Erstes Heft Meiner Frau zum Geburtstage Mit einer Erika Die Heide, die bei uns zuland' Allwärts ihr Grün vergeudet; Die Berg und Schlucht und Felsenwand Mit starren Büscheln kleidet; Die hoch und tief sich blicken läßt, Die bring' ich dir zu deinem Fest In schlichter irdner Scherbe. Wo du und ich geboren sind, Da rauscht sie allerorten; Sie schüttelt sich im Morgenwind Vor deiner Wartburg Pforten; Sie spiegelt sich in Ilm und Saal' Und in der Unstrut goldnes Tal Herschaut sie vom Kyffhäuser. Und auch bei mir mit hellem Schein Schmückt sie die Bergeshalde; Sie wallt um meinen Externstein Und rings im Lipp'schen Walde; Da summen Bienen um sie her, Und durch ihr rotes Blütenmeer Ausschlagend jagt der Senner. Der alte Rhein, der Traubenkoch, Könnt' ihrer wohl entbehren; Doch ward auch ihm die Heide noch Zu seinen andern Ehren. Wie oft an Forst- und Gründelbach Unter der Birke wehndem Dach Winkt' und ihr schwellend Kissen! Da bebt sie spät, da bebt sie früh, Da flammt sie durchs Gehölze; Da krönt die siebte Mühle sie Und auch die Silberschmelze; Da krönt sie Brunn und Felsenschlucht – O, möge dieser Scherbenhucht An alles das dich mahnen! Und dann – nicht wahr, seit alter Zeit Ist es der Brauch gewesen, Daß man aus Pfiemenkraut und Heid' Gebunden hat den Besen? Den Besen, der die Gassen kehrt, Der wie ein Wetter niederfährt, Wo Staub und Wust sich brüsten! So sei dir denn auch noch vertraut, Was junge Sagen künden: Bald wird aus niederm Heidekraut Sich selbst ein Besen binden, Ein ries'ger, der der Niedertracht Und Sklaverei ein Ende macht In Deutschland und auf Erden! Dann wird auch uns zur Wiederkehr Der Freiheit Glocke läuten; Dann wird uns keine Scherbe mehr Heimat und Herd bedeuten; Dann – doch mir schlägt das Herz wie toll! Rasch, gieß mir einen Tummler voll, Daß ich dich leben lasse! Brüssel , Dezember 1844. Leipzigs Toten! »Tue! tue!« Karl IX. in der Bartholomäusnacht. »Laßt Ader! laßt Ader! Die Ärzte sagen, das Aderlassen sei im August so heilsam als im Mai.« Tavannes in derselben Sie kam heran im wehnden Trauerflor, Über den See nach ihrem Brauche; Um Huttens Insel beugte sie das Rohr Mit ihres Odems feuchtem Hauche. Ich sah sie nahn, ich sah in sie hinaus; Dann wieder setzt' ich mich zu schreiben – Da trat sie plötzlich finster vor mein Haus, Und hauchte leis an meine Scheiben: »Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht; Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert. Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert! O fünfzehnhundertzweiundsiebenzig! Ha, wie da Pulverdampf die Giebel bräunte! Ha, wie da schießend aus dem Fenster sich Hervorbug jener Karl der Neunte! Auch er ein Allerchristlichster, o Schmach! Aufschrie und hetzt' er seine Söldnerrotten, Bis wehrlos hingewürgt am Boden lag Die beste Kraft der Hugenotten! »Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht; Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert. Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert! Nicht ganz so blutig wohl, wie dazumal! Doch das ist gleich – hinpfiff die Kugel sausend! Die Opfer stürzten – was liegt an der Zahl? Gleichviel, ob dreizehn oder dreißigtausend! Die Hähne knackten – auf ein Prinzenwort! Ein Wehruf zog durch meine Finsternisse! Livreebedienter, sprühte dreist der Mord Die vielbeliebten, sichern Rückenschüsse! »Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht; Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert. Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert! Man hat gesagt: Sie haben es verdient! Wer hat sie rebellieren denn geheißen? Was haben die Verwegnen sich erkühnt, Kronleuchter, allerhöchste, zu zerschmeißen? Man war erstaunt, man war mit Recht empört! Denkt: auf den Boden klirrte Scheib' um Scheibe! – Wohl!... Aber niemals hab' ich noch gehört, Daß man mit Blut zerbrochne Fenster klebe! »Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht; Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert. Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert! Und dann sie flohn! Der Blitz des Rohres fuhr In abgewandte, schon geworfne Reihen! Ja, Fliehnde nur, schuldlose Wandler nur, Hat man erlegt mit königlichen Bleien! Ein Weib, ein Kind – o herzzerreißend Weh! Da lagen sie, am Pflaster die Gesichter! – Was ballst du nur an deinem Schweizersee Die zorn'gen Fäuste, heimatloser Dichter? »Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht; Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert. Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert! Soll ich noch melden von dem Leichenzug? Der Marsch ertönte, Trauerweisen schallten; Aus diesem Haus und dann aus jenem trug Man einen Sarg, und ernste Fahnen wallten! Nachschoß des Volkes endlos lange Flut – Ein Tränenstrom, so weit das Auge schaute! Ach, nie doch wäscht er dies unschuld'ge Blut Von Leipzigs Kiesweg und von Sachsens Raute! »Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht; Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert. Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert! Man hat ein Wort: Die Mitternacht ist stumm! Doch schrei' ich laut: Wer soll dies Blut euch stillen? Das allererste floß es wiederum Durch einen Fürsten um des Glaubens willen! O deutsches Land, was trugen dir schon ein Wie deine Fürsten, so dein Glauben! – Allein du liebst es, stets ein Kind zu sein! Nicht eine Kette lässest du dir rauben! »Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht; Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert. Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert! Doch heut ein Grollen! An der Gruft kein Spott! Tu, was du mußt! Folg' deinem Wahrheitsdürsten! Hau', wie dich's drängt, dir deinen Weh zu Gott! Nur – suchst du Gott, was fragst du deine Fürsten? Erwache, Deutschland, denk' an jenen Herrn, Der aus dem Louvre schoß mit blindem Wüten! – Fahr wohl, Poet! Ich muß noch nach Luzern! Zu meinen Vätern noch, den Jesuiten! »Ich bin die Nacht, die Bartholomäusnacht; Mein Fuß ist blutig und mein Haupt verschleiert. Es hat in Deutschland eine Fürstenmacht Zwölf Tage heuer mich zu früh gefeiert! Meyenberg am Zürcher See , 24. August 1845. Requiescat! Wer den wucht'gen Hammer schwingt; Wer im Felde mäht die Ähren; Wer ins Mark der Erde dringt, Weib und Kinder zu ernähren; Wer stroman den Nachen zieht; Wer bei Woll' und Werg der Flachse Hinterm Webestuhl sich müht, Daß sein blonder Junge wachse: – Jedem Ehre, jedem Preis! Ehre jeder Handvoll Schwielen! Ehre jedem Tropfen Schweiß, Der in Hütten fällt und Mühlen! Ehre jeder nassen Stirn Hinterm Pfluge! – Doch auch dessen, Der mit Schädel und mit Hirn Hungernd pflügt, sei nicht vergessen! Ob in enger Bücherei Dunst und Moder ihn umstäube; Ob er Sklav der Messe sei, Lieder oder Dramen schreibe; Ob er um verruchten Lohn Fremden Ungeschmack vertiere; Ob er in gelehrter Fron Griechisch und Latein doziere: – Er ist auch ein Proletar! Ihm auch heißt es: »Darbe! borge!« Ihm auch bleicht das dunkle Haar, Ihn auch hetzt ins Grab die Sorge! Mit dem Zwange, mit der Not Wie die andern muß er ringen, Und der Kinder Schrei nach Brot Lähmt auch ihm die freien Schwingen! Manchen hab' ich so gekannt! Nach den Wolken flog sein Streben: – Tief im Staube von der Hand In den Mund doch mußt' er leben! Eingepfercht und eingedornt, Ächzt' er zwischen Tür und Angel; Der Bedarf hat ihn gespornt, Und gepeitscht hat ihn der Mangel. Also schrieb er Blatt auf Blatt, Bleich und mit verhärmten Wangen, Während draußen Blum' und Blatt Sich im Morgenwinde schwangen, Nachtigall und Drossel schlug, Lerche sang und Habicht kreiste: – Er hing über sein Buch, Tagelöhner mit dem Geiste! Dennoch ob sein Herz auch schrie, Blieb tapfer, blieb ergeben: »Dieses auch ist Poesie, Denn es ist das Menschenleben!« Und wenn gar der Mut ihm sank, Hielt er fest sich an dem einen: »Meine Ehre wahrt' ich blank! Was ich tu', ist für die Meinen!