Ferdinand Freiligrath Ein Glaubensbekenntnis Zeitgedichte Die Sachen sind, wie sie sind. Ich bin nicht von den Tories zu den Whigs übergegangen, aber ich war, wie ich die Augen über mich öffnete , ein Whig. Chamisso, Briefe an de la Foye. Vorwort Dem Versteckten offne Frage, Das Verstockte frisch in Fluß! In die Stickluft dieser Tage Dieses Büchleins kecken Schuß! Die jüngste Wendung der Dinge in meinem engeren Vaterlande Preußen hat mich, der ich zu den Hoffenden und Vertrauenden gehörte, in vielfacher Weise schmerzlich enttäuscht, und sie ist es vornehmlich, welcher die Mehrzahl der in der zweiten Abteilung dieses Buches mitgeteilten Gedichte ihre Entstehung verdankt. Keines derselben, kann ich mit Ruhe versichern, ist gemacht ; jedes ist durch die Ereignisse geworden , ein ebenso notwendiges und unabweisliches Resultat ihres Zusammenstoßes mit meinem Rechtsgefühl und meiner Überzeugung, als der gleichzeitig gefaßte und zur Ausführung gebrachte Entschluß, meine vielbesprochene kleine Pension in die Hände des Königs zurückzulegen. Um Neujahr 1844 hab' ich aufgehört, sie zu erheben. Indem ich mich solchergestalt, durch Wort und Tat, offen und entschieden zur Opposition bekenne, schicke ich gleichwohl der zweiten Abteilung die erste, schicke ich den unzweideutigen Stimmen einer ausgebildeten und in sich gefesteten politischen Meinung die minder sicheren und bewußten einer erst werdenden und sich gestaltenden voraus. Ich kann nicht anders! Wer am Ziele steht, soll auch den Umweg nicht verleugnen, auf welchem er es erreicht hat! Dies mein Glaube, und dies der einzige Grund, der mich gerade bei dieser Gelegenheit zur Wiederveröffentlichung jener älteren Gedichte bestimmt. Andere Motive, vollends solche des Hasses und des Neides, wie man sie einst bei meinem Liede gegen Herwegh vorausgesetzt hat, sind mir jetzt so fremd, wie sie es damals waren, und ich stelle sie hiermit aufs entschiedenste in Abrede. Es ist mir hauptsächlich darum zu thun, eine nunmehr hinter mir liegende Übergangsepoche meiner poetischen und politischen Bildung auch sichtbar für mich und andere zum Abschluß zu bringen. Und so leg' ich denn die Sammlung, Älteres und Neuestes, vertrauensvoll an das Herz des deutschen Volkes! Die Besonnenen und ruhig Prüfenden, hoff' ich, werden die zahlreichen Fäden leicht entdecken, welche aus der ersten Abteilung des Buches in die zweite herüberführen. Sie werden es erkennen, hoff' ich, daß hier nur von einem Fortschreiten und einer Entwicklung die Rede sein kann, nicht aber von einem Übertritt, nicht von einem buhlerischen Fahnentausch, nicht von einem leichtfertigen Haschen nach etwas so Heiligem, wie die Liebe und die Achtung eines Volkes es sind. Sie werden es vielleicht um so eher, wenn sie gleichzeitig erwägen, daß die ganze Schule, die ich soeben als Individuum vor den Augen der Nation durchgemacht habe, doch am Ende nur die nämliche ist, welche die Nation, in ihrem Ringen nach politischem Bewußtsein und nach politischer Durchbildung, als Gesamtheit selbst durchlaufen mußte und zum Teil noch durchläuft; – und das Ärgste, was sie mir vorzuwerfen haben, wird sich zuletzt vielleicht auf das eine beschränken: daß ich nun doch von jener »höheren Warte« auf die »Zinnen der Partei« herabgestiegen bin. Und darin muß ich ihnen allerdings recht geben! Fest und unerschütterlich trete ich auf die Seite derer, die mit Stirn und Brust der Reaktion sich entgegenstemmen! Kein Leben mehr für mich ohne Freiheit! Wie die Lose dieses Büchleins und meine eigenen auch fallen mögen: – solange der Druck währt, unter dem ich mein Vaterland seufzen sehe, wird mein Herz bluten und sich empören, sollen mein Mund und mein Arm nicht müde werden, zur Erringung besserer Tage nach Kräften das ihrige mitzuwirken! Dazu helfe mir, nächst Gott, das Vertrauen meines Volkes! Mein Gesicht ist der Zukunft zugewandt! Asmannhausen , Mai 1844. Ferdinand Freiligrath. 1. Ich habe stets das Rechte nur gewollt; Und währt'es lange, ging ich suchend um, Bis ich's erfaßte – eines bleibt mein Trost: Niemals dem Unrecht lieh' ich meine Stimme. Anonymus. Aus Spanien Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor. Der Platz ist leer, das Volk hat sich verlaufen, Der Dampf verflog, die Schüsse sind verhallt; Nur hier und dort steht einsam noch ein Haufen, Im Auge Zorn, die Hände starr geballt; Husaren ziehn; – ein Tag der Schmach war euer! Ihr goßt das Blei, das seine 1 Brust zerriß! Ihr schoßt es ab! Euch galt sein Wort: »Gebt Feuer! . . . . Exoriare aliquis !« »Gebt Feuer!« – ja, das hat er oft gesprochen, Wenn er zu Roß durch eure Reihen flog; Wenn zu der Hufe ungeduld'gem Pochen Er nun sein Schwert, das makellose, zog! Für Spaniens Heil, für eurer Waffen Ehre, Wie hat er stets zu führen euch gewußt! Heut lenkt' er wieder Feuerröhre, – O Gott, auf seine eigne Brust! Und wer verdammt ihn? – Er, der jetzt das Ruder Des morschen Staats in ehrnen Händen hält! Der Waffenbruder seinen Waffenbruder! Nicht wahr – sie schliefen in demselben Zelt? Ihr saht sie rasten oft in einer Scheuer? Aus einem Becher tranken sie? – Gewiß! Ihr saht es oft! – O Gott, und heute? – »Feuer! . . . . Exoriare aliquis !« So war sein Wunsch: »Laßt mich zu Pferde sitzen! Ja, laßt mich steigen auf mein liebstes Pferd! Noch einmal gern säh' ich mein Schwert erblitzen, So wie es Reitern aus der Scheide fährt! Den ich im Kampf erblickt auf tausend Seiten, Dem ich seit Jahren dreist die Stirne bot, Auch jetzt dem Tod möcht' ich entgegen reiten – Gern stürb' ich einen Reiterstod!« Er starb ihn nicht – er ward hinaus gefahren ! Gesenkten Halses blieb daheim sein Roß; Dicht lag der Staub auf seinen Mähnenhaaren, Indes man draußen seinen Herrn erschoß! Einförm'gen Hufschlags trat es sein Gemäuer – Ha, lieber wahrlich knirscht' es ins Gebiß Und stampfte wiehernd in den Zuruf: – »Feuer! .... Exoriare aliquis !« Schlank, hoch und herrlich trat er aus dem Wagen; Dann küßt' er brünstig ein Marienblid. »In allen Schlachten hab' ich dich getragen: Was du vermochtest, hast du treu erfüllt! Die dich mir gab, mein Weib hat dich gesegnet; Geh zu ihr heim – getan ist deine Pflicht! Du lenkst die Kugeln, so die Walstatt regnet, Der Richtstatt Kugeln lenkst du nicht!« – Dann, daß kein Blei an ihm vorüberpfeife, Gab er den Schützen selber ihren Stand, Und wies sich auf sein blitzend Kriegsgewand; Gab Ring und Kreuz dem Freunde drauf: – »Du Treuer! Dies dem Regenten – meinem Weibe dies! Zerbrich mein Schwert! Was zaudert ihr? Gebt Feuer! .... Exoriare aliquis !« Die Salve fiel: – was wollt ihr weiter wissen? Die Salve fiel: – sein Auge zuckte nicht! »Legt an, gebt Feur!« – Zerschmettert und zerrissen Sank in den Staub sein edel Angesicht! – So war sein Tod! Ich heiß' ihn einen schönen! Es war ein mut'ger, ritterlicher Fall, Und er verdient es, daß ihm Verse dröhnen, Dumpf, wie gedämpfter Trommeln Schall. Die ihr gehört – frei hab' ich sie verkündigt! Ob jedem recht: – schiert ein Poet sich drum? Seit Priams Tagen, weiß er, wird gesündigt In Ilium und außer Ilium! Er beugt sein Knie dem Helden Bonaparte Und hört mit Zürnen d'Enghiens Todesschrei: Der Dichter steht auf einer höhern Warte, Als auf den Zinnen der Partei. Drum auch: Soll ja, was jener ernst gesprochen, Jetzt oder später in Erfüllung gehn, Soll aus der Opfer blutbespritzten Knochen Ein Held, ein Rächer flammend auferstehn: – Nicht sei's für sie! Was einzelnen Altäre! Dir nur, o Spaniens kriegszerrißne Mark, Dir nur, du Land altritterlicher Ehre, Zwei Arme wünsch' ich, fest und stark. Unselig Land, dich wollt' ich, daß sie rächten! Du liegst und stöhnst – kein Helfer tritt heran. Du gleichst dem Stier in deinen Stiergefechten, Der blutend zuckt und doch nicht sterben kann. Die Völker sehn's, sie stehn geschart im Kreise! Daß er dich rette, tritt kein einz'ger vor? Ein Matador! – Wen lüstet nach dem Preise? – »Ein Reich für einen Matador!« Nicht, daß er vollends dich zum Tod verwunde – Nein, daß er heile deine Wunden dir! Noch ist es Zeit! – Noch hast du Kraft! – Gesunde! Wirf deine Quäler, Andalusias Stier! Noch wehn in Büscheln deines Hauptes Haare, Dein Auge glüht, scharf noch ist dein Gebiß! Ein Matador! – Wer wagt's? – – Exoriare ! Exoriare aliquis ! Darmstadt , November 1841. Fußnoten 1 Des Diego Leon Zu Immermanns Gedächtnis Hieher soll man junge Leute führen, damit sie den Eindruck eines soliden, redlich verwandten Daseins gewinnen; hier soll man sie drei Gelübde ablegen lassen, das des Fleißes, der Wahrhaftigkeit, der Konsequenz. Wir sind weit mehr in andern vorhanden, als in dem, was wir unser Selbst nennen. Die ganze Bedeutung des höheren Lebens ist eben, aus uns heraus zu gelangen und in anderen eine verklärte Persönlichkeit zu gewinnen. Denkt man dies recht durch, so verliert der Tod den größten Teil seiner Schaurigkeit, selbst wenn man die Hoffnung persönlicher Fortdauer auf sich beruhen läßt. Ich glaube an letztere und halte es für wahrscheinlich, daß die Hand, in welcher jedes Stäubchen aufbehalten bleibt, auch das kleine Fünkchen, welches Ich heißt, vor dem Erlöschen in der großen Nacht zu bewahren wissen wird. Nur verliert sich alle ängstliche und ausmalende Betrachtung dieses Punktes an den Särgen so hoher Menschen, wo man mit einem Blicke ihre verstäubende Asche und ihr ewiges, wesenhaftes Fortleben auf der Oberwelt umfaßt. Dann erscheint ein unvergängliches Leben schon hienieden verbürgt, dem dereinst die Auferstehung folgen möge, wenn sich die Zeiten erfüllt haben werden. Immermann, Tagebuchblätter über Goethes Haus und Goethes Grab So lehnt' er fromm dort seinen Wanderstab, Ein Heros selbst, an der Heroen Grab; Gesenkt das Haupt, ein ernster Pilgersmann, Trat an die Särge dienend er heran, Und ließ voll Mut Unsterblichkeitsgedanken Als Totenkranz um ihren Staub sich ranken. Ein Opfer, wie er's bringen mußte! – Keins, Das würd'ger wäre! – Tief ergreift nur eins! Daß er, der Hohe selbst, der es gebracht, Sobald schon einging in die »große Nacht«; Daß er es brachte nur, um uns zu lehren, Wie wir ihn selbst im Tode würdig ehren! Gescheh' es denn! – Wir fassen uns ein Herz! Verwunden jetzt der erste jähe Schmerz! Wir wissen es, ein Gott hat ihn gefällt, Am Boden reglos liegt der starke Held; Doch eisenadrig trotzt er der Vernichtung, Ein edler Fels im Walde deutscher Dichtung. Drin wird er ragen – jetzt und immerdar! Für viele noch ein schroffes Rätsel zwar; Ein Runenstein, mit Moose rauh bedeckt, Der den Verzagten und den Blöden schreckt; Doch stets des Volkes Edelsten und Größten Ein ernster Freund, zu wecken und zu trösten! Als solcher dastehn wird er allezeit! Wie um ihn her auch toben mag der Streit, Wie unterm Beil der Jahre Baum an Baum Zusammenrasselt – er vernimmt es kaum! Der Aar des Ruhmes zieht in treuen Kreisen Um seine Stirn: – laßt uns ihn glücklich preisen! Und doppelt glücklich, weil mit ehrnem Tritt, Recht als ein Sieger, er von dannen schritt; Weil, eh' er ihn verließ, auf seinem Pfad Sieg noch auf Sieg, Tat folgte noch auf Tat, Und weil, die spät noch in sein Leben glänzte, Weinend die Liebe seinen Tod bekränzte! So wurden die Heroen einst entrückt! So die Propheten! – Nachsah tief gebückt Des Volks, der Nächsten kummervolle Schar! Bald aber senkte Tröstung wunderbar In ihre Brust sich! Sie erhuben Steine Und legten Kränze drauf! – Wo steht der seine? Sucht ihn nicht auf in einer Fürstengruft! Er hat ein Grab in frischer Rheinesluft; Das Land der Berge sendet Waldeshauch Dem jungen Gras, dem jungen Rosenstrauch, Die es umwehn; frei netzt es Tau und Wolke – Bei Fürsten nicht, er ruht bei seinem Volke. Sei es ein Zeichen! – Wie wir ruhn ihn sehn Bei allem Volke, wird er auferstehn Im Herzen auch des Volks: – er selbst, verklärt In uns, in andern! Ew'gen Lebens Herd Dies stumme Grab, auf das wir sinnend blicken, Und es nach Kräften würdig möchten schmücken! Sein bester Schmuck, was er uns selbst vermacht! Was er im Herzen frisch uns angefacht: Erinnerung, Gedanke, Bild und Wort, Weih' es in Andacht jeder diesem Ort! Kehr' es ihm wieder, rein und ohne Fehle – Mir klingt es also recht in tiefer Seele: O, schweift' ich wieder, wo ein Bursch' ich war, Auf meiner Heimat waldbewachsner Haar, O, ständ' ich wieder, wenn die Drossel schlägt, Dort, wo der Hofschulz Femgericht gehegt, Auf Lisbeths, Oswalds, meinem eignen Boden – Da bräch' ich still des Holzes grünste Loden! Und flöchte sie zum schattenreichen Kranz; Den sollt' er haben, frisch und voll und ganz; Den legt' ich fromm auf seinen schlichten Stein! Westfälisch Laub! Es müßt' ihn doch erfreun! Gewiß, er nähm' ihn – aus der Blätterfülle Des Eichkamps seiner prächtigen Idylle! Und zu des Kranzes Rauschen spräch' ich dann: Das soll ein Dank sein, du gewalt'ger Mann! Du Mann der Liebe, wie der schroffen Kraft, Wahr, fest, beharrlich, eisern-eichenhaft, Fast wie dein Hofschulz! einen stillen Segen Und diesen Kranz laß auf dein Grab mich legen! Du weißt es nicht, was ich dir schuldig bin! Auf dich, als Leuchtturm, blick' ich täglich hin! In Kunst und Leben irrt' ich, ach, schon viel: Dein hohes Bild gab Richtung mir und Ziel! Aus deinem Grabe noch vor wenig Wochen Hast du erschütternd mir ins Herz gesprochen! In Goethes Räumen jenes ernste Wort! Wie eine Glocke hör' ich's fort und fort! Es stürmt mich auf, und ruft beständig mir: Tu das Gelübde! – Wohl! doch tu' ich's hier ! Bei dir, dem Festen, den man hieß den Starren, Gelob' ich