Cäsar Flaischlen Aus den Lehr- und Wanderjahren des Lebens Vorbemerkung Diese »Lehr- und Wanderjahre« bilden eine Art Ergänzung zu den zwei Jahre früher erschienenen Prosagedichten »Von Alltag und Sonne« und enthalten eine Sammlung von Gedichten aus den Jahren 1899. Freunde sagten mir, es habe etwas Bedenkliches, in einer Zeit so schneller Entwicklungen und so reicher lyrischer Ernte Gedichte zum Druck zu bringen, deren Entstehung zehn und fünfzehn Jahre zurück liegt. Ich gebe das gerne zu. Ich habe selbstverständlich jedoch nur Gedichte aufgenommen, denen diese Wartezeit meiner Meinung nach nichts angehabt hat. Abgesehen davon aber war und ist es mir nicht darum zu tun, einen Band zu veröffentlichen, der sich von dieser oder jener augenblicklichen Richtung tragen lassen will. All die Ismen, für die so leidenschaftlich gekämpft wurde, als ob es Wesensgrundsätze wären, blieben bei Licht besehen ganz in äußerlichen technischen Fragen stecken. Der wirklich Schaffende schafft nur sich, und jeder Ismus darf und wird ihm lediglich Mittel sein und nicht Zielsatz. Die ewige große Verwechslung! Man posaunt ein einzelnes Kunstmittel zum Kunstziel empor und streitet um den Kerl auf der Bühne, und das Wesentliche ist doch der hinter der Bühne. Es war mir nur darum zu tun, was mir geglückt schien, zu einem Bande zu vereinigen unter dem Gesichtspunkt der Lebensentwicklung, die sich aus den Gedichten selbst ergibt. Ich möchte daher auch, daß das Buch, wenigstens von denen, die mir näher stehen, in diesem Sinn genommen würde: als ein Ganzes und im Zusammenhang auch mit meinen andern Dichtungen. Es enthält die Auf- und Ab-Stimmungen, die in dieser oder jener Weise schlechterdings jeder einmal lebt, da jeder einmal 20 Jahre ist und dann 25 und 30 und 35 wird. Denn unsere Lebensgänge sind nicht so verschieden, als ihre äußere Verschiedenheit scheinbar dartut. Die Seele lebt im letzten Grunde immer und in jedem das gleiche Leben, nur die Gesichter sind verschieden und die Hüte, die man trägt. Die Innenwelt kämpft überall den gleichen Kampf und freut sich überall der gleichen Freude. So verstanden objektiviert sich auch das Individuellste und Persönlichste zum Allgemeinen und Typischen. Der Schaffende kann nur sich selbst geben, wenn er sich nicht damit genügen will, bloß Außenbilder zu zeichnen. Er begreift nur aus sich heraus, nicht in sich hinein. In dieser Richtung liegen zugleich die beiden großen Grundgebiete alles dichterischen Schaffens. Das eine baut auf dem Leben der Innenwelt auf, das sich nach außen hin zu vollbringen und auszugestalten sucht und dabei zu stetem Kampf gezwungen ist, das andere auf der wirklich errungenen oder nur bei Seite geschobenen Überwindung dieses Gegensatzes. Was uns not tut, ist eine Kunst mit den Zielen der Kunst Goethes und der Kunst Schillers: die Kunst einer bestimmten, festen Weltanschauung, nicht die irgend eines Ismus. Es gilt für das Leben zu schaffen, nicht für technische Seiltänzereien! Freilich ohne darin stecken zu bleiben. Aus ihm heraus und darüber hinaus ... sowohl über Grau als über Blau. Wir brauchen eine Kunst, die lebbar ist, die mit hilft, aus dem Kampf, in dem wir alle liegen, hinauszufinden, und die uns vorbildlich vorangeht. Mit Genrebildchen und Ansichtspostkarten, mit Anekdoten und Novellchen ist nichts getan. Unsere Dichtung – ich bekenne mich herzlich gerne zu dem verrufenen, › Soll! ‹ – muß allmählich wieder ›moralisch‹ werden, im Sinne Schillers. Alle große Kunst war es, und ganz implicite. Und noch eines: Das alte schöne Wort ›Dichter‹, das man in Kinderjahren mit der höchsten Weihe umgibt, kommt immer mehr außer Kurs und verliert immer mehr seine alle Gipfel umfassende Bedeutung, da sich unsere besten Könner bewußt oder unbewußt immer ausschließlicher auf irgend ein Sondergebiet zurückziehen. Nach außen hin leistet dies einer längst zu Torheit gewordenen Ästhetik Vorschub, die eine Scheidung zwischen dramatischem, epischem und lyrischem Schaffen festlegte und jedes Gebiet für eine besondere Begabung abgrenzte. Ich meine, wer was kann, kann nicht bloß als Lyriker, kann auch als Epiker und als Dramatiker etwas, wenn er wirklich will, und das heißt: wenn er sich auf seinen Stuhl setzt und nicht etwa denkt, den Seinen gäbe es der Herr im Schlaf, und Talent und Genie sei etwas, wofür man selber eigentlich nichts könne. Denn es gibt keine Wesensunterschiede zwischen dramatischem, novellistischem oder lyrischem Schaffen. Entweder es ist Einer Dichter und dann kann er, wenn er nicht vor erlernbaren kleinen technischen Griffen zurückschreckt, ebenso gut mit Pinsel als mit Stichel oder Feder bis zu der Höhe, bis zu der er überhaupt kann, oder er kann überhaupt nicht zu einer Höhe. Wendet man ein, daß dies alles vielleicht mehr Charakterals Kunstsache sei – gut! Dann aber fehlt es eben an Charakteren. Virtuosen können sie nicht er setzen. Es wäre mir daher eine Art Genugtuung, wenn dieses Bändchen Gedichte allen, die mich unter die Lyriker einreihen, den Beweis gäbe, daß ich es in ihrem Sinne weder war noch bin. Auf Mönchgut September 1899. Cäsar Flaischlen. Zierstück Zierstück nach einer Originalzeichnung von Ludwig von Hofmann. Über die Brücke Brief- und Tagebuchblätter 1. Laß drohn, was will! Sieh doch den Wettersturm am Himmel! sieh doch die Wolken um die Höhn!« Ich aber sag: das geht vorüber und auf den Abend wird es schön! Gebt mich nur frei und laßt mich's wagen, ein bißchen auch mir selbst zu traun! Was frommt es denn, altjungfer-ängstlich nach jedem Nebel auszuschaun!? Nur frei sein muß ich! frei und ... ehe der Zorn zum Sieg in mir erlahmt und was ich Großes möchte, elend in Alltagströdel sich verkramt! Noch trägt zu stolzbekränzten Zielen ein jauchzend Hoffen mich empor ... und bis zu Ende sei gehalten, was meiner Jugend ich beschwor! Und grollten rings auch tausend Wetter und droht es noch so von den Höhn ... laß drohn, was will! es geht vorüber und auf den Abend wird es schön! 2. Kopf hoch! Weil dir ein goldener Traum zerronnen, was hast du drum für herbe Qual?! es ist doch nicht das erste Mal, daß dich enttäuscht, was du begonnen! Den Kopf hoch! auf! wozu verzagen kleingläubig gleich und hoffnungslos?! dein Mut schien doch so riesengroß, das Letzte selber kühn zu wagen! Auf drum und weiter! ohne Bangen! und wenn's dir noch soviel entlaubt! Wer will und an sein Können glaubt, wird immer an sein Ziel gelangen! 3. Einem Freunde Soviel auch Stürme dir's zersplittern, hoch halte, freudig, ohne Zittern, das stolze Banner deiner Kunst und fordere furchtlos ohne Wanken kampffroh dein Schicksal in die Schranken, ein Feigling nur erbuhlt sich Gunst. Wohl mag's ja schön sein: ohne Grämen das Leben, wie sich's gibt, zu nehmen, rasch zu genießen, eh's verrinnt, und seelenruhig abzuwarten, ob Glück, ob Unglück mischt die Karten, ob man verliert, ob man gewinnt! Doch größer ist: sich aufzuraffen und selber sein Geschick zu schaffen mit kampf- und trotzgemuter Kraft und sich mit ungebrochenen Schwingen den Niederungen zu entringen und ihres Werktags dumpfer Haft. Und ist auch mancher Flug vergebens, du doch bist Herr dann deines Lebens und nicht ein wetterlaunisch Glück, du in den Händen hältst die Zügel und gibst ihm Unterschrift und Siegel, und nicht ein zufallblind Geschick. Und nennen Spötter drob dich Schwärmer, was liegt daran! sie sind doch ärmer als du, trotz Geld und Gold und Glanz, und ob sie alles sich erfüllen, es wird sich ihnen nie enthüllen, wie schön ein selbsterrungener Kranz. Sie fühlen nie, durch Ebnen schreitend, im großen Troß ihr Leben reitend, wie froh sich's rastet im Gebirg, der Sonne nahe und tief unten zurückgekämpft und überwunden des Alltags dunstiger Bezirk. Nicht blöder Diener blöder Götzen ... sei stolz, Freund, und zertritt die Fetzen, mit denen Leere sich verschönt! Und solltest du im Kampf erliegen, was du gewollt, wird dennoch siegen ... Unsterblichkeit ist's, die dich krönt. 4. Zu einem Strauße Spätsommerrosen Zürnet mir nicht, daß kaum erst erschlossen ich euch schon pflücke, zu ernstem Scherz ... Grüßt eure Schwester mir, duftende Rosen, eure Schwester vom frühen März! Leise schon zittert's wie Herbst durch die Lüfte ... euer Blühen, wie lang wohl noch währt's?! Grüßt eure Schwester mir, duftende Rosen, eure Schwester vom frühen März! Statt in Herbstnächten einsam zu welken ... stürbt ihr nicht lieber verglühend am Herz eurer Schwester, duftende Rosen, eurer Schwester vom frühen März!? 5. [Wirst du ein Engel sein] Wirst du ein Engel sein, der mich begleitet? mein Unstern oder, der mich irreleitet? Mein Glück? mein Unglück? o! mein Fluch? mein Segen? ein dunkles Müssen treibt mich dir entgegen! Ich fühl, mein Leben liegt in deinen Händen ... wirst du zu Freude mir, zu Qual es wenden?! 6. [Der trübe, graue Himmel klärte sich] Der trübe, graue Himmel klärte sich, der dumpfe Nebel aus den Gärten wich, es knospete und keimte allenthalben, schon stand es rings voll Primeln im Geheg, Frühveilchen dufteten am Wiesenweg und alles zwitscherte von Schwalben. Und: Frühling! Frühling! klang's im Widerhall von tausend Liedern überall ... da plötzlich wieder kalte Schauer, und was noch kaum erst lenzfroh aufgesproßt verwelkte in dem rauhen Frost und sank zurück in stumme Trauer. Nach wenig Tagen schon zerrann der Schnee und blitzend klomm die Sonne in die Höh, daß alles jubelnd ihr entgegenglühte; maiwonnig schön verfloß März und April und Sommer ward's, und dennoch heimlich still klagt's dann und wann in Wies und Tann um jene erste frühe Blüte. 7. [Habe Geduld nur!] Habe Geduld nur! tröstet ihr freundlich, »Wolken sind Wolken und gehen vorüber! und nur ein Weilchen bleibt es so grau! Habe Geduld nur! die Nebel verziehen und alles strahlt wieder im goldenen Blau!« Ja: Wolken sind Wolken und gehen vorüber! ... aber inzwischen welken die Blumen, wandern die Vögel und färbt sich das Laub und Frohsinn und Jugend und Glauben um Glauben fällt müde dem ewigen Warten zu Raub! Und verzogen die Wolken ... Was frommt, sagt, die Sonne verwelkenden Fluren? was sterbenden Wäldern der maischönste Glanz?! und was einem trübe verwarteten Herzen mitleidiger Liebe verspäteter Kranz?! 8. [Es war einmal] Es war einmal ... im Monat Mai ... kaum erst ein Jahr ist's her! ... denk ich an jenen Mai zurück, wird mir ums Herz so schwer! In weißen Rosen stand die Welt und Glocken klangen durch die Luft und schauernd stumm vor Glück und Lust durchschritten Hand in Hand zwei Kinder das blütentraumversunkene Tal ... . . . . . . Es war einmal! . . . . . . . . . . . . es war einmal! Denk ich an jenen Mai zurück ... verwelkte Rosen, verwelktes Glück! 