Leonore ...? Leipzig Frühjahr 1719 – August 1719 An Lorchen Nimm, Lorchen, diese Wurst, und scheint sie dir zu klein, So dencke, daß sie muß nach deinem Alter seyn. Drum nimm indes vorlieb mit diesen kleinen Gaben; Du solst schon mit der Zeit was Schön- und Größers haben. An Selinden Hier seze dich, verschämtes Kind; Hier ist gut seyn, hier las uns bleiben, Wo Lind und West gesprächig sind Und Fels und Wald den Gram vertreiben; In dieser grünen Einsamkeit, Wo Bach und Stein und Blätter rauschen, Soll weder List, Gefahr noch Neid Den süßen Frühlingsscherz belauschen. Die Schäze deiner keuschen Zucht Und der noch unberührten Brüste Sind warlich eine seltne Frucht, Nach der ich innerlich gelüste. Erschrick nicht vor der schnellen Hand Und las sie in dem Busen spielen; Ich führe dich in einen Stand, Des Lebens Kern und Marck zu fühlen. Wohin mein Kuß dein Wange drückt, Da wächst der Rosen Glanz und Menge; So bald mich nur die Haut entzückt, Kommt Herz und Sehnsucht ins Gedränge, Da wallt, da springt es in der Brust, Da will es sich genau verbinden, Ach paare doch mit ihm die Lust Und las es seine Ruhstatt finden! Vor was erröthestu, mein Licht? Ich werde dich nichts Böses lehren; Du kennst das süße Spiel noch nicht, Dein Anblick raubt mir Sehn und Hören. Die Liebe wüntscht dich in ihr Reich, Gehorch ihr doch auf mein Erklären, Sie wird sich dir und dies zwar gleich Mit aller ihrer Lust gewähren. Sie ist der Erden höchstes Gut, Sie giebt dem Leben erst das Leben; Erforsche nur dein eignes Blut, Es wird mir heißen Beyfall geben. Ich weis, ein unbekandter Zug Erhizt dir Adern, Brust und Wangen; Ach, werde doch bey Zeiten klug Und hintertreib nicht dein Verlangen. Die Einfalt macht die Hölle heiß, Vermeid des Aberglaubens Neze, Von welchen die Vernunft nichts weis, Es ist ein bloßes Weltgeseze. Der Himmel flöst den Zunder ein Und giebt den Saamen treuer Flammen, Wie sollt er denn so thöricht seyn Und, was er selbst befiehlt, verdammen? Beschau die Wercke der Natur, Betrachte Bäume, Feld und Thiere Und lerne, wie der Liebe Spur Dich überall zum Scherzen führe! Wodurch sind ich und du denn da? Zu was bist du nebst mir gebohren? Der, so die Welt im Wesen sah, Hat uns zum Lieben auserkohren. An Selenen, als er ihr Kräuterthee schickte Selene, was mich stets ergözt, Das ist die Freyheit, dir zu dienen, Und was ich hier auch aufgesezt, Entdeckt ein wohlgemeint Erkühnen. Die Kranckheit, so dir jezo droht, Erschröckt mich ärger als du denckest; Doch, wo du mir Erhörung schenckest, So hat der Anstoß keine Noth. Ich weis es zwar, dein hoher Geist Vermag sich allemahl zu faßen, Und wie sein Wesen himmlisch heist, So kan er leicht die Welt verlaßen; Allein du kanst zu jeder Zeit Noch früh genug zum Engel werden, Und also gönne doch der Erden Den Schmuck von deiner Seltenheit. Bedencke doch nur den Verlust, Wofern ein früh Verhängnüß wollte, Daß so viel Schönheit kluger Brust In besten Jahren sterben sollte! Las die getrost zur Grube gehn, Die Freude, Wiz und Muth verlieren; Du solt hinfort von neuem spüren, Wie artig frische Myrthen stehn. Du bist ja sonst so sehr bemüht, Dich nett und kostbar anzukleiden; Denn wenn dich deines gleichen sieht, So hört und sieht man dich beneiden; Jedoch bey aller dieser Tracht, Du magst sie noch so schön ergründen, Ist doch kein beßer Kleid zu finden Als was dir die Natur gemacht. Trag Sorge vor den schönen Leib In Arbeit, Speisen, Luft und Wachen Und nimm bequemen Zeitvertreib, Ihn weder faul noch schwach zu machen. Fleuch Salz und Eßig als das Gift, Bezwinge Zorn, Verdruß und Schröcken Und las dich niemahls eh erwecken, Als bis dein Ohr die Stunde trift. Verzeih, Selene, meiner Hand, Sie schreibt nur kurze Grundgeseze, Damit kein größer Übelstand Der schönen Glieder Bau verleze. Sechs Wochen las dies Thee nicht ruhn; Mein Wuntsch hat Kräfte beygetragen, Ich weis, du wirst in kurzem sagen: Kan Waßer solche Dinge thun? [Die Pest ergrif den Leib der schönen Flavia] Die Pest ergrif den Leib der schönen Flavia, Der Mund warf Jäscht und Schaum, die Brust geschwollne Beulen, Die Augen wurden welck, und niemand war mehr da, Und niemand konte sie mit Kraut und Pflaster heilen. Ihr treuer Thyrsis kam und warf den treuen Arm Der Schönen um den Hals, den Stanck und Eiter füllte; Die Liebe macht' ihm mehr als Angst und Fieber warm, Daher er in der Schoos die starcke Sehnsucht stillte. Seht, welch ein Wunderwerck! Die Krancke wird entzückt Und durch den Perlenthau mit neuer Kraft begoßen; Sie hebt den schwachen Leib und lacht und hüpft und drückt, So daß es, wie man sagt, auch selbst den Tod verdroßen. Und kurz, sie ward gesund. Was thut die Liebe nicht! Ihr Ärzte, prahlt nicht mehr mit eurem Doctortittel; Die Kunst, so Thyrsis kan, ist beßer eingericht. Ihr Mägdgens, lernt und braucht dergleichen Lebensmittel! Als Leonore sich endlich zum Lieben bewegen lies Leipzig, A. 1719. den 26. Jun. Eleonore lies ihr Herze Nicht länger unempfindlich seyn, Sie räumt es nach so langem Schmerze Dem wohlbekandten Dichter ein Und lies ihn unter Schwur und Küßen Den Anfang ihrer Neigung wißen. Sie