Fleiß, Wahrhaftigkeit, Beharren! Zu deinem Ziele führen nur die drei ! Laß mich, mir selbst und meinem Pfunde treu, Nach seinem Maße fürder tun mit Lust, Was meines Amtes – ruhig und bewußt Mich oben haltend in der Zeitflut Ringen! Hilf mir, du Starker! hilf und laß gelingen! So würd' ich reden! – Und ich rede so! Bald auch der Eiche Blätter hol' ich froh Von meiner Heimat Oberhöfen dir: Heut sei der Rheinstrom treuer Bote mir! Dieselbe Flut, die jetzt zu meinen Füßen Ans Ufer schlägt, wird morgen dich begrüßen! Sie mag dies Lied dir tragen niederwärts! – Ich weiß es nicht, mir ist so kühn ums Herz; Hell durch die Brust mir bebt ein mut'ger Klang: Für dich kein Lied, wie ich es Grabbe sang! Das Haupt gehoben! Dein der Sieg, der Friede! Weh' beider Odem auch in diesem Liede! – Den Toten Ehre, sei ihr Schlummer lind, Die Rat und Stab noch den Lebend'gen sind; Die ew'gen Lichtes vorglühn unsrer Bahn; An deren Gruft, wenn wir ihr zitternd nahn, Um leise weinend ein Gebet zu stammeln, Wir frischen Mut und neue Tatkraft sammeln! St. Goar , Juni 1842. Ein Flecken am Rheine Gruß dir, Romantik! – Welch ein prächtig Nest! Mit seines schlanken Mauerturmes Zinnen, Mit seiner Tore moosbewachsnem Rest, Mit seiner Burg, so schartig und so fest, Wie reißt er sieghaft meinen Geist von hinnen! Gruß dir, Romantik! Träumend zieh' ich ein In deinen schönsten Zufluchtsort am Rhein! Drin weilst du noch! Im schlichten Nonnenkleid Blickst du mich an durch die bemalten Scheiben. Es hat geächtet dich die Nüchternheit, Ach, und die Klugheit dieser hast'gen Zeit; Sie möchten gern dich ganz und gar vertreiben. In kleinen Uferfesten, morsch und grau, Birgst du dich zitternd, wunderbare Frau! Dort – ach, in Kirchen, die des Schmuckes bar, Dort ist die Statt, wo deine Seele jammert! In öden Kirchen, mit zerwehtem Haar, In öden Kirchen kniest du am Altar, Und hältst mit Weinen brünstig ihn umklammert. In seines Schattens ewigheil'ger Ruh' Suchst eine Freistatt deinem Schmerze du. Und bist dieselbe doch, die einst mit Lob Und trunkner Scheu des Volkes Beste nannten; Die Ludwig Tieck einst auf den Zelter hob, Die keck den Forst der Poesie durchstob, Arnim, Brentano deines Zugs Trabanten. Die Waldung glühte, silbern sprang der Born, Und wie ein Märchen scholl das Wunderhorn. Das war vordem! – Jüngst ging ich am Gestad'; Grün floß der Strom: nicht Volker sah ihn reiner. Ein Dampfboot zog vorüber seinen Pfad, Tief in die Wellen griff es mit dem Rad, Und auf dem Deck stand deiner Priester einer: Der jüngste wohl – und doch schon grauen Haars Um die gewölbten Schläfen: Uhland war's! Wir kannten uns – wir grüßten uns. Vorbei Mein einsam Städtchen schwamm er zu den Dänen. Auf uns hernieder sah die Lorelei, Im Hals erstickt' ich einen Freudenschrei, Doch in den Augen hatt' ich helle Tränen. Trüb klang ein Lied in meiner Seele Schrein: Das hieß: »Drei Bursche zogen übern Rhein!« Ja, dies der Rhein! Die Woge mit dem Hort, In dessen Strahl sich Uhlands Wimper sonnte! Und dort er selbst! die Sängerlippe dort, Romantik, ach, die mit gefeitem Wort All deinen Zauber noch verkünden konnte! Das Auge dort, das tief im Elfenbusch In deiner Bronnen Spiegel klar sich wusch! Du wußtest es, daß er vorüberzog! Aus Burg und Felsriß durch des Morgens Nässe Sahst du hernieder, und ein Lächeln flog, Ein sonnig Lächeln, als das Schiff sich bog, Durch deiner Züge kummervolle Blässe. Mit trüber Freude sahst du auf den Knien Auf deinem Strome deinen Dichter ziehn. Da flog er hin, der letzte Rauch verschwamm! Da flog er hin, dein jüngster, reinster Kämpfer! Dein Lächeln floh, trüb stand der Berge Kamm, In meinem Herzen pocht' es wundersam: Dein letzter Ritter – ach, und auf dem Dämpfer! Dahingerissen von der neuen Zeit Des Mittelalters fromme Trunkenheit! Ein Gleichnis nur! – Doch kam es über mich, Und nicht vermocht' ich's trotzig abzuweisen; Daher die Trauer, die mich überschlich. Du Stille, Bleiche, ja verhülle dich! Die Zeit, o Herrin, ist für dich von Eisen! Kalt unterwühlt sie dein vermorscht Asyl – Ach, nicht allein mit ihrer Dämpfer Kiel! Dein Reich ist aus! – Ja, ich verhehl' es nicht: Ein andrer Geist regiert die Welt als deiner. Wir fühlen's alle, wie er Bahn sich bricht; Er pulst im Leben, lodert im Gedicht, Er strebt, er ringt – so strebte vor ihm keiner! Ich dien' ihm auch und wünsch' ihm frohen Sieg – Doch warum dir, Verbannte, deshalb Krieg? Dir, deren prächtig Banner ohnehin Einsam nur weht noch auf zerfallner Mauer! Dir, der Entthronten! – Mit bewegtem Sinn Zu deinen Füßen werf' ich still mich hin, Ein ernster Zeuge deiner Witwentrauer! Ein Kind der Neuzeit, fiebernd und erregt, Das um die alte fromm doch Leide trägt! Nicht wie ein Knabe! – Diese Stunde nur Zu deinen Füßen klagend will ich sitzen! Der frische Geist, der diese Zeit durchfuhr, Er hat mein Wort, ich gab ihm meinen Schwur, Noch muß mein Schwert in jungen Schlachten blitzen. Nur eine Stunde! Aber die auch ganz An deiner Brust, in deiner Glorie Glanz. Da, nimm mich hin! Nimm mich und halt mich fest! Ha, diese Scharten, diese Mauerzinnen! Ha, dieser Tore moosbewachsner Rest, Ha, diese Burg, dies alte Falkennest – Sieghaft, erobernd reißt es mich von hinnen! Stromauf die Pfalz im Abendsonnenbrand – Die Wolken Schlösser – ja, das ist dein Land! Ein Kirchentor! – Wie träumend tret' ich ein; Die Fenster lodern, dunkelbunt geschildert; Die stolzen Rosen werfen prächt'gen Schein, Und durch des Kreuzgangs düstre Bogenreihn Herschaut ein Gärtlein, rankig und verwildert; Still mit des Chores ewigernstem Grau Sein Laubgrün mischt es und sein Himmelblau. Und leise zitternd überfliegt die Wand Der wolk'ge Schatten seiner wehnden Büsche; Dort ist der Ritter und der Burgfraun Stand; Aus Stein gehauen, flehend ihre Hand Zur Brust gehoben, stehn sie in der Nische; Mild und ergeben strahlt ihr bleich Gesicht – Friede des Todes überströmt es licht. Lautlos die Stätte! Markt und Strom wie weit! Romantik, ha, mein Trauern ist gebrochen! Den Gottesfrieden, die Gotttrunkenheit, Die du nur kennst – nicht, ach, die neue Zeit! – Hier fühl' ich rein sie meine Brust durchpochen. Die Erde weicht, in sel'gen Armen hält Der Himmel mich – verschollen ist die Welt! Genug, genug! Nicht lange solch ein Port! Zurück ins Leben! Mächtig ruft das Neue! Doch was ins Herz mir senkte dieser Ort, Für immer flamm' es! Poch' es fort und fort In meinen Adern! Geb' es mir die Weihe! Geb' es mir Mut und Freudigkeit und Halt, Wenn laut und fordernd mich der Tag umschallt! So wird mein Dienst der Zeit ein reiner sein. – Verbanntes Weib, ich wollte mit dir klagen, Mit Tränen netzen wollt' ich deinen Schrein – Ich kam, und sieh, du hauchtest Ruh' mir ein! Ich gehe fort, von neuer Kraft getragen! Von deinem Licht umflossen, geh' ich hin: Du bist verbannt – doch stets noch Königin! Leb' wohl für heut! – Des Abends letztes Gold Strömt durch die Scheiben; über mir Geläute! Die Kirchenfahnen flattern, halb entrollt! – Ihr allzeit Klugen, die ihr wissen wollt, Was alles Ding, auch was dies Lied bedeute: Der Lettner glüht, die ew'ge Lampe flammt – Nennt für Brentano es ein Totenamt! St. Goar , September 1842. Ein Brief Das war ein lustig Ziehen Und Reisen durch die Welt! Das war ein Fackelsprühen Von Zürich bis zum Belt! Aus Herzen und aus Küchen Stieg Weihrauch dir empor; Pelotons von Tafelsprüchen Schlugen knatternd an dein Ohr! Ein neuer Held Sankt Jürgen Durch Deutschland zogst du frei, Im Fluge zu erwürgen Den Molch der Tyrannei! Wie kommt es, daß der Grause Noch züngelt ungescheut? Verpaßtest du beim Schmause Vielleicht die rechte Zeit? Du trotziger Diktator, Wie bald zerbrach dein Stab! Dahin der Agitator, Und übrig nur – der Schwab'! Verwelkt schon deine Blume! Dein Kranz, o Freund, hängt schief! Du schriebst dem eignen Ruhme, Ach, den Uriasbrief! Nun können sie dich bänd'gen, Philister und Zelot: »Da habt ihr den Lebend'gen! Er schlug sich selber tot!« Wen Ruhmeskleider zieren, Der hüte sie, wie Schnee! Wahr ist es: Renommieren Verdirbt die Renommee! Wer sagt, er stände Wache Fürs Recht, der halte Stich, Und gebe statt der Sache Nicht immer nur sein Ich! Der schwinge, wo fürs Ganze Man ernste Speere bricht, Ruhmredig nicht die Lanze, Mit der die Hoffart ficht! Wer so mit Wein der Ehren Empfangen ward, wie du, Wie mocht' er den betören, Trank auch ein Volk ihm zu? O Schmach, im Rausch zu fallen, In Händen noch den Krug! Berauscht sich zu erlallen Des Lächerlichen Fluch! Das ist's – Wohl wird geschlagen Ein Held im Kriegsgewühl; In alt und neuen Tagen Schritt mancher ins Exil; Doch rings im Volksgetümmel Kein Höhnen und kein Groll: Sein Stern erlosch am Himmel – Doch rein und würdevoll! Die Freiheit rang die Hände, Da seine band der Strick! Wie tote Fackelbrände Der Freunde düstrer Blick! Ringsum Gewitterstirnen, Rings Murmeln durchs Visier, Ringsum verhaltnes Zürnen – O, ständ' es so mit dir! Dir folgt, wie plumpen Schnittern, Ein Rauschen, hörbar kaum; Das ist der Triebe Zittern Am jungen Freiheitsbaum! Der Knospen und der Triebe, Die freudig ihn geschmückt! Die, ach, mit einem Hiebe Du alle fast geknickt! So ziehst du! – Was ich sagte, Wohl klingt es schonungslos! Doch wer uns Arndt verklagte, Zog selber sich das Los! Du nanntest den alten Riesen Zu alt zu dieser Frist? Du hast uns nur bewiesen, Daß du zu jung noch bist! Zieh hin, – doch um zu kehren! Die Freiheit kann verzeihn! Bring' ein die alten Ehren, Mit Liedern bring' sie ein! Der Dichtung Goldstandarte, Laß wehn sie, doppeltreich: – Poet, wetz' aus die Scharte, Wetz' aus den Schwabenstreich! St. Goar , Januar 1843. Mit raschen Pferden jagt die Zeit Mit raschen Pferden jagt die Zeit, Ein heißes Weib, nach Freiheit lechzend; Die halbbewußte Menge schreit, Gedankenlos als Vorspann ächzend. Das tappt und tastet, wie man's lenkt; Sie läßt den blinden Troß gewähren Und hält die Zügel straff und denkt: »Weh mir, wenn das die einz'gen wären!« Ein Gottweib! Ernst verehr' ich sie, Und geh' ihr nach mit Schwert und Schilde, Und jauchz' ihr zu; – doch nun und nie Entweih' ich sie zum Götzenbilde! Ich denk' an das zu Dschagernat, Vor dem das Volk in langer Gasse Dickstirnig hinkniet, daß vom Rad Es jubelnd sich zermalmen lasse! St. Goar , Januar 1843. Die Winde Nach dem Amerikaner William Cullen Bryant Ihr ungesehnen Ströme durch die Luft, Wie triebt ihr eben froh noch euer Spiel; Ihr trugt die Biene, trugt der Blume Duft, Und wehtet heiße Mädchenwangen kühl; Ihr jagtet Wölkchen durch der Feste Blau; Von welken Blumen klopftet ihr den Tau; Wie Schneegestöber – o der prächt'gen Schau! – Katalpablüten risset ihr vom Stiel. Jetzt aber brüllt ihr wie der Katarakt, Rast wie die Brandung, die ans Ufer prallt; Die Berge zittern, wie von Furcht gepackt, Und euch zu Füßen krachend stürzt der Wald. Vor euch, wie Adler, jagt der Wolken Flucht; Auf Haus und Hütte wirft sich eure Wucht; Wie trocknes Herbstlaub in der öden Schlucht Hebt und zerbricht sie eures Zorns Gewalt. Die Vögel flattern, ängstlich und verwirrt; Umsonst! zu Tode schmeißt sie eure Wut. Der Regen rasselt, und ein Strombett wird Ringsum das Feld, soweit die Ernte ruht. Gießbäche taumeln von der Hügel Höh', Das Dorf ertrinkt, die Ebne wird zum See, Und banger Stimmen herzzerreißend Weh Erhebt sich jammernd aus der wüsten Flut. Ihr saust aufs Meer; – da werden Männer bleich; Wohin ihr donnert, Angstruf und Gebet. Ihr schlagt die Wasser, einem Vogel gleich, Der lustig badend in der Quelle steht. Ihr reißt entzwei den Mast und seine Fahn'; Bis auf den Grund peitscht ihr den Ozean; Berghohe Wellen sprüht ihr himmelan, Und Trümmer sind's, was ihr zur Küste weht! Wozu dies Toben? – Für die Freiheit nicht Zu ringen braucht ihr, daß ihr also tollt; Ihr braucht kein Erz zu rütteln, bis es bricht; Ihr regt die Schwingen, wie und wo ihr wollt. Ja, freigeboren weht ihr überall; Frei wühlt ihr auf der Tiefe Wogenschwall; Wälder und Wüsten füllt ihr an mit Schall, Dazu die Inseln, die das Meer umrollt! Wohl seid ihr stark! – Doch in Europa liegt, Weh ihr, in Ketten eine stärkere Kraft; Auf Thronen sitzt, was ihren Nacken biegt, Und überwacht mit Zittern ihre Haft. Und Krieger stehn in Waffen um sie her; Wenn sie empor will, ziehn sie mitleidsleer Die Bande fester, heben hoch den Speer – Tod ihre Strafe, wenn sie auf sich rafft! O, wenn einst sie, wenn der gekränkte Geist Der Menschheit einst auch drüben sich befreit; Wenn seine Ketten jubelnd er zerreißt Und seiner Hügel als ihr Herr sich freut – O, nicht wie ihr zerstörend ras' er dann; Mit Jammer nicht die Erde füll' er an; Mit Blut nicht, das in Menschenadern rann, Befleck' er wild der Erde Lieblichkeit! Nein, wie der Frühling mög' er leis erstehn, Der, was ihn fesselt, bricht mit sanfter Macht; Wie Odem Gottes naht sein schaffend Wehn: – Da springt das Eis, der Born entquillt dem Schacht! Aus dunklem Kerker schießt die Blum' in Hast; Der Wald erklingt nach langer, dumpfer Rast; Morgen und Abend, sich begegnend fast, Erdrücken zwischen sich die alte Nacht. St. Goar , Januar 1843. 2. 