Johann Wilhelm Ludwig Gleim Neue Lieder Anakreon Wer war Anakreon? Fragt' einstens Doris mich. Er war, antwortet ich, Er war ein Mann wie ich! Er sang am Helikon, Den Musen Liederchen, Und küßte Grazien, Und war mit ihnen froh, Und lebt' er noch, o so Verließ er sie für dich. Zög' aber Doris mich Ihm vor, o Himmel! so Wär' in Arkadien Kein Schäfer wohl so froh, Und so verliebt, wie ich; Und seine Grazien Behielt' er wohl für sich. Ein Mädchen Ich weiß ein Mädchen, schöner ist Kein Mädchen auf der Welt! Du, der du nie verzaubert bist, Du, Weiser, oder Held! Du solltest nur mit einem Blick, Mit einem nur, es sehn! Demütig würdest du zurück Zu Mut und Weisheit gehn. Hineingezogen in ihr Netz Der Schönheit, lägst du da! Ihr Reich, ihr Zepter, ihr Gesetz Erkennend, lägst du da! Welch eine Stimme! wie so süß! Ernst sei es, oder Scherz, Sie säng', und spräch' ein Paradies Selbst Gellerten in's Herz! Ihr Auge? Solche Heiterkeit Im weiblichen Gesicht Fand ich auf Erden weit und breit, Fänd' ich im Himmel nicht! Ihr Lächeln macht das Dunkle hell! Ein Engel würde froh, Könnt' er es sehn! Kein Raphael, Kein Öser malt es so! Ihr Busen? Tugend stirbt davon! So wunderschön ist er! Nicht Zeus und nicht Anakreon Sah einen niedlicher! O welche Rosen, welch ein Reiz Sie abzubrechen! Komm! O Freund, genug für deinen Geiz, O wärst du nicht zu fromm! Ihr tiefes Grübchen in dem Kinn! Ihr schönes Blut! Ihr Schoß! Ihr Wuchs! Ihr Gang! O Zauberin! O Göttin! laß mich los! Der Wille Helden, die nach Ehre schmachten, Wollen alle Menschen schlachten! Dieser Will' ist nicht für mich, Leben lassen will ich! Reiche, Güter zu erwerben, Wollen hungern, reich zu sterben! Dieser Will' ist nicht für mich, Satt mich essen will ich! Klopstock will sein junges Leben Für Homerus Lorbeern geben! Dieser Will' ist nicht für mich, Lange leben will ich! Die ungläubige Frau Unbeständig ist er nicht Dieser zärtliche Geliebte, Dieser über mich Betrübte, Der von meinem Sterben spricht, Unbeständig ist er nicht! Aber daß er, stürb' ich, nimmer Trost empfände, daß er immer Meine Liebe Noch bedächte, traurig immer Witwer bliebe, Daß bei meiner Sterbensnot Jammer ihm sein Herz zerschlüge; Daß er meinen frühen Tod Nicht ertrüge; Daß er einsam, bitterlich Mich beweinte, daß er sich Gleich zu Tode grämte; Daß auch seine Männlichkeit Solcher seltnen Zärtlichkeit Sich nicht schämte, Wie er da so zärtlich spricht, Das – glaub' ich – ihm nicht! An Phyllis Ich betete die junge Phyllis an, Von Schönheit, Witz und Tugend angetrieben; Und Schönheit, Witz und Tugend kann Mich itzt nicht reizen, sie zu lieben! Sie betet itzt den jungen Daphnis an, Von Schönheit, Witz und Tugend angetrieben; Liebt den, der sie nicht lieben kann, Die mich nicht liebt, kann ich nicht lieben! Amor schlafend Amor lag in tiefem Schlaf, Unter einer Schar von Schäfern; Phyllis traf ihn an, und sang, Ihn noch tiefer einzuschläfern! Aber plötzlich aufgeweckt Von dem sanften Schäferliede, Stutzt er, sieht sich munter um, Und des trägen Schlummers müde, Springet