nahm ihn in die treuen Armen Und sprach bey zärtlicher Gewalt: Hat ja der Himmel ein Erbarmen, So gönnt er mir den Aufenthalt, Bis daß ich in dem sanften Grabe Das Ziel der Angst erlanget habe. Drauf schwieg sie mit verwandten Blicken Und strich des Dichters Angesicht, Ergözt ihn durch ein Händedrücken Und sprach von neuem: Ach, mein Licht! Ach, wird auch dieses mein Verbinden Dein Herz beständig rein erfinden? Bedencke nur, wie viel ich wage Und was ich deinetwegen thu! Ich eile mit Gefahr und Plage Nach deinen schönen Lippen zu Und breche dir allein zu Liebe Die Ketten meiner ersten Triebe. Ich habe nichts als dein Gemüthe, Worauf ich mich verlaßen kan; Verläst mich jemahls deßen Güte, So ist es ganz um mich gethan, So werd ich allen auf der Erden Ein Mährchen und ein Greuel werden. Dies sagte sie mit naßen Wangen Und zog ihn eilends brünstig fort Und führte sein bestürzt Verlangen An den schon oft besuchten Ort, Wo nichts als Graus und Nacht regieret Und Tod und Stille triumphieret. Hier fing sie brünstig an zu weinen Und rief: Ihr Todten zeuget mir, Bey meiner Eltern Leichensteinen Und ihrer Asche schwör ich dir, Daß mich dein Herz allein vergnüge, Bis daß es hier versammlet liege. Du wirst die Redligkeit erkennen Und, bin ich gleich ein armes Kind, Mir ewig deine Seele gönnen. Ich weis zwar, wie die Männer sind; Aus Liebe glaub ich deinen Schwüren, Sie werden mich wohl nicht verführen. Der Dichter trocknet' ihre Thränen Mit tausend warmen Küßen ab, Und als das weich- und stumme Sehnen Ihm endlich Zeit zur Antwort gab, So zog er die geliebten Glieder Mit diesem Trost ins Graß darnieder: Komm her, du Nahrung meiner Flammen, Komm, lege dich an meine Brust; Hier wohnen Glut und Treu beysammen, Hier wallen sie nur dir zur Lust, Hier wird, so oft das Herze schläget, Dein Bildnüß fester eingepräget. Ich lebe dir allein zu eigen, Und leb ich gleich vorjezt gedrückt, So wird sich bald ein Mittel zeigen, Das unsre Tugend höher rückt; Alsdenn soll unser Rosenbrechen Die Misgunst in das Auge stechen. Du bist mein einziges Ergözen, Ich bin nechst Gott dein Schuz und Schild; Und wie der Werth von allen Schäzen Mir gegen dein Verdienst nicht gilt, So soltu auch nach langen Jahren Die Dauer meiner Lieb erfahren. Auf die Verstellung derer Frauenzimmer Mägdgens, stellt euch nicht so spröde Und entflieht uns nicht so fern! Scheint gleich euer Antliz blöde, Hat es doch das Herze gern. Küst man euch, so heist es thalen; Ich versteh wohl, das sind Schalen, Darum wollt ihr nur den Kern. Wenn wir etwan Rosen brechen Und in Busen stehlen gehn, Wollt ihr flugs mit Nadeln stechen Und den Galgen gleich erhöhn; Ja, ihr flucht wohl um die Wette Und entlauft uns bis zum Bette, Nur damit wir schärfer stehn. Meint nicht, daß es niemand mercke, Wie es euch geheim verdreust, Wenn man zu dem süßen Wercke Gar zu fromm und christlich heist; Denn da könt ihr bey den Schwestern Deßen Einfalt gut verlästern, Der sich gar zu feig erweist. Wenn ihr uns den Mund entrücket, Wollt ihr nur gezwungen seyn, Wenn man den nun ernstlich drücket, Hört man keine Feuer schreyn. Kurz, ihr pfleget in dem Lieben Nie kein Waßer zu betrüben, Sondern plumpt mit uns hinein. [Hat jemahls Furcht und Scham, du ungemeines Kind] Hat jemahls Furcht und Scham, du ungemeines Kind, Dem niemand an Verstand und Schönheit abgewinnt, Den angesezten Kiel mir in der Hand verrücket, So ist es warlich wohl auf diesen Tag geschehn, An dem, weil ich nunmehr dein Antliz recht gesehn, Die kühne Feder sich zu deinem Lobe schicket. Zwar geb ich gerne zu, daß keines Dichters Fleiß Dein seltenes Verdienst recht abzuschildern weis Und daß dein Conterfey die Mahlerkunst beschäme; Jedennoch weil ich jezt von deiner Gunst den Geist, Von deiner Gütigkeit so Farb als Pinsel nehme, So waget meine Faust dies, was unmöglich heist, Und ist noch ungewis, ob, wenn ich dich besinge, Dies Unternehmen mir Ruhm oder Schande bringe. Die Sorgfalt der Natur berief auf einen Tag, An dem der Aeolus in seiner Grotte lag Und das gefangne Heer bis auf den West verwahrte, Die Schaar der Tugenden in ihren Fürstensaal, Dem auch das Louvre nicht den Ruhm des Vorzugs stahl, Weil Kunst und Werth an ihm nicht die Verschwendung sparte. Ihr Wort war ein Gesez, ihr Wincken ein Befehl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Als er gegen seine Schöne sich etwas zu frey aufgeführet hatte Hat jemahls Furcht und Scham, du angenehmes Kind, Dem wenig an Verstand und Schönheit ähnlich sind, Den angesezten Kiel mir in der Hand verrücket, So ist es warlich wohl auf diesen Tag geschehn, Da meine Grobheit es um deine Gunst versehn Und meine Demuth sich vor deinem Eifer bücket. Ich fühle deinen Zorn, der als ein scharfes Schwerd In meine Seele dringt und durch das Herze fährt, Ein jeder Blick von dir verweist mir das Verbrechen; Mich deucht, ich sehe schon, wie heftig, wie erhizt Der Augen Wetterstrahl auf meine Scheitel blizt, Mich deucht, ich höre dich schon zu dir selber sprechen: Ist dies der schöne Mensch, der sich so heilig stellt Und der kein Waßer trübt, bis er ins Waßer fällt? Das, warlich, hätt