9. Von einem Königskinde O wende ab dein Auge, blick nicht so freundlich mich an, ich kann ja nichts als bitten: Verzeih, was ich dir getan ... Ein Röslein blüht im Garten, liebkost vom wandernden Wind ... Ich bin nur ein armer Geselle, und du bist ein Königskind! Ich wollte nur dich trösten, hätt nie dich zu lieben gewagt! und daß ich nur Unglück dir bringe, o daß mir's mein Herz nicht gesagt! Und muß ich nun gehen und scheiden, will suchen ich auf und ab, bis ich, die du verloren, die Krone wiederhab. Ich will sie aufs Haupt dir setzen mit flimmerndem Edelgestein, daß du als Königin wieder ziehst in die Heimat ein. Da kommen viel vornehme Leute, Minister und große Herrn, und endlich der König selber mit Band und Ordenstern. Doch langsam aus dem Gedränge stiehlt einer sich still bei Seit und träumt, eine Träne im Auge, von seliger Jugendzeit: Ein Röslein blüht im Garten, liebkost vom wandernden Wind ... Ich bin nur ein armer Geselle, und du bist ein Königskind! 10. [Gott sei dank, ein wenig Ruhe!] Gott sei dank, ein wenig Ruhe! und daheim! und ungestört endlich einmal doch ein Abend, der mir wieder selbst gehört! Schön ist's, ja! und bleibt es immer, guter Freunde Freund zu sein! doch zuweilen gibt's auch Stunden, da man gern einmal allein: Auszudenken, was tagüber durch die Seele schwankt und schwirrt, eh sich's, halb erfaßt nur, wieder ungelöst ins Chaos wirrt. Ohne Lüge sich zu freuen! wer es dürfte, wer es könnt! selbst-genug sich selbst zu leben, glücklich, selig, wem's vergönnt! 11. [Ich hab's genug!] Ich hab's genug! ich mag nicht mehr! zum Teufel mit all dem Plunder! ein Gott im Himmel allenfalls hülf noch mit einem Wunder! Ich hab gekämpft und ich hätt gesiegt ... doch wer siegt gegen Schwindel! und wenn es Helden gewesen ... doch nur Lumpen und Gesindel! Ihr seid die Stärkern, ich gesteh's! doch ihr seid mir noch lang keine Herren! ich wurde mir nur allmählich zu gut, noch länger mit euch zu zerren! Kerle, keinen Schuß Pulver wert! ... o hätt ich nie begonnen! ... die Waffen weg! das Brustwams auf! meinetwegen ... habt gewonnen! 12. [Mein Gehirn ist müde] Mein Gehirn ist müde, Herz und Hand erschlafft, längst zu Asche glühte alle Leidenschaft, Mit versengten Flügeln irrt ein dunkler Traum geisterhaften Fluges durch den öden Raum. Tief im Nischenwinkel an erloschenem Herd kauert stumm ein Weibchen, uralt, abgezehrt. Im Getäfel hämmert heiser eine Uhr, wie ein hartes, krankes Husten auf dem Flur. Durch das blinde Fenster zuckt ein Nordlichtschein, und mit hohlem Lachen grinst der Tod herein. 13. [Ich will in die Sonne sehn] Ich will in die Sonne sehn, wenn ich sterbe, wie sie in brennenden Wolken verloht ... ich will mit der Sonne gehn, wenn ich sterbe, in sommerflammendem Abendrot. Die Fenster auf! dort drüben ist meine Heimat und nicht in eurer Nacht und Not! ich will in die Sonne sehn, wenn ich sterbe, und sinken gleich ihr in strahlendem Tod. 14. Das Schloß am Rhein »statt sonniger Ideale nächtige Totenmale!« Stand einst ein Schloß am Rheine mit Zinnen hoch und hehr, Efeu und Rosen rankten um seine Mauernwehr ... Von seinen Türmen sandten die Flaggen ihren Gruß hinüber nach den Bergen, hinunter nach dem Fluß ... Und wer im schwanken Boote da unten fuhr vorbei, der sah's und grüßte wieder und fuhr nicht gern vorbei ... Ort auf und ab im Lande traf man wohl keinen an, dem nicht allzeit willkommen das Tor sich aufgetan. Heut aber sich zu laden, kommt niemand mehr zu Sinn, das Schloß steht in Ruinen, und Geister hausen drin ... In stiller Nacht nur reitet's manchmal den Berg hinan und springt vom Rosse droben ein grauer Rittersmann ... Im fahlen Mondschein flimmert Helmzier und Wappenschild: ein Hofnarr, der mit Hellern und Herzen Fangball spielt ... Der Letzte ist's vom Schlosse, der einst von hinnen zog, als ihn das Glück am Leben ums beste Teil betrog ... Und Tor und Türme sanken seitdem in Trümmer hin ... nun sind's nur noch Ruinen und Geister hausen drin. 15. [Doch ich hob nicht die Hand zum Stoße] Doch ich hob nicht die Hand zum Stoße, ich weinte still nur, eine Nacht ... Dann aber fing ich an zu lachen und lachte, bis ich's durchgelacht ... Und stieß die Fackel in die Trümmer ... hei, wie das aufschlug, tollen Brands! und krachend barst die letzte Säule in lohewildem Flammenkranz ... Dann ging ich ruhig von der Stätte und schritt hinein ins Dämmergraun, und ließ des Morgens Ostersonne den Nachtfrost mir vom Herzen taun. Nun steh ich frei im freien Leben und aus dem Jüngling ward ein Mann ... und weitab liegt in Nacht und Nebel was seine Jugend hielt im Bann! 16. [Voll in die Fenster flammt] Voll in die Fenster flammt der Frühmärzsonnenschein und blendet irrlichtgolden durch meine Schreiberein ... Und neckt und nickt und lockt und läßt mir keine Ruh und vom Gesims ein Sperling piepst kritisch-frech dazu: 's ist Frühling, alter Mann! geh in den Wald hinaus und lüfte dir die Seele von Staub und Motten aus! Ein einziger Sonnenblick schafft mehr an Lebenskraft, als deiner klügsten Bücher weiseste Wissenschaft! 17. [Zu denen stets tritt offen] Zu denen stets tritt offen, die Manns noch wollen sein, was sie vom Leben hoffen, nicht anderswo zu leihn! Die fest und ohne Wanken auf Eines stolz bedacht: sich selbst nur es zu danken, wenn sie's zu was gebracht! Für die die schwersten Bürden nichts weiter, trotzgewillt, als ein Zum-Kampf-sich-Gürten mit Panzer und mit Schild! Das Glück um Gunst zu bitten, ist feig und Torenwitz, erkämpft nur und erstritten bleibt's dauernder Besitz! 18. [Ich hab getröstet mich darüber] »A vingt-cinq ans le cœur se brise ou se bronce.« Ich hab getröstet mich darüber, ich hab's verwunden allgemach, und statt zu klagen, spott ich lieber ... was tut es, daß das Herz mir brach! Ich hätt ja doch nicht halten können, was ich geglaubt, so groß es schien, ich hätte doch mich müssen trennen, es waren doch nur Phantasien! Die Augen sind mir aufgegangen, und nüchterner blick ich in die Welt, von weniger Selbsttrug mehr befangen, erkenn ich klar, was ich gefehlt: Daß Träume eben doch nur Träume und einzig eines Narren Glück! ... und lachend putz in meine Reime die letzten Fetzen ich als Flick! Vom Notizblock Etwas Geschick, ein wenig Glück, ein bißchen Tück, gibt allezeit ein Meisterstück. Wer Glück hat, den kriegt selbst mit dem Hut auf dem Kopf, sein Glück, wenn es will, auch durch den Hut noch beim Schopf. Aufs Bücherschreiben sich zu legen, ein danklos Ding, voll Ungemach! man glaubt, den Erdball zu bewegen und ach, es kräht kein Hahn danach! Erst verspottet und verlacht, dann im stillen nachgemacht, und zuletzt als neu erdacht mit viel Lärm zu Markt gebracht. Lieber Wortklauber, als Wortglauber. Bedenkt auch, wenn ihr etwas kritisiert, und dies und das dran auszusetzen wißt, bedenkt, daß ein Urteil immer zugleich ein Urteil auch über den Urteiler ist. Was frommt Talent, was frommt Genie, bleibt es latent und klärt sich's nie?! Nicht Einem wohl genügt so ganz, was ihm Geschick und Ungeschick brachte, daß er, noch einmal auf der Welt, es nicht von Grund aus anders machte. Ein bißchen Ärger und Verdruß gehört zum Leben ... nur Zucker und Zibeben wär auf die Dauer kein Genuß! Was hilft alles Wollen, was alles Versprechen, und wenn es das Herrlichste verheißt, im Können liegt der Wert des Menschen, die Tat allein ist's, die beweist. Nicht: wer nur redet oder drum betet, wer es macht, hat die Macht. Das Beste doch von allem Guten ist dann und wann, fein still und brav, und notabene ohne Träume: in gutem Bett ein guter Schlaf. Quer-wegein Brief- und Tagebuchblätter 1. [Treib's, wie du willst] Treib's, wie du willst, es ist nicht recht! sei klug, sei dumm, sei brav, sei schlecht! Ein jedes Ding hat jeden Zweck! Wer immer fragt, kommt nie vom Fleck! Und wer nicht selbst ein Urteil hat und was drauf wagt, sitzt immer ... patt! 2. [Und wenn ich Tor bin] Und wenn ich Tor bin, so laß es mich sein! ich bin es ja doch nur für mich allein! und nennst du es Dummheit und Narretei, selbst wenn du recht hättst, was wär viel dabei!? Den einen freut dies, den anderen das, der eine will trocken, der andere naß! Duschiebst gern Kegel und sitzst gern beim Bier! also schieb deine Kegel und setz dich zum Bier! ich mache Verse! ... wozu des Gegreins?! du lebst dein Leben, ich lebe meins! Weß einer Spaß hat, deß hab er den Lohn! ein jeder sei Narr, Freund, auf seine Façon! 3. [Wer es kann und wem's genügt] Wer es kann und wem's genügt, daß er sich mit dem bescheidet, ehrsam, biedermannvergnügt, drauf der Alltag ihn vereidet ... Wem genügt, was er so kann, schlecht und recht, wie eben jeder mit der Zeit sich anübt, sei's ... sei's mit Pinsel oder Feder ... Der verträgt sich freilich stets musterhaft mit allen Tanten, weiß von guten Leuten nur, nur von guten Musikanten. »Ruhe!« rät er »Ruhe, Freund! Vorsicht, soll das Boot nicht kentern! unser Kurs war gut bis jetzt, und wozu, was gut ist, ändern!? Was auch soll dein trotzig-toll Strom- und Sturm-entgegen-Segeln?! lerne lieber endlich Skat oder komm, eins mit zu kegeln!« Und der Mann hat ja so recht: laß dein Mehr-als-andre-Wollen und begnüge dich damit, den gebahnten Weg zu trollen. Dichte, was die Leute freut, laß dein In-die-Tiefe-Graben! male, wie du, brauchst du Geld, wünschen wirst, gemalt zu haben! Weise denkt, wer also denkt: voll stets hat er seine Kiepe! und das ist ja doch der Zweck ... was die Nachwelt meint, ist – piepe! 4. [Je älter man wird] Je älter man wird; um so rücksichtsvoller ehrt man des andern Eigenart: er trage, wie er will, sein Koller und, wie ihm Spaß macht, seinen Bart! Ob Börsenlöwe, Zeitungstiger, ob Dichter oder ob Claqueur ... (am raschesten wird freilich Sieger, wer Dichter und zugleich Claqueur) ... Ob Filz doch oder ob Cylinder, ob schäbig oder fein im Frack, ob Diener oder ob Bedienter, Hauptsache bleibt ... viel Geld im Sack! 5. [Lieber auf eigene Rechnung] Lieber auf eigene Rechnung ein Lump sein, als ein feiner Herr auf Pump sein! dieweil: wer ein solcher auf Pump ist, nicht 'mal ein ehrlicher Lump ist. 6. [Ich seh die Welt, du siehst die Welt] Ich seh die Welt, du siehst die Welt, du nennst es Prosa, ich Gedicht, was mir gefällt, gefällt dir nicht, und aus dem nämlichen Gesicht errätst du Freude und ich Trauer, du nennst es süß, ich nenn es sauer ... wir fangen nun an, uns drüber zu streiten und alles uns gründlich zu verleiden. Ein Dritter kommt dazu und lacht: Mein Gott, gehabt euch nicht so töricht! im Winter, Kinder, ist es Winter, und wenn der Mai kommt, wird es Frühling, und im Oktober nennt man's Herbst ... ich meinerseits freu mich nicht minder an Winter, als an Mai und Herbst. 