Erinnerungen an Adria 1829. Begrüßung des Meeres Unermeßlich und unendlich, Glänzend, ruhig, ahnungschwer, Liegst du vor mir ausgebreitet, Altes, heil'ges, ew'ges Meer! Soll ich dich mit Thränen grüßen, Wie die Wehmuth sie vergießt, Wenn sie trauernd auf dem Friedhof Manch ein theures Grab begrüßt? Denn ein großer, stiller Friedhof, Eine weite Gruft bist du, Manches Leben, manche Hoffnung Deckst du kalt und fühllos zu; Keinen Grabstein wahrst du ihnen, Nicht ein Kreuzlein, schlicht und schmal, Nur am Strande wandelt weinend Manch ein lebend Trauermal. Soll ich dich mit Jubel grüßen, Jubel, wie ihn Freude zollt, Wenn ein weiter, reicher Garten Ihrem Blick sich aufgerollt? Denn ein unermeß'ner Garten, Eine reiche Flur bist du, Edle Keime deckt und Schätze Dein kristallner Busen zu. Wie des Gartens üpp'ge Wiesen Ist dein Plan auch glatt und grün, Perlen und Korallenhaine Sind die Blumen, die dir blühn. Wie im Garten stille Wandler Ziehn die Schiffe durch das Meer, Schätze fordernd, Schätze bringend, Grüßend, hoffend, hin und her. – Sollen Thränen, soll mein Jubel Dich begrüßen, Ozean? Nicht'ger Zweifel, eitle Frage, Da ich doch nicht wählen kann! Da doch auch der höchste Jubel Mir vom Aug' als Thräne rollt, So wie Abendschein und Frühroth Stets nur Thau den Bäumen zollt. Zu dem Herrn empor mit Thränen War mein Aug' im Dom gewandt; Und mit Thränen grüßt' ich wieder Jüngst mein schönes Vaterland; Weinend öffnet' ich die Arme, Als ich der Geliebten nah; Weinend kniet' ich auf den Höhen, Wo ich dich zuerst ersah. Am Strande Auf hochgestapelte Ballen blickt Der Kaufherr mit Ergötzen; Ein armer Fischer daneben flickt Betrübt an zerrissenen Netzen. Manch rüstig stolzbewimpelt Schiff! Manch morsches Wrack im Sande! Der Hafen hier, und dort das Riff, Jetzt Fluth, jetzt Ebb' am Strande. Hier Sonnenblick, Sturmwolken dort; Hier Schweigen, dorten Lieder, Und Heimkehr hier, dort Abschiedswort; Die Segel auf und nieder! Zwei Jungfrauen sitzen am Meeresstrand; Die eine weint in die Fluthen, Die andre mit dem Kranz in der Hand Wirft Rosen in die Fluthen. Die eine, trüber Wehmuth Bild, Stöhnt mit geheimem Beben: »O Meer, o Meer, so trüb und wild, Wie gleichst du so ganz dem Leben!« Die andre, lichter Freude Bild, Kos't selig lächelnd daneben: »O Meer, o Meer, so licht und mild, Wie gleichst du so ganz dem Leben!« Fortbraust das Meer und überklingt Das Stöhnen wie das Kosen; Fortwogt das Meer, und, ach, verschlingt Die Thränen wie die Rosen. Sonntagsmorgen Zu dem Dome wallt die fromme Menge, Sonntag ist's! Horch Glocken, Orgelklänge Uebers Meer hinzittern auf und nieder Glockentöne, Orgelkläng' und Lieder. Und ein neues Glanzmeer scheint zu liegen Auf der Fluth und tönend sich zu wiegen: Rauschen Sonnenstrahlen klingend nieder, Oder glänzen Orgeltön' und Lieder? Wie so ruhig ist die ew'ge Weite! Wie so feierlich die Ufer heute! Von dem grünen Strand zum Meere schwingen Blüthenflocken sich mit Schmetterlingen. Sonne ward zur Ampel heut im Dome, Und das Goldgewölk' zum Weihrauchstrome; Weh'nde Flaggen, Rosenfinger, deuten Meiner Sehnsucht in die fernen Weiten! Tauben dort, die über'm Meere kreisen, Sonst nur Bettler, die nach Nahrung reisen, Heute doch im silbernen