erjagen, Es ist nicht dort, es ist nicht hier; Lern' überwinden, lern' entsagen, Und ungeahnt erblüht es dir. 2. Laß ab von diesem Zweifeln, Klauben Laß ab von diesem Zweifeln, Klauben, Vor dem das Beste selbst zerfällt, Und wahre dir den vollen Glauben An diese Welt trotz dieser Welt. Schau hin auf eines Weibes Züge, Das lächelnd auf den Säugling blickt, Und fühl's, es ist nicht alles Lüge, Was uns das Leben bringt und schickt. Und, Herze, willst du ganz genesen, Sei selber wahr, sei selber rein! Was wir in Welt und Menschen lesen, Ist nur der eigne Widerschein. 3. Sag an: »Es fällt von deinem Haupte« Sag an: »Es fällt von deinem Haupte Kein Haar, von welchem Gott nicht weiß« – Und was der Tag uns Größres raubte, Das fiele nicht auf Sein Geheiß?! Trag es, wenn seinen Schnee der Winter In unser Hoffen niederstiebt, Ein ganzer Frühling lacht dahinter: Gott züchtigt immer, wen Er liebt. Laß in dem Leid, das Er beschieden, Den Keim uns künft'gen Glückes schaun, Dann kam der Tag, wo Freud' und Frieden, In unsrem Herzen Hütten baun. 4. Es kann die Ehre dieser Welt Es kann die Ehre dieser Welt Dir keine Ehre geben, Was dich in Wahrheit hebt und hält, Muß in dir selber leben. Wenn's deinem Innersten gebricht An echten Stolzes Stütze, Ob dann die Welt dir Beifall spricht, Ist all dir wenig nütze. Das flücht'ge Lob, des Tages Ruhm Magst du dem Eitlen gönnen; Das aber sei dein Heiligtum: Vor dir bestehen können. 5. Beutst du dem Geiste seine Nahrung Beutst du dem Geiste seine Nahrung, So laß nicht darben dein Gemüt, Des Lebens höchste Offenbarung Doch immer aus dem Herzen blüht. Ein Gruß aus frischer Knabenkehle, Ja mehr noch, eines Kindes Lall'n, Kann leuchtender in deine Seele Wie Weisheit aller Weisen fall'n. Erst unter Kuß und Spiel und Scherzen Erkennst du ganz , was Leben heißt; O lerne denken mit dem Herzen, Und lerne fühlen mit dem Geist. 6. Du wirst es nie zu Tücht'gem bringen Du wirst es nie zu Tücht'gem bringen Bei deines Grames Träumerein, Die Tränen lassen nichts gelingen, Wer schaffen will, muß fröhlich sein. Wohl Keime wecken mag der Regen, Der in die Scholle niederbricht, Doch golden Korn und Erntesegen Reift nur heran bei Sonnenlicht. 7. Tritt ein für deines Herzens Meinung Tritt ein für deines Herzens Meinung Und fürchte nicht der Feinde Spott, Bekämpfe mutig die Verneinung, So du den Glauben hast an Gott. Wie Luther einst, in festem Sinnen, So sprich auch du zu Gottes Ehr': »Ich geh' nach Worms, und ob da drinnen Jedweder Stein ein Teufel wär'!« Und peitscht dich dann der Witz mit Ruten Und haßt man dich, – o laß, o laß! Mehr noch als Liebe aller Guten, Gilt aller Bösen Hohn und Haß. 8. Die Menschen lassen vieles gelten Die Menschen lassen vieles gelten: Vor allem lieben sie dich stumm ; Doch willst du klagen, willst du schelten, – Auch das, man kümmert sich nicht drum. Nur, willst du rasch die Gunst verscherzen, So zeig ein Fünkchen Seligkeit, – Man wünscht dir Glück »von ganzem Herzen« Und birst vor rückgestautem Neid. 9. Es äfft dich nur dies Rennen, Traben Es äfft dich nur dies Rennen, Traben Nach golden mußevoller Zeit, Wenn du die Ruhe glaubst zu haben, Dann eben ist sie doppelt weit. Auf weichem Pfühl, auf samtnen Kissen, Wenn du sie hältst, wenn du sie hast, Wirst du die Holde mehr vermissen Als in des Tages Druck und Last. All Labsal, was uns hier beschieden, Fällt nur in Kampf und Streit uns zu, Nur in der Arbeit wohnt der Frieden, Und in der Mühe wohnt die Ruh. 10. Man wird nicht besser mit den Jahren Man wird nicht besser mit den Jahren, Wie sollt' es auch, man wird bequem Und bringt, um sich die Reu' zu sparen, Die Fehler all in ein System. Das gibt dann eine glatte Fläche, Man gleitet unbehindert fort, Und »allgemeine Menschenschwäche« Wird unser Trost- und Losungswort. Die Fragen alle sind erledigt, Das eine geht, das andre nicht, Nur manchmal eine stumme Predigt Hält uns der Kinder Angesicht. 11. Du darfst mißmutig nicht verzagen Du darfst mißmutig nicht verzagen, In Liebe nicht noch im Gesang, Wenn mal ein allzu kühnes Wagen, Ein Wurf im Wettspiel dir mißlang. Wes Fuß wär' niemals fehlgesprungen? Wer lief nicht irr' auf seinem Lauf? Blick hin auf das, was dir gelungen, Und richte so dich wieder auf. Vorüber ziehn die trüben Wetter, Es lacht aufs neu der Sonne Glanz, Und ob verwehn die welken Blätter, Die frischen schlingen sich zum Kranz. Spätherbst Schon mischt sich Rot in der Blätter Grün, Reseden und Astern sind im Verblühn, Die Trauben geschnitten, der Hafer gemäht, Der Herbst ist da, das Jahr wird spät. Und doch (ob Herbst auch) die Sonne glüht, – Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt! Banne die Sorge, genieße, was frommt, Eh' Stille, Schnee und Winter kommt. Würd' es mir fehlen, würd' ich's vermissen? Heute früh, nach gut durchschlafener Nacht, Bin ich wieder aufgewacht. Ich setzte mich an den Frühstückstisch, Der Kaffee war warm, die Semmel war frisch, Ich habe die Morgenzeitung gelesen, (Es sind wieder Avancements gewesen). Ich trat ans Fenster, ich sah hinunter, Es trabte wieder, es klingelte munter, Eine Schürze (beim Schlächter) hing über dem Stuhle, Kleine Mädchen gingen nach der Schule, – Alles war freundlich, alles war nett, Aber wenn ich weiter geschlafen hätt' Und tät' von alledem nichts wissen, Würd' es mir fehlen, würd' ich's vermissen? Überlaß es der Zeit Erscheint dir etwas unerhört, Bist du tiefsten Herzens empört, Bäume nicht auf, versuch's nicht mit Streit, Berühr es nicht, überlaß es der Zeit. Am ersten Tag wirst du feige dich schelten, Am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten, Am dritten hast du's überwunden, Alles ist wichtig nur auf Stunden, Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter, Zeit ist Balsam und Friedensstifter. Der alte Musikant (Aus einer Novelle) Jung, in den hohen Spielmannsorden Trat ein ich, weil es mir gefiel, Nun »alter Musikant« geworden, Zieh' ich umher mit meinem Spiel. Um schweift mein Aug', um geht der Teller, Ein Scherflein, zögernd, fällt hinein, Ich nehme meinen Beifalls-Heller Und muß es noch zufrieden sein. Ach, hingeschwundne junge Tage, Nie wieder kehrt ihr mir zurück, – Und doch an Frau Fortunas Schlage, So fruchtlos Bitten auch und Klage, Harr' ich noch immer auf mein Glück. Lebenswege Fünfzig Jahre werden es ehstens sein, Da trat ich in meinen ersten »Verein«. Natürlich Dichter. Blutjunge Ware: Studenten, Leutnants, Refrendare. Rang gab's nicht, den verlieh das »Gedicht«, Und ich war ein kleines Kirchenlicht. So stand es, als Anno 40 wir schrieben; Aber ach, wo bist du Sonne geblieben? Ich bin noch immer, was damals ich war, Ein Lichtlein auf demselben Altar, Aus den Leutnants aber und Studenten Wurden Gen'räle und Chefpräsidenten. Und mitunter, auf stillem Tiergartenpfade, Bei »Kön'gin Luise« trifft man sich grade. »Nun, lieber F., noch immer bei Wege?« »Gott sei Dank, Exzellenz ... Trotz Nackenschläge ...« »Kenn' ich, kenn' ich. Das Leben ist flau ... Grüßen Sie Ihre liebe Frau.