ich mir von ihm nicht träumen laßen, Das hätt ich auch in ihm mit Spießen nicht gesucht. O großer Aberwiz, o Junggesellenzucht! Ach, möchte doch ein Strick ihn bey der Gurgel faßen! Ach, keusche Marilis, dein Eifer ist gerecht, Die Strafe noch zu klein, und dein gefallner Knecht Nicht würdig, nur ein Wort vor dich mehr aufzusezen. Ruf alle Hencker auf, sprich mir das Leben ab, Stoß den zerfleischten Leib in ein beschimpftes Grab, Auch dieses müst ich noch vor eine Gnade schäzen. Allein was nüzt dir wohl die schlechte Hand voll Blut Des Sünders, der in Staub und Asche Buße thut? Zum Creuze kriech ich jezt wie gestern in das Bette. Erwege meine Reu, schau meine Thränen an Und glaube, daß kein Mensch so ernstlich weinen kan, Wenn er wie Petrus gleich auch Gott verleugnet hätte. Ich rede fast zuviel; jedoch der herbe Schmerz Beraubt mich der Vernunft, und mein beklemmtes Herz Hat in der Brust nicht Raum, weil es der Kummer schwängert. Erbarme dich, wo noch Erbarmung übrig ist; Du weist es ohnedem, der ist kein guter Christ, Der, wenn er helfen kan, des Nechsten Pein verlängert. Es stirbt kein Mensch so jung, den nicht ein Fall gedenckt; Kein Weiser ist so klug, den nicht ein Irrthum kränckt; Den Salomon beschämt die Weißheit seiner Bücher. Wie leichtlich wird doch nicht die Jugend übereilt; Wer weis, wer heute noch mit mir die Strafe theilt; Es lebt kein Sterblicher vor Tod und Fehlern sicher. Vergieb, vergiß und nimm vor das, was ich verübt, Dies Blat, so meine Faust dir zitternd übergiebt, Und schencke meiner Haut vor dieses Mahl die Strafe; Entreiß mir deinen Zorn, der mich wie Feuer schmerzt. Schweig, doch wo jemand fragt, ob Günther dich geherzt, So gieb zur Antwort: Ja, er that es nur im Schlafe. Als ihn Amarillis nicht hören wollte Schweig, mein Herz, und halt die Triebe Deiner Regung an und ein, Denn die Unschuld deiner Liebe Soll des Todes schuldig seyn. Deine Seufzer sind vergebens Und nur stets umsonst geschehn, Ja, die Hofnung deines Lebens Wird nun bald ihr Ende sehn. Schweigt, ihr bangen Klagelieder, Amarillis hört euch nicht, Euer Klang ist ihr zuwider . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Elidor an die Amarillis, als sie ihn der Falschheit beschuldigte und daher brechen wollte Amarillis, hat mein Sehnen Dieses um mein Herz verdient, Daß mein Fluch von deinen Thränen Mit dem feuchten Graße grünt, Welchem meiner Liebe Brand Saft und Wachsthum längst entwand? Hastu darum mich gebunden, War ich darum freudenvoll, Daß der Riß, so schnell verwunden, Desto schärfer schmerzen soll? Rufe nur den leichten Wellen Und dem grünen Ufer zu, Denn bey meinen Unglücksfällen Ändern sie so schnell als du; Ja, sie ändern Lauf und Ort, Und du änderst Herz und Wort. Seht, ihr angenehmen Wiesen, Elidor steht jezt beschämt, Weil er die bey euch gepriesen, Die sich ihm nicht mehr bequemt. Himmel, hastu einen Seegen, Der auf Erden glücklich macht, O so sey er meinetwegen Amarillen zugedacht. Überschütt ihr Haupt und Brust Mit des Paradieses Lust! Dieses wüntsch ich, mich zu rächen Vor den falschen Selbstbetrug; Denn sich meiner zu entbrechen, Ist sie schon gestraft genug. Aber, ach, was soll die Rache? Was entbrechen? Nimmermehr. Was ich höre, seh und mache, Rührt mich ihrentwegen sehr; Linden, Waßer, Feld und Stein Prägen mir ihr Bildnüß ein Und erwecken meine Liebe, Die sie wider mich beschüzt Und, indem ich mich betrübe, An der Seite weinend sizt. Amarillis, hat mein Küßen Dich nur einmahl recht vergnügt, Kanstu Ort und Zeit noch wißen, Die mein Herz an deins gefügt, O so bitt ich durch den Schwur, Der uns mit Bedacht entfuhr, O so bitt ich durch die Plagen, Die ich mir mit dir erwehlt Und bisher mit Lust getragen: Lebe doch nur ungequält! Nimm den Ring, das Pfand des Eides, Und behalt den leichten Flor, Denn die Menge meines Leides Stellt dir schon ein Trauren vor; Dein Verdacht und meine Treu Machen schon die Seele frey Und erlösen mich im Grabe, Und auf diesem soll allein, Daß ich dich betrogen habe, Meine schönste Grabschrift seyn. Lebe wohl mit deinem Kummer, Wo dich der nur leben läst, Und verstöre meinen Schlummer Durch kein naßes Trauerfest. Hier um diesen wüsten Thal, Der uns mehr als tausendmahl Vor der Tadelsucht verborgen, Schneid ich in den nechsten Baum: Elidor und seine Sorgen Suchten hier den lezten Raum. Ist noch einer von den Hirten, Der die rechte Liebe kennt, Dem verbleibt mein Kranz von Myrthen, O betrübtes Testament! Meine Schwachheit vor ein Kind, Meine Hofnung vor den Wind, Meine Glieder dem Verwesen; Amarillen leg ich bey, Was sie sich schon selbst erlesen: Frühen Schmerz und späte Reu. Als er ohngefehr auf dem Kirchhofe mit seiner Leonore zusammenkam Der Mittag brannte scharf, als Philimen spazierte Und Leib und Herz voll Glut, das Haupt voll Kummer führte Und, weil die Mattigkeit der Angst zu Hülfe kam, Den erst- und besten Weg zur Ruh im Schatten nahm. Dies war die Einsamkeit der grünen Kirchhofslinden, Sonst war auch in der Näh kein Aufenthalt zu finden. Hier lies er seinen Gram bey Gräbern, Asch und Graus Mit aufgestüztem Arm und naßen Seufzern aus. Die