Der Buchstabe Waw. 1. Du, dessen hohem, schlankem Wuchse Gar trefflich passt das Kaiserkleid! Die Hoheit deines Wesens ist es Die Schmuck dem Thron und Ring' verleiht. Es lockt in jedem Augenblicke Dein vollmondgleiches Angesicht Aus deiner königlichen Krone Des Sieges helles Sonnenlicht. Heisst gleich das Sonnenlicht am Himmel Die Fackel und das Aug' der Welt, Ist's doch der Staub nur deiner Füsse Der strahlend ihr das Aug' erhellt. Voll Glanz erscheint des Glückes Vogel An jedem Orte den zuvor Der Huma deines Zelt's beschattet, Das bis zum Himmel reicht empor. Es gibt; bei tausend Widersprüchen In Weisheit und Gesetz, kein Ding, Und wär' es noch so fein gesponnen, Das deiner Einsicht je entging'. Auch strömt aus dem beredten Schnabel Ein wahrer Lebensquell hervor Dem Psittich mit der süssen Zunge, Ich meine: deinem Zuckerrohr. Wonach einst Alexander strebte, Und was das Loos ihm nicht gewährt, War Hefe nur aus deinem Glase, Dess' süsse Fluth das Leben mehrt. In deiner Hoheit heil'gen Räumen Bedarf's der Bittgesuche nicht, Da keines Sterblichen Geheimniss Sich birgt vor deiner Weisheit Licht. O Fürst! Das alte Haupt Hafisens Erfüllt ein jugendlicher Geist, Wenn du, beseelend und voll Milde, So wie er hoffet, ihm verzeih'st. 2. Du, dem der Moschushirsch von China Den Strassenstaub bezahlt mit Blut, Und unter dessen schiefer Mütze Der Sonnenball im Schatten ruht! Zu arg ward der Narcisse Äugeln; So komm denn huldvoll du herbei, Du, dessen schwarzen Auges Blicke Die Seele selbst geopfert sei! Trink' immerhin mein Blut; kein Engel Ist, bei dem Anblick solcher Huld, Im Stand es über's Herz zu bringen, Und aufzuzeichnen deine Schuld. Durch dich erfreut das Volk der Ruhe, Erfreut des Schlummers sich die Welt: D'rum wurde auch in Herz und Auge Ein Ruheplätzchen dir bestellt. Ich mache mir gar viel zu schaffen Mit jedem Stern in jeder Nacht, Aus Sehnsucht dein Gesicht zu schauen, Das einem Monde gleicht an Pracht, Die Freunde, die beisammen weilten, Sie trennten sammt und sonders sich: Nur ich verblieb an deiner Schwelle, Dem Zufluchtsort des Glück's für mich. Hafis , nie mögest du verzweifeln An Gottes Gnade, weil zuletzt Der Seufzerrauch aus deinem Busen Die Garben Gram's in Flammen setzt. 3. Du dessen Reizen sich die Sonne Als Spiegelhälterin verdingt, Vor dessen Maal der schwarze Moschus Das Rauchgefäss im Kreise schwingt! Ich wusch den Hofraum meines Auges: Doch hat's mir Nutzen wohl gewährt? Des Heeres deiner Wahngebilde Ist so ein Winkel ja nicht werth. Und jener schwarze Punkt im Auge, Des Lichtes Ausfluss, ist wohl nur Ein Widerschein von deinem Maale In meines Sehvermögens Flur. Um vor dem Schicksal zu erscheinen Glückwünschend, wie ich's sonst wohl that, Fehlt leider noch die frohe Kunde Dass deiner Liebe Fest genaht; Und um den Himmel selbst als Sclaven Mit einem Ring im Ohr zu schau'n, Fehlt leider noch das holde Winken Von deinen neumondgleichen Brau'n. O Schönheitssonne! Du beherrschest Der Anmuth und der Gnade Höh'n; Herr, bis zum Auferstehungs tage Verspäte sich dein Untergeh' n! Wie lebst du, armes Herz, gefangen In Seinem krausen Lockenhaar? Denn mir, mir stellte deine Lage Der Ostwind gar verworren dar. Ein hold'res Bild als deine Züge Liess jener Künstler nie uns schau'n, Der das Thŭgrā dir ausgefertigt Der moschu sgleichen Augenbrau'n. Schon heben sich der Rose Düfte: So tritt denn freundlich bei mir ein, Du dessen Wange, Glück verheissend, Mein Frühling ist, mein Blumenhain! Worüber soll ich Klage führen Tret' ich vor den Gebieter hin? Erklär' ich ihm die eig'ne Ohnmacht, Wie, oder deinen harten Sinn? Hafis , es war der Liebe Schlinge, In die schon mancher Staarkopf ging: Lass falschen Wahn dich nicht bethören: Ist deine Kraft doch zu gering. 