« Großes Kind Ich bin, trotz manchem Unterfangen, Ein großes Kind durchs Leben gegangen. Ich las das Tollste, die Hauptgeschicht', Immer nur im Polizeibericht. Und dieses Tollste – von ihm zu lesen, Ist eigentlich auch schon zuviel gewesen. Was mir fehlte Wenn andre Fortunens Schiff gekapert, Mit meinen Versuchen hat's immer gehapert, Auf halbem Weg', auf der Enterbrücke, Glitt immer ich aus. War's Schicksalstücke? War's irgend ein großes Unterlassen? Ein falsches die Sach' am Schopfe Fassen? War's Schwachsein in den vier Elementen, In Wissen, Ordnung, Fleiß und Talenten? Oder war's – ach, suche nicht zu weit, Was mir fehlte, war: Sinn für Feierlichkeit. Ich blicke zurück. Gott sei gesegnet, Wem bin ich nicht alles im Leben begegnet! Machthabern aller Arten und Grade, Vom Hof, von der Börse, von der Parade, »Damens« mit und ohne Schnitzer, Portiers, Hauswirte, Hausbesitzer, Ich konnte mich allen bequem bequemen, Aber feierlich konnt' ich sie nicht nehmen. Das rächt sich schließlich bei den Leuten, Ein jeder möchte was Rechts bedeuten, Und steht mal was in Sicht oder Frage, So sagt ein Reskript am nächsten Tage: »Nach bestem Wissen und Gewissen, Er läßt doch den rechten Ernst vermissen, Alle Dinge sind ihm immer nur Schein, Er ist ein Fremdling, er paßt nicht hinein, Und ob das Feierlichste gescheh', Er sagt von jedem nur: Fa il Re.« Suche nicht weiter. Man bringt es nicht weit Bei fehlendem Sinn für Feierlichkeit. Rangstreitigkeiten In einem Lumpenkasten War große Rebellion: Die feinen Lumpen haßten Die groben lange schon. Die Fehde tät beginnen Ein Lümpchen von Batist, Weil ihm ein Stück Sacklinnen Zu nah gekommen ist. Sacklinnen aber freilich War eben Sackleinwand Und hatte grob und eilig Die Antwort bei der Hand: »Von Ladies oder Schlumpen – 's tut nichts zur Sache hier, Du zählst jetzt zu den Lumpen Und bist nicht mehr wie wir.« Aber es bleibt auf dem alten Fleck »Wie konnt' ich das tun, wie konnt' ich das sagen«, – So hört man nicht auf, sich anzuklagen, Bei jeder Dummheit, bei jedem Verlieren Heißt es: »Das soll dir nicht wieder passieren.« Irrtum! Heut traf es bloß Kunzen und Hinzen, Morgen trifft es schon ganze Provinzen, Am dritten Tag ganze Konfessionen, Oder die »Rassen, die zwischen uns wohnen«, Immer kriegt man einen Schreck, Aber es bleibt auf dem alten Fleck. Rückblick Es geht zu End', und ich blicke zurück. Wie war mein Leben? wie war mein Glück? Ich saß und machte meine Schuh; Unter Lob und Tadel sah man mir zu. »Du dichtest, das ist das Wichtigste ...« »Du dichtest, das ist das Nichtigste.« »Wenn Dichtung uns nicht zum Himmel trüge ...« »Phantastereien, Unsinn, Lüge!« »Göttlicher Funke, Prometheusfeuer ...« »Zirpende Grille, leere Scheuer!« Von hundert geliebt, von tausend mißacht't, So hab' ich meine Tage verbracht. So und nicht anders Die Menschen kümmerten mich nicht viel, Eigen war mein Weg und Ziel. Ich mied den Markt, ich mied den Schwarm, Andre sind reich, ich bin arm. Andre regierten (regieren noch), Ich stand unten und ging durchs Joch. Entsagen und lächeln bei Demütigungen, Das ist die Kunst, die mir gelungen. Und doch, wär's in die Wahl mir gegeben, Ich führte noch einmal dasselbe Leben. Und sollt' ich noch einmal die Tage beginnen, Ich würde denselben Faden spinnen. Fester Befehl In Arkadien wurd' auch ich geboren. Auch ich habe mal auf Freiheit geschworen. Ich haßte Schranzen und Fürstenschmeichler, Glaubte beinah an Held und Eichler, Und Herwegh, Karl Beck und Dingelsteten Erhob ich zu meinen Leibpoeten. » ... Auf dem offenen Meere der Freiheit schwimmen ... Ein Volk muß immer sich selbst bestimmen, Ein Volk geht immer die rechten Wege, Nieder die Polizeigehege, Nieder die possidentes beati –« So dacht' auch ich. Oh, tempi passati! Freiheit freilich. Aber zum Schlimmen Führt der Masse sich selbst Bestimmen, Und das Klügste, das Beste, Bequemste, Das auch freien Seelen weitaus Genehmste Heißt doch schließlich, ich hab's nicht Hehl: Festes Gesetz und fester Befehl. Aus der Gesellschaft 1. Hoffest Erst kommt der Zar, der Herr aller Reußen, Dann kommt das offizielle Preußen. Im Weißen Saal, unter der Gittervergildung, Eben beginnt die Gruppenbildung: Geheimräte, nach Regel und Normen, In Fracks, in Orden, in Staatsuniformen. Deinem besten Freunde, so rat' ich dir gern, An solchem Tage bleib' ihm fern, Er kennt dich, ach, und kennt dich nicht, Ein eignes Lächeln umschwebt sein Gesicht, Seren und ernst und verlegen zugleich, Heut ist er Preußen, heut ist er das Reich. Deinem besten Freunde, so rat' ich dir gern, An solchem Tage bleib ihm fern, Er stellt dich vor, doch du wirst's nicht froh, Alles spöttisch und nur so so: »Sie kennen ja unsren berühmten Sänger«, Alle Gesichter werden länger. So geht es dir weiter, dir wenig nach Wunsch, Bis er endlich kommt – der Fastnachtspunsch, Pfannkuchen und Punsch, und sieh, im Gemüte, Blüht wieder auf die Menschenblüte, Gemeinschaftlich und fidel und munter Geht's schließlich die Wendeltreppe hinunter, Und unten heißt's wie vor dreißig Jahren: »Willst du nicht mit mir nach Hause fahren?« 2. Der Subalterne »Immer Achselzucken (es ist zum Lachen), Und doch sind wir es, die es machen. Das Bißchen Deutschland zusammenzuschweißen, Das lag in der Zeit, das will nicht viel heißen – Und Sedan? Nach links und rechts zu schwenken, Ist auch nichts Gefährlichs auszudenken. Ich bin nicht für Ruhm, ich bin nicht für Ehr', Es ist mit alledem nicht weit her, Und es wär' mir ein Leichtes, mich drin zu finden, Wär' nicht die Frau – die kann's nicht verwinden.« So hieß es um Weihnacht. Am Ordensfest Sprang um der Wind von Ost nach West, Der Glauben an Gottes Gnad' und Güte Schlug wieder Wurzel in seinem Gemüte. Wie's blinkt, wie's schillert! Er strahlt, er bebt. »Ich habe nicht umsonst gelebt.« 3. Der Sommer- und Winter-Geheimrat Um die Sommerszeit sind sie wie andre Menschen Aus Schwiebus, Reppen oder Bentschen. Zumal in Bädern, in Ostseefrischen Sitzt man mit ihnen an selben Tischen, Und sind auch verschieden der Menschheit Lose, Gleichmacherisch wirkt die Badehose, Der alte Adam mit seinen Gebrechen Läßt manches schweigen und manches sprechen. Am Spill wurde gestern ein Seehund geschossen, Zu drängen sich alle Strandgenossen; Man will ein Kinderhospiz errichten, »Sie könnten einen Prolog uns dichten.« Allgemeines heitres sich Anbequemen, Ein Unterschied ist nicht wahrzunehmen. So der Sommer; er hat sein Bestes getan, Aber nun bricht der Winter an. Beim Botschafter S. ist Gala-Fete, Dein Spill-Freund ist mit an der Tete, Noch schützt dich die bergende Fensternische, Jetzt aber gilt es, jetzt geht es zu Tische, Du sitzt vis-à-vis ihm, es trifft dich sein Gruß, Davor dein Herz ersteinen muß. Es wundert sein Chef sich, sein Kollege, Die Badebekanntschaft ist plötzlich im Wege, Von dem, mit dem du den Seehund umstanden, Von dem »sommerlichen« ist nichts mehr vorhanden, Statt seiner der »winterliche« ... Du frierst. Suche, daß du dich rasch verlierst. 4. Auf dem Mattäikirchhof Alltags mit den Offiziellen Weiß ich mich immer gut zu stellen, Aber feiertags was Fremdes sie haben, Besonders, wenn sie wen begraben, Dann treten sie (drüber ist kaum zu streiten) Mit einem Mal in die Feierlichkeiten. Man ist nicht Null, nicht geradezu Luft, Aber es gähnt doch eine Kluft, Und das ist die Kunst, die Meisterschaft eben, Dieser Kluft das rechte Maß zu geben. Nicht zu breit und nicht zu schmal, Sich flüchtig begegnen, ein-, zwei-, dreimal, Und verbietet sich solch Vorüberschieben, Dann ist der Gesprächsgang vorgeschrieben: »Anheimelnder Kirchhof ... beinah ein Garten ... Der Prediger läßt heute lange warten ...