Über die Brücke Brief- und Tagebuchblätter 1. Laß drohn, was will! Sieh doch den Wettersturm am Himmel! sieh doch die Wolken um die Höhn!« Ich aber sag: das geht vorüber und auf den Abend wird es schön! Gebt mich nur frei und laßt mich's wagen, ein bißchen auch mir selbst zu traun! Was frommt es denn, altjungfer-ängstlich nach jedem Nebel auszuschaun!? Nur frei sein muß ich! frei und ... ehe der Zorn zum Sieg in mir erlahmt und was ich Großes möchte, elend in Alltagströdel sich verkramt! Noch trägt zu stolzbekränzten Zielen ein jauchzend Hoffen mich empor ... und bis zu Ende sei gehalten, was meiner Jugend ich beschwor! Und grollten rings auch tausend Wetter und droht es noch so von den Höhn ... laß drohn, was will! es geht vorüber und auf den Abend wird es schön! 2. Kopf hoch! Weil dir ein goldener Traum zerronnen, was hast du drum für herbe Qual?! es ist doch nicht das erste Mal, daß dich enttäuscht, was du begonnen! Den Kopf hoch! auf! wozu verzagen kleingläubig gleich und hoffnungslos?! dein Mut schien doch so riesengroß, das Letzte selber kühn zu wagen! Auf drum und weiter! ohne Bangen! und wenn's dir noch soviel entlaubt! Wer will und an sein Können glaubt, wird immer an sein Ziel gelangen! 3. Einem Freunde Soviel auch Stürme dir's zersplittern, hoch halte, freudig, ohne Zittern, das stolze Banner deiner Kunst und fordere furchtlos ohne Wanken kampffroh dein Schicksal in die Schranken, ein Feigling nur erbuhlt sich Gunst. Wohl mag's ja schön sein: ohne Grämen das Leben, wie sich's gibt, zu nehmen, rasch zu genießen, eh's verrinnt, und seelenruhig abzuwarten, ob Glück, ob Unglück mischt die Karten, ob man verliert, ob man gewinnt! Doch größer ist: sich aufzuraffen und selber sein Geschick zu schaffen mit kampf- und trotzgemuter Kraft und sich mit ungebrochenen Schwingen den Niederungen zu entringen und ihres Werktags dumpfer Haft. Und ist auch mancher Flug vergebens, du doch bist Herr dann deines Lebens und nicht ein wetterlaunisch Glück, du in den Händen hältst die Zügel und gibst ihm Unterschrift und Siegel, und nicht ein zufallblind Geschick. Und nennen Spötter drob dich Schwärmer, was liegt daran! sie sind doch ärmer als du, trotz Geld und Gold und Glanz, und ob sie alles sich erfüllen, es wird sich ihnen nie enthüllen, wie schön ein selbsterrungener Kranz. Sie fühlen nie, durch Ebnen schreitend, im großen Troß ihr Leben reitend, wie froh sich's rastet im Gebirg, der Sonne nahe und tief unten zurückgekämpft und überwunden des Alltags dunstiger Bezirk. Nicht blöder Diener blöder Götzen ... sei stolz, Freund, und zertritt die Fetzen, mit denen Leere sich verschönt! Und solltest du im Kampf erliegen, was du gewollt, wird dennoch siegen ... Unsterblichkeit ist's, die dich krönt. 4. Zu einem Strauße Spätsommerrosen Zürnet mir nicht, daß kaum erst erschlossen ich euch schon pflücke, zu ernstem Scherz ... Grüßt eure Schwester mir, duftende Rosen, eure Schwester vom frühen März! Leise schon zittert's wie Herbst durch die Lüfte ... euer Blühen, wie lang wohl noch währt's?! Grüßt eure Schwester mir, duftende Rosen, eure Schwester vom frühen März! Statt in Herbstnächten einsam zu welken ... stürbt ihr nicht lieber verglühend am Herz eurer Schwester, duftende Rosen, eurer Schwester vom frühen März!? 5. [Wirst du ein Engel sein] Wirst du ein Engel sein, der mich begleitet? mein Unstern oder, der mich irreleitet? Mein Glück? mein Unglück? o! mein Fluch? mein Segen? ein dunkles Müssen treibt mich dir entgegen! Ich fühl, mein Leben liegt in deinen Händen ... wirst du zu Freude mir, zu Qual es wenden?! 