4. Bei des alten Wirthes Seele Und dem Dankgefühl für ihn! And're Lust als ihm zu dienen Kam mir niemals in den Sinn. Bringe – wohnt auch nie ein Sünder In des Paradieses Au'n – Wein herbei! Auf Gottes Milde Will ich d'rum nicht minder bau'n. Strahlen könne jener Wolke Blitzesfackel nie genug Die das Feuer Seiner Liebe Hin auf meine Garbe trug! Bringe Wein, denn frohe Kunde Hat ein Engel gestern Nacht Mir von Gottes Allerbarmen Aus der Geisterwelt gebracht. Kömmt an einer Schenke Schwelle Dir ein Schädel zu Gesicht, Tritt ihn ja nicht mit den Füssen: Kennst ja seine Absicht nicht. Blick' mit der Verachtung Auge Nicht auf meine Trunkenheit, Denn nicht ohne Gottes Willen Ist die Sünd' und Frömmigkeit. Nicht zur Tugend noch zur Reue Neiget sich mein Herz; allein Durch des Meisters Glück und Namen Tracht' ich ihnen mich zu weih'n. Herz, verzweifle an des Freundes Unbegrenzter Gnade nie! Diese unbegrenzte Gnade Über Alle waltet sie. Weil das Mönchsgewand Hafisens Stets verpfändet ist dem Wein , Scheint es, nur aus Schenkenstaub Könne er gebildet sein. 5. Das Veilchen kräuselt sich aus Neid Schaut es dein Moschushaar; Die Knospe, wenn du lachst, zerreisst Sich ihren Schleier gar. Gib, duft'ge Rose, nicht der Gluth Mich, deinen Sprosser, preis, Mich, der die Nacht, die ganze Nacht Für dich nur betet heiss! O sieh wie selig Liebe macht, Denn, stolz und ruhmbeglückt, Ist es dein Bettler, der sich kühn Auf's Ohr die Krone drückt. Ich, den sonst schon ein Engelshauch In Ungeduld versetzt, Ertrage dir zu Liebe gern Der Welt Gerede jetzt. Dein Thürstaub ist mein Paradies, Die Liebe mein Geschick, Dein Wangenlicht mein Element, Dein Beifall all' mein Glück. Zwar passt der Tugend Kutte nicht Zu vollen Gläsern Wein's, Allein, in Leidenschaft zu dir, Verschmelz' ich sie in Eins. Des Liebesbettlers Kutte birgt Im Ärmel einen Schatz, Und, wer dein Bettler ist, besteigt Im Nu den Herrscherplatz. Der Wohnsitz deines Bildes ist Mein Augen- Schāhnĭschīn : Ein Betort ist es, o mein Schah ; Nie fehle du darin! Mir schwinden Rausch und Liebes lust Nicht aus dem Haupt , bevor Dies heisse Haupt als Staub nicht ruht An deines Hauses Thor. Dein Antlitz ist ein Wiesenfeld, Besonders wenn Hafis Im Lenze deiner Schönheit dich, Als Sprosser, singend pries. 6. Der Flaum um meines Freundes Wange, Verfinsternd selbst des Mondes Licht, Ist zwar ein schöner Hof zu nennen, Doch einen Ausweg beut er nicht. Des Freundes Braue ragt als Nische Des Glücksaltares hoch empor: An ihr nur reibe deine Wange Und ihr nur trage Bitten vor. Bewahre dir, du Hefentrinker An Dschem's Gelag, den Busen rein: Dem Wunderglase, diesem Spiegel Kann, ach , kein Ding verborgen sein, Dem Thun der Zellenmänner dank' ich's Dass ich ein Weinverehrer bin; Betrachte diesen Rauch: es schwärzte Mein Buch des Lebens sich durch ihn. Nun treibe was er immer könne Der böse Feind, genannt: der Gram, Weil, Rettung suchend, meine Zuflucht Ich zu den Weinverkäufern nahm. O Schenke, mit des Weines Lichte Beleuchte hell der Sonne Bahn, Und sprich zu ihr: »An ihr nur zünde Der Morgenstunde Fackel an.