« Oder: »Der Tote, hat er Erben? Es ist erstaunlich, wie viele jetzt sterben.« 5. Kirchenumbau (Bei modernem Gutswechsel) Spricht der Polier: »Nu bloß noch das eine: Herr Schultze, wohin mit die Leichensteine? Die meisten, wenn recht ich gelesen habe, Waren alte Nonnen aus ›Heiligen Grabe‹.« »Und Ritter?« »Nu Ritter, ein Stücker sieben, Ich hab ihre Namens aufgeschrieben, Bloß, wo sie gestanden, da sind ja nu Löcher: 1 Bredow, 1 Ribbeck, 2 Rohr, 3 Kröcher, Wo soll'n wir mit hin? wo soll ich sie stell'n? « »Stellen? Nu gar nich. Das gibt gute Schwelln, Schwellen für Stall und Stuterei, Da freun sich die Junkers noch dabei.« »Und denn, Herr Schultze, dicht überm Altar Noch so was vergoldigt Kattolsches war, Maria mit Christkind ... Es war doch ein Jammer.« »Versteht sich. In die Rumpelkammer!« 6. Wie man's machen muß Zwei- oder dreimal mußt' er vor's Messer, Dann war er durch und ein Durchschnittsassesser. Im übrigen war er ein Pfiffikus: »Eine Spezialität man wählen muß.« Und endlich hat er sich entschieden: ›Das Durchfahrtsrecht in Krieg und Frieden.‹ Er las dreiunddreißig fremde Werke, Broschüren wurden seine Stärke. Traten dann Konferenzen zusammen Und stand der Streit in hellen Flammen Und kam's, daß man keinen Ausweg sah, So hieß es: »Ist kein Dalberg da? Warum uns zanken, quälen, schlagen, Assessor Null wird uns alles sagen.« Und wirklich, Null wird zugezogen, Es legen sofort sich des Streites Wogen, Ein Titel schreitet jetzt vor ihm her, Null ist schon lange Null nicht mehr. Jüngstens empfing er den siebenten Orden, Ist aber drum nicht schöner geworden. 7. Erfolganbeter Nie hab' ich ein dummeres Stück gelesen. »Das Haus ist ausverkauft gewesen.« Farbe, Linien, alles verschwommen. »Die Jury hat es angenommen.« Ein Skandal ist seine Art zu leben. »Der Botschafter hat ihm ein Fest gegeben.« Glauben Sie mir: er ist ein Kujon. »Hat aber eine Taler-Million.« 8. Such nicht, wie's eigentlich gewesen Such nicht, wie's eigentlich gewesen, Wolle nicht in den Herzen lesen. Sieht's freundlich aus, nimm's freundlich an, Nimm den Biedertuer als Biedermann. Alle Flügelmänner auf Sammellisten, Nimm sie hin als Musterchristen. Wenn sie nur geben beim Liebeverkünden, Forsche nicht nach den letzten Gründen. 9. Nur nicht loben Schreibt wer in Deutschland historische Stücke, So steht er auf der Schiller-Brücke. Macht er den Helden zugleich zum Damöte, So heißt es: Egmont, siehe Goethe. Schildert er Juden, ernst oder witzig, Ist es Schmock oder Veitel Itzig. Schildert er einige hübsche Damen, Heißt es: Dumas ... Ehebruchsdramen. Jeder Einfall, statt ihn zu loben, Wird einem andern zugeschoben. Ein Glück, so hab' ich oft gedacht, Daß Zola keine Balladen gemacht. Dolor Tyrannus Und Dolor Tyrannus also sprach: »Ihr lieben Ärzte, gemach, gemach, Immer enger wollt ihr mich umziehn Mit Opium, Morphium, Kokaïn, Immer reicher stellt sich euch zur Wahl Äther, Chloroform, Chloral, Und doch, ob Brom, ob Jod, ob Od, Der Schmerz ist ewig wie der Tod.« Schlaf Nun trifft es mich, wie's jeden traf, Ich liege wach, es meidet mich der Schlaf, Nur im Vorbeigehn flüstert er mir zu: »Sei nicht in Sorg', ich sammle deine Ruh', Und tret' ich ehstens wieder in dein Haus, So zahl' ich alles dir auf einmal aus.« Ausgang Immer enger, leise, leise, Ziehen sich die Lebenskreise, Schwindet hin, was prahlt und prunkt, Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben, Und ist nichts in Sicht geblieben Als der letzte dunkle Punkt. Butterstullenwerfen Es fliegt ein Stein (die Hand warf ihn gut) Kräftig, waagrecht über die Flut. Eine Säule steigt auf, und der Sonne Schein Malt einen Regenbogen hinein. Und weiter, ein zweites und drittes Mal, Erhebt sich der siebenfarbige Strahl. Aber je weiter vom Ufer entfernt, Der Stein im Fluge das Fliegen verlernt. Eine Schwere zieht ihn, es ebbt seine Kraft, Der Strahl ermattet und erschlafft. Ein Kräuseln noch einmal, ein Tropfen blinkt, Und dann Ruh' und Stille – der Stein versinkt. Meine Gräber Kein Erbbegräbnis mich stolz erfreut, Meine Gräber liegen weit zerstreut, Weit zerstreut über Stadt und Land, Aber all in märkischem Sand. Verfallene Hügel, die Schwalben ziehn, Vorüber schlängelt sich der Rhin, Über weiße Steine, zerbröckelt all, Blickt der alte Ruppiner Wall, Die Buchen stehn, die Eichen rauschen, Die Gräberbüsche Zwiesprach tauschen, Und Haferfelder weit auf und ab – Da ist meiner Mutter Grab. Und ein andrer Platz, dem verbunden ich bin: Berglehnen, die Oder fließt dran hin, Zieht vorüber in trägem Lauf, Gelbe Mummeln schwimmen darauf. Am Ufer Werft und Schilf und Rohr, Und am Abhange schimmern Kreuze hervor, Auf eines fällt heller Sonnenschein – Da hat mein Vater seinen Stein. Der Dritte, seines Todes froh, Liegt auf dem weiten Teltow-Plateau, Dächer von Ziegel, Dächer von Schiefer, Dann und wann eine Krüppelkiefer, Ein stiller Graben die Wasserscheide, Birken hier, und da eine Weide, Zuletzt eine Pappel am Horizont, Im Abendstrahle sie sich sonnt. Auf den Gräbern Blumen und Aschenkrüge, Vorüber in Ferne rasseln die Züge, Still bleibt das Grab und der Schläfer drin – Der Wind, der Wind geht drüber hin. Am Jahrestag (27. September 1888) Heut ist's ein Jahr, daß man hinaus dich trug, Hin durch die Gasse ging der lange Zug, Die Sonne schien, es schwiegen Hast und Lärmen, Die Tauben stiegen auf in ganzen Schwärmen. Und rings der Felder herbstlich buntes Kleid, Es nahm dem Trauerzuge fast sein Leid, Ein Flüstern klang mit ein in den Choral, Nun aber schwieg's – wir hielten am Portal. Der Zug bog ein, da war das frische Grab, Wir nächsten beide sahen still hinab, Der Geistliche, des Tages letztes Licht Umleuchtete sein freundlich ernst Gesicht, Und als er nun die Abschiedsworte sprach, Da sank der Sarg, und Blumen fielen nach, Spätrosen, rot und weiße, weiße Malven, Und mit den Blumen fielen die drei Salven. Das klang so frisch in unser Ohr und Herz, Hin schwand das Leid uns, aller Gram und Schmerz. Das Leben, war dir' s wenig, war dir' s viel? Ich weiß das eine nur, du bist am Ziel, In Blumen durftest du gebettet werden, Du hast die Ruh' nun, Erde wird zu Erden, Und kommt die Stund' uns, dir uns anzureihn, So laß die Stunde, Gott, wie diese sein. Die Frage bleibt Halte dich still, halte dich stumm, Nur nicht forschen, warum? warum? Nur nicht bittre Fragen tauschen, Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen. Wie's dich auch aufzuhorchen treibt, Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt. Trost Tröste dich, die Stunden eilen, Und was all dich drücken mag, Auch das Schlimmste kann nicht weilen, Und es kommt ein andrer Tag. In dem ew'gen Kommen, Schwinden, Wie der Schmerz liegt auch das Glück, Und auch heitre Bilder finden Ihren Weg zu dir zurück. Harre, hoffe. Nicht vergebens Zählest du der Stunden Schlag, Wechsel ist das Los des Lebens, Und – es kommt ein andrer