7. [Man hätt es nicht dürfen] Man hätt es nicht dürfen, man hätt es nicht sollen, und man hat es dennoch gewollt ... Und es war so schön, wie's nie gewesen, hätt man es dürfen, hätt man's gesollt. 8. Jenseits der Straße Es ist nur Schein und ist nur Phrase, drauf dünkelstolz der Alltag stelzt, das Beste liegt jenseits der Straße, da sich der große Haufe wälzt: Jung und mit Leichtsinn nur zu finden, jenseits der Straße, im Versteck, in quelldurchrauschten Rosengründen und üppig wildem Dorngeheck ... 9. [Februarschnee] Februarschnee tut nicht mehr weh, denn der März ist in der Näh! aber im März hüte das Herz, daß es zu früh nicht knospen will! warte, warte und sei still! Und wär der sonnigste Sonnenschein, und wär es noch so grün auf Erden, warte, warte und sei still: es muß erst April gewesen sein, bevor es Mai kann werden! 10. [So freu dich doch] So freu dich doch, daß es Frühling wird und laß die Wintergedanken, laß keimen, was der Sonnenschein dir in die Seele will ranken. Allüberall alles voll Jubelgetön, voll Mailust-entgegen-Genesen und die Luft so lau und der Himmel so blau und die Welt so schön, o, so wunderschön, wie sie noch nie gewesen. Es wird schon werden, es wird schon werden! ein kleines Weilchen nur noch, und: mit blühenden Rosen steht es am Weg und küßt auf die Stirn dich mit seligem Mund. 11. [So ward es März] So ward es März, und so kam Ostern ... der Schnee verkroch, das Eis zerschmolz, und allerwärts schon leises Knospen an Busch und Baum in Hag und Holz! So ward es März, und so kam Ostern ... und mit dem Fest auch Sonnenschein und keimt ins Herz ein jubelnd Hoffen, daß endlich doch du endlich mein! So ward es März, und so kam Ostern ... und ist nur erst es einmal Mai, baun sommerwärts in Blust und Rosen ein heimlich Nest wir für uns zwei! 12. [Irrte auch im heißen Drange] Irrte auch im heißen Drange frohen Ungestüms ich lange durch die Welt und durch Gefahr, wahnbetört mein Glück zu finden, wo es nie zu finden war ... Immer doch in meinem Innern wie ein Traum klang ein Erinnern längst verklungener Jahre nach und an dich, der ich als Knabe einst die ersten Rosen brach. Jeder Kuß auf andere Lippen war ein Warten, war ein Nippen, ein Verlangen nur nach dir, du nur warst es, die ich suchte, du allein und für und für. Und die Sehnsucht, die da klagte und mich unstät weiterjagte ohne Rast und ohne Halt ... nun erst weiß ich's, all ihr Bangen daß es einzig dir nur galt! Du nur warst's, die ich beweinte, die ich träumte, die ich meinte, wenn von Lieb und Glück ich sprach, du nur, du, der ich als Knabe einst die ersten Rosen brach. 13. [Ihr seid's, die mir wehe tun] Ihr seid's, die mir wehe tun, erste welke Blätter, die so früh ihr, im August, mitten in aller Liederlust, mitten noch in Duft und Blust, sonnenglanzumflittert, ohne daß ein Lüftchen weht, vom Geäste zittert. Was euch welkte, war nicht Frost, war der Tau des Morgens, der da sonst, was jung und stark, was noch Keimkraft hat und Mark, labt zu neuem Leben, aber euch, die müd und matt, früh ergrünt und frühe satt, bleichen macht und beben. Herbstes erste Mahner ihr, noch im schönsten Sommer! Das ach ist's, was reubewußt, mitten rings in Lieb und Lust, Vorwurf weckend, durch die Brust Furcht und Qual mir zittert: daß im Blühn der Sommer schon seiner Wonne wie zum Hohn, sich zum Herbst verwittert! Daß in alles Werden gleich Todeskeime wurzeln: daß ach! unser bestes Freun nur ein Welken und Verstreun, daß Genuß schon ein Bereun, was wir auch umwerben, daß des Lebens höchster Preis ein Verblättern nur und leis Tod-entgegen-Sterben! 14. [Laub am Boden] Laub am Boden, Laub am Boden, gelb und rot und braun, Dorn und Hagebutt am Strauche, leere Nester im Zaun! Sommerende ... Spätoktober ... und ich glaub es nun doch, daß wir längst Abschied genommen, eh Dezember es noch! Sturm am Himmel ... Schneegestöber ... Frost im Herzen und Hohn! Wie so schön es einst gewesen, o, du bereust's ja schon! Laub am Boden, Laub am Boden, gelb und rot und braun ... und der nächste Windstoß kehrt es lachend hinter den Zaun! 15. [Die Sonne sinkt mit rotem Flackern] Die Sonne sinkt mit rotem Flackern, trübdumpfer Nebel kriecht heran ... Umsonst ach! such ich mich zu halten, ein immer frostiger Erkalten schlägt winterschauernd mich in Bann. Ich plünderte den ganzen Garten, in sommerschönster Köstlichkeit, mit Fliederblust und Rosenkränzen die frühen Gräber zu umlenzen, die dir das Leben tat zu leid! Ich plünderte den ganzen Garten, um ihn dir auf den Weg zu streun ... Ich tat es nicht um Dankes willen, nur: einen eigenen Wunsch zu stillen, ich wollte nur, du solltest dich freun. Du einmal solltest alles haben, was es auf Erden Schönes gibt und wonach andere, leidgetroffen, das ganze Leben oft verhoffen, einsam, glücklos, ungeliebt. Doch nun ich selber nichts mehr habe, wirfst du's mir vor mit kühlem Spott und wendest ab dich, um zu gehen, und läßt in meinem Herbst mich stehen, beraubt, verwelkt und ohne Gott ... Die Sonne sinkt mit rotem Flackern, trübdumpfer Nebel kriecht heran ... Was bin ich noch?! verquält, verkümmert und von Enttäuschungen umtrümmert, ein freudeloser, müder Mann! 16. [Nun hat das Leben] Nun hat das Leben mir auch dich genommen ... nun hab ich nichts mehr zu verlieren, nichts! du warst das Letzte, das ich einst noch lieb gewonnen ... und halten wollte ... halten ... o mit der ganzen Sehnsucht dessen, der es noch einmal wagt, sich aufzuraffen, den Glauben seiner Jugend sich zu retten ... Du warst ihr großer Sonnenuntergang ... Nun hab ich nichts mehr zu verlieren, drum ich zittern müßte ... nichts mehr, nichts, das mir das Haupt könnt beugen ... nichts mehr, nichts, das mich noch zwänge, auf den Knien zu liegen! Nun ... werd ich ... siegen! Singlieder 1892–1894 Horas non numero, nisi serenas! Singweise: Santa Lucia Sind es nicht Toren, die da stets zittern und sich das schöne Leben verbittern? Wein-, lieb- und liederfroh horas non numero, nisi serenas! Was dir auch zugelost an Leid und Sorgen, selbst auf die längste Nacht folgt noch ein Morgen! Tag-, licht- und sonnenfroh horas non numero, nisi serenas! Und wenn der Sommer sich neigt zur Wende ... Einmal, so schön es war, geht's doch zu Ende ... Dank- und erinnerungsfroh horas non numero, nisi serenas! Sonn'entgegen! Singweise: Strömt herbei ihr Völkerscharen Nicht der Pflicht nur zu genügen, was sie fordert und verlangt, nicht der Stunde nur zu leben, was sie nimmt und was sie dankt ... einem stolzeren Wollen gelte unseres Tages Ziel und Lauf: über Sturm und über Wolken Sonn'entgegen trag's uns auf! Sonn'entgegen aus des Alltags nebeldumpfem Sorgenspuk mit dem Siegtrotz froher Jugend über Not und Last und Druck ... und wenn andere töricht finden, was sie uns so ›träumen‹ sehn, unsere Losung sei und bleibe: nie im Alltag aufzugehn! Gib dem Menschen, was des Menschen, doch laß Gott, was Gott gehört: nicht dem Kampf nur um dein Morgen auch dir selbst sei etwas wert! Auch dir selbst, Freund, und der Jugend, die so stolz die Stirn uns schirmt und auf Feuerflügeln jauchzend unsere Seelen aufwärts stürmt. Und noch heut, so lang uns frohe Zuversicht noch führt zum Sieg, laßt entscheiden uns und wählen: mit wem Frieden, mit wem Krieg! Freunde, Männer laßt uns werden, die da stolz im Kampfe stehn, treu und furchtlos, festverschworen: nie im Alltag aufzugehn! Hab Sonne ... Singweise: Der Mai ist gekommen Hab Sonne im Herzen, ob's stürmt oder schneit, ob der Himmel voll Wolken, die Erde voll Streit ... hab Sonne im Herzen, dann komme was mag: das leuchtet voll Licht dir den dunkelsten Tag! Hab ein Lied auf den Lippen mit fröhlichem Klang, und macht auch des Alltags Gedränge dich bang ... hab ein Lied auf den Lippen, dann komme was mag: das hilft dir verwinden den einsamsten Tag! Hab ein Wort auch für andre in Sorg und in Pein und sag, was dich selber so frohgemut läßt sein: Hab ein Lied auf den Lippen, verlier nie den Mut, hab Sonne im Herzen, und alles wird gut! Trutzlied Singweise: Wohlauf, die Luft geht Wenn Geld im Beutel Sorgen macht, wie reiche Leute sagen, von uns dann hätte wahrlich keins viel Grund, sich zu beklagen: was unsereins zu sehen kriegt, ist selten lang zu heben, von darum also könnten wir wie Gott in Frankreich leben. Doch ob auch arme Teufel nur, das macht uns wenig Nöte, wir haben, drum so mancher gern sein ganzes Gold uns böte, wir haben: jedes Ärgernis ins Gegenteil zu wenden, ein frohes Herz stets und Humor, so kein Gericht kann pfänden. Und klappt auch nirgends was und ist jedwede Müh vergebens, wir singen uns ein lustig Lied und freun uns doch des Lebens! Und das gerade ist die Kunst ... mit Geld kann's jeder haben ... auch ohne daß man zahlen muß, am Leben sich zu laben. Und hier, Herr, sag ich, liegt der Punkt, der Punkt, an dem sich's bandelt: und wenn wie Kuckuckskinder nur das Schicksal uns behandelt, wir kriechen dennoch nicht zu Kreuz und werden keine Mucker: wenn wir dem Glück so kuckuck sind, ist's uns noch viel kuckucker! Wir wollen, was da werden soll, getrost uns selber schmieden, denn was das Glück im Schoße hält, sind doch nur lauter Nieten. Wir knieen nicht, wir betteln nicht, es mög uns Rosen streuen, wir haben das Geheimnis, auch an Dornen uns zu freuen. So stehn wir stolz und trotzgewillt, wenn andre furchtsam zagen, wir wissen, was wir wollen, und wir wissen, was wir wagen! Und löst Freund Hein die Frage dann zum Schluß unwiderleglich, so haben wir's uns wenigstens so froh gemacht als möglich! Lumpenlied Für einen Trupp Karnevalmusikanten Singweise: Wenn ich an meinem Amboß steh! oder: Da streiten sich die Leut herum! Kehrreim gepfiffen. Ich bin ein armer Be-Bi-Ba- Bo-Bettelmusikant, doch kreuzfidel stets pe-pi-pa- po-pump ich mich durchs Land; zu spielen gibt's allüberall, bar Geld nur leider keins, und dennoch bleib ich, was ich bin und pfi-pfa-pfeif mir eins! Ob hier, ob dort, was verfa-fe- was verfo-fu-versicht's?! ein Künstler kam sein La-Li-Le- Lo-Lebtag noch zu nichts! und da dies mal jedweder Kunst betrübter Erdenlauf, so plag dich nicht umsi-sa-sunst und pfi-pfa-pfeif darauf! Auch ich hab einst von Ra-Re-Ri- von Ri-Ro-Ruhm geträumt und hab damit mich ma-me-mi- mu-mächtiglich