Der Buchstabe Lam. 1. Wird es einst mir möglich werden Zu betreten deinen Gau, Wird das Glück bei dir zu weilen Erst begründen meinen Bau. Die zwei schönen Hyacinthen Trugen meine Ruhe fort, Die geschminkten zwei Narcissen Stahlen mir des Gleichmuth's Hort. Da der Wetzstein deiner Liebe Mir das Herz geglättet hat, Lässt der Rost der Unglücksfälle Es gewiss auch rein und glatt. Ich, der elende Gebroch'ne Leb' in dem Momente auf. Wo du mit des Grames Schwerte Endest meinen Lebenslauf. Was verbrach, o Herz und Seele, Ich von deiner Majestät, Dass du dieses Herzberaubten Huldigungen hast verschmäht? Da an deinem Thor mir Armem, Der so gold- als kraftlos ist, Sich kein Ausgangsweg eröffnet Und kein Eingangsweg erschliesst, Sprich, wo soll ich hin mich wenden, Helfen mir auf welche Art, Da die Leiden des Geschickes Mich verfolgen grausam hart? Keinen Ort, der wüster wäre Als mein Inn'res, fand der Gram, Drum er auch zum Absteigsorte Mein beklomm'nes Herz sich nahm. Füge dich in Liebesleiden; Dann verstumme, o Hafis , Und verberge dem Verstande Was verhüllt die Liebe liess. 2. Ich schäme mich, dass ich dem Weine Zur Zeit der Rosen hab' entsagt; Mög' Niemand sich zu schämen haben Weil Unrecht er zu thun gewagt! Als Fallstrick auf der Bahn der Liebe Erweiset meine Tugend sich, Drum schäm' ich vor dem holden Schenken In keinem Anbetrachte mich. Des Blut's, das gestern Nachts geflossen Aus meines Auges kleinem Haus, Muss ich mich vor den Träumen schämen, Die wandeln durch der Nächte Graus. Weit schöner als die Sonne bist du. Und Dank sei Gott gezollt dafür Dass ich im Angesicht der Sonne Mich nimmer schämen darf vor dir. Es wird vielleicht der Freund aus Milde Nicht fragen ob gesündigt ich: Denn es betrübte mich die Frage, Und einer Antwort schämt' ich mich. Nie wandte ich im ganzen Leben Von deiner Schwelle mein Gesicht. Und schäme mich, durch Gottes Gnade. Vor dieser Schwelle' sicher nicht. Warum wohl unter deiner Lippe So gifterfüllt der Becher lacht? Weil deine Lippe, gleich Rubinen, Den Rebensaft sich schämen macht. Wohl hält die trunkene Narcisse Mit vollem Grund gesenkt das Haupt: Vor jenem vorwurfsvollen Auge Ist sich zu schämen ihr erlaubt. Es hüllet in des Dunkels Schleier Sich stets nur desshalb Chiser's Quell, Weil er sich vor Hafisen schämet, Und diesem Lied, wie Wasser hell. Es birgt im Schleier einer Muschel Die Perle desshalb ihr Gesicht, Weil sie sich vor den Perlen schämet Die mir erglänzen im Gedicht. 3. O du, mit Wangen, schön wie Eden, Und Lippen gleich dem Sēlsěbīl! Der Sēlsěbīl setzt dir zu Liebe So Herz als Seele auf das Spiel. Der junge Flaum um deine Lippe, Gehüllt in grünliches Gewand, Ist einer Schaar von Ämsen ähnlich Rings um des Sēlsěbīles Rand. O kühle, Herr, das helle Feuer Das stets die Seele mir durchwühlt, Auf gleiche Art wie du für Jenen Den Freund du nanntest, es gekühlt! Ich finde nicht in mir, o Freunde, Die Kraft um Ihm zu widersteh'n, Denn Er ist im Besitz von Reizen Die reizender man nie geseh'n. Lahm ist mein Fuss und von dem Ziele Trennt mich ein himmelweiter Raum; Kurz ist mein Arm und lockend winket Die Dattel auf dem Dattelbaum. Die Pfeile deines Auges haben Bereits in jedem Winkel dir Wohl hundert Leichen schon geopfert, Die alle fielen, ähnlich mir. Hafis der, durch die Macht der Liebe Zum holden Liebling, ward besiegt, Gleicht einer Ämse die zu Füssen Des mächt'gen Elephanten liegt. Dem Könige der Welt sei Dauer, Glück und Zufriedenheit beschert: Sammt allen Gütern dieser Gattung, Die er sich wünschet und begehrt! 