Tag. Zuspruch Such nicht immer, was dir fehle, Demut fülle deine Seele, Dank erfülle dein Gemüt. Alle Blumen, alle Blümchen, Und darunter selbst ein Rühmchen, Haben auch für dich geblüht! Es kribbelt und wibbelt weiter Die Flut steigt bis an den Ararat, Und es hilft keine Rettungsleiter, Da bringt die Taube Zweig und Blatt – Und es kribbelt und wibbelt weiter. Es sicheln und mähen von Ost nach West Die apokalyptischen Reiter, Aber ob Hunger, ob Krieg, ob Pest, Es kribbelt und wibbelt weiter. Ein Gott wird gekreuzigt auf Golgatha, Es brennen Millionen Scheiter, Märtyrer hier und Hexen da, Doch es kribbelt und wibbelt weiter. So banne dein Ich in dich zurück Und ergib dich und sei heiter; Was liegt an dir und deinem Glück? Es kribbelt und wibbelt weiter. Publikum Das Publikum ist eine einfache Frau, Bourgeoishaft, eitel und wichtig, Und folgt man, wenn sie spricht, genau, So spricht sie nicht mal richtig. Eine einfache Frau, doch rosig und frisch, Und ihre Juwelen blitzen, Und sie lacht und führt einen guten Tisch, Und es möchte sie jeder besitzen. Zum Namenstag meiner Enkelin (Nach dem Französischen: Le boulanger fait un gâteau) Der Bäcker bringt dir Kuchenbrot, Der Schneider einen Mantel rot, Der Kaufmann schickt dir, weiß und nett, Ein Puppenkleid, ein Puppenbett Und schickt auch eine Schachtel rund Mit Schäfer und mit Schäferhund, Mit Hürd' und Bäumchen, paarweis je, Und mit sechs Schafen, weiß wie Schnee, Und eine Lerche, tirili, Seit Sonnenaufgang hör' ich sie, Die singt und schmettert, was sie mag, Zu meines Lieblings Namenstag. Was mir gefällt Du fragst: ob mir in dieser Welt Überhaupt noch was gefällt? Du fragst es und lächelst spöttisch dabei. »Lieber Freund, mir gefällt noch allerlei: Jedes Frühjahr das erste Tiergartengrün, Oder wenn in Werder die Kirschen blühn, Zu Pfingsten Kalmus und Birkenreiser, Der alte Moltke, der alte Kaiser, Und dann zu Pferd, eine Stunde später, Mit dem gelben Streifen der ›Halberstädter‹; Kuckucksrufen, im Wald ein Reh, Ein Spaziergang durch die Läster-Allee, Paraden, der Schapersche Goethekopf Und ein Backfisch mit einem Mozartzopf.« Afrikareisender » ... Meine Herren, was soll dieser ganze Zwist, Ob der Kongo gesund oder ungesund ist? Ich habe drei Jahre, von Krankheit verschont, Am grünen und schwarzen Graben gewohnt, Ich habe das Prachtstück unsrer Gossen, Die Panke, dicht an der Mündung genossen Und wohne nun schon im fünften Quartal Noch immer lebendig am Kanal. Hier oder da, nah oder fern Macht keinen Unterschied, meine Herrn, Und ob Sie's lassen oder tun, Ich gehe morgen nach Kamerun.« Der echte Dichter (Wie man sich früher ihn dachte) Ein Dichter, ein echter, der Lyrik betreibt, Mit einer Köchin ist er beweibt, Seine Kinder sind schmuddlig und unerzogen, Kommt der Mietszettelmann, so wird tüchtig gelogen, Gelogen, gemogelt wird überhaupt viel, »Fabulieren« ist ja Zweck und Ziel. Und ist er gekämmt und gewaschen zuzeiten, So schafft das nur Verlegenheiten, Und ist er gar ohne Wechsel und Schulden Und empfängt er pro Zeile 'nen halben Gulden Oder pendeln ihm Orden am Frack hin und her, So ist er gar kein Dichter mehr, Eines echten Dichters eigenste Welt Ist der Himmel und – ein Zigeunerzelt. Unsre »deutsche Frau« Hierlandes ist unsre »deutsche Frau« Noch immer aus Friesack oder Bernau, Nur dem Kleinen gilt ihre Respektbezeigung, Aus Not nicht, nein, aus purer Neigung, Uralte Themen uralter Epochen Werden am liebsten durchgesprochen: Die Küche, die Wäsche, die Wohnung – und dann (Unerschöpfliches Thema) »mein Mann, mein Mann«. »Mein Mann ist eigentlich viel zu gut, Und kommt er mal gegen mich in Wut, Ist es immer bloß wegen der dummen Dinger, Denen sieht er alles durch die Finger; Eine Vierzehnjährige nennt er ›Sie‹, Mittwochs hat er Skatpartie. Da würd' ich nun gern ins Theater gehn, Aber, am Ende, was soll man sehn? ›Sodoms Ende‹ gilt ja für unmoralisch, Schiller ist mir zu theatralisch Und macht immer schöne Worte nur – Das Beste bleibt doch freie Natur: Am Großen Stern auf den Kaiser warten, Konzert im Zoologischen Garten, Flamingo, Büffel, Pelikan, Und Abends (zum Spargel) kommt ›mein Mann‹ Und Rudolf auch, und die Zeit vergeht, Und der liebe Mond am Himmel steht.« Brunnenpromenade Als ich ankam, Johannistag war grade, Gleich ging ich auf die Brunnenpromnade. Kaum wollt' ich meinen Augen traun, So viel des Herrlichen war da zu schaun, Eine lange Reihe der schönsten Damen, Wer zählt die Völker, wer nennt die Namen! Eine ganz Teint und Taille war, Aschblond das schlicht gescheitelte Haar, Blendende Zähne, feines Kinn, Typus einer Engländerin, Aber solcher, die palankin-überdacht Weit draußen ihre Tage verbracht, In Hongkong oder Singapor (Ihr Diener Malaie halb, halb Mohr), Und neben ihr plaudert ein junger Lord Von Lachsfang im Stavanger-Fjord, Alles albionmäßig abgestempelt, Die Beinkleider unten umgekrempelt. Es plätschert der Springbrunn, es duften die Blumen, Fremd blicken die Bonnen und Kindermuhmen, Noch fremder die Ammen; die Badekapelle Spielt eben eine Wagnerstelle, Lohengrin-Arie, jetzt laut, jetzt leis, Die Damen schließen einen Kreis, Und in den Kreis, auf den Schlag des Gong, Tritt jetzt die Schönheit der Saison. Ihr Aug' ist wie getaucht in Glut, Rot ist ihr Kleid und rot ihr Hut, Ein Hut, wie die Kirchenfürsten ihn tragen, Breitkrempig, ein Schleier umgeschlagen, Der Schleier auch rot – am Arme Korall'n, Rot alles, worauf die Blicke fall'n, Eine Römerin (flüstert man) soll es sein, Andre sagen: aus Frankfurt am Main. Und herwärts wogt es und wieder zurück, Auf Wagner folgt ein ungrisch Stück, Ein Czardas, und auf dem bewässerten Rasen Blitzt es wie von Goldtopasen; Überirdisch, ein paradiesisch Revier, Und die Frage kommt mir: »Was willst du hier?« Eine Freiin grüßt mich ... doch, wer sie nicht kennte, Die Macht der höheren Elemente! Nun ist die erste Woche dahin, Verändert schon fühl' ich Herz und Sinn, Und eh' eine zweite Woche vergangen, Ist es nahzu vorbei mit meinem Bangen; Mummenschanz alles und Fastnachtsorden, Selbst der rote Hut ist mir komisch geworden, Ob aus Rom oder Frankfurt – ich seh' in Ruh' Jetzt lieber dem Paukenschläger zu, Der kränklich und mürrisch und doch begeistert Auch Becken noch und Triangel meistert; Zu Schemen ist plötzlich alles verschwommen, Ich bin wieder zu mir selbst gekommen, Und während mir Scheuheit und Demut entschlummern, Zähl' ich mich zu den »besseren Nummern«. Aber wir lassen es andere machen Ein Chinese ('s sind schon an 200 Jahr) In Frankreich auf einem Hofball war. Und die einen frugen ihn: ob er das kenne? Und die andern frugen ihn: wie man es nenne? »Wir nennen es tanzen«, sprach er mit Lachen, »Aber wir lassen es andere machen.« Und dieses Wort seit langer Frist, Mir immer in Erinnerung ist. Ich seh' das Rennen, ich seh' das Jagen, Und wenn mich die Menschen umdrängen und fragen: »Was tust du nicht mit? Warum stehst du beiseit'?« So sag ich: »Alles hat seine Zeit. Auch die Jagd nach dem Glück. All derlei Sachen, Ich lasse sie längst durch andere machen.