« Endlich ließ ihn doch die Kraft! Aus sein Ringen, aus sein Schaffen! Nur zuweilen, fieberhaft, Konnt' er noch empor sich raffen! Nachts oft von der Muse Kuß Fühlt' er seine SChläfen pochen; Frei dann flog der Genius, Den des Tages Drang gebrochen! Lang jetzt ruht er unterm Rain, Drauf im Gras die Winde wühlen; Ohne Kreuz und ohne Stein SChläft er aus auf seinen Pfühlen. Rotgeweinten Angesichts Irrt sein Weib und irrt sein Samen – Bettlerkinder erben nichts Als des Vaters reinen Namen! Ruhm und Ehre jedem Fleiß! Ehre jeder Handvoll Schwielen! Ehre jedem Tropfen Schweiß, Der in Hütten fällt und Mühlen! Ehre jeder nassen Stirn Hinterm Pfluge! – Doch auch dessen, Der mit Schädel und mit Hirn Hungernd pflügt, sei nicht vergessen. Zürich , Februar 1846. Irland An rost'ger Kette liegt das Boot; Das Segel träumt, das Ruder lungert. Das macht, der Fischerbub' ist tot; Das macht, der Fischer ist verhungert! Denn Irlands Fisch ist Herrenfisch; Der Strandherr praßt vom reichen Fange, Leer aber bleibt des Fängers Tisch – So starb der Fischer, so sein Range. Die Herde blökt, die Herde brüllt; Welch ein Gedräng' von Küh'n und Schafen! Der Hirt, von Lumpen schlecht verhüllt, Treibt sie ans Meer zum nächsten Hafen. Denn Irlands Vieh ist Herrenvieh: Das gerne Paddys Knochen stärkte Und seiner Kinder brechen Knie – Der Grundherr schickt's auf fremde Märkte. Drum ist sein Viehstall ihm ein Born Der Üppigkeit und des Genusses, Und jeglich Kuh- und Bullenhorn Wird ihm ein Horn des Überflusses. Er läßt zu London und Paris Den Spieltisch unterm Gold sich biegen; – Sein Volk, das er zu Hause ließ, Fällt unterdes wie Winterfliegen. Hallo, Hallo! Grün-Erins Jagd! Paddy, lang' zu! das nenn' ich Ziemer! Umsonst auch das wird fortgebracht, Meerüber mit dem ersten Steamer! Denn Irlands Wild ist Herrenwild: Es füllt des Grundherrn Bauch und Taschen – Der bleiche Knecht, des Elends Bild, Hilf Gott! ist selbst zu matt zum Paschen! So sorgt der Herr, daß Hirsch und Ochs, Das heißt: daß ihn sein Bauer mäste; Statt auszutrocknen seine Bogs – Ihr kennt sie ja: Irlands Moräste! Er läßt den Boden nutzlos ruhn, Drauf Halm an Halm sich wiegen könnte; Er läßt ihn schnöd' dem Wasserhuhn, Dem Kiebitz und der wilden Ente! Ja doch, bei Gottes Fluche: – Sumpf Und Wildnis vier Millionen Äcker! Ihr aber seid blasiert und stumpf, Faul und verfault – euch weckt kein Wecker! O, irisch Land ist Herrenland: Drum stehn die Mütter an den Wegen, Den toten Säugling im Gewand, Und flehn euch, ihn ins Grab zu legen. – So schallt die Klage Tag und Nacht, So grollt es Connaught durch und Leinster. Der West hat mir den Schrei gebracht – Er trug ihn schrill bis vor mein Fenster. Matt, wie ein angeschoßner Weih, Herschwebt' er über Höhn und Sunde – Der Schrei der Not, der Hungerschrei, Der Sterbeschrei aus Erins Munde! Erin – da liegt sie auf den Knien, Bleich und entstellt, mit wehndem Haare, Und streut des Shamrocks welkend Grün Zitternd auf ihrer Kinder Bahre. Sie kniet auf ihrer Berge Kronen – Mehr noch, als Harold-Byrons Rom, »Die Niobe der Nationen!« London , Februar 1847. Das Lied vom Hemde Nach Thomas Hood Mit Fingern mager und müd, Mit Augen schwer und rot, In schlechten Hadern saß ein Weib Nähend fürs liebe Brot. Stich! Stich! Stich! Aufsah sie wirr und fremde; In Hunger und Armut flehentlich Sang sie das »Lied vom Hemde«. »Schaffen! Schaffen! Schaffen! Sobald der Haushahn wach! Und Schaffen – Schaffen – Schaffen, Bis die Sterne glühn durchs Dach! O, lieber Sklavin Sein Bei Türken und bei Heiden, Wo das Weib keine Seele zu retten hat, Als so bei Christen leiden! Schaffen – Schaffen – Schaffen, Bis das Hirn beginnt zu rollen! Schaffen – Schaffen – Schaffen, Bis die Augen springen wollen! Saum und Zwickel und Band, Band und Zwickel und Saum – Dann über deb Knöpfen schlaf' ich ein, Und nähe sie fort im Traum. O Männer, denen Gott Weib, Mutter, Schwestern gegeben: Nicht Linnen ist's, was ihr verschleißt – Nein, warmes Menschenleben! Stich! Stich! Stich! Das ist der Armut Fluch: Mit doppeltem Faden näh' ich Hemd, Ja, Hemd und Leichentuch! Doch was red' ich nur vom Tod, Dem Knochenmanne! – Ha! Kaum fürcht' ich seine Schreckgestalt, Sie gleicht meiner eignen ja! Sie gleicht mir, weil ich faste, Weil ich lange nicht geruht. O Gott, daß Brot so teuer ist, Und so wohlfeil Fleisch und Blut! Schaffen – Schaffen – Schaffen! Und der Lohn? Ein Wasserhumpen, Eine Kruste Brot, ein Bett von Stroh, Dort das morsche Dach – und Lumpen! Ein alter Tisch, ein zerbrochner Stuhl, Sonst nichts auf Gottes Welt! Eine Wand so bar – 's ist ein Trost sogar, Wenn mein Schatten nur drauf fält! Schaffen – Schaffen – Schaffen – Vom Früh- zum Nachtgeläut! Schaffen – Schaffen – Schaffen, Wie zur Straf' gefangne Leut'! Band und Zwickel und Saum, Saum und Zwickel und Band, Bis vom ewigen Bücken mir schwindig wird, Bis das Hirn mir starrt und die Hand! Schaffen – Schaffen – Schaffen, Bei Dezembernebeln fahl! Schaffen – Schaffen – Schaffen, In des Lenzes sonnigem Strahl! Wenn zwitschernd sich ans Dach Die erste Schwalbe klammert, Sich sonnt und Frühlingslieder singt, Daß das Herz mir zuckt und jammert. O, draußen nur zu sein, Wi Viol' und Primel sprießen – Den Himmel über mir, Und das Gras zu meinen Füßen! Zu fühlen wie vordem, Ach, eine Stunde nur, Eh' noch es hieß: Ein Mittagsmahl Für ein Wandern auf der Flut! Ach ja, nur eine Frist, Wie kurz auch – nicht zur Freude! Nein, auszuweinen mich einmal So recht in meinem Leide! Doch zurück, ihr meine Tränen! Zurück tief ins Gehirn! Ühr kämt mir schön! netztet beim Nähn Mir Nadel nur und Zwirn!« Mit Fingern mager und müd, Mit Augen schwer und rot, In schlechten Hadern saß ein Weib, Nähend fürs liebe Brot. Stich! Stich! Stich! Aufsah sie wirr und fremde; In Hunger und Armut flehentlich – O, schwäng' es laut zu den Reichen sich! – Sang sie dies »Lied vom Hemde«. London , Sommer 1847. Die Seufzerbrücke Nach Thomas Hood »Ertrunken, ertrunken!« Hamlet Wieder, zu atmen müd, Müd ihrer Not, Eine, die flüchtend schied Jach in den Tod! Hebt sie vom Uferkies, Aufhebt sie leis! O, welch ein zart und süß Abgeknickt Reis! Sehet, wie straff ihr Zeug! Sehet, wie wachstuchgleich! Kalt rinnt das Wasser ihr Ab vom Gewande; Hebt sie mir, tragt sie mir Liebend vom Strande! Nimmer mit Hohn und Groll – Trauernd, erbarmungsvoll Anrührt ihr Leibliches! Nicht ihrer Flecken denkt: – Was ihr von ihr versenkt, Ist nun rein Weibliches! Fragt nicht: Aus was für Saat Aufging die rasche Tat, Keimt' ihr Empören? Abwusch die Schmach von ihr, Nichts ließ der Tod an ihr, – Nichts als der Schönheit Zier Und Leichenehren! Keiner verdamme sie! Hört sie zur Sippe doch Evas! – O, wisch ihr die klamme, die Arme sickernde Lippe doch! Lüpft ihre Locken! Streicht sie ihr trocken, Preßt sie ihr aus! Ihre Locken, die braunen! – Die Leut' indes staunen: Wo stand ihr Haus? Wer war ihr Vater? Wer ihre Mutter? Hatt' eine Schwester sie? Warnte kein Bruder sie Treu vor dem Falle? Lebt' ihr kein Lieb'rer noch, Lebt' ihr kein Näh'rer noch, Ach, als sie alle? Himmel, der Seltenheit Christlicher Mildigkeit! – 's war zum Entsetzen; In einer Stadt, wie die, Herbstatt nicht hatte sie, Dran sich zu setzen! Schwesterlich, brüderlich, Väterlich, mütterlich Fühlen versehrt! Was wie auf Fels ihr stand, Liebe schwand, Treue schwand! Selbst Gottes Vaterhand Schien abgekehrt! Wo der Lampen Helle Zurückstrahlt die Welle Wo ihr Schimmer lacht Aus Saal und Gemache Vom Keller zum Dache, Stand sie, die Schwache, Hauslos bei Nacht! Wind und Regenguß Machten sie beben; Nicht der schwarze Fluß, Nicht die finstern Streben! Abgehetzt, wundgehetzt, Kam sie zu sterben jetzt: »Fort mich geschnellt – Üb'rall hin, üb'rall hin, Nur aus der Welt!