geleimt! Drum nahm ich einen Nagel und – und hing den Kram dran auf und wurde Vi-Va-Vagabund und pfi-pfa-pfoff darauf! Ein Bettelmusike-ki-ko- ku-kant ist auch nicht schlecht, und wer einmal ein Le-Li-Lo- La-Lump ist, sei's auch recht! Zum Mi-Ma-Millio-nö-nü-när bringt doch von uns es keins, drum bleib ich, was ich bi-ba-bin und pfi-pfa-pfeif mir eins! (Dankstrophe). Wir machen unsern Di-Da-Du- Do-Dank dem Publiko: es bleib wie wir stets kri-kra-kru- kro-kreuzfidel und froh! Ein Mensch, der keinen Spaß versteht, merkt euch zum Schli-Schla-Schluß, bleibt ewiglich ein Rha-Rhe-Rhi- Rho-Rhu-Rhinozerus! (Kehrreim) und während dessen im Gänsemarsch ab. Berg-auf Brief- und Tagebuchblätter 1. Meiner Mutter Wozu denn das ewige Sorgen, lieb Mütterchen! gib es doch auf! Sorgen macht alles nur schlimmer und ändert doch nichts im Lauf! Auf deine alten Tage möcht ich, daß froh du wärst und nicht mit Gedanken um uns, deine Kinder, das Herz dir beschwerst. Du hast dich in deinem Leben wahrlich genug gesorgt, du gabest mit Zinseszins ihm zurück, was es dir geborgt ... Du bist bald siebzig Jahre und mich dünkt, du hättest nun nicht bloß ein Recht mehr, nein, auch die Pflicht, dich auszuruhn. Du trugest Leid und Schmerzen, ohn daß sich ein Wort dir entrang, du gingest mit schwerem Herzen so manchen schweren Gang ... und als der Vater erblindet, die ganze, lange Zeit, du wurdest nie müde in treuer frohwilliger Freudigkeit! Nur als er dann starb, da freilich wurde merklich weißer dein Haar, doch deine Liebe zu uns blieb so jung, wie sie immer war. Und nun sind wir groß geworden und wanderten in die Welt, und ein jedes hat sich fürs Leben sein gutes Ziel gestellt ... Du aber, lieb Mütterchen, gib jetzt dein Sorgen endlich auf, Sorgen sieht alles nur schwärzer und ändert doch nichts im Lauf! Du weißt ja, wir haben niemals Arbeit und Umtrieb gescheut, wir haben, im Gegenteil, immer uns jeglicher Mühe gefreut, und wenn auch nicht alles ging, wie man wünschte, es möchte gehn, so blieb doch keines mutlos oder müßig am Markte stehn. Wir haben uns, Gott sei Dank, immer selber zu raten vermocht, und schlug auch vieles fehl, hat uns doch nichts unterjocht. Daß einem das Herz einmal schwer und daß man weniger froh, das will nichts heißen, Mutter, das geht einem jeden so. Man hätte mitunter ja manches leichter und schneller erreicht, wenn man weniger.. stolz gewesen und rücksichtsloser vielleicht, und wenn ... ja, ja, wenn du früher nicht immer so abgewehrt, wenn der Vater warnen wollte: ›Güte hätte gar keinen Wert, und Bescheidenheit und dergleichen sei ja ganz schön fürs Haus, draußen im Leben doch gälte nur Vorteil und nur Faust! Seid ohne Arg wie die Tauben, sag eine alte Lehr, aber: auch klug wie die Schlangen, setze sie gleich hinterher.‹ Es hätte uns manche Enttäuschung erspart und manche Gefahr ... und doch, ich möchte nicht anders gewesen sein als ich war, denn auf die Dauer ist's doch nichts mit allzuleichtem Gewinn ... ich warte gern und möchte nicht anders sein, als ich bin! Aber drum laß auch dein Sorgen, du weißt nicht, wie stark mein Arm! wie zuversichtfröhlich und reich mein Herz in der Brust und wie warm! Und ob auch manche Blüte von Wetterschlag verheert, das Lied meiner Jugend hat mir nicht Blitz, noch Frost zerstört! und noch grüßt blaurotflammend der Stern vom leuchtenden Pol, wie damals vor Jahren, als ich zum erstenmal sagte Lebwohl! Nur zweifeln darfst du nicht, Mutter, das nimmt die Zuversicht ... und Siegvertrauen muß haben, wer da im Kampfe ficht. In lodernder Schönheit Prangen liegt offen vor mir die Welt, verkämpft ist und überwunden was lang mir die Jahre vergällt, die Ketten, die mich gebunden, liegen zersplittert im Grund, frei bin ich, Mutter, und stark und freudig und jung und gesund, und in goldenen Morgenfeuern glänzt sonnenhell mein Ziel ... und wer sich so stark fühlt, Mutter, für den ist Kampf nur Spiel! 2. Einem Freunde »Lege das Ohr an die Erde und höre! ... und du wirst Hufgestampf hören, in weiter Ferne nur, aber näher und näher kommend!« Es liegt etwas in der Luft, mein Freund, es liegt etwas in der Luft! Hörtst du den Wettersturm zur Nacht, wie's in den alten Eichen gekracht? wie es die Fensterläden schlug und heulend im Kamin sich fing? Sahst du den Himmel heute früh, wie Blut so rot, brandfackelglüh?! Es liegt etwas in der Luft, mein Freund, es liegt etwas in der Luft! Es ist eine seltsame Zeit, mein Freund, es ist eine seltsame Zeit! ein immer toller Gehaste von Jahr zu Jahr! nichts soll mehr bleiben, wie es war! nichts soll im alten Gleis mehr gehn und ruhig, fest und sicher stehn! Ein jeder redet und redet drein, und jeder will der Klügere sein! Der eine hofft dies, der andere das, und keiner aber weiß recht: was?! Es ist eine seltsame Zeit, mein Freund, es ist eine seltsame Zeit! Und wie es gestalten sich wird, mein Freund, und wie es gestalten sich wird? in welcher Richtung? in welchem Sinn? ob zu Verderben? ob zu Gewinn? Die Jungen haben es in der Hand ... die Jungen mit ihrem Jugendmut, mit ihrem Glauben, mit ihrer Glut! und wenn sie furchtlos festen Blicks hinaussehn über ihr kleines Heut und über Parteigezänk und Neid ... dann, glaub ich, gestaltet sich's gut, mein Freund, dann, glaub ich, gestaltet sich's gut! 3. [Das ist das einzige aber] »Und wenn wir ohne Glanz und Ruhm der Dämmerung erliegen, es werden andere nach uns sein, und diese werden siegen!« Das ist das einzige aber, das ihr tun könnt für eure Söhne und für eurer Söhne Kinder: wachen, wachen und wachen, daß sie dereinst in freieren Zeiten ihr Leben leben ... in Zeiten, da man endlich aufgeräumt mit all dem Schutt, da man die Trümmer abgetragen endlich, die mit Einsturz drohn und uns den Weg versperren nach den Höhn, von denen die Banner goldner Königstage wehn! ... Daß ihnen einst in lichtem Glanze sich erfülle, was unsere eigene Sehnsucht träumt und hofft ... Wir selber, ach, wir sind ... in Kampf und Müh und Streit nur Vorbereiter, Schuttabräumer nur, Wegebner einer Zeit, die wir aufdämmern ahnen über unsere Nacht mit osterlichter Morgenpracht, und der ein Tag dann folgen wird, ein Tag, von hallenden Glocken überläutet, ein Tag, an dem der Mensch abgürten von den Lenden darf das Schwert ... ein Tag des Friedens, und ein Tag der Freude ... da all die Qual, die uns zu Grabe nagt, da all die Ketten fallen der Erbärmlichkeit, die jeden Morgen uns aufs neue die Krone reißt vom Haupt und uns zu Sklaven unseres eigenen Lebens macht ... ein Tag, an dem der Mensch zum Herrn wird endlich und mit freier Stirne als König schreiten darf auf seiner Erde ... 4. [Du fragst, was uns not tut, Freund] Du fragst, was uns not tut, Freund, und was uns fehlt? ... O, so viel! Ideale vor allem wieder und ein festes großes Ziel! Ideale, wie unsere Väter gehabt – die selbst freilich taugen nicht mehr und sind unmöglich geworden die vergangenen Jahre her ... wie sich das meiste, das man uns in der Kindheit gelehrt, im Getriebe der Welt von heut zu Spott und Torheit verkehrt. Die uns erzogen, sie meinten es alle ja herzlich gut; wenn ich zurückdenke aber, schwillt mir noch heute das Blut ob all der Weisheiten, die man so mühvoll uns eingepaukt, Weisheiten, von denen nicht eine zu wirklichem Leben getaugt! Und was in Büchern und Schriften als Vorbild uns hingestellt, mein Gott, das war doch erst recht eine ganz unmögliche Welt! Und als es dann hieß: nun geh, und was du willst, nun erring's! ... da stand man mit all seinem Wissen und wußte nicht rechts noch links! Den Kampf aber, den's dann gekostet, und die Kraft, o die schöne Kraft, wenn Enttäuschung über Enttäuschung einem das Herz erschlafft ... und bis man abgeschüttelt allmählich den ganzen Zwang und Schritt für Schritt wieder Mut sich und festeren Boden errang! Auch die Alten freilich nun lassen uns ab und zu einmal recht und erklären nicht alles mehr von vornherein gleich für schlecht! Ja, in gutgelaunten Stunden gestehen sie sogar: daß manches, das sie bestritten, doch ganz vernünftig war! Wenn sie kommen aber und sagen: Einreißen sei kinderleicht! doch, ohne Ersatz zu wissen, was damit viel erreicht?! so müssen wir still sein und schweigen – denn das ist ja doch unser Leid, die Not unseres ganzen Lebens, der Jammer der ganzen Zeit: Daß wir zerdacht und zerzweifelt alles, was bisher war, und was wir selber wollen, noch nicht wie das Frühere klar ... wie zwischen Charfreitag und Ostern fehlt Freude und Zuversicht: der alte Gott ist gestorben, der neue erstand noch nicht! Die Nacht, die lag, ist gewichen, doch mit erloschen sind auch die Sterne, die ihr geleuchtet, und es weht ein frostiger Hauch ... – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – In Erfüllung ging ja soviel schon, wofür das Herz uns schwoll, und doch weiß niemand so recht, was nun weiter kommen soll ... ein jeder steht auf dem Platze, ein jeder kämpft und ringt, doch es ist nur ein Tasten und Suchen, und keiner weiß, was gelingt ... Du fragst, was uns not tut, Freund, und was uns fehlt?! ... O, so viel! Ideale vor allem wieder und ein festes, großes Ziel! 5. Einem Rinde Sei nicht traurig, sei nicht traurig ... es ist heute nur so trübe, es ist heute nur so schwer! Morgen lacht die Sonne wieder, leuchten Rosen, weiß und rot, und mit lauter Lerchenliedern jubelt's in den hellen Morgen, jubelt's in den blauen Himmel siegreich über Leid und Not ... Quillt und schwillt mit jungen Kräften, quillt und schwillt mit junger Lust lebenswarm dir in die Brust; weckt und wappnet deine Seele glaubensfroh zu neuer Wehr ... Sei nicht zag drum, sei nicht traurig ... es ist heute nur so trübe, es ist heute nur so schwer! 6. [Man findet's auch] Man findet's auch ... mit langem Suchen, viel Rechtes aber ist es kaum! Es muß an deinem Wege liegen, es muß aufleuchten wie ein Traum! Du sitzst am Strand und sinnst auf Reime, und einer Woge frohe Hast muß flimmernd es dir zu Füßen tragen, daß du dich nur zu bücken hast! Du darfst ihm nicht nachwandern müssen, du darfst nicht lange müssen flehn, nein, wie ein Bettler, Einlaß bittend, muß es vor deiner Türe stehn! Und wie ein Sklave muß es folgen auf jeden Ruf, auf jeden Blick, und wie ein Hund muß es dir treu sein ... alles andre ... ist kein ... Glück! 