« König Karl der Zweite von Engelland König Karl der Zweite von Engelland Bei Mit- und Nachwelt in Ungunst stand; In jedem Geschichtsbuch ist zu lesen, Er sei durchaus vom Übel gewesen Und habe das denkbar Schlimmste verbrochen: Nie was Kluges getan, nie was Dummes gesprochen. Ach König Karl von Engelland, Einen kenn' ich, der hebt für dich die Hand, Einen kenn' ich, der sich zu sagen erdreistet, Du hast das denkbar Größte geleistet. Denn immer zu tun, was klug und weise, Wie sehr ich diese Kunst auch preise, Sie muß ihr Auge doch niederschlagen Vor der höheren Kunst, nie was Dummes zu sagen. Contenti estote Tieck, jung noch, kam zum alten Reil. »Herr Geheimrat, ich leide schon eine Weil', Eigentlich hab' ich immer gelitten- Ich möchte mir Ihren Rat erbitten.« »›Nun, lassen Sie hören, lieber Tieck, Vielleicht Migräne, vielleicht Kolik? Sie schütteln den Kopf. Vielleicht was am Herzen Oder an der Leber? Haben Sie Schmerzen?‹« »Nicht eigentlich das. Wohl mal, daß es sticht, Aber wirkliche Schmerzen hab' ich nicht.« »›Sehr erfreulich. Und wenn ich's damit nicht traf, Wie steht's mit der Hauptsach'? Wie steht's mit dem Schlaf?‹« »In dem Punkt zähl' ich mich zu den Gesunden, Ich schlafe doch mindestens meine neun Stunden.« »›Vortrefflich. So bleibt uns als letztes Gebiet Nur noch die Verdauung; wie ist der Apptit?‹« »Auch damit geht es; ich kann nicht klagen, Ja, ich glaube, mein Bestes ist der Magen; Oft wenn ich erschöpft bin – mit Freunden bei Tische, Gleich hab' ich wieder die volle Frische.« Da lachte boshaft der alte Reil. »›Lieber Tieck, mit Ihnen hat es nicht Eil', Appetit und Schlaf und keine Schmerzen, Da danken andere Gott im Herzen, Ihre Krankheit ist nichts als ein krankhaft Verlangen, Es ist Ihnen immer zu gut gegangen, Ein bißchen mehr Sorge bei schmalerem Brote, Das fehlt Ihnen, Freund. Contenti estote.‹« In memoriam Nicolai Verhaßt ist mir alle Philisterei, Weiß mich auch leidlich davon frei, Nur den unbedingten Begeisterungsschritt In Sachen der Kunst, den mach' ich nicht mit, – Hab' ich's zu kalt oder hab' ich's zu heiß, So fühl ich: auch Kunst hat ihren Preis. Italien ... das Auge wird mir hell.. Bellin, Giorgione, Raffael, Aber wenn ich durch schreckensvolle Nächte Gekämpft mit dem Heerwurm höllischer Mächte, Kann ich am Morgen, um anzubeten, Nicht weihevoll vor die »Assunta« treten, Dann schweigen in mir alle höh'ren Register, Nicolai werd' ich und Urphilister, Und tiefer als in das Grab des Busento Versinkt mir das ganze Cinquecento. Verzeiht Verzeiht den Anekdotenkram Und daß niemals ich einen »Anlauf« nahm, Auch niemals mit den Göttern grollte, Nicht mal den Staat verbessern wollte, Nicht mal mit »sexuellen Problemen« Gelegenheit nahm mich zu benehmen. Der faßt es so, der anders an, Man muß nur wollen, was man kann, Mir würde der Weitsprung nicht gelingen, So blieb ich denn bei den näheren Dingen, Drei Schritt bloß – – ich weiß, es ist nicht viel, Aber Freude gibt jedes erreichte Ziel. Geschichtschreibung »Bei hellem Tageslichte Hab' ich es anders gesehn.« »Gewiß. Geschichten und Geschichte Wachsen und wechseln schon im Entstehn!« Ikarus Immer wieder dieselbe Geschichte: Siege, Triumphe, Gottesgerichte. Wem jeder Sprung, auch der kühnste, geglückt, Der fühlt sich dem Gesetz entrückt, Er ist heraus aus dem Alltagstrott, Fliegen will er, er ist ein Gott; Er fällt dem Sonnengespann in die Zügel, – Da schmelzen dem Ikarus die Flügel, Er flog zu hoch, er stürzt, er fällt, Ein neu Spektakelstück hat die Welt, Eben noch zum Himmel getragen ... Apollo, zürnend, hat ihn erschlagen. Ja, das möcht' ich noch erleben Eigentlich ist mir alles gleich, Der eine wird arm, der andre wird reich, Aber mit Bismarck – was wird das noch geben? Das mit Bismarck, das möcht' ich noch erleben. Eigentlich ist alles soso, Heute traurig, morgen froh, Frühling, Sommer, Herbst und Winter, Ach, es ist nicht viel dahinter. Aber mein Enkel, so viel ist richtig, Wird mit nächstem vorschulpflichtig, Und in etwa vierzehn Tagen Wird er eine Mappe tragen, Löschblätter will ich ins Heft ihm kleben – Ja, das möcht' ich noch erleben. Eigentlich ist alles nichts, Heute hält's, und morgen bricht's, Hin stirbt alles, ganz geringe Wird der Wert der ird'schen Dinge; Doch wie tief herabgestimmt Auch das Wünschen Abschied nimmt, Immer klingt es noch daneben: Ja, das möcht' ich noch erleben. Man hat es oder hat es nicht Nur als Furioso nichts erstreben Und fechten, bis der Säbel bricht, Es muß sich dir von selber geben – Man hat es oder hat es nicht. Der Weg zu jedem höchsten Glücke, Wär' das Gedräng auch noch so dicht, Ist keine Beresina-Brücke – Man hat es oder hat es nicht. Glaub nicht, du könnt'st es doch erklimmen Und Woll'n sei höchste Kraft und Pflicht, Was ist , ist durch Vorherbestimmen – Man hat es oder hat es nicht. Dreihundertmal Dreihundertmal hab' ich gedacht: Heute hast du's gut gemacht, Dreihundertmal durchfuhr mich das Hoffen: Heute hast du ins Schwarze getroffen, Und dreihundertmal vernahm ich den Schrei Des Scheibenwärters: »Es ging vorbei.« Schmerzlich war mir's dreihundertmal – Heute ist es mir egal. Fritz Katzfuß Fritz Katzfuß war ein siebzehnjähr'ger Junge, Rothaarig, sommersprossig, etwas faul, Und stand in Lehre bei der Witwe Marzahn, Die geizig war und einen Laden hatte, Drin Hering, Schlackwurst, Datteln, Schweizerkäse, Samt Pumpernickel, Lachs und Apfelsinen Ein friedlich Dasein miteinander führten. Und auf der hohen, etwas schmalen Leiter, Mit ihren halb schon weggetretnen Sprossen, Sprang unser Katzfuß, wenn die Mädchen kamen Und Soda, Waschblau, Grieß, Korinthen wollten, Geschäftig hin und her. Ja, sprang er wirklich? Die Wahrheit zu gestehn, das war die Frage. Die Mädchen, deren Schatz oft draußen paßte, Vermeinten ganz im Gegenteil, er »nöle«, Sei wie verbiestert und durchaus kein »Katzfuß«. Im Laden, wenn Frau Marzahn auf ihn passe, Da ging' es noch, wenn auch nicht grad' aufs beste, Das Schlimme käm' erst, wenn er wegen Selter- Und Sodawasser in den Keller müsse, Das sei dann manchmal gradzu zum Verzweifeln, Und wär' er nicht solch herzensguter Junge, Der nie was sage, nie zu wenig gebe, Ja, meistens, daß die Waagschal' überklappe, So wär's nicht zu beleben. Und nicht besser Klang, was die Herrin selber von ihm sagte, Die Witwe Marzahn. »Wo der dumme Junge Nur immer steckt? Hier vorne muß er flink sein, Doch soll er übern Hof und auf den Boden, So dauert's ewig, und ist gar Geburtstag Von Kaiser Wilhelm oder Sedanfeier Und soll der Stock' raus mit der preuß'schen Fahne (Mein sel'ger Marzahn war nicht für die deutsche), Fritz darf nicht 'rauf – denn bis Dreiviertelstunden Ist ihm das Mind'ste.« So sprach Witwe Marzahn. Und kurz und gut, Fritz Katzfuß war ein Rätsel, Und nur das Eine war noch rätselvoller, Daß, wie's auch drohn und donnerwettern mochte, Ja, selbst wenn Blitz und Schlag zusammenfielen, Daß Fritz nie maulte, greinte, wütend wurde; Nein, unverändert blieb sein stilles Lächeln Und schien zu sagen: »Arme Kreaturen, Ihr glaubt mich dumm, ich bin der Überlegne. Kramladenlehrling! Eure Welt ist Kram, Und wenn ihr Waschblau fordert oder Stärke, Blaut zu, so viel ihr wollt. Mein Blau der Himmel.