Romancero der Vögel Sturmvogel Im Gewande der Trauer Schreit' ich über die Meere, Aufrecht, wie einst der Glaube Schritt zum Nachen des Herrn. Unterm Flügel die Küchlein Brüt' ich, und wie den Glauben, Trägt den Schmerz auch die Welle, Trägt auch des Schmerzes Brut. Fern dort gleitet ein Schifflein, Jubelnd mit Bechern und Harfen, Grüßend mit Wimpfeln und Flaggen! Schonst du der Lust auch, o Meer? Hätt'st du, Schifflein, mein Auge, In die Tiefe zu blicken, Dir verstummten die Harfen, Dir entsänke die Fahn'! Wie langweilt ihr mich wieder: Schweigende Meeresruhe, Endlose todte Haide, Ewiger Sonnenschein. Vater Sturm, dich beschwör' ich Und gebiete dir, hauche Scharfen, stählenden Nordhauch Meinen Jungen ums Herz! Laß durchwandeln mich jauchzend Grünenden Wellenhügel, Dessen Gipfel ein Garten Weißer Blüthen umschäumt! Laß mich klimmen frohlockend Ueber wogende Alpen, Deren Häupter die Brandung Krönt mit ewigem Schnee! Spalte die Tiefen der Fluthen, Daß am Grunde die Leiche Wieder küsse den Lichthauch, Sauge die Schimmer des Tags! Trägst du gleich mir, o Schifflein, Liebe Brut unterm Fittig, Kinder der Lust, die das Meer nicht Schont, wie die Kinder vom Schmerz? Will dich warnend umkreisen, Rufen vom Mast dir: Wehe! Schreien vom Kiel dir: Wehe! Ob auch das Herz mir jauchzt. Ha, die Harfen verstummen Und die Becher, sie sinken, Und die Segel, sie fallen, Bleich ist der jubelnde Mund! Blitz, nun flattre dein Wimpel, Donner, rühre die Harfe, Sturm, nimm mich in die Arme, Wieg' in Wonne dein Kind! Storch Das ist der vielgereiste Tourist Herr Storch, der heimgekehrte, Mit langen stolzen Schritten mißt Des Daches First der Werthe. Er trägt, wie's Wandrerart gebot, Ein weißes Blousenhemde Nebst hohen Stiefeln von Juchten roth, Und preist die schöne Fremde: »Da wären wir wieder, da wohnen wir Grad' über dem Stall der Rinder. Prophet in der Heimat, bin ich hier Das Spiel der Bauernkinder. In Rom wohnt' ich auf dem Vatikan, Sah wandeln den Papst im Garten, Da wuchsen, seht eure Kürbiss' an, So groß der Orangen Arten. Vom Rhein war böse Post gerad', Der Papst in Sinnen verloren; Ich gab ihm einen guten Rath, Er mir den Orden vom Sporen. Auch hatt' er drob mir keinen Verdruß, Als ich ihm in einem Sitze Vor Durst aussoff den Tiberfluß, So groß ist dort die Hitze. Am Aetna schnell vorüber ging's, Zwei sah ich um Schwefel streiten; Ich schaute rechts, ich schaute links, Es stank auf beiden Seiten. Als über das blaue Meer ich zog, Da flaggten mir alle Schiffe, Ihr Donner zum Ehrengruß mir flog Weithin an Gestad' und Riffe. In Syrien fand ich ein irres Heer, Verhungernd, versprengt in der Wüste; Ich flog vor ihm durch des Sandes Meer Als Führer zu Mizraims Küste. Da lag der Feldherr todeskrank, Zu Ende mocht' es eilen; Des Vetters Ibis Kunst sei Dank, Die mich gelehrt, ihn zu heilen. Mit weißem Bart der alte Pascha Zum Großfeldscher mich ernannte, Gab mir zu Lehn das Nilland da Und was drin kroch, schwamm, rannte. Auf Pyramiden, bei fürstlicher Kost, Durft' ich in Herrlichkeit thronen; Mir huldigten Völker aus Süd und Ost, Wie Göttern der Pharaonen.« Den Reisebericht indessen erklärt Frau Storchin den Nachbarinnen: »Am Nil hat er ein Würmlein verzehrt, Den Tiber – sah er rinnen.