Erstes Buch Bei Uebersendung des Schlüssels zur Gartenthür Soll ich dich in den Brunnen werfen? Schick' ich dich hin zu Amarant? Sollt' ich vielleicht das Schwert zu meinem Tode schärfen? Selbst geben in des Mörders Hand? Was soll ich thun? Vernunft, du prahlest immer Mir deine weisen Lehren vor, Doch lauter steiget noch der Liebe sanft Gewimmer Aus der beklemmten Brust empor. Wohlan es sey! Zwar könnt' ich widerstehen, Weil dieses Herz mir das verspricht: Doch Amarant, in dir, in dir den Mörder sehen, Das will ich und das kann ich nicht. Da nimm ihn hin! Komm, wenn die kleine Glocke Die Nonnen zu der Hora weckt, Verhülle dich besorgt in deinem Ueberrocke, Und geh, von deinem Muth' bedeckt. Schon an der Thür' sollst du den Busen hören, Der wie ein Eisenhammer pocht; 1 Sollst fühlen, wie das Blut in allen Herzensröhren Beim Feuer deiner Küsse kocht. Was willst du mehr? Schon das sollt' ich nicht geben; Wem gäb' ich's auch wohl außer dir? Doch, willst du kühner seyn? Nimm lieber gleich mein Leben; Langsam nimmt sonst der Gram es mir. Macht mich der Rausch von deiner Liebe trunken, So kannst du leicht mein Sieger seyn: Doch würde, wenn ich nun durch dich ins Grab gesunken, Dich so ein Sieg wohl noch erfreun? Fußnoten 1 Unter Eisenhammer wird hier ein Hüttenwerk verstanden, wo das Eisen verarbeitet wird, dergleichen es in Nantchens Gegend viele gibt. Nach dem ersten nächtlichen Besuche Bin ich nüchtern, bin ich trunken? Wach' ich, oder träum' ich nur? Bin ich aus der Welt gesunken? Bin ich anderer Natur? Fühlt' ein Mädchen schon so was? Wie begreif' ich alles das? Weiß ich, daß die Rosen blühen? Hör' ich jene Raben schrein? Fühl' ich, wie die Wangen glühen? Schmeck' ich einen Tropfen Wein? Seh' ich dieses Morgenroth? – Todt sind alle Sinnen, todt! Alle seyd ihr denn gestillet? Alle? Habet alle Dank! Könnt' ich so in mich gehüllet, Ohne Speis' und ohne Trank, Nur so sitzen Tag für Tag Bis zum letzten Herzensschlag'. In die Nacht der Freude fliehet Meine Seele wieder hin! Hört und schmeckt, und fühlt und siehet Mit dem feinen innren Sinn'! O Gedächtniß! schon in dir Liegt ein ganzer Himmel mir! Worte, wie sie abgerissen Kaum ein Seufzer von ihm stieß, Hör' ich wieder, fühl' ihn küssen: Welche Sprache sagt, wie süß? Seh' ein Thränchen – Komm herab! Meine Lippe küßt dich ab! Wie ich noch so vor ihm stehe, Immer spreche: Gute Nacht! Bald ihn stockend wieder flehe: Bleibe, bis der Hahn erwacht! Wie mein Fuß bei jedem Schritt' Wanket, und mein Liebster mit! Wie ich nun, an seine Seite Festgeklammert, küssend ihn Durch den Garten hin begleite! Bald uns halten, bald uns ziehn! Wie da Mond und Sterne stehn, Unserm Abschied' zuzusehn. Ach da sind wir an der Thüre! Bebend hält er in der Hand Schon den Schlüssel. – Wart', ich spüre Jemand gehen, Amarant! Warte nur das Bischen doch! Einen Kuß zum Abschied' noch! Ich verliere, ich verliere Mich in diesem Labyrinth'! Traumt' ich je, daß ich erführe, Was für Freuden, Freuden sind? Wenn die Freude tödten kann, Triffst du nie mich wieder an. Der Frühlingsmorgen Dieser Tag ist gänzlich mein! Und der Himmel ist so blau, Und die Tröpfchen Morgenthau Blinken so im Sonnenschein', Und die Tauber laufen so Hinter ihre Täubchen her, Und die Spatze, närrisch froh, Tanzen in die Kreuz und Queer, Und die Hühner wälzen sich In dem warmen Sand' herum, Und die Hähne fliegen mich, Blind vor Freuden, um und um; Alle Schnäbel, grad' und krumm, Wetzen sich zu Streit und Kuß, Und der Truthahn, stolz und dumm, Steht da, ärgert, brüstet sich, Wie ein junger Kritikus, Und der Pfau, mit seinem Schweif', Tritt einher so keck und steif, Wie die hochgebornen Herrn Mit erkrochnem Ordensstern'. Alles ziehet in die Brust Neues Leben, neue Lust, Mit der Frühlingsluft hinein! Alles schenkt' ich heute hin, So zufrieden wie ich bin! Selbst der Bosheit Spötterein Nähm' ich heute lachend hin, So zufrieden wie ich bin: Denn der schöne Tag ist mein! Heut' ist alles möglich mir, Was mir sonst unmöglich ist! Willst du Lieder, Ruhmbegier? Heute säng' ich Eins, so schön Wie von Gleimen, Nantchen küßt: Aber, laß mich heute gehn! Bringst du Akten, Dienstbegier? Heute referirt' ich schier Aus Geschmiere, bunt und kraus, Etwas menschliches heraus: Aber, packe dich von hier! Schade wär' es, diesen Tag So verschleudern, so entweihn. Renn' um Ehre, wer da mag! Wär' es auch mein Sterbetag, Dennoch wollt' ich mich erfreun! Sattelt! sattelt! ich muß hin Zu der großen Königin Meines Herzens! durch den Hain, Ueber Graben, Stock und Stein, Reit' ich heute ohne Scheu, Heut' einmal recht sorgenfrei Mit der Sängerin zu seyn. An dem Riesenhöhlenbach' 1 Wollen wir uns lagern, ach! Wollen da so fröhlich seyn Wie die Vögelchen im Hain'; Wollen da auf ihrem Schooß' Tafel halten, und du Moos Sollst uns wiegen, und du Hain Sollst ein Wiegenlied dazu Singen, und du Linde du, Statt des Sonnenschirmes seyn. Zäumt den Rappen! ich muß hin Zu der Liedersängerin! Welt! wie bist du heute schön! Was da siehet, starrt dich an, Doch, wer Nantchen sehen kann, Wird auf dich nicht lange sehn; Und, o Glück, ich bin der Mann? Und die deutsche Sapho soll Ruhn in diesem Arme hier? Clive! tauschtest du mit mir? O gewiß, du tauschtest wohl, Aber ich nur nicht mit dir. Hast Guineen Säcke voll, Geh, und kaufe denn dafür Ihre Freud' und ihren Scherz, Ihre Lieder und ihr Herz! Denk' einmal, das kostet mir Nur ein wenig wenig Schmerz. Bringt den Rappen! ich muß hin Zu der Freudengeberin! Zwar ihr Herz ist immer mein: Aber ach! die Hand! die Hand! – Zwinge mindstens in kein Band, Liebes Glück! sie sträubend ein! Laß sie, laß sie mein noch seyn! Und, wo nicht, so bitt' ich dich, Wiege heute Sie und mich, Brust an Brust, zum Schlummer ein, Aus dem Rausch' der Freuden, ach! Mit dem Morgenrothe, wach In Elysium zu seyn. Fußnoten 1 Eine Gegend bei Clettenberg, in der Grafschaft Hohnstein. Der Winterabend Vor einer Reise zu Nantchen. Welch ein Wetter! – Soll ich fort? Oder soll ich bleiben? Wie die düstern Wolken dort Sich einander treiben! Wie der Knopf am Kirchenthurm' Schwankt auf seiner Stange! Horch! wie, mehr vor Schnee und Sturm Als vor Menschen bange, Aller Raben Angstgeschrei Um ein Obdach flehet, Und der Kautz im Thurme, frei Gegen sie sich blähet; Wie von meinen Fenstern ab Dicke Schloßen prallen, Rasselnd von dem Dach' herab Morsche Ziegel fallen, Und noch lauter als das Horn, Das den Schlaf zerstreuet, Straf' mich nicht in deinem Zorn! Kunz, der Heuchler, schreiet! Sieh! wie selbst die Rosse dort Fortzugehn sich sträuben! Welch ein Wetter! – Soll ich fort? Oder soll ich bleiben? – Was besinnen! – Heinrich! he! Sattle noch den Rappen! Sollt' ich auch in tiefem Schnee Nach dem Wege tappen, Sollt ich auch an starrer Hand Meinen Renner leiten, Und zuerst vom Felsenrand' In die Tiefe gleiten. Mag ich ganze Meilen mich In dem Forst' verirren, Mag der Schuhuh fürchterlich Ueberm Kopf' mir schwirren, Und der Wind durchs trockne Laub Alter Eichen rauschen, Und ein Räuber auf den Raub In dem Dickicht' lauschen, Mir mit aufgespanntem Hahn' Nach der Kehle greifen, Und auf einem Wolfeszahn' Seiner Bande pfeifen. Was sind Räuber, Schnee und Wind! Sie ist mein gewärtig! Heinrich! Heinrich! o geschwind! Ist der Rappe fertig? Bei Uebersendung ihres Bildnisses Was verschönern! was verstecken! Nur gemalt so wie ich bin! Alle kleine Sommerflecken, Wie sie da sind, treulich hin! Doch was half mir diese Bitte? Seine 1 kleinste Sorge war, Ob mein Herz darunter litte? Schöner malt' er Stirn' und Haar, Schöner malt' er Kinn und Nase, Aergert' ich mich noch so sehr: Frag' ihn, Liebster, ob er rase? Denn das bin ich nimmermehr. Und was sollen diese Lügen? Bildet sich der Mann wohl ein Mich gefällig zu betrügen, Schöner, als ich bin, zu seyn? Ob die Schönheit mich empfehle? Das ist meine Sorge nicht, Denn du liebest Nantens Seele, Thoren, nichts als ihr Gesicht. Alles hieß ich diesem Tropfe, Diesem Stümper, endlich gut, Aber brennen nicht im Kopfe Meine Augen voller Glut? Der Natur nicht, bloß dem Glücke Dank' ich dieß, mein Amarant, Denn der erste deiner Blicke Setzte plötzlich sie in Brand. O die Augen! o die Augen! Schade was für das Gesicht; Ha! zum Maler mag er taugen, Zum Geliebten taugt er nicht. Dieses Schmachten, dieses Sehnen, Dacht' ich so in meinem Sinn', Diese halb versteckten Thränen – Kurz, die Seele malt er hin. Und wie will ich in dem Bilde Gern vor Amaranten stehn! Wenn er zornig ist, so milde, Wenn er seufzt, so freundlich sehn! Wenn er betet, wenn er dichtet, Schlaf' er oder sey er wach, Immer nur auf ihn gerichtet Folget ihm mein Auge nach. Will er, böser Menschen müde, In sein Kabinet entfliehn, O wie soll ihm Trost und Friede Von dem Bild' entgegen ziehn! Und nun sieh! – ich möcht' ihn schlagen! – Sieh die Augen, lieber Mann! Ist es nicht als wenn sie sagen: »Geh doch, sieh uns nicht so an!