er vom Lager auf, Das von Veilchen und Levkojen Ihm die Erde wachsen ließ; Rüstig nimmt er Pfeil und Bogen! Doris flieht in dicken Wald, Da vor ihm sich zu verstecken, Amor sieht es, machet Lärm, Alle Schäfer aufzuwecken! Alle Schäfer springen auf, Folgen ihm mit Jägereile! Doris fliehet, auf der Flucht Trifft er sie mit seinem Pfeile! Tausend Seufzer sandt' ich fort, Wenig ließ mich Phyllis hoffen! Aber der gerührte Gott Hatte sie für mich getroffen. Der Mann der Nachtigall An Chloe. Will der Mann der Nachtigall, Will er denn so ganz verzagen? Welche jämmerliche Klagen Singet er dem Wiederhall! Zärtlicher, beklommner, bänger Klagt er seinen Gram, als ich; Der betrübte Liedersänger Chloe, jammert mich. An den gelehrten Duns Laß uns die Vernunft vertrinken, Grundgelehrter Duns! Laß uns die Vernunft vertrinken, Denn was nützt sie uns? Unsre neue Weisen kehren Alles um und um! Allzuklug sind ihre Lehren, Allzuklug ist dumm! Alles wollen sie ergrübeln! Alles – Gott und Wein! Trinkern wär' es zu verübeln Allzuklug zu sein! Damöt Der liebenswürdige Damöt Fand neulich mich allein, Und klagte, bis des Abends spät, Mir seine Liebespein! Mein höchster Wunsch, sprach er, bist du! Es ließ ihm gar zu schön, Kam mein Mamachen nicht dazu; So war's um mich geschehn. Ich wollt' entfliehen, er stand still, Nachseufzen hört' ich ihn! Ich blieb: wen Amor halten will, Kann der denn wohl entfliehn? Mein höchster Wunsch, sprach er, bist du; Es ließ ihm gar zu schön! Kam mein Mamachen nicht dazu, So war's um mich geschehn. Phyllis und Damon Mich zu küssen, ludest du Mich in deinen Garten! Nun ich da bin, lässest du Mich zu lange warten! Nebenstöcke will ich hier Neben Rosen pflanzen! Blühen sie, so wollen wir Unter ihnen tanzen! Daphnis und Venus Leite doch, ich bitte, Deines Schäfers Schritte, Venus, durch die finstre Nacht Zu der kleinen Hütte, Wo Belinde wacht. Daß ihr Hylar bellet, Ist von ihr bestellet! Auf dem schmalen Wege hier, Den dein Licht erhellet, Komm' ich hin zu ihr. Der blöde Damon Mein blöder Damon seufzt nur immer, Spricht immer nur von seiner Qual, Will immer wagen, waget nimmer; Er wage doch einmal! Der Glückliche Glücklich ist, wer nimmer liebet, Wer der Liebe lacht; Denn wer sich der Lieb' ergiebet, Seufzet, sehnt sich, ist betrübet, Winselt Tag und Nacht; Sein Gewinsel, sein Gesehne, Was er denkt, und thut, und spricht, Wirkt ein einziges Gesicht! Alles andre Schöne Rührt ihn nicht. Amor Amor lief mit einer Fackel Auf Anakreon einst zu! Freund, ich habe dich errettet, Sprach er, brennen solltest du! Hymen saß mit dieser Fackel Im Gebüsch, und wollte dich Hinterlistig überfallen, Und verbrennen wollt' er dich! Aber ich entriß die Fackel Seiner kleinen Mörderhand! Setze, sprach ich, Brüderchen, Lieber eine Stadt in Brand. Amor und Hymen Bruder, wollen wir uns beide Heut' in deinem Wäldchen hier Eine kleine Freude machen, Sage Bruder, wollen wir? Amor ist nicht mehr mein Bruder; Der in meinem Myrtenhain Mich in meiner Freude störet, Könnte der mein Bruder sein? Amor