6. [Der trübe, graue Himmel klärte sich] Der trübe, graue Himmel klärte sich, der dumpfe Nebel aus den Gärten wich, es knospete und keimte allenthalben, schon stand es rings voll Primeln im Geheg, Frühveilchen dufteten am Wiesenweg und alles zwitscherte von Schwalben. Und: Frühling! Frühling! klang's im Widerhall von tausend Liedern überall ... da plötzlich wieder kalte Schauer, und was noch kaum erst lenzfroh aufgesproßt verwelkte in dem rauhen Frost und sank zurück in stumme Trauer. Nach wenig Tagen schon zerrann der Schnee und blitzend klomm die Sonne in die Höh, daß alles jubelnd ihr entgegenglühte; maiwonnig schön verfloß März und April und Sommer ward's, und dennoch heimlich still klagt's dann und wann in Wies und Tann um jene erste frühe Blüte. 7. [Habe Geduld nur!] Habe Geduld nur! tröstet ihr freundlich, »Wolken sind Wolken und gehen vorüber! und nur ein Weilchen bleibt es so grau! Habe Geduld nur! die Nebel verziehen und alles strahlt wieder im goldenen Blau!« Ja: Wolken sind Wolken und gehen vorüber! ... aber inzwischen welken die Blumen, wandern die Vögel und färbt sich das Laub und Frohsinn und Jugend und Glauben um Glauben fällt müde dem ewigen Warten zu Raub! Und verzogen die Wolken ... Was frommt, sagt, die Sonne verwelkenden Fluren? was sterbenden Wäldern der maischönste Glanz?! und was einem trübe verwarteten Herzen mitleidiger Liebe verspäteter Kranz?! 8. [Es war einmal] Es war einmal ... im Monat Mai ... kaum erst ein Jahr ist's her! ... denk ich an jenen Mai zurück, wird mir ums Herz so schwer! In weißen Rosen stand die Welt und Glocken klangen durch die Luft und schauernd stumm vor Glück und Lust durchschritten Hand in Hand zwei Kinder das blütentraumversunkene Tal ... . . . . . . Es war einmal! . . . . . . . . . . . . es war einmal! Denk ich an jenen Mai zurück ... verwelkte Rosen, verwelktes Glück! 9. Von einem Königskinde O wende ab dein Auge, blick nicht so freundlich mich an, ich kann ja nichts als bitten: Verzeih, was ich dir getan ... Ein Röslein blüht im Garten, liebkost vom wandernden Wind ... Ich bin nur ein armer Geselle, und du bist ein Königskind! Ich wollte nur dich trösten, hätt nie dich zu lieben gewagt! und daß ich nur Unglück dir bringe, o daß mir's mein Herz nicht gesagt! Und muß ich nun gehen und scheiden, will suchen ich auf und ab, bis ich, die du verloren, die Krone wiederhab. Ich will sie aufs Haupt dir setzen mit flimmerndem Edelgestein, daß du als Königin wieder ziehst in die Heimat ein. Da kommen viel vornehme Leute, Minister und große Herrn, und endlich der König selber mit Band und Ordenstern. Doch langsam aus dem Gedränge stiehlt einer sich still bei Seit und träumt, eine Träne im Auge, von seliger Jugendzeit: Ein Röslein blüht im Garten, liebkost vom wandernden Wind ... Ich bin nur ein armer Geselle, und du bist ein Königskind! 