Lieder aus alter und neuer Zeit 1. Mit geheimnisvollen Düften Grüßt vom Hang der Wald mich schon, Über mir in hohen Lüften Schwebt der erste Lerchenton. In den süßen Laut versunken Wall' ich hin durchs Saatgefild, Das noch halb von Schlummer trunken Sanft dem Licht entgegenschwillt. Welch ein Sehnen! Welch ein Träumen! Ach, du möchtest vorm Verglühn Mit den Blumen, mit den Bäumen, Altes Herz, noch einmal blühn. 2. Nun ringt bei Frühlingswettern Sich aus der Erde Schoß In Blume, Blüt' und Blättern Die alte Sehnsucht los. Die Bäche hör' ich brausen Von fern durchs Waldgebiet, Es geht im Wipfelsausen Ein Auferstehungslied. Da schwillt vom dunkeln Triebe Allmächtig ausgedehnt Das Herz auch, das der Liebe Verlornes Glück ersehnt. Nicht mehr den Tränenbächen Verwehrt es streng den Lauf, Und seine Wunden brechen Wollüstig blutend auf. 3. Über die Berge wandelt Die warme Frühlingsnacht, Da wogen die wilden Wasser, Das Eis der Gletscher kracht. So wogt mein Herz, so schwillt mein Herz, Ich habe dein gedacht; Über die Berge wandelt Die warme Frühlingsnacht. 4. Die Nachtigall auf meiner Flur Singt: Hoffe du nur! Hoffe du nur! Die Frühlingslüfte wehen. Ein Dornenstrauch schlief ein zu Nacht, Ein Rosenbusch ist aufgewacht, So mag's auch dir geschehen. Hoffe du nur! 5. Nun kehrt zurück die Schwalbe Der langen Irrfahrt satt; Sei mir gegrüßt, mein Lübeck, Geliebte Vaterstadt! Wie liegst du vor mir prächtig Im Frühlingssonnenschein Mit deinen Türmen und Toren Und schlanken Giebelreihn; Mit deinen blühenden Wällen Voll Nachtigallengesang, Mit deinen Masten und Wimpeln Den blauen Fluß entlang! Und über die Giebel und Wälle Und über den Fluß dahin Wogt festlich das Geläute Der Glocken von Sankt Marien. So klang's mit Himmelsmahnung Um meine Wiege schon; Erinnrungstrunken lausch' ich Dem tiefen Feierton. Da schmilzt in Friedensschauern Was stürmisch mich bewegt, Wie einst, wenn mir die Mutter Die Hand aufs Haupt gelegt. Und schöner nur durch Tränen Erblick' ich Fluß und Tal – O Heimat, süße Heimat, Gegrüßt sei tausendmal! 6. In den mondverklärten Lüften Welch ein Zauber süß und fremd, Nun ein Strom von Blütendüften Markt und Gassen überschwemmt! Fern vom Fluß aus Busch und Flieder Schluchzt die Nachtigall herauf – Traum der Jugend, kommst du wieder? Alte Sehnsucht, wachst du auf? Dunkelselig wie vor Zeiten Wächst das Herz mir in der Brust, Süßer Schwermut Schauer streiten Mit beklommner Werdelust, Bis mir über dem Gewühle Klar die alte Liebe steht, Ach, und alles, was ich fühle, In Erinnrung untergeht. 7. Herz, was willst du? Warum schwillst du? Was bewegt dich so mit Macht? War dies Bangen und Verlangen Denn nicht längst zur Ruh' gebracht? Was vor Jahren du erfahren, Deiner Jugend reinstes Glück, Erstes Leiden, schwerstes Scheiden, Wer beschwor es dir zurück? Herz, was willst du? Warum schwillst du? Ach, du weißt, was dir geschehn: Die Erkorne, Frühverlorne Sollst du heute wiedersehn. 8. Nun ist auch dieser Bann gebrochen, Und friedlich schließt der Tag und klar – Wir grüßten uns mit Herzenspochen, Doch ward kein Wort von dem gesprochen, Was unsrer Jugend Traum einst war. Vom Stern und Unstern meiner Reise, Vom Land Homers erzählt' ich ihr; Sie sprach vom alten Freundeskreise, Doch floß die Red' uns träg und leise, Und endlich ganz verstummten wir. Da sprang sie auf, und rasch wie immer Gefaßt, ergriff sie meine Hand, Und zog mich aus des Mittags Schimmer Ins hohe, halbverhängte Zimmer, Wo ihres