4. Wanderern genügt die Liebe Auf dem Pfad' als Führerin; Nur das Wasser meines Auges Leitete mich zu Ihm hin. Kömmt die Welle meiner Thränen Wohl bei Jenem in Betracht, Der auf der Erschlag'nen Blute Seine Schiffe segeln macht? Nicht aus freier Wahl geschah es Wenn mein guter Name litt: Es verlockte mich zur Liebe Wer als Führer vor mir schritt. Wirf der Götzen Wangenfeuer Doch nicht selber auf dich hin, Oder schreite durch die Gluthen Wie Chălīl, mit frohem Sinn. Bau' entweder auf dich selber, – Doch das Ziel verfehl'st du dann – Oder wage ohne Führer Keinen Schritt auf dieser Bahn. Durch den Zeitraum vieler Jahre Sinn ich jenem Verse nach Den ein Elephantenwärter Einst am Nilesufer sprach: »Nimm des Elephantenwärters Sitten und Gebräuche an, Oder hole Elephanten Nimmermehr aus Hindostan.« Male dir das Blau der Liebe Nimmer auf die Wange hin, Oder lass das Kleid der Tugend Mit dem Nile weiter zieh'n. Lade ohne Wein und Sänger In das Paradies mich nicht: Nur im Wein find' ich die Wonne Die dem Sēlsěbīl gebricht. Wenn du Sinniges besitzest, Schaff' es, o Hafis , herbei: Was du sonst noch magst behaupten, Ist nur eitle Schwätzerei. 5. Ein Wind der frohen Kunde Bist, kühler Nordhauch, du! Du führest des Genusses Erwünschte Zeit mir zu. O Bote Ihres Hauses, Gott sei dir Schutz und Wehr'! Willkommen denn, willkommen, O eile, eile her! Wie lebt Sělmă und Jeder Der Su Sělēm bewohnt? Wie steht's um uns're Nachbarn, Hat sie das Loos verschont? Ganz leer von Zechgenossen Blieb des Gelages Saal; So blieb auch ausgeleeret Der volle Weinpocal. Es wurde zur Ruine Das erst so feste Haus: Befragt die wüste Stätte. Wie jetzt es sehe aus? Auch warf nun finst're Schatten Der Trennung grause Nacht: Was wohl die nächt'gen Wand'rer Für Spiele ausgedacht? Das Mährchen von der Liebe Währt ohne Abschnitt fort, Und die beredt'ste Zunge Verstummt an diesem Ort. Auf keinen Menschen blicket Mein Türke; – und darum Weh über solche Grösse Und solchen Stolz und Ruhm! In Schönheit der Vollendung Erstrebtest du dein Glück: Gott möge von dir wenden Kjěmāl' s verhassten Blick! Liebst du, Hafis , noch länger Mit so geduld'gem Sinn? Doch schön sind Liebesklagen, Drum klage immerhin! 6. Der du durch Wuchs und Reize Das Herz entwendet mir! Du kümmerst dich um Keinen, Und Alle huld'gen dir. Bald deinen Pfeil, bald Seufzer Zieh' aus dem Herzen ich: Wie sag' ich dir, o Seele, Was ich schon litt um dich? Beschrieb' ich Nebenbuhlern Die Lippen von Rubin ? Frommt nimmer doch den Thoren Ein schön gefärbter Sinn. Es mehrt sich deine Schönheit So oft es wieder tagt, Drum sich, dir gegenüber, Der Mond hervor nicht wagt. Du nahmst das Herz, ich gebe Auch noch die Seele dir; Hab' Gram's genug: was schick'st du Den Gram als Zöllner mir? Hăfīs , weil du betreten Der Liebe Heiligthum, So fasse Ihn beim Saume, Entsagend Allem drum. 7. Beim Zauber deines Aug's, Du Püppchen, das entzückt, Beim Räthsel deines Flaum' s, Du Wunder , das beglückt; Bei deinem süssen Mund, Du meines Lebens Quell, Bei deinem Schmelz und Duft, Du Frühling schön und hell; Beim Staube deiner Bahn, Der Hoffnung Schattendach, Bei deiner Füsse Staub, Beneidet selbst vom Bach; Beim anmuthvollen Gang, Der Repphuhnsschritten gleicht, Beim Blicke, dem der Blick Selbst der Gaselle weicht; Bei deines Odems Hauch, Beim süssen Morgenduft, Bei deiner Locke Weh'n, Bei kühler Abendluft; Bei jenem Onix, der Mein Augensiegel heisst, Bei jener Perle, die Dein Redekästchen weist; Bei jenem Wangenblatt, Des Geistes Rosenbeet, Und jenes Blickes Flur Wo sich mein Wahn ergeht Schwört dir Hafis , er wird, Willst du Gehör ihm leih'n, Dir nicht nur Hab' und Gut, Nein, selbst das Leben weih'n. 8. Du Weltmonarch, du Glaubenshilfe , Du Fürst, vollendet ganz und gar, Jăhjā Sohn Mūsăffēr's, du König, Gerecht und thätig immerdar! Du, dessen Thron der wahre Glaube Zur Zufluchtsstätte sich erkohr, Weil er der Welt das Seelenfenster Erschlossen und das Herzensthor, Es schulden dir Verstand und Seele Der innigsten Verehrung Schuld, Und über Zeit und über Räume Ergiesst sich deine hohe Huld. Ein schwarzer Tropfen deines Rohres Fiel schon von aller Ewigkeit Hin auf das Angesicht des Mondes Und löste aller Fragen Streit; Und als die Sonne dann erblickte Das schwarze Maal, sprach sie zu sich: »O fügte es doch Gott, und wäre Der glückbetheilte Inder ich!« Der Himmel hüpft und tanzt, o König, Blickt er auf dein Gelage hin: Drum wolle du die Hand der Freude Dem Saum des Jubels nicht entzieh'n! Verschenk beim Weingenuss die Erde, Da deine Locke immerdar Um jedes Übelwollers Nacken Als Kette fest geschlungen war. Es kreist der Himmel unablässig Auf des gerechten Handelns Bahn; Glückauf! Wer Ungerechtes übet Kömmt nimmermehr am Ziele an. Hafis , am Thor des Weltmonarchen Ist's, wo die Nahrung man vertheilt: Drum werde von der eitlen Sorge Für deinen Unterhalt geheilt! 9. Der Liebe Duft hab' ich gerochen, Und des Genusses Blitz geseh'n: Komm, kühler Nord, und lass vor Wonne Bei deinem Wohlduft mich vergeh'n! Du Führer von des Freund's Kamehlen Halt' an und komm in's Standquartier, Denn die Geduld, die schöne , mangelt Aus Sehnsucht nach der Schönheit mir! Lass, o mein Herz, die Klage fallen , Die dir der Trennung Nacht erpresst, Zum Dank', dass des Genusses Morgen Den Vorhang wieder steigen lässt; Und weil der Freund den Frieden wünschet Und die Vergebung will erfleh'n, Kann man die Pein des Nebenbuhlers In jeder Lage überseh'n. Komm, denn den Vorhang meines Auges, Wie Rosen roth und siebenfach, Benützte ich um auszuschmücken Der Wahngebilde Werkgemach. Mir wohnt in dem beengten Herzen Das Wahnbild deines Mundes nur; O folgte Niemand doch, mir ähnlich, Der Wahngebilde eitler Spur! Betrübt, und zwar aus gutem Grunde, Bin ob des Seelenfreundes ich: Betrübt ja sonst ob seiner Seele Kein Sterblicher mit Vorsatz sich. Ermordet liegt, durch deine Liebe, Hafis , der Fremdling, hier; allein Kömmst du vorbei an meinem Grabe, So soll mein Blut gerecht dir sein! 10. Auf alles, was ich Zartes sagte Zu jener Reize Preise, Erwiederte, wer es vernommen: »Gott lohn's auf jede Weise!« Ich sprach: »Wann wird die schwache Seele Erbarmen bei dir finden?« Er sprach: »Wann einst die Scheidewände Der Seelen werden schwinden.« Die Liebe und die Kunst des Zechens, Die Anfangs leicht geschienen, Verbrannten endlich meine Seele, Die heiss gestrebt nach ihnen. Man hört vom Dache eines Hauses Den Wollekrämpler singen; Erkundigt Euch beim Schafiiten Doch nicht nach solchen Dingen! Ein Freund, ein Schelm, ein holder, zarter War's, dem das Herz ich weihte. Und der gar schöner inn'rer Gaben Und äuss'rer sich erfreute. Ich war, wie dein berauschtes Auge , In Winkeln nur zu schauen; Nun neig' ich mich zu den Berauschten, Gleich deinen eig'nen Brauen. Die Sündfluth hab' ich hundert Male Im Augennass gefunden, Doch ohne dass vom Blatt des Busens Dein Bildniss wär' verschwunden. Mir wehret, ach, der Herzensräuber Die Gunst zu ihm zu kommen, So sehr dazu von allen Seiten Ich Anlass auch genommen! O Freund, es schützt die Hand Hafisens Vor Blicken, die verwunden: Wann wird sie, Herr, um deinen Nacken Als Amulet gebunden?