10. [Gott sei dank, ein wenig Ruhe!] Gott sei dank, ein wenig Ruhe! und daheim! und ungestört endlich einmal doch ein Abend, der mir wieder selbst gehört! Schön ist's, ja! und bleibt es immer, guter Freunde Freund zu sein! doch zuweilen gibt's auch Stunden, da man gern einmal allein: Auszudenken, was tagüber durch die Seele schwankt und schwirrt, eh sich's, halb erfaßt nur, wieder ungelöst ins Chaos wirrt. Ohne Lüge sich zu freuen! wer es dürfte, wer es könnt! selbst-genug sich selbst zu leben, glücklich, selig, wem's vergönnt! 11. [Ich hab's genug!] Ich hab's genug! ich mag nicht mehr! zum Teufel mit all dem Plunder! ein Gott im Himmel allenfalls hülf noch mit einem Wunder! Ich hab gekämpft und ich hätt gesiegt ... doch wer siegt gegen Schwindel! und wenn es Helden gewesen ... doch nur Lumpen und Gesindel! Ihr seid die Stärkern, ich gesteh's! doch ihr seid mir noch lang keine Herren! ich wurde mir nur allmählich zu gut, noch länger mit euch zu zerren! Kerle, keinen Schuß Pulver wert! ... o hätt ich nie begonnen! ... die Waffen weg! das Brustwams auf! meinetwegen ... habt gewonnen! 12. [Mein Gehirn ist müde] Mein Gehirn ist müde, Herz und Hand erschlafft, längst zu Asche glühte alle Leidenschaft, Mit versengten Flügeln irrt ein dunkler Traum geisterhaften Fluges durch den öden Raum. Tief im Nischenwinkel an erloschenem Herd kauert stumm ein Weibchen, uralt, abgezehrt. Im Getäfel hämmert heiser eine Uhr, wie ein hartes, krankes Husten auf dem Flur. Durch das blinde Fenster zuckt ein Nordlichtschein, und mit hohlem Lachen grinst der Tod herein. 13. [Ich will in die Sonne sehn] Ich will in die Sonne sehn, wenn ich sterbe, wie sie in brennenden Wolken verloht ... ich will mit der Sonne gehn, wenn ich sterbe, in sommerflammendem Abendrot. Die Fenster auf! dort drüben ist meine Heimat und nicht in eurer Nacht und Not! ich will in die Sonne sehn, wenn ich sterbe, und sinken gleich ihr in strahlendem Tod. 14. Das Schloß am Rhein »statt sonniger Ideale nächtige Totenmale!« Stand einst ein Schloß am Rheine mit Zinnen hoch und hehr, Efeu und Rosen rankten um seine Mauernwehr ... Von seinen Türmen sandten die Flaggen ihren Gruß hinüber nach den Bergen, hinunter nach dem Fluß ... Und wer im schwanken Boote da unten fuhr vorbei, der sah's und grüßte wieder und fuhr nicht gern vorbei ... Ort auf und ab im Lande traf man wohl keinen an, dem nicht allzeit willkommen das Tor sich aufgetan. Heut aber sich zu laden, kommt niemand mehr zu Sinn, das Schloß steht in Ruinen, und Geister hausen drin ... In stiller Nacht nur reitet's manchmal den Berg hinan und springt vom Rosse droben ein grauer Rittersmann ... Im fahlen Mondschein flimmert Helmzier und Wappenschild: ein Hofnarr, der mit Hellern und Herzen Fangball spielt ... Der Letzte ist's vom Schlosse, der einst von hinnen zog, als ihn das Glück am Leben ums beste Teil betrog ... Und Tor und Türme sanken seitdem in Trümmer hin ... nun sind's nur noch Ruinen und Geister hausen drin. 15. [Doch ich hob nicht die Hand zum Stoße] Doch ich hob nicht die Hand zum Stoße, ich weinte still nur, eine Nacht ... Dann aber fing ich an zu lachen und lachte, bis ich's durchgelacht ... Und stieß die Fackel in die Trümmer ... hei, wie das aufschlug, tollen Brands! und krachend barst die letzte Säule in lohewildem