hätt' in deiner Freude Dich gestöret? sage mir, Denn du scheinst auf ihn zu zürnen, Brüderchen, was that er dir? Brüderchen, will ich nicht hören, Bis du wieder artig bist, Und mit seinem lieben Amor Hymen ausgesöhnet ist! Seit der Rosenblüte haben Wir die Hand uns nicht gereicht! Daß du mir die Fackel nahmest, Das vergess' ich nicht so leicht! Brüderchen, mit deiner Fackel Wolltest, hinterlistig, du Meinen Dichter überfallen, Was bewegte dich dazu? Warum willst du so gewaltig, Daß er sich vermählen soll? O dann säng' er Ehelieder! Ei! das wolltest du ja wohl! An Chloe Daß ich getreu, o Chloe, dir, Drei lange Tage bliebe, Bliebst du es einen Tag nur mir, Das schwör' ich, ja! das schwör ich dir, Vor dem Altar der Liebe! Tafelgespräch Ihr Freunde, können wohl, ich bitte, sagt es mir, Die Götter im Olymp so glücklich sein, wie wir? Sie können nicht so glücklich sein, Sie haben keinen Wein! Wär' aber nun ihr Nektar Wein? So können sie so glücklich sein! Phyllis und Adonis Phyllis tanzte mit Adonis Einen Schäfertanz, Ihre braunen Locken schmückte Nur ein Veilchenkranz! Sittsamkeit und sanfte Tugend Sprach ihr ganzer Leib. Alle junge Schäfer seufzten: Welch ein schönes Weib! Andre Tänzerinnen starrten Von Gestein und Gold; Sich, wie sie, damit verschönern, Hat sie nicht gewollt. Phyllis war von allen Schönen, Ja die Schönste doch! O wie hat sie mir gefallen, Tanzte sie doch noch! Der Zufriedene Meine Wünsche sind gestillt! Ehre hab' ich mir erworben; Meine Frau ist mir gestorben; Meine Kasten sind gefüllt; Meine Wünsche sind gestillt. Meine Wünsche sind gestillt! Freunde hab ich und Vergnügen, Und in meinem Keller liegen Fünfzig Fässer angefüllt; Meine Wünsche sind gestillt. Leert' ich jährlich nur Ein Faß, Leert' ich alle fünfzig Fässer, Welch ein Leben wäre besser? Welch ein Leben wäre das? Leert' ich jährlich nur Ein Faß! Amors Irrtum Amor sah die Doris schlafen; Stehend unter ihren Schafen, Sah er ihrem Schlafe zu! Dick Gebüsch hielt mich verborgen, Mutter, sprach er, guten Morgen! Wie so ruhig schliefest du! Doris, wach, erblickt den Knaben, Kind, spricht sie, was willst du haben? Und was hast du hier zu thun? Hier ist nichts für dich zu spielen; Laß mich, Kindchen! hier im Kühlen Laß mich noch ein wenig ruhn! Amor, näher tretend, siehet Seinen Irrtum, stutzt und fliehet Mit errötetem Gesicht! Ich ergötzte mich darüber, Amor, rief ich, kleiner Lieber, Fliehen willst du? fliehe nicht! Die Kinderjahre O was für gute Freunde waren Belind' und ich, in jenen Jahren, In welchen man, im Busen noch nicht heiß, Vom Jüngling nichts, und nichts von Liebe weiß. In welchen man nicht suchet, und nicht flieht, Und froh ist, wenn man nur sich sieht! Viel Blümchen wurden da gefunden, Viel Kränze wurden da gewunden, Die setzten wir bei einem Wettelauf Uns scherzend dann einander auf. Und war einmal ein Tänzchen, dann war ich Um sie herum, und sie um mich! Ich weiß es noch, wie wir mit Nüssen Und Äpfeln, uns einander schmissen! Ich weiß es noch, wie, bei dem Gänsespiel, Ich bei ihr