bange Nachbarschaft empfing die schweren Lieder Und gab sie so, wie folgt, aus hundert Grüften wieder: Verhängnüß, schencke mir Erbarmung oder Tod. Verdient mein treuer Sinn dergleichen harte Noth, Und ist es dir ein Ruhm, die Liebe so zu quälen? Du läst sich Baum und Vieh nach Wuntsch und Lust vermehlen, Der Mensch, der arme Mensch soll einzig und allein Aus abergläubscher Furcht ein blöder Sclave seyn. Du kennst die fromme Brust der weisen Philidoren, Sie hält sich blos vor mich und mich vor sie gebohren; Du kennst auch dies mein Herz und weist, daß deßen Treu Ihr jederzeit geweiht und dir gehorsam sey, Und gleichwohl marterst du die unverfälschten Flammen, Und gleichwohl läst dein Neid uns gar so karg zusammen. Ich leid es mit Gedult, wenn Glück und Hofnung bricht; Ach, martre nur mein Herz mit ihrer Trennung nicht. Es sind, du weist es wohl, fast mehr als sieben Wochen, Seitdem wir uns bereits nicht mehr vertraut gesprochen, Seitdem mein dürrer Mund den reinen Kuß entbehrt Und Sehnsucht und Verdruß mein trocknes Marck verzehrt. Wir sind in einer Stadt, ja gar in einer Mauren, Jedoch weil Haß und Neid auf unsern Umgang lauren, So sind wir halb entfernt. Dies ist ein härtrer Stand, Als wär sie in Stockholm und ich in Morgenland. Kein Zufall will sich noch in unsre Wüntsche schicken, Die Mutter hütet sie mit viel Verfolgungsblicken, Kein Fenster und kein Spalt, kein Winckel, keine List Ergözt mich nur mit dem, was doch noch wenig ist. Ja, wenn ein einzler Druck die Hand vergnügen möchte, Ja, wenn mir nur ein Blat verstohlne Nachricht brächte, So hält ich etwas Trost und so behülf ich mich In Hofnung beßrer Zeit. Verhängnüß, beßre dich Und liefre mir mein Kind nur einmahl in die Armen. Verdien ich auch gleich nicht ein gütiges Erbarmen, O so verdient es wohl die Länge meiner Qual. Ich sterbe schon vor Angst des Tages tausendmahl Und hab ohn ihre Gunst kein ander Glück auf Erden, Als daß ich hofen kan, gar bald verscharrt zu werden. Du weist, ich habe noch dein Blizen nicht verklagt; So scharf mich auch dein Zorn und deßen Würckung plagt, So viel ich darben muß, so oft ich schwiz und friere, So viel ich Ungemach, so wenig Trost ich spüre, Bleibt Philidore mein, so hab ich, was ich will, Und bin, so scharf du zürnst, in allen Wettern still. Gedenckstu mich vielleicht mit Härt und Schlag zu zwingen Und wiltu mich sogar um ihre Liebe bringen, So wie du mich bereits um Glück und Ruhm gebracht, So weit erstreckt sich nicht die Herrschaft deiner Macht. Du magst auch, denckstu dich des Sieges nicht zu schämen, Mir, dem du alles nimmst, das Leben vollends nehmen, Ich geb es willig hin, du bringst es nicht dazu, Daß ihr mein Unbestand Gewalt und Unrecht thu Und daß – Hier nahm sein Schmerz ein schön und plözlich Ende, Indem ein sanfter Druck zwo unversehner Hände Ihm, deßen Herz dabey so Furcht als Hofnung fand, Mit zärtlich starcker List das Antliz rückwärts band. Er fühlte kaum die Haut, so ward der Gram geringer. O drückt nur, fing er an, ihr allerliebsten Finger, Ich kenn euch gar zu gut, auch bey des Auges Nacht, Wodurch ihr mir anjezt den Himmel heiter macht; Befreyt nur mein Gesicht und last euch danckbar küßen. – Er schwieg und ward sogleich von Philidorens Grüßen Mit größrer Freud umringt, als wenn das gröste Land Ihm jezo Stimm und Wahl zur Crone zugesand. Er schwieg, sie weint' und sprach: So müßen uns, mein Leben, Die Gräber Sicherheit, die Todten Zuflucht geben; Sonst ist kein Ort vor uns so heimlich und versteckt, An dem die Tadelsucht nicht unsern Scherz entdeckt. Der Kirchhof nimmt uns ein und stillt mein heiß Verlangen, Dich, eh du reisen solt, noch einmahl zu umfangen. Wie hab ich mich gesehnt, wie hab ich nicht so oft Bey Nebel und bey Nacht auf diese Lust gehoft! Jezt hat sich gleich mein Fuß den Wächtern weggestohlen, Um bey der Eltern Grab betrübten Trost zu holen. Ich war kaum angelangt, so traf ich dein Gesicht; Ich dacht, es scheuchte mich, und traut und traut auch nicht. Doch Liebe wehrt der Furcht, ich schlich dir nach dem Rücken Und sah dich westwärts zu betrübt gen Himmel blicken; Ich hört auch, wie dein Mund, der mir das Herze brach, Von meiner Redligkeit so vortheilhaftig sprach. Ach Kind, ach liebstes Kind, womit vergelt ich's wieder? – Und damit sanck ihr Arm auf meiner Achsel nieder, Und damit lag zugleich ihr Haupt in meiner Schoos. Der Zephyr riß vor Neid den halben Busen blos, Wo Philimen sogleich, so weit sie ihm erlaubte, Der Schönheit Rosenknopf mit sanften Fingern schraubte. Bey dieser stillen Lust, die beiden gleich gefiel, Erzehlte Philimen, wie heftig und wie viel Sein längst geübter Geist gewüntscht, gehoft, gelidten, Wie giftig ihn der Neid bey aller Welt verschnidten, Und wenn er dann und wann die Lippen zugethan, So küst er sie einmahl und fing von neuem an: Betrachte dieses Feld, den Schauplaz kalter Leichen; Hier triumphiert der Tod, hier stehn die Siegeszeichen Der starcken Eitelkeit, hier siehstu, liebstes Kind, Was Hoheit, Wiz und Pracht und was wir Menschen sind. Den Pöbel schröckt der Ort mit Knochen, Furcht und Särgen, Uns aber muß er jezt