's ist ein Bestreben, herb und mühevoll, Das brennende Wort zu halten in den Schranken, Und in der Seele dunkler Urne Groll Und Zorn zu häufen – selber den Gedanken Zu einem Schatze machend, der nur dann Mit kühnem Spruch gehoben werden kann, Wenn Nacht und Schlaf und Schatten niedersanken. Ich trug es nicht! – Felicia Hemans, Das Waldheiligtum Guten Morgen! Stand ich droben auf der Eifel Kämmen, Als der Vollmond durch die Wolken brach; Breit und blendend sah ich überschwemmen Seine Lichter See und Kloster Laach. Leiser Windhauch wehte durch die Tale, Laub und Rohr umflüsterten den Strand, Und der Flut entreckte sich die schmale, Jene schmale, weiße Nonnenhand. Anzuschaun wie eine Blum' von ferne, Mit den Wellen flog sie auf und ab; Rings gespiegelt schwamm das Heer der Sterne: – Raffte sie's vom Himmel herab? Winkt' und winkte mir sodann die reine! Wie sich schüttelnd rauscht' empor der See; Durch die Waldung huschten eigne Scheine; Übern Kreuzweg sprang entsetzt das Reh. War's die Hinde, die in ihren Tränen Genoveven weiland sich gesellt? Ach, mich faßte schmerzlichsüßes Sehnen Nach der sel'gen alten Märchenwelt! Und beinahe jenem bleichen Finger Wär' gefolgt ich durch ihr offnes Tor; Doch erwachend, mit mir selbst ein Ringer, Rafft' ich stark und mutig mich empor! See und Kloster, Türm' und Felsenspitzen, Wald und Schlucht, wo Genoveva litt – Einmal noch im Mondschein sah ich's blitzen, Und dann wandt' ich herzhaft meinen Schritt! Eilte fort auf waldbewachsnen Wegen, Drauf verwirrend noch der Mondschein lag; Ging dem Morgen und dem Rhein entgegen, Ging entgegen aus der Nacht dem Tag! Ließ die Schatten dämmernder Gesichte Jubelnd fahren für die Wirklichkeit! – Sieh, und vor mir hell im Sonnenlichte Zog der Rheinstrom, tief und grün und breit! Zog der Rhein und rührte sich das Leben – Ja, ins Leben riß mich dieser Strand! Nicht erhob er, mir den Gruß zu geben, Bleich und zitternd eine Totenhand! Doch den Handschlag bot er mir, den treuen, Eines Volkes frank und unverstellt, Das – in Ehrfurcht, aber ohne Scheuen! – Für sein Recht den Fuß beim Male hält! O, der bannte, was von Spuk und Sorgen Nächtlich noch auf meinem Herzen lag! Meinem Volke sagt' ich: »Guten Morgen!« – Einst, so Gott will, sag' ich: »Guten Tag!« Guten Morgen denn! – Frei werd' ich stehen Für das Volk und mit ihm in der Zeit! Mit dem Volke soll der Dichter gehen – Also les' ich meinen Schiller heut! St. Goar, Januar 1844. Prinz Ludwig von Preußen Weise: »Prinz Eugenius, der edle Ritter« Wie er's in der Schlacht getrieben, Wie bei Saalfeld er geblieben, Solches wißt ihr allesamt! Doch kein Teufel weiß jetzunder Wie sein Säbel, Gottes Wunder! In die Zöpfe einst geflammt! Auf und laßt die Fahnen wehen! Anno fünf ist es geschehen, Anno fünf zu Altenburg! Prinz Ludwig bei Spiel und Mahle Saß allda bei Vogt im Saale, Zechte flott die Herbstnacht durch. Tat's mit hundert Offizieren; Trugen allzumal noch ihren Wohlfrisierten Puderschopf; Seitenlöcklein, wohlgebacken Und gekleistert, und im Nacken Steif und starr den alten Zopf. Gläser klirrten, Lieder schallten, Die Champagnerpfropfen knallten – Dreimal hoch das Hauptquartier! Tafelmusik rauschte munter, Meister Dussek mitten drunter Dirigierte am Klavier. Ist der Prinz emporgesprungen, Hat er hoch sein Schwert geschwungen, Zugelacht dem Freunde dann: »Hackbrettschläger, jetzt ans Hacken! Hack' den Zopf mir aus dem Nacken! Heute solln die Zöpfe dran!« Meister Dussek nahm den Degen, Tät den Zopf aufs Tischtuch legen, Auf den Knien lag der Prinz: Dussek hieb mit scharfem Streiche, Auf der Tafel lag die Leiche – Achtunddreißig Jahre sind's! Tusch! Das fuhr durch alle Köpfe! Laut scholl's: »Pereant die Zöpfe!« Das war eine Wirtschaft heut! Oberst, Kapitän und Junker Hieb sich ab den garst'gen Klunker – Jeder Zopf ließ Haare heut! Dieses in dem Preußenheere Warn die ersten Zöpf', auf Ehre! Die da abgeschnitten sein! Zopflos in den lieben Himmel Rückt'aus Saalfelds Schlachtgetümmel Ludwig Ferdinandus ein! Noch im Dreispitz mit der Krempe, In der Hand die blut'ge Plempe, Kam er – doch der Zopf war ab! Drob der Alte Fritz erstaunte, Und ihm eine gutgelaunte Oheimliche Nase gab! – Der Armeezopf liegt erstochen, Jenas Zopf auch ist gerochen, Doch manch andrer macht sich breit! Wann zersetzt uns die ein Retter? Ludwig, schick' ein Donnerwetter In die Zöpfe dieser Zeit! St. Goar , Oktober 1843. Und noch einmal der Zopf Und noch einmal der Zopf! – Jenseits sogar der Meere Hat er gewütet einst im Indo-Britenheere, Hat baumelnd er geführt sein haarig Regiment. Was dort ein Rotrock war, trug auch den krummen, straffen; Geschmeichelt sahen es am Gangesstrand die Affen – Sie nahmen's für ein Kopliment. O, welch ein Staat das war an Sonn- und Feiertagen! Da ward er feierlich und endlos erst getragen! Da schmückt' er vollends erst der Krieger Scharlachkleid! Im Sattel saßen sie, gradleibig wie die Puppen; Er unterdessen lag ausruhend auf den Croupen In sinniger Betrachtsamkeit. Und war zu Ende nur die schimmernde Parade, Dann sprengten Offizier und Fähnrich ans Gestade, Dann gab's ein Rennen noch um eine Flasche Port! Dann band sich männiglich die angehängte Bürde Des Zopfes ehrbar ab, hielt ihn mit Schick und Würde Fest in der Hand und schnalzte: »Fort!« Und fort nach Willkühr ging's – der Zopf ja ward zur Gerte! Der Zopf behielt den Sieg, wie sich das Roß auch sperrte! Ein indo-britisch Spiel: – Weh, daß man es verdeutscht! Daß man auch unter uns vom rückwärts schaunden Kopfe Den starren Unhold langt – bei uns auch mit dem Zopfe Ein edel Roß, das Volk, zerpeitscht! St. Goar , Oktober 1843. Der Königsstuhl bei Rhense Weise: »In des Waldes düstern Gründen.« Neu gebaut beim alten Rhense Steht der Wahlstuhl wiederum, Aber Enten, ach! und Gänse Weiden schnatternd drum herum. Wo einst Wahlen hielt das Wahlreich, Und der Reichsaar trotzig schrie, Dorten, feierlich und zahlreich, Grast nun zahmes Federvieh. Ach! und aus den Weidenbüschen Eilt kein Kurfürst mut'gen Schritts; In den sieben hohen Nischen Leer und öde jeder Sitz! Dennoch freut es, ihn zu schauen, Stattlich, wie er vormals stand, Als aus nah und fernen Gauen Deutschland Boten ihm gesandt; Als man Kampf beriet und Schlachten Hier im offnen Steingemach Und geschickt mit selbstgemachten Kön'gen spielte hohes Schach; Als ins Banner schwarzrotgolden Frisch und frei der Rheinwind blies; Als man einen Trunkenbolden Nach Verdienst vom Throne stieß. Fauler Wenzel! nimmer sehnen Wir uns heut nach dir zurück! Auch am Königsstuhl zu lehnen, Deucht uns kein besonder Glück! Unterdessen, da bei Rhense Er zu schaun ist wiederum, Nehmen willig, trotz der Gänse, Wir ihn als Augurium; Als ein Zeichen, uns zum Frommen Aufgericht't am Rheinesstrand: Daß du wirst zu Stuhle kommen Sonsten auch, o deutsches Land! St. Goar , Oktober 1843. Dorfgeschichten An Berthold Auerbach Als Knabe schon von Berg- und Hüttenmännern Hab' ich entzückt ein kleines Buch gelesen; Es führte mich zu frommen Kohlenbrennern, Und ist ein herzigs kleines Buch gewesen, Ein rechter Spiegel alter Bauerntugend; – Mit Namen hieß es: Heinrich Stillings Jugend. Das war die erste deutsche Dorfgeschichte! Die hat mit Lied, mit Märchen und mit Sage, Die hat in Einfalt und in edler Schlichte Das Gold im Volke treu geschürft zutage; Die ließ mich schaun durch ihrer Meiler Schwelen Im festen Umriß starke, mut'ge Seelen. Nach diesem auch hat Pestalozz geschrieben Von tücht'gen Herzen unter schlechtem Kittel: Wie die Geringen dulden, hoffen, lieben – Lienhard und Gertrud ist des Buches Titel. Oft las ich es – mit Augen, ach! die quollen! – Nun ist es auch wohl, jenem gleich, verschollen! Dann kam Brentano! Wie mit Blutestropfen Schrieb er sein Annerl in gewalt'gen Zügen! Der wußt' es wohl, wie niedre Herzen klopfen, Und wie so heiß des Volkes Pulse fliegen! Der warf zuerst aus grauer Bücherwolke Den prächt'gen Blitz: die Leidenschaft im Volke! Drauf Immermann! Das war westfälisch Leben! Da sitzt die Lisbeth bei den Hofeseichen; Von seinen Knechten aber steht umgeben Der Patriarch, der Hofschulz sondergleichen; Ein Fels von Mann, ein gold- und eisenhalt'ger! Ein jüngrer Ebert Stiling – nur gewalt'ger! Als fünfter nun gesellst du dich zu diesen, Die treu geschildert einfach kräft'ge Sitten; Aus deines Schwarzwalds tannendunkeln Wiesen Mit seinen Kindern kommst du froh geschritten Und setzest ein das Tuchwams und die Flechte In ihre alten dichterischen Rechte! Das ist ein Buch! Ich kann es dir nicht sagen, Wie mich's gepackt hat recht in tiefer Seele; Wie mir das Herz bei diesem Blatt geschlagen, Und wie mir jenes zugeschnürt die Kehle; Wie ich bei dem die Lippen hab' gebissen Und wieder dann hellauf hab' lachen müssen! Das alles aber ist dir nun gelungen, Weil du dein Werk am Leben ließest reifen; Was aus dem Leben frisch hervorgesprungen, Wird wie das Leben selber auch ergreifen, Und rechts und links mit Wonnen und mit Schmerzen Sturmschritts erobern warme Menschenherzen! So geht es dir, so ging es jenen vieren! Wie schön ihr dasteht in geschloßner Reihe, Für ein Jahrhundert den Beweis zu führen, Daß immer jung bleibt deutsche Sitt' und Treue: – Derb schaut mich an dasselbe Volksgesichte Aus deinen Blättern, wie aus Jungs Geschichte! An Neckar, Ruhr, in Bayern, Schweiz und Siegen, Ob hundert Jahre sich durchs Land auch drängten, Dasselbe Antlitz mit denselben Zügen! Und überall noch, was sie auch verhängten: Gedrücktsein, Armut, Kriegesnot und Trubeln – Dasselbe Lachen, Weinen, Zürnen, Jubeln! O, das erhebt! Wer mag ihn unterdrücken, Den Kern im Volk, den ewig tücht'gen, derben? So laß uns frisch denn auf und vorwärts blicken: Ein Keim wie der wird nimmermehr verderben! Der fängt erst an, in Pracht sich zu entfalten – Mag Gott die Hände segnend drüber halten! In solcher Hoffnung biet' ich dir die Rechte! Wär' ich der Schwarzwald, meine Wipfel ballt' ich Und schüttelte der Äste Wucht und brächte Ein Ständchen dir, wildrauschend und gewaltig! Ich hoff', er tut's! Mag dir auf weitern Flügen Indes mein Handschlag und dies Lied genügen! St. Goar , November 1843. Des Kaisers Segen Ich bin die ganze Nacht hindurch Den Rhein hinaufgeschritten, Von Drachenfels und Wolkenburg, Bis wo die Linzer schnitten. Bei Rhöndorf unterm Drachenloch Anband sein Boot der Ferge; Zu Honnef sang ein Mädchen noch: »Stand ich auf hohem Berge.« In Breitbach stellte mich die Wacht, In Unkel trank man Neuen. In Erpel schlug es Mitternacht. In Erpel vor der Leyen. Und hinter Erpel in dem Feld, Da ist er mir begegnet, Der große Karl, der Frankenheld, Der seine Trauben segnet. Er ging mit ernstem Angesicht In seinen Grabgewanden; Er ging einher in Glanz und Licht, Zum Segnen auferstanden. Und um ihn sangen Reb' und Moos, Dazu die Felsenblöcke: »Er segnet nicht im Rheingau bloß Die stolzen Herrenstöcke! Er feit nicht bloß am Oberrhein Des Fürstenwinzers Messer; Er macht den Großen nicht allein Und Reichen volle Fässer! Er denkt auch an den irdnen Krug In strohgedeckten Hütten, Und schüttet Most und Wein genug In armer Halfen Bütten. Er weiß: der echte Feuertrank Springt leider nur den Fürsten, Und friert das Volk und liegt es krank, So muß es nach ihm dürsten! Doch labt und stärkt es noch zur Frist Der Segen herbrer Reiser; Und daß an dem kein Mangel ist – Auch dafür sorgt der Kaiser! Und darum wallt er feierlich Stromunter durch die Stäbe, Bis wo am allerletzten sich Festrankt die letzte Rebe! Der Kaiser weiß, was allen frommt, Am ganzen grünen Strome! Sanft ruh' er, bis er wiederkommt, Zu Aachen in dem Dome!« So raunt' es flüsternd durch die Nacht – Der Schemen war verschwunden. Ich habe durch die Ranken sacht Nach Hause mich gefunden. St. Goar , November 1843. Trotz alledem! Nach Robert Burns Ob Armut euer Los auch sei, Hebt hoch die Stirn, trotz alledem! Geht kühn den feigen Knecht vorbei; Wagt's, arm zu sein trotz alledem! Trotz alledem und alledem, Trotz niederm Plack und alledem, Der Rang ist das Gepräge nur, Der Mann das Gold trotz alledem! Und sitzt ihr auch beim kargen Mahl In Zwilch und Lein und alledem, Gönnt Schurken Samt und Goldpokal – Ein Mann ist Mann trotz alledem! Trotz alledem und alledem, Trotz Prunk und Pracht und alledem! Der brave Mann, wie dürftig auch, Ist König doch trotz alledem! Heißt »gnäd'ger Herr« das Bürschchen dort, Man sieht's am Stolz und alledem; Doch lenkt auch Hunderte sein Wort, 's ist nur ein Tropf trotz alledem! Trotz alledem und alledem! Trotz Band und Stern und alledem! Der Mann von unabhängigem Sinn Sieht zu und lacht zu alledem! Ein Fürst macht Ritter wenn er spricht, Mit Sporn und Schild und alledem: Den braven Mann kreiert er nicht, Der steht zu hoch trotz alledem: Trotz alledem und alledem! Trotz Würdenschnack und alledem – Des innern Wertes stolz Gefühl Läuft doch den Rang ab alledem! Drum jeder fleh', daß es gescheh', Wie es geschieht trotz alledem, Daß Wert und Kern, so nah wie fern, Den Sieg erringt trotz alledem! Trotz alledem und alledem! Es kommt dazu trotz alledem, Daß rings der Mensch die Bruderhand Dem Menschen reicht trotz alledem! St. Goar , Dezember 1843. Die Freiheit! das Recht! O, glaubt nicht, sie ruhe fortan bei den Toten, O, glaubt nicht, sie meide fortan dies Geschlecht, Weil mutigen Sprechern das Wort man verboten Und Nichtdelatoren verweigert das Recht! Nein, ob ins Exil auch die Eidfesten schritten; Ob, müde der Willkühr, die endlos sie litten, Sich andre im Kerker die Adern zerschnitten – Doch lebt noch die Freiheit, und mit ihr das Recht! – Die Freiheit! das Recht! Nicht mach' uns die einzelne Schlappe verlegen! Die fördert die Siege des Ganzen erst recht; Die wirkt, daß wir doppelt uns rühren und regen, Noch lauter es rufen: Die Freiheit! das Recht! Denn ewig sind eins diese heiligen Zweie! Sie halten zusammen in Trutz und in Treue; Wo das Recht ist, da wohnen von selber schon Freie, Und immer, wo Freie sind, waltet das Recht! – Die Freiheit! das Recht! Und auch das sei ein Trost uns: Nie flogen, wie heuer, Die freudigen Zwei von Gefecht zu Gefecht! Nie flutete voller ihr Odem und freier, Durch die Seele selbst brausend dem niedrigsten Knecht! Sie machen die Runde der Welt und der Lande, Sie wecken und werben von Strande zu Strande, Schon sprengten sie kühn des Leibeigenen Bande, Und sagten zu denen des Negers: Zerbrecht! – Die Freiheit! das Recht! Ja, ihr Banner entflattert und weht allerorten, Daß die Unbill gesühnt sei, die Schande gerächt! Ja, und siegen sie hier nicht, so siegen sie dorten, Und am Ende doch siegen sie gründlich und echt! O Gott, welch ein Kranz wird sie glorreich dann zieren! All die Läuber, die Völker im Fahnentuch führen! Die Olive des Griechen, das Kleeblatt des Iren, Und vor allem germanisches Eichengeflecht! – Die Freiheit! das Recht! Wohl ruhn dann schon manche, die jetzo noch leiden – Doch ihr Schlummer ist süß, und ihr Ruhn ist gerecht! Und licht an den Gräbern stehen die beiden, Die wir ihnen auch danken – die Freiheit! das Recht! Unterdes hebt die Gläser! Ihr Wohl, die da stritten! Die da stritten und mutig ins Elend drum schritten, Die das Recht uns verfochten und Unrecht drum litten! Hoch ewig das Recht – und die Freiheit durchs Recht! – Die Freiheit durchs Recht! St. Goar , Dezember 1843. Ein Denkmal Kreuznach , 14. April. Wie man vernimmt, wird auf der Ebernburg , auf welcher es wenigstens wieder wohnlich ist, eine Spielbank errichtet. »Kölnische Zeitung vom 16. April 1842.