saß, und in den Brunnen fiel, Und wie sie sich betrübte, wenn der Tod Mir seine scharfe Sense bot! Ich weiß es noch, wie wir uns grüßen, Und guten Morgen sagen ließen; Ich weiß es noch, wie gern ich den Papa Begleitete zu ihrer Frau Mama! Und wie sie mich nicht lange warten ließ, Und welche Puppen sie mir wies! Damals, als ich die kleine Lose Beim Taxus fand, und eine Rose Zum Zierrat ihr an ihren Busen bot; Da wurde sie zum erstenmale rot! Ein Paradies war ihr verschämt Gesicht; O Himmel, ich vergeß es nicht! Der reiche Hirt Wollte mich Belinde lieben, O wie wohl wär' ich daran! Viere, fünfe, sechse, sieben – – Zwanzig Schafe wend' ich an! Zwanzig? – hundert wollt' ich sagen! Hundert, ja! gäb' ich darum. Ja! Sie selbst sollt' ich nur fragen, Aber immer steh' ich stumm! An den Bach, der durch die Mitte Meiner fetten Fluren fleußt, Trat sie einst, mit sanftem Tritte, Da erhöhte sich mein Geist! Da fragt' ich: willst du mich lieben? Schweigend drehte sie sich um; Wäre sie nur stehn geblieben, O was gäb' ich nicht darum? Giebst du deine ganze Herde? Fragte heute mich Damöt, Der mit grämlicher Geberde Unter seiner Linde steht! Ja! die ganze will ich geben, Ja! das schwör' ich! morgen früh! Herd' und Flur, und Luft und Leben, Alles hab' ich, hab' ich sie! Amor und Mars Auf dem Helm des Kriegesgottes, Der in voller Rüstung stand, Saß, von mir gesehen, Amor, Pfeil und Bogen in der Hand! Gott der Waffen, fragt' ihn Amor, Gott der Waffen, willst du Krieg? Mars erkennt ihn an der Stimme, Knabe, spricht er: Knabe, flieg'. Flieg' herunter von dem Helme! Denn ich eil' in eine Schlacht, Ludwigs Völker stehen fertig, Und der Plan ist schon gemacht. Was? spricht Amor, meinen Willen Sollt' ich nicht erfüllet sehn? Lieben sollen Mars und Moritz, Und die Schlacht soll nicht geschehn! Zweene goldne Pfeile sausen Plötzlich, da noch Amor spricht. Plötzlich lieben Mars und Moritz, Und die Schlacht geschiehet nicht. Die Rose und der Dichter Bin ich denn von zwanzigtausend Deiner Blumen hier Nicht die Schönste? Warum bliebest Du nicht stehn bei mir? Ja! von allen meinen Blumen War die Rose mir Sonst die schönste! Doris aber, Doris ist nicht hier. Schön ist ohne meine Doris Mir kein schön Gesicht, Keine Quelle, kein Gefilde, Selbst die Rose nicht! Betrachtung Brot hat mir Gott und Wein dazu gegeben! Wenn er mir nun noch Liebe giebt, So fehlt mir nichts! Was hat man von dem Leben, Wenn man nicht liebt? Amor, besänftigt Amor zürnt, ich soll nicht trinken, Lieben soll ich nur! Sich betrinken, sagt er, wäre Gegen die Natur. Kluge Männer, sagt er, lieben Für das Vaterland; Dumme Männer, sagt er, trinken Sich um den Verstand. Amor, sag' ich, lieber Amor! Zürne nicht so sehr! Wie gerufen kommt Belinde Zu der Kelter her! Eine hohle Hand zu machen, Lernet sie von mir; Süßen Most damit zu schöpfen, Lernet sie von mir! Lieben will ich, und auch trinken: Aus der hohlen Hand Meiner zärtlichen Belinde Trink' ich mir Verstand! Lilla Lilla, meine Lilla singet, Ist es auch ein Lied von mir? Tanzet, Schafe! Lämmer, springet! Eure