Gewande Flügelpilger zum gelobten Lande! Und es schaukelt sanft im Lilienkahne Meine Seele auf dem Ozeane, Liebespsalme, Friedenshymnen singend, Myrtenzweig' und weiße Fahnen schwingend. Wie die Gläub'gen in den Kirchengängen Fromm mit heil'gem Weihbronn sich besprengen, Netz' ich meine Hand im Fluthenspiegel: Stirn' und Herz, empfangt der Weihe Siegel! Der Granatbaum Fern vom Granatenhaine Steht ein Granatenbaum, Er grünt und blüht ganz einsam Hart an des Meeres Saum. Und ob ihm aus der Erde Auch Keim und Nahrung quoll, Doch neigt er Stamm und Aeste Zum Meere sehnsuchtsvoll. Er spiegelt sich so gerne Im klaren Wellenschein, All' seine Blüthen und Blätter Streut er ins Meer hinein. Ach, was am meisten schade, Die saft'gen Aepfel von Gold, Er streut ins Meer sie alle, Aufs Land nicht einer rollt! Dieß Thun nimmt mich nicht Wunder, Doch wundert eins mich, traun: Daß man den Nutzenlosen Nicht längst schon umgehau'n. Seejungfrauen haben die Blüthen Froh ihren Locken gesellt, Und spielen mit gold'nen Aepfeln Der lichten Oberwelt. Hellas Lustig kommt das Schiff geschwommen, Hat manch' fernen Strand geküßt; Neuer Gast, sei uns willkommen! Schöner Fremdling, sei gegrüßt; Trägst ein Röcklein schmuck von Eichen, Das manch' blanke Spang' umfaßt, Trägst ein gutes Wanderzeichen, Deinen Strauß: die Flagg' am Mast! Sei gegrüßt in diesen Wogen, Hellas' Flagge, blau und weiß! Blau gleichwie des Himmels Bogen, Und wie seine Wolken weiß! Sieht man deinen Himmelsfarben Doch den theuren Kauf nicht an, Wie viel Helden für dich starben, Wie viel Blutes für dich rann! Ahnt im Blau der Himmelskläre Ihr das Frühroth, dem's entstammt? Und im stillen blauen Meere, Wie es jüngst im Sturm geflammt? Sieh das Schiff geschaukelt linde, Mit den Wimpeln fächelnd mild, Gleich der Wiege heit'rem Kinde, Das mit bunten Bändern spielt! Horch, was brausen jetzt für Lieder? Ist es eines Menschen Sang? Oder naht ein Sturm uns wieder, Dem der schwarze Fittig klang? Ha, das sind der Helden Lieder, Ha, das ist hellen'scher Sang! Und wohl naht der Sturm auch wieder, Aufbeschworen von dem Klang! Denn er donnert, wie's von tausend Klephtenbüchsen einst erscholl, Wie von allen Bergen brausend Einst der Ruf der Freiheit schwoll! Und er klingt wie Schwerterklirren, Hallt wie eh'rner Männer Gang, Rauscht, wie wenn die Brander schwirren Durch die Nacht erwartungbang. Jetzt des Todesengels Fächeln Ueber jener heil'gen Schaar! Jetzt des Türken letztes Röcheln, Schon belauscht vom Leichenaar! Jetzt Gedröhn, wie wenn die Feste Auffliegt mit gesprengtem Wall! Wie der heil'gen Tempelreste Grauser, thränenwerther Fall! Hellas, hast gut angeklungen Mit den Zungen, mit dem Schwert! Wahrlich, wer solch Lied gesungen, Ist wohl auch der Freiheit werth! Stolz und herrlich schwebt dir wieder Des Gesanges Schiff heran, Wehte nur vom Borde nieder Nicht die schwarze Trauerfahn'! Wär's mit Leichen nicht beladen! Zög' durch jeglich Tau nur nicht Jener rothe blut'ge Faden, Wie ihn Brittenbrauch sonst flicht! Sänger, laß dein Antlitz schauen! Du bist's, Knabe, lockenreich? Ei, wie kommt dies Lied voll Grauen Aus den Lippen zart und weich? Gleich als ob ein Aar sich schwänge Aus dem Lilienkelch empor! Gleich