mit Lust und Trost verbergen; Ja, was noch größer scheint, so muß ein jeder Stein Und deßen grünes Moos uns statt der Warnung seyn: Ihr Menschen, fangt die Zeit, bedient euch eurer Jahre Und nehmt den Frühling mit! So weckt uns selbst die Baare, Die andre traurig macht, so führt sie uns zur Lust. Die Predigt, so ich thu, kömmt nicht aus geiler Brust, Ich reize deinen Sinn zu keiner frechen Sünde, Ich sag es, weil ich dich vor treu und klug befinde Und will, daß auch dein Herz, so ich an Ketten zieh, Die liederliche Zunft verwegner Dirnen flieh; Doch darum ist der Scherz der Jugend nicht verbothen. Ich schwöre bey der Ruh und Seeligkeit der Todten: Sind Herzen reicher Treu vernünftig, zart und rein Und stimmt Gemüth und Mund nach Überlegung ein, So ist der Kuß erlaubt, so mag der Glieder Spielen Ohn alle Sünd und Schuld der Seelen Bündnüß fühlen. Bedenckstu dies nur recht, so wirstu mich verstehn, Ich will dir nicht gesund von dieser Stelle gehn, Wofern dich nicht mein Ernst auf ewig auserwehlet. Ich habe dich geprüft, verachtet und gequälet Und überall versucht; dein Wesen steht mir an, Und Lorchen ist allein, was Günthern halten kan. Verdien ich nun dein Herz, so schwör und bleib mein Eigen Und nimm mit mir vorlieb und las das Unglück steigen Und halt, ich geh dir vor, in allen Wettern still; Es geh auch, wie es geh, und komme, wie es will, So kommt es uns zur Lust. Denn wenn wir ehrlich lieben, So kan uns auf der Welt nichts als der Tod betrüben. Erinnre dich der Zeit, worin ich dich bedient; Denn daß dein schöner Kranz noch ohne Flecken grünt, Dein Leib nicht Würmer speist, dein Ruhm den Neid vernichtet, Wer hat es sonst als Gott und ich durch ihn verrichtet? Ich rück es dir nicht vor, ich sez es darum hin, Damit man glaub und seh, daß ich dein Liebster bin. Jezt weis ich freylich nicht, wie lang ich hier noch bleibe, Noch wo mich Glück und Wind in kurzem hin vertreibe; Und darum sey es dir hiermit vorausgesagt: Bleib, wie du jezo bist, und wenn dich alles plagt, So denck an Gott und mich und an mein Wiederkommen. Ich werde, wenn mein Fleiß an Wachsthum zugenommen, Dein Glücke mit erhöhn. Nichts nimmt man von der Welt, Als was genoßen ist und was man bald erhält. Wir wollen unsern Lauf in süßer Ruh vollbringen; Auch dein Gedächtnüßmahl soll Zeit und Tod bezwingen, Und Lorchens Nahme wird in meinen Büchern blühn, So lange Kunst und Fleiß noch einen Dichter ziehn. Ich will den Pleißenstrand um deine Lieb erheben, Ich will dem Rosenthal des Pindus Ehre geben, Nachdem mir sein Revier als deine Vaterstadt Den besten Schaz der Welt an dir gegeben hat. Veraltet dein Gesicht und werd ich auch zum Greisen, So will ich doch dein Kind, du solst mein Mägdgen heißen. So lebt es sich vergnügt, so stirbt sich's friedenvoll. Ach Lorchen, daß ich nicht mit dir erblaßen soll! Kan noch ein treues Flehn des Himmels Schluß gewinnen, So reißt ein Augenblick uns ganz gewis von hinnen; Denn gleiche Lieb und Lust begehrt auch gleichen Fall. Wo du nicht bey mir bist, da sterb ich überall. – Damit schloß Philimen mit Küßen und Verlangen, Das Zeugnüß gleicher Gunst begierig zu empfangen. Sie drückt' ihn scharf und fest an Armen, Brust und Mund, Der tausend Seufzer lies und voller Sehnsucht stund, Und sprach: Ich bin zu schwach, mich weiter zu erklären, Die Zunge kan nicht fort, drum reden Blick und Zähren, Selbst Silben sind genug: Du lebst und stirbst in mir. Ach, sagte Philimen, was wollt ich mehr von dir? Und damit sezten sich die zwey vertrauten Herzen, Besahen Schrift und Grab mit untermengten Scherzen, Erzehlten ihren Gram den Bäumen und der Luft Und kamen ohngefehr zu jener düstern Gruft, Worein der Schickung Grimm in viermahl sieben Tagen Ein jung und treues Herz dem andern nachgetragen. Der Stein gab den Bericht: Mein Pilger steh und lis: Die Sonne dieser Welt lidt hier die Finsternüß; Das ist: Die schönste Braut von Geist- und Leibesgaben, Die edle Kunauin ward hier zu früh begraben. Ihr Conrad, dem sie schon ihr ganzes Herz geweiht, Gerieth dadurch in Gram und folgt' in kurzer Zeit. Ihr Männer, seyd vergnügt; denn euer Ruhm und Liebe Besiegt jezt, wie ihr seht, des Frauenzimmers Triebe. – Hier scherzte Philimen und sprach: Da sieh, mein Licht, Wie dieses Beyspiel uns des Vorzugs Lorbeer flicht. – Ja, sprach sie, stirbt mein Kind zuerst an unsern Ketten, So will ich mein Geschlecht durch größre Tugend retten: Ich wüntschte mir hernach der Jahre Zahl vermehrt, Daß, wenn mein Wittwenstand dich in der Aschen ehrt, Die Größe meiner Treu dich länger klagen könne; Und daß ich dir vor mir den Abschied willig gönne, Das ist ein Liebeszug und zeigt die Regung an, Durch die ich mich um dich zu Tode weinen kan. – Ihr Mund beschloß dies Wort mit Nachdruck und mit Küßen, Und beide fuhren fort, den Abend zu genießen, Bis daß die Dämmerung mit Macht darzwischen kam Und dies verliebte Paar den Weg nach Hause nahm. An seine Schöne Bora, den 22. Aug. A. 1719. Nun Kind, ich kan dich nicht mehr bitten, Behalt mein Herz in treuer Brust. Das Denckmahl deiner muntren Sitten Erweckt mir auch von weiten Lust, Und wo ich