7. [So drängt und treibt sich alles vorüber] So drängt und treibt sich alles vorüber ... unmerklich kommt es und verblinkt, Welle auf Welle hebt sich und sinkt, was trüb, wird hell, was hell war, trüber. Du selber trittst dir als Fremder entgegen, und was dir hochheilig einst schien und groß, du frägst dich und lächelst und spottest fast drüber: wie war es nur möglich! wie konnte man bloß! wie konnte man zweifeln dabei und zögern, es lag doch so einfach, so glatt und so klar, wie konnte man sich darüber erregen, da alles doch selbstverständlich war! Schon aber drängt auch das vorüber ... du merkst kaum, wie es versinkt und verrinnt, wie es leise zu anderem übergaukelt, wie schon eine neue Welle beginnt und dich auf ihre Höhe schaukelt! 8. [Lebwohl, Kind!] Lebwohl, Kind! ... die Fahrt, die du wagst, ist weit! Mein Wunsch, daß es gut dir gehe, geb dir getreulich Geleit! Leb wohl! den Kopf immer hoch und fröhlich und unverzagt, und nie zuviel auch bei andern um Rat und Meinung gefragt! Raten ist leicht, doch es geht schon nicht alles im rechten Gleis, wenn man Rat braucht, Kind, und sich nicht selbst zu helfen weiß! Es trägt ein jeder zudem schon so viel an eigener Last, daß er sich meist nur ungern mit fremden Sorgen befaßt! Es kommt auch selten etwas dabei heraus und ich mein: man müsse für Glück und Unglück immer selbst verantwortlich sein. Wer seines Zieles klar ist, erreicht, was er erstrebt, und wer ein Ziel errungen, hat nie vergebens gelebt! Lebwohl, Kind! und wenn es wettert und Blitze und Wolken dräun, es kommen auch Tage wieder, die Blüten und Rosen streun. Es ging ja uns beiden im Leben nie noch besonders gut, wir erfuhren niemals, wie schön es ohne Sorge sich ruht; wir haben von früh an in fremde Launen uns schicken gemußt und hatten niemand, zu teilen, weder bei Leid noch bei Lust; und gerade in Jugendtagen ist das wohl der herbste Schmerz: man träumt da von Wunderdingen und hat so voll das Herz, man möchte jubeln und jauchzen und möchte glücklich sein und denkt, das Leben bestünde aus lauter Sonnenschein. Es kann ja nun alles sich ändern, ich glaubte für dich es so gern: es kann vom Himmel fallen wie ein rotblitzender Stern, es kann auf schimmerndem Flügel herrauschen im Windeswehn, es kann mit jauchzendem Liede urplötzlich vor dir stehn! ... Dichter sind's, die das sagen, auch hört man es sonst dann und wann, im wirklichen Leben aber ... ich glaube nicht recht daran! Ich glaube viel eher, es wird so sein, wie es bisher war: von allem, was man sich wünscht, wird nur das Wenigste wahr! ja ich glaube beinahe, das große Glück, von dem man so träumt und an das ein jeder so viel seines besten Lebens versäumt: daß es das gar nicht gibt ... als festes dauerndes Gut, daß alles Glück nur in kleinen ganz flüchtigen Dingen beruht! Es ist wie Gold, das man auch nicht in Klumpen und Blöcken hebt, das man nur staubkorngroß aus Geröll und Getrümmer gräbt. 9. [Alles längst nun, längst vorüber!] Alles längst nun, längst vorüber! Fünfmal schon ward's Winter drüber! immer andres drängte her! Neue Jahre, neue Ziele! Selten spiel ich jene Spiele und noch seltener sing ich mehr! Wie die Zeit es eben ändert: jener landet, dieser kentert, der liegt windstill wo auf See ... bleibt man nur auf seinem Posten und läßt Kopf und Herz nicht rosten, geh es immer, wie es geh! Meist wohl ist's ja dummer Plunder; manchmal doch glückt auch ein Wunder, noch viel eher aber fällt's! Was drum rinnt, laß ruhig rinnen! nur wer aushält, wird gewinnen ... nicht ein jeder freilich hält's! 10. Bleistiftskizzen 1. Rügen Tief und still in grauem Regen liegen Wald und liegen Wiesen ... tief und still mit müden, schweren Wellen schleppt das Meer zum Strand ... graue Möwen flügelschlagend schreien um die Kreidefelsen, und im weißen Dunst der Ferne zieht in breitgeballter Wolke dicken Qualmes, wie der schwarze Schwan des Todes, horizontentlang ein Dampfer, tief und still in grauem Regen. 2. Herbst Ueber den See hin braut der Nebel lautlos leise ... Wie große weiße seltsame Spinnen rinnt und spinnt es über die Wasser, lautlos leise ... und im Schilf die großen Rosen schließen fröstelnd ihre Kelche. Lautlos leise rinnt und spinnt es Uferholz-entlang und höher durch die Gitter in die Gärten, über spielzertretene Rasen, über welke Blumenbeete ... Am Verandafenster, lauschend, tief in weichen, weißen Kissen, träumt ein Mädchen ... und von ihres sonnenlosen Gartens herbstverfallenen Rosen suchen ihre sehnsuchtgroßen stillen Augen weit in's weite letzte müde Abendrot ... Und lautlos leise rinnt und spinnt es um das Fenster durch das Weinlaub ... und lautlos leise küßt es die weiße Stirn ihr und den lächelnden Mund. 3. Totensonntag Trostlos traurig grau in grau: Himmel, Dächer, Straßen, Menschen ... trostlos traurig grau in grau ... wie mit hungergieriger Lippe saugt ein ungeheures Schweigen Licht und Luft und Leben an sich und mit grauenstummer Marter überschleicht es und bekriecht es herzblut-tief- und tiefer-saugend Himmel, Dächer, Straßen, Menschen, qualvoll hilflos grau in grau. 11. Was müde macht! Das ist es, was müde macht: dieses heimliche Warten, dieses ruhelose stille Horchen nach der Treppe, dieses Aufspringen, wenn es klingelt ... statt der erwarteten Freude aber mit blitzendem Aug und lachendem Mund steht ein frierendes Kind draußen, verhärmt und elend, und bittet weinend um ein Stückchen Brot. 12. [Ich habe Nächte dafür geopfert] Ich habe Nächte dafür geopfert, ich habe Herzblut daran gegeben, und feige Buben nun kommen und heben die Hand auf gegen das fertige Werk. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Das schmerzt! Und doch: glückt euch, es wirklich zu zertrümmern, ... gut! dann war's nicht echt! dann glückte mir nicht, was ich wollte ... und ... ihr ... habt ... recht! 13. [Schlaf', müde Seele] Schlaf', müde Seele, daß nichts dich mehr quäle! schlaf und vergiß deines Tagewerks Last! schlaf und vergiß, wie viel du auch heute an Lieb und Freude verloren hast, wie viel es wieder dir Rosen zerriß ... schlaf, müde Seele, schlaf und vergiß! Was dir zerrann an Glauben und Glück, in seligem Traum träum es zurück! ... Ob die Welt dich auch verdamme, deiner Sehnsucht heilige Flamme zwingt die Nacht, durch die du wanderst, zwingt die Furcht, die dich umdroht, lodert auf zu frühlingslichtem ostergoldenem Morgenrot! 14. [Und so zerbröckelt] Und so zerbröckelt sich Monat um Monat und Jahr um Jahr in sonnenlosem Sich-müde-Hoffen ... und nirgends auch nur ein Schimmer von Schein, daß es irgend einmal würde anders sein! Man gibt das Beste, das man kann, man gibt sein glühendstes Herzblut dran, mit Leben bezahltes Leben ... und hat man etwas fertig gebracht ... dann ist der ganze Dank dafür, daß ein paar Freunde freundlich sagen: Freut mich, das hast du gut gemacht! Und damit ist die Sache dann erledigt! 15. [O ja, wir sind Phantasten] O ja, wir sind Phantasten, Narren und Schwärmer und kindertörichte Toren ... ihr habt recht! wir sind es! ... unsern Träumen nachzuhängen und unsere Kraft an Dinge zu vertrödeln, so wert- und zwecklos! ihr habt recht! ... anstatt praktisch zu sein und Geld zu verdienen! oder ... wenn schon: Bücher zu schreiben, wie der Verleger will, und wie sie gekauft werden ... ihr habt recht: es ist Narrheit, sich seine Jugend derart zu verquälen und freiwillig als Bettler sich durch's Leben zu schlagen, und in den besten Jahren dann gebrochen und müde zu sein, erschöpft und leer! und ... gebrochen ... wodurch? und ... müde ... wovon? ... von nichts!! ... und mit verflackerndem Auge zurückzusehn und sich sagen zu müssen, daß alles Mühn und alles Ringen, daß aller Kampf ... umsonst war! und nicht bloß umsonst, daß es lächerlich war: törichter Träume wegen sein bestes Leben lang sich von der Gnade anderer abhängig zu machen anstatt ... anstatt ... anstatt ... und doch ... und doch: nur Starke können solche Narren sein! 16. [Es lohnt sich nicht!] Es lohnt sich nicht! ... weiß Gott, es lohnt sich nicht! Es ist alles nur Kauf! es ist alles nur Handwerk! es ist alles nur Mache! ... Es ... lohnt ... sich nicht! 17. Lied des Wanderers Abend-rot schon gegen Westen lenkt die Sonne ihren Lauf, immer neue Gipfel aber steigen vor dem Wanderer auf! Ach, es ist ein mühsam Ringen! und was lohnt am letzten Schluß?! Immer steiler führt es weiter, immer müder wird der Fuß ... Immer neue Gipfel ragen über den erklommenen auf! ach, und immer abendtiefer senkt die Sonne ihren Lauf! Vom Frühling Februar Schon leuchtet die Sonne wieder am Himmel und schmilzt die Schneelast von den Dächern und taut das Eis auf an den Fenstern und lacht ins Zimmer: wie geht's? wie steht's? Und wenn es auch noch lang nicht Frühling, so laut es überall tropft und rinnt ... du sinnst hinaus über deine Dächer ... du sagst, es sei ein schreckliches Wetter, man werde ganz krank! und bist im stillen glückselig drüber wie ein Kind. März Sprich noch nicht vom Frühling, es ist zu früh! so lockend die Sonne vom Himmel blitzt, so lockend alles glänzt und glitzt ... sprich noch nicht vom Frühling, es ist zu früh! Es werden Tage wieder kommen bevor erblüht, wovon du träumst, da alles wie vorher trostlos weh in Regen sich begräbt und Schnee, Tage voll Traurigkeit, Tage voll Müh ... sprich noch nicht vom Frühling, es ist zu früh! Und doch und dennoch: mit jubelndem Liede grüße dies frohe befreiende Blau über all dem farblosen Grau, freu dich der flimmernden Mittagsstunden, sonne das Herz dir zu keimender Kraft, daß es dem müde machenden Winter und seiner Enttäuschung sich wieder entrafft! Nur warte, nur wart noch! es wird sich erfüllen, es wird sich erfüllen, was du ersehnst: Glutig auflodern wird es am Himmel, über die Berge her wird es wehn und wie donnernde Osterglocken wird es durch die Lande gehn ... nur warte, nur wart noch und hab Geduld! So schön und so köstlich dies blitzende Blau mit seinem süßen stillen Locken, es kommen Tage noch und Wochen farblos grau, da alles wie vorher trostlos weh in Regen sich begräbt und Schnee, Tage voll Traurigkeit, Tage voll Müh ... sprich noch nicht vom Frühling, es ist zu früh! April Und wenn du jetzt aufwachst morgens ... ganz leis und fein spielt um die Dächer der Sonnenschein, und du bist nicht mehr müde, wie sonst, und verzagt: was soll nun wieder voll Mühsal und Plag der ganze lange endlose Tag!? Froh und munter geht's ihm entgegen, und alles ist so wunderbar frisch und stark und hell und klar, das ganze Leben so frei, so leicht, daß du dich selber drüber wunderst: von was für töricht dummen Dingen du das Herz dir ließest zwingen und kaum begreifst: mit welch erbärmlichen Kleinigkeiten die Menschen sich das Leben verleiden ... Kleinigkeiten, ob denen es kaum der Mühe wert, ein Wort zu verlieren, geschweige denn tage- und wochenlang zu quälen sich und zu schikanieren ... und vollends jetzt, da's Frühling wird und, wenn du aufwachst morgens, ganz leis und fein um die Dächer spielt der Sonnenschein und alles rings so wunderbar frisch und stark und hell und klar ... wozu sich da grämen und betrüben! nein, weg mit all den Schererei'n! es lohnt sich da wahrlich nur: zu lieben! es lohnt sich da wahrlich nur: froh zu sein! Von Dem und Jenem 1. [Man schreit und lärmt] Man schreit und lärmt und ereifert sich, man findet es dumm und lächerlich und gegen allen Anstand und Brauch, man ruft die Polizei zu Hilfe, und diese kommt und verbietet es auch und sperrt die Straßen und rasselt mit Ketten und tut, soviel sie irgend kann, die bedrohte Bürgerruhe zu retten. Und ein paar Jahre später, gib acht, ist alles, worob man den Lärm gemacht, wofür man ereifert sich und erregt, wogegen man Himmel und Hölle bewegt ... kein Mensch weiß, wie es eigentlich kam: so selbstverständlich, so alltäglich, so eingefügt in den ganzen Lauf und mit Sitte und Anstand so wohl verträglich, als wär man's gewöhnt so von Jugend auf. 2. [Was sich dir auch erfüllen mag] Was sich dir auch erfüllen mag und wie's in deine Türe trete, ob königstolz an lautem Tag, ob bettlerscheu in stiller Nacht, du hast es immer doch ganz anders, ganz anders dir gedacht ... Und ob du noch so sehr dich freust, ein bißchen bist du immer enttäuscht. 