« Hinabsprang sie bald auch, Wie finster, wie kalt auch Die Themse rann. Übers Geländer hier – Mal' es dir, denk' es dir, Schwelgender Mann! Wasche sich, trink' aus ihr Fürder, wer kann! Hebt sie vom Uferkies, Aufhebt sie leis! O, welch ein zart und süß Abgeknickt Reis! Eh' noch zu steif und hart Jegliches Glied ihr starrt, Sittsam und linde Streckt sie zur letzten Ruh'! Drückt ihr die Augen zu, Starrend so blinde; Starrend durchs Regnen Der Lockenträuflung, Wie dem Dort zu begegnen Mit dem letzten verwegnen Blick der Verzweiflung. Also verachtet, Wahnsinnumnachtet, Hat die Entehrte, Reueverzehrte Sterben gemußt! – Als ob sie flehte Still im Gebete, Kreuzt ihr die Hände Über der Brust! Kreuzt sie – nicht hehlend Das Irren der Armen, Und sanft es befehlend Ihres Heilands Erbarmen! London , Sommer 1847. Im Hochland fiel der erste Schuß Im Hochland fiel der erste Schuß – Im Hochland wider die Pfaffen! Da kam, die fallen wird und muß, Ja, die Lawine kam in Schuß – Drei Länder in den Waffen! Schon kann die Schweiz vom Siegen ruhn: Das Urgebirg' und die Nagelfluhn Zittern vor Lust bis zum Kerne! Drauf ging der Tanz in Welschland los – Die Szyllen und Charybden, Vesuv und Ätna brachen los: Ausbruch auf Ausbruch, Stoß auf Stoß! – »Sehr bedenklich, Euer Liebden!« Also schallt's von Berlin nach Wien, Und von Wien zurück wieder nach Berlin – Sogar den Nickel graut es! Und nun ist denn auch abermals Das Pflaster aufgerissen, Auf dem die Freiheit, nackten Stahls, Aus der lumpigen Pracht des Königsaals Zwei Könige schon geschmissen; Einen von ihnen gar geköpft – Und drauf du lang genug geschröpft Dein Volk, o Julikönig! Anrückt die Linie: Schuß auf Schuß! Und immer frisch geladen! Doch dies ist ein Volk wie aus Eisenguß, Stülpen Karren um und Omnibus – Das sind Barrikaden! Stolze, opferfrohe Reihn, Singen sie, in der Hand den Stein: » Mourir pour la patrie !« Die Kugel pfeift, der Kiesel fliegt, In Lüften wallt die Fahne! Ein General am Boden liegt – Ça ira, ça ira, die Bluse siegt, O Vorstadt St. Antoine! Massen auf Massen! Keiner wankt – Schon hat der Guizot abgedankt, Bleich, zitternd mit den Lippen. » Vive la Réforme ! Le Système à bas !« O treffliche Gesellen! Der Birne Schütteltag ist da! Die halbe Linie, ça ira ! Und Amiens sind Rebellen! Keine neue Kriegsmacht naht: Das Volk zerstörte Schien' und Draht – Bahnzug und Telegraphen! Was weiter wird: – noch harren wir! Doch wird's die Freiheit werden! Die Freiheit dort, die Freiheit hier, Die Freiheit jetzt und für und für, Die Freiheit rings auf Erden! Im Hochland fiel der erste Schuß, Und die da niederdonnern muß, Die Lawine kam ins Rollen! Sie rollt – sie springt – o Lombardei, Bald fühlst auch du ihr Wälzen! Ungarn und Polen macht sie frei, Durch Deutschland dröhnen wird ihr Schrei, Und kein Bannstrahl kann sie schmelzen! Einzig in der Freiheit Wehn Mild und leis wird sie zergehn, Des alten Zorns Lawine! Ja, fest am Zorne halten wir, Fest bis zu jener Frühe! Die Träne springt ins Auge mir, In meinem Herzen singt's: » Mourir, Mourir pour la patrie !« Glück auf das ist ein glorreich Jahr, Das ist ein stolzer Februar – » Allons enfants!« – »Mourir, mourir, Mourir pour la patrie! « London , 25. Februar 1848. Die Republik Die Republik, die Republik! Herr Gott, das war ein Schlagen! Das war ein Sieg aus einem Stück! Das war ein Wurf! die Republik! Und alles in drei Tagen! Die Republik, die Republik! Vive la République ! Die Republik, die Republik! Ankeuchten die Berichte: Ein Atmezug, ein Wink, ein Blick, Ein Handumdrehn – die Republik! So dichtet die Geschichte! Die Republik, die Republik! Vive la République ! Die Republik, die Republik! Nun ist der Wall erstiegen! Nun ist gerannt die Mauerlück' – Die Republik, die Republik! – Und unsre Farben fliegen! Die Republik, die Republik! Vive la République ! Die Republik, die Republik! Noch stehn wir müßig unten! Vom Wall doch ruft's: Bleibt nicht zurück! Nach durch den Riß – die Republik! – Beim Aufblitz unsrer Lunten! Die Republik, die Republik! Vive la République ! Die Republik, die Republik! Ja doch, ihr Vorhutstreiter – Wir folgen euch! die Republik! Schon dröhnt von unserm Fuß die Brück', Schon fassen wir die Leiter! Die Republik, die Republik! Vive la République ! Die Republik, die Republik! Wer redet von Entzweien? Was Völkerhaß! Die Republik! Als Freie, jochlos das Genick, So treten wir zu Freien! Die Republik, die Republik! Vive la République ! Von heute an – die Republik! – Zwei Lager nur auf Erden: Die Freien nur auf Erden: Die Freien mit dem kühnen Blick, Die Sklaven, um den Hals den Strick! Sei's! mag's entschieden werden! Die Republik, die Republik! Vive la République ! Sonst aber – hoch die Republik! – Kein Kriegen mehr und Spalten! Nur fester Bund zu Lieb' und Glück! Nur Bruderschaft – die Republik! Und menschlich schön Entfalten! Die Republik, die Republik! Vive la République ! Die Republik, die Republik! Wohlan denn, Rhein und Elbe! Donau, wohlan – die Republik! Die Stirnen hoch, hoch das Genick! Eur Feldgeschrei dasselbe: Die Republik, die Republik! Vive la République ! London , 26. Februar 1848. Schwarz-Rot-Gold In Kümmernis und Dunkelheit, Da mußten wir sie bergen! Nun haben wir sie doch befreit, Befreit aus ihren Särgen! Ha, wie das blitzt und rauscht und rollt! Hurra, du Schwarz, du Rot, du Gold! Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme! Das ist das alte Reichspanier, Das sind die alten Farben! Darunter haun und holen wir Uns bald wohl junge Narben! Denn erst der Anfang ist gemacht, Noch steht bevor die letzte Schlacht! Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme! Ja, die das Banner ihr gestickt, Ihr Jungfern unverdrossen, Derweil am Feuer wir gebückt Uns Flintenkugeln gossen: Nicht, wo man singt nur oder tanzt, Geschwungen sei's und aufgepflanzt! – Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme! Denn das ist noch die Freiheit nicht, Die Deutschland muß begnaden, Wenn eine Stadt in Waffen spricht Und hinter Barrikaden: »Kurfürst, verleih! Sonst – hüte dich! – Sonst werden wir – – großherzoglich!« Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme! Das ist noch lang die Freiheit nciht, Die ungeteilte, ganze, Wenn man ein Zeughaustor erbricht, Und Schwert sich nimmt und Lanze; Sodann ein weniges sie schwingt, Und – folgsamlich zurück sie bringt! Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme! Das ist noch lang die Freiheit nicht, Wenn ihr an Brockhaus' Glase Ausübt ein klirrend Strafgericht Ob einer Dresdner Nase! Was liegt euch an dem Sosius? Drauf: – in die Hofburg Stein und Schuß! Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme! Das ist noch lang die Freiheit nicht, Wenn man, statt Patronen, Mit keiner andern Waffe ficht, Als mit Petitionen! Du lieber Gott: – Petitioniert! Parlamentiert, illuminiert! Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme! Das ist noch lang die Freiheit nicht, Sein Recht als Gnade nehmen Von Buben, die zu Recht und Pflicht Aus Furcht nur sich bequemen! Auch nicht: daß, die ihr gründlich haßt, Ihr dennoch auf den Thronen laßt! Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme! Die Freiheit ist die Nation, Ist aller gleich Gebieten! Die Freiheit ist die Auktion Von dreißig Fürstenhüten! Die Freiheit ist die Republik! Und abermals: die Republik! Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme! Die eine deutsche Republik, Die mußt du noch erfliegen! Mußt jeden Strick und Galgenstrick Dreifarbig noch besiegen! Das ist der große letzte Strauß – Flieg aus, du deutsch Panier, flieg aus! Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme! Zum Kampfe denn, zum Kampfe jetzt! Der Kampf nur gibt dir Weihe! Und kehrst du rauchig und zerfetzt, So stickt man dich aufs neue! Nicht wahr, ihr deutschen Jungfräulein? Hurra, das wird ein Sticken sein! Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme! Und der das Lied für euch erfand In einer dieser Nächte, Der wollte, daß ein Musikant Es bald in Noten brächte! Heißt das: ein rechter Musikant! Dann kläng' es hell durchs deutsche Land: Pulver ist schwarz, Blut ist rot, Golden flackert die Flamme! London, 17. März 1848. Berlin Lied der »Amnestierten« im Auslande Zum Völkerfest, auf das wir ziehn, Zu dem die Freiheit ladet, Wie wandelst herrlich du, Berlin! Berlin, in Blut gebadet! Du wandelst rußig und bestaubt Einher in deinen Wunden! Du wandelst hin, das bleiche Haupt Mit Bannertuch verbunden! Mit Tuch, von dem du jene Nacht Geheiligt jeden Faden! O, erste deutsche Fahnenwacht Auf deutschen Barrikaden! Du rissest es aus langer Schmach Empor zu neuer Schöne! In einer Nacht, auf einen Schlag Rein wuschen's deine Söhne! So helfe dir nun Gott, Tyrann! Erstochen und erschossen! Und abwärts durch die Straßen rann Ihr Blut in allen Gossen! Arbeiterblut, Studentenblut – Wir knirschen mit den Zähnen, Und in die Augen treibt die Wut Uns seltne Männertränen! Sie fochten dreizehn Stunden lang, Die Erde hat gezittert! Sie fochten ohne Sang und Klang, Sie fochten stumm erbittert! Da war kein Lied wie Ça ira ! – Nur Schrei und Ruf und Röcheln! Sie standen ernst und schweigend da, Im Blut bis zu den Knöcheln! So schlaft denn wohl im kühlen Grund, Schlaft ewig unvergessen! Wir können euch den bleichen Mund, Die starre Hand nicht pressen! Wir können euch zu Ehr' und Zier Mit Blumen nicht bewerfen – Doch können wir und wollen wir Die Schwerter für euch schärfen! Denn einen Kampf, der so begann, Soll kein Ermatten schänden! Ihr strittet vor, ihr finget an: So laßt denn uns vollenden! Wir sind bereit, wir sind geschwind, Wir treten in die Lücken! Mit allen, die noch übrig sind, Die Klinge woll'n wir zücken! Denn heißen soll es nimmermehr: Für nichts sind sie gestorben! Für nichts, als was sie tags vorher Ertrotzt schon und erworben! Denn keiner sage je und je: Sie waren brav im Schießen! Doch fehlt' auch ihnen die Idee, Da sie sich metzeln ließen! Drumm sollen eure Leichen nicht Den Strom der Freiheit stauen; Den Strom, der seine Fesseln bricht In diesem Märzestauen! Drum sollen sie die Stufen sein, Die Stufen grün von Zweigen, Auf denen wir zum Dach hinein Der freien Zukunft steigen! Was Manifest noch, was Bescheid! Was Bitten noch und Geben! Was Amnestie und Preßfreiheit – Tod gilt es oder Leben! Wir rücken an in kalter Ruh', Wir beißen die Patrone, Wir sagen kurz: Wir oder du! Volk heißt es oder Krone! Daß Deutschland stark und einig sei, Das ist auch unser Dürsten! Doch einig wird es nur, wenn frei, Und frei nur ohne Fürsten! O Volk, ein einz'ger Tag verstrich – Und schon von Vivats heiser? Erst gestern ließ Er schlachten dich – – Und heute deutscher Kaiser?! Schmach! mit dem Blute wild verspritzt Bei jenem freud'gen Sterben, Mit dem jetzt möcht' Er sich verschmitzt Den Kaiserpurpur färben! Allein, daß das unmöglich sei, Dafür noch stehn wir Wache, Dafür bleibt unser Feldgeschrei: Hie Republik und Rache! Wir treten in die Reiseschuh', Wir brechen auf schon heute! Nun, heil'ge Freiheit, tröste du Die Mütter und die Bräute! Nun tröste Weib, nun tröste Kind, Die Witwen und die Waisen – Wie derer, die gefallen sind, So unsre, will's das Eisen! London , 25. März 1848. Ein Lied vom Tode Auf den Hügeln steht er im Morgenrot, Das gezückte Schwert in der sehn'gen Hand. »Wer ich bin? Ich bin der Befreiertod! Bin der Tod für die Menschheit, das Vaterland! Nicht der Leisetreter am Krankenpfühl, Der den Greis und das Kind auf die Bahre legt – Nein, der eiserne Stürmer im Kampfgewühl, Der den Mann und den trotzigen Jüngling erschlägt! Unterm blauen lustigen Himmelszelt, Da durchflieg' ich, da licht' ich die jauchzenden Reihn; Da werf' ich sie hin auf das Ackerfeld, Auf die Blumenflur, auf den Pflasterstein! O, wie stirbt es sich schön in der Kraft, im Zorn: Sie liegen, emporgewandt den Blick; Sie liegen, die Todeswunde vorn Und das bleiche, blutige Haupt im Genick! So lagen die Tapfern an Wien und Spree; So lagen die Turner am Eiderfluß; So lagen auf jener Schwarzwaldhöh' Die Freistaatmänner, gefällt vom Schuß. So liegen und lagen sie hundertweis, Die der März gefordert und der April; So findet sie liegen die Rose des Mais, Daß ihr Grab sie bekränze freundlich und still! Die Rose des Mais! – Ja, was bringt der Mai? Ich will es euch sagen: Hieb und Stich! Ich will es euch sagen: Trompetenschrei, Knatternde Salven und abermals mich! Denn ihr sollt euch gründlich und ganz befrein, Und das leuchtende Gold, daß die Fahn' euch schmückt, Sei die Treffe nicht bloß, die des Lakain, Die des Kammerdieners Livree bestickt! Ja, ihr habt, was ihr tatet, nur halb getan! – Wer ist, der die Kugel hemmen darf? Sie roll' und sie donnre auf ihrer Bahn, Bis sie viermal alle Neune warf! Euch heißt 'Rebell' der entschiedne Mann, Der die volle Freiheit zu fordern wagt? – Ei, wie man so bald vergessen kann, Daß von Aufruhrs Gnaden zu Frankfurt man tagt! 'Demokratische Basis', die 'breiteste' gar! 'Parlament' und 'Verfassung', 'Kaiser und Reich'! Von dem allen ist nur das eine klar: Einer 'Basis' bedürft ihr – ja wohl, für euch ! Eines Stuhles, auf dem ihr behaglich sitzt; Eines 'breitesten', drauf ihr breit euch macht! Ihr wollt nur ein Jahr, das wie Dreißig blitzt – Ihr wollt kein Gewitter von Vierzig und acht! Doch wir schreiben jetzt Achtundvierzig, ihr Herrn! Und das Wetter ist da, und ihr haltet's nicht auf! Und wie ihr euch stellen mögt und sperrn: Es nivelliert bis zu euch herauf ! Wolken auf Wolken und Strahl auf Strahl, Und der Donner kracht, und das Echo gellt: Der Odem Gottes wieder einmal Reinigt die faul gewordene Welt! Und der sendet auch mich! Ja, ich kam mit dem März, Schreite streng und ernst von Gefild zu Gefild, Reiße die Besten, die Kühnsten ans Herz, Lasse sie fallen feurig und wild! Und so werd' ich schreiten und töten zumal, Bis die Sonne folgt auf das Morgenrot! O, du Weihelenz in Lust und in Qual – Vorwärts! ich bin der Befreiertod!« London , 30. April 1848. Trotz alledem! Variiert Das war 'ne heiße Märzenzeit, Trotz Regen, Schnee und alledem! Nun aber, da es Blüten schneit, Nun ist es kalt, trotz alledem! Trotz alledem und alledem – Trotz Wien, Berlin und alledem – Ein schnöder scharfer Winterwind Durchfröstelt uns trotz alledem! Das ist der Wind der Reaktion Mit Meltau, Reif und alledem! Das ist die Bourgeoisie am Thron – Der annoch steht, trotz alledem! Trotz alledem und alledem – Trotz Blutschuld, Trug und alledem – Er steht noch, und er hudelt uns Wie früher fast, trotz alledem! Die Waffen, die der Sieg uns gab, Der Sieg des Rechts trotz alledem, Die nimmt man sacht uns wieder ab, Samt Kraut und Lot und alledem, Trotz alledem und alledem, Trotz Parlament und alledem – Wir werden unsre Büchsen los, Soldatenwild trotz alledem! Doch sind wir frisch und wohlgemut Und zagen nicht trotz alledem! In tiefer Brust des Zornes Glut, Die hält uns warm trotz alledem! Trotz alledem und alledem, Es gilt uns gleich trotz alledem! Wir schütteln uns: Ein garst'ger Wind, Doch weiter nichts trotz alledem! Denn ob der Reichstag sich blamiert Professorhaft, trotz alledem! Und ob der Teufel regiert Mit Huf und Horn und alledem – Trotz alledem und alledem, Trotz Dummheit, List und alledem, Wir wissen doch: die Menschlichkeit Behält den Sieg trotz alledem! So füllt denn nur der Mörser Schlund Mit Eisen, Blei und alledem: Wir halten aus auf unserm Grund, Wir wanken nicht trotz alledem! Trotz alledem und alledem! Und macht ihr's gar, trotz alledem, Wie zu Neapel jener Schuft: Das hilft erst recht, trotz alledem! Nur, was zerfällt, vertretet ihr! Seid Kasten nur, trotz alledem! Wir sind das Volk, die Menschheit wir, Sind ewig drum, trotz alledem! Trotz alledem und alledem: So kommt denn an, trotz alledem! Ihr hemmt uns, doch ihr zwingt uns nicht – Unser die Welt trotz alledem! Düsseldorf , Anfang Juni 1848. Die Toten an die Lebenden Die Kugel mitten in der Brust, die Stirne breit gespalten, So habt ihr uns auf blut'gem Brett hoch in die Luft gehalten! Hoch in die Luft mit wildem Schrei, daß unsre Schmerzgebärde Dem, der zu töten uns befahl, ein Fluch auf ewig werde! Daß er sie sehe, Tag und Nacht, im Wachen und im Traume – Im Öffnen seines Bibelbuchs wie im Champagnerschaume! Daß wie ein Brandmal sie sich tief in seine Seele brenne: Daß nirgendwo und nimmermehr er vor ihr fliehen könne! Daß jeder qualverzogne Mund, daß jede rote Wunde Ihn schrecke noch, ihn ängste noch in seiner letzten Stunde! Daß jedes Schluchzen um us her dem Sterbenden noch schalle, Daß jede tote Faust sich noch nach seinem Haupte balle – Mög' er das Haupt nun auf ein Bett, wie andre Leute pflegen, Mög' er es auf ein Blutgerüst zum letzten Atmen legen! So war's! Die Kugel in der Brust, die Stirne breit gespalten, So habt ihr uns auf schwankem Brett auf zum Altan gehalten! »Herunter!« – und er kam gewankt – gewankt an unser Bette; »Hut ab!