« So ging die Zeit, und Fritz war wohl schon siebzehn; Ein Oxhoft Apfelwein war angekommen Und lag im Hof. Von da sollt's in den Keller. Fritz schlang ein Tau herum, und weil die Hitze Groß war und drückend, was er wenig liebte, So warf er seinen Shirting-Rock beiseite, Nicht recht geschickt, so daß der Kragenhängsel Nach unten hing. Und aus der Vordertasche Glitt was heraus und fiel zur Erde. Lautlos. Fritz merkt' es nicht. Die Witwe Marzahn aber Schlich sich heran und nahm ein Buch (das war es) Vom Boden auf und sah hinein: »Gedichte. Gedichte, erster Teil, von Wolfgang Goethe.« Zerlesen war's und schlecht und abgestoßen Und Zeichen eingelegt: ein Endchen Strippe, Briefmarkenränder, und als dritt' und letztes (Zu glauben kaum) ein Streifen Schlackwurstpelle, Die Seiten links und rechts befleckt, befettet, Und oben stand, nun was? stand »Mignonlieder«, Und Witwe Marzahn las: »Dahin, dahin Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.« Nun war es klar. Um so was träg und langsam, Um Goethe, Verse, Mignon. Armer Lehrling, Ich weiß dein Schicksal nicht, nur eines weiß ich: Wie dir die Lehrzeit hinging bei Frau Marzahn, Ging mir das Leben hin. Ein Band von Goethe Blieb mir bis heut mein bestes Wehr und Waffen, Und wenn die Witwe Marzahns mich gepeinigt Und dumme Dinger, die nach Waschblau kamen, Mich langsam fanden, kicherten und lachten, Ich lächelte, grad' so wie du gelächelt, Fritz Katzfuß, du mein Ideal, mein Vorbild. Der Band von Goethe gab mir Kraft und Leben, Vielleicht auch Dünkel ... All genau dasselbe, Nur andres Haar und – keine Sommersprossen. Die Geschichte vom kleinen Ei (Märkisches) Die Gräfin und ihr fünfzehnjähriger Sohn, Auch zwei Komtessen halb erwachsen schon, Sie sollen fort, bis Capri, bis Sorrent, Und wenn zu heiß es dann vom Himmel brennt, Dann rasch zurück nach Schweiz und Interlaken, Denn mit poor Alfred hat es einen Haken: Er hustet – und so viel hängt an dem Jungen, Und wenn's das Herz nicht ist, so sind's die Lungen. An fährt die Kutsche. Vor dem Erdgeschoß Stehn sieben Koffer, einer ein Koloß, Und was von Hausgesind' das Schloß umfängt, Es hat voll Eifer sich herangedrängt. Ein alter Diener (Erbstück) in Gamaschen Bringt immer neue Plaids und Reisetaschen, Die Kammerjungfer schluchzt, der Kandidat Gibt für Verona seinen Reiserat Und mahnt ein wenig schelmisch die Komtessen, Das »Grab der Julia« ja nicht zu vergessen; Ernst aber steht am Schlag der alte Graf – Ob ihn der Abschied allzu schmerzlich traf? Er hält nicht viel von Bahn- und Gasthofstreiben, Ich glaube fast, ihm paßt's, zu Haus zu bleiben; Daneben aber tut er, was er muß: Er spart nicht Händedruck, nicht Abschiedskuß, Klappt in die Höh der Kutsche Lederdach, »A rivederci!« ruft er ihnen nach, – Er hatte sich sprachlustig mitbeschäftigt, Als sich die Damen für Sorrent gekräftigt. Nun sind sie fort. Im Vorflur ist es warm, Der Graf ergreift des Kandidaten Arm Und sagt, in heitrem Auf- und Niederschreiten: »Ja, lieber Porst, nun kommen schlimme Zeiten, Der Doktor hat von Ende Herbst gesprochen, Das gibt für Sie sehr lange Ferienwochen, Vielleicht zu lang'; ich muß im Reichstag sein, Dann sitzen Sie hier mutterwindallein; Ich weiß nicht, ob Stillsitzen Ihnen paßt, Dreivierteljahr, die Länge hat die Last; Ich für mein Teil, ich hätte nichts dagegen, Wenn Sie sich ausruhn woll'n und etwas pflegen, Vielleicht zu Haus, in Vaters Försterei Mit Stadt- und Kloster-Lindow dicht dabei.« »Verzeihn, Herr Graf, indessen steht's bei mir , Trotz Elternhaus, ich bleib' am liebsten hier; Ich hab' hier meine Bücher, meine Sachen, Will, wenn es sein kann, meinen Doktor machen; Hab' auch Verkehr hier, alt' und junge Leute, Den Pastor morgen und den Lehrer heute, Kann mit dem Gärtner pflanzen und begießen, Kann mit dem Jäger einen Hasen schießen, Und kommt's zum Schlimmsten, geh' ich in den Krug, Bestell' ein Seidel mir und rede klug, Wie man's so tut, von Rüben und von Raps, – Der Krüger freilich ist halb Taps, halb Flaps, Allein die Frau, die geht, die kann ich leiden, Ist jedenfalls die Klügre von den beiden, Ein bißchen nach sich, sparsam und genau, Doch immerhin 'ne nette märk'sche Frau.« »Nun, lieber Porst, mir recht. Und 's wird schon gehn – Nur immer 'n bißchen nach dem Rechten sehn; Und wenn im Reichstag mal ein Ruhtag ist, So komm' ich, und wir haben unsern Whist; Man muß sich schließlich auch einmal was gönnen, Und unser Dritter – nu, der wird schon können.« Und so kam Mai. Der Fink im Walde schlug, Porst ging spazieren oder saß im Krug, Meist plaudernd mit des Krügers muntrer Frau Von Margarine, Butter, Mastviehschau, Von Wollmarkt und wie gut der Roggen stünde, – Das ew'ge Klagen sei doch fast 'ne Sünde. »Das find' ich auch und sag' es jeden Morgen; Die Wirtschaft, ach, ich hab' ganz andre Sorgen, Die Jungen wachsen 'ran, die richt'gen Rangen, Mit unserm Willem is nichts anzufangen: Der Jung' is faul, für gar nichts hat er Sinn, Ganz wie sein Vater dröhmt er bloß so hin, Und 's Rechnen wird ihm alle Tage schwerer – Ich habe schon gedacht ... vielleicht der Lehrer?« »Wohl möglich, Frau; doch wie's damit auch sei, Da hilft sich's schon ohn' große Hexerei, Latein, Geschichte werd' ich mit ihm treiben, – Kann er denn schon 'nen deutschen Aufsatz schreiben? Und wenn auch nicht, so viel versprech' ich Ihnen, Er soll, zum mind'sten, nicht drei Jahre dienen.« Und wie versprochen, gleich am andern Tag Tritt Porst ins Zimmer, mit dem Glockenschlag; Und weiter so, – nie läßt er lange warten – Er kommt mit Zumpt, mit Lexikon und Karten, Und was das Best' (im Busen wird es helle), Der Junge kommt auch wirklich von der Stelle! Lernt »Tabakspfeife«, »Bürgschaft«, Gellerts Fabeln, Unregelmäß'ge Verben und Vokabeln, Lernt piper und papaver und auf is Was masculini generis. Und eines Tages, nicht mehr allzu früh, ( ... »er bleibt zu lange, gibt sich zu viel Müh«) Erscheint beim Unterricht die Krügerin Und stellt vor Porst 'nen Eierbecher hin, 'nen Eierbecher, drin ein kleines Ei, Ganz klein, die dünne Schale schon entzwei. Porst lächelt, nimmt's und ißt's in guter Ruh; Die Krüg'rin lächelt auch, und sieht ihm zu. Vergangen sind an zweiundzwanzig Jahr. Der Kandidat Konsistorialrat war, Hofprediger, Generalsup'rintendent, Ein großer Stern am preuß'schen Firmament. Und heut vom Königsschloß her, klar und munter Kommt er den breiten Opernplatz herunter, Und an der Neuen Wache, glau und schlau, Wer will an ihm vorbei? – die Krügersfrau. Die Schritte hemmt er. »Ei, Frau Krüg'rin ei, Hübsch stillgestanden, nicht so stolz vorbei! Was macht der Mann? Was ist im Schlosse los? Der Graf, ich weiß, war letzthin in Davos; Und Willem; wenn nicht avanciert er ist, Der ist nun wohl schon lange Reservist?« »Gott, Gott! mir zittern ordentlich die Knie, Herr Kandidat, jetzt erst erkenn' ich Sie, Sonst war Ihr Rock so weit und so bequem, Sie sind nicht mehr so spillrig wie vordem. Und was mein Mann, mit dem wird's immer schlimmer Er sitzt so rum und raucht und schläft noch immer; Uns' Willem aber, dem geht's gut genug, Wir sind im Altenteil, er hat den Krug; Vorm Haus die Linde hat er eingeschient, Und hat auch wirklich nur ein Jahr gedient. Gott, manchmal denk' ich noch an all die Sachen, 's mußt' Ihnen doch 'ne rechte Freude machen; Die Gräfin kam ja Neujahr erst zurück, Da war das mit dem Willem doch ein Glück, Und gab ein bißchen doch für Sie zu tun, Statt so den ganzen Tag sich auszuruhn. Und einmal, als die Stunde schon vorbei ... Sie nicken ... ach, Sie wissen schon ... das Ei« Luren-Konzert In Kopenhagen, groß und gesperrt, Am Saal-Eingange stand: Luren-Konzert. Und an meinen Gastfreund jener Tage Richte voll Neugier ich die Frage: »Sage, was meint das? Bis Fausts Lemuren Reicht es gerade. Doch was sind Luren?