Schäferin ist hier! Seht, da kommt sie, euren Hirten Zu besuchen, Berg herab, Tragend einen Kranz von Myrthen, Welchen ihr die Liebe gab! Himmel, wo ist sie geblieben? War ihr Gang denn nicht zu mir? Herde, wie muß ich dich lieben, Warum eilt' ich nicht zu ihr? Ihr entgegen sollt ich gehen, Springen sollt ich Berg hinan! Herde, ruhe! laß mich sehen, Ob ich sie noch finden kann! An einen Wassertrinker Trink, betrübter, totenblasser Wassertrinker, Rebenhasser, Trink doch Wein! Deine Wangen wirst du färben, Weiser werden, später sterben, Glücklich sein. Habt, ihr großen Götter! habet Für den Trank, den ihr uns gabet, Habet Dank! O wie dampft er in die Nase! O wie sprudelt er im Glase! Welch ein Trank! Alle Sorgen, alle Schmerzen Tötet er, und alle Herzen Macht er froh. Durstig sang zu seinem Preise Dieses schon der große Weise, Salomo! O! es müssen alle Weisen, O! es muß ihn jeder preisen, Der ihn trinkt! Finster, grämlich, menschenfeindlich Läßt er keinen! Seht, wie freundlich Er mir winkt! Siehe, spricht der Rebenhasser, Wie so freundlich da mein Wasser Mir auch winkt! Ernster Weisheit bleibt ergeben, Wenn ein Feind vom Saft der Reben Wasser trinkt. Wasser, immer magst du winken, Wer zu klug ist, Wein zu trinken, Trinke dich! Wasser weg von meinem Tische Du gehörest für die Fische, Nicht für mich! An die Schönen Auf einer Rose schlief Jüngst eine Biene tief, Und Amor sah sie nicht! Er rührt sie an, sie sticht! Er schreit: o weh! o weh! Sieht meine Lalage, Schreit! ach Mama, Mama! Die kleine Schlange da Mit Fittichen, die sie Hinfliegen sehen, die Der Landmann Biene nennt, Stach meine Hand! Es brennt Entsetzlich! Armes Kind, Spricht Lalage, – Geschwind Dein Händchen her, und küßt, Bis es geheilet ist. Ihr Schönen, welchen Lohn Gab ihr Cytherens Sohn, Für den geheilten Stich? Er gab, Er gab ihr mich! Amor und Bacchus Bacchus streitet sich mit Amor! Ob es Ernst ist oder Scherz? Ernst muß es wohl sein, sie streiten Sich ja um mein Herz! Bacchus mag den Sieg gewinnen! Ihn zu geben, steht bei mir! Aber nein, vertragt euch lieber, O ihr Götter! ihr! Gern lieb' ich euch alle beide, Alle beide könnt ihr mich Glücklich machen, o vertraget Euch doch nur, bitt' ich! Laßt mich trinken, laßt mich lieben, Beides laßt mich doch zugleich, O ihr allerliebsten Götter! O vertraget euch! Euch zu Ehren mich berauschen Soll die Liebe, soll der Wein! Lächelnd schenkt mir unter Küssen Meine Doris ein. An Phyllis Phyllis, unter diesen Buchen Will ich junge Veilchen suchen Komm, und suche sie mit mir! Müssen wir in finstern Gründen Lange suchen, sie zu finden, Dann so ruh' ich auch mit dir. Elpin In jenem Thal, wo Veilchen blühn, Sah ich den zärtlichen Elpin, Vor seiner Phyllis auf den Knien! Er bat, und seiner Bitte Schluß War: Wisse, daß ich sterben muß, Giebst Doris du mir nicht den Kuß! Sie schlug mit ernsterfülltem Blick Den Kuß ihm ab, er sank zurück, Und starb vor ihr den Augenblick. Gespräch mit sich selbst Chloe will mit ihren Blicken Mich bestricken, Aber sie