« Und nicht wahr, so saure Züge Machen dir im Ansehn Qual? Willst du frohere? So fliege Morgen zum Original'. Fußnoten 1 Des Malers. Flur und Wald Wer darum nur die Morgenröthe grüßet, Nur darum gern durch Saat und Hecken streicht, Weil's ihn ergötzt, wenn durch sein Blei erreicht, Ein Huhn die rothen Aeuglein schließet; Wer darum nur zum reinen Himmel blicket, Nur darum seufzt: Wo bleibt der Abendstern? Weil er im Lerchengarne, ach! so gern! Das Köpfchen voll Gesang zerdrücket; Wer darum nur dem Lärm' der Stadt entfliehet, Nur darum in dem Rohr' der Teiche ruht, Weil er so gern den Hecht, betrieft mit Blut, Am Widerhaken zappeln siehet: Der biete nie mir seinen Arm zum Gange Durch Flur und Wald, wo mir die Lerche singt, Das Rebhuhn zirpt, der Hecht im Teiche springt; Weg mit dem Mann'! Er macht mich bange. Nimm du, o Freund, mich auf in deine Arme! Mit dir ging' ich, ich wüßte nicht, wie weit? Du freuest dich, wenn ein Geschöpf sich freut, Und härmst dich mit bei seinem Harme. Als sie Amarant auf der Reise vermuthete Mit Geschrei, verirrter Pilgrim, schweben Wilde Gänse auf des Adlers Bahn, Alle Fenster, alle Thüren beben In den Hespen, und der Wetterhahn Drehet kreischend auf des Giebels Spitze Sich in kurzen Kreisen, und der Sturm Stört hervor, aus tiefer Mauerritze, Eul' und Käuzchen auf dem Kirchenthurm'. In die Wette mit einander wehen Alle Winde; Schneegestöber füllt Erd' und Himmel; wie die Leichen stehen Thürm' und Meilenzeiger eingehüllt. Bläst der Sturm nicht an der Himmelshöhe Selbst das Licht von allen Sternen aus? Wehe, meinem armen Freunde, wehe, Trieb ihn heute seine Lieb' heraus! O wie will er durch zwei lange Haine, Und drei tiefe Flüsse, heute sich Zu mir finden? Arme Nante, weine, Denn um wen das alles, als um dich? Und vielleicht, daß im verschneiten Graben Er vergebens itzt um Hülfe schreit, Oder umgerissen ihn die Fluten haben, Wo kein Fischer seine Hand ihm beut. Werdet still, ihr Winde! Nimm die Hülle, Lieber Mond, von deinem Antlitz' ab! Aber horch! was trappelt? – Stille! stille! – Horch! – O Himmel! seines Rappen Trab! Alles, nur nicht die Ruhe An Nantchen. Ein jeder Schurk' ist Herr von meinem Leben, Wie Ravaillac von Heinrichs Leben war; Was sollt' ich denn vor dir, o Tod! noch beben? Da ist mein Leib! – mein Geist – lacht der Gefahr! Ein jeder Brand ist Herr von meinem Gute: Was hinge sich mein Herz an diesen Tand? Nur wenig Glück brauch' ich bei meinem Muthe, Und diesen Muth setzt keine Flamm' in Brand. Der König ist zwar Herr von meinem Range, Allein zum Glück' nur in der Körperwelt: Was wär' ich viel für seinem Titel bange? Wenn Weisen nur mein Name noch gefällt. Drum, was du thun willst, Schicksal! nun das thue! Verfolgst du mich: ich bleibe willig stehn; Du, Nantchen, nur bist Herr von meiner Ruhe, Nimmst du mir die, dann ist's um mich geschehn! Ist sie von Adel? Auf meines Vaters Wapen stehn Nicht Helme oder Fahnen, Allein sein Geist war engelschön, Und meiner Mutter Ahnen: Ein frommes Herz und guter Sinn: Wohl mir, daß ich kein Fräulein bin! Mein Vater scharrte Thaten nur, Nicht Louisd'or zusammen; Sein Weib war mild wie die Natur, Und rasch wie Feuerflammen Zum Geben, langsam zum Gewinn': Wohl mir, daß ich nicht reicher bin! Ein schläfrig Auge, das bei dir Zuerst sich aufgeschlossen, Gab die Natur zur Mitgift mir, Und tausend Sommersprossen Statt eines Grübchens in dem Kinn': Doch gut, daß ich nicht schöner bin. Wär' ich ein Fräulein: Könnt' ich dich So sehn und Vetter nennen? Und wär' ich reich: Wie würd' um mich Der Durst nach Golde rennen! Und wär' ich schön: das Stutzerheer Macht' endlich eine Närrin mehr. Kein Fräulein, und nicht schön, nicht reich, Ging Eigennutz und Adel Und Stutzer mir vorbei, denn gleich Sah jeder meine Tadel. Nur du allein bliebst vor mir stehn: Bin ich nicht edel, reich und schön? Vergessenheit Wenn die Hühner sich auf ihren Latten Eine Schlafbank wählen für die Nacht, Und die Sonn' aus meinem Schatten Einen ackerlangen Riesen macht: Husch' ich in den Garten – deine Lieder Gehen mit in meinem Pompadour – Werfe lang ins Gras mich nieder, Und vergesse Menschen und Natur. Alle die Aurikeln, Nelk' und Rosen, Die ich sonst – wie meine Mutter, mich – Anzusehn und liebzukosen Und zu warten pflegte, missen mich. Und mein Lämmchen, das ich sonst zu füttern Ueber kein Vergnügen je vergaß, Blöcket an den Gartengittern Oft umsonst nach einer Hand voll Gras. Und mein Papchen, 1 dem ich auf der Gabel Zucker durch des Käfichs Stäbe gab, Wetzt umsonst den krummen Schnabel An dem glatten Ringe schaukelnd ab. Sollen meine Blumen nicht verwelken, Lamm und Vogel schmachten? Komm o Mann! Lobe Vogel, Lamm und Nelken! Lämmchen, hüpfe! Papchen, schwatze, und ihr Blumen, blühet dann! Fußnoten 1 Papagey. Bei Uebersendung eines Paars Filet-Manschetten Horchend lauscht' ich manche Nacht, Ob sich Anne 1 nicht mehr rühre? Hurtig war ich auf, und sacht Trippelt' ich zur Kammerthüre, Saß bei meines Lämpchens Schein Ganze Nächte, ganz allein. Nicht für einer Fürstin Pracht Hätt' ich sonst, im öden Zimmer Ganz allein, nur Eine Nacht Selbst bei tausend Kerzen Schimmer Gegen Schrecken mich gewehrt: Was die Liebe doch nicht lehrt! Schnarchend lag Spadille 2 da Lang und breit auf meinem Schooße, Und ermuntert' er sich ja, Ha! was macht' er dann für große Wunderaugen, daß ich Ding Gar nicht mehr zu Bette ging. Diese Netze strickt' ich dann, Und bei jedem Knoten flogen Hundert Seufzer zu dem Mann', Der mich selbst ins Netz gezogen; Was? gezogen? nein doch, nein! Lief ich denn nicht selbst hinein? Ist es nicht so gut darin? Zehnmal besser als im Freien? Kannst du Glück! so wie ich bin, Einen Wunsch mir noch verleihen? Aber stößt er mich hinaus – Dann ist alles, alles aus! Fußnoten 1 Ihr Mädchen. 2 Ihr Hund. Nach einem Balle Nun ruhet aus, ihr stumpf gejagten Füße, Bis einst ich im verdienten Myrtenkranz' Den Bräutigam bei Flötenton umschließe: Hinweg mit andern Tanz! Darfst du den Arm um meinen Nacken schlagen, Du, den nur erst mein Auge heut' erblickt? Und du die Hand mir heiß zu drücken wagen, Den meine Ann' entzückt? Ha! kommt heraus aus dem berauschten Saale, Hieher mit Euch, wo Papchen Eurer lacht, Wo nicht der Pauken Wirbel, nicht die Schaale Voll Rum, die Helden macht. Wie sollt ihr da zur Erde sehn, ihr Herren! Die ihr so kühn durch Busenschleier seht, Dem Schüler gleich, an den Manschetten zerren, Der vor dem Rector steht! Empfinden lassen will ich Euch, daß Herzen, Bewacht wie Nantens Herz, nicht so geschwind, Als ihm beliebt darum herum zu scherzen, Des Narren Beute sind. Die Eitelkeit wird, Euch zu trösten, lügen: Ich sey Statüe! Ha! dann soll mit einmal Ein Blick der Lieb' auf Amaranten fliegen, Für Euch ein Wetterstrahl! Im Herbst Sieh, Amarant, wie werden an der Laube Die Blätter gelb und roth! Horch! wie da schon der Nord, zu seinem Raube Sie abzuholen, droht! Was wird uns nun im Vollmond' noch verstecken? Kalt sey die Nacht; für mich Ist's warm genug; doch wird kein Schnee entdecken, Wer durch das Pförtchen schlich? Wird nicht der Gänse Schnattern, nicht das Knarren Der Thüren, das Gebell Der Hunde, dich verrathen? Welch ein Harren Für mich, am Kammerschwell'? Ein jeder Laut ruft da gewiß dem bangen, Verzagten Herzen zu: Horch', Nante! deine Mutter kommt gegangen, Und, was sie sucht, bist du! Doch, den sie finden wird, auf leisen Socken Einschleichend, wie ein Dieb, Der, – ha! wie steht sie staunend und erschrocken! – War heut' ihr noch so lieb! Nein! lieber Mann! wo willst du sonst mich sprechen? Und finden sollst du mich! Nur solch ein schönes Mutterherz zu brechen – Ich liebe sie – wie dich. Nantchens Hand Wie manche Freud' in ihr verborgen liegt Für unser Aug'! Erschaffend, hat sie Leben Der Traube, die den Vogel selbst betrügt, Der Rose, die die Nase täuscht, gegeben. Welch ein Genuß liegt nicht in ihr versteckt Für unser Ohr! Gern hören selbst die Müden, Berühret sie die Harfe, sich geweckt, Denn sie verleiht dem Herzen tiefen Frieden. Deß freuet sich mit Andern Amarant; Noch froher kann durch sie nur Einer werden. Ein sanfter Druck von Nantens zarter Hand Nur ihm allein: das ist das höchst' auf Erden! Der Papagey Die Liebe, die so manches mich Gelehrt, lehrt andre wieder. Zu ganzen Stunden setz' ich mich An Papchens Käfich nieder, Und ruf' ihm zu, als säh' ich Land: Amarant! Zwei Sylben hat er erst gewagt, So sehr ich ihn auch übe; Doch da mein Vetter Fritz mir sagt: Das Ama heiße: Liebe! So antwort' ich, von Lieb' entbrannt: Amarant! Unmöglicher Besuch; an Amarant Könnt' ich mich zum Raben machen: Ueber Flüsse, Berg' und Thal Flög' ich täglich zwanzigmal, Rief' an deinem Fenster leise: Ich bin da! mein Amarant! Und von meiner schnellen Reise Ruht' ich aus in deiner Hand. Könnt' ich mich zum Rehe machen: Durch die Saaten, durch den Wald Lief' ich täglich, ach! wie bald! Ueber deine Gartenhecken Spräng' ich, hops! mit einem Sprung', Und wie wollt' ich dann dich necken Unter der Verwandelung! Könnt' ich mich zum Karpfen machen: Mit der Zorga flöß' ich dann Täglich hin zu dir, o Mann! Aus dem Wasser, spräng' am Ende