Moderne Oden 1 Nicht sank in Schwachheit unserer Sprache Kunst, seitdem verhallt ist früher Heroen Schritt – wir wandeln weiter ihre Bahnen tönenden Fusses – und schauen lichtwärts. Wir meistern, stolz nicht minder wie jene, noch das Wort, und kunstreich meisselt die sichre Hand aus deutscher Sprache reinstem Marmor nimmer-vergänglicher Formen Schönheit. Denn für der Menschheit heilige Güter schlägt auch uns das Herz. Die fröhliche Flammengluth, die ewig zu den Sternen deutet, loht auch in uns von dem Grund der Seelen. Wie Göttern einst der lockigen Hebe Hand geschenkt den Nectar ewigen Jugendmuths, so wollen wir in alten Schalen reichen den schäumenden Wein der Zeiten. 2 Wohin du horchst, vernimmst du den Hilferuf der Noth. Wohin du blickest, erschrecken dich gerungne Hände, bleiche Lippen, die nach des Todes Erlösung schmachten. Wohin du hilfreich schreitest, versinkt dein Fuss im Koth der Lügen. Jeglichem Elend noch umwebten sie den Schein der Ordnung, jeglicher Schande des Alters Würde. In diesem dunkelfluthenden Wogenschwall wo ist der Grund, der unsere Anker hält? Wann naht der Gott, im Sturme fahrend, der die verpesteten Lüfte reinigt? Wo blitzt ein Lichtstrahl kommenden Morgenroths an diesem nachtbelasteten Horizont? Wo sieht der Jugend Thatensehnsucht flattern die Wimpel des fernen Zieles? 3 Sträuben sollen wir uns wider das Eisenjoch, dem der Gewohnheit Schmutz Würde des Alters lieh – wen das steigende Licht grüsst, nie sehn er die Nacht zurück! Feigheit knechtet die Zeit, beuget der Nacken Kraft: wagt, o wagt es mit mir, frei zu bekennen, was längst der kühnere Blick sah, längst Allen im Busen lebt! Heilig gelten der Zeit Rechte des Alters nur: was da bestand vordem, heisst sie bestehenswerth, heilig gelten der Zeit nicht Treupflichten des eignen Sinns. Sträuben wollen wir uns wider das Eisenjoch dem der Gewohnheit Schmutz Würde des Alters lieh – wen das steigende Licht grüsst, nie sehn er die Nacht zurück! 4 Erschlafft im Schlafe kindischen Glaubens, hast du lang genug jetzt, duldendes Volk, geruht. Ermannet euch – und eurer Ketten rostige Reife, sie werden brechen! Nicht länger betend winselt in leere Luft, auf dieser Erde wirkt und erschafft das Heil. Verlacht der Pfaffen schnöde Lüge, die da vertröstet aufs bessre Jenseits! Fort mit dem Trugbild ewiger Seligkeit, das aus dem Leben, drin es zu leben galt, euch thatenlose, freudelose, lockt in die schweigende Nacht des Todes! 5 Es lebt ein Gott, der Schöpfer des Weltenrunds, so sagen sie. – Doch geben sie Kunde auch, ob von dem Funkeln, das den einen Tropfen im Meere des Alls umflimmert, ob er vom Ringen menschlicher Nichtigkeit jemals vernahm? – All-mächtig und -liebevoll ist er! Vor seinen Vateraugen birgt im unendlichen Raum sich Niemand! Kein Schmerz ist ihm, kein Jubel der Freude fremd: als Gott der Liebe preisen wir ihn auf Knien! – So säh er also dieser Erde nimmer ermessne Jammerwüste? Er säh das Edle unter den Fuss gestampft des Tiefgemeinen? Sähe in Qual und Staub sich wälzen Millionen Herzen, blutig, gemartert ein langes Leben? Und endets nicht? – Und trümmert und schmettert nicht die Welt ins wahnlos friedliche Nichts zurück? Der Gott – grausamer wär er wahrlich, als der verworfenste Menschenbube. 6 Du lebtest noch, so sagen sie und knien vor deinem Kreuzesholz, daran in Qual du hängst, und küssen deine Füsse. Sie sahn die Hunde mit dem Schweife wedeln, sich niederducken vor dem Fuss des Herrn – und gingen hin und thaten Gleiches. Ha! Lebtest du, du rissest von dem Nagel, dem martervollen, deinen Fuss – in Staub trätest du sie verachtend nieder! 7 Kennst du den Zwang, der Sterne um Sterne dreht? Kennst du die Gluth, die Sonnen entflammt zum Licht? – Du siehst nach stillem Lenzeswerden freudig unsterbliche Fruchtgestaltung. Du fühlst der Liebe heiliges Wunder, fühlst den Gott im Menschen, der dir das Schwert verliehn, zu Höchstem Kraft und heisses Trachten und den unendlichen Zug nach Freude! Vollendungsfreude schmettert den Jubelton des Sieges durch die ringende Wuth des Alls Wohl stösst dein Blick an graue Wolken – droben gewölbt steht ewige Klarheit. 8 Aus des Hochwalds Dunkel, empor zur Sonne, die hindurchblitzt zwischen dem Laub der Kronen, ringt und wächst und strebt in die Höh das junge schwankende Stämmchen. Nicht gedeihn kanns drunten im kalten Schatten, aber droben lächelt ihm Licht und Wärme, droben wirds im sonnigen Blau des Aethers wiegen das Haupt einst. – Auch du witterst und spürst, o meine Seele, hoch ob all der lastenden Nacht der Schmerzen eines blauen, nimmer getrübten Himmels göttliche Reinheit. Auch du dränge zur Höh, o meine Seele, bis dich krönt das leuchtende Gold der Sonne, bis vergessen unter dir schweigt des Lebens wuchernde Wildnis.