als ob ein Leue spränge Aus der Rosenlaube vor! Lerne statt des Blutlieds, Junge, Lieder, dir an Anmuth gleich, Noch geschmeidig ist die Zunge, Und die Lippen sind noch weich. Sing', o Hellas, andre Weisen, Lehr' dein Kind ein ander Lied, Von dem Kampf, in den das Eisen Gen die spröde Scholle zieht! Laß es klingen, wie im Thale Deiner Schnitter Sichelklang, Wie der Becher Ton beim Mahle, Wie von Bergen Winzersang! Laß es rauschen, wie am Strome Und in Häusern rauscht dein Fleiß, Laß es hallen, wie im Dome Der Gemeinde Dank und Preis! Säuselnd wie das Blattgewebe Jenes Kranzes dichtbelaubt, Welchen Oelbaum, Lorbeer, Rebe Schlingen, Hellas, um dein Haupt. Knabe, dann einst steuerst wieder Du als Greis wohl gen das Land, Singst die neuen schönern Lieder Unsern Enkeln vor am Strand. Manch ein Sang voll Segensbornes Deinem Munde dann entglüht, Wie die junge Aehre Kornes Zwischen zweien Lippen blüht! Dich umklingt gleich altem Baume Gold'ner Bienlein Liederschaar, Du auch weißt's, in deinem Raume Quillt's von Honig süß und klar. Und die Lieblichkeit der Lieder Ueberglänzt dein Antlitz, Greis, Wie auf Taygetos hernieder Morgenroth um schimmernd Eis. Meerfahrt Wie so rein des Himmels Bläue Ueber meinem Haupte glänzt, Fest und licht wie ew'ge Treue, Wandellos und unbegrenzt! Gleich dem ew'gen Frieden schimmert Ruhig, klar und grün das Meer; Wie die heil'ge Liebe flimmert Hell die Sonne drüber her. Frei und leicht auf freien Wogen Zog das Schiff die eb'ne Bahn, Stolz die weißen Segel flogen Wie der Freiheit Siegesfahn'. Sonne, Meer und Himmelsbläue, Nichts ums Schiff sonst ringsumher! Liebe, Freiheit, Fried' und Treue! Ei, was willst du denn noch mehr? Ach, wenn nur der Wind vom Lande Mir ein grünes Blatt allein, Eine Blüthe nur vom Strande Wehte in das Schiff hinein! Die Einsamen Einsam stand ein grauer Felsen Mitten in das Meer gesät; Fast schon wollt' ich ihn beneiden, Daß er einsam, fest doch steht. Einsam auf dem grauen Felsen Grünt' ein Baum, gar stolz und kühn; Fast schien mir der Baum zu loben, Daß er einsam, doch so grün. Einsam kreist' um Baum und Felsen Eine Lerche leichtbeschwingt; Fast wollt' ich sie glücklich preisen, Daß sie noch so fröhlich singt. Aber Felsen, Baum und Lerche, Jetzt beneid' ich euch nicht sehr! Denn es warf ein Stoß des Windes Schnell den einzlen Baum ins Meer. Müd' ins Wasser sank die Lerche, Eh' die Schwestern sie erreicht; Und die Fluthen unterwühlten Selbst den Fels, den einzlen, leicht! Ach, da mußt' ich euer denken, Dichter meines Vaterlands, Da ihr einzeln, fern den Brüdern, Wähnt zu pflücken euren Kranz. Gegen Nord und Süd und Osten Steht ihr sehnend hingewandt, Ach, doch Manche mit dem Rücken Gen das eigne Vaterland! Einzle Felsen nur im Meere, Einzle Bäume seid ihr nur, Einzle Lerchen, einsam singend In dem öden Luftazur. Trotz'ge Felsen, rückt zusammen! Irre Lerchen, sammelt euch! Stolze Bäum', umrankt, umschlinget Euch in Zweig' und Wurzeln reich! Laßt uns sein ein Wall von Felsen, Der als Damm, gar stolz und fest, Von dem Meere der Gemeinheit Sich nicht unterwühlen läßt! Laßt uns sein ein Wald von Bäumen, Im Vereine doppelt grün; Ueber den verschlung'nen Wipfeln Rauscht der Sturm ohnmächtig hin! Laßt uns