« »Luren, in Tagen der Goten und Geten, Hießen unsre Nordlands-Trompeten, Hörner waren's, von sieben Fuß Länge, Schlachtruf waren ihre Klänge, Die Luren, lange vor Gorm dem Alten, Übers Moor und über die Heide schallten ... Wo der Steindamm sich hinzieht, stieben die Funken, In den Sumpf ist Roß und Troß versunken, Und versunken unter die Binsen und Gräser Waren zuletzt auch die Lurenbläser. Da lagen sie. Bis zu zweitausend Jahren Sind Nebel und Wind drüber hingefahren, Eines Tages aber grub man, und Schwert und Knauf Und die Luren auch stiegen wieder herauf, Herauf aus dem Moorgrund unterm Rasen, Und auf diesen Luren wird heute geblasen.« Ein tret' ich. Im Saal, an Estrad' und Wand, Sitzen schöne Frauen, die Fächer in Hand; Luftig die Kleider, kokett die Hüte, Vorn an der Brust eine Heidekrautblüte, So sitzen sie da; Lorgnon und Gläser Richten sich auf die Lurenbläser. Das sind ihrer drei. Blond-nordisch ihr Haar, Keiner über dreißig Jahr, An die Brüstung jetzt sind sie herangetreten, Hoch heben sie langsam ihre Trompeten, Und die Luren, so lang' in Tod gebunden, Haben aufs neue Leben gefunden. Es fallen die Schwerter, es klappen die Schilde, Walküren jagen, es jagt Brunhilde, Von der Toten hochaufgetürmtem Wall Aufwärts geht es nach Walhall. Und nun verklingt es; die Köpfe geneigt, Lauscht noch alles, als alles schon schweigt. Draußen am Eingang, groß und gesperrt, Las ich noch einmal: Luren-Konzert . Fire, but don't hurt the flag! Konsul Cunningham, an die dreißig Jahr Ist er im Amt schon in Tulcahuar. Ein chilenischer Tag heut; stahlblau die Luft, Von Westen her weht es wie Meeresduft, Und auf Cunninghams Hause, leis und lind, Englands Flagge spielt im Wind. Jetzt aber, ein Windstoß setzt eben ein, Klingt's die Straße herauf wie von Lärmen und Schrei'n, Soldaten und Volk (»ist der Teufel los?«) Und inmitten des Haufens ein brit'scher Matros. An schwillt das Gelärm, und als näher es kam, Auf die Straße hinaus tritt Cunningham, Engländer der Alte, von Kopf zu Zeh, Glatt, rosig, sein spärliches Haar wie Schnee, Dazu, nach britischem Brauch und Geschmack, In weißem Gilet und schwarzem Frack. Trommeln wirbeln, die Pfeife gellt, Und als der Zug vor dem Hause jetzt hält, Der Matrose tritt vor: »Herr, bin in Not, Erbarmt Euch, sie schleppen mich in den Tod, Chilenisch Volk, es klagt mich an, Ich sei der Mörder, ich hätt' es getan; Ein andrer führte Stoß und Stich, Unschuldig bin ich, rettet mich!« Ein Murmeln, ein Murren. Noch hält der Hauf, Konsul Cunnigham steigt auf das Flachdach hinauf, Auf dem Flachdach oben, leis und lind, Englands Flagge spielt im Wind; Die läßt er herab jetzt – um Schulter und Frack Schlingt er ruhig-bedächtig den Union-Jack, Dann wieder treppabwärts: »Nun laßt uns gehn. Ich will dich begleiten. Wir wollen sehn.« Und draußen, auf dem Hügel von Sand, In des Todes Aug' der Matrose stand, Peloton tritt vor, schon schlagen sie an, Da, über den verlorenen Mann Wirft der Konsul das Flaggtuch: »Nun schieße, wer mag; Fire, but don't hurt the flag!« Da senken die Gewehre sich still, Keiner, der es wagen will. Wann kommt auch für uns der goldne Tag: Fire, but don't hurt the flag! Die Balinesenfrauen auf Lombok Unerhört, Auf Lombok hat man sich empört, Auf der Insel Lombok die Balinesen Sind mit Mynheer unzufrieden gewesen. Und die Mynheers faßt ein Zürnen und Schaudern, »Aus mit dem Brand, ohne Zögern und Zaudern,« Und allerlei Volk, verkracht, verdorben, Wird von Mynheer angeworben, Allerlei Leute mit Mausergewehren Sollen die Balinesen bekehren. Vorwärts, ohne Sinn und Plan, Aber auch planlos wird es getan, Hinterlader arbeitete gut, Und die Männer liegen in ihrem Blut. Die Männer. Aber groß anzuschaun Sind da noch sechzig stolze Fraun, All eingeschlossen zu Wehr und Trutz In eines Buddha-Tempels Schutz. Reichgekleidet, goldgeschmückt, Ihr jüngstes Kind an die Brust gedrückt, Hochaufgericht't eine jede stand, Den Feind im Auge, den Dolch in der Hand. Die Kugeln durchschlagen Trepp' und Dach, »Wozu hier noch warten, feig und schwach?« Und die Türen auf und hinab ins Tal, Hoch ihr Kind und hoch den Stahl (Am Griffe funkelt der Edelstein), So stürzen sie sich in des Feindes Reihn. Die Hälfte fällt tot, die Hälfte fällt wund, Aber jede will sterben zu dieser Stund, Und die Letzten, in stolzer Todeslust, Stoßen den Dolch sich in die Brust. Mynheer derweilen, in seinem Kontor, Malt sich christlich Kulturelles vor. Auf der Kuppe der Müggelberge (Semnonen-Vision) Über den Müggelsee setzt mich der Ferge. Nun erklettr' ich die Müggelberge, Mir zu Häupten rauschen die Kronen Wie zu Zeiten der Semnonen , Unsrer Urahnen, die hier im Eichwaldsschatten Ihre Gottheitsstätten hatten. Und die Spree hinauf, an Buchten und Seen, Seh' ich wieder ihre Lager stehn, Wie damals beim Aufbruch. Tausende ziehn Hin über die Dahme ... Der Vollmond schien. Am Eierhäuschen hebt es an: Eine Vorhut, etliche dreißig Mann, Ein Bardentrupp folgt von Friedrichshagen, Wo noch jetzt Nachkommen die Harfe schlagen, Bei Kiekemal und bei Kiekebusch Blasen Hörner den Abschiedstusch; Auf Flößen kommen andre geschwommen, Haben den Weg bis Schmöckwitz genommen, Bis Schmöckwitz, wo, Wandel der Epochen, Jetzt Familien Kaffee kochen. Aus der »Wuhlheide« treten, wirr und verwundert, Geschwindschritts immer neue Hundert, Und bei Woltersdorf und am Dämeritz-See Sammelt sich schon das Corps d'armée. Jetzt aber – der Dämeritz ist überschritten – An des Zuges Ausgang und inmitten Erblick' ich Mädchen, erblick' ich Fraun, Alle thusneldisch anzuschaun, Alle mit Butten, alle mit Hucken, Draus blond die kleinen Germanen kucken – So ziehen sie südwärts mit Kiepen und Kobern, Von der Müggel aus die Welt zu erobern. Neueste Väterweisheit Zieh nun also in die Welt, Tue beharrlich, was dir gefällt, Werde keiner Gefühle Beute, Meide sorglich arme Leute, Werde kein gelehrter Klauber, Wissenschaft ist fauler Zauber, Sei für Rothschild statt für Ranke, Nimm den Main und laß die Panke, Nimm den Butt und laß die Flunder, Geld ist Glück, und Kunst ist Plunder, Vorwärts auf der schlechtsten Kragge, Wenn nur unter großer Flagge. Pred'ge Tugend, pred'ge Sitte, Millionär ist dann das dritte, Quäl dich nicht mit »wohlerzogen«. Vorwärts mit den Ellenbogen, Und zeig jedem jeden Falles: » Du bist nichts, und ich bin alles.