« – er zog – er neigte sich! (so sank zur Marionette, Der erst ein Komödiante war!) – bleich stand er und beklommen! Das Heer indes verließ die Stadt, die sterbend wir genommen! Dann »Jesus meine Zuversicht!« wie ihr's im Buch könnt lesen: Ein »Eisen meine Zuversicht!« wär' paßlicher gewesen! Das war den Morgen auf die Nacht, in der man uns erschlagen; So habt ihr triumphierend und in unsre Gruft getragen! Und wir – wohl war der Schädel uns zerschossen und zerhauen, Doch lag des Sieges froher Stolz auf unsern grimmen Brauen. Wir dachten: Hoch zwar ist der Preis, doch echt auch ist die Ware! Und legten uns in Frieden drum zurecht auf unsrer Bahre. Weh euch, wir haben uns getäuscht! Vier Monden erst vergangen, Und alles feig durch euch verscherzt, was trotzig wir errangen! Was unser Tod euch zugewandt, verlottert und verloren – O, alles, alles hörten wir mit leisen Geisterohren! Wie Wellen braust' an uns heran, was sich begab im Lande: Der Aberwitz des Dänenkriegs, die letzte Polenschande; Das rüde Toben der Vendee in stockigen Provinzen; Der Soldateska Wiederkehr, die Wiederkehr des Prinzen; Die Schmach zu Mainz, die Schmach zu Trier; das Hänseln, das Entwaffnen Allüberall der Bürgerwehr, der eben erst geschaffnen; Die Tücke, die den Zeughaussturm zu einem Diebszug machte, Die selber uns, die selbst das Grab noch zu begeifern dachte; Soweit es Barrikaden gab, der Druck auf Schrift und Rede; Mit der Versammlung freiem recht die täglich frechre Fehde; Der Kerkertore dumpf Geknarr im Norden und im Süden; Für jeden, der zum Volke steht, das alte Kettenschmieden; Der Bund mit dem Kosakentum; das Brechen jedes Stabes, Ach, über euch, die wert ihr seid des lorbeerreichsten Grabes: Ihr von des Zukunftsdranges Sturm am weitesten Getragnen! ihr – Junikämpfer von Paris! Ihr siegenden Geschagnen! Dann der Verrat, hier und am Main im Taglohn unterhalten – O Volk, und immer Friede nur in deines Schurzfells Falten? Sag' an, birgt es nicht auch den Krieg? den Krieg herausgeschüttelt! Den zweiten Krieg, den letzten Krieg mit allem, was dich büttelt! Laß deinen Ruf: »Die Republik!« die Glocken überdröhnen, Die diesem allerneusten Johannesschwindel tönen! Umsonst! es täte not, daß ihr uns aus der Erde grübet, Und wiederum auf blut'gem Brett hoch in die Luft erhübet! Nicht, jenem abgetanen Mann, wie damals, uns zeigen – Nein, zu den Zelten auf den Markt, ins Land mit uns zu steigen! Hinaus ins Land, so weit es reicht! Und dann die Insurgenten Auf ihren Bahren hingestellt in beiden Parlamenten! O ernste Schau! Da lägen wir, im Haupthaar Erd' und Gräser, Das Antlitz fleckig, halbverwest – die rechten Reichsverweser! Da lägen wir uns sagten aus: Eh' wir verfaulen konnten, Ist eure Freiheit schon verfault, ihr trefflichen Archonten! Schon viel das Korn, das keimend stand, als wie im Märze starben: Der Freiheit Märzsaat ward gemäht noch vor den andern Garben! Ein Mohn im Felde hier und dort entging der Sense Hieben – O, wär' der Grimm, de rote Grimm, im Lande so geblieben! Und doch, er blieb! Es ist ein Trost im Schelten uns gekommen: Zu viel schon hattet ihr erreicht, zu viel ward euch genommen! Zu viel des Hohns, zu viel der Schmach wird täglich euch geboten: Euch muß der Grimm geblieben sein – o, glaubt es uns, den Toten! Er blieb euch! ja, und er erwacht! er wird und muß erwachen! Die halbe Revolution zur ganzen wird er machen! Er wartet nur des Augenblicks: dann springt er auf allmächtig, Gehobnen Armes, wehnden Haars dasteht er wild und prächtig! Die rost'ge Büchse legt er an, mit Fensterblei geladen: Die rote Fahne läßt er wehn hoch auf den Barrikaden! Sie fliegt voran der Bürgerwehr, sie fliegt voran dem Heere – Die Throne gehn in Flammen auf, die Fürsten fliehn zum Meere! Die Adler fliehn; die Löwen fliehn; die Klauen und die Zähne! – Und seine Zukunft bildet selbst das Volk, das souveräne! Indessen, bis die Stunde schlägt, hat dieses unser Grollen Euch, die ihr vieles schon versäumt, das Herz ergreifen wollen! O, steht gerüstet! Seid bereit! O, schaffet, daß die Erde, Darin wir liegen strack und starr, ganz eine freie werde! Daß fürder der Gedanke nicht uns stören kann im Schlafen: Sie waren frei: doch wieder jetzt – und ewig! – sind sie Sklaven! Düsseldorf , Juli 1848. Wien Wenn wir noch knien könnten, wir lägen auf den Knien; Wenn wir noch beten könnten, wir beteten für Wien! Doch lange schon verlernten wir Kniefall und Gebet – Der mann ist uns die liebste, die Schwert und Lanze schwingt! Der Mund ist uns der frommste, der Schlachtgesänge singt! Wozu noch bittend winseln? Ihr Männer, ins Gewehr – Heut ballt man nur die Hände, man faltet sie nicht mehr! Es ist das Händefalten ein abgenutzt Geschäft – Die Linke an die Scheide, die rechte Hand ans Heft! Die Linke an die Gurgel dem Sklaven und dem Schuft, Die Rechte mit der Klinge ausholend in der Luft! Ein riesig Schilderheben, ein Ringen wild und kühn – Das ist zur Weltgeschichte das rechte Flehn für Wien! Ja, Deutschland, ein Erheben! ja, Deutschland, eine Tat! Nicht, wo im roten Dolman einhersprengt der Kroat, Nicht, wo vom Huf der Rosse das Donauufer bebt, Nicht, wo aus Sklavenmörsern die Brandraketen sprühn – Nicht dorthin, ernster Norden, gewaffnet sollst du ziehn! Nicht dorthin sollst du pilgern zur Hilfe, zum Entsatz – Allwärts, um Wien zu retten, stehst du an deinm Platz! Räum' auf im eignen Hause! Räum' auf und halte Stich – Den Jellachich zu jagen, wirf deinen Jellachich! Ein dreister Schlag im Norden ist auch im Süd ein Schlag; Mach' fallen unser Olmütz, und Olmütz rasset nach! Der Herbst ist angebrochen, der kalte Winter naht – O Deutschland, ein Erheben! O Deutschland, eine Tat! Die Eisenbahnen pfeifen, es zuckt der Telegraph – Du aber bleibst gelassen, du aber bleibst im Schlaf! Beim Todeskampf der Riesin dastehst du wie von Stein – Alles, wozu du dich ermannst, ein kläglich Bravoschrein! Köln , 3. November 1848. Blum Vor zweiundvierzig Jahren war's, da hat mit Macht geschrien Ein siebentägig Kölner Kind auf seiner Mutter Knien; Ein Kind mit breiter, offner Stirn, ein Kind von heller Lunge, Ein prächtig Proletarierkind, ein derber Küferjunge. Er schrie, daß in der Werkstatt rings des Vaters Tonnen hallten; Die Mutter hat mit Lächeln ihn an ihre Brust gehalten; An ihrer Brust, auf ihrem Arm hat sie ihn eingesungen: – Es ist zu Köln das Wiegenlied des Knaben hell erklungen. Und heut in diesem selben Köln zum Wehn des Winterwindes Und zu der Orgel Brausen schallt das Grablied dieses Kindes. Nicht singt die Überlebende, die Mutter es dem Sohne: Das ganze schmerzbewegte Köln singt es mit festem Tone. Es spricht: Du, deren Schoß ihn trug, bleib still auf deiner Kammer! Vor deinem Gott, du graues Haupt, ausströme deinen Jammer! Auch ich bin seine Mutter, Weib! Ich und noch eine Hohe – Ich und die Revolution, die grimme, lichterlohe! Bleib du daheim mit deinem Schmerz! Wir wahren seine Ehre – Des Robert Requiem singt Köln, das revolutionäre! So redet Köln! Und Orgelsturm entquillt dem Kirchenchore, Es stehn die Säulen des Altars umhüllt mit Trauerflore, Die Kerzen werfen matten Schein, die Weihrauchwolken ziehen, Und tausend Augen werden naß bei Neukomms Melodien. So ehrt die treue Vaterstadt des Tonnenbinders Knaben – Ihn, den die Schergen der Gewalt zu Wien gemordert haben, Ihn, der sich seinen Lebensweg, den steilen und den rauhen, Auf bis zu Frankfurts Parlament mit starker Hand gehauen! (Dort auch, was er allstündlich war, ein Wackrer, kein Verräter!) – Was greift ihr zu den Schwertern nicht, ihr Singer und ihr Beter? Was werdet ihr Posaunen nicht, ihr ehrnen Orgeltuben, Den Jüngsten Tag ins Ohr zu schrein den Henkern und den Buben? Den Henkern, die ihn hingestreckt auf der Brigittenaue – Auf festen Knien lag er da im ersten Morgentaue! Dann sank er hin – hin in sein Blut – lautlos! – heut vor acht Tagen! Zwei Kugeln haben ihm die Brust, eine das Haupt zerschlagen! Ja, ruhig hat man ihn gemacht: – er liegt in seiner Truhe! So schall' ihm denn ein Requiem, ein Lied der ew'gen Ruhe! Ruh' ihm, der uns die Unruh' hat als Erbteil hinterlassen: – Mir, als heut im Tempel stand in den bewegten Massen, Mir war's, als