« Den Vogel an den Federn! Gegenüber der Hofburg steht Der Thurm der Kathedrale, Drauf des Landes Banner weht Prunkhaft im Sonnenstrahle. Sein Nest an der Stange flicht Ein Vogel dort alljährlich: Ward ihr des Baues Gewicht, Das Picken der Jungen gefährlich? Hat mitgeholfen der Wind, Die Zeit mit zermalmendem Zahne? Eines Tages pfeilgeschwind Vom Thurme stürzte die Fahne. Der Fürst sieht vom Balkon Des Banners Sinken und Fallen: »Verrath und Rebellion! Herbei zum Kampf, ihr Vasallen! Die Meuter erklommen den Thurm, Zu läuten des Aufstands Glocken! Sie stürzten mein Banner im Sturm!« So rief der Fürst erschrocken. Das ist durch Gang und Gemach Ein Rufen, Rennen und Schreien! Hofdamen flüchten aufs Dach, In den Keller die Lakaien. Es sprengen rechts und links Ordonnanzen und Staffeten, Und aus den Kasernen rings Hallt's von Trommeln und Trompeten. Den friedlichen Bürger verschlingt Des Marktes Drängen und Tosen, Der Staatsminister springt Verkehrt in die Galahosen. Von Bajonetten ein Strom Quillt blitzend hervor aus den Gassen, Es dröhnen Palast und Dom Vom Trabe der Reitermassen. Zur Stadt im Flügelschritt Zieht Landsturm aller Farben Und jammernde Bauern mit, Ob der zertretenen Garben. Kanonen rasseln heran, Die Lunte glimmt schlagfertig, Entrollt steht auf dem Plan Das Heer, des Kampfes gewärtig. In der Lüfte sonnigen Strom, In der Wolken stummen Reigen Ragt still und tief der Dom, Am Thurm die Glocken schweigen. Wer hat in dieß Volk hinein Gesä't des Unheils Samen? Ein winziges Vögelein! Wer nennt uns seinen Namen? Den Namen kennt man kaum, Er klingt fast wie Gewissen; Man macht aus des Vogels Flaum Allerhand Ruhekissen. Zinsvögel Am vollen Erntewagen Froh wallte der Bauer einher, Die Erntekränze sie lagen Auf garbenbeladenem Wagen, Die Rößlein zogen gar schwer. Ein Adler flog an den Wagen: »Mein Bäuerlein, halt, ich bin's! Daß Füchse dein Huhn nicht nagen, Verbarg ichs in meinem Magen; Lad' ab mir den Schutzherrnzins!« Ein Falke flog in den Räumen: »Mein Bäuerlein, halt, ich bin's! Ich lasse dein Saatfeld keimen, Wie Sonn' und Hagel es reimen; Lad' ab mir den Bodenzins!« Gehüpft kam auch ein Rabe: »Mein Bäuerlein, halt, ich bin's! Daß ich, der einst dich begrabe, Zu überleben dich habe, Lad' ab mir den Sterbezins!« Zur Scheuer rollte der Wagen, Die Rößlein zogen nicht schwer; Die Erntekränze nur lagen Und soviel Garben im Wagen, Daß Einer drauf schlafe, nicht mehr! Der Bauer betet gen oben: »Es soll, hilf Herre des Alls! Der Adler mein Blei noch erproben, Der Falk' in den Schlingen mir toben, Umdreh' ich dem Raben den Hals!« Hui! sank er aufs Stroh, ein Müder, Und an ein Schnarchen ging's! Da schwebten vom Himmel hernieder Zwei Täublein im Silbergefieder, Eins rechts zu ihm, eins links. Sie fächeln ihm mit den Schwingen Den Schweiß vom Stirnenrund, Die goldenen Schnäblein klingen. Was sie ins Ohr ihm wohl singen? Süß lächelt und lispelt sein Mund. Das mocht' ihn gar tröstlich umschmiegen, Das mochte gar Friedliches sein, Er läßt ja den Adler noch fliegen, Den Falken in Lüften sich wiegen, Den Raben hüpfen und schrei'n. Dieß Liedlein, in blühenden Hagen Sang's einer vom Falkengeschlecht, Hat oft von den Erntewagen Sein Futter sich heimgetragen, Weiß Gott, es schmeckt ihm nicht recht. Zwei Hähne Im Turnierplatz einer Tenne, Auf dem Thron von Schobern, Scheitern, Sitzt in Anmut Jungfrau Henne, Richtend zwischen zweien Streitern. Ach, es hat ihr sittsam Gackern, Ihr jungfräulich sittsam Schreiten