« Ein Spieler war, ein frecher, Trug Koller und Barett, Schwang stets den Würfelbecher, Setzt' alles auf ein Brett; Sein' einz'ge Lust das Spielen, Sein Hort die Würfelei, Und wenn die Knöchel fielen, Dann war sein Wahlspruch frei: » Jacta est alea ! Ich hab's gewagt!« Meist hatt' er's mit den Pfaffen – Wie war die Kutte schwach! Doch Rittern auch in Waffen Mit Ehren bot er Schach; Sah Fürsten in die Karte, Trumpft' ab und stach genug; In allem Ding beharrte Er treulich bei dem Spruch: » Jacta est alea ! Ich hab's gewagt!« Bei Gott, ein dreister Spieler, Ein rechter Unverzagt! Ein Schreck und Fürchten vieler Sein kühn: »Ich hab's gewagt!« Und immer spielt' er ehrlich: »Da liegt mein Wurf! seht nach!« Das macht' ihn just gefährlich Den Falschen, wenn er sprach: » Jacta est alea ! Ich hab's gewagt!« Drum haben die Obskuren Und Argen ihn gehaßt. Sie folgten seinen Spuren, Verhetzten ihm die Rast. Sie hätten ihn gern geknechtet, Den freisten Mann im Land; Er aber floh, geächtet, Und grollte noch verbannt: » Jacta est alea ! Ich hab's gewagt!« Wie ward er umgetrieben Auf seinem irren Zug! Es hat davon geschrieben In Treuen manches Buch. Lest selbst, auf was für Steinen Der flücht'ge Trotzkopf schlief; Ich nenn' euch heut nur einen, Auf dem er auch einst rief: » Jacta est alea ! Ich hab's gewagt!« Schloß Ebernburg, die Feste, Bespült vom Nahefluß, Empfing ihn auf das beste Mit Handschlag und mit Kuß. Bei Berlichingens Schwager, Nach manchem harten Strauß, Erwarb er sich ein Lager Und spielt' aufs neue aus: » Jacta est alea ! Ich hab's gewagt! Da kühlt' ihm Laub und Blüte Der Seele Zorn und Qual; Noch heißt im Burggebiete Ein Tal das Huttental . Da lag er still im Holze, Dem Hirsch gleich, den man hetzt; Warf immer noch, der Stolze, Ausrufend bis zuletzt: » Jacta est alea ! Ich hab's gewagt! O Deutschland, deine Großen Zu ehren stets bereit! Ihm, den die Welt verstoßen, Ein Denkmal weihst du heut! Die Zeit ist Mälern günstig; Wen ehrt nicht seines Orts Ein Denkmal? Du entsinnst dich Zur rechten Zeit des Worts: » Jacta est alea ! Ich hab's gewagt! Und o, mit welchem Bilde Preist ihn dein richt'ger Sinn; Mit Helm und Schwert und Schilde Stellst du den Hermann hin; Mit seinem Bürgerbuche Hebt Justus Möser sich: – Ein Tisch mit grünem Tuche Dem Würfler Ulerich! Jacta est alea ! Du hast's gewagt! Auf Ebernburg, der Trümmer, Da wird das Denkmal stehn; Da wird es bald den Schimmer Erlauchter Gäste sehn. Den efeugrünen Stufen Des Burgtors nahn sie frank; Dann hört man oft wohl rufen Zu Huttens Preis: » Va banque !« Dann wirst du wieder schallen, O Wort voll Mut und Trutz, Dort in der Herberg' Hallen, Die der Gerechten Schutz! Wirst bis zum Eiland dringen, Wo matt sein Auge brach; Wirst am Gestad' verklingen, Wo sterbend noch er sprach: » Jacta est alea ! Ich hab's gewagt!« Was gilt's, das wird ihn wecken! Aufblickt er, wer ihn stört. Ihr Herrn, wollt nicht erschrecken, Wenn ihr ein Echo hört! Steht fest und ohne Scheuen, Spielt weiter keck und kalt, Wenn es wie Wetterdräuen Zurück von Ufnau schallt: » Jacta est alea ! Ihr habt's gewagt?!« Darmstadt , Mai 1842. Ein Patriot Dulce et decorum est etc. Hasardspiel? – Pfui – daß mich der Herr bewahre! Hol' es der Teufel – ja, das sag' ich frisch! Ich werde morgen meine sechzig Jahre, Und trat noch niemals an den grünen Tisch! Hätt' ich's getan – bei Gott, ich müßt' erröten! O, dies Roulett, ich hass' es und verfem's! Ich bin ein Chirst – und schlag' ein Kreuz vor Köthen! Ich bin ein Mann – und pfeife was auf Ems! Nein, was ich liebe, ist ein ehrlich Lotto; Der Mensch muß spielen – ja, das räum' ich ein! »Wagen gewinnt!« ist des Jahrhunderts Motto – Drum müssen halt auch Lotterien sein! Die sind moralisch! Hoch ein Hasardieren, Dem Flor des Volkes gilt als höchstes Ziel! Wer wird sein Geld an Benazet verlieren, Wenn Staaten rufen: »Machen Sie Ihr Spiel!« Ein hehrer Ruf! Er ging mir nicht verloren! Seit dreißig Jahren setz' ich pünktlich ein! Doch nur im Lande – sei es euch geschworen! Ich schmeichle mir, ein Patriot zu sein! Nein, ich vertrug der Heimat keinen Heller, Nie war ich Hamburg, nie den Dänen grün! Nie fing zu Frankfurt mich ein Vogelsteller Mit unsoliden Güterlotterien! Ich blieb daheim – drum ward ich auch gesegnet! Versteht mich recht: leer wurde meine Truh'! Nicht hat Fortuna mich mit Gold beregnet – Doch warf ihr Rad den Bettelstab mir zu! Mein siechend Weib und meine Rangen klagen; Was heulen sie? – ich glaube gar, um Brot. Beschränktes Volk! was will der Bettel sagen? Ich gab's dem Staat – ich bin ein Patriot! Was ich verlor, hat manchen armen Teufel Vielleicht gerettet – Gott weiß, wo im Land. Wo nicht – ei nun, so ward es ohne Zweifel Zur Volksbeglückung sonsten angewandt! Wie manches Tausend ließ ich schon roulieren – O, wirkte jeder so mit Ernst wie ich, Wie müßte da das Vaterland florieren, Wie mehrte da des Volkes Wohlstand sich! Ich – nun ich tat nach meinen schwachen Kräften! Und – zum Roulettisch sah mich niemand gehn! Wird man kein Kreuz mir auf den Kittel heften? Es würde gut zu meinem Hauskreuz stehn! Auch zu dem Tannenkreuz auf meinem kühlen Grabhügel bald, hart an des Kirchhofs Rand! – O, es ist süß und ehrenvoll, zu spielen Und sich zu opfern für das Vaterland! St. Goar , Januar 1844. Am Baum der Menschheit drängt sich Blüt' an Blüte Am Baum der Menschheit drängt sich Blüt' an Blüte, Nach ew'gen Regeln wiegen sie sich drauf; Wenn hier die eine matt und welk verglühte, Springt dort die andre voll und prächtig auf. Ein ewig Kommen und ein ewig Gehen, Und nun und nimmer träger Stillestand! Wir sehn sie auf, wir sehn sie niederwehen, Und jede Blüte ist ein Volk, ein Land! Wir, die wir wandeln noch auf jungen Sohlen, Sahn doch schon manche sterbend und geknickt. Vom Steppengeier ward die Rose Polen Vor unsern Augen wild und grimm zerpflückt! Durchs Laub Hispaniens ernst auf ihrem Gange Stürmt die Geschichte – ob es fallen muß? Ob nicht ein andres, morsch und faul schon lange, Zerflatternd hinsaust übern Bosporus? Doch neben diesen, die des Weltgeists Weben Vom Aste schüttet mit gewalt'ger Kraft, Sehn wir ans Licht auch andre Triebe streben, Hellaugig, freudig, voll von jungem Saft. O, welch ein Sprossen, welch ein reich Entfalten! O, welch ein Drang in alt und neuem Holz! Wie manche Knospe sahn auch wir sich spalten, Wie manche platzen, laut und voll und stolz! Der Knospe Deutschland auch, Gott sei gepriesen! Regt sich's im Schoß! Dem Bersten scheint sie nah – Frisch, wie Hermann auf den Weserwiesen, Frisch, wie sie Luther auf der Wartburg sah! Ein alter Trieb! Doch immer mutig keimend, Doch immer lechzend nach der Sonne Strahl, Doch immer Frühling, immer Freiheit träumend – O, wird die Knospe Blume nicht einmal? Ja, voller Kelch! – Dafern man nur nicht hütet, Was frei und freudig sich entwickeln muß! Dafern man nicht, was die Natur gebietet, Für Ranke nimmt und eitel wilden Schuß! Dafern man zusieht, daß kein Meltau zehre Tief an der Blätter edlem, zartem Kern! Dafern den Bast man wegwirft und die Schere! Dafern – ja nun, ich meine nur: dafern! Der du die Blumen auseinanderfaltest, O Hauch des Lenzes, weh' auch uns heran! Der du der Völker heil'ge Knospen spaltest, O Hauch der Freiheit, weh' auch diese an! In ihrem tiefsten, stillsten Heiligtume O, küss' sie auf zu Duft und Glanz und Schein – Herr Gott im Himmel, welche Wunderblume Wird einst vor allen dieses Deutschland sein! Am Baum der Menschheit drängt sich Blüt' an Blüte, Nach ew'gen regeln wiegen sie sich drauf; Wenn hier die eine matt und welk verglühte, Springt dort die andre voll und prächtig auf. Ein ewig Kommen und ein ewig Gehen, Und nun und nimmer träger Stillestand! Wir sehn sie auf, wir sehn sie nieder wehen – Und ihre Lose ruhn in Gottes Hand! St. Goar , Januar 1844. Im Himmel So ging es jüngst im Himmel zu: Der Alte Fritz sprang auf Und rieb die Hände sich und schlug an seinen Degenknauf; Er schritt im Himmel auf und ab und schaute grimmig drein Und trat dann vor den Blücher hin und vor den Herrn von Stein. Winkt' auch den Zieten noch heran, dazu den Winterfeldt; Die haben mit dem Gneisenau alsbald sich eingestellt; Imgleichen kamen der Schwerin, der Scharnhorst und der Keith, Und all die großen Preußen sonst aus alt und neuer Zeit. Und als er sie beisammen sah, da rief er: »Schwerenot! Die Sache geht mir durch den Kopf! Was Teufel bin ich tot! Was Teufel bin ich eben jetzt daheim nicht zu Berlin! 's wär' wieder eine Zeit für mich! – Was – meint Er nicht, Schwerin? Wie wollt' ich sie ergreifen! Ha – nicht mehr als Autokrat! Nein, nein – ein ander Säkulum, ihr Herrn, ein ander Staat! Goß ich doch selber aus ein Licht, zu flammend und zu klar, Als daß ich kehren könnte ganz derselbe, der ich war! Nein – was ich auch gewirkt, ihr Herrn, durch Beispiel und durch Wort, Dazu die ganze große Zeit von Dreizehn und so fort – Ein Unterbau nur wär' es jetzt (gewaltig zwar und breit!) Drauf ich erhübe frischen Muts den Staat der neuen Zeit! Der neuen Zeit, die andres will, als Eidbruch und Verrat! Der neuen Zeit, die andres will, als Lug und Lügensaat! Die endlich einmal mehr verlangt, als Schall und Rederei! Die endlich einmal atmen will – aufatmen tief und frei! Herr, dies betrogne deutsche Volk! – Und keiner, der es rächt! Und keiner, der ihm schaffen mag sein vorenthaltnes Recht! Der jeden Schwur, den man ihm brach, einfordert fest und kühn! Der zornig mit dem Fuße tritt auf Karlsbad und auf Wien! Ich tät's! Einschlüg' ich mit der Faust dies Diplomatennetz! 'Reichsstände! öffentlich Gericht! ein einig deutsch Gesetz! Und überall das freie Wort!' – Bei Gott, so trät' ich hin! Bei Gott dem Herrn, so schlüg' ich durch! – so wahr ich König bin! 's würd' eine Bombe sein! Gleichviel! Ging's auch ein Jahr lang kraus, Ich brächt' es in die Richte schon, ich führt' es doch hinaus! Und zög' ein Wetter auch heran, und würfe Keil auf Keil: Ein König trotzt' ich Königen – zu meines Volkes Heil! Und nach dem kurzen Wetter dann ein Land voll Sonnenscheins! Ein neues Deutschland, frei und stark: ein Deutschland, groß und eins! Ja, nach dem Sturm die Iris dann auf fliehnder Wolken Grund! Ein Bund der Fürsten mit dem Volk – ein rechter deutscher Bund! Es ist das Volk ein edler Strom! Wer mutig ihm vertraut, Wer hellen Auges unverzagt in seine Tiefen schaut, Den hebt er freud'gen Schalls empor, den trägt er flott im Schoß – Den Feigen und den Schwachen nur fortreißt er mitleidslos! Mich höb' er schon, mich trüg' er schon! – Was, Blücher, hab' ich recht? Ein Held des Volkes, mehr als je, durchschritt' ich dies Geschlecht; Ging' ich zur Ruh' einst, allezeit gesegnet und erfleht!« – Die alten Herrn verneigten sich: »Ja – Sie auch, Majestät!« St. Goar , Januar 1844. Von acht Rossen Fährt im Land 'ne Staatskarosse; Ziehn sie acht famose Rosse, Feurig, ein beherzt Gespann! Eines ward am Rhein geboren, Hebt das Haupt und spitzt die Ohren, Zieht vor allen mutig an. Beißt ein andres in die Stange, Wo der Fischer mit Gesange Froh den goldnen Bernstein fischt; Kräftig schnaubt es mit den Nüstern. Die es lechzend in den düstern Ostseewellen sich erfrischt. Ist das dritte aufgewachsen In dem guten Lande Sachsen, Tritt den Boden fest und stark. Dies hier stammt aus Schlesiens Talen, Jene zwei sind aus Westfalen Und der Brandenburger Mark. Seht alsdann mit breitem Nacken Noch den Pommern und Polacken – Auch ein derb und stattlich Paar! – Also ziehn die acht trotz einem; Frisch und mutig – doch an keinem Ist auch nur ein falsches Haar! Wollt' es glauben nur der Lenker! Doch der denkt: »Hol' euch der Henker! Immer mehr schwillt euch der Kamm! Wahr ist's, ihr seid brav und wacker! Doch ein paar von euch sind Racker!« Hält somit die Zügel stramm. Tönt herauf zu ihm ein Schnauben, Spricht er: »Was sich die erlauben!