hört' ich durch den Sturm der Töne ein Geraune: Du, rechte mit der Stunde nicht! die Orgel wird Posaune! Es werden , die du singen siehst, das Schwert in Händen tragen – Denn nichts als Kampf und wieder Kampf entringt sich diesen Tagen! Ein Requiem ist Rache nicht, ein Requiem nicht Sühne – Bald aber steht die Rächerin auf schwarzbehangner Bühne! Die dunkelrote Rächerin! Mit Blut bespritzt und Zähren, Wird sie und soll und muß sie sich in Permanenz erklären! Dann wird ein ander Requiem den toten Opfern klingen – Du rufst sie nicht, die Rächerin, doch wird die Zeit sie bringen! Der andern Greuel rufen sie! So wird es sich vollenden – Weh allen, denen schuldlos Blut klebt an den Henkerhänden! Vor zweiundvierzig Jahren war's, da hat mit Macht geschrien Ein siebentägig Kölner Kind auf seiner Mutter Knien! Acht Tage sind's, da lag zu Wien in blut'ger Mann im Sande – Heute scholl ihm Neukomms Requiem zu Köln am Rheinesstrande. Köln , 16. November 1848. Zweites Heft Die Revolution 1851. Und ob ihr sie, ein edel Wild, mit euren Henkersknechten fingt; Und ob ihr unterm Festungswall standrechten die Gefangne gingt; Und ob sie längst der Hügel deckt, auf dessen Grün ums Morgenrot Die junge Bäurin Kränze legt – doch sag' ich euch: Sie ist nicht tot! Und ob ihr von der hohen Stirn das wehnde Lockenhaar ihr schort; Und ob ihr zu Genossen ihr den Mörder und den Dieb erkort; Und ob sie Zuchthauskleider trägt, im Schoß den Napf voll Erbsenbrei; Und ob sie Werg und Wolle spinnt – doch sag' ich kühn euch: Sie ist frei! Und ob ihr ins Exil sie jagt, von Lande sie zu Lande hetzt; Und ob sie fremde Herde sucht und stumm sich in die Asche setzt; Und ob sie wunde Sohlen taucht in ferner Wasserströme Lauf – Doch ihre Harfe nimmermehr an Babels Weiden hängt sie auf! O nein – sie stellt sie vor sich hin; sie schlägt sie trotzig, euch zum Trotz! Sie spottet lachend des Exils, wie sie gespottet des Schafotts! Sie singt ein Lied, daß ihr entsetzt von euren Sesseln euch erhebt; Daß euch das Herz – das feige Herz, das falsche Herz! – im Leibe hebt! Kein Klagelied! kein Tränenlied! kein Lied um jeden der schon fiel; Noch minder gar ein Lied des Hohns auf das verworfne Zwischenspiel, Die Bettleroper, die zurzeit ihr plump noch zu agieren wißt, Wie mottig euer Hermelin, wie faul auch euer Purpur ist! O nein, was sie den Wassern singt, ist nicht der Schmerz und nicht die Schmach – Ist Siegeslied, Triumpheslied, Lied von der Zukunft großem Tag! Der Zukunft, die nicht fern mehr ist! Sie spricht mit dreistem Prophezein, So gut wie weiland euer Gott: Ich war, ich bin – ich werde sein ! Ich werde sein, und wiederum voraus den Völkern werd' ich gehn! Auf eurem Nacken, eurem Haupt, auf euren Kronen werd' ich stehn! Befreierin und Rächerin und Richterin, das Schwert entblößt, Ausrecken den gewalt'gen Arm werd' ich, daß er die Welt erlöst! Ihr seht mich in den Kerkern bloß, ihr seht mich in der Grube nur, Ihr seht mich nur als Irrende auf des Exiles dorn'ger Flur – Ihr Blöden, wohn' ich denn nicht auch, wo eure Macht ein Ende hat: Bleibt mir nicht hinter jeder Stirn, in jedem Herzen eine Statt? In jedem Haupt, das trotzig denkt? das hoch und ungebeugt sich trägt? Ist mein Asyl nicht jede Brust, die menschlich fühlt und menschlich schlägt? Nicht jede Werkstatt, drin es pocht? nicht jede Hütte, drin es ächzt – Bin ich der Menschheit odem nicht, die rastlos nach Befreiung lechzt? Drum werd' ich sein, und wiederum voraus den Völkern werd' ich gehn! Auf eurem Nacken, eurem haupt, auf euren Kronen werd' ich stehn! 's ist der Geschichte ehrnes Muß! Es ist kein Rühmen, ist kein Drohn – Der Tag wird heiß – wie wehst du kühl, o Weidenlaub von Babylon! Reveille Für die Revolutionsfeier auf dem Gürzenich zu Köln, 19. März 1849 Frisch auf zur Weise von Marseille, Frisch auf ein Lied mit hellem Ton! Sing es hinaus als die Reveille Der neuen Revolution! Der neuen Revolution! Der neuen, die mit Schwert und Lanze Die letzte Fessel bald zerbricht – Der alten, halben singt es nicht! Uns gilt die neue nur, die ganze! Die neue Rebellion! Die ganze Rebellion! Marsch, marsch! Marsch, marsch! Marsch – wär's zum Tod! Und unsre Fahn' ist rot ( bis. ) Der Sommer reift des Frühlings Saaten, Drum folgt der Juni auf den März. O Juni, komm und bring' uns Taten! Nach frischen Taten lechzt das Herz! Nach frischen Taten lechzt das Herz! Laß deine Wolken schwarz sich ballen, Bring' uns Gewitter Schlag auf Schlag! Laß in die ungesühnte Schmach Der Rache Donnerkeile fallen! Die neue Rebellion! Die ganze Rebellion! Marsch, marsch! Marsch, marsch! Marsch – wär's zum Tod! Und unsre Fahn' ist rot ( bis. ) An unsre Brust, an unsre Lippen, Der Menschheit Farbe, heil'ges Rot! Wild schlägt das Herz uns an die Rippen – Fort in den Kampf! Sieg oder Tod! Fort in den Kampf! Sieg oder Tod! Hurra, sie sucht des Feindes Degen! Hurra, die ew'ge Fahne wallt! Selbst aus der Wunden breitem Spalt Springt sie verachtend ihm entgegen! Die neue Rebellion! Die ganze Rebellion! Marsch, marsch! Marsch, marsch! Marsch – wär's zum Tod! Und unsre Fahn' ist rot ( bis. ) Abschiedswort der »Neuen Rheinischen Zeitung« 19. Mai 1849. Kein offner Hieb in offner Schlacht – Es fällen die Nücken und Tücken, Es fällt mich die schleichende Niedetracht Der schmutzigen Westkalmücken! Aus dem Dunkel flog der tötende Schaft, Aus dem Hinterhalt fielen die Streiche – Und so lieg' ich nun da in meiner Kraft, Eine stolze Rebelleinleiche! Auf der Lippe den Trotz und den zuckenden Hohn, In der Hand den blitzenden Degen, Noch im Sterben rufend: »Die Rebellion!« – So bin ich mit Ehren erlegen. O, gern wohl bestreuten mein Grab mit Salz Der Preuße zusamt der Zare – Doch es schicken die Ungarn, es schickt die Pfalz Drei Salven mir über die Bahre! Und der arme Mann im zerrißnen Gewand, Er wirft auf mein Haupt die Schollen! Er wirft sie hinab mit der fleißigen Hand, Mit der harten, der schwielenvollen. Einen Kranz bringt er aus Blumen und Main, Zu ruhn auf meinen Wunden; Den haben sein Weib und sein Töchterlein Nach der Arbeit für mich gewunden. Nun ade, nun ade, du kämpfende Welt! Nun ade, ihr ringenden Heere! Nun ade, du pulvergeschwärztes feld! Nun ade, ihr Schwerter und Speere! Nun ade – doch nicht für immer ade! Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder! Bald richt' ich mich rasselnd in die Höh', Bald kehr' ich reisiger wieder! Wenn die letzte Krone wie Glas zerbricht, In des Kampfes Wettern und Flammen, Wenn das Volk sein letztes »Schuldig!« spricht, Dann stehn wir wieder zusammen! Mit dem Wort, mit dem Schwert, an der Donau, am Rhein Eine allzeit treue Gesellin Wird dem Throne zerschmetternden Volke sein Die Geächtete, die Rebellin! Ungarn Silvester 1848. Nun flackert durch die Heide Der Lagerfeuer Brand; Nun blitzt die krumme Schneide In des Magyaren Hand; Nun läßt er seine Herde, Nun schwingt er sich zu Pferde, Nun lehnt er am Verhau; Und vor dem Eisensporn'gen Aufrauscht das Lied der zorn'gen Donau, der Heidefrau. Sie jauchzt in ihren Borden, Sie schwillt vor Stolz und Wut: »Glück auf, ihr braunen Horden, Du heißes Ungarblut! Ihr Hirten und ihr Jäger, Ihr wilden Zimbalschläger, Ihr Geiger unverzagt! Ihr, die ihr als die letzten Zur Schlacht mit dem zerfetzten Panier der Freiheit jagt! Verraten allenthalben, Verraten und schimpfiert, Habt ihr es auf die Falben Und Rappen euch salviert! Vom Roß emporgehalten, Bluteis in seinen Falten, So trägt es der Magyar; So läßt er breit es fliegen, So läßt er es mit Siegen Einweihn das neue Jahr! Seht her doch, ihr nach Westen! Ein Volk noch in der Welt, Das trotzig mit der festen Stahlhand am Aufruhr hält! Im fernen wüsten Osten, Der Freiheit Außenposten, Die schlagen jetzt die Schlacht, Die, heiß zurück sich wälzend, Jedwede Fessel schmelzend, Auch euch zu Freien macht! Hört ihr der Hörner Gellen, Hört ihr der Rosse Trab, Seht ihr die blut'gen Wellen? Das ist der Kampf bei Raab! Vorwärts, ihr zottigen Streiter!