bestrickt mich nicht! Ihr will ich, gleich schlauen Fischen, Wohl entwischen, Aus den Netzen im Gesicht! Länger soll sie mich nicht sehen, Ich will gehen, Hundert Meilen weit von hier! Kann sie da mit ihren Blicken Mich bestricken; Nun, so sei es aus mit mir! An Leukon Rosen pflücke, Rosen blühn, Morgen ist nicht heut! Keine Stunde laß entfliehn, Flüchtig ist die Zeit! Trink' und küsse! Sieh, es ist Heut Gelegenheit; Weißt du, wo du morgen bist? Flüchtig ist die Zeit! Aufschub einer guten That Hat schon oft gereut! Hurtig leben ist mein Rat, Flüchtig ist die Zeit! Amor, ein Vogel Sieh, wie dort ein kleiner Amor Auf dem Myrtenbäumchen sitzt, Lauschend nach den Schönen siehet, Und den Mund zum Pfeifen spitzt! Denkt er eine, deren Herze Nicht sein schärfster Pfeil durchdrang, Etwa heute zu bezwingen Mit harmonischem Gesang? O du lieber kleiner Vogel, Meine Magdalis ist hier! Pfeif' ihr doch ein kleines Liedchen, Und erpfeif' ihr Herze mir! Der reiche Mann Ein reicher Mann bin ich, ich habe Das göttliche Geschenk, die Gabe, Mit Wenigem vergnügt zu sein! Ein Mädchen hab' ich, gut zum küssen, Und einen Freund, ein gut Gewissen, Und täglich eine Flasche Wein! An Phyllis Phyllis, sollt' es mich nicht kränken? Einen ganzen Tag bringst du Tanzend, scherzend, lachend zu, Ohn' an mich zu denken? Sollt' es mich nicht kränken? Traurig dacht' ich unterdessen Tausendmal an dich! Phyllis, so mich zu vergessen? Lieber hasse mich! Ein Trinklied Was soll die Zauberei? ihr Brüder! Kurz ist die Stunde, singet Lieder Und trinkt und leert da volle Faß! Die Zeit hat allzustarke Schwingen, Wer kann sie halten! Laßt uns singen, Ein jeder fülle sein Glas! Kurz ist die Stunde! diesem Weine Gab unser guter Wirt nur Eine, Nur eine gab er Einem Faß! Der uns die Eine nur gegeben, Der soll noch hundert Jahre leben, Ein jeder leere sein Glas! Ein jeder hat sein Glas geleeret, Nur der nicht, dem der Wein gehöret, O böser Wirt! was heißet das? Soll dein Exempel uns verführen? Kein Augenblick ist zu verlieren. Ein jeder fülle sein Glas! Wir trinken, unsern Durst zu stillen; Die Gläser leeren, wieder füllen, Und wieder leeren, leert das Faß! Das leere Faß bekömmst du wieder, Herr Wirt, Geduld! o Brüder! Brüder! Ein jeder leere sein Glas! Die Zeit hat allzuschnelle Schwingen, Kein Augenblick ist zu versingen, Trinkt, Brüder, trinkt, bezwingt das Faß! Und du Gesang, den Bacchussöhnen Gefährlich, weg mit deinen Tönen! Am besten tönet das Glas! Phyllis und Damon Schöne Sachen schwatzt mir Damon Von der Liebe vor; In mein Herz kommt nichts, er schwatzet Ewig für mein Ohr! Schwüre, Klagen, Schmeicheleien Sagt er mir genug! Aber etwas ihm zu glauben, Bin ich schon zu klug. Allemal macht er mich lachen, Redet er von Schmerz; Denn in allen seinen Reden Redet nie sein Herz! Damon! o, des Herzens Sprache Kenn' ich allzu wohl! Kurz ist sie, der Mund ist ledig, Und das Herz ist voll! O was starren deine Reden Von Vernunft und Witz? Im Verstande nicht, im Herzen Ist der Liebe Sitz! Schwatze mir von deiner Liebe Nur so viel