Meiner Fahrt ich hoch herauf, Und mich fischten deine Hände An dem Ufer glücklich auf. Aber, wünsch' ich armes Mädchen Noch so viel mich hin zu dir: Dennoch bleib' ich immer hier. Nicht drei Schritte kann ich gehen, Daß nicht jeder fragt: Wohin? Wohl nur, daß man nicht kann sehen, Wo ich mit dem Geiste bin. Einladung auf das Land Morgen flieg' ich auf das Land, Komm, mein frommer Amarant, Laß uns Hirten werden! Komm! vergiß am Wasserfall' Ruhm und Akten, Spiel und Ball, Diesen Tand der Erden. Was den Hirten Rosen streut: Unschuld und Zufriedenheit, Haben wir ja Beide! Und den Hirten gleich zu seyn: Welcher Königskrone Schein Strahlt so viele Freude? O so laß den kurzen May Dieses Lebens uns getreu Mit einander schmecken! Wenn der Sommer uns erreicht, Hinkt die Lust, im Winter schleicht Sie den Gang der Schnecken. Und, o Mann! wie ungewiß, Ob nicht Todesfinsterniß Unser Aug' umziehet, Eh' es von der ganzen Zahl Sommerfreuden, nur einmal Eine wirklich siehet? Komm denn, küß' als Hirtin mich! Aber ach! ich bitte dich, Schone deiner Pferde; Denn ich mag nicht, daß ein Thier Bloß aus Leidenschaft zu mir Abgemartert werde. Am Tage eines abgeredeten Besuchs Wenn der Schlaf, um Mitternacht, Fest auf allen Augen lieget, Wenn allein dein Mädchen wacht, Und auf langen leisen Zehn Sich bei jedem Schritte wieget: Werden wir uns wieder sehn. Wie? das wären bis dahin, Funfzehn, ganze funfzehn Stunden? Ha! wenn ich nicht bei dir bin, Schleicht der Zeiger an der Uhr; Schnell verfliegen die Secunden, Wenn ich bei dir sitze, nur. Was vertreibt mir diese Zeit? Ach! kein Lesen und kein Schreiben! Eher noch als Kleist, (so weit Ist's mit Nanten!) möchte mir Annens 1 Schwatzen sie vertreiben: Sie spricht wenigstens von dir. Fußnoten 1 Ihr Mädchen. An ihr Halstuch Gleich ihr, so prunklos, so bescheiden! Und doch – um Goldstoff tauscht' ich's nicht. Es weiß allein um ihre Leiden, Und sah allein bei Mondenlicht Des Mädchens stille Thräne rinnen, Und fing sie im Verborgnen auf, Und hört' allein ihr Seufzen: Weg von hinnen! Hinauf! zu Gott hinauf! Auch meine Thränen hat's getrunken, Als ich – o Nacht des neunten März! – An ihrem Busen lag, versunken In Lieb', in Mitleid und in Schmerz. Da stand der Puls der Adern stille, Da schlossen Auge sich und Ohr, Da hob nicht mehr selbst diese leichte Hülle Ihr Busen noch empor. Sie gab mir, wach aus diesem Schlummer, Von unsern Thränen noch benetzt, Dich, Zeuge sonst von meinem Kummer, Und meiner Freude Zeuge jetzt. Sey du durchs Leben mein Begleiter; Mehr wirkst du, als ein Talismann. Die dich mir gab, war selbst bei Schmerzen heiter, Und duldet' als ein Mann. Wachen und Schlafen Wie war ich sonst dem Wachen doch so gram, Dem Schlafe wie so gut! Wenn ungelockt er auf die Augen kam, Noch unbenetzt von süßer Thränen Fluth. Ich gähnte schon, sobald der Hesperus Am Horizonte stand, Gab nickend oft dem Nähpult' einen Kuß, Und leise fiel mein Strickzeug aus der Hand. Fand ich nicht oft am Abend' meinen Kopf, Auf meinen Arm gelegt, An dem Klavier; und sucht' ihn, wie ein Tropf, Wenn's vor ihm steht, das Glück zu suchen pflegt? Wie bin ich nun dem Schlafe doch so gram, Dem Wachen, wie so gut! Itzt, Lucifer, siehst du am Näherahm' Mich noch so glüh als hätt' ich sanft geruht. Hier ist dein Bild, mein zweites liebes Du! Ich werfe weinend dann Ihm Kuß auf Kuß von meinen Lippen zu; Wie lächelt's mich so innig dankbar an! Ich flüstre gar, als könnt' es mich verstehn, Ihm meine Seufzer vor, Denk' als ein Kind: (auch der Betrug ist schön!) Nun klingt ihm itzt vielleicht sein rechtes Ohr. 1 Wenn auch der Schlaf die Augenlieder treu Mit Schwanenflügeln streicht, Macht meine Hand ihn endlich doch so scheu, Daß er verwirrt zu meiner Ann' entweicht. Denn so der Schlaf dich meinem Geist' entriß: Ach, ach! was hätt' ich dann? Ob dich ein Traum mir zeig', ist ungewiß, Drum schmieg' ich mich im Wachen an dich an. Fußnoten 1 Die Landleute haben den Aberglauben, daß, wenn ihnen das rechte Ohr klinget, ein Abwesender Gutes, klingt ihnen aber das linke, Böses von ihnen spricht. Bei Zurücksendung der Lettres de Babet Für einen Mann zu kochen und zu spinnen – Unwürdiger Beruf! Wenn's der nur ist, wozu mit diesen Sinnen Und diesem Geist' mich die Natur erschuf. Hat sie nur bloß die wundervollen Zonen Für Männer ausgespannt? Und darf ich, gleich dem Stier', sie nur bewohnen? Der, wenn er stirbt, sein Futter nur gekannt? Soll ich nicht auch in jenem Leben leben? Wer wird ein Wunder thun, Und meinem Geist' dort Saphos Denkkraft geben, Ließ ich ihn hier bei Töpf' und Spindeln ruhn? Ist's nicht genug, die Hälfte meines Lebens Geschäft'ge Martha seyn? Ist's Hochverrath, ist's Thorheit, ist's vergebens, Der Weisheit kaum die andre Hälfte weihn? O Männer! Männer! so uns zu erziehen! – Wenn Nesseln an dem Bach' Des Lebens unter Euren Veilchen blühen: Wer soll sie jäten? Eure Gattin? ach! Was sind schon mir die Mädchen nicht für Dinger, Gilt's für mein Herz und Geist! Was sind sie? Ha! Gesellschaft für die Finger, Wenn mich der Zwang Quadrille spielen heißt. O daß ich doch nur eine Babet hätte! Wie wollt' ich mit ihr thun! Wir liebten uns einander um die Wette, Wir wollten Nachts auf Einem Kissen ruhn; Umfaßt, zusammen durch das Leben eilen, Die Bürden leicht und schwer, Die Freuden groß und klein zusammen theilen – O weißt du, Freund! denn keine Babet mehr? Zweites Buch Bei Uebersendung einer Locke Vor meinem Spiegel stand ich früh, Hielt Musterung der Locken, zog von allen Die Nadeln aus, daß auf die Schultern sie Wie Bäch' herab von Felsen fallen. Die schönste sucht' ich dir heraus; Ich schnitt sie ab mit deiner Bilderscheere, Und weinend stieß ich da den Seufzer aus: Ach! daß es eine Krone wäre! Doch so – nur eine Locke, Freund! Die nicht verdient, daß sie hinauf sich schwinge, Wo hell das Haar von Berenicen scheint, 1 Noch daß ein Pope sie besinge. Und dennoch hat sie Werth, o Mann! Denn du erhältst mit ihr mein Herz voll Liebe; Und böt' ein Fürst für das mir Kronen an, So glaube, daß die Kron' ihm bliebe. Freund! nimm denn meine Locke hin! Dann werd' ich doch, nicht ganz, für dich begraben, Und wenn ich längst ein Spiel der Winde bin, Wirst du von mir den Theil noch haben. Fußnoten 1 Nanten hatte zu dieser Anspielung ein Gedicht von Ramler Gelegenheit gegeben. An Nantchen, bei Uebersendung einer Locke Wenn mein treuer Reisewagen, Der, wie oft schon! über Land Unser frohes Herz getragen, Längst im Ofen ward verbrannt; Und der Mantel – ach! wir schliefen Einst auf ihm so traulich ein! – Wird für Liebende zu Briefen In Papier verwandelt seyn; Und in Wülferode's Lauben, Die du selbst mit mir gepflanzt, Unter dem Gewölb' von Trauben Einst mein froher Enkel tanzt; Und von mir, zur Erde wieder Heimgekehrt, nichts übrig ist, Als vielleicht noch ein Paar Lieder, Die man endlich auch vergißt: Dann ist nichts sich gleich geblieben, Als nur dieser Locke Haar, Unverändert, wie im Lieben Amarantens Herz sonst war. Bitte an den Frühling Komm, o Frühling, aber doch Nicht bloß meinetwillen; Denn zum Glücke fang' ich noch Keinen Schwarm von Grillen. Aber sieh! wie bleich und stumm Amarant dort sitzet, Und den Mund zu einem Hum! So verdrüßlich spitzet! Seine blauen Augen sind, Wie der Himmel, trübe; Ja! ich glaube, daß er blind Sich noch läs' und schriebe, Wenn du länger, holder May, In dem Walde schliefest, Und nicht bald mit der Schalmey In das Feld ihn riefest. Seine Dinte will ich dann In das Wasser gießen, Seine Bücher, unter Bann, In den Kasten schließen. Unbekümmert, was ein Schwarm Siecher Weisen schreibet, Lern' er hier in meinem Arm', Wer gesunder bleibet. Goldne Sonne, Himmelskind! Wolltest du erwachen, O wie würd' er nicht geschwind Schon im Märze lachen! Ach! zum Opfer wollt' ich dir Zwei Kalender weihen, Die mit dunklem Wetter, schier Noch acht Tage dräuen. Nach der Vorstellung von Romeo und Julie So kann denn selbst die fromme treue Liebe Der große Sturm zum Schiffbruch' seyn? Ich träumte sonst, ihr leises Lüftchen triebe Den leichten Nachen dieses Lebens In deinen Port, o Ruh'! hinein? Ach! seh' ich dich den Todesbecher trinken, So will ich fort, Romeo, will ihn dir Entringen, will dir hin zu Füßen sinken, Mich um dich klammern, schluchzend bitten: Bleib, große Seele, bleib doch hier! Doch, Julie! wenn du nicht einen Tropfen 1 Für dich hast, dann bewein' ich dich! Muß nicht die Angst den Lebensquell verstopfen? Denn laß ihn fließen, und er windet Durch Sümpf' ins Thal des Todes sich. Sieh, Amarant! auch mich kannst du verlieren. Geschieht's, beweine du mich dann! Doch auf den Pfad des Todes dich zu führen: Das soll es nicht! denn, Haß, dem feigen, Und Liebe, dem beherzten Mann'! Das soll es nicht! Es könnt' uns ewig scheiden; Und fliegt mein Geist zum Himmel hin Schon itzt voraus, die zweite meiner Freuden Ist, dort auch, die: daß ich auf ewig Bei deiner Liebe selig bin! Das soll es nicht! des Herzens voller Güte, Des Kopfs voll Geist, ist diese Welt Kaum werth, allein bedürftig; und was blühte So frisch der Lorbeer, den die Ehre Für dich in ihren Händen hält? Wenn aber du den Kelch (dem Thoren – trübe, Dem Weisen – klar,) noch vor mir leerst – Ach! bin ich nicht ein Mädchen? und voll Liebe? O guter Gott! und all' ihr Engel! Mir, mir den Todestrank zuerst! Fußnoten 1 Aus Romeo Giftbecher. An Amarant Krank für Liebe. 