reise, wohn und bin, Da folgt mir dein Gedächtnüß hin. Ein Waldhorn klingt bey Abendstunden Von weiten durch die Gärthen schön, Es reizt das Blut verliebter Wunden Und läst die Geister flüchtig gehn; Jedoch ergözt mich das Gehör Von deinem Wohlseyn noch viel mehr. Das Glücke spielt mir tausend Poßen Und lockt mich auf des Hofes Eiß, Ich folg ihm klug und unverdroßen, So gut ich seine Tücke weis; Die Vorsicht leite, wie sie will, Ich halt in allen Wettern still. Die Gegend, wo ich jezund dichte, Ist einsam, schatticht, kühl und grün; Hier hör ich bey der schlancken Fichte Den sanften Wind nach Leipzig ziehn Und geb ihm allzeit brünstiglich Viel tausend heiße Küß an dich. Hier kan ich mich der Zeit bequemen, Hier ist mir Still und Ort geneigt, Die große Rechnung vorzunehmen, Wie viel mir Leipzig Guts erzeigt; Doch alles, was ich schäzen kan, Das kömmt auf deinen Umgang an. Erinnre dich der ersten Küße, Die niemand als der Schatten sah; Sie machten mir die Äpfel süße; Ach, wäre doch die Zeit noch da! Gedenck an Pfeifers Schlafgemach Und zehle dort die Wollust nach. Der Umgang wurd uns sonst verbothen, Wir suchten die geheimste Bahn, Wir riefen die verwandten Todten Zu Zeugen unsrer Freundschaft an Und ließen bey verschwiegner Pein Den Kirchhof unsre Freystatt seyn. An die ungetreue Leonore Nun hab ich schon genug; schweig, trauriges Gerüchte. Das Herze sagt es mir, mein Kind sey nicht mehr mein. Der unverhofte Riß nimmt Regung und Gesichte Mit stummer Ungedult und blaßem Schröcken ein. Mich deucht, ich höre schon die neuen Hochzeitlieder, Ja, ja, ich höre schon der Hofnung Leichenklang; Die Angst durchwandert mir das Marck der starcken Glieder, Um die sie kurz vorher die falschen Armen schlang. Du Kind der Ewigkeit und Mutter alles Guten, O Liebe, stehstu gern verliebten Dichtern bey, So gieb, da Aug und Herz in süßer Wehmuth bluten, Daß diese schwere Last nur noch erträglich sey. Du weist, ich diene dir mit unverfälschtem Herzen, Du weist, ich habe stets das böse Volck verflucht Und blos, das Elendweh im Leben zu verschmerzen, Ein Kind von frommer Art und gleicher Treu gesucht. Wie thustu das an mir und stürzest mein Vergnügen, Worauf ich so viel Zeit und Müh und Fleiß gewand? Warum erlaubstu nicht, an dieser Brust zu liegen, Mit der mich deine Macht so lang und starck verband? Ja, wenn mir alle Welt auf solchen Fall geschworen, Ja, wenn ein Engel selbst dergleichen prophezeit, So hätt ich wohl gedacht: Sie reden wie die Thoren Und kennen wohl noch nicht der Liebe Zärtligkeit. Ach allerliebstes Kind, so muß ich dir noch schreiben, Indem ich doch so bald mein Herz nicht trennen kan; Wie magstu solchen Scherz mit Eid und Schwüren treiben, Und warum hastu so und noch an mir gethan? An mir, an deßen Gunst dein irdisch Heil gehangen Und der um dich sogar ein Spott der Misgunst hies, An mir, durch welchen du so vieler Noth entgangen, An mir, der fast vor dich sein Auge nehmen lies. Bedencke doch nur dich, ich will von mir nichts sagen; Wie ofters hat dein Mund (du weist, bey welcher Gruft,) Der Eltern Asch und Staub, auf dem wir sicher lagen, Zum Zeugnüß wahrer Treu mit Thränen angeruft! Geh in dich, falsches Kind, und frage dein Gemüthe; Dies, weis ich, wird vor mich ein frey Bekäntnüß thun, Mit was vor Ehrligkeit und nicht erkaufter Güte Mein Herz allein gewüntscht, in deiner Schoos zu ruhn. Bedenck auch, was wir schon zusammen ausgestanden, Wie hart uns Neid und Gram und Eifersucht gequält; Wie manchmahl rühmtestu bey allen Unglücksbanden, Es wäre Philimen zu deinem Trost erwehlt! Wie sauer wurd es mir, dich anfangs zu gewinnen, Wie lange wurd ich nicht mit List herumgeführt! So viel der Thränen sind, die jezt aus Unmuth rinnen, So viel Mahl hat dir dort mein Kuß das Herz gerührt. Ich troz auf kein Verdienst, so gut ich trozen möchte, Ich bringe dieses nur aus guter Meinung vor: Wer schäzte dazumahl dein Ansehn und Geschlechte, Das vor der halben Stadt bereits sein Lob verlor? Wer lehrte dich, dein Lob vernünftig zu bedencken? Wer wies dich auf den Weg, der Menschen glücklich macht? Wer lies sich deinen Gram bis zur Verzweiflung kräncken? Wer hat dir den Geschmack der Liebe beygebracht? Die Kranckheit warf dich hin, der Tod stund vor der Thüre, Ich kam und hies gesund und lidt wohl mehr als du. So oft ich mir die Zeit jezt ins Gedächtnüß führe, So ofters hängt mir noch ein Theil der Ohnmacht zu. Mein Helfen schlug nichts an, ich gieng in meine Kammer, Verschloß mich mit der Angst und warf mich auf die Knie Und bat ich weis nicht was vor allzu großem Jammer, Denn eh ich mich besann, so war es wieder früh. Nun merck ich, daß ich dort um meine Noth gebethen, Um dich, um meine Noth, die mehr als Schwefel brennt; Ach, sollte deine Brunst so aus dem Gleiße treten, Ach, warum hab ich dich dem Tode nicht gegönnt? Mir wärestu getreu, dir ohne Schuld gestorben, Mein Seufzen hätte dich in jene Welt geführt, Es hätte deine Treu ein ewig Lob erworben Und selbst mein Wittwerflor dein Leichenkleid geziert. Verführteste der Welt, betrogne Leonore, Bedenck, um was du dich mit dieser Falschheit bringst Und ob du