3. [Ich darf's] Ich darf's, du darfst's und jeder, der da gleich stolzen Sinnes wär, der so wie ich, der so wie du die Jahre hin, die Jahre her den eigenen Wunsch im Zügel hielt, daß er nun ganz von selbst nicht mehr auf Wege drängt, die wir nicht wollen, ein jeder, der so drüber stände wie du und ich darüber stehn ... die Welt würd ruhig weiter gehn, es würde niemand was geschehn, es würde niemand was genommen! Und dennoch, sieh! eh wirs versähn, würden sie dutzendweise kommen: Wer sind die, die da oben gehn?! wer sind die, die da haben dürfen, was uns versagt?! wir sind doch wohl nicht weniger gut, nicht weniger schlecht?! gleiche Steuern, gleiches Recht! So schrie' es und im Handumdrehn ... wir sind nicht weniger gut und schlecht! ... wär Zaun und Garten niedergetreten ... gleiche Steuern, gleiches Recht! Und alles, was in langen Jahren wir uns erkämpft als stillen Lohn freiwilliger Frohn, es würde nur uns selbst zum Hohn! 4. [Nimm einen jeden, wie er ist] Nimm einen jeden, wie er ist ... es hat ein jeder seine Mängel und selbst der Beste, denn wir sind nun einmal Menschen und nicht Engel! Man nimmt dich auch dann, wie du bist ... es hat ein jeder seine Mängel und selbst der Beste, denn wir sind nun einmal Menschen und nicht Engel! 5. [Das ist so, Freund] Das ist so, Freund, ja, ja! ... die andern dürfen alles sich erlauben, dürfen's treiben, wie sie wollen, geck und keck und klug und dumm, dürfen mit anmaßungsvollen Eitelkeiten laut sich blähn und wie Wetterfahnen lustig sich mit jedem Windchen drehn ... niemand nimmt es weiter krumm! Aber wage du das einmal, wage du einmal ein Wort, das nicht überall entschuldigt, hab dich du einmal so wichtig, hab dich du einmal mit ihrem feierlichen Selbstbewußtsein ... Ach, es würde eine Lust sein, wie sie's alle übel nähmen, wie sie tief beleidigt kämen: was du wärst und was du dächtest! andre sei'n so viel wie du! und es wäre blasser Neid nur! wahres Können sei auch Gönnen! wahre Freiheit sei bescheiden! wahre Stärke stütze andre! wahre Größe ... wahre Bildung ... Ja, es wäre eine Lust, wie sie ohne es zu merken, rührend harmlos und vergnügt, sich mit ihren Kastagnetten an den eigenen Nasen hätten! 6. [Sobald ein anderer was gemacht] Sobald ein anderer was gemacht, ist's gut und schön und klug bedacht, man nimmt's, wie's ist, und freut sich dran: wieder einer, der was kann! Doch wenn du selber damit kämest, begänn ein Wackeln mit den Zöpfen, ein Schütteln mit den weisen Köpfen: die Sache sei viel zu verzwickt und dies und das vorbeigeglückt! man hätte zu viel dabei zu denken! man wolle Erholung, nicht Quälerein! das Leben sei ohnehin ernst genug! Kurzum: man müsse leichter sein! Und glückte was mit leichterer Feder ... weiß Gott, so kämen sie erst recht: so was könn heutzutage jeder! mit solchen billigen Spielerein erwürbe man sich kaum viel Gunst! mehr-können müsse, wer da wolle, daß man ihn höher werten solle! hart sei das Leben, hart sei auch die Kunst! 7. [Faule Witze, lieber Freund] Faule Witze, lieber Freund, kann ein jeder Klempnermeister machen, faule Witze, über die dann andre Klempnermeister wieder lachen ... Immer freilich, mein ich, könn man derart geistreich sich nicht fassen, und zuweilen, mein ich, könn man ruhig auch was gelten lassen! Höhen-entlang Brief- und Tagebuchblätter Und nehmt ihr's übel .. Und nehmt ihr's übel, nehmt es übel! in Gottes Namen, reißt es zum Riß! ich kann und ... will auch nicht! Gewiß, ich will auch nicht! ... Die zwei, drei Stunden, die mir als letzten, müden Rest des Tages Arbeit übrig läßt, ich will sie nicht so zwecklos vergeuden mit hohlem Gerede und mit Leuten, für die ich genau so viel und so wenig als sie für mich ... mit denen ich sitze und Braten esse, und die ich nach eilig steifem Adieu vor der Haustür unten wieder vergesse und all mein Lebtag nicht wiederseh. Die zwei, drei Stunden am späten Abend sie sind das einzige, was ich habe, sie sind mein Lohn und sind mein Leben und kosten mich denn doch zu viel, um sie so planlos zu verläppern für andere zu bloßem Spiel! Und wenn ich auch nichts weiter tue, als daß ich mich in aller Ruhe zu Haus einmal aufs Sofa strecke und über alten Plänen hecke und ein paar Verse reime ... oder träume ... wie man so träumt, wenn man vom Leben ein bißchen mehr will, als bloß eben ...leben! Ausgleich Was überfliehn?! was überhasten?! Ruhiges Mühn, ruhiges Rasten! Eines gebe dem Andern Gewicht: fröhliche Freude, fröhliche Pflicht! Im Spiel des Lebens 1. [Auf und nieder] Auf und nieder schwankt die Wage deiner Tage, wie sich füllen ihre Schalen, diese hoch und jene tief. Laß sie sinken, laß sie steigen ... diese hoch und jene tief ... Du nur zwischen beide stehe, unbeirrt in deinem Ziel, fest und stark, als Halt und Träger, als gerechter Gleicher und Wäger, still und ruhig über ihrem steten Auf- und Niederspiel. 2. [Da aber liegt's] Da aber liegt's: der eine biegt's, der andre bricht's! laß nur das Schwert nicht in die Scheiderosten, den freien Mut des freien Manns! Wer etwas will, der kann's ... der kann's! und würd es eine Welt ihn kosten! Was du vor dir bist, nur entscheidet! der Spruch der Welt, du lieber Gott, zerrt heute hist und morgen hott, und wenn sie dich mit Purpur kleidet ... für das, was einer litt und leidet, ist all ihr Purpur Fastnachts-Spott! Was du vor dir bist, nur entscheidet und wird des Ganzen innerer Kern ... nicht Glück, nicht Zufall oder Stern! und was dann auch dagegen streitet, der Freie macht sich stets zum Herrn! Was du vor dir bist, nur entscheidet und bleibt im buntverwirrten Spiel des breiten Weltgetriebs das einzig unverlierbar klare Ziel, der einzige schaffende Gedanke, der all dem blinden Her und Hin Beziehung gibt, Verstand und Sinn, daß es sich formt und fügt und ordnet und still zu einem Ganzen webt ... der einzige feste Punkt, von dem aus ein Starker die Welt aus ihren Angeln hebt! Den einen trügt's, den andern trägt's, dem einen liegt's, der andere legt's ... laß nur das Schwert nicht in die Scheide rosten, den freien Mut des freien Manns! wer etwas will, der kann's ... der kann's! und würd es eine Welt ihn kosten! 3. [Und das allein ist's] Und das allein ist's, drum sich's handelt, wie Welt und Zeit auch stürmt und wandelt mit allem, was du je begannst: daß ohne Vorwurf, ohne Lüge, daß ohne Reue, ohne Rüge, auch vor dem eigenen Tribunal, daß du mit ruhigem Gewissen zurück- und vorwärtsblicken kannst auf deines Jahres stille Mühe ... ob du verlorst, ob du gewannst. Nicht fremden Anderen zu Dank ... was denn auch sollen diese Andern! es ist ja doch ein stetes Wandern voll Mißgunst überall und Zank! Nein, dir allein zu Recht und Ehre, dir allein zu Lust und Last: deinem Glauben, deinem Leben, deinem Schaffen Genüge zu geben. Mag man's dann loben oder tadeln, was liegt daran!? Es wird sich immer adeln, trotz Acht und Bann: wer ohne Vorwurf, ohne Lüge, wer ohne Reue, ohne Rüge zurücksehn darf und sagen kann von seines Jahres stiller Mühe: er habe seine Pflicht getan ... ob er verlor, ob er gewann ... Und weder Glück noch Unglück hab je was über ihn vermocht, und weder Täuschung noch Erfüllung das freie Herz ihm unterjocht! Dem Dichter 1. [Doch nicht, was du] Greift nur hinein in's volle Menschenleben, ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt, und wo ihr's packt, da ist's interessant. Vorspiel zum Faust. Doch nicht, was du von außen packst, ob dich ein Zufall glücklich leitet, und wenn du's noch so scharf umzackst, krönt dich zum Sieger und entscheidet ... Nein: ob du's mit den Wurzeln greifst und wie du's stimmst und wie du's reifst in stiller Tage stillem Werden, ob du's zur Sonne aufwärts hebst, empor aus seines Unwerts Trübe, empor aus seines Werktags Dunst, ob du's mit deinem Ich durchlebst und mit der Sehnsucht deiner Liebe, dem Gottesatem freier Kunst. Was sollen wir mit fremder Menschen gleichgültiger Lust, gleichgültigem Leid?! Du gib ihm Wort erst, Wert und Weihe zu dem, dem du dich selbst geweiht! Wir wollen dich, nicht ... uns, nicht andre! wir wollen dich, was dich bewegt, was dich ... auf freigekämpften Schwingen, dem Staub entträgt, dem Staub, dem Dunst, in dem wir ringen, der Mühsal zwischen Heut und Morgen, die uns mit ewigen Pfennig-Sorgen um unser bestes Teil betrügt! Mit deines Wortes mächtigem Werde zerreiß die Nebel, schaff uns Licht ... und über unserem kleinen Dasein mit seinem riesengroßen Leid zeig uns die morgengoldenen Feuer der Sonne deiner Ewigkeit! 2. [Der Dinge unerkanntes Wesen] Der Dinge unerkanntes Wesen ... ein Lehrling auch wird's manchmal lösen mit irgendwo erlauschtem Spruch ... ein Lehrling auch vermag mitunter ein Wunder und kann, was im Verborgenen ruht, aus dumpfer, traumgebundener Hut zu Aufsturm und zu Tat befrein ... doch Meister wird er drum nicht sein! denn Sieg ist's nirgends: blinde Kraft zu lösen nur und zu entflügeln ... Sieg ist es erst: in freiem Spiel, zu jeder Zeit, zu jedem Ziel die Macht zu haben, sie zu zügeln! 