Liebentflammt die beiden Wackern, Die um ihren Preis nun streiten. Welcher ist's, den sie erkoren, Dem sie weiht die gleiche Flamme? Goldhahn mit den schmucken Sporen? Schwarzhahn mit dem schönen Kamme? Goldhahn ist ein stolzer Ritter, Trägt ein Wamms orangenfarben, Goldnen Panzer, bunte Flitter, Grüner Federn voll Garben! Siegbewußt im Selbstgefallen Steht der Stutzer ganz verloren, Doch der Maid zumeist vor Allem Traun, behagen seine Sporen. Schwarzhahn prunkt nicht also eitel! Melancholikus von Hause, Einfach schwarz vom Fuß zum Scheitel Trägt er Mantel, Rüstung, Krause. Seufzend mit gesenkten Blicken Birgt er in sich seine Flamme, Doch die Dame fand Entzücken An dem schönen rothen Kamme. Horch, Trompetenstöße krähen! Auf zum Kampf, ihr tapfern Ritter! Stäubend in den Lüften wehen Federn statt der Lanzensplitter. Wie sie an einander springen, Grimmig mit den Flügeln schlagen, Und mit Blick und Kralle ringen, Degengleich die Schnäbel tragen! Weh', ein Kleinod hat verloren Jeder in des Kampfes Flamme, Goldhahn seine schönen Sporen, Schwarzhahn ein gut Stück vom Kamme! Und die Dame steht unschlüssig, Wer zum Siegespreis zu wählen? Schwarzhahn, der des Kammes müssig? Goldhahn, dem die Sporen fehlen? Colibri »Mein Nam' ist Colibri, Mann von Hofe, An Liebreiz ein klein Ungeheuer, Der Königin Rose und ihrer Zofe, Dem schönen Haideröslein, gleich theuer. Ich summe Sonette zu ihrem Preise, Umschwebe sie artig und dienstbeflissen; Wer sich bewegt in so feinem Kreise, Darf Anstand und fein Gewand nicht missen. Ich trag' ein Barett demantenflimmernd Staatsweste, Höslein goldbrokaten, Den Frack von grüner Seide schimmernd Und ausgenäht mit bunten Nahten. Mein Schnäblein ist mein Galadegen, Mein Zünglein beweglich ist die Klinge; Was ich mit jenem nicht darf erlegen, Mit dieser ich's sicherlich bezwinge. Man sagt, ich sei treulos und flüchtig Und meine Huldigung wetterwendig; Untreu der einzlen Blume, die nichtig, Bin treu ich der Lenzmacht, die beständig! Ob sich die Meuter auch all' verschworen, Den milden Zepter der Rose werden, Ich weiß es, nimmer zerbrechen die Thoren, Das Reich des Lenzes nimmer gefährden. Da schießt der Hagel mit silbernen Pfeilen, Da stürmt mit kristall'nen Lanzen der Regen, Da seht ihr den grimmen Winter eilen, Des Reiches Farben hinwegzufegen. Da reißt der Sturm, ein gemeiner Scherge, Der Rose den Purpurmantel vom Leibe; Sie weiß, daß, ob sie im Tod sich berge, Ihr Stamm doch frischere Sprossen treibe. Besudelt mir nicht des Hofkleids Stoffe Im Trümmerfall, im Kampfgetose! Der Ausgang aber wird gut, ich hoffe, Die Rose ist todt, es lebe die Rose!« Gimpel In des Waldes Kathedrale Rauscht das Laub als Sonntagsglocken, Glühn als goldne Ampelstrahle Hell der Sonne Lichterflocken. Und die gläub'gen Vöglein wallen, Sonntaglich an Leib und Feder, Zu des Buchbaums grünen Hallen, Wo ein Ast ragt als Katheder. Dompfaff Gimpel predigt dorten, Der die Frau'n und Herrn begeistert, Weil er klug mit Salbungsworten Jene rührt und diese meistert. Läßt nicht gut von schwarzem Sammet Ihm das Soli-deo-käppchen? Roth die Domherrnweste flammet, Zierlich fällt das schwarze Schleppchen. Seine engbestrumpften Beine Weiß er anstandsvoll zu stellen, Dem Asketeneifer feine Weltmanieren zu gesellen. »O ihr Sünder, unbußfertig, Wandelnd auf des Irrfals Wegen, Seid des Götterzorns gewärtig, Der