Knaben Wiege stand. Sie bog sich auf das Kind hernieder Und winkte lächelnd mir zu nahn; Verschlafen dehnt' es ros'ge Glieder, Und jetzt erhub's die Augenlider Und sah mit ihrem Blick mich an. Da hab' ich's auf die heißen Wangen Geküßt mit leisem Segenswort, Und all mein Trauern und Verlangen War wie ein Rauch im Wind zergangen, Und frei und heiter schritt ich fort. 9. Das war in jungen Tagen, In goldner Frühlingszeit, Da mir verhüllt noch lagen Des Lebens Qual und Streit. Wie deucht' auf allen Wegen Die Welt mir da so schön! Im reichen Blütensegen Wie prangten Tal und Höhn! Der Himmel glänzt' und blaute, Als wär' er aufgetan, Und glückverheißend schaute Die Ferne rings mich an. Da ward ein heimlich Klingen In meiner Seele wach; Die Meister hört' ich singen Und sang den Meistern nach: Ich sang in dunklem Triebe Aus frohbewegter Brust Von Vaterland und Liebe, Von Wald- und Wanderlust. Und wie im leichten Reigen Der Reim den Reim gebar, Kaum wußt' ich, was mein eigen, Was nur ein Echo war. Da ist der Wind gekommen Und hat im raschen Flug Die Lieder mitgenommen, Sie waren leicht genug; Und hat sie fortgetragen Durchs Land hin keck und froh – Das war in jungen Tagen, Kam nimmer wieder so. 10. Schweig, wenn dir vom Überflusse Tönend nicht die Seele schwoll! Nicht an jedem Tag zum Schusse Seinen Bogen spannt Apoll. Keinen wahrlich darf's verdrießen, Daß zu tieferm Ernst geweiht, Seltner dir die Weisen fließen Als in muntrer Jugendzeit. Doch mit Fug wird dir's verübelt, Wenn du Form und Reim erzwingst, Und, was frostig ausgegrübelt, Als begeistert Lied uns bringst. 11. Ich bin, der ich bin, Und lernt' ich von vielen: Nach eigensten Zielen Stand immer mein Sinn. Ein Strahl Poesie Beschien mir die Pfade, Ich spürt' ihn als Gnade Und rühmte mich nie. Und hat sich's gefügt, Und laßt ihr mich gelten, So glaubt, daß ich selten Mir selber genügt. Und wißt ihr dahin Mein Lied nicht zu nehmen, So darf's mich nicht grämen; Ich bin, der ich bin. 12. Wenn hinabgeglüht die Sonne, Steht der Mond schon überm Tal, Und den Abglanz ihrer Wonne Gießt er aus im feuchten Strahl. Also bleibt im tiefsten Herzen Von versunknem großem Glück Tröstlich für die Nacht der Schmerzen Uns ein Widerschein zurück. Meine Sonne schied für immer, Meine Liebe schön und jung; Laß mich ruhn in deinem Schimmer, Sanfter Mond, Erinnerung! 13. Vieles lernt der Dichter tragen, Doch am schwersten das Entsagen, Wenn in Wolken unerreicht Ihm sein Ideal entweicht. Wenn er spürt: es ward dir eben Nur dein Maß der Kraft gegeben, Statt des Zaubers der Gestalt Nur ein Ton, wie bald verhallt! Dennoch gib dich, Herz, zufrieden, Daß dir dieser Ton beschieden, Dankbar unter Leid und Lust Reif' ihn aus in treuer Brust. Macht' er doch zur Zeit des Lenzen Einst der Liebsten Auge glänzen, Heut im herbstlich kühlen Hauch, Was dich labt, erwarb er auch. Ist's kein Ruhm auf weiter Erde, Ist's ein Blumenkranz am Herde; Ist's kein jauchzend Volk, Poet, Ist's ein Freund, der dich versteht. 14. Ach, und aufs neue Immer dies Sehnen? Dieses Verlangens Brennende Tränen? Was dir im Lied doch Glückt zu gestalten, Lernst du's im Leben Nimmer zu halten? Meinst du den Frieden Kaum dir gewonnen, Wieder im Wind schon Ist er zerronnen, Tauchst in die Lüfte Klingend Gefieder, Aber die Erdkraft Zieht dich hernieder. Zauber der Sinne Hält dich umwoben, Himmlisches Heimweh Treibt dich nach oben; Streben und Sinken Und wieder Streben, Seele des Dichters, Ist das dein Leben? 