« Ruckt mit Zürnen am Gebiß. Schallt ein Huf recht dreist metallen, Gleich erregt es sein Mißfallen – Ja doch, es gefällt ihm miß! Wollen sie sich eines neuen Peitschenreglements nicht freuen – Ei, wie straft sie da sein Pfiff! Ei, wie fällt ihm da vom Munde Ander Wort, als zu der Stunde, Drin die Zügel er ergriff! Wolln mit ehrerbiet'gem Wiehren Flehn sie oder Klage führen, Solches gilt als Schabernack! Vollends wird der Stab gebrochen Über gar ein zweites Pochen Um denselben Habersack! Ziehn darum, die gerne flögen, Stolz und brausend gern ihn zögen, Langsam jetzo sein Gefähr! Stets des rechten Vorwärts harrend, Stampfend nicht, doch dafür scharrend In der Stille desto mehr! Immer ruhig, immer sachte, Ihr getreuen, lieben Achte! Eines glaubt und bleibt dabei: Steckt der Karrn einmal im Drecke, Hui, dann geht es rasch vom Flecke, Und die Zäume fliegen frei! St. Goar , Januar 1844. Die weiße Frau Man sagt, es läßt die weiße Frau Sich hier und dorten wieder sehen; Durch mehr als einen Fürstenbau Mit fahlem Antlitz soll sie gehen. In weißer Robe, weiß verbrämt, Tritt sie aus Wänden und aus Bildern; Dastehn die Wachen wie gelähmt, Die in den Korridoren schildern. Wem gilt ihr abermalig Nahn Rings in den Reichen und Provinzen? Sagt sie, wie sonst, ein Sterben an? Tod eines Fürsten oder Prinzen? Es könnte sein – ich weiß es nicht! Die Rede geht: ein tiefrer Jammer Treibt sie hervor ans Tageslicht Aus ihrer dunst'gen Totenkammer! Sie schwebt durch Schlafgemach und Saal, Sie beugt sich über goldne Wiegen, Sie sieht den Herrn und sein Gemahl Auf seidnen Pfühlen schlummernd liegen. Sie haucht ihn an: »Was schlummerst du? O, daß du sähest meinen Kummer! Die Ohren taub, die Augen zu – Ach, ewig find' ich dich im Schlummer! Auf, mein Geschlecht! – Hör', wie weithin Ein Schrei gellt, den du selbst beschworen! Durch meiner Särge doppelt Zinn Fühlt' ich ihn spitz mein Herz durchbohren! Es ist der Schrei, den um sein Recht Das Volk erhebt – annoch in Treuen! Du schläfst sehr fest, o mein Geschlecht, Zu überhören solch ein Schreien! Die Toten weckt es in der Gruft – Herr Gott, und die Lebend'gen schlafen! Abschüttl' ich Staub und Moderduft: Ich möchte wecken, warnen, strafen! Ich hab' nicht Rast, ich hab' nicht Ruh' – Eil', o mein Stamm, dich zu erheben! Der Mund des Todes ruft dir zu: Erfasse frisch und kühn das Leben! Du tätest besser, in der Tat, Frei das Panier ihm zu entfalten, Als am verwitterten Brokat Von meiner Bahre dich zu halten! O, laß ihn fahren, eh' dich's reut! Blick' aus nach Stützen, jüngern, festern! Mehr wärmt ein Bauernwams von heut, Als Hermelin und Samt von gestern! O, schrecklich war, was ich beging Auf meinem Schloß zu Orlamünde! Daß ich als Schatten geh' und ging, Es ist ja nur für jene Sünde! Die eignen Kinder, lieb und lind, Bracht' ich ums Leben dort, o Grauen! Doch du auch würgst ein lächelnd Kind – Du mordest deines Volks Vertrauen! Laß ab, laß ab – o sieh nicht fort! Laß ab – es fleht, es hebt die Hände! Laß ab – daß neuer Kindermord Des Hauses alten Ruhm nicht schände! O glaub': entsetzlich ist ein Fluch! Er lastet auf der Brust wie Berge! Er sengt wie Wetterstrahl! – Genug! Ich kehr' zurück in meine Särge! Da seh' ich lustig über mir Die Welt mit Blumen und mit Gräsern! Sarg und Gewölbe, Schloß und Tür – Ich starr' hindurch, als wär' es gläsern! O, daß die Blumen je und je Als Kranz um deine Schläfe lachten! Daß ich sie nimmer blutig säh' – Blutig durch dich und dein Mißachten!« Sie senkt das Haupt, sie ringt die Hand, Als ob ein Ahnen dumpf sie quäle. Durch zwiefach Schloß und Teppichwand Huscht sie davon, die arme Seele. In weißer Robe, weiß verbrämt, Schwebt sie vorbei den Ahnenbildern; Dastehn die Wachen wie gelähmt, Die in den Korridoren schildern! St. Goar , Januar 1844. Vom süßen Brei Fortsetzung des vorigen Sie ist verschwunden wie ein Traum – Wer mag den Grabweg ihr versperren? Schwer unterdes auf seinem Flaum, Schwer ist der Morgenschlaf des Herren. Er lallt halbwach: »Das Volk? das Recht? Was sie nur will? ich möcht' es wissen! Ich schlafe diesen Morgen schlecht« – Und sinkt zurück in seine Kissen. Da naht von neuem das Gesicht, Die letzte Frührast ihm zu stören. Sie tritt zu Häupten ihm und spricht: »Was du gefragt hast, sollst du hören! – Ich baute weiland mir ein Schloß, Stolz und in Herrlichkeit zu wohnen! Aufbaut' ich's mit Vassalentroß – Mein ganzes Dienstvolk mußte fronen! Schlank in die Lüfte stieg der Bau, Schlank mit Gewölben, Bogen, Gurten! Aufstieg er, eine prächt'ge Schau, Ob auch die Fröner trotzig murrten. Da sprach ich: 'Wohl, ich geb' euch Lohn! So haltet aus denn in der Treue! Und endet mit dem Bau die Fron, So letz' ich euch mit süßem Breie!' Nun merk': Ich hielt, was ich versprach! Wer wird sein Wort dem Volke brechen? Nein, heilig sei uns ein Vertrag, Und unumstößlich ein Versprechen! Nein, hat die Schlösser, die wir baun, Mit Schweiß und Blut das Volk gekittet, So mög' es auch die Löhnung schaun, Die nach dem Pakt es sich erbittet! O, prächtig war die Gasterei, Als nun die Burg dastand vollendet! Nie ward zuvor ein süßer Brei Mit volen Löffeln so verschwendet! Und alle Jahr' bei Wein und Brot Ließ ich den Festtag sich erneuern; Es mußt' ihn selbst nach meinem Tod Die ganze Herrschaft jubelnd feiern. So ward der süße Brei zum Recht! Verstehst du jetzt mein Reden besser? O Sohn, du und dein Vorgeschlecht, Ihr habt erhoben viele Schlösser! Und viele Worte sind gesagt, Die süßen Brei dem Volk verhießen – Kannst du dich wundern, wenn es klagt, Und endlich Lust hat, zu genießen? Es gab dir Blut, es gab dir Schweiß, Und wird dir, was es gab, nicht schenken! O, wolle doch des süßen Breis, Den du versprochen, bald gedenken! O, gib den Brei, den süßen Brei! Wer weiß, was wird! rasch fliehn die Stunden!« Aufwacht der Herr mit jähem Schrei, Und wiederum ist sie verschwunden! St. Goar , Januar 1844. Wann? Die Zeitung schreibt von braven Henkern, Die Schwert und Augentuch Voll Zorns in einen Winkel schlenkern, Sprechend: »Es ist genug! In unsrer Seele schreit es Zeter – Wir geben ihr Gehör! Köpft selber eure Missethäter – Wir köpfen keinen mehr!« – Wann fallen so erst Deutschlands Karten, Daß noch ein Henkeramt Ihr Mund, die jetzo seiner warten, Mit Offenheit verdammt? Da sie ihr Mordzeug von sich schmeißen, Ausrufend: »Nimmermehr! Wir lassen lieber uns zerreißen! Nur das – nur das nicht mehr! Nein, nimmer! – Und für ehrlos gelte Der deutsche Mann hinfort, Der stümmelnd niederhaut mit Kälte Das unbeschirmte Wort! Der Hand legt an das Allerfreiste Von allem, was da frei! Der an dem Gott in uns, dem Geiste, Ausübt Scharfrichterei! Ist euch der Geist ein armer Sünder, Wohl – tut ihn selber ab! Drauf eure Vierundzwanzigpfünder! Drauf – in Galopp und Trab! Doch wir: – ins Weltmeer unsre Schere! Hinschwemme sie der Rhein! Kein deutscher Mann, kein Mann von Ehre Will Zensor fürder sein!« St. Goar , Januar 1844. Im Irrenhause Nun noch in diese Kammer tritt – Ein einzig Fenster gibt ihr Helle! Starr, wie ein Steinbild von Granit, Dasteht der Insaß dieser Zelle! Dasteht er wie ein Toter schier – Nichts, was ihn störte, was ihn weckte! Sein gläsern Auge funkelt stier, Wie Macbeths, als ihn Banquo schreckte! Da jach kommt Leben in den Stein! Er springt zurück – was muß er schauen? Von wannen nur dringt auf ihn ein Haarsträubend dieses wüste Grauen? Er hält die Hände schirmend vor, Als säh' er Schwerter oder Flammen; Er schüttelt sich und heult empor Und bricht mit Klagelaut zusammen! Und ruft: »Hab' ich euch doch erdolcht! Was braucht ihr fürder mich zu quälen? Wer schickt euch, daß ihr mich verfolgt, Blutrünstige Gedankenseelen? Wer hat den Rückweg euch gebahnt Aus eurem Nichts, ihr trotzigen Dinger, Daß an die Schlachtzeit ihr mich mahnt, Drin euch hineinwies dieser Finger? Lautlos, wie Ähren, sankt ihr hin, Legionenweis – ha, welch ein Mähen! Nie kam mir damals in den Sinn, Ihr könntet wieder auferstehen! Hu – ob ihr's könnt! Im Palast hier Erfuhr ich's, drin ich gern sonst wohne, Seit ihn für treue Dienste mir Anwies als Eigentum die Krone! Ein prächt'ger Bau! Doch ganz und gar Ein Spukhaus eben, will mich dünken! Weh – eine zorn'ge Leichenschar, Stürmt ihr heran, mein Blut zu trinken! Anstürmt ihr, abgehetzt und bleich, Doch auf den Stirnen Mut und Klarheit! Zwei hohe Weiber führen euch – Die Freiheit, glaub' ich, und die Wahrheit! Ja doch, die sind's! – Für sie ja quollt Aus Schädeln ihr, tollkühnen, frechen! Dreist ihr Gesetz habt ihr entrollt – Und jetzt wollt ihr den Hals mir brechen! Hohnlachend jetzt den Todestoß Nach meinem Herzen wollt ihr führen – Fort, ihr Gesindel, laßt mich los! Ich will mit euch kapitulieren! Ja – aber wie? – der Teufel weiß! Halt – hab' ich euch denn nicht verboten? Was denn umsteht ihr mich im Kreis? Ihr seid ja tot! Fort zu den Toten! Fort – hier bin ich im Recht – erlaubt – Bückt euch – ich will euch nur zertreten! Weh mir, ihr schüttelt ernst das Haupt! Ihr sagt: Der Geist läßt sich nicht töten! Der Geist? – nicht töten? – Ach, ich Tor! Mir gleich, was sie für Reden führen! Und doch – wer raunt mir denn ins Ohr: Nicht töten, aber wohl verlieren! – Ja so – den Geist – so mein' ich's auch! Wie ist mir denn? – ich steh' geschlagen! Was kann ein armer Zensor auch Dem Geiste nur vom Geiste sagen? Ihr lacht, Gesindel? – Allesamt Flugs in den Staub vor mir gesunken! Hui da, was wollt ihr nur? – Verdammt! Zu mächtig sind mir die Halunken! Die Wahrheit schlägt mich ins Gesicht, Die Freiheit bindet mir die Fäuste, Anrasseln die Gedanken dicht. Weh – wie geschieht mir – Fluch dem Geiste! Nein, Gnade, Gnade! Los die Hand! Los! O, wie viele waren härter Als ich!« – Er fliegt hinan die Wand – Da faßt den Rasenden der Wärter. Gebändigt hat ihn Jack' und Schnur, Auf seinem Lager sieh ihn kauern! Komm nun – er war ein Werkzeug nur! Laß uns nicht richten – nur bedauern! St. Goar , Januar 1844. Kinderlied Zum 6. Dezember (a. St.) Weihnacht ist ein schönes Fest, Schön für Hohe, schön für Niedre! Keiner, den es traurig läßt, Wie auch sonst die Welt ihn widre! Doch beinah' noch größern Spaß Macht uns jetzt Sankt Nikolas – Nikolaus, ja, der Biedre! Niklas ist ein braver Mann, Herzensgut und mild von Sitten; Niklas hat ein Renngespann Und dahinter einen Schlitten. Hoch im Norden steht sein Haus; Reiche Gaben teilt er aus, Wenn die Kinder hübsch ihn bitten. Spielwerk hat er mancher Art, Sterne, Bänder, goldne Krippchen! Streicht ihm freundlich drum den Bart, Seid drum artig, liebe Bübchen! Wer ihn recht zu hätscheln weiß, Eia, kriegt den besten Preis – Eins von seinen Zuckerpüppchen! Eia, sind sie doch wie Wachs – Blond von Haaren, glatt von Wangen! In den Tiefen seines Sacks Schmunzelnd hält er sie gefangen, Putzt sie aus mit Zobelschur, Und in Juchten, denkt euch nur, Läßt er ihre Füßchen prangen! Mit der nächsten Schlittenbahn Kommt er angerutscht aus Norden; Offen liegt vor ihm der Plan, Denn der Pol' ist matt geworden. Der mit Säbel und mit Spieß Mürrisch sonst zurück ihn wies, Kniet jetzt auf der Weichsel Borden. Und so ist er bald denn da, Wie auch Elb' und Oder flute! Kinderchen, seid artig ja, Denn – auch strafen kann der Gute! Ja, seid brav, sonst gibt er euch – Eia, wer erschrickt denn gleich? – Mein' ich doch ja nur; die – Rute! Wohl den Kindern weit und breit, Die den Wackern liebend ehren! Die zu dieser bösen Zeit Ganz als Kinder ihm gehören! Die als Onkel und Papa Zu dir aufschaun, Nikola – Ihnen wirst den Sack du leeren! Drum gebückt euch und geschmiegt, Recht mit kindlichem Gemüte, Bis es rings nach Juchten riecht, Wie im Mai nach Äpfelblüte! Bis in echtem Zobelhaar Überall und immerdar Wir uns freuen seiner Güte! Weihnacht ist ein schönes Fest, Schön für Hohe, schön für Niedre! Keiner, den es traurig läßt, Wie auch sonst die Welt ihn widre! Doch den allermeisten Spaß Macht uns jetzt Sankt Nikolas – Nikolaus, ja, der Biedre! St. Goar , Februar 1844. Wallenstein Ei, wie man doch in unsern Tagen Nachahmt den Wallenstein! Der konnte, sagt man, nicht vertragen Des Hahnes mutig Schrein! Der Sterne grollend Strahlenwerfen Kaltblütig mocht' er schaun; Allein – es kam wohl von den Nerven! – Ein Krähen macht' ihm Graun! Die Furcht des Hahnen, wie wir sehen, Ward heuer allgemein: Man bebt vor einem dreisten Krähen, Ganz wie der Wallenstein! Ich meine nicht den roten Hahnen, Auch den von Frankreich nicht – Ich meine den nur, dessen Mahnen Sagt, daß der Tag anbricht! St. Goar , Februar 1844. England an Deutschland Nach Thomas Campbell Meerüber ruft Britannia Der Schwester Deutschland zu: »Wach' auf, o Alemannia, Brich deine Ketten du! Beim Blut, das uns zu Brüdern macht, Alemannen, auf, erwacht! Und dreimal geheiligt sei Unsrer Herzen heilig Band, Wenn uns zujauchzt endlich frei Euer Land – euer Land! Britannia durch die Meere Schwingt der Freiheit Banner hoch: Euer 'breiter Stein der Ehre' Ist ein Sklavenzwinger noch! O Schmach! des alten Ruhms gedacht! Alemannen, auf, erwacht! Und die jetzt euch fesselt: – bleich Flüchten wird die Tyrannei, Wenn sich aufrafft euer Reich Groß und frei – groß und frei. Dem Mars habt ihr erfunden Den Donerkeil der Schlacht, Doch die Kett' um eure Wunden Hat kein Donner noch zerkracht! Land des Gedankens! soll dein Herz Reiben stets der Fessel Erz? Nein, die Schlaguhr, hell von Schall, Die ihr sinnend euch gebaut, Schlage der Unterdrücker Fall Dreist und laut – dreist und laut! Der Presse Zaubersegen, Durch ihn gab euer Land – Doch darf sie sich denn regen Auf dem Grund, der sie erfand? Wohlan denn, schmettern muß das Horn, Fühlen muß das Roß den Sporn! Ernst herab auf ihr Geschlecht Sieht der Väter stolze Reih', Ruft und winkt euch: Ins Gefecht! Werdet frei – werdet frei!