« Begiess das Tagbuch meiner Thaten Mit Wasserfluthen; weil nur dann Die Menge eingeschrieb'ner Sünden Vielleicht daraus verschwinden kann. Ob wohl bei jenen Träumereien, In die der Bettler sich versenkt, Ein Tag am Ende noch erscheine An dem der Kaiser sein gedenkt? Hafis hat zu dem Fest Verliebter Die Instrumente aufgestellt , D'rum möge er auch niemals fehlen Auf dieses Lustgelages Feld! 7. Der Rosenbaum der Wonne blühet: Wo ist der Rosige, der Schenke? Des Frühlings laue Lüfte wehen: Wo ist der Wein, dies Kraftgetränke? An eine Rosenwange mahnet Zwar jedes Röschen auf den Auen: Doch, wo sind Ohren dies zu hören, Und wo sind Augen dies zu schauen? Es mangelt dem Gelag der Wonne Der Zibet der den Wunsch durchdüfte: Wo ist des Freundes Moschuslocke? O sagt es mir, Ihr Morgenlüfte! Der Rose Prahlerei mit Schönheit Soll mich in Zukunft nicht mehr drillen: In's Herzensblut taucht' ich die Hände: Wo ist das Bild, um Gotteswillen! Die Morgenkerze hat – verblendet – Mit deiner Wange Reiz geprahlet: Der Feind verlängerte die Zunge: Wo ist der Dolch der glänzend strahlet? Er sprach: »Du scheinest kein Verlangen Nach meiner Lippe Kuss zu hegen.« Mich hat die Lust darnach getödtet: Wo ist die Wahl und das Vermögen? Hafis steht in der Kunst des Wortes Als Hüter bei dem Weisheitshorte: Doch, durch die nied're Zeit gekränket, Wo fände wer noch Lust zum Worte? 8. Das Auge blutet mir durch Jenen Der einen Bogen hat zur Braue, Und jene Brau' und jenes Auge, Sie droh'n Gefahr dem Weltenbaue. Das Auge lieb' ich jenes Türken: Wenn Schlaf sich seinem Rausch gesellte, Wird ihm zum Rosenbeet die Wange, Die Braue ihm zum Moschuszelte. Zum Neumond ward mein Leib aus Kummer Dass sich der Himmelsmond getraue, Sein duftendes Thŭgrā nicht achtend, Uns kühn zu zeigen seine Braue. Du, Ketzerherz, willst dich nicht hüllen In deine Locken, und ich zitt're, Dass jene hochgewölbte Braue Nicht meinen Hochaltar erschütt're. Sein Stirnblatt hat den frommen Klausnern Ein zartes Rosenbeet geschienen, An dessen Wiesenrand die Braue Lustwandeln geht mit stolzen Mienen. Den Schönheitsbogen halte immer Dein trunk'nes Aug' straff angezogen: Auf dass mit seinem Pfeil du treffest Den Mond, der Brauen hat gleich Bogen. Die Nebenbuhler merken nimmer, Dass tausend Winke ich erschaue Von jener Stirn' und jenem Auge, Durch die Vermittlerin, die Braue. Wer wär' es, der bei solchen Reizen Noch Huris oder Peris priese? Denn haben jene solche Augen, Und eine solche Braue diese? Stets war Hafis ein flinker Vogel Wenn er der Liebe Luft durchflogen: Doch traf ihn jetzt ein Pfeil aus Augen, Die Brauen haben, ähnlich Bogen. 9. Sprich vom Freunde mir, o Bote, Der nur wahre Kunde bringt; Von der Rose sprich dem Sprosser Der so schöne Lieder singt! Sorge nicht; in das Geheimniss Bin ich ja schon eingeweiht: D'rum mit dem vertrauten Freunde Sprich ein Wort der Traulichkeit! Lies die Briefe jenes Reichen Diesem armen Manne vor, Und von jenem hohen Kaiser Sprich zu dieses Bettlers Ohr! Als Er aus dem Lockennetze Herzen streute auf die Bahn, Sprich wie's meinem armen Fremdling In der Luft ergangen dann? Führt an jenes Thor des Glückes Wieder einst die Strasse dich, So bezeig' erst deine Ehrfurcht, Bringe Wünsche dar und sprich: »Gleich sind Arme sich und Reiche Wandelnd auf der Liebe Bahn: Sprich darum, o Schönheitskaiser, Immerhin den Bettler an.