sein ein Chor von Lerchen, O dann klingt er doppelt schön Der Gesang von hundert Kehlen, Wirbelnd in die Sonnenhöhn! Das Vaterland Wir schwebten mit vollen Segeln Durch grüne Meeresfluth, Ein buntes Wandervölklein, Mit leichtem frohem Muth! Ein Völklein, wie es heute Der Wind zusammensät, Und wie er's morgen wieder Flink auseinander weht. Da war ein Mann aus Frankreich, Vom grünen Rhonestrand; Goldsaaten, Rebenhügel Nannt' er sein Vaterland. Ein Andrer pries als Heimat Des Nordens Felsenwall, Die Gletscher Skandinaviens, Die Seen von Kristall. Dort wo als ew'ger Leuchtthurm Vesuv, der hohe, glüht, Stand eines Dritten Wiege, Von Lorbern überblüht. In deutsche Eichenforste, Auf grünen Alpenhang, Zu frischen Au'n der Donau Zog mich des Heimwehs Drang. »Laßt hoch die Heimat leben! Nehmt All' ein Glas zur Hand! Nicht Jeder hat ein Liebchen! Doch Jeder ein Vaterland!« Und Jeder trank den Becher Mit flammendem Antlitz aus; Nur Einer starrte schweigend Weit in die See hinaus. Ein Mann war's aus Venedig, Der sprach in sich hinein: »Mein Vaterland, o Heimat, Du bist nur Wasser und Stein! Einst glomm der Freiheit Sonne, Da lebt' und sprach der Stein, Und tönte, wie Memnon's Säule, Ins Morgenroth hinein! Da wogte glühend das Wasser, Mit Purpur gürtend die Welt, Und Regenbogen schleudernd Hinauf ins Himmelszelt! Warum bist du erloschen, Du schöner Sonnenschein? Warum bist du, o Heimat, Jetzt Wasser nur und Stein?« Er schwieg und starrte lange Aufs Meer hin unverwandt, Und, unberührt noch, glänzte Das Glas in seiner Hand. Jetzt, wie zum Todtenopfer, Goß er's hinab ins Meer! Wie funkelnde Thränen stoben Die goldenen Tropfen umher. Venedig Wäre dies die freudenreiche, Stolze Meereskönigin, Mit der ernsten Heldengröße, Mit dem leichten, heitren Sinn? Schwarze Gondeln im Kanale Schwankend, ohne Liederklang! Shifferruf nur stöhnt bisweilen Dumpf wie träger Unkensang. Marmorbilder nur bewohnen Die Paläste, hoch gebaut, Und ihr Sinken und Zerfallen Ist darin der eniz'ge Laut. Leer vom Volke steht San Marco, Der Gebete Stoff gebricht! Klagen will es nicht das Völklein, Und zu danken hat es nicht. Am Altar fungirt der Priester, Ohne Ernst und ohne Sinn; Nur damit er's nicht vergesse, Murmelt er sein Sprüchlein hin. Längst zerschellt im Arsenale Fault das alte Dogenschiff, Ach, der eigne alte Hafen Ward ihm Klipp' und Todesriff! Venetianer, sagt, was deuten Dort die hohen Maste drei? Pflanzet ihr als Vogelscheuchen Vor den Dom die Stangen frei? Ei, ihr habt doch keine Saaten! Die ihr hattet, sind verdorrt! Und die allerschlimmsten Vögel Scheuchten sie euch doch nicht fort; Jene Vögel, die die Augen Eurer Freiheit ausgepickt, Ihr das Schlummerlied gesungen, Bis sie sterbend eingenickt. In dem eh'rnen Markuslöwen War einst Leben, Kraft und Herz: Doch der königliche Wächter Liegt nun todt, ein Aas von Erz! Längst begann ja Adlerherrschaft, Seit der alte Leu erlag Unter jenes Frankenadlers Jugendlichem Flügelschlag. Stumm und öde Platz und Straßen Und die Fluthen rings umher, Selbst die Steine reden nimmer Und die Menschen längst nicht mehr! Und doch wüßt' ich einen Zauber, Ja ein Wörtlein nur, gar klein! Spräch's zur rechten Stund' der Rechte Spräng' von diesem