« St. Goar , Januar 1843. Feldmusik Der frische Nord fegt übern Rhein, Die Flocken und die Schloßen treiben, Vom Dache klirrt herab der Stein, Und zitternd rühren sich die Scheiben. Nun ist es Zeit, nun ans Klavier! Vor dir am Flügel will ich knien – Du aber sende lächelnd mir All deine mut'gen Melodien! Laß brausen sie heran im Takt Die Klänge all, von denen jeder Den Arm mir wie ein Werber packt, Und auf den Hut mir steckt die Feder; Ein Schwert mir in die Rechte preßt, Ein blitzend Schwert, und lauten Schalles In sein Gebraus mich jubelnd läßt: Deutschland und Freiheit über alles! Musik, Musik! – o schmettre fort! Frisch auf, Musik von deutschen Meistern! Auch wer ins Feld zieht mit dem Wort, Läßt sich von Tönen gern begeistern! Drum immerzu! – Noch ein Gedicht Von deinem göttlichen Beethoven! Laß ich auch Banner fliegen nicht, Laß ich doch fliegen zorn'ge Strophen! Das ist die rechte Feldmusik, Geht ein Poet der Welt zu Leibe: Am eignen Herd ein mutig Stück, Gespielt von seinem lieben Weibe! Füllt kühnes Klingen ihm das Haus, Dann singt er doppelt freud'gen Schalles In Wetter und in Sturm hinaus: Deutschland und Freiheit über alles! St. Goar , Februar 1844. Vom Harze Wahre Geschichte. 1843. O stille, graue Frühe! Die Blätter flüstern sacht; Der Hirsch hat seine Kühe Zum Waldrand schon gebracht. Zum Waldrand in die Saaten! Da steht und stampft er schon! Im Busch ruhn die Kossaten, Der Vater und sein Sohn. Der Alte wiegt in Händen Den rost'gen Flintenlauf. »Ein Hirsch von vierzehn Enden! Kerl, Schwerenot, halt drauf!« Der Junge drückt – ein Knallen! Das heiß' ich gute Pirsch! Sie sehn zur Erde fallen Den vierzehnd'gen Hirsch! Fortstieben rings die Kühe – Der Alte ruft: »O Glück!« Stürzt vor und stemmt die Knie Auf das erlegte Stück. »Ei, Bursch, du zieltest wacker! Sieh selber – grad' aufs Blatt! Gott segn' es unserm Acker – Der frißt sich nicht mehr satt! Dem ist kein Korn mehr nütze, Der biegt kein Hälmlein mehr, Der – nun, was gaffst du, Fritze? Rasch! gib die Stricke her! So – Fuß an Fuß gebunden! Fühl' doch, er wird schon kalt!« – Da tritt mit Volk und Hunden Der Förster aus dem Wald. Hilf Gott, der kennt die Schliche! Nun gilt's! Aufspringt das Paar, Reißt aus und läßt im Stiche Die Doppelläufe gar! Der Förster bleibt nicht hinten, Nachruft er: »Steh, Gezücht! Was helfen mir die Flinten, Hab' ich die Schützen nicht?« Umsonst! – Da rasch zur Wange Hebr er der Büchse Wucht! Zielt – kalt und fest und lange! Was – Menschen? – Auf der Flucht? Gleichviel! Er drückt – ein Knallen! Hallo, das heiß' ich Glück! Den Alten sieht er fallen – Er traf ihn ins Genick! In seiner eignen Gerste Daliegt der knochige Mann; Als ob das Herz ihm berste, Auffstöhnt er dann und wann! Sein Blut, dem Wams entquollen, Rinnt ab in Furch' und Spur; Warm sickert's durch die Schollen – Was denkt die Lerche nur? Sie sitzt im stillen Neste – Da schießt das Blut herein! Aufschwirrt sie gleich zur Feste, Blut an den Flügelein! Sie läßt vor Gott es blitzen Im ersten Sonnenblick, Sprengt auf die Halmenspitzen Es schmetternd dann zurück! Das ist ein kräftiger Regen, Das ist ein kostbar Sprühn! Das ist einLerchensegen, Der macht die Saaten grün! Der tropft auch auf den Jungen, Der hinrast übers Feld Und heulend dann umschlungen Den toten Vater hält! Fort, Bursch! Was noch umklammern Die starre Mannsgestalt! Fort nun, und laß dein Jammern – »Fühl' doch, er wird schon kalt!« Zurück vom blauen Munde Mit deinem roten! – Sieh, Ankeuchen schon die Hunde – Herr Gott, zum »Halali!« Stracks ruhn auf einem Karren Der Hirsch und auch der Mann! Zum Not- und Schwarzwildscharren Fortgeht es durch den Tann! Fortgeht's in einer Hetze – Der Förster pfeift und lacht! Warum nicht? – Die Gesetze Vollstreckt er nur der Jagd! Drum macht ihm keine Trauer Des Jungen wild Geknirsch' – Ver gessen wird der Bauer, Ge gessen wird der Hirsch! Ihm selbst wird die Medaille – Ja so, das fehlte noch! – Den Fritzen, die Kanaille, Wirft man ins Hundeloch! Da starrt er trüb durchs Gitter; Ein Leirer steht am Tor, Der singt zu seiner Zither Ein Lied den Leuten vor: »Es lebe, was auf Erden Stolziert in grüner Tracht, Die Wälder und die Felder, Der Jäger und die Jagd!« St. Goar , Februar 1844. Eine Seele Flog zum Himmel eine junge Seele, Leisen Fluges hob sie sich empor; Fast ein Kind noch, rein und ohne Fehle, Trat sie schüchtern durch das goldne Tor. Und: »Sieh da, das Kind des Patrioten!« Irrt' ein Murmeln hier und dort im Nu. Standen auf die besten deutschen Toten, Schritten hastig auf die Tote zu. Kam heran der edle starre Seume, Mann der Freiheit und der Poesie; Eilte Schiller durch die lichten Räume. Hutten, Schubart – alle kamen sie. Sahn sie an mit unverstellter Klage; Boten Gruß ihr, warm und fest und schlicht; Blickten stumm und ängstlich eine Frage In das schmerzlich lächelnde Gesicht. Ach, senkt' es, sah zur Erde nieder; Zitternd stand sie, zitternd und geknickt: Heiße Tränen sprangen durch die Lider, Die des Vaters Hand – nicht zugedrückt! Sieh, da zuckt' es in der Faust dem Seume; Schubarts dunkle, breite Stirne schwoll; »Freiheit ist nur in dem Reich der Träume«, Sagte Schiller bittern Zornes voll. Aber Seume: »Mädchen, sei zufrieden! Auch der Tod, du weißt es, kann befrein! Laß die Schlösser, laß sie Ketten schmieden – Frei mit Freien wird dein Vater sein! Frei zu mir und diesen wird er treten, Auch ein Toter für das Vaterland! Auch ein Licht, zu dem in Sturmesnöten Deutsche Männer heben Herz und Hand! O, wie stolz dann wird der Müde rasten! Freilich – dann erst! Bete, da´er stirbt! Bete, Kind! ich kenne die Dynasten, Deren Willkühr seine Kraft zermürbt! Ihn ins Enge, mich vordem ins Weite Trieb derselbe finstre Herrscherstamm; Sagten dir nicht eher schon die Leute, Daß der Seume nach Neuschottland schwamm? Drum so fleh', daß bald mit grünen Spitzen Gras der Lahn um einen Hügel kost! Neben Hutten soll dein Vater sitzen – Tochter Jordans, bet' und sei getrost!« St. Goar , Februar 1844. Der Baum auf Rivelin Nach Ebenezer Elliott, dem Korngesetzdichter Der Blitz, ein Araber, durchritt Den Mond auf seiner Flucht, Und über Rivelin zuckt' und stritt Sternschein und Wolkenwucht. Wild um sich mit den Ästen stieß Die Eich' auf Rivelins Wall; O! wer, da solch ein Sturmwind blies, Konnt' hören ihren Fall? Doch nun, o sieh: der Himmel blaut, Die zorn'gen Wellen ruhn, Und auf den Felsen Moos und Kraut Flüstern verächtlich nun: Daß Rivelins Berghaupt öd und bloß, Daß sein Tyrann geschwächt! Hab' acht, o Macht – denn Gott ist groß! O Schuld – Gott ist gerecht! Und beug' dich, Stolz, der sicher wohnt Im goldbeschlagnen Turm: Der Sturm, der deinen Herd nur schont, Ist nicht der Zukunft Sturm! Die Sterne zittern blöd und bleich, Sich schüttelnd steht die Saat, Der Wurm verkriecht sich im Gesträuch, Wenn Gott im Zorne naht. Doch will der Upas fallen nicht, Wenn ihn der Herr durchfährt, Dann kommt ein Säuseln , das zerbricht, Was nicht der Sturm versehrt! St. Goar , Februar 1844. Hohes Wasser Hallo, nun drücke sich, wer zagt! Austritt der Rheinstrom mit Gebrause, Schießt in die Gassen ungefragt Und macht sich breit vor jedem Hause! Pocht an die Türen, stürmt den Herd – Da hilft kein Dämmen und kein Stauen! Er will dem Städtchen, das er nährt, Auch einmal in die Stunden schauen! Die braune Bergwand allerwärts Schickt ihm ihr dunkelgelb Gerinnsel: Komm, tritt ans Fenster, liebes Herz – Sieh, unser Haus auch ward zur Insel! Doch guten Muts! Ob hier und dort Die Flut auch auf die Treppen springe: Zu hoch am Fels doch liegt der Ort, Als daß es uns ans Leben ginge! Sieh, an der Mauer dort das Merk: Nicht, Lieb, du kannst den Strich gewahren? Dort hemmte sein Zerstörungswerk Der alte Rhein vor sechzig Jahren! Da, wahrlich, übt' er strengern Brauch, Wie hoch der Schaum auch diesmal fliege! Da riß er meine Mutter auch Mit sich als Kind in ihrer Wiege! Doch da sogar, sieh nur den Strich, Blieb unser Stand hier ungefährdet! Drum auf, lieb Herz, und fasse dich, Wie auch die Schneeflut sich gebärdet! Drum guten Muts! Gib mir die Hand! Glaub' mir, der Strom wird uns verschonen! Gott schütze nur das Niederland, Und die in seiner Fläche wohnen! Du stimmst mir bei, du bist getrost! Und doch – aufs neue siehst du trübe! Nicht mehr die Flut, die uns umtost – Ich weiß, was sonst dich ängstigt, Liebe! Dir ahnt, daß eine andreFlut Bald unsre Herdstatt überschwemme – Ich selber ja mit dreistem Mut Öffn' ihr die Schleusen und die Dämme! Das offne Wort, das kühn und frei Aufriefe gern zu offnen Taten; Das ehrlich zürnt und ohne Scheu – Das sticht sie durch mit keckem Spaten. Das gibt Gewalt dem breiten Strahl, Aus diesen liebgewordnen Räumen, Aus diesem ganzen prächt'gen Tal Auf und von dannen uns zu schäumen! Wohin? – noch weiß es Gott allein – Doch bin ich freudig und ergeben! Und du auch, Liebe, sollst es sein: Auch solche Springflut hört zum Leben! Sie jagt es auf, sie frischt es an, Sie hütet es vor dumpfem Stocken – Drum ohne Bangen in den Kahn, Und gib dem Sturme deine Locken! So recht! – Am Steuer steh' ich dreist, Und lasse kühl die Welle branden! Ob hier und dort ein Strick auch reißt – Wir werden landen und nicht stranden! Hell offen liegt vor uns die Welt, Ich bin gerecht in vielen Sätteln: Solange Faust und Schädel hält, Du Liebe, brauch' ich nicht zu betteln! Und halten werden beide mir, Wär' es auch nur um deinetwillen! Um deinetwillen für und für Wird günst'ger Wind mein Segel füllen! Wie Schiffe sanken, weil ihr Bord Zuflucht gewährte einem Schlechten: So weht das meine heil zum Port, Dir zu Gefallen, der Gerechten! Drum laß mich schaffen frank und flott, Was ernst die Seele mir gebietet! Frisch auf, noch lebt der alte Gott, Wie auch die Welle steigt und wütet! Recht so: dein Auge strahlt voll Mut! Komm an mein Herz – Gott mit uns allen! Und – sieh hinaus doch nach der Flut! Ist sie nicht wirklich schon am Fallen? St. Goar , Februar 1844. Aus dem Schlesischen Gebirge »Nun werden grün die Brombeerhecken; Hier schon ein Veilchen – welch ein Fest! Die Amsel sucht sich dürre Stecken, Und auch der Buchfink baut sein Nest. Der Schnee ist überall gewichen, Die Koppe nur sieht weiß ins Tal; Ich habe mich von Haus geschlichen, Hier ist der Ort – ich wag's ein einmal: Rübezahl! Hört' er's? ich seh' ihm dreist entgegen! Er ist nicht bös! Auf diesen Block Will ich mein Leinwandpäckchen legen – Es ist ein richt'ges volles Schock! Und fein! Ja, dafür kann ich stehen! Kein beßres wird geweht im Tal – Er läßt sich immer noch nicht sehen! Drum frischen Mutes noch einmal: Rübezahl! Kein Laut! – Ich bin ins Holz gegangen, Daß er uns hilft in unsrer Not! O, meiner Mutter blasse Wangen – Im ganzen Haus kein Stückchen Brot! Der Vater schritt zu Markt mit Fluchen – Fänd' er auch Käufer nur einmal! Ich will's mit Rübezahl versuchen – Wo bleibt er nur? Zum drittenmal: Rübezahl! Er half so vielen schon vorzeiten – Großmutter hat mir's oft erzählt! Ja, er ist gut den armen Leuten, Die unverschuldet Elend quält! So bin ich froh denn hergelaufen Mit meiner richt'gen Ellenzahl! Ich will nicht betteln, will verkaufen! O, daß er käme! Rübezahl! Rübezahl! Wenn dieses Päckchen ihm gefiele, Vielleicht gar bät' er mehr sich aus! Das wär' mir recht! Ach, gar zu viele, Gleich schöne liegen noch zu Haus! Die nähm' er alle bis zum letzten! Ach, fiel auf dies doch seine Wahl! Da löst' ich ein selbst die versetzten – Das wär' ein Jubel! Rübezahl! Rübezahl! Dann trät' ich froh ins kleine Zimmer, Und riefe: Vater, Geld genug! Dann flucht' er nicht, dann sagt' er nimmer: Ich web' euch nur ein Hungertuch! Dann lächelte die Mutter wieder, Und tischt' uns auf ein reichlich Mahl; Dann jauchzten meine kleinen Brüder – O käm', o käm' er! Rübezahl! Rübezahl!« So rief der dreizehnjähr'ge Knabe; So stand und rief er, matt und bleich. Umsonst! Nur dann und wann ein Rabe Flog durch des Gnomen altes Reich. So stand und paßt' er Stund' auf Stunde, Bis daß es dunkel ward im Tal, Und er halblaut mit zuckendem Munde Ausrief durch Tränen noch einmal: Rübezahl! Dann ließ er still das buschige Fleckchen, Und zitterte und sagte: Hu! Und schritt mit seinem Leinwandpäckchen Dem Jammer seiner Heimat zu. Oft ruht' er aus auf moos'gen Steinen, Matt von der Bürde, die er trug. Ich glaub', sein Vater webt dem Kleinen Zum Hunger- bald das Leichentuch! – Rübezahl?! St. Goar , März 1844. Auch ein Walpurgisnachtstraum Kein Intermezzo Gesandt vom Grafen Carabas, Den Herrn zu amüsieren, Erschein' ich, diesen Hexenspaß Submiß zu arrangieren! Die Szene du, ich die Musik, So hilft man auf dem Staate! Vollendet hab' cih just zum Glück Mein Opus, die Kantate! 