euch allwärts droht entgegen. Meidet die Gewohnheitsünden Kirschen, Hanfkorn, Weizenähren, Laßt euch nicht von Lust entzünden Zu Wachholders schnöden Beeren! Denn Leimruthen, Netze, Kloben Drohn euch dort als Fegefeuer, Drin in Qual ihr werdet toben, Und aus dem Befreiung theuer. Wehe! Den verstockten Bösen Gähnt die Hölle Vogelbauer, Daraus nimmer ein Erlösen, Drin der Pips und ew'ge Trauer! Nun geht heim und unbethöret Weiter am Wachholderhage; Denkt der Predigt, bis ihr höret Deren Ende heut acht Tage.« Doch am nächsten Festesmorgen Unbesetzt ragt der Katheder; Wo der Pred'ger sich verborgen, Sucht mit Angst und Neugier Jeder. Am Wachholder düstre Reste! An den Kloben sein Gefieder! Ein Stück Mantel, ein Stück Weste! Ach, kein Auge sah ihn wieder. Paradiesvogel Wie er im raschen Flug Hin durch die Wolken schiffte, Stumm durch den zwitschernden Zug, Der Ahasver der Lüfte. Stumm wie ein irrer Komet Mit glänzendem Leibeskerne, Die sprühende Schleppe weht Ihm nach weithin in die Ferne. Der Tod ihn nimmer ruft, Noch sah kein Aug' ihn modern; Vielleicht daß er mag in Duft, Wie sterbende Sterne verlodern? Ihn lockt nicht die blühende Au, Um Nahrung herabzuwallen, Aus Wolken pflückt er den Thau Im Flug, wie Blumen im Fallen. Und weil sie sein Nest im Wald, Sein Grab nicht sahn auf der Wiese, Drum hieß er dem Volk alsbald Der Vogel vom Paradiese. Die Sage aber erzählt: Als Nachtigall einst geboren, Von Rosenliebe beseelt, War er zum Gesang erkoren. Er sang, daß starres Erz Selbst Blüthentrieb verspürte; O daß er des Lenzes Herz, Des flücht'gen, zum Bleiben rührte! Fortzog der Lenz durch das All' Mit Rosen, Liedern und Scherzen, Da ahnte die Nachtigall Den Tod vom gebrochenen Herzen. Sie fleht in der Seele Pein: »Herr, heb' empor mich von hinnen! Laß mich bei dir allein, Dem Unvergänglichen, minnen!« Da ging aus des Herren Hand Als Adler sie neugeboren, Von Sonnenlieb' entbrannt, Zum Himmelsflug erkoren. Da flog zum Quell des Lichts Fort, fort durch Wolken und Sterne, Schon schwand ihm die Erd' in Nichts, Die Sonne doch blieb gleich ferne! Sein Aug' von Kristall schon brach, Schon schmolz ihm die eherne Schwinge; Im Niedersinken doch sprach Er so zum Herrn der Dinge: »Darf nicht bei dir ich im Licht, Dem Unvergänglichen, wohnen, O schleudre zurück mich nicht Zu niedern Erdenzonen!« Da bannt' ihn der Herr im Flug Und schuf ihn, wie dort er schiffte Stumm durch den zwitschernden Zug, Der Ahasver der Lüfte. Nicht erdwärts schwebt er, daß nicht Befleckt sein rein Gefieder, Nicht sonnenwärts zum Licht, Vorm Ziele sänk er ja wieder. Sein Herz nicht überfließt's Von Flammen des Liederdranges; Was oben, unsingbar ist's, Was unten, nicht werth des Gesanges! Ein Stern des Himmels, erglüht Er hell den Irdischen hüben; Eine Blume der Erde, blüht Er bunt den Geistern drüben. Und wenn er vorbei euch zieht, Stumm durch den singenden Reigen, Verstandet ihr einst nicht sein Lied, Lernt jetzt verstehn sein Schweigen. Rother Hahn Waffengerassel und rollende Wagen, Dröhnender Taktschritt, Wiehern der Rosse, Staubgewirbel und Blitze der Mörser! Donnernd fallen die Würfel der Schlacht! Ueber den Heeren flattert des Kriegsgotts Furchtbar-prächtiger, feuriger Vogel, Lodernden Kamm und leuchtende Flügel Schüttelt im Flug der rothe Hahn. Ihm von den Schwingen träufelt ein Regen Sprühender Funkenkörner zur