1 Meine Mutter fragt mich immer: Trinkst du auch den Mandeltrank? Trink ihn! täglich wirst du schlimmer! – Ach! die Liebe macht mich krank! Nimm doch, spricht sie oft bei Tische, Wirst so mager und so matt, Noch ein Stückchen von dem Fische! – Ach! die Liebe macht mich satt! »Siehst du nicht die Scheere liegen? Liegt ja grade vor dir, Kind! Kann dich so das Auge trügen?« – Ach! die Liebe macht mich blind! »Bist so still? was mag dir fehlen? Geht dir was im Kopf' herum? Weißt du gar nichts zu erzählen?« – Ach! die Liebe macht mich stumm! »Ei! ich möchte fast dich schlagen; Zieh den Schlepp auf! was für Staub? Soll ich's dir noch zehnmal sagen?« – Ach! die Liebe macht mich taub! »O! die liebe Langeweile! Wäre Amarant doch hier!« – Hörst du, Liebster? Eile! eile! Leben bringst du ihr und mir! Fußnoten 1 Den Liebhabern des Gesangs empfehlen wir die zu diesem Liede von Herrn Dreßler gesetzte vortreffliche Composition im Göttingischen Musen-Almanach für das Jahr 1776. S. 51. An Amarant Lob und Tadel. Lobt dich ein guter weiser Mann, Wie tanzt mein Herz vor Freuden! Lobt dich ein Weib, wie bin ich dann Im Stillen zu beneiden! Nur, tadeln sie, als Sonderling, Dich lächelnd und bescheiden: Was muß ich, ach! ich armes Ding, Mit stummem Munde leiden! Doch tadelt, Freund, ein Mädchen dich, So denk' ich: Laß sie neiden! Allein ihr Lob – wie wunderlich! – Kann ich durchaus nicht leiden! Nachts, zwölf Uhr Der Himmel ist so trübe, Es scheint nicht Mond, nicht Stern, Der aber, den ich liebe, Ist itzt so fern, so fern! Und schwor an meinem Munde Beim Auseinandergehn, Gerad' um diese Stunde Zum Mond' hinauf zu sehn. Und du willst nicht erscheinen, Daß unsre Blicke sich Auf dir, o Mond, vereinen, Der uns so oft beschlich, Wenn Worte das nicht sagten, Was Thränen kaum hinzu Zu setzen, furchtsam wagten, Die Niemand sah, als du? Wenn Liebe nicht zu sprechen, Ja kaum zu seufzen wagt, Ist sie denn ein Verbrechen, Das am Gewissen nagt? So hab' ich kein Gewissen, So hab' ich nur ein Herz! Denn selbst nach tausend Küssen Fühlt jenes keinen Schmerz. Nur Sehnsucht schleicht mit Schmerzen Sich jetzt zu mir heran; Doch steckt ihr eure Kerzen, Orion! Hesper! an: Dann fällt mit einem Male Auf euch des Trauten Blick, Und o! mit Eurem Strahle Auf Nanten gleich zurück! An den Mond Lieber Mond! verstecke dich, Wenn mein Liebster zu mir fliegt, Daß die Neugier müde sich Auf dem platten Bauche liegt. Lieber Mond! verstecke dich, Wenn zu viel mein Auge sagt; Denn wer ist so schwach, wie ich? Lieber keinen Streit gewagt! Lieber Mond! verstecke dich, Wenn er meine Lippen küßt; Denn ich Arme schäme mich, Ob er gleich ein Engel ist. Lieber Mond! verstecke dich, Wenn die Abschiedsstunde schlägt, Daß bei meinem Kummer sich Nicht das Herz in ihm bewegt. Lieber Mond! verstecke dich, Wenn zurück mein Liebster kehrt, Bis du – was klingt süßer? sprich! – Seiner Flöte Ton gehört! An Amarant Als er sie mit Lauren verglich. Sey du Petrarch, mich zu besingen! Und ich will deine Laura seyn! Doch stürme nicht mit Bitten auf mich ein, Sonst kann ich keine Laura seyn; Denn ach! du würdest mich bezwingen! Als sie Amarants Nachtbesuch erwartete So ist denn endlich alles still? Dann ist es Zeit, das Schütt der Thränen aufzuziehen; Und du, mein Herz! das immer lärmen will, So lärme nun, daß deine Seufzer fliehen! Denn alles ruhet. – Anne zieht Den Odem schnarchend schon herauf aus tiefer Lunge; Spadille, der allein mich weinen sieht, Hat, zum Verrath' von Nanten, keine Zunge. Auch meine gute Mutter, kann Dieß Pochen meiner Brust nicht aus dem Schlummer wecken; Doch wüßte sie – ach! Mädchen! ach! wie dann? Sie tödtete der Gram, und dich, der Schrecken! Und doch, mein Herz! erlaubst du mir Den wunderbaren Mann zu sehen und zu küssen? Ha! welch ein Kuß? Den können trotzig wir Der Welt gestehn, kann selbst der Himmel wissen. Schlaf, theure Mutter, schlafe nur, Und träume nicht einmal, daß Nante sich verloren; Denn Amarant, der oft mir Liebe schwur, Hat öftrer noch auf meine Ruh' geschworen. Herz! das für den nur Liebe fühlt, Den Mensch und Engel liebt, wer kann dich schuldig sprechen? Und liebt' ich ihn, wenn ich ihn fähig hielt', Er könne dich und seine Schwüre brechen? Ein unbegrenzt Vertrauen legt Den Arm auf seinen Arm, die Hand in seine Hände. – Doch stille! horch! Die Klosterglocke schlägt! – Drei Viertel? ach! – Zeit! nimmst du nie ein Ende? Ha! wie mein Odem zitternd schnaubt! Vom Wirbel bis zum Zeh' brenn' ich in Feuerflammen! Hu! Fieberfrost! wie schüttelst du mein Haupt! Ihr Kniee! fallt ihr unter mir zusammen? Auf keiner Stelle hab' ich Rast! O! daß er doch nur nicht so überlange bliebe! Und dennoch ist dieß Zittern, glaub' ich fast, Nicht eben Furcht; was sollt' es seyn als Liebe? Wie dreht sie mich im Kreis herum, Daß alle meine Kräft' und Sinne mich verlassen! Komm, Amarant! ich stürze schwindlich um! Komm! laß mich nur an deiner Brust erblassen! Doch kann er treu dem Schwure seyn, Wenn ich mich so berauscht ihm vor die Augen stelle? Drum krieche nur du kleiner Dacht hinein, Mein Lämpchen brennt fürwahr sonst gar zu helle. Würd' er mich nicht erröthen sehn, Und merken, wie, verwirrt, ich mit der Zunge stocke? Doch Närrin! laß dir's wie es will ergehn, Denn hörst du wohl? da lautet schon die Glocke! An Nantchen Nach einem Brande. Ich hatte diese Nacht mich kaum Zum Schlummer hingestreckt, Da ward ich, ach! aus süßem Traum' Schon wieder aufgeschreckt. Die Trommel ging, die Glocke klang, Der Wächter stieß ins Rohr, Aus jeder Thür' und Fenster sprang Ein bloßes Hemd' hervor. Wie stob ich aus dem Bett' heraus! Mein süßer Traum verschwand, Mein Muth dazu, des Nachbars Haus Stand lichterloh in Brand. Bild, Lock' und Lieder! bleibt nur mein! Kommt! folgt mir bis ins Grab! Und nun, mein Häuschen, muß es seyn, Nun wohl! so brenn' itzt ab! Auf unsern Kirchhof lief ich da Mit meinem Schatz', und stand Und küßte dein Portrait, und sah Gelassen in den Brand. Dein Schutzgeist, welcher über mir Dein Bild mich küssen sah, Sprach zu der Flamme: Stehe hier! Und plötzlich stand sie da! Anwendung der Dichtkunst An Amarant. Nur ein kleiner Haufe weint, Weil ihn wirklich Schmerzen nagen; Aber, Unzufriedne klagen Ueberall, wo Sonne scheint. Auch den sanften Trostgesang Mag der Weinende nicht hören; Elegien aber mehren Unzufriedner Herzen Drang. Könnt' ich in die Welt, durch Macht Süßer Lieder, Freude bringen, Hätt' ich, unter allen Dingen, Wohl das best' hinein gebracht. Denn, wie würde nicht geschwind Solcher Frohen Zahl sich mehren, Als bei einem Körbchen Beeren Amarant und Nante sind! An Amarant, als er sie mit einigen berühmten Dichterinnen verglichen hatte Vergleiche mich der guten Karschin nicht, Sie singt aus Noth, ich aber sing' aus Liebe, Singt, bis die Welt von ihr bewundernd spricht, Da ich der Welt so gern verborgen bliebe. Sie dränget sich zu kargen Fürsten hin, Vergißt den Stolz, der großen Seelen ziemet, Indeß ich klein, so eigensinnig bin, Daß mein Gesang, nur dich, nicht Fürsten rühmet. Vergleiche mich der Deshoullieres nicht; Zwar neid' ich ihr die zärtlichen Gesänge, Doch wenn der Mund von Schäferliebe spricht, Was fühlt das Herz im großen Weltgedränge? Vergleiche mich der großen Sapho nicht, Sie sang, wie ich, zwar Liebesmelodien, Doch von dem Kranz', der ihre Stirn' umflicht, Verdient kein Reiß in Nantens Haar zu blühen. Doch, würdest du so hart wie Phaon war, Und wolltest scheu vor meinem Blick entweichen, Dann kannst du mich der armen Sapho zwar, Doch, Amarant! im Schicksal' nur vergleichen. An Amarant Ueber seinen Hang zur Satyre. Aus welches Mannes Herzen quoll Mehr Freundschaft in die Welt, mehr Liebe? So voll des Guten ist's, so voll, Daß mit der Hälft' es edel bliebe. Du kommst in einen fremden Kreis, Und alle Augen sind gefangen, Du gehst, (wie gut mein Herz das weiß!) Und jedes Herz ist mit gegangen. Doch, daß der Spott, der leis' und laut Nicht Ordensband, nicht Zepter schonet, Sobald ein Thor sie trägt, vertraut Bei so viel Tugenden noch wohnet: Das – bist du nicht zu kühn, mein Geist? Vielleicht auch wohl zu weich geschaffen? Allein es sey! die Lieb' ist dreist; Hervor denn, Spott! mit deinen Waffen! Hervor! du sollst mir dieses Herz Verlassen, weil es mir gehöret; Zu lange hab' ich meinen Schmerz, Feind meiner Ruhe, schon genähret. Wie? schwurest du an Swifts Statüe Haß und Erniedrigung den Thoren, Wie Hannibal den Römern früh Demüthigung und Tod geschworen? 