1 Mir einerlei! Indes, gib Raum! Ich hüben und du drüben! Hab' ich zu jenem Elfentraum Das Vorspiel doch geschrieben! Still doch! Alle seid ihr gleich, Von einer Tafel schmausend! Zu gleichen Teilen schürf' ich euch Die goldnen Achtzehntausend! Achtzehntausend, sagst du, Zwerg? Hilf Gott, das ist kein Bettel! Hilf Gott, ich bin von Schmiedeberg Der arme Weber Zettel! In die Kulisse, guter Klaus! Was flennt Er durch die Eichen? Fliegt doch ein Tröstevogel aus Für Ihn und seinesgleichen! Platz! ein vierhundertjähr'ger Schwan! Platz, ihm und seinen Rittern! Warum nur nicht ein Pelikan Ausflattert, uns zu füttern? Leis erhebt sich Stern um Stern, Kein Lüftchen regt die Wipfel, Das Publikum von nah und fern Harrt auf des Berges Gipfel. Drum angefangen! Strahl auf Strahl Steig auf, o Born de Schönen, Not der Zeit und Alltagsqual Sublim zu übertönen! Nord und Süd, und alt und neu, Zum Tanz und laßt nicht warten! Ich misch' und spiel' euch, eins, zwei, drei, Als wärt ihr ein Spiel Karten! Daß ich umsonst nicht spuken geh' So stählt an mir die Herzen: Beschämt doch mein antikes Weh All eure jüngsten Schmerzen! Mamsell, ich folg' Ihr auf dem Fuß; Will meinen Arm Sie haben? Sie Sache scheint mir zwar konfus, Jedennoch sehr erhaben! Nun Elfenschnack und Schabernack! Hof des Theseus, glänze! Und du ergötz' ihn, Lumpenpack Der Zettel und der Squenze! Ein Wort! Was uns zu sondern scheint, Sind wir auch beide Lacher: Ich war der Lehrer, guter Freund – Du bist der Lustigmacher! In den Wald und aus dem Wald! Zum Tanz und schlingt den Reigen! Pfeifen gellt und Hörner schallt, Hoboen tönt und Geigen! Herr, steh mir bei! So wirr und toll Trieb's lange nicht der Böse! Der ganze liebe Brocken voll! Gut' Nacht – ich heiße Nehse! Koax! Ein einsam Wiesental! Kein Ton, als Quellgekicher! Koax! Man ist doch auch einmal Gern seines Todes sicher! Was will die Quakerei des Viehs? Sie wurden misanthropisch, Seit sie galvanisch zucken ließ Vor aller Welt Herr Kopisch! Endlich entfesselt! Dreimal hoch, Wer Licht und Luft uns gönnte! Warum dur die? 's gibt andre noch, Die man befreien könnte! Lärm und Toben und Gesumm! Kein Ohr mehr, das mich höre! Ich glaube gar, das mich höre! Ich glaube gar, das Publikum Versteigt sich zum Akteure! Ringsum Hexen! Welch Gewühl! Die Alte dort gezüchtigt! Aufhebt sie ihren Besenstiel – Hilf Himmel, sie »berichtigt!« Was huscht vorüber dort im Nu, Verlegen und beklommen? Es ist nur ein vertraulich Du, Das nicht an Mann gekommen! Und was dort um die Ecke bog, Von Eulenschwarm umflogen –? Ei nun, ist ein ersticktes Hoch Auf einen Demagogen! Dummes Zeug, was ich hier seh', Und wahrlich nicht zum Lachen! Wär's ein Narrenkomitee, Ich würd' es überwachen! Was Hinz und Kunz in meinem Kreis Vom Landtagsabschied halten, Bracht' ich auf allerhöchst Geheiß In diese zwanzig Spalten. Heda, wie die Fiedel tönt! Wir treten auf mit Sitten! Der Mainzer Tag ist uns verpönt, Hier sind wie wohlgelitten! Uf! eine schnelle Prozedor! Vergönnet mir, in Hasten Auf sehr beschleunigter Retour Ein Weilchen hier zu rasten! Manch harte Nuß weht ohne Scham Der Wind mir in die Backen; Zum Teufel mit dem harten Kram – Kann ich ihn doch nicht knacken! Ich zische, wo's Gedanken gibt; Drum hütet Maul und Feder! Die Leute nennen mich Reskript, Ich fahr' in die Katheder. Nasen, Relegat und haft, Consilium abeundi ! O Wartburgfest und Burschenschaft – Sic transit gloria mundi ! Voll Zartgefühls erschein' ich hier Für Luthertum und Bibel. Zur selben Zeit erhalten wir Die Gustav-Adolf-Stiebel. O Reiterei, dies heißt dein Tun Höchst gnädig doch belohnen: Du trägst gewissermaßen nun Kanonische Kanonen! Laßt leben unsern Obermann, Den Rächer der Zensierten! Nach seinem Namen nennt fortan Die Welt uns die Bornierten! Ich bin der allgemeine Alp; Mein Amt ist, daß ich drücke! So vieles ist anjetzo halb – Ich bin aus ganzem Stücke! Noch mehr – nein, das ist toll! Wozu noch realisieren? Ich schliee still mein Protokoll – Wer will, mag's weiter führen! Lustig fahr' ich durch den Raum; Hersaus' ich von der Ilsen. Die Knospen küss' ich auf im Traum, Reiß' ab die alten Hülsen! Wehtest wacker mir voraus, Die Nebel zu zerstreuen! Wie hell und frisch auf all den Graus Der erste Tag des Maien! St. Goar , März 1844. Fußnoten 1 Es soll nun doch eine Oper sein. Anmerkung während des Drucks Hamlet Deutschland ist Hamlet! Ernst und stumm In seinen Toren jede Nacht Geht die begrabne Freiheit um Und winkt den Männern auf der Wacht. Dasteht die Hohe, blank bewehrt, Und sagt dem zaudrer, der noch zweifelt: »Sei mir ein Rächer, zieh dein Schwert! Man hat mir Gift ins Ohr geträufelt!« Er horcht mit zitterndem Gebein, Bis ihm die Wahrheit schrecklich tagt; Von Stund' an will er Rächer sein – Ob er es wirklich endlich wagt? Er sinnt und träumt und weiß nicht Rat; Kein Mittel, das die Brust ihm stähle! Zu einer frischen, mut'gen Tat Fehlt ihm die frische, mut'ge Seele! Das macht, er hat zu viel gehockt; Er lag und las zu viel im Bett. Er wurde, weil das Blut ihm stockt, Zu kurz von Atem und zu fett. Er spann zu viel gelehrten Werg, Sein bestes Tun ist eben Denken; Er stak zu lang in Wittenberg, Im Hörsaal oder in den Schenken. Drum fehlt ihm die Entschlossenheit; Kommt Zeit, kommt Rat – er stellt sich toll, Hält Monologe lang und breit, Und biringt in Verse Groll; Stutzt ihn zur Pantomime zu, Und fällt's ihm einmal ein zu fechten: So muß Polonius-Kotzebue Den Stich empfangen – statt des Rechten. So trägt er träumerisch sein Weh, Verhöhnt sich selber insgeheim, Läßt sich verschicken über See, Und kehrt mit Stichelreden heim; Verschießt ein Arsenla von Spott, Spricht von geflickten Lumpenkön'gen – Doch eine Tat! Behüte Gott! Nie hatt' er eine zu beschön'gen! Bis endlich er die Klinge packt, Ernst zu erfüllen seinen Schwur; Doch ach – das ist im letzten Akt Und streckt ihn selbst zu Boden nur! Bei den Erschlagnen, die sein Haß Preisgab der Schmach und dem Verderben, Liegt er entseelt, und Fortinbras Rückt klirrend ein, das Reich zu erben. – Gottlob! noch sind wir nicht so weit! Vier Akte sahn wir spielen erst! Hab' acht, Held, daß die Ähnlichkeit Nicht auch im fünften du bewährst! Wir hoffen früh, wir hoffen spät: O, raff' dich auf und komm zu Streiche, Und hilf entschlossen, weil es geht, Zu ihrem Recht der flehnden Leiche! Mach' den Moment zunutze dir! Noch ist es Zeit – drein mit dem Schwert, Eh' mit französischem Rapier Dich schnöd vergiftet ein Laert! Eh' rasselnd naht ein nordisch Heer, Daß es für sich die Erbschaft nehme! O, sieh dich vor – ich zweifle sehr, Ob diesmal es aus Norweg käme! Nur ein Entschluß! Aufsteht die Bahn – Tritt in die Schranken kühn und dreist! Denk' an den Schwur, den du getan, Und räche deines Vaters Geist! Wozu dieses Grübeln für und für? Doch – darf ich schelten, alter Träumer? Bin ich ha selbst ein Stück von dir, Du ew'ger Zauderer und Säumer! St. Goar , April 1844. Zwei Flaggen Ein Schiff der Mosel auf dem Rhein! Es kam zu Berg – die Pferde keuchten! Am Vordermast mit hellem Schein Sah ich die Flagge leuchten! Lang wallend flog sie übers Boot – Stattliche Farben, frisch und munter! So wahr ich lebe: Blau, Weiß, Rot! Und grad' am Flaggenstock herunter! Anhielt ich staunend meinen Fuß; Da drang vom Schiff zu meinem Ohre Stolzlustig ein Franzosengruß: »Ja doch, schau' her – die Trikolore!« Ei, dacht ich zornig, seid nur still! Wird doch noch deutsch bei euch gesprochen! Lothringisch Volk von Thionville Sollt' also nicht auf Frankreich pochen! Somit den Wimpel ließ ich ziehn; Bald schon verbargen ihn die Zweige. Ich bin ihm auf dem Rhein nicht grün, Des ist der liebe Gott mein Zeuge! Und wollt' er anders auf ihn wehn, Als friedlich von beladnem Schiffe: Ich würde mit ihm Treffen stehn, Wenn zu den Schwertern Deutschland griffe! Das Höchste bleiben Land und Herd! Doch sonst – kein Wort von blindem Hasse! Auch uns ist dieses Banner wert: Es brach de Freiheit eine Gasse! Noch ist es feucht von Juliblut – Nennt eins, das edler und verwegner! Drum: sind wir auch auf unsrer Hut, Ist uns gerecht doch solch ein Gegner! Und runzeln wir ihm auch die Braun, Wir sagen doch: Ein wackrer Kämpfer! – Denselben Tag im Abendgraun Fuhr noch stromab ein Kölner Dämpfer. Dem flog, vom Winde flott geschwellt, Breit übern Bord der Aar von Preußen; Daneben, schwarz im gelben Feld, Der Doppeladler aller Reußen! Derselbe schwarze, der zerfleischt Den weißen jüngst als gute Beute; Derselbe, der das Dach umkreischt Wildfreier Bergbewohner heute; Derselbe, der von seinem Pol Rundspäht mit immer kühnerm Dräuen, Und, als der Despotie Symbol, Feind und verhaßt ist allen Freien! Derselbe, der zu dieser Frist Als Büttel haust auf unsern Grenzen; Der gegendeutsch und undeutsch ist, Und dem wir dennoch feig scherwenzen; Der nur aus Schlauheit eng und fest Den Adler diesseits sich verbündet Und keck in jedem deutschen Nest Ein Filial des eignen gründet! Derselbe! – Drum auch dieses Tal Durchstrich er heut und diese Reben! Von einem deutschen Filial Nahm er den Flug nach Holland eben! Drum auch mit freudigem Geklapp Schwirrt' unser Adler ihm entgegen! Drum sausten beide auch stromab, Als ob – nach einem Ziel sie flögen! Hinblickt' ich knirschend übern Strand: – O Deutschland, du im Dienst der Steppe, Du mit Sibirien Hand in Hand, Du tragend des Kalmücken Schleppe! Du vor dem Polenmörder Zar In Unterwürfigkeit zerfließend! Du seinen Sohn und seine Aar Mit Böllerschuß am Rhein begrüßend! Ei, wie das girrt und kokettiert! Ei, wie das um sich wirft mit Küssen! Glück auf den Weg! Wohin er führt, Wir warten's ab – Weh, daß wir müssen! Glück zu! Doch das sagt euch der Rhein: Ob die Monarchen Freundschaft treiben – Die Völker werden Feinde sein, Die Völker werden Feinde bleiben! Geduld'ger Strom! du trägst und wiegst Des Franken Banner und des Slawen! Daß du ein deutsches endlich trügst In jeder Bucht, in jedem Hafen! Ein einig deutsches, das – bereit, Wenn alzu frech der Hahne krähte! – Stolz und beherzt zu gleicher Zeit Des Russenadlers Gunst verschmähte! St. Goar , April 1844. Flottenträume 1. Sprach irgendwo in Deutschland eine Tanne: »O, könnt' ich hoch als deutscher Kriegsmast ragen! O, könnt' ich stolz die junge Flagge tragen Des ein'gen Deutschlands in der Nordsee Banne! Dann wär' ich Fähnrich, ha! wo Mann an Manne Blutrünst'ge Krieger deutsche Seeschlacht schlagen; Wo deutsche Segler, grimm und ohne Zagen, Den fremden Entrer hauen in die Pfanne! Dann leuchtet wohl, die Brust vom Stahl gekerbt, Ein Held an mir in des Gefechtes Gluten, An meinem Stamme schweigend zu verbluten! Indes mich jetzt das Blut des Wilddiebs färbt, Des armen Wilddiebs, hinterrücks erschossen, Der mir zu Füßen hinsinkt in die Sprossen!« 2. Schwarz, Rot und Gold! Frei weht ihr auf den Stangen Und Masten jetzo, gürtend rings das Land! In tausend Wimpeln, einst verpöntes Band, Hat dich der Ozean selber umgehangen! O, ständen jetzt, die Anno Neunzehn sangen, Daß dich zerschnitten der Gewalt'gen Hand; O, ständen jetzt, die man um dich verbannt, Verrats beschuldigt, ach! und schnöd gefangen: O, ständen alle jetzt auf diesen Höhen, Frisch, wie am Tag, da man auf Wartburg zog, Daß sie dich glühn in deinen ehren sähen! Sie staunten wohl und riefen Hurra hoch! Stoßt an, stoßt an! Wie sich die Dinge drehen. Der alte Ozean auch noch Demagog! 3. Wie unsre mut'gen Orlogsmänner heißen? Komm mit aufs Meer, ich will es dir verkünden! Da drüben der mit sechzig Feuerschlünden, Das ist »der Arndt!« Du siehst die Goldschrift gleißen! Hier die Fregatte, bauschig rings von weißen, Halbvollen Segeln, kämpfend mit den Winden – O Gott, ihr Name mahnt an alte Sünden! – »Die Sieben« heißt sie! Mag kein Strick ihr reißen! Dort die Korvette, segelnd wie der Blitz, Es ist »die Hansa!« Doch am Ufer diese, Stolz wie ein Schwan, »die Königin Luise!« Der Dreimast drüben ist »der Alte Fritz!« Und hier voll Zorns der schlagbereite Kutter, Du ahnst es schon, das ist »der Doktor Luther!« 4. Und andre noch will ich dir rühmend zeigen; Sie kreuzten wohl und kehren jetzt vom Zuge; Sie wehn heran mit majestät'schem Fluge: »Der Alexander Humboldt« führt den Reigen! Ha, sieh den »Goethe« tief sein Bugspreit neigen! Ihm nach »der Schiller«, auch mit tiefem Buge! »Die freie Presse« läßt mit gutem Fuge Leuchtende Kuglen in die Lüfte steigen! Die fernsten drüben kann ich nicht erraten! Laß ungenannt sie vor dem Winde laufen! Eins ist gewiß: sie haben tücht'ge Paten! Wir brauchen Namen wahrlich nicht zu kaufen! Wir haben Männer, haben Tage, Taten: – Mehr Schiffe nur! Wir wollen sie schon taufen! 5. So seh' im Geist ein trutzig Kriegsgeschwader Ich Wacht sie halten, festiglich und stete, Wo weiland nur des Ewers Wimpel wehte, Ein Buxtehuder etwa oder Stader; Da naht der Feind, und mit ihm naht der Hader! Aufzischt gen Himmel die Signalrakete, Die Trommel wütet, und an die Lafette Schlachtatmend tritt das rüst'ge Volk der Lader! Das Sprachrohr heischt: da birst mit tausend Schüssen Ihr Flammengruß aus den metallnen Läufen; Umsinkt der Mast, das Tauwerk zuckt zerrissen! Grau ballt der Rauch sich, wirre, zorn'ge Streifen! Ein Ruck, und Schiff hat sich in Schiff verbissen: – O ernste Schule, drinnen Männer reifen! 6. Doch – wenn zuerst in Meer- und Pulvernebel Wir also schwimmend Volk an Volk gerungen; Wenn eine Seeschlacht Lorbeern uns geschlungen Um unsre Lunten und um unsre Säbel: Dann seid gedenk! An Schiffen sitzen Schnäbel! Drauf, ihr Matrosen und Kajütenjungen! Den wucht'gen Hammer und das Beil geschwungen! Die Schnäbel ab! und bringt sie heim als Hebel! Als Hebel? – Ja! – Ihr, die mit heiterm Spähen Am Strand ihr jauchztet unsrer frischen Kühne Und lächelnd ansaht unser salzig Rennen: Ihr Bannerherrn, wohin mit den Trophäen? – Sorgt für ein Forum , schafft die Rednerbühne , Daß wir, wie Rom, das Beste schmücken können! St. Goar , Juli 1843. Noch zwei Sonette 1. Von Nassaus Burg der edle Herr vom Steine Und noch ein Wackrer, derb und turnerfahren, Ein Bürgerkind mit langen Buschenhaaren – Die fuhren einst zusammen auf dem Rheine. Wie war er grün von Walnußlaub und Weine! Wie grau von Trümmern, die sonst Festen waren! Anschaut' in seinem Spiegel sich, dem klaren, Raubnest um Raubnest, schroff, in rost'ger Bräune! Dem Stein, wie billig, schwill die Freiherrnader: »O Glück, ein Kind sich des Geschlechts zu wissen, Das also trotzig Quader hob auf Quader!