als ein Spott von meinem Musenchore Nicht aus dem Paradies in Cabuls Wüste springst. Durch Eintracht wäre dir die Eh zum Himmel worden, Hier hättestu das Marck der keuschen Brunst geschmeckt; Du strahltest als ein Stern in jener Frauen Orden, Dem unsre Poesie des Nachruhms Lorbeer steckt. Steh nächtlich einmahl auf und miß die hohe Ferne Und sieh den Milchweg an, der ist der Helden Haus; Dein Nahme mehrte da den Glanz der holden Sterne, Ich las bereits den Plaz vor deßen Bildnüß aus. Du bist vorhin gestraft, indem du mich entbehrest, Du strafest dich noch mehr durch deine neue Wahl, Bey der du auf der Welt schon in die Hölle fährest, Aus welcher meine Treu dich so zu reden stahl. Mit was vor Zuversicht und Augen und Gewißen Getraustu dich hinfort mein Antliz anzusehn? Was wirstu, sterb ich bald, vor Larven fürchten müßen! Geschieht's, so wiße nur, es sey durch dich geschehn. Dein Mops, gedenck an mich, wird mich an dir schon rächen, Sein Kopf ist boßheitsvoll und wird ein Hencker seyn; Du wirst, wenn Tag und Nacht dich unter Sorgen schwächen, Dein unbesonnen Werck, doch stets zu spät, bereun. Alsdenn besinne dich auf Gärthen, Grab und Linden, Worunter meine Schoos dein schläfrig Haupt gewiegt; Da wirstu mich nicht mehr auf jenem Felsen finden, Auf welchem noch von uns ein Bundeszeichen liegt. Die lezte Sommernacht wird nicht mehr wiederkommen; Spiel, Küße, Tanz und Vers und Sträußer treuer Hand Sind Schäze, welche dir der Raub der Zeit genommen, Was sag ich? die du dir aus Falschheit selbst entwand. Es hat mir wohl geahnt; denn kanstu dich besinnen, Bey welcher Garthenlust dein Ring den Finger band? Mein Auge fing dort nicht ohn Ursach an zu rinnen, Dir aber fiel das Blut in Tropfen auf die Hand. Noch mehr, die nechste Nacht verlor ich dich im Traume Und weckte mich fast selbst durch Angst und Winseln auf; Der unverhofte Bruch von deinem liebsten Baume Wies etwan auch vorher der Liebe kurzen Lauf. Sey da und schüze vor, man habe dich gezwungen; Der, die warhaftig liebt, hat Flehn und Zwang nichts an. Du selbst hast nicht gewollt, sonst wär es wohl gelungen, Indem doch Weiberlist viel Ausflucht machen kan. Du daurest mich noch sehr, nicht weil du dies verdienest, Blos weil mich die Natur zum Mitleid aufgelegt Und weil mein Herz das Bild, in dem du ehrlich schienest, Aus großer Zärtligkeit in seinem Blute trägt. Wie wird mir doch so angst, dir gute Nacht zu geben! Ist's möglich, liebstes Kind, so kehre doch zurück, Ich will dir gern verzeihn und noch vertrauter leben; Ach, wende dich nur um, hier ist der alte Blick. Der Himmel sieht sich Lust, sobald wir uns vertragen, Ich selbst berede mich, du habest nichts gethan. Bleib, Leonore, bleib! Du spottest meiner Klagen Und siehst mich nun nicht mehr mit deinen Augen an. Ode an sein Lenchen So sollt und must es seyn: Die Strafe folgt der Sünde, Und so, verführter Geist, geschieht dir eben recht; Es läst dich endlich auch die nette Philirinde, Dies ist es, was dein Herz mit neuem Kummer schwächt, Dies ist auch, was dich jezt mit Nachdruck lehren kan, Wie weh du Lenchens Brust durch Flucht und Bruch gethan. Ach, freylich thut es weh, wenn solche Ketten springen; Brecht, süße Feßel, brecht! Ich bin genug gedrückt, Mich soll kein frischer Kuß in neue Bande zwingen; Da Philirindens Zorn die lezte Glut erstickt, Und da mich ihre Flucht auf Erden elend macht, So sag ich auf einmahl der Liebe gute Nacht. Der Liebe gute Nacht und auf einmahl zu sagen, Mein Herz besinne dich und schäze diesen Schluß Und wiße, daß ein Mensch bey allen Unglücksplagen Durch wahre Lieb allein den Gram versüßen muß; Las seyn, daß dieses Kind den treuen Wuntsch betriegt, Wer weis, wie bald dich noch was Artigers vergnügt. Vergnügt mich diese nicht, so darf mich nichts vergnügen: Dies ist ein blinder Wahn bethörter Weichligkeit. Zwey Mittel geben Rath, den Kummer zu besiegen: Gebrauche der Vernunft, vertrau den Schmerz der Zeit, Und wiltu ja noch mehr und bald getröstet seyn, So nimm mit Buß und Reu die alten Flammen ein. Ja, ja, ich fühle schon die Rückkunft erster Triebe, Mein Blut erinnert sich der damahls reinen Treu, Es wallt und jauchzt vor Lust und wehlt die alte Liebe, Damit sie dermahleins des Ehstands Himmel sey. Was denckstu dir, mein Herz? O gieb dir selbst Gehör: Du suchest Lenchens Gunst, sie liebt dich ja nicht mehr. Ich weis, sie liebt mich noch und kan mich nicht verlaßen; Die Neigung gleicher Art verband uns gar zu scharf. Komm wieder, liebster Schaz, nun will ich dich umfaßen, So lang ich nur noch hier der Luft genießen darf; Ist etwas, das uns trennt, so ist's der Leichenstein; So stärckt der Riß das Band: so sollt und must es seyn. Cantate Dresden, in dem königl. Garthen Getrennt, allein und doch vergnügt! Geh, Delila, mit Band und Schlingen; Hier lern ich um den stillen Hayn, Dir, falsche Seele, gram zu seyn, Hier kan ich wieder ruhig singen. Wen Lieb und Unbestand betriegt, Der bleibt allein und doch vergnügt. Geh hin, du falsches Blut! Ich nehme freudig gute Nacht. Das hätt ich doch noch nicht gedacht, Daß Leonorens Wanckelmuth Mich nicht mehr Thränen