« – So klingt der Donau Schrei; So wälzt sie sich mit Grollen Hinab durch ihre Schollen Zur schläfrigen Türkei. Brot Nach Pierre Dupont Wenn am Gestad' und in den Lüften Sich keine Mühle mehr bewegt; Wenn, müßig weidend auf den Triften, Der Esel keinen Sack mehr trägt: Dann, wie ein Volk am hellen Tage Kühn tritt der Hunger in das Haus; Ein Wetter rüstet sich zum Schlage, Und durch die Luft geht ein Gebraus: Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten, Des Volkes nicht, das hungernd droht! Denn die Natur hat ihn geboten, Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not! Der Hunger kommt vom Dorf gegangen, Einzieht er durch der Städte Tor; So haltet ihm doch eure Stangen Und eure Trommelstöcke vor! Trotz Pulver und Kartätschenschauer Rasch wie ein Vogel ist sein Lauf, Und auf der allerhöchsten Mauer Pflanzt er sein schwarzes Banner auf. Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten, Des Volkes nicht, das hungernd droht! Denn die Natur hat ihn geboten, Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not! Laßt eure Söldnerhaufen kommen In gleichem Schritt, mit gleicher Wehr! Der Scheuer und der Flur genommen, Hat Waffen auch des Hungers Heer; Es reißt die Schaufel aus der Scholle, Die Sense reißt es aus dem Korn; Sogar des Mädchens Brust, die volle, Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten, Des Volkes nicht, das hungernd droht! Denn die Natur hat ihn geboten, Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not! Packt, in des Volkes mut'gen Reihen, Wer Sichel oder Flinte trägt! Laßt immer das Gerüst uns dräuen, Auf dem das Beil den Kopf abschlägt! Hat es, in finstrer Schauer Mitten, Hat es, die Luft durchzuckend scheu, Der Opfer Leben nun zerschnitten, Dann tut ihr Blut noch diesen Schrei: Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten, Des Volkes nicht, das hungernd droht! Denn die Natur hat ihn geboten, Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not! Brot tut uns not! Brot muß man haben! Wie Luft und Wasser tut es not! Wir sind des alten Herrgotts Raben: Was er uns schuldet, ist das Brot! Doch seht, die Schuld ist abgetragen: Er gab uns Land zur Ährenzucht, Und kann nicht noch zu allen Tagen Die Sonne reifen unsre Frucht? Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten, Des Volkes nicht, das hungernd droht! Denn die Natur hat ihn geboten, Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not! Die Welt ist halb noch Wildnis eben – Und sollte doch aus Korn und Mais Ein blonder Gürtel sie umgeben Vom Pol bis an den Wendekreis! Laßt uns der Erde Schoß zerreißen! Laßt uns – wir schlugen uns genug! – Laßt uns des Krieges schneidend Eisen Verwandeln in den stillen Pflug! Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten, Des Volkes nicht, das hungernd droht! Denn die Natur hat ihn geboten, Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not! Der Kabinette Tun und Lassen, Was gilt es unserm Bienenschwarm? Wozu noch für der Fürsten Hassen Bewaffnen den Zyklopenarm? Das Volk ein Meer! Vom nackten Herde Braust es heran und schwillt und droht! Erbebt – und gebt dem Pflug die Erde, Und nimmer fehlen wird das Brot! Ihr dämpft den Zornruf, o Despoten, Des Volkes nicht, das hungernd droht! Denn die Natur hat ihn geboten, Den Schrei: Brot! Brot! Brot tut uns not! Am Birkenbaum 1829.-50. 1. Der junge Jäger am Waldrand saß, Am Waldrand auf der Haar. Wie Blut schon die Blätter, gebleicht das Gras, Doch der Himmel sonnig und klar. Er sprach: die Bracken ziehn sich zur Möhne! Vergebens mich auf den Fuchs gefreut! Fern, immer ferner des Hornes Töne – Kein Schuß mehr fällt aus dem Brandholz heut! Ob ich nach nur schlendre? Den Teufel auch! Ich lob' mir im Sonnenschein Das Eckchen hier am Wachholderstrauch Und den grauen, moosigen Stein! Drauf streck' ich mich aus, den nehm' ich zum Polster, An die Buche lehn' ich mein Doppelgewehr! Und nun aus dem Dichterwinkel der Holster, Mein Jagdgenosse, mein Byron, komm her! – Und er nimmt seinen Weidsack und langt sie herfür, Die ihn öfters begleitete schon, Die höchst unwürd'ge auf Löschpapier, Der Zwickauer Edition. Den »Mazeppa« hat er sich aufgeschlagen: Muß sehn, ob ich's deutsch nur reimen kann! Mögen immer die andern lachen und sagen: Ha ha, der lateinische Jägersmann! Er liest – er sinnt – nun schreibt er sich's auf; Nun scheint er so recht im Fluß – Da nimmt er vor Freuden den Doppellauf Und tut in die Luft einen Schuß. So hat er es lange Stunden getrieben, Ein närrischer kauz, ein Stück Poet, Bis ihm mit Bleistift flott geschrieben, Ein saubrer Anfang im Taschenbuch steht. Er reibt sich die Hände: – Und nun nach Haus! Zwei Stunden noch hab' ich zu gehn; Nur ein einzig Mal noch hinab und hinaus In die Ebene will ich spähn; Will mir Schimmer und Duft in die Seele saugen, Daß sie Freude noch und zu zehren hat, Wenn mir wieder die fernedurstigen Augen Auf Wochen einengt die graue Stadt. Da liegt sie finster mit Türmen und Wall, Die mich lehren soll den Erwerb, Dem ich grämlich sperrt in der Prosa Stall, Und Dichten heißt Zeitverderb! Wenn ich manchmal nicht auf den Rappen müßte, Hätt' ichmanchmal nicht einen Jagdtag frei, Einen Tag, wie heut – Schwerenot, ich wüßte Keinen Rat meiner heimlichen Reimerei! Da liegt sie – herbstlicher Duft ihr Kleid – In der Abendsonne Brand! Und hinter ihr, endlos, meilenweit, Das leuchtende Münsterland! Ein Blitz, wie Silber – das ist die Lippe! Links hier des Hellwegs goldene Au! Und dort zur Rechten, überm Gestrüppe, Das ist meines Osnings dämmerndes Blau! Ein Fläche das! So, denk ich mir, war Die Flur, die Mazeppa durchsprengt! Oder jene, drauf der russische Zar Den schwedischen Karl gedrängt! Zwar – milder und üppiger ist die Börde, Doch wir haben Heidegrund und Moor Und wildem Busch auf der roten Erde – Ob auch hier schon wer eine Schlacht verlor? – So denkt er und hat es laut wohl gesagt; Da tritt ein Mann auf ihn zu: Ein Bauer – und wenn ihr mehr noch fragt: Der Hüter einer Kuh. Die langen Glieder umhüllt ein schlichter Leinrock, das bläuliche Auge sticht, Die Lippe zuckt – so tritt er zum Dichter, So lächelt er seltsamlich und spricht: 2. Guten Abend, Herr! Ob man Schlachten schlug In der Ebene dort – fürwahr, Ich hab's nicht erfahren! Lest nach im Buch! Mich kümmert wenig, was wars! Ich schaue nur aus nach den künftigen Tagen – So spricht vom Haarstrang der alte Hirt: Eine Schlacht wohl sah ich dort unten schlagen, Doch eine, die man erst schlagen wird ! Ich habe sie dreimal mit angesehn! O, öd ist die Haar bei Nacht! Ich aber muß auf vom Bette stehn – Dann hat es mich hergebracht! Just, Herr, wo ihr steht – just hier auf den Felsen, Da hat es mich Sträubenden hingestellt! Und hätt' ich gewand mich mit hundert Hälsen, Doch hätt' ich hinabschaun müssen ins Feld! Und ich sah hinab und ich sah genau – Da schwammen die Äcker in Blut, Da hing's an den Ähren, wie roter Tau, Und der Himmel war eine Glut! Um die Höfe sah ich die Flamme wehen, Und die Dörfer brannten wie dürres Gras: Es war als hätt' ich die Welt gesehen Durch Höhrauch oder durch farbig Glas! Und zwei Heere, zahllos wie Blätter im Busch, Hieben wild auf einander ein; Das eine, mit hellem Trompetentusch, Zog heran in der Richtung vom Rhein. Das waren die Völker des Westens, die Freien! Bis zum Haarweg scholl ihrer Pferde Gewiehr, Und voraus flog ihren unendlichen Reihen Im Rauche des Pulvers ein rot Panier! Rot, Rot, Rot! das einige Rot! Kein prunkendes Wappen drauf! Das trieb sie hinein in den jachzenden Tod, Das band sie, das hielt sie zuhauf! Das warf sie entgegen den Sklaven aus Osten, Die, das Banner bestickt mit wildem Getier, UNabsehbar über die Fläche tosten Auf das dröhnende, zitternde Kampfrevier. Und ich wußte – doch hat es mir keiner gesagt! – Das ist die letzte Schlacht, Die der Osten gegen den Westen wagt Um den Sieg und um die Macht! Das ist der Knechtschaft letztes Verenden! Das ist, wie nie noch ein Wprfel fiel, Aus der Könige kalten, bebenden Händen Der letzte Wurf in dem alten Spiel! Denn dies ist die Schlacht um den Birkenbaum ! – Und ich sah seinen weißen Stamm, Und er stand und regte die Blätter kaum, Denn sie waren schwer und klamm! Waren klamm vom Blut, das der blutige Reigen An die zitternden wild in die Höhe gespritzt; Und so stand er mit traurig hangenden Zweigen, Von Kartätschen und springenden Bomben umblitzt. Auf einmal hub er zu säuseln an, Und ein Licht flog über die Haar – Und den Osten sah ich geworfen dann Von des Westens drängender Schar. Die Zäume verhängt und die Fahnen zertreten Und die Führer zermalmt von der Hufe Wucht Und im Nacken der Freiheit Gerichtstrompeten – So von dannen jagte die rasende Flucht. Da! zu uns auch herauf! – da – seht ihr sie nicht? Durch den Hphlweg und über den Stein! Da! – zum viertenmal nun das gleiche Gesicht Und der gleiche lodernde Schein! – Da! – tretet beiseit', daß kein fliegender Zügel, Daß kein sausender Dolman den Arm euch streift! Noch des Mannes Haupt, den, hangend im Bügel, Eben jetzt sein Pferd durch den Ginster schleift! Da! – es stürzt! – das edelste dieser Schlacht – Der Geschleifte liegt tot im Farn! Und über ihn weg nun die wilde Jagd, Die Lafetten, die Pulverkarrn! – Wer denkt noch an den? Wer unter den Wagen Risse den noch hervor? Was Bahre, was Sarg! Hört, Herr – doch dürft ihr es keinem sagen! – So stirbt in Europa der letzte Monarch! 