« Der andre drauf: »Meins hat sie abgerissen! Und das ist mein Stolz – doch darum kein Hader!« – Der Freiherr hat die Lippe sich gebissen. 2. O, drückt' auch uns nur landlos ein Johann! Kein größer Heil, bei Gott, als solche Johne! Ihr wißt, wie Kühnheit zorniger Barone Die Freiheit Englands jenem abgewann! Ein schlaffer König und ein feiger Mann, Schachvoll vom Papste hielt er Land und Krone; Trieb sich umher auf blut'gem Wanderthrone, Zu gleicher Zeit ein Schwächling und Tyrann! So schafft' er sich und seinem Volke Not, Bis jach ein Heer von seinem Zelte scharrte, Bis ihm sein England wild die Stirne bot. O, wie beredt war dessen Kriegsstandarte! Geht mir mit »guten Fürsten!« – ein Despot Gab Englands Männern ihre große Charte! St. Goar , August 1843. Der Schüler Ancillons Im Jahre Vierzig stellt' ich auf den Satz; Jetzt geb' ich euch den Gegensatz! Und dabei bleibt's, trotz Murren und trotz Rütteln: – Sucht die Extreme zu vermitteln! Asmannshausen , Mai 1844. Der Adler auf dem Mäuseturm Auf weißer Flagge weht ein Aar Hoch auf dem Mäuseturm bei Bingen; Er zeigt ein tüchtig Klauenpaar, Trägt eine Kron' und reckt die Schwingen. Vom Sonnebrand und Schnee und Sturm Sind ihm die Federn glatt geschlichtet – Was Teufel, in den Mäuseturm, O Adler, hast du dich geflüchtet? Hast du aus deiner Fülle Horn Etwa gleich Hatto, jenem Alten, Zu Mehl und Brot das teure Korn Dem Mund des Volkes vorenthalten? Will dir ein rächend Mäuseheer, Wie jenem Bischof einst, ans Leben? Gereicht auch dir zu Schutz und Wehr Hattos zerfallne Trümmer eben? Nicht doch! du geizest nicht mit Brot! Jüngst noch 1 , bei ew'gem Sommerregen, Hast du geöffnet unsrer Not All deiner Vorrathshäuser Segen! Du ließest Hunsrück, Eifel, Ahr Brotkorn, soviel sie brauchten, fassen; Du hast auch sonst manch schlechtes Jahr Vom Most die Steuer uns erlassen! Drum nicht als Wucherer am Rhein Flohst du auf jene Mauerkronen! Doch: – Brot aus Korne nicht allein Begehren heut die Nationen! Sie wollen mehr, als was man kaut; Sie heben dreist den kräft'gen Nacken; Sie sehn sich um und rufen laut: »Wo wird der Freiheit Brot gebacken?« Das Brot nun freilich, guter Aar, Hältst du mit allzu festen Krallen; Wohl ließest du auch – wahr bleibt wahr! – Von Freiheit jüngst ein Wörtchen fallen! Es schien des Volkes Hungerschrei Recht in der Seele zu kränken; Du schienst an eine Bäckerei Von Freiheitsbrot im Ernst zu denken! Du schienst – ja doch, es war nur Schein! O Aar, du bist ein karger Reicher! Wie schnell die Segel zogst du ein, Wie schnell verschlossest du die Speicher! Du gabst – doch gleich auch nahmst du – schier, Um unsern Hunger noch zu schärfen; Um doppeltheiße Qual und Gier In unser lechzend Herz zu werfen! O, flieg nicht fort auf solcher Bahn! Brot für den Geist! o, woll' es brechen! Gib. gib! Es könnte Mäusezahn Auch diese Brotverweigrung rächen! O, nimm die Sache nicht zu leicht! Und hättest du die Macht von Greifen – Es wagte dennoch sich vielleicht An deinen Horst ein strafend Pfeifen! Drum sei gedenk und auf der Hut! Mag Hatto warnen dich und führen! Der sagte auch: »An meinen Hut Lass' keines Menschen Hand ich rühren!« Ja doch, was half ihm sein Gepoch'? Wozu war ihm sein Hochmut nütze? Es fraßen ihn die Mäuse doch – Ihn selbst zusamt der Bischofsmütze! Asmannshausen , Mai 1844. Fußnoten 1 1842 Das Fensterkreuz Zu Neuhaus in dem Schlosse war's: – der Kurfürst 1 hielt ein Jägermahl; Die Gäste saßen dichtgereiht, und Hörner schmetterten im Saal. Der Mundschenk goß die Gläser voll, die Diener drängten sich zuhauf – Es war ein schwüler Sommertag, die Fenster alle standen auf. Und durch die offnen Fenster rings sah man den kühlen, grünen Wald; Der Wald, das war zu dieser Zeit des Fürsten liebster Aufenthalt! In dem vergaß er, hell umtönt von Hirschgeschrei und Rosseshuf, Den Ärger, den zu Königsberg der böse Landtag dreist ihm schuf. Ei, dieses starre Königsberg! Ei, dies verwegne Preußenland! Ei, wie beharrlich und beherzt auf seinen Rechten es bestand! Und nicht sein Adel bloß! O nein, auch seine Städte sprachen mit! Wer war's, der die Leibeigenschaft des armen Bauernvolks bestritt? O frischer, freier Bürgertrotz! O Erbteil, das der Ostsee blieb! Du sprudelst aus der Flut hervor, mehr als den Brandenburgern lieb! Wie heute noch der Krone Schein bei deinem Brausen zag erblaßt, So warst du auch dem kurhut schon in deiner Freudigkeit verhaßt! – Der Kurfürst saß beim Jägermahl! Schweinsköpfe dampften Rheinwein floß! »Was kümmern mich die Stände heut zu Neuhaus hier auf meinem Schloß?« Da stapfte klirrend in den Sall ein Reiter mit entblößtem Haupt; Ein Bote war's von Königsberg, Blut an den Sporen und bestaubt. Briefschaften knöpft' er aus dem Wams: – Ei, wiederum ein Ostseestreich? – Der hohe Jäger riß sie auf; er flog sie durch; er wurde bleich. Auf seiner Stirne zuckt' empor gehemmter arger Groll: »Das war dein letzter Widerspruch! Hochnasig Volk, dein Maß ist voll! So wahr ich jetzt den Apfel hier« – Und siehe da, vom vollen Tisch Rafft'er mit ungestümer Hans sich einen Apfel rot und frisch! – »So wahr ich den durchs fenster jetzt fortschleudre weit ins Freie hin, So wahr noch brech' ich Preußens Trotz, brech' ich der Ostsee Eigensinn! So wahr noch soll als Oberherrn mich diese Bersteinküste sehn! So wahr noch unterwerf' ich mir dies übermüt'ge Polenlehn! 2 So wahr noch –« Und er sprang empor! Ausholt' er wild zum Wurfe dann! Wer mit am Tisch saß, duckte sich und hielt gespannt den Atem an. Der Apfel flog – fort in den Wald? – Nicht doch, fehl warf die hohe Kur! Hinflog er sausend durchs Gemach und – traf das Kreuz des Fensters nur! Traf's, prallte machtlos dann zurück! – So recht! Nur festen Widerstand! Laß dir dies Kreuz ein Vorbild sein und einen Trost, mein Vaterland! Asmannshausen , Mai 1844. Fußnoten 1 Georg Wilhelm von Brandenburg, Vater des Großen Kurfürsten, † 1640. 2 Preußen was damals noch Lehn, von der Krone Polen an Kurbrandenburg gegeben. Wisperwind Der Wisperwind, der Wisperwind, Den kennt bis Östrich jedes Kind; Des Morgens früh von vier bis zehn, Da spürt man allermeist sein Wehn! Stromauf aus Wald und Wiesengrund Haucht ihn der Wisper kühler Mund! Ja, immer, immer nur stromauf Fährt er mit Pfeifen und Geschnauf': Von unten jetzt und allezeit Braust er nach oben, kampfbereit; Nie mit der Welle geht sein Strich, Nur ihr entgegen stemmt er sich! Er macht sich auf, wo Hütten stehn; Wo Hütten stehn und Mühlen gehn. Des Bauern Strohdach ohne Ruh' Schickt ihn der Burg des Fürsten zu; Anfährt er trotzig, sagt mein Ferg', Schloß Rheinstein und Johannisberg. Er saust und wütet um sie her, Frisch und gradaus wie keiner mehr; Er schiert den Teufel sich um Gunst, Er pfeift was auf den blauen Dunst, Der trüb um ihre Zinnen hangt – Er pfeift, bis klar der Himmel prangt. Ja, heiter wird auf ihn der Tag; Drum braus' er, was er brausen mag! Er selbst und noch ein Wisperwind: – Ein neuer Tag der Welt beginnt! Die Hähne krähn, der Wald erwacht, Ein Wispern hat sich aufgemacht! Von unten keck nach oben auch Zieht dieser andern Wisper Hauch; Auf aus den Tiefen zu den Höhn Erhebt sich frisch auch dieses Wehn; Strohdach und Werkstatt ohne Ruh' Schicken der Fürstenburg es zu! Da hangen trüb die Nebel noch; Geduld nur, es verjagt sie doch! Wie zornig sie auch dräun, wie wirr, Es läßt nicht ab, es wird nicht irr! Mit kräft'gem Blasen, Ruck auf Ruck, Macht es zunichte Dunst und Druck! Hab' Dank, du frisch und freudig Wehn! Hab' Dank, hab' Dank – o, wär' es zehn! Ja, zehn und rings der Himmel rein! Jetzt, mein' ich, wird es sechse sein! – Der Wisperwind, der Wisperwind, Den kennt bis Östrich jedes Kind! Asmannshausen , Mai 1844. An Hoffmann von Fallersleben Jetzo, wo die Nachtigall Schlägt mit mächt'gen Schlägen; Wo der Rhein mit vollerm Schall Braust auf seinen Wegen; Wo die Dämpfer wieder ziehn; Wo die grünen Reben, Wo die Blumen wieder blühn: – Jetzt auf einmal eben Denk' ich wieder, wie im Traum, Jener Nacht im Riesen 1 , Wo wir den Champagnerschaum Von den Gläsern bliesen; Wo wir leerten Glas auf Glas, Bis ich alles wußte, Bis ich deinen ganzen Haß Schweigend ehren mußte. Düster mit verkohltem Docht Flackerten die Kerzen; Düster und von Zorn durchpocht, Brannten unsre Herzen; Dennoch oft, gleichwie ein Blitz, Finstrer Wolk' entquollen, Brach ein Lachen, brach ein Witz Hell durch unser Grollen. Also ward es rasch zwei Uhr! Trocken die Pokale, Und der jüngste Kellner nur Harrte noch im Saale! Schnarchend lag der kleine Mann In des Sessels Hafen, Und wir sagten: »Der Géant , Wahrlich, ist entschlafen!« Endlich stand der Junge wach, Nahm das Licht verdrossen; Wirr aus seinem Schlafgemach Kam ein Lord geschossen; Du doch stiegst die Trepp' hinauf, Derb und nagelschuhig; Schriebst noch in mein Stammbuch drauf: »Kobelenz ist ruhig!« – Wieder hat seit jener Nacht Herbes dich bestroffen! Strom und Frühling sind erwacht – Hoffmann, wolle hoffen! – Hoff' und laß der Marken Sand! Mach' dich auf die Beine! Deutscher Männer deutsche Hand Wartet drein am Rheine! Was, ob die gelehrte Spree Feig sich von dir wandte: In die Rheinflut senk' dein Weh – Sie nicht bannt Verbannte! Neue Freunde warten dein An der rebumwallten – Auf drum, und vergiß am Rhein Schnödigkeit der alten! Drum, wo mit der Rede Stahl Badens Männer streiten; Drum auch, wo im Wiesental Lieder dich umläuten; Wo die Düssel flutet hell, Und in Dresels Keller Schlag ein Schnippchen dem Gebell Deiner Widerbeller! Ich auch, der ich jene Nacht Finster mit dir zechte, Ich auch, eben vor der Schacht, Biete dir die Rechte! Ja, auch ich steh' kampfbereit, Gleich sind unsre Zeichen: – Mit Bewußtsein wag' ich's heut, Dir die Hand zu reichen! Herz'ger noch als dazumal Wag ich's, einzuschlagen: Schiefer Stellung volle Qual Mußt' ich damals tragen! Noch nicht recht aus ganzem Holz Schien auch dir mein Leben – Drum auch war ich noch zu stolz, Mich dir ganz zu geben! Alles das ist nun vorbei! Frei ward Lipp' und Zunge, Frei das Auge mir, und frei Dehnt sich Herz und Lunge! Vom Gedanken bis zur Tat Schlug ich dreist die Brücke; Hüben steh' ich, und kein Pfad Führt mich je zurücke! Vorwärts denn – bis übers Grab! Vorwärts – ohne Wanken! Jede Rücksicht werf' ich ab, Satt hinfort der Schranken. Nur das Kühnste bind' ich an Meinen Simsonsfüchsen – Mit Kanonen mit Schlüsselbüchsen! Sieh, so biet' ich dir die Hand, Einer auch von denen, Die sich an des Rheines Strand Die entgegensehnen! Die ins dornige Exil Gern dir Rosen flöchten, Gern ein friedlich Rheinasyl Dir bereiten möchten! Komm darum und glaub' an mich – Aber komm in Eile! Komm, solang ich festiglich Noch am Rheinstrom weile! Eh' ich selber meinen Herd Seh' zum Teufel stieben; Eh' der eignen Lieder Schwert Westwärts mich getrieben! Horch, o horch! die Nachtigall Schlägt mit mächt'gen Schlägen, Und der Rhein mit vollerm Schall Braust auf seinen Wegen! Alles keimt und alles gärt, Alles windet Kränze: – Auch den herbsten Kelch geleert Auf der Zukunft Lenze! Asmannshausen , Mai 1844. Fußnoten 1 Zu Koblenz, vom 16. auf den 17. August 1843. Ihr kennt die Sitte wohl der Schotten Ihr kennt die Sitte wohl der Schotten: – Galt es ein rasch Zusammenrotten, Aufglühte dann der Feuerbrand. Gelöscht in Blut an beiden Enden, Krieg heischend, ließ er sich entsenden Von Haus zu Haus, von Hand zu Hand. – Und als der Sandwirt wollte schlagen; Als er bereit nun stand, zu wagen Den Adlerflug, den Gemsensprung: Da trat sein Hausweib hin zu Passer, und warf in das empörte Wasser Die Späne der Verkündigung. Rasch in die Tale mit den Wellen Bis vor des Talvolks rauhe Schwellen Bachabwärts rollte Span auf Span. Daß alles fertig auf den Firnen, Und daß zum Losbruch reif ihr Zürnen – Blut, Mehl und Späne sagten's an! So meine Lieder möcht' ich säen! – Wie die Ladurner mächt' ich stehen An dem bewegten Strom der Zeit! Wahrzeichen, frisch und rauh wie jene, Möcht' ich sie werfen, blut'ge Späne, Aus in der Tageswogen Streit! Und, gleich Hochschotlands Feuerbränden, Heiß durch mein Volk mächt' ich sie senden In jede Mark, an jeden Herd: Daß alles zu den Waffen führe, Und rasselnd riefe: »Schüre, schüre! Wo ist der Kampf? Wir stehn bewehrt!« Noch harr' ich, in mich selbst versunken! Nur dann und wann blitzt auf ein Funken Der Glut, die meine Brände brennt! Nur dann und wann mit frischem Munde Geb' einen Blutspan ich der Stunde Von denen, so die Passer kennt! Was hülfen mehr? Schleicht doch in Dämmen Ihr Wasser heut! – Doch überschwemmen Wird einst das Land sie, kühn zu schaun! Dann tret' ich vor mit Blut und Mehle – Frei weht die Eiche meiner Seele: Ich glaub', ich werde Späne haun! St. Goar , Dezember 1843. Vorläufig zum Schluß Zu Asmannshausen in der Kron', Wo mancher Durst'ge schon gezecht, Da macht' ich gegen eine Kron' Dies Büchlein für den Druck zurecht! Ich schrieb es ab bei Rebenschein, Weinlaub ums Haus und saft'ge Reifer Drum, wollt ihr rechte Täufer sein, Tauft's: Vierundvierz'ger Asmannshäuser! Asmannshausen , Mai 1844.