Flammenkranz ... Dann ging ich ruhig von der Stätte und schritt hinein ins Dämmergraun, und ließ des Morgens Ostersonne den Nachtfrost mir vom Herzen taun. Nun steh ich frei im freien Leben und aus dem Jüngling ward ein Mann ... und weitab liegt in Nacht und Nebel was seine Jugend hielt im Bann! 16. [Voll in die Fenster flammt] Voll in die Fenster flammt der Frühmärzsonnenschein und blendet irrlichtgolden durch meine Schreiberein ... Und neckt und nickt und lockt und läßt mir keine Ruh und vom Gesims ein Sperling piepst kritisch-frech dazu: 's ist Frühling, alter Mann! geh in den Wald hinaus und lüfte dir die Seele von Staub und Motten aus! Ein einziger Sonnenblick schafft mehr an Lebenskraft, als deiner klügsten Bücher weiseste Wissenschaft! 17. [Zu denen stets tritt offen] Zu denen stets tritt offen, die Manns noch wollen sein, was sie vom Leben hoffen, nicht anderswo zu leihn! Die fest und ohne Wanken auf Eines stolz bedacht: sich selbst nur es zu danken, wenn sie's zu was gebracht! Für die die schwersten Bürden nichts weiter, trotzgewillt, als ein Zum-Kampf-sich-Gürten mit Panzer und mit Schild! Das Glück um Gunst zu bitten, ist feig und Torenwitz, erkämpft nur und erstritten bleibt's dauernder Besitz! 18. [Ich hab getröstet mich darüber] »A vingt-cinq ans le cœur se brise ou se bronce.« Ich hab getröstet mich darüber, ich hab's verwunden allgemach, und statt zu klagen, spott ich lieber ... was tut es, daß das Herz mir brach! Ich hätt ja doch nicht halten können, was ich geglaubt, so groß es schien, ich hätte doch mich müssen trennen, es waren doch nur Phantasien! Die Augen sind mir aufgegangen, und nüchterner blick ich in die Welt, von weniger Selbsttrug mehr befangen, erkenn ich klar, was ich gefehlt: Daß Träume eben doch nur Träume und einzig eines Narren Glück! ... und lachend putz in meine Reime die letzten Fetzen ich als Flick! Vom Notizblock Etwas Geschick, ein wenig Glück, ein bißchen Tück, gibt allezeit ein Meisterstück. Wer Glück hat, den kriegt selbst mit dem Hut auf dem Kopf, sein Glück, wenn es will, auch durch den Hut noch beim Schopf. Aufs Bücherschreiben sich zu legen, ein danklos Ding, voll Ungemach! man glaubt, den Erdball zu bewegen und ach, es kräht kein Hahn danach! Erst verspottet und verlacht, dann im stillen nachgemacht, und zuletzt als neu erdacht mit viel Lärm zu Markt gebracht. Lieber Wortklauber, als Wortglauber. Bedenkt auch, wenn ihr etwas kritisiert, und dies und das dran auszusetzen wißt, bedenkt, daß ein Urteil immer zugleich ein Urteil auch über den Urteiler ist. Was frommt Talent, was frommt Genie, bleibt es latent und klärt sich's nie?! Nicht Einem wohl genügt so ganz, was ihm Geschick und Ungeschick brachte, daß er, noch einmal auf der Welt, es nicht von Grund aus anders machte. Ein bißchen Ärger und Verdruß gehört zum Leben ... nur Zucker und Zibeben wär auf die Dauer kein Genuß! Was hilft alles Wollen, was alles Versprechen, und wenn es das Herrlichste verheißt, im Können liegt der Wert des Menschen, die Tat allein ist's, die beweist. Nicht: wer nur redet oder drum betet, wer es macht, hat die Macht. Das Beste doch von allem Guten ist dann und wann, fein still und brav, und notabene ohne Träume: in gutem Bett ein guter Schlaf.