Sarg der Stein! Ha, da wirft der Markuslöwe Seine Mähne stolz empor, Schüttelt wieder kühn die Flügel Frei und kräftig, wie zuvor. Dreier Königreiche Flaggen Weh'n von jenen Masten her Und das Lied der Gondoliere Tönt in Chören übers Meer. Horch, es läuten alle Glocken! Weihrauch duftet durch den Dom, Zwischen Orgelklang und Psalmen Jauchzt empor des Volkes Strom. Fenster, Straßen und Balkone Füllt die Menge bis zum Rand, Feierlich im Purpur wallen Doge und Senat zum Strand. Golden schwimmt der Bucentoro Stolz hinaus ins heil'ge Meer. Tausend lust'ge, schmucke Gondeln Tummeln flink sich hinterher. Nieder sinkt der Ring des Bundes Zwischen Erd' und Meeresfluth, Menschenkraft und Elementen, Götterlaun' und Menschenmuth. Gondelfahrt Horch, Mitternacht vorüber, Die Straßen menschenleer! Vom Mondlicht übergossen Paläste, Kirchen, Meer! Willst du Venedig schauen, Nur jetzt versäum' es nicht! Das ist die wahre Stunde, Das ist das wahre Licht! Die Marmorbilder leben, Paläste ragen licht! Wie riesige Silbertafeln Mit großer Thaten Bericht. Willst du dich freu'n der Liebe, Versäume nicht ihr Gebot! Die Gondel sei ihre Wiege, Der Mond ihr Morgenroth! Umrauscht von der Vorzeit Schauern Die blühende Gegenwart Mit liebendem Arm umschlingen, Welch schöne Gondelfahrt! Weinst du auch manche Thräne Auf der Vergangenheit Grab, Schnell trocknet mit weißem Händchen Die Gegenwart dir sie ab. Venetianer-Trias Ich wollt', wenn nur das Wünschen hülf', Drei Dinge wären mein: Ein Mägdlein weiß, ein Pfäfflein schwarz, Und eine Gondel fein! »Ei sprich, wozu das Mägdlein weiß?« Ich wäre gern zu Zwein! Zum Seufzen nicht, zum Beten nicht, Das träf' ich fast allein. »Ei sprich, wozu das Pfäfflein schwarz?« Daß ich von Sünden rein! Man weiß nicht, was geschehen kann, Wenn man so oft zu Zwein. »Ei sprich, wozu die Gondel flink?« Zu rudern lustig drein, Vom Mägdlein zu dem Pfäfflein gleich, Und wieder zum Mägdelein! Die Sünderin Einsam liegt ein Häuschen, abgelegen, Hart am Meer, das an die Wände braust, Daß sie ewig zitternd sich bewegen, Wie so manches Herz, das drinnen haust. Dieses niedre Pförtlein, will's nicht deuten, Daß nur Niedres ungehemmt hier zieht, Doch der Reinheit Kranz, beim Drüberschreiten, Leicht vom Haupt sich abstreift und verblüht? Denn ein Tempel ist's, der Sünd' erschlossen! Und doch seht, wie glänzt das Frühroth drauf, Daß er, wie aus reinem Gold gegossen, Ragt als heil'ger Sonnentempel auf! Horch, des schmalen Fensters Flügel klingen! Und es blickt mit welkem Busenstrauß, Fahlem Kranz und schlaffen Lockenringen Eine Priest'rin dieses Doms heraus. Blaß sind ihrer Wangen kalte Flächen, Wie des Richters weißes Pergament, Das des Schuldigen geheimst Verbrechen Und zugleich sein strenges Urtheil nennt. Wie so matt die trüben Augen schimmern, Fast wie Kerzen, über Nacht gebrannt, Die nun kärglich fahl und müde flimmern, Seit der goldgelockte Tag erstand. Blumen prangen dort in bunten Farben, Die begießt sie jetzt, daß fort sie blühn; Wenn im Herzen schon die Blumen starben, Läßt man gern sie vor den Fenstern glühn. Zwischen Rosen, Ampeln, Engelchören Steht ein Bild der Himmelskönigin; Dort der ew'gen Lampe Gluth zu nähren, Bringt sie Oel, wie Vesta's