kosten sollte. Vor die ich sterben wollte, Die lies ich jezt mit Lust Aus Schoos und Brust; Das machen die verfälschten Triebe. Ach Liebe! Komm, komm doch, sanfter West, Und trage diese Lieder Hier, dort und hin und wieder Und schwaz es allen Blumen vor: Um dieses Lindenthor, Wo Muschel, Blum und Waßer spielet, Hat Damon seine Glut gekühlet, Ja gar verlöscht. Edle Freyheit, komm zurücke, Dir vermehl ich Hand und Herz. Warme Grife, sanfte Biße, Augen, Busen, Schoos und Küße Sind mir ein verhaster Scherz. Flieht nur, flieht, ihr falschen Blicke! Liegt nur, ihr entdeckten Stricke! Da Capo. Die verworfene Liebe Ich habe genug. Lust, Flammen und Küße Sind giftig und süße Und machen nicht klug. Komm, seelige Freyheit und dämpfe den Brand, Der meinem Gemüthe die Weißheit entwand. Was hab ich gethan! Jezt seh ich die Triebe Der thörichten Liebe Vernünftiger an; Ich breche die Feßel, ich löse mein Herz Und haße mit Vorsaz den zärtlichen Schmerz. Was quält mich vor Reu? Was stört mir vor Kummer Den nächtlichen Schlummer? Die Zeit ist vorbey. O köstliches Kleinod, o theurer Verlust! O hätt ich die Falschheit nur eher gewust! Geh, Schönheit, und fleuch! Die artigsten Blicke Sind schmerzliche Stricke; Ich mercke den Streich. Es lodern die Briefe, der Ring bricht entzwey Und zeigt meiner Schönen: Nun leb ich recht frey. Nun leb ich recht frey Und schwöre von Herzen, Daß Küßen und Scherzen Ein Narrenspiel sey; Denn wer sich verliebet, der ist wohl nicht klug. Geh, falsche Syrene, ich habe genug! Philimen an Selinden, als sie ihm untreu wurde Bleib, wer du bist und wilst, Selinde! Ich bleibe gleichfalls, wer ich bin. Dein Herz besteht wie Rohr am Winde; Dafür bedanckt sich nun mein Sinn Und wüntscht dir zu der guten Zeit Nichts weiter als Beständigkeit. Du hängst dich, wie ich seh, an alle Und siehst das Herze nicht mehr an. Ich geh und räume deinem Falle; Er kommt, der Hochmuth kommt voran, Spott aber, Reue, Gram und Schmach Folgt wie der Rauch dem Brande nach. Eh soll der Himmel Bäume tragen Und unser Queis voll Flammen stehn Als jemand auf der Erde sagen: Selinde läst den Philimen. Besinnstu dich noch auf die Nacht, Die dieser Schwur vergnügt gemacht? Nun grüne, lieber Himmel, grüne Und gieb dem Queiße deine Glut, Damit es der zur Ausflucht diene, Die wider ihr Geseze thut Und, wo kein Wunderwerck geschieht, Der Rache nimmermehr entflieht! Mit was vor Ruh und vor Gewißen Gedenckstu, falsches Kind, der Lust In fremden Armen zu genießen, Wobey du allzeit fürchten must, Jezt trenne Donner, Bliz und Streich Kuß, Mund und Herzen unter euch? Ein andrer würd es wüntschen können, Ich aber bin nicht aufgelegt, Den Feinden meinen Zorn zu gönnen; Die Liebe, so mich treibt und regt, Läst fahren, was nicht bleiben will, Und schweigt wie fromme Kinder still. Genug, daß du dich selbst betrogen Und etwas wider dich gethan. Bedenck, ich war dir so gewogen, Als keiner ist und werden kan, Ich zeigte dir durch wahre Treu, Was Leben und was Lieben sey. Die Eintracht zwo vertrauter Herzen Macht aus der Welt ein Himmelreich, Ihr reiner Kuß verbeißt den Schmerzen, Ihr Auge kommt der Sonne gleich, Die Wolck und Regen um sich sieht Und doch davon nichts in sich zieht. Den Vorschmack hastu schon genoßen, Betrachte Felsen, Bach und Wald, Wo ich dich oft in Arm geschloßen Und unser Scherz noch widerschallt; Die Vögel wurden selbst erweckt Und durch Exempel angesteckt. Du wustest damahls vor Vergnügen Oft selbst nicht, wo dein Herze wär; Du bliebest vor Entzückung liegen Und sagtest, deucht mich, ohngefehr: Kind, daß mich nicht der schöne Tag An deiner Brust entseelen mag! Ich mag nichts mehr davon gedencken, Sonst leid ich mehr dabey als du; Die Zeit weis alles so zu lencken, Damit sie keinem Unrecht thu, Und wird vielleicht zu deiner Pein Bald zwischen uns ein Richter seyn. Ich übergeb ihr meine Rache, Die doch nicht weiter um sich fast, Als daß sie bald zu Schanden mache, So viel du Schönes an dir hast, Bis daß Selinde nicht mehr ist, Was du anjezt, Selinde, bist. Als sie nachgehends Übel geheiratet Bleib nur, bleib, betrogne Schöne, Bleib nur, bleib bey deiner neuen Lust! Vormahls traf mich dein Gehöhne Bey den Seufzern treuer Brust; Jezo rächstu mich an dir, Jezo klagst und weinstu mir; Klag und weine nur, Falsche Creatur! Meine Treu spricht: Weit von hier! Kont ich dir vordem nicht taugen, Seh auch ich dich jezt verächtlich an Und mit eben falschen Augen, Als du jener Zeit gethan. Mein Verlangen war dein Scherz, Mein Vergnügen ist dein Schmerz; Deiner Thränen Fluth Löscht die erste Glut Und erquickt mein lechzend Herz. Hastu doch dein Theil erwehlet, Küße, was mich dich nicht küßen lies; Diese Hölle, so dich quälet, Ist vorwahr mein Paradies. Deines Ehstands Trauerspiel Zeiget meiner Wüntsche Ziel; Wirstu jezt verlacht Und in Angst gebracht, Dencke, wie es mir gefiel. Spare nur die späten Thränen, Leide, bitte, schwöre, geh und fleuch; Deiner Wehmuth naßes Sehnen Macht mein Herze nicht mehr weich. Was ich dir nur wohl gethan, Schreib ich mir zum Fehler an; Zeigt doch schon das Weh Deiner tollen Eh, Was verstoßne Liebe kan.