15. Laßt, ihr Lieben, o laßt mich still Trauern um das verlorne Glück! Für die Tage, die nicht mehr sind, Ach, was gibt die Erinnrung? Wohl mit Rosen und Grün bekränzt, Wie Schneewittchen im Sarg von Glas, Schläft die schöne Vergangenheit Mir im Herzen gebettet. Doch kein freundlicher Zauber löst, Ach, kein Sehnen die Wimpern ihr, Und der feste Kristall des Schreins Bleibt auf ewig geschlossen. 16. Mein Herz ist schwer, mein Auge wacht, Der Wind fährt seufzend durch die Nacht; Die Wipfel rauschen weit und breit, Sie rauschen von vergangner Zeit. Sie rauschen von vergangner Zeit, Von großem Glück und Herzeleid, Vom Schloß und von der Jungfrau drin – Wo ist das alles, alles hin? Wo ist das alles, alles hin? Leid, Lieb' und Lust und Jugendsinn? Der Wind fährt seufzend durch die Nacht, Mein Herz ist schwer, mein Auge wacht. 17. Wir fuhren auf der stillen Oder Durch Wälder, wo das Schweigen wohnt; Der Abendröte fern Geloder Verglomm, und dämmernd stieg der Mond. Da mahnt' es mich, daß wir vor Jahren Am forstumkränzten Templerschloß Schon einmal so dahin gefahren, Da Mondlicht auf den Wassern floß. Ach, damals jung und fröhlich beide, Voll goldner Hoffnung Herz und Sinn, Und beide heut in stillem Leide, Weil unser schönstes Glück dahin. Und wie ich's dachte, flog ein Schauer Durch meine Brust, doch ich empfand, Daß uns noch inniger die Trauer Als einst der Jugend Lust verband. 18. Spät auf hoher Schloßverande Saßen wir und sahn hinaus; Traumhaft überm finstern Lande Rollt' ein leises Donnern aus. Aus den Wäldern stieg, den feuchten, Kühler Duft, und fern herauf Schlug die Nacht im Wetterleuchten Dann und wann die Wimpern auf. Märchendunkel war die Stunde, Und ihr fremder Zauber rief Auf die Lippen, was im Grunde Deiner Brust versiegelt schlief; Und erleichternd mir vom Herzen, Wie ein Blutstrom, quoll es sacht, Was mich, ach, so reich an Schmerzen Und zugleich so selig macht. 19. Nun braut es herbstlich auf den Auen, Den bunten Forst entlaubt der Nord, Und schwirrend steuert hoch im Blauen Der Zug der Wandervögel fort. Geheime Schwermut rieselt bange Mir durchs Gemüt im Windeswehn – Fahr wohl, mein Wald am Bergeshange! Und werd' ich grün dich wiedersehn? Ach, sicher trägt der Schwan die Kunde, Wann's Zeit zu wandern, in der Brust, Doch wer verkündet dir die Stunde, O Herz, da du von hinnen mußt? 20. Oft in tiefer Mitternacht Faßt mich ein unendlich Bangen Um die Tage, die vergangen Und mich nicht ans Ziel gebracht. Was ich jung umsonst gesucht, Kann ich's alternd noch erringen? An die ausgewachsnen Schwingen Hing sich, ach, des Siechtums Wucht. »Wirf denn hin den Zauberstab, Eh' er dir entsinkt mit Schmerzen! Nimm die letzte Glut im Herzen Ungesungen mit ins Grab!« Still, o still! Ich lern' es nie, Stumme Tage klug zu weben. Trostlos Darben wär ein Leben Ohne dich, o Poesie! Nach dem Kranz, der vor mir schwebt, Muß ich ringen Stund' um Stunde, Wie der Aar, der flügelwunde, Sterbend noch zur Sonne strebt. 21. Schon reift es nachts im Wiesengrunde, Und dennoch gehn, vom Sonnenhauch Gelöst in warmer Mittagstunde, Noch Knospen auf am Rosenstrauch. So treibt, obwohl es herbstlich trauert, Mein Herz, das allzuviel verlor, Doch von Erinnrung überschauert Noch dann und wann ein Lied hervor. Wohl fühl' ich tief dann im Gemüte Dies Wachstum als ein kurzes Glück, Doch nimmer bringt die späte Blüte Den längst verlornen Mai zurück. 