« Land Gosen Oft hör' ich: »Unsre gute Stadt Augenscheinlich eine Verheißung hat, Der Himmel, der uns so hegt und pflegt, Hat uns alles wie vor die Türe gelegt. Ja, ja, wir haben es leicht und bequem: Im Brieselang Eichen, in Glindow Lehm, In Rauen Kohlen, in Linum Torf, Kalkgeschiebe bei Rüdersdorf, Im Grunewald Schwarzwild, Hirsch und Reh, Spargel en masse bei Halensee, Dill und Morcheln und Teltower Rüben, Oderkrebse hüben und drüben, Auf dem Hohen Barnim Fetthammel-Herden (Werden mit nächstem Southdowns werden), Königshorster Butter, in Sperenberg Salz, Im Warthebruch Gerste, Graupen und Malz, In Kienbaum Honig, im Havelland Milch, In Luckenwalde Tuch und Drillch, Bei den Werderschen Kirschen und Aprikosen Und bei Potsdam ganze Felder von Rosen. Nichts entlehnt und nichts geborgt, Für Großes und Kleines ringsum gesorgt, Und gesorgt vor allem auch (und nicht schlecht) Schon für unser kommendes Geschlecht, – Des sind uns Gewähr unsre lieben, strammen Und fast unmöglichen Spreewaldsammen.« Spätes Ehestandsglück Neben mir an, ein Mann im Staat, Wohnt ein alter Geheimerat. Er hat, nachdem er durch Stürme gesteuert, Mit sechzig noch eine Witwe geheuert, Wirtin und Plättfrau war sie gewesen, Die hat er klug sich auserlesen; Es geht nun schon ins dritte Jahr, – Nie zuvor er so glücklich war. Briefe zu Neujahr will heut er schreiben. Eisblumen blühen ihm an den Scheiben, Draußen ein helles Silvesterwetter, Und er schreibt in Kursivschrift: »Lieber Vetter, Du hast dich, gleich mir, aus Wellen und Wogen Der ›höh'ren Justiz‹ zurückgezogen, Von deinem Königsstuhle zu Rhense Zogst du nach Treptow an der Tollense, Hinter dir liegt die Welt des Scheins, Und so fehlt deinem Glücke nur noch eins: Nimm auch ein Weib (aber von den gelinden, In Treptow wirst du dergleichen finden). Ich bin dir in solchem Unterfangen Mit gutem Beispiel vorangegangen. Und glaube mir – kann ich doch jetzt vergleichen –, Man siegt nur noch in diesem Zeichen. Gestatte mir, dir ein Bild zu geben Von meinem früh'ren und jetzigen Leben. Ich hielt es aufrichtig mit Schelling und Hegel, Jetzt bin ich für Pankow, Schönhausen, Tegel, Ich hielt es früher mit Wieland und Herder, Jetzt bin ich für Sacrow und Pichelswerder, Sonst macht' ich vor Goethe die tiefsten Diener, Jetzt bin ich für Putlitz, Moser, Lubliner. O lern' auch du hinter derlei Sachen Ein großes Fragezeichen machen Und empfang am Tage der Grogs und Pünsche Zunächst meine herzlichsten Neujahrswünsche, Dazu den Zuruf, der immer frommt: ›Isolan, Ihr kommt spät, jedoch Ihr kommt.‹« Wurzels »Wurzel, wir wollen nun an die See, Heute (als letztes noch) koch' ich Gelee, Friederike bleibt und sorgt für Torf, – Ich denke: wir gehen nach Heringsdorf.« »Wurzel, mit Hermann wird es nun Zeit, Alles hier draußen ist freilich so weit, 's Gymnasium auch (und täglich zweimal), Aber mit Pferdebahn ist es egal, Ich denke mir also: Joachimstal.« »Wurzel, der Winter ist nun bald da, Mir graut schon vor dem Gesellschaftstrara, Aber was hilft es (sie reden schon), Also Scherzers, Kopisch, Liliencron Und vielleicht die Familie Levysohn ...« »Wurzel, du bleibst doch wie du bist, Ein Igel an dir verloren ist, In der Tanzstund', als Bräutigam und nun ehlich Immer gleich aufbäumsch und unausstehlich; Mag man sich noch so den Kopf zerbrechen, Du widersprichst, um zu widersprechen, 'ne Scheidung gibt es schließlich doch !« »Ich denke mir, du besinnst dich noch.« Wahl Du hast die Wahl nur zwischen zwei'n: Du mußt frère-cochon oder – einsam sein. Beim Lesen einer Spruchsammlung Wie wohl mir's tut, Daß nicht alles gut; Ist alles nett, So stickt man im Fett. Britannia an ihren Sohn John Bull »Sohn, hier hast du meinen Speer, Nimm dir viel und dann noch mehr; Daß die Meere dir gehören, Brauch' ich dir nicht erst zu schwören, Aber auch die Terrafirmen Mußt du Christi will'n beschirmen, Christi will'n und cottons wegen, Our Navy gibt den Segen. Denk' und woll' es nie vergessen: Wo sie jetzt noch Menschen fressen Und in ihren nackten Leibern Tanzen mit noch nacktern Weibern, Auch an solchen schlimmsten Stellen Braucht man nächstens sieben Ellen. Endlich muß die Stunde schlagen, Wo auch diese Hosen tragen, Und auf hundert Hosenpaare Kommen fünfzig Missionare, Nebenher wird Gold gegraben – Andre mögen andres haben, Andre mögen andres nehmen, Und du darfst es nicht verfemen, Wenn am Nordpol sie versaufen Oder auch bloß Schlittschuh laufen.« Die Alten und die Jungen »Unverständlich sind uns die Jungen« Wird von den Alten beständig gesungen; Meinerseits möcht ich's damit halten: »Unverständlich sind mir die Alten.« Dieses am Ruderbleibenwollen In allen Stücken und allen Rollen, Dieses sich Unentbehrlichvermeinen Samt ihrer »Augen stillem Weinen«, Als wäre der Welt ein Weh getan – Ach ich kann es nicht verstahn. Ob unsre Jungen, in ihrem Erdreisten, Wirklich was Besseres schaffen und leisten, Ob dem Parnasse sie näher gekommen Oder bloß einen Maulwurfshügel erklommen, Ob sie, mit andern Neusittenverfechtern, Die Menschheit bessern oder verschlechtern, Ob sie Frieden sä'n oder Sturm entfachen, Ob sie Himmel oder Hölle machen – Eins läßt sie stehn auf siegreichem Grunde: Sie haben den Tag, sie haben die Stunde; Der Mohr kann gehn, neu Spiel hebt an, Sie beherrschen die Szene, sie sind dran. Arm oder reich »Sagen Sie, sind Sie dem lieben Gold In der Tat so wenig hold, Blicken Sie wirklich, fast stolz, auf die Hüter, Aller möglichen irdischen Güter, Ist der Kohinoor, dieser ›Berg des Lichts‹, Ihnen allen Ernstes nichts?« So stellen zuzeiten die Fragen sich ein, Und ich sage dann »ja« und sag' auch »nein«. Wie meistens hierlandes die Dinge liegen, Bei dem Spatzenflug, den unsre Adler fliegen (Nicht viel höher als ein Scheunentor), Zieh' ich das Armsein entschieden vor. Dies Armsein ist mir schon deshalb genehmer, Weil für den Alltag um vieles bequemer. Von Vettern und Verwandtenhaufen Werd' ich nie und nimmer belaufen, Es gibt – und dafür will Dank ich zollen – Keine Menschen, die irgend was von mir wollen, Ich höre nur selten der Glocke Ton, Keiner ruft mich ans Telefon, Ich kenne kein Hasten und kenne kein Streben Und kann jeden Tag mir selber leben. Und doch, wenn ich irgend etwas geschrieben, Das, weil niemand es will, mir liegen geblieben, Oder wenn ich Druckfehler ausgereutet, Da weiß ich recht wohl, was Geld bedeutet, Und wenn man trotzdem, zu dieser Frist, Den Respekt vor dem Gelde bei mir vermißt, So liegt das daran ganz allein: Ich finde die Summen hier immer zu klein. Was, um mich herum hier, mit Golde sich ziert, Ist meistens derartig, daß mich's geniert; Der Grünkramhändler, der Weißbierbudiker, Der Tantenbecourer, der Erbschaftsschlieker, Der Züchter von Southdownhammelherden, Hoppegartenbarone mit Rennstallpferden, Wuchrer, hochfahrend und untertänig – Sie haben mir alle viel viel zu wenig. Mein Intresse für Gold und derlei Stoff Beginnt erst beim Fürsten Demidoff, Bei Yussupoff und bei Dolgorucky, Bei Sklavenhaltern aus Süd-Kentucky, Bei Mackay und Gould, bei Bennet und Astor, – Hierlandes schmeckt alles nach Hungerpastor – Erst in der Höhe von Van der Bilt Seh' ich mein Ideal gestillt: Der Nil müßte durch ein Nil-Reich laufen, China würd' ich meistbietend verkaufen, Einen Groß-Admiral würd' ich morgen ernennen, Der müßte die englische Flotte verbrennen, Auf daß, Gott segne seine Hände, Das Kattun-Christentum aus der Welt verschwände. So reich sein, das könnte mich verlocken – Sonst bin ich für Brot in die Suppe brocken.