nicht vor! In mein Herz kommt nichts, du schwatzest Ewig für mein Ohr! An die Frau Karschin Freundin, keine Sorgen pflügen Furchen in mein Angesicht, Ich bekümmre mich um Fürsten Und um Gold und Silber nicht! Aber, wenn der Winter weichet, Und der Frühling Blumen bringt, Und die Nachtigall in Büschen Und die Lerch' auf Fluren singt; Dann bekümmr' ich mich um Blumen, Und um Lerch' und Nachtigall, Und von aller Welt entfernet, Eil' ich in mein kleines Thal, Wo gesundes Quellenwasser In Forellenbäche rinnt, Wo des Waldes Nachtigallen Überall zu hören sind. Da besuchen, ungebeten, Deinen Freund Gliphästion, Hingeführet von den Musen, Pindar und Anakreon. An Doris Beneiden soll man uns, wir wollen unsre Herzen Vereinigen zu gleichem Ziel! Wir wollen glücklich sein, wir wollen lachen, scherzen, Und tanzen, aber nie zu viel! Annehmen wollen wir die Schmerzen und die Freuden, Die uns der Herr des Lebens giebt, Beneiden soll man mich! ja! mich soll man beneiden, Mich Glücklichen, den Doris liebt! An den Schlaf Du dumme Schläfrigkeit! hinweg! laß mich doch trinken! Du nimmst von meiner Lebenszeit Mir viel zu viel! ich seh', ich seh' die Sonne sinken, Des Tages Abend ist nicht weit! Vielleicht ist auch nicht weit der Abend meines Lebens; Halt, süßer Schlaf, halt ein! Mich überwältigen willst du? Es ist vergebens, Du raubst mir Zeit und Wein! Der Tod, der stärkre Tod, der alles überwindet, Den Zepter und den Hirtenstab, Der, die ihn fliehen, sucht, und allzuleichte findet, Der wirft nun bald auch mich ins Grab. Ach! diesen Feind bewegt nicht Bitten und nicht Flehen, Nicht List und nicht Betrug, Kommt er, so will ich gleich mit ihm geduldig gehen, Und dann schlaf' ich genug. An Herrn*** Ja, Freund, der Wein, der Wein giebt uns Verstand! Das lehrt Hippokrates, Konfucius und Aristoteles, Und, der sich einen Gott erfand, Der große Sokrates! Demokritus, der Rabner seiner Zeit, Der weiße Lacher goß Ein Gläschen Wein auf einer Lais Schoß, Und sahe Leer' und Nichtigkeit, Und lachte darauf los. Heraklitus, der Meister ohne Zucht, 1 Der dunkle 2 Sauertopf, Goß keinen Wein in seinen kalten Kropf, Er war ein Bauch voll Wassersucht, 3 Ein Klumpen ohne Kopf! Diogenes, der Menschensucher, 4 trank Zehn volle Fässer aus, Und baute sich ein Weingeruchig Haus, In welchem er den größten Held bezwang, Und seinen Sarg daraus! Umsonst such' ich mit Müh' und Ungemach Die Wahrheit ohne Wein; Ein weiser Mann, o Freund! wie du, zu sein, Müßt ich betrunken Einen Tag, Und zwanzig nüchtern sein! Fußnoten 1 Er war ein ἀντοδιδακτος. 2 Sein Buch von der Natur verstand selbst Sokrates nur halb. Was ich davon begriffen habe, sagte dieser Weise, scheint mir sehr gut zu sein; vermutlich ist es auch das, was ich nicht verstehe. 3 Seinen Ärzten that er die Frage: Wißt ihr einen regnichten Himmel heiter zu machen? Daraus sollten sie schließen, er sei wassersüchtig. 4 Sensit Alexander, testa cum vidit in illa Magnum habitatorem, quanto felicior hic, qui Nil cuperet, quam, qui totum sibi posceret orbem. Sagt Juvenal.