3. [Das Was ist's nicht!] Das Was ist's nicht! Wer etwas kann, zwingt sich den sprödesten Stoff zu Willen, zwingt zu lebendig frischem Quell das Felsgestein, das sonnzerglühte, zwingt das verdorrteste Reis am Weg zu Reim und Blüte mit bloßem Wort ... er will und spricht's, und ... überflammt von tausend Sonnen, befreit er eine Welt voll Wonnen aus leerem, dämmergrauem Nichts! Das Was ist's nicht! Das Wie allein wird Kranz und Krone dir verleihn! Stoff ist nur Stoff, in blinder Haft ... dein Wille erst wird seine Kraft, dein Wort erst wird sein Werde! Es ist die gleiche Handvoll Erde ... ein Gott wird Menschen daraus schaffen, ein Stümper ... Affen! 4. [Frag nicht] Frag nicht, mach's fertig, und es ist gut! Frägst du, weiß jeder was einzuwenden, der im Ernst und der im Spaß, du aber stehst mit verdrossenen Händen, zweifelnd, mißgestimmt und laß ... und beginnst zu ändern ... aber die erste Freude ist weg und ihr heiliger Mut ... Frag nicht, mach's fertig, und es ist gut! 5. [Mach, was du willst] Mach, was du willst, mach's wie du willst, nur sorg, daß es in deinem Sinn als Ganzes, Volles dir gelingt, und daß nichts Fremdes dazwischen klingt! Man nenn's dann gut, man nenn es schlecht ... es habe ruhig jeder recht, und wer da lachen will, soll lachen ... Witze sind über alles zu machen! die einzige Frage, die da gilt, ob einer lobt nun oder schilt, die einzige Frage ist: gabst du ein Eig'nes!? Übertragungen nach Paul Verlaine Still! Tiefstiller dunkler Schlaf sinkt über meinen Tag, daß ich nichts hoffen mehr, nichts fürchten mag! Das ganze Leben ... ich entsinne mich kaum, war es froh, war es traurig?! Alles wird Traum ... Es ist eine Wiege, von heimlicher Hand leise geschaukelt an Grabesrand! Still! ... Still! Serenade Als ob ein Toter im Grabe müd und wund nach Leben riefe, sucht mein Lied sich zu dir mit klagendem Mund aus dunkler Tiefe. Laß lauschen dein Ohr, deine Seele dem Klang meiner Zither: für dich, für dich nur gilt mein Gesang ... so süß, so bitter. Ich singe von goldlichter Augen Pracht voll süßem Frohlocken, von selig vergessendem Traum in der Nacht schwarz wallender Locken. Als ob ein Toter im Grabe müd und wund nach Leben riefe, sucht mein Lied sich zu dir mit klagendem Mund aus dunkler Tiefe. Und ich sing von der wonnigen Wundergestalt deiner Glieder, in schlaflosen Nächten voll Sehnsucht umwallt ihr Duft mich wieder. Und ich denke der Glut deiner Küsse dazu, mich entseelend, und der Lust, mit der du mich quältest, o du ... mein Engel! mein Elend! Laß lauschen dein Ohr, deine Seele dem Klang meiner Zither: für dich, für dich nur war, was ich sang ... so süß, so bitter! Im Gefängnis Der Himmel, drüben über dem Dach, in tiefblauem Schweigen, ein Baum, drüben über dem Dach, mit wiegenden Zweigen. In dem Himmel, den man sieht, klingts wie von Glocken, ein Vogel auf dem Baum, den man sieht, singt sein Frohlocken. Mein Gott, mein Gott, so friedlich und schön ... das dort ist Leben! in der Stadt drüben dieses frohe Getön und Summen und Weben! ... Und du, der du hier weinst, durchs Gitter lugend, was hast du gemacht, sag, der du hier weinst, mit deiner Jugend!? Ziel-entgegen Brief- und Tagebuchblätter 1. Sylvester Komm, vergiß einmal all die Geschichten komm und begrab einmal all den Kram! es sind ja doch nur Lumpereien, die einem nur das Herz zerquälen, die einen nur müde machen und lahm! Die Menschen sind so, ich weiß es wohl: statt fröhlich und guter Dinge zu sein, vernörgeln sie sich die schönsten Stunden mit kindisch törichten Hetzerein. Sie möchten es selbst nicht, wenn man frägt ... sie sehnen sich, harmloser sein zu dürfen, sie nennen es Unrecht, Schande und Hohn und möchten heraus aus all dem Gezänke ... und kommen doch nicht los davon ... und wenn man so zusieht, wie sie allmählich mutloser werden, trüber und trüber ... Mein Gott, man könnte weinen drüber! Lebt mit mehr Freude! ach, ich möcht's groß wie die Sonne an den Himmel schreiben, daß es wie Feuer in die Herzen loht ... lebt mit mehr Freude und ohne die Not und ohne den Haß und ohne den Neid, an den ihr das halbe Leben verpaßt ... macht's euch zu Lust und nicht zu Last! lebt mit mehr Freude, lebt mit mehr Rast! 2. Neujahr Goldrot im Nebel glüht die Sonne ... frisch hinein in den prächtigen Tag! frisch hinein in das junge Jahr! vorwärts! Glück und Sieg entgegen! Einen Mantel um, den Hut ins Gesicht, einen Stock in die Hand! mehr braucht es nicht! Um Gotteswillen nur nicht lang grämen! nur nicht lang stehen und Abschied nehmen! sei froh, den Kram einmal los zu sein! oder mit langem Räumen und Schnüren und Hin und Her die Zeit verlieren! Es bleibt jedes Jahr ein kleiner Rest, den man am besten liegen läßt! Aber das ist's ja: ... das viele Gepäck, mit dem man sich durchs Leben schleppt! Einen Mantel um, den Hut ins Gesicht, einen Stock in die Hand! mehr braucht es nicht! ein bißchen Mut und Glückvertraun, ein bißchen Zuversicht zu sich selber, ganz still! dann geh und komme, was da will, du brauchst nicht ängstlich zurückzusorgen, ob alles in Ordnung, und umzudrehn, du kannst jedwedem jungem Morgen mit freier Kraft entgegengehn! 3. Sonnenkraft Und immer wieder sinkt der Winter und immer wieder wird es Frühling und immer immer wieder stehst du und freust dich an dem ersten Grün, und wenn die kleinen Veilchen blühn, und immer wieder ist es schön und macht es jung und macht es froh, und ob du's tausendmal gesehn: wenn hoch in lauen blauen Lüften die ersten Schwalben lustig zwitschern ... immer wieder ... jedes Jahr ... sag, ist das nicht wunderbar?! Diese stille Kraft der Seele: immer neu sich aufzuringen aus dem Banne trüber Winter, aus dem Schatten grauer Nächte, aus der Tiefe in die Höhe ... sag, ist das nicht wunderbar?! diese stille Kraft der Seele, immer wieder sich zur Sonne zu befrein, immer wieder stolz zu werden, immer wieder froh zu sein?! 4. [Als Überwinder, nicht als Leider] Als Überwinder, nicht als Leider, als Vollender, nicht als Streiter, König, die Krone auf dem Haupt, als Sieger muß kommen mit flatternden Fahnen ... wer uns erlösen will und befrein! 5. [Restlos geht kein Tag zu Ende] Restlos geht kein Tag zu Ende, richt es, schicht es, wie du willst ... rührst du noch so sehr die Hände und liegt alles glatt und fertig, was da fertig werden sollte, richt es, schicht es, wie du willst, restlos bringst du's nie zu Ende ... eine Sorge, eine Frage zwirnt sich stets zum andern Tage, flicht es, schlicht es, wie du willst ... Doch vielleicht auch eine Freude, wägst du mit gerechter Wage! 6. [Wozu das Geklage] Wozu das Geklage: ›du habest kein Glück!‹ und ... ›das sei dein Geschick!‹ Geschick ist nur, wozu du selbst mit eigener Kraft und eigenem Willen die Reihe deiner Tage webst ... und Glück doch auch nur, was du selber aus deines Wunsches Tiefe hebst! 7. [Das ist das Leben!] Das ist das Leben! was erwartest du mehr?! was du hast, ist alles! es gibt nichts mehr? Das ist das Leben: all diese kleinen Alltäglichkeiten von Stund zu Stunde: dies Aufstehn morgens und dann den stillen Tag entlang in stillem Gleichlauf deine Arbeit ... Reste von gestern, Sorgen zu morgen ... zuweilen auch wohl ein ... froherer Gang, ein hellerer ... ein vollerer Klang ... ein bißchen Scherz, ein bißchen Ärger, ein bißchen Glück, ein bißchen Tück ... hochwichtig alles für den Augenblick, im nächsten aber schon vergessen und schließlich auch ganz einerlei: ob morgen wohl schön Wetter sei?! und wenn, wohin man abends gehe? und wie es da- und damit stehe?! und dies und das und das und dies, hundert kleine Was und Wie's, hundert kleine Wohl und Wehe! ... Das ist das Leben! erwarte nicht mehr! was du hast, ist alles! niemand hat mehr! Es frägt sich nur, wie's jeder faßt und schiebt und siebt ... und wie du's in die Zügel straffst und wie du's auseinanderspielst und wieder dann zusammenzielst, damit sich doch zuletzt ein Ganzes, großlinig Eigenes draus ergibt! 8. [Dem einen macht es Spaß] Dem einen macht es Spaß, bei Reichen zu Gast zu sein, dem andern mehr bei seinesgleichen zu Rast zu sein und in erträumten Königreichen auf goldenem Thron Phantast zu sein. 9. [Nebenher nur sein zu können] Nebenher nur sein zu können, was du sein willst, das ist das Bittere ... in halbverlorenen, abendmüden Stunden nur ... statt mit der vollen Lust des vollen Tags freihaupt, gradaus, wie andre, die ganze Kraft zu einem Ziel zu treiben ... Daß du dir mühsam erst aus schwerem Schacht das Eisen graben mußt, die Axt zu schmieden, die dir den Weg zur Höhe bahnen soll: auf deren Gipfel du in weißem Glanz die Tempelburg erbaun willst, die du träumst ... die Tempelburg mit ihren goldenen Königsbannern auf den Türmen, mit ihren rosenüberblühten Zinnen, und ihrem nie verschlossenen Tor! Von allem eines wäre schwer genug! 10. [O nur nicht müde werden!] O nur nicht müde werden! alles andre ... nur nicht müde werden! Ich meine nicht: vom äußern Lärm des Tags, nicht vom Gedränge kleiner Unruhstunden ... das alles löst sich immer ganz von selbst ... und löst sich's nicht, so wirf es hinter dich ... das große Ziel nur laß dir's nicht verbiegen! Es kann ein trüber Tag dich wohl verstimmen, es kann Enttäuschung mißgemut dich machen, es kann Verdruß ob so viel plumpem Schwindel zu jähem Zorn vielleicht die Faust dir ballen, es kann dir auf die Nerven fallen: lohnt sich's denn überhaupt, zu siegen!? Das alles löst sich immer ganz von selbst! Das innere Ziel nur laß dir's nicht verbiegen, und laß es dir nicht in die Seele kommen und dich nicht müde machen ... müde ... in der Tiefe, da, wo die Quellen des Lebens liegen! 