3. Dem jungen Jäger schwirrt' es im Kopf, Und er tat einen langen Satz, Und er fluchte: Vermaledeiter Tropf Und vermaledeiter Platz! Doch der Alte, kühl wie ein Seher eben, Sah ihm ruhig nach von des Holzes Saum: Ja, flucht nur, Herr Junge! Könnt's doch noch erleben! Seid ja siebenzehn oder achtzehn kaum! Dann pfiff er und zog übers Stoppelfeld – Noch hat sich das Wort nicht erfüllt! Doch der Birkenbaum steht ungefällt, Und zwei Lager zerklüften die Welt, Und ein Hüben und Drüben gilt! Schon gab es Geplänkel: doch dauernd schlichten Wird ein Schlag nur, wie jener, den wachsenden Strauß – Und dem Jäger komen die alten Geschichten, Und er denkt: Schlüge dennoch das Volk in Gesichten Seines nahenden Welttags Siege voraus? Nach England 1846. Als ich her von Frankreich fuhr, Sprach das Meer: »Treib sie zu Paaren! Gleiche dem Erobrer nur, Den ich trug vor tausend Jahren! In derselben Furch' einher Schwimmst du, die sein Kiel geschnitten: Kühnen Sprunges drum, wie er, Wirf dich wider diese Briten! Spring ans Land und fall ans Land! Nur auch decke mit der Hand es! Rufe: Mein dies Engelland! Mein! Denn meine Hand umspannt es! Dann empor und in den Streit! Vorgeeilt auf rüst'gen Füßen! Und es wird zu rechter Zeit Hastings dich als Sieger grüßen! Hastingsfeld ist allerwärts, Hastingsschlacht ist allerwegen, Wo ein mutig Männerherz Kühn sich stell des Lebens Schlägen! Wer da keinen Thron begehrt, Hat um ander Gut zu rechten: Du willst Brot und einen Herd – Und auch die mußt du erfechten! Wider dich, weil froh du sangst, Das Gebell von tausend Hunden! Wider dich die blöde Angst Vor dem Dichter-Vagabunden! Wider dich und deinen Trutz Alle Waffen des Gemeinen: Kälte, Dünkel, Eigennutz – Alles wider dich, den einen! Doch du bist dir selbst ein Heer! Dir voraus mit hellem Taillefer, Mut und Freude dir zu bringen! Dann der Wille, dann der Fleiß, Dann, die alles kann, die Liebe – Keine Schlacht so grimm und heiß, Daß die Schar nicht Meister bliebe! Wärst du einzeln, ernster Mann, Sagt' ich dir: Bleib auf der Welle! Meide Liliput fortan, Sei des Elements Geselle! Eintagsunruh', Eintagsstreit, Woll' auf meinen Grund sie tauchen! Odem der Unendlichkeit, Laß mich in die Brust dir hauchen! Aber nicht bei Mast und Tau, Nicht auf Planken, sturmdurchnäßten – Zarte Kinder, müde Frau Wollen wandeln auf dem Festen! Darum, wo die Ernte wallt, Willst du sä'n und willst du pflanzen; Wo der Lärm der Städte schallt, Mit im Gliede willst du schanzen: Auch ein Mann, der Steine bricht: Auch ein Mann in Eisenhütten! – Lasse nur den Alltag nicht Deine Dichtung dir verschütten! Sei, der zwiefach reisig steht Auf der frisch erkämpften Grenze: Tagelöhner und Poet, Eine beider Würden Kränze! Sieh, da liegt die Küste schon!« – Ja, da lag sie! Nah zum Greifen, Trotzig hob sich Albion Aus der Flut, ein weißer Streifen. Alles still und morgengrau! Felsenripp' um Felsenrippe Flog vorbei zu flücht'ger Schau: Dover-Schloß und Shakespeares Klippe! Hier und da ein Fischerboot! Auf und ab geschwenkte Baken! Kap Nord-Vorland! Brennendrot Jetzt das Nore-Schiff! – Segellaken, Dämpfersäulen – hui das ging! Alle keuchten, alle flogen, Wie von jenem Fabelding, Dem Magnetberg, angezogen! Ein Magnet auch sie zog an: London! – Und in hellen Haufen Mit der Flut sind wir sodann In die Themse eingelaufen! Näher trat des Landes Kern, Herz und Adern fühlt' ich schlagen – Östlich stand der Morgenstern, Westlich senkte sich der Wagen. Ein Weihnachtslied für meine Kinder Vor der Ausweisung. 1850. Zum sechstenmal der Kerzen Strahl Anfach' ich auf der Fichte; Das ist ein Schein! Herein, herein, Und freut euch an dem Lichte! Genug geharrt, genug gescharrt Im Gang und an der Türe! Die Schelle klingt, der Riegel springt: Herein, mein Kleeblatt-Viere! Herein, ihr Froh'n! Ach, wo nicht schon, Ihr zarten jungen Leben, Kamt ihr, wie heut, auf mein Geläut' – Wir sind Nomaden eben! Heil eurer Lust! Mir füllt die Brust Ein schmerzlich-süßes Träumen! Anheb' ich weich ein Lied für euch Von euren Weihnachtsbäumen! Der erste stund auf Schweizergrund In rauher Felsen Schatten; Er sah den See, er sah den Schnee, Den ew'gen, ob den Matten; Sah Herdenziehn und Alpenglühn, Den Gletscher und die Wiese; Bot mit Gestöhn die Brust dem Föhn – Dem Föhn und auch der Bise. Die zweite dann und dritte Tann' Aufwuchsen an der Themse; Ihr Grün entlang zu Berge sprang Kein Steinbock, keine Gemse; Doch stattlich schwamm den niedern Stamm Vorüber Bark' um Barke; Und herbes Wehn, der Nordsee Wehn, Gab Kraft dem jungen Marke. Das nächste war ein heimisch Paar, Ein Tannenpaar vpm Rheine, Das Wurzeln schlug und Nadeln trug Auf hohem Ufersteine. Dem Riß der Ley entragt' es frei, Landein die Eifel blaute, Und Weingerank umflog den Hang, Von dem es niederschaute. Und der euch heut sein Astwerk beut, Das zackige, das breite, Der schaute dreist, blank übereist Vom Grafenberg ins Weite. Stromniedrung hier, dort Bergrevier – Ein letzter Klippensprenger, Nachrauscht' er hohl ein Lebewohl Dem Rhein, dem Hollandsgänger. Ade, ade! Das alte Weh! Wer weiß an was für Wellen Wir übers Jahr, Rauhfrost im Haar, Die Weihnachtstanne fällen! Vielleicht aufs neu umfängt sie treu Alt-Englands werter Boden – Doch sichrer ist, sie steht zur Frist Am Hudson in den Loden. Sieht ernst sich an im Michigan, Strahlt wieder aus der Bläue Der Erieflut – eine Rothaut ruht Auf ihrer Nadelstreue. Zur Hand im Schnee starr liegt ein Reh, Bölutrünstig, frisch geschossen; Ein Feuerlein wirft hellen Schein Auf zu den dunklen Sprossen. Die aber sprühn ihr Harz ins Glühn Des Reisigs und der Kohlen. – Das ist die Tann' – und horch, beian, Was summt im Baum, dem hohlen? Im Eichenstamm, wie wundersam! Was tönen da für Stimmen? Den Roten fragt – ich weiß, er sagt: Das sind des Westens Immen! Ein wilder Schwarm! Die Luft war warm, Die Prärie blumig wallte, Von Kelchen bunt war jeder Grund Und jede Felsenspalte – Da flogen sie, da sogen sie! Nun surrt es in den Zellen, Die künftig Jahr, hold Doppelpaar, Den Christbaum dir erhellen! So sorgt Natur auf ferner Flur! Schon heut für euch, ihr Lieben! Und Menschen auch, lebend'gen Hauch Und Odem, trefft ihr drüben! Manch rauhe Hand durchs rauhe Land Treibt euch den Pflug entgegen, Die segnend sich, waldnachbarlich, Auf eure Stirn wird legen! Manch rauhe Hand im rauhen Land Wird Beeren für euch brechen; Manch treuer Mund aus Herzensgrund Euch küssen, zu euch sprechen; Manch lieb Gesicht, aus Locken dicht, Am Blockhaus euch zu begrüßen; Manch kleiner Fuß, taunassen Schuhs, Voreilen euren Füßen! Drum muß es sein, und stößt der Rhein Euch aus, ihr Vagabunden: Der neue Herd, der feste Herd, Er wird euch doch gefunden! Dran wurzelt ihr und lacht, das hier Und hudelt, des Gelichters: – Die Heimat bloß macht heimatlos Die Kinder ihres Dichters! Da, Glockenton! Halb achte schon! Git' Nacht nun eurem Baume! Nicht, wild Quartett, du gehst zu Bett, Du siehst ihn fort im Traume? Schon blaßt sein Licht! Vergeßt ihn nicht, Ihr früh um mich Gehetzten – Im Vaterland, das uns verbannt, Im Vaterland den letzten!