Priesterin! Neue Blumen geht sie jetzt zu pflücken, Zwei Gewinde fügt sie tändelnd draus, Einen Kranz, Mariens Haupt zu schmücken, Für sich selbst dann einen Blumenstrauß. Scheint's nicht reinstes Hochgefühl des Weibes, Das so arglos hier mit Kränzen spielt, Weil es selbst den Schooß des eignen Leibes Einen Heiland werth zu tragen fühlt? Künstlich schminkt sie nun die blassen Wangen, Und doch nenn' ich Schamroth dieses Roth, Denn sie läßt es auf dem Antlitz prangen, Ach, aus Scham, daß es so blaß und todt! Nun das ros'ge Haupt sie laß und lose In die weißen Hände niederbeugt, Scheint's nicht eine müde Purpurrose, Auf zwei Nachbarlilien hingeneigt! Und so starrt sie schweigend in die Welle, Unter ihr schlägt wild die Brandung an, Aber fern ist Frieden, Tageshelle, Heitre Ruhe, ebne Spiegelbahn. Und so späht sie starr durch Luft und Wogen Nach dem längst erloschnen Morgenstern, Fernhin, wo die weißen Segel zogen, Ihrer Unschuld Bild, so weiß – so fern! Weint sie nicht? Kind, wein' ins Meer nur wieder! Dieser Perlenschrein wird doch nie leer, Deine Augen füllen bald sich wieder Und an Perlen reicher wird das Meer. Schimmre fort, du ros'ge Morgenröthe, O verklär' ihr fort das Angesicht! Ha, inmitten ihrer Blumenbeete Wie verklärt sie steht, wie rein, wie licht! Und sie ist nur eine welke Blume Von der Paradiesesrose: Weib, Trümmer nur vom schönsten Heiligthume, Ach, ein tiefgefallen sündig Weib! Und doch könnt' ich knieen hier und beten, Wie vor Heil'gen beten, weinen hier! Eine Rose liegt am Weg zertreten, Und ein ganzer Himmel wohl mit ihr. Seemärchen Schon glänzt der Mond im Meeresplan Noch fern ist das Schiff vom Hafen! Die Mitternacht bricht mählich an, Die Passagiere schlafen. Die Wacht am Maste schielt hinein In Mond und Sternenkreise, Bis überblendet vom Strahlenschein Das Aug' sich geschlossen leise. Der Steuermann belauscht zuviel Des Meeres Plätschern und Klingen, Bis ihn die Wellen mit listigem Spiel In Schlummer hinübersingen. Der Kapitän guckt auch zu tief Ins Glas nach Ankergründen, Bis er ganz sanft im Herrn entschlief, Bevor er sie konnte finden. Weh dir, verlass'nes armes Schiff! Weh allen Passagieren! Wer wird durch Sandbank, Sturm und Riff Euch nun zum Hafen führen? Da nahm eine lose Welle das Wort: Ihr Schwestern, was kann's verschlagen! Wir schieben zum Spaß am Schifflein fort, Laßt sehn, wie weit wir's tragen? Da dachte Boreas: Fast ist's Zeit, Zu ruhn von dem vielen Bewegen! Will mich einmal gemächlich breit Zur Rast in die Segel legen. Hei, wie das Schiff durch die Fluthen schoß, Getrieben von Wind und Wellen! Doch weh, nun geht's auf den Felsen los, Hilf Gott, nun muß es zerschellen! Den Blinden und Lahmen im Wege pflegt Zu weichen ein Mann von Sitte! So denkt der Felsen und bewegt Zurück sich um sechs Schritte. Vorbei das Schiff durch die Fluthen schoß, Getrieben von Wind und Wellen; Doch nun geht's grad' auf den Hafen los, Nun wird's an der Küste zerschellen! Den Ankern ward es zeitlang fast, Die müßig am Borde hingen; Da sagte einer: Ihr Brüder, laßt Zum Bad' ins Meer uns springen! Gesagt, gethan! Er hüpft vom Bord! Das Volk im Schiff erwachte; Sie lagen vor Anker mitten im Port! Wie freundlich das Ufer lachte! Sie stiegen