Erde, Wie wurfkundiger Hand des Sämanns Glänzende Saatenkörner entsprühn. Reich aufsprießen die feurigen Saaten, Erst nur schüchterne, glühende Halme, Dann, vom Winde bewegt, ein weites Wogendes, wallendes Garbenmeer! Unter den gelben Aehrenfluthen Blühn die blauen und purpurnen Flämmchen, Wie im Schatten der goldenen Halme Blaue Kornblum' und feuriger Mohn. Stöhnen der Mütter, Weinen der Kinder: Gräßlicher Wachtelschlag in dem Korne! Wimmern der Feuerglocken in Lüften: Wirbelnder Lerchensang ob der Saat! Doch, ein unermüdlicher Sämann, Fliegt er, neue Saat zu bestellen, Unbekümmert der schwarzen Stoppeln, Drüber der Herbstwind klagend wallt. Tief im Gebirg' auf dem Thurm des Kirchleins Senkt er zur Rast vom Fluge sich nieder. Horch, draus fluthen so fromme Gesänge, Horch, draus steigt ein so brünstig Gebet! Fluchen kennt er und Jammern und Jauchzen, Fremd doch blieben ihm diese Töne, Die ihn jetzt bannen, da er im Lauschen Seine Flügel zu schütteln vergißt. Siehe, da träufelt ein linder Regen, Kühlt und löscht ihm die feurigen Schwingen; Statt im reichen Gefieder, am Morgen Ragt er als kaltes Eisengeripp. Und des Kriegsgotts prächtiger Vogel Ward zum Wetterhahne des Küsters, Kreist und tanzt zum Jubel der Kinder, Dreht sich willig nach Wetter und Wind. Zaunkönig Sage aus der Normandie. Ihr Kinder, laßt mir verschont Zaunkönigs Nest und Zelle, Denn wo ein Edler wohnt, Ist eine heilige Stelle. Wenn traulich der flammende Herd Euch Zünglein belebt und Gedanken Euch wärmt im Frost und euch nährt, Dem Vöglein nur sollt ihr's danken. In dunkler kalter Zeit, Als uns des Feuers Gabe Die Götter noch bargen mit Neid, Wie Ueberreiche ihr Habe; Da in dem Vöglein klein Erwuchs ein großer Gedanke, Es flog in den Himmel hinein, Durchbrechend die Wolkenschranke. Dem Jovisadler, der schlief, Riß es den Brand aus den Krallen; Und ob er's auch sengte tief, Die Beute ließ es nicht fallen. Und wie ein stürzender Stern Fiel's erdenwärts mit den Schätzen; Da eilten von nah und fern Die Brüder, den Wunden zu letzen. Die eigenen Federn leiht Ihm jeder, die Blößen zu decken; Drum ist auch sein braunes Kleid Ein Bettlermantel voll Flecken. Rothkehlchen voran! Doch vom Brand Ist selbst versengt es worden; So trägt's noch das rothe Band Am Busen als Ehrenorden. Nur Kukuk, der Gauch, gab nichts Als eine gute Lehre: »Hast du nur die Größe des Wichts, Mit Göttergluth nicht verkehre!« Zaunkönig rächte sich auch, Wie nur es Edlen gelungen: Er brütet die Jungen dem Gauch Zugleich mit den eigenen Jungen. Es wurde die ganze Schaar Zu Aerzten im Heilungsdrange Grasmücke mit dem Trokar, Krummschnabel kam mit der Zange. Die Meise wetzt und weist Blutdürstig ihr Lanzettchen, Als Wunderpflaster preist Der Specht ein würzig Blättchen; Es füllt in der Quelle klar Das Spritzlein die Bekassine, Kernbeißer macht sogar Zum Amputiren schon Miene. Die Elster aber entbrennt, Grauschwesteramt zu verrichten, Sie zupft Charpie und kennt Hausmittel und Stadtgeschichten. Zaunkönig mild abwehrt Die Sorgen, die sie ihm weihen: »Wen himmlisch Feuer versehrt, Den heilen nicht ird'sche Arz'neien.« Ihr schönstes Gefieder flicht Die Schaar ihm zur lieblichen Krone, Sein Haupt beschattet sie dicht Dem kühnen Flug zum Lohne. Wohlthäter der Welt, versteckt Er tief sich im Dunkel der Hage, Allein, beschämt und erschreckt, Daß eine Kron' er trage.