11. [Auf den Höhen des Lebens] Auf den Höhen des Lebens ... du dachtest: in Ewigkeiten zu senken das trunkene Auge ... und erkennst noch tiefer nur des ganzen Getriebs kernlose Schalheit ... auf den Höhen des Lebens! Auch diese Erkenntnis aber ist ... Sieg. 12. [Laß endlich] Laß endlich, laß dieses Dringen und Drängen, dies müdemachende Zwingen und Zwängen ... was einer tun kann, hast du getan! und mehr vielleicht! Nun mache Rast am grünen Hang ... es muß jetzt für sich selber sorgen, es muß sich ohne deinen Rat aus eigener Kraft jetzt weiterwenden und sich zu seinem Ziel vollenden! Du aber rüste dich und reife zu neuen Schaffens froher Tat! 13. [Ganz still zuweilen, wie ein Traum] Ganz still zuweilen, wie ein Traum, klingt in dir auf ein fernes Lied ... du weißt nicht, wie es plötzlich kam, du weißt nicht, was es von dir will ... und wie ein Traum ganz leis und still verklingt es wieder, wie es kam ... Wie plötzlich mitten im Gewühl der Straße, mitten oft im Winter ein Hauch von Rosen dich umweht, wie oder dann und wann ein Bild aus längstvergessenen Kindertagen mit fragenden Augen vor dir steht ... Ganz still und leise, wie ein Traum ... du weißt nicht, wie es plötzlich kam, du weißt nicht, was es von dir will, und wie ein Traum ganz leis und still verblaßt es wieder, wie es kam. 14. [Mitunter freilich kommen Stunden] Mitunter freilich kommen Stunden: und was du nie bewußt empfunden, gleich einem grauen Regen regnet's dir ins Herz, und wie ein scheuer Bettler bleibst du stehn, verstohlen durch die Hecken zu spähn, hinter denen sie sitzen und plaudern und lachen, fröhliche Menschen in fröhlichen Kleidern ... plaudern, lachen, singen und küssen so leichten Bluts, so frohen Muts: Als ob es all das Schwere gar nicht gäbe, an das du so viel Kraft verfehlst! als ob der Kampf, von dem du sprichst, und all die Müh und Sorge ... nichts! als ob es eitel Hirngespinste, worüber du dich härmst und quälst! und als ob allen, die da sitzen so kinderfroh und singen und spielen, tanzen und küssen, erfüllt schon längst, was du als letzten Dank dir denkst, als Endlohn für Jahre voll Kampf und Schmerz ... Und wie ein grauer Regen regnet's dir ins Herz und wie ein Bettler drückst du dich von dannen einsam deinen einsamen Weg. 15. [Das aber ist das Schwere dann] Das aber ist das Schwere dann: hinauszuwissen über ein erreichtes Ziel und: nicht stehen zu bleiben und sich betören: nun sei's getan, nun gehe alles seinen Gang, nun habe alle Not ein Ende, am Ziele anzukommen, sei genug! Ich aber sage: es ist nicht genug! ein Ziel ist nichts! an ein Ziel bringt sich jeder! und stehen bleiben rechnet überhaupt nicht! Es gilt weit mehr, als nur ans Ziel zu kommen ... im Großen wie im Kleinen, im Groben wie im Feinen: Es gilt: hinauszuwissen über das Erreichte, hinauszuringen über das Errungne! es gilt: von jedem erstrittenen Punkt weiterzuwollen und weiterzusehn und immer aufs neue Wege zu finden hochauf zu immer freieren Höhn! 16. [Da war ein ganzer Tisch] Da war ein ganzer Tisch voll Freunde, und alle tranken sie dir zu und alle machten mit dir Du ... Und schöne Fraun bei Küssen und Kosen kränzten die Stirn dir mit blühenden Rosen ... Und schließlich bist du doch allein geblieben und einsam, wie du immer warst. 17. [Fester nur drück dir] Fester nur drück dir den Hut ins Gesicht, fester nur fasse den Stock ... dein Weg war immer schon einsam genug über Klippen und über Gestein und wird je höher zur Höhe empor nur noch steiler und einsamer sein ... fester drum drück dir den Hut ins Gesicht, fester nur fasse den Stock! Du konntest wie alle einst wählen und gehn durch blühende Gärten im Tal ... doch es drängte nach Kampf dich, mit schaffender Tat zum Gipfel zu zwingen den steinigen Pfad ... und nun er steiler und steiler wird, und nun er dich weiter und weiter verirrt in sein großes entsagendes Schweigen ... fester nur drück dir den Hut ins Gesicht, fester nur fasse den Stock! Du hast's gewollt, blick nicht zurück, laß hinter dir liegen, was hinter dir liegt! und wird es noch so still und einsam und starr und hart und kalt und kahl, schrick nicht zurück, du wußtest, daß du verzichten mußtest auf die Feste der Menschen im Tal. 18. [Ich habe Nächte dafür geopfert] Ich habe Nächte dafür geopfert, ich habe Herzblut daran gegeben, und feige Buben nun kommen und heben die Hand auf gegen das fertige Werk. – – – – – – – – – – – – – – – – – Zerschlagt, zerschlagt es! wenn ihr könnt! ich glaub es nicht! jedoch ... zerschlagt's! mir tut ihr nichts damit! mich trefft ihr nicht: ich steh und seh euch zu und lach! Und wenn ihr Riesen oder sonst was wärt ... was es mir gab und war, indem es wurde, das zu zerstören, seid ihr doch zu schwach! 19. [Bleib fest und wisse] Bleib fest und wisse, was du willst und wie du dich zu dir erfüllst, und laß dich töricht machen nicht durch törichtes Gerede, und laß dich von den Liedern, die sie draußen singen, ablocken nicht von deinem Weg ... sei stolz und glaube an dich selber und bleib dir treu! Es führen alle Wege wohl zur Kunst, es führen alle Wege wohl zu Freiheit, denn Kunst soll Freiheit sein und Freiheit geben ... Ziele, über dich selbst hinaus, Kraft, dich über den Wandel der Tage, über der Dinge kleinliche Klage trotz- und siegfroh emporzuheben, dich und die, für die du aufwärts ringst! Es führen alle Wege so zur Kunst, doch immer mitten nur durchs Leben, durch Kampf und Schmerz, und nicht abseits verlorene Felder entlang, und immer mitten nur durchs eigene Herz! Für jeden freilich immer nur der eine, den er in dunkler Knabensehnsucht fand und den er weiterschreitend durch die Jahre in stetem Reifen und in stetem Mühn mit immer freier- und lichterem Glühn von Höh zu Höhe sich gebahnt. 20. [Das ist vielleicht das Ganze, sieh] Das ist vielleicht das Ganze, sieh: zu wissen, daß es nur Seifenblasen sind, und doch an ihrem bunten Spiel sich freun zu können harmlos wie ein Kind! Es scheint so leicht und ist so schwer! so schwer! ... so schwer! 21. [Und dennoch] Und dennoch: Nein, ich beneid euch nicht! ... Hell ist mein Herz und hell mein Blick und hell in goldener Sonne liegt die Welt, so sommerklar und schön, leuchtende Wolken über den Höhn ... und immer tiefer sinkt das Tal und sein Gewühl und alle Angst und alles Enge, alle Schwere, alles Gedränge ... und immer höher, immer breiter, immer lichter, immer weiter wird der Himmel, wird mein Ziel! 22. [Und wieder kehre ich] Und wieder kehre ich aus fremdem Lande und seines Lebens buntes Bilderspiel verglüht zu stiller, weißer Flamme: Du in dir nur trägst den Punkt, in dem sich alles faßt und findet und löst und bindet ... Du bist die Welt und nicht das laute vieldeutig immer andere Ding, das sich so nennt, das niemand kennt und nichts und alles ist! ... du bist die Welt und nicht die Länder, nicht die Meere, die du durchquerst in raschem Flug, auch nicht was Menschenkönnen schuf ... Du bist die Welt und du allein ... und bist du Gottes, wird sie Gottes sein! 23. [Ich kann euch] Ich kann euch eures Alltags Last nicht nehmen, wie mir die meine niemand nehmen kann und auch nicht nehmen soll ... ein jeder finde selber sich zurecht, ein jeder trage selbst, womit er sich belädt, und kämpfe selber sich durch Weh und Wohl! Was ich vermag, es ist nicht mehr vielleicht, als euch in stiller Feierabendstunde zu zeigen: wie es mir gleich tausend andern ging: wie's mich geduckt, und wie ich gezuckt und wie ich jede Zuversicht verlor ... und wie ich plötzlich dann trotzig wurde: was andre zwingen, das zwingst du auch! es gibt kein Schicksal! Verlust und Gewinn ist nur, was ich selber will und bin! Und wie ich die Arme dann frei mir rang, und wie ich den Kopf wieder hoch bekam, und wie ich zu mir selber fand, und wie sich langsam immer klarer, immer freier, voller und wahrer aus der verschütteten Tiefe hob: alles, was ich seit Knabentagen glühend in der Seele getragen! Und wie es Gestalt und Leben gewann und sich verwuchs und zusammenspann und höher mich und höher trug, Morgen, Sonne und Sommer entgegen, und wie's mit immer hellerem Glanze, mit immer freudefroherem Ruf mich umklang und aus des Alltags Last mir Kraft und Freiheit schuf. 24. [Ich habe wohl einmal gezagt] Ich habe wohl einmal gezagt, ich hab auch wohl einmal geklagt, wie jeder zagt, wie jeder klagt, wenn Müdigkeit ihn überkam und seine Zuversicht ihm nahm ... Und doch: so viel auch in die Brüche ging, worauf ich hoffte und woran ich hing, ein stilles frohes Lachen in der Tiefe, ganz fern aus Kinderzeiten her, hat nichts und niemand noch mir nehmen können ... ein stilles frohes Lachen, ich weiß selbst nicht wie: ganz fern aus Kinderzeiten her klingt seinen Klang es in mein Leben, voll heimlichen Glücks, bald fern, bald nah, plötzlich verstummt und plötzlich wieder da ... Ein Lachen, weißt du, wie's im Walde lacht, wenn in Hochsommermitternächten, der Herbststurm in seine Wipfel kracht, ganz fein und fern wo in der Tiefe ... wie wenn ein Sonnenelfchen riefe und über die Riesen sich lustig mache, die rings ihm drohn und nach ihm rennen und nirgend doch es fassen können ... Ein stilles frohes Lachen, das da weiß, daß es mächtiger ist als Schnee und Eis, und wenn es aufbricht aus der Tiefe und in die Täler niederschwillt, daß es dem rauhesten Sturm zu Trotz, mit Sonnenmacht über Nacht die ganze Welt voll Rosen lacht. Ich habe wohl einmal gezagt, ich hab auch wohl einmal geklagt, wie jeder zagt, wie jeder klagt, und doch dies stille frohe Lachen ganz fern aus Kinderzeiten her ... dies Lachen, weißt du, wie's im Walde lacht, wenn in Hochsommermitternächten der Herbststurm in seine Wipfel kracht, dies Frühlingslachen, das da weiß, daß es mächtiger doch als Schnee und Eis, hat niemand noch und nichts mir nehmen können. 25. [Und immer weiter führt dein Weg] Und immer weiter führt dein Weg und immer mehr legt sich allmählich alles hinter dich, was du in Kindertagen einst mit glühendem Wunsch in deine Zukunft träumtest ... du hättest bis zum letzten Rest darum gekämpft. Doch wie du weiterschreitest durch die Jahre reift eins ums andre dir von selbst entgegen und hängt mit vollen Früchten über deinem Weg. Du siehst es, lächelst und ... gehst weiter! Du hättest bis zum letzten Rest darum gekämpft in Kindertagen einst ... und nun vermissest du es kaum im breiten Reichtum des gewonnenen Lebens und wunderst dich, es je begehrt zu haben! Du lächelst und gehst weiter, still und froh ... Und so erfüllst du dich an deinem Ziel, wie sich allmählich so dein Ziel an dir erfüllt. 26. [So dacht ich auch einst] So dacht ich auch einst: was ich träumte in Frühlingsfülle müsse es ein Mai ausschütten über mich aus goldenem Horn und eines Morgens oder eines Abends müßten plötzlich die Berge auseinandergehn, durch die ich rang, und alles köstlich in Erfüllung stehn, in Glanz und Klang. Und Jahr um Jahr kam und verrann und Ferne über Ferne hüllte sich auf ... nicht eine aber erfüllte, was meine Sehnsucht hinter ihre Schleier spann! Nun wart ich längst nicht mehr auf solche Märchentage und glaube wie ein töricht Kind mein bestes Können in den Wind! Ich will vom Leben nichts geschenkt mehr haben! ich schaff mir selbst, was ich mir wünsche! Tat ist Erfüllung, nicht Gebet: die Ferne reift nur, was die Nähe sät! Ich nehme mir, was ich vom Leben will ... ich will vielleicht so viel nicht mehr wie früher, doch lachend steht es und hält still und blüht mir seinen Überfluß entgegen in reicherer Fülle, als ich je geträumt! Zierstück [1] Zierstück nach einer Originalzeichnung von Philipp Franck.