ans Land, gar inniglich Entzückt von des Schiffs Regierern. Gott wolle meine Freund' und mich Bewahren vor solchen Führern! Doch woll' er meinen Freunden und mir Solche Wellen und Winde geben, Und solche Felsen und Anker dafür, Zur See und auch im Leben! Archipelagus der Liebe Es glüht das Meer, endlos vor mir gebreitet, Wie die Erinnerung an ros'gen Mai, Und jenes Segel, das darüber gleitet, Mich dünkt's, als ob mein eignes Herz es sei. Du unstät Fahrzeug dort, das schwank und irre Fern durch die Wogen steuert hin und her, Wer sagt mir wohl, wohin dein Segel schwirre In diesem weiten, inselreichen Meer? Welch Eiland einst dein Port aus all den blauen, Zerstreut im Spiegel abendrother Gluth, Wie Häupter holder Jungfrau'n anzuschauen Auftauchend aus dem Bade lauer Fluth? Ob dieses hier, auf dessen Flur von Rosen Der Abend jetzt auch seine Rosen streut, Daß Himmelsblüthen mit den ird'schen kosen, Und Erd' und Himmel glühn im Blumenstreit? Ob jenes dort, so stolz die Stirne tragend, Wenn Morgenroth drauf seinen Kuß gepreßt, Doch dessen goldner Felsenwall, hochragend, Den Kahn der Sehnsucht nimmer landen läßt? Ob jene Insel, die, daß sanft es lande, Manch Schifflein lockt, und lieblich anzusehn, Wenn Mondenglanz sich gießt auf ihre Strande Und goldne Stern' in Meer und Aether stehn? Ob es die blondgelockte, deren Felder In üpp'ger Saat hinfluthen helles Gold? Die schwarzgelockte, der ein Kranz der Wälder Wie lindes Haar reich um die Schultern rollt? Wer sagt es mir, wohin dieß Segel schwirre, Und ob's ein Schiff auch, was dort treibt umher? Ob's nicht vielleicht mein Herz, das schwanke, irre, Durchschiffend der Erinn'rung blaues Meer? Auf dem Meere Aufs Meer bin ich gefahren Im Kahne ganz allein, Begeisterung im Herzen, Im Korb die Flasche Wein. Aufs Meer bin ich gefahren, Zu leeren die Flasche rein! Sieht man so vieles Wasser, Schmeckt doppelt süß der Wein. Den vollen blinkenden Becher Empor hebt meine Hand: Hoch, all' ihr fernen Lieben! Hoch, deutsches Vaterland! Hinaus bin ich gefahren, Zu sehn, was bewegter wallt: Mein Herz, wenn's denkt der Lieben, Das Meer, wenn's in Wogen sich ballt? Ein Zug von holden Gestalten Der schreitet über den Plan, Als Heiland mit dem Oelzweig Wallt jede von ihnen heran. Es sind viel Bilder der Lieben, Sie sitzen zu mir herein; Gottlob, daß es nicht die Leiber, Sonst sänke der Nachen ein! Aufs Meer bin ich gefahren, Zu schwören festen Eid, Beständig hier inmitten Der Unbeständigkeit! Dem Wahren, Rechten, Schönen Zum Banner treu zu stehn! Kann ich zu den Besten nicht klimmen, Doch nie mit den Schlechten zu gehn! Wo edel der Kampf, zu kämpfen, Doch fern, wo Wahnwitz ficht! Und Herz und Mund und Leben Für Freiheit, Recht und Licht! Liegt einer krank am Lager, Der hat zum Scherzen nicht Zeit; Trennt wen ein Brett nur vom Tode, Der schwört nicht falschen Eid. Aufs Meer bin ich gefahren, Zu singen nebenbei Ein Lied in den freien Aether, Gleich ihm so frisch und frei! Hat guten Klang das Liedlein, Dann klingt es doppelt gut, Wenn's auf den Flügeln der Lüfte Sanft hinschwebt über die Fluth. Hat üblen Klang das Liedlein, So hat es ja Keiner belauscht, So wirds ja verweht von den Winden Und von den Wellen verrauscht.