« Jedem, der als Augenschminke Seines Freundes Thürstaub preist, Sage: »Sprich denn diese Worte Offen mir in's Aug' und dreist!« Und dem Ssofi, der die Thore Zu den Schenken mir verschliesst, Sage: »Sprich von solchen Dingen Wenn mein Wirth zugegen ist.« Jener Wein, der in dem Kruge Jetzt des Ssofi Herz bestrickt, Schenke, sprich, wann kömmt die Stunde Wo er durch die Gläser blickt? Als Er in Verwirrung brachte Jenes moschusduft'ge Haar, Ostwind, sprich was mich betreffend Damals Seine Absicht war? Gestern weinte, als ich klagte, Auch der Vogel auf der Flur; Ostwind, sprich was vorgefallen? Endlich weisst ja du es nur. Die Erzählung weiser Männer Ist es, die die Seele nährt: Geh' und frag' und, wiederkehrend, Sprich von dem was sie gelehrt. Wäre ich auch noch so böse, Schilt mich desshalb nicht zu hart: Sprich von eines Bettlers Sünde Nachsichtsvoll, nach Königsart! Gibt, Hafis , man dir Erlaubniss Ihm zu nah'n, so trinke Wein, Und zum Trug sprich Gott zu Liebe: »Nichts mehr haben wir gemein!« 10. Auf das grüne Saatenfeld des Himmels Und des Neumond's Sichel fiel mein Blick, Und ich dachte an die eig'nen Felder Und die frohe Erntezeit zurück; Und ich sprach: »O Glück, du liegst im Schlummer, Und doch strahlet schon der Sonne Licht!« Und er sprach: »Trotz allem Vorgefall'nen Nähre Hoffnung und verzweifle nicht!« Wenn du dich zum Himmel aufgeschwungen, Dem Messias ähnlich, frei und rein, Dann verleiht dein Fackellicht der Sonne Einen hundertfachen Strahlenschein. Baue nicht zu sehr auf die Gestirne, Diese nächt'gen Diebe, die geraubt Ke Wchŏsrēwens königlichen Gürtel, Und die Krone von Kjăwūsens Haupt. Nicht so stolz gebehrde sich der Himmel, Denn der Liebe sind für ihren Theil Um ein Körnlein – lichte Mondesgarben, Um zwei Körnlein – Plejasähren feil. Zwar es lastet hindernd auf dem Ohre Ein Gehäng von Gold und von Rubin: Doch vergänglich ist die Zeit der Schönheit: Rath ertheil' ich, und du höre ihn! Deinem Maale nah' kein Bosheitsauge, Denn, wo Schach um Schönheit wird gespielt, Hat's den Stein so siegreich vorgeschoben, Dass als Pfand es Sonn' und Mond erhielt. Der Verstellung und der Falschheit Feuer Setzt des Glaubens Garbe bald in Brand: Zieh' denn hin, Hafis , doch früher schleud're Weit von dir dies woll'ne Mönchsgewand! 11. »Aus dem Hause tratst du – sprach Er – Um den Neumond zu erspähen; Sollst vor meiner Brauen Monde Schämen dich und weiter gehen. Schon durch Lebensfrist gefangen . Weilt dein Herz in meinen Haaren: Lass es nicht an Sorge fehlen Deine Freunde gut zu wahren !« Gib für's Inder-Haar des Freundes Nicht des Geistes duft'ge Gaben: Dort sind hundert Moschusnabel Um ein halbes Korn zu haben! Auf dem alten Feld der Erde Wird der treuen Liebe Samen Wohl erst dann zum Vorschein kommen, Wenn der Ernte Tage kamen. Schenke, bringe Saft der Reben, Denn ich will dir etwas sagen Von des alten Stern's Geheimniss, Und des Neumond's Reisetagen. »Am Beginne jeden Monats Lässt der neue Mond uns sehen Was mit Sīămēk's Tiare Und der Krone Schew's geschehen.« Eine sich're Burg der Treue Ist, Hafis , des Wirthes Schwelle: Geh' und lies der Liebe Kunden, Er erklärt dir jede Stelle.