Die sieben Erzgnaden-Worte / unsers Erlösers am Creutz Das Erste: Vatter vergib' Ihnen / sie wissen nicht / was sie thun Vergib' O Vatter / das / was sie an mir verbringen. die That ist böß': iedoch mein mild-vergoßnes Blue ist für die bösen / ja für die Vergiesser / gut. Ich laß' es auch für die / so mich verwunden springen; das Leben soll' in ihm der Tödter-Tod verschlingen. Es ist der ganzen Welt ein Liebes-Feuer Glut: und wunderreichst zugleich ein Sünde-Tilgungs-Flut: mit jedem Tröpflein / auch Vergebungen ausdringen. Reut sie das übel nur / so ist es schon gebüst: mein Gnadenherz sich bloß mit Reu und Demut weidet. Ich will / daß diese Schaar meins Blutes Krafft geniesst: auf daß / aus unwehrts-furcht / man ie sein Heil nit meidet. wer ist unwehrter doch / als die mich selbst verwund? noch mach ich / wann sie nur mir trauen / auch gesund. Das 2. Wort Warlich warlich ich sage dir: Heut wirstu mit mir im Paradeiß seyn Der ich die Warheit bin / dazu der Weg'und Leben / zu und im Paradeiß / ich sage gnädigst dir: daß / ob du mich und dich schon hangen siehst allhier / du in demselben doch / sampt mir / heut noch solst schweben. Der / der es selber ist / kan ja das Leben geben! kein Gott-noch Lebens-Krafft spürstu zwar jetzt an mir: denn / als ein Würmlein / ich erwirb die Himmels-Zier; mein tieffste Nidrigkeit kan Himmel-an erheben. Wer Gottes Kind / und mir ein treuer Knecht / will seyn / der muß mein Creutz nit nur bloß lieben / sondern tragen / und durch den Bach am Weg zum Himmel gehen ein. An denen hab ich nur mein Lust und wolbehagen / die mir / wie du / am Creutz / auch wider allen Schein / vertrauen. Daß du würdst erlöß't / ließ ich mich schlagen. Das 3. Wort Weib / sihe / das ist dein Sohn Ach Mutter / die mein Schmerz / wie euch der eure / kränket! verzeiht mirs / daß ich mehr eur Heil als Freude such. Ich muß es thun / es steht also von mir im Buch. Mein Gnad' und eure Sünd / mich in diß Elend senket. Damit ihr aber nicht euch gar verlassen denket / so seht / daß Sterbend euch versorgt mein Schaffungs-Spruch / so hab' ich / ob ich schon jetzt bin am Creutz ein Fluch / Johannes Herz zu euch / und eurs zu ihm / gelenket. Vnd du / mein liebster Freund / wollst meiner Mutter pflegen / als der / in deren Leib ich diesen an mich nahm / in dem ich fähig ward vor euer Heil zu sterben. Es kan / der Schmerzen Krafft / die Liebe nicht erlegen. Ihr Leid / ist auch ein Ast an diesem Creutzes-Stamm / an dem ich's Leben will / durch Sterben / euch erwerben. Das 4. Wort Mich dürstet Mich dürstet: daß ich euch an Freud kan truncken machen / daß ihr vor gutem Muht jauchzt in der Ewigkeit. Mein Blut / so dürstig ist / daß es euch Ruh bereit / daß seiner tropffen Schweiß wie Purpur-Thau herbrachen. Es dürstet nach dem Durst der fast verschmachten Schwachen. und daß es ihnen selbst könnt werden mit der Zeit ein Trank: ihr werdt dadurch des Seelen-Dursts befreyt. Der Durst ist / nicht nach Wein / nach Herz-Erquickungs Sachen. Ich könt den Felsen auch wol schlagen / wann ich wolt / ich selbst der Lebens-Brunn könt frische Quellen schaffen / ja daß mir in den Mund ein Bächlein rinnen solt. daß ihr wurd Ewig satt / mich alle Mängel traffen. Schau / alles diß / O Mensch / ich willig leid vor dich. Mit Buse-Thränen solst du wider träncken mich. Das 5. Wort Mein Gott / mein Gott / warum hastu mich verlassen Mein Gott wie hast' auf mich Verlassung lassen fallen! dein ganzes Zornes-Heer jetzt stürmet auf mich ein. Ach! du entzeuchst mir ganz den Gott-und Gnadenschein. Ich bin ein Würmlein nur / das Elendst unter allen. Mein süsse Labung / sind die herb' und bittern Gallen. Doch soll mirs eitel Trost und Zucker-Wollust seyn / wann mit der meinen ich vertrieb der Menschen Pein. In grösten Schmerzen pflegt mein Herz vor Lieb zu wallen. Ich will mich lieber selbst / als sie / verlassen sehn. Vnd wann ich noch so viel / ja mehr noch / aus solt stehn / so tauret mich doch nichts: wann sie es nur geniessen. Mein' Haupt-Verlassung / sey ihr stäter Trostes-Brunn. Daß sie sie finden stäts / mir alle Hülf zerrunn. Mein Blut soll von mir weg / sie zu erquicken / fliessen. Das 6. Wort Es ist vollbracht Es ist der Feind erlegt / der Höll' ihr Macht geraubet; der Schlangen Haupt zerknirscht / Gesetz' und Schrifft erfüllt / Gewissens Anklag' ist / auch Gottes Zorn / gestillt / mit diesem Helden-Streich das Höllen-Reich betaubet / den Armen Seelen auch der Himmels-Trost erlaubet. Vmsonst der Höllisch Drach nun auf die Frommen brüllt: in meinem Sieges-Fahn sie herrlich sind verhüllt. Höll / Teuffel / Sünd' und Tod / schadt nichts dem der fäst glaubet. Daß ganz' Erlösungs-Werk ist völlig nun vollbracht; daß Opffer / so ich bin / auf Ewig schon geschlachtet. Ich hab' es alles wol / allein / und gar / gemacht: wer weiter Opffern will / mein völligkeit verachtet. Nun alles ist durch mich / was euch erlöst / verricht: drum lasst eur selb-Verdienst / seit mir allein verpflicht! Das 7. Wort. Vatter! ich befehl meinen Geist in deine Hände Mit meinem / ich dir auch in deine Gnaden-Hände gib' aller Christen-Geist. Mein Sterben sie belebt: mein Leib'-Eingrabung sie in deine Schoß erhebt; mein' Höll' ihr' Himmel-fahrt und Paradeiß anlände. Auf daß in deiner Hand mein Geist / ich ihm hersende / den ihren Ruh bereit: wornach ich lang gestrebt / in Herz-und Höllen-Pein / im Blut und Creutz geschwebt / |Leidens| biß endlich ich erlangt diß meines › ‹ Ende. |Endes | Dieweil ja meine Lieb' am Leiden nicht vergnügt: so will ich sterben auch / auf daß unsterblich werde die selbste Sterblichkeit. Mein Tod den Tod besiegt. Die Auferstehung bring' mit mir ich in die Erde. Ihr meinet / ihr verschlingt das Leben / Erd' und Tod! Nein! es hat minder nie mit ihm / als sterbend Noht.