1 Erschufst, aus einer Million Von Narren, du nur einen Weisen? Erwarbst du einen Freund dir schon? Wohlan! so will ich selbst dich preisen. Nein! Beifall lächelt dir die Welt, Doch Rache knirschen dir die Thoren, Und eh' dein Witz ein Lob erhält, Sind hundert Herzen schon verloren. Unwiderstehlich bist du, Spott! Mich, deinen Feind, kannst du bezwingen, Wenn Steckenpferd und Donquixott, Von dir gespornt, durch Reife springen. Unwiderstehlich! Dennoch spricht Mein Herz zu laut: du habest Mängel; Nicht wahr, die Engel spotten nicht? Flieh denn! so ist mein Freund ein Engel! Fußnoten 1 Amarants eigener Ausdruck. Amarants Antwort Wohlan mein Herz! was fragst du mich? Sie will es, wohl! es sey geschworen! Komm, gutes Herz! versöhne dich Mit allen Narren, allen Thoren. Du armer Spott! was murrst du doch? Was suchst du Hülfe bei dem Witze? Nimm diesen Abschiedsseufzer noch; – Fort! nimm itzt Flügel von dem Blitze. – Nun drücke mich an deine Brust! Nun küsse mich! – Auf dieser Erden Kann sonst mit nichts für den Verlust Dein Amarant getröstet werden. O! weiches Nantchen! alles Blut Muß mit der Gall' ein Herz durchwühlen, Wenn Fürstengroll und Uebermuth, Mit Menschen, wie mit Fliegen spielen. Ja! sanftes Mädchen! alles Blut Steigt von dem Herzen in die Wangen, Wenn das Talent auf Strohe ruht, Und doch umzischt von Klapperschlangen. Auch steiget plötzlich edle Glut Mir aus den Wangen in die Augen, Wenn noch den letzten Tropfen Blut Der Unschuld, die Chicanen saugen. Und Rache schäumend wird mein Blut, Kocht in den Adern, spannt die Nerven, Wenn Stolz und Neid, der Hölle Brut, Verdiensten, nach mit Steinen werfen. Das soll ich sehn? und meinen Schmerz Und meinen Geifer in mich fressen? Unmöglich! lehrte nicht dein Herz Mich diese Narrenwelt vergessen! Als er Nantchen auf seinem Schooße hielt Wie? du würdest mir zu schwer? Sieh! wie wunderbar das ist! Mein Gefühl sagt nicht, wie schwer du bist, Und doch hatt' ich niemals mehr! Der Vorsatz Lernt' ich wie die Gabrieli 1 singen, Wendet' ich, wie sie, zu dem mich hin, Dessen Augen, in den Sinn Meiner Worte, schneller dringen, Als ich mit der Zunge bin. Könnt' ich wie die Kaufmann 2 malen: Wahrlich! Helden malt' ich nicht! Deine Freuden, deine Qualen, Liebste Liebe! wollt' ich malen, Und dein freundliches Gesicht, Bester! sollte mich bezahlen. Lernt' ich dich, o liebste Liebe! So beschreiben wie la Roche, Daß ich Amaranten dann, Wie er lebt und webt, beschriebe: Seufzen sollt' ein jedes Mädchen: Gib auch mir, o liebste Liebe! Gib auch mir doch solchen Mann. Fußnoten 1 Von dieser Sängerin erzählt Brydone, daß sie unter dem Singen auf dem Theater nur ihren begünstigten Liebhaber angesehen habe. 2 Angelica Kaufmann in London. Als sie ihm den Ossian zurückgeschickt, und einen Brief darinn verborgen hatte Von allem was Natur und Schönheit ist, Reißt nichts so sehr mich zum Entzücken, Zu Thränen hin, Ruhm! Wollust! euch geweint! Als wenn dein Freund im Fingal liest. Doch heute trug dieß Buch in seinem Rücken, Ein Lied, – sey noch einmal geküßt! – Ein Lied, wogegen dieß Entzücken, Und Ruhm des Barden – nichts mir ist! An Nantchen Die Erscheinung Apolls und Amors. Unter meinem Lindenbaume Lag ich schlafend hingestreckt, Als mich aus dem schönsten Traume Nahes Gehn und Reden weckt. Denn ein Mann am Blumenstabe, Ging da hoher Würde voll, Auch ein wunderschöner Knabe; Amor war es und Apoll. »Sieh! wer ist das? Meinen Bogen, Weiß ich sicher, hab' ich noch Nie für diesen aufgezogen; Endlich treff' ich ihn nun doch.« Ich erschrack, doch blieb ich liegen, That, als schlief ich; denn Apoll Rief: Halt ein! Wenn ihn besiegen Keine zweite Sapho soll. »Lehrt' ich nicht genug ergründen? Alles Schöne ward durch mich! Aber solch ein Mädchen finden: Lieber! das gehört für dich!« Amor sprach's, und eine Zähre Schlich Apollens Wang' herab. »Ja! wenn Plutus hier nicht wäre! Alles reißt er von mir ab! Doch sey ohne Saphos Schmerzen, So wie Sapho, die gepflegt, Die das schönste aller Herzen In dem schönsten Leibe trägt. Plutus soll mit allen Narren Stutzen, daß durch unsre Macht, Nicht durch seine Silberbarren, Edle Wollust beiden lacht.« Gut! rief Amor fröhlich, spannte Seinen Bogen, und der Pfeil – Ha! da saß er! Nante! Nante! Rief er, macht die Wunde heil! Grade da kamst du gegangen. Götter! o wie ward mir da, Als ich schon auf deinen Wangen Die verheißne Wollust sah! Antwort Hast du dich dieser Welt entschwungen? Lebst, wo Apoll und Amor spricht? Du hast mein Lob, nicht meinen Dank erzwungen, Denn heucheln – ach! das kann ich nicht! Und weil ich das nicht kann, (verzeihe Der Liebe diesen dreisten Blick Auf solch ein Lied! denn sang es nicht die Treue?) So nehm' ich selbst mein Lob zurück! Eh' deine Stimme, durch die Röhren Des Ohrs, sich in mein Herz verlor, Da sang ich gern von Amorn und Cytheren Mir am Klaviere Lieder vor. Oft tränkten sie mich mit Vergnügen, Doch mit Empfindung selten nur; Denn welches Herz läßt sich so leicht betrügen? Du, du bist Wahrheit, o Natur! Du Schönste! hast mich angezogen! Nur aus der Plunderkammer nicht, Wo über alle Köcher, Pfeil' und Bogen, Oft selbst der Witz ein Bein zerbricht. Du tränktest mich nicht aus den Bächen Süßlallender Empfindsamkeit, Du lehrtest nur mich biedre Worte sprechen, Wie sie das Herz dem Munde beut! Und lockt' ich nicht in diesem Kleide, Mit dieser Sprach' ihn in das Netz? Wozu denn nun des Witzes Prunkgeschmeide, Wozu der Tändeley Geschwätz? Der Einbildung den Durst zu stillen, Das kannst du zwar, Mythologie! Auch konntest du des Römers Busen füllen, Ihm warst du mehr als Phantasie. Ich trinke gern aus deinem Becher, Wenn Ramler oder Uz ihn füllt; Das Herz nur ist für ihn ein Sieb voll Löcher, Wenn schon der Quell der Liebe quillt. Sonst neigt' auf Amors Wunderdinge Die Römerin ihr Herz und Ohr; Ich aber bin ein deutsches Mädchen! singe Du deutscher Mann! mir Wahrheit vor! An Nantchen Stolz und Bescheidenheit. Wenn ich große Dichter lese, Wie bescheiden Denk' ich von mir selber dann! Wie ich mich in ganzen Nächten Von den Freuden Ihres Ruhms, nicht müde sprechen kann! Les' ich aber deine Briefchen Und Gesänge, Ha! wie werd' ich stolz und stumm! Alle große Männer tauschten Ihr Gepränge Gegen deine Liebe mit mir um! An Nantchens Lieblingslinde, vor einer Reise Wie hast du mich, du kleiner Baum! so lieb! Wie so gelinde spielest Du mit den runden Blättern um mich hin! Ob du vielleicht es fühlest, Daß ich in deinem Schatten bin? Wie lieb' ich dich! Hier ist's, wo ich zuerst (Wie brachten da die Winde Uns deinen Duft!) mein Nantchen sah; In deiner weißen Rinde, Steht noch dein Stolz, ihr Name, da. Als die Natur den rosenfarbnen May, Ihr Schooßkind, niedlich schmückte, Mit Veilchen ihn bekränzt in dieses Thal Zu frommen Hirten schickte, Da küßte sie mich hier zum ersten mal. Doch ach! du sollst nicht mehr, geliebter Baum, Nicht mehr uns Arme kühlen, Von dir bedeckt, wird hier der Liebe Scherz Nicht mehr um Pfänder spielen; O wenn du kannst, empfinde meinen Schmerz. Von dir, o Lind'! und meinem Nantchen fern, Soll auch die Flöte schweigen; Hier hange sie so lang' unangerührt An deinen höchsten Zweigen, Bis mich zurück der Himmel führt. Doch bringt der Schmerz mein Nantchen hin zu dir, So laß den Zweig hernieder, Reich' ihr die Flöte hin, und spielet sie Der Liebe, Klagelieder, So rausche nicht in ihre Melodie. An den Schlaf Weißt du, Grambezwinger du! Daß mein Nantchen ohne Ruh' Alle Nacht sich quäle? Stille doch mit deinem Trank' Diesen wunderbaren Zank Zwischen Leib und Seele. Aber, aber, trinkest du Ihr zum letzten male zu, Ha! zum letzten male! Dann so reiche mir geschwind Auch für immer, liebes Kind, Deine Schlummer-Schaale. Nantchen, an ihr Klavier Wo ist der Freund, der Freud' und Leid so gleich Mit Freunden theilt, wie du? Wo ist ein Mensch, an Scherz, wie du, so reich? Wer hörte Klagen je theilnehmender wohl zu? Du scherzest nicht, wenn unterm Trauerflor' Mir eine Thrän' entschlüpft, Du seufzest nicht mir Dissonanzen vor, Wenn jugendlich das Blut in meinen Adern hüpft. Ich bin mit dir, wenn Amarant mir fehlt, Noch glücklich; aber ach! Schickt einst wie du, er, den mein Herz erwählt, In meine Launen sich, so bin ich's tausendfach. Als der erste Schnee fiel Gleich einem König', der in seine Staaten Zurück als Sieger kehrt, empfängt ein Jubel dich! Der Knabe balgt um deine Pflocken sich, Wie bei der Krönung um Dukaten. Selbst mir, obschon ein Mädchen, und der Ruthe Lang' nicht mehr unterthan, bist du ein lieber Gast; Denn siehst du nicht, seit du die Erde hast So weich belegt, wie ich mich spute? Zu fahren, ohne Segel, ohne Räder, Auf einer Muschel, hin durch deinen weißen Flor, So sanft, und doch so leicht, so schnell, wie vor Dem Westwind' eine Pflaumenfeder. Aus allen Fenstern, und allen Thüren, Sieht mir der bleiche Neid aus hohlen Augen nach, Selbst die Matrone wird ein leises Ach! Und einen Wunsch um mich verlieren. Denn der, um den wir Mädchen oft uns stritten, Wird hinter mir, so schlank wie eine Tanne, stehn, Und sonst auf nichts mit seinen Augen sehn, Als auf das Mädchen in dem Schlitten. An Nantchen, als sie ihm Verschwiegenheit empfahl Daß du mich liebst, sollt' ich verrathen? Mir liegt Fontainens Elster noch im Sinn'! Dank sey dem Glück', daß ich in Friedrichs Staaten Der glücklichste von allen Weisen bin! Doch würd' ich dieses Glück verrathen, Dann wär' ich wohl der größte Thor darin. An sein Reitpferd Mein treuer Hengst! du weißt, ich liebe dich; Du sollst auch alt in meinem Stalle sterben; Du weißt, nicht Zorn, nicht Wettlauf reitzte mich, Mit deinem Blut' die Sporen roth zu färben. Ich will nicht reich durch deine Füße werden, Mehr bist du mir als Gold der Wetten werth, Und warest doch von allen schnellen Pferden In Newmarket das allerschnellste Pferd! Ach! gutes Thier, was sind fünf tausend Pfund, Die so geschwind dein leichter Huf errennet? Mich machten sie nicht glücklich, nicht gesund, Mich Kranken, der ein einzig Gut nur kennet. Dieß ist das Ziel, zu dem wir heute fliegen, Und dieses Ziel, mein Alles in der Welt; Der Ruhm, o Roß! hat dich gelehrt zu siegen, Die Liebe lehrt allein, wie man gefällt. Kein Wasser sey zu tief, schwimm du hinüber, Kein Schlagbaum sey zu hoch, kein Steg zu schmal, Kein Graben dir zu breit, spring rasch darüber, Sey nirgend, Roß! und sey doch überall! Sieh auf, mein Pferd! auf halbem Wege schreitet Die Sonne schon, doch eh' ihr letzter Schein Noch Purpurfarb' auf mein Gesicht verbreitet, Muß ich im Arm' von meinem Nantchen seyn. Nun biege dich, und nimm geschwind mich auf! Rasch! tummle dich! dieß Ziel noch zu erreichen. Wie wird sie dir, zum Preis für deinen Lauf, Den Schwanenhals mit sanften Händen streichen! An Nantchen Dank für das Glück ihrer Liebe. Daß mir diese Welt mit allen Ihren Narren, wohlgefällt; Daß, vom Dummkopf' angefallen, Von dem Neider angebellt, Rach' und Spott zurücke prallen: Dafür nimm, du Zauberin! Diesen Kuß zum Danke hin! Daß ich keine Sorgen nähre, Titel nicht erschmeicheln mag, Bunt Gepränge gern entbehre, Kurz, daß mir ein froher Tag Mehr ist, als ein Jahr voll Ehre: Dafür, holde Schmeichlerin! Nimm dieß Lied zum Danke hin! Daß in zärtlichen Gesängen Deine Liebe sanften Schmerz Mit der Freude weiß zu mengen, So daß Schauer in mein Herz Sich wie Meereswogen drängen: Dafür nimm, du Sängerin, Thränen statt des Dankes hin! Daß ich oft zur Sternenhöhe Bald mit heiterm Angesicht', Bald mit stillen Thränen sehe; Daß ich dann um Güter nicht, Nur um dich und Weisheit flehe: Dafür, du Bekehrerin! Nimm mein Herz zum Danke hin! Als Nantchen sang Halt ein! halt ein! denn tausend Ströme füllen Mein Herz, und heben mich empor! O! sing' um unsrer Lieb' und meines Lebens willen Nie einem andern Jüngling' vor! Zum Gedächtniß des fünfzehnten Julius Bei deines Morgens erstem Sonnenstrahle, Steh' ich, dich mit Gesang erwartend, dankbar da, Dich, o du Tag, an dem zum ersten male Ich Amaranten sah. Die schwarzen Locken troffen noch von Regen, Und hingen, wie sein Frack, im Wirwar um ihn her; Wir Mädchen alle waren zwar verlegen Dabei, allein nicht er. Mit seinen Augen, blau wie junge Veilchen, Blickt' er uns lächelnd an. Als er so übersah Den bunten Kreis, ruht' er auf mir ein Weilchen; O Herz! wie schlugst du da! Gleich aber wandt' er seine Adlerblicke Von meiner Röthe weg, sucht' einen Weisen sich, War um ihn her, wie um ein Licht die Mücke, Und ach! vergessen ich. So gleichen wir den Puppen denn im Schache, Womit der Mann von Geist kaum zur Erholung spielt? Und mehr bei dem Geschwätz' von einem Bache Als bei dem unsern fühlt? Ha! sollte da mein Blut nicht stärker wallen? Sagt, welches Mädchen nicht auch Eitelkeit besitzt? O hätt' ihm nicht mein frohes Herz gefallen: Was, Nante, wärst du itzt? So aber sitz' ich hier in einer Laube, Die diesen Mann und mich in künft'ger Nacht versteckt, Und dann in Deutschland, wie ich glaube, Die Glücklichsten bedeckt. Drittes Buch An Nantchen, als er erfuhr, daß sie ihre Hand an einen Andern überlassen wolle Ha! nun kenn' ich endlich deine Tücke! O du Falsche! o du Buhlerin! Sieh! zerrissen hab' ich deine Stricke! Dich verlieren, ist für mich Gewinn! Schande! Schande! daß durch deine Blicke Jemals ich bezaubert worden bin! Aber, welches Aug' auf Erden ist Scharf genug für deine Schlangenlist? Hast du nicht bei Mondlicht manche Stunde Ach! so gern an meiner Brust geruht? Weggeküßt mit deinem Feuermunde Meiner Augen milde Thränenfluth? Und verließ, im Riesenhöhlengrunde, Deine Tugend nicht zuerst der Muth? Aber ich, du weißt es wohl, ich rang Mit der Wollust, bis ich sie bezwang. Und warum dieß Ringen? Sieh! gestehen Will ich's dir, aus Tugend rang ich nicht! Zwar ich höre willig auf ihr Flehen, Aber in dem Taumel! – was ist Pflicht? Nur, dich in voraus schon weinen sehen, War für mich, mehr als das Weltgericht. Lieber mir den Tod, als dich betrübt: Sage, wer hat zärtlicher geliebt? Rede nun! wo bleiben deine Schwüre? Schwurst du, sichrer zu betrügen, sie? Nicht genug, daß ich dein Herz verliere, Sondern wie verlier' ich's, Falsche, wie? Gibst du dich nicht einem wilden Thiere? Denn was ist der sonst, der seine Knie Mit Geschenken kriechend vor dir biegt, Und, mit Brunst im Auge, Liebe lügt? Geh denn! hole Amarantens Lieder, Die er oft um Mitternacht ersann; Geh und gib ihm seine Briefe wieder; Der sie schrieb war ein bethörter Mann; Und ein jeder Tropfen, der hernieder Auf das Lob von einer Falschen rann, Brenne nun in schlummerloser Nacht In dem Auge, das der Treue lacht! O! ihr Küsse! die sie meinen Wangen, In der Rebenlaube aufgedrückt, Werdet so viel Bisse falscher Schlangen, Wenn sie in dem Garten Veilchen pflückt! O! du Druck der Hand! womit vergangen Sie mich noch zum letzten mal berückt, Presse doch ihr schwurvergeßnes Herz, Wenn die Reu' erwacht, mit Folter-Schmerz! Und ihr Tropfen Schweiß, die mir entfielen, Wenn ich zu ihr eilt' in fremder Tracht, Drohende Gefahren mir zu Spielen, Nacht zum Tage, und den Tag zur Nacht, Oder, in dem hohen Schnee zu wühlen, Zum Vergnügen, (ach! für wen?) gemacht: O ihr Tropfen! badet feuerheiß, Ihre Stirn' dereinst im Todesschweiß'! Schrecklich macht sie dieser Lieb' ein Ende, Welcher keine gleich an Freude zwar, Aber auch, von einer Sonnenwende Bis zur andern, gleich an Untreu' war. Doch, was ist das? Himmel! ich verschwende Diese Thränen, Nante! noch sogar? Strafe dich der Himmel nicht dafür! Ja! dein eigen Herz vergebe dir! Ob er sich versöhnen solle? Soll ich noch vergessen? noch vergeben? Soll ich, oder soll ich nicht? Eins von beiden! Tod und Leben Steht itzt in des Zweifels Wage Länger nicht im Gleichgewicht'. Mich verrathen hat sie, mich verrathen! Hat verkauft mein Herz um Gold, Und vertauscht den Geist, der Thaten Sang und that, mit einem Körper, Der nur ißt und trinkt und schmollt. Auf im Feuer sollst du Locke fliegen! Ich zertrete, was sie sang, Und zernichte ihre Lügen, Und zerreiße mit den Zähnen Was aus ihrer Hand entsprang. Dich, ihr Bild, will ich behalten, Jedem sagen, der es schaut: Seht! das ist sie, die mit kalten Blute mich verkaufen konnte! Sehet! das war meine Braut! Sey verflucht, du ihre Lieblingslinde! Dich zertrümmere der Blitz! Weggetilgt aus deiner Rinde Werd' ihr Name! deine Wurzel Sey hinfort der Schlangen Sitz! Sey verflucht, du Bach der Riesenhöhle! 1 Wo aus ihren Händen, ach! Mehr das Lechzen meiner Seele, Als der Durst der Zunge, schlürfte; Sey verflucht! versieg', o Bach! Sey verflucht, du ihre Rebenlaube! Wo in Nächten sonder Ruh', Sie die Beeren aus der Traube Mir in ihren Lippen reichte; Sey verflucht! verdorre du! Aber dennoch! – könnt' ich nur ihn finden! Hin durch Länder weit und breit Rennt' ich, um des Mädchens Sünden Zu ersäufen in dem Wasser Deines Quells, Vergessenheit! Ach! ich sähe sie vielleicht von neuen, Liebte, seufzt' und würd' erhört, Fände statt der Ungetreuen, Eine Seele, die die Erde Sonst zum Himmel umgekehrt. Weinen kann ich, ja sogar vergeben, Aber ach! vergessen nicht! Dieses Knirschen, dieses Beben, Will nicht Rache, will nur Liebe, Der mein Busen widerspricht. Daß ich taub bei allem ihrem Flehen, Blind vor ihren Thränen bin! O! wer lehrt mich hören, sehen? – Nichts! die Lieb' ist hingestorben, Stirb denn du mein Herz auch hin! Fußnoten 1 Eine Felsengrotte bei Clettenberg. An Nantchen Warnung vor ihrem neuen Liebhaber. Ach! gelassen, nicht mit Grimme, Bitt' ich dich noch einmal um Gehör; Oder kennst du meine Stimme, Die dir sonst bezaubernd klang, nicht mehr? Fürchtest du, der Schwermuth Klagen Möchten dir am Herzen nagen? Fürchte nichts! ich liebe dich zu sehr! Kannst du itzt dich noch besinnen, Armes Mädchen, so besinne dich! Glaube, meine Thränen rinnen Mehr um deine Blindheit, als für mich. Sey aus meinem Arm' entronnen, Stürze nur nicht unbesonnen Ohn' Erretten in den Abgrund dich! Welcher Trank hat deine Sinnen, Diese Sclaven, wider dich empört? Gibt es itzt noch Zauberinnen, Wie Ovid und Ariost sie lehrt? Gab auch die Natur dem Weibe Schwächern Geist, bei schönerm Leibe, Dennoch ward so schwach er nicht genährt. Zwar die Liebe trotzt Barbaren Thränen für den Kuß der Hirtin ab, Lehret den Verschwender sparen, Oeffnet Geitzigen des Goldes Grab; Bricht, wie Glas, durch zarte Hände, Stäb' und Riegel; hohe Wände Springt die Feigheit selbst durch sie herab. Laß sie mit den Thoren scherzen, Mit zwo edlen Seelen scherzt sie nicht! Durch die Sympathie der Herzen Lockt sie hier, und dort, mit dem Gesicht'. Was den stillen Hirsch empöret, Selbst was Täubchen girren lehret, Das verdient den Namen Liebe nicht. Nicht des Plato Schwärmereyen, Nicht Petrarchens süßer Traurigkeit, Nicht la Farre's Tändeleyen, Nicht der Wollust sey mein Herz geweiht. Aber etwas von dem allen Mög' in meinem Blute wallen, Wo die Tugend Ebb' und Flut gebeut. Diese Mischung tränkt mit Freuden, Die von Tausenden nur Einer kennt. Aber hatte nicht uns beiden Dieß Geheimniß die Natur gegönnt? Wird – wie soll ich wohl ihn nennen? – Wird auch der es jemals kennen, Welchem itzt dein Fuß entgegen rennt? Wird sein Herz wie Wachs zerfließen? Wenn er ja noch deine Lieder liest! Wird sein Geist den Kuß versüßen, Den sein Mund von deinem Munde küßt? Wird vor deinen Melodien Wohl sein Eigensinn entfliehen, Wenn der Ekel seine Freuden frißt? Wird er mit des Witzes Kerze Je die Nacht auf deiner Stirn' zerstreun? Wird er deinem stummen Schmerze Seine trostberedte Zunge leihn? Wird er weinend auf dich blicken, Seufzend dir die Hände drücken, Wann Clarissen Ungeheuer dräun? Noch bei grauem Sternenhimmel Wird er weg von deiner Seite fliehn, In dem Hund'- und Roß-Getümmel Froh und wild hinaus zum Morden ziehn, Und bedeckt von Blut und Staube, Wird er stehn bei seinem Raube, Ohn' um deinen Kuß sich zu bemühn! Aberwitz des lahmen Boten 1 Oeffnet ihm der Weisheit goldnes Thor, Lieblicher als Hillers Noten Dünket Caro's 2 Bellen seinem Ohr'; Eine Volte seines Braunen Hebt zu himmlischern Erstaunen Als der Flug von Klopstock ihn empor. Wenn aus Ahnenreichen Bauren Sein Burgunder frechen Unsinn schreyt, O! wie wirst du heimlich trauren, Wenn man so dein heilig Ohr entweiht; Daß dein Blut, heraufgegangen Aus den Zähen in die Wangen, Wie dein Auge, jeden Anblick scheut. Reitze, die ich dann noch fände, Wenn sie schon ein Raub der Jahre sind, Nehmen schnell bei ihm ein Ende, Denn sein Aug' ist für die Seele blind. Willst du weinen? willst du zürnen? Wenn ihn eine deiner Dirnen Mit der Herrschaft über dich gewinnt? Wagt' ich je den Stolz, zu sagen: Ich verdiente dich der Mädchen Preis? Das Vergangne will ich tragen; Kannst du mich lieben? Nun, so sey's! Ich will selbst zuerst dich preisen, Schenke nur dich einem Weisen, Der dich so wie ich zu schätzen weiß. Fußnoten 1 Ein politisches Blatt, sonst der hinkende Staatsbote genannt, das in der Gegend häufig von den Landedelleuten gelesen wurde. 2 Name eines Jagdhundes. Als der Kummer über Nantchens Wankelmuth ihm eine Krankheit zuzog Ganze Tage, ganze Nächte, Sitz' ich hier, auf meine Rechte Dieses Kummerschwere Haupt gestützt; Sitze weinend, und betrübe Meinen Geist, daß deine Liebe Nun ein Andrer, falsches Herz! besitzt. Thöricht such' ich da nach Gründen, Wo die Hoffnung, Grund zu finden, Wie so kühn sie immer sey, verzagt. Kann ich mir begreiflich machen, Was die Seele nie im Wachen, Selbst im Traum' zu denken nicht gewagt? Sage mir, daß Vaterbitten, Mutterthränen dich bestritten, Daß dein Kummer deinen Muth verzehrt, Daß sie unter Thränengüssen Dir die Hand nur weggerissen, Aber daß dein Herz noch mir gehört. Sage das! ich will es glauben, Will mir das Bewußtseyn rauben, Daß ich selbst den falschen Balsam gab; Denn bei so viel tausend Schwüren, Ungetreue! dich verlieren, O! das foltert langsam mich ins Grab. Oder kannst du jene Scenen, Jenes Schmachten, dieses Sehnen, Jene Seligkeit, und diese Pein, Kannst du die mit deinem Bilde Tilgen in mir? Sey so milde! Meine letzte Bitte soll es seyn. Kannst du das nicht, Ungetreue! Nun wohlan! sieh her und freue Deines Werkes, meiner Qualen, dich! Wen ein schleichend Gift verzehret, Stirbt entsetzlich, doch verheeret Nicht entsetzlicher der Kummer mich? Glaube nicht, daß vor dem Grabe Je dieß Herz gezittert habe, Ohne Klopfen geht es noch dahin! Gern verzeiht es deine Tücke, Ließ es dich nur nicht zurücke, Und zurück – als meine Mörderin! Als er seinem Tode entgegen sah Meine Thränen sind geweint! Meine Seufzer sind verflogen! Ruhig bin ich, keinem feind, Selbst nicht der, die mich betrogen, Zwar wie liegt die Müdigkeit Schwer auf meinem ganzen Wesen! Aber nur noch kurze Zeit, Kranker! und du bist genesen! O! dem Ekel sey es Dank, Daß er gern den Gram begleitet, Daß er gütig Speis' und Trank Mir mit Wermuth zubereitet; Denn in jedem Bissen Brod Und in jedem Tropfen Weine, Nähm' und tränk' ich spätern Tod In die schmachtenden Gebeine. Ha! zum allerersten mal Seh' ich mich vergnügt im Spiegel! Welch ein dürres weißes Thal Sind itzt diese Rosenhügel Meiner Wangen? wie so klein, Wie so düster diese Sonnen? Suada, Scherz und Schmeicheleyn, Sind von meinem Mund' entronnen. Nur noch wenig, wenig Fluth Treibt des Herzens träge Mühle; Bald ihr müden Füße ruht, Ruht euch aus am nahen Ziele! Ach! Gehirn! dein Feuer macht Meines Lebens Abend schwüle. Aber sieh! da kommt die Nacht! Diese bringet mich ins Kühle. Todesnacht! sollt' ich in dir, Ungewiß, wie lange? schlafen, O! wie könnte schon mich hier Die Natur wohl härter strafen? Schlafen, oder nicht mehr seyn, Das ist Eins, eh' er's erfähret; Ruhe werde dem Gebein', Und Gefühl dem Geist' gewähret. Wieder wachen wirst du Geist! Zwar wie liegt die trockne Hülle, Die der Schmetterling zerreißt, Gleich als schlief er noch, so stille? Aber sieh! dort fliegt er schon Auf die blaue Veilchen-Aue, Sauget Honig aus dem Mohn, Oder trinkt vom Rosenthaue. Doch, o Seele! sey auch wach: Wirst du diese Welt nicht missen? Wirst du noch von Nantchen (ach! Dort gewiß mein Nantchen ) wissen? Wirst du, oder wirst du nicht? – Nicht? – Entsetzen! Tod! Erbarmen! Schone! sieh! mein Herz zerbricht! Mörder! fort aus meinen Armen! Ahnung? Traum? was ist es? wie? Bleibt mein Nantchen in mir leben? Bleib' ich hier? und werd' ich sie Wie die dichte Luft umgeben? Wann die Reu' in ihr erwacht, Werd' ich Tröster seyn, nicht Rächer? Werd' ich? – Leben! gute Nacht! Gib mir, Tod! den Schlummerbecher! Erinnerung Meine Liebe lebet zwar (Sagte Nantchen, ) immerdar, Aber meine Lieder leben Sicher nicht ein Jahr! Ach! mein Herz, du mußt vergeben! Umgekehrt macht sie es wahr! Als er seinen Tod für gewiß hielt Wie sehnt' ich mich, in deinem Arm' zu schlafen! Froh sah ich dir, wie Morus, ins Gesicht, Denn alle deine Pfeile, trafen Mich, Gramvollender! nicht. O! möchte mich die Ruhe noch umschweben, So hätt' ich nun vielleicht die Todesnacht Verschlummert, wär' ins bessre Leben Schon wieder aufgewacht. Nun muß ich noch sie schlummern? muß die Erde Nun noch einmal im Frühlingsglanze sehn? Und fühlen, daß ich Armer werde Bald hin ins Dunkle gehn? Weit warst du noch von meinem Rosengange, Beschneytes Ziel, wo krumm das Alter ruht; Schon aber saugt die Todesschlange Mir aus das Bischen Blut. Wo bleiben nun die guten Thaten alle, Worauf hinaus die Augen weinend sahn? 1 Ich hätte sie gethan, und falle, Und habe nichts gethan. Wird nun mein Haupt den Kranz von Myrthen tragen, Den mir im Traum' die Hand der Ehre gab? O! Niemand wird mit Thränen fragen: Wo ist des Mannes Grab? Zehn tausendmal könnt' ich spatzieren gehen In deinem Garten, Weisheit! könnte da Mehr volle Blumenbeete sehen, Als Bayle vor mir sah. Ich könnte noch – und bin nun schon am Ende! – Natur, in deiner Bildergallerie Nach Wundern suchen, ach! und fände Das letzte Wunder nie. Bald werd' ich nun von Philomelens Tönen Nicht mehr geweckt; um meinen Gartensaal Verblühen schon die Tausendschönen Für mich zum letzten mal. Bald ruft dein Mund in Trillern an dem Flügel, Amalia! den Kenner zum Gehör', Nur ich lieg' unter meinem Hügel Und höre dich nicht mehr. Und alles das um eines Mädchens willen? O welchen Plan vernichtet sie mit mir! Was konnte meine Flüche stillen? Warum vergab ich ihr? Kann sie mich itzt aus meinem Kerker retten? Erst mache sie geschehnes, ungeschehn, Sonst muß sie mich in ihren Ketten Zum Tode schleppen sehn. Muß ich denn fort? Jenseit des Grabes lieget Noch eine Welt, allein wer wünscht sie sich? Fest, wie an eine Braut geschmieget, Schmieg' ich an diese mich. Doch ach! umsonst läßt mich der Tod noch weinen; Du aber, die du mich itzt nicht mehr kennst, Frohlocke nicht; bald werd' ich dir erscheinen Als schreckendes Gespenst! Fußnoten 1 Das weinend ist für die wenigen stehen geblieben, denen es ganz verständlich seyn wird. An den Schlüssel zu Nantchens Gartenthür So wie ich dich, (bist du auch nur von Eisen, Und gibst du gleich nicht Fürsten-Sold, nicht Rang,) Auf jenen Nacht verhüllten Reisen Mit meinen Küssen fast verschlang: So starrte nie der Ehrsucht lodernd Feuer Im Arouet, den goldnen Schlüssel an, Den seine sittenlose Leyer Mit eines Königs Gunst gewann. Der Antichambre goldne Flügelthüren, Eröffneten vor seinem Schlüssel sich, Du konntest mich zu Nanten führen; Wer hatte mehr? Er, oder ich? Ich hatte dich! wie spielten um mein Leben Die Freuden da gleich einem Bienenschwarm'! Nur halb so viel als du zu geben, War selbst der König viel zu arm! Wer dich besaß, ( Neapels Schatz verlöre Den Sonnenglanz bei diesem aufgestellt!) Besaß das Herz, ja selbst die Ehre, Des ersten Mädchens auf der Welt. O! hätt' ich nichts als einen Thron verloren, Dann würd' ich stolz wie Sobiesky seyn, Und zöge heiter zu den Thoren Der Ruhe und der Weisheit ein. So aber will die Weisheit mich nicht kennen! Die Ruhe schlägt vor mir die Thüren zu! Will nichts mir eine Freistadt gönnen? O Tod! so gönne mir sie du! Begleite mich, du den ich lieber habe, Als alles, was zurück hier bleiben muß, Begleite mich zu meinem Grabe, Nimm zum voraus den Abschiedskuß! Und unter meines Hauptes Küssen, zehre Der Rost dich auf von meinem Thränenbach'! Da laß uns ruhn! nicht Nantens Ehre, Nur ihre Reue folgt uns nach! Als er Nantchens Lieder ansah Dieses Denkmals ihrer Liebe Freuet einst sich dann die Welt, Wenn ich weinend mich betrübe, Daß sie, ach! der todten Liebe Dieses Denkmal aufgestellt! Elegie Soll ich der Flucht von meinen Tagen schelten? Soll ich auf sie und ihre Trägheit schmähn? Soll dieser Blick dort nach zufriednen Welten, Wie? oder noch ins Thal des Kummers sehn? Was willst du thun? du Geist! der sonst so stille, Der jung und fromm, der Scherze Meister war? Ist Schmerz dein Wunsch? Ist Traurigkeit dein Wille? Was willst du thun mit diesem langen Jahr'? Der Jüngling rennt, um Veilchen einzusammlen, Und sonnet sich auf kaum gebornem Klee; Das Mädchen sitzt, geheimen Wunsch zu stammlen, Und spiegelt sich im aufgeklärten See. Allein nur ich, ich habe keine Freuden, Todt ist für mich die Stadt, und todt die Flur; Den Fröhlichen könnt' ich vielleicht beneiden, Den Traurigen, was hehl' ich's? lieb' ich nur. Zwar fluch' ich nicht der Liebe, nicht den Scherzen, Denn ohne sie ist dieses Leben, Nacht. O selig der, in dessen Engelherzen So Tag für Tag die Frühlingssonne lacht! Doch muß nicht ich mich selbst im Frühling' grämen? Wer tröstet mich? ich selbst versteh' es nicht! Kommt, lehret nur mich meines Kummers schämen, So sehr mein Herz auch für den Kummer spricht. Wem sag' ich das? vier kalten tauben Wänden! Doch klagt' ich selbst vier heißen Freunden vor, Sobald auch sie das Mädchen schuldig fänden: Wär' aller Trost umsonst, und taub mein Ohr! Ach! wer sie sieht, mag keine Andre sehen, Dem, der sie hört, singt Mara 1 nicht mehr süß, Der, dem sie lacht, hört auf die Welt zu schmähen, Dem, der sie küßt, wird sie zum Paradies. Dem aber wird die Welt zum düstern Kerker, Das Sonnenlicht zum Lampenschein' darin, Wer sie verliert. Der Weis' ist dann nicht stärker Als wie der Thor. Hin ist ihm alles, hin! Erlaubte gleich der Himmel, der zum Lachen Und Weinen mich gebildet hat, die Thür Des Lebens, selbst mir früher aufzumachen Und wegzugehn, ich bliebe dennoch hier. Ich bliebe hier, um nur an sie zu denken, In meinem Gram' allmählig zu vergehn, Und endlich noch Vergebung ihr zu schenken, Sie dann beglückt, und mich beweint zu sehn. Fort! laßt mich hin zum Bach' der Riesenhöhle, Wo sie das Herz mir einst mit Schwüren gab: Aushauchen will ich da die müde Seele; Sie kommt vielleicht und weinet auf mein Grab. Fußnoten 1 Sonst Schmeling, in Berlin. Zur Versöhnung Brause nicht mit deinen Flüchen länger In des abgehärmten Mädchens Ohr; Oeffne du nicht selbst, geliebter Sänger, Ihr das Todesthor. Denn vielleicht, nur eben durchgegangen, Würd' es schon vor deinen Blicken klar, Und du sähst zu späte, statt der Schlangen, Liljen um mein Haar. Steh' und poche dann! Wird er dich hören? Lieg' und bettle deine Kniee wund: Werd' ich darum jemals wiederkehren Aus des Todes Schlund? Mit Gewalt – ich kenne deine Hitze! – Sprengst du, mich zu suchen, wohl das Thor; Aber ach! du dringst zu meinem Sitze Mit Gewalt nicht vor. In dem Lande, wo man nur die Treue Und den Frieden, ihren Bruder, kennt, Weiß man nicht, was dieser Erdball Reue Oder Thränen nennt. Hier, nur hier, ist's möglich, deinen Jammer Umzuschaffen in der Liebe Ruh'; Führe denn, o Liebe! meiner Kammer Heut' ihn wieder zu! Antwort Noch immer dreht sich unter mir die Erde, Noch lehn' ich mit der Stirn' mich an die Wand; Es ist zu viel, daß ich so glücklich werde, Ich, der am Grabe stand. So glücklich! und doch fang' ich an zu weinen? So glücklich! und doch werd' ich so betrübt? O Gott im Himmel! Nantchen hätte keinen Als mich allein geliebt? Ha! jeder Bube mag mich itzt verfluchen, Und stumm will ich, versenkt in meinen Gram, Ein Plätzchen nur zu meinen Füßen suchen, Für meiner Augen Scham! Und gegen die, sie morgen aufzuschlagen, Aus deren Arm muthwillig du entronnst, Die morgen wird so sanft und zärtlich fragen: »Liebst du mich noch wie sonst?« – O weh mir! Immer tiefer wird die Wunde! Denn Jahre lang ertrüg' ich ihren Zorn; Doch ihre Güte – ach! schon eine Stunde Zermalmt mein Herz wie Korn. Hier bin ich, liebes Mädchen! ein Gerippe, Wie deine Hand mich aus dem Grabe zieht. Doch einen Kuß auf die verblaßte Lippe, Und dein Verwelkter blüht! An Nantchen, als er sich mit ihr versöhnt hatte, und im Begriff war, ihre Gegend zu verlassen So willst du fern noch hold dem Herzen seyn, Das ehemals dein ganzes Herz besessen? Wie viel, wie viel, wird künftig dich zerstreun! Und o! wie leicht ist da dein Freund vergessen! Schwer mach' ich's dir, Geliebte! aber ach! Sey stark aus dir! Der Lieb' ist Kunst zu schwach! Sieh nur die Wand in deinem Zimmer an, Wo ich im Geist' vor Kleist's Porträt entbrannte, 1 Wo ich mit Stolz dir manchen großen Mann Als einen Freund von deinem Freunde nannte; Wo ich die Welt in ihrem Ruhm' vergaß, Ja selbst den Neid, weil ich dein Herz besaß! Vergiß es nicht, wenn künftig dich zum Schach Die Langeweil' anstatt der Liebe führet, Wie du zerstreut mit einem leisen Ach! Statt eines Steins, oft meine Hand berühret; Wie dann, gestreift von deinem Kleide nur, Ich weiß nicht wie? mein Herz zusammen fuhr! So oft ein Glas Burgunder vor dir spielt, Erinnre dich, welch Feuer aus dir sprühte, Wenn deine Hand es schwankend kaum noch hielt, Welch Morgenroth auf deinen Wangen glühte, Wie schüchtern du, wie stammlend mich genannt, Als du dich sonst damit zu mir gewandt. So oft der May im Veilchenkranze lacht, Erinnre dich an jene Bäch' und Büsche, Wo du die Hand zum Becher oft gemacht, Und deinen Schooß, für unser Mahl, zum Tische. Wie oft fiel da der Wunsch dir weinend ein? Ach! möchten wir nur arme Hirten seyn! Wann wieder Schnee in Pflocken um dich schwärmt, So denke noch, wie du mir oft im Schlitten Die starre Hand an deiner Brust gewärmt, Und sacht gefragt: ob meine Lippen litten? Doch wie verbarg, wann ihn der Nord bestrich, Mein Mund geschwind in deinem Nacken sich! Erinnre dich bei deinem Nähepult', Wie du für mich noch kleine Netze stricktest, Mit großer Kunst, noch größerer Geduld, Ein Blumenbeet in meine Weste sticktest, Wie statt des Thau's, der Gartenblumen tränkt, Ich diesen oft der Thränen Thau geschenkt. Wann du hinfort mit deinem Hündchen spielst, Erinnre dich, wie du mit seidnem Tuche Den runden Mund ihm fest verstopfet hieltst, Wenn aufgeweckt durch nächtliche Besuche, Für dich und mich, Entsetzen und Gefahr Im kleinsten Laut' von seiner Kehle war! Verkündigt dir der Morgenstern den Tag, Erinnre dich, wie sonst dein Aug' ihn sahe, Als ich mit dir auf deinem Sopha lag, Und zitternd sprach: O! sieh! der Tag ist nahe! Denk' an den Kuß, den festumschlungen wir Uns zugedrückt an deiner Gartenthür'! Doch, alles das verlöscht einmal die Zeit! Sie, welche selbst, denn wer kann sie gewinnen? Dem Lebensstrom' so früh zu stehn gebeut, Läßt schneller noch der Liebe Bach verrinnen! So soll auch ich – – versöhntes Nantchen! nein! Ich werde nie von dir vergessen seyn! Fußnoten 1 In Nantchens Zimmer hingen die Bildnisse verschiedener Dichter und Gelehrten. Als er erfuhr, daß er an seinem bisherigen Wohnorte bleiben werde Falle nieder, Nantchen! falle nieder! Deine Thränen, werden Freudenlieder, Deine Seufzer, Dankgebete seyn! Siehe, Mädchen! sieh! du hast mich wieder! Denn ich bleibe hier, und bleibe dein! Statt, getrennt, des Nachts, in öder Ferne, Aus dem Fenster, Himmel, Mond und Sterne Mit bethränten Blicken anzusehn, Soll dein Hauch das Licht der Blendlaterne, Wenn ich gehen will, wie sonst verwehn. Sollst sie wieder in das Gras verstecken, Und dann flüstern: Schlaf'! ich will dich wecken, Wenn der Hahn zum zweiten male kräht! Sollst mich wieder mit dem Halstuch' decken, Wenn der Wind mir in die Augen weht. Sagt' ich nicht beim Abschied': Wenn ich bliebe, Machte deine Freundschaft alles trübe, Doch, getrennt, sey sie ein Strahl des Lichts? Und nun bleib' ich. Liebe denn, ach! Liebe! Keine Freundschaft! alles oder nichts! O drum eile, liebstes Mädchen! Schone Meiner Sehnsucht! Siehe nur, ich wohne Ganze Meilen von dir, so allein! Winde denn von Myrthen deine Krone, Und auf ewig, ewig bist du mein!