22. Traurig schritt ich hin am Bach, Sieh, da trat auf leichten Füßen Sanft zu mir der Lenz und sprach: »Deine Jugend läßt dich grüßen.« Und es blies mich an, und jäh Brach durch meines Trübsinns Kruste Solch' Gefühl von Wonn' und Weh, Daß ich lautauf weinen mußte. All mein Wesen dehnte sich, Gleich als sollt' es Flügel breiten, Und ein Klang durchbebte mich Wie von angeschlagnen Saiten. Wirf denn ab des Zweifels Last, Herz, du darfst noch nicht verzichten! Nun du wieder Tränen hast, Magst du wieder blühn und dichten. 23. Rauher Tag will rauhe Weise; Nun am Herd der Waffenschmied Schwerter fegt, wer lauscht im Kreise Noch auf dein gedämpftes Lied? Laß dir's willig, Herz, gefallen, Geht die Zeit doch kühnen Gang; Dies Getös auch wird verhallen, Wenn dein Volk sein Ziel errang. Wenn die Burg einst seiner Ehren Ausgebaut ins Blaue strebt, Nach Gesängen wird's begehren, Drauf ein Hauch des Friedens schwebt. Schönheit wieder vom Poeten Fordert dann ein froh Geschlecht; Frühling, Lieb' und Andacht treten In ihr uralt heilig Recht. Und im Klange deiner Lieder, Ob dich längst die Erde kühlt, Durch die Brust der Jugend wieder Wandelt, was du einst gefühlt. 1867. 24. Nun um deine Pfade leis Welke Blätter stieben, Eng und enger wird der Kreis Täglich deiner Lieben. Die im Jugendmorgenrot Dir Geleit gegeben, Ach, wie viele nahm der Tod, Wie viel mehr das Leben! Neue Freundschaft schließt sich schwer An des Winters Grenze, Wurzeln treibt das Herz nicht mehr, Wie dereinst im Lenze. Zwar im Kampf nicht wird es dir An Genossen fehlen, Doch euch knüpft ein gleich Panier, Nicht der Zug der Seelen. Auch mit Jüngren wohl ein Stück Läßt sich's fröhlich schweifen, Doch nur halb dein Leid und Glück Mögen sie begreifen. Darum, soll nicht freudenarm Dir die Welt verblassen, Lern' in Liebe doppelt warm, Was dir blieb, umfassen. Den du jung umhergestreut Leicht in leichten Gaben, Laß an deinem Schatz sich heut Wen'ge ganz erlaben. Eisumfrornem Rebensaft Gleiche, der zusammen- Drängt im engsten Raum die Kraft Aller seiner Flammen. 25. Es kommt der Lenz, es schmilzt der Schnee, Der Rhein hebt an zu brausen, Mit Jauchzen wirft er vom Geklipp Hinab sich bei Schaffhausen. Und als er fürder wallt im Tal, Den Wasgau sieht er winken; »Nun grüß' dich Gott, du deutsches Land Zur Rechten und zur Linken! Nun grüß' dich Gott, du Münsterturm! Was schaust du trüb hernieder? Die Wunden, die die Liebe schlug, Die Liebe heilt sie wieder.« Und als er kommt hinab zum Main, Da sieht er hoch im Bogen Die Brücke zwischen Nord und Süd, Der Eintracht Mal, gezogen. Mit Blut gekittet steht der Bau Aus tausend Heldenwunden: »Nun scheidet keine Macht fortan, Was Not und Tod verbunden.« Und als er kommt zum Königstuhl An Rhenses Traubenhügeln, Da donnert's hoch aus blauer Luft, Da rauscht es wie von Flügeln. »Glückauf, das ist der Flügelschlag Des Adlers vom Kyffhäuser, Das ist der Donnerhall des Siegs, Erstanden ist der Kaiser. Nun jauchze, jauchze, deutsches Volk, Dem jungen Reich entgegen, Und Friede sei mit dir und Heil Und aller Freiheit Segen!« März 1871. 26. Im Spätherbstlaube steht mein Leben, Zu Ende ging das frohe Spiel, Die Sonn' erblaßt, die Nebel weben, Und bald, ich fühl's, bin ich am Ziel. Doch nicht in klagenden Akkorden Hinsterben soll mein Harfenschlag, Zwei Freuden sind mir noch geworden, Drum ich beglückt mich preisen mag. Ich sah mit